Jenseits von Gut und Böse
by Friedrich Wilhelm Nietzsche · German · Gutenberg #7204 · 412,978 chars · public domain (US)
The Project Gutenberg eBook of Jenseits von Gut und Böse
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Jenseits von Gut und Böse
Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche
Release date: January 1, 2005 [eBook #7204]
Most recently updated: December 30, 2020
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/7204
Credits: This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg DE"
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENSEITS VON GUT UND BÖSE ***
This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg -
DE" (http://www.gutenberg2000.de/nietzsche/jenseits/0htmldir.htm),
prepared by juergen@redestb.es.
Friedrich Nietzsche
Jenseits von Gut und Böse
Inhalt
Vorrede
1. Hauptstück: Von den Vorurtheilen der Philosophen.
2. Hauptstück: Der freie Geist.
3. Hauptstück: Das religiöse Wesen.
4. Hauptstück: Sprüche und Zwischenspiele.
5. Hauptstück: Zur Naturgeschichte der Moral.
6. Hauptstück: Wir Gelehrten.
7. Hauptstück: Unsere Tugenden.
8. Hauptstück: Völker und Vaterländer.
9. Hauptstück: Was ist vornehm?
Aus hohen Bergen. Nachgesang.
Jenseits von Gut und Böse
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
Vorrede.
Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht
nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren,
sich schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst,
die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit
zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um
gerade ein Frauenzimmer für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie
sich nicht hat einnehmen lassen: - und jede Art Dogmatik steht heute
mit betrübter und muthloser Haltung da. Wenn sie überhaupt noch steht!
Denn es giebt Spötter, welche behaupten, sie sei gefallen, alle
Dogmatik liege zu Boden, mehr noch, alle Dogmatik liege in den letzten
Zügen. Ernstlich geredet, es giebt gute Gründe zu der Hoffnung, dass
alles Dogmatisiren in der Philosophie, so feierlich, so end- und
letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch nur eine edle Kinderei
und Anfängerei gewesen sein möge; und die Zeit ist vielleicht sehr
nahe, wo man wieder und wieder begreifen wird, was eigentlich
schon ausgereicht hat, um den Grundstein zu solchen erhabenen und
unbedingten Philosophen-Bauwerken abzugeben, welche die Dogmatiker
bisher aufbauten, - irgend ein Volks-Aberglaube aus unvordenklicher
Zeit (wie der Seelen-Aberglaube, der als Subjekt- und Ich-Aberglaube
auch heute noch nicht aufgehört hat, Unfug zu stiften), irgend ein
Wortspiel vielleicht, eine Verführung von Seiten der Grammatik
her oder eine verwegene Verallgemeinerung von sehr engen, sehr
persönlichen, sehr menschlich-allzumenschlichen Thatsachen. Die
Philosophie der Dogmatiker war hoffentlich nur ein Versprechen über
Jahrtausende hinweg: wie es in noch früherer Zeit die Astrologie war,
für deren Dienst vielleicht mehr Arbeit, Geld, Scharfsinn, Geduld
aufgewendet worden ist, als bisher für irgend eine wirkliche
Wissenschaft: - man verdankt ihr und ihren "überirdischen" Ansprüchen
in Asien und Agypten den grossen Stil der Baukunst. Es scheint, dass
alle grossen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen Forderungen in
das Herz einzuschreiben, erst als ungeheure und furchteinflössende
Fratzen über die Erde hinwandeln müssen: eine solche Fratze war die
dogmatische Philosophie, zum Beispiel die Vedanta-Lehre in Asien, der
Platonismus in Europa. Seien wir nicht undankbar gegen sie, so gewiss
es auch zugestanden werden muss, dass der schlimmste, langwierigste
und gefährlichste aller Irrthümer bisher ein Dogmatiker-Irrthum
gewesen ist, nämlich Plato's Erfindung vom reinen Geiste und vom Guten
an sich. Aber nunmehr, wo er überwunden ist, wo Europa von diesem
Alpdrucke aufathmet und zum Mindesten eines gesunderen - Schlafs
geniessen darf, sind wir, deren Aufgabe das Wachsein selbst ist,
die Erben von all der Kraft, welche der Kampf gegen diesen Irrthum
grossgezüchtet hat. Es hiess allerdings die Wahrheit auf den Kopf
stellen und das Perspektivische, die Grundbedingung alles Lebens,
selber verleugnen, so vom Geiste und vom Guten zu reden, wie Plato
gethan hat; ja man darf, als Arzt, fragen: "woher eine solche
Krankheit am schönsten Gewächse des Alterthums, an Plato? hat ihn doch
der böse Sokrates verdorben? wäre Sokrates doch der Verderber der
Jugend gewesen? und hätte seinen Schlierling verdient?" - Aber der
Kampf gegen Plato, oder, um es verständlicher und für's "Volk"
zu sagen, der Kampf gegen den christlich-kirchlichen Druck von
Jahrtausenden - denn Christenthum ist Platonismus für's "Volk" - hat
in Europa eine prachtvolle Spannung des Geistes geschaffen, wie sie
auf Erden noch nicht da war: mit einem so gespannten Bogen kann man
nunmehr nach den fernsten Zielen schiessen. Freilich, der europäische
Mensch empfindet diese Spannung als Nothstand; und es ist schon zwei
Mal im grossen Stile versucht worden, den Bogen abzuspannen, einmal
durch den Jesuitismus, zum zweiten Mal durch die demokratische
Aufklärung: - als welche mit Hülfe der Pressfreiheit und des
Zeitunglesens es in der That erreichen dürfte, dass der Geist sich
selbst nicht mehr so leicht als "Noth" empfindet! (Die Deutschen haben
das Pulver erfunden - alle Achtung! aber sie haben es wieder quitt
gemacht - sie erfanden die Presse.) Aber wir, die wir weder Jesuiten,
noch Demokraten, noch selbst Deutsche genug sind, wir guten Europäer
und freien, sehr freien Geister - wir haben sie noch, die ganze Noth
des Geistes und die ganze Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch
den Pfeil, die Aufgabe, wer weiss? das Ziel.....
Sils-Maria,
Oberengadin im Juni 1885.
Erstes Hauptstück:
Von den Vorurtheilen der Philosophen.
1.
Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen
wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher
mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille
zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen
fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte, - und
doch scheint es, dass sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn
wir endlich einmal misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns
ungeduldig umdrehn? Dass wir von dieser Sphinx auch unserseits das
Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stellt?
Was in uns will eigentlich "zur Wahrheit"? - In der that, wir machten
langen Halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens, - bis
wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar stehen
blieben. Wir fragten nach dem Werthe dieses Willens. Gesetzt, wir
wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit?
Selbst Unwissenheit? - Das Problem vom Werthe der Wahrheit trat vor
uns hin, - oder waren wir's, die vor das Problem hin traten? Wer von
uns ist hier Oedipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es
scheint, von Fragen und Fragezeichen. - Und sollte man's glauben, dass
es uns schliesslich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher
gestellt, - als sei es von uns zum ersten Male gesehn, in's Auge
gefasst, gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei, und vielleicht giebt es
kein grösseres.
2.
"Wie könnte Etwas aus seinem Gegensatz entstehn? Zum Beispiel die
Wahrheit aus dem Irrthume? Oder der Wille zur Wahrheit aus dem Willen
zur Täuschung? Oder die selbstlose Handlung aus dem Eigennutze? Oder
das reine sonnenhafte Schauen des Weisen aus der Begehrlichkeit?
Solcherlei Entstehung ist unmöglich; wer davon träumt, ein Narr, ja
Schlimmeres; die Dinge höchsten Werthes müssen einen anderen, eigenen
Ursprung haben, - aus dieser vergänglichen verführerischen täuschenden
geringen Welt, aus diesem Wirrsal von Wahn und Begierde sind sie
unableitbar! Vielmehr im Schoosse des Sein's, im Unvergänglichen,
im verborgenen Gotte, im `Ding an sich` - da muss ihr Grund liegen,
und sonst nirgendswo!" - Diese Art zu urtheilen macht das typische
Vorurtheil aus, an dem sich die Metaphysiker aller Zeiten wieder
erkennen lassen; diese Art von Werthschätzungen steht im Hintergrunde
aller ihrer logischen Prozeduren; aus diesem ihrem "Glauben" heraus
bemühn sie sich um ihr "Wissen", um Etwas, das feierlich am Ende als
"die Wahrheit" getauft wird. Der Grundglaube der Metaphysiker ist der
Glaube an die Gegensätze der Werthe. Es ist auch den Vorsichtigsten
unter ihnen nicht eingefallen, hier an der Schwelle bereits zu
zweifeln, wo es doch am nöthigsten war: selbst wenn sie sich gelobt
hatten "de omnibus dubitandum". Man darf nämlich zweifeln, erstens, ob
es Gegensätze überhaupt giebt, und zweitens, ob jene volksthümlichen
Werthschätzungen und Werth-Gegensätze, auf welche die Metaphysiker ihr
Siegel gedrückt haben, nicht vielleicht nur Vordergrunds-Schätzungen
sind, nur vorläufige Perspektiven, vielleicht noch dazu aus einem
Winkel heraus, vielleicht von Unten hinauf, Frosch-Perspektiven
gleichsam, um einen Ausdruck zu borgen, der den Malern geläufig ist?
Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen
zukommen mag: es wäre möglich, dass dem Scheine, dem Willen zur
Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer
und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben werden müsste. Es wäre sogar
noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge
ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar
entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft,
verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! - Aber wer
ist Willens, sich um solche gefährliche Vielleichts zu kümmern! Man
muss dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen
abwarten, solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack
und Hang haben als die bisherigen, - Philosophen des gefährlichen
Vielleicht in jedem Verstande. - Und allen Ernstes gesprochen: ich
sehe solche neue Philosophen heraufkommen.
3.
Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen und auf
die Finger gesehn habe, sage ich mir: man muss noch den grössten Theil
des bewussten Denkens unter die Instinkt-Thätigkeiten rechnen, und
sogar im Falle des philosophischen Denkens; man muss hier umlernen,
wie man in Betreff der Vererbung und des "Angeborenen" umgelernt hat.
So wenig der Akt der Geburt in dem ganzen Vor- und Fortgange der
Vererbung in Betracht kommt: ebenso wenig ist "Bewusstsein" in irgend
einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven entgegengesetzt, - das
meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte
heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen. Auch hinter aller
Logik und ihrer anscheinenden Selbstherrlichkeit der Bewegung stehen
Werthschätzungen, deutlicher gesprochen, physiologische Forderungen
zur Erhaltung einer bestimmten Art von Leben. Zum Beispiel, dass das
Bestimmte mehr werth sei als das Unbestimmte, der Schein weniger werth
als die "Wahrheit": dergleichen Schätzungen könnten, bei aller ihrer
regulativen Wichtigkeit für uns, doch nur Vordergrunds-Schätzungen
sein, eine bestimmte Art von niaiserie, wie sie gerade zur Erhaltung
von Wesen, wie wir sind, noth thun mag. Gesetzt nämlich, dass nicht
gerade der Mensch das "Maass der Dinge" ist.....
4.
Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein
Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die
Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Arterhaltend,
vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu
behaupten, dass die falschesten Urtheile (zu denen die synthetischen
Urtheile a priori gehören) uns die unentbehrlichsten sind, dass
ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein Messen
der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Unbedingten,
Sich-selbst-Gleichen, ohne eine beständige Fälschung der Welt durch
die Zahl der Mensch nicht leben könnte, - dass Verzichtleisten auf
falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des
Lebens wäre. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heisst
freilich auf eine gefährliche Weise den gewohnten Werthgefühlen
Widerstand leisten; und eine Philosophie, die das wagt, stellt sich
damit allein schon jenseits von Gut und Böse.
5.
Was dazu reizt, auf alle Philosophen halb misstrauisch, halb spöttisch
zu blicken, ist nicht, dass man wieder und wieder dahinter kommt, wie
unschuldig sie sind - wie oft und wie leicht sie sich vergreifen und
verirren, kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit - sondern dass es bei
ihnen nicht redlich genug zugeht: während sie allesammt einen grossen
und tugendhaften Lärm machen, sobald das Problem der Wahrhaftigkeit
auch nur von ferne angerührt wird. Sie stellen sich sämmtlich, als
ob sie ihre eigentlichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer
kalten, reinen, göttlich unbekümmerten Dialektik entdeckt und erreicht
hätten (zum Unterschiede von den Mystikern jeden Rangs, die ehrlicher
als sie und tölpelhafter sind - diese reden von "Inspiration" -):
während im Grunde ein vorweggenommener Satz, ein Einfall, eine
"Eingebung", zumeist ein abstrakt gemachter und durchgesiebter
Herzenswunsch von ihnen mit hinterher gesuchten Gründen vertheidigt
wird: - sie sind allesammt Advokaten, welche es nicht heissen wollen,
und zwar zumeist sogar verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile,
die sie "Wahrheiten" taufen - und sehr ferne von der Tapferkeit des
Gewissens, das sich dies, eben dies eingesteht, sehr ferne von dem
guten Geschmack der Tapferkeit, welche dies auch zu verstehen giebt,
sei es um einen Feind oder Freund zu warnen, sei es aus Übermuth und
um ihrer selbst zu spotten. Die ebenso steife als sittsame Tartüfferie
des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen Schleichwege
lockt, welche zu seinem "kategorischen Imperativ" führen, richtiger
verführen - dies Schauspiel macht uns Verwöhnte lächeln, die wir keine
kleine Belustigung darin finden, den feinen Tücken alter Moralisten
und Moralprediger auf die Finger zu sehn. Oder gar jener Hocuspocus
von mathematischer Form, mit der Spinoza seine Philosophie - "die
Liebe zu seiner Weisheit" zuletzt, das Wort richtig und billig
ausgelegt - wie in Erz panzerte und maskirte, um damit von
vornherein den Muth des Angreifenden einzuschüchtern, der auf diese
unüberwindliche Jungfrau und Pallas Athene den Blick zu werfen wagen
würde: - wie viel eigne Schüchternheit und Angreifbarkeit verräth
diese Maskerade eines einsiedlerischen Kranken!
6.
Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie
bisher war: nämlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine
Art ungewollter und unvermerkter mémoires; insgleichen, dass die
moralischen (oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie den
eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze
gewachsen ist. In der That, man thut gut (und klug), zur Erklärung
davon, wie eigentlich die entlegensten metaphysischen Behauptungen
eines Philosophen zu Stande gekommen sind, sich immer erst zu fragen:
auf welche Moral will es (will er -) hinaus? Ich glaube demgemäss
nicht, dass ein "Trieb zur Erkenntniss" der Vater der Philosophie ist,
sondern dass sich ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntniss
(und der Verkenntniss!) nur wie eines Werkzeugs bedient hat. Wer aber
die Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade
hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde -) ihr Spiel
getrieben haben mögen, wird finden, dass sie Alle schon einmal
Philosophie getrieben haben, - und dass jeder Einzelne von ihnen
gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und als
berechtigten Herrn aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn
jeder Trieb ist herrschsüchtig: und als solcher versucht er zu
philosophiren. - Freilich: bei den Gelehrten, den eigentlich
wissenschaftlichen Menschen, mag es anders stehn - "besser", wenn man
will -, da mag es wirklich so Etwas wie einen Erkenntnisstrieb geben,
irgend ein kleines unabhängiges Uhrwerk, welches, gut aufgezogen,
tapfer darauf los arbeitet, ohne dass die gesammten übrigen Triebe
des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt sind. Die eigentlichen
"Interessen" des Gelehrten liegen deshalb gewöhnlich ganz wo anders,
etwa in der Familie oder im Gelderwerb oder in der Politik; ja es ist
beinahe gleichgültig, ob seine kleine Maschine an diese oder jene
Stelle der Wissenschaft gestellt wird, und ob der "hoffnungsvolle"
junge Arbeiter aus sich einen guten Philologen oder Pilzekenner
oder Chemiker macht: - es bezeichnet ihn nicht, dass er dies oder
jenes wird. Umgekehrt ist an dem Philosophen ganz und gar nichts
Unpersönliches; und insbesondere giebt seine Moral ein entschiedenes
und entscheidendes Zeugniss dafür ab, wer er ist - das heisst, in
welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur zu einander
gestellt sind.
7.
Wie boshaft Philosophen sein können! Ich kenne nichts Giftigeres als
den Scherz, den sich Epicur gegen Plato und die Platoniker erlaubte:
er nannte sie Dionysiokolakes. Das bedeutet dem Wortlaute nach und im
Vordergrunde "Schmeichler des Dionysios", also Tyrannen-Zubehör und
Speichellecker; zu alledem will es aber noch sagen "das sind Alles
Schauspieler, daran ist nichts Ächtes" (denn Dionysokolax war eine
populäre Bezeichnung des Schauspielers). Und das Letztere ist
eigentlich die Bosheit, welche Epicur gegen Plato abschoss: ihn
verdross die grossartige Manier, das Sich-in-Scene-Setzen, worauf
sich Plato sammt seinen Schülern verstand, - worauf sich Epicur nicht
verstand! er, der alte Schulmeister von Samos, der in seinem Gärtchen
zu Athen versteckt sass und dreihundert Bücher schrieb, wer weiss?
vielleicht aus Wuth und Ehrgeiz gegen Plato? - Es brauchte hundert
Jahre, bis Griechenland dahinter kam, wer dieser Gartengott Epicur
gewesen war. - Kam es dahinter? -
8.
In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die "Überzeugung" des
Philosophen auf die Bühne tritt: oder, um es in der Sprache eines
alten Mysteriums zu sagen:
adventavit asinus
pulcher et fortissimus.
9.
"Gemäss der Natur" wollt ihr leben? Oh ihr edlen Stoiker, welche
Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist,
verschwenderisch ohne Maass, gleichgültig ohne Maass, ohne Absichten
und Rücksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde
und ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht
- wie könntet ihr gemäss dieser Indifferenz leben? Leben - ist
das nicht gerade ein Anders-sein-wollen, als diese Natur ist? Ist
Leben nicht Abschätzen, Vorziehn, Ungerechtsein, Begrenzt-sein,
Different-sein-wollen? Und gesetzt, euer Imperativ "gemäss der Natur
leben" bedeute im Grunde soviel als "gemäss dem Leben leben" - wie
könntet ihr's denn nicht? Wozu ein Princip aus dem machen, was ihr
selbst seid und sein müsst? - In Wahrheit steht es ganz anders: indem
ihr entzückt den Kanon eures Gesetzes aus der Natur zu lesen vorgebt,
wollt ihr etwas Umgekehrtes, ihr wunderlichen Schauspieler und
Selbst-Betrüger! Euer Stolz will der Natur, sogar der Natur, eure
Moral, euer Ideal vorschreiben und einverleiben, ihr verlangt,
dass sie "der Stoa gemäss" Natur sei und möchtet alles Dasein nur
nach eurem eignen Bilde dasein machen - als eine ungeheure ewige
Verherrlichung und Verallgemeinerung des Stoicismus! Mit aller eurer
Liebe zur Wahrheit zwingt ihr euch so lange, so beharrlich, so
hypnotisch-starr, die Natur falsch, nämlich stoisch zu sehn, bis ihr
sie nicht mehr anders zu sehen vermögt, - und irgend ein abgründlicher
Hochmuth giebt euch zuletzt noch die Tollhäusler-Hoffnung ein, dass,
weil ihr euch selbst zu tyrannisiren versteht - Stoicismus ist
Selbst-Tyrannei -, auch die Natur sich tyrannisiren lässt: ist denn
der Stoiker nicht ein Stück Natur? Aber dies ist eine alte ewige
Geschichte: was sich damals mit den Stoikern begab, begiebt sich heute
noch, sobald nur eine Philosophie anfängt, an sich selbst zu glauben.
Sie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders;
Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille
zur Macht, zur "Schaffung der Welt", zur causa prima.
10.
Der Eifer und die Feinheit, ich möchte sogar sagen: Schlauheit, mit
denen man heute überall in Europa dem Probleme "von der wirklichen
und der scheinbaren Welt" auf den Leib rückt, giebt zu denken und zu
horchen; und wer hier im Hintergrunde nur einen "Willen zur Wahrheit"
und nichts weiter hört, erfreut sich gewiss nicht der schärfsten
Ohren. In einzelnen und seltenen Fällen mag wirklich ein solcher Wille
zur Wahrheit, irgend ein ausschweifender und abenteuernder Muth, ein
Metaphysiker-Ehrgeiz des verlornen Postens dabei betheiligt sein, der
zuletzt eine Handvoll "Gewissheit" immer noch einem ganzen Wagen voll
schöner Möglichkeiten vorzieht; es mag sogar puritanische Fanatiker
des Gewissens geben, welche lieber noch sich auf ein sicheres Nichts
als auf ein ungewisses Etwas sterben legen. Aber dies ist Nihilismus
und Anzeichen einer verzweifelnden sterbensmüden Seele: wie tapfer
auch die Gebärden einer solchen Tugend sich ausnehmen mögen. Bei den
stärkeren, lebensvolleren, nach Leben noch durstigen Denkern scheint
es aber anders zu stehen: indem sie Partei gegen den Schein nehmen und
das Wort "perspektivisch" bereits mit Hochmuth aussprechen, indem sie
die Glaubwürdigkeit ihres eigenen Leibes ungefähr so gering anschlagen
wie die Glaubwürdigkeit des Augenscheins, welcher sagt "die Erde steht
still", und dermaassen anscheinend gut gelaunt den sichersten Besitz
aus den Händen lassen (denn was glaubt man jetzt sicherer als seinen
Leib?) wer weiss, ob sie nicht im Grunde Etwas zurückerobern wollen,
das man ehemals noch sicherer besessen hat, irgend Etwas vom alten
Grundbesitz des Glaubens von Ehedem, vielleicht "die unsterbliche
Seele", vielleicht "den alten Gott", kurz, Ideen, auf welchen sich
besser, nämlich kräftiger und heiterer leben liess als auf den
"modernen Ideen"? Es ist Misstrauen gegen diese modernen Ideen darin,
es ist Unglauben an alles Das, was gestern und heute gebaut worden
ist; es ist vielleicht ein leichter Überdruss und Hohn eingemischt,
der das bric-à-brac von Begriffen verschiedenster Abkunft nicht
mehr aushält, als welches sich heute der sogenannte Positivismus
auf den Markt bringt, ein Ekel des verwöhnteren Geschmacks
vor der Jahrmarkts-Buntheit und Lappenhaftigkeit aller dieser
Wirklichkeits-Philosophaster, an denen nichts neu und ächt ist als
diese Buntheit. Man soll darin, wie mich dünkt, diesen skeptischen
Anti-Wirklichen und Erkenntniss-Mikroskopikern von heute Recht geben:
ihr Instinkt, welcher sie aus der modernen Wirklichkeit hinwegtreibt,
ist unwiderlegt, - was gehen uns ihre rückläufigen Schleichwege an!
Das Wesentliche an ihnen ist nicht, dass sie "zurück" wollen: sondern,
dass sie - weg wollen. Etwas Kraft, Flug, Muth, Künstlerschaft mehr
und sie würden hinaus wollen, - und nicht zurück! -
11.
Es scheint mir, dass man jetzt überall bemüht ist, von dem
eigentlichen Einflusse, den Kant auf die deutsche Philosophie ausgeübt
hat, den Blick abzulenken und namentlich über den Werth, den er sich
selbst zugestand, klüglich hinwegzuschlüpfen. Kant war vor Allem und
zuerst stolz auf seine Kategorientafel, er sagte mit dieser Tafel
in den Händen: "das ist das Schwerste, was jemals zum Behufe der
Metaphysik unternommen werden konnte". - Man verstehe doch dies
"werden konnte"! er war stolz darauf, im Menschen ein neues Vermögen,
das Vermögen zu synthetischen Urteilen a priori, entdeckt zu haben.
Gesetzt, dass er sich hierin selbst betrog: aber die Entwicklung und
rasche Blüthe der deutschen Philosophie hängt an diesem Stolze und an
dem Wetteifer aller Jüngeren, womöglich noch Stolzeres zu entdecken -
und jedenfalls "neue Vermögen"! - Aber besinnen wir uns: es ist an der
Zeit. Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich? fragte sich
Kant, - und was antwortete er eigentlich? Vermöge eines Vermögens:
leider aber nicht mit drei Worten, sondern so umständlich, ehrwürdig
und mit einem solchen Aufwande von deutschem Tief- und Schnörkelsinne,
dass man die lustige niaiserie allemande überhörte, welche in einer
solchen Antwort steckt. Man war sogar ausser sich über dieses neue
Vermögen, und der Jubel kam auf seine Höhe, als Kant auch noch ein
moralisches Vermögen im Menschen hinzu entdeckte: - denn damals
waren die Deutschen noch moralisch, und ganz und gar noch nicht
"real-politisch". - Es kam der Honigmond der deutschen Philosophie;
alle jungen Theologen des Tübinger Stifts giengen alsbald in die
Büsche, - alle suchten nach "Vermögen". Und was fand man nicht Alles -
in jener unschuldigen, reichen, noch jugendlichen Zeit des deutschen
Geistes, in welche die Romantik, die boshafte Fee, hineinblies,
hineinsang, damals, als man "finden" und "erfinden" noch nicht
auseinander zu halten wusste! Vor Allem ein Vermögen für's
"übersinnliche": Schelling taufte es die intellektuale Anschauung und
kam damit den herzlichsten Gelüsten seiner im Grunde frommgelüsteten
Deutschen entgegen. Man kann dieser ganzen übermüthigen und
schwärmerischen Bewegung, welche Jugend war, so kühn sie sich auch in
graue und greisenhafte Begriffe verkleidete, gar nicht mehr Unrecht
thun, als wenn man sie ernst nimmt und gar etwa mit moralischer
Entrüstung behandelt; genug, man wurde älter, - der Traum verflog. Es
kam eine Zeit, wo man sich die Stirne rieb: man reibt sie sich heute
noch. Man hatte geträumt: voran und zuerst - der alte Kant. "Vermöge
eines Vermögens" - hatte er gesagt, mindestens gemeint. Aber ist denn
das - eine Antwort? Eine Erklärung? Oder nicht vielmehr nur eine
Wiederholung der Frage? Wie macht doch das Opium schlafen? "Vermöge
eines Vermögens", nämlich der virtus dormitiva - antwortet jener Arzt
bei Molière,
quia est in eo virtus dormitiva,
cujus est natura sensus assoupire.
Aber dergleichen Antworten gehören in die Komödie, und es ist endlich
an der Zeit, die Kantische Frage "Wie sind synthetische Urtheile a
priori möglich?" durch eine andre Frage zu ersetzen "warum ist der
Glaube an solche Urtheile nöthig?" - nämlich zu begreifen, dass zum
Zweck der Erhaltung von Wesen unsrer Art solche Urtheile als wahr
geglaubt werden müssen; weshalb sie natürlich noch falsche Urtheile
sein könnten! Oder, deutlicher geredet und grob und gründlich:
synthetische Urtheile a priori sollten gar nicht "möglich sein": wir
haben kein Recht auf sie, in unserm Munde sind es lauter falsche
Urtheile. Nur ist allerdings der Glaube an ihre Wahrheit nöthig, als
ein Vordergrunds-Glaube und Augenschein, der in die Perspektiven-Optik
des Lebens gehört. - Um zuletzt noch der ungeheuren Wirkung zu
gedenken, welche "die deutsche Philosophie" - man versteht, wie ich
hoffe, ihr Anrecht auf Gänsefüsschen? - in ganz Europa ausgeübt
hat, so zweifle man nicht, dass eine gewisse virtus dormitiva
dabei betheiligt war: man war entzückt, unter edlen Müssiggängern,
Tugendhaften, Mystikern, Künstlern, Dreiviertels-Christen und
politischen Dunkelmännern aller Nationen, Dank der deutschen
Philosophie, ein Gegengift gegen den noch übermächtigen Sensualismus
zu haben, der vom vorigen Jahrhundert in dieses hinüberströmte, kurz
-"sensus assoupire".......
