Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)
by Friedrich von Raumer · German · Gutenberg #50870 · 567,934 chars · public domain (US)
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Title: Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)
Author: Friedrich von Raumer
Release date: January 7, 2016 [eBook #50870]
Most recently updated: October 22, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE AUS FRANKFURT UND PARIS 1848-1849 (1/2) ***
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1849 erschienenen Buchausgabe
erstellt. Die Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert
bzw. ergänzt. Französische Ausdrücke und Zitate wurden nur dann
harmonisiert, bzw. korrigiert, wenn ansonsten der Wortsinn verfälscht
würde. Vereinzelt wurden die Datumsangaben der Briefköpfe dem
Inhaltsverzeichnis entsprechend angepasst.
Altertümliche und sonstige ungewöhnliche Schreibweisen wurden
beibehalten, ebenso unterschiedliche Wortvarianten. Für Umlaute in
Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden auch deren Umschreibungen(Ae, Oe, Ue)
verwendet; es wurde diesbezüglich keine Vereinheitlichung vorgenommen.
Korrekturen anhand der Liste der Druckfehler am Ende des Textes wurden
bereits in diese Version eingearbeitet. Die folgenden offensichtlichen
Fehler wurden korrigiert:
S. 8: ‚Veränderuug‘ → ‚Veränderung‘
S. 11: ‚Uber‘ → ‚Ueber‘
S. 127: ‚Reihefolge‘ → ‚Reihenfolge‘
S. 214: ‚Birch-Pfeifer‘ → ‚Birch-Pfeiffer‘
S. 215: ‚Dem. Jauauschek‘ → ‚Dem. Janauschek‘
S. 294: ‚Ubereinstimmung‘ → ‚Uebereinstimmung‘
S. 314: ‚nichtiges‘ → ‚richtiges‘
S. 326: ‚Ich erwiedrte‘ → ‚Ich erwiederte‘
S. 364: ‚Ein Mann ihres Sinnes‘ → ‚Ein Mann Ihres Sinnes‘
S. 366: ‚alsdie‘ → ‚als die‘
S. 376: ‚einem alten Professor‘ → ‚einen alten Professor‘
S. 399: ‚ein Gräue → ‚ein Gräuel‘
Für die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden
folgende Sonderzeichen verwendet:
Kursiv: _Unterstriche_
Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
Gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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Briefe
aus
Frankfurt und Paris
1848-1849
von
Friedrich von Raumer.
Erster Theil.
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1849
Briefe aus Frankfurt und Paris.
Erster Theil.
Briefe
aus
Frankfurt und Paris
1848-1849
von
Friedrich von Raumer.
Erster Theil.
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1849.
Vorrede.
Die Schwierigkeit eine Geschichte der Gegenwart unparteiisch und
allseitig zu schreiben, ist mit Recht so oft hervorgehoben worden, daß
auch der Kühnste und durch seine Verhältnisse am meisten Begünstigte,
von solch einem Unternehmen abgeschreckt werden kann. Wer hingegen
Gelegenheit hat, einzelne Steine zu dem künftigen Bau einer allgemeinen
Geschichte darzubieten, ist behufs rascher Förderung der Wahrheit,
hiezu gewissermaßen verpflichtet.
Als einen solchen, wenn auch unwichtigen Beitrag, betrachte ich die
folgenden Briefe. Sehr Vieles ist als unanziehend aus denselben
weggelassen, nichts aber (mit Ausnahme einzelner Ausdrücke) geändert,
oder gar hintennach im Wesentlichen anders dargestellt worden. Denn
diese wohlfeile Weisheit eines vom Rathhause Kommenden hat gar keinen
Werth; wohl aber wird selbst der, unverhohlen mitgetheilte, Irrthum
lehrreich zur Erklärung der jedesmaligen (aber nach Maßgabe der
fortschreitenden Verhältnisse und Ereignisse natürlich wechselnden)
Eindrücke, Stimmungen und Beschlüsse. Wenn ich, dieser Rücksicht
halber, nicht alles scharf oder herbe Ausgedrückte milderte, oder
ganz abschwächte, so hoffe ich (sofern sich Jemand dadurch irgendwie
verletzt fühlen sollte) Entschuldigung zu finden.
Den Vorschlag: diese Briefsammlung erst nach vielen Jahren dem Publikum
vorzulegen, wies ich zurück. Sie würde bis dahin wesentlich an
Interesse verlieren und eine Berichtigung derselben, mit dem Ablaufe
der Zeit immer schwieriger werden.
Trotz aller Aufmerksamkeit sind manche Wiederholungen stehen geblieben;
eine Folge des Umstandes, daß alle diese Mittheilungen eigentlich nur
Variationen über dasselbe Thema sind.
Endlich hoffe ich, man werde es nicht als Eitelkeit bezeichnen, daß ein
Briefschreiber seine (in anderer Beziehung unbedeutende) Person oft
erwähnt und erwähnen muß.
=Berlin=, 15. August 1849.
Inhalt des ersten Theils.
=Erster Brief.= Seite
Berlin, im März 1848. 1
Den 14. Mai. 14
Den 17. Mai. 19
Den 20. Mai. 20
Den 21. Mai. 21
=Zweiter Brief.=
Frankfurt a. M., den 25. Mai. 22
Den 26. Mai. --
Den 27. Mai. 24
Den 28. Mai. --
=Dritter Brief.=
Frankfurt a. M., den 30. Mai. 28
=Vierter Brief.=
Frankfurt a. M., den 31. Mai. 33
Den 1. Junius. 35
=Fünfter Brief.=
Frankfurt a. M., den 2. Junius. 40
Den 3. Junius. 48
Den 4. Junius. 53
=Sechster Brief.=
Frankfurt a. M., den 5. Junius. 57
Den 6. Junius. 60
=Siebenter Brief.=
Frankfurt a. M., den 7. Junius. 62
Den 8. Junius. 65
=Achter Brief.=
Frankfurt a. M., den 9. Junius. 67
Den 10. Junius. 70
=Neunter Brief.=
Frankfurt a. M., den 11. Junius. 72
Den 12. Junius. 76
=Zehnter Brief.=
Frankfurt a. M., den 12. Junius. 77
Den 13. Junius. 79
Den 14. Junius. 83
=Eilfter Brief.=
Frankfurt a. M., den 14. Junius. 84
Den 15. Junius. 85
=Zwölfter Brief.=
Frankfurt a. M., den 15. Junius. 91
Den 16. Junius. 92
=Dreizehnter Brief.=
Frankfurt a. M., den 18. Junius. 96
=Vierzehnter Brief.=
Frankfurt a. M., den 18. Junius. 101
Den 19. Junius. 102
=Funfzehnter Brief.=
Frankfurt a. M., den 22. Junius. 110
=Sechzehnter Brief.=
Frankfurt a. M., den 23. Junius. 113
=Siebzehnter Brief.=
Frankfurt a. M., den 24. Junius. 118
=Achtzehnter Brief.=
Frankfurt a. M., den 25. Junius. 121
Den 26. Junius. 124
Den 27. Junius. 132
Den 28. Junius. 138
=Neunzehnter Brief.=
Frankfurt a. M., den 29. Junius. 144
Den 29. Junius Nachmittags. 148
=Zwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 30. Junius. 151
Den 1. Julius. 153
=Einundzwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 2. Julius. 156
=Zweiundzwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 4. Julius. 163
=Dreiundzwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 5. Julius. 168
Den 6. Julius. 170
=Vierundzwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 6. Julius. 173
Den 7. Julius. 175
Den 8. Julius. 177
=Fünfundzwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 8. Julius. 179
Den 9. Julius. 181
=Sechsundzwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 10. Julius. 184
Den 11. Julius. 188
=Siebenundzwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 12. Julius. 191
=Achtundzwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 13. Julius. 197
Den 14. Julius. 202
=Neunundzwanzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 15. Julius. 203
=Dreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 15. Julius. 209
Den 16. Julius. 211
=Einunddreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 17. Julius. 215
=Zweiunddreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 20. Julius. 222
=Dreiunddreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 21. Julius. 228
Den 22. Julius. 231
=Vierunddreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 22. Julius. 233
=Fünfunddreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 24. Julius. 235
=Sechsunddreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 26. Julius. 239
Den 27. Julius. 242
=Siebenunddreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 28. Julius. 246
Den 29. Julius. 247
=Achtunddreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 30. Julius. 251
=Neununddreißigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 31. Julius. 252
=Vierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 1. August. 254
=Einundvierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 1. August. 256
Den 2. August. 257
=Zweiundvierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 4. August. 260
Den 5. August. 261
=Dreiundvierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 5. August. 264
Den 6. August. 265
=Vierundvierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 7. August. 266
Den 8. August. 269
=Fünfundvierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 9. August. 273
=Sechsundvierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 10. August. 275
=Siebenundvierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 11. August. 279
Den 12. August. 280
=Achtundvierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 13. August. 282
Den 14. August. 282
Den 15. August. 283
=Neunundvierzigster Brief.=
Frankfurt a. M., den 16. August. 284
Den 19. August. 285
Den 20. August. 287
=Funfzigster Brief.=
Brüssel, den 23. August. 288
=Einundfunfzigster Brief.=
Paris, den 24. August. 290
Den 25. August. 292
=Zweiundfunfzigster Brief.=
Paris, den 26. August. 292
Den 27. August. 295
Den 27. August Mittags. 296
Den 27. August Abends. 297
Den 28. August. 300
=Dreiundfunfzigster Brief.=
Paris, den 29. August. 300
Den 29. August Nachmittags. 301
Den 30. August. 302
=Vierundfunfzigster Brief.=
Paris, den 31. August. 305
=Fünfundfunfzigster Brief.=
Paris, den 1. September. 310
Den 1. September Nachmittags. 311
Den 1. September Abends. 313
=Sechsundfunfzigster Brief.=
Paris, den 2. September. 314
Den 3. September. 316
=Siebenundfunfzigster Brief.=
Paris, den 4. September. 319
Den 5. September. 320
Den 6. September. 322
Den 7. September. 323
=Achtundfunfzigster Brief.=
Paris, den 8. September. 325
Den 8. September Nachmittags. 327
Den 9. September. 330
=Neunundfunfzigster Brief.=
Paris, den 10. September. 333
Den 11. September. 334
=Sechzigster Brief.=
Paris, den 12. September. 336
Den 13. September. 339
=Einundsechzigster Brief.=
Paris, den 14. September. 342
=Zweiundsechzigster Brief.=
Paris, den 15. September. 345
Den 15. September Mittags. 346
=Dreiundsechzigster Brief.=
Paris, den 16. September. 348
Den 16. September Nachmittags. 353
Den 17. September. 354
=Vierundsechzigster Brief.=
Paris, den 18. September. 356
Den 19. September. 359
=Fünfundsechzigster Brief.=
Paris, den 20. September. 360
Den 21. September. 361
Den 22. September. 363
=Sechsundsechzigster Brief.=
Paris, den 23. September. 367
=Siebenundsechzigster Brief.=
Paris, den 25. September. 373
Den 26. September. 377
Den 26. September Mittags. 379
Den 27. September. 380
=Achtundsechzigster Brief.=
Paris, den 28. September. 385
Den 29. September. 385
Den 30. September. 388
Den 1. October. 389
Den 2. October. 390
Den 3. October. 392
Den 4. October. 396
=Neunundsechzigster Brief.=
Paris, den 5. October. 400
Den 6. October. 401
Den 7. October. 402
Den 8. October. 407
=Siebzigster Brief.=
Paris, den 9. October. 409
Den 10. October. 414
Den 11. October. 418
=Einundsiebzigster Brief.=
Paris, den 12. October. 422
Erster Brief.
Berlin, im März 1848.
Aus den Zeitungen werdet Ihr vollständige Kunde von den furchtbaren
Ereignissen dieser Tage bekommen. Ich will nur einige allgemeine
Andeutungen geben, meist mich aber an Das halten +was ich selbst
sah+, und was sich (Eurer Theilnahme bin ich gewiß) auf +mich
selbst+ bezieht.
Schon vor den pariser und den sich daran reihenden deutschen
Ereignissen hatte sich hier die Mißstimmung sehr gesteigert, und Viele
hegten die Überzeugung: „die Regierung könne mit den bisher wirksamen
Personen und in der bisherigen Weise und Richtung, unmöglich mehr lange
geführt werden. Die Behandlung der auswärtigen Angelegenheiten, die
kirchliche (unter dem Namen neuer größerer Freiheit geübte) Willkür,
die endlose Beaufsichtigung der Schulen und Universitäten, die
Anstellung einseitiger, die Entlassung würdiger Männer u. s. w. u. s.
w. regten täglich mehr auf, und die Berufung des Landtages ward täglich
lauter und dringender gefordert. „Die Ausschüsse (das ergab sich immer
deutlicher) konnten und sollten ihn nicht ersetzen. Wenn sich die
Stadt (in Bezug auf Das, was der König bei Entlassung der Ausschüsse
sagte) dankend ausspreche, so könne man (dies hoffte ich) Wünsche und
Bitten am besten daran anreihen. Ich entwarf zu diesem Zwecke folgende
Erklärung:
„Die königliche Bewilligung einer regelmäßigen Wiederkehr, oder
Wiederberufung des allgemeinen Landtages, und die Bestätigung der sehr
wichtigen Vorschläge zur Vervollkommnung des preußischen Staatsrechtes,
ist ein höchst folgenreiches, beglückendes Ereigniß; -- ein Ereigniß,
welches finstere Besorgnisse verscheucht, Hoffnungen erfüllt, oder
ihre Erfüllung bestimmt in Aussicht stellt, und die Einigkeit zwischen
Herrscher und Volk (ohne welche jeder Staat zu Grunde geht) aufs Neue
bekräftigt.
„Deshalb erlaube ich mir den Antrag: daß die Stadtbehörden Seiner
königlichen Majestät durch eine Schrift, oder Botschaft, den innigen
Dank darlegen, zu welchem uns gleichmäßig Kopf und Herz antreiben, und
dabei nochmals mit Nachdruck aussprechen mögen: Berlin, die Hauptstadt
des Reiches, werde in Unglück und Gefahr, (wie in Zeiten des Glücks
und der Ruhe) mit unwandelbarer Treue und dem Aufwande aller Kräfte
ihre ehrenvollen Pflichten erfüllen, von der Bahn des gesetzlichen
Rechtes niemals abweichen, und die persönliche Anhänglichkeit an
Seine Majestät den König und das königliche Haus, (ohne welche dem
Staatsrechte einer Monarchie die höchste Verklärung fehlt) wie ein
Heiligthum festhalten und bewahren.
Berlin, den 6. März 1848, Abends.
v. Raumer.“
* * * * *
Diese Erklärung hatte ich dem Vorsteher der Stadtverordneten bereits
zum Vortrage übergeben, als ich mich überzeugte: die Mißstimmung über
das angeblich Ungenügende der Bewilligungen sei bereits so gestiegen,
daß der Antrag, Dank auszusprechen, nur Vorwürfe gegen den König
hervorrufen würde. Ich nahm deshalb jenen Antrag zurück, schrieb jedoch
dem -- (mit Bezug auf frühere Gespräche): es sei zu befürchten, daß die
Versammlung der Stadtverordneten zu +mächtig+ werde; aber noch
ungleich gefährlicher, wenn sie (sehr wahrscheinlich) +ohnmächtig
werde+, und die Entscheidung in schlechtere Hände gerathe.
Die immer dringender werdenden Verhältnisse veranlaßten mich, (nach
Abhaltung der ersten Versammlung in den Zelten) Folgendes an -- zu
schreiben:
„Den Vorschlag, heute in der Stadtverordnetenversammlung ein
Dankschreiben an Se. Maj. den König zu beschließen, hat man
aufgeben müssen, um nicht Widersprüche und unangenehme Erörterungen
hervorzurufen. Nach Dem was sich hier und in andern Städten der
Monarchie vorbereitet und in dem ganzen übrigen Deutschland bereits
geschehen ist, hat es gar keinen Zweifel, daß eine ganze Reihe von
Forderungen an die Stadtverordneten gelangen, und zu einer (vielleicht
einstimmigen) Bitte um +eilige+ Berufung des vereinigten Landtages
führen wird. Dies ist der +mildeste+ Ausweg um jene Forderungen in
den Weg +besonnener, gesetzlicher+ Berathung zu leiten.
„Wenn Se. Maj. der König sich hierüber aus +eigener+ Macht ausspricht
und dem Magistrate und den Stadtverordneten eine beim Anfange
der Sitzung zu eröffnende Kabinetsordre zuschickt, so wird ihm
unermeßlicher Dank zu Theil, es wird die Begeisterung im Innern und
gegen das Ausland aufs Höchste steigen; er ist -- wie es sein soll --
der +Leit-+ und +Polarstern+ für +Alle+. Geschieht das +Unvermeidliche+
auch nur um einige Stunden zu spät, so verwandelt sich der glänzende
Sieg in eine unglückselige Niederlage, und ganz andere Personen
werden die Lorberen für sich in Anspruch nehmen. Möchten nicht kleine,
förmliche, die Wichtigkeit des Augenblicks verkennende Seelen, durch
unentschlossenen Rath, Alles den Händen des Königs entschlüpfen lassen.
„Verzeihen Sie, wenn ich mich in dieser ungewöhnlichen und vielleicht
ungebührlichen Weise ausspreche; meine Liebe zu König und Vaterland
und meine Kenntniß vaterländischer Angelegenheiten, verbot mir da zu
schweigen, wo Kopf und Herz zu reden befehlen.
Berlin, den 9. März 1848, Morgens 7 Uhr.“
* * * * *
An demselben Tage um 4 Uhr begann die Sitzung der Stadtverordneten,
über welche die Zeitungshalle am genauesten Bericht erstattet.
Die überlauten Zuhörer hatten ohne Zweifel die Absicht: die
Stadtverordneten zu zwingen, +alle+ ihre Forderungen +auf der
Stelle+ anzunehmen und zu den ihrigen zu machen. Dies Bestreben ward
jedoch mit größtem Rechte vereitelt, und auch ich sprach (wie ihr in
der Zeitungshalle lesen könnt) für gründliche und ruhige Berathung.
Diese fand den 10. von 3-11 Uhr statt, und die Deputation, zu der ich
gehörte, vereinigte sich endlich für die bekannt gewordene Eingabe.
Sie ward den 11. in der Stadtverordnetenversammlung fast einstimmig
angenommen. So weit ich sehen konnte blieben nur die HH. N. und B.
verneinend sitzen, weil sie +mehr+, und minder +höflich+,
fordern wollten. Die Zuhörer, einer bekannten Gattung, waren ebenfalls
unzufrieden, und erhoben ein so gränzenloses, unanständiges Geschrei,
daß die Sitzung leider mußte aufgehoben werden. Meine Furcht, die
Stadtverordnetenversammlung dürfte zu +ohnmächtig+ werden, war nur
zu sehr gerechtfertigt.
Des Königs Antwort auf die Eingabe lautete zwar beruhigend, aber bei
täglich, ja stündlich steigender Aufregung keineswegs zufriedenstellend.
Über die +erste+ Versammlung in den Zelten erhielt ich einen
umständlichen, anonymen Bericht; wenige Tage später kam der Verfasser
zu mir, klagend daß die zweite Versammlung sich ungebührlich in
falscher Richtung bewegt, und großentheils aus anderen Personen
bestanden habe. Ich machte ihn darauf aufmerksam: wie schwer es
sei solcher Bewegungen Meister zu bleiben, wie verantwortlich sie
hervorzurufen.
Die Minister verloren die kostbarste Zeit, und behandelten das
Eiligste in den Formen der alten Geschäftsführung, während aus ganz
Deutschland, ja aus Wien Nachrichten von raschern Fortschritten
einliefen. Preußen, Berlin müsse sich an die Spitze stellen und die
Vorwürfe von Schläfrigkeit und Nichtigkeit widerlegen; -- dies war die
Ansicht Unzähliger. Planmäßig leiteten aber geschickt vertheilte,
laute Demagogen das Ganze und bezweckten leider, daß die Aufregung sich
zur Widersetzlichkeit steigere. Andererseits begingen die Kriegsführer
Mißgriffe, und die unbedeutenden Unruhen des Montags, nahmen den
bösesten Charakter an, als die ungebührlich gereizten und verhöhnten
Soldaten, Dienstags an der Brüderstraße, ohne Ansehen der Person Gewalt
übten. Man erließ zur Beruhigung eine Bekanntmachung, daß Militair- und
Civilpersonen die Sache untersuchen und Schuldige bestrafen sollten.
Magistrat und Stadtverordnete schrieben das Nöthige vor zur Bildung
unbewaffneter Schutzcommissionen. Als ich in meinem Bezirke zur
Vollziehung dieses Beschlusses aufforderte, schrien Mehre: ich wolle
(ein alter Thor) Bürger verführen sich verstümmeln und erschießen zu
lassen. -- Ich rief: wer Muth hat folge mir; so schlossen sich endlich
Viele meiner Führung an.
Donnerstag und Freitag (15., 16.) ward die Ruhe in der Stadt erhalten,
womit aber viele Begeisterte und viele Böswillige gleich unzufrieden
waren. Es verbreitete sich die sichere Kunde: man wolle Sonnabend um
2 Uhr dem Könige eine Bittschrift überreichen; viele Tausende wollten
mitziehen zum Schlosse. Mit Bestimmtheit ließ sich voraussehen, daß
dies nicht ohne Unordnung, ja Gefahr geschehen dürfte. Deshalb eilte
ich Sonnabend früh zum -- stellte ihm die üble Lage der Dinge vor,
und daß es schlechterdings nothwendig sei, daß bis Mittag 12 Uhr
beruhigende, unabweisliche und unausbleibliche Bewilligungen bekannt
gemacht würden. -- fand dies zweckmäßig und versprach sogleich zum
Könige zu fahren und ihm das Nöthige vorzustellen.
Mit einigen Stadträthen und Stadtverordneten (wir fanden uns auf der
Straße zusammen) ging ich zum Polizeipräsidenten, zum Kommandanten (wo
wir den Minister Bodelschwingh fanden), deren wohlwollende Sorge und
Theilnahme, ohne entscheidende Versprechungen nichts helfen konnte.
Deshalb ward von den zusammeneilenden Stadtverordneten beschlossen,
unverzüglich und gemeinsam mit dem Magistrate, eine Deputation an den
König abzusenden. Ich ward mit zu derselben gewählt, und wir fanden im
Vorzimmer die mit Orden überdeckten Stützen des Staates, gegen welche
wir (einige der Eil halber in Überröcken) sehr gering und unanständig
aussahen. Vorgelassen, ward dem Könige die volle, ungeschminkte
Wahrheit, mit solcher Kraft und Rührung gesagt, daß Viele sich der
Thränen nicht enthalten konnten.
Man bat um Preßfreiheit. -- Ist schon bewilligt. -- Um Berufung des
Landtags. -- Desgleichen. -- Um Veränderung der Grundsätze über
Wahlen und Abstimmungen. -- Antwort, günstig, jedoch so bedingt,
daß kein bestimmtes Ergebniß hervorging. -- Gleichstellung aller
Religionsbekenntnisse, ohne staatliche Bevorzugung. -- Antwort: ich bin
der größte Freund der Religionsduldung; die Leute dürfen sich ja nur
aussprechen. -- Zwischen E. M. und dem Volke stehen Räthe, welche das
Vertrauen des Volkes nicht besitzen. -- Antwort: diese Männer meinen es
redlich mit dem Volke und der Krone.
Ich hatte mich aus vielen Gründen schweigend im Hintergrunde gehalten,
sagte aber, als ich sah daß man zu keinem inhaltsreichen Ergebniß kam:
wenn ich S. M. nicht mißverstanden, wollten Sie die von der Stadt
Berlin vorgetragenen Wünsche, dem Landtage zur Berathung vorlegen
und nach Empfange eines Gutachtens entscheiden. -- Auf diesen Antrag
ging der König indeß nicht einfach ein, weil ja zu prüfen sei: ob die
Wünsche sich zu solch einer Vorlegung eigneten.
Der König sprach nach seiner Weise noch viel, verständig, gemüthlich;
hierauf von seiner Macht, seinem Rechte, seinem göttlichen Berufe. --
Sagen Sie laut, rief er, daß ich so wahr mir Gott helfe, Alles thun
will was zum Wohle meines Volkes gereicht, daß ich aber niemals auch
nur einen Fingerbreit von meinen Grundsätzen abweichen werde, daß mich
keine Macht der Welt jemals dazu vermögen wird. -- -- --
Mir vergingen, im hinteren Gliede stehend, von der unbeschreiblichen
Gemüthsbewegung fast die Sinne, ich hörte nur, was der König über die
Heilsamkeit der Mäßigung und allmäliger Entwickelung sagte, als er auf
mich zu ging, mit der Hand auf meine Schulter schlug, und die meine
ergreifend und schüttelnd, sagte: dies ist ein alter Professor der
Geschichte; er wird bezeugen ob ich Recht habe. Das konnte ich, in
Bezug auf seine zuletzt gesprochenen Worte, aus vollem Herzen; auch
war mir jener Handschlag ein Zeichen, daß der Zorn des Königs über
die akademische Rede ganz verschwunden, und er von meinem rechtlichen
Benehmen in der Stadtverordnetenversammlung überzeugt sei. -- Alle
diese Betrachtungen kamen jedoch erst hintennach; in jenem schweren
Augenblicke konnte Niemand an seine eigene unbedeutende Person denken.
Wir stellten endlich das Mildeste und Wesentlichste aus allen Reden des
Königs zusammen, sodaß Bewilligungen, Versprechungen und Hoffnungen
jeden Gemäßigten befriedigen konnten. Auch that diese von uns vorläufig
auf dem Schloßplatze ausgesprochene Verkündigung die beste Wirkung,
und die Berathung auf dem kölnischen Rathhause endete mit einem Vivat
auf den König, dem selbst die, sonst zu Unruhe und Widerspruch nur
zu geneigten Zuhörer, beistimmten. Ich habe bei dieser Gelegenheit
auch gesprochen, aber in solcher Aufregung, daß mein Gedächtniß mir
den Inhalt nicht vergegenwärtigt, und ich die Zeitungshalle darüber
nachlesen muß. Voller Freuden vertheilten wir uns in der Stadt, das
Erlangte zu allgemeiner Beruhigung mitzutheilen. Als ich heimkehrend
über den Schloßplatz ging, hatte der König vom Balkone gesprochen, die
Hüte in der Luft, Hurrahrufen, überall (so schien es) der glücklichste
Ausgang. -- Kaum aber hatte ich diese Kunde für -- dem -- mitgetheilt,
kaum war ich zu Hause angelangt, als die furchtbare Botschaft von
neuem Schießen und Einhauen anlangte. Sogleich legte ich meine Binde
als Schutzbeamter um, und forderte mir bekannte, wohlgesinnte Bürger
auf mir zu folgen, aber sie warfen mich buchstäblich in einen Laden
und beschworen mich mein Leben nicht nutzlos aufzuopfern; es sei ganz
unmöglich den Sturm zu beschwören. Gleichzeitig allgemeines Geschrei
von Verrath und Errichtung unzähliger Barricaden.
Ueber die Gründe und den Hergang des neuen Angriffs auf dem
Schloßplatze lauten die Aussagen, selbst der Augenzeugen, so
verschieden, daß schon jetzt kaum die volle Wahrheit aufzufinden ist.
Ich will nur das mir Wahrscheinliche zusammenstellen.
1) Die Generale, Officiere u. s. w. hielten es für eine Schmach, sich
vor Leuten, welche Forderungen in gesetzwidriger Weise geltend machen
wollten, zurückzuziehen und ihnen nachzugeben. --
2) Die gemeinen Soldaten waren durch Spott und Hohn aufs Höchste
gereizt.
3) Manche Soldaten und Führer hielten das Vivatgeschrei für ein
~pereat~ und fürchteten die Bestürmung des Schlosses.
4) Den revolutionairen Unruhstiftern war ein friedlicher Ausgang
durchaus ungelegen; sie thaten alles Mögliche, Unzufriedenheit mit dem
Bewilligten hervorzurufen, und bezweckten einen großen, gewaltigen
Aufstand.
5) Zu lange glaubte man auf dem Schlosse: man habe nur mit wenigem
Pöbel zu thun, den einige Schüsse verscheuchen würden.
Als der König später umherritt und vor dem kölnischen Rathhause still
hielt, eilten die Stadtverordneten hinab, und seiner wohlwollenden
Anrede folgte ein lautes, ununterbrochenes Hurrah des unzähligen Volkes.
Der an fünf Stunden dauernde Leichenzug ging mit höchster Ordnung
und ohne die geringste Störung vor sich. König und Königin sahen vom
Balkone herab; alle Hüte beim Vorbeigehen abgenommen, -- und doch
welche bittere Stellung für jene!
Der Prinz von Preußen ist der allgemeine Sündenbock und Blitzableiter
-- -- -- obwohl ganz unschuldig an dem ihm zur Last Gelegten. Es
offenbart sich in vielen Gegenden Deutschlands der künstlich berechnete
Plan, alle Thronfolger verhaßt zu machen.
Der Oberbürgermeister Krausnick ward auf eine Weise gezwungen,
sein Amt niederzulegen, die nach Form und Inhalt gesetzwidrig ist.
Insbesondere hatte er gar keinen Theil an Dem, was man ihm vorzugsweise
zur Last legt. Er ward des eisernen Bärensprung Nachfolger, weil man
seine Verträglichkeit und vermittelnde Milde laut pries; dieselben
Eigenschaften unterliegen, bei veränderten Verhältnissen, jetzt dem
bittersten Tadel.
„Am schuldigsten (so lauten die zahlreichsten und heftigsten Urtheile)
sind die abgegangenen Minister. Hätten sie irgend Scharfsinn und
Voraussicht besessen, hätten sie muthig und einstimmig dem Könige
Vorstellungen gemacht, hätten sie nicht das Abgestorbene gehätschelt
und gepflegt; wir wären in milderem Wege vorwärts gekommen. Die alte,
überkluge Bureaukratie hat einen Stoß bekommen, von dem sie sich nicht
erholen kann; und die jüngeren Männer werden und sollen sich, minder
gefesselt denn zuvor, Bahn machen und einen besseren Wirkungskreis
gewinnen.“ -- So die Urtheile!
Große Stürme stehen uns noch bevor; geistige Ruhe wird sobald nicht
wiederkehren und ein großer Theil des Vermögens geht verloren: wenn
wir aber zuletzt doch ein wahres Staatsrecht gewinnen, den niederen
Klassen (nicht das Unmögliche, was Louis Blanc verspricht) aber doch
einige Hülfe zu Theil wird; wenn Deutschland, neu begeistert, mächtiger
nach Ost und West aufzutreten fähig wird; -- so ist Leiden und Verlust
nur gering, im Verhältnisse zu dem Gewinn. Also: ~nil desperandum!~
An -- -- -- --
-- März 1848.
Die Zukunft sahest Du mit Adlerblicke,
Und herzzerreißend waren Deine Schmerzen!
Wo find’ ich, riefst Du, wahrhaft treue Herzen,
Die mich verstehen und der Welt Geschicke?
Wer Dich gekannt, er war Dir treu ergeben,
Und bleibt es selbst in dunkler Nächte Grauen,
Du Bild der Anmuth, edelste der Frauen,
Die gern das Volk geführt zu neuem Leben!
So hoch gestellt, und dennoch fern vom Rathen;
Cassandra unserer Zeit, Dein heilig Glühen
Geopfert ward es unter Spott und Hohne!
Was kann Dich trösten, als wenn neue Saaten,
Die Du ersehnt, wie Keiner, jetzt erblühen
Zu ewigem Schmucke Deiner Dornenkrone!
Den 14. Mai.
Heute werde ich 67 Jahre alt, und bin nun so bejahrt wie der Vater,
als er starb. Vor drei Monaten war mein Haus so gut bestellt, daß ich
ruhig dahinfahren konnte; es ist nicht meine Schuld, daß es jetzt
ganz anders steht. Ein Glück, daß Frau und Kinder darüber ruhiger und
gefaßter sind, als viele Andere, die mit Seufzen und Wehklagen nicht
das Geringste ändern können und sich und ihren Umgebungen nur das Leben
sauer machen.
Heute schreibe ich meinen Mitbürgern, daß ich das Amt eines
Stadtverordneten niederlege und nicht wieder gewählt sein will.
Dafür sprechen viele -- unerfreuliche -- Gründe. Alter, Übermaß der
Geschäfte, falsche Richtung der Verwaltung, welche die Stadt bankerott
und die Besitzlosen zu Herren macht, Unmöglichkeit ohne Gewalt aus der
Anarchie zur Ordnung zurückzukehren u. s. w. Wenn man mich endlich bei
den Wahlen für die Reichstage als verbraucht (~usé~) betrachtet
hat, und meine gemäßigten Grundsätze feige und ungenügend nennt, so
will ich auch andern und jüngeren Kräften überlassen, mit größerer
Weisheit den städtischen Augiasstall auszumisten.
Die Frage über die Rückkehr des Prinzen von Preußen hat zu zwei sehr
unruhigen Nächten Veranlassung gegeben; die Unruhstifter wünschten die
Gelegenheit zu benutzen, in die Republik hineinzuspringen. Siegt das
Ministerium, so ist dies ein großer Gewinn; eine Niederlage wäre ein
+großes Unglück+.
Die Zeiten, wo Politik oder Theologie allein herrschen, sind
allemal unglücklich; alles Andere wird vergessen und mit der
ächten menschlichen Bildung geht es rückwärts. Auch die Studenten
vernachlässigen ihre Wissenschaft und wollen Dinge anordnen und
beherrschen, die sie nicht verstehen und die gar nicht ihres Amtes
sind. Als ich vorgestern nachsehen wollte, ob ich wohl Zuhörer fände,
hieß es: Heute sei keine Zeit, Vorlesungen zu hören; die Studenten
rathschlagten über den Prinzen von Preußen und die Entlassung des
Ministeriums!!!
Ich weiß noch nicht, welche literarische Arbeit ich vorzugsweise
unternehmen und ob ich etwas niederschreiben soll. Die Zeit des
französischen Terrorismus und Direktoriums erschreckt mich, oder widert
mich an. -- Vielleicht am besten, ich schreibe gar nichts mehr; dann
mag das Büchlein, welches ich anonym und unter dem Titel +Spreu+
ausgehen ließ, für eine Art von Testament gelten. Es würde mir
wahrscheinlich einiges Lob und noch mehr Tadel verschaffen, wenn unsere
Zeit Zeit hätte, sich um kleine Bücher zu bekümmern.
Bis etwa 14 Tage nach dem 18. März war überall (auch bei den
Stadtverordneten) fast nur die Rede von den unsterblichen
Barricadenhelden, die ihres Gleichen in der ganzen Weltgeschichte nicht
hätten, gegen welche Leonidas und seine 300 Spartaner nur jämmerliche
Stümper wären, denen man in Marmor und Erz ewige Denkmale errichten
müsse u. s. w. Seit 4-6 Wochen nimmt keiner mehr das Wort Barricade
und Barricadenheld in den Mund, der 18. März wird zum ~noli me
tangere~; und in vertrauteren Gesprächen wünscht man die Helden, und
die polnischen, französischen und deutschen Anordner der „glorreichen“
Nacht, zum Teufel. So ändern sich die Zeiten; und es ist für ein Glück
zu achten, wenn die höchlich erzürnten Bürger nicht die Proletarier
nächstens (wie in Rouen) niederschießen müssen um Ordnung herzustellen.
Sehr natürlich fordern die vergötterten Helden den Lohn ihrer
Heldenthaten. +Wir+, sagen sie, haben euch die Freiheit erkämpft,
während +ihr+ furchtsam hinter dem Ofen saßet u. s. w. -- Und
neben der Faulheit und dem Übermuthe, geht wahre, furchtbare Noth her,
entstehend aus dem Stillstande des Verkehrs und der Fabriken. Früher
haben die Fabrikherrn meist das Billigste verweigert; jetzt werden sie
zum Unbilligsten gezwungen -- und dadurch bankerott.
Ich fand soeben bei einem Gange durch die Stadt, Mauern und Pumpen
mit Anschlägen gegen den Prinzen von Preußen bedeckt und bestimmte
Zeugnisse daß Bürger, Proletarier und Klubs fraternisiren; während
Die, welche sich +gute+ Bürger nennen, nichts thun, die Hände in
den Schoß legen und abwarten, ob durch sogenannte Volksversammlungen
in den Zelten, das Ministerium gestürzt, oder ganz ohnmächtig wird!
Es fällt den Verblendeten nicht ein, welchem Schicksale Berlin
entgegengeht, das nur vom Hofe, Soldaten, Beamten und einigen Fremden
lebte. Man braucht nicht melancholisch, oder hypochondrisch zu sein, um
auf den Gedanken zu kommen: in den breiten Straßen könnte dereinst Gras
wachsen.
Neben dem jetzt unentbehrlichen stehenden Heere, ist die Bürgerwehr
entstanden, welche durch unzählige Übungen und stete Wachtdienste Zeit,
und also Erwerb und Geld verliert. Die an sich heilsame Einrichtung
strebt nicht der amerikanischen nach, sondern man ergötzt sich bereits
im Nachäffen mancher Bocksbeuteleien der europäischen Soldaten. Bei den
Stadtverordneten kam eine heftige Klage zur Sprache, daß Soldaten die
(ganz unnütze) Wache bei Montbijou besetzt hätten, wodurch die Freiheit
in Gefahr gerathe (!!), und die gehorsame Behörde unterstützte das
lächerliche Gesuch; während gleichzeitig berichtet wurde: 10 zur Wache
berufene Bürger hätten sämmtlich geantwortet: sie würden nicht kommen,
denn sie hätten etwas Besseres zu thun, als dort Maulaffen feil zu
bieten. -- So die Disciplin und die sogenannten Volksansichten. Jeder
Haufen von Tagedieben nennt sich Volk, und die lieben Bürger fürchten
sich vor den Barricadenhelden!
Den 17. Mai.
Die Stadt ist wieder mehre Tage in Aufregung gewesen, welche das
Ministerium wohl hätte vermeiden können. Doch ist es beim Reden
geblieben und bei Maueranschlägen. Zuletzt gewannen Gottlob +die
Besseren+ die Oberhand, und bis zur Eröffnung des Landtages werden
die Böswilligen wenigstens nichts +durchsetzen+. Charakteristisch
daß die +Wahlmänner+ zweimal eine Mehrheit für den Republikaner
B. erstritten, und die +Bürger+ ihn bei der Stadtverordnetenwahl
unter bittern Vorwürfen haben durchfallen lassen. -- Ebenso merkwürdig
daß Arbeiter, denen Mitglieder des (fast terroristischen) politischen
Klubs vorgestellt hatten, sie möchten +faul+ sein um +länger+
beschäftigt zu werden, die Schändlichkeit des Rathschlags einsahen, in
die Versammlung drangen und die Verführer (wie Einige behaupten) selbst
mit Schlägen bedienten. All jener Gefahren würden wir gewiß Herr; daß
Frankreich aber den edlen, friedliebenden Circourt abruft und Arago
hersendet, der seines Terrorismus halber aus Lyon verjagt ward, daß
man im Marsfelde die Bildsäule Deutschlands aufstellt, ist eine nur zu
bestimmte Hinweisung auf Krieg und Zerrüttung unseres unglücklichen
Vaterlandes. -- Durch Mittel der ärgsten Art wirken die polnischen
Edelleute überall zur angeblichen Herstellung ihres Vaterlandes.
Beharren sie auf +diesen+ Wegen, so ist nach 30 Jahren (wie
Galizien zeigt) keiner mehr von ihnen übrig; haben sich doch schon im
Posenschen die polnischen Führer zu den Preußen retten müssen, um nicht
von ihren eigenen Landsleuten erschlagen zu werden.
Den 20. Mai.
Gestern war die Wahl des Abgeordneten für Frankfurt. Die Radikalen
stellten den Vierfrager Jacobi mir gegenüber. Als die Wahlzettel
verlesen wurden und es hieß: Geh. Rath v. Raumer, oder Professor v.
Raumer, oder Friedrich v. Raumer, so erklärte ein Stimmzähler diese
Zettel für nichtig; denn es gebe mehre Geh. Räthe, Professoren und
Friedriche v. Raumer. Dennoch erhielt Jacobi nicht die Mehrheit;
bei der zweiten Abstimmung waren etliche auf meine Seite getreten,
und ich ward als Erwählter verkündigt. Jacobi dagegen ward nun zum
Stellvertreter erwählt, und die Versammlung aufgehoben. +Nachher+
haben einige Eiferer erklärt: sie protestirten, meine Wahl sei nichtig.
Und ich erklärte: erst wenn meine Wahl unbedingt für gesetzmäßig
erklärt werde, würde ich nach Frankfurt gehen, keineswegs aber mich
der Gefahr aussetzen, durch irgend einen Spruch, mit Spott und Hohn
zurückgeschickt zu werden. -- Ich wollte mich +nicht+ wieder
zum Stadtverordneten wählen lassen. Da aber meine Mitbürger (die
sich stets aufs Allerfreundlichste gegen mich benahmen) es dringend
wünschten und von 219 Stimmen 205 für mich fielen (während mehre
+Radikale+ in anderen Bezirken +durchgefallen+ sind), habe
ich, um den Schein feigen Rückzugs in schweren Zeiten abzuwälzen, die
Wahl zunächst für ein Jahr angenommen. Helfe Gott weiter!
Den 21. Mai.
In dem Augenblicke, wo ich gestern die Bestätigung meiner, als
unantastbar bezeichneten Wahl für Frankfurt erhielt, bekam ich die
Nachricht daß ich auch in Quedlinburg und im Ascherlebischen Kreise für
den berliner Reichstag sei gewählt worden. Nach ernsten Überlegungen
habe ich mich für Frankfurt entschieden und reise heute nach Dessau,
dann über Köln nach Frankfurt.
Zweiter Brief.
Frankfurt a. M., den 25. Mai 1848.
Spaziergang durch den sehr schönen Garten von Biberich. Auf der
Eisenbahn nach Frankfurt. Ankunft im Weidenbusch, 10 Uhr Abends. Heut
war ich zum ersten Mal in der Reichsversammlung. Sehr zahlreich, vom
entfernten Platze sehr schlecht gehört. Viel unnütze Anträge, schnell
und verständig genug beseitigt. Kein Lärm, Gagern guter Präsident. --
Nicht abzusehn wo hinaus, wann und welch Ende! -- Melancholisirt. --
Den 26. Mai.
Ich fahre fort in meinem lakonischen Tagebuche. -- Gestern Nachmittag
ordnete ich Alles in meiner sehr hübschen Wohnung, las die ganz
verständige Geschäftsordnung für den Reichstag und ging dann zum
pariser Hofe, wo (wie es hieß) die preußischen Abgeordneten sich
versammelten. Hier fand ich solch Gedränge der Essenden, Trinkenden,
Sprechenden, so unerträgliche Hitze und so verdorbene Luft, daß ich des
Reiches Wohlfahrt daselbst nicht berathen konnte, sondern mich auf die
Flucht begab.
7 Uhr Abends.
Heute waren, wie auch gestern, sehr viele Zuhörer in der Versammlung,
darunter fast die Hälfte Damen, welche meist bis zum Schlusse
beharrlich aushielten. Ich hatte mir einen näheren Platz ausgesucht
und hörte, wenn auch nicht gut, doch besser wie gestern. Auch fehlte
es nicht an Zurufen, lauter zu sprechen. Der Hauptvortrag betraf
die mainzer Angelegenheit. Der Bericht der Commission war ruhig und
unparteiisch gehalten; desto leidenschaftlicher und theatralischer
eine, besonders gegen die Preußen gerichtete, Rede eines mainzer
Abgeordneten Zitz. Die ultraliberale Partei, welche am meisten von
Deutschlands Einheit spricht, gab Äußerungen den höchsten Beifall,
welche es in Wahrheit zersplittern müßten. Lichnowski widerlegte
geschickt genug mehre Punkte, nur war auch er zu heftig und überschrie
sich so, daß man ihn kaum verstehen konnte. Robert Blum (Mitglied
der Commission) sprach über sie, wie Antonius über Brutus. Sehr gut
redete der österreichische Bundestagsgesandte. Welcker, der Badener
sprach, mir unerwartet, durchaus +conservativ+. N., immer auf
Allgemeinheiten hinsteuernd, ohne besonderen Anklang. Zum größten
Verdrusse der radikalen Partei beschloß die große Mehrheit zur
Tagesordnung überzugehn, d. h. die Sache in der Erwartung fallen zu
lassen, die Regierungen würden von selbst das Erforderliche thun.
Die entgegengesetzte Absicht ging dahin: die Verwaltung und die
vollziehende Gewalt, plötzlich oder allmälig an sich zu ziehen. Das
wäre ein unbedingter Despotismus, welcher Widerstand und Auflösung,
selbst der Versammlung, nach sich ziehen müßte. -- Die ganze
Verhandlung war sehr anziehend und der Beschluß beruhigend.
Den 27. Mai.
Gestern Abend bin ich bei schönem Wetter fast um die ganze Stadt
gegangen. So viele enge, häßliche, winklige Gassen, die sie neben
einigen großen und schönen Straßen innerhalb ihrer Mauern zählt; so
schön sind die Spaziergänge ringsum, so mannigfaltig die Landhäuser
und Gärten. An einigen Stellen (so zwischen dem eschenheimer und
bockenheimer Thore) machen sie einen reizenden, man kann sagen
poetischen Eindruck.
Den 28. Mai.
Der Anfang der gestrigen Sitzung bezog sich noch einmal auf die mainzer
Angelegenheit, wo man (angemessen und England analog) beschloß, am
Ende jeder längeren Berathung den Antragsteller und Berichterstatter
noch einmal zu hören. Hierauf folgte der dringende Antrag einiger
Österreicher, die Versammlung möge eine Erklärung erlassen, daß sie in
keiner Weise irgend einer Nationalität (z. B. hinsichtlich der Sprache,
Rechtspflege und dergl.) zu nahe treten wolle. Dies sei unumgänglich
nöthig für die slavischen Bewohner der österreichischen Staaten, welche
in böser Absicht unter obigem Vorwande von Panslavisten aufgeregt und
zu Haß gegen die Deutschen verführt würden. Der Antrag ward genehmigt.
Die wichtigste Verhandlung der „constituirenden Nationalversammlung“
(so nennt sie sich) am 27. Mai, reihte sich an einen mit sehr vielen
Verbesserungsvorschlägen umkränzten und allmälig geänderten Antrag des
Hrn. Raveau. Der Mittelpunkt des Ganzen war die +höchst wichtige+
Frage: über das Verhältniß der Gesammtverfassung Deutschlands zu
den Verfassungen der einzelnen Staaten. Die eine Partei hob hervor:
beides seien bis jetzt noch unbekannte Größen, über deren gegenseitige
Stellung nichts könne festgestellt werden. Die ganze Berathung sei
unnöthig und übereilt, und lasse sich erst mit Nutzen und Erfolg
anstellen, wenn der Entwurf zur Verfassung Deutschlands fertig sei.
Am Schlusse derselben möge man bestimmen, wie sich die besonderen
Verfassungen dazu verhalten sollten. Aus diesen Gründen müsse jetzt die
ganze Sache beseitigt und zur Tagesordnung übergegangen werden.
Die entgegengesetzte, zahlreichere (und nur über eine strengere oder
mildere Fassung uneinige) Partei fürchtete dagegen, daß, wie traurige
Erfahrungen vieler Jahre zeigten, auch jetzt wieder nichts für
Einigung und Kräftigung Deutschlands zu Stande kommen werde, wenn
die Versammlung den günstigen Augenblick versäume und, anstatt sich
mächtig hinzustellen und kräftig auszusprechen, feige und thöricht
warte, bis sich in den einzelnen Staaten Hindernisse und Widersprüche
unüberwindlich erhöben. -- Nach langen, schroff sich widersprechenden
oder vermittelnden Reden, beschloß endlich die Versammlung, zu
erklären: daß alle Bestimmungen in den Verfassungen einzelner
deutscher Staaten, welche mit der Gesammtverfassung Deutschlands nicht
übereinstimmen, nur nach Maßgabe der letzten gültig sind.
Da sich 90 Redner gemeldet hatten, und die Versammlung auf Abstimmung
drang, bevor die Hälfte gesprochen, so werdet Ihr und meine Herren
Wähler es sehr billigen, daß ich mich nicht als der 91. meldete; sonst
hatte ich allerdings mancherlei auf dem Herzen, was Keiner hinreichend
entwickelte. Man hielt sich nämlich immer nur an die +förmliche+
Frage, über das Verhältniß eines +Ganzen+ zu seinen +Theilen+, man
bewegte sich in dem Kreise dieser noch inhaltlosen, allgemeinen
Abstraction; während es mir durchaus nothwendig erscheint auf den
+Inhalt+ einzugehen, auf das Besondere, Concrete. Da ergiebt sich
unwiderleglich: daß die allgemeine Verfassung gewisse Dinge unbedingt
feststellen muß, gegen welche keine besondere Verfassung sich erklären
darf. Umgekehrt aber giebt es andere Dinge, welche diese besonderen
Verfassungen entscheiden, und in welche sich die allgemeine Verfassung
oder die centrale Behörde eines Bundesstaates gar nicht einmischen
darf. Beide, die allgemeine und die besonderen Verfassungen haben ihre
eigenthümlichen Rechte, und ein Hinausgreifen über diese Kreise führt
entweder zur Despotie, oder zur Auflösung und Zerbröckelung. Natürlich
fürchtet man hier das Letzte mehr wie das Erste; wahre Staatsmänner
müssen aber beide Abwege und Gefahren im Auge behalten und ihnen
vorbeugen. In dieser Weise sind die Amerikaner vorgeschritten und haben
die schwere Aufgabe glücklich gelöset.
Man macht den Einwand: die Nothwendigkeit besonderer Verfassungen
verstehe sich von selbst. Dasselbe gilt aber auch von der allgemeinen,
und ich will wünschen, daß jene Erklärung des Reichstages nicht
als eine Neigung ausgelegt werde, um der Einheit willen, die
Mannigfaltigkeit der Entwickelung allzu sehr zu beschränken. Ein
anderer Einwand: „jede nähere Bestimmung hätte in unzeitige endlose
Erörterungen geführt,“ beruht mehr auf der Voraussetzung, daß die
Versammlung dazu geneigt sei, als auf innerer Nothwendigkeit. Eine
halbe Zeile reicht hin zur Beruhigung, welche z. B. (wie ich höre)
die Luxemburger zum Schutze ihrer Verfassung verlangen. Zuletzt kommt
freilich Alles auf den Inhalt der zu entwerfenden +allgemeinen+
deutschen Verfassung an. Sie ist ohne Zweifel schwieriger zu Stande zu
bringen, wie jede +besondere+.
Dritter Brief.
Frankfurt a. M., den 30. Mai 1848.
Gegen Abend nahm ich eine Droschke und fuhr durch Sachsenhausen bis
jenseit des nächsten Dorfes, durch zierliche Lustgärten, fleißig
bebaute Gemüsegärten und reiche Felder. Alles fruchtbar, anmuthig, an
die erfurtsche Gartencultur erinnernd, und wenn nicht erhaben oder
hochpoetisch, doch reizend, und den Geist in so heitere Stimmung
versetzend, daß man die Reichstagssorgen auf eine Zeit lang vergißt.
In der gestrigen Sitzung ergab sich was ich vorhergesehen: Abgeordnete
von Luxemburg und Triest widersprachen dem, Euch mitgetheilten
Beschlusse, welcher die Macht des Reichstages, auf Kosten der örtlichen
Verhältnisse und Verfassungen, zu weit auszudehnen schien. Dies gab
Veranlassung zu der Bemerkung, daß der Ausschuß für Entwerfung der
Verfassung so übermäßig beschäftigt sei, daß man ihm Gegenstände,
wie die erwähnten, nicht zuweisen möge. Deshalb beschloß man einen
besondern Ausschuß für völkerrechtliche und sogenannte internationale
Fragen und Aufgaben zu erwählen. Dies geschieht in der Weise, daß jede
der funfzehn Abtheilungen, in welche alle Mitglieder des Reichstages
verlooset werden, ein Ausschußmitglied erwählt. Die dritte Abtheilung,
zu welcher ich verlooset bin, deren Mitglieder mir aber zeither
persönlich ganz unbekannt waren, erzeigte mir unerwartet die Ehre, mich
mit einer sehr großen Stimmenmehrheit zu erwählen. Meine verspätete
Ankunft in Fr. schloß mich von allen bereits früher erwählten
Ausschüssen aus und minderte die Arbeitslast wenigstens Nachmittags;
jener völkerrechtliche Ausschuß ist aber fast der bedenklichste und
eine Art von ~noli me tangere~: denn Schleswig, Polen, Böhmen,
Luxemburg, Limburg, Südtirol, Triest u. s. w. dürften daselbst zur
Sprache kommen; ohne daß wir Macht haben, die Sprache in That zu
verwandeln, ja, ohne die wahre Lage der Verhältnisse hinreichend genau
zu kennen.
Hierauf folgte in der gestrigen Sitzung die Berathung über einen neuen
(den zweiten) Entwurf einer Geschäftsordnung, und es ließ sich (zu
meinem und vieler Andern Schrecken) so an, als werde über unzählige
Einzelheiten eine endlose, unnütze Rederei eintreten. Gottlob, daß
die Mehrheit dieses zeitvergeudende Uebel dadurch abschnitt, daß sie
die, von einer Commission genau geprüfte, Ordnung kurzweg im Ganzen
annahm und Berathungen über Einzelnes nur dann zulassen wollte, wenn
wenigstens 50 Mitglieder es verlangten. Ich wunderte mich, daß --
sich zuerst zum Sprechen gemeldet hatte. Ihr kennt seine Redeweise.
Sie machte um so weniger Eindruck, da man Vieles gar nicht verstand,
und was ich verstand, bezog sich vorzugsweise auf Allgemeinheiten
über die Größe und Schwierigkeiten unserer Aufgabe, wovon sich bei
jeder einzelnen Sache etwas sagen ließ, ohne zur Sache zu gehören. Die
einzige hervortretende Forderung: „Nichts durch Ausschüsse vorbereiten
zu lassen, sondern Alles von Anfang bis Ende allein in der vollen
Versammlung zu berathen“; war so unpassend und unpraktisch, daß sie zu
Boden fiel, und bei der Mittagstafel in der Mainlust Mehre bemerkten,
daß -- Rede ihren Erwartungen gar nicht entsprochen habe. -- Ich nahm
mir das ~ad notam~, schrieb es mir hinter die Ohren, dachte an
Splitter und Balken, und zupfte mich an meiner eigenen Nase.
Ungeachtet dieser Fingerzeige sammelt sich der Redestoff, und ich
werde mich über kurz oder lang der Gefahr aussetzen, mir die Finger
zu verbrennen. Insbesondere wegen der ganz unbegründeten Anklagen
oder Verläumdungen, welche unsinnige Eiferer aus Süddeutschland über
Preußen aussprechen. Wir kennen unsere Fehler besser als sie; aber wer
hat denn nicht gefehlt und gesündigt? Viel Gerede von Deutschlands
Macht und Einigkeit, während kaum +eine+ Million, +sechzehn+
Millionen hochmüthig abweiset! Da soll kein preußischer Landtag berufen
werden, bevor die frankfurter Versammlung Alles ins Reine und Feine
gebracht hat. Dann soll Preußen seinen Handel, ohne Ersatz und Dank,
für Schleswig opfern; oder um der Polen willen Rußland bekriegen u. s.
w.
Nachdem ich Häring gestern zur Eisenbahn begleitet hatte, hörte ich den
ersten Akt des Don Juan.
Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich Euch wohl umständlicher über die
Aufführung einen Bericht erstatten, wie das Haus, die Erleuchtung,
die Dekorationen, die Bänke beschaffen sind, wie jeder Herr und jede
Dame gesungen und gespielt hat u. s. w. Ich konnte diesmal andere
Nebengedanken nicht beseitigen. Diese Musik Mozart’s, unsterblich
und in stets blühender Jugendkraft, wird die Jahrhunderte siegreich,
entzückend und beglückend durchschreiten; -- und dagegen das Werk
unseres Reichstages (wenn anders eins wirklich zu Stande kommt)!
welchen Schmähungen wird es unterliegen, nach wie kurzer Lebensdauer
wird es hinsterben, wer wird dann all der Redner und der Reden noch
gedenken? Wo bleiben die Barricadenhelden, im Vergleiche zu den Helden
der Wissenschaft und Kunst!
