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Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister

by Friedrich Wilhelm Nietzsche · German · Gutenberg #7207 · 594,626 chars · public domain (US)

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Title: Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister

Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche


        
Release date: January 1, 2005 [eBook #7207]
                Most recently updated: December 30, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/7207

Credits: This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg DE"


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES: EIN BUCH FUER FREIE GEISTER ***




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by juergen@redestb.es.




Menschliches, Allzumenschliches

Ein Buch für freie Geister

Friedrich Nietzsche




Inhalt

    An Stelle einer Vorrede
    Von den ersten und letzten Dingen
    Zur Geschichte der moralischen Empfindungen
    Das religiöse Leben
    Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller
    Anzeichen höherer und niederer Cultur
    Der Mensch im Verkehr
    Weib und Kind
    Ein Blick auf den Staat
    Der Mensch mit sich allein
    Ein Nachspiel




Menschliches, Allzumenschliches.

Ein Buch für freie Geister

Erster Band




An Stelle einer Vorrede.

- eine Zeit lang erwog ich die verschiedenen Beschäftigungen, denen
sich die Menschen in diesem Leben überlassen und machte den Versuch,
die beste von ihnen auszuwählen. Aber es thut nicht noth, hier zu
erzählen, auf was für Gedanken ich dabei kam: genug, dass für meinen
Theil mir Nichts besser erschien, als wenn ich streng bei meinem
Vorhaben verbliebe, das heisst: wenn ich die ganze Frist des Lebens
darauf verwendete, meine Vernunft auszubilden und den Spuren der
Wahrheit in der Art und Weise, welche ich mir vorgesetzt hatte,
nachzugehen. Denn die Früchte, welche ich auf diesem Wege schon
gekostet hatte, waren der Art, dass nach meinem Urtheile in diesem
Leben nichts Angenehmeres, nichts Unschuldigeres gefunden werden kann;
zudem liess mich jeder Tag, seit ich jene Art der Betrachtung zu
Hülfe nahm, etwas Neues entdecken, das immer von einigem Gewichte und
durchaus nicht allgemein bekannt war. Da wurde endlich meine Seele so
voll von Freudigkeit, dass alle übrigen Dinge ihr Nichts mehr anthun
konnten.

Aus dem Lateinischen des Cartesius.




Vorrede.

1.

Es ist mir oft genug und immer mit grossem Befremden ausgedrückt
worden, dass es etwas Gemeinsames und Auszeichnendes an allen meinen
Schriften gäbe, von der "Geburt der Tragödie" an bis zum letzthin
veröffentlichten "Vorspiel einer Philosophie der Zukunft": sie
enthielten allesammt, hat man mir gesagt, Schlingen und Netze
für unvorsichtige Vögel und beinahe eine beständige unvermerkte
Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Werthschätzungen und geschätzter
Gewohnheiten. Wie? Alles nur - menschlich-allzumenschlich? Mit diesem
Seufzer komme man aus meinen Schriften heraus, nicht ohne eine Art
Scheu und Misstrauen selbst gegen die Moral, ja nicht übel versucht
und ermuthigt, einmal den Fürsprecher der schlimmsten Dinge zu machen:
wie als ob sie vielleicht nur die bestverleumdeten seien? Man hat
meine Schriften eine Schule des Verdachts genannt, noch mehr der
Verachtung, glücklicherweise auch des Muthes, ja der Verwegenheit.
In der That, ich selbst glaube nicht, dass jemals jemand mit einem
gleich tiefen Verdachte in die Welt gesehn hat, und nicht nur als
gelegentlicher Anwalt des Teufels, sondern ebenso sehr, theologisch
zu reden, als Feind und Vorforderer Gottes; und wer etwas von den
Folgen erräth, die in jedem tiefen Verdachte liegen, etwas von den
Frösten und Aengsten der Vereinsamung, zu denen jede unbedingte
Verschiedenheit des Blicks den mit ihr Behafteten verurtheilt, wird
auch verstehn, wie oft ich zur Erholung von mir, gleichsam zum
zeitweiligen Selbstvergessen, irgendwo unterzutreten suchte - in
irgend einer Verehrung oder Feindschaft oder Wissenschaftlichkeit oder
Leichtfertigkeit oder Dummheit; auch warum ich, wo ich nicht fand, was
ich brauchte, es mir künstlich erzwingen, zurecht fälschen, zurecht
dichten musste (- und was haben Dichter je Anderes gethan? und wozu
wäre alle Kunst in der Welt da?). Was ich aber immer wieder am
nöthigsten brauchte, zu meiner Kur und Selbst-Wiederherstellung, das
war der Glaube, nicht dergestalt einzeln zu sein, einzeln zu sehn, -
ein zauberhafter Argwohn von Verwandtschaft und Gleichheit in Auge und
Begierde, ein Ausruhen im Vertrauen der Freundschaft, eine Blindheit
zu Zweien ohne Verdacht und Fragezeichen, ein Genuss an Vordergründen,
Oberflächen, Nahem, Nächstem, an Allem, was Farbe, Haut und
Scheinbarkeit hat. Vielleicht, dass man mir in diesem Betrachte
mancherlei "Kunst", mancherlei feinere Falschmünzerei vorrücken
könnte: zum Beispiel, dass ich wissentlich-willentlich die Augen vor
Schopenhauer's blindem Willen zur Moral zugemacht hätte, zu einer
Zeit, wo ich über Moral schon hellsichtig genug war; insgleichen dass
ich mich über Richard Wagner's unheilbare Romantik betrogen hätte, wie
als ob sie ein Anfang und nicht ein Ende sei; insgleichen über die
Griechen, insgleichen über die Deutschen und ihre Zukunft - und es
gäbe vielleicht noch eine ganze lange Liste solcher Insgleichen?
- gesetzt aber, dies Alles wäre wahr und mit gutem Grunde mir
vorgerückt, was wisst ihr davon, was könntet ihr davon wissen, wie
viel List der Selbst-Erhaltung, wie viel Vernunft und höhere Obhut
in solchem Selbst-Betruge enthalten ist, - und wie viel Falschheit
mir noch noth hut, damit ich mir immer wieder den Luxus meiner
Wahrhaftigkeit gestatten darf?... Genug, ich lebe noch; und das Leben
ist nun einmal nicht von der Moral ausgedacht: es will Täuschung, es
lebt von der Täuschung... aber nicht wahr? da beginne ich bereits
wieder und thue, was ich immer gethan habe, ich alter Immoralist und
Vogelsteller - und rede unmoralisch, aussermoralisch, "jenseits von
Gut und Böse"? -


2.

- So habe ich denn einstmals, als ich es nöthig hatte, mir auch die
"freien Geister" erfunden, denen dieses schwermüthig-muthige Buch mit
dem Titel "Menschliches, Allzumenschliches" gewidmet ist: dergleichen
"freie Geister" giebt es nicht, gab es nicht, - aber ich hatte sie
damals, wie gesagt, zur Gesellschaft nöthig, um guter Dinge zu bleiben
inmitten schlimmer Dinge (Krankheit, Vereinsamung, Fremde, Acedia,
Unthätigkeit): als tapfere Gesellen und Gespenster, mit denen man
schwätzt und lacht, wenn man Lust hat zu schwätzen und zu lachen, und
die man zum Teufel schickt, wenn sie langweilig werden, - als ein
Schadenersatz für mangelnde Freunde. Dass es dergleichen freie Geister
einmal geben könnte, dass unser Europa unter seinen Söhnen von Morgen
und Uebermorgen solche muntere und verwegene Gesellen haben wird,
leibhaft und handgreiflich und nicht nur, wie in meinem Falle, als
Schemen und Einsiedler-Schattenspiel: daran möchte ich am wenigsten
zweifeln. Ich sehe sie bereits kommen, langsam, langsam; und
vielleicht thue ich etwas, um ihr Kommen zu beschleunigen, wenn ich
zum Voraus beschreibe, unter welchen Schicksalen ich sie entstehn, auf
welchen Wegen ich sie kommen sehe? -


3.

Man darf vermuthen, dass ein Geist, in dem der Typus "freier Geist"
einmal bis zur Vollkommenheit reif und süss werden soll, sein
entscheidendes Ereigniss in einer grossen Loslösung gehabt hat, und
dass er vorher um so mehr ein gebundener Geist war und für immer an
seine Ecke und Säule gefesselt schien. Was bindet am festesten? welche
Stricke sind beinahe unzerreissbar? Bei Menschen einer hohen und
ausgesuchten Art werden es die Pflichten sein: jene Ehrfurcht, wie sie
der Jugend eignet, jene Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten und
Würdigen, jene Dankbarkeit für den Boden, aus dem sie wuchsen, für
die Hand, die sie führte, für das Heiligthum, wo sie anbeten lernten,
- ihre höchsten Augenblicke selbst werden sie am festesten binden,
am dauerndsten verpflichten. Die grosse Loslösung kommt für
solchermaassen Gebundene plötzlich, wie ein Erdstoss: die junge Seele
wird mit Einem Male erschüttert, losgerissen, herausgerissen, - sie
selbst versteht nicht, was sich begiebt. Ein Antrieb und Andrang
waltet und wird über sie Herr wie ein Befehl; ein Wille und Wunsch
erwacht, fortzugehn, irgend wohin, um jeden Preis; eine heftige
gefährliche Neugierde nach einer unentdeckten Welt flammt und flackert
in allen ihren Sinnen. "Lieber sterben als hier leben" - so klingt die
gebieterische Stimme und Verführung: und dies "hier", dies "zu Hause"
ist Alles, was sie bis dahin geliebt hatte! Ein plötzlicher Schrecken
und Argwohn gegen Das, was sie liebte, ein Blitz von Verachtung gegen
Das, was ihr "Pflicht" hiess, ein aufrührerisches, willkürliches,
vulkanisch stossendes Verlangen nach Wanderschaft, Fremde,
Entfremdung, Erkältung, Ernüchterung, Vereisung, ein Hass auf die
Liebe, vielleicht ein tempelschänderischer Griff und Blick rückwärts,
dorthin, wo sie bis dahin anbetete und liebte, vielleicht eine Gluth
der Scham über Das, was sie eben that, und ein Frohlocken zugleich,
dass sie es that, ein trunkenes inneres frohlockendes Schaudern,
in dem sich ein Sieg verräth - ein Sieg? über was? über wen? ein
räthselhafter fragenreicher fragwürdiger Sieg, aber der erste Sieg
immerhin: - dergleichen Schlimmes und Schmerzliches gehört zur
Geschichte der grossen Loslösung. Sie ist eine Krankheit zugleich,
die den Menschen zerstören kann, dieser erste Ausbruch von Kraft und
Willen zur Selbstbestimmung, Selbst-Werthsetzung, dieser Wille zum
freien Willen: und wie viel Krankheit drückt sich an den wilden
Versuchen und Seltsamkeiten aus, mit denen der Befreite, Losgelöste
sich nunmehr seine Herrschaft über die Dinge zu beweisen sucht! Er
schweift grausam umher, mit einer unbefriedigten Lüsternheit; was er
erbeutet, muss die gefährliche Spannung seines Stolzes abbüssen; er
zerreisst, was ihn reizt. Mit einem bösen Lachen dreht er um, was er
verhüllt, durch irgend eine Scham geschont findet: er versucht, wie
diese Dinge aussehn, wenn man sie umkehrt. Es ist Willkür und Lust an
der Willkür darin, wenn er vielleicht nun seine Gunst dem zuwendet,
was bisher in schlechtem Rufe stand, - wenn er neugierig und
versucherisch um das Verbotenste schleicht. Im Hintergrunde seines
Treibens und Schweifens - denn er ist unruhig und ziellos unterwegs
wie in einer Wüste - steht das Fragezeichen einer immer gefährlicheren
Neugierde. "Kann man nicht alle Werthe umdrehn? und ist Gut vielleicht
Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles
vielleicht im letzten Grunde falsch? Und wenn wir Betrogene sind, sind
wir nicht eben dadurch auch Betrüger? müssen wir nicht auch Betrüger
sein?" - solche Gedanken führen und verführen ihn, immer weiter fort,
immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer
drohender, würgender, herzzuschnürender, jene furchtbare Göttin und
mater saeva cupidinum - aber wer weiss es heute, was Einsamkeit
ist?...


4.

Von dieser krankhaften Vereinsamung, von der Wüste solcher
Versuchs-Jahre ist der Weg noch weit bis zu jener ungeheuren
überströmenden Sicherheit und Gesundheit, welche der Krankheit
selbst nicht entrathen mag, als eines Mittels und Angelhakens der
Erkenntniss, bis zu jener reifen Freiheit des Geistes, welche
ebensosehr Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens ist und die Wege
zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen erlaubt -, bis zu jener
inneren Umfänglichkeit und Verwöhnung des Ueberreichthums, welche die
Gefahr ausschliesst, dass der Geist sich etwa selbst in die eignen
Wege verlöre und verliebte und in irgend einem Winkel berauscht
sitzen bliebe, bis zu jenem Ueberschuss an plastischen, ausheilenden,
nachbildenden und wiederherstellenden Kräften, welcher eben das
Zeichen der grossen Gesundheit ist, jener Ueberschuss, der dem freien
Geiste das gefährliche Vorrecht giebt, auf den Versuch hin leben und
sich dem Abenteuer anbieten zu dürfen: das Meisterschafts-Vorrecht
des freien Geistes! Dazwischen mögen lange Jahre der Genesung
liegen, Jahre voll vielfarbiger schmerzlich-zauberhafter Wandlungen,
beherrscht und am Zügel geführt durch einen zähen Willen zur
Gesundheit, der sich oft schon als Gesundheit zu kleiden und zu
verkleiden wagt. Es giebt einen mittleren Zustand darin, dessen ein
Mensch solchen Schicksals später nicht ohne Rührung eingedenk ist: ein
blasses feines Licht und Sonnenglück ist ihm zu eigen, ein Gefühl von
Vogel-Freiheit, Vogel-Umblick, Vogel-Uebermuth, etwas Drittes, in dem
sich Neugierde und zarte Verachtung gebunden haben. Ein "freier Geist"
- dies kühle Wort thut in jenem Zustande wohl, es wärmt beinahe. Man
lebt, nicht mehr in den Fesseln von Liebe und Hass, ohne ja, ohne
Nein, freiwillig nahe, freiwillig ferne, am liebsten entschlüpfend,
ausweichend, fortflatternd, wieder weg, wieder empor fliegend; man ist
verwöhnt, wie Jeder, der einmal ein ungeheures Vielerlei unter sich
gesehn hat, - und man ward zum Gegenstück Derer, welche sich um Dinge
bekümmern, die sie nichts angehn. In der That, den freien Geist gehen
nunmehr lauter Dinge an - und wie viele Dinge! - welche ihn nicht mehr
bekümmern...


5.

Ein Schritt weiter in der Genesung: und der freie Geist nähert
sich wieder dem Leben, langsam freilich, fast widerspänstig, fast
misstrauisch. Es wird wieder wärmer um ihn, gelber gleichsam; Gefühl
und Mitgefühl bekommen Tiefe, Thauwinde aller Art gehen über ihn weg.
Fast ist ihm zu Muthe, als ob ihm jetzt erst die Augen für das Nahe
aufgiengen. Er ist verwundert und sitzt stille: wo war er doch?
Diese nahen und nächsten Dinge: wie scheinen sie ihm verwandelt!
welchen Flaum und Zauber haben sie inzwischen bekommen! Er blickt
dankbar zurück, - dankbar seiner Wanderschaft, seiner Härte und
Selbstentfremdung, seinen Fernblicken und Vogelflügen in kalte Höhen.
Wie gut, dass er nicht wie ein zärtlicher dumpfer Eckensteher immer
"zu Hause", immer "bei sich" geblieben ist! er war ausser sich: es
ist kein Zweifel. Jetzt erst sieht er sich selbst -, und welche
Ueberraschungen findet er dabei! Welche unerprobten Schauder! Welches
Glück noch in der Müdigkeit, der alten Krankheit, den Rückfällen des
Genesenden! Wie es ihm gefällt, leidend stillzusitzen, Geduld zu
spinnen, in der Sonne zu liegen! Wer versteht sich gleich ihm auf
das Glück im Winter, auf die Sonnenflecke an der Mauer! Es sind die
dankbarsten Thiere von der Welt, auch die bescheidensten, diese dem
Leben wieder halb zugewendeten Genesenden und Eidechsen: - es giebt
solche unter ihnen, die keinen Tag von sich lassen, ohne ihm ein
kleines Loblied an den nachschleppenden Saum zu hängen. Und ernstlich
geredet: es ist eine gründliche Kur gegen allen Pessimismus (den
Krebsschaden alter Idealisten und Lügenbolde, wie bekannt -) auf die
Art dieser freien Geister krank zu werden, eine gute Weile krank
zu bleiben und dann, noch länger, noch länger, gesund, ich meine
"gesünder" zu werden. Es ist Weisheit darin, Lebens-Weisheit, sich die
Gesundheit selbst lange Zeit nur in kleinen Dosen zu verordnen.


6.

Um jene Zeit mag es endlich geschehn, unter den plötzlichen Lichtern
einer noch ungestümen, noch wechselnden Gesundheit, dass dem freien,
immer freieren Geiste sich das Räthsel jener grossen Loslösung zu
entschleiern beginnt, welches bis dahin dunkel, fragwürdig, fast
unberührbar in seinem Gedächtniss gewartet hatte. Wenn er sich lange
kaum zu fragen wagte "warum so abseits? so allein? Allem entsagend,
was ich verehrte? der Verehrung selbst entsagend? warum diese Härte,
dieser Argwohn, dieser Hass auf die eigenen Tugenden?" - jetzt wagt
und fragt er es laut und hört auch schon etwas wie Antwort darauf. "Du
solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden.
Früher waren sie deine Herren; aber sie dürfen nur deine Werkzeuge
neben andren Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt über dein Für
und Wider bekommen und es verstehn lernen, sie aus- und wieder
einzuhängen, je nach deinem höheren Zwecke. Du solltest das
Perspektivische in jeder Werthschätzung begreifen lernen - die
Verschiebung, Verzerrung und scheinbare Teleologie der Horizonte und
was Alles zum Perspektivischen gehört; auch das Stück Dummheit in
Bezug auf entgegengesetzte Werthe und die ganze intellektuelle
Einbusse, mit der sich jedes Für, jedes Wider bezahlt macht. Du
solltest die nothwendige Ungerechtigkeit in jedem Für und Wider
begreifen lernen, die Ungerechtigkeit als unablösbar vom Leben,
das Leben selbst als bedingt durch das Perspektivische und seine
Ungerechtigkeit. Du solltest vor Allem mit Augen sehn, wo die
Ungerechtigkeit immer am grössten ist: dort nämlich, wo das Leben am
kleinsten, engsten, dürftigsten, anfänglichsten entwickelt ist und
dennoch nicht umhin kann, sich als Zweck und Maass der Dinge zu nehmen
und seiner Erhaltung zu Liebe das Höhere, Grössere, Reichere heimlich
und kleinlich und unablässig anzubröckeln und in Frage zu stellen, -
du solltest das Problem der Rangordnung mit Augen sehn und wie Macht
und Recht und Umfänglichkeit der Perspektive mit einander in die Höhe
wachsen. Du solltest" - genug, der freie Geist weiss nunmehr, welchem
"du sollst" er gehorcht hat, und auch, was er jetzt kann, was er jetzt
erst - darf...


7.

Dergestalt giebt der freie Geist sich in Bezug auf jenes Räthsel
von Loslösung Antwort und endet damit, indem er seinen Fall
verallgemeinert, sich über sein Erlebniss also zu entscheiden. "Wie es
mir ergieng, sagt er sich, muss es jedem ergehn, in dem eine Aufgabe
leibhaft werden und `zur Welt kommen` will." Die heimliche Gewalt
und Nothwendigkeit dieser Aufgabe wird unter und in seinen einzelnen
Schicksalen walten gleich einer unbewussten Schwangerschaft, - lange,
bevor er diese Aufgabe selbst in's Auge gefasst hat und ihren Namen
weiss. Unsre Bestimmung verfügt über uns, auch wenn wir sie noch nicht
kennen; es ist die Zukunft, die unserm Heute die Regel giebt. Gesetzt,
dass es das Problem der Rangordnung ist, von dem wir sagen dürfen,
dass es unser Problem ist, wir freien Geister: jetzt, in dem Mittage
unsres Lebens, verstehn wir es erst, was für Vorbereitungen, Umwege,
Proben, Versuchungen, Verkleidungen das Problem nöthig hatte, ehe
es vor uns aufsteigen durfte, und wie wir erst die vielfachsten und
widersprechendsten Noth- und Glücksstände an Seele und Leib erfahren
mussten, als Abenteurer und Weltumsegler jener inneren Welt, die
"Mensch" heisst, als Ausmesser jedes "Höher" und "Uebereinander", das
gleichfalls "Mensch" heisst - überallhin dringend, fast ohne Furcht,
nichts verschmähend, nichts verlierend, alles auskostend, alles vom
Zufälligen reinigend und gleichsam aussiebend - bis wir endlich sagen
durften, wir freien Geister: "Hier - ein neues Problem! Hier eine
lange Leiter, auf deren Sprossen wir selbst gesessen und gestiegen
sind, - die wir selbst irgend wann gewesen sind! Hier ein Höher, ein
Tiefer, ein Unter-uns, eine ungeheure lange Ordnung, eine Rangordnung,
die wir sehen hier - unser Problem!" -


8.

- Es wird keinem Psychologen und Zeichendeuter einen Augenblick
verborgen bleiben, an welche Stelle der eben geschilderten Entwicklung
das vorliegende Buch gehört (oder gestellt ist -). Aber wo giebt es
heute Psychologen? In Frankreich, gewiss; vielleicht in Russland;
sicherlich nicht in Deutschland. Es fehlt nicht an Gründen, weshalb
sich dies die heutigen Deutschen sogar noch zur Ehre anrechnen
könnten: schlimm genug für Einen, der in diesem Stücke undeutsch
geartet und gerathen ist! Dies deutsche Buch, welches in einem weiten
Umkreis von Ländern und Völkern seine Leser zu finden gewusst hat - es
ist ungefähr zehn Jahr unterwegs - und sich auf irgend welche Musik
und Flötenkunst verstehn muss, durch die auch spröde Ausländer-Ohren
zum Horchen verführt werden, - gerade in Deutschland ist dies Buch am
nachlässigsten gelesen, am schlechtesten gehört worden: woran liegt
das? - "Es verlangt zu viel, hat man mir geantwortet, es wendet sich
an Menschen ohne die Drangsal grober Pflichten, es will feine und
verwöhnte Sinne, es hat Ueberfluss nöthig, Ueberfluss an Zeit, an
Helligkeit des Himmels und Herzens, an otium im verwegensten Sinne: -
lauter gute Dinge, die wir Deutschen von Heute nicht haben und also
auch nicht geben können." - Nach einer so artigen Antwort räth mir
meine Philosophie, zu schweigen und nicht mehr weiter zu fragen; zumal
man in gewissen Fällen, wie das Sprüchwort andeutet, nur dadurch
Philosoph bleibt, dass man - schweigt.

Nizza, im Frühling 1886.




Erstes Hauptstück.

Von den ersten und letzten Dingen.

1.

Chemie der Begriffe und Empfindungen. - Die Philosophischen Probleme
nehmen jetzt wieder fast in allen Stücken dieselbe Form der Frage
an, wie vor zweitausend Jahren.- wie kann Etwas aus seinem Gegensatz
entstehen, zum Beispiel Vernünftiges aus Vernunftlosem, Empfindendes
aus Todtem, Logik aus Unlogik, interesseloses Anschauen aus
begehrlichem Wollen, Leben für Andere aus Egoismus, Wahrheit aus
Irrthümern? Die metaphysische Philosophie half sich bisher über diese
Schwierigkeit hinweg, insofern sie die Entstehung des Einen aus
dem Andern leugnete und für die höher gewertheten Dinge einen
Wunder-Ursprung annahm, unmittelbar aus dem Kern und Wesen des "Dinges
an sich" heraus. Die historische Philosophie dagegen, welche gar
nicht mehr getrennt von der Naturwissenschaft zu denken ist, die
allerjüngste aller philosophischen Methoden, ermittelte in einzelnen
Fällen (und vermuthlich wird diess in allen ihr Ergebniss sein), dass
es keine Gegensätze sind, ausser in der gewohnten Uebertreibung der
populären oder metaphysischen Auffassung und dass ein Irrthum der
Vernunft dieser Gegenüberstellung zu Grunde liegt: nach ihrer
Erklärung giebt es, streng gefasst, weder ein unegoistisches Handeln,
noch ein völlig interesseloses Anschauen, es sind beides nur
Sublimirungen, bei denen das Grundelement fast verflüchtigt erscheint
und nur noch für die feinste Beobachtung sich als vorhanden erweist.
- Alles, was wir brauchen und was erst bei der gegenwärtigen Höhe der
einzelnen Wissenschaften uns gegeben werden kann, ist eine Chemie der
moralischen, religiösen, ästhetischen Vorstellungen und Empfindungen,
ebenso aller jener Regungen, welche wir im Gross- und Kleinverkehr der
Cultur und Gesellschaft, ja in der Einsamkeit an uns erleben: wie,
wenn diese Chemie mit dem Ergebniss abschlösse, dass auch auf diesem
Gebiete die herrlichsten Farben aus niedrigen, ja verachteten Stoffen
gewonnen sind? Werden Viele Lust haben, solchen Untersuchungen zu
folgen? Die Menschheit liebt es, die Fragen über Herkunft und Anfänge
sich aus dem Sinn zu schlagen: muss man nicht fast entmenscht sein, um
den entgegengesetzten Hang in sich zu spüren? -


2.

Erbfehler der Philosophen. - Alle Philosophen haben den gemeinsamen
Fehler an sich, dass sie vom gegenwärtigen Menschen ausgehen und durch
eine Analyse desselben an's Ziel zu kommen meinen. Unwillkürlich
schwebt ihnen "der Mensch" als eine aeterna veritas, als ein
Gleichbleibendes in allem Strudel, als ein sicheres Maass der Dinge
vor. Alles, was der Philosoph über den Menschen aussagt, ist aber
im Grunde nicht mehr, als ein Zeugniss über den Menschen eines sehr
beschränkten Zeitraumes. Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler
aller Philosophen; manche sogar nehmen unversehens die allerjüngste
Gestaltung des Menschen, wie eine solche unter dem Eindruck bestimmter
Religionen, ja bestimmter politischer Ereignisse entstanden ist, als
die feste Form, von der man ausgehen müsse. Sie wollen nicht lernen,
dass der Mensch geworden ist, dass auch das Erkenntnissvermögen
geworden ist; während Einige von ihnen sogar die ganze Welt aus
diesem Erkenntnissvermögen sich herausspinnen lassen. - Nun ist
alles Wesentliche der menschlichen Entwickelung in Urzeiten vor sich
gegangen, lange vor jenen vier tausend Jahren, die wir ungefähr
kennen; in diesen mag sich der Mensch nicht viel mehr verändert haben.
Da sieht aber der Philosoph "Instincte" am gegenwärtigen Menschen und
nimmt an, dass diese zu den unveränderlichen Thatsachen des Menschen
gehören und insofern einen Schüssel zum Verständniss der Welt
überhaupt abgeben können; die ganze Teleologie ist darauf gebaut, dass
man vom Menschen der letzten vier Jahrtausende als von einem ewigen
redet, zu welchem hin alle Dinge in der Welt von ihrem Anbeginne eine
natürliche Richtung haben. Alles aber ist geworden; es giebt keine
ewigen Thatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten giebt. -
Demnach ist das historische Philosophiren von jetzt ab nöthig und mit
ihm die Tugend der Bescheidung.


3.