12.
Was die materialistische Atomistik betrifft: so gehört dieselbe zu
den bestwiderlegten Dingen, die es giebt; und vielleicht ist heute in
Europa Niemand unter den Gelehrten mehr so ungelehrt, ihr ausser zum
bequemen Hand- und Hausgebrauch (nämlich als einer Abkürzung der
Ausdrucksmittel) noch eine ernstliche Bedeutung zuzumessen - Dank
vorerst jenem Polen Boscovich, der, mitsammt dem Polen Kopernicus,
bisher der grösste und siegreichste Gegner des Augenscheins war.
Während nämlich Kopernicus uns überredet hat zu glauben, wider alle
Sinne, dass die Erde nicht fest steht, lehrte Boscovich dem Glauben an
das Letzte, was von der Erde "feststand", abschwören, dem Glauben an
den "Stoff", an die "Materie", an das Erdenrest- und Klümpchen-Atom:
es war der grösste Triumph über die Sinne, der bisher auf Erden
errungen worden ist. - Man muss aber noch weiter gehn und auch dem
"atomistischen Bedürfnisse", das immer noch ein gefährliches Nachleben
führt, auf Gebieten, wo es Niemand ahnt, gleich jenem berühmteren
"metaphysischen Bedürfnisse" - den Krieg erklären, einen
schonungslosen Krieg auf's Messer: - man muss zunächst auch jener
anderen und verhängnissvolleren Atomistik den Garaus machen,
welche das Christenthum am besten und längsten gelehrt hat, der
Seelen-Atomistik. Mit diesem Wort sei es erlaubt, jenen Glauben
zu bezeichnen, der die Seele als etwas Unvertilgbares, Ewiges,
Untheilbares, als eine Monade, als ein Atomon nimmt: diesen Glauben
soll man aus der Wissenschaft hinausschaffen! Es ist, unter uns
gesagt, ganz und gar nicht nöthig, "die Seele" selbst dabei los zu
werden und auf eine der ältesten und ehrwürdigsten Hypothesen Verzicht
zu leisten: wie es dem Ungeschick der Naturalisten zu begegnen pflegt,
welche, kaum dass sie an "die Seele" rühren, sie auch verlieren. Aber
der Weg zu neuen Fassungen und Verfeinerungen der Seelen-Hypothese
steht offen: und Begriffe wie "sterbliche Seele" und "Seele als
Subjekts-Vielheit" und "Seele als Gesellschaftsbau der Triebe und
Affekte" wollen fürderhin in der Wissenschaft Bürgerrecht haben. Indem
der neue Psycholog dem Aberglauben ein Ende bereitet, der bisher um
die Seelen-Vorstellung mit einer fast tropischen Üppigkeit wucherte,
hat er sich freilich selbst gleichsam in eine neue Öde und ein
neues Misstrauen hinaus gestossen - es mag sein, dass die älteren
Psychologen es bequemer und lustiger hatten -: zuletzt aber weiss
er sich eben damit auch zum Erfinden verurtheilt - und, wer weiss?
vielleicht zum Finden. -
13.
Die Physiologen sollten sich besinnen, den Selbsterhaltungstrieb als
kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor Allem will
etwas Lebendiges seine Kraft auslassen - Leben selbst ist Wille
zur Macht -: die Selbsterhaltung ist nur eine der indirekten
und häufigsten Folgen davon. - Kurz, hier wie überall, Vorsicht
vor überflüssigen teleologischen Principien! - wie ein solches
der Selbsterhaltungstrieb ist (man dankt ihn der Inconsequenz
Spinoza's -). So nämlich gebietet es die Methode, die wesentlich
Principien-Sparsamkeit sein muss.
14.
Es dämmert jetzt vielleicht in fünf, sechs Köpfen, dass Physik auch
nur eine Welt-Auslegung und -Zurechtlegung (nach uns! mit Verlaub
gesagt) und nicht eine Welt-Erklärung ist: aber, insofern sie sich auf
den Glauben an die Sinne stellt, gilt sie als mehr und muss auf lange
hinaus noch als mehr, nämlich als Erklärung gelten. Sie hat Augen und
Finger für sich, sie hat den Augenschein und die Handgreiflichkeit
für sich: das wirkt auf ein Zeitalter mit plebejischem Grundgeschmack
bezaubernd, überredend, überzeugend, - es folgt ja instinktiv dem
Wahrheits-Kanon des ewig volksthümlichen Sensualismus. Was ist klar,
was "erklärt"? Erst Das, was sich sehen und tasten lässt, - bis so
weit muss man jedes Problem treiben. Umgekehrt: genau im Widerstreben
gegen die Sinnenfälligkeit bestand der Zauber der platonischen
Denkweise, welche eine vornehme Denkweise war, - vielleicht unter
Menschen, die sich sogar stärkerer und anspruchsvollerer Sinne
erfreuten, als unsre Zeitgenossen sie haben, aber welche einen höheren
Triumph darin zu finden wussten, über diese Sinne Herr zu bleiben: und
dies mittels blasser kalter grauer Begriffs-Netze, die sie über den
bunten Sinnen-Wirbel - den Sinnen-Pöbel, wie Plato sagte - warfen.
Es war eine andre Art Genuss in dieser Welt-Überwältigung und
Welt-Auslegung nach der Manier des Plato, als der es ist, welchen
uns die Physiker von Heute anbieten, insgleichen die Darwinisten und
Antitheologen unter den physiologischen Arbeitern, mit ihrem Princip
der "kleinstmöglichen Kraft" und der grösstmöglichen Dummheit. "Wo der
Mensch nichts mehr zu sehen und zu greifen hat, da hat er auch nichts
mehr zu suchen" - das ist freilich ein anderer Imperativ als der
Platonische, welcher aber doch für ein derbes arbeitsames Geschlecht
von Maschinisten und Brückenbauern der Zukunft, die lauter grobe
Arbeit abzuthun haben, gerade der rechte Imperativ sein mag.
15.
Um Physiologie mit gutem Gewissen zu treiben, muss man darauf
halten, dass die Sinnesorgane nicht Erscheinungen sind im Sinne der
idealistischen Philosophie: als solche könnten sie ja keine Ursachen
sein! Sensualismus mindestens somit als regulative Hypothese, um nicht
zu sagen als heuristisches Princip. - Wie? und Andere sagen gar, die
Aussenwelt wäre das Werk unsrer Organe? Aber dann wäre ja unser Leib,
als ein Stück dieser Aussenwelt, das Werk unsrer Organe! Aber dann
wären ja unsre Organe selbst - das Werk unsrer Organe! Dies ist, wie
mir scheint, eine gründliche reductio ad absurdum: gesetzt, dass der
Begriff causa sui etwas gründlich Absurdes ist. Folglich ist die
Aussenwelt nicht das Werk unsrer Organe -?
16.
Es giebt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, dass
es "unmittelbare Gewissheiten" gebe, zum Beispiel "ich denke", oder,
wie es der Aberglaube Schopenhauer's war, "ich will": gleichsam als ob
hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme,
als "Ding an sich", und weder von Seiten des Subjekts, noch von
Seiten des Objekts eine Fälschung stattfände. Dass aber "unmittelbare
Gewissheit", ebenso wie "absolute Erkenntniss" und "Ding an sich",
eine contradictio in adjecto in sich schliesst, werde ich hundertmal
wiederholen: man sollte sich doch endlich von der Verführung der Worte
losmachen! Mag das Volk glauben, dass Erkennen ein zu Ende-Kennen sei,
der Philosoph muss sich sagen: "wenn ich den Vorgang zerlege, der in
dem Satz `ich denke` ausgedrückt ist, so bekomme ich eine Reihe von
verwegenen Behauptungen, deren Begründung schwer, vielleicht unmöglich
ist, - zum Beispiel, dass ich es bin, der denkt, dass überhaupt ein
Etwas es sein muss, das denkt, dass Denken eine Thätigkeit und Wirkung
seitens eines Wesens ist, welches als Ursache gedacht wird, dass es
ein `Ich` giebt, endlich, dass es bereits fest steht, was mit Denken
zu bezeichnen ist, - dass ich weiss, was Denken ist. Denn wenn ich
nicht darüber mich schon bei mir entschieden hätte, wonach sollte ich
abmessen, dass, was eben geschieht, nicht vielleicht `Wollen` oder
`Fühlen` sei? Genug, jenes `ich denke` setzt voraus, dass ich meinen
augenblicklichen Zustand mit anderen Zuständen, die ich an mir kenne,
vergleiche, um so festzusetzen, was er ist: wegen dieser Rückbeziehung
auf anderweitiges `Wissen` hat er für mich jedenfalls keine
unmittelbare `Gewissheit`." - An Stelle jener "unmittelbaren
Gewissheit", an welche das Volk im gegebenen Falle glauben mag,
bekommt dergestalt der Philosoph eine Reihe von Fragen der Metaphysik
in die Hand, recht eigentliche Gewissensfragen des Intellekts, welche
heissen: "Woher nehme ich den Begriff Denken? Warum glaube ich an
Ursache und Wirkung? Was giebt mir das Recht, von einem Ich, und
gar von einem Ich als Ursache, und endlich noch von einem Ich als
Gedanken-Ursache zu reden?" Wer sich mit der Berufung auf eine Art
Intuition der Erkenntniss getraut, jene metaphysischen Fragen sofort
zu beantworten, wie es Der thut, welcher sagt: "ich, denke, und weiss,
dass dies wenigstens wahr, wirklich, gewiss ist" - der wird bei einem
Philosophen heute ein Lächeln und zwei Fragezeichen bereit finden.
"Mein Herr, wird der Philosoph vielleicht ihm zu verstehen geben,
es ist unwahrscheinlich, dass Sie sich nicht irren: aber warum auch
durchaus Wahrheit?" -
17.
Was den Aberglauben der Logiker betrifft: so will ich nicht müde
werden, eine kleine kurze Thatsache immer wieder zu unterstreichen,
welche von diesen Abergläubischen ungern zugestanden wird, - nämlich,
dass ein Gedanke kommt, wenn "er" will, und nicht wenn "ich" will; so
dass es eine Fälschung des Thatbestandes ist, zu sagen: das Subjekt
"ich" ist die Bedingung des Prädikats "denke". Es denkt: aber dass
dies "es" gerade jenes alte berühmte "Ich" sei, ist, milde geredet,
nur eine Annahme, eine Behauptung, vor Allem keine "unmittelbare
Gewissheit". Zuletzt ist schon mit diesem "es denkt" zu viel gethan:
schon dies "es" enthält eine Auslegung des Vorgangs und gehört nicht
zum Vorgange selbst. Man schliesst hier nach der grammatischen
Gewohnheit "Denken ist eine Thätigkeit, zu jeder Thätigkeit gehört
Einer, der thätig ist, folglich -". Ungefähr nach dem gleichen Schema
suchte die ältere Atomistik zu der "Kraft", die wirkt, noch jenes
Klümpchen Materie, worin sie sitzt, aus der heraus sie wirkt, das
Atom; strengere Köpfe lernten endlich ohne diesen "Erdenrest"
auskommen, und vielleicht gewöhnt man sich eines Tages noch daran,
auch seitens der Logiker ohne jenes kleine "es" (zu dem sich das
ehrliche alte Ich verflüchtigt hat) auszukommen.
18.
An einer Theorie ist wahrhaftig nicht ihr geringster Reiz, dass sie
widerlegbar ist: gerade damit zieht sie feinere Köpfe an. Es scheint,
dass die hundertfach widerlegte Theorie vom "freien Willen" ihre
Fortdauer nur noch diesem Reize verdankt -: immer wieder kommt jemand
und fühlt sich stark genug, sie zu widerlegen.
19.
Die Philosophen pflegen vom Willen zu reden, wie als ob er die
bekannteste Sache von der Welt sei; ja Schopenhauer gab zu verstehen,
der Wille allein sei uns eigentlich bekannt, ganz und gar bekannt,
ohne Abzug und Zuthat bekannt. Aber es dünkt mich immer wieder, dass
Schopenhauer auch in diesem Falle nur gethan hat, was Philosophen
eben zu thun pflegen: dass er ein Volks-Vorurtheil übernommen und
übertrieben hat. Wollen scheint mir vor Allem etwas Complicirtes,
Etwas, das nur als Wort eine Einheit ist, - und eben im Einen Worte
steckt das Volks-Vorurtheil, das über die allzeit nur geringe Vorsicht
der Philosophen Herr geworden ist. Seien wir also einmal vorsichtiger,
seien wir "unphilosophisch" -, sagen wir: in jedem Wollen ist erstens
eine Mehrheit von Gefühlen, nämlich das Gefühl des Zustandes, von dem
weg, das Gefühl des Zustandes, zu dem hin, das Gefühl von diesem "weg"
und "hin" selbst, dann noch ein begleitendes Muskelgefühl, welches,
auch ohne dass wir "Arme und Beine" in Bewegung setzen, durch eine Art
Gewohnheit, sobald wir "wollen", sein Spiel beginnt. Wie also Fühlen
und zwar vielerlei Fühlen als Ingredienz des Willens anzuerkennen ist,
so zweitens auch noch Denken: in jedem Willensakte giebt es einen
commandirenden Gedanken; - und man soll ja nicht glauben, diesen
Gedanken von dem "Wollen" abscheiden zu können, wie als ob dann noch
Wille übrig bliebe! Drittens ist der Wille nicht nur ein Complex von
Fühlen und Denken, sondern vor Allem noch ein Affekt: und zwar jener
Affekt des Commando's. Das, was "Freiheit des Willens" genannt wird,
ist wesentlich der Überlegenheits-Affekt in Hinsicht auf Den, der
gehorchen muss: "ich bin frei, "er" muss gehorchen" - dies Bewusstsein
steckt in jedem Willen, und ebenso jene Spannung der Aufmerksamkeit,
jener gerade Blick, der ausschliesslich Eins fixirt, jene unbedingte
Werthschätzung "jetzt thut dies und nichts Anderes Noth", jene innere
Gewissheit darüber, dass gehorcht werden wird, und was Alles noch zum
Zustande des Befehlenden gehört. Ein Mensch, der will -, befiehlt
einem Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es
gehorcht. Nun aber beachte man, was das Wunderlichste am Willen ist,
- an diesem so vielfachen Dinge, für welches das Volk nur Ein Wort
hat: insofern wir im gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und
Gehorchenden sind, und als Gehorchende die Gefühle des Zwingens,
Drängens, Drückens, Widerstehens, Bewegens kennen, welche sofort nach
dem Akte des Willens zu beginnen pflegen; insofern wir andererseits
die Gewohnheit haben, uns über diese Zweiheit vermöge des
synthetischen Begriffs "ich" hinwegzusetzen, hinwegzutäuschen, hat
sich an das Wollen noch eine ganze Kette von irrthümlichen Schlüssen
und folglich von falschen Werthschätzungen des Willens selbst
angehängt, - dergestalt, dass der Wollende mit gutem Glauben glaubt,
Wollen genüge zur Aktion. Weil in den allermeisten Fällen nur gewollt
worden ist, wo auch die Wirkung des Befehls, also der Gehorsam, also
die Aktion erwartet werden durfte, so hat sich der Anschein in das
Gefühl übersetzt, als ob es da eine Nothwendigkeit von Wirkung gäbe;
genug, der Wollende glaubt, mit einem ziemlichen Grad von Sicherheit,
dass Wille und Aktion irgendwie Eins seien -, er rechnet das Gelingen,
die Ausführung des Wollens noch dem Willen selbst zu und geniesst
dabei einen Zuwachs jenes Machtgefühls, welches alles Gelingen mit
sich bringt. "Freiheit des Willens" - das ist das Wort für jenen
vielfachen Lust-Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich
mit dem Ausführenden als Eins setzt, - der als solcher den Triumph
über Widerstände mit geniesst, aber bei sich urtheilt, sein Wille
selbst sei es, der eigentlich die Widerstände überwinde. Der Wollende
nimmt dergestalt die Lustgefühle der ausführenden, erfolgreichen
Werkzeuge, der dienstbaren "Unterwillen" oder Unter-Seelen - unser
Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau vieler Seelen - zu seinem
Lustgefühle als Befehlender hinzu. L'effet c'est moi: es begiebt sich
hier, was sich in jedem gut gebauten und glücklichen Gemeinwesen
begiebt, dass die regierende Klasse sich mit den Erfolgen des
Gemeinwesens identificirt. Bei allem Wollen handelt es sich
schlechterdings um Befehlen und Gehorchen, auf der Grundlage, wie
gesagt, eines Gesellschaftsbaus vieler "Seelen": weshalb ein Philosoph
sich das Recht nehmen sollte, Wollen an sich schon unter den
Gesichtskreis der Moral zu fassen: Moral nämlich als Lehre von den
Herrschafts-Verhältnissen verstanden, unter denen das Phänomen "Leben"
entsteht. -
20.
Dass die einzelnen philosophischen Begriffe nichts Beliebiges, nichts
Für-sich-Wachsendes sind, sondern in Beziehung und Verwandtschaft zu
einander emporwachsen, dass sie, so plötzlich und willkürlich sie auch
in der Geschichte des Denkens anscheinend heraustreten, doch eben so
gut einem Systeme angehören als die sämmtlichen Glieder der Fauna
eines Erdtheils: das verräth sich zuletzt noch darin, wie sicher die
verschiedensten Philosophen ein gewisses Grundschema von möglichen
Philosophien immer wieder ausfüllen. Unter einem unsichtbaren Banne
laufen sie immer von Neuem noch einmal die selbe Kreisbahn: sie
mögen sich noch so unabhängig von einander mit ihrem kritischen oder
systematischen Willen fühlen: irgend Etwas in ihnen führt sie, irgend
Etwas treibt sie in bestimmter Ordnung hinter einander her, eben jene
eingeborne Systematik und Verwandtschaft der Begriffe. Ihr Denken
ist in der That viel weniger ein Entdecken, als ein Wiedererkennen,
Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen uralten
Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals
herausgewachsen sind: - Philosophiren ist insofern eine Art von
Atavismus höchsten Ranges. Die wunderliche Familien-Ahnlichkeit alles
indischen, griechischen, deutschen Philosophirens erklärt sich einfach
genug. Gerade, wo Sprach-Verwandtschaft vorliegt, ist es gar nicht
zu vermeiden, dass, Dank der gemeinsamen Philosophie der Grammatik -
ich meine Dank der unbewussten Herrschaft und Führung durch gleiche
grammatische Funktionen - von vornherein Alles für eine gleichartige
Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme vorbereitet
liegt: ebenso wie zu gewissen andern Möglichkeiten der Welt-Ausdeutung
der Weg wie abgesperrt erscheint. Philosophen des ural-altaischen
Sprachbereichs (in dem der Subjekt-Begriff am schlechtesten entwickelt
ist) werden mit grosser Wahrscheinlichkeit anders "in die Welt"
blicken und auf andern Pfaden zu finden sein, als Indogermanen
oder Muselmänner: der Bann bestimmter grammatischer Funktionen
ist im letzten Grunde der Bann physiologischer Werthurtheile
und Rasse-Bedingungen. - So viel zur Zurückweisung von Locke's
Oberflächlichkeit in Bezug auf die Herkunft der Ideen.
21.
Die causa sui ist der beste Selbst-Widerspruch, der bisher ausgedacht
worden ist, eine Art logischer Nothzucht und Unnatur: aber der
ausschweifende Stolz des Menschen hat es dahin gebracht, sich
tief und schrecklich gerade mit diesem Unsinn zu verstricken. Das
Verlangen nach "Freiheit des Willens", in jenem metaphysischen
Superlativ-Verstande, wie er leider noch immer in den Köpfen der
Halb-Unterrichteten herrscht, das Verlangen, die ganze und letzte
Verantwortlichkeit für seine Handlungen selbst zu tragen und Gott,
Welt, Vorfahren, Zufall, Gesellschaft davon zu entlasten, ist nämlich
nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und, mit einer mehr
als Münchhausen'schen Verwegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des
Nichts an den Haaren in's Dasein zu ziehn. Gesetzt, Jemand kommt
dergestalt hinter die bäurische Einfalt dieses berühmten Begriffs
"freier Wille" und streicht ihn aus seinem Kopfe, so bitte ich ihn
nunmehr, seine "Aufklärung" noch um einen Schritt weiter zu treiben
und auch die Umkehrung jenes Unbegriffs "freier Wille" aus seinem
Kopfe zu streichen: ich meine den "unfreien Willen", der auf einen
Missbrauch von Ursache und Wirkung hinausläuft. Man soll nicht
"Ursache" und "Wirkung" fehlerhaft verdinglichen, wie es die
Naturforscher thun (und wer gleich ihnen heute im Denken naturalisirt
-) gemäss der herrschenden mechanistischen Tölpelei, welche die
Ursache drücken und stossen lässt, bis sie "Wirkt"; man soll sich der
"Ursache", der "Wirkung" eben nur als reiner Begriffe bedienen, das
heisst als conventioneller Fiktionen zum Zweck der Bezeichnung, der
Verständigung, nicht der Erklärung. Im "An-sich" giebt es nichts
von "Causal-Verbänden", von "Nothwendigkeit", von "psychologischer
Unfreiheit", da folgt nicht "die Wirkung auf die Ursache", das regiert
kein "Gesetz". Wir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander,
das Für-einander, die Relativität, den Zwang, die Zahl, das Gesetz,
die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese
Zeichen-Welt als "an sich" in die Dinge hineindichten, hineinmischen,
so treiben wir es noch einmal, wie wir es immer getrieben haben,
nämlich mythologisch. Der "unfreie Wille" ist Mythologie: im
wirklichen Leben handelt es sich nur um starken und schwachen Willen.
- Es ist fast immer schon ein Symptom davon, wo es bei ihm selber
mangelt, wenn ein Denker bereits in aller "Causal-Verknüpfung" und
"psychologischer Nothwendigkeit" etwas von Zwang, Noth, Folgen-Müssen,
Druck, Unfreiheit herausfühlt: es ist verrätherisch, gerade so zu
fühlen, - die Person verräth sich. Und überhaupt wird, wenn ich recht
beobachtet habe, von zwei ganz entgegengesetzten Seiten aus, aber
immer auf eine tief persönliche Weise die "Unfreiheit des Willens"
als Problem gefasst: die Einen wollen um keinen Preis ihre
"Verantwortlichkeit", den Glauben an sich, das persönliche Anrecht auf
ihr Verdienst fahren lassen (die eitlen Rassen gehören dahin -); die
Anderen wollen umgekehrt nichts verantworten, an nichts schuld sein
und verlangen, aus einer innerlichen Selbst-Verachtung heraus, sich
selbst irgend wohin abwälzen zu können. Diese Letzteren pflegen sich,
wenn sie Bücher schreiben, heute der Verbrecher anzunehmen; eine Art
von socialistischem Mitleiden ist ihre gefälligste Verkleidung. Und
in der That, der Fatalismus der Willensschwachen verschönert sich
erstaunlich, wenn er sich als "la religion de la souffrance humaine"
einzuführen versteht: es ist sein "guter Geschmack".
22.
Man vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit
nicht lassen kann, auf schlechte Interpretations-Künste den Finger zu
legen - aber jene "Gesetzmässigkeit der Natur", von der ihr Physiker
so stolz redet, wie als ob - - besteht nur Dank eurer Ausdeutung und
schlechten "Philologie", - sie ist kein Thatbestand, kein "Text",
vielmehr nur eine naiv-humanitäre Zurechtmachung und Sinnverdrehung,
mit der ihr den demokratischen Instinkten der modernen Seele sattsam
entgegenkommt! "Überall Gleichheit vor dem Gesetz, - die Natur
hat es darin nicht anders und nicht besser als wir": ein artiger
Hintergedanke, in dem noch einmal die pöbelmännische Feindschaft gegen
alles Bevorrechtete und Selbstherrliche, insgleichen ein zweiter und
feinerer Atheismus verkleidet liegt. "Ni dieu, ni maître" - so wollt
auch ihr's.- und darum "hoch das Naturgesetz"! - nicht wahr? Aber,
wie gesagt, das ist Interpretation, nicht Text; und es könnte
Jemand kommen, der, mit der entgegengesetzten Absicht und
Interpretationskunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick auf
die gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rücksichtenlose
und unerbittliche Durchsetzung von Machtansprüchen herauszulesen
verstünde, - ein Interpret, der die Ausnahmslosigkeit und
Unbedingtheit in allem "Willen zur Macht" dermaassen euch vor
Augen stellte, dass fast jedes Wort und selbst das Wort "Tyrannei"
schliesslich unbrauchbar oder schon als schwächende und mildernde
Metapher - als zu menschlich - erschiene; und der dennoch damit
endete, das Gleiche von dieser Welt zu behaupten, was ihr behauptet,
nämlich dass sie einen "nothwendigen" und "berechenbaren" Verlauf
habe, aber nicht, weil Gesetze in ihr herrschen, sondern weil absolut
die Gesetze fehlen, und jede Macht in jedem Augenblicke ihre letzte
Consequenz zieht. Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist - und
ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? - nun, um so besser. -
23.
Die gesammte Psychologie ist bisher an moralischen Vorurtheilen und
Befürchtungen hängen geblieben: sie hat sich nicht in die Tiefe
gewagt. Dieselbe als Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur
Macht zufassen, wie ich sie fasse - daran hat noch Niemand in seinen
Gedanken selbst gestreift: sofern es nämlich erlaubt ist, in dem, was
bisher geschrieben wurde, ein Symptom von dem, was bisher verschwiegen
wurde, zu erkennen. Die Gewalt der moralischen Vorurtheile ist tief in
die geistigste, in die anscheinend kälteste und voraussetzungsloseste
Welt gedrungen - und, wie es sich von selbst versteht, schädigend,
hemmend, blendend, verdrehend. Eine eigentliche Physio-Psychologie hat
mit unbewussten Widerständen im Herzen des Forschers zu kämpfen, sie
hat "das Herz" gegen sich: schon eine Lehre von der gegenseitigen
Bedingtheit der "guten" und der "schlimmen" Triebe, macht, als feinere
Immoralität, einem noch kräftigen und herzhaften Gewissen Noth und
Überdruss, - noch mehr eine Lehre von der Ableitbarkeit aller guten
Triebe aus den schlimmen. Gesetzt aber, Jemand nimmt gar die Affekte
Hass, Neid, Habsucht, Herrschsucht als lebenbedingende Affekte,
als Etwas, das im Gesammt-Haushalte des Lebens grundsätzlich und
grundwesentlich vorhanden sein muss, folglich noch gesteigert werden
muss, falls das Leben noch gesteigert werden soll, - der leidet an
einer solchen Richtung seines Urtheils wie an einer Seekrankheit. Und
doch ist auch diese Hypothese bei weitem nicht die peinlichste und
fremdeste in diesem ungeheuren fast noch neuen Reiche gefährlicher
Erkenntnisse: - und es giebt in der That hundert gute Gründe dafür,
dass Jeder von ihm fernbleibt, der es - kann! Andrerseits: ist man
einmal mit seinem Schiffe hierhin verschlagen, nun! wohlan! jetzt
tüchtig die Zähne zusammengebissen! die Augen aufgemacht! die Hand
fest am Steuer! - wir fahren geradewegs über die Moral weg, wir
erdrücken, wir zermalmen vielleicht dabei unsren eignen Rest
Moralität, indem wir dorthin unsre Fahrt machen und wagen, - aber
was liegt an uns! Niemals noch hat sich verwegenen Reisenden und
Abenteurern eine tiefere Welt der Einsicht eröffnet: und der
Psychologe, welcher dergestalt "Opfer bringt" - es ist nicht das
sacrifizio dell'intelletto, im Gegentheil! - wird zum Mindesten
dafür verlangen dürfen, dass die Psychologie wieder als Herrin der
Wissenschaften anerkannt werde, zu deren Dienste und Vorbereitung die
übrigen Wissenschaften da sind. Denn Psychologie ist nunmehr wieder
der Weg zu den Grundproblemen.
