Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman
by Friedrich Huch · German · Gutenberg #50528 · 687,262 chars · public domain (US)
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Title: Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman
Author: Friedrich Huch
Release date: November 22, 2015 [eBook #50528]
Most recently updated: October 22, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/50528
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PITT UND FOX, DIE LIEBESWEGE DER BRÜDER SINTRUP: ROMAN ***
Die Bücher der Rose
Achter Band
Pitt und Fox
Achtundneunzigstes bis hundertundzwanzigstes
Tausend 1919
Pitt und Fox
die Liebeswege der Brüder Sintrup
Roman
von
Friedrich Huch
Ebenhausen bei München
Wilhelm Langewiesche-Brandt
Die gute Ausstattung der früheren
Drucke hätte diesem Neudruck bei den
gegenwärtigen Herstellungskosten nicht
einmal unter Verdreifachung des
Verkaufspreises gegeben
werden können.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
Erstes Kapitel.
Pitt -- -- so nannte Philipp Sintrup sein Spiegelbild, wie er es als
kleines Kind zum erstenmal erblickte und mit dem Finger berührte. Die
Familie heftete den Namen an ihn, und mit einer Art von Folgerichtigkeit
ward nun sein jüngerer Bruder nur noch Fox gerufen. Pitt war es
gleichgültig wie er hieß. Fox dagegen wehrte sich gegen den ihm
aufgehängten Namen, ohne daß er ihn vertreiben konnte. So behauptete er
denn, als er in das Alter kam, wo man moderne Weltgeschichte lernt, ein
Nachkomme des großen, bekannten Fox wäre sein Pate, und seinen
gewaltigen Reichtum werde er einmal erben.
Schon früh begann Fox Großes von sich zu erzählen. Er stellte sich als
den Helden von selbsterfundenen Geschichten hin, die er Märchen nannte,
die aber außer ihrer Unmöglichkeit nichts Märchenhaftes an sich hatten,
sondern der allernächsten Umgebung entnommen waren und nur in einem Tone
vorgetragen wurden, der Grausen erregen sollte. -- Der grauäugige, etwas
hochgeschossene Pitt hörte sie mit gelangweilten Augen an, und wenn Fox
geendet, erzählte er mit gleichmäßiger Stimme: ihm sei Ähnliches
begegnet, nur sei alles umgekehrt gewesen; vor seinen Feinden habe er,
anstatt sie anzugreifen, sich versteckt, indem er sich bewegungslos
gegen den Zaun drückte, so daß sie ihn für einen Holzpfahl hielten.
Während unter seines Bruders Tritten die dicksten Brückenbalken
krachten, genügte ihm ein Strohhalm, sich seinen Verfolgern über das
Wasser hin zu entziehen. Unter diesen befanden sich ganz unbesehen seine
nächsten Verwandten, seine eigenen Eltern. Herr Sintrup zog an ihrer
Spitze, und Frau Sintrup, Pitts Mutter, sonnte sich im Eingang einer
Höhle, ohne sich zu bewegen, so daß er nicht an ihr vorbei konnte, um
sich ein für allemal zurückzuziehen. Wurde Fox am Ende seiner
Erzählungen König, so verscholl Pitt am Schlusse ganz und gar, und wußte
selbst nicht wo er blieb. -- In solchen Augenblicken schwelgte Fox im
Gefühle seiner eingebildeten Stärke. Herr Sintrup aber sagte: aus dir
wird mal was Großes! Aber du, Pitt kannst dich nur gleich begraben
lassen. -- Dann zog Pitt unbemerkt ein Taschenbüchlein hervor, suchte
eine bestimmte Seite und machte einen Bleistiftstrich. Sein Vater und
seine Mutter sagten stets dasselbe und er führte darüber eine Art
Statistik.
Herr Sintrup war ein rühriger, geachteter Fabrikant in dem kleinen
Städtchen. Pünktlich mit dem Glockenschlag war er zumeist im Bureau und
schnauzte seinen Angestellten ein gutmütiges »guten Morgen« zu. Nur
manchmal kam es vor, daß er im Bette länger liegen blieb, denn ab und zu
liebte er einen »guten Tropfen«, wie er das nannte. Bekam er einen neuen
Lehrling, so stellte er ihn vor sich hin, durchbohrte ihn mit seinen
Augen, und sagte in schrecklich drohendem Ton: Bengel, Bengel, ich sage
dir ....! Im Grunde aber war er gutmütig und leicht gerührt.
Fox fühlte sich in seiner Haut sehr wohl; den Dienstboten gegenüber tat
er, als sei er eigentlich eine Art von Kronprinz; seine Mutter hatte er
ganz in der Gewalt, sie verwöhnte ihn und gab ihm in allem seinen
Willen, um so mehr, als Pitt ihr nicht im Wege war, der nie um etwas bat
und mit einem stereotypen: danke -- alles in Empfang nahm, mochte es nun
Gutes oder Geringwertiges sein. Pitt erschien wie ein verschlossenes,
etwas impertinentes Waisenkind, das trotz aller jahrelangen Gewöhnung
niemals recht häuslich wird in dem Kreise seiner Pflegeeltern. Die Namen
seiner nächsten Verwandten konnte er nicht auseinanderhalten. Manchmal
mußte er sich erst besinnen, wo das Eßzimmer, wo die Wohnstube lag.
Genau so fremd lebte er in der Schule. Seinen Kameraden gegenüber hatte
er einen leise überlegenen, ironischen Ton, feiner oder plumper, je
nachdem er es für angemessen hielt. Wirkliche Freundschaften kannte er
nicht. Er litt darunter, konnte es aber nicht ändern. Einmal schloß er
sich an eine gleichaltrige Cousine an; aber das Mädchen wurde so
gefühlvoll, ihm war, als spielten sie Theater; und als sie ihn eines
Tages wie gewöhnlich besuchen wollte, fand sie seine Tür verschlossen,
und er rief ihr durchs Schlüsselloch zu, es sei aus zwischen ihnen, er
wolle sie nie wiedersehen. Als er dann später einmal ein tragisch auf
ihn gerichtetes Gesicht erblickte, mußte er sich erst besinnen, wer das
war. -- Fox unterhielt Freundschaften mit Mädchen, die viel jünger waren
als er selbst; er verlachte Knaben, die mit gleichaltrigen oder älteren
gingen: das hat doch gar keinen Sinn! Die kann man ja später doch nicht
heiraten! Ein Mann muß doch immer älter sein als die Frau! -- Trotz
dieser massiven Untergründe wechselte er seine Liebe ziemlich oft. --
Über seinem Bette prangte die gedruckte Gestalt eines Athleten; die
Muskeln hatte er mit Tinte nachgezogen und verstärkt. Über der Tür hing
ein großes Pappschild, darauf hatte er sein eigenes Monogramm gemalt,
mit Blau- und Rotstift, in kolossalen Buchstaben. An der Wand hinter
seinem Arbeitstisch aber stand jene von einem autodidaktisch arbeitenden
Onkel unternommene, lebensgroße Kreidekopie nach einem kleinen Bilde,
das ihn in seinen ersten Jahren darstellte. -- Ich wog damals schon
fünfzig Pfund! sagte er zu einem Freund, der ihn besuchte. Und die
Muskeln! fügte er hinzu und blickte auf das Bild, auf dem man von Armen
überhaupt so gut wie gar nichts sah. Mit rascher Fassung aber sagte er:
Da oben kannst du sie hundert Jahre suchen und findest sie nicht, aber
ich hatte sie schon damals, das ist bombensicher! --
Fox war bei seinen Kameraden tonangebend, er umgab sich mit einem Stab,
der auf sein Wort zu hören pflegte. --
Pitt war jeder Lärm ein Gräuel. Er hielt seine Fenster zumeist
verschlossen und trug zu Haus fast immer Filzpantoffeln. Ein
eigentliches Zimmer für sich besaß er nicht; er wechselte stets. So wie
er anfing sich gemütlich zu fühlen, glaubte er irgend einen Mißstand zu
entdecken. Frau Sintrup gab dann mit gleichmütiger Stimme dem Mädchen
die Anweisung, sein Bett irgendwo anders hinzuschaffen; einen großen
Spiegel nahm er jedesmal persönlich mit von einem in das andere Zimmer.
