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Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente

by Ludwig Tieck · German · Gutenberg #50845 · 448,778 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente
    
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Title: Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente

Author: Ludwig Tieck


        
Release date: January 4, 2016 [eBook #50845]
                Most recently updated: October 22, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/50845

Credits: Produced by Delphine Lettau, Jens Sadowski, and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 13: MÄRCHEN; DRAMATISCHE GEDICHTE; FRAGMENTE ***

                            Ludwig Tieck's
                              Schriften

                          Dreizehnter Band.




                               Märchen.
                        Dramatische Gedichte.
                              Fragmente.


                               Berlin,
                            bei G. Reimer,
                                1829.

                                 Dem
                           Herrn von Quandt
                             in Dresden.

Diese Gelegenheit ergreifend, Ihnen öffentlich zu sagen, wie sehr ich
Sie, verehrter Freund, hochachte und wie nahe ich mich Ihnen, durch
Ihren schönen und gebildeten Sinn für Kunst und Poesie, verbunden fühle,
füge ich den Wunsch hinzu, daß Ihr Leben durch hergestellte Gesundheit
ganz frisch und erneut für sich und Ihre Freunde alle Heiterkeit wieder
gewinnen möge. Zwar »litten Sie alles so, als wenn Sie gar nichts
litten« -- aber, so hoffen alle, es werden die Genien auch jene
Schmerzen und Leiden von Ihnen nehmen.

Ein ächter reiner Sinn, ein Enthusiasmus für unsern vaterländischen
Goethe, so wie für die Muster alter Skulptur, ein Verständniß des
Rafael, eine Liebe, die unbeschränkt sich alles Edle aneignen will, wird
nicht häufig gefunden: noch seltner mit so vielen Kenntnissen und dem
Eifer, der Kunst selbst fortzuhelfen, vereinigt. --

                                                             L. Tieck.




                               Inhalt.


                               Märchen.
                         _Die Heymonskinder._
                             _Melusine._

                        Dramatische Gedichte.
                            _Ein Prolog._
                  _Der Autor._ Ein Fastnachtsspiel.

                              Fragmente.
                         _Magelone_. Prolog.
           Aus dem alten Heldengedicht vom _König Rother_.
                   Der erste Akt des _Donauweibes_.




                            Die Geschichte
                               von den
                           Heymons Kindern,
                  in zwanzig altfränkischen Bildern.
                                1796.




                         Kurze Vorerinnerung.


                            Lieber Leser,

Ich weiß nicht, ob Dein Gemüth zuweilen so gestimmt ist, daß Du Dich
gern und willig in die Zeit Deiner Kindheit zurück versetzest, Dich
aller damaligen Eindrücke erinnerst, und ohne Bedauern vergissest, was
Du seitdem gelernt und erfahren hast. Es gewährt einen eignen
sonderbaren Genuß, Dein Jahrhundert und die Gegenstände um Dich her aus
dem Gedächtnisse zu verlieren. Du bist vielleicht irgend einmal krank
gewesen, geliebter Leser, oder hast Dich einige Stunden hindurch in
einer unvermutheten Einsamkeit befunden; von allen Zerstreuungen
verlassen, kann man dann zuweilen an alten wunderlichen Zeichnungen oder
Holzstichen ein Vergnügen finden und sich in ihnen verlieren; man
betrachtet dann wohl aufmerksam ein unzusammenhängendes und fast
unverständiges Bild, wo vorn eine Rathsversammlung im königlichen
Pallaste sitzt und man hinten das Meer mit Schiffen und Wolken, ohne
alle perspektivische Kunst, wahrnimmt. Möchtest Du doch, o mein Lieber,
ein solches und kein andres Vergnügen in gegenwärtigen altfränkischen
Bildern erwarten, die wir Dir jetzt vor die Augen führen wollen. -- Lebe
wohl! --




                             Erstes Bild.
                     Die Pracht des Königs Carl.


Um Pfingsten hielt König Carl, dem man den Zunamen des Großen beigelegt
hat, gewöhnlich in Paris ein großes Fest. Allda erschienen alle Herren,
Baronen und Fürsten, und goldne und silberne Geschirre standen auf den
Tafeln, und eine schöne Musik klang durch die Gemächer. Es war bei
diesem Feste alles versammelt, was man nur prächtiges sehn mochte.

Der König saß in allem seinem Schmuck, mit seiner glänzenden Krone am
Tische, um ihn her seine Freunde, die Ritterschaft und die Damen, junge
Edelleute warteten auf, damit es nirgends, weder an Speise noch an
Trank, fehlen möchte.

Bei diesem Feste war auch _Heymon_, Graf von Dordone, gegenwärtig, ein
angesehener und tapferer Rittersmann, der in allem Kriegswesen überaus
erfahren war, so daß auch jedermann Achtung vor ihm hatte. Mit ihm war
zugleich da sein Schwestersohn _Hugo_, ein Jüngling von schönem
Angesicht und langen goldgelben Haaren. Dieser näherte sich mit
freundlichem und ehrerbietigen Anstande dem Könige, und sagte ihm, daß
der Graf Heymon auch gegenwärtig sei; er erinnerte ihn, daß der Graf der
einzige wäre, der keine Wohltat von Seiner Majestät genossen hätte, er
möchte ihn wenigstens mit den Gütern wieder belehnen, die dem Grafen
gehörten, und die er ihm aus Ungnade entzogen hätte.

Ueber diese Anrede ward König Carl sehr ergrimmt; er antwortete: daß er
dem Grafen Heymon nie in etwas willfahren wolle. Hugo sagte hierauf sehr
ernsthaft, daß jedes redliche Gemüth das Betragen des Königs tadeln
müsse. Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so sprang Carl auf, zog
sein Schwert und hieb den Jüngling nieder, daß er sogleich todt blieb.
Alles gerieth in die größte Verwirrung, Ritter und Edle sprangen auf,
die Tische fielen über den Haufen, die Musik verstummte, und die
Spielleute entflohen, kurz, aus der größten Freude entstand plötzlich
die größte Traurigkeit.




                            Zweites Bild.
               Krieg; endlich wird Friede geschlossen.


Der Graf Heymon verließ sogleich mit seinem Anhange die Stadt; er bot
alle seine Freunde auf und überfiel das Land, um den Tod seines Vetters
Hugo zu rächen. Da war groß Rauben und Morden allenthalben; da sah man
verwüstete Dörfer und geplünderte Klöster, die Leichen der Erschlagenen
lagen auf den Heerstraßen, denn Heymon war in gewaltiger Wuth entbrannt.
Carl stellte sich dem Feinde entgegen, aber sein Volk mußte immer der
Tapferkeit des Grafen weichen.

Carl versammelte seinen Rath und verbannte den Grafen im zornigem Muthe
aus seinem Lande, so daß er aller seiner Güter und Titel verlustig war
und gleich einem armen Flüchtlinge umherirrte. Dadurch wurden Heymon und
seine Freunde nur noch mehr aufgebracht, sie verbrannten und verheerten
das Land noch ärger als zuvor, sie raubten alles Gold und Silber das sie
fanden, und streuten allenthalben das Elend des Krieges aus. Malegys,
ein Vetter Heymons, that besonders großen Schaden, denn er war in der
schwarzen Kunst ein wohlerfahrner Mann. Dieser Krieg währte sieben
Jahre, und die Einwohner des Landes kamen endlich demüthig zum König
Carl und baten ihn, daß er mit dem furchtbaren Heymon einen Frieden
schließen möchte. Carl war anfangs über diese Vorstellung unwillig,
schickte aber doch Gesandten mit freundlichem Anerbieten an seinen
Feind, denn er sah selbst ein, daß ihm ein solcher Krieg sein Land
verderbe. Heymon, der jetzt im Vortheile war, wollte von keinem Frieden
hören, aber Carl schickte eine zweite Gesandtschaft, und ließ ihm sogar
seine Schwester Aya zur Gemahlin anbieten, wenn er sich versöhnen wolle.
Hierauf ging Heymon den Vertrag ein und der Friede ward geschlossen.




                            Drittes Bild.
               Carlmann soll zum Könige gekrönt werden.


Heymon führte nun seine Braut in die Kirche, wo sie eingesegnet wurden.
Roland begleitete sie dorthin. Das hochzeitliche Mahl sollte eingenommen
werden, und Heymon bat König Carl, bei ihm zu bleiben; dieser aber brach
schnell wieder auf, und zog nach Paris zurück. Heymon ward ergrimmt, und
zog nach seinem Schlosse, wo er mit seinen Freunden die Hochzeit in
vierzig Tagen und vierzig Nächten auf's prächtigste feierte. Heymon
hatte immer noch die abschlägliche Antwort des Königs im Sinne, und als
er mit seiner Gemahlin das Bette besteigen wollte, zog er sein Schwert
und schwur darauf, den Tod Hugo's an allen Nachkommen Carls zu rächen.
Seine Hausfrau Aya erschrak, denn sie sah die ernsten und zornigen
Geberden, und fürchtete sehr das Gemüth des Ritters.

Sie ward schwanger, und als sich die Zeit ihrer Entbindung nahte,
gedachte sie an Heymons Schwur. Er war grade auswärts in einen Krieg
verwickelt. Sie begab sich daher in ein Kloster und gebar einen Sohn,
den sie _Ritsart_ nannte, Bischof _Turpin_ und Graf _Roland_ waren die
Pathen: darnach ließ sie ihn heimlich erziehn.

Heymon kam zurück und seine Gemalin ward zum zweitenmale schwanger, sie
gebar einen zweiten Sohn, _Writsart_, als Graf Heymon wieder auswärts
war. Eben so geschah es noch einmal, und der Sohn ward _Adelhart_
genannt. Alle diese Kinder wurden heimlich Säugammen übergeben, und
nachher wurden sie in einem verborgenen Zimmer des Schlosses erzogen.

Graf Heymon zog von neuem in den Krieg gegen die Ungläubigen, und dieser
Krieg dauerte ganzer sieben Jahre. Nach dieser Zeit kam er wieder in
sein Vaterland zurück, und hatte sieben tiefe Wunden an seinem tapfern
Leibe und dennoch saß er geharnischt mit Helm und Schild zu Pferde, so,
als wenn ihm nichts zugestoßen wäre, aber sein Sinn war groß, denn er
hatte gesiegt, und brachte eine kostbare Reliquie, die Dornenkrone
unsers Heilandes, mit sich. Seine Hausfrau empfing ihn mit großer
Freude, beide gingen in das Schlafzimmer und sie gebar nach neun Monaten
wieder heimlich einen jungen Sohn, der _Reinold_ getauft wurde. Nun
hatte Graf Heymon vier Söhne, von denen er allen nichts wußte, denn
seine Gemahlin fürchtete immer noch, daß er sie diesem Eide gemäß
umbringen würde, wenn sie ihm die Sache entdeckte. König Carl hatte auch
einen Sohn, Namens _Carlmann_, dieser war mit Reinold von einem Alter
und von einer Größe, aber in seinem funfzehnten Jahre wuchs Reinold
dergestalt in die Höhe, daß er einen Fuß länger war, als Carlmann. Schon
damals war Reinold der größte und stärkste von seinen Brüdern.

König Carl war jetzt ein Greis geworden und gedachte seinem Sohne
Carlmann die Krone aufzusetzen. Er berief daher die Vornehmsten des
Reichs, sammt den zwölf Genossen von Frankreich und dem berühmten
Bischofe Turpin. Als alle versammelt waren und eine Stille ausgerufen
war, erhob sich König Carl und hielt eine Rede, wie er nun schon alt
sei, und das wahre Einsehn in das Reich nicht mehr besitze, er habe
daher alle gegenwärtige Herren versammelt, um seinen Sohn, der jung und
stark sei, zum König krönen zu lassen. Die Fürsten waren sich dieses
Antrags nicht vermuthet und wußten daher lange nicht, was sie antworten
sollten, bis endlich Turpin, der weise Bischof, aufstand und sagte: Mein
König, es fehlt in dieser Versammlung noch ein Mann, der zu dieser
Krönung unentbehrlich ist, denn er ist fast der tapferste Ritter im
ganzen Lande. -- Gewiß meint Ihr, antwortete Carl, den Grafen Heymon von
Dordone, der mir so großes Leidwesen zugefügt hat, mit Rauben, Brennen
und Plündern, aber ich muß es bekennen, er ist ein tapfrer Mann, so daß
er fast seines Gleichen nicht hat. Nun, ich will nach ihm schicken, wenn
Ihr meint, daß es so besser sei.

Die Krönung wurde hierauf noch vierzig Tage verschoben, und man
beschloß, den Grafen Roland mit einigen andern Herren abzusenden, mit
denen der Graf Heymon immer in Frieden und Freundschaft gelebt hatte;
denn König Carl traute seinem versöhnten Feinde immer noch nicht, auch
wußte er es wohl, wie übel es der Graf empfunden, daß er bei der Heirath
mit seiner Schwester sein Mahl verschmäht hatte. Er gab daher den
Abgesandten allerlei köstliche Geschenke mit, und einem jeden einen
Olivenzweig in seine Hand.

So näherten sie sich dem Schlosse Heymons, und Frau Aya gewahrte ihrer,
denn sie saß am Fenster; sie erkannte alle sogleich und war für das
Leben der Abgesandten besorgt, weil sie der Gemüthsart ihres Herrn wohl
wissend war. Als die Ritter daher in den Saal getreten waren, verfügte
sie sich auch dort hin, um zu sehen, wie es würde, sie hieß sie dort
willkommen, und brachte ihnen einen Becher mit Wein; dann sprach sie bei
ihrem Gemal für die Herren, die in der größten Ungewißheit da standen,
denn sie hatten schon einigemale ihr Begehren angebracht, aber Heymon
hatte auch nicht mit einem einzigen Laute geantwortet.

Da ihm nun jetzt seine eigene Gemahlin zuredete, so ging er ergrimmt im
Saale auf und ab, so, daß alle zitterten, dann schlug er sich mit der
Faust vor die Stirn, lehnte sich an einen Pfeiler des Gemachs und weinte
bitterlich. Da das die anwesenden Ritter an einem solchen Helden gewahr
wurden, so hätten sie beinahe mitgeweint, ohne zu wissen, was ihm sei,
so erschütternd war der Anblick; aber die Hausfrau, die eines solchen
Anblicks ungewohnt war, zerfloß in Thränen und warf sich zu seinen Füßen
nieder, und beschwur ihn, daß er doch Rede und Antwort geben möchte.

Steh auf, unglückselige Frau, sagte er so leutselig, wie sie ihn noch
nie hatte sprechen hören; wohl mag ich Dich, so wie mich selber
unglückselig nennen, denn ich habe graues Haar davon getragen, ohne
einen Sohn von mir zu sehn, dem ich meine Haabe hinterlassen könnte.
Keines Siegs, keines Ruhmes mag ich mich freuen, denn alles stirbt mit
mir weg, keiner aus meinem Geschlechte erwähnt dankbar meiner, und
Fremde theilen sich in meine Güter, in die Fahnen und Waffenrüstungen,
die ich so mühselig erbeutet habe, und nun soll ich hingehn und
Carlmann, den Erben Carls, krönen helfen, ich selbst ohne Erbe, ohne
Sohn. Ich weiß, er meints noch schlimmer mit mir, als der Vater; dürften
sie mit mir handeln, wie sie wollten, sie ließen mich nimmermehr am
Leben.

Heymon konnte vor Grimm und vor Thränen nicht weiter sprechen, aber
seiner Gemahlin ging das Herz vor Freude auf, sie wußte erst nicht, was
sie sprechen sollte, aber sie erinnerte ihn an den schrecklichen Eid,
den er in der Nacht nach der Hochzeit geschworen hatte; doch Heymon
sagte: o Frau, solche Eide zu halten, ist nichtswürdig, hätt' ich nur
einen Sohn, und es könnte ein Held aus ihm werden, so wollt' ich ihn so
lieben, wie Carl seinen Carlmann nimmer lieben kann. Nun entdeckte ihm
Aya ihren verborgenen Handel, darüber wurde Heymon froh und drückte den
angekommenen Rittern die Hand von Herzen; dann verließ er sie, um seine
Kinder zu besehen.

Er kam mit seiner Hausfrau vor das verschlossene Gemach, in dem sie
lebten, da stand er still, um ihr Gespräch mit anzuhören. Reinold tobte
drinnen, und schrie über den Speisemeister, daß er ihnen nicht genug zu
essen, und keinen guten Trunk bringe; Adelhart verwies seinem Bruder
diese Heftigkeit, und sagte ihm, daß er sich vor Heymon hüten müsse, der
ihn gewiß umbringen ließe, wenn er dem Speisemeister etwas zu Leide
thäte.

Was kümmert mich Heymon, der graue Hund! rief Reinold erboßt, wenn ich
ihn hier hätte, ich wollte ihn so mit Fäusten zusammenschlagen, daß er
liegen bleiben sollte!

Dieser ist gewiß und wahrhaftig mein Sohn, sagte Heymon, aber jetzt will
ich's probiren, ob es auch die andern sind. -- Ohne weiteres stieß er
also mit seinem Fuß an die verschlossene Thür, so daß sie zersprang.
Kaum aber stand er im Zimmer, so lief Reinold auf ihn zu und schrie: Was
hast Du, alter Graubart, hier zu schaffen? und mit diesen Worten warf er
ihn zu Boden. Die andern Brüder kamen auch herzugelaufen, und Heymon,
der sich nichts Gutes versahe, rief: o ihr jungen Helden, schlaget mich
nicht, denn ich bin Euer Vater, haltet Ruhe, und ich will Euch alle zu
Rittern machen. Als Reinold hörte, daß das sein Vater sei, hob er ihn
vom Boden auf und tröstete ihn über seinen harten Fall, darauf umarmte
der Vater seine Kinder nach der Reihe, mit besondrer Inbrunst aber
schloß er Reinold, den jüngsten, in seine Arme, so daß diesem die Nase
zu bluten anfing. -- Wärt Ihr nicht mein Vater: rief Reinold, seht, so
wollt' ich Euch dafür schlagen, daß Ihr solltet liegen bleiben. -- Aber
Heymon ward über dergleichen Reden noch mehr erfreut, und Frau Aya stand
draußen, und wußte nicht, ob sie lächeln oder weinen sollte.




                            Viertes Bild.
                           Das Roß Bayart.


Die Söhne mußten sich nun in dem Saal versammeln, wo sie ihr Vater zu
Rittern schlug, erst den Ritsart, dann Writsart, hierauf Adelhart, und
endlich Reinold. Als er zu diesem kam, hatte der sich die goldnen Sporen
schon angelegt, und das Schwert umgehängt, und so ging er stolz und
übermüthig einher. Der Vater schenkte ihm seine Schlösser Pirlapont und
Falkalon, weil er ihn für den würdigsten hielt.

Heymon ließ nun seinen Söhnen mehrere schöne Pferde vorführen, und das
schönste gab er dem Reinold; dieser sah es an, und da es ihm schwach
vorkam, schlug er es mit der Faust vor dem Kopf, daß es gleich todt
niederfiel: hierauf sagte er zu seinem Vater: das Roß ist viel zu
schlecht, mich zu tragen, gebt mir ein bessres. Seine Mutter sagte: auf
die Art mein Sohn, möchtest Du wohl alle Pferde zu todte schlagen, und
keins könnte Dir gerecht seyn. Aber Heymon ließ ein größeres und
stärkeres vorführen; dem that Reinold eben wie dem vorigen, man brachte
ein noch höheres, da sprang er hinauf, daß er dem Pferde den Rückgrad
zerbrach, so daß es bald nachher starb. Vater, sagte er betrübt, was
soll ich machen, wenn sich keins der Pferde für mich schicken will!
Heymon aber war über die ungemeine Stärke seines Sohnes sehr erfreut,
und sagte: mein Sohn, ich wüßte wohl noch ein anderes Pferd für Dich,
wenn Du es nur zähmen könntest, es ist in einem festen Thurm verwahrt,
mein Vetter Malegys hat es mir geschenkt, und heißt Roß Bayart; es ist
schwarz wie ein Rabe, und hat kein Haar und Mähne, und ist wohl stärker,
als zwanzig andre Pferde. -- Gebt mir das Pferd, rief Reinold, und ich
will es bezähmen.

Der Vater rieth ihm hierauf einen Harnisch anzulegen, dessen Reinold
sich erst schämte, da er es nur mit einem Pferde zu thun haben sollte;
wie er aber hörte, daß Bayart Steine wie Heu zerbeißen könne, panzerte
er sich doch und ging dann mit einem tüchtigen Prügel nach dem Thurme,
in dem Bayart stand. Viele Ritter und Frauen folgten ihm, um zu sehen,
wie er mit dem Roß handthieren würde.

Als er in den Thurm gekommen war, stellte er sich hin, um Bayart zu
betrachten, wie er es mit den übrigen Pferden gemacht hatte, aber Bayart
gab ihm einen solchen Schlag, daß er zu Boden fiel. Die Mutter weinte
und schrie: Ach, mein Sohn Reinold ist todt, Bayart hat ihn erschlagen,
nachdem er selbst drei andre Pferde erschlagen hat. -- Heymon trat auf
Reinold zu, und schüttelte ihn und sprach: Sei wohlgemuth, mein Sohn,
ich schenke Dir das Roß, wenn Du es bezwingst, denn ich gönne es keinem
lieber, als Dir. Nun, sagte Aya, wie soll er denn das Roß bezwingen, da
er todt ist? -- Schweig, Frau, antwortete Heymon, er ist mein Sohn, so
wird er gewiß wieder aufstehn. -- Indem ermunterte sich Reinold wieder,
und ging mit seinem Prügel auf Bayart loß, Bayart aber nahm ihn und warf
ihn vor sich in die Krippe. Es entstand hierauf ein gewaltiger Kampf
zwischen dem jungen Ritter und dem Rosse; endlich packte Reinold Bayart
beim Halse, und schwang sich auf ihn. Dann ließ er ihm die Sporen
fühlen, so daß Bayart mit gewaltigen Sprüngen zum Thurm hinausarbeitete,
und über das Feld hin und über breite Gräben setzte. Dann ritt Reinold
mit dem Pferde zurück, stieg ab, streichelte es und wischte ihm den
Schweiß ab, und Bayart stand und zitterte vor dem Ritter; so hatte
Reinold das Pferd bezwungen, und er legte ihm nun auch ein schönes Gebiß
an, und putzte es so auf, wie man mit andern Pferden zu thun pflegt.




                            Fünftes Bild.
                       Reinolds Händel am Hofe.


Heymon ritt nun mit seinen Söhnen und den Abgesandten nach Paris, und
König Carl kam ihm entgegen, und freute sich ihn zu sehen, denn es war
in zwanzig Jahren das erstemal, daß er ihn unbewaffnet sah. Carlmann
folgte ihm sehr ungern, denn er hatte einen Haß auf Heymon und sein
ganzes Geschlecht. Nach einem freundlichen Empfange ritten alle nach
Paris zurück. Die Ritterschaft und alle Damen bewunderten Reinolds
Schönheit und Stärke, worüber Carlmann sehr ergrimmt ward, weil er sich
für den schönsten und tapfersten Ritter im Lande hielt. Er ging zu
Reinold, und sagte zu ihm: Vetter, schenket mir Euer Pferd, so will ich
Euch eine andre Gabe dagegen verehren. Reinold antwortete: Es thut mir
leid, daß ich Ew. Majestät für jetzt diese Bitte abschlagen muß, denn
ich finde sonst kein ander Pferd, das für mich stark genug wäre.
Carlmann ging zornig beiseit und sagte: Nun wohl, soll er auch, wenn ich
gekrönt bin, kein Lehn empfangen, so wie die übrigen. Da Reinold dies
hörte, ging er wieder zu ihm und sagte: Ich danke Gott, daß mir mein
Vater so viel gegeben hat, daß ich Eurer Lehne nicht bedarf.

Als die Tafel gehalten ward, befahl Carlmann, daß man den Heymons
Kindern nichts zu essen geben sollte. Alle Ritter und Edle setzten sich,
da erscholl Musik, und einem jeden ward aufgetragen, so viel nur sein
Herz begehrte; nur die Kinder Heymons erhielten nichts, und man that,
als wären sie gar nicht zugegen. Als Reinold dieses inne wurde, ging er
hinaus, stieß mit einem Fuß die Thür der Küche auf, und nahm von den
dastehenden Schüsseln so viel als ihm beliebte. Der Koch wollte ihm die
Schüsseln nicht verabfolgen lassen, aber Reinold schlug ihn sogleich,
daß er zur Erden fiel. Nun hatte er mit seinen Brüdern genug; und König
Carl, der den Vorfall hörte, sagte: er hat Recht gethan. Der Marschall
näherte sich Reinold und sagte: Junger Herr, Ihr habt groß Unrecht
gethan, den Koch zu erschlagen, wenn ich einer seiner Verwandten wäre,
so würde ich das schwer an Euch rächen. Dazu habt Ihr keinen Muth, sagte
Reinold, und der Marschall ward über diese Antwort erzürnt, und schlug
nach Reinold; aber dieser schlug ihn mit der Faust sogleich zu Boden,
und stieß den Leichnam mit dem Fuß, daß er weit in den Saal
hineinrollte. König Carl gebot Ruhe, und daß die Kurzweil und die Musik
ungestört fortwähren solle; worauf denn alle guter Dinge waren, und so
der Tag zu Ende ging.

Carlmann gebot, daß man in der Nacht den Heymons Kindern kein Bette
anweisen sollte, so daß sie in Ruhe schlafen könnten. Als dies Reinold
inne ward, machte er in der Nacht ein solches Getöse mit seinen Waffen,
daß alles im Schlosse aus den Betten fuhr, und bekümmert war und durch
einander lief. Nun legte sich Reinold mit seinen Brüdern in die Betten,
die ihnen am besten gefielen, und diejenigen, die so vertrieben waren,
brachten die Nacht unter Klagen und Murren hin.

Am folgenden Tage ward Carlmann in der Kirche feierlich zum Könige von
Frankreich gekrönt. Ein schöne Musik ward aufgeführt, und der
ritterliche Bischof Turpin las die Messe, und dem jungen Könige ward ein
kostbares Schwert umgegürtet, und eine überaus köstliche Krone auf das
Haupt gesetzt.

Reinold war vom König Carl zum Speisemeister ernannt, Adelhart zum
Mundschenken, und sie versahen ihre Dienste sehr wohl, als der Zug zum
Pallaste zurückgekommen war; auch Ritsart und Writsart warteten überaus
geschickt bei der Tafel auf, so, daß jedermann die adeligen Sitten
bewunderte. Nach der Mahlzeit versammelte König Carlmann alle Edlen im
Garten, und theilte die Lehen aus, aber den Heymons Kindern gab er
nichts, worüber Heymon ergrimmt zu König Carl lief, und ihm diesen
Vorfall kund that. Carl schalt in Gedanken die Unart seines Sohnes, und
gab allen drei Brüdern sehr ansehnliche Grafschaften zur Lehen, worüber
Carlmann, als er es erfuhr, äußerst erboßt ward. Er sagte: ich will
jetzt probiren an einem Steinwurfe, ob die Edeln meines Landes auch
stark und gewaltig sind; ich vermesse mich, der stärkste im Werfen im
ganzen Königreich zu sein. -- Alle Ritter und Edle schwiegen still, und
Carlmann wiederholte die stolzen Worte noch einmal. Der alte Heymon
konnte diese Vermessenheit nicht anhören, und sagte: Ew. Majestät
sollten Gott im Stillen für seine große Gnade danken, wenn dem also ist,
aber ich kenne einen jungen Helden von zwanzig Jahren, der diesen Stein
wohl weiter werfen könnte, wenn er nur wollte, als Ihr es je im Stande
seid. -- Holt nur Euren Sohn Reinold! rief Carlmann ergrimmt, damit Ihr
selbst gewahr werdet, wie Ihr mit Euren prahlerischen Reden zu Schanden
werden sollt. Da ging Heymon abseits seinen Sohn Reinold aufzusuchen,
und weinte bitterlich, denn die Rede Carlmanns hatte ihn gar zu sehr
innerlich verdrossen. Reinold sah seinen Vater auf sich zu kommen, und
verwunderte sich über die Thränen, die diesem von den Wangen
herunterliefen. Heymon erzählte ihm den Vorfall, und bat seinen Sohn,
den Stein doch ja weiter zu werfen, weil er sonst als ein Lügner
bestehen müsse, welches ihm in seinem ganzen Leben noch nicht begegnet
sei. Reinold wandte ein, daß Carlmann sein König sei, und daß er ihn
nicht erzürnen wolle; worauf Heymon sagte: nun gut, mein Sohn, wenn Du
Deinen alten Vater umsonst hast weinen lassen, so muß ich sterben, denn
ich kann als Lügner nicht weiter leben. Darauf rief Reinold aus: Nein,
sterben sollt Ihr nicht, ich will den Stein weiter werfen, und wenn
gleich mein Gegner der Teufel wäre. So folgte er seinem Vater zur
Gesellschaft.

Carlmann warf den Stein weit weg, die übrigen Ritter warfen auch, aber
keiner erreichte Carlmanns Ziel. Reinold nahm ihn und warf ihn viel
weiter, als der König gethan hatte. Darauf nahm Carlmann seine ganze
Gewalt zusammen, und warf den Stein noch weiter als Reinold, Reinold
aber ergriff ihn wieder, und warf ihn mit großer Leichtigkeit so weit
über das Ziel hinaus, daß Carlmann den Muth verlor.

Da der junge König sehr erboßt war, so versuchte es der falsche Ganelon,
ihn zu trösten. Er schlug ihm vor, dem Adelhart auf den Kopf zuzusagen,
daß er sich ermessen habe, ihn im Schachspiel zu überwinden, er sollte
also mit ihm spielen und dabei ausmachen, daß derjenige, der fünf Spiele
hinter einander gewönne, dem andern das Haupt abschlagen dürfe. Dem
Könige gefiel dieser falsche Rath, und er ließ Adelhart kommen; dieser
weigerte sich lange, um einen so hohen Preis zu spielen, aber Carlmann
zwang ihn dazu, und Ganelon bezeugte, daß er sich vermessen habe, den
König im Schachspiel zu besiegen. Carlmann gewann drei Spiele
hintereinander, und Adelhart war seines Lebens wegen sehr besorgt. Aber
er nahm allen seinen Verstand zusammen und gewann das folgende Spiel und
eben so noch vier andre, womit er eigentlich das Haupt des jungen Königs
gewonnen hatte. Er neigte sich gegen Carlmann, und sagte: Ich begehre
nicht den Vertrag zu erfüllen, aber hüte sich Ew. Majestät vor
Demjenigen, der Euch diesen Rath gegeben hat, denn er meint es wahrlich
nicht gut mit Euch. Carlmann aber ergriff das silberne Spielbrett, und
schlug damit Adelhart ins Angesicht, daß er blutete. Adelhart ging
traurig fort in den Stall, lehnte seinen Kopf an Bayart und weinte; dort
traf ihn Reinold und fragte ihn, was ihm fehle; er wollte es anfangs
verschweigen, weil er den Grimm seines Bruders fürchtete, da ihn aber
Reinold selber zu ermorden drohte, wenn er ihm die Wahrheit nicht
gestünde, so erzählte er ihm aus Furcht den ganzen Verlauf des
gefährlichen Spiels. Da ward Reinold sehr zornig, und sagte: Wie? darf
man einem Bruder von mir so begegnen? Kann ich es leiden, daß ich so das
brüderliche theure Blut zu Boden fließen sehe? Du hast sein Haupt
gewonnen, und ich will es Dir bringen.

Er ließ hierauf Bayart nebst den andern Pferden heimlich aus der Stadt
schaffen, dann ging er in Carlmanns Zimmer, bei dem sich Carl und viele
Edle befanden; mit grimmigem Gesicht packte er den jungen König bei den
Haaren und schlug ihm sein Haupt mit dem Schwerte ab; worauf er es
seinem Bruder Adelhart gab und sagte: Hier hast Du Deinen Gewinnst!

Dann verließen die Brüder mit ihrem Vater die Stadt Paris.




                            Sechstes Bild.
                    Die Brüder in der Verbannung.


König Carl war von Schmerz und Erstaunen ganz bewußtlos, er versammelte
schnell seine Ritter, und eilte den Flüchtigen nach. Vor dem Thore
begann ein hitziges Gefecht. Heymon hielt sich mit seinen Söhnen sehr
tapfer, doch wurden allen die Pferde unter dem Leibe umgebracht. Da
sprangen die drei Brüder hinter Reinold auf sein Pferd Bayart, das sie
alle viere so schnell davon trug, daß keiner sie ereilen konnte. Aber
Heymon blieb zurück, und stritt noch lange zu Fuß, und gebrauchte sich
ungemein tapfer. Aber endlich konnte er der Macht nicht länger
widerstehn, und gab sich ritterlich gefangen in die Hände des Bischofs
Turpin, weil er dem Könige Carl nicht allerdings traute und eine schwere
Rache von ihm besorgte.

Als Carl daher den Gefangenen wollte hängen lassen, widersetzte sich
Turpin und die übrige Ritterschaft, so daß Heymon nur schwören mußte,
seine Söhne in die Gefangenschaft zu überliefern, so bald als es ihm
möglich wäre.

Reinold kam mit seinen Brüdern auf seinem Schlosse an, sie nahmen
zärtlichen Abschied von ihrer Mutter, und beluden sich mit vielen
Kostbarkeiten und so entflohen sie nach Spanien; ihr Vater war ein
Freund des Königs, und hatte ihm lange gedient, sie hofften daher dort
eine gute Aufnahme zu finden.

Der König sah sie in der Ferne kommen, und erkannte sie sogleich an
ihrem Familienwappen; er wunderte sich darüber, daß ihrer viere auf
einem Pferde ritten, und beschloß, sie sogleich in seine Dienste zu
nehmen, weil er sich erinnerte, wie treu und tapfer ihm ihr Vater Heymon
ehemals gedient hatte. Er nahm sie daher sehr gnädig auf, versprach
ihnen Sold und Unterhalt; sie freueten sich, und gaben ihm dafür ihren
Schatz in Verwahrung, den sie mit sich gebracht hatten.

So lange sie am Hofe etwas Neues waren, wurden sie gut gehalten, aber
bald wurde man ihrer und ihres treuen Dienstes überdrüssig, dazu warf
man ihnen auch immer vor, daß sie ihren Vetter Carlmann erschlagen
hätten, und deshalb Landes flüchtig wären.

Reinold war im Herzen ergrimmt, daß man ihrer mit jedem Tage weniger
achtete; nach drei Jahren gab man ihnen gar keinen Sold, noch Kleider,
noch Unterhalt. Reinold schickte einen Knappen Wendelin an den König,
und ließ sich wenigstens seinen Schatz ausbitten, um weiter ziehen zu
können; aber der König ließ den Abgesandten mit Schlägen zum Pallast
hinauswerfen, und Reinold bekam diese üble Botschaft. Er ließ daher sein
Roß Bayart satteln, und vor die Stadt führen, nahm seinen Bruder
Adelhart mit sich, und ging so in den Pallast des Königs.

Der König saß gerade bei der Tafel, Reinold verbeugte sich demüthig, und
begehrte in höflichen Ausdrücken seinen Schatz, um sein Glück in einer
andern Gegend versuchen zu können, aber der König schwieg
tückischerweise still, und gab keine Antwort. Reinold wiederholte sein
Gesuch in denselben Ausdrücken, aber der König schlug die Augen nieder,
und that, als vernähme er kein Wort. Hierauf zog Reinold sein Schwert
und sagte: Ich sehe wohl, daß bei Ew. Majestät keine Güte hilft, ich muß
daher mit Ew. Majestät auf eine andere Weise sprechen, ich will Euch das
Haupt abschlagen, wie ich meinem Vetter Carlmann gethan habe, und
solches als einen Schatz mit mir nehmen. Da der König das Schwert sah,
fing er an um Gnade zu bitten, aber es war zu spät, Reinold schlug ihm
das Haupt ab, und gab es seinem Bruder Adelhart, es an den Sattel zu
hängen, und es als einen Schatz mitzunehmen.

Es entstand ein großer Aufruhr in der Stadt und Reinold hatte genug zu
thun, um sich und seine Brüder zu schützen. Von ihrem Rosse Bayart
schlugen sie manchen Mann zu todt, und verwundeten manchen, aber sie
alle wurden ebenfalls verwundet. Doch hielten sie sich so tapfer, daß
sie endlich davon kamen, und nun überlegten sie, was sie zu thun hätten.
Der Entschluß fiel endlich dahin aus, daß sie nach Tarragon zum Könige
Ivo gehen wollten; der ein abgesagter Feind des Königs in Spanien war;
ihm wollten sie das abgeschlagene Haupt präsentiren, und er würde sie
denn wahrscheinlich gütig und freundschaftlich aufnehmen.

Da sie nun in Sicherheit, und schon auf seinem Gebiete waren, da stiegen
sie vom Pferde, und verbanden einer dem andern die Wunden. Dann legten
sie sich nieder und schliefen, weil alle nach so hartem Drangsal der
Ruhe sehr benöthigt waren.




                           Siebentes Bild.
                        Reinold vermält sich.


Als die Brüder ausgeschlafen hatten, gingen sie an den Hof des Königs
Ivo, und Reinold trug auf seinem Speere das Haupt des Königs mit der
Krone. Der König Ivo verwunderte sich über die Maaßen, als er diese
Herren alle auf einem Pferde ankommen sah, er rief seine Räthe an's
Fenster, und alle erstaunten gleich sehr über diesen Anblick.

Reinold und seine Brüder warfen sich vor dem Könige nieder, und gaben
sich zu erkennen, dann verehrten sie ihm das Haupt seines Feindes,
welches er mit großer Freude annahm. Es wurde ihnen ein köstliches Mahl
zubereitet, hernach gab man ihnen schöne Kleider und wies ihnen ihre
Wohnungen an. Bald hernach fiel Ivo mit seinem Heere in Spanien ein, und
Reinold und seine Brüder begleiteten ihn auf diesem Zuge. Das Heer war
siegreich, besonders durch die Hülfe der Heymons Kinder, und so zogen
sie endlich wieder nach Hause.

König Carl hatte in Erfahrung gebracht, daß sich Reinold mit seinen
Brüdern beim Könige Ivo aufhielte, er schickte also heimlich eine
Gesandtschaft dahin, um die Auslieferung dieser Ritter zu begehren. Ivo
wollte sich nicht gern gegen König Carl auflehnen, weil er dessen Macht
fürchtete, aber auch nicht gern für undankbar angesehen werden, weil er
durch die Hülfe der Heymons Kinder so siegreich gewesen war; er berief
daher seinen Rath zusammen, damit dieser entscheiden sollte, wie er sich
in einer so bedrängten Lage zu betragen habe. Die meisten der
Rathsherren waren den Heymons Kindern ihres tapfern Betragens wegen sehr
gewogen, nur einige waren ihnen entgegen, und da einer von diesen
vorschlug, daß man sie ausliefern möchte, schlug ihn ein anderer von den
Räthen zu Boden, weil es ein unedler Antrag sei.

Reinold erschien nun selber in der Rathsversammlung, er ließ sich vor
dem Könige auf ein Knie nieder, und begehrte von ihm die hohe einsame
Steinklippe im Meere, um sich dort eine Wohnung zu bauen, und sicher zu
seyn. König Ivo bedachte sich eine Weile, und sein Rath unterstützte
Reinold's Gesuch, aber einer war dagegen, und bestand darauf, daß man
die Brüder zum Besten des Landes ausliefern solle, aber ein anderer
redlicher Rath schlug ihn ebenfalls zu Boden. König Ivo sagte endlich:
Lieben Herren, lasset mir das, ich will dem tapfern Reinold die
Steinklippe geben, wenn er mir verspricht mein ehrlicher Vasall zu sein,
und mich in Kriegen und Ueberfällen zu beschirmen, dazu will ich ihm
gleichfalls meine Tochter Clarissa zum ehelichen Gemal geben, wenn er
mir solches verspricht. Reinold versprach es, und die Hochzeit ward in
Kurzem auf das prächtigste gefeiert.




                             Achtes Bild.
                   Die feste Steinklippe Montalban.


Bald nach der Hochzeit versammelte Reinold eine Menge von Maurern und
Zimmerleuten, und gründete so eine Festung, die bald aufgebaut war und
die er Montalban nannte. König Ivo kam und besah die Festung, er
verwunderte sich über den Bau und über die Unüberwindlichkeit der
Steinklippe, denn sie lag im Meer, und der steile Fels war schwer zu
erklettern. Da oben hauste nun Reinold mit seinem Gemal und seinen
Brüdern, und er hatte viele Unterthanen und auch ein ansehnliches Stück
Land vom Könige bekommen. König Carl wollte eine Reise nach St. Jago
machen, da fuhr er an dieser Klippe vorüber, und verwunderte sich über
ihre Festigkeit. Da er hörte, daß das Schloß Montalban heiße und Reinold
angehöre, ward er ergrimmt, und ließ es durch Roland auffordern, und daß
sich Reinold mit seinen Brüdern auf Gnade und Ungnade ergeben sollte.
Reinold aber verließ sich auf die Festigkeit seines Schlosses, und ließ
zurücksagen, daß er sich nichts um König Carl kümmere, und daß er ihn
belagern möchte, wenn er wollte. Das verdroß Carln inniglich; er war
daher kaum von seiner Wallfahrt zurückgekommen, als er eine Menge Volks
versammelte, und damit Reinold in seinem Castell belagerte; aber es war
zu fest, und er mußte unverrichteter Sache wieder abziehn.




                            Neuntes Bild.
              Reinolds Brüder kommen in Gefangenschaft.


Als eines Tages Reinold mit seinen Brüdern zu Tische saß, ward er
plötzlich traurig und ließ den Kopf sinken, so daß sich alle über ihn
wunderten. Adelhart fragte ihn, was ihm fehle, und Reinold antwortete:
Lieben Brüder, ich muß mich gar sehr über Euch wundern, daß keiner von
Euch an unsre vielgeliebte Mutter denkt. Ich habe sie nun in sieben
Jahren nicht gesehn, und weiß nicht, wie es ihr geht, wie sie aussieht,
ob sie in der Zeit nicht schon zum öftern krank gewesen ist. Sie denkt
vielleicht oft an uns, und ich muß Euch sagen, ich habe keine Ruhe, bis
ich gen Pirlapont gereiset bin, und sie wieder mit Augen gesehn habe.

Die Brüder erschraken, und suchten ihm diesen Vorsatz auszureden, weil
eine solche Reise thöricht und gefährlich wäre: denn Aya und Heymon
hatten schwören müssen, die Kinder gefänglich auszuliefern, wenn sie sie
je in die Hände bekämen.

Was ist das Leben, rief Reinold, wenn wir unsre liebsten Wünsche nicht
erfüllen sollen? Und ich sage Euch, daß ich doch sterbe, wenn ich meine
Mutter nicht zu sehn bekomme, ich mag nun hinziehn, oder nicht.

Da wurden die Brüder traurig, weil sie sahen, daß er seinen Sinn fest
darauf gesetzt hatte, und daß kein Ausreden etwas fruchten würde. Sie
gingen daher fort, und im nächsten Walde begegneten ihnen vier
Pilgrimme, in der Pilgerkleidung und mit Palmzweigen in den Händen. Mit
diesen verwechselten die Ritter die Kleider und kamen so an die Thore
von Pirlapont. Aber die Thore waren verschlossen, und als sie deshalb
anklopften, fragte der Thorhüter von den Zinnen der Burg, wer da sei?
Wir sind vier Pilgrimme, antwortete Reinold, wir sind viele merkwürdige
Städte durchwandert, und kommen nun hieher, und haben großen Hunger und
Durst; bitten deshalb, Ihr wollet uns einlassen.

Hier ist viel Jammer im Hause, antwortete der Thorhüter, weil wir
gestern die Zeitung bekommen haben, daß die vier Söhne Heymons in
gefänglicher Haft von König Carl gekommen sind.

Ich bitte Euch um dieser vier Herren willen, antwortete Reinold, daß Ihr
uns einlassen wollet.

Der Thorhüter sprach: Wenn Ihr nicht einen so langen Bart trüget, möchte
ich Euch fast selber für den stolzen Reinold ansehn; und somit stieg er
hinunter und öffnete ihnen das Thor.

Sie gingen zu ihrer Mutter als Pilgrimme, und baten um eine Mahlzeit,
weil sie eine weite Reise gemacht hätten. Sie saßen nun zu Tische, und
Reinold betrachtete seine Mutter sehr genau, endlich bat er sie, ihm
auch einen Trunk Wein zu geben, weil er lange keinen guten Wein
getrunken habe. Die Mutter holte ihm selber eine Kanne mit Wein aus dem
Keller, und schenkte ihm ein. Reinolds Herz ward fröhlich, da er seine
Mutter selber ihm einschenken sah, und trank über die Maaßen, so daß er
ordentlicher weise betrunken ward. Er taumelte umher und begehrte einen
Becher nach dem andern, so daß sich Frau Aya über den lustigen Pilgrim
verwundern mußte. Er ließ sich immer noch mehr Wein einschenken, so daß
sich wohl ihrer vier davon hätten satt trinken mögen, dann taumelte er
umher, und sagte zu seiner Mutter: Nun gebt mir noch einen Becher und
ich will meinem Vetter Carl nichts achten. Adelhart erschrak, als er
diese Worte hörte, er wollte seinen Bruder anstoßen, um ihn zu warnen,
aber Reinold, der trunken war, fiel gleich der Länge nach in den Saal
hin. Die Mutter warf sich auf ihn nieder, und umhalsete ihn, und wollte
vor Freuden gar nicht wieder von ihm lassen, so daß sie Adelhart endlich
vom Boden aufheben mußte; dann umarmte sie auch die übrigen Söhne.

Es war aber einer im Saal zugegen, der dem Könige Carl sehr günstig war,
er ging daher zu Frau Aya und sagte: Gedenket Eures Eides, und liefert
nun Eure Kinder Eurem Bruder aus, der auf Euch ergrimmt ist; wo es aber
nicht geschieht, will ich selbst nach Hofe reiten, und anzeigen, daß sie
sich hier befinden. -- Als Aya diese Worte hörte, fing sie bitterlich an
zu weinen, und klagte: O du arger und gottloser Verräther, hast Du so
lange mein Brodt gegessen, und darfst nun dergleichen Reden gegen mich
führen? Und wenn mein Bruder auch noch viel ergrimmter wäre, so will ich
ihm dennoch meine Kinder nicht ausliefern.

Der Verräther lief hierauf zum Grafen Heymon, und gebrauchte gegen ihn
dieselben Worte, aber Heymon erwischte von ungefähr einen tüchtigen
Prügel, und schlug damit den Verräther zu Boden, und sagte: Nun darf ich
doch versichert seyn, daß Du es nicht bei Hofe anzeigen wirst. Dann ging
Graf Heymon zu seinen Edlen und versammelte sie und viel Volks, daß sie
ihm seine Kinder sollten fangen helfen, damit er sie seinem Eide gemäß
ausliefern könne.

Die Brüder sahen die Macht auf sich zukommen, und waren in großen
Aengsten, sie wußten sich nicht zu rathen, aber endlich trugen sie den
trunknen und schlafenden Reinold in ein Gemach, wo sie ihn verschlossen,
dann nahmen sie ihre Waffen zur Hand, und widersetzten sich dem Volke
des Grafen, das eindrang, um sie gefangen zu nehmen. Der Streit dauerte
länger als einen Tag, denn die Brüder gebrauchten sich sehr tapfer, und
schlugen viel Volks darnieder.

Reinold erwachte nun wieder und war nüchtern, er sah die Bedrängniß
seiner Brüder, und eilte sogleich hinzu, um ihnen beizustehn. Er sprang
sogleich in das Volk hinein, wo es am dicksten stand, und vor seinem
guten Schwerte stürzte alles nieder und entfloh; worauf Heymon sagte:
Ich sehe wohl, daß meine Kinder diesmal werden ungefangen bleiben, denn
Reinold hält sich besser, als alle zusammen. Reinold kam in Wuth und
drang auf seinen Vater ein, um ihn niederzuhauen; als Adelhart das
gewahr ward, eilte er auf ihn zu und hielt ihn zurück. Laß mich nur,
rief Reinold aus, ich will ihn lehren seine Kinder fangen. -- Aber
Adelhart sagte: Bedenke, Bruder, daß man dann bis in die spätesten
Zeiten von uns, als von Bösewichtern sprechen wird, daß kein edles
Gemüth mit uns wird Gemeinschaft pflegen wollen; nein, es ist
schändlich, lieber Bruder, und gegen die Religion, warum willst Du den
Vater tödten? Es ist ja sonst noch Volks genug da, das Du umbringen
kannst.

Reinold sah die Worte seines Bruders ein, und ließ von seinem Vorhaben
ab, aber er wüthete desto ärger gegen die Uebrigen, so daß alles umkam
oder flohe, und sich ihm sein Vater gefangen geben mußte. Reinold nahm
nunmehr seinen Vater und band ihn rücklings auf sein Pferd, dann gab er
den Zügel einem Knaben in die Hand, der es so an den Hof des Königs Carl
führen mußte. Der Thorhüter am königlichen Pallaste verwunderte sich
sehr, als er den Grafen so ankommen sah; er fragte erstaunt: Wer ist so
kühn, Herr Graf, daß er es wagen darf, Euch als ein Präsent an den Hof
zu schicken? Ach, das haben mir meine Kinder gethan, antwortete Heymon,
darum, daß ich sie habe fangen wollen.

König Carl ward ungemein betrübt, als er diese Nachricht empfing, er
brachte schnell eine Macht zusammen, um die Brüder zu belagern und sie
in seine Gewalt zu bekommen.

Reinold sah, wie sich die Schaaren versammelten, und ward in seinem
Gemüthe sehr betrübt. Er stand auf der Zinne der Burg und sah wie das
feindliche Heer seine Gezelte aufschlug, um ihn und seine Brüder zu
belagern. Er ging zu seiner Mutter und fragte sie, ob sie keinen Rath
wüßte, denn nun wäre an kein Entrinnen mehr zu denken, er müßte sich dem
König gefangen geben. Frau Aya weinte, da sie ihren tapfern Sohn so
reden hörte, er war der jüngste und ihr der liebste, und sie gedachte,
daß er noch am ersten seine Brüder retten könne, wenn sie ihm zur Flucht
behülflich wäre. Sie ließ ihn daher sein Pilgerkleid wieder anziehn,
dann schaffte sie ihn heimlich zu einer verborgenen Thür hinaus, und so
entkam Reinold.

Die übrigen Brüder aber waren in der größten Betrübniß, denn sie
fürchteten sich sehr vor König Carl, besonders da sie jetzt ihren Bruder
Reinold nicht mehr bei sich hatten. Die Mutter schlug ihnen vor,
barfüßig und in wollenen Hemden in das Lager des Königs zu gehn, und
fußfällig um Verzeihung zu bitten; sie folgten ihrem Rathe, und stellten
sich vor dem König Carl, ihren Feind. Carl war sehr ergrimmt, und fragte
gleich nach Reinold; sie sagten daß er entwischt sei, worüber der König
noch mehr aufgebracht wurde, und schwur, sie alle hängen zu lassen, wenn
der Reinold erst zur Gesellschaft hinzugekommen wäre.

Reinold war indessen auf Montalban angelangt, und voller schwermüthigen
Gedanken. Er warf sich vor, daß er an der Reise seiner Brüder Schuld
sei, und sie jetzt feigherzigerweise verlassen habe. Er bestieg sein Roß
Bayart und beschloß sie zu erretten. So ritt er mit diesem Gedanken bis
vor die Stadt Paris, wo er im Wald stille hielt, und bemerkte, daß ihm
ein Jüngling nachgekommen sei, der in seinen Diensten war. Bist Du
nachgekommen, mich zu verrathen? rief Reinold. Wie sollt ich, antwortete
der Jüngling, zu einer so schändlichen Absicht einen so weiten Weg
zurückgelegt haben? Nein, ich bin Euer Diener und Ihr könnt meiner
vielleicht gebrauchen.

Gut, sagte Reinold, so sollst Du ein Abgesandter von mir an König Carl
sein, doch sieh Dich ja gut vor, daß Du Dir einen guten Bürgen setzen
lässest, denn Du sollst ihm harte Worte überbringen. Sage ihm von
meinetwegen, daß ich es weiß, daß meine Brüder in seiner Haft sind, aber
er solle sich wohl vorsehen, ihnen einiges Leid zuzufügen. Wir sind alle
erbötig Sr. Majestät treu und ehrlich zu dienen, auch in wollenen Hemden
und barfüßig demüthigst um Verzeihung zu bitten, aber er soll sie
freilassen, und uns in seine Dienste nehmen. Will er sie aber nicht los
und ledig geben, so sag ihm nur, wollt' ich meine ganze Macht daran
strecken, und nicht eher ruhen und rasten, bis ich ihm so, wie dem
Könige Carlmann gethan hätte.

Der Jüngling wollte gehn, aber Reinold rief ihn zurück. Nein, sagte er,
Gott bewahre meinen Arm, daß ich Seine Majestät, meinen König und Vetter
umbringen sollte; das sei fern von mir, denn es wäre ein grausames und
unmenschliches Beginnen. Aber sage mir meine Botschaft gut und
verständig, daß er meine Brüder soll freigeben und daß wir ihm treu
dienen wollen, aber er muß uns vergeben; will er aber meine Brüder
hängen lassen, so will ich meine ganze Macht daran strecken und es soll
ihm dann nimmermehr gut gehn.

Der Bote verfügte sich nun in die Stadt, und ging an den Hof zu König
Carl, wo er seinen Auftrag ausrichtete. Er ließ sich aber vorher den
König Carl selber zum Bürgen setzen, daß er frei zurückkönne, und es war
gut, daß er es gethan hatte, denn König Carl wurde ungemein ergrimmt
über Reinold und seinen Abgesandten, so daß er ihn gewiß würde habe
hängen lassen, wenn er ihm nicht so sichere Bürgschaft zugesagt hätte.

Reinold wartete im Walde auf seinen Boten, er war vom Pferde gestiegen
und ging unter den Bäumen auf und ab, sein Pferd hatte er an einen Stamm
gebunden. Indem er so wartete und über das Schicksal seiner Brüder
nachdachte, überfiel ihn eine Schläfrigkeit. Er legte sich nieder, und
ehe er es noch bemerkte, war er unter dem Rauschen der alten Bäume fest
eingeschlafen. Indem bekam Bayart ein Gelüste nach dem frischen Grase,
weil er hungrig war, er schüttelte sich also so lange, bis er vom Baume
los war, dann ging er nach seiner Lust auf der Weide, weil er seinen
Herrn schlafen sah. Dreißig Bauerknechte waren von ohngefähr im Walde,
wo sie Holz fällten, diese wurden das Roß Bayart gewahr und erkannten es
sogleich, daß es Reinolds Pferd sei. Sie machten den Plan, das Roß zu
fangen, und umgaben es mit Bäumen und Zweigen von allen Seiten, so daß
es nicht davon kommen konnte. Dann banden sie es und führten es nach
Paris. Carl war erfreut, daß er das Roß erobert hatte, er schenkte es
sogleich dem Grafen Roland, der sich im Herzen heimlich darüber
betrübte, daß man es seinem Vetter Reinold entwendet hatte.

Reinold erwachte und sah, daß sein treues Roß fort war, er suchte es
lange im Walde und war überaus bekümmert. Als er es aber nicht
wiederfand, ward sein Jammer groß, er zog den Harnisch aus und warf ihn
in's Gebüsch, eben so sein Schwert und seinen Schild. Wohl bin ich nun
wie ein Thor bestraft, rief er aus, ich Unglückseliger! der ich dem
Könige Carl so große Worte sagen lasse, und nun nichts davon in's Werk
richten kann. Was für Macht soll ich nun daran strecken, um sie zu
befreien? Bayart ist mir gestohlen, und ich möchte hier im wilden Walde
lieber gleich umkommen, denn meine Brüder sind verloren, und ich kann
gar nichts thun um sie zu erretten.

Solche Klagen trieb Reinold und warf sich dann auf den Boden und machte
die wunderlichen Geberden eines Menschen, der in Verzweiflung ist.




                            Zehntes Bild.
                        Die Kunst des Malegys.


Indem trat ein alter Pilgrimm aus dem Gebüsche und ging auf Reinold zu.
Er hatte weiße Haare und einen langen Bart, seine Augenbraunen hingen
ihm über das Gesicht, so daß er durch die Haare sehen mußte, und man von
ihm glauben konnte, daß er wohl an zwei hundert Jahr alt sei. Er ging an
einem Pilgrimmsstabe und hinkte langsam daran einher. Reinold
verwunderte sich über die alte Gestalt, die auf ihn zukam.

Der Alte sagte: ei, junger Herr, worüber trauert Ihr denn so sehr? Ich
bin weit und breit die Länder durchzogen, aber nirgends, das mag ich
sagen, habe ich eine Person angetroffen, die so traurig gewesen wäre,
als Ihr es zu sein scheint. -- Ich habe auch die größte Ursache zur
Traurigkeit, antwortete Reinold, denn meine Brüder sind verloren, und
ich kann ihnen nunmehro auch nicht helfen, weil man mir mein Roß Bayart
gestohlen hat. Ich hatte mir große Thaten vorgesetzt, und wollte sie
befreien, aber Gott hat es anders gelenkt, darum will ich auch nicht
länger widerstreben, sondern mich für überwunden erkennen und mein
ganzes Leben aufgeben, denn ich fühle eine große Lust in mir zu sterben.
-- Das muß nie sein, antwortete der alte Pilgrimm, richtet Euch wieder
auf, die Hülfe ist oft am nächsten, wenn man sie am wenigsten vermuthet,
und verehret mir ein Almosen, damit ich für Euch und Eure Brüder beten
könne.