Zweites Hauptstück:
Der freie Geist.
24.
O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung
lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern, wenn man sich
erst einmal die Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir
Alles um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wussten
wir unsern Sinnen einen Freipass für alles Oberflächliche, unserm
Denken eine göttliche Begierde nach muthwilligen Sprüngen und
Fehlschlüssen zu geben! - wie haben wir es von Anfang an verstanden,
uns unsre Unwissenheit zu erhalten, um eine kaum begreifliche
Freiheit, Unbedenklichkeit, Unvorsichtigkeit, Herzhaftigkeit,
Heiterkeit des Lebens, um das Leben zu geniessen! Und erst auf diesem
nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich
bisher die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde
eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum
Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern - als
seine Verfeinerung! Mag nämlich auch die Sprache, hier wie anderwärts,
nicht über ihre Plumpheit hinauskönnen und fortfahren, von Gegensätzen
zu reden, wo es nur Grade und mancherlei Feinheit der Stufen giebt;
mag ebenfalls die eingefleischte Tartüfferie der Moral, welche jetzt
zu unserm unüberwindlichen "Fleisch und Blut" gehört, uns Wissenden
selbst die Worte im Munde umdrehen: hier und da begreifen wir es und
lachen darüber, wie gerade noch die beste Wissenschaft uns am besten
in dieser vereinfachten, durch und durch künstlichen, zurecht
gedichteten, zurecht gefälschten Welt festhalten will, wie sie
unfreiwillig-willig den Irrthum liebt, weil sie, die Lebendige, - das
Leben liebt!
25.
Nach einem so fröhlichen Eingang möchte ein ernstes Wort nicht
überhört werden: es wendet sich an die Ernstesten. Seht euch vor,
ihr Philosophen und Freunde der Erkenntniss, und hütet euch vor dem
Martyrium! Vor dem Leiden "um der Wahrheit willen"! Selbst vor der
eigenen Vertheidigung! Es verdirbt eurem Gewissen alle Unschuld und
feine Neutralität, es macht euch halsstarrig gegen Einwände und rothe
Tücher, es verdummt, verthiert und verstiert, wenn ihr im Kampfe mit
Gefahr, Verlästerung, Verdächtigung, Ausstossung und noch gröberen
Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als Vertheidiger der Wahrheit
auf Erden ausspielen müsst: - als ob "die Wahrheit" eine so harmlose
und täppische Person wäre, dass sie Vertheidiger nöthig hätte! und
gerade euch, ihr Ritter von der traurigsten Gestalt, meine Herren
Eckensteher und Spinneweber des Geistes! Zuletzt wisst ihr gut genug,
dass nichts daran liegen darf, ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls
dass bisher noch kein Philosoph Recht behalten hat, und dass eine
preiswürdigere Wahrhaftigkeit in jedem kleinen Fragezeichen liegen
dürfte, welches ihr hinter eure Leibworte und Lieblingslehren (und
gelegentlich hinter euch selbst) setzt, als in allen feierlichen
Gebärden und Trümpfen vor Anklägern und Gerichtshöfen! Geht lieber bei
Seite! Flieht in's Verborgene! Und habt eure Maske und Feinheit, dass
man euch verwechsele! Oder ein Wenig fürchte! Und vergesst mir den
Garten nicht, den Garten mit goldenem Gitterwerk! Und habt Menschen um
euch, die wie ein Garten sind, - oder wie Musik über Wassern, zur Zeit
des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird: - wählt die gute
Einsamkeit, die freie muthwillige leichte Einsamkeit, welche euch auch
ein Recht giebt, selbst in irgend einem Sinne noch gut zu bleiben! Wie
giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange Krieg, der sich
nicht mit offener Gewalt führen lässt! Wie persönlich macht eine
lange Furcht, ein langes Augenmerk auf Feinde, auf mögliche Feinde!
Diese Ausgestossenen der Gesellschaft, diese Lang-Verfolgten,
Schlimm-Gehetzten, - auch die Zwangs-Einsiedler, die Spinoza's
oder Giordano Bruno's - werden zuletzt immer, und sei es unter der
geistigsten Maskerade, und vielleicht ohne dass sie selbst es wissen,
zu raffinirten Rachsüchtigen und Giftmischern (man grabe doch einmal
den Grund der Ethik und Theologie Spinoza's auf!) - gar nicht
zu reden von der Tölpelei der moralischen Entrüstung, welche an
einem Philosophen das unfehlbare Zeichen dafür ist, dass ihm der
philosophische Humor davon lief. Das Martyrium des Philosophen, seine
"Aufopferung für die Wahrheit" zwingt an's Licht heraus, was vom
Agitator und vom Schauspieler in ihm steckte; und gesetzt, dass man
ihm nur mit einer artistischen Neugierde bisher zugeschaut hat, so
kann in Bezug auf manchen Philosophen der gefährliche Wunsch freilich
begreiflich sein, ihn auch einmal in seiner Entartung zu sehn
(entartet zum "Märtyrer", zum Bühnen- und Tribünen-Schreihals). Nur
dass man sich, mit einem solchen Wunsche, darüber klar sein muss, was
man jedenfalls dabei zu sehen bekommen wird: - nur ein Satyrspiel, nur
eine Nachspiel-Farce, nur den fortwährenden Beweis dafür, dass die
lange eigentliche Tragödie zu Ende ist: vorausgesetzt, dass jede
Philosophie im Entstehen eine lange Tragödie war. -
26.
Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach seiner Burg und
Heimlichkeit, wo er von der Menge, den Vielen, den Allermeisten erlöst
ist, wo er die Regel "Mensch" vergessen darf, als deren Ausnahme: -
den Einen Fall ausgenommen, dass er von einem noch stärkeren Instinkte
geradewegs auf diese Regel gestossen wird, als Erkennender im
grossen und ausnahmsweisen Sinne. Wer nicht im Verkehr mit Menschen
gelegentlich in allen Farben der Noth, grün und grau vor Ekel,
Überdruss, Mitgefühl, Verdüsterung, Vereinsamung schillert, der ist
gewiss kein Mensch höheren Geschmacks; gesetzt aber, er nimmt alle
diese Last und Unlust nicht freiwillig auf sich, er weicht ihr
immerdar aus und bleibt, wie gesagt, still und stolz auf seiner Burg
versteckt, nun, so ist Eins gewiss: er ist zur Erkenntniss nicht
gemacht, nicht vorherbestimmt. Denn als solcher würde er eines Tages
sich sagen müssen "hole der Teufel meinen guten Geschmack! aber die
Regel ist interessanter als die Ausnahme, - als ich, die Ausnahme!"
- und würde sich hinab begeben, vor Allem "hinein". Das Studium des
durchschnittlichen Menschen, lang, ernsthaft, und zu diesem Zwecke
viel Verkleidung, Selbstüberwindung, Vertraulichkeit, schlechter
Umgang - jeder Umgang ist schlechter Umgang ausser dem mit
Seines-Gleichen -: das macht ein nothwendiges Stück der
Lebensgeschichte jedes Philosophen aus, vielleicht das unangenehmste,
übelriechendste, an Enttäuschungen reichste Stück. Hat er aber Glück,
wie es einem Glückskinde der Erkenntniss geziemt, so begegnet er
eigentlichen Abkürzern und Erleichterern seiner Aufgabe, - ich meine
sogenannten Cynikern, also Solchen, welche das Thier, die Gemeinheit,
die "Regel" an sich einfach anerkennen und dabei noch jenen Grad von
Geistigkeit und Kitzel haben, um über sich und ihres Gleichen vor
Zeugen reden zu müssen: - mitunter wälzen sie sich sogar in Büchern
wie auf ihrem eignen Miste. Cynismus ist die einzige Form, in welcher
gemeine Seelen an Das streifen, was Redlichkeit ist; und der höhere
Mensch hat bei jedem gröberen und feineren Cynismus die Ohren
aufzumachen und sich jedes Mal Glück zu wünschen, wenn gerade vor ihm
der Possenreisser ohne Scham oder der wissenschaftliche Satyr laut
werden. Es giebt sogar Fälle, wo zum Ekel sich die Bezauberung mischt:
da nämlich, wo an einen solchen indiskreten Bock und Affen, durch eine
Laune der Natur, das Genie gebunden ist, wie bei dem Abbé Galiani, dem
tiefsten, scharfsichtigsten und vielleicht auch schmutzigsten Menschen
seines Jahrhunderts - er war viel tiefer als Voltaire und folglich
auch ein gut Theil schweigsamer. Häufiger schon geschieht es, dass,
wie angedeutet, der wissenschaftliche Kopf auf einen Affenleib, ein
feiner Ausnahme-Verstand auf eine gemeine Seele gesetzt ist, - unter
Ärzten und Moral-Physiologen namentlich kein seltenes Vorkommniss. Und
wo nur Einer ohne Erbitterung, vielmehr harmlos vom Menschen redet als
von einem Bauche mit zweierlei Bedürfnissen und einem Kopfe mit Einem;
überall wo Jemand immer nur Hunger, Geschlechts-Begierde und Eitelkeit
sieht, sucht und sehn will, als seien es die eigentlichen und einzigen
Triebfedern der menschlichen Handlungen; kurz, wo man "schlecht" vom
Menschen redet - und nicht einmal schlimm -, da soll der Liebhaber
der Erkenntniss fein und fleissig hinhorchen, er soll seine Ohren
überhaupt dort haben, wo ohne Entrüstung geredet wird. Denn der
entrüstete Mensch, und wer immer mit seinen eignen Zähnen sich selbst
(oder, zum Ersatz dafür, die Welt, oder Gott, oder die Gesellschaft)
zerreisst und zerfleischt, mag zwar moralisch gerechnet, höher stehn
als der lachende und selbstzufriedene Satyr, in jedem anderen Sinne
aber ist er der gewöhnlichere, gleichgültigere, unbelehrendere Fall.
Und Niemand lügt soviel als der Entrüstete. -
27.
Es ist schwer, verstanden zu werden: besonders wenn man gangasrotogati
denkt und lebt, unter lauter Menschen, welche anders denken und leben,
nämlich kurmagati oder besten Falles "nach der Gangart des Frosches"
mandeikagati - ich thue eben Alles, um selbst schwer verstanden zu
werden? - und man soll schon für den guten Willen zu einiger Feinheit
der Interpretation von Herzen erkenntlich sein. Was aber "die guten
Freunde" anbetrifft, welche immer zu bequem sind und gerade als
Freunde ein Recht auf Bequemlichkeit zu haben glauben: so thut
man gut, ihnen von vornherein einen Spielraum und Tummelplatz des
Missverständnisses zuzugestehn: - so hat man noch, zu lachen; - oder
sie ganz abzuschaffen, diese guten Freunde, - und auch zu lachen!
28.
Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen
lässt, ist das tempo ihres Stils: als welcher im Charakter der Rasse
seinen Grund hat, physiologischer gesprochen, im Durchschnitts-tempo
ihres "Stoffwechsels". Es giebt ehrlich gemeinte Übersetzungen, die
beinahe Fälschungen sind, als unfreiwillige Vergemeinerungen des
Originals, bloss weil sein tapferes und lustiges tempo nicht mit
übersetzt werden konnte, welches über alles Gefährliche in Dingen und
Worten wegspringt, weghilft. Der Deutsche ist beinahe des Presto in
seiner Sprache unfähig: also, wie man billig schliessen darf, auch
vieler der ergötzlichsten und verwegensten Nuances des freien,
freigeisterischen Gedankens. So gut ihm der Buffo und der Satyr fremd
ist, in Leib und Gewissen, so gut ist ihm Aristophanes und Petronius
unübersetzbar. Alles Gravitätische, Schwerflüssige, Feierlich-Plumpe,
alle langwierigen und langweiligen Gattungen des Stils sind bei den
Deutschen in überreicher Mannichfaltigkeit entwickelt, - man vergebe
mir die Thatsache, dass selbst Goethe's Prosa, in ihrer Mischung von
Steifheit und Zierlichkeit, keine Ausnahme macht, als ein Spiegelbild
der "alten guten Zeit", zu der sie gehört, und als Ausdruck des
deutschen Geschmacks, zur Zeit, wo es noch einen "deutschen Geschmack"
gab: der ein Rokoko-Geschmack war, in moribus et artibus. Lessing
macht eine Ausnahme, Dank seiner Schauspieler-Natur, die Vieles
verstand und sich auf Vieles verstand: er, der nicht umsonst der
Übersetzer Bayle's war und sich gerne in die Nähe Diderot's und
Voltaire's, noch lieber unter die römischen Lustspieldichter
flüchtete: - Lessing liebte auch im tempo die Freigeisterei, die
Flucht aus Deutschland. Aber wie vermöchte die deutsche Sprache, und
sei es selbst in der Prosa eines Lessing, das tempo Macchiavell's
nachzuahmen, der, in seinem principe, die trockne feine Luft von
Florenz athmen lässt und nicht umhin kann, die ernsteste Angelegenheit
in einem unbändigen Allegrissimo vorzutragen: vielleicht nicht ohne
ein boshaftes Artisten-Gefühl davon, welchen Gegensatz er wagt, -
Gedanken, lang, schwer, hart, gefährlich, und ein tempo des Galopps
und der allerbesten muthwilligsten Laune. Wer endlich dürfte gar eine
deutsche Übersetzung des Petronius wagen, der, mehr als irgend ein
grosser Musiker bisher, der Meister des presto gewesen ist, in
Erfindungen, Einfällen, Worten: - was liegt zuletzt an allen Sümpfen
der kranken, schlimmen Welt, auch der "alten Welt", wenn man, wie er,
die Füsse eines Windes hat, den Zug und Athem, den befreienden Hohn
eines Windes, der Alles gesund macht, indem er Alles laufen macht! Und
was Aristophanes angeht, jenen verklärenden, complementären Geist, um
dessentwillen man dem ganzen Griechenthum verzeiht, dass es da war,
gesetzt, dass man in aller Tiefe begriffen hat, was da Alles der
Verzeihung, der Verklärung bedarf: - so wüsste ich nichts, was mich
über Plato's Verborgenheit und Sphinx-Natur mehr hat träumen lassen
als jenes glücklich erhaltene petit falt: dass man unter dem
Kopfkissen seines Sterbelagers keine "Bibel" vorfand, nichts
Ägyptisches, Pythagoreisches, Platonisches, - sondern den
Aristophanes. Wie hätte auch ein Plato das Leben ausgehalten - ein
griechisches Leben, zu dem er Nein sagte, - ohne einen Aristophanes! -
29.
Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu sein: - es ist ein
Vorrecht der Starken. Und wer es versucht, auch mit dem besten Rechte
dazu, aber ohne es zu müssen, beweist damit, dass er wahrscheinlich
nicht nur stark, sondern bis zur Ausgelassenheit verwegen ist. Er
begiebt sich in ein Labyrinth, er vertausendfältigt die Gefahren,
welche das Leben an sich schon mit sich bringt; von denen es nicht die
kleinste ist, dass Keiner mit Augen sieht, wie und wo er sich verirrt,
vereinsamt und stückweise von irgend einem Höhlen-Minotaurus des
Gewissens zerrissen wird. Gesetzt, ein Solcher geht zu Grunde, so
geschieht es so ferne vom Verständniss der Menschen, dass sie es nicht
fühlen und mitfühlen: - und er kann nicht mehr zurück! er kann auch
zum Mitleiden der Menschen nicht mehr zurück! - -
30.
Unsre höchsten Einsichten müssen - und sollen! - wie Thorheiten, unter
Umständen wie Verbrechen klingen, wenn sie unerlaubter Weise Denen zu
Ohren kommen, welche nicht dafür geartet und vorbestimmt sind. Das
Exoterische und das Esoterische, wie man ehedem unter Philosophen
unterschied, bei Indern, wie bei Griechen, Persern und Muselmännern,
kurz überall, wo man eine Rangordnung und nicht an Gleichheit und
gleiche Rechte glaubte, - das hebt sich nicht sowohl dadurch von
einander ab, dass der Exoteriker draussen steht und von aussen
her, nicht von innen her, sieht, schätzt, misst, urtheilt: das
Wesentlichere ist, dass er von Unten hinauf die Dinge sieht, - der
Esoteriker aber von Oben herab! Es giebt Höhen der Seele, von wo aus
gesehen selbst die Tragödie aufhört, tragisch zu wirken; und, alles
Weh der Welt in Eins genommen, wer dürfte zu entscheiden wagen, ob
sein Anblick nothwendig gerade zum Mitleiden und dergestalt zur
Verdoppelung des Wehs verführen und zwingen werde?... Was der höheren
Art von Menschen zur Nahrung oder zur Labsal dient, muss einer sehr
unterschiedlichen und geringeren Art beinahe Gift sein. Die Tugenden
des gemeinen Manns würden vielleicht an einem Philosophen Laster und
Schwächen bedeuten; es wäre möglich, dass ein hochgearteter Mensch,
gesetzt, dass er entartete und zu Grunde gienge, erst dadurch in den
Besitz von Eigenschaften käme, derentwegen man nöthig hätte, ihn in
der niederen Welt, in welche er hinab sank, nunmehr wie einen Heiligen
zu verehren. Es giebt Bücher, welche für Seele und Gesundheit einen
umgekehrten Werth haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere
Lebenskraft oder aber die höhere und gewaltigere sich ihrer bedienen:
im ersten Falle sind es gefährliche, anbröckelnde, auflösende Bücher,
im anderen Heroldsrufe, welche die Tapfersten zu ihrer Tapferkeit
herausfordern. Allerwelts-Bücher sind immer übelriechende Bücher: der
Kleine-Leute-Geruch klebt daran. Wo das Volk isst und trinkt, selbst
wo es verehrt, da pflegt es zu stinken. Man soll nicht in Kirchen
gehn, wenn man reine Luft athmen will. - -
31.
Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der
Nuance, welche den besten Gewinn des Lebens ausmacht, und muss es
billigerweise hart büssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja
und Nein überfallen zu haben. Es ist Alles darauf eingerichtet, dass
der schlechteste aller Geschmäcker, der Geschmack für das Unbedingte
grausam genarrt und gemissbraucht werde, bis der Mensch lernt, etwas
Kunst in seine Gefühle zu legen und lieber noch mit dem Künstlichen
den Versuch zu wagen: wie es die rechten Artisten des Lebens thun. Das
Zornige und Ehrfürchtige, das der Jugend eignet, scheint sich keine
Ruhe zu geben, bevor es nicht Menschen und Dinge so zurecht gefälscht
hat, dass es sich an ihnen auslassen kann: - Jugend ist an sich schon
etwas Fälschendes und Betrügerisches. Später, wenn die junge Seele,
durch lauter Enttäuschungen gemartert, sich endlich argwöhnisch
gegen sich selbst zurück wendet, immer noch heiss und wild, auch in
ihrem Argwohne und Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie
zerreisst sie sich ungeduldig, wie nimmt sie Rache für ihre lange
Selbst-Verblendung, wie als ob sie eine willkürliche Blindheit gewesen
sei! In diesem Übergange bestraft man sich selber, durch Misstrauen
gegen sein Gefühl; man foltert seine Begeisterung durch den Zweifel,
ja man fühlt schon das gute Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als
Selbst-Verschleierung und Ermüdung der feineren Redlichkeit; und vor
Allem, man nimmt Partei, grundsätzlich Partei gegen "die Jugend". -
Ein Jahrzehend später: und man begreift, dass auch dies Alles noch -
Jugend war!
32.
Die längste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch - man nennt
sie die prähistorische Zeit - wurde der Werth oder der Unwerth einer
Handlung aus ihren Folgen abgeleitet: die Handlung an sich kam dabei
ebensowenig als ihre Herkunft in Betracht, sondern ungefähr so, wie
heute noch in China eine Auszeichnung oder Schande vom Kinde auf die
Eltern zurückgreift, so war es die rückwirkende Kraft des Erfolgs oder
Misserfolgs, welche den Menschen anleitete, gut oder schlecht von
einer Handlung zu denken. Nennen wir diese Periode die vormoralische
Periode der Menschheit: der Imperativ "erkenne dich selbst!" war
damals noch unbekannt. In den letzten zehn Jahrtausenden ist man
hingegen auf einigen grossen Flächen der Erde Schritt für Schritt
so weit gekommen, nicht mehr die Folgen, sondern die Herkunft der
Handlung über ihren Werth entscheiden zu lassen: ein grosses Ereigniss
als Ganzes, eine erhebliche Verfeinerung des Blicks und Maassstabs,
die unbewusste Nachwirkung von der Herrschaft aristokratischer Werthe
und des Glaubens an "Herkunft", das Abzeichen einer Periode, welche
man im engeren Sinne als die moralische bezeichnen darf: der erste
Versuch zur Selbst-Erkenntniss ist damit gemacht. Statt der Folgen die
Herkunft: welche Umkehrung der Perspektive! Und sicherlich eine erst
nach langen Kämpfen und Schwankungen erreichte Umkehrung! Freilich:
ein verhängnissvoller neuer Aberglaube, eine eigenthümliche Engigkeit
der Interpretation kam eben damit zur Herrschaft: man interpretirte
die Herkunft einer Handlung im allerbestimmtesten Sinne als Herkunft
aus einer Absicht; man wurde Eins im Glauben daran, dass der Werth
einer Handlung im Werthe ihrer Absicht belegen sei. Die Absicht als
die ganze Herkunft und Vorgeschichte einer Handlung: unter diesem
Vorurtheile ist fast bis auf die neueste Zeit auf Erden moralisch
gelobt, getadelt, gerichtet, auch philosophirt worden. - Sollten wir
aber heute nicht bei der Nothwendigkeit angelangt sein, uns nochmals
über eine Umkehrung und Grundverschiebung der Werthe schlüssig zu
machen, Dank einer nochmaligen Selbstbesinnung und Vertiefung des
Menschen, - sollten wir nicht an der Schwelle einer Periode stehen,
welche, negativ, zunächst als die aussermoralische zu, bezeichnen
wäre: heute, wo wenigstens unter uns Immoralisten der Verdacht sich
regt, dass gerade in dem, was nicht-absichtlich an einer Handlung
ist, ihr entscheidender Werth belegen sei, und dass alle ihre
Absichtlichkeit, Alles, was von ihr gesehn, gewusst, "bewusst" werden
kann, noch zu ihrer Oberfläche und Haut gehöre, - welche, wie jede
Haut, Etwas verräth, aber noch mehr verbirgt? Kurz, wir glauben, dass
die Absicht nur ein Zeichen und Symptom ist, das erst der Auslegung
bedarf, dazu ein Zeichen, das zu Vielerlei und folglich für sich
allein fast nichts bedeutet, - dass Moral, im bisherigen Sinne, also
Absichten-Moral ein Vorurtheil gewesen ist, eine Voreiligkeit, eine
Vorläufigkeit vielleicht, ein Ding etwa vom Range der Astrologie und
Alchymie, aber jedenfalls Etwas, das überwunden werden muss. Die
Überwindung der Moral, in einem gewissen Verstande sogar die
Selbstüberwindung der Moral: mag das der Name für jene lange
geheime Arbeit sein, welche den feinsten und redlichsten, auch den
boshaftesten Gewissen von heute, als lebendigen Probirsteinen der
Seele, vorbehalten blieb. -
33.
Es hilft nichts: man muss die Gefühle der Hingebung, der Aufopferung
für den Nächsten, die ganze Selbstentäusserungs-Moral erbarmungslos
zur Rede stellen und vor Gericht führen: ebenso wie die Ästhetik der
"interesselosen Anschauung", unter welcher sich die Entmännlichung der
Kunst verführerisch genug heute ein gutes Gewissen zu schaffen sucht.
Es ist viel zu viel Zauber und Zucker in jenen Gefühlen des "für
Andere", des "nicht für mich", als dass man nicht nöthig hätte,
hier doppelt misstrauisch zu werden und zu fragen: "sind es nicht
vielleicht - Verführungen?" - Dass sie gefallen - Dem, der sie hat,
und Dem, der ihre Früchte geniesst, auch dem blossen Zuschauer, -
dies giebt noch kein Argument für sie ab, sondern fordert gerade zur
Vorsicht auf. Seien wir also vorsichtig!
34.
Auf welchen Standpunkt der Philosophie man sich heute auch stellen
mag: von jeder Stelle aus gesehn ist die Irrthümlichkeit der Welt, in
der wir zu leben glauben, das Sicherste und Festeste, dessen unser
Auge noch habhaft werden kann: - wir finden Gründe über Gründe dafür,
die uns zu Muthmaassungen über ein betrügerisches Princip im "Wesen
der Dinge" verlocken möchten. Wer aber unser Denken selbst, also
"den Geist" für die Falschheit der Welt verantwortlich macht - ein
ehrenhafter Ausweg, den jeder bewusste oder unbewusste advocatus dei
geht -: wer diese Welt, sammt Raum, Zeit, Gestalt, Bewegung, als
falsch erschlossen nimmt: ein Solcher hätte mindestens guten Anlass,
gegen alles Denken selbst endlich Misstrauen zu lernen: hätte es
uns nicht bisher den allergrössten Schabernack gespielt? und welche
Bürgschaft dafür gäbe es, dass es nicht fortführe, zu thun, was es
immer gethan hat? In allem Ernste: die Unschuld der Denker hat etwas
Rührendes und Ehrfurcht Einflössendes, welche ihnen erlaubt, sich auch
heute noch vor das Bewusstsein hinzustellen, mit der Bitte, dass es
ihnen ehrliche Antworten gebe: zum Beispiel ob es "real" sei, und
warum es eigentlich die äussere Welt sich so entschlossen vom
Halse halte, und was dergleichen Fragen mehr sind. Der Glaube an
"unmittelbare Gewissheiten" ist eine moralische Naivetät, welche
uns Philosophen Ehre macht: aber - wir sollen nun einmal nicht "nur
moralische" Menschen sein! Von der Moral abgesehn, ist jener Glaube
eine Dummheit, die uns wenig Ehre macht! Mag im bürgerlichen Leben das
allzeit bereite Misstrauen als Zeichen des "schlechten Charakters"
gelten und folglich unter die Unklugheiten gehören: hier unter uns,
jenseits der bürgerlichen Welt und ihres Ja's und Nein's, - was sollte
uns hindern, unklug zu sein und zu sagen: der Philosoph hat nachgerade
ein Recht auf "schlechten Charakter", als das Wesen, welches bisher
auf Erden immer am besten genarrt worden ist, - er hat heute die
Pflicht zum Misstrauen, zum boshaftesten Schielen aus jedem Abgrunde
des Verdachts heraus. - Man vergebe mir den Scherz dieser düsteren
Fratze und Wendung: denn ich selbst gerade habe längst über Betrügen
und Betrogenwerden anders denken, anders schätzen gelernt und halte
mindestens ein paar Rippenstösse für die blinde Wuth bereit, mit der
die Philosophen sich dagegen sträuben, betrogen zu werden. Warum
nicht? Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurtheil, dass Wahrheit
mehr werth ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene
Annahme, die es in der Welt giebt. Man gestehe sich doch so viel ein:
es bestünde gar kein Leben, wenn nicht auf dem Grunde perspektivischer
Schätzungen und Scheinbarkeiten; und wollte man, mit der tugendhaften
Begeisterung und Tölpelei mancher Philosophen, die "scheinbare
Welt" ganz abschlaffen, nun, gesetzt, ihr könntet das, - so bliebe
mindestens dabei auch von eurer "Wahrheit" nichts mehr übrig! Ja,
was zwingt uns überhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften
Gegensatz von "wahr" und "falsch" giebt? Genügt es nicht, Stufen der
Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten
und Gesammttöne des Scheins, - verschiedene valeurs, um die Sprache
der Maler zu reden? Warum dürfte die Welt, die uns etwas angeht -,
nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt: "aber zur Fiktion gehört
ein Urheber?" - dürfte dem nicht rund geantwortet werden: Warum?
