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Märchen und Sagen

by Ernst Moritz Arndt · German · Gutenberg #6641 · 507,036 chars · public domain (US)

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Title: Märchen und Sagen

Author: Ernst Moritz Arndt


        
Release date: October 1, 2004 [eBook #6641]
                Most recently updated: December 29, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/6641

Credits: Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient German books in London


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN UND SAGEN ***




Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
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Märchen und Sagen

Ernst Moritz Arndt

Inhalt: alphabetisch nach Titeln

Das brennende Geld
De Blagfoot
De Brügg bi Slemmin
De Köninge van den Deerden
De Prester un de Düwel
De Raw de Ringdeef
De Wewer un de Steen
De krassende Hahn
De witte Fru to Löbnitz
Der Rabenstein
Der Schlangenkönig
Der Wiedehopf
Der Wolf und die Nachtigall
Der große Jochen
Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin
Die alte Burg bei Löbnitz
Dom büst du då?
Geschichte von den sieben bunten Mäusen
Halt den Mittelweg!
Ick bün de Ridder Unvörzagt und sla der Säwen mit eenem Slag
Kater Martinchen
Klas Avenstaken
Prinzessin Svanvithe
Rattenkönig Birlibi
Rotkehlchen und Kohlmeischen
Schipper Gau un sin Puk
Thrin Wulfen



Das brennende Geld


Drei Bauern kamen eine Herbstnacht oder vielmehr früh, als es mehr
gegen den Morgen ging, von einer Hochzeit aus dem Kirchdorf Lancken
geritten.  Sie waren Nachbarn, die in einem Dorfe wohnten, und ritten
des Weges miteinander nach Hause.  Als sie nun aus einem Walde kamen,
sahen sie an einem kleinen Busche auf dem Felde ein großes Feuer, das
bald wie ein glühender Herd voll Kohlen glimmte, bald wieder in
hellen Flammen aufloderte.  Sie hielten still und verwunderten sich,
was das sein möge, und meinten endlich, es seien wohl Hirten und
Schäfer, die es gegen die Nachtkälte angezündet hätten.  Da fiel
ihnen aber wieder ein, daß es am Schlusse Novembers war, und daß in
dieser Jahreszeit keine Hirten und Schäfer im Felde zu sein pflegen.
Da sprach der jüngste von den dreien, ein frecher Gesell: "Nachbarn,
hört!  Da brennt unser Glück!  Und seid still und lasset uns
hinreiten und jeden seine Taschen mit Kohlen füllen; dann haben wir
für all unser Leben genug und können den Grafen fragen, was er für
sein Schloß haben will."  Der älteste aber sprach: "Behüte Gott, daß
ich in dieser späten Zeit aus dem Wege reiten sollte!  Ich kenne den
Reiter zu gut, der da ruft: Hoho!  Hallo!  Halt den Mittelweg!"  Der
zweite hatte auch keine Lust.  Der jüngste aber ritt hin, und was
sein Pferd auch schnob und sich wehrte und bäumte, er brachte es an
das Feuer, sprang ab und füllte sich die Taschen mit Kohlen.  Die
andern beiden hatte die Angst ergriffen, und sie waren im sausenden
Galopp davongejagt, und er ließ sie auch ausreißen und holte sie
dicht vor Vilmnitz wieder ein.  Sie ritten nun noch ein Stündchen
miteinander und kamen schweigend in ihrem Dorfe an, und keiner konnte
ein Wort sprechen.  Die Pferde waren aber schneeweiß von Schaum, so
hatten sie sich abgelaufen und abgeängstigt.  Dem Bauer war auch
ungefähr so zumute gewesen, als habe der Feind ihn schon beim Schopf
erfaßt gehabt.  Es brach der helle, lichte Morgen an, als sie zu
Hause kamen.  Sie wollten nun sehen, was jener gefangen habe, denn
seine Taschen hingen ihm schwer genug hinab, so schwer, als seien sie
voll der gewichtigsten Dukaten.  Er langte hinein, aber au weh! er
brachte nichts als tote Mäuse an den Tag.  Die andern beiden Bauern
lachten und sprachen: "Da hast du deine ganze Teufelsbescherung!  Die
war der Angst wahrhaftig nicht wert!"  Vor den Mäusen aber schauderten
sie zusammen, versprachen ihrem Gesellen jedoch, keinem Menschen ein
Sterbenswort von dem Abenteuer zu sagen.

Man hätte denken sollen, dieser Bauer mit den toten Mäusen habe nun
für immer genug gehabt; aber er hat noch weiter gegrübelt über den
Haufen brennender Kohlen und bei sich gesprochen: "Hättest du nur ein
paar Körnlein Salz in der Tasche gehabt und geschwind auf die Kohlen
streuen können, so hätte der Schatz wohl oben bleiben müssen und
nicht weggleiten können."  Und er hat die nächste Nacht wieder
ausreiten müssen mit großem Schauder und Grauen, aber er hat es doch
nicht lassen können; denn die Begier nach Geld war mächtiger als die
Furcht.  Und er hat es wieder brennen sehen genau an der gestrigen
Stelle; bei Tage aber war da nichts zu sehen, sondern sie war
grasgrün.  Und er ist hingeritten und hat das Salz hineingestreuet
und seine Taschen voll Kohlen gerafft, und so ist er im sausenden
Galopp nach Hause gejagt und hat sich gehütet, daß er einen Laut von
sich gegeben noch jemand begegnet ist; denn dann ist es nicht richtig.
Aber er hat doch nichts als Kohlen in der Tasche gehabt und ein
paar Schillinge, die von den Kohlen geschwärzt waren.  Da hat er sich
königlich gefreut, als sei dies der Anfang des Glückes und das
Handgeld, das die Geister ihm gegeben haben.  Er mochte aber die paar
losen Schillinge von ungefähr in der Tasche gehabt haben, als er
ausritt.  Und die Schillinge haben dem armen Mann, der sonst ein
fleißiger, ordentlicher Bauer war, keine Rast noch Ruhe mehr gelassen;
jede Nacht, die Gott werden ließ, hat er ausreiten müssen und seine
besten Pferde dabei tot geritten.  Man hat es aber nicht gemerkt, daß
er Schätze gefunden hat, sondern seine Wirtschaft hat von Jahr zu
Jahr abgenommen, und endlich ist er auf einer Nachtfahrt gar einmal
verschwunden.  Und man hat von ihm und von seinem Pferde nie etwas
wieder gesehen; seinen Hut aber haben die Leute in dem Schmachter See
gefunden.  Da muß der böse Feind ihn als Irrlicht hineingelockt haben;
denn er braucht solche Künste gegen die, welche sich mit ihm
einlassen und ihn suchen.



De Blagfoot.


Herr, wet de Herr, wat de Blagfoot is?

Ja woll.  Dat is een Falk edder Hawk edder doch so een Ding van
Musfänger un Vagelfänger un Felddeef, een Vagel, dem jeder unverzagt
up de Feddern knallen kann.

O Jemerus! dat wet de Herr doch nich.  Wi Buren sünt ok klok.  Ick
will dem Herrn seggen, wat he för een Prinz is.  Blagfoot was in
sinen Dagen een stolter vörwegner Kerl, een Junker un Minschenplager,
un dårüm röppt de Bur noch jümmer Blagfoot, wenn he Junker seggen
will edder wenn he vörblömt eenen Eddelmann meent, de recht slimm is
un jümmer de scharpen Spåren an hett.  Blagfoot was in siner Tid een
Junker un hedde schöne Hüser un Göder, äwerst he was dårbi vörmeten
un grotwäterisch, un hedd et in siner Macht stahn, he hedd Gott im
Himmel de Ogen utsteken.  Äwerst Gott stürt de Böme, datt se nich
in den Häwen wassen.  Junker Blagfoot was een rechter wilder Jäger un
Nümmersatt Lüde so pinigen, un dat was sine grötste Froid, wenn't am
dicksten hagelde un een Sneedriwel was, datt man nich Hand vör Ogen
sehn kunn, in so 'nem Weder sine Lüd in Rusch un Busch heruttodriwen
un Wol!  Wol! to schreien.  Gegen de Armod was he ahn Erbarmen un
keen Bedelmann kam mehr äwer sine Scheden, un ick glöw, de Düwel ut
der Höll hedd sick nich unnerstahn, in sinem Forst sick een
Spazierstöckchen to sniden.  So hantierde he as een Undeerd unner de
Minschen, solang he lewde, un was keen Beduren un Bestüren mit em.
Äwerst, min leewe Herr Blagfoot, so krus du di ook tierdest un so
herrsch du ook uppkloptest, as schull de Welt sick unner diner Fust
rögen, am Ende kam doch een gröter Herr un kloppte an dine Dör.  De
Dood kam un streckte un reckte minem Herrn Urian de Knaken ut un de
Düwel schickte eene hele Legion siner Gesellen de arme Seel in de
Höll to slepen.  Gott hett äwerst een Teken markt, woran sick alle
unchristliche un harde Herren, wenn se willen, spegeln känen, un dat
is de Vagel Blagfoot.  Un se seggen, dat is een Düwelskind, dat van
dem wilden Junker herstammt.  Ick bün äwerst keen Doktor un vörstah
nich, wo dat togahn kann.  Un he hett sine Straf bawen der Erd, as
sin Vader in der Höll, datt he mit heschem un häßlichen Schreien
rundflaggern un hungern un frieren mütt, wenn alle annern Vägel un
ook dat Volk der Falken un Wihen sick vörlustiren.  Denn wenn datt
kold ward un de kahle un magre Winter kümmt, denn macken de meisten
Vägel sick up un flegen äwer See un Land wiet weg hen, wo't warm is,
un kamen erst im Fröhjåhr wedder wenn Snee un Riep weg sünt.  He
äwerst mütt hier beduren un utholden den langen kolden Winter un äwer
den witten Streken flegen un luren un luren un luren, ob he woll een
mageres Musken edder eenen helligen Vagel erwischen kunn.  Denn luren
mütt de böse Schelm, erflegen kann he nicks Fettes un Wäliges: Gott
hett em to Straf to swåre Flüchten gewen.  Un wenn wi den slimmen
Junker flegen sehn, ropen wi: Blagfoot!  Blagfoot! wo bekümmt di de
Kattenspise? wo smecken di de Müse?  So mütt he nu lewen bet in
Ewigkeit un all sine Kinder un Kindskinder mit em nu in der wieden
kolden Welt herümflegen as een Minschenfiend un ook as een Vagelfiend;
denn all sine Dag süht man en in keener Gesellschaft.  Wo äwerst
Hüser sünt un Minschen un Veh im Winter warm wahnen, då dört he nich
henkamen; dat hett Gott em vörbaden un em dåvör eenen Gruwel int Hart
jagt.  Un nu, Herr, wet he, wat dat mit dem Blagfoot för 'ne
Bewandniß hett un kann't den Junkers mal utleggen: denn Unsereen
versteit dat nich so fin.



De Brügg bi Slemmin


Ick mütt bi disser Gelegenheit ook noch vörtellen van der Brügg in
dem Slemminer Holt, wo de Weg nah Zornow utlöpt.  Da geit dat gar
wunnerlich to; wo menniger stolter Rüter hett sick dar den Sand vam
Pels schüddeln müßt!  Denn jede Kreatur weet darüm un wahrschuwt,
datt et da nich richtig is.  As ick een Jung van viertein, föftein
Jahren was, hödd ick de Koi bi dem Holländer to Slemmin un drew oft
int Holt, un wenn ick ook dem wilden Jäger sine Hund hett hedd, keen
Kalf hedd ick achter de Sünn äwer de Brügg kregen.  Darüm steit da
herüm ook jümmer dat schönste un längste Gras, denn dat Veh müßt den
Verstand verlaren hebben, dat da mit egnem Willen gräsen gahn wull,
un ick glöw, keen dummer Dreihhals van Schaap edder Goos würd da een
Halmken anrühren.  Un wer des Nachts äwer de Brügg föhren edder riden
mütt, o Herre Jemerus! wat kost't dat oft vör Künst un Sprüng!  Un wo
snuwen de Perd un zittern un daddern un bäwern vör Angst, datt se
äwer de behexte Brügg schälen, un scheten up der Brügg in de Knee un
laten den schumigen Sweet vam Liwe drüppeln, as hedden se een paar
Mil im Galopp lopen, edder as wenn se in de Lüchting van Kanonen
springen schullen.  De Minsch alleen wett nicks davon, wenn se em't
nich vörtellt hebben edder wenn he nich in der Nacht kümmt un de Ulen
und Kraihen in so dickem Swark üm de Düwelsbrügg flegen.  Un ditt is
de Geschicht van der Brügg:

In Zornow was eene smucke Dern, eenes Schepers Dochter, de hedd sick
dreimal vörjumfert un jedesmal ehr Kind ümbröcht, un de drei Kinder
in dem Graben bi der Brügg in de Erd steken.  Äwerst achter dem
drüdden Kinde is de Satansundhad utkamen, un se hebben de Dern nahmen
un se in eenen Sack dhan un bi der Brügg in dem Graben vörsöpt, un
hebben de Lik van der armen Sünnersche bi ehren Kindekens ingraben.
Äwerst wat künn tüschen dissen Vördrag wesen?  Un't is darnah eene
dulle un wilde Wirtschaft worden, datt den Lüden de Haar to Barg
stahn sünt, so hebben sich de flegenden un klagenden Geisterken van
den Kindekens föhlen un vernehmen laten.  Un wer in dem Holte wat to
dhon hett, dem will ick nich raden, datt he sick lang nah
Sünnenunnergang edder vör Sünnenupgang da betrappeln lett.  Dat piept
un flüstert un wispert un tutet un hült da denn de ganze Nacht dörch,
as wenn Katten Hochtid hollen edder lütte Kinder quarren, un
Ulengequiek un Kraihengeschrei klingt jümmer datüschen.  Denn in
eener hollen Eek äwer der Brügg sitt Dag und Nacht eene olde Ul, un
dat is de arme Schepersdochter, de in disser Welt keene Rauh findt.
Un des Nachts mütt se jümmer hen un her flegen van Boom to Boom un
van Twig to Twig un schreien un quiken, datt eenem de Haar up dem
Kopp susen, un drei junge Ulen uhuen un flegen jümmer achter ehr her,
un dat sünt de drei Kinder, de se vermordt hett.  Äwerst tüschen
twelw un een da geit et erst recht lustig, un Gott gnade dem, de denn
äwer de Brügg mütt.  Denn hett sick dat ganze Ulenrik tosam vörgadert,
un se maken eene Musik in der Luft, wornah dat ganze düwelsche Heer
in der ersten Mainacht danzen künn, un een hungriger Wulf mit
glönigem Rachen steit an der Eck un hölt eene Baßviol tüschen den
Beenen un speelt lustig up, un Vöss un Katers un Marten, Ilken un
Wesel un anner deefsches Nachtgesindel danzt dato.  Ick hew't nich
sehn, äwerst de Smitt in Slemmin hett't sehn.  De is mal darunner
geraden, un he was äwen nich up Gottes Strat, denn he hedd de Äx up'm
Nacken un wull sick eene junge Eek hauen.  Den hebben se terreten und
terzust--hast du mir nicht gesehen--un so is he to Huse kamen ganz
terkraßt un verbaast, un sine Oldsche hett em drei Weken eene
Kindersupp kaken müßt: so hedden de Satansgesellen den armen Schelm
afängstigt.  Dat is äwerst wiß un wahr, wat ick van den Koien un
Perden vörtelld hew, un keen ordentlich un christlich Deerd un Vagel,
de van Gott weet, geit in de Eek edder sett't sick da herüm.  Ick hew
all min Dag keenen Vagel in ehren Twigen singen edder zirpen hürt,
Ulen un Hawks un Kraihen, Rawen und Hesters un anner dergliken
Düwelsgerät dat süht man woll darup sitten.  Mit der Brügg is't äwen
so; keen ehrlicher Vagel sitt up ehren Pösten edder Geländer, nich
eenmal eener van den lustigen un näswisen Vägeln, as de Meesk, de
Quäkstart edder Steenbicker, de sünst so nülich un flink sünt alles
Holt, wat se man sehn, to besitten un to befladdern.  Denn ook de
allergeringsten un lüttesten Deerdeken weten een beten van Gott, un
et weiht en ook een beten Wind to, wo wat Gewaltigs un Greulichs
geschehn ist, un gruweln sick davör."



De Köninge van den Deerden.


Jochen Eigen un Johann Geese satten eenes Dags mit annern Meihers
achter eener Weitenhock un höllen ehre Ihrmdagstid un firden un
vörtellden sich Geschichten.  Un Johann Geese, de een fram Minsch un
in der Heiligen Schrift un in dem Gesangbook so to Hus was, datt he
flinker as de Scholmeister un Köster upslan un finnen kunn, hedd de
Geschicht vörtelld, de man in dem negenden Kapittel des Books der
Richter lest, wo Jotham den Lüden van Sichem eene Fabel vörtellt van
den Bömen, de hengingen un sich eenen Köning wählen wullen, un wo de
Ölboom un Figenboom un Winstock nich Köning warden wullen un wo to
goder Letzt de Durnbusch Köning wurd, een ruger un harder Gesell, de
de annern Böme terruppen un terzusen schull.  Då fung nu Jochen Eigen
an un sprack: Broder Johann, hupen heel! datt is eene hübsche un
nüdliche Geschicht van dem Abimelech un dem Durnbusch, un nu will ick
ook eene Geschicht vörtellen, un ji schällt sehn, datt et nich licht
is, een Köning to sin un et allen Minschen recht to dhon: denn to
schellen un to brümmeln giwt et jümmer watt, solang de Welt steit.
Un nu spitzt de Uhren un markt up, Jungs!

De Deerde weren eenes Dags uneenig unner sich, wen se tom Köning
kiesen schullen.  De olde Löwe was dood, un eenen Löwen wullen se
nich wedder; denn se seden: De hett scharpe Tänen un eenen Buk as een
Oss un frett in Eenem furt, un man schall et sich noch as eene Gnad
reknen, wenn he Eenen tom Hawe röppt, datt man in sinen
majestätischen Buk herunnerspazieren mütt.  Un wenn he eenen ook grad
nich upfrett, so is sin Anschien un sin Gelat un Gebrüll schier eene
Angst; un ook wenn he sacht un fründlich dhon will, strakt he so mit
den Tatzen, datt dat Blood dårna kümmt.  Un sine Macht un Kraft, wat
se sine Majestät heten, wat helpt se, wenn he de meiste Tid vörslöpt?
Då känen sine Landfleger un Vägde un Eddellüd un Jagdjunker doch
dhon, wat se willen, un den armen Lüden dat Fell äwer de Uhren theen.
Denn hett he een paar Ossen edder een paar Dutzend Hamel un Reh
verslungen, so snorkt de Fuljahn oft dre vier Dage un deed sine Ogen
nich up, un Recht un Tucht mütt sine Ogen denn woll todhon.  So
spreken un meinden de meisten un wullen platterdings des Löwen Sähn
nich wählen, un streeden un kifden lang mit eenanner, wer denn de
düchtigste were Köning to wesen un se mit Macht un Leewde to stüren.
Un et ging bunt äwer Eck in dem Rike un was slimmere un grötere
Verwirrung un Elend, as tor Tid der Löwigen Gierigkeit un Fulheit
west was.  Toletzt, wiel se up keene Wise eenen scharpen un klauigen
Herrn hebben wullen, nehmen se den Pudel, un seden to em: Du schast
unse Köning wesen.  Denn se dheden mankanner spreken: De Pudel is
sachtmödig un fredselig un fründlich mit den Lüden un sin Mul so
grothartig as sin Swanz, womit he an allen henfichelt un sich
anfründlicht, un dheed keenem Kinde wat to Leeden, un is still un wis
un nadenklich; un wenn he mal lustig sin will, watt för schöne Künst
ward he sinen leewen Underdanen vörmaken!  Ook frett he nich veel un
hett eenen lichten Slap, un meist wakt he des Nachts un studiert as
de olden Wisen in dem Mand un den Stiernen.  He ward een finer un
gerechter Herr sin un keen Deef un Röwer ward unner em upkamen känen.
De gode Pudel, de keene hoge Gedanken van sich hedd un würklich in
aller Sachtmödigkeit un Demoth so vör sich henging, verschrack sich
går veele, as se em dat grote Ding seden, un wull nich Köning warden
un strüwde sich sehr.  Awerst de Deerde nödigden en, un setteden em
mit Gewalt de Kron up den Kopp un dheeden em Swert un Zepter in den
Klauen, un so müßt he se woll dregen.  Un alle Deerde tierden sick as
unsinnig un jubilirden un juchheiden un krajölden äwer de Maaten,
datt se eenen so wisen un sachtmödigen Köning hadden; un se nömden en
mit eenen Binamen Köning Gapus, wat de Wisheit bedüdet, un meenden,
nu schüll de güldene Tid wedderkamen un dat Paradies, wo keen Winter
un keene Arbeit was, wo de Löwen un Tiger Gras gespist un de Wülwe un
Lämmer fredlich mit eenanner spelt hebben; un van Roof un Murddhaden
un Doodslag würd man nu un nümmer nicks mehr hören.  Awerst o je! dat
geschach går anners.

De Pudel was gewiß sehr fram un weekhartig un sachtmödig un wedelde
un bellde alle sine Unnerdanen fründlich an un bleckte gegen keenen
eenzigen de Tänen; un dat gefeel en woll.  Ook was he een spårsam
Husholler, un een paar Müse, de de Kater, de sin äwerste Käkenmeister
was, em däglich lewern müßt, un een paar Happen van verrecktem Veeh
edder Wild makten ein satt.  De ganze grote Denerschaft, welke de Löw
hollen hedd, Leoparden, Panther, Tiger, Veelfreter, Wülwe, Vösse,
Apen un all de bunten un lichten Musikanten, de Singvägel, de ut
allen Landen tohoopbröcht wurden, dem Köning un sinen Eddellüden bi
der Tafel uptospelen, un all de annern Dhonichgode, de dat Land
vörteerden, wurden vörjagt edder afdankt, un een einziges kleenes
Hündeken, dat van Older krietwitt worden was, het' un was Salomos
wiser Rath un Gesellschaft, un Hofmeister un Hofmarschälle un
Kammerjunker un Jagdjunker un Hingstrider un Vörrider un Löper un all
de blanke un hoge Staat wurden rein afschafft, un ook de
Oberstwaschmeister un Oberstluser un de Flegen- und Muggen-Vördriwer,
de bi dem seligen Löwen de üpperste Mann west was, kregen ehren
Afsched un mennige annere Deners, de de Löw sich to sinem Vergnögen
toleggd hedd.  Denn de grote un lütte Wasch un de Süwerung sines
Liwes vörrichtede de Herr sülwest, un in siner Niederdrächtigkeit
makte he sinen Unnerdhanen går oft dat Vörgnögen, vör en int Water to
gahn Sök Verlorn to spelen un to apportiren.  Denn dat mütt man
gestahn, eene Nese hedd Köning Gapus, as keen Hund sit der Arche
Noahs, eene rechte königliche Nese.  Dat was äwerst sine beste Lust,
int Water to springen; un sine Unnerdhanen, de to Hawe kemen, wüßten
et all un brächten Stöcke un Steene mit, de se em int Water smeeten,
wonach he swomm, un Stücken Brod, wobi se Sök Verlorn repen, un de he
fung un to gliker Tid upfratt.  So wusch he sich denn jümmer sülwest
un kostede dat dem Lande keenen Penning.  Sin Oberstkamerling was dat
witte Hündeken, dat he as sinen Fründ un Staatsminister mit sich hedd
dat em mit sinen Poten de Haar torechtstrek, wenn he sich nah dem
Bade an de Sünn drögde, un se glatt un lockig lede, wenn se em vam
Wind mal vörstöwert weren.  Un de Overluser edder de Overlusersche
was de Kraih, un de dheed den Deenst ümsünst un kreeg keene
Traktamenten dåvör; denn de Lüse un Flöh, de se dem Herrn affung,
smeckten ehr går söte.  Egentlich hedd se noch woll wat togewen
schullt, datt se so ümsünst jümmer de Tafel deckt fund, äwerst de
groten Herren kämen dat nich so nau nehmen als wi lütte Lüde, den 't
knapp tosneden is.

So was nu een gewaltig Jubeln un Froid äwer den fründlichen wisen
hushollerschen geburschen un niederdrächtigen Herrn Pudelkönig Gapus,
un alle Lüde prisden sick glücklich, datt de olde Löwe dood un sine
Kinder van dem Thron verdrängt weren.  Awerst dat durde nich lang, so
wurd et unklar un unschier.  Denn wat kann de beste un christlichste
Köning utrichten, wenn de Groten im Lande un de egenen Fründe em nich
tapper un rechtschaffen bistahn?  Disse Fründe un Verwandten van
Köning Gapus kemen nu all to minter Mal, as wenn de Müse bi hellem
Sünnenschien ut dem Stroh kribbeln un krimmeln, mit heelen Hupen to
Hawe, all wat Hund, Köter, Räkel un Tewe het up dre Beenen hinkt un
mit dem Swanz waifelt un sweifelt.  Då kam Dogge un Wulfshund,
Jagdhund un Schothund, Höhnerhund un Swinhund, Windhund un Spitz, ja
de allerlüttsten Möppels un Dwarfhunde--un se wullen sick ook een
beten sünnen un bespegeln in der Majestät van ehrem hogen Herrn
Vetter un Deel hebben an siner Herrlichkeit.  Ja wenn't hiermit een
End west hedd?  Et stellden sich noch veele mehr in, welke de Hunde
sünst nich to ehre Fründschaft rekent hedden; un wull nu de ganze
Welt Hund wesen.  Då kam de Röwer un Mörder Isegrim de Wulf, de Deef
de Voß, de fichelnde Schelm de Mård, de Scheefkieker de Luchs, de
Baar de Brummbårt; ja de bunte Leopard un de sprenklichte Tiger kemen
heran un schämden sick nich, un leten sick Hund schellen, un wullen
mit Köning Gapus as Vettern un Bölken am Stürroder sitten.  He was nu
freilich een demödiger goder Herr un wull nich van vornehmeren Öldern
schienen, as he in der Dhaad was, un wees de Schelme vam Hawe weg un
bedraude se sehr un hart, se schullen nich äweldhon un de Armen un
Ringen nich bedrängen.  Äwerst he was en nich scharp noog.  Denn
as se sick am Hawe alles recht besehn un behorkt hedden, gingen se ut
in alle de widen Lande un nömden sick Hertoge un Prinzen un
Markgrafen un Grafen un makten sick grot un weesen Breeve un Papiere
vör, de se sick sülwst makt hedden, un wullen Oberlandvägde un
Oberstaatholder sin, un grepen un tasteden slimm üm sick.  Un bald
gaff et een veel argeres un jämmerlicheres Wesen un wurd veel mehr
unschuldig Blood vergaten, as in de Tiden van dem Löwenköning.  Un de
armen bedruckten Lüde winselden un hülden: O Köning Gapus! wise un to
gode Köning Gapus! wenn Du wüsst, wo dat im Rike tosteit, wo männigen
grönen Boom würdst du in witte Galgen verwandeln laten!  Wat helpt
uns all din stilles Lewen un din Stiernkieken, wenn du nich up de
Riksschelme kikst?  Un Köning Gapus wüsst et woll, äwerst he hedd
nich Mod noch Macht et to ännern un de Bösen to strafen.

As et nu to gräulich wurd un de bitigen un ritigen Deerde, de
egentlich Undeerde heten, sick mankanner terreten un mit ehren
glupschen Rachen alle Deerde, de sötes Fleesch hebben, vördelgen un
utrotten wullen, då makten disse eenen Upruhr un lepen tohoop to
eenem groten Riksdag.  Då kemen van des Rikes ütersten Ecken un
Gränzen de Elefanten un Neshörner un Ossen un Perde un Hirsche, Rehe,
Swine un Schaape, un därto alles, wat sick up Flüchten dör de Lucht
swingt: Swanen, Göse, Puter, Anten, Höhner, Duwen, Adebars, Reiger
und alles, wat Feddern dreggt, van dem groten Vagel Struß bett up den
lütten Tunköning, worup de Slimmen un Listigen ook de lüsternen Tänen
wetten.  Un de Löwen kemen ook un lagerden sick nich wiet van em as
een Schutz, wenn de Fiend etwa keme den Riksdag antofallen un to
vörstüren; denn se hapten wedder eenen Köning ut den Ehrigen to maken.
Un veele listige Räthe funden sick in, Waldminschen, Wehrwülwe,
Apen, Meerkatten un süslik Tüg, un lurden, ob nicks to gewinnen were
in der Verwirring.  Un se makten eene Gaderung unner sick un keeseden
eenen Apen tom Riksdagsmarschall.  Un disse Ap führde de
Schriewfedder un satte alle Klagen un Leeden to Papier, de dåhen
klungen, Köning Gapus were to gelind un künne nich riksen, he were
ook to wise un to geleerd för eenen Köning un äwerstudiert dörch sine
Stiernkiekerei, woräwer dat Land to Grund ginge; denn de Geleerdheit,
seden se, were weinig nütt un veel beter beraden dat Volk mit eenen
Köning, de eenen düchtigen Tog mit dem Degen dhon künne, as de en mit
de Fedder make.

Köning Gapus vörnam den Upruhr un datt sine Unnerdhanen riksdagden un
en afsetten wullen; un he was sehr bedröwt un bereep sick um sin
godes Gewissen.  Awerst sine Veddern un Fründe, de ganze hündische
Fründschaft, un de sine Veddern un Bölken heten wullen, dewiel he
Köning was, dheden sick ook tosam un makten sick hen, wo de Riksdag
satt, un meenden en to tersprengen.  As se äwerst vernehmen, datt
ehre Anklägers so mit heelen Hupen sick vergadert hedden un datt alle
Löwen im Hinnerholt up der Lur legen un datt de listigen und
grausamen Apen den Riksdag regierden, wurd en sehr bang, un de Frucht
kam äwer se un jagde se ut eenanner, un se lepen de eene hierhen de
annere dårhen, un jeder verkrop sick in sin Loch.  Un de veelen
Klagen der Elendigen un der Löwen Gewalt un der Apen ehre Listigkeit
drewen et so wiet, datt de Pudelköning Gapus van sinem Thron
verdrängt wurde.

Dårup rathslagden se lang äwer eenen nüen Köning un kamen veele in
Vörslag.  Tom Ersten de Elefant as de Starkste.  Äwerst sine
Fiende seden, he were to ungelenkig un plump un künne de Kron nich
mit Geschick dregen.  Tom Tweeten de Oss.  Äwerst se meenden, he
were to uplöpsch un kortköppig, un so wurd he nich Köning.  Dårup dat
Kamelopardel, een går heges un staatsches Deerd, dat eenen
Köningsmantel woll mit Gunst un Kunst dregen künne.  Äwerst se
schöllen et hoffärig un verwegen, un strüwden sick de meisten dågegen.
Ook stund et im bösen Gerücht van wegen siner Hoffårdigkeit van
vörledner Tid her, as he unner dem Löwenregiment Riksherold west was.
Datt äwerst van dissen allen nüms Köning wurd, dåran was de Ap de
Riksdagsmarschall schuld; denn he spelde mit siner ganzen Fründschaft
dåtüschen, un alle Dumme un Infoldige hedd he begigelt un vörgalstert
mit sinen blanken un bunten Reden un zierlichen Sprüngen un
Bücklingen, un de Löwen hülpen em ook, denn he hedd en wiesmakt, he
würd et tom Lesten all so richten un stellen, datt een Löwe Köning
würd un nüms anners.  Disse sleprigen Dickköppe vörleten sick up den
Schelm, äwerst he bedrog se.  Een Ap wurd tom Köning utropen, een van
den Apen, de an Gelat dem Minschen ähnlich sünt, een Waldminsch, eene
arge tückische un gewaltige Årt.  Se seggen, datt et eene Düwelstucht
is, de de olde böse Fiend mit den Hexen in der Walburgsnacht tügt
hett.  Awerst wer hett dat sehn?

Un nu drog denn de häßliche Köning Waldminsch de Kron, un egentlich
hedd et em nüms günnt, un alle vörwunnerden un vörfierden sick, datt
he Köning worden was, un wüsst nüms, wo dat togahn hedd.  Un se
früchten sick sehr un sweegen; denn se kennden den Waldminschen, wat
dat für eene Döwelssaat was, wo gewaltig he was un allen Lüden to
klook, un stark van Liwe un dårto unbändig un bös.  Un he fung glick
so een Regiment an, datt allen de Ogen äwergingen un se heemlich
mankanner flüsterden: Dat hebben wi woll vördeent üm unsen goden
Köning Gapus, wo et uns düchte, datt dat to dull herging.  Dat was
doch een Herr, dem jedweder unvörfiert unner de Ogen treden kunn.  Då
lachten wi Narren äwer sine Pudelkünste un datt he dat hübsche Spill
Sök Verlorn vörstund, un vörhöhnden en, wiel he nich grötern Staat
makte un datt dat lütte witte Hündeken sin högster Rathsherr un
Minister un de Kater sin Oberstkäkenmeister un de Kraih sin
Kammerdener was.

So klagden disse armen Bedrängten sick ehr Weh un Leed; äwerst Köning
Waldminsch leet sick dat nich anfechten.  He wull nun dat Königrik
recht vullut bruken un sick in vuller Pracht wisen; un wiel he
unrustig was un prächtig un inbildsch, as alle Apen sünt, so hedd ook
nüms im ganzen Rike de Ruh.  Sinen Hoff helt he mit äwergroter
Hoffårdigkeit un Herrlichkeit, un alle smucken un blanken Deerde un
de hübsche Felle un bunte Feddern hadden, müßten jümmer bi em sin un
üm en springen un danzen, spelen un singen un en mit allerhand Spill
un Kortzwiel ergötzen un em wat vörhaselieren; denn so wat mägen de
Apen vör ehr Lewen gern.  Un so vörwandelde he denn de nüdlichsten un
smucksten Deerde in Spelers un Pipers un bude sick de kostbårsten
Hüser un Slotte ut Gold un Sülwer un Rubinen un Demanten, un alle
sine Unnerdhanen müssten dårto frohnen un roboten.  Und he hedd un
helt eene gruwelige Menge van Hanswursten un Seildänzern, Musikanten,
Narrendokters un Komödiganten un desgliks Volk, un spelde sülwst mit
in der Komödie, un sung un danzte ook vör allen Lüden mit der
Königliche Kron up dem Kopp up Jåhrmarkten un in groten Boden, datt
et eene Schand was.  Un all sine Minister un Rathsherren kleedden
sick apisch in bunten Röcken, de van swerem Golde un Sülwer tor Erde
sleepten; un ook sinen Drabanten un Soldaten dheed he de buntesten un
prächtigsten Kleeder an und gaff en jeden Mand nüe un schönere
Mundering.  Un sin prächtiges Apinnenhus, dat he sick buwen leet--o
du Herr Jemine! wat dat för eene Düwelspracht was!  Een Hus van purem
lichten Golde un de Finstern ut Demant un Edelsteen.  Då ging dat
lustiger un arger her, as in Köning Salomonis Tiden.  He helt sick
nich weiniger as teindusend Wiwer un Matrazzen.  Dat kostede ju erst
Geld.  Ji wett woll, wo staatsch un pagellursch dat Wiw van Natur is,
wenn man em den Tägel scheten lett un wo gern et sick mit sinem
bunten Swanz an de Sünn dreiht, un vullends desgliken Wiwer.

De pudelsche Fründschaft hedd et woll slimm makt un alle, de sick der
Tid to den Hunden rekenden; äwerst de Apen un de Apenfründe un
Apenvörwandten makten et dusentmal slimmer; un was in dem ganzen
Lande nicks as Üppigkeit, Feegheit, Hinnerlist, Uplurerei,
Anklatscherei, Achterklappen un mannigerlei Wirrwarr un Unglück.
Denn dårin weren de Apen utgeleert, datt se verstunden de besten
Fründe mankanner to verhetzen un to den giftigsten Fiende to maken;
un se lachten int Füstken, wenn de, de ehre Herrschaft hedden störten
un ehre Macht ringen kunnt, eenanner de Hälse terbroken.  Un hier
sach man, wat man to dissen Dagen nich hürt hedd, datt de Löwen
Kammerdener un Löper sin müßten un datt se den Apen, de en de Föt up
den Nacken setteden, zitternd un krupend de Tatzen leckten, un datt
de mächtigen Elefanten Holt un Water dregen un de Tiger as Heiducken
an den Dören stahn müßten.  So slug un listig was Köning Ap in sinen
Künsten.  Un då all dat Volk sehr geplagt un elendig was un dat Land
de grausame Üppigkeit un Geldverspillung un den snöden Äwermod der
Apen nich länger vördregen kunn, so vörswuren se sick woll oft un
stunden up gegen den Köning; äwerst he was en to klok mit den Sinigen,
un Löwen un Panther mißten den Kopp und Wülwe un Vöße wurden as
Verräder un Königsmörder an den Galgen hängt, un de armen Hunde
wurden veelnah utgerottet, un dem olden Köning Gapus göten se een
paar Kellen glöeig Blei in de Kehl, datt he jämmerlich sturf; denn
veele hadden sick ehr Verlangen nah em marken laten.  Doch dat
Sprickwurt seggt: de Krog geit so lang to Water, bet he breckt, un
dat schull Köning Waldminsch ook erfåhren.  Denn toletzt is't eenem
Baaren gelungen--de was de Obersthofmeister äwer des Könings Wiwer un
äwer sin Jumfernhus--de hett en im Lager des Nachts äwerfallen un
terreten un alle Unnerdhanen sünt van allen Enden un Ecken her
tosamlopen mit hellen Hupen un hebben nu alle Apen doodslagen, as man
unvernönftig Veeh doodsleit.

Un se müßten nu wedder eenen Köning hebben, un se sünnen lang hen un
her, wiel se vör jedem Köning eenen Gruwel hedden, de scharpe Tänen
wisen kunn; un so hebben to goder Letzt de Deerde dat Äwerspitt
gewunnen, de Gras freten, un hebben sick eenen Köning halt ut eenem
sachtmödigen Stamm, ut dem Geslecht der Bücke; denn se bildeden sick
in, unner em würden se gode Dage hebben.  Un so hett et sick begewen,
datt de Zeegenbuck Köning worden is, un se hebben an sinem
Köningsdage sungen, as't im olden Leede klingt:

Juchhe! Juchhe! de Löw is dood,
De Hund un Ap de sünt bi Gott--
Nu meistert uns de Zeegenbuck,
He dreggt den bunten Köningsrock,
He dreggt de güldne Köningskron.
Juch! Zickelbuck un Sniders Sohn!
Juch! Köning mit dem langen Bårt!
Juch! Zickelbuck un Sniders Årt!


Äwerst o du Herre Je! an dat Zeegenregiment warden se denken, solang
de Welt steit.  He hett den Esel to sinem Kanzler un den Rambuck to
sinem Feldmarschall makt, un an sinem Hawe was't eene recht türksche
Wirthschaft, ja veel arger as bi Türken un Heiden.  Un sin
Wiwerregiment man kann't unmöglich vör Christenminschen vörtellen.
Dat was dusentmal mehr as Köning Salomo, as he van Gott affallen was
un as 't de grote Soldan, de olde Stambull in Konstantinopel, bedrivt.
Ick segg ju man so veel, datt dem Köning Zickelbuck dat Wiwerhus
van dem Apen veel to kleen was.  Un wiel tor Tid van Köning
Waldminsch de meisten Löwen un de annern vernehmen Geslechter dör Bil
un Galgen un in Kriegen un Upruhren ümkamen weren, so is nüms west,
de't hett wehren künnt, un dat zeegenbuckische un eselsche Regiment
hett woll een föftig Jåhr durt, un wo hett dat Land utsehn? o du min
Je! grad as wenn de Durnbusch Abimelech Köning west were.  Denn disse
hebben de Wirthschaft nah ehrer Wise bedrewen.  Då hett man keene
Böme mehr sehn mit Appeln un Beeren, keene gröne Wischen, keen
Weiten- un Roggen-Feld.  Se hebben regiert, as wenn de leewe Herrgott
im Himmel dem Bösen de vulle Macht gewen hedd, den ganzen heelen
Fluch uttoseien, den de Herr in sinem Grimm spraken hedd, as he Adam
un Eva ut dem Gården Eden jagde.  Nicks as Distel un Durn in dem
ganzen widen Rike vom Köning Zeegenbuck; denn de Esel wull Disteln
freten un dem Köning smeckten de bittern Bläder van den Durnbüschen
am sötesten.  Wat anners hett de sachtmödige Buck nüms to Leeden dhan,
as datt dat Land van Durn un Disteln woist worden is.

As nu de Köning Zeegenbuck toletzt im hogen Older verscheden was, då
hett et dem Volke der Deerde dücht, se hebben et nu mit dem
Köningswessel noog vörsöcht, un sünt wedder tom Löwen torüggkamen un
hebben eenem jungen Löwenprinzen van den Weinigen, de noch äwrig
blewen weren, de Kron up dat Hövt sett't.  Un de hett regiert streng
un bequem glik sinen Vörfähren.  Un de Herrschaft mag woll streng un
hart wesen mütten; denn de sanftmödigen Herren kann de slimme Welt
nich dregen, un de Lütten un Ringen mütten nu een un alle Mal Haar
laten.

So vörtellde de redselige Jochen Eigen, un se horkten all to, bet de
Vörmeiher sine Saiße nam un wedder in den Weiten haude.  Då dheden se,
wat se müßten, un Löwen, Pudel, Bücke, Apen un Esel un alle hoge un
königliche Gedanken un Geschichten flögen weg.



De Prester un de Düwel


Starkow hett jümmer deege Presters hett, de as unser Pastor Scheer
den Minschen woll an't Hart to kamen un den Düwel, wenn he sick nich
gar to sehr inwörtelt hett, uttodriwen vörstunden.  Un wet de Herr,
wo dat herkümmt?  In olden Tiden, as de Heiden hier utdrewen un Gotts
Wurt un dat bloodige Krütz predigt wurden, was disse Gegend hier üm
Starkow Redbaß un Löbnitz nicks as Holt, Heid un Morast, wo hier un
dar een Mann in sinem Hüsken wahnde.  Da kam ook een Pastor un de nüe
Kark schull buwt warden; äwerst der Lüde was wenig un dat Weinige ook
noch arm.  De Pastor is een sehr gottsfürchtig Mann west un klok dabi
un hett veel hen un her sunnen, up wat Wis he Gotts Wark vollbringen
un sinem hilligen Wurt eene Stad bereiden künn.  Un da is em de Düwel
infollen, de olde Schalk un Seelenfänger, de sick oft bi em infund,
wenn he sine stille Bedstund in sinem Kamerken helt.  Denn he kennde
en woll, wenn he sick as eene swarte Fleg up sine Bibel settede un
darup herümwipperde.  Denn de Stank blef nah, wenn de Fleg wegflog.
Un de kloke Herr hett den Düwel mit List dran kregen un bedragen, un
Satan hett sweeten müßt, datt em de höllschen Druppen äwer de Näs
lepen.  Un in drei Dagen hett de Kark fix und fardig da stahn, as de
Herr se noch süht, un is eene van den öldesten in Pamerland, un ehr
Baumeister hett se nich mit inwihen helpen dörft.  Äwerst dat mütt
man em laten, so slimm de olde Fiend is, he hett eene grote Dägd, un
dat is de Dägd der Geduld un Arbeitsamkeit, datt he sick nicks
vördreten lett, wat to sinem Geschäft hürt--un datt künn een
Christenminsch sick ook woll van dem Doiwel leeren laten.  Wo sehr de
kloke Prester en ook vexirrt un narrt hedd, he makte een fründlich
Gesicht dato, un kam jümmer wedder un frog sinen Kunden, ob he em
noch nich in wat denen künn un ob he nich noch eene kleene Arbeit för
en hedd.  De Prester öwerst fürchte sick vör dem Schelm, datt he en
doch beluren mügte, un wull nicks mehr mit em to dhon hebben.

Nu was da een Dörp, dat nah Starkow in de Kark ging; dat lag achter
dem Holt heel nah, un de Pastor müßt oft dahinriden.  Äwerst so
nah dat Dörp ook lag, was't wegen Unwegsamkeit doch een
Dreiviertelwegs.  Denn he müßt eenen wieden Weg maken äwer Oldenhagen
un üm den groten Wald herüm, wiel in dem Holt een deeper Morast was,
wo man alleen im Sommer äwer kunn.  Da föll dem Pastor eenes Dages in,
ob he sinen Werkmeister nich wedder bruken un dran kriegen schull.
Un as de Düwel eenmal wedderkam, slot he den Handel af mit em un
besprack sick mit dem Bösen: He schull em in drei Dagen den Weg dör't
Holt un eenen Damm äwer den Morast maken, un he wulle mit Lif und
Seel sin wesen, wenn he en betrappelde, datt he man eenen Strohhalm
breet ut sinem Vörbeet ging.  De Prester satt awerst in sinem Garden
unner eenem Boom un las de Predigt äwer, de he den nächsten Sünndag
holden wull; un sin Swur was: "Düwel, wenn du in drei Dagen den Weg
un Damm dör dat Holt to der Horst fardigkrigst, so schast du mine
Seel nehmen, wo du se findst, wenn ick nich mehr up dissen minen
Vörbeet stah."  Un de Düwel schmunzelde in sinem Sinn un dachte: Den
Vagel hest du fangen; denn wo will de dumme Prester dat woll anfangen,
datt ick'n nich mal uter sinem Vörbeet treffen schall?  Dat Lewen is
lang un de Gedanken sünt kort un ehr Beten van Faden ritt licht af.
Un he ging lustig weg un makte sick an de Arbeit, haude Eeken af un
makte Brüggen un slepte Steene un karde Sand, un ehr drei Dag üm
weren, stund de grade Weg da un lag de schöne Damm fardig, so schön
un glatt, datt een Könnig mit Lust dräwerfahren kunn.  Un he kam to
dem Prester un sede: "De Weg un de Damm sünt makt."  Un he lurde em nu
up, wo he en faten un begigeln künn.

Un kum vergingen een paar Dag, so nam de Prester sinen Stock in de
Hand un ging den Weg nah Redbas herut, sick sine Brewe un Zeitungen
van der Post to halen.  Un as he kum an de Brügg kamen was, wo de
Sched is tüschen de Redbasser un Starkower Feldmark, wipps, hast du
mir nicht gesehn, was de olde Grising da in sinem roden scharlaken
Tressenrock un mit sinem Hahnenfoot, wippelde as een Hester üm dat
kranke Küken, üm den Prester herüm, un stellde sick achter em up den
Weg, datt he em nich wedder torügg lopen künn.  Un he grüßte en up
sine döwelsche Wise gar fründlich un reep: "Willkamen, Presting!  Nu
müßt du mal mit mi kamen un tosehn, wo't sick in der Höll lewt un ob
du se denen Buren richtig utleggt hest.  Wo steiht et?  Hest du din
Fell brav insmeert, datt et in der Hitt nich springt?"  Un as de Düwel
disse spötsche Red dhan hedd, makte he sick an den Prester un wull en
packen; äwerst he kunn nich!  Denn em kam een Gruwel un Grusen an, as
wenn he mit sinen Klauen in kold Is tastet hedd.  Un de Prester
lachte mit grotem Vergnögen, blos em ut siner Pip den Tabaksrook in
de Näs un sede: "Holt, Düwel! da is noch een Sticken vör, datt du
nich herin kannst.  Markst du, datt ick up minen Vörbeet stah?  Un
damit du Schlangenschelm et begrippst un in dinen Düwelsknaken
zitterst un bäwerst, so kumm her un seh!"  Un de Prester tog eenen
Stäwel ut un wieste dem Düwel, datt he drei, vier Bläder ut dem
Evangelienbook in sine Socken inneiht hedd.  Un de hedd he ook in
sinen Stäweln hett, as he im Garden den Eid swur un sinen Handel äwer
den Weg dör't Holt afslot.  Un de rode Düwel wurd vör Grimm blaß un
bleek as de Kalk an der Wand un schämde sick un vörzagde an dem
Prester, un neihde ut, as wenn em Für unner den Salen brennde, un
hett sick sin Leder nich mehr bi em sehn laten.  Un de Prester hett
as een gottselig Mann lewt, un is so storwen, un de Kark steiht bet
dissen hütigen Dag, un de Damm liggt noch un führt den Namen sines
Baumeisters, het de Düwelsdamm; äwerst nahgrad wer't woll nödig, datt
man den Düwel eenmal wedder dran krege tom Utbetern; denn he hett
vördammt veele Löcher.  Un wenn man ditt so bedenkt un de olden
Geschichten hürt, so mag man sick woll wundern, datt de Presters nu
tor Tiden so weinig känen un den Düwel nich mehr am Strick hebben.
Se segen, de olde Herr van der Finsternis un Düsternis is dood un
lewt nich mehr, äwerst se känen't nich bewiesen un ick glöwt nich;
denn he reckt sine Tatzen noch oft nog hervör.  Un wahrhaftig leider
Gotts! an dem Düwel fehlt et nich, man de rechte Glow fehlt un de
rechte Leewe, de rechte fürige himmlische Leewe, de de ganze
vullgeproppte glönige Höll un alle Millionen Düwels mit eenanner
utbrennen un in Asch vörwandeln kann.  Un darüm vörseggt en dat Hart,
et mit em uptonehmen.  De Olden vörstunden't beter un wüßten den
Spruch mit der Dhad uttoleggen: West klok as de Slangen un eenfoldig
as de Duwen.  To der Tid, as de Düwel Karken und Klöster buwen müßt,
gaff't gottskloke Lüde; nu äwerst sünt se düwelsklok un negenklok un
äwer all der Klokheit is de Vörnunft dumm worden, wo se de goden un
slimmen Geister mit eenem Blick underscheiden un den Engels und
Düwels in Christo begripen un den Lüden utdüden kunnen.  Se söken den
leewen Gott in der Welt, wo he is un ook nich is, un nich in der
Bibel, wo en jeder finden kann, dem Negenklokheit de Oogen nich
vörglastert hett.  Weer he so säker un wiß up der Landstrat to finden,
so were de leewe Heiland jo ümsüs vam Himmel herunnerkamen, sin
dürbares Blood am Krütz för uns to vörgeten.



De Raw de Ringdeef.


Då was eenmal een Grewe, de was sehr rik un grot un hedd een prächtig
Slott un schöne Häwe un Dörper; dat edelste un herrlichste Klenod
äwerst, dat he hedd, was sine Grewin, dat schönste Wif, dat up der
Erde lewde.  Un de Grewe höll se leewer as sin Lewen un as alle sine
annern Schätz un Herrlichkeiten.  Mannig schön Jåhr hedden se in Lust
un Froid mit eenanner lewt, då kam een Krieg up un de Grewe müßte
furt un in wider Frömde truren.  Un as he afreisen schull, was he
sehr bedröwt, un ehr he sin Perd besteg, ümhalsde he sine Grewin noch
eenmal unner dausend Thranen un nam eenen güldnen Ring van dem Finger
un stack en an ehren Finger, un sede dåbi: An dissem Ring will ick
marken, ob du miner noch gedenkst, un dårüm vörwahr en ja recht woll.
Un mit dissen Wurden swung he sick in den Sadel, un flugs ut dem Dur
herut.  Mannig Jåhr vörging un de Grewe kam nich wedder, un de Grewin
dachte, he were in der Fremde dood blewen, un se betrurde en as eenen
Dooden.  Äwerst se sach darüm nich nah den Lebendigen hen, man se
grämde sick jümmerfurt üm ehren Herrn un was em tru as Gold.  Veele
rike un vörnehme Friers kemen un wurben üm de schöne Fru, äwerst se
wull se går nich sehn, un sede: Lewt min Herr nich mehr, de de
schönste un leewste Mann up Erden was, wat schull ick mit eenem
annern anfangen? un ick will eene Wittfru bliwen un truren, bet Gott
mi im seligen Paradiese mit minem Leewsten un Besten wedder tosam
bringt.  Un nu hürt, wat sick begaff.

Eenen schönen Sommermorgen stund de Grewin vör der Dör--se was in dem
Gården west un hedd Blomen plantet--då blos de Trumpeter lud in't
Horn, un se hürde van dem Dur her de Grewe! de Grewe! schallen un
ropen.  Se leep flink de Trepp up sick to waschen, denn ehre Finger
weren vull Erd un Smutz van dem Blomenplanten.  Un as se sick wusch,
lede se den Ring up dat apne Finster, un een Raw kam flegen un nam
den Ring weg; un as sen an den Finger steken wull, fund se en nich;
un se was sehr vörwundert un bestört't, wo doch de Ring blewen were.
Un in dem Oogenblick trat de Grewe in ehre Stuw un flog ehr üm den
Hals un trutede un küßte se sehr.  Awerst de arme Grewin kunn nich
recht herzen un küssen van wegen des Ringes un sach verstürt un bleek
ut.  Un de Grewe vörwunderte sick äwer ehren kolden vörlegnen Empfang,
un sede: wo is't mit di bestellt, mine schöne Grewin? un hest du den
Ring noch, den ick di bi'm Afsched gaff as een Teken un as eenen
Vörmahner to Tru un Leew!  Un de geswinde Frag makte de arme Fru noch
bleeker un vörstürder, datt se hedd in de Erd sinken mügt, un in
ehrer Beklemmniß kunn se keen Starwenswurt verbringen.  Dat slog dem
Grewen in't Hart un he slog sick de Hand vör de Stiern un reep: O
Gott im Himmel! hier steiht et nümmer, as et wesen schull--wårüm bün
ick nich im Heidenlande as een ehrlicher Riddersmann fallen un
begrawen?  Dat ick ditt noch erlewen müßt?  Un nu, Fru, wies mi glik
den Ring!  Un de arme Fru bekennde vör em, as't wåhr was, un sede: O
du ewiger barmhartiger Gott! wat hew ick doch vörbraken, datt ick in
disse entsetzliche Noth geraden bün?  O min leewe Herr un Gemal, west
nich so ungeduldig un hürt mi un glöwt mi, datt ick juw ehrlich un
tru Wif bün un keenen annern Gedanken in minem Harten hegt hew, as ju
un juwe Leewe.  Awerst wo is't mi gahn un wo geiht et mi?  As ick den
Trumpeter up der Wart blasen hürde un juwen Namen van dem Dur her
klingen, stund ick vör der Dör un kam äwen ut dem Gården, wo ick
Blomen plantet hew; un ick hedd swarte Händ un slichte Gårdenschoh an
un dachte: So schast du vör dinem Herrn nich erschienen.  Un so
sprung ick strax de Trepp herup un wusch mi de Händ un lede dåbi den
Ring in dat apne Finster.  Un as ick'n wedder anstecken wull, was he
weg; un ick kann nich begripen, wat dat is un ob noch Töwerer un
Hexen lewen, de mi arme Fru in't Unglück bringen willen.  So is't
schehn, un Gott im Himmel weet, datt ick de unschuldige Wahrheit
segge, un desülwige Gott im Himmel vörhöde, datt mi de grötste Froid
nich een grotes Leid ward!

Awerst de Grewe, as he dat vörnahmen, ergrimmde in sinem Sinn un sine
Oogen vördunkelden sick, un he stödde de arme Grewin van sick as eene
Lägnerin un untruwe Bedregerin, de ehre Untreu un Falschheit mit
schönen Wurden un Thranen bemanteln un vertuschen wull.  Un dårüm let
he se gripen un in eenem olden Thorm in een deep Loch versenken, un
vörklagde se as eene Buhlerin un Ehbrekerin.  Un sin Grimm wurd van
Dage to Dage arger, un he leet eenen Galgen buwen, då schull de
falsche Grewin dran hängen.  Un wat de arme Fru em ook toswur un bat
un wat verständige Lüde ook seggen un bidden mügten, he let sick nich
rütteln noch rögen van sinem harden Sinn.  Un as de Grewin nu tom
Hochgericht herutführt wurd mit grotem Geleide un de Grewe mit veelen
groten Herren dåbi stund, un se de Galgenledder upstiegen müßte, då
slog dat arme Wif noch eenmal de Händ tosam un schreide, datt alle
hürden: Du groter Gott im Himmel! erbarme di miner letzten Bede un
lat mine witte Unschuld nich so jämmerlich am Galgen vördarwen!  Un
in dem tog de Scharprichter ehr de Ledder unner den Föten weg, un se
hängde un vörsched.  Un de Lüde rund ümher weenden un bededen
barmhartiglich un alle Armen ut drei vier Kaspels in der Runde üm dat
Slott hülden un wehklagden lude; denn se was eene rechte fründliche
Armenmoder west.  Veele äwerst jammerden ook, datt een so schönes Wif
in jungen Jåhren up disse schändliche Wise hedd starwen müßt.  Un süh!
as se keen Lewensteken mehr van sick gaff un dat Geleide un de harde
Grewe sick anschickten wegtogahn, kam een swarter Rawe flegen, un
sette sick up den Galgen dicht bi ehr un reep Kork!  Kork! datt allen
Lüden een Schrecken un Vörstaunen ankam.  Äwerst wo vörfierden un
vörschreckten se sick, as de Raw eenen güldnen Ring ut dem Snawel an
de Erd fallen let.  Äwerst am meisten vörschrack sick de Grewe, as
em de Ring in de Hand kam, un stund då un bäwerde, as hedd en Gotts
Dunner slagen.  Un so stund he lang as een Vördunnerter un Farw un
Sprak vörleten en.  Toletzt reep he: De Ring! de Ring! de
unglückselige Ring! un don tog he sin blankes Swert ut der Schede un
föll dårin, datt sin rodes Blod tom Häwen herup spritzte.  Un se
nehmen de Fru van dem Galgen un nehmen den dooden Mann un growen een
grotes deepes Graf, då leden se beide still herin ahn Prester un
Köster un Sang un Klang.  Denn wo Gott een to gewaltig Wurt spreckt,
då vörgeiht dem Minschen dat Singen un Klingen woll.



De Wewer un de Steen


De Herr hett woll dat steenerne Krütz sehn, dat am Wege steiht, wo
man van der Löbnitzer Mähl nach Redbas geiht.  Da lag vör dissem een
Steen, de was in twee Stücken tersprungen.  Den hebben se wegnahmen,
as de Fürst Hessenstein de prächtige Redbasser Brügg buwen let; un
dat is schad, denn de Steen hedd wat in sick, un't was eene Geschicht
mit em, woran sick Mennigeen spegeln un wobi jeder Wandersmann, de
vörbiging, sine goden Gedanken hebben kun; un he was recht een
Wahrnagel för de Deewe un för alle falschen Nachtslikers.  Nu he
äwerst weg is, ward et woll to swind vörgäten sin, un wer weet, wo
lang dat Krütz noch steiht, denn nu is de Tid da, wo se alles
umkehren un dat Olde vörachten.

Vör langen langen Tiden, lang vör Minschengedenken, wahnde in Redebas
een Wewer, dat was een groter Schelm.  He wewerde äwerst nich
veel--denn sin Wewstohl stund jümmer still--äwerst he grep to eener
Kunst, wodör man een lustig Lewen holden un swind rik warden kann; un
de Düwel hedd to sinem Gespinst den Inslag makt, un nu mag de arme
Stacker tosehn, wo he dat Netz utrawweln will, dat he sick sülwst
wewt hett.  Des Nachts, wenn de ehrlichen Lüde slapen, was min Wewer
jümmer flink mit sinen Gesellen up den Beenen, un fette Swin un Gös,
de de Bur den annern Morgen tohauen wull, un Schinken un Mettwurst un
mennig swarer Immenrump un blanker Schepel Weiten kam int Hus, un
nüms wußte, up wat för eenem Wege.  Dat äwerst wüßten alle Lüde im
Dörp, datt de Wewer ful was as de Oss üm Wihnachten un datt he fedder
lewde as de Schult un Vörwalter.  Un se munkelden woll unner sick, he
were een Deef un Röwer un stünd' ook mit dem olden Draken im Vörbund,
de em alles todröge; äwerst bewiesen kunn em't keener.  Nu begaff
sick't eenes Dages, datt unser Meister Urian mit sinem Gesellen dem
Löbnitzer Möller eene Nacht in de Mähl brok, un datt jeder sinen Sack
Weiten furtdrog.  Glik drup kam de Möller mit sinem Burschen, un se
funden de Mähl apen un den Weiten weg un lepen up den Wegen herut, ob
se nüms gewahr warden künnen.  Un se kemen ook up den Redbasser Weg
un packten unsern Wewer, de mit sinem Weiten up eenem groten Steen
satt; de Gesell äwerst was wiet vörut.  De Möller un de Mählenbursch
nehmen nu unsern Wewer tüschen sich un prügelden en deeg af, un darup
müßt he sinen Weiten wedder upsacken un mit gewaltigem Pusten un
Stänen nah Löbnitz bet an dat Möllerhus dregen.  Da hölden se en fest,
denn se meenden ganz säker; datt he de Weitendeef were.  Un den
annern Vörmiddag was groter Gerichtsdag to Löbnitz.  Un de Wewer hölt
sick stif und lögnede alles, un lede sware Klag up den Möller un den
Mählenburschen, datt se en as eenen Deef festholden, up der Landstrat
slagen un em sinen egnen Weiten afnahmen hedden.  "Denn"--schreide
he--"ditt is min Sack (he hedd äwerst sinen egnen Sack mit sinem
Namenteken mitnahmen un den Weiten darin schüddet) un de Weiten darin
is min Weiten, den ick mi gistern Awend van dem Buren to Holthof
köfft hew.  Un wenn ji't nich glöwen willt, so schickt hen un latet
den Buren halen un fragen, un wenn he seggt, datt ick den Weiten van
em nich köfft hew, will ick nu un ewig een Schelm heten."  Un se
schickten nah'm Holthof, un de Bur sede ut, as de Wewer bedürt hedd;
denn he stack ook mit drin un was een Afflegger un Deewshehler.  Un
nu wüßte de Richter keenen annern Rat, he hölt den Wewer woll för
eenen Deef, äwerst he kunn em't nich up't Lif seggen, un darüm müßt
he en tom Swur laten.  Un he nam den Möller un den Mählenburschen un
den Wäwer, un se gingen mit eenanner to dem Steen un dem Krütz up der
Heid am Wege, wo de Möller en packt hedd, un da vörmahnde he den
Wewer noch eenmal, Gott de Ehre to laten, wenn he sündigt hedd, un
leewer sine Sünd to bekennen un de Straf to liden, as eenen falschen
Eid to dhon un ewig in der Höll to braden.  "Denn"--sede he un sach
den Schelm dabi sehr ernsthaftig an--"disse Steen wat woll tügen
gegen di, wenn du falsch swerst, un disse Durnbüsche warden de Köpp
äwer di tohop stecken un Weh und Zeter äwer di schreien."  De Wewer
äwerst let sick nicks anfechten, he makte sin Hart fast un verschot
keene Min un schwur frisch weg, datt he unschuldig were an des
Möllers Dör un Weiten, un sprack mit frecher luder Stimm: "Lat dissen
Steen in Stücken springen, un wenn et een muntlos Kindeken weet, datt
ick de Deef bün, lat et oogenblicklich dat Wurt gewinnen."  Un da
gingen se van dem Steen weder nach Löbnitz torügg, un de Spruch was:
De Möller un de Mählenbursch müßten dem Wewer Afbidde dhon un för den
Schimp un de Släge hundertföftig Daler betalen und alle Kosten stahn.
Dat hedden se noch to ehrem Schaden; de Wewer äwerst strek dat Geld
in un lachte in sin Füstken, nam sinen Weitensack up den Puckel un
plegde sick eenen goden Dag van dem Roof un van dem glücklichen
Geldfang.

Nu was't to spad em totoropen: "Holl up!  Holl up!"  he was to dicht
van den Doiwelsstricken bestrickt, un kunn nich mehr herut; sin Wagen
was loslaten, un lep störtlings bargaf.  He dref dat lichte Handwark
noch een paar Jahr un wurd een Perddeef un Stratröwer un Mörder un
strek an Galgen un Strick oft hart vörbi.  Toletzt äwerst wurde he in
Rostock fast mit mehrern siner Gesellen, un da kam et ut, datt he vör
drei Jahren in Kenz een Hus anstaken hedd, worin eene olde Frau un
drei Kinder vörbrennt weren.  De arme Sünder wurd nu utlewert nah
Redebas, wo he to Hus was, un sin Urtel wurd spraken: He schull an
dem Pal vörbrennt warden.  As he hier satt, dachten se in Löbnitz un
Redbas wedder an den Weitensack un wo he sick an dem Steen up der
Heid losswaren hedd.  Un de Königliche Amtmann un de Schult leten dat
Holt, worup he verbrennen schull, dahenführen un richteden em an dem
Steen sinen letzten fürigen Stol up.  Un da hett sick begewen, as he
in der heeten Qual satt un sinen letzten Lewensschrei van sick gaf,
datt et unner dem brennenden Holte klungen hett, as wenn een Kind
weent.  Un alle Minschen, de dabistunden, hebben sick vörwundert un
vörfiert äwer de Kinderstimm, un een old Wif hett seggt: "Da hett mal
eene Mordhand een Kind in de Erd scharrt, un dat rührt sick nu in
siner Gruft."  Äwerst de Mählenbursch van vörmals, de nu Möller in
Karnin was un dabistund, reep ganz lude, datt alle Lüd et hürden: "Ne!
keene arme Sündersche hett ehr Kind da in de Erd vörgraben, da hett
de Schelm up dat Evangelienbook sin falsch Wurt ingraben, un dat mütt,
damit de Wahrheit an den Dag kümmt, unner der Erd herutschreien:
'Wewer, du hest Gott belagen.' Un nu will'n wi sehn, wo't mit dem
Steen utsüht."  Un de Möller vörtellde de ganze Geschicht van dem
Weitensack un wat de Richter bi dem Steen seggt hed un wo sehr he den
Wewer up sine ewige Seligkeit vörmahnt hedd, un up wat Wise un mit
wat för Wurden de Wewer sick darup vörswaren hedd.  Un de Lüde
vörstaunden sick un keener kunn een Wurt spreken vör Schrecken.  Un
as de arme Sünder vörbrennt was un nicks as Asch un Knaken äwrig
weren, da trat de Möller to dem Steen un rakte mit dem Stock de Asch
weg van dem Steen, un süh! de Steen was terborsten un in twee Stücken
zersprungen.  Un alle Lüde seden: "Seht! dat is Gotts Finger", un
gingen in Furcht un Zittern to Hus.  Äwerst ob van allen den, de
dabistunden, ook nich eener mal stahlen hett, daför will ick nich
godstahn; denn so ward et woll in disser Welt bliwen, so lang se
steiht.



De krassende Hahn.


Een Förster, de im Holt wahnde, hedd twee Sähns, eenen van twelw den
annern van viertein Jåhren.  Nu geschach et eenmal, datt he mit siner
Frau utfuhr, un de beiden Jungs blewen alleen to Hus.  Sick de
Langewil tö vördriwen gingen se in ehres Vaders Stuw, nehmen sick
jeder een Gewehr, löden se, un gingen in den Gården Sparlinge to
scheten.  Se fünden äwerst keene Vägel.  As se nu wedder ut dem
Gården herut gahn wullen, spelden se mit den Flinten, as unfrode
Jungs dhon, un leden up eenanner an, as wenn se scheten wullen.  Un
as dat Sprickwurt seggt: _Wenn de Minsch vörbaden Spill makt, gift de
Düwel ümsünst de Musik dåto_--dem öldsten Jungen ging dat Gewehr los
un sin Broder störtete dal as een Sperling, un was muschdood un
mickte nich.  In der Angst vör sinem Vader leep de Jung hen, nam
eenen Spaden, un grof sinen Broder in de Erd, wo he fallen was.  Un
as he dåbi was, flog een roder Hahn up den Tun, slog de Flüchten
tosam un kraihde mit luder Stimm.  Un de Jung sede to em: Hahn, du
swiggst.  Un he nam ook de beiden Flinten un hängde se wedder an ehre
Stell.  Un as den Awend Vader un Moder to Hus kemen un fragden, wo
sin Broder were, antwurte he as Kain: Wat weet ick, wo he is?  He
leep int Holz, glik as ji weg wert, un he is woll sinem Dohnenstieg
nahgan un ward jo woll noch kamen.  Un dat wurd spad, un de Jung kam
nich un kunn nich kamen, un de Öldern wurden sehr unruhig un trurig.
Äwerst de Doodscheter let sick nicks marken un dheede, as wenn he
van nicks wüßte.  Un se schickten ut in den ganzen groten Forst un
lepen sülwst üm up allen Wegen un dör alle Dohnenstiege un spörden üm
in allen Dörpern ümher, wo he hen to gahn plegde to den Nawers, un
keen Minsch kunnt en wat van dem Jungen vörtellen.  Un toletzt
glöwden se, he were in een Water fallen un vörunglückt edder een Wulf
edder anner Undeerd hedd en terreten.  Awerst de Hahn lewde noch, de
den Dooden begraben sehn und den Grafgesang dåto kreiht hedd.  Un
hier sach man recht, datt ook de dummen un unvörnünftigen Deerde äwer
Doodslag un äwer vörgaten Minschenblood Lut un Teken van sick gewen
mütten, wenn't Gotts Will is, datt et an den Dag kamen schalt.  Keen
Dag vörging, datt de rode Hahn nicht twee- dree-mal henging, äwer den
Gårdentun flog un sick henstellde, wo de erschatene Jung vörscharrt
lag, un dåbi kraihde, as wull he seggen: Hier liggt, wat ji sökt,
kamt her, halt et herut.  Äwerst keen Minsch hedd Acht dårup gewen,
wiel den Sommer då Kartüffeln stunden, wobi nüms wat to dhon hedd.
Awerst as de Erdtüffeln herut nahmen weren, ging de Försterfru hen un
seiede Blomensaat up der Stell, un as se sach, datt de Hahn dat
bekrassede, jog se en weg. Un as he den tweeten un drüdden Dag jümmer
wedder kam un't nich beter makte, nam se den Hahn un spunde en in, un
let en erst den sösten Dag wedder ut, as dat Saat all heel grön
upgahn was, un meende, nu würd he ehr de Blomen woll tofreden laten.
Awerst kum hedd se den Rüggen wendt, so wurd se ut dem Finster gewåhr,
datt de Hahn all wedder då was un ut sinen besten Kräften un Künsten
krassede un kraihde.  Un se leep hen un reep ehre Magd un den
Jägerburschen, datt se ehr den Hahn gripen hülpen; denn se was
utermaaten bös un wull em den Hals ümdreihen, wenn se en kriegen künn.
De Hahn äwerst was keen Narr un leet sick nich gripen.  Un as se
sick all ut dem Athem lopen hedden üm den Hahn un he to Busch flagen
was, kam de Mann van der Jagd, un de Fru vörtellde em, wo't ehr mit
dem Hahn ging, un sede dåbi: Were ick äwerglöwsch, ick kunn mi
inbilden, datt då wat Sötes unner der Erd liggt un een Schatz för uns
vörgrawen is; denn de Düwel weet, wat de Hahn då süs to dhon hett un
jümmer mit den Flüchten waifelt un kraiht, as wenn he sinen ganzen
Frauenstall to sick locken wull.  Un se spröken dåräwer, un de Mann
sede: Will tom Spaß mal tosehn; då mag woll eene seltsame Wörtel sin
edder so wat, datt man in der Wirthschaft bruken kann; denn dat is
eenmal wiß, ehre Witterung hebben de Deerde, un de Vägel hebben de
allerfinste Näs, dat mütt ick as Jäger weeten, un de is nich to
verachten.  Un he nam Hack un Spaden, un grof, un grof sick de
bitterste Thranenwörtel ut der Erd, datt he vör Jammer hedd vörgahn
mügt.  Un as se de Lik utstellden un up eenen Karkhoff in hillige Erd
leggen wullen, kunn de arme Broder et nich länger utholden un
vörswigen un vörtellde: wo et sick im Spelen so trurig begewen hedd.
Un he erinnerde sick ook an den roden Hahn, datt he up dem Tun satt
un kraihde, un datt he to em spraken hedd: _Hahn, du swigst._



De witte Fru to Löbnitz


In Löbnitz ging de Red, datt eene witte Fru bi nachtslapender Tid
rundging.  Ehr Gang was van der Bleke äwer dat Steg, dat achter dem
Backhuse up der Beek liggt, dörch dat Backhus üm den Schaapstall un
üm de grote Schün, un denn gar langsam dör den Boomgarden un
Blomengarden, wo se oft still stund un sick bückte, as wenn se Äppel
upsammelde edder Blomen plückte.  Van da ging se toletzt in dat Hus,
wo se üm Klock een meist ut dem Keller unner der Trepp herupsteeg mit
eenem Licht in der Hand, waran blage Fünkschen stöweden un dat hell
upgnisterde.  So is se oft sehn üm de Gespensterstund; un ook mine
selige Moder sede, se hedd se mal schemern sehn.  Se plag jümmer an
der Trepp stilltostahn un sick wunnerlich ümtokiken ook woll de
Husdör to beföhlen, ob se slaten were; denn ging se langsam un
potentatisch de Trepp herup un steg to Bänen unner de Oken to den
Katten un löschte ehr Licht ut.  Dat is enmal wiß, keen Minsch ging
to der Tid gern up de Dele un up de Trepp; un dat was dat
Besünnlichste, datt keen Hund da je to liggen edder to rasten plegde.
Un oft is't schehn, datt Mäge, de de Trepp mit Licht herupgingen
edder des Nachts da wat to bestellen hedden, plötzlich as för dood
henstörteden un denn elendig krank wurden; un de hebben vörtellt, de
witte Fru wer en mit dem blagen gnistrigen Licht in den Weg treden un
hedd se anpust't.  Van disser witten Fru vörtellde Johann Geese
eenmal:

"Mit der witten Fru, de to gewissen Tiden, am meisten im Harwst un
Winter to Löbnitz ümgeiht, schall man sick woll in acht nehmen, un
den Düwel nich im Äwermod vörsöken.  Dat is een erzböses Wif, un se
geiht nich vörgäws in der wilden Unruh rund un makt ehrlichen Lüden
de Nacht gruwlich.  Dat's woll hundert Jahr her un länger, datt se to
Löbnitz würklich lewde un regierde.  Se was een rikes un vörnehmes
Eddelmannswif un se seggen, se kam ut Polen--so schön un witt as de
witte Dag, datt ehres Gliken van Schönheit kum up der Welt west is.
Äwerst se was eene leidige Hex un falsch un listig van Grund ut,
un slimmer as Bollis im Winter; un de olde Fiend hedd ehr den letzten
Bloodsdruppen vörgiftet, datt ook nich een god Haar mehr an ehr was.
Se was grausam hoffardig un lichtfardig, solang se jung un schön was,
un schall ehren olden Mann mit Gift vörgewen hebben.  As et äwerst
mit ehr gegen dat Older ging un se een, drei Stieg Jahr up dem Puckel
hedd, da vörlet se de lustige Düwel, de im Blood sitt, äwergaff se
sinem slimmsten Broder, dem hungrigen un kattigen Gitzdüwel, dem
Düwel, de nich slapen kann, dem rechten Negendöder der Seelen, as de
Herr Pastor seggt.  Nu wurd dat olde Wif eene slimme
Minschenschinnerin un Lüdplagerin un kratzte ut dem Blood und Sweet
der armen Lüde Gold in Hupen tosam un vörgrof't an veelen Stellen.
Un as se endlich van disser Welt weg müßt, is't ehr tor Straf sett't,
datt se up desülwige Wis, as se annern keene Rauh un Rast günnt hett,
ook im Grawe noch keene Rauh finden schull.  Darüm mütt se nu ümgahn
in der doistern Nacht, wenn alle frame Kreaturen un christlichen
Minschen slapen, un de hungrigen Wülw und Vöss un Marten un Ilken un
anner sodhan Tüg alleen up den Beenen sünt.  Denn mütt se herut in
Hagel un Snei un Wind un Regen in dem witten Doodenhemd mit dem
gefährlichen Licht in der Hand.  Un wiel se im Keller un in der Bleke
dat meiste Geld vorgrawen hett, darüm mütt se dar am meisten ümlopen.
De Herr hett woll de Löcher sehn, de de Schatzgröwers dissen Winter
up der Bleke upwöhlt hebben?  Äwerst de dummen Narren! da ward
keen Minsch wat finden.  Denn je slimmer de Minsch ist, de Geld in
der Erd vörgröft, desto grötere Macht hett de Bös äwer den Schatz un
desto deeper kann he en to sick heruntertrecken.  Un wer seggt uns,
wo veele dausend Faden deep he ehre Geldkasten in de Erd
herunnerslaken hett?  Dat is ook wahr un is dör veele Teken bewist,
datt düslike vordammte Seelen, de im Graw keene Rauh hebben, van Gott
brukt warden de Slimmen in Tucht to holden.  Denn wer in vörbadner
Tid as Sliker edder Deef herümlurt un wat söcht, wo he nicks vörlaren
hett, un dem witten Wiwe in den Wurf kümmt, mit dem dörft se affahren,
as't ehr geföllt, wenn he nich noch tor rechten Tid een himmlisch
Gewehr ergrippt, as een Evangelienbook edder een Gebet, dem Gott
anmarkt, datt et nich tom Spaß ut der Kehle geiht.  Dat hett sick vör
een twintig Jahr begewen.  Da was in Langenhanshagen een Snider, de
het Jakobs un was as een Töwerer un Deef vörropen, de des Nachts
selden in sinem Bedd sleep.  Den funden se eenes Morgens to Löbnitz
an der Eek achter dem Backhus, wo de Steg äwer de Beek geiht.  O je!
wo bummelde de grote Kramsvagel! un wo frisch weihede dat
Sniderhoiken im Wind!  He was mit eener frischen grönen Wide upknüppt.
Sine Fründschaft sede woll, datt he sick woll sülwst een Leed
andhan hedd; äwerst wi weten dat beter: sine Uphengersche lewt noch."



Der Rabenstein


Es gibt viele absonderliche und wunderseltsame Geschichten und Dinge
in der Natur, von welchen kein Mensch begreift, wie sie sich begeben
und zusammenhängen, und sind doch da.  Und wenn die Menschen sie
erzählen hören, erstaunen sie und erschrecken, aber wissen können sie
sie nicht.  So ist es auch mit dem Rabenstein, wovon viele erzählen,
aber keiner etwas Gewisses weiß; daß es aber Rabensteine gibt, das
weiß man wohl.

Ihr habt auch wohl von Diebslichtern gehört.  Die sind fast eben wie
der Rabenstein und wie andere unsichtbare Diebslaternen.  Es ist aber
greulich zu erzählen, wie Diebslichter gewonnen werden.  Sie sind die
Finger von ungeborenen und unschuldigen Kindlein; denn die Finger von
schon geborenen und getauften Kindern kann man dazu nicht gebrauchen.
Und was für ungeborene Kindlein sind das?  Und wie muß man die
Lichter gewinnen?  Wenn eine Diebin oder Mörderin sich selbst erhängt
oder ersäuft hat oder gehängt oder geköpft worden ist und ein Kind in
ihrem Leibe trägt, dann mußt du hingehen um die Mitternacht, auf des
Teufels Straßen, und nicht auf Gottes Straßen, mit Beschwörungen und
Zaubereien, und nicht mit Gebet und Segen, und mußt ein Beil oder
Messer nehmen, das von Henkershänden gebraucht ist, und damit den
Bauch der armen Sünderin öffnen, das Kind herausnehmen und seine
Finger abschneiden und zu dir stecken.  Aber solches muß durchaus um
die Mitternacht vollbracht werden und in vollkommenster Einsamkeit
und Schweigsamkeit, so daß auch kein leisester Laut, ja kein ach! und
kein Seufzer über die Lippen des Suchenden gehen darf.  So gewinnst
du Lichter, die, wenn du willst, brennen, und, wie kurz sie auch sind,
doch nimmer ausbrennen, sondern immer gleich lang bleiben.  Diese
Zauberlichter haben die sonderliche Natur und Eigenschaft, daß sie
augenblicklich brennen, wie und wo ihr diebischer Inhaber nur denkt
oder wünscht, daß sie brennen sollen, und ebenso geschwind als sein
Wunsch und Gedanke erlöschen.  Durch ihre Hilfe kann er in der
dichtesten finstersten Nacht, wenn und wo er will, alles sehen; sie
leuchten aber nur für ihn und für keinen andern, und er selbst bleibt
unsichtbar, wenn sie auch alles andere hell machen.  Dabei sitzt noch
die Greulichkeit in ihnen, daß sie eine geheime Gewalt über den
Schlaf haben und daß in den Zimmern, wo sie angezündet werden, der
Schlafende so fest schnarcht, daß man zehn Donnerbüchsen über seinem
Kopf losknallen könnte und er doch nicht erwachte.  Denke, wie lustig
sich da stehlen und nehmen läßt!

Auf diese Weise werden die Diebslichter gewonnen und gebraucht, aber
anders der Rabenstein und nicht so greulich, wiewohl auch ein vom
Satan und von seinen Gelüsten verblendetes und verhärtetes Herz dazu
gehört, sich den Rabenstein in die Tasche zu schaffen.  Dies ist aber
der Rabenstein, und auf folgende Weise wird er gewonnen:

Die Raben, Krähen, Adler und andre solche Vögel, welche scharfe
Schnäbel und Klauen haben und von Gott auf den Raub angewiesen sind,
sagen die Leute, werden sehr alt und leben wohl zweihundert und
dreihundert Jahre, also viel länger als die ältesten Menschen.  Wenn
nun ein Rabenpaar hundert Winter miteinander gelebt und geheckt hat,
dann legt es erst den Rabenstein, und, wie sie sagen, alle zehn
Winter einen neuen Stein.  Dieser Rabenstein soll nach der Sage aus
den Augen der Diebe herauswachsen, welche die Raben am Galgen
ausgehackt haben; und das müssen die Raben an vielen hundert Dieben
getan haben, ehe sie einen solchen Wunderstein legen können.  Er ist
von der Größe einer Wälschen Nuß oder eines Rabeneies, ganz rund und
glatt und feuerrot wie ein Karfunkelstein, und die Raben legen ihn in
der letzten Nacht des Hornungs: denn noch im Winter legen sie ihre
Eier und im ersten Frühling, wann es noch reift und friert, haben sie
schon befiederte Jungen.  Es hat aber dieser grausige Wunderstein
zwei Eigenschaften; die erste, daß er in der Nacht leuchtet wie eine
Sonne und alles umher hell, seinen Träger aber unsichtbar macht, so
daß sich herrlich mit ihm stehlen läßt: die zweite, daß er zu Galgen
und Rad hinlockt.

Wer einen Rabenstein suchen und fangen will, der muß in die hohen
Forsten suchen gehen, wo die großen, himmelhohen Bäume stehen; denn
auf den schlanksten und schiersten Fichten, Eschen und Buchen, welche
der gewandteste Matrose nicht leicht erklettern kann, baut der kluge
Vogel Rabe sein Nest.  Da muß er lauschen und lugen, wo er Rabentöne
aus hoher Luft klingen hören und Rabennester entdecken mag, und zwar
an solchen Tagen, wo Schnee gefallen ist; denn dann kann er allein
die rechten Nester finden.  Er mag nämlich alle Nester ruhig sitzen
lassen, unter deren Bäumen Schnee liegt, denn in solchen ist kein
Rabenstein.  Der Rabenstein nämlich ist so warm von oben, daß es
unter seinem Neste nimmer friert noch taut und daß der Schnee in der
Minute vergeht, in welcher er fällt.  Aber wer dies auch weiß, kann
doch wohl hundert Jahre in allen Wäldern und unter allen Bäumen
herumlaufen und sich die Augen aus dem Kopfe gucken, und findet doch
das Nest mit dem Rabenstein nicht.  Denn das Glück oder gottlob
leider der Teufel läßt sich nicht immer so leicht greifen, als die
einfältigen Leute sich einbilden.  Denn überhaupt sind wenige Raben
in der Welt, und von diesen wenigen wie wenige werden hundert Jahre
alt oder gar zweihundert und dreihundert!  Weil strenge Winter, wilde
Buben, Jäger und mächtigere Raubvögel die meisten in der Jugend
verderben--und ferner, wie schwer auch sind die Rabennester zu finden,
da der Rabe nur einen Klang oder Ton macht, wenn er in hoher Luft
fliegt oder auf dem Aase sitzt oder im Neste angegriffen wird, sonst
aber der verschwiegenste und einsamste aller Vögel ist!  Hat nun auch
einer einmal einen solchen Baum gefunden, so will es noch ein rechtes
Löwenherz, ja Satansherz dazu, den Rabenstein aus dem Neste
herunterzuholen.  Denn hört, wie das geschehen muß:

Wer den Rabenstein haben will, der muß in der letzten Nacht des
besagten Hornungs in den Wald gehen, wo der Baum mit dem
hoffnungsvollen Neste steht.  Er muß ganz einsam und allein kommen,
und auch keine Menschenseele muß wissen, wohin und wofür er
ausgegangen ist; und auch keinen Laut, nicht einmal ein Hustchen oder
ein Seufzerlein darf er von sich geben.  Auf die Glocke der Zeit muß
er achtgeben und genau um die Mitternachtstunde zur Stelle sein; denn
nur in der Gespensterstunde, zwischen zwölf und eins in der Nacht,
läßt der Stein sich gewinnen.  Dann muß er sich so splitterfasernackt
entkleiden, wie Adam weiland im Unschuldkleide der Natur im Garten
Eden gestanden ist; und in diesem Naturkleide muß er nun den Stamm
hinaufklettern und zitternd und bebend im Sinn behalten, daß er
keinen Ton vernehmen lassen darf; denn alsbald ihm auch nur der
leiseste Laut entführe, würde er gleich des Todes sein.  Aber nun
merkt euch hierbei wieder des Teufels List.  Wenn er den armen
gierigen Kletterer bis oben zur Spitze hinaufgelockt hat, wo das
heillose Nest sitzt, dann darf er nicht hineinschauen und sich den
leuchtenden Stein aussuchen, sondern er muß sich nun noch dreimal um
den Stamm herumschwingen, die Augen zutun, und blind hineingreifen,
und was sein Finger zuerst berührt, das muß er behalten.  So hat
sich's oft begeben, daß manche mit einem faulen Ei heruntergekommen
sind und für alle Angst, Arbeit und Schmerzen nur Spott gehabt haben.
Es bringen es überhaupt wohl wenige zustande mit dem Rabenstein,
unter Hunderten, die ihn begehren, wohl kaum einer.  Denn alles ist
dabei halsbrechend und ungeheuer.  Den meisten vergeht gewiß schon
die Lust, wenn es um die kalte tote Mitternacht an das Auskleiden
gehen soll, und sie nehmen in der Angst die Flucht, und haben dann
gewiß das Geschwirr und Gesurr des höllischen Nachtgesindels im
Nacken hinter sich.  Auf diese Weise hat mancher freche und verwegene
Bursch Schuh und Stiefeln, Rock und Hut verloren und den Leuten
hinterher von Dieben und Räubern erzählt, die ihn so bis aufs Hemd
ausgezogen haben; die guten Leute hätten diese Räuber und Kleider und
Schuh aber unter dem Rabennest finden können.  Viele erfrieren und
ermatten auch, indem sie den Stamm kaum halb hinaufgeklettert sind,
oder können es vor Schmerz nicht länger aushalten, denn es geht dabei
wohl an ein ehrliches Schinden der Knie, Schenkel und Arme, und so
müssen sie endlich mit Schimpf zurückkriechen oder fallen auch wohl
gar jämmerlich herunter.  Das bleibt aber wahr, wenn sie auch oben
bis zur äußersten Spitze und zum Neste gelangt sind, dann wird's erst
recht teuflisch und gefährlich.  Nun in der Mattigkeit und Angst den
vollen Verstand behalten und den Ton so bezwingen, daß auch kein Laut
aus der Brust dringt, die Augen zutun, sich dabei dreimal um den
Stamm schwingen, und dann mit der Hand ins Nest fahren und den
letzten Glücksgriff tun--das ist wahrhaftig nicht jedermanns Ding.
Dabei stürzen noch die meisten herunter und brechen den Hals,
besonders wenn es ihnen zu mächtig wird und sie doch stöhnen oder
murmeln.  Dann ist es um sie getan.  Sowie auch nur der leiseste Laut
fast nur atmet, geschweige klingt, ist sogleich ein ganzes Heer da,
das mit zu dem Satansgaukelspiel gehört.  Viele hunderttausend Raben
füllen plötzlich mit ihrem Gekrächze die Luft und umflattern den
armen Sünder, und fallen mit Flügeln, Klauen und Schnäbeln so dicht
auf ihn, daß er herunter muß, er mag wollen oder nicht.  Da geht's
denn zuletzt an den Sturz und an ein Hals- und Beinbrechen--denn wäre
der Kletterer ein Löwe von Mut und Stärke, er muß herunter--und mit
den Augen und einem bißchen von Wangen und Nase nimmt die
Gesellschaft gleich fürlieb.  Dies sind die Geschichten, wovon man so
oft hört, die man auch oft in Zeitungen liest, wo auf die vermeinten
Mörder gelauscht und gefahndet werden soll: ein junger Jägerbursch
oder Handwerksbursch sei nackt und zerrissen und zerfleischt im Walde
gefunden, von Räubern ausgeplündert und erschlagen oder von zuckenden
Bären und Wölfen zerrissen.  Er hat sein mitternächtliches Wagstück
mit dem schwarzen Federvolke so bezahlen müssen, und die Räuber,
Mörder und reißenden Tiere haben weder Knüppel und Pistolen noch
Zähne und Tatzen geführt.

Und nun will ich auch eine Geschichte erzählen von einem, der den
Rabenstein besessen hat, und was er ausgerichtet und wie es mit ihm
geendet hat.

Vor langer langer Zeit lebte zu Boldewitz auf Rügen ein reicher und
vornehmer Herr, der vieler Kaiser und Könige und Potentaten in
schweren Fällen Kriegsobrister gewesen war, der hieß Herr Friedrich
von Rotermund.  Dieser brachte aus der Türkei oder aus der Tartarei,
kurz, aus den Heidenländern, wo sie Weiber kaufen, wie bei uns die
Pferde, ein wunderschönes Weib mit, von welcher kein Mensch wußte, ob
sie eine Heidin oder Christin war.  Sie war aber nicht sein eheliches
Weib, sondern seine Kebsin.  Mit dieser zeugte er ein Feierabendskind,
und das war ein Knabe und hieß auch Friedrich.  Es war aber kein
Friedrich, sondern ein rechter Kriegerich; denn der Krieg und die
Wildheit steckte darin, und er war von keinem Schulmeister noch
Züchtiger zu bändigen, sondern ging durch wie ein kosakisches oder
tartarisches Pferd.  Er war aber schön wie Sonnenschein und stark wie
Eichbäume und bei all seiner Wildheit den Menschen über die Maßen
angenehm und gefällig; so daß jeder den Buben gern hatte.  Nach
seines Vaters Tode, als er fünfzehn Jahre alt war und nun einem
älteren Bruder gehorchen sollte, welcher der Sohn der echten Ehefrau
des alten Rotermund war, ertrug er die strengere Zucht nicht, sondern
entlief und kam nach der Insel Hiddensee, und ging von da zu Schiffe
in alle Welt hinaus und ward ein gewaltiger Matros.  Als er sich das
muntre Seeleben ein halbes Dutzend Jahre versucht hatte, ist er
einmal wieder nach Stralsund gekommen und von da zu Hause nach Bergen
in Rügen, wo seine Mutter wohnte.  Und seine Mutter und andere
Freunde haben ihn dort beredet, er solle auf dem Lande bleiben,
welchem Gott feste Balken untergelegt hat, und das unstäte und
unsichere Meer verlassen.  Und er ist zu einem Förster in die Lehre
gegangen, daß er das fröhliche und lustige Weidwerk lernte, und bald
ein flinker und hübscher Jägerbursch geworden, vor welchem die Weiber
und Mädchen in den Türen und Fenstern stillstanden und ausschauten
und freundlich nickten und grüßten, wenn er vorüberging; denn er ist
wohl einer der schönsten und reisigsten Menschen gewesen, die man
weit und breit sehen konnte.  Hier hat er nun aber, wie es oft bei
den Weidmännern geschieht, mancherlei verbotene Künste gelernt, ist
ein Freischütz geworden, und hat sich den Rabenstein geholt.  Dies
war dem mutigen Matrosen nur ein Spiel gewesen, welchem im wildesten
Sturm nimmer ein Mast zu hoch noch zu glatt gewesen, daß er ihn nicht
erklettert und von seiner Spitz dem heulenden Meer fröhlich in den
offenen Todesrachen geschaut hätte.

Fritz Rotermund--so nannten ihn die Leute--hat sich nun von seinem
Funde des Rabensteins nichts merken lassen, sondern seinen
karfunklischen Diebsschlüssel gar lustig gebraucht; doch weil er von
Natur sehr gutherzig und freundlich war, hat er keine sehr greuliche
Taten getan, sondern solche, welche die leichtsinnige Jugend oft nur
lustige Streiche nennt.  Weil er mit seinem Stein unsichtbar in alle
Häuser und Kammern gehen konnte, so hat er freilich die lustige Gabe
genutzt, aber nie keinem ehrlichen oder armen Menschen nur einen
Heller genommen; sondern wo er einen bösen, ungerechten Herrn wußte,
der auf seinen Schätzen lag, die er aus dem Schweiß und Blut seiner
geplagten Untertanen zusammengepreßt hatte, oder einen Filz und
Wucherer, der unersättlich die letzte Habe der Kleinen und Geringen
im Volk verschlang, da hat er fleißig eingesprochen und ihre Kisten
und Beutel etwas leichter und schlaffer gemacht.  Das ist aber
besonders an ihm gewesen, daß er von solcher Diebsbeute fast nie
etwas für sich behalten, sondern es fast alles hingetragen hat, wo er
arme und notleidende Alte und hungrige und verlassene Kindlein gewußt
hat.  Da ist er nächtlich und mitternächtlich, wo alle Augen der
tiefste Schlaf geschlossen hielt, in die Häuser geschlichen und hat
die silbernen oder goldenen Gaben auf Tische, Betten und Wiegen
hingeschüttet; daß die Leute, wenn sie erwachten, erstaunten und die
Hände zusammenfalteten und beteten.  Denn sie konnten nicht meinen,
daß eine unsichtbare Diebshand die wohltätige Verteilerin gewesen sei,
sondern mußten glauben, es sei von oben gekommen und ein Englein vom
Himmel habe es ihnen ins Haus getragen.  Und so ist in den Städten
und Dörfern, welche der Förster Fritz besuchte, mancherlei Gerede
entstanden zugleich von verwegenen Dieben und von wohltätigen Engeln,
wie denn Gottes Reich und Satans Reich und die Gespräche darüber hier
auf Erden immer mitsammen sind.  Aber noch viele andre Schalkstreiche
hat der lose Fritz verübt, der leicht wie der Wind allenthalben aus
und ein schlüpfen konnte; und was würden die Türen und Fenster, wenn
sie Mund hätten, von ihm nicht alles zu erzählen wissen!  Doch das
darf ich nicht alles erzählen, weil es sich hier nicht schickt; und
auch die andern Possenstreiche alle könnte ich nimmer auserzählen,
die er zu Weihnachten und Fastnacht und bei Hochzeiten, Tänzen und
Mummereien als der unvermummte und doch unsichtbare Gast gespielt hat.

Eine Not aber hat Fritz bald in dem Rabenstein gefühlt, die eine
schwere Not war und die als eine Teufelsplage der verbotenen Kunst
anhängt.  Weil nämlich der Rabenstein aus Galgenvögeln und
Galgenaugen geboren wird, so hat er einen heimlichen und
unüberwindlichen Trieb zu Galgen und Rad in sich, eine Witterung, die
seinen Träger und Besitzer treibt, daß er mit dabei sein muß, wenn es
an solchen hohen Stellen etwas zu tun gibt.  Wenn daher auf der Insel
in einem Hochgericht und an einem Galgen einer geköpft oder gehängt
werden sollte, so trieb's ihn mit Teufelsgewalt und wie auf
Windesflügeln hin; er mußte mit dabei sein, und sollte er drei, vier
Meilen in zwei Stunden laufen, daß dem Atemlosen die Zunge aus dem
Halse hing.  Das war aber noch viel schlimmer und grausiger, daß er
die Geburtstage und Jahrestage der gerichteten armen Sünder mitfeiern
mußte.  An dem Jahrestage der Hinrichtung nämlich versammelten sich
die Geister der Gerichteten, damit sie ihren nächtlichen Totentanz um
die Hochgerichte halten; und diesen Tanz begehen sie um die grausige
Mitternacht, und da müssen alle die mitfeiern und mittanzen, welche
den Rabenstein haben.  So mußte denn auch Fritz manche liebe Nacht,
wo er gern anderswo geweilt oder geschlafen hätte, im Hagel und
Schnee, im Sturm und Donnerwetter hinaus in das wilde Weite und über
Heiden und Felder, gleich einem Kain, zu Galgen und Hochgericht
fortlaufen und den schaurigen Tanz mittanzen, bis ihm oft der Atem
schier auszugehen anfing; denn seine Mittänzer und Mittänzerinnen
hüpften begreiflicherweise auf den allerleichtesten Füßen einher.
Und die Leute konnten ihm die Reise zu einem solchen nächtlichen Ball
wohl anmerken, und daß ihm irgend was Unrechtes widerfahren war--denn
er sah acht, vierzehn Tage nachher noch bleich und krank aus--er aber
schüttelte alle fremde Bemerkungen und Fragen leicht von sich ab,
machte irgendeinen Scherz oder Wind darüber und sagte: "Ei was!  Ihr
Siebenschläfer, die ihr euch jeden Abend zu regelmäßiger Zeit auf
eurem weichen Pfühl hinstreckt, könnt euch wohl rosige Wangen und
dicke Bäuchlein anschnarchen; aber mit dem Jäger ist es gar anders
bestellt, der muß viel ein nächtlicher Gesell sein: Füchse, Marder,
Ottern und anderes Wild, das euch die warmen Pelze liefert, fängt und
belauert man nicht beim Sonnenschein.  Man stößt da auch wohl
zuweilen auf etwas, das nichts taugt, aber das schüttelt ein tapfrer
Jäger auch wieder ab, und die tüchtigen und geheimen Jägerkünste zu
lernen und die tapfern Jägergeschichten zu bestehen, dazu gebricht
euch das Herz."

So hatte Fritz Rotermund es manches liebes Jahr getrieben und hatte
wohl frisch und lustig gelebt und für Tänze und Gelage und Spiel und
schöne Mädchen immer Geld in der Tasche; aber reich war er nicht
geworden, denn volle Taschen konnte er nicht leiden.  Er war bisher
mit seinem grünen Rock zufrieden gewesen und immer noch ein
Jägersmann geblieben; da begab sich aber von ungeschicht etwas, das
den wilden Jäger zu einem zahmen Edelmann machen sollte, und das war
dieses:

Im Kriege, zur Zeit des Königs Karolus*, waren bei der Stadt Bergen
zwei Juden gehängt, die man als Pferdediebe ertappt hatte.  Sie
hatten dort schon ein Jahr an dem Galgen gebaumelt, als Fritz
Rotermund zur Jahresfeier heraus mußte, um zu lernen, wie auf
hebräisch um Galgen und Rad getanzt wird.  Und da hat er einen recht
geschwinden davidischen Reigen tanzen gelernt, denn die jüdischen
Geister hatten sich in einem so schnellen asiatischen Schwunge
herumgedreht, daß er--was ihm noch nie begegnet war--ermattet in
Schlaf hingesunken und erst erwacht war, als das Morgenrot den Ost
schon zu hellen begann.  Da, als er erschrocken aufsprang, begab es
sich, daß der Wind ihm die lumpigen Rockzipfel des einen
Galgenkrametvogels, unter dessen dürren Beinen er in Schlaf gefallen
war, so heftig gegen die linke Backe wehte, daß das Blut darnach
heraussprang.  Der Fritz, als er den Backenstreich fühlte und auf der
darnach tastenden Hand Blut erblickte, rief halb schauderig, halb
lachend aus: "Ei! ei!  Mauschelchen!  Du hast auch verdammt scharfe
Knöpfe und willst deine Leute wohl an mir rächen, welchen ich in
andern Geschäften zuweilen auch wohl mitternächtliche Besuche
abzustatten pflege?"  Und zugleich schaute er nach dem Rocke, und sah
auch kein kleinstes Zeichen von einem Knopf, und das verwunderte und
schauderte ihn noch mehr.  Er ergriff daher den im Winde fliegenden
Zipfel, damit er näher untersuchte, ob irgend in den Falten ein Knopf
verborgen stecke.  Aber auch da fand sich nichts.  Wohl aber fühlte
er etwas Hartes in den Ecken, und sah bald, daß diese mit tausend
Fäden hin und her im Unterfutter so durchnäht waren, als wenn sie bis
zum Jüngsten Tage halten sollten.  Er griff nun frisch zu mit seinen
Jägerfäusten und riß den ganzen Rockzipfel zu Fetzen auseinander, und
was erblickte er?  Ein paar funkelnde Edelsteine fielen vor ihm auf
die Erde.
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* In Schweden und in den damals schwedischen deutschen Ostseelanden
ist dieser König Karolus (Karl der Zwölfte) gleich dem Iskander der
Morgenländer und unserm Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser wenige
Jahrzehnte nach seinem Tode ein mythischer Name geworden.  Alles
längstvergangne Ungeheure und Gewaltige reiht sich unter solche Namen;
ob ein Jahrhundert oder einige Jahrtausende rückwärts oder vorwärts
gerechnet werden müssen, was kümmert das das Volk, welches für das
Poetische und Mythische eine wahrhaft göttliche Zeitrechnung hat, das
heißt: nach dem gewöhnlichen Maße gemessen gar keine.
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Er nahm sie auf und betrachtete sie an seinem Rabenstein und an dem
hellen Morgenrot, und fand, daß diese gegen jene Steine nur wie
blasses Wasser waren gegen das rote Feuer.  Und hoch sprang er in die
Luft empor und rief: "Nun, dies ist der erste Galgentanz, der etwas
anderes als Schauder und Greuel gebracht hat", und so trollte er sich
davon.

Als er aber nach einer halben Stunde Galgen und Furcht weit hinter
sich hatte und die Sonne schon am klaren Himmel stehen sah, da holte
er die Steine wieder aus der Tasche und beschaute sie genauer, und
wußte bald, was sie wert waren.  Denn auf seinen vielen und weiten
Seereisen hatte er viele Weltwunder und Meerwunder gesehen, und war
auch gewesen, wo die schönen grünlockigen Seejungfern so zauberisch
singen, daß die Schiffer den Matrosen, damit sie nicht zu ihnen in
die Tiefe springen, die Ohren voll Teer gießen und mit Wachs zukleben
müssen, und war auch an das Land gekommen, wo die Diamanten und
Rubinen am Strande im Sande liegen, wie bei uns die Kieselsteine,
hatte aber keine aufsammeln und mitnehmen dürfen wegen der greulichen
Drachen und Greifen, die sie bewachen.

Er lief nun fröhlich zu Hause, holte sein Pferd aus dem Stall,
sattelte es, und sagte auf acht Tage Ade, und so trabte er auf die
Alte Fähre zu, und von da ging's auf Hamburg oder Berlin, wo er die
kostbaren Judendiamanten wieder an Juden verkaufte und mit großen
Säcken voll Dukaten, wohl über ein paar Tonnen Goldes, nach wenigen
Tagen heimkam.

Nun hatte Fritz Geld in Hülle und Fülle, und mit dem Gelde kamen ihm
auch vornehme und ernsthafte Gedanken, ja ganz neue Gedanken, wie er
sie noch in seinem Leben nicht gehabt hatte.  Er ging hin und ward
ein Edelmann, und kaufte seinem Bruder Boldevitz ab, wo sein Vater
gewohnt hatte und wo er geboren war, und kaufte auch Unruh und auch
mehrere andere schöne Güter, die da herumliegen.  Und der Jäger Fritz
fuhr nun mit Vieren und mit Sechsen und mit langen Strängen, und
hatte Diener und Jäger hinter sich auf dem Bock stehen und Läufer mit
silbernen Stäben vor sich herlaufen, und hieß Herr Fritz von
Rotermund, wie sein Vater in seinen Tagen geheißen hatte.  Und nun
nahm er sich auch ein schönes adliges Fräulein zur Frau und zeugte
Söhne und Töchter, und lebte und gebärdete sich wie ein anderer Herr.
Er blieb aber so freundlich und gebäurisch mit den Menschen und war
so mild gegen seine Leute und so mitleidig gegen die Armen, daß alle
verwundert sagten: Der wilde und leichtfertige Fritz ist ja ein
Mensch und dazu noch ein Christenmensch geworden.

Und das war nicht bloß eitler Schein, sondern es war ihm herzlicher
Ernst.  Als Fritz so großes Gut erworben hatte und ein Edelmann
geworden war, da schien auch wirklich ein neuer Geist in ihn gefahren
zu sein, ein besserer Geist, der sonst so selten mit dem geschwinden
und plötzlichen Reichtum ins Haus zu kommen pflegt.  Er verabscheute
von nun an seinen Rabenstein und seine mitternächtlichen
Diebsschliche, liebte auch seine alten Schalkstreiche nicht mehr,
sondern wollte sich wirklich von Herzen umwenden und bekehren und
wieder ein Mensch Gottes werden, hielt sich daher hinfort zu andern
guten Christen und zu Kirche und Abendmahl, und lebte mit Frau und
Kindern und mit Freunden und Nachbarn und mit allen Menschen so, daß
alle ihn lieb und wert hielten und seiner Jugend und Jugendstreiche
gern vergaßen.  Wie er nun aber wirklich christlich und menschlich zu
sein und zu leben strebte, so hatte er doch noch einen plagenden Wurm,
um welchen er und sein Gott allein wußten, und dieser schlimme Wurm
war sein Rabenstein.  Was der arme Mann um diesen ausgestanden und
gelitten hat, das ist gar nicht zu beschreiben.

Er fühlte nämlich, sowie er sich wieder zum Christentum und zum
Glauben seiner Kindheit zurückgewendet hatte, daß der Rabenstein
nichts Geheures war, sondern eine böse teuflische Gaukelei, und hätte
ihn sogleich von sich werfen mögen in den tiefsten See oder in die
verborgenste Erde vergraben oder in dem gewaltigsten Feuer verbrennen,
damit nimmer eine Menschenhand ihn wiederfände und mit seinem
höllischen Glanze Unheil stiftete.  Aber! aber!  Wie ist es dir
ergangen, armer Fritz Rotermund?  Man wird des Rabensteins noch viel
schwerer los, als man ihn gewinnt.  Sowie Fritz den Rabenstein von
sich werfen, wie er ihn der verschlingenden See, dem verzehrenden
Feuer überliefern wollte, wich der tückische Stein kaum eine Sekunde
von ihm, und flog ihm immer wieder in die Hand zurück, die ihn mit
aller Gewalt von sich geschleudert hatte, oder in die Tasche, woraus
er genommen war.  Da hat nun Fritz, der jetzt wahrhaftig nicht der
muntre und fröhliche Fritz heißen konnte, es nach und nach mit allen
Elementen versucht, ob etwa eines den Stein lieber annähme als das
andre; aber der fürchterliche Stein ist der unverlierbare und
unzerstörbare geblieben.  Er hat es außer diesen unglücklichen Proben
am eifrigsten und unablässigsten mit dem allerbesten Element versucht,
mit Andacht und Gebet; und wie viel er da gerungen hat, wie viel und
oft er um die stille Mitternacht in seiner Kammer und im einsamen
Walde und an heiliger Stätte auf den Knien gelegen und seinen Gott
und Heiland um Barmherzigkeit gefleht hat, daß er ihn von dem Bösen
erlösen wolle, das weiß auch Gott allein.  Immer noch hat er die
blutigen Gerichtstage mithalten und die mitternächtlichen Galgentänze
noch mittanzen müssen, und jetzt mit entsetzlichem Grausen und
Schaudern, weil der Christ wußte, was es war.  So hat er wohl zwanzig
Jahre gelebt in seinem neuen Stande, äußerlich der freundliche,
christliche Mensch, der milde und barmherzige Herr, innerlich der
Gepeinigte und Gemarterte.  Er hat aber nicht abgelassen und ist
nicht müde geworden in Demut und Gebet, und hat dies alles mit
gebeugtem Herzen getragen als ein armer Sünder, den Gott für seinen
leichtfertigen Übermut und seine heidnische Frechheit strafen und
durch das, was ihm nun eine so grimme Pein geworden, vielleicht
erretten wolle.  Endlich ist der Tag dieser Errettung und Begnadigung
gekommen, aber auf eine grauenvolle Weise.

Fritz ward eine Nacht zu einem Galgenfest getrieben nach Putbus, wo
an dem Wege, auf dem man nach Kasnevitz fährt, etwa eine halbe Stunde
vom Schlosse, auf einem öden Heidehügel, noch heute die Trümmer eines
Galgens stehen.  Dort fand er bei seiner Ankunft das greuliche
Nachtgesindel schon in dem greulichen Tanze rundfliegen, und zugleich
mit ihm ritt von der andern Seite her als Mittänzer ein Mann auf, der
noch mit lebendigem Fleisch umkleidet war wie er und mächtig zu Rosse
saß und einen blanken Säbel in der Rechten schwang, als forderte er
jemand heraus.  Und gewiß, er forderte heraus, denn der Fritz fühlte
bei seinem Anblick den heißesten Grimm in sich entbrennen, und mußte
sein Schwert ziehen und gegen ihn anlaufen, der, als er Fritzen zu
Fuß anrennen sah, von seinem Rappen heruntersprang.  Fritz erkannte
ihn alsbald als den verrufenen alten Erzbösewicht, der am äußersten
Ende der Insel auf Jasmund hauste und von dem die Leute sich viele
greuliche und mordliche Geschichten erzählten.  Sein Name war von
Zuhmen.  Der alte graue Schelm erschien aber auf diesem Tanzplatz,
weil er vor ein paar Monaten einen Rabenstein gefunden hatte.  Nun
war er der zweite auf der Insel, der einen Rabenstein besaß und zu
dieser mitternächtlichen Totenfeier hinaus mußte.  Denn das ist auch
noch eine treibende Wut und ein unseliges Verhängnis des
entsetzlichen Steins, daß, wenn zwei sich begegnen, die den
Rabenstein haben, sie auf Leben und Tod einen Kampf miteinander
halten müssen.

Und so trafen denn die zwei in blinder Wut aufeinander und kämpften
den gräßlichen Kampf, während das leichte Heer seinen lustigen Reigen
um sie tanzte und wirbelte; und wie die Schläge ihrer Klingen sich
verdoppelten, so verdoppelte sich in ihren Herzen auch der Grimm.
Sie waren aber beide reisige Männer und gewaltig an Fäusten und
Gliedern und waren im rüstig frischen Alter ergraut.  Und der Kampf
dauerte solange der Tanz dauerte, und das Gras um den Galgen war von
ihrem Blute rot gefärbt; da, als es von dem Turm eins schallte,
stürzte, von einem letzten gewaltigen Streich getroffen, der alte
Jasmunder Bösewicht als Leiche hin, Fritz aber entfloh mit Grausen
und mit tiefen und blutenden Wunden, die seinen Weg hinter ihm
röteten.  Er hatte sich aber auf des Feindes Rappen geschwungen, denn
seine Füße hätten ihn nicht nach Hause zu tragen vermocht.

Und als der Sommermorgen graute, ritt er matt und blutig ins Tor zu
Boldevitz ein und hatte nicht Angst um sein Leben, sondern um seine
arme Seele.  Und er weckte alsbald seinen treuen Diener und hieß ihn
geschwinde ein Pferd satteln und gen Gingst galoppieren, daß er ihm
den dortigen Herrn Pfarrer holte.  Denn er sprach zu ihm: "Ich war
ausgeritten und bin in dem Walde bei Kubbelkow unter Räuber geraten,
und sieh! wie sie mich zerhauen haben und wie die Blutströme aus den
tiefen Wunden an mir herabrinnen!  Es wird in wenigen Stunden aus
sein mit dem alten Fritz."

Und der Diener flog wie der Wind auf seinem Pferde dahin, denn er
liebte seinen guten Herrn über alles.  Und der erschrockene Pfarrer
in Gingst war nicht Säumiger, denn er nannte Herrn Fritz Rotermund
den besten Christen und den fleißigsten Kirchengänger unter seinen
eingepfarrten Edelleuten.  Und anderhalb Stunden nach des Dieners
Ausflug waren beide in Boldewitz und fanden den alten Herrn auf dem
Lager blaß und bleich wie den Tod und sein Weib und seine Kinder um
ihn, welche ihm seine Wunden verbunden hatten.  Er aber, als der
Pastor hereingetreten ist, hat allen gewinkt herauszugehen, damit er
mit dem geistlichen Herrn betete und sich zur Abfahrt bereitete.

Und als sie beide allein geworden, hat er dem Pastor alles erzählt
und gebeichtet und den Mann so bestürzt, daß er kaum hat beten können.
Bald aber hat der fromme Mann sich wieder genommen und hat die
Bibel ergriffen und des todwunden Ritters Hände gefaßt, und über ihm
gebetet, daß der gnädige Himmel sich des reuigen und zagenden Sünders
erbarmen wolle.  Und der Himmel hat sich gnädig auf das Gebet
herabgelassen, und Fritz hat mit lauter Stimme und sehnsüchtigem
Herzen die Worte des geistlichen Herrn nachgesprochen.  Und bald hat
er sich zum erstenmal in vielen Jahren ganz getröstet gefühlt und
laut ausgerufen: "Gelobt und gepriesen sei Gott und Jesus Christus
für diese Wunden!"  Und der Pastor ist fröhlich erstaunt über diesen
Ausruf und über des Ritters erheitertes und erleuchtetes Angesicht,
und bald noch viel mehr und viel fröhlicher, als der Herr von oben
das hörbare und sichtbare Zeichen der Gnade gegeben.  Denn kaum hatte
Fritz diesen fröhlichen Ruf des erlösten Herzens getan, als der
unselige Karfunkelstein plötzlich aus der Tasche des Edelmanns
herausfuhr, wie ein leuchtender Blitz durch die Luft hinzischte, und
dann wie eine springende Feuerkugel sich gegen den Ofen schnellte,
und kling!  Kling! in der Sekunde in Millionen Stücke zerstob, wie
ein Sandhaufen auseinanderweht, so daß man auch die Spur nicht von
ihm sah.  Und Fritz hat wieder freudig gerufen: "Mein Gott und mein
Heiland, wie barmherzig bist du!  Und sahet und hörtet Ihr wohl, Herr
Pastor, wie der Teufel in nichts zerklungen und in Staub zerflogen
ist?"  Und er faltete in Inbrunst die Hände und dankte und betete; und
der Pastor dankte und betete mit ihm und sprach: "So bist du gnädig,
barmherziger Gott und Erhalter und Behalter aller Dinge, und erlösest
und erquickest den reuigen Sünder!"

Und unter den beiden war große Freude, und sie umhalsten sich in
Wonne, wie sich die Engel im Himmel umhalsen, und Fritz sprach: "Mein
Abschied ist nahe, und darum geht, Herr Pastor, und holet mir Weib
und Kinder."  Und der Pastor hat sie gebracht, und Fritz hat die Hände
auf sie gelegt und sie zum letztenmal geküßt und gesegnet, und ist
dann augenblicklich mit Zuversicht und Freuden heimgegangen.  Denn
das Blut war aus seinen Adern gelaufen und die Luft an dem irdischen
Leben aus seiner Seele.



Der Schlangenkönig.