Reinold bedachte sich, weil er kein Geld bei sich hatte, da fielen ihm
seine goldenen Sporen ein, die ihm jetzt gar nichts mehr nütze sein
konnten, da er Bayart verloren hatte. Er band sie also los und gab sie
dem Pilgrimm, der sie sogleich in einen Sack steckte. Wenn Ihr mir noch
etwas zu geben habt, sagte der alte Pilgrimm, so gebt es mir, und ich
will in meinem Gebete Eurer dafür gedenken. -- Wenn ich mich nicht
schämte, fuhr Reinold auf, so wollte ich Dich das Bettlerhandwerk
lehren, daß Du daran gedenken solltest. Er meinte nemlich, ihm mit dem
Schwerte eins zu versetzen, wenn der Pilgrimm nicht zu alt und hinfällig
gewesen wäre.

Warum werdet Ihr böse? fuhr der Alte fort, der guten Gaben kann man
niemalen zu viele sammeln, und im Alter kommen sie einem gut zu statten;
darum, wenn Ihr noch etwas zu geben habt, so gönnt es mir lieber, als
einem andern.

Reinold zog hierauf sein kostbares Unterkleid aus, und sagte: siehe, ich
gebe Dir das, davon magst Du eine lange Zeit leben. Der Pilgrimm nahm
das Kleid und steckte es in den Sack und sagte: Ich danke Euch, Herr
Ritter, wenn Ihr noch etwas zu geben habt, so gebt es mir, ich will
Eurer Brüder dafür in meinem Gebete gedenken. Da ward Reinold zornig,
und zog sein Schwert und hieb nach dem Pilgrimm; der aber sprang zurück
und verwandelte sich in einen schönen Jüngling von zwanzig Jahren, aber
gleich darauf war er wieder der Alte. Reinold erstaunte, und holte noch
einmal mit dem Schwerte aus, der Pilgrimm sprang aber wieder zurück und
stand als ein schöner Jüngling da. Darauf wurde Reinold verwirrt und
sagte: Jetzt ist mein Unglück auf das Höchste gestiegen, meine Brüder
sind todt, dazu ist mein Roß Bayart gestohlen, mich selber wird man
aufhängen, und der Teufel kömmt nun gar noch und fängt an mich zu
vexiren: das kann und soll nicht so sein! Er stürzte mit Wuth auf den
Jüngling zu, um ihn niederzuhauen, der aber fürchtete sich und rief:
Seht Euch vor, was Ihr thut, denn ich bin Euer Vetter Malegys!

Kaum hatte Reinold diese Worte vernommen, so fiel er auf seine Kniee
nieder und bat um Verzeihung und Beistand. Malegys nahm ihn nun in die
Arme, tröstete ihn mit kräftigen Worten und versprach ihm, ihm sein Roß
Bayart wieder zu verschaffen. Reinold wurde wieder froh und so machten
sich beide Ritter auf den Weg nach Paris.

Malegys verwandelte den Reinold in einen ganz alten und schwachen
Pilger, und so machte er sich auch selber wieder zu einem alten Mann. So
kamen sie in die Stadt und setzten sich auf die große Brücke nieder, und
die Vorbeigehenden gaben ihnen Allmosen, denn sie sahen gar zu
erbärmlich aus, besonders Reinold, der für einen Todtkranken in einer
Ecke der Brücke lag. Es war grade an demselben Tage, an welchem Roland
sein geschenktes Pferd probiren wollte und es lief viel Volks zusammen,
und viele Ritter und Damen, um den Kurzweil mit anzusehn. Reinold hatte
sich seine Sporen wieder anlegen müssen, ohne daß man sie sehn konnte,
um desto besser gerüstet zu sein.

Es kam nun König Carl über die Brücke mit dem Grafen Roland, und Bayart
ward hintennach geführt. Der König sah die Pilgrimme, gab dem Malegys
ein Allmosen und ließ sich mit ihm in eine Unterredung ein. Malegys
erzählte viel von den Ländern, durch die er gereiset war, eben so auch
von der seltsamen Krankheit seines Gefährten; indem so kam Bayart näher,
weil er seinen Herrn witterte, und schnupperte den Reinold freundlich
an. Da Malegys das sah, schlug er das Roß mit seinem Stabe zurück,
gleichsam als wenn sich sein Gefährte davor fürchtete. Darauf sagte er
zum Könige, daß ihm ein weiser Einsiedler gesagt hätte, sein Geselle
würde sogleich gesund werden, wenn er nur einmal so glücklich sein
könnte, auf dem Rosse Bayart zu reiten. Der König antwortete: welch ein
glücklicher Zufall, denn das ist eben das Roß Bayart, welches wir mit
uns führen, und seht, das unverständige Thier schnuppert immer nach
Eurem Gesellen hin, das muß fürwahr ein wunderbarer Mann sein.

Darauf befahl er, daß Graf Roland den kranken Pilgrimm nehmen und auf
das Pferd setzen möchte; es geschah, aber der Pilgrimm fiel sogleich
wieder ab. Roland setzte ihn zum zweitenmal hinauf, und der Pilgrimm
fiel von der andern Seite wieder ab, endlich als Reinold zum drittenmale
in den Sattel gesetzt ward, blieb er aufrecht sitzen und das Roß spürte
nun seinen Herrn wieder und bäumte sich, und wollte von dannen laufen.
Da gab ihm Reinold noch die Sporen und ließ ihm den Zügel schießen, und
das Roß sprang gar behende davon und kam den Rittern bald aus den Augen.
Malegys erhob über seinen Gefährten ein großes Klagegeschrei, der gewiß
den Hals brechen würde, und Turpin der Bischof, Roland, Olivier und
Ogier ritten dem entflohenen Pferde nach.

Im Walde hielt Reinold still, weil er diese Herren nachkommen sah, und
gab sich ihnen zu erkennen, denn er wußte, daß sie es alle gut mit ihm
meinten. Sie versprachen ihm auch, bei dem Könige für seine Brüder zu
bitten, und ritten so zur Stadt zurück. Zum Könige sagten sie, sie
hätten das Roß nicht ereilen können, worüber Malegys ein noch lauteres
Klagegeschrei erhob; der König bedauerte ihn und gab ihm eine Verehrung.
Dann entfernte sich der listige Zauberer, als wenn er zum Besten seines
verlornen Gefährten eine heilige Wallfahrt vornehmen wollte.




                            Eilftes Bild.
           Malegys errettet die Brüder aus dem Gefängnisse.


König Carl ließ nunmehr seinen Rath versammeln, um über die drei
gefangenen Brüder ein Urtheil zu sprechen. Er ließ sie in den Saal
bringen und ihnen wie Missethätern die Hände auf den Rücken binden.
Darwider setzte sich Bischof Turpin und behauptete, daß sich das nicht
gezieme, weil diese Herren von fürstlichem Geblüte seien. Carl aber that
einen Schwur, daß er sie wollte henken lassen, weil sie seinen Sohn
Carlmann umgebracht hätten. Turpin versetzte dagegen, daß er es
nimmermehr zugeben würde, und daß gewiß der größte Theil der
Ritterschaft seiner Meinung wäre, weil die meisten mit den Gefangenen
verwandt wären. Darüber wurde König Carl zornig und schlug nach Bischof
Turpin, der Bischof aber ergriff den König beim Halse und hätte ihn
beinahe erwürgt, wenn nicht Roland und andre Genossen hinzugesprungen
wären und die Einigkeit wieder hergestellt hätten. Es wurde endlich
beschlossen, daß die Gefangenen noch auf einige Zeit verwahrt gehalten
werden sollten, worauf man sich denn nachher noch einmal bedenken
wollte.

So entgingen die Brüder noch dem Tode, denn dieser Tag war für sie ein
gefährlicher Tag gewesen, und sie hatten ihr Leben schon für verloren
geachtet.

In der Nacht machte sich Malegys auf und ging nach dem Gefängnisse. Vor
seiner Kunst sprangen sogleich alle Thüren auf, auch fielen den
Gefangenen die Ketten von den Händen. Er gab sich ihnen zu erkennen und
führte sie bis an die Brücke vor Paris, dann sagte er: ich muß nun noch
zum König Carl gehn, denn ich habe vergessen ihn um Erlaubniß zu fragen.
Ritsart antwortete: Ach, Vetter, diese Erlaubniß wird er Euch nimmermehr
geben, denn er hat seine Freude daran, daß er uns will henken lassen.

Aber Malegys ging vor das Bett des Königs Carl, der noch im tiefsten
Schlafe lag, und fragte ihn, ob er ihm erlauben wolle die Brüder aus dem
Gefängnisse zu führen. Carl antwortete: Führe sie, wohin Du Lust hast,
denn mich kümmert es nicht; es wußte nämlich der König nicht, was er
redete oder sagte. Somit nahm Malegys zugleich auch das Schwert und die
Krone Carls, so daß dieser es sah, dann verließ er ihn und eilte mit den
erretteten Brüdern nach Montalban.

König Carl war sehr ergrimmt, als er am Morgen seine Krone, sein Schwert
und seine Gefangenen vermißte.




                            Zwölftes Bild.
                     Ein Wettrennen mit Pferden.


König Carl bekam Lust, das beste Pferd in seinem ganzen Lande kennen zu
lernen, um es für Roland zu kaufen, damit dieser sich dann desto
zuverlässiger dem Reinold widersetzen könne, denn durch Roß Bayart war
Reinold selbst dem mächtigen Roland überlegen. Der König setzte also die
neue Krone, die er sich hatte machen lassen, zum Preise aus, für
denjenigen, der mit seinem Pferde zuerst das Ziel erreichen würde, er
wollte demjenigen Ritter dann die Krone für den vierfachen Preis
abkaufen, dazu auch das Roß; auf diesem Wege hoffte er das beste Roß zu
erhalten.

Malegys und Reinold hörten von diesem Turnier, und sie machten sich
alsbald mit den Brüdern auf den Weg nach Paris. Unterwegs aber
verwandelte Malegys den Reinold in einen Jüngling von vierzehn bis
funfzehn Jahren, so daß ihn Niemand erkennen mochte; eben so vertrieb er
dem Rosse Bayart die schwarze Farbe und machte ihn zu einem großen und
starken Schimmel: über welche Kunststücke Reinolds Brüder sehr lachen
mußten, denn sie erkannten selber ihren Bruder und das Roß Bayart nicht
wieder. So zogen sie fort und kamen in Paris an, die Brüder aber blieben
außerhalb der Stadt.

Als sie in der Herberge abgestiegen waren, ging Malegys in den Stall und
band Bayart den einen Schenkel fest, so daß er nicht recht gehen konnte,
dazu verwandelte er ihn auch so, daß er ein ganz dürres und mageres
Ansehn hatte. Der Wirth war höchlich darüber verwundert, und sagte
schmählend zu Malegys: O du böser Geselle, der du dieses gute Roß also
verdorben hast, ganz gewiß bist du Malegys und dein Geselle dort der
verbannte Reinold, ich will gleich zum Könige gehn und es anzeigen. Als
Reinold diese Worte hörte, zog er sogleich sein Schwert und hieb dem
verrätherischen Wirthe das Haupt ab.

Es war nun der Tag, an dem das Turnier gehalten werden sollte. Malegys
ritt auf der andern Seite zur Stadt hinaus, und Reinold kam mit seinem
dürren und hinkenden Klepper auf den Turnierplan. Alle Ritter spotteten
des Jünglings und seines Pferdes, nur ein schalkhafter Knecht war unter
ihnen, welcher sagte: wenn ich anders den Reinold je gesehen habe, so
ist es dieser Jüngling, und dieses sein Roß muß Roß Bayart sein. Bayart,
der diese Worte verstand und für seinen Herrn besorgt war, schlug von
hinten aus, so daß der Knecht todt niederfiel. Die Ritter sagten: das
Roß hat Recht gethan, warum hat er es also belogen?

Der Wettlauf nahm nun seinen Anfang, und die übrigen Ritter waren mit
ihren Pferden schon weit voraus; da löste Reinold dem Bayart heimlich
den gebundenen Schenkel, und von Stund an bekam das Pferd sein frisches
und gesundes Aussehn wieder, und der König und sein ganzes Gefolge
verwunderten sich über die Maaßen. Das Roß trieb nun ein Springens und
Laufens, wie es fast noch nie gethan hatte, so daß es bald allen übrigen
Pferden zuvorkam, worüber sich Reinold ungemein erfreute, denn er hatte
eine große Begierde zu der Krone. Als er endlich an das Ziel gekommen
war, nahm er die Krone von dem Orte weg, wo sie aufgestellt war, sprang
mit dem Rosse in die Seine und schwamm behende an das jenseitige Ufer.
König Carl war erstaunt und erschrocken, er rief dem Ritter nach, aber
Reinold hatte drüben schon seinen Vetter Malegys gefunden und rief
zurück: seht, ich bin Reinold, und dieses hier ist mein Roß Bayart, kein
beßres giebt's in der ganzen Welt mit Laufen und Springen, es ist daher
nur vergebene Mühe von Ew. Majestät, ein besseres aufsuchen zu wollen.

König Carl erschrak heftig und bat ihn zurückzukommen, er wolle ihm und
seinen Brüdern vergeben und ihnen Aemter ertheilen, darneben ihm die
Krone für den vierfachen Werth mit Gold abkaufen. Aber Reinold sagte:
Ich traue Eure Majestät nicht so viel, überdies, was wollt Ihr mit einer
Krone? Ihr seid ja ein Roßtäuscher geworden und dürft also keine Krone
tragen. Mit diesen Worten ritt er mit der Krone fort, und keiner wagte
es, in die Seine zu springen, weil sie die Kunst des Zauberers Malegys
fürchteten.

Die Brüder waren sehr erfreut, als sie den Reinold mit der kostbaren
Krone ankommen sahn; aber König Carl war sehr betrübt, daß er nun auch
seine zweite Krone verloren hatte, die er sich erst neu hatte machen
lassen.




                          Dreizehntes Bild.
                       König Ivo ein Verräther.


Es nahte sich jetzt das Pfingstfest, an dem König Carl immer seine Edle
und Fürsten zu versammeln pflegte; er mußte sich daher zu dieser
Feierlichkeit eine neue Krone verfertigen lassen, damit er in seinem
Schmucke und dem schicklichen Glanze erscheinen könne. Dann lud er alle
zum Feste ein, vorzüglich aber den König Ivo von Tarragon. Als sie
erschienen waren, wurde jeglichem sein Sitz angewiesen, und eine überaus
schöne Musik erklang; König Ivo aber aß mit König Carl an einem
besondern Tische, so daß ihm also dadurch eine große Ehre widerfuhr.

Nachdem man die Tafel aufgehoben hatte, nahm Carl den König Ivo bei der
Hand, und beide gingen im Garten spazieren. Carl sagte: Mein König, es
wird Euch bewußt sein, wie Euer Eidam meinen Sohn Carlmann erschlagen
hat, es ist mir unmöglich, den Mörder in meine Gewalt zu bekommen; so
Ihr ihn mir aber ausliefern wollt mit seinen Brüdern, will ich Euch eine
große Summe Goldes dafür verehren.

König Ivo freute sich, als er diesen Vorschlag hörte, denn er liebte das
Gold über die Maaßen, dazu so schmeichelte ihm das Vertrauen und die
Freundschaft König Carls, auch hatte er nun schon die treuen und
redlichen Dienste der Heymons Kinder vergessen, so daß er dieserwegen
den Handel einging, und die vier Brüder ohne Wehr und Waffen nach
Falkalon zu liefern versprach. Hierauf umarmten sich beide Könige von
Herzen, und Ivo zog sogleich nach Montalban, Carl aber schickte viel
Volks nach Falkalon, um die Brüder gefangen zu nehmen, und sie sich todt
oder lebendig überliefern zu lassen, damit die verdrüßlichen Händel ein
Ende gewinnen möchten.

Reinold war mit seinen Brüdern auf die Jagd gezogen, und er ritt nun mit
ihnen nach seinem Schlosse Montalban zurück. Aber plötzlich überfiel ihn
eine große Traurigkeit, so daß er den Kopf sinken ließ, und gebückt und
bekümmert auf seinem Pferde saß. Die Brüder wurden besorgt und fragten
ihn, was ihm fehle, daß er sich also in Gedanken verliere. Reinold
antwortete: ach, meine lieben Brüder, ich kann es Euch nicht sagen, wie
es geschieht, daß ich allen meinen Muth so plötzlich verliere, so daß
ich sagen möchte, mir ist wie einem schwachen Greisen zu Sinne, der das
Ende seines Lebens wünscht. Der Wald hier, in dem ich so oft gejagt
habe, kömmt mir so finster und traurig vor, ich freue mich auf nichts
und fürchte innerlich ein Uebel, das uns bevorsteht. -- Die Brüder
sagten: Du bist müde, Reinold, denn wir haben den ganzen Tag gejagt.

Indem kamen sie aus dem Walde und Reinold gewahrte viel Volks auf den
Zinnen seiner Burg. Heiliger Gott! rief er aus, wie viel Volks seh ich
da oben? Was mögen sie wollen, und wo mag mein Gemal und mein Vetter
Malegys sein? Ein Bote kam ihnen entgegen und sagte ihnen, daß König Ivo
auf dem Schlosse wäre, worüber sich Reinold sehr erfreute, denn er
gedachte nicht, daß ihm sein Schwiegervater einen solchen Possen spielen
könne.

Reinold wollte den König Ivo küssen, aber dieser sagte: Laß das, mein
Sohn, ich kann das Küssen jetzt nicht vertragen, denn ich habe einen
Fluß am Haupte. Reinold erkundigte sich nun nach der Ursach seines
Besuchs, und Ivo sagte ihm, daß er bei König Carl gewesen wäre, und
zwischen ihm und den vier Brüdern einen Frieden geschlossen hätte.
Reinold freute sich sehr, als er diese Neuigkeit erfuhr, denn er
wünschte nun endlich in Sicherheit leben zu können; die andern Brüder
aber setzten ein Mißtrauen in die Rede des Königs. Reinold wollte mit
tausend Mann aufbrechen, um doch einigen Schutz zu haben, wenn Carl
gegen sein Wort handeln sollte, aber Ivo sagte ihm, daß der Vertrag so
gemacht wäre, daß sie ohne alle Waffen und baarfüßig nach Falkalon auf
Eseln reiten sollten, dann sollten sie vor König Carl auf die Kniee
fallen und so würde er ihnen dann vergeben. Darüber wurde Reinold auch
nachdenklich und er antwortete: daß er darüber erst mit seiner
Hausfrauen Clarisse und mit seinen Brüdern rathschlagen wolle; worüber
Ivo erschrak, denn er fürchtete, daß ihm seine List nicht gelingen
werde.

Clarisse fiel ihrem Gemal Reinold um den Hals und weinte und beschwur
ihn, daß er nicht wegreisen möchte, weil ihr ihr Herz irgend ein Unglück
weissage. Reinold fragte: Was sollte mir begegnen? Euer Vater hat einen
guten Frieden geschlossen, und wir werden hinführo in aller Sicherheit
leben können. Ach, antwortete Clarisse, ich sehe wohl, Ihr kennt meinen
Herrn Vater noch nicht, denn ich muß Euch sagen, er ist sehr geldgeizig
und hat Euch ganz gewiß an den König Carl verrathen. Hierauf wurde
Reinold zornig und sagte: Ihr seid eine sehr schlechte Tochter, daß Ihr
also von Eurem leiblichen Vater reden dürft, nein, nun will ich ihm um
so mehr vertrauen und kühnlich nach Falkalon zu König Carl ziehn; denn
warum soll mich Ivo, mein zweiter Vater, verrathen? Hab' ich ihm doch
von jeher nichts als lauter Gutes erwiesen und treue und redliche
Dienste geleistet, das wird er nicht also geschwinde vergessen können,
daß er mich verrathen sollte, will mich also stracks auf den Weg machen.

Clarisse wurde sehr betrübt, da sie ihren Herrn so entschlossen sah; sie
rief heimlich Ritsart zu sich und sagte: Ritsart, ich halte dafür, daß
Euch allen Vieren großes Unglück begegnen wird, nimm deshalb diese vier
Schwerter, aber laß meinen Herrn Reinold nichts davon merken, darunter
ist eins, Florenberg, das an Vortrefflichkeit seines Gleichen sucht.

Ritsart nahm die Schwerter und verbarg sie unter seiner Kleidung, und
nun zogen die Brüder aus auf vier Eseln und barfuß und in wollenen
Hemden. Es war am frühen Morgen, und Reinold fing an mit lauter Stimme
ein Lied zu singen, um sein trauriges Herz etwas zu erheitern, welches
ihm aber sein Bruder, der betrübte Adelhart, heftig verwieß.

So zogen sie fort und kamen gen Falkalon. Schon in der Ferne sahen sie
viel Volks stehen, das bewaffnet war und auf sie wartete. Da wurde
Reinold betrübt und sagte: Ach, meine Brüder, ich sehe nun wohl ein, daß
uns mein Schwiegervater Ivo verrathen hat, denn dort sind viele
gewaffnete Leute, die auf uns warten, dazu haben wir keine Rüstung und
Waffen, auch kein Pferd als unsre Esel. Indem kamen die Feinde näher,
und der Anführer der Schaar rennte mit seinem Speere voraus, um Reinold
nieder zu stechen, indem er rief: Ergieb Dich nun, stolzer Reinold, denn
Dein Schwiegervater hat Dich um eine große Summe Goldes dem Könige
verkauft. Reinold ließ sich schnell von seinem Esel zur Seiten ab, aber
der Speer traf ihn doch, so daß er für todt auf der Erden lag. Darüber
wurden die Brüder sehr bekümmert, aber Reinold richtete sich bald wieder
auf: da ging Ritsart zu ihm und gab ihm das Schwert Florenberg in die
Hand und sagte: sieh, mein Bruder, das hat mir Deine Hausfrau Clarisse
zu unserm Schutze gegeben; gab auch den andern Brüdern jedem ein Schwert
und behielt auch für sich eins. Als Reinold das Schwert sahe sagte er: O
Bruder, nun ich meinen Florenberg in der Hand habe, bin ich voll guten
Muths, und ich will nicht mehr Reinold heißen, wenn ich alle diese
fürchte.

Das Volk war indessen mit seinen Anführern angerückt, und es entstand
ein blutiges Treffen; alle vier Brüder gebrauchten sich so tapfer, wie
es nur je die größten Helden haben thun können, vorzüglich aber Reinold,
der mehr Thaten that, als sonst ein Mensch zu thun im Stande ist. So
dauerte das Gemetzel bis in die Nacht; da zogen die Brüder die Harnische
der Erschlagenen an und stiegen auf die Pferde.

Am Morgen erneuerte sich der Kampf, und Writsart wurde im Gedränge
gefangen genommen, denn das Pferd war ihm unter dem Leibe zu Tode
gekommen. Eine Schaar führte den Gefangenen weg um ihn König Carln zu
überliefern; Adelhart wurde es zuerst inne, daß ein Bruder fehle und
sagte es dem Reinold; dieser wurde wüthend und drang darauf, daß man
Writsart wieder frei machen müsse; aber Adelhart sagte: Lieber Bruder,
es ist uns für dieses mal unmöglich, wenn wir ihnen nachsetzen, wird uns
die Menge umzingeln und überwältigen; immer noch besser, daß der eine
verloren geht, als wir alle. Aber Reinold wurde zornig und sagte: Sollen
wir es dulden, daß ein Bruder von uns gehenkt werde? daß man nachher
sage: sehet, das sind die Brüder, die so lange gegen König Carl
gestritten haben, und es doch am Ende haben leiden müssen, daß man einen
von ihnen gehenkt hat? Nein, lieber will ich mein Leben daran setzen,
denn fürwahr, das wäre uns eine sehr schlechte Ehre.

Er ritt also durch das Gedränge und traf auf die Schaar, die seinen
Bruder Writsart wegführte; der eine von ihnen sah sich um und sagte:
seht, da kömmt Reinold und geberdet sich nicht wie ein Mensch, sondern
wie ein wahrer Teufel, lasset uns alle davon fliehen! Reinold kam
herangesprengt und hieb die ersten nieder, die übrigen flohen, und so
war Writsart wieder frei; worauf Reinold sagte: Bruder, ich habe Euch
diesmal wieder frei gemacht, aber ich sage es Euch, es geschieht nicht
wieder; warum lasset Ihr Euch so gar leichtlich fangen? Writsart sagte:
Bruder Reinold, es war nicht meine Schuld, mein Pferd war todt, dazu so
hatten sie mir im Handgemenge mein Schwert zerschlagen. Nun, es soll
Euch für diesmal vergeben sein, sagte Reinold; und so ritten sie wieder
in den Kampf hinein.

Die Schlacht dauerte fort, aber es kam zu den Feinden eine Verstärkung.
Ritsart war schwer verwundet, und so mußte endlich Reinold mit seinen
Brüdern die Flucht ergreifen.




                          Vierzehntes Bild.
                    Die Belagerung auf dem Berge.


Reinold nahm den verwundeten Ritsart hinter sich aufs Pferd und er und
die andern Brüder flohen auf einen nah gelegenen Berg. Derselbe Berg war
sehr hoch und steil und ganz aus Marmorstein, und so beschaffen, daß nur
immer ein Mann heraufgehn konnte. Von oben warf Reinold nun mit
gewaltigen Steinen herunter, so daß Roß und Mann starb und Niemand sich
dem Berge zu nähern getraute. Graf Calon, der das Heer anführte, sprach
mit Ogier, der gerne seinen bedrängten Verwandten beigestanden hätte,
wenn ers gewagt hätte, ohne für einen Verräther angesehn zu werden. Er
ging dem Berge näher, um mit Reinold Unterhandlungen zu pflegen und ihn
zu fragen, ob er sich ergeben wolle, oder noch länger zu fechten
gedächte; er rief daher hinauf, daß Reinold mit Steinwürfen inne halten
solle, er habe etwas mit ihm zu reden. Als er oben kam, sah er, daß die
andern drei Brüder auf ihren Knieen lagen, und Gott um Hülfe anflehten,
und daß Reinold nur noch allein wacker sei. Er rieth ihnen hierauf, den
Berg nicht zu verlassen und ging wieder fort, indem er sie in den Schutz
Gottes befahl.

Reinold hatte auf Montalban einen Jüngling zurückgelassen, der die
Wissenschaft verstand, in den Sternen des Firmaments bei der Nacht zu
lesen; dieser stand oben auf der Burg und sah aus dem Laufe der
Gestirne, daß Reinold sich mit seinen Brüdern in der größten Gefahr
befinde, und daß er auf einem Berge belagert sei, imgleichen, daß König
Ivo ihn um eine große Summe Goldes an Carl verrathen habe. Er lief
sogleich zu Malegys, um es ihm anzusagen; dieser stand lustig in der
Küchen und ordnete ein Abendessen an, weil er glaubte, daß die Brüder
noch in dieser Nacht wiederkehren würden. Da Malegys das Unglück hörte,
wollte er sich selber erstechen, so sehr war er in Verzweiflung; aber
der Jüngling sagte: Malegys, was sollte Euch das helfen, wenn Ihr Euch
umbrächtet? Suchet lieber Eure Vettern zu erretten, und nehmt derohalben
Kriegesknechte mit Euch und setzt Euch auch auf das gewaltige Roß
Bayart. Malegys fand den Rath gut, er foderte die Knechte auf und ging
in den Stall, um auf Bayart zu steigen. Aber Bayart schlug und biß um
sich, wollte Niemand aufsteigen lassen, denn allein Reinold; Malegys
aber erwischte einen Prügel, in der Meinung, das Roß mit Gewalt zu
bezwingen, aber Bayart setzte sich auf die Hinterbeine und hätte den
Malegys fast zerrissen, wenn er nicht schnell zurückgesprungen wäre. Da
wurde Malegys betrübt und sagte: O du schändliches Roß! willst du nun in
der Noth deinen Herrn Reinold verlassen, der sich in Lebensgefahr
befindet? Kaum hörte Bayart diese Worte, so ließ er sich demüthig auf
seine Kniee nieder, so stieg Malegys auf und der Zug folgte ihm.

Oben auf dem Berge lagen nun die vier Heymonskinder und waren von einer
großen Macht belagert, Ritsart lag schwer verwundet und konnte sich
nicht aufrichten. Adelhart und Writsart waren auf ihren Knieen und
flehten zum barmherzigen Gott um Rettung und Hülfe, nur der starke
Reinold war noch wacker und munter und hielt den Feind von dem steilen
Berge zurück, indem er beständig große Felsensteine hinunterwarf. So
verging ein Tag und eine lange Nacht und keine Hülfe war sichtbar. Auch
der mächtige Reinold wurde schon ermüdet und alle Brüder waren in ihren
Herzen tief betrübt, so daß sie endlich beschlossen, sich zu ergeben und
zu sterben. Indem gewahrt Reinold in der fernen Morgensonne einen Reiter
und verkündigte seinen Brüdern: ach, theure Brüder, rief er aus, ich
erkenne mein Roß Bayart und meinen Vetter Malegys. -- Da erhoben sich
Writsart und Adelhart von den Knieen und sahen hin und erkannten
ebenfalls das Roß und seinen Reiter. Da wurden sie voll Muths, und
jauchzten und dankten Gott dem Herrn. Ritsart, der alles gehört hatte,
sagte: meine lieben Brüder, ich bin sehr schwer verwundet, daß ich mich
nicht durch eigene Kraft auf meine Beine stellen kann, ich bitte Euch,
Ihr wollet mir aufhelfen, damit ich doch auch zu meinem Troste das Roß
Bayart gewahr werde. Da hoben sie ihn auf und hielten ihn brüderlich in
ihren Armen, und er sah ebenfalls das Roß Bayart, worauf er sagte: Ach!
mich dünkt, ich bin nun schon ganz gesund und von allen meinen Wunden
genesen, seitdem ich dieses gute Roß gesehn. -- Bayart aber machte sehr
große Sprünge, um zu seinem Herrn zu kommen, es warf mit einem
gewaltigen Stoß den Malegys ab, senkte dann vor Reinold seine Kniee und
ließ ihn aufsteigen.

Es entstand ein neues blutiges Gefecht, Reinold brachte den Grafen Calon
um, und die Kriegsknechte, die Malegys gebracht hatte, hielten sich sehr
tapfer, so daß der Feind endlich die Flucht ergreifen mußte. Die Brüder
waren ungemein erfreut und dankten Gott aus tiefem Herzen; aber Reinold
schwur: den verrätherischen König Ivo mit dem Schwerte hinzurichten.
Dieser aber hatte schon Nachricht erhalten, und war in ein Kloster
geflohen, dort war er ein Mönch geworden, um seine Sünden abzubüßen.

Als Reinold zurückkam auf Montalban, wollte er erst seine Hausfrau
Clarissa nicht ansehn, weil ihr Vater ihn ohne Ursach verrathen habe.
Aber sie versöhnten sich bald und aßen und tranken, und Reinold gedachte
der verlaufnen Thaten nicht mehr.




                          Fünfzehntes Bild.
                      Reinolds Kampf mit Roland.


Roland wurde sehr zornig auf König Ivo, daß er nun sein Wort doch nicht
gehalten habe, die Brüder auszuliefern; es war ihm lieb, daß sie auf die
Art errettet waren, aber er wollte durchaus eine Rache an Ivo nehmen. Er
zog daher mit den Genossen vor das Kloster, in welches Ivo geflohen war
und hielt es belagert, in der Meinung, Ivo aufzuhängen, sobald er ihn in
seiner Gewalt haben würde. Ivo vernahm die traurige Botschaft und
schrieb einen überaus kläglichen Brief an Reinold, seinen Schwiegersohn,
daß er ihm helfen möchte, weil er sonst eines schmählichen Todes sterben
müsse. Reinold wollte sich nichts um den Verräther kümmern. Clarisse,
seine Hausfrau, saß mit ihrem jüngsten Söhnlein, das sie Adelhart
genennt hatte, grade neben ihm, als dieser klägliche Brief ankam, und
sie weinte über das Unglück ihres Vaters so heftig und so von Herzen,
daß Reinold dadurch über die Maaßen gerührt wurde und sogleich seinen
Harnisch anzog, und auf Bayart stieg, um den Verräther zu retten.

Als er vor das Kloster kam, war es schon erobert, und Roland machte eben
Anstalt, den König Ivo aufzuhängen. Reinold ritt schnell hinzu, nahm im
zornigen Muthe seinen Schwiegervater hinter sich auf's Pferd und floh
mit ihm davon. Roland verfolgte ihn, weil er seinen Raub nicht fahren
lassen wollte, hatte aber kein so gutes Pferd als Bayart war, deshalb
entkam ihm Reinold. Darüber wurde er sehr ergrimmt und schalt Reinold
einen Verräther, und die beiden Ritter setzten sich einen Tag fest, um
ihre Sache auszukämpfen.

Reinold brachte daher seinen Schwiegervater nach Montalban, und wollte
dann bald wieder zurück, weil er mit Roland einen Streit halten müsse.
Clarisse weinte sehr, als sie diese Nachricht hörte, denn Roland war ein
Mann, der, wenn er gepanzert war, weder von Schwert und Spieß verwundet
werden mochte. Aber Reinold ließ sich nicht irre machen und reiste ab.

Er bezeugte sich erst demüthig gegen Roland, weil er ein Vetter war, da
aber Roland trotzig war, sagte er: Ihr müßt nicht etwa glauben, daß ich
mich vor Euch fürchte, nein wahrlich nicht, und wenn gleich Eurer fünfe
wären, und zog gleich seinen Harnisch an und stieg auf Bayart. Sie
stießen heftig auf einander und mit solcher Gewalt, daß Roland sammt
seinem Pferde zu Boden stürzte, welches ihm sonst noch in keinem Kampfe
mit keinem Ritter begegnet war. Er erstaunte selber darüber, und raffte
sich wieder auf, aber die übrigen Genossen litten es nicht, daß der
Kampf fortgesetzt wurde.

So ritt Reinold mit frohem Herzen nach Montalban zurück, und Roland that
eine Wallfarth zum heiligen Jakob von Compostella.




                          Sechzehntes Bild.
               Reinold errettet seinen Bruder Ritsart.


Als Roland von seiner Wallfahrt zurückkam, traf er in einem Walde den
Ritsart, der dort jagte. Roland ritt auf ihn zu und sagte, daß er sich
gefangen geben müsse. Ritsart wollte sich ihm anfangs widersetzen, aber
da ihm Roland versprach, ihn gegen König Carl zu schützen, so ergab er
sich in sein Geleit und zog mit ihm nach Paris.

Malegys, der im Walde verborgen war, brachte diese Kundschaft sogleich
den Brüdern auf Montalban, sie machten sich bereit, Ritsart zu erlösen;
Malegys aber ging nach Paris, um zu sehen, wie es mit Ritsart werden
würde.

Malegys kam als ein kranker Pilgrimm mit geschwollenem Bein und einem
dicken Bauche, dazu in einen rauhen Mantel gehüllt, ganz alt und
unansehnlich zu König Carl und begehrte um Gottes Barmherzigkeit willen
eine Mahlzeit von ihm. Carl aber schlug ihn derbe mit einem Stecken und
sagte: ich traue keinem Pilgrimm mehr, seit mich Malegys betrogen hat.
Da geberdete sich Malegys gar kläglich und fing als ein kranker Mann an
zu weinen und zu schluchzen, so daß es König Carl wieder gereute, daß er
einen heiligen Pilgrimm geschlagen hatte, der noch überdies krank war.
Er ließ ihn also an einen Tisch niedersetzen und Speise und Trank
reichen, dazu bediente er ihn selbst, aus demüthiger Reue. Malegys
dachte in seinem schalkhaften Sinne: ich sollte dir wohl gerne deinen
Schlag wieder vergelten; als ihm daher der König einen so schmackhaften
Bissen in den Mund stecken wollte, ergriff er gar behende mit den Zähnen
dessen Finger und biß ihn tüchtig. Der König setzte sich vor Schmerzen
abseits und sagte: Du schelmischer Pilgrimm, warum thust du mir also? Du
hättest mir beinahe den Daumen abgebissen, wenn ich dich hätte gewähren
lassen. -- Malegys sagte: Verzeihen mir Ew. Majestät, ich war so gar
sehr hungrig, daß ich nicht recht Acht darauf gab, ob es die Speise oder
Euer Daumen war, daher geschah es ohne meinen Vorsatz.

Indem kam Roland mit dem gefangenen Ritsart in den Saal; König Carl war
sehr ergrimmt, als er ihn sah, und schwur, ihn sogleich aufhängen zu
lassen. Roland aber wollte es nicht zugeben, weil er ihm sicheres Geleit
zugesagt hätte; eben so waren auch die übrigen Genossen dagegen. Der
König fragte alle nach der Reihe herum, ob keiner es über sich nehmen
wolle, den Ritsart aufzuhängen, aber alle schlugen es ab. Da that sich
einer her, genannt Rype von Rypemont, der sagte, daß er es sich
unterstehen wolle, wenn die Genossen ihm alle angeloben wollten, deshalb
keine Rache an ihm zu nehmen. Alle sagten es ihm zu, außer Ogier, der
unwillig im Saale auf und abging. Der König wurde ergrimmt, daß dieser
es nicht auch versprechen wollte, gleich den andern; Ritsart sah indeß
den Malegys in einer Ecke sitzen, er näherte sich dem Ogier und sagte:
Ogier, gebt nur Euer Wort, denn ich sehe dort Malegys sitzen, und so
komme ich gewiß nicht an den Galgen. Ogier gab also auch sein
Versprechen, und Carl setzte nun den Tag fest, an welchem Ritsart zu
Falkalon sollte aufgehängt werden.

Malegys begab sich indessen in großer Eile nach Montalban zurück, und
sagte den Brüdern den Tag an, und daß sie sich rüsten sollten. Sie
ritten also aus, und lagerten sich nahe bei in einem Walde, von wo sie
den Galgen genau sehen konnten. Sie stiegen ab und setzten sich in das
Gras, wo Malegys ihnen die Geschichte erzählte, wie er dem König Carl in
Finger gebissen habe, und indem sie noch sprachen, überfiel sie eine
Schläfrigkeit, so daß sie alle einschliefen.

Der Zug mit Ritsart kam indessen zum Galgen, und Rype spottete seiner
und sagte, daß er nun weiter auf keine Hülfe zu hoffen habe. Ritsart
aber schaute sich sehr betrübt nach seinen Brüdern und Malegys und
Bayart um, daß sie ihm helfen sollten, und da er keinen von ihnen allen
gewahr ward, brach er in Thränen aus und ergab sich in sein Schicksal,
denn sie schliefen alle im Walde, außer Bayart, der noch munter war. So
mußte nun Ritsart wie ein Verbrecher auf die Leiter steigen, und als er
fast oben war, sah ihn Bayart aus dem Walde heraus. Das Pferd fing ein
großes Geschrei an und wüthete und tobte so lange, bis Reinold
aufwachte. Der sagte: Ei, du böser Schalk, das bin ich an dir ungewohnt,
und wollte es schlagen, aber da sah er seinen Bruder oben beim Galgen
und schnell stieg er auf Bayart und weckte die übrigen, und alle rannten
mit voller Gewalt aus dem Walde heraus. Reinold schlug unter das Volk,
so daß sie flohen oder umkamen, und Ritsart war wieder frei, und Rype
ward genommen und an den Galgen gehangen, weil er sich unterstanden
hatte, den Ritsart aufzuhängen.

Ritsart war so froh und guten Muths, daß er sich noch die Rüstung des
Rype anzog und auf sein Pferd stieg, um sich vom König Carl den
versprochenen Lohn auszahlen zu lassen. Reinold mußte lachen, da er
seinen Bruder noch so gutes Muthes sah, er folgte ihm von ferne mit
Malegys und den übrigen Brüdern.

Carl sah mit Ogier grade aus dem Fenster, als sie in der Ferne einen
Ritter über den Plan reiten sahen, den sie für Rype hielten. Carl war
sehr erfreut, weil er glaubte, Ritsart sei nun gewiß und wahrhaftig
gehangen, aber Ogier ward zornig und ging fort, um ihm entgegen zu
reiten und mit ihm handgemein zu werden. Carl versammelte seine
Ritterschaft, weil er fürchtete, daß Ogier den Rype umbringen würde,
ritten ihm also allesammt nach. Aber Ritsart gab sich dem Ogier zu
erkennen, als sie zusammen kamen, und der war nun zufrieden. Indem kam
König Carl mit seinem Gefolge näher, und lobte den vermeintlichen Rype,
daß er sein Versprechen so wacker ausgeführt habe. Darüber wurde Ritsart
zornig und sagte: ich bin nicht Rype, der hängt am Galgen, sondern
Ritsart! und rennte mit seinem Speer auf Carl zu und gab ihm einen guten
Stoß auf die Brust. Darüber wurde ein Gefecht und Reinold kam mit seinem
Gefolge heran und alle wurden mit einander handgemein. Reinold sprang
von Bayart und ergriff König Carl und warf ihn hinter sich auf's Pferd,
in der Meinung, ihn mit sich nach Montalban zu nehmen. Als die übrigen
sahen, daß König Carl gefangen war, setzten sie dem flüchtigen Bayart
nach und das Gefecht ward noch hitziger; Reinold aber sah zurück und
sah, daß seine Brüder mitten unter den Feinden kämpften, er warf daher
den König Carl wieder von sich, so daß er weit in's Feld hinein flog,
und meinte, das Herz im Leibe wäre ihm gesprungen; und so ritt Reinold
wieder unter die Feinde und focht tüchtig, bis er seine Brüder salvirt
hatte. Dann ritten sie alle nach Montalban.




                          Siebzehntes Bild.
                       Kunststück des Malegys.


Olivier war einst auf der Jagd und stand mit seinem Pferde auf einem
hohen Berge. Da sah er unten nach dem Fluß hinunter und gewahrte einen
Mann, der am Berge herum kroch, und Kräuter zu suchen schien; er
gedachte gleich daran, daß es wohl Malegys sein könnte, ritt also
hinunter und sagte ihm, daß er sich gefangen geben sollte. Malegys
setzte sich zur Wehre, aber Olivier schlug ihm das Schwert aus der Hand,
und so mußte jener sich gefangen geben und dem Olivier nach Paris
folgen, zornig zwar, aber doch nachgebend.

König Carl freute sich sehr, daß Malegys in seiner Gewalt sei, er wollte
ihn sogleich aufhängen lassen, aber Malegys sagte: lasset mich noch bis
Morgen leben, das ist nicht lange, und mir ist es lieber. Das glaub'
ich, antwortete Carl, Du denkst vielleicht mir zu entwischen, aber
diesmal soll es Dir nicht gelingen, deshalb kann ich Dich wohl bis
morgen leben lassen, dann aber sollst Du dafür gestraft werden, daß Du
mir neulich beinahe den Daumen abgebissen hättest. -- Wenn ich morgen
hänge, antwortete Malegys, so werd' ich nun wohl Ew. Majestät nicht mehr
beissen. Das denk' ich auch, antwortete der König.

Es wurde zur Tafel geblasen und die Genossen saßen paarweise an kleinen
Tischen; der König aber speiste allein; worauf Malegys sagte: für alle
diese Herren ist gedeckt, außer für mich nicht, ich denke, ich setze
mich zu Ew. Majestät, so machen wir auch ein Paar. -- Du böser Schalk,
antwortete Carl, darfst Du noch so lose Reden führen, ich dächte, Dir
sollte die Lustigkeit wohl vergehn, da Du morgen sterben mußt. Aber die
Reden des Malegys gefielen dem Roland, und er ließ den Malegys neben
sich niedersetzen und sie aßen und tranken mit einander. Malegys wurde
immer lustiger und sang einige Lieder, worüber sich alle verwundern
mußten, da er so bald sterben sollte. Aber Malegys trank immer
fleißiger, und sang:

   Sollt' ich denn fröhlich nicht sein?
   Schmeckt mir doch Essen und Wein,
   Morgen ist lange nicht heut,
   Sterben hat doch seine Zeit,
   Jedermann thut es ja leid,
   Stirbt doch auch mancher noch heut.

Der König sagte: Du denkst Dich wohl vielleicht vom Galgen los zu
singen, aber darin sollst Du Dich verrechnen, und sogleich ließ er ihn
in einen festen Kerker führen und in Ketten legen und viel Eisen an die
Füße binden, damit er durchaus nicht entlaufen könne. Gebt Ihr mich
frei? sagte Malegys; gewiß nicht, antwortete der König. Nun, so gebt nur
gut auf mich Acht, redete darauf der Schalk, denn um Mitternacht denke
ich Euch zu entlaufen. Damit wird es nun wohl keine Noth haben, sagte
der König und ließ die festen eisernen Thüren doppelt zuschließen, und
die Genossen mußten mit bloßen Schwertern die Nacht hindurch vor dem
Gefängnisse Wache halten; meinte der König, er solle ihm nun gewiß nicht
entrinnen.

Aber um Mitternacht schüttelte Malegys die Schlösser von sich und die
Eisen fielen ihm von den Füßen; darauf machte er durch seine Kunst die
Schlösser und die eisernen Thüren auf und machte, daß die Genossen in
einen festen Schlaf fielen und einer über dem andern lag. Worauf er ihre
Schwerter und vieles kostbares Geräthe mit sich nahm und so schwer
beladen nach Montalban eilte. Reinold war sehr erfreut, daß er die zwölf
kostbarsten Schwerter in seiner Gewalt habe.

Am Morgen wollte König Carl den Malegys zum Tode führen lassen, stand
deshalb ziemlich früh auf. Da fand er die Genossen schlafend, wie einer
über dem andern lag, auch waren ihnen die Schwerter gestohlen und alle
Thüren offen, und kein Malegys im Kerker, aber die Ketten und das Eisen
war drin geblieben, worauf König Carl sehr erboßt wurde und einen Eid
that, er wolle Montalban belagern und mit eigner Hand die Schwerter
erobern.




                          Achtzehntes Bild.
         Montalban belagert; Frau Aya schließt einen Frieden.


König Carl brachte nun eine große Macht zusammen und zog mit allen
seinen Genossen vor Montalban und hielt es belagert. Roland mußte
hineingehn und die Festung auffodern, daß sie sich auf Gnade und Ungnade
ergeben solle; aber Reinold wollte das nicht thun, sich aber ergeben,
wenn König Carl ihm Verzeihung und Sicherheit verspräche. Das aber
wollte König Carl wieder nicht eingehn, und so dauerte der Krieg wieder
einige Jahre hintereinander, und ward auf eine blutige Art fortgeführt,
so daß auf beiden Seiten viele Leute todt blieben.

In einer Schlacht stach Reinold den König vom Pferde und hätte ihn
gefangen genommen, wenn ihn die Genossen nicht errettet hätten; aber an
demselben Tage wurde Malegys entwaffnet, und für einen Gefangenen in das
Lager des Feindes geführt. Der König wollte ihn am folgenden Morgen
hinrichten lassen.

In der Nacht aber brauchte Malegys seine Kunst und ging vor das Bett des
Königs und sagte zu ihm: Ew. Majestät, Reinold hat gebeten, daß wir
beide zu ihm kommen sollen. Der König war bezaubert und antwortete:
Schon gut, ich wünsche nur, wir wären erst unterwegs. Darauf nahm
Malegys den schlafenden König auf seine Schultern und trug ihn so gen
Montalban. Dort legten ihn die Brüder in ein köstliches Bette und
warteten dann, bis er aufwachen würde.

Der König war sehr verwundert und erschrak heftig, als er alle seine
Feinde um sein Bette stehen sah. Reinold redete ihn an, er möchte ihm
verzeihen und er wollte ihn sogleich freilassen und ihm mit seinen
Brüdern dienen. Aber König Carl wollte nicht nachgeben, so viel gute
Worte ihm auch Reinold gab, worüber Ritsart ergrimmte und sein Schwert
zog, und den König umbringen wollte; aber Reinold hielt ihn zurück und
sagte: Das sei ferne von Dir, Bruder, daß Du unsern König umbringen
solltest. Alle Brüder baten drauf und auch Malegys; aber Carl bestand
auf seinem stolzen Sinn, daß sie sich ihm alle auf Gnade und Ungnade
ergeben sollten. So viel wollte aber Reinold dem Könige auch nicht
trauen, er ließ ihn daher frei in sein Lager zurück, aber der Krieg ward
immer noch mit großer Wuth fortgesetzt, obgleich alle Genossen,
insonderheit der Bischof Turpin, für Reinold baten.

Das Schloß Montalban war so fest, daß es der Feind durchaus nicht
einnehmen konnte, aber der Proviant war den Belagerten gänzlich zu Ende
gegangen, so daß sie in die größte Noth geriethen. Alle übrigen Pferde
waren schon verzehrt, Reinold war in der größten Verzweiflung und rief:
Nun muß Bayart sterben. Er ging mit einem Messer in den Stall, um das
Roß todt zu stechen; aber sein Bruder Adelhart folgte ihm und hielt ihn
zurück und bat für das treue Roß. Bayart selbst fiel demüthig auf seine
Kniee, als wenn er um sein Leben bitten wollte. Darüber wurde Reinold
sehr gerührt, so daß er weinte und ließ dem Bayart Gnade widerfahren.

Turpin hörte von dem großen Mangel, der in der Vestung herrschte und
wurde sehr darüber betrübt, daß seine Verwandten solche Noth leiden
sollten. Er vermochte daher den Roland dahin, daß er beim nächsten
Angriff sich die Ehre ausbat den Vortrab anzuführen, und als das
geschah, schaffte er den Brüdern wieder eine große Menge Proviants in
die Vestung. So bekam auch Bayart wieder viel Futter und wurde wieder so
stark als er nur je gewesen war.

Aber Reinold sah ein, daß er sich am Ende nicht gut auf Montalban würde
halten können, weil der Proviant immer schnell verzehrt war; er beschloß
daher, sich mit seinen Brüdern nach seiner Burg Ardane zu begeben, weil
er sich dort besser schirmen könne. Er ließ also Bayart zu einer
heimlichen Pforte hinausbringen; dort stiegen alle Brüder auf und ritten
schnell nach Ardane. Malegys begab sich auf sein festes Castell.

Als König Carl diese Nachricht gehört hatte, zog er mit seiner Macht vor
Ardane und hielt es belagert, denn es war sein ernstlicher Wille, die
Brüder in seine Gewalt zu bekommen. Der Streit wurde heftig fortgesetzt
und es blieb viel Volk und viele Ritter. Am Ende kam Reinold auch hier
in sehr bedrängte Umstände und er sah ein, daß er sich mit der Zeit
würde ergeben müssen.

Aber seine Mutter Frau Aya kam mit einem großen Gefolge in das Lager
ihres Bruders, Königs Carl, um für ihre Söhne zu bitten. Sie ließ sich
vor ihm auf die Kniee nieder und weinte heftig und bat um das Leben
ihrer Kinder, und daß er sich möchte rühren lassen. König Carl hatte
seine Schwester in so langer Zeit nicht gesehn, dazu so rührte ihn ihr
Knien und ihre bitterlichen Thränen, so daß er ihr versprach, einen
guten Frieden zu machen und alles zu vergessen, wenn die Söhne ihm das
Roß Bayart in die Hände liefern wollten, damit zu schalten wie er Lust
hätte, weil es ihm gar zu großen Schaden gethan habe. Frau Aya war von
Herzen froh und ging sogleich in die Vestung zu ihren Kindern, ihnen die
Botschaft anzusagen. Adelhart setzte sich dagegen, daß man das Roß
ausliefern sollte; aber Reinold sagte: wir wollen es thun, lieben
Brüder, wir mögen vielleicht für das Roß auch Gnade erlangen.

Und so war denn nach einem langen Kriege der Friede geschlossen.




                          Neunzehntes Bild.
                    Das Roß Bayart wird ertränkt.


Die Brüder fielen im Beiseyn ihrer Mutter dem Könige zu Fuße, er hob sie
gnädig auf und alle waren sehr erfreut, besonders ihre Mutter Aya.
Hierauf nahm Reinold das Roß Bayart und gab es in die Hände Carls. Der
König ließ ihm sogleich zwei Mühlsteine an den Hals binden, und es, wie
er gelobt hatte, von der großen Brücke in's Wasser stürzen. Bayart sank
unter, kam aber bald wieder in die Höhe und sah nach seinem Herrn
Reinold; dann arbeitete er sich mit Schwimmen an's Ufer, schlug die
Mühlsteine von sich und ging zu Reinold und liebkosete ihm. Der König
sagte: Reinold, gebt mir das Roß zurück; Reinold nahm es, und gab es dem
Könige, der ließ ihm zwei Mühlsteine an den Hals henken und an jedem
Fuße einen und so wurde es von neuem in das Wasser geworfen. Es sank
wieder unter, kam aber bald wieder oben, sah Reinold an, stieg an's Ufer
und schlug alle Steine von sich, so daß sich alle über die Stärke
Bayarts verwundern mußten. Bayart stand wieder bei Reinold und liebkoste
ihm, wie zuvor, wodurch Reinold sehr gerührt war. Adelhart sagte:
Bruder, verflucht mußt Du sein, wenn Du das Roß wieder aus Deiner Hand
giebst! O Bayart, wird Dir nun so gelohnt, daß du deinen Herrn und uns
alle so oft errettet hast? Aber Reinold sagte: Brüder, sollt' ich um des
Rosses willen die Gunst des Königs verscherzen? nahm Bayart wieder und
übergab ihn dem Könige mit den Worten: Wenn das Roß noch einmal wieder
kömmt, kann ich es Ew. Majestät nicht wieder fangen, denn es geht meinem
Herzen gar zu nahe. Da wurden dem Bayart wieder zwei Mühlsteine an den
Hals gebunden und an jedem Fuß zwei, und er wurde zum drittenmal von der
Brücke hinuntergestürzt. Reinold aber mußte fortgehn, damit ihn das Roß
nicht wieder sähe und dadurch neue Kraft bekäme. Bayart blieb diesmal
länger unter Wasser, dann kam er aber doch wieder mit dem Kopfe hervor
und streckte ihn weit von sich, weil er seinen Herrn Reinold suchte; da
er ihn aber nirgends gewahr werden konnte, verließen ihn nach und nach
die Kräfte, er sank unter und kam nicht wieder ans Tageslicht.

Alle Brüder weinten und Reinold war im innersten Herzen betrübt; er
verschwor es, Zeit seines Lebens wieder Sporen an den Füßen zu tragen,
oder ein ander Pferd zu besteigen, zugleich wollte er das ganze
Ritterleben aufgeben. Die Brüder blieben bei Hofe, er aber ging nach
Montalban, wo er seiner Hausfrauen Clarisse den Tod Bayarts erzählte;
sie fiel in Ohnmacht, als sie diese Nachricht hörte, wurde aber dadurch
wieder etwas getröstet, daß die Brüder nun völlig mit König Carl
ausgesöhnt wären. Hierauf schlug Reinold seinen ältesten Sohn Emmrich
zum Ritter und gab ihm die Veste Montalban, auch den übrigen Söhnen
schenkte er Land und Leute, dann küßte er sie alle nach der Reihe und
verließ sie in der dunkeln Nacht.




                          Zwanzigstes Bild.
                         Reinold ein Eremit.


Reinold empfand die Eitelkeit alles menschlichen Treibens, begab sich
deshalb in einen abgelegenen wilden Wald, weil ihm die ganze Welt
nunmehr zuwider war. Da traf er einen Einsiedler, von dem lernte er das
eremitische Leben und brachte so seine Zeit mit frommen Gebeten und
stillen Betrachtungen zu. Allenthalben ließ man Reinold suchen, man fand
ihn aber nirgends, bis er nach einigen Jahren wieder freiwillig
hervorkam, weil er gern seinen Vater Heymon sehn wollte und seine
Mutter, Brüder und Kinder, in Summa, die Seinigen, die ihm theuer waren.
Dann ging er wieder in seinen Wald zurück und führte sein stilles Leben
weiter und that Buße für die mannichfaltigen Sünden, die er jemals im
Laufe seines Lebens begangen hatte. Dann lebte er noch lange in der
Einsamkeit und kam aus seinem Walde in die Welt, um seine Freunde zu
sehn, und nach vielen Jahren starb er als ein frommer Waldbruder, als
Roland schon bei Ronceval gefallen war und Carl gestorben und sein Vater
todt, und viele der Helden sich zerstreut und verloren hatten.

Und hier endigt sich die Historie von Reinold und den übrigen Heymons
Kindern.




                       Sehr wunderbare Historie
                               von der
                              Melusina.
                        In drei Abtheilungen.
                                1800.




                          Erste Abtheilung.


Wie oftmals durch Gunst der Frauen Männer zu hohem Glück und Ehre
gelangt sind, davon findet man in der Geschichte viele Beispiele, unter
andern auch in folgender sehr wunderbaren Historie, die vielen nur ein
Mährchen dünken möchte, weil einige Umstände zusammen treffen, die fast
an das Unwahrscheinliche gränzen.

Zu alten Zeiten lebte in Frankreich ein Graf _von Forst_, er hatte viele
Kinder, war arm und lebte in einem anmuthigen Walde. Dieser Graf hatte
viele Noth seine Kinder adelich und nach ihrem Stande zu erziehn, weil
es ihm am Vermögen fehlte. Sonderlich that ihm dieses um seinen jüngsten
Sohn Reymund leid, der schon früh ein hochstrebendes Gemüth in sich
spüren ließ, denn er sprach am liebsten von Rittern, die sich durch
wunderbare Begebenheiten und große Thaten zu den höchsten Ehren empor
geschwungen hatten, auch ließ er sich vom Vater gern alte Geschichten
erzählen, von solchen Leuten, die aus Armuth Fürsten und Könige geworden
und wünschte sich ein gleiches Schicksal. Darüber wurde der Vater oft
betrübt und führte ihm zu Gemüth, daß es nicht mehr die Zeit sei, an
derlei Wunderwerke zu glauben und er möchte sich nur früh in seinen
beschränkten Stand finden lernen. Reymund aber sagte: lieber Herr Vater,
es ist noch nicht aller Tage Abend, so können wir auch nicht wissen, was
aus mir noch werden möchte. Worauf der Vater antwortete: Nun, Gott möge
Dich segnen, mein Kind, denn ich sehe wohl, Dein Sinn steht nach hohen
Dingen.

Nicht weit vom Walde hatte der Graf _Emmerich_ seine großen,
weitläuftigen und reichen Güter; dieser war der Mutter Bruder des armen
Grafen von Forst und also sein naher Vetter und Verwandter. Dieser Herr
war neben seinem Reichthum in vielen Wissenschaften wohlerfahren,
sonderlich in der Kunst der Astronomie, denn er wußte alle Abtheilungen
des Jahrs, Mondwechsel, auch Sonnen- und Mondfinsternisse, konnte alles
daraus wahrsagen und die schwersten Rechnungen machen: auch war ihm
durch astrologische Weisheit das Firmament mit seinen Sternen nur wie
ein lieber Freund, den er um Rath fragen durfte, wußte auch genau
anzugeben, wo die Planeten standen und wann sie auf und wann sie
untergehn, in Summa er war von allen Leuten im Lande wegen seiner
Kenntnisse und großen Reichthums sehr hochgeachtet. Dieser Mann hatte
nur zwei Kinder, einen Sohn, welcher Bertram hieß, und eine Tochter. Er
rechnete mit seiner Kunst aus, und wußte es auch schon vorher, daß
seinem armen Vetter, dem Grafen von Forst, die Erziehung seiner vielen
Kinder zur Last falle, nahm sich also in seinem großmüthigen Herzen vor,
eins davon zu sich zu nehmen. Machte also ein großes Gastmahl und lud
dazu auch seinen Herrn Vetter ein, der auch mit drei von seinen Söhnen
kam, unter welchen sich Reymund, der jüngste, befand. Graf Emmerich sah,
daß sich alle höflich betrugen und alle in guter Kleidung zu ihm kamen
und war damit sehr zufrieden. Während der Mahlzeit warf er eine besondre
Liebe auf Reymund, der sehr geschickt und artig sein Hütlein beim Beten
vor das Gesicht zu halten wußte, wie wohl die andern sich auch andächtig
bezeigten, nachher zierlich und sauber aß, seinem Herrn Vetter in allen
Dingen aufwartete und sich überhaupt als ein feiner Gesell betrug.

Nachdem alle abgespeist hatten, gingen der Graf Emmerich und Graf Forst
beiseit und Emmerich sagte zu seinem Vetter: ich danke Euch vielmals,
mein Herr Vetter, daß Ihr zu meinem Gastgebot habt erscheinen wollen,
auch alle so höflich und in neuen Kleidern gekommen seid, welches suchen
werde, bei einer andern Gelegenheit zu vergelten. Ihr habt außerdem
viele und wackre Kinder, und viele wohlerzogene Kinder besitzen, ist von
je an für einen Segen des Himmels gerechnet worden; doch giebt es einen
Fall, wo man sich lieber deren einige mit Freuden abthun möchte, wenn
man nämlich sehr viele hat und sich selber dabei in Armuth befindet,
denn alsdenn müssen die Kindlein der ihnen zukommenden Erziehung
entbehren, wodurch sie nicht nur kein Vermögen, welches nicht sonderlich
zu achten, bekommen, sondern selbst ihren zukünftigen guten und
tugendhaften Lebenswandel verlieren. Will dieses übrigens nicht von
Euch, Herr Vetter, gesagt haben, denn mir ist nicht unbekannt, daß einem
so verständigen Manne fast alles möglich zu machen ist, wie Ihr es denn
auch mit der That beweiset; wollte Euch dennoch höflichst und
inständigst um Euer jüngstes Söhnlein Reymund gebeten haben, mir solchen
zur Erziehung zu überlassen, denn er hat mir doch gar zu artlich
gedünkt, sowohl mit Beten, als saubern Mundwischen, auch allem übrigen
gottgefälligen Betragen, will ihn wie meinen eignen Sohn halten, ihm
auch Vermögen hinterlassen.

Als der Graf von Forst diese Rede seines Herrn Vettern verstanden hatte,
überkam er eine große Freude und antwortete: mein Herr, Euer edles Herz,
wie Eure weltbekannte große Wissenschaft leuchten gleich sehr aus dem,
was Ihr gesagt, herfür, und so geschieht es denn auch zu meiner grösten
Zufriedenheit, daß ich Euch mein jüngstes Söhnlein, den Reymund, ob er
mir gleich das allerliebste Kind, übergebe und ausliefere, denn bei mir
hat er, wie Ihr wißt, kein großes Glück zu hoffen, darum will ich ihm
mit meiner väterlichen Liebe nicht im Wege stehn. Nehmt ihn hin, und
möge er Euch nur am letzten Tage noch eben so gut gefallen, als am
ersten, möge er in der Gottesfurcht aufwachsen, damit Euch Eure
Wohlthätigkeit und Liebe zu ihm nicht dermaleinst gereut.

So gaben sie sich die Hände und waren mit einander einverstanden. Der
Reymund wurde von dem Handel unterrichtet und weinte viel, welches dem
Grafen Emmerich wieder sehr gefiel, weil er daraus seine Liebe zum Vater
erkannte und sich auch dergleichen versprechen durfte. Endlich schieden
sie und der Graf von Forst reiste nach seinem Walde zurück.

Der Reymund war von nun an immer in Gesellschaft seines Herrn Vetters,
der Grafen Emmerich, bei dem er alle adlichen Sitten, auch reiten und
stechen lernte. Der Graf war ihm wegen seiner Tugenden so zugethan, daß
er ihn fast seinem Sohne vorzog, worüber dieser aber auch nicht neidisch
war, weil Reymund ihm höflich und freundlich begegnete, und überhaupt
der Liebling des ganzen Hauses wurde. Wo er konnte, diente er jedermann,
dabei war er niemals trotzig und hochmüthig, mit keinem zänkisch,
sondern immer nachgebend. So wuchs er auf und der junge Graf Bertram war
mit ihm von einem Alter.

Graf Emmerich war ein großer Freund von der Jagd und Reymund mußte ihn
fast immer auf allen seinen Zügen begleiten. So waren sie auch eines
Tages mit großer Gesellschaft in den Wald hinaus gezogen, mit Jägern und
Hunden und allem Zubehör. So kam ein wildes Schwein daher, das sie
alsbald niederlegen wollten, dieses aber haute viele von den Hunden zu
Schanden, eilte wieder fort und zog die ganze Jagdgesellschaft nach sich
in den Wald, so daß der Graf und Reymund allein zurück blieben. Es war
schon Mondschein und Nacht in demselben Walde und nicht lange währte es,
so waren sie verirrt, worauf Reymund zu seinem Herrn Vetter sagte: wir
sind in der Nacht von unsern Leuten gekommen, haben auch die Hunde
verloren, uns selber verirrt, darum wäre es wohl gut, einen Ort zu
finden, wo wir unterkommen möchten. Worauf der Graf zur Antwort gab: Du
rathest wohl, können wir es doch versuchen, denn der Himmel ist gestirnt
und der Mond scheint helle genug. Darauf ritten sie im Holze hin und
her, um einen geraden Weg zu finden, fanden ihn aber nicht und wurden
verdrüßlich; endlich geriethen sie auf eine schöne Straße und Reymund
sagte: dieses dürfte wohl die Straße nach unserm Schlosse sein; jetzt
wollen wir nur einige von unsern Leuten aussuchen, die die Wege besser
kennen: worauf der Graf mit den Worten erwiederte: es kann sein, ich
will Deinem Rathe folgen.

Indem sie noch so ritten, betrachtete der Graf mit Aufmerksamkeit das
Gestirn am Himmel, seufzte bei sich und sprach: O Gott, wie sind doch
deine Wunder so groß und mannichfaltig, wie hast Du die Natur in solcher
Gestalt zugerichtet und wie magst Du es zulassen, daß ein Mann durch
seine Missethat zu so großem zeitlichen Glück und hohen Ehren gelangen
möge? Komm hieher, mein Sohn, fuhr er gegen Reymund fort, und betrachte
einmal die Gestalt des Himmels, sieh jenen röthlichen Stern, der herauf
kommt und sich dem weißen nähert, sie machen zusammen ein wunderliches
Licht und seltne Stellung und bedeuten, daß in dieser Stunde ein
undankbarer Diener seinen Herrn und Wohlthäter erschlägt, und dadurch zu
allem zeitlichen Glücke gelangt.

Wie ist dieses möglich, antwortete Reymund, daß Ihr es aus den Gestirnen
erkennen mögt?

Die Natur, sagte Emmerich, ist wunderseltsam mannichfaltig und auch
wieder sehr einfach, der Himmel ist ein Spiegel der Erde, die Erde des
Himmels, ja ein jedes Ding spiegelt sich im andern wieder, erschafft
jenes und wird erschaffen, dieselben Kräfte in vielen Gestalten,
dieselben Bildungen aus verschiedenen Kräften, wie tausend Ströme die
durcheinander fließen, sich verwirren und in schöner Ordnung regieren,
wie tausend Geister, die sich spielend einer im andern bewegen und so
die Welt im Wechsel darstellen und festhalten; mir und meinesgleichen
ist die Kunst gegeben, den Abgrund an der Höhe des Firmamentes zu
erkennen, ich finde die Gestirne in mir und im Abgrunde wieder, unser
Herz zieht die Liebe der Geister an sich und so mögen wir im großen
Spiegel Vergangenes und Künftiges wahrnehmen.

Dieses ist zu verwundern, sagte Reymund; worauf sie weiter ritten und
ein Feuer fanden, das die Hirten im Holze angezündet hatten. Sie stiegen
von den Pferden ab, suchten Holz zusammen und legten es auf das Feuer,
weil es in der Nacht sehr kalt war, um sich an der Flamme zu wärmen. Als
sie noch damit beschäftigt waren, sich zu wärmen, hörten sie durch das
Holz etwas kommen, mithin ergriff Reymund sein Schwert, und der Graf
seinen Spieß, und sie konnten nicht damit geschwinde genug sein, denn es
kam ein großes Schwein, klopfete mit seinen Zähnen an den Bäumen und
schnaubete sehr. Da schrie Reymund seinem Vetter zu und sprach: O Herr
Vetter, schont Euer Leben und steigt lieber in aller Eile einen Baum
hinauf. Der Graf aber that dieses nicht, sondern sagte: Solches ist mir
noch nie vorkommen noch widerfahren, soll mir auch, wenn es Gott will,
niemals fürgehalten noch bewiesen werden, daß ich vor einem Schweine so
schändlich fliehe, oder mich auf die Bäume begebe. Dem Reymund that es
Leid, daß sein guter Rath nicht befolgt wurde; der Graf hielt hierauf
den Spieß vor, das Schwein lief daran, schlug aber den Stich ab, indem
es sich nur wenig verwundete, und den Grafen zur Erden niederwarf.
Darauf nahm Reymund seines Herrn Vetters Spieß, wollte damit das Schwein
niederlegen, fehlte aber und stieß damit in seines Herrn Vetters Leib,
zog ihn aber gleich wieder heraus und brachte das Schwein um, kehrte
sich wieder zu seinem Herrn Vetter, fand ihn in Todesnöthen liegen und
sah, wie er alsbald verschied.

Wie nun Reymund das jämmerliche Unglück, so er angerichtet, recht
bedachte, fing er eine laute und bittere Klage an, raufte seine Haare
aus, rang die Hände und weinte von Herzen, indem er ausrief:

   Ach Glück! wie hast Du mich so arg belogen,
   Reich machst Du arm, und Arme oft zu Reichen,
   Dem magst Du Trost, dem andern Jammer reichen,
   Dem bist Du Feind, und jenem dort gewogen.

   Bös Glück! welch Leid hast Du mir zugewogen?
   Ist noch ein Jammer meinem zu vergleichen?
   Muß so der edle Vetter mein erbleichen?
   Wollt' ihn erretten, wurde schlimm betrogen.

   Ich stieß ihn undankbar in sein Verderben,
   Das Auge mußte, so die Hand auch fehlen,
   Der eigne Speer von seinem Blut geröthet:

   O könnt' ich doch an seiner Seite sterben,
   Denn so wird der Verdacht mich ewig quälen,
   Ich habe gar mit Vorsatz ihn getödtet.

So klagte er in der Nacht und alle seine Sinne kamen in Verwirrung, er
wußte nicht mehr, ob er die Mordthat mit Fleiß begangen hatte, und
klagte sich selber auf das härteste an. Dann setzte er sich in Leid und
Betrübniß wieder auf sein Pferd, wußte nicht wohin und ließ es ohne
Lenkung und Führung freiwillig dahin gehn, wohin es nur wollte.

Es befand sich ein Brunnen im Walde, auf einem schönen freien Platz, der
aus einem Felsen entsprang und den man gewöhnlich nur den Waldbrunnen
nannte; hieher ging das Pferd mit Reymund, und beim Brunnen standen drei
schöne Jungfrauen, die aber Reymund in seiner tiefen Betrübniß nicht
bemerkte. Die jüngste und schönste von den dreien ging ihm entgegen, und
sagte: nie ist mir ein solcher Ritter vorgekommen, der vor Damen vorbei
reitet, ohne sie anzureden. Reymund aber trieb sein Klagen und Jammern
weiter, so daß er gar nicht hörte, was sie sagte, worauf sie das Pferd
beim Zügel fing und sprach: Ihr müßt wohl nicht aus adelichem Blute
sein, denn sonst würdet Ihr uns nicht so stillschweigend vorüber reiten.

Nun erwachte Reymund erst aus seiner Betäubung und erschrak, als er ein
so schönes Fräulein vor sich sah: er wußte nicht, war er lebend oder
todt, oder war sie ein Gespenst, oder ein Fräulein. Er stieg aber
alsbald mit der größten Behendigkeit vom Pferde herunter und sagte: ich
bitte, Ihr wollet mir verzeihen, denn ich bin wohl ein Ritter und aus
adelichem Blut, aber meine Unglücksfälle haben mich dermaßen
erschüttert, daß ich vor tiefster Betrübniß Artigkeit gegen Damen aus
den Augen zu setzen mich genöthigt sehe.

Sie antwortete: lieber Reymund, Euer Klagen und Euer Unglück thun mir
sehr leid. Worüber er sich verwunderte, daß sie seinen Namen wußte und
sagte: Wie könnt Ihr doch meinen Namen wissen, da ich Euch nicht kenne?
Wie ist es denn möglich, daß Ihr Euch mit dieser großen Schönheit, edlem
Leibe und trefflichen Angesichte hier allein im Walde befindet? Und wie
kömmt es, daß mir mein Gemüth sagt, es würde mir durch Euch einiger
Trost zukommen, ja daß ich schon, indem ich mit Euch rede, den süßen
Klang der Stimme von diesen holdseligen Lippen vernehme, in zauberischer
Gegenwart Eurer Lieblichkeit, meine Leiden gelindert fühle?

Das Fräulein sagte hierauf: theurer Reymund, habt Ihr gleich Euren Herrn
Vetter und das Schwein umgebracht, und seid dadurch in große Noth
gerathen, so ist dieses doch gegen Euren Willen geschehn und ich sage
Euch hiermit, daß Euch Glück, Reichthum und Macht wird zu Theil werden,
wie noch keinem jemals in Eurer Familie geschah, denn was Euer Herr
Vetter geweissagt hat, das muß an Euch selber in Erfüllung gehn und es
wird auch mit göttlicher Hülfe vollbracht werden.

Wie Reymund hörte, daß sie von göttlicher Hülfe sprach, wurde er noch
beherzter, weil er nun glaubte, daß das Fräulein kein Gespenst, auch
keine Heidin, sondern eine Christin sei, und sagte daher: aber mein
schönstes Fräulein, wie wißt Ihr doch meinen Namen, oder welch ein
Unglück mir begegnet ist, da ich Euch vorher niemals mit Augen gesehn
habe, denn Ihr wart nicht zugegen, als das Unglück geschah, noch habe
ich Euch vorher jemals bemerken können.

Sie sagte: tröstet Euch nur und seid allerdings unbekümmert, denn ich
bin eben diejenige, durch welche das in Erfüllung gehn muß, was Euer
Herr Vetter kurz vor seinem Tode geweissagt hat: zweifelt auch nicht
daran, daß ich eine gute Christin sei, wie ich denn in der That merke,
daß Ihr daran zweifelt, denn ich glaube alles, was einem guten Christen
zu glauben zukommt, als daß Christus für unser Heil gestorben und an das
bittre Kreuz genagelt ist, daß er nach dreien Tagen auferstanden,
^item^, daß er der eingeborne Sohn Gottes ist, und so weiter, gen Himmel
gefahren, nebst allen Dingen, die zu unsrer heiligen Religion gehören.
Darum vertraut mir nur, und Ihr sollt so weise, reich und mächtig
werden, wie es noch keiner je in Eurem Geschlechte gewesen ist.

Als Reymund dies gehört hatte, bekam er seinen Muth und auch seine Farbe
wieder, denn alle Zweifel waren nun bei ihm verschwunden; er antwortete
daher: holdseligstes und schönstes Fräulein, nunmehr bin ich bereit,
alles das zu thun, was Ihr mir gebieten werdet, denn ich sehe wohl, daß
es eine Schickung Gottes ist, und nichts anders: darum sagt mir nur, was
ich thun soll, und wenn es nicht mein Vermögen oder meine Kräfte
übersteigt, soll es gewiß in Erfüllung gesetzt werden.

Worauf das Fräulein antwortete: Reymund, Ihr sollt mir schwören, daß Ihr
mich zum ehelichen Gemal nehmen wollt, aber an keinem Sonnabend weder
nach mir fragen dürft, noch Euch sonst um mich bekümmern, sondern diesen
Tag muß ich ganz ausdrücklich für mich behalten, worauf ich Euch aber
wieder schwöre, nichts zu thun, noch mich an selbigem Tage irgend an
einen Ort zu verfügen, der Eurer Ehre nachtheilig sein könnte.

Reymund schwur sogleich und sie fuhr fort: wenn Ihr diesen Euren Schwur
jemals brecht, so wird es Euch selbst zum Nachtheil gereichen, denn Ihr
werdet dadurch an Gut und Ehre, an Land und Leuten merklich abnehmen;
auch werdet Ihr mich selbst verlieren. Reymund schwur noch einmal und
versprach, ihr in allem zu gehorchen, worauf sie ihm sagte, daß er nach
dem Schlosse zurück reiten möge, und sagen, daß er seinen Herrn Vetter
im Walde verloren habe und nicht wisse, wohin der gekommen sei, man
werde diesen hierauf suchen, finden und mit vielen Wehklagen begraben.
Dann würden alle Vasallen erscheinen, den jungen Grafen Bertram für
ihren Lehnsherrn erkennen, und die Lehn von ihm begehren, zu diesen
solle er sich auch begeben und zum Lohn für seine Dienste nur so viel
Landes bitten, als man mit einer Hirschhaut umschließen könne, welches
ihm jener gewiß nicht versagen würde; er solle aber nicht vergessen,
sich hierüber eine schriftliche Versicherung mit allen Siegeln
ausfertigen zu lassen. Reymund würde hierauf einem Manne mit einer
Hirschhaut begegnen, dem er sie abkaufen müsse, ohne zu handeln, diese
müsse er in die dünnsten Riemen schneiden lassen, sie in einem Büschel
zusammenlegen, und sich am Tage der Vergabung damit nach dem Waldbrunnen
begeben, hier solle er mit dem Riemen dann so viel Land umfassen, als
ihm nur möglich wäre. Nach allem diesen zeigte sie ihm noch den rechten
Weg nach dem Schlosse und bestimmte ihm einen Tag, an welchem er sie
wieder am Brunnen im Walde sprechen könne.

Reymund empfahl sich ihr, versprach alles auszurichten, wie sie es ihm
befohlen und eilte alsdann nach dem Schlosse zurück. Als er des Morgens
dort ankam, fragte ihn jedermann nach dem Grafen seinem Herrn; er aber
sagte, er habe ihn im Walde verloren, wisse nichts von ihm, könne also
auch keine Nachricht ertheilen. Endlich kamen des Grafen Diener alle von
der Jagd wieder zurück, keiner von allen wußte vom Grafen. Da entstand
im Hause ein großes Wehklagen, besonders von den Kindern und der Gräfin
ihrer Mutter. Die Diener wurden ausgeschickt, das Holz wurde durchsucht
und endlich fand man auch den Leichnam neben dem todten Schwein. Sie
brachten ihn in das Schloß und das Wehklagen und das Jammern vermehrten
sich noch um ein Großes: wurde dem todten Grafen hierauf ein köstliches
und ehrliches Begräbniß angestellt, die Glocken geläutet, alt und jung
versammelt und in Thränen, der Mann allgemein bedauert, und Männer und
Frauen, Geistliche und Weltliche in schönen Trauerkleidern zugegen, alle
hoch und tiefbetrübt, vorzüglich Reymund, wie es ihm das Fräulein im
Walde gerathen hatte.

Als der Graf begraben war, kamen alle Vasallen und Lehnsleute zu seinem
Sohne, um die Lehn von ihm zu empfangen, unter diesen auch Reymund, der
so, wie ihn Melusina unterwiesen hatte, nur um so viel Landes beim
Waldbrunnen bat, als er mit einer Hirschhaut umschließen könne. Dem
Bertram schien dies für seine langen und getreuen Dienste eine geringe
Belohnung, hielt ihn überhaupt für im Kopfe verwirrt, und sagte ihm also
mit verbißnem Lachen dieses Erdreich zu. Ließ hierüber auch ein Dokument
mit seinem Siegel und Petschaft ausfertigen, so daß nachher kein
Streiten darüber möglich war. Denselben Morgen noch kaufte Reymund die
Hirschhaut, die er in einen langen und ganz dünnen Riemen schneiden ließ
und als dies gethan war, ging er wieder zum Grafen Bertram, ihn zu
bitten, ihm nunmehr die versprochne Gabe durch einige seiner Räthe
überantworten zu lassen.

Sogleich wurden einige von den Räthen mit ausgeschickt, und Bertram
lachte innerlich, daß jener sein Besitzthum einer Hirschhaut so eifrig
betrieb. So kamen die Räthe mit Reymunden zum Waldbrunnen, und
verwunderten sich über die maßen als sie sahn, daß er die Hirschhaut zu
einem ganz dünnen Riemen geschnitten hatte. Zwei unbekannte Männer
nahmen hierauf den Riemen, steckten einen Pfahl in die Erde, und umzogen
nun mit den Faden viel Holz, Wiesen und Felsen, den Waldbrunnen und eine
große Weite des Thals, in welchem ein angenehmer Bach floß. Die Räthe
waren gar sehr erstaunt, mußten aber den Vertrag halten, welchen Graf
Bertram mit seinem Wappen untersiegelt hatte. Die Räthe kamen hierauf
zum Grafen zurück und erzählten ihm, was vorgefallen, die Hirschhaut sei
ganz in einen dünnen Riemen zerschnitten, zwei unbekannte Männer hätten
damit viel des Gebiets beim Waldbrunnen umschlossen, es habe geschienen,
als wenn der Riemen sich immer mehr auseinandergezogen, je weiter sie
gegangen, auch sei ihnen das ganze Revier viel größer vorgekommen, als
es ihnen wohl ehemals geschienen. Worauf der Graf antwortete: Es ist
eine fremde Sache und mag wohl ein Gespenst sein, denn ich habe oft
sagen hören, daß fremde Wunder bei dem Waldbrunnen geschehn sein, gebe
Gott nur, daß es zu seinem Besten ausschlage, denn er ist doch unser
Vetter und naher Verwandter, ist immer besser, als wenn er im Haupte
verwirrt wäre, wie ich anfangs gedachte, so ist er aber klüger, als man
von ihm denken mochte, dürfen es ihm auch nicht mit Gewalt wieder
nehmen, weil er unsre Unterschrift und Siegel hat. Reymund ging hierauf
selber noch zum Grafen, um ihm für die empfangene Gabe Dank zu sagen,
der ihn auch sehr freundschaftlich empfing.

An dem bestimmten Morgen ging Reymund ganz in der Frühe wieder zum
Waldbrunnen, wo er auch schon seine geliebte Melusina, seiner wartend,
antraf, die ihm mit den Worten entgegen kam: sei mir gegrüßt, Reymund,
Du bist ein weiser und vernünftiger Mann, denn Du hast alles so
ausgerichtet, wie ich es Dir gerathen habe. Hierauf gingen sie in eine
Kapelle, wo sie viel schönes Volk, Frauen, Ritter, Knechte, Priester und
kostbar gekleidete Leute sahen. Reymund verwunderte sich und fragte, wo
alles das Volk hergekommen sei? Melusina antwortete: wundere Dich nicht
darüber, denn es ist alles das Deinige und sie sollen Dir auch ihre
Ehrerbietung bezeigen. Hierauf wendete sie sich zu den Leuten und befahl
ihnen, den Reymund als ihren Herrn anzuerkennen, und ihm Treue, Gehorsam
und Liebe zu geloben, welches sie auch alle sogleich mit großer Freude
und aller Unterwürfigkeit thaten.

Reymund wollte noch immer nicht seinen Augen trauen, dachte: wo krieg'
ich all dergleichen Volk her? wobei er innerlich zu Gott betete, weil er
meinte, es dürfte das ganze Wesen nur ein schlimmes Gespenst sein.
Melusina weckte ihn bald aus diesen Gedanken, indem sie zu ihm sagte:
Reymund, nicht eher sollst Du ganz meinen Stand und mein Wesen erkennen
und erfahren, bis ich Dein ehliches Gemal bin. Worauf Reymund sagte: ich
bin bereit, Euren Willen zu allen Zeiten zu erfüllen. Nun wohlan, sprach
Melusina, so wollen wir unsre Hochzeit auf künftigen Mondtag ansetzen,
doch muß es dabei eine ganz andere Gestalt haben und ehrlich zugehn, so
daß wir alle Gebräuche erfüllen, die dabei üblich sind; lade daher Gäste
und Zeugen ein, und sorge nicht, daß es an Speis und Trank, oder irgend
einer Ergötzlichkeit fehlen dürfte, denn ich will alles besorgen.

Reymund ritt hierauf wieder nach dem Schlosse seines Vetters, des Grafen
Bertram, zurück, er fand ihn bei seiner Frau Mutter, trat vor beide hin,
machte einen zierlichen Reverenz und sagte: Gnädiger Herr Vetter, auch
gnädige Frau, es ist billig, da ich Euer Verwandter und Diener bin, Euch
meine Geheimnisse nicht länger verborgen zu halten, muß Euch also sagen,
daß ich mir eine Frau nehmen will, und die Hochzeit am nächsten Mondtage
beim Waldbrunnen zu feiern gesonnen bin, bitte Euch also beiderseits
demüthig, mir die Ehre zu gönnen und dabei Eure persönliche hohe
Gegenwart zu schenken.

Der Graf antwortete hierauf: Mein lieber Herr Vetter, Euch zu Ehren und
zu Liebe will ich herzlich gern dahin kommen, auch mit anständigem
Gefolge, hoffe auch, daß meine Frau Mutter mit mir gehen wird; doch muß
ich fragen: wer ist Dero Frau Gemalin, oder von wannen ist sie, denn es
wäre nicht gut, wenn sich mein Herr Vetter durch eine zu schnelle
Heirath unglücklich machte. Aus welcher Gegend und von welchem
Geschlechte ist sie? denn ich möchte auch gern wissen, ob sie denn wohl
adlich sei, da ich Euch zu Ehren mit Gefolge und meiner Frau Mutter auf
Eure Hochzeit kommen will.

Reymund antwortete: Herr Vetter, es kann nicht geschehn, es jetzt zu
sagen, denn ich weiß es dermalen selber noch nicht, ich weiß auch nicht
von wannen sie ist, oder was sonst ihr Wesen sein mag, begnügt Euch
damit, sie Mondtags in ihrem Stande zu sehn.

Der Graf antwortete: Herr Vetter, das ist ziemlich wunderlich, daß Ihr
ein Weib nehmt, welches Ihr selbst nicht kennt, ich fürchte, daß Ihr
angeführt werdet, wie es schon so manchem ergangen ist, und komme fast
auf meine erste Vermuthung zurück, daß Ihr im Haupte verwirrt sein mögt.
Ihr nehmt mir diesen meinen guten Rath nicht zum übeln, denn es
geschieht nur deswegen, weil ich zu Eurer Hochzeit kommen soll und da
fiele die Schande nachher auch mit auf mich.

Reymund antwortete: Herr Vetter, Eure Warnung nehme nicht sonderlich
übel, weil Ihr meine Gemalin nicht kennt, die so schön und klug ist, daß
sie ohne Zweifel von hoher Abkunft sein muß, bin übrigens im Haupte
recht gescheidt, trotz dem Besten im ganzen Lande und zu jeder Probe
erböthig, will übrigens die Frau selber heirathen und keinen andern dazu
überreden, steht sie mir an, so ist es gut, ist sie mir schön und edel
genug, so hat Niemand weiter etwas darnach zu fragen, gräme mich auch
nicht übermäßig, wenn Ihr nicht zu meiner Hochzeit kommen wollt, denn
ich werde schon andre und nicht minder gute Gäste zu finden wissen.

Es war nicht so gemeint, mein lieber Herr Vetter, antwortete hierauf der
Graf behende, denn er furchte sich; ich und meine Frau Mutter und die
meinigen wollen zur Hochzeit kommen, und rechnen es uns zu sonderbarer
Ehre dazu geladen zu sein. Wofür sich denn Reymund mit vielen und
höflichen Worten bedankte.