Schätzung der unscheinbaren Wahrheiten. - Es ist das Merkmal einer
höhern Cultur, die kleinen unscheinbaren Wahrheiten, welche mit
strenger Methode gefunden wurden, höher zu schätzen, als die
beglückenden und blendenden Irrthümer, welche metaphysischen und
künstlerischen Zeitaltern und Menschen entstammen. Zunächst hat man
gegen erstere den Hohn auf den Lippen, als könne hier gar nichts
Gleichberechtigtes gegen einander stehen: so bescheiden, schlicht,
nüchtern, ja scheinbar entmuthigend stehen diese, so schön, prunkend,
berauschend, ja vielleicht beseligend stehen jene da. Aber das mühsam
Errungene, Gewisse, Dauernde und desshalb für jede weitere Erkenntniss
noch Folgenreiche ist doch das Höhere, zu ihm sich zu halten ist
männlich und zeigt Tapferkeit, Schlichtheit, Enthaltsamkeit an.
Allmählich wird nicht nur der Einzelne, sondern die gesammte
Menschheit zu dieser Männlichkeit emporgehoben werden, wenn sie
sich endlich an die höhere Schätzung der haltbaren, dauerhaften
Erkenntnisse gewöhnt und allen Glauben an Inspiration und
wundergleiche Mittheilung von Wahrheiten verloren hat. - Die Verehrer
der Formen freilich, mit ihrem Maassstabe des Schönen und Erhabenen,
werden zunächst gute Gründe zu spotten haben, sobald die Schätzung der
unscheinbaren Wahrheiten und der wissenschaftliche Geist anfängt zur
Herrschaft zu kommen: aber nur weil entweder ihr Auge sich noch nicht
dem Reiz der schlichtesten Form erschlossen hat oder weil die in jenem
Geiste erzogenen Menschen noch lange nicht völlig und innerlich von
ihm durchdrungen sind, so dass sie immer noch gedankenlos alte Formen
nachmachen (und diess schlecht genug, wie es jemand thut, dem nicht
mehr viel an einer Sache liegt). Ehemals war der Geist nicht durch
strenges Denken in Anspruch genommen, da lag sein Ernst im Ausspinnen
von Symbolen und Formen. Das hat sich verändert; jener Ernst des
Symbolischen ist zum Kennzeichen der niederen Cultur geworden; wie
unsere Künste selber immer intellectualer, unsere Sinne geistiger
werden, und wie man zum Beispiel jetzt ganz anders darüber urtheilt,
was sinnlich wohltönend ist, als vor hundert Jahren: so werden auch
die Formen unseres Lebens immer geistiger, für das Auge älterer Zeiten
vielleicht hässlicher, aber nur weil es nicht zu sehen vermag, wie das
Reich der inneren, geistigen Schönheit sich fortwährend vertieft und
erweitert und in wie fern uns Allen der geistreiche Blick jetzt mehr
gelten darf, als der schönste Gliederbau und das erhabenste Bauwerk.


4.

Astrologie und Verwandtes. - Es ist wahrscheinlich, dass die Objecte
des religiösen, moralischen und ästhetischen Empfindens ebenfalls nur
zur Oberfläche der Dinge gehören, während der Mensch gerne glaubt,
dass er hier wenigstens an das Herz der Welt rühre; er täuscht sich,
weil jene Dinge ihn so tief beseligen und so tief unglücklich machen,
und zeigt also hier denselben Stolz wie bei der Astrologie. Denn diese
meint, der Sternenhimmel drehte sich um das Loos des Menschen; der
moralische Mensch aber setzt voraus, Das, was ihm wesentlich am Herzen
liege, müsse auch Wesen und Herz der Dinge sein.


5.

Missverständniss des Traumes. - Im Traume glaubte der Mensch in den
Zeitaltern roher uranfänglicher Cultur eine zweite reale Welt kennen
zu lernen; hier ist der Ursprung aller Metaphysik. Ohne den Traum
hätte man keinen Anlass zu einer Scheidung der Welt gefunden. Auch
die Zerlegung in Seele und Leib hängt mit der ältesten Auffassung des
Traumes zusammen, ebenso die Annahme eines Seelenscheinleibes, also
die Herkunft alles Geisterglaubens, und wahrscheinlich auch des
Götterglaubens. "Der Todte lebt fort; denn er erscheint dem Lebenden
im Traume": so schloss man ehedem, durch viele Jahrtausende hindurch.


6.

Der Geist der Wissenschaft im Theil, nicht im Ganzen mächtig. - Die
abgetrennten kleinsten Gebiete der Wissenschaft werden rein sachlich
behandelt: die allgemeinen grossen Wissenschaften dagegen legen, als
Ganzes betrachtet, die Frage - eine recht unsachliche Frage freilich
- auf die Lippen: wozu? zu welchem Nutzen? Wegen dieser Rücksicht auf
den Nutzen werden sie, als Ganzes, weniger unpersönlich, als in ihren
Theilen behandelt. Bei der Philosophie nun gar, als bei der Spitze
der gesammten Wissenspyramide, wird unwillkürlich die Frage nach dem
Nutzen der Erkenntniss überhaupt aufgeworfen, und jede Philosophie hat
unbewusst die Absicht, ihr den höchsten Nutzen zuzuschreiben. Desshalb
giebt es in allen Philosophien so viel hochfliegende Metaphysik und
eine solche Scheu vor den unbedeutend erscheinenden Lösungen der
Physik; denn die Bedeutsamkeit der Erkenntniss für das Leben soll
so gross als möglich erscheinen. Hier ist der Antagonismus zwischen
den wissenschaftlichen Einzelgebieten und der Philosophie. Letztere
will, was die Kunst will, dem Leben und Handeln möglichste Tiefe und
Bedeutung geben; in ersteren sucht man Erkenntniss und Nichts weiter,
- was dabei auch herauskomme. Es hat bis jetzt noch keinen Philosophen
gegeben, unter dessen Händen die Philosophie nicht zu einer Apologie
der Erkenntniss geworden wäre; in diesem Puncte wenigstens ist ein
jeder Optimist, dass dieser die höchste Nützlichkeit zugesprochen
werden müsse. Sie alle werden von der Logik tyrannisirt: und diese ist
ihrem Wesen nach Optimismus.


7.

Der Störenfried in der Wissenschaft. Die Philosophie schied sich von
der Wissenschaft, als sie die Frage stellte: welches ist diejenige
Erkenntniss der Welt und des Lebens, bei welcher der Mensch am
glücklichsten lebt? Diess geschah in den sokratischen Schulen:
durch den Gesichtspunct des Glücks unterband man die Blutadern der
wissenschaftlichen Forschung - und thut es heute noch.


8.

Pneumatische Erklärung der Natur. - Die Metaphysik erklärt die Schrift
der Natur gleichsam pneumatisch, wie die Kirche und ihre Gelehrten es
ehemals mit der Bibel thaten. Es gehört sehr viel Verstand dazu, um
auf die Natur die selbe Art der strengeren Erklärungskunst anzuwenden,
wie jetzt die -Philologen sie für alle Bücher geschaffen haben: mit
der Absicht, schlicht zu verstehen, was die Schrift sagen will, aber
nicht einen doppelten Sinn zu wittern, ja vorauszusetzen. Wie aber
selbst in Betreff der Bücher die schlechte Erklärungskunst keineswegs
völlig überwunden ist und man in der besten gebildeten Gesellschaft
noch fortwährend auf Ueberreste allegorischer und mystischer
Ausdeutung stösst: so steht es auch in Betreff der Natur - ja noch
viel schlimmer.


9.

Metaphysische Welt. - Es ist wahr, es könnte eine metaphysische Welt
geben; die absolute Möglichkeit davon ist kaum zu bekämpfen. Wir sehen
alle Dinge durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf nicht
abschneiden; während doch die Frage übrig bleibt, was von der Welt
noch da wäre, wenn man ihn doch abgeschnitten hätte. Diess ist ein
rein wissenschaftliches Problem und nicht sehr geeignet, den Menschen
Sorgen zu machen; aber Alles, was ihnen bisher metaphysische Annahmen
werthvoll, schreckenvoll, lustvoll gemacht, was sie erzeugt hat,
ist Leidenschaft, Irrthum und Selbstbetrug; die allerschlechtesten
Methoden der Erkenntniss, nicht die allerbesten, haben daran glauben
lehren. Wenn man diese Methoden, als das Fundament aller vorhandenen
Religionen und Metaphysiken, aufgedeckt hat, hat man sie widerlegt.
Dann bleibt immer noch jene Möglichkeit übrig; aber mit ihr kann man
gar Nichts anfangen, geschweige denn, dass man Glück, Heil und Leben
von den Spinnenfäden einer solchen Möglichkeit abhängen lassen dürfte.
- Denn man könnte von der metaphysischen Welt gar Nichts aussagen, als
ein Anderssein, ein uns unzugängliches, unbegreifliches Anderssein; es
wäre ein Ding mit negativen Eigenschaften. - Wäre die Existenz einer
solchen Welt noch so gut bewiesen, so stünde doch fest, dass die
gleichgültigste aller Erkenntnisse eben ihre Erkenntniss wäre: noch
gleichgültiger als dem Schiffer in Sturmesgefahr die Erkenntniss von
der chemischen Analysis des Wassers sein muss.


10.

Harmlosigkeit der Metaphysik in der Zukunft. - Sobald die Religion,
Kunst und Moral in ihrer Entstehung so beschrieben sind, dass man
sie vollständig sich erklären kann, ohne zur Annahme metaphysischer
Eingriffe am Beginn und im Verlaufe der Bahn seine Zuflucht zu nehmen,
hört das stärkste Interesse an dem rein theoretischen Problem vom
"Ding an sich" und der "Erscheinung" auf. Denn wie es hier auch stehe:
mit Religion, Kunst und Moral rühren wir nicht an das "Wesen der Welt
an sich"; wir sind im Bereiche der Vorstellung, keine "Ahnung" kann
uns weitertragen. Mit voller Ruhe wird man die Frage, wie unser
Weltbild so stark sich von dem erschlossenen Wesen der Welt
unterscheiden könne, der Physiologie und der Entwickelungsgeschichte
der Organismen und Begriffe überlassen.


11.

Die Sprache als vermeintliche Wissenschaft. - Die Bedeutung der
Sprache für die Entwickelung der Cultur liegt darin, dass in ihr der
Mensch eine eigene Welt neben die andere stellte, einen Ort, welchen
er für so fest hielt, um von ihm aus die übrige Welt aus den Angeln
zu heben und sich zum Herrn derselben zu machen. Insofern der Mensch
an die Begriffe und Namen der Dinge als an aeternae veritates durch
lange Zeitstrecken hindurch geglaubt hat, hat er sich jenen Stolz
angeeignet, mit dem er sich über das Thier erhob: er meinte wirklich
in der Sprache die Erkenntniss der Welt zu haben. Der Sprachbildner
war nicht so bescheiden, zu glauben, dass er den Dingen eben nur
Bezeichnungen gebe, er drückte vielmehr, wie er wähnte, das höchste
Wissen über die Dinge mit den Worten aus; in der That ist die Sprache
die erste Stufe der Bemühung um die Wissenschaft. Der Glaube an
die gefundene Wahrheit ist es auch hier, aus dem die mächtigsten
Kraftquellen geflossen sind. Sehr nachträglich -jetzt erst - dämmert
es den Menschen auf, dass sie einen ungeheuren Irrthum in ihrem
Glauben an die Sprache propagirt haben. Glücklicherweise ist es zu
spät, als dass es die Entwickelung der Vernunft, die auf jenem Glauben
beruht, wieder rückgängig machen könnte. - Auch die Logik beruht auf
Voraussetzungen, denen Nichts in der wirklichen Welt entspricht,
z.B. auf der Voraussetzung der Gleichheit von Dingen, der Identität
des selben Dinges in verschiedenen Puncten der Zeit: aber jene
Wissenschaft entstand durch den entgegengesetzten Glauben (dass es
dergleichen in der wirklichen Welt allerdings gebe). Ebenso steht es
mit der Mathematik, welche gewiss nicht entstanden wäre, wenn man
von Anfang an gewusst hätte, dass es in der Natur keine exact gerade
Linie, keinen wirklichen Kreis, kein absolutes Grössenmaass gebe.


12.

Traum und Cultur.- Die Gehirnfunction, welche durch den Schlaf am
meisten beeinträchtigt wird, ist das Gedächtniss: nicht dass es
ganz pausirte, - aber es ist auf einen Zustand der Unvollkommenheit
zurückgebracht, wie es in Urzeiten der Menschheit bei jedermann am
Tage und im Wachen gewesen sein mag. Willkürlich und verworren, wie es
ist, verwechselt es fortwährend die Dinge auf Grund der flüchtigsten
Aehnlichkeiten: aber mit der selben Willkür und Verworrenheit
dichteten die Völker ihre Mythologien, und noch jetzt pflegen Reisende
zu beobachten, wie sehr der Wilde zur Vergesslichkeit neigt, wie
sein Geist nach kurzer Anspannung des Gedächtnisses hin und her zu
taumeln beginnt und er, aus blosser Erschlaffung, Lügen und Unsinn
hervorbringt. Aber wir Alle gleichen im Traume diesem Wilden; das
schlechte Wiedererkennen und irrthümliche Gleichsetzen ist der Grund
des schlechten Schliessens, dessen wir uns im Traume schuldig machen:
so dass wir, bei deutlicher Vergegenwärtigung eines Traumes, vor
uns erschrecken, weil wir so viel Narrheit in uns bergen. - Die
vollkommene Deutlichkeit aller Traum-Vorstellungen, welche den
unbedingten Glauben an ihre Realität zur Voraussetzung hat, erinnert
uns wieder an Zustände früherer Menschheit, in der die Hallucination
ausserordentlich häufig war und mitunter ganze Gemeinden, ganze Völker
gleichzeitig ergriff. Also: im Schlaf und Traum machen wir das Pensum
früheren Menschenthums noch einmal durch.


13.

Logik des Traumes. - Im Schlafe ist fortwährend unser Nervensystem
durch mannichfache innere Anlässe in Erregung, fast alle Organe
secerniren und sind in Thätigkeit, das Blut macht seinen ungestümen
Kreislauf, die Lage des Schlafenden drückt einzelne Glieder, seine
Decken beeinflussen die Empfindung verschiedenartig, der Magen verdaut
und beunruhigt mit seinen Bewegungen andere Organe, die Gedärme winden
sich, die Stellung des Kopfes bringt ungewöhnliche Muskellagen mit
sich, die Füsse, unbeschuht, nicht mit den Sohlen den Boden drückend,
verursachen das Gefühl des Ungewöhnlichen ebenso wie die andersartige
Bekleidung des ganzen Körpers, - alles diess nach seinem täglichen
Wechsel und Grade erregt durch seine Aussergewöhnlichkeit das gesammte
System bis in die Gehirnfunction hinein: und so giebt es hundert
Anlässe für den Geist, um sich zu verwundern und nach Gründen dieser
Erregung zu suchen: der Traum aber ist das Suchen und Vorstellen der
Ursachen für jene erregten Empfindungen, das heisst der vermeintlichen
Ursachen. Wer zum Beispiel seine Füsse mit zwei Riemen umgürtet,
träumt wohl, dass zwei Schlangen seine Füsse umringeln: diess ist
zuerst eine Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden
bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: "diese Schlangen müssen die
causa jener Empfindung sein, welche ich, der Schlafende, habe", -
so urtheilt der Geist des Schlafenden. Die so erschlossene nächste
Vergangenheit wird durch die erregte Phantasie ihm zur Gegenwart. So
weiss jeder aus Erfahrung, wie schnell der Träumende einen starken
an ihn dringenden Ton, zum Beispiel Glockenläuten, Kanonenschüsse in
seinen Traum verflicht, das heisst aus ihm hinterdrein erklärt, so
dass er zuerst die veranlassenden Umstände, dann jenen Ton zu erleben
meint. - Wie kommt es aber, dass der Geist des Träumenden immer so
fehl greift, während der selbe Geist im Wachen so nüchtern, behutsam
und in Bezug auf Hypothesen so skeptisch zu sein pflegt? so dass ihm
die erste beste Hypothese zur Erklärung eines Gefühls genügt, um
sofort an ihre Wahrheit zu glauben? (denn wir glauben im Traume an den
Traum, als sei er Realität, das heisst wir halten unsre Hypothese für
völlig erwiesen). - Ich meine: wie jetzt noch der Mensch im Traume
schliesst, so schloss die Menschheit auch im Wachen viele Jahrtausende
hindurch: die erste causa, die dem Geiste einfiel, um irgend Etwas,
das der Erklärung bedurfte, zu erklären, genügte ihm und galt als
Wahrheit. (So verfahren nach den Erzählungen der Reisenden die Wilden
heute noch.) Im Traum übt sich dieses uralte Stück Menschenthum in
uns fort, denn es ist die Grundlage, auf der die höhere Vernunft sich
entwickelte und in jedem Menschen sich noch entwickelt: der Traum
bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Cultur wieder zurück und
giebt ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen. Das Traumdenken
wird uns jetzt so leicht, weil wir in ungeheuren Entwickelungsstrecken
der Menschheit gerade auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen
Erklärens aus dem ersten beliebigen Einfalle heraus so gut eingedrillt
worden sind. Insofern ist der Traum eine Erholung für das Gehirn,
welches am Tage den strengeren Anforderungen an das Denken zu
genügen hat, wie sie von der höheren Cultur gestellt werden. - Einen
verwandten Vorgang können wir geradezu als Pforte und Vorhalle des
Traumes noch bei wachem Verstande in Augenschein nehmen. Schliessen
wir die Augen, so producirt das Gehirn eine Menge von Lichteindrücken
und Farben, wahrscheinlich als eine Art Nachspiel und Echo aller
jener Lichtwirkungen, welche am Tage auf dasselbe eindringen. Nun
verarbeitet aber der Verstand (mit der Phantasie im Bunde) diese an
sich formlosen Farbenspiele sofort zu bestimmten Figuren, Gestalten,
Landschaften, belebten Gruppen. Der eigentliche Vorgang dabei ist
wiederum eine Art Schluss von der Wirkung auf die Ursache; indem
der Geist fragt: woher diese Lichteindrücke und Farben, supponirt
er als Ursachen jene Figuren, Gestalten: sie gelten ihm als die
Veranlassungen jener Farben und Lichter, weil er, am Tage, bei
offenen Augen, gewohnt ist, zu jeder Farbe, jedem Lichteindrucke eine
veranlassende Ursache zu finden. Hier also schiebt ihm die Phantasie
fortwährend Bilder vor, indem sie an die Gesichtseindrücke des
Tages sich in ihrer Production anlehnt, und gerade so macht es die
Traumphantasie: - das heisst die vermeintliche Ursache wird aus der
Wirkung erschlossen und nach der Wirkung vorgestellt: alles diess mit
ausserordentlicher Schnelligkeit, so dass hier wie beim Taschenspieler
eine Verwirrung des Urtheils entstehen und ein Nacheinander sich
wie etwas Gleichzeitiges, selbst wie ein umgedrehtes Nacheinander
ausnehmen kann. - Wir können aus diesen Vorgängen entnehmen, wie
spät das schärfere logische Denken, das Strengnehmen von Ursache
und Wirkung, entwickelt worden ist, wenn unsere Vernunft- und
Verstandesfunctionen jetzt noch unwillkürlich nach jenen primitiven
Formen des Schliessens zurückgreifen und wir ziemlich die Hälfte
unseres Lebens in diesem Zustande leben. - Auch der Dichter, der
Künstler schiebt seinen Stimmungen und Zuständen Ursachen unter,
welche durchaus nicht die wahren sind; er erinnert insofern an älteres
Menschenthum und kann uns zum Verständnisse desselben verhelfen.


14.

Miterklingen. - Alle stärkeren Stimmungen bringen ein Miterklingen
verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie wühlen gleichsam
das Gedächtniss auf. Es erinnert sich bei ihnen Etwas in uns und wird
sich ähnlicher Zustände und deren Herkunft bewusst. So bilden sich
angewöhnte rasche Verbindungen von Gefühlen und Gedanken, welche
zuletzt, wenn sie blitzschnell hinter einander erfolgen, nicht einmal
mehr als Complexe, sondern als Einheiten empfunden werden. In diesem
Sinne redet man vom moralischen Gefühle, vom religiösen Gefühle, wie
als ob diess lauter Einheiten seien: in Wahrheit sind sie Ströme mit
hundert Quellen und Zuflüssen. Auch hier, wie so oft, verbürgt die
Einheit des Wortes Nichts für die Einheit der Sache.


15.

Kein Innen und Aussen in der Welt. - Wie Demokrit die Begriffe Oben
und Unten auf den unendlichen Raum übertrug, wo sie keinen Sinn haben,
so die Philosophen überhaupt den Begriff "Innen und Aussen" auf Wesen
und Erscheinung der Welt; sie meinen, mit tiefen Gefühlen komme man
tief in's Innere, nahe man sich dem Herzen der Natur. Aber diese
Gefühle sind nur insofern tief, als mit ihnen, kaum bemerkbar, gewisse
complicirte Gedankengruppen regelmässig erregt werden, welche wir tief
nennen; ein Gefühl ist tief, weil wir den begleitenden Gedanken für
tief halten. Aber der tiefe Gedanke kann dennoch der Wahrheit sehr
fern sein, wie zum Beispiel jeder metaphysische; rechnet man vom
tiefen Gefühle die beigemischten Gedankenelemente ab, so bleibt das
starke Gefühl übrig, und dieses verbürgt Nichts für die Erkenntniss,
als sich selbst, ebenso wie der starke Glaube nur seine Stärke, nicht
die Wahrheit des Geglaubten beweist.


16.

Erscheinung und Ding an sich. - Die Philosophen pflegen sich vor das
Leben und die Erfahrung - vor Das, was sie die Welt der Erscheinung
nennen - wie vor ein Gemälde hinzustellen, das ein für alle Mal
entrollt ist und unveränderlich fest den selben Vorgang zeigt: diesen
Vorgang, meinen sie, müsse man richtig ausdeuten, um damit einen
Schluss auf das Wesen zu machen, welches das Gemälde hervorgebracht
habe: also auf das Ding an sich, das immer als der zureichende Grund
der Welt der Erscheinung angesehen zu werden pflegt. Dagegen haben
strengere Logiker, nachdem sie den Begriff des Metaphysischen scharf
als den des Unbedingten, folglich auch Unbedingenden festgestellt
hatten, jeden Zusammenhang zwischen dem Unbedingten (der
metaphysischen Welt) und der uns bekannten Welt in Abrede gestellt:
so dass in der Erscheinung eben durchaus nicht das Ding an sich
erscheine, und von jener auf dieses jeder Schluss abzulehnen sei. Von
beiden Seiten ist aber die Möglichkeit übersehen, dass jenes Gemälde
- Das, was jetzt uns Menschen Leben und Erfahrung heisst - allmählich
geworden ist, ja noch völlig im Werden ist und desshalb nicht als
feste Grösse betrachtet werden soll, von welcher aus man einen Schluss
über den Urheber (den zureichenden Grund) machen oder auch nur
ablehnen dürfte. Dadurch, dass wir seit Jahrtausenden mit moralischen,
ästhetischen, religiösen Ansprüchen, mit blinder Neigung, Leidenschaft
oder Furcht in die Welt geblickt und uns in den Unarten des
unlogischen Denkens recht ausgeschwelgt haben, ist diese Welt
allmählich so wundersam bunt, schrecklich, bedeutungstief, seelenvoll
geworden, sie hat Farbe bekommen, - aber wir sind die Coloristen
gewesen: der menschliche Intellect hat die Erscheinung erscheinen
lassen und seine irrthümlichen Grundauffassungen in die Dinge
hineingetragen. Spät, sehr spät - besinnt er sich: und jetzt scheinen
ihm die Welt der Erfahrung und das Ding an sich so ausserordentlich
verschieden und getrennt, dass er den Schluss von jener auf dieses
ablehnt - oder auf eine schauerlich geheimnissvolle Weise zum Aufgeben
unsers Intellectes, unsers persönlichen Willens auffordert: um dadurch
zum Wesenhaften zu kommen, dass man wesenhaft werde. Wiederum haben
Andere alle charakteristischen Züge unserer Welt der Erscheinung - das
heisst der aus intellectuellen Irrthümern herausgesponnenen und uns
angeerbten Vorstellung von der Welt - zusammengelesen und anstatt den
Intellect als Schuldigen anzuklagen, das Wesen der Dinge als Ursache
dieses thatsächlichen, sehr unheimlichen Weltcharakters angeschuldigt
und die Erlösung vom Sein gepredigt. - Mit all diesen Auffassungen
wird der stetige und mühsame Process der Wissenschaft, welcher zuletzt
einmal in einer Entstehungsgeschichte des Denkens seinen höchsten
Triumph feiert, in entscheidender Weise fertig werden, dessen Resultat
vielleicht auf diesen Satz hinauslaufen dürfte: Das, was wir jetzt
die Welt nennen, ist das Resultat einer Menge von Irrthümern und
Phantasien, welche in der gesammten Entwickelung der organischen Wesen
allmählich entstanden, in einander verwachsen [sind] und uns jetzt als
aufgesammelter Schatz der ganzen Vergangenheit vererbt werden, - als
Schatz: denn der Werth unseres Menschenthums ruht darauf. Von dieser
Welt der Vorstellung vermag uns die strenge Wissenschaft thatsächlich
nur in geringem Maasse zu lösen - wie es auch gar nicht zu wünschen
ist -, insofern sie die Gewalt uralter Gewohnheiten der Empfindung
nicht wesentlich zu brechen vermag: aber sie kann die Geschichte der
Entstehung jener Welt als Vorstellung ganz allmählich und schrittweise
aufhellen - und uns wenigstens für Augenblicke über den ganzen Vorgang
hinausheben. Vielleicht erkennen wir dann, dass das Ding an sich eines
homerischen Gelächters werth ist: dass es so viel, ja Alles schien und
eigentlich leer, nämlich bedeutungsleer ist.


17.

Metaphysische Erklärungen. - Der junge Mensch schätzt metaphysische
Erklärungen, weil sie ihm in Dingen, welche er unangenehm oder
verächtlich fand, etwas höchst Bedeutungsvolles aufweisen: und ist er
mit sich unzufrieden, so erleichtert sich diess Gefühl, wenn er das
innerste Welträthsel oder Weltelend in dem wiedererkennt, was er so
sehr an sich missbilligt. Sich unverantwortlicher fühlen und die
Dinge zugleich interessanter finden - das gilt ihm als die doppelte
Wohlthat, welche er der Metaphysik verdankt. Später freilich bekommt
er Misstrauen gegen die ganze metaphysische Erklärungsart, dann sieht
er vielleicht ein, dass jene Wirkungen auf einem anderen Wege eben
so gut und wissenschaftlicher zu erreichen sind: dass physische und
historische Erklärungen mindestens ebenso sehr jenes Gefühl der
Unverantwortlichkeit herbeiführen, und dass jenes Interesse am Leben
und seinen Problemen vielleicht noch mehr dabei entflammt wird.


18.

Grundfragen der Metaphysik. - Wenn einmal die Entstehungsgeschichte
des denkens geschrieben ist, so wird auch der folgende Satz eines
ausgezeichneten Logikers von einem neuen Lichte erhellt dastehen:
"Das ursprüngliche allgemeine Gesetz des erkennenden Subjects
besteht in der inneren Nothwendigkeit, jeden Gegenstand an sich, in
seinem eigenen Wesen als einen mit sich selbst identischen, also
selbstexistirenden und im Grunde stets gleichbleibenden und
unwandelbaren, kurz als eine Substanz zu erkennen." Auch dieses
Gesetz, welches hier "ursprünglich" genannt wird, ist geworden:
es wird einmal gezeigt werden, wie allmählich, in den niederen
Organismen, dieser Hang entsteht, wie die blöden Maulwurfsaugen dieser
Organisationen zuerst Nichts als immer das Gleiche sehen, wie dann,
wenn die verschiedenen Erregungen von Lust und Unlust bemerkbarer
werden, allmählich verschiedene Substanzen unterschieden werden, aber
jede mit Einem Attribut, das heisst einer einzigen Beziehung zu einem
solchen Organismus. - Die erste Stufe des Logischen ist das Urtheil;
dessen Wesen besteht, nach der Feststellung der besten Logiker, im
Glauben. Allem Glauben zu Grunde liegt die Empfindung des Angenehmen
oder Schmerzhaften in Bezug auf das empfindende Subject. Eine neue
dritte Empfindung als Resultat zweier vorangegangenen einzelnen
Empfindungen ist das Urtheil in seiner niedrigsten Form. - Uns
organische Wesen interessirt ursprünglich Nichts an jedem Dinge, als
sein Verhältniss zu uns in Bezug auf Lust und Schmerz. Zwischen den
Momenten, in welchen wir uns dieser Beziehung bewusst werden, den
Zuständen des Empfindens, liegen solche der Ruhe, des Nichtempfindens:
da ist die Welt und jedes Ding für uns interesselos, wir bemerken
keine Veränderung an ihm (wie jetzt noch ein heftig Interessirter
nicht merkt, dass jemand an ihm vorbeigeht). Für die Pflanze sind
gewöhnlich alle Dinge ruhig, ewig, jedes Ding sich selbst gleich. Aus
der Periode der niederen Organismen her ist dem Menschen der Glaube
vererbt, dass es gleiche Dinge giebt (erst die durch höchste
Wissenschaft ausgebildete Erfahrung widerspricht diesem Satze). Der
Urglaube alles Organischen von Anfang an ist vielleicht sogar, dass
die ganze übrige Welt Eins und unbewegt ist. - Am fernsten liegt für
jene Urstufe des Logischen der Gedanke an Causalität: ja jetzt noch
meinen wir im Grunde, alle Empfindungen und Handlungen seien Acte des
freien Willens; wenn das fühlende Individuum sich selbst betrachtet,
so hält es jede Empfindung, jede Veränderung für etwas Isolirtes, das
heisst Unbedingtes, Zusammenhangloses: es taucht aus uns auf, ohne
Verbindung mit Früherem oder Späterem. Wir haben Hunger, aber meinen
ursprünglich nicht, dass der Organismus erhalten werden will, sondern
jenes Gefühl scheint sich ohne Grund und Zweck geltend zu machen, es
isolirt sich und hält sich für willkürlich. Also: der Glaube an die
Freiheit des Willens ist ein ursprünglicher Irrthum alles Organischen,
so alt, als die Regungen des Logischen in ihm existiren; der Glaube
an unbedingte Substanzen und an gleiche Dinge ist ebenfalls ein
ursprünglicher, ebenso alter Irrthum alles Organischen. Insofern aber
alle Metaphysik sich vornehmlich mit Substanz und Freiheit des Willens
abgegeben hat, so darf man sie als die Wissenschaft bezeichnen, welche
von den Grundirrthümern des Menschen handelt, doch so, als wären es
Grundwahrheiten.