Bald aber ging mein Melancholisiren noch viel weiter! Wo sind denn die
Meisterwerke griechischer Tonkünstler? Wo die Athene des Phidias, die
Aphrodite des Praxiteles, die Trauerspiele des Sophokles und Euripides,
die Gemälde des Apelles, die Bücher des Livius und Tacitus? Es giebt
auf Erden keine Dauer, selbst nicht für das Würdige, keine Bürgschaft
für diese Dauer! ~Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.~ Ich sah
Deutschland in sich zerfallen, und während es von Herstellung des
immerdar haltungslosen Polen träumt, eine Beute, getheilt zwischen
östlichen und westlichen Feinden. Man wird dereinst streiten über die
Lage Frankfurts, wie über die Trojas und Vejis, man wird, eine Hand
aus dem Schutte hervorsuchend, streiten, ob sie zur Bildsäule Karl’s
des Großen oder Goethe’s gehörte; man wird in Buchbinderpappdeckeln,
sowie jetzt Bruchstücke des Livius oder der Nibelungen, so vielleicht
ein Stücklein der Ouverture des Don Juan entdecken! Nicht Franzosen,
nicht Russen, sondern Gott weiß, welches erdgeborne Volk wird dann den
deutschen Boden beherrschen, und gegen Schicksale, wie sie Aegypter,
Griechen und Römer erfuhren, schützt politisches Gerede, diese falsche
Magie, in keiner Weise! Ich ward glücklicherweise unterbrochen, sonst
hätte ich meine Jeremiade wohl noch viel länger ausgesponnen; und
doch muß der längsten Nacht, auch die Tag- und Nachtgleiche, und der
längste Tag folgen. Darum nach meinem Wahl- und Trostspruche: ~nil
desperandum~ und zur heutigen Sitzung des Reichstages.
Vierter Brief.
Frankfurt a. M., den 31. Mai 1848.
Ich bezeuge wiederholt meine Freude über deinen Brief; denn
so lange Arbeit und Aufregung dauert, hält man sich aufrecht;
nochmals aber, wenn man sich wie ein altes Taschenmesser selbst
zusammenklappen muß, fühlt man die Einsamkeit doppelt bitter, und
daß alles Abgeordnetengerede, immer über dieselben Dinge, kein
Wasser vom Brunnquelle des Lebens ist. Allerdings ist hier wenig
rein +Erfreuliches+, man lebt von politischen ~omelettes soufflées~,
und merkt nicht daß, wenn Russen, oder Franzosen mit der Gabel
hineinstechen, der ganze Rühreiolymp zusammenfällt. So giebts selbst
Abgeordnete welche meinen, +man+ müsse Krieg und Hader mit Rußland
und England darüber anfangen, ob Hadersleben zu Deutschland gehöre.
Und doch will kein Mittel- und Süddeutscher einen Groschen zahlen,
oder einen +Mann+ stellen und ~verba sesquipedalia~ sollen für Kanonen
gelten. Indessen bleibt noch Hoffnung, daß die Vernünftigen und
Gemäßigten oben auf bleiben.
Die berliner Straßenskandale sind unter aller Kritik, und werden erst
ein Ende nehmen, wenn man Ernst gegen den Pöbel zeigt, und mit Strenge
straft. Schneider’s Ausweg ist heiter und führte zum Ziele; aber eine
solche Schwalbe, macht keinen Sommer.
Was du über deine Gefühle beim Anblicke der Bildsäule Friedrich’s
II. schreibst, stimmt fast wörtlich mit meinen ähnlichen frankfurter
Empfindungen.
In der heutigen Sitzung ward zuerst eine Erklärung vorgelesen und
angenommen, worin den Einwohnern Deutschlands von anderen Volksstämmen,
die Erhaltung aller ihrer volksthümlichen Rechte zugesichert wird.
Die übrige Zeit verging mit neuen Wahlen, auf kürzere und längere
Zeit. Präsident ward H. v. Gagern mit 434 Stimmen von 513. Erster
Vicepräsident v. Soiron mit 408, zweiter v. Andrian aus Wien mit
310 Stimmen. Mittags aß ich in der Mainlust und saß zwischen Grimm
und Veit. Nachmittags ordnete sich der schon erwähnte Ausschuß für
völkerrechtliche Fragen, wobei ich wieder einem alten Gegner, +Stenzel+
aus Breslau, freundlich und um so mehr die Hand reichte, da wir
beide ~socii malorum~ waren, das heißt im Ablaufe der Zeit graue
Haare bekommen hatten. Ein Versuch, nochmals über die schleswigsche
Angelegenheit einen übereilten Beschluß zu fassen, ward für +diesmal+
glücklich vereitelt. Doch drohen noch Gefahren dieser und anderer
Art von allen Seiten. So der Plan +hier+ eine vollziehende Gewalt zu
begründen und provisorisch zu erwählen; wobei sich wohl nur Wenige
etwas Deutliches und Bestimmtes denken. Insbesondere ist zu befürchten,
daß dies Provisorium Zwiespalt zwischen der hiesigen Versammlung und
den einzelnen Regierungen hervorbringen und später als Beweis für die
Tauglichkeit rein republikanischer Formen angeführt werden dürfte.
Eine andere noch größere Gefahr liegt in dem Zerfallen Oesterreichs und
den Berathungen aller slavischen Stämme, über eine neue Vereinigung zu
einem großen Reiche. So wird Deutschland an allen Seiten durch den, bis
zum Aberglauben vorherrschenden Begriff der Nationalität beschnitten,
ohne daß Elsaß, Lothringen, Kurland, Liefland u. s. w. gewonnen werden
könnte, ja der Verlust des linken Rheinufers, durch eigene Schuld und
fremde Habgier, in Aussicht steht.
Den 1. Junius.
Es wird nicht mit Unrecht Klage geführt, daß die preußischen
Abgeordneten zu zerstreut sind und ihre Wirksamkeit sich dadurch
vermindert. Dem abzuhelfen war zu gestern Abend eine Versammlung
im Hirschgraben Nr. 9 angesagt, aber nur schwach besucht, theils
weil gleichzeitig Hrn. von Gagern ein Fackelzug und Vivat von den
Frankfurtern gebracht ward, theils weil Mancher sich wohl Denen
nicht zugesellen wollte, die man hier die äußerste Rechte zu
nennen pflegt, und welche den Hauptbestandtheil der Erschienenen
ausmachten. Ich läugne die Nothwendigkeit nicht, sich, wohlgeordneten
Gegnern gegenüber, auch zu organisiren, habe aber eine Abneigung
gegen alles Partei- und Klubwesen, wo man seine Freiheit und
Beweglichkeit aufgeben, und einem festen Symbole und (politischen)
Glaubensbekenntnisse unterordnen soll. Der Zweck und die Wirkung
lebendiger Berathung wird hiedurch oft gestört, das Mögliche nicht
vom Unmöglichen geschieden, und eine Niederlage schon dadurch
herbeigeführt, daß man die Nothwendigkeit einen Schlachtplan zu ändern,
nicht zur rechten Zeit anerkennt. Ich fand in jener Versammlung
Lichnowsky, Wartensleben, Arnim, Auerswald, Schubert, Vincke u.
A. Man hob zuvörderst hervor: wir müßten bestimmt wissen was wir
wollten und bezweckten, wir müßten uns über ein festes „Programm“
(in Berlin „politisches Glaubensbekenntniß“ genannt) einigen. Ein
solches lag nicht vor, und ein früher von Mittermaier entworfenes
ward zurückgewiesen, weil es viel zu unbestimmt laute; ja, gegen
seinen (des Abwesenden) künftigen Vorsitz Widerspruch erhoben. Um
nun aber einem anzunehmenden „Programme“ näher zu kommen, fand
eine vorläufige Besprechung statt, wobei sich sogleich die größten
Meinungsverschiedenheiten selbst unter diesem kleinen Bruchtheile
angeblich gleichgesinnter Personen hervorthaten. Einer der ersten,
welche ihre Ansichten entwickelten, war Herr v. Vincke, und, kaum weiß
ich wie es geschah, daß ich unmittelbar nach ihm (das +erste+ Mal in
Frankfurt) sprechen -- und ihm +widersprechen+ mußte. Er verlangte
nämlich, daß wir an der Spitze unseres Programms feststellen müßten:
die Nothwendigkeit eines sogleich auf Preußen zu übertragenden
erblichen Kaiserthums. +Erst wenn dies durchgefochten+ sei, lasse sich
mit Erfolg von allen anderen Dingen handeln. Hierauf beschrieb er die
Zukunft schwärzer, als schwarz, Trennung Deutschlands, Bürgerkrieg,
Verlust des linken Rheinufers u. s. w. -- Ich ließ mich auf diese
zweite Hälfte der Vinckeschen Rede nicht näher ein, sondern sagte im
Wesentlichen etwa Folgendes: wenn Preußen sich von Süddeutschland
trennt, so geräth es in Abhängigkeit von Rußland, Süddeutschland in
die Knechtschaft Frankreichs. +Jetzt+ aber ein erbliches Kaiserthum
für Preußen schon erstreiten wollen, ist bei den unläugbar hierüber
in diesem Augenblicke noch +vorherrschenden Ansichten ganz unmöglich+.
Wir würden uns dadurch in der Reichsversammlung völlig vereinzeln, ja
diese vielleicht auseinandersprengen. Die Frage über das Kaiserthum
und über Österreichs Stellung liegt noch so in Dunkel und Verwirrung,
daß erst +allmälig+ Einsicht und Verständigung eintreten kann.
Deshalb bin ich bestimmt der Meinung, den Thurm nicht von oben zu
bauen, sondern zunächst einen breiten festen Grund zu legen. Diese
Grundlegung, welche ganz Deutschland zunächst von uns erwartet, besteht
in Anerkenntniß, Bestätigung und Durchführung der großen Volksrechte
und nationalen Einrichtungen, z. B. Zollverein, Heeresmacht, Münze,
Rechtspflege &c. &c., wie sie bereits in dem Dahlmannschen Entwurfe
aufgezählt sind. Hierüber wird wenig Streit eintreten, und in Folge
so heilbringender, populairer Beschlüsse, mögen wir weiter aufwärts
fortschreiten zur Bildung der zweiten, der ersten Kammer. Wie wir dann
auch die Spitze aufsetzen und ausschmücken mögen, es ist leichter,
als jetzt in der Luft zu bauen; und selbst ohne Spitze behält der Bau
seine hohe Wichtigkeit und Bedeutung. -- Es schien mir anfangs nicht
als wenn meine Worte Eindruck machten, allmälig aber ergab sich daß
Lichnowsky, Auerswald, Wartensleben, Schubert, der Vinckeschen eiligen
Kaisermacherei nicht beitraten, sondern im Wesentlichen mit meiner
Ansicht übereinstimmten.
Die Verfassungsentwürfe wachsen hier so rasch und zahlreich empor, wie
Kresse auf einem warmen wollenen Lappen; oder mit denselben Stücklein
bemalten Holzes, legt man unzählige Muster zusammen. Da aus der
Vergangenheit fast nichts Ordnendes, oder Begränzendes beibehalten
werden soll; so drängen sich sehr natürlich unzählige Möglichkeiten
hervor, von rein republikanischen Formen, bis zu einem despotisirenden
Kaiser. Um nicht Alles in anarchische Willkür auseinanderfallen
zu lassen, findet der Gedanke von einem vollziehenden Triumvirat
Beifall, wozu Österreich ein, Preußen ein Mitglied ernennen, und
das dritte hier erwählt werden soll. Das klingt ganz einfach, wie
weit aber der unmittelbare Wirkungskreis dieser Dreieinigkeit, oder
Drei+un+einigkeit sich erstrecken soll, ist schwer zu bestimmen.
Sollen z. B. Radetzki, Wrangel u. s. w. unmittelbar Befehle aus
Frankfurt empfangen, oder theilen sich die Männer das Reich wie die
römischen Triumvirn, oder treten sie nur an die Stelle der 17 Stimmen
des Bundestages? Ihr seht man hat hier viel zu denken, zu überlegen, zu
gestalten. Sind es nur Willkürwolken des Polonius, oder werden daraus
Blitze herniederfahren und Deutschland auseinandersprengen, wie es
Österreich bereits ist? Gott helfe weiter!
Fünfter Brief.
Frankfurt a. M., den 2. Junius 1848.
An welchen Fäden hängen die Schicksale der Reiche!! Ohne den 18. März,
sagt mir Herr v. L., wäre der König von Preußen ohne Zweifel zum
Kaiser von Deutschland erhoben worden. Damals hätte Österreich aber
wohl schwerlich eingewilligt; und hätte sich Preußen dadurch nicht in
unzählige Händel verwickelt und (wie schon jetzt) Undank und Schmähung,
statt des Dankes erfahren? Niemals sind die Deutschen ihrem Kaiser sehr
unterthan gewesen, und auch heutiges Tages sehe ich dazu noch keine
Neigung, obwohl die Nothwendigkeit einer einigen Leitung täglich mehr
heraustritt.
Täglich ziehen die Wolken neuer Verfassungsentwürfe am Horizonte auf,
und verwandeln ihre Umrisse auf die mannigfachste Weise. Laßt Euch
die Zeit nicht lang werden, heut einmal mit mir diese ~fata morgana~
anzuschauen.
Gestern hat mir Herr v. L. seinen „Beitrag zu einer künftigen deutschen
Reichsverfassung“ übergeben, aus welchem ich Folgendes entnehme. Die
Gesammtregierung soll bestehen aus einem hohen Rathe (Oesterreich,
Preußen, und ein Dritter aus allen Bundesgliedern auf Lebenszeit vom
Parlamente zu erwählender Fürst) und aus zwei völlig gleichberechtigten
und mit derselben Stimmenzahl versehenen Volkskammern. Die eine Kammer
wird halb aus ländlichen, halb aus städtischen Bewohnern gewählt
(wie, ist nicht gesagt); die andere dagegen zu ¼ aus ordentlichen
und außerordentlichen Universitätsprofessoren, ¼ aus Sachwaltern, ¼
aus Geistlichen, ¼ aus Kaufleuten und Fabrikanten. (Grundbesitzer
sind hier nicht wieder erwähnt.) Bei Meinungsverschiedenheiten
beider Kammern entscheidet die aus der +vereinigten+ Abstimmung sich
ergebende Mehrzahl. Zu Zeiten des Krieges, oder sonstiger Gefahr,
geht die ganze verfassungsmäßige Gewalt des Bundes, mittelst Wahl des
deutschen Parlamentes, auf einen der drei, den hohen Rath bildenden
Fürsten über, der dann persönlich in Frankfurt residiren muß. -- Ueber
die allgemeinen Rechte und Einrichtungen im Ganzen das Bekannte. --
Ich habe nicht Zeit, mehr mitzutheilen, oder das Mitgetheilte zu
beurtheilen, da ich auf die +wichtigeren baierischen Vorschläge+
übergehen will.
Diese lauten im Wesentlichen: Der Zweck des neuen deutschen
Bundesstaates ist die Vertheidigung und Vertretung Deutschlands
als politischer Einheit nach Außen, und die Einigung Deutschlands
in seinen gemeinsamen Interessen und Rechten nach Innen. Die
Hauptorgane für Erreichung dieser Zwecke sind: 1) der +Reichstag+
mit einem +Direktorium+ an der Spitze. 2) Das in +zwei Kammern+
getheilte +Parlament+. (Ueber die allgemeinen Volksrechte, nationale
Einrichtungen und Maßregeln finden sich keine erheblichen Abweichungen
von dem fast überall Gewünschten. Nachdruck wird indeß auch gelegt
auf die gemeinsame Errichtung einer Flotte, das Auswanderungswesen,
die Verbürgung der einzelnen Verfassungen und eine selbstständige
Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten.) -- Durch die allgemeinen
Einrichtungen des Gesammtbundes soll das eigenthümliche Recht und die
nothwendige Selbstregierung der einzelnen Staaten- und Volksstämme
nicht erstickt und verwischt werden. Deshalb sollen diese ihre
Vertretung und ihre Gewalt in den Centralorganen des deutschen
Bundesstaates finden. (Aehnlicherweise habe ich immer dafür gesprochen,
daß sich die Mannigfaltigkeit der Einheit zugesellen müsse, wie in
Nordamerika; nicht unbedingte Centralisation wie in Frankreich.) Das
Direktorium ist der Ausdruck und Repräsentant der Einheit der deutschen
Fürsten und Völker gegen Außen, und der Vertreter und Förderer der
Einigung der deutschen gemeinsamen Interessen und Rechte nach Innen. Es
ernennt die Mitglieder des Ministeriums und sämmtlicher Centralbehörden
aus der Candidatenliste der einzelnen Regierungen. Es eröffnet und
schließt, vertagt, beruft das deutsche Parlament nach zu erlassenden
Vorschriften. Das Direktorium wird nicht erwählt, es ist nicht erblich,
oder stets einer bestimmten Regierung angehörig; sondern es wechselt
entweder nach einem festen Cyclus der Regierungen von Nord-, Ost- und
Süddeutschland, oder drei Hauptstaaten Deutschlands nehmen gleichzeitig
daran Theil. (Der Cyclus unter Vielen ist schwer zu ordnen, und
schwerlich wären alle übrigen Staaten damit zufrieden, wenn Baiern
+allein+, ohne Wahl, neben Österreich und Preußen einträte.) -- Die
eine Kammer des Parlamentes bildet sich aus den unmittelbaren Wahlen
des deutschen Volkes, die andere aus denen der deutschen Ständekammern,
oder vielmehr aus der ersten Ständekammer und den ihr analogen
Bestandtheilen.
Den weiteren baierischen Erklärungen zu den Grundzügen der Verfassung
entnehme ich Folgendes: In dem ersten Nationalparlamente ist den
Regierungen der deutschen Staaten ihr nothwendiger Antheil an der
zukünftigen Constituirung Deutschlands +nicht+ zugesichert. (Sehr
wahr! Die Versammlung schwärmt für ihre Allmacht und Souverainetät;
so daß, wenn der Inhalt ihrer Beschlüsse nicht gemäßigt ausfällt,
Widerspruch der einzelnen Staaten schwerlich ausbleiben wird.)
Deshalb mögen alle Regierungen ihre Gesinnungen und Grundsätze durch
Bevollmächtigte in Frankfurt darlegen, um zu gemeinsamen, annehmbaren
Beschlüssen zu gelangen, und den Regierungen, wie den Volksstimmen ihre
nothwendige Lebensfähigkeit neben den Organen des Centralstaates zu
sichern. Sonst wird eine Despotie erschaffen, welche die Fürsten und
Völker Deutschlands, in dem Keime ihrer Macht, ihrer freien Bewegung
und ihres innersten Lebens vernichtet. (Es ist sehr natürlich, nach
so bösem Zerfallen Deutschlands in einer mächtigen Centralmacht die
beste, ja einzige Hülfe zu sehen. Der wahre Staatsmann muß aber die
Verhältnisse nicht blos nach dem letzten Augenblicke beurtheilen,
sondern von dem leicht eintretenden Zuviel zurückhalten, und das
Unmögliche vom Möglichen unterscheiden.)
Der Entwurf der 17 (fährt Baiern fort) verdient den bestimmtesten
Tadel; er bringt so umwälzende Vorschläge, daß (würden sie auch nur
von einer Minorität der deutschen Staaten und Völker angenommen)
dennoch eine totale Revolution aller bestehenden Verhältnisse, eine
totale Verwirrung, ja in der jetzigen aufgeregten Zeit leicht der
Bürgerkrieg die Folge derselben sein könnte. -- Insbesondere wird
eine vollkommene Despotie eines, noch nicht existirenden erblichen
Kaisers, eine Vernichtung aller bestehenden constitutionellen Rechte
und Freiheiten der einzelnen Volksstämme, eine Richtigkeitserklärung
gegen alle constitutionelle Fürsten Deutschlands vorgezeichnet. Ein
Wahlkaiserthum ist eine Thorheit, ein erbliches eine Unmöglichkeit. Man
schafft kein Kaiserthum, ebensowenig wie eine Republik, mit einigen
Federstrichen, oder doctrinairen Phrasen. -- Alle Restaurationen
vergangener und verrosteter Zeiten tragen den Keim des Todes in sich.
-- Die nationale Einheit kann nur das Ergebniß freier und wahrhafter
Einigung aller verschiedenen Interessen, Gegensätze und Rechte
sein. Auf der Grundlage der neu errungenen und alten Freiheiten,
wie Rechte, auf der Grundlage unserer bestehenden constitutionellen
Staatsformen allein, kann das neue Gebäude des deutschen Bundesstaates
auferbauet werden. Diese +müssen+ das Fundament des Gebäudes bleiben;
sie müssen den Völkern, wie den Fürsten garantirt werden. -- Nicht
dem Machtgebote, nicht dem insinuirenden Willen +einer+ Großmacht,
unterwirft sich ohne Despotie und Zwang, der freie Wille der deutschen
Stämme und Fürsten. (Ihr seht, wie Recht ich hatte, früher schon
Bedenken zu erheben und vorauszusetzen, gegen den Beschluß über das
unbedingte Voranstellen hiesiger Beschlüsse; mit wie großem Rechte ich
mich gegen den Vinckeschen Vorschlag erklärte.)
Die Art, wie der Siebzehner Entwurf eine erste Kammer bilden will,
ist untauglich: sie wäre nur ein Zwischending zwischen Schatten und
Wirklichkeit, das man eher mit Bedauern, als mit Achtung betrachten
könnte. Die Fürsten selbst werden durch Regierungsgeschäfte zu Hause
festgehalten; es wird also wieder in solchem Oberhause, der endlose
Weg der Instruktionen und der todte Weg der Mandate, wie auch der
deutschen Reichstage eingeschlagen, welche dann nur das wiederholen
und wiederkäuen, was bereits als Ansicht der Regierungen ausgesprochen
ist. Der Reichstag oder Senat besteht aus dem Inbegriffe aller
Regierungsbevollmächtigten, und das Nationalparlament bildet den
Inbegriff der Volksvertretung und ihrer Rechte. Von dem Reichstage und
beziehungsweise von dem Direktorium, empfängt das Ministerium seine
Instruktionen über die dem Parlamente vorzulegenden Gesetzentwürfe.
Der Reichstag vermittelt die Verbindung der Centralregierung mit den
Regierungen der einzelnen Staaten. Er übt das Recht der Sanktion aller
Gesetze nach Stimmenmehrheit aus, und stellt in der Gesammtheit der
Bevollmächtigten einzelner Staaten, als Vollmachtsträger derselben, mit
dem Direktorium, die Collektivsouverainetät des deutschen Bundes dar.
So viel, und für Ungeduldige wohl zu viel, aus den baierischen
Vorschlägen. Sie weichen in den wichtigsten Punkten von denen der
Siebzehner ab. Das Kaiserthum verworfen, die erste Kammer ganz anders
gestaltet, ein Reichstag oder Senat der Bevollmächtigten, mit größerem
Gewichte für die einzelnen Staaten aufgestellt, deren eigenthümlichen
Rechte vertheidigt u. s. w. Es wäre sehr wünschenswerth, man hätte
einen ähnlichen preußischen und österreichischen Entwurf; dann ließe
sich besser auf eine Verständigung der Hauptstaaten mit der hiesigen
Versammlung hinwirken. Am wenigsten deutlich und einleuchtend ist mir
im baierischen Entwurfe das Verhältniß des Reichstages oder Senats, der
mir etwas schwerfällig und eine Art Bundestag zu sein scheint. Denn auf
einen bloßen Staatsrath oder ~privy council~ ist es doch nicht
abgesehen.
Heute (2. Juni) erzählte mir Somaruga viel von Wien, wo die Auflösung
viel größer und die Anarchie viel ärger ist, als bei uns. Das
Ministerium hat nichts von der Flucht des Kaisers gewußt, und man
sieht darin allerdings das Werk einer rückläufigen Partei. Für Wien
sind die Aussichten noch viel schlimmer, als für Berlin. -- Den Grafen
D. machte ich darauf aufmerksam: wie übel es sei, daß Ausschuß und
Versammlung nichts Sicheres und Amtliches über den Stand des Krieges
und der Unterhandlungen in Schleswig wisse, während alle Heftigen auf
schnelle und gewiß übereilte Beschlüsse drängen. Dasselbe gilt von der
hiesigen Errichtung einer Centralregierung +mit+ oder +ohne+ Theilnahme
der bisherigen Regierungen. Beide Sachen kommen in diesen Tagen gewiß
zur Sprache, ohne daß man den Gang und Ausgang der Berathung mit
Sicherheit voraussehen kann. Wir segeln in unbekannten Gewässern ohne
Compaß.
Nachdem ich vorgestern aus der Abendversammlung hinweggegangen war,
hat man mir die Ehre angethan, vorzuschlagen: +meinen+ Vortrag, als
ein sogenanntes Programm, anzuerkennen. Da ich indessen nicht zur Hand
war, es aufzusetzen, hat man den, ohne Zweifel weit bessern Vorschlag
angenommen, gar kein allgemeines, bindendes Symbol aufzustellen,
sondern sich allmälig immer weiter und weiter zu verständigen. -- Das
war für +einen+ Tag (2. Junius), ein +langer+ Bericht. Möget Ihr ihn
nicht zu langweilig finden.
Den 3. Junius.
~Quos deus vult perdere dementat~: wen Gott verderben will, den
verblendet er! Während Österreich anarchisch in kleine Stücke zerfällt,
sagte mir gestern ein österreichischer Abgeordneter: die einzige
Rettung Deutschlands sei ein Krieg mit Rußland, wozu Österreich 300,000
Mann stellen werde. Ihr könnt denken, was ich ihm antwortete. -- Ebenso
verblendet sind unsere Stammbrüder, die Dänen und Schweden, welche
mit Rußland ein Schutz- und Trutzbündniß schließen, wie einst die
Fürsten des Rheinbundes mit Napoleon. Doch zwang hier die Übermacht,
während dort alle Staatsklugheit in Leidenschaft zu Grunde geht. --
Heute wird ein neues Nothgeschrei der Schleswiger in der Versammlung
erhoben, und ihr Gesuch wohl an den neuen völkerrechtlichen Ausschuß
gewiesen werden, wo ich wahrscheinlich das wiederholen muß, was ich
schon gestern Abend im Hirschgraben aussprach. Die dasige Gesellschaft
hat keinen rechten Fortgang, theils weil man sie als äußerste Rechte
bezeichnet, theils wohl, weil man daselbst nicht ißt, trinkt und raucht.
Neben diesen Ergötzlichkeiten geht die Rederei im Weidenbusche
ununterbrochen her, wo unter Anderem A. R. vorgestern Abend gesagt hat
(~à la Marat~), man müsse viele Tausend Köpfe abschlagen! Doch ist er
darauf aufmerksam gemacht worden, daß der seinige zuerst mit an die
Reihe kommen dürfte. -- Ich habe mich schon in Berlin an sogenannter
Beredtsamkeit dergestalt übernommen, daß ich hier hinter manchem
Vielfraß zurückbleiben will und muß; -- aber eben deshalb von Einigen
wohl für einen untauglichen Abgeordneten gehalten werde. Auf meine
Anregung wollen sich jedoch die Herren im Hirschgraben statt um ½9 um 7
Uhr versammeln, was meine Theilnahme hoffentlich erleichtert; -- sofern
nicht die stets lebendige Erinnerung an das Heupferd und den Heuwagen,
störend dazwischentritt. Wiederum hat das Heupferd in seiner Theilnahme
und seiner tröstenden Hoffnung auf nützliche Einwirkung, keineswegs
so ganz Unrecht. Wo bliebe Begeisterung, Thätigkeit, Arbeitslust,
Freundschaft, Liebe, wenn man immer die Goldwage zur Hand hätte, und
sich immer zu leicht und unbedeutend fände!!
Als nicht politisches Zwischenspiel, erzähle ich, daß ich Goethe’s und
Jacobi’s Briefe theils durchblättert, theils mit großer Theilnahme
gelesen habe. Die süßliche Überschwänglichkeit des letzten, weicht
oft sehr ab von der heutigen Briefkochkunst; wer weiß aber, welches
Gewürz oder Nichtgewürz unserer Tage, den Nachkommen ebenfalls nicht
recht schmecken wird! Da ich mit Goethe sage (S. 261): „Ich für mich
kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Lebens, nicht an +einer+
Denkweise genug haben“; so verständige ich mich nach meiner Natur mit
beiden Männern, ohne deshalb in Jeglichem mit ihnen übereinzustimmen.
So nicht mit Goethe, wenn er (S. 162) behauptet: „Geschichte sei das
undankbarste und gefährlichste Fach.“ -- Und nicht mit Jacobi, welcher
(245) fordert: „man solle Platon, +oder+ Spinoza +allein+ anhangen,
ihn +allein+ für den Geist der Wahrheit halten.“ -- Ich habe mich in
beide vertieft, mit Begeisterung hineingedacht, durch beide erhoben und
glücklich gefühlt. Die Welt ist reicher als das +allein+ seligmachende
Credo irgend +einer+ philosophischen, oder theologischen Schule; und
die Wahrheit ist nicht das Monopol einer +einzelnen+ Geistesrichtung.
In der heutigen Sitzung kam ein Widerspruch mehrer Polen zur Sprache,
welche +nicht+ im Reichstag erscheinen wollten. Er ward zuvörderst an
den völkerrechtlichen Ausschuß gewiesen. Für die Frage über die Bildung
einer hiesigen Centralgewalt, beschloß man einen neuen Ausschuß zu
wählen. -- Als in der dritten Abtheilung, zu der ich gehöre, +Einer+
zum Ausschuß über die Bildung der Centralgewalt gewählt werden sollte,
meldeten sich mehre Bewerber. Man verlangte: sie möchten sich über
ihre Ansicht der Sache erklären, bei welcher Gelegenheit ein Oberst
von Mayeren aus Wien verständig und gemäßigt sprach. Drauf manch
Gerede hin und her, zu dem ich um so mehr schwieg, da ich (schon einem
beschwerlichen Ausschusse zugesellt) mich nicht thöricht der Gefahr
aussetzen wollte, mit neuen Arbeiten übermäßig belästigt zu werden.
Doch wäre ich beinahe in diese Gefahr unabsichtlich hineingestürzt.
Als nämlich ein mir +unbekannter+ Mann, jene Bildung der Centralgewalt
+allein+ der Versammlung in Frankfurt zuweisen wollte, ohne irgend
eine Rücksprache mit den Regierungen; als er auf die, aller Freiheit
noch immer höchst gefährlichen Umtriebe der Fürsten schalt, oder
schimpfte u. dgl., so bat ich (die Geduld ging mir aus) ums Wort
und sprach lebhaft: daß man nicht immer auf Zwist, auf unbedingtes
Befehlen und Gehorchen hinarbeiten müsse, sondern auf Versöhnung und
Verständigung zwischen dem hiesigen Reichstage und allen Regierungen;
deren Bevollmächtigte möge man hören, ehe man übereilt beschließe und
dann vielleicht lauten Widerspruch finde. Von den behaupteten ganz
neuen und verdammlichen Umtrieben der Fürsten sei mir nichts bekannt,
oder nichts erwiesen; oder wenn Einzelne noch etwa die Sachen rückwärts
schieben wollten, sei dies in +diesem+ Augenblicke kein Gegenstand
ernster Furcht. So würde hoffentlich der Verstand und gesunde Sinn
der Deutschen ebenfalls des ultraradikalen Geschreis Herr werden.
Unsere Aufgabe sei nicht Händel zu suchen, sondern für die Einheit und
Mannigfaltigkeit Deutschlands gleichmäßig zu sorgen u. s. w.
Meine Worte fanden vielen Anklang und verschafften mir viele Stimmen,
doch ward Mayeren (mir willkommen) gewählt.
Ich habe ein eigenes Schicksal: meine erste Quasirede war gegen ein
Mitglied der äußersten +Rechten+, gegen Hrn. v. Vincke gerichtet;
die zweite gegen ein Mitglied der äußersten Linken, gegen -- wie ich
nachher erfuhr -- Hrn. Schlöffel!!
Vergleiche ich die hiesigen Verhandlungen, Alles zu Allem gerechnet,
mit den Berlinern, so mögen Sorgen und Hoffnungen gleich groß sein;
doch hält Gagern als ein tüchtiger Präsident die Sachen besser
zusammen, allmälig wird das Unwichtige kürzer behandelt und immer
nachdrücklicher auf die Hauptsachen hingewiesen. Auch lernt man hier
mehr interessante Personen kennen, und die Berathungen verbreiten
sich über die mannigfachsten und wichtigsten Gegenstände. So reut es
mich, trotz der Kehrseiten, der Einsamkeit und der Sehnsucht nach
Hause, doch nicht, daß ich +hieher+ gegangen und nicht in die
berliner Versammlung eingetreten bin; -- so fern +Agatho-+ oder
+Kakodämon+ mich nicht ganz in den Ruhestand versetzt. Noch ist
meine Wahlangelegenheit indeß nicht zur Sprache gekommen.
Den 4. Junius.
Meine freundliche Wirthin hatte mich gestern Abend zu einem
Damenthee eingeladen, den ich gern besucht hätte; aber ich mußte
pflichtmäßig in den völkerrechtlichen Ausschuß wandern, um über
„Schleswig-Holstein meerumschlungen,“ ein Paar Stunden lang, zu
rathschlagen und zu politisiren. Zuvörderst ergab sich, daß, leider,
Ausschuß und Versammlung über die kriegerische und diplomatische
Lage amtlich gar nicht gehörig unterrichtet waren, mithin (bei
aufgeregten Leidenschaften) in der größten Gefahr schwebten, etwas
Unpassendes, Übertriebenes und Verletzendes zu beschließen. Es fehlt
unglücklicherweise an einem Organ, einer Behörde, durch welche
sich die Regierungen mit der Versammlung verständigen; denn der
hinsterbende, unbeliebte Bundestag reicht dazu nicht hin, und die
einzelnen Gesandten lassen ebenfalls nichts von sich hören. Mein
Vorschlag: zu fragen und über die Lage der Dinge Belehrung und Auskunft
einzuholen, erregte das Bedenken: es werde eine ablehnende Antwort
Mißvergnügen erregen, und eine inhaltsvolle wahrscheinlich die, ihrer
Allmacht frohe, Versammlung noch tiefer und gefährlicher in die Sache
hineinlocken und verwickeln.
Zwei Sachen wurden vorgetragen: erstens, ein (gemäßigtes) Gesuch der
holstein-schleswigschen Abgeordneten ihre Sache nicht aufzugeben,
sondern für das zu wirken, was Recht und Ehre verlange. Zweitens, ein
jammervoller Hülferuf der Hadersleber, sie, nach Wrangel’s Rückzug,
gegen die schreckliche Rach- und Straflust der Dänen zu schützen.
Gar viele Punkte kamen nunmehr zur Berathung, z. B. Holstein gehöre
gewiß zu Deutschland, und wenn dies in Hinsicht auf Schleswig auch
zweifelhaft sei, so gehöre es doch unbedenklich seit Jahrhunderten zu
+Holstein+ und könne davon nicht getrennt werden. Die Zerfällung
in zwei Theile (Dänen und Deutsche) nach der Volksthümlichkeit, sei
unrecht, unerwünscht; das Ganze müsse beisammen bleiben. Wiederum habe
England die Frage über das Schicksal des +nördlichen+ Theils von
Schleswig, als einen Gegenstand der Unterhandlungen hingestellt, und
es würde um so verkehrter sein, sich wider Palmerston’s Vorschläge
zu erklären, da Schweden und Rußland nur durch die Rücksicht auf
Großbritannien von Gewaltschritten abgehalten würden. Deutschland
sei unvorbereitet, aufgelöset, uneinig, ohnmächtig, und könne einen
Krieg gegen Rußland um Schleswigs willen um so weniger übernehmen, da
die Frage nicht der Art sei, das ganze deutsche Volk in Begeisterung
zu versetzen. Insbesondere schwebe Preußen in Bezug auf Rußland
in der höchsten Gefahr und dürfe (ohnehin abgeschwächt) sich für
Schleswig nicht opfern. Es müsse für sich und zur Erhaltung seines
Daseins handeln; es werde keinen Beschluß der frankfurter Versammlung
achten, sobald es dadurch in eine Todesgefahr komme, gegen welche
papierne Bundesverfügungen um so weniger schützten, da sie schon bei
dem dänischen Kriege hinsichtlich der zehnten Heeresabtheilung wenig
Gehorsam gefunden hätten. Ebensowenig könne es jemals Posen in die
Hände der Polen geben und dadurch den Russen den Weg in das Herz
der Monarchie öffnen. Der Gewinn Schleswigs sei ganz unbedeutend,
wenn gegenüber die Gefahr eines großen europäischen Krieges und die
Möglichkeit hervortrete, Ost- und Westpreußen, ja alles Land bis
zur Oder in den Händen der Russen zu sehen. An Rußland sei nur zu
verlieren, nichts zu gewinnen, Frankreich aber, trotz scheinbarer
augenblicklicher Mäßigung, doch ein gefährlicher, den Rheinlanden
nachtrachtender Bundesgenosse. Die Erhaltung und Herstellung des
Friedens sei höchster Zweck, und die Frage nach dem schleswiger Rechte,
verschwinde vor der höhern Politik und den unläugbaren Forderungen
der Staatsklugheit. Dies als Andeutung des Inhalts der Berathungen.
Das einstimmige Ergebniß war: der Versammlung zwei Erklärungen über
Schleswig und über Hadersleben vorzulegen, welche trösten, die Ehre
wahren, und doch so gemäßigt abgefaßt sind, daß sie die Mächte und die
Vermittler nicht verletzen, nicht vorlaut und übereilt in die Sachen
selbst eingreifen. Hoffentlich nimmt die Versammlung unsere Vorschläge
an, ohne leidenschaftliche Erörterungen. Die ganze Berathung im
Ausschusse war gemäßigt, verständig, anziehend, erfreulich, und mehrt
meine Hoffnungen von seiner nützlichen Wirksamkeit für die Zukunft. --
Nächstens kommt die Frage über die Bildung einer hiesigen Centralgewalt
zur Sprache, wo die Regierungen (unbegreiflicher- und thörichterweise)
wiederum versäumt haben, auf eine verständige und freundliche Weise die
Initiative zu ergreifen, wodurch die Herrschlust der Versammlung sich
nothwendig und natürlich verdoppelt.
Sechster Brief.
Frankfurt a. M., den 5. Junius 1848.
So lange ich hier in Thätigkeit bin, hege ich keinen Zweifel darüber,
daß ich hiezu noch tauglich und befähigt sei. Sobald ich aber zum
Nichtsthun zurückkehre, scheint es mir verkehrt, nicht etwa selbst
anmaßend eine Rolle spielen zu wollen, sondern Rollen auf mir und rings
um mich spielen zu lassen. Doch muß ich mich mit dem ~sustine~ abfinden
lassen, bis etwa Hr. Agathon sein ~abstine~ durchsetzt.
In der heutigen Sitzung ward (bei den dringenden Gefahren Deutschlands)
beschlossen, einen Ausschuß für die Kriegs- und Wehrverfassung zu
bilden, in welchen unter Anderen Teichert und Stavenhagen erwählt
sind. Hierauf lange Verhandlungen über Böhmen und Mähren, wobei ein
Abgeordneter Jeiteles aus Olmütz sagte: er wünsche, daß das Jahr so
fruchtbar sei an Getreide und Kartoffeln -- wie an Reden. Allerdings
werden mit diesen, und mit Erklärungen und Proklamationen der
Versammlung, die großen Gegensätze und Zwistigkeiten der Tschechen
und Deutschen nicht ausgeglichen werden. Hofft man indessen davon
Trost und Hülfe, so mag man sie (vorsichtig gefaßt) immerhin ergehen
lassen. Weit heftigerer und ungebührlicher Streit und Lärm erhob sich
über die Frage: ob die erwählten Abgeordneten für den deutschen Theil
Polens sollten zugelassen werden. Die Linke, welche gern Händel für die
Deutschen in Schleswig suchte, will (die Polen unverantwortlich und
inconsequent mehr begünstigend) jene Abgeordneten ausschließen. Endlich
wurden sie vorläufig zugelassen, die staats- oder völkerrechtliche
Frage aber an den Ausschuß verwiesen, wo ich darüber mitsprechen
und entscheiden muß. Gewiß ist bei dieser Thätigkeit und Mühe mehr
Zusammenhang und Erfolg, als bei der Rederei in den verschiedenen
Quasiklubs. Doch mag dies als Ableiter dienen, sonst würden sich
noch Mehre in der Hauptversammlung vordrängen. Man sollte, da die
Redelustigen jede ihrer Reden doch wohl auf 5 Thlr. Werth schätzen,
diese Summe (etwa für die deutsche Flotte) abfordern, um diese flott
zu machen oder den Andrang zu vermindern. -- Merkwürdig, daß bei jener
Polenfrage die Ansicht der Funfziger von der Linken als maßgebend
hervorgehoben wurde, während kein Redner der Aufnahme Posens in den
deutschen Bund durch die Bundesversammlung erwähnte.
Es war im Hirschgraben wieder, in meiner Abwesenheit, davon die Rede
gewesen, daß ich ein +Programm+ für die Gesellschaft entwerfe. Bei
meiner Abneigung gegen bindende Glaubensbekenntnisse und gegen den
Schein, als wolle ich mich der äußersten Rechten unbedingt anschließen,
lehnte ich den Antrag ab. Ebenso den Vorschlag Lichnowsky’s: drei
Männer (darunter ich) sollten zwei verschiedene Gesellschaften sogleich
besuchen und bis morgen entscheiden, ob und welcher man beitreten,
oder ob man fernerhin im Hirschgraben weiter beisammen bleiben wolle.
Eine solche Diktatur dreier Männer, ohne Rückfrage und nähere,
nochmalige Berathung, würde sich gewiß keiner langen und allgemeinen
Beistimmung erfreut haben. Lichnowsky’s Weissagung: die Gesellschaft im
Hirschgarten werde sich auflösen, hat indeß guten Grund. Denn die Leute
wollen lieber Alles durcheinander durchplaudern, und die politische
Weisheit gleichzeitig mit Wein, Bier, Punsch, Beafsteaks, Cotelettes,
Kartoffeln und Cigarren hinunterschlucken. Mir ist (nachdem ich des
Tages Last getragen) solch Pandämonium für Leib und Seele unbequem, wo
Kellnergeschrei und Teller- und Gläsergeklapper, die Janitscharenmusik
zu der eingebildeten demosthenischen Weisheit bildet.
Die Gesellschaft im Hirschgraben (um nochmals darauf zurückzukommen)
gilt, obwohl mit Unrecht, für die äußerste Rechte, zu welcher sich die
Meisten so wenig bekennen wollen, als zur äußersten Linken. Deshalb
wird sie sterben, und jeder Gemäßigte sich anderwärts anschließen,
wenn er überhaupt das Bedürfniß fühlt sich einzupferchen. Lichnowsky
ist nicht ohne Geist und Rednertalent, aber viel zu ungeduldig und
leidenschaftlich. Wäre Arnim kein Graf, so würde man seine Vorzüge
mehr anerkennen. W. ist bereits verbraucht, weil er sich vordrängte;
v. S. hatte kein Talent zu präsidiren und die Leute in Thätigkeit zu
versetzen. -- Allerdings wird die einigere, jedes Mittel anwendende
äußerste Linke, sich länger halten, als die äußerste Rechte; wenn aber
kein Krieg und kein einschüchternder Krawal eintritt, bleibt sie gewiß
in der Minderzahl. Gestern machte -- den Vorschlag, den Herzog von
Limburg (d. h. den König der Niederlande) sofort über sein Benehmen
gegen dies Land, gleichsam studentenmäßig zu coramiren und zu so vielen
Händeln, noch eine Maulhelden-~querelle d’Allemand~ anzufangen.
Bei der Abstimmung erhob sich jedoch (die Versammlung ist bereits
gewitzigt) außer -- nur +Einer+ für den Aberwitz.
Den 6. Junius.
Gestern Nachmittag erhielt ich zu großer Freude Euern den dritten
Nachmittags zur Post gegebenen Brief. Wäre nur der Zustand Berlins
erfreulicher. So lange man jeden Unruhstifter gewähren läßt, anstatt
ihnen muthig entgegenzutreten und sie zu bestrafen, oder kurzweg
auszuprügeln, werden die Verhältnisse nicht besser werden. Hoffentlich
wächst den Stadtverordneten der Muth, und die akademischen Behörden
schicken Die unerbittlich fort, welche die Gesetze übertreten.
Ich bin in einem Lebensalter, wo man eben nichts mehr zu hoffen und
zu fürchten hat, und werde also über alles Das, was von Außen mir
widerfährt, Haltung und Gemüthsruhe nicht verlieren; aber ebensowenig
mich feige auf die Flucht legen. Ich werde mich nicht vordrängen und
überschätzen, aber ebensowenig schweigen, oder Halbheiten auskramen,
oder mich verblüffen lassen, wo es darauf ankommt +rücksichtslos die
Wahrheit zu sagen+. Das ist, mit Verschmähung aller Heuchelei und
Künstelei und Superklugheit, mein unbedingter Grundsatz gewesen, das
ganze Leben hindurch. Und ich bin, vermöge desselben, auch besser
hindurchgekommen, obenauf geblieben und selbst von Gegnern mehr geehrt
worden, als wenn ich mich auf eine Art Diplomatik gelegt hätte, die
meiner Natur zuwider ist.
Von Balan lieh ich mir ein Buch vom Grafen de la Garde über die
Frivolitäten des wiener Congresses, geschrieben mit dem Glanze
oberflächlicher Hofschranzerei und plattirter Nichtigkeit. Es thut eine
furchtbare Wirkung, wenn man gleichzeitig an die jetzigen Zustände
Wiens denkt.
Siebenter Brief.
Frankfurt a. M., den 7. Junius 1848.
Der Antrag, welchen ich meinem letzten Briefe beilegte, über die
Errichtung einer engern Regierungsgewalt, ist von großer Wichtigkeit
und bedeutenden Folgen. Deshalb sagen Einige: man hätte ihn gar
nicht machen sollen, da die bisherigen Mittel und Formen zu den
angestrebten Zwecken hinreichten, die Entwerfung und Annahme einer
neuen deutschen Verfassung abzuwarten ist, und die Gewalt der (ohnehin
zu anmaßenden) Reichsversammlung dadurch übermäßig erhöht wird.
Denn die drei Direktoren verwandeln sich gewiß bald in gehorsame
Diener der Versammlung; was in letzter Stelle zum Widerspruch der
einzelnen Staaten und zum Verfehlen der bezweckten Einigkeit führt.
-- Diese Ansichten und Gründe entbehren keineswegs aller Wahrheit; es
ist aber bei der jetzigen Stimmung der Versammlung ganz unmöglich,
dieselben durchzusetzen, und die Ernennung einer Regierungsbehörde
ganz zu vermeiden. Man muß diese, als einen auf wenige Personen
zusammengedrängten Bundestag betrachten, und die Wahl auf Männer
allgemeinen Vertrauens richten, oder (da dies so häufig wechselt)
auf Männer solcher Geistes- und Willensstärke, daß sie sich Ansehen
erzwingen. Die Besorgniß, daß sich die zwei andern Direktoren, stets
wider den preußischen vereinigen würden, ist bei der jetzigen Lage
Österreichs wohl nicht zu befürchten. Eher dürfte Preußen oft in der
Minderzahl bleiben, wenn man die Zahl der Direktoren auf fünf erhöhte.
-- Hoffentlich hält sich die Versammlung in den ihr (obwohl etwas
zweideutig) gesetzten Schranken, und lähmt nicht die Wirksamkeit und
nothwendige Unabhängigkeit durch stetes Einreden und die sonst so
lebhaft getadelte Vielregiererei. Mehr hievon, wenn die Sache in der
Versammlung zur Berathung kommt.
Für die schwierige und mit Worten nicht zu lösende Frage: „über die
Verhältnisse der Slaven zu den Deutschen in den österreichischen
Staaten“, ward heute ein besonderer Ausschuß ernannt, und dabei
geltend gemacht, daß die bedrängte österreichische Regierung einer
deutschen Unterstützung bedürftig sei und sie verdiene. N. wollte
hierauf entwickeln, was sich, besonders hinsichtlich Italiens,
gegen die österreichische Regierung sagen lasse, und sprach dabei
von ihrer +Thorheit+. Dieser Ausdruck ward von Etlichen, selbst vom
Präsidenten gerügt. Anstatt ihn sogleich zurückzunehmen oder höflich zu
berichtigen, suchte er seine Angemessenheit zu erweisen; was jedoch zu
lebhafterem Widerspruche, besonders seitens mehrer Österreicher führte
und seine Sache immer mehr verdarb. -- So hat er durch ein der Wahrheit
nachtrachtendes, aber zu schroffes, unvermittelndes Verfahren, sich Das
zugezogen, was ich ihm vor drei Tagen buchstäblich weissagte.
Bei einem andern Zwischenspiel offenbarte sich wieder einmal die,
anderes Böse bezweckende, Abneigung gegen Preußen. Robert Blum (und
ähnlich gesinnt zeigen sich mehre sächsische Abgeordnete) behauptet
von einem (nicht genannten) Minister gehört zu haben: daß Preußen
mehren deutschen Staaten den Rath gegeben, durch landschaftliche
Versammlungen, die Wirksamkeit der frankfurter zu vernichten oder sie
gewissermaßen zu sprengen. -- Wäre ein ähnlicher Rath gegeben, so
könnte es nur den Sinn haben, die +allgemeinen+ deutschen Rechte und
die der +einzelnen+ Staaten in ein richtiges Verhältniß zu bringen. Nun
übergiebt aber ein preußischer Abgeordneter ein amtliches Schreiben
unseres (verantwortlichen) Ministers der auswärtigen Angelegenheiten
des Hrn. v. Arnim, worin dieser +feierlich+ läugnet, daß jemals
Schreiben in jener Beziehung erlassen worden. -- Ueberdies behauptet
R. Blum: sein ungenannter Minister (oder, wie jetzt die Sachen stehen,
seine Klatscherei) verdiene ebenso viel Glauben. Man hat ihn aber
hiemit nicht durchgelassen, sondern darauf gedrungen, daß er Beweise
beibringe, damit man sehe, wo das Unrecht stecke, bei Arnim, dem
Unbekannten, oder R. Blum.
Den 8. Junius.
Gestern war ein wunderschöner Abend; ich ging um einen Theil der
mit Gärten und schönen Anlagen umgebenen Stadt. Blühende Rosen und
Sträucher, Bäume noch im frischesten Grün, und eine Himmelspracht
und Glut, die nicht glänzender sein konnte. Solche erheiternde und
beruhigende Augenblicke thun hier wahrlich noth.
Viele preußische Abgeordnete sagen: Preußen ist überall (besonders
in Sachsen und Süddeutschland) so unbeliebt, so verläumdet, so
verhaßt, daß man schlechterdings schweigen muß, um das Uebel nicht
noch zu erhöhen. Jedes bestimmtere Auftreten, jedes zur Vertheidigung
gesprochene Wort hat gefährliche Wirkungen und kann Alles verderben.
-- Ich habe zeither dieser Schlußfolge widersprochen, mich aber
dennoch ihr murrend gefügt. Das muß aber ein Ende nehmen. Täglich
wird Preußen angegriffen und verdächtigt, täglich muß man sich von
Maulhelden behandeln sehen, als wäre man angesteckt, verpestet, von
Gewissensbissen geplagt, und wohl gar noch dankbar für die verdiente,
gnädige Strafe. Seit 14 Tagen sitze ich überbescheiden da, wie ein
stummer Hund, der nicht bellen kann. Meine Geduld ist zu Ende, und ich
werde Gelegenheit suchen und +finden+, meinen Mund aufzuthun.
Die Champagnerflasche ist nicht flattirt, sonder injuriirt und der
Pfropfen muß heraus. Für das Ganze kann daraus nichts Böses folgen;
mein Gewissen spricht mich frei, und Zischen und Trommeln soll mich
nicht abhalten, nach ~Dr.~ Luther’s Spruch zu verfahren.
In der heutigen Sitzung wurden Berichte der Ausschüsse vorgetragen
über Schleswig-Holstein, Luxemburg und die zu gründende deutsche
Flotte. Hierauf Verhandlungen, ob die Reichsversammlung in Frankfurt
sicher sei, zu ihrer Sicherung Vorkehrungen zu treffen, Commissionen
zu ernennen, oder mit dem hiesigen Magistrate Verhandlungen zu
eröffnen. Alle Vorschläge wurden zuletzt abgelehnt, weil die Gefahr
nicht erwiesen, Furcht nicht zu zeigen und Verhandlungen mit dem
(wohlgesinnten) Magistrate überflüssig, oder der Versammlung nicht
würdig seien. Beiläufig kam zur Sprache daß man, nöthigen Falls, die
Versammlung nach Erfurt, Nürnberg, Regensburg, Wien verlegen solle.
Nochmals Vorträge über R. Blum’s Anklagen. Er wiederholt, daß das
Vorgebrachte, ihm und zwei namhaft gemachten Zeugen von einem Minister
gesagt worden. Nachdem Auerswald und Lichnowsky gegen, Schaffrath für
ihn gesprochen, nahm die widerwärtige Erörterung (über welche noch
Unzählige sprechen wollten) ein unentscheidendes Ende.
Achter Brief.
Frankfurt a. M., den 9. Junius 1848.
Ihr glaubt nicht, welche Anzahl von Anträgen und Gesuchen bei der
Versammlung eingehen! Alles, vom Größten und Wichtigsten, bis zum
Kleinsten und Unbedeutendsten, wird zur Sprache gebracht; die
Abgeordneten hätten damit bis zum jüngsten Tage zu thun und würden
dennoch nicht fertig! Indessen dient dies andererseits dazu, auf unsere
Hauptaufgabe hinzuweisen, und die Thätigkeit des Verfassungsausschusses
zu erhöhen. Die (deutsche) Breite, welche man mit Recht unseren alten
Behörden zum Vorwurf machte, thut sich jedoch auch hier schon kund,
und hindert regelmäßige schnelle Fortschritte. Wenige haben das Talent
gut den Vorsitz zu führen; oder wer dasselbe geltend machen will,
verletzt die breitspurigen Redner, oder Kohlmacher. Für die Klubs
und die Rederei spät Abends, wird von Manchen noch fleißig geworben;
während Andere allmälig den Geschmack und den Glauben daran verlieren.
Man bedenke, Sitzung 5-6 Stunden, Ausschuß 2-3 Stunden, Lesen der
Drucksachen eine Stunde; und nun soll nach 9-10 Stunden ernster
Anstrengung und Berathung, ein abgeklatschtes ~Da Capo~ angeblich
nützen, belehren, erfreuen. ~Credat Judaeus Apella.~ Mir genügt Abends
das Gespräch mit wenigen Personen, und dann um 10 Uhr zu Bett. Deshalb
entschuldigte ich mich gegen B., bei Herrn B. einer Gesellschaft von
Herren und Damen beizuwohnen, welche um die Zeit beginnt wo ich mich
zu Hause nicht festlich ankleide, sondern bequem auskleide, und welche
um die Zeit am lebhaftesten ist, wo ich am festesten schlafe. -- ~Ecce
signum~, den alten Mann! Und wenn er auch das Alles noch mitmachen
+könnte+, so +will+ er es aus Gründen nicht, die +ihm+ vollkommen
genügend erscheinen.
Gestern Abend ward ich im Schwane nochmals dringend aufgefordert,
Preußen wie ein ~noli me tangere~ zu betrachten und zu behandeln. Nun,
ich will den wohlgemeinten, wiederholten Rath nicht unberücksichtigt
lassen, Niemand angreifen, Niemand verletzen, von den zu Gebote
stehenden Kriegsmitteln wenig Gebrauch machen; obgleich dies heißt: mit
halbem Winde segeln und mit Hemmschuhen fahren.
Das Liebäugeln der Franzosen mit Deutschland erinnert an das ~Timeo
Danaos dona ferentes~, und die republikanisch-polnische Partei
würde Deutschland opfern, angeblich um Polen herzustellen. Diese
Freundschaftsversicherungen aus Norden und Süden, erinnern 1848, an das
Jahr 1648 wo Deutschland so heruntergekommen war, daß es sich seiner
eigenen Zerstückelung fast freute. Nur noch ein Jahr europäischer
Friede, dann wird (ich hoffe es) der gesunde Menschenverstand der
Deutschen obenauf bleiben. Krieg zerstört alle unsere hiesigen, ja alle
guten Bestrebungen, und führt nicht (wie Einige und die Eifrigsten
leider wähnen) zu republikanischer Freiheit, sondern durch Anarchie
hindurch zur Despotie, oder -- zur entsetzlichen Theilung Deutschlands!
-- Unter so vielen, fieberhaft aufregenden Sorgen, habe ich die erste,
große Freude darüber gehabt, daß der berliner Reichstag, Camphausen’s
Rede über den Prinzen von Preußen so theilnehmend und beifällig
aufgenommen. Auch die edle Prinzessin erblickt endlich an ihrem
einsamen Strande, die tröstende Morgenröthe. -- -- -- -- Könnte man
sich wundern daß hochgestellte Personen, wenn sie derlei Erscheinungen
erleben, zu Menschenhaß aufgeregt, oder doch gegen Lob und Tadel
gleichgültig würden?
Wie ich, in den Augen gewisser Leute, binnen Jahresfrist aus einem
ultra-liberalen Rebellen, ein knechtischer Royalist geworden bin; so
wird man mir vorwerfen aus einem Polenfreunde (siehe meine Schrift
über den Untergang Polens und meine geschichtlichen Beiträge) ein
Polenfeind geworden zu sein.
Ich höre mit Schrecken, daß Jemand einen Plan entworfen, wie die
Paulskirche im Winter am besten zu heizen sei; doch hoffe ich es
soll nur ein Schreckschuß sein, um auf die Nothwendigkeit raschen
Fortschritts hinzuweisen. Mehre Abgeordnete lassen ihre Frauen
nachkommen; gut für jene, während die Frauen viel allein sein werden.
Den 10. Junius.
Gestern war eine sehr wichtige und anziehende Sitzung, welche
nur durch die eigensinnige Forderung der Linken, über eine Frage
durch namentlichen Aufruf abzustimmen, einen höchst langen und
langweiligen Anhang bekam. Sie dauerte von 9-4 Uhr, und betraf
die schleswig-holsteinische Angelegenheit. J. und B. sprachen in
revolutionair-heftiger Weise, z. B. es komme auf geschichtliche und
bestehende Rechte gar nicht an; +man+ habe sich (d. h. die 50 und das
Vorparlament) +Rechte genommen+: was denn freilich die Rechtsfrage
zur Seite wirft, und sich ganz auf den Boden der Macht und Gewalt
hinstellt; welche praktisch geltend zu machen, es uns aber eben an
genügenden Mitteln fehlt. G. hatte freilich ein Universalmittel in der
Tasche, oder sprach es vielmehr mit erstaunlichem Glauben an seine
Wirksamkeit laut aus: „die Versammlung möge beschließen, es solle sich
niemals eine fremde Macht in die deutschen Angelegenheiten mischen!!!“
-- Die Versammlung war aber doch zu praktisch, auf einen solchen
unpraktischen und nutzlosen Antrag einzugehen. Ebensowenig wirkte seine
angebliche Entdeckung, daß auch die Jütländer zum deutschen Stamme
gehörten. -- Dahlmann sprach gemäßigt; Waitz sehr verständig, besonders
gegen jene Revolutionaire; Heckscher aus Hamburg scharfsinnig und
muthig; mehre Schleswiger rhetorisirend um dadurch die, gewöhnlich bei
schwachen Constitutionen durchschlagende, Wirkung hervorzubringen.
Endlich habe auch ich meine Jungfernrede (~maiden speech~) halten
+müssen+! Da ich sie, nach meiner Weise vorher weder auswendig gelernt,
noch niedergeschrieben hatte, so bleibt der anliegende stenographische
Bericht (trotz seiner Mängel) die beste Quelle. Weil die Zeit
beschränkt war, und so viele Redner herzudrängten, so habe ich kaum die
Hälfte von Dem gesagt, was ich eigentlich sagen wollte, und dem „+höre
bald auf+,“ Folge geleistet. Ich will, trotz der Bravos am Schlusse,
nicht sagen daß meine Rede allgemeinen +Beifall+ gefunden; die
mitgetheilten Thatsachen erweckten aber allgemeines +Interesse+, und
selbst Anführer der Linken bezeugten, ich hätte gesprochen mit Anstand
und ohne zu verletzen. Vielleicht mißbilligen eher einige Mitglieder
der äußersten Rechten, daß ich rücksichtslos Wahrheiten ausgesprochen,
die sie lieber verheimlichten. Mir behagt aber weder der tölpelhafte
Enthusiasmus der äußersten Linken, noch die rückhaltende Diplomatik
mancher ihrer Gegner. Ich gehe, ungestört durch Beifall oder Mißfallen,
den Gang, welchen ich für den rechten halte. Ich hoffe Ihr seid bereit
mitzugehen.
Neunter Brief.
Frankfurt a. M., den 11. Junius 1848.
Ich muß noch einmal klagend auf die namentliche Abstimmung am neunten
zurückkommen. Die Frage war: sollen die Friedensschlüsse zwischen
Deutschland und Dänemark dem verfassenden Reichstage zur +Bestätigung+
vorgelegt werden? Die eine Partei sagte +Ja!+ weil dadurch die deutsche
Ehre besser gewahrt und die Macht der Versammlung +erhöht+ wird. --
Die zweite Partei entgegnete: +Nein!+ weil jenes Geschäft gar nicht
zum Wirkungskreise der Versammlung gehört, und sie dadurch denselben
ungebührlich, eigenmächtig und gefährlich erweitern würde. Wenn unsere
Gegner ferner sagen, daß die Sache selbst hiedurch gewinnen werde,
so wollen wir nicht den Satz umkehren und sagen, daß ihr dadurch
geschadet werde; wohl aber müssen wir darauf aufmerksam machen, daß
die diplomatischen Verhandlungen hiedurch weitläufiger und erschwert
werden; ja zu besorgen ist, daß das englische Ministerium (insbesondere
der entschlossene Vermittler Lord Palmerston) nicht geneigt sein
dürfte, sich in Frankfurt anmaßlich beurtheilen zu lassen und gleichsam
auf den Moquirstuhl zu setzen. Ohnehin werden die befreundeten Mächte,
vor allen Preußen, von selbst Das durchzusetzen suchen, was der
Reichstag wünscht und bezweckt. -- So in aller Kürze die Gründe und
Gegengründe.
Sehr gescheit verlangte die Linke den namentlichen Aufruf; denn sie
harrte muthig aus, während Viele der sogenannten Wohlgesinnten das
Mittagsessen vorzogen und davongingen! Ferner (eine höchst jammervolle
Erscheinung) stimmten beim Aufstehen nur etwa 70 höchstens 100 für Ja!
während sich diese Zahl (und hierauf hatte die Linke gerechnet) beim
namentlichen Aufrufe bis zu 200 erhöhte!! So die Wirkung erbärmlicher
Furcht, und des Wunsches sich bei den unwissenden und aufgeregten
Massen beliebt zu machen!
So schwierig auch die Lage Preußens erscheint, ist doch die Österreichs
viel verwickelter und schwieriger. Allerdings macht uns schon der
kleine polnische Bestandtheil viel Noth; wie soll aber Österreich
seine Völkermusterkarte in einem Augenblicke beisammen erhalten, wo man
bis zur Übertreibung auf Sonderung der Völkerstämme dringt. Die wiener
Anarchie wird ein Ende nehmen, denn das Deutsche findet sich wieder
zum Deutschen und verständigt sich. Wie aber den Haß der slavischen
Stämme gegen Deutsche und Ungarn aussöhnen? Wie Böhmen und Mähren
bei gemischter Bevölkerung behandeln und sondern? Ist es räthlich
und möglich ein großes Slavenreich zu bilden und dem russischen
entgegenzustellen? Oder wird dies Alles verschlingen? Reichen besondere
Verfassungen und eigenthümliche Einrichtungen aus, um die Aufgeregten
zu beruhigen, welche +eine+ allgemeine Verfassung für unmöglich und
unklug halten? Könnten drei österreichische Prinzen, Könige der
Ungarn, Slaven und Deutschen, und doch eine Art von Mittelpunkt für
Alle gefunden werden! -- So drängen sich unzählige Fragen, deren
Beantwortung aus der Ferne und auch wohl in der Nähe unendlich schwer
ist, und deren Lösung Niemand vorhersehen kann. Gewiß wird die alte
Mischung nicht fortdauern, oder nicht herzustellen sein.
Muthigere Österreicher erklären sich günstiger über Hergang,
Zusammenhang und Zukunft. Österreich, sagen sie, war ein Conglomerat
von Staaten, hauptsächlich zusammengehalten durch ein Netz von Beamten
und Soldaten. Nur +diese+ nannten sich +Österreicher+; alle andern
Personen nannten und fühlten sich dagegen nach ihrem Geburtslande, als
Böhmen, Mähren u. s. w. Dies Gefühl, diese Richtung ward verstärkt,
weil die österreichische Regierung (abweichend von Preußen) auch
die geistige Bildung und Entwickelung hemmte und verknechtete. Nur
innerhalb der Nationalitäten verstattete man eine etwas größere
Freiheit, schon weil weniger Personen böhmisch, ungarisch u. s. w.
lasen, als deutsch. Gutentheils daher der Eifer für jene volksthümliche
Literaturen, und eine steigende Begeisterung für nationales
Abschließen. Man darf sich nicht wundern, daß nach so lang getragenen,
endlich gebrochenen Fesseln, das richtige Maß überschritten wird, und
man über Weg und Ziel nicht im Klaren ist. Allmälig bessern sich diese
Verhältnisse, den einzelnen Völkerstämmen wird und muß man einen großen
Theil der Selbstregierung überlassen; dann kehren alle ihre Blicke
wieder auf den alten Mittelpunkt, und Österreich wird (gereinigt von
alten und neuen Hemmnissen und Irrthümern) sich mächtiger erheben, denn
zuvor. Daß sich alle Slaven an Rußland anschließen würden, ist nicht
zu befürchten, und die große Überzahl der Bewohner Galiziens ist mehr
österreichisch, als polnisch gesinnt. Ein österreichischer Offizier
fragte einen Haufen bewaffneter galizischer Landleute: was habt ihr
vor? -- Wir wollen die Polen todt schlagen. -- Ihr seid ja selbst
Polen. -- Nein, die Edelleute sind Polen; wir sind österreichische
Bauern. So die galizischen Vorübungen zur Herstellung der sogenannten
polnischen Republik.
Den 12. Junius.
Nachdem ich bei einem langen Jammer- und Jeremiadenduett mit --
willig die zweite Stimme gesungen, bin ich ihm wegen seiner bloßen
+Verneinungen+ zu Leibe gegangen. Niemand läugne die Krankheit;
es handele sich aber für den angestellten Arzt nicht blos davon,
gleichgültig oder verzweifelnd zu sagen: du mußt sterben! sondern
Heilmittel aufzusuchen und anzuwenden. Der jüngste Tag sei doch noch
nicht vor der Thür, und die Kinder und Kindeskinder würden dereinst mit
großem Rechte die Väter und Großväter tadeln können, wenn diese nichts
zum Vorschein gebracht, als ein endloses, fruchtloses, langweiliges OJe
und OWeh! Hat man nicht 1813 sich auch aus einer dunkeln Nacht wieder
zum Tage emporgearbeitet? Und kann man die Übel nicht vertilgen, so
kann man sie doch mindern, oder mit der Beruhigung untergehen, seine
Pflicht nach Kräften erfüllt zu haben.
Daß die Polen einen Krieg mit Rußland wünschen, ist natürlich genug;
wie ihn aber +ungerüstete+ Deutsche +jetzt+ betreiben können, ist
völlig unbegreiflich. Auch wissen sie dafür nicht den geringsten
vernünftigen Grund anzugeben. Denn daß dereinst (bei wichtigeren
Veranlassungen und in günstigerem Augenblicke) möglicherweise ein
Krieg eintreten könne, ist kein vernünftiger Grund für einen jetzt
unvernünftigen Beschluß. Erst bin ich Deutscher und Preuße, -- und
nicht polnischer Edelmann.
Zehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 12. Junius 1848,
Nachmittags 5 Uhr.
Die Krawalls, welche alle Länder durchziehen und auch uns wie
Gewitterwolken umringen, haben gestern Abend in Offenbach
eingeschlagen. Hessische Soldaten verlangen Urlaub, und gehen (als er
ihnen abgeschlagen wird) eigenmächtig davon. Nach ihrer Rückkehr werden
sie, ganz von Rechts wegen, eingesperrt. Nicht blos ihre Kameraden,
sondern auch andere Leute suchen sie mit Gewalt zu befreien. Man ist
gezwungen nachzugeben; doch war die Zügellosigkeit oder die Übereilung
der Art, daß geschossen ward und Etliche leichtere oder schwerere
Wunden davontrugen. Gestorben ist noch Keiner; das Ereigniß wird man
aber ohne Zweifel ausbeuten zur Erhöhung der Leidenschaften und als
Vorübung zu größeren gesetzwidrigen Unternehmungen. Hat man doch
Hecker zum Abgeordneten gewählt und es stehen uns hier Scenen bevor,
denen ähnlich, welche in Berlin über die Barricadenhelden eintraten.
Die, man möchte sagen unmoralisch angetrunkene, Dummheit billigt leider
jetzt Alles unbesehens, was gewisse Leute in einer bekannten Richtung
vorbringen. Hr. B. erzählte: solchen Volksschwadronören werde stets ein
lautes Bravo zugerufen, und wenn man frage: was hat er gesagt? erhalte
man zur Antwort: wir haben nichts gehört.
Bei jener Auflösung aller kriegerischen Zucht, bei der Vernachlässigung
aller deutschen Kriegsvorbereitungen (welche General Peuker nächstens
öffentlich darlegen wird), schreien die Maulhelden nach Krieg. Gestern
sagte mir Hr. v. --: Wir +müssen+ einen Krieg mit Rußland haben. --
Warum? -- Wir +müssen+ einen Krieg mit Rußland haben. -- Geben Sie mir
gefälligst Ihre Gründe an. -- Wir +müssen+ einen Krieg mit Rußland
haben. -- Weiter war aus dem Manne +kein+ Wort herauszubringen. --
Krieg führen und Fasanen verspeisen, scheint ihnen gleich leicht und
erfreulich zu sein. Solche horntolle Leute mag es beim Anfange des
30jährigen Krieges auch gegeben haben. Und doch waren damals mehr
Gründe zu Gegensätzen und Gewalt vorhanden. ~Absit omen!!~
Den 13. Junius.
Die Hitze erlaubte gestern nicht, Landvergnügungen in der Ferne
aufzusuchen; deshalb ging ich mit L. in das, selbst am zweiten
Pfingsttage nicht gefüllte, kühle Theater. Da es keine Zuschüsse
erhält und jetzt wenig besucht ist, wird es Bankerott machen oder zu
Herabsetzungen der Gehalte schreiten müssen. Wir sahen zuvörderst
Wallensteins Lager gut in Scene gesetzt und ganz gut gespielt, so der
Wachtmeister Hr. Reger, die Marketenderin Dem. Lindner, der Kapuziner
Hr. Hassel. Eine ausgezeichnet schöne Stimme und natürliche Sprechweise
hatte der wallonische Kürassier Hr. Breuer. Ich wundere mich jedesmal
wieder, daß Schiller dies, von allen seinen anderen so abweichende,
gelungene Werk zu Stande gebracht hat, im Wallenstein selbst aber
keine Spur dieser einwirkenden Lebensverhältnisse hervortritt. Für
unsere Zeit sollte dies Lager Lehre geben; denn wenn man noch länger
die Freiheit auf dem Wege des Aufstandes sucht, und die Heereszucht
befeindet oder untergräbt, wird die Tyrannei der Kriegsfürsten und
Soldaten, sowie die Sklaverei der Bürger und Bauern nicht ausbleiben.
-- Dem Lager folgte die Schulstube, nach dem Französischen, mit vielen
Anspielungen auf die jetzige Zeit, oft gut und treffend. Das Ganze sehr
ergötzlich und zum Lachen.
Heute Vormittag besuchte ich zunächst den polnischen Grafen P., der
mich verfehlt hatte. Er gehört zu den thätigsten Beförderern der
Herstellung Polens, und ich habe mein Möglichstes gethan, ihn, in
+dreistündigem+ lebhaften Gespräche, von unausführbaren Phantasien
zurückzubringen und auf den Standpunkt des praktischen Staatsmannes
zu stellen. Er blieb lange dabei: die polnische Nation verlange,
daß das ganze Herzogthum Posen lediglich von Polen regiert, und die
Deutschen ihrer Botmäßigkeit unterworfen würden. Die alte Landesgränze
entscheide, und auf eine eingedrungene, oder eingeschmuggelte deutsche
Bevölkerung (meist Beamte) komme es gar nicht an. Die deutschen
Abgeordneten Posens möge man nicht zulassen, sondern (wenigstens
provisorisch) ausschließen, und die Angelegenheiten des Herzogthums
durch drei hier erwählte Polenfreunde ordnen lassen. -- Ich erinnerte
zunächst an meine für Polen günstige Schrift, und dass ich nicht die
Sünden seiner Bewohner, die wesentlich zur Theilung beigetragen,
aufzählen wolle. Von 1756 bis 1763 habe Polen den Feinden Preußens
allen Vorschub geleistet, sei nichts gewesen als eine russische
Landschaft, und 1772 habe sich Friedrich II. gegen eine Wiederholung
dieser Übelstände und Feindseligkeiten schützen wollen. Wenn (fuhr
ich fort) Ihre Anträge im Ausschusse zur Berathung kommen, werde ich
dagegen stimmen, als Freund der Deutschen +und+ der Polen. Um
einige Hunderttausend Deutsche unter polnische Gewalt zu bringen,
verscherzen sie leichtsinnig und muthwillig die Theilnahme von
Millionen; sie trachten verkehrterweise sich einen Bestandtheil
anzueignen, der ihnen immer feindlich bleiben und ihre Entwickelung
hemmen wird. Auf die alte Landesgränze kommt jetzt (wo überall und
+übertrieben+ die Nationalitäten hervorgerufen werden) gar nichts
an, und die deutsche Bevölkerung ist da und muß anerkannt werden, und
wäre sie auch vom Himmel ins Herzogthum Posen hineingeregnet. Sie
hoffen auf den Beistand der hiesigen Linken; sie blamirt sich, wird
unfolgerecht und richtet ihren eigenen Boden zu Grunde, wenn sie die
Deutschen, um der Polen willen, feige oder fanatisch preisgiebt. Ordnen
Sie das rein polnische Posen und Galizien; streiten Sie nicht um ein
Paar Dörfer oder Quadratmeilen, hemmen Sie nicht durch Umtriebe aller
Art die Entwickelung Deutschlands und Preußens, drängen Sie nicht zu
einem Kriege, für den man keineswegs genügend gerüstet ist; lassen Sie
uns Zeit, uns zu ordnen und zu stärken; wirken Sie durch Mäßigung, daß
eine jetzt nicht mehr vorhandene Theilnahme für Polen zurückkehrt, und
man (wie früher) die Gefahr wieder ins Auge faßt, welche von Rußland
droht. Überwerfen Sie sich nicht ohne Noth mit den Regierungen und
den Völkern Preußens und Österreichs, halten Sie nicht frankfurter
Deklamationen für allmächtig; hoffen Sie nicht zu viel von der
unsichern Regierung Frankreichs, das zuerst an sich, und nur beiläufig
(wie einst Napoleon) an Polen denkt.
Meine aufrichtigen Worte (ich sprach im Eifer fließender Französisch,
als wenn bloße ~caquetage~ verlangt wird) schienen einigen Eindruck
zu machen. -- Auf dem Wege, den Sie betreten, schloß ich, wird Polen
nicht hergestellt, vielleicht aber Deutschland zu Grunde gerichtet und
getheilt.
Mein Vortrag über Schleswig, sagen Mehre, habe (durch die Kraft der
Tatsachen) erheblich auf das Durchgehen eines gemäßigteren Beschlusses
gewirkt. Nun so hätte ich +den+ Tag nicht verloren und meine Diäten
verdient. --
Die wichtigen Angelegenheiten treten immer wieder und immer mehr in den
Vordergrund, lassen sich immer weniger nach allgemeinen Grundsätzen
entscheiden, lassen kaum das Wahrscheinliche vom Unwahrscheinlichen,
das Mögliche vom Unmöglichen unterscheiden. Wir segeln mit vielerlei
Winden, und müssen zufrieden sein, wenn wir nur in irgend einen Hafen
einlaufen.
Den 14. Junius.
L. kehrt heute zu seinen Vorlesungen zurück. Mir liegt alles
Universitätswesen jetzt so erstaunlich fern, als hätte ich nie
mitgespielt und würde nie wieder mitspielen. -- Welch ein Wechsel der
Ansichten und Verhältnisse! Mit wie jugendlicher Begeisterung spricht
Joh. Müller von seinen göttinger Lehrern; er nennt vertrauensvoll,
selbst mittelmäßige Leute, +groß+. Und jetzt: kein Vertrauen,
keine Anhänglichkeit, höchstens kalte, achselzuckende Kritik, und ein
Hochmuth, dem jede Verehrung als Knechtssinn erscheint. Die Nachwehen
äußerer Noth und innerer Leerheit können für allweise, weltregierende
Studenten nicht ausbleiben, und die Begeisterung, welche 1813 auch
einmal das Studiren unterbrach, war doch so gewiß eine edlere, als
der damalige unvermeidliche Krieg über unnöthige und willkürliche
Straßenkrawalls und Katzenmusiken hinausreicht.
Hoffentlich ist die, alle gesetzlichen Formen zerstörende Nachricht
unwahr, daß Wahlmänner aus eigener Macht ihre Wahl zurücknehmen wollen,
sobald der Erwählte einmal nicht ihren Wünschen und Vorurtheilen gemäß
stimmt. Sydow und Jonas müssen (wie unter der alten Regierung) muthig
ausharren. Das Mißfallen der Straßengesetzgeber bringt ihnen Ehre. --
Auch hier ist täglich die Rede von Krawalls, Puffs, Putschs, -- und
sobald Wählerschaften Leute wie Hecker wählen: was steht uns bevor,
wenn sie in die Versammlung aufgenommen und wenn sie hinausgeworfen
werden? Ihr seht, ich gerathe ins Melancholisiren, obgleich es erst
sechs Uhr Morgens ist. Heute beginnen unsere Sitzungen wieder, und
obgleich wir noch lange nicht beim +Kaiserschnitt+ sind, fühlen
wir die Wehen schon allzustark.
Eilfter Brief.
Frankfurt a. M., den 14. Junius 1848.
Die Ehre, Mitglied des völkerrechtlichen Ausschusses zu sein, kostet
viel Zeit. Denn neben dem Lesen der Akten und Flugschriften, muß man
zahlreiche Besuche empfangen. Durch lange Gespräche mit unterrichteten
(wenngleich oft leidenschaftlichen) Leuten lernt man indessen mehr und
wirkt nützlicher, als wenn man große Reden in den Klubs anhört. Salomo
sagt: Alles hat seine Zeit; ich sage dagegen: Manches hat +keine+
Zeit. Oder breiter ausgedrückt: für manches Unvernünftige hat der
Vernünftige keine Zeit.
So eben verläßt mich ein Pole, C., mit dem ich ein Paar Stunden lang
Gespräche geführt habe, denen ähnlich, welche ich mit dem Grafen
P. hatte. Zuletzt bleibt doch etwas hängen zur Beruhigung und
unbefangeneren Würdigung der Verhältnisse. Ich will Euch indessen
nicht mit Wiederholung der Gründe und Gegengründe ermüden. Hr. C. hob
hervor: das ganze Herzogthum Posen müsse beisammen bleiben; das hieß
ihm, „unter polnischer Herrschaft,“ welche Jahrhunderte lang für die
Deutschen nützlich und bequem gewesen. Ich blieb ihm jedoch keine
Antwort schuldig und nannte es thöricht, wenn die Polen, zu eigenem
Verderben, den deutschen Bestandtheil mit Gewalt unter sich aufnehmen
wollten u. s. w., u. s. w.
Den 15. Junius.
Beim Eintritte in die Paulskirche bemerkte ich gestern mit Vergnügen,
daß auf den Grund eines von mir entworfenen und von Mehren
unterschriebenen Antrags grüne Vorhänge vor den Fenstern angebracht
waren. Die hereinscheinende Sonne oder die weißen Rouleaus blendeten
vorher auf unerträgliche Weise.
Die ganze Sitzung handelte von Errichtung einer deutschen Flotte. Bei
der allgemeinen und lebhaften Stimmung für eine solche Unternehmung kam
die Frage: ob? eigentlich gar nicht zur Berathung, und ebensowenig,
wie viel sie, den großen Seemächten gegenüber, dereinst wirken und
nützen werde. Der Krieg mit Dänemark hatte zunächst den obwaltenden
Mangel hinreichend erwiesen. Ich will Euch nicht mit Mittheilung
dessen ermüden, was man über den Bau großer oder kleiner Schiffe,
über Zielen, Schießen, Treffen u. s. w. beibrachte, über das
amerikanische, englische, französische System des Schiffbaues u. s. w.
Ich besorge, daß wenn ein rechter Sachverständiger zugehört hätte, er
alle Redenden für Bönhasen und Dilettanten würde erklärt haben. Die
Berathung hatte aber, neben dem Technischen, sehr wichtige Seiten.
So fragte sich zuerst (oder vielmehr, man fragte nicht viel danach),
ob denn die verfassende Versammlung berechtigt sei, Beschlüsse über
den vorliegenden Gegenstand zu fassen, ob er überhaupt zu ihrem
Geschäftskreise gehöre? Von der laut vertheidigten und anerkannten
Volkssouverainetät aus hält man ihre Allmacht für unbestreitbar, und
überlegt höchstens, in wie weit man dieselbe will geltend machen.
Eine zweite Frage war: ob man vorgehen könne und solle, bevor eine
vollziehende Gewalt ernannt und in Thätigkeit, ob die Versammlung
derlei Verwaltungssachen zweckmäßig zu führen im Stande sei? Man
vereinigte sich dahin: daß die jetzt ergriffenen oder zu ergreifenden
Maßregeln nur vorbereitender Art seien, daß man dadurch Zeit erspare,
Vertrauen erwecke u. s. w. -- Der vollziehenden Gewalt wurde demnächst
Alles zur weiteren Ausführung übergeben. Durch den Beschluß: jetzt
drei Millionen und später wiederum drei Millionen, nach der zu
berichtigenden Bundesmatrikel, aus ganz Deutschland aufzubringen,
legte sich die Versammlung zum ersten Male das neue und wichtige Recht
bei, Steuern zu bewilligen und auszuschreiben. Der Gedanke: sogleich
+hier+ die Besteuerungsweise für ganz Deutschland zu bestimmen,
fiel indessen glücklicherweise zu Boden. Er würde zu den lautesten
Widersprüchen geführt und sich als ganz unausführbar erwiesen haben.
Man überläßt den einzelnen Regierungen hierüber in gesetzlicher Weise
das Nöthige zu bestimmen; -- und selbst dann wird das Einzahlen jetzt
die größten Schwierigkeiten finden. Sehr wichtig ist endlich der
Umstand, daß jetzt zum ersten Male für ganz Deutschland ein allgemeiner
materieller Zweck vorgesteckt und darüber etwas beschlossen wird, und
die Süddeutschen diesmal nicht blos reden, sondern auch zahlen sollen.
Die Linke ergriff wieder den Gegenstand, um zu rhetorisiren und zu
frondiren. S., der (laut allen Nachrichten) seine Arbeiter am härtesten
behandelt, sprach von ihrer vollständigen Armuth und ihrem Hungern, und
zugleich, als wolle man +ihnen+ die Aufbringung der Kosten für
die Flotte auflegen. Nachdem ihm diese dumme Rederei das beabsichtigte
erste Bravo der Galerie verschafft hatte, folgte (wie vorherzusehen
war) eine Anklage der Wohlhabenden, der Reichen und der Fürsten. Deren
Einnahmen mit Beschlag zu belegen ist die, gar nicht mehr verborgene,
Absicht gewisser Leute. Bei den Fragen über die Fragstellung und
die wörtliche Fassung des Beschlusses, bewegte sich der Präsident
auf einer Bahn mit Hindernissen, und es gab sich die alte deutsche
Schwerfälligkeit und Wortklauberei wieder einmal kund.
Gegen Abend ging ich zum holländischen Gesandten, Hrn. von Scherff,
der mich verfehlt hatte. Der Gegenstand des langen Gespräches
waren die Angelegenheiten Limburgs, worüber der völkerrechtliche
Ausschuß berichten soll. Hievon (da das Verwickelte Euch nicht
interessiren kann) für jetzt nur so viel. Der wiener Congreß hat, auf
unverantwortliche Weise, Deutschland von der Maaß abgeschnitten, und
es zeigt sich keine Möglichkeit in diesem Augenblicke, diese Sünde
wieder gut zu machen. Die Einwohner Limburgs sehen umher, wo die
Steuern am höchsten sind, in Holland, Belgien oder Deutschland, und
möchten deshalb sich ganz diesem anschließen und die Verbindung mit
Holland auflösen. Die letzte ist allerdings sehr unbequem, beruht aber
auf Verträgen, die man nicht einseitig ändern kann. In wiefern dies,
nach Entwerfung einer neuen deutschen Verfassung (z. B. hinsichtlich
des Zollwesens) nöthig wird, läßt sich noch nicht übersehen. Man wird
zunächst dies Alles der zu gründenden vollziehenden Gewalt zuweisen
müssen, damit sie diplomatische Verhandlungen anknüpfe.
Ich schrieb Euch, daß Hecker für Frankfurt erwählt ward, und lege
sein anarchisches, fanatisches, zu Bürgerkrieg hinweisendes Manifest
bei. Leider sind aber die so eben erst aus dem Schlafe erwachenden
Deutschen zum großen Theile der Meinung: aus völligem Zerstören alles
Bestehenden, aus dem anarchischen Chaos, gehe das Eldorado einer
beglückenden Freiheit hervor. Sie sehen nicht, welchem Despotismus
sie in die Hände arbeiten; die Verführer ahnen nicht, daß eine
unerbittliche Nemesis sie erreichen muß, Niemand weiß, ob die hiesige
Versammlung den Muth haben wird, H. zurückzuweisen; wahrscheinlicher,
daß man den Zurückgewiesenen wieder wählt. -- Wo sitzt nun die
eigentliche Volkssouverainetät? In den von vielen Millionen („nach der
breitesten Grundlage“) erwählten Abgeordneten, oder den von Hecker
zusammengetrommelten Crethi und Plethi? -- Gott bessere es! -- Wir
rollen den Stein des Sisyphus! Briefe schreiben ist eine Ableitung des
kranken Stoffes; der Stein liegt dann nicht mehr auf der Brust und man
kann sich einbilden, ihn eine Zeit lang mit Füßen zu treten.
Die Behandlung Sydow’s und Arnim’s ist skandalös! Wenn nicht Feigheit
und böser Wille vorherrschte, müßte man doch einmal irgend einen der
nichtsnutzigen Ruhestörer verhaften und strafen können. Man sollte
glauben, Polizei, Magistrat, Stadtverordneten, Bürgerwehr wären gar
nicht vorhanden. Wie ganz anders benahm man sich in London, und selbst
in Paris.
Der zweite preußische Landtag, „auf die breiteste Grundlage gegründet,“
-- nimmt sich viel schlechter aus, als der erste; und auf das frühere
Lob fremder Völker wird bittere Kritik nicht ausbleiben. Alles zu
Allem gerechnet, sind für Frankfurt tüchtigere Männer erwählt als für
Berlin, und besonders in den minder zahlreichen Ausschüssen fehlt es
nicht an Verstand, Haltung und Mäßigung. -- So schön jetzt die nächsten
Umgebungen Frankfurts sind, wäre ich doch lieber mit Euch in unserem
kleinen Garten. Könnte man nur Auge und Ohr gegen tausend andere Dinge
verschließen. Nun genug des Lamentirens, und zum Schlusse das alte
Motto: ~nil desperandum~.
Hier ist noch Alles ruhig; die Stimmung aber, besonders gen Baden
hin, revolutionair. Vielleicht erhält Frankreich jedoch noch eher
+einen+ Herrn, als in Deutschland der republikanische Betteltanz
losgeht. Wenn man (wie ich) die nordamerikanischen Freistaaten
bewundert, möchte man verzweifeln, wenn man sieht, aus welchen
Bestandtheilen man hier Freistaaten errichten will. Tugenden gehören
dazu, welche unsere Raisonneure am wenigsten besitzen: Mäßigung und
strenge Achtung vor den Gesetzen.
Zwölfter Brief.
Frankfurt a. M., den 15. Junius 1848.
Hierauf ein Besuch des Hrn. Bassermann, den ich verfehlt hatte.
Der vernünftige Mann, welcher zuerst den kühnen Gedanken von einem
allgemeinen deutschen Parlamente aussprach, wird jetzt auch schon
verlästert und verketzert.
Jetzt erschien wiederum ein polnischer Abgeordneter, Graf P. Ich könnte
mir einbilden, daß meine immer nachdrücklich wiederholten, dialogischen
Vorstellungen Eindruck machten. Wenigstens ward er mit mir einig: die
rein deutsche Bevölkerung müsse von der polnischen getrennt und zu
Deutschland geschlagen werden. Die gemischte Bevölkerung müsse man nach
gütlicher Übereinkunft durch unparteiische Beauftragte, der deutschen
oder polnischen Seite zuweisen. Die Festung Posen müsse (selbst zum
Besten der Polen) in preußischen Händen bleiben. -- Ich will die Gründe
für diese Vorschläge nicht wiederholen. Es folgt aber gar nicht
daß, was Graf P. heute billigt, ihm nach genommener Rücksprache mit
mehr fanatisirten Polen, noch morgen billig und nützlich erscheint.
So lauten z. B. die Anträge des pariser polnischen Ausschusses
hinsichtlich der deutschen Bevölkerung auf unbedingte Unterwerfung
unter die zu errichtende polnische Regierung. Die Juden sollen ferner
in keinem Falle der deutschen Bevölkerung hinzugerechnet werden u.
s. w. Ich habe übrigens dem Grafen P. offen gesagt, was der Ausschuß
+wahrscheinlich+ annehmen und verwerfen dürfte, und für und gegen
welche Anträge ich stimmen würde.
Den 16. Junius.
Ich erfuhr gestern, gewiß nicht zu Eurer Freude, daß die Abgeordneten
vieler demokratischen Vereine so eben beschlossen haben, Berlin zum
Mittelpunkte aller ihrer Bestrebungen zu erheben und Emissaire u. s.
w. dahin zu senden, um wo möglich durch ihre anarchischen Bestrebungen
den preußischen Staat (der allein noch einige Haltung hat) auseinander
zu sprengen. Wenn, wie man erzählt, die berliner Bürgerwehr nur
dann einschreiten will, wenn Eigenthum bedroht wird, nicht aber bei
politischen Bewegungen (wie gegen Arnim und Sydow), so wäre dies ein
höchst einfältiger oder höchst böswilliger Beschluß. Haben denn
die politischen Bewegungen nicht schon die Hälfte alles Vermögens
hinweggenommen, und ist dem Mißhandelten seine Haut nicht so nahe und
noch mehr sein Eigenthum, wie andere entbehrlichere Dinge? Sollen Sydow
und Arnim erst klagen, nicht wenn man ihnen den Hut vom Kopfe schlägt,
sondern wenn man ihn stiehlt? Die 10 Gebote sind aber freilich auch
nicht mehr ~à la hauteur du jour~, wie in der hiesigen Versammlung
gehaltene Reden zeigen. -- Die Thätigkeit der Demokraten ist ungemein
groß, sie haben ein festes Ziel, scheuen kein Mittel, verlocken
durch die Aussicht jeden Wohlhabenden nach Belieben zu schatzen, die
Fürsten wegzujagen und ihr Eigenthum zu vertheilen. Die matte, feige,
wankelmüthige Defensive der Fürsten und Regierungen vertilgt alles
Vertrauen, und erhebt noch weniger zu thätiger Begeisterung. Kann man
doch in Berlin nicht einmal zu dem in Paris gefaßten, so nothwendigen
als löblichen Beschlusse kommen, mit Nachdruck die Straßenunruhen zu
beenden und die heillosen Maueranschläge zu verbieten.
Im Badenschen denkt man bestimmt daran, die regierende Familie
wegzujagen. Täglich rückt die Gefahr näher. Ein allgemeiner deutscher
Bund könnte gewiß monarchische +und+ republikanische Staaten in
sich begreifen (wie es ja auch früher der Fall und die Zusammensetzung
viel mannigfaltiger war), allein wenn die letzten durch Gewalt
entstehen, ist eine Beruhigung und Versöhnung unendlich schwer.
Hat man sich nicht 30 Jahre lang bekämpft, bevor man begriff, daß
Katholiken und Protestanten friedlich nebeneinander leben können?
Gehen wir politisch einer ähnlichen Jammerzeit entgegen, oder werden
die Ultramontanen auch die religiöse Duldung hier von Neuem angreifen?
-- Es ist mehr als wahrscheinlich, daß, während eine Partei nur an
Republiken denkt, eine andere die großen unabhängigen Erzbisthümer
mit Kirchenfürsten herstellen möchte. Diesen wäre auch wohl ein
Schattenkaiser in Frankfurt und ein ihn gängelnder, mächtiger Papst
in Rom willkommen. Gott weiß, was das Chaos gebären wird; etwas Neues
muß nach dieser Schwängerung nothwendig in die Welt kommen; denn der
jüngste Tag ist noch nicht vor der Thür.
In der heutigen Sitzung des völkerrechtlichen Ausschusses kamen
die allerbuntesten, wunderlichsten, uns zugestellten, Anträge zu
vorläufigem Vortrage. Sie betrafen alle Länder und Völker Europas und
Amerikas, Krieg, Frieden, Zölle, Auswanderungen, Abtretungen, große
Proklamationen, und abermals Proklamationen u. s. w. Man theilte die
Schaaren ein in Unterabtheilungen, und für jede Abtheilung erwählte
man durch Abstimmung einen vorläufigen Berichterstatter. Mir wurden zu
Theil: Anträge auf eilige Beendung des österreichisch-italienischen
Krieges, Schutz oder Aufgeben Triests, Abtreten oder Nichtabtreten
Südtirols u. dgl. Ich erklärte: über gewisse geschichtliche
Curiositäten, auf welche Einige Gewicht legten, sei ich nicht
unterrichtet; indessen schienen mir jene Anträge im Ganzen durchaus
unzeitig, und ich sei entschieden dagegen, mit thörichter Großmuth
Landstrecken abzutreten, während Niemand ähnliche Großmuth gegen
Deutschland übe. Diese und ähnliche Bemerkungen, befreiten mich aber
nicht von jenem Auftrage, und so will ich denn zunächst eine, für mich
belehrende Rücksprache, mit dem österreichischen Gesandten Herrn v.
Schmerling nehmen.
-- kommt so eben aus einer Versammlung der Abgeordneten demokratischer
Vereine. Er sagt, die wilde Leidenschaft der Vorträge, die
Gewaltsamkeit der vorgeschlagenen Mittel, und die Thorheit der Zwecke
sei solcher Art gewesen, daß er geglaubt, er sei zu gleicher Zeit im
Tollhause und in einer Mördergrube. Diese Leute ziehen von Stadt zu
Stadt, von Dorf zu Dorf, Alle verlockend, verführend, verdutzend,
verdummend, verwildernd. Berlin soll von jetzt an ihre Residenz,
ihr Hauptquartier sein. Wahrt Euch, ehe es (wie beim gestürzten
Ministerium) +zu spät+ ist!!
Gestern, 16. Abends, hörte ich zu meiner größten Betrübniß, daß in
Berlin schon wieder Skandal gewesen. Wird denn Niemand der völligen
Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft entgegentreten? Sind denn die
Stadtverordneten nichts wie Knechte des Pöbels? Und der Reichstag! Will
man es durchaus bis zu einem Bürgerkriege der Landschaften, gegen den
Pöbel und die Feiglinge der Hauptstadt treiben? Gott helfe weiter, denn
wir helfen uns leider nicht einmal in den Dingen, wo menschliche Hülfe
nöthig ist und ausreicht.
Dreizehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.
Der alte Spruch findet hier volle Wahrheit, daß die Sorge den Menschen
nie verläßt: sie geht mit zu Bett, tritt im Traume vor Augen, steht
Morgens mit auf u. s. w. Und hat man sich mit den frankfurter Sorgen
etwas abgefunden, so langt eine neue Last mit der berliner Zeitung
an, des übrigen Europa nicht zu gedenken! Die Republikaner haben hier
+ganz öffentlich+ vielerlei tolle Dinge beschlossen, darunter die
sogenannte Emancipation der Frauen. Wichtiger und folgenreicher ist es,
daß sie einen Ausschuß von sieben Personen erwählten, um nach Berlin
zu gehen und mit Hülfe von „60,000 +bewaffneten+ Proletariern“
Stadt und Land zu revolutioniren. Alle Könige und Fürsten, sagen sie
laut, sollen mit einem Schlage in Deutschland vernichtet werden. Und
wenn Schwäche und Muthlosigkeit fortdauern wie bisher, ist dies nicht
blos möglich, sondern wahrscheinlich. Wie unentschlossen hat sich der
berliner Reichstag in Bezug auf die argen Frevel des 14. benommen, wie
achselträgerisch, mit dem Gesindel liebäugelnd, sich fürchtend, Alles
-- glatt streichend. Keine Spur gerechten, großartigen Zornes, keine
Maßregel die des Erwähnens werth wäre, keine Strafe, sondern unter
Lächeln und Händedrücken ein vertrauensvolles Fraternisiren mit Denen,
welche die Verbrechen begingen, oder doch ihre Schuldigkeit nicht
thaten!!
Auch der censurfreien Presse scheint der Pöbel ein härteres Joch und
einen schärferen Zügel aufgelegt zu haben. Doch genug über diese
furchtbaren Miserabilitäten. Arg ist es hier auch, aber doch nicht so
arg.
In der gestrigen (17.) Sitzung, ließ die Linke ihren Neigungen einmal
wieder freien Lauf, während der übrige Theil der Versammlung mit
Recht größtentheils schwieg. Zuvörderst vielerlei unnütze Einreden
gegen die Fassung des Protokolls; hierauf große Klagen, daß der
Präsident (weil nichts zum Vortrage reif war) die Freitagssitzung,
durch Bekanntmachung ausgesetzt und auf den Sonnabend verlegt hatte.
Daran reiheten sich die unnützesten Bedenken über einen möglichen
Mißbrauch seiner Macht, wie z. B. wenn er nun gar keine Sitzungen
berufe u. dgl. mehr; hauptsächlich aber war der Trödel angefangen,
um den (gutentheils noch mit Demokraten gefüllten) Galerien ein
Paradepferd vorzureiten und auf Kosten der angeklagten Versammlung,
schlechten Beifall aus der Höhe zu erhalten. Ueberdies haben fast
alle diese Demagogen beneidenswerthe Lungen, sie schreien ärger
wie die Zahnbrecher, scheuen sich nicht unzählige Male dasselbe zu
wiederholen, und stellen Mangel an Höflichkeit und Anstand, als Muth
in Rechnung. Insbesondere ließ es Herr -- an jenen guten Eigenschaften
so fehlen, daß ihn der Präsident zur Ordnung rufen mußte. Dies rechnen
sich aber manche Leute (des höheren Beifalls der Galerien gewiß) zur
Ehre. Er klagte also Versammlung und Ausschüsse der Faulheit an: sie
täusche alle Erwartungen des so lange gedrückten und mißhandelten
Volkes, erwecke Unzufriedenheit, sei Schuld an allen Aufständen,
rufe eine zweite, nothwendige, noch viel schrecklichere Revolution
hervor, sei schuldig am Untergange alles Bestehenden. -- So legte man
die eigene Schuld auf die Schultern der Unschuldigen, gegen eigenes
Wissen und Gewissen. Nachdem 6-8 Redner, alle von der Linken, sich
immer wiederholend ausgetobt hatten, legte Herr Bassermann in einer
einfachen, aber schlagenden Darstellung, die Wahrheit so vor Augen, daß
Keiner etwas zu erwidern wußte. Hierauf rechtfertigten die Vorsteher
der einzelnen Ausschüsse ihr Thun, und erwiesen den großen Fleiß und
die Anstrengungen derselben in einer Weise, daß jeder Unbefangene das
Geschrei der Linken mißbilligen mußte, und ihr mit Recht vorgeworfen
wurde: +sie+ sei hauptsächlich (wie am heutigen Tage) Schuld an
der Zeitvergeudung. -- Ungeschreckt bestieg Herr Schlöffel ein anderes
Paradepferd und verlangte mit groben, aufgebauschten Floskeln: daß die
Versammlung auf der Stelle die Unverletzlichkeit der Abgeordneten,
gegen hochverrätherische Fürsten, Behörden und Beamten dekretire. Und
zwar ging die Absicht dahin, alles und jedes Thun, auch außerhalb
der Versammlung zu sanktioniren. Als vor Kurzem von den Gefahren
durch Aufstände, Empörer u. dgl. die Rede war, hielt die Linke jede
Schutzmaßregel für überflüssig; jetzt schlug sie die strengsten
Maßregeln nach oben vor, während sie der dringenden Gefahr vom
souverainen Pöbel her, gar nicht erwähnte. Zuletzt fielen alle unnützen
Vorschläge mit großer Stimmenmehrheit durch. Überhaupt ist die hiesige
Versammlung besser zusammengesetzt und hat mehr Talent und Haltung,
als die berliner. Bleiben Revolutionen außerhalb derselben nur aus;
durch die Versammlung selbst wird mancher Fehler begangen, aber nicht
Anarchie +vorsätzlich+ hervorgerufen werden.
Ich muß die Forderung der Wähler, daß Sydow und Bauer ihre Stellen
niederlegen sollen, durchaus mißbilligen. Sie hebt Form und Wesen
der Repräsentation ganz auf, macht die Gesetzgebung von dem
leidenschaftlichen und windigen Belieben der Massen abhängig,
verwandelt die Abgeordneten in bloße Boten und Knechte, vertilgt
alle Festigkeit und Dauer gesetzlicher Bestimmungen und begründeter
Überzeugungen. Wenn wider jene Forderung gar kein ernstlicher
Widerspruch erhoben wird, so ist dies ein Beweis jämmerlicher
Furchtsamkeit, oder völliger Unwissenheit über geschichtliches, sowie
philosophisches Staatsrecht.
Unsere Sitzungen in Frankfurt werden von jetzt an immer wichtiger
werden. Der Ausschuß für Bildung einer vollziehenden Gewalt, hat
seine Vorschläge eingereicht (ich lege ein Exemplar bei) und der
Verfassungsentwurf wird (so weit er die Volksrechte betrifft) auch
schon in dieser Woche zur Berathung kommen. Über diese Berathungen
künftig mehr.
Vierzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.
Es mag kindisch von mir sein, aber ich kann mich gar nicht trösten über
den Sturz unserer schönen Linde! Mir ist als wäre mir ein treuer Freund
gestorben, von dem ich überzeugt war, er würde mich lange überleben.
Ist es aber, bei allem gerechten Schmerze, nicht zuletzt ein schöner
Tod? Durch die mächtige Hand des Himmels abgerufen in der Pracht seiner
Jugendblüthe, betrauert, beweint, bevor die Wurzeln nicht mehr den
Boden festhalten konnten, bevor die in Blättern und Blüthenreichthume
glänzende Krone vertrocknete, die kühnen Aeste zu Boden fielen, die
Theilnahme erlosch, und ein Todesurtheil von frierenden Gesellen oder
einem eigennützigen Bauherrn über ihn ausgesprochen ward. Ich möchte
mir wünschen, statt in die kalte Erde gelegt zu werden, in den Flammen
seines duftenden Scheiterhaufens gen Himmel zu steigen; denn hier --
geht es ohnehin mit mir zu Ende. -- Laßt nur bald ein Bäumchen an die
Stelle des Baumes pflanzen; obwohl der nach meinem Tode auch bald von
Baulustigen wird umgehauen werden. Auf dem jetzt betretenen Wege kann
es indessen bald dahin kommen, daß in der Residenzstadt Berlin die
Bäume wild wachsen und die Häuser einfallen.
Doch wozu Euch und mich noch weicher stimmen; indessen wechselt Wehmuth
und Zorn. Vielleicht stählt man sich auf diese Weise am besten. Ich
lasse mir aber auch eine Zerstreuung gefallen. Hr. Andre, von dem ich
das Fortepiano gemiethet, lud mich (wie anliegende Karte zeigt) zu
einem musikalischen Morgenvergnügen. Während des wehmüthigen Adagio
von Mozart dachte ich immer an unsere Linde. Sie war mir das Bild der
Vergänglichkeit für Blumen, Bäume, Städte, Throne, Völker. Ich mußte
mich zusammennehmen, um nicht (zu Ehren der Virtuosen) allzu gerührt
zu erscheinen. -- Hr. Jaell ist ein sehr fertiger Klavierspieler. Das
Vorgetragene litt jedoch meist an den neumodischen Schwierigkeiten,
Willküren und Kunststücken. Insbesondere war durchaus unbegreiflich,
warum Hr. Willmers sein Werk „ein Sommertag in Norwegen“ betitelt
hatte. Möglich, daß ein Paar norwegische Noten darin versteckt und
verdeckt waren, giebt das aber eine Analogie zu einem Sommertage? -- Im
Ganzen ward Alles gut ausgeführt, und beim Herausgehen besah ich mir
die frankfurter Damen. Gemischter Art, wie meist überall.
Den 19. Junius.
Gestern Abend sah ich zwei Akte der Jüdin von Halevy. Die Aufführung
war besser wie die Musik selbst. Diesen Componisten liegt Alles zur
Hand: mehr wie sechs Oktaven auf und ab, viele sonst unbekannte oder
vervollkommnete Instrumente, große Vorbilder u. s. w.; und dennoch
verstehen sie daraus nichts zu erbauen, was Haltung, Maß, Styl,
Einheit hätte. Sie bringen es nicht über ein betäubendes Chaos der
Quantität. Nach zwei Akten begab ich mich, matt und zerschlagen, mit
dem Gymnasialdirektor Nizze auf die Flucht, um einen Spaziergang um
die abendliche Seite der Stadt zu machen. Himmel und Erde prangten in
gleicher, harmonischer Schönheit; wogegen das Treiben der Menschen sich
jetzt in lauter unaufgelöseten Dissonanzen gewaltsam weiter, -- oder
in unfruchtbarem Kreise --, bewegt. Laß es Dich nicht gereuen, für
vergängliche Blumen gesorgt und Dich daran erfreut zu haben. Nur das
Vergängliche bedarf und verdient unsere Sorgfalt, und den Tagen des
Sturmes und Hagels folgen in diesem und dem künftigen Jahre, auch Tage
heiteren Sonnenscheins. Darum sorge, nach wie vor, für den Garten.
Die spikersche Zeitung vom 17. hat doch einigen Trost gebracht:
Milde’s Erzählung, Sydow’s Erklärung, andere Stimmen für Ordnung und
Recht, Blesson’s Abdankung u. s. w. Wenn aber nicht ein Mann von
beherrschendem Muthe und großer Kraft an die Spitze der Bürgerwehr
kommt, bleibt Alles schwankend und unsicher.
Wenn es genügender Trost ist, Unglücksgefährten zu haben (~socios
malorum~), so könnten wir fast zur Heiterkeit zurückkehren, so viel
übler sieht es aus in Neapel, Prag, Paris. Im Fall die französische
Republik an den heranrückenden Gefahren stirbt, schwindet manche
Hoffnung deutscher Demokraten (welche z. B. in Maueranschlägen den
hiesigen Reichstag auffordern, Hecker höflichst einzuladen); aber ob
wir dann nicht noch schneller in Krieg verwickelt werden, läßt sich
nicht voraussehen. Louis Napoleon ist, des bloßen Namens halber, weder
ein Friedens- noch ein Kriegsheld; sondern ein Aushängeschild, eine
Firma, für welche Andere handeln wollen.
Heute beginnt die Berathung über die einstweilige vollziehende Gewalt.
Die Ansichten gehen weit aus einander, und die Bemühungen der Linken,
durch Unterschriften (+vor+ aller Berathung und Erörterung) eine
Verpflichtung zu +bestimmtem+ Abstimmen herbeizuführen, muß ich,
mit vielen andern tüchtigen Männern bestimmt mißbilligen. Zu den
Hauptfragen und Streitpunkten dürften folgende gehören:
1) Ist es nothwendig, oder nicht nothwendig, vor Entwerfung einer
dauernden Verfassung, auf kurze Zeit eine vollziehende Gewalt vorläufig
zu gründen?
2) Soll dieselbe anvertraut werden 1, 3, oder mehr Personen?
3) Wer soll dieselben ernennen? Die Regierungen; oder in welchem
Verhältniß sollen diese an der Ernennung Theil nehmen?
4) Welche Rechte soll die vollziehende Gewalt erhalten?
5) In welcher Weise soll sie ihre Beschlüsse zur Ausführung bringen?
6) Welche Minister sind nothwendig, und welche Stellung sollen sie zu
den Direktoren und zum Reichstage erhalten? u. s. w. u. s. w.
Ihr seht, des Stoffes ist genug zu Streit und zu Versuchen. Die
Woche wird wohl hingehen, bevor wir zu einer, hoffentlich nicht ganz
thörichten, Entscheidung kommen.
Die Sitzung dauerte heute von 9-½3 Uhr. Zuerst ein Bericht über die
böhmisch-tschechische Frage, wo man beschloß, eine große Proklamation
zu erlassen, während man die Deutschen in Prag todtschlägt.
Zu den alten 17 Anträgen über die neue vollziehende Gewalt, waren
34 neue gekommen, und 113 Redner meldeten sich. Der Vorschlag, daß
+Alle+ vor dem Schlusse gehört werden +müßten+, fiel Gottlob
durch, und eine allgemeine Untersuchung über die Nothwendigkeit der
Maßregel, ward für entbehrlich erklärt.
Die Linke war heute in den Erörterungen gewiß nicht die stärkere,
erfreute sich aber, wie natürlich, des Beifalls der Galerien. Ein Herr
-- ermüdete durch seine überlange und langweilige Rede, auch diese,
und einer meiner Nachbarn (ein wiener Advokat) schlief während der Zeit
wie eine Ratze. Nach einer verständigen Rede von Radowitz (an deren
voller Aufrichtigkeit jedoch Einige zweifeln) ließ sich ein Pfeifen,
oben, und vielleicht auch unten hören. Da verlor der Präsident Gagern
die Geduld und sprach von Ungezogenheiten und Bubenstücken; was das
Gesindel und die Schreivögel denn doch einschüchterte. Vortrefflich
redete Bassermann, sehr gut Dunker aus Halle; beide haben das
Verdienst, der Wahrheit und dem Rechte die Ehre gegeben zu haben. Der
ächte Sieg war auf ihrer Seite. -- Auf den Inhalt näher einzugehen,
fehlt mir heute die Zeit. Es wird genügen, künftig etwas über die
letzten Ergebnisse zu sagen.
Nach beendigter Sitzung hoffte ich ruhig bei Hrn. Jouy zu essen; zu
dem Tische hatten sich aber einige Studenten oder studentenartige
Kreaturen eingefunden, welche Deutschland durchzogen hatten und vom
Sinne und der Stimmung seiner Bewohner Dinge verkündeten, über die
man bittere Thränen hätte weinen können! In unseren Tagen (lehrten
die neugebackenen Propheten) giebt die +Macht allein+ das +Recht+.
Die Fürsten müssen gerichtet und weggejagt werden, ein Bürgerkrieg
ist nothwendig und nützlich u. s. w. Und in demselben Augenblicke,
wo der Wahnsinnige mit eiskalter Gleichgültigkeit diese furchtbaren
Behauptungen ausspricht und meint, die Ereignisse hätten immer und
allein +Recht+, erzählt er achselzuckend: man habe einen Deutschen zu
Prag im Wirthshause mit Biergläsern und seine Frau in ihrer Wohnung
todt geschlagen, und einen Andern lebendig gekreuzigt!! -- Mit
solchen Leuten hilft kein Streiten, diese Pestbeulen lassen sich mit
gewöhnlichen Arzneimitteln nicht heilen. Auch sind sie an den Gedanken
terroristischen Guillotinirens vollkommen gewöhnt und untersuchen
nur, wo und wie der Anfang zu machen sei. Ich eilte aus dieser, an
die schlechtesten Zeiten der Revolution erinnernden Gesellschaft
fortzukommen. Ja, die Franzosen hatten weit mehr Veranlassung zu ihrer
Tollheit, und es war wenigstens Methode in derselben. Baboeuf und
Consorten sind genial und großartig gegen diese fluchwürdigen, sich und
Andere aushöhlenden, leeren Schwätzer, Phrasendrechsler und lächelnden
Meuterer.
Die heutige Sitzung (20.) begann um 9 Uhr und endete ½3 Uhr. Zuvörderst
große Begeisterung, vermöge welcher erklärt wurde: ein fremder Angriff
auf Triest gelte für eine Kriegserklärung. Muth und Ehrgefühl genug,
aber vor der Hand keine Mittel, den Beschluß geltend zu machen. Ich
hoffe, Karl Albert wird deshalb die deutschen Handelsschiffe im
mittelländischen Meere nicht aufbringen lassen. Am Schlusse der
Sitzung war man drauf und dran, mit verkehrter Eil, ein Heer nach Prag
zu senden, um die Deutschen zu schützen. Wohlgemeint; noch ist aber
nach Zeugnissen von Böhmen die ganze tschechische Bevölkerung auf dem
Lande ruhig, und ein solcher Heereszug der Deutschen könnte leicht
einen neuen Hussitenkrieg entzünden. Endlich ging es durch, die Sache
zu ruhiger Ueberlegung an den bereits hiefür bestehenden Ausschuß
abzugeben.
Den Inhalt der mehrstündigen Berathung über die zu errichtende,
vollziehende Gewalt kann ich nicht einmal im Auszuge hier wiedergeben.
Nur einige unbedeutende Nebenbemerkungen können Platz finden. Doch
ist es keine Nebenbemerkung, wenn ich behaupte, die +Zögerungen+ und
die +Nichtigkeit+ der Regierungen habe jene +wichtige+ Frage ganz in
die +Hände der Nationalversammlung+ gebracht, und diese werde gewiß
durchsetzen, was ihr gefällt. Der wohlgemeinte Vorschlag des Hrn.
Bürgermeister -- --: die vollziehende Gewalt in die Hände Preußens zu
legen, war bei der Stimmung der Versammlung unzeitig, und ward mit so
schwacher Stimme und so ohne rednerisches Talent entwickelt, daß er
völlig zu Boden fiel. Unter den Rednern der Linken ist Robert Blum bis
jetzt der bedeutendste. Er benutzte die Schwächen seiner Gegner sehr
geschickt, wußte mit sophistischer Gewandtheit seine Ansichten und
Grundsätze für die leicht begeisterten Unwissenden glänzend vorüber zu
führen, und erhielt natürlich den lauten Beifall seiner Freunde und
der, noch immer nicht zu bändigenden, Galerie. Höchst langweilig war
dagegen die im sächsischen Dialekte hersyllabirte Rede eines ähnlich
Gesinnten. Jeder, sagte er, ist gleich bei der Geburt ein Souverain;
welche erhabene Äußerung viel Heiterkeit erregte. Welker sprach mit
großer Lebendigkeit für seine, im Verhältniß zur äußersten Linken,
conservative Ansicht. Ähnlich ein Wiener, von Würth; -- Beckerath
ruhig, gemüthlich, überzeugend.
Ich begreife allmälig, daß König F. W. III. alle Abende ins Theater
ging, um seine Regierungssorgen los zu werden; mir bleibt fast auch
nur dies Mittel, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. So sah
ich (19.) gestern einige Akte eines dramatisirten Volksmärchens von
Musäus, wo der verzauberte Barbier sich lustig genug ausnahm. Diese
Posse des Abends war gewiß besser und ergötzlicher, als der wilde Ernst
der veralteten, im Kopfe verwirrten, im Herzen angefrorenen Jugend,
des Mittags. -- Den 20. Nachmittags machte ich einen Spaziergang rings
um einen großen Theil der Stadt. Die Umgebungen sind, ich wiederhole
es, in ihrer Art höchst reizend; und ich kenne keine Stadt, welche in
dieser Beziehung Frankfurt gleich zu stellen wäre.
Funfzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 22. Junius 1848.
Die gestrige Sitzung dauerte von 9-½3, die Versammlung im
völkerrechtlichen Ausschusse von 6-8; hiezu Lesen, Vorbereitungen,
Geschäftsbesuche u.s.w. Es ist ein Wunder, daß man leiblich und geistig
diese Anstrengungen aushält. Auch werden Manche schon matt wie die
Herbstfliegen, und noch gestern bewunderte ein jüngerer Mann meine
67jährige Rüstigkeit. Dank sei dem Himmel, und daß ich immer der Natur
gemäß gelebt habe: nirgends zu +viel+, oder zu +wenig+. Denn das letzte
taugt auch nicht, und macht alt vor der Zeit.
Die Sitzung begann mit einem Berichte über die böhmischen Verhältnisse,
der die argen Uebereilungen zurückwies, denen man sich vorgestern
in falscher Begeisterung hingeben wollte. Erst wenn Österreich es
verlangt, wird der Bund Mannschaft nach Böhmen senden.
Hierauf Fortsetzung der Berathung über die Bildung einer vollziehenden
Gewalt. Es fehlt nicht an halbwahren Vergleichen, schiefen Bildern,
rhetorischen Kunststücken und vor Allem an +Grobheiten+ gegen
Bundesversammlung, Fürsten und einzelne Gegner. -- -- -- Ein anderer
Hauptredner der Linken, Herr --, sagte: ihr seid allmächtig! Verkündet:
es soll Niemand mehr Zoll bezahlen, und es bezahlt Niemand mehr;
sagt den Bauern, ihre Abgaben sollen aufhören, und sie hören auf.
Derlei demagogischer Unsinn fand nebenbei seine Widerlegung, als die
Rede darauf kam: ob jene Allmacht sich auch bei neuen +Forderungen+
zeigen würde? -- Lächerlich war es, als er die +Genügsamkeit+ der
Linken rühmte; zur Ordnung rief man ihn, als er sagte: wenn +hier+ die
Mehrzahl nicht thut was wir wollen, so haben wir +draußen+ mächtigere
Hülfe u. s. w. -- Sehr geschickt rief der Präsident Gagern +nicht+ zur
Ordnung, sondern sagte: man lasse den Redner ausreden, denn es ist
gut, daß wir erfahren, welche Mittel jene Herren anwenden können und
wollen. Den Schreiern folgten nun mehre Redner, welche auf die Sache
selbst eingingen, und statt der Phrasen und flacher Rhetorik, ernste
und oft witzige Gründe vorlegten. So Auerswald und Beisler. Endlich
erwies Vincke sein altes Talent und sprach seine Ansichten mit Kühnheit
und Geistesgegenwart aus, ohne sich durch das Ach und Oh seiner Gegner
einschüchtern zu lassen.
Wie haben sich die Zeiten geändert! Im vergangenen Jahre, wollte ihn
der König nicht sehen, er war im Verrufe bei allen Schwachköpfen, er
sollte seiner Stelle entsetzt werden; und jetzt vertheidigt er Könige
und Fürsten wider maßlose Angriffe! Ging und geht es mir aber nicht
ebenso? -- Wiederum erblickt man hinter allem Lobe der Demokratie, die
Hinneigung zur Diktatur und zum Terrorismus.
Im Ausschusse führte ich und der Hamburger Herr Heckscher einen
lebhaften Streit gegen das Ansinnen: der Berichterstatter in einer
Sache solle Thatsachen, Gründe, Gegengründe u. s. w. u. s. w.
buchstäblich niederschreiben und vorlesen. Es war auf ein Corrigiren
wie der Quintanerexercitia abgesehen, würde unsäglich viel Mühe und
Zeit kosten, ein unerträgliches, schriftliches Verfahren, an die
Stelle mündlicher rascher Verhandlungen setzen und folgerecht auch
ein Ablesen der Reden herbeiführen. -- Beim Abstimmen fiel, in Folge
unseres nachdrücklichen Widerspruchs, die, allweise sich anstellende,
Pedanterie zu Boden.
Nachdem alle diese Kelche geleert waren, ging ich mit einem gescheiten
Baier Hrn. Gombart, spazieren bis Bockenheim und hatte neue
Veranlassung die Anmuth der Umgegend, die Schönheit der Gärten und die
Mannigfaltigkeit der Landhäuser zu bewundern.
Ich freue mich über M--s muthige Äußerungen. Er hat ganz Recht, daß so
große Umgestaltungen in der Weltgeschichte nicht ohne Wehen und Verlust
abgehen können. Wenn man den Muth nicht verliert, nicht verzweifelnd
die Hände in den Schoß legt, so wird man im kleineren, wie im größeren
Kreise nützlich wirken und zur Erhaltung oder Wiedergeburt nach Kräften
beitragen. Das bloße Lamentiren (wie --) hilft zu gar nichts, auch üben
gewöhnlich persönliche Vortheile, oder Nachtheile einen großen Einfluß.
Bevor man sich nicht über diese Rücksichten erhoben hat, kann man gar
nicht unbefangen einwirken.
Die Linke ist in B. so schwach, wie hier; wenn man nach ächter
Erkenntniß und Politik fragt. Allein Vorurtheil, Fanatismus und
Ehrgeiz überflügeln oft in ihrer gewaltsamen Bewegung, alle Wahrheit
und Einsicht. +Gut+, daß Sydow und Bauer +nicht+ ausgetreten sind.
-- Schutz des Volkes ist ein wohlklingendes, verständiges Wort; wenn
aber der, Gesetze übertretende, Pöbel sich Volk nennt, soll man nicht
schwatzen und liebäugeln; sondern mit Muth und Kraft entgegentreten und
handeln.
Sechzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 23. Junius 1848.
Ich dachte Euch heute endlich einmal einen recht fröhlichen Brief
zu schreiben, über den eingegangenen höchst wichtigen Bericht, die
Volksrechte betreffend. Nachdem wir hier so manches leere Stroh
gedroschen, handelt es sich von großen und wahren Fortschritten. --
Da langt die Nachricht von dem Abtreten des Ministeriums Camphausen
ein, welchem Ereignisse ich durchaus keine heitere, erfreuliche Seite
abgewinnen kann. Es fällt nämlich entweder durch eigene Schwäche
und Uneinigkeit, und das ist beklagenswerth. Oder es wird gestürzt
durch die steigende Macht der Linken; dann werden wir ein Ministerium
bekommen, wie das von Roland, Servan u. s. w. in Frankreich war, sich
stützend auf anarchische Massen, bis es in der allgemeinen Auflösung
mit hinweggeschwemmt wird. -- Oder das Ministerium zieht sich zurück
vor dem Könige, dem die Stellung eines constitutionellen Herrschers
nicht zusagt und der doch in der letzten Zeit nichts Erhebliches gethan
hat, seine wahren Freunde zu stützen und zu begeistern. Wer soll nun
der demokratisch-revolutionairen Klubs Herr werden, die in Berlin ihr
Nest aufschlagen wollen? Welch ein Mangel an wahren Männern, in Folge
einer Verwaltung, die allen Beamten die Flügel lähmte und den für
den besten hielt, der, wie ein begossenes Huhn, sich nicht über den
Boden erheben wollte und konnte! -- Suchen die Ultraroyalisten und
der König Hülfe bei den Russen, so trennt sich das übrige Deutschland
ohne Zweifel von den Preußen, und Vieles vom alten Sauerteige dürfte
in den neuen Brotteig gebacken werden. Beginnt man ohne fremde Hülfe
einen Bürgerkrieg, so ist der Ausgang sehr zweifelhaft: es könnte Reich
und Thron zusammenstürzen. Mit wahrem Muthe wäre jedoch Alles noch zu
retten. -- -- --
Es hatten verlangt über die vollziehende Gewalt zu sprechen,
189 Redner. Ein Zeichen parlamentarischer Ungeübtheit und
Plauderhaftigkeit. Ich steckte übrigens auch in jener Zahl, wußte
aber schon im Voraus, daß ich nicht an die Reihe kommen und der
Versammlung schon früher die Geduld ausgehen würde. Nun beschloß man
gestern: einigen vorhandenen, oder vorausgesetzten Parteien aufzugeben,
in +Privat+zusammenkünften je zwei Redner zu erwählen, die da noch
sprechen sollten. Ich schreibe deshalb heute dem Präsidenten: der
gestern gefaßte Beschluß, daß gewisse Personen in Privatzusammenkünften
eine Zahl Redner auswählen, alle übrigen aber schweigen sollen, mag für
den vorliegenden einzelnen Fall, als Nothbehelf zweckmäßig erscheinen;
sollte aber hierauf eine Regel gegründet werden, so müßte ich, mit
gleichgesinnten Freunden, dem Verfahren widersprechen, da es allen
parlamentarischen Gebräuchen zuwiderläuft. Denn alle Diejenigen würden
auf diesem Wege zu stetem Schweigen verurtheilt werden, welche für den
einzelnen Fall keiner bestimmten Partei beitreten; oder bei keiner
in Gunst stehen, oder (wie z. B. der edle Wilberforce und Andere in
England) es für ein Recht und eine Pflicht halten, ihre Unabhängigkeit
zu behaupten und die nicht blos scharfe Gegensätze erzeugen, sondern
für feste, positive, erreichbare Zwecke vermitteln möchten. Dem
Andrange einer Überzahl von Rednern, kann unseres Erachtens nur dadurch
abgeholfen werden, daß Mehre nach freundlicher Verabredung ihre Namen
ausstreichen lassen, wodurch die +Erwünschteren+ (aber in +anderer
Form+) an die Spitze kommen; oder daß die +volle+ Versammlung unter
den aufgeschriebenen Rednern aller verschiedenen Richtungen eine Wahl
trifft; oder daß sie die Berathung schließt, was parlamentarisch allen
Ansprüchen ein Ende macht.
Ich durfte so etwas sagen, da ich mich nie zum unnützen Reden
vordrängte und das eine Mal nur um wichtige Thatsachen vorzulegen.
Trotz aller, zum Theil gerechten Vorurtheile, die man gegen das
frühere Wirken von Radowitz hat, sprach er heute so verständig und
würdig, daß er (selbst für Abweichendes) Gehör fand. Desto mehr
phraseologirte Hr. Zitz, desto ungeschlachter und gröber ließ sich
Hr. -- vernehmen. Letzt soll er gesagt haben: damit es gut werden
könne, müsse man +Basser+männer und +Bieder+männer, und alle
ähnlichen +Männer+ köpfen. Mit ähnlichen Andeutungen, bedient
er die Fürsten und ein anliegender Antrag von Mareck zeigt, was man
amtlich zu fordern wagt! Als eine zweite Probe der Thorheit, lege ich
die erstaunenswürdigen Vorschläge des Eisenacher Studentenparlamentes
bei. Welche schöne Aussicht für die Professoren! Denn als Gegenstück
der Freiheit, keine Vorlesungen mehr zu hören, wird man doch den Satz
aufstellen: der Professor brauche keine mehr zu halten. Stoff zu
heiteren Lustspielen, den Raupach benutzen und ausarbeiten sollte. --
Bis jetzt glaubte ich, der Präsident Gagern stehe von Allen anerkannt,
ruhig und sicher auf der Tageshöhe; gestern Abend haben ihm aber
Souveraine von der Galerie und anderes Gesindel, eine Katzenmusik
gebracht. Einen Antrag Venedey’s hierüber eine Discussion zu eröffnen,
lehnte er mit Recht ab; da die Frankfurter sich nicht so nachtmützig
benommen haben, wie die Berliner. Sie schlugen drein, verhafteten
sogleich Mehre und einer der über eine Mauer entfliehen wollte,
brach (wie man erzählt) ein Bein. Man munkelt von Einwirkungen höher
gestellter Wühler. Ob derlei Leute mitschreien und mauzen, oder nicht,
gilt gleich; gewiß erregen ihre heillosen Reden zu Thaten solcher Art.
Hoffentlich schreckt der bewiesene Ernst der hiesigen Bürgerwehr von
Wiederholungen ab, und hätte man in Berlin nicht Alles mit weißer Salbe
bestrichen, hätte man den Spruch befolgt ~principiis obsta~,
würde man nicht ungestört im Zeughause plündern und hernach -- -- --
Siebzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 24. Junius 1848.
Ich könnte mich allmälig für einen großen Diplomaten halten; denn ob
ich gleich den Polen, und den Abgeordneten aus Trient und Roveredo
(Pretis, Vettorazzi, Marsilli und Prato) mit gewohnter Aufrichtigkeit
sagte, hinsichtlich welcher Hauptpunkte ich bestimmt +gegen sie+
stimmen würde, sahen die Letzten doch, wie bereit ich war, in
+möglichen+ Dingen ihre Wünsche zu unterstützen. Und so schieden wir
als die besten Freunde; auch versprachen sie mir die beste Aufnahme,
wenn ich je wieder in ihre Gegend kommen sollte.
Soeben sehe ich, zu einigem Troste, aus der spikerschen Zeitung vom
22. d. M., daß sich endlich kräftige Stimmen für Recht und Ordnung in
Berlin erhoben, damit die Schande des Benehmens nicht Alle treffe, und
die Rückkehr zum Besseren angebahnt werde.
Die heutige Sitzung war sehr lang (9-3 Uhr), aber doch nicht
langweilig, vielmehr ward überwiegend gut gesprochen, und man schien
sich einem erfreulichen Ziel zu nähern. R. Blum begann in seiner
gewöhnlichen, geschickten, aber allerdings mit Sophismen durchzogenen
Weise. Doch versprach er ohne Bitterkeit und Persönlichkeit zu reden,
und hielt auf löbliche Weise sein Wort. Ähnlich Lichnowsky, obgleich
von ganz entgegengesetztem Standpunkte ausgehend und ihm vollgewichtig
die Wage haltend. -- Vogt aus Gießen schwächer, in Phraseologie
verfallend, Zweifelhaftes als unläugbar, Vorausgesetztes als erwiesen
hinstellend u. s. w. Raveaux brachte durch eine vorsätzliche
Seitenwendung die Rede auf die bekannte freundliche Erklärung
Frankreichs gegen Deutschland. Mit allgemeiner Begeisterung ward diese
Freundlichkeit von allen Seiten erwidert, zu gleicher Zeit aber mit
nicht geringerem Beifalle hinzugesetzt: jeder Verletzung deutscher
Rechte und Gränzen werde man einig und mit aller Kraft entgegentreten.
Beides war +gut+ und +löblich+. -- Ich übergehe Personen und Inhalt
anderer Reden; erst die des Präsidenten Gagern war praktisch, erneute
die Aufmerksamkeit und +überraschte sehr+ in zweifacher Weise.
Erstens durch die (von der Linken mit lautestem Beifall aufgenommene)
Erklärung: die +Versammlung+ solle den Reichsverweser, +ohne+ weitere
Theilnahme der Regierungen, ernennen; aber derselbe solle (der Rechten
gelegen) kein Privatmann, sondern Fürst aus einem der ersten Häuser
sein. Die Wahrscheinlichkeit ist hiedurch sehr gewachsen, ~a)~ die
Versammlung werde allein wählen; ~b)~ der Erwählte werde ein Fürst,
~c)~ es werde der Erzherzog Johann von Österreich sein. -- Nach vielem
Hin- und Herüberlegen möchte dies, aus vielen Möglichkeiten, der
beste Ausweg sein; oder wenigstens praktisch weniger Schwierigkeiten
und Widersprüche herbeiführen, als irgend ein anderer Vorschlag.
Jeden Falls ist es sehr wünschenswerth, daß sich für den zu fassenden
Beschluß eine +sehr große+ Mehrzahl ausspreche, und demselben dadurch
ein unentbehrliches Gewicht gebe.
Mit wie erstaunlichem Nachdruck tritt das ganz für aufgelöset erachtete
Österreich in Böhmen und Croatien auf. In Prag dieselben Schüsse (wie
in Berlin, Paris u. s. w.), dasselbe Geschrei von Verrath; dann aber
eine Entschlossenheit, welche nicht blos daraus hervorging, daß man des
Fürsten W. Gemahlin mörderisch erschossen hatte.
Achtzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 25. Junius 1848.
Ich freue mich jetzt auf den Sonntag, wie ein schwer belasteter
Tagelöhner, und danke dem Himmel, daß der Vorschlag, auch an diesem
Tage Sitzung zu halten, verworfen ward. Gestern dauerte diese von 9-3
Uhr, hierauf Ausschuß von 6-8, endlich im Weidenbusche (nach eiligem
Abendbrote) Berathung von ½9-10 Uhr, Summa 9½ Stunde Berathungen,
und in den kurzen Zwischenzeiten die Pflicht gar vielerlei zu lesen und
zu hören.
Von der gestrigen Sitzung berichtete ich schon; im Ausschusse
wurden deutsche und wälsche Abgeordnete Tirols, sowie Österreicher,
gehört (davon künftig); zur Versammlung im Weidenbusch mußte ich
diesmal, meiner Pflicht halber, hingehen. Ich setzte nämlich (gleich
den Meisten) voraus: Hr. von Gagern werde seinen +untrennlichen+
Vorschlag +ungetrennt+ zur Abstimmung bringen; das heißt: ~a)~ Wahl
eines +Fürsten+, ~b)~ durch die +Versammlung+. Denn wenn das letzte
mit Stimmenmehrheit angenommen, das erste aber verworfen würde, so
hätte man sich auf einen Weg verlocken lassen, den sehr Viele gar
nicht betreten wollen. Nun will aber Hr. v. Gagern über seinen,
spät eingebrachten Vorschlag, gar nicht abstimmen lassen; sodaß
seine Rede nur die Wirkung haben dürfte, Manchen für die Wahl durch
die Versammlung zu stimmen, ohne jene erste wichtige Hälfte irgend
zu berücksichtigen. Hiedurch ward es doppelt nothwendig, sich über
die bevorstehende Fragestellung zu einigen und den Forderungen der
Linken, die des Centrums und der Rechten gegenüber zu stellen. Dies
ist geschehen; der Ausfall der Abstimmung aber noch gar nicht mit
Sicherheit vorherzusehen. Der Ausschuß hat seine frühern Vorschläge
wesentlich verändert, und Viele hoffen auf ihre Annahme (weil sie
die Theilnahme der Regierungen nicht ganz ausschließen), während die
Linke die Entscheidung allein in die Hand der Versammlung legen, und
die völlige Auflösung des Bundestages sogleich beschließen will. In
so weit als dessen früherer Wirkungskreis durch die neuen Gesetze
aufgehoben wird, nimmt er gewiß ein Ende; es ist aber gar viel
nachzuweisen, zu überweisen, Rechnung abzulegen u. s. w.; auch wird
der künftige Präsident, oder Reichsverweser und seine Minister immer
Personen bedürfen, durch welche er sich mit den einzelnen Staaten in
Verbindung setzt und auf sie wirkt. Jeden Falls ist dies nur möglich,
wenn der unbekannte +Eine+ (der Vorschlag 3 an die Spitze zu stellen
wird schwerlich durchgehen) wirklich das allgemeine Vertrauen
genießt, wenn er zur Weisheit, Mäßigung gesellt, und die Einigkeit
Deutschlands mehr ist als ein leeres Wort. Übel blieb es, daß man sich
immer in ~abstracto~ über die +Eins+ und die +Drei+ stritt, über diese
unbenannten Zahlen und bloßen +Quantitäten+; während noch mehr auf die
+Qualitäten+ ankommt, und jene Zahlen erst durch scharfe Benennung
und Bezeichnung die rechte Bedeutung und das rechte Gewicht erlangen
können. Aber selbst durch diese Bezeichnung der Person und ihres
Wirkungskreises sind die Schwierigkeiten nicht gehoben, welche sich
Jahrhunderte lang durch die deutsche Geschichte hindurchziehen, über
das Verhältniß der Kaisergewalt zur Fürstengewalt, und des Reiches
zu den einzelnen Staaten. Das +eine deutsche+ Heer z. B., welches
mehr oder weniger vom Reichsstatthalter abhängen soll, wird immer +zu
gleicher Zeit+ ein preußisches, österreichisches u. s. w. bleiben;
und ein Befehl von Frankfurt aus schwerlich überall raschen Gehorsam
finden, sofern er nicht mit Dem übereinstimmt, was man in Wien, Berlin,
München u. s. w. will. Hätte +hier+ die Versammlung (ihre Befugniß
überschreitend) sich noch mehr Kriege auf den Hals geladen; soll der
Ungehorsam für Hochverrath an Deutschland gelten? So hat schon der
einseitige Beschluß, Schleswig in den deutschen Bund aufzunehmen, die
übelsten Folgen gehabt; und man war unfolgerecht drauf und dran, in
thörichter Begeisterung ganz Posen umgekehrt den Polen zu opfern.
Doch, ich will nicht blos verneinen; man +muß+ auf dieser Bahn mit
Hindernissen vorwärts, man kann das unglückliche Provisorische jetzt
nicht mehr ganz vermeiden, man wird durch Feststellung der Volksrechte
einen +löblichen+ Grund zu einer +neuen+, +wichtigen+ Entwickelung
legen. Welche Anarchie, oder Despotie uns auch noch bevorstehen mag;
gewisse +große+ Wahrheiten und Grundsätze lassen sich (wenn sie einmal
mächtig in die Weltgeschichte eingetreten sind), auf die Dauer nicht
wieder ausrotten. Von solchen +politischen+ Grundsätzen war beim Sinken
des römischen Reiches nicht die Rede, und dogmatische Spitzfindigkeiten
konnten ihren Mangel nicht ersetzen. Darum fehlt es der Behauptung
an zureichenden und nothwendigen Gründen und Beweisen: wir gingen
unausbleiblich einer byzantischen Auflösung entgegen. Geschieht es
dennoch, so ist es Schuld der Einzelnen und der Völker; die natürlichen
Verhältnisse stellen eine solche Krankheitsgeschichte und einen solchen
Tod noch nicht als +unausweichlich+ vor Augen.
Den 26. Junius.
Gestern waren zwei Versammlungen der Rechten und des Centrums im
Sarazin’schen Hause und im Weidenbusche, um sich über den hinsichtlich
der vollziehenden Gewalt einzuschlagenden Weg zu berathen. Dort fast
lauter Preußen, hier Abgeordnete aus allen Theilen Deutschlands.
Besonders in der letzten zeigte sich wieder ein großer Mangel an
parlamentarischer Zucht, und wie die angeblich Gleichgesinnten eben
nicht gleich gesinnt sind, es sei aus Mangel an Muth oder an Einsicht.
Während sich die Linke und das linke Centrum klüglich zu +einem+
Zwecke geeinigt haben und kleinere Verschiedenheiten fallen ließen,
fanden sich in dieser Beziehung in unseren Versammlungen die größten
Verschiedenheiten und Unbestimmtheiten. Ich gebe Beispiele: Man muß
bei der Mangelhaftigkeit der bisherigen Beschlüsse und der vorgelegten
Fragstellung, neue zweckmäßige Anträge machen (Tellkampf). -- Man muß
an den bisher vertheidigten Grundsätzen für wesentliche Theilnahme der
Regierungen bei Ernennung der vollziehenden Gewalt festhalten, und sich
selbst um so weniger aufgeben, da Herr von Gagern für die alleinige
Wahl durch die Versammlung, keine neuen Gründe beigebracht hat, und
eine solche auch keineswegs überall in Deutschland Beifall finden würde
(Radowitz, Vincke). -- Es genügt zu sagen: die Versammlung wählt, unter
+Voraussetzung+ der Beistimmung aller Regierungen (Beckerath). --
Sie wählt im +Vertrauen+ auf eine solche Beistimmung (Duncker).
-- Hrn. von Gagern’s Rede hat so viel Eindruck gemacht, daß es
vergeblich ist, sich für eine Theilnahme der Regierungen auszusprechen.
Man muß ein Princip aufgeben um der guten Sache willen, um eine große
Mehrzahl für den zu fassenden Beschluß zu erhalten, und dadurch eine
willige Anerkenntniß und kräftige Wirksamkeit für die neu zu schaffende
Gewalt herbeizuführen (Saucken, Simson) u. s. w. u. s. w.
Ich that auch einmal (ausnahmsweise) den Mund auf, und mag im
Wesentlichen Folgendes gesagt haben: Herr Tellkampf’s Antrag dürfte an
sich der beste sein, da er aber den gefaßten Beschlüssen widerspricht,
würde er gewiß, nach fruchtlosem Streite, verworfen werden. Doch kann
ich nicht unbemerkt lassen, daß die Art und Weise, wie man die Redner
gewisser Parteien wählen ließ und +allein+ ihnen das Wort verstattete,
ganz unparlamentarisch ist, und gutentheils die jetzige üble Lage
herbeigeführt hat. (Siehe was ich hierüber bereits früher schrieb.) --
Die Besserungsvorschläge der Herren Beckerath und Duncker sind ganz
ungenügend und bloße Worte. Denn die äußerste Linke wird sehr gern
+voraussetzen+ oder das +Vertrauen haben+, daß die Regierungen sich
ihren Vorschlägen und Wahlen +unterwerfen+. Jene Fassung läßt den
Regierungen gar kein +Recht+ der Bestätigung oder Verwerfung. Früher
schlug der +Ausschuß+ vor, die Regierungen sollten bezeichnen oder
wählen, und die Versammlung bestätigen. Will man jetzt die Reihenfolge
umkehren, so muß den Regierungen das Bestätigungsrecht bleiben. Will
man sich (lang vertheidigte Ansichten aufgebend) den Vorschlägen des
Hrn. von Gagern unterwerfen; nun so muß man sie wenigstens nicht
halbiren, und sich dadurch eine vollständige Niederlage zuziehen.
Will man die Wahl +allein+ der Versammlung zugestehen, so soll
vorher und als Ausgleichung, Gagern’s zweiter Vorschlag von den
Gegnern ebenfalls angenommen werden: nämlich, daß die Wahl auf einen
+Fürsten+ und nicht auf einen +Privatmann+ fallen müsse. Praktisch
mögen die Formen unbedeutend sein: denn Versammlung und Regierungen
können unter den gegenwärtigen Verhältnissen keinen Mann wählen oder
vorschlagen, der nicht der allgemeinsten Achtung genösse. Wie aber,
wenn dieser (etwa der Erzherzog Johann), der lästigen Bedingungen
halber, ablehnte; wenn dies ein Zweiter, ein Dritter thäte, so könnte
(beim Mangel aller gesetzlich regelnden Bestimmungen) Hr. Blum oder
Hr. Zitz zum Reichsverweser erwählt werden. Man sagt: um ein gutes
Ziel zu erreichen, muß man das Geringere, ein Princip, aufgeben.
Ist dies falsch, so versteht es sich von selbst, daß eigensinnige
Aufrechthaltung desselben nichts taugt; ist es aber richtig, so kann
dessen Vertheidigung der guten Sache nichts schaden. Nur eine schlechte
Sache verträgt sich nicht mit einem wahren Grundsatze. Auch handelt es
sich gar nicht um einen einzelnen Fall, um eine einzelne, sogenannte
gute Sache, sondern um einen folgereichen, allgemeinen Grundsatz.
Eine starke Minderzahl für denselben wirkt heilsamer, als eine durch
schwächliche Nachgiebigkeit erkaufte große Mehrzahl, hinter welcher
sich Irrthümer und die künftigen bösen Folgen nur zu leicht verbergen.
Geben wir zu: daß +eine Kammer+ überall ausreiche, daß sie +allmächtig+
sei, daß neben ihr in Deutschland +gar keine gesetzliche+ Gewalt mehr
bestehe, daß +alle+ Regierungen sich ihr +unbedingt+ unterwerfen
müssen; so ist es unnütz und thöricht, über irgend einen einzelnen
Punkt noch mit der Linken zu streiten. Sie hat obgesiegt, und wird uns
+aus+ allen unhaltbar gewordenen Stellungen vertreiben.
So ungefähr mein Stoßseufzer. Ich verließ, des Lärmens müde, die
Versammlung im Weidenbusche vor dem Schlusse; hoffe jedoch, die größere
Zahl wird sich dafür geeinigt haben: die Wahl +müsse+ auf einen
Fürsten fallen und die Bestätigung der Regierungen eingeholt werden.
Darohne mag der Reichsverweser viel befehlen, aber er wird wenig
Gehorsam finden, und seiner Stellung bald überdrüssig werden. Man hätte
die Zeit der weitläufigen Verhandlungen über ein kurzes Provisorium
lieber auf die eilige Entwerfung der Verfassung wenden, und wo möglich
ein Definitivum zu Stande bringen sollen.
Es mag wahr sein, daß die Regierungen lieber bestätigen, als
vorschlagen, um dadurch bevorstehenden Vorwürfen leichter zu entgehen;
ja manche sagen: wählt nach den Wünschen der Linken, um diese zu
beruhigen. Wird denn aber der Erwählte nebst seinen Gehülfen wirklich
in Ruhe verbleiben? Wird nicht der Lärm, nebst den Uebergriffen,
in höherem Wirkungskreise noch weit gefährlicher? Und zeigen nicht
abschreckende Erfahrungen, daß erwählte Parteihäupter schnell Anhang
und Einfluß verlieren, und denen Platz machen müssen, die sie wild
überbieten? Uebergeben Einzelne nicht schon jetzt der Versammlung
Vorschläge, alle Fürsten wegzujagen; das heißt, einen unabsehlichen,
entsetzlichen Bürgerkrieg zu beginnen? Bei dem Systeme, überall feige
Concessionen, Zugeständnisse zu machen, wird es auch +dahin+
kommen, und bei einer Volksversammlung in Höchst haben Einzelne gestern
gesagt: wenn die Reichsversammlung in der Paulskirche heute nicht so
stimme, wie man es fordere, werde sie gar nicht mehr stimmen. Einem
hierüber Erschrockenen und Furchtsamen entgegnete ich: es sei noch gar
nicht davon die Rede, auf curulischen Stühlen zu sterben, sondern etwa
Eindringende hinauszuwerfen und sie ledergar zu prügeln. Dazu seien 600
+unverletzliche+ Reichstagsabgeordnete stark genug; -- die höchst
entschlossene, muthige Bürgerschaft Frankfurts ungerechnet. So, um Muth
zu machen!
Ich komme aus der Vormittagssitzung (9-2 Uhr), welche recht deutlich
zeigte, wie üble Folgen scheinbar unbestrittene, aber verkehrte
Beschlüsse haben. Die Art, wie man Vielen das Wort versagte, und nur
einer willkürlichen Zahl von Parteimännern das Recht zu sprechen gab,
+schien+ übermäßige Weitläufigkeiten abzuschneiden und rasch zum
Ziele zu führen. Aber es +schien+ nur so; und es traten seitdem
allmälig alle die Uebelstände ein, welche ich vielen Abgeordneten
-- vergebens -- weissagte, und die ich in meinem Schreiben an den
Präsidenten wenigstens zum Theil bezeichnete. Viele Punkte wurden
nämlich gar nicht oder einseitig erörtert, und nachdem man darüber zur
Besinnung kam, wuchsen Einwendungen hervor, welche (seitdem man sich
einmal auf einen falschen Weg begeben hatte) keine gute Statt finden
konnten. Heute kamen also (gegen meinen Rath) von einigen Gliedern der
rechten Seite Verbesserungsvorschläge (Amendements) zum Vorschein,
denen die Linke, wie vorherzusehen, mit der Einrede entgegentrat:
daß dies, zufolge der Geschäftsordnung, nach dem Schlusse der
Berathung, nicht mehr erlaubt sei. Man erwiderte: ein solcher Schluß
sei noch nicht vorhanden, und nach +einer+ Abweichung von der
Geschäftsordnung sei es natürlich und nothwendig, deren +mehre+
zu gestatten. Meine Behauptung: die Linke werde, wenn man sich auf
diesen Boden begebe, Stimmen gewinnen und obsiegen, bestätigte sich so
sehr, daß selbst Radowitz und Vincke ihren Einwendungen beistimmten!!!
So die Einigkeit und Weisheit der Antirevolutionairen!! -- Hiezu kam
der innere Mangel der Verbesserungsvorschläge selbst. So schlugen Hr.
Bassermann und von Auerswald vor: „Die provisorische Centralgewalt wird
einem +nicht regierenden+ Mitgliede eines deutschen Regentenhauses
als Reichsverweser übertragen. Die Nationalversammlung wählt denselben
im +Vertrauen+ auf die Zustimmung der deutschen Regierungen.“
Hiegegen konnte man (selbst vom Centrum aus) fragen: warum sollen alle
+regierenden+ Fürsten ausgeschlossen werden? Man konnte (wie ich
schon oben) behaupten: die Redensart von Vertrauen sei inhaltslos und
führe zu gar nichts. Der Mangel an Entschlossenheit und Sicherheit
hinsichtlich der Ansichten und Zwecke offenbarte sich überdies von
Neuem, als Hr. Bassermann den Vorschlag +zurücknahm+, Hr. von
Auerswald aber daran festhielt. So blieben nicht einmal die Urheber
des Antrags eines und desselben Sinnes! Nun trat aber, nach ertheilter
Erlaubniß, auch die Linke mit neuen Behauptungen und Anträgen hervor:
„man habe keinen Grund, den Regierungen zu vertrauen, man müsse alle
Fürsten bestimmt von der Wahl ausschließen u. s. w.“ So ward denn die
fünfstündige Schlacht verloren, und in der auf heute Nachmittag 5 Uhr
anberaumten Sitzung werden höchst wahrscheinlich alle Vorschläge der
Rechten zurückgenommen, um wenigstens die +neuen+ Batterien der
Linken zu entwaffnen.
Den 27. Junius.
Das war ein Jammer! Hr. Heckscher hatte zu dem Verbesserungsvorschlage
des Hrn. v. Auerswald einen anderen gestellt, des Inhalts: „Die
provisorische Centralgewalt wird einem Reichsverweser übertragen,
welchen die Nationalversammlung im +Vertrauen+ auf die Zustimmung
der deutschen Regierungen wählt.“ Man widersprach nun von der Linken
dem Anbringen jedes neuen Vorschlags, und insbesondere den letzten
Worten desselben. Mir schien es überhaupt unnöthig über diese
nichtssagende Formel großen Streit zu erheben; wenn man die Hauptsachen
(Vorschlags-, Ernennungs- oder Bestätigungsrecht der Regierungen)
aufgab. Hr. Heckscher weigerte sich seinen Vorschlag zurückzunehmen
(wonach man, der Billigkeit gemäß, auch der Linken das Recht einräumen
mußte neue Vorschläge zu machen), und sagte bei dieser Gelegenheit und
in Bezug auf eine Thatsache: die Galerie zolle den Vorschlägen der
Linken schon Beifall, bevor der Inhalt derselben bekannt geworden. Die
Linke sah hierin eine Verdächtigung, oder Beleidigung und verlangte daß
der Vorsitzende, v. Soiron, den Redner zur Ordnung verweise. Als Soiron
diese Forderung nicht begründet fand, erhob sich auf der Linken und
den Galerien ein solcher Lärm, daß die Sitzung erst unterbrochen, dann
aufgehoben werden mußte. Ich habe das Meer brausen, ich habe Ochsen
brüllen hören, ich habe mich entsetzt vor dem Chore, das Löwen und
Tiger in den Surreygardens im Wettgesange anstimmten; aber dies Alles
ward weit überboten von dem Schreien und Wüthen der Linken und der
Galerien, -- zum Beweise der neuen Einigkeit Deutschlands!!
Mochte Heckscher und der Präsident Unrecht haben, so gab es doch
ruhige, gesetzliche Mittel dasselbe abzustellen; jenes bestiale
Verfahren läßt sich in gar keiner Weise rechtfertigen, und macht (bei
Allen die nicht näher unterscheiden) die Versammlung verächtlich.
Ich tadele mich bisweilen, daß ich mich nicht hervordränge und
mitspreche. Es reden aber ohnehin schon zu Viele, und wie wenig man
damit ausrichtet, habe ich ja vorgestern selbst erfahren, wo meine
+warnenden+ Worte, selbst unter Gleichgesinnten, gar keine
Wirkung hatten, und man den ganz dummen Angriffsplan annahm, welcher
nothwendig zur Niederlage führen mußte. -- Im Weidenbusche machte
ich aufmerksam auf gefährliche Zweideutigkeiten, die Ernennung der
Feldherrn und den Oberbefehl über alle Heere betreffend. Man nahm, als
sei es unwichtig, darauf keine Rücksicht, hat aber bis 2 Uhr in der
Nacht geredet über Worte und Redensarten wie: +voraussetzen+,
+Vertrauen haben+ u. dgl. mehr. Jetzt, nach der Niederlage,
wundern sich Viele, daß das geschehen ist, was man ohne Weissagungsgabe
vorhersehen konnte. Bei der Weise, wie man täglich, ja stündlich,
Boden verloren, oder aufgegeben hat, wird höchst wahrscheinlich alle
wirksame Theilnahme der Regierungen bei der Wahl des Reichsverwesers
ausgeschlossen: sie +müssen+ vorschlagen bis die Versammlung
beistimmt, oder deren Wahl bestätigen, -- oder sie werden +gar
nicht+ gefragt. Das mag, hinsichtlich des letzten Ergebnisses, für
diesen +einzelnen+ Fall wenig bedeuten (denn die Mehrzahl der
Versammlung wird übereinstimmend mit den Wünschen der Regierungen
wählen); aber die +Allmacht+ der Versammlung zur Regel und zum
Gesetz erhoben, kann (der Form nach) zu den großen Übeln führen, die
in ähnlichen Verhältnissen fast nie ausgeblieben sind. Alle diese
Betrachtungen und Klagen sind jedoch jetzt völlig unnütz. Wie die
Sachen stehen und liegen, kommt es nicht mehr darauf an, sich auf
völlig unhaltbar gewordenem Boden unnütz abzumühen.
Nochmals von der Gagernschen Katzenmusik. Sobald die Wachen und die
Bürgerwehr Nachricht von dem Vorhaben erhielten, besetzten sie eiligst
die Straße von beiden Seiten, rückten in voller Breite derselben und
in geschlossenen Reihen vor, und nun gabs Prügel, blutige Köpfe und
Verhaftungen, mehr als die ganze berliner Bürgerwehr jemals ausgetheilt
oder zu Stande gebracht hat. Die Katzen sollen sich seitdem als heiser
haben melden und entschuldigen lassen.
Erst heute habe ich eine freie Stunde gefunden, das hiesige Museum zu
besuchen, und mich an seinen Schätzen zu erfreuen. Darunter manche
alte Bekannte, Huß, Ezelin u. s. w. Wie unendlich verschieden die
Auffassung des Schönen bei den Griechen war, lehrt jeder Blick auf die
Werke ihrer Bildnerei. Die Form steht ihnen höher, als das, was wir
wohl Bedeutung nennen. Je älter ich werde, desto mehr erbaue ich mich
(trotz aller Splitterrichter) an der Form; und werde gleichgültiger
gegen die angeblich tiefsinnigere Bedeutung; wenn sie nicht (wie bei
Michel Angelo) durch die Erhabenheit, oder (wie bei Raphael) durch
die Schönheit getragen und verklärt wird. So viel man auch über die
mediceische Venus kritisiren mag, ihre Formen sind die reinsten.
Man muß, wie es heißt, die Revolution acceptiren, sich den neuen
Verhältnissen anschließen, unter verschiedenen Übeln das kleinere
wählen, und erforschen in welcher Richtung etwas Gutes erreichbar
bleibt. In anderen Worten: man kann für kein Heer kämpfen, oder ihm
vertrauen, sobald alle Disciplin aufhört, sobald es sich in bloße
Tirailleurs auflöset, welche ~enfans perdus~ sind. Es paßt das
Wort: wie Schafe gehn, gehn wir zerstreut, und es hilft nicht sich
haupt- und willenlos von Wölfen fressen lassen. Was die sogenannte
Rechte, nach wochenlangem Schwadroniren, ihren Gegnern gegenüberstellt,
und in die Reihe der zu beantwortenden Fragen hat aufnehmen lassen,
ist beispiellos unbestimmt, nicht kalt, nicht warm, oder (unter den
unläugbar vorliegenden Verhältnissen) ganz unmöglich. Schon deshalb
wird sie hinsichtlich aller Hauptpunkte in der Minderzahl bleiben, es
werden Viele gegen diese Halbheiten stimmen, und sich dahin stellen
müssen, wo der Boden unter den Füßen nicht völlig untergraben ist.
Ja, es läßt sich (wenn nur Frevel außerhalb der Versammlung vermieden
werden) eher etwas ausrichten mit Leuten die da wissen, was sie wollen,
als mit solchen die hunderterlei, also eigentlich nichts wollen und
deshalb auch nichts zu Stande bringen. Ich sehe immer mehr ein wie
Recht ich hatte, mich keiner Partei, keinem sogenannten Programm zu
verschreiben; werde aber dem gewöhnlichen Vorwurfe nicht entgehen: ich
sei schwankend, charakter- und willenlos, abtrünnig an der guten Sache
u. s. w. u. s. w. Gewiß aber werden viele +ehrenwerthe+ Männer
denken und handeln, wie ich heute denken und in den nächsten Tagen
handeln muß.
--’s Gedanke, +ich+ hätte nach Amerika gehen und mir dort (als ein
beliebter Mann) ein bequemes, sorgenfreies Leben bereiten sollen, --
versetzt mich in lebhaften Zorn! Wie, ich soll mein Vaterland, dem
ich mit Leib und Seele angehöre, dem ich so viel verdanke, wie ein
feiger, egoistischer Schuft, in dem Augenblicke verlassen, wo es an
schwerer Krankheit daniederliegt? Ich soll mir schändlich einreden, ich
könne irgendwo ein bequemes, sorgenfreies Leben führen, während meine
Mitbürger furchtbar leiden? Der Kelch ist auch +mir+ bereitet, und ich
will einen Theil davon austrinken ohne Zagen. Ich überschätze meine
Wirksamkeit gewiß nicht, sei sie aber auch so gewichtlos wie Spreu,
so will ich lieber in Folge übergroßer Anstrengungen niedersinken und
sterben, als erbärmlicherweise nur an mich denkend ein unwürdiges, und
darum mit Recht unglückliches, Leben führen.
Den 28. Junius.
Obgleich Ihr von der gestrigen wichtigen Sitzung (sie dauerte von 9 bis
½6 Uhr) in den Zeitungen umständliche Berichte lesen werdet, will ich
doch (nach meiner Weise) auch davon erzählen und Randglossen beifügen.
Alle schämten sich des gestrigen Herganges, Gagern ermahnte zum Frieden
und selbst R. Blum erklärte sich mit Verstand und Nachdruck gegen das
Benehmen, hauptsächlich seiner Partei. Und wenn man das Gestrige nicht
ungeschehen machen könne, solle man doch eine Wiederholung ähnlicher
Scenen vermeiden. So fehlte es dann zwar nicht an Geschrei; aber
es kam doch nicht zum Äußersten, und man rückte in den Hauptsachen
wesentlich vorwärts. In der Voraussetzung: man werde nochmals in lange
Erörterungen über die Besserungsvorschläge gerathen, hatte auch ich um
das Wort gebeten; gottlob zogen endlich alle Parteien ihre Neuheiten
zurück; darunter einen, aus der Linken hervorgehenden Vorschlag: man
solle (unter Zuziehung und Anhörung von Hofleuten) Lebensbeschreibungen
aller deutschen Prinzen entwerfen lassen!
Der von Dahlmann entworfene und dann geänderte Bericht des Ausschusses,
über die zu errichtende vollziehende Gewalt, schien hauptsächlich den
Zweck zu haben, durch Zweideutigkeit und Unbestimmtheit der Ausdrücke,
alle Abgeordneten und alle Parteien zu befriedigen; aber eben deshalb
befriedigte er keine: täglich verlor er Anhänger, und ward endlich von
den Urhebern selbst großentheils aufgegeben und zur Seite geworfen.
Zuerst kam, aus mehren Gründen, Vincke’s Vorschlag zur Abstimmung: „die
Nationalversammlung beschließt, vorbehaltlich des Einverständnisses
mit den deutschen Regierungen, daß eine vollziehende Regierungsgewalt
&c. -- bestellt werde. Der Reichsverweser soll von den deutschen
Regierungen ernannt werden“ &c. -- +Für+ diesen Antrag stimmten 31,
dagegen 577. Die nächste Frage war: soll der Reichsverweser (dieser
Name ward später statt des Präsidenten angenommen) die Beschlüsse der
Nationalversammlung verkündigen und vollziehen. Ja 261; Nein 277.
Hier offenbarte sich wieder die Unvollständigkeit der Berathung und
Fassung. Wenn man dem Reichsverweser jenes Recht, jenes Geschäft nicht
zuweiset, wer soll es denn übernehmen? Zwar hieß es: man sagt +Nein+,
damit er nicht ein bloßer Beamter der Versammlung werde. -- Aber dann
hätte man ihm vielmehr die Befugniß zu Einreden, man hätte ihm irgend
eine Art von aufschiebendem Veto zugestehen sollen. Dieses ~noli me
tangere~ wagte aber Keiner ernstlich zu berühren. Diese Kohle wollte
Keiner aus dem Feuer holen.
Die übrigen Punkte, den Geschäftskreis der vollziehenden Gewalt
betreffend, wurden durch Aufstehen mit großer Stimmenmehrheit
entschieden. Großer Streit erhob sich dagegen, hinsichtlich folgender
Fassung: „über Krieg und Frieden, und über Verträge mit auswärtigen
Mächten, beschließt der Reichsverweser im +Einverständniß mit der
Nationalversammlung+.“ -- Nein 143; Ja 408. -- Ich stimmte mit der
Mehrzahl, denn was für einen festen, wohlbegründeten König paßt, paßt
nicht für einen noch unbekannten, auf ein Paar Monate zu erwählenden
Reichsverweser.
„Soll das Oberhaupt der vollziehenden Gewalt Präsident heißen?“ Ja 171;
Nein 355. Ich stimmte mit der Mehrheit für Reichsverweser, weil mir das
fremde Wort und der republikanische Hintergrund mißfiel.
Nun die Hauptfrage: „der Reichsverweser wird von der
Nationalversammlung gewählt.“ -- Nein 135; Ja 403. Als diese
Entscheidung bekannt ward, entstand ein ungeheurer Jubel. Ich stimmte
mit der Mehrzahl, scheinbar +nicht+ folgerecht; allein es war ernstlich
zu bedenken:
1) Daß (wie die tägliche Erfahrung zeigte) die +große+ Gefahr
obwaltete, daß, bei auch nur geringer Verzögerung der Wahl, die
Versammlung sich zu +großen Übereilungen+, besonders hinsichtlich der
fremden Mächte, werde fortreißen lassen.
2) Daß in +diesem+ Augenblicke die Entscheidung der Wahl noch in den
Händen der +gemäßigten+ Mehrzahl ist; ein günstiger Umstand, der nach
kurzer Frist vielleicht nicht mehr obwaltet.
3) Die Regierungen kämen in noch üblere Lage, wenn die Versammlung
(schon um ihre Macht oder ihren Eigensinn zu zeigen) deren Vorschläge
verwürfe, oder doch, wie bestimmt verlangt wird, einer sehr bittern,
vielleicht skandalösen Kritik unterwürfe; wogegen die Versammlung
durch eine schlechte Wahl sich an den Pranger stellen und allen Credit
verlieren würde.
4) Lautete der Gegenvorschlag im Wesentlichen also: Es wird von den
deutschen Regierungen ein Reichsverweser +bezeichnet+, und von der
Versammlung +genehmigt+. -- Dieser Vorschlag ist aber nur ein halber,
unbestimmt, ungenügend, nicht zum Ziele führend. Was heißt z. B.
+bezeichnen+? Ich kann Jemandem zehn Gerichte bezeichnen zum Essen,
hundert Bücher vorschlagen zum Lesen; wenn er nun aber sagt: ich danke.
Wie wenn die Versammlung +nicht+ genehmigt. Solch schnöden Abweisungen
vorzubeugen, erklärte sich selbst Gagern für die Wahl durch die
Versammlung. Wie die Sachen nun einmal +wirklich+ stehen, würde hier
jeder von den Regierungen ausgehende, durch den +gehaßten+ Bundestag
vermittelte Vorschlag, mit Mißtrauen und Widerwillen aufgenommen
werden; er würde wahrscheinlich zu einem (vielleicht +gesuchten+)
Bruche führen; während man (~le meilleur l’ennemi du bien~) so im
Frieden über die nächsten gefährlichen Monate hinwegkommen dürfte.
Ich komme soeben aus der Sitzung und eile Euch zu melden, daß heute
die Abstimmung über die vollziehende Gewalt &c. zu Ende gebracht
ward. Was in der Anlage nicht ausgestrichen, oder geändert ist, ward
angenommen. Ihr werdet Euch hoffentlich herausfinden, nächstens einen
neuen, reinlichen Abdruck. Über den Hergang im Einzelnen, in Eil noch
Folgendes: bei ~No.~ 11: „der Reichsverweser ist unverantwortlich“
erhob sich Streit, wobei die Rechte mehr unanständigen Lärm erhob als
die Linke. Der Satz ward mit 373 gegen 175 Stimmen angenommen. Ich
stimmte +dafür+, weil die +Minister+ verantwortlich sind, und beiden,
dem Reichsverweser und den Ministern, nicht dieselbe Stellung zu geben
ist.
~No.~ 18: wonach der Bundestag ein Ende nimmt, mit 510 Stimmen bejaht,
und nur mit 35 verneint. Ich stimmte mit Ja: denn die gesetzgebende und
richterliche Gewalt hat er nicht mehr, und die vollziehende wird ihm
ja nun auch genommen. Dagegen weiset der nächste Absatz darauf hin, in
welcher Weise er wieder kann ins Leben gerufen werden. Die Abstimmung
zeigt, wie verhaßt die alte Einrichtung ist, und wie unmöglich es war
sie in der alten Form zu erhalten. Auch entstand ein großer Jubel
als das Ergebniß dieser Abstimmung verkündigt ward. Jetzt folgte die
Abstimmung über den +ganzen+ Entwurf: 450 dafür, 100 dagegen. Die
Verneinenden gehören zur Hälfte etwa der äußersten Rechten, zur Hälfte
der äußersten Linken. Jene wollen die ausdrückliche Beistimmung der
Regierungen, diese die Verantwortlichkeit des Reichsverwesers. -- Was
sollte nun aber wohl werden, wenn die +Nein+ überwogen und man das
Neuwerk begonnen hätte? -- Lichnowsky, Schmerling, Venedey gehörten
zu den Bejahenden; Vincke, Ruge, Jordan, Blum, Nauwerk, Itzstein,
Uhland zu den Verneinenden. Jene wollen die Souverainetät der Staaten,
diese die des Volkes erhalten wissen. Die abstrakten Grundsätze stehen
ihnen höher als das praktisch Rathsame. Morgen erfolgt die Wahl des
Reichsverwesers. Bis jetzt hat der Erzherzog Johann weit die meisten
Vermuthungen für sich. Es fragt sich aber ob er es annimmt. Ich kann
nicht glauben, daß Preußen irgend widersprechen würde.
Neunzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 29. Jun. 1848.
Wenn der Mensch scheinbar etwas zu Stande gebracht hat und es
betrachtet, so möchte er gern sagen: „+und es war gut+.“ Wenn man
es aber schon unserem Herr Gott verübelt, daß er ein so kühnes Wort
ausgesprochen, und läugnet daß seine erschaffene Welt die beste sei;
so erheben sich (trotz alles Widerstrebens) gegen Menschenwerk noch
schärfere Einreden.
Haben wir mit Aufstellung einer deutschen Centralgewalt wirklich ein
erhebliches Ziel erreicht? In gewissem Sinne ist zwar alles Menschliche
+provisorisch+; doch setzt man das hoffentlich Dauernde, Definitive,
darüber hinauf, und begnügt sich eben mit dem Vorläufigen, als einem
Mangelhaften. Es finden manche Leu
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