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Rückblicke

by Walter Grünfeld · German · Gutenberg #7049 · 672,268 chars · public domain (US)

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Title: Rückblicke

Author: Walter Grünfeld


        
Release date: December 1, 2004 [eBook #7049]
                Most recently updated: August 12, 2012

Language: German

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Copyright (C) 1998 by Frank Dekker



Rückblicke

Dr. rer. pol. Walter Grünfeld



Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Frühes Panorama und Vorgeschichte
Kapitel 2 Die Familie und Kattowitz
Kapitel 3 Kindheit und frühe Jugend
Kapitel 4 Kattowitz kommt zu Polen
Kapitel 5 Als Student in der Weimarer Republik
  A) Berlin
    a) Leben und Studium
    b) ... und politische Betätigung
  B) München
  C) Zwischen Breslau und zu Hause
Kapitel 6 Nach dem Ende von Weimar
Kapitel 7 Emigration nach Hause, in Polen
Kapitel 8 Der 2. Weltkrieg bricht aus
Kapitel 9 Kriegsflüchtling
Anmerkungen
Literatur



Kapitel 1

Frühes Panorama und Vorgeschichte

Wenn man von einem Nachmittagsausflug nach dem Franziskanerkloster
Panewnik durch einen damals reichen, grünen Laubwald zurückwanderte
und aus dem Wald trat, da hatte man, von leichter Anhöhe, ein gutes
Panorama von Kattowitz vor sich, mit dem benachbarten Zalenze und
einigen noch weiter westlich und östlich gelegenen Industriegemeinden,
aber man erschrak auch, denn man sah, wie alle diese bewohnten
Gegenden in dichte Wolken von Dunst und Rauch getaucht waren.  Und
dort lebten wir also.  Mußte man also jetzt dorthin zurücklaufen?
Das war aber nur eines von recht wenigen Malen, daß ich das als Kind
gefragt habe.  Für mich war diese Silhouette der Kohlengruben, Eisen­
und Zinkhütten, die sich da wie eine Kette von Ost nach West inmitten
der Ortschaften hinzogen, eine Faszination, es war die Heimat, in der
und mit der man lebte.  Ja, es gab dort oft so einen Geruch und
Geschmack nach Rauch, er war würzig, man kannte ihn.  Aber die Natur
reichte an die Stadt heran; um die Stadt war viel unbebautes Feld,
teils angebaut mit Roggen, Hafer, viel Kartoffeln, Kohl und Rüben,
teils ganz leer, hart und steinig, holprig, die sogenannten
Bruchfelder, die besonders stark von einer Grube unterbaut waren.

Dann weiter im Süden begann der Wald, das waren die Ausläufer der
großen Wälder des Fürstentums Pleß, die etwa dreißig Kilometer bis
Pleß sich ausstreckten.  Man konnte zum Nachmittagskaffee durch den
Wald nach "Emanuelssegen", Murcki, laufen.  Da war nicht nur eine
Gartenwirtschaft, sondern auch eine große Kohlengrube, die eigentlich
in einer sehr großen Lichtung im Wald lag.  Weiter südlich lag dann
in den Plesser Wäldern der Paprozaner See.  Dort gab es nicht nur das
Jagdschlößchen Promnitz.  Da war auch einmal ein "Eisenhammer".  Man
konnte die Überreste noch sehen.  Es wurde viel Holz und Holzkohle
dafür gebraucht, aber jetzt war die Eisenverhüttung zu den
Kohlenflözen gezogen, wo sie zu enormen Unternehmungen wurde, das
oberschlesische Industrierevier.  Es entstand aus alten Dorfgemeinden
die Kette von Industrieortschaften.  Vor allem an den
Hauptverkehrsadern gingen sie ineinander über.  Dazwischen waren
größere und alte Städte wie Beuthen und die viel jüngere, erst im 19.
Jahrhundert entstandene Stadt Kattowitz.  Die Orte hatten eine oder
mehrere Kohlengruben als wirtschaftliche Basis und einige hatten
Eisenhütten und Stahlwerke oder Zinkerzgruben und ­hütten.

Das war ein früher Eindruck meiner Kindheit.  Wir lebten in Kattowitz,
ein Teil der Familie in Beuthen, und wir besuchten sie dort oft.
Das waren etwa eineinhalbstündige Wagenreisen, später nach 1918 nur
noch halbstündige Autofahrten durch diesen Teil des Industriereviers,
etwa fünfzehn Kilometer.  Ich kannte bald die Namen der Orte, Gruben
und Werke, an denen wir vorbeifuhren, alle mit Halden, besonders
russig und rauchig.

Meine ersten Kindheitserinnerungen an die Menschen in Oberschlesien
zeigen kaum Spuren von den großen Konflikten späterer Jahre und wie
man von Heute darauf zurückblickt.  Ich war 1908 in Kattowitz geboren.
Dazwischen liegen zwei Weltkriege, der Zerfall von drei
Kaiserreichen, die so tragisch vergeblichen Existenzkämpfe der
Weimarer Republik und des unabhängigen Polens und dann die
Nazikatastrophe, die Deutschland, Europa und die ganze Welt, und noch
so besonders unbeschreiblich uns Juden betroffen hat.

Über den oberschlesischen Menschen ist oft geschrieben worden.  Die
Sprache hatte in breiten Schichten der deutschsprechenden
Oberschlesier einen Akzent, der die Nachbarschaft mit den polnisch
sprechenden Oberschlesiern durchscheinen ließ, und durchsetzt war mit
manchen heimischen polnischen Kraftausdrücken.  Es war eine recht
hart klingende, aber eine gemütliche Sprache.  Bei uns zu Hause, in
der Schule und im Bekanntenkreis wurde Hochdeutsch gesprochen, die
Kraftausdrücke und der Akzent waren verpönt, aber das oberschlesische
Deutsch war doch um einen herum, man lebte damit.  Auch das Polnisch
hörte man.  In der Stadt wurde ganz vorwiegend Deutsch gesprochen,
aber polnisch hörte man als Kind zum Beispiel im Kontakt mit Bauern
und Bäuerinnen der Umgebung, die man bei den täglichen Spaziergängen

traf, oder wenn man auf den Markt mitging.

Aber mir fehlte als Kind das Gefühl für eine starke Spannung zwischen
deutsch und polnisch sprechenden Menschen in Oberschlesien, und ich
glaube, nicht nur wegen meiner Kindheit, sondern auch, daß diese
Spannung vor 1918 nicht so entwickelt war.  Es ist richtig,
Oberschlesien war bereits im Reichstag durch den polnischen
Abgeordneten Korfanty vertreten, es gab polnische Vereine und
Zeitungen, Wahlkämpfe, aber es gingen alle in den Krieg 1914.

Wenn man über die Jahrhunderte zurückblickt, dann war Schlesien, und
besonders Oberschlesien so stark und häufig ein Gebiet der Übergänge,
mit wechselnden Siedlungseinflüssen und politischen Oberhoheiten.
Die Bevölkerung, die die Umwelt meiner Kindheit war, trug noch die
Zeichen davon.  Es war auch ein Dialekt des Polnischen, bei uns
Wasserpolnisch genannt, im heutigen Polen "gwara", der in
Oberschlesien gesprochen wurde.  Es hatte ja lange getrennt vom
polnischen Hauptland und zeitweise unter böhmischen (tschechischen)
und deutschen Einflüssen gelebt, die zu dieser Dialektbildung
beigetragen hatten.  Die Südostecke Oberschlesiens, wo Kattowitz lag,
war so ganz besonders ein Grenzland.  Wenn man an klaren Tagen nach
Süden sah, oder gar südlich auf dem Wege nach Pleß fuhr, dann sah man
die Gebirgskette der Beskiden, des nördlichen Teils der Karpaten, das
war in Österreich.  Es war das östereichische Schlesien, das der
preußische König Friedrich der Große am Ende seiner Schlesischen
Kriege der Kaiserin Maria Theresia noch belassen mußte.  Wenn man auf
einem größeren Ausflug nach Bielitz am Rande der Beskiden fuhr, dann
ging man ins Kaffee Bauer, und das war, so wurde uns Kindern gesagt,
wie ein richtiges Wiener Kaffeehaus, die Leute in der Stadt sprachen
deutsch mit einem österreichischen Akzent.  Sie waren in
österreichische Schulen gegangen, bei uns in Kattowitz waren es
preussische.  Im Osten von Kattowitz aber war die russische Grenze.
Nur etwa zehn Kilometer weg bei Myslowitz war die Dreikaiserecke, wo
das deutsche, österreichische und russische Kaiserreich
zusammenstießen.  Für uns als Kinder war diese Idee natürlich
faszinierend.  Aber die russische Grenze lief noch näher bei
Kattowitz vorbei, in wenigen Autominuten war man in Czeladz und
Sosnowitz, wie es damals bei uns genannt wurde, aber es war natürlich
die polnische Stadt Sosnowiec, die damals unter Herrschaft des
russichen Zaren stand.

Mein Großvater und Vater waren Bauunternehmer in Kattowitz.  In
Sosnowitz selbst hatten sich im l9. Jahrhundert mehrere sächsische
Textilindustrielle niedergelassen.  Mein Großvater und Vater hatten
die Bauten ausgeführt, und waren mit der Familie Dietel befreundet.
Ich erinnere mich an Besuche bei ihnen.  Ihr Wagen mir Pferden wurde
bei uns im Hof abgestellt, wenn jemand von der Familie nach Kattowitz
zum Einkaufen kam.  Dann sprachen wir mit dem Kutscher, der aus
Rußland kam.  Aber das sind Erinnerungen an das eher Fernere und
Fremde aus der Welt meiner Kindheit und früheren Jugend.  Es waren
Dinge am Rande der Umwelt, denn die Umwelt war eben "Oberschlesien",
so wie es sich in etwa 160 Jahren als ein Regierungsbezirk der
preußischen Provinz Schlesien entwickelt hatte, und uns in unserer
Jugend erschien.  Man versteht Vieles besser, wenn man versucht, von
dem Heute aus einen neuen, unbefangenen Blick auf die Geschichte zu
werfen.  Bereits für die vorgeschichtliche Zeit gibt es erhebliche
Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschen und polnischen
Historikern.

Schriftliche Überlieferung beginnt spät, aber archäologische
Forschung hat, verglichen mit meiner Schulzeit, das Bild der
Frühgeschichte des östlichen Mitteleuropas sehr erweitert, bis weit
vor der Völkerwanderung.  Vor den Kelten und nachwandernden Germanen
weiß man heute über die vorherige Bevölkerung und ihre Kulturen,
sieht früheste Einflüsse über das Donaugebiet von Süden(1), mit
eigenen Handwerkszentren und Metallverarbeitung in Schlesien.  Nach
polnischen Auffassungen (2) waren Träger dieser frühen Kulturen
bereits indogermanische, nämlich slawische Stämme, so die bekannte
Lausitzer Kultur, und die später erscheinenden Kelten und Germanen
nur durchwandernde Völker, die vorübergehende Herrschaft über
bestehende Urbevölkerung ausübten, ähnlich wie man es von Awaren oder
Hunnen weiß.  Andere bleiben bei früherer Auffassung, daß slawische
Stämme erst den nach Westen weiterziehenden Germanen nachgerückt sind.

Als frühe slawische Staatsbildung erscheint im 9. Jahrhundert n.Chr
ein Großmährisches Reich, bald überholt vom Böhmischen Reich der
Przemysliden Dynastie, das, durch Mission von benachbarten bayrischen
Bistümern her zum römischen Christentum bekehrt, seinen Eintritt in
die abendländische Welt findet und in diese auch Schlesien einbezieht,
von wo 950 n.Chr. ein Missionar nach Posen geht.

Dort hatte sich inzwischen der Kern eines polnischen Reiches unter
dem Piasten Mieszko I. entwickelt.  Unter dem Einfluß sowohl von
Böhmen wie von Sachsen auch zum Katholizismus bekehrt, überragte es
bald das ältere Böhmen und eroberte Schlesien, das für Jahrhunderte
nun Gebiet wechselnder Einflüsse und oft erneuerten Streits zwischen
Böhmen und Polen bleibt.

Die polnischen Piasten teilten sich in verschiedene Linien, eine war
in Schlesien, teilte sich weiter in mehrere schlesische Herzogtümer.
Die kirchliche Oberhoheit blieb bei dem polnischen Bistum Gnesen und
im südlichsten Oberschlesien bei Krakau, aber staatliche Oberhoheit
wechselte und fiel schließlich durch Vertrag 1335 an die böhmische
Krone, damals, nach Aussterben der tschechischen Przemysliden, in der
Hand der Luxemburger, die auch mehrere deutsche Kaiser stellten.

Die Mongoleneinfälle des 13. Jahrhunderts waren in Schlesien zum
Benefit für ganz Europa gemeinsam von schlesischen, polnischen und
deutschen Kräften aufgehalten worden, aber große Verwüstungen blieben.
Vielleicht waren diese Anlaß für verstärkte Siedlung von
Deutschland her, auf Einladung schlesischer Piasten und von Klöstern,
bestehend aus bäuerlicher und städtischer Siedlung, beide unter aus
deutschen Gebieten mitgebrachten Rechtsordnungen, von denen dann auch
über Schlesien hinaus in polnischen Gebieten Gebrauch gemacht wurde.
Die Welle deutscher Siedlung dauerte bis ins 14. Jahrhundert,
hinterließ unterschiedliche Spuren in der Bevölkerung, das Bild
verändert sich im Laufe der Jahre wieder, mancherorts sieht man
fortschreitende Assimilation von Siedlern an die polnisch sprechende
Umgebung.  Deutsche Siedlung, ebenso wie zunehmende Verschwägerung
schlesischer Piastenherzöge mit deutschen Fürstenfamilien könnten mit
ein Antrieb gewesen sein für die Entscheidung schlesischer Piasten
für böhmische statt polnischer Oberhoheit.  Man muß aber wohl
vorsichtig sein bei der Interpretation mittelalterlicher dynastischer
Entscheidungen.  Schlesien blieb nun bei der böhmischen Krone für 400
Jahre, hatte aber durchaus nicht so langen Frieden, es wurde in deren
Konflikte einbezogen, so die Hussitenkriege mit tschechischen,
ungarischen und dann polnisch­jagiellonischen Interregnen zwischen
Luxemburgern und schliesslich den Habsburger Herrschern, die alles
1526 ererbten.

Die Reformation drang früh in Schlesien ein.  Die Struktur der
Herrschaft hatte sich geändert.  Die schlesischen Piastenherzogtümer
fielen bei Aussterben der Linien als Standesherrschaften an
auswärtige Fürsten, darunter auch Hohen­ zollern, oder wurden durch
Prag an Neuankömmlinge vergeben.  Die schlesischen "Stände" wurden
somit eine immer komplexere Versammlung.

Die adligen Stände Böhmens und Mährens hatten während der Wirren um
die böhmische Krone sehr an Macht gewonnen.  Das trug dazu bei, daß
die Reformation in Böhmen und Mähren besonders große Fortschritte
machte; auch in Schlesien breitete sie sich aus unter Einflüssen aus
verschiedenen Richtungen.  In Polen machte die Reformation zunächst
auch Eindruck und findet Anhänger auch unter polnischen Adligen und
Gemeinden in Oberschlesien.  Es war nicht so, daß mit dem Übergang
der Hoheit an Böhmen der wirtschaftliche und kulturelle Kontakt mit
den angrenzenden polnischen Gebieten aufgehört hätte.  Es bestand
weiter die kirchliche Verflechtung der meisten oberschlesischen
Dekanate mit dem Bistum Krakau.  Auch zum Universitätstudium gehen
Oberschlesier nach Krakau, aber man liest auch von einem polnischen
protestantischen Geistlichen im zur Standesherrschaft Pless gehörigen
Dorf Woschczytz, der zum Studium nach Wittenberg gegangen war (4).

Die Erwähnung von Woschczytz interessierte mich, weil sich dann dort
später die ersten Spuren unserer Familie Grünfeld in Oberschlesien
finden.  Die Gegenreformation, mit äußerster Strenge von den
Habsburger Kaisern in Schlesien durchgeführt, reduzierte hier den
Protestantismus bald, aber in Böhmen blieben die Beziehungen der
Stände mit dem habsburgischen Kaiser so gespannt, daß von dort der
dreißigjährige Krieg ausbrach, der das benachbarte Schlesien
furchtbar in Mitleidenschaft ziehen sollte.  Wallensteins und
Mansfelds Heere zogen durch und kampierten, es dauerte lange, bis der
Rückschlag im Wohlstand Schlesiens überwunden war.


Eine notwendige Anmerkung

Nach dem Rückblick auf geschichtliche Entwicklungen in Oberschlesien,
der uns schon auf das engere Gebiet gebracht hat, in dem ich meine
Familie dann im frühen l9. Jahrhundert anfinde, ist es Zeit, sich zu
erinnern, daß dies eine jüdische Familie war, und das Schicksal der
Juden in Oberschlesien, wie in Europa überhaupt, noch eine besondere
Betrachtung erfordert.  Einer mündlichen Tradition nach soll unsere
Familie aus Mähren nach Oberschlesien gekommen sein und ursprünglich
aus Iglau stammen.  Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie es meinen
jüdischen Vorfahren in der Zeit ergangen sein könnte, von der wir
gesprochen haben, denke ich vorerst an die Geschichte der Juden in
Mähren.  Früheste beurkundete Besuche von Juden als "beglaubigte
Kaufleute" in Mähren gibt es von 903 AD., aber Beginn ihrer
Ansiedlung wird erst für das 12. Jahrhundert angenommen (5).

Man bemerkt sie als städtische Siedlung, wie in den deutschen Städten
Speyer und Worms gibt es Rechtsschutz für Juden als Minderheit.  In
Prag wird er in einem Statut von ca. 1174 gemeinsam für deutsche,
flämische und jüdische Kaufleute geregelt, und in Mähren zuerst im
Stadtrecht von Iglau, einer schnell gewachsenen Stadt, die bald eine
der größten jüdischen Gemeinden Mährens hatte, aber 1426 wurden die
Juden aus der Stadt vertrieben, weil sie die Hussiten unterstützt
hätten.  Bald folgte Vertreibung aus den anderen selbstständigen
Städten, wegen des mehr gebräuchlichen Vorwurfs des Wuchers.  Gewiß
hatte sich auch schon in Iglau wirtschaftlicher Neid der Städter mit
religiösem Eifer neuer Herrscher gepaart.  Die mährischen Juden
fanden Refugium in kleineren, adligen Grundherren untertänigen
Städten, konnten dort und auch den angrenzenden Dörfern, die oft
demselben Adligen gehörten, Handel treiben (6).

Sie konnten auch an den regelmässigen Märkten in den grösseren
Städten, aus denen sie vertrieben waren, teilnehmen gegen Zahlung von
Besuchergebühren.  Die schon erwähnte unabhängige Eigenwilligkeit des
Adels in Mähren zeigte sich nicht nur im starken Anteil von
Protestanten, sondern auch im zähen Widerstand gegen Beschränkung
ihrer Möglichkeiten, von wirtschaftlicher Tätigkeit von Juden
Gebrauch zu machen.  Juden betrieben nicht nur Handel, sie wurden
Pächter oder Verleger für neue gewerbliche Betriebe adliger Güter,
wie Gerbereien oder Branntweinbrennereien (7).  Der Refugiumcharakter
Mährens dehnte sich auch auf die Mähren benachbarten Gebiete der
einstigen oberschlesischen Herzogtümer Ratibor und Oppeln aus (8).
Mähren wurde auch Refugium für andere Juden, so bei
Judenvertreibungen aus Wien, während der Wirren des dreissigjährigen
Krieges und auch der blutigen Verfolgungen im östlichen Polen
(Ukraine) 1648. In Schlesien hatte sich die vom gegenreformatorischen
Eifer gegen alles "Akatholische" inspirierte und mit der
wirtschaftlichen Gegnerschaft der Städte gegen die Juden gepaarte
antijüdische Politik der Habsburger Kaiser bis ins 17. Jahrhundert
soweit durchgesetzt, dass es Juden mit Aufenthaltsrechten nur noch in
den beiden Städten Glogau und Zülz gab, aber sich im südlichen
Oberschlesien eine kleine jüdische Bevölkerung auf dem Land erhalten
konnte.  Wirtschaftliche Bedürfnisse aber sprachen für
Aufrechterhaltung jüdischer Teilnahme, vor allem aus Polen, an den
städtischen Märkten, und es kam zu kleinen Ansiedlungen (9).

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchte Maria Theresia wie schon ihr
Vater, die Beschränkungen gegen jüdische Residenz auch in Böhmen und
Mähren wieder zu verstärken, und 1744 verfügte sie die Ausweisung
aller Juden aus ihrem "Erbkönigreich Böheimb" wegen vermeintlicher
preußenfreundlicher Haltung der Juden während des Schlesischen Kriegs
(10).  Das betraf auch Mähren.  Die Fristen wurden örtlich
verschieden verlängert.  Es scheint also, daß Zuwanderung von
mährischen Juden in das nahe, unterdeß zu Preussen gehörige südliche
Oberschlesien gerade für diese Zeit gut erklärlich ist.



Kapitel 2

Die Familie in Kattowitz

Diese führt uns zu den Anfängen jüdischer Emanzipation, etwas vom
Leben in einer der oberschlesischen, kleineren Städte wie Sohrau,
dann der Entwicklung im oberschlesischen Industriegebiet und der
Entstehung der Stadt Kattowitz.  Die deutsch­polnische Problematik
stellt sich vornehmlich in den durch die Teilungen Polens an Preußen
gefallenen Provinzen Posen und Westpreußen, aber spielt auch eine
Rolle im stark polnisch­sprechenden Oberschlesien.  Wir denken an
kulturelle und kommunale Entwicklung in der jungen Stadt Kattowitz,
in der ich dann 1908 geboren wurde.

Meinen Urgroßvater Hirschel Grünfeld findet man in der Liste der
durch die Hardenberg'schen Reformen 1812 zu preußischen Staatsbürgern
werdenden schlesischen Juden (1). 1817 zieht er mit seiner Frau und
drei ihrer Kinder von Woschczytz nach der Stadt Sohrau.  Nach dem Tod
seiner Frau 1818 (3) heiratet er 1820 Lewine (später Louise)
Huldschinsky (4).  Diese neue Familie Grünfeld hat dann drei Söhne
und fünf Töchter bis Hirschel Grünfeld 1840 in Sohrau stirbt.

Ich habe kaum Anhaltspunkte, mir ein Bild von ihm zu machen,
höchstens von der Umgebung, in der er gelebt hat.  Das Dorf
Woschczytz, schon von mir erwähnt, ist 1836 ausgewiesen mit einer
Wasser­ und Sägemühle und einem Frischfeuer, 57 Häusern und 352
Einwohnern (5).  Im Verlauf der wieder zunehmenden Ansiedlung von
Juden in Oberschlesien wird es für 1693 erwähnt (6), aber bereits für
1678 erscheint ein jüdischer Messegast in Leipzig aus Woschczytz(7).
Die Nähe der Stadt Sohrau hat vermutlich auch jüdische Kaufleute nach
dem benachbarten Woschczytz gezogen, da Ansiedlung für sie in Sohrau
begrenzt war.  Wirtschaftlich wurde Sohrau stark durch seine Woll­
und später Leinwandweberei, und dazu kam schon im 16. Jahrhundert ein
bedeutendes Schuhmachergewerbe(8), mit zeitweise 32 Meistern.
Hirschel Grünfelds Beruf "Lederhandel" kann damit zu tun gehabt haben.
Über Umfang und Erfolg seines Geschäfts haben sich in der
Familie keine Informationen erhalten.  Er starb mit etwa 60 Jahren,
seine Frau war wesentlich jünger, das jüngste der acht Kinder wurde
erst im selben Jahr geboren.  Eine Schwester der Frau hatte den
Gastwirt Hirschel Loebinger in Sohrau geheiratet.  Mein Vater hat oft
betont, daß die Familien eng zusammenlebten, auch daß die Familie
Loebinger ebenso wie die Grünfelds von Mähren nach Oberschlesien
gekommen waren.

Die beiden älteren Söhne Hirschel Grünfelds verließen Sohrau bald
nach seinem Tode, also noch sehr jung, nämlich Abraham, geboren 1823
und Isaak, später Ignatz genannt, geboren 1826, mein Großvater.  Er
wird später ein Maurerlehrling und hat dann verschiedene Stellungen
als Geselle und Polier, bis er sich 1855 in der Dorf­ und
Industriegemeinde Kattowitz als Meister niederläßt.  Einen Abraham
Grünfeld aber finden wir in Sohrau wieder, meist als Lehrer
bezeichnet, manchmal als Kaufmann.  Auch meine Urgroßmutter hat noch
bis um 1870 in Sohrau gelebt, es blieb auch für meinen Vater eine Art
Begriff eines Herkunftsorts der Familie, ich konnte mir auch heute
nachträglich ein gewisses Bild vom Leben dort machen, denn es gibt
eine sehr ausführliche Stadtgeschichte (9).  Meine Heimatstadt
Kattowitz gab es ja noch gar nicht als Stadt in der 1.Hälfte des 19.
Jahrhunderts, aber Sohrau war eine alte Stadt mit althergebrachtem
bürgerlichem und Zunftleben, überwiegend katholisch geblieben.  Ich
fand es interessant zu sehen, wie zur Zeit meiner Urgroßeltern das
Leben sich da veränderte, mit zunehmender Gewerbefreiheit, und was
man über die Emanzipation der Juden und ihre Probleme dabei sehen
kann.  Juden waren mit dem Wirtschaftsleben von Sohrau wohl lange
verbunden.  Schon für 1511 werden "Judenacker" neben der Stadt
erwähnt (10).  Die Städte ließen Juden zu ihren Märkten zu, auch wenn
sie sich lange Zeit nicht ansiedeln durften.  Erst für das 18.
Jahrhundert hören wir dann von jüdischen Einwohnern. 1791 leben aber
an Juden erst 34 Personen in der Stadt, 103 in den "Vorstädten". 1856
waren es dann schon 471, nach der Emanzipation hatte Sohrau starken
Zuzug jüdischer Familien vor allem aus den Dörfern der Kreise Rybnik
und Pless erhalten.  Anfang des 19. Jahrhunderts wird eine Synagoge
gebaut, ein Friedhof eingerichtet, ein Rabbiner engagiert, und es gab
jüdische Lehrer.  Die Schulung der Kinder ist gerade auch nach der
Emanzipation ein gewisses Problem in kleinen Gemeinden.

Unter den schlesischen Landjuden, wo ja oft nur wenige, oft nur
einzelne jüdische Familien in einem Dorf lebten, gab es die
Einrichtung der Hauslehrer, und Privatlehrer gab es dann auch
zunächst in Sohrau.  Die öffentlichen beaufsichtigten Schulen, die
eingerichtet wurden, waren konfessionell, auch der jüdischen Gemeinde
oblag nach Emanzipation, für die vorschriftsmäßige Schulung ihrer
Kinder zu sorgen.  Für kleinere Gemeinden war es finanziell nicht
einfach, den neuen behördlichen Verpflichtungen für die Erziehung
ihrer Kinder nachzukommen.  Ein System, junge jüdische Leute als
Hauslehrer aufzunehmen, hatte wohl gutsituierten Landjuden geholfen.
Um der Schulpflicht nach der Emanzipation zu genügen, wurden aber an
dazu befugte Lehrer ganz andere Anforderungen gestellt, und die
jüdische Gemeinde hatte einen dauernden Kampf, für die von ihr
angestellten Lehrer behördliche Genehmigung zu bekommen.

Viele konnten die nachträglich abzulegenden Examen nicht bestehen.
So gab es einen häufigen Wechsel.  Zeitweise konnte die Gemeinde eine
jüdische Volksschule oder sogar einige Klassen einer
fortgeschrittenen Schule unterhalten.  Wenn in katholischen
Volksschulen Platz war, konnten jüdische Kinder auch aufgenommen
werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche jüdischen Familien
das sogar bevorzugt und sich für die Aufrechterhaltung jüdischer
Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben.  Aber noch 1858 muß
eine jüdische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen
kein Platz ist.  Dazwischen gab es auch einen christlichen
Privatlehrer, der eine Schule für die protestantischen und jüdischen
Kinder unterhielt.  Wenn Kinder in nichtjüdische Schulen gingen,
mußte die Gemeinde für ihren Religionsunterricht durch einen
hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen.  Als solcher wird
fortlaufend A. Grünfeld erwähnt (11), auch noch für 1858. Als
Religionslehrer tätig, blieb er also wohl der jüdischen Tradition
verhaftet.