Er liebte es, sich vor ihn hinzusetzen, hineinzusehen, alles zu
vergessen und gar nichts zu denken. So müßten die Menschen sein! Ganz
still und stumm, nur wie Erscheinungen! In Wirklichkeit dagegen waren
sie alle so laut und heftig, machten aus jedem Gefühl viele Worte, ganz
wie die Schauspieler auf der Bühne. Zuweilen empfand er sich selbst wie
einen Schauspieler, namentlich dann, wenn er in Erregung geriet, was
nicht oft geschah. Dann hörte er sich auf einmal selber reden, alles
erschien ihm plötzlich hohl und albern. Dabei besaß er selbst die
Fähigkeit, aus dem Geiste eines andern herauszureden, ihn nachzuahmen in
allen seinen Äußerungen. Aber davon wußte niemand, und er empfand
geradezu einen Haß gegen sich selbst, wenn er sich manchmal allein in
diesen Nachahmungen gehen ließ, denn dann war es, als hafte ein
besonderer Nachgeschmack an allem, was er selber tat und sagte.
Fox versäumte keine Schülervorstellung im Theater und versuchte zu Hause
alles nachzuahmen, wobei es ihm ganz gleichgültig war, wer etwa zuhörte.
--
Alljährlich pflegte die Familie Sintrup für einige Wochen in ein Bad zu
gehen. Frau Sintrup litt an einem Übel. Da es ihr aber vorläufig keine
großen Unbequemlichkeiten bereitete, pflegte sie zu sagen: Einmal muß
der Mensch doch sterben; ob es nun ein bißchen früher oder später kommt,
ist doch ganz gleich. -- Die Schneiderin kam mehrere Wochen vor der
Abreise und huschte maßnehmend um Frau Sintrup herum, bis diese meinte:
Nun hören Sie aber auch mal wieder auf; die Dinger werden wohl von
selber sitzen. -- Der einzige, der es sich gestatten konnte, jederzeit
so wie er war zu bleiben, war Herr Sintrup selbst, dessen tadelloser
»Habitus« wie er es nannte, dessen glänzend steifer Hut und funkelnd
rote Handschuhe ihn schon von weitem überall signalisierten.
Pitt lebte im Bade genau so wie zu Hause; es kümmerte ihn nicht, ob er
zu spät zur Mittagstafel kam: als sei er ganz allein, trabte er durch
den Saal und starrte den Menschen in die Gesichter, als wolle er
entscheiden, ob es seine Eltern waren oder nicht.
Pitt! du bist nun bald konfirmiert, du verläßt in ein paar Jahren die
Schule! sagte Herr Sintrup: _So_ ißt man seine Suppe! Er nahm den Löffel
zierlich und hielt die Ellbogen an den Leib gedrückt. Frau Sintrup,
deren Busen den Teller fast berührte, fügte mechanisch hinzu: Wozu hat
man denn seine Eltern, wenn man sich nicht nach ihnen richten will --
und hatte soviel Geistesgegenwart, den Löffel unterwärts nicht
abzulecken, wie sie zu Hause gerne tat. Fox saß in solchen Augenblicken
stramm auf seinem Stuhl. Die Haare klebten straff an beiden Schläfen,
sein roter Schlips aus Halbatlas glänzte wie seine Backen. Er fühlte
sich als den Sohn des reichen Fabrikanten, und wußte, was er der Welt
schuldig war. -- Den einzigen Menschen, welchen Pitt grüßte -- den
Portier -- grüßte er nicht; Fox grüßte niemals Untergebene; gerne hielt
er sich in der Nähe solcher Fremden auf, die durch anspruchsvolles Wesen
seine Aufmerksamkeit erregten. Er wußte Bekanntschaften einzuleiten, und
es machte den Menschen Spaß, den halbwüchsigen, dicken und im Grunde
gutmütigen Jungen scheinbar ernst zu nehmen und fast wie einen
Erwachsenen zu behandeln. Wenn er von solchen Reisen nach Hause
zurückkehrte, erschien er jedesmal ein Stück gefestigter und reifer.
Auch schrieb er alsdann viele Briefe, an Mädchen, die er kennen lernte,
von denen er die eine oder die andere später zu heiraten gedachte,
Mädchen, die Pitt samt und sonders langweilig oder häßlich fand. Pitt
selber schloß einmal eine nähere Freundschaft, nachdem er lange
geschwankt hatte ob er solle oder nicht. Schon Tage vor der Abreise
sprach das Mädchen in geheimnisvoller Weise von einem Andenken. Er war
neugierig, und am Tage der Abfahrt überreichte sie ihm einen großen
Kranz, den sie gemeinsam mit der Gesellschafterin der Familie geflochten
hatte. Pitt schenkte ihn heimlich dem Portier. Später bekam er einen
richtigen Liebesbrief, den er vier Seiten lang beantwortete, aber so,
daß er von jedem Worte nur den allerersten Buchstaben niederschrieb, so
daß das Ganze wie ein regelloses Alphabet aussah. Damit war dies
Erlebnis beendet.
Fox arbeitete zu Hause weiter an seiner Entwicklung. Wenn Freunde seines
Vaters zu Tisch kamen, merkte er stets auf die Unterhaltung, sein gutes
Gedächtnis ließ ihn vieles behalten, und später wiederholte er es andern
Leuten gegenüber als sein geistiges Eigentum. So gelang es ihm, bei
Menschen den Glauben an Frühreife wirklich zu erwecken, nachdem sie im
ersten Augenblick über ihn gelacht hatten. Solchem Lachen pflegte er
einen ernsten, bedauernden Blick entgegenzusetzen. Er verdarb es mit
niemand, auch nicht mit solchen, die ihm unangenehm waren. Wie oft kam
es vor, daß Herr Sintrup über irgend einen Menschen in der
lästerlichsten Weise redete; begleitete ihn Fox noch am selben
Nachmittag auf der Straße, so konnte es geschehen, daß Herr Sintrup
denselben Herrn auf die kordialste Weise ansprach, ihm derb die Hand
schüttelte und sich bedauernd wieder von ihm trennte. --
Weltgewandtheit, mein lieber Fox, Weltgewandtheit muß man haben; ohne
die kommt man nicht aus im Leben! Der Kerl da weiß ganz genau was ich
von ihm denke; und ich weiß ganz genau was der Kerl von mir denkt. Mit
der einen Hand hält man sein Portemonnaie fest, mit der andern winkt man
sich zu, das ist einmal nicht anders! -- Fox eiferte seinem Vater nach;
und wenn der öfter gezwungen war größere Reisen zu unternehmen, -- was
Fox jetzt noch nicht konnte, so stellte er sich dafür manchmal auf den
Bahnhof, wartete, bis der große Eilzug kam, der für wenige Minuten
verweilte, kletterte hinein, sah für ein paar Augenblicke ernst und
interessant aus dem Fenster einer ersten Klasse, stieg dann wieder
heraus, und ging, die Hände in den Hosentaschen, mit einem
erschöpft-bedeutenden Gesichte auf dem Bahnsteig auf und ab.
Fox war faul. Aber er hatte die größte Meinung von sich und seiner
Zukunft, und oft redete er davon, er werde Pitt sogar noch auf der
Schule überflügeln. Sein außerordentliches Selbstvertrauen aber ließ ihn
auf persönliche Anstrengungen verzichten, indem er dachte, alles würde
schon von selber getan; und so kam es, daß Pitt, der sich ebenfalls
keine Mühe gab, doch immer voran blieb. Pitt machte seinen Weg genau so,
wie er auf der Straße, wie er zu Hause ging: leise, ohne sichtbaren
Rhythmus. In kein Ding vertiefte er sich wirklich, er hatte keine Zu-
und keine Abneigungen, er erledigte seine Schularbeiten ohne Hast, ohne
Leidenschaft, nicht spielerisch, auch nicht zerstreut, aber so, daß
seine Lehrer sagten: Es fehlt ihm das Mark und die Kraft! Es kam vor,
daß man ihn ungerecht bestrafte. Trat dann durch Zufall seine Unschuld
an den Tag, und fragte man ihn verwundert, weshalb er sie denn nicht von
vornherein beteuert habe, so sagte er wohl: Es ist ja alles doch ganz
gleich! -- War aber ein Verdacht gegen ihn begründet, und ging er nur
nach einer falschen Richtung, so klärte er alles auf, mit belehrender
Offenheit, die an Unverfrorenheit grenzte, gleichsam als Dritter,
Unbeteiligter, Darüberstehender, und es hätte nur gefehlt, daß er, wie
einmal ein Lehrer sagte, von sich selbst als »er« gesprochen hätte. Man
hielt ihn für kalt und hochmütig. Er selbst hielt sich weder für das
eine noch für das andere. Ihm war, als führe er hier zu Hause und auf
der Schule ein Traumleben, und als müsse das anders werden, sowie er
draußen wäre. Daß er seinen Eltern nicht nahe stand, lag an seinen
Eltern; daß er keine Freunde hatte, lag an denen, die zur Auswahl
standen; mit geläufiger Zunge setzte er alle ihre Nachteile und
Schwächen auseinander, und sprach über sie wie über die einzelnen
Objekte einer Sammlung.