Schlangenkönig wohnte auf einer fernen Insel in der Ostsee, die gen
Dänemark liegt, und hatte dort sein Schloß.  Dieses Schloß lag aber
wieder in einer kleinen Insel, die in der großen Insel steckte, wie
der Krämer die kleinen Schachteln in die großen steckt.  Dieses
Inselchen lag in einem großen Landsee.  Da hatte Schlangenkönig sein
Schloß unter einem Hügel in der Erde gebaut, und es war sehr schön
darinnen und schimmerte und funkelte von Silber und Gold und
Edelsteinen und hatte die allerprächtigsten Gemächer.  Darinnen saß
Schlangenkönig ein armer verwandelter Prinz und wartete auf seine
Erlösung.  Er war aber verwandelt wegen seiner Eitelkeit.  Denn er
war ein wunderschöner Prinz gewesen und hatte viele schöne
Prinzessinnen und Königinnen und Kaiserinnen mit seiner Schönheit
gelockt, aber keine geliebt sondern alle mit wankelmüthigem Herzen
verlassen.  Deswegen war er zur Strafe verwandelt worden, damit er
auch versuchte, was es heißt keine Liebe finden, und er mag nun wohl
als der Schlangenkönig kriechen müssen bis an den jüngsten Tag.  Weil
er nemlich so viele arme Prinzessinnen betrogen hat, die er sitzen
ließ und weiter ging, so hat ihn die Strafe getroffen, und das Wort
ist zu ihm gesprochen: Sey der Schlangenkönig und krieche als der
Schlangenkönig und iß Erde und sauge Gift aus Wurzeln und Kräutern
und sey den Menschen ein Abscheu und den Thieren ein Grauen, bis ein
unschuldiges junges Blut sich über dich erbarmt und mit dir zu Bett
geht und dich ohne Grausen küßt.  Das merke dir aber: wirst du dieser
wieder ungetreu, dann wirst du auf ewig in das tiefste höllische
Feuer hinabgestoßen.  Schlangenkönig hatte bei seiner Verwandlung
ganz die Farbe des Kleides behalten, das er trug, weil er noch Prinz
war.  Er trug nemlich einen grün und gelb gestreiften seidenen Rock,
und jetzt schleicht er als eine schöne grün und gelb gestreifte
Schlange umher mit einer goldenen Krone auf dem Kopf, und pfeift und
zischelt wie eine Schlange, aber sprechen kann er nicht.  Nur sind
gewisse Tage im Jahre, wo er singen darf, und da singt er mit so
wunderschöner und süßer Stimme, daß er schon manches arme Kind
verlockt hat, mit ihm zu gehen in sein Schloß, aber noch hat er keine
einzige gefunden, die ihn hat küssen wollen.  Die aber mit ihm
gegangen sind, müssen in seinem Schlosse sitzen, bis er eine findet,
die es über das Herz bringen kann, ihn in Liebe zu küssen.  Die das
thut, das wird die Königin und alle die andern, die er hineingelockt
hat, werden ihre Dienerinnen.  Und auf diese Weise allein können sie
aus dem Schlosse erlöset werden.

Nicht weit von dem See, wo Schlangenkönigs Schloß auf der Insel war,
lag ein Dorf, das hieß Thorstorp.  Die Wiesen und Weiden dieses
Dorfes liefen bis an den See hinab, und da trieben die Kinder des
Dorfs ihre Kühe hin und hüteten sie daselbst.  Unter diesen
Hirtenkindern waren zwei, die hatten einander sehr lieb und trieben
ihre Heerden fast immer zusammen.  Es war eine kleine Dirne, die hieß
Margarethe, und ein Knabe, der hieß Jakob.  Margarethe war vierzehen
Jahre alt und Jakob sechszehn.  Sie waren beide beinahe erwachsen
aber unschuldig wie die kleinen Kinder und wußten nicht, warum sie
einander so lieb hatten.  Aber daß sie sich über alles liebten, das
ist wahr.  Diese und die andern Knaben und Mädchen, welche dort das
Vieh hüteten, hatten Schlangenkönig oft laufen sehen und mogten ihn
gern leiden, denn er war sehr bunt und schön und seine Krone funkelte
auf das allerschönste.  Der Schelm kam oft durch den See geschwommen
und ringelte sich im Grase herum und wand seinen schönen schlanken
Leib um die Bäume und Büsche, daß die Kinder seinen Spielen zusahen
und ihre Freude daran hatten.  Aber ganz nah kamen sie ihm nicht,
denn sie hatten doch ein Grauen vor ihm, weil er Schlangengestalt
trug, obgleich sie wußten, daß er nicht biß und keinem was zu Leide
that.  Die Kinder hatten noch nie einen Gesang von ihm gehört,
obgleich die Rede ging, der Schlangenkönig könne singen und habe
schon manche schöne Dirne verlockt, die nun in seinem Schlosse sitzen
und weinen müsse, sondern vor ihnen hatte er immer nur gezischelt,
wie andere Schlangen thun.  Er durfte ja auch nicht alle Tage singen
und außerdem war er viel zu klug, als daß er sichs in Gesellschaft
hätte merken lassen, daß er singen konnte; denn da konnte es ihm ja
zu nichts helfen.  Nein, wann seine Singetage waren und wenn er dann
ein hübsches Kind allein belauschen konnte, dann ließ er seine Stimme
ertönen und brachte es gewöhnlich mit weg.

Eines Tages saß Jakob mit seiner Margarethe hinter einem grünen
Busche und die beiden Kinder erzählten sich Geschichten und ihre Kühe
graseten vor ihnen, die andern Hirten aber hatten weiter abwärts
getrieben.  Da kam Botschaft, daß Jakob geschwinde zu Hause mußte.
Er küßte seine liebe Margarethe und sagte: Margarethe, gieb derweile
auch auf meine Kühe Acht, bis ich wiederkomme, und kommt der
Schlangenkönig etwa, so bleibe bei Leibe nicht allein, sondern treibe
nur geschwinde zu den andern Hirten hin.  Er könnte dich wegsingen,
denn der Schelm soll es in der Stimme haben.  Sie versprach es, aber
rief dem weglaufenden Burschen lachend nach: O das ist nur eine Fabel
mit dem Singen des Schlangenkönigs, er kann ja nicht einmal sprechen:
der soll mich nicht wegsingen.

Jakob war kaum hundert Schritt fort, so kam der Schlangenkönig über
den See geschwommen und ringelte sich dann in den allerlustigsten
Kreisen über die Wiesen hin und machte so viele niedliche
Schlingungen und Windungen und richtete sein Köpfchen mit der
goldenen Krone so lieblich lächelnd und so hell guckend auf, daß die
kleine Margarethe recht ihre Freude daran hatte und ihr Versprechen,
das sie Jakob gethan, auch ganz und gar vergaß.  Und Schlangenkönig
ringelte sich immer näher heran und kroch auf einen grünen Baum, der
vor Margarethen stand, und schaukelte sich einige Minuten in seinen
Zweigen herum, dann sang er mit der allersüßesten und beweglichsten
Stimme, als hätten hunderttausend Frühlingsnachtigallen zugleich
geschlagen, und Margarethe konnte nun nicht mehr von der Stelle und
mußte ihm zuhören: sie saß, als wenn sie festgezaubert war, wiewohl
sie an ihres Jakobs Worte dachte.  Er sang ihr aber diesen Gesang,
den sie des Schlangenkönigs Brautlied nennen, und womit er schon
manche zarte Jungfrau in sein Schloß gelockt hat:

Komm, schönes Jungfräuelein,
Schlafe bei mir!
Ich hab' ein Goldringelein,
Das schenk' ich dir,
Ich hab' ein Goldkämmerlein,
Das ist für dich,
Ich hab' ein Goldwiegelein,
Drin wieg' ich dich.
Komm, schönes Jungfräuelein,
Schlafe bei mir!
Süßen und kühlen Wein
Trinkst du bei mir,
Zucker heißt hier das Brod,
Fleisch, Marcipan,
Äpfelchen rosenroth
Beißet dein Zahn.

Komm, schönes Jungfräuelein,
Schlafe bei mir!
Dienerinnen hübsch und fein
Warten der Thür,
Kammerfrau'n ohne Zahl
Stehen am Bett,
Das in dem goldnen Saal
Hochzeitlich steht.

Komm, schönes Jungfräuelein,
Schlafe bei mir!
Zieh in mein Schloß mit ein,
Treu bin ich dir.
Heißa! wie fliegt zum Tanz
Lustig der Strich!
Du trägst den Hochzeitkranz,
Bräut'gam bin ich.


Schlangenkönig hatte ausgesungen, blinzelte freundlich auf das
Mägdlein herab, kam dann herunter, schlug im Grase einige Ringelein
um das Kind und sang gar leise und leidig: Komm mit!  Komm mit!  Und
Margarethe kam mit.  Aber kaum war sie zehen Schritt mit
Schlangenkönig gegangen, so bedachte sie sich und wollte
zurückfliehen.  Aber es war zu spät, sie war nun in Schlangenkönigs
Gewalt: er umzingelte sie und trug sie über die Wiese hin mit weg,
und umsonst schrie sie: Jakob!  Jakob! hilf! hilf! und rief den
andern Hirten zu, aber weder Jakob noch die Hirten waren da, und
Schlangenkönig kehrte sich an ihr Geschrei nicht und rollte
geschwinder als der Blitz mit ihr davon und schwamm durch den See.

Als Schlangenkönig sie über das Wasser nach der Insel hinübergetragen
hatte, war er plötzlich verschwunden, die kleine Margarethe aber war
vor Angst ohnmächtig geworden und wußte gar nicht, wie sie über den
See gekommen war.  Das war aber das Sonderbarste, daß auch kein
Tröpflein Wasser sich an ihre Locken und Kleider gehängt hatte noch
durchgedrungen war: sie war ganz trocken auf die kleine Insel
gekommen.  Und als sie sich wieder besinnen konnte, da befand sie
sich in einem wunderschönen Garten voll der allerlustigsten Bäume und
buntesten Blumen; und es war alles, wie das Lied gesungen hatte, an
allen Zweigen hing Zucker und Marcipan und rosenrothe Äpfel und durch
den Garten floß ein tiefer Bach von Milch und Quellen süßen Weines
sprudelten aus dem Hügel.  Das Schloß aber unter dem Hügel war noch
viel schöner, als Schlangenkönigs Brautgesang es beschrieben hatte,
und waren so prächtige Säle und funkelnde Kammern und Gemächer darin,
daß kein Mensch die Herrlichkeit schildern könnte; und wenn man ihm
auch eine Ewigkeit Zeit gäbe, die schönsten Worte zu suchen, womit er
es beschreiben und ausmalen wollte, er kriegte es doch nicht fertig.

Und als Margarethe vor dem Schlosse erschien, siehe da waren flugs
wohl hundert Dienerinnen zur Stelle, welche Kerzen und Lampen trugen.
Diese führten sie in einen hohen Marmorsaal, der mit Gold und Silber
und Edelsteinen verziert war, und zogen ihr goldene und silberne
Kleider an und setzten ihr eine goldene Krone auf den Kopf und
nannten sie Königin und Herrin und sprangen dienend um sie herum und
brachten ihr alles, was sie nur verlangte.  Diese Dienerinnen waren
alle jung und trugen schneeweiße Kleider und grüne Kränzlein im Haar
und sahen die meisten mehr traurig als fröhlich aus.

Und als es dunkelte und gegen die Nacht ging, kamen wieder andere
Jungfrauen und führten Margarethen in ein Kämmerlein, das blitzte und
funkelte wie eitel Gold, und dann stand ein goldenes Bett, auf
welchem rosenrothe und himmelblaue seidene Kissen und Decken lagen.
Und sie naheten sich ihr sehr ehrerbietig und zogen ihr die Kleider
aus und die Schuhe von den Füßen und nahmen ihr die Krone vom Kopfe
und legten sie dann weich ins Bett.  Als sie das gethan, löschten sie
die Lampen aus bis auf eine, und verneigten sich stumm und schweigend
und gingen weg.

Und es währte nicht lange, so flüsterte es und knisperte und wisperte
an der Thüre, und die Thüre that sich auf, und der Schlangenkönig kam
herein und kroch an Margarethens Bett und lispelte und zischelte ihr
leise zu: Willkommen, meine auserkorene Königin! willkommen, meine
süße Braut!  Nun komme ich als dein Bräutigam zu dir, mein süßes
Margrethchen! wie ich dir unter dem grünen Baume vorgesungen habe;
nun wird alles wahr werden!  O komm und nimm mich in deine Arme! und
drücke mich an dein warmes Herz! und küsse mich und habe mich recht
lieb!  Dann bin ich erlöst und du bist eine reiche und große Königin.
Denn ach! das ist mein trauriges Schicksal, solange muß ich als
Schlangenkönig auf der Erde herumkriechen, bis ein unschuldiges Kind
mich in Liebe umhalset und wieder in den schönsten Prinzen verwandelt,
der ich gewesen bin.  Und er zischelte gar lose und leise und sah
sie mit funkelnden Augen an und hob seinen Kopf zu ihr hinauf, als
wolle er zu ihr ins Bett steigen--Margaretha aber schrie gewaltig und
rief: Fort du buntes Scheusal!  Nein nimmer--nimmer--nimmermehr! und
wenn du so schön wärest, als du häßlich bist.  Ich will deine Königin
nicht werden, ich will in meinem Leben keinen andern Bräutigam haben,
als meinen lieben Jakob.--Und Schlangenkönig mußte sich duken und
fliehen,

Und als es Tag geworden war, kamen dieselben weißen Jungfrauen, die
Margarethen ausgekleidet hatten, und zogen ihr die prächtigen
Königskleider wieder an und setzten ihr die güldene Krone wieder auf
das Haupt und die andern im Saale und vor der Thüre verneigten sich
nun vor ihr und bedienten sie.  Und sie ging im Schlosse und im
Garten umher und besah sich allen den Glanz und die Pracht.  Aber
weiter als den Garten konnte sie nicht kommen; denn es lief eine
himmelhohe krystallene Mauer rings um ihn herum und seine Thore waren
dicht verschlossen.  Sie sah aber den ganzen Tag nicht das Geringste
von Schlangenkönig, und das war ihr sehr lieb.  Aber an ihren Jakob
hat sie viel denken und oft bitterlich weinen müssen und sie hat
gerufen mitten in der schimmernden Herrlichkeit: O mein lieber Jakob!
säße ich nur mit dir jetzt in einem schlechten Kleide unter einem
grünen Baum, wie viel glücklicher wäre ich!  Pfui der abscheuliche
Schlangenkönig! wie hat er mich verlockt und verführt durch seinen
Gesang!

Und als es Nacht ward, führte man sie eben so wie gestern in ihre
Goldkammer und brachte sie ins Bett und löschte die Lampen.  Und auch
der Schlangenkönig kam eben so wieder wie gestern und schlich an ihr
Bett und flehete, daß sie ihn ins Bett nehmen und lieb haben und
Königin werden sollte.  Sie aber ward noch viel böser als gestern und
jagte ihn mit schlimmen Worten fort.  Und Schlangenkönig mußte
traurig wieder aus der Kammer kriechen und die Nacht wieder auf der
kalten feuchten Erde schlafen.

So ging es noch drei Tage und Schlangenkönig versuchte noch dreimal,
ob das Kind ihn lieb gewinnen und bei ihm schlafen wolle.  Sie aber
rief immer: Fort fort, du blanker gleißender Gaukler!  Jakob wird
mein Mann und kein anderer in Ewigkeit!

Mit dem fünften Male waren auch die Proben vorbei, welche
Margrethchen auszustehen hatte, und der traurige Schlangenkönig rief
nun den Frauen und Dienerinnen zu, daß sie sie des Schmuckes
entkleiden und aus der goldnen Kammer führen mögten, und sagte zu
Margarethen.  Nun bist du nicht mehr Königsbraut und kannst es
nimmermehr werden, wenn du auch wolltest.  So ist die Ordnung des
Schicksals hier.  Du bist hinfort eine schlechte Dienerin, gehe darum
zu den andern Dienerinnen und warte der hohen Frau, die da kommen und
mich erlösen soll.  Er meinte aber diejenige, welche sich über ihn
erbarmen und ihn von Herzen küssen und liebhaben und Königin und
Herrin aller dieser Dienerinnen werden würde, welche seine Liebe
verschmäht hatten.

Und Margarethe hatte jetzt ein weißes Kleid an und trug ein grünes
Kränzlein und mußte mit den andern jungen Dirnen vor der Thüre des
Schlosses und in dem großen Saale stehen und warten.  Es waren lauter
junge Kinder die Dienerinnen und Kammerfrauen, keine unter dreizehn
Jahren und keine über siebzehn, wohl mehr als hundert und fünfzig an
der Zahl, alle hübsch und fein.  Mit einer jeden hatte Schlangenkönig
es eben so versucht, wie mit Margrethchen, aber keine einzige von so
vielen hatte sein Flehen erhören und ihn lieb haben wollen.  Diese
niedlichen Kinder waren nun freilich recht fein gekleidet und hatten
der Speise und des Trankes und was sie zum Leben bedurften vollauf,
auch wurden sie mit keiner Mühe und Arbeit geplagt und konnten den
Tag singen und tanzen und oft auch in dem schönen Garten spazieren
gehen und sich Blumen pflücken und die Vögelein in den Zweigen auf
das allerlustigste singen hören; aber die Zeit ward ihnen doch
herzlich lang in aller dieser Pracht und die meisten waren voll
Traurigkeit und Sehnsucht.  Die eine sehnte sich nach Vater und
Mutter, die andere nach Bruder und Schwester, die dritte nach einem
Herzallerliebsten; Margarethe sehnte sich nach nichts als nach ihrem
lieben Jakob, von welchem sie sich so jämmerlich hatte weglocken
lassen.

Jakob war bald gekommen, nachdem Margarethe von Schlangenkönig
entführt worden war, und suchte seine Margarethe im Walde und auf der
Weide bei den andern Hirten.  Er fand sie nirgends, aber die Hirten
sagten ihm, Schlangenkönig werde sie wohl weggefangen haben.  Jakob
hörte auch bald von einem Manne, der da unten am See pflügte, er habe
in der Ferne ein Gewimmer gehört und das möge die entführte
Margarethe wohl gewesen seyn.  Der kleine Jakob war sehr traurig und
mußte jeden Tag ja jede Stunde an sein Margrethchen denken und immer
nach der Insel hinüber schauen, zu welcher sich kein Mensch wagte;
denn es ging die Sage, derjenige müsse gleich des blassen Todes seyn,
der sich ohne ein sicheres Pfand in dieses Gebiet des Schlangenkönigs
wage.  Da schaute Jakob traurig und sehnlich hinüber und seufzte: Ach
Margrethchen!  Margrethchen! warum hast du dir die Ohren nicht
zugestopft, als der lügnerische und gleißnerische Schelm sang? und
rief auch wohl zuweilen für sich: Halt dich wacker, Margrethchen!
werde keine Königin, Margrethchen!  Das hatte er aber gewiß nicht
nöthig; denn Margarethe war ihm treu wie Gold.  Das war ihm aber das
Allertraurigste bei dieser Geschichte wenn er Schlangenkönig über die
Wiesen hinschlüpfen sah in seinem bunten Rock, daß er ihm nichts thun
durfte.

So waren Jakob zwei Jahre verflossen in Gram und Traurigkeit über
seine liebe verlorne Margarethe, da hörte er von einem alten Schäfer
einen Rath, wie man verzauberter Prinzen und Prinzessinnen und selbst
der Hexen und Hexenmeister Herr werden könnte, und wenn sie noch so
schlimm wären.  Und Jakob ging flugs in den Wald und hieb sich einen
großen knotigen Dornstock aus einem Dornstrauch, welcher der
Kreuzdorn heißt, und darauf schnitt er noch ein Kreuz aus.  Als nun
der Schlangenkönig das nächste Mal wieder über die Wiese
hinschlängelte, faßte Jakob sich ein Herz und fuhr auf ihn zu, so daß
der Schlangenkönig sich verwunderte, was der Bauerbursche wolle; denn
er war es nicht gewohnt, daß die Leute auf ihn losgingen, sondern,
daß die meisten vor ihm flohen.  Und Schlangenkönig dachte bei sich:
Den Bauerjungen will ich schon jagen, daß ihm die Haare auf dem Kopfe
sausen sollen; und er richtete sich auf und sprühete Funken aus den
glänzenden Augen und streckte die zischende Zunge aus und machte
seine Krone auf dem Kopfe feuerroth vor Zorn und zuckte mit dem
Rücken, als wolle er auf Jakob springen.  Aber Jakob ging ihm fest
entgegen und rief: Komm nur her, Herr Heidenkönig! komm nur her!  Ich
bin nicht bange vor dir, du sollst schon Gemach lernen.  Und als
Schlangenkönig gegen ihn sprang, berührte er ihn nur leise mit seinem
Dornstock, und o Wunder!  Schlangenkönig krümmte sich und wand sich
um den Dornstock, wie die Rebe sich um ihren Stab windet.  Und Jakob
freuete sich und rief voller Freude: Halt fest, mein Prinzchen! ich
muß mein Kunststück versuchen.  Und er nahm den Stock und schwang ihn
dreimal um den Kopf, daß er durch die Lüfte sausete, und
Schlangenkönig hielt fest, als wenn er daran gewachsen wäre.  Der
Stock ist gut und der Schäfer ist nicht dumm, sprach Jakob, und
fragte Schlangenkönig: Schlangenkönig willst du mir Margrethchen
wiedergeben, so mache ich dich strax los und du magst hingehen, wohin
du willst.  Schlangenkönig aber schüttelte den Kopf.  Und Jakob
sprach wieder: So fahrwohl für heute, mein Prinz! friere die Nacht
hier und bedenke dich bis morgen.  Und er nahm den Dornstock und
stieß ihn fest in die Erde, und Schlangenkönig hing darum, und es sah
gar lustig aus.

Den andern Morgen kam Jakob wieder und sprach zu Schlangenkönig:
Schlangenkönig willst du mir Margrethchen wiedergeben?
Schlangenkönig aber schüttelte mit dem Kopf noch stärker als gestern.
Da ward Jakob sehr böse und ging hin und schnitt sich einen frischen
Haselstock und sprach: Ich muß wohl einmal dein buntes Jäckchen
fragen, was das zu dem Scherze sagt; vielleicht giebt mir das eine
gescheidtere Antwort.  Und er schlug Schlangenkönig auf seinen bunten
Rock, daß er sich krümmte wie ein Ohrwurm und die Zunge laut
zischelnd ausstreckte, aber er nickte nicht mit dem Kopfe: Jakob ich
will dir Margrethchen wiedergeben.  Als Jakob meinte, daß er ihn
diesmal genug geschlagen habe, ging er weg und sprach: Für heut ist's
genug, bedenke dich bis morgen.

Den dritten Morgen kam Jakob wieder und sprach zu Schlangenkönig:
Schlangenkönig gestern und vorgestern fragte ich dich: Schlangenkönig,
willst du mir Margrethen wiedergeben?  Heute kommst du so wohlfeilen
Kaufs nicht ab; heut heißt es: Schlangenkönig willst du mir
Margrethen wiedergeben und alle die armen Jungfrauen, die in deinem
Schlosse und Garten eingesperrt sind?  Und Schlangenkönig schüttelte
zweimal mit dem Kopfe.  Da nahm Jakob seinen Haselstock, und schlug
ihn unbarmherzig, so viel als er schlagen konnte, so daß der
Schlangenkönig ihn fast jammerte; aber doch nickte und kopfschüttelte
Schlangenkönig ihm kein Ja zu.  Da sagte Jakob: Heut ist das letzte
Mal, daß ich Geduld habe.  Du magst hier an dem Dornstock verfaulen,
denn du kommst in Ewigkeit nicht los, wenn ich dich nicht löse.  Also
noch einmal und das letzte Mal, bedenke dich bis morgen.

Und als Jakob den vierten Morgen wiederkam, fragte er Schlangenkönig
wieder: Schlangenkönig willst du mir Margrethchen wiedergeben und die
andern Jungfrauen, daß sie frei aus deinem Gebiete weggehen und eine
jede so viel mittragen dürfen, als sie mit den Händen tragen können?
Und Schlangenkönig war mürb geworden, denn es hatte diese Nacht sehr
gefroren, und ihn hungerte und durstete gewaltig, auch sah er, daß
Jakob einen frischen Haselstock in der Hand führte doppelt so dick
als der vorige.  Und Schlangenkönig ließ es diesmal auf den Stock
nicht ankommen und nickte dreimal mit dem Kopfe Ja.  Und Jakob sagte
zu ihm: Schlangenkönig schwöre mir's bei deiner Seligkeit und bei der
Hoffnung, die du hegst, dieser häßlichen bunten Haut einmal ledig zu
werden--und Schlangenkönig nickte ihm den Schwur auch dreimal zu.

Als dies geschehen war, nahm Jakob sein Messer und schnitt das Kreuz
glattweg von dem Kreuzstock, worum Schlangenkönig geschlungen hing,
und in demselben Augenblick glitt Schlangenkönig herunter und
ringelte sich im Grase und machte sich die erfrornen und
zerschlagenen Glieder erst wieder ein wenig geschmeidig.  Darauf
kroch er vor Jakobs Füße und richtete sich auf und senkte sich dann
wieder vor ihm, wie ein kluges und gehorsames Pferd sich erst vor dem
Reiter zu richten und wieder zu senken pflegt, daß er aufsteige.  Und
Jakob verstand den Wink, denn er wußte wohl, daß zu der Insel weder
Brücke führte noch Nachen ging; und er zeichnete sich mit dem Zeichen
des heiligen Kreuzes und betete ein Gebet und rief: Nun in Gottes
Namen! und so schwang er sich auf sein buntes Pferd.  Und sausend
fuhr Schlangenkönig mit ihm über die Wiese dahin und in einem Hui
hatte er ihn über das Wasser getragen.

Schlangenkönig sprang nun gegen das eiserne Gartenthor, welches kein
anderer öffnen konnte als er, und das Thor that sich sogleich auf,
und sie gingen beide hinein.  Da fand Jakob seine Margarethe wieder,
und wie sich die beide gefreut haben, wer will das beschreiben?  Aber
unendlich ward der Jubel im Schlosse und Garten und klang und
brausete aus allen Stimmen zum Himmel, als Jakob verkündigte, alle
eingefangene Jungfrauen sollen nun wieder frei seyn und mit ihm und
Margrethen aus dem verzauberten Schlosse und Garten ziehen.  Und er
hieß die hübschen Kinder sich tummeln und einpacken, was jedes
mitnehmen wolle, denn in zwei Stunden solle die Reise von der Insel
vor sich gehen.  Und sie liefen die eine hiehin die andere dahin und
waren sehr geschäftig, aber Schlangenkönig war sehr traurig und sah
es mit weinenden Augen an.  Und als Jakob ihn so traurig sah,
jammerte ihn seines Schicksals und daß er in dem scheußlichen
Schlangenrock gehen mußte wegen seiner früheren Sünden und Schulden,
bis ein unschuldiges junges Blut sich über ihn erbarmte und ihn lieb
hätte.  Und er tröstete ihn und sprach: Schlangenkönig sey du nur
nicht so traurig, daß diese alle von dir gehen und wieder zu den
Ihrigen reisen wollen; denn von diesen allen kann dich ja doch keine
einzige mehr erlösen.  Und daß sie dir das Schloß ein bischen leer
machen, das schadet dir ja auch nichts: du behältst immer noch
Schätze und Herrlichkeiten genug.  Du jammerst mich und ich will dir
darum noch einen guten Rath geben, und den verschmähe nicht.  Laß
dein trotziges und herrisches Wesen fahren und sey nicht so klug und
listig.  Denn mit Klugheit und List richtest du es nicht aus, das
hast du wohl lange merken können, und obgleich du der Schlangenkönig
heißeste bist du gewiß nicht verwandelt worden, daß du ein Herr seyn
sollst, sondern ein Diener sollst du seyn und dienen sollst du lernen
in Reue und Buße über deine begangenen Sünden, damit derjenige sich
über dich erbarme, welcher der Herr aller Könige ist.  So ist es
gemeint mit dem bunten Schlangenrock, den du tragen mußt: du sollst
demüthig und gehorsam werden, so magst du noch wohl Liebe und
Erlösung finden.  Aber ein trotziges und listiges Herz, das keine
Demuth hat, kann auch keine Liebe in der Brust haben; und wie kannst
du glauben, daß ein junges unschuldiges Herz den Schlangenkönig
umarmen soll, wenn es ihm nicht anmerkt, daß Liebessehnsucht und
Frömmigkeit in ihm wohnt?

So sprach Jakob ganz beweglich zum Schlangenkönig, und als die
Jungfrauen und Margarethe fertig waren, da rief er: Thu uns auf,
Schlangenkönig!  Und Schlangenkönig stieß mit dem Kopf gegen das
Eisenthor des Gartens und es sprang weit auf; und sie gingen alle
heraus und Schlangenkönig ging mit ihnen.  Als sie nun an das Wasser
kamen, war da weder Brücke noch Nachen, und Jakob sprach.  Hurtig,
Schlangenkönig! mach Anstalt! mach uns die Brücke fertig!
Schlangenkönig aber konnte es nicht lassen, er brauchte wieder eine
List und spannte ein dünnes glänzendes Spinnwebchen wie einen Bogen
über das Wasser von einem Ufer zum andern und sprach lächelnd: Ich
kann euch nicht helfen, dies ist die einzige Brücke, auf welcher man
von dieser Insel über den See kommen kann.  Er hoffte aber in seinem
Herzen, es werde niemand darauf treten, aus Furcht zu ersaufen, und
so werde er durch diese Feinheit alle die Jungfrauen glücklich da
behalten als Dienerinnen und den Jakob obenein als Diener.  Aber
Jakob hatte von solchen Kniffen der Geister schon oft gehört, nahm
sein Margrethchen an die Hand und rief: In Gottes Namen! alle mir
nach!  Und so sprang er auf die dünne Spinnwebbrücke und Margrethchen
mit ihm, und in demselben Augenblicke legte sich die Spinnwebenbrücke
als die schönste und breiteste Marmorbrücke über das Wasser, und er
und Margrethchen und die andern Jungfrauen gelangten glücklich
hinüber.  Und als sie alle am Lande waren, war die Brücke in der
Sekunde wie versunken und man sah keine Spur mehr von ihr, auch nicht
einmal das Spinnwebenfädchen.  Und sie waren alle froh aber erstaunt
und sahen und hörten nichts als ein leises Wimmern hinter sich; das
war wohl der Schlangenkönig, der über seine schönen Jungfrauen weinte.

Jakob lief nun über die Wiese hin mit seinem Margrethchen und mit der
schneeweißen Jungfrauenschaar, die er erlöst hatte, und sie zogen
jubelnd und jauchzend in Thorstorp ein.  Und alle Leute sind entsetzt
gewesen über diesen Geschichten und haben lange erzählt von Jakobs
Abentheuer in allen Landen und haben die Ausführung der schönen
Jungfrauen aus dem Zauberschlosse Jakobs Auszug genannt.  Und die
feinen jungen Dirnen haben zu Jakob und Margrethchen freundlich Ade
gesagt und sind weggegangen und glücklich wieder zu den Ihrigen
gekommen; und weil sie sich Gold und Silber und kostbare Kleider aus
Schlangenkönigs Schlosse mitgebracht hatten, so haben sie alle gar
bald junge und hübsche Bräutigame gehabt.  Und Jakob ist der
Bräutigam seiner Margrethe geworden und sie haben bald eine lustige
Hochzeit gehalten.  Sie sind aber hier in Thorstorp nicht geblieben,
denn die Nachbarschaft der Insel, wo Schlangenkönig hauste, däuchte
ihnen zu gefährlich, sondern sie sind weiter zurück ins Land hinauf
gezogen und haben sich da für die mitgenommenen Schätze ein schönes
Gut gekauft und in Freuden gelebt.  Von dem Schlangenkönige und ob er
seitdem erlöst worden, haben sie nie wieder was gehört.



Der Wiedehopf.


So hat Hinrich Vierk einmal vom Schneidermeister Wiedehopf erzählt:

Es begeben sich die wunderbarsten Dinge in der Welt: Könige sind
Bettler und Bettler sind Könige geworden und kann man keinem ansehen,
was er einst gewesen ist und was er noch werden kann.  So ist der
Wiedehopf einst ein Damenschneider gewesen, und wer sieht es ihm
jetzt wohl an, daß er vormals in feiner und zierlicher Gesellschaft
gelebt hat?  Er hat in einer großen reichen Stadt gewohnt und sich
wie ein hübscher und feiner Gesell gehalten und einen bunten seidenen
Rock getragen, und ist von einem vornehmen Hause in das andere und
von einem Pallast in den andern gegangen und hat die kostbaren Zeuge
und Stoffe, woraus er Kleider machen sollte, zu Hause getragen.  Und
weil er hübsch und manierlich gewesen ist, haben alle hübsche Frauen
ihn zu ihrem Schneider genommen und immer hat er Arbeit bei ihnen
gehabt, und auch der Königin, als sie gekrönt werden sollte, hat er
den Rock zugemessen.  So ist Meister Wiedehopf bald ein sehr reicher
Mann geworden und hat doch nicht genug kriegen können, sondern ist
immer herumgelaufen und hat zu Hause geschleppt und oft so viel zu
tragen gehabt, daß er wie ein Karrengaul unter seiner Last stönen und,
wann er die Treppen hinaufstieg, _Huup!  Hupupp!_ schreien mußte.
Diese Arbeitseligkeit und Habseligkeit hätte Gott ihm wohl vergeben,
aber es ist eine arge Habsucht daraus geworden, und die hat der Herr
nicht länger mit Geduld ansehen können.  Der Schneider hat zuletzt
gestohlen und von allen Zeugen, die er in die Mache bekam, seinen
Theil abgekniffen und abstipitzt.  Da ist es ihm denn geschehen, daß
er eines Abends, als er mit einem schweren Bündel und noch schwereren
_Hupupp!  Hupupp!_ die Treppe hinaufächzete, plötzlich in einen
bunten Vogel verwandelt worden ist, welcher Wiedehopf heißt und um
die Häuser und Ställe der Menschen umfliegen und dort mit
unersättlicher Gier das Allergarstigste auflesen und in sein Nest
tragen muß.  Er trägt bis diesen Tag einen bunten Rock, aber einen
solchen, der an einen schlimmen Ort erinnert, wohin die Diebe und
Schelme gehören.  Der eine Theil des Rockes ist rabenschwarz, der
andere feuerroth, und sind beide Theile Farben der Hölle, denn das
Schwarze des Rockes soll die höllische Finsterniß und das Feuerrothe
das höllische Feuer bedeuten.  Einen ähnlichen Rock als Meister
Wiedehopf trägt auch der Todtengräber, ein blanker garstiger Wurm,
der auf den Landstraßen herumläuft und todte Maulwürfe, Käfer und
anderes Aas begräbt; auch die bunte Blattwanze hat fast ganz dasselbe
Kleid an: beide sind Erzstinker und wahrscheinlich beide einst auch
Diebe gewesen.  Das hat der Wiedehopf noch so beibehalten aus seiner
alten Schneiderzeit, daß er immer _Hupupp!  Hupupp!_ schreien muß,
als trüge er noch Diebeslast, die ihm zu schwer wird.  Die Leute
nennen ihn deswegen häufig den Kukuksküster, weil sein Laut aus der
Ferne wirklich oft so klingt, als wolle einer dem Kukuk seinen Gesang
nachsingen, wie der Küster dem Pastor.  Aber der Kukuk ist ein
lustiger Schelm und kann sein Lied in Freuden singen, der Wiedehopf
aber ist ein trauriger Schelm, und darum muß er seufzen und klagen
und sein _Hupupp!  Hupupp!_ geht ihm gar schwer aus der Kehle.



Der Wolf und die Nachtigall,

oder wie zwei arme Königskinder verwandelt und zuletzt nach vieler
Noth doch wieder zu Menschen geschaffen wurden.


In alten Zeiten, da es alles noch ganz anders war in der Welt als
jetzt, lebte ein König in Schottland, der hatte die schönste Königin
in allen Landen, von einer so seltenen Schönheit und Lieblichkeit,
daß sie weit und breit als die Allerschönste besungen und von
Dichtern und Erzählern der schottische Vogel Phönix zugenannt ward.
Diese schöne Königin gebahr dem Könige zwei Kindlein, einen Sohn und
eine Tochter, und starb dann in ihrer Jugend hin.  Der König trauerte
viele Jahre um sie und konnte sie nie vergessen, sagte auch, er wolle
nimmer wieder heirathen.  Aber der Menschen Sinn ist wankelmüthig und
kann sich auf sich selbst nicht verlassen; denn als viele Tage
vergangen und die Kinder schon groß waren, nahm er sich doch wieder
eine Frau.  Diese Frau war sehr bös und eine schlimme Stiefmutter
gegen die Kinder des Königs.  Es waren aber der Prinz und die
Prinzessin rechte Spiegel der Huld und Lieblichkeit, und der Haß der
Stiefmutter gegen die Kinder kam auch daher, daß die Leute, bei
welchen die verstorbene Königin in gutem Andenken stand, immer noch
von dieser sprachen, sie aber verschwiegen, und daß sie, wenn sie mit
der jungen Prinzessin erschien, gegen diese aufjauchzeten und riefen:
sie ist gut und schön, wie ihre Mutter war.  Das verdroß sie, und sie
ergrimmte in sich und sann auf arge Tücke, barg aber ihr böses Herz
unter Freundlichkeit.  Denn sie durfte sichs vor dem Könige nicht
merken lassen, daß sie den Kindern gram war, und das Volk würde sie
gesteinigt und zerrissen haben, wie sie ihnen ein Leides gethan hätte.

Die Prinzessin, des Königs Tochter, welche Aurora hieß, war nun
fünfzehn Jahre alt geworden und blühete wie eine Rose und war die
schönste Prinzessin weit und breit.  Und es zogen viele Königssöhne
und Fürsten und Grafen her und buhlten um sie und begehrten sie zum
Gemal; sie aber sprach zu ihnen: mir gefällt die fröhliche und ledige
Jungfrauschaft besser, als alle Freier, und damit mußten sie wieder
hinreisen wo sie hergekommen waren.  Endlich aber kam der Rechte: es
war ein Prinz aus Ostenland, ein gar schöner und stattlicher Herr.
Diesem verlobte sie sich mit Einwilligung des Königs und ihrer
Stiefmutter.  Und schon war der Hochzeitkranz gewunden und die
Spieler zum Tanze bestellt, und alles Land war in Freude ob der
Vermälung der schönen Prinzessin Aurora.  Aber die Stiefmutter dachte
ganz anders in ihrem Sinn, als sie sich gebehrdete, und sprach: Ich
will Spielleute bestellen, die sollen zu einem andern Tanze
aufspielen, und die Füße sollen anderswohin tanzen als ins Brautbett.
Denn sie sprach bei sich: Diese verdunkelt mich ganz und wird mich
noch mehr verdunkeln, und vor dieser Aurora muß meine Sonne
untergehen, zumal wenn sie einen so stattlichen Mann zum Gemal
bekommt und dem Könige ihrem Vater Enkel bringt; denn ich bin
unfruchtbar und kinderlos.  Auch hängt das Volk ihr an und schreit
ihr nach, mich aber kennen sie nicht und wollen sie nicht kennen; und
doch bin ich die Königin: ja ich bin die Königin! und bald sollen sie
es alle wissen, daß ich es bin und nicht Aurora.  Und sie sann nun
auf viele arge Listen Tag und Nacht hin und her, wie sie die
Prinzessin und ihren Bruder verderben wollte; aber es wollte ihr
keine einzige gelingen: denn sie waren zu gut bewacht und behütet von
den Dienern und Dienerinnen, die sie hatten.  Diese sahen auf sie wie
auf ihren Augapfel und wichen Tag und Nacht nicht von ihnen wegen der
Liebe, die sie zu ihrer Mutter, der seligen Königin, trugen.  Als nun
keine Zeit mehr übrig und der Hochzeittag schon da war und sie sich
nicht mehr zu helfen wußte, gedachte sie der allerbösesten Kunst, die
sie wußte, und kam zu den Kindern mit der leidigsten Freundlichkeit
und bat sie, einen Augenblick mit ihr in ihren Rosengarten zu kommen,
sie wolle ihnen eine wunderschöne Blume zeigen, die eben aufgebrochen
sey.  Und sie gingen gern mit ihr, denn der Garten war hart hinter
dem Schlosse; auch konnte niemand an etwas Arges denken, denn es war
der helle Mittag, und der König und die Prinzen und Prinzessinnen des
Landes waren alle in dem großen Schloßsaale versammelt, da gleich die
Vermälung geschehen sollte.  Und sie führte die Kinder in die
hinterste Ecke des Gartens, wo ihre Blumen standen, unter einen
dunkeln Taxusbaum, als wollte sie ihnen da etwas Besonderes zeigen.
Sie aber murmelte einige leise Worte für sich hin, brach dann einen
Zweig von dem Baum, und gab dem Prinzen und der Prinzessin einige
Streiche damit auf den Rücken.  Und alsbald wurden sie in Thiere
verwandelt. der Prinz sprang als ein reißender Wolf über die Mauer
und lief in den Wald, und die Prinzessin flog als ein kleiner grauer
Vogel, der Nachtigall heißt, auf den Baum, und sang ein trauriges
Lied.

Die Königin spielte ihr Spiel so gut, daß auch kein Mensch etwas
merkte.  Sie lief laut schreiend dem Schlosse zu und sank mit
zerrissenen Kleidern und zerzausten Haaren an den Stufen des Saales
hin, als sey ihr ein großes Leid geschehen, und der König hieß sie
von den Kammerfrauen wegtragen.  Es verging wohl eine gute
Viertelstunde, ehe sie wieder zu sich kam.  Da gebehrdete sie sich
sehr traurig und weinte und schrie: Ach! du arme Aurora, welchen
Brauttag hast du erlebt! ach du unglücklicher Prinz!  So schrie sie
einmal über das andere, und erzählte dann, ein Schwarm Räuber sey
plötzlich hinten in den Garten gedrungen und habe die beiden
Königskinder mit Gewalt von ihrer Seite gerissen und entführt; sie
aber haben sie zu Boden geschlagen und halbtodt liegen lassen; und
sie zeigte eine Beule an der Stirn, die sie sich absichtlich an einem
Baum gestoßen hatte.  Und alle glaubten ihren Worten, und der König
hieß alle seine Herren und Grafen und Ritter und Knappen aufsitzen
und den Räubern nachjagen.  Diese durchritten nach allen Seiten den
Wald und alle Schlüchte und Klippen und Berge rings um das Schloß
wohl zwei drei Meilen weit, aber von den Räubern und von dem Prinzen
und von der Prinzessin fanden sie auch nicht die geringste Spur.  Und
der König ruhete nicht und ließ weiter suchen und forschen viele
Wochen und Monate, und sandte Boten und Kundschafter aus in alle
Länder; aber sie kamen immer vergebens zurück, und mit dem Prinzen
und der Prinzessin war es, als ob sie nie gelebt hätten: so ganz
waren sie verschollen.  Der alte König aber glaubte, die Räuber
hätten sie wegen der kostbaren Juwelen und Edelsteine entführt, die
sie am Hochzeitstage trugen, und hätten sie beraubt und dann todt
geschlagen und irgendwo eingescharrt, damit man ihnen nie auf die
Spur kommen könnte; und er grämte sich so sehr, daß er bald starb.
Bei seinem Sterben übergab er, weil er keine Kinder hatte, der
Königin das Reich, und bat seine Unterthanen, daß sie ihr treu und
gehorsam seyn mögten, wie sie ihm gewesen waren.  Sie thaten es auch
und erkannten sie als ihre Königin, mehr aus Liebe zu ihm als aus
Liebe zu ihr.

So waren vier Jahre verschienen und der König schon das andere Jahr
todt, und die Königin fing an mit großer Gewalt über die Länder zu
herrschen, und kaufte sich für die Schätze, die der alte König ihr
hinterlassen hatte, viele fremde Soldaten, die sie über das Meer
kommen ließ und die ihre Krone und ihr Schloß bewachten.  Denn sie
wußte, daß sie von den Unterthanen nicht geliebt war, und sprach: Nun
mögen sie aus Furcht thun, was sie aus Liebe nicht thun würden.  So
geschah es, daß sie von Tage zu Tage bei jedermänniglich mehr verhaßt
ward, aber keiner durfte es sich merken lassen, denn auf das leiseste
Geflüster gegen die Königin war der Tod gesetzt.  Aber die Leute
lassen das Wispern und Flüstern darum doch nicht, und weil das
Sprichwort wahr ist: Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt
endlich an die Sonnen, so hatte es von Anfang an gemunkelt*, als die
Königskinder verschwunden waren: kein Mensch könne wissen, was der
Spaziergang der Königin bedeutet habe.  Denn es waren Leute genug,
die ihr wegen ihrer scharfen Augen und ihrer unnatürlichen
Freundlichkeit böse Künste zutraueten.  Diese Munkelung unter dem
Volke dauerte nun immer fort und nahm noch zu; sie aber kümmerte sich
darum nicht, und dachte: die werden schon Thiere bleiben, was sie
sind, und mir wird keiner die Königskrone nehmen.  Aber es begab sich
alles ganz anders, als sie gedacht hatte.
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* Munkeln sagt man von Pferden, die im Sommer wegen der Bremsen mit dem
Kopf schütteln; Munkeln heißt also: die Köpfe gegen einander bewegen,
leise flüstern.
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Den armen Königskindern ging es indessen doch recht schlecht.

Der Prinz war als ein brauner Wolf in den Wald gelaufen, und er mußte
sich gebehrden wie ein Wolf und heulen wie ein Wolf und durch die
öden und wüsten Orte laufen bei Tage und bei Nacht, und wie ein Dieb
einhergehen; denn auch die wölfische Furcht war in ihn gefahren.  Und
er mußte sich nähren wie die andern Wölfe von allerlei Raub von Wild
und Vögeln, auch mußte er in der traurigen Winterzeit zuweilen wohl
mit einem Mäuschen vorlieb nehmen und den Bauch einziehen und
zähneklappen und zwischen den harten und kalten Steinen sein Lager
nehmen.  Und dies war gewiß keine prinzliche Lebensart, wie er sie
vorher geführt hatte, ehe er aus der königlichen Pracht und
Herrlichkeit in dieses wilde Elend verstoßen war.  Das war aber das
Besondere an ihm, daß er allein Thiere angriff und zerriß und nie
nach Menschenblut gelüstete.  Doch nach einer hätte ihn wohl gelüstet,
nach der bösen Frau, die ihn verwandelt hatte; aber diese hütete
sich wohl, dahin zu kommen, wo sie den Zähnen dieses Wolfes begegnen
konnte.  Man soll aber nicht glauben, daß der Prinz, der nun ein Wolf
war, noch menschliche Vernunft hatte; nein es war sehr finster in ihm
geworden, und mit dem Bilde des Thieres, in welchem er durch die
Wälder laufen mußte, hatte er auch nicht viel mehr als thierischen
Verstand.  Das ist wahr, ein dunkler Trieb trieb ihn oft gegen das
Schloß und den Schloßgarten hin, als hätte er dort einen Fang zu
holen; doch hatte er keine deutliche Erinnerung der Vergangenheit:
wie hätte er es dann auch in der Wolfshaut aushalten sollen?  In den
Augenblicken, wo er diesen Trieb fühlte, war er mit einem besondern
Grimm behaftet; aber immer, wie er ihnen auf tausend Schritt nahe kam,
fuhr ein kalter Schauder in ihn und jagte ihn zurück.  Und die
Königin hatte dies mit ihrer Hexerei verschuldet, daß sie ihn bis so
weit gebannt hatte; denn weiter hatte sie nicht gedurft.  Sie aber
stellte dem Wolfsprinzen nach dem Leben und ließ viel jagen in dem
Forst, der sich um das Schloß herumzog, weil sie dachte, daß er wohl
darin seyn mogte.  Deswegen ward fast alle Woche zweimal eine große
Schalljagd und Klapperjagd auf Wölfe und Füchse angestellt; und damit
sie einen fleißigeren Vorwand dazu hätte, hatte die Königin viele
niedliche Dammhirsche in diesen Forst ausgesetzt, von welchen unser
königlicher Wolf allerdings manchen verzehrte.  Aber er rettete sich
immer aus aller Gefahr, wie oft die Hunde ihm mit ihren Rachen auch
das Haar auf dem Rücken schon zerbließen und wie oft die Jäger auf
ihn schossen.  Er wich dann für den Augenblick abseits, und wann der
Schall sich gesänftet hatte und die Jagdhörner verstummt waren, kam
er in das Dickicht zurück, welches dem Schlosse nahe war, und sonnte
sich häufig auf Plätzen, wo er als Knabe und Jüngling zuweilen
gespielt hatte.  Er wußte aber nichts mehr von der Vergangenheit,
sondern es war eine verborgene Liebe, die ihn dahin lockte.

Die Prinzessin Aurora hatte als ein kleines Vögelein auf den Baum
fliegen müssen und war in eine Nachtigall verwandelt worden.  Ihr
aber war in ihrem leichten und dünnen Federkleide die Seele nicht so
verdunkelt, als dem Prinzen in der Wolfshaut, sondern sie wußte viel
mehr von sich und von den Menschen und Dingen; nur sprechen konnte
sie nicht.  Dafür aber sang sie desto schöner in ihrer Einsamkeit,
und oft so wunderschön, daß die Thiere vor Freuden hüpften und
sprangen und die Vögel sich alle um sie versammelten und die Bäume
dazu rauschten und die Blumen nickten.  Ich glaube, auch die Steine
hätten vor Lust getanzt, wenn sie so viel Liebe in sich hätten; aber
deren Herz ist zu kalt.  Auch die Menschen hätten wohl bald auf den
kleinen Vogel gemerkt als auf einen besonderen Vogel und wäre wohl
ein Gerede und Gemunkel davon unter den Leuten entstanden, wenn nicht
etwas sie abgehalten hätte von dem Walde, daß sie die Nachtigall nie
singen hörten.  Es verhielt sich damit folgendergestalt:

Wie die Königin dem armen verwandelten Prinzen mit den vielen Schall-
und Klapperjagden gern das letzte wölfische Lebenslicht ausgeblasen
hätte und wie er dadurch über die ganze Wolfsfamilie großes Unglück
brachte, habe ich schon erzählt.  Aber auch über die kleinen Vögel
ging es schlimm her, und in diesen Tagen der Tyrannei war es ein
Unglück, in der Gegend des Schlosses als Amsel Grasmücke und
Nachtigall gebohren zu seyn.  Die Königin nemlich, nachdem der alte
Herr gestorben war und sie die Gewalt allein hatte, gebehrdete sich
plötzlich, als habe die Krankheit sie befallen, daß sie nicht allein
das Geschrei und Gekrächze und Geschnatter unleidlicher Vögel nicht
ertragen könne, sondern daß selbst das lieblichste Geklingel und
Gezwitscher der lustigen kleinen Singvögelein sie unangenehm bewege.
Und damit sie das allen Menschen glaublich machte, war sie bei
solchen Gesängen, deren sich sonst alle Welt zu freuen pflegt, ein
parmal in Ohnmacht gefallen.  Das war aber nur ein Schein, sie wollte
eine böse That, sie wollte den Tod der kleinen Nachtigall, wenn sie
etwa in diesen Hainen und Gärten herumflatterte.  Das wußte sie aber
wohl, daß das Vögelchen dem Schlosse auf tausend Schritt nicht nahen
durfte, denn sie hatte es unter denselben Hexenbann gelegt, als
seinen Bruder.  Unter dem Titel dieser Unleidlichkeit und
Empfindlichkeit gegen zarte und feine Klänge und Schalle ward denn
freilich nicht bloß der kleinen liebenswürdigen Nachtigallprinzessin
sondern allen andern Vögeln nach der Kehle gegriffen; sie waren alle
in die Acht und Aberacht gethan, sie waren alle für vogelfrei erklärt,
und die Förster und Jäger der Königin erhielten den strengsten und
gemessensten Befehl, auf alles, was Federn trägt, Jagd zu machen, und
auch das Rotkehlchen ja nicht einmal den Zaunkönig zu verschonen, auf
welchen ein guter Jäger sonst nie einen Schuß verliert.  Dieser
schreckliche Zorn der Königin ward ein Unglück für das ganze
befiederte Volk, nicht bloß für die, welche im Freien flogen oder in
Forsten und Hainen lebten, sondern auch für die, welche auf Höfen und
in Zimmern gehalten werden.  In der Hauptstadt und in der Umgegend
des königlichen Schlosses blieb auch nichts Gefiedertes leben; denn
die Leute meinten sich bei der Königin sehr einzuschmeicheln und ihre
Gunst zu gewinnen, wenn sie es ihr nachmachten.  Es war ein
Schlachten und Morden der Unschuldigen wie der bethlehemitische
Kindermord des Königs Herodes weiland.  Wie vielen tausend
Kanarienvögeln und Zeisigen und Nachtigallen und Distelfinken, ja
selbst wie manchen ostindischen und westindischen Papageien und
Kakadus wurden da die Hälse umgedreht!  Schreihälsen und Liederkehlen,
Schwätzern und Verschwiegenen drohete Ein Schicksal, und das sogar
war ein Verbrechen, als Gans oder Puter oder Hahn gebohren zu seyn,
und die gemeinen Haushühner fingen an so selten zu werden als
chinesische Goldfasane.  Und hätte die Königin noch einige
Jahrzehende so gewüthet gegen das Federvölkchen, so wäre es allmälig
ausgestorben in dem Königreiche.  Das war die Ursache, warum die
Vögel nicht allein gemordet wurden sondern auch fast kein Mensch mehr
in den Wald spazieren ging, weil es so hätte gedeutet werden können,
als wollten sie da Vogelgesang hören.  So kam es denn, daß niemand
die Wundertöne der kleinen Nachtigall belauschen konnte, als etwa hie
und da ein einsamer Jäger.  Der ließ sich aber nichts merken, damit
er von der Königin nicht gestraft würde, daß er den Vogel nicht
geschossen.  Denn das muß man zur Ehre der Weidmänner sagen, daß sie
doch meistens ihrer wackern Natur folgten und selten einen der
kleinen Vögel schossen; aber platzen durch den Wald mußten sie, daß
es knallte.  Und dadurch schon ward es still von Gesängen und auch
viele Vöglein zogen weg aus dem unaufhörlichen Getümmel und kamen
nimmer wieder.  Die kleine Nachtigall aber, welche Gott behütete, daß
sie sich von allen diesen Nachstellungen rettete, konnte den grünen
Wald hinter dem Schlosse nicht lassen, wo sie in ihrer Kindheit so
viel gespielt und gesprungen hatte, sondern wenn sie auch wegflog, so
bald die Jagdhörner anbliesen und es mit Hurra und Wo Wo durch die
Büsche tosete, kam sie doch immer bald wieder.  Und obgleich ihre
Liedlein, als aus einem traurigen Herzen klingend, meistens traurig
und kläglich waren, däuchte es ihr doch recht anmuthig, so unter den
grünen Bäumen und bunten Blumen zu leben und dem Mond und den Sternen
etwas Süßes vorzuklingen; und nur wenige Monate war sie unglücklich.
Dies war die Zeit, wo der Herbst kam und wo sie mit den andern
Nachtigallen in fremde Länder ziehen mußte, bis es wieder Frühling
ward.

Das kleine Prinzessinvögelein hielt sich nun meist zu den Bäumen,
Angern und Auen, wo sie als Kind gespielt oder als Jungfrau mit
Gespielen ihres Alters Kränze gewunden und Reigen aufgeführt hatte,
oder wo sie gar in den glücklichsten Tagen ihres Lebens mit dem
Geliebten die Einsamkeit gesucht hatte.  Am liebsten und am meisten
wohnte sie in einer dichten grünen Eiche, die sich über einen
rieselnden Bach beugte und oft das süße Geflüster der Liebe in ihren
Schatten geborgen hatte.  An dieser Stelle sah sie denn auch oft den
Wolf, den ein dunkles Gefühl der Vergangenheit dahin führte; aber sie
wußte nicht, daß es ihr armer Bruder war.  Doch gewann sie ihn lieb,
weil er sich so oft unter ihren Gesängen hinstreckte und lauschte,
als verstände er etwas davon; und sie beklagte ihn wohl zuweilen, daß
er ein zorniger und harter Wolf seyn mußte und nicht flattern konnte
und fliegen von Zweigen zu Zweigen, wie sie und andere Vögelein.  Und
nun muß ich auch noch von einem Manne erzählen, der in dem einsamen
Walde zuweilen der Zuhörer der kleinen Nachtigall war.  Dieser Mann
war der Prinz aus Ostenland, ihr Bräutigam, als sie noch Prinzessin
war.

Der König, dieweil er noch lebte, hatte diesen Prinzen wegen seiner
Tugend und Tapferkeit vor allen Männern geliebt und ihn auf seinem
Todbette der Königin empfohlen als einen Rath und Helfer in allen
schlimmen und gefährlichen Dingen, besonders als einen frommen und
trefflichen Kriegsmann.  Auch war er nach des Königs Tode bei der
Königin geblieben bloß aus Liebe zu dem seligen Herrn.  Doch ward er
bald inne, daß die Königin ihn haßte, ja daß sie ihm nach dem Leben
trachtete, und entwich daher plötzlich von ihrem Hofe und aus ihrem
Lande.  Sie aber ließ ihm nachsetzen als einem Verräther und
Flüchtling und ließ einen Bann ausgehen, wodurch sie ihn für
vogelfrei erklärte, daß jeder, wem es beliebte, ihn erschlagen und
ihr seinen Kopf bringen mogte, worauf sie einen hohen Preis gesetzt
hatte.  Er entwich wieder in das Land seines Vaters, das viele
hundert Meilen gegen Osten von dem Schlosse der Königin lag, und
wohnte bei ihm.  Aber im Herzen hatte er keine Ruhe noch Rast und die
Trauer um die verschwundene Prinzessin wollte ihn nie verlassen.  Ja
das Wunder begab sich mit ihm, daß er alle Jahre einmal heimlich
verschwand, ohne daß ein Mensch wußte, wohin.  Er sattelte aber dann
sein Roß und rüstete sich in unscheinbarer Rüstung, und ritt
plötzlich davon, so daß niemand seinen Pfad kannte.  Er mußte aber in
das Land der Königin reiten, die ihn vogelfrei gemacht hatte, und
jenen Wald besuchen, worin die Prinzessin verschwunden war.  Dieser
gewaltige Trieb kam ihm jedes Jahr kurz vor der Zeit, in welcher die
Prinzessin verschwunden war, wo er durch wilde wüste und verborgene
Orte traben mußte, bis er zu wohlbekannten Stätten gelangte, wo er
einst mit seiner Braut gewandelt hatte.  Und da war auch ihm die
grüne dunkle Eiche am Bache die Lieblingsstelle.  Da brachte er dann
vierzehn Nächte in Thränen und Gebeten und Klagen um die Geliebte zu;
die Tage aber verbarg er sich in dem entlegeneren Dickicht.  Da hat
er die kleine Nachtigall oft gesehen und gehört und sich ihres
wundersamen und wunderlieblichen und fast übervögelischen Gesanges
erquickt.  Sie haben aber nichts weiter von einander gewußt.  Doch
hatte das Vögelchen immer eine große Sehnsucht im Herzen, wann der
Ritter wieder geritten war, sie wußte aber nicht, warum; und auch ihm
klang ihr tiefes und schmachtendes Tiu!  Tiut! lange nach, wann er
wieder in das Land seines Vaters ritt.  Es ging ihm aber wie den
meisten Menschen, die etwas Geheimes thun oder haben, worüber andere
Leute sich viel die Köpfe zerbrechen, daß er um sein eignes Geheimniß
nicht wußte.  Denn daß er jedes Jahr einmal heimlich wegritt, das
wußte er wohl; warum er aber reiten mußte, das wußte er nicht.

Und es waren manche Tage vergangen seit dem Tode des alten Königs und
es ging in das sechste Jahr seit dem Verschwinden der Kinder, und die
Königin lebte herrlich und in Freuden, und ließ die Thiere jagen und
auf alle Vögel schießen, und war auch gegen ihre Unterthanen nicht
weniger hart, als gegen das Wild und Gefieder des Waldes.  Sie
däuchte sich fast allmächtig und meinte, ihr Glück und ihre
Herrschaft könne kein Ende nehmen.  Doch hatte sie seit jenem Tage
den Wald nicht betreten um das Schloß und den Schloßgarten, sondern
eine heimliche Furcht hatte sie davon zurückgehalten.  Sie ließ sich
aber nicht merken, was es war, und daß eine Hexenangst dahinter
steckte.  Nun begab es sich, daß sie einmal ein großes Fest und
Gastmal angestellt hatte, wozu alle Fürsten und Fürstinnen des Reichs
und alle Großen des Landes und alle vornehmsten Diener und
Dienerinnen geladen waren, und es war den Nachmittag eine große
Wolfsjagd beschlossen in dem Forst, und die Fürsten baten sie, daß
sie mitgehen mögte.  Sie weigerte sich lange unter allerlei Vorwänden,
endlich aber ließ sie sich bereden.  Sie setzte sich aber auf einen
hohen Wagen und hieß drei ihrer tapfersten Kriegsmänner sich
wohlbewaffnet neben sich setzen; zugleich hieß sie viele hundert
gewaffnete und gerüstete Reisige vor, neben und hinter dem Wagen
reiten, und eine lange Reihe Wagen voll Herren und Frauen folgten ihr
nach.  Und ihr war der Wolf immer im Herzen, doch dachte sie bei sich:
laß den Wolf nur kommen, ja laß hundert Wölfe zugleich kommen, diese
tapfere Schaar wird ihnen wohl das Garaus machen.  So verblendet Gott
auch die Klügsten und Feinsten, wann sie zur Strafe reif sind; denn
ihr war geweissagt worden von andern Meistern ihrer losen Kunst, sie
solle sich vor dem sechsten Jahre in Acht nehmen.  Daran hatte sie
heute nicht gedacht.

Und es war ein schöner heiterer Frühlingstag, und sie fuhren mit
Trompeten und Posaunen in den Forst, und die Rosse wieherten und die
Rüstungen klirrten und die gezückten Speere und Degen funkelten in
der Sonne; die Königin aber funkelte am hellsten, mit ihren
prächtigsten Kleidern und all ihrem Juwelenschmuck hoch im Wagen
thronend.  Und schon schallte ihnen die Jagd entgegen mit Hussa und
Hurra und den schmetternden Hörnern der Jäger und den gellenden
Stimmen der Hunde.  Und es lief ein Löwe vorüber und ein Eber fuhr
durch die Reihen; und sie erschracken nicht sondern hielten und
standen ein jeglicher fest auf seinem Stand, und machten die
Ungeheuer nieder.  Aber nicht lange, und es ergab sich ein Schrecken,
das ihnen zu mächtig war.  Ein fürchterlicher Wolf fuhr aus dem
Dickicht hervor auf einen grünen Anger, und heulte so gräßlich, daß
Jäger, Hunde und Reiter vor ihm ausrissen.  Der Wolf lief, wie man
einen Pfeil vom Bogen schießt, nein er lief nicht sondern flog durch
die Männer und Rosse dahin, und keiner dachte daran, daß er Bogen,
Spieß und Eisen trug, so schrecklich war des Unthiers Ansehen und so
wüthig bleckte er den funkelnden Rachen auf.  Die Königin, die ihn
auf ihren Wagen zuspringen sah, schrie Hülfe!  Hülfe! die Weiber
schrien und fielen in Ohnmacht, viele Männer schrien auch wie die
Memmen: Keiner wehrte dem Wolf, er sprang mit Einem langen weiten
Sprung auf den hohen Wagen, riß das stolze Weib herunter, und wusch
sich Zähne und Rachen in ihrem Blute.  Die andern waren alle geflohen
oder standen und hielten von ferne.

Und o Wunder! als sie sich ermannen wollten und das Thier anfallen,
sahen sie es nicht mehr, sondern, wo es eben noch gestanden hatte,
erhob sich die Gestalt eines schönen und reisigen Jünglings.  Die
Männer staunten ob dem Zauber, doch zuckten einige die Waffen, als
wenn sie ihn als ein zweites Ungethüm jagen und fällen wollten.  Da
sprang plötzlich ein Greis vor, der mit im Zuge war, der Kanzler des
Reichs, und verbot es ihnen, und rief überlaut: bei meinem grauen
Haar, Männer, haltet ein! ihr wisset nicht, auf wen ihr stoßen
wollet--und, ehe sie sich besinnen konnten, lag er schon vor dem
Jünglinge auf der Erde, und küßte ihm Kniee und Hände und rief: Sey
uns gegrüßt, du edle Blume eines edlen Vaters, die du wieder
aufgegangen bist in deiner Schöne! und freue dich, o Volk, dein
rechter Königssohn ist wieder gekommen, und dies ist jetzt dein König.
Und auf diese Worte liefen viele herzu und erkannten den Prinzen
wieder und huldeten ihm als ihrem Herrn, und die übrigen thaten
desgleichen.  Und alle waren zugleich voll Schrecken und Staunen und
Freude, und dachten nicht mehr an die zerrissene Königin noch an den
Wolf; denn daß er der Wolf gewesen, das wußten sie nicht.

Der junge König aber gebot allen, daß sie ihm nachfolgeten und mit
ihm in das Schloß seines Vaters zögen; er hieß auch sogleich die Jagd
stillen und die Hörner und Trompeten, welche eben noch den Wald und
das Wild aufgeschreckt hatten, seinem fröhlichen Einzuge voranblasen.
Und als er daheim war und von den Zinnen seiner Väter schauete, da
traten ihm die Thränen in die Augen und er weinte beides schmerzlich
und fröhlich; denn er gedachte nun alles Jammers wieder und der zu
schweren Vergangenheit, wo es wie ein dumpfer und thierischer Traum
auf ihm gelegen hatte.  Und nun ward es ihm plötzlich hell, und er
konnte es dem Kanzler und den Vornehmsten melden, wie es mit ihm
geschehen war und daß er nur durch das Herzblut der alten greulichen
Hexe, die seine Stiefmutter und ihre Königin geheißen, wieder hatte
verwandelt werden können.  Und das Gerücht von diesem erstaunlichen
Wunder ging alsbald in die ganze Stadt und unter alles Volk aus; und
sie freueten sich, daß der geliebte Königssohn wiedergekommen und daß
die Königin, welche alle hasseten, von Wolfszähnen, die sie selbst
geschaffen, zerrissen war.

Aber als der Prinz sich nun allmälig wiedergefunden und über sich
besonnen hatte, da fiel es ihm schwer auf das Herz, wo die königliche
Prinzessin Aurora seine geliebte Schwester wohl seyn mögte und ob sie
auch noch wohl unter irgend einer Thierhaut oder Federdecke steckte;
denn nun fiel ihm ihr trauriger Hochzeittag ein.  Und er fragte und
ließ fragen; aber alle schwiegen und keiner konnte von ihr etwas
melden.  Da ward der Prinz wieder sehr traurig und sorglich, aber
Gott wandelte diese Traurigkeit auch bald in Freude.

Denn als dieser Jagd- und Wolfslärm im Walde tosete, steckte auch der
arme traurende Prinz aus Ostenland grade in seinem Dickicht, und das
kleine liebliche Nachtigallvögelchen hielt sich schweigend unter den
grünen Blättern seiner Eiche verborgen.  Es fuhr aber ein wunderbares
Gefühl durch sein Herzchen, sobald der durstige Wolfszahn seines
Bruders das Herzblut der alten Königin geschlürft hatte.  Als nun die
Jagd verschollen und der Wald still geworden und die Sonne
niedergegangen war, da kam der Prinz aus seiner dunkeln Waldschlucht
unter seine grüne Eiche und lehnte sich gar traurig an den Stamm und
netzte das Gras mit seinen stummen Thränen, wie er alle Nächte pflag;
und ihm däuchte viel wehmüthiger um sein Herz zu seyn als gewöhnlich.
Das Vögelein in den Zweigen über ihm fing eben an zu singen nach
seiner Gewohnheit; und es däuchte ihm auch, daß es gar anders sang
als sonst, und viel bedeutsamer und räthselhafter und fast wie mit
menschlicher Stimme.  Und dem Manne kam ein Grausen an, und fast voll
Angst rief er in die Zweige hinauf: Vögelein, Vögelein, sage mir,
kannst du sprechen?  Und das Nachtigallvögelein antwortete ihm mit Ja,
wie Menschen zu antworten pflegen, und es verwunderte sich selbst,
daß es sprechen konnte, und fing an vor Freuden darüber zu weinen,
und schwieg lange.  Darauf that es sein Schnäbelchen wieder auf und
erzählte dem Manne mit vernehmlicher menschlicher Stimme die ganze
Geschichte von seiner Verwandelung und von seines Bruders
Verwandelung, und durch welches Wunder er wieder ein Mensch geworden.
Denn es war ihr nun alles in Einem Augenblicke klar geworden, als
hätte ein Geist es ihr zugeflüstert.  Der Mann aber jauchzete in
seiner Seele, als er ihre Rede hörte, und er sann viel in sich hin
und her; und das Vögelchen spielte und flog zutraulich um ihn herum;
doch wiewohl sie sich und alle Dinge so hell wieder erkannte und
wußte, von ihm wußte sie nicht, wer er war.  Und er lockte das
Vögelchen und schmeichelte und kosete ihm schön, und bat, es solle
mit ihm kommen, er wolle es in einen Garten setzen, wo ein ewiger
Frühling blühe und nie ein Falke rausche noch ein Jäger tose; das sey
doch viel lustiger, als so in wilden Hainen umzufliegen und vor dem
Winter und vor Jägern und Raubvögeln und Schlingen zu zittern.  Das
Vögelein aber wollte davon nichts hören und lobte seine grüne
Freiheit und seine grüne Eiche hier und schwätzte und flötete und
spielte und flatterte um den Mann herum und hatte sein wenig Acht,
denn er gebehrdete sich, als sey er in andern Gedanken.

Aber siehe, welche Gedanken er gehabt hat!  Denn ehe das Vögelchen
sich dessen versah, hatte der Mann es bei den Füßchen erfaßt und lief
eilends davon, schwang sich auf sein Roß und flog im sausenden Galopp,
als sey ein Sturmwind hinter ihm, einer Herberge zu, die er in der
Stadt unweit des Schlosses kannte, und bestellte sich ein einsames
Zimmer, worin er sich mit dem Vögelein einsperrte.  Das Vögelein, als
es sah, wie er die Schlüssel herauszog und andere Zeichen eines
Gefängnisses machte, fing an jämmerlich zu weinen und zu flehen, daß
er es fliegen ließe; denn es däuchte ihm gar beklommen und angstvoll
in dem verschlossenen Zimmer und es mußte an seine grünen Bäume und
an die liebliche Freiheit denken.  Aber der Mann machte sich aus dem
Weinen und Flehen des Vögelchens nichts und wollte es nicht lassen.
Da ward das Vögelein böse und fing an sich zu verwandeln, damit es
den Mann erschreckte, daß er Thüren und Fenster öffnete und froh wäre,
wenn das Vögelein davon flöge.  So machte es sich zu Tigern und
Löwen, zu Ottern und Schlangen, zu Skorpionen und Taranteln, zuletzt
zu einem scheußlichen Lindwurm, der sich um den Mann flocht und mit
giftiger Zunge auf ihn fuhr.  Aber das alles schreckte ihn nicht
sondern er blieb fest auf seinem Sinn, und das Vögelein mußte alle
seine Arbeit verlieren und wieder ein Vögelein werden.  Und der Mann
stand in tiefen Gedanken, denn es fiel ihm etwas ein aus alten
Mährchen.  Und er zog ein Messer aus der Tasche und schnitt sich ein
Loch in den kleinen Finger der linken Hand, der immer das lebendigste
Herzblut hat.  Und es tröpfelte Blut heraus, und er nahm des Blutes
und bestrich des Vögeleins Köpfchen und Leib damit.  Und kaum hatte
er das gethan, so stand auch das Wunder fertig da.  Das Vögelein ward
in der Minute zu der allerschönsten Jungfrau, und der Prinz lag
alsbald zu ihren Füßen und küßte ihr züchtig und ehrerbietig die
Hände.  Die Nachtigall war nun wieder Prinzessin Aurora geworden und
erkannte in dem Manne ihren Bräutigam wieder, den Prinzen aus
Ostenland.  Sie war noch eben so jung und schön, als sie vor sechs
Jahren zur Zeit der Verwandelung gewesen.  Denn das ist den
Verwandlungen eigen, daß die Jahre, die einer darin bleibt, ihn nicht
älter machen sondern tausend Jahre gelten da nicht mehr als eine
Sekunde.

Man kann denken, wie diese beiden sich gefreut haben; denn wenn zwei
verliebte Herzen, die einander treu geblieben, nach langer Zeit
wieder zusammenkommen, das ist wohl die größte Freude auf Erden.
Doch säumten sie nicht lange sondern ließen dem Könige ansagen, es
seyen zwei fremde Prinzen aus fernen Landen an seinen Hof gekommen
und begehrten fürstliche Herberge.  Und der König trat heraus, daß er
sie bewillkommete, und erkannte seine liebe Schwester Aurora und
seinen theuren Freund den Prinzen aus Ostenland, und freuete sich
über die Maaßen; und alles Volk freuete sich mit ihm, daß so alles
wiedergekommen und das Reich nicht bei Fremden bleibe.

Und nach wenigen Tagen setzte er sich die königliche Krone auf und
fing an zu regieren an seines Vaters Statt, seiner Schwester aber gab
er eine überaus prächtige Hochzeit mit Tänzen und Festen und
Ritterspielen; auch erhielt sie nebst ihrem Prinzen an Land und
Leuten eine gar stattliche Abfindung, wovon sie fast wie Könige leben
mogten.  Die Prinzessin Aurora aber hatte ihren Bruder um den Wald
gebeten, in welchem sie als Vögelein so manchen fröhlichen und auch
so manchen traurigen Tag umhergezogen war, und er hatte ihn ihr gern
geschenkt.  Sie baute sich daselbst ein stolzes königliches Schloß an
dem Bache, wo sie so oft gesessen und gesungen hatte, und die grüne
und dichte Eiche kam mitten in ihrem Schloßgarten zu stehen und hat
noch manches Jahr nach ihr gegrünt, so daß ihre Urenkel noch darunter
gespielt und sich beschattet haben.  Sie aber ließ das Gebot ausgehen,
es solle der Wald für ewige Zeiten stehen bleiben in seiner
natürlichen Herrlichkeit; auch gab sie den kleinen Singvögelein den
Frieden und verbot auf das allerstrengeste, in diesem heiligen
Bezirke Schlingen und Fallen zu stellen und die Kleinen mit irgend
einem Gewehr anzugreifen.  Und ihr Bruder hat als ein großer und
frommer König regiert, sie aber hat mit ihrem tapfern Gemal bis in
ein schneeweißes Alter in glücklicher Liebe gelebt und viele Kinder
und Kindeskinder gesehen, bis sie endlich im Segen Gottes und der
Menschen sanft entschlafen ist.  Das hat auch gegolten seit ihrer
Zeit unter ihren Kindern und Nachkommen, daß der älteste Prinz ihres
Hauses immer Rossignol und die älteste Prinzessin immer Philomela
getauft wurde.  Sie wollte nemlich eine fromme Erinnerung stiften für
alle Zeiten von dem wundersamen Unglück, das ihr widerfahren war, da
sie in eine Nachtigall verwandelt worden.  Denn diese Worte bedeuten
in der Sprache ihres Landes, was zu teutsch Nachtigall genannt wird,
und Rossignol heißt eigentlich Rosenvogel--denn die Nachtigallen
singen meist zur Zeit der Rosen--und Philomela Liederfreundin; der
teutsche Name Nachtigall heißt aber so viel als Nachtsängerin, und
ist wohl der allerfeinste.



Der große Jochen.


Der Bauer Hans Diebenkorn, ich weiß nicht mehr, in welchem Dorfe er
wohnte, hatte einen Sohn, der hieß Jochen, das war ein schlimmer
ungeschlachter Junge voll Wildheit und Schalkstreiche, den keiner
bändigen konnte.  Sein Vater war ein stiller ordentlicher Mann und
ermahnte und züchtigte ihn oft und viel, Priester und Schulmeister
hobelten und meißelten an ihm mit dem Ernst der Vermahnung und mit
der Strenge der Strafe: _der Knabe ward mit der Asche und Lauge der
Reue_ und Buße und mit der ungebrannten Asche der Erinnerung, die auf
grünen Bäumen als ein recht dunkel blühendes Vergißmeinnichtchen
wächst, genug eingerieben und gewaschen--es konnte ihn das alles
nicht weich und geschmeidig machen, Jochen blieb Jochen, er blieb der
freche und ungehorsame Gesell, der er gewesen war, und wo er einen
Schalkstreich konnte laufen lassen, war es seine Freude.  Das war
daher noch das Schlimmste und machte seinem Vater die meiste Sorge,
daß Jochen auch an Kräften unbändig war und in seinem fünfzehnten
Jahre sich schon mit jedem lustigsten Knechte im Dorfe im Ringen und
Balgen messen konnte.  Der üppige und übermüthige Leib war der Zucht
zu früh entwachsen.  Dazu kam, daß Jochen ein sehr schöner und
schlanker Junge war, der das Maul so gut gebrauchen und so angenehm
thun konnte, daß kein Mensch unter dieser Kappe den Schelm vermuthete.
Desto besser konnte er seine Späße und Schalkstreiche mit andern
ausführen; denn er konnte so leidig seyn, daß auch die gescheidtesten
und klügsten Leute von ihm angeführt wurden.  Der Vater, der seinen
Vogel kannte, hielt ihn nun freilich sehr zur Arbeit an; aber so wie
er nur einen Augenblick hatte, war auch der Schelm da und sogleich
auf allen Gassen Geschrei über ihn.  Indessen sagt ein altes
Sprichwort: _Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht,_ und
das geschah auch bei Jochen.

Er hatte sein besonderes Vergnügen, alte Leute, die auf dem Wege
vorbeigingen, und Arme, die ihr Brod vor den Thüren mitleidiger
Menschen suchten, zu necken, und that es immer wieder, wie oft sein
Vater ihn darüber auch hart gezüchtigt und erinnert hatte, es sey
keine größere Sünde, als diejenigen verspotten, welche elend sind,
denn ihr Elend komme von Gott und Gott habe sie deswegen unter seinem
besondern Schutz.

Nun begab es sich, daß einmal eine arme alte Bettelfrau gegangen kam
mit einem Korbe auf dem Kopfe und einem Sack auf dem Rücken.  Sie
ging gar stümperlich und jämmerlich, stand alle drei Schritt still
und ächzete und hustete sehr.  Jochen sah sie kommen und machte sich
an sie und bot ihr einen freundlichen guten Tag.  Sie ward zutraulich
und fragte ihn, wie sie über einen tiefen Bach, der vor ihr floß, ins
Dorf kommen sollte.  O hier, Mutter! komm nur mit! sprach Jochen,
hier ist ein Steg, den will ich dir zeigen.  Und er ging und sie
folgte ihm, und er führte sie auf ein ziemlich schmales und
schwankendes Brett, das über den Bach gelegt war.  Als die alte Frau
aber mitten auf dem Brette war, da fing Jochen an mit dem einen Ende
desselben aus allen Kräften zu wippen--er gebehrdete sich aber als
taumele er--und wippte so arg, daß das Brett umschlug und die alte
Frau mit Korb und Sack in den Bach fiel, so lang sie war.  Er sprang
nun zu und half ihr wieder aus dem Wasser und stellte sich, als sey
er unschuldig an der Sache, greinte und grieflachte* aber in sich.
Die alte Frau dankte ihm noch und ließ sich nichts merken, zog ihre
nassen Kleider aus und hing sie an Sträuchen auf, daß sie an der
Sonne trockneten, und fing dann an, damit sie sich die Langeweile
vertriebe, mit beweglicher und kläglicher Stimme einige Lieder zu
singen.  Jochen, der weggelaufen war, kam bald wieder und lauschte;
die Lieder gefielen ihm und er setzte sich zu ihr und sagte lachend:
Höre, Mutter, singe mir auch einen Vers!  Das will ich thun, mein
Sohn, sprach die Alte, aber du mußt auch Acht geben und deinen Vers
behalten.  Und sie sang:
--------------------------
* Wird ausgesprochen an einigen Orten _grifflachen_, an anderen
_grieflachen_, das letzte offenbar richtiger.  Wir haben kein Wort in
unserer Sprache, diesem gleich, ein boshaftes Lachen, was sich unter
Bart und Lippen verstecken mögte und doch die geheime Freude über
fremden Unfall nicht bergen kann, auszudrücken, als dieses sassische
Wort.  Es drückt die Gebehrde aus, die zwischen Weinen und Hohnlachen
in der Mitte um den Mund schwebt.  Die erste Sylbe ist in der
englischen Sprache übrig, wo es _Kummer Traurigkeit_ bedeutet.  Wie
Traurigkeit und Bosheit in der Bedeutung der Worte zusammenfallen,
davon zeugt jede Sprache, z.  B. das italienische _tristizia
tristezza_ und das englische _mischief_, das gothische _hemsk_
(verschlossen hinterlistig, traurig erschrocken) und das sassische
_inheimsch_.
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Dukatenkrut hinner'm Tuune,
Leew in dem Pagellune
Un in dem Sparling Treu,
Verstand im lütten Finger--
Dat sünt so sell'ne Dinger,
As Rosen unner't Heu.
Hür nipp nu to, min Jüngken,
Du makst so menning Sprüngken,
Dat Gott vergewen mag!
Veel Müse freten den Kater--
Du denkst ens an dit Water,
Un din juchhe watt Ach.

Jochen lachte unbändig auf, als sie gesungen hatte, und rief: das ist
ja ein dummes närrisches Lied, Alte, ohne Sinn und Verstand.  Höre!
ich singe dir auch eines vor.  Und er sang mit heller geschwinder und
scherzender Stimme:

De Kukuk up dem Tuune satt,
Dat wutt regnen, un he wutt natt,
De Kukuk un de wutt natt.
Doon schreed he: Ach! min buntes Gatt!
Wo natt! wo natt! wo natt! wo natt!
Min Gatt wat büst du natt!
Kukuk! Kukuk!
De Kukuk flog na Hus--


und darauf lief er davon, that aber vorher ihrem Korbe und ihren
Schuhen noch einen Schabernack an.

So machte Jochen es oft und konnte seinen unbändigen Muthwillen gar
nicht halten.  Eines Tages kam er aus dem Walde und sprang mit
Trallalla und Juchheida über das Feld daher; denn lustig war er fast
immer.  Es war ein kalter Wintertag und schneiete und fror sehr.  Als
er so tralleiend und juchheiend einen Hohlweg hinablief, stand ein
kleiner schneeweißer Mann da, der sehr alt und jämmerlich aussah, und
stönte und ächzete bei einem großen Korbe, den er sich auf den Rücken
heben wollte und nicht konnte.  Als er nun Jochen kommen sah, ward er
froh und bat den Burschen freundlich: Lieber Sohn bedenke, daß du
auch einmal alt und schwach werden kannst, und hilf mir diesen Korb
hier auf den Rücken.  Von Herzen gern, sprach Jochen, sprang hinzu
hob den Korb auf und hing dem alten Mann die Hänkel desselben um die
Schultern, darauf riß er ihn mit dem Korbe um und ließ ihn im Schnee
liegen, und lachte und rief im Weglaufen: _Piep!  Vagel! piep!_ Der
alte Mann wühlte sich wieder aus dem Schnee auf und sammelte was
herausgefallen wieder in den Korb, und schrie mit zorniger Stimme
hinter dem auslachenden Jochen her: Ja piep!  Vagel! piep!  Gott wird
dich piepen lehren, du gottloser Bube!

Und Gott hat den Vogel pfeifen gelehrt.  Denn als Jochen den andern
Morgen wieder mit der Axt auf dem Nacken in den Wald gehen sollte,
daß er Holz fällete, mußte er wieder durch diesen Hohlweg gehen.
Doch wie er näher kam, ward ihm ganz wunderlich zu Muthe, so
wunderlich, als ihm in seinem Leben nicht ums Herz gewesen war.  Und
obgleich es heller lichter Tag war und die Wintersonne eben feuerroth
aufging, war ihm doch graulich, als wäre es Mitternacht gewesen, aber
das war sein böses Gewissen, und es däuchte ihm immer, als komme der
alte Mann jeden Augenblick aus dem Hohlwege auf ihn zu und schreie
ihn mit Piep!  Vagel! piep! an; und er wäre gern einen andern Weg in
den Wald gegangen.  Indessen wagte er es doch und ging in den
schauerlichen Hohlweg hinein.  Aber kaum hat Jochen seinen Fuß auf
die Stelle gesetzt, wo er gestern Abend den alten Mann mit dem Korbe
in den Schnee gestürzt hatte, so hat es ihn gefaßt und geschüttelt,
und in einem Augenblicke ist er weg gewesen und ist auch nie wieder
gekommen, und kein Mensch hat gehört, wo er gestoben und geflogen ist.
Die Leute haben aber geglaubt, daß der böse Feind ihn geholt habe
wegen der vielen verruchten und gottlosen Streiche, die der
übermüthige Junge immer verübte.

Das ist es aber nicht gewesen, sondern des alten Mannes mit dem Korbe
Piep!  Vagel! piep! den er in dem Hohlwege so schändlich umgestoßen
und dann noch schadenfroh ausgelacht hatte.  Jochen hat pfeifen
lernen müssen, er ist in einen Piepvogel verwandelt und der
allerkleinste Vogel geworden, der auf Erden lebt.  Das ist nun seine
Strafe, daß er im strengsten Winter durch die Sträuche und Hecken
fliegen und um die Häuser und Fenster der Menschen flattern, meist
aber bei armen Leuten rundfliegen und hungern und frieren und piepen
muß.  Er hat ein graues Röckchen an gleich dem grauen Kittel, den er
trug, als er verwandelt worden, und muß bis diesen Tag aus
schelmischen und spitzbübisch kleinen Augen lachen, auch wenn ihm
weinerlich zu Muth ist.  Er heißt der Zaunkönig, die Leute aber
nennen ihn aus Spott den großen Jochen oder den kurzen Jan; auch wird
er Nesselkönig genannt, weil der arme Schelm durch Nesseln und
Disteln und kleine stachlichte Sträuche schlüpfen und fliegen muß und
meistens in Nesselbüschen sein Nestchen baut.  Da hat er nun Zeit
seine Sünden zu bedenken, wann der Wind pfeift und der Schnee stöbert
und er in kahlen Hecken und Zäunen sitzen und piepen muß.  Da hören
die Kinder ihn oft mit seiner feinen Stimme singen und denken an die
alte Geschichte von Jochen Diebenkorn.  Er singt aber also sein Piep!
Vagel! piep!

Piep! Piep!
De Äppel sünt riep,
De Beren sünt gel,
Dat Speck in de Tweel,
De Stuw is warm,
Hans slöpt Grethen im Arm.
Piep! piep!
Wo koold is de Riep!
Wo dünn is min Kleed!
Wo undicht min Bedd!
Wo lang is de Nacht!
Wer hedd dat woll dacht?



Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin


In den Neun Bergen bei Rambin wohnen nun die Zwerge und die kleinen
Unterirdischen und tanzen des Nachts in den Büschen und Feldern herum
und führen ihre Reigen und ihre Musiken auf im mitternächtlichen
Mondschein, besonders in der schönen und lustigen Sommerzeit und im
Lenze, wo alles in Blüte steht; denn nichts lieben die kleinen
Menschen mehr als die Blumen und die Blumenzeit.  Sie haben auch
viele schöne Knaben und Mädchen bei sich; diese aber lassen sie nicht
heraus, sondern behalten sie unter der Erde in den Bergen, denn sie
haben die meisten gestohlen oder durch einen glücklichen Zufall
erwischt und fürchten, daß sie ihnen wieder weglaufen möchten.  Denn
vormals haben sich viele Kinder des Abends und des Morgens locken
lassen von der süßen Musik und dem Gesange, der durch die Büsche
klingt, und sind hingelaufen und haben zugehorcht; denn sie meinten,
es seien kleine singende Waldvögelein, die mit solcher Lustigkeit
musizierten und Gott lobeten--und dabei sind sie gefangen worden von
den Zwergen, die sie mit in den Berg hinabgenommen, daß sie ihnen
dort als Diener und Dienerinnen aufwarteten.  Seitdem die Menschen
nun Wissens daß es da so hergeht und nicht recht geheuer ist, hüten
sie sich mehr, und geht keiner dahin.  Doch verschwindet von Zeit zu
Zeit noch manches unschuldige Kind, und die Leute sagen dann wohl, es
hab's einer der Zwerge mitgenommen; und oft ist es auch wohl durch
die Künste der kleinen braunen Männer eingefangen und muß da unten
sitzen und dienen und kann nicht wiederkommen.  Das ist aber ein
uraltes Gesetz, das bei den Unterirdischen gilt, daß sie je alle
fünfzig Jahre wieder an das Licht lassen müssen, was sie eingefangen
haben.  Und das ist gut für die, welche so gefangen sitzen und da
unten den kleinen Leuten dienen müssen, daß ihnen diese Jahre nicht
gerechnet werden, und daß keiner da älter werden kann als zwanzig
Jahre, und wenn er volle fünfzig Jahre in den Bergen gesessen hätte.
Und es kommen auf die Weise alle, die wieder herauskommen, jung und
schön heraus.  Auch haben die meisten Menschen, die bei ihnen gewesen
sind, nachher auf der Erde viel Glück gehabt: entweder, daß sie da
unten so klug und witzig und anschlägisch werden, oder daß die
kleinen Leute, wie einige erzählen, ihnen unsichtbar bei der Arbeit
helfen und Gold und Silber zutragen.

Die Unterirdischen, welche in den Neun Bergen wohnen, gehören zu den
braunen, und die sind nicht schlimm.  Es gibt aber auch schwarze, das
sind Tausendkünstler und Kunstschmiede, geschickt und fertig in
allerlei Werk, aber auch arge Zauberer und Hexenmeister, voll
Schalkheit und Trug, und ist ihnen nicht zu trauen.  Sie sind auch
Wilddiebe, denn sie essen gern Braten.  Sie dürfen aber das Wild mit
keinem Gewehr fällen, sondern sie stricken eigene Netze, die kein
Mensch sehen kann; darin fangen sie es.  Darum sind sie auch Feinde
der Jäger und haben schon manchem Jäger sein Gewehr behext, daß er
nicht treffen kann.  Das glauben aber bis diesen Tag viele Leute, daß
nichts eine größere Gewalt über diese Schwarzen hat als Eisen,
worüber gebetet worden, oder was in Christenhänden gewesen ist.
Solche Schwarzen wohnen hier aber gar nicht.

In zwei Bergen wohnen von den weißen, und das sind die freundlichsten,
zartesten und schönsten aller Unterirdischen, fein und anmutig von
Gliedern und Gebärden und ebenso fein und liebenswürdig drinnen im
Gemüte.  Diese Weißen sind ganz unschuldig und rein und necken
niemand, auch nicht einmal im Scherze, sondern ihr Leben ist licht
und zart, wie das Leben der Blumen und Sterne, mit welchen sie auch
am meisten Umgang halten.  Diese niedlichen Kleinen sitzen den Winter,
wann es auf der Erde rauh und wüst und kalt ist, ganz still in ihren
Bergen und tun da nichts anders, als daß sie die feinste Arbeit
wirken aus Silber und Gold, daß die Augen der meisten Sterblichen zu
grob sind, sie zu sehen; die sie aber sehen können, sind besonders
feine und zarte Geister.  So leben sie den trüben Winter durch, wann
es da draußen unhold ist, in ihren verborgenen Klausen.  Sobald es
aber Frühling geworden und den ganzen Sommer hindurch, leben sie hier
oben im Sonnenschein und Sternenschein sehr fröhlich und tun dann
nichts als sich freuen und andern Freude machen.  Sobald es auch im
ersten Lenze zu sprossen und zu keimen beginnt an Bäumen und Blumen,
sind sie husch aus ihren Bergen heraus und schlüpfen in die Reiser
und Stengel und von diesen in die Blüten und Blumenknospen, worin sie
gar anmutig sitzen und lauschen.  Des Nachts aber, wann die Menschen
schlafen, spazieren sie heraus und schlingen ihre fröhlichen
Reihentänze im Grünen um Hügel und Bäche und Quellen und machen die
allerlieblichste und zarteste Musik, welche reisende Leute so oft
hören und sich verwundern, weil sie die Spieler nicht sehen können.
Diese kleinen Weißen dürfen auch bei Tage immer heraus, wann sie
wollen, aber nicht in Gesellschaft, sondern einzeln, und sie müssen
sich dann verwandeln.  So fliegen viele von ihnen umher als bunte
Vögelein oder Schmetterlinge oder als schneeweiße Täubchen und
bringen den kleinen Kindern oft Schönes und den Erwachsenen zarte
Gedanken und himmlische Träume, von welchen sie nicht wissen, wie sie
ihnen kommen.  Das ist bekannt, daß sie sich häufig in Träume
verwandeln, wenn sie in geheimer Botschaft reisen.  So haben sie
manchen Betrübten getröstet und manchen Treuliebenden erquickt.  Wer
ihre Liebe gewonnen hat, der ist im Leben besonders glücklich, und
wenn sie nicht so reich machen an Schätzen und Gütern als die andern
Unterirdischen, so machen sie reich an Liedern und Träumen und
fröhlichen Gesichten und Phantasien.  Und das sind wohl die besten
Schätze, die ein Mensch gewinnen kann.



Die alte Burg bei Löbnitz


Nahe bei Löbnitz über grünen Wiesen, wodurch sich das Flüßchen Barth
hinschlängelt, grünt ein kleiner Eichenwald mit einem durchrinnenden
Bächlein und den schönsten und dichtesten Haselbüschen, welche sich
fast jeden Herbst unter dem braunen Schmuck ihrer Früchte beugen.  An
der Südseite des Wäldchens liegt eine Ziegelei, und am nördlichsten
Ende erhebt sich eine Burghöhe, deren Umwallung ringsum eine Senkung
umgibt, in welcher die elegischen und zauberischen Sträuche Kreuzdorn
und Hagedorn, Hollunder und Alf-Ranke, Nessel und Nachtschatten sich
festgesiedelt hatten und dem Andringer das Aufsteigen fast schwer
machten; auch hatten die Füchse sich den Wall und sein altes Gemäuer
zu ihren unterirdischen Wohnungen durchminiert.  Dieser alten Burg
gegenüber erhob jenseits am rechten Ufer des Flusses unweit Wobbelkow
ein stattliches Hünengrab sein grünbemoostes Haupt, von dessen Gipfel
man die Stadt Barth mit ihren roten Dächern und in der Landschaft
umher ein halbes Dutzend Kirchtürme und ein halbes Hundert Höfe und
Dörfer überschauen konnte.  Dieses Eichwäldchen ward nach den
Trümmern jener Burg gewöhnlich nur zur alten Burg genannt.  Hier
hatte sich nun ein Abenteuer begeben, welches durch alle Münde und
Mäuler der Menschen die Runde machte: Eine junge, hübsche Dirne,
welche die Kühe des Zieglers im Busche hütete, war plötzlich
verschwunden oder entlaufen, und da geschah es, daß die Stimmen der
Sage sich wieder aufweckten, die oft verschollen ihre Zeit träumt und
schläft und dann mit doppelter Lebendigkeit wieder in die Ohren der
Menschen tönt.  Und in folgender Weise war die Erzählung des Gärtners
Christian Benzin:

"Herr, sie sagen so was von der Dirne des Zieglers, die vor vierzehn
Tagen am hellen scheinenden Mittag verschwunden und nicht
wiedergekommen ist.  Die Leute munkeln, und des alten Schweden
Sturbergs Jungen aus Wobbelkow, die einem Kalbe nachgelaufen, haben
es gesehen: Ein Matrose in bunter, rotgestreifter Jacke ist mit ihr
am Saum des Waldes spazierengegangen und hat einen Blumenstrauß in
der Hand gehabt, und sie glauben, der habe sie weggelockt und mit
sich auf sein Schiff genommen.  O du Herr Jemine!  Das Schiff, worauf
die Dirne fährt!  Soviel ist wahr, den Buntjack werden die
Sturbergsjungen wohl spazieren gesehen haben, aber meiner Sir so weit,
als die dummen Leute sich einbilden, ist sie nicht unter Segel
gegangen.  Ich weiß wohl, wo sie sitzt, und Jochen Eigen, den sie
immer den Edelmann schelten, weiß es wohl noch besser, aber der
schämt sich und sagt's nicht und verrät nichts von seinen
Hausheimlichkeiten, als wenn er mal ein wenig zu tief ins Glas
geguckt hat."  Und bei diesen Worten machte der Gärtner Christian eine
gar absonderliche und verwunderliche Miene.

"Nun, Benzin, nur her mit Euren Geschichten!  Jetzt, hoffe ich,
wird's einmal wohl ans Licht kommen, warum Ihr bei dem Namen alte
Burg immer so wunderliche Reden und Gebärden braucht.  Hier muß es
irgendwo stecken, daß Ihr auf der Jagd nie in diesen Busch hinein
wollt und mit leichten, diebischen Katzentritten an seinem Rande
umherschleicht oder Euch in gehöriger Entfernung Eure Stelle anweisen
laßt.  Darum habt ihr, als die schönen Mamsellen aus Barth jüngst
dahin Nüsse pflücken gingen und noch andere hübsche junge Frauen
mitgehen wollten, so wunderliche Gesichter geschnitten und sie in den
Löbnitzer Wald auf den Kamp zu laufen verlockt, wo man unter den
Pfriemenbüschen wohl Hasen und Füchse aufjagen, aber keine Nüsse
schütteln kann.  Es muß was Besonderes mit diesem Busche sein.  Und
nun heraus damit!  Ich lasse Euch diesmal nicht los."

"Ja, Herr, dies ist Euch ein Busch! hier ließe sich viel erzählen,
und wer eine hübsche Frau und schöne Tochter hat, der lasse andere
Weiber in diesen Busch Nüsse pflücken gehen.  Ich sage nur soviel:
wie manche hübsche Jungfer würde ihr Herzleid zu erzählen haben, wenn
sie sich nicht schämte!  Ich erinnere mich noch, mein Vater hat mir's
erzählt,--es sind wohl ein paar Stiege Jahre her--da waren ein paar
schöne Jungfern aus Barth gekommen Nüsse zu pflücken, und sie sind
hier im Wäldchen verschwunden.  Man hat die Verschwundenen tage- und
wochenlang gesucht, wie man Stecknadeln sucht, bei Sonnenlicht und
Laternenlicht, aber keine Spur von ihnen gefunden, kein Mensch hat
sie wiedergesehen.  Mein Vater sagt, es sei große Wehklage und Trauer
um sie gewesen--denn es waren Kinder ehrsamer und reicher Leute--und
zuletzt in Kentz und Starkow und in allen Kirchen umher mit den
Glocken um sie geläutet, als hätte ein Wolf oder Bär sie gefressen.
Aber deren gibt's hier nicht; ich weiß wohl, wer der Wolf ist.  Und
doch hat sich's wunderlich genug offenbart: sie waren nicht von
wilden Tieren aufgefressen, sondern nach acht bis zehn Jahren von
Vergessenheit und Verschollenheit sind sie mit einemmal noch ganz
frisch und blank wieder unter den Lebendigen aufgetreten und haben
sich nichts merken lassen.  Aber die Leute haben doch eine Art Grauel
vor ihnen angewandelt und haben ihrer Jungferschaft nicht recht
getraut, und die armen hübschen Mädchen haben zuletzt als alte
Jungfern sterben müssen.

Und nun will ich erzählen, was Jochen Eigen mir erzählt hat, der
diese Geschichten am besten weiß; aber er wird sich hüten sie dem
Herrn zu erzählen.  Und dann wird der Herr verstehen, warum ich
hübsche junge Frauen und Mädchen nicht so leichtfertig in den Wald
laufen lassen will, und warum ich neulich krank ward, als ich die
Nacht bei dem Fuchsbau am Burgwall, wo sie gegraben hatten,
Schildwache stehen und die jungen Füchse, wenn sie etwa heraus
wollten, zurücktreiben sollte.

Vor langen, langen Jahren war Jochen Eigens Urgroßvater*, ein
prächtiger, stolzer Edelmann, so prächtig und steinreich, daß er den
Zaum seines Pferdes mit Juwelen besetzte und in einem goldnen
Steigbügel saß.  Dieser hatte im Lande Rügen und auch hier im
Pommerlande viele schöne Höfe, Wälder und Bauern, so viele, daß man
sie nicht zählen konnte--ein prächtiger, stolzer Mensch, der mit
sechsen vom Bock fuhr, einen Läufer vor sich herlaufen und seine
Pferde in langen Strängen springen ließ.  Aber es war ein wilder,
verwegner Mensch, der nichts von Gottes Wort und Wegen wissen wollte,
ein toller Jäger und Reiter und ein greulicher Weiberjäger, der wie
der Falk auf die Tauben, auf die schönen Dirnen lauerte.  Diesem
Eigen hat in jenen alten Zeiten auch Löbnitz und Diwitz und Wobbelkow
gehört, und hier bei Löbnitz hat er im Walde ein prächtiges
Burgschloß gehabt mit vielen Türmen und Fenstern, wo er manche schöne
Nacht durchschwärmt und durchtrunken und mit seinen lustigen Gesellen
bei Wein und Weibern bankettiert hat.  Und dort auf dem hohen
Hünengrabe an dem andern Ufer, dort am Wege zwischen Redebas und
Wobbelkow, hat er sich ein prächtiges, aus eitel gehauenen demantenen
Steinen gebautes Lustschloß hingestellt.  Da ist er oft hingaloppiert
und hat dort gesessen und mit einem Kieker auf die Landstraßen umher
ausgeschaut, ob seine wilden Lauscher und Räuber, die er ausgeschickt
hatte, schöne Weiber einzufangen, nicht irgendwo mit Beute
heransprengten.  Diese armen Gefangenen haben sie dann bei
nächtlicher Weile, wo andere gute Christenleute schlafen, auf die
Burg im Walde geschleppt und dort versteckt, daß weder Hund noch Hahn
danach gekräht hat.  So hat der böse Mensch sein wildes, verruchtes
Wesen viele lange Jahre getrieben, und Gott hat ihm manchen Tag die
Zügel schießen lassen.  Das lag aber in seinem Blute, und Jochen, dem
der Edelmann lange vergangen sein sollte, dessen Großvater schon ein
armer Weber gewesen--der Herr glaubt nicht, was die alten Leute von
dem zu erzählen wissen, wie grausam der in seinen jungen Jahren auf
die hübschen Dirnen gejagt hat.  Er will sich's nun nur nicht mehr
merken lassen, aber diese lüsternen Edelmannsnücken hat er noch genug
in sich.  Endlich aber ist doch des alten wilden Jägers Tag gekommen,
es ist Krieg geworden, und Pest und Hunger und Moskowiterzeit und
Kalmückenzeit, ich weiß den Namen nicht recht, aber eine grausame
böse Zeit ist gekommen, und da ist jener Bösewicht auch von seinem
Jammer gefaßt worden: seine Schlösser und Häuser verbrannt, seine
Scheunen und Speicher ausgeleert, sein Vieh weggetrieben.  Da hat er
sich zuletzt hier in die Burg bergen und verstecken und knapp leben
lernen müssen wie andere arme Leute.  Da ist seine Rechnung bei dem
höchsten und obersten Rechenmeister übervoll gewesen, und er hat ihn
mit seinem Blitz geschlagen und sein prächtiges Sündenhaus angezündet,
und er und seine Weiber sind alle zu weißen Aschen verbrannt, und
von der ganzen Herrlichkeit, wo sonst Geigen und Trompeten klangen
und Tag und Nacht bankettiert ward, liegen noch kaum ein paar Steine
da, und nun sind die Füchse und Marder und Eulen die einzigen
Nachtmusikanten.
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* Die Eigen sind allerdings ein altes adliges Geschlecht in der Insel
Rügen gewesen, aber jetzt längst verloschen und verschollen.  Möglich,
daß Jochen Eigen, welchen sie gern den Edelmann schalten, aus jenem
Geschlechte war.  Ich habe weder Lust noch Veranlassung gehabt seinem
Ursprunge diplomatisch nachzuforschen.  Bei diesen Geschichten dringt
sich übrigens wieder die bekannte Erfahrung auf, daß Bauern und
Dienstleute in Erinnerung mancher Unbill und Ungerechtigkeiten, die
ihnen von schlimmen Edelleuten widerfahren sind, indem sie der
freundlichen Herren darüber vergessen, eine Freude und Ergötzung
erleben, wenn sie sich märchenhaft erzählen, wie das Unglück oder gar
der Gottseibeiuns irgendeinem bösen verruchten Geschlechte das Garaus
gemacht habe.  Dom büst du då?
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Der Herr weiß wohl die alte Eiche, die dicht an der Burg steht, ein
besonderes altes Gewächs, welchem der Blitz auch vor einigen Jahren
die eine Hälfte abgespaltet hat.  Da spielt jetzt eine gar
wunderliche Musikantengesellschaft drauf.  Wenn man nur achtgibt und
aufmerkt, daß auch kein Vögelchen im Walde schwirrt und zirpt, um den
Baum ist's nimmer still.  Spatzen und Zeisige und Meisen flattern und
schreien da bei Tage in solcher Menge, daß man sein eigen Wort nicht
hören kann, und des Nachts--o herrje!--machen die Eulen und Krähen
und Raben ihren Gesang, daß einem die Haare zu Berge stehen.  Sie
sagen auch, daß die Füchse dann aus ihren Löchern kommen und
mitheulen, und daß die Schlangen, deren unten am Bache so viele sind,
dann einen Ringeltanz halten; aber ich habe es nicht gesehen.  Das
ist aber einmal wahr, daß man die Pferde, die in ihren Nüstern von
Gespenstern und anderm Teufelszeug eine Witterung haben, an dieser
Seite des Waldes selbst bei Tage kaum grasen sieht.  Der Herr hat
auch wohl den schwarzen Storch gesehen, der nicht weit von der Burg
auf einer abgestumpften Buche horstet.  Hier um Löbnitz, Redebas und
Divitz, wo die Barthwiesen und Bäche so viele Nattern, Schlangen und
Frösche ziehen, hat's der Störche auf allen Dächern und Scheunen die
Menge, aber nirgends sieht man einen schwarzen Storch als hier.
Zuweilen sollen Jahre sein, so er ganz ausbleibt, schon seit
Menschengedenken hat man davon gesprochen, aber er erscheint zu
seiner Zeit immer wieder.  Dieser schwarze Storch ist hier der
Feldhauptmann des ganzen Vogelgefieders.  Viele Leute sagen, er sei
der alte Edelmann selbst oder auch ein Sohn von ihm, den er mit einer
Mohrenprinzessin gezeugt haben soll, die er dem Sultan im Mohrenlande
abgekauft hatte.  Denn Zauberer, Hexenmeister, Mohren und solches
wanschaffene Teufelsgesindel, das keinen ordentlichen Vater und
Mutter vorzeigen kann, wippsen hier des Nachts umher, und diese haben
die vielen Fußtritte ausgetreten, die zu dem Wall hinlaufen; denn die
Menschen hüten sich wohl, um dieses Revier Fußsteige zu machen.
Dieses Gesindel wohnt bis auf den heutigen Tag in unterirdischen
Sälen, die noch viele hundert Schuh tief unter den Füchsen liegen,
und mancher hat es deswegen tief unter dem Wall heraus oft so
wunderlich sausen und klingen gehört, mit ganz anderer Gewalt und
andern Tönen, als Füchse und Marder in ihren Löchern machen können.
Mit diesem schwarzen Storch ist es ein gar absonderliches Ding.  Das
wissen alle Bauern und Hirten zu erzählen, er hat auf den Wiesen ein
dreimal größeres Jagdrevier als irgendeiner der bunten Störche, und
keiner von diesen kommt ihm in sein Verbiet; ja sie fliegen gleich
davon, als wenn sie den Teufel sähen, sobald sie ihn nur von fern
erblicken.  Des Nachmittags gegen den Abend, wenn die Sonne ins Gold
zu gehen anfängt, sieht man ihn zwischen der Burg und dem Hünengrabe
immer hin und her fliegen, auch sitzt er dann oft auf diesem Hügel
und schaut gegen die Stadt Barth hinüber, woraus er in seinen Tagen
vielleicht manche hübsche Dirne verlockt hat.  So muß er nun nach
Gottes Spruch und Urteil viele Jahrtausende in Vogelgestalt
herumfliegen--denn wer wird ihn zu erlösen kommen?--und statt seiner
früheren Leckerbissen mit der schlechten Speise der Frösche und
Schlangen, die jeder Mensch anspeit und ausspeit, vorlieb nehmen, und
in seinem schwarzen Rock zeigen, daß er ein Schelm und Bösewicht von
Natur ist.  Aber es ist sonst doch noch etwas anderes dabei, und das
ist eben das Greuliche, der Matros in der bunten Jacke.  Ich weiß
nicht, ob es ein Matros ist, in welcher Gestalt ihn viele wollen
gesehen haben, oder ein hübscher flinker Jägerbursch, aber die bunte
Jacke gehört einmal dazu.  Und keiner versteht, wie dieser Buntjack
und der Schwarzrock, der Storch, zugleich da sein können, und was
diese Vermaskierung bedeutet, aber ein buntes Teufelsspiel ist es
sicherlich, und hat manche arme Seele um Ehre und Glück gebracht.
Denn wenn so ein glatter Geelschnabel und Grünling von einer hübschen
jungen Dirne oder ein anderes schönes Weibsbild hier im Walde Blumen
lesen oder Nüsse pflücken geht und ihre Gedanken nicht in acht nimmt,
daß sie nicht ganz auf Gottes Wegen bleiben--ich meine, wenn sie
etwas zu junges und zu Lustiges denkt oder mit verbotenen
Götzenbildern des Herzens spielt, wie unser Herr Pastor Scheer sagt,
auf der Stelle stellt sich der schöngestreifte Buntjack ein und macht
vor ihr seine Kratzfüße.  Er macht sich gar leidig und freundlich
heran, reicht Blumensträußchen, erbietet sich als Diener die
Nußbeutel zu tragen, und spielt so mit tausend Blücklingen und
Heuchlingen und Schmeichlingen um die Weibsen herum, daß die armen
Begigelten und Behexten nicht wissen, wie ihnen geschieht, und nimmer
gewahr werden können, welch ein Hahnenfüßler er ist.  Auch kommt er
wohl immer ganz wie von ungefähr als ein feiner, blöder Jüngling, als
ein hübscher, unschuldiger Knab', irgendein buntes Vöglein auf der
Hand tragend und sprechend: 'Sie sucht Blumen, schöne Jungfer, Sie
will Nüsse pflücken--o komm Sie mit mir!  Ich weiß wo schönste Blumen
stehen, wo braune Nüsse in Menge hängen.' Und so lockt er sie fort,
und führt sie durch Blumen und Nüsse immer tiefer in den Wald, und
lockt sie endlich auf den Burgwall--'O da ist eine ganz prächtige
Aussicht, schöne Jungfer', ruft er, 'da kann Sie die schöne Welt mal
weit umher überschauen.' Da oben liegt aber ein kleiner roter runder
Stein wie zu einem Sitz zurechtgemacht mit einem immergrünen
Plätzchen daherum, da hat der Schelm Blumen und Nüsse hingestreut,
und wohl rosenrote Äpfel und Pflaumen, und heißt sie sich setzen und
sich des Blicks über die weite Landschaft freuen.  Aber siehe!  Wie
sie herantreten und den Stein berühren, tut sich das grüne Plätzchen
auf, und Buntjack und Jungfer und Nüsse und Blumen--alles sinkt
plötzlich tief in die Erde hinab, in die unterirdischen Säle, aus
welchen es oft so wunderlich herausklingt--und die armen versunkenen
Dirnen kommen nimmer wieder, oder einige kommen auch wohl nach Jahren
wieder an das Licht und unter die Menschen, aber sie schämen sich zu
sagen, wo sie so lange gewesen sind und was ihnen widerfahren ist.  O
wie manche hübsche Jungfer, die mit dem lustigen Buntjack Blumen und
Nüsse pflücken ging, hat hier den Blumenkranz ihrer Unschuld verloren.
Ich sage soviel, meine Frau ließe ich für alle Schätze der Welt
nicht in diesen Busch gehen.  Die Jungen, die des Nachts auf den
Wiesen die Pferde hüten, erzählen viel von dem Eulen- und
Krähengeschrei, aber zuweilen haben sie auch ein Wimmern und Winseln
wie tief aus der Erde heraus gehört, und dann haben sie den schwarzen
Storch gesehen sich in der Luft über dem Walde mit den Flügeln
wiegend und klatschend, als sei ihm das eine Freude.  Aber ich weiß
nicht, ob man alles so glauben soll, aber gewiß böses Spiel ist
dahinter, wiewohl man glauben soll, daß Gott solches Spiel nicht
zuläßt bei denen, die mit den rechten Gedanken und mit frommen
Bibelsprüchen in der Brust versehen sind, und wenn sie sich auch
unter lauter Teufelsgesindel im düstersten Walde und in einsamster
Wüste verirrt hätten."

In dem schönen Lande Thüringen up der güldnen Au nich wiet van dem
Kiffhüser wahnde een riker un vörnehmer Eddelmann, dem wurd unner går
besünderlichen Umständen een Sähn geburen, so datt he alle
Wahrseggers un Tekendüders fragde un de Stiernkikers up alle Thörm
klattern let totokieken, wo de Planeten un de annern groten Stiern to
eenanner stünden un ob se wat Ungewöhnlichs meldten.  Un de Wiesen
schüddeden de Köpp äwer de Teken un segen sehr deepsinnig un
nahdenklich ut; äwerst nüms wußte dem Vader des Kinds wat Genaues to
seggen.  Man een van de Stiernkiekers let sick so wiet ut, datt he
apenbårde, dat Kind hedd den eenen Hauptstiern veel heller as all de
annern; nu, sede he, wenn he sick nah dem Hauptstiern hölt un mit
sinem Glück frisch up't Lewen losgeiht un em eenen Schub gift, wenn't
nich wieken will, so kann he de Gefåhren noch woll äwermeistern, de
em in den lütten Stiernen dräuen.  Dat sede he vör en allen; spader
äwerst, as de annern weg weren, nam he den Vader des Kindes bi Side,
un sede em unner vier Oogen: Der Dausend! wat för een Kerlken!  De
ward Spalk in der Welt maken!  Ick wull, he were mi geburen!  Dat
sünt een påar Jahrhunderte vörflaten, un wi hebben nicks mehr van
eenem Dom hürt, van dem wunderbåren Vogel Phönix, de de Geschichten
lustig makt; un et dünkt mi Tid to wesen, datt bald mal wedder eener
erschient, süs kümmt de Geschicht van den Doms ganz ut der Mode.  Un
wer weet Gotts vörborgnen Rath? is't nich mäglich, datt Gott din Kind
ton Eddelmannsdom utersehn hett?  De Himmelsteken stahn seltsam
ungewöhnlich un grot nog dåto.  De Tid is so vull Langerwil un so
insleperig, datt mal wat Lustigs kamen mußt, se ut dem fulen Slap
uptojagen.  Un is dat Gotts Will, so müßt du ook eenen verständigen
Willen hebben, un darüm hork up, wat ick di segg, dåmit du uns den
Jungen nich vörfumfeist.  Du müßt dem Knaben, de tom Dom heranwassen
schalt, sinen Willen laten un em den bi Liwe nich breken; denn etwas
wunderlich ward he allerdings sin.  Denn schalt he een rechter Dom
warden un de Domschen Geschichten mit Glück un Mod vollbringen un
dörfechten, so mütt he upwassen, as schull mal een Kaiser edder
Köning ut em warden.  Denn einzig ut der högsten un frodigsten
Freiheit un Vörwägenheit, de vör nicks in der Welt bäwert un
schuddert, kann de rechte Dom spruten.  Dat müßt ick di seggen, un
dat vörget nich, un taste nich mit dummkloker Hand in dat Spill, dat
du nich versteihst.  Will't Gott, so ward de Jung et to siner Tid
woll utspelen.

So wiesde de Stiernkieker, un de Eddelmann hürde nipp to un nam sick
alle sine Würde to Harten, un gaff dem lütten Jungen in der Döp den
Namen Wigbold, as de eenmal düchtig üm sick slan un sick siner Hut
ridderlich un dapperlich wehren schull.

De lütte Junker Wigbold was een so flinkes un schönes Kind un hedd
een paar so stiernklare un himmelblage Oogen im Kopp, datt alle Lüde
seden, se hedden up langer Tid nah keen so schönes un muntres Kind
sehn.  Un Wigbold ge

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