Gehört dieses "Gehört" nicht vielleicht mit zur Fiktion? Ist es
denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen Prädikat und Objekt,
nachgerade ein Wenig ironisch zu sein? Dürfte sich der Philosoph nicht
über die Gläubigkeit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den
Gouvernanten: aber wäre es nicht an der Zeit, dass die Philosophie dem
Gouvernanten-Glauben absagte? -
35.
Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn! Mit der "Wahrheit", mit dem
Suchen der Wahrheit hat es etwas auf sich; und wenn der Mensch es
dabei gar zu menschlich treibt - "il ne cherche le vrai que pour faire
le bien" - ich wette, er findet nichts!
36.
Gesetzt, dass nichts Anderes als real "gegeben" ist als unsre Welt der
Begierden und Leidenschaften, dass wir zu keiner anderen "Realität"
hinab oder hinauf können als gerade zur Realität unsrer Triebe - denn
Denken ist nur ein Verhalten dieser Triebe zu einander -: ist es
nicht erlaubt, den Versuch zu machen und die Frage zu fragen, ob dies
Gegeben nicht ausreicht, um aus Seines-Gleichen auch die sogenannte
mechanistische (oder "materielle") Welt zu verstehen? Ich meine
nicht als eine Täuschung, einen "Schein", eine "Vorstellung" (im
Berkeley'schen und Schopenhauerischen Sinne), sondern als vom
gleichen Realitäts-Range, welchen unser Affekt selbst hat, - als eine
primitivere Form der Welt der Affekte, in der noch Alles in mächtiger
Einheit beschlossen liegt, was sich dann im organischen Prozesse
abzweigt und ausgestaltet (auch, wie billig, verzärtelt und abschwächt
-), als eine Art von Triebleben, in dem noch sämmtliche organische
Funktionen, mit Selbst-Regulirung, Assimilation, Ernährung,
Ausscheidung, Stoffwechsel, synthetisch gebunden in einander sind,
- als eine Vorform des Lebens? - Zuletzt ist es nicht nur erlaubt,
diesen Versuch zu machen: es ist, vom Gewissen der Methode aus,
geboten. Nicht mehrere Arten von Causalität annehmen, so lange nicht
der Versuch, mit einer einzigen auszureichen, bis an seine äusserste
Grenze getrieben ist (- bis zum Unsinn, mit Verlaub zu sagen): das ist
eine Moral der Methode, der man sich heute nicht entziehen darf; - es
folgt "aus ihrer Definition", wie ein Mathematiker sagen würde. Die
Frage ist zuletzt, ob wir den Willen wirklich als wirkend anerkennen,
ob wir an die Causalität des Willens glauben: thun wir das - und im
Grunde ist der Glaube daran eben unser Glaube an Causalität selbst -,
so müssen wir den Versuch machen, die Willens-Causalität hypothetisch
als die einzige zu setzen. "Wille" kann natürlich nur auf "Wille"
wirken - und nicht auf "Stoffe" (nicht auf "Nerven" zum Beispiel -):
genug, man muss die Hypothese wagen, ob nicht überall, wo "Wirkungen"
anerkannt werden, Wille auf Wille wirkt - und ob nicht alles
mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin thätig wird, eben
Willenskraft, Willens-Wirkung ist. - Gesetzt endlich, dass es gelänge,
unser gesammtes Triebleben als die Ausgestaltung und Verzweigung Einer
Grundform des Willens zu erklären - nämlich des Willens zur Macht, wie
es in ein Satz ist -; gesetzt, dass man alle organischen Funktionen
auf diesen Willen zur Macht zurückführen könnte und in ihm auch die
Lösung des Problems der Zeugung und Ernährung - es ist Ein Problem -
fände, so hätte man damit sich das Recht verschafft, alle wirkende
Kraft eindeutig zu bestimmen als: Wille zur Macht. Die Welt von innen
gesehen, die Welt auf ihren "intelligiblen Charakter" hin bestimmt und
bezeichnet - sie wäre eben "Wille zur Macht" und nichts ausserdem. -
37.
"Wie? Heisst das nicht, populär geredet: Gott ist widerlegt, der
Teufel aber nicht -?" Im Gegentheil! Im Gegentheil, meine Freunde!
Und, zum Teufel auch, wer zwingt euch, populär zu reden! -
38.
Wie es zuletzt noch, in aller Helligkeit der neueren Zeiten, mit der
französischen Revolution gegangen ist, jener schauerlichen und, aus
der Nähe beurtheilt, überflüssigen Posse, in welche aber die edlen und
schwärmerischen Zuschauer von ganz Europa aus der Ferne her so lange
und so leidenschaftlich ihre eignen Empörungen und Begeisterungen
hinein interpretirt haben, bis der Text unter der Interpretation
verschwand: so könnte eine edle Nachwelt noch einmal die ganze
Vergangenheit missverstehen und dadurch vielleicht erst ihren Anblick
erträglich machen. - Oder vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen?
waren wir nicht selbst - diese "edle Nachwelt"? Und ist es nicht
gerade jetzt, insofern wir dies begreifen, - damit vorbei?
39.
Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht,
oder tugendhaft macht, deshalb für wahr halten: die lieblichen
"Idealisten" etwa ausgenommen, welche für das Gute, Wahre, Schöne
schwärmen und in ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und
gutmüthigen Wünschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen. Glück
und Tugend sind keine Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf
Seiten besonnener Geister, dass Unglücklich-machen und Böse-machen
ebensowenig Gegenargumente sind. Etwas dürfte wahr sein: ob es gleich
im höchsten Grade schädlich und gefährlich wäre; ja es könnte selbst
zur Grundbeschaffenheit des Daseins gehören, dass man an seiner
völligen Erkenntniss zu Grunde gienge, - so dass sich die Stärke eines
Geistes darnach bemässe, wie viel er von der "Wahrheit" gerade noch
aushielte, deutlicher, bis zu welchem Grade er sie verdünnt, verhüllt,
versüsst, verdumpft, verfälscht nöthig hätte. Aber keinem Zweifel
unterliegt es, dass für die Entdeckung gewisser Theile der Wahrheit
die Bösen und Unglücklichen begünstigter sind und eine grössere
Wahrscheinlichkeit des Gelingens haben; nicht zu reden von den
Bösen, die glücklich sind, - eine Species, welche von den Moralisten
verschwiegen wird. Vielleicht, dass Härte und List günstigere
Bedingungen zur Entstehung des starken, unabhängigen Geistes und
Philosophen abgeben, als jene sanfte feine nachgebende Gutartigkeit
und Kunst des Leicht-nehmens, welche man an einem Gelehrten schätzt
und mit Recht schätzt. Vorausgesetzt, was voran steht, dass man den
Begriff "Philosoph" nicht auf den Philosophen einengt, der Bücher
schreibt - oder gar seine Philosophie in Bücher bringt! - Einen
letzten Zug zum Bilde des freigeisterischen Philosophen bringt
Stendhal bei, den ich um des deutschen Geschmacks willen nicht
unterlassen will zu unterstreichen: - denn er geht wider den deutschen
Geschmack. "Pour être bon philosophe", sagt dieser letzte grosse
Psycholog, "il faut être sec, clair, sans illusion. Un banquier,
qui a fait fortune, a une partie du caractère requis pour faire des
découvertes en philosophie, c'est-'á-dire pour voir clair dans ce qui
est."
40.
Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben
sogar einen Hass auf Bild und Gleichniss. Sollte nicht erst der
Gegensatz die rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes
einhergienge? Eine fragwürdige Frage: es wäre wunderlich, wenn nicht
irgend ein Mystiker schon dergleichen bei sich gewagt hätte. Es giebt
Vorgänge so zarter Art, dass man gut thut, sie durch eine Grobheit zu
verschütten und unkenntlich zu machen; es giebt Handlungen der Liebe
und einer ausschweifenden Grossmuth, hinter denen nichts räthlicher
ist, als einen Stock zu nehmen und den Augenzeugen durchzuprügeln:
damit trübt man dessen Gedächtniss. Mancher versteht sich darauf,
das eigne Gedächtniss zu trüben und zu misshandeln, um wenigstens
an diesem einzigen Mitwisser seine Rache zu haben: - die Scham ist
erfinderisch. Es sind nicht die schlimmsten Dinge, deren man sich am
schlimmsten schämt: es ist nicht nur Arglist hinter einer Maske, -
es giebt so viel Güte in der List. Ich könnte mir denken, dass ein
Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen hätte, grob
und rund wie ein grünes altes schwerbeschlagenes Weinfass durch's
Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem Menschen,
der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und zarten
Entscheidungen auf Wegen, zu denen Wenige je gelangen, und um deren
Vorhandensein seine Nächsten und Vertrautesten nicht wissen dürfen:
seine Lebensgefahr verbirgt sich ihren Augen und ebenso seine wieder
eroberte Lebens-Sicherheit. Ein solcher Verborgener, der aus Instinkt
das Reden zum Schweigen und Verschweigen braucht und unerschöpflich
ist in der Ausflucht vor Mittheilung, will es und fördert es, dass
eine Maske von ihm an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner
Freunde herum wandelt; und gesetzt, er will es nicht, so werden ihm
eines Tages die Augen darüber aufgehn, dass es trotzdem dort eine
Maske von ihm giebt, - und dass es gut so ist. Jeder tiefe Geist
braucht eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst
fortwährend eine Maske, Dank der beständig falschen, nämlich flachen
Auslegung jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes Lebens-Zeichens, das er
giebt. -
41.
Man muss sich selbst seine Proben geben, dafür dass man zur
Unabhängigkeit und zum Befehlen bestimmt ist; und dies zur rechten
Zeit. Man soll seinen Proben nicht aus dem Wege gehn, obgleich sie
vielleicht das gefährlichste Spiel sind, das man spielen kann, und
zuletzt nur Proben, die vor uns selber als Zeugen und vor keinem
anderen Richter abgelegt werden. Nicht an einer Person hängen bleiben:
und sei sie die geliebteste, - jede Person ist ein Gefängniss, auch
ein Winkel. Nicht an einem Vaterlande hängen bleiben: und sei es das
leidendste und hülfbedürftigste, - es ist schon weniger schwer, sein
Herz von einem siegreichen Vaterlande los zu binden. Nicht an einem
Mitleiden hängen bleiben: und gälte es höheren Menschen, in deren
seltne Marter und Hülflosigkeit uns ein Zufall hat blicken lassen.
Nicht an einer Wissenschaft hängen bleiben: und locke sie Einen mit
den kostbarsten, anscheinend gerade uns aufgesparten Funden. Nicht an
seiner eignen Loslösung hängen bleiben, an jener wollüstigen Ferne und
Fremde des Vogels, der immer weiter in die Höhe flieht, um immer mehr
unter sich zu sehn: - die Gefahr des Fliegenden. Nicht an unsern
eignen Tugenden hängen bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer
Einzelheit an uns werden, zum Beispiel unsrer "Gastfreundschaft": wie
es die Gefahr der Gefahren bei hochgearteten und reichen Seelen ist,
welche verschwenderisch, fast gleichgültig mit sich selbst umgehn und
die Tugend der Liberalität bis zum Laster treiben. Man muss wissen,
sich zu bewahren: stärkste Probe der Unabhängigkeit.
42.
Eine neue Gattung von Philosophen kommt herauf: ich wage es, sie auf
einen nicht ungefährlichen Namen zu taufen. So wie ich sie errathe,
so wie sie sich errathen lassen - denn es gehört zu ihrer Art, irgend
worin Räthsel bleiben zu wollen -, möchten diese Philosophen der
Zukunft ein Recht, vielleicht auch ein Unrecht darauf haben, als
Versucher bezeichnet zu werden. Dieser Name selbst ist zuletzt nur ein
Versuch, und, wenn man will, eine Versuchung.
43.
Sind es neue Freunde der "Wahrheit", diese kommenden Philosophen?
Wahrscheinlich genug: denn alle Philosophen liebten bisher ihre
Wahrheiten. Sicherlich aber werden es keine Dogmatiker sein. Es muss
ihnen wider den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn ihre
Wahrheit gar noch eine Wahrheit für Jedermann sein soll: was bisher
der geheime Wunsch und Hintersinn aller dogmatischen Bestrebungen war.
"Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer
das Recht" - sagt vielleicht solch ein Philosoph der Zukunft. Man muss
den schlechten Geschmack von sich abthun, mit Vielen übereinstimmen
zu wollen. "Gut" ist nicht mehr gut, wenn der Nachbar es in den
Mund nimmt. Und wie könnte es gar ein "Gemeingut" geben! Das Wort
widerspricht sich selbst: was gemein sein kann, hat immer nur wenig
Werth. Zuletzt muss es so stehn, wie es steht und immer stand: die
grossen Dinge bleiben für die Grossen übrig, die Abgründe für die
Tiefen, die Zartheiten und Schauder für die Feinen, und, im Ganzen und
Kurzen, alles Seltene für die Seltenen. -
44.
Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, dass auch sie freie,
sehr freie Geister sein werden, diese Philosophen der Zukunft, - so
gewiss sie auch nicht bloss freie Geister sein werden, sondern etwas
Mehreres, Höheres, Grösseres und Gründlich-Anderes, das nicht verkannt
und verwechselt werden will? Aber, indem ich dies sage, fühle ich fast
ebenso sehr gegen sie selbst, als gegen uns, die wir ihre Herolde und
Vorläufer sind, wir freien Geister! - die Schuldigkeit, ein altes
dummes Vorurtheil und Missverständniss von uns gemeinsam fortzublasen,
welches allzulange wie ein Nebel den Begriff "freier Geist"
undurchsichtig gemacht hat. In allen Ländern Europa's und ebenso in
Amerika giebt es jetzt Etwas, das Missbrauch mit diesem Namen treibt,
eine sehr enge, eingefangne, an Ketten gelegte Art von Geistern,
welche ungefähr das Gegentheil von dem wollen, was in unsern Absichten
und Instinkten liegt, - nicht zu reden davon, dass sie in Hinsicht auf
jene heraufkommenden neuen Philosophen erst recht zugemachte Fenster
und verriegelte Thüren sein müssen. Sie gehören, kurz und schlimm,
unter die Nivellirer, diese fälschlich genannten "freien Geister" -
als beredte und schreibfingrige Sklaven des demokratischen Geschmacks
und seiner "modernen Ideen": allesammt Menschen ohne Einsamkeit, ohne
eigne Einsamkeit, plumpe brave Burschen, welchen weder Muth noch
achtbare Sitte abgesprochen werden soll, nur dass sie eben unfrei und
zum Lachen oberflächlich sind, vor Allem mit ihrem Grundhange, in den
Formen der bisherigen alten Gesellschaft ungefähr die Ursache für
alles menschliche Elend und Missrathen zu sehn: wobei die Wahrheit
glücklich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit allen Kräften
erstreben möchten, ist das allgemeine grüne Weide-Glück der Heerde,
mit Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Erleichterung des Lebens
für Jedermann; ihre beiden am reichlichsten abgesungnen Lieder und
Lehren heissen "Gleichheit der Rechte" und "Mitgefühl für alles
Leidende", - und das Leiden selbst wird von ihnen als Etwas genommen,
das man abschaffen muss. Wir Umgekehrten, die wir uns ein Auge und ein
Gewissen für die Frage aufgemacht haben, wo und wie bisher die Pflanze
"Mensch" am kräftigsten in die Höhe gewachsen ist, vermeinen, dass
dies jedes Mal unter den umgekehrten Bedingungen geschehn ist, dass
dazu die Gefährlichkeit seiner Lage erst in's Ungeheure wachsen, seine
Erfindungs- und Verstellungskraft (sein "Geist" -) unter langem Druck
und Zwang sich in's Feine und Verwegene entwickeln, sein Lebens-Wille
bis zum unbedingten Macht-Willen gesteigert werden musste: - wir
vermeinen, dass Härte, Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse
und im Herzen, Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und Teufelei
jeder Art, dass alles Böse, Furchtbare, Tyrannische, Raubthier- und
Schlangenhafte am Menschen so gut zur Erhöhung der Species "Mensch"
dient, als sein Gegensatz: - wir sagen sogar nicht einmal genug,
wenn wir nur so viel sagen, und befinden uns jedenfalls, mit unserm
Reden und Schweigen an dieser Stelle, am andern Ende aller modernen
Ideologie und Heerden-Wünschbarkeit: als deren Antipoden vielleicht?
Was Wunder, dass wir "freien Geister" nicht gerade die mittheilsamsten
Geister sind? dass wir nicht in jedem Betrachte zu verrathen wünschen,
wovon ein Geist sich frei machen kann und wohin er dann vielleicht
getrieben wird? Und was es mit der gefährlichen Formel "jenseits
von Gut und Böse" auf sich hat, mit der wir uns zum Mindesten vor
Verwechslung behüten: wir sind etwas Anderes als "libres-penseurs",
"liberi pensatori", "Freidenker" und wie alle diese braven Fürsprecher
der "modernen Ideen" sich zu benennen lieben. In vielen Ländern des
Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste gewesen; den dumpfen angenehmen
Winkeln immer wieder entschlüpft, in die uns Vorliebe und Vorhass,
Jugend, Abkunft, der Zufall von Menschen und Büchern, oder selbst die
Ermüdungen der Wanderschaft zu bannen schienen; voller Bosheit gegen
die Lockmittel der Abhängigkeit, welche in Ehren, oder Geld, oder
Ämtern, oder Begeisterungen der Sinne versteckt liegen; dankbar sogar
gegen Noth und wechselreiche Krankheit, weil sie uns immer von irgend
einer Regel und ihrem "Vorurtheil" losmachte, dankbar gegen Gott,
Teufel, Schlaf und Wurm in uns, neugierig bis zum Laster, Forscher
bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern für Unfassbares, mit
Zähnen und Mägen für das Unverdaulichste, bereit zu jedem Handwerk,
das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt, bereit zu jedem Wagniss,
Dank einem Überschusse von "freiem Willen", mit Vorder- und
Hinterseelen, denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit
Vorder- und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte,
Verborgene unter den Mänteln des Lichts, Erobernde, ob wir gleich
Erben und Verschwendern gleich sehn, Ordner und Sammler von früh
bis Abend, Geizhälse unsres Reichthums und unsrer vollgestopften
Schubfächer, haushälterisch im Lernen und Vergessen, erfinderisch in
Schematen, mitunter stolz auf Kategorien-Tafeln, mitunter Pedanten,
mitunter Nachteulen der Arbeit auch am hellen Tage; ja, wenn es noth
thut, selbst Vogelscheuchen - und heute thut es noth: nämlich insofern
wir die geborenen geschworenen eifersüchtigen Freunde der Einsamkeit
sind, unsrer eignen tiefsten mitternächtlichsten mittäglichsten
Einsamkeit: - eine solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister!
und vielleicht seid auch ihr etwas davon, ihr Kommenden? ihr neuen
Philosophen? -
Drittes Hauptstück:
Das religiöse Wesen.
45.
Die menschliche Seele und ihre Grenzen, der bisher überhaupt erreichte
Umfang menschlicher innerer Erfahrungen, die Höhen, Tiefen und Fernen
dieser Erfahrungen, die ganze bisherige Geschichte der Seele und ihre
noch unausgetrunkenen Möglichkeiten: das ist für einen geborenen
Psychologen und Freund der "grossen Jagd" das vorbestimmte
Jagdbereich. Aber wie oft muss er sich verzweifelt sagen: "ein
Einzelner! ach, nur ein Einzelner! und dieser grosse Wald und Urwald!"
Und so wünscht er sich einige hundert Jagdgehülfen und feine gelehrte
Spürhunde, welche er in die Geschichte der menschlichen Seele treiben
könnte, um dort sein Wild zusammenzutreiben. Umsonst: er erprobt es
immer wieder, gründlich und bitterlich, wie schlecht zu allen Dingen,
die gerade seine Neugierde reizen, Gehülfen und Hunde zu finden
sind. Der Übelstand, den es hat, Gelehrte auf neue und gefährliche
Jagdbereiche auszuschicken, wo Muth, Klugheit, Feinheit in jedem Sinne
noth thun, liegt darin, dass sie gerade dort nicht mehr brauchbar
sind, wo die "grosse Jagd", aber auch die grosse Gefahr beginnt: -
gerade dort verlieren sie ihr Spürauge und ihre Spürnase. Um zum
Beispiel zu errathen und festzustellen, was für eine Geschichte bisher
das Problem von Wissen und Gewissen in der Seele der homines religiosi
gehabt hat, dazu müsste Einer vielleicht selbst so tief, so verwundet,
so ungeheuer sein, wie es das intellektuelle Gewissen Pascal's war:
und dann bedürfte es immer noch jenes ausgespannten Himmels von
heller, boshafter Geistigkeit, welcher von Oben herab dies Gewimmel
von gefährlichen und schmerzlichen Erlebnissen zu übersehn, zu ordnen,
in Formeln zu zwingen vermöchte. - Aber wer thäte mir diesen Dienst!
Aber wer hätte Zeit, auf solche Diener zu warten! - sie wachsen
ersichtlich zu selten, sie sind zu allen Zeiten so unwahrscheinlich!
Zuletzt muss man Alles selber thun, um selber Einiges zu wissen: das
heisst, man hat viel zu thun! - Aber eine Neugierde meiner Art bleibt
nun einmal das angenehmste aller Laster, - Verzeihung! ich wollte
sagen: die Liebe zur Wahrheit hat ihren Lohn im Himmel und schon auf
Erden. -
46.
Der Glaube, wie ihn das erste Christenthum verlangt und nicht selten
erreicht hat, inmitten einer skeptischen und südlich-freigeisterischen
Welt, die einen Jahrhunderte langen Kampf von Philosophenschulen
hinter sich und in sich hatte, hinzugerechnet die Erziehung zur
Toleranz, welche das imperium Romanum gab, - dieser Glaube ist nicht
jener treuherzige und bärbeissige Unterthanen-Glaube, mit dem etwa ein
Luther oder ein Cromwell oder sonst ein nordischer Barbar des Geistes
an ihrem Gotte und Christenthum gehangen haben; viel eher scholl
jener Glaube Pascal's, der auf schreckliche Weise einem dauernden
Selbstmorde der Vernunft ähnlich sieht, - einer zähen langlebigen
wurmhaften Vernunft, die nicht mit Einem Male und Einem Streiche
todtzumachen ist. Der christliche Glaube ist von Anbeginn Opferung:
Opferung aller Freiheit, alles Stolzes, aller Selbstgewissheit
des Geistes; zugleich Verknechtung und Selbst-Verhöhnung,
Selbst-Verstümmelung. Es ist Grausamkeit und religiöser Phönicismus
in diesem Glauben, der einem mürben, vielfachen und viel verwöhnten,
Gewissen zugemuthet wird: seine Voraussetzung ist, dass die
Unterwerfung des Geistes unbeschreiblich wehe thut, dass die ganze
Vergangenheit und Gewohnheit eines solchen Geistes sich gegen das
Absurdissimum wehrt, als welches ihm der "Glaube" entgegentritt.
Die modernen Menschen, mit ihrer Abstumpfung gegen alle christliche
Nomenklatur, fühlen das Schauerlich-Superlativische nicht mehr nach,
das für einen antiken Geschmack in der Paradoxie der Formel "Gott am
Kreuze" lag. Es hat bisher noch niemals und nirgendswo eine gleiche
Kühnheit im Umkehren, etwas gleich Furchtbares, Fragendes und
Fragwürdiges gegeben wie diese Formel: sie verhiess eine Umwerthung
aller antiken Werthe. - Es ist der Orient, der tiefe Orient, es ist
der orientalische Sklave, der auf diese Weise an Rom und seiner
vornehmen und frivolen Toleranz, am römischen "Katholicismus" des
Glaubens Rache nahm: - und immer war es nicht der Glaube, sondern die
Freiheit vom Glauben, jene halb stoische und lächelnde Unbekümmertheit
um den Ernst des Glaubens, was die Sklaven an ihren Herrn, gegen ihre
Herrn empört hat. Die "Aufklärung" empört: der Sklave nämlich will
Unbedingtes, er versteht nur das Tyrannische, auch in der Moral, er
liebt wie er hasst, ohne Nuance, bis in die Tiefe, bis zum Schmerz,
bis zur Krankheit, - sein vieles verborgenes Leiden empört sich
gegen den vornehmen Geschmack, der das Leiden zu leugnen scheint.
Die Skepsis gegen das Leiden, im Grunde nur eine Attitude der
aristokratischen Moral, ist nicht am wenigsten auch an der Entstehung
des letzten grossen Sklaven-Aufstandes betheiligt, welcher mit der
französischen Revolution begonnen hat.
47.
Wo nur auf Erden bisher die religiöse Neurose aufgetreten ist, finden
wir sie verknüpft mit drei gefährlichen Diät-Verordnungen: Einsamkeit,
Fasten und geschlechtlicher Enthaltsamkeit, - doch ohne dass hier mit
Sicherheit zu entscheiden wäre, was da Ursache, was Wirkung sei, und
ob hier überhaupt ein Verhältniss von Ursache und Wirkung vorliege.
Zum letzten Zweifel berechtigt, dass gerade zu ihren regelmässigsten
Symptomen, bei wilden wie bei zahmen Völkern, auch die plötzlichste
ausschweifendste Wollüstigkeit gehört, welche dann, ebenso plötzlich,
in Busskrampf und Welt- und Willens-Verneinung umschlägt: beides
vielleicht als maskirte Epilepsie deutbar? Aber nirgendswo sollte man
sich der Deutungen mehr entschlagen: um keinen Typus herum ist bisher
eine solche Fülle von Unsinn und Aberglauben aufgewachsen, keiner
scheint bisher die Menschen, selbst die Philosophen, mehr interessirt
zu haben, - es wäre an der Zeit, hier gerade ein Wenig kalt zu werden,
Vorsicht zu lernen, besser noch: wegzusehn, wegzugehn. - Noch im
Hintergrunde der letztgekommenen Philosophie, der Schopenhauerischen,
steht, beinahe als das Problem an sich, dieses schauerliche
Fragezeichen der religiösen Krisis und Erweckung. Wie ist
Willensverneinung möglich? wie ist der Heilige möglich? - das
scheint wirklich die Frage gewesen zu sein, bei der Schopenhauer
zum Philosophen wurde und anfieng. Und so war es eine ächt
Schopenhauerische Consequenz, dass sein überzeugtester Anhänger
(vielleicht auch sein letzter, was Deutschland betrifft -), nämlich
Richard Wagner, das eigne Lebenswerk gerade hier zu Ende brachte und
zuletzt noch jenen furchtbaren und ewigen Typus als Kundry auf der
Bühne vorführte, type vécu, und wie er leibt und lebt; zu gleicher
Zeit, wo die Irrenärzte fast aller Länder Europa's einen Anlass
hatten, ihn aus der Nähe zu studiren, überall, wo die religiöse
Neurose - oder, wie ich es nenne, "das religiöse Wesen" - als
"Heilsarmee" ihren letzten epidemischen Ausbruch und Aufzug gemacht
hat. - Fragt man sich aber, was eigentlich am ganzen Phänomen des
Heiligen den Menschen aller Art und Zeit, auch den Philosophen, so
unbändig interessant gewesen ist: so ist es ohne allen Zweifel der
ihm, anhaftende Anschein des Wunders, nämlich der unmittelbaren
Aufeinanderfolge von Gegensätzen, von moralisch entgegengesetzt
gewertheten Zuständen der Seele: man glaubte hier mit Händen zu
greifen, dass aus einem "schlechten Menschen" mit Einem Male ein
"Heiliger", ein guter Mensch werde. Die bisherige Psychologie litt an
dieser Stelle Schiffbruch: sollte es nicht vornehmlich darum geschehen
sein, weil sie sich unter die Herrschaft der Moral gestellt hatte,
weil sie an die moralischen Werth-Gegensätze selbst glaubte, und diese
Gegensätze in den Text und Thatbestand hineinsah, hineinlas, hinein
deutete? - Wie? Das "Wunder" nur ein Fehler der Interpretation? Ein
Mangel an Philologie? -
48.