Sein Examen rückte nun heran, und damit auch die Frage nach einem Beruf.
Diese war ihm vollständig gleichgültig und sehr langweilig. Er fühlte
sich jedem Beruf gewachsen, und was einer wurde war ja doch nur Zufall.
Nur zur Universität im allgemeinen entschloß er sich, da er dann am
schnellsten herauskam aus diesem öden, freudlosen Leben zu Hause.
Möchtest du Mediziner werden? sagte Herr Sintrup. -- O ja, warum nicht?
-- Aber ich glaube, du hast nicht das mindeste Talent zum Mediziner. --
Dann kann ich ja auch was anderes werden. -- Solche Antworten brachten
seinen Vater zur Verzweiflung: wie ist dieser Geist in dich gefahren!
Hast du denn keine Spur von Ehrgeiz? -- Pitt schüttelte den Kopf. -- Ich
lasse dich einfach ein Handwerk lernen! -- Gut, ich bin mit allem
einverstanden! -- Nirgends, von keiner Seite war dieser Mensch zu
fassen.
Erbittert machte Herr Sintrup eine Faust hinter ihm drein, wie er ihn am
ersten Examentag, ein wenig gekrümmt, zur Schule gehen sah. Pitt blieb
stehen, sah aufmerksam auf seinen Vater, der hinter der Scheibe stand,
und rief irgend etwas. Herr Sintrup glaubte eine unerhörte, grenzenlose
Unverschämtheit zu vernehmen und öffnete energisch das Fenster. -- Ach
du bist es, sagte Pitt trocken und schlich weiter. Die nächsten Tage
ging jener dumpfe Geist im Hause um, wie ihn die Aussicht auf ein
reifendes trübes Geschick zeitigt; denn Pitt machte keinen besonders
freudigen Eindruck. Nur Frau Sintrup sprach sehr gemütlich von dem
Unglück: Es sei doch ganz egal, ob Pitt noch ein Jahr länger auf der
Schule sei oder nicht, sie liebe überhaupt keine Veränderungen, und wenn
er jetzt fort müsse, so käme das doch eigentlich recht plötzlich. --
Alle waren überrascht, als die Nachricht kam, Pitt habe das Examen als
einer der Besten bestanden. Tanten erschienen zur Besichtigung und zur
Gratulation, und Frau Sintrup litt alsbald an einer Magenverstimmung. --
Fox war recht enttäuscht. Nun blieb ihm nur die Hoffnung, er werde Pitt
bald einholen und dann auf der Universität überflügeln. Fox wußte schon
längst, was er werden wollte: Regierungsbeamter, welcher Art, war noch
nicht sicher. --
Nach der ersten großen Freude begann Herr Sintrup wieder mit seinen
Fragen. Und Pitt, der sich sagte, etwas müsse nun getan werden,
erklärte: er wolle Jurist werden, es sei dies der einzige Beruf, für den
er sich eigne. Und da er dies mit lauter Stimme mehrere Male sagte, so
glaubte ihm Herr Sintrup, der anfänglich etwas mißtrauisch war. Fox
dagegen meinte: Er macht mir das nur nach.
Nun war der Zeitpunkt wirklich eingetreten, nach dem Pitt sich so
gesehnt hatte, und doch empfand er eigentlich keine Freude. Als er das
Gymnasium verließ, mit dem Bewußtsein, es nie wieder betreten zu müssen,
sagte er sich: dies wird mir nach vielen Jahren vielleicht noch als
einer der allerglücklichsten Momente meines Lebens erscheinen. Fühle ich
mich jetzt glücklich? Ich fühle mich genau wie vorher. Aber die Freude
wird schon hinterher kommen, wenn ich erst einmal ganz fort bin. -- Ein
Familiensouper wurde ihm zu Ehren gegeben. Er hatte keine Lust es
mitzumachen, sagte, er habe Kopfweh, und legte sich zu Bett. So ruhte
das Gewicht, die herangewachsene Generation in der Familie zu vertreten,
auf Fox, und seine breiten Schultern schienen um die Last, aber auch um
den Stolz einer solchen Bürde zu wissen. Er hielt eine Rede, und es
gewann schließlich fast den Anschein, als sei dieses Fest eine
Vorwegnahme eines späteren, und in seinen Augen lag es wie eine Garantie
der Hoffnungen, die man auf ihn setzte. Frau Sintrup aber sagte, Pitt
sei nun genau so alt, wie ihr Mann damals gewesen war, als sie ihn zum
ersten Male sah. Nur habe der damals bereits einen Vollbart gehabt; --
ach Gott, ich weiß es noch wie heute; er steckte mir immer Bonbons zu,
und ich lauerte ihm auf, nur um die Bonbons zu kriegen. Na, dann wurde
es ja anders, aber wieviel Jahre gingen hin bis wir uns heiraten
durften, bis er Prokurist wurde! Und das pompöse Hochzeitsessen später!
Ich glaube, ich kann die Speisekarte noch heute auswendig. Natürlich
sagten die Leute, er habe mich des Geldes wegen geheiratet. Lieber Gott,
und wenn nun ein ganz bißchen Wahrheit daran gewesen wäre -- Aber Mausi!
rief Herr Sintrup, aber Mausi, was fällt dir ein! Alle lachten, aber
Frau Sintrup übertönte den Lärm mit ihrer Stimme: Ich hätte dich doch
auch niemals genommen, wenn Vater nicht ganz genauen Einblick in die
Verhältnisse gehabt hätte! Solidität muß sein. Andere waren ja noch
begeisterter für mich, wenigstens in ihren Redensarten; aber die taugen
für eine Ehe nicht, die verfliegen mit den Flitterwochen. Ich verzichte
gerne auf den Kram! --
Sie lehnte sich mit Behaglichkeit zurück und gedachte ihres ganzen
Lebens, das ihr auch nicht eine einzige Enttäuschung gebracht hatte. Daß
ihr Mann ihr zuweilen etwas untreu war, das rechnete sie nicht; das war
nur auf Geschäftsreisen und ging sie also gar nichts an. Hier zu Hause
liebte er nur sie, bereits seit fünfundzwanzig Jahren; -- in der ersten
Zeit war ihre Ehe kinderlos. Voll Zufriedenheit saß sie im Sofa und ließ
den Blick auf ihrem Bilde ruhen, das, von Schiller links, von Goethe
rechts flankiert, ihr gegenüber an der Wand hing.
Bald nach diesem Abend verließ Pitt seine Vaterstadt. Mit einer
Riesengeschwindigkeit, wie zu einer ungeheuren Aufgabe jagend,
durchschmetterte er das deutsche Land -- und in Wahrheit war ihm alles,
was mit Beruf und Aufgaben zusammenhing, nebensächlich und nicht der
Rede wert. Nur seine Einsamkeit empfand er, und die Sehnsucht, daß es
besser werden möchte.
Zweites Kapitel.
Pitt stand eines Tages im Vorsaal eines vornehmen Hauses: Er wolle das
Fräulein sprechen. Der Diener bat um seine Karte, er gab sie zögernd.