19.

Die Zahl. - Die Erfindung der Gesetze der Zahlen ist auf Grund des
ursprünglich schon herrschenden Irrthums gemacht, dass es mehrere
gleiche Dinge gebe (aber thatsächlich giebt es nichts Gleiches),
mindestens dass es Dinge gebe (aber es giebt kein "Ding"). Die Annahme
der Vielheit setzt immer voraus, dass es Etwas gebe, das vielfach
vorkommt: aber gerade hier schon waltet der Irrthum, schon da fingiren
wir Wesen, Einheiten, die es nicht giebt. - Unsere Empfindungen von
Raum und Zeit sind falsch, denn sie führen, consequent geprüft, auf
logische Widersprüche. Bei allen wissenschaftlichen Feststellungen
rechnen wir unvermeidlich immer mit einigen falschen Grössen: aber
weil diese Grössen wenigstens constant sind, wie zum Beispiel unsere
Zeit- und Raumempfindung, so bekommen die Resultate der Wissenschaft
doch eine vollkommene Strenge und Sicherheit in ihrem Zusammenhange
mit einander; man kann auf ihnen fortbauen - bis an jenes letzte
Ende, wo die irrthümliche Grundannahme, jene constanten Fehler,
in Widerspruch mit den Resultaten treten, zum Beispiel in der
Atomenlehre. Da fühlen wir uns immer noch zur Annahme eines "Dinges"
oder stofflichen "Substrats", das bewegt wird, gezwungen, während die
ganze wissenschaftliche Procedur eben die Aufgabe verfolgt hat, alles
Dingartige (Stoffliche) in Bewegungen aufzulösen: wir scheiden auch
hier noch mit unserer Empfindung Bewegendes und Bewegtes und kommen
aus diesem Zirkel nicht heraus, weil der Glaube an Dinge mit unserem
Wesen von Alters her verknotet ist. - Wenn Kant sagt "der Verstand
schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser
vor", so ist diess in Hinsicht auf den Begriff der Natur völlig wahr,
welchen wir genöthigt sind, mit ihr zu verbinden (Natur = Welt als
Vorstellung, das heisst als Irrthum), welcher aber die Aufsummirung
einer Menge von Irrthümern des Verstandes ist. - Auf eine Welt, welche
nicht unsere Vorstellung ist, sind die Gesetze der Zahlen gänzlich
unanwendbar: diese gelten allein in der Menschen-Welt.


20.

Einige Sprossen zurück. - Die eine, gewiss sehr hohe Stufe der Bildung
ist erreicht, wenn der Mensch über abergläubische und religiöse
Begriffe und Aengste hinauskommt und zum Beispiel nicht mehr an die
lieben Englein oder die Erbsünde glaubt, auch vom Heil der Seelen zu
reden verlernt hat: ist er auf dieser Stufe der Befreiung, so hat er
auch noch mit höchster Anspannung seiner Besonnenheit die Metaphysik
zu überwinden. Dann aber ist eine rückläufige Bewegung nöthig: er muss
die historische Berechtigung, ebenso die psychologische in solchen
Vorstellungen begreifen, er muss erkennen, wie die grösste Förderung
der Menschheit von dorther gekommen sei und wie man sich, ohne eine
solche rückläufige Bewegung, der besten Ergebnisse der bisherigen
Menschheit berauben würde. - In Betreff der philosophischen Metaphysik
sehe ich jetzt immer Mehrere, welche an das negative Ziel (dass jede
positive Metaphysik Irrthum ist) gelangt sind, aber noch Wenige,
welche einige Sprossen rückwärts steigen; man soll nämlich über die
letzte Sprosse der Leiter wohl hinausschauen, aber nicht auf ihr
stehen wollen. Die Aufgeklärtesten bringen es nur so weit, sich
von der Metaphysik zu befreien und mit Ueberlegenheit auf sie
zurückzusehen: während es doch auch hier, wie im Hippodrom, noth thut,
um das Ende der Bahn herumzubiegen.


21.

Muthmaasslicher Sieg der Skepsis. - Man lasse einmal den skeptischen
Ausgangspunct gelten: gesetzt, es gäbe keine andere, metaphysische
Welt und alle aus der Metaphysik genommenen Erklärungen der uns einzig
bekannten Welt wären unbrauchbar für uns, mit welchem Blick würden
wir dann auf Menschen und Dinge sehen? Diess kann man sich ausdenken,
es ist nützlich, selbst wenn die Frage, ob etwas Metaphysisches
wissenschaftlich durch Kant und Schopenhauer bewiesen sei, einmal
abgelehnt würde. Denn es ist, nach historischer Wahrscheinlichkeit,
sehr gut möglich, dass die Menschen einmal in dieser Beziehung im
Ganzen und Allgemeinen skeptisch werden; da lautet also die Frage: wie
wird sich dann die menschliche Gesellschaft, unter dem Einfluss einer
solchen Gesinnung, gestalten? Vielleicht ist der wissenschaftliche
Beweis irgend einer metaphysischen Welt schon so schwierig, dass die
Menschheit ein Misstrauen gegen ihn nicht mehr los wird. Und wenn man
gegen die Metaphysik Misstrauen hat, so giebt es im Ganzen und Grossen
die selben Folgen, wie wenn sie direct widerlegt wäre und man nicht
mehr an sie glauben dürfte. Die historische Frage in Betreff einer
unmetaphysischen Gesinnung der Menschheit bleibt in beiden Fällen die
selbe.


22.

Unglaube an das "monumentum aere perennius". - Ein wesentlicher
Nachtheil, welchen das Aufhören metaphysischer Ansichten mit sich
bringt, liegt darin, dass das Individuum zu streng seine kurze
Lebenszeit in's Auge fasst und keine stärkeren Antriebe empfängt,
an dauerhaften, für Jahrhunderte angelegten Institutionen zu bauen;
es will die Frucht selbst vom Baume pflücken, den es pflanzt,
und desshalb mag es jene Bäume nicht mehr pflanzen, welche eine
Jahrhundert lange gleichmässige Pflege erfordern und welche lange
Reihenfolgen von Geschlechtern zu überschatten bestimmt sind. Denn
metaphysische Ansichten geben den Glauben, dass in ihnen das letzte
endgültige Fundament gegeben sei, auf welchem sich nunmehr alle
Zukunft der Menschheit niederzulassen und anzubauen genöthigt sei;
der Einzelne fördert sein Heil, wenn er zum Beispiel eine Kirche, ein
Kloster stiftet, es wird ihm, so meint er, im ewigen Fortleben der
Seele angerechnet und vergolten, es ist Arbeit am ewigen Heil der
Seele. - Kann die Wissenschaft auch solchen Glauben an ihre Resultate
erwecken? In der That braucht sie den Zweifel und das Misstrauen als
treuesten Bundesgenossen; trotzdem kann mit der Zeit die Summe der
unantastbaren, das heisst alle Stürme der Skepsis, alle Zersetzungen
überdauernden Wahrheiten so gross werden (zum Beispiel in der Diätetik
der Gesundheit), dass man sich daraufhin entschliesst, "ewige" Werke
zu gründen. Einstweilen wirkt der Contrast unseres aufgeregten
Ephemeren-Daseins gegen die langathmige Ruhe metaphysischer Zeitalter
noch zu stark, weil die beiden Zeiten noch zu nahe gestellt sind; der
einzelne Mensch selber durchläuft jetzt zu viele innere und äussere
Entwickelungen, als dass er auch nur auf seine eigene Lebenszeit sich
dauerhaft und ein für alle Mal einzurichten wagt. Ein ganz moderner
Mensch, der sich zum Beispiel ein Haus bauen will, hat dabei ein
Gefühl, als ob er bei lebendigem Leibe sich in ein Mausoleum vermauern
wolle.


23.

Zeitalter der Vergleichung. - je weniger die Menschen durch das
Herkommen gebunden sind, um so grösser wird die innere Bewegung der
Motive, um so grösser wiederum, dem entsprechend, die äussere Unruhe,
das Durcheinanderfluten der Menschen, die Polyphonie der Bestrebungen.
Für wen giebt es jetzt noch einen strengeren Zwang, an einen Ort sich
und seine Nachkommen anzubinden? Für wen giebt es überhaupt noch
etwas streng Bindendes? Wie alle Stilarten der Künste neben einander
nachgebildet werden, so auch alle Stufen und Arten der Moralität, der
Sitten, der Culturen. - Ein solches Zeitalter bekommt seine Bedeutung
dadurch, dass in ihm die verschiedenen Weltbetrachtungen, Sitten,
Culturen verglichen und neben einander durchlebt werden können; was
früher, bei der immer localisirten Herrschaft jeder Cultur, nicht
möglich war, entsprechend der Gebundenheit aller künstlerischen
Stilarten an Ort und Zeit. Jetzt wird eine Vermehrung des ästhetischen
Gefühls endgültig unter so vielen der Vergleichung sich darbietenden
Formen entscheiden: sie wird die meisten, - nämlich alle, welche durch
dasselbe abgewiesen werden, - absterben lassen. Ebenso findet jetzt
ein Auswählen in den Formen und Gewohnheiten der höheren Sittlichkeit
statt, deren Ziel kein anderes, als der Untergang der niedrigeren
Sittlichkeiten sein kann. Es ist das Zeitalter der Vergleichung! Das
ist sein Stolz, - aber billigerweise auch sein Leiden. Fürchten wir
uns vor diesem Leiden nicht! Vielmehr wollen wir die Aufgabe, welche
das Zeitalter uns stellt, so gross verstehen, als wir nur vermögen: so
wird uns die Nachwelt darob segnen, - eine Nachwelt, die ebenso sich
über die abgeschlossenen originalen Volks-Culturen hinaus weiss, als
über die Cultur der Vergleichung, aber auf beide Arten der Cultur als
auf verehrungswürdige Alterthümer mit Dankbarkeit zurückblickt.


24.

Möglichkeit des Fortschritts. - Wenn ein Gelehrter der alten Cultur
es verschwört, nicht mehr mit Menschen umzugehen, welche an den
Fortschritt glauben, so hat er Recht. Denn die alte Cultur hat ihre
Grösse und Güte hinter sich und die historische Bildung zwingt Einen,
zuzugestehen, dass sie nie wieder frisch werden kann; es ist ein
unausstehlicher Stumpfsinn oder ebenso unleidliche Schwärmerei
nöthig, um diess zu leugnen. Aber die Menschen können mit Bewusstsein
beschliessen, sich zu einer neuen Cultur fortzuentwickeln, während
sie sich früher unbewusst und zufällig entwickelten: sie können jetzt
bessere Bedingungen für die Entstehung der Menschen, ihre Ernährung,
Erziehung, Unterrichtung schaffen, die Erde als Ganzes ökonomisch
verwalten, die Kräfte der Menschen überhaupt gegen einander abwägen
und einsetzen. Diese neue bewusste Cultur tödtet die alte, welche, als
Ganzes angeschaut, ein unbewusstes Thier- und Pflanzenleben geführt
hat; sie tödtet auch das Misstrauen gegen den Fortschritt, -er ist
möglich. Ich will sagen: es ist voreilig und fast unsinnig, zu
glauben, dass der Fortschritt nothwendig erfolgen müsse; aber wie
könnte man leugnen, dass er möglich sei? Dagegen ist ein Fortschritt
im Sinne und auf dem Wege der alten Cultur nicht einmal denkbar. Wenn
romantische Phantastik immerhin auch das Wort "Fortschritt" von ihren
Zielen (z.B. abgeschlossenen originalen Volks-Culturen) gebraucht:
jedenfalls entlehnt sie das Bild davon aus der Vergangenheit; ihr
Denken und Vorstellen ist auf diesem Gebiete ohne jede Originalität.


25.

Privat- und Welt-Moral. - Seitdem der Glaube aufgehört hat, dass
ein Gott die Schicksale der Welt im Grossen leite und, trotz aller
anscheinenden Krümmungen im Pfade der Menschheit, sie doch herrlich
hinausführe, müssen die Menschen selber sich ökumenische, die ganze
Erde umspannende Ziele stellen. Die ältere Moral, namentlich die
Kant's, verlangt vom Einzelnen Handlungen, welche man von allen
Menschen wünscht: das war eine schöne naive Sache; als ob ein jeder
ohne Weiteres wüsste, bei welcher Handlungsweise das Ganze der
Menschheit wohlfahre, also welche Handlungen überhaupt wünschenswerth
seien; es ist eine Theorie wie die vom Freihandel, voraussetzend,
dass die allgemeine Harmonie sich nach eingeborenen Gesetzen des
Besserwerdens von selbst ergeben müsse. Vielleicht lässt es ein
zukünftiger Ueberblick über die Bedürfnisse der Menschheit durchaus
nicht wünschenswerth erscheinen, dass alle Menschen gleich handeln,
vielmehr dürften im Interesse ökumenischer Ziele für ganze Strecken
der Menschheit specielle, vielleicht unter Umständen sogar böse
Aufgaben zu stellen sein. - Jedenfalls muss, wenn die Menschheit sich
nicht durch eine solche bewusste Gesammtregierung zu Grunde richten
soll, vorher eine alle bisherigen Grade übersteigende Kenntniss
der Bedingungen der Cultur, als wissenschaftlicher Maassstab für
ökumenische Ziele, gefunden sein. Hierin liegt die ungeheure Aufgabe
der grossen Geister des nächsten Jahrhunderts.


26.

Die Reaction als Fortschritt. - Mitunter erscheinen schroffe,
gewaltsame und fortreissende, aber trotzdem zurückgebliebene
Geister, welche eine vergangene Phase der Menschheit noch einmal
heraufbeschwören: sie dienen zum Beweis, dass die neuen Richtungen,
welchen sie entgegenwirken, noch nicht kräftig genug sind, dass Etwas
an ihnen fehlt: sonst würden sie jenen Beschwörern besseren Widerpart
halten. So zeugt zum Beispiel Luther's Reformation dafür, dass in
seinem Jahrhundert alle Regungen der Freiheit des Geistes noch
unsicher, zart, jugendlich waren; die Wissenschaft konnte noch nicht
ihr Haupt erheben. Ja, die gesammte Renaissance erscheint wie ein
erster Frühling, der fast wieder weggeschneit wird. Aber auch in
unserem Jahrhundert bewies Schopenhauer's Metaphysik, dass auch
jetzt der wissenschaftliche Geist noch nicht kräftig genug ist: so
konnte die ganze mittelalterliche christliche Weltbetrachtung und
Mensch-Empfindung noch einmal in Schopenhauer's Lehre, trotz der
längst errungenen Vernichtung aller christlichen Dogmen, eine
Auferstehung feiern. Viel Wissenschaft klingt in seine Lehre hinein,
aber sie beherrscht dieselbe nicht, sondern das alte, wohlbekannte
"metaphysische Bedürfniss". Es ist gewiss einer der grössten und ganz
unschätzbaren Vortheile, welche wir aus Schopenhauer gewinnen, dass er
unsere Empfindung zeitweilig in ältere, mächtige Betrachtungsarten der
Welt und Menschen zurückzwingt, zu welchen sonst uns so leicht kein
Pfad führen würde. Der Gewinn für die Historie und die Gerechtigkeit
ist sehr gross: ich glaube, dass es jetzt Niemandem so leicht gelingen
möchte, ohne Schopenhauer's Beihülfe dem Christenthum und seinen
asiatischen Verwandten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: was
namentlich vom Boden des noch vorhandenen Christenthums aus unmöglich
ist. Erst nach diesem grossen Erfolge der Gerechtigkeit, erst nachdem
wir die historische Betrachtungsart, welche die Zeit der Aufklärung
mit sich brachte, in einem so wesentlichen Puncte corrigirt haben,
dürfen wir die Fahne der Aufklärung - die Fahne mit den drei Namen:
Petrarca, Erasmus, Voltaire - von Neuem weiter tragen. Wir haben aus
der Reaction einen Fortschritt gemacht.


27.

Ersatz der Religion. - Man glaubt einer Philosophie etwas Gutes
nachzusagen, wenn man sie als Ersatz der Religion für das Volk
hinstellt. In der That bedarf es in der geistigen Oekonomie
gelegentlich überleitender Gedankenkreise; so ist der Uebergang
aus Religion in wissenschaftliche Betrachtung ein gewaltsamer,
gefährlicher Sprung, Etwas, das zu widerrathen ist. Insofern hat
man mit jener Anempfehlung Recht. Aber endlich sollte man doch auch
lernen, dass die Bedürfnisse, welche die Religion befriedigt hat und
nun die Philosophie befriedigen soll, nicht unwandelbar sind; diese
selbst kann man schwächen und ausrotten. Man denke zum Beispiel an die
christliche Seelennoth, das Seufzen über die innere Verderbtheit, die
Sorge um das Heil, - alles Vorstellungen, welche nur aus Irrthümern
der Vernunft herrühren und gar keine Befriedigung, sondern Vernichtung
verdienen. Eine Philosophie kann entweder so nützen, dass sie jene
Bedürfnisse auch befriedigt oder dass sie dieselben beseitigt; denn
es sind angelernte, zeitlich begränzte Bedürfnisse, welche auf
Voraussetzungen beruhen, die denen der Wissenschaft widersprechen.
Hier ist, um einen Uebergang zu machen, die Kunst viel eher zu
benutzen, um das mit Empfindungen überladene Gemüth zu erleichtern;
denn durch sie werden jene Vorstellungen viel weniger unterhalten, als
durch eine metaphysische Philosophie. Von der Kunst aus kann man dann
leichter in eine wirklich befreiende philosophische Wissenschaft
übergehen.


28.

Verrufene Worte. - Weg mit den bis zum Ueberdruss verbrauchten Wörtern
Optimismus und Pessimismus! Denn der Anlass, sie zu gebrauchen, fehlt
von Tag zu Tage mehr: nur die Schwätzer haben sie jetzt noch so
unumgänglich nöthig. Denn wesshalb in aller Welt sollte jemand
Optimist sein wollen, wenn er nicht einen Gott zu vertheidigen hat,
welcher die beste der Welten geschaffen haben muss, falls er selber
das Gute und Vollkommene ist, - welcher Denkende hat aber die
Hypothese eines Gottes noch nöthig? - Es fehlt aber auch jeder Anlass
zu einem pessimistischen Glaubensbekenntniss, wenn man nicht ein
Interesse daran hat, den Advocaten Gottes, den Theologen oder
den theologisirenden Philosophen ärgerlich zu werden und die
Gegenbehauptung kräftig aufzustellen: dass das Böse regiere, dass die
Unlust grösser sei, als die Lust, dass die Welt ein Machwerk, die
Erscheinung eines bösen Willens zum Leben sei. Wer aber kümmert sich
jetzt noch um die Theologen - ausser den Theologen? - Abgesehen von
aller Theologie und ihrer Bekämpfung liegt es auf der Hand, dass die
Welt nicht gut und nicht böse, geschweige denn die beste oder die
schlechteste ist, und dass diese Begriffe "gut" und "böse" nur in
Bezug auf Menschen Sinn haben, ja vielleicht selbst hier, in der
Weise, wie sie gewöhnlich gebraucht werden, nicht berechtigt sind: der
schimpfenden und verherrlichenden Weltbetrachtung müssen wir uns in
jedem Falle entschlagen.


29.

Vom Dufte der Blüthen berauscht. - Das Schiff der Menschheit, meint
man, hat einen immer stärkeren Tiefgang, je mehr es belastet wird; man
glaubt, je tiefer der Mensch denkt, je zarter er fühlt, je höher er
sich schätzt, je weiter seine Entfernung von den anderen Thieren wird,
- je mehr er als das Genie unter den Thieren erscheint, - um so näher
werde er dem wirklichen Wesen der Welt und deren Erkenntniss kommen:
diess thut er auch wirklich durch die Wissenschaft, aber er meint
diess noch mehr durch seine Religionen und Künste zu thun. Diese sind
zwar eine Blüthe der Welt, aber durchaus nicht der Wurzel der Welt
näher, als der Stengel ist: man kann aus ihnen das Wesen der Dinge
gerade gar nicht besser verstehen, obschon diess fast jedermann
glaubt. Der Irrthum hat den Menschen so tief, zart, erfinderisch
gemacht, eine solche Blüthe, wie Religionen und Künste,
herauszutreiben. Das reine Erkennen wäre dazu ausser Stande
gewesen. Wer uns das Wesen der Welt enthüllte, würde uns Allen die
unangenehmste Enttäuschung machen. Nicht die Welt als Ding an sich,
sondern die Welt als Vorstellung (als Irrthum) ist so bedeutungsreich,
tief, wundervoll, Glück und Unglück im Schoosse tragend. Diess
Resultat führt zu einer Philosophie der logischen Weltverneinung:
welche übrigens sich mit einer praktischen Weltbejahung ebensogut wie
mit deren Gegentheile vereinigen lässt.


30.

Schlechte Gewohnheiten im Schliessen. - Die gewöhnlichsten Irrschlüsse
der Menschen sind diese: eine Sache existirt, also hat sie ein Recht.
Hier wird aus der Lebensfähigkeit auf die Zweckmässigkeit, aus der
Zweckmässigkeit auf die Rechtmässigkeit geschlossen. Sodann: eine
Meinung beglückt, also ist sie die wahre, ihre Wirkung ist gut, also
ist sie selber gut und wahr. Hier legt man der Wirkung das Prädicat
beglückend, gut, im Sinne des Nützlichen, bei und versieht nun
die Ursache mit dem selben Prädicat gut, aber hier im Sinne des
Logisch-Gültigen. Die Umkehrung der Sätze lautet: eine Sache kann sich
nicht durchsetzen, erhalten, also ist sie unrecht; eine Meinung quält,
regt auf, also ist sie falsch. Der Freigeist, der das Fehlerhafte
dieser Art zu schliessen nur allzu häufig kennen lernt und an
ihren Folgen zu leiden hat, unterliegt oft der Verführung, die
entgegengesetzten Schlüsse zu machen, welche im Allgemeinen natürlich
ebenso sehr Irrschlüsse sind: eine Sache kann sich nicht durchsetzen,
also ist sie gut; eine Meinung macht Noth, beunruhigt, also ist sie
wahr.


31.

Das Unlogische nothwendig. - Zu den Dingen, welche einen Denker
in Verzweifelung bringen können, gehört die Erkenntniss, dass das
Unlogische für den Menschen nöthig ist, und dass aus dem Unlogischen
vieles Gute entsteht. Es steckt so fest in den Leidenschaften, in der
Sprache, in der Kunst, in der Religion und überhaupt in Allem, was dem
Leben Werth verleiht, dass man es nicht herausziehen kann, ohne damit
diese schönen Dinge heillos zu beschädigen. Es sind nur die allzu
naiven Menschen, welche glauben können, dass die Natur des Menschen
in eine rein logische verwandelt werden könne; wenn es aber Grade der
Annäherung an dieses Ziel geben sollte, was würde da nicht Alles auf
diesem Wege verloren gehen müssen! Auch der vernünftigste Mensch
bedarf von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heisst seiner
unlogischen Grundstellung zu allen Dingen.


32.

Ungerechtsein nothwendig. - Alle Urtheile über den Werth des Lebens
sind unlogisch entwickelt und desshalb ungerecht. Die Unreinheit des
Urtheils liegt erstens in der Art, wie das Material vorliegt, nämlich
sehr unvollständig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe gebildet
wird, und drittens darin, dass jedes einzelne Stück des Materials
wieder das Resultat unreinen Erkennens ist und zwar diess mit voller
Nothwendigkeit. Keine Erfahrung zum Beispiel über einen Menschen,
stünde er uns auch noch so nah, kann vollständig sein, so dass wir ein
logisches Recht zu einer Gesammtabschätzung desselben hätten; alle
Schätzungen sind voreilig und müssen es sein. Endlich ist das Maass,
womit wir messen, unser Wesen, keine unabänderliche Grösse, wir haben
Stimmungen und Schwankungen, und doch müssten wir uns selbst als ein
festes Maass kennen, um das Verhältniss irgend einer Sache zu uns
gerecht abzuschätzen. Vielleicht wird aus alledem folgen, dass man
gar nicht urtheilen sollte; wenn man aber nur leben könnte, ohne
abzuschätzen, ohne Abneigung und Zuneigung zu haben! - denn alles
Abgeneigtsein hängt mit einer Schätzung zusammen, ebenso alles
Geneigtsein. Ein Trieb zu Etwas oder von Etwas weg, ohne ein Gefühl
davon, dass man das Förderliche wolle, dem Schädlichen ausweiche,
ein Trieb ohne eine Art von erkennender Abschätzung über den Werth
des Zieles, existirt beim Menschen nicht. Wir sind von vornherein
unlogische und daher ungerechte Wesen, und können diess erkennen:
diess ist eine der grössten und unauflösbarsten Disharmonien des
Daseins.


33.

Der Irrthum über das Leben zum Leben nothwendig. - Jeder Glaube an
Werth und Würdigkeit des Lebens beruht auf unreinem Denken; er ist
allein dadurch möglich, dass das Mitgefühl für das allgemeine Leben
und Leiden der Menschheit sehr schwach im Individuum entwickelt ist.
Auch die seltneren Menschen, welche überhaupt über sich hinaus denken,
fassen nicht dieses allgemeine Leben, sondern abgegränzte Theile
desselben in's Auge. Versteht man es, sein Augenmerk vornehmlich
auf Ausnahmen, ich meine auf die hohen Begabungen und die reinen
Seelen zu richten, nimmt man deren Entstehung zum Ziel der ganzen
Weltentwickelung und erfreut sich an deren Wirken, so mag man an den
Werth des Lebens glauben, weil man nämlich die anderen Menschen dabei
übersieht: also unrein denkt. Und ebenso, wenn man zwar alle Menschen
in's Auge fasst, aber in ihnen nur eine Gattung von Trieben, die
weniger egoistischen, gelten lässt und sie in Betreff der anderen
Triebe entschuldigt: dann kann man wiederum von der Menschheit im
Ganzen Etwas hoffen und insofern an den Werth des Lebens glauben: also
auch in diesem Falle durch Unreinheit des Denkens. Mag man sich aber
so oder so verhalten, man ist mit diesem Verhalten eine Ausnahme unter
den Menschen. Nun ertragen aber gerade die allermeisten Menschen
das Leben, ohne erheblich zu murren, und glauben somit an den Werth
des Daseins, aber gerade dadurch, dass sich jeder allein will und
behauptet, und nicht aus sich heraustritt wie jene Ausnahmen: alles
Ausserpersönliche ist ihnen gar nicht oder höchstens als ein schwacher
Schatten bemerkbar. Also darauf allein beruht der Werth des Lebens für
den gewöhnlichen, alltäglichen Menschen, dass er sich wichtiger nimmt,
als die Welt. Der grosse Mangel an Phantasie, an dem er leidet, macht,
dass er sich nicht in andere Wesen hineinfühlen kann und daher so
wenig als möglich an ihrem Loos und Leiden theilnimmt. Wer dagegen
wirklich daran theilnehmen könnte, müsste am Werthe des Lebens
verzweifeln; gelänge es ihm, das Gesammtbewusstsein der Menschheit in
sich zu fassen und zu empfinden, er würde mit einem Fluche gegen das
Dasein zusammenbrechen, - denn die Menschheit hat im Ganzen keine
Ziele, folglich kann der Mensch, in Betrachtung des ganzen Verlaufes,
nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweifelung.
Sieht er bei Allem, was er thut, auf die letzte Ziellosigkeit
der Menschen, so bekommt sein eigenes Wirken in seinen Augen den
Charakter der Vergeudung. Sich aber als Menschheit (und nicht nur als
Individuum) ebenso vergeudet zu fühlen, wie wir die einzelne Blüthe
von der Natur vergeudet sehen, ist ein Gefühl über alle Gefühle. - Wer
ist aber desselben fähig? Gewiss nur ein Dichter: und Dichter wissen
sich immer zu trösten.


34.

Zur Beruhigung.- Aber wird so unsere Philosophie nicht zur Tragödie?
Wird die Wahrheit nicht dem Leben, dem Besseren feindlich? Eine Frage
scheint uns die Zunge zu beschweren und doch nicht laut werden zu
wollen: ob man bewusst in der Unwahrheit bleiben könne? oder, wenn
man diess müsse, ob da nicht der Tod vorzuziehen sei? Denn ein Sollen
giebt es nicht mehr; die Moral, insofern sie ein Sollen war, ist ja
durch unsere Betrachtungsart ebenso vernichtet wie die Religion. Die
Erkenntniss kann als Motive nur Lust und Unlust, Nutzen und Schaden
bestehen lassen: wie aber werden diese Motive sich mit dem Sinne für
Wahrheit auseinandersetzen? Auch sie berühren sich ja mit Irrthümern
(insofern, wie gesagt, Neigung und Abneigung und ihre sehr ungerechten
Messungen unsere Lust und Unlust wesentlich bestimmen). Das ganze
menschliche Leben ist tief in die Unwahrheit eingesenkt; der Einzelne
kann es nicht aus diesem Brunnen herausziehen, ohne dabei seiner
Vergangenheit aus tiefstem Grunde gram zu werden, ohne seine
gegenwärtigen Motive, wie die der Ehre, ungereimt zu finden und den
Leidenschaften, welche zur Zukunft und zu einem Glück in derselben
hindrängen, Hohn und Verachtung entgegenzustellen. Ist es wahr, bliebe
einzig noch eine Denkweise übrig, welche als persönliches Ergebniss
die Verzweifelung, als theoretisches eine Philosophie der Zerstörung
nach sich zöge? - Ich glaube, die Entscheidung über die Nachwirkung
der Erkenntniss wird durch das Temperament eines Menschen gegeben:
ich könnte mir eben so gut, wie jene geschilderte und bei einzelnen
Naturen mögliche Nachwirkung, eine andere denken, vermöge deren ein
viel einfacheres, von Affecten reineres Leben entstünde, als das
jetzige ist: so dass zuerst zwar die alten Motive des heftigeren
Begehrens noch Kraft hätten, aus alter vererbter Gewöhnung her,
allmählich aber unter dem Einflusse der reinigenden Erkenntniss
schwächer würden. Man lebte zuletzt unter den Menschen und mit sich
wie in der Natur, ohne Lob, Vorwürfe, Ereiferung, an Vielem sich wie
an einem Schauspiel weidend, vor dem man sich bisher nur zu fürchten
hatte. Man wäre die Emphasis los und würde die Anstachelung des
Gedankens, dass man nicht nur Natur oder mehr als Natur sei, nicht
weiter empfinden. Freilich gehörte hierzu, wie gesagt, ein gutes
Temperament, eine gefestete, milde und im Grunde frohsinnige Seele,
eine Stimmung, welche nicht vor Tücken und plötzlichen Ausbrüchen auf
der Hut zu sein brauchte und in ihren Aeusserungen Nichts von dem
knurrenden Tone und der Verbissenheit an sich trüge, - jenen bekannten
lästigen Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an der
Kette gelegen haben. Vielmehr muss ein Mensch, von dem in solchem
Maasse die gewöhnlichen Fesseln des Lebens abgefallen sind, dass er
nur deshalb weiter lebt, um immer besser zu erkennen, auf Vieles, ja
fast auf Alles, was bei den anderen Menschen Werth hat, ohne Neid
und Verdruss verzichten können, ihm muss als der wünschenswertheste
Zustand jenes freie, furchtlose Schweben über Menschen, Sitten,
Gesetzen und den herkömmlichen Schätzungen der Dinge genügen. Die
Freude an diesem Zustande theilt er gerne mit und er hat vielleicht
nichts Anderes mitzutheilen, - worin freilich eine Entbehrung, eine
Entsagung mehr liegt. Will man aber trotzdem mehr von ihm, so wird
er mit wohlwollendem Kopfschütteln auf seinen Bruder hinweisen,
den freien Menschen der That, und vielleicht ein Wenig Spott nicht
verhehlen: denn mit dessen "Freiheit" hat es eine eigene Bewandtniss.




Zweites Hauptstück.

Zur Geschichte der moralischen Empfindungen.

35.

Vortheile der psychologischen Beobachtung. - Dass das Nachdenken über
Menschliches, Allzumenschliches - oder wie der gelehrtere Ausdruck
lautet: die psychologische Beobachtung - zu den Mitteln gehöre,
vermöge deren man sich die Last des Lebens erleichtern könne, dass
die Uebung in dieser Kunst Geistesgegenwart in schwierigen Lagen und
Unterhaltung inmitten einer langweiligen Umgebung verleihe, ja dass
man den dornenvollsten und unerfreulichsten Strichen des eigenen
Lebens Sentenzen abpflücken und sich dabei ein Wenig wohler fühlen
könne: das glaubte man, wusste man - in früheren Jahrhunderten. Warum
vergass es dieses Jahrhundert, wo wenigstens in Deutschland, ja
in Europa, die Armuth an psychologischer Beobachtung durch viele
Zeichen sich zu erkennen giebt? Nicht gerade in Roman, Novelle
und philosophischer Betrachtung, - diese sind das Werk von
Ausnahmemenschen; schon mehr in der Beurtheilung öffentlicher
Ereignisse und Persönlichkeiten: vor Allem aber fehlt die Kunst der
psychologischen Zergliederung und Zusammenrechnung in der Gesellschaft
aller Stände, in der man wohl viel über Menschen, aber gar nicht über
den Menschen spricht. Warum doch lässt man sich den reichsten und
harmlosesten Stoff der Unterhaltung entgehen? Warum liest man nicht
einmal die grossen Meister der psychologischen Sentenz mehr? - denn,
ohne jede Uebertreibung gesprochen: der Gebildete in Europa, der La
Rochefoucauld und seine Geistes- und Kunstverwandten gelesen hat, ist
selten zu finden; und noch viel seltener Der, welcher sie kennt und
sie nicht schmäht. Wahrscheinlich wird aber auch dieser ungewöhnliche
Leser viel weniger Freude an ihnen haben, als die Form jener Künstler
ihm geben sollte; denn selbst der feinste Kopf ist nicht vermögend,
die Kunst der Sentenzen-Schleiferei gebührend zu würdigen, wenn er
nicht selber zu ihr erzogen ist, in ihr gewetteifert hat. Man nimmt,
ohne solche practische Belehrung, dieses Schaffen und Formen für
leichter als es ist, man fühlt das Gelungene und Reizvolle nicht
scharf genug heraus. Desshalb haben die jetzigen Leser von Sentenzen
ein verhältnissmässig unbedeutendes Vergnügen an ihnen, ja kaum einen
Mund voll Annehmlichkeit, so dass es ihnen ebenso geht, wie den
gewöhnlichen Betrachtern von Kameen: als welche loben, weil sie nicht
lieben können und schnell bereit sind zu bewundern, schneller aber
noch, fortzulaufen.


36.

Einwand.- Oder sollte es gegen jenen Satz, dass die psychologische
Beobachtung zu den Reiz-, Heil- und Erleichterungsmitteln des Daseins
gehöre, eine Gegenrechnung geben? Sollte man sich genug von den
unangenehmen Folgen dieser Kunst überzeugt haben, um jetzt mit
Absichtlichkeit den Blick der sich Bildenden von ihr abzulenken? In
der That, ein gewisser blinder Glaube an die Güte der menschlichen
Natur, ein eingepflanzter Widerwille vor der Zerlegung menschlicher
Handlungen, eine Art Schamhaftigkeit in Hinsicht auf die Nacktheit
der Seele mögen wirklich für das gesammte Glück eines Menschen
wünschenswerthere Dinge sein, als jene, in einzelnen Fällen hilfreiche
Eigenschaft der psychologischen Scharfsichtigkeit; und vielleicht hat
der Glaube an das Gute, an tugendhafte Menschen und Handlungen, an
eine Fülle des unpersönlichen Wohlwollens in der Welt die Menschen
besser gemacht, insofern er dieselben weniger misstrauisch machte.
Wenn man die Helden Plutarch's mit Begeisterung nachahmt, und einen
Abscheu davor empfindet, den Motiven ihres Handelns anzweifelnd
nachzuspüren, so hat zwar nicht die Wahrheit, aber die Wohlfahrt der
menschlichen Gesellschaft ihren Nutzen dabei: der psychologische
Irrthum und überhaupt die Dumpfheit auf diesem Gebiete hilft der
Menschlichkeit vorwärts, während die Erkenntniss der Wahrheit
vielleicht durch die anregende Kraft einer Hypothese mehr gewinnt, wie
sie La Rochefoucauld der ersten Ausgabe seiner "Sentences et maximes
morales" vorangestellt hat: "Ce que le monde nomme vertu n'est
d'ordinaire qu'un fantôame formé par nos passions, à qui on donne un
nom honnête pour faire impunément ce qu'on veut." La Rochefoucauld
und jene anderen französischen Meister der Seelenprüfung (denen sich
neuerdings auch ein Deutscher, der Verfasser der "Psychologischen
Beobachtungen" zugesellt hat) gleichen scharf zielenden Schützen,
welche immer und immer wieder in's Schwarze treffen, - aber in's
Schwarze der menschlichen Natur. Ihr Geschick erregt Staunen,
aber endlich verwünscht ein Zuschauer, der nicht vom Geiste der
Wissenschaft, sondern der Menschenfreundlichkeit geleitet wird, eine
Kunst, welche den Sinn der Verkleinerung und Verdächtigung in die
Seelen der Menschen zu pflanzen scheint.


37.

Trotzdem.- Wie es sich nun mit Rechnung und Gegenrechnung verhalte: in
dem gegenwärtigen Zustande einer bestimmten einzelnen Wissenschaft ist
die Auferweckung der moralischen Beobachtung nöthig geworden, und der
grausame Anblick des psychologischen Secirtisches und seiner Messer
und Zangen kann der Menschheit nicht erspart bleiben. Denn hier
gebietet jene Wissenschaft, welche nach Ursprung und Geschichte der
sogenannten moralischen Empfindungen fragt und welche im Fortschreiten
die verwickelten sociologischen Probleme aufzustellen und zu lösen
hat: - die ältere Philosophie kennt die letzteren gar nicht und
ist der Untersuchung von Ursprung und Geschichte der moralischen
Empfindungen unter dürftigen Ausflüchten immer aus dem Wege gegangen.
Mit welchen Folgen: das lässt sich jetzt sehr deutlich überschauen,
nachdem an vielen Beispielen nachgewiesen ist, wie die Irrthümer der
grössten Philosophen gewöhnlich ihren Ausgangspunct in einer falschen
Erklärung bestimmter menschlicher Handlungen und Empfindungen
haben, wie auf Grund einer irrthümlichen Analysis, zum Beispiel
der sogenannten unegoistischen Handlungen, eine falsche Ethik sich
aufbaut, dieser zu Gefallen dann wiederum Religion und mythologisches
Unwesen zu Hülfe genommen werden, und endlich die Schatten dieser
trüben Geister auch in die Physik und die gesammte Weltbetrachtung
hineinfallen. Steht es aber fest, dass die Oberflächlichkeit der
psychologischen Beobachtung dem menschlichen Urtheilen und Schliessen
die gefährlichsten Fallstricke gelegt hat und fortwährend von Neuem
legt, so bedarf es jetzt jener Ausdauer der Arbeit, welche nicht müde
wird, Steine auf Steine, Steinchen auf Steinchen zu häufen, so bedarf
es der enthaltsamen Tapferkeit, um sich einer solchen bescheidenen
Arbeit nicht zu schämen und jeder Missachtung derselben Trotz zu
bieten. Es ist wahr: zahllose einzelne Bemerkungen über Menschliches
und Allzumenschliches sind in Kreisen der Gesellschaft zuerst
entdeckt und ausgesprochen worden, welche gewohnt waren, nicht der
wissenschaftlichen Erkenntniss, sondern einer geistreichen Gefallsucht
jede Art von Opfern darzubringen; und fast unlösbar hat sich der
Duft jener alten Heimath der moralistischen Sentenz - ein sehr
verführerischer Duft - der ganzen Gattung angehängt: so dass
seinetwegen der wissenschaftliche Mensch unwillkürlich einiges
Misstrauen gegen diese Gattung und ihre Ernsthaftigkeit merken lässt.
Aber es genügt, auf die Folgen zu verweisen: denn schon jetzt beginnt
sich zu zeigen, welche Ergebnisse ernsthaftester Art auf dem Boden der
psychologischen Beobachtung aufwachsen. Welches ist doch der Hauptsatz
zu dem einer der kühnsten und kältesten Denker, der Verfasser des
Buches "Ueber den Ursprung der moralischen Empfindungen" vermöge
seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns
gelangt? "Der moralische Mensch, sagt er, steht der intelligiblen
(metaphysischen) Welt nicht näher, als der physische Mensch."
Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag der
historischen Erkenntniss, kann vielleicht einmal, in irgendwelcher
Zukunft, als die Axt dienen, welche dem "metaphysischen Bedürfniss"
der Menschen an die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen, als zum
Fluche der allgemeinen Wohlfahrt, wer wüsste das zu sagen? - aber
jedenfalls als ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und
furchtbar zugleich, und mit jenem Doppelgesichte in die Welt sehend,
welches alle grossen Erkenntnisse haben.


38.

Inwiefern nützlich. - Also: ob die psychologische Beobachtung mehr
Nutzen oder Nachtheil über die Menschen bringe, das bleibe immerhin
unentschieden; aber fest steht, dass sie nothwendig ist, weil die
Wissenschaft ihrer nicht entrathen kann. Die Wissenschaft aber kennt
keine Rücksichten auf letzte Zwecke, ebenso wenig als die Natur
sie kennt: sondern wie diese gelegentlich Dinge von der höchsten
Zweckmässigkeit zu Stande bringt, ohne sie gewollt zu haben, so
wird auch die ächte Wissenschaft, als die Nachahmung der Natur in
Begriffen, den Nutzen und die Wohlfahrt der Menschen gelegentlich, ja
vielfach, fördern und das Zweckmässige erreichen, - aber ebenfalls
ohne es gewollt zu haben. Wem es aber bei dem Anhauche einer solchen
Betrachtungsart gar zu winterlich zu Muthe wird, der hat vielleicht
nur zu wenig Feuer in sich: er möge sich indessen umsehen und er wird
Krankheiten wahrnehmen, in denen Eisumschläge noth thun, und Menschen,
welche so aus Gluth und Geist "zusammengeknetet" sind, dass sie
kaum irgendwo die Luft kalt und schneidend genug für sich finden.
Ueberdiess: wie allzu ernste Einzelne und Völker ein Bedürfniss nach
Leichtfertigkeiten haben, wie andere allzu Erregbare und Bewegliche
zeitweilig schwere niederdrückende Lasten zu ihrer Gesundheit nöthig
haben: sollten wir, die geistigeren Menschen eines Zeitalters, welches
ersichtlich immer mehr in Brand geräth, nicht nach allen löschenden
und kühlenden Mitteln, die es giebt, greifen müssen, damit wir
wenigstens so stetig, harmlos und mässig bleiben, als wir es noch
sind, und so vielleicht einmal dazu brauchbar werden, diesem Zeitalter
als Spiegel und Selbstbesinnung über sich zu dienen? -


39.

Die Fabel von der intelligibelen Freiheit. - Die Geschichte der
Empfindungen, vermöge deren wir jemanden verantwortlich machen, also
der sogenannten moralischen Empfindungen verläuft, in folgenden
Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen gut oder böse ohne
alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein der nützlichen oder
schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man die Herkunft dieser
Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen an sich, ohne Rücksicht
auf deren Folgen, die Eigenschaft "gut" oder "böse" innewohne: mit
demselben Irrthume, nach welchem die Sprache den Stein selber als
hart, den Baum selber als grün bezeichnet - also dadurch, dass man,
was Wirkung ist, als Ursache fasst. Sodann legt man das Gut- oder
Böse-sein in die Motive hinein und betrachtet die Thaten an sich als
moralisch zweideutig. Man geht weiter und giebt das Prädicat gut oder
böse nicht mehr dem einzelnen Motive, sondern dem ganzen Wesen eines
Menschen, aus dem das Motiv, wie die Pflanze aus dem Erdreich,
herauswächst. So macht man der Reihe nach den Menschen für seine
Wirkungen, dann für seine Handlungen, dann für seine Motive und
endlich für sein Wesen verantwortlich. Nun entdeckt man schliesslich,
dass auch dieses Wesen nicht verantwortlich sein kann, insofern
es ganz und gar nothwendige Folge ist und aus den Elementen und
Einflüssen vergangener und gegenwärtiger Dinge concrescirt: also dass
der Mensch für Nichts verantwortlich zu machen ist, weder für sein
Wesen, noch seine Motive, noch seine Handlungen, noch seine Wirkungen.
Damit ist man zur Erkenntniss gelangt, dass die Geschichte der
moralischen Empfindungen die Geschichte eines Irrthums, des Irrthums
von der Verantwortlichkeit ist: als welcher auf dem Irrthum von der
Freiheit des Willens ruht. -Schopenhauer schloss dagegen so: weil
gewisse Handlungen Unmuth ("Schuldbewusstsein") nach sich ziehen, so
muss es eine Verantwortlichkeit geben; denn zu diesem Unmuth wäre
kein Grund vorhanden, wenn nicht nur alles Handeln des Menschen mit
Nothwendigkeit verliefe - wie es thatsächlich, und auch nach der
Einsicht dieses Philosophen, verläuft -, sondern der Mensch selber
mit der selben Nothwendigkeit sein ganzes Wesen erlangte, - was
Schopenhauer leugnet. Aus der Thatsache jenes Unmuthes glaubt
Schopenhauer eine Freiheit beweisen zu können, welche der Mensch
irgendwie gehabt haben müsse, zwar nicht in Bezug auf die Handlungen,
aber in Bezug auf das Wesen: Freiheit also, so oder so zu sein, nicht
so oder so zu handeln. Aus dem esse, der Sphäre der Freiheit und
Verantwortlichkeit, folgt nach seiner Meinung das operari, die Sphäre
der strengen Causalität, Nothwendigkeit und Unverantwortlichkeit.
Jener Unmuth beziehe sich zwar scheinbar auf das operari - insofern
sei er irrthümlich -, in Wahrheit aber auf das esse, welches die That
eines freien Willens, die Grundursache der Existenz eines Individuums,
sei; der Mensch werde Das, was er werden wolle, sein Wollen sei
früher, als seine Existenz. - Hier wird der Fehlschluss gemacht, dass
aus der Thatsache des Unmuthes die Berechtigung, die vernünftige
Zulässigkeit dieses Unmuthes geschlossen wird; und von jenem
Fehlschluss aus kommt Schopenhauer zu seiner phantastischen Consequenz
der sogenannten intelligibelen Freiheit. Aber der Unmuth nach der That
braucht gar nicht vernünftig zu sein: ja er ist es gewiss nicht, denn
er ruht auf der irrthümlichen Voraussetzung, dass die That eben nicht
nothwendig hätte erfolgen müssen. Also: weil sich der Mensch für
frei hält, nicht aber weil er frei ist, empfindet er Reue und
Gewissensbisse. - Ueberdiess ist dieser Unmuth Etwas, das man sich
abgewöhnen kann, bei vielen Menschen ist er in Bezug auf Handlungen
gar nicht vorhanden, bei welchen viele andere Menschen ihn empfinden.
Er ist eine sehr wandelbare, an die Entwickelung der Sitte und Cultur
geknüpfte Sache und vielleicht nur in einer verhältnissmässig kurzen
Zeit der Weltgeschichte vorhanden. -Niemand ist für seine Thaten
verantwortlich, Niemand für sein Wesen; richten ist soviel als
ungerecht sein. Diess gilt auch, wenn das Individuum über sich selbst
richtet. Der Satz ist so hell wie Sonnenlicht, und doch geht hier
jedermann lieber in den Schatten und die Unwahrheit zurück: aus Furcht
vor den Folgen.


40.

Das Ueber-Thier. - Die Bestie in uns will belogen werden; Moral
ist Nothlüge, damit wir von ihr nicht zerrissen werden. Ohne die
Irrthümer, welche in den Annahmen der Moral liegen, wäre der Mensch
Thier geblieben. So aber hat er sich als etwas Höheres genommen und
sich strengere Gesetze auferlegt. Er hat desshalb einen Hass gegen
die der Thierheit näher gebliebenen Stufen: woraus die ehemalige
Missachtung des Sclaven, als eines Nicht-Menschen, als einer Sache zu
erklären ist.


41.

Der unveränderliche Charakter. - Dass der Charakter unveränderlich
sei, ist nicht im strengen Sinne wahr; vielmehr heisst dieser beliebte
Satz nur so viel, dass während der kurzen Lebensdauer eines Menschen
die einwirkenden Motive gewöhnlich nicht tief genug ritzen können, um
die aufgeprägten Schriftzüge vieler Jahrtausende zu zerstören. Dächte
man sich aber einen Menschen von achtzigtausend Jahren, so hätte man
an ihm sogar einen absolut veränderlichen Charakter: so dass eine
Fülle verschiedener Individuen sich nach und nach aus ihm entwickelte.
Die Kürze des menschlichen Lebens verleitet zu manchen irrthümlichen
Behauptungen über die Eigenschaften des Menschen.


42.

Die Ordnung der Güter und die Moral. - Die einmal angenommene
Rangordnung der Güter, je nachdem ein niedriger, höherer, höchster
Egoismus das Eine oder das Andere will, entscheidet jetzt über das
Moralisch-sein oder Unmoralisch-sein. Ein niedriges Gut (zum Beispiel
Sinnengenuss) einem höher geschätzten (zum Beispiel Gesundheit)
vorziehen, gilt als unmoralisch, ebenso Wohlleben der Freiheit
vorziehen. Die Rangordnung der Güter ist aber keine zu allen Zeiten
feste und gleiche; wenn jemand Rache der Gerechtigkeit vorzieht, so
ist er nach dem Maassstabe einer früheren Cultur moralisch, nach dem
der jetzigen unmoralisch. "Unmoralisch" bezeichnet also, dass Einer
die höheren, feineren, geistigeren Motive, welche die jeweilen neue
Cultur hinzugebracht hat, noch nicht oder noch nicht stark genug
empfindet: es bezeichnet einen Zurückgebliebenen, aber immer nur dem
Gradunterschied nach. - Die Rangordnung der Güter selber wird nicht
nach moralischen Gesichtspuncten auf- und umgestellt; wohl aber wird
nach ihrer jedesmaligen Festsetzung darüber entschieden, ob eine
Handlung moralisch oder unmoralisch sei.


43.

Grausame Menschen als zurückgeblieben. - Die Menschen, welche jetzt
grausam sind, müssen uns als Stufen früherer Culturen gelten, welche
übrig geblieben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die
tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind
zurückgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle möglichen Zufälle
im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortgebildet
worden ist. Sie zeigen uns, was wir Alle waren, und machen uns
erschrecken: aber sie selber sind so wenig verantwortlich, wie ein
Stück Granit dafür, dass es Granit ist. In unserm Gehirne müssen sich
auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen,
wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an
Fischzustände finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind
nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer
Empfindung wälzt.


44.

Dankbarkeit und Rache. - Der Grund, wesshalb der Mächtige dankbar
ist, ist dieser. Sein Wohlthäter hat sich durch seine Wohlthat an der
Sphäre des Mächtigen gleichsam vergriffen und sich in sie eingedrängt:
nun vergreift er sich zur Vergeltung wieder an der Sphäre des
Wohlthäters durch den Act der Dankbarkeit. Es ist eine mildere Form
der Rache. Ohne die Genugthuung der Dankbarkeit zu haben, würde der
Mächtige sich unmächtig gezeigt haben und fürderhin dafür gelten.
Desshalb stellt jede Gesellschaft der Guten, das heisst ursprünglich
der Mächtigen, die Dankbarkeit unter die ersten Pflichten.

- Swift hat den Satz hingeworfen, dass Menschen in dem selben
Verhältniss dankbar sind, wie sie Rache hegen.


45.

Doppelte Vorgeschichte von Gut und Böse. - Der Begriff gut und böse
hat eine doppelte Vorgeschichte: nämlich einmal in der Seele der
herrschenden Stämme und Kasten. Wer die Macht zu vergelten hat, Gutes
mit Gutem, Böses mit Bösem, und auch wirklich Vergeltung übt, also
dankbar und rachsüchtig ist, der wird gut genannt; wer unmächtig ist
und nicht vergelten kann, gilt als schlecht. Man gehört als Guter
zu den "Guten", einer Gemeinde, welche Gemeingefühl hat, weil alle
Einzelnen durch den Sinn der Vergeltung mit einander verflochten
sind. Man gehört als Schlechter zu den "Schlechten", zu einem Haufen
unterworfener, ohnmächtiger Menschen, welche kein Gemeingefühl haben.
Die Guten sind eine Kaste, die Schlechten eine Masse wie Staub. Gut
und schlecht ist eine Zeit lang so viel wie vornehm und niedrig, Herr
und Sclave. Dagegen sieht man den Feind nicht als böse an: er kann
vergelten. Der Troer und der Grieche sind bei Homer beide gut. Nicht
Der, welcher uns Schädliches zufügt, sondern Der, welcher verächtlich
ist, gilt als schlecht. In der Gemeinde der Guten vererbt sich das
Gute; es ist unmöglich, dass ein Schlechter aus so gutem Erdreiche
hervorwachse. Thut trotzdem Einer der Guten Etwas, das der Guten
unwürdig ist, so verfällt man auf Ausflüchte; man schiebt zum Beispiel
einem Gott die Schuld zu, indem man sagt: er habe den Guten mit
Verblendung und Wahnsinn geschlagen. - Sodann in der Seele der
Unterdrückten, Machtlosen. Hier gilt jeder andere Mensch als
feindlich, rücksichtslos, ausbeutend, grausam, listig, sei er vornehm
oder niedrig; böse ist das Charakterwort für Mensch, ja für jedes
lebende Wesen, welches man voraussetzt, zum Beispiel für einen Gott;
menschlich, göttlich gilt so viel wie teuflisch, böse. Die Zeichen der
Güte, Hülfebereitschaft, Mitleid, werden angstvoll als Tücke, Vorspiel
eines schrecklichen Ausgangs, Betäubung und Ueberlistung aufgenommen,
kurz als verfeinerte Bosheit. Bei einer solchen Gesinnung des
Einzelnen kann kaum ein Gemeinwesen entstehen, höchstens die roheste
Form desselben: so dass überall, wo diese Auffassung von gut und böse
herrscht, der Untergang der Einzelnen, ihrer Stämme und Rassen nahe
ist. - Unsere jetzige Sittlichkeit ist auf dem Boden der herrschenden
Stämme und Kasten aufgewachsen.


46.

Mitleiden stärker als Leiden. - Es giebt Fälle, wo das Mitleiden
stärker ist, als das eigentliche Leiden. Wir empfinden es zum Beispiel
schmerzlicher, wenn einer unserer Freunde sich etwas Schmähliches zu
Schulden kommen lässt, als wenn wir selbst es thun. Einmal nämlich
glauben wir mehr an die Reinheit seines Charakters, als er; sodann
ist unsere Liebe zu ihm, wahrscheinlich eben dieses Glaubens wegen,
stärker, als seine Liebe zu sich selbst. Wenn auch wirklich sein
Egoismus mehr dabei leidet, als unser Egoismus, insofern er die
übelen Folgen seines Vergehens stärker zu tragen hat, so wird das
Unegoistische in uns - dieses Wort ist nie streng zu verstehen,
sondern nur eine Erleichterung des Ausdrucks - doch stärker durch
seine Schuld betroffen, als das Unegoistische in ihm.


47.

Hypochondrie.- Es giebt Menschen, welche aus Mitgefühl und Sorge für
eine andere Person hypochondrisch werden; die dabei entstehende Art
des Mitleidens ist nichts Anderes, als eine Krankheit. So giebt es
auch eine christliche Hypochondrie, welche jene einsamen, religiös
bewegten Leute befällt, die sich das Leiden und Sterben Christi
fortwährend vor Augen stellen.


48.

Oekonomie der Güte. - Die Güte und Liebe als die heilsamsten Kräuter
und Kräfte im Verkehre der Menschen sind so kostbare Funde, dass man
wohl wünschen möchte, es werde in der Verwendung dieser balsamischen
Mittel so ökonomisch wie möglich verfahren: doch ist diess unmöglich.
Die Oekonomie der Güte ist der Traum der verwegensten Utopisten.


49.

Wohlwollen.- Unter die kleinen, aber zahllos häufigen und desshalb
sehr wirkungsvollen Dinge, auf welche die Wissenschaft mehr Acht zu
geben hat, als auf die grossen seltenen Dinge, ist auch das Wohlwollen
zu rechnen; ich meine jene Aeusserungen freundlicher Gesinnung im
Verkehr, jenes Lächeln des Auges, jene Händedrücke, jenes Behagen,
von welchem für gewöhnlich fast alles menschliche Thun umsponnen
ist. Jeder Lehrer, jeder Beamte bringt diese Zuthat zu dem, was für
ihn Pflicht ist, hinzu; es ist die fortwährende Bethätigung der
Menschlichkeit, gleichsam die Wellen ihres Lichtes, in denen Alles
wächst; namentlich im engsten Kreise, innerhalb der Familie, grünt und
blüht das Leben nur durch jenes Wohlwollen. Die Gutmüthigkeit, die
Freundlichkeit, die Höflichkeit des Herzens sind immerquellende
Ausflüsse des unegoistischen Triebes und haben viel mächtiger an der
Cultur gebaut, als jene viel berühmteren Aeusserungen desselben, die
man Mitleiden, Barmherzigkeit und Aufopferung nennt. Aber man pflegt
sie geringzuschätzen, und in der That: es ist nicht gerade viel
Unegoistisches daran. Die Summe dieser geringen Dosen ist trotzdem
gewaltig, ihre gesammte Kraft gehört zu den stärksten Kräften. -
Ebenso findet man viel mehr Glück in der Welt, als trübe Augen sehen:
wenn man nämlich richtig rechnet, und nur alle jene Momente des
Behagens, an welchen jeder Tag in jedem, auch dem bedrängtesten
Menschenleben reich ist, nicht vergisst.


50.

Mitleiden erregen wollen.- La Rochefoucauld trifft in der
bemerkenswerthesten Stelle seines Selbst-Portraits (zuerst gedruckt
1658) gewiss das Rechte, wenn er alle Die, welche Vernunft haben, vor
dem Mitleiden warnt, wenn er räth, dasselbe den Leuten aus dem Volke
zu überlassen, die der Leidenschaften bedürfen (weil sie nicht
durch Vernunft bestimmt werden), um so weit gebracht zu werden, dem
Leidenden zu helfen und bei einem Unglück kräftig einzugreifen;
während das Mitleiden, nach seinem (und Plato's) Urtheil, die Seele
entkräfte. Freilich solle man Mitleiden bezeugen, aber sich hüten, es
zu haben: denn die Unglücklichen seien nun einmal so dumm, dass bei
ihnen das Bezeugen von Mitleid das grösste Gut von der Welt ausmache.
- Vielleicht kann man noch stärker vor diesem Mitleid-haben warnen,
wenn man jenes Bedürfniss der Unglücklichen nicht gerade als Dummheit
und intellectuellen Mangel, als eine Art Geistesstörung fasst, welche
das Unglück mit sich bringt (und so scheint es ja La Rochefoucauld zu
fassen), sondern als etwas ganz Anderes und Bedenklicheres versteht.
Vielmehr beobachte man Kinder, welche weinen und Schreien, damit sie
bemitleidet werden, und desshalb den Augenblick abwarten, wo ihr
Zustand in die Augen fallen kann; man lebe im Verkehr mit Kranken
und Geistig-Gedrückten und frage sich, ob nicht das beredte Klagen
und Wimmern, das Zur-Schau-tragen des Unglücks im Grunde das Ziel
verfolgt, den Anwesenden weh zu thun: das Mitleiden, welches Jene dann
äussern, ist insofern eine Tröstung für die Schwachen und Leidenden,
als sie daran erkennen, doch wenigstens noch Eine Macht zu haben,
trotz aller ihrer Schwäche: die Macht, wehe zu thun. Der Unglückliche
gewinnt eine Art von Lust in diesem Gefühl der Ueberlegenheit,
welches das Bezeugen des Mitleides ihm zum Bewusstsein bringt; seine
Einbildung erhebt sich, er ist immer noch wichtig genug, um der Welt
Schmerzen zu machen. Somit ist der Durst nach Mitleid ein Durst nach
Selbstgenuss, und zwar auf Unkosten der Mitmenschen; es zeigt den
Menschen in der ganzen Rücksichtslosigkeit seines eigensten lieben
Selbst: nicht aber gerade in seiner "Dummheit", wie La Rochefoucauld
meint. - Im Zwiegespräche der Gesellschaft werden Dreiviertel aller
Fragen gestellt, aller Antworten gegeben, um dem Unterredner ein
klein Wenig weh zu thun; desshalb dürsten viele Menschen so nach
Gesellschaft: sie giebt ihnen das Gefühl ihrer Kraft. In solchen
unzähligen, aber sehr kleinen Dosen, in welchen die Bosheit sich
geltend macht, ist sie ein mächtiges Reizmittel des Lebens: ebenso
wie das Wohlwollen, in gleicher Form durch die Menschenwelt hin
verbreitet, das allezeit bereite Heilmittel ist. - Aber wird es viele
Ehrliche geben, welche zugestehen, dass es Vergnügen macht, wehe zu
thun? dass man sich nicht selten damit unterhält - und gut unterhält
-, anderen Menschen wenigstens in Gedanken Kränkungen zuzufügen und
die Schrotkörner der kleinen Bosheit nach ihnen zu schiessen? Die
Meisten sind zu unehrlich und ein paar Menschen sind zu gut, um von
diesem Pudendum Etwas zu wissen; diese mögen somit immerhin leugnen,
dass Prosper Mérimée Recht habe, wenn er sagt: "Sachez aussi qu'il
n'y a rien de plus commun que de faire le mal pour le plaisir de le
faire."


51.

Wie der Schein zum Sein wird. - Der Schauspieler kann zuletzt auch
beim tiefsten Schmerz nicht aufhören, an den Eindruck seiner Person
und den gesammten scenischen Effect zu denken, zum Beispiel selbst
beim Begräbniss seines Kindes; er wird über seinen eignen Schmerz und
dessen Aeusserungen weinen, als sein eigener Zuschauer. Der Heuchler,
welcher immer ein und die selbe Rolle spielt, hört zuletzt auf,
Heuchler zu sein; zum Beispiel Priester, welche als junge Männer
gewöhnlich bewusst oder unbewusst Heuchler sind, werden zuletzt
natürlich und sind dann wirklich, ohne alle Affectation, eben
Priester; oder wenn es der Vater nicht so weit bringt, dann vielleicht
der Sohn, der des Vaters Vorsprung benutzt, seine Gewöhnung erbt. Wenn
Einer sehr lange und hartnäckig Etwas scheinen will, so wird es ihm
zuletzt schwer, etwas Anderes zu sein. Der Beruf fast jedes Menschen,
sogar des Künstlers, beginnt mit Heuchelei, mit einem Nachmachen von
Aussen her, mit einem Copiren des Wirkungsvollen. Der, welcher immer
die Maske freundlicher Mienen trägt, muss zuletzt eine Gewalt über
wohlwollende Stimmungen bekommen, ohne welche der Ausdruck der
Freundlichkeit nicht zu erzwingen ist, - und zuletzt wieder bekommen
diese über ihn Gewalt, er ist wohlwollend.


52.

Der Punct der Ehrlichkeit beim Betruge. - Bei allen grossen Betrügern
ist ein Vorgang bemerkenswerth, dem sie ihre Macht verdanken.
Im eigentlichen Acte des Betruges unter all den Vorbereitungen,
dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebärden, inmitten der
wirkungsvollen Scenerie, überkommt sie der Glaube an sich selbst:
dieser ist es, der dann so wundergleich und bezwingend zu den
Umgebenden spricht. Die Religionsstifter unterscheiden sich dadurch
von jenen grossen Betrügern, dass sie aus diesem Zustande der
Selbsttäuschung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal
jene helleren Momente, wo der Zweifel sie überwältigt; gewöhnlich
trösten sie sich aber, diese helleren Momente dem bösen Widersacher
zuschiebend. Selbstbetrug muss da sein, damit Diese und jene
grossartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen,
was ersichtlich stark geglaubt wird.


53.

Angebliche Stufen der Wahrheit. - Einer der gewöhnlichen Fehlschlüsse
ist der: weil Jemand wahr und aufrichtig gegen uns ist, so sagt er die
Wahrheit. So glaubt das Kind an die Urtheile der Eltern, der Christ
an die Behauptungen des Stifters der Kirche. Ebenso will man nicht
zugeben, dass alles jenes, was die Menschen mit Opfern an Glück
und Leben in früheren Jahrhunderten vertheidigt haben, Nichts als
Irrthümer waren: vielleicht sagt man, es seien Stufen der Wahrheit
gewesen. Aber im Grunde meint man, wenn Jemand ehrlich an Etwas
geglaubt und für seinen Glauben gekämpft hat und gestorben ist,
wäre es doch gar zu unbillig, wenn eigentlich nur ein Irrthum ihn
beseelt habe. So ein Vorgang scheint der ewigen Gerechtigkeit zu
widersprechen; desshalb decretirt das Herz empfindender Menschen immer
wieder gegen ihren Kopf den Satz: zwischen moralischen Handlungen und
intellectuellen Einsichten muss durchaus ein nothwendiges Band sein.
Es ist leider anders; denn es giebt keine ewige Gerechtigkeit.


54.

Die Lüge. - Wesshalb sagen zu allermeist die Menschen im alltäglichen
Leben die Wahrheit? - Gewiss nicht, weil ein Gott das Lügen verboten
hat. Sondern erstens: weil es bequemer ist; denn die Lüge erfordert
Erfindung, Verstellung und Gedächtniss. (Wesshalb Swift sagt: wer eine
Lüge berichtet, merkt selten die schwere Last, die er übernimmt; er
muss nämlich, um eine Lüge zu behaupten, zwanzig andere erfinden.)
Sodann: weil es in schlichten Verhältnissen vortheilhaft ist, direct
zu sagen: ich will diess, ich habe diess gethan, und dergleichen;
also weil der Weg des Zwangs und der Autorität sicherer ist, als
der der List. - Ist aber einmal ein Kind in verwickelten häuslichen
Verhältnissen aufgezogen worden, so handhabt es ebenso natürlich
die Lüge und sagt unwillkürlich immer Das, was seinem Interesse
entspricht; ein Sinn für Wahrheit, ein Widerwille gegen die Lüge an
sich ist ihm ganz fremd und unzugänglich, und so lügt es in aller
Unschuld.


55.

Des Glaubens wegen die Moral verdächtigen. - Keine Macht lässt sich
behaupten, wenn lauter Heuchler sie vertreten; die katholische Kirche
mag noch so viele "weltliche" Elemente besitzen, ihre Kraft beruht
auf jenen auch jetzt noch zahlreichen priesterlichen Naturen, welche
sich das Leben schwer und bedeutungstief machen, und deren Blick
und abgehärmter Leib von Nachtwachen, Hungern, glühendem Gebete,
vielleicht selbst von Geisselhieben redet; Diese erschüttern die
Menschen und machen ihnen Angst: wie, wenn es nöthig wäre, so zu
leben? - diess ist die schauderhafte Frage, welche ihr Anblick auf die
Zunge legt. Indem sie diesen Zweifel verbreiten, gründen sie immer
von Neuem wieder einen Pfeiler ihrer Macht; selbst die Freigesinnten
wagen es nicht, dem derartig Selbstlosen mit hartem Wahrheitssinn zu
widerstehen und zu sagen: "Betrogner du, betrüge nicht!" - Nur die
Differenz der Einsichten trennt sie von ihm, durchaus keine Differenz
der Güte oder Schlechtigkeit; aber was man nicht mag, pflegt man
gewöhnlich auch ungerecht zu behandeln. So spricht man von der
Schlauheit und der verruchten Kunst der Jesuiten, aber übersieht,
welche Selbstüberwindung jeder einzelne Jesuit sich auferlegt und wie
die erleichterte Lebenspraxis, welche die jesuitischen Lehrbücher
predigen, durchaus nicht ihnen, sondern dem Laienstande zu Gute kommen
soll. Ja man darf fragen, ob wir Aufgeklärten bei ganz gleicher Taktik
und Organisation eben so gute Werkzeuge, ebenso bewundernswürdig durch
Selbstbesiegung, Unermüdlichkeit, Hingebung sein würden.


56.

Sieg der Erkenntniss über das radicale Böse. - Es trägt Dem, der weise
werden will, einen reichlichen Gewinn ein, eine Zeit lang einmal
die Vorstellung vom gründlich bösen und verderbten Menschen gehabt
zu haben: sie ist falsch, wie die entgegengesetzte; aber ganze
Zeitstrecken hindurch besass sie die Herrschaft und ihre Wurzeln haben
sich bis in uns und unsere Welt hinein verästet. Um uns zu begreifen,
müssen wir sie begreifen; um aber dann höher zu steigen, müssen wir
über sie hinwegsteigen. Wir erkennen dann, dass es keine Sünden im
metaphysischen Sinne giebt; aber, im gleichen Sinne, auch keine
Tugenden; dass dieses ganze Bereich sittlicher Vorstellungen
fortwährend im Schwanken ist, dass es höhere und tiefere Begriffe von
gut und böse, sittlich und unsittlich giebt. Wer nicht viel mehr von
den Dingen begehrt, als Erkenntniss derselben, kommt leicht mit seiner
Seele zur Ruhe und wird höchstens aus Unwissenheit, aber schwerlich
aus Begehrlichkeit fehlgreifen (oder sündigen, wie die Welt es
heisst). Er wird die Begierden nicht mehr verketzern und ausrotten
wollen; aber sein einziges ihn völlig beherrschendes Ziel, zu aller
Zeit so gut wie möglich zu erkennen, wird ihn kühl machen und alle
Wildheit in seiner Anlage besänftigen. Ueberdiess ist er einer Menge
quälender Vorstellungen losgeworden, er empfindet Nichts mehr bei dem
Worte Höllenstrafen, Sündhaftigkeit, Unfähigkeit zum Guten: er erkennt
darin nur die verschwebenden Schattenbilder falscher Welt- und
Lebensbetrachtungen.


57.

Moral als Selbstzertheilung des Menschen. - Ein guter Autor, der
wirklich das Herz für seine Sache hat, wünscht, dass jemand komme
und ihn selber dadurch vernichte, dass er dieselbe Sache deutlicher
darstelle und die in ihr enthaltenen Fragen ohne Rest beantworte. Das
liebende Mädchen wünscht, dass sie die hingebende Treue ihrer Liebe an
der Untreue des Geliebten bewähren könne. Der Soldat wünscht, dass er
für sein siegreiches Vaterland auf dem Schlachtfeld falle.- denn in
dem Siege seines Vaterlandes siegt sein höchstes Wünschen mit. Die
Mutter giebt dem Kinde, was sie sich selber entzieht, Schlaf, die
beste Speise, unter Umständen ihre Gesundheit, ihr Vermögen. - Sind
das Alles aber unegoistische Zustände? Sind diese Thaten der Moralität
Wunder, weil sie, nach dem Ausdrucke Schopenhauer's, "unmöglich
und doch wirklich" sind? Ist es nicht deutlich, dass in all diesen
Fällen der Mensch Etwas von sich, einen Gedanken, ein Verlangen, ein
Erzeugniss mehr liebt, als etwas Anderes von sich, dass er also sein
Wesen zertheilt und dem einen Theil den anderen zum Opfer bringt? Ist
es etwas wesentlich Verschiedenes, wenn ein Trotzkopf sagt: "ich will
lieber über den Haufen geschossen werden, als diesem Menschen da einen
Schritt aus dem Wege gehn?" - Die Neigung zu Etwas (Wunsch, Trieb,
Verlangen) ist in allen genannten Fällen vorhanden; ihr nachzugeben,
mit allen Folgen, ist jedenfalls nicht "unegoistisch". - In der Moral
behandelt sich der Mensch nicht als individuum, sondern als dividuum.


58.

Was man versprechen kann. - Man kann Handlungen versprechen, aber
keine Empfindungen; denn diese sind unwillkürlich. Wer jemandem
verspricht, ihn immer zu lieben oder immer zu hassen oder ihm immer
treu zu sein, verspricht Etwas, das nicht in seiner Macht steht; wohl
aber kann er solche Handlungen versprechen, welche zwar gewöhnlich die
Folgen der Liebe, des Hasses, der Treue sind, aber auch aus anderen
Motiven entspringen können: denn zu einer Handlung führen mehrere Wege
und Motive. Das Versprechen, jemanden immer zu lieben, heisst also: so
lange ich dich liebe, werde ich dir die Handlungen der Liebe erweisen;
liebe ich dich nicht mehr, so wirst du doch die selben Handlungen,
wenn auch aus anderen Motiven, immerfort von mir empfangen: so dass
der Schein in den Köpfen der Mitmenschen bestehen bleibt, dass die
Liebe unverändert und immer noch die selbe sei. - Man verspricht also
die Andauer des Anscheines der Liebe, wenn man ohne Selbstverblendung
jemandem immerwährende Liebe gelobt.


59.

Intellect und Moral. - Man muss ein gutes Gedächtniss haben, um
gegebene Versprechen halten zu können. Man muss eine starke Kraft der
Einbildung haben, um Mitleid haben zu können. So eng ist die Moral an
die Güte des Intellects gebunden.


60.

Sich rächen wollen und -sich rächen. -Einen Rachegedanken haben und
ausführen heisst einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber
vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Muth,
ihn auszuführen, heisst ein chronisches Leiden, eine Vergiftung an
Leib und Seele mit sich herumtragen. Die Moral, welche nur auf die
Absichten sieht, taxirt beide Fälle gleich; für gewöhnlich taxirt man
den ersten Fall als den schlimmeren (wegen der bösen Folgen, welche
die That der Rache vielleicht nach sich zieht). Beide Schätzungen sind
kurzsichtig.


61.

Warten-können. - Das Warten-können ist so schwer, dass die grössten
Dichter es nicht verschmäht haben, das Nicht-warten-können zum Motiv
ihrer Dichtungen zu machen. So Shakespeare im Othello, Sophokles
im Ajax: dessen Selbstmord ihm, wenn er nur einen Tag noch seine
Empfindung hätte abkühlen lassen, nicht mehr nöthig geschienen
hätte, wie der Orakelspruch andeutet; wahrscheinlich würde er den
schrecklichen Einflüsterungen der verletzten Eitelkeit ein Schnippchen
geschlagen und zu sich gesprochen haben - wer hat denn nicht schon,
in meinem Falle, ein Schaf für einen Helden angesehen? ist es denn
so etwas Ungeheures? Im Gegentheil, es ist nur etwas allgemein
Menschliches: Ajax durfte sich dergestalt Trost zusprechen. Die
Leidenschaft will nicht warten; das Tragische im Leben grosser Männer
liegt häufig nicht in ihrem Conflicte mit der Zeit und der Niedrigkeit
ihrer Mitmenschen, sondern in ihrer Unfähigkeit, ein Jahr, zwei
Jahre ihr Werk zu verschieben; sie können nicht warten. - Bei allen
Duellen haben die zurathenden Freunde das Eine festzustellen, ob die
betheiligten Personen noch warten können: ist diess nicht der Fall,
so ist ein Duell vernünftig, insofern Jeder von Beiden sich sagt:
"entweder lebe ich weiter, dann muss jener augenblicklich sterben,
oder umgekehrt." Warten hiesse in solchem Falle an jener furchtbaren
Marter der verletzten Ehre angesichts ihres Verletzers noch länger
leiden; und diess kann eben mehr Leiden sein, als das Leben überhaupt
werth ist.


62.

Schwelgerei der Rache. -Grobe Menschen, welche sich beleidigt fühlen,
pflegen den Grad der Beleidigung so hoch als möglich zu nehmen und
erzählen die Ursache mit stark übertreibenden Worten, um nur in dem
einmal erweckten Hass- und Rachegefühl sich recht ausschwelgen zu
können.


63.

Werth der Verkleinerung. - Nicht wenige, vielleicht die allermeisten
Menschen haben, um ihre Selbstachtung und eine gewisse Tüchtigkeit im
Handeln bei sich aufrecht zu erhalten, durchaus nöthig, alle ihnen
bekannten Menschen in ihrer Vorstellung herabzusetzen und zu
verkleinern. Da aber die geringen Naturen in der Ueberzahl sind und es
sehr viel daran liegt, ob sie jene Tüchtigkeit haben oder verlieren,
so -


64.

Der Auf brausende. - Vor Einem, der gegen uns aufbraust, soll man
sich in Acht nehmen, wie vor Einem, der uns einmal nach dem Leben
getrachtet hat: denn dass wir noch leben, das liegt an der Abwesenheit
der Macht zu tödten; genügten Blicke, so wäre es längst um uns
geschehen. Es ist ein Stück roher Cultur, durch Sichtbarwerdenlassen
der physischen Wildheit, durch Furchterregen Jemanden zum Schweigen zu
bringen. - Ebenso ist jener kalte Blick, welchen Vornehme gegen ihre
Bedienten haben, ein Ueberrest jener kastenmässigen Abgränzungen
zwischen Mensch und Mensch, ein Stück rohen Alterthums; die Frauen,
die Bewahrerinnen des Alten, haben auch dieses Survival treuer
bewahrt.


65.

Wohin die Ehrlichkeit führen kann. -Jemand hatte die üble
Angewohnheit, sich über die Motive, aus denen er handelte und die so
gut und so schlecht waren wie die Motive aller Menschen, gelegentlich
ganz ehrlich auszusprechen. Er erregte erst Anstoss, dann Verdacht,
wurde allmählich geradezu verfehmt und in die Acht der Gesellschaft
erklärt, bis endlich die Justiz sich eines so verworfenen Wesens
erinnerte, bei Gelegenheiten, wo sie sonst kein Auge hatte, oder
dasselbe zudrückte. Der Mangel an Schweigsamkeit über das allgemeine
Geheimniss und der unverantwortliche Hang, zu sehen, was Keiner sehen
will - sich selber - brachten ihn zu Gefängniss und frühzeitigem Tod.


66.

Sträflich, nie gestraft. - Unser Verbrechen gegen Verbrecher besteht
darin, dass wir sie wie Schufte behandeln.


67.

Sancta simplicitas der Tugend. - Jede Tugend hat Vorrechte: zum
Beispiel diess, zu dem Scheiterhaufen eines Verurtheilten ihr eigenes
Bündchen Holz zu liefern.


68.

Moralität und Erfolg. - Nicht nur die Zuschauer einer That bemessen
häufig das Moralische oder Unmoralische an derselben nach dem Erfolge:
nein, der Thäter selbst thut diess. Denn die Motive und Absichten sind
selten deutlich und einfach genug, und mitunter scheint selbst das
Gedächtniss durch den Erfolg der That getrübt, so dass man seiner That
selber falsche Motive unterschiebt oder die unwesentlichen Motive als
wesentliche behandelt. Der Erfolg giebt oft einer That den vollen
ehrlichen Glanz des guten Gewissens, ein Misserfolg legt den Schatten
von Gewissensbissen über die achtungswürdigste Handlung. Daraus
ergiebt sich die bekannte Praxis des Politikers, welcher denkt: "gebt
mir nur den Erfolg: mit ihm habe ich auch alle ehrlichen Seelen auf
meine Seite gebracht - und mich vor mir selber ehrlich gemacht." - Auf
ähnliche Weise soll der Erfolg die bessere Begründung ersetzen. Noch
jetzt meinen viele Gebildete, der Sieg des Christenthums über die
griechische Philosophie sei ein Beweis für die grössere Wahrheit des
ersteren, - obwohl in diesem Falle nur das Gröbere und Gewaltsamere
über das Geistigere und Zarte gesiegt hat. Wie es mit der grösseren
Wahrheit steht, ist daraus zu ersehen, dass die erwachenden
Wissenschaften Punct um Punct an Epikur's Philosophie angeknüpft, das
Christenthum aber Punct um Punct zurückgewiesen haben.


69.

Liebe und Gerechtigkeit. - Warum überschätzt man die Liebe zu
Ungunsten der Gerechtigkeit und sagt die schönsten Dinge von ihr,
als ob sie ein viel höheres Wesen als jene sei? Ist sie denn nicht
ersichtlich dümmer als jene? - Gewiss, aber gerade desshalb um so viel
angenehmer für Alle. Sie ist dumm und besitzt ein reiches Füllhorn;
aus ihm theilt sie ihre Gaben aus, an jedermann, auch wenn er sie
nicht verdient, ja ihr nicht einmal dafür dankt. Sie ist unparteiisch
wie der Regen, welcher, nach der Bibel und der Erfahrung, nicht nur
den Ungerechten, sondern unter Umständen auch den Gerechten bis auf
die Haut nass macht.


70.

Hinrichtung. - Wie kommt es, dass jede Hinrichtung uns mehr
beleidigt, als ein Mord? Es ist die Kälte der Richter, die peinliche
Vorbereitung, die Einsicht, dass hier ein Mensch als Mittel benutzt
wird, um andere abzuschrecken. Denn die Schuld wird nicht bestraft,
selbst wenn es eine gäbe: diese liegt in Erziehern, Eltern,
Umgebungen, in uns, nicht im Mörder, - ich meine die veranlassenden
Umstände.


71.

Die Hoffnung. - Pandora brachte das Fass mit den Uebeln und öffnete
es. Es war das Geschenk der Götter an die Menschen, von Aussen ein
schönes verführerisches Geschenk und "Glücksfass" zubenannt. Da flogen
all die Uebel, lebendige beschwingte Wesen heraus: von da an schweifen
sie nun herum und thun den Menschen Schaden bei Tag und Nacht. Ein
einziges Uebel war noch nicht aus dem Fass herausgeschlüpft: da schlug
Pandora nach Zeus' Willen den Deckel zu und so blieb es darin. Für
immer hat der Mensch nun das Glücksfass im Hause und meint Wunder was
für einen Schatz er in ihm habe; es steht ihm zu Diensten, er greift
darnach: wenn es ihn gelüstet; denn er weiss nicht, dass jenes
Fass, welches Pandora brachte, das Fass der Uebel war, und hält
das zurückgebliebene Uebel für das grösste Glücksgut, - es ist die
Hoffnung. - Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr
durch die anderen Uebel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe,
sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu giebt
er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der
Uebel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.


72.

Grad der moralischen Erhitzbarkeit unbekannt. - Daran, dass man
gewisse erschütternde Anblicke und Eindrücke gehabt oder nicht
gehabt hat, zum Beispiel eines unrecht gerichteten, getödteten oder
gemarterten Vaters, einer untreuen Frau, eines grausamen feindlichen
Ueberfalls, hängt es ab, ob unsere Leidenschaften zur Glühhitze kommen
und das ganze Leben lenken oder nicht. Keiner weiss, wozu ihn die
Umstände, das Mitleid, die Entrüstung treiben können, er kennt den
Grad seiner Erhitzbarkeit nicht. Erbärmliche kleine Verhältnisse
machen erbärmlich; es ist gewöhnlich nicht die Qualität der
Erlebnisse, sondern ihre Quantität, von welcher der niedere und höhere
Mensch abhängt, im Guten und Bösen.


73.

Der Märtyrer wider Willen. - In einer Partei gab es einen Menschen,
der zu ängstlich und feige war, um je seinen Kameraden zu
widersprechen: man brauchte ihn zu jedem Dienst, man erlangte von ihm
Alles, weil er sich vor der schlechten Meinung bei seinen Gesellen
mehr als vor dem Tode fürchtete; es war eine erbärmliche schwache
Seele. Sie erkannten diess und machten auf Grund der erwähnten
Eigenschaften aus ihm einen Heros und zuletzt gar einen Märtyrer.
Obwohl der feige Mensch innerlich immer Nein sagte, sprach er mit
den Lippen immer ja, selbst noch auf dem Schaffot, als er für die
Ansichten seiner Partei starb: neben ihm nämlich stand einer seiner
alten Genossen, der ihn durch Wort und Blick so tyrannisirte, dass er
wirklich auf die anständigste Weise den Tod erlitt und seitdem als
Märtyrer und grosser Charakter gefeiert wird.


74.

Alltags-Maassstab. - Man wird selten irren, wenn man extreme
Handlungen auf Eitelkeit, mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche
auf Furcht zurückführt.


75.

Missverständniss über die Tugend. - Wer die Untugend in Verbindung
mit der Lust kennen gelernt hat, wie Der, welcher eine genusssüchtige
Jugend hinter sich hat, bildet sich ein, dass die Tugend mit der
Unlust verbunden sein müsse. Wer dagegen von seinen Leidenschaften und
Lastern sehr geplagt worden ist, ersehnt in der Tugend die Ruhe und
das Glück der Seele. Daher ist es möglich, dass zwei Tugendhafte
einander gar nicht verstehen.


76.

Der Asket. - Der Asket macht aus der Tugend eine Noth.


77.

Die Ehre von der Person auf die Sache übertragen. - Man ehrt allgemein
die Handlungen der Liebe und Aufopferung zu Gunsten des Nächsten, wo
sie sich auch immer zeigen. Dadurch vermehrt man die Schätzung der
Dinge, welche in jener Art geliebt werden oder für welche man sich
aufopfert: obwohl sie vielleicht an sich nicht viel werth sind. Ein
tapferes Heer überzeugt von der Sache, für welche es kämpft.


78.

Ehrgeiz ein Surrogat des moralischen Gefühls. - Das moralische Gefühl
darf in solchen Naturen nicht fehlen, welche keinen Ehrgeiz haben.
Die Ehrgeizigen behelfen sich auch ohne dasselbe, mit fast gleichem
Erfolge. - Desshalb werden Söhne aus bescheidenen, dem Ehrgeiz
abgewandten Familien, wenn sie einmal das moralische Gefühl verlieren,
gewöhnlich in schneller Steigerung zu vollkommenen Lumpen.


79.

Eitelkeit bereichert. - Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die
Eitelkeit! So aber gleicht er einem wohlgefüllten und immer neu sich
füllenden Waarenmagazin, welches Käufer jeder Art anlockt: Alles fast
können sie finden, Alles haben, vorausgesetzt, dass sie die gültige
Münzsorte (Bewunderung) mit sich bringen.


80.

Greis und Tod.- Abgesehen von den Forderungen, welche die Religion
stellt, darf man wohl fragen: warum sollte es für einen alt gewordenen
Mann, welcher die Abnahme seiner Kräfte spürt, rühmlicher sein, seine
langsame Erschöpfung und Auflösung abzuwarten, als sich mit vollem
Bewusstsein ein Ziel zu setzen? Die Selbsttödtung ist in diesem Falle
eine ganz natürliche naheliegende Handlung, welche als ein Sieg der
Vernunft billigerweise Ehrfurcht erwecken sollte: und auch erweckt
hat, in jenen Zeiten als die Häupter der griechischen Philosophie und
die wackersten römischen Patrioten durch Selbsttödtung zu sterben
pflegten. Die Sucht dagegen, sich mit ängstlicher Berathung von
Aerzten und peinlichster Lebensart von Tag zu Tage fortzufristen, ohne
Kraft, dem eigentlichen Lebensziel noch näher zu kommen, ist viel
weniger achtbar. - Die Religionen sind reich an Ausflüchten vor der
Forderung der Selbsttödtung: dadurch schmeicheln sie sich bei Denen
ein, welche in das Leben verliebt sind.


81.

Irrthümer des Leidenden und des Thäters. - Wenn der Reiche dem
Armen ein Besitzthum nimmt (zum Beispiel ein Fürst dem Plebejer die
Geliebte), so entsteht in dem Armen ein Irrthum; er meint, jener müsse
ganz verrucht sein, um ihm das Wenige, was er habe, zu nehmen. Aber
jener empfindet den Werth eines einzelnen Besitzthums gar nicht so
tief, weil er gewöhnt ist, viele zu haben: so kann er sich nicht in
die Seele des Armen versetzen und thut lange nicht so sehr Unrecht,
als dieser glaubt. Beide haben von einander eine falsche Vorstellung.
Das Unrecht des Mächtigen, welches am meisten in der Geschichte
empört, ist lange nicht so gross, wie es scheint. Schon die angeerbte
Empfindung, ein höheres Wesen mit höheren Ansprüchen zu sein, macht
ziemlich kalt und lässt das Gewissen ruhig: wir Alle sogar empfinden,
wenn der Unterschied zwischen uns und einem andern Wesen sehr gross
ist, gar Nichts mehr von Unrecht und tödten eine Mücke zum Beispiel
ohne jeden Gewissensbiss. So ist es kein Zeichen von Schlechtigkeit
bei Xerxes (den selbst alle Griechen als hervorragend edel schildern),
wenn er dem Vater seinen Sohn nimmt und ihn zerstückeln lässt,
weil dieser ein ängstliches, ominöses Misstrauen gegen den ganzen
Heerzug geäussert hatte: der Einzelne wird in diesem Falle wie ein
unangenehmes Insect beseitigt, er steht zu niedrig, um länger quälende
Empfindungen bei einem Weltherrscher erregen zu dürfen. Ja, jeder
Grausame ist nicht in dem Maasse grausam, als es der Misshandelte
glaubt; die Vorstellung des Schmerzes ist nicht das Selbe wie das
Leiden desselben. Ebenso steht es mit dem ungerechten Richter, mit
dem Journalisten, welcher mit kleinen Unredlichkeiten die öffentliche
Meinung irre führt. Ursache und Wirkung sind in allen diesen Fällen
von ganz verschiedenen Empfindungs- und Gedankengruppen umgeben;
während man unwillkürlich voraussetzt, dass Thäter und Leidender
gleich denken und empfinden, und gemäss dieser Voraussetzung die
Schuld des Einen nach dem Schmerz des Andern misst.


82.

Haut der Seele. - Wie die Knochen, Fleischstücke, Eingeweide und
Blutgefässe mit einer Haut umschlossen sind, die den Anblick des
Menschen erträglich macht, so werden die Regungen und Leidenschaften
der Seele durch die Eitelkeit umhüllt: sie ist die Haut der Seele.


83.

Schlaf der Tugend. - Wenn die Tugend geschlafen hat, wird sie frischer
aufstehen.


84.

Feinheit der Scham. - Die Menschen schämen sich nicht, etwas
Schmutziges zu denken, aber wohl, wenn sie sich vorstellen, dass man
ihnen diese schmutzigen Gedanken zutraue.


85.

Bosheit ist selten. - Die meisten Menschen sind viel zu sehr mit sich
beschäftigt, um boshaft zu sein.


86.

Das Zünglein an der Wage. - Man lobt oder tadelt, je nachdem das Eine
oder das Andere mehr Gelegenheit giebt, unsere Urtheilskraft leuchten
zu lassen.


87.

Lucas 18,14 verbessert. - Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet
werden.


88.

Verhinderung des Selbstmordes. - Es giebt ein Recht, wonach wir einem
Menschen das Leben nehmen, aber keines, wonach wir ihm das Sterben
nehmen: diess ist nur Grausamkeit.


89.

Eitelkeit.- Uns liegt an der guten Meinung der Menschen, einmal weil
sie uns nützlich ist, sodann weil wir ihnen Freude machen wollen
(Kinder den Eltern, Schüler den Lehrern und wohlwollende Menschen
überhaupt allen übrigen Menschen). Nur wo jemandem die gute Meinung
der Menschen wichtig ist, abgesehen vom Vortheil oder von seinem
Wunsche, Freude zu machen, reden wir von Eitelkeit. In diesem Falle
will sich der Mensch selber eine Freude machen, aber auf Unkosten
seiner Mitmenschen, indem er diese entweder zu einer falschen Meinung
über sich verführt oder es gar auf einen Grad der "guten Meinung"
absieht, wo diese allen Anderen peinlich werden muss (durch Erregung
von Neid). Der Einzelne will gewöhnlich durch die Meinung Anderer
die Meinung, die er von sich hat, beglaubigen und vor sich selber
bekräftigen; aber die mächtige Gewöhnung an Autorität - eine
Gewöhnung, die so alt als der Mensch ist - bringt Viele auch dazu,
ihren eigenen Glauben an sich auf Autorität zu stützen, also erst aus
der Hand Anderer anzunehmen: sie trauen der Urtheilskraft Anderer
mehr, als der eigenen. - Das Interesse an sich selbst, der Wunsch,
sich zu vergnügen, erreicht bei dem Eitelen eine solche Höhe, dass
er die Anderen zu einer falschen, allzu hohen Taxation seiner selbst
verführt und dann doch sich an die Autorität der Anderen hält: also
den Irrthum herbeiführt und doch ihm Glauben schenkt. - Man muss sich
also eingestehen, dass die eitelen Menschen nicht sowohl Anderen
gefallen wollen, als sich selbst, und dass sie so weit gehen, ihren
Vortheil dabei zu vernachlässigen; denn es liegt ihnen oft daran, ihre
Mitmenschen ungünstig, feindlich, neidisch, also schädlich gegen sich
stimmen, nur um die Freude an sich selber, den Selbstgenuss, zu haben.


90.

Gränze der Menschenliebe. - Jeder, welcher sich dafür erklärt hat,
dass der Andere ein Dummkopf, ein schlechter Geselle sei, ärgert sich,
wenn Jener schliesslich zeigt, dass er es nicht ist.


91.

Moralité larmoyante. - Wie viel Vergnügen macht die Moralität! Man
denke nur, was für ein Meer angenehmer Thränen schon bei Erzählungen
edler, grossmüthiger Handlungen geflossen ist! - Dieser Reiz
des Lebens würde schwinden, wenn der Glaube an die völlige
Unverantwortlichkeit überhand nähme.


92.

Ursprung der Gerechtigkeit. - Die Gerechtigkeit (Billigkeit) nimmt
ihren Ursprung unter ungefähr gleich Mächtigen, wie diess Thukydides
(in dem furchtbaren Gespräche der athenischen und melischen Gesandten)
richtig begriffen hat; wo es keine deutlich erkennbare Uebergewalt
giebt und ein Kampf zum erfolglosen, gegenseitigen Schädigen würde, da
entsteht der Gedanke sich zu verständigen und über die beiderseitigen
Ansprüche zu verhandeln: der Charakter des Tausches ist der
anfängliche Charakter der Gerechtigkeit. Jeder stellt den Andern
zufrieden, indem jeder bekommt, was er mehr schätzt als der Andere.
Man giebt jedem, was er haben will als das nunmehr Seinige, und
empfängt dagegen das Gewünschte. Gerechtigkeit ist also Vergeltung
und Austausch unter der Voraussetzung einer ungefähr gleichen
Machtstellung: so gehört ursprünglich die Rache in den Bereich der
Gerechtigkeit, sie ist ein Austausch. Ebenso die Dankbarkeit. -
Gerechtigkeit geht natürlich auf den Gesichtspunct einer einsichtigen
Selbsterhaltung zurück, also auf den Egoismus jener Ueberlegung: "wozu
sollte ich mich nutzlos schädigen und mein Ziel vielleicht doch nicht
erreichen?" - Soviel vom Ursprung der Gerechtigkeit. Dadurch, dass die
Menschen, ihrer intellectuellen Gewohnheit gemäss, den ursprünglichen
Zweck sogenannter gerechter, billiger Handlungen vergessen haben und
namentlich weil durch Jahrtausende hindurch die Kinder angelernt
worden sind, solche Handlungen zu bewundern und nachzuahmen, ist
allmählich der Anschein entstanden, als sei eine gerechte Handlung
eine unegoistische: auf diesem Anschein aber beruht die hohe Schätzung
derselben, welche überdiess, wie alle Schätzungen, fortwährend noch im
Wachsen ist: denn etwas Hochgeschätztes wird mit Aufopferung erstrebt,
nachgeahmt, vervielfältigt und wächst dadurch, dass der Werth der
aufgewandten Mühe und Beeiferung von jedem Einzelnen noch zum Werthe
des geschätzten Dinges hinzugeschlagen wird. - Wie wenig moralisch
sähe die Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen,
dass Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle
der Menschenwürde hingelagert habe.


93.

Vom Rechte des Schwächeren. - Wenn sich jemand unter Bedingungen einem
Mächtigeren unterwirft, zum Beispiel eine belagerte Stadt, so ist die
Gegenbedingung die, dass man sich vernichten, die Stadt verbrennen und
so dem Mächtigen eine grosse Einbusse machen kann. Desshalb entsteht
hier eine Art Gleichstellung, auf Grund welcher Rechte festgesetzt
werden können. Der Feind hat seinen Vortheil an der Erhaltung. -
Insofern giebt es auch Rechte zwischen Sclaven und Herren, das heisst
genau in dem Maasse, in welchem der Besitz des Sclaven seinem Herrn
nützlich und wichtig ist. Das Recht geht ursprünglich soweit, als
Einer dem Andern werthvoll, wesentlich, unverlierbar, unbesiegbar und
dergleichen erscheint. In dieser Hinsicht hat auch der Schwächere noch
Rechte, aber geringere. Daher das berühmte unusquisque tantum juris
habet, quantum potentia valet (oder genauer: quantum potentia valere
creditur).


94.

Die drei Phasen der bisherigen Moralität. - Es ist das erste Zeichen,
dass das Thier Mensch geworden ist, wenn sein Handeln nicht mehr
auf das augenblickliche Wohlbefinden, sondern auf das dauernde sich
bezieht, dass der Mensch also nützlich, zweckmässig wird.- da bricht
zuerst die freie Herrschaft der Vernunft heraus. Eine noch höhere
Stufe ist erreicht, wenn er nach dem Princip der Ehre handelt;
vermöge desselben ordnet er sich ein, unterwirft sich gemeinsamen
Empfindungen, und das erhebt ihn hoch über die Phase, in der nur die
persönlich verstandene Nützlichkeit ihn leitete: er achtet und will
geachtet werden, das heisst: er begreift den Nutzen als abhängig von
dem, was er über Andere, was Andere über ihn meinen. Endlich handelt
er, auf der höchsten Stufe der bisherigen Moralität nach seinem
Maassstab über die Dinge und Menschen, er selber bestimmt für sich und
Andere, was ehrenvoll, was nützlich ist; er ist zum Gesetzgeber der
Meinungen geworden, gemäss dem immer höher entwickelten Begriff
des Nützlichen und Ehrenhaften. Die Erkenntnis befähigt ihn, das
Nützlichste, das heisst den allgemeinen dauernden Nutzen dem
persönlichen, die ehrende Anerkennung von allgemeiner dauernder
Geltung der momentanen voranzustellen; er lebt und handelt als
Collectiv-Individuum.


95.

Moral des reifen Individuums. - Man hat bisher als das eigentliche
Kennzeichen der moralischen Handlung das Unpersönliche angesehen; und
es ist nachgewiesen, dass zu Anfang die Rücksicht auf den allgemeinen
Nutzen es war, derentwegen man alle unpersönlichen Handlungen lobte
und auszeichnete. Sollte nicht eine bedeutende Umwandelung dieser
Ansichten bevorstehen, jetzt wo immer besser eingesehen wird, dass
gerade in der möglichst persönlichen Rücksicht auch der Nutzen für
das Allgemeine am grössten ist: so dass gerade das streng persönliche
Handeln dem jetzigen Begriff der Moralität (als einer allgemeinen
Nützlichkeit) entspricht? Aus sich eine ganze Person machen und in
Allem, was man thut, deren höchstes Wohl in's Auge fassen - das bringt
weiter, als jene mitleidigen Regungen und Handlungen zu Gunsten
Anderer. Wir Alle leiden freilich noch immer an der allzugeringen
Beachtung des Persönlichen an uns, es ist schlecht ausgebildet, -
gestehen wir es uns ein: man hat vielmehr unsern Sinn gewaltsam von
ihm abgezogen und dem Staate, der Wissenschaft, dem Hülfebedürftigen
zum Opfer angeboten, wie als ob es das Schlechte wäre, das geopfert
werden müsste. Auch jetzt wollen wir für unsere Mitmenschen arbeiten,
aber nur so weit, als wir unsern eigenen höchsten Vortheil in dieser
Arbeit finden, nicht mehr, nicht weniger. Es kommt nur darauf an, was
man als seinen Vortheil versteht; gerade das unreife, unentwickelte,
rohe Individuum wird ihn auch am rohesten verstehen.


96.

Sitte und sittlich.- Moralisch, sittlich, ethisch sein heisst Gehorsam
gegen ein altbegründetes Gesetz oder Herkommen haben. Ob man mit Mühe
oder gern sich ihm unterwirft, ist dabei gleichgültig, genug, dass
man es thut. "Gut" nennt man Den, welcher wie von Natur, nach langer
Vererbung, also leicht und gern das Sittliche thut, je nachdem diess
ist (zum Beispiel Rache übt, wenn Rache-üben, wie bei den älteren
Griechen, zur guten Sitte gehört). Er wird gut genannt, weil er "wozu"
gut ist; da aber Wohlwollen, Mitleiden und dergleichen in dem Wechsel
der Sitten immer als "gut wozu", als nützlich empfunden wurde, so
nennt man jetzt vornehmlich den Wohlwollenden, Hülfreichen "gut". Böse
ist "nicht sittlich" (unsittlich) sein, Unsitte üben, dem Herkommen
widerstreben, wie vernünftig oder dumm dasselbe auch sei; das
Schädigen des Nächsten ist aber in allen den Sittengesetzen der
verschiedenen Zeiten vornehmlich als schädlich empfunden worden, so
dass wir jetzt namentlich bei dem Wort "böse" an die freiwillige
Schädigung des Nächsten denken. Nicht das "Egoistische" und das
"Unegoistische" ist der Grundgegensatz, welcher die Menschen zur
Unterscheidung von sittlich und unsittlich, gut und böse gebracht hat,
sondern: Gebundensein an ein Herkommen, Gesetz, und Lösung davon. Wie
das Herkommen entstanden ist, das ist dabei gleichgültig, jedenfalls
ohne Rücksicht auf gut und böse oder irgend einen immanenten
kategorischen Imperativ, sondern vor Allem zum Zweck der Erhaltung
einer Gemeinde, eines Volkes; jeder abergläubische Brauch, der auf
Grund eines falsch gedeuteten Zufalls entstanden ist, erzwingt ein
Herkommen, welchem zu folgen sittlich ist; sich von ihm lösen ist
nämlich gefährlich, für die Gemeinschaft noch mehr schädlich als für
den Einzelnen (weil die Gottheit den Frevel und jede Verletzung ihrer
Vorrechte an der Gemeinde und nur insofern auch am Individuum straft).
Nun wird jedes Herkommen fortwährend ehrwürdiger, je weiter der
Ursprung abliegt, je mehr dieser vergessen ist; die ihm gezollte
Verehrung häuft sich von Generation zu Generation auf, das Herkommen
wird zuletzt heilig und erweckt Ehrfurcht; und so ist jedenfalls die
Moral der Pietät eine viel ältere Moral, als die, welche unegoistische
Handlungen verlangt.


97.

Die Lust in der Sitte. - Eine wichtige Gattung der Lust und damit
der Quelle der Moralität entsteht aus der Gewohnheit. Man thut das
Gewohnte leichter, besser, also lieber, man empfindet dabei eine Lust,
und weiss aus der Erfahrung, dass das Gewohnte sich bewährt hat, also
nützlich ist; eine Sitte, mit der sich leben lässt, ist als heilsam,
förderlich bewiesen, im Gegensatz zu allen neuen, noch nicht bewährten
Versuchen. Die Sitte ist demnach die Vereinigung des Angenehmen und
des Nützlichen, überdiess macht sie kein Nachdenken nöthig. Sobald
der Mensch Zwang ausüben kann, übt er ihn aus, um seine Sitten
durchzusetzen und einzuführen, denn für ihn sind sie die bewährte
Lebensweisheit. Ebenso zwingt eine Gemeinschaft von Individuen jedes
einzelne zur selben Sitte. Hier ist der Fehlschluss: weil man sich mit
einer Sitte wohl fühlt oder wenigstens weil man vermittelst derselben
seine Existenz durchsetzt, so ist diese Sitte nothwendig, denn sie
gilt als die einzige Möglichkeit, unter der man sich wohl fühlen kann;
das Wohlgefühl des Lebens scheint allein aus ihr hervorzuwachsen.
Diese Auffassung des Gewohnten als einer Bedingung des Daseins wird
bis auf die kleinsten Einzelheiten der Sitte durchgeführt: da die
Einsicht in die wirkliche Causalität bei den niedrig stehenden Völkern
und Culturen sehr gering ist, so sieht man mit abergläubischer Furcht
darauf, dass Alles seinen gleichen Gang gehe; selbst wo die Sitte
schwer, hart, lästig ist, wird sie ihrer scheinbar höchsten
Nützlichkeit wegen bewahrt. Man weiss nicht, dass der selbe Grad von
Wohlbefinden auch bei anderen Sitten bestehen kann und dass selbst
höhere Grade sich erreichen lassen. Wohl aber nimmt man wahr, dass
alle Sitten, auch die härtesten, mit der Zeit angenehmer und milder
werden, und dass auch die strengste Lebensweise zur Gewohnheit und
damit zur Lust werden kann.


98.

Lust und socialer Instinct. - Aus seinen Beziehungen zu andern
Menschen gewinnt der Mensch eine neue Gattung von Lust zu jenen
Lustempfindungen hinzu, welche er aus sich selber nimmt; wodurch er
das Reich der Lustempfindung überhaupt bedeutend umfänglicher macht.
Vielleicht hat er mancherlei, das hierher gehört, schon von den
Thieren her überkommen, welche ersichtlich Lust empfinden, wenn sie
mit einander spielen, namentlich die Mütter mit den jungen. Sodann
gedenke man der geschlechtlichen Beziehungen, welche jedem Männchen
ungefähr jedes Weibchen interessant in Ansehung der Lust erscheinen
lassen, und umgekehrt. Die Lustempfindung auf Grund menschlicher
Beziehungen macht im Allgemeinen den Menschen besser; die gemeinsame
Freude, die Lust mitsammen genossen, erhöht dieselbe, sie giebt dem
Einzelnen Sicherheit, macht ihn gutmüthiger, löst das Misstrauen, den
Neid: denn man fühlt sich selber wohl und sieht den Andern in gleicher
Weise sich wohl fühlen. Die gleichartigen Aeusserungen der Lust
erwecken die Phantasie der Mitempfindung, das Gefühl etwas Gleiches zu
sein: das Selbe thun auch die gemeinsamen Leiden, die selben Unwetter,
Gefahren, Feinde. Darauf baut sich dann wohl das älteste Bündniss auf:
dessen Sinn die gemeinsame Beseitigung und Abwehr einer drohenden
Unlust zum Nutzen jedes Einzelnen ist. Und so wächst der sociale
Instinct aus der Lust heraus.


99.

Das Unschuldige an den sogenannten bösen Handlungen. - Alle "bösen"
Handlungen sind motivirt durch den Trieb der Erhaltung oder, noch
genauer, durch die Absicht auf Lust und Vermeidung der Unlust des
Individuums; als solchermaassen motivirt, aber nicht böse. "Schmerz
bereiten an sich" existirt nicht, ausser im Gehirn der Philosophen,
ebensowenig "Lust bereiten an sich" (Mitleid im Schopenhauerischen
Sinne). In dem Zustand vor dem Staate tödten wir das Wesen, sei es
Affe oder Mensch, welches uns eine Frucht des Baumes vorwegnehmen
will, wenn wir gerade Hunger haben und auf den Baum zulaufen: wie wir
es noch jetzt bei Wanderungen in unwirthlichen Gegenden mit dem Thiere
thun würden. - Die bösen Handlungen, welche uns jetzt am meisten
empören, beruhen auf dem Irrthume, dass der Andere, welcher sie uns
zufügt, freien Willen habe, also dass es in seinem Belieben gelegen
habe, uns diess Schlimme nicht anzuthun. Dieser Glaube an das Belieben
erregt den Hass, die Rachlust, die Tücke, die ganze Verschlechterung
der Phantasie, während wir einem Thiere viel weniger zürnen, weil
wir diess als unverantwortlich betrachten. Leid thun nicht aus
Erhaltungstrieb, sondern zur Vergeltung - ist Folge eines falschen
Urtheils und desshalb ebenfalls unschuldig. Der Einzelne kann im
Zustande, welcher vor dem Staate liegt, zur Abschreckung andere
Wesen hart und grausam behandeln: um seine Existenz durch solche
abschreckende Proben seiner Macht sicher zu stellen. So handelt der
Gewaltthätige, Mächtige, der ursprüngliche Staatengründer, welcher
sich die Schwächeren unterwirft. Er hat dazu das Recht, wie es jetzt
noch der Staat sich nimmt; oder vielmehr: es giebt kein Recht, welches
diess hindern kann. Es kann erst dann der Boden für alle Moralität
zurecht gemacht werden, wenn ein grösseres Individuum oder ein
Collectiv-Individuum, zum Beispiel die Gesellschaft, der Staat, die
Einzelnen unterwirft, also aus ihrer Vereinzelung herauszieht und in
einen Verband einordnet. Der Moralität geht der Zwang voraus, ja sie
selber ist noch eine Zeit lang Zwang, dem man sich, zur Vermeidung
der Unlust, fügt. Später wird sie Sitte, noch später freier Gehorsam,
endlich beinahe Instinct: dann ist sie wie alles lang Gewöhnte und
Natürliche mit Lust verknüpft - und heisst nun Tugend.


100.

Scham.- Die Scham existirt überall, wo es ein "Mysterium" giebt; diess
aber ist ein religiöser Begriff, welcher in der älteren Zeit der
menschlichen Cultur einen grossen Umfang hatte. Ueberall gab es
umgränzte Gebiete, zu welchen das göttliche Recht den Zutritt
versagte, ausser unter bestimmten Bedingungen: zu allererst ganz
räumlich, insofern gewisse Stätten vom Fusse der Uneingeweihten
nicht zu betreten waren und in deren Nähe Diese Schauder und Angst
empfanden. Diess Gefühl wurde vielfach auf andere Verhältnisse
übertragen, zum Beispiel auf die geschlechtlichen Verhältnisse, welche
als ein Vorrecht und Adyton des reiferen Alters den Blicken der
Jugend, zu deren Vortheil, entzogen werden sollten: Verhältnisse, zu
deren Schutz und Heilighaltung viele Götter thätig und im ehelichen
Gemache als Wächter aufgestellt gedacht wurden. (Im Türkischen heisst
desshalb diess Gemach Harem "Heiligthum", wird also mit demselben
Worte bezeichnet, welches für die Vorhöfe der Moscheen üblich ist.) So
ist das Königthum als ein Centrum, von wo Macht und Glanz ausstrahlt,
dem Unterworfenen ein Mysterium voller Heimlichkeit und Scham: wovon
viele Nachwirkungen noch jetzt, unter Völkern, die sonst keineswegs
zu den verschämten gehören, zu fühlen sind. Ebenso ist die ganze Welt
innerer Zustände, die sogenannte "Seele", auch jetzt noch für alle
Nicht-Philosophen ein Mysterium, nachdem diese, endlose Zeit hindurch,
als göttlichen Ursprungs, als göttlichen Verkehrs würdig geglaubt
wurde: sie ist demnach ein Adyton und erweckt Scham.


101.

Richtet nicht. - Man muss sich hüten, bei der Betrachtung früherer
Perioden nicht in ein ungerechtes Schimpfen zu gerathen. Die
Ungerechtigkeit in der Sclaverei, die Grausamkeit in der Unterwerfung
von Personen und Völkern ist nicht mit unserem Maasse zu messen. Denn
damals war der Instinct der Gerechtigkeit noch nicht so weit gebildet.
Wer darf dem Genfer Calvin die Verbrennung des Arztes Servet
vorwerfen? Es war eine consequente aus seinen Ueberzeugungen
fliessende Handlung, und ebenso hatte die Inquisition ein gutes
Recht; nur waren die herrschenden Ansichten falsch und ergaben eine
Consequenz, welche uns hart erscheint, weil uns jene Ansichten
fremd geworden sind. Was ist übrigens Verbrennen eines Einzelnen im
Vergleich mit ewigen Höllenstrafen für fast Alle! Und doch beherrschte
diese Vorstellung damals alle Welt, ohne mit ihrer viel grösseren
Schrecklichkeit der Vorstellung von einem Gotte wesentlich Schaden
zu thun. Auch bei uns werden politische Sectirer hart und grausam
behandelt, aber weil man an die Nothwendigkeit des Staates zu glauben
gelernt hat, so empfindet man hier die Grausamkeit nicht so sehr wie
dort, wo wir die Anschauungen verwerfen. Die Grausamkeit gegen Thiere
bei Kindern und Italiänern geht auf Unverständniss zurück; das Thier
ist namentlich durch die Interessen der kirchlichen Lehre zu weit
hinter den Menschen zurückgesetzt worden. - Auch mildert sich vieles
Schreckliche und Unmenschliche in der Geschichte, an welches man kaum
glauben möchte, durch die Betrachtung, dass der Befehlende und der
Ausführende andere Personen sind: ersterer hat den Anblick nicht und
daher nicht den starken Phantasie-Eindruck, letzterer gehorcht einem
Vorgesetzten und fühlt sich unverantwortlich. Die meisten Fürsten
und Militärchefs erscheinen, aus Mangel an Phantasie, leicht grausam
und hart, ohne es zu sein. - Der Egoismus ist nicht böse, weil die
Vorstellung vom "Nächsten" -das Wort ist christlichen Ursprungs
und entspricht der Wahrheit nicht - in uns sehr schwach ist; und
wir uns gegen ihn beinahe wie gegen Pflanze und Stein frei und
unverantwortlich fühlen. Dass der Andere leidet, ist zu lernen: und
völlig kann es nie gelernt werden.


102.

"Der Mensch handelt immer gut." - Wir klagen die Natur nicht als
unmoralisch an, wenn sie uns ein Donnerwetter schickt und uns nass
macht: warum nennen wir den schädigenden Menschen unmoralisch?
Weil wir hier einen willkürlich waltenden, freien Willen, dort
Nothwendigkeit annehmen. Aber diese Unterscheidung ist ein Irrthum.
Sodann: selbst das absichtliche Schädigen nennen wir nicht unter allen
Umständen unmoralisch; man tödtet z.B. eine Mücke unbedenklich mit
Absicht, blos weil uns ihr Singen missfällt, man straft den Verbrecher
absichtlich und thut ihm Leid an, um uns und die Gesellschaft zu
schützen. Im ersten Falle ist es das Individuum, welches, um sich zu
erhalten oder selbst um sich keine Unlust zu machen, absichtlich Leid
thut; im zweiten der Staat. Alle Moral lässt absichtliches Schadenthun
gelten bei Nothwehr: das heisst wenn es sich um die Selbsterhaltung
handelt! Aber diese beiden Gesichtspuncte genügen, um alle bösen
Handlungen gegen Menschen, von Menschen ausgeübt, zu erklären: man
will für sich Lust oder will Unlust abwehren; in irgend einem Sinne
handelt es sich immer um Selbsterhaltung. Sokrates und Plato haben
Recht: was auch der Mensch thue, er thut immer das Gute, das heisst:
Das, was ihm gut (nützlich) scheint, je nach dem Grade seines
Intellectes, dem jedesmaligen Maasse seiner Vernünftigkeit.


103.

Das Harmlose an der Bosheit. - Die Bosheit hat nicht das Leid des
Andern an sich zum Ziele, sondern unsern eigenen Genuss, zum Beispiel
als Rachegefühl oder als stärkere Nervenaufregung. Schon jede Neckerei
zeigt, wie es Vergnügen macht, am Andern unsere Macht auszulassen und
es zum lustvollen Gefühle des Uebergewichts zu bringen. Ist nun das
Unmoralische daran, Lust auf Grund der Unlust Anderer zu haben? Ist
Schadenfreude teuflisch, wie Schopenhauer sagt? Nun machen wir uns
in der Natur Lust durch Zerbrechen von Zweigen, Ablösen von Steinen,
Kampf mit wilden Thieren und zwar, um unserer Kraft dabei bewusst zu
werden. Das Wissen darum, dass ein Anderer durch uns leidet, soll hier
die selbe Sache, in Bezug auf welche wir uns sonst unverantwortlich
fühlen, unmoralisch machen? Aber wüsste man diess nicht, so hätte man
die Lust an seiner eigenen Ueberlegenheit auch nicht dabei, diese kann
eben sich nur im Leide des Anderen zuerkennen geben, zum Beispiel bei
der Neckerei. Alle Lust an sich selber ist weder gut noch böse; woher
sollte die Bestimmung kommen, dass man, um Lust an sich selber zu
haben, keine Unlust Anderer erregen dürfe? Allein vom Gesichtspuncte
des Nutzens her, das heisst aus Rücksicht auf die Folgen, auf
eventuelle Unlust, wenn der Geschädigte oder der stellvertretende
Staat Ahndung und Rache erwarten lässt: nur Diess kann ursprünglich
den Grund abgegeben haben, solche Handlungen sich zu versagen. -
Das Mitleid hat ebensowenig die Lust des Andern zum Ziele, als, wie
gesagt, die Bosheit den Schmerz des Andern an sich. Denn es birgt
mindestens zwei (vielleicht mehr) Elemente einer persönlichen Lust in
sich und ist dergestalt Selbstgenuss: einmal als Lust der Emotion,
welcher Art Mitleid in der Tragödie ist, und dann, wenn es zur That
treibt, als Lust der Befriedigung in der Ausübung der Macht. Steht uns
überdiess eine leidende Person sehr nahe, so nehmen durch Ausübung
mitleidvoller Handlungen uns selbst ein Leid ab. - Abgesehen von
einigen Philosophen, so haben die Menschen das Mitleid, in der
Rangfolge moralischer Empfindungen immer ziemlich tief gestellt: mit
Recht.


104.

Nothwehr.- Wenn man überhaupt die Nothwehr als moralisch gelten lässt,
so muss man fast alle Aeusserungen des sogenannten unmoralischen
Egoismus' auch gelten lassen: man thut Leid an, raubt oder tödtet, um
sich zu erhalten oder um sich zu schützen, dem persönlichen Unheil
vorzubeugen; man lügt, wo List und Verstellung das richtige Mittel der
Selbsterhaltung sind. Absichtlich schädigen, wenn es sich um unsere
Existenz oder Sicherheit (Erhaltung unseres Wohlbefindens) handelt,
wird als moralisch concedirt; der Staat schädigt selber unter diesem
Gesichtspunct, wenn er Strafen verhängt. Im unabsichtlichen Schädigen
kann natürlich das Unmoralische nicht liegen, da regiert der Zufall.
Giebt es denn eine Art des absichtlichen Schädigens, wo es sich nicht
um unsere Existenz, um die Erhaltung unseres Wohlbefindens handelt?
Giebt es ein Schädigen aus reiner Bosheit, zum Beispiel bei der
Grausamkeit? Wenn man nicht weiss, wie weh eine Handlung thut, so ist
sie keine Handlung der Bosheit; so ist das Kind gegen das Thier nicht
boshaft, nicht böse: es untersucht und zerstört dasselbe wie sein
Spielzeug. Weiss man aber je völlig, wie weh eine Handlung einem
Andern thut? So weit unser Nervensystem reicht, hüten wir uns vor
Schmerz: reichte es weiter, nämlich bis in die Mitmenschen hinein, so
würden wir Niemandem ein Leides thun (ausser in solchen Fällen, wo
wir es uns selbst thun, also wo wir uns der Heilung halber schneiden,
der Gesundheit halber uns mühen und anstrengen). Wir schliessen aus
Analogie, dass Etwas jemandem weh thut, und durch die Erinnerung
und die Stärke der Phantasie kann es uns dabei selber übel werden.
Aber welcher Unterschied bleibt immer zwischen dem Zahnschmerz und
dem Schmerze (Mitleiden), welchen der Anblick des Zahnschmerzes
hervorruft? Also: bei dem Schädigen aus sogenannter Bosheit ist der
Grad des erzeugten Schmerzes uns jedenfalls unbekannt; insofern aber
eine Lust bei der Handlung ist (Gefühl der eignen Macht, der eignen
starken Erregung), geschieht die Handlung, um das Wohlbefinden
des Individuums zu erhalten und fällt somit unter einen ähnlichen
Gesichtspunct wie die Nothwehr, die Nothlüge. Ohne Lust kein Leben;
der Kampf um die Lust ist der Kampf um das Leben. Ob der Einzelne
diesen Kampf so kämpft, dass die Menschen ihn gut, oder so, dass sie
ihn böse nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit
seines Intellects.


105.

Die belohnende Gerechtigkeit. - Wer vollständig die Lehre von der
völligen Unverantwortlichkeit begriffen hat, der kann die sogenannte
strafende und belohnende Gerechtigkeit gar nicht mehr unter den
Begriff der Gerechtigkeit unterbringen: falls diese darin besteht,
dass man jedem das Seine giebt. Denn Der, welcher gestraft wird,
verdient die Strafe nicht: er wird nur als Mittel benutzt, um
fürderhin von gewissen Handlungen abzuschrecken; ebenso verdient Der,
welchen man belohnt, diesen Lohn nicht: er konnte ja nicht anders
handeln, als er gehandelt hat. Also hat der Lohn nur den Sinn einer
Aufmunterung für ihn und Andere, um also zu späteren Handlungen ein
Motiv abzugeben; das Lob wird dem Laufenden in der Rennbahn zugerufen,
nicht Dem, welcher am Ziele ist. Weder Strafe noch Lohn sind
Etwas, das Einem als das Seine zukommt; sie werden ihm aus
Nützlichkeitsgründen gegeben, ohne dass er mit Gerechtigkeit Anspruch
auf sie zu erheben hätte. Man muss ebenso sagen "der Weise belohnt
nicht, weil gut gehandelt worden ist", als man gesagt hat "der Weise
straft nicht, weil schlecht gehandelt worden ist, sondern damit nicht
schlecht gehandelt werde". Wenn Strafe und Lohn fortfielen, so fielen
die kräftigsten Motive, welche von gewissen Handlungen weg, zu
gewissen Handlungen hin treiben, fort; der Nutzen der Menschen
erheischt ihre Fortdauer; und insofern Strafe und Lohn, Tadel und Lob
am empfindlichsten auf die Eitelkeit wirken, so erheischt der selbe
Nutzen auch die Fortdauer der Eitelkeit.


106.

Am Wasserfall. - Beim Anblick eines Wasserfalles meinen wir in den
zahllosen Biegungen, Schlängelungen, Brechungen der Wellen Freiheit
des Willens und Belieben zu sehen; aber Alles ist nothwendig,
jede Bewegung mathematisch auszurechnen. So ist es auch bei den
menschlichen Handlungen; man müsste jede einzelne Handlung vorher
ausrechnen können, wenn man allwissend wäre, ebenso jeden Fortschritt
der Erkenntniss, jeden Irrthum, jede Bosheit. Der Handelnde selbst
steckt freilich in der Illusion der Willkür; wenn in einem Augenblick
das Rad der Welt still stände und ein allwissender, rechnender
Verstand da wäre, um diese Pausen zu benützen, so könnte er bis in die
fernsten Zeiten die Zukunft jedes Wesens weitererzählen und jede Spur
bezeichnen, auf der jenes Rad noch rollen wird. Die Täuschung des
Handelnden über sich, die Annahme des freien Willens, gehört mit
hinein in diesen auszurechnenden Mechanismus.


107.

Unverantwortlichkeit und Unschuld. - Die völlige Unverantwortlichkeit
des Menschen für sein Handeln und sein Wesen ist der bitterste
Tropfen, welchen der Erkennende schlucken muss, wenn er gewohnt war,
in der Verantwortlichkeit und der Pflicht den Adelsbrief seines
Menschenthums zu sehen. Alle seine Schätzungen, Auszeichnungen,
Abneigungen sind dadurch entwerthet und falsch geworden: sein tiefstes
Gefühl, das er dem Dulder, dem Helden entgegenbrachte, hat einem
Irrthume gegolten; er darf nicht mehr loben, nicht tadeln, denn es ist
ungereimt, die Natur und die Nothwendigkeit zu loben und zu tadeln. So
wie er das gute Kunstwerk liebt, aber nicht lobt, weil es Nichts für
sich selber kann, wie er vor der Pflanze steht, so muss er vor den
Handlungen der Menschen, vor seinen eignen stehen. Er kann Kraft,
Schönheit, Fülle an ihnen bewundern, aber darf keine Verdienste darin
finden: der chemische Process und der Streit der Elemente, die Qual
des Kranken, der nach Genesung lechzt, sind ebensowenig Verdienste,
als jene Seelenkämpfe und Nothzustände, bei denen man durch
verschiedene Motive hin- und hergerissen wird, bis man sich endlich
für das mächtigste entscheidet - wie man sagt (in Wahrheit aber, bis
das mächtigste Motiv über uns entscheidet). Alle diese Motive aber, so
hohe Namen wir ihnen geben, sind aus den selben Wurzeln gewachsen, in
denen wir die bösen Gifte wohnend glauben; zwischen guten und bösen
Handlungen giebt es keinen Unterschied der Gattung, sondern höchstens
des Grades. Gute Handlungen sind sublimirte böse; böse Handlungen sind
vergröberte, verdummte gute. Das einzige Verlangen des Individuums
nach Selbstgenuss (sammt der Furcht, desselben verlustig zu gehen)
befriedigt sich unter allen Umständen, der Mensch mag handeln, wie er
kann, das heisst wie er muss: sei es in Thaten der Eitelkeit, Rache,
Lust, Nützlichkeit, Bosheit, List, sei es in Thaten der Aufopferung,
des Mitleids, der Erkenntniss. Die Grade der Urtheilsfähigkeit
entscheiden, wohin Jemand sich durch diess Verlangen hinziehen lässt;
fortwährend ist jeder Gesellschaft, jedem Einzelnen eine Rangordnung
der Güter gegenwärtig, wonach er seine Handlungen bestimmt und die der
Anderen beurtheilt. Aber dieser Maassstab wandelt sich fortwährend,
viele Handlungen werden böse genannt und sind nur dumm, weil der Grad
der Intelligenz, welcher sich für sie entschied, sehr niedrig war. Ja,
in einem bestimmten Sinne sind auch jetzt noch alle Handlungen dumm,
denn der höchste Grad von menschlicher Intelligenz, der jetzt erreicht
werden kann, wird sicherlich noch überboten werden: und dann wird,
bei einem Rückblick, all unser Handeln und Urtheilen so beschränkt
und übereilt erscheinen, wie uns jetzt das Handeln und Urtheilen
zurückgebliebener wilder Völkerschaften beschränkt und übereilt
vorkommt. - Diess Alles einzusehen, kann tiefe Schmerzen machen, aber
darnach giebt es einen Trost: solche Schmerzen sind Geburtswehen.
Der Schmetterling will seine Hülle durchbrechen, er zerrt an ihr, er
zerreisst sie: da blendet und verwirrt ihn das unbekannte Licht, das
Reich der Freiheit. In solchen Menschen, welche jener Traurigkeit
fähig sind - wie wenige werden es sein! - wird der erste Versuch
gemacht, ob die Menschheit aus einer moralischen sich in eine weise
Menschheit umwandeln könne. Die Sonne eines neuen Evangeliums wirft
ihren ersten Strahl auf die höchsten Gipfel in der Seele jener
Einzelnen: da ballen sich die Nebel dichter, als je, und neben
einander lagert der hellste Schein und die trübste Dämmerung. Alles
ist Nothwendigkeit, - so sagt die neue Erkenntniss: und diese
Erkenntniss selber ist Nothwendigkeit. Alles ist Unschuld: und die
Erkenntniss ist der Weg zur Einsicht in diese Unschuld. Sind Lust,
Egoismus, Eitelkeit nothwendig zur Erzeugung der moralischen Phänomene
und ihrer höchsten Blüthe, des Sinnes für Wahrheit und Gerechtigkeit
der Erkenntniss, war der Irrthum und die Verirrung der Phantasie das
einzige Mittel, durch welches die Menschheit sich allmählich zu diesem
Grade von Selbsterleuchtung und Selbsterlösung zu erheben vermochte -
wer dürfte jene Mittel geringschätzen? Wer dürfte traurig sein, wenn
er das Ziel, zu dem jene Wege führen, gewahr wird? Alles auf dem
Gebiete der Moral ist geworden, wandelbar, schwankend, Alles ist im
Flusse, es ist wahr: - aber Alles ist auch im Strome: nach Einem Ziele
hin. Mag in uns die vererbte Gewohnheit des irrthümlichen Schätzens,
Liebens, Hassens immerhin fortwalten, aber unter dem Einfluss
der wachsenden Erkenntniss wird sie schwächer werden: eine neue
Gewohnheit, die des Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens,
Ueberschauens, pflanzt sich allmählich in uns auf dem selben Boden
an und wird in Tausenden von Jahren vielleicht mächtig genug sein,
um der Menschheit die Kraft zu geben, den weisen, unschuldigen
(unschuld-bewussten) Menschen ebenso regelmässig hervorzubringen, wie
sie jetzt den unweisen, unbilligen, schuldbewussten Menschen - das
heisst die nothwendige Vorstufe, nicht den Gegensatz von jenem -
hervorbringt.




Drittes Hauptstück.

Das religiöse Leben.

108.

Der doppelte Kampf gegen das Uebel. -Wenn uns ein Uebel trifft, so
kann man entweder so über dasselbe hinwegkommen, dass man seine
Ursache hebt, oder so, dass man die Wirkung, welche es auf unsere
Empfindung macht, verändert: also durch ein Umdeuten des Uebels in
ein Gut, dessen Nutzen vielleicht erst später ersichtlich sein wird.
Religion und Kunst (auch die metaphysische Philosophie) bemühen sich,
auf die Aenderung der Empfindung zu wirken, theils durch Aenderung
unseres Urtheils über die Erlebnisse (zum Beispiel mit Hülfe des
Satzes: "wen Gott lieb hat, den züchtigt er"), theils durch Erweckung
einer Lust am Schmerz, an der Emotion überhaupt (woher die Kunst des
Tragischen ihren Ausgangspunct nimmt). Je mehr Einer dazu neigt,
umzudeuten und zurechtzulegen, um so weniger wird er die Ursachen des
Uebels in's Auge fassen und beseitigen; die augenblickliche Milderung
und Narkotisirung, wie sie zum Beispiel bei Zahnschmerz gebräuchlich
ist, genügt ihm auch in ernsteren Leiden. Je mehr die Herrschaft der
Religionen und aller Kunst der Narkose abnimmt, um so strenger fassen
die Menschen die wirkliche Beseitigung der Uebel in's Auge, was
freilich schlimm für die Tragödiendichter ausfällt - denn zur Tragödie
findet sich immer weniger Stoff, weil das Reich des unerbittlichen,
unbezwinglichen Schicksals immer enger wird -, noch schlimmer aber
für die Priester: denn diese lebten bisher von der Narkotisirung
menschlicher Uebel.


109.

Gram ist Erkenntniss. - Wie gern möchte man die falschen Behauptungen
der Priester, es gebe einen Gott, der das Gute von uns verlangte,
Wächter und Zeuge jeder Handlung, jedes Augenblickes, jedes Gedankens
sei, der uns liebe, in allem Unglück unser Bestes wolle, - wie gern
möchte man diese mit Wahrheiten vertauschen, welche ebenso heilsam,
beruhigend und wohlthuend wären, wie jene Irrthümer! Doch solche
Wahrheiten giebt es nicht; die Philosophie kann ihnen höchstens
wiederum metaphysische Scheinbarkeiten (im Grunde ebenfalls
Unwahrheiten) entgegensetzen. Nun ist aber die Tragödie die, dass man
jene Dogmen der Religion und Metaphysik nicht glauben kann, wenn man
die strenge Methode der Wahrheit im Herzen und Kopfe hat, andererseits
durch die Entwickelung der Menschheit so zart, reizbar, leidend
geworden ist, um Heil- und Trostmittel der höchsten Art nöthig zu
haben; woraus also die Gefahr entsteht, dass der Mensch sich an der
erkannten Wahrheit verblute. Diess drückt Byron in unsterblichen
Versen aus:

    Sorrow is knowledge: they who know the most
    must mourn the deepst o'er the fatal truth,
    the tree of knowledge is not that of life.

Gegen solche Sorgen hilft kein Mittel besser, als den feierlichen
Leichtsinn Horazens, wenigstens für die schlimmsten Stunden und
Sonnenfinsternisse der Seele, heraufzubeschwören und mit ihm zu sich
selber zu sagen:

    quid aeternis minorem
    consiliis animum fatigas?
    cur non sub alta vel platano vel hac
    pinu jacentes -

Sicherlich aber ist Leichtsinn oder Schwermuth jeden Grades besser,
als eine romantische Rückkehr und Fahnenflucht, eine Annäherung an das
Christenthum in irgend einer Form: denn mit ihm kann man sich, nach
dem gegenwärtigen Stande der Erkenntniss, schlechterdings nicht mehr
einlassen, ohne sein in intellectuales Gewissen heillos zu beschmutzen
und vor sich und Anderen preiszugeben. Jene Schmerzen mögen peinlich
genug sein: aber man kann ohne Schmerzen nicht zu einem Führer und
Erzieher der Menschheit werden; und wehe Dem, welcher diess versuchen
möchte und jenes reine Gewissen nicht mehr hätte!


110.

Die Wahrheit in der Religion. - In der Periode der Aufklärung war man
der Bedeutung der Religion nicht gerecht geworden, daran ist nicht zu
zweifeln: aber ebenso steht fest, dass man, in dem darauffolgenden
Widerspiel der Aufklärung, wiederum um ein gutes Stück über die
Gerechtigkeit hinausgieng, indem man die Religionen mit Liebe, selbst
mit Verliebtheit behandelte und ihnen zum Beispiel ein tieferes,
ja das allertiefste Verständniss der Welt zuerkannte; welches die
Wissenschaft des dogmatischen Gewandes zu entkleiden habe, um dann
in unmythischer Form die "Wahrheit" zu besitzen. Religionen sollen
also - diess war die Behauptung aller Gegner der Aufklärung - sensu
allegorico, mit Rücksicht auf das Verstehen der Menge, jene uralte
Weisheit aussprechen, welche die Weisheit an sich sei, insofern alle
wahre Wissenschaft der neueren Zeit immer zu ihr hin, anstatt von ihr
weg, geführt habe: so dass zwischen den ältesten Weisen der Menschheit
und allen späteren Harmonie, ja Gleichheit der Einsichten walte und
ein Fortschritt der Erkenntnisse - falls man von einem solchen reden
wolle - sich nicht auf das Wesen, sondern die Mittheilung desselben
beziehe. Diese ganze Auffassung von Religion und Wissenschaft ist
durch und durch irrthümlich; und Niemand würde jetzt noch zu ihr sich
zu bekennen wagen, wenn nicht Schopenhauer's Beredtsamkeit sie in
Schutz genommen hätte: diese laut tönende und doch erst nach einem
Menschenalter ihre Hörer erreichende Beredtsamkeit. So gewiss man aus
Schopenhauer's religiös-moralischer Menschen- und Weltdeutung sehr
viel für das Verständniss des Christenthums und anderer Religionen
gewinnen kann, so gewiss ist es auch, dass er über den Werth der
Religion für die Erkenntniss sich geirrt hat. Er selbst war darin ein
nur zu folgsamer Schüler der wissenschaftlichen Lehrer seiner Zeit,
welche allesammt der Romantik huldigten und dem Geiste der Aufklärung
abgeschworen hatten; in unsere jetzige Zeit hineingeboren, würde er
unmöglich vom sensus allegoricus der Religion haben reden können; er
würde vielmehr der Wahrheit die Ehre gegeben haben, wie er es pflegte,
mit den Worten: noch nie hat eine Religion, weder mittelbar, noch
unmittelbar, weder als Dogma, noch als Gleichniss, eine Wahrheit
enthalten. Denn aus der Angst und dem Bedürfniss ist eine jede
geboren, auf Irrgängen der Vernunft hat sie sich in's Dasein
geschlichen; sie hat vielleicht einmal, im Zustande der Gefährdung
durch die Wissenschaft, irgend eine philosophische Lehre in ihr System
hineingelogen, damit man sie später darin vorfinde: aber diess ist ein
Theologenkunststück, aus der Zeit, in welcher eine Religion schon an
sich selber zweifelt. Diese Kunststücke der Theologie, welche freilich
im Christenthum, als der Religion eines gelehrten, mit Philosophie
durchtränkten Zeitalters, sehr früh schon geübt wurden, haben auf
jenen Aberglauben vom sensus allegoricus hingeleitet, noch mehr
aber die Gewohnheit der Philosophen (namentlich er Halbwesen, der
dichterischen Philosophen und der philosophirenden Künstler), alle
die Empfindungen, welche sie in sich vorfanden, als Grundwesen
des Menschen überhaupt zu behandeln und somit auch ihren eigenen
religiösen Empfindungen einen bedeutenden Einfluss auf den Gedankenbau
ihrer Systeme zu gestatten. Weil die Philosophen vielfach unter
dem Herkommen religiöser Gewohnheiten, oder mindestens unter der
altvererbten Macht jenes "metaphysischen Bedürfnisses" philosophirten,
so gelangten sie zu Lehrmeinungen, welche in der That den jüdischen
oder christlichen oder indischen Religionsmeinungen sehr ähnlich
sahen, - ähnlich nämlich, wie Kinder den Müttern zu sehen pflegen,
nur dass in diesem Falle die Väter sich nicht über jene Mutterschaft
klar waren, wie diess wohl vorkommt, - sondern in der Unschuld ihrer
Verwunderung von einer Familien-Aehnlichkeit aller Religion und
Wissenschaft fabelten. In der That besteht zwischen der Religion und
der wirklichen Wissenschaft nicht Verwandtschaft, noch Freundschaft,
noch selbst Feindschaft: sie leben auf verschiedenen Sternen. Jede
Philosophie, welche einen religiösen Kometenschweif in die Dunkelheit
ihrer letzten Aussichten hinaus erglänzen lässt, macht Alles an sich
verdächtig, was sie als Wissenschaft vorträgt: es ist diess Alles
vermuthlich ebenfalls Religion, wenngleich unter dem Aufputz der
Wissenschaft. - Uebrigens: wenn alle Völker über gewisse religiöse
Dinge, zum Beispiel die Existenz eines Gottes, übereinstimmten (was,
beiläufig gesagt, in Betreff dieses Punctes nicht der Fall ist), so
würde diess doch eben nur ein Gegenargument gegen jene behaupteten
Dinge, zum Beispiel die Existenz eines Gottes sein: der consensus
gentium und überhaupt hominum kann billigerweise nur einer Narrheit
gelten. Dagegen giebt es einen consensus omnium sapientium gar nicht,
in Bezug auf kein einziges Ding, mit jener Ausnahme, von welcher der
Goethe'sche Vers spricht:

    Alle die Weisesten aller der Zeiten
    lächeln und winken und stimmen mit ein:
    Thöricht, auf Bess'rung der Thoren zu harren!
    Kinder der Klugheit, o habet die Narren
    eben zum Narren auch, wie sich's gehört!

Ohne Vers und Reim gesprochen und auf unseren Fall angewendet: der
consensus sapientium besteht darin, dass der consensus gentium einer
Narrheit gilt.


111.

Ursprung des religiösen Cultus'. - Versetzen wir uns in die Zeiten
zurück, in welchen das religiöse Leben am kräftigsten aufblühte, so
finden wir eine Grundüberzeugung vor, welche wir jetzt nicht mehr
theilen und derentwegen wir ein für alle Mal die Thore zum religiösen
Leben uns verschlossen sehen: sie betrifft die Natur und den Verkehr
mit ihr. Man weiss in jenen Zeiten noch Nichts von Naturgesetzen;
weder für die Erde noch für den Himmel giebt es ein Müssen; eine
Jahreszeit, der Sonnenschein, der Regen kann kommen oder auch
ausbleiben. Es fehlt überhaupt jeder Begriff der natürlichen
Causalität. Wenn man rudert, ist es nicht das Rudern, was das Schiff
bewegt, sondern Rudern ist nur eine magische Ceremonie, durch welche
man einen Dämon zwingt, das Schiff zu bewegen. Alle Erkrankungen,
der Tod selbst ist Resultat magischer Einwirkungen. Es geht bei
Krankwerden und Sterben nie natürlich zu; die ganze Vorstellung vom
"natürlichen Hergang" fehlt, - sie dämmert erst bei den älteren
Griechen, das heisst in einer sehr späten Phase der Menschheit, in der
Conception der über den Göttern thronenden Moira. Wenn Einer mit dem
Bogen schiesst, so ist immer noch eine irrationelle Hand und Kraft
dabei; versiegen plötzlich die Quellen, so denkt man zuerst an
unterirdische Dämonen und deren Tücken; der Pfeil eines Gottes muss
es sein, unter dessen unsichtbarer Wirkung ein Mensch auf einmal
niedersinkt. In Indien pflegt (nach Lubbock) ein Tischler seinem
Hammer, seinem Beil und den übrigen Werkzeugen Opfer darzubringen;
ein Brahmane behandelt den Stift, mit dem er schreibt, ein Soldat die
Waffen, die er im Felde braucht, ein Maurer seine Kelle, ein Arbeiter
seinen Pflug in gleicher Weise. Die ganze Natur ist in der Vorstellung
religiöser Menschen eine Summe von Handlungen bewusster und wollender
Wesen, ein ungeheurer Complex von Willkürlichkeiten. Es ist in Bezug
auf Alles, was ausser uns ist, kein Schluss gestattet, dass irgend
Etwas so und so sein werde, so und so kommen müsse; das ungefähr
Sichere, Berechenbare sind wir: der Mensch ist die Regel, die Natur
die Regellosigkeit, - dieser Satz enthält die Grundüberzeugung, welche
rohe, religiös productive Urculturen beherrscht. Wir jetzigen Menschen
empfinden gerade völlig umgekehrt: je reicher jetzt der Mensch sich
innerlich fühlt, je polyphoner sein Subject ist, um so gewaltiger
wirkt auf ihn das Gleichmaass der Natur; wir Alle erkennen mit Goethe
in der Natur das grosse Mittel der Beschwichtigung für die moderne
Seele, wir hören den Pendelschlag der grössten Uhr mit einer Sehnsucht
nach Ruhe, nach Heimisch- und Stillewerden an, als ob wir dieses
Gleichmaass in uns hineintrinken und dadurch zum Genuss unser selbst
erst kommen könnten. Ehemals war es umgekehrt: denken wir an rohe,
frühe Zustände von Völkern zurück oder sehen wir die jetzigen Wilden
in der Nähe, so finden wir sie auf das stärkste durch das Gesetz, das
Herkommen bestimmt: das Individuum ist fast automatisch an dasselbe
gebunden und bewegt sich mit der Gleichförmigkeit eines Pendels. Ihm
muss die Natur - die unbegriffene, schreckliche, geheimnissvolle
Natur - als das Reich der Freiheit, der Willkür, der höheren Macht
erscheinen, ja gleichsam als eine übermenschliche Stufe des Daseins,
als Gott. Nun aber fühlt jeder Einzelne solcher Zeiten und Zustände,
wie von jenen Willkürlichkeiten der Natur seine Existenz, sein Glück,
das der Familie, des Staates, das Gelingen aller Unternehmungen
abhängen: einige Naturvorgänge müssen zur rechten Zeit eintreten,
andere zur rechten Zeit ausbleiben. Wie kann man einen Einfluss auf
diese furchtbaren Unbekannten ausüben, wie kann man das Reich der
Freiheit binden? so fragt er sich, so forscht er ängstlich: giebt
es denn keine Mittel, jene Mächte ebenso durch ein Herkommen und
Gesetz regelmässig zu machen, wie du selber regelmässig bist? - Das
Nachdenken der magie- und wundergläubigen Menschen geht dahin, der
Natur ein Gesetz auf zulegen -: und kurz gesagt, der religiöse Cultus
ist das Ergebniss dieses Nachdenkens. Das Problem, welches jene
Menschen sich vorlegen, ist auf das engste verwandt mit diesem: wie
kann der schwächere Stamm dem stärkeren doch Gesetze dictiren, ihn
bestimmen, seine Handlungen (im Verhalten zum schwächeren) leiten? Man
wird zuerst sich der harmlosesten Art eines Zwanges erinnern, jenes
Zwanges, den man ausübt, wenn man jemandes Neigung erworben hat.
Durch Flehen und Gebete, durch Unterwerfung, durch die Verpflichtung
zu regelmässigen Abgaben und Geschenken, durch schmeichelhafte
Verherrlichungen ist es also auch möglich, auf die Mächte der Natur
einen Zwang auszuüben, insofern man sie sich geneigt macht: Liebe
bindet und wird gebunden. Dann kann man Verträge schliessen, wobei
man sich zu bestimmtem Verhalten gegenseitig verpflichtet, Pfänder
stellt und Schwüre wechselt. Aber viel wichtiger ist eine Gattung
gewaltsameren Zwanges, durch Magie und Zauberei. Wie der Mensch mit
Hülfe des Zauberers einem stärkeren Feind doch zu schaden weiss und
ihn vor sich in Angst erhält, wie der Liebeszauber in die Ferne wirkt,
so glaubt der schwächere Mensch auch die mächtigeren Geister der Natur
bestimmen zu können. Das Hauptmittel aller Zauberei ist, dass man
Etwas in Gewalt bekommt, das jemandem zu eigen ist, Haare, Nägel,
etwas Speise von seinem Tisch, ja selbst sein Bild, seinen Namen. Mit
solchem Apparate kann man dann zaubern; denn die Grundvoraussetzung
lautet: zu allem Geistigen gehört etwas Körperliches; mit dessen Hülfe
vermag man den Geist zu binden, zu Schädigen, zu vernichten; das
Körperliche giebt die Handhabe ab, mit der man das Geistige fassen
kann. So wie nun der Mensch den Menschen bestimmt, so bestimmt er auch
irgend einen Naturgeist; denn dieser hat auch sein Körperliches, an
dem er zu fassen ist. Der Baum und, verglichen mit ihm, der Keim,
aus dem er entstand, - dieses räthselhafte Nebeneinander scheint
zu beweisen, dass in beiden Formen sich ein und der selbe Geist
eingekörpert habe, bald klein, bald gross. Ein Stein, der plötzlich
rollt, ist der Leib, in welchem ein Geist wirkt; liegt auf einsamer
Haide ein Block, erscheint es unmöglich, an Menschenkraft zu denken,
die ihn hierher gebracht habe, so muss also der Stein sich selbst
hinbewegt haben, das heisst: er muss einen Geist beherbergen. Alles,
was einen Leib hat, ist der Zauberei zugänglich, also auch die
Naturgeister. Ist ein Gott geradezu an sein Bild gebunden, so kann
man auch ganz directen Zwang (durch Verweigerung der Opfernahrung,
Geisseln, in-Fesseln-Legen und Aehnliches) gegen ihn ausüben. Die
geringen Leute in China umwinden, um die fehlende Gunst ihres Gottes
zu ertrotzen, das Bild desselben, der sie in Stich gelassen hat, mit
Stricken, reissen es nieder, schleifen es über die Strassen durch
Lehm- und Düngerhaufen; "du Hund von einem Geiste, sagen sie, wir
liessen dich in einem prächtigen Tempel wohnen, wir vergoldeten dich
hübsch, wir fütterten dich gut, wir brachten dir Opfer und doch bist
du so undankbar." Aehnliche Gewaltmaassregeln gegen Heiligen- und
Muttergottesbilder, wenn sie etwa bei Pestilenzen oder Regenmangel
ihre Schuldigkeit nicht thun wollten, sind noch während dieses
Jahrhunderts in katholischen Ländern vorgekommen. - Durch alle diese
zauberischen Beziehungen zur Natur sind unzählige Ceremonien in's
Leben gerufen: und endlich, wenn der Wirrwarr derselben zu gross
geworden ist, bemüht man sich, sie zu ordnen, zu systematisiren,
so dass man den günstigen Verlauf des gesammten Ganges der
Natur, namentlich des grossen Jahreskreislaufs, sich durch einen
entsprechenden Verlauf eines Proceduren-Systems zu verbürgen meint.
Der Sinn des religiösen Cultus' ist, die Natur zu menschlichem
Vortheil zu bestimmen und zu bannen, also ihr eine Gesetzlichkeit
einzuprägen, die sie von vornherein nicht hat; während in der jetzigen
Zeit man die Gesetzlichkeit der Natur erkennen will, um sich in sie zu
schicken. Kurz, der religiöse Cultus ruht auf den Vorstellungen der
Zauberei zwischen Mensch und Mensch; und der Zauberer ist älter,
als der Priester. Aber ebenso ruht er auf anderen und edleren
Vorstellungen; er setzt das sympathische Verhältniss von Mensch zu
Mensch, das Dasein von Wohlwollen, Dankbarkeit, Erhörung Bittender,
von Verträgen zwischen Feinden, von Verleihung der Unterpfänder, von
Anspruch auf Schutz des Eigenthums voraus. Der Mensch steht auch in
sehr niederen Culturstufen nicht der Natur als ohnmächtiger Sclave
gegenüber, er ist nicht nothwendig der willenlose Knecht derselben:
auf der griechischen Stufe der Religion, besonders im Verhalten zu den
olympischen Göttern, ist sogar an ein Zusammenleben von zwei Kasten,
einer vornehmeren, mächtigeren und einer weniger vornehmen zu denken;
aber beide gehören, ihrer Herkunft nach, irgendwie zusammen und sind
Einer Art, sie brauchen sich vor einander nicht zu schämen. Das ist
das Vornehme in der griechischen Religiosität.


112.

Beim Anblick gewisser antiker Opfergeräthschaften. - Wie manche
Empfindungen uns verloren gehen, ist zum Beispiel an der Vereinigung
des Possenhaften, selbst des Obscönen, mit dem religiösen Gefühl zu
sehen: die Empfindung für die Möglichkeit dieser Mischung schwindet,
wir begreifen es nur noch historisch, dass sie existirte, bei den
Demeter- und Dionysosfesten, bei den christlichen Osterspielen und
Mysterien: aber auch wir kennen noch das Erhabene im Bunde mit
dem Burlesken und dergleichen, das Rührende mit dem Lächerlichen
verschmolzen: was vielleicht eine spätere Zeit auch nicht mehr
verstehen wird.


113.

Christenthum als Alterthum. - Wenn wir eines Sonntag Morgens die alten
Glocken brummen hören, da fragen wir uns: ist es nur möglich! diess
gilt einem vor zwei Jahrtausenden gekreuzigten Juden, welcher sagte,
er sei Gottes Sohn. Der Beweis für eine solche Behauptung fehlt. -
Sicherlich ist innerhalb unserer Zeiten die christliche Religion
ein aus ferner Vorzeit hereinragendes Alterthum, und dass man jene
Behauptung glaubt, - während man sonst so streng in der Prüfung von
Ansprüchen ist -, ist vielleicht das älteste Stück dieses Erbes. Ein
Gott, der mit einem sterblichen Weibe Kinder erzeugt; ein Weiser, der
auffordert, nicht mehr zu arbeiten, nicht mehr Gericht zu halten, aber
auf die Zeichen des bevorstehenden Weltunterganges zu achten; eine
Gerechtigkeit, die den Unschuldigen als stellvertretendes Opfer
annimmt; jemand, der seine jünger sein Blut trinken heisst; Gebete
um Wundereingriffe; Sünden an einem Gott verübt, durch einen Gott
gebüsst; Furcht vor einem jenseits, zu welchem der Tod die Pforte ist;
die Gestalt des Kreuzes als Symbol inmitten einer Zeit, welche die
Bestimmung und die Schmach des Kreuzes nicht mehr kennt, - wie
schauerlich weht uns diess Alles, wie aus dem Grabe uralter
Vergangenheit, an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt
wird?


114.

Das Ungriechische im Christenthum. - Die Griechen sahen über sich die
homerischen Götter nicht als Herren und sich unter ihnen nicht als
Knechte, wie die Juden. Sie sahen gleichsam nur das Spiegelbild der
gelungensten Exemplare ihrer eigenen Kaste, also ein Ideal, keinen
Gegensatz des eigenen Wesens. Man fühlt sich mit einander verwandt, es
besteht ein gegenseitiges Interesse, eine Art Symmachie. Der Mensch
denkt vornehm von sich, wenn er sich solche Götter giebt, und stellt
sich in ein Verhältniss, wie das des niedrigeren Adels zum höheren
ist; während die italischen Völker eine rechte Bauern-Religion haben,
mit fortwährender Aengstlichkeit gegen böse und launische Machtinhaber
und Quälgeister. Wo die olympischen Götter zurücktraten, da war auch
das griechische Leben düsterer und ängstlicher. - Das Christenthum
dagegen zerdrückte und zerbrach den Menschen vollständig und versenkte
ihn wie in tiefen Schlamm: in das Gefühl völliger Verworfenheit
liess es dann mit Einem Male den Glanz eines göttlichen Erbarmens
hineinleuchten, so dass der Ueberraschte, durch Gnade Betäubte, einen
Schrei des Entzückens ausstiess und für einen Augenblick den ganzen
Himmel in sich zu tragen glaubte. Auf diesen krankhaften Excess des
Gefühls, auf die dazu nöthige tiefe Kopf- und Herz-Corruption wirken
alle psychologischen Erfindungen des Christenthums hin: es will
vernichten, zerbrechen, betäuben, berauschen, es will nur Eins nicht:
das Maass, und desshalb ist es im tiefsten Verstande barbarisch,
asiatisch, unvornehm, ungriechisch.


115.

Mit Vortheil religiös sein. - Es giebt nüchterne und gewerbstüchtige
Leute, denen die Religion wie ein Saum höheren Menschenthums
angestickt ist: diese thun sehr wohl, religiös zu bleiben, es
verschönert sie. - Alle Menschen, welche sich nicht auf irgend ein
Waffenhandwerk verstehen - Mund und Feder als Waffen eingerechnet -
werden servil: für solche ist die christliche Religion sehr nützlich,
denn die Servilität nimmt darin den Anschein einer christlichen Tugend
an und wird erstaunlich verschönert. - Leute, welchen ihr tägliches
Leben zu leer und eintönig vorkommt, werden leicht religiös: diess ist
begreiflich und verzeihlich, nur haben sie kein Recht, Religiosität
von Denen zu fordern, denen das tägliche Leben nicht leer und eintönig
verfliesst.


116.

Der Alltags-Christ. - Wenn das Christenthum mit seinen Sätzen vom
rächenden Gotte, der allgemeinen Sündhaftigkeit, der Gnadenwahl und
der Gefahr einer ewigen Verdammniss, Recht hätte, so wäre es ein
Zeichen von Schwachsinn und Charakterlosigkeit, nicht Priester,
Apostel oder Einsiedler zu werden und mit Furcht und Zittern einzig am
eigenen Heile zu arbeiten; es wäre unsinnig, den ewigen Vortheil gegen
die zeitliche Bequemlichkeit so aus dem Auge zu lassen. Vorausgesetzt,
dass überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltags-Christ eine
erbärmliche Figur, ein Mensch, der wirklich nicht bis drei
zählen kann, und der übrigens, gerade wegen seiner geistigen
Unzurechnungsfähigkeit, es nicht verdiente, so hart bestraft zu
werden, als das Christenthum ihm verheisst.


117.

Von der Klugheit des Christenthums. - Es ist ein Kunstgriff des
Christenthums, die völlige Unwürdigkeit, Sündhaftigkeit und
Verächtlichkeit des Menschen überhaupt so laut zu lehren, dass die
Verachtung der Mitmenschen dabei nicht mehr möglich ist. "Er mag
sündigen, wie er wolle, er unterscheidet sich doch nicht wesentlich
von mir: ich bin es, der in jedem Grade unwürdig und verächtlich
ist," so sagt sich der Christ. Aber auch dieses Gefühl hat seinen
spitzigsten Stachel verloren, weil der Christ nicht an seine
individuelle Verächtlichkeit glaubt: er ist böse als Mensch überhaupt
und beruhigt sich ein Wenig bei dem Satze: Wir Alle sind Einer Art.


118.

Personenwechsel. - Sobald eine Religion herrscht, hat sie alle Die zu
ihren Gegnern, welche ihre ersten jünger gewesen wären.


119.

Schicksal des Christenthums. - Das Christenthum entstand, um das Herz
zu erleichtern; aber jetzt müsste es das Herz erst beschweren, um es
nachher erleichtern zu können. Folglich wird es zu Grunde gehen.


120.

Der Beweis der Lust. - Die angenehme Meinung wird als wahr angenommen:
diess ist der Beweis der Lust (oder, wie die Kirche sagt, der Beweis
der Kraft), auf welchen alle Religionen so stolz sind, während sie
sich dessen doch schämen sollten. Wenn der Glaube nicht selig machte,
so würde er nicht geglaubt werden: wie wenig wird er also werth sein!


121.

Gefährliches Spiel. - Wer jetzt der religiösen Empfindung wieder in
sich Raum giebt, der muss sie dann auch wachsen lassen, er kann nicht
anders. Da verändert sich allmählich sein Wesen, es bevorzugt das dem
religiösen Element Anhängende, Benachbarte, der ganze Umkreis des
Urtheilens und Empfindens wird umwölkt, mit religiösen Schatten
überflogen. Die Empfindung kann nicht still stehen; man nehme sich
also in Acht.


122.

Die blinden Schüler. - So lange Einer sehr gut die Stärke und,
Schwäche seiner Lehre, seiner Kunstart, seiner Religion kennt, ist
deren Kraft noch gering. Der Schüler und Apostel, welcher für die
Schwäche der Lehre, der Religion und so weiter, kein Auge hat,
geblendet durch das Ansehen des Meisters und durch seine Pietät gegen
ihn, hat desshalb gewöhnlich mehr Macht, als der Meister. Ohne die
blinden Schüler ist noch nie der Einfluss eines Mannes und seines
Werkes gross geworden. Einer Erkenntniss zum Siege verhelfen heisst
oft nur: sie so mit der Dummheit verschwistern, dass das Schwergewicht
der letzteren auch den Sieg für die erstere erzwingt.


123.

Abbruch der Kirchen. - Es ist nicht genug an Religion in der Welt, um
die Religionen auch nur zu vernichten.


124.

Sündlosigkeit des Menschen. - Hat man begriffen, "wie die Sünde in
die Welt gekommen" ist, nämlich durch Irrthümer der Vernunft, vermöge
deren die Menschen unter einander, ja der einzelne Mensch sich selbst
für viel schwärzer und böser nimmt, als es thatsächlich der Fall ist,
so wird die ganze Empfindung sehr erleichtert, und Menschen und Welt
erscheinen mitunter in einer Glorie von Harmlosigkeit, dass es Einem
von Grund aus wohl dabei wird. Der Mensch ist inmitten der Natur
immer das Kind an sich. Diess Kind träumt wohl einmal einen schweren
beängstigenden Traum, wenn es aber die Augen aufschlägt, so sieht es
sich immer wieder im Paradiese.


125.

Irreligiosität der Künstler. - Homer ist unter seinen Göttern so zu
Hause: und hat als Dichter ein solches Behagen an ihnen, dass er
jedenfalls tief unreligiös gewesen sein muss; mit dem, was der
Volksglaube ihm entgegenbrachte - einen dürftigen, rohen, zum Theil
schauerlichen Aberglauben - verkehrte er so frei, wie der Bildhauer
mit seinem Thon, also mit der selben Unbefangenheit, welche Aeschylus
und Aristophanes besassen und durch welche sich in neuerer Zeit
die grossen Künstler der Renaissance, sowie Shakespeare und Goethe
auszeichneten.


126.

Kunst und Kraft der falschen Interpretation. - Alle die Visionen,
Schrecken, Ermattungen, Entzückungen des Heiligen sind bekannte
Krankheits-Zustände, welche von ihm, auf Grund eingewurzelter
religiöser und psychologischer Irrthümer, nur ganz anders, nämlich
nicht als Krankheiten, gedeutet werden. - So ist vielleicht auch das
Dämonion des Sokrates ein Ohrenleiden, das er sich, gemäss seiner
herrschenden moralischen Denkungsart, nur anders, als es jetzt
geschehen würde, auslegt. Nicht anders steht es mit dem Wahnsinn und
Wahnreden der Propheten und Orakelpriester; es ist immer der Grad
von Wissen, Phantasie, Bestrebung, Moralität in Kopf und Herz der
Interpreten, welcher daraus so viel gemacht hat. Zu den grössten
Wirkungen der Menschen, welche man Genie's und Heilige nennt, gehört
es, dass sie sich Interpreten erzwingen, welche sie zum Heile der
Menschheit missverstehen.


127.

Verehrung des Wahnsinns. - Weil man bemerkte, dass eine Erregung
häufig den Kopf heller machte und glückliche Einfälle hervorrief, so
meinte man, durch die höchsten Erregungen werde man der glücklichsten
Einfälle und Eingebungen theilhaftig: und so verehrte man den
Wahnsinnigen als den Weisen und Orakelgebenden. Hier liegt ein
falscher Schluss zu Grunde.


128.

Verheissungen der Wissenschaft. - Die moderne Wissenschaft hat als
Ziel: so wenig Schmerz wie möglich, so lange leben wie möglich, -
also eine Art von ewiger Seligkeit, freilich eine sehr bescheidene im
Vergleich mit den Verheissungen der Religionen.


129.

Verbotene Freigebigkeit. - Es ist nicht genug Liebe und Güte in der
Welt, um noch davon an eingebildete Wesen wegschenken zu dürfen.


130.

Fortleben des religiösen Cultus' im Gemüth. - Die katholische Kirche,
und vor ihr aller antike Cultus, beherrschte das ganze Bereich von
Mitteln, durch welche der Mensch in ungewöhnliche Stimmungen versetzt
wird und der kalten Berechnung des Vortheils oder dem reinen
Vernunft-Denken entrissen wird. Eine durch tiefe Töne erzitternde
Kirche, dumpfe, regelmässige, zurückhaltende Anrufe einer
priesterlichen Schaar, welche ihre Spannung unwillkürlich auf die
Gemeinde überträgt und sie fast angstvoll lauschen lässt, wie als wenn
eben ein Wunder sich vorbereitete, der Anhauch der Architektur, welche
als Wohnung einer Gottheit sich in's Unbestimmte ausreckt und in allen
dunklen Räumen das Sich-Regen derselben fürchten lässt, - wer wollte
solche Vorgänge den Menschen zurückbringen, wenn die Voraussetzungen
dazu nicht mehr geglaubt werden? Aber die Resultate von dem Allen sind
trotzdem nicht verloren: die innere Welt der erhabenen, gerührten,
ahnungsvollen, tiefzerknirschten, hoffnungsseligen Stimmungen ist den
Menschen vornehmlich durch den Cultus eingeboren worden; was jetzt
davon in der Seele existirt, wurde damals, als er keimte, wuchs und
blühte, gross gezüchtet.


131.

Religiöse Nachwehen. - Glaubt man sich noch so sehr der Religion
entwöhnt zu haben, so ist es doch nicht in dem Grade geschehen, dass
man nicht Freude hätte, religiösen Empfindungen und Stimmungen ohne
begrifflichen Inhalt zu begegnen, zum Beispiel in der Musik; und wenn
eine Philosophie uns die Berechtigung von metaphysischen Hoffnungen,
von dem dorther zu erlangenden tiefen Frieden der Seele aufzeigt und
zum Beispiel von "dem ganzen sichern Evangelium im Blick der Madonnen
bei Rafael" spricht, so kommen wir solchen Aussprüchen und Darlegungen
mit besonders herzlicher Stimmung entgegen: der Philosoph hat es hier
leichter, zu beweisen, er entspricht mit dem, was er geben will, einem
Herzen, welches gern nehmen will. Daran bemerkt man, wie die weniger
bedachtsamen Freigeister eigentlich nur an den Dogmen Anstoss nehmen,
aber recht wohl den Zauber der religiösen Empfindung kennen; es thut
ihnen wehe, letztere fahren zu lassen, um der ersteren willen. -
Die wissenschaftliche Philosophie muss sehr auf der Hut sein, nicht
auf Grund jenes Bedürfnisses - eines gewordenen und folglich auch
vergänglichen Bedürfnisses - Irrthümer einzuschmuggeln: selbst Logiker
sprechen von "Ahnungen" der Wahrheit in Moral und Kunst (zum Beispiel
von der Ahnung, "dass das Wesen der Dinge Eins ist"): was ihnen doch
verboten sein sollte. Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten
und solchen" geahnten" Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass
jene dem Intellect, diese dem Bedürfniss verdankt werden. Der Hunger
beweist nicht, dass es zu seiner Sättigung eine Speise giebt, aber er
wünscht die Speise. "Ahnen" bedeutet nicht das Dasein einer Sache in
irgend einem Grade erkennen, sondern dasselbe für möglich halten,
insofern man sie wünscht oder fürchtet; die "Ahnung" trägt keinen
Schritt weit in's Land der Gewissheit. - Man glaubt unwillkürlich, die
religiös gefärbten Abschnitte einer Philosophie seien besser bewiesen,
als die anderen; aber es ist im Grunde umgekehrt, man hat nur den
inneren Wunsch, dass es so sein möge, - also dass das Beseligende auch
das Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute
einzukaufen.


132.

Von dem christlichen Erlösungsbedürfniss. - Bei sorgsamer Ueberlegung
muss es möglich sein, dem Vorgange in der Seele eines Christen,
welchen man Erlösungsbedürfniss nennt, eine Erklärung abzugewinnen,
die frei von Mythologie ist: also eine rein psychologische. Bis jetzt
sind freilich die psychologischen Erklärungen religiöser Zustände und
Vorgänge in einigem Verrufe gewesen, insoweit eine sich frei nennende
Theologie auf diesem Gebiete ihr unerspriessliches Wesen trieb: denn
bei ihr war es von vornherein, sowie es der Geist ihres Stifters,
Schleiermacher's, vermuthen lässt, auf die Erhaltung der christlichen
Religion und das Fortbestehen der christlichen Theologen abgesehen;
als welche in der psychologischen Analysis der religiösen "Thatsachen"
einen neuen Ankergrund und vor Allem eine neue Beschäftigung gewinnen
sollten. Unbeirrt von solchen Vorgängern, wagen wir folgende Auslegung
des bezeichneten Phänomens. Der Mensch ist sich gewisser Handlungen
bewusst, welche in der gebräuchlichen Rangordnung der Handlungen tief
stehen, ja er entdeckt in sich einen Hang zu dergleichen Handlungen,
der ihm fast so unveränderlich wie sein ganzes Wesen erscheint. Wie
gerne versuchte er sich in jener anderen Gattung von Handlungen,
welche in der allgemeinen Schätzung als die obersten und höchsten
anerkannt sind, wie gerne fühlte er sich voll des guten Bewusstseins,
welches einer selbstlosen Denkweise folgen soll! Leider aber bleibt es
eben bei diesem Wunsche: die Unzufriedenheit darüber, demselben nicht
genügen zu können, kommt zu allen übrigen Arten von Unzufriedenheit
hinzu, welche sein Lebensloos überhaupt oder die Folgen jener
böse genannten Handlungen in ihm erregt haben; so dass eine tiefe
Verstimmung entsteht, mit dem Ausblicke nach einem Arzte, der diese,
und alle ihre Ursachen, zu heben vermöchte. - Dieser Zustand würde
nicht so bitter empfunden werden, wenn der Mensch sich nur mit anderen
Menschen unbefangen vergliche: dann nämlich hätte er keinen Grund, mit
sich in einem besonderen Maasse unzufrieden zu sein, er trüge eben
nur an der allgemeinen Last der menschlichen Unbefriedigung und
Unvollkommenheit. Aber er vergleicht sich mit einem Wesen, welches
allein jener Handlungen fähig ist, die unegoistisch genannt werden,
und im fortwährenden Bewusstsein einer selbstlosen Denkweise lebt,
mit Gott; dadurch, dass er in diesen hellen Spiegel schaut, erscheint
ihm sein Wesen so trübe, so ungewöhnlich verzerrt. Sodann ängstigt
ihn der Gedanke an das selbe Wesen, insofern dieses als strafende
Gerechtigkeit vor seiner Phantasie schwebt: in allen möglichen kleinen
und grossen Erlebnissen glaubt er seinen Zorn, seine Drohung zu
erkennen, ja die Geisselschläge seines Richter- und Henkerthums schon
vorzuempfinden. Wer hilft ihm in dieser Gefahr, welche durch den
Hinblick auf eine unermessliche Zeitdauer der Strafe an Grässlichkeit
alle anderen Schrecknisse der Vorstellung überbietet?


133.

Bevor wir diesen Zustand in seinen weiteren Folgen uns vorlegen,
wollen wir es doch uns eingestehen, dass der Mensch in diesen Zustand
nicht durch seine "Schuld" und "Sünde", sondern durch eine Reihe von
Irrthümern der Vernunft gerathen ist, dass es der Fehler des Spiegels
war, wenn ihm sein Wesen in jenem Grade dunkel und hassenswerth
vorkam, und dass jener Spiegel sein Werk, das sehr unvollkommene Werk
der menschlichen Phantasie und Urtheilskraft war. Erstens ist ein
Wesen, welches einzig rein unegoistischer Handlungen fähig wäre,
noch fabelhafter als der Vogel Phönix; es ist deutlich nicht einmal
vorzustellen, schon desshalb, weil der ganze Begriff "unegoistische
Handlung" bei strenger Untersuchung in die Luft verstiebt. Nie hat ein
Mensch Etwas gethan, das allein für Andere und ohne jeden persönlichen
Beweggrund gethan wäre; ja wie sollte er Etwas thun können, das ohne
Bezug zu ihm wäre, also ohne innere Nöthigung (welche ihren Grund doch
in einem persönlich

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