Es scheint, dass den lateinischen Rassen ihr Katholicismus viel
innerlicher zugehört, als uns Nordländern das ganze Christentum
überhaupt: und dass folglich der Unglaube in katholischen Ländern
etwas ganz Anderes zu bedeuten hat, als in protestantischen - nämlich
eine Art Empörung gegen den Geist der Rasse, während er bei uns eher
eine Rückkehr zum Geist (oder Ungeist -) der Rasse ist. Wir Nordländer
stammen unzweifelhaft aus Barbaren-Rassen, auch in Hinsicht auf unsere
Begabung zur Religion: wir sind schlecht für sie begabt. Man darf
die Kelten ausnehmen, welche deshalb auch den besten Boden für die
Aufnahme der christlichen Infektion im Norden abgegeben haben: - in
Frankreich kam das christliche Ideal, soweit es nur die blasse Sonne
des Nordens erlaubt hat, zum Ausblühen. Wie fremdartig fromm sind
unserm Geschmack selbst diese letzten französischen Skeptiker noch,
sofern etwas keltisches Blut in ihrer Abkunft ist! Wie katholisch, wie
undeutsch riecht uns Auguste Comte's Sociologie mit ihrer römischen
Logik der Instinkte! Wie jesuitisch jener liebenswürdige und
kluge Cicerone von Port-Royal, Sainte-Beuve, trotz all seiner
Jesuiten-Feindschaft! Und gar Ernest Renan: wie unzugänglich klingt
uns Nordländern die Sprache solch eines Renan, in dem alle Augenblicke
irgend ein Nichts von religiöser Spannung seine in feinerem Sinne
wollüstige und bequem sich bettende Seele um ihr Gleichgewicht bringt!
Man spreche ihm einmal diese schönen Sätze nach, - und was für Bosheit
und Übermuth regt sich sofort in unserer wahrscheinlich weniger
schönen und härteren, nämlich deutscheren Seele als Antwort! -"disons
donc hardiment que la religion est un produit de l'homme normal, que
l'homme est le plus dans le vrai quand il est le plus religieux et le
plus assuré d'une destinée infinie.... C'est quand il est bon qu'il
veut que la vertu corresponde à un ordre éternel, c'est quand il
contemple les choses d'une manière désintéressée qu'il trouve la mort
révoltante et absurde. Comment ne pas supposer que c'est dans ces
moments-là, que l'homme voit le mieux?...." Diese Sätze sind meinen
Ohren und Gewohnheiten so sehr antipodisch, dass, als ich sie fand,
mein erster Ingrimm daneben schrieb "la niaiserie religieuse par
excellence!" - bis mein letzter Ingrimm sie gar noch lieb gewann,
diese Sätze mit ihrer auf den Kopf gestellten Wahrheit! Es ist so
artig, so auszeichnend, seine eignen Antipoden zu haben!
49.
Das, was an der Religiosität der alten Griechen staunen macht, ist die
unbändige Fülle von Dankbarkeit, welche sie ausströmt: - es ist eine
sehr vornehme Art Mensch, welche so vor der Natur und vor dem Leben
steht! - Später, als der Pöbel in Griechenland zum Übergewicht kommt,
überwuchert die Furcht auch in der Religion; und das Christenthum
bereitete sich vor.-
50.
Die Leidenschaft für Gott: es giebt bäurische, treuherzige und
zudringliche Arten, wie die Luther's, - der ganze Protestantismus
entbehrt der südlichen delicatezza. Es giebt ein orientalisches
Aussersichsein darin, wie bei einem unverdient begnadeten oder
erhobenen Sklaven, zum Beispiel bei Augustin, der auf eine
beleidigende Weise aller Vornehmheit der Gebärden und Begierden
ermangelt. Es giebt frauenhafte Zärtlichkeit und Begehrlichkeit darin,
welche schamhaft und unwissend nach einer unio mystica et physica
drängt: wie bei Madame de Guyon. In vielen Fällen erscheint sie
wunderlich genug als Verkleidung der Pubertät eines Mädchens oder
Jünglings; hier und da selbst als Hysterie einer alten Jungfer, auch
als deren letzter Ehrgeiz: - die Kirche hat das Weib schon mehrfach in
einem solchen Falle heilig gesprochen.
51.
Bisher haben sich die mächtigsten Menschen immer noch verehrend
vor dem Heiligen gebeugt, als dem Räthsel der Selbstbezwingung und
absichtlichen letzten Entbehrung: warum beugten sie sich? Sie ahnten
in ihm - und gleichsam hinter dem Fragezeichen seines gebrechlichen
und kläglichen Anscheins - die überlegene Kraft, welche sich an einer
solchen Bezwingung erproben wollte, die Stärke des Willens, in der
sie die eigne Stärke und herrschaftliche Lust wieder erkannten und zu
ehren wussten: sie ehrten Etwas an sich, wenn sie den Heiligen ehrten.
Es kam hinzu, dass der Anblick des Heiligen ihnen einen Argwohn
eingab: ein solches Ungeheures von Verneinung, von Wider-Natur wird
nicht umsonst begehrt worden sein, so sagten und fragten sie sich.
Es giebt vielleicht einen Grund dazu, eine ganz grosse Gefahr, über
welche der Asket, Dank seinen geheimen Zusprechern und Besuchern,
näher unterrichtet sein möchte? Genug, die Mächtigen der Welt lernten
vor ihm eine neue Furcht, sie ahnten eine neue Macht, einen fremden,
noch unbezwungenen Feind: - der "Wille zur Macht" war es, der sie
nöthigte, vor dem Heiligen stehen zu bleiben. Sie mussten ihn
fragen - -
52.
Im jüdischen "alten Testament", dem Buche von der göttlichen
Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge und Reden in einem so grossen
Stile, dass das griechische und indische Schriftenthum ihm nichts zur
Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen
ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und
wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen
Europa, das durchaus gegen Asien den "Fortschritt des Menschen"
bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Freilich: wer selbst
nur ein dünnes zahmes Hausthier ist und nur Hausthier-Bedürfnisse
kennt (gleich unsren Gebildeten von heute, die Christen des
"gebildeten" Christenthums hinzugenommen -), der hat unter jenen
Ruinen weder sich zu verwundern, noch gar sich zu betrüben - der
Geschmack am alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht auf "Gross"
und "Klein" -: vielleicht, dass er das neue Testament, das Buch
von der Gnade, immer noch eher nach seinem Herzen findet (in
ihm ist viel von dem rechten zärtlichen dumpfen Betbrüder- und
Kleinen-Seelen-Geruch). Dieses neue Testament, eine Art Rokoko des
Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem alten Testament zu Einem Buche
zusammengeleimt zu haben, als "Bibel", als "das Buch an sich": das
ist vielleicht die grösste Verwegenheit und "Sünde wider den Geist",
welche das litterarische Europa auf dem Gewissen hat.
53.
Warum heute Atheismus? - "Der Vater" in Gott ist gründlich widerlegt;
ebenso "der Richter", "der Belohner". Insgleichen sein "freier Wille":
er hört nicht, - und wenn er hörte, wüsste er trotzdem nicht zu
helfen. Das Schlimmste ist: er scheint unfähig, sich deutlich
mitzutheilen: ist er unklar? - Dies ist es, was ich, als Ursachen für
den Niedergang des europäischen Theismus, aus vielerlei Gesprächen,
fragend, hinhorchend, ausfindig gemacht habe; es scheint mir, dass
zwar der religiöse Instinkt mächtig im Wachsen ist, - dass er aber
gerade die theistische Befriedigung mit tiefem Misstrauen ablehnt.
54.
Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? Seit Descartes
- und zwar mehr aus Trotz gegen ihn, als auf Grund seines Vorgangs
- macht man seitens aller Philosophen ein Attentat auf den alten
Seelen-Begriff, unter dem Anschein einer Kritik des Subjekt-
und Prädikat-Begriffs - das heisst: ein Attentat auf die
Grundvoraussetzung der christlichen Lehre. Die neuere Philosophie,
als eine erkenntnisstheoretische Skepsis, ist, versteckt oder offen,
antichristlich: obschon, für feinere Ohren gesagt, keineswegs
antireligiös. Ehemals nämlich glaubte man an "die Seele", wie man an
die Grammatik und das grammatische Subjekt glaubte: man sagte, "Ich"
ist Bedingung, "denke" ist Prädikat und bedingt - Denken ist eine
Thätigkeit, zu der ein Subjekt als Ursache gedacht werden muss. Nun
versuchte man, mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit und List, ob
man nicht aus diesem Netze heraus könne, - ob nicht vielleicht das
Umgekehrte wahr sei: "denke" Bedingung, "Ich" bedingt; "Ich" also
erst eine Synthese, welche durch das Denken selbst gemacht wird. Kant
wollte im Grunde beweisen, dass vom Subjekt aus das Subjekt nicht
bewiesen werden könne, - das Objekt auch nicht: die Möglichkeit einer
Scheinexistenz des Subjekts, also "der Seele", mag ihm nicht immer
fremd gewesen sein, jener Gedanke, welcher als Vedanta-Philosophie
schon einmal und in ungeheurer Macht auf Erden dagewesen ist.
55.
Es giebt eine grosse Leiter der religiösen Grausamkeit, mit vielen
Sprossen; aber drei davon sind die wichtigsten. Einst opferte man
seinem Gotte Menschen, vielleicht gerade solche, welche man am besten
liebte, - dahin gehören die Erstlings-Opfer aller Vorzeit-Religionen,
dahin auch das Opfer des Kaisers Tiberius in der Mithrasgrotte der
Insel Capri, jener schauerlichste aller römischen Anachronismen. Dann,
in der moralischen Epoche der Menschheit, opferte man seinem Gotte
die stärksten Instinkte, die man besass, seine "Natur"; diese
Festfreude glänzt im grausamen Blicke des Asketen, des begeisterten
"Wider-Natürlichen". Endlich: was blieb noch übrig zu opfern? Musste
man nicht endlich einmal alles Tröstliche, Heilige, Heilende, alle
Hoffnung, allen Glauben an verborgene Harmonie, an zukünftige
Seligkeiten und Gerechtigkeiten opfern? musste man nicht Gott selber
opfern und, aus Grausamkeit gegen sich, den Stein, die Dummheit,
die Schwere, das Schicksal, das Nichts anbeten? Für das Nichts Gott
opfern - dieses paradoxe Mysterium der letzten Grausamkeit blieb dem
Geschlechte, welches jetzt eben herauf kommt, aufgespart: wir Alle
kennen schon etwas davon. -
56.
Wer, gleich mir, mit irgend einer räthselhaften Begierde sich lange
darum bemüht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken und aus der
halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, mit der
er sich diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nämlich in Gestalt
der Schopenhauerischen Philosophie; wer wirklich einmal mit einem
asiatischen und überasiatischen Auge in die weltverneinendste aller
möglichen Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat - jenseits von
Gut und Böse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann
und Wahne der Moral -, der hat vielleicht ebendamit, ohne dass er es
eigentlich wollte, sich die Augen für das umgekehrte Ideal aufgemacht:
für das Ideal des übermüthigsten lebendigsten und weltbejahendsten
Menschen, der sich nicht nur mit dem, was war und ist, abgefunden und
vertragen gelernt hat, sondern es, so wie es war und ist, wieder haben
will, in alle Ewigkeit hinaus, unersättlich da capo rufend, nicht nur
zu sich, sondern zum ganzen Stücke und Schauspiele, und nicht nur
zu einem Schauspiele, sondern im Grunde zu Dem, der gerade dies
Schauspiel nöthig hat - und nöthig macht: weil er immer wieder sich
nöthig hat - und nöthig macht - - Wie? Und dies wäre nicht - circulus
vitiosus deus?
57.
Mit der Kraft seines geistigen Blicks und Einblicks wächst die Ferne
und gleichsam der Raum um den Menschen: seine Welt wird tiefer, immer
neue Sterne, immer neue Räthsel und Bilder kommen ihm in Sicht.
Vielleicht war Alles, woran das Auge des Geistes seinen Scharfsinn und
Tiefsinn geübt hat, eben nur ein Anlass zu seiner Übung, eine Sache
des Spiels, Etwas für Kinder und Kindsköpfe. Vielleicht erscheinen
uns einst die feierlichsten Begriffe, um die am meisten gekämpft und
gelitten worden ist, die Begriffe "Gott" und "Sünde", nicht wichtiger,
als dem alten Manne ein Kinder-Spielzeug und Kinder-Schmerz erscheint,
- und vielleicht hat dann "der alte Mensch" wieder ein andres
Spielzeug und einen andren Schmerz nöthig, - immer noch Kinds genug,
ein ewiges Kind!
58.
Hat man wohl beachtet, in wiefern zu einem eigentlich religiösen
Leben (und sowohl zu seiner mikroskopischen Lieblings-Arbeit der
Selbstprüfung, als zu jener zarten Gelassenheit, welche sich "Gebet"
nennt und eine beständige Bereitschaft für das "Kommen Gottes" ist)
der äussere Müssiggang oder Halb-Müssiggang noth thut, ich meine der
Müssiggang mit gutem Gewissen, von Alters her, von Geblüt, dem das
Aristokraten-Gefühl nicht ganz fremd ist, dass Arbeit schändet,
- nämlich Seele und Leib gemein macht? Und dass folglich die
moderne, lärmende, Zeit-auskaufende, auf sich stolze, dumm-stolze
Arbeitsamkeit, mehr als alles Übrige, gerade zum "Unglauben" erzieht
und vorbereitet? Unter Denen, welche zum Beispiel jetzt in Deutschland
abseits von der Religion leben, finde ich Menschen von vielerlei Art
und Abkunft der "Freidenkerei", vor Allem aber eine Mehrzahl solcher,
denen Arbeitsamkeit, von Geschlecht zu Geschlecht, die religiösen
Instinkte aufgelöst hat: so dass sie gar nicht mehr wissen, wozu
Religionen nütze sind, und nur mit einer Art stumpfen Erstaunens ihr
Vorhandensein in der Welt gleichsam registriren. Sie fühlen sich schon
reichlich in Anspruch genommen, diese braven Leute, sei es von ihren
Geschäften, sei es von ihren Vergnügungen, gar nicht zu reden vom
"Vaterlande" und den Zeitungen und den "Pflichten der Familie": es
scheint, dass sie gar keine Zeit für die Religion übrig haben, zumal
es ihnen unklar bleibt, ob es sich dabei um ein neues Geschäft oder
ein neues Vergnügen handelt, - denn unmöglich, sagen sie sich, geht
man in die Kirche, rein um sich die gute Laune zu verderben. Sie
sind keine Feinde der religiösen Gebräuche; verlangt man in gewissen
Fällen, etwa von Seiten des Staates, die Betheiligung an solchen
Gebräuchen, so thun sie, was man verlangt, wie man so Vieles thut -,
mit einem geduldigen und bescheidenen Ernste und ohne viel Neugierde
und Unbehagen: - sie leben eben zu sehr abseits und ausserhalb, um
selbst nur ein Für und Wider in solchen Dingen bei sich nöthig zu
finden. Zu diesen Gleichgültigen gehört heute die Überzahl der
deutschen Protestanten in den mittleren Ständen, sonderlich in den
arbeitsamen grossen Handels- und Verkehrscentren; ebenfalls die
Überzahl der arbeitsamen Gelehrten und der ganze Universitäts-Zubehör
(die Theologen ausgenommen, deren Dasein und Möglichkeit daselbst dem
Psychologen immer mehr und immer feinere Räthsel zu rathen giebt).
Man macht sich selten von Seiten frommer oder auch nur kirchlicher
Menschen eine Vorstellung davon, wieviel guter Wille, man könnte
sagen, willkürlicher Wille jetzt dazu gehört, dass ein deutscher
Gelehrter das Problem der Religion ernst nimmt; von seinem ganzen
Handwerk her (und, wie gesagt, von der handwerkerhaften Arbeitsamkeit
her, zu welcher ihn sein modernes Gewissen verpflichtet) neigt er zu
einer überlegenen, beinahe gütigen Heiterkeit gegen die Religion, zu
der sich bisweilen eine leichte Geringschätzung mischt, gerichtet
gegen die "Unsauberkeit" des Geistes, welche er überall dort
voraussetzt, wo man sich, noch zur Kirche bekennt. Es gelingt dem
Gelehrten erst mit Hülfe der Geschichte (also nicht von seiner
persönlichen Erfahrung aus), es gegenüber den Religionen zu einem
ehrfurchtsvollen Ernste und zu einer gewissen scheuen Rücksicht zu
bringen; aber wenn er sein Gefühl sogar bis zur Dankbarkeit gegen sie
gehoben hat, so ist er mit seiner Person auch noch keinen Schritt weit
dem, was noch als Kirche oder Frömmigkeit besteht, näher gekommen:
vielleicht umgekehrt. Die praktische Gleichgültigkeit gegen religiöse
Dinge, in welche hinein er geboren und erzogen ist, pflegt sich bei
ihm zur Behutsamkeit und Reinlichkeit zu sublimiren, welche die
Berührung mit religiösen Menschen und Dingen scheut; und es kann
gerade die Tiefe seiner Toleranz und Menschlichkeit sein, die ihn vor
dem feinen Nothstande ausweichen heisst, welchen das Toleriren selbst
mit sich bringt. - Jede Zeit hat ihre eigene göttliche Art von
Naivetät, um deren Erfindung sie andre Zeitalter beneiden dürfen: -
und wie viel Naivetät, verehrungswürdige, kindliche und unbegrenzt
tölpelhafte Naivetät liegt in diesem Überlegenheits-Glauben des
Gelehrten, im guten Gewissen seiner Toleranz, in der ahnungslosen
schlichten Sicherheit, mit der sein Instinkt den religiösen Menschen
als einen minderwerthigen und niedrigeren Typus behandelt, über den
er selbst hinaus, hinweg, hinauf gewachsen ist, - er, der kleine
anmaassliche Zwerg und Pöbelmann, der fleissig-flinke Kopf- und
Handarbeiter der "Ideen", der "modernen Ideen"!
59.
Wer tief in die Welt gesehen hat, erräth wohl, welche Weisheit darin
liegt, dass die Menschen oberflächlich sind. Es ist ihr erhaltender
Instinkt, der sie lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein. Man
findet hier und da eine leidenschaftliche und übertreibende Anbetung
der "reinen Formen", bei Philosophen wie bei Künstlern: möge Niemand
zweifeln, dass wer dergestalt den Cultus der Oberfläche nöthig hat,
irgend wann einmal einen unglückseligen Griff unter sie gethan hat.
Vielleicht giebt es sogar hinsichtlich dieser verbrannten Kinder,
der geborenen Künstler, welche den Genuss des Lebens nur noch in der
Absicht finden, sein Bild zu fälschen (gleichsam in einer langwierigen
Rache am Leben -), auch noch eine Ordnung des Ranges: man könnte den
Grad, in dem ihnen das Leben verleidet ist, daraus abnehmen, bis wie
weit sie sein Bild verfälscht, verdünnt, verjenseitigt, vergöttlicht
zu sehn wünschen, - man könnte die homines religiosi mit unter
die Künstler rechnen, als ihren höchsten Rang. Es ist die tiefe
argwöhnische Furcht vor einem unheilbaren Pessimismus, der ganze
Jahrtausende zwingt, sich mit den Zähnen in eine religiöse
Interpretation des Daseins zu verbeissen: die Furcht jenes Instinktes,
welcher ahnt, dass man der Wahrheit zu früh habhaft werden könnte, ehe
der Mensch stark genug, hart genug, Künstler genug geworden ist....
Die Frömmigkeit, das "Leben in Gott", mit diesem Blicke betrachtet,
erschiene dabei als die feinste und letzte Ausgeburt der Furcht
vor der Wahrheit, als Künstler-Anbetung und -Trunkenheit vor der
consequentesten aller Fälschungen, als der Wille zur Umkehrung der
Wahrheit, zur Unwahrheit um jeden Preis. Vielleicht, dass es bis jetzt
kein stärkeres Mittel gab, den Menschen selbst zu verschönern, als
eben Frömmigkeit: durch sie kann der Mensch so sehr Kunst, Oberfläche,
Farbenspiel, Güte werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr
leidet. -
60.
Den Menschen zu lieben um Gottes Willen - das war bis jetzt das
vornehmste und entlegenste Gefühl, das unter Menschen erreicht
worden ist. Dass die Liebe zum Menschen ohne irgendeine heiligende
Hinterabsicht eine Dummheit und Thierheit mehr ist, dass der Hang zu
dieser Menschenliebe erst von einem höheren Hange sein Maass, seine
Feinheit, sein Körnchen Salz und Stäubchen Ambra zu bekommen hat: -
welcher Mensch es auch war, der dies zuerst empfunden und "erlebt"
hat, wie sehr auch seine Zunge gestolpert haben mag, als sie
versuchte, solch eine Zartheit auszudrücken, er bleibe uns in alle
Zeiten heilig und verehrenswerth, als der Mensch, der am höchsten
bisher geflogen und am schönsten sich verirrt hat!
61.
Der Philosoph, wie wir ihn verstehen, wir freien Geister als der
Mensch der umfänglichsten Verantwortlichkeit, der das Gewissen für die
Gesammt-Entwicklung des Menschen hat: dieser Philosoph wird sich der
Religionen zu seinem Züchtungs- und Erziehungswerke bedienen, wie
er sich der jeweiligen politischen und wirthschaftlichen Zustände
bedienen wird. Der auslesende, züchtende, das heisst immer ebensowohl
der zerstörende als der schöpferische und gestaltende Einfluss,
welcher mit Hülfe der Religionen ausgeübt werden kann, ist je nach der
Art Menschen, die unter ihren Bann und Schutz gestellt werden, ein
vielfacher und verschiedener. Für die Starken, Unabhängigen, zum
Befehlen, Vorbereiteten und Vorbestimmten, in denen die Vernunft
und Kunst einer regierenden Rasse leibhaft wird, ist, Religion ein
Mittelmehr, um Widerstände zu überwinden, um herrschen zu können:
als ein Band, das Herrscher und Unterthanen gemeinsam bindet und
die Gewissen der Letzteren, ihr Verborgenes und Innerlichstes, das
sich gerne dem Gehorsam entziehen möchte, den Ersteren verräth und
überantwortet; und falls einzelne Naturen einer solchen vornehmen
Herkunft, durch hohe Geistigkeit, einem abgezogeneren und
beschaulicheren Leben sich zuneigen und nur die feinste Artung
des Herrschens (über ausgesuchte Jünger oder Ordensbrüder) sich
vorbehalten, so kann Religion selbst als Mittel benutzt werden, sich
Ruhe vor dem Lärm und der Mühsal des gröberen Regierens und Reinheit
vor dem nothwendigen Schmutz alles Politik-Machens zu schaffen. So
verstanden es zum Beispiel die Brahmanen: mit Hülfe einer religiösen
Organisation gaben sie sich die Macht, dem Volke seine Könige zu
ernennen, während sie sich selber abseits und ausserhalb hielten
und fühlten, als die Menschen höherer und überköniglicher Aufgaben.
Inzwischen giebt die Religion auch einem Theile der Beherrschten
Anleitung und Gelegenheit, sich auf einstmaliges Herrschen und
Befehlen vorzubereiten, jenen langsam heraufkommenden Klassen und
Ständen nämlich, in denen, durch glückliche Ehesitten, die Kraft und
Lust des Willens, der Wille zur Selbstbeherrschung, immer im Steigen
ist: - ihnen bietet die Religion Anstösse und Versuchungen genug,
die Wege zur höheren Geistigkeit zu gehen, die Gefühle der grossen
Selbstüberwindung, des Schweigens und der Einsamkeit zu erproben: -
Asketismus und Puritanismus sind fast unentbehrliche Erziehungs- und
Veredelungsmittel, wenn eine Rasse über ihre Herkunft aus dem Pöbel
Herr werden will und sich zur einstmaligen Herrschaft emporarbeitet.
Den gewöhnlichen Menschen endlich, den Allermeisten, welche zum Dienen
und zum allgemeinen Nutzen da sind und nur insofern dasein dürfen,
giebt die Religion eine unschätzbare Genügsamkeit mit ihrer Lage und
Art, vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams,
ein Glück und Leid mehr mit Ihres-Gleichen und Etwas von Verklärung
und Verschönerung, Etwas von Rechtfertigung des ganzen Alltags, der
ganzen Niedrigkeit, der ganzen Halbthier-Armuth ihrer Seele. Religion
und religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche
immer geplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick
erträglich, sie wirkt, wie eine epikurische Philosophie auf Leidende
höheren Ranges zu wirken pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden
gleichsam ausnützend, zuletzt gar heiligend und rechtfertigend.
Vielleicht ist am Christenthum und Buddhismus nichts so ehrwürdig als
ihre Kunst, noch den Niedrigsten anzulehren, sich durch Frömmigkeit in
eine höhere Schein-Ordnung der Dinge zu stellen und damit das Genügen
an der wirklichen Ordnung, innerhalb deren sie hart genug leben, - und
gerade diese Härte thut Noth! - bei sich festzuhalten.
62.