Am Mondtag Morgen ritt der Graf Bertram mit seiner Mutter und seinem
Hofgesinde aus, nach dem Waldbrunnen zu; man unterredete sich unterwegs
davon, wie man wohl keine Herberge finden dürfte, weder für Pferde noch
Menschen, noch auch Speise und Trank in gehörigem Maaß, oder andre
Ergötzlichkeit, indessen tröstete sich der Graf und meinte, ein
schlimmer Tag würde bald vorübergehn. So zogen sie durch den Wald und
als sie auf den offnen Platz zu den Felsen kamen, zeigten sich zwischen
den Bäumen viele schönen Zelter auf dem grünen Boden aufgebaut,
allenthalben sah man einen großen Rauch aufsteigen vom Kochen und vom
Braten, eine Menge Volks in schönen Kleidern war zugegen, die Zelter
prangten mit Fähnlein und buntgemalten Wappen, liebliche Musik erscholl,
die Köche waren bei den Backöfen und in den Küchen geschäftig, adliche
Herrn und Damen sah man auf dem reizenden Plan hin und wieder spazieren.
Alle dachten, es möchte wohl ein Gespenst sein, was sie sahen, als ihnen
sechszig treffliche Ritter entgegen kamen und sie im Namen des
Bräutigams und der Braut begrüßten, worauf sie sie zu Reymunden selber
brachten, der ihnen vor allen übrigen Gästen die zugegen waren, die
größte Ehre erwies.

Die Pferde wurden ihrerseits an die Krippen gezogen, wo man ihnen
schönen Haber vorlegte, Frauen und Jungfrauen kamen der Gräfin entgegen,
um sie zu empfangen, worüber sich diese nicht genug verwundern konnte,
da sie sich an diesem seltsamen Orte dergleichen Aufnahme nicht versehn
hatte. Reymund führte hierauf die Gäste in seine Wohnung, wo auch eine
Kapelle war, reich mit mancherlei Kleinodien ausgeziert. Nun wurde zur
Brautmesse geläutet, und das schöne Fräulein Melusina trat in allem
ihrem Schmucke herfür, so daß aller Augen von ihrem Glanze wie von ihren
Reizen geblendet wurden; ein feines Gewand schloß sich an den edlen
Wuchs der Glieder, und wie die Sommerlüfte spielend um sie wehten,
flossen in zarten Wellen die Falten des Gewandes, als wenn die Göttin
aus dem Meere gestiegen wäre und so eben die letzten Wogen von ihr
niedergleiten wollten: ein Blumenkranz verschönte das Haupt, und den
Busen trug sie frei, auf dessen Glanz die reichen Kleinodien mit
unterschiedlichen Farben schimmerten. Nun erhoben sich auch die
fröhlichen Saitenspiele, auch Musik mit Flöten und Posaunen, alle Sinne
der Gäste waren geblendet und in Entzücken und der Graf Bertram sagte in
seinem Herzen: dieses ist warlich eine Hochzeit, die sich sehen lassen
darf.

Hierauf wurd Reymund in der Kapelle von einem vornehmen Bischoffe mit
seiner geliebten Braut vermält. Dann verfügte man sich an die Tafel, wo
die köstlichsten Speisen und die schönsten Weine für alle im Ueberflusse
da waren. Allen gefiel das und es war keiner, der nicht mit Appetit das
Essen zu sich genommen, denn es war überdies vortrefflich zubereitet.
Nach der Tafel wurde man erst fröhlich, da fing auf dem Plan ein Stechen
und Thurnieren an, bei welchem sich Reymund mit seiner Geschicklichkeit
vorzüglich auszeichnete. Hier wurden viele köstliche Kleinodien
gewonnen, welche die edle Melusina zu Preisen ausgesetzt hatte; die
Damen empfanden über die Uebungen der jungen Ritter ein großes
Vergnügen.

Am Abend war wieder ein herrliches Mahl zubereitet, man setzte sich
wieder zu Tische, aß und trank und machte mit schönen Worten Spas, der
selten ist. Darnach wurden die Tänze angefangen, die bis tief in die
Nacht währten.

Als nun die Zeit gekommen war, daß die Braut zu Bett gebracht werden
sollte, so wurde sie von schönen Frauen in das Schlafgemach geführt.
Hier stand ein prächtiges Bett, das mit Lilien besteckt war, schöne
Teppiche und Vorhänge von der seltensten Stickerei zierten das Gemach,
nicht minder treffliche Mahlereien. Hier sah man in den lebhaftesten
Farben die nackte, badende Leda und den schneeweißen Schwan, der sich
liebkosend an sie schmiegte, indeß sie verwundert und entzündet mit
durstenden Lippen in der Luft nach erwiedernden Küssen suchte: hier
entsprang die Göttin der Liebe aus der Flut und schwimmende Najaden
brachten ihr Korallen und Lobgesänge entgegen. Dort war Mars im Netze
mit der Venus in einer Stellung festgehalten, die die Blicke der
lüsternen Götterschaar entzückte. Hier badete Galatea und die Wellen
schmiegten sich zärtlich zu ihren Füßen und ein schelmischer Widerschein
fing das Bildniß der lieblichen Gestalt auf. So waren noch andre
treffliche Gemälde und Darstellungen und das Zimmer war außerdem reich
und kostbar verziert. Die edlen Frauen entkleideten die Braut, wobei sie
sich selber über ihre Schönheit verwunderten und dem Bräutigam Glück
wünschten, worauf sie sie in das Bett legten. Nun wurde auch Reymund
hereingeführt, der sich alsbald zu seiner Melusina begab, worauf der
Bischoff hereintrat, um sie beide einzusegnen. Er erstaunte über die
Trefflichkeit des schönen Gemachs und sagte: Ihr habt da gar herrliche
Schildereien, edler Herr, es ist ein wahres Wunder für die Augen. Als er
dieses gesagt hatte, segnete er sie ein und betete viele schöne Gebete
über ihnen.

Einige von den ältern Gästen begaben sich nunmehr auch zur Ruhe, die
jungen aber blieben beim Tanzen munter, andre lustwandelten einsam mit
ihrer Geliebten in dem grünen Labyrinth der Büsche, andre Damen und
Ritter versammelten sich in der Nähe des Brautgemachs, um den
Neuvermälten einige süße Lieder zu singen. Eine Stimme begann bei einem
leisen Klang der Instrumente:

   Wann die Rosenzeit gekommen,
   Spielt um sie die warme Luft,
   Ihnen ist die Furcht benommen,
   Sie ergießen süßen Duft.

   Winde buhlen mit den Rosen,
   Willig bricht die Knospe los,
   Eilt entgegen süßem Kosen,
   Oeffnet lachend ihren Schoos.

Hierauf sang eine andre Stimme:

   Zarte Arme zum Umarmen,
   Lippen für den süßen Kuß,
   Busen daran zu erwarmen,
   Leib zum herrlichen Genuß.

   Rosen, Lilien, sind verstreuet
   Auf den wundersüßen Leib,
   Und der Liebe Gunst erfreuet
   Bräutigam und junges Weib.

Das Chor der Frauen sang lieblich, indessen die Instrumente ihre Töne
erhoben:

   Du bist nun ohne Hülfe eingefangen,
   Und mußt dich, Braut, dem stärkern Mann ergeben,
   Drum sei zufrieden, unterlaß dein Bangen,
   Geküßt gieb Küsse wieder ohne Beben,
   Die Zeit des Mädchenstandes ist vergangen,
   Du lernst ein liebend und geliebtes Leben,
   Drum magst du dich wohl seiner Weisung fügen,
   Anfangs besiegt wirst du am Ende siegen.

Das Chor der Männer stimmte an:

   Nein, keiner wird den Sieg von beiden haben,
   Und beide werden schönen Sieg gewinnen,
   Sie theilen ohne Neid die süßen Gaben,
   Und jeder reißt des andern Geist von hinnen,
   Sie kriegen nun, am Frieden sich zu laben,
   Indessen sie auf neue Tücke sinnen,
   Doch keiner hat des Friedens Ruh verschworen,
   Aus Zwietracht wird die Eintracht hold geboren.

Nun vereinigten sich die verschiedenen Stimmen in einen einzigen Chor
und sangen frohlockend:

   Es streift die Liebe durch den Duft der Linden,
   Der Glanz der Sterne küßt die Blum' im Stillen,
   Sehnsucht und Lieb' des Himmels Räum' erfüllen,
   Innbrünst'ger Wunsch seufzt in den nächtgen Winden.

   In einen Kuß müßt ihr all' Sinne binden,
   In einen durstgen Blick Begier und Willen,
   Nun gilts nicht Seel' und Leib mehr zu verhüllen,
   Und wundersüße Gaben sollt ihr finden.

   Ein süß Erstaunen fesselt Herz und Sinnen.
   Die Liebe brennt in Augen, Lippen, Händen,
   Die Küsse küssen sich, nicht mehr verschieden.

   Ungleiche Waffen? Wer wird da gewinnen?
   Der Sieg will sich nach keiner Seite wenden,
   Sie sind im Kämpfen einger als im Frieden. --

Dergleichen Lieder wurden noch mehr gesungen. Melusina lag indessen beim
Reymund und sagte zu ihm mit lieblicher Stimme: ich bin nun ganz die
deinige, mein herzliebster Gemal und Freund, und muß mich in allen
Dingen deinem Willen fügen, nur mußt du deinen Schwur, den du mir
gethan, niemals brechen, sonst kommst du von Glück in Unglück, von Ehre
in Elend. Reymund bestätigte ihr seine Treue noch einmal, worauf sie in
dieser Nacht von ihm mit einem Sohne schwanger wurde, den sie nachher
_Uriens_ nannten.

Diese Hochzeit währte mit allen ihren Festlichkeiten zwei Wochen
hindurch, nach welcher Zeit Melusina aus einem helfenbeinernen Schranke
eine Menge kostbarer Kleinodien nahm und jedem der anwesenden Gäste ein
herrliches Stück verehrte, vorzüglich aber dem Grafen und seiner Frau
Mutter, auch die Dienerschaft wurde mit Geschenken bedacht, worauf sich
denn alle Gäste wieder unter vielen Danksagungen entfernten. Auch der
Graf Bertram und die Seinigen nahmen freundlichen Abschied, welche
Reymund mit vielen von seinen Leuten zu Pferde begleitete. Der Graf
hätte den Reymund gern nach dem Stande der Melusina gefragt, aber er
furchte sich vor ihm, von wegen seiner neulichen Antwort; Reymund dankte
ihnen nochmals für die erwiesene Ehre, beurlaubte sich mit aller
Höflichkeit und ritt zurück.




                          Zweite Abtheilung.


Reymund kam zurück zur Melusina, küßte sie freundlich und sagte:
Allerliebste Gemalin, womit sollen wir uns nunmehr die Zeit vertreiben?
Melusina antwortete: ich hoffe, Gott wird uns mit allem dem versehn, was
wir nur bedürfen.

Nach einigen Tagen fing Melusina einen großen und prächtigen Bau an,
über welchen sich die ganze Nachbarschaft verwunderte, denn noch niemals
hatte man ein so mächtiges Kastell und in so geringer Zeit aus seinem
Fundamente heraufsteigen sehen. Sie bezahlte die Arbeiter reichlich und
auch gleich baar, wodurch sie alle die Lust zum Baue behielten. In
weniger als einem Jahre stand ein großes und festes Schloß mit seinen
Zinnen, Wällen, Zugbrück und sehr tiefen Gräben da, welches nach seiner
Festigkeit fast für unüberwindlich gehalten wurde, und welches sie
_Lusinia_ nannte, wodurch sie gleichsam auf ihren eignen Namen
anspielend deutete.

Nach neun Monaten gebar Melusina einen Sohn, der _Uriens_ genannt wurde,
und der sonst wohlgestaltet war, nur befand sich sein Angesicht seltsam
eingerichtet, denn dieses war kurz und breit, mit einem rothen und einem
grünen Auge, einem sehr weiten Mund, und hatte darneben noch große
herabhangende Ohren: sonsten war seine übrige Gestalt adelich und fein
und er wuchs nachher zu einem schönen und tapfern Ritter auf.

Im folgenden Jahre gebar Melusina wieder einen Sohn, der _Gedes_ getauft
wurde; dieser hatte eine solche Röthe in seinem Antlitze, daß sie
ordentlich einen Widerschein gab, sonst war er übrigens von edler
Bildung. Hierauf wurde von der Melusina ein anderes Schloß, Favent,
gebaut, hernach legte sie der Mutter Gottes zu Ehren ein Kloster aus
Andacht an, welches sie Malliers nannte; zuletzt aber baute sie eine
ganze Stadt, Portenach.

Darauf gebar sie wieder einen Sohn, der war zwar schön, doch stand ihm
das eine Auge höher als das andre, und wurde _Gyot_ genannt. Worauf sie
wieder ein Schloß bauen ließ, mit einer sehr schönen und kunstreichen
Brücke über den Strom allda. Dann brachte sie wieder einen Sohn zur
Welt, der _Antoni_ geheißen wurde und der eine Löwenklaue auf dem Backen
mit auf die Welt brachte, auch war er sehr wild und ganz rauch von
Haaren, und als er größer wurde, mußte sich jedermann vor ihm fürchten,
welcher ihn sah.

Dann gebar sie wieder einen Sohn, den _Reinhardt_, der nur ein Auge
mitten auf der Stirne hatte, damit aber so viel sah, wie andre mit
zweien und nachher sehr brav und tapfer wurde. Nicht lange gebar sie
wieder einen andern Sohn, den _Geoffroy_; dieser kam mit einem großen
Zahn zur Welt, der ihm fast wie ein Eberzahn aus dem Munde heraus stand,
dieser wurde nachher ein sehr tapfrer Ritter, hatte aber einen mehr
wunderlichen Sinn, als alle seine Brüder zusammen genommen. Reymund
sagte bei dieser Gelegenheit zu seiner liebsten Gemalin: werthe Frau,
was bringst du mir doch für seltsame Kinder zur Welt? soll denn kein
einziger ohne einen Makel erfunden werden? Sonderlich betrübt mich
dieser Geoffroy mit dem Zahn, denn er erinnert mich an mein ehemaliges
Unglück mit meinem Herrn Vetter und an das Schwein; ich fürchte immer,
daß uns durch diesen Sohn irgend ein Leid zustoßen wird. Melusina
antwortete: wir wollen ihn in der Furcht des Herrn erziehn und er wird
ein wackrer Ritter werden.

Darnach gebar sie wieder einen Sohn, den _Freymund_, der von schöner
Leibesgestalt war, aber auf der Nase einen haarigen Fleck, fast wie ein
Stück Wolfshaut, hatte. Nicht lange, so bekam sie noch einen Sohn,
_Horribel_, derselbe hatte drei Augen und war von bösen Sitten und argem
Gemüth. Dann kam der _Dietrich_ zur Welt, der ein großer Ritter wurde,
und zuletzt ein Sohn, den sie _Reymund_ nannten.

So hatte Melusina nun zehn Söhne, als:

    1)  _Uriens_, mit schlechtem Antlitz, einem rothen Auge und langen
           Ohren.
    2)  _Gedes_, mit der Röthe im Angesicht.
    3)  _Gyot_, ein Auge höher als das andre.
    4)  _Antoni_, eine Löwenklaue auf der Wange.
    5)  _Reinhardt_, nur ein Auge auf der Stirn.
    6)  _Geoffroy_, mit dem Zahn.
    7)  _Freymund_ mit der Wolfshaut auf der Nasen.
    8)  _Horribel_, der drei Augen hat.
    9)  _Dietrich_, ohne Fehl.
   10)  _Reymund_, ohne Fehl.

Als der älteste Sohn _Uriens_, der mit dem schlechten Antlitz und langen
Ohren, zu seinen erwachsenen Jahren gekommen war, begehrte er ein
berühmter Ritter und Kriegsmann zu werden und sein Glück in der weiten
Welt zu versuchen. Da ihm nun sein Sinn darnach stand, so rüstete er ein
Schiff aus, welches er eine Galeere nannte, nahm viel Volks mit, von
seinen Eltern Abschied, und ihn begleitete sein jüngerer Bruder Gyot,
dem ein Auge höher, als das andere stand. So begaben sie sich auf das
hohe Meer, und versahen sich auch mit Gold und Silber, von dem Segen
Reymunds, wie der Melusina begleitet.

Sie richteten ihre Seefahrt nach Famagusta, der Hauptstadt des
Königreichs Cypern, wo sie Anker warfen und an das Land stiegen. Hier
vernahmen sie, daß ein heidnischer König diese Stadt mit einer großen
Menge Volks belagert hielt und den christlichen König von Cypern hart
bedrängte, worauf sie sich vornahmen, diesem beizustehn. Schlugen also
ihr Lager im Angesicht der Feinde in der Nähe der Stadt auf, und
erwarteten eine günstige Gelegenheit, ihre Tapferkeit zu zeigen; die
Heiden aber waren ungewiß, ob sie dieses fremde Volk für Heiden oder für
Christen halten sollten. Der Heide zog daher aus Vorsichtigkeit sein
Volk zusammen, ob er etwa überfallen werden möchte, worauf der König von
Cypern, der dieses aus der Stadt wahrnahm, meinte, jener wolle sich zur
Flucht bereit machen, daher er die Thore aufmachen, Fahnen vortragen und
die Trompeten fröhlich blasen ließ, indem er mit aller Macht in das
heidnische Lager einbrach. Die Heiden aber wehrten sich tapferlich, und
brachten viele der Christen um, der König von Cypern selbst wurde von
einem vergifteten Pfeile getroffen, so daß er augenblicklich spürte, die
Wunde würde tödtlich sein. So mußten sie sich alle mit großem Verlust in
die Stadt zurück begeben.

Der König hatte eine schöne Tochter, Hermina genannt, welche heftig
erschrak, als sie ihren Herrn Vater auf diese Weise zurück kommen sah,
von dem vergifteten Pfeile verwundet, besonders, da sie hörte, daß er
von dieser Wunde nicht wieder aufkommen könne; sie klagte und weinte,
aber ihrem von dem vergifteten Pfeil getroffenen Vater war damit nicht
geholfen, sondern seine Leiden wurden dadurch nur vergrößert.

Indessen der König auf dem Kranken- und Sterbelager klagte, griff Uriens
nebst seinem Bruder die Heiden mit solcher Tapferkeit an, daß sie bald
erschraken und nicht wußten, wie ihnen geschah, so daß sie sich
genöthigt sahen, zurück zu weichen, weil ihnen eine solche Tapferkeit
bis dahin noch nicht vorgekommen war. Uriens aber that noch mehr, er
drang bis zu dem Heidenkönig hindurch, schwang sein Schwert, und hieb
ihm ohne weiteres den Kopf herunter, so daß der übrige Leib ebenfalls
gezwungen wurde, aus dem Sattel zu fallen. Wie die Heiden dergleichen
Beginnen wahrnahmen, verloren sie vollends gar den Muth und suchten ihr
Heil in einer unordentlichen und übereilten Flucht; damit war ihnen aber
wenig geholfen, denn nun schlugen die Christen dermaßen unter sie, daß
die meisten auf dem Platze blieben und nur die wenigsten mit dem Leben
davon kamen. Nachdem so der Streit geendigt war, ruhte Uriens mit seinem
Bruder Gyot im Lager der Feinde von dem vielen Fechten aus, denn die
Helden waren von dem Erschlagen der Heiden müde geworden.

Als der König diese Thaten und die Niederlage seiner Feinde vernahm,
freute er sich, ob er gleich dem Tode so nahe war, schickte also seine
Abgeordneten nach den beiden Brüdern, die um Entschuldigung bitten
mußten, daß er nicht selber komme, um ihnen seine persönliche Aufwartung
zu machen, er liege aber an einer Wunde von einem vergifteten Pfeile
dermaßen darnieder, daß es ihm unmöglich falle; sie möchten daher von
der Güte sein, ihn in seinem königlichen Pallaste zu besuchen, bevor er
gar gestorben wäre. Die beiden Brüder antworteten: daß sie ihre
Schuldigkeit nicht unterlassen würden, vor der hohen Gegenwart seiner
königlichen Majestät zu erscheinen, worauf sich die Abgeordneten zurück
begaben, und Uriens sich mit seinem Bruder Gyot alsbald in die Stadt
Famagusta verfügte. Als sie in die Stadt anlangten, verwunderte sich das
Cyperische Volk sehr über das seltsame Aussehn des Uriens und daß er,
ohnerachtet seines Angesichtes, solche Wunder der Tapferkeit zu
verrichten im Stande sei: er merkte, daß sie über ihn erstaunten und
begab sich in den Pallast des Königs, wo er diesen übel zugerichtet und
von dem vergifteten Pfeile am ganzen Leibe geschwollen im Bette liegend
antraf. Er grüßte den König und beklagte ihn wegen seines Unfalls,
worauf ihm der König dankte und sagte, daß ihm die ganze Christenheit
Preis, Lob und Verbindlichkeit schuldig sei, indem er auf solche Weise
unter die Heiden gewüthet, daß sie es auf lange empfinden würden.
Zugleich fragte der König, von wannen sie beiden gebürtig wären? Uriens
sagte, wie er Uriens heiße und in Lusinien geboren sei. Worauf der König
wieder antwortete: da ich nun meines tapfern Herrn Namen und Geschlecht
so umständlich weiß, so will ich nicht länger eine Bitte zurück halten,
die ich vorzutragen habe: ich bin nämlich des Willens, Euch, mein edler
Ritter, ein großes Glück, viel Ehre und Reichthum zuzufügen; ich habe
nur eine einzige Tochter, Hermina genannt, an welche mein Reich, so wie
mein ganzes Vermögen fällt, wenn ich, will's Gott bald, an meiner vom
vergifteten Pfeil empfangenen Wunde gestorben sein werde, dabei wünschte
ich, mein Reich in den Händen eines tapfern Ritters zu wissen, weil es
dem Heidenthum so nahe liegt, daß es durch dieses täglich beschädigt
werden kann; ich weiß keinen bessern Ritter als Ihr seid, darum bin ich
gesonnen, Euch mein Reich so wie meine Tochter zu übergeben.

Uriens bedankte sich höflich, sagte: er wäre es zwar durchaus nicht
würdig, wolle sich aber nicht weigern, die königlichen Befehle zu
vollführen. Ueber diese Antwort war der König sehr froh und zufrieden,
er ließ alsbald seine Tochter zu sich kommen und auch die Räthe seines
Reichs vor sich versammeln, zu welchen er sprach: Ihr wißt, wie ich
bisher mein Reich mit bewaffneter Hand gegen die Heiden beschirmt habe,
doch dieses kann von nun an nicht mehr geschehn, indem ich durch einen
vergifteten Pfeil auf den Tod verwundet bin, ich verlange also von Euch,
daß Ihr meine Tochter Hermina als Eure Oberherrschaft in meiner
Gegenwart, bevor ich sterbe, anerkennt, denn sie ist meine einzige und
rechtmäßige Erbin. Die Räthe und Landesherren thaten, was er begehrte,
worauf der sterbende König also fortfuhr: ein Weib aber kann unmöglich
durch ihre eigene Kraft ein Königreich beschützen, welches eine so
gefährliche Lage hat, indem es fast zu nahe an das wilde Heidenthum
gränzt, ich verlange daher, daß meine einzige Tochter Hermina sich mit
einem Ehegemal verbinde und da wüßte ich keinen tapfrern, und bessern,
wenn ihm gleich die Schönheit des Angesichts abgeht, als den
unvergleichlichen Ritter Uriens aus Lusinien, der die Heiden so
trefflich bezwungen, ja ihrem Könige das Haupt heruntergeschlagen hat,
ob ich gleich diese Freude nicht lange genießen werde, da ich auch durch
einen vergifteten Pfeil auf den Tod verwundet: Ich verlange also meine
Tochter Hermina, daß Du diesem Ritter als Deinem Gemale die Hand
reichest, und daß alle meine Räthe und Landesherren ihm als ihrem
zukünftigen Könige huldigen sollen.

Die Landesherren thaten solches sehr gern, auch gab Hermina dem Uriens
freiwillig ihre schöne Hand, worüber dieser im Herzen ungemein erfreut
war. Das Volk in Cypern, als es diese Neuigkeit erfuhr, war sehr froh
und vergnügt, denn Uriens gefiel ihnen allen, sie folgten ihm daher alle
in die Hauptkirche, wo er mit seiner Braut Hermina vermält wurde.
Zugleich ließ sich der verwundete König das heilige Sakrament geben,
worauf er selig verschied, so daß die Hochzeit ohne Tanz und Saitenspiel
gefeiert werden mußte; doch wurde der verstorbene König herrlich und mit
aller Pracht in seinem Begräbnisse beigesetzt. Dann wurde Uriens zum
Könige gekrönt.

Um diese nämliche Zeit fügte es sich auch, daß der König von Armenien
sterben mußte, welcher ein naher Verwandter des Königs von Cypern war.
Er hinterließ eine einzige sehr schöne Prinzessin, welche den Namen
Florie führte; die hinterlassenen Räthe beschlossen, diese mit dem
tapfern Gyot, dem Bruder des Uriens, zu vermälen, worein die Prinzessin
selber auch gern einwilligte. Als es so weit gekommen war, schickte man
eine Abgesandtschaft zum Könige Uriens von Cypern, die ihn ersuchen
mußte, dem Reiche Armenien seinen Bruder Gyot als einen Herrscher zu
überschicken, welches dieser auch sehr gern that, weil er dem Glücke
seines Bruders nicht im Wege sein wollte. Worauf Gyot nach Armenien
ging, sich mit der Prinzessin Florie verheirathete und zum König gekrönt
wurde.

Beide Brüder unterließen es nach diesen glücklichen Vorfällen nicht,
Boten mit Briefen zu ihren Eltern nach Lusinien zu schicken, wodurch
diese alles erfuhren, was ihren lieben Söhnen begegnet war und sich von
Herzen freuten, so daß auch Melusina, um sich gegen Gott dankbar und
gefällig zu bezeigen, eine neue Kirche stiftete, nachdem sie schon viele
andre gebaut hatte. Um die Zeit verheiratheten sie auch ihren Sohn
Gedes, den mit der hohen Röthe im Angesichte, mit einer vornehmen Gräfin
aus dem dortigen Lande.

Es währte nicht lange, so nahm auch _Reinhardt_, der nur ein Auge hatte,
von seinen Eltern Abschied, um sein Glück in der Welt zu versuchen. Ihn
begleitete _Antoni_, der zum Zeichen eine Löwenklaue auf der Wange trug;
sie nahmen ebenfalls viel Volks mit sich. Diese tapfern Ritter gelangten
auf ihrem Zuge nach Lützelburg, welches damals eben der König von Elsaß
mit einer ansehnlichen Armee belagert hielt und schon im Begriff stand,
die Stadt gar zu gewinnen. Dieser König hielt die Stadt aus bloßem
Muthwillen belagert, denn er wollte durchaus die Herzogin von
Lützelburg, die in der Stadt regierte, zu seiner Gemalin haben, sie aber
war nicht dieser Meinung und deshalb suchte er ihre Stadt zu erobern, um
sie selber dadurch zu gewinnen. So war also diese Prinzessin eine arme
verlassene Waise und in größter Bedrängniß, welches die beiden Brüder
von Lusinien nicht sobald gehört hatten, als sie, von Mitleid ergriffen,
den Entschluß faßten, dieser unglückseligen Prinzessin mit ihrer ganzen
Macht beizustehn. Sie wickelten also die Fahnen auf, stellten ihre
Völker in eine gute Schlachtordnung, und griffen nun mit der Loosung
Lusinien die Elsasser so beherzt an, daß viele von diesen in die Pfanne
gehauen wurden. Antonius kam im Treffen mit dem Könige von Elsaß in ein
einzeln Gefecht, worauf dieser entwaffnet wurde, und sich der König dem
Antonius gefangen geben mußte. Reinhardt that hierauf noch dem übrigen
Volke großen Schaden, so daß die Brüder eine herrliche und glänzende
Schlacht gewonnen hatten.

Die Brüder ließen hierauf den gefangenen König durch sechs von ihren
Rittern der Prinzessin von Lützelburg überantworten, welche sich über
ein solches Präsent höchlich erfreute und dem Himmel, so wie den beiden
tapfern Helden den besten Dank abstattete; sie erkundigte sich auch nach
den Namen, Herkommen und Geschlechte der beiden Brüder und war sehr
zufrieden, als sie solches alles erfahren hatte, denn sie faßte nun den
Entschluß, in ihren Staatsgeschäften nichts ohne Mitwissen und
Beistimmung der beiden Herren zu thun oder zu unternehmen. Sie ließ
hierauf diese beiden tapfern Ritter nebst den vornehmsten aus ihrem
Gefolge zu sich in die Stadt bitten, welche sich auch sogleich fertig
machten, ihr in Lützelburg aufzuwarten. In der Stadt empfing sie das
Volk in schöner Fröhlichkeit mit auserlesener Musik und trefflichem
Klang von Instrumenten, Jubelgeschrei und dergleichen, weil sie durch
die Brüder von dem Elsassischen Könige erlöst waren, der ihnen viel zu
schaffen gemacht hatte. Zwei vornehme Landesherren aus Lützelburg
erschienen hierauf und führten die beiden Herren auf das Schloß, wo die
Fürstin ihnen mit den schönsten Damen, Fräulein, Pagen und Gefolge
höflich entgegen kam und ihnen in den wohlgesetztesten Redensarten ihren
Dank abstattete, außerdem aber eine prächtige und überaus köstliche
Mahlzeit zurichten ließ, so daß nicht genug zu sagen ist, wie vergnügt
die beiden Brüder waren.

Am Tische wurde der gefangene König von Elsaß oben an gesetzt, dann
folgten die beiden Herren Antonius und Reinhardt, dann die vornehmsten
Landesherren und die übrigen Gäste nach ihren Würden, den Brüdern aus
Lusinien gegen über saß die schöne Fürstin, und so war man beim Essen
und Trinken ausnehmend vergnügt, ausgenommen der gefangene König, der
den großen Verlust seiner Leute und seiner Reichthümer nicht
verschmerzen konnte.

Nach dem Essen wurde gebetet und darauf fing der gefangene König zu den
Brüdern an: tapfre Ritter, bitte, mir nunmehr zu sagen, um welche
Ranzion ich der Gefangenschaft entledigt sein soll, die ich gern
entrichten will, um meine Freiheit nur wieder zu gewinnen. Antonius
antwortete: Ew. Königliche Majestät ist nicht unser Gefangener,
dieselben sind der Fürstin Durchlauchtigkeit von Lützelburg als ein
Präsent übermacht, so daß wir nicht mehr über Euch schalten können,
sondern Ihr gänzlich in die Willkühr dieser hohen Fürstin gestellt seid.
Darüber erschrak der König über die maßen, denn er wußte, daß er durch
sein Betragen die höchste Ungnade der Fürstin verdient hatte, fürchtete
also gar, als ein gottloser Mann und unverschämter Liebhaber sein Leben
zu verlieren. Da die Fürstin seine Verlegenheit sah, wandte sie sich
wieder zu den beiden Brüdern, und sagte, daß die Ranzion des Königs
gänzlich in ihrem Belieben stehe; sie hätten ihn gefangen, möchten daher
auch seinen Preis bestimmen, gebe ihnen also hiemit ihr Präsent wieder
zurücke. Worauf die Grafen antworteten: sie wollten ihn aller Ranzion
entledigen, er solle fußfällig die Fürstin um Verzeihung bitten,
versprechen, ihr nie in Zukunft mehr zur Last zu fallen, und allen ihrem
Lande zugefügten Schaden zu ersetzen. Wie das der König hörte, wurde er
froh und that sogleich freiwillig alles, was von ihm verlangt wurde.

Als dies geschehn und in Richtigkeit gebracht war, überlegte der König
von Elsaß bei sich selber, wie fromm die beiden Brüder aus Lusinien
wären, und wie edelmüthig sie sich gegen ihn bezeigt hätten, erinnerte
sich auch, wie nach dem Boethius Undankbarkeit eins der größten Laster
sei, nahm sich daher in seinem Gemüthe vor, nicht für undankbar zu
gelten und sagte daher öffentlich im Beisein aller Landesherren: Wollte
Gott, daß diese beiden Brüder die Stützen und Anführer des Fürstenthums
wären, so würde weder ich noch ein andrer Feind jemals sich unterstehn,
dieses Land feindlich zu überziehn; wenn ich rathen sollte, so möchte
die durchlauchtige Prinzessin einem von diesen tapfern Brüdern ihre Hand
und ihre Liebe reichen. Als die Landesherren dies hörten, freuten sie
sich und waren derselben Meinung, redeten auch der Fürstin von Herzen
zu, solches auszurichten, sie aber antwortete, daß sie dergleichen
Vorschläge erst überlegen müsse.

In der Nacht erwägte die Fürstin alles bei sich, was sich zugetragen
hatte, und da sie genau auf ihre Gedanken achtete, merkte sie, daß sie
eine sonderliche Neigung zum Grafen Antonius in sich habe, dieses
offenbarte sie auch am folgenden Tage und Antonius gab ihr seine Liebe
zu erkennen, die er gleich im ersten Augenblicke zu ihr gefaßt hatte; so
wurden sie dann einig und nach weniger Zeit mit einander getraut. Die
Hochzeit währte unter vielen Ergötzlichkeiten eine ganze Woche hindurch
und that sich beim Stechen der König von Elsaß ganz besonders hervor.

Als die Hochzeit vorüber und man eben unter vielen Danksagungen von
einander scheiden wollte, erschien am Hofe ein schnellreitender Bote,
der sogleich nach dem Könige von Elsaß fragte. Als dieser sich gemeldet,
empfing er von dem Boten Briefe, über deren Inhalt er sehr erschrak und
schmerzlich seufzte, worauf sich Antonius erkundigte, was in den Briefen
enthalten sei. Der König sagte: ach Gott! mein Herr Antonius, mein
Bruder, der König von Böhmen, schreibt mir hier, daß ihn der Türkische
Kaiser mit einer gewaltigen Macht in seiner Hauptstadt Prag belagert
halte, und daß er sich keiner Hülfe oder Entsatzes zu versehn habe, drum
wende er sich in seiner Bedrängniß an mich und beschwöre mich bei meiner
brüderlichen Liebe, zu seinem Beistande herzu zu eilen, denn sonst sei
es gewiß um ihn, wie um sein Reich geschehn. Und nunmehr, fuhr der König
von Elsaß fort, ist es meine eigne Schuld, daß fast alle mein Volk durch
Euch, tapfre Fürsten, in die Pfanne gehauen ist, so weiß ich nun in der
Eile meinem Bruder nicht sonderlich zu helfen.

Graf Antonius antwortete hierauf: Ew. Königliche Majestät kann sich
versichert halten, daß die Türken aus dem Lande Eures Herrn Bruders
herausgeschlagen werden sollen, denn mein Bruder Reinhardt soll mit Euch
ziehn, mit der ganzen Macht, die wir aus Lusinien mit uns genommen; dazu
will ich ihm noch Hülfsvölker aus meinem neuerworbenen Reiche geben, so
daß es Euch beiden mit Gottes Hülfe gelingen soll, den König von Böhmen
von seinen Feinden zu befreien. Sollte dieses aber noch nicht
hinreichend sein, so laßt es mich nur durch einen schnellen Boten
wissen, und alsbald will ich Euch selbst mit einer neuen Macht zu Hülfe
ziehn.

Hierauf dankte der König mit sehr freundlichen Worten, und sagte: Sollte
es uns gelingen, wie ich denn nicht zweifle, den Türken zu besiegen, so
hat mein Bruder, der König von Böhmen, eine einzige Tochter, die er ohne
meinen Rath und meine Einwilligung nicht verheirathet; diese verspreche
ich hiemit, sie dem Grafen Reinhardt, Eurem Bruder, zu einer ehlichen
Gemalin zu geben, wodurch er dereinst nach meines Bruders Tode König von
Böhmen wird, da mein Bruder kein andres Kind hat.

Beide Grafen dankten hierauf dem Könige für seinen guten Willen, und
Antonius war sehr vergnügt darüber, daß sein Bruder Reinhardt eine
Aussicht auf ein Königreich hatte, welches er ihm von Herzen gerne
gönnte. Er beschloß daher, um die Sache noch gewisser zu machen,
sogleich mit seinem Bruder und dem Könige nach Böhmen dem Türken
entgegen zu ziehen. Es wurde hierauf von ihnen eine große Macht zusammen
gebracht und sie zogen damit durch Deutschland bis vor die Stadt Prag,
welche der Türke eng belagert hielt.

Es war gerade an dem, daß der König von Böhmen einen kühnen und tapfern
Ausfall gegen die Ungläubigen that, um sie von der Stadt abzutreiben, da
wurde von beiden Seiten sehr tapfer gefochten, viele Heiden, aber auch
viele Christen erschlagen und endlich mußten die Christen der türkischen
Uebermacht weichen. Ja, was noch schlimmer war, der König von Böhmen,
der sich sehr tapfer hielt und ungern den Rückzug anstellte, wurde mit
einem Pfeile dergestalt durch den Leib geschossen, daß er sogleich todt
zur Erden niederfiel. Wie die Böhmen ihren König gefallen sahn, wurden
sie völlig sieglos und die Türken triumphirten, die Böhmen zogen sich in
die Stadt zurück und die Ungläubigen blieben Meister vom Felde, worauf
sie der Stadt Prag noch härter mit Belagern zusetzten.

Die heidnischen Türken nahmen hierauf in ihrem Uebermuthe den Leichnam
des Königs von Böhmen, legten ihn vor den Augen der böhmischen
Landesherren, die auf der Mauer standen, auf einen Scheiterhaufen und
brannten ihn zu Pulver, welches jene nicht ohne Thränen ansehn, aber
dennoch nicht verhindern konnten. Am meisten aber war die königliche
Prinzessin Eglantina betrübt, als sie diese kläglichen Neuigkeiten
vernommen hatte; sie rang die Hände, seufzte und sprach: ach! was soll
ich arme, Vater- und Mutterlose Waisin doch wohl anfangen? Meine Mutter
ist gestorben, so haben mir die Türken meinen Herrn Vater gar zu Pulver
verbrannt, verderben mir Land und Leute, nehmen mein Königreich weg, und
ich muß am Ende noch, ich Unglückseligste, den christlichen Glauben
verläugnen und zum Heidenthume übergehn, um nur beim Leben zu bleiben,
vielleicht muß ich gar einen Sohn oder Anverwandten des türkischen
Kaisers heirathen, um nur bei Ehren zu bleiben.

Dergleichen Klagen verführte die Prinzessin Eglantina sehr viele und
häufige, und es kam beinah so weit, daß sie sich in die Verzweiflung
ergab, als ein Bote kam, der ihr zu ihrer größten Freude die Nachricht
überbrachte: daß sich der König von Elsaß mit zwei Brüdern aus Lusinien
in Frankreich und einem großen Heere der Stadt nahe, um sie zu
entsetzen. Da dankte sie Gott von Herzen und hörte wieder auf den Trost,
den ihr ihre Freunde zusprachen, brachte auch ihre Kleider und Haare
wieder in Ordnung, die sie zuvor zerrissen hatte.

Die Türken waren eben dabei, im Sturm die Stadt gar zu ersteigen, als
sie die Nachricht durch einen andern Boten erhielten, ein großes
christliches Heer sei im Anzuge; darauf verwunderten sie sich, ließen
vom Stürmen ab, beriefen die Trompeter zur Schlacht zu blasen, stellten
sich in Ordnung, und wehrten sich gegen den tapfern Angriff der
christlichen Heerschaaren. Das Treffen war sehr blutig, doch behielt
endlich die gerechte Sache die Oberhand, sonderlich durch das
großmüthige Betragen der beiden Brüder Antonius und Reinhardt, die
unglaublich viel heidnisches Volk mit eignen Händen todtschlugen. Der
türkische Kaiser wurde wüthend, da er seine Armee verlieren sah, und
brachte wieder viele der Christen um, doch ersah ihn endlich Graf
Reinhardt, stürzte sich auf ihn und hieb ihm nach einem kurzen Kampfe
und einiger Verwundung seinen Kopf völlig herunter. Als das die Türken
wahrnahmen, wurden sie ganz sieglos und begaben sich auf die Flucht; so
behielten die christlichen Fahnen das Feld, und der König von Elsaß ließ
hierauf auch einen großen Scheiterhaufen errichten, den türkischen
Kaiser sammt allen getödteten Ungläubigen darauf legen und sie zur
Wiedervergeltung ebenfalls zu Pulver verbrennen.

Der König von Elsaß zog hierauf in die Stadt Prag, wo ihm die Prinzessin
traurig und weinend entgegen kam; der König aber tröstete sie und sagte:
gieb Dich nur zufrieden, liebste Muhme, das Geschehene ist nicht mehr zu
ändern, Dein Vater ist zwar mit Tode abgegangen und Dein Land ist Dir
von den Feinden einigermaaßen verderbt worden, indessen haben wir doch
auch durch Gottes Gnade unsre Rache erhalten, denn ich habe den
türkischen Kaiser und die Seinigen wieder zu Pulver brennen lassen. Die
Prinzessin antwortete: somit habe ich doch immer meinen Herrn Vater
verloren, und um ihn muß ich klagen und trauern. Das geziemt sich, sagte
der König, indessen ist es auch vernünftig, Trost anzunehmen, war er
doch mein Bruder und ich muß mich darin finden, so magst Du es denn auch
thun, wir wollen ihm ein ehrliches und schönes Begräbniß zurichten, mehr
kann er nicht verlangen.

Bei dem Begräbniß beschaute das Volk von Böhmen die beiden Brüder aus
Lusinien, und es dünkte ihnen wunderbar, daß der Graf Antonius eine
Löwenklaue auf der Wange und der Reinhardt nur ein Auge habe, doch
gefielen sie den Leuten sehr wegen ihres edlen Anstandes und weil sie
wußten, daß diese Brüder sie meistentheils von den Türken erlöst hatten.
Nach dem Begräbnisse versammelte der König von Elsaß alle Landesherren
des böhmischen Reichs und stellte ihnen vor, wie sie nunmehr ihren guten
König verloren, so daß sie sogar sein Leichenbegängniß ohne Leiche
hätten feiern müssen, das Königreich sei nun an die Prinzessin
Eglantina, seine Tochter, gefallen, aber ein Weib sei zu schwach, das
Land auf die gehörige Weise zu beschützen, sie möchten sich daher nach
einem frommen Könige umthun, dem sie alle gern gehorchten, und dem die
Prinzessin ihre Hand und Liebe schenken möchte.

Die Landesherren antworteten, daß sie alles in sein eignes hohes
Belieben stellen wollten, er möchte nach seiner trefflichen Vernunft
alles einrichten und das Reich entweder selber als König in Besitz
nehmen, oder ihnen einen andern tugendhaften Mann vorschlagen, dem sie
dann alle gern dienen wollten. Herauf wandte sich der König gegen die
beiden Brüder aus Lusinien und sagte: nun ist die Zeit gekommen, daß ich
mein Wort halten kann, Euch, tapfrer Reinhardt, zum Könige von Böhmen zu
machen; hier, Ihr Landesherren ist der Fürst, den ich Euch ausgesucht
habe und der Euch gewiß immer gut beschützen wird, denn er hat sich
schon dermalen gut erwiesen, indem er dem türkischen Kaiser den Kopf
herunter gehauen und sein Volk zerstreut und erschlagen hat.

Die Landesherren waren mit der Wahl des Königs vollkommen zufrieden,
worauf sich die beiden Brüder, insonderheit Reinhardt bedankten. Die
Prinzessin war vergnügt, einen so tapfern Helden zum Gemal zu bekommen,
der ihren Herrn Vater so schön gerochen, indem er den heidnischen Kaiser
und die Seinigen zu Pulver verbrannt. Man feierte die Hochzeit prächtig,
aber ohne Tanz und Saitenspiel, weil man noch den gestorbenen König
betrauerte, doch wurde ein großes Thurnier gehalten, wo sich beim
Stechen Reinhardt sonderlich hervorthat, so daß die Böhmen wahrnahmen,
welch einen tapfern und in Waffenübungen geschickten König sie erhalten
hatten. Antonius zog hierauf in sein Herzogthum, zu seiner Gemalin
zurück, und der König von Elsaß begab sich ebenfalls in sein Königreich,
nachdem alle herzlich von einander Abschied genommen hatten.

Indessen war Geoffroy mit dem Zahn auch zu einem starken und mächtigen
Ritter herangewachsen und spürte auch die Lust in sich, große Thaten zu
thun, um seinen Namen berühmt und unsterblich zu machen. Die
Gelegenheit, einigen Ruhm zu erwerben, zeigte sich bald, denn an den
Gränzen des Landes ließ sich ein gewaltiger Riese spüren, der ein
ziemliches Unwesen trieb mit Morden und Rauben, auch Leute Beschädigen
und Plündern, so daß selbst die Schlösser nicht sicher waren, die die
edle Melusina in dortiger Gegend gebaut hatte und sich jedermann vor ihm
furchte. Diesen Riesen beschloß Geoffroy anzugreifen, und auch mit
Gottes Hülfe umzubringen, über welchen Entschluß sich aber sein Herr
Vater Reymund heftig entsetzte und ihn von seinem gefährlichen Vorhaben
abzumahnen suchte, stellte ihm das Beispiel seiner Brüder vor Augen,
welche auch Ruhm gesucht und durch ihre Thaten sogar Könige geworden,
aber doch nie darauf gefallen waren, sich mit Riesen einzulassen. Aber
der Geoffroy bestand auf seinem festen Sinn und sagte: wird dem Riesen
nicht Einhalt gethan, so verübt er immer mehr Schaden an den Ländereien,
und das soll nicht sein. Reiste mithin ab, ohne sich sonderlich an die
Bitten seines Vaters Reymund und die Thränen seiner Mutter Melusina zu
kehren.

Der Freymund mit der Wolfshaut auf der Nasen war nun auch zu seinen
erwachsenen Jahren gekommen, und schien sich fast gänzlich den
Wissenschaften zu ergeben, denn er las sehr viel, trieb auch keine
Waffenübung, wie seine übrigen Brüder von ihrer frühen Jugend gethan
hatten. Es währte nicht lange, so zeigte sich seine Begierde zum
geistlichen Stande, denn er lag seinen Eltern dringend an, ihm zu
erlauben in dem Kloster Malliers, welches die Melusina aus Andacht
gestiftet hatte, ein Mönch zu werden. Als sein Vater Reymund diese Bitte
verstanden hatte, wurde er einigermaßen unwillig und sagte: Freymund,
alle Deine Brüder haben nach Ehren und Würden gestrebt, und sind tapfre
und berühmte Ritter geworden, und ich sollte nun noch unter meinen
Kindern einen Pfaffen haben? Solches will mir gar nicht gefallen; Du
sollst auch nach Tapferkeit und nach Ritterschaft streben.

Nach Ritterschaft will ich nicht streben, antwortete Freymund, auch will
ich Zeit meines Lebens keinen Harnisch an meinem Leibe tragen, oder ein
Pferd besteigen, sondern hier im Kloster Malliers Gott als Mönch dienen.
Sind alle meine Brüder edle und tapfre Herren und verrichten große
Thaten, so ist es auch nicht unrühmlich, wenn sie einen andern Bruder
haben, der für alle betet, da ihnen oft die Zeit dazu in ihren
verwirrten Händeln gebrechen mag. Ich bitte Euch daher um Gottes Willen,
Ihr wollet mir in meinem Verfahren nicht hinderlich, sondern
beförderlich sein, denn mein Sinn ist so darauf gerichtet, daß ich auf
andre Weise keine Ruhe für meine Seele finde.

Da Reymund diese große Begierde seines Sohnes sah, Gott zu dienen, ging
er seinetwegen mit seiner Gemalin Melusina zu Rath, was sie wohl über
ihn beschließen möchten. Diese sagte, daß sie es gänzlich in Reymunds
Wohlgefallen stelle, doch sei es ihr gar nicht zuwider, unter ihren
Kindern auch einen geistlichen Herrn zu haben.

Darauf wandte sich Reymund wieder zu seinem Sohn und sagte: mein
Freymund, ich und Deine Mutter haben es nun überlegt, daß wir Dir in
Deinem gottseligen Vorhaben nicht wollen hinderlich, sondern vielmehr
beförderlich sein, aber überlege Du, daß der Orden in Malliers sehr
strenge ist; ich kann Dich ja leicht zu einem Domherrn machen, so hast
Du es besser, oder ich habe es auch wohl um unsern allerheiligsten
Vater, den Pabst, verdient, daß er Dir ein Bisthum ertheilt, wenn ich
darum bei ihm nachsuche, so hast Du doch mehr Ehre und kein so hartes
und strenges Leben.

Aber Freymund sagte: nein, ich will sonst nichts weiter, als zu Malliers
im strengen Orden ein Mönch werden.

Wie bist Du nur von diesem Gedanken so eingenommen? fragte Reymund.

Freymund sagte: liebster Herr Vater, die Welt mit ihren Händeln ist sehr
verworren, so fürchte ich, wenn ich mich da hinein begebe, gar meine
Seele darüber zu verlieren, denn hinter Ehre und Ruhm, Wohlleben und
Pracht lauert der Satan, wie er den Schwachen überrasche, und ihn von
sich selber abtrünnig mache. Bin ich im Kloster zu Malliers, so bin ich
keiner dergleichen Gefahren ausgesetzt, meine zeitlichen und weltlichen
Sorgen sind mir entnommen, ich kann unaufhörlich an Gott denken, und mir
seine Wunderwerke recht lebendig vorstellen, dabei weiß ich, in diesen
Stunden schläfst du, in diesen issest du, in diesen wird Handarbeit
gethan, oder im Garten gegraben und Blumen und Gemüse auferzogen, so
viele Stunden dienst du Gott, und daß das jeden Tag wiederkommt und
keine Aendrung leidet, daß keine Störung und Irrsaal in diesem schönen
einfachen Lebenslaufe vorfällt, seht, das hat mir so überaus
wohlgefallen, daß ich gar zu gern im Kloster Malliers, im strengen
Orden, Mönch werden möchte.

Reymund sah ein, daß sein Sohn weise war und Recht hatte, darum gab er
seiner Bitte nach, und freudig begab sich Freymund zu den Patribus, und
wurde alsbald Mönch in dem Kloster Malliers, welches seine Mutter
gestiftet hatte, in dem strengen Orden.

Jetzt erhielten auch Reymund und Melusina Nachrichten von ihren Söhnen
Antonius und Reinhardt, wie der eine König von Böhmen, der andre Herzog
zu Lützelburg geworden sei, durch ihre Ritterschaft und ihre kühnen
Thaten: darüber dankten sie Gott sehr und freuten sich über ihr eignes
und ihrer Kinder großes Glück, denn drei von den Söhnen waren zu Königen
gekrönt, der vierte ein Herzog geworden, und der fünfte ganz nahe bei
ihnen im Kloster zu Malliers ein Mönch, um für alle übrigen Gott zu
bitten.

Es fügte sich, daß Reymund an einem Sonnabend wieder die Melusina
vermißte, denn sie pflegte an diesem ganzen Tage nicht zu erscheinen,
doch gedachte er seines Eides, sich nie um sie zu bekümmern und sie
ungestört gewähren zu lassen. Der Vater des Reymund, der alte Graf von
Forst, war damals schon gestorben, und sein ältester Sohn, der jetzt
Graf von Forst genannt wurde, legte einen Besuch bei seinem Bruder
Reymund ab. Reymund ließ dieses Besuches wegen viele und vornehme Gäste
zu sich einladen, die alle dem Reymund ihren ergebensten Respekt
bezeigten; doch als sich Melusina den ganzen Tag nicht zeigte, sagte der
Graf von Forst zu seinem Bruder: Bruder, laß doch Deine Gemalin
erscheinen, damit sich Deine vielen und vornehmen Gäste nicht darüber
verwundern, daß sie so lange außen bleibt. Reymund antwortete: lieber
Bruder, heute kann solches nicht geschehn, aber morgen sollst Du sie zu
sehn bekommen.

Als die Mahlzeit geendigt war, gingen die beiden Brüder beiseit, und der
Graf sagte zu Reymund: lieber Bruder, ich muß Dir ein Ding eröffnen,
welches mir schon seit lange auf dem Herzen liegt. Man sagt allgemein im
ganzen Lande, daß Du mit Deiner Gemalin übel angekommen seist, sie
sagen, Du seist bezaubert, daß sie sich alle Sonnabend abseitiget, und
Du an solchem Tage gar nicht einmal nach ihr fragen darfst; wunderlich
ist es immer, daß Du nicht weißt, was ihr Thun und Lassen sei, als ein
redlicher Bruder seh ich mich gezwungen, Dir zu sagen, daß Du davon
große Schande haben kannst, denn die meisten Leute meinen, sie treibe an
diesen Tagen Hurerei, welches doch gegen deine Ehre liefe, andre sagen
wieder, sie möchte überhaupt wohl ein Gespenst und alles mit ihr nur ein
ungeheures Wesen sein, darum ist es mein demüthiger Rath, Du erkundigst
Dich etwas mehr um ihr wahres Befinden und suchst es zu erforschen,
damit Du nicht Gefahr läufst, für einen Narren gehalten zu werden.

Als Reymund diese Rede verstanden hatte, wurde er vor Zorn ganz bleich
und dermaßen wüthig, daß er sich und seinen Schwur gänzlich vergaß; die
Worte seines Bruders schienen ihm recht und gut, in der größten
Grimmigkeit lief er fort und griff ein Schwert, womit er sich in die
Kammer begab, in die er noch nie gekommen war, weil er sie der Melusina
zu ihrem heimlichen Aufenthalte absonderlich hatte erbauen lassen. Hier
kam er an eine fest verschlossene eiserne Thür und er besann sich nun,
was er thun sollte; es fielen ihm wieder die Worte seines Bruders ein,
daß seine Gemalin in Unehren lebe. Darüber beschloß er, alles selber zu
sehn, und dann, nachdem er es befinden würde, seine Schmach zu rächen.
Er nahm also das Schwert, und bohrte mit der Spitze desselben ein
kleines Loch in der eisernen Thür, wo er hindurch sehn mochte.

Als Reymund nun stand, und durch die Oeffnung schaute, verwunderte er
sich über die maßen, denn er sah Melusina im Bade, wie sie von oben bis
auf den Nabel ein schönes Weib sei, dann aber in den Schweif einer
bunten gesprengten Schlange endigte, der azurblau war und mit
Silberfarben darunter gesprengt, so daß diese Farben wundersam in
einander schimmerten. Das Zimmer war eine tiefe Grotte, die Wände waren
mit allerhand seltsamen Muscheln ausgeziert und ein Springbrunnen, in
welchem sich Melusina befand, war in der Mitten. Von oben ergossen sich
auch Wasserstrahlen und tröpfelten wie Perlen durch einander, bei
welchem wunderbaren Getöse Melusina sang, indem sie eine Zitter in der
Hand hielt:

   Rauscht und weint ihr Wasserquellen
   In der stillen Einsamkeit,
   Die Erlösung ist noch weit,
   Meine Thränen mehren eure Wellen.

   Ach! wann wirst du, Trauer, enden,
   Von mir nehmen meine Schmach?
   Immer ist die Strafe wach,
   Keiner kann das bös Verhängniß wenden.

Bei diesen Worten vergoß sie einen Strom von Thränen und Reymund war auf
das innigste bewegt und erschüttert. Nun fiel ihm auch bei, wie er
seinen Eid gebrochen und eine Untreue gegen seine tugendvolle Gemalin
begangen habe, dabei konnte er ihre seltsame Verwandlung nicht begreifen
und furchte sich auch, daß nun sein Elend anfangen würde, da er seinen
Schwur nicht gehalten, wie sie ihm vor der Hochzeit prophezeit hatte,
denn er glaubte, daß sie nach ihrer verborgenen Wissenschaft recht gut
um seine Untreue wissen würde. Endlich aber verstopfte er die gemachte
Oeffnung wieder mit Wachs, und ging im höchsten Zorne zu seinem Bruder
zurück. Da dieser ihn also wüthend kommen sah, glaubte er, Reymund habe
die Melusina auf einer Unehre betroffen, und sagte zu ihm; siehe, mein
Bruder, es hat sich also bestätigt, daß Deine Gemalin Dir und ihrer Ehre
ist abtrünnig geworden.

Reymund aber sagte: Du hast mir Unwahrheit vorgebracht und bist mir ein
schädlicher Bruder, Du bist zu einer unglücklichen Stunde in mein Haus
gekommen, denn deinetwegen bin ich nun in Elend gerathen, daß ich meinen
allertheuersten Eid gebrochen habe, darum geh, verweile Dich nicht
länger hier, sonst möchte es Dein Leben kosten, und komme mir auch
niemalen wieder in mein Haus, oder vor mein Angesicht!

Ueber diese unvermuthete Anrede erschrak der Graf, so daß er sich eilig
zu Pferde satzte, und schnell wieder nach Hause ritt; auch die übrigen
Gäste wußten nicht, was sie aus Reymund machen sollten, denn er
geberdete sich, als wenn er ohne Sinnen wäre, weshalb sie sich auch
wieder fort begaben.

Reymund aber war im allergrößten Jammer, er glaubte, daß er seiner
Untreue halber nun seine geliebte Melusina nimmermehr wieder sehn würde,
und daß er sie auf Zeitlebens verloren habe, er schrie und klagte: ach,
du unglückselige Stunde, in welcher ich armer Mann geboren bin, daß ich
nun mein allerliebstes Gut entbehren soll! In seiner großen Betrübniß
zog er seine Kleider aus und legte sich zu Bett, denn er fühlte sich
matt und krank, er beschloß, als ein Einsiedler sein künftiges Leben
zuzubringen, wenn er Melusina verlieren sollte. So trieb er die ganze
Nacht sein Klagen, indem er sich von einer Seite nach der andern
wendete, indem eröffnete Melusina mit einem Schlüssel die Kammer und
trat zu ihm, zog sich nackt aus und legte sich neben ihm in das Bett,
sie fühlte, daß er kalt und krank war, umfing ihn zärtlich mit ihren
Armen und fragte ihn: was fehlt Dir, mein liebster Gemal? Er klagte ihr,
daß ihn ein Fieber überfallen habe, war aber doch froh, daß Melusina
wieder da sei und sich gegen ihn freundlich bezeigte, worauf er auch
wieder von ihren Küssen und liebreichen Umarmungen besser wurde.

Indessen war Geoffroy mit dem Zahn nach dem Lande geritten, wo man ihm
gesagt hatte, daß sich der große Riese aufhielte und seinen Unfug
triebe. Er ritt hin und her und fragte die Leute nach der Wohnung des
Riesen, weil er gekommen sei, ihn umzubringen. Die Leute sagten: das
wolle Gott, Herr Ritter, daß ihr dieses in's Werk setzt, denn er ist ein
ungeschlachter Mann und fügt uns so viel Leides zu, daß es nicht zu
sagen ist; worauf sie ihm auch das Schloß des Bösewichts zeigten.
Geoffroy kam hierauf an einen steilen Berg, auf welchem ein festes
Schloß lag, in welchem der Riese seinen Aufenthalt hatte. Hier stieg
Geoffroy von seinem Rosse ab, legte den Harnisch an, hängte den
stählernen Streitkolben an seinen Sattelbogen, gürtete das Schwert um
sich, nahm die Lanze in seine Hand, hielt seinen schönen mit Gold
ausgezierten Schild vor sich, setzte den Helm auf und stieg wieder zu
Pferde, worauf er gegen das Schloß ritt und den Riesen mit kühner und
lauter Stimme ausfoderte, indem er sprach: wo bist Du nun, Bösewicht,
der mir mein Land verdirbt, und den Meinigen so großen Schaden zufügt?
komm nur schnell heraus, damit ich Dir den Garaus mache. Der Riese war
oben im Schloß und fuhr mit seinem Kopfe heraus, welcher so groß wie ein
Ochsenhaupt war, um zu schauen, wer da sei, der ihn so kühnlich
ausfodre. Er erstaunte, als er nur einen einzigen Mann gewahr wurde, und
däuchte ihm, es sei kaum der Mühe werth, ein Gefecht mit ihm anzufangen;
doch zog er seinen Harnisch an, trat vor das Schloß heraus, und brachte
einen stählernen Schild mit sich, und drei eiserne Stangen, und drei
Hämmer in seinem Busen.

Als der Riese hervor kam, sah Geoffroy, daß er wohl bei funfzehn Schuh
lang war, worüber er sehr erstaunte, aber dennoch den Muth nicht verlor,
sondern jenen mit erschrecklicher Stimme anschrie. Der Riese aber
sprach: Wer, und von wannen bist Du? Worauf Geoffroy ausrief: ich bin
Geoffroy mit dem Zahn, wehre Dich, denn Du sollst allhier Dein Leben
lassen. Der Riese sagte: kleines Kerlein, mich jammert Deiner, geh nach
Hause, Du scheinst mir ein guter junger Mensch, aus dem mit der Zeit
wohl noch etwas werden kann. Gehst Du aber nicht, so schlage ich Dich
mit einem einzigen Streich zu Tode, Geoffroy aber achtete nicht darauf,
sondern schrie immer fort: wehre Dich, Hollunke, wenn Dir Dein Leben
lieb ist! Zugleich ritt er zurück, um Feld zu gewinnen, legte seine
Lanze ein, und rannte mit solcher Gewalt auf den Riesen, daß dieser von
diesem einzigen Stoße zur Erden niederfiel. Die Erde bebte unter dem
gewaltigen Fall des Riesen, aber er stand schnell wieder auf, und war
sehr erbost, daß ihn ein einziger Stoß eines Ritters dermaßen hatte
umwerfen können, er nahm daher seine stählerne Stange und schlug gegen
Geoffroy, der schon das zweite Rennen gegen ihn vornahm, womit er dessen
Pferd traf, und ihm beide Vorderbeine abhieb. Das Pferd fiel zu Boden,
und Geoffroy sprang plötzlich aus dem Sattel, zuckte sein Schwert, lief
den Riesen an, und gab ihm einen so harten Schlag, daß dieser seinen
Schild aus der Hand fallen ließ. Hierauf nahm der Riese die stählerne
Stange und schlug so auf den Geoffroy ein, daß dieser vom Schall des
Schlages ganz betäubt wurde, er erholte sich aber schnell, nahm den
Streitkolben vom Sattelbogen und schlug damit dem Riesen die Stange aus
der Hand. Da ergriff der Riese einen von seinen Hämmern, und schmiß ihn
so mächtig nach Geoffroy, daß dieser den Streitkolben auch mußte fallen
lassen. Der Riese bückte sich nach dem Kolben, aber Geoffroy nahm sein
Schwert wieder zur Hand und hieb damit dem Riesen einen Arm von Leibe
herunter: darüber erschrak der Riese und faßte seine Stange mit der
andern Hand und schlug nach Geoffroy, der aber sprang diesem Schlage
behende aus dem Wege, der Riese fiel wieder auf die Knie und Geoffroy
gab ihm nun einen solchen Hieb auf das Bein, daß er völlig zu Boden
stürzte, entsetzlich schrie und seine heidnischen Götter um Hülfe
anrief. Nun blieb dem tapfern Ritter nichts weiter übrig, als ihm den
Kopf nur völlig herunterzuhauen, welches er auch in aller Schnelligkeit
that, und so über den ungeheuren Mann den Sieg davon getragen hatte.

Geoffroy nahm hierauf das Horn des Riesen und blies so lange darein, bis
sich viele Leute aus den umliegenden Gegenden versammelten, die sich
alle entsetzten, daß er den großen Heiden mit seiner Kraft hatte
umbringen können. Bald breitete sich im ganzen Lande und auch in den
andern Reichen die Nachricht aus, wie Geoffroy den Riesen bezwungen
habe; er aber schickte einen Boten zu seinen Eltern, der auch diesen die
erfreuliche Nachricht bringen mußte.

Weil die Rede von seinem Siege schnell weit herum gekommen war, so
gelangten Boten aus dem entfernten Lande Norhemen an Geoffroy, die ihn
im Namen der dortigen Landesherren demüthig ersuchten, zu ihnen zu
kommen, und ebenfalls einen ungeheuren Riesen umzubringen, von dem sie
so sehr geplagt würden, daß sie sich nicht zu lassen wüßten; wenn er ihn
mit Gottes Hülfe bezwänge, so wollten sie ihn auch gern für ihren
Oberherrn erkennen, und ihm das ganze Land übergeben. Geoffroy
antwortete: er wolle kommen und den Riesen umbringen, nicht aber um Land
und Leute zu gewinnen, sondern er thue dieses nur aus Barmherzigkeit,
und weil er es für seine Pflicht halte, alle Riesen umzubringen, so weit
er sie nur erreichen möchte. So rüstete er sich, um zu Schiffe nach dem
Lande Norhemen zu fahren, voll von hohem Muth und feuriger Begier,
Wittwen und Waisen zu beschützen, allen Unterdrückten beizustehn, und
alle Unglaubigen vom Angesichte der Erde zu vertilgen, so daß alle über
seinen hohen Eifer und treffliche Vorsätze in Verwunderung geriethen.




                          Dritte Abtheilung.


Als Geoffroy abreisen wollte, kam ein Bote zu ihm mit einem Brief von
seinen Eltern, worin sie ihm meldeten, daß sie gesund wären, auch
Nachrichten von ihren Söhnen hätten, die sehr erfreulich, dabei sei ihr
Sohn Freymund im Kloster Malliers, nahe bei ihnen, ein Mönch geworden,
um Gott für alle zu bitten. Wie Geoffroy las, daß sein Bruder Freymund
ein Mönch geworden sei, ward er so zornig und wüthend, daß er nicht
anders, wie ein wilder Eber schäumte, und alle die zugegen waren, vor
Furcht schwiegen und nicht wußten, was sie sagen sollten. Er rief aus:
die schelmischen und nichtswürdigen Mönche haben meinen Bruder bezaubert
und betrogen, daß er nicht, wie wir alle gethan haben, die Ritterschaft
ergreifen will; muß ich mich mit Riesen herumschlagen, und soll er
indessen ein Mönch werden? Nun warlich, es soll ihnen und dem Abte übel
gerathen, denn ich will sie alle zusammen verderben und verbrennen!

Ueber diese Rede entsetzten sich alle; den Boten aus dem Lande Norhemen
aber befahl er seiner an dieser Stelle zu warten, denn er werde bald
wieder kommen. So ritt er im Grimme fort und kam bald auf seinem Wege
nach dem Kloster Malliers. Wie der Abt und die Mönche ihn kommen sahn,
gingen sie ihm höflich entgegen, um ihn zu begrüßen und ihm Willkommen
zu sagen, aber Geoffroy fuhr sie gleich zornwüthig an und schnaubte
ihnen entgegen: Ihr bösen Mönche, warum habt Ihr meinen Bruder also
verführt, daß er ein Mönch geworden und die Ritterschaft verläugnet hat?
Daran habt Ihr übel gethan und ich will Euch bestrafen, denn Ihr sollt
alle Euer Leben hergeben.

Ueber diese Rede erschraken der Abt und die Mönche; der Abt erwiederte:
wir haben mit nichten Euren Bruder verführt, er ist aus freiem Willen
und aus Andacht in unser Kloster gekommen, hier steht er gegenwärtig und
Ihr könnt ihn selbst darum fragen.

Freymund sagte hierauf: lieber Bruder, ich schwöre Dir, daß mich Niemand
überredet hat, sondern daß ich hierin bloß meinem eigenen Triebe gefolgt
bin, so ist es meine eigne Schuld, daß ich bin ein Mönch geworden, denn
ich tauge nicht zum Ritter, ich habe in mir ein Verlangen zum
gottseligen Leben gespürt, so habe ich denn nichts bessers gewußt, als
mich hieher zu begeben, wo ich für alle und auch für Dich beten will.

Geoffroy aber blieb in seinem Zorn und kein Zureden und Bitten vermochte
etwas über ihn; er stieg von seinem Pferde ab, besetzte das Kloster mit
seinen Leuten, ließ einen großen Haufen Heu, Stroh und Holz auf einen
Platz bringen, zündete dieses gegen den Wind an, und verbrannte so
seinen leiblichen Bruder nebst hundert Mönchen, die alle in die Kirche
geflohen waren.

Als die That vollbracht war, sah Geoffroy ein, daß er Unrecht gethan
hatte; er bereute sie heftig, weil er glaubte, sich an Gott versündigt
zu haben, schalt und fluchte auf sich selber, und verwünschte sich in
den Abgrund der Erden hinein, daß er niemals mehr das Tageslicht
erblicken möchte, doch war es nun zu spät mit seiner Reue und seinem
Wehklagen. Setzte sich deshalb wieder zu Pferde, und ritt nach der
Stelle in größter Eile zurück, wo er den Boten aus dem Lande Norhemen
gelassen hatte, fuhr mit ihm in einem Schiffe ab, der Wind war günstig
und so ging die Fahrt nach dem Lande Norhemen glücklich von Statten.

Reymund und Melusina saßen bei Tische und nahmen eine fröhliche Mahlzeit
in schöner Häuslichkeit und Freundlichkeit zu sich, als ein Bote mit
verwirrten Mienen und thränenden Augen zu ihnen hereintrat, und ihnen
sagte, er habe eine erschreckliche Neuigkeit zu sagen, wolle sie aber
nicht gerne vorbringen. Reymund sagte: er solle sie sagen, denn er habe
sich nun schon in Gottes Namen auf etwas Betrübtes gefaßt gemacht; so
sprach auch Melusina, denn sie wußten noch nicht, was vorgefallen war.
Drauf sagte der Bote: so muß ich Euch nur Meldung thun, daß eins von
Euren Kindern nicht mehr am Leben. So segne ihn der Herr, antwortete
Reymund, doch welcher von meinen Kindern ist es? Der Bote sagte: es ist
Freymund. Reymund war sehr betrübt, doch sprach er weiter: Gott hat ihn
zu sich genommen; doch ist er selig gestorben, sind ihm alle
christlichen Rechte widerfahren? Der Bote antwortete: Nein, er konnte
kein christliches Recht bekommen, denn er ist mit allen andern Mönchen
im Kloster zu Malliers verbrannt worden.

Darüber entsetzte sich Reymund und rief aus: Bote, nimm Dich in Acht,
daß Du keine Lügen vorbringst, denn dergleichen sollte Dir übel gelohnt
werden; wer hat sich unterstehn dürfen, ihn und das Kloster zu
verbrennen?

Der Bote sagte demüthig: gnädiger Herr, es sei ferne von mir, daß ich
mit Lügen umgehn sollte, dergleichen habe ich in meinem ganzen Leben
nicht gethan, und werde nun nicht mit Euch den Anfang machen. Nein,
Geoffroy mit dem Zahn hat in seiner Bosheit das Kloster sammt allen
Mönchen verbrannt, dazu seinen leiblichen Bruder, weil er erzürnt
gewesen, daß er ein Mönch geworden und geglaubt, der Abt und die Mönche
hätten ihn mit List dazu überredet. Hierauf erzählte er den ganzen
Vorgang, was Geoffroy gesprochen und was ihm der Abt erwiedert, und wie
der Geoffroy sich nicht daran gekehrt, sondern in seinem Zorn das ganze
Kloster sammt allen Mönchen verbrannt habe.

Da entsetzte sich Reymund recht in seinem innersten Herzen, wurde auch
voll Grimms und im ganzen Gemüthe bewegt, deshalb stieg er plötzlich zu
Pferde, um selbst nach der Brandstelle des Klosters Malliers
hinzureiten. Unterwegs hörte er von allen Leuten ein großes Klagen über
den Geoffroy, daß er das schöne Kloster also verderbt habe, sammt allen
Mönchen. Er kam selber an den Ort, wo das herrliche Gebäude gestanden
hatte, und sah nun die betrübten rauchenden Trümmern vor sich. Er wurde
hierauf sehr zornig und schwur, daß, wenn er den Geoffroy habhaft werden
könne, er ihn auch eines gewaltsamen Todes wolle sterben lassen. So ritt
er wieder im allerheftigsten Zorne nach seinem Hause zurück.

Er stieg vom Pferde ab, ging in seine Kammer, schloß sich ein, setzte
sich in höchster Betrübniß nieder, seufzte, weinte und klagte:

   Ach Gott! so hat Geoffroy im bösen Muthe
   Den eignen Bruder Freymund umgebracht,
   Der wollte Mönch sein, dienen Gott, der Gute,
   Doch starb er bald, und ruht in schwarzer Nacht.
   Ich selber habe mich befleckt mit Blute
   Und meinen eignen Vetter todt gemacht,
   Ich wollte damals nur das Schwein verderben,
   Und ließ am eignen Spieß den Vetter sterben.

   Drum hat der mit dem Zahne dies verbrochen,
   Der wüthete so wie ein wildes Schwein,
   Ich hatte erst den Vetter mein erstochen,
   Und ein Meerwunder muß meine Gattin sein;
   Sie hat mir Reichthum, Ehre, Glück versprochen,
   Ich zeugte Söhne, zehne nannt ich mein,
   Davon ist mir der liebste nun verbrannt,
   Das that des eignen wilden Bruders Hand.

   Und wie Geoffroy nun wüthend angefangen,
   So wird er auch niemals das Gute thun,
   Hätt' ich ihn hier, so müßt' er warlich hangen,
   Nie könnt' ich eh, bis er gestorben, ruhn;
   Den Bruder morden! frevles Unterfangen!
   Nein, strafen muß ich ihn, hin fahr' er nun,
   Boshafter wird er stets, gottloser werden,
   Am besten man vertilgt ihn von der Erden.

Als Reymund in diesen schweren Klagen war, schloß Melusina mit einem
Schlüssel die Kammerthür auf, und ging mit ihren Rittern, Frauen und
Jungfrauen zu ihm hinein, um ihn zu trösten, worauf sie ihn auf dem
Bette liegend fanden, indem seine Grimmigkeit noch durch den plötzlichen
Anblick seiner Gemalin vermehrt wurde. Melusina trat lieblich auf ihn zu
und sagte: Nicht, Reymund, mußt Du Dich über Dinge also sehr betrüben,
die Du nicht verschuldet, und welche Du nicht mehr ändern kannst,
betrübe Dich, aber sei geduldig in Deinem Gram und empfiehl Gott Dich
und Deinen Schmerz, der wird alles nach seinem Willen vollbringen und er
verlangt vielleicht jetzt, daß wir auf unsre Sünden und schlimmen
Leidenschaften achten und sie ablegen sollen. Unser Sohn Geoffroy hat
gesündigt, aber er wird seine Missethat beweinen und Buße thun, und Gott
wird ihm nach seiner unendlichen Barmherzigkeit vergeben, denn er will
nicht den Tod des Sünders, sondern daß er leben bleibe.

So vernünftig und schön Melusina sprach, so schaute sie Reymund doch mit
boshaften Augen an, war seiner selbst im Zorn nicht mächtig und sagte
laut und vor allen Gegenwärtigen: O Du Schlange und giftiger Wurm,
kömmst Du hieher, mir eine solche Rede zu halten und bist nur ein
liederlicher Fisch? Ja, ich habe gesehn, daß Du ein Meerwunder bist und
kein menschliches Geschöpf, darum müssen die Kinder von Dir Bösewichter
werden, es ist Deine Schlangenart, die in ihnen zum Vorschein kommt,
sieh nur, welchen schönen Anfang der Geoffroy mit dem Zahne gemacht hat!
hat er nicht meinen liebsten Sohn, und den Abt, und dazu alle Mönche
verbrannt?

Während dieser Worte verwandelte Melusina ihre schöne Farbe und wurde
ganz todtenblaß; mit einer Stimme, die allen durch das Herz drang,
sprach sie hierauf: Ach Reymund! wie lässest Du Dich so sehr von der
Unvernunft dahinreißen! welche Worte hast Du gesprochen? Ist mein
Schmerz nicht so groß, wie der Deinige? Mein Leiden nicht dem Deinigen
gleich? O wie hielt ich Dich lieb und werth! wie vertraute ich Dir mein
Heil und meine Wohlfarth! aber Du hast Dein Gelübde gebrochen und so muß
nun auch eintreffen, was ich Dir dazumal vorhergesagt, daß Du mich
verlieren würdest. O Reymund, Deine Wohlfarth, Dein Glück, alle Deine
Freude und Ehre muß leider nun ein Ende nehmen.

Mehr konnte sie nicht sprechen, sondern sie fiel nach diesen Worten
ohnmächtig zur Erde nieder. Die Herren und Diener erschraken sehr und
liefen eilig hinzu, ihr beizustehn, worauf sie auch wieder zu sich kam
und mit höchstkläglicher Stimme sagte:

   Ach Gott! ach! Herr! o Reymund! wehe mir!
   Die Zeit ist da, ich scheide nun von Dir,
   Wie mußt' ich doch von Deinem Werth, Geberden
   Also im Herzen mein bezaubert werden?
   O weh! mein Leiden sei Gott angesagt!
   O weh! es sei dem höchsten Herrn geklagt!
   O wehe mir, daß ich beim Bronnen rein und kalt,
   Dich fand, mein Reymund dort im grünen Wald!
   O weh, daß ich gefühlt nach Dir Verlangen,
   Weh mir, daß ich den schönen Leib umfangen!
   Der Stunde weh, da ich mein Leib und Leben
   In Deine Macht Dir gänzlich übergeben!
   Ha Deine Falschheit und Verrätherei,
   Dein Unverstand bricht alles nur entzwei,
   Dein zornger Grimm, Dein boshaft schlimmer Mund
   Richt' mich und Dich, mein Wohlfarth ganz zu Grund,
   Ich komme nun in Arbeit, Angst und Noth,
   Und kann nicht hoffen, daß der bald'ge Tod
   Von meinen Quaalen mich befreien mag,
   Sie währen fort bis an den jüngsten Tag.
   Gottloser Schalk! untreuer Bösewicht!
   So weiß Dein Herz nicht, was Dein Mund verspricht?
   Wie hältst Du mir Dein heiliges Versprechen?
   Wie magst Du so Dein Wort und Schwören brechen?
   Gern wollt' ich Dir, untreuer Mann, verzeihn,
   Wenn Du nur noch verschwiegen konntest sein,
   Du hattest mich am Bade schon gewahrt,
   Es war verziehn, denn keinem offenbart
   Als Dir, war noch mein Schmach und großes Leid,
   Nun ist es offenbar, nun kommt die Zeit
   Der Angst, der Pein, der Quaal und Herzenswehen,
   Wo Glück, Lieb, Heil und Wohlfarth muß vergehen.
   Hätt'st Du den Eid gehalten treu und wahr,
   So blieb ich bei Dir, Reymund, immerdar,
   Bis endlich uns der bittre Tod geschieden,
   In Erde ruhte dann mein Leib im Frieden,
   Die Seele wär' aus Leid im Freud gekommen,
   Aus Fegefeur in Himmelslicht genommen.
   Nun aber bleiben Leib und Seel beisammen
   Bis glüht der jüngste Tag in seinen Flammen,
   In Dir nimmt seinen Anfang schweres Leiden,
   Auch Du nimmst Abschied nun von Deinen Freuden,
   Vermindert und zertheilet wird Dein Land,
   Kommt niemals wieder unter eine Hand,
   Unglück trifft manche, die von Dir abstammen,
   Und auch wir beide bleiben nicht beisammen,
   Ich muß von Dir, von Schloß und Kindern scheiden,
   Und künftig Mann und Schloß und Kinder meiden.

Die trauernde Melusina wandte sich hierauf zu drei Landesherren, führte
sie zu Reymund und fuhr in ihrer Rede fort:

   Reymund, bei Dir ist meines Bleibens nicht,
   Doch nimm in Acht, was, wenn ich fort, geschicht,
   Horribel, unser Sohn mit dreien Augen,
   Ist bös und kann in dieser Welt nicht taugen,
   Erwächst er groß, wird er das Land verderben
   Mit Krieg und Hunger, laßt ihn vorher sterben.
   Daß Geoffroy hat den Abt, die Mönch verbrannt,
   Erfahre, daß auch hierin Gottes Hand,
   Sie schlugen ihre Regel in die Schanz
   Und hielten nicht des Klosters Observanz,
   Auch wird den Geoffroy schwere Reue plagen
   Er wird alsdann frommüthig in sich schlagen,
   Ein neues Kloster baun, das schöner ist,
   Worauf er auch zum Dienste Jesu Christ
   Mehr Mönche wird zum frommen Werk einsetzen,
   Sie unterhalten auch von seinen Schätzen.
   Es wird mir schwer von meinem Schloß zu scheiden,
   Das ich gebaut anmuthig und mit Freuden,
   Ich möchte fast in Thränen drum vergehn,
   Doch kann's nicht anders sein, es muß geschehn.
   Ach Reymund! wars nicht Lust und Freudigkeit
   Als wir so schön beisammen allezeit?
   Aus Freud wird Leid, aus Scherzen wird nun Schmerz,
   Aus Stärke Ohnmacht, das zerbricht mein Herz.
   Wie hatten wir so schönes Wohlgefallen,
   Das wandelt sich nunmehr in Mißgefallen,
   Wohlfarth wird Gram, zu Sorge Sicherheit,
   Zu Unglück Glück, Freiheit wird Dienstbarkeit.
   So dreht sich denn des Glückes Kugel rund,
   Kehrt all in's Gegentheil in einer Stund,
   Doch ist es Reymund Deine eigne Schuld,
   Daß Du verleurst des Glückes Lieb' und Huld.
   Ich muß zu meinen Leiden von Dir scheiden,
   Doch mag Dir Gott die Missethat verzeihn,
   Daß ich aus Lust in Gram, in Schmerz aus Freuden
   Bis an den jüngsten Tag muß immer sein;
   Nun muß ich wieder fort, in Angst eingehen,
   In der ich, Arme, einmal schon gewesen,
   Und wieder muß die Quaal an mir geschehen,
   Und niemand darf und kann mich nun erlösen.

Wie Reymund diese Klagen anhörte und sah, daß sich seine geliebteste
Gemalin zum Hinscheiden fertig machte, überfiel ihn eine solche
innerliche Angst, daß er nicht ein Wort zu sprechen vermochte; er
meinte, das Herz im Leibe müßte ihm vor großem Weh zerspringen und er
würde sterben, begehrte auch nicht länger zu leben und wünschte sich den
Tod. Er stand auf und ging mit kläglichen Geberden zu Melusina, küßte
sie mit höchster Betrübniß und weinte bitterlich. Vor großem
unaussprechlichen Herzeleid, das sie beide des Scheidens halber hatten,
fielen sie nieder auf die Erde. Die Landesherren und Hofbediente, Frauen
und Jungfrauen waren ebenfalls sehr traurig, huben sie beide auf,
weinten und alles Volk mit ihnen. Reymund fiel vor Melusina nieder auf
die Knie, und bat sie unter Schluchzen und Herzensangst um Vergebung,
daß er seine Gelübde so böslich gebrochen hätte. Melusina antwortete:
ich kann dem Verhängniß nicht Einhalt thun, welches es nun so
beschlossen hat, darum müssen wir uns drein ergeben. Vergiß nun Deinen
Sohn Freymund, aber gedenke Deines Sohnes Reymund, der einst an Deines
Bruders statt Graf zu Forst werden soll. Auch Deines jüngsten Sohnes,
Dietrich, nimm Dich an, der noch an der Brust der Amme liegt, denn er
soll einst ein tapfrer Ritter werden.

Nachdem Melusina diese Worte gesprochen hatte, schwang sie sich auf das
Fenster, wandte sich noch einmal um und sagte:

   Gesegn' Dich Gott, mein Herz und wahrer Freund:
   Gesegn' Dich Gott, holdseligster Gemal!
   Gesegn' Dich Gott, Du liebstes Kleinod mein!
   Gesegn' Dich Gott, Du schöne Kreatur!
   Gesegn' Dich Gott, Du meine schönste Freude!
   Gesegn' Dich Gott, Du Lust in dieser Welt!
   Ach segn' Dich Gott, mein liebster Trost und Hort!
   Auch Euch gesegne Gott, mein liebes Volk!
   Gesegn' Dich Gott, Lusinia, schönes Schloß,
   Das ich gebaut und selbst gestiftet hier!
   Gesegn' Dich Gott, Du Preis von dieser Welt!
   Gesegn' Dich Gott, Reymund, mein liebster Freund,
   Leb' ewig wohl, zu tausend gute Nacht!

Mit diesen letzten Worten schoß Melusina zum Fenster hinaus und
verwandelte sich vor den Augen alles Volks, denn sie wurde von den
Hüften an wiederum ein feindlicher, langer und ungeheurer Wurm. So
umfuhr sie in der Luft das Schloß, indem sie aus der Höhe herunter ein
entsetzliches Geschrei ausstieß, das so seltsam und unerhört klang, daß
allen das Herz im Leibe bebte, und sie sich vor nichts so furchten, als
diesen Ton noch einmal zu hören, so zerschmetternd und zerreissend klang
es, so tiefbetrübt, als sollte nun gar die ganze Welt vergehen, als wär
alle Lust erstorben und sollte der Jammer nun auf Erden auf immer
einheimisch sein. Dreimal ließ sie dieses entsetzliche Geschrei von sich
hören, dann vernahm man nichts mehr und sie war verschwunden.

Reymund stand bei den Seinen in großen Leiden und schwerer Quaal, er
schrie und weinte bitterlich, raufte sich die Haare aus und wünschte
niemals geboren zu sein; da er wieder vor seinem großen Herzeleid
sprechen konnte, rief er ihr die Worte nach:

   Nun so gesegn' Dich der allmächt'ge Gott,
   Mein schönes Weib und Freundin, Ehrenkrone!
   Gesegn' Dich Gott, mein Reichthum, meine Freude!
   Gesegn' Dich Gott, Du meine liebste Lust!
   Gesegn' Dich Gott, mein einziges Verlangen!
   Gesegn' Dich Gott, Du Frau von hohem Preis!
   Gesegn' Dich der allmächt'ge, ewge Herr
   Und unsrer theurer Heiland Jesus Christus!
   Ach alle meine Tage sind vergangen,
   Da ich Dich ferner nicht erblicken soll.

Reymund klagte so sehr, daß alle die Seinigen mit ihm klagen und weinen
mußten. Doch gab es einige ältre Leute, die sehr redlich waren und ihn
zu trösten suchten, weil sie auf das Wohl des Landes ihre Absicht
gerichtet hatten. Sie hielten ihm herrliche Beispiele vor, von andern
großen Männern, die vieles Unglück erlitten, sich aber nachher getröstet
hatten. Einer von den allerredlichsten aber erinnerte ihn an den Befehl
seiner abgeschiedenen Gemalin Melusina, seinen Sohn Horribel mit den
drei Augen nicht leben zu lassen, weil dieser sonst das ganze Land
verderben würde. Reymund antwortete: lieben Freunde, überlaßt mich nur
meinem Schmerze und thut übrigens nach Eurem Wohlgefallen und wie Euch
meine edle Gemalin Melusina befohlen hat.

Hiemit entfernte sich Reymund und verschloß sich in einer einsamen
Kammer, wo er trauerte und weinte und ein solches Wehklagen trieb, daß
es nicht zu sagen ist. Die Herren und Diener aber nahmen den kleinen
Sohn Horribel, der schon als Knabe ein sehr böses Gemüth in sich spüren
ließ, und sperrten ihn zum Besten des ganzen Landes in einen abgelegenen
Keller, worauf sie so 

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