Nachtstücke
by E. T. A. Hoffmann · German · Gutenberg #6341 · 699,121 chars · public domain (US)
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Title: Nachtstücke
Author: E. T. A. Hoffmann
Release date: August 1, 2004 [eBook #6341]
Most recently updated: December 29, 2020
Language: German
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Nachtstücke
Erzählungen von E.T.A. Hoffmann
Erster Teil
Der Sandmann
Ignaz Denner
Die Jesuitenkirche in G.
Das Sanctus
Zweiter Teil
Das öde Haus
Das Majorat
Das Gelübde
Das steinerne Herz
Erster Teil
Der Sandmann
Nathanael an Lothar
Gewiß seid Ihr alle voll Unruhe, daß ich so lange - lange nicht
geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier
in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir
in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar. - Dem ist aber nicht so;
täglich und stündlich gedenke ich Eurer aller und in süßen Träumen
geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und lächelt
mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte,
wenn ich zu Euch hineintrat. - Ach wie vermochte ich denn Euch zu
schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher
alle Gedanken verstörte! - Etwas Entsetzliches ist in mein Leben
getreten! - Dunkle Ahnungen eines gräßlichen mir drohenden
Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus,
undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. - Nun soll ich Dir
sagen, was mir widerfuhr. Ich muß es, das sehe ich ein, aber nur es
denkend, lacht es wie toll aus mir heraus. - Ach mein herzlieber
Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur einigermaßen empfinden zu
lassen, daß das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich mein
Leben so feindlich zerstören konnte! Wärst Du nur hier, so könntest Du
selbst schauen; aber jetzt hältst Du mich gewiß für einen aberwitzigen
Geisterseher. - Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah,
dessen tödlichen Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemühe,
besteht in nichts anderm, als daß vor einigen Tagen, nämlich am 30.
Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashändler in meine Stube trat
und mir seine Ware anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe
herabzuwerfen, worauf er aber von selbst fortging.
Du ahnest, daß nur ganz eigne, tief in mein Leben eingreifende
Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben können, ja, daß wohl die
Person jenes unglückseligen Krämers gar feindlich auf mich wirken muß.
So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um
ruhig und geduldig Dir aus meiner frühern Jugendzeit so viel zu
erzählen, daß Deinem regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden
Bildern aufgehen wird. Indem ich anfangen will, höre ich Dich lachen
und Clara sagen: »Das sind ja rechte Kindereien!« - Lacht, ich bitte
Euch, lacht mich recht herzlich aus! - ich bitt Euch sehr! - Aber Gott
im Himmel! die Haare sträuben sich mir und es ist, als flehe ich Euch
an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie Franz Moor den
Daniel. - Nun fort zur Sache!
Außer dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, tagüber
den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschäftigt sein.
Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemäß schon um sieben Uhr
aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters
Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte
Tabak und trank ein großes Glas Bier dazu. Oft erzählte er uns viele
wunderbare Geschichten und geriet darüber so in Eifer, daß ihm die
Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder
anzünden mußte, welches mir denn ein Hauptspaß war. Oft gab er
uns aber Bilderbücher in die Hände, saß stumm und starr in seinem
Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, daß wir alle wie im
Nebel schwammen. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig und
kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: »Nun Kinder! - zu Bette! zu
Bette! der Sandmann kommt, ich merk es schon.« Wirklich hörte ich dann
jedesmal etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern;
das mußte der Sandmann sein. Einmal war mir jenes dumpfe Treten
und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter, indem sie uns
fortführte: »Ei Mama! wer ist denn der böse Sandmann, der uns immer
von Papa forttreibt? - wie sieht er denn aus?« - »Es gibt keinen
Sandmann, mein liebes Kind«, erwiderte die Mutter: »wenn ich sage,
der Sandmann kommt, so will das nur heißen, ihr seid schläfrig
und könnt die Augen nicht offen behalten, als hätte man euch Sand
hineingestreut.« - Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in
meinem kindischen Gemüt entfaltete sich deutlich der Gedanke, daß
die Mutter den Sandmann nur verleugne, damit wir uns vor ihm nicht
fürchten sollten, ich hörte ihn ja immer die Treppe heraufkommen. Voll
Neugierde, Näheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns
Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine jüngste
Schwester wartete: was denn das für ein Mann sei, der Sandmann? »Ei
Thanelchen«, erwiderte diese, »weißt du das noch nicht? Das ist ein
böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen
wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum
Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in
den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im
Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der
unartigen Menschenkindlein Augen auf.« - Gräßlich malte sich nun im
Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; sowie es abends die
Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts
als den unter Tränen hergestotterten Ruf. »Der Sandmann! der Sandmann!
« konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in
das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht über quälte mich die
fürchterliche Erscheinung des Sandmanns. - Schon alt genug war
ich geworden, um einzusehen, daß das mit dem Sandmann und seinem
Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzählt hatte,
wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben könne; indessen blieb mir der
Sandmann ein fürchterliches Gespenst, und Grauen - Entsetzen ergriff
mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen, sondern auch
meines Vaters Stubentür heftig aufreißen und hineintreten hörte.
Manchmal blieb er lange weg, dann kam er öfter hintereinander.
Jahrelang dauerte das, und nicht gewöhnen konnte ich mich an den
unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen
Sandmanns. Sein Umgang mit dem Vater fing an meine Fantasie immer mehr
und mehr zu beschäftigen: den Vater darum zu befragen hielt mich eine
unüberwindliche Scheu zurück, aber selbst - selbst das Geheimnis zu
erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den
Jahren immer mehr die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf
die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon
leicht im kindlichen Gemüt sich einnistet. Nichts war mir lieber, als
schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Däumlingen usw. zu hören
oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich in den
seltsamsten, abscheulichsten Gestalten überall auf Tische, Schränke
und Wände mit Kreide, Kohle, hinzeichnete. Als ich zehn Jahre alt
geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kämmerchen,
das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer
mußten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener Unbekannte im
Hause hören ließ, schnell entfernen. In meinem Kämmerchen vernahm ich,
wie er bei dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir dann, als
verbreite sich im Hause ein feiner seltsam riechender Dampf. Immer
höher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf irgend eine Weise des
Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem
Kämmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter vorübergegangen, aber
nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur
Türe hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar
werden mußte. Endlich von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschloß
ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu
erwarten.
An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines
Abends, daß der Sandmann kommen werde; ich schützte daher große
Müdigkeit vor, verließ schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich
dicht neben der Türe in einen Schlupfwinkel. Die Haustür knarrte,
durch den Flur ging es, langsamen, schweren, dröhnenden Schrittes nach
der Treppe. Die Mutter eilte mit dem Geschwister mir vorüber. Leise -
leise öffnete ich des Vaters Stubentür. Er saß, wie gewöhnlich, stumm
und starr den Rücken der Türe zugekehrt, er bemerkte mich nicht,
schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die einem gleich neben
der Türe stehenden offnen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen,
vorgezogen war. - Näher - immer näher dröhnten die Tritte - es hustete
und scharrte und brummte seltsam draußen. Das Herz bebte mir vor Angst
und Erwartung. - Dicht, dicht vor der Türe ein scharfer Tritt - ein
heftiger Schlag auf die Klinke, die Tür springt rasselnd auf! - Mit
Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht
mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter
brennt ihm ins Gesicht! - Der Sandmann, der fürchterliche Sandmann ist
der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittage ißt!
Aber die gräßlichste Gestalt hätte mir nicht tieferes Entsetzen
erregen können, als eben dieser Coppelius. - Denke Dir einen großen
breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem
Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar grünliche
Katzenaugen stechend hervorfunkeln, großer, starker über die Oberlippe
gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen
Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar
und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen
Zähne. Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen
aschgrauen Rocke, eben solcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber
dazu schwarze Strümpfe und Schuhe mit kleinen Steinschnallen. Die
kleine Perücke reichte kaum bis über den Kopfwirbel heraus, die
Kleblocken standen hoch über den großen roten Ohren und ein breiter
verschlossener Haarbeutel starrte von dem Nacken weg, so daß man die
silberne Schnalle sah, die die gefältelte Halsbinde schloß. Die ganze
Figur war überhaupt widrig und abscheulich; aber vor allem waren uns
Kindern seine großen knotigten, haarigten Fäuste zuwider, so daß wir,
was er damit berührte, nicht mehr mochten. Das hatte er bemerkt und
nun war es seine Freude, irgend ein Stückchen Kuchen, oder eine süße
Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter
diesem, oder jenem Vorwande zu berühren, daß wir, helle Tränen in
den Augen, die Näscherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr
genießen mochten vor Ekel und Abscheu. Ebenso machte er es, wenn uns
an Feiertagen der Vater ein klein Gläschen süßen Weins eingeschenkt
hatte. Dann fuhr er schnell mit der Faust herüber, oder brachte wohl
gar das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir
unsern Ärger nur leise schluchzend äußern durften. Er pflegte uns nur
immer die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen,
keinen Laut von uns geben und verwünschten den häßlichen, feindlichen
Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude
verdarb. Die Mutter schien ebenso, wie wir, den widerwärtigen
Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr
heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, düstern Ernst.
Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein höheres Wesen, dessen
Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten
müsse. Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden
gekocht und seltene Weine kredenzt.
Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in
meiner Seele auf, daß ja niemand anders, als er, der Sandmann sein
könne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem
Ammenmärchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung
holt - nein! - ein häßlicher gespenstischer Unhold, der überall, wo er
einschreitet, Jammer - Not - zeitliches, ewiges Verderben bringt.
Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich
dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend
durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius
feierlich. »Auf! - zum Werk«, rief dieser mit heiserer, schnurrender
Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen
Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel.
Wo sie die hernahmen, hatte ich übersehen. Der Vater öffnete die
Flügeltür eines Wandschranks; aber ich sah, daß das, was ich solange
dafür gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze
Höhlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu und
eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames
Geräte stand umher. Ach Gott! - wie sich nun mein alter Vater
zum Feuer herabbückte, da sah er ganz anders aus. Ein gräßlicher
krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Züge zum häßlichen
widerwärtigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius
ähnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit
hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig hämmerte.
Mir war es als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber
ohne Augen - scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer. »Augen
her, Augen her!« rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme. Ich
kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfaßt und stürzte aus
meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius,
»kleine Bestie! - kleine Bestie!« meckerte er zähnfletschend! -
riß mich auf und warf mich auf den Herd, daß die Flamme mein Haar
zu sengen begann: »Nun haben wir Augen - Augen - ein schön Paar
Kinderaugen.« So flüsterte Coppelius, und griff mit den Fäusten
glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen
wollte. Da hob mein Vater flehend die Hände empor und rief. »Meister!
Meister! laß meinem Nathanael die Augen - laß sie ihm!« Coppelius
lachte gellend auf und rief. »Mag denn der Junge die Augen behalten
und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den
Mechanismus der Hände und der Füße recht observieren.« Und damit faßte
er mich gewaltig, daß die Gelenke knackten, und schrob mir die Hände
ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. »'s
steht doch überall nicht recht! 's gut so wie es war! - Der Alte hat's
verstanden!« So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich
her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und
Gebein - ich fühlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt über
mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte
sich über mich hingebeugt. »Ist der Sandmann noch da?« stammelte
ich. »Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir
keinen Schaden!« - So sprach die Mutter und küßte und herzte den
wiedergewonnenen Liebling.
Was soll ich Dich ermüden, mein herzlieber Lothar! was soll ich so
weitläufig einzelnes hererzählen, da noch so vieles zu sagen übrig
bleibt? Genug! - ich war bei der Lauscherei entdeckt, und von
Coppelius gemißhandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein
hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag.
»Ist der Sandmann noch da?« - Das war mein erstes gesundes Wort
und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung. - Nur noch den
schrecklichsten Moment meiner Jugendjahre darf ich Dir erzählen; dann
wirst Du überzeugt sein, daß es nicht meiner Augen Blödigkeit ist,
wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern, daß ein dunkles
Verhängnis wirklich einen trüben Wolkenschleier über mein Leben
gehängt hat, den ich vielleicht nur sterbend zerreiße.
Coppelius ließ sich nicht mehr sehen, es hieß, er habe die Stadt
verlassen.
Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unveränderten Sitte
gemäß abends an dem runden Tische saßen. Der Vater war sehr heiter und
erzählte viel Ergötzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend
gemacht. Da hörten wir, als es neune schlug, plötzlich die Haustür in
den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte dröhnten durch
den Hausflur die Treppe herauf. »Das ist Coppelius«, sagte meine
Mutter erblassend. »Ja! - es ist Coppelius«, wiederholte der Vater
mit matter gebrochener Stimme. Die Tränen stürzten der Mutter aus den
Augen. »Aber Vater, Vater!« rief sie, »muß es denn so sein?« - »Zum
letzten Male!« erwiderte dieser, »zum letzten Male kommt er zu mir,
ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! - Geht - geht zu
Bette! Gute Nacht!«
Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepreßt - mein
Atem stockte! - Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich unbeweglich
stehen blieb: »Komm Nathanael, komme nur!« Ich ließ mich fortführen,
ich trat in meine Kammer. »Sei ruhig, sei ruhig, lege dich ins
Bette! - schlafe - schlafe«, rief mir die Mutter nach; aber von
unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequält, konnte ich kein
Auge zutun. Der verhaßte abscheuliche Coppelius stand vor mir mit
funkelnden Augen und lachte mich hämisch an, vergebens trachtete ich
sein Bild los zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als
ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschütz losgefeuert
würde. Das ganze Haus erdröhnte, es rasselte und rauschte bei meiner
Türe vorüber, die Haustüre wurde klirrend zugeworfen. »Das ist
Coppelius!« rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte
es auf in schneidendem trostlosen Jammer, fort stürzte ich nach des
Vaters Zimmer, die Türe stand offen, erstickender Dampf quoll mir
entgegen, das Dienstmädchen schrie: »Ach, der Herr! - der Herr!« -
Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater tot mit schwarz
verbranntem gräßlich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten
und winselten die Schwestern - die Mutter ohnmächtig daneben! -
»Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!« - So
schrie ich auf, mir vergingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf
meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszüge wieder mild
und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Tröstend ging es in meiner
Seele auf, daß sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn nicht ins
ewige Verderben gestürzt haben könne.
Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchtbar
und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung
vorfordern wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden.
Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund! daß jener
Wetterglashändler eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du mir es
nicht verargen, daß ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil
bringend deute. Er war anders gekleidet, aber Coppelius' Figur und
Gesichtszüge sind zu tief in mein Innerstes eingeprägt, als daß hier
ein Irrtum möglich sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal
seinen Namen geändert. Er gibt sich hier, wie ich höre, für einen
piemontesischen Mechanikus aus, und nennt sich Giuseppe Coppola.
Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu
rächen, mag es denn nun gehen wie es will.
Der Mutter erzähle nichts von dem Erscheinen des gräßlichen Unholds
- Grüße meine liebe holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer
Gemütsstimmung. Lebe wohl etc. etc.
Clara an Nathanael
Wahr ist es, daß Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber
dennoch glaube ich, daß Du mich in Sinn und Gedanken trägst. Denn
meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief
an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn an
mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum
erst bei den Worten inne: »Ach mein herzlieber Lothar!« - Nun hätte
ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen.
Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei
vorgeworfen, ich hätte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemüt, daß
ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller
Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der Fenstergardine
glattstreichen würde, so darf ich doch wohl kaum versichern, daß
Deines Briefes Anfang mich tief erschütterte. Ich konnte kaum atmen,
es flimmerte mir vor den Augen. - Ach, mein herzgeliebter Nathanael!
was konnte so Entsetzliches in Dein Leben getreten sein! Trennung von
Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie
ein glühender Dolchstich. - Ich las und las! - Deine Schilderung des
widerwärtigen Coppelius ist gräßlich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein
guter alter Vater solch entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder
Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen,
aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashändler Giuseppe
Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schäme ich
mich, es zu gestehen, daß er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen
Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstören konnte. Doch
bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet.
Sei mir nur nicht böse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa
sagen möchte, daß ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde
Dir etwas Böses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie
immer.
Geradeheraus will ich es Dir nur gestehen, daß, wie ich meine, alles
Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem
Innern vorging, die wahre wirkliche Außenwelt aber daran wohl wenig
teilhatte. Widerwärtig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, aber
daß er Kinder haßte, das brachte in Euch Kindern wahren Abscheu gegen
ihn hervor.
Natürlich verknüpfte sich nun in Deinem kindischen Gemüt der
schreckliche Sandmann aus dem Ammenmärchen mit dem alten Coppelius,
der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer,
Kindern vorzüglich gefährlicher, Unhold blieb. Das unheimliche Treiben
mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als daß beide
insgeheim alchymistische Versuche machten, womit die Mutter nicht
zufrieden sein konnte, da gewiß viel Geld unnütz verschleudert und
obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall sein soll,
des Vaters Gemüt ganz von dem trügerischen Drange nach hoher Weisheit
erfüllt, der Familie abwendig gemacht wurde. Der Vater hat wohl gewiß
durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigeführt, und Coppelius
ist nicht schuld daran: Glaubst Du, daß ich den erfahrnen Nachbar
Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen Versuchen eine
solche augenblicklich tötende Explosion möglich sei? Der sagte: »Ei
allerdings« und beschrieb mir nach seiner Art gar weitläufig und
umständlich, wie das zugehen könne, und nannte dabei so viel sonderbar
klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte. - Nun wirst
Du wohl unwillig werden über Deine Clara, Du wirst sagen: »In dies
kalte Gemüt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das den Menschen
oft mit unsichtbaren Armen umfaßt; sie erschaut nur die bunte
Oberfläche der Welt und freut sich, wie das kindische Kind über die
goldgleißende Frucht, in deren Innern tödliches Gift verborgen.«
Ach mein herzgeliebter Nathanael! glaubst Du denn nicht, daß auch in
heitern - unbefangenen - sorglosen Gemütern die Ahnung wohnen könne
von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu
verderben strebt? - Aber verzeih es mir, wenn ich einfältig Mädchen
mich unterfange, auf irgend eine Weise Dir anzudeuten, was ich
eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. - Ich finde wohl gar
am Ende nicht die rechten Worte und Du lachst mich aus, nicht, weil
ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle,
es zu sagen.
Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch
einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und
fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst
nicht betreten haben würden - gibt es eine solche Macht, so muß sie in
uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur
_so_ glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf,
um jenes geheime Werk zu vollbringen. Haben wir festen, durch das
heitre Leben gestärkten, Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken
als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und
Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl
jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der
Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte. Es ist auch
gewiß, fügt Lothar hinzu, daß die dunkle psychische Macht, haben wir
uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die
Außenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, so,
daß wir selbst nur den Geist entzünden, der, wie wir in wunderlicher
Täuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom
unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe
Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft, oder in den Himmel
verzückt. - Du merkst, mein herzlieber Nathanael! daß wir, ich und
Bruder Lothar uns recht über die Materie von dunklen Mächten und
Gewalten ausgesprochen haben, die mir nun, nachdem ich nicht ohne Mühe
das Hauptsächlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt.
Lothars letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne nur, was er
meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr. Ich bitte Dich,
schlage Dir den häßlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann
Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei überzeugt, daß diese fremden
Gestalten nichts über Dich vermögen; nur der Glaube an ihre feindliche
Gewalt kann sie Dir in der Tat feindlich machen. Spräche nicht aus
jeder Zeile Deines Briefes die tiefste Aufregung Deines Gemüts,
schmerzte mich nicht Dein Zustand recht in innerster Seele,
wahrhaftig, ich könnte über den Advokaten Sandmann und den
Wetterglashändler Coppelius scherzen. Sei heiter - heiter! - Ich habe
mir vorgenommen, bei Dir zu erscheinen, wie Dein Schutzgeist, und den
häßlichen Coppola, sollte er es sich etwa beikommen lassen, Dir im
Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen. Ganz und
gar nicht fürchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen Fäusten,
er soll mir weder als Advokat eine Näscherei, noch als Sandmann die
Augen verderben.
Ewig, mein herzinnigstgeliebter Nathanael etc. etc. etc.
Nathanael an Lothar
Sehr unlieb ist es mir, daß Clara neulich den Brief an Dich aus,
freilich durch meine Zerstreutheit veranlagtem, Irrtum erbrach und
las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief
geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, daß Coppelius und Coppola
nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die
augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der
Tat, man sollte gar nicht glauben, daß der Geist, der aus solch hellen
holdlächelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum,
hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren
könne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du
liesest ihr wohl logische Kollegia, damit sie alles fein sichten und
sondern lerne. - Laß das bleiben! - Übrigens ist es wohl gewiß, daß
der Wetterglashändler Giuseppe Coppola keinesweges der alte Advokat
Coppelius ist. Ich höre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor
der Physik, der, wie jener berühmte Naturforscher, Spalanzani heißt
und italienischer Abkunft ist, Kollegia. Der kennt den Coppola schon
seit vielen Jahren und überdem hört man es auch seiner Aussprache an,
daß er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie
mich dünkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr,
Du und Clara, mich immerhin für einen düstern Träumer, aber nicht los
kann ich den Eindruck werden, den Coppelius' verfluchtes Gesicht auf
mich macht. Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir
Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein
kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner
Nase, aufgeworfenen Lippen, kleinen stechenden Augen. Doch besser, als
in jeder Beschreibung, siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro, wie er
von Chodowiecki in irgend einem Berlinischen Taschenkalender steht,
anschauest. - So sieht Spalanzani aus. - Neulich steige ich die Treppe
herauf und nehme wahr, daß die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene
Gardine zur Seite einen kleinen Spalt läßt. Selbst weiß ich nicht, wie
ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im
reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß
im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Ärme, die Hände
zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie saß der Türe gegenüber, so, daß
ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu
bemerken, und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht
ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen
Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort
ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, daß die
Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er
sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, daß durchaus kein
Mensch in ihre Nähe kommen darf. - Am Ende hat es eine Bewandtnis mit
ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst. - Weshalb schreibe
ich Dir aber das alles? Besser und ausführlicher hätte ich Dir das
mündlich erzählen können. Wisse nämlich, daß ich über vierzehn Tage
bei Euch bin. Ich muß mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara,
wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich
(ich muß das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner
bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.
Tausend Grüße etc. etc. etc.
Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige
ist, was sich mit meinem armen Freunde, dem jungen Studenten
Nathanael, zugetragen, und was ich dir, günstiger Leser! zu erzählen
unternommen. Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das
deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere
daraus verdrängend? Es gärte und kochte in dir, zur siedenden Glut
entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher deine
Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem
andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerfloß in
dunkle Seufzer. Da frugen dich die Freunde: »Wie ist Ihnen, Verehrter?
- Was haben Sie, Teurer?« Und nun wolltest du das innere Gebilde mit
allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und
mühtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir,
als müßtest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche,
Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht
zusammengreifen, so daß es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe.
Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig
und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die
nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche,
hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will. Hattest du aber,
wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriß
deines innern Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Mühe
immer glühender und glühender die Farben auf und das lebendige Gewühl
mannigfacher Gestalten riß die Freunde fort und sie sahen, wie du,
sich selbst mitten im Bilde, das aus deinem Gemüt hervorgegangen! -
Mich hat, wie ich es dir, geneigter Leser! gestehen muß, eigentlich
niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; du weißt ja
aber wohl, daß ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehöre,
denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so
zumute wird, als frage jeder, der in ihre Nähe kommt und nebenher auch
wohl noch die ganze Welt: »Was ist es denn? Erzählen Sie Liebster?« -
So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhängnisvollem
Leben zu dir zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon erfüllte
meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich dich, o mein Leser!
gleich geneigt machen mußte, Wunderliches zu ertragen, welches nichts
Geringes ist, quälte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend
- originell, ergreifend, anzufangen: »Es war einmal« - der schönste
Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern! - »In der kleinen Provinzialstadt
S. lebte« - etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax. - Oder
gleich medias in res: »>Scher er sich zum Teufel<, rief, Wut
und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der
Wetterglashändler Giuseppe Coppola« - Das hatte ich in der Tat schon
aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael
etwas Possierliches zu verspüren glaubte; die Geschichte ist aber gar
nicht spaßhaft. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten
etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien.
Ich beschloß gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei
Briefe, welche Freund Lothar mir gütigst mitteilte, für den Umriß
des Gebildes, in das ich nun erzählend immer mehr und mehr Farbe
hineinzutragen mich bemühen werde. Vielleicht gelingt es mir, manche
Gestalt, wie ein guter Porträtmaler, so aufzufassen, daß du es ähnlich
findest, ohne das Original zu kennen, ja daß es dir ist, als hättest
du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen.
Vielleicht wirst du, o mein Leser! dann glauben, daß nichts
wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und daß dieses
der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem
Widerschein, auffassen könne.
Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen nötig, ist jenen
Briefen noch hinzuzufügen, daß bald darauf, als Nathanaels Vater
gestorben, Clara und Lothar, Kinder eines weitläuftigen Verwandten,
der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels
Mutter ins Haus genommen wurden. Clara und Nathanael faßten eine
heftige Zuneigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas
einzuwenden hatte; sie waren daher Verlobte, als Nathanael den Ort
verließ um seine Studien in G. - fortzusetzen. Da ist er nun in seinem
letzten Brief und hört Kollegia bei dem berühmten Professor Physices,
Spalanzani.
Nun könnte ich getrost in der Erzählung fortfahren; aber in dem
Augenblick steht Claras Bild so lebendig mir vor Augen, daß ich nicht
wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich holdlächelnd
anblickte. - Für schön konnte Clara keinesweges gelten; das meinten
alle, die sich von Amtswegen auf Schönheit verstehen. Doch lobten die
Architekten die reinen Verhältnisse ihres Wuchses, die Maler fanden
Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten
sich dagegen sämtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten
überhaupt viel von Battonischem Kolorit. Einer von ihnen, ein
wirklicher Fantast, verglich aber höchstseltsamer Weise Claras Augen
mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines
Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes,
heitres Leben spiegelt. Dichter und Meister gingen aber weiter und
sprachen: »Was See - was Spiegel! - Können wir denn das Mädchen
anschauen, ohne daß uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesänge
und Klänge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, daß da
alles wach und rege wird? Singen wir selbst dann nichts wahrhaft
Gescheutes, so ist überhaupt nicht viel an uns und das lesen wir denn
auch deutlich in dem um Claras Lippen schwebenden feinen Lächeln, wenn
wir uns unterfangen, ihr etwas vorzuquinkelieren, das so tun will als
sei es Gesang, unerachtet nur einzelne Töne verworren durcheinander
springen.« Es war dem so. Clara hatte die lebenskräftige Fantasie des
heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tiefes weiblich zartes
Gemüt, einen gar hellen scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und
Schwebler hatten bei ihr böses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was
überhaupt in Claras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der
helle Blick, und jenes feine ironische Lächeln: Lieben Freunde! wie
möget ihr mir denn zumuten, daß ich eure verfließende Schattengebilde
für wahre Gestalten ansehen soll, mit Leben und Regung? - Clara
wurde deshalb von vielen kalt, gefühllos, prosaisch gescholten; aber
andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefaßt, liebten ungemein das
gemütvolle, verständige, kindliche Mädchen, doch keiner so sehr, als
Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst kräftig und heiter
bewegte. Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten
Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte.
Mit welchem Entzücken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er im
letzten Briefe an Lothar es verheißen, wirklich in seiner Vaterstadt
ins Zimmer der Mutter eintrat. Es geschah so wie Nathanael geglaubt;
denn in dem Augenblick, als er Clara wiedersah, dachte er weder an
den Advokaten Coppelius, noch an Claras verständigen Brief, jede
Verstimmung war verschwunden.
Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb,
daß des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht
feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fühlten das, da Nathanael
gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus verändert
sich zeigte. Er versank in düstre Träumereien, und trieb es bald so
seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze
Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie
jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen
Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man
sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe. Er ging so weit,
zu behaupten, daß es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst und
Wissenschaft nach selbsttätiger Willkür zu schaffen; denn die
Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus
dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgend eines außer uns
selbst liegenden höheren Prinzips.
Der verständigen Clara war diese mystische Schwärmerei im höchsten
Grade zuwider, doch schien es vergebens, sich auf Widerlegung
einzulassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, daß Coppelius das böse
Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick erfaßt habe, als er hinter dem
Vorhange lauschte, und daß dieser widerwärtige _Dämon_ auf entsetzliche
Weise ihr Liebesglück stören werde, da wurde Clara sehr ernst und
sprach: »Ja Nathanael! du hast recht, Coppelius ist ein böses
feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches wirken, wie eine teuflische
Macht, die sichtbarlich in das Leben trat, aber nur dann, wenn du ihn
nicht aus Sinn und Gedanken verbannst. Solange du an ihn glaubst, _ist_
er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine Macht.« - Nathanael, ganz
erzürnt, daß Clara die Existenz des _Dämons_ nur in seinem eignen Innern
statuiere, wollte dann hervorrücken mit der ganzen mystischen Lehre
von Teufeln und grausen Mächten, Clara brach aber verdrüßlich ab,
indem sie irgend etwas Gleichgültiges dazwischen schob, zu Nathanaels
nicht geringem Ärger. _Der_ dachte, kalten unempfänglichen Gemütern
verschließen sich solche tiefe Geheimnisse, ohne sich deutlich bewußt
zu sein, daß er Clara eben zu solchen untergeordneten Naturen zähle,
weshalb er nicht abließ mit Versuchen, sie in jene Geheimnisse
einzuweihen. Am frühen Morgen, wenn Clara das Frühstück bereiten half,
stand er bei ihr und las ihr aus allerlei mystischen Büchern vor, daß
Clara bat: »Aber lieber Nathanael, wenn ich _dich_ nun das böse Prinzip
schelten wollte, das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? - Denn, wenn
ich, wie du es willst, alles stehen und liegen lassen und dir, indem
du liesest, in die Augen schauen soll, so läuft mir der Kaffee ins
Feuer und ihr bekommt alle kein Frühstück!« - Nathanael klappte das
Buch heftig zu und rannte voll Unmut fort in sein Zimmer. Sonst hatte
er eine besondere Stärke in anmutigen, lebendigen Erzählungen, die er
aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergnügen anhörte, jetzt
waren seine Dichtungen düster, unverständlich, gestaltlos, so daß,
wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl fühlte, wie
wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts war für Clara tötender,
als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sich dann ihre nicht zu
besiegende geistige Schläfrigkeit aus. Nathanaels Dichtungen waren in
der Tat sehr langweilig. Sein Verdruß über Claras kaltes prosaisches
Gemüt stieg höher, Clara konnte ihren Unmut über Nathanaels dunkle,
düstere, langweilige Mystik nicht überwinden, und so entfernten beide
im Innern sich immer mehr voneinander, ohne es selbst zu bemerken.
Die Gestalt des häßlichen Coppelius war, wie Nathanael selbst es sich
gestehen mußte, in seiner Fantasie erbleicht und es kostete ihm oft
Mühe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser Schicksalspopanz
auftrat, recht lebendig zu kolorieren. Es kam ihm endlich ein, jene
düstre Ahnung, daß Coppelius sein Liebesglück stören werde, zum
Gegenstande eines Gedichts zu machen. Er stellte sich und Clara dar,
in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine
schwarze Faust in ihr Leben und risse irgend eine Freude heraus,
die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen,
erscheint der entsetzliche Coppelius und berührt Claras holde Augen;
die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und
brennend, Coppelius faßt ihn und wirft ihn in einen flammenden
Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn
sausend und brausend fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan
grimmig hineinpeitscht in die schäumenden Meereswellen, die sich wie
schwarze, weißhauptige Riesen emporbäumen in wütendem Kampfe. Aber
durch dies wilde Tosen hört er Claras Stimme: »Kannst du mich denn
nicht erschauen? Coppelius hat dich getäuscht, das waren ja nicht
meine Augen, die so in deiner Brust brannten, das waren ja glühende
Tropfen deines eignen Herzbluts - ich habe ja meine Augen, sieh mich
doch nur an!« - Nathanael denkt: Das ist Clara, und ich bin ihr eigen
ewiglich. - Da ist es, als faßt der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis
hinein, daß er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht
dumpf das Getöse. Nathanael blickt in Claras Augen; aber es ist der
Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut.
Während Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er
feilte und besserte an jeder Zeile und da er sich dem metrischen
Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis alles rein und wohlklingend
sich fügte. Als er jedoch nun endlich fertig worden, und das Gedicht
für sich laut las, da faßte ihn Grausen und wildes Entsetzen und er
schrie auf. »Wessen grauenvolle Stimme ist das?« - Bald schien ihm
jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dichtung, und es war
ihm, als müsse Claras kaltes Gemüt dadurch entzündet werden, wiewohl
er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzündet, und wozu es denn
nun eigentlich führen solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu
ängstigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstörendes Geschick
weissagten. Sie, Nathanael und Clara, saßen in der Mutter kleinem
Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen,
in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Träumen und
Ahnungen geplagt hatte. Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von
lustigen Dingen wie sonst, so, daß Clara sagte: »Nun erst habe ich
dich ganz wieder, siehst du es wohl, wie wir den häßlichen Coppelius
vertrieben haben?« Da fiel dem Nathanael erst ein, daß er ja die
Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog
auch sogleich die Blätter hervor und fing an zu lesen: Clara, etwas
Langweiliges wie gewöhnlich vermutend und sich darein ergebend, fing
an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwärzer und schwärzer das
düstre Gewölk aufstieg, ließ sie den Strickstrumpf sinken und blickte
starr dem Nathanael ins Auge. _Den_ riß seine Dichtung unaufhaltsam
fort, hochrot färbte seine Wangen die innere Glut, Tränen quollen ihm
aus den Augen. - Endlich hatte er geschlossen, er stöhnte in tiefer
Ermattung - er faßte Claras Hand und seufzte wie aufgelöst in
trostlosem Jammer: »Ach! - Clara - Clara!« - Clara drückte ihn
sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst:
»Nathanael - mein herzlieber Nathanael! - wirf das tolle - unsinnige -
wahnsinnige Märchen ins Feuer.« Da sprang Nathanael entrüstet auf und
rief, Clara von sich stoßend: »Du lebloses, verdammtes Automat!« Er
rannte fort, bittre Tränen vergoß die tief verletzte Clara: »Ach er
hat mich niemals geliebt, denn er versteht mich nicht«, schluchzte
sie laut. - Lothar trat in die Laube; Clara mußte ihm erzählen was
vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort
ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, so, daß der Unmut,
den er wider den träumerischen Nathanael lange im Herzen getragen,
sich entzündete zum wilden Zorn. Er lief zu Nathanael, er warf ihm das
unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor,
die der aufbrausende Nathanael ebenso erwiderte. Ein fantastischer,
wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen
erwidert. Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlossen, sich am
folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte
mit scharfgeschliffenen Stoßrapieren zu schlagen. Stumm und finster
schlichen sie umher, Clara hatte den heftigen Streit gehört und
gesehen, daß der Fechtmeister in der Dämmerung die Rapiere brachte.
Sie ahnte was geschehen sollte. Auf dem Kampfplatz angekommen hatten
Lothar und Nathanael soeben düsterschweigend die Röcke abgeworfen,
blutdürstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegeneinander
ausfallen, als Clara durch die Gartentür herbeistürzte. Schluchzend
rief sie laut: »Ihr wilden entsetzlichen Menschen! - stoßt mich nur
gleich nieder, ehe ihr euch anfallt; denn wie soll ich denn länger
leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bruder, oder wenn der Bruder
den Geliebten ermordet hat!« - Lothar ließ die Waffe sinken und
sah schweigend zur Erde nieder, aber in Nathanaels Innern ging in
herzzerreißender Wehmut alle Liebe wieder auf, wie er sie jemals
in der herrlichen Jugendzeit schönsten Tagen für die holde Clara
empfunden. Das Mordgewehr entfiel seiner Hand, er stürzte zu Claras
Füßen. »Kannst du mir denn jemals verzeihen, du meine einzige, meine
herzgeliebte Clara! - Kannst du mir verzeihen, mein herzlieber Bruder
Lothar!« - Lothar wurde gerührt von des Freundes tiefem Schmerz;
unter tausend Tränen umarmten sich die drei versöhnten Menschen und
schwuren, nicht voneinander zu lassen in steter Liebe und Treue.
Dem Nathanael war es zumute, als sei eine schwere Last, die ihn
zu Boden gedrückt, von ihm abgewälzt, ja als habe er, Widerstand
leistend der finstern Macht, die ihn befangen, sein ganzes Sein, dem
Vernichtung drohte, gerettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei
den Lieben, dann kehrte er zurück nach G., wo er noch ein Jahr zu
bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurückzukehren
gedachte.
Der Mutter war alles, was sich auf Coppelius bezog, verschwiegen
worden; denn man wußte, daß sie nicht ohne Entsetzen an ihn denken
konnte, weil sie, wie Nathanael, ihm den Tod ihres Mannes schuld gab.
Wie erstaunte Nathanael, als er in seine Wohnung wollte und sah, daß
das ganze Haus niedergebrannt war, so daß aus dem Schutthaufen nur
die nackten Feuermauern hervorragten. Unerachtet das Feuer in dem
Laboratorium des Apothekers, der im untern Stocke wohnte, ausgebrochen
war, das Haus daher von unten herauf gebrannt hatte, so war es doch
den kühnen, rüstigen Freunden gelungen, noch zu rechter Zeit in
Nathanaels im obern Stock gelegenes Zimmer zu dringen, und Bücher,
Manuskripte, Instrumente zu retten. Alles hatten sie unversehrt in
ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen,
welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete
er darauf, daß er dem Professor Spalanzani gegenüber wohnte, und
ebensowenig schien es ihm etwas Besonderes, als er bemerkte, daß er
aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olimpia
einsam saß, so, daß er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl
die Züge des Gesichts undeutlich und verworren blieben. Wohl fiel es
ihm endlich auf, daß Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung,
wie er sie einst durch die Glastüre entdeckte, ohne irgend eine
Beschäftigung an einem kleinen Tische saß und daß sie offenbar
unverwandten Blickes nach ihm herüberschaute; er mußte sich auch
selbst gestehen, daß er nie einen schöneren Wuchs gesehen; indessen,
Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia höchst
gleichgültig und nur zuweilen sah er flüchtig über sein Kompendium
herüber nach der schönen Bildsäule, das war alles. - Eben schrieb
er an Clara, als es leise an die Türe klopfte; sie öffnete sich auf
seinen Zuruf und Coppolas widerwärtiges Gesicht sah hinein. Nathanael
fühlte sich im Innersten erbeben; eingedenk dessen, was ihm Spalanzani
über den Landsmann Coppola gesagt und was er auch rücksichts des
Sandmanns Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schämte er
sich aber selbst seiner kindischen Gespensterfurcht, nahm sich mit
aller Gewalt zusammen und sprach so sanft und gelassen, als möglich:
»Ich kaufe kein Wetterglas, mein lieber Freund! gehen Sie nur!« Da
trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton,
indem sich das weite Maul zum häßlichen Lachen verzog und die kleinen
Augen unter den grauen langen Wimpern stechend hervorfunkelten: »Ei,
nix Wetterglas, nix Wetterglas! - hab auch sköne Oke - sköne Oke!« -
Entsetzt rief Nathanael: »Toller Mensch, wie kannst du Augen haben?
- Augen - Augen? -« Aber in dem Augenblick hatte Coppola seine
Wettergläser beiseite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und
holte Lorgnetten und Brillen heraus, die er auf den Tisch legte. - »Nu
- Nu - Brill - Brill auf der Nas su setze, das sein meine Oke - sköne
Oke!« - Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen heraus, so, daß
es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flimmern und zu funkeln begann.
Tausend Augen blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zum
Nathanael; aber er konnte nicht wegschauen von dem Tisch, und immer
mehr Brillen legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen
flammende Blicke durcheinander und schossen ihre blutrote Strahlen in
Nathanaels Brust. Übermannt von tollem Entsetzen schrie er auf.- »Halt
ein! halt ein, fürchterlicher Mensch!« - Er hatte Coppola, der eben
in die Tasche griff, um noch mehr Brillen herauszubringen, unerachtet
schon der ganze Tisch überdeckt war, beim Arm festgepackt. Coppola
machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft los und mit den Worten:
»Ah! - nix für Sie - aber hier sköne Glas« - hatte er alle Brillen
zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seitentasche des Rocks eine
Menge großer und kleiner Perspektive hervorgeholt. Sowie die Brillen
fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah
er wohl ein, daß der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern
hervorgegangen, sowie daß Coppola ein höchst ehrlicher Mechanikus
und Optikus, keineswegs aber Coppelii verfluchter Doppeltgänger und
Revenant sein könne. Zudem hatten alle Gläser, die Coppola nun auf
den Tisch gelegt, gar nichts Besonderes, am wenigsten so etwas
Gespenstisches wie die Brillen und, um alles wieder gutzumachen,
beschloß Nathanael dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er
ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschenperspektiv und
sah, um es zu prüfen, durch das Fenster. Noch im Leben war ihm kein
Glas vorgekommen, das die Gegenstände so rein, scharf und deutlich
dicht vor die Augen rückte. Unwillkürlich sah er hinein in Spalanzanis
Zimmer; Olimpia saß, wie gewöhnlich, vor dem kleinen Tisch, die Arme
darauf gelegt, die Hände gefaltet. - Nun erschaute Nathanael erst
Olimpias wunderschön geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar
seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und schärfer durch
das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte
Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft
entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke.
Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die
himmlisch-schöne Olimpia betrachtend. Ein Räuspern und Scharren weckte
ihn, wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm: »Tre Zechini -
drei Dukat« - Nathanael hatte den Optikus rein vergessen, rasch zahlte
er das Verlangte. »Nick so? - sköne Glas - sköne Glas!« frug Coppola
mit seiner widerwärtigen heisern Stimme und dem hämischen Lächeln. »Ja
ja, ja!« erwiderte Nathanael verdrießlich. »Adieu, lieber Freund!« -
Coppola verließ nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael,
das Zimmer. Er hörte ihn auf der Treppe laut lachen. »Nun ja«, meinte
Nathanael, »er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv
gewiß viel zu teuer bezahlt habe - zu teuer bezahlt!« - Indem er
diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer
grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innerer
Angst. - Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl.
»Clara«, sprach er zu sich selber, »hat wohl recht, daß sie mich für
einen abgeschmackten Geisterseher hält; aber närrisch ist es doch -
ach wohl mehr, als närrisch, daß mich der dumme Gedanke, ich hätte das
Glas dem Coppola zu teuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar ängstigt;
den Grund davon sehe ich gar nicht ein.« - Jetzt setzte er sich
hin, um den Brief an Clara zu enden, aber ein Blick durchs Fenster
überzeugte ihn, daß Olimpia noch dasäße und im Augenblick, wie von
unwiderstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, ergriff Coppolas
Perspektiv und konnte nicht los von Olimpias verführerischem Anblick,
bis ihn Freund und Bruder Siegmund abrief ins Kollegium bei dem
Professor Spalanzani. Die Gardine vor dem verhängnisvollen Zimmer war
dicht zugezogen, er konnte Olimpia ebensowenig hier, als die beiden
folgenden Tage hindurch in ihrem Zimmer, entdecken, unerachtet er
kaum das Fenster verließ und fortwährend durch Coppolas Perspektiv
hinüberschaute. Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhängt.
Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und glühendem Verlangen
lief er hinaus vors Tor. Olimpias Gestalt schwebte vor ihm her in
den Lüften und trat aus dem Gebüsch, und guckte ihn an mit großen
strahlenden Augen, aus dem hellen Bach. Claras Bild war ganz aus
seinem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olimpia und klagte ganz
laut und weinerlich: »Ach du mein hoher herrlicher Liebesstern, bist
du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden, und
mich zu lassen in finstrer hoffnungsloser Nacht?«
Als er zurückkehren wollte in seine Wohnung, wurde er in Spalanzanis
Hause ein geräuschvolles Treiben gewahr. Die Türen standen offen,
man trug allerlei Geräte hinein, die Fenster des ersten Stocks
waren ausgehoben, geschäftige Mägde kehrten und stäubten mit großen
Haarbesen hin- und herfahrend, inwendig klopften und hämmerten
Tischler und Tapezierer. Nathanael blieb in vollem Erstaunen auf der
Straße stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach: »Nun, was
sagst du zu unserem alten Spalanzani?« Nathanael versicherte, daß er
gar nichts sagen könne, da er durchaus nichts vom Professor wisse,
vielmehr mit großer Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen düstern
Hause ein tolles Treiben und Wirtschaften losgegangen; da erfuhr er
denn von Siegmund, daß Spalanzani morgen ein großes Fest geben wolle,
Konzert und Ball, und daß die halbe Universität eingeladen sei.
Allgemein verbreite man, daß Spalanzani seine Tochter Olimpia, die
er so lange jedem menschlichen Auge recht ängstlich entzogen, zum
erstenmal erscheinen lassen werde.
Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit hochklopfendem Herzen
zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die Lichter in
den geschmückten Sälen schimmerten, zum Professor. Die Gesellschaft
war zahlreich und glänzend. Olimpia erschien sehr reich und
geschmackvoll gekleidet. Man mußte ihr schöngeformtes Gesicht,
ihren Wuchs bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Rücken, die
wespenartige Dünne des Leibes schien von zu starkem Einschnüren
bewirkt zu sein. In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes
und Steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange
zu, den ihr die Gesellschaft auflegte. Das Konzert begann. Olimpia
spielte den Flügel mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine
Bravour-Arie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor.
Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und
konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias Züge nicht ganz erkennen.
Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin
nach der schönen Olimpia. Ach! - da wurde er gewahr, wie sie voll
Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in
dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen
Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe
verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange
Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er wie von
glühenden Ärmen plötzlich erfaßt sich nicht mehr halten, er mußte vor
Schmerz und Entzücken laut aufschreien: »Olimpia!« - Alle sahen sich
um nach ihm, manche lachten. Der Domorganist schnitt aber noch ein
finstreres Gesicht, als vorher und sagte bloß: »Nun nun!« - Das
Konzert war zu Ende, der Ball fing an. »Mit ihr zu tanzen! - mit ihr!«
das war nun dem Nathanael das Ziel aller Wünsche, alles Strebens;
aber wie sich erheben zu dem Mut, sie, die Königin des Festes,
aufzufordern? Doch! - er selbst wußte nicht wie es geschah, daß er,
als schon der Tanz angefangen, dicht neben Olimpia stand, die noch
nicht aufgefordert worden, und daß er, kaum vermögend einige Worte zu
stammeln, ihre Hand ergriff. Eiskalt war Olimpias Hand, er fühlte sich
durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das
strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblick
war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und
des Lebensblutes Ströme zu glühen. Und auch in Nathanaels Innerm
glühte höher auf die Liebeslust, er umschlang die schöne Olimpia und
durchflog mit ihr die Reihen. - Er glaubte sonst recht taktmäßig
getanzt zu haben, aber an der ganz eignen rhythmischen Festigkeit,
womit Olimpia tanzte und die ihn oft ordentlich aus der Haltung
brachte, merkte er bald, wie sehr ihm der Takt gemangelt. Er wollte
jedoch mit keinem andern Frauenzimmer mehr tanzen und hätte jeden, der
sich Olimpia näherte, um sie aufzufordern, nur gleich ermorden mögen.
Doch nur zweimal geschah dies, zu seinem Erstaunen blieb darauf
Olimpia bei jedem Tanze sitzen und er ermangelte nicht, immer wieder
sie aufzuziehen. Hätte Nathanael außer der schönen Olimpia noch etwas
andres zu sehen vermocht, so wäre allerlei fataler Zank und Streit
unvermeidlich gewesen; denn offenbar ging das halbleise, mühsam
unterdrückte Gelächter, was sich in diesem und jenem Winkel unter den
jungen Leuten erhob, auf die schöne Olimpia, die sie mit ganz kuriosen
Blicken verfolgten, man konnte gar nicht wissen, warum? Durch den Tanz
und durch den reichlich genossenen Wein erhitzt, hatte Nathanael alle
ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er saß neben Olimpia, ihre Hand in
der seinigen und sprach hochentflammt und begeistert von seiner Liebe
in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia. Doch diese
vielleicht; denn sie sah ihm unverrückt ins Auge und seufzte einmal
übers andere: »Ach - Ach - Ach!« - worauf denn Nathanael also sprach:
»O du herrliche, himmlische Frau! - du Strahl aus dem verheißenen
Jenseits der Liebe - du tiefes Gemüt, in dem sich mein ganzes Sein
spiegelt« und noch mehr dergleichen, aber Olimpia seufzte bloß immer
wieder: »Ach, Ach!« - Der Professor Spalanzani ging einigemal bei den
Glücklichen vorüber und lächelte sie ganz seltsam zufrieden an. Dem
Nathanael schien es, unerachtet er sich in einer ganz andern Welt
befand, mit einemmal, als würd es hienieden beim Professor Spalanzani
merklich finster; er schaute um sich und wurde zu seinem nicht
geringen Schreck gewahr, daß eben die zwei letzten Lichter in dem
leeren Saal herniederbrennen und ausgehen wollten. Längst hatten Musik
und Tanz aufgehört. »Trennung, Trennung«, schrie er ganz wild und
verzweifelt, er küßte Olimpias Hand, er neigte sich zu ihrem Munde,
eiskalte Lippen begegneten seinen glühenden! - So wie, als er Olimpias
kalte Hand berührte, fühlte er sich von innerem Grausen erfaßt, die
Legende von der toten Braut ging ihm plötzlich durch den Sinn; aber
fest hatte ihn Olimpia an sich gedrückt, und in dem Kuß schienen die
Lippen zum Leben zu erwarmen. - Der Professor Spalanzani schritt
langsam durch den leeren Saal, seine Schritte klangen hohl wieder
und seine Figur, von flackernden Schlagschatten umspielt, hatte ein
grauliches gespenstisches Ansehen. »Liebst du mich - liebst du mich
Olimpia? - Nur dies Wort! - Liebst du mich?« So flüsterte Nathanael,
aber Olimpia seufzte, indem sie aufstand, nur: »Ach - Ach!« - »Ja
du mein holder, herrlicher Liebesstern«, sprach Nathanael, »bist
mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst verklären mein Inneres
immerdar!« - »Ach, ach!« replizierte Olimpia fortschreitend.
Nathanael folgte ihr, sie standen vor dem Professor. »Sie haben sich
außerordentlich lebhaft mit meiner Tochter unterhalten«, sprach dieser
lächelnd: »Nun, nun, lieber Herr Nathanael, finden Sie Geschmack
daran, mit dem blöden Mädchen zu konvergieren, so sollen mir Ihre
Besuche willkommen sein.« - Einen ganzen hellen strahlenden Himmel
in der Brust schied Nathanael von dannen. Spalanzanis Fest war der
Gegenstand des Gesprächs in den folgenden Tagen. Unerachtet der
Professor alles getan hatte, recht splendid zu erscheinen, so wußten
doch die lustigen Köpfe von allerlei Unschicklichem und Sonderbarem
zu erzählen, das sich begeben, und vorzüglich fiel man über die
todstarre, stumme Olimpia her, der man, ihres schönen Äußern
unerachtet, totalen Stumpfsinn andichten und darin die Ursache finden
wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen gehalten. Nathanael
vernahm das nicht ohne innern Grimm, indessen schwieg er; denn, dachte
er, würde es wohl verlohnen, diesen Burschen zu beweisen, daß eben ihr
eigner Stumpfsinn es ist, der sie Olimpias tiefes herrliches Gemüt zu
erkennen hindert? »Tu mir den Gefallen, Bruder«, sprach eines Tages
Siegmund, »tu mir den Gefallen und sage, wie es dir gescheuten Kerl
möglich war, dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da drüben zu
vergaffen?« Nathanael wollte zornig auffahren, doch schnell besann
er sich und erwiderte: »Sage _du_ mir Siegmund, wie deinem, sonst
alles Schöne klar auffassenden Blick, deinem regen Sinn, Olimpias
himmlischer Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank
sei es dem Geschick, dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst müßte
einer von uns blutend fallen.« Siegmund merkte wohl, wie es mit dem
Freunde stand, lenkte geschickt ein, und fügte, nachdem er geäußert,
daß in der Liebe niemals über den Gegenstand zu richten sei, hinzu:
»Wunderlich ist es doch, daß viele von uns über Olimpia ziemlich
gleich urteilen. Sie ist uns - nimm es nicht übel, Bruder! - auf
seltsame Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist
regelmäßig, so wie ihr Gesicht, das ist wahr! - Sie könnte für schön
gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich möchte
sagen, ohne Sehkraft wäre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede
Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks bedingt.
Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der
singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz
unheimlich geworden, wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben,
es war uns als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen und doch habe
es mit ihr eine eigne Bewandtnis.« - Nathanael gab sich dem bittern
Gefühl, das ihn bei diesen Worten Siegmunds ergreifen wollte, durchaus
nicht hin, er wurde Herr seines Unmuts und sagte bloß sehr ernst:
»Wohl mag euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olimpia unheimlich
sein. Nur dem poetischen Gemüt entfaltet sich das gleich organisierte!
- Nur _mir_ ging ihr Liebesblick auf und durchstrahlte Sinn und
Gedanken, nur in Olimpias Liebe finde ich mein Selbst wieder. Euch mag
es nicht recht sein, daß sie nicht in platter Konversation faselt, wie
die andern flachen Gemüter. Sie spricht wenig Worte, das ist wahr;
aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der innern
Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der
Anschauung des ewigen Jenseits. Doch für alles das habt ihr keinen
Sinn und alles sind verlorne Worte.« - »Behüte dich Gott, Herr
Bruder«, sagte Siegmund sehr sanft, beinahe wehmütig, »aber mir
scheint es, du seist auf bösem Wege. Auf mich kannst du rechnen, wenn
alles - Nein, ich mag nichts weiter sagen! -« Dem Nathanael war es
plötzlich, als meine der kalte prosaische Siegmund es sehr treu mit
ihm, er schüttelte daher die ihm dargebotene Hand recht herzlich.
Nathanael hatte rein vergessen, daß es eine Clara in der Welt gebe,
die er sonst geliebt; - die Mutter - Lothar - alle waren aus seinem
Gedächtnis entschwunden, er lebte nur für Olimpia, bei der er täglich
stundenlang saß und von seiner Liebe, von zum Leben erglühter
Sympathie, von psychischer Wahlverwandtschaft fantasierte, welches
alles Olimpia mit großer Andacht anhörte. Aus dem tiefsten Grunde des
Schreibpults holte Nathanael alles hervor, was er jemals geschrieben.
Gedichte, Fantasien, Visionen, Romane, Erzählungen, das wurde täglich
vermehrt mit allerlei ins Blaue fliegenden Sonetten, Stanzen,
Kanzonen, und das alles las er der Olimpia stundenlang hintereinander
vor, ohne zu ermüden. Aber auch noch nie hatte er eine solche
herrliche Zuhörerin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah
nicht durchs Fenster, sie fütterte keinen Vogel, sie spielte mit
keinem Schoßhündchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte keine
Papierschnitzchen, oder sonst etwas in der Hand, sie durfte kein
Gähnen durch einen leisen erzwungenen Husten bezwingen - kurz! -
stundenlang sah sie mit starrem Blick unverwandt dem Geliebten ins
Auge, ohne sich zu rücken und zu bewegen und immer glühender, immer
lebendiger wurde dieser Blick. Nur wenn Nathanael endlich aufstand und
ihr die Hand, auch wohl den Mund küßte, sagte sie: »Ach, Ach!« - dann
aber: »Gute Nacht, mein Lieber!« - »O du herrliches, du tiefes Gemüt«,
rief Nathanael auf seiner Stube: »nur von dir, von dir allein werd ich
ganz verstanden.« Er erbebte vor innerm Entzücken, wenn er bedachte,
welch wunderbarer Zusammenklang sich in seinem und Olimpias Gemüt
täglich mehr offenbare; denn es schien ihm, als habe Olimpia über
seine Werke, über seine Dichtergabe überhaupt recht tief aus seinem
Innern gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst
herausgetönt. Das mußte denn wohl auch sein; denn mehr Worte als
vorhin erwähnt, sprach Olimpia niemals. Erinnerte sich aber auch
Nathanael in hellen nüchternen Augenblicken, z.B. morgens gleich
nach dem Erwachen, wirklich an Olimpias gänzliche Passivität und
Wortkargheit, so sprach er doch: »Was sind Worte - Worte! - Der Blick
ihres himmlischen Auges sagt mehr als jede Sprache hienieden. Vermag
denn überhaupt ein Kind des Himmels sich einzuschichten in den engen
Kreis, den ein klägliches irdisches Bedürfnis gezogen?« - Professor
Spalanzani schien hocherfreut über das Verhältnis seiner Tochter
mit Nathanael; er gab diesem allerlei unzweideutige Zeichen seines
Wohlwollens und als es Nathanael endlich wagte von ferne auf eine
Verbindung mit Olimpia anzuspielen, lächelte dieser mit dem ganzen
Gesicht und meinte: er werde seiner Tochter völlig freie Wahl lassen.
- Ermutigt durch diese Worte, brennendes Verlangen im Herzen, beschloß
Nathanael, gleich am folgenden Tage Olimpia anzusehen, daß sie das
unumwunden in deutlichen Worten ausspreche, was längst ihr holder
Liebesblick ihm gesagt, daß sie sein eigen immerdar sein wolle. Er
suchte nach dem Ringe, den ihm beim Abschiede die Mutter geschenkt, um
ihn Olimpia als Symbol seiner Hingebung, seines mit ihr aufkeimenden,
blühenden Lebens darzureichen. Claras, Lothars Briefe fielen ihm
dabei in die Hände; gleichgültig warf er sie beiseite, fand den Ring,
steckte ihn ein und rannte herüber zu Olimpia. Schon auf der Treppe,
auf dem Flur, vernahm er ein wunderliches Getöse; es schien aus
Spalanzanis Studierzimmer herauszuschallen. - Ein Stampfen - ein
Klirren - ein Stoßen - Schlagen gegen die Tür, dazwischen Flüche und
Verwünschungen. Laß los - laß los - Infamer - Verruchter! - Darum Leib
und Leben daran gesetzt? - ha ha ha ha! - so haben wir nicht gewettet
- ich, ich hab die Augen gemacht - ich das Räderwerk - dummer Teufel
mit deinem Räderwerk - verfluchter Hund von einfältigem Uhrmacher -
fort mit dir - Satan - halt - Peipendreher - teuflische Bestie! - halt
- fort - laß los! - Es waren Spalanzanis und des gräßlichen Coppelius
Stimmen, die so durcheinander schwirrten und tobten. Hinein stürzte
Nathanael von namenloser Angst ergriffen. Der Professor hatte eine
weibliche Figur bei den Schultern gepackt, der Italiener Coppola bei
den Füßen, die zerrten und zogen sie hin und her, streitend in voller
Wut um den Besitz. Voll tiefen Entsetzens prallte Nathanael zurück,
als er die Figur für Olimpia erkannte; aufflammend in wildem Zorn
wollte er den Wütenden die Geliebte entreißen, aber in dem Augenblick
wand Coppola sich mit Riesenkraft drehend die Figur dem Professor aus
den Händen und versetzte ihm mit der Figur selbst einen fürchterlichen
Schlag, daß er rücklings über den Tisch, auf dem Phiolen, Retorten,
Flaschen, gläserne Zylinder standen, taumelte und hinstürzte; alles
Gerät klirrte in tausend Scherben zusammen. Nun warf Coppola die Figur
über die Schulter und rannte mit fürchterlich gellendem Gelächter
rasch fort die Treppe herab, so daß die häßlich herunterhängenden Füße
der Figur auf den Stufen hölzern klapperten und dröhnten. - Erstarrt
stand Nathanael - nur zu deutlich hatte er gesehen, Olimpias
toderbleichtes Wachsgesicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze
Höhlen; sie war eine leblose Puppe. Spalanzani wälzte sich auf der
Erde, Glasscherben hatten ihm Kopf, Brust und Arm zerschnitten, wie
aus Springquellen strömte das Blut empor. Aber er raffte seine Kräfte
zusammen. - »Ihm nach - ihm nach, was zauderst du? - Coppelius -
Coppelius, mein bestes Automat hat er mir geraubt - Zwanzig Jahre
daran gearbeitet - Leib und Leben daran gesetzt - das Räderwerk
- Sprache - Gang - mein - die Augen - die Augen dir gestohlen. -
Verdammter - Verfluchter - ihm nach - hol mir Olimpia - da hast du die
Augen! -« Nun sah Nathanael, wie ein Paar blutige Augen auf dem Boden
liegend ihn anstarrten, die ergriff Spalanzani mit der unverletzten
Hand und warf sie nach ihm, daß sie seine Brust trafen. - Da packte
ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen und fuhr in sein Inneres
hinein Sinn und Gedanken zerreißend. »Hui - hui - hui! - _Feuerkreis_ -
_Feuerkreis_! dreh dich _Feuerkreis_ - lustig - lustig! - Holzpüppchen hui
schön Holzpüppchen dreh dich -« damit warf er sich auf den Professor
und drückte ihm die Kehle zu. Er hätte ihn erwürgt, aber das Getöse
hatte viele Menschen herbeigelockt, die drangen ein, rissen den
wütenden Nathanael auf und retteten so den Professor, der gleich
verbunden wurde. Siegmund, so stark er war, vermochte nicht den
Rasenden zu bändigen; der schrie mit fürchterlicher Stimme immerfort:
»Holzpüppchen dreh dich« und schlug um sich mit geballten Fäusten.
Endlich gelang es der vereinten Kraft mehrerer, ihn zu überwältigen,
indem sie ihn zu Boden warfen und banden. Seine Worte gingen unter
in entsetzlichem tierischen Gebrüll. So in gräßlicher Raserei tobend
wurde er nach dem Tollhause gebracht.
Ehe ich, günstiger Leser! dir zu erzählen fortfahre, was sich weiter
mit dem unglücklichen Nathanael zugetragen, kann ich dir, solltest du
einigen Anteil an dem geschickten Mechanikus und Automat-Fabrikanten
Spalanzani nehmen, versichern, daß er von seinen Wunden völlig geheilt
wurde. Er mußte indes die Universität verlassen, weil Nathanaels
Geschichte Aufsehen erregt hatte und es allgemein für gänzlich
unerlaubten Betrug gehalten wurde, vernünftigen Teezirkeln (Olimpia
hatte sie mit Glück besucht) statt der lebendigen Person eine
Holzpuppe einzuschwärzen. Juristen nannten es sogar einen feinen
und um so härter zu bestrafenden Betrug, als er gegen das Publikum
gerichtet und so schlau angelegt worden, daß kein Mensch (ganz kluge
Studenten ausgenommen) es gemerkt habe, unerachtet jetzt alle weise
tun und sich auf allerlei Tatsachen berufen wollten, die ihnen
verdächtig vorgekommen. Diese letzteren brachten aber eigentlich
nichts Gescheutes zutage. Denn konnte z.B. wohl irgend jemanden
verdächtig vorgekommen sein, daß nach der Aussage eines eleganten
Teeisten Olimpia gegen alle Sitte öfter genieset, als gegähnt hatte?
Ersteres, meinte der Elegant, sei das Selbstaufziehen des verborgenen
Triebwerks gewesen, merklich habe es dabei geknarrt usw. Der Professor
der Poesie und Beredsamkeit nahm eine Prise, klappte die Dose zu,
räusperte sich und sprach feierlich: »Hochzuverehrende Herren und
Damen! merken Sie denn nicht, wo der Hase im Pfeffer liegt? Das Ganze
ist eine Allegorie - eine fortgeführte Metapher! - Sie verstehen mich!
- Sapienti sat!« Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich
nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele
Wurzel gefaßt und es schlich sich in der Tat abscheuliches Mißtrauen
gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz überzeugt zu werden, daß
man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Liebhabern verlangt, daß
die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, daß sie beim Vorlesen
sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele usw. vor allen Dingen aber,
daß sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche,
daß dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze. Das
Liebesbündnis vieler wurde fester und dabei anmutiger, andere dagegen
gingen leise auseinander. »Man kann wahrhaftig nicht dafür stehen«,
sagte dieser und jener. In den Tees wurde unglaublich gegähnt und
niemals genieset, um jedem Verdacht zu begegnen. - Spalanzani mußte,
wie gesagt, fort, um der Kriminaluntersuchung wegen [des] der
menschlichen Gesellschaft betrüglicherweise eingeschobenen Automats zu
entgehen. Coppola war auch verschwunden.
Nathanael erwachte wie aus schwerem, fürchterlichem Traum, er schlug
die Augen auf und fühlte wie ein unbeschreibliches Wonnegefühl mit
sanfter himmlischer Wärme ihn durchströmte. Er lag in seinem Zimmer in
des Vaters Hause auf dem Bette, Clara hatte sich über ihn hingebeugt
und unfern standen die Mutter und Lothar. »Endlich, endlich, o mein
herzlieber Nathanael - nun bist du genesen von schwerer Krankheit -
nun bist du wieder mein!« - So sprach Clara recht aus tiefer Seele und
faßte den Nathanael in ihre Arme. Aber dem quollen vor lauter Wehmut
und Entzücken die hellen glühenden Tränen aus den Augen und er stöhnte
tief auf. »Meine - meine Clara!« - Siegmund, der getreulich ausgeharrt
bei dem Freunde in großer Not, trat herein. Nathanael reichte ihm die
Hand: »Du treuer Bruder hast mich doch nicht verlassen.« - Jede Spur
des Wahnsinns war verschwunden, bald erkräftigte sich Nathanael in der
sorglichen Pflege der Mutter, der Geliebten, der Freunde. Das Glück
war unterdessen in das Haus eingekehrt; denn ein alter karger Oheim,
von dem niemand etwas gehofft, war gestorben und hatte der Mutter
nebst einem nicht unbedeutenden Vermögen ein Gütchen in einer
angenehmen Gegend unfern der Stadt hinterlassen. Dort wollten sie
hinziehen, die Mutter, Nathanael mit seiner Clara, die er nun zu
heiraten gedachte, und Lothar. Nathanael war milder, kindlicher
geworden, als er je gewesen und erkannte nun erst recht Claras
himmlisch reines, herrliches Gemüt. Niemand erinnerte ihn auch nur
durch den leisesten Anklang an die Vergangenheit. Nur, als Siegmund
von ihm schied, sprach Nathanael: »Bei Gott Bruder! ich war auf
schlimmen Wege, aber zu rechter Zeit leitete mich ein Engel auf den
lichten Pfad! - Ach es war ja Clara! -« Siegmund ließ ihn nicht weiter
reden, aus Besorgnis, tief verletzende Erinnerungen möchten ihm
zu hell und flammend aufgehen. - Es war an der Zeit, daß die
vier glücklichen Menschen nach dem Gütchen ziehen wollten. Zur
Mittagsstunde gingen sie durch die Straßen der Stadt. Sie hatten
manches eingekauft, der hohe Ratsturm warf seinen Riesenschatten über
den Markt. »Ei!« sagte Clara: »steigen wir doch noch einmal herauf und
schauen in das ferne Gebirge hinein!« Gesagt, getan! Beide, Nathanael
und Clara, stiegen herauf, die Mutter ging mit der Dienstmagd nach
Hause, und Lothar, nicht geneigt, die vielen Stufen zu erklettern,
wollte unten warten. Da standen die beiden Liebenden Arm in Arm auf
der höchsten Galerie des Turmes und schauten hinein in die duftigen
Waldungen, hinter denen das blaue Gebirge, wie eine Riesenstadt, sich
erhob.
»Sieh doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich
auf uns los zu schreiten scheint«, frug Clara. - Nathanael faßte
mechanisch nach der Seitentasche; er fand Coppolas Perspektiv,
er schaute seitwärts - Clara stand vor dem Glase! - Da zuckte es
krampfhaft in seinen Pulsen und Adern - totenbleich starrte er Clara
an, aber bald glühten und sprühten Feuerströme durch die rollenden
Augen, gräßlich brüllte er auf, wie ein gehetztes Tier; dann sprang
er hoch in die Lüfte und grausig dazwischen lachend schrie er in
schneidendem Ton: »Holzpüppchen dreh dich - Holzpüppchen dreh
dich« - und mit gewaltiger Kraft faßte er Clara und wollte sie
herabschleudern, aber Clara krallte sich in verzweifelnder Todesangst
fest an das Geländer. Lothar hörte den Rasenden toben, er hörte Claras
Angstgeschrei, gräßliche Ahnung durchflog ihn, er rannte herauf,
die Tür der zweiten Treppe war verschlossen - stärker hallte Claras
Jammergeschrei. Unsinnig vor Wut und Angst stieß er gegen die Tür, die
endlich aufsprang - Matter und matter wurden nun Claras Laute: »Hülfe
- rettet - rettet -« so erstarb die Stimme in den Lüften. »Sie ist
hin - ermordet von dem Rasenden«, so schrie Lothar. Auch die Tür zur
Galerie war zugeschlagen. - Die Verzweiflung gab ihm Riesenkraft, er
sprengte die Tür aus den Angeln. Gott im Himmel - Clara schwebte von
dem rasenden Nathanael erfaßt über der Galerie in den Lüften - nur mit
einer Hand hatte sie noch die Eisenstäbe umklammert. Rasch wie der
Blitz erfaßte Lothar die Schwester, zog sie hinein, und schlug im
demselben Augenblick mit geballter Faust dem Wütenden ins Gesicht, daß
er zurückprallte und die Todesbeute fallen ließ.
Lothar rannte herab, die ohnmächtige Schwester in den Armen. - Sie war
gerettet. - Nun raste Nathanael herum auf der Galerie und sprang hoch
in die Lüfte und schrie »_Feuerkreis_ dreh dich - _Feuerkreis_ dreh dich«
- Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen
ragte riesengroß der Advokat Coppelius hervor, der eben in die Stadt
gekommen und gerades Weges nach dem Markt geschritten war. Man wollte
herauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen, da lachte Coppelius
sprechend: »Ha ha - wartet nur, der kommt schon herunter von selbst«,
und schaute wie die übrigen hinauf. Nathanael blieb plötzlich wie
erstarrt stehen, er bückte sich herab, wurde den Coppelius gewahr und
mit dem gellenden Schrei: »Ha! Sköne Oke - Sköne Oke«, sprang er über
das Geländer.
Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem, Steinpflaster lag, war
Coppelius im Gewühl verschwunden.
Nach mehreren Jahren will man in einer entfernten Gegend Clara gesehen
haben, wie sie mit einem freundlichen Mann, Hand in Hand vor der Türe
eines schönen Landhauses saß und vor ihr zwei muntre Knaben spielten.
Es wäre daraus zu schließen, daß Clara das ruhige häusliche Glück noch
fand, das ihrem heitern lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im
Innern zerrissene Nathanael niemals hätte gewähren können.
Ignaz Denner
Vor alter längst verfloßner Zeit lebte in einem wilden einsamen Forst
des Fuldaischen Gebiets ein wackrer Jägersmann, Andres mit Namen. Er
war sonst Leibjäger des Herrn Grafen Aloys von Vach gewesen, den er
auf weiten Reisen durch das schöne Welschland begleitet, und einmal,
als sie auf den unsichern Wegen in dem Königreich Neapel von
Straßenräubern angefallen wurden, durch seine Klugheit und Tapferkeit
aus großer Lebensgefahr gerettet hatte. In dem Wirtshause zu Neapel,
wo sie eingekehrt waren, befand sich ein armes, bildschönes Mädchen,
die von dem Hauswirt, der sie als eine Waise aufgenommen, gar hart
behandelt und zu den niedrigsten Arbeiten in Hof und Küche gebraucht
wurde. Andres suchte sie, so gut er sich ihr verständlich machen
konnte, mit trostreichen Worten aufzurichten, und das Mädchen faßte
solche Liebe zu ihm, daß sie sich nicht mehr von ihm trennen, sondern
mitziehen wollte nach dem kalten Deutschland. Der Graf von Vach,
gerührt von Andres' Bitten und Giorginas Tränen, erlaubte, daß sie
sich zu dem geliebten Andres auf den Kutschbock setzen, und so die
beschwerliche Reise machen durfte. Schon ehe sie über die Grenzen von
Italien hinausgekommen, ließ sich Andres mit seiner Giorgina trauen
und als sie dann nun endlich zurückgekehrt waren auf die Güter des
Grafen von Vach, glaubte dieser den treuen Diener recht zu belohnen,
da er ihn zu seinem Revierjäger ernannte. Mit seiner Giorgina und
einem alten Knecht zog er in den einsamen rauhen Wald, den er
schützen sollte wider die Freijäger und Holzdiebe. Statt des geholten
Wohlstandes, den ihm der Graf von Vach verheißen, führte er aber ein
beschwerliches, mühseliges, dürftiges Leben und geriet bald in Kummer
und Elend. Der kleine Lohn an barem Geld, den er von dem Grafen
erhielt, reichte kaum hin, sich und seine Giorgina zu kleiden; die
geringen Gefälle, die ihm bei Holzverkäufen zukamen, waren selten
und ungewiß und den Garten, auf dessen Bebauung und Benutzung er
angewiesen, verwüsteten oft die Wölfe und die wilden Schweine, er
mochte mit seinem Knecht auf der Hut sein, wie er wollte, so daß
bisweilen in einer Nacht die letzte Hoffnung des Lebensunterhalts
vereitelt ward. Dabei war sein Leben stets bedroht von den Holzdieben
und Freischützen. Jeder Lockung widerstand er als ein wackrer frommer
Mann, der lieber darben, als ungerechtes Gut an sich bringen wollte
und verwaltete sein Amt getreulich und tapfer, deshalb stellten sie
ihm nach auf gefährliche Weise, und nur seine treuen Doggen schützten
ihn vor nächtlichem Überfall des Raubgesindels. Giorgina, des Klimas
und der Lebensweise in dem wilden Forst ganz ungewohnt, welkte
zusehends hin. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe verwandelte sich in
fahles Gelb, ihre lebhaften blitzenden Augen wurden düster, und ihr
voller, üppiger Wuchs magerte mit jedem Tage mehr ab. Oft erwachte sie
in mondheller Nacht. Schüsse krachten in der Ferne durch den Wald, die
Doggen heulten, leise erhob sich der Mann vom Lager und schlich mit
dem Knecht murmelnd hinaus in den Forst. Dann betete sie inbrünstig
zu Gott und zu den Heiligen, daß sie und ihr treuer Mann errettet
werden möchten aus dieser schrecklichen Einöde und aus der steten
Todesgefahr. Die Geburt eines Knaben warf Giorgina endlich auf das
Krankenlager, und immer schwächer und schwächer werdend, sah sie ihr
Ende vor Augen. Dumpf in sich hinbrütend, schlich der unglückliche
Andres umher; alles Glück war mit der Krankheit seines Weibes von ihm
gewichen. Wie neckendes, gespenstisches Wesen guckte das Wild aus den
Büschen; sowie er sein Gewehr abdrückte, war es verstoben in der Luft.
Er konnte kein Tier mehr treffen und nur sein Knecht, ein geübter
Schütze, beschaffte das Wild, welches er dem Grafen von Vach zu
liefern gehalten war. Einst saß er an Giorginas Bette, den starren
Blick auf das geliebte Weib gerichtet, die ermattet zum Tode kaum mehr
atmete. In dumpfem, lautlosem Schmerz hatte er ihre Hand gefaßt und
hörte nicht das Ächzen des Knaben, der nahrungslos verschmachten
wollte. Der Knecht ging schon am frühen Morgen nach Fulda, um für das
letzte Ersparnis einige Erquickung für die Kranke herbeizuschaffen.
Kein menschliches tröstendes Wesen war weit und breit zu finden, nur
der Sturm heulte in schneidenden Tönen des entsetzlichen Jammers durch
die schwarzen Tannen und die Doggen winselten, wie in trostloser
Klage, um den unglücklichen Herrn. Da hörte Andres auf einmal es vor
dem Hause daherschreiten, wie menschliche Fußtritte. Er glaubte,
es wäre der zurückkehrende Knecht, unerachtet er ihn nicht so früh
erwarten konnte, aber die Hunde sprangen heraus und bellten heftig. Es
mußte ein Fremder sein. Andres ging selbst vor die Tür: da trat ihm
ein langer, hagerer Mann entgegen, in grauem Mantel, die Reisemütze
tief ins Gesicht gedrückt. »Ei«, sagte der Fremde: »wie bin ich doch
hier im Walde so irre gegangen! Der Sturm tobt von den Bergen herab,
wir bekommen ein schrecklich Wetter. Möchtet Ihr nicht erlauben,
lieber Herr! daß ich in Euer Haus eintreten und mich von dem
beschwerlichen Wege erholen und erquicken dürfte zur weitern Reise?« -
»Ach Herr«, erwiderte der betrübte Andres, »Ihr kommt in ein Haus der
Not und des Elends und außer dem Stuhl, auf dem Ihr ausruhen könnt,
vermag ich kaum Euch irgend eine Erquickung anzubieten; meinem armen
kranken Weibe mangelt es selbst daran, und mein Knecht, den ich
nach Fulda geschickt, wird erst am späten Abend etwas zur Labung
herbeibringen.« Unter diesen Worten waren sie in die Stube getreten.
Der Fremde legte seine Reisemütze und seinen Mantel ab, unter dem er
ein Felleisen und ein Kistchen trug. Er zog auch ein Stilett und ein
paar Terzerole hervor, die er auf den Tisch legte. Andres war an
Giorginas Bett getreten, sie lag in bewußtlosem Zustande. Der
Fremde trat ebenfalls hinzu, schaute die Kranke lange mit scharfen,
bedächtigen Blicken an und ergriff ihre Hand, den Puls sorglich
erforschend. Als nun Andres voll Verzweiflung ausrief: »Ach Gott, nun
stirbt sie wohl!« da sagte der Fremde: »Mit nichten, lieber Freund!
seid ganz ruhig. Euerm Weibe fehlt nichts als kräftige, gute Nahrung,
und vor der Hand wird ihr ein Mittel, das zugleich reizt und stärkt,
die besten Dienste tun. Ich bin zwar kein Arzt, sondern vielmehr ein
Kaufmann, allein doch in der Arzneiwissenschaft nicht unerfahren, und
besitze aus uralter Zeit her manches Arcanum, welches ich mit mir
führe und auch wohl verkaufe.« Damit öffnete der Fremde sein Kistchen,
holte eine Phiole heraus, tröpfelte von dem ganz dunkelroten Liquor
etwas auf Zucker und gab es der Kranken. Dann holte er aus dem
Felleisen eine kleine geschliffene Flasche köstlichen Rheinweins und
flößte der Kranken ein paar Löffel voll ein. Den Knaben, befahl er,
nur dicht an der Mutter Brust gelehnt ins Bette zu legen und beide der
Ruhe zu überlassen. Dem Andres war es zumute, als sei ein Heiliger
herabgestiegen in die Einöde, ihm Trost und Hülfe zu bringen. Anfangs
hatte ihn der stechende, falsche Blick des Fremden abgeschreckt, jetzt
wurde er durch die sorgliche Teilnahme, durch die augenscheinliche
Hülfe, die er der armen Giorgina leistete, zu ihm hingezogen. Er
erzählte dem Fremden unverhohlen, wie er eben durch die Gnade, die ihm
sein Herr, der Graf von Vach, angedeihen lassen wollen, in Not und
Elend geraten sei und wie er wohl Zeit seines Lebens nicht aus
drückender Armut und Dürftigkeit kommen werde. Der Fremde tröstete
ihn dagegen und meinte, wie oft ein unverhofftes Glück dem
Hoffnungslosesten alle Güter des Lebens bringe, und daß man wohl etwas
wagen müsse, das Glück selbst sich dienstbar zu machen. »Ach lieber
Herr!« erwiderte Andres, »ich vertraue Gott und der Fürsprache der
Heiligen, zu denen wir, ich und mein treues Weib, jeden Tag mit
Inbrunst beten. Was soll ich denn tun, um mir Geld und Gut zu
verschaffen? Ist es mir nach Gottes Weisheit nicht beschieden, so wäre
es ja sündlich, darnach zu trachten; soll ich aber noch in dieser Welt
zu Gütern gelangen, welches ich meines armen Weibes halber wünsche,
die ihr schönes Vaterland verlassen, um mir in diese wilde Einöde
zu folgen, so kommt es wohl, ohne daß ich Leib und Leben wage um
schnödes, weltliches Gut.« Der Fremde lächelte bei diesen Reden des
frommen Andres auf ganz seltsame Weise und war im Begriff, etwas zu
erwidern, als Giorgina mit einem tiefen Seufzer aus dem Schlaf, in den
sie versunken, erwachte. Sie fühlte sich wunderbarlich gestärkt; auch
der Knabe lächelte hold und lieblich an ihrer Brust. Andres war außer
sich vor Freude, er weinte, er betete, er jubelte durch das Haus.
Der Knecht war indessen zurückgekommen und bereitete, so gut er es
vermochte, von den mitgebrachten Lebensmitteln das Mahl, an dem nun
der Fremde teilnehmen sollte. Der Fremde kochte selbst eine Kraftsuppe
für Giorgina, und man sah, daß er allerlei Gewürz und andere
Ingredienzien hineinwarf, die er bei sich getragen. Es war später
Abend worden, der Fremde mußte daher bei dem Andres übernachten,
und er bat, daß man ihm in derselben Stube, wo Andres und Giorgina
schliefen, ein Strohlager bereiten möge. Das geschah. Andres, den die
Besorgnis um Giorgina nicht schlafen ließ, bemerkte, wie der Fremde
beinahe bei jedem stärkeren Atemzuge Giorginas auffuhr, wie er
stündlich aufstand, leise sich ihrem Bette näherte, ihren Puls
erforschte und ihr Arznei eintröpfelte.
Als der Morgen angebrochen, war Giorgina wieder zusehends besser
geworden. Andres dankte dem Fremden, den er seinen Schutzengel nannte,
aus der Fülle seines Herzens. Auch Giorgina äußerte, wie ihn wohl, auf
ihr inbrünstiges Gebet, Gott selbst gesendet habe zu ihrer Rettung.
Dem Fremden schienen diese lebhaften Ausbrüche des Danks in gewisser
Art beschwerlich zu fallen; er war sichtlich verlegen und äußerte ein
Mal über das andere, wie er ja ein Unmensch sein müsse, wenn er nicht
der Kranken mit seiner Kenntnis und den Arzneimitteln, die er bei sich
führe, habe beistehen sollen. Übrigens sei nicht Andres, sondern er
zum Dank verpflichtet, da man ihn, der Not unerachtet, die im Hause
herrsche, so gastlich aufgenommen, und er wolle auch keineswegs diese
Pflicht unerfüllt lassen. Er zog einen wohlgefüllten Beutel hervor
und nahm einige Goldstücke heraus, die er dem Andres hinreichte. »Ei
Herr«, sagte Andres, »wie und wofür sollte ich denn so vieles Geld von
Euch annehmen? Euch in meinem Hause zu beherbergen, da Ihr Euch in dem
wilden weitläufigen Forst verirrt hattet, das war ja Christenpflicht,
und dünkte Euch das irgend eines Dankes wert, so habt Ihr mich ja
überreich, ja mehr, als ich es nur mit Worten sagen mag, dadurch
belohnt, daß Ihr als ein weiser kunsterfahrner Mann mein liebes Weib
vom augenscheinlichen Tode rettetet. Ach Herr! was Ihr an mir getan,
werde ich Euch ewiglich nicht vergessen, und Gott möge es mir
verleihen, daß ich die edle Tat Euch mit meinem Leben und Blut lohnen
könne.« Bei diesen Worten des wackern Andres fuhr es wie ein rascher
funkelnder Blitz aus den Augen des Fremden. »Ihr müßt, braver Mann«,
sprach er, »durchaus das Geld annehmen. Ihr seid das schon Euerm Weibe
schuldig, der Ihr damit bessere Nahrungsmittel und Pflege verschaffen
könnt; denn dieser bedarf sie nunmehro, um nicht wieder in ihren
vorigen Zustand zurückzufallen, und Euerm Knaben Nahrung geben zu
können.« - »Ach Herr«, erwiderte Andres, »verzeiht es, aber eine
innere Stimme sagt mir, daß ich Euer unverdientes Geld nicht nehmen
darf. Diese innere Stimme, der ich, wie der höhern Eingebung meines
Schutzheiligen, immer vertraut, hat mich bisher sicher durch das Leben
geführt und mich beschützt vor allen Gefahren des Leibes und der
Seele. Wollt Ihr großmütig handeln und an mir Armen ein übriges tun,
so laßt mir ein Fläschlein von Eurer wundervollen Arznei zurück, damit
durch ihre Kraft mein Weib ganz genese.« Giorgina richtete sich im
Bette auf, und der schmerzvolle wehmütige Blick, den sie auf Andres
warf, schien ihn anzusehen, diesmal nicht so strenge auf sein inneres
Widerstreben zu achten, sondern die Gabe des mildtätigen Mannes
anzunehmen. Der Fremde bemerkte das und sprach: »Nun wenn Ihr denn
durchaus mein Geld nicht annehmen wollt, so schenke ich es Euerm
lieben Weibe, die meinen guten Willen, Euch aus der bittern Not zu
retten, nicht verschmähen wird.« Damit griff er noch einmal in den
Beutel, und sich der Giorgina nähernd, gab er ihr wohl noch einmal so
viel Geld, als er vorhin dem Andres angeboten hatte. Giorgina sah das
schöne funkelnde Gold mit vor Freude leuchtenden Augen, sie konnte
kein Wort des Danks herausbringen, die hellen Tränen schossen ihr die
Wangen herab. Der Fremde wandte sich schnell von ihr weg, und sprach
zu Andres: »Seht, lieber Mann! Ihr könnet meine Gabe getrost annehmen,
da ich nur etwas von großem Überfluß Euch mitteile. Gestehen will ich
Euch, daß ich das nicht bin, was ich scheine. Nach meiner schlichten
Kleidung, und da ich wie ein dürftiger wandernder Krämer zu Fuß reise,
glaubt Ihr gewiß, daß ich arm bin und mich nur kümmerlich von kleinem
Verdienst auf Messen und Jahrmärkten nähre: ich muß Euch jedoch sagen,
daß ich durch glücklichen Handel mit den trefflichsten Kleinodien, den
ich seit vielen Jahren treibe, ein sehr reicher Mann geworden, und nur
die einfache Lebensweise aus alter Gewohnheit beibehalten habe. In
diesem kleinen Felleisen und dem Kistchen bewahre ich Juwelen und
köstliche, zum Teil noch im grauen Altertum geschnittene Steine,
welche viele, viele Tausende wert sind. Ich habe diesmal in Frankfurt
sehr glückliche Geschäfte gemacht, so daß das wohl noch lange nicht
der hundertste Teil des Gewinns sein mag, was ich Euerm lieben Weibe
schenkte. Überdem gebe ich Euch das Geld keineswegs umsonst, sondern
verlange von Euch dafür allerlei Gefälligkeiten. Ich wollte, wie
gewöhnlich, von Frankfurt nach Kassel gehen und kam von Schlüchtern
aus vom richtigen Wege ab. Indessen habe ich gefunden, daß der Weg
durch diesen Forst, den sonst die Reisenden scheuen, gerade für einen
Fußgänger recht anmutig ist, weshalb ich denn künftig auf gleicher
Reise immer diese Straße einschlagen und bei Euch einsprechen will.
Ihr werdet daher mich jährlich zweimal bei Euch eintreffen sehen;
nämlich zu Ostern, wenn ich von Frankfurt nach Kassel wandere, und
im späten Herbst, wenn ich von der Leipziger Michaelismesse nach
Frankfurt und von dort nach der Schweiz und wohl auch nach Welschland
gehe. Dann sollt Ihr mich für gute Bezahlung - einen - zwei auch wohl
drei Tage bei Euch beherbergen und das ist die erste Gefälligkeit, um
die ich Euch ersuche.
Ferner bitte ich Euch, dieses kleine Kistchen, worin Waren sind, die
ich in Kassel nicht brauche, und das mir beim Wandern hinderlich ist,
zu behalten, bis ich künftigen Herbst wieder bei Euch einspreche.
Nicht verhehlen will ich, daß die Waren viele Tausende wert sind, aber
ich mag Euch deshalb doch kaum größere Sorglichkeit empfehlen, da ich
nach der Treue und Frömmigkeit, die Ihr an den Tag legt, Euch zutraue,
daß Ihr auch das Geringste, was ich Euch zurückließe, sorgfältig
aufbewahren würdet; zumal werdet Ihr das bei Sachen von solch großem
Werte, als die sind, welche in dem Kistchen verschlossen, sicherlich
tun. Seht, das ist der zweite Dienst, den ich von Euch fordere.
Das Dritte, was ich verlange, wird Euch wohl am schwersten fallen,
unerachtet es mir jetzt am nötigsten tut. Ihr sollt Euer liebes Weib
nur auf diesen Tag verlassen und mich aus dem Forst bis auf die Straße
nach Hirschfeld geleiten, wo ich bei Bekannten einsprechen und dann
meine Reise nach Kassel fortsetzen will. Denn außer dem, daß ich des
Weges im Forst nicht recht kundig bin und mich daher zum zweitenmal
verirren könnte, ohne von einem so wackern Mann, wie Ihr es seid,
aufgenommen zu werden, ist es auch in der Gegend nicht recht geheuer.
Euch als einem Jägersmann aus der Gegend wird man nichts anhaben, aber
ich, als einsamer Wanderer, könnte wohl gefährdet werden. Man sprach
in Frankfurt davon, daß eine Räuberbande, die sonst die Gegend von
Schaffhausen unsicher machte und sich bis nach Straßburg herauf
ausdehnte, nunmehr sich ins Fuldaische geworfen haben soll, da die von
Leipzig nach Frankfurt reisenden Kaufleute ihnen reicheren Gewinst
versprachen, als sie dort finden konnten. Wie leicht wär es möglich,
daß sie mich schon von Frankfurt aus als reichen Juwelenhändler
kennten. Hab ich also ja durch die Rettung Eures Weibes Dank verdient,
so könnt Ihr mich dadurch reichlich lohnen, daß Ihr aus diesem Forste
mich auf Weg und Steg leitet.« Andres war mit Freuden bereit, alles zu
erfüllen, was man von ihm verlangte, und machte sich gleich, wie es
der Fremde wünschte, zur Wanderung fertig, indem er seine Jägeruniform
anzog, seine Doppelbüchse und seinen tüchtigen Hirschfänger
umschnallte und dem Knecht befahl, zwei von den Doggen anzukuppeln.
Der Fremde hatte unterdessen das Kistchen geöffnet und die
prächtigsten Geschmeide, Halsketten - Ohrringe - Spangen
herausgenommen, die er auf Giorginas Bette ausbreitete, so daß sie
ihre Verwunderung und Freude gar nicht bergen konnte. Als nun aber der
Fremde sie aufforderte, doch eine der schönsten Halsketten umzuhängen,
die reichen Spangen auf ihre wunderschön geformten Ärme zu streifen,
und ihr dann einen kleinen Taschenspiegel vorhielt, worin sie sich
nach Herzenslust beschauen konnte, so daß sie in kindischer Lust
aufjauchzte, da sagte Andres zu dem Fremden: »Ach lieber Herr! wie
möget Ihr doch in meinem armen Weibe solche Lüsternheit erregen, daß
sie sich mit Dingen putzt, die ihr nimmermehr zukommen, und auch gar
nicht anstehen. Nehmt mir es nicht übel, Herr! aber die einfache rote
Korallenschnur, die meine Giorgina um den Hals gehängt hatte, als ich
sie zum erstenmal in Neapel sah, ist mir tausendmal lieber, als das
funkelnde blitzende Geschmeide, das mir recht eitel und trügerisch
vorkommt.« - »Ihr seid auch gar zu strenge«, erwiderte der Fremde
höhnisch lächelnd, »daß Ihr Euerm Weibe nicht einmal in ihrer
Krankheit die unschuldige Freude lassen wollt, sich mit meinen schönen
Geschmeiden herauszuputzen, die keineswegs trügerisch, sondern
wahrhaft echt sind. Wißt Ihr denn nicht, daß eben den Weibern solche
Dinge rechte Freude verursachen? Und was Ihr da sagt, daß solcher
Prunk Eurer Giorgina nicht zukomme, so muß ich das Gegenteil
behaupten. Euer Weib ist hübsch genug, sich so herauszuputzen und Ihr
wißt ja nicht, ob sie nicht einmal auch noch reich genug sein wird,
dergleichen Schmuck selbst zu besitzen und zu tragen.« Andres sprach
mit sehr ernstem nachdrücklichen Ton: »Ich bitte Euch, Herr! führt
nicht solche geheimnisvolle verfängliche Reden! Wollt Ihr denn mein
armes Weib betören, daß sie von eitlem Gelüst nach solchem weltlichen
Prunk und Staat nur drückender unsere Armut fühle und um alle
Lebensruhe, um alle Heiterkeit gebracht werde? Packt nur Eure schöne
Sachen ein, lieber Herr! ich will sie Euch treulich bewahren, bis
Ihr zurückkommt. Aber sagt mir nun, wenn, wie es der Himmel verhüten
möge! Euch unterdessen ein Unglück zustoßen sollte, so daß Ihr nicht
mehr zurückkehrtet in mein Haus, wohin soll ich dann das Kistchen
abliefern, und wie lange soll ich auf Euch warten, ehe ich die Juwelen
_dem_ einhändige, den Ihr mir nennen werdet, so wie ich Euch jetzt
um Euern Namen bitte?« - »Ich heiße«, erwiderte der Fremde, »Ignaz
Denner, und bin, wie Ihr schon wisset, Kauf- und Handelsmann. Ich habe
weder Weib, noch Kinder, und meine Verwandte wohnen im Walliser Lande.
_Die_ kann ich aber keineswegs lieben und achten, da sie sich, als ich
noch arm und bedürftig war, um mich gar nicht gekümmert haben. Sollte
ich in drei Jahren mich nicht sehen lassen, so behaltet das Kistchen
ruhig an Euch und, da ich wohl weiß, daß beide, Ihr und Giorgina, Euch
sträuben werdet, das reiche Vermächtnis von mir anzunehmen, so schenke
ich in jenem Fall das Kästchen mit Kleinodien Euerm Knaben, dem ich,
wenn Ihr ihn firmeln laßt, den Namen Ignatius beizugeben bitte.«
Andres wußte in der Tat nicht, was er aus der seltenen Freigebigkeit
und Großmut des fremden Mannes machen sollte. Er stand ganz verstummt
vor ihm, indes Giorgina ihm für seinen guten Willen dankte und
versicherte, zu Gott und den Heiligen fleißig beten zu wollen, daß sie
ihn auf seinen weiten beschwerlichen Reisen beschützen und ihn stets
glücklich in ihr Haus zurückführen möchten. Der Fremde lächelte, so
wie es seine Art war, auf seltsame Weise und meinte, daß wohl das
Gebet einer schönen Frau mehr Kraft haben möge, als das seinige. Das
Beten wolle er daher ihr überlassen und übrigens seinem kräftigen
abgehärteten Körper und seinen guten Waffen vertrauen.
Dem frommen Andres mißfiel diese Äußerung des Fremden höchlich;
indessen verschwieg er das, was er darauf zu erwidern schon im Begriff
stand, und trieb vielmehr den Fremden an, jetzt die Wanderung durch
den Forst zu beginnen, da er sonst erst in später Nacht in sein Haus
zurückkehren und seine Giorgina in Furcht und Angst setzen würde.
Der Fremde sagte beim Abschied noch Giorginen: daß er ausdrücklich ihr
erlaube, sich, wenn es ihr Vergnügen mache, mit seinen Geschmeiden zu
schmücken, da es ihr ja ohnedies in diesem einsamen wilden Forst an
jeder Belustigung mangle. Giorgina errötete vor innerm Vergnügen,
da sie freilich die ihrer Nation eigne Lust an glänzendem Staat und
vorzüglich an kostbaren Steinen nicht unterdrücken konnte. - Nun
schritten Denner und Andres rasch vorwärts durch den finstern öden
Wald. In dem dicksten Gebüsch schnupperten die Doggen umher und
klafften, den Herrn mit klugen beredten Augen anschauend. »Hier ist
es nicht geheuer«, sprach Andres, spannte den Hahn seiner Büchse und
schritt mit den Hunden bedächtig vor dem fremden Kaufmann her. Oft
war es ihm, als rausche es in den Bäumen und bald erblickte er
in der Ferne finstre Gestalten, die gleich wieder in dem Gebüsch
verschwanden. Er wollte seine Doggen loskuppeln. »Tut das nicht,
lieber Mann!« rief Denner, »denn ich kann Euch versichern, daß wir
nicht das mindeste zu fürchten haben.« Kaum hatte er diese Worte
gesprochen, als nur wenige Schritte von ihnen ein großer schwarzer
Kerl mit struppigen Haaren und großem Knebelbart, eine Büchse in der
Hand, aus dem Gebüsch heraustrat. Andres machte sich schußfertig;
»schießt nicht, schießt nicht!« rief Denner; der schwarze Kerl nickte
ihm freundlich zu und verlor sich in den Bäumen. Endlich waren sie aus
dem Walde heraus, auf der lebhaften Landstraße. »Nun danke ich Euch
herzlich für Euer Geleite«, sprach Denner; »kehrt nur jetzt in Eure
Wohnung zurück; sollten Euch wieder solche Gestalten aufstoßen, wie
wir sie gesehen, so zieht ruhig Eure Straße fort, ohne Euch darum zu
kümmern. Tut, als wenn Ihr gar nichts bemerktet, behaltet Eure Doggen
am Strick, Ihr werdet ohne alle Gefahr Eure Wohnung erreichen.« Andres
wußte nicht, was er von dem allen und von dem wunderlichen Kaufmann
denken sollte, der, wie ein Geisterbeschwörer, den Feind zu bannen und
von sich abzuhalten schien. Er konnte nicht begreifen, warum er denn
erst sich habe durch den Wald geleiten lassen. Getrost schritt Andres
durch den Forst zurück, es stieß ihm durchaus nichts Verdächtiges auf
und er kam wohlbehalten in sein Haus, wo ihm seine Giorgina, die sich
munter und kräftig aus dem Bette gemacht, voll Freude in die Arme
fiel.
Durch die Freigebigkeit des fremden Kaufmanns bekam die kleine
Haushaltung des Andres eine ganz andere Gestalt. Kaum war nämlich
Giorgina ganz genesen, als er mit ihr nach Fulda ging und außer
den nötigsten Bedürfnissen noch manches Stück einkaufte, das ihrer
häuslichen Einrichtung abging und wodurch diese das Ansehen eines
gewissen Wohlstandes erhielt. Dazu kam, daß seit dem Besuch des
Fremden die Freijäger und Holzdiebe aus der Gegend gebannt schienen,
und Andres seinem Posten ruhig vorstehen konnte. Auch sein Jagdglück
war wiedergekehrt, so daß er, wie sonst, beinahe niemals einen
Fehlschuß tat. Der Fremde stellte sich zu Michaelis wieder ein und
blieb drei Tage. Der hartnäckigen Weigerung der Wirtsleute unerachtet
war er doch wieder so freigebig, wie das erstemal. Er versicherte, es
sei nun einmal seine Absicht, sie in Wohlstand zu versetzen, und so
sich selbst das Absteigequartier im Walde freundlicher und angenehmer
zu machen.
Nun konnte die bildhübsche Giorgina sich besser kleiden; sie gestand
dem Andres, daß sie der Fremde mit einer zierlich gearbeiteten goldnen
Nadel, wie sie die Mädchen und Weiber in mancher Gegend Italiens
durch das in Zöpfen zusammengeflochtene aufgewirbelte Haar zu stecken
pflegen, beschenkt habe. Andres zog ein finstres Gesicht, aber in
dem Augenblick war Giorgina zur Tür herausgesprungen und nicht lange
dauerte es, so kehrte sie zurück ganz so gekleidet und geschmückt, wie
Andres sie in Neapel gesehen hatte. Die schöne goldne Nadel prangte
in dem schwarzen Haar, in das sie mit malerischem Sinn bunte Blumen
geflochten, und Andres mußte sich nun selbst gestehen, daß der Fremde
sein Geschenk recht sinnig gewählt hatte, um seine Giorgina wahrhaft
zu erfreuen.
Andres äußerte dies unverhohlen und Giorgina meinte, daß der Fremde
wohl ihr Schutzengel sei, der sie aus der tiefsten Dürftigkeit zum
Wohlstande erhebe, und daß sie gar nicht begreife, wie Andres so
wortkarg, so verschlossen gegen den Fremden und überhaupt so traurig,
so in sich gekehrt, bleiben könne. »Ach, liebes Herzensweib!« sprach
Andres, »die innere Stimme, welche mir damals so laut sagte, daß ich
durchaus nichts von dem Fremden annehmen dürfe, die schweigt bis jetzt
keineswegs. Ich werde oft von innern Vorwürfen gemartert; es ist mir,
als ob mit dem Gelde des Fremden unrechtes Gut in mein Haus gekommen
sei und deshalb kann mich nichts recht freuen, was dafür angeschafft
wurde. Ich kann mich jetzt wohl öfter mit einer kräftigen Speise, mit
einem Glase Wein erlaben; glaube mir aber, liebe Giorgina! war einmal
ein guter Holzverkauf vorgefallen und hatte mir der liebe Gott ein
paar ehrlich verdiente Groschen mehr beschert, als gewöhnlich, dann
schmeckte mir ein Glas geringen Weins viel besser, als jetzt der
gute Wein, den der Fremde uns mitbringt. Ich kann mich mit diesem
sonderbaren Kaufmann durchaus nicht befreunden, ja es ist mir in
seiner Gegenwart oft ganz unheimlich zumute. Hast du wohl bemerkt,
liebe Giorgina! daß er niemanden fest anzuschauen vermag? Und dabei
blitzt es zuweilen aus seinen tiefliegenden kleinen Augen so sonderbar
heraus, und dann kann er bei unsern schlichten Reden oft so - bübisch
möcht ich sagen, lachen, daß es mich eiskalt überläuft. - Ach, möchten
nur nicht meine innern Gedanken wahr werden, aber oft ist es mir, als
liege allerlei schwarzes Unheil im Hintergrunde, das nun der Fremde
mit einemmal hervorrufen werde, nachdem er uns in seinen künstlichen
Schlingen gefangen.«
Giorgina suchte ihrem Mann die schwarzen Vorstellungen auszureden,
indem sie versicherte, wie sie oft in ihrem Vaterlande und vorzüglich
bei ihren Pflegeeltern im Wirtshause, Personen kennen gelernt,
deren Äußeres noch viel widriger gewesen sei, unerachtet es am Ende
grundgute Menschen waren. Andres schien getröstet, im Innern beschloß
er aber auf der Hut zu sein.
Der Fremde sprach bei Andres wieder ein, als sein Knabe, ein
wunderschönes Kind, ganz der Mutter Ebenbild, gerade neun Monate alt
geworden. Es war Giorginas Namenstag; sie hatte den Kleinen fremdartig
und sonderbar herausgeputzt, sich selbst in ihre liebe neapolitanische
Tracht geworfen und ein besseres Mahl, als gewöhnlich, bereitet, wozu
der Fremde eine Flasche köstlichen Weins aus dem Felleisen hergab.
Als sie nun fröhlich bei Tische saßen und der kleine Knabe mit solch
wunderbar verständigen Augen umherblickte, hub der Fremde an: »Euer
Kind verspricht in der Tat mit seinem besondern Wesen schon jetzt
recht viel und es ist schade, daß ihr nicht imstande sein werdet, es
gehörig zu erziehen. Ich hätte euch wohl einen Vorschlag zu tun, ihr
werdet ihn aber verwerfen wollen, unerachtet ihr bedenken möchtet, daß
er nur euer Glück, euern Wohlstand bezweckt. Ihr wißt, daß ich reich
und ohne Kinder bin, ich fühle eine ganz besondere Liebe und Zuneigung
zu euerm Knaben - Gebt mir ihn! - Ich bringe ihn nach Straßburg, wo er
von einer Freundin von mir, einer alten ehrbaren Frau, auf das beste
erzogen werden und mir sowie euch große Freude machen soll. Ihr werdet
mit euerm Kinde einer großen Last frei; doch müßt ihr euern Entschluß
schnell fassen, da ich genötigt bin, noch heute abend abzureisen. Auf
meinen Armen trage ich das Kind bis in das nächste Dorf; dort nehme
ich dann ein Fuhrwerk.« Bei diesen Worten des Fremden riß Giorgina
das Kind, das er auf seinen Knien geschaukelt hatte, hastig fort und
drückte es an ihren Busen, indem ihr die Tränen in die Augen traten.
»Seht, lieber Herr!« sprach Andres, »wie meine Frau Euch auf Euern
Vorschlag antwortet, und ebenso bin auch ich gesinnt. Eure Absicht mag
recht gut sein; aber wie möget Ihr doch uns das Liebste rauben wollen,
das wir auf Erden besitzen? wie möget Ihr doch das eine Last nennen,
was unser Leben aufheitern würde, wären wir auch noch in der tiefsten
Dürftigkeit, aus der uns Eure Güte gerissen? Seht, lieber Herr! Ihr
sagtet selbst, daß Ihr ohne Frau und ohne Kinder wäret; Euch ist daher
wohl die Seligkeit fremd, die gleichsam aus der Glorie des offnen
Himmelreichs herabströmt auf Mann und Weib bei der Geburt eines
Kindes. Es ist ja die reinste Liebe und Himmelswonne selbst, von der
die Eltern erfüllt werden, wenn sie ihr Kind schauen, das stumm und
still an der Mutter Brust liegend, doch mit gar beredten Zungen von
ihrer Liebe, von ihrem höchsten Lebensglück spricht. - Nein, lieber
Herr! so groß auch die Wohltaten sind, die Ihr uns erzeigt habt, so
wiegen sie doch lange nicht das auf, was uns unser Kind wert ist;
denn wo gäbe es Schätze der Welt, die diesem Besitz gleichzustellen?
Scheltet uns daher nicht undankbar, lieber Herr! daß wir Euch Euer
Ansinnen so ganz und gar abschlagen. Wäret Ihr selbst Vater, so
bedürfte es weiter gar keiner Entschuldigung für uns.« - »Nun, nun«,
erwiderte der Fremde, indem er finster seitwärts blickte, »ich glaubte
Euch wohlzutun, indem ich Euern Sohn reich und glücklich machte. Seid
ihr nicht damit zufrieden, so ist davon weiter nicht die Rede.« -
Giorgina küßte und herzte den Knaben, als sei er aus großer Gefahr
errettet, und ihr wiedergegeben worden. Der Fremde strebte sichtlich
wieder unbefangen und heiter zu scheinen; man merkte es indessen doch
nur zu deutlich, wie sehr ihn die Weigerung seiner Wirtsleute, ihm
den Knaben zu geben, verdrossen hatte. Statt, wie er gesagt, noch
denselben Abend fortzureisen, blieb er wieder drei Tage, in welchen er
jedoch nicht so, wie sonst bei Giorgina verweilte, sondern mit Andres
auf die Jagd zog und sich bei dieser Gelegenheit viel von dem Grafen
Aloys von Vach erzählen ließ. Als in der Folge Ignaz Denner wieder bei
seinem Freunde Andres einsprach, dachte er nicht mehr an seinen Plan,
den Knaben mit sich zu nehmen. Er war nach seiner Art freundlich wie
vorher, und fuhr fort, Giorgina reichlich zu beschenken, die er noch
überdem wiederholt aufforderte, so oft sie Lust habe sich mit den
Juwelen aus dem Kistchen, das er Andres in Verwahrung gegeben, zu
schmücken, welches sie auch wohl dann und wann heimlich tat. Oft
wollte Denner, wie sonst, mit dem Knaben spielen; dieser sträubte sich
aber und weinte, durchaus mochte er nicht mehr zu dem Fremden gehen,
als wisse er etwas von dem feindlichen Anschlag, ihn seinen Eltern
zu entführen. - Zwei Jahre hindurch hatte der Fremde nun auf seinen
Wanderungen den Andres besucht, und Zeit und Gewohnheit hatten die
Scheu, das Mißtrauen wider Denner endlich überwunden, so daß Andres
seinen Wohlstand ruhig und heiter genoß. Im Herbst des dritten Jahres,
als die Zeit, in der Denner gewöhnlich einzusprechen pflegte, schon
vorüber war, pochte es in einer stürmischen Nacht hart an Andres' Tür,
und mehrere rauhe Stimmen riefen seinen Namen. Erschrocken sprang er
aus dem Bette; als er aber zum Fenster herausfrug, wer ihn in finstrer
Nacht so störe und wie er gleich seine Doggen loslassen werde, um
solche ungebetene Gäste wegzuhetzen, da sagte einer, er möge nur
aufmachen, ein Freund sei da, und Andres erkannte Denners Stimme. Als
er nun mit dem Licht in der Hand die Haustür öffnete, trat ihm Denner
allein entgegen. Andres äußerte, wie es ihm vorgekommen, als ob
mehrere Stimmen seinen Namen gerufen hätten; Denner meinte dagegen,
daß den Andres das Heulen des Windes getäuscht haben müsse. Als sie
in die Stube traten, erstaunte Andres nicht wenig, als er den Denner
näher betrachtete und seinen ganz veränderten Anzug gewahr wurde.
Statt der grauen schlichten Kleidung und des Mantels trug er ein
dunkelrotes Wams und einen breiten ledernen Gurt, in dem ein Stilett
und vier Pistolen staken; außerdem war er noch mit einem Säbel
bewaffnet, selbst das Gesicht schien verändert, indem auf der sonst
glatten Stirn nun buschichte Augenbrauen lagen und ein starker
schwarzer Bart sich über Lippe und Wangen zog. »Andres!« sprach
Denner, indem er ihn mit seinen funkelnden Augen anblitzte, »Andres!
als ich vor beinahe drei Jahren dein Weib vom Tode errettet hatte, da
wünschtest du, daß Gott es dir verleihen möge, mir die dir erzeigte
Wohltat mit deinem Blut und Leben lohnen zu können. Dein Wunsch ist
erfüllt; denn es ist nunmehr der Augenblick gekommen, in dem du mir
deine Dankbarkeit, deine Treue beweisen kannst. Kleide dich an; nimm
deine Büchse und komme mit mir, nur wenige Schritte von deiner Wohnung
sollst du das übrige erfahren.« Andres wußte nicht, was er von Denners
Zumutung halten sollte; der Worte, die er ihm vorhielt, indessen wohl
eingedenk, versicherte er, wie er bereit sei, alles nur mögliche für
ihn zu unternehmen, sobald es nicht der Rechtschaffenheit, Tugend
und Religion zuwiderlaufe. »Darüber kannst du ganz ruhig sein«, rief
Denner, indem er ihm lächelnd auf die Schulter klopfte; und da er
bemerkte, daß Giorgina aufgesprungen war, und vor Angst zitternd und
bebend ihren Mann umklammerte, nahm er sie bei den Armen und sprach,
sie sanft zurückziehend: »Laßt Euern Mann nur immer mit mir ziehen,
in wenigen Stunden ist er wieder gesund bei Euch, und bringt Euch
vielleicht was Schönes mit. Hab ich es denn jemals böse mit euch
gemeint? Habe ich selbst dann, wenn ihr mich verkanntet, nicht immer
euch Gutes erzeigt? Wahrhaftig, ihr seid recht besondere mißtrauische
Leute.« Andres zauderte noch immer sich anzukleiden, da wandte Denner
sich zu ihm und sprach mit zornigem Blick: »Ich hoffe du wirst deine
Zusage halten, denn es gilt nunmehr, das zu beweisen mit der Tat, was
du gesprochen!« Schnell war nun Andres angekleidet, und indem er mit
Denner zur Türe herausschritt, sprach er noch einmal: »Alles, lieber
Herr! will ich für Euch tun, doch etwas Unrechtes werdet Ihr wohl von
mir nicht fordern, da ich auch das Kleinste, was wider mein Gewissen
liefe, nicht vollbringen würde.« Denner antwortete nichts, sondern
schritt rasch vorwärts. Sie waren durch das Dickicht gedrungen bis auf
einen ziemlich geräumigen Rasenplatz; da pfiff Denner dreimal, daß der
Ton ringsumher aus den schaurigen Klüften widerhallte und überall in
den Büschen flackerten Windlichter auf und es rauschte und klirrte in
den dunklen Gängen, bis sich schwarze gräßliche Gestalten gespenstisch
hervordrängten und den Denner im Kreise umringten. Einer aus dem
Kreise trat hervor und sprach auf Andres hindeutend: »Das ist ja wohl
unser neuer Geselle, nicht wahr Hauptmann?« - »Ja«, antwortete Denner,
»ich hab ihn aus dem Bette geholt, er soll sein Probestück machen, es
kann nun gleich vorwärts gehen.« Andres erwachte bei diesen Worten wie
aus dumpfer Betäubung, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirne; aber
er ermannte sich und rief heftig: »Was, du schändlicher Betrüger,
für einen Kaufmann gabst du dich aus, und treibst ein höllisches
verruchtes Gewerbe, und bist ein verworfener Räuber? Nimmermehr will
ich dein Geselle sein und teilnehmen an deinen Schandtaten, zu denen
du mich, wie der Satan selbst, auf künstliche hämische Weise verlocken
wolltest? - Laß mich gleich fort, du frevelicher Bösewicht, und räume
mit deiner Rotte dies Gebiet, sonst verrate ich deine Schlupfwinkel
der Obrigkeit, und du bekommst den Lohn für deine Schandtaten; denn
nun weiß ich es wohl, daß du selbst der schwarze Ignaz bist, der mit
seiner Bande an der Grenze gehauset und geraubt, und gemordet hat. -
Gleich lasse mich fort, ich will dich nie mehr schauen.« Denner lachte
laut auf. »Was, du feiger Bube?« sprach er: »du unterstehst dich, mir
zu trotzen, dich meinem Willen, meinem Machtwort entziehen zu wollen?
Bist du nicht längst schon unser Geselle? lebst du nicht schon seit
beinahe drei Jahren von unserm Gelde? schmückt sich dein Weib nicht
mit unserm Raube? Nun stehst du unter uns und willst nicht arbeiten
dafür was du genossen? Folgst du uns nun nicht, zeigst du dich nicht
gleich als unsern rüstigen Kumpan, so lasse ich dich gebunden in
unsere Höhle werfen und meine Gesellen ziehen nach deiner Wohnung,
zünden sie an und ermorden dein Weib und deinen Knaben. Doch ich werde
wohl diese Maßregel, die nur eine Folge deiner Halsstarrigkeit sein
würde, nicht ergreifen dürfen. Nun! - wähle! - es ist Zeit, wir müssen
fort!« - Andres sah nun wohl ein, daß die mindeste Weigerung seiner
geliebten Giorgina und dem Knaben das Leben kosten würde; den
verräterischen bübischen Denner im Innern zur Hölle verfluchend,
beschloß er daher, in seinen Willen sich scheinbar zu fügen, rein
von Diebstahl und Mord zu bleiben und das tiefere Eindringen in die
Schlupfwinkel der Bande nur dazu zu benutzen, bei der ersten günstigen
Gelegenheit ihre Aufhebung und Einziehung zu bewirken. Nach diesem im
stillen gefaßten Entschluß erklärte er dem Denner, wie trotz seines
innern Widerstrebens doch die Dankbarkeit für Giorginas Rettung
ihn verpflichte, etwas zu wagen, und er wolle daher die Expedition
mitmachen, wobei er nur bitte, ihn als einen Neuling, soviel möglich
mit dem tätigen Anteil daran zu verschonen. Denner lobte seinen
Entschluß, indem er hinzufügte, wie er keineswegs verlange, daß er
förmlich zur Bande übertreten solle, vielmehr müsse er Revierjäger
bleiben; denn so wäre er ihm und der Bande schon jetzt von großem
Nutzen gewesen, was denn auch künftig der Fall sein würde.
Es war auf nichts Geringeres abgesehen, als die Wohnung eines reichen
Pachters, die von dem Dorfe abgelegen, unfern dem Walde, stand, zu
überfallen und auszuplündern. Man wußte, daß der Pachter außer dem
vielen Gelde und den Kostbarkeiten, die er besaß, eben jetzt für
verkauftes Getreide eine sehr bedeutende Summe eingenommen hatte, die
er bei sich bewahrte und um so mehr versprachen sich die Räuber einen
reichen Fang. Die Windlichter wurden ausgelöscht und still zogen die
Räuber durch die engen Schleichwege, bis sie dicht an dem Gebäude
standen, welches einige von der Bande umringten. Andere dagegen
stiegen über die Mauer, und sprengten von innen das Hoftor; einige
wurden auf Wache ausgestellt, und unter diesen befand sich Andres.
Bald hörte er, wie die Räuber die Türen erbrachen und ins Haus
stürmten, er vernahm ihr Fluchen, ihr Geschrei, das Geheul der
Gemißhandelten. Es fiel ein Schuß; der Pachter, ein beherzter Mann,
mochte sich zur Wehre setzen - dann wurde es stiller - aufgesprengte
Schlösser klirrten, Räuber schleppten Kisten zum Hoftor heraus. Einer
von des Pachters Leuten mußte in der Finsternis entwischt und ins Dorf
gerannt sein; denn auf einmal tönte die Sturmglocke durch die Nacht,
und bald darauf strömten Haufen mit hellauflodernden Lichtern die
Straße herauf nach der Pachterwohnung. Nun fiel Schuß auf Schuß, die
Räuber sammelten sich im Hofe und streckten alles nieder, was sich der
Mauer näherte. Sie hatten ihre Windfackeln angezündet. Andres, der auf
einer Anhöhe stand, konnte alles übersehen. Mit Entsetzen erblickte er
unter den Bauern, Jäger in der Liverei seines Herrn, des Grafen von
Vach! - Was sollte er tun? - Sich zu ihnen zu begeben, war unmöglich,
nur die schnellste Flucht konnte ihn retten; aber wie festgezaubert
stand er da hinstarrend in den Pachterhof, wo das Gefecht immer
mörderischer wurde; denn durch eine kleine Pforte an der andern Seite
waren die Vachschen Jäger gedrungen und mit den Räubern handgemein
geworden. Die Räuber mußten zurück, sie drängten sich fechtend
durch das Tor nach der Gegend hin, wo Andres stand. Er sah Dennern,
der unaufhörlich lud und schoß und niemals fehlte. Ein junger
reichgekleideten Mann, von Vachschen Jägern umgeben, schien den
Anführer zu machen; auf ihn legte Denner an, aber noch ehe er
abdrückte, stürzte er von einer Kugel getroffen mit einem dumpfen
Schrei nieder. Die Räuber flohen - schon stürzten die Vachschen Jäger
herbei, da sprang, wie von unwiderstehlicher Macht getrieben, Andres
herbei und rettete Dennern, den er, stark wie er war, auf die
Schultern warf und schnell forteilte. Ohne verfolgt zu werden,
erreichte er glücklich den Wald. Nur einzelne Schüsse fielen hin und
wieder und bald wurde es ganz still; ein Zeichen, daß es den Räubern,
die nicht verwundet auf dem Platze liegen geblieben, geglückt war, in
den Wald zu entkommen und daß es den Jägern und Bauern nicht ratsam
schien, in das Dickicht einzubrechen. »Setze mich nur nieder, Andres!
« sprach Denner, »ich bin in den Fuß verwundet und verdammt, daß ich
umstürzte, denn, unerachtet mich die Wunde sehr schmerzt, glaub ich
doch nicht einmal, daß sie bedeutend ist.« Andres tat es, Denner holte
eine kleine Phiole aus der Tasche und als er sie öffnete, strahlte
ein helles Licht heraus, bei dem Andres die Wunde genau untersuchen
konnte: Denner hatte recht; nur ein starker Streifschuß hatte den
rechten Fuß getroffen, der stark blutete. Andres verband die Wunde mit
seinem Schnupftuch, Denner ließ seine Pfeife ertönen, aus der Ferne
wurde geantwortet und nun bat er den Andres, ihn sachte den schmalen
Waldweg heraufzuführen, denn bald würden sie an Ort und Stelle sein.
Wirklich dauerte es auch nicht lange, so sahen sie den Schein von
Windlichtern durch das dunkle Gebüsch brechen und hatten jenen
Rasenplatz erreicht, von dem sie ausgegangen und wo sie die
übriggebliebenen Räuber bereits versammelt fanden. Alle jauchzten vor
Freude auf, als Denner unter sie trat und rühmten den Andres, der,
tief in sich gekehrt, kein Wort vorzubringen vermochte. Es fand sich,
daß über die Hälfte der Bande tot, oder hart verwundet auf dem Platze
liegen geblieben war; indessen hatten einige von den Räubern, die dazu
bestimmt waren, den Raub in Sicherheit zu bringen, mitten im Gefecht
wirklich mehrere Kisten mit kostbarem Gerät, sowie eine ansehnliche
Summe Geld, fortzuschaffen gewußt, so daß, unerachtet das Unternehmen
schlimm ausgegangen, doch die Beute ansehnlich blieb. Als nun das
Nötige besprochen, wandte sich Denner, den man unterdessen ordentlich
verbunden hatte, und der kaum irgend einen Schmerz mehr zu fühlen
schien, zu Andres und sprach: »Ich habe dein Weib vom Tode errettet,
du hast mich in dieser Nacht der Gefangenschaft entzogen und mich
folglich auch von dem mir gewissen Tode befreit, wir sind quitt!
du kannst in deine Wohnung zurückkehren. In den nächsten Tagen,
vielleicht schon morgen, verlassen wir die Gegend; du magst daher
ganz ruhig darüber sein, daß wir dir Ähnliches, so wie heute, zumuten
werden. Du bist ja so ein gottesfürchtiger Narr und uns nicht
brauchbar. Es ist indessen billig, daß du teil am heutigen Raube
nehmest und überdem für meine Rettung belohnt werdest. Nimm daher
diesen Beutel mit Gold und behalte mich in gutem Andenken; denn übers
Jahr hoffe ich bei dir einzusprechen.« - »Gott der Herr soll mich
behüten«, erwiderte Andres heftig, »daß ich auch nur einen Pfennig von
Eurem schändlichen Raube nehmen sollte. Habt Ihr mich doch nur durch
die abscheulichsten Drohungen gezwungen mitzugehen, welches ich
ewiglich bereuen werde. Wohl mag es Sünde gewesen sein, daß ich dich,
du schändlicher Bösewicht! der gerechten Strafe entzogen habe; aber
Gott im Himmel mag es mir nach seiner Langmut verzeihen. Es war, als
flehe in dem Augenblick meine Giorgina um dein Leben, da du das ihrige
errettet, und ich konnte nicht anders, als daß ich dich mit Gefahr
meines Lebens und meiner Ehre, ja das Wohl und Weh meines Weibes und
meines Kindes aufs Spiel setzend, der Gefahr entriß. Denn sprich, was
wäre aus mir, wenn man mich verwundet, ja was wäre aus meinem armen
Weibe, meinem Knaben geworden, wenn man mich erschlagen unter deiner
verruchten Mörderbande gefunden hätte? - Aber sei überzeugt, daß, wenn
du die Gegend nicht verlässest, wenn nur ein einziger hier geschehener
Raub, oder Mord mir kund wird, ich augenblicklich nach Fulda gehe und
der Obrigkeit deine Schlupfwinkel verrate.« - Die Räuber wollten über
den Andres herfallen, um ihn für seine Reden zu züchtigen; Denner
verbot es ihnen jedoch, indem er sagte: »Laßt doch den albernen Kerl
schwatzen, was tut das uns? - Andres«, fuhr Denner fort, »du bist in
meiner Gewalt, so wie dein Weib und dein Knabe. Du sowohl, als diese,
sollen aber ungefährdet bleiben, wenn du mir versprichst, dich ruhig
in deiner Wohnung zu halten und über deine Mitwissenschaft von dem
Vorfall dieser Nacht gänzlich zu schweigen. Das letzte rate ich dir
um so mehr, als meine Rache dich furchtbar treffen und überdem die
Obrigkeit dir selbst wohl deine Hülfe bei der Tat, sowie, daß du schon
lange von meinem Reichtum genossest, nicht so hingehen lassen würde.
Dagegen verspreche ich dir noch einmal, daß ich die Gegend gänzlich
räumen will und wenigstens von mir und meiner Bande hier kein
Unternehmen mehr ausgeführt werden soll.« Nachdem Andres notgedrungen
diese Bedingungen des Räuberhauptmanns eingegangen war und feierlich
versprochen hatte zu schweigen, wurde er von zwei Räubern durch
wildverwachsne Fußsteige auf den breiten Waldweg geführt und es war
längst heller Morgen worden, als er in sein Haus trat und die vor
Sorge und Angst totenbleiche Giorgina umarmte. Er sagte ihr nur im
allgemeinen, daß sich ihm Denner als der verruchteste Bösewicht
offenbart, und er daher alle Gemeinschaft mit ihm abgebrochen habe;
nie solle er mehr seine Schwelle betreten. »Aber das Juwelenkästchen?«
unterbrach ihn Giorgina. Da fiel es dem Andres wie eine schwere Last
aufs Herz. An die Kleinodien, die Denner bei ihm zurückgelassen, hatte
er nicht gedacht, und unerklärlich schien es ihm, daß Dennern auch
nicht ein Wort darüber entfallen war. Er ging mit sich zu Rate, was er
wohl mit diesem Kästchen anfangen solle. Zwar dachte er daran, es nach
Fulda zu bringen und der Obrigkeit zu übergeben; wie sollte er aber
den Besitz desselben beschönigen, ohne sich wenigstens dringender
Gefahr auszusetzen, das dem Denner einmal gegebene Wort zu brechen? Er
beschloß endlich, diesen Schatz getreulich zu bewahren, bis der Zufall
ihm Gelegenheit darbieten würde, es Dennern wieder zuzustellen, oder
besser noch, es, ohne sein Wort zu brechen, an die Obrigkeit zu
bringen.
Der Überfall der Pachterwohnung hatte nicht geringen Schreck in der
ganzen Gegend verursacht; denn es war das kühnste Wagestück, das die
Räuber seit Jahren unternommen und ein sichrer Beweis, daß die Bande,
welche sich erst durch gemeine Diebereien, dann durch das Anhalten
und Berauben einzelner Reisenden kund tat, [sich] bedeutend verstärkt
haben mußte. Nur dem Zufall, daß der Neffe des Grafen von Vach, von
mehreren Leuten seines Oheims begleitet, eben in dem Dorfe, das unfern
der Pachterwohnung lag, übernachtete und auf den ersten Lärm den
Bauern, die gegen die Räuber auszogen, zu Hülfe eilte, hatte der
Pachter die Rettung seines Lebens und des größten Teils seiner
Barschaft zu verdanken. Drei von den Räubern, die auf dem Platz
geblieben waren, lebten noch den andern Tag und gaben Hoffnung, von
ihren Wunden zu genesen. Man hatte sie sorgfältig verbunden und in das
Dorfgefängnis gesperrt; als man indessen am frühen Morgen des dritten
Tages sie abführen wollte, fand man sie durch viele Stiche ermordet,
ohne daß man hätte erraten können, wie das zugegangen. Jede Hoffnung
der Gerichte, von den Gefangenen näheren Aufschluß über die Bande zu
erhalten, war daher vereitelt. Andres schauderte im Innern, als er das
alles erzählen hörte, als er vernahm, wie mehrere Bauern und Jäger des
Grafen von Vach zum Teil getötet, zum Teil schwer verwundet worden. -
Starke Patrouillen von Fuldaischen Reitern durchstreiften den Wald,
und sprachen öfters bei ihm ein; jeden Augenblick mußte Andres
befürchten, daß man Dennern selbst, oder wenigstens einen von der
Bande einbringen, und dieser ihn dann als Genosse jener kühnen
Freveltat erkennen und angeben werde. Zum erstenmal in seinem Leben
fühlte er die folternde Qual des bösen Gewissens, und doch hatte
ihn nur die Liebe zu seinem Weibe, zu dem Knaben, gezwungen, dem
frevelichen Ansinnen Denners nachzugeben.
Alle Nachforschungen blieben fruchtlos, es war unmöglich den Räubern
auf die Spur zu kommen, und Andres überzeugte sich bald, daß Denner
Wort gehalten und die Gegend mit seiner Bande verlassen hatte. Das
Geld, welches er noch von Denners Geschenken übrig behalten, sowie die
goldene Nadel, legte er zu den Kleinodien in das Kistchen; denn er
wollte nicht noch mehr Sünde auf sich laden und von geraubtem Gelde
sich gütlich tun. So kam es denn, daß Andres bald wieder in die vorige
Dürftigkeit und Armut geriet; aber immer mehr erheiterte sich sein
Inneres, je längere Zeit verstrich, ohne daß irgend etwas sein ruhiges
Leben verstört hätte. Nach zwei Jahren gebar ihm sein Weib noch einen
Knaben, ohne jedoch, wie das erstemal, zu erkranken, wiewohl sie sich
herzlich nach jener bessern Kost und Pflege sehnte, die ihr damals so
wohl getan. Andres saß einst in der Abenddämmerung traulich mit seinem
Weibe zusammen, die den jüngstgebornen Knaben an der Brust hatte,
während der ältere sich mit dem großen Hunde herumbalgte, der, als
Liebling seines Herrn, wohl in der Stube sein durfte. Da kam der
Knecht hinein und sagte, wie ein Mensch, der ihm ganz verdächtig
vorkomme, schon seit beinahe einer Stunde um das Haus herumschleiche.
Andres war im Begriff mit seiner Büchse hinauszugehen, als er vor dem
Hause seinen Namen rufen hörte. Er öffnete das Fenster und erkannte
auf den ersten Blick den verhaßten Ignaz Denner, der sich wieder in
den grauen Kaufmannshabit geworfen hatte, und ein Felleisen unter dem
Arme trug. »Andres«, rief Denner, »du mußt mir diese Nacht Herberge
geben in deinem Hause, morgen ziehe ich weiter.« - »Was? Du
unverschämter verruchter Bösewicht?« rief Andres in vollem Zorn, »du
wagst es dich wieder hier sehen zu lassen? Habe ich dir nicht treulich
Wort gehalten, nur damit du dein Versprechen erfüllen und auf immer
diese Gegend verlassen solltest? Du darfst nicht mehr meine Schwelle
betreten - entferne dich schnell, oder ich schieße dich mörderischen
Buben nieder! - Doch warte, ich will dir dein Gold, dein Geschmeide,
womit du Satan mein Weib verblenden wolltest, hinabwerfen; dann magst
du schnell forteilen. Ich lasse dir drei Tage Zeit, spüre ich aber
dann nur auf irgend eine Weise deine und deiner Bande Gegenwart, so
eile ich schnell nach Fulda und entdecke alles, was ich weiß, der
Obrigkeit. Magst du nun deine Drohungen gegen mich und mein Weib
erfüllen wollen, ich verlasse mich auf den Beistand Gottes, und werde
dich Bösewicht mit meinem guten Gewehr zu treffen wissen.« Nun holte
Andres schnell das Kästchen herbei, um es hinabzuwerfen; als er aber
ans Fenster trat, war Denner verschwunden, und unerachtet die Doggen
die ganze Gegend rings ums Haus durchspüren mußten, war es doch nicht
möglich ihn aufzufinden. Andres sah nun wohl ein, wie er, Denners
Bosheit ausgesetzt, nun in großer Gefahr schwebe; er war daher
allnächtlich auf seiner Hut, indessen blieb alles ruhig und Andres
überzeugte sich, daß Denner nur allein den Wald durchstrichen hatte.
Um indessen seinen ängstlichen Zustand zu enden, ja um sein Gewissen
zu beruhigen, das ihn mit Vorwürfen quälte, beschloß er nun
nicht länger zu schweigen, sondern dem Rat in Fulda sein ganzes
unverschuldetes Verhältnis mit Denner zu berichten und zugleich das
Kistchen mit den Kleinodien abzuliefern. Andres wußte wohl, daß er
ohne Strafe nicht abkommen würde, jedoch verließ er sich auf sein
reuiges Bekenntnis eines Fehltritts, zu dem ihn der verruchte Ignaz
Denner, wie der Satan selbst, verlockt und gezwungen, sowie auf die
Fürsprache seines Herrn, des Grafen von Vach, der dem treuen Diener
ein günstiges Zeugnis nicht versagen konnte. Er hatte mit seinem
Knechte mehrmals den Wald durchstreift und nie war ihm etwas
Verdächtiges aufgestoßen; für sein Weib war daher jetzt keine Gefahr
vorhanden und er wollte nun ungesäumt nach Fulda gehen, um seinen
Vorsatz auszufahren. An dem Morgen, als er sich zur Reise bereit
gemacht, kam ein Bote von dem Grafen von Vach, der ihn augenblicklich
auf das Schloß seines Herrn mitgehen hieß. Statt nach Fulda wanderte
er also fort mit dem Boten nach dem Schloß, nicht ohne Bangigkeit,
was wohl dieser ganz ungewöhnliche Ruf seines Herrn zu bedeuten haben
werde. Als er in dem Schloß angekommen, mußte er gleich in das Zimmer
des Grafen treten. »Freue dich, Andres«, rief dieser ihm entgegen,
»dich hat ein ganz unerwartetes Glück getroffen. Erinnerst du
dich wohl noch unsers alten mürrischen Hauswirts in Neapel, des
Pflegevaters deiner Giorgina? Der ist gestorben; aber auf dem
Sterbebette hatte ihn noch das Gewissen gerührt wegen der
abscheulichen Behandlung des armen verwaisten Kindes, und deshalb hat
er ihr zweitausend Dukaten vermacht, die bereits in Wechselbriefen in
Frankfurt angekommen sind und die du bei meinem Bankier heben kannst.
Willst du dich gleich nach Frankfurt aufmachen, so lasse ich dir auf
der Stelle das nötige Zertifikat ausfertigen, damit dir das Geld ohne
Anstand ausgezahlt werde.« Den Andres machte die Freude sprachlos, und
der Graf von Vach ergötzte sich nicht wenig an dem Entzücken seines
treuen Dieners. Andres beschloß, als er sich gefaßt hatte, seinem
Weibe eine unvermutete Freude zu bereiten; er nahm daher seines Herrn
gnädiges Anerbieten an, und machte sich, nachdem er die Urkunde zu
seiner Legitimation erhalten, auf den Weg nach Frankfurt.
Seinem Weibe ließ er sagen, wie ihn der Graf mit wichtigen Aufträgen
verschickt habe, und er daher einige Tage ausbleiben werde. - Als er
in Frankfurt angekommen, wies ihn der Bankier des Grafen, bei dem er
sich meldete, an einen andern Kaufmann, der mit der Auszahlung des
Legats beauftragt sein sollte. Andres fand ihn endlich und erhielt die
ansehnliche Summe wirklich ausgezahlt. Immer nur an Giorgina denkend,
immer darnach trachtend, ihre Freude recht vollkommen zu machen,
kaufte er für sie allerlei schöne Sachen und auch eine goldene Nadel,
der ganz gleich, welche ihr Denner geschenkt hatte, und da er nun
das schwere Felleisen nicht wohl als Fußgänger fortbringen konnte,
verschaffte er sich ein Pferd. So trat er nun, nachdem er sechs Tage
abwesend gewesen, wohlgemut seine Rückreise an. Bald hatte er den
Forst und seine Wohnung erreicht. Er fand das Haus fest verschlossen.
Laut rief er den Knecht, seine Giorgina, niemand antwortete: die Hunde
winselten im Hause eingesperrt. Da ahnete er großes Unglück und schlug
heftig an die Tür und schrie laut: »Giorgina! - Giorgina!« - Nun
rauschte es am Bodenfenster, Giorgina schaute heraus und rief.- »Ach
Gott! - Ach Gott! Andres, bist du es? Gepriesen sei die Macht des
Himmels, daß du nur wieder da bist.« Als Andres nun durch die
geöffnete Tür eintrat, fiel ihm sein Weib totenbleich und laut heulend
in die Arme. Regungslos stand er da; endlich faßte er sein Weib, die
mit erschlafften Gliedern zu Boden sinken wollte, und trug sie in die
Stube. Aber wie mit eisigen Krallen packte ihn das Entsetzen bei dem
gräßlichen Anblick. Die ganze Stube voller Blutflecke an dem Boden,
an den Wänden, sein jüngster Knabe mit zerschnittener Brust tot auf
seinem Bettchen! - »Wo ist George, wo ist George?« schrie Andres
endlich auf in wilder Verzweiflung, aber in dem Augenblick hörte er,
wie der Knabe die Treppe herabtrippelte und nach dem Vater rief. -
Zerbrochene Gläser, Flaschen, Teller lagen umher. Der große schwere
Tisch, sonst an der Wand stehend, war in die Mitte des Zimmers
gerückt, eine sonderbar geformte Kohlpfanne, mehrere Phiolen und eine
Schüssel mit geronnenem Blut standen auf demselben. Andres nahm sein
armes Knäblein aus dem Bette. Giorgina verstand ihn, sie holte Tücher
herbei, in die sie den Leichnam wickelten und im Garten begruben.
Andres schnitt ein kleines Kreuz aus Eichenholz und setzte es auf den
Grabhügel. Kein Wort, kein Laut entfloh den Lippen der unglücklichen
Eltern. In dumpfem düsterem Schweigen hatten sie die Arbeit vollendet
und saßen nun vor dem Hause in der Abenddämmerung, den starren Blick
in die Ferne gerichtet. Erst den andern Tag konnte Giorgina den
Verlauf dessen, was sich in Andres' Abwesenheit zugetragen, erzählen.
Am vierten Tage, nachdem Andres sein Haus verlassen, hatte der Knecht
zur Mittagszeit wieder allerlei verdächtige Gestalten durch den Wald
wanken gesehen, und Giorgina deshalb des Mannes Rückkehr herzlich
gewünscht. Mitten in der Nacht wurde sie durch lautes Toben und
Schreien dicht vor dem Hause aus dem Schlafe geweckt, der Knecht
stürzte herein und verkündete voller Schreck, daß das ganze Haus von
Räubern umringt und an eine Gegenwehr gar nicht zu denken sei. Die
Doggen wüteten, aber bald schien es, als würden sie beschwichtigt und
man rief laut: »Andres! - Andres!« - Der Knecht faßte sich ein Herz,
öffnete ein Fenster und rief herab, daß der Revierjäger Andres nicht
zu Hause sei. »Nun, es tut nichts«, antwortete eine Stimme von unten
herauf, »öffne nur die Tür, denn wir müssen bei euch einkehren, Andres
wird bald nachfolgen.« Was blieb dem Knecht übrig, als die Tür zu
öffnen; da strömte der helle Haufe der Räuber herein und begrüßte
Giorgina als die Frau ihres Kameraden, dem der Hauptmann Freiheit und
Leben zu danken habe. Sie verlangten, daß Giorgina ihnen ein tüchtiges
Essen bereiten möge, weil sie nachts ein schweres Stück Arbeit
vollbracht, das aber herrlich gelungen sei. Zitternd und bebend machte
Giorgina in der Küche ein großes Feuer an und bereitete das Mahl, wozu
sie Wildpret, Wein und allerlei andere Ingredienzien von einem der
Räuber empfing, der der Küchen- und Kellermeister der Bande zu
sein schien. Der Knecht mußte den Tisch decken und das Geschirr
herbeibringen. Er nahm den Augenblick wahr und schlich sich fort
zu seiner Frau in die Küche. »Ach wißt Ihr wohl«, fing er voller
Entsetzen an, »was für eine Tat die Räuber in dieser Nacht verübt
haben? Nach langer Abwesenheit und nach langer Vorbereitung haben sie
vor etlichen Stunden das Schloß des Herrn Grafen von Vach überfallen,
und nach tapferer Gegenwehr mehrere seiner Leute und ihn selbst
getötet, das Schloß aber angezündet.« Giorgina schrie unaufhörlich:
»Ach mein Mann, wenn mein Mann nur auf dem Schlosse gewesen wäre -
Ach, der arme Herr!« - Die Räuber tobten und sangen unterdessen in
der Stube und ließen sich den Wein wohl schmecken, bis ihnen das
Mahl aufgetragen wurde. Der Morgen fing schon an zu dämmern als der
verhaßte Denner erschien; nun wurden die Kisten und Felleisen, die sie
auf ihren Packpferden mitgebracht hatten, geöffnet. Giorgina hörte,
wie sie vieles Geld zählten und wie die Silbergeschirre klirrten; es
schien alles verzeichnet zu werden. Endlich als es schon Lichter Tag
geworden, brachen die Räuber auf, nur Denner blieb zurück. Er nahm
eine freundliche leutselige Miene an, und sprach zu Giorgina: »Ihr
seid wohl recht erschreckt worden, liebe Frau; denn Euer Mann scheint
Euch nicht gesagt zu haben, daß er schon seit geraumer Zeit unser
Kamerad geworden. Es tut mir in der Tat leid, daß er nicht zu Hause
gekommen ist; er muß einen andern Weg eingeschlagen und uns verfehlt
haben. Er war mit uns auf dem Schlosse des Bösewichts, des Grafen von
Vach, der uns vor zwei Jahren auf alle nur mögliche Weise verfolgt hat
und an dem in voriger Nacht wir Rache nahmen. - Er fiel, kämpfend, von
Eures Mannes Hand. Beruhigt Euch nur, liebe Frau, und sagt dem Andres,
daß er mich nun so bald nicht wieder sehen würde, da die Bande sich
auf einige Zeit trennt. Heute abend verlasse ich Euch. - Ihr habt
lauter hübsche Kinder, liebe Frau! Das ist ja wieder ein herrlicher
Knabe.« Mit diesen Worten nahm er den Kleinen von Giorginas Arm und
wußte mit ihm so freundlich zu spielen, daß das Kind lachte und
jauchzte und gern bei ihm blieb, bis er es wieder der Mutter
zurückgab. Schon war es Abend geworden, als Denner zu Giorgina sagte:
»Ihr merkt wohl, daß ich, unerachtet ich kein Weib und keine Kinder
habe, welches mir manchmal recht nahe geht, doch gar zu gern mit
kleinen Kindern spiele und tändle. Gebt mir doch Euern Kleinen auf die
wenigen Augenblicke, die ich noch bei Euch zubringe. Nicht wahr? der
Kleine ist jetzt gerade neun Wochen alt.« Giorgina bejahte das und
gab, jedoch nicht ohne inneres Widerstreben, den kleinen Knaben
Dennern hin, der sich mit ihm vor die Haustür setzte und Giorgina
bat, ihm nun das Abendessen zu bereiten, weil er in einer Stunde fort
müßte. Kaum war Giorgina in die Küche getreten, als sie sah, wie
Denner mit dem Kinde auf dem Arm in die Stube ging. Bald darauf
verbreitete sich ein seltsam riechender Dampf durch das Haus, der aus
der Stube zu quirlen schien. Giorgina wurde von unbeschreiblicher
Angst ergriffen; sie lief schnell nach der Stube und fand die Tür von
innen verriegelt. Es war ihr, als höre sie das Kind leise wimmern.
»Rette, rette mein Kind aus den Klauen des Bösewichts!« so schrie sie,
eine gräßliche Tat ahnend, dem Knecht entgegen, der eben in das Haus
trat. Dieser ergriff schnell die Axt und sprengte die Tür. Dicker
stinkender Dampf schlug ihnen entgegen. Mit einem Sprunge war Giorgina
im Zimmer; der Knabe lag nackt über einer Schüssel, in die sein Blut
tröpfelte. Sie sah nur noch, wie der Knecht mit der Axt ausholte, um
den Denner zu treffen, wie dieser dem Schlage auswich, den Knecht
unterlief und mit ihm rang. Es war ihr, als höre sie jetzt mehrere
Stimmen dicht vor den Fenstern, bewußtlos sank sie zu Boden. Als
sie wieder erwachte, war es finstre Nacht worden, aber ganz betäubt
vermochte sie nicht die erstarrten Glieder zu regen. Endlich wurde es
Tag und nun sah sie mit Entsetzen, wie das Blut im Zimmer schwamm.
Stücke von Denners Kleidern lagen überall umher - ein ausgerissener
Schopf von des Knechts Haaren - die Axt blutig daneben - der Knabe vom
Tische herabgeschleudert mit zerschnittener Brust. Aufs neue wurde
Giorgina ohnmächtig, sie glaubte zu sterben, aber sie erwachte wie
aus dem Todesschlummer, als es schon Mittag geworden. Sie raffte sich
mühsam auf, sie rief laut den Georg, aber als niemand antwortete,
glaubte sie, auch Georg sei ermordet. Die Verzweiflung gab ihr Kräfte,
sie floh aus dem Zimmer in den Hof und schrie laut: »Georg! - Georg!«
Da antwortete es mit matter kläglicher Stimme vom Bodenfenster herab:
»Mutter, ach liebe Mutter, bist du denn da? Komm herauf zu mir! mich
hungert sehr!« - Schnell sprang jetzt Giorgina hinauf und fand den
Kleinen, der vor Angst bei dem Lärm im Hause in die Bodenkammer
gekrochen war und nicht gewagt hatte herauszukommen. Mit Entzücken
drückte Giorgina den Kleinen an die Brust. Sie verschloß das Haus und
wartete nun von Stunde zu Stunde in der Bodenkammer auf Andres, den
sie auch verloren glaubte. Der Knabe hatte von oben herab gesehen, wie
mehrere Männer ins Haus gingen und mit Dennern einen toten Menschen
heraustrugen. - Endlich bemerkte auch Giorgina das Geld und die
schönen Sachen, die Andres mitgebracht hatte. »Ach, so ist es doch
wahr?« schrie sie entsetzt auf, »so bist du doch -« Andres ließ sie
nicht ausreden, sondern erzählte ausführlich, welches Glück sie
betroffen und wie er in Frankfurt gewesen sei, wo er sich ihre
Erbschaft habe auszahlen lassen. Der Neffe des ermordeten Grafen von
Vach war nun Besitzer der Güter worden; bei diesem wollte sich Andres
melden, getreulich alles Geschehene erzählen, Denners Schlupfwinkel
entdecken und bitten, ihn seines Dienstes zu entlassen, der ihm so
viel Not und Gefahr bringe. Giorgina durfte mit dem Knaben im Hause
nicht zurückbleiben. Andres beschloß daher, seine besten leicht
fortzuschaffenden Sachen auf einen kleinen Leiterwagen zu packen, das
Pferd vorzuspannen und so mit seinem Weibe und Kinde eine Gegend auf
immer zu verlassen, die ihm nur die schrecklichsten Erinnerungen
erregen und überdem niemals Ruhe und Sicherheit gewähren konnte.
Der dritte Tag war zur Abreise bestimmt, und eben packten sie einen
Kasten, als ein starkes Pferdegetrappel immer näher und näher kam.
Andres erkannte den Vachschen Förster, der bei dem Schlosse wohnte;
hinter ihm ritt ein Kommando Fuldaischer Dragoner. »Nun da finden wir
ja den Bösewicht gerade bei der Arbeit, seinen Raub in Sicherheit zu
bringen«, rief der Kommissarius des Gerichts, der mitgekommen. Andres
erstarrte vor Staunen und Schreck. Giorgina war halb ohnmächtig. Sie
fielen über ihn her, banden ihn und sein Weib mit Stricken und warfen
sie auf den Leiterwagen, der schon vor dem Hause stand. Giorgina
jammerte laut um den Knaben und flehte um Gottes willen, daß man
ihn ihr mitgeben möge. »Damit du deine Brut auch noch ins höllische
Verderben bringen kannst?« sprach der Kommissarius und riß den Knaben
mit Gewalt aus Giorginas Armen. Schon sollte es fortgehen, da trat der
alte Förster, ein rauher aber biederer Mann, noch einmal an den Wagen
und sagte: »Andres, Andres, wie hast du dich denn von dem Satan
verlocken lassen, solche Freveltaten zu begehen? Immer warst du ja
sonst so fromm und ehrlich!« - »Ach lieber Herr!« schrie Andres auf
im höchsten Jammer, »so wahr Gott im Himmel lebt, so wie ich dereinst
selig zu sterben hoffe, ich bin unschuldig. Ihr habt mich ja gekannt
von früher Jugend her; wie sollte ich, der ich niemals Unrechtes
getan, solch ein abscheulicher Bösewicht geworden sein? - denn ich
weiß wohl, daß Ihr mich für einen verruchten Räuber und Teilnehmer
an der Freveltat haltet, die auf dem Schlosse meines geliebten
unglücklichen Herrn verübt worden ist. Aber ich bin unschuldig bei
meinem Leben und meiner Seligkeit!« - »Nun«, sagte der alte Förster,
»wenn du unschuldig bist, so wird das an den Tag kommen, mag auch noch
so viel wider dich sprechen. Deines Knaben und des Besitztums, was du
zurücklässest, will ich mich getreulich annehmen, so daß, wenn deine
und deines Weibes Unschuld erwiesen, du den Jungen frisch und munter
und deine Sachen unversehrt wiederfinden sollst.« Das Geld nahm
der Kommissarius des Gerichts in Beschlag. Unterweges frug Andres
Giorginen, wo sie denn das Kästchen verwahrt habe; sie gestand, wie
es ihr jetzt leid tue, daß sie es dem Denner überliefert, da es jetzt
der Obrigkeit hätte übergeben werden können. In Fulda trennte man den
Andres von seinem Weibe und warf ihn in ein tiefes finstres Gefängnis.
Nach einigen Tagen wurde er zum Verhör geführt. Man beschuldigte ihn
der Teilnahme an dem im Vachschen Schlosse verübten Raubmorde und
ermahnte ihn die Wahrheit zu gestehen, da schon alles wider ihn so gut
als ausgemittelt sei. Andres erzählte nun getreulich alles, was sich
mit ihm zugetragen, von dem ersten Eintritt des abscheulichen Denners
in sein Haus bis zu dem Augenblick seiner Verhaftung. Er klagte sich
selbst voll Reue des einzigen Vergehens an, daß er, um Weib und Kind
zu retten, bei der Plünderung des Pachters zugegen war, und den Denner
von der Gefangennehmung befreite, und beteuerte seine gänzliche
Unschuld rücksichts des letzten von der Dennerschen Bande verübten
Raubmordes, da er zu ebenderselben Zeit in Frankfurt gewesen sei.
Jetzt öffneten sich die Türen des Gerichtssaals und der abscheuliche
Denner wurde hereingeführt. Als er den Andres erblickte, lachte er
auf in teuflischem Hohn und sprach: »Nun, Kamerad, hast du dich
auch erwischen lassen? Hat dir deines Weibes Gebet denn nicht
herausgeholfen?« Die Richter forderten Dennern auf, sein Bekenntnis
rücksichts des Andres zu wiederholen und er sagte aus, daß eben der
Vachsche Revierjäger Andres, der jetzt vor ihm stehe, schon seit fünf
Jahren mit ihm verbunden und das Jägerhaus sein bester und sicherster
Schlupfwinkel gewesen sei. Andres habe immer den ihm gebührenden
Anteil vom Raube erhalten, wiewohl er nur zweimal tätig bei den
Räubereien mitgewirkt. Einmal nämlich bei der Beraubung des Pachters,
wo er ihn, den Denner, aus der dringendsten Gefahr errettet, und dann
bei dem Unternehmen gegen den Grafen Aloys von Vach, der eben durch
einen glücklichen Schuß des Andres getötet worden sei. - Andres geriet
in Wut, als er diese schändliche Lüge hörte. »Was?« schrie er, »du
verruchter teuflischer Bösewicht, du wagst es, mich der Ermordung
meines lieben armen Herrn anzuklagen, die du selbst verübt? - Ja!
ich weiß es, nur du selbst bist solcher Tat fähig; aber deine Rache
verfolgt mich, weil ich aller Gemeinschaft mit dir entsagt habe,
weil ich drohte, dich als einen verruchten Räuber und Mörder
niederzuschießen, so wie du meine Schwelle betreten würdest. Darum
hast du mit deiner Bande mein Haus überfallen, als ich abwesend war;
darum hast du mein armes unschuldiges Kind und meinen braven Knecht
ermordet! - Aber du wirst der schrecklichen Strafe des gerechten
Gottes nicht entgehen, sollte ich auch deiner Bosheit unterliegen.«
Nun wiederholte Andres sein voriges Bekenntnis unter den heiligsten
Beteurungen der Wahrheit; aber Denner lachte höhnisch und meinte,
warum er denn aus allzugroßer Furcht vor dem Tode noch erst das
Gericht zu belügen sich unterfange, und daß es sich schlecht mit der
Frömmigkeit, von der er so viel Aufhebens mache, vereinbare, daß
er Gott und die Heiligen zur Bekräftigung seiner falschen Aussagen
anrufe. Die Richter wußten in der Tat nicht, was sie von dem Andres,
dessen Miene und Sprache die Wahrheit seiner Aussage zu bestätigen
schien, sowie von Denners kalter Festigkeit denken sollten. - Nun
wurde Giorgina vorgeführt, die in namenlosem Jammer laut weinend auf
den Mann zustürzte. Sie wußte nur Unzusammenhängendes zu erzählen,
und unerachtet sie den Denner des entsetzlichen Mordes ihres
Knaben anklagte, schien Denner doch keineswegs entrüstet, sondern
behauptete, wie er schon früher getan, daß Giorgina nie etwas von den
Unternehmungen ihres Mannes gewußt habe, sondern ganz unschuldig sei.
Andres wurde in sein Gefängnis zurückgeführt.
Einige Tage nachher sagte ihm der ziemlich gutmütige Gefangenwärter,
daß sein Weib, da sowohl Denner, als die übrigen Räuber fortwährend
ihre Unschuld behauptet, sonst auch nichts wider sie ausgemittelt
worden, der Haft entlassen sei. Der junge Graf von Vach, ein
edelmütiger Herr, der sogar an seiner, des Andres, Schuld zu zweifeln
scheinen habe Kaution gestellt, und der alte Förster Giorginen in
einem schönen Wagen abgeholt. Vergebens habe Giorgina gebeten, ihren
Mann sehen zu dürfen; das sei ihr vom Gericht gänzlich abgeschlagen
worden. Den armen Andres tröstete diese Nachricht nicht wenig, da
mehr, als sein Unglück ihm seines Weibes elender Zustand im Gefängnis
zu Herzen ging. Sein Prozeß verschlimmerte sich indessen von Tage zu
Tage. Es war erwiesen, daß eben, wie Denner es angegeben, seit fünf
Jahren Andres in einen gewissen Wohlstand geriet, dessen Quelle nur
die Teilnahme an den Räubereien sein konnte. Ferner gestand Andres
selbst seine Abwesenheit von Hause während der auf dem Vachschen
Schlosse verübten Tat, und seine Angabe wegen seiner Erbschaft und
seines Aufenthalts in Frankfurt blieb verdächtig, weil er den Namen
des Kaufmanns, von dem er das Geld ausgezahlt erhalten haben wollte,
durchaus nicht anzugeben wußte. Der Bankier des Grafen von Vach, sowie
der Hauswirt in Frankfurt, bei dem Andres eingekehrt war, versicherten
einstimmig, wie sie sich des beschriebenen Revierjägers gar nicht
erinnern könnten; der Gerichtshalter des Grafen von Vach, der das
Zertifikat für den Andres ausgefertigt hatte, war gestorben, und
niemand von den Vachschen Dienern wußte etwas von der Erbschaft, da
der Graf nichts davon geäußert, Andres aber auch davon geschwiegen,
weil er, aus Frankfurt zurückkehrend, sein Weib mit dem Gelde
überraschen wollte. So blieb alles, was Andres vorbrachte, um
nachzuweisen, daß er zur Zeit des Raubes in Frankfurt gewesen und das
Geld ehrlich erworben sei, unausgemittelt. Denner blieb dagegen bei
seiner frühern Behauptung und ihm stimmten sämtliche Räuber, die
eingefangen worden, in allem bei. Alles dieses hätte aber die Richter
noch nicht so von der Schuld des unglücklichen Andres überzeugt, als
die Aussage von zwei Vachschen Jägern, die bei dem Schein der Flammen
ganz genau den Andres erkannt und gesehen haben wollten, wie von
ihm der Graf niedergestreckt wurde. Nun war Andres in den Augen des
Gerichts ein verstockter heuchlerischer Bösewicht und gestützt auf
das Resultat aller jener Aussagen und Beweise wurde ihm die Tortur
zuerkannt, um seinen starren Sinn zu beugen, und ihn zum Geständnis zu
bringen. Schon über ein Jahr schmachtete Andres im Kerker, der Gram
hatte seine Kräfte aufgezehrt, und sein sonst robuster starker Körper
war schwach und ohnmächtig geworden. Der schreckliche Tag, an dem
die Pein ihm das Geständnis einer Tat, welche er niemals begangen,
abdringen sollte, kam heran. Man führte ihn in die Folterkammer, wo
die entsetzlichen mit sinnreicher Grausamkeit erfundenen Instrumente
lagen, und die Henkersknechte sich bereiteten, den Unglücklichen zu
martern. Nochmals wurde Andres ermahnt, die Tat, deren er so dringend
verdächtig, ja deren er durch das Zeugnis jener Jäger überführt
worden, zu gestehen. Er beteuerte wiederum seine Unschuld, und
wiederholte alle Umstände seiner Bekanntschaft mit Dennern in
denselben Worten, wie er es im ersten Verhör getan. Da ergriffen ihn
die Knechte, banden ihn mit Stricken und marterten ihn, indem sie
seine Glieder ausrenkten und Stacheln einbohrten in das gedehnte
Fleisch. Andres vermochte nicht die Qual zu ertragen: vom Schmerz
gewaltsam zerrissen, den Tod wünschend, gestand er alles was man
wollte, und wurde ohnmächtig in den Kerker zurückgeschleppt. Man
stärkte ihn, wie es nach erlittener Tortur gewöhnlich, mit Wein und er
fiel in einen zwischen Wachen und Schlafen hinbrütenden Zustand. Da
war es ihm als lösten sich die Steine aus der Mauer, und als fielen
sie krachend herab auf den Boden des Kerkers. Ein blutroter Schimmer
drang durch und in ihm trat eine Gestalt hinein, die, unerachtet sie
Denners Züge hatte, ihm doch nicht Denner zu sein schien. Glühender
funkelten die Augen, schwärzer starrte das struppige Haar auf der
Stirn empor und tiefer senkten sich die finstern Augenbrauen in die
dicke Muskel herab, die über der krummgebogenen Habichtsnase lag. Auf
gräßlich seltsame Weise war das Gesicht verschrumpft und verzerrt, und
die Kleidung fremd und abenteuerlich, wie er Dennern niemals gesehen.
Ein feuerroter mit Gold stark verbrämter weiter Mantel hing in
bauschichten Falten der Gestalt über die Schultern, ein breiter
niedergekrempter spanischer Hut mit herabhängender roter Feder saß
schief auf dem Kopfe, ein langer Stoßdegen hing an der Seite, und
unter dem linken Arm trug die Gestalt ein kleines Kistchen. So
schritt der gespenstische Unhold auf Andres zu in hohlem dumpfen Tone
sprechend: »Nun, Kamerad, wie hat dir die Folter geschmeckt? Du hast
das alles bloß deinem Eigensinn zu verdanken; hättest du dich als zur
Bande gehörig bekannt, so wärst du nun schon gerettet. Versprichst du
aber, dich mir und meiner Leitung ganz zu ergeben, und gewinnst du
es über dich, von diesen Tropfen zu trinken, die aus deines Kindes
Herzblut gekocht sind, so bist du augenblicklich aller Qual entledigt.
Du fühlst dich gesund und kräftig, und für deine weitere Rettung will
ich dann sorgen.« - Andres konnte vor Schreck, Angst und Ermattung
nicht sprechen; er sah, wie seines Kindes Blut in der Phiole, die ihm
die Gestalt hinhielt, in roten Flämmchen spielte; inbrünstig betete er
zu Gott und den Heiligen, daß sie ihn retten möchten aus den Klauen
des Satans, der ihn verfolge und um die ewige Seligkeit bringen wolle,
die er zu erlangen hoffe, sollte er auch eines schimpflichen Todes
sterben. Nun lachte die Gestalt, daß es im Kerker widergellte, und
verschwand im dicken Dampf. Andres erwachte endlich aus dumpfer
Betäubung, er vermochte sich aufzurichten vom Lager; aber wie ward
ihm, als er sah, daß das Stroh, was unter seinem Haupte gelegen, sich
stärker und stärker zu rühren begann und endlich weggeschoben wurde.
Er gewahrte, daß ein Stein aus dem Fußboden von unten herausgedrängt
worden und hörte mehrmals seinen Namen leise rufen. Er erkannte
Denners Stimme und sprach: »Was willst du von mir? Laß mich ruhen, ich
habe mit dir nichts zu schaffen!«- »Andres«, sprach Denner, »ich bin
durch mehrere Gewölbe gedrungen, um dich zu retten; denn, wenn du auf
den Richtplatz kommst, von dem ich errettet wurde, bist du verloren.
Bloß um deines Weibes willen, die mir mehr angehört, als du wohl
denken magst, helfe ich dir. Du bist ein mutloser Feigling. Was
hat dir nun dein erbärmliches Leugnen gefruchtet? Bloß, daß du vom
Vachschen Schloß nicht zu rechter Zeit nach Hause zurückkehrtest und
ich mich zu lange bei deinem Weibe aufhielt, ist schuld, daß man mich
auffing! Da! nimm die Feile und die Säge, befreie dich in künftiger
Nacht von den Ketten und durchsage das Schloß der Kerkertüre;
schleiche durch den Gang! Die äußere Tür linker Hand wird offen stehn,
und draußen wirst du einen von uns finden, der dich weiter geleitet.
Halte dich gut!« Andres nahm die Säge und die Feile, die ihm Denner
hineinreichte und hob dann den Stein wieder in die Öffnung. Er war
entschlossen, _das_ zu tun, wozu ihn die innere Stimme des Gewissens
aufforderte. - Als es Tag geworden und der Gefangenwärter hineintrat,
da sagte er, wie er sehnlich wünsche vor den Richter geführt zu
werden, indem er Wichtiges zu entdecken habe. Noch an demselben
Vormittage wurde sein Verlangen erfüllt, weil man nicht anders
glaubte, als daß Andres neue, bisher noch unbekannt gebliebene,
Freveltaten der Bande gestehen werde. Andres überreichte den Richtern
die von Dennern erhaltenen Instrumente, und erzählte den Vorgang der
Nacht. »Unerachtet ich gewiß und wahrhaftig unschuldig leide, so
soll mich doch Gott behüten, daß ich darnach trachten sollte, meine
Freiheit auf unerlaubte Weise zu erlangen; denn das würde mich ja dem
verruchten Denner, der mich in Schande und Tod gestürzt hat, in die
Hände liefern und ich dann erst durch mein sündliches freveliches
Unternehmen die Strafe verdienen, die ich jetzt unschuldig leiden
werde.« So beschloß Andres seinen Vortrag. Die Richter schienen
erstaunt und von Mitleid für den Unglücklichen durchdrungen, wiewohl
sie durch die mannigfachen Tatsachen, die wider ihn sprachen, zu sehr
von seiner Schuld überzeugt waren, um sein jetziges Benehmen nicht
auch für zweifelhaft zu halten. Die Aufrichtigkeit des Andres und
vorzüglich der Umstand, daß nach jener Anzeige der von Denner
beabsichtigten Flucht, in der Stadt und zwar in der nächsten Umgebung
des Gefängnisses wirklich noch einige von der Bande ertappt und
aufgegriffen wurden, hatte jedoch den wohltätigen Einfluß auf ihn,
daß er aus dem unterirdischen Kerker, in den er gesperrt gewesen,
herausgenommen wurde, und eine lichte Gefängnisstube neben der Wohnung
des Gefangenwärters erhielt. Da brachte er seine Zeit mit Gedanken an
sein treues Weib, an seinen Knaben, und mit gottseligen Betrachtungen
hin, und bald fühlte er sich ermutigt, das Leben auch auf schmerzliche
Weise, wie eine Bürde, abzuwerfen. Nicht genug konnte sich der
Gefangenwärter über den frommen Verbrecher wundern und er mußte
notgedrungen beinahe an seine Unschuld glauben.
Endlich, nachdem beinahe noch ein Jahr verflossen, war der schwierige
verwickelte Prozeß wider Denner und seine Mitschuldigen geschlossen.
Es hatte sich gefunden, daß die Bande bis an die Grenze von Italien
ausgebreitet war und schon seit geraumer Zeit überall raubte und
mordete. Denner sollte gehängt, und dann sein Körper verbrannt werden.
Auch dem unglücklichen Andres war der Strang zuerkannt; seiner Reue
halber, und da er durch das Bekenntnis der ihm von Denner geratenen
Flucht die Entdeckung des Anschlags der Bande, durchzubrechen,
veranlaßt hatte, durfte jedoch sein Körper herabgenommen, und auf der
Gerichtsstätte verscharrt werden.
Der Morgen, an dem Denner und Andres hingerichtet werden sollten, war
angebrochen; da ging die Tür des Gefängnisses auf, und der junge Graf
von Vach trat hinein zum Andres, der auf den Knien lag und still
betete. »Andres«, sprach der Graf, »du mußt sterben. Erleichtere dein
Gewissen noch durch ein offnes Geständnis! Sage mir, hast du deinen
Herrn getötet? Bist du wirklich der Mörder meines Oheims?« - Da
stürzten dem Andres die Tränen aus den Augen, und er wiederholte
nochmals alles, was er vor Gericht ausgesagt, ehe ihm die unleidliche
Qual der Tortur eine Lüge auspreßte. Er rief Gott und die Heiligen an,
die Wahrheit seiner Aussage und seine gänzliche Unschuld an dem Tode
des geliebten Herrn zu bekräftigen.
»So ist hier«, fuhr der Graf von Vach fort, »ein unerklärliches
Geheimnis im Spiele. Ich selbst, Andres, war von deiner Unschuld
überzeugt, unerachtet vieles wider dich sprach; denn ich wußte ja, daß
du von Jugend auf der treuste Diener meines Oheims gewesen bist, und
ihn selbst einmal in Neapel mit Gefahr deines Lebens aus Räuberhänden
gerettet hast. Allein nur noch gestern haben mir die beiden alten
Jäger meines Oheims Franz und Nikolaus geschworen, daß sie dich
leibhaftig unter den Räubern gesehen und genau bemerkt hätten, wie
du selbst meinen Oheim niederstrecktest.« Andres wurde von den
peinlichsten, schrecklichsten Gefühlen durchbohrt; es war ihm, als
wenn der Satan selbst seine Gestalt angenommen habe, um ihn zu
verderben; denn auch Denner hatte ja sogar im Kerker davon gesprochen,
daß er den Andres wirklich gesehen, und so schien selbst die falsche
Beschuldigung vor Gericht auf innerer wahrer Überzeugung zu beruhen.
Andres sagte dies alles unverhohlen, indem er hinzusetzte, daß er sich
der Schickung des Himmels ergebe, nach welcher er den schmählichen
Tod eines Verbrechers sterben solle, daß aber, sei es auch lange Zeit
nachher, seine Unschuld gewiß an den Tag kommen werde. Der Graf von
Vach schien tief erschüttert; er konnte kaum noch dem Andres sagen,
daß, nach seinem Wunsche, der Tag der Hinrichtung seinem unglücklichen
Weibe verschwiegen geblieben sei, und daß sie sich nebst dem Knaben
bei dem alten Förster aufhalte. Die Rathausglocke erklang dumpf und
schauerlich in abgemessenen Pulsen. Andres wurde angekleidet und der
Zug ging mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten unter dem Zuströmen
unzähligen Volks nach der Richtstätte. Andres betete laut und rührte
durch sein frommes Betragen alle, die ihn sahen. Denner hatte die
Miene des trotzigen verstockten Bösewichts. Er schaute munter und
kräftig um sich, und lachte oft den armen Andres tückisch und
schadenfroh an. Andres sollte zuerst hingerichtet werden; er bestieg
gefaßt mit dem Henker die Leiter, da kreischte ein Weib auf und sank
ohnmächtig einem alten Mann in die Arme. Andres blickte hin, es war
Giorgina; laut erflehte er vom Himmel Fassung und Stärke. »Dort,
dort, sehe ich dich wieder, mein armes unglückliches Weib, ich sterbe
unschuldig!« rief er, indem er den Blick sehnsuchtsvoll zum Himmel
erhob. Der Richter rief dem Henker zu, er möge sich fördern, denn es
entstand ein Murren unter dem Volke und es flogen Steine nach Dennern,
der ebenfalls schon die Leiter bestiegen hatte und die Zuschauer
verhöhnte ob ihres Mitleids mit dem frommen Andres. Der Henker legte
dem Andres den Strick um den Hals, da scholl es aus der Ferne her:
»Halt - halt - um Christus willen halt! - Der Mann ist unschuldig!
- ihr richtet einen Unschuldigen hin!« - »Halt - halt!« schrieen
tausend Stimmen und kaum vermochte die Wache zu steuern dem Volk, das
hinzudrang und den Andres von der Leiter herabreißen wollte. Näher
sprengte nun der Mann zu Pferde, der erst gerufen hatte, und Andres
erkannte auf den ersten Blick in dem Fremden den Kaufmann, der ihm in
Frankfurt Giorginas Erbschaft ausgezahlt hatte. Seine Brust wollte
zerspringen vor Freude und Seligkeit, kaum konnte er sich aufrecht
erhalten als er von der Leiter herabgestiegen. Der Kaufmann sagte dem
Richter, daß zu derselben Zeit, als der Raubmord im Vachschen Schlosse
verübt worden, Andres in Frankfurt, also viele Meilen davon entfernt,
gewesen sei, und daß er dies vor Gericht auf die unzweifelhafteste
Weise durch Urkunden und Zeugen dartun wolle. Da rief der Richter:
»Die Hinrichtung des Andres kann keineswegs geschehen; denn dieser
höchstwichtige Umstand beweiset, wenn er ausgemittelt wird, die
völlige Unschuld des Angeklagten. Man führe ihn sogleich nach dem
Gefängnisse zurück.« Denner hatte alles von der Leiter herab ruhig
angesehen; als aber der Richter diese Worte gesprochen, da rollten
seine glühenden Augen, er knirschte mit den Zähnen, er heulte in
wilder Verzweiflung, daß es gräßlich, wie der namenlose Jammer des
wütenden Wahnsinns, durch die Lüfte hallte: »Satan, Satan! du hast
mich betrogen - weh mir! weh mir! es ist aus - aus - alles verloren!«
Man brachte ihn von der Leiter herab, er fiel zu Boden und röchelte
dumpf: »Ich will alles bekennen - ich will alles bekennen!« Auch _seine_
Hinrichtung wurde verschoben und er ins Gefängnis zurückgeführt, wo
ihm jedes Entspringen unmöglich gemacht worden. Der Haß seiner Wächter
war die beste Schutzwehr gegen die Schlauheit seiner Verbündeten.
- Wenige Augenblicke nachher, als Andres bei dem Gefangenenwärter
angekommen, lag Giorgina in seinen Armen. »Ach Andres, Andres«, rief
sie, »nun habe ich dich ganz wieder, da ich weiß, daß du unschuldig
bist; denn auch ich habe an deiner Redlichkeit, an deiner Frömmigkeit
gezweifelt!« - Unerachtet man Giorginen den Tag der Hinrichtung
verschwiegen, war sie doch von unbeschreiblicher Angst, von seltsamer
Ahnung getrieben, nach Fulda geeilt, und gerade auf die Richtstätte
gekommen, als ihr Mann die verhängnisvolle Leiter bestieg, die ihn
zum Tode führen sollte. Der Kaufmann war die ganze lange Zeit der
Untersuchung über auf Reisen in Frankreich und Italien gewesen, und
jetzt über Wien und Prag zurückgekehrt. Der Zufall, oder vielmehr
eine besondere Schickung des Himmels, wollte, daß er gerade in dem
entscheidendsten Augenblick auf dem Richtplatze ankam, und den armen
Andres von dem schmählichen Tode des Verbrechers rettete. Im Gasthofe
erfuhr er die ganze Geschichte des Andres und es fiel ihm gleich
schwer aufs Herz, daß Andres wohl derselbe Revierjäger sein könne,
der vor zwei Jahren eine Erbschaft, die seinem Weibe von Neapel aus
zugefallen, erhob. Schnell eilte er fort und überzeugte sich, als er
nur Andres sah, sogleich von der Wahrheit seiner Vermutung. Durch
die eifrigen Bemühungen des wackern Kaufmanns und des jungen Grafen
von Vach wurde Andres' Aufenthalt in Frankfurt bis auf die Stunde
ausgemittelt, dadurch aber seine völlige Unschuld an dem Raubmorde
dargetan. Denner selbst gestand nun die Richtigkeit der Angabe des
Andres über das Verhältnis mit ihm und meinte nur, der Satan müsse ihn
geblendet haben; denn in der Tat hätte er geglaubt, Andres fechte auf
dem Vachschen Schloß an seiner Seite. Für die erzwungene Teilnahme
an der Ausplünderung des Pachterhofes, sowie für die gesetzwidrige
Rettung Denners, hatte, nach dem Ausspruch der Richter, Andres genug
gebüßt durch das lange harte Gefängnis und durch die ausgestandene
Marter und Todesangst; er wurde daher durch Urtel und Recht von jeder
weiteren Strafe freigesprochen und eilte mit seiner Giorgina auf das
Vachsche Schloß, wo ihm der edle wohltätige Graf im Nebengebäude eine
Wohnung einräumte, von ihm nur die geringen Jagddienste fordernd,
die des Grafen persönliche Liebhaberei notwendig machte. Auch die
Gerichtskosten bezahlte der Graf, so daß Andres und Giorgina in dem
ungekränkten Besitz ihres Vermögens blieben.
Der Prozeß wider den verruchten Ignaz Denner nahm jetzt eine ganz
andere Wendung. Die Begebenheit auf der Gerichtsstätte schien ihn ganz
umgewandelt zu haben. Sein höhnender teuflischer Stolz war gebeugt,
und aus seinem zerknirschten Innern brachen Geständnisse hervor, die
den Richtern das Haar sträubten. Denner klagte sich selbst mit allen
Zeichen tiefer Reue des Bündnisses mit dem Satan an, das er von seiner
frühen Jugendzeit unterhalten, und so wurde vorzüglich hierauf die
fernere Untersuchung mit dem Zutritt dazu verordneter Geistlichkeit
gerichtet. Über seine früheren Lebensverhältnisse erzählte Denner
so viel Sonderbares, daß man es für das Erzeugnis wahnsinniger
Überspannung hätte halten müssen, wenn nicht durch die Erkundigungen,
die man in Neapel, seinem angeblichen Geburtsort, einziehen ließ,
alles bestätigt worden wäre. Ein Auszug aus den von dem geistlichen
Gericht in Neapel verhandelten Akten ergab über Denners Herkunft
folgende merkwürdige Umstände.
Vor langen Jahren lebte in Neapel ein alter wunderlicher Doktor,
Trabacchio mit Namen, den man seiner geheimnisvollen stets glücklichen
Kuren wegen insgemein den Wunderdoktor zu nennen pflegte. Es schien,
als wenn das Alter nichts über ihn vermöge; denn er schritt rasch
und jugendlich daher, unerachtet mehrere Eingeborne ihm nachrechnen
konnten, daß er an die achtzig Jahre alt sein müßte. Sein Gesicht war
auf eine seltsame grausige Weise verzerrt und verschrumpft, und seinen
Blick konnte man kaum ohne innern Schauer ertragen, wiewohl er oft
den Kranken wohl tat, so daß man sagte, bloß durch den scharf auf den
Kranken gehefteten Blick heile er oftmals schwere hartnäckige Übel.
Über seinen schwarzen Anzug warf er gewöhnlich einen weiten roten
Mantel mit goldnen Tressen und Troddeln, unter dessen bauschichten
Falten der lange Stoßdegen hervorragte. So lief er mit einer Kiste
seiner Arzneien, die er selbst bereitete, durch die Straßen von Neapel
zu seinen Kranken, und jeder wich ihm scheu aus. Nur in der höchsten
Not wandte man sich an ihn, aber niemals schlug er es aus einen
Kranken zu besuchen, hatte er dabei auch nicht sonderlichen Gewinn zu
hoffen. Mehrere Weiber starben ihm schnell; immer waren sie ausnehmend
schön und insgemein Landdirnen gewesen. Er sperrte sie ein und
erlaubte ihnen, nur unter Begleitung einer alten ekelhaft häßlichen
Frau die Messe zu hören. Diese Alte war unbestechlich; jeder noch so
listig angelegte Versuch junger Lüstlinge, den schönen Frauen des
Doktor Trabacchio näher zu kommen, blieb fruchtlos. Unerachtet Doktor
Trabacchio von Reichen sich gut bezahlen ließ, so stand doch seine
Einnahme mit dem Reichtum an Geld und Kleinodien, den er in seinem
Hause aufgehäuft hatte und den er niemanden verhehlte, in keinem
Verhältnis. Dabei war er zu Zeiten freigebig bis zur Verschwendung,
und hatte die Gewohnheit jedesmal, wenn ihm eine Frau gestorben, ein
Gastmahl zu geben, dessen Aufwand wohl doppelt soviel betrug, als
die reichste Einnahme, die ihm seine Praxis ein ganzes Jahr hindurch
verschaffte. Mit seiner letzten Frau hatte er einen Sohn erzeugt, den
er ebenso einsperrte, wie seine Weiber; niemand bekam ihn zu sehen.
Nur bei dem Gastmahl, das er nach dem Tode dieser Frau gab, saß der
kleine dreijährige Knabe an seiner Seite, und alle Gäste waren über
die Schönheit und die Klugheit des Kindes [verwundert], das man,
verriet sein körperliches Ansehen nicht sein Alter, seinem Benehmen
nach wenigstens für zwölfjährig hätte halten können. Eben bei diesem
Gastmahl äußerte der Doktor Trabacchio, daß, da nunmehr sein Wunsch,
einen Sohn zu haben, erreicht sei, er nicht mehr heiraten werde. Sein
übermäßiger Reichtum, aber noch mehr sein geheimnisvolles Wesen, seine
wunderbaren Kuren, die bis ins Unglaubliche gingen, da bloß einigen
von ihm bereiteten und eingeflößten Tropfen, ja oft bloß seiner
Betastung, seinem Blick, die hartnäckigsten Krankheiten wichen, gaben
endlich Anlaß zu allerlei seltsamen Gerüchten, die sich in Neapel
verbreiteten. Man hielt den Doktor Trabacchio für einen Alchymisten,
für einen Teufelsbeschwörer, ja man gab ihm endlich schuld, daß er
mit dem Satan im Bündnis stehe. Die letzte Sage entstand aus einer
seltsamen Begebenheit, die sich mit einigen Edelleuten in Neapel
zutrug. Diese kehrten einst spät in der Nacht von einem Gastmahl
zurück und gerieten, da sie im Weinrausch den Weg verfehlt, in eine
einsame verdächtige Gegend. Da rauschte und raschelte es vor ihnen und
sie wurden mit Entsetzen gewahr, daß ein großer leuchtendroter Hahn,
ein zackicht Hirschgeweihe auf dem Kopfe tragend, mit ausgebreiteten
Flügeln. daherschritt, und sie mit menschlichen funkelnden Augen
anstarrte. Sie drängten sich in eine Ecke, der Hahn schritt vorüber,
und ihm folgte eine große Figur im glänzenden goldverbrämten Mantel.
Sowie die Gestalten vorüber waren, sagte einer von den Edelleuten
leise: »Das war der Wunderdoktor Trabacchio.« Alle, nüchtern geworden
durch den entsetzlichen Spuk, ermutigten sich und folgten dem
angeblichen Doktor mit dem Hahn, dessen Leuchten den genommenen
Weg zeigte. Sie sahen, wie die Gestalten wirklich auf das Haus des
Doktors, das auf einem fernen leeren öden Platze stand, zuschritten.
Vor dem Hause angekommen, rauschte der Hahn in die Höhe, und schlug
mit den Flügeln an das große Fenster über dem Balkon, das sich
klirrend öffnete; die Stimme eines alten Weibes meckerte: »Kommt -
kommt nach Haus - kommt nach Haus - warm ist das Bett, und Liebchen
wartet lange schon - lange schon!« Da war es, als stiege der Doktor
auf einer unsichtbaren Leiter empor, und rausche nach dem Hahn durch
das Fenster, welches zugeschlagen wurde, daß es die einsame Straße
entlang klirrte und dröhnte. Alles war im schwarzen Dunkel der Nacht
verschwunden und die Edelleute standen stumm und starr vor Grausen
und Entsetzen. Dieser Spuk, die Überzeugung der Edelleute, daß die
Gestalt, der der teuflische Hahn vorleuchtete, niemand anders, als der
verrufene Doktor Trabacchio gewesen, war für das geistliche Gericht,
dem alles zu Ohren kam, genug, dem satanischen Wundermann sorglich in
aller Stille nachzuspüren. Man brachte in der Tat heraus, daß in den
Zimmern des Doktors sich oft ein roter Hahn befand, mit dem er auf
wunderliche Weise zu sprechen und zu disputieren schien, als sprächen
Gelehrte über zweifelhafte Gegenstände ihres Wissens. Das geistliche
Gericht war im Begriff den Doktor Trabacchio einzuziehen als
einen verruchten Hexenmeister; aber das weltliche Gericht kam dem
geistlichen zuvor und ließ den Doktor durch die Sbirren aufheben und
ins Gefängnis schleppen, da er eben von dem Besuch eines Kranken
heimkehrte. Die Alte war schon früher aus dem Hause geholt worden,
den Knaben hatte man nicht finden können. Die Türen der Zimmer wurden
verschlossen und versiegelt, Wachen rings um das Haus gestellt. -
Folgendes war der Grund dieses gerichtlichen Verfahrens. Seit einiger
Zeit starben mehrere angesehene Personen in Neapel und in der
umliegenden Gegend und zwar nach der Ärzte einstimmigem Urteil an
Gift. Dies hatte viele Untersuchungen veranlaßt, die fruchtlos
blieben, bis endlich ein junger Mann in Neapel, ein bekannter Lüstling
und Verschwender, dessen Oheim vergiftet worden, die gräßliche Tat
mit dem Zusatz eingestand, daß er das Gift von dem alten Weibe, der
Haushälterin Trabacchios, gekauft habe. Man spürte der Alten nach, und
ertappte sie, als sie eben ein festverschlossenes kleines Kistchen
forttragen wollte, in dem man kleine Phiolen fand, die mit dem Namen
von allerlei Arzneimitteln versehen waren, unerachtet sie flüssiges
Gift enthielten. Die Alte wollte nichts eingestehen; als man ihr
indessen mit der Tortur drohte, da bekannte sie, daß der Doktor
Trabacchio schon seit vielen Jahren jenes künstliche Gift, das unter
dem Namen Aqua Toffana bekannt sei, bereite, und daß der geheime
Verkauf dieses Gifts, der durch sie bewirkt worden, beständig seine
reichste Erwerbsquelle gewesen. Ferner sei es nur zu gewiß, daß er mit
dem Satan im Bündnis stehe, der in verschiedenen Gestalten bei ihm
einkehre. Jedes seiner Weiber habe ihm ein Kind geboren, ohne daß
es jemand außer dem Hause geahnet. Das Kind habe er denn allemal,
nachdem es neun Wochen, oder neun Monate alt worden, unter besonderen
Zurüstungen und Feierlichkeiten auf unmenschliche Weise geschlachtet,
indem er ihm die Brust aufgeschnitten und das Herz herausgenommen.
Jedesmal sei der Satan bei dieser Operation, bald in dieser, bald in
jener Gestalt, meistens aber als Fledermaus mit menschlicher Larve,
erschienen, und habe mit breiten Flügeln das Kohlfeuer angefacht, bei
dem Trabacchio aus des Kindes Herzblut köstliche Tropfen bereitet,
die jeder Siechheit kräftig widerständen. Die Weiber hätte Trabacchio
bald nachher auf diese, oder jene heimliche Weise getötet, so daß
der schärfste Blick des Arztes wohl nie auch die kleinste Spur der
Ermordung habe auffinden können. Nur Trabacchios letztes Weib, die
ihm einen Sohn geboren, der noch lebe, sei des natürlichen Todes
gestorben.
Der Doktor Trabacchio gestand alles unverhohlen ein und schien eine
Freude daran zu finden, das Gericht mit den schauerlichen Erzählungen
seiner Untaten und vorzüglich der nähern Umstände seines entsetzlichen
Bündnisses mit dem Satan in Verwirrung zu setzen, Die Geistlichen,
welche dem Gericht beiwohnten, gaben sich alle nur ersinnliche Mühe,
den Doktor zur Reue und zur Erkenntnis seiner Sünden zu bringen; aber
es blieb vergebens, da Trabacchio sie nur verhöhnte und verlachte.
Beide, die Alte und Trabacchio, wurden zum Scheiterhaufen verurteilt.
- Man hatte unterdessen das Haus des Doktors untersucht und alle seine
Reichtümer hervorgeholt, die, nach Abzug der Gerichtskosten, an die
Hospitäler verteilt werden sollten. In Trabacchios Bibliothek fand
man nicht ein einziges verdächtiges Buch und noch viel weniger gab es
Gerätschaften, die auf die satanische Kunst, die der Doktor getrieben,
hätten hindeuten sollen. Nur ein verschlossenes Gewölbe, dessen viele
durch die Mauer herausragende Röhren das Laboratorium verrieten,
widerstand, als man es öffnen wollte, aller Kunst und aller Gewalt.
Ja, wenn Schlosser und Maurer unter der Aufsicht des Gerichts sich
eifrig bemühten, endlich durchzubrechen, so daß wohl der Zweck
erreicht worden wäre, da kreischten im Innern des Gewölbes
entsetzliche Stimmen, es rauschte auf und nieder, wie mit eiskalten
Flügeln schlug es an die Gesichter der Arbeiter und ein schneidender
Zugwind pfiff in gellenden gräßlichen Tönen durch den Gang, so daß von
Grausen und Entsetzen ergriffen alle flohen, und am Ende niemand mehr
sich an die Tür des Gewölbes wagen wollte, aus Furcht wahnsinnig zu
werden vor Angst und Schrecken. Den Geistlichen, die sich der Tür
nahten, ging es nicht besser und es blieb nichts übrig, als die
Ankunft eines alten Dominikaners aus Palermo zu erwarten, dessen
Standhaftigkeit und Frömmigkeit bisher alle Künste des Satans weichen
mußten. Als dieser Mönch sich nun in Neapel befand, war er bereit den
teuflischen Spuk in Trabacchios Gewölbe zu bekämpfen, und verfügte
sich hin, ausgerüstet mit Kreuz und Weihwasser, begleitet von mehreren
Geistlichen und Gerichtspersonen, die aber weit von der Tür entfernt
blieben. Der alte Dominikaner ging betend auf die Tür los; aber da
erhob sich heftiger das Rauschen und Brausen, und die entsetzlichen
Stimmen verworfener Geister lachten gellend heraus. Der Geistliche
ließ sich jedoch nicht irre machen; er betete kräftiger das Kruzifix
emporhaltend und die Tür mit Weihwasser besprengend. »Man gebe mir ein
Brecheisen!« rief er laut; zitternd reichte es ihm ein Maurerbursche
hin, aber kaum setzte es der alte Mönch an die Türe, als sie mit
furchtbar erschütterndem Knall aufsprang. Blaue Flammen leckten
überall an den Wänden des Gewölbes herauf und eine betäubende
erstickende Hitze strömte aus dem Innern. Demunerachtet wollte der
Dominikaner hineintreten; da stürzte der Boden des Gewölbes ein, daß
das ganze Haus erdröhnte und Flammen prasselten aus dem Abgrunde
hervor, die wütend um sich griffen und alles rings umher erfaßten.
Schnell mußte der Dominikaner mit seiner Begleitung fliehen, um nicht
zu verbrennen, oder verschüttet zu werden. Kaum waren sie auf der
Straße, als das ganze Haus des Doktor Trabacchio in Flammen stand. Das
Volk lief zusammen und jauchzte und jubelte, als es des verruchten
Hexenmeisters Wohnung brennen sah, ohne auch nur das mindeste zur
Rettung zu tun. Schon war das Dach eingestürzt, das inwendige Holzwerk
flammte zu den Wänden heraus und nur die starken Balken des obern
Stocks widerstanden noch der Gewalt des Feuers. Aber vor Entsetzen
schrie das Volk auf, als es Trabacchios zwölfjährigen Sohn mit
einem Kistchen unter dem Arm einen dieser glimmenden Balken entlang
schreiten sah. Nur einen Moment dauerte diese Erscheinung, sie
verschwand plötzlich in den hochaufschlagenden Flammen. - Der
Doktor Trabacchio schien sich herzinniglich zu freuen, als er diese
Begebenheit erfuhr und ging mit verwegener Frechheit zum Tode. Als man
ihn an den Pfahl band, lachte er hell auf und sagte zu dem Henker, der
ihn mordlustig recht fest anschnürte: »Sieh dich vor, Geselle, daß
diese Stricke nicht an deinen Fäusten brennen.« Dem Mönch, der sich
ihm zuletzt noch nahen wollte, rief er mit fürchterlicher Stimme zu:
»Fort! - zurück von mir! Glaubst du denn, daß ich so dumm sein werde,
euch zu Gefallen einen schmerzlichen Tod zu leiden? - noch ist
meine Stunde nicht gekommen.« - Nun fing das angezündete Holz an zu
prasseln; kaum erreichte aber die Flamme den Trabacchio, als es hell
aufloderte, wie Strohfeuer und von einer fernen Anhöhe ein gellendes
Hohngelächter sich hören ließ. Alles schaute hin und Grausen ergriff
das Volk, als [es] den Doktor Trabacchio leibhaftig in dem schwarzen
Kleide, dem goldverbrämten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den
niedergekrempten spanischen Hut mit der roten Feder auf dem Kopfe, das
Kistchen unter dem Arm, ganz wie er sonst durch die Straßen von Neapel
zu laufen pflegte, erblickte. Reiter, Sbirren, hundert andere aus
dem Volk stürzten hin nach dem Hügel, aber Trabacchio war und blieb
verschwunden. Die Alte gab ihren Geist auf unter den entsetzlichsten
Qualen, unter den gräßlichsten Verwünschungen ihres verruchten Herrn,
mit dem sie unzählige Verbrechen geteilt.
Der sogenannte Ignaz Denner war nun kein anderer, als eben der Sohn
des Doktors, der sich damals durch die höllischen Künste seines Vaters
mit einem Kistchen der seltensten und geheimnisvollsten Kostbarkeiten
aus den Flammen rettete. Schon seit der frühesten Jugend unterrichtete
ihn der Vater in den geheimen Wissenschaften und seine Seele war dem
Teufel verschrieben, noch ehe er sein volles Bewußtsein erlangt. Als
man den Doktor Trabacchio ins Gefängnis warf, blieb der Knabe in dem
geheimnisvollen verschlossenen Gewölbe unter den verworfenen Geistern,
die des Vaters höllischer Zauber hineingebannt; da aber endlich dieser
Zauber der Macht des Dominikaners weichen mußte, ließ der Knabe die
verborgenen mechanischen Kräfte wirken, und Flammen entzündeten sich,
die in wenigen Minuten das ganze Haus in Brand steckten, während der
Knabe selbst unversehrt durch das Feuer fort zum Tore hinaus in den
Wald eilte, den ihm der Vater bezeichnet hatte. Nicht lange dauerte
es, so erschien auch Doktor Trabacchio, und floh schnell mit dem
Sohne, bis sie wohl an drei Tagereisen von Neapel in die Ruinen
eines alten römischen Gebäudes kamen, wo der Eingang zu einer weiten
geräumigen Höhle versteckt lag. Hier wurde der Doktor Trabacchio
von einer zahlreichen Räuberbande, mit der er längst in Verbindung
gestanden, und der er durch seine geheime Wissenschaft die
wesentlichsten Dienste geleistet, mit lautem Jubel empfangen. Die
Räuber wollten ihn mit nichts Geringerem lohnen, als mit der Krönung
zum Räuberkönige, wodurch er sich zum Oberhaupt aller Banden, die in
Italien und dem südlichen Deutschland verbreitet waren, aufgeschwungen
hätte. Der Doktor Trabacchio erklärte, diese Würde nicht annehmen
zu können, da er der besondern Konstellation wegen, die über ihn
walte, nunmehr ein ganz unstetes Leben führen müsse, und von keinem
Verhältnis gebunden werden könne; doch werde er noch immer den Räubern
mit seiner Kunst und Wissenschaft beistehn, und sich dann und wann
sehen lassen. Da beschlossen die Räuber, den zwölfjährigen Trabacchio
zum Räuberkönige zu wählen und damit war der Doktor höchlich
zufrieden, so daß der Knabe von Stund an unter den Räubern blieb,
und, als er funfzehn Jahr alt worden, schon als wirkliches Oberhaupt
mit ihnen auszog. Sein ganzes Leben war von nun an ein Gewebe von
Greueltaten und Teufelskünsten, in welche ihn der Vater, der sich
oftmals blicken ließ und zuweilen wochenlang einsam mit seinem Sohne
in der Höhle blieb, immer mehr einweihte. Die kräftigen Maßregeln
des Königs von Neapel gegen die Räuberbanden, die immer kecker und
verwegener wurden, noch mehr aber die entstandenen Zwistigkeiten der
Räuber hoben endlich das gefährliche Bündnis unter _einem_ Oberhaupte
auf und den Trabacchio selbst, der sich durch seinen Stolz und durch
seine Grausamkeit verhaßt gemacht hatte, konnten seine vom Vater
erlernte Teufelskünste nicht vor den Dolchen seiner Untergebenen
schützen. Er floh nach der Schweiz, gab sich den Namen Ignaz Denner,
und besuchte als reisender Kaufmann die Messen und Jahrmärkte in
Deutschland, bis sich aus den zerstreuten Gliedern jener großen
Bande eine kleinere bildete, die den vormaligen Räuberkönig zu ihrem
Oberhaupt wählte. Trabacchio versicherte, wie sein Vater noch zur
Stunde lebe, ihn noch im Gefängnis besucht, und Rettung von der
Gerichtsstätte versprochen habe. Nur dadurch, daß, wie er nun wohl
einsehe, göttliche Schickung den Andres vom Tode errettet, sei die
Macht seines Vaters entkräftet worden, und er wolle nun als reuiger
Sünder allen Teufelskünsten abschwören und geduldig die gerechte
Todesstrafe erleiden.
Andres, der alles dieses aus dem Munde des Grafen von Vach erfuhr,
zweifelte keinen Augenblick, daß es wohl eben Trabacchios Bande
gewesen, die ehemals im Neapolitanischen seinen Herrn anfiel, so wie
er überzeugt war, daß der alte Doktor Trabacchio selbst im Gefängnis
ihm wie der leibhaftige Satan erschien und verlocken wollte zum
bösen Beginnen. Nun sah er erst recht ein, in welch großer Gefahr er
geschwebt hatte seit der Zeit, als Trabacchio in sein Haus getreten;
wiewohl er noch immer nicht begreifen konnte, warum es denn der
Verruchte so ganz und gar auf ihn und sein Weib gemünzt hatte, da der
Vorteil, den er aus seinem Aufenthalt in dem Jägerhause zog, nicht so
bedeutend sein konnte.
Andres befand sich nach den entsetzlichen Stürmen nun in ruhiger
glücklicher Lage, allein zu erschütternd hatten jene Stürme getobt,
um nicht in seinem ganzen Leben dumpf nachzuhallen. Außer dem, daß
Andres, sonst ein starker kräftiger Mann, durch den Gram, durch
das lange Gefängnis, ja durch den unsäglichen Schmerz der Tortur
körperlich zugrunde gerichtet, siech und krank daherschwankte und kaum
noch die Jagd treiben konnte, so welkte auch Giorgina, deren südliche
Natur von dem Grame, von der Angst, von dem Entsetzen wie von
brennender Glut aufgezehrt wurde, zusehends hin. Keine Hülfe war
für sie mehr vorhanden, sie starb wenige Monate nach ihres Mannes
Rückkehr. Andres wollte verzweifeln und nur der wunderschöne kluge
Knabe, der Mutter getreues Ebenbild, vermochte ihn zu trösten. Um
dieses willen tat er alles, sein Leben zu erhalten, und sich soviel
als möglich zu kräftigen, so daß er nach Verlauf von beinahe zwei
Jahren wohl an Gesundheit zugenommen und manchen lustigen Jägergang in
den Forst unternehmen konnte. - Der Prozeß wider den Trabacchio hatte
endlich sein Ende erreicht und er war, so wie vor alter Zeit sein
Vater, zum Tode durchs Feuer verdammt worden, den er in weniger Zeit
erleiden sollte.
Andres kam eines Tages, als die Abenddämmerung schon eingebrochen, mit
seinem Knaben aus dem Forst zurück; schon war er dem Schlosse nahe,
als er ein klägliches Gewimmer vernahm, das aus dem ihm nahen
ausgetrockneten Feldgraben zu kommen schien. Er eilte näher und
erblickte einen Menschen, der in elende schmutzige Lumpen gehüllt, im
Graben lag und unter großen Schmerzen den Geist aufgeben zu wollen
schien. Andres warf Flinte und Büchsensack ab, und zog mit Mühe
den Unglücklichen heraus; aber als er nun dem Menschen ins Gesicht
blickte, erkannte er mit Entsetzen den Trabacchio. Zurückschaudernd
ließ er von ihm ab; aber da wimmerte Trabacchio dumpf. »Andres,
Andres, bist du es? um der Barmherzigkeit Gottes willen, der ich meine
Seele empfohlen, habe Mitleid mit mir! Wenn du mich rettest, rettest
du eine Seele von ewiger Verdammnis; denn bald ereilt mich ja der Tod,
und noch nicht vollendet ist meine Buße!« - »Verdammter Heuchler«,
schrie Andres auf; »Mörder meines Kindes, meines Weibes, hat dich
nicht der Satan wieder hergeführt, damit du mich vielleicht noch
verderbest? Ich habe mit dir nichts zu schaffen. Stirb und vermodere
wie ein Aas, Verruchter!« Andres wollte ihn zurückstoßen in den
Graben; da heulte Trabacchio in wildem Jammer: »Andres! du rettest den
Vater deines Weibes, deiner Giorgina, die für mich betet am Throne des
Höchsten!« Andres schauderte zusammen; mit Giorginas Namen fühlte er
sich von schmerzlicher Wehmut ergriffen. Mitleid mit dem Mörder seiner
Ruhe, seines Glücks, durchdrang ihn, er faßte den Trabacchio, lud
ihn mit Mühe auf und trug ihn nach seiner Wohnung, wo er ihn mit
stärkenden Mitteln erquickte. Bald erwachte Trabacchio aus der
Ohnmacht, in die er versunken.
In der Nacht vor der Hinrichtung ergriff den Trabacchio die
entsetzlichste Todesangst; er war überzeugt, daß ihn nichts mehr
von der namenlosen Marter des Feuertodes retten würde. Da faßte
und rüttelte er in wahnsinniger Verzweiflung die Eisenstäbe des
Gitterfensters und zerbröckelt blieben sie in seinen Händen. Ein
Strahl der Hoffnung fiel in seine Seele. Man hatte ihn in einen Turm
dicht neben dem trocknen Stadtgraben gesperrt; er schaute in die Tiefe
und der Entschluß sich hinabzustürzen, und so sich zu retten, oder zu
sterben, war auf der Stelle gefaßt. Der Ketten hatte er sich bald mit
geringer Anstrengung entledigt. Als er sich hinauswarf, vergingen ihm
die Sinne, er erwachte, als die Sonne hell strahlte. Da sah er, wie er
zwischen Strauchwerk in hohes Gras gefallen, aber an allen Gliedern
verstaucht und verrenkt, vermochte er sich nicht zu regen und zu
rühren. Schmeißfliegen und anderes Ungeziefer setzten sich auf seinen
halbnackten Körper und stachen und leckten sein Blut, ohne daß er sie
abwehren konnte. So brachte er einen martervollen Tag hin. Erst des
Nachts gelang es ihm weiter zu kriechen und er war glücklich genug,
an eine Stelle zu kommen, wo sich etwas Regenwasser gesammelt hatte,
welches er begierig einschlürfte. Er fühlte sich gestärkt und
vermochte mühsam hinanzuklimmen und sich fortzuschleichen, bis er den
Forst erreichte, der unfern von Fulda anhob und sich beinahe bis an
das Vachsche Schloß erstreckte. So war er bis in die Gegend gekommen,
wo ihn Andres mit dem Tode ringend fand. Die entsetzliche Anstrengung
der letzten Kraft hatte ihn ganz erschöpft und wenige Minuten später
hätte ihn Andres sicherlich tot gefunden. Ohne daran zu denken, was
künftig mit dem Trabacchio, der der Obrigkeit entflohen, werden
sollte, brachte ihn Andres in ein einsames Zimmer und pflegte ihn auf
alle nur mögliche Weise, aber so behutsam ging er dabei zu Werke, daß
niemand die Anwesenheit des Fremden ahnte; denn selbst der Knabe,
gewohnt dem Vater blindlings zu gehorchen, verschwieg getreulich
das Geheimnis. Andres frug nun den Trabacchio, ob er denn gewiß und
wahrhaftig Giorginas Vater sei. »Allerdings bin ich das«, erwiderte
Trabacchio. »In der Gegend von Neapel entführte ich einst ein
bildschönes Mädchen, die mir eine Tochter gebar. Nun weißt du schon,
Andres, daß eines der größten Kunststücke meines Vaters die Bereitung
jenes köstlichen wundersamen Liquors war, wozu das Hauptingredienz
das Herzblut von Kindern ist, die neun Wochen, neun Monate, oder neun
Jahre alt und von den Eltern dem Laboranten freiwillig anvertraut sein
müssen. Je näher die Kinder mit dem Laboranten in Beziehung stehen,
desto wirkungsvoller entsteht aus ihrem Herzblut Lebenskraft, stete
Verjüngung, ja selbst die Bereitung des künstlichen Goldes. Deshalb
schlachtete mein Vater seine Kinder und ich war froh, das Töchterlein,
das mir mein Weib geboren, auf solche verruchte Weise höheren Zwecken
opfern zu können. Noch kann ich nicht begreifen, auf welche Weise mein
Weib die böse Absicht ahnte; aber sie war vor Ablauf der neunten Woche
verschwunden und erst nach mehrern Jahren erfuhr ich, daß sie in
Neapel gestorben sei und ihre Tochter Giorgina bei einem grämlichen
geizhalsigen Gastwirt erzogen würde. Ebenso wurde mir ihre
Verheiratung mit dir und dein Aufenthalt bekannt. Nun kannst du dir
erklären, Andres, warum ich deinem Weibe gewogen war und warum ich,
ganz erfüllt von meinen verruchten Teufelskünsten, deinen Kindern so
nachstellte. - Aber dir, Andres, dir allein und deiner wunderbaren
Rettung durch Gottes Allmacht verdanke ich meine tiefe Reue, meine
innere Zerknirschung. Übrigens ist das Kistchen mit Kleinodien, das
ich deinem Weibe gab, dasjenige, welches ich auf des Vaters Geheiß
aus den Flammen rettete, du kannst es getrost aufbewahren für deinen
Knaben.« - »Das Kistchen«, fiel Andres ein, »hat Euch ja Giorgina
wiedergegeben an jenem schrecklichen Tag, da Ihr den gräßlichen Mord
verübtet?«
»Allerdings«, erwiderte Trabacchio; »allein ohne daß es Giorgina
wußte, kam es wieder in Euern Besitz. Seht nur nach in der großen
schwarzen Truhe, die in Euerm Hausflur steht, da werdet Ihr das
Kistchen auf dem Boden finden.« Andres suchte in der Truhe und fand
das Kistchen wirklich ganz in dem Zustande wieder, wie er es damals
zum erstenmal von Trabacchio in Verwahrung erhalten.
Andres fühlte in sich unheimlichen Unmut, ja er konnte sich des
Wunsches nicht erwehren, daß Trabacchio tot gewesen sein möge, als er
ihn im Graben fand. Freilich schien Trabacchios Reue und Buße wahrhaft
zu sein; denn ohne seine Klause zu verlassen, brachte er seine Zeit
nur damit hin, in andächtigen Büchern zu lesen und seine einzige
Ergötzlichkeit war die Unterhaltung mit dem kleinen Georg, den er über
alles zu lieben schien. Andres beschloß indessen doch auf seiner Hut
zu sein und eröffnete bei erster Gelegenheit das ganze Geheimnis dem
Grafen von Vach, der über das seltene Spiel des Schicksals nicht
wenig verwundert war. So vergingen einige Monate, der Spätherbst
war eingetreten und Andres mehr auf der Jagd, als sonst. Der Kleine
blieb gewöhnlich bei dem Großvater und einem alten Jäger, der um das
Geheimnis wußte. Eines Abends war Andres von der Jagd zurückgekehrt,
als der alte Jäger hineintrat und nach seiner treuherzigen Weise
anfing: »Herr, Ihr habt einen bösen Kumpan im Hause. Zu dem kommt
der Gottseibeiuns! durchs Fenster und geht wieder ab in Rauch und
Dampf.« Dem Andres wurde es bei dieser Rede zumut, als hätt ihn ein
Blitzstrahl getroffen. Er wußte nur zu genau, was das zu bedeuten
hatte; als ihm der alte Jäger weiter erzählte, wie er schon mehrere
Tage hintereinander in später Abenddämmerung in Trabacchios Zimmer
seltsame Stimmen gehört, die wie im Zank durcheinander geplappert, und
heute zum zweitenmal habe es ihm, indem er Trabacchios Türe schnell
geöffnet, geschienen, als rausche eine Gestalt im roten goldverbrämten
Mantel zum Fenster hinaus. In vollem Zorn eilte Andres herauf zum
Trabacchio, hielt ihm vor, was sein Jäger ausgesagt und kündigte ihm
an, daß er sich's gefallen lassen müsse, ins Schloßgefängnis gesperrt
zu werden, wenn er nicht allen bösen Tritten entsage. Trabacchio blieb
ruhig, und erwiderte im wehmütigen Ton: »Ach, lieber Andres! nur
zu wahr ist es, daß mein Vater, dessen Stündlein noch immer nicht
gekommen, mich auf unerhörte Weise peinigt und quält. Er will, daß ich
mich ihm wieder zuwende, und der Frömmigkeit, dem Heil meiner Seele
entsage, allein ich bin standhaft geblieben, und glaube nicht, daß er
wiederkehren wird, da er gesehen, daß er nicht mehr über mich Macht
hat. Bleibe ruhig, lieber Sohn Andres! und laß mich bei dir als ein
frommer Christ versöhnt mit Gott sterben!« In der Tat schien auch
die feindliche Gestalt auszubleiben, indessen war es, als würden
Trabacchios Augen wieder glühender, er lächelte zuweilen so seltsam
höhnisch, wie sonst. Während der Betstunde, die Andres jeden Abend mit
ihm zu halten pflegte, schien er oft krampfhaft zu erzittern; zuweilen
strich eine seltsam pfeifende Zugluft durch das Zimmer, welche die
Blätter der Gebetbücher raschelnd umschlug, ja die Bücher selbst dem
Andres aus den Händen warf. »Gottloser Trabacchio, verruchter Satan!
_Du_ bist es, der hier höllischen Spuk treibt! Was willst du von mir?
hebe dich weg, denn du hast keine Macht über mich! - hebe dich weg!«
- So rief Andres mit starker Stimme! Da lachte es höhnisch durch das
Zimmer hin, und schlug wie mit schwarzen Fittigen an das Fenster. Und
doch war es nur der Regen, der an das Fenster geschlagen, und der
Herbstwind, der durch das Zimmer geheult, wie Trabacchio meinte, als
das Unwesen wieder einmal recht arg war und Georg vor Angst weinte.
»Nein«, rief Andres: »Euer gottloser Vater könnte hier nicht so
herumspuken, wenn Ihr aller und jeder Gemeinschaft mit ihm entsagt
hättet. Ihr müßt fort von mir. Eure Wohnung ist Euch längst bereitet.
Ihr müßt fort ins Schloßgefängnis; dort möget Ihr Euern Spuk treiben
wie Ihr wollt.« Trabacchio weinte heftig, er bat um aller Heiligen
willen ihn im Hause zu dulden und Georg, ohne zu begreifen, was das
alles wohl bedeute, stimmte in seine Bitten ein. »So bleibt denn noch
morgen hier«, sagte Andres, »ich will sehen, wie es mit der Betstunde
gehen wird, wenn ich heimkomme von der Jagd.« Am andern Tage gab es
herrliches Herbstwetter, und Andres versprach sich eine reiche Beute.
Als er von dem Anstand zurückkehrte, war es ganz finster geworden. Er
fühlte sich im innersten Gemüt besonders bewegt; seine merkwürdigen
Schicksale, Giorginas Bild, sein ermordeter Knabe traten ihm so
lebendig vor Augen, daß er tief in sich gekehrt, immer langsamer und
langsamer den Jägern nachschlenderte, bis er sich endlich unversehends
auf einem Nebenwege allein im Forst befand. Im Begriff zurückzukehren
in den breiten Waldweg, wurde er ein blendendes Licht gewahr, welches
durch das dickste Gebüsch flackerte. Da ergriff ihn eine wunderbare
verworrene Ahnung großer Greueltat, die verübt werde; er drang durch
das Dickicht, er war dem Feuer nahe, da stand des alten Trabacchio
Gestalt im goldverbrämten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den
niedergekrempten Hut mit roter Feder auf dem Kopfe, das Arzneikistchen
unterm Arm. Mit glühenden Augen blickte die Gestalt in das Feuer,
das wie in rot und blau flammenden Schlangen unter einer Retorte
hervorloderte. Vor dem Feuer lag Georg nackt ausgebreitet auf einer
Art Rost und der verruchte Sohn des satanischen Doktors hatte hoch
das funkelnde Messer erhoben zum Todesstoß. Andres schrie auf vor
Entsetzen; aber sowie der Mörder sich umblickte, sauste schon die
Kugel aus Andres' Büchse und Trabacchio stürzte mit zerschmettertem
Gehirn über das Feuer hin, das im Augenblick erlosch. Die Gestalt des
Doktors war verschwunden. Andres sprang hinzu, stieß den Leichnam
beiseite, band den armen Georg los und trug ihn schnell fort bis
ins Haus. Dem Knaben fehlte nichts; nur die Todesangst hatte ihn
ohnmächtig gemacht. Den Andres trieb es heraus in den Wald, er
wollte sich von Trabacchios Tode überzeugen und den Leichnam gleich
verscharren; er weckte daher den alten Jäger, der in tiefen,
wahrscheinlich von Trabacchio bewirkten Schlaf gesunken, und beide
gingen mit Laterne, Hacke und Spaten an die nicht weit
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