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Das Nest der Zaunkönige

by Gustav Freytag · German · Gutenberg #51151 · 608,099 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Das Nest der Zaunkönige
    
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Title: Das Nest der Zaunkönige

Author: Gustav Freytag


        
Release date: February 8, 2016 [eBook #51151]
                Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NEST DER ZAUNKÖNIGE ***

    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt.

    Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

    Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.




    Gustav Freytag

    Das Nest
    der Zaunkönige

    Erzählung aus dem Anfang
    des 11. Jahrhunderts

    114.--123. Tausend

    [Illustration]

    S. Hirzel Verlag Leipzig/1917

    [Illustration]




1.

Im Jahr 1003.


Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda gießt, lag zwischen
Wiesen und fruchtbaren Feldern das Kloster Herolfsfeld. Hohe Fürsten
des Himmels waren seine Beschützer, denn die Klosterkirche umschloß
die Reliquien zweier Apostel; doch den größten Eifer für das Gedeihen
des Klosters hatten zwei Gefährten des heiligen Bonifacius bewiesen:
Erzbischof Lullus, der die ersten Mönche auf das leere Feld führte,
und der Heidenbekehrer Wigbert, dessen Gebeine erst viele Jahre nach
seinem Tode im Kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch
zahllose Wunder den Ruhm der Stätte erhöhte. Als das stärkste von
seinen Wundern rühmten die Leute, daß in der einsamen Landschaft ein
mächtiges Menschenwerk entstanden war, Türme und hohe Kirchgiebel, um
diese herum eine große Zahl von Gebäuden aus Stein und Lehm, deren
wettergraue Holzdächer wie Silber in der Mittagsonne glänzten. Was
man Kloster nannte, war in Wahrheit eine feste Stadt geworden, durch
Mauern, Pfahlwerk und Graben von der Ebene geschieden. Länger als
zweihundert Jahre hatten die Mönche gebetet, um den Gläubigen Heil und
guten Empfang in jenem Leben zu bereiten, dafür waren sie selbst reich
geworden an irdischem Grundbesitz, den ihnen fromme Christen in der
bittern Sorge um das Jenseits gespendet hatten. Die Burgen, Dörfer
und Weiler, welche ihnen gehörten, lagen über viele Gaue verteilt,
nicht nur im Lande der Hessen, auch unter Sachsen und Bayern, vor
allem in Thüringen. Ein guter Teil des Kirchengutes, das Bonifacius
erworben hatte, darunter die ersten Schenkungen, welche die Waldleute
in Thüringen zur Heidenzeit gemacht, gehörte jetzt dem Kloster, und
wenn der Abt seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt
aufrief, so zogen sie dem Lager der Sachsenkaiser zu als ein Heer von
Reitern und Fußvolk, in ihrer Mitte der Abt als großer Herr des Reiches
mit einem Gefolge von edlen Vasallen. Länger als zweihundert Jahre
hatten die Brüder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden Wald und
das wilde Kraut gekämpft, hatten unermüdlich die Halmfrucht gesäet,
Obstbäume gepflanzt und Weingärten eingehegt. So waren sie allmählich
große Landbauer geworden, nach Tausenden zählten sie ihre Hufen, ihre
zinspflichtigen Höfe und die Familien der unfreien Arbeiter. Jetzt
saßen sie in der Fülle guter Dinge als eine Genossenschaft von hundert
und fünfzig Brüdern zwischen gefüllten Scheuern und springenden Herden,
sahen vergnügt über die reiche Habe und ordneten selbst als umsichtige
Landwirte das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen, deren Häuser im Zaun
ihres Herrenhofes standen oder seitwärts an der Fulda zu einem großen
Dorfe vereinigt waren. Doch nicht allein über Landarbeit, sondern über
alles, was Handwerk und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte, walteten
als Meister die Genossen, welche sich dem Christengott gelobt hatten.
Neben dem Palast des Abtes und den Gasthäusern für Fremde, zwischen den
Viehhöfen und Scheuern, dem Brauhause und den weiten Kellergewölben
erklang der schwere Hammer des Waffenschmieds auf dem Ambos, und
daneben der kleine Hammer des Künstlers, welcher edle Steine in Gold
und Silber zu fassen wußte für Kirchengerät, für kostbare Bücherdeckel
und für Trinkgefäße des Abtes und vornehmer Gäste. Ein Bruder bewahrte
den Schlüssel zu dem Rüsthaus, in welchem die Helme, Schwerter und
Schilde für ein ganzes Heer bereit lagen, ein anderer zählte den
Gerbern die Häute zu, prüfte kunstverständig ihre Arbeit, mischte die
Farbe und kochte die Beize für buntes Leder und Gewand. Und wieder ein
anderer maß die Räume für neue Bauten, verfertigte den Riß und wies die
Maurer an, wie sie den Gewölbbogen schwingen und dauerhaften Mörtel
mischen sollten. Von weiter Ferne her zogen die Leute zum Kloster,
nicht nur um bei den Gebeinen der Heiligen zu beten und durch Gaben
das Gebet der Mönche zu kaufen; auch wer klugen Rat und irdischen
Vorteil begehrte, suchte dort Beistand. Der Kaufmann fand Waren, die er
gegen andere vertauschte, der große Grundherr holte sich den Bauplan
für ein Steinhaus, das er auf luftiger Höhe errichten wollte oder bat
um einen meßkundigen Bruder, der ihm fernes Wasser in seinen Hof zu
leiten und einen Fluß mit steinerner Brücke zu überspannen wußte. Wer
vollends krank war, der neigte sich flehend vor dem Arzte des Klosters
und erhielt aus der Apotheke die Holzbüchse mit kräftiger Salbe und
den ruhmvollen Trank des heiligen Wigbert. Jeder Dürftige und Bettler
im Lande kannte das Haus, denn er war sicher, dort Hilfe gegen den
Hunger zu finden und gutherzige Spende an den nötigsten Kleidern. Was
die einen in ihrer Sündenangst vor den Altären der Heiligen opferten,
um den Himmel zu gewinnen, das vermehrte vielen anderen die Freude
des irdischen Lebens. Aber die Mönche selbst, die sich dem Herrn zu
demütiger Entsagung und Buße geweiht hatten, wurden allmählich stolze
Lehrer und Gebieter in weltlichen Dingen und vermochten nicht mehr mit
der alten Klosterzucht Haus zu halten.

       *       *       *       *       *

An einem heißen Nachmittag des Sommers lag auf den Stufen des
Hochaltars ein fremder Mönch in stillem Gebet. Stab und Reisehut hinter
ihm ließen erkennen, daß er neu angekommen war; bei dem Reisegerät
kniete ein junger Bruder des Klosters, der ihn begleitet hatte. In
dem Chorstuhl zunächst dem Sitz des Abtes saß der Dekan Tutilo,
welcher Präpositus des Klosters war, ein hoher breitschultriger Mann
mit jähzornigen Augen und buschigen Augenbrauen, er hielt die Hände
nachlässig gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden, dessen Andacht
kein Ende nehmen wollte. Klein war die Zahl der Väter, welche das Gebet
abwarteten, nur wenige der Ehrwürdigsten saßen in den Stühlen, unter
ihnen Heriger, der Kellermeister, ein fröhlicher Mann und Liebling
der Brüder, dem alle gern dienten und der jeden mit freundlicher Rede
gefügig machte, dann der Pförtner Walto, welcher Sprecher des Klosters
war, als kluger Herr wohlbekannt im ganzen Lande; auch die beiden
Alten, Bertram und Sintram, zwei Sachsen, welche mit ihren runden
Köpfen und weißen Haarkronen einander ähnlich sahen wie Zwillinge und
deshalb von den Mönchen im Scherz die Stiefel genannt wurden; sie
waren an einem Tage ins Kloster gekommen, wohnten in derselben Zelle
und arbeiteten beide in den Gärten; was einer wollte, gefiel auch dem
andern und sie wandelten stets zusammen, obgleich sie schweigsam waren
und auch miteinander nicht viel redeten.

Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem Haupt vor den
Dekan trat, ergriff dieser seine Hand, führte ihn in die Mitte des
Chors und neigte ihm das Ohr zu, in welches der Fremde die geheimen
Worte sprach, an denen die Priester und Würdenträger von der Regel
Benedikts einander erkannten. »Gesegnet sei dein Eingang, mein Bruder
Reinhard,« antwortete der Dekan mit rauher Stimme, welche von der
Decke zurückhallte, und gab den Bruderkuß, worauf der Fremde den
andern Brüdern dasselbe tat. »Nicht mühelos wird das Lehramt sein, zu
dem du aus der Schulstube des Klosters Altaha gerufen bist, denn du
wirst harte Köpfe finden und eine zuchtlose Herde; doch dem heiligen
Wigbert fehlt es nicht an Bäumen, um Ruten daraus zu schneiden. Komm,
daß ich dir unsere Häuser zeige und die Walstatt, auf welcher du den
Krieg gegen die Unwissenheit führen sollst.« Er ging voraus, die Brüder
folgten, zuletzt der junge Mönch mit dem Reisegerät des Fremden.

Tutilo führte in die Klausur, die große Burg des Klosters, welche
zweistöckig inmitten aller Höfe und Gebäude ragte. Sie enthielt die
Wohnungen der Mönche und der geweihten Schüler, die von ihren Eltern
in den Zipfel der Altardecke gewickelt waren, damit sie einst Mönche
würden. Das Haus stand im Viereck um einen freien Platz, von allen
Seiten nach außen geschlossen, nur durch die Kirche war der Eingang
und gegenüber ein Ausgang zu den Küchen und Nebengebäuden. In der
Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbäume einen Brunnen, und nach dem
Hofe öffnete sich der ganze Bau, denn ein weiter Säulengang zog sich
am Unterstock den vier Seiten entlang und die Mauer des Oberstocks
erhob sich auf den schön gemeißelten Steinsäulen. Zwischen die Säulen
waren bequeme Holzbänke gestellt, damit die Brüder bei schlechtem
Wetter lustwandeln oder ausruhen konnten, wie es ihnen gefiel. Ganz
verlassen stand das Haus, der Fremde vermochte kein geschorenes Haupt
zu entdecken, obgleich in dieser Stunde die Regel den Brüdern erlaubte,
sich von Arbeit und Gebet zu erholen. Tutilo merkte die suchenden
Blicke des Bruders und auf den Säulengang weisend, erklärte er: »An
anderen Tagen würdest du die Hände oft rühren müssen, wenn du die Menge
der Brüder und Schüler an den Fingern abzählen wolltest, heut aber sind
sie ausgezogen. Die letzten Tage waren schwül, ein Wetter droht und
das ganze Gesinde des heiligen Wigbert arbeitet im Heu. Dies ist alter
Brauch des Klosters, er stammt, wie sie sagen, aus der Zeit der ersten
Väter, jetzt freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit. Bald
wirst du ihr Gewimmel merken, wenn sie zurückkehren.«

Als sie die innern Räume betraten, sah der zugewanderte Bruder in
dem großen Refektorium einen Kredenztisch mit schönen Bechern und
Trinkkannen, darunter nicht wenige von edlem Metall, und als er in
einen Gang kam, an welchem Zellen der Brüder lagen, erblickte er durch
die offenen Türen große Stühle mit seidenen Kissen belegt, auf den
Lagerstätten weiche Kopfkissen und lodige Decken von buntgefärbter
Wolle, die mit gestickten Borten eingefaßt waren, daneben große Truhen
und metallene Leuchter mit Wachslichtern oder schwere vergoldete
Lampen, auf einem Tische sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Männlein
und Tieren, so daß er merkte, wie die Mönche unter Gerätschaften,
die sie sich selbst erworben hatten, ganz gemächlich hausten. Und
Reinhard, obwohl er als Mönch gewöhnt war, seine Zunge zu hüten, konnte
den Ausruf nicht unterdrücken: »Gleich weltlichen Fürsten wohnen die
Knechte des Heiligen.«

Tutilo merkte das Mißfallen, aber er erwiderte stolz: »Auch ich meine,
daß unsere Brüder ihr Haupt hoch tragen dürfen, wenn sie sich mit den
Weltleuten vergleichen. Doch was du hier von eigenem Gut der Brüder
etwa gesehen hast, gehört nur den Dekanen und den Alten, denn diese
allein haben die Lizenz.«

Der Fremde senkte schweigend das Haupt. Tutilo winkte dem jungen Mönch
zurückzubleiben, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete
in dem Kreuzgang eine niedrige Pforte, die er hinter seinen Begleitern
wieder verschloß. Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Ställen
und Vorratshäusern vor einem stattlichen Holzbau, um den ein Laubengang
führte. Doch auch hier war alles leer, die Lichtöffnungen des Hauses
waren mit Fensterglas und Blei verschlossen, aber die Scheiben waren
erblindet und manche Raute war zerschlagen. »Du weißt ja wohl,« fuhr
Tutilo mit düsterer Miene fort, »daß Herr Bernheri, unser Abt, es
verschmäht, unter den Brüdern zu wohnen. Dort oben auf dem Berge St.
Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich hergerichtet, dort haust
er mit denen, die ihm am liebsten sind, und selten betritt sein Fuß
diesen Herrenhof. Oben hört man's deutlicher, wenn der Auerhahn balzt
und der Hirsch schreit. Wir aber in der Tiefe harren der Gebote, welche
er aus der Höhe zu uns sendet. Hier beginnt wieder dein Reich,« fuhr er
fort und geleitete in einen andern umhegten Hof. »Hier ist die äußere
Schule, worin die Schüler zu übermütigen Weltgeistlichen erzogen
werden; dreißig Scholastiker zählte das Kloster, erst seit dem Tode
deines Vorgängers hat sich die Zahl vermindert. An der ersten Bank
sitzen nur Söhne von Edlen, meist Thüringe und Hessen, trotzige Knaben
sind darunter, ungern fügen sich die stolzen darein, im Kloster zu
dienen.«

»Schwingen auch sie heut das gedörrte Gras?« frug der Fremde.

»Einen wenigstens magst du sehen,« versetzte der Kellermeister Heriger
leise und wies nach der Höhe. In dem Schalloch des Glockenturmes saß
ein Jüngling und starrte hinaus auf die Höhen im Osten, ohne die Mönche
im Hofe zu beachten. »Es ist Immo, der Thüring, er hängt oft dort oben
und immer sieht er nach derselben Himmelsseite, weil dort seine Heimat
liegt!«

Reinhard maß den Jüngling mit einem schnellen Blick: »Erkenne ich
ihn recht auf seinem luftigen Sitze, so sieht er mehr einem jungen
Kriegsmann ähnlich, als einem Schüler, der auf das heilige Öl und die
Stola hofft.«

»Du wirst ihn wild und tückisch finden,« versetzte Tutilo. »In den
ersten Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen, jetzt tun ihm
Hunger und Geißel not, und du würdest ihn vielleicht im Keller auf
dem Stroh erblicken, statt dort in hoher Luft, wenn die Brüder nicht
allzuoft an das Verdienst seines Ahnherrn dächten.«

»Denn wisse, mein Bruder,« fuhr Heriger fort, »er ist aus dem
Geschlechte eines seligen Helden, der, wie sie sagen, zugleich mit dem
heiligen Bonifacius von den Heiden erschlagen wurde. Sein Ahnherr war
es, zu dem der Heilige in der Todesnot seine letzten Worte sprach,
welche in den Büchern geschrieben stehen: Wirf dein Schwert von dir!
Und darum haben auch von je die Männer und Frauen seines Geschlechtes
unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet.«

Gegenüber dem Schülerhause lag der Kirche angebaut die Bibliothek und
die Stube der Schreiber. Der Fremde betrat ein kahles Gemach; die
beiden Fenster waren durch Glas und Blei verschlossen, aber große
Spinnengewebe hingen an Wand und Rahmen, und durch die Scheiben drang
nur ein trübes Zwielicht, so daß eine brennende Lampe das Beste
tun mußte, um den Raum zu erhellen. Vor der Lampe saß am Pult ein
schreibender Mönch. Langsam erhob er sich, als die Brüder eintraten,
und noch während er den Ankömmling begrüßte, waren die kleinen Augen in
seinem runzligen Gesicht auf die Pergamentblätter gerichtet.

»Willst du deinen Augen Pönitenz antun, Vater Gozbert,« begann Tutilo
verwundert, »daß du das Sonnenlicht aussperrst?«

»Es muß ein dunkler Nebel in der Welt sein,« versetzte der Mönch, »denn
es will nicht hell werden.«

»Nicht der Nebel ist es, der dir das Licht raubt, sondern die Bosheit
anderer,« rief Tutilo, das Fenster öffnend, »sieh her, die Scheiben
sind von außen durch trübe Farbe verdunkelt und merke, jemand hat dir
einen üblen Streich gespielt.«

»In Wahrheit, draußen scheint die Sonne,« sagte der Mönch, »ich erkenne
Lehm und Kienruß an den Scheiben.«

»Ich aber weiß, wer die Ungebühr gegen dich geübt hat, entweder selbst
oder durch die Jungen,« sagte Tutilo, »denn der Scholastikus Immo
leitet die Knaben zu vielem Frevel an. Doch sein Maß ist voll.« Und auf
Reinhard blickend fuhr er fort: »Vater Gozbert ist ein Künstler in der
Schrift, wenige verstehen sich besser auf jede Art von Duktus.«

Gozbert ging zu einem Bücherbrett, schlug einen Kodex auf und zeigte
mit Selbstgefühl die Blätter, auf welche Buchstaben mit bunten Farben
gemalt waren.

»Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohl geglättet,« lobte der
Fremde.

»Durch den Stein Achates,« erklärte Gozbert und blätterte zum Anfange
zurück, dort war als großes Bild ein Kaiser auf seinem Stuhl und zur
Seite vier Frauen, tief gebeugt mit seltsamen Kronen auf dem Haupt,
jede eine Mulde in den Armen, worin etwas Undeutliches lag, darüber
standen die Namen von vier Ländern, welche zum Reich gehörten. »Ich
selbst habe den Weibern die Verneigung erdacht,« sagte Gozbert stolz,
»denn in der alten Handschrift, die wohl noch aus der Urzeit der Römer
stammt, standen sie gerade.«

»Niemand merkt, daß es das Gesäß des Vaters Sintram ist, welches
Gozbert viermal gebildet hat,« erklärte Heriger mit lustigem
Augenzwinkern, »denn Sintram mußte oft gekrümmt stehen mit den Händen
am Türpfosten, während Gozbert zeichnete.« Der Schreiber warf einen
mißbilligenden Blick auf den Sprecher und zeigte mit dem Finger auf das
rötliche Gesicht des Kaisers. »Herr Otto der Rote seligen Andenkens.«

»Ich aber will unsern Vater rühmen,« fuhr Heriger fort, »denn
schwerlich wird man einen Schreiber unter den Lebenden finden, welcher
mehr geschrieben hat; vierzig Jahre lang schreibt er bei uns jeden Tag
im Sommer und Winter; fünfzig Bücher bewahrt das Kloster von seiner
Hand und nicht wenige sind zum Tausch gegeben gegen andere.«

Gozbert neigte bescheiden den Kopf während des Lobes, aber seine
kleinen Augen glänzten. »Wenn es mir nur nicht an Pergament gefehlt
hätte,« sagte er, »und an Büchern zum Abschreiben.«

»Vielleicht wird es möglich, daß du von dem Kloster, aus dem ich komme,
ein gutes Buch geliehen erhältst,« tröstete Reinhard.

»Was es auch sei,« versetzte Gozbert erfreut, »ich schreibe es gern,
wenn du oder ein anderer Gelehrter mir sagt, daß keine Sünde darin
steht. Denn die heiligen Namen zeichne ich mit Rot aus und die Übles
bedeutenden Namen in den profanen Büchern habe ich immer weggelassen,
so oft ich ihre Tücke merkte. Manche Nacht habe ich in Ängsten gewacht
und oft hat mir beim Schreiben geschaudert, ob ich nicht vielleicht
etwas schreibe, was dem Heil meiner Seele schaden könnte. Endlich bin
ich gewarnt worden, daß ich die sündigen Bücher meide.« Er schlug das
Kreuz und wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mönche, während die
andern, welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl kannten, einander
bedeutsam ansahen. »Merke auf jenen Holzkrug, mein Bruder,« fuhr
Gozbert fort, »in welchem ich mein Trinkwasser bewahre. Ein Deckelkrug,
diesem gleich, stand an derselben Stelle, als ich gerade einiges von
dem Heiden Ovidius schrieb. Da hörte ich hinter mir den Deckel klappen,
ich wandte mich um und mein Haar sträubte sich, der Krug stand still,
aber zuweilen hob sich der Deckel und schlug wieder abwärts, wie von
innerer Gewalt getrieben. Ich rief die Heiligen zu Hilfe, plötzlich
sah ich zwei Hörner aus dem Krug ragen und wieder verschwinden. Im
Entsetzen stieß ich den Krug um und sogleich sprang der teuflische
Geist, einem kleinen Tier mit Hörnern ähnlich, aus dem Holz, fuhr in
dem Zimmer umher und endlich durch den Türritz hinaus, indem er bösen
Nebel und Gestank zurückließ. Ich aber erkannte die Warnung.«

»Hätte der böse Geist nicht den Dampf zurückgelassen,« bemerkte
Heriger, »so würden manche vermuten, daß es ein junger Hase gewesen
sei, den der Thüring Immo heimlich in den Krug unseres Vaters gesetzt
hatte.«

»Es war der Teufel,« versetzte Gozbert unwillig. »Seitdem schreibe ich
nur heilige Bücher.«

»Du hast sicher das beste Teil erwählt, mein Vater,« tröstete Reinhard
grüßend, und sie schieden aus der Zelle. Der Schreiber aber setzte sich
wieder zu seinem Pult; oben webte die Spinne und unter ihr schrieb der
Mönch.

Tutilo wurde gesprächiger, als sie die Höfe betraten, in denen
die Arbeiter des Klosters unter Aufsicht der Mönche für Handwerk
und Landbau tätig waren. »Du siehst, Bruder,« begann er das Haupt
erhebend, »nicht gering ist das Haus des heiligen Wigbert, sein Segen
hat die Keller und Scheuern gefüllt, wie gierig auch die Grafen und
Dienstmannen ihre Fäuste nach Äckern und Herden ausstrecken. Und jetzt,
da ich dir die Türen geöffnet habe und deinen Herdsitz gewiesen, jetzt
berichte auch du, wenn dir gefällt, was du außerhalb des Klosters
erfahren hast, denn wildes Gerücht geht durch die Lande, daß die Kinder
der Welt in neuem Zwist gegeneinander toben.«

»Zürne nicht, mein Vater, wenn ich deinem Willen nicht auf der Stelle
genüge,« versetzte Reinhard demütig, »du selbst weißt ja am besten, daß
der Mund des Bruders, der aus der Ferne kommt, verschlossen sein muß,
bis die Erlaubnis des Herrn Abtes ihn öffnet.«

Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen. »Statt des Abtes stehe ich
hier und mein ist das Recht, dir die Zunge zu lösen.«

Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und flehte die Hände
erhebend: »Verzeih, mein Vater, daß ich dir Unmut erregte, da ich
dir Gehorsam schuldig bin im Staube; nur was die heilige Regel mir
gebietet, meinte ich zu tun. Selbst wünsche ich, daß du alles wissest,
denn schwere Kunde bringe ich aus dem Lande, aber auch dir würde es
gefallen, wenn du der Abt wärest, daß ich eher dir als andern die
Botschaft verkündete.«

Tutilo blickte finster auf seine Begleiter, aber er sah an den
verlegenen Mienen, daß sie das Recht des Flehenden erkannten, darum
schwieg er und ließ den Mönch zu seinen Füßen liegen, bis Heriger,
der Kellermeister, begann: »Da der Bruder sich nach Gebühr demütigt,
so rate ich, daß du selbst ihn nach St. Peter zu unserm Herrn Abt
begleitest, damit auch wir erfahren, was dem Kloster zum Heil oder
Unheil werden mag; vor allem aber, daß du es wissest, da du jeden Tag
um unser Wohl zu sorgen hast.«

Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher, aber er bezwang
sich und antwortete dem Liegenden mit einer Stimme, der man den Ärger
wohl anmerkte. »Ungern wandle ich aus der Pforte nach jener Höhe,
doch will ich dein Gewissen, mein Bruder, nicht beschweren. Erhebe
dich und harre mein an dem Tore. Du aber, Walto, gebiete, mein Roß zu
satteln, damit ich die Befehle unseres Herrn auf der Höhe erbitte.«
Er wandte sich ab und hörte nicht darauf, wie der Kniende sich dem
Gebet der Brüder empfahl. Reinhard erhob sich hinter dem Rücken des
Präpositus und schritt mit gesenktem Haupt neben dem Pförtner dem
Ausgange des Klosters zu. Tutilo aber entließ die Brüder, welche ihn
begleitet hatten und sprach zu seinem Vertrauten Hunico: Ȇbles
weissagt die fremde Biene in unserm Stock. Der Narr ist von der neuen
Zucht, welche die Füße küßt und Faustschläge in den Nacken gibt, er
wird die Becher der Brüder zählen und um einen gekochten Kalbskopf die
Geißel schwingen. Wer so willig ist, sich in den Staub zu werfen, der
wird auch dem König und den Grafen nicht widerstehen, wenn sie uns die
Zehnten und Hufen nehmen und das Heiligtum kahl machen, wie es zur Zeit
des Lullus war, wo die Brüder sich selbst an den Pflug spannten und ihr
gutes Glück priesen, wenn ihnen ihr tägliches Pfund Brot ohne Abzug
gereicht wurde. Ich aber meine nicht umsonst die Speicher gefüllt zu
haben, kommt es zum Kriege, so suchen auch wir einen neuen Abt, welcher
das Kloster erhöht und nicht erniedrigt; denn es leben wenige Fürsten
im Reiche, die so stark sind als wir sein könnten, wenn ein Mann auf
dem Abtstuhl säße und nicht ein Schwächling.« Er schritt gewaltig in
die Klausur, sich zu der unwillkommenen Fahrt zu rüsten.

Während die ansehnlichen Führer der Brüderschaft durch die Höfe
wanderten, schlich der junge Mönch, welcher den fremden Bruder geleitet
hatte, unbeachtet in die Kirche zurück, neigte sich vor den Altären,
glitt die Säulen entlang, und öffnete im Vorhofe den Eingang einer
hölzernen Galerie, welche aus der Kirche zu dem Glockenturm des
Erzengels Michael führte. Er stieg die Wendeltreppe hinauf bis zu dem
Bodenraum unter den Glocken. Dort stand der Altar des hohen Engels, der
im Federhemd in den Lüften waltete und den Wetterschlag vom Glockenturm
abhielt. Indem der Mönch sein Gebet murmelte, rief von oben eine helle
Stimme: »Rigbert, sei willkommen.« Der Mönch hob warnend den Finger,
kletterte die steile Stiege hinauf, welche zu dem Glockenstuhl führte
und stand wenige Schritte von dem Jüngling Immo. Dieser saß in dem
Schalloch auf schmalem Brett, das für eine Dohle bequemer war als für
einen hochgewachsenen Mann und beobachtete ungeduldig das Nahen des
Mönches.

»Du kommst aus Thüringen, seit Mittag erwarte ich dich; der Dienstmann
Hugbald ritt an euch vorüber und brachte die Kunde in das Wächterhaus.
Du sahest die Quellen der Waldbäche springen, du hörtest wie der
Bergwind weht, und wie das junge Volk der Thüringe unsere Reigen auf
dem Anger singt. Was weißt du mir zu sagen aus den Waldlauben?«

»Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale, und die Waldaxt klingt
an den Baumstämmen. Aus Erfurt, dem großen Markte, ritt mein Reiseherr
Reinhard nach der Zelle unserer Brüder in Ordorf, auf dem Wege rasteten
wir in einem Edelhofe.«

Eine heiße Röte fuhr dem Schüler über das Gesicht und mit heller Stimme
rief er, die Hand gen Osten hebend: »Ich meine, das war der Hof meiner
Väter.«

»Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau.«

»Das war meine Mutter,« schrie der wilde Knabe und wandte sein Antlitz
von dem Mönche ab, weil ihm Tränen über die Wangen liefen. »Sprich mir
von ihr,« fuhr er nach einer Weile fort und kehrte sich wieder dem
Mönch zu.

»Sie erschien mir als eine heilige Frau und einer Fürstin sah sie
gleich, obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor uns stand.«

»Mein Vater starb an seiner Wunde in fernem Land und der Sohn vermochte
nicht ihn zu rächen. In den Kerker bin ich gesteckt. Unselig ist die
Hand, die das Rauchfaß schwingt statt des Eisens.«

»Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die wilden Worte,«
mahnte der Mönch.

»Du freilich trägst geduldig die braune Schafwolle, die sie dir
gesponnen haben.«

»Mich hat meine Mutter, da ich ein Kindlein war, dem Heiligen auf den
Altar gelegt, weil sie das Liebste dem Himmel weihen wollte, und meine
Heimat ist seitdem im Gotteshause.«

»Auch mich haben sie, da ich noch ein Knabe war, zum Dienst des Altars
bestimmt, obgleich ich das erstgeborene Kind war und ein Recht hatte,
das Banner meines Vaters zu führen. Aber dem Vater wurde der Vorsatz
leid, denn du weißt ja wohl, meine Fäuste sind nicht gemacht, Feder
und Gebetbuch zu halten, sondern Schildrand und Rosseszügel. Zu einem
Kriegsmann wurde ich erzogen, obgleich der Mutter Böses ahnte, bis
mein Vater mit dem jungen Kaiser Otto nach Italien zog und in die
Gefangenschaft der treulosen Griechen geriet. Da kam die Angst in
unsern Hof, schöne Hufen mußte die Mutter dem Kloster verkaufen, um
das Lösegeld für den Vater zu finden, und nicht die Hufen allein, auch
den Sohn rieten die frommen Väter zu spenden, damit die erzürnten
Heiligen sich des Vaters wieder erbarmten. Ich trug damals mein erstes
Panzerhemd, jetzt trage ich dies mißfarbige Kleid eines dienenden
Schülers und fahre in dieser großen Mausefalle wie eine gefangene Ratte
längs den Brettern dahin. Den Vater haben die Heiligen doch nicht
heimgeleitet, ich aber bin gefesselt.«

»Wie mochten sie ein Opfer gnädig empfangen,« antwortete der Mönch
traurig, »das so unwillig sich gegen den Altar sträubte.«

»Zu Rosse wäre ich für sie geritten bis an das Ende der Welt, aber
auf den Knien gleiten über den glatten Stein, das kann ich nicht.
Denn meine Ahnen dachten hoch und ich stamme aus einem Geschlecht von
Kriegern.«

»Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein, du Begehrlicher, der
immer an die Freuden der Welt denkt. Nicht Mönch solltest du werden,
sondern ein üppiger Kanonikus, der seidenes Gewand trägt, hoch zu Rosse
sitzt und mit den Frauen kost wie ein anderer.«

»Warum trage ich nicht das weiße Gewand?« frug Immo zornig. »Andere,
die noch jünger sind in der Klosterschule, werden dadurch doch ein
wenig getröstet. Doch ich weiß wohl, teuer ist solche Gunst und niemand
von den Meinen zahlt einem Bischof den Preis für die weiße Leinwand.
Aber hätte ich auch, was du für mich ersehnst, du weißt, die Fledermaus
ist ein unholdes Tier, sie ist nicht Maus, nicht Vogel; und ich bin von
dem Geschlecht, welches bei Sonnenschein sich über die Flur schwingt.
Was sahst du noch, Rigbert, in unserer Halle?«

»Von dem Söller wies Frau Edith meinem Reiseherrn die Kapellen der
Umgegend; und als die Glocken hier und da läuteten, weil die Sonne im
Mittag stand, brach aus dem Gehölz eine Schar Reiter, alle auf hellen
Rossen.«

»Das waren meine Brüder,« rief Immo, »das ist unsere Zucht.«

Der Mönch nickte bestätigend: »Frau Edith sprach freudig zu dem
Priester: Sieh, Reinhard, das sind meine sechs Nestlinge. Sie kommen,
das Futter zu picken. Ist's nicht ein kräftiger Flug?«

»Und die Dohle sitzt hier im Turmloch,« rief Immo dazwischen.

»Sie rauschten heran wie durch die Luft getragen, sechs feurige Reiter,
wild flog ihr Haar durch die Luft, waren sie mit Vögeln zu vergleichen,
so waren sie doch nicht als Waldsänger zu erkennen, denn scharf stachen
ihre Augen.«

Immo lachte erfreut. »Mich verdrießt's nicht, wenn du die Männer meines
Geschlechtes mit Habichten vergleichst; ich hoffe, die Knaben werden
ihre Fänge erweisen. Sahest du das Roß, auf dem mein jüngster Bruder
ritt, der kleine Gottfried, den wir Friedel nennen? Ein Knabe war
Friedel, da ich vor sechs Jahren von Hause scheiden mußte, er schlang
die kleinen Arme um meinen Hals und weinte bitterlich, und als ich von
der Schwelle wich, rannte er mir schluchzend nach und zog an meinem
Gewand, mich festzuhalten. Ich hob ihn auf das Roß, das mir gehörte,
gab den Zügel in seine Hand und raunte dem Hengste zu, daß er dem
Kleinen zugetan sei. Niemand hat mir gesagt, wie das Roß ihm dient. Du
mußt es gesehen haben, Rigbert, wenn du auch ein Mönch bist. Es ist
ein sächsisches Pferd aus der Zucht des Königshofes, die Farbe ist
ganz weiß und Mähne und Schweif glänzen wie Silber. Sahst du das Roß,
Rigbert, so sprich.«

»Wohl sah ich das seltene Tier.«

»Zwölfjährig ist es jetzt,« fuhr Immo eifrig fort, »und es mag meinen
Friedel noch tragen, wenn er das erste Mal in die Schlacht reitet;
denn ein altes Roß und ein junger Held, sagt das Sprichwort, gehören
zusammen. Wie saß das Kind auf meinem Rosse?«

»Sah ich recht, so trug das Roß den ältesten deiner Brüder, den sie Odo
nennen.«

Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab auf die Stiege und
packte den Mönch. »Odo, sagtest du, der jetzt Erbe ist an meiner
Statt. Mir nahm er die Hufen und die Herrschaft im Lande, jetzt
entwendet er auch dem Bruder mein letztes Geschenk. Vergessen bin ich
und verachtet ist mein Gedächtnis und im Knechtdienst lebe ich wie
einer, den sie im Kriege gefangen haben.« Er warf seinen Leib dröhnend
gegen die Holzwand, ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihm die
Glieder.

»Ganz töricht gebärdest du dich, Immo. Wie darfst du den Bruder
schelten? nicht er hat dich zu uns gebracht und ein Zufall kann gewesen
sein, daß er das Pferd tauschte.«

Immo aber antwortete nicht und der Mönch harrte schweigend, bis der
heftige Anfall vorüber war. Endlich richtete sich Immo auf und frug
ruhiger: »Bringst du mir Botschaft von der Mutter?«

»Den Segen deiner Mutter trägt dir Vater Reinhard zu, wenn der Herr Abt
es gestattet. Achte darauf, Immo, daß du dem Fremden gefällst, denn
wisse, als Meister der Schule ist er in dies Kloster gesendet und von
morgen ist er dein Herr.«

»Er wird widerwillige Diener finden in der äußern Schule. Ist er ein
Geselle wie der arge Tutilo?«

Der Mönch sah unruhig um sich. »Du sprichst lauter als in Klosterwänden
geziemt,« und bittend fuhr er fort: »Immo, du hast mir Güte erwiesen,
seit du unter den Dächern des heiligen Wigbert umherfährst, und du hast
mir erlaubt, dein Geselle zu sein, soweit ich aus der Klausur dir die
Hand durch den Zaun zureichen durfte; laß dich jetzt mahnen an unsere
Treue in der Schule. Liebst du dein Leben und dein Glück und wünschest
du Gutes für die Tage deiner Zukunft, so füge dich dem neuen Lehrer;
denn soweit ich ihn erkenne, ist er von mildem Herzen, aber von der
strengen Zucht, und ich meine, es kommt eine andere Zeit auch für die
Höfe des heiligen Wigbert. Vieles hörte ich raunen in den Zellen der
Brüder, als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel lebten.«

Immo lachte. »Sage das den Vätern. Ich sah vorhin durch das Schalloch,
wie sie um die Heuhaufen im Reigen sprangen, und sie hielten die Mägde
des Dorfes an der Hand.«

»Schweig,« raunte der Mönch, »war das Tun nicht gut, darüber im Kloster
zu sprechen ist Frevel, nicht uns allein steht Fasten und Rutenschlag
bevor; mit den Scholastikern werden sie anfangen.«

»Unsere Fleischkost ist mager,« spottete Immo, »wollen sie uns gebieten
zu fasten, so müssen wir den alten Katerweg über die Dächer wandeln,
du kennst ihn ja wohl?« Der Mönch bekreuzigte sich. »Dann laufen wir
zur Nacht in den Wald und beschleichen das Wild. Manchen Bock haben wir
im Holze gebraten und du kennst ein Loch im Zaune, durch welches gute
Bissen auch in die Klausur gereicht wurden.«

Flehend sah der Mönch den Spottenden an: »Ich habe es gebeichtet und
gebüßt.«

»Ich hoffe, die Pönitenz war nicht hart, Bruder Rigbert,« lachte Immo,
doch herzlicher fuhr er fort: »Ich weiß, daß du mir in guter Meinung
rätst und will mich wahren, so sehr ich kann. Doch jetzt erzähle,
Landsmann, von deinem eigenen Vaterhause im freien Moor, das sie
Friemar nennen. Wie lebt Baldhard der alte, dein Vater, und Sunihild,
deine Mutter? Manchen Trunk Milch bot sie mir, so oft ich durch das
Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt und manch warnendes Wort sprach dein
Vater, das ich ungern vernahm, obwohl er recht hatte. Aber ich mußte
ihn mit Ehrfurcht hören, wegen seines weißen Haars und weil er meinem
Vater wert war. Wenn er in unsern Hof kam, erhielt er immer den besten
Herdsitz; denn es ist, wie du weißt, von alter Zeit gutes Vertrauen
zwischen dem Edelhof und dem Freihof.«

»Ich sah das Dach meiner Eltern ragen, Vater und Mutter sah ich nicht,«
klagte Rigbert leise; Immo starrte ihn erstaunt an. »Für mich war
geschrieben, du sollst Vater und Mutter verlassen; ich wandte das
Gesicht ab, als ich das Haus zwischen den Linden erkannte, damit den
Heiligen meine Entsagung gefalle und mein Gebet für die Eltern Erhörung
finde.«

Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefährten weg auf den Balken
der Turmluke und starrte schweigend ins Freie. Als er sich nach einer
Weile umwandte, bemerkte er mißfällig das gesenkte Haupt und die
gefalteten Hände des Mönches, und begann ungeduldig: »Merke wohl,
Rigbert, dürftig ist die Kunde, die du mir aus der Heimat zuträgst.«

»Vater Reinhard bringt üble Neuigkeit von den Gütern in Thüringen,«
versetzte Rigbert vorsichtig.

»Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn?«

»Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden und ohne Wächter
arbeiteten die Leute auf dem Felde. Nur deine Mutter sprach bekümmert
mit Vater Reinhard.«

»Du spendest dürftigen Trank wie ein karger Wirt, ich muß dich
unfreundlich schelten.«

»Viel mehr habe ich dir gesagt als mir zu sagen recht ist. Nur weil ich
noch meine Reisekutte trage, getraute ich mich so mit dir zu sprechen.
Wenn die Väter heute abend zur Hora rufen, dann flehe ich die Brüder
fußfällig an, daß sie alle für mich wegen meiner Reisesünden beten,
dann hoffe ich, wird ihr Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die
Vergebung gewinnen. Sonst spräche ich nicht mit dir, wie ich jetzt
getan. Daran denke, Immo, und zürne mir nicht.«

»Gutwilliger als du will ich dir verkünden, was wir hier im Kloster
vernahmen,« begann Immo versöhnt. »Ein Heereszug steht bevor und
gewaltiges Getöse von Speer und Schild. Die Herrschaft des neuen Königs
Heinrich, dem die Völker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhöht haben,
zerreißt in Stücke, sein ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn auf der
Fulda, als sie beim Tauwind brach. Überall schlagen die Eisschollen
gegeneinander. Täglich erzählen in unsern Herbergen die Gäste und die
armen Wanderer, daß alles schwankt, was fest war. Der streitbare Held
Hezilo, der Babenberger, hat sich machtvoll gegen den König erhoben,
mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Königs, dann der tapfere
Graf Ernst, von dem alle Spielleute singen, auch die Slawenherzöge
und viele Fürsten des Reiches. Die Mönche behaupten, daß der König
geringe Hoffnung hat, seinen Feinden zu widerstehen. Die Grafen hier
in der Nähe rufen ihre Dienstmannen, werben Reisige und treiben Rosse
und Rinder in ihre Burgen, keiner traut dem andern und alle schreien,
daß der große Streit um das Reich ausgefochten werden soll, sobald die
Ernte von den Feldern herein ist. Ich aber hoffe, wenn erst die Waffen
um Wigberts Haus dröhnen, wird auch mir gelingen hinauszufahren.«

»Sinnst du so Arges,« sprach Rigbert unwillig, »dann ist dir jedes Wort
schädlich, das ich aus der Fremde berichtete und mich reut's, daß ich
dir den Frieden der Seele verstörte.«

»Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden?« frug Immo lachend,
»bald wirst du merken, daß die Väter in der Klausur grade so
zwieträchtig gegeneinander stehen wie die Kriegsleute draußen. Denn
unser Abt, Herr Bernheri, will dem König dienen, Tutilo aber ist ein
Oheim des Babenbergers Hezilo. Oft hören wir durch den Zaun Geschrei
der Mönche und heftige Worte, bald für König Heinrich, bald für den
Hezilo.«

Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu.

»Nur eins sage mir noch, bevor sie dich einsperren,« rief Immo, indem
er mit großem Satz zu dem Mönche sprang und seine Hand faßte, »denn
lange habe ich nach dir ausgesehen und diese Stunde erwartet. Vernahmst
du daheim Gutes oder Böses von dem Manne, der den Söhnen Irmfrieds
feindselig denkt, obgleich er der Bruder ihres toten Vaters ist. Hast
du vernommen, für welchen König mein Oheim Gundomar in das Feld reitet?«

»Er weilt, wie die Landsleute sagen, beim König Heinrich, dem er seit
lange vertraut ist, und man rühmt ihn als gewaltigen Kriegsmann.«

»Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren. Nur einmal sah ich ihn,
als ich noch ein Kind war, da schleuderte er mich aus seinem Wege, daß
ich mit blutendem Haupt auf dem Boden lag. Mir wäre willkommener, gegen
ihn im Felde zu stehen als an seiner Schwertseite. Doch wir von der
äußeren Schule sind alle für König Heinrich.«

Während Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mönche sprach, glitt dieser
lautlos die Treppe hinab. Immo stand allein und seufzte schwer. Was er
aus der Heimat gehört hatte, machte ihm das Herz nicht leichter und der
neue Lehrer war ihm vollends nicht zur Freude. Noch einen Blick warf
er vom Turme hinab, um dem Tutilo oder andern Dekanen nicht über den
Weg zu laufen, dann eilte er abwärts und wand sich zwischen Gebäuden
und Hecken den Gärten zu. Da er hinter sich Tritte von Männern und
Pferden hörte, fuhr er durch eine Lücke des Zauns, die ihm wohlbekannt
war, auf die andere Seite der grünen Wand und pries sein gutes Glück,
als er aus dem Versteck den gefürchteten Tutilo erkannte, welcher,
zur Reise gerüstet, neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange
zuschritt. Immo wußte, daß der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus des
Klosters lag und wunderte sich über die Vertraulichkeit, mit welcher
der Reisige den stolzen Mönch behandelte, denn er ging, sein Roß am
Zügel führend, sorglos auf der Ehrenseite und trug den schlechten
Eisenrock mit der Haltung eines Fürsten. Während Immo vom Wege wich,
wechselten die beiden den Scheidegruß. »Lebe wohl, Vetter,« sprach der
Fremde, »unlustig war diesmal mein Sitz an deiner Gastbank, denn die
neugierigen Augen deines Volkes und die gewundenen Fragen machten mir
Sorge.«

Tutilo lächelte. »Viele der Wigbertleute kennen den Grafen Ernst von
Angesicht und wohl alle haben von deinem Heldenwerk vernommen, welches
die Wanderer rühmen. Grade deinetwegen schwärmt heut mein ganzes Volk
in der Ferne auf grünem Rasen, der Pförtner aber ist mir treu. Dennoch
rate ich, daß du ohne Säumen aufbrichst. Vertraue mir, ich hindere
die Reise zum Könige, welche unser Abt den Dienstmannen des Klosters
bereitet.«

»Denke auch daran,« unterbrach ihn der Fremde eifrig, »uns das Land
offen zu halten für den Zug unserer Heerhaufen, welche wir aus Sachsen
und Thüringen erwarten. Denn ich kenne den falschen König, er ist
behend wie ein Wiesel und seine Augen sind bei Tag und Nacht geöffnet,
ich sorge, er reitet eher ins Feld als wir. Lebe wohl, Vetter, sehe ich
dich wieder, so rüstest du mir ein Festmahl in der Abtei.«

Der Mönch sprach den Segen und der Fremde schwang sich auf das Roß. Als
der Hufschlag in der Ferne verklang, schritt auch Tutilo der Pforte zu,
an welcher ihn Reinhard erwartete.

Immo harrte, bis alles um ihn still war, dann spähte er durch die
Tür des Arzneigartens, und als er den alten Sintram darin sah,
trat er vorsichtig ein und näherte sich dem Mönch, welcher mit dem
Grabscheit vor einem kleinen Gesträuch stand und unverwandt eine Blume
betrachtete. Der Jüngling sprach seinen Gruß, der Alte nickte ihm
freundlich zu, gab ihm das Grabscheit in die Hand und wies auf das
Beet, an dem er gegraben hatte. Geduldig begann Immo die unwillkommene
Arbeit, der er sich nach Klostersitte nicht entziehen durfte.

Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch, bis er endlich in seiner
Freude das Schweigen brach: »Sieh diese Rose, die ein Bruder dem
Wigbert aus Gallien gebracht hat; wie eine Kugel war sie geschlossen,
aber die liebe Sonne hat ihr den Mund geöffnet; blicke hinein, schöne
Farben hat sie und zahllose Blätter. Halte deine Nase näher heran, denn
die Würze ihres Geruchs ist heilkräftig und die bösen Geister, welche
in den Leib fahren und Siechtum bereiten, fürchten den Duft und meiden
ihre Nähe. Die Weisen sagen, sie ist von dem Herrn in den Erdgarten
gesetzt, damit sie dem Menschen ein Anzeichen sei. Denn auch ihm ist
das Herz geschlossen bis das Licht des Glaubens darauf fällt, dann
öffnet sich seine Seele der himmlischen Liebe.«

Immo verließ gern das Beet und sah achtungsvoll auf die Rose, aber
anderes lag ihm mehr im Sinn. »Zeige sie auch dem neuen Magister,
welcher, wie man sagt, aus der Fremde gekommen ist, um die Schüler
Dialektik zu lehren.«

»Du hast die Wahrheit gehört,« versetzte der Alte vorsichtig.

»Dann, Vater, sage ihm, wenn du vermagst, Gutes von mir, denn ich
fürchte, andere werden ihm allerlei Nachteiliges in das Ohr raunen.
Leidvoll wäre es mir, wenn er feindselig gegen mich handelte, denn er
kennt meine Mutter und mein Geschlecht, er hat die Macht mir zu schaden
und seine Fürsprache mag mir helfen, daß ich von der Schülerbank
gehoben werde. Allzulange, mein Vater, trage ich, wie du weißt, dies
Gewand.«

»Sorge du nur ihm zu gefallen,« mahnte der Alte, »er hat wohl selbst
Augen und wird schwerlich der Meinung anderer folgen. Mir scheint, er
hat dich bereits gesehen, da du unter den Dohlen saßest.«

»Die Pusillen in der Schule, welche noch nicht fünfzehn Jahr sind,
fürchten sehr seine Rute, es wäre gut für ihn und uns, wenn er
Nachsicht übte. Die erste Bank ist harter Streiche nicht gewohnt und er
wird es schwer finden, das edle Blut über die Bank zu legen.«

»Dennoch rate ich dir nicht, ihm das zu sagen,« versetzte der Gärtner,
»du selbst möchtest dafür büßen. Jetzt aber wende dich abwärts, Immo,
dort naht Bruder Bertram aus dem Friedhofe. Unrecht war es, hier ohne
Erlaubnis einzudringen.«

»Grade seinetwegen kam ich zu dir, mein Vater, und ich flehe, daß
du bei ihm mein Fürsprecher werdest. Denn ganz unsicher sind die
Tage meiner Zukunft, und wenn ich das Kloster verlasse, so weiß ich
niemanden, der meiner Jugend mit gutem Rat zuhilfe kommen wird. Dein
Geselle aber hat im letzten Winter freiwillig verheißen, daß er mir,
bevor ich aus dem Kloster scheide, als Gabe die Weisheit übergeben
will, welcher die Männer seines Geschlechts in der Stille vertraut
haben. Wenn er mich noch der geheimen Lehre für würdig erachtet, so
ersehne ich, daß er sie mir jetzt oder doch bald einmal spende. Du aber
zürne mir nicht, daß ich darum zu dir komme. Ich weiß ja, Vater, daß du
mir nichts Übles sinnst, denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest
der Rotkehlchen einen Binsenkorb voll Kirschen, und ich weiß auch, wer
ihn hingestellt hat.«

Der Alte lächelte vergnügt. »Die Rotkehlchen sind listige Vögel, sie
tragen mancherlei hin und her. Auch ich fand in diesem Frühjahr, als
mir meiner Sünden wegen die Gicht in die Hand gefahren war, ein Paar
Fausthandschuhe von Otterfell bei meinem Gerät, ich habe nicht gefragt,
woher sie kamen.« Er sprach das letzte zu seinem Gesellen Bertram, der
langsam herangewandelt war und ebenfalls sein Grabscheit in der Hand
hielt. Die beiden Alten blickten einander bedeutsam an und Bertram,
welcher der ernsthaftere war, setzte das Gespräch fort, als wenn er
die früheren Reden gehört hätte und begann feierlich: »Darum nahest
du auch jetzt zu günstiger Stunde, denn heut ist der Tag, wo ich dir
schenken will, was ich dir einst versprach und was ich bis jetzt als
mein Geheimnis bewahrte, wie ich es von einem Oheim erhielt, der es als
Kriegsmann in der größten Not seines Lebens erprobt hat. Mir selbst
vermag es nicht zu dienen, denn es ist ein Gut für Weltleute und nicht
für Mönche, dir aber kann es wohl frommen, denn ich merke, dein wilder
Mut wird dich bald einmal über den Zaun des Klosters hinaustreiben.
Tritt abwärts aus der Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes, denn
nur im Dunkeln darf ich dir's geben.« Der Alte wandte sich einer Ecke
des Gartens zu, wo ein großer Apfelbaum seine Zweige tief zur Erde
breitete, ehrfürchtig folgte ihm der Jüngling, Sintram machte den
Beschluß. So schritt Immo zwischen den beiden Spatenträgern in den
Baumschatten, dort blieb Sintram im Sonnenlichte zurück, Bertram aber
trat an den Stamm und winkte den Jüngling nahe zu sich. Er stützte den
Spaten an den Baum, faltete die Hände und murmelte sein Kredo, dann
begann er feierlich: »Vielerlei Lehren gibt es, welche den Mann fest
machen, wenn seine Gedanken sich unsicher wälzen; und die heilsamsten
von allen sind die heiligen Befehle, welche verkündet sind. An diese
gedenke vor andern. Die Lehren aber, welche ich für dich bereit halte,
vermögen dir nicht zu helfen in der Freude und nicht beim Gelage und
nicht bei Kauf und Verkauf, aber sie sind gute Helfer in der Not. Neige
dein Ohr zu mir, damit das Geheimnis meiner Gabe bewahrt bleibe und
gelobe mir, daß du sie nicht auf die Zunge nehmen und von dir geben
willst außer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung.«

Das gelobte Immo.

Da pflückte Bertram vier Grashalme von der Erde, reichte dem Jüngling
einen in seine Hand und sprach feierlich: »Drei Lehren sind es und
eine, mit denen ich dich begabe, öffne dein Ohr und halte sie fest. Die
erste bedeutet, daß dem Manne nicht geziemt zu dienen, wo er gebieten
darf; und sie lautet:

    Birg niemals in die Hand eines Herrn, was du allein behaupten
    kannst.«

Und als Immo die Worte wiederholt hatte, reichte Bertram den zweiten
Halm: »Dieser Spruch soll dich mahnen, wenn du einem Freunde
unwillkommene Kunde ins Haus trägst, daß du sie ihm vertraust, bevor
der Staub auf deinen Schuhen verweht ist; und der Spruch lautet:

    Üble Botschaft auf der langen Bank, macht dem Boten und dem
    Wirt das Herz krank.«

Zum dritten Halm sprach er:

    »Mißachte den Eid, der in Todesnot geschworen wird. Wer dir
    Liebes gelobt, sich vom Strange zu lösen, der sinnt dir Leid,
    so oft er des Strickes sich schämt.«

Und beim vierten gebot er:

    »Deines Rosses letzter Sprung, deines Atems letzter Hauch sei
    für den Helfer, der um deinetwillen das Schwert hob.«

Als Immo jeden Spruch nach Gebühr wiederholt hatte, beschloß Bertram
die Begabung, indem er gerührt sagte: »Es ist Brauch, daß der Spender
heilsamer Lehren ein Entgelt dafür erhalte. Da du wenig hast und ich
wenig nehmen darf, so hoffe ich, die guten Engel werden dir jene
Pelzhandschuhe als Gegengabe anrechnen. Wegen des Otterfells aber hat
dich der Gerber verraten, und wir wissen auch, daß dir's Herr Bernheri
geschenkt hat, als du ihm die Otter lebendig brachtest. Und jetzt
neige dein Haupt, mein Sohn Immo, damit ich dich segne; denn du hast
die Weisheit meiner Vorfahren empfangen und ich will flehen, daß sie
deinem Leben nütze, wie sie denen genützt hat, die sie vor dir besaßen.
Wenn du sie aber mißachtest und ihr zuwider handelst, so siehe zu, daß
die Verachtung sich nicht an dir räche.« Immo beugte das Haupt in die
Hand des Alten und empfing den Segen. Dann traten sie wieder aus dem
Schatten in die Sonne, die beiden Greise blickten einander zufrieden
an und führten ihren Günstling zur Gartentür, dort begann Sintram:
»Merke auch noch dies von meinetwegen. In all deiner Zukunft sorge
dafür, daß du immer jemanden hast, der für dich zu den Himmelsherrn
betet. Jetzt tut mein Bruder Bertram dies täglich für dich und auch ich
gedenke des Abends deiner. Denn wir haben dein Gemüt längst erkannt,
obgleich du unbändig dahinfährst. Aber wir beide sind alt. Oft hören
die Himmlischen nicht gern die Worte eines Bedrängten, weil er ihnen
durch seine Missetat verleidet ist, wenn aber ein anderer für ihn
bittet, so fühlen sie leichter Erbarmen. Unselig ist auf Erden nur der,
welcher in der Not allein die Hände faltet ohne einen Helfer. Darum
gehe in Frieden, Immo, und denke auch darauf, daß du dem Präpositus
nicht mißfällig wirst.«

Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen Gesichter, welche
einander ähnlich waren wie zwei Äpfel desselben Baumes, er neigte sich
tief vor ihnen und entwich. Langsam schritt er die Hecke entlang,
setzte sich endlich in den Schatten einer Mauer und wiederholte und
bedachte in der Stille die Lehren des Bertram. Dann sprang er auf und
schritt dem Hofe der Reisigen zu, der vor der großen Klosterpforte
neben dem Haus des Pförtners stand. Dort lagen im Wachthause zu jeder
Zeit einige kleine Dienstmannen des Klosters und dort weilte Immo am
liebsten; er hatte daselbst auch seine besten Genossen, obgleich die
Dekane das nicht zu wissen brauchten.

Als er in den Hof trat, fand er eine Reihe Heuwagen, welche von
den Knechten entladen wurden, während ein bejahrter Dienstmann im
Schuppenhemd, die Blechkappe in der Hand neben seinem Rosse stand und
geduldig den Arbeitenden zusah. »Gib mir ein Pferd, Hugbald,« begann
Immo leise zu dem Kriegsmann, »daß ich mit dir reite.«

Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf einen handfesten
Mönch zwischen den Heuwagen -- es war der Bruder, welcher dem Pförtner
in seinem schweren Amt als Trost beigegeben war. Immo verschwand in
dem Stalle. Als die entlasteten Wagen zum geöffneten Tor hinausfuhren,
bestieg auch der Reisige sein Roß, hielt unter dem Tore an und sprach
mit dem Mönch, der auf den Verschluß achten sollte. Da stob Immo auf
flüchtigem Pferde an den Redenden vorüber und war außer Rufes Weite,
bevor der Mönch sich von seinem Erstaunen erholt hatte. »Der Vater
Pförtner hat mir befohlen,« rief der unzufriedene Mönch, »diesen nicht
ins Freie zu lassen, weil er sich vermessen hat, ohne Erlaubnis auf St.
Michael zu reiten, aber er wischt dahin wie ein Feuermann in der Nacht.«

»Laß ihn immerhin,« begütete der Dienstmann, »mir ist es recht, wenn
ich heut einen schnellen Knaben an der Seite habe. Denn um dir meine
Meinung zu sagen, ich werde froh sein, wenn du am Abend Wigberts
Knechte und Gespanne vollzählig zurück erhältst.«

»Du verkündest, was üble Ahnung macht,« rief der Mönch erschrocken.
»Wie mag uns Gefahr drohen, leben wir doch in Frieden mit den Nachbarn.«

»Ich sah schwarze Vögel flattern über der Grenze unserer Waldwiesen,
und ich kenne den Schwarm. Die Dohlen sind es aus den Buchen des Grafen
Gerhard, sie fliegen gern dorthin, wo sein gewappneter Haufe reitet; um
unsere Marksteine schwebten sie und lachten untereinander.«

»Anderen mögen die Schwarzen Böses bedeuten, doch nicht uns,« tröstete
der Mönch, »denn wir im Kloster beten jedes Jahr für den Grafen Gerhard
und für die Seele seines Vaters.«

»Es ist wohl möglich, daß die Vögel sich darum nicht kümmern,«
versetzte Hugbald. »Auch sah ich etwas im Holze des Grafen blinken, ich
meine, es war eine Helmkappe. Du selbst magst erwägen, ob die Mannen
des Gerhard an diesem heißen Tage den Eisenhut tragen, weil sie das
Heufest des Klosters feiern.«

»Harre, daß ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage,« rief der Mönch.

»Unnütz wäre die Mühe,« versetzte der Dienstmann, die Achseln zuckend,
»ich ritt hierher, weil ich der Meinung war, die Reisigen unseres Herrn
Abts von St. Peter als Helfer zu erbitten. Aber Herr Tutilo wollte vor
einem Sonnenblink auf fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir,
wegen der Heuernte an das Tor des Abtes zu reiten. Auch hat in Wahrheit
das Kloster Fäuste genug auf die Wiesen gesandt, vielleicht, daß sie
mit den Heugabeln ihre Tapferkeit erweisen. Doch sollte mir das Pferd
straucheln, so wird der Jüngling dort zurückreiten und euch mahnen,
daß ihr das Glockenseil zieht.« Der Reiter nickte und trabte den Wagen
nach, der Mönch verschloß kopfschüttelnd das Hoftor.

Als Hugbald den Jüngling erreicht hatte, welcher hinter einem Gebüsch
seiner harrte, begann er: »Dein Pferd hast du gut gewählt, wenn du
dich heut im Felde gegen einen Feind tummeln willst, aber den Stecken
in der Hand vermag ich nicht zu loben; er ist nur gut, um einen Hund
zu treffen, nicht aber eine Eisenhaube. Auch dein Strohhut wird dir
schwerlich das krause Haar schirmen, wenn dich ein Schwertschlag
erreicht.«

»Denkst du an Hiebe?« frug der Jüngling und richtete sich hoch auf.

»Wer über das Feld reitet, darf immer daran denken,« versetzte Hugbald
vorsichtig, »darum nimm noch eine Warnung. Wenn du merken solltest,
daß Bewaffnete gegen mich sprengen, so treibe die Weiber mit den
Rechen hinter einen Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu, damit du
berichten kannst, daß ich mich ehrlich gehalten habe.«

»Ich meine, Vater, besser werde ich das erkennen, wenn ich an deiner
Seite reite,« sagte Immo stolz und trieb sein Pferd zum Sprunge.

Hugbald lächelte ein wenig, dann wies er ernsthaft nach dem nahen
Berge, wo der Abt sein Haus hatte. »Dennoch ist es schwer, zwei
Gebietern zu dienen. Dort oben liegen wackere Gesellen müßig, welche
bei einer Schlägerei im Heu wohl den Rücken decken könnten. Aber was
einem Herrn gefällt, will der andere nicht leiden.«

»Sage mir, ob du um Gefahr sorgst, so will ich hinaufreiten, sie zu
rufen.«

»Damit Herr Tutilo mir später Feindseliges sinne,« versetzte Hugbald
kopfschüttelnd. »Lieber vertraue ich auf die Hilfe des heiligen
Wigbert, denn ich habe ihm, solange ich lebe, nie etwas genommen
und manchen Schlag zu seiner Ehre getan, warum sollte er mich also
mißachten.« So ritten sie ohne anzuhalten an St. Peter vorüber dem
Laubwald zu, welcher in weitem Kreise die Niederung umschloß.




2.

Die Gesellen.


Die beiden Mönche zogen nebeneinander durch das Flußtal, Tutilo hoch
zu Roß, Reinhard demütig zu Fuß; in heißem Sonnenlicht stiegen sie den
Hügel hinauf, auf welchem Herr Bernheri, der Abt, sich ein kleines
Kloster erbaut hatte, ganz nach seinem Herzen, seinen Mönchen zum
Trotz. Es sah einer Burg ähnlicher als einer heiligen Zelle, hinter
dem Graben ragte eine hohe Mauer und an dem offenen Tor saß auf seinen
Spieß gestützt ein Kriegsmann. Gemächlich erhob er sich, empfing mit
geringer Kopfneigung den Segen, welchen Tutilo spendete, und führte ihn
in den Hofraum. Dort stand neben einer Kapelle das neugebaute Haus
des Abtes, eine zweistöckige Kemenate mit einem Vorhaus, dessen Dach
auf schön geschnitzten Holzsäulen ruhte, daneben erhoben sich Ställe
und ein umhegter Raum, aus welchem unablässig das Gebell vieler
Hunde klang. Gegenüber dem Haus des Abtes ragte eine hölzerne Halle
für das Kriegsvolk, auf den schattigen Stufen dehnten sich mehrere
Bewaffnete, ihnen gesellt zwei Mönche. Die großen Trinkkannen, welche
dazwischen standen und das laute Gelächter der Trinker bewies, daß
diese Klosterleute nicht unter strenger Zucht lebten. Tutilo begann
bitter, während er einritt: »Du weißt, mein Bruder, St. Petrus war ein
Kriegsknecht, er trug ein Schwert in der Nacht, da der Herr verraten
ward; darum gefiel es auch dem Abte, diese Behausung von Jägern und
Schwertträgern als eine Burg St. Petrus zu gründen.« Die eintretenden
Mönche störten die lustige Gesellschaft, die Klosterbrüder eilten
herzu und während sie um den Segen baten, blickten sie spähend und
mißtrauisch nach dem Präpositus.

Als ein Mönch von St. Peter die Glocke der Abtei gezogen hatte, trat
Eggo, der vertraute Kämmerer des Abtes, in die Tür und führte die Gäste
eine Wendeltreppe hinauf in das Gemach, wo Herr Bernheri am liebsten
zu weilen pflegte. Dort sah man zwischen den Säulen und Rundbogen der
kleinen Fenster in ein Waldtal hinab, und im Vorgrund auf grüne Weiden
und wogende Ährenfelder, das große Kloster Wigberts aber sah man nicht.
Über dem Tisch in der Mitte des Raumes lag eine Decke, welche zierlich
mit der Nadel gestickt war, auf dem hohen Lehnstuhl weiche Kissen.
Geweihe, die an der Wand befestigt waren, dienten als Haken, woran
Waffen zur Jagd und zum Kriege hingen: Hornbogen und Köcher, Eberspieße
und große Halsbänder mit eisernen Stacheln für die Jagdhunde.

Herr Bernheri war ein wohlbeleibter Herr mit großem Haupte; dem
geröteten Gesicht und den dicken Augenlidern merkte man an, daß er
sorgfältig den Wein seines Kellers prüfte; er trug einen langen
Hausrock von feinem dunklen Tuch, am Halse ein goldenes Kreuz. Die
Mönche knieten nieder, Tutilo zögernd und mit steifem Nacken, so daß
man den Zwang erkannte.

Der Abt blickte unzufrieden auf den Präpositus und begann, während er
mit flüchtiger Handbewegung den Segen erteilte: »Ungern sehe ich heut
dein Gesicht, Tutilo, da du doch die Brüder, wie ich höre, in das
Heufest gesandt hast. Es wäre besser, wenn du deine gefurchte Stirn den
Heimkehrenden entgegenhieltest, damit ihnen die weltliche Fröhlichkeit
aus dem Herzen schwände. Aber auch die krächzende Krähe flieht gern
dorthin, wo sich die Habichte niederlassen.«

»Du selbst, Herr und Abt von Wigbert, vergleichst dich mit dem Habicht,
der sich in dem Klostergut niedergelassen hat,« versetzte Tutilo
schnell aufstehend, »ich aber und mancher von den Brüdern meinte,
daß in der Notzeit des Klosters den Brüdern gezieme, ihren Groll zu
vergessen und einträchtig auf Nützliches zu denken, was die Gefahr
abwenden kann.«

»Du sprichst gut,« versetzte der Abt ungnädig, »sorge dafür, daß deine
Taten der Rede nicht widersprechen. Kommst du auch ungeladen, sitze
dennoch nieder, ob du dem Kloster deine Treue erweisen kannst.« Er
winkte dem Mönch Eggo, dieser verschwand und trug drei große silberne
Becher und eine Weinkanne herzu, die er auf den Tisch stellte, er
selbst aber trat hinter den Lehnstuhl des Abtes. Dieser setzte sich
gewichtig, winkte den Gästen zu beiden Seiten Platz zu nehmen und
sagte auf die Becher weisend: »Es sei erlaubt. Ich freue mich deiner
Ankunft, Reinhard. Deine Klugheit ist rühmlich bekannt, du hast
dich den Heiligen unserer Kirche in meine Hand zugeschworen und als
vertrauten Boten habe ich dich nach Thüringen gesandt, damit du gleich
einem Fremden ohne Gunst und Haß die Höfe des Klosters bereisest und
mit eigenen Augen alles erkundest, denn üble Nachrichten erhalten wir
aus jedem Gaue. Jetzt berichte von unsern Höfen und von den Zellen,
in denen unsre Brüder hausen, damit wir alles erfahren, wenn es auch
unwillkommen ist.«

Reinhard holte einen Pergamentstreifen heraus, auf dem die Hufen und
Höfe des Klosters verzeichnet waren und begann den Reisebericht. Es war
eine lange Reihe von Klagen der Verwalter über Gewalttat der Grafen
und Widerspenstigkeit der Verpflichteten. Als er innehielt, tat Herr
Bernheri einen tiefen Trunk und sprach darauf seufzend: »Solange ich
lebe, habe ich erfahren, daß die Frommen spenden und die Gottlosen
nehmen. Sonst waren der Frommen mehr und der Gottlosen weniger. Wie ein
Weiher ist das Klostergut, in den die kleinen Quellen rieseln; wenn er
aber gefüllt ist, kommen die Müller des Teufels, öffnen ihre Gräben und
leiten die Flut wieder ab über ihre Mühlräder. Ich sorge, der Weiher
wird einmal leer und meine Mönche werden wie Karpfen in mißfarbigem
Schlamme zappeln.«

»Wer kommendes Unglück meldet, dem danken wir, wenn er auch sagt, wie
zu helfen ist. Unerhört ist es, daß ein neuer Bruder die Geheimnisse
des Klosters erfährt, welche sonst nicht einmal den Dekanen bekannt
sind,« fiel Tutilo mit rauher Stimme ein. »Leichter ist es Klagen
vorzutragen, als die Hilfe zu finden.«

»Du selbst weißt ja, mein Vater,« antwortete Reinhard, »wo die beste
Hilfe zu finden ist. Die Heiligen fragen vor allem, ob unsere Brüder
nach der heiligen Regel ihren Dienst tun. Den Säumigen aber entziehen
sie ihre Gnade. Manches sah ich in St. Wigberts Kloster, was nicht nach
der Regel war.«

»Sage das doch den Mönchen in Fulda, in Corvey und sonstwo, überall ist
der Mutwille größer als bei uns,« rief Tutilo zornig, »und lebt ihr
in Altaha, die ihr euch als starker Beter rühmt, deshalb in größerer
Sicherheit?«

»Gern verkünde ich dir, o Herr, auch Günstiges,« fuhr Reinhard ruhig
fort, »nämlich, daß unter den Waldleuten, welche bei unserer Zelle
Ordorf wohnen, ein neuer Eifer erwacht ist. Die Brüder, welche du
dorthin gesandt hast, leben in froher Hoffnung, denn sie meinen, großes
Unheil sei ihnen widerfahren. In mehr als einer Nacht sahen die Brüder
Licht in der Kirche und als Hunibald der Magister einst aufstand und
hineinging, erkannte er einen Schein über der Platte, unter welcher,
wie die Sage geht, der selige Vater Meginhard, der Genosse des heiligen
Bonifacius, bestattet ist. Viel erzählen sie dort von den christlichen
Heldentaten, die Meginhard zu seiner Zeit unter den Heiden gewirkt hat.
Die Laien drängen sich in die Kirche und beten auf seinem Grabe und
große Heilungen von schweren Leiden werden berichtet, die an dieser
Stätte ganz plötzlich gelungen sind. Das läßt Hunibald dir durch mich
mit Freuden verkünden.«

Der Abt schüttelte unzufrieden das Haupt. »Ich kenne den Sinn unserer
Brüder in Ordorf, sie sind gutwillig, aber unbesonnen und ihrem Glauben
fehlt die Prüfung. Ich kenne auch alte Vetteln, welche von einer
Stätte zur andern laufen und ihre Gebresten heilen lassen, damit man
sie rühme, auf den Schultern trage und mit guter Kost füttere. Die in
Ordorf mögen sich wahren, daß die Kinder der Welt uns nicht verspotten
und daß nicht zuletzt ein großes Skandalum aus dem Wunder werde.«

»Es ist nicht begehrliches Volk allein, welches zuströmt, auch ehrbare
Leute rühmen die Wunderkraft des seligen Bekenners.«

»Und vermagst auch du sie zu rühmen nach dem, was du gesehen hast?«
frug der Abt prüfend.

»Ich hatte, wie du weißt, nicht die Zeit und nicht das Amt, nach der
Wahrheit zu forschen,« versetzte Reinhard.

»Ich aber meine,« rief Tutilo, die Faust auf den Tisch setzend, »daß
den Heiligen zu Herolfsfeld ein übler Dienst geschieht, wenn der selige
Memmo zu Ordorf einen Zulauf als Wundertäter erhält und am Ende gar zu
Rom als Heiliger aufgenommen wird. Denn die Leute in den Waldlauben
werden froh sein, wenn sie einen besonderen Fürbitter gewinnen, und die
Edlen werden bei König und Papst bald darauf antragen, daß wir Ordorf
aus unserer Klosterzucht entlassen und daß dort oder in der Nähe eine
eigene Abtei gegründet wird, und Meginhard würde sich schnell als ein
großer Räuber am Wigbert erweisen. Deshalb rate ich, daß wir unsern
Heiligen getreu bleiben und uns nach Kräften bemühen, die Wunder zu
stillen und nicht landkundig zu machen.«

Der Abt nickte. »Er spricht das Richtige. Wenn ein Lichtschein dem
Kloster helfen könnte, so vertraue ich, würden unsere Fürbitter es auch
bei uns nicht daran fehlen lassen. Weißt du eine andere Hilfe, mein
Bruder, wenn auch durch weltliche Mittel?«

Reinhard antwortete demütig: »Wenn ich das Schicksal deiner Herrschaft,
Herr, erwäge, so finde ich, daß dieser zu sehr fehlt, was ihr Schutz
und Sicherheit gewähren könnte. Durch ganz Thüringen liegen die Hufen
und Höfe zerstreut in den Dorffluren und zwischen den Lehnsgütern der
Grafen; aber klein ist die Zahl der Vögte und der Bewaffneten, welche
für das Kloster Helm und Schwert tragen. Mächtiger ist der Abt von
Fulda, um vieles reicher an Vasallen; am mächtigsten der Erzbischof
von Mainz, denn seine Kriegsleute lagern sicher in der großen Stadt
Erfurt. Die Mönche von Fulda und die Kanoniker in Erfurt aber sinnen
Ungünstiges für dein Kloster und breiten sich aus dir zum Schaden,
auch in den Waldlauben an dem Rand der Berge, wo sonst deine Herrschaft
fest gegründet war. Darum meine ich, dir tun vor allem Burgen not
mit treuer Besatzung. Als ich von Erfurt nach Ordorf zog, sah ich in
der Ebene, wo das Gebirge beginnt, einen Ring von Hügeln, auf denen
Warten und Burgen stehen, sie schließen einen Weiher und Wiesen ein,
schwer ist der Zugang, denn viele Teiche liegen am Saum der Hügel. Dort
ragt im Hintergrunde die Wassenburg, welche dem Kloster gehört, doch
sie ist halb verfallen. Der ganze übrige Bergwald aber und das Land
darum gehört dem Geschlecht des Jünglings Immo, der in der Schule des
Klosters gehalten wird. Dies Geschlecht beherrscht von den Bergen wie
von einem großen Wall die Landstraße und die Umgegend. Und ich höre, es
bringt gern seine Spenden zum Kloster.«

»Gut hast du gesehen, mein Bruder,« rief der Abt, »ich kenne die roten
Hügel und ich weiß, daß sie gewaltig sind, aber sie sind freies Erbe
eines Geschlechts, welches seit der Urzeit im Lande haust, und ich
meine nicht, daß sie ihr Erbe dem Kloster gutwillig in die Hand geben
werden.«

»Vielleicht würden sie selbst als Vögte ihre Burgen bewahren, wenn sie
zum Heil ihrer Seele dieselben vorher den Heiligen in die Hand gegeben
hätten,« versetzte Reinhard.

»Wahrlich, Bruder,« sprach Tutilo, »als ich zuerst von deiner Sendung
hörte, war sie mir widerwärtig; was du aber hier kündest, ist dasselbe,
was auch ich für eine gute Hilfe des Klosters halte und ich muß deine
Klugheit preisen.«

»Ich aber kenne unsern Schüler Immo und seine Sippe,« warf der Abt ein,
»hochfahrend ist ihr Sinn.«

»Was die Kinder der Welt ungern tun, dazu zwingt sie oft die Angst
vor der Hölle des üblen Teufels,« sprach Reinhard. »Dennoch würde
ich nicht an diese Hilfe gemahnt haben, wenn mir nicht Frau Edith,
die Mutter des Immo, vertrauliche Botschaft an dich, meinen Herrn,
aufgetragen hätte und zwar gerade wegen dieser Burgen. Denn sie fleht
dich an, daß mir erlaubt sei, dem Sohn ihren Segen zu bringen und ihn
mit einer guten Nachricht zu erfreuen. Das Geschlecht hat beschlossen,
die Mühlburg als Angebinde an das Stift zu Erfurt zu geben, damit der
Schüler Immo dort Kanonikus werde und durch den Erzbischof Willigis
unserm Kloster enthoben. Seht selbst zu, meine Väter, ob unser Kloster
dadurch Vorteil gewinnt. Sehr bereitwillig werden die Erzbischöflichen
zu Erfurt sein, die Burg zu empfangen, für uns aber scheint mir diese
Wandlung verderblich.«

»Lieber wollte ich den Wolf in meiner Lämmerherde schauen,« rief Herr
Bernheri.

»Nimmer darf der Knabe und sein festes Haus dem Wigbert entschlüpfen,«
drohte Tutilo.

»Ich weiß einen, der das Seine getan hat, durch Stirnrunzeln dem
Jüngling Immo das Kloster zu verleiden,« versetzte Herr Bernheri
strafend.

»Wäre der Knabe besser in die Klosterzucht gewöhnt worden, er würde
nicht zurück in die Welt begehren,« entgegnete Tutilo, »auch die Weide
biegt sich nur, wenn eine feste Hand sie zusammendreht. Und ehe ich
leide, daß die Burg den prahlerischen Schwelgern zu Erfurt geöffnet
wird, zwinge ich den Schüler mit eigner Hand in die Klausur.«

»Du wirst es schwer finden, ihn in der Büßerzelle zum Mönche zu
schlagen, mein Bruder,« versetzte der Abt. »In vielem hast du meine
Herde verleitet, aber schwerlich wird sie dir folgen, wenn du das Kind
aus dem Geschlecht unserer Guttäter durch Zwang zurückhalten willst.
Ich rate dir, daß du lieber dem Bruder Reinhard vertrauest, denn nicht
allein wegen seiner Grammatik und Dialektik gefiel es mir, ihn hierher
zu laden, sondern weil er die Kunst versteht, die Herzen der Jugend
zu gewinnen und, damit ich metaphorice spreche, auch junge Stoßvögel
an die Hand zu gewöhnen. Versuch du, mein Bruder, ob du die Neigung
des Knaben für den Wigbert gewinnen kannst. Er ist ein Falk aus den
thüringischen Bergen, diese ertragen schwer die Kappe, sind sie aber
gebändigt, dann stoßen sie freudig. Und jetzt gefällt mir, daß wir uns
erheben. Manches andere will ich mit Bruder Reinhard allein verhandeln.
Du aber, Tutilo, ziehe zurück und zähle die Heuwagen, bis es mir
passend erscheint, dich zu rufen oder bis ich selbst hinuntersteige und
den Konvent der Brüder versammle, welchen du Übles gegen mich in das
Ohr raunst.«

Das Gesicht Tutilos flammte in Zornesröte als er sich erhob. »Du aber,
Abt Bernheri, gedenke nicht, das Wichtigste den Brüdern zu verbergen
und im Rücken des Klosters die Wahl zu treffen über den König, dem wir
in Zukunft dienen sollen. Kein Wort hat dein Bote berichtet von dem
Kampf, der sich um die Krone erhebt, und doch ist dies die nächste
Sorge und eine größere als um Hufen und Burgen. Meine nicht, Bernheri,
mich zu hintergehen. Wenn du auch Abt bist, du selbst würdest es schwer
entgelten, denn mein ist die Sorge, daß das Heiligtum nicht durch dich
mit Unehren beladen wird.«

»Sorgst du so eifrig um den Vorteil der Brüderschaft,« rief Herr
Bernheri ebenfalls zornig, »so sorge auch, daß der Reiter, welcher
dir die Botschaft des Markgrafen zugetragen hat und der verborgen
im Gasthause liegt, spurlos verschwinde, bevor ihn meine Reisigen
ergreifen. Dich selbst könnte ich Verräter nennen; ein Wink von mir,
und du kehrst nur zum Gericht in das Kloster zurück. Aber seit vielen
Jahren habe ich die Bosheit deines Wesens ertragen und auch jetzt
gedenke ich, weil ich älter und klüger bin als du, dich zu behandeln
wie einen Trunkenen, von dem geschrieben steht, er weiß nicht was er
tut.«

Tutilo verließ das Zimmer ohne Gruß, der Abt ging heftig auf und ab,
endlich ergriff er die Kanne, setzte sie aber mit einem Seufzer wieder
hin. »Selbst der Wein schadet zornigem Gemüt und ich begehre nicht,
unwilliger auf ihn zu werden, als ich bereits bin.«

»Ich aber bringe dir,« begann Reinhard, ein Pergament aus der Kutte
ziehend, »den Gruß des Königs und seine Mahnung, daß du die Reisigen
des Klosters ohne Verzug sammelst und durch die Wälder von Fulda zu
seinem Heere sendest. Damit auch du seine Gnade erkennst, o Herr,
sendet er dir, was du lange ersehnt und erbeten hast, die Schenkung des
Bannwaldes um St. Peter, der bisher Königsgut war. Du mögest sorgen,
mahnt der König, daß die Treue des Klosters sich ebenso bewähre wie des
Königs Gnade.«

Schnell griff Herr Bernheri nach der Urkunde: »Die besten Hirsche
zwischen Fulda und Main halte ich in diesem Pergament,« aber bald
verdüsterte sich sein Blick. »Du hast gesehen, mein Bruder, wie jener
unholde Mann gesinnt ist; nach allen Seiten murrt er den Leuten Arges
in die Ohren und hat die Knechte Wigberts ganz vom König abgewandt,
nicht weiß ich, ob ich noch Herr bin im Kloster und über meine
Schildträger. Dennoch will ich tun, was ich vermag, indem ich den
Konvent zusammenrufe. Du aber eile dem Tutilo nach und rühme unterdes
im Kloster die Schenkung, damit die Unzufriedenen mein Herrenwort
williger anhören.«

Während der Abt dem Mönche die letzten Befehle gab, erscholl auf
den Feldwegen, die zum Kloster hinführten, Jauchzen und Gesang; die
Brüder und Mannen auf dem Petersberg drängten zum Tore hinaus und
sahen neugierig in das Tal hinab. Hochbeladen in langer Reihe kamen
die Heuwagen heran, auf den Wiesenbäumen darüber saßen und ritten die
Buben des Dorfes schreiend und die Arme schwenkend. Hinter den Wagen
schritten zwei Spielleute mit Sackpfeife und Fiedel, sie führten eine
lustige Weise spielend die Schar der Arbeiter. Denn Männer und Frauen,
mit Laub und Wiesenblumen bekränzt, hielten einander an den Händen und
sprangen trotz der Arbeit des heißen Tages lustig den Reigen; vom Pfade
ab zogen sie die Kette bald seitwärts über die Flur, bald zwischen
den Wagen hindurch. Ihnen folgten die Herren des Klosters, voran die
beiden Schulen; auch die Schüler sprangen und tanzten durcheinander,
manche saßen zu Pferde und trieben die Gäule zu lustigen Sätzen. Sogar
die Väter gedachten nicht sehr ihrer Würde, mehr als einem war das
Haupt schwer, so daß er von den andern geleitet werden mußte, und man
merkte auch, weshalb er so unsicher schwankte, denn ganz am Ende fuhr
ein Wagen mit leeren Fässern, welche zwischen den Brettern kollerten,
und mit Trinkgefäßen, deren Henkel an die Leiterbäume gehängt waren.
Endlich hob ein Bruder sein lateinisches Trinklied an und viele
stimmten ein und sangen die Schlußverse mit kühnen Bewegungen der Arme,
und eilte eine Magd, die sich verspätet hatte, bei dem langen Zuge der
Väter vorbei, dann geschah es wohl, daß einer der Begeisterten sie
in den Arm kniff oder auch in die Backen. So wälzte sich der Schwarm
schreiend und singend dem Kloster zu. Die untergehende Sonne warf ihr
goldenes Licht auf heiße Gesichter und glänzende Augen, die Treiber
knallten mit ihren Peitschen um die Wette, sogar die Tiere schritten
lustiger vorwärts.

Plötzlich stockte der Zug an dem Kreuzwege, wo ein Pfad von Osten
heranlief, die Buben auf den Heuwagen sprangen empor und wiesen in
die Ferne, die Wagen hielten an, die vordersten Knechte schrien nach
rückwärts, Spiel und Gesang endete in einem Mißton. Denn von dem
Seitenweg her tönte wilder Klageruf widerwärtig in die Festfreude.
Langsam bewegte sich eine andere Abteilung der Klosterleute vom Holze
her dem Flußtale zu, mit gesenkten Häuptern und Wehgeschrei trugen
sie einen undeutlichen Gegenstand heran. Die Leute im Zuge verstanden
wohl, was der Ruf bedeutete, dort war einer erschlagen, und die
Rüstigen liefen über das Feld dem trauernden Haufen entgegen. Zu
einem wirren Knäuel vereinigten sich die beiden Haufen. Die Knechte
peitschten ängstlich ihre Gespanne zu schnellerem Schritt, um sie in
den Klosterhöfen zu bergen, die andern umstanden entsetzt eine Bahre,
auf der ein todwunder Mann lag. Schnelle Fragen und Antworten folgten
einander, Heugabeln und Messer wurden geschwenkt und an Stelle des
lateinischen Schelmenliedes klang wilder Racheruf über das weite Tal.
Tutilo spornte sein Roß zu schnellen Sätzen. Als der gefürchtete
Mönch in das Gedränge stob, fuhren die Leute auseinander, im nächsten
Augenblick aber begann wieder Wehgeschrei und Totenklage. Der Mönch
sprang ab, beugte sich über den Mann und sah nach der schweren
Kopfwunde. Dann gebot er, ihn in das Krankenhaus des Klosters zu
tragen, und forderte Bericht über die Missetat. »Wo sind die Gespanne?«
frug er unruhig um sich blickend, »wo ist Hugbald?«

»Die Gespanne geraubt, die Knechte geschlagen und fortgeführt, Hugbald
gefangen und mit ihm der Scholastikus Immo,« riefen ihm die Leute
entgegen, bis auf seinen Wink der alte Bruder Bardo vortrat und
stöhnend das ganze Unheil verkündete. Die Waldwiesen, auf denen Bardo
die Heumahd zu ordnen hatte, lagen weitab von den übrigen Gründen,
welche auf den Höfen des Klosters bewirtschaftet wurden. Sie waren
neuerer Erwerb, doch niemand hatte beim Auszuge geahnt, daß dort
ein Feind lauere. Ungestört hatten die Arbeiter in den Tagen zuvor
gemäht und das Heu gewendet, nur von einem Bewaffneten begleitet,
wie bei fernen Feldarbeiten auch im Frieden Brauch war. Aus Vorsicht
hatte heute Hugbald geboten, daß die Knechte ihre Rosse abspannen und
während die Heuhaufen gesetzt wurden, unter Aufsicht eines Reisigen auf
freier Höhe, von der weite Umschau war, zusammenhalten sollten, bis er
selbst das Einbringen gebiete. Als er endlich gekommen war, begleitet
von dem Schüler Immo, hatten die Knechte ihre Gespanne zu den Wagen
zurückgeführt. »Schon vorher war uns unheimlich geworden,« kündete
Bardo, »denn wir hatten in der Ferne hinter den Büschen einzelne
Bewaffnete erkannt, welche hin und her ritten. Grade als sich der Zug
der beladenen Wagen in Bewegung setzte, brach ein Schwarm Reiter aus
dem Holz und ritt über die Felder auf die Gespanne zu. Unsere Reisigen
hoben die Wurfspeere und warfen sich ihnen entgegen, auch die Knechte
ergriffen die Heugabeln und sprangen gegen die fremden Reiter, aber
klein war die Zahl der unsern, im Nu waren sie umringt. Der Mann,
welcher auf der Bahre liegt, fiel sogleich vom Rosse in sein Blut, nur
Hugbald schoß den Wurfspeer und schlug mit dem Schwerte, drei waren
gegen ihn, doch der Jüngling Immo fuhr wie ein Wirbelwind zwischen
sie, ich sah zwei vom Pferde stürzen und die ledigen Tiere laufen. Ganz
tapfer hielt sich unser Scholastikus und er hatte den Hugbald frei
gemacht, aber dieser rief: »wie mag ich zurückkehren ohne die Wagen«
und warf sich aufs neue einem andringenden Haufen entgegen, bis er
entwaffnet und mit Weiden gebunden war, und gleich ihm der Jüngling
Immo; darauf wurden auch die Knechte übel geschlagen und gefesselt.
Mit großem Gefolge stob Graf Gerhard, den wir alle kennen, heran und
rief mit zornrotem Gesicht: »Verderben über euch, ihr Wigbertleute,
mein ist das Heu, mein die ganze Markung. Nichtig ist die Schenkung,
deren ihr euch von meinem Vater her mit Unrecht rühmt; die Gespanne
und eure Dienstleute treibe ich fort, eine geringe Entschädigung sind
sie für den Verlust, den ich durch viele Jahre von euch erlitten.
Läßt sich noch einer von euch Geschorenen auf dieser Flur blicken, so
sollen ihm meine Gewappneten die Haut über die Ohren ziehen. Ihr Mönche
aber wandelt stracks zurück, nur die heulenden Mägde lasse ich euch.
Und saget eurem Abt: will er seine Dienstleute lebend wiedersehen, so
soll er sich eilen das Lösegeld zu senden, denn ich gedenke sie nicht
lange im Kerker zu füttern. Hinweg mit euch, denn euer Anblick ist mir
verhaßt.« So ritt er mit einem Fluche aufwärts dem Buchenwald zu und
hinter ihm zogen die Heuwagen und die Gefangenen. Wir aber standen
weinend um den gefällten Mann, mühsam trugen wir mit den Weibern seinen
Leib auf den Baumästen hierher.« Als der Alte geendet hatte, begannen
die knienden Weiber wieder ihr Wehegeschrei und der Racheruf der
Wigbertleute klang durch das Tal.

Tutilo sah auf die zornige Schar wie ein Häuptling, der die Zahl
seiner Getreuen mustert. »Sie sagen, Graf Gerhard will für König
Heinrich ins Feld reiten, hier merket die Treue der Königsmannen. Als
ein Walddieb ohne Aufkündigung des Friedens hat er das Kloster ruchlos
gekränkt. Ihr aber, fromme Knechte des Wigbert, gedenkt der Vergeltung,
schreit zu den heiligen Nothelfern um Rache, daß sie ein gehäuftes Maß
Unheil über den Verfluchten senden, bereitet eure Wehren, schlagt an
der Glocke des Erzengels den Notschlag zur Warnung für alle, die noch
im Felde sind, daß sie sich sammeln, und entzündet die Feuerzeichen
auf den Höhen, damit auch die Entfernten wissen, daß unser Kloster von
Feinden bedrängt ist. Folgt mir zu den Höfen, damit wir um Tor und
Mauer sorgen, denn aus dem Frieden sind wir gesetzt in Unfrieden und
auf Abwehr denken wir und Vergeltung. Du aber, Bardo, bändige deinen
Schreck und ziehe jene Straße nach St. Peter, damit du einen andern
Bericht gebest; ich sehe dort den Abt Bernheri herabsteigen, geringe
Freude wäre mir, ihm jetzt zu begegnen.« Er schwang sich auf sein Roß
und sprengte voraus dem Kloster zu, einem Kriegsmann ähnlicher als
einem Mönch. Den andern aber hob sich der Mut, als sie seinen wilden
Zorn erkannten, und hinter ihm eilte der Schwarm von Männern und
Weibern auf der Landstraße dahin, während Bardo mit den Brüdern, die
das Unglück geschaut hatten, traurig dem Abte entgegenging.

       *       *       *       *       *

In der Halle des Grafen Gerhard beleuchtete der rote Schein vieler
Kienfackeln die Holzwände und die rußigen Balken der Decke. Gegenüber
der Tür führten einige Stufen zu dem erhöhten Raum, auf welchem der
Herrentisch stand, dort brannten große Wachslichter, ein weißes
Tischtuch war aufgedeckt und neben den Tontellern blinkten silberne
Kannen und Becher. In der Halle waren zwei lange Tafeln gerichtet
mit Sitzen darum, und unten an der Tür eine dritte kleine, alle mit
Holzgerät und irdenen Krügen bestellt.

Der Kämmerer des Grafen trat an die Tür der Halle und blies auf einem
Horn, das er am Halse trug, den Ruf zum Mahle in den Hof. Klirrend
drangen die Schwertmannen in die Halle und reihten sich hinter den
Holzstühlen, auf der rechten Seite die freien Vasallen und unterhalb,
wo das Tischtuch aufhörte, ihre Knechte, auf der linken Seite die
unfreien Hofleute mit den Knechten. Die Freien waren meist bäuerische
Genossen, welche lungernd in den Dörfern des Grafen saßen, bis sie zum
Schwertdienst entboten wurden, die Unfreien aber, obgleich sie die
schlechtere Bank besetzten, achteten sich für heldenhafter, weil viele
von ihnen im Herrenhof hausten, täglich hinter dem Grafen ritten und
schönes Gewand und gute Rosse von ihm empfingen. Die Freien wiederum
waren stolz auf ihre Herkunft und verachteten die Knechtschaft der
Geschmückten, so daß die beiden Bänke in Eifersucht lebten. Ganz unten
an der Tür aber, getrennt von den andern, harrten an besonderm Tisch
die beiden Fechter, Ringrank und der Sachse Sladenkop, unehrliche
Leute, welche ihr Blut dem Grafen verkauft hatten und öffentlich
mit scharfem Eisen gegen ihresgleichen kämpften, oder auch heimlich
jedermann niederschlugen, so oft es ihr Lohnherr gebot.

Der Kämmerer stieg auf die Stufen des Ehrensitzes und gab ein zweites
Hornzeichen. Da öffnete sich eine schmale Tür der Hinterwand und Graf
Gerhard trat selbst herein, hinter ihm seine Tochter Hildegard, welche
den kleinen Bruder an der Hand führte. Der Graf hatte seinen eisernen
Kettenrock mit einem hellen Hauskleide vertauscht, das bis über die
Knie herabging und von breiter gestickter Borte umsäumt war, darüber
trug er am weißen Ledergurt sein Schwert, an den Beinen hohe rote
Strümpfe und schön gestickte Schuhe. Er war wohl älter als fünfzig
Jahr, in seinen schrägen Augen glitzerte das Weiße, so daß den Leuten
sein Blick nicht gefiel, und da die niedrige Stirn stark zurücktrat und
seine Nase sich lang über den fränkischen Schnauzbart gegen das spitze
Kinn dehnte, so hatte er wegen seines wölfischen Aussehens den Beinamen
Isegrim erhalten. Gern wendeten die Mannen den Blick von ihm auf die
Jungfrau, sie schauten bewundernd auf die schlanke Gestalt, welche
ihr weißes Ärmelgewand mit buntem Gürtel und Saume so stolz trug,
auf langes, blondes Haar, das durch ein blaues Band über der Stirn
zusammengehalten wurde, und auf ein rundliches Kinderantlitz, über dem
der unwiderstehliche Zauber der Unschuld lag.

Der Graf winkte, und als das Horn zum drittenmal rief, stiegen aus dem
Hofe der Truchseß mit den Küchenknaben und der Mundschenk mit dem Küfer
in die Halle und sie setzten die Speisen und große Trinkkrüge auf die
Tafel. Der Herr trat zu seinem Lehnstuhl, nahm die Mütze ab und hielt
einen Augenblick das Gesicht hinein, alle neigten die Häupter und
mancher Fromme schlug das Kreuz, dann rückten die Burgleute kräftig die
Stühle, zogen ihre Messer aus der Scheide und begannen schweigend die
Arbeit des Mahles.

»Wohl gelang uns die Fahrt in das Heu,« begann der Graf, einen Becher
hebend, »und mit Stolpern und Ausgleiten endete der Reigentanz der
lustigen Mönche. Trinkt, Bankgenossen, und sorgt, daß der Ausgang so
rühmlich sei als der Anfang.« Heller Beifallsruf erhob sich und die
Trinkkannen wurden in der Luft geschwenkt. »Führt den alten Hugbald
mit seinem Knaben aus dem Turme herbei. Sie waren die einzigen, welche
wacker die Reiterwaffe gebrauchten, sie sollen nicht Schwarzbrot kauen,
während wir uns des Mahles freuen.« Zwei Knechte eilten hinaus; nach
einer Weile wurden Hugbald und Immo eingeführt, beide waffenlos. Als
sie auf der Schwelle standen, rief der Graf durch den Saal hinab:
»Tritt näher, Alter, lagere dich dort unter meinen eisernen Knaben.«
Er wies auf den Tisch zur rechten Seite, wo zwischen den Rittern
und Knechten eine Bewegung entstand, und mahnte wohlwollend: »Laßt
ihn das Tischtuch haben, denn er trug manches Jahr seine Sporen als
ein ehrlicher Gesell und soll ungekränkt von meinen Tellern essen.«
Hugbald ging schweigend auf den Platz, welcher ihm geräumt wurde, und
antwortete gleichmütig auf die Grüße und Spottreden seiner Nachbarn.

»Hüpfe auch du auf die Bank, junger Klosterkauz,« gebot der Graf und
winkte Immo, welcher an der Tür stehen geblieben war.

»Ladet Herr Gerhard mich ein, in seiner Halle niederzusitzen?« frug
Immo errötend, aber mit einer Stimme, die hell durch den Raum klang.

»Öffnet ihm eine Ecke,« befahl der Hofherr zu den Knechten gewandt.
Aber Immo eilte mit gehobenem Haupt durch die Halle dem Tisch des
Grafen zu, er stieg die Stufen zum Herrensitz hinauf und drängte
mit der Hand den Kämmerer, der ihn aufhalten wollte, beiseite. »Dir
würde geziemen, mir den Stuhl zu rücken,« rief er. So trat er auf
die Erhöhung, trug einen Sessel neben die Tochter des Grafen, sprach
freundlich nach allen Seiten grüßend: ~pax domini vobiscum~ und
setzte sich. Graf Gerhard sah sprachlos vor Erstaunen auf den kecken
Eindringling. Ȇbel gedeihe dir deine Frechheit; seit wann klettern die
Schüler in den Abtstuhl. Doch Wunderliches hören wir über die Unordnung
in Wigberts Hofe.«

»Im Hofe des Heiligen sitze ich demütig an der Schülerbank, bei euch,
Herr, ziemt mir der Stuhl in eurer Nähe.«

»Werft den Schamlosen von seinem Sitz,« befahl der Graf zornig.

»Dann führt mich zurück in den Turm,« rief Immo, »denn bei allen
Heiligen des Himmels, an keiner Bank lagere ich, keinen Bissen und
keinen Trunk nehme ich in diesem Saal, wenn mir nicht ein Ehrensitz
bereitet wird, wie ihn mein Vater erhielt, wenn er diese Burg betrat.«

»Wer bist du, Knabe, daß du mir unter meinem eigenen Dache zu trotzen
wagst?«

»Es ist Immo, Herr, Sohn des Helden Irmfried, welcher das Banner der
Thüringe im Lande Italien trug,« bedeutete ein alter Dienstmann in der
Nähe des Grafen, »und darin hat er recht, die Männer seines Geschlechts
haben von je einen Herrenstuhl begehrt.«

»Jetzt erkenne ich dich, Immo,« versetzte der Graf ruhiger, »bei meinem
Schwert, früh krümmt sich der Haken. Dennoch sollen meine Knaben dich
abwärts führen, da du kein Krieger bist, sondern nur ein halber Mönch.«

Immo errötete vor Zorn. »Ich aber meine, daß eure Reisigen meinen Arm
gefühlt haben, fragt nach, wenn es euch gefällt, ob die Stöße nur
halb waren und in Mönchsweise gegeben, oder nach Art eines ehrlichen
Kriegers. Und wenn ich wüßte, daß die Starken, gegen welche ich
geritten bin, in diesem Saale wären, so würde ich sie gern friedlich
begrüßen und sie bitten, daß sie ihren Groll gegen mich schwinden
lassen. Denn ich habe nur getan, wozu ich als Geselle des Hugbald
verpflichtet war, und ich hoffe, auch sie ehren den Spruch: auf der
Heide schlagen, beim Trunke sich vertragen.«

Da rief ihm ein junger Dienstmann von der Bank entgegen: »Hast du
auch meinem Genossen das Haupt zerschlagen, lustiger Immo, so will
ich dir doch Bescheid tun, wenn der Graf dir einen Trunk verstattet.
Denn laut dröhnte dein Holz an meiner Eisenhaube, und ich schulde
dir noch einen Dank vom letzten Kirchfest, wo ich allein gegen eine
Anzahl Klosterleute rang und du mir zu Hilfe sprangst, damit der Kampf
ehrlicher sei. Treffe ich dich mit einem Schwert aber später auf grünem
Grunde, dann zahle ich dir die Streiche zurück, und du magst sie
tragen.«

Ein beifälliges Gebrumm ging um die Bänke.

»Wohlan,« entschied der Graf, »da du dich vor meinen Mannen nach Gebühr
zu entschuldigen weißt, so will auch ich heut an die Ehren deines
Vaters gedenken. Siehe zu, ob du meine Tochter Hildegard erbitten
kannst, daß sie deinen Stuhl in ihrer Nähe leidet, denn sie ist gleich
dir vor kurzem aus der Klosterschule geschlüpft, und sie soll dir wie
ein Abt in Latein dein Urteil sprechen. Wir andern aber wollen ruhig
zuschauen, wenn sie über dem Scholastikus zu Gericht sitzt.«

Das Mädchen saß unbeweglich und sah errötend vor sich hin.

»Sei mir hold,« bat Immo, »da du doch aus der Schule bist.«

Ein freundlicher Blick des Einverständnisses fiel auf ihn, dann sah sie
wieder vor sich hin.

»Hast du das Sprechen verlernt, Hildegard?« frug der Graf unwillig.
»Sechs teure Rosse haben die frommen Frauen genommen, um dich in ihrer
Zucht zu unterweisen, obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber höre
als das unverständliche Murmeln in fremden Zungen. Mich reut meine
Spende, wenn du dem dreisten Schüler nicht zu antworten vermagst.«

»~Cave ne iram augeas~,« sprach das Mädchen leise, ohne den Schüler
anzusehen.

»Nur dürftig rinnen die Worte wie aus versiegendem Quell, was hast du
ihm gesagt, Mädchen?« frug der Graf.

»Sie hat mich gemahnt,« antwortete Immo sich erhebend, »daß ich mit
ehrerbietiger Bitte euch nahen soll. Darum flehe ich, Graf Gerhard, daß
ihr mir, wenn ich auch euer Gefangener bin, den Sitz gestattet und mich
nicht von eurem Tische sendet. Denn um euch alles zu sagen, gar nicht
reichlich war heut die Mittagskost im Kloster und der Ritt zwischen den
Rossen eurer Reisigen war auch einem fröhlichen Imbiß sehr ungleich,
und gern würde ich Heil für euch und die Jungfrau trinken, wenn ich es
vermöchte.«

Da der Graf an dem beifälligen Murmeln seiner Dienstmannen erkannte,
daß diesen die Art des Jünglings wohlgefiel, so lachte er und rief über
die Bänke: »Wahrlich, dieser Schüler versteht nicht nur sich selbst,
auch andern Ehre zu geben. Darum gefällt mir, daß heut die beiden
Lateiner zusammensitzen. Fülle deinen Becher, Hildegard, und biete ihm
den Trunk, rücke ihm auch deinen Teller hin, denn als dein Geselle soll
er heut von deinem Teller essen und aus deinem Becher trinken.«

Das Mädchen schob den Teller zögernd nach dem Fremden hin.

»Ich merke,« sagte Immo ärgerlich, »daß dir dein Geselle unwillkommen
ist.«

»Wundere dich nicht, Immo,« spottete der Graf, »du bist wie ein
Frosch aus dem Klosterweiher herangehüpft. Ihr aber geht es wie der
Königstochter, welcher auch ein Frosch zum Gesellen gesetzt war, stolz
sah sie auf den Quaker, kalt erschien ihr sein Fell und nur mit zwei
Fingern griff sie ihn an.«

»Ja, so tat sie, Herr,« versetzte Immo dreist, »aber zuletzt wurde der
Quaker doch ihr Gemahl.«

Der Graf und seine Bankgenossen lachten laut. »Mißfällt dir auch seine
ungefüge Stimme,« gebot der Graf ergötzt der Jungfrau, »so fülle ihm
doch den Becher.«

»Trinke mir zu«, mahnte Immo, »dies ist mein Recht, da ich dein Geselle
bin.«

Hildegard berührte den Becher mit ihren Lippen, schob ihm den Becher
hin und sagte leise: »Stille ein wenig den lauten Gesang, denn der
Reiher schwebt über dir.«

»Sieh zu, Frau Reiherin, ob meine Hand kalt ist wie eine Froschhand,«
versetzte Immo, ihre Hand fassend.

»Du wirst dreist, Herr Frosch,« antwortete das Mädchen, die Hand
zurückziehend, »tauche zurück in deinen Quell.« Sie hob die Kanne und
goß ihm den Becher voll.

»Sei bedankt, Geselle,« sprach Immo. »Komme ich einmal aus dem Kloster,
so sende ich auch dir etwas, das dir Freude macht.«

»Du weilst ungern im Kloster, mir aber wurde das Scheiden bitter,«
begann Hildegard zutraulicher, »denn selig waren die Tage meiner
Jugend unter den frommen Frauen, und wilde Reden höre ich hier unter
den Männern.«

»Manches Vöglein, das aus dem Bauer kam, duckt sich furchtsam auf dem
Aste, zuletzt lernt es doch unter dem blauen Himmel fliegen,« tröstete
Immo.

»Als mir die Mutter starb, fand ich unter den frommen Frauen getreue
Pflege.«

»Waren sie streng in der Schule?« frug Immo teilnehmend.

»Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden,« erklärte Hildegard,
»und wir lasen im St. Augustinus und die Verse im Virgilius:
~Conticuere omnes~.«

»~Infandum regina jubes renovare dolorem~,« rief Immo, »manchmal hat
mir der Heide den Kopf heiß gemacht,« und beide lachten vergnügt
einander an.

»Auch andere Kunst lernten wir,« fuhr Hildegard mutig fort, »denn im
Schreiben war Mutter Mechthild sehr geschickt und sie vergönnte mir,
daß ich die Hymnen für mich schrieb. Ich habe auch das Buch genäht,
ich habe es auch selbst in Holz gebunden und der Schmied hat acht
Edelsteine in die Ecken gesetzt.«

»Diese Kunst vermag ich nicht zu üben,« versetzte Immo.

»Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur und bunten
Seidenfäden. Sogar Goldfäden für die Kunstreichen fehlten selten im
Kloster. Sieh her, das habe ich mir selbst gestickt,« und sie wies ihm
die Verzierungen am Ärmel ihres Gewandes.

Immo sah bewundernd darauf. »Dir ist es besser gelungen als mir. Aber
beide sind wir Waisen, ich kam in das Kloster, weil mir der Vater
starb, jetzt fürchte ich, daß bald einmal die Schere knipst, um mir das
Haar zu scheren.«

»Du meinst wohl, es sei schade um deine Locken,« spottete Hildegard,
aber sie sah doch teilnehmend auf sein Haar, welches im Lichte glänzte
und länger herabhing, als strenge Klosterzucht sonst den Schülern
gestattete. »Wenn der Mutter Mechthild einmal die Goldfäden fehlen, so
kann sie deinen Haarschopf dazu verspinnen.«

»Lieber wäre mir, wenn dir gefiele, für mich einen Goldfaden aus deinem
Gewande zu ziehen. Hier ist mein Finger, binde ihn mit deinem zusammen,
da du doch heut mein Geselle bist. Denn wisse, das ist Brauch in der
Welt.«

»Das ist übler Brauch,« versetzte das Mädchen errötend, »ich vermöchte
dich doch nicht bei mir festzuhalten. Auch habe ich vernommen, daß
treue Gesellen solche Gewohnheit haben, sie sitzen beieinander auf
demselben Zweige und singen dieselben Lieder. Deine Weise aber ist, wie
ich merke, sehr ungleich der meinen.« Sie neigte das Haupt ein wenig
auf die Seite und lud ihn durch einen lustigen Blick zum Wortkampf ein.
»Mir gefällt's, wenn das Glöcklein im Kloster klingt, dann singen wir
fromme Hymnen.«

»Mir aber gefällt's, wenn das Waldhorn tönt,« antwortete Immo ebenso,
»dann bellen die Hunde, dann springen die Hirsche und lustig reitet der
Jäger im wilden Wald. Was sagst du dazu, mein Geselle?«

»In deinem grünen Wald heult der Wolf und haust der wilde Bär,
im Kloster aber ziehen wir mit Kreuz und Fahne und danken dem
Himmelsherrn.«

»Mühselig ist es, immer den Kopf zu neigen und mit langsamem Fuße zu
schleichen. Ich lobe mir den grünen Anger und bunten Klee, dort werfen
die Knaben und Mädchen den Ball und springen den Reigen. Wie gefällt
dir das, mein Geselle?«

»Beim wilden Reigen sah ich die Knaben das Messer ziehen und blutige
Streiche störten den Tanz; ich lobe mir, wenn das junge Geschlecht im
Kreise sitzt und die Vorleserin Gutes aus den Büchern verkündet.«

»Leicht kommt der Schlaf, wenn man tatlos kauert. Viel lieber schwinge
ich selbst den Speer und das Schwert und reite im Eisenhemd über die
Heide. Was sagst du dazu, mein Geselle?«

»Ein Kriegsmann willst du werden,« rief das Mädchen erschrocken, »sie
werden dich töten,« und sie vergaß das Redespiel.

»Wenn sie das vermögen; ich aber will sorgen, daß es ihnen nicht
gelinge.«

Die Jungfrau sah scheu aus ihren großen Augen auf den Nachbar. Daß er
nicht geistlich werden wollte, störte ihr die Sicherheit, sie schob ihr
Gewand zusammen und schwieg.

Immo achtete in seinem Übermut nicht auf ihre Bewegung und rief: »Mir
ist heut manches schlecht gelungen, die Schwertleute haben sich an mich
gehängt und mich hart geschnürt, und ich weiß nicht, was mir dein Vater
ersinnen wird. Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben und ich
könnte auf meinem Stuhl hüpfen. Ich fühle auch gegen niemanden Groll
und es ist mir ganz lieb, daß sie mich gefangen haben. Ich weiß nicht,
woher das kommt, wenn mir nicht darum so wohl ist, weil ich neben dir
sitze und mit dir aus einem Becher trinke. Wonnig ist mir zumute und
ich möchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder auch singen.
Aber mein Gesang würde nicht jedermann freuen, denn meine Stimme ist
rauh. Noch anderes Recht habe ich als dein Geselle, und auch das sollst
du wissen. Denn küssen darf ich dich, wenn ich will.«

Hildegard erschrak und wandte sich ab. »Hüte dich, daß der Vater das
nicht hört, schnell würde dein Ehrensitz dir genommen werden.«

»Um den Vater sorge ich nicht, nur um deinen Zorn,« versetzte Immo
übermütig, »und daß ich dich vor den Kriegsleuten nicht beschäme. Aber
wenn ich dich einmal allein wiedersehe, dann bestehe ich auf meinem
Recht. Mögen die guten Engel fügen, daß dies bald geschehe.« Und er
sang halblaut die Worte des Hymnus: »~Audi, benigne, Conditor, nostras
preces cum fletibus~.«

Das Mädchen nahm die Weise auf und sang halblaut andere Zeilen des
Liedes entgegen; »~dona, per abstinentiam jejunet ut mens sobria~[1].
Flehe zu den Heiligen, daß du nüchtern wirst, denn wie ich höre, redest
du gleich einem Berauschten.«

»Wie du geschickt zu entgegnen weißt,« rief Immo begeistert, »du bist
ein sinnvolles Weib, wenn du mich auch verhöhnst.«

Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem Wildbret und
starkem Bier zugesprochen und nur einzelne Reden mit den Vertrauten,
welche ihm zunächst saßen, gewechselt, jetzt lehnte er sich zufrieden
auf dem Stuhle zurück und hörte die lateinischen Worte des Hymnus,
welche seine Tochter sprach. »Merkt auf unsere Klosterleute,« rief er,
»sie summen nach Art der Mönche mit geneigten Köpfen,« und da er im
geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war, fuhr er fort: »Fremde
Worte sprechen mag jeder, aber das Gesprochene verstehen ist schwerer.
Vermagst du einzusehen, Immo, was das Mädchen zu dir gesungen hat?«

»Ja, Herr,« versetzte Immo, »sie mahnt mich mäßig zu sein, damit euer
Trank mir nicht das Hirn betäube.«

»Allzu streng ist Hildegard,« lachte der Graf, »dir soll auch
einmal etwas Gutes gegönnt sein. Obwohl ich erkenne, daß es dir an
Dreistigkeit nicht fehlt, du junger Zaunkönig. Denn Zaunkönige nennt ja
wohl das Volk die Männer deines Geschlechtes.«

Immo bezwang mit Mühe den aufsteigenden Zorn. »Weil meine Vorväter als
alte Landherren auf freiem Erbe saßen, deshalb haben die Mönche ihnen
im Scherz den Namen Reguli, kleine Könige, gegeben.«

Da rührte sich auch Egbert, ein unfreier Dienstmann des Grafen, welcher
stattlich in rotem Gewande dasaß, weil er der Sprecher war und ein
Liebling seines Herrn, und rief spottend in den Saal: »Eine Sage weiß
ich. Als die Vögel den Genossen zum König wählen wollten, der sich am
höchsten schwingen würde, barg sich ein Zwerg von Vogel in den Federn
des Adlers und ließ sich hinauftragen bis dahin, wo er den Weltenherrn
auf seinem Stuhle sah, dort flatterte er über das Haupt des Adlers und
piepte: König bin ich. Da lachte oben der alte Gott in seiner Halle und
unten schrien die Vögel im Zorn, bis der Herr des Erdgartens gebot, daß
der Betrüger seine Krone nur heimlich in den Waldhecken tragen dürfe,
wo ihm niemand zusieht. Darum heißt auch ihr Zaunkönige, weil eure
Herrlichkeit im Busch versteckt ist.«

Immo erhob sich im hellen Zorn und rief: »Nicht dem Diener antworte
ich, sondern dem Herrn. Ihr selbst habt es ja wohl erfahren, Graf
Gerhard, daß die Helden meines Geschlechtes ihr Haupt nicht in der
Waldhecke bergen. Nie hat einer von meinen Ahnen sein Land vom König
oder von der Kirche zu Lehen genommen, wie die erbelosen Franken und
Sachsen, welche von der Dienerbank in das Land kamen, um bei uns Grafen
zu werden. Manchen weiß ich, der sich jetzt rühmt, ein Edler zu sein,
weil er als Diener eines Königs mit großem Gefolge reitet, obgleich
seine Vorfahren aus der Küche und aus dem Stall geschlüpft sind.«

Mißtönender Lärm erhob sich an den Bänken und die Hand des Grafen
Gerhard griff nach dem Messer, das er an seiner Seite trug, der
Jüngling aber sah mit blitzenden Augen über die Versammlung, stattlich
stand er da trotz seinem Schülerkleide und rief laut in das Getöse:
»Zürnt mir nicht, starke Helden, daß ich als ein unberühmter Jüngling
vor euch meine Stimme erhebe. Aber keiner unter euch würde schweigend
zuhören, wenn man seinem Geschlecht durch stechende Worte die Ehre
mindert. Auch zu euch, Graf Gerhard, flehe ich, daß ihr ohne Kränkung
vernehmt, was ich nur zur Abwehr sprach. Heil trinke ich euch und euren
Kindern und Dank sage ich euch, wie dem Gaste gebührt.« Er leerte den
Becher und setzte sich.

Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen. »Ich höre, du
hast unter den Mönchen gelernt, mit zwei Zungen zu reden.«

»Überall rühmen die Leute,« versetzte Immo, »daß die Zunge eine gute
Waffe ist und wir Schüler haben, wie ihr wißt, vor andern darin Ruf.«

»Oft haben auch wir erfahren, wie scharf die Zunge der Mönche
schneidet,« entgegnete der Graf, »vor andern aber bei den Mönchen des
Wigbert, und wir alle wissen, daß ihr dort sehr ungeistlich lebet und
der Gebete für arme Seelen wenig gedenkt. Auch von dir selbst, Immo,
erinnere ich mich gehört zu haben, daß du wild in dem Kloster hausest
und sogar den Mönchen üble Streiche spielst. Soll deine Rede mir
besser gefallen als seither, so berichte ein wenig von deinem Streit
mit den Geschorenen.«

»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo ernsthaft, »die Rinder kämpfen oft mit
ihren Hörnern gegeneinander, wenn aber der Bär naht, dann schließen sie
sich einmütig zusammen und weisen ihm die bewehrte Stirn; so wäre auch
mir Unrecht, an fremdem Tisch von den Vätern Übles zu berichten, denn
als ein Kind des heiligen Wigbert hast du mich ergriffen.«

»Du sorgst schlecht für dein Wohl,« rief der Graf zornig, »wenn du
dein Kloster in dieser Halle rühmst. Denn undankbar und treulos haben
Wigberts Mönche an mir und meinem Geschlecht gehandelt. Oft habe ich
mich enthalten, ihnen Übles zu tun, wo ich es doch vermocht hätte,
und mühsam habe ich den Zorn meiner Mannen gebändigt, wenn sie die
Rinder des Klosters begehrten und den Übermut eurer Dorfleute ansahen.
Auch wegen der Wiesen und Fluren, von denen ich heut den geschorenen
Schwarm vertrieben habe, ertrug ich schon lange das Unrecht. Denn
meinem Vater gehörte der ganze Grund und er hat ihn, wie die Mönche
behaupten, dem Kloster zugeschrieben, da ich noch jung war, unter der
Bedingung nämlich, daß sie seine arme Seele von dem Höllenfeuer frei
beten sollten. Dies aber haben sie uns zum Unheil und zur Schmach
versäumt. Und ihr alle sollt es wissen, was mir begegnet ist, damit ihr
mein Recht gegen die Wigbertleute erkennt. Jämmerlich war das Gesicht,
welches ich neulich hatte, da ich auf meinem Bette lag.« Er bekreuzte
sich heftig und fuhr fort: »Ich sah im Traum eine unselige Gestalt von
Flammen umgeben und mit glühenden Ketten an den Beinen gefesselt und
ich erkannte, daß sie so gestaltet war wie mein Vater, da er lebte.
Der traurige Geist wies auf den Grenzhügel, welchen die Mönche nach
der Schenkung neu geschüttet haben, und seufzte: mein war es und dein
soll es wieder sein. Mir fuhr das Entsetzen durch den Leib, bis die
Gestalt verschwand. Daraus erkannte ich deutlich, daß die Geschorenen
als Lügner an meinem Vater gehandelt haben oder auch, daß ihr Gebet
ganz unwirksam geworden ist, weil sie in Weltsünden leben; und darum
beschloß ich, mein Eigentum wieder zurückzufordern. Vermag Wiese und
Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der Himmelsburg zu erwerben,
so soll dasselbe Land doch solchen, die mir treu sind, einen warmen
Sitz auf Erden bereiten; denn es wird dazu helfen, zwei bis drei
Kriegsleute mit ihren Rossen zu erhalten, wenn ich es ihnen als Lehn
zuteile.«

Ein freudiges Geschrei ging um die Tische und laute Heilrufe erklangen
dem Sprecher. Der Graf tat einen herzhaften Trank und sah zufrieden
über seine Bewaffneten. »Dies sage ich in deiner Gegenwart, Immo. Denn
obgleich du dich heut trotzig an meinem Tische gebärdest, so will ich
dich doch morgen zu deinem Abt entsenden, damit du ihm meine Beschwerde
verkündest. Ich wähle aber dich, weil ich merke, daß du recht gut
verstehst, deine Worte zu setzen und weil ich dich als nutzlosen
Schüler nicht im Kerker bewahren mag. Die Geschorenen, welche mein
Gesinde fing, habe ich entlassen, damit sie nicht als Gefangene in
meinen Mauern Unheil herabbeten, die Klosterknechte aber halte ich in
Banden, bis dein Abt sie auslöst oder sich mit mir wegen der Wiesen
verträgt. Und ich fordere, daß er sich mit der Lösung beeile, wenn
er sie lebend wiedersehen will, da ich sie nicht lange zu füttern
gedenke. Den Hugbald aber bewahre ich zu anderm Tausch. Denn zwei
meiner Knechte, sattelfeste Knaben, liegen auf der Burg des Abtes
verstrickt, weil sie neulich auf meinen Stuten beim Roßgehege des
Abtes vorbeiritten. Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri
aus und jagten eigenwillig hinter den Stuten her, und als meine Knaben
den Füllen die Leine umwarfen, nur damit sich diese nicht in den Wald
unter die Wölfe versprengten, da kamen Dienstmannen des Klosters herzu,
schrien meine Leute trotz ihrer guten Meinung als Roßdiebe an, rissen
sie von den Pferden und führten sie samt den Stuten nach dem Berg des
Abtes. Mich aber kränkt dies Unrecht sehr und ich fordere meine Knaben
und Pferde gegen den Hugbald und sein Pferd; das magst du deinem Herrn
verkünden.«

Immo hörte erstaunt die Rede des Wirtes, ihm fiel schwer aufs Herz, daß
auch sein Geschlecht dem Kloster wertvolle Hufen verkauft hatte und er
fühlte nicht den Drang, die Mönche zu verteidigen. Er sah nach Hugbald,
welcher mürrisch hinter seinem Becher saß, und begnügte sich, trotz der
Freude über seine nahe Befreiung ruhig zu sagen: »Alles, was ihr mir
auftragt, werde ich dem Herrn Abt berichten, auch euer Traumgesicht,
wenn ihr das begehrt.«

Als er aber seitwärts nach Hildegard blickte, war ihr Antlitz gerötet
und große Tränen rannen aus ihren gesenkten Augenlidern herab. Da
erkannte er, daß die Jungfrau bitteres Leid über die Reden ihres Vaters
empfand und sie wurde ihm dadurch noch lieber. Sie aber vermied ihn
anzusehen, stand schweigend auf, hob den Bruder von seinem Sitz und
erbat leise vom Grafen die Entlassung, der ihr gleichgültig durch
eine Handbewegung gestattete aus der Halle zu scheiden. Und zu der
Bank seiner Mannen gewandt, rief er: »Führt auch die Verstrickten in
ihre Zelle zurück, wenn sie nüchtern abwärts steigen, so ist es ihre
Schuld.«

»Lebe wohl, Hildegard,« sprach Immo leise und faßte heftig ihre Hand.
»Denke mein, lieber als alles auf der Welt wird mir sein, wenn ich dich
wiedersehe.«

»Sei auch du gesegnet,« antwortete Hildegard und neigte sich vor dem
Vater. Immo freute sich, daß sie die Mannen stolz als Herrin grüßte;
die kleine Tür öffnete sich und sie verschwand. Jetzt brannten die
Fackeln dem Jüngling trübe, die wilden Mienen der Männer erschienen ihm
unheimlich, und er folgte mit stummem Gruß dem Kämmerer. »Sorge dafür,
daß die beiden Klosterkrähen einen besonderen Käfig erhalten und Stroh
zu warmem Sitze,« rief der Graf unter dem Gelächter der Reisigen dem
Kämmerer nach.

Während Hugbald schweigend auf der Streu lag, bis er im Schlafe
seines Kummers ledig wurde, saß Immo neben ihm in seligen Gedanken,
er überlegte jedes Wort und jede Miene der Jungfrau, spät sank er in
Schlummer.

Am nächsten Morgen wurde er in den Hof geführt und vernahm noch wie
im Traume ungnädige Entlassung und harte Worte aus dem Munde des
Grafen. Als er aber auf das Pferd steigen wollte, das ihm ein Reisiger
zuführte, ging eine junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorüber,
legte ihm verstohlen etwas in die Hand und sagte leise: »Nimm zurück,
was dir gehört.« In ein großes Lindenblatt war ein Blättchen Pergament
gewickelt, auf dem Pergament stand mit schöner Schrift der Reisegruß:
»Die lieben Engelein sollen dich hüten und segnen auf allen deinen
Wegen;« rings um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden durch das
Pergament gezogen. Er drückte das Blatt an seine Brust und barg es in
seinem Gewande.

Immo ritt aus den Buchen, von einem Reisigen des Grafen bis an die
Grenze begleitet. Er fand das Tor St. Peters geschlossen, die Brücke
gehoben, wurde von Bewaffneten angerufen und mußte längere Zeit harren,
bevor ihm der Eingang gestattet wurde. Herr Bernheri, welcher im
Klosterhofe vor seinen Dienstmannen saß, vernahm unwirsch die Botschaft
des Grafen und entsandte den Boten mit dem Mönch Eggo sogleich zur
Fulda hinab in das Kloster. Auch das Kloster war in ein Kriegslager
verwandelt, am Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen, sie
schrien dem Kommenden entgegen, umringten sein Roß und forderten Kunde
von den Gefangenen. In dem Hofe der Reisigen drängten sich Kriegsleute
und Knechte, das Rüsthaus war geöffnet und die Knechte trugen
Eisenhemden und Waffen zu langen Reihen. In den Arbeitshöfen schwärmten
die Brüder, aus der Klausur entlassen, aufgeregt durcheinander; bei
der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten Arbeiter an den Treppen und
Bänken für die Bogenschützen, und im Vorhof der Kirche stand Tutilo,
ein Schwert über der Kutte, als Hauptmann der großen Burg, welche zur
Verteidigung gerüstet wurde. Unfreundlich sah er auf Immo: »Hugbald
liegt gefangen. Leichter hätte das Kloster dich entbehrt als seinen
Dienstmann.«

»Nicht mein ist die Schuld,« versetzte Immo, »daß Hugbald gegen die
Feinde keine andere Hilfe fand als meinen Stab.«

Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur Seite, Immo aber
eilte zu seinen Genossen, welche vor allem froh waren, daß sie heut
nicht durch den neuen Lehrer in die Schule gerufen wurden. Von ihnen
umdrängt, berichtete Immo seine Fahrt und führte die Willigen vor das
Rüsthaus, wo die Älteren gewappnet wurden, um mit den Knechten die
Mauer und die Umgegend des Klosters zu bewachen. Eggo aber verkündete
den Mönchen, daß Herr Bernheri am nächsten Morgen herabkommen werde,
um die Brüder im großen Konvent zu versammeln. Mit düsteren Mienen
vernahmen die meisten die Botschaft.

Der ganze Tag verging im Getümmel; trotz der Nachricht, welche Immo
gebracht hatte, sorgten die Mönche, daß der Graf einen Anlauf gegen
das Kloster wagen oder daß seine Dienstmannen in Herden und Dörfer
einbrechen würden. Bis zum Abend kamen von allen Seiten Flüchtlinge
mit ihrer wertvollsten Habe, auch das Herdenvieh wurde herangetrieben
von Anger und Weide, zuletzt kam noch der Sauhirt mit seiner Herde und
die Brüder hatten Not, die Menge der Menschen und Tiere in den Höfen
zu bergen. Als die Sonne unterging, war in dem Kloster, das sonst am
Feierabend so still in der Landschaft stand, ein wirres Getöse und
Geschrei, die Rinder brüllten, die Schweine grunzten, die Schmiede
schlugen auf die Speereisen und die Zimmerleute hieben Balken und
Bretter für die Verschanzung.




3.

Der letzte Tag im Kloster.


Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent; hastiger als sonst
drängten die Brüder herzu, heiß die Köpfe, gefurcht die Stirnen; und
ein Summen, das nichts Gutes bedeutete, ging durch die Gemeinde. Als
Herr Bernheri mit seinen Begleitern in den Chor trat, blieben die
Nacken der Mönche steif und aus dem Summen wurde ein mißtönendes
Geschrei. Der Abt stand einen Augenblick überrascht bei seinem Sitz
und sah auf mehr als hundertundzwanzig Häupter seiner aufsässigen
Kinder, aber da er von Natur ein mutiger Mann war, wenn auch ermüdet
durch Müßiggang und Wohlleben, so zog er seine Augenbrauen zusammen,
blickte aus seinem großen Haupt herausfordernd über den Haufen und
setzte sich steif in den Abtstuhl. Die Hora begann und der Abt selbst
erhob die Stimme: »~Deus in adjutorium~«, aber unordentlich tönte der
Gesang der Brüder und der Lektor eilte so sehr er konnte, versprach
sich und mengte die Zeilen. Als die letzten Klänge verrauscht waren,
begann wieder das unzufriedene Brummen. Da erhob sich Herr Bernheri von
seinem Stuhl und stand auf seinen Krückstock gelehnt gewichtig vor den
Brüdern. Er eröffnete den Konvent durch den lateinischen Gruß und fuhr
mit lauter Stimme fort: »Mein ist das Recht zu befehlen und euer die
Pflicht zu gehorchen. Dennoch habe ich heut, wie die Regel erlaubt,
die ganze Gemeinde zur Beratung versammelt; sorgt dafür, daß es mir
nicht leid tue und daß es euch bei den Heiligen nicht zum Schaden
gereiche, wenn ihr mir unbändig widersteht. Gutes und Übles habe ich
euch zu verkünden. Das Gute ist von unserm Herrn, dem König Heinrich
gekommen, denn er hat uns den großen Bannwald bei St. Peter, den wir
uns längst ersehnt, mildtätig geschenkt.« Der Abt hielt an, aber
keinerlei Beifall dankte für die Begabung, und der Abt setzte die Rede
unzufrieden fort: »Das Üble aber kommt von dem Grafen Gerhard. Sehr
gröblich hat dieser das Kloster geschädigt, durch den Schüler Immo hat
er unpassende Worte hierher gesandt, nämlich, daß er ein Recht auf die
Waldwiesen erhalten habe, weil sein Vater im Höllenfeuer stöhne.«

Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm; Herr Bernheri schwenkte
die Hand verächtlich gegen die Worte des Grafen: »Ich kenne seit
lange den argen Wicht Gerhard und seine Gewohnheiten. Immer hat er
üble Traumgesichte, wenn er den Frieden brechen will. Schon vor
vielen Jahren träumte ihm etwas wegen unserer Hirschjagd, die er sich
begehrte; er würde alle seine Väter und Mütter auf die heißeste Bank
der Hölle setzen, wenn er dadurch für sich einen weltlichen Vorteil
erreichen könnte. So viel gebe ich auf seine Träume,« -- er blies
kräftig den Atem in die Luft. »Ich aber fürchte sehr, er selbst wird
dafür in den Höllenrachen geworfen werden, obwohl er zuweilen beim
Weidwerk und bei einem starken Trunk nicht schlechter war als andere.
Denn wenige kenne ich unter den weltlichen Fürsten und Herren, die
nicht ebenso raubgierig sind. Alle trachten darnach, viele Dienstmannen
mit Lehen zu begaben, damit diese ihnen bei ihren Fehden die reisigen
Knechte zuführen. Die Dienstmannen greifen das Kleine im Wald und
auf der Straße und ihre Herren das Große vom Könige und der Kirche;
zum Kriege sind sie nötig, aber den Frieden vermögen sie schwer zu
bewahren, wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe zwingt.«

Der Abt holte Atem und aufs neue tönte das dumpfe Brausen der Menge,
doch war es weniger feindselig. Und Herr Bernheri hob wiederum an:
»Gekränkt bin ich wie ihr alle, und wären meine Beine gesund und mein
Sinn weniger gewitzigt, so würde ich vielleicht selbst den Streithengst
besteigen; so aber mahnt mich die Erfahrung vieler Jahre und meine
eigene Krankheit zur Vorsicht. Zuerst will ich euch verkünden, was
unfehlbar geschehen wird, wenn wir gegen den Grafen rüsten. Dorfhäuser
werden brennen und Männer erschlagen werden und das Ende wird sein,
daß er außer dem Raub, den er jetzt gepackt hat, sich noch größeren
fordert wegen der Mühe und Kosten seiner Rüstung, und daß er uns mehr
schädigt als wir ihn, denn das Kloster bedarf zum Gedeihen den Frieden,
er aber den Krieg, und er vermag uns von unsern Gütern in Thüringen
zu scheiden. Vor dem König aber wird er recht behalten und nicht wir,
denn schwerlich hätte er seinen Vater in der Hölle geschaut, wenn er
nicht wüßte, daß der König ihm bei den Wiesen gegen das Kloster helfen
will. Darum, wie sehr ich den Grimm über seine Missetat fühle, bin ich
dennoch gewillt, ihm diesmal ein wenig nachzugeben, vielleicht, daß
er sich begnügt das Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei
seinem Tode dem Kloster zurückzugeben. Dies ist die Hoffnung, welche
uns bleibt, denn er ist ein angefressener Stamm und mancher Wurm nagt
in seinem Holze, auch ihn ängstigen zuweilen seine Missetaten jetzt
und noch mehr in der Zukunft.«

Unter hellem Geschrei der Mönche sprang Tutilo auf und rief dem Abt
mit harter Stimme entgegen: »Jetzt erkennen die Brüder alle, in
welchem Sinne du die Worte des Gebetes gerufen hast: ›Erlaß uns unsere
Verpflichtung, wie auch wir sie erlassen unsern Verpflichteten,‹ du
selbst hoffst, daß du für dein eigenes Unrecht ein mildes Urteil
empfangen wirst, weil du andere Verbrecher straflos dahin ziehen läßt.
Aber du sollst auch verstehen, was die Brüder gemeint haben, als sie
laut riefen: ›Befreie uns von dem Argen,‹ denn damit meinten sie nicht
den Grafen Gerhard allein, sondern noch jemanden. Niemals hätte der
Graf gewagt, Klostergut anzugreifen, wenn er nicht wüßte, daß solche,
die zu Wächtern des Klosters gesetzt sind, selbst eigennützig mit
dem Gut der Kirche schalten. Oft hast du das bewiesen; unter anderm
auch neulich, als der fremde Händler starb, den wir in seiner letzten
Krankheit ein Jahr lang gepflegt hatten. Denn bei seinem Tode verließ
er dem heiligen Wigbert ein Kästchen mit edlen Steinen, die er aus
Welschland gebracht hatte, und wir hofften, daß die Steine den Altären
ein Schmuck werden sollten und außerdem vielleicht einmal jährlich den
Brüdern ein frohes Liebesmahl verschaffen. Du aber hast die Steine an
dich genommen und durch den Schmied in Becher schlagen lassen, die du
selbst gebrauchen wirst oder auch ein anderer, wie es dir gefällt.
Nicht als ein Vater, sondern als ein Tyrann herrschest du über die
Gemeinde. Deinen Günstlingen gestattest du jede Unbill und dagegen
versagst du den Brüdern auch die erlaubte Erquickung. So tatest du
neulich, da du ein Verbot erließest, welches ich lächerlich und
kindisch schelte, daß nämlich der Koch an den Fasttagen den Brüdern
niemals Lebkuchen backen soll. Diese Speise war vielen eine heilsame
Ergötzlichkeit, worauf sie sich durch die Woche freuten. Du aber hast
dies aus Bosheit verwehrt, weil es ihnen lieb war. Antworte, wenn du
vermagst, zuerst wegen der kleinen Dinge, denn noch weiteres haben wir
über dich zu klagen.«

Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brüder bekräftigt. Da
ihnen manche Speise versagt war, so hatte das Erlaubte für die meisten
um so größeren Wert und sie dachten und murmelten viel über Trunk und
Kost. Und Tutilo wußte, daß sie wegen dem entzogenen Gebäck ihrem Abte
stärker zürnten als wegen Ärgerem.

Das Gesicht des Abtes rötete sich bei der Beschuldigung und er rief:
»Schweig mit deinen ungebührlichen Reden, sowohl aus Scham vor mir, als
aus Furcht vor den Heiligen. Ganz ungehörig ist, was du an geweihter
Stätte über das Pfeffergebäck vorbringst. Denn jeder Verständige wird
mir recht geben, daß der Pfeffer, welchen sie hineintun, für Mönche
allzu hitzig ist, und weil sie die Speise stark mit Honig würzen,
schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie ziehen bei ihrem Trunk
ärgerliche Gesichter. Was aber den Schatz betrifft, so habe ich allein
das Recht zu erwägen, wie er dem Kloster den größten Vorteil bringt.
Die Becher habe ich zum Geschenk bestimmt für solche, an deren gutem
Willen das Heil des Klosters hängt, und ich selbst traure, daß es nötig
ist, durch Gaben zu sühnen, was deine Untreue verbrochen hat. Denn mit
Empörern verhandelst du, und du verleitest die Brüder zur Untreue gegen
Herrn Heinrich, unsern König. Aber allzulange habe ich die Tücke deines
Wesens ertragen, und ich bin entschlossen, mit dir zu verfahren, wie
unser Vater, der heilige Benedikt, gebietet, wenn ein Präpositus von
dem bösen Geiste des Hochmuts aufgeblasen wird. Mehr als viermal habe
ich dich mit Worten gemahnt, jetzt naht der Tag deiner Strafe; fügen
sollst du dich, oder du wirst aus dem Kloster geworfen zu einer Warnung
für die andern. Die Pforte sperre ich dir auf, du magst auslaufen,
wohin du willst, und die Toren, welche dir anhängen, mit dir.«

Da erhob sich der Konvent in wilder Bewegung, die Bande der Zucht
zerrissen in der Wut, welche die Seelen erfüllte. Dicht vor den
heiligen Reliquien brach die Empörung aus, von ihren Sitzen sprangen
die Mönche an die Stufen des Hochaltars mit heißen Gesichtern und
glühenden Augen; starke Arme streckten sich und mißtönendes Geheul
erfüllte die Kirche.

Aber auch im Rücken der Streitenden klang lauter Ruf und die eiserne
Gittertür, welche den Vorhof vom Hauptschiff der Kirche trennte,
krachte in ihren Angeln. Denn dort hinten drängte gewaltsam ein wilder
Haufe mit Leibern und Stangen. Nur wenige von den Mönchen hörten
auf den Lärm, der von außen kam, doch Rigbert lief durch die Kirche
nach dem Eisengitter und schrie, sich mit ausgebreiteten Armen davor
stellend: »Immo, Unseliger, was wagst du? Bist du des Lebens müde, daß
du mit den Ungeweihten in die Klausur brichst?«

»Wir sind nur müde vom Stehen und Harren,« rief Immo lustig hinein.
»Meinst du, die Schule wird fern bleiben, wo die Mönche einander
knuffen? Öffne die Tür, Rigbert, wenn du ein guter Genosse bist.«

»Niemals, denn es wird euer Verderben. Was willst du in der Kirche?«

»Schläge zu Ehren des heiligen Wigbert austeilen, wen es auch trifft.
Wer ist in der Not?«

»Sie bedrängen den Herrn Abt.«

»Wie, das gute Weinfaß? Gesellen, wir helfen dem Abt!«

Die Schüler riefen gellenden Kampfschrei und wieder rasselten die
Stangen an dem Tor, gegen welches sich der Mönch mit seinem Leib
stemmte; da griff Immo behend durch das Gitter und schob den Riegel
zurück. Die Tür flog auf und die Schüler drangen herein; allen weit
voraus sprang Immo dem Chore zu. Über den Rücken zweier Mönche, die er
als Bock gebrauchte, flog er wie ein Federball vor den Altar und stand
allein mitten unter den Tobenden, nahe dem Abt, der das schwere Kreuz
vom Altar gehoben hatte und den Aufrührern entgegenhielt, während die
Brüder seiner Partei wie eine Schar gescheuchter Hühner auseinander
geflattert waren und hinter dem Altar und den Stühlen Schutz suchten.

»Hara!« rief der wilde Immo, »zu Hilfe dem Herrn Abt. Komm heran, Dekan
Tutilo, damit ich dich lehre, deinem Abt den Fuß zu küssen.«

Die Mönche wichen beim Anblick des Jünglings zurück, der mit drohender
Gebärde einen Eisenstab schwingend vor ihnen stand. Der allgemeine Zorn
wandte sich gegen den Einbrecher. »Hinaus mit dem Frevler!« schrien
viele Stimmen. »Die Klausur ist gebrochen, geißelt den Missetäter!«
Ein Mönch sprang hinter den Altar und riß die Geißel, welche dort
für die Mönchbuße lag, aus dem Kasten; von Hand zu Hand ging die
blutbesprengte, Tutilo packte sie und stürzte damit auf den Schüler
los. Aber im Nu lag der starke Mann von einem Schlage getroffen am
Boden, Immo hob die Geißel über ihn und rief: »Das sei dein Lohn,
bellender Hund!« So schnell war die Tat, so unerwartet der Frevel
und so wild schlug der trotzige Jüngling, dessen Kraft die Brüder
wohl kannten, daß alle einen Augenblick starr standen und dem Getöse
plötzliche Stille folgte. Aber gleich darauf erhob sich wieder das
Getümmel und Geschrei: »Zu Boden mit dem Bösewicht, werft ihn in den
Kerker, bindet ihn auf das Kreuz!« Während sich so die Anhänger des
Tutilo zum Angriff anfeuerten und Immo mit flammenden Augen gegen sie
die Stange hob, da geschah, was allen unerhört war: die beiden Alten
Bertram und Sintram warfen sich zwischen den Haufen gegeneinander auf
die Knie und baten zu gleicher Zeit und mit denselben Worten einer
den andern um Verzeihung. Denn als der Kampfzorn die Brüder ergriff
und zwiespältig schied, da hatte sich zum erstenmal ereignet, daß die
Beiden nicht derselben Meinung waren und Bertram hatte auf der Seite
des Abtes, Sintram aber auf der des Tutilo die Faust geballt. Und
als sie nun beide zu gleicher Zeit sahen, daß sie einander mit der
drohenden Faust gegenüberstanden, hatte jeder sich über sein eigenes
Unrecht entsetzt und sie baten mit Tränen einander ab und umarmten
sich, während sie auf den Knien lagen. Als der empörte Haufe die Greise
am Boden sah, wurde ihm der Anblick unheimlich, einige von den Rohesten
lachten, aber die Mehrzahl fuhr entsetzt zurück. In diesem Augenblick
sprang Reinhard auf die Stufen des Altars und rief die Arme erhebend:
»Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns Sündern! Kniet nieder, ihr
Brüder, und flehet um die Vergebung der Heiligen. Nicht durch Geschrei
wird der Schaden des heiligen Wigbert geheilt; ihr seht selbst: wie ihr
euch gegen den Vater des Klosters, so empört sich Bruder gegen Bruder,
und die ruchlose Jugend gegen euch alle. Eure Feindschaft stärkt nur
die Feinde draußen. Wollt ihr euch helfen, so rate ich, daß heut nicht
in der Menge verhandelt wird, was zum Frieden des Klosters dient,
sondern daß die Dekane und die Alten sich mit unserm Herrn Bernheri in
friedlicher Beratung vereinen. Du aber, Jüngling, wirf die Geißel weg,
mit der du an heiliger Stätte gefrevelt hast, und erwarte in Demut die
Strafe, welche die Brüder dem Verbrecher finden.«

Die Geißel fiel zur Erde neben Tutilo, welcher ächzend auf dem Boden
saß und betäubt seinen Kopf auf die Hand stützte. Immo starrte wild
umher. Da er merkte, daß er allein war und daß seine Genossen sich
in den Ecken und hinter den Säulen zu bergen suchten, trat er an den
Stuhl des Abtes zurück, aber seine Augen flogen herausfordernd über den
Haufen. Herr Bernheri begann zornig: »Nicht die Geweihten des Herrn
sehe ich vor mir, sondern eine Herde wilder Eber, welche begierig ist
die eigenen Ferkel zu fressen. Ich aber verachte euer Grunzen und das
Schnauben eurer ungewaschenen Rüssel, denn, wie sagt der hohe Apostel:
›Sie wandeln dahin in ihrer Dummheit.‹ Was aber hier Reinhard, der
würdige Bruder, vorschlägt, das gefällt auch mir. Mit den Dekanen und
mit den Ergrauten, welche nicht Hechsel in ihrem Kopf haben, gedenke
ich in späterer Stunde die Leiden des Klosters zu erwägen, bis dahin
mögen sie selbst in der Stille prüfen, ob sie eine Hilfe finden. Denn
auch der Esel schreit laut, wenn er müßig steht, wenn er aber die Säcke
tragen muß, so schweigt er geduldig. Sie sollen auch einmal die Last
tragen, ich bin es müde, allein für euch grobe Klötze Rat zu suchen,
wo es keinen gibt. Und so scheide ich jetzt den Konvent, wandelt bis
morgen dahin in Frieden. Ich aber verweile hier in meinem Hofe, damit
niemand meint, daß ich den Unzufriedenen das Feld räume. Bestelle was
nottut, mein Kämmerer Eggo, und diesen behenden Springer nimm mit dir.
Nie sah ich einen Scholastikus so wild auf geschorenen Köpfen zum
Altar reiten.« Der Abt wandte sich schwerfällig zum Altar und neigte
sich. Reinhard eilte zu den Brüdern und sprach nachdrücklich in die
Ältesten hinein, doch mürrischer Widerspruch erhob sich und laute
Stimmen riefen: »Der Schüler gehört in unsern Kerker, denn er hat gegen
einen Mönch gefrevelt.« Der Abt wandte sich wieder dem Haufen zu: »Der
Scholastikus gehört unter die Zucht des Lehrers Reinhard, dem Reinhard
aber gebiete ich, mir zu folgen, denn ich bedarf seiner, damit ich ihn,
wenn es nottut, zu euch sende.« Herr Bernheri stieg langsam vom Altar,
warf noch einen verachtenden Blick auf die empörte Gemeinde und schritt
unaufgehalten durch seinen Ausgang nach dem Abtshofe. Um ihn drängten
sich die Getreuen von St. Peter, sein Kämmerer hielt den Jüngling,
welcher friedlich folgte, bei der Schulter; als letzter ging Reinhard.

Hinter dem Abte brauste noch lange die wogende Menge, die erste Wut war
verraucht, aber bitterer Groll zurückgeblieben. Tutilo wurde von zwei
Brüdern in die Klausur geführt, wo er sich erst erholte, nachdem der
Kellermeister einen Krug Würzwein in seine Zelle gestellt hatte. Neben
dem Kruge saßen einige alte Brüder, den Kranken zu pflegen; sie prüften
und billigten den Trunk und zürnten, obgleich sie mit gedämpfter Stimme
sprachen, heftig auf mehrere, welche abwesend waren.

Unterdes stand Immo in der Büßerzelle der Abtei, ein Bruder von St.
Peter, der ihm fremd war, hatte ihm ein Bund Stroh hineingebracht und
einen Krug mit Trinkwasser ohne ein Wort zu sprechen, und Immo, der
den Klosterbrauch kannte, hatte auch keine Frage getan, um sich nicht
über die versagte Antwort zu ärgern. Einen Augenblick dachte er daran,
den Bruder festzuhalten und an seiner Stelle hinauszuspringen, aber mit
leisem Stöhnen gab er den Gedanken auf, denn er wußte wohl, daß das
Haus des Abtes von Reisigen besetzt und keine Möglichkeit zur Flucht
war. Er untersuchte seinen Kerker, doch dieser bot geringen Trost, er
war nicht in freier Höhe gezimmert und kein Dach erhob sich über ihm,
es war ein Kellerloch, nicht viel länger als ein Mann, und die kleine
Lichtöffnung vermochte kein Geschöpf, das größer war als eine Katze, zu
durchklettern. So blieb ihm nichts übrig als auf dem Stroh zu sitzen
und die finstern Gedanken wegzuscheuchen, welche wie Fledermäuse um
sein Haupt schwirrten. Lange tröstete ihn ein wenig die Überlegung, daß
er den Tutilo, der immer herrisch gegen ihn gewesen war, so schön zu
Boden geschlagen hatte. Er griff nach dem Pergament mit dem Goldfaden
und wiederholte sich die Worte, welche Hildegard zu ihm gesprochen
hatte, aber dabei wurde der Gedanke in ihm übermächtig, daß er jetzt
zum zweitenmal als Gefangener in elendem Kerker saß. Als gar der Abend
kam und der Hunger stark in ihm nagte, wurde ihm frostig zumute und
ihm fiel ein, daß seine Zelle für eine furchtbare Stätte galt. Manche
Geschlechter vergangener Mönche hatten hier jahrelang gebüßt und in
Kreuzesform dagelegen, während die Geißel über ihren Rücken flog
und ihr Blut auf den schwarzen Boden rann. Unheimliche Geschichten
erzählten die Schüler von der Not der Frevler, welche der Abt gefesselt
hielt und wer in der Dämmerung an der Zelle vorübergehen mußte, der
wandte das Haupt ab und beeilte den Schritt. Daß Tutilo und seine
Genossen ihm todfeind geworden waren, erkannte er jetzt deutlich, und
ihm kam auch vor, als könnte er wohl das Sühnopfer werden, über dessen
Leib der Abt mit den Mönchen Frieden mache. Wild sah er umher und griff
im letzten Zwielicht an die Wände; es waren dicke Mauern, hier und da
hatte ein Büßer sein Kreuz in den Kalk geritzt, um davor zu beten. Da
neigte auch er das Haupt und begann einen lateinischen Psalter, aber
unter den heiligen Worten kam ihm die Angst, was wohl die Apostel Simon
und Thaddäus, vor deren Gebeinen er den Tutilo niedergeworfen hatte,
von seinem Tun denken würden. Er konnte nicht glauben, daß Tutilo als
ein arger Mann in Gunst bei den Hohen stehe, aber ob sie besonderes
Wohlwollen für ihn selbst hegen könnten, erschien ihm sehr zweifelhaft,
denn sicher hatte er eine schwere Tat begangen und ihr Heiligtum
entweiht. Da faltete er die Hände und bat den heiligen Wigbert, sein
Fürsprecher zu werden. Dieser war ihm immer hold erschienen und am
liebsten hatte er vor seinem Altar gebetet, denn er dachte sich, daß
der Heilige auf Erden ein guter Geselle seines Ahnherrn gewesen und
seit alter Zeit dem Geschlechte vertraulich war. So bat er jetzt
demütig um seine Hilfe. Und als er an die Heimat dachte, wurde ihm das
Herz weich.

Aber stürmisch hoben sich wieder die Gedanken. Wenn er die Eisenstange
nur hätte, die er heute früh geschwungen, dann könnte er wohl die Tür
erbrechen. Und er stampfte mit dem Fuß auf den Boden, ob es irgendwo
hohl klänge. Denn aus der Tiefe der Erde kam geheimnisvoll die Fülle
aller guten Dinge, nicht nur die Landleute, die noch Heidenbrauch
übten, auch die Mönche wußten das. Vielen Goldschatz barg die Mutter
Erde, aber auch anderes Metall schenkte sie aus ihrem Vorrat den
Bedrängten. Warum sollte nicht auch er in seiner Not eine Waffe aus
der Erde graben, die ihn von der drohenden Schmach erlöste. Er griff
und stieß wieder an Wänden und Boden umher, aber nirgends erkannte er
hartes Eisen. Und er faltete aufs neue die Hände und kauerte auf dem
Stroh.

Während er demütig in der Finsternis saß, vernahm er von außen
langsame Tritte, ein Lichtstrahl fiel durch das Eisenschloß golden
in die Zelle, ein Schlüssel knarrte, die Tür ging ächzend auf, und
ein Mann trat schwerfällig herein und beleuchtete vom Eingange mit
seiner Blendlaterne den Sitzenden. Immo schnellte empor, er erkannte
Bernheri, seinen Abt und Herrn. »Stemme dich von außen gegen die Tür,
Eggo,« begann der Abt nach rückwärts gewandt, »damit der Scholastikus
Saliarius nicht auf den Einfall komme, uns selbst als Springböcke zu
gebrauchen oder gar in unserm eigenen Keller einzuschließen.« Immo ließ
sich auf die Knie nieder und senkte schweigend das Haupt, suchte aber
doch durch verstohlene Blicke die Meinung des Herrn zu erraten.

»Sieh, Immo,« fuhr der Abt feierlich fort, auf den Gebeugten
herabblickend, »du bist zum Greuel geworden vor allem Volke und die
Töchter Israels schreien wehe über dich; welches aber nur tropice
gemeint ist, denn ich hoffe, daß du Unglücksvogel dich in Wirklichkeit
von jüdischen Weibern stets fern gehalten hast, zumal keine in der Nähe
des Klosters zu finden sind. Aber was die Schrift sagt, das gilt jetzt
von dir: ›Aus der Tiefe schreie ich und niemand hört meine Stimme.‹
Ganz verworfen bist du und die hohen Engel würden dich mit zahllosen
Backenstreichen begaben, nur daß solche Regung der Hände für Himmlische
unschicklich ist. Was dich erwartet, weißt du. An ein Kreuzholz wirst
du gebunden und so lange gegeißelt, bis dein Vater Tutilo für dich
bittet; ich meine, er wird sich nicht beeilen. Und später wirst du
auf Stroh gelegt in der Klausur der Brüder, wo nicht Sonne noch Mond
dich bescheinen. Solches sind die Folgen deiner Springerei und deines
nächtlichen Dachkletterns. Meinst du, daß ich nicht weiß, wer mir die
Böcke bei Mondschein aus dem Walde holt; item, das sind die Folgen
deines Abtspiels am Feste der unschuldigen Kindlein. Meinst du, daß mir
unbekannt ist, wie du dir damals in der Schule ein Kissen unter deine
Kutte gebunden hast, um deinen hagern Leib gleichsam zum Hohn für mich
mit einem Bauch zu versehen? Je mehr ich deine Art erwäge, desto mehr
Sünde finde ich in dir und erkenne, daß du zu denen gehörst, von denen
geschrieben steht: »Sie sollen vertilgt werden wie Spreu.« Erkenne
deine Missetat und bereue, denn es bleibt dir nicht viel Zeit. Auch der
Floh springt nur so lange, bis er geknickt wird.«

Immo schauerte. Doch nicht ohne Nutzen war er sechs Jahre im Kloster
gewesen und er hatte ein wenig die Mönchskunst gelernt, die Miene des
andern zu beobachten und vorsichtig die Worte zurückzuhalten. Darum
antwortete er demütig: »Mein Herr und Vater, mich reut nicht, daß ich
so geschwind war, so lange den Tutilo nicht reut, daß er die Hand gegen
seinen Herrn erhoben hat.«

»Ich merke,« rief Herr Bernheri, »du hoffst, daß ich in dieses Loch
herabgestiegen bin, um dich daraus emporzuheben. Darin irrst du
gänzlich. Da ich Abt der Brüder bin, so fordert meine Würde, deine
Missetat zu strafen, wenn diese auch in guter Meinung für mich verübt
wurde. Denn sobald der Morgen anbricht, werden viele das Urteil über
dich fordern. Heut aber denke ich daran, daß du aus altem Geschlechte
bist und daß auch ich einst mich meiner Abkunft rühmte, bevor ich mich
einem Herrn gelobte, vor dem alle gleich sind, Freie und Unfreie.
Darum komme ich zu dir. Hast du das Gitter der Kirche gebrochen, so
vermagst du vielleicht auch diese Tür zu öffnen und hinauszufahren,
ohne daß dich jemand sieht, du bist ja gewöhnt die Pfade eines Marders
zu wandern.« Aus dem Faltengewand des Abtes sank ein eisernes Werkzeug
auf den Boden. Immo schnellte in die Höhe und seine Augen glänzten,
aber er faßte sich und antwortete: »Mein Herr möge mir verzeihen,
wenn ich nicht wie ein Dieb ausbrechen will. Wohin soll ich fliehen?
In den Hof meiner Väter vermag ich nicht zurückzukehren, wenn ich als
Verbrecher dem Wigbert entweiche, denn schnell würden die Väter den
flüchtigen Schüler zurückfordern vor ihr Gericht.«

»Sprichst du so stolz, du Tor,« rief der Abt, »ich meine, jede Stelle,
wo der Himmel dich deckt oder das Laub dich verbirgt, wird für dich
lustiger sein als die Mauersteine dieses Kerkers.«

Immo ließ sich wieder vor dem Abt auf die Knie nieder. »Dennoch flehe
ich, daß mein Herr mir ehrlichen Urlaub gibt und mich als Freien
entsendet.«

»Mit einem Gefolge von Zinken und Posaunen,« versetzte der Abt
unwillig, »ganz toll bist du in weltlichem Hochmut. Und welche
Herrlichkeit der Erde gedenkst du für dich zu begehren, wenn du den
Klostermauern entweichst?«

»Ein Schwert will ich finden und ein Roß; denn hochwürdiger Vater, ein
Kriegsmann will ich sein und kein Mönch.«

»Wirst du ein Mönch, so wird bald der üble Teufel dein Abt werden,
und wirst du ein Kriegsmann, so wirst du einer von den Wölfen, welche
um St. Wigberts Stall heulen, bis sie dir auf grüner Heide ein Bett
schaufeln.«

»Herr,« versetzte Immo flehend, »zu deinen Füßen will ich geloben, daß
ich in allen meinen Tagen daran denken werde, wie ich an dir einen
gütigen Vater fand.«

»Bin ich eine Dirne, daß du mich mit Verheißungen und mit schönen
Worten bereden willst? Außerdem ziemt mir nicht, an diesem kalten Ort
der Buße von weltlichen Dingen zu reden. Und deshalb frage ich dich zum
letztenmal, ob du lieber die Geißel wählst oder eine zerbrochene Tür.«

»Nicht die Geißel will ich und nicht die heimliche Flucht. Um gnädige
Entlassung flehe ich zu meinem Herrn, damit ich mein Haupt hoch tragen
kann unter meinesgleichen.«

»Einem nimmersatten Windhund gleichst du,« versetzte Herr Bernheri,
»und ärgerlich willst du mir werden.« Aber er sah dabei mit
Wohlgefallen auf den Jüngling. »Ich schließe dich wieder ein. Bleibe
auf den Knien und sprich den 37. Psalm, wo er lautet: ›~Miser
factus sum et curvatus~,‹ wenn du die Worte vermagst, was ich dir
nicht zutraue. Und dabei harre auf die Heiligen, ob sie sich deiner
erbarmen.« Der Abt wandte sich ab, Immo faßte ihm nach dem Gewand, aber
Herr Bernheri entzog sich eilig, der Riegel fuhr in das Schloß und Immo
war allein in tiefer Finsternis. Er griff nach dem Eisen und preßte
die Hand darum, wild stürmten ihm die Gedanken durch die Seele, Sorge
und Hoffnung, dennoch hielt er jetzt das Gerät in der Hand, welches
seine letzte Hilfe sein konnte. Wie durch ein Wunder war ihm auf den
Boden gelegt, was er von den Gewaltigen, die unter der Erde hausten,
ersehnt hatte. Brachte die Nacht keine andere Hilfe, so konnte er diese
gebrauchen. Er stand in der Finsternis und horchte auf jedes Geräusch,
das von außen kam.

Nicht lange, so vernahm er wieder Tritte und sah einen Lichtstrahl,
der Riegel rasselte und der Mönch Eggo winkte, ihm zu folgen. Leise
gingen beide die Stufen hinauf; ein großer Raum, in den sie traten, war
undeutlich erhellt durch die glimmenden Holzkloben im Kamin. Auf Bänken
an der Wand und auf dem Boden lagen Reisige des Abtes in tiefem Schlaf.
Wieder mahnte ein Zeichen des Mönchs zur Vorsicht, er öffnete eine
eisenbeschlagene, niedrige Tür und führte eine Wendeltreppe hinauf.
Als Immo aus der Tiefe emportauchte, stand er in einem kleinen Zimmer,
dessen Wände zierlich mit dunklem Holz getäfelt waren.

Auf dem Tisch stand eine metallene Lampe, deren rötliche Flamme im
Luftzuge flackerte und rauchte; Eggo trug eine Wolldecke herzu,
legte sie auf den Boden und flüsterte: »Rühre dich nicht und schlafe
wenn du vermagst.« Gehorsam setzte sich Immo auf die Dielen und als
er zur Seite blickte, sah er den Mönch wie einen Schatten an der
Wand dahingleiten und hinter einem Teppich verschwinden. Er starrte
in den dämmrigen Raum, auf die dunklen Bretterwände, an denen die
Hirschgeweihe sich im lodernden Lichte bewegten, und auf die Waffen
in den Ecken, deren Metall bald hell erglänzte, bald in Finsternis
schwand. Aber das Herz war ihm leicht geworden, denn er erkannte wohl,
daß Herr Bernheri ihn nicht für die Rache des Tutilo aufbewahren
wollte; er schloß die müden Augen und entschlief.

So mochte er lange gelegen haben, da erwachte er von einer leisen
Berührung, er fuhr auf und blickte erstaunt um sich. Noch war es
Nacht, die Lampe brannte trüber, über den Waldhügeln lag der graue
Dämmerschein des nahen Morgens, und an seinem Lager erkannte er eine
dunkle Gestalt. Erschrocken hob er den Leib und stützte sich auf die
abgewandte Hand. Neben ihm saß der fremde Mönch, der als Lehrer in das
Kloster gekommen war. Immo wollte aufspringen, aber Reinhard drängte
ihn durch eine Bewegung zurück. »Sitze an meiner Seite, Immo, und öffne
dein Ohr, damit eine leise Mahnung in deine Seele falle. Höre mich
mit Vertrauen, wenn ich dir auch noch fremd bin, denn nicht als dein
Kerkermeister, sondern wie ein Freund will ich zu dir reden und von
deiner Heimat will ich dir Gutes verkünden. Frau Edith sendet dir ihren
Muttersegen: Sage meinem Sohn, sprach sie, jeden Abend und jeden Morgen
flehe ich zu den Heiligen, daß sie ihm das Siegestor öffnen. Schwer
wird der Mutter, das Angesicht des Sohnes zu missen, auch darum hoffe
ich, daß die Himmlischen das Opfer gnädig annehmen.«

Immo senkte das Haupt, erweicht durch den Gedanken an die Heimat.
Reinhard fuhr fort: »Schon in der nächsten Zukunft hätte sich dir die
Pforte des Klosters geöffnet, damit du unter den Kindern der Welt
dem Herrn dienest. Aber dein frecher Mut hat dich schuldig gemacht,
schwerer Strafe bist du verfallen. Darum komme ich, um mit dir zu
erwägen, wie du dich rettest.«

Immo neigte sich über die Hand des Lehrers und sprach demütig: »Kannst
du mir helfen, Vater, so flehe ich, verlaß mich nicht.«

»Eine Rettung weiß ich,« fuhr Reinhard fort, »die seligste von allen:
demütige dich selbst, Immo, vor dem Altar und trage geduldig die
Folgen deiner Untat. Ein Weltgeistlicher solltest du werden, wähle das
Mönchsgewand und gelobe dich dem heiligen Wigbert. Das ist die Buße,
welche dir alle hohen Fürsten des Himmels geneigt macht und ebenso die
Herzen der Brüder im Kloster.«

Immo sprang auf, seine Hände ballten sich und zornig rief er: »Meinst
du, daß ich als büßender Mönch vor dem Altar liegen und daß Tutilo die
Geißel über mir schwingen soll, wie ich sie heut über ihm schwang?«

»Fürchtest du die Geißel des Tutilo, dann denke lieber daran, daß du
jetzt unter seiner Faust stehst und daß ihm morgen die Brüder die Rache
geben werden, die er an deinem Leibe zu fordern hat.«

»Nimmer schwingt er die Peitsche über mir, während ich atme,« schrie
Immo. »Wenn sie mich zur Verzweiflung treiben, so sollen sie einen
Verzweifelten finden. Vor dem Altar töte ich ihn und jeden, der mich
anzugreifen wagt; von der Klostermauer springe ich, vom Turm stürze ich
mich und Feuer lege ich in das Haus der Mönche. Wenig liegt mir an dem
Leben eines Hundes und ich werfe es von mir, wie ich dieses Gewand von
mir schleudere, wenn ich ein anderes auf meinem Wege finde.«

»Wie ein Heilloser schreist du,« versetzte Reinhard, »Tutilo sprach
nicht unrecht, als er dich mit einer wilden Katze verglich.«

»Tat er das,« rief Immo, »so freut's mich, daß er die Krallen gefühlt
hat.«

»Dennoch rate ich dir, mein Sohn, daß du dich noch einmal an meine
Seite setzest, wenn du deine Wut zu bändigen vermagst. Wehre mir nicht,
dir zu raten, weil dies eine, die dir lieb ist, von mir erbat.«

Immo ging langsam zu seinem Lager zurück, setzte sich zu den Füßen des
Mönchs und stützte sein heißes Haupt in die Hand.

»Wundere dich nicht, Immo, wenn ich dich einlade zu werden, was ich
selbst bin. Denn auch ich habe mich von Vater und Mutter geschieden
und ich habe die Rosse und Hufen, die mein Erbteil sein sollten, den
Heiligen dargebracht, weil ich um meiner Seele Heil bebte und lieber
die Gnade des Herrn wählte als die vergänglichen Freuden dieser Welt.
Auch ich entsage und gehorche und wandre wie ein Fremdling durch die
Welt. Ob der Frost den Leib bedrängt, der Hunger quält und Gefahren
drohen, gleichgültig und verächtlich ist mir das alles in den Stunden
seliger Freude. Nicht Liebe des Weibes, nicht das Lied des Sängers,
welches den Helden ehrt, schaffen solches Glück wie die Heiterkeit
ist, die ich im Herzen trage, wenn ich zu den Füßen des Herrn liege,
dem ich mich als Knecht gelobt habe. Darum möchte ich deine Seele und
die Seelen aller, welche mir vertraut werden, den Greueln der Welt
entreißen und den Handgriffen des üblen Teufels.«

Immo schwieg nachdenkend. »Vater,« sprach er, »beantworte mir eine
Frage, die ich unwissend tue. Wenn es dir und andern frommen Männern
nun gelänge, alle Christen auf deinen Weg zu leiten, und wenn alle zu
Mönchen und Nonnen würden, verzeih, Vater, aber ich meine, dann wird es
an Kindern fehlen.«

»Ob du arglos sprichst oder ob du mich durch gewundene Rede versuchen
willst, du sollst die Verkündigung hören,« versetzte Reinhard
feierlich. »Käme diese selige Zeit, die, wie du selbst weißt, noch
weit entfernt ist, dann wird sich der Himmel auftun und der Herr wird
mit den himmlischen Heerscharen heranziehen zum Gericht; aus der alten
Welt des Jammers und der Sünde wird eine neue erstehen, in welcher die
Seligen im Lichtglanz dahin wandeln.«

Immo sah bei dem rötlichen Schein der Lampe, wie das Auge des Mönchs
leuchtete und seine Hände sich unwillkürlich zum Gebet schlossen. »Du
selbst weißt, mein Vater,« begann er bittend, »daß der gute Gott den
Vögeln ungleichen Gesang gegeben hat. So hat er auch den Menschen
verschiedene Gaben ausgeteilt, als er in den Erdgarten kam, um die
Kinder durch seine Geschenke zu ehren. Ich aber möchte den Gaben
vertrauen, die ich an mir erkenne.«

»Mit guten Sinnen sprichst du, Immo,« versetzte Reinhard, »und
verwundert höre ich, wie klug du die Worte setzest. Auch dies ist eine
Gabe, die der Herr solchen verliehen hat, die er für seinen Dienst
bestimmt.«

»Nicht zum erstenmal füge ich die Worte in dieser Sache,« versetzte
Immo, »denn oft haben Väter des Klosters, die mir günstig waren,
ähnlich zu mir gesprochen wie du. Wisse, Vater, da du so gutherzig mit
mir redest, zu lange weile ich schon im Kloster und ich bin seiner
herzlich müde. Wenn ich auf dem Roß sprenge, bin ich glücklicher als
zu Fuß und, Vater, als ich gegen die Reiter des Grafen ritt, um den
Hugbald herauszuziehen, da war mir so fröhlich zumute, wie nach deinen
Worten dir bei dem Altare. Daran erkenne ich, daß ich nicht gemacht
bin, Mönch zu werden.«

»Und doch, Immo,« entgegnete Reinhard, »sollen alle Menschen in jenem
Leben teilhaftig werden der Gemeinschaft der Heiligen.«

»Und meinst du, Vater, daß man in der großen Halle des himmlischen
Königs nur Ehre erlangen kann, wenn man den Freuden dieser Welt
gänzlich entsagt und als Mönch oder Nonne betet?«

»Wie magst du zweifeln,« entgegnete Reinhard eifrig, »da es verkündet
ist. Weißt du nicht, daß geschrieben steht: wer sich erniedrigt, der
soll erhöhet werden? Wer lebt demütiger als der Mönch? Schwer ist's,
in den Freuden der Welt dem Herrn wohlgefällig zu bleiben, und die
liebsten Genossen des Himmelsherrn werden nur die sein, welche hier
entsagen und büßen.«

»Wahrlich, Vater,« rief Immo, »wenn es in der Himmelsburg so ist wie du
verkündest, daß die Mönche und Nonnen vor den andern an der Herrenbank
sitzen, dann will ich in den Pferdestall, wo die Rosse des Engels
Michael stehen und anderer schneller Boten, denn lieber will ich dort
die Pferde striegeln und die Steigbügel halten, als ewig den Kopf
neigen und in das Ohr wispern und nach der Miene des Präpositus und der
Dekane sehen, wie hier die Mönche tun.«

Dem Mönch empörte sich das Herz, aber er antwortete ruhig: »Zuchtlose
Worte vernehme ich in den Mauern des Klosters; sonst hört man sie nur
auf den Burgen der Gewappneten, welche eilig sind, Menschenblut zu
vergießen. Deine Rede ist heillos auch für einen Weltgeistlichen, wenn
du ein Kanonikus zu Erfurt wirst, wie dein Geschlecht will.«

»Verleidet ist mir das weiße Gewand wie die wollene Kutte,« rief Immo,
»und verhaßt auch der Sitz im Chore von Erfurt.«

»Zu dem Grunde, auf welchem dein Geschlecht haust, gehört die
Mühlburg. Diese Burg wollen deine Verwandten dem Erzbischof zu Mainz,
der dem Stift in Erfurt gebietet, übergeben, damit du als Kanonikus
ausgestattet werdest, wie Brauch ist.«

Wieder fuhr Immo in die Höhe. »Um meinetwillen soll mein Geschlecht
verzichten auf den festen Sitz, der unsere Ehre war. Mehrmals flüchtete
der Vater, wenn der Grenzkrieg entbrannte, die Rosse und Rinder und
unsere ganze Habe in den sichern Bau, und ich und meine Brüder sprangen
auf den Mauern und kletterten in den Schluchten. Ein Ahn von mir hat,
wie du wissen wirst, den Berg, auf dem die Wigbertleute die Wassenburg
gebaut haben, dem Kloster geschenkt, jetzt soll auch die zweite
Burgstätte dahinschwinden um meinetwillen! Jammervoll ist mir zu sehen,
wie unser Erbe weggegeben wird, damit die Geschorenen in den Wäldern
gebieten, wo sonst unser Jagdruf erklang. Wehe mir, daß ich niemanden
habe, der meine Klage anhört, als einen landlosen Mönch.«

»Vermagst du noch einmal den Rat des Landlosen anzuhören,« antwortete
Reinhard sich erhebend, »so vernimm, was ich dir ungern sage und nur,
weil es mir befohlen ward, was aber für deinen weltlichen Sinn die
letzte Hilfe sein kann in der Not, welche dich bedrängt. Merke wohl,
Immo, du kannst frei von hier ziehen, wohin dich dein Gelüst treibt,
ein Kriegsmann magst du werden, der auf die Mühlburg sein Gemahl
heimführt und unter den Edlen von Thüringen im Heergewand reitet.«

»Sage mir, Vater, was soll ich tun, damit ich dies Glück erreiche?«

»Gelobe, bevor du scheidest, Burg und Berg deinem Herrn Bernheri in
die Hand zu geben, damit du sie als Lehn für dich und dein Geschlecht
zurückerhältst. Nützen wirst du dem Kloster auch als Lehnsmann und
Vogt, der für das Kloster sorgt, wie ja viele aus den edelsten
Geschlechtern tun, um den Heiligen zu gefallen. Gelobst du dies, so
vermag der Abt dich zu schützen gegen jeden Feind, den du hier und
anderswo hast; denn auch so dienst du den Heiligen und du weißt ja
selbst, es ist leichter Dienst, den sie dir auflegen.«

Immo stand betroffen. Der Weg, welchen ihm der Mönch wies, bot vieles,
wonach sein Herz sich sehnte, er wußte recht gut, wie stolz das
Kloster auf seine Burgen war und daß er als Lehnsmann des Klosters den
Wigbertleuten wertvoller wurde, wie als Mönch. Dennoch empörte sich
sein stolzes Herz bei dem Gedanken, als Dienender den Schild zu tragen.
Er schwieg und starrte vor sich hin.

Reinhard, der den Kampf des Jünglings beobachtete, fuhr fort: »Einer
deiner Ahnen starb in der Heidenzeit unter dem Schildrand für die
heilige Kirche. Wie darf sein Enkel zaudern? Dienstmann der Heiligen
wurde jener im Tode, du aber sollst in demselben Dienste mit Ehren
leben.«

Immo fuhr zusammen, denn bei der Rede des Mönchs vernahm er noch eine
andere Stimme und neben dem hagern Antlitz des Lehrers sah er das
rundliche Gesicht und das herzliche Lächeln des Greises Bertram und
in ihm klangen die Worte, welche ihm übergeben waren: »Birg nie in
fremder Hand, was du allein zu halten vermagst, wenig frommt dem Manne
zu dienen, wo er gebieten könnte.« Da sprach er: »Ich höre eine Mahnung
in meinem Innern, daß ich deinem Rat nicht vertrauen soll, und ich will
nicht.«

»Eine Waise bist du, ohne Freundschaft stehst du hier, dein eigenes
Geschlecht ist deinen weltlichen Wünschen zuwider; St. Wigbert aber
vermag dich zu schützen wie ein Vater und keinen erlauchteren Herrn
kannst du wählen als den hohen Heiligen.«

»Ich will nicht dienen,« antwortete der Jüngling; die Lippen schlossen
sich fest und er sah in seinem Trotz aus wie ein älterer Mann.

»Nur kurz ist die Zeit, die zum Widerstande bleibt,« mahnte Reinhard,
nach dem Fenster deutend, »sieh diesen Docht, welcher verglimmt und den
Morgen, welcher aufsteigt.«

»Und ich will nicht und will nicht,« antwortete Immo tonlos.

Reinhard wandte sich traurig ab: »Fruchtlos ist die Mühe, dir durch
Worte den trotzigen Sinn zu wandeln. Dennoch bleibst du ein Kind
meiner Sorgen und käme der Tag, wo du gute Meinung für dich begehrst,
so wisse, Immo, daß du sie bei mir findest.« Er hob die Hand zum
Segensgruß und verließ das Zimmer.

Immo sah ihm nach und dachte: ob dieser so ist, wie Sintram sprach,
daß er treulich für mich beten wird? und er schüttelte das Haupt. Er
warf sich auf sein hartes Lager zurück, aber die Gedanken fuhren ihm
stürmisch durch das Haupt und er mußte immer wieder nach dem Himmel
sehen, der im Osten sich rötete.

Da öffnete sich die Seitentür und Herr Bernheri selbst trat herein,
hinter ihm Eggo mit einer großen Kerze in kupfernem Leuchter. Immo fuhr
in die Höhe und neigte das Haupt vor dem Gebieter. Mürrisch begann der
Abt: »Da seht den Nestling aus den Waldhecken; aber störrisch ist er
wie ein junger Geier und Reinhard hat sich vergebens bemüht, ihm die
Kappe umzulegen. Obwohl ich im voraus gesagt habe, daß von dir nicht
viel Gutes zu erwarten ist. Ganz unlieb ist mir deine Widerspenstigkeit
und ich täte am klügsten, dich gänzlich deinem Schicksal zu überlassen,
welches wahrscheinlich jämmerlich sein wird.«

Immo schwieg, aber das Herz hämmerte ihm in der Brust. Herr Bernheri
ging schwerfällig auf und ab, an seinen zwinkernden Augen und der
gesträubten Haarkrone konnte man erkennen, daß er sich erst vor kurzem
vom Lager erhoben hatte. »Bringe mir einen Becher mit gewürztem Wein,
Eggo, und stelle ihn hier auf den Tisch. Mit dir aber, du springender
Scholastikus, will ich ein Ende machen auf meine Weise und es soll
mich nicht kümmern, ob sie dir oder andern mißfällt.« Wieder ging er
nachdenkend auf und ab. »Setze dich an das Pult, nimm die Schreibtafel
und den Griffel und laß mich erkennen, ob du etwas von der Kunst der
schwarzen Buchstaben gelernt hast.«

Immos Hand bebte und seltsam erschien ihm in dieser Stunde die
Forderung des Abtes, aber er setzte sich gehorsam und frug: »Welchen
Duktus befiehlt mein Herr?«

»Vermagst du,« fuhr der Abt überlegend fort, »in lesbarem Latein
einen Brief zu schreiben? Verfertige zur Stelle etwas Passendes an
mich, damit ich dich prüfe. Schreibe also, daß du wegen des Fastens
und deiner Körperschwäche einen Trunk Wein ersehnst und mich darum
anflehst.«

Immo überlegte. Endlich begann er mit geröteten Wangen die Arbeit,
welche einige Zeit in Anspruch nahm. Unterdes trug auch Eggo ein
Schreibpult herzu und schrieb nieder, was der Abt ihm leise gebot.
Es war darüber zwischen beiden ernste Beratung und Immo sorgte, daß
sie gar nicht zu Ende gehen würde. Endlich wandte sich der Abt um und
sah den Scholastikus, welcher mit der Tafel zur Seite stand. Der Herr
streckte die Hand darnach aus und hob sich, um dem Licht näher zu sein.
»Wie?« sagte er, »du hast dich sogar getraut, einen Vers einzuflechten?
~Bibere si vis vinum, scribere debes latinum~[2]. Ist auch der Vers nur
rhythmice und nicht metrice gestellt, so hast du dir damit doch den
Trunk verdient.« Er wies auf den Becher. »Wage ihn zu heben, damit du
die Kellerluft vergessest. Und jetzt hole Atem und antworte: Würdest
du imstande sein, auf Pergament an diesen Bruder Eggo aus der Ferne zu
schreiben in dem gebührlichen Duktus?«

»Ich getraue mir's wohl,« versetzte Immo freudig.

Der Abt seufzte. »Da du so unverschämt bist, von meiner Würde zu
verlangen, daß ich für dich gerade so unter die Brüder springe, wie du
für mich getan hast, so habe ich mich entschlossen, dich von hier zu
entsenden, bevor die Sonne aufgeht. Du sollst als mein Bote reiten. --
Was siehst du mich an, Eggo? Du meinst, ich soll ihn durch einen Eid
binden? Laß die heiligen Reliquien in ihrem Schrein, ungeschoren geht
er von uns, er soll auch ungeschworen seine Straße ziehen. Solange
ich lebe, sah ich hohe Eide schwören und hohe Eide brechen. Ich habe
erkannt, daß der ein Tor ist, welcher auf die Treue der Menschen
baut. Dennoch habe auch ich jemanden gefunden, der sich mir bewährt
hat im Spiel und in der Todesnot. Denn als ich jung war und einst mit
meinem Jagdbogen im Waldversteck lag, wo das Wild zur Tränke läuft, da
überfielen mich Nachtschächer, blutdürstige Räuber. Ich rief meinen
Notschrei, aber nur einer hörte, der damals mein Geselle war, er sprang
über die Felsen herzu und schlug ungerüstet wie Simson mit seiner
Keule unter die Mörder. Zweien setzte ich den Fuß auf den Hals und
durchstach ihnen die Gurgel. Ich trug keinen Hautritz davon, der andere
aber einen schweren Hieb in die Schulter. Du selbst kannst die Narbe
gesehen haben, Jüngling, wenn du an der Achsel deines Vaters standest,
denn er war es, der mich damals vom Tod löste. Und an ihn habe ich
gedacht, als ich dich aus dem Kerker holen ließ. -- Jetzt aber merke
auf, denn ich will deinen leeren Kopf mit allerlei gewichtiger Kunde
füllen. Von allen Seiten heben sich die Nacken der Großen gegen unsern
König Heinrich. Klein ist die Zahl seiner Getreuen, auch im Kloster
leben vielleicht solche, welche den Feinden des Königs Gutes gönnen.
Vermagst du zu verstehen, was ich dir sage?«

»Gewiß Herr,« versetzte Immo eifrig, »außer dem Tutilo sind die Dekane
Hunico, Wolferi, Sigibold und vor andern der Pförtner Walto für den
Babenberger, und die andern Alten haben nicht den Mut, diesen zu
widerstehen; doch Heriger hält zu dem König und er ist meines Herrn
Abtes beste Hilfe. Von den jüngeren aber sind die Thüringe und Sachsen
wohl zur Hälfte dem König gutgesinnt.«

Der Abt starrte den Jüngling an. »Weiß die äußere Schule so gut, was in
der Klausur vorgeht?«

»Auch zu uns fliegt mancherlei über den Zaun,« fuhr Immo fort, »ich
merkte auch, daß vorgestern Graf Ernst, der ruhmvolle Held, heimlich in
der Herberge des Klosters lag.«

»Führe ihn zu den Reliquien,« rief schnell der Abt, »und binde ihn
durch einen teuren Eid, daß er niemals einem andern verkünde, was er
von Wigberts Geheimnissen erraten hat.«

Eggo führte den Jüngling vor den Schrein und nahm ihm den Schwur ab,
während Herr Bernheri noch immer erstaunt dasaß und zuweilen mit dem
Kopf schüttelte. Als Immo wieder vor dem Abte stand, begann dieser
prüfend: »Du also gedenkst dich an den König zu hängen.«

»Meine Mutter stammt aus einem Geschlecht, welches sich der
Verwandtschaft mit den Sachsenkönigen rühmt.«

Der Abt lachte. »Wer König wird, dem wachsen die Vettern wie Hederich
im Hafer. Dir aber bleibt ohnedies keine Wahl, seit du so ruchlos den
Tutilo gebläut hast. Darum vertraue ich dir diese drei Briefe an,« er
hob die Arbeit des Eggo vom Tische. »Mit dem ersten reitest du in deine
Heimat, er geht an deine Mutter und spricht von deiner Entlassung
wegen der wilden Kriegszeit, damit die Frau meine gute Meinung für dich
erkenne.«

Immo ergriff freudig den Brief.

»Dafür sollst du mir in deiner Heimat dienen. Die Seelen der Brüder in
Ordorf sind durch die Bosheit eines andern, der hier im Kloster weilt,
vergiftet, aber der Vogt auf der Wassenburg ist mir treu. Diesem trägst
du den zweiten Brief und da er als Kriegsmann des Lesens unkundig ist,
wirst du allein ihm den Brief vertraulich vorlesen, damit keiner von
den Brüdern die Schrift erblicke. Und was du von ihm und andern über
die Rüstungen in Thüringen erfährst, das sollst du an Bruder Eggo
schreiben und durch den Reisigen, welcher dich begleitet, hierher
senden. Dann aber rate ich dir, daß du so bald als möglich deine
Helmkappe bindest und dich allein oder mit Kriegsleuten, welche dir
folgen wollen, über die Berge zum Könige durchschlägst. Du wirst Herrn
Heinrich in Regensburg an der Donau finden oder doch in der Gegend.
Dort gibst du den dritten Brief an seinen Kanzler Erkambald. Spähe nach
den Mienen des Kanzlers und erlausche, soviel du vermagst, über den
Kriegszug und die gute Meinung des Königs für mich. Was du erkundest,
das schreibe wieder an Bruder Eggo. Setze keine Namen in deine Briefe,
aber die Anfangsbuchstaben, damit wir erkennen, wen du meinst. Als
Boten gebrauche den Spielmann Wizzelin, welchen du kennst, denn diesen
habe ich geworben und in das Lager gesandt. Du selbst aber sei bemüht,
dem Kanzler zu gefallen, ich habe ihm auch deinetwegen einige Worte
geschrieben.«

Von der Wachskerze fiel eine metallene Kugel, deren Faden durchgebrannt
war, in die große Tülle; der eherne Ton klang scharf durch das Zimmer.
Aus der Klosterkirche tönte der Gesang der Vigilien. Der Abt erhob
sich. »Es ist Zeit, daß dein Fuß aus den geweihten Wänden gleite, sonst
möchtest du sie schwerlich verlassen. Es ist auch Zeit, die unheiligen
Gedanken abzutun. Ein ungewohnter Dienst ist meiner zuchtlosen Herde
dieser Nachtgesang, ich meine die Angst um ihre Missetat hat sie vom
Lager gescheucht. Uns allen tut Vergebung not. Auch mir, der ich erhöht
bin zum Abte, gebührt jetzt, meiner Nichtigkeit zu gedenken und wie
die Regel befiehlt, tief hinabzusteigen bis zu der siebenten Stufe
der Demut, um mit dem bekümmerten Hiob zu sprechen: Ein Wurm bin ich
und nicht ein Mensch, scheusälig den Leuten und greulich dem Volke.
Ungerecht habe ich mich vor dir, o Jüngling, meiner weltlichen Geburt
gerühmt und, was noch jämmerlicher ist, meiner wilden Taten im Walde.
Hochmütig bin ich im Grunde meines Herzens und wer über meinen Bauch
spottet, hat guten Grund, denn gar wenig lebe ich nach der Regel; oft
habe ich gesündigt durch Gebratenes und Buttergebäck, vom gewürzten
Wein zu geschweigen; manchmal habe ich voll mein Lager gesucht und wer
mich mit einem Weinfaß vergleicht, der spricht nicht unwahr. Vielen Haß
nähre ich in meiner Seele gegen manche und andere verachte ich; viel
denke ich auch an meinen Schatz von Silber und edlen Steinen, an die
wilden Ochsen im Walde und an die Fährten der Hirsche; ein ungetreuer
Verwalter bin ich und in Furcht lebe ich vor der Strafe. Denn zu einem
Eckstein war ich bestellt, aber ich bin nur gut dazu, daß die andern
ihre unsauberen Sohlen auf mir abstreifen.« Er stöhnte tief und faltete
die Hände, während Immo, der sich bei dem Beginn des Nachtgesanges auf
die Knie niedergelassen hatte, dem Gottesdienste des Abtes verwundert
zuhörte, obwohl er wußte, daß es zu den Geboten des Klosters gehörte,
sich selbst zu erniedrigen. Nach vielen Seufzern erhob der Abt das
Haupt, als einer, der schwerer Pflicht Genüge getan hat und begann
rauh: »Was kauerst du noch, du Heupferd, um zu warten, bis dich die
Schnäbel der dunklen Vögel zerhacken, die dort drüben so hastig singen,
nicht gleich Heiligen des Herrn, sondern wie Stare in den Weiden des
Teiches. Enthebe dich aus meinen Augen.«

»Ich kann nicht gehen ohne den Segen meines Herrn; denn wie ein Vater
habt ihr euch gegen mich erwiesen heut und sonst in der Schule.«

Der Abt legte ihm die Hand auf das Haupt, sprach den lateinischen
Segen und strich über das lockige Haar. »Sei dankbar gegen mich,
soweit du vermagst, obwohl ich fürchte, daß dein Gedächtnis darin
kurz sein wird. Mancher, der wie du als ein Springer aus dem Kloster
in die Sünden der Welt hineinfuhr, schlich mit grauem Haar unter der
schweren Bürde seiner Schuld in das Kloster zurück. Gedenke, daß am
Altar eine Heimat aller ist, die müde werden unter ihrer Last.« Er
zog einen ledernen Beutel aus seinem Gewande. »Nicht als ein kahler
Schüler sollst du Bote reiten, denn unter Kriegsleuten ist der Geldlose
verloren. Die Briefe gib nicht von dir, solange du deinen Arm heben
kannst, die Feinde abzuwehren. Eine Reiterkleidung und Waffen findest
du bei dem Rosse, damit nicht kundbar wird, daß du aus dem Hühnerhofe
des Klosters entflogen bist.« Er reichte dem Jüngling die Hand, welche
dieser mit nassen Augen küßte. Eggo winkte ungeduldig und führte ihn
die Wendeltreppe hinab durch die dämmerige Halle, in welcher die
Gewappneten lagen. Lautlos durchschritten sie den Hof; der Mönch
öffnete eine Pforte der Mauer, wies auf den schmalen Steg, der über den
Graben führte und auf einen Reiter, der jenseit des Grabens ein leeres
Roß am Zügel hielt, dann grüßte er mit der Hand und schloß hinter dem
Jüngling die Pforte. In großen Sätzen sprang Immo ins Freie, während
aus der Klosterkirche feierlich das Ambrosianum erklang.

Als Immo die Rosse erreicht hatte, warf ihm der Reiter die Zügel zu.
»Hugbald!« schrie der Jüngling in freudiger Überraschung, da er das
ehrliche Gesicht des Dienstmanns erkannte.

»Schweig, Geselle,« murmelte der Reiter, auf die weißen Wolkenstreifen
weisend, welche aus dem Nebel der Niederung wallend gegen das Kloster
zogen. »Ungern hören die Wasserfrauen den Ruf der Männer, während sie
in der Luft schweben. Hier draußen walten andere Geister als innerhalb
der Mauern und obgleich hinter uns noch Wigberts Stimme ertönt, werden
diese hier einen Dienstmann des Heiligen doch wenig ehren, wenn er
ihren Zorn erregt. Harre, bis wir über die Brücken gedrungen sind und
die freie Höhe erreicht haben.«

Sie ritten schweigend durch den dichten Nebel die Fulda entlang. Aber
Immo konnte sein pochendes Herz nicht bändigen, er drängte sein Roß an
das des Alten, ergriff seine Hand und rief: »Mich freut's, daß du durch
den Wechsel aus der Gefangenschaft gelöst bist.«

»Wenig Ehre brachte mir der Tausch,« brummte der Alte, »gegen einen
Pferdedieb ausgewechselt zu werden, ist kränkend genug, mich haben sie
gar für zwei gerechnet. Doch da jetzt ein Sonnenstrahl auf uns scheint,
sollst du dich in einen Kriegsmann wandeln.« Er nestelte einen Bund vom
Sattel. »Wirf dir den Reitermantel um,« dann knüpfte er den Eisenhut
und das Schwert los und reichte beide dem Jüngling. »Hier nimm auch den
Wurfspieß, er ist von den schweren, ich weiß, daß du ihn zu werfen
vermagst. Recht wohl steht dir die Stahlkappe und mich reut nicht,
Immo, daß ich dich im Walde und auf der Heide meine Singweisen lehrte.«

Immo umschlang vom Rosse den Lehrmeister und küßte ihm den grauen
Bart: »Gesegnet seist du, daß du mich zur Reise gewappnet hast,« dann
sprengte er in gestrecktem Laufe vorwärts, wirbelte den Speer, und
während der Tau von seinen Locken träufelte und über die heißen Wangen
lief, jauchzte er dem goldenen Licht des Tages zu.




4.

In der Heimat.


Am nächsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha, einer Burg des
Klosters, der Heimat zu. Auf beiden Seiten des Weges zogen sich
niedrige, langgestreckte Hügel dahin, die Rücken mit Wald bewachsen,
an den Gehängen die Ährenfelder, deren Frucht sich bräunte. In den
Niederungen dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen große Teiche, die
mit Erlen und Weiden umgeben waren. Zahlreich und ansehnlich waren die
Dörfer der Landschaft, jedes durch Pfahlwerk und breiten Graben oder
durch das Wasser eines Sees gesichert. War ein Dorftor geschlossen,
dann zogen die Reiter auf der Außenseite herum über den Anger, auf
welchem das Dorfvieh weidete, fanden sie ein Tor geöffnet, so sprengten
sie über die Brücke und antworteten auf die Frage des Wächters, der
eilig seinen schweren Spieß aus der Ecke holte und ihnen entgegentrat.
Immo fuhr dahin mit fröhlichem Herzen und unter dem Druck der Schenkel
hob sich sein Roß zum Sprunge.

Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer über den Weg, ein
breiter Graben, dahinter ein aufgeworfener Wall mit einer dichten
Baumhecke, bei der Brücke ein hoher Grenzhügel, auf dem ein
wettergraues Turmgerüst stand. »Sieh das alte Grenzzeichen meiner
Väter,« rief Immo, »einst war das ganze Land dahinter unser Erbe,
jetzt freilich gehören viele Hufen fremden Herren, dagegen liegen
wieder Höfe, die uns gehören, außerhalb der Mark. Doch ehren wir das
alte Malzeichen.« Er schwang sich vom Rosse, sprang auf den Hügel, riß
blühendes Kraut ab und steckte es an seinen Hut. »So nehme ich Besitz
von dem Lande meiner Ahnen, bezeuge mir's, liebe Sonne, daß Laub und
Gras mir diene.« Am Ufer eines Gebirgsbachs ritten sie wohl eine Meile
dahin, Immo wies auf das klare Wasser und auf die bunten Steine, welche
den Bach von beiden Seiten umsäumten. »Jetzt rinnst du niedrig, Bach
meiner Heimat, und ein Knabe vermag dich zu durchwaten, aber ich kenne
die Macht deiner Strömung, denn im Frühjahr und nach dem Wettersturm
brausest du wild zwischen den Hügeln dahin und oft schlug deine Flut an
die Schwelle unseres Saals und wir hüpften barbeinig im Hofe durch den
wilden Schwall.«

Südwärts zur rechten Hand hoben sich die Hügel steiler, an ihrem
Fuße breiteten sich weite Seen, die Abhänge bedeckte der Laubwald,
dazwischen aber schimmerte bald rot, bald bläulich die nackte Erdmasse
der Berge; auf den Gipfeln stand hier ein Wartturm, dort eine Burg und
wieder eine. »Das ist der rote Bergwall, um welchen mein Geschlecht
sich gelagert hat,« erklärte Immo stolz, »hoch sind die Berglehnen und
steil der Weg zu den Gipfeln, manches Mal haben die Helden dort ihren
Feinden widerstanden.«

An einem Wege, der nach Süden führte, hielten die Reiter und nahmen
Abschied, denn Hugbald sollte nach der Wassenburg vorausziehen; und sie
besprachen das Wiedersehen in den nächsten Tagen.

Als Immo allein war, ritt er in gestrecktem Laufe vorwärts. Vor ihm
lag in der Niederung durch eine Mauer umschanzt der große Hof seiner
Väter, der Bach teilte sich und umfloß den festen Sitz Ingramsleben
von allen Seiten. Viele Gebäude standen innerhalb des Hofes, in der
Ecke ein dicker viereckiger Turm, mit kleinen Fensterritzen, oben mit
Zinnen gekrönt, durch einen Graben von dem übrigen Baue getrennt, er
war die feste Burg des Hofes, in welche sich bei schnellem Überfall
die Hofherren zurückziehen konnten zu ihren Kindern und Schätzen, die
sie dort geborgen hatten. In der Mitte des Hofes aber erhob sich das
Herrenhaus mit hohem Dach, mit einer Laube auf der Sonnenseite und
einer Galerie darüber, um das Haus standen nahe der Mauer zahlreiche
Ställe und Wohnungen der Dienstleute. Außerhalb des Hofes erkannte man
längs dem Wasser die Dächer des kleinen Dorfes, welches dazu gehörte.
Der Reiter hielt vor der Brücke an, ihm pochte das Herz, er neigte
einen Augenblick das Haupt und flehte zu den Heiligen, dann setzte er
mit großem Sprunge durch das offene Tor. Sein Roß stieg, er hob sich
hoch im Sattel und grüßte den Hof seiner Väter.

Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde, niemand kam, den
Gast anzurufen und das Roß zu halten. Immo lenkte sein Pferd abwärts
den Ställen zu. Dort kauerte auf der Dungstätte des Hofes das Federvolk
in großen Schwärmen, auch der Hahn mit den Hennen saß zusammengeduckt
unter dem Dach der Ställe. Nur der alte Kranich, welcher dem Geflügel
zum Vogt gesetzt war, stand mitten auf dem Strohhaufen, richtete
den Hals hoch auf und wandte seinen scharfen Schnabel dem fremden
Reiter zu. Als aber Immo vom Pferde sprang und fröhlich den Namen des
Kranichs: »Ludiger« rief, da erkannte der kluge Vogel seinen alten
Herrn und vergaß gänzlich seiner Würde, er schrie und rannte mit
ausgebreiteten Flügeln und aufgesperrtem Schnabel dem Sohn des Hauses
entgegen, gerade als wollte er ihn umfangen und schmiegte seinen Kopf
an den Leib des Mannes. Immo aber strich ihm liebkosend den roten
Scheitel, bis der Vogel wieder vergnügt zu seinem Volke lief. Dort
breitete er die Flügel und fing vor der ganzen Gemeinde an sich zu
drehen und zu tanzen, so daß die Hühner gackerten, und das Geschlecht
der Enten und Gänse sich erhob und lautes Schnattern begann, erstaunt
über die Gebärden des ernsthaften Meisters. Alle Vögel schrien und
hinten im Hundezwinger bellten die Bracken. Da sah die alte Dienerin
Gertrud aus einer Seitentür der Halle und rief zurück: »Gutes Glück
steht dem Hofe bevor, Herr Ludiger tanzt vor seinem Volke;« aber im
nächsten Augenblick stieß auch sie einen Schrei aus, lief die kleine
Hintertreppe hinab und umschlang mit ihren Armen den Fremdling.

Aus der Umarmung der Wärterin sprang Immo in den Saal. Von der Schwelle
erkannte er auf dem Herrenstuhl die Herrin des Hofes im braunen
Trauergewande, das Haar mit dunklem Schleier umhüllt, das edle Antlitz
wenig gewandelt in den Jahren seiner Abwesenheit, noch immer so schön
und gebietend, wie er es sehnsüchtig in seiner Seele geschaut hatte.
»Meine Mutter,« rief er außer sich, warf sich zu ihren Füßen, umschlang
ihre Knie und weinte wie ein Kind in ihrem Schoß. Frau Edith wollte
sich heftig erheben, als der fremde Mann zu ihren Füßen niederstürzte,
aber gleich darauf faßte sie sein Haupt mit ihren Händen und drückte
ihn fest an sich. Als der Sohn zu dem Antlitz der Mutter aufsah, hielt
sie ihn an den Locken und sah ihn starr an, während ihr Gesicht sich
rötete. »Ein Mann bist du geworden,« sprach sie erschrocken, aber im
nächsten Augenblick warf sie die Arme wieder um ihn und küßte ihn
auf die Stirne und das Haar, wie die Mutter einem kleinen Kinde tut.
Schnell folgte Frage und Antwort. »Wisse, Immo,« begann die Mutter,
»nicht ganz unerwartet kommst du. In der letzten Nacht hatte ich einen
Traum, gleich einer Verkündigung. Auf meinem letzten Lager fand ich
mich, gelähmt waren meine Glieder und vergebens mühte ich mich, die
Hände zum Gebet zu falten. Da neigte dein Angesicht sich über mich,
im goldenen Schmuck des Bischofs standest du vor mir, um dein Antlitz
strahlte ein heller Schein und du botest mir das Heiligtum. Mich aber
durchdrang ein seliger Friede, wie ich ihn nie gefühlt. Glücklich
ist die Mutter, Geliebter, welcher der Sohn das Tor des Himmelssaals
öffnet.«

Als Immo von seiner Reise erzählt hatte, zog er den Brief des Abtes
aus dem Gewande. »Lies ihn,« sagte die Mutter sich setzend, »du bist
der einzige im Hause, welcher der fremden Schrift und Sprache kundig
ist, darum erkläre mir den Inhalt, damit ich alles verstehe.« Mit
geheimer Sorge öffnete Immo den Brief, ungern wollte er der Mutter
in dem Glück des Wiedersehens Unholdes von seiner Trennung aus dem
Kloster berichten. Aber das Schreiben enthielt nur einen Gruß des Abtes
für Frau Edith, und daß er den Sohn aus der Schule mit seinem Segen
zurücksende, damit er nach eigenem Willen für seine Zukunft sorge.

»Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine Bitte, die ich
durch Vater Reinhard an ihn tat, und alles ist für dich bereitet, damit
du ein Held des Himmelsherrn werden kannst. Doch heute sprich nicht zu
mir von künftigen Tagen, denn sorglos möchte ich mich deiner Heimkehr
freuen.« Sie zog ihn bei der Hand in den Hof und öffnete die Gittertür
des Gartens, in welchem eine Anzahl Obstbäume auf dem Grasgrund stand.
Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds. Auf einer Bank saß Odo,
der ältere, einem gereiften Manne gleich, breitschultrig, gemessen in
seinen Gebärden, das rundliche Gesicht mit den vorstehenden Augen und
der bedächtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der andern Brüder.
Diese lagen im Grase, Ortwin, der redegewandte, welcher Sprecher des
Hofes war, summte ein Lied und würfelte dabei auf einem Brettlein mit
sich selbst, der starke Erwin warf sitzend einen Stein, den mancher
andere schwerlich gehoben hätte, unermüdlich in die Höhe und freute
sich, ihn geschickt wieder zu fassen, und Adalmar und Arnfried lagen
langgestreckt einander gegenüber, hielten jeder mit zurückgebogenen
Armen einen Baum umklammert und stießen mit den Beinen einen runden
Fichtenstamm, daß er ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte, und sie
lachten laut, wenn der ungefüge Klotz einem von ihnen so gefährlich
nahte, daß es eines starken Stoßes bedurfte, ihn abzuwehren. Aber
seitwärts von den Brüdern übte sich Gottfried mit Hilfe eines alten
Knechts im Speerwurf gegen aufgestellte Bretter, und die Stangen,
welche der Knabe warf, dröhnten kräftig von dem Holze. Die Brüder
sprangen auf, als sie die Mutter erblickten, und Immo sah als stolze
Jünglinge wieder, die er als Knaben verlassen hatte. Sie boten nach
der Reihe dem Bruder Hand und Mund, ihr verlegener Gruß erschien ihm
kalt, nur der jüngste, Gottfried, hing sich an seinen Hals und Immo
lachte, als das rosige Kindergesicht zu ihm aufsah. »Alle seid ihr
stattliche Helden geworden,« rief er, »aber am meisten gewachsen ist
mein Kleiner.« »Im nächsten Jahr erhalte auch ich den Schwertgurt,«
antwortete dieser freudig in seinen Armen.

Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich: »Sieh, die Knaben und
die Bäume, sie sind zusammen aufgeschossen.«

»Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe, auch die
Obstträger lohnen der Herrin die Mühe.«

»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst die Pfropfreiser
zu unserm wilden Holz; wundervoll gewürzig sind die Äpfel, sie trugen
zum erstenmal reichlich in dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als
der Herbst kam, hatte ich das Herzeleid, daß du die guten nicht mehr
schmecktest. Dafür sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid,
die Kaiserin, welche damals neben unserer Mark ihren Hof hielt. Denn
gütig war sie immer gesinnt und sie freute sich auch über die Früchte
und schenkte mir als Gegengabe eine Büchse mit Balsam aus dem heiligen
Land. Das ist in Wahrheit ein kaiserliches Geschenk, denn es heilt
schnell auch tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen Männern
hier in der Gegend mehr als einmal bewährt.«

»Zeige mir deine Kunst,« sprach Immo zu Gottfried, »die wohl in kurzem
auch tiefe Wunden schlagen wird.« Der Knabe ergriff die Stangen und
warf herzhaft. »Ich lobe die Treffer,« ermunterte Immo, bald ergriff
er selbst die Gere und sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele,
daß Gottfried freudig die Hände zusammenschlug und die andern Brüder
Beifall riefen.

»Ganz gut gefällt mir, Immo,« sprach Edith zuschauend, »daß du in der
Schule auch Werke eines Kriegsmannes geübt hast. Denn reitest du einst
als ein gewaltiger Herr und Bischof unter deinen Kriegern, dann mußt
du auch die Helden, welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut
und Gaben ehren; und darum ziemt dir zu verstehen, wer am besten seine
Waffe gebraucht.«

Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt.

An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl. In der Mitte
ihrer Söhne betrat Edith den Saal, in welchem die Tische gestellt
waren. An der Tür standen gedrängt die Dienstleute, um den Gruß des
Herrensohnes zu erwarten. Während Immo unter sie trat und mit alten
Vertrauten fröhlichen Gruß wechselte, brachte der Truchseß die Speisen
und Trinkkannen. Die Mutter führte den Sohn zum Ehrensitz an ihrer
Seite: »Schmal war die Kost meines Lieblings im Kloster,« sagte sie
lächelnd, »dafür hat er dort das Glück genossen, neben heiligen Männern
zu sitzen. Und ich vertraue, auch du hast dir in deinem Dienst bereits
Ehre erworben.«

»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe Ehre,« versetzte
Immo unzufrieden. »Zuerst sollte ich das Rauchfaß schwenken, doch den
Brüdern gefiel nicht der Schwung meiner Arme. Dann war ich Türsteher
und mit der Keule wachte ich an der Pforte, das unordentliche Volk
abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen Arbeit enthoben mich die Dekane,
weil einige Schreihälse aus der Menge Wehe riefen wegen eingeschlagener
Zähne. Zuletzt las ich manchmal als Lektor vor den kleinen Altären.«

Die Brüder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude den Ärger
des Sohnes gar nicht und zu ihrem Sitz tretend, bat sie: »Sprich das
lateinische Gebet, das sich in der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das
Haus seiner Väter betritt.«

»Ich weiß nur von einem, der als verlorener Sohn nach Hause kam,«
murmelte Immo, und er sprach das lateinische Vaterunser.

Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah verwundert in den
großen Raum. Auf dem Fußboden aus geschlagenem Lehm, welcher glatt war
wie eine Tenne, standen die Tische ganz wie sonst, von dem Herrensitz
sah er durch die geöffnete Tür in den wohlbekannten Hof; hinter ihm
und auf den Seiten lief, durch ein geschnitztes Geländer eingefaßt,
die erhöhte Bühne, von welcher zahlreiche Türen nach den Kammern und
Wohnräumen des mächtigen Hauses führten. An den Wänden hingen die alten
Rüstungen und Waffen, Kampfbeute früherer Helden, auf der Bühne im
Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl, im Winter der
wärmste Platz, aber ehrenvoll auch im Sommer. Alles war wie vor Jahren.
Auch wenn er seine Mutter ansah und die alten Diener des Hauses, so
dünkte ihm seine Abwesenheit und das Kloster fast nur ein übler Traum.
Wenn er aber die männliche Stimme der erwachsenen Brüder hörte und
die kurzen Reden, die sie während ihrer eifrigen Arbeit am Tische
wechselten, so kam ihm wieder vor, als sei er bei den Erdmännchen in
der Höhle gewesen, viele Jahre lang, denn er merkte, daß ein neues
Geschlecht in dem Saal herrschte.

Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brüdern und suchte ein freundliches
Gespräch, während Frau Edith der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr
den Saal verließ.

Als Edith wieder eintrat, setzte ihr die Dienerin den Spinnrocken
neben den Ofen, die Herrin saß auf dem Stuhle nieder und ergriff die
Spindel. »Komm an meine Seite, Immo,« bat sie, »damit ich vertraulich
mit dir rede, wie sonst. Seit du von uns gingst, hat diese Hand manches
Gewebe gesponnen, auch für dich, mein Sohn; ich spann dir gute
Wünsche hinein, und manchmal, wenn ich deiner dachte, lag die Spindel
in meinem Schoß. Denn neben diesem Rocken stand deine Wiege, ich hob
dich heraus und du griffst nach den bunten Bändern am Flachse. Und als
du im Hemdchen laufen lerntest, da kauertest du auf der Fußbank und
warfst deine Beinchen um die Stange. Später sprangst du übermütig um
meine Arbeit, wirrtest mir den Flachs und verkehrtest mir die kreisende
Spindel. Jetzt freilich hast du bei den frommen Vätern gelernt,
ruhig zu sitzen. Sieh dorthin,« unterbrach sie sich selbst, »an dem
Türpfosten haftet noch der Speer mit dem Zeichen deines Wachstums. Denn
am Speer maß euch der Vater, jedem von euch nagelte er einen Schaft an
den Pfosten und in den Schaft schnitt er jedem seine eigene Marke, mit
welcher der Sohn in Zukunft sein Gerät zeichne. Und als das Friedel
sein Maß erhalten sollte, da lachte der Vater, weil er am Pfosten
keinen Raum mehr fand, und schlug den Speer an die zweite Tür, dort
steht er allein. »Denn dem Vater war das Prüfen der Größe in jedem
Jahr eine Freude, obgleich die Alten sagen, daß man die Kinder nicht
messen soll, euch aber hat es nichts geschadet, denn ihr seid alle
hoch emporgeschossen. Tritt an das Maß,« bat sie, und als Immo ihren
Willen tat, rief sie erfreut: »Mehr als eines Kopfes Länge überragst du
das letzte Zeichen und der größte bist du geblieben. So ziemt es sich
auch und ich dachte das immer. Wisse, Immo, in jeder Größe vermag eine
Mutter ihre Kinder zu schauen, wenn sie gerade nicht bei ihr sind. Auch
dich schaute ich in meinem Sinn, ganz klein und wieder größer. Aber
wunderlich war es, wenn ich allein saß, dann hielt ich dich in meinen
Gedanken am liebsten als ein kleines Kind auf meinem Schoß, und ich
freute mich, daß du die Arme zu mir aufhobest, obwohl du doch älter
warst als meine Knaben. Vielleicht sah ich dich so, weil du als kleines
Kind mir gehörtest.«

Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.

»Wende dich noch ein wenig ab, wenn ich mit dir rede,« bat Edith und
eine feine Röte flog über ihre Wangen. »Denn wenn du mich heut ansiehst
mit den Augen und mit dem Antlitz deines Vaters, dann weiß ich nicht,
du Holder, ob ich deine Mutter bin. Kehre dich doch wieder zu mir,«
rief sie wieder und warf den Arm um seinen Hals, »denn lange habe ich
dich entbehrt und mir war's zuweilen, als ob ich selbst fremd im Hause
sei, weil du mir immer fehltest. Sommer und Winter schwanden dahin,
meine Knaben wuchsen heran, oft machten sie am Abend der Mutter die
Freude, still am Herde zu sitzen, oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf
den Höfen der Nachbarn umher. Doch muß ich meine Söhne rühmen, denn
gehorsam und der Mutter treu gesinnt waren meine Knaben alle.«

»Auch ich bin dein Sohn,« rief Immo.

»Ja du,« antwortete Edith und blickte ihn mit strahlenden Augen an. Und
leise fuhr sie fort: »Anders vermag ich mit dir zu reden als mit ihnen,
und als ich dich am Tisch hörte, sprachst auch du nicht wie die Knaben,
denn reichlicher schweben deine Worte von der Zunge und mit fremdem
Klange dringen sie in das Ohr. Doch hört es sich gut an, Immo, und
es macht dich meinem Herzen vertraulich. -- Reich und froh fühle ich
mich heut zum erstenmal wieder, seit mein Gemahl von uns ritt und mir
ist, als könnte ich dir alles Geheime sagen, wie man es am Altare den
Heiligen zuraunt, du liebes Opferkind. Denn du gehörst ja, wenn du auch
unter uns weilst, mehr den Himmlischen an als wir andern.«

Lange Jahre hatte Frau Edith in ihrem Witwenschleier still
dahingelebt, als ernste Gebieterin hatte sie die wilden Söhne gezogen
und über den Dienstleuten gewaltet, ihr eigenes Herz, wenn es heftig
pochte, hatte sie fest gebändigt; jetzt brach in der Freude des
Wiedersehens die Mutterliebe wie ein starker Bergquell aus der Tiefe
ihrer Seele. Dem Sohn schien sie einer begeisterten Seherin gleich,
noch niemals hatte er sie so gehört; er lauschte hingerissen auf den
Klang ihrer bewegten Stimme und doch empfand er geheimen Schmerz bei
den liebevollen Worten.

Die Söhne traten nach der Reihe vor die Mutter und boten den Nachtgruß,
jedem legte sie die Hand auf. Als letzter kam Immo, da stand die Mutter
auf und als er sich neigte, den Segen zu empfangen, umschlang sie sein
Haupt und streichelte ihm Haar und Wange, die Freudentränen in den
Augen. »Führe du ihn zu seinem Lager,« gebot sie der alten Gertrud,
»denn du warst vorzeiten seine Wärterin.«

»Wohin leitest du mich, Mutter?« frug Immo lächelnd, »ich kenne den
Bretterverschlag hinter der Halle, in dem ich sonst schlief.«

»Der würde dir jetzt wenig ziemen,« versetzte die Alte, »denn Frau
Edith hat dir selbst das Lager bereitet.« Sie führte durch den Hof
zu einem stattlichen Bau, der wie eine große Laube aus Stein und
Holz errichtet war und zwei Gemächer nebeneinander enthielt; die
Wände des kleineren Raumes waren mit Teppichen bekleidet, der Boden
mit grünen Binsen bestreut, auf dem Lager weiche Kissen und eine
prachtvolle Decke, über welcher Greifen und andere gestickte Fabeltiere
einherschritten, an der Wand hing ein großes Kreuz, davor war ein
Betpult, eine große Wachskerze erhellte den Raum. Immo stand betroffen
in der Tür. »Ich rieche die Kirche,« rief er, denn ein Duft von
heiligem Räucherwerk erfüllte den Raum.

»Der hochwürdige Herr von Magdeburg hat hier vor kurzem geruht,«
antwortete Gertrud, die Knie beugend.

»Im Gastgemach des Hofes stehe ich, das den vornehmen Fremden bereitet
wird,« rief Immo traurig, »ich meinte in das Haus meiner Väter zu
kommen.«

»Du dienst ja dem Himmelsgott schon hier auf Erden,« wiederholte
Gertrud die Worte der Herrin. »Unter uns andern Menschen bist du ja
nichts weiter als ein Gast, du armes Kind.«

Immo winkte der Dienerin die Entlassung und als sie sich mit
Segenswünschen entfernt hatte, setzte er sich nieder und barg sein
Gesicht in den Händen, denn die Worte der Alten schnitten ihm in
das Herz; er merkte, daß sie recht hatte und daß er nur ein Gast im
Vaterhause war.

Als er am Morgen erwachte, hörte er draußen an der Wand das
Schwalbenvolk schwatzen und singen, gerade wie in der Schule und
er wartete, daß die kleine Glocke am Michael läuten werde. Draußen
aber pfiff ein junger Knecht geschickt eine lustige Weise, die Immo
in seiner Kinderzeit oft gehört hatte. Da erkannte Immo wieder die
Heimat und er dachte vergnügt, daß der Knabe wohl einer Magd des
Hofes, die ihm lieb war, seinen Morgengruß zugerufen habe, was in dem
Kloster niemals geschah. Als er die Augen aufschlug, sah er, daß die
Lichtöffnungen seiner Fensterläden nicht in Kreuzesform geschnitten
waren wie im Kloster, sondern als runde Herzen, und ein großes Herz
voll Licht lag golden auf dem Fußboden. Da lachte er und sprang auf,
und während er sich anzog, nahm er sich vor geduldig zu sein und auch
Schmerzliches zu ertragen, bis er das Vertrauen der Brüder gewonnen
und bis er die Mutter mit seinen weltlichen Gedanken versöhnt hätte.
Und er fürchtete, daß dies ein schwerer Kampf sein werde.

Nach dem gemeinsamen Frühmahl schürzte Frau Edith ihr Gewand, um in der
Wirtschaft nach dem Rechten zu sehen, und Immo gedachte des vertrauten
Briefes, den ihm Herr Bernheri für den Dienstmann auf der Wassenburg
übergeben hatte. Als er der Mutter bekannte, daß er dorthin reiten
werde, sahen die Brüder einander bedeutsam an und tauschten leise
Worte. Darum begann Immo freundlich zu Odo: Ȇberall sorgen die Leute,
daß ein großer Krieg bevorsteht, sage mir, mein Bruder, seid ihr für
König Heinrich oder Hezilo?«

»Noch ist die Kriegsfahne nicht aufgesteckt,« versetzte Odo vorsichtig,
»wir aber hören aus der Ostmark, daß die Slawenherzöge rüsten und diese
sind für uns die nächste Sorge.«

»Unter den Mönchen vernahm ich, daß die Böhmen sich dem Hezilo
verbündet haben, sicher weißt du, ob die Grafen der thüringischen und
sächsischen Mark den Böhmen widerstehen wollen.«

»Wir vermuten,« antwortete Odo, »daß ihr Wille ist, ein Heer zum Schutz
der Grenze zu sammeln; dann hoffe ich, werden auch wir reiten.«

»Sonst zog unser Wald zu dem Banner, welches der Vogt des Königs in
Erfurt aufsteckte,« warf Immo ein.

»Ich aber meine,« versetzte Odo, »daß der Königsvogt sich nicht beeilen
wird, seine Burg zu verlassen und nach Süden zu ziehen, wenn an der
nahen Grenze der Kriegslärm erhoben wird. Bei uns denkt jeder daran,
sich im Hause zu wahren, denn einer mißtraut dem andern.«

Immo schwieg gekränkt, denn er sah, daß auch die Brüder ihm
mißtrauten. Er rief deshalb den Knaben Gottfried und erbat von der
Mutter, daß dieser mit ihm reite. Auf dem Wege erzählte ihm der
Harmlose, was er bereits ahnte, daß die Mutter für König Heinrich
war, die Brüder aber für den Babenberger. Und noch mehr erfuhr er.
Auch seinetwegen war ein langer Kampf zwischen Mutter und Brüdern
gewesen, denn die Brüder hatten sich dagegen gesträubt, dem ältesten
die Mühlburg vor der Teilung zu überlassen, damit sie dem Stift des
Erzbischofs zufalle, und nur widerwillig hatten sie dem Ansehen
der Mutter nachgegeben. »Die Brüder hatten recht,« rief Immo dem
verwunderten Gottfried zu. Auf der Wassenburg wußte der alte Dienstmann
wenig vom Laufe der Welt, doch freute er sich des Briefes und besserte
auf Hugbalds Rat an den Mauern. Auch in Arnstadt, der dritten Burg,
welche das Kloster am Walde besetzt hielt, vermochte Immo nicht viel
zu erfahren. Da ritt er nach Erfurt zu dem Vogt des Königs, der seinem
Vater vertraut gewesen war; dort wurde er freundlich empfangen und
vernahm vieles, was dem Abt wertvoll sein mußte. Auch das Pergament zum
Briefe kaufte er in der Stadt und den Dienstmann Hugbald brachte er als
Gast nach dem Hofe, nachdem er ihm einen Wink gegeben hatte, über die
letzten Tage im Kloster zu schweigen.

So vergingen die ersten Tage in der Heimat unter der Arbeit, die er
für Herrn Bernheri übernommen hatte. Er war wenig mit den Hofgenossen
zusammen, und Frau Edith erfreute sich an dem Eifer, den Immo für
seinen Abt bewies. Und als sie merkte, daß er in der Kemenate über dem
Pergament saß, ging sie selbst in den Hof und scheuchte die Mägde und
den Kranich mit seinem Hühnervolke in die entfernteste Ecke, damit kein
Geräusch die seltene Arbeit störe.




5.

Die Trennung.


Immo trat zu seinen Brüdern, welche gewappnet, in der Eisenhaube die
Rosse sattelten. Das Herz lachte ihm, als die hochgewachsenen Knaben
sich so geschwind mit den Pferden tummelten. Da sah er, daß Odo den
weißen Sachsenhengst herausführte und ihm schoß das Blut nach dem
Haupte, aber er bewältigte die Erregung in Mönchsweise, indem er
schnell ein Vaterunser sprach; dann ging er an das Roß und sprach ihm
leise zu, das Tier spitzte die Ohren und wieherte. »Einst gehörte das
Pferd mir,« sagte er zu Odo, »und als ich schied, schenkte ich es
unserm Bruder Gottfried.«

»Das tatest du,« versetzte Odo gleichmütig, »aber da es das beste Pferd
im Hofe ist und für die Zucht wertvoll, so reite ich es lieber selbst;
denn der Knabe ist unvorsichtig und tummelt sich wild, wo der Hengst zu
Schaden kommen könnte.«

Immo schwieg, führte das Roß, welches ihm Herr Bernheri zur Reise
geschenkt hatte, aus dem Stall, sattelte es neben den andern und
begann: »Gefällt es euch, so reite ich mit.«

Die Brüder sahen einander an, und Immo merkte, daß eine stille
Abweisung in ihren Blicken lag, endlich sprach Odo zu den andern: »Da
er als unser Bruder im Hofe weilt, so mögen wir es nicht wehren. Doch
nicht müßig reiten wir über das Feld, Immo, und für einen Gast aus der
lateinischen Schule wird es ein langer Ritt, denn wir streifen über die
Fluren wegen Sicherheit der Dörfer, sowohl in unserem Erbe als auch auf
dem Lande der Nachbarn nach altem Brauch.«

»Ich kenne den Brauch,« versetzte Immo, »und möchte euch begleiten, wie
ich zuweilen unserm Vater gefolgt bin.«

Odo nickte, aber Immo fühlte, daß es keine freundliche Einwilligung
war, und die jungen Adalmar und Arnfried sprachen leise zueinander und
lachten.

»Wie kommt es, daß Gottfried uns nicht begleitet?« frug Immo auf dem
Roß.

»Er trägt nicht den Schwertgurt,« versetzte Odo kurz. »Vorwärts,« und
in gestrecktem Lauf sprengten die Reiter aus dem Hofe.

Die Brüder sahen von der Seite prüfend auf Immos Reitkunst.

»Langgefesselt sind die hessischen Pferde,« begann Erwin spottend,
»übel steht ihnen die Bocknase.«

»Hättet ihr dem Bruder ein Roß aus der Hofzucht geboten, wie sich
gebührte, so würde das fremde Gesicht euch nicht ärgern,« versetzte
Immo und sah so finster auf den Tadler, daß dieser zur Seite ausbog.

»Ich habe nicht gehört, daß du uns das Begehren gestellt hast,« sagte
Odo trocken.

»Freundlicher Sinn wartet bei dem, was sich geziemt, nicht auf die
Bitte,« entgegnete Immo.

»Bei uns aber ist die Gewohnheit,« antwortete Odo, »daß der Gast am
liebsten das eigene Pferd besteigt, dessen Tugenden er vertraut.«

»Ich lobe den Reiter,« rief Immo mit blitzenden Augen, »dem auch auf
einem mäßigen Pferde ein guter Sprung gelingt. Folgt mir, ihr Knaben.«
Er hob die Hand und setzte über Graben und Hecke, die sich längs dem
Wege hinzogen. Sogleich folgten die Brüder einer nach dem andern,
nur Odo ritt gleichmütig auf dem Wege weiter, und als die Reiter
zurücksprangen und lachend die aufgeregten Tiere zum Trabe bändigten,
sagte er kühl: »Wir haben heut einen langen Ritt und ein verstauchtes
Bein wird uns hindern.« Aber das schnelle Wesen Immos gefiel doch
den andern, sie wandten sich seitdem vertraulicher zu ihm und hörten
teilnehmend auf seinen Bericht über die Zucht der Klosterfüllen.

So ritt die Schar in scharfem Trabe über die Fluren, voran Ortwin,
der Sprecher, zuletzt Erwin, der Marschalk. Nahten die Reiter dem
Wallgraben eines Dorfes, so blies Ortwin in ein Horn des Auerstiers,
das er am Riemen trug, und sie sprengten in die Dorfgasse vor den
Hof des Ortsmeisters, wo sie anhielten, bis der Mann heraustrat.
Verschieden waren Gruß und Fragen, wenn er ein Freier und wenn er ein
Höriger des Geschlechtes war. Auch in der Flur hemmten die Reiter den
Trab, wo Arbeiter auf dem Acker schafften oder wo Hirten weideten;
dann eilten auch diese heran und berichteten: ob fremdes Volk über die
Flur gestrichen, ob ein Diebstahl im Felde erkannt, ob ein Raubtier in
die Gehege gebrochen sei und ob ein Wanderer neue Kunde aus der Welt
zugetragen habe. Verwundert starrten die Landleute auf den fremden
Reiter, aber wenn sie ihn erkannten, traten sie mit lautem Zuruf heran
und boten ihm treuherzig die Hand, in den Dörfern drängten sich auch
die Weiber und Kinder um ihn, und Immo hatte zuweilen Mühe, sich aus
dem Haufen zu lösen, wenn Odo wartend nach ihm zurücksah.

Über kahle Höhen und Gestrüpp ritten sie in einen alten Buchenwald
und wanden sich zwischen mächtigen Stämmen, an denen selten die Axt
klang, der Höhe zu. Dort gab Ortwin das Zeichen, aus der Tiefe vor
ihnen antwortete ein ähnlicher Hornruf und wildes Geheul von Hunden.
Die Reiter stiegen in ein Kesseltal hinab und sahen vor sich die
Hütte, welche der Sauhirt für den Sommer aus Stangenholz und Rinde
zusammengeschlagen hatte, und daneben das Gehege für die Schweine. Es
war ein düsterer Ort, in den Vertiefungen des aufgewühlten Bodens stand
sumpfiges Wasser, um welches sich die entblößten Baumwurzeln wie dicke
Schlangen dahinwanden; das Roß Immos schnaubte und scheute vor der
unholden Stätte. Ein riesiger Mann in einem Rock aus Fellen, mit hohen
Lederstrümpfen und Schuhen, an denen noch die Haare hingen, kniete auf
dem Boden, beschäftigt, einen toten Wolf abzubalgen. Er erhob sich,
scheuchte die anspringenden Hunde und begann mit finsterm Lächeln: »Den
alten Grauhund traf mein Holz diesen Morgen. Wollt ihr, daß die Herde
nicht zersprengt werde, so helft selbst die Wölfe schlagen, ihr Herren,
denn seit vielen Jahren haben sie nicht so arg zwischen den Hügeln
geheult als in diesem Sommer; ich allein mit den Knechten vermag ihrer
nicht Herr zu werden. Die Nachtgänger wissen, daß die Helden in der
Ebene sich zur Kampfheide rüsten und sie heulen nach ihrem Anteil an
Lebendem und Totem.«

»Was hast du von der Herde verloren?« frug Odo.

Der Knecht wies auf eingekerbte Zeichen an den Pfosten der Hütte.
»Die Waldweide wird gut,« sagte er kurz, »und ihr könnt den Schaden
ertragen. Ein fremdes Roß sehe ich,« fuhr er fort, »aber darüber zwei
Augen, die einst meinen Wald so gut kannten als ich.«

»Sei gegrüßt, Eberhard,« rief Immo und faßte die Hand des Mannes.

Eberhard musterte den Arm. »Es ist eine Herrenfaust. Kommst du
festzuhalten oder wegzugeben?«

»Ich gedenke zu bewahren, was mir zufällt,« versetzte Immo.

Da erhellte sich das Gesicht des Mannes und er rief: »Ich dachte
wohl, daß du von dem Glockenseil der Geschorenen zurückkehren
würdest. Denn du gehörst zum Walde, und hier merkt der Mann andere
Unsichtbare, welche ungern auf das Bimmeln der Ordorfer Glocke hören.«
Er betrachtete die Brüder und fuhr dann fort: »Sechs Söhne Irmfrieds
stehen vor mir und allen weide ich mit meinen Knaben ihre Herden.
Dennoch will ich wissen, wem ich selbst in Zukunft angehöre und ihr
sollt mir's kund tun.«

Die Brüder sahen einander lächelnd an. »Du sollst es wissen nach der
Teilung.«

»Meint ihr den alten Knecht gleich seiner Herde durchs Los einem
unter euch anzuwerfen? Anders gedenke ich meinen Herrn zu finden.
Steigt ab und folgt mir, ihr Jünglinge, denn ich will euch den Willen
eures Vaters verkünden.« Er führte hinter die Hütte zu dem stärksten
Eichbaum, den er mit Bündeln Astholz umschichtet hatte. »Seit acht
Jahren liegt das Astholz an dieser Stelle und jedes Jahr binde ich und
schichte ich aufs neue, damit das Holz vor fremden Augen verberge, was
mir das liebste Stück meiner Habe ist.« Als er geräumt hatte, sah man
an dem Stamme eine Waldaxt, die mit starkem Schwunge eingetrieben war.
»Diese Axt,« begann der Hirt, »schlug Herr Irmfried in den Baum, als
er das letzte Mal zu seinen Ebern kam. Damals bot er mir eine Hand zum
Abschiede, weil ich ihm ein treuer Knecht gewesen war, und die andere
Hand legte er auf mein Haupt. Ich frug unter seinen Händen: Herr, wenn
ihr nimmer heimkehrt, wem soll ich ferner dienen? Darauf sprach er:
Deiner Herrin Edith, solange sie dir das Brot hinaussendet und dir das
Lager bereiten läßt, wenn du im Winter zum Hofe kehrst. Ich antwortete:
das tue ich gern. Aber sieben Frischlinge laufen auf dem Hofe, und
wenn mich die wilden Gewalten des Waldes bis zu dem Tage verschonen,
an welchem ihnen die Eberzähne schießen, welchem der jungen soll ich
angehören? Laßt mich nur dem besten dienen.« »Wer der beste wird, weiß
nur der Christengott, versetzte der Herr, nicht ich. Herr, sagte ich
dagegen, der stärkste ist mir im Walde der beste. Da sprach der Herr:
Wenn der Tag kommt, wo die Sieben miteinander zu deinem Baum treten, so
nimm diese Axt, neu geschärft und mit neuem Stiel, und biete sie meinen
Söhnen dar, damit jeder von ihnen die Axt in diesen Baum schlage, mit
dem besten Schwunge, den er vermag, der jüngste zuerst, der älteste
zuletzt, so wie ich sie jetzt schlage. Und siebenmal sollst du selbst
die geschwungene Axt aus dem Holz reißen, dabei prüfe, welcher von
meinen Knaben am schärfsten schlägt; und der dir selbst als der
stärkste erscheint, dem magst du dienen. Da hob Herr Irmfried seine
Axt aus dem Sattelgurt und schlug sie in den Stamm, so wie sie jetzt
noch hängt.« Die Jünglinge traten neugierig an die Waffe des Vaters.
Der Alte aber stellte sich abwehrend davor und fuhr mit gehobenen Armen
fort: »So bezeuge der Eichbaum und bezeuge die Herrenaxt, daß Held
Irmfried mir solches Versprechen getan hat. Vor meinen Zeugen frage ich
euch, ihr Söhne des Toten, ob ihr den Willen eures Vaters zu ehren
gedenkt oder nicht.«

»Wir gedenken seines Willens,« antwortete Odo.

»So helft auch mir, daß ich darnach zu tun vermag. Achtmal hat das Laub
gegrünt, niemand hat die Axt gehoben; das Eisen ist verrostet, das Holz
ist herumgewachsen, ich selbst hütete sorglich meine Zeugen an ihrer
Stelle. Jetzt aber naht die Zeit, wo ihr Sieben zu euren Tagen kommt
und im Schwertgurt das Erbe eures Vaters teilen werdet. Für diesen Tag
muß ich den Stiel schnitzen und das Eisen schärfen und darum will ich,
daß heut einer von euch die Herrenaxt heraushebe und mir in die Hand
lege, damit ich mein Recht gewinnen kann.«

Da rief der junge Adalmar nach dem Axtstiel greifend: »Gefällt es euch,
Brüder, so schärfe der Knecht zur Stelle die Schneide und heut schon
prüfen wir die Kraft, damit er seinen Willen habe.«

»Mir aber gefällt es nicht, daß ihr leichtherzig an dem Stiele zerrt,«
versetzte der Sauhirt finster. »Nicht alle seid ihr versammelt,
der jüngste ist noch ein Kindlein und ganz richtig begehre ich die
Herrenwahl, wie euer Vater gebot. Heut will ich selbst einen von euch
rufen, der zuerst nach seinem Vater den Stiel erfassen soll.«

Odo antwortete: »Wenn dein Ruf nur ein Spiel sein soll, das dir
gefällt, so spreche ich nicht dawider.«

Da sprach der Hirt: »Ich aber wähle die Hand, die von Wolfsblut rot
ist. Denn du, Immo, warst der einzige, der dem alten Knechte die Hand
gereicht hat, wie dein Vater tat. Tritt an den Stamm und zucke dreimal,
dann weiche zurück.«

Immo trat herzu und rückte gewaltig am Holzgriff. Beim dritten Zuge
brach der Stiel, Immo aber riß das Eisen aus dem Baume, daß es auf
den Grund fiel. Da hob der Alte das Eisen auf und betrachtete es
kopfschüttelnd: »Eine Vorbede

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