Zuletzt freilich, um solchen Religionen auch die schlimme
Gegenrechnung zu machen und ihre unheimliche Gefährlichkeit an's Licht
zu stellen: - es bezahlt sich immer theuer und fürchterlich, wenn
Religionen nicht als Züchtungs- und Erziehungsmittel in der Hand des
Philosophen, sondern von sich aus und souverän walten, wenn sie selber
letzte Zwecke und nicht Mittel neben anderen Mitteln sein wollen. Es
giebt bei dem Menschen wie bei jeder anderen Thierart einen Überschuss
von Missrathenen, Kranken, Entartenden, Gebrechlichen, nothwendig
Leidenden; die gelungenen Fälle sind auch beim Menschen immer die
Ausnahme und sogar in Hinsicht darauf, dass der Mensch das noch nicht
festgestellte Thier ist, die spärliche Ausnahme. Aber noch schlimmer:
je höher geartet der Typus eines Menschen ist, der durch ihn
dargestellt wird, um so mehr steigt noch die Unwahrscheinlichkeit,
dass er geräth: das Zufällige, das Gesetz des Unsinns im gesammten
Haushalte der Menschheit zeigt sich am erschrecklichsten in
seiner zerstörerischen Wirkung auf die höheren Menschen, deren
Lebensbedingungen fein, vielfach und schwer auszurechnen sind. Wie
verhalten sich nun die genannten beiden grössten Religionen zu diesem
Überschuss der misslungenen Fälle? Sie suchen zu erhalten, im Leben
festzuhalten, was sich nur irgend halten lässt, ja sie nehmen
grundsätzlich für sie Partei, als Religionen für Leidende, sie geben
allen Denen Recht, welche am Leben wie an einer Krankheit leiden, und
möchten es durchsetzen, dass jede andre Empfindung des Lebens als
falsch gelte und unmöglich werde. Möchte man diese schonende und
erhaltende Fürsorge, insofern sie neben allen anderen auch dem
höchsten, bisher fast immer auch leidendsten Typus des Menschen gilt
und galt, noch so hoch anschlagen: in der Gesammt-Abrechnung gehören
die bisherigen, nämlich souveränen Religionen zu den Hauptursachen,
welche den Typus "Mensch" auf einer niedrigeren Stufe festhielten,
- sie erhielten zu viel von dem, was zu Grunde gehn sollte. Man hat
ihnen Unschätzbares zu danken; und wer ist reich genug an Dankbarkeit,
um nicht vor alle dem arm zu werden, was zum Beispiel die "geistlichen
Menschen" des Christenthums bisher für Europa gethan haben! Und doch,
wenn sie den Leidenden Trost, den Unterdrückten und Verzweifelnden
Muth, den Unselbständigen einen Stab und Halt gaben und die
Innerlich-Zerstörten und Wild-Gewordenen von der Gesellschaft weg in
Klöster und seelische Zuchthäuser lockten: was mussten sie ausserdem
thun, um mit gutem Gewissen dergestalt grundsätzlich an der Erhaltung
alles Kranken und Leidenden, das heisst in That und Wahrheit an
der Verschlechterung der europäischen Rasse zu arbeiten? Alle
Werthschätzungen auf den Kopf stellen - das mussten sie! Und die
Starken zerbrechen, die grossen Hoffnungen ankränkeln, das Glück
in der Schönheit verdächtigen, alles Selbstherrliche, Männliche,
Erobernde, Herrschsüchtige, alle Instinkte, welche dem höchsten und
wohlgerathensten Typus "Mensch" zu eigen sind, in Unsicherheit,
Gewissens-Noth, Selbstzerstörung umknicken, ja die ganze Liebe zum
Irdischen und zur Herrschaft über die Erde in Hass gegen die Erde
und das Irdische verkehren - das stellte sich die Kirche zur
Aufgabe und musste es sich stellen, bis für ihre Schätzung endlich
"Entweltlichung", "Entsinnlichung" und "höherer Mensch" in Ein
Gefühl zusammenschmolzen. Gesetzt, dass man mit dem spöttischen
und unbetheiligten Auge eines epikurischen Gottes die wunderlich
schmerzliche und ebenso grobe wie feine Komödie des europäischen
Christenthums zu überschauen vermöchte, ich glaube, man fände kein
Ende mehr zu staunen und zu lachen: scheint es denn nicht, dass Ein
Wille über Europa durch achtzehn Jahrhunderte geherrscht hat, aus dem
Menschen eine sublime Missgeburt zu machen? Wer aber mit umgekehrten
Bedürfnissen, nicht epikurisch mehr, sondern mit irgend einem
göttlichen Hammer in der Hand auf diese fast willkürliche Entartung
und Verkümmerung des Menschen zuträte, wie sie der christliche
Europäer ist (Pascal zum Beispiel), müsste er da nicht mit Grimm, mit
Mitleid, mit Entsetzen schreien: "Oh ihr Tölpel, ihr anmaassenden
mitleidigen Tölpel, was habt ihr da gemacht! War das eine Arbeit
für eure Hände! Wie habt ihr mir meinen schönsten Stein verhauen
und verhunzt! Was nahmt ihr euch heraus!" - Ich wollte sagen:
das Christenthum war bisher die verhängnissvollste Art von
Selbst-Überhebung. Menschen, nicht hoch und hart genug, um am
Menschen als Künstler gestalten zu dürfen; Menschen, nicht stark und
fernsichtig genug, um, mit einer erhabenen Selbst-Bezwingung, das
Vordergrund-Gesetz des tausendfältigen Missrathens und Zugrundegehns
walten zu lassen; Menschen, nicht vornehm genug, um die abgründlich
verschiedene Rangordnung und Rangkluft zwischen Mensch und Mensch zu
sehen: - solche Menschen haben, mit ihrem "Gleich vor Gott", bisher
über dem Schicksale Europa's gewaltet, bis endlich eine verkleinerte,
fast lächerliche Art, ein Heerdenthier, etwas Gutwilliges, Kränkliches
und Mittelmässiges, herangezüchtet ist, der heutige Europäer....
Viertes Hauptstück:
Sprüche und Zwischenspiele.
63.
Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine
Schüler ernst, - sogar sich selbst.
64.
"Die Erkenntniss um ihrer selbst willen" - das ist der letzte
Fallstrick, den die Moral legt: damit verwickelt man sich noch einmal
völlig in sie.
65.
Der Reiz der Erkenntniss wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr
so viel Scham zu überwinden wäre.
65 a.
Man ist am unehrlichsten gegen seinen Gott: er darf nicht sündigen!
66.
Die Neigung, sich herabzusetzen, sich bestehlen, belügen und ausbeuten
zu lassen, könnte die Scham eines Gottes unter Menschen sein.
67.
Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller
Übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott.
68.
"Das habe ich gethan" sagt mein Gedächtniss. Das kann ich nicht gethan
haben - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - giebt das
Gedächtniss nach.
69.
Man hat schlecht dem Leben zugeschaut, wenn man nicht auch die Hand
gesehn hat, die auf eine schonende Weise - tödtet.
70.
Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer
wiederkommt.
71.
Der Weise als Astronom. - So lange du noch die Sterne fühlst als ein
"Über-dir", fehlt dir noch der Blick des Erkennenden.
72.
Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung macht die
hohen Menschen.
73.
Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe hinaus.
73 a.
Mancher Pfau verdeckt vor Aller Augen seinen Pfauenschweif - und
heisst es seinen Stolz.
74.
Ein Mensch mit Genie ist unausstehlich, wenn er nicht mindestens noch
zweierlei dazu besitzt: Dankbarkeit und Reinlichkeit.
75.
Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den
letzten Gipfel seines Geistes hinauf.
76.
Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
selber her.
77.
Mit seinen Grundsätzen will man seine Gewohnheiten tyrannisiren oder
rechtfertigen oder ehren oder beschimpfen oder verbergen: - zwei
Menschen mit gleichen Grundsätzen wollen damit wahrscheinlich noch
etwas Grund-Verschiedenes.
78.
Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als
Verächter.
79.
Eine Seele, die sich geliebt weiss, aber selbst nicht liebt, verräth
ihren Bodensatz: - ihr Unterstes kommt herauf.
80.
Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns etwas anzugehn. - Was
meinte jener Gott, welcher anrieth: "erkenne dich selbst"! Hiess es
vielleicht: "höre auf, dich etwas anzugehn! werde objektiv!" - Und
Sokrates? - Und der "wissenschaftliche Mensch"? -
81.
Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müsst ihr denn gleich
eure Wahrheit so salzen, dass sie nicht einmal mehr - den Durst
löscht?
82.
"Mitleiden mit Allen" - wäre Härte und Tyrannei mit dir, mein Herr
Nachbar! -
83.
Der Instinkt. - Wenn das Haus brennt, vergisst man sogar das
Mittagsessen. - Ja: aber man holt es auf der Asche nach.
84.
Das Weib lernt hassen, in dem Maasse, in dem es zu bezaubern -
verlernt.
85.
Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch im Tempo verschieden:
deshalb hören Mann und Weib nicht auf, sich misszuverstehn.
86.
Die Weiber selber haben im Hintergrunde aller persönlichen Eitelkeit
immer noch ihre unpersönliche Verachtung - für das "Weib".
87.
Gebunden Herz, freier Geist. - Wenn man sein Herz hart bindet und
gefangen legt, kann man seinem Geist viele Freiheiten geben: ich sagte
das schon Ein Mal. Aber man glaubt mir's nicht, gesetzt, dass man's
nicht schon weiss.....
88.
Sehr klugen Personen fängt man an zu misstrauen, wenn sie verlegen
werden.
89.
Fürchterliche Erlebnisse geben zu rathen, ob Der, welcher sie erlebt,
nicht etwas Fürchterliches ist.
90.
Schwere, Schwermüthige Menschen werden gerade durch das, was Andre
schwer macht, durch Hass und Liebe, leichter und kommen zeitweilig an
ihre Oberfläche.
91.
So kalt, so eisig, dass man sich an ihm die Finger verbrennt! Jede
Hand erschrickt, die ihn anfasst! - Und gerade darum halten Manche ihn
für glühend.
92.
Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal - sich selbst
geopfert? -
93.
In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschenhass, aber eben darum
allzuviel von Menschenverachtung.
94.
Reife des Mannes: das heisst den Ernst wiedergefunden haben, den man
als Kind hatte, beim Spiel.
95.
Sich seiner Unmoralität schämen: das ist eine Stufe auf der Treppe, an
deren Ende man sich auch seiner Moralität schämt.
96.
Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von Nausikaa schied, - mehr
segnend als verliebt.
97.
Wie? Ein grosser Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines
eignen Ideals.
98.
Wenn man sein Gewissen dressirt, so küsst es uns zugleich, indem es
beisst.
99.
Der Enttäuschte spricht. - "Ich horchte auf Widerhall, und ich hörte
nur Lob -"
100.
Vor uns selbst stellen wir uns Alle einfältiger als wir sind: wir
ruhen uns so von unsern Mitmenschen aus.
101.
Heute möchte sich ein Erkennender leicht als Thierwerdung Gottes
fühlen.
102.
Gegenliebe entdecken sollte eigentlich den Liebenden über das geliebte
Wesen ernüchtern. "Wie? es ist bescheiden genug, sogar dich zu lieben?
Oder dumm genug? Oder - oder -"
103.
Die Gefahr im Glücke. - "Nun gereicht mir Alles zum Besten, nunmehr
liebe ich jedes Schicksal: - wer hat Lust, mein Schicksal zu sein?"
104.
Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe
hindert die Christen von heute, uns - zu verbrennen.
105.
Dem freien Geiste, dem "Frommen der Erkenntniss" - geht die pia fraus
noch mehr wider den Geschmack (wider seine "Frömmigkeit") als die
impia fraus. Daher sein tiefer Unverstand gegen die Kirche, wie er zum
Typus "freier Geist" gehört, - als seine Unfreiheit.
106.
Vermöge der Musik geniessen sich die Leidenschaften selbst.
107.
Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr auch für den besten
Gegengrund zu schliessen: Zeichen des starken Charakters. Also ein
gelegentlicher Wille zur Dummheit.
108.
Es giebt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische
Ausdeutung von Phänomenen.....
109.
Der Verbrecher ist häufig genug seiner That nicht gewachsen: er
verkleinert und verleumdet sie.
110.
Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Artisten genug, um das
schöne Schreckliche der That zu Gunsten ihres Thäters zu wenden.
111.
Unsre Eitelkeit ist gerade dann am schwersten zu verletzen, wenn eben
unser Stolz verletzt wurde.
112.
Wer sich zum Schauen und nicht zum Glauben vorherbestimmt fühlt, dem
sind alle Gläubigen zu lärmend und zudringlich: er erwehrt sich ihrer.
113.
"Du willst ihn für dich einnehmen? So stelle dich vor ihm verlegen -"
114.
Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechtsliebe, und die
Scham in dieser Erwartung, verdirbt den Frauen von vornherein alle
Perspektiven.
115.
Wo nicht Liebe oder Hass mitspielt, spielt das Weib mittelmässig.
116.
Die grossen Epochen unsres Lebens liegen dort, wo wir den Muth
gewinnen, unser Böses als unser Bestes umzutaufen.
117.
Der Wille, einen Affekt zu überwinden, ist zuletzt doch nur der Wille
eines anderen oder mehrer anderer Affekte.
118.
Es giebt eine Unschuld der Bewunderung: Der hat sie, dem es noch nicht
in den Sinn gekommen ist, auch er könne einmal bewundert werden.
119.
Der Ekel vor dem Schmutze kann so gross sein, dass er uns hindert, uns
zu reinigen, - uns zu "rechtfertigen".
120.
Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachsthum der Liebe, so dass die
Wurzel schwach bleibt und leicht auszureissen ist.
121.
Es ist eine Feinheit, dass Gott griechisch lernte, als er
Schriftsteller werden wollte - und dass er es nicht besser lernte.
122.
Sich über ein Lob freuen ist bei Manchem nur eine Höflichkeit des
Herzens - und gerade das Gegenstück einer Eitelkeit des Geistes.
123.
Auch das Concubinat ist corrumpirt worden: - durch die Ehe.
124.
Wer auf dem Scheiterhaufen noch frohlockt, triumphirt nicht über
den Schmerz, sondern darüber, keinen Schmerz zu fühlen, wo er ihn
erwartete. Ein Gleichniss.
125.
Wenn wir über Jemanden umlernen müssen, so rechnen wir ihm die
Unbequemlichkeit hart an, die er uns damit macht.
126.
Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben grossen
Männern zu kommen. - Ja: und um dann um sie herum zu kommen.
127.
Allen rechten Frauen geht Wissenschaft wider die Scham. Es ist ihnen
dabei zu Muthe, als ob man damit ihnen unter die Haut, - schlimmer
noch! unter Kleid und Putz gucken wolle.
128.
Je abstrakter die Wahrheit ist, die du lehren willst, um so mehr musst
du noch die Sinne zu ihr verführen.
129.
Der Teufel hat die weitesten Perspektiven für Gott, deshalb hält er
sich von ihm so fern: - der Teufel nämlich als der älteste Freund der
Erkenntniss.
130.
Was jemand ist, fängt an, sich zu verrathen, wenn sein Talent
nachlässt, - wenn er aufhört, zu zeigen, was er kann. Das Talent ist
auch ein Putz; ein Putz ist auch ein Versteck.
131.
Die Geschlechter täuschen sich über einander: das macht, sie ehren
und lieben im Grunde nur sich selbst (oder ihr eigenes ideal, um es
gefälliger auszudrücken -). So will der Mann das Weib friedlich, -
aber gerade das Weib ist wesentlich unfriedlich, gleich der Katze, so
gut es sich auch auf den Anschein des Friedens eingeübt hat.
132.
Man wird am besten für seine Tugenden bestraft.
133.
Wer den Weg zu seinem Ideale nicht zu finden weiss, lebt
leichtsinniger und frecher, als der Mensch ohne Ideal.
134.
Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwürdigkeit, alles gute
Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit.
135.
Der Pharisäismus ist nicht eine Entartung am guten Menschen: ein gutes
Stück davon ist vielmehr die Bedingung von allem Gut-sein.
136.
Der Eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der Andre
Einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch.
137.
Im Verkehre mit Gelehrten und Künstlern verrechnet man sich leicht in
umgekehrter Richtung: man findet hinter einem merkwürdigen Gelehrten
nicht selten einen mittelmässigen Menschen, und hinter einem
mittelmässigen Künstler sogar oft - einen sehr merkwürdigen Menschen.
138.
Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: wir erfinden und erdichten
erst den Menschen, mit dem wir verkehren - und vergessen es sofort.
139.
In der Rache und in der Liebe ist das Weib barbarischer, als der Mann.
140.
Rath als Räthsel. - "Soll das Band nicht reissen, - musst du erst
drauf beissen."
141.
Der Unterleib ist der Grund dafür, dass der Mensch sich nicht so
leicht für einen Gott hält.
142.
Das züchtigste Wort, das ich gehört habe: "Dans le véritable amour
c'est l'âme, qui enveloppe le corps."
143.
Was wir am besten thun, von dem möchte unsre Eitelkeit, dass es grade
als Das gelte, was uns am schwersten werde. Zum Ursprung mancher
Moral.
144.
Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich Etwas an ihrer
Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponirt
zu einer gewissen Männlichkeit des Geschmacks; der Mann ist nämlich,
mit Verlaub, "das unfruchtbare Thier".
145.
Mann und Weib im Ganzen verglichen, darf man sagen: das Weib hätte
nicht das Genie des Putzes, wenn es nicht den Instinkt der zweiten
Rolle hätte.
146.
Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum
Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der
Abgrund auch in dich hinein.
147.
Aus alten florentinischen Novellen, überdies - aus dem Leben: buona
femmina e mala femmina vuol bastone. Sacchetti Nov. 86.
148.
Den Nächsten zu einer guten Meinung verführen und hinterdrein an diese
Meinung des Nächsten gläubig glauben: wer thut es in diesem Kunststück
den Weibern gleich? -
149.
Was eine Zeit als böse empfindet, ist gewöhnlich ein unzeitgemässer
Nachschlag dessen, was ehemals als gut empfunden wurde, - der
Atavismus eines älteren Ideals.
150.
Um den Helden herum wird Alles zur Tragödie, um den Halbgott herum
Alles zum Satyrspiel; und um Gott herum wird Alles - wie? vielleicht
zur "Welt"? -
151.
Ein Talent haben ist nicht genug: man muss auch eure Erlaubniss dazu
haben, - wie? meine Freunde?
152.
"Wo der Baum der Erkenntniss steht, ist immer das Paradies": so reden
die ältesten und die jüngsten Schlangen.
153.
Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.
154.
Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust
sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die
Pathologie.
155.
Der Sinn für das Tragische nimmt mit der Sinnlichkeit ab und zu.
156.
Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, - aber bei Gruppen,
Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.
157.
Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: mit ihm
kommt man gut über manche böse Nacht hinweg.
158.
Unserm stärksten Triebe, dem Tyrannen in uns, unterwirft sich nicht
nur unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen.
159.
Man muss vergelten, Gutes und Schlimmes: aber warum gerade an der
Person, die uns Gutes oder Schlimmes that?
160.
Man liebt seine Erkenntniss nicht genug mehr, sobald man sie
mittheilt.
161.
Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: sie beuten sie aus.
162.
"Unser Nächster ist nicht unser Nachbar, sondern dessen Nachbar" - so
denkt jedes Volk.
163.
Die Liebe bringt die hohen und verborgenen Eigenschaften eines
Liebenden an's Licht, - sein Seltenes, Ausnahmsweises: insofern
täuscht sie leicht über Das, was Regel an ihm ist.
164.
Jesus sagte zu seinen Juden: "das Gesetz war für Knechte, - liebt
Gott, wie ich ihn liebe, als sein Sohn! Was geht uns Söhne Gottes die
Moral an!" -
165.
Angesichts jeder Partei. - Ein Hirt hat immer auch noch einen
Leithammel nöthig, - oder er muss selbst gelegentlich Hammel sein.
166.
Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei macht,
sagt man doch noch die Wahrheit.
167.
Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham - und etwas
Kostbares.
168.
Das Christenthum gab dem Eros Gift zu trinken: - er starb zwar nicht
daran, aber entartete, zum Laster.
169.
Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen.
170.
Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit, als im Tadel.
171.
Mitleiden wirkt an einem Menschen der Erkenntniss beinahe zum Lachen,
wie zarte Hände an einem Cyklopen.
172.
Man umarmt aus Menschenliebe bisweilen einen Beliebigen (weil man
nicht Alle umarmen kann): aber gerade Das darf man dem Beliebigen
nicht verrathen.....
173.
Man hasst nicht, so lange man noch gering schätzt, sondern erst, wenn
man gleich oder höher schätzt.
174.
Ihr Utilitarier, auch ihr liebt alles utile nur als ein Fuhrwerk
eurer Neigungen, - auch ihr findet eigentlich den Lärm seiner Räder
unausstehlich?
175.
Man liebt zuletzt seine Begierde, und nicht das Begehrte.
176.
Die Eitelkeit Andrer geht uns nur dann wider den Geschmack, wenn sie
wider unsre Eitelkeit geht.
177.
Ober Das, was "Wahrhaftigkeit" ist, war vielleicht noch Niemand
wahrhaftig genug.
178.
Klugen Menschen glaubt man ihre Thorheiten nicht: welche Einbusse an
Menschenrechten!
179.
Die Folgen unsrer Handlungen fassen uns am Schopfe, sehr gleichgültig
dagegen, dass wir uns inzwischen "gebessert" haben.
180.
Es giebt eine Unschuld in der Lüge, welche das Zeichen des guten
Glaubens an eine Sache ist.
181.
Es ist unmenschlich, da zu segnen, wo Einem geflucht wird.
182.
Die Vertraulichkeit des überlegenen erbittert, weil sie nicht
zurückgegeben werden darf. -
183.
"Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir nicht mehr glaube,
hat mich erschüttert." -
184.
Es giebt einen Übermuth der Güte, welcher sich wie Bosheit ausnimmt.
185.
"Er missfällt mir." - Warum? - "Ich bin ihm nicht gewachsen." - Hat je
ein Mensch so geantwortet?
Fünftes Hauptstück:
Zur Naturgeschichte der Moral.
186.
Die moralische Empfindung ist jetzt in Europa ebenso fein, spät,
vielfach, reizbar, raffinirt, als die dazu gehörige "Wissenschaft
der Moral" noch jung, anfängerhaft, plump und grobfingrig ist: - ein
anziehender Gegensatz, der bisweilen in der Person eines Moralisten
selbst sichtbar und leibhaft wird. Schon das Wort "Wissenschaft der
Moral" ist in Hinsicht auf Das, was damit bezeichnet wird, viel
zu hochmüthig und wider den guten Geschmack: welcher immer ein
Vorgeschmack für die bescheideneren Worte zu sein pflegt. Man sollte,
in aller Strenge, sich eingestehn, was hier auf lange hinaus noch noth
thut, was vorläufig allein Recht hat: nämlich Sammlung des Materials,
begriffliche Fassung und Zusammenordnung eines ungeheuren Reichs
zarter Werthgefühle und Werthunterschiede, welche leben, wachsen,
zeugen und zu Grunde gehn, - und, vielleicht, Versuche, die
wiederkehrenden und häufigeren Gestaltungen dieser lebenden
Krystallisation anschaulich zu machen, - als Vorbereitung zu einer
Typenlehre der Moral. Freilich: man war bisher nicht so bescheiden.
Die Philosophen allesammt forderten, mit einem steifen Ernste, der
lachen macht, von sich etwas sehr viel Höheres, Anspruchsvolleres,
Feierlicheres, sobald sie sich mit der Moral als Wissenschaft
befassten: sie wollten die Begründung der Moral, - und jeder Philosoph
hat bisher geglaubt, die Moral begründet zu haben; die Moral selbst
aber galt als "gegeben". Wie ferne lag ihrem plumpen Stolze jene
unscheinbar dünkende und in Staub und Moder belassene Aufgabe einer
Beschreibung, obwohl für sie kaum die feinsten Hände und Sinne fein
genug sein könnten! Gerade dadurch, dass die Moral-Philosophen die
moralischen facta nur gröblich, in einem willkürlichen Auszuge oder
als zufällige Abkürzung kannten, etwa als Moralität ihrer Umgebung,
ihres Standes, ihrer Kirche, ihres Zeitgeistes, ihres Klima's und
Erdstriches, - gerade dadurch, dass sie in Hinsicht auf Völker,
Zeiten, Vergangenheiten schlecht unterrichtet und selbst wenig
wissbegierig waren, bekamen sie die eigentlichen Probleme der Moral
gar nicht zu Gesichte: - als welche alle erst bei einer Vergleichung
vieler Moralen auftauchen. In aller bisherigen "Wissenschaft der
Moral" fehlte, so wunderlich es klingen mag, noch das Problem der
Moral selbst: es fehlte der Argwohn dafür, dass es hier etwas
Problematisches gebe. Was die Philosophen "Begründung der Moral"
nannten und von sich forderten, war, im rechten Lichte gesehn, nur
eine gelehrte Form des guten Glaubens an die herrschende Moral, ein
neues Mittel ihres Ausdrucks, also ein Thatbestand selbst innerhalb
einer bestimmten Moralität, ja sogar, im letzten Grunde, eine Art
Leugnung, dass diese Moral als Problem gefasst werden dürfe: - und
jedenfalls das Gegenstück einer Prüfung, Zerlegung, Anzweiflung,
Vivisektion eben dieses Glaubens. Man höre zum Beispiel, mit
welcher beinahe verehrenswürdigen Unschuld noch Schopenhauer seine
eigene Aufgabe hinstellt, und man mache seine Schlüsse über die
Wissenschaftlichkeit einer "Wissenschaft", deren letzte Meister noch
wie die Kinder und die alten Weibchen reden: - "das Princip, sagt
er (p. 136 der Grundprobleme der Moral), der Grundsatz, über dessen
Inhalt alle Ethiker eigentlich einig sind; neminem laede, immo
omnes, quantum potes, juva - das ist eigentlich der Satz, welchen zu
begründen alle Sittenlehrer sich abmühen.... das eigentliche Fundament
der Ethik, welches man wie den Stein der Weisen seit Jahrtausenden
sucht." - Die Schwierigkeit, den angeführten Satz zu begründen, mag
freilich gross sein - bekanntlich ist es auch Schopenhauern damit
nicht geglückt -; und wer einmal gründlich nachgefühlt hat, wie
abgeschmackt-falsch und sentimental dieser Satz ist, in einer Welt,
deren Essenz Wille zur Macht ist -, der mag sich daran erinnern
lassen, dass Schopenhauer, obschon Pessimist, eigentlich - die Flöte
blies.... Täglich, nach Tisch: man lese hierüber seinen Biographen.
Und beiläufig gefragt: ein Pessimist, ein Gott- und Welt-Verneiner,
der vor der Moral Haltmacht, - der zur Moral Ja sagt und Flöte bläst,
zur laede-neminem-Moral: wie? ist das eigentlich - ein Pessimist?
187.
Abgesehn noch vom Werthe solcher Behauptungen wie "es giebt in uns
einen kategorischen Imperativ", kann man immer noch fragen: was sagt
eine solche Behauptung von dem sie Behauptenden aus? Es giebt Moralen,
welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen sollen; andre Moralen
sollen ihn beruhigen und mit sich zufrieden stimmen; mit anderen will
er sich selbst an's Kreuz schlagen und demüthigen; mit andern will
er Rache üben, mit andern sich verstecken, mit andern sich verklären
und hinaus, in die Höhe und Ferne setzen; diese Moral dient ihrem
Urheber, um zu vergessen, jene, um sich oder Etwas von sich vergessen
zu machen; mancher Moralist möchte an der Menschheit Macht und
schöpferische Laune ausüben; manch Anderer, vielleicht gerade auch
Kant, giebt mit seiner Moral zu verstehn: "was an mir achtbar ist,
das ist, dass ich gehorchen kann, - und bei euch soll es nicht
anders stehn, als bei mir!" - kurz, die Moralen sind auch nur eine
Zeichensprache der Affekte.
188.
Jede Moral ist, im Gegensatz zum laisser aller, ein Stück Tyrannei
gegen die "Natur", auch gegen die "Vernunft": das ist aber noch kein
Einwand gegen sie, man müsste denn selbst schon wieder von irgend
einer Moral aus dekretiren, dass alle Art Tyrannei und Unvernunft
unerlaubt sei. Das Wesentliche und Unschätzbare an jeder Moral ist,
dass sie ein langer Zwang ist: um den Stoicismus oder Port-Royal oder
das Puritanerthum zu verstehen, mag man sich des Zwangs erinnern,
unter dem bisher jede Sprache es zur Stärke und Freiheit gebracht, -
des metrischen Zwangs, der Tyrannei von Reim und Rhythmus. Wie viel
Noth haben sich in jedem Volke die Dichter und die Redner gemacht! -
einige Prosaschreiber von heute nicht ausgenommen, in deren Ohr ein
unerbittliches Gewissen wohnt - "um einer Thorheit willen", wie
utilitarische Tölpel sagen, welche sich damit klug dünken, - "aus
Unterwürfigkeit gegen Willkür-Gesetze", wie die Anarchisten sagen,
die sich damit "frei", selbst freigeistisch wähnen. Der wunderliche
Thatbestand ist aber, dass Alles, was es von Freiheit, Feinheit,
Kühnheit, Tanz und meisterlicher Sicherheit auf Erden giebt oder
gegeben hat, sei es nun in dem Denken selbst, oder im Regieren,
oder im Reden und überreden, in den Künsten ebenso wie in
den Sittlichkeiten, sich erst vermöge der "Tyrannei solcher
Willkür-Gesetze" entwickelt hat; und allen Ernstes, die
Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering, dass gerade dies "Natur"
und "natürlich" sei - und nicht jenes laisser aller! jeder Künstler
weiss, wie fern vom Gefühl des Sichgehen-lassens sein "natürlichster"
Zustand ist, das freie Ordnen, Setzen, Verfügen, Gestalten in den
Augenblicken der "Inspiration", - und wie streng und fein er gerade
da tausendfältigen Gesetzen gehorcht, die aller Formulirung durch
Begriffe gerade auf Grund ihrer Härte und Bestimmtheit spotten (auch
der festeste Begriff hat, dagegen gehalten, etwas Schwimmendes,
Vielfaches, Vieldeutiges -). Das Wesentliche, "im Himmel und auf
Erden", wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass lange und in Einer
Richtung gehorcht werde: dabei kommt und kam auf die Dauer immer Etwas
heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf Erden zu leben, zum Beispiel
Tugend, Kunst, Musik, Tanz, Vernunft, Geistigkeit, - irgend etwas
Verklärendes, Raffinirtes, Tolles und Göttliches. Die lange Unfreiheit
des Geistes, der misstrauische Zwang in der Mittheilbarkeit der
Gedanken, die Zucht, welche sich der Denker auferlegte, innerhalb
einer kirchlichen und höfischen Richtschnur oder unter aristotelischen
Voraussetzungen zu denken, der lange geistige Wille, Alles, was
geschieht, nach einem christlichen Schema auszulegen und den
christlichen Gott noch in jedem Zufalle wieder zu entdecken und
zu rechtfertigen, - all dies Gewaltsame, Willkürliche, Harte,
Schauerliche, Widervernünftige hat sich als das Mittel herausgestellt,
durch welches dem europäischen Geiste seine Stärke, seine
rücksichtslose Neugierde und feine Beweglichkeit angezüchtet wurde:
zugegeben, dass dabei ebenfalls unersetzbar viel an Kraft und Geist
erdrückt, erstickt und verdorben werden musste (denn hier wie
überall zeigt sich "die Natur", wie sie ist, in ihrer ganzen
verschwenderischen und gleichgültigen Grossartigkeit, welche empört,
aber vornehm ist). Dass Jahrtausende lang die europäischen Denker nur
dachten, um Etwas zu beweisen -heute ist uns umgekehrt jeder Denker
verdächtig, der "Etwas beweisen will" -, dass ihnen bereits immer
feststand, was als Resultat ihres strengsten Nachdenkens herauskommen
sollte, etwa wie ehemals bei der asiatischen Astrologie oder wie heute
noch bei der harmlosen christlich-moralischen Auslegung der nächsten
persönlichen Ereignisse "zu Ehren Gottes" und "zum Heil der Seele": -
diese Tyrannei, diese Willkür, diese strenge und grandiose Dummheit
hat den Geist erzogen; die Sklaverei ist, wie es scheint, im gröberen
und feineren Verstande das unentbehrliche Mittel auch der geistigen
Zucht und Züchtung. Man mag jede Moral darauf hin ansehn: die "Natur"
in ihr ist es, welche das laisser aller, die allzugrosse Freiheit
hassen lehrt und das Bedürfniss nach beschränkten Horizonten, nach
nächsten Aufgaben pflanzt, - welche die Verengerung der Perspektive,
und also in gewissem Sinne die Dummheit, als eine Lebens- und
Wachsthums-Bedingung lehrt. "Du sollst gehorchen, irgend wem, und auf
lange: sonst gehst du zu Grunde und verlierst die letzte Achtung vor
dir selbst" - dies scheint mir der moralische Imperativ der Natur zu
sein, welcher freilich weder "kategorisch" ist, wie es der alte Kant
von ihm verlangte (daher das "sonst" -), noch an den Einzelnen sich
wendet (was liegt ihr am Einzelnen!), wohl aber an Völker, Rassen,
Zeitalter, Stände, vor Allem aber an das ganze Thier "Mensch", an den
Menschen.
189.
Die arbeitsamen Rassen finden eine grosse Beschwerde darin, den
Müssiggang zu ertragen: es war ein Meisterstück des englischen
Instinktes, den Sonntag in dem Maasse zu heiligen und zu langweiligen,
dass der Engländer dabei wieder unvermerkt nach seinem Wochen-
und Werktage lüstern wird: - als eine Art klug erfundenen, klug
eingeschalteten Fastens, wie dergleichen auch in der antiken Welt
reichlich wahrzunehmen ist (wenn auch, wie billig bei südländischen
Völkern, nicht gerade in Hinsicht auf Arbeit -). Es muss Fasten von
vielerlei Art geben; und überall, wo mächtige Triebe und Gewohnheiten
herrschen, haben die Gesetzgeber dafür zu sorgen, Schalttage
einzuschieben, an denen solch ein Trieb in Ketten gelegt wird und
wieder einmal hungern lernt. Von einem höheren Orte aus gesehn,
erscheinen ganze Geschlechter und Zeitalter, wenn sie mit irgend einem
moralischen Fanatismus behaftet auftreten, als solche eingelegte
Zwangs- und Fastenzeiten, während welchen ein Trieb sich ducken
und niederwerfen, aber auch sich reinigen und schärfen lernt; auch
einzelne philosophische Sekten (zum Beispiel die Stoa inmitten der
hellenistischen Cultur und ihrer mit aphrodisischen Düften überladenen
und geil gewordenen Luft) erlauben eine derartige Auslegung. - Hiermit
ist auch ein Wink zur Erklärung jenes Paradoxons gegeben, warum gerade
in der christlichsten Periode Europa's und überhaupt erst unter dem
Druck christlicher Werthurtheile der Geschlechtstrieb sich bis zur
Liebe (amour-passion) sublimirt hat.
190.
Es giebt Etwas in der Moral Plato's, das nicht eigentlich zu Plato
gehört, sondern sich nur an seiner Philosophie vorfindet, man könnte
sagen, trotz Plato: nämlich der Sokratismus, für den er eigentlich zu
vornehm war. "Keiner will sich selbst Schaden thun, daher geschieht
alles Schlechte unfreiwillig. Denn der Schlechte fügt sich selbst
Schaden zu: das würde er nicht thun, falls er wüsste, dass das
Schlechte schlecht ist. Demgemäss ist der Schlechte nur aus einem
Irrthum schlecht; nimmt man ihm seinen Irrthum, so macht man ihn
notwendig - gut." - Diese Art zu schliessen riecht nach dem Pöbel,
der am Schlechthandeln nur die leidigen Folgen in's Auge fasst und
eigentlich urtheilt "es ist dumm, schlecht zu handeln"; während er
"gut" mit "nützlich und angenehm" ohne Weiteres als identisch nimmt.
Man darf bei jedem Utilitarismus der Moral von vornherein auf diesen
gleichen Ursprung rathen und seiner Nase folgen: man wird selten irre
gehn. - Plato hat Alles gethan, um etwas Feines und Vornehmes in den
Satz seines Lehrers hinein zu interpretiren, vor Allem sich selbst -,
er, der verwegenste aller Interpreten, der den ganzen Sokrates nur
wie ein populäres Thema und Volkslied von der Gasse nahm, um es in's
Unendliche und Unmögliche zu variiren: nämlich in alle seine eignen
Masken und Vielfältigkeiten. Im Scherz gesprochen, und noch dazu
homerisch: was ist denn der platonische Sokrates, wenn nicht prósthe
Pláton opithén te Pláton mésse te Chímaira.
191.
Das alte theologische Problem von "Glauben" und "Wissen" - oder,
deutlicher, von Instinkt und Vernunft - also die Frage, ob in Hinsicht
auf Werthschätzung der Dinge der Instinkt mehr Autorität verdiene, als
die Vernünftigkeit, welche nach Gründen, nach einem "Warum?", als nach
Zweckmässigkeit und Nützlichkeit geschätzt und gehandelt wissen will,
- es ist immer noch jenes alte moralische Problem, wie es zuerst in
der Person des Sokrates auftrat und lange vor dem Christenthum schon
die Geister gespaltet hat. Sokrates selbst hatte sich zwar mit dem
Geschmack seines Talentes - dem eines überlegenen Dialektikers -
zunächst auf Seiten der Vernunft gestellt; und in Wahrheit, was hat
er sein Leben lang gethan, als über die linkische Unfähigkeit seiner
vornehmen Athener zu lachen, welche Menschen des Instinktes waren
gleich allen vornehmen Menschen und niemals genügend über die Gründe
ihres Handelns Auskunft geben konnten? Zuletzt aber, im Stillen und
Geheimen, lachte er auch über sich selbst: er fand bei sich, vor
seinem feineren Gewissen und Selbstverhör, die gleiche Schwierigkeit
und Unfähigkeit. Wozu aber, redete er sich zu, sich deshalb von den
Instinkten lösen! Man muss ihnen und auch der Vernunft zum Recht
verhelfen, - man muss den Instinkten folgen, aber die Vernunft
überreden, ihnen dabei mit guten Gründen nachzuhelfen. Dies war die
eigentliche Falschheit jenes grossen geheimnissreichen Ironikers; er
brachte sein Gewissen dahin, sich mit einer Art Selbstüberlistung
zufrieden zu geben: im Grunde hatte er das Irrationale im moralischen
Urtheile durchschaut. - Plato, in solchen Dingen unschuldiger und ohne
die Verschmitztheit des Plebejers, wollte mit Aufwand aller Kraft -
der grössten Kraft, die bisher ein Philosoph aufzuwenden hatte! - sich
beweisen, dass Vernunft und Instinkt von selbst auf Ein Ziel zugehen,
auf das Gute, auf "Gott"; und seit Plato sind alle Theologen und
Philosophen auf der gleichen Bahn, - das heisst, in Dingen der Moral
hat bisher der Instinkt, oder wie die Christen es nennen, "der
Glaube", oder wie ich es nenne, "die Heerde" gesiegt. Man müsse
denn Descartes ausnehmen, den Vater des Rationalismus (und folglich
Grossvater der Revolution), welcher der Vernunft allein Autorität
zuerkannte: aber die Vernunft ist nur ein Werkzeug, und Descartes war
oberflächlich.
192.
Wer der Geschichte einer einzelnen Wissenschaft nachgegangen ist,
der findet in ihrer Entwicklung einen Leitfaden zum Verständniss der
ältesten und gemeinsten Vorgänge alles "Wissens und Erkennens": dort
wie hier sind die voreiligen Hypothesen, die Erdichtungen, der gute
dumme Wille zum "Glauben", der Mangel an Misstrauen und Geduld zuerst
entwickelt, - unsre Sinne lernen es spät, und lernen es nie ganz,
feine treue vorsichtige Organe der Erkenntniss zu sein. Unserm Auge
fällt es bequemer, auf einen gegebenen Anlass hin ein schon öfter
erzeugtes Bild wieder zu erzeugen, als das Abweichende und Neue eines
Eindrucks bei sich festzuhalten: letzteres braucht mehr Kraft, mehr
"Moralität". Etwas Neues hören ist dem Ohre peinlich und schwierig;
fremde Musik hören wir schlecht. Unwillkürlich versuchen wir, beim
Hören einer andren Sprache, die gehörten Laute in Worte einzuformen,
welche uns vertrauter und heimischer klingen: so machte sich zum
Beispiel der Deutsche ehemals aus dem gehörten arcubalista das Wort
Armbrust zurecht. Das Neue findet auch unsre Sinne feindlich und
widerwillig; und überhaupt herrschen schon bei den "einfachsten"
Vorgängen der Sinnlichkeit die Affekte, wie Furcht, Liebe, Hass,
eingeschlossen die passiven Affekte der Faulheit. - So wenig ein Leser
heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämmtlich
abliest - er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach
Zufall heraus und "erräth" den zu diesen fünf Worten muthmaasslich
zugehörigen Sinn -, eben so wenig sehen wir einen Baum genau und
vollständig, in Hinsicht auf Blätter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fällt
uns so sehr viel leichter, ein Ungefähr von Baum hin zu phantasiren.
Selbst inmitten der seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso:
wir erdichten uns den grössten Theil des Erlebnisses und sind
kaum dazu zu zwingen, nicht als "Erfinder" irgend einem Vorgange
zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters
her - an's Lügen gewöhnt. Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer,
kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr Künstler als man
weiss. - In einem lebhaften Gespräch sehe ich oftmals das Gesicht der
Person, mit der ich rede, je nach dem Gedanken, den sie äussert, oder
den ich bei ihr hervorgerufen glaube, so deutlich und feinbestimmt
vor mir, dass dieser Grad von Deutlichkeit weit über die Kraft meines
Sehvermögens hinausgeht: - die Feinheit des Muskelspiels und des
Augen-Ausdrucks muss also von mir hinzugedichtet sein. Wahrscheinlich
machte die Person ein ganz anderes Gesicht oder gar keins.
193.
Quidquid luce fuit, tenebris agit: aber auch umgekehrt. Was wir im
Traume erleben, vorausgesetzt, dass wir es oftmals erleben, gehört
zuletzt so gut zum Gesammt-Haushalt unsrer Seele, wie irgend etwas
"wirklich" Erlebtes: wir sind vermöge desselben reicher oder ärmer,
haben ein Bedürfniss mehr oder weniger und werden schliesslich am
hellen lichten Tage, und selbst in den heitersten Augenblicken unsres
wachen Geistes, ein Wenig von den Gewöhnungen unsrer Träume gegängelt.
Gesetzt, dass Einer in seinen Träumen oftmals geflogen ist und
endlich, sobald er träumt, sich einer Kraft und Kunst des Fliegens
wie seines Vorrechtes bewusst wird, auch wie seines eigensten
beneidenswerthen Glücks: ein Solcher, der jede Art von Bogen und
Winkeln mit dem leisesten Impulse verwirklichen zu können glaubt,
der das Gefühl einer gewissen göttlichen Leichtfertigkeit kennt,
ein "nach, Oben" ohne Spannung und Zwang, ein "nach Unten" ohne
Herablassung und Erniedrigung - ohne Schwere! - wie sollte der Mensch
solcher Traum-Erfahrungen und Traum-Gewohnheiten nicht endlich auch
für seinen wachen Tag das Wort "Glück" anders gefärbt und bestimmt
finden! wie sollte er nicht anders nach Glück - verlangen
"Aufschwung", so wie dies von Dichtern beschrieben wird, muss ihm,
gegen jenes "Fliegen" gehalten, schon zu erdenhaft, muskelhaft,
gewaltsam, schon zu "schwer" sein.
194.
Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht nur in der
Verschiedenheit ihrer Gütertafeln, also darin, dass sie verschiedene
Güter für erstrebenswerth halten und auch über das Mehr und Weniger
des Werthes, über die Rangordnung der gemeinsam anerkannten Güter mit
einander uneins sind: - sie zeigt sich noch mehr in dem, was ihnen
als wirkliches Haben und Besitzen eines Gutes gilt. In Betreff eines
Weibes zum Beispiel gilt dem Bescheideneren schon die Verfügung über
den Leib und der Geschlechtsgenuss als ausreichendes und genugthuendes
Anzeichen des Habens, des Besitzens; ein Anderer, mit seinem
argwöhnischeren und anspruchsvolleren Durste nach Besitz, sieht das
"Fragezeichen", das nur Scheinbare eines solchen Habens, und will
feinere Proben, vor Allem, um zu wissen, ob das Weib nicht nur ihm
sich giebt, sondern auch für ihn lässt, was sie hat oder gerne hätte
-: so erst gilt es ihm als "besessen". Ein Dritter aber ist auch hier
noch nicht am Ende seines Misstrauens und Habenwollens, er fragt sich,
ob das Weib, wenn es Alles für ihn lässt, dies nicht etwa für ein
Phantom von ihm thut: er will erst gründlich, ja abgründlich gut
gekannt sein, um überhaupt geliebt werden zu können, er wagt es, sich
errathen zu lassen -. Erst dann fühlt er die Geliebte völlig in seinem
Besitze, wenn sie sich nicht mehr über ihn betrügt, wenn sie ihn um
seiner Teufelei und versteckten Unersättlichkeit willen eben so sehr
liebt, als um seiner Güte, Geduld und Geistigkeit willen. Jener möchte
ein Volk besitzen: und alle höheren Cagliostro- und Catilina-Künste
sind ihm zu diesem Zwecke recht. Ein Anderer, mit einem feineren
Besitzdurste, sagt sich "man darf nicht betrügen, wo man besitzen
will" -, er ist gereizt und ungeduldig bei der Vorstellung, dass eine
Maske von ihm über das Herz des Volks gebietet: "also muss ich mich
kennen lassen und, vorerst, mich selbst kennen!" Unter hülfreichen und
wohlthätigen Menschen findet man jene plumpe Arglist fast regelmässig
vor, welche sich Den, dem geholfen werden soll, erst zurecht macht:
als ob er zum Beispiel Hülfe "verdiene", gerade nach ihrer Hülfe
verlange, und für alle Hülfe sich ihnen tief dankbar, anhänglich,
unterwürfig beweisen werde, - mit diesen Einbildungen verfügen sie
über den Bedürftigen wie über ein Eigenthum, wie sie aus einem
Verlangen nach Eigenthum überhaupt wohlthätige und hülfreiche Menschen
sind. Man findet sie eifersüchtig, wenn man sie beim Helfen kreuzt
oder ihnen zuvorkommt. Die Eltern machen unwillkürlich aus dem Kinde
etwas ihnen Ähnliches - sie nennen das "Erziehung" -, keine Mutter
zweifelt im Grunde ihres Herzens daran, am Kinde sich ein Eigenthum
geboren zu haben, kein Vater bestreitet sich das Recht, es seinen
Begriffen und Werthschätzungen unterwerfen zu dürfen. Ja, ehemals
schien es den Vätern billig, über Leben und Tod des Neugebornen (wie
unter den alten Deutschen) nach Gutdünken zu verfügen. Und wie der
Vater, so sehen auch jetzt noch der Lehrer, der Stand, der Priester,
der Fürst in jedem neuen Menschen eine unbedenkliche Gelegenheit zu
neuem Besitze. Woraus folgt.....
195.
Die Juden - ein Volk "geboren zur Sklaverei", wie Tacitus und die
ganze antike Welt sagt, "das auserwählte Volk unter den Völkern", wie
sie selbst sagen und glauben - die Juden haben jenes Wunderstück von
Umkehrung der Werthe zu Stande gebracht, Dank welchem das Leben auf
der Erde für ein Paar Jahrtausende einen neuen und gefährlichen
Reiz erhalten hat: - ihre Propheten haben "reich" "gottlos" "böse"
"gewaltthätig" "sinnlich" in Eins geschmolzen und zum ersten Male das
Wort "Welt", zum Schandwort gemünzt. In dieser Umkehrung der Werthe
(zu der es gehört, das Wort für "Arm" als synonym mit "Heilig" und
"Freund" zu brauchen) liegt die Bedeutung des jüdischen Volks: mit ihm
beginnt der Sklaven-Aufstand in der Moral.
196.
Es giebt unzählige dunkle Körper neben der Sonne zu erschliessen,
- solche die wir nie sehen werden. Das ist, unter uns gesagt, ein
Gleichniss; und ein Moral-Psycholog liest die gesammte Sternenschrift
nur als eine Gleichniss- und Zeichensprache, mit der sich Vieles
verschweigen lässt.
197.
Man missversteht das Raubthier und den Raubmenschen (zum Beispiele
Cesare Borgia) gründlich, man missversteht die "Natur", so lange man
noch nach einer "Krankhaftigkeit" im Grunde dieser gesündesten aller
tropischen Unthiere und Gewächse sucht, oder gar nach einer ihnen
eingeborenen "Hölle" -: wie es bisher fast alle Moralisten gethan
haben. Es scheint, dass es bei den Moralisten einen Hass gegen den
Urwald und gegen die Tropen giebt? Und dass der "tropische Mensch"
um jeden Preis diskreditirt werden muss, sei es als Krankheit und
Entartung des Menschen, sei es als eigne Hölle und Selbst-Marterung?
Warum doch? Zu Gunsten der "gemässigten Zonen"? Zu Gunsten der
gemässigten Menschen? Der "Moralischen"? Der Mittelmässigen? - Dies
zum Kapitel "Moral als Furchtsamkeit". -
198.
Alle diese Moralen, die sich an die einzelne Person wenden, zum
Zwecke ihres "Glückes", wie es heisst, - was sind sie Anderes, als
Verhaltungs-Vorschläge im Verhältniss zum Grade der Gefährlichkeit, in
welcher die einzelne Person mit sich selbst lebt; Recepte gegen ihre
Leidenschaften, ihre guten und schlimmen Hänge, so fern sie den Willen
zur Macht haben und den Herrn spielen möchten; kleine und grosse
Klugheiten und Künsteleien, behaftet mit dem Winkelgeruch alter
Hausmittel und Altweiber-Weisheit; allesammt in der Form barock und
unvernünftig - weil sie sich an "Alle" wenden, weil sie generalisiren,
wo nicht generalisirt werden darf -, allesammt unbedingt redend, sich
unbedingt nehmend, allesammt nicht nur mit Einem Korne Salz gewürzt,
vielmehr erst erträglich, und bisweilen sogar verführerisch, wenn
sie überwürzt und gefährlich zu riechen lernen, vor Allem "nach der
anderen Welt": Das ist Alles, intellektuell gemessen, wenig werth und
noch lange nicht "Wissenschaft", geschweige denn "Weisheit", sondern,
nochmals gesagt und dreimal gesagt, Klugheit, Klugheit, Klugheit,
gemischt mit Dummheit, Dummheit, Dummheit, - sei es nun jene
Gleichgültigkeit und Bildsäulenkälte gegen die hitzige Narrheit der
Affekte, welche die Stoiker anriethen und ankurirten; oder auch jenes
Nicht-mehr-Lachen und Nicht-mehr-Weinen des Spinoza, seine so naiv
befürwortete Zerstörung der Affekte durch Analysis und Vivisektion
derselben; oder jene Herabstimmung der Affekte auf ein unschädliches
Mittelmaass, bei welchem sie befriedigt werden dürfen, der
Aristotelismus der Moral; selbst Moral als Genuss der Affekte in einer
absichtlichen Verdünnung und Vergeistigung durch die Symbolik der
Kunst, etwa als Musik, oder als Liebe zu Gott und zum Menschen um
Gotteswillen - denn in der Religion haben die Leidenschaften wieder
Bürgerrecht, vorausgesetzt dass; zuletzt selbst jene entgegenkommende
und muthwillige Hingebung an die Affekte, wie sie Hafis und Goethe
gelehrt haben, jenes kühne Fallen-lassen der Zügel, jene geistig-
leibliche licentia morum in dem Ausnahmefalle alter weiser Käuze und
Trunkenbolde, bei denen es "wenig Gefahr mehr hat". Auch Dies zum
Kapitel "Moral als Furchtsamkeit".
199.
Insofern es zu allen Zeiten, so lange es Menschen giebt, auch
Menschenheerden gegeben hat (Geschlechts-Verbände, Gemeinden,
Stämme, Völker, Staaten, Kirchen) und immer sehr viel Gehorchende im
Verhältniss zu der kleinen Zahl Befehlender, - in Anbetracht also,
dass Gehorsam bisher am besten und längsten unter Menschen geübt
und gezüchtet worden ist, darf man billig voraussetzen, dass
durchschnittlich jetzt einem jeden das Bedürfniss darnach angeboren
ist, als eine Art formalen Gewissens, welches gebietet: "du sollst
irgend Etwas unbedingt thun, irgend Etwas unbedingt lassen", kurz "du
sollst". Dies Bedürfniss sucht sich zu sättigen und seine Form mit
einem Inhalte zu füllen; es greift dabei, gemäss seiner Stärke,
Ungeduld und Spannung, wenig wählerisch, als ein grober Appetit, zu
und nimmt an, was ihm nur von irgend welchen Befehlenden - Eltern,
Lehrern, Gesetzen, Standesvorurtheilen, öffentlichen Meinungen -
in's Ohr gerufen wird. Die seltsame Beschränktheit der menschlichen
Entwicklung, das Zögernde, Langwierige, oft Zurücklaufende und
Sich-Drehende derselben beruht darauf, dass der Heerden-Instinkt des
Gehorsams am besten und auf Kosten der Kunst des Befehlens vererbt
wird. Denkt man sich diesen Instinkt einmal bis zu seinen letzten
Ausschweifungen schreitend, so fehlen endlich geradezu die
Befehlshaber und Unabhängigen; oder sie leiden innerlich am
schlechten Gewissen und haben nöthig, sich selbst erst eine Täuschung
vorzumachen, um befehlen zu können: nämlich als ob auch sie nur
gehorchten. Dieser Zustand besteht heute thatsächlich in Europa: ich
nenne ihn die moralische Heuchelei der Befehlenden. Sie wissen sich
nicht anders vor ihrem schlechten Gewissen zu schützen als dadurch,
dass sie sich als Ausführer älterer oder höherer Befehle gebärden (der
Vorfahren, der Verfassung, des Rechts, der Gesetze oder gar Gottes)
oder selbst von der Heerden-Denkweise her sich Heerden-Maximen borgen,
zum Beispiel als "erste Diener ihres Volks" oder als "Werkzeuge
des gemeinen Wohls". Auf der anderen Seite giebt sich heute der
Heerdenmensch in Europa das Ansehn, als sei er die einzig erlaubte
Art Mensch, und verherrlicht seine Eigenschaften, vermöge deren er
zahm, verträglich und der Heerde nützlich ist, als die eigentlich
menschlichen Tugenden: also Gemeinsinn, Wohlwollen, Rücksicht, Fleiss,
Mässigkeit, Bescheidenheit, Nachsicht, Mitleiden. Für die Fälle aber,
wo man der Führer und Leithammel nicht entrathen zu können glaubt,
macht man heute Versuche über Versuche, durch Zusammen-Addiren kluger
Heerdenmenschen die Befehlshaber zu ersetzen: dieses Ursprungs sind
zum Beispiel alle repräsentativen Verfassungen. Welche Wohlthat,
welche Erlösung von einem unerträglich werdenden Druck trotz
Alledem das Erscheinen eines unbedingt Befehlenden für diese
Heerdenthier-Europäer ist, dafür gab die Wirkung, welche das
Erscheinen Napoleon's machte, das letzte grosse Zeugniss: - die
Geschichte der Wirkung Napoleon's ist beinahe die Geschichte des
höheren Glücks, zu dem es dieses ganze Jahrhundert in seinen
werthvollsten Menschen und Augenblicken gebracht hat.
200.
Der Mensch aus einem Auflösungs-Zeitalter, welches die Rassen durch
einander wirft, der als Solcher die Erbschaft einer vielfältigen
Herkunft im Leibe hat, das heisst gegensätzliche und oft nicht einmal
nur gegensätzliche Triebe und Werthmaasse, welche mit einander kämpfen
und sich selten Ruhe geben, - ein solcher Mensch der späten Culturen
und der gebrochenen Lichter wird durchschnittlich ein schwächerer
Mensch sein: sein gründlichstes Verlangen geht darnach, dass der
Krieg, der er ist, einmal ein Ende habe; das Glück erscheint ihm, in
Übereinstimmung mit einer beruhigenden (zum Beispiel epikurischen oder
christlichen) Medizin und Denkweise, vornehmlich als das Glück des
Ausruhens, der Ungestörtheit, der Sattheit, der endlichen Einheit, als
"Sabbat der Sabbate", um mit dem heiligen Rhetor Augustin zu reden,
der selbst ein solcher Mensch war. - Wirkt aber der Gegensatz und
Krieg in einer solchen Natur wie ein Lebensreiz und -Kitzel mehr -,
und ist andererseits zu ihren mächtigen und unversöhnlichen Trieben
auch die eigentliche Meisterschaft und Feinheit im Kriegführen mit
sich, also Selbst-Beherrschung, Selbst-Überlistung hinzuvererbt
und angezüchtet: so entstehen jene zauberhaften Unfassbaren und
Unausdenklichen, jene zum Siege und zur Verführung vorherbestimmten
Räthselmenschen, deren schönster Ausdruck Alciblades und Caesar (-
denen ich gerne jenen ersten Europäer nach meinem Geschmack, den
Hohenstaufen Friedrich den Zweiten zugesellen möchte), unter Künstlern
vielleicht Lionardo da Vinci ist. Sie erscheinen genau in den selben
Zeiten, wo jener schwächere Typus, mit seinem Verlangen nach Ruhe,
in den Vordergrund tritt.- beide Typen gehören zu einander und
entspringen den gleichen Ursachen.
201.
So lange die Nützlichkeit, die in den moralischen Werthurtheilen
herrscht, allein die Heerden-Nützlichkeit ist, so lange der
Blick einzig der Erhaltung der Gemeinde zugewendet ist, und das
Unmoralische genau und ausschliesslich in dem gesucht wird, was dem
Gemeinde-Bestand gefährlich scheint: so lange kann es noch keine
"Moral der Nächstenliebe" geben. Gesetzt, es findet sich auch da
bereits eine beständige kleine Übung von Rücksicht, Mitleiden,
Billigkeit, Milde, Gegenseitigkeit der Hülfeleistung, gesetzt, es
sind auch auf diesem Zustande der Gesellschaft schon alle jene Triebe
thätig, welche später mit Ehrennamen, als "Tugenden" bezeichnet
werden und schliesslich fast mit dem Begriff "Moralität" in Eins
zusammenfallen: in jener Zeit gehören sie noch gar nicht in das Reich
der moralischen Werthschätzungen - sie sind noch aussermoralisch. Eine
mitleidige Handlung zum Beispiel heisst in der besten Römerzeit weder
gut noch böse, weder moralisch noch unmoralisch; und wird sie selbst
gelobt, so verträgt sich mit diesem Lobe noch auf das Beste eine
Art unwilliger Geringschätzung, sobald sie nämlich mit irgend einer
Handlung zusammengehalten wird, welche der Förderung des Ganzen, der
res publica, dient. Zuletzt ist die "Liebe zum Nächsten" immer etwas
Nebensächliches, zum Theil Conventionelles und Willkürlich-Scheinbares
im Verhältniss zur Furcht vor dem Nächsten. Nachdem das Gefüge der
Gesellschaft im Ganzen festgestellt und gegen äussere Gefahren
gesichert erscheint, ist es diese Furcht vor dem Nächsten, welche
wieder neue Perspektiven der moralischen Werthschätzung schafft.
Gewisse starke und gefährliche Triebe, wie Unternehmungslust,
Tollkühnheit, Rachsucht, Verschlagenheit, Raubgier, Herrschsucht, die
bisher in einem gemeinnützigen Sinne nicht nur geehrt unter anderen
Namen, wie billig, als den eben gewählten sondern gross-gezogen und
-gezüchtet werden mussten (weil man ihrer in der Gefahr des Ganzen
gegen die Feinde des Ganzen beständig bedurfte), werden nunmehr
in ihrer Gefährlichkeit doppelt stark empfunden - jetzt, wo die
Abzugskanäle für sie fehlen - und schrittweise, als unmoralisch,
gebrandmarkt und der Verleumdung preisgegeben. Jetzt kommen die
gegensätzlichen Triebe und Neigungen zu moralischen Ehren; der
Heerden-Instinkt zieht, Schritt für Schritt, seine Folgerung. Wie viel
oder wie wenig Gemein-Gefährliches, der Gleichheit Gefährliches in
einer Meinung, in einem Zustand und Affekte, in einem Willen, in einer
Begabung liegt, das ist jetzt die moralische Perspektive: die Furcht
ist auch hier wieder die Mutter der Moral. An den höchsten und
stärksten Trieben, wenn sie, leidenschaftlich ausbrechend, den
Einzelnen weit über den Durchschnitt und die Niederung des
Heerdengewissens hinaus und hinauf treiben, geht das Selbstgefühl
der Gemeinde zu Grunde, ihr Glaube an sich, ihr Rückgrat gleichsam,
zerbricht: folglich wird man gerade diese Triebe am besten brandmarken
und verleumden. Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum
Alleinstehn, die grosse Vernunft schon werden als Gefahr empfunden;
Alles, was den Einzelnen über die Heerde hinaushebt und dem Nächsten
Furcht macht, heisst von nun an böse; die billige, bescheidene,
sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaass der
Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren. Endlich, unter sehr
friedfertigen Zuständen, fehlt die Gelegenheit und Nöthigung immer
mehr, sein Gefühl zur Strenge und Härte zu erziehn; und jetzt beginnt
jede Strenge, selbst in der Gerechtigkeit, die Gewissen zu stören;
eine hohe und harte Vornehmheit und Selbst-Verantwortlichkeit
beleidigt beinahe und erweckt Misstrauen, "das Lamm", noch mehr "das
Schlaf" gewinnt an Achtung. Es giebt einen Punkt von krankhafter
Vermürbung und Verzärtlichung in der Geschichte der Gesellschaft, wo
sie selbst für ihren Schädiger, den Verbrecher Partei nimmt, und zwar
ernsthaft und ehrlich. Strafen: das scheint ihr irgendworin unbillig,
- gewiss ist, dass die Vorstellung "Strafe" und "Strafen-Sollen"
ihr wehe thut, ihr Furcht macht. "Genügt es nicht, ihn ungefährlich
machen? Wozu noch strafen? Strafen selbst ist fürchterlich!" - mit
dieser Frage zieht die Heerden-Moral, die Moral der Furchtsamkeit ihre
letzte Consequenz. Gesetzt, man könnte überhaupt die Gefahr, den Grund
zum Fürchten abschaffen, so hätte man diese Moral mit abgeschafft: sie
wäre nicht mehr nöthig, sie hielte sich selbst nicht mehr für nöthig!
- Wer das Gewissen des heutigen Europäers prüft, wird aus tausend
moralischen Falten und Verstecken immer den gleichen Imperativ
herauszuziehen haben, den Imperativ der Heerden-Furchtsamkeit: "wir
wollen, dass es irgendwann einmal Nichts mehr zu fürchten giebt!"
Irgendwann einmal - der Wille und Weg dorthin heisst heute in Europa
überall der "Fortschritt".
202.
Sagen wir es sofort noch einmal, was wir schon hundert Mal gesagt
haben: denn die Ohren sind für solche Wahrheiten - für unsere
Wahrheiten - heute nicht gutwillig. Wir wissen es schon genug, wie
beleidigend es klingt, wenn Einer überhaupt den Menschen ungeschminkt
und ohne Gleichniss zu den Thieren rechnet; aber es wird beinahe
als Schuld uns angerechnet werden, dass wir gerade in Bezug auf die
Menschen der "modernen Ideen" beständig die Ausdrücke "Heerde",
"Heerden-Instinkte" und dergleichen gebrauchen. Was hilft es! Wir
können nicht anders: denn gerade hier liegt unsre neue Einsicht. Wir
fanden, dass in allen moralischen Haupturtheilen Europa einmüthig
geworden ist, die Länder noch hinzugerechnet, wo Europa's Einfluss
herrscht: man weiss ersichtlich in Europa, was Sokrates nicht zu
wissen meinte, und was jene alte berühmte Schlange einst zu lehren
verhiess, - man "weiss" heute, was Gut und Böse ist. Nun muss es hart
klingen und schlecht zu Ohren gehn, wenn wir immer von Neuem darauf
bestehn: was hier zu wissen glaubt, was hier mit seinem Loben und
Tadeln sich selbst verherrlicht, sich selbst gut heisst, ist der
Instinkt des Heerdenthiers Mensch: als welcher zum Durchbruch, zum
Übergewicht, zur Vorherrschaft über andere Instinkte gekommen ist und
immer mehr kommt, gemäss der wachsenden physiologischen Annäherung
und Anähnlichung, deren Symptom er ist. Moral ist heute in Europa
Heerdenthier-Moral: - also nur, wie wir die Dinge verstehn, Eine Art
von menschlicher Moral, neben der, vor der, nach der viele andere, vor
Allem höhere Moralen möglich sind oder sein sollten. Gegen eine solche
"Möglichkeit", gegen ein solches "Sollte" wehrt sich aber diese Moral
mit allen Kräften: sie sagt hartnäckig und unerbittlich "ich bin die
Moral selbst, und Nichts ausserdem ist Moral!" - ja mit Hülfe einer
Religion, welche den sublimsten Heerdenthier-Begierden zu Willen
war und schmeichelte, ist es dahin gekommen, dass wir selbst in
den politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen einen immer
sichtbareren Ausdruck dieser Moral finden: die demokratische Bewegung
macht die Erbschaft der christlichen. Dass aber deren Tempo für die
Ungeduldigeren, für die Kranken und Süchtigen des genannten Instinktes
noch viel zu langsam und schläfrig ist, dafür spricht das immer
rasender werdende Geheul, das immer unverhülltere Zähnefletschen
der Anarchisten-Hunde, welche jetzt durch die Gassen der
europäischen Cultur schweifen: anscheinend im Gegensatz zu den
friedlich-arbeitsamen Demokraten und Revolutions-Ideologen, noch mehr
zu den tölpelhaften Philosophastern und Bruderschafts-Schwärmern,
welche sich Socialisten nennen und die "freie Gesellschaft" wollen, in
Wahrheit aber Eins mit ihnen Allen in der gründlichen und instinktiven
Feindseligkeit gegen jede andre Gesellschafts-Form als die der
autonomen Heerde (bis hinaus zur Ablehnung selbst der Begriffe "Herr"
und "Knecht" - ni dieu ni maître heisst eine socialistische Formel
-); Eins im zähen Widerstande gegen jeden Sonder-Anspruch, jedes
Sonder-Recht und Vorrecht (das heisst im letzten Grunde gegen jedes
Recht: denn dann, wenn Alle gleich sind, braucht Niemand mehr "Rechte"
-); Eins im Misstrauen gegen die strafende Gerechtigkeit (wie als
ob sie eine Vergewaltigung am Schwächeren, ein Unrecht an der
nothwendigen Folge aller früheren Gesellschaft wäre -); aber ebenso
Eins in der Religion des Mitleidens, im Mitgefühl, soweit nur gefühlt,
gelebt, gelitten wird (bis hinab zum Thier, bis hinauf zu "Gott":
- die Ausschweifung eines Mitleidens mit "Gott" gehört in ein
demokratisches Zeitalter -); Eins allesammt im Schrei und der Ungeduld
des Mitleidens, im Todhass gegen das Leiden überhaupt, in der fast
weiblichen Unfähigkeit, Zuschauer dabei bleiben zu können, leiden
lassen zu können; Eins in der unfreiwilligen Verdüsterung und
Verzärtlichung, unter deren Bann Europa von einem neuen Buddhismus
bedroht scheint; Eins im Glauben an die Moral des gemeinsamen
Mitleidens, wie als ob sie die Moral an sich sei, als die Höhe, die
erreichte Höhe des Menschen, die alleinige Hoffnung der Zukunft, das
Trostmittel der Gegenwärtigen, die grosse Ablösung aller Schuld von
Ehedem: - Eins allesammt im Glauben an die Gemeinschaft als die
Erlöserin, an die Heerde also, an sich......
203.
Wir, die wir eines andren Glaubens sind -, wir, denen die
demokratische Bewegung nicht bloss als eine Verfalls-Form
der politischen Organisation, sondern als Verfalls-, nämlich
Verkleinerungs-Form des Menschen gilt, als seine Vermittelmässigung
und Werth-Erniedrigung: wohin müssen wir mit unsren Hoffnungen
greifen? - Nach neuen Philosophen, es bleibt keine Wahl; nach
Geistern, stark und ursprünglich genug, um die Anstösse zu
entgegengesetzten Werthschätzungen zu geben und "ewige Werthe"
umzuwerthen, umzukehren; nach Vorausgesandten, nach Menschen der
Zukunft, welche in der Gegenwart den Zwang und Knoten anknüpfen, der
den Willen von Jahrtausenden auf neue Bahnen zwingt. Dem Menschen
die Zukunft des Menschen als seinen Willen, als abhängig von einem
Menschen-Willen zu lehren und grosse Wagnisse und Gesammt-Versuche
von Zucht und Züchtung vorzubereiten, um damit jener schauerlichen
Herrschaft des Unsinns und Zufalls, die bisher "Geschichte" hiess, ein
Ende zu machen - der Unsinn der "grössten Zahl" ist nur seine letzte
Form -: dazu wird irgendwann einmal eine neue Art von Philosophen und
Befehlshabern nöthig sein, an deren Bilde sich Alles, was auf Erden
an verborgenen, furchtbaren und wohlwollenden Geistern dagewesen ist,
blass und verzwergt ausnehmen möchte. Das Bild solcher Führer ist es,
das vor unsern Augen schwebt: - darf ich es laut sagen, ihr freien
Geister? Die Umstände, welche man zu ihrer Entstehung theils schaffen,
theils ausnützen müsste; die muthmaasslichen Wege und Proben, vermöge
deren eine Seele zu einer solchen Höhe und Gewalt aufwüchse, um den
Zwang zu diesen Aufgaben zu empfinden; eine Umwerthung der Werthe,
unter deren neuem Druck und Hammer ein Gewissen gestählt, ein
Herz in Erz verwandelt würde, dass es das Gewicht einer solchen
Verantwortlichkeit ertrüge; andererseits die Nothwendigkeit solcher
Führer, die erschreckliche Gefahr, dass sie ausbleiben oder missrathen
und entarten könnten - das sind unsre eigentlichen Sorgen und
Verdüsterungen, ihr wisst es, ihr freien Geister? das sind die
schweren fernen Gedanken und Gewitter, welche über den Himmel unseres
Lebens hingehn. Es giebt wenig so empfindliche Schmerzen, als einmal
gesehn, errathen, mitgefühlt zu haben, wie ein ausserordentlicher
Mensch aus seiner Bahn gerieth und entartete: wer aber das seltene
Auge für die Gesammt-Gefahr hat, dass "der Mensch" selbst entartet,
wer, gleich uns, die ungeheuerliche Zufälligkeit erkannt hat, welche
bisher in Hinsicht auf die Zukunft des Menschen ihr Spiel spielte -
ein Spiel, an dem keine Hand und nicht einmal ein "Finger Gottes"
mitspielte! - wer das Verhängniss, erräth, das in der blödsinnigen
Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit der "modernen Ideen", noch mehr
in der ganzen christlich-europäischen Moral verborgen liegt: der
leidet an einer Beängstigung, mit der sich keine andere vergleichen
lässt, - er fasst es ja mit Einem Blicke, was Alles noch, bei einer
günstigen Ansammlung und Steigerung von Kräften und Aufgaben, aus
dem Menschen zu züchten wäre, er weiss es mit allem Wissen seines
Gewissens, wie der Mensch noch unausgeschöpft für die grössten
Möglichkeiten ist, und wie oft schon der Typus Mensch an
geheimnissvollen Entscheidungen und neuen Wegen gestanden hat: -
er weiss es noch besser, aus seiner schmerzlichsten Erinnerung, an
was für erbärmlichen Dingen ein Werdendes höchsten Ranges bisher
gewöhnlich zerbrach, abbrach, absank, erbärmlich ward. Die
Gesammt-Entartung des Menschen, hinab bis zu dem, was heute den
socialistischen Tölpeln und Flachköpfen als ihr "Mensch der Zukunft"
erscheint, - als ihr Ideal! - diese Entartung und Verkleinerung des
Menschen zum vollkommenen Heerdenthiere (oder, wie sie sagen, zum
Menschen der "freien Gesellschaft"), diese Verthierung des Menschen
zum Zwergthiere der gleichen Rechte und Ansprüche ist möglich, es ist
kein Zweifel! Wer diese Möglichkeit einmal bis zu Ende gedacht hat,
kennt einen Ekel mehr, als die übrigen Menschen, - und vielleicht auch
eine neue Aufgabe!....
Sechstes Hauptstück:
Wir Gelehrten.
204.
Auf die Gefahr hin, dass Moralisiren sich auch hier als Das
herausstellt, was es immer war - nämlich als ein unverzagtes montrer
ses plaies, nach Balzac -, möchte ich wagen, einer ungebührlichen und
schädlichen Rangverschiebung entgegenzutreten, welche sich heute, ganz
unvermerkt und wie mit dem besten Gewissen, zwischen Wissenschaft
und Philosophie herzustellen droht. Ich meine, man muss von seiner
Erfahrung aus - Erfahrung bedeutet, wie mich dünkt, immer schlimme
Erfahrung? - ein Recht haben, über eine solche höhere Frage des Rangs
mitzureden: um nicht wie die Blinden von der Farbe oder wie Frauen
und Künstler gegen die Wissenschaft zu reden ("ach, diese schlimme
Wissenschaft! seufzt deren Instinkt und Scham, sie kommt immer
dahinter!" -). Die Unabhängigkeits-Erklärung des wissenschaftlichen
Menschen, seine Emancipation von der Philosophie, ist eine der
feineren Nachwirkungen des demokratischen Wesens und Unwesens: die
Selbstverherrlichung und Selbstüberhebung des Gelehrten steht heute
überall in voller Blüthe und in ihrem besten Frühlinge, - womit noch
nicht gesagt sein soll, dass in diesem Falle Eigenlob lieblich röche.
"Los von allen Herren!" - so will es auch hier der pöbelmännische
Instinkt; und nachdem sich die Wissenschaft mit glücklichstem Erfolge
der Theologie erwehrt hat, deren "Magd" sie zu lange war, ist sie nun
in vollem Übermuthe und Unverstande darauf hin aus, der Philosophie
Gesetze zu machen und ihrerseits einmal den "Herrn" - was sage ich!
den Philosophen zu spielen. Mein Gedächtniss - das Gedächtniss eines
wissenschaftlichen Menschen, mit Verlaub! - strotzt von Naivetäten des
Hochmuths, die ich seitens junger Naturforscher und alter Ärzte über
Philosophie und Philosophen gehört habe (nicht zu reden von den
gebildetsten und eingebildetsten aller Gelehrten, den Philologen und
Schulmännern, welche Beides von Berufs wegen sind -). Bald war es der
Spezialist und Eckensteher, der sich instinktiv überhaupt gegen alle
synthetischen Aufgaben und Fähigkeiten zur Wehre setzte; bald der
fleissige Arbeiter, der einen Geruch von otium und der vornehmen
Üppigkeit im Seelen-Haushalte des Philosophen bekommen hatte und
sich dabei beeinträchtigt und verkleinert fühlte. Bald war es jene
Farben-Blindheit des Nützlichkeits-Menschen, der in der Philosophie
Nichts sieht, als eine Reihe widerlegter Systeme und einen
verschwenderischen Aufwand, der Niemandem "zu Gute kommt". Bald sprang
die Furcht vor verkappter Mystik und Grenzberichtigung des Erkennens
hervor; bald die Missachtung einzelner Philosophen, welche sich
unwillkürlich zur Missachtung der Philosophie verallgemeinert hatte.
Am häufigsten endlich fand ich bei jungen Gelehrten hinter der
hochmüthigen Geringschätzung der Philosophie die schlimme Nachwirkung
eines Philosophen selbst, dem man zwar im Ganzen den Gehorsam
gekündigt hatte, ohne doch aus dem Banne seiner wegwerfenden
Werthschätzungen anderer Philosophen herausgetreten zu sein: - mit
dem Ergebniss einer Gesammt-Verstimmung gegen alle Philosophie.
(Dergestalt scheint mir zum Beispiel die Nachwirkung Schopenhauer's
auf das neueste Deutschland zu sein: - er hat es mit seiner
unintelligenten Wuth auf Hegel dahin gebracht, die ganze letzte
Generation von Deutschen aus dem Zusammenhang mit der deutschen Cultur
herauszubrechen, welche Cultur, Alles wohl erwogen, eine Höhe und
divinatorische Feinheit des historischen Sinns gewesen ist: aber
Schopenhauer selbst war gerade an dieser Stelle bis zur Genialität
arm, unempfänglich, undeutsch.) Überhaupt in's Grosse gerechnet, mag
es vor Allem das Menschliche, Allzumenschliche, kurz die Armseligkeit
der neueren Philosophen selbst gewesen sein, was am gründlichsten der
Ehrfurcht vor der Philosophie Abbruch gethan und dem pöbelmännischen
Instinkte die Thore aufgemacht hat. Man gestehe es sich doch ein, bis
zu welchem Grade unsrer modernen Welt die ganze Art der Heraklite,
Plato's, Empedokles', und wie alle diese königlichen und prachtvollen
Einsiedler des Geistes geheissen haben, abgeht; und mit wie gutem
Rechte Angesichts solcher Vertreter der Philosophie, die heute Dank
der Mode ebenso oben-auf als unten-durch sind - in Deutschland zum
Beispiel die beiden Löwen von Berlin, der Anarchist Eugen Dühring
und der Amalgamist Eduard von Hartmann - ein braver Mensch der
Wissenschaft sich besserer Art und Abkunft fühlen darf. Es ist
in Sonderheit der Anblick jener Mischmasch-Philosophen, die sich
"Wirklichkeits-Philosophen" oder "Positivisten" nennen, welcher
ein gefährliches Misstrauen in die Seele eines jungen, ehrgeizigen
Gelehrten zu werfen im Stande ist: das sind ja besten Falls selbst
Gelehrte und Spezialisten, man greift es mit Händen! - das sind ja
allesammt überwundene und unter die Botmässigkeit der Wissenschaft
Zurückgebrachte, welche irgendwann einmal mehr von sich gewollt haben,
ohne ein Recht zu diesem "mehr" und seiner Verantwortlichkeit zu haben
- und die jetzt, ehrsam, ingrimmig, rachsüchtig, den Unglauben an die
Herren-Aufgabe und Herrschaftlichkeit der Philosophie mit Wort und
That repräsentiren. Zuletzt: wie könnte es auch anders sein! Die
Wissenschaft blüht heute und hat das gute Gewissen reichlich im
Gesichte, während Das, wozu die ganze neuere Philosophie allmählich
gesunken ist, dieser Rest Philosophie von heute, Misstrauen und
Missmuth, wenn nicht Spott und Mitleiden gegen sich rege macht.
Philosophie auf "Erkenntnisstheorie" reduzirt, thatsächlich nicht
mehr als eine schüchterne Epochistik und Enthaltsamkeitslehre: eine
Philosophie, die gar nicht über die Schwelle hinweg kommt und sich
peinlich das Recht zum Eintritt verweigert - das ist Philosophie in
den letzten Zügen, ein Ende, eine Agonie, Etwas das Mitleiden macht.
Wie könnte eine solche Philosophie - herrschen!
205.
Die Gefahren für die Entwicklung des Philosophen sind heute in
Wahrheit so vielfach, dass man zweifeln möchte, ob diese Frucht
überhaupt noch reif werden kann. Der Umfang und der Thurmbau der
Wissenschaften ist in's Ungeheure gewachsen, und damit auch die
Wahrscheinlichkeit, dass der Philosoph schon als Lernender müde wird
oder sich irgendwo festhalten und "spezialisiren" lässt: so dass
er gar nicht mehr auf seine Höhe, nämlich zum Überblick, Umblick,
Niederblick kommt. Oder er gelangt zu spät hinauf, dann, wenn seine
beste Zeit und Kraft schon vorüber ist; oder beschädigt, vergröbert,
entartet, so dass sein Blick, sein Gesammt-Werthurtheil wenig mehr
bedeutet. Gerade die Feinheit seines intellektuellen Gewissens lässt
ihn vielleicht unterwegs zögern und sich verzögern; er fürchtet die
Verführung zum Dilettanten, zum Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn,
er weiss es zu gut, dass Einer, der vor sich selbst die Ehrfurcht
verloren hat, auch als Erkennender nicht mehr befiehlt, nicht mehr
führt: er müsste denn schon zum grossen Schauspieler werden wollen,
zum philosophischen Cagliostro und Rattenfänger der Geister, kurz
zum Verführer. Dies ist zuletzt eine Frage des Geschmacks: wenn es
selbst nicht eine Frage des Gewissens wäre. Es kommt hinzu, um die
Schwierigkeit des Philosophen noch einmal zu verdoppeln, dass er von
sich ein Urtheil, ein ja oder Nein, nicht über die Wissenschaften,
sondern über das Leben und den Werth des Lebens verlangt, - dass er
ungern daran glauben lernt, ein Recht oder gar eine Pflicht zu diesem
Urtheile zu haben, und sich nur aus den umfänglichsten - vielleicht
störendsten, zerstörendsten - Erlebnissen heraus und oft zögernd,
zweifelnd, verstummend seinen Weg zu jenem Rechte und jenem Glauben
suchen muss. In der That, die Menge hat den Philosophen lange
Zeit verwechselt und verkannt, sei es mit dem wissenschaftlichen
Menschen und idealen Gelehrten, sei es mit dem religiös-gehobenen
entsinnlichten "entweltlichten" Schwärmer und Trunkenbold Gottes; und
hört man gar heute jemanden loben, dafür, dass er "weise" lebe oder
"als ein Philosoph", so bedeutet es beinahe nicht mehr, als "klug und
abseits". Weisheit: das scheint dem Pöbel eine Art Flucht zu sein,
ein Mittel und Kunststück, sich gut aus einem schlimmen Spiele
herauszuziehn; aber der rechte Philosoph - so scheint es uns, meine
Freunde? - lebt "unphilosophisch" und "unweise", vor Allem unklug,
und fühlt die Last und Pflicht zu hundert Versuchen und Versuchungen
des Lebens: - er risquirt sich beständig, er spielt das schlimme
Spiel.....
206.
Im Verhältnisse zu einem Genie, das heisst zu einem Wesen, welches
entweder zeugt oder gebiert, beide Worte in ihrem höchsten
Umfange genommen -, hat der Gelehrte, der wissenschaftliche
Durchschnittsmensch immer etwas von der alten Jungfer: denn er
versteht sich gleich dieser nicht auf die zwei werthvollsten
Verrichtungen des Menschen. In der That, man gesteht ihnen Beiden,
den Gelehrten und den alten Jungfern, gleichsam zur Entschädigung die
Achtbarkeit zu - man unterstreicht in diesen Fällen die Achtbarkeit -
und hat noch an dem Zwange dieses Zugeständnisses den gleichen Beisatz
von Verdruss. Sehen wir genauer zu: was ist der wissenschaftliche
Mensch? Zunächst eine unvornehme Art Mensch, mit den Tugenden einer
unvornehmen, das heisst nicht herrschenden, nicht autoritativen
und auch nicht selbstgenugsamen Art Mensch: er hat Arbeitsamkeit,
geduldige Einordnung in Reih und Glied, Gleichmässigkeit und Maass
im Können und Bedürfen, er hat den Instinkt für Seines gleichen und
für Das, was Seinesgleichen nöthig hat, zum Beispiel jenes Stück
Unabhängigkeit und grüner Weide, ohne welches es keine Ruhe der
Arbeit giebt, jenen Anspruch auf Ehre und Anerkennung (die zuerst und
zuoberst Erkennung, Erkennbarkeit voraussetzt -), jenen Sonnenschein
des guten Namens, jene beständige Besiegelung seines Werthes und
seiner Nützlichkeit, mit der das innerliche Misstrauen, der Grund
im Herzen aller abhängigen Menschen und Heerdenthiere, immer wieder
überwunden werden muss. Der Gelehrte hat, wie billig, auch die
Krankheiten und Unarten einer unvornehmen Art: er ist reich am kleinen
Neide und hat ein Luchsauge für das Niedrige solcher Naturen, zu deren
Höhen er nicht hinauf kann. Er ist zutraulich, doch nur wie Einer,
der sich gehen, aber nicht strömen lässt; und gerade vor dem Menschen
des grossen Stroms steht er um so kälter und verschlossener da, -
sein Auge ist dann wie ein glatter widerwilliger See, in dem sich
kein Entzücken, kein Mitgefühl mehr kräuselt. Das Schlimmste und
Gefährlichste, dessen ein Gelehrter fähig ist, kommt ihm vom
Instinkte der Mittelmässigkeit seiner Art: von jenem Jesuitismus
der Mittelmässigkeit, welcher an der Vernichtung des ungewöhnlichen
Menschen instinktiv arbeitet und jeden gespannten Bogen zu brechen
oder - noch lieber! - abzuspannen sucht. Abspannen nämlich, mit
Rücksicht, mit schonender Hand natürlich -, mit zutraulichem Mitleiden
abspannen: das ist die eigentliche Kunst des Jesuiti
Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/7204