Dann wartete er in dem großen, stillen Salon. -- Ein junges Mädchen trat
herein, mit stumpfem, blondem Haar und ganz hellem Gesichte. Sie hielt
Pitts Karte in der Hand, und gespannt, wer sie da wohl besuche, warf sie
einen neugierigen Blick ins Zimmer, aus ihren graublauen Augen, die wie
zwei lichte, besondere Kämmerchen für sich allein erschienen. Sofort
aber nahmen sie einen halb überraschten, halb beunruhigten Ausdruck an:
was fällt Ihnen denn ein! sagte sie schnell und halblaut, das geht doch
nicht! Sie kennen uns doch nicht! Meine Mutter und meine Schwester
wissen doch gar nichts von Ihnen! -- Die will ich ja auch gar nicht
besuchen; sagte Pitt. -- Sie sah beunruhigt auf die Tür: Wenn meine
Mutter jetzt hereinkäme -- ich kann ihr doch nicht gleich die ganze
Geschichte erzählen -- so gehen Sie doch, hören Sie denn nicht --
meinetwegen warten Sie draußen, ich muß sowieso in die Stadt. -- Er war
noch einen Augenblick wie unschlüssig, aber da schien es, als wollte sie
ihn in ihrer Unruhe vor sich herschieben; er lachte und ging eilig und
lautlos durch die teppichbelegte Vorhalle, an dem Diener vorbei, wie ein
Dieb, der einiges Silber in die Tasche gesteckt hat und sich bemüht, nun
möglichst harmlos dreinzuschauen. Fast wäre er gegen eine äußerst
elegante, schlanke junge Dame geprallt, die ins Haus schritt und ihn
jetzt mit einem etwas erstaunten Blicke maß. Es war Hedwig van Loo,
Elfriedes ältere Schwester. -- Wer war dieser junge Mensch? fragte sie
als sie zu ihr ins Zimmer trat. -- Ein Freund von mir! sagte Elfriede
gleichgültig und kurz; Hedwig zog ein wenig pikiert die Augenbrauen
hoch; die Unterhaltung war abgeschlossen. Elfriede nahm einige Noten vom
Flügel und verließ das Haus. Wie sie draußen an der Ecke Pitt erblickte,
lachte sie, als sei es ein lebendig gewordener Witz, der da vor ihr
stände. Er begriff noch immer nicht, daß sie ihn fortgeschickt habe. --
Wenn ich nur vorher genau gewußt hätte, daß _Sie_ das wären! sagte sie,
aber in dem Augenblick war ich ganz verwirrt. Eigentlich, fuhr sie nach
einer Pause fort, ist doch unsere Bekanntschaft auch recht sonderbar. --
Das finde ich gar nicht! Ich finde sie im Gegenteil höchst natürlich.
Ich habe noch nie im Leben einen Menschen auf so natürliche Weise kennen
gelernt wie Sie. -- Ich auch nicht! fiel sie schnell ein, aber gerade
deshalb finde ich es so komisch. -- Und eigentlich kenne ich Sie ja auch
jetzt noch so gut wie gar nicht! fuhr er fort. -- Ja das ist wahr! sagte
sie sehr ernsthaft und ging unwillkürlich etwas gemessener. -- Wenn Sie
wirklich in unser Haus kämen, fuhr sie nach einer Pause fort, so müßte
ich meiner Mutter doch irgend etwas vorher sagen, das geht gar nicht
anders. -- Gut, dann tun Sie das, und dann komme ich morgen wieder. --
Bitte -- sagte sie stolz, das hängt doch von mir ab, ich muß mir das
sehr überlegen. Sie schwiegen eine Zeitlang, dann sagte Pitt: Weshalb
tragen Sie eigentlich täglich diese Mappe? -- Weil ich täglich in die
Stunde gehe! Sie haben mich schon zweimal danach gefragt und jedesmal
dieselbe Antwort bekommen. Und als er bestätigend nickte, fragte sie:
Sind Sie öfter so zerstreut? -- Er erfuhr jetzt, daß sie sich ganz im
Klavierspiel ausbilde, viel habe sie schon gelernt, aber noch lange
nicht genug. Die Lehrer seien hier nicht besonders gut, sie wolle später
nach Paris gehen. Darauf teilte er ihr mit, er mache niemals Pläne,
alles käme ja doch immer so, wie es kommen müsse. Sie fand das dumm; er
bewies es ihr an seinen letzten Erfahrungen: Eigentlich, wenn es nach
dem Plan gegangen wäre, säße er jetzt ganz wo anders. Er habe sich
irgendeine Universitätstadt ausgesucht, aber mitten auf dem Bahnhofplatz
habe er dem Gepäckträger gesagt, er wolle umdrehen, er wolle
weiterfahren. -- Weshalb? -- Pitt zuckte die Achseln. -- Und dann sind
Sie weitergefahren? -- Jawohl, bis ich hier war, und da dachte ich: Nun
ist es richtig. -- Elfriede machte einen etwas spitzen Mund und sagte in
kleinen Tönen: Sie scheinen die Originalität zu lieben. -- Über diese
Worte ärgerte er sich, da sie ihn gar nicht trafen. -- Jetzt werde ich
nur noch in einem kleinen Kreis von Möglichkeiten herumgetrieben, sagte
er nach einer Pause, denn ich ziehe fortwährend von einer Wohnung in die
andere. Sie fand dies toll und direktionslos -- ein Ausdruck, den Hedwig
gern gebrauchte. Er sah halb von der Seite auf ihr Gesicht, und nach
einem kleinen Nachdenken sagte er: Ihnen geht es ja gerade so wie mir!
Sonst würden Sie doch hierbleiben und nicht durchaus nach Paris wollen!
-- Das ist doch etwas ganz anderes! Gerade das Gegenteil davon! Ich
folge doch dabei einem ganz festen Plane! Er bestritt dieses, sagte, das
rede sie sich nur ein, und berief sich auf seine Menschenkenntnis. --
Dann ist Ihre Menschenkenntnis keinen Pfennig wert! rief sie rasch und
ärgerlich. Er lachte und sah sie aufmerksam an. Ich meinte das auch gar
nicht so! Ich wollte nur gerne einmal sehen was Sie für ein Gesicht
bekommen wenn Sie böse sind! -- Nun war sie wirklich böse, hob den Kopf,
antwortete nichts und schritt schneller. Ein wenig unsicher blickte er
ab und zu auf ihr Profil, auf ihre feine, ein ganz wenig stumpfe Nase,
die so fest und eigensinnig in die Luft sah. -- Seien Sie doch nun
wieder anders! sagte er endlich. Da lachte sie und meinte, er sei ein
komischer Mensch. -- Sie hatten jetzt ein großes Haus erreicht,
Elfriedens Ziel, und verlangsamten ihren Schritt; Pitt, der es nicht
gewohnt war, eine gleichmäßig schnelle Gangart einzuschlagen, hatte in
den Beinen ein Gefühl, wie wenn ein Räderwerk im Ablaufen sei. -- Wenn
Sie nun wirklich nichts zu Hause sagen, dann sind Sie in Zukunft nie
mehr vor mir sicher. Ich erkenne Sie auf hundert Schritte. -- Das ist
nicht wahr! sagte sie blindlings, nur um zu widersprechen. -- Wollen wir
wetten? -- Sie schwieg wie im Nachdenken, dann sagte sie auf einmal:
Wollen Sie morgen mit mir spazierengehen? Bis dahin sage ich dann alles
meiner Mutter. -- Er war sehr überrascht über diese plötzliche Wendung
und sagte zu. Sie verabredeten die Stelle wo sie sich treffen wollten,
dann verschwand sie im Gebäude, nachdem sie noch einen kleinen
spitzbübischen Blick auf ihn zurückgeworfen hatte, als wisse sie etwas
ganz Besonderes. Er hatte wieder Gelegenheit, ihren rhythmischen Gang zu
bewundern, das erste was ihm an ihr aufgefallen war, damals, in der
ersten Zeit, als er immer, wenn er sie sah, den Mantelkragen hochklappte
und wie ein Krüppel tat, aus Furcht, sie möchte ihn sonst für einen Don
Juan halten. -- -- Am nächsten Tag war er pünktlich um die angegebene
Zeit auf der Allee. Lange wartete er vergebens, endlich setzte er sich
auf eine Bank. Guten Tag, sagte da ein halbwüchsiger Knabe neben ihm,
und sah pfiffig in die Luft hinaus. Im selben Moment erkannte er
Elfriedes stumpfes, feines Profil. Die Haare hatte sie unter einer
weichen Mütze verborgen, der dunkelblaue, nur oben leicht geöffnete