In der jüdischen Bevölkerung sehen wir das bekannte Bild
fortschreitender Emanzipation und Assimilation.  Schon in der 1.
Hälfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein
angesehene jüdische Ärzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere
Fabrikbesitzer, aus der Mühlenbesitzer Familie Stern kommt der
spätere Nobelpreisträger für Physik Otto Stern (1943 geboren in
Sohrau).  Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir früh
jüdische Namen, und ebenso in verschiedenen städtischen Vereinen, z.B.
Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr.  Im 18. Jahrhundert gab es
noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau.  Industrie ist ein
handwerkliches Gewerbe, und die Zünfte kennzeichnen die Organisation
des städtischen Lebens.  Im 19. Jahrhundert ändert sich das Bild.
Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden
gibt es manche Handwerker, recht spezifisch für Oberschlesien.

Über den beruflichen Werdegang meines Großvaters Ignatz Grünfeld bis
er sich 1855 in Kattowitz niederließ, haben sich einige seiner
Zeugnisse erhalten.  Nur mündlicher Überlieferung nach war er
zunächst als Lehrling bei dem ebenfalls jüdischen Maurermeister
Lubowski in Gleiwitz angestellt. 1847 ist er bereits Maurergeselle
und arbeitet bei Maurermeister Petzholtz in Potsdam beim Kuppelbau
der dortigen Nikolaikirche, danach weiter als Maurergeselle in
Stettin (Münch) und Breslau (Hoseus), von 1850 als Maurerpolier in
Gleiwitz (Wachter und Lubowski).  Als Meisterbau wird im Zeugnis vom
16. September 1857 ein Wohnhaus für Simon Goldstein in Kattowitz
genannt, das später durch das Café Otto bekannt wurde, und heute noch
mit Kawarnia Krysztalowa an der Hauptstraße in Katowice steht.

Seine Umwelt und Erfahrungen waren deutlich verschieden von denen des
Lehrers A. Grünfeld in Sohrau.  Mit einigem Stolz wurde noch uns
Enkeln erzählt, daß er in Potsdam an der Kuppel der Nikolaikirche
gearbeitet hatte.  Die "Wanderschaft" auch außerhalb Oberschlesiens
hatte sicher dazu beigetragen, seinen Blick zu erweitern für die
erfolgreiche Unternehmerschaft seiner späteren Jahre.  Aber das
Kattowitz, in dem er sich 1855 niederließ, war zunächst noch ein Dorf
(13).  Der benachbarte Bogutzker Hammer war seit 1756 nicht mehr in
Betrieb.  Diese Form der Eisengewinnung war gegenüber neueren
Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfähig, sowohl wirtschaftlich wie
in Qualität des Produkts, auch war die Beschaffung von Holz und Erz
schwieriger geworden. 1799 wurde das Rittergut an Kommissionsrat
Koulhaass verkauft, von dem es seine Tochter Frau Wedding erbte, und
das sind schon Namen, die mit der rapiden Entwicklung des Berg­ und
Hüttenwesens in Oberschlesien eng verbunden sind.  Nachdem die aus
England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam,
sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste
Kokshochofen in Preußen 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese
Entwicklungen noch näher an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls
staatlichen Königshütte (1798/1802), deren Direktor (bis 1818)
Hütteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau
eines Hochofens zu modernisieren.  Die Herrschaft erwarb 1839 Franz
Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon
erfolgreichen Karriere reich verheiratet.  Er entwickelte
entscheidende Initiative für den wirtschaftlichen Fortschritt von
Kattowitz und wurde 1840 geadelt.  Für die Kontinuität der Verwaltung
und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers
Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der später
zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen
Schwiegersohn Dr. Holtze als Gründer der Stadt Kattowitz, das heißt,
die Vorkämpfer für die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden.

Mein Großvater war also seit 1855 dort ansässig, und heiratete die
1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des
Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14).  Die
industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk
Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschränkt.  Nach der Königshütte
war in Welnowiec 1809 die Hohenlohehütte mit Kokshochofen, dann an
der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem
Engländer John Baildon (15) erbaute Baildonhütte für Stahlerzeugung
in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas
von Giesche.  Das Restaurant, das zur Arende meines Urgroßvaters
Peretz Sachs gehörte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum
stützen.  Jakob Grünfeld aus Sohrau, der jüngere Bruder meines
Großvaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs,
und übernahm später das Restaurant.  Es wurde als "Grünfeld's Garten"
für viele Jahrzehnte sehr bekannt.

Die Großmutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die
katholische Dorfschule.  Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit
dieser Familienüberlieferung ein Bild von damaligen
Schulverhältnissen zu machen.  Dabei stößt man gleich auf die
Sprachenfrage zwischen preußischer Verwaltung und stark polnisch
sprechender Bevölkerung.  Ich habe keine Daten für Zalenze gefunden,
aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zunächst
einklassige Schule eröffnet worden, und zwar zweisprachig (16).  Die
Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutschütz, die
schon für 1804 erwähnt wird (17).

Die preußische Politik gegenüber der großen polnischen Bevölkerung,
in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im
19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs­ und Zielwechseln.  Unter dem
Einfluß der Stein­Hardenberg'schen Reformideen, besonders verkörpert
durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant
gewesen (18).  Er begünstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens,
vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des Königreichs Polen
gewesen war.  Der polnische Aufstand in Russisch­Polen 1830/31 führte
zu einem völligen Umschwung gegenüber den Polen auch in Preußen, der
aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz
machte.  Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der
liberalen Freiheitskämpfer in Europa geworden, und der neue
preußische König Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen
nicht (19).  Die polnische Bevölkerung Oberschlesiens wird schon
damals in diesen innerpreußischen Argumenten erwähnt (20).

Im März 1848 gehörte es jedenfalls auch zu den Ideen in der
Paulskirche, daß mit der ersehnten deutschen Einigung auch die
Teilung Polens rückgängig gemacht werden sollte, in die sich Preußen
seinerzeit verwickelt hatte.  Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser
deutschen Einigung.  In Preußen verstärkten sich danach die
antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen
Einigung unter preußischer Führung kam, gab das neue deutsche
Nationalbewußtsein der preußischen antipolnischen Politik sogar eine
ganz neue Note.  Es war nun nicht mehr nur die Loyalität der
polnischen Einwohner gegenüber der preußischen Monarchie gefordert,
sondern das Ziel mußte ihre vollkommene Germanisierung sein.  So
verschärfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preußische
Nationalitäten­ und Schulpolitik so rigoros wie sie dann später in
Erinnerung geblieben ist.  Es war überdies auch die Zeit des
"Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei
ausgesetzt fand.  Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn für
Berechtigung des Schutzes der gesamtpreußisch gesehen nationalen und
sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz
wurde dem wachsenden deutschen Bevölkerungsanteil in den fraglichen
Provinzen gegeben.  Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist
(21), daß die Erwartung von Loyalität seitens der Minderheit für die
staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralität des Staates
auch dort bedurft hätte, wo es um die örtlichen Belange der deutschen
Bevölkerung ging.  Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und
Krone waren eben von der Omnipräsenz nationalstaatlichen Denkens
verdrängt worden, und das schien keinen Raum zu lassen für
Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch für das
Zusammenleben von verschiedenen Nationalitäten.  Die beiden
Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig geändert zu
haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europäische
Einigung davon abzuhängen scheint.

Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, daß die
Dorfschule meiner Großmutter möglicherweise damals noch zweisprachig
war.  Ich weiß auch, daß beide Großeltern das oberschlesische
Polnisch sprechen konnten; mein Vater erzählte, daß sie es benutzten,
wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht
verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.Hälfte des 19.
Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige
Station der neuen Eisenbahn Breslau­Myslowitz als ein Umschlagplatz
für Zweigverbindungen zu einem großen Umkreis von vielen Gruben und
Werken mit ihren zugehörigen Ortschaften.  Schließlich war Kattowitz
so gewachsen, daß es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde.  Dies geschah
aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den
alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuankömmlingen.  Unter der
Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der
Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h.
Gärtnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die
unterdessen Hausbesitz hatten erwerben können.  Ursprünglich kamen
auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856
änderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten
Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht geändert, und
die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte
Gromada konnte allein über die Verwendung der Einnahmen entscheiden.
Unter einer städtischen Verfassung wäre das anders gewesen.  Für ein
Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preußischen
Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der höheren Einkommen
gewogen.  Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den
Neuankömmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit
eigenen Ideen allein schon über Straßenpflasterung und Beleuchtung
etc. Für die eingesessenen Bauern hätte es schon eine naheliegende
Idee sein können, daß der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen
der großen industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt
halten sollte.  War nun bäuerlicher Widerstand dagegen und gegen
Erwerb der Stadtrechte eine ganz übliche Situation und aus dem
Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verständlich,
oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegensätze
in Oberschlesien?

Vom heutigen Blickpunkt des späten 20. Jahrhunderts könnte man auch
sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz frühe Umweltschützer, die
ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdrängt
sehen wollten.  Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird
hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in späteren Rückblicken, von
beiden Seiten als der Hauptgrund angeführt.  Schon Dr. Holtze
berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, daß die polnischen
Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden"
mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann
kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der
Widerstand des polnisch­bäuerlichen Elements gegen den von deutscher
und jüdischer Seite vertretenen Fortschritt" (23).

Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der
Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuankömmlinge, denen
allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den
letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre
im Amt gewesen war, für polnische Sprache und Schule gekämpft und
eine große polnische Bibliothek für sich gesammelt habe (24).  Also
wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur bäuerlichen,
sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung
gedacht.  Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur
Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten
Städte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen.

Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber
sitzen auf derselben Bank als Gegner der ursprünglichen Dorfbewohner.
Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erwähnt sind, wird als erster
jüdischer Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Fröhlich erwähnt (25),
der 1825 die Arrende pachtete.  Seinen Sohn Heimann Fröhlich finden
wir prominent in den Berichten über den Streit zwischen Bauern und
Zuzüglern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog.  Als
mein Großvater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105
jüdische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11.
9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26).  Durch
die Industrialisierung und als Folge der jüdischen Emanzipation zogen
die sich stärker entwickelnden Industriestädte viele Juden aus
kleineren oberschlesischen Städten und Dörfern an.  Kattowitz, die
sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne größeren
eingesessenen Bürgerstand bot ihnen besonders guten Raum für Tatkraft
und Profilierung.

Der Geist der Emanzipation, wie überall in Europa, mit der Anziehung
an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie
mehr zu integrieren, führte im damaligen Oberschlesien zu jüdischer
Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element.
Das war ja vielerorts so im östlichen Mitteleuropa; für Kattowitz
ist mir aufgefallen, daß dieses Zusammenleben damit auch angefangen
hatte, daß sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die
Stadtwerdung geführt hatten.

Ein Argument für das preußische Dreiklassenwahlrecht für
Stadtparlamente war, daß die beruflich und wirtschaftlich
Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen
werden sollten.  In vielen Teilen Preußens führte dies zu einem
verhältnismäßig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten.  Sie
müssen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben,
denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt.  Das
war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und
Berlin.  Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bevölkerung und in
städtischen Organen noch höher als in anderen oberschlesischen
Städten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866 (27), bei der
unter den ersten 18 gewählten Stadtverordneten sieben Juden waren
(28), darunter auch Ignatz Grünfeld, der bis zu seinem Tod 1894
Stadtverordneter blieb.

Der Bruder meiner Großmutter, Elias Sachs, wurde noch aktiver in der
Stadtverwaltung.  Nach einer frühen meteorischen Karriere, er fing an
mit dem Sammeln von Pferdekutteln als Brennstoff und Bindemittel für
die Hüttenindustrie, dehnte das auf bedeutenden Kohlenhandel aus,
gründete das erste Bankgeschäft in Kattowitz und beteiligte sich mit
zwei anderen Kattowitzer Stadtverordneten, Rosse und Hammer, an der
Gründung der Kattowitzer AG für Eisenhüttenbetrieb in Hajduck (28),
in deren Aufsichtsrat er bis zu seinem Tod in Berlin 1908 aktiv blieb.
Er war seit 1872 Stadtrat in Kattowitz und wurde 1892 vor seinem
Wegzug nach Breslau zum Stadtältesten ernannt.  Das von meinem
Großvater Ignatz Grünfeld gegründete Baugeschäft war auch sehr
erfolgreich.  Es wurde unter seinem Namen noch bis in die 1930er
Jahre fortgeführt (29).

In dem steten Wachstum der Stadt Kattowitz hatte es noch zwei neue
Entwicklungen gegeben, die ihre zunehmende Bedeutung innerhalb des
oberschlesischen Industriebezirks kennzeichnen. 1882 wurde der Sitz
des Oberschlesischen Berg­ und Hüttenmännischen Vereins, der
Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie von Beuthen
nach Kattowitz verlegt, und 1895 wurde Kattowitz zum Sitz der
neuzubildenden eigenen Eisenbahndirektion für den oberschlesischen
Industriebezirk bestimmt.  Dem gingen längere Verhandlungen mit der
Stadtverwaltung voran, die Schaffung des notwendigen Wohnraums für
die neuen Beamten garantieren mußte.  Hierbei soll mein Großvater
noch auf Seiten der Stadtverwaltung eine aktive Rolle gespielt haben.

Von den sechs Söhnen des Ignatz Grünfeld wählten zwei auch das
Baufach.  Der zweitälteste, Max, studierte Architektur und blieb im
Regierungsdienst, kehrte dann als Regierungsbaumeister a.D. nach
Kattowitz zurück.  Der drittälteste, mein Vater Hugo Grünfeld,
besuchte die Baugewerkschule und trat dann mit dem Titel Baumeister
noch sehr jung in das Baugeschäft seines Vaters ein.  Nach dem Tod
meines Großvaters 1894 führten diese beiden Brüder sein Baugeschäft
weiter und wurden auch in Ämter in der Stadtverwaltung gewählt.  Max
war einige Jahre als Stadtbaurat Mitglied des Magistrats, mein Vater
wurde Stadtverordneter (30).

Wie weit die Parteipolitik Deutschlands schon im 19. Jahrhundert zu
Zeiten meines Großvaters eine Rolle bei Stadtparlamentswahlen in
Kattowitz gespielt hat, konnte ich nicht mehr feststellen.  Die
liberalen bürgerlichen Kreise in Deutschland hatten sich nach 1848 in
verschiedene Richtungen entwickelt: die Nationalliberalen wurden ganz
systemtreu auf Seiten Bismarcks, die Freisinnige Volkspartei stand,
mehr fortschrittlich, links davon, also blieben die eigentlichen
Vorkämpfer der 1848er Ideale.  Rechts von den Nationalliberalen gab
es dann noch die Konservativen und Alldeutschen als radikale
Nationalisten.  Die führenden Leute der oberschlesischen
Schwerindustrie gehörten zum mehr rechtsgerichteten Lager der
Nationalliberalen, wenn nicht noch weiter rechts, und die große gut
etablierte Tageszeitung "Kattowitzer Zeitung" stimmte mit dem
vorherrschenden Trend von Industrie und Beamtentum überein.  Das
freisinnige Bürgertum hatte ja in der Stadtverwaltung von Kattowitz
eine starke Stellung, ebenso wie in Breslau und Berlin, aber dort gab
es auch freisinnige Zeitungen (die "Breslauer Zeitung" und mehrere
sehr bekannte in Berlin).

Bei den beiden Brüdern Grünfeld war das politische Engagement zu
Beginn des Jahrhunderts jedenfalls schon sehr ausgesprochen.  Sie
unternahmen einen Versuch, im "0berschlesischen Tageblatt" eine den
Gedanken der Freisinnigen Partei ergebene Zeitung aufzubauen.  Als
Redakteur war Balder Olden, Bruder des später bekannter gewordenen
Schriftstellers und Journalisten Rudolf Olden, engagiert worden.  Die
Zeitung konnte sich aber nicht halten, und mußte mit 300.000 Mark
Verlust aufgegeben werden, wie mir mein Vater erzählt hat.

Das großväterliche Baugeschäft hatte sich aber weiter gut entwickelt.
Ein neuer Zweig, Lieblingsprojekt meines Vaters, war eine große
Ziegelei, die 1895 im Gebiet des früheren "Vorwerks" von Kattowitz,
Karbowa, ausgestattet mit den letzten technischen Neuerungen gebaut
wurde, auch für Spezialprodukte wie glasierte Ziegel und andere
Ziersteine, die man noch heute an manchen Fassaden in Katowice sehen
kann.  Daneben wurde auch eine Bautischlerei und Schmiedewerkstatt
eröffnet.

Mein Onkel Max Grünfeld aber zog dann schon früh nach Berlin und
eröffnete eine Filiale der Firma, die dort eine ganze Reihe von
Wohnhäusern baute, vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf, aber
eins auch Unter den Linden.  Er praktizierte auch als Architekt,
wurde ein sehr aktiver und prominenter Freimaurer, baute auch das
bekannte Logenhaus in der Emser Straße in Wilmersdorf.  Er heiratete
erst im Alter, 1925, hatte sich schon vorher aus dem Geschäft
zurückgezogen und starb 1932 in Berlin.

Von den vier anderen Brüdern meines Vaters waren zwei Mediziner, der
älteste, Hermann, als praktischer Arzt in Berlin­Kreuzberg (31), und
Ernst (32) orthopädischer Chirurg in Beuthen.  Die anderen zwei
studierten Jura, Bruno war Justizrat in Berlin, aber der jüngste,
Paul, trat nach seinem Studium in die Erzhandelsfirma Rawack &
Grünfeld in Beuthen ein, beteiligte sich später an einer chemischen
Fabrik in Nürnberg, aus der sich die Gesellschaft für
Elektrometallurgie (GfE), führend in der Ferrolegierungsindustrie,
entwickelte.  Er war ein sehr unternehmerischer und weitsichtiger
Mann, in einem Industriezweig, der im Laufe des 20. Jahrhunderts
große Bedeutung und Möglichkeiten errang.

Von den vier Schwestern des Vaters heirateten drei Juristen, Martha
den Justizrat Ernst Kaiser in Beuthen, Minna den Justizrat Salomon
Epstein in Kattowitz, wo er auch bis zu seinem frühen Tod 1908 kurze
Zeit Stadtverordnetenvorsteher wurde, und Luzie den Landgerichtsrat
Max Hirschel in Gleiwitz.  Die jüngste Tochter, Ida, heiratete Felix
Benjamin, einen Neffen des Geheimen Kommerzienrats Louis Grünfeld,
Chef der Firma Rawack & Grünfeld, dessen Nachfolger er auch wurde.

Die Familien Grünfeld und Sachs waren aber noch viel größer.  Jakob
Grünfeld in Zalenze hatte acht Töchter und zwei Söhne, Elias Sachs
vier Söhne und Tochter Grete, und es gab noch einen Bruder Abraham
und weitere Schwestern Sachs meiner Großmutter.


Heirat meines Vaters mit Margarete Oettinger

Mein Vater war lange Junggeselle geblieben, bis er 1906 mit 41 Jahren
meine Mutter, die 18 Jahre jüngere Margarete Oettinger aus Breslau
heiratete.  Ihre Familie kann ich bis auf meinen Ururgroßvater Josef
Oettinger in Rackwitz (Rakoniewice) in der Provinz Posen verfolgen
(33).  Einer seiner Söhne, mein Urgroßvater Albert, wurde Arzt,
promovierte an der Universität Berlin 1835 (34), und ließ sich in
Neustadt bei Pinne (Lwowek) nieder, verheiratet mit Ettel Schiff (35).
Das Ehepaar hatte drei Söhne und eine Tochter, die den Arzt Dr.
Riesenfeld in Breslau heiratete.

Alle drei Söhne gingen auch nach Breslau und mein Urgroßvater starb
dort 1860. Bei seinem ältesten Sohn Richard war ungewöhnlich, daß er
als Junge bei einem der polnischen Aufstände mitgemacht haben soll.
Dann heiratete er eine deutsche, nichtjüdische Schauspielerin, war im
Flachsgroßhandel sehr erfolgreich, so daß er zeitweilig als der
reichste Mann Breslaus angesehen wurde.  Sein Sohn, Richard, wuchs
als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen.
Die beiden anderen Söhne, Siegmund und mein Großvater Max Oettinger,
gründeten zusammen ein Flachsgroßhandelsgeschäft und brachten es zu
Wohlstand, Siegmund später in Berlin.

Mein Großvater führte das Geschäft in Breslau weiter, wo er auch ein
angesehener Mitbürger wurde, viele Jahrzehnte Stadtverordneter, einer
von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen
Provinziallandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der
Freunde", einer bürgerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise
zusammengeschlossen waren, im Gegensatz zu der bekannten sehr alten
Kaufmannsvereinigung des "Zwinger".  Er heiratete Minna Weinstein aus
Insterburg in Ostpreußen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war
(36).

Meine Mutter war das jüngste der drei Kinder.  Die ältere Schwester
Frieda war verheiratet mit Dr. Paul Gerber in Königsberg, Arzt und
auch Schriftsteller (37), Mutters Bruder Walter Oettinger war Arzt,
Bakteriologe, außerordentlicher Professor an der Universität Breslau
(38).  Die Geschwister und einige der Vettern und Kousinen meiner
Mutter wurden protestantisch.  Eine der engsten Freundinnen meiner
Mutter in ihrer späten Jungmädchenzeit in Breslau war Stella
Whiteside, später verheiratet mit Dudley Braham, eine von zwei
englischen Schwestern, die damals in Schlesien lebten und englischen
Unterricht gaben.  Sie hat mir viel später, als ich sie nach dem 2.
Weltkrieg in London wiedersah, erzählt, daß sie dabei war, als meine
Eltern sich zum ersten Mal sahen (39).



Kapitel 3

Kindheit und frühe Jugend

Nachdem ich nun versucht habe, ein Bild von Vorgeschichte und
"background" zu skizzieren, kehre ich wieder zu meinen eigenen
Kindheits­ und Jugenderinnerungen zurück, mit denen wir begonnen
hatten.  Wir wohnten in einer großen Villa, von der Friedrichstraße,
Hauptverkehrsader der Stadt, durch einen Vorgarten, mit Bäumen und
Sträuchern dicht bewachsen, Blumenbeten und Spazierwegen dazwischen,
abgeschirmt.  Im ersten Stock war aber auf diesen Garten und die
Friedrichstraße hinaus ein großer Balkon, von dem man die Straße gut
sah und so am Leben, das da vor sich ging, Anteil nehmen konnte.  Da
zogen vorbei die jährliche große Fronleichnamsprozession und andere
festliche Umzüge, viele lange Beerdigungszüge, oft mit ein oder
mehreren Musikkapellen, manchmal Gruppen von schön uniformierten
Bergleuten dabei, Truppen marschierten ein und aus, Demonstrationen
und auch Schlimmeres.  Gegenüber unserem Vorgarten, an der anderen
Ecke der Schulstraße lag die evangelische Kirche, auch mit großem
Vorgarten, aber doch so, daß das Kommen und Gehen auch zu unserer
kindlichen Umwelt gehörte, ebenso wie bei den beiden Mittelschulen
uns gegenüber an der Schulstraße.

Westlich angrenzend, an der Friedrichstraße, war in meiner frühen
Kindheit das Haus der Großeltern Grünfeld, 1870 gebaut, in dem bis
1913 die Großmutter wohnte, mit zwei verwitweten Schwestern des
Vaters und deren Kindern.  Nördlich von beiden Häusern zog sich ein
großer Garten bis zum Rawafluß hin, mit einer Spielwiese an der Rawa,
einem Tennisplatz, viel Obstbäume und Gemüsegarten, Holunder, Jasmin
und dann waren da auch Ställe für die Pferde und Haustiere.  Wir
Kinder hatten also ein Paradies und immer viel Besuch von anderen
Kindern, die beinahe täglich zum Spielen kamen.  Auch sonst war immer
viel Besuch.  Das Haus war nicht leer, denn es brauchte ja viel Hilfe,
und diese Menschen waren auch Teil der kindlichen Welt.

Unser Haus hatte 14 Zimmer und war nicht nur in meiner Erinnerung,
sondern auch nach dem Urteil vieler Besucher, die kamen, ein
besonders schönes Haus.  Im Erdgeschoß zog sich eine große Diele
beinahe durch die ganze Länge des Hauses, links waren ein Eßzimmer,
mit angrenzender Anrichte, Küche etc., rechts drei weitere Wohnräume,
Herrenzimmer, Salon und Damenzimmer.  Im 1.Stock waren die Schlaf- und
Kinderzimmer und zwei Gästezimmer.

Da das Haus so groß war, hatten wir von bald nach Kriegsbeginn
dauernd Einquartierung.  Das zog sich bis etwa 1925 hin, und die
Wechsel der politischen Geschicke spiegelten sich auch für uns Kinder
dabei wieder.

Wir waren aber gar nicht auf das Haus und den großen Garten begrenzt.
Spazierengehen spielte eine große Rolle. 1910 wurde meine Schwester
Lotte und 1912 Marianne geboren, wir waren dann zu dritt, auch hatten
wir für lange Zeit immer ein Kinderfräulein.  Bei der Ziegelei der
väterlichen Firma draußen in Karbowa war auch ein Garten eingerichtet,
hauptsächlich Gemüsegarten, auch mit Obst und Beeren.  Morgens wurde
wochentags immer ein Spaziergang nach Karbowa gemacht, oft mit der
Mutter, dann spielten wir morgens dort und gingen zum Mittagessen
wieder nach Haus.

Das waren diese Spaziergänge durch die Felder zwischen Kattowitz und
dem "Vorwerk" Karbowa, wo man mit den Bauern und Bäuerinnen bekannt
wurde, die meist polnisch sprachen, aber mit uns deutsch.  Wir
machten aber auch Spaziergänge in den "Südpark" von Kattowitz oder in
die Stadt.  Zu frühesten Erinnerungen gehört ein Besuch bei uns von
Mutters englischer Freundin Stella Braham mit Sohn Harold, wenig
älter als ich.  Es verwirrte mich, als er in meiner Badewanne gebadet
wurde.  Dann erinnere ich mich auch an verschiedene Einzelheiten von
Ferien in Rauschen in Ostpreußen im Sommer 1912, so auch wie wir in
Königsberg bei den Verwandten Gerber im Garten saßen und der Onkel
Paul Gerber dazukam und wir ihm Guten Tag sagten.  Das sind solche
blitzartigen Erinnerungen einzelner Szenen aus kindlicher
Vergangenheit.

Zu den Erinnerungen aus frühester Kindheit gehören auch die
regelmäßigen Besuche bei den Großeltern Oettinger in Breslau.  Damals
fuhren wir immer mit dem Zug, erst einige Zeit nach dem ersten
Weltkrieg wurde das auch schon mal im Auto gemacht.  Die Großmutter
holte uns am Bahnhof ab, und wir fuhren in einer Droschke in die
Wohnung der Großeltern.

Die Großmutter war immer ganz außer sich, wenn wir ankamen, und
überfiel uns mit vielen Küssen.  Sie war eine sehr lebhafte und, ich
glaube, recht kapriziöse Frau, hielt immer viel auf elegantes
Aussehen und elegante Kleidung.  Mutters sowohl wie unsere
Kindergarderobe wurde immer als recht unzureichend empfunden, und es
folgten große Einkaufsexpeditionen in Breslau, wo es ja auch größere
und elegantere Geschäfte als in Kattowitz gab.  Meine Mutter war weit
weniger modebewußt als die Großmutter, ja ihr lag eigentlich viel
eher eine betonte Einfachheit, so mußten diese Einkaufsexpeditionen
ihr manchmal aufgezwungen werden, aber die Großmutter war sehr
lebhaft und energisch.  An den Großvater erinnere ich mich als sehr
ruhig, ausgewogen und verständnisvoll, er konnte auch manchmal sehr
böse werden, das war dann schlimmer, als wenn er es immerfort beim
kleinsten Anlaß geworden wäre.  Er bleibt mir von frühester Kindheit
an in sehr lieber Erinnerung.

In unserem Leben in Kattowitz gab es dann, bis ich Ostern 1915 in die
Schule kam, zwei einschneidende Ereignisse.  Zunächst in der Familie:
Im Herbst 1913 starb die Großmutter Grünfeld.  Der Großvater war
schon 1894 gestorben, ich hatte ihn nur von den großen Portraits
gekannt, die in Wohnung und Büro des Vaters hingen.  Auch die
Großmutter Grünfeld habe ich nur wenig gekannt.  Wenn wir sie
besuchen durften, saß sie fast immer in einem Sessel.  Ich weiß, daß
ich sie gerne besuchte und daß es mich beeindruckte, aber meine
Erinnerungen bleiben vage.  Meine Tante Grete Grünfeld, Tochter des
Bruders der Großmutter des Elias Sachs, und später nicht nur ihre
Nichte, sondern auch ihre Schwiegertochter, als sie den jüngsten
Bruder des Vaters, Dr. Paul Grünfeld heiratete, beschreibt die
Großmutter Grünfeld als "eine schöne, naturhaftkraftvolle und
dominierende Persönlichkeit" und dann noch: " Die große Verwandtschaft.
.. vereinigte sich im schönen Grünfeldschen Heim in Kattowitz beim
allwöchentlichen Freitagabendessen um die dominierende
Schwiegermutter.  Diese naturhafte Frau strömt in meiner Erinnerung
immer noch einen Waldduft aus, den sie von ihren alltäglichen
Spaziergängen mitbrachte.  Zu ihrer außerordentlich kraftvollen
Konstitution hatte ihr das Schicksal den "sacro egoismo"...mitgegeben.
Schönes Haus, prächtiger Garten, reichliche Dienerschaft hielten
sie nicht ab, alljährlich viele Monate in ihrem geliebten Marienbad
zu verbringen, wo die Kinder sie abwechselnd besuchten.  Niemand
konnte ihrer imponierenden Persönlichkeit etwas versagen oder sie
beeinflussen".

Das Haus der Großeltern aber war mir ganz vertraut, der Garten war ja
gemeinsam, und da war ein großes Maiglöckchen Beet, das sie besonders
liebte, und ich erinnere mich auch, daß sie in den Garten kam.  Die
verwitweten Töchter, die mit ihr im großelterlichen Haus lebten,
waren Lucie Hirschel, deren Mann, Landgerichtsrat Max Hirschel, 1904
in Gleiwitz starb, mit den zwei noch jugendlichen Kindern Hans und
Gretel, und Minna Epstein, deren Mann Justizrat Salomon Epstein,
seinerzeit auch Stadtverordnetenvorsteher von Kattowitz, 1909 dort
starb.  Von ihren zwei schon erwachsenen Töchtern wollte die jüngere
Ellen Pianistin werden, die ältere Margot war im Pestalozzi­Froebel
Haus in Berlin als Kindergärtnerin ausgebildet und hielt einen großen
Kindergarten im Hause ab.  Frühe Versuche, mich dort hinein zu
bringen, scheiterten.  Es tut mir noch jetzt leid.  War ich so scheu
oder so schwierig?  Ich bin doch dann ein sehr geselliger und
jedenfalls Gesellschaft suchender Mensch geworden.

Ich erinnere mich auch an ein Gartenfest, zu dem die Großmutter
einlud.  Wir kleinen Kinder nahmen eigentlich nicht teil, aber am
Anfang durften wir es uns ansehen.  Es war ein Kostümfest mit vielen
Lampions und Musik.  Gretel Hirschel führte uns hin, nachdem wir
vorher noch gesehen hatten, wie sie ihr Kostüm anzog.  Sie war einige
Jahre älter als ich, ich war noch nicht fünf Jahre.  Bei dem Fest war
viel Jugend.  Die beiden Epstein Töchter und die Geschwister Hirschel
und ihre Freunde machten überhaupt den Garten belebter, und es wurde
auch viel Tennis gespielt.

Als ich gerade 5 Jahre war, starb die Großmutter Grünfeld.  Es wurde
uns zunächst nichts gesagt.  Aber an einem Nachmittag sollten wir ins
Nebenhaus gehen, es gab einen direkten Durchgang von unserem Eßzimmer
in eine Art Loggia im Großelternhaus.  Es waren furchtbar viel
Menschen dort, viel Famìlie, und Tante Lucie Hirschel begrüßte uns,
ich fragte nach der Großmutter, und sie machte eine Handbewegung zur
Decke hinauf.  Jetzt verstand ich, Großmutter war nun im Himmel.

Das wußte ich also schon vom Tode.  Man hatte tote Tiere gesehen, es
gab so oft Beerdigungszüge, auf unserem Weg nach Karbowa kam man am
evangelischen und am katholischen Friedhof vorbei, wir gingen mit dem
Kinderfräulein auch manchmal da durch.  Am katholischen brannten zu
Allerheiligen und Allerseelen auf allen Gräbern kleine Kerzen, ein
starker Eindruck schon der frühesten Jugend.  Der jüdische Friedhof
lag ganz woanders, es dauerte noch lange, bis ich davon wußte.

Religion wurde im Elternhaus nicht sehr groß geschrieben.  Wir
lernten, ein Nachtgebet zu sagen, nicht nur das Kinderfräulein, auch
die Mutter hielten darauf, daß wir es nicht vergaßen, es wurde
Weihnachten mit großem Baum und viel Kerzen und Geschenken gefeiert
für uns Kinder und natürlich das Hauspersonal mit Familien, und noch
Verwandte oder Bekannte, die dazu kamen.  Aber ich habe eigentlich
keine Erinnerung, daß der liebe Gott selbst dabei so eine Rolle
spielte.  Daß wir jüdisch waren, erfuhr ich eines Tages eigentlich
durch Zufall, ohne eine Vorstellung zu haben oder je gehört zu haben,
daß es so etwas gab oder was es bedeutet.  Es war ein Tag des
Großreinemachens gewesen, und unsere Matratzen und Bettzeug lagen
alle auf unserem Balkon und ein Teppichklopfer auch.  Es war
Spätnachmittag, als ich auf den Balkon kam und nicht widerstehen
konnte, mit dem Teppichklopfer auf die Matratzen einzuhauen, so wie
ich es vorher von den Hausmädchen gesehen hatte.

Ich war wohl grade sechs Jahre.  Da kam das Kinderfräulein ganz
aufgeregt, ich muß sofort aufhören, was sollen denn die Leute draußen
denken, der jüdische Feiertag hat doch schon angefangen und siehst Du,
dort auf der Straße geht grade Dein Vater vorbei auf dem Weg in die
Synagoge.  Und richtig, er ging dort im Zylinderhut und schwarzem
Gehrock.  Am nächsten Tag war Vater noch einmal gegangen, und ich sah
den Zylinder unten in der Diele liegen.  Ich weiß nicht, was und
wieviel mir die Eltern damals erklärten.  Es war mir in späterer Zeit
klar, daß es der Versöhnungstag war und der Vater am Vorabend zum
KolNidre Gottesdienst gegangen war.  Etwas mehr von der Bedeutung von
Religion und, daß wir jüdisch waren, sollte mir eigentlich erst klar
werden, als ich Ostern 1915 in die Schule und damit auch zu jüdischem
Religionsunterricht kam.

Nach dem Tod der Großmutter gab es große Veränderungen.  Von ihren
zehn Kindern hatten mein Vater und zwei schon erwähnte Schwestern in
Kattowitz gewohnt, die älteste Schwester Martha Kaiser und der
jüngere Ernst, orthopädischer Chirurg lebten in Beuthen, und dort
lebten auch die beiden jüngsten Kinder, Dr. Paul Grünfeld, Direktor
bei der Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld und Ida Benjamin, deren
Mann Felix Benjamin bei Rawack und Grünfeld führend wurde.  Rawack &
Grünfeld hatte beschlossen, ihren Hauptsitz von Beuthen nach Berlin
zu verlegen, und die beiden Familien Paul Grünfeld und Felix Benjamin
sollten Anfang 1914 nach Berlin ziehen.  Nun nach dem Tod der
Großmutter wurde das großelterliche Haus verkauft und zwar an die
Deutsche Bank, und die beiden Tanten mit ihren Kindern zogen auch

nach Berlin.

Also von den zehn Geschwistern blieben nun nur noch drei in
Oberschlesien.  Für meine Eltern war das wohl noch eine viel größere
Veränderung als für uns Kinder.  Meine Mutter hatte sich mit Margot
Epstein angefreundet, die auch später zu Besuch kam oder mit Mutter
und uns auf Ferienreisen ging.

Die Deutsche Bank baute lange um, ihr Direktor war Herr Böhnert, und
die Böhnerts, die dann im 1.Stock im Nebenhaus wohnte, hatten zwei
Kinder, Horst und Vera, in Lottes und meinem Alter, und wir haben
dann viel mit ihnen gespielt.

Das weitere Ereignis, das dann kam, war einschneidender in viel
weiterem Sinn, der Ausbruch des 1.Weltkriegs.  Ich hatte schon in den
Tagen vorher etwas von Krieg gehört, es war eine große Spannung, und
man spürte Angst und Aufregung in der Umgebung.  Am Tag davor, als
wir in der Stadt waren, lief ein älterer Offizier mit einem dicken
roten Streifen an den Hosen, wie ich sie noch nie gesehen hatte, es
war ein Generalstabsoffizier, wurde gesagt, ganz schnell über die
Straße, und die Mutter sagte, na da wird es wohl Krieg geben, wenn
der es so eilig hat.  Die Szene ist bei mir immer mit der Erinnerung
an den Kriegsausbruch verbunden geblieben.

Am nächsten Tage war es nun Krieg. Es wurden so viele Leute, auch aus
unserer Bekanntschaft in Kattowitz eingezogen.  Vater war bald 49
Jahre und war dispensiert.  Auch hieß es, alle guten Pferde müßten
abgegeben werden.  Wir fuhren mit den Eltern nach Karbowa am
Bezirkskommando des Militärs vorbei, mein Vater hatte es gebaut, und
man winkte, daß wir mit den Pferden gleich hineinfahren sollten.  Das
tat mein Vater nicht, aber dann mußten wir die Pferde doch bald
abgeben.  Sie hießen Wolfram und Ingram und ich war ihnen sehr
zugetan.  Sie gehörten sehr zu unserem Leben, und wir besuchten sie
oft in ihrem Stall.  Nun war ich untröstlich.  Bald erkundigte ich
mich, ob man gehört hat, wie es ihnen geht.  Man hatte noch nichts
gehört, aber dann sagte der Diener Karl Glowig zu jemandem so zur
Seite, wahrscheinlich sind sie schon längst zerschossen.  Wieder eine
merkwürdige Erinnerung an die ersten Kriegswochen, aber nichts hatte
mir zunächst so klar gemacht, als die Seitenbemerkung, die ich nicht
hören sollte, was der Krieg ist.  Dabei brauchte es dies sehr bald
nicht mehr.  Der russische Vormarsch in Ostpreußen war durch die
Schlacht bei Tannenberg aufgehalten worden, aber im Süden waren die
Russen in Galizien gegen die Österreicher für längere Zeit
erfolgreich und versuchten auch nach Schlesien vorzudringen.  Wir
hörten Kanonenfeuer, wie es hieß von Olkusz, die Stadt füllte sich
mit Verwundeten, Hilfslazarette wurden uns gegenüber in den
Mittelschulen eingerichtet, man sah viel mehr Soldaten in der Stadt
und wir bekamen Einquartierung.

Ein oder beide Gästezimmer waren dann während des ganzen Kriegs von
deutschen Offizieren als Einquartierung belegt, aber die erste, an
die ich mich gut erinnere, war viel größer.  Im Erdgeschoß wurden
Salon und Damenzimmer dem Oberstleutnant v.d.Mölbe und seinem Stab
überlassen, der vorübergehend mit Truppen in Kattowitz inmitten der
Krisensituation stationiert war.  Schon Tage vorher hatte es geheißen,
daß wir alle nach Berlin abreisen müßten, es wurden große
Kabinenkoffer herausgeholt und provisorisch gepackt.  Die beiden
Wohnzimmer, in denen die Offiziere waren, gingen durch eine weite
Schiebetür, die meist offen war, in unsere große Diele, es war ein
Kommen und Gehen.  Einmal kam ein neuer Offizier zu den Eltern, wurde
dem Oberstleutnant vorgestellt, der sehr erstaunt war.  Erst viel
später wurde mir erklärt, der war auf Veranlassung von Onkel Walter
Oettinger gekommen, der hatte seine Stellung an der Universität
Breslau aufgegeben und war damals als Stabsarzt im nahen Oppeln
stationiert.  Er ließ sagen, wie man die Lage in Oppeln sah, sollten
wir nach Berlin abreisen.  Er hatte ja nicht gewußt, daß wir unterdeß
auch so gut informierte Einquartierung hatten.  Die waren dann der
Ansicht, daß die Gefahr weiteren russischen Vordringens einstweilen
behoben sei, und wir blieben.  Aber der Alarm wiederholte sich noch
mehrmals, und die Koffer blieben einige Zeit gepackt.  Die v.d.Mölbe
Einquartierung, die sich meinem Gedächtnis so eingeprägt hat, war
bald vorüber.

Die Offiziere, die dann als Einquartierung bei uns wohnten, aßen auch
oft bei den Eltern.  Sie wechselten oft, auch verschiedene Ränge,
manchmal auch gar keine Berufsoffiziere, einer war aus Frankfurt a.
Main, kam beinahe täglich, sein Dialekt machte mir Spaß, es gab immer
Wein.

Inzwischen kam ich im April 1915 in die städtische Knabenmittelschule
als meine Vorschule.  Mein Vater war sehr stolz, daß die Stadt diese
Art Schulen unterhielt.  Die meisten Schüler würden dort ihre
Schulbildung nur bis zur mittleren Reife beenden, er fand das sehr
gut, daß ich in so einer Schule anfing.  Ich weiß nicht mehr, ob ich
Schule gleich gern hatte, aber sehr bald hatte ich es, nur mit dem
Schreiben war es schwer.  Ich war nämlich vorzugsweise Linkshänder,
manches machte ich automatisch rechtshändig, manches nicht, und beim
Schreiben hatte ich unwiderstehlichen Vorzug für die linke Hand, aber
das wurde nicht erlaubt, und es kostete mir mehr Mühe es zu lernen,
ich bekam eine schlechte Schrift, noch für Jahre mahnte der Vater
immer, ich sollte Schönschreibeunterricht nehmen.

Das Kriegsgeschehen machte sich natürlich auch in der Schule
bemerkbar.  Es gab Siegesfeiern und Apelle für Sammlungen.

Ich konnte nun auch an der Tätigkeit und den vielen Interessen des
Vaters schon mehr Anteil nehmen.  Er wollte das sehr, und ich bin
dankbar dafür.

Trotz seinem vielfältigen Engagement im öffentlichen Leben glaube ich
doch, daß seine berufliche Tätigkeit als Baumeister ihm wirklich am
Herren lag.  Morgens ging er täglich zunächst auf Besuche der Bauten,
dann in die Ziegelei und zu anderen Nebenbetriebe, nach Karbowa, und
schließlich nach Hause ins Büro, das dem Wohnhaus angegliedert, auf
dem Grundstück nunmehr der Deutschen Bank war.  Ich wurde schon
manchmal mitgenommen bei Besuchen zu Bauten und der Ziegelei und
immer mehr, je älter ich wurde, besonders zu Fahrten über Nikolai
nach Lazisk, wo das Elektrizitäts­ und Karbidwerk der Prinzengrube
gebaut wurde.  Auch über Vaters Rolle als Stadtverordnetenvorsteher
wußte ich bald mehr.  Auf dem Ring der Stadt gab es Siegesfeiern und
Apelle, eine große Hindenburgbüste wurde aufgestellt, und das
Publikum sollte Nägel je nach gestifteten Beträgen aus verschiedenen
Metallen kaufen und selbst einschlagen.  Der Vater als
Stadtverordnetenvorsteher mußte auf einer Eröffnungsfeier den ersten
Nagel einschlagen und eine Rede halten, auch im Zylinder und Gehrock.
Natürlich wurde in der Schule dann auch darüber gesprochen.

Beginn der Schulzeit hieß für mich das Aufhören der täglichen
Morgenausflüge nach Karbowa und dadurch ein Stück weniger von der
Naturnähe, in der wir, obwohl wir Industriestadtkinder waren,
aufwachsen durften.  Der Garten hinterm Haus sorgte immer noch dafür,
daß dies keineswegs verschwand, der Krieg brachte sogar, als die
Verpflegung schwieriger wurde, einen Zuwachs des Tierbestandes.
Ingram und Wolfram waren durch zwei schwerere Brabantertype Pferde
ersetzt worden, die aber keine kindlichen Zuneigungen mehr
hervorriefen.  Aber jetzt gab es auch Ziegen, eine Kuh, viele Hühner,
Enten, Gänse und dann auch Schweine.

Es ist eine vielleicht erstaunliche Tatsache, aber ich empfinde es
noch heute so, daß die ersten Religionsstunden, die ich in der Schule
hatte, auf mich einen überwältigenden Eindruck gemacht haben.  Der
Lehrer Weissmann, mit einem kleinen weißen Bart, sah so etwa wie ein
Patriarch aus, und erklärte alles über den lieben Gott anhand des
alten jüdischen Gebets Adon olam, ein sehr schönes Gebet, das die
Macht Gottes beschreibt.  Ich war sehr beeindruckt durch alles
Religiöse und natürlich eingenommen für alles Jüdische, durch das mir
diese Welt der Religion nahegebracht worden war.  Wir wurden
aufgefordert, Sabbath nachmittags die Jugendgottesdienste zu besuchen,
die Eltern erlaubten es mir schließlich, sie verstärkten meine
Faszinierung mit Religion und Jüdischsein.  Der Vater trug mir auf,
dem alten Rabbiner Dr. Jakob Cohn guten Tag zu sagen und ihn zu
grüßen, ein angeheirateter Vetter des Vaters.  Auch stellte sich bald
heraus, daß der Vater auch dem Vorstand der Synagogengemeinde
angehörte.  Da meine Begeisterung für diese Sphäre aber beiden Eltern
zu viel wurde, mußte ich nach einiger Zeit die Besuche der
Jugendgottesdienste immer mehr einschränken, durfte auch zu den
Feiertagen nur nach harten Kämpfen zum Gottesdienst gehen, aber am
Versöhnungstag konnte ich mit dem Vater zusammen in die Synagoge gehen,
eine wirkliche Versöhnung.  Es blieb ein großer Schmerz, daß meine
Mutter dem so fern stand.  Die anderen jüdischen Kinder gingen nach
einiger Zeit auch noch nachmittags in die hebräische
Unterrichtsanstalt im Gebäude der Jüdischen Gemeinde, wohl so etwas
wie ein alter jüdischer Cheder.  Ich durfte das nicht.  Es wurde
gesagt, ich könnte dann ein Jahr vor meiner Barmitzwah Privatstunde
in Hebräisch haben.

Unter den Freunden meiner Eltern erinnere ich mich aus dem engsten
Kreis an den Frauenarzt Dr. Ernst Speier mit seiner Frau Rosa, deren
Großvater Fröhlich 1825 der erste jüdische Einwohner des Dorfes
Kattowitz war.  Sie war sehr begabt und anerkannt für ihre
öffentliche Tätigkeit.

Sie hielt gute Reden und organisierte, war Vorsitzende des
Vaterländischen Frauenvereins, der im Krieg mit Fürsorge und
Lazaretten besonders aktiv wurde.  Meine Mutter war auch im Vorstand,
und wir haben als Kinder da auch viel darüber gehört und miterlebt.
Dann waren andere Arztehepaare, unser damaliger Hausarzt Dr.
Proskauer, Dr. Max Koenigsfeld, Augenarzt Dr. Ernst Lubowsky, dessen
Bruder Ingenieur Heinrich Lubowski.  Frau Dr. Lubowski und Dr.
Koenigfeld gehörten auch sehr aktiv zum Vaterländischen Frauenverein.
Frau Speier, Lubowsky und Mutter sangen auch regelmäßig mit im
Meisterschen Gesangsverein und waren im Vorstand.  Der Vorsitzende
des Vereins, Dr. Ehrenfried, gehörte auch zum engeren Bekanntenkreis,
ebenso der Direktor der Kunigunde­Zinkhütte Zoellner, mit seiner
österreichischen Frau, die mit einer sehr schönen Altstimme
konzertierte.  Sie hatten zwei Söhne und Koenigfelds zwei Töchter in
unserem Alter, und bei Dr. Lubowski war es Sohn Karl Heinz und den
andern Lubowskis Horst, die alle regelmäßig zu uns zum Spielen kamen
und den Kern der Freunde der Kindheits­ und Schulzeit bildeten.

Am 3.Oktober 1915 feierte mein Vater seinen 50.Geburtstag, es kamen
viele Leute, der Oberbürgermeister Pohlmann hielt eine Rede, ich
konnte schon soweit zählen, daß ich feststellte, der Frühstückstisch
für den Empfang nach der Gratulationskur war für 50 Personen gedeckt.
Für uns Kinder warf der Tag schon vorher seine Schatten voraus: Rosa
Speier hatte ein langes Gedicht gemacht, für uns drei Kinder mit
verteilten Rollen aufzuführen, auch Marianne, noch nicht ganz drei
Jahre, hatte etwas zu sagen.  Das ging weit über die kleinen Gedichte
heraus, die man bisher bei Geburtstagen usw. aufzusagen hatte.  Wir
waren uns also der Bedeutung des Tages schon vorher wohl bewußt.

Ich erinnere mich auch, daß Frau Speier um diese Zeit ein Gedicht für
einen der öffentlichen Appelle geschrieben hatte, gebt Gold für Eisen
oder so etwas ähnliches.  Es war uns schon zu Hause gezeigt worden,
und ich war begeistert.  Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter es
auch war.  Dann wurde es an alle Schulklassen verteilt, ich war
wieder begeistert, aber unser Lehrer hängte es auf die Innenseite des
Schulschranks.  So mußte man immer zum Schulschrank gehen und die Tür
aufmachen, wenn man das Gedicht sehen und sich patriotisch ermahnen
lassen wollte.  Ich fand das schon damals als Kind etwas merkwürdig
und enttäuschend und natürlich unbequem aber war ganz arglos.  Heute
frage ich mich, hatte der Lehrer etwas dagegen aus pädagogischen
Gründen, daß man so etwas in eine Vorschulklasse hängt, oder war ihm
der Kriegspatriotismus allgemein schon zu viel geworden, fand er das
Gedicht schlecht, konnte er die Frau Speier nicht leiden, oder, und
das fällt mir eigentlich erst heute ein, war es vielleicht einfacher
Antisemitismus?  Ich wußte damals noch nicht, wie kompliziert das
Leben sein kann.

Die jüdischen Freunde der Eltern Dr. Speiers und Koenigsfeld machten
von jüdischer Religion eher noch weniger Gebrauch als mein Vater.  Dr.
Ehrenfried zum Beispiel ging nur alle paar Jahre am KolNidre Abend
in die Synagoge, er ging ja ganz auf in seinen musikalischen
Interessen und der Präsidentschaft des Meisterschen Gesangvereins,
und so hatte er einen gesellschaftlichen Kreis, in dem kaum nach
Religion oder Herkunft gefragt wurde.  Aber er war ein sehr bewußter
Jude, hatte der jüdischen Studentenverbindung KC angehört und blieb
ihr aktiv verbunden.  Mein Vater war auch ein bewußter Jude, aber er
war gegen betonte jüdische Absonderung.  Die beiden Brüder Lubowski
waren getauft, die Frauen nichtjüdisch.  Frau Else Lubowski, Frau des
Augenarztes, Tochter eines Oberstleutnant Knecht, der aus dem Elsaß
stammte, ihre Mutter aus der Schweiz.  Der Sohn Karl­Heinz wurde
damals unter unseren Spielgefährten mein nächster Freund.  Nur in
puncto Religion zogen wir in verschiedene Richtungen.  Seine Mutter
gehörte auch zum Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde, später
sogar auch sein Vater Pastor Voss, ein enger Freund der Familie.
Karl­Heinz wollte als Junge immer Pastor werden, bei uns im Garten
war ein großes Schaukelgestell, da stellte er sich manchmal eine
Leiter auf und wollte zu uns predigen, während ich im Herbst immer
wollte, daß wir alle eine Laubhütte in unserem Garten zum jüdischen
Laubhüttenfest bauen sollten.

Im Sommer 1916 fuhren wir mit Mutter auf Sommerferien nach
Heringsdorf, blieben unterwegs in Berlin und trafen alle
Verwandtschaft dort, wohnten aber in Hotels.  Diese und die enorme
Stadt machten noch einen größeren Eindruck als Breslau.  Die Ferien
an der See waren eine ganz andere Welt, es war wunderbar und
erfrischend, man traf auch ganz andere Kinder, viele waren aus Berlin,
es war schwierig mit ihnen fertig zu werden.  Als weitere
Horizontbereicherung: in einem Hotel, dem sehr eleganten Hotel
Monopol, hatten wir auch einmal in Breslau gewohnt, als wir mit
beiden Eltern hinfuhren.  Der Vater hatte Sitzungen, es gab eine
Eröffnungsfeier mit Paraden und später als ich mehr wußte über solche
Sachen, erfuhr ich, daß das damals eine Eröffnungssitzung des
Schlesischen Provinziallandtags war, in dem mein Vater die Stadt
Kattowitz vertrat und dem auch mein Großvater Max Oettinger als einer
von vier Vertretern der Stadt Breslau angehörte.

1917 kam ein neues Kinderfräulein, Else Jeppesen.  Vorher hatten wir
einen richtigen Gouvernantentyp, diese aber kam aus dem Pestalozzi
Froebel Haus, von Margot Epstein arrangiert.  Sie hatte in dem
Reber'schen Frauenchor mitgesungen, den Margot Epstein in Berlin
leitete.  Eigentlich hätte ich ja kein Kinderfräulein mehr haben
sollen, aber die Schwestern waren jünger.  Irgendwie gab es mit ihr
einen frischeren Ton.  Sie war nach Pestalozzi Froebel Art sehr gut
und darauf aus, uns Handfertigkeit beizubringen.  Alle Freunde, die
im Sommer zum Spielen und Tennis kamen, mußten mit uns im Herbst und
Winter Laubsägearbeiten, Klebereien usw. machen, ganze Dörfer und
Tierparks wurden angesammelt und zu Weihnachten wurde alles armen
Kindern geschenkt.

Meine Mutter war damals Betreuerin von zwei städtischen Kinderhorten.
Ich weiß nicht mehr, ob das mit Vaters Stellung in der
Stadtverwaltung zu tun hatte oder mehr mit Mutters Rolle im
Vaterländischen Frauenverein.  Wir gingen öfters mit ihr hin, die
Hortleiterinnen kamen oft zu uns ins Haus, und zu Weihnachten gingen
Alles was wir laubgesägt oder anderweitig fabriziert hatten zu den
Einbescherungen der Kinder in diese beiden Horte.

Weihnachten mit Else Jeppesen wurde noch viel perfekter gefeiert, mit
Singen und Vorspielen, es war ja auch herzerwärmend und hatte
wirkliche Schönheit.  Wir waren ja auch gar nicht die einzige
jüdische Familie, die sich diesem Zauber nicht versagte.  Das Jahr
1917 stand aber auch zusehends im Zeichen der Lebensmittel­ und
anderer Verknappung: Es gab viel Erdrüben, bei uns Klacken genannt,
das Brot wurde dunkel und kleiig, Fleisch, Butter und Eier selten,
wir gingen in Holzpantoffeln.  Dann gab es auch die ersten

Lebensmittelunruhen, die ersten Ausschreitungen für mich überhaupt,
und ich habe ja dann in späteren Jahren noch so oft unruhige, tobende
Mengen miterleben müssen.

Diesmal kam es zweifach sehr nahe.  Bei uns hörte man von der
Friedrichstraße die lauten Demonstrationen, und morgens waren uns
gegenüber die Läden geplündert, die meisten Scheiben zerschlagen.  Es
gab auch antijüdische Untertöne, wurde uns gesagt.  Diese 1917er
Unruhen waren nicht auf Oberschlesien beschränkt.  Es gab auch
anderswo antijüdische Beitöne.  Ich erinnerte mich aber an das, was
ich eher für besonderen Umstände in unserer nächsten Nachbarschaft
hielt.  Trotz der Nähe Galiziens und Kongreßpolens waren eigentlich
Ostjuden in ihrer traditionellen Kleidung nicht so häufige
Erscheinungen im Kattowitzer Stadtbild gewesen.  Im Verlauf des
Krieges kam das bisherige Russisch­Polen unter deutsche Besetzung,
die Grenze war leichter geworden.  Im letzten Haus auf unserer
Schulstraße hatten sich einige ostjüdischen Familien eingemietet,
Geschäftsleute, die auch viel Besuch von Familie und
Geschäftsfreunden aus dem galizischen Auschwitz oder dem
kongreßpolnischen Bendzin hatten.  Das hatte sich erst seit ganz
kurzer Zeit so entwickelt.  Ich erinnere mich, diese armen Leute
wurden um die Zeit der Unruhen belästigt und waren ein Thema.  Es
wurde aber auch erwähnt, daß es Ausrufe von Demonstranten einfach
gegen Juden gegeben hatte.

Ich bin mir nicht bewußt, daß diese Unruhen etwas mit polnischer
nationaler Agitation zu tun hatten, sie wurden als Arbeiterunruhen
beschrieben.  Es gab natürlich auch, wie es einem bald klar werden
sollte, eine starke polnische sozialistische Bewegung.  Daß es zu
Unruhen kam, war nicht verwunderlich, Elend, Knappheiten und
Gesundheitslage waren entsetzlich geworden, die Stimmung schlug um.
Ich las damals auch schon Zeitungen, und es wurde über alles, was den
Krieg und Politik betraf, viel gesprochen.  So wußte ich über die
Russische Niederlage und Revolution, den Eintritt der Amerikaner in
den Krieg und die Debatten in Deutschland über die Stellungnahme zu
Friedensinitiativen.  Eine Zeit lang hatte das Oberkommando der
deutschen Armee mit dem Kaiser und Generalstab seinen Sitz im
oberschlesischen Pleß beim Fürsten von Pleß.  Der fatale deutsche
Beschluß zur Erklärung des "unbeschränkten U­Bootkrieges", auf den
Amerikas Eintritt in den Krieg folgte, wurde am 8.Januar 1917 in Pleß
gefaßt (2).

Die Büros des Generalstabs waren teilweise in Kattowitz im Gebäude
der Fürstlich Pleßschen Bergwerksdirektion.  Als Einquartierung
hatten wir damals Offiziere des Generalstabs.  Sie kamen nicht oft
zum Essen, engeren Kontakt hatten die Eltern dann mit dem letzten
deutschen Offizier, der bei uns einquartiert war, ein Major v.Brunn.
Viel hörte ich immer über die politische Lage, wenn die Freunde der
Eltern zu Besuch kamen.  Der Vater war aktiver Anhänger der
Freisinnigen Volkspartei.  Außer der damals eher rechtsstehenden oder
nationalliberalen Kattowitzer Zeitung abonnierten die Eltern die
freisinnige Breslauer Zeitung und das Berliner Tageblatt.  Dr. Speier
und die Brüder Lubowski standen weit mehr rechts, und es gab heftige
Debatten, in denen mein freisinniger Vater oft ganz isoliert schien,
aber zu meiner Begeisterung heftigst argumentierte.  Bis weit in die
frühen Tage der Weimarer Republik haben mich diese Debatten zu Hause
immer sehr interessiert.

Zu Ostern 1918 kam ich dann in das Humanistische Gymnasium und bin
noch heute dafür dankbar.  Ich hatte mich bald für Latein erwärmt.
Der Gymnasialdirektor war Geheimrat Hoffmann, ein ganz alter Herr und
immer noch im Amt, der auch in Vertretung einige Lateinstunden in
meiner Klasse gab (3).

Ich hatte damals schon ein lebhaftes Interesse nicht nur für die
politischen Vorgänge um uns herum, sondern auch für alles
Geschichtliche.  So bekam ich schon mit neun Jahren eine zweibändige
"Deutsche Geschichte" (Otto) geschenkt, ich wurde überhaupt ein
eifriger Leser von Büchern.  Beide Eltern waren es und hatten jeder
eine große Bibliothek.  Es gab da nicht nur die ledergebundenen
vollzähligen deutschen Klassiker und Romantiker, in Übersetzungen
auch französische und die meiner Mutter besonders nahe russische und
skandinavische Literatur, die ja alle im frühen 20. Jahrhundert im
deutschen Kulturleben großen Nachhall hatten.  Natürlich waren da
auch damals moderne Deutsche Schriftsteller, auch viel Geschichte,
Kunst und andere "Sachbücher".  Das wurde für mich bald eine
wunderbare Fundgrube.  Die Mutter war immer mit Anregungen bereit,
was ich als Nächstes lesen könnte.

Im Herbst 1918 nahm sie mich auf einen Spaziergang in den Südpark und
fing an, über die Lage des Kriegs zu sprechen.  Sie sagte mir in so
vielen Worten, daß Deutschland den Krieg verloren hat und es zu einer
Revolution kommen würde.  Ich war wie versteinert.  Das hatte ich
nicht gewußt.  Es war ja immer wieder, noch im August 1918, von neuen
Offensiven und Schlachten die Rede.  Vater hatte zwar schon lange
keine der patriotischen Reden gehalten, aber daß es so kam, war kaum
vorstellbar.  Meine Mutter erklärte mir, daß das schon einige Zeit
vorauszusehen war, und sie daher für die Einstellung der
Sozialdemokraten zum Krieg schon lange die meiste Sympathie gehabt
hätte.  Die Unterhaltung war eine notwendige und heilsame
Vorbereitung für mich auf die turbulenten Ereignisse, die nach
einigen Wochen einsetzten mit dem deutschen militärischen
Zusammenbruch und der Revolution.  Sie ließen lange Gesichter, große
Ängste vor unbekannten Untiefen.  Für Oberschlesien hieß das
Kriegsende auch, daß das deutsch­polnische Problem nun weit aufbrach
und im Laufe der Jahre darum immer wieder viel Blut fließen würde.
Natürlich hatten wir auch die innenpolitischen Unsicherheiten,
Unruhen von den extrem Linken, Zeichen von Umtrieben
rechtsgerichteter Freischärler und die Inflation, aber der
deutsch­polnische Konflikt, die Besatzung durch interalliierte
Truppen und dann die Teilung Oberschlesiens wurden bei uns die
dominierenden Ereignisse.

Zunächst gab es auch hier die ersten Konsolidierungserscheinungen der
Weimarer Republik.  Es gab Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung,
auch zum preußischen Landtag und zur Stadtverordnetenversammlung.
Der Oberbürgermeister Pohlmann ging als Abgeordneter der neuen
Deutschen Demokratischen Partei, der Nachfolgerin der Freisinnigen
Volkspartei, in die Weimarer Nationalversammlung, mein Vater als
deren Spitzenkandidat und dann Fraktionsführer ins neue
Stadtparlament.  Für dieses gab es einen lebhaften Wahlkampf.  Nach
der Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts war die
Zusammensetzung des Stadtparlaments ganz anders geworden.  Die
katholische Zentrumspartei stellte als stärkste Fraktion den Arzt Dr.
Max Reichel als Stadtverordnetenvorsteher.  Wegen der langjährigen
Amtszeit, Erfahrung und das Prestiges meines Vaters nannte sich Dr.
Reichel manchmal scherzhaft den Stadtverordnetennachsteher.  Es gab
nun auch eine polnische Fraktion im Stadtparlament, geführt von dem
Frauenarzt Dr. v.Mielecki.

Ich habe ja schon bemerkt, daß einem als in der Stadt Kattowitz
lebenden Jungen bis 1918 die einschneidende politische Bedeutung der
polnischen Frage für Oberschlesien gar nicht so bewußt geworden war
(4).  Oberschlesien hatte ja schon lange nicht mehr zu dem
unabhängigen polnischen Staat gehört, dessen Teilung und Verlust der
Unabhängigkeit bei der Bevölkerung der entstandenen Teilgebiete einen
starken Widerstandswillen und Sehnsucht nach Wiederherstellung ihres
unabhängigen Polens wach hielten.

So hatten sich auch die verschiedenen polnischen Aufstände des
früheren 19.Jahrhunderts nicht auf Oberschlesien ausgedehnt.  In
Oberschlesien vertrat die katholische Zentrumspartei lange auch die
Interessen der polnisch sprechenden Bevölkerung, aber es bildeten
sich polnische Vereine und Genossenschaften, bis 1903 zum ersten mal
Wojciech Korfanty als ein polnischer Abgeordneter in den Reichstag
gewählt und 1907 von weiteren gefolgt wurde.  Nach dem Eintritt der
USA in den 1. Weltkrieg wurden die 14 Punkte ihres Präsidenten Wilson
offizielle Friedensziele der Alliierten, Punkt 13 sah die
Wiederherstellung eines unabhängigen Polens vor (6).  Für
Oberschlesien stellte sich der "Kleindruck" als das Wichtigste heraus.
Es waren nicht mehr die historischen Grenzen vor Polens Teilungen
gemeint, sondern alle "von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung
bewohnten Gebiete".

Damit war nun auch Oberschlesien, obwohl es nicht ein Teilungsgebiet
war, deutlich anvisiert.  Nachdem wir in Kattowitz zunächst im
November die Aufregungen und Veränderungen der deutschen Revolution
von 1918 mitmachten, wurde es langsam klar, daß die
Friedensbedingungen, mit denen Deutschland konfrontiert war und für
die noch das kaiserliche Kabinett des Prinzen Max von Baden Anfang
Oktober die 14 Punkte Wilsons als Basis hatte annehmen müssen (7),
ganz ernstlich die Einverleibung Oberschlesiens in den neuerstehenden
polnischen Staat einschlossen.  Es entwickelte sich bald eine
lebhafte gegenseitige Propaganda mit Demonstrationszügen und
Protestkundgebungen, an denen auch die Schuljugend beteiligt wurde.
Vor Wohnungen oder Geschäften von polnischen Führern wurde
demonstriert, die, wie gesagt, oft aus Posen stammten und bis dahin
garnicht so bekannt waren, aber die Gemüter wurden weitgehend

beherrscht von dem Namen Korfantys.

Der war ja nun wirklich ein Oberschlesier.  In meiner Familie war er
nicht unbekannt.  Als Gymnasiast hatte er dem jüngsten Bruder meines
Vaters, Paul, Nachhilfestunden gegeben.  Die Familie Grünfeld stand
damit nicht allein.  Ruth Storm, Tochter des Verlegers und
Buchhändlers Carl Siwinna, Herausgeber der Kattowitzer Zeitung,
berichtet (in ihrem Buch "..und wurden nicht gefragt" S.50), daß der
Pfarrer sich bei ihrer katholischen Großmutter für den intelligenten,
aber armen Jungen Korfanty eingesetzt hatte, und er den Geschwistern
ihres Vaters Nachhilfestunden gab.  Im Reichstag wurde er bald
prominent unter den polnischen Abgeordneten.  Nach dem Zusammenbruch
im November 1918 kam es in Posen gleich zur Bildung eines polnischen
Volksrats.  Korfanty gehörte zu seiner Leitung, profilierte sich also
schon damals über seine oberschlesische Stellung hinaus auf der
gesamtpolnischen Szene.

Der Friedensvertrag von Versailles sah ebenso wie für einen Teil
Westpreußens vor allem für Oberschlesien eine Volksabstimmung vor (9).
In Vorbereitung und während der Abstimmung sollte Oberschlesien von
deutschen Truppen geräumt und von alliierten Truppen besetzt werden.
Der Versailler Vertrag vom 28.Juni 1919 trat aber erst nach seiner
Ratifizierung am 10.Januar 1920 in Kraft und die Besetzung
Oberschlesiens durch alliierte Truppen erfolgte Ende Januar 1920.
Inzwischen hatte es im August 1919 einen polnischen Versuch gegeben,
mit dem 1.polnischen Aufstand ein "fait accompli" zu schaffen und die
Abhaltung einer Abstimmung in Oberschlesien hinfällig zu machen.  Er
dauerte nur wenige Tage und wurde von den Deutschen niedergeschlagen.
Zu dieser Zeit gab es bereits Gruppen von Freikorps beider Seiten,
die in die Kämpfe verwickelt waren und von nun an bis zur
Durchführung der späteren Teilung Oberschlesiens nicht mehr von der
Szene verschwinden sollten.  Dieser erste polnische Aufstand war doch
ein blutiger Zwischenfall und erregte auch nachträglich Beunruhigung
und Bedrücktheit.  Es kamen dann noch die Kommunalwahlen vom 28.
November 1919, die starken Zuwachs polnischer Stimmen zeigten (10).

In der Deutschen Demokratischen Partei wurde Otto Ulitz, anfänglich
noch in seiner Uniform des Polizeikommissars, sehr aktiv und ein
häufiger Besucher meines Vaters und Begleiter an
Wochenendspaziergängen, zu denen ich ja oft mitgenommen wurde.  Er
wurde dann zu einer Schlüsselfigur bei den deutschen Vorbereitungen
für die Abstimmung.  Ich nahm regen Anteil an all diesem Geschehen,
und das taten auch alle in der Schule.

Meine Klasse war wie alle in diesem Gymnasium gut gemischt.  Die
meisten waren aus oberschlesischen Familien, viele auch Söhne von
preußischen Beamten, Leuten aus der Industrie und Wirtschaft oder
auch freien Berufen, die aus anderen Teilen Deutschlands gekommen
waren.  Katholiken waren in der Überzahl, ebenso gab es einen
verhältnismäßig hohen Anteil von Protestanten und einige jüdische
Mitschüler.  Religionsunterricht hatten wir nun bei dem Rabbiner Dr.
de Haas, und es interessierte mich immer noch sehr.  Karl­Heinz
Lubowski blieb ein guter Freund, trotzdem er ein Jahr früher ins
Gymnasium gekommen war und immer eine Klasse über mir blieb.  Er
hatte dort einen sehr aufgeweckten und anregenden Kreis und ich war
diesem dann im Laufe der Jahre eher näher als meiner eigenen Klasse,
und das traf auch für die jüdischen Mitschüler zu.

Wir waren dann bald in einem Alter, wo wir etwas von dem kulturellen
Leben in Kattowitz mitbekommen konnten.  Das moderne Stadttheater am
Ring, das die Stadtväter Anfang des Jahrhunderts erbaut hatten,
präsentierte sich als ein Wahrzeichen der so schnell aufgewachsenen
Stadt, die ja nicht reich an repräsentativen Bauten war.  Freunde der
Eltern, wie Dr. Speiers und das Ehepaar Pohlmann waren auch mit
Direktor Lischka­Raul und anderen im Theater befreundet.  Meine
Eltern allerdings interessierten sich mehr für Besuch der
Vorstellungen als hinter den Kulissen.  Wir Kinder hörten doch schon
darüber, was im Theater gerade gespielt wurde, manchmal durften wir
auch hin.  Zu den Volks­ und Wanderliedern, die schon lange die
Kinderlieder abgelöst hatten, kamen nun auch Operetten und andere
Schlager, die populär wurden.  Bei der Operette war auch Mizzi Will,
die Tanzstunden für Kinder unseres Alters veranstalten wollte.  Das
sollte sich abwechselnd in verschiedenen Häusern abspielen, und es
gehörten zu dem Kreis, der sich fand, auch Kinder aus einigen
jüdischen Familien.  Es war ganz spaßig, richtige Salontänze für ganz
jugendliche Paare.

Ein Mädchen, das teilnahm, aber mit der wir dann kaum Kontakt
behielten, war Lotte Altmann, in deren Haus wir auch waren.  Ihre
Mutter war aus der Familie des orthodoxen Frankfurter Rabbiners
Samson Raphael Hirsch, Gründers der religiös sehr orthodoxen, aber
sonst für Assimilation stehenden Gruppe des deutschen Judentums, die
sich "Austrittsgemeinde" nannte.  Es gab manche Familien in
Oberschlesien, die sich zu dieser Gruppe rechneten, und die große
Familie Altmann war prominent unter ihnen.  Ich erinnere mich an den
Senior der Kattowitzer Familie, Leopold Altmann, der nach Vaters 50.
Geburtstag zu ihm kam, um ihm zu gratulieren.  Er war viel älter als
mein Vater, war nicht zum Empfang und Frühstück gekommen.  Es bestand
eine deutliche Distanz in der privaten Sphäre zwischen diesen
orthodoxen Familien und denen, die wie meine Eltern jüdischen
Gebräuchen fernstanden, aber es gab gegenseitigen Respekt und eine
gemeinsame Gemeinde.  Die Eltern der Lotte Altmann zogen bald weg von
Kattowitz nach Frankfurt.  Ich erinnere mich an sie als ein damals
sehr ernstes und stilles Mädchen und habe sie hier erwähnt, weil sie
in ihren späteren Jahren bekannt wurde als Sekretärin des
österreichischen Dichters Stefan Zweig, mit dem sie, dann mit ihm
verheiratet, im 2.Weltkrieg in Brasilien aus dem Leben schied.

Das anziehende und lebhafte kulturelle Klima von Kattowitz ist oft
gerühmt worden, man nannte es manchmal Klein­Paris.  Aus einer
rückblickenden Betrachtung Arnold Zweigs, der zwar in Glogau geboren
wurde, aber in Kattowitz aufwuchs, möchte ich hier zitieren (11).  Er
rühmt erst die "freiheitlichen Deutschen", die seine Lehrer an der
Oberrealschule waren einschließlich des Direktors Hacks.  Dazu möchte
ich erwähnen, daß diese Schule städtisch war und ihr Direktor Hacks
1908 Vorgänger meines Vaters im Amt des Stadtverordnetenvorstehers.
Arnold Zweig fährt dann fort:

"das wirkliche Leben vollzog sich im Kreise von Jugendfreunden und
­freundinnen; von den ersteren sind einige bekannt geworden: der
Maler Ludwig Meidner, der Dichter Arnold Ulitz, der bei Langemarck
verschollene Philologe Rudolf Clemens.  Ich nenne diese Namen, um
einen geringen Hauch des geistigen und musikalischen Lebens jener
Stadt Kattowitz anzudeuten, die in Professor Oskar Meister und seinen
Nachfolgern Organisatoren eines echten Musiklebens besaß und einen
wirklichen Kritiker von Geschmack, Urteil und Können fand in dem
Geiger und Weinhändler Paul Rappaport, Freund vieler Musiker, Kenner

moderner Literaturen...".

Es gab noch einige andere Namen von jungen Leuten jener Zeit, die
später bekannt wurden, so der katholische Philosoph Pater Erich
Przywara.  Es gab in Kattowitz den Buchhändler Georg Hirsch, dem
nachgesagt wurde, daß er diesen Kreis heranwachsender Schüler sehr
angeregt und gefördert habe.  Seine Buchhandlung spielte auch in
meinen Zeiten, ja bis in die späten 30er Jahre eine Rolle.  Meine
Eltern waren eifrige Käufer von Büchern und Kunden von Georg Hirsch.
Unter anderem hatte er auch die Auslieferung der "Fackel" von Karl
Kraus, die mir aber fremder blieb als zum Beispiel die "Weltbühne".

Der Meistersche Gesangverein spielte in unserem Leben weiter eine
große Rolle.  Meine Mutter hatte eine schöne Altstimme, nahm auch
weiter Gesangstunden, ihr Mitsingen im Meisterschen Gesangverein hieß,
daß sie zweimal in der Woche abends zu Proben ging, später auch
meine Schwester Lotte.  In Konzerte durften wir schon früh gehen,
nicht nur die Chorkonzerte, es kamen auch Solisten, Quartette und
Orchester, und mit der Zeit lernte man die meisten damals im
deutschen Konzertleben bedeutenden Künstler kennen.  Der von Arnold
Zweig erwähnte Musikkritiker Rappaport war besonders mit dem
Violinisten Josef Joachim befreundet gewesen.  Seine Tochter Hannah
Rappaport nahm auch an unserer Tanzstunde für Halbwüchsige teil, und
mit ihr und ihrem Mann war ich dann in späteren Jahren sehr
befreundet.

Nach diesem Rückblick auf die erfreulicheren Seiten des Lebens muß
ich mich wieder den Erinnerungen an die weitere Entwicklung in den
Kämpfen um das Schicksal Oberschlesiens zuwenden.

Die Ankunft der französischen Besatzungstruppen in Kattowitz brachte
für uns zu Hause eine große Veränderung.  Da Oberschlesien auf
französisch Haute Silesie hieß, brachten die Franzosen Gebirgstruppen.
Sie bliesen muntere Weisen aber benahmen sich zunächst eben wie
fremde Besatzungstruppen.  Etwas weiter weg in der Friedrichstraße
war die Villa der Frau Else Silberstein, Inhaberin einer großen
Kohlenhandlung, mit der Firma Emanuel Friedländer liiert; wir kannten
uns gut, sie war mit den Eltern befreundet.  Sie war schon lange
verwitwet, hatte ein besonders schönes und sehr gastfreies Haus.  Die
Franzosen beschlagnahmten es, um dort ein Offizierskasino
einzurichten.  Sie durfte dort bleiben, mußte aber fast das ganze Haus
für das Kasino zur Verfügung stellen.  Als sich bald Differenzen
ergaben, wurde sie ihres Hauses verwiesen und mußte ins Hotel ziehen.
Wir waren also verwarnt.

In der Tat, sehr bald kamen sie zu uns, um ein Kasino einzurichten.
Wir durften bleiben, in einem der vier Wohnzimmer des Erdgeschosses,
unsere Köchin durfte zunächst auch in der Küche für uns kochen, aber
als der französische Koch ein großes Stück Fleisch ins Feuer warf,
weil es ihm nicht gefiel, und sie (es war ja noch große Knappheit bei
uns) es retten wollte, wurde sie aus der Küche geworfen und mußte
versuchen, für uns in der Waschküche im Dachgeschoß zu kochen.  So
bekamen wir es also alle gleich wirklich mit, daß wir jetzt unter
französischer Besatzung waren.  Die große Diele war ihrer Lage nach
für die Passage beider Parteien da, also sahen wir viele französische
Offiziere.  Bald zog das Kasino aber aus, und wir bekamen wieder
jeweils einen Offizier als Einquartierung.

Oben im Gastzimmer wohnte immer noch der Herr v.Brunn, der nach
seiner Demobilisierung eine Stelle beim Berg­ und Hüttenmännischen
Verein, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie
hatte.  Ohnehin mußten wir größere Räume, nämlich zwei der Wohnzimmer
im Erdgeschoß, Damenzimmer und Salon, für den französischen Offizier
hergeben.  Das waren dieselben, die auch zu Beginn des Krieges der
Oberstleutnant v.d.Mölbe hatte.  Diesmal sollte es 1925 werden, bis
wir sie wieder selbst bewohnen konnten.

Die Vorbereitungen beider Seiten für die Abstimmung waren schon in
Gang gekommen.  Korfanty wurde zum Chef des polnischen
Plebiszitkommissariats mit Sitz in Beuthen ernannt, das deutsche
übernahmen nacheinander die Landräte a.D. Urbanek und Dr. Hans
Lukaschek.  Der Kampf zwischen Deutschen und Polen verschärfte sich,
die gegenseitigen Demonstrationen nahmen an Häufigkeit und Hitze zu,
all dies drang immer mehr in unseren Alltag ein.  Wie schon erwähnt,
es gab auf beiden Seiten heimlich bewaffnete Gruppen, auf deutscher
gehörten sie zu den Freikorps, die nach der 1918er Revolution sich in
Deutschland gebildet hatten.  Auf polnischer Seite waren es Gruppen
von polnischen Oberschlesiern, von Korfantys Plebiszitkommisariat
organisiert, aber auch von Polen infiltrierte Angehörige von
Pilsudskis POW. Diese beiden Gruppen waren nicht immer einer Meinung
(12).

In den deutschen Zeitungen, die wir lasen, stand viel über blutige
Gewalttaten der polnischen Gruppen, mit Verschleppungen und manchmal
tödlichen Mißhandlungen von Einzelnen, die sich für die deutsche
Sache einsetzten.  Aber es gab große Gewalttätigkeit auch von der
deutschen Seite, voran diesen Freikorps, wofür sie ja auch anderswo
in Deutschland einen traurigen Ruhm sich erworben hatten.  Als wir
Kinder einmal mit unserer Mutter im abseits am Wald gelegenen
"Stauweiher" badeten, war dort eine Gruppe junger Deutscher, die
provokativ ein Lied der "Brigade Ehrhardt" sangen, mit gewalttätigem
antisemitischem Refrain, und der alte Förster mit dem langen
anheimelnden Bart, der den Stauweiher beaufsichtigte, er tat nichts
gegen sie.  Man wußte von ihrer Rolle z.B.in Bayern.  Ein anderes
deutsches Freikorps, von dem man viel hörte, war die "Orgesch"
(Organisation Escherich).  Man sah sie auch in den Straßen.

Das Bild ist aber nicht vollständig, ohne sich auch zu erinnern, daß
sich dies in Oberschlesien ja noch in der Zeit der Nachwehen der
1918er Revolution abspielte.  Die oberschlesische Arbeiterschaft
blieb auch in sozialistischer Kampfstimmung.  Es gab viele Streiks
und Protestumzüge.  Man sah häufig rote Fahnen.  Ein großer Teil der
Bergarbeiterschaft war polnisch sprechend, und es gab eine starke
polnische sozialistische Partei, die auf der polnischen Seite im
Abstimmungskampf sehr prominent und mitverantwortlich war, aber in
Arbeitskämpfen mit den deutschen Sozialisten zusammen agierte.  Links
von diesen gab es auf deutscher Seite damals noch die Unabhängigen
Sozialisten, die mit den Spartakustendenzen in Deutschland
sympathisierten und daher prosowjetisch waren.  Das wurde ein sehr
brennendes Thema im Sommer 1920. Beide Seiten warfen sich vor, einen
Putsch vorzubereiten, um durch ein "fait accompli" die Abhaltung der
Abstimmung hinfällig zu machen.

Zu dieser Zeit war die Ostgrenze Polens noch viel mehr umkämpft als
im Westen, und Polen hatte, nach längeren Verhandlungsphasen, im
April 1920 einen neuen Angriff auf Rußland begonnen, der zunächst zur
polnischen Besetzung von Kiew führte.  Aber das Blatt wandte sich,
und im August standen die Russen vor Warschau.  Die Existenz des
neuen Polens schien gefährdet.

Was mir für immer von diesen Tagen so lebhaft und schrecklich in
Erinnerung blieb, war der gewalttätige Mord an dem polnischen Arzt Dr.
v.Mielecki, der sich in Kattowitz am 17.August 1920 in nächster Nähe
unseres Hauses abspielte.  Die unheimliche Brisanz dieses tragischen
Vorgangs blieb für mich immer der größte Schock all dieser
umstrittenen und blutigen Jahre.

Es war uns Kindern gesagt worden, daß große Demonstrationen, größer
und vielleicht gefährlicher als bisher angesagt waren, und wir
sollten unter keinen Umständen das Haus verlassen.  Die Eltern hatten
jeder etwas vor, und wir waren allein mit dem Personal.  Das Haus
hatte ein großes, ganz flaches Dach, das gerade ganz neu mit weißem
Kies ausgelegt worden war, und wir hatten dort unerlaubterweise
öfters gespielt, bis es uns ganz streng verboten wurde.  Man hörte
nun am Nachmittag schon Unruhe von der Friedrichstraße, und da mußte
man doch schnell aufs Dach.  Leute vom elterlichen Haushalt
entdeckten uns dort bald, der Tumult war schon so angewachsen, daß
einige auch mit uns oben blieben, von unten kamen immer laufende
Kommentare, was draußen vor sich ging.  Eine tobende Menge hatte sich
vor dem Haus der französischen Kommandantur angesammelt.

Das war schräg gegenüber dem benachbarten Haus, der früheren Villa
Sachs, Ecke Sedan­ und Friedrichstraße.  Man hörte Rufe, Schreie,
Singen von Liedern, Schüsse, dann wurde berichtet, man habe den Dr. v.
Mielecki aus seiner Wohnung gegenüber der Kommandantur geholt (13),
er wurde auf der Straße schwer mißhandelt.  Dann kam eine Droschke,
es hieß, er werde nun weggefahren, tobende Leute aus der Menge
folgten der Droschke, an unserem Gartenzaun entlang.  Dann hieß es,
er sei erschlagen worden.  Um unser Haus wurde es langsam ruhiger,
aber vor der Kommandantur dauerte der Aufruhr noch für Stunden.  Mein
Vater kam nach Hause, als wir noch auf dem Dach waren und kam auch
dort herauf, ich berichtete ihm sehr aufgeregt, was wir gehört und
zum Teil gesehen hatten.  Ich habe ihn nie so erschüttert gesehen, er
war bleich und sprachlos.  Er hatte Dr. v.Mielecki gut gekannt, als
Führer der polnischen Stadtverordneten, ein gut angesehener Mann in
Kattowitz.  Wir wurden nicht einmal ausgeschimpft, daß wir trotz
aller Verbote wieder auf dem Dach waren und so das alles aus nächster
Nähe hatten miterleben müssen.

Es wurde dann gesagt, daß "Orgeschleute" an dem gewaltsamen Verlauf
der Protestkundgebung und dem Mord an Dr. v.Mielecki schuldig waren.
Die Zusammenhänge waren aber viel komplizierter (14).  Es hatte
Berichte gegeben, daß die französischen Besatzungstruppen
Waffenvorräte und sogar Truppen nach Polen abgezweigt hätten, um der
polnischen Regierung in ihrem Kampf gegen die auf Warschau
vorrückenden Russen zu helfen.  Arbeiterkreise wurden zum Protest
dagegen mobilisiert, daß die Franzosen die "Neutralität
Oberschlesiens" im polnischen Kampf gegen die Sowjetunion gebrochen
hätten.  Zu dieser Kundgebung hatten die Gewerkschaften aufgerufen
als eine Aktion gegen die französische Besatzungsmacht.  Die
französische Kommandantur wurde hart bedrängt und mußte sich mit dem
Abzug ihrer Truppen aus dem Gebäude und der Stadt einverstanden
erklären.  Es verhandelten darüber die Gewerkschaftsführer.  Aber
ganz eindeutige nationalistische Töne hatten die Oberhand gewonnen,
mit bekannten deutschen patriotischen, antifranzösischen Schlagworten
und Liedern in höchster tumulthafter Erregung, was ganz klar zeigte,
daß die Kundgebung, ursprünglich von Sozialisten veranstaltet, von
gewalttätigen rechtsradikalen Elementen unterlaufen worden war.

Im deutschen Reichstag hatte bereits am 27.Juli der Ostexperte der
Deutschnationalen Volkspartei Dr. Hoetzsch erklärt, er persönlich
stehe dem russischen Kriegsziel mit voller Sympathie gegenüber (15).
Proteste gegen die Franzosen als Mitbesetzer und Forderungen, daß sie
abziehen und die Besetzung allein den Engländern und Italienern
überlassen sollten, waren schon früher erhoben worden.  Diese
mündeten nun auch in die Demonstration für die "Neutralität"
Oberschlesiens im polnisch­russischen Krieg ein, zu der die
Gewerkschaften für ganz Oberschlesien aufriefen, verbunden mit einem
Generalstreik.  Die Schlesische Arbeiterzeitung, das Parteiblatt der
Unabhängigen Sozialdemokraten schreibt am 19.August:

"Die blutigen Zusammenstöße in Kattowitz sind ohne Zweifel auf das
Verhalten deutscher Nationalisten zurückzuführen, die die
proletarische Demonstration gegen den polnischen Eroberungskrieg und
für Räterussland in verbrecherischer Weise benutzen, um ihrem
Chauvinismus Luft zu machen" (16).

Weiter noch ging eine Erklärung des sozialistischen
Reichtstagabgeordneten Breitscheid, der, allerdings "unter lebhaftem
Widerspruch des Grafen Westarp" mitteilte, den Unabhängigen
Sozialisten in Oberschlesien seien von nationalistischen Offizieren
ganze Lastautos mit Waffen angeboten worden, wenn sie gegen die Polen
und die Entente losgehen wollten (17).  Die demokratische "Vossische
Zeitung" vom 27.August 1920 schließlich kritisiert die Gewerkschaften,
daß sie auf bloße Verdachtsgründe über französische
Truppenverschiebungen hin, zu der scharfen Waffe des politischen
Generalstreiks griffen, "ohne Fühlungnahme mit der stärksten
deutschen Partei, der Katholischen Volkspartei(Zentrum)" (18).

Auf der polnischen Seite wurde der Krieg gegen die Sowjetunion
hauptsächlich von Pilsudski und seinen Anhängern betrieben, einem
ehemaligen Sozialisten, dessen Regime und Parteiungen damals im
innerpolnischen Leben Polens als links gerichtet angesehen wurden.
Der Aufruf, den das Polnische Plebiszitkommittee nach dem blutigen 17.
August erließ, klagt die preußischen Militaristen an, daß sie
gemeinsam mit den Sozialisten, Nationalen Bolschewisten und
Kommunisten den Plan hatten, sich Oberschlesiens zu bemächtigen (19).

Dieser Aufruf war nicht nur unterschrieben von Korfanty, wir finden
auch den Namen von J.Biniszkiewicz für die Polnische Sozialistische
Partei, Michael Grajek für die polnische Bergarbeitergewerkschaft und
mehrerer anderer polnischer Gewerkschaftsführer.  Man sieht also, es
gab auf beiden Seiten Flügel, deren nationalistischer Eifer viel
größer war als ihre vermeintliche Bindung an politische Ideologien.
Während bei Ausbruch der Unruhen am 17.August es schon Gerüchte über
den Fall Warschaus gab, hatte die Wende durch einen erfolgreichen
Gegenangriff Pilsudskis schon begonnen und im Laufe der Woche war
sein "Wunder an der Weichsel" komplett, die Russen waren geschlagen
und die Polen gewannen damals die ihnen von Rußland bestrittenen
Ostprovinzen wieder.  In Oberschlesien brach der 2. polnische
Aufstand unmittelbar nach den Unruhen des 17.August aus, verschiedene
Landkreise waren von den polnischen Aufständischen besetzt.  Während
in Kattowitz die französischen Truppen hatten abziehen müssen und
erst nach 2 Tagen die interallierten Fahnen auf dem Kreiskommando
wieder aufziehen konnten, fand nun die deutsche Sicherheitspolizei
ihre Position in vielen Teilen des Landes unhaltbar, es wurden
Bürgerwehren in vorwiegend polnischen Orten gebildet.

Schließlich kam es zu Verhandlungen zwischen den beiden
Plebiszitkommissariaten in Beuthen.  Von polnischer Seite war es
Korfanty, von der deutschen Sanitätsrat Dr. Bloch aus Beuthen, der
mit Ulitz für die Deutsche Demokratische Partei im Deutschen
Plebiszitausschuß saß.  Am 27.August wurde ein Abkommen abgeschlossen,
das den polnischen Aufstand beendete, wogegen die deutsche
Sicherheitspolizei aus Oberschlesien zurückgezogen werden und durch
eine 50/50 deutsch­polnische "Abstimmungspolizei", aus Oberschlesiern
gebildet, ersetzt werden sollte (20).

Das war eine beträchtliche Veränderung auch für unser tägliches Leben.
Die Polizei sollte nun aus zum großen Teil nicht vorgebildeten
Kräften bestehen, das Abkommen sah auch Zusammenarbeit bei Beendigung
politischen Terrors und Waffenzufuhr vor, aber es litt die normale
Verbrechensbekämpfung, und das vertiefte das immer größer werdende
Gefühl um sich greifender Auflösung.

Es bewegte sich nun Alles auf die Abstimmung am 20.März 1921 zu, mit
Kundgebungen, an denen auch Schulklassen teilnahmen, ebenso wie
Adressenschreiben im deutschen Plebiszitkommissariat.  Die Leitung
der Abstimmung in Kattowitz hatte eine dreiköpfige Kommission unter
dem französischen "Kreiskontrolleur" mit dem Gewerkschaftssekretär
Josef Rymer, nachmaliger Wojewode, als polnischem und meinem Vater
als von allen deutschen Parteien ernannten deutschen Vertreter.  Wir
waren also durch seine Rolle den Vorgängen nahe.

Auch alle in Oberschlesien geborenen aber nicht mehr wohnhaften
Personen sollten am Geburtsort abstimmungsberechtigt sein, und die
ganze Familie kam, die nach Berlin gezogen war, ein unbekannter
Verwandter aus München meldete sich auch.  Unser Haus war voll von
Familienbesuch, und das gab dem Abstimmungstag für uns noch ein
besonderes Gepräge.

Es waren auch außerhalb der Familie viele alte Bekannte der Familie
nach Oberschlesien gekommen.  Ich erinnere mich, daß ich die Tante
Lucie Hirschel auf einem Spaziergang begleitete.  Sie traf eine große
Gruppe von Mitgliedern der Cassirer Familie aus Berlin.  Sie waren
auf dem Rückweg von Rybnik, wo sie herkamen und abgestimmt hatten.
Hans Hirschel hatte schon einen Ruf in der Familie als angehender
Literat, und ich bat ihn, ein Gedicht zur Abstimmung zu machen, das
ich dann vortragen wollte.  Das kam aber nicht zustande, und was ich
dann vorsang, war von mir, voller Ressentiment gegen Korfanty, und
Tante Ida Benjamin, die jüngste Schwester des Vaters, zum Beispiel
konnte ihren Abscheu gegen diesen jugendlichen Chauvinismus nicht
verbergen.  Die Benjamins und Paul Grünfelds waren nur den Tag über
da, waren die Nacht über gefahren und fuhren abends wieder nach
Berlin zurück, andere Verwandte blieben etwas länger.  Aber in der
Atmosphäre der Abstimmung war das keine Zeit, ein schönes Wiedersehen
mit der Familie zu feiern.

Die Abstimmung und auch die Tage und ersten Wochen danach verliefen
ruhig.  In der Stadt Kattowitz selbst hatten 85% für Verbleib bei
Deutschland gestimmt, im Landkreis 55% für Polen, beide
zusammengerechnet ergab 51.7% für Deutschland, aber die benachbarten
Kreise Pleß und Rybnik hatten, abgesehen von den ja kleineren Städten
viel größere Mehrheiten für Polen, während Stadt­und Landkreis
Beuthen zusammen gerade 50.3% für Deutschland entschieden.  Das
oberschlesische Gesamtergebnis war 59.6% für Deutschland.  Laut dem
Versailler Vertrag (21) sollte für "die als Grenze Deutschlands in
Oberschlesien anzunehmende Linie....sowohl der von den Einwohnern
ausgedrückte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche
Lage der Ortschaften Berücksichtigung" finden.  Die Alliierten Mächte,
durch ihre Botschafterkonferenz, sollten darüber befinden.

Die Abstimmungsergebnisse gaben ein sehr komplexes Bild, der
polnische Stimmenanteil, besonders in den südlichen Gebieten, war
sehr viel höher als die deutsche Seite erwartet hatte (22).  Alles
deutete nun darauf hin, das es zu einer Teilung Oberschlesiens kommen
würde.  Von deutscher Seite wurden aus Oberschlesien im April
Delegationen nach England, Frankreich und Italien gesandt, "um
einflußreiche politische Kreise zuverlässig zu unterrichten" (23).
Mein Vater gehörte der vierköpfigen Delegation nach Italien an.  Sie
bestand außerdem aus Pfarrer Ulitzka aus Ratibor,
Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei, in der er
später sehr prominent wurde, dem Generaldirektor Pistorius der
Fürstlich Plessischen Bergwerksdirektion Kattowitz, wo er auch
stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher gewesen war, und dem
sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Franz.  Warum der Vater in
den aufgeregten Zeiten nach der Abstimmung wegfuhr, wurde uns
natürlich ausführlich erklärt, und so erinnere ich mich auch, daß er
eine Einführung an den Chef der Banca Commerciale in Milan, Toeplitz,
hatte, der damals ziemlich bekannt war.  Als Vertreter der Deutschen
Demokratischen Partei war Vater wohl allgemein für Kontakte mit den
damals einflußreichen "laizistischen" Parteien zuständig, er war ja
auch Freimaurer.

So kam es denn auch, daß unser Vater nicht da war, als am 3.Mai der
große 3.polnische Aufstand ausbrach.  Das wurde nun für unsere Jugend
eine weitere Bekanntschaft mit Gewalt, Gefahr und der Ungewißheit,
was die nächste Stunde, geschweige denn die weitere Zukunft bringen
würde.  Die Umgebung der Stadt war sofort in den Händen der
Aufständischen, als wir am 3.Mai aufwachten.  Der Chauffeur, mit dem
deutschen Namen Adler, der bei uns im Haus wohnte, war fort mit dem
Hausschlüssel, es stellte sich heraus, daß er sich den Aufständischen
angeschlossen hatte.  Draußen in Karbowa waren auch die
Aufständischen, ein guter Geist für die Familie, der Portier des
Werks Theodor Walla, hielt die Verbindung aufrecht; manchmal bekamen
wir Gemüse, aber sein ältester Sohn Heinrich hatte sich auch den
Aufständischen angeschlossen.  Das war eben Oberschlesien.

Der Aufstand war gut organisiert und vorbereitet mit Hilfe und
starkem Zuzug von der POW aus Polen, aber der Stamm der
Aufständischen waren eben polnische Oberschlesier.  Es ging
rücksichtslos und zum Teil grausam zu.  Die Stadt war wie belagert,
aber es bestand hier und in anderen Städten eine Art modus vivendi
der Aufständischen mit den alliierten Besatzungstruppen, daß die
Städte selber nicht angegriffen oder von den Aufständischen besetzt
werden sollten.

Aber bei uns war dieser Ring sehr eng, und es wurde viel und auch in
die Stadt hineingeschossen, vor allem nachts.  Unser großer Garten
hinter dem Haus grenzte an die Rawa; dahinter waren Bruchfelder, eine
Art Niemandsland, auf der anderen Seit gehörte die Ferdinandgrube
schon den Aufständischen.  Auch von dort wurde manchmal geschossen.
Zuerst durften wir überhaupt nicht mehr in den Garten, dann zeitweise,
aber wenn man anfing, Schüsse zu hören, mußten wir sofort ins Haus.

Aber man weiß ja, wie das ist.  Wenn die Risiken über eine Zeit
andauern, dann wird man abgestumpft und fängt an, sie leichter zu
nehmen.  Schlimm war, daß nachdem nachts ganz systematisch für einige
Zeit geschossen wurde, man am nächsten Tag las, daß Kinder in ihren
Betten erschossen worden waren, auch von derselben Seite her, auf die
unser Garten ging.

Wir hatten ja noch immer französische Einquartierung und zwar seit
einiger Zeit den französischen Platzkommandanten Colonel Ardisson,
der auch noch seine Frau und zeitweise den erwachsenen Sohn und die
Tochter hatte nachkommen lassen.  Der Herr v. Brunn war schon
ausgezogen, und so hatten wir Platz genug.  Natürlich empfand man die
französische Besatzung als einen gewissen Schutz, aber man wußte doch
nie, was der nächste Tag bringen konnte.  Von der Ferdinandgrube war
es kaum mehr als fünf Minuten zu Fuß und einen Sprung über die kleine
Rawa bis zu unserem Garten, und überhaupt wer wußte, wie lange der
Waffenstillstand über Nichtbesetzung der Städte anhalten würde.

Im Industriegebiet waren die Landkreise alle in den Händen der
Aufständischen.  Eisenbahn­ und Straßenverkehr waren praktisch
lahmgelegt, die Aufständischen bildeten ad hoc Verwaltungen dafür,
auch ein interalliierter Zug, der täglich von Kattowitz nach Oppeln
und zurück ging, konnte nur mit ihrer Erlaubnis benutzt werden.

Unser Vater war unterdessen von Italien wieder nach Breslau und auch
bis Oppeln gekommen, durfte aber nicht nach Hause kommen.  Nach
einiger Zeit konnte er aber für uns eine Genehmigung "zur Ausreise"
arrangieren, und so fuhren Mutter, wir drei Kinder und Else Jeppesen
mit dem interalliierten Zug nach Oppeln.

Diese Reise war natürlich eine ziemliche Aufregung.  Man wußte von
Einigen, die sie gemacht hatten, aber erst kurz vorher war zum
Beispiel der Pastor Voss von den Aufständischen aus dem Zug geholt,
allerdings dann nach einem Verhör wieder freigelassen worden.  Bei
uns aber ging es ohne Zwischenfall.  Wir wurden dann nach einem
Besuch in Breslau im Riesengebirge in Krummhübel für die nächsten
Monate "parkiert", aber Vater war vorwiegend in Breslau und Oppeln.
Natürlich war es sehr schön so lange im Riesengebirge zu sein, wir
hatten es schon im Vorjahr bei einem kürzeren Ferienaufenthalt in
Brückenberg kennengelernt, aber diesmal war doch alles von so großer
Unsicherheit über die Zukunft umwittert.  Die Verwandtschaft in
Berlin plädierte stark mit Vater, daß er den Familienbesitz in
Kattowitz verkaufen und nach Deutschland ziehen sollte.  Onkel Felix
Benjamin war im Aufsichtsrat der Lübecker Hütte, an der Rawack &
Grünfeld damals maßgeblich beteiligt waren, und schlug vor, daß Vater
die Leitung von deren Zementfabrik übernehmen sollte und wir nach
Lübeck übersiedeln würden.

Bei all dem blieb aber doch im Vordergrund die Sorge, wie es wohl zu
Hause aussieht.  Man hörte und konnte sich vorstellen, die Not und
Versorgungsknappheit in der "belagerten aber nicht angegriffenen
Festung Kattowitz" war ganz schlimm geworden.  Es wurde ein besonders
heißer und trockener Sommer, und rund um die Stadt brachen große,
verheerende Waldbrände aus.  Als wir nach Beendigung des Aufstandes
im Juli zurückkehrten, war das Bild der Umgebung südlich nach Pleß
hin zunächst vollkommen verändert und trug noch weiter bei zu der
Trostlosigkeit der Situation und Stimmung.

Der 3.polnische Aufstand hatte zu einem Wiedereinmarsch der deutschen
Freikorps nach Oberschlesien geführt, die nach dem 2.Aufstand sich
samt ihren Waffen hatten zurückziehen müssen.  In einer Kampfhandlung
am Annaberg am 21.Mai wurde ein Sieg über Kräfte der Aufständischen
errungen, und auf deutscher Seite sah man das als die Wende an, die
schließlich zur Beendigung des polnischen Aufstands, offiziell am 1.
Juli, führte.  Die Vorgänge gelten aber als zu kompliziert für solche
Beurteilung (24).  Die Engländer wandten sich gegen die polnischen
Versuche, durch den Aufstand die für das weitere Schicksal
Oberschlesiens ausstehende Entscheidung der Alliierten
Botschafterkonferenz in Paris zugunsten Polens zu forcieren, und
drohten, englische Truppen zur Unterstützung der
französisch/italienischen Besatzungen zu senden.

Zu Hause war das Leben wieder mehr im gewohnten Gleis, aber die
Unsicherheit über die bevorstehende Entscheidung der alliierten
Botschafterkonferenz über Oberschlesien beherrschte die Stimmung.
Unsere "Hausbesatzung", der Colonel Ardisson schien wieder in
Kontrolle der Stadt als Platzkommandant, seine Familie war nach
Frankreich zurückgekehrt.  So hatten wir wenigstens wieder Verfügung
über das Gastzimmer im oberen Stock.

Das war gut, denn am 2. Oktober kam mein 13. Geburtstag und damit
meine Barmitzwah, und es wurde dazu Familienbesuch erwartet.  Ich
sollte ein Jahr vorher mit Vorbereitungsstunden anfangen und die
hatte ich beim Lehrer Willner, den ich sehr gern hatte.  Er war
einerseits ein jüdischer Gelehrter, aber auch preußischer
Volksschullehrer mit großer Allgemeinbildung.  Abgesehen von
hebräischer Schrift und Sprache galt der Unterricht auch
Grundkenntnissen in jüdischen Bräuchen und Gesetzen.  Die Zeit von
einem Jahr war knapp bemessen, und da von Mai bis August wegen des
polnischen Aufstands die Stunden wegfielen, blieb meine Kenntnis der
hebräischen Sprache sogar noch viel mangelhafter als vorauszusehen
war.  Ich hatte diese Stunden mit großen Erwartungen begonnen, sie
gaben meiner Anhänglichkeit an jüdische Religion und damit auch
jüdische Geschichtsverbundenheit mehr Substanz.

Die Barmitzwah Zeremonie blieb eine gewichtige Erinnerung.  Sogar die
Mutter kam in die Synagoge.  Der Onkel Max Grünfeld aus Berlin als
Miterbauer der Synagoge und für den architektonischen Entwurf damals
verantwortlich wurde als Dritter zur Thora aufgerufen.  Zu Hause
kamen dann sehr viele Gratulanten, auch einige noch sehr fromme
entferntere Verwandte, mit denen wir sonst kaum Kontakt hatten.
Nachmittags waren auch meine Freunde eingeladen.  Ich bekam, neben
anderen Geschenken, sehr viel Bücher, Grundlage einer noch wachsenden,
recht vielfältigen Bibliothek, die ich dann bei Ausbruch des 2.
Weltkriegs mit einem Schlag mit soviel anderem verlieren sollte.



Kapitel 4

Kattowitz kommt zu Polen

Die Botschafterkonferenz hatte zunächst keine Einigung über die
Zukunft Oberschlesiens erreicht und im August den Völkerbundsrat um
ein Gutachten gebeten.  Es handelte sich dabei natürlich nicht nur um
eine möglichst gerechte Auswertung der lokal so buntgewürfelten
Abstimmungsergebnisse, sondern auch um wirtschaftliche und
geographische Argumente, nachdem wohl von Anfang an die Möglichkeit
einer Teilung nicht ausgeschlossen worden war.  Den
Abstimmungsresultaten nach wurde bald als gegeben angenommen, daß die
Kreise Rybnik und Pleß zu Polen kommen würden.  Sie allein hätten
Polen wichtige Kohlegruben und ­vorkommen gegeben, aber nichts von
der Eisen­ und Stahlindustrie oder Zinkhütten.  Es wurde aber auch von
einer Abrundung durch einen Teil des Kreises Kattowitz gesprochen, wo
der Landkreis eine polnische Mehrheit gebracht hatte, wodurch beides
für Polen dazu kommen würde.

Die Engländer und im Allgemeinen auch die Italiener waren gegen eine
Teilung des Industriegebiets oder seine Abtrennung von Deutschland,
von der man annahm, daß es die Wirtschaftskraft des Gebiets schwächen
würde, und auch Deutschlands Möglichkeiten, die ihm in Versailles
auferlegten Reparationen zu bezahlen.  Die Polen besaßen eine Kohle­
und Stahlindustrie im östlich an Oberschlesien angrenzenden
Dombrowaer Gebiet, wo französisches Kapital stark beteiligt war.  Die
Franzosen waren vor allem an einem auch wirtschaftlich starken Polen
an der deutschen Ostgrenze interessiert.  Basierend auf den
Empfehlungen des Völkerbundsrats beschloß die Botschafterkonferenz am
20.Oktober 1921 einen Teilungsplan, in dem Polen auch der ganze Kreis
Kattowitz und ein Teil des Kreises Beuthen zugesprochen wurden.  Die
beiden großen Industriestädte Kattowitz und Königshütte, die mit
großen Mehrheiten für Deutschland gestimmt hatten, sollten also zu
Polen kommen und wirtschaftlich weit mehr als die Hälfte der
Kohleproduktion und der Hochöfen, die Hälfte der Stahlwerke, fast die
ganze Zinkindustrie.  Das Industriegebiet sollte mitten
durchgeschnitten werden, mit seinem dichten Eisenbahn­ und
Straßenbahnnetz, Wasser­ und Stromversorgung, ja auch unter Grund
wurden Gruben durchschnitten, mit einem Schacht auf der polnischen
und einem anderen auf deutscher Seite.

Die praktischen Probleme waren enorm, für die menschlichen wurde
vorgesehen, daß beide Teile ein Minderheitenschutzabkommen
abschließen würden, um die Rechte der sprachlichen Minderheiten zu
schützen.  Das junge Polen hatte ein solches Abkommen mit den
Alliierten Mächten in Versailles am 28.Juni 1919 zum Schutz seiner
verschiedenen Minderheiten abschließen müssen, und es wurde ihm nun
auferlegt, dies entsprechend auf die neu entstehende deutsche
Minderheit in dem polnisch werdenden Teil Oberschlesiens auszudehnen,
während Deutschland gehalten wurde, ein entsprechendes Abkommen für
die polnische Minderheit im deutsch bleibenden Teil Oberschlesiens zu
schließen.

Es war nur wenige Tage nach meiner Barmitzwah, daß diese
Entscheidungen bekannt wurden und eine ganz neue Situation schufen.
Mit der Ungewißheit hatte man ja schon drei Jahre gelebt.  Nun war
der gordische Knoten durchhauen, es kam etwas ganz Neues auf einen zu.
Vater war schon in den Wochen davor in viele Sitzungen und
Gespräche zur Lage verwickelt, nun wurden sie für die Stimmung
beherrschend.  Die Ideen vom frühen Sommer während des polnischen
Aufstands, daß man eventuell weggehen würde, waren ganz verflogen.
Unter den ansäßigen Deutschen verbreitete sich die Stimmung, daß man
sich mit der neuen Situation abfinden und eben auf ein Leben als
deutsche Minderheit im polnischen Teil Oberschlesiens und damit im
polnischen Staat einrichten müsse.  Durch die Auflage eines
Minderheitenschutzabkommens, das nun eifrig ausgearbeitet und dann
auch am 22.Mai 1922 in Genf unterzeichnet wurde, war man ja ganz klar
so angesprochen.  Es gehörte dazu, daß die Vertreter der deutschen
Seite im Polen zugesprochenen Teil Oberschlesiens sich nun
zusammentun und ihre eigenen Reaktionen und Ideen zu ihrer
zukünftigen Haltung ausarbeiten und aussprechen mußten.  Dazu gehörte
auch die ehrlich gemeinte Zusicherung der Loyalität für die neue
staatliche Souveränität, und das Alles geboren aus einem Heimatgefühl,
daß nämlich, was aufgebaut und erworben war, nicht zu Grunde gehen,
sondern weiter gedeihen sollte.

Es liegen darüber mannigfache Äußerungen von maßgebenden deutschen
Funktionären aus dem polnisch werdenden Teil von der Zeit nach der
Entscheidung vor.  Deutlich erinnere ich mich, daß mein Vater von
einer Sitzung in Beuthen oder Gleiwitz schon kurz nach der
Entscheidung nach Hause kam und sehr erregt erzählte, ein aus Berlin
anwesender Minister hätte gesagt, was die künftige deutsche Politik
zu dem abzutretenden Teil anbelangt, wären doch wohl Alle mit der in
Berlin herrschenden Auffassung einig: "abschnüren und vernichten".

Ich nehme an, daß es eine Sitzung der Deutschen Demokratischen Partei
Oberschlesiens war.  Auf Provinzebene waren Sanitätsrat Bloch in
Beuthen und Justizrat Kochmann in Gleiwitz, der auch im preußischen
Landtag saß, prominenter gewesen, für das Gebiet des künftigen
Polnisch­Oberschlesiens aber war mein Vater wohl nun der führende
Exponent geworden.  Er hatte diesem Reichsminister sehr scharf
widersprochen, und ich habe ihn selten so erregt gesehen, wie er uns
darüber erzählte.  Für die Deutschen im künftigen
Polnisch­Ober­schlesien mußte es andere Wege des Denkens in ihrer
neuen Situation geben.  Es brachte sie in die Linie des Denkens der
nationalen Minderheitenbewegung, die sich in Europa nach dem ersten
Weltkrieg entwickelte.  Mich haben diese neuen Begriffe und
Vorstellungen auch später im Zusammenhang mit manchen anderen
Problemen des 20. Jahrhunderts immer wieder sehr interessiert.

Der Übergang des Gebiets an Polen sollte durch einen feierlichen
Einzug der polnischen Truppen in Kattowitz am 20.Juni 1922 vollzogen
werden.  In der Zwischenzeit hatte es zunehmende Zeichen von
Auflösungsstimmung gegeben, Beamte gingen weg, Behörden waren im
Übergang, wir merkten das auch in der Schule.  Laut Genfer Abkommen
mußte der polnische Staat auch deutsche Minderheitsschulen
unterhalten.  Unser Gymnasium sollte das neue staatliche Gymnasium
sein, ein großer Teil des bisherigen Bestands seine
Minderheitsabteilung.  Viele der Lehrer wollten weg nach Deutschland
gehen, doch einige, vor allem jüngere, waren bereit zu bleiben.  Man
wußte noch nichts Genaues.  Als das letzte Abitur um Ostern
abgehalten war, wozu auch der Oberschulrat aus der bisherigen
Provinzhauptstadt Oppeln kam, konnte man fühlen, daß der
traditionelle Bierabend der Lehrer mit den Abiturienten auch eine Art
Abschiedsfeier für den Lehrkörper wird.  Als wir Jüngeren am nächsten
Morgen in die Schule kamen, waren nur wenige Lehrer da, man sah die
Meisten herumwanken, kaum einer konnte ganz grade stehen.  Die Schule
fiel aus, wir wurden nach Hause geschickt.  Es war gewiß auch ganz
komisch, aber eigentlich war es niederschmetternd.  Das Gefühl der
Auflösung nahm übergroße Proportionen an.

Die polnische Regierung bestimmte den General Stanislaw Szeptycki zur
Führung des feierlichen Einzugs der polnischen Truppen.  Sein Name
war uns damals neu, aber bald danach wurde er zeitweilig polnischer
Kriegsminister, also mußte er ein prominentes Mitglied der polnischen
Generalität sein.  Der Name der Familie ist unterdeß bekannter
geworden, eine ostgalizische Adelsfamilie, die starke Bindungen an
die dortige westukrainische Bevölkerung hatte.  Sein Bruder Andrzej
wurde Metropolit der mit Rom Uniierten Slawisch­Orthodoxen Kirche (1).
Der General selber hatte im 1.Weltkrieg große Erfolge im Kampf
gegen russische Truppen im östlichen Polen errungen, er war zum

österreichischen General gemacht worden, hatte mit Pilsudski
zusammengearbeitet.  Es kam also jemand wirklich von der ganz anderen
Seite Polens.

Der Gewerkschaftssekretär Josef Rymer, zum ersten Wojewoden der neuen
Wojewodschaft Schlesien mit Sitz in Kattowitz, von nun an Katowice,
ernannt, begrüßte den General mit seinen Truppen an der schlesischen
Grenze bei Schoppinitz.  An der Stadtgrenze sollte der neue
Oberbürgermeister Gornik, ein oberschlesischer Pole, ihn zusammen mit
dem deutschen Stadtverordnetenvorsteher Dr. Reichele begrüßen.  Von
unserem Balkon aus konnten wir ihn in einer Droschke allein auf
seiner einsamen Fahrt zur Stadtgrenze vorbeifahren sehen.  Er hatte,
da er erst so kurz im Amt war, meinen Vater gebeten, es doch mit ihm
zusammen zu tun, aber mein Vater entzog sich dem.

Er sollte den General ohnehin noch treffen.  Da der Colonel Ardisson
schon weg war, wurde der General bei uns einquartiert.  Er machte
bald einen formellen Höflichkeitsbesuch.  Wie schon oft bei den
französischen Offizieren wollte mein Vater auch damals, daß ich dabei
bin.  Ich erinnere mich nur, daß zuerst einige etwas verlegene Worte
waren, wie man sprechen sollte, und die Unterhaltung spielte sich
dann auf Französisch ab.

Sonst bestand für uns sein kurzer Aufenthalt nur aus gelegentlichem
Zunicken, aber dann kam ein Schock, er erschien plötzlich mit einem
kleinen Foxterrier.  Mein Gott, seufzte meine Mutter, die schönen
Salonmöbel, sie waren mit Damast bezogen.  Aber der General fuhr bald
ab, ohne größeren Schaden anzurichten.

Die beiden Wohnzimmer wurden aber nicht freigegeben.  Wir bekamen als
zivile Einquartierung den neuen polnischen Präsidenten der
Eisenbahndirektion Sikorski, der noch einige Jahre dort wohnte, ein
sehr ruhiger Mitbewohner, er blieb praktisch ohne jeden Kontakt mit
uns.

Der größte Wechsel kam für uns Jungen, als die Schule wieder anfing.
Der neue polnische Direktor beider Abteilungen hieß Wolff.  Die
meisten der bisherigen Schüler wollten in die deutsche
Minderheitsabteilung gehen.  Die Meldungen für die polnische
Abteilung waren vorerst kleiner, der Zuzug polnischer Beamten und
anderer Familien entwickelte sich erst.  Herr Wolff verfügte, daß
alle Jungen mit polnischen oder polnisch klingenden Namen in die
polnische Abteilung übergehen müßten, und er kam selbst, um uns
einzuteilen.  Es entstand Verwirrung und Aufruhr.  Die meisten der so
betroffenen konnten kein Wort polnisch sprechen, und so gab es lange
Gesichter in beiden Abteilungen, und es gab wohl sofort
Protestschritte des Deutschen Volksbunds, der der Genfer Konvention
nach zum Schutz der Minderheitenrechte auftreten sollte.  Diese Frage,
wer zur deutschen Minderheit gehörte und wer nicht, brachte sehr
klar ein Problem und einen Gefahrenpunkt des ganzen Konzepts der
Minderheitsrechte für Volksgruppen zum Vorschein.  Hier wurde also
von deutscher Seite darauf bestanden, daß die Zugehörigkeit zur
Minderheit eine Sache freier Wahl, als des "Bekenntnisses" sein muß.
Die Erinnerung an dieses Jugenderlebnis erweckt bei mir eine ganze
Reihe weiterer Gedanken.  Schließlich standen da bei uns in der
Untertertia unsere Mitschüler, ein guter Teil von ihnen, und Herr
Wolff wollte ihnen nicht mehr erlauben, weiter in die deutsche Schule
zu gehen.  Die Freiheit, die er für sich selbst als polnischer
Gymnasialdirektor mit deutschem Familiennamen nahm, wollte er unseren
Mitschülern aus Familien mit polnischem Namen, aber oft wohl schon
seit Generationen deutschsprachig, nicht zuerkennen.

Die Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zu einer Minderheit habe ich
immer als sehr entscheidend empfunden.  Es entspricht wichtigen
liberalen Grundsätzen.  Die Forderung nach autonomer Verwaltung für
Minderheiten, jedenfalls auf kulturellem Gebiet, wurde ein zentraler
Punkt der Minderheitenbewegung in Europa, aber ich fand sie nur
vertretbar, wenn das auf freiwilliger Assoziation beruhte.  Menschen
zwangsweise in solche Kompartments einzuordnen, würde neue Elemente
von Unfreiheit einführen.

Daß die deutsche Seite und dann auch die Führung der
Minderheitenbewegung dieses Bekenntnisprinzip vertrat, war ja
eigentlich ein Abrücken vom strikten Sinn völkischer Denkweise.  Die
Konzeption des Nationalen war eben tatsächlich vielmehr verwandt mit
dem Begriff der Kulturkreise, um den Geist von Arnold Toynbee zu
berufen.  Dieser aber relativiert gleichzeitig die Nationale Idee und
bringt einen so zu einer Annäherung an europäische Wirklichkeit
zurück.  Man liest oft über anscheinend bedauernswerte Gebilde:
Vielvölker­ oder Gemischtvölkerstaaten, so die alte Donaumonarchie,
ja in deutscher Sicht, dann die 1918 entstandene Tschechoslowakei.
Genealogisch gesehen waren es ja auch weite Gebiete Ostdeutschlands,
mehr als man davon Kenntnis genommen hatte.  Da war nichts
bedauernswertes daran, wenn man nicht inkongruente völkische
Ideologien dahinein brachte.

Ich glaube, es hat in der Minderheitenbewegung auch manche liberale
Kräfte gegeben, die Sinn hatten für die europäische Bedeutung und
liberale Grundnote der Sache.  Aber es gab wohl auf deutscher Seite
auch Viele, die das Bekenntnisprinzip in Sachen Nationalität
hochhielten, weil das für den Besitzstand der deutschen Volksgruppe z.
B. in Polen zahlenmäßig so wichtig war.  Man sieht wieder, wenn es um
klare Interessenlage ging, hier gar nicht wirtschaftliche, sondern
einfach Macht­ und Bedeutungsinteressen der Volksgruppe, da
verschwanden Ideologien in den Hintergrund.  Dann blieb nur noch der
Antisemitismus als Kaffeesatz der völkischen Idee.

Die Qual meiner Untertertia Schulkameraden war bald vorüber, ja es
entbehrte nicht einer gewissen komischen Wirkung, als sie so schnell
wieder in unsere Klasse zurück durften und das normale Schulleben
unter dem neuen Regime begann.  Dieser Vorfall war beigelegt.

Auf längere Sicht waren aber die Polonisierungsmaßnahmen auf anderen
Wegen erfolgreicher.  Nach einiger Zeit gab es auch in der Stadt
Kattowitz eine polnische Bevölkerungsmehrheit. 1932 war die deutsche
Minderheitenabteilung des staatlichen Gymnasiums schon viel kleiner
geworden, schließlich wurde sie geschlossen, und es gab dann nur noch
ein deutsches Privatgymnasium.  Der Direktor Wolff blieb nicht lange,
unser nächster polnische Direktor hieß Steuer, und unter ihm habe ich
noch 1926 dort mein Abitur gemacht.

Kurz nachdem wir in Kattowitz die Übergabe an Polen erlebt hatten,
wurde in Berlin der damalige deutsche Reichsaußenminister Walter
Rathenau ermordet.  Für uns waren und blieben die Ereignisse in
Deutschland immer noch ganz hautnah.  Das Berliner Tageblatt und die
Breslauer Zeitung kamen weiter jeden Tag, und dazu kam noch die
Ostdeutsche Morgenpost aus Beuthen, denn man mußte ja auch mit dem
deutschgebliebenen Teil Oberschlesiens Kontakt behalten, und sie kam
früh morgens am selben Tag.

Die Erregung dieser Tage in Deutschland erlebten wir sehr stark mit.
Man erinnerte sich an die Ermordung des katholischen Finanzministers
Mathias Erzberger im August 1920, auch durch rechtsradikale
Freischärler.  Rathenau war Jude, er war für mich als 14jährigen
etwas wie ein Idol geworden, ich hatte einige seiner Bücher gelesen.
Es war die menschliche Tragödie dieses Mordes an Rathenau, und eben
auch das Licht, das da auf die Turbulenz der Lage in der jungen
Weimarer Republik fiel, für die es dann mit vernichtender Inflation,
französischer Ruhrbesetzung und dem Hitlerputsch November 1923 kaum
eine Atempause gab.  Dieser Hitlerputsch damals war aber ein
theatralischer Fehlschlag.  Die Republik hatte doch schon Muskeln,
eine Regierung der Großen Koalition (Deutsche Volkspartei, Zentrum,
Demokraten und Sozialdemokraten) unter Stresemann war am
erfolgreichsten mit der Konsolidierung, unterstützt vom Erfolg der
Schacht'schen Währungsreform.

Nicht nur wegen politischen Geschehens, sondern vor allem auf
kulturellem Gebiet war man, auch nach der Abtretung Ostoberschlesiens,
mit dem Leben in Deutschland weiter stark verbunden.  Für uns
heranwachsende Jungen blieben auch die Ideen der Jugendbewegung in
Deutschland, des Wandervogels, eine Anziehung.  Wandervögelbünde
selber hatten sich in Kattowitz nicht so entwickelt während der Zeit
der Besetzung und politischen Kämpfe.  Es gab aber eine Gruppe des
jüdischen Jugendbundes "Kameraden", und einige meiner Schulfreunde
gehörten dazu.  Es war ein nichtzionistischer Bund.  Beide Eltern
widersetzten sich meinen sehr dringenden Wünschen, da auch
beizutreten, ich sollte stattdessen in den "Alten Turnverein" gehen,
der mich gar nicht begeisterte, und den ich bald verließ.

Bedeutsam wurde, daß ich mit einigen Freunden, meist aus der nächst
höheren Klasse, zu einem Lesezirkel gehörte, in dem gelesen, aber
auch viel diskutiert wurde.  Es waren Klassiker und zeitgenössische
Literatur und eben manches, das mit der Jugendbewegung zusammenhing,
und wir hatten einige der Zeitschriften der Jugendbewegung.  Wir
trafen uns abwechselnd zu Hause.  Einige der "Kameraden"­Mitglieder
spielten auch eine Rolle, so Manfred Danziger, und von anderer Seite
erinnere ich mich besonders an den alten Freund Karl­Heinz Lubowski

und an Wolfgang Juretzek.

Zu den starken Anregungen in Richtung Jugendbewegung gehörte auch für
mich ein Besuch bei uns zu Hause von Dr. Rudolf Trevenfels aus
Breslau.  Das war eigentlich eine Familienfreundschaft, er war zehn
Jahre älter, aber noch ganz erfüllt mit solchen und anderen Ideen und
hatte viele enge Kontakte mit einigen Schlüsselfiguren aus dieser
Welt (2).

Auch das kulturelle Umfeld blieb für uns eigentlich ganz unverändert
und weiter sehr reich und aktiv.  Das Stadt­Theater wurde nun
zwischen deutschem und polnischem Theater geteilt, an den der
neugebildeten Deutschen Theatergemeinde zustehenden Tagen wurde es
von der ebenfalls neuentstehenden Landesbühne aus dem
deutschgebliebenen Oberschlesien "bespielt".  Das war dann doch eine
sehr starke, auf den ganzen Industriebezirk sich stützende
Unternehmung, und es gab ein interessantes Programm und Kräfte.  Die
Theatergemeinde, in der Rosa Speier bald eine führende Rolle übernahm,
veranstaltete auch in mehreren Jahren jeweils für einige Wochen
Gastspiele der Wiener Volksoper.  Bis dahin hatte ich Opern nur bei
Besuchen bei den Großeltern in Breslau erlebt, jetzt wurden es ganze
wochenlange Festspiele, mit uns besonders verknüpft, weil mehrmals
Künstler der Wiener Volksoper bei uns wohnten.  Auch wurde der
Meister'sche Gesangsverein für einige Opern zu Chorszenen
hinzugezogen, und dann konnte ich meine Mutter auch verkleidet auf
der Bühne sehen.

Überhaupt wurde der Meister'sche Gesangverein eine große Quelle
musikalischen Miterlebens.  Ich trat dem Chor zwar nie bei, kaum
einer von uns, die dann zum Studium weggingen, tat es, aber aus
Chorwerken und Opern spielte ich im Klavierauszug vor und nachher,
und für die Aufführungen kamen Solisten, von denen jemand bei uns
wohnte, ebenso für Solistenkonzerte, Pianisten, Violinisten,
Kammermusik­ und Gesang.  So hatten wir im Laufe der zwanziger Jahre
viele sehr bekannte Künstler, die bei uns als Gäste wohnten.
Unverändert machten wir auch die regelmäßigen Besuche bei den
Großeltern in Breslau.  Es gab auch ganz spezielle Gelegenheiten, den
70. Geburtstag der Großmutter, 80. des Großvaters und ihre Goldene
Hochzeit, mit einem großen Abendessen im Hotel Monopol, eine selten
schöne und sehr große Familienfeier.  Wir drei Kinder spielten ein
von Rosa Speier in Form eines kleinen Theaterstücks verfaßtes, langes
Gedicht.  Es gab viele brilliante Reden.  Besonders erinnere ich mich
an die Damenrede des zur nahen Bernstein Familie gehörigen Herrn
Jakobowitz, er war, die Brust mit Orden übersät, ein Kampfflieger im
1.Weltkrieg gewesen.

Meine Großeltern waren unterdessen in eine viel kleinere Wohnung
gezogen, der Großvater war nicht mehr so aktiv und prominent im
bürgerlichen Leben Breslaus, aber zu den morgendlichen
Gratulationskuren bei diesen Festen kamen immer der Oberbürgermeister
Wagner, sein Stellvertreter Tiktin, der auch für die in Breslau
bekannte "Gesellschaft der Freunde" kam, deren Direktor mein
Großvater für über 25 Jahre gewesen war, der Oberrabbiner Dr.

Vogelstein und immer auch der Geheimrat Pfeiffer, unter dem der Sohn
Oettinger an der Universität gearbeitet und gelehrt hatte.  Bis ins
hohe Alter blieb der Großvater geistig rege und sehr interessiert und
nahm an seinem Stammtisch im Café Fahrig teil.  Er gehörte aber zu
denen, die die Inflation schlecht überstanden, fast das ganze
Vermögen war in Staatspapieren angelegt, und er war danach auf die
Unterstützung seiner Kinder angewiesen.  Er starb Mitte der zwanziger
Jahre.  Ich fuhr mit zur Beerdigung.  Es rührte mich, meiner Mutter
zu kondolieren und sie am Grab ihres Vaters zu sehen, es war ein
neuer Eindruck.  Ich selbst habe ja dann während des 2.Weltkriegs und
danach nie an den Gräbern meiner Eltern stehen können.  Nach der
Beerdigung des Großvaters wurde mir auf dem Friedhof in Breslau auch
das Grab meines Urgroßvaters Dr. Albert Oettinger gezeigt.

Die Schulzeit von Untertertia an brachte natürlich auch ein
zunehmendes Maß von Bekanntschaft mit polnischen Dingen.  Polnisch
als Sprache gab es zunächst nur zweimal die Woche.  Die Regierung
fand erst, die Deutschen sollten gar nicht polnisch lernen, sondern
weggehen, aber das änderte sich im Lauf der Jahre.  Natürlich
interessierte einen bald, etwas über polnische Geschichte, ja auch
Literatur zu hören, und das spielte dann auch eine zunehmende Rolle
im Unterricht auch in der deutschen Minderheitabteilung, und man fuhr
nach Krakau zu den sehr schönen Sehenswürdigkeiten aus polnischer
Vergangenheit.

Die polnische Politik dieser frühen zwanziger Jahre nahm auch einen
sehr turbulenten Verlauf.  Es gab immer wieder die scharfen
Spannungen zwischen Ost­ und Westschwergewicht, einst durch den
Gegensatz Pilsudski­Dmowski gekennzeichnet, es war auch einer
zwischen rechts und links, klerikal und nicht so klerikal, die
Spaltung zwischen klerikal und laizistisch in anderen katholischen
Ländern widerspiegelnd.  Es ging gewaltätig zu, auch mit
Putschversuchen.  Die Rechte hatte 1922 einen Wahlvorteil errungen,
und Pilsudski trat als Staatspräsident zurück; als Nachfolger wurde
Dr. Narutowicz, der linkeren Bauernpartei und auch Pilsudski
nahestehend, gewählt, aber er wurde schon bald im Dezember 1922
ermordet, nur wenige Monate nach dem Mord an Rathenau in Deutschland.
Als Einführung zu regelmäßiger Anteilnahme an politischen
Entwicklungen in Polen war das ein beunruhigendes Erlebnis.
Wirtschaftlich war Polen auch schweren Finanz­ und Inflationswirren
ausgesetzt, hatte dann aber unter Führung von Grabski von Ende 1923
bis 1925 eine nichtparlamentarische "Experten"regierung mit besserer
Stabilität.

Auch in Polnisch­Oberschlesien entwickelte sich die Industrie
zunächst bis 1925 ganz hoffnungsvoll.  Das Baugeschäft des Vaters
hatte auch aktive Zeiten.  Abgesehen vom Regierungssektor hatte
Kattowitz ja durch die Teilung Oberschlesiens auch als industrielles
Verwaltungszentrum noch an Bedeutung gewonnen, und es war in der
Nachkriegszeit ohnehin schon an Wohnungsbau einiges nachzuholen.
Mein Onkel Max Grünfeld schied aus der Firma aus und ging in
Ruhestand.  Der große Hausbesitz in Berlin hatte in der
Inflationszeit verkauft werden müssen.

Die politische Lage und Spannungen in Polnisch­Oberschlesien aber
wechselten, und das war nicht nur politisch, sondern auch
wirtschaftlich bedingt.  Es gab etwas in Oberschlesien, was man als
"schwebendes Volkstum" bezeichnet hat (3).  Ein Teil der damaligen
oberschlesischen Bevölkerung fühlte sich auch bei
polnisch­oberschlesischer Umgangssprache politisch nicht so
festgeschrieben.  Die wirtschaftliche Lage konnte dadurch auch
Stimmverhältnisse zwischen deutschen und polnischen Parteien leicht
beeinflussen, wie sie eben beeinflußt werden, wenn Wähler
wirtschaftlich unzufrieden und geneigt sind, die bestehende Regierung
dafür verantwortlich zu machen.

In den ersten Wahlen zum Schlesischen Sejm hatten die polnischen
Parteien gut abgeschnitten.  In Kattowitz selbst blieb aber die
Mehrheit deutsch.  Die Regierung löste das Stadtparlament auf und die
Stadt wurde für zwei Jahre kommissarisch regiert.  Die
wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich 1925 in Polen
verschlechtert, der Regierung Grabski folgte zunehmendes politisches
Chaos, das durch einen Staatsstreich Pilsudskis und seine Wiederkehr,
nun als Diktator, beendet wurde.

In Oberschlesien hatte sich die Wirtschaftslage besonders
verschlechtert, da der bei der Teilung 1922 abgeschlossene Vertrag
für Einfuhr polnisch­oberschlesischer Kohle nach Deutschland im Juni
1925 ablief, und Deutschland sich nicht beeilte, ein neues Abkommen
abzuschließen (8).  Polen konnte dann neue Märkte finden, begünstigt
durch den englischen Bergarbeiterstreik von 1926 vor allem in
Skandinavien, aber unterdeß litt die Beschäftigung in den
Kohlengruben.

Für November 1926 waren Wahlen für ein neues Kattowitzer
Stadtparlament ausgeschrieben.  Umliegende, viel stärker polnische
Industriedörfer waren unterdeß eingemeindet worden, was eine
polnische Mehrheit hätte sichern sollen.  Der Eindruck verstärkte
sich aber, daß die deutsche Seite doch stark an Rückhalt gewonnen
hatte (4).  Der Ausgang der Wahlen brachte der neuen polnischen
Pilsudski­Regierungspartei, der "Sanacja", gleich zwei Enttäuschungen:
die Deutschen gewannen 34 der 60 Sitze, die namentlich von Korfanty
und den polnischen Sozialisten vertretene polnische Opposition
erhielten 14, die Sanacja nur 5 Sitze.

Da der älteste gewählte Stadtverordnete, der deutsche
Katholikenführer Senator Thomas Szczeponik kurz vorher gestorben war,
mußte mein Vater, der auch wieder auf der deutschen Liste kandidiert
hatte, die erste Sitzung als Alterspräsident eröffnen, und das war
eine Amtshandlung, in Polnisch, das er wirklich gar nicht sprach.
Ich half mit meinen Schulkenntnissen bei der Übersetzung und schrieb
dann den Text für ihn phonetisch auf.  Es war nicht erfolgreich.
Nach Vaters Rede verlangte der besonders kämpferische Führer der
polnischen Sozialisten, Biniszkiewicz, daß die Rede nun ins Polnische
übersetzt werde, sie sei in einer ihm unbekannten Sprache, vielleicht
auf Chinesisch gehalten worden.  Die Sitzung verlief auch sonst sehr
stürmisch, da die Deutschen als stärkste Fraktion darauf bestanden,
einen Deutschen, den katholischen Gewerkschaftssekretär Jankowski,
der gut Polnisch sprach, als Stadtverordnetenvorsteher zu wählen, und
die Polen daraufhin die Versammlung verließen.

Die "Kattowitzer Zeitung" aber bestätigt in ihrem Bericht (5), daß
"bei der deprimierenden Atmosphäre des 1.Teils der Sitzung" die
polnischen Herren Widuch und Rechtsanwalt v.Kobylinski meinem Vater
(bei seinen weiteren Amtshandlungen als Alterspräsident) mit ihren
polnischen Übersetzungen taktvoll und hilfsbereit zur Seite standen.
Mein Vater war dann bis 1930 Vorsitzender der deutschen Fraktion im
Stadtparlament und blieb Stadtverordneter, bis er 1933 zurücktrat.

Nachdem er 1922 an der Gründung des Deutschen Volksbunds mitgewirkt
hatte, gehörte er auch dem Verwaltungsrat an und wurde später einer
der beiden Vizepräsidenten, bis zu seinem Rücktritt 1933. Bis dahin
nahm er an vielen Sitzungen und Besprechungen teil, aber die
Mitglieder des Verwaltungsrats traten in der Öffentlichkeit kaum auf.
Es kamen aber im Zusammenhang damit manche interessante Besucher ins
Haus, so Herbert Weichmann, der zu Beginn seiner Karriere
Chefredakteur der "Kattowitzer Zeitung" war.

Eine besondere Aufgabe des Vaters, an die ich mich erinnere, hing mit
dem Prozeß zusammen, den die Regierung gegen verschiedene Beamte des
Deutschen Volksbunds einleitete.  Die polnische Politik gegenüber der
deutschen Minderheit hatte sich seit 1926 sehr verschärft.  Das wird
erklärt mit der Weigerung der deutschen Regierung, den Locarnovertrag
von 1925 auch durch eine entsprechende Regelung im Osten zu ergänzen,
was in Polen unvermeidlich verstärkte Furcht, Wachsamkeit und
Abwehrstimmung gegen deutschen Revisionismus hervorrufen mußte (6).

Der neue schlesische Wojewode Grazynski war 1926 eingesetzt worden,
um der deutschen Minderheit ganz entscheidend Schach zu bieten, aber
auch, um die Stellung der Sanacja gegenüber dem
nationaldemokratischen Korfanty zu stärken.  Die von der polnischen
Polizei vorbereitete Anklage gegen Ulitz stand auf schwachen Füßen,
nämlich Dokumenten, die dem Verdacht der Fälschung ausgesetzt waren.
Der Schlesische Sejm unter dem alten polnischen Vorkämpfer,
Rechtsanwalt Wolny, einem Korfanty­Anhänger, lehnte eine Aufhebung
der Immunität des Abgeordneten Ulitz ab, aber der Leiter des
Deutschen Schulvereins Dudek kam vor Gericht.  Für seine Verteidigung
war aus Warschau ein Führer der polnischen Sozialisten, Dr. Hermann
Liebermann, gewonnen worden, und mit den Abmachungen dafür hatte mein
Vater zu tun.

Dr. Liebermann wohnte auch bei uns, und das war auch wieder ein
interessantes Erlebnis für mich.  Er war schon als Anwalt und
politisch im österreichischen Galizien aktiv gewesen.  Als später
Pilsudski scharf gegen seine Opposition in Polen vorging, wurde er
auch in das Internierungslager Bereza Kartuska gesperrt, wo auch
Korfanty hinkam.  Dr. Liebermann war während des 2.Weltkriegs dann
Mitglied der polnischen Exilsregierung in London (7).

Zur Zeit der Prozesse, bei denen er mitwirkte, war die Haltung des
Deutschen Volksbunds sehr klar, daß er sich ganz als
Minderheitenvertretung fühlte und auftrat.  Dr. Liebermann gehörte
eben zu denen, die im eigenen Lager gegen polnische Verletzungen der
Minderheitenverträge waren (8).

Es gab damals schon in Deutschland auch außerhalb der Rechtsradikalen
unterschwellige revisionistische Gedanken, die solches Verständnis
der Deutschen in Polen als Minderheit zu unterlaufen drohten.  Die
aggressive Politik der polnischen Regierung nach 1926 gegen die
deutsche Minderheit spielte solchen Tendenzen in Deutschland in die
Hände, wie man so oft findet, daß die Radikalsten auf beiden Seiten
sich unwissentlich/wissentlich Bälle zuwerfen.

Nun will ich meinen Rückblick auf die Jugendjahre in Kattowitz noch
mit ganz persönlichen Erinnerungen abschließen.  So zum Beispiel, daß
da auch lauter Mädchen heranwuchsen, es Tanzstunde und viele Parties
gab, Verliebtheiten und Spaziergänge.  Es wurde so absorbierend, daß
der Lesezirkel und Gedanken der Jugendbewegung zurücktraten und sich
die Schwergewichte im Kreis der Freunde auch änderten.  Man fing an,
auch mit Vergnügen zu Bierabenden in Kneipen zu gehen.

Viele aus diesem Kreis wurden später Korporationsstudenten.  Ein
guter Freund wurde Hans Kuhnert.  Ein anderer neuer Freund aus den
späten Schuljahren war Hans Werner Niemann.  Er kam wie aus einer
anderen Welt, war eine Klasse jünger, voll aggressivem,
aufgeschlossenem Enthusiasmus in weltanschaulichen und literarischen
Dingen, provozierte lebhafte Meinungsverschiedenheiten, so über meine
damalige Heinebegeisterung, und war eher "jungkonservativ"

eingestellt.  Sein Stiefvater war Direktor der Kohlengrube Murcki,
wir waren oft dort, das einzige Mal, daß ich eine Kohlengrube
untergrund besuchte.

Ein paralleles Erlebnis war mein Besuch in einer der großen
oberschlesischen Eisenhütten und Stahlwerke, der Julienhütte in
Bobrek, die im deutsch gebliebenen Teil Oberschlesiens lag.  Diese
erste Bekanntschaft mit dem Hüttenwesen interessierte mich sehr, die
Umformung des Metalls von Erz über Roheisen zum Stahl, und was man
das "bulk handling" der Materialien nennt.

Ein Onkel, A. Tramer war der kaufmännische Direktor der Hütte, seine
Frau Flora war Vaters Cousine, eines von den in meiner Jugend noch
lebenden acht Kindern des Jakob Grünfeld und der Maria geb. Sachs in
Zalenze (9).  Mit den noch in Oberschlesien lebenden gab es immer
Kontakt.  Der jüngste Sohn Paul mit Frau Mimi aus Göttingen war gut
situierter Eisen­ und Stahlkaufmann in Beuthen.  Sie waren sehr
lebenslustige Leute mit viel Stil.  Er war Mitglied der Schlaraffia,
die beiden waren gar nicht onkel- und tantenhaft mit uns und sie wurden
gute Freunde.

Häufige Ausflüge "über die Grenze" nach Beuthen wurden für uns
ohnehin ein wesentlicher Bestandteil der zwanziger Jahre.  Dort war
der jüngere Bruder des Vaters, der Orthopäde Ernst, mit seiner netten,
manchmal etwas rauhen Art und sein orthopädischer Turnsaal, und dann
eben das soviel jüngere Ehepaar Paul Grünfeld.  Aber es waren gar
nicht nur solche Familienverbindungen, man fuhr eben oft nach Beuthen.
Paul war ein eifriger Reiter in dem neuen Reitklub, der in Beuthen
entstand.  Mit einigen Freunden fuhren Lotte und ich auch dorthin zum
Reiten.  Mir gefiel diese Sportart, aber sehr gut war ich nicht,
während Lotte bald Preise im Springen sammelte.

Für die Geselligkeit im Hause der Eltern waren ein jährlicher
Höhepunkt die Sylvesterabende, immer in recht großem Kreis, vor allem
nachdem die Einquartierung endlich beendet und die zwei weiteren
Wohnzimmer auch frei waren.  Mit die ältesten Gäste waren Dr. Speiers,
und sie blieben dann auch die letzten in den späten 30er Jahren vor
Ausbruch des Krieges.  Sie waren in den 20er Jahren sehr befreundet
mit dem Ehepaar Lukaschek, und so kam es, daß die Dr. Lukascheks auch
für einige Jahre, bis er sein Amt als deutscher Vertreter in der
unter dem Genfer Abkommen mit Sitz in Kattowitz waltenden Gemischten
Kommission aufgab, an unseren Sylvesterabenden teilnahmen, und mit
ihnen später auch Freiherr v. Grünau mit Familie, der einige Jahre
deutscher Generalkonsul in Kattowitz war.  Manche unserer jungen
Freunde kamen noch nach Mitternacht und es wurde getanzt.

Der jüdische Religionsunterricht und die Gottesdienste waren für mich
immer von ergreifendem Interesse geblieben.  Als Rabbiner und
Religionslehrer hatten wir in den frühen zwanziger Jahren den älteren
Dr. Lewin aus Breslau, der mit dem dortigen Rabbinerseminar eng
verbunden war.  Wir waren schon etwas aufsässiger gewordene
Gymnasiasten, und er hatte eine schwere Zeit mit uns; es waren nicht
nur theologische Zweifel, mit denen wir ihn ärgerten.

Wir waren bei jüdischer Geschichte.  Wie können wir, so fragte man
ihn, an den Entwicklungen der deutschen Geschichte ebensolchen Anteil
nehmen wie andere Deutsche?  Natürlich, sagte er, wenn ich vor der
alten Kaiserpfalz in Goslar stehe, da bin ich genauso beeindruckt und
bewegt wie alle Deutschen.  Das sagte er.

Es blieben Zweifel.  Heute würde ich sagen: Vorfahren von heutigen
Juden lebten auch dort zu dieser Zeit, sie hatten Teil an der
Entwicklung der abendländischen Welt in Europa, und haben eine
Beziehung zu diesen historischen Stätten, und eine besondere zu denen
der abendländischen Nationalität, der sie sich selbst zugehörig
fühlen.  Wenn man genau hinsieht, ist das ein Teil auch des jüdischen
Geschichtsbewußtseins.

Dr. Lewin ging bald nach Breslau zurück.  Der Übergang an Polen
machte sich später bemerkbar.  Unter seinen Nachfolgern kam aus ganz
anderer Welt der junge Dr. Jechezkiel Lewin aus Galizien.  Sein Vater
war Präsident der ganz orthodoxen Agudath Israel, er selbst wurde
später in Palästina und Israel einer ihrer Führer.  Er war sehr
gebildet und intelligent, und trotz abweichender Meinungen und
unserem background waren es sehr interessante Stunden.  Er blieb
nicht lange in Kattowitz.

Im Sommer 1926 bestand ich mein Abitur.  Mit seinem Herannahen schon
war meine Berufswahl dringend geworden.  Ich war seit langem zwischen
zwei Polen hin­ und hergerissen.  Natürlich hatte mein Vater immer
gewollt, daß ich, als dritte Generation, in das Baugeschäft eintreten
und dafür Architektur studieren würde.  Es war ein schöner Gedanke
und ich versuchte immer, mich darauf einzustellen und vorzubereiten.
Dahin gehörten die ja von früher Jugend her gewohnten Rundgänge durch
Vaters Neubauten und Ziegelei, schließlich auch einfache Lehrbücher
über Architektur, Fassaden und Grundrißlösungen, und Zeichen­ und
Malstunden bei der Künstlerin Trude Willner, deren freundschaftliche
Bekanntschaft auch später eine große Bereicherung war.  Meine
wirklichen Neigungen aber gingen eigentlich in andere Richtungen, ich
wollte Jura studieren.  Es gab sehr ernste Gespräche.  Meine Mutter
überraschte mich, sie fand, wenn ich nicht Architektur studieren will
und mich auch nicht für sehr begabt für das Baufach halte, dann
sollte ich doch meinen größten Interessen und anscheinender Begabung
nach Geschichte studieren.

Wahrscheinlich hatte sie recht.  Ihr Bruder Walter und meines Vaters
Vetter Hans Sachs, deren Vornamen mir gegeben worden waren, hatten
sich beide in ihrem Fach Lorbeeren als Wissenschaftler erworben, und
das war auch meiner Mutter Ehrgeiz für mich.  Wenn nicht das, dann
fand sie, Vaters Weg als erfolgreicher Baumeister wäre doch auch
vielversprechend.  Im letzten Schuljahr bekam ich einige Bücher über
Nationalökonomie in die Hand und fand dies das Interessanteste und
Zeitgemäße.

Zunächst war ich aber bereit, bei meinem Vater im Geschäft bis April
1927 zu praktizieren, vorher hatte ich keine Zulassung zu Hochschulen
in Deutschland.  So machte ich noch einen Winter "Saison" in
Kattowitz mit, lernte die väterlichen Betriebe besser, auch mit
Handangreifen kennen.

Ende 1926 starb mein Onkel Ernst Grünfeld in Beuthen; zur Beerdigung
kam auch Felix Benjamin, der Chef der Erzhandelsfirma Rawack &
Grünfeld aus Berlin.  Er fragte nach meinen Berufsplänen, hielt aber
gar nichts von einem Nationalökonomie Studium.  Natürlich, wenn ich
dem Vater zuliebe Architektur studieren will, könnte er nichts sagen,
aber er lud mich ein, für einige Wochen nach Berlin zu kommen, und
das tat ich auch.

Die Benjamins wohnten in einem hochherrschaftlichen Haus am Dianasee
in Grunewald.  Von meinen vier Cousinen waren drei im Hause (10), ich
lernte etwas vom Großstadtleben Berlins kennen.  Bei einem früheren
Besuch waren wir drei Kinder 1922 in Berlin für einige Wochen im Haus
in Dahlem von Onkel Paul und Tante Grete Grünfeld mit Vettern Herbert
und Ernst eingeladen gewesen.  Das war ein ganz anderer Stil, mit
viel Betonung auf die Reitpferde und die große Gartenliebe, aber auch
viel Anregung für Kunst und Musik.  Jetzt bei Benjamins fehlte die
Tante Ida, sie litt an Depressionen.

Natürlich hörte ich viel über Rawack & Grünfeld, besuchte das Büro,
mein Onkel Felix Benjamin hatte abends weiter viele Telefongespräche
und im Hintergrund war die Frage, wenn ich schon nicht besondere Lust
oder Eignung fürs Baufach verspürte, warum soll ich nicht bei meinem
Onkel bei Rawack & Grünfeld ins Erzgeschäft eintreten, anstatt zu
studieren?  Ich fuhr wie vorgesehen zurück nach Kattowitz; dort fiel
der Entscheid für des Vaters Wünsche, und ich bereitete mich vor, zum
Semesterbeginn im April 1927 auf der Technischen Hochschule
Charlottenburg Architektur zu studieren, wo mein Onkel Max Grünfeld
mit dem ihm befreundeten Architekturkollegen Dr. Weiss, der auch
Kattowitz kannte, alles Nötige für meine Aufnahme und Förderung
meines Studiums einleitete.



Kapitel 5

Als Student in der Weimarer Republik


A) Berlin


a) Leben und Studium

Als ich April 1927 in Berlin ankam, konnte ich zuerst bei Onkel Paul
und Tante Grete Grünfeld in Dahlem wohnen, bis ich im Hansaviertel
ein möbliertes Zimmer, eine "Bude" gemietet hatte.  In späteren
Semestern fand ich dann welche in Charlottenburg.  Das Haus in Dahlem
blieb mir während der ganzen Studentenzeit ein wohltuendes Refugium
und Quelle vieler Anregungen auch für alle die großen Attraktionen
des kulturellen Lebens im damaligen Berlin, und es waren auch immer
viele junge Menschen im Haus, denen mit lebendigem Interesse begegnet
wurde.  Die Familie dieser Dahlemer Verwandten waren sehr kritisch,
aber auch sehr begeisterungsfähig.

Für mein Architekturstudium sollte ich mich in engem Kontakt mit dem
Onkel Max halten.  Neben der Einführung in das Bauwesen bei Dr. Weiss
hatte ich Mathematik, Physik und Statik zu belegen, dazu kam noch
"Freihandzeichnen".  Grade das war ein früher Kampf, und meine
Unbegabtheit bald eine Warnung, daß ich es mit dem Architekturstudium
schwer haben würde.  Ich kämpfte drei Semester mit diesem Problem,
und je näher man dem eigentlichen architektonischen Schaffen im
Studium kam, desto stärker wurde die Überzeugung, daß ich aussteigen
müßte.  Dabei kann ich nicht sagen, daß ich nicht vieles an diesem
Studium gern hatte, aber es war eine unglückliche Liebe.

Im Gegensatz zu meinem Onkel, der an alten Stilen hing und ein großer
Kenner der alten preußischen Schlösser war, zog es mich zur modernen
Architektur, und für die Sommerferien plante ich eine Reise zur
Bauaustellung in Stuttgart.  Vorher traf ich mich mit Karl­Heinz
Lubowski und Freunden in Bayern für eine Wanderung über das
"Steinerne Meer" nach Zell a. See und Fahrt nach Innsbruck.  Schon in
der Schulzeit waren wir in Bayern, München, Tegernsee und Mittenwald
gewesen.  Nun lernte ich noch mehr von Süddeutschland kennen, ich
ging von Stuttgart nach Heidelberg, einer Einladung meines Onkels
Hans Sachs und Frau Lotte folgend, die ich in Dahlem getroffen hatte.
Grete Hirschel studierte dort Romanistik und zeigte mir etwas vom
Leben in Heidelberg.  Für den Rest der Ferien ging ich nach Hause und
arbeitete praktisch als Zimmermann auf einem Bau des Vaters.

Schon vor Beginn des Studiums hatte ich zu Hause im "Berliner
Tageblatt" bemerkt, daß es in Berlin einen Demokratischen
Studentenbund gab, und bei Beginn des 1.Semesters bald sein
Anschlagbrett im Lichthof der TH entdeckt.  Ich besuchte gleich ihre
nächste Veranstaltung im Demokratischen Klub in der Victoriastraße,
wo sie tagten.  Bei ihnen habe ich mich dann, bis ich 1931 von Berlin
fortging, sehr zu Hause gefühlt.  Rückblickend auf mein 1.Semester
wurde diese beginnende Teilnahme am politischen Leben in der
Studentenschaft in diesen schwierigen, aber noch hoffnungsvollen
Jahren der Weimarer Republik eine markante Entwicklung für mein Leben,
über die ich zusammenhängend berichten will.

Im 2.Semester trat ich auch der "Freien Wissenschaftlichen
Vereinigung " (FWV) bei. Etwas anders als in der mehr versachlichten
und stets politisch orientierten Atmosphäre des Demokratischen
Studentenbunds war die FWV eine Studentenverbindung, eben eine
"Fraternity", mit Betonung auf die persönlichen Beziehungen der
Bundesbrüder und ihre kulturellen Interessen als das Verbindende,
obgleich von ihrem Ursprung in den 1880er Jahren her da auch eine
entscheidende politische Note gewesen war.  Die Formen entstammten
den alten an deutschen Universitäten gewohnten.  Ein kurzer Blick auf
einige Studenten­Verbindungen ist da angebracht.

Wie schon erwähnt, waren ja deutsche Studentenkorporationen im frühen
19. Jahrhundert sehr freiheitlich aufgetreten, auch wieder in der
1848er Zeit.  Die Burschenschaften hatten die schwarz­rot­goldenen
Farben als Symbol der Freiheitlichkeit und für deutsche Einigung
gewählt, aber das völkische Prinzip der Nichtaufnahme von Juden als
Mitgliedern hatte sich immer wieder erhoben und verschiedentlich
durchgesetzt.  Für Fraternities hat es ja solche Exklusivität, ebenso
wie in vielen Klubs, immer gegeben, und keineswegs nur in Deutschland,
aber die politische Zielsetzung und Virulenz des "völkischen
Prinzips" wurde für die deutsche und vielleicht noch mehr für die
österreichische Studentenschaft charakteristisch.  Trotzdem hatten
während des 19. Jahrhunderts die Burschenschaften in verschiedenen
Zeiträumen immer wieder jüdische Mitglieder, unter ihnen auch manche
später prominent gewordene aus den Kreisen stark assimilierter oder
getaufter Juden (1).

Manche Korporationen hielten liberale Haltung und Satzungen aufrecht,
einige schlossen sich zu dem kleinen Burschenschaftskonvent (BC)
zusammen, andere blieben unabhängig.  So entstanden sogenannte
"paritätische" Verbindungen, was schon anzeigt, daß der Anteil der
jüdischen Mitglieder unverhältnismäßig zunahm und bald ganz stark
überwog.  Diese Verbindungen hielten nur unterschiedlich an alten
Gebräuchen der "Couleur" Studenten fest, wie Farben, Mützen und
obligatorisch Fechten.  Andere jüdische Studenten hatten dagegen
Korporationen gebildet, die rein jüdische Verbindungen sein wollten,
aus Überzeugung oder jedenfalls als die ihrer Ansicht nach richtige
Antwort auf die Exklusivität und deutsch­völkische Richtung der
Überzahl der deutschen Korporationen.

Der KC stand dem CV (Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens) nahe, aber es gab auch den KIV als zionistische Verbindung.
Weder ein Beitritt zu einer paritätischen Burschenschaft noch zum
jüdischen KC oder gar den Zionisten hatte mich interessiert, aber die
Freie Wissenschaftliche Vereinigung entsprach durchaus meinen
Ansichten und Neigungen.  Sie war 1886 gegründet worden, nachdem von
Berlin durch die Tätigkeit des Predigers Stöcker ausgehend eine neue
antisemitische und deutschnationale Welle zur Gründung des Vereins
Deutscher Studenten (VDSt) geführt hatte.  Das war eine neue Art von
Verbindung in Deutschland, mit weniger Betonung auf Farben und
Fechten, dafür aber mit ausgesprochener politischer Zielsetzung
scharf rechts.

Als Opposition gegen diese gründeten prominente Liberale die FWV,
führend der Arzt Virchow und der Historiker Mommsen.  Der lebendige
Kontakt mit liberaler politischer Tradition und dem Kulturleben blieb
das Zeichen dieser Verbindung, die auf ihren Ursprung und ihre
Vergangenheit stolz war.  Im Laufe der Zeit wurde sie aber auch eine
der "paritätischen" Verbindungen mit überwiegend jüdischer oder
jüdischstämmiger Mitgliedschaft (2).  Dies war keineswegs so bei den
verschiedenen politischen Studentengruppen, wie der Demokratischen
oder der Sozialistischen Studentenschaft, die ja den Großteil der
außerhalb der rechtsgerichteten Deutschen Studentenschaft
organisierten republikanischen Studenten stellten (3).

Die FWV hatte an der Technischen Hochschule eine eigene Verbindung,
die Mitglieder fand ich sympathisch, aber noch entscheidender für
meinen Beitritt zur FWV war wohl, daß ich durch meinen Vetter Herbert
Grünfeld eine ganze Reihe von FWVern kennengelernt hatte, die mit ihm
in Heidelberg studiert hatten.  Er war dort der FWV beigetreten und
hatte viele Freunde in Heidelberg und anderswo gemacht, die nun in
Berlin weiter studierten.

Das war ein sehr anregender Kreis von sehr lebendigen und
interessierten jungen Menschen, viele waren Juristen und Mediziner.
Unter ihnen lernte ich auch gleich einige kennen, die in den
Studentenvertretungen und der Hochschulpolitik als FWVer auf der
republikanischen Seite aktiv und führend geworden waren, wie Heinz
Ollendorf, bei dem ich dann als Neuling "Leibfuchs" wurde, Fred
Rothberg und Kurt Lange.  Wie andere Verbindungen hatte die FWV das
Amt des "Fuchsmajor" zur Einführung der Neulinge, das war der junge
Anwalt Günter Joachim, aktiver Sozialdemokrat und
Reichsbannermitglied, dann bekannt geworden als Verteidiger von in
Zusammenstößen mit Nazis verwickelten Republikanern.

Doch im Winter 1927/28 stand das Leben in der FWV noch nicht unter
solchen Zeichen.  Es war ein anregendes Medium, das auch der Stimmung
und der Bewegtheit der damaligen Berliner Kulturszene der Goldenen
20er Jahre entsprach und dazu beitrug, daß man sich mit
Gleichgestimmten daran soweit als möglich beteiligte und es mitgenoß.
Natürlich kamen dafür auch immer wieder Anregungen von andersher,
auch der großen Verwandtschaft.  Im Haus Grünfeld in Dahlem sah
besonders Tante Grete immer, daß man die richtigen Konzerte und
Theateraufführungen mitmachte und Gemäldeausstellungen besuchte, wo
man damals viele französischen Impressionisten sah, aber auch eigenen
Neigungen folgen konnte.

Es gab in der Verwandtschaft auch andere Beziehungspunkte zum
kulturellen Leben Berlins.  Verglichen mit der Generation meines
Vaters, einem von zehn Geschwistern, war die väterliche Familie in
meiner Generation nicht so groß geworden.  Während meiner
Studentenzeit konnte ich nun mehr von den Vettern und Kusinen sehen,
die in meiner frühen Jugend von Oberschlesien nach Berlin gezogen
waren.  Meine Kusine Guste Kaiser war Malerin, kopierte oft alte
Meister im Kaiser Friedrich Museum, Margot Epstein wurde als
Journalistin bekannt, so mit Besprechungen von Kinderbüchern, Ellen
Epstein war konzertierende Pianistin, Schülerin von Schnabel, und
Hans Hirschel hatte für seine literarische Tätigkeit eine Basis in
Mitherausgabe der Zeitschrift "Das Dreieck" gefunden mit einigen
anderen, schon bekannteren Literaten, arbeitete aber auch im
Erzgeschäft von Rawack & Grünfeld.  Mir war Das Dreieck zu
"avantgard", aber die Besuche bei Hirschels waren immer anregend und
herzlich, und diese drei Schwestern des Vaters in Berlin kochten
exzellentes Essen.

In der mütterlichen Verwandtschaft in Berlin war vorerst ihr Bruder
Walter Oettinger, nun Stadtmedizinalrat von Charlottenburg,
unverheiratet.  In seinem Kreis spielten Freundschaften aus dem
Breslauer Akademisch­Literarischen Verein eine große Rolle (4).
Dieser war auch das, was ich als "paritätische" Verbindung
beschrieben habe, mit hohem Anteil getaufter Juden.  Die literarische
Verpflichtung war dabei ein sehr ernstes Anliegen, bei Walter
Oettinger konzentrierte sie sich auf Friedrich Hebbel, er wurde ein
großer Kenner und Sammler.  Er war politisch konservativ, hielt den
Lokalanzeiger, aber sonntags kaufte er "heimlich" das Berliner
Tageblatt.

Ein Vetter meiner Mutter war Erich Oettinger, Physiker, auch aus dem
Breslauer ALV, Assistent Fritz Habers an der TH Karlsruhe gewesen,
nun bei der AEG, dem ich während meiner Berliner Zeit sehr
nahegestanden habe.  Er hatte einen weiten Kreis geistiger Interessen
und dementsprechend viele interessante Freunde; leider ist er noch
während meiner Studentenzeit sehr früh gestorben.

Als ich im 3.Semester mit dem Architekturstudium zusehends
unzufriedener wurde, begann ich mich für Fortsetzung des Studiums an
der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der TH zu interessieren,
auf betriebswirtschaftliche Führung von Industriebetrieben
ausgerichtet, mit technischen und wirtschaftlichen Fächern kombiniert.
Für meine 2.Sommerferien fand ich eine Stelle als Praktikant bei
der Firma Holzmann auf einer ihrer Wohnblockbauten in Weissensee im
nordöstlichen Berlin.  Ich war kein geborener Maurer, aber so zu
arbeiten entsprach mir für zwei Monate durchaus, es war gut, diese
Welt kennenzulernen.  Ich hatte mit ihr zu Hause schon Kontakt gehabt,
aber das war nun etwas anderes.  Mein Maurerpolier, ein richtiger
Berliner, war ein alter Sozialdemokrat, nach Arbeitsschluß kamen
manche der Arbeiter noch in die Baubude, wo er residierte, und man
trank Bier.

Leider machte mir meine praktische Arbeit auf dem Bau noch klarer,
daß das nicht mein Beruf war.  Ich habe das dann noch zu Hause
besprochen, aber zur Entscheidung noch offengelassen.  Ich wollte
nicht endgültig einen Studiengang wählen, der zu eventueller späterer
Arbeit oder Übernahme des väterlichen Geschäfts keine Beziehung mehr
hatte.  Ein Weg wäre Umsattlung auf Bauingeneur gewesen, aber die
Verbindung von wirtschaftlicher mit technischer Grundbildung,
hauptsächlich allerdings auf Maschinenbau gestützt, die in der
Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung geboten wurde, zog mich mehr
an.

Entscheidend wurden für mich lange Unterhaltungen mit Erich Oettinger,
ich fand, daß er in meinem Berliner Umkreis der Beste war, mir
unabhängigen Rat zu geben und die Courage, die ich für so einen, den
Erwartungen meines Vaters entgegengesetzten Entschluß brauchte.  Nach
unseren langen Unterhaltungen war seine Diagnose, meinen
ausgesprochensten Interessen und auch anscheinender Begabung nach
sollte ich eigentlich Soziologie studieren.  Das war eine gerade sehr
stark beachtete Wissenschaft geworden.  Mein hochrangiger
nationalökonomischer Kollege im Demokratischen Studentenbund, Alfred
Tismer, hatte dafür nur das Wort "Schmonzologie".

Ich entschied mich für die mehr auf praktische Zwecke ausgerichtete
Lösung der Wirtschaftswissenschaften an der TH Charlottenburg.  Die
Abteilung war nach dem Muster einer in Belgien bestehenden
Industriehochschule gegründet worden.  Eine ähnliche gab es in
Deutschland in München aus der Vereinigung der dortigen
Handelshochschule mit der Technischen Hochschule.  Dort stand als
Abschluß immer noch ein Diplomkaufmannsexamen.  In Charlottenburg
aber war es ein Diplomingeneur auch für die
Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung.

Dort konnte ich nun Nationalökonomie bei dem sehr geachteten Dr.
Goetz Briefs hören, er war katholisch eingestellt, auch im Verband
republikanischer Hochschullehrer tätig.  Sein Assistent, der
Privatdozent Fischer, war, wie sich später herausstellte, weit mehr
rechts, aber diskret damit.  In seinem Weltwirtschaftlichen Seminar
hatte ich den Auftrag in zwei Sitzungen über die Überlebenschancen
des Britischen Empires zu referieren.  Er hatte mich auf die
zentrifugalen Tendenzen in allen Dominien hingewiesen, und ich mußte
die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten überall studieren
und aufarbeiten, so auch die Frage der Kolonien.  Ich kam zu einem
für England positiven Schluß, und sah dann, daß er seine Enttäuschung
nur schwer verbergen konnte.  Er hatte mich auf die vielen
Fragezeichen überall aufmerksam gemacht (mein politischer Platz war
ja allgemein bekannt an der Hochschule).  Es gab sie ja auch, aber
ich habe ja, jedenfalls bis zur Zeit nach dem 2.Weltkrieg, Gott sei
Dank recht behalten.  Gründliche Ausbildung in Betriebswirtschaft,
Finanzwesen und Buchhaltung gab es bei Dr. Prion, juristische Fächer
mußten meist an der Universität und Handelshochschule belegt werden.
Die technischen Fächer, Maschinenbau und Allgemeine Technologie waren
für mich neu, Maschinenbau und die Zeichnungen, die man da anfertigen
mußte, nicht nach meiner Wahl, aber dann später belegte ich
Eisenhüttenwesen als Nebenfach, und das war ein technisches Fach, das
mich wirklich interessierte.  Als weitere Nebenfächer an der TH
belegte ich dann später noch Wirtschaftsgeographie bei Dr. Rühl,
einem Freund Erich Oettingers, den ich dort kennengelernt hatte, und
auch ein Semester Patentrecht bei Reinhard Jacoby, einem Vetter
meiner Mutter.  Das neue Studium gab mir also ein ziemlich großes
Programm.

Zu den Weihnachtsferien 1928 war ich, wie immer, wieder zu Hause in
Kattowitz.  Die Familie, die alten Freunde, manche netten Mädchen, es
gab viel Geselligkeit.  Die Studenten, die in den Ferien nach Hause
kamen, hatten es eingerichtet immer einen Ball zu veranstalteten, ich
hatte mich an der ursprünglichen Initiative stark beteiligt.  Zum
Sylvesterabend in unserem Haus kamen dieses Mal neue Gäste, Frau Dr.
Göppert aus Göttingen, mit Tochter Maria, die in Göttingen Physik
studierte.  Sie war etwas älter als ich und mir sehr sympathisch (6),
war in Kattowitz geboren; unsere Eltern waren befreundet, bis ihr
Vater an die Universität Göttingen ging.

Eine Folge des Sylvesterabends war, daß Maria Goeppert, Karl Heinz
Lubowski und ich einen Ausflug nach Krakau machten, um ihr diese alte
polnische Stadt zu zeigen, die für Kattowitz ja nun eine Art
Nachbarstadt und kulturell ein großer Anziehungspunkt geworden war.
Ich kannte es natürlich schon, aber dieser Ausflug verstärkte den
Zauber, der von der Stadt ausging, es gab auch ein besseres Empfinden
für polnische Geschichte und alte nationale Ambitionen, die sich
daraus entwickeln mußten.  Man hatte ja schon Unterricht in
polnischer Geschichte in der Schule mitgemacht.  Im Studium in Berlin
war man dem etwas mehr entrückt.  Karl Heinz zum Beispiel hatte sich
entschlossen, in Krakau zu studieren, und er war nicht allein damit.

Das Sommersemester 1929 war für meine politische Betätigung zusammen
mit Studium, besonders hektisch verlaufen.  Während der
Semesterferien mußte ich noch eine weitere praktische Arbeitszeit
machen, die etwas mit Maschinenbau zu tun haben sollte.  Erich
Oettinger schlug die Lehrlings­ und Fortbildungsschule der AEG in
Reinikkendorf vor und brachte mich dort unter.  Ich wollte nicht
wieder, wie in meiner Maurerzeit in Weissensee, täglich von meiner
Bude in Charlottenburg hin­ und herfahren.  Ich gab mein Zimmer auf,
mietete eins in Reinickendorf, also ich lebte nun wirklich in einem
unteren Mittelstands­ und Arbeiterbezirk.  Die Belegschaft in
Arbeit/Schule war auch ganz anders, darüber mehr später, wenn ich
über die politische Entwicklung spreche.

In meine Praxiszeit 1929 fiel auch mein Geburtstag, der 21., zu dem
die Eltern nach Berlin kamen, bei Onkel Max fand ein großes
Geburtstagsdinner statt.  Meine Schwester Lotte kam auch mit; sie
wollte in Berlin an der Kunstgewerbeschule Innenarchitektur studieren,
man wollte sehen, daß sie anständig untergebracht war.  Wir sollten
versuchen, etwas zusammen zu finden, und das gelang auch in zwei
möblierten Zimmern bei Frl. Sachs in der Clausewitzstraße.  Der Besuch
meiner Eltern war eine große Freude, und die gemeinsame Wohnung mit
Lotte wurde auch eine große Bereicherung meines Lebens in Berlin.
Wir verstanden uns sehr gut, es war wie ein zu Hause und wir konnten
Freunde einladen.  Die jüdischen Feiertage Neujahr und Versöhnungstag
verbrachte ich ja zum ersten Mal nicht zu Hause, sondern der Praxis
wegen in Berlin, und zwar im overflow Gottesdienst in der
Philharmonie, mein erster mit liberalem Ritus, es sagte mir sehr zu.
Ich hatte ein Argument mit meinem AEG Werkmeister, der mir keinen
Urlaub für Neujahr geben wollte.  Ich nahm ihn mir einfach,
schließlich war das doch eine von Rathenau gegründete Firma, fand ich.
Erich Oettinger war über meinen Entschluß ebenso kritisch wie das
AEG Management.  Er meinte, ich hätte den Technischen Direktor
anrufen und mich beschweren sollen, aber nicht einfach wegbleiben.
Für den Versöhnungstag gab es das Problem nicht mehr, ich war da
schon bei Jachmann, wo man mehr Verständnis für meine immer wieder
starken religiösen Bedürfnisse um diese Jahreszeit hatte.  Ich wußte
allerdings damals gar nicht, daß die Jachmann Familie jüdisch war.
In der Hitlerzeit wurden sie dann Pioniere in der Eisen- und
Stahlindustrie im damaligen Palästina.


Meine religiöse Einstellung hatte damals schon begonnen, ganz neue
Dimensionen zu entwickeln.  Es war einerseits die Welt von Martin
Buber und vor allem Franz Rosenzweig, der großen Eindruck auf mich
machte, aber es war auch Bekanntschaft mit der sogenannten
bibelkritischen Literatur, oder besser der historischen Betrachtung
menschlicher religiöser Entwicklung, und eben auch der entscheidenden
Beiträge, die das Volk Israel und das Judentum dazu gemacht haben.
Der Mensch war also auf dauernder Suche nach Gott, und die jüdische
Thora und dann die Prophetenbücher, über Jahrhunderte von Menschen
geschrieben, waren das Bild der jüdischen Entwicklung, die dann eben
auch zur Entstehung des Christentums führte.

Die damit ins einzelne gehende bibelkritische Literatur wurde
zunächst von meist protestantischen Alttestamentlern und von
Historikern getragen, aber bald kamen auch jüdische Autoren zu diesen
nicht­fundamentalistischen Forschungen.  In der Preußischen
Staatsbibliothek, in die ich ja auch in meinem Studium und für die
politische Tätigkeit zu gehen hatte, fand ich auch Zugang zu dieser
religionsgeschichtlichen Literatur.  Meine religiösen Gefühle aber
blieben lebendig, und ich habe bis in mein Alter jährlich an den
jüdischen Gottesdiensten teilgenommen, wo immer ich auch war.

Nur ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1930, es gab schon
weltwirtschaftliche Depression und zunehmende Krise der Weimarer
Republik, fand ich auch bei meinen Osterferien zu Hause, daß nicht
alles beim Alten blieb.  Das väterliche Baugeschäft war sehr ruhig
geworden, eine drastische Verkleinerung des Apparates wurde notwendig.
Die Ziegelei war sehr beschäftigt gewesen, sodaß mein Vater
Expansionspläne durchführte, für deren Finanzierung die Konjunktur
aber nicht ausreichte.  Es wurde daran gedacht, das große,
gutgelegene Stadtgrundstück, auf dem wir wohnten, zu verkaufen, und
ein Verkauf, mit Umzug der Eltern in eine Wohnung schien vor der Tür
zu stehen.

Mit diesen möglichen Veränderungen auch vor mir, ging ich dann wieder
nach Berlin zur Arbeit an meinem Vorexamen, das ich im Juni ablegen
wollte.  Ich bestand es dann auch und konnte mich cand.ing. nennen.
Mein Vater schien besonders glücklich damit.  Ich machte nur einen
kurzen Besuch zu Hause, wo die große Änderung mit Umzug der Wohnung,
Verkauf eines Teils der schönen Einrichtung der großen Villa usw.
schon im Zuge waren.

Für August war nämlich bei mir eine Blinddarm Operation im
Krankenhaus Westend in Berlin fällig, in dem mein Onkel Walter
Oettinger mich dafür untergebracht hatte.  Gesundheitlich war ich
seit einiger Zeit angeschlagen.  Allergisches Asthma und dann die
Blinddarmbeschwerden hatten mich geplagt.  Ich wollte die Ferien dazu
benutzen, das hinter mich zu bringen.

Einige Tage nach der sonst gut verlaufenen Operation hatte ich sehr
schweres Asthma, ein großer Schock, und es sollte für Jahrzehnte auf
und ab ein ständiger Begleiter bleiben.

Nach der Operation durfte ich mich vor Weiterreise im Haus der
Dahlemer Verwandten erholen.  Ich war ja dort immer wieder zu sehr
herzlich und anregend verlaufenden Besuchen aufgenommen worden.  Das
Büro meines Onkels Paul bei Rawack & Grünfeld war in Charlottenburg
an der Hardenberg­ Ecke Schillerstraße, also direkt bei der
Technischen Hochschule, und wenn ich in Dahlem wohnte, konnte ich oft
mit ihm in die Stadt fahren.  Neuerdings hatte er auch den Hauptsitz
seiner industriellen Firma GFE von Nürnberg dorthin verlegt.  Wenn
ich in Dahlem wohnte oder ihn besuchte, nahm ich auch teil an dem
Kommen und Gehen der vielen Besucher, die mit Onkel Pauls
Ferrolegierungsindustrie zusammenhingen.

Da waren die Brüder Forchheimer, der ältere Dr. Jakob hatte als
Techniker die Firma ursprünglich mitgegründet und war Partner meines
Onkels, der jüngere Leo Forchheimer war Businessmanager der Firma
geworden, nach Berlin gezogen, und ich sah ihn oft.  Auch kam Ragnar
Nilson, der Leiter der schwedischen Zweigfirma AB Ferrolegeringar,
und ich lernte die Vertreter der amerikanischen Union Carbide kennen,
die damals mit meinem Onkel über einen Zusammenschluß der Interessen
in Europa Verhandlungen führten, die aber in der Weltwirtschaftskrise
dann aufgegeben wurden.  Auf den Autofahrten in die Stadt hat er auch
manchmal über laufende Zeitfragen und auch wirtschaftliche und
Geschäftsprobleme gesprochen.

Mein Vetter Herbert war zu Beginn seiner geschäftlichen Karriere zur
Ausbildung von Rawack & Grünfeld zunächst nach Beuthen, dann von GFE
zu ihren verschiedenen Werken und schließlich nach England geschickt
worden.  Ich sah ihn auch immer wieder mal in Dahlem, aber in den
Jahren meiner engsten Verbindung mit dem Hause dort war er oft nicht
da.  Der jüngere Bruder Ernst stand noch vor dem Abitur.

1930 hatte meine Schwester Lotte ihr Studium gewechselt, von der
Kunstgewerbeschule, für die sie sehr begabt war, zum
Pestalozzi­Fröbelhaus, mit dem unsere Tante Grete so enge Beziehungen
hatte und sie einführte; Lotte wohnte dann auch in Dahlem.  Natürlich
brachte mich das dann noch öfter dorthin.  Dann war dort oft der Sohn
des Heidelberger Onkels Hans Sachs, Werner Sachs, der damals am
Kaiser­Wilhelm Institut in Dahlem an einer Dissertation in Chemie
arbeitete.  Er war auch ein Mensch mit großen allgemeinen Interessen,
auch Weltanschauung, Geschichte und Politik, und es waren immer
interessante Begegnungen.

Durch ihn kamen auch eine Reihe seiner Frankfurter und Heidelberger
Freunde ins Haus, oft ebenfalls Professorenkinder, und da war auch
Hans Bethe, Physikstudent.  Aus der Familie von Werner Sachs's Mutter
kamen aus Italien die Geschwister Hans und Annemarie Grelling.  Hans
trat in Onkel Pauls Firma ein, und nach seinem Doktorat auch Werner
Sachs auf der technischen Seite.  Seine Schwester Ilse,
Medizinstudentin, lernte ich auch in Dahlem kennen, auch manche
andere Verwandte und überhaupt viele interessante Menschen mit
verschiedenstem background und Begabungen.  Sehr enge Freunde waren
auch die Familie Rohr, Gutsbesitzer an der polnisch­schlesischen
Grenze, die ich viel in Dahlem sah.

Dieser weitere Rückblick auf die Verwandten in Dahlem bezieht sich ja
nicht nur auf die Wochen der Rekonvaleszenz, die ich nach
Blinddarmoperation und Asthma im August 1930 dort haben konnte.  Ich
konnte sie brauchen, denn für September stand mir Teilnahme an einer
politischen Tagung in Genf bevor.  Auf dem Heimweg von der Tagung
verbrachte ich, nach einem kurzen Besuch in den Bergen, das jüdische
Neujahrsfest in Luzern, ein ganz orthodoxer Gottesdienst, ganz ohne
Chor, dann erste Durchreise durch Zürich, umsteigen in München und
noch eine lange Bahnfahrt nach Kattowitz.  Mich interessierte in
München die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung an der Technischen
Hochschule, wo man mit einem Diplomkaufmannsexamen mit weniger
Betonung auf die technischen Fächer abschließen konnte.  Darüber
wollte ich mich orientieren.

Zu Hause verbrachte ich dann wieder den Versöhnungstag und machte
mich mit dem Leben in der neuen elterlichen Wohnung vertraut, Lotte
war in Berlin, wohnte in Dahlem, Marianne war zu Hause.  Ich ging
wieder nach Berlin, das Studium nach dem erfolgreichen Vorexamen bot
neue Anregung, aber mein Interesse für Nationalökonomie war eben doch
so viel stärker als die technische Seite, ein Wechsel nach München
versprach einen viel schnelleren Abschluß dieses Studiums.  Ich hatte
ja vorher Zeit verloren, und so nahm der Plan eines Wechsels nach
München im Laufe des Semesters immer festere Formen an.  Für meine
politische Tätigkeit aber blieb dieses letzte Berliner Semester noch
eine sehr an­ und aufregende Zeit.


b)... und politische Bestätigung

Das Gefüge der Weimarer Republik, so schien es einem zu Beginn meiner
Studentenzeit, hatte sich befestigt nach den stürmischen und
gefährlichen Jahren, die der deutschen Niederlage und dem Versailler
Vertrag folgten, nach Spartakus­ und Freikorpsrebellionen, Inflation,
Ruhrbesetzung und gelungener Währungsreform, es entstand auch ein
besseres Klima mit den Westalliierten unter Stresemann.  Zunächst
hatten die Rechtsparteien an Einfluß gewonnen, Hindenburg wurde 1925
zum Reichspräsidenten gewählt (der Gegenkandidat der mittleren Linken
Marx verlor die Wahl, der Kommunist Thählmann hatte als Dritter
kandidiert).  Aber im Mai 1926 folgte dem MitteRechtskabinett Luther
ein Kabinett des Zentrumsführers Marx, an dem außer Stresemann auch
die Demokraten und Sozialdemokraten beteiligt waren.  Wirtschaftlich
hatte ein Konjunkturaufschwung begonnen, die politische Rechte schien
in die parlamentarische Demokratie eingeordnet, obgleich die Republik
ungeliebt blieb, und monarchistische Gefühle in weiten Kreisen der
Rechten sich zäh erhielten, nicht nur in der Reichswehr, sondern in
weiten Kreisen des Beamtentums, der Industrie und auch der
Studentenschaft.

Dabei spielte das "Völkische", immer in unvermeidlicher Verquickung
mit Antisemitismus bei den Studentenorganisationen seit langem eine
besondere Rolle.  Die rechtsgerichteten studentischen Korporationen
schienen einen geschlossenen Block zu bilden, der vielerorts über 50%
der Studentenschaft stellte.

So erinnere ich mich an das politische Bild, als ich zu Beginn meines
Studiums zum ersten Mal den Demokratischen Studentenbund Berlin
besuchte.  Der mich, den Neuling, gleich freundlichst empfing war
Richard Winners, der mir gleich einiges über den Verein erzählte,
aber wohl auch sehen wollte, wer da gekommen war.  Winners, aus
westfälischen Arbeiterkreisen stammend, war ein Historiker aus dem
Seminar Friedrich Meineskes.  Er war dann auch Herausgeber des
Demokratischen Zeitungsdiensts der Partei.  Vorsitzender des
Demokratischen Studentenbunds war damals Wolfram Müllerburg, und
weiter bleiben mir besonders in Erinnerung aus dieser ersten Zeit der
Jurist Kurt Kronheim, die Nationalökonomen Alfred Tismer und Gaedecke,
Martin Goetz, auch aus dem Meinecke Seminar, und von der Technischen
Hochschule Fritz Schlesinger, von weiblichen Mitgliedern Else Runge
und Lotte Kronheim.

Für die wöchentlichen Zusammenkünfte im Demokratischen Klub wurden
oft demokratische Politiker und andere zu Vorträgen gebeten,
dazwischen gab es Abende mit Referaten eines Mitglieds und Diskussion,
auf die man sich vorbereiten sollte.  Es war hochinteressant,
anregend und eine gute Schule.  Danach konnte man noch ins Restaurant
des Demokratischen Klubs gehen und saß dann manchmal zu einem Bier
mit dem einen oder anderen demokratischen Parlamentarier oder anderen
Klubmitgliedern.

Gleich nach meinem Eintritt in den Verein nahm ich an einer
Pfingstwanderung teil; wir waren nur etwa zehn bis zwölf, wanderten
von Rostock nach Stralsund, unbekanntes Land, eine erfrischende
Erfahrung unter Menschen, denen man Verbindung mit der Jugendbewegung
und Leben in Jugendherbergen noch anmerken konnte.

Meine erste Verwicklung in den eigentlichen hochschulpolitischen
Konflikt jener Tage hatte sich aber gleich bei Studiumsbeginn aus
einem besonderen Zusammenhang ergeben.  Die Studenten einer
Hochschule waren in einer offiziell anerkannten Studentenschaft
zusammengefaßt, und die aller deutschen Hochschulen in der Deutschen
Studentenschaft.  Diese war nach 1918 unter Führung von
zurückkehrenden Frontsoldaten gegründet worden, unter ihnen auch
republikanisch gesinnte, so der erste Vorsitzende Otto Benecke,
ideologisch noch prominenter für lange Zeit Werner Mahrholz und z.B.
auch Immanuel Birnbaum und Ludwig Merzbach.  Aber die alten
studentischen Korporationen gewannen bald die Oberhand und trieben
ihre völkischen Ideen voran, ebenso wie neue deutsch­völkische
Gruppen.

Beschränkung der Mitgliedschaft der Studentenschaften auf
"völkisch"­deutsche Studenten wurde verlangt, also Ausschluß
jüdischer Studenten.  Die Verfassungen mußten aber von den
zuständigen Länderregierungen bestätigt werden, es sollte sich ja um
öffentlich anerkannte Studentenschaften handeln, denen die
Selbstverwaltung staatlich geförderter Studentenhilfseinrichtungen
wie Mensa, Krankenkassen usw. anvertraut werden sollte.  Die
Verhandlungen zwischen den stark rechtsradikal gewordenen
Studentenführungen und den Regierungen, voran dem Preußischen
Kultusministerium, zogen sich Jahre lang hin.  Die Studentenschaft
hatte für Hochschulen in Deutschland die vom Ministerium als Norm
festgesetzte Mitgliedschaft aller Studenten, die deutsche
Staatsbürger waren, angenommen, aber für das "Großdeutsche Prinzip",
auf dem sie bestehen wollten, daß österreichische und
auslandsdeutsche Studenten auch Mitglieder sein könnten, wollten sie
das auf "deutsche Abstammung" beschränken unter Ausschluß von
Studenten jüdischer Abstammung.

Die Führung der Deutschen Studentenschaft, fest in den Händen der
rechtsgerichteten Korporationen, blieb darüber in ständigem Konflikt,
besonders mit der preußischen Weimarer Koalitionsregierung, der sich
rechtlich auf zwei Punkte in der Verfassung der Deutschen
Studentenschaft zugespitzt hatte, erstens wenn auslandsdeutsche
Studenten weiter aufgenommen werden sollten, dann ohne Arierparagraph,
und zweitens, wenn die Deutsche Studentenschaft weiter mit
österreichischen oder auslandsdeutschen Studentenschaften, die bei
sich gar nicht staatlich anerkannt sind, "koalieren" will, dann nur
solchen, die auch keinen Arierparagraphen haben.

Dieser Konflikt beschäftigte Anfang 1927 nicht nur die Hochschulen,
sondern auch Parlament und Tagespresse.  Es war mir somit vor
Studienbeginn, in Kattowitz, schon klar, daß ich, deutsch­jüdischer
Herkunft aus Polnisch­Oberschlesien, zu dem umstrittenen
Personenkreis für Aufnahme in die Studentenschaft gehören würde und
stellte Antrag für Aufnahme gleich bei Semesterbeginn.  Mir wurde
zunächst gesagt, meine Aufnahme würde den Prinzipien der
Studentenschaft widersprechen, aber ich würde Bescheid bekommen.

Wenig später erhielt ich durch das Sekreteriat der Hochschule die
Aufforderung, mich bei der sozialdemokratischen Abgeordneten Dr.
Wegscheider im preußischen Landtag zu melden.  Ich traf eine sehr
resolute, ältere Dame, Hochschulreferentin in ihrer Fraktion; sie
sagte, sie hätte über mich gehört (6), und fragte, ob ich Aufnahme in
die Studentenschaft beantragt hätte, und da ich schon auf Bescheid
wartete, aber eine Ablehnung in Aussicht gestellt worden war, sollte
ich mich im Fall irgendwelcher Schwierigkeiten sofort bei Dr. Otto
Benecke melden, dem Presseschef im Preußischen Kultusministerium.
Bald darauf kam die Ablehnung und ich machte meinen ersten Besuch im
preußischen Kultusministerium.  Nach einiger Zeit wurde ich zur
Studentenschaft gebeten.  Der Schriftführer Walther Nothis, der
konservativ­katholischen Verbindung CV angehörend, bestätigte meine
Aufnahme, die vorherige Ablehnung wäre ein Irrtum gewesen (7).

Im politischen Verfassungskonflikt der Deutschen Studentenschaft mit
dem preußischen Kultusministerium kam es aber zu keinem Kompromiß.
Das im Juli 1927 gestellte Ultimatum wurde von den Studentenschaften
in einer Urabstimmung im November abgelehnt und die Studentenschaft
daraufhin vom Ministerium aufgelöst.  Meine Mitgliedschaft währte
also nicht lange.

Die an allen Hochschulen bestehenden wirtschaftlichen Einrichtungen
für die Studenten, ja die eigentlichen, praktischen Seiten
studentischer Selbstverwaltung, hatten ein gewisses Eigenleben,
unabhängig von den rechstradikalen, politischen Aktivitäten der
Deutschen Studentenschaft entwickelt.  Sie sollten weiter bestehen,
unabhängige neue Rechtsformen (E.V.) wurden gewählt, auf
gesamtdeutscher Ebene wurden sie nun im Deutschen Studentenwerk E.V.
mit Sitz in Dresden zusammengefaßt.  Die Wirtschaftseinrichtungen
wurden von manchen aktiven oder früheren Studentenschaftsfunktionären
geführt, die sich auf diese Arbeit spezialisiert hatten, zum Teil
halb­ oder sogar vollberuflich dort tätig waren.  Es hatte sich also
eine eigene personelle Struktur für diese Wirtschaftseinrichtungen
entwickelt, deren Mitglieder stark auf die sachlichen Aufgaben
konzentriert, weniger politisch engagiert und daher jetzt bei
Auflösung der staatlich anerkannten Studentenschaft sehr an der
Fortführung der Wirtschaftshilfe in Zusammenarbeit mit den
Landesbehörden interessiert waren.

Schon im Laufe des Konflikts in Preußen hatte es außerhalb Preußens
in Heidelberg 1926 einen Beschluß des Studentenschaftsparlament(Asta)
gegeben, aus der Verfassung die strittigen völkischen Bestimmungen
herauszunehmen und eine unparteiische, unpolitische, auf die
eigentliche Selbstverwaltung ausgerichtete Studentenschaft
anzustreben.  Heinz Ollendorf hatte damals als Heidelberger
Astamitglied von republikanischer Seite gemeinsam mit dem Sozialisten
Hoeber an diesen Beschlüssen mitgewirkt und auch auf dem Studententag
der Deutschen Studentenschaft in Bonn den Heidelberger Standpunkt
mitvertreten(8).

Die Heidelberger Studentenschaft wurde daraufhin aus der Deutschen
Studentenschaft ausgeschlossen.  Die Leipziger Studentenschaft war
auch nahe dran.  Anschließend an ihre Heidelberger Erfolge ging nun
von Ollendorf und Hoeher die Initiative aus zur Gründung einer
Gegenorganisation zur Deutschen Studentenschaft, die nun in den
nächsten Monaten als Deutscher Studentenverband(DStV) auch entstand.

An unserer TH waren die studentische Wirtschaftshilfe und die
Studentenschaft in je einer von den Baracken auf der Rückseite der
Hochschule untergebracht.Im Grunde genommen verschwand die
Studentenschaft wie sie bisher politisch existiert hatte, gar nicht.
An allen preußischen Hochschulen gründete die gesamtdeutsche Deutsche
Studentenschaft sofort neue Organisationen; an der TH Charlottenburg
nannte sie sich "Großdeutsche Studentenschaft" und fuhr weiter fort
mit demselben Vorstand und Ausschüssen, Programmen und Propaganda.
An der Universität Berlin zum Beispiel waren republikanische
Studenten und ihre Vereinigungen zwar auch in der Minderheit, aber
sie hatten bei den Astawahlen Sitze erhalten und waren so auch bei
Auflösung der Studentenschaft aktiv in den Wirtschaftsorganisationen
vertreten.  An unserer TH waren sie nicht vertreten.  Die
Wirtschaftsorganisationen brauchten natürlich weiter
Studentenvertreter für ihre Gremien.  Die erste wichtige Aufgabe war
lokal für die verschiedenen republikanischen Studentenvereine zu
verhindern, daß die neue Großdeutsche Studentenschaft einfach in den
Funktionen der alten aufgelösten Studentenschaft fortfahren könnte.
Eine gemeinsame republikanische Gegenorganisation wurde notwendig und
mit Namen "Freiheitliche Studentenschaft" gegründet.  Die
Wirtschaftshilfe und sogar das Rektorat konnte so gezwungen, oder
sagen wir durch Hinweis auf vermutliche Ansichten des Kultusministers
veranlaßt werden, Vertreter der republikanisch gesinnten Studenten
auch in die Außschüsse der Wirtschaftshilfe zu berufen und die Büros
in der Studentenschaftsbaracke zwischen den beiden aufzuteilen.

Diese Büros schufen natürlich eine deutliche Präsenz für die
republikanische Seite, wie sie sich gar nicht an allen preußischen
Hochschulen so ergab.  Die Mitgliedsvereine mußten Kräfte nicht nur
für die übliche Vorstandsarbeit und Vertretung in Wirtschaftshilfe
und gegenüber dem Rektor bereitstellen, sondern auch für Abhaltung
von Bürostunden.  Bei der Gründung war der Sohn eines prominenten
Professors der TH, Fritz Schlesinger vom Demokratischen Studentenbund,
und ältere Semester von FWV und KC führend beteiligt, aber
Schlesinger erkrankte; ich übernahm von ihm, wurde dann Vorsitzender
dieser Freiheitlichen Studentenschaft der TH und blieb es mehrere
Semester.  Enge Mitarbeiter und Nachfolger waren Rudi Samuel vom KC
und später der Sozialist Ahrens.

Bei Beginn meines 3.Semesters, Sommer 1928, erwartete mich zu meiner
größten Überraschung ein noch viel weitergehendes Engagement.  Nichts
ahnend kam ich zu einer Mitgliederversammlung des Demokratischen
Studentenbunds Berlin, und vor Beginn wurde mir mitgeteilt, daß
Alfred Tismer den Vorsitz aufgeben muß, er wurde von einer bekannten
Privatbank beauftragt, eine Methode für Errechnung der "Goldpunkte"
auszuarbeiten, und das neben seiner Dissertation wäre dann zuviel.

Ich hatte mich häufig an Debatten beteiligt und zu den meisten
politischen Themen etwas zu sagen gehabt.  Die maßgebenden Mitglieder
hielten mich für den geeignetsten, ja eigentlich den einzigen damals
plausiblen Nachfolger.  Die Plötzlichkeit erschreckte mich, ich war
bereit erst einmal mich im Vorstand einzuarbeiten, aber so aus dem
Stand den Vorsitz zu übernehmen war zuviel.  Müllerburg, Tismer,
Winners u.a. versprachen vollste Unterstützung, nun mußte man auch
noch sehen, wie man die übrigen Vorstands­ und anderen Mitglieder
dazu bringen konnte, aber ich wurde gewählt und trat das Amt mit
einigen Zweifeln und Ängsten an, fühlte mich aber bald wie ein Fisch
im Wasser.

Das rein Organisatorische war nicht der Berg, den ich mir vorgestellt
hatte, das Interessante war die Programmgestaltung und Vorbereitung,
die Kontakte und Repräsentanz, in Liaison mit der Demokratischen
Partei, ihren Abgeordneten und anderen Politikern und den
Hochschullehrern, die ihr nahestanden.  Sie gehörten teilweise zu der
Altherrengruppe, die der Studentenbund gebildet hatte, mit Theodor
Heuss als einer der aktivsten Stützen, der Geschäftsführer war
Ministerialrat Haensel im Reichsinnenministerium und regelmäßige
Besuche in seinem Büro gehörten zur Routine meines neuen Amts.  Dann
waren noch die Jungdemokraten, deren Verband die Studentengruppen
auch angehörten und schließlich Kontakt mit den gleichgesinnten
Zeitungen.  Das war besonders Werner Mahrholz von der Vossischen
Zeitung und Rudolf Olden vom Berliner Tageblatt, die dort über
Hochschulfragen schrieben und alte Beziehungen zu den Entwicklungen
in der Studentenschaft hatten.  Besonders Werner Mahrholz galt als so
etwas wie ein Mentor der republikanischen Studenten, und der
Demokratische Studentenbund war ihm dabei der nächste.  Die Besuche
bei beiden waren für mich besonders wichtig und anregend.

Ich war noch jung in meinem Amt, ohnehin noch nicht 20, als dann neue
Reichstagswahlen am 20.Mai 1928 stattfanden.  Wir Studenten mußten an
den Vorbereitungen für die Partei mithelfen, Wahlversammlungen
besuchen, war aber nicht sehr mein Fal

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