elegante Tuchmantel mit den breiten Aufschlägen und den Metallknöpfen
reichte ihr genau bis an die Waden; sie trug schwarze Strümpfe und
Schnallenschuhe, ihr Hals war frei unter dem Matrosenkragen. -- Sehen
Sie, sagte sie stillvergnügt, ohne sich zu rühren, nun haben Sie mich
doch nicht erkannt! Ihr Scharfblick ist etwas mäßig. -- Sie sprang auf,
und wie sie nun dastand, konnte man sie für einen Knaben oder für ein
Mädchen halten. -- Wir nehmen einen Wagen! sagte sie; ich möchte schnell
heraus ins Freie; draußen kann er umkehren und wiederkommen, wenn wir
ihn brauchen. -- Pitt war etwas befangen durch diese neue Wandlung, und
wie sie nun nebeneinander herfuhren, konnte er nicht gleich den rechten
Ton wiederfinden. Zudem sah er sie zum erstenmal im hellsten
Tageslichte, unter einem klaren Himmel. -- Sie lehnte sich zufrieden in
die Ecke zurück. Vorne an der Stirne schauten ein paar blonde Härchen
durch; die Lider hatte sie vor Vergnügen halb geschlossen; mit
Genugtuung lugte sie auf die Menschen, und ihre Lippen spitzten sich
unmerklich, wenn eine ihr bekannte Dame den Blick gleichgültig über sie
hingehen ließ. -- Endlich hielt der Wagen; sie waren im Freien. -- Wo
gehen wir nun hin? fragte sie. Es stellte sich heraus, daß Pitt auch
nicht eine Ahnung von der ganzen Gegend hatte, obgleich er nun schon
seit ein paar Wochen hier war. Er fand solche Frage überflüssig: Man
geht einfach los, wohin die Beine gehen. Irgendwo wird man schon
ankommen. Ein Baum ist ja doch genau so wie der andere! -- Sie wollte
aber ein festes Ziel vor Augen haben: Man geht mit einem ganz anderen
Vergnügen, wenn man weiß, wohin es geht, und mit einem viel
gesicherteren Gefühl; und dann hat man doch auch eine Vorfreude! --
Vorfreude? fragte er, was ist das? -- Ihr fiel etwas Schönes ein und sie
nahmen eine feste Richtung. Sie griff das Gespräch wieder auf: Wenn ich
kein festes Ziel vor Augen sähe, so wäre mir das Leben überhaupt nichts
wert; ich weiß ja nicht ob ich etwas Großes erreichen werde, aber ich
versuche es doch wenigstens, habe den guten Glauben daran und arbeite so
fest los darauf wie ich kann. -- Und wenn Sie es _nicht_ erreichen? --
Sie sah ihn ganz erschrocken an. -- Daran darf man nicht denken; wenn
man gleich so denken will, braucht man überhaupt nicht anzufangen. --
Das soll man auch nicht. -- Aber Sie haben doch auch einen Lebensplan?
-- Er zuckte die Achseln: irgend etwas muß man doch tun. -- Das fand sie
schwächlich und verächtlich und wollte nichts mehr davon hören; es
verderbe ihr die schöne Stimmung. Sie steckte die Hände in die Taschen
ihres Mantels und trat vergnügt einen Stein vor sich her. -- Wissen Sie,
fragte sie nach einer Weile, warum ich mich so verkleidet habe? Erstens
wollte ich Sie anführen, und dann hatte ich die Idee hier draußen mit
Ihnen einen Wettlauf zu machen, um Sie einmal etwas in Gang zu bringen.
Aber ich ahne schon, daraus wird nichts; ich halte Sie für ungeheuer
faul. -- Sie war stehengeblieben und sah ihn wettkampflustig an. -- Erst
später! sagte er; nicht alles gleich auf einmal. -- Sie verließen nun
den Wald und kamen in das offene Feld, zur Landstraße. Und nach einer
Weile fragte sie: Wollen Sie nun _erst_ wettlaufen und _dann_ etwas
essen, oder erst _essen_ und dann _wettlaufen_? -- Erst wettlaufen!
sagte Pitt, der schon gehofft hatte, sie würde das Ganze vergessen.
Sofort zog sie ihren Mantel aus und warf ihn auf die Erde, merkte einen
Baum als Ziel an, kommandierte: los, und Pitt hatte noch ehe er sich in
Bewegung setzte, gerade Zeit genug zu denken: was ist dies für ein
Blödsinn! Hätte ich sie doch niemals kennen gelernt! Aber dann drohte
sie ihn zu überholen; er mußte seine ganze Kraft anstrengen, an ihrer
Seite zu bleiben; sie erreichten das Ziel gleichzeitig, aber Elfriede
rief: weiter, bis zum weißen Stein; und nun überholte sie ihn, prallte
an einen Baum, umarmte ihn und rief: ich bin die erste! Die Haare hingen
ihr zerzaust vom Wind um den Kopf, die Mütze hatte sie hinter sich
geworfen als sie sich löste. Sie sah Pitt erschöpft und vergnügt an und
sagte ohne jeden Zusammenhang: Wissen Sie, daß ich gestern in Gedanken
»Schaf« zu Ihnen gesagt habe?
Eine halbe Stunde später saßen sie zusammen in einer kleinen
Bauernwirtschaft, unter niedrigen Bäumen. Elfriede hatte das Laufen gut
getan, sie war mitteilsam und vergnügt geworden, hatte ihren früheren
Ernst ganz aufgegeben und antwortete nicht mehr so sachlich und
gründlich auf seine Meinungen und Ansichten, worüber er sich innerlich
vorher geärgert hatte. Dafür erzählte sie jetzt eine Menge Geschichten,
wie sie ihr gerade einfielen, aus ihrer Kindheit, von ihren
Geschwistern, und schließlich von ihren verschiedenen Stunden. Sie hatte
noch immer Unterricht in einigen Fächern, besonders in der Mathematik,
die ihr viel Freude mache. Ihr Mathematiklehrer heiße Herr Könnecke, den
müsse Pitt unbedingt einmal kennen lernen, denn er sei sehr komisch:
Früher war er noch mein Rechenlehrer und kam stets nachmittags; ich
hatte ihn immer gern, aber ich mußte ihn ärgern, das ging gar nicht
anders. Und Harald, mein Bruder, der jetzt fort ist, in Pension, und dem
der Anzug hier gehört, war mit im Bunde: Er stellte sich unten ins
Vestibül und durchweichte Herrn Könneckes Hut und Mantel mit der
Blumenspritze. Nach der Stunde ging ich dann mit hinab, Herr Könnecke
zog sich an, fühlte die Nässe und sagte: das ist ja mal wunderbar! Ich
wußte gar nicht, daß es geregnet hatte. Und dann fand er seinen Schirm,
der aus Versehen trocken geblieben war, und forderte mich auf zu äußern,
was ich meine. Ich stand da ganz verlegen, währenddessen war ihm die
Sache selber klar geworden und er belehrte mich: Der Schirm, so sagte
er, muß noch vom letztenmal her stehengeblieben sein, eine andere
Erklärung ist unmöglich! -- Sie lachte selbstvergessen hell auf in der
Erinnerung, ein leises kindliches Jauchzen, und Pitt sah sie voll
innerer Freude an. Und wie sie nun weiter erzählte, achtete er kaum auf
ihre Worte, sondern sah nur immer auf ihren Mund, auf ihre Nasenflügel,
die sich leise mitbewegten, und in ihre hellen Augen, deren Winkel sich
manchmal lustig zusammenzogen, und dann wartete er darauf, ob auch ihre
Hände, ihre schlanken Finger, die so fest und wohlgebildet waren,
mitsprechen würden, und er versetzte sich so sehr in die ganze Art ihrer
Bewegungen, daß er einmal aus Versehen den Arm leise miterhob. -- Nun
erzählen Sie aber auch einmal etwas von sich selbst! sagte sie endlich,
indem sie ihm den Teller mit dem letzten Stück Kuchen hinschob. Ich habe
Ihnen doch auch soviel von mir erzählt. -- Von mir? fragte er und setzte
nach einer Pause hinzu: das würde nicht auf all das Schöne passen, was
Sie mir gesagt haben; meine Erinnerungen sind wie eine farblose Masse in
einem Eimer, und wenn ich da hineingreife, finde ich nichts Festes und
es ekelt mich nur. -- Aber das muß ja furchtbar sein! sagte sie und sah
ihn ganz erschrocken an. Haben Sie denn nie einen Menschen lieb gehabt?
-- Er besann sich, was er hierauf antworten solle, denn alles was er
hätte sagen können erschien ihm dumm. Sie empfand plötzlich, daß ihre
Frage zu nah gewesen sei. -- Sie haben einen Bruder? fragte Pitt, der
das Gespräch von sich ablenken wollte; sieht er Ihnen ähnlich? -- Sie
nickte voll Stolz für sich selber, da sie Harald so sehr lieb hatte:
Früher war er immer voll toller Streiche; er wurde zu wild bei uns.
Anfangs hatte er noch Angst vor Hedwig, aber dann kam es einmal zu einem
schrecklichen Auftritt zwischen ihnen. Nun ist er fort, und wenn er nach
Hause kommt ist alles wunderschön. -- Pitt blickte auf den Anzug, und
die Vorstellung, den Knaben, ihren Bruder, darin zu sehen, wurde so
stark in ihm, daß er auf einmal schnell den Kopf hob und fragte: Hat er
nicht ganz spitze Eckzähne? So sehe ich ihn vor mir! -- Sie sah ihn
überrascht an, indem sie es bestätigte: Niemand weiter von uns hat
solche Zähne! -- Hören Sie! unterbrach sie sich selbst, indem sie den
Finger hob. Dicht über ihnen schmetterte ein kleiner Vogel seinen Ruf.
-- Ist das eine Drossel? fragte Pitt; eigentlich kannte er nur
Sperlinge, und glaubte durch diese Namensnennung schon Naturkenntnisse
zu zeigen. Sie schüttelte den Kopf: Ein Fink ist es, sehen Sie, da oben
sitzt er! Sie beugte sich etwas vor und sah vorsichtig hinauf. Das
kleine Tier hatte seine Tonkaskade noch einmal in die Luft geschleudert,
daß sich die feinen Federn an seiner Kehle sträubten, jetzt senkte es
den Kopf neugierig, mißtrauisch nach unten, stemmte sich einen Moment
halb unschlüssig mit den Füßen gegen den Zweig und flog davon. Pitt sah
ihm gutwillig nach.
Die Sonne warf jetzt schräge Strahlen durch die Baumstämme. Wir müssen
fort! sagte Elfriede, sonst kommen wir zu spät. -- Auf dem Wege fiel ihr
wieder ein, wovon sie zuletzt geredet hatten, und sie fragte ihn noch
einmal, woher er das mit den Eckzähnen wisse. -- Er lachte: das dachte
ich mir bloß, es hätte ja ebensogut nicht stimmen können. -- Sie fand
das sehr sonderbar. -- Ebenso, sagte er nach einer Weile, bilde ich mir
eben, wo ich darüber nachdenke, ein, daß Sie nur im Februar Geburtstag
haben können, ich weiß selber nicht weshalb. -- Sie blieb stehen: _Das_
hat Ihnen aber jemand gesagt! Von selber können Sie das nicht wissen! --
Er lachte belustigt über ihre Sicherheit, schüttelte den Kopf, und so
mußte sie ihm endlich glauben. Und nun fühlte sie etwas wie Respekt vor
ihm. -- Sie erreichten den Wagen, der an der Waldecke hielt, und fuhren
zur Stadt zurück. -- Sie kommen doch mit zum Abendessen? -- Als er mit
der Antwort zauderte, fuhr sie bekräftigend fort: Sie müssen mit! Sie
werden doch erwartet! -- Erwartet? fragte er; das klingt ja gräßlich.
Sie verstand das nicht und sagte, es sei doch ein ganz gebräuchliches
Wort. -- Ich finde, beharrte er, es klingt furchtbar; nach
Vorbereitungen, Händedrücken und Verbeugungen. -- Übrigens entsprachen
seine Befürchtungen nicht der Wirklichkeit. Frau van Loo hatte keine
Ahnung, daß Elfriede mit Pitt spazieren ging, erwartete ihn also auch
nicht zum Essen. Elfriede hatte ihr am Morgen von ihrer Bekanntschaft
mit Pitt erzählt, sie hatte schweigend zugehört und dann gesagt: Er soll
einmal zum Tee kommen, da werden wir ihn dann besichtigen. -- Auf diesen
Worten fußend, dachte Elfriede, sie dürfe sich wohl auch erlauben, ihn
gleich zum Abendessen mitzubringen. -- Ich bin im Augenblick wieder da!
sagte sie leise zu Pitt, als sie nun zu Hause in der Halle standen; ich
will nur schnell hinauf und mich umziehen. Meine Mutter soll nicht
wissen, daß ich in Haralds Anzug mit Ihnen spazieren ging, und Hedwig,
wenn die es erführe -- sie würde acht Tage lang darüber reden. Gehen Sie
ins Flügelzimmer, dort sind Sie allein! Und ehe er sich besinnen konnte
zu fragen, wo das Flügelzimmer sei, war sie schon die Treppe
emporgelaufen. Da stand er nun, sah sich die verschiedenen Türen an und
dachte endlich: Ich gehe hier hinein. --
Unter einer breiten, mit schwarzrotem Stoff verhängten Lampe, die ihr
Licht voll nach unten warf, saß eine stattliche Dame mit jugendlichen,
schönen Gesichtszügen und schimmernd silbernem, vollem Haar. Langsam
wandte sie den Kopf zu ihm von ihrem Buche.
Pitt konnte nicht mehr zurück. -- Wenigstens, so dachte er in aller
Schnelle, ist kein Vater da. Er hatte im Adreßbuch gelesen, daß sie die
Witwe eines Großkaufmanns war. Langsam näherte er sich ihr und blieb
endlich stehen, indem er eine etwas linkische Verbeugung machte. Sie zog
die Augenbrauen ein wenig in die Höhe, ohne ihre Stellung zu verändern
und sagte mit gemäßigtem Erstaunen und einer Stimme, die merkwürdig
gesichert klang: Wer sind Sie denn und wie kommen Sie so plötzlich hier
herein? Pitt nannte seinen Namen; Frau van Loo schien einen Augenblick
nachzudenken, dann führte sie den Blick auf ihn zurück und sagte: Ach
Sie sind der, mit dem meine Tochter gestern spazieren gegangen ist. Und
sah ihn mit einem Blick an, als wolle sie sagen: Eigentlich finden Sie's
auch wohl ein wenig komisch. -- Heute auch, sagte Pitt. -- Heute auch?
-- Davon hat mir Elfriede nichts gesagt, dachte sie. Sie hieß ihn Platz
nehmen, sagte mit fast naiver Freundlichkeit: Was für ein Mensch sind
Sie eigentlich? und sah dabei ohne allzu große Besorgnis auf sein
Gesicht, das ihr wie das eines frühreifen, etwas melancholischen Kindes
erschien. Aber ehe er irgend etwas antworten konnte, ging die Tür auf
und Elfriede trat herein, noch immer in ihrem Knabenkostüm. -- Ich
wollte mich eigentlich umziehen, aber ich finde es dumm, dir nicht zu
sagen, daß ich in Haralds Anzug ging. Ich hatte ja außerdem den langen
Mantel darüber! Frau van Loo verschwieg etwas, musterte sie und sagte:
Sollte dieser Offenheit nicht etwas Eitelkeit zugrunde liegen? Dann
entließ sie sie mit einem nachlässigen, zärtlichen kleinen Schlage ihrer
Fingerspitzen. -- Elfriede zog sich wieder zurück, und gerade, als Frau
van Loo ihr Gespräch mit Pitt wieder aufnehmen wollte, ward draußen eine
Damenstimme laut, die äußerst gelenk klang und so, als sei sie gewohnt
zu reden und gehört zu werden. Hedwig trat ein, dieselbe Hedwig, die
Pitt am ersten Tage flüchtig sah, und von der Elfriede erzählte, sie
habe jenen schrecklichen Auftritt mit Harald gehabt. Pitt ward
vorgestellt, sie erkannte ihn augenblicklich, schien überrascht, nickte
kühl mit dem Kopfe und sagte: Also mit Ihnen ist meine Schwester in
diesem Aufzuge gegangen? Und dann redete sie mit ihrem schnellen Tonfall
Sachen, die sämtlich unangreiflich waren. -- Die stille Stimmung des
Zimmers war mit ihrem Eintritt verändert, so wie wenn man ein Fenster
geöffnet hätte. Jetzt drehte sie nebenbei noch an einem kleinen Knopf
auf der Tapete, daß der Raum plötzlich im hellen Lichte des
Kristallkronleuchters lag, und sagte, dieses Dämmerlicht habe etwas
Totenhaftes.
Alle Farben erschienen nun viel wirklicher, und Pitt kam es vor, als sei
sie selber plötzlich die Seele dieses Raumes geworden. -- Kommen Sie
eigentlich gerade von einem Ritt? fragte er nach einer Weile. -- Wieso?
fragte sie zurück, etwas erstaunt über die Direktheit der Frage, denn
sie kannten sich ja gar nicht; haben Sie mich schon einmal reiten sehen?
-- Er schüttelte den Kopf. -- Morgen besorge ich eine Leine! wandte sie
sich an ihre Mutter; Lili hat nicht die Spur von Anhänglichkeit; sie
läuft wohin sie will und ist wie besessen. Da kommt es, dies Geschöpf!
-- Die Tür öffnete sich, und mit Elfriede trat ein glatthaariges, weißes
Hündchen ein, indem es sich ungeduldig zwischen ihr und der Tür
hindurchzwängte. Es lief auf den Teppich zu, vollführte einige rasende
Bewegungen um sich selbst, prustete und nieste, bohrte den Kopf in den
Boden, strich sich die Schnauze nach links und rechts ab, sprang auf
Frau van Loo zu, legte ihr die Pfoten aufs Kleid und sah sie, als sei
nichts geschehen, aus seinen blanken, rötlich-schwarzen Augen klug und
blinzelnd unbeweglich an. Aber Hedwig sagte, es gehöre hinaus, schritt
zur Tür und rief es. Es hob aufmerksam die Ohren, ließ die Pfoten
niedergleiten und raste durch den Raum. Im nächsten Augenblick war es
ausgesperrt, und das Gerassel seiner Klauen an der Tür verstummte erst,
als der Diener es fortführte. -- Das ist unser Haus- und Plagegeist!
sagte Frau van Loo; und wenn es einmal zu einer Trennung zwischen uns
kommt, so ist es seinetwegen. Ich und Elfriede lieben es, aber Hedwig
kann es nicht leiden. Doch es ist einmal da und wird sich zu behaupten
wissen! Hedwig verteidigte ihre Abneigung: Sie könne nur Tiere leiden,
die Nutzen hätten, Foxterrier seien überdies abscheulich. Und da
Elfriede leise mit Frau van Loo redete, so wandte sie den Rest ihrer
Auseinandersetzungen wohl oder übel an Pitt, und unterbrach sich nur ein
einziges Mal, als sein Gesicht für einen Augenblick vollkommen vor ihr
verschwand, da ihre Mutter das elektrische Licht wieder abdrehte: Mama,
was sollen diese Späße? Aber Frau van Loo sagte mit ihrer sicheren,
freundlichen Stimme: Mein süßes Kind, ich bin die Herrin im Hause. --
Elfriede hatte ihr inzwischen heimlich mitgeteilt, sie habe noch ein
Gedeck für Pitt zur Abendtafel auflegen lassen, da sie ihn aus Versehen
zum Essen eingeladen habe. Frau van Loo schwieg, dann sagte sie:
Elfriede, dein Sündenkonto steigt immer mehr; wir werden noch abrechnen!
-- Friedrich, der Diener, meldete, das Essen sei bereit. Hedwig wartete
vergeblich, daß Pitt sich nun endlich entfernen würde. Ein schneller
Blick auf den Tisch nebenan überzeugte sie jetzt, daß er zum Abend
eingeladen war. Niemand hatte ihr dies mitgeteilt; sie empfand das als
rücksichtslos. Wer war überhaupt dieser Mensch, der so plötzlich bei
ihnen auftauchte, dessen Namen sie nicht einmal richtig wußte? Wie hatte
Elfriede ihn kennen gelernt? Hedwig war erfahren genug, zu wissen, daß
sie nichts aus ihr herausfragen würde. -- In früheren Jahren war ihr
Elfriede vollständig unterworfen gewesen, mit der Zeit aber war sie in
eine bewußte Opposition zu ihr getreten, hatte sie ihren Einfluß
abgeschüttelt. Hedwig wurde es schwer, auf die gewohnte Macht zu
verzichten, in der Übergangszeit gab es unerquickliche Kämpfe, jetzt
hatte sie allmählich resigniert, und nur gelegentliche kleine
Bitterkeiten und vor allem Bloßstellungen vor andern waren die einzige
Genugtuung für das Verlorene.
Jetzt kam sie sich unwürdig behandelt vor, sie hatte Verantwortung vor
dem Hause im allgemeinen, sie saß pikiert und kühl auf dem Stuhle und
tat als sei Pitt überhaupt nicht da. Dabei brannte ihr die Frage auf der
Lippe, und endlich konnte sie sich nicht länger beherrschen: Woher
kennen Sie eigentlich meine Schwester? fragte sie über den Tisch
hinüber. Der Ton klang für alle unerwartet, so gereizt war er. -- Pitt
fühlte sich augenblicklich in einem altgewohnten Fahrwasser, es machte
ihm Freude, diese junge Dame zu ärgern, und er sagte: Von der Straße! Es
folgte eine kurze Pause. -- Mit andern Worten: Sie haben sie auf der
Straße gesehen und sind dann einfach in unser Haus gekommen? -- Ganz
richtig! entgegnete er in einem Tone, wie etwa ein Lehrer die Antwort
eines Schülers begrüßt, den er auf den rechten Weg geleitet hat. -- Was
für ein kindlicher Grobian! dachte Frau van Loo und sah ihn halb mit
Sympathie, halb mißbilligend an. -- Das ist ja höchst eigentümlich!
sagte Hedwig. -- Eigentümlich? fragte Elfriede, mit einem aggressiven
Blick von ihrem Teller her, ich möchte wissen, was dabei eigentümlich
ist! -- Sagen wir einfach, bemerkte Frau van Loo, und warf einen stillen
Blick zu Hedwig hinüber, Herr Sintrup ist ein Findelkind, das wir in
unserm Hause entdeckt haben. Aber Hedwig reizte dieser Blick, den sie
als eine stumme Zurechtweisung empfand; sie überhörte die einlenkenden
Worte ihrer Mutter, die ihr abgeschmackt erschienen, und fragte mit
plötzlicher Taktlosigkeit, wie sie zuweilen aus ihrem gesellschaftlich
sicheren Benehmen hervorsprang: Woher stammen Sie? Was ist Ihr Vater?
Elfriede legte mit einem Ruck die Gabel auf den Tisch. In diesem
Augenblick trat der Diener wieder ein, Frau van Loo half mit
gesellschaftlichem Geschick über die Situation hinweg. Aber die Stimmung
war einmal gestört, und Elfriede war froh, als das Essen beendet war.
Sie stand einen Augenblick mit Pitt allein im Wohnzimmer, während Frau
van Loo mit Hedwig zurückblieb. -- In Elfriedens Gesicht waren immer
noch Spuren von dem harten, besonderen Ausdruck von vorhin. Wie heftig
sie für ihn Partei genommen hatte! Er betrachtete sie mit Wärme und
wartete, daß sie zuerst sprechen solle. Und doch schoß -- er wußte
selbst nicht wie das kam -- in seinem Gefühl der Dankbarkeit
zwischendurch der wunderliche Gedanke auf: Ob ihr erster Satz wohl mit
Sie oder mit ich anfängt? -- Aber Elfriede schwieg. So redete keines,
bis Frau van Loo eintrat. Jetzt erzählen Sie mir von Ihrem Spaziergang!
sagte sie und trat zu ihm heran, als er sich langsam in den besten
Sessel niederließ. -- Gerade wollte ich mich da auch niederlassen!
meinte sie in einem freundlich resignierten Ton. Er stand gleich wieder
auf und sagte: Ja, es ist der bequemste Stuhl im ganzen Zimmer.
Eigentlich hatte Pitt keine rechte Lust zu erzählen, aber undeutlich
empfand er sein Benehmen als einen Mißklang zu diesem Raum und zu Frau
van Loo selbst; so überwand er sich und geriet schließlich in ein
fließendes Sprechen; und plötzlich interessierte es ihn selber, zu
erfahren, wieviel von allem in ihm haften geblieben war, und er nannte
so viel kleine Einzelheiten, daß Elfriede ganz erstaunt fragte: Ich
dachte, das hätten Sie alles überhaupt nicht wirklich gesehen und
bemerkt. -- Habe ich auch nicht, aber hier -- er deutete auf seine
Stirne -- hat sich trotzdem alles aufgespeichert. -- Dies erinnerte
Elfriede irgendwie an die Geschichte mit den Eckzähnen und dem
Geburtstag, sie erzählte beides; Frau van Loo hörte etwas skeptisch
lächelnd zu. Wollen Sie den Jungen einmal sehen? fragte sie, und bat
Elfriede den Kasten mit den Photographien zu bringen. -- Hier haben Sie
Harald als Faun verkleidet, von einer Aufführung her. Pitt sah das Bild
einen Augenblick an, fand sein eigenes inneres ziemlich bestätigt und
damit war seinem Interesse Genüge getan; denn er entdeckte Bilder von
Elfriede, die ihn weitaus mehr anzogen, und fragte, ob keine Lupe da
sei. Die übrigen Verwandten, über die sein Blick flüchtig hinging,
beurteilte er nur nach der Ähnlichkeit mit ihr selber, so daß Elfriede
sagte, er täte so, als ob sie die Stammutter des ganzen Geschlechtes
sei. -- Waren Sie einmal so sentimental? fragte er erstaunt, indem er
von einem kleinen Bilde zu ihr aufsah, auf dem ihre Augen groß und
schwärmerisch blickten, unter einer breiten, weichen Haarfrisur. -- Sie
nahm es ihm wortlos aus den Händen, riß es mitten durch und warf es ins
Kaminfeuer. -- Aber Elfriede! sagte Frau van Loo, das wonnige Bild; --
und verlangte, daß sie es wieder heraushole aus den Flammen, die es
schon verzehrt hatten, während Elfriede etwas unruhig auf Pitts Hände
sah, welches Bild von ihr sie nun gefaßt halten würden; das ist Hedwig!
sagte sie; ich würde mich nie im Trauerkostüm haben photographieren
lassen! -- Dies Bild war bald nach dem Tode ihres Vaters gemacht worden,
und Hedwig hatte es Frau van Loo zu Weihnachten geschenkt. Elfriede war
froh, daß sie nicht zugegen war. Gewiß hätte sie jetzt gesagt: Mein
Vater ist im indischen Meer gescheitert, -- mit einem Tone, als wenn sie
sagte: Nelson fiel in der Schlacht bei Trafalgar. -- Mit einem Male
klappte sie den Kasten zu: Sie haben nun genug gesehen! sagte sie in
einem plötzlichen instinktiven Impulse. --
Bald darauf erhob er sich und meinte, er müsse nun nach Hause. Frau van
Loo hielt ihm vergeblich die Fingerspitzen zum Handkuß hin, und als Pitt
begann, das ganze Zimmer nach seinem Hut, der draußen im Vorplatz hing,
abzusuchen, bis es ihm endlich einfiel, und er wieder in Stillstand
geriet, sagte sie: Sollten Sie öfter in unser Haus kommen, Herr Sintrup,
so will ich Sie etwas erziehen; Sie _scheinen_ die Mühe wert zu sein! --
Es kamen jetzt schöne, stille Wochen für ihn. Zum erstenmal in seinem
Leben fühlte er sich glücklich. Das was er gesucht hatte, schien er
gefunden zu haben: einen Menschen, mit dem ihn eine wachsende Zuneigung
verband. Stillschweigend nahm er sich vor, in dieser Stadt so lange zu
studieren, wie Elfriede bleiben werde, und wenn sie nach Paris ging,
würde er ihr nachfolgen. Er ging jetzt regelmäßiger zur Universität, und
mußte lächeln, wenn er daran dachte, wie er sich dort in den ersten
Wochen beschäftigt hatte; da hatte er sich auf die hinterste Bank
gesetzt, die Rückenansichten aller vor ihm Sitzenden studiert und kurze
Bemerkungen darüber in sein Notizbuch eingetragen, und in den Pausen war
er herumgegangen und hatte eingehend ihre Gesichter gemustert, immer in
der Hoffnung, irgend einen Menschen zu finden, der anders wäre als die
andern. Dies war nun vorbei, sie interessierten ihn nicht mehr in
Beziehung auf sich selbst, er fühlte sich im Verkehr mit Elfriede
ausgefüllt. --
Daneben las er viel. Eines Tages bekam er im Lesesaal der Bibliothek
ganz zufällig ein philosophisches Werk in die Hände; lange Zeit las er
stehend darin, schob es endlich achtungsvoll auf seinen Platz zurück,
merkte sich ihn, kam von diesem Werk auf andere, und so vertiefte er
sich allmählich in eine Welt, die ihm der seinigen irgendwie verwandt
erschien. So kam es, daß er auch philosophische Vorlesungen hörte und
die juristischen allmählich ganz vernachlässigte, ohne jedoch seinen
Plan, Jurist zu werden, aufzugeben.
Hedwig fand sich mit seinem Dasein ab, zumal die Spuren von Frau van
Loos Erziehung sich angenehm an ihm zeigten: Seine Kleidung wurde
gewählter und unter ihrer Anleitung sogar geschmackvoll, und sein
Benehmen glättete seine etwas ungehobelte Oberfläche; allerdings gab es
darin immer noch einige Aststellen, die niemals ganz mit dem übrigen
zusammengehen wollten, aber das lag an Hedwig selbst, die nicht die
geeigneten feinen Messer besaß, gerade über diese Stellen hinzugehen.
Das Haus der van Loos wurde ihm zu einer stillen Insel. In seinem
eigenen Zimmer fühlte er sich niemals wohl; dort erfaßte ihn stets die
alte Unruhe, und wie früher zu Haus von Stube zu Stube, zog er von
Wohnung zu Wohnung, ohne je wirklich angeben zu können, welche Schäden
und Mängel ihn dazu veranlaßten. -- Ihnen fehlt die Häuslichkeit! sagte
Frau van Loo; Sie müßten Menschen um sich haben, die wirklich für Sie
sorgen, Sie sind zu jung, um wie ein alter Junggeselle zu hausen! --
Auch Elfriede empfand das ewig Wechselnde seiner äußeren Existenz.
Zuweilen brach in seinem Wesen eine Zerstreutheit, eine völlige
Abwesenheit aller Gedanken durch, die sie auf seine immer wechselnde,
ungewisse Lebenslage schob. Der Gedanke schoß ihr durch den Kopf, ob er
nicht bei ihnen selbst wohnen könne, aber sie sagte sich sogleich, daß
weder ihre Mutter noch Hedwig damit einverstanden sein würden. Da
leitete sie etwas ganz Besonderes ein.
* * * * *
In seinem bescheidenen Heime saß Herr Könnecke. Die Abendsuppe war
gegessen, die Kartoffeln in der Schale -- so recht locker, aufgebrochen
wie er sie liebte -- dufteten vorzüglich, das Bier schien auch noch
frischer, schäumender als sonst, und es drängte Herrn Könnecke, zu
seiner Cousine, die ihm den Haushalt führte, zu sagen: Selma, meinst du
wohl, daß reichere Leute glücklicher sind als wir? Aber er vermochte das
nicht; es nagte ihm am Herzen, daß er durch ein gutmütig gegebenes
halbes Versprechen im Begriff war, diese Häuslichkeit zu zweit zu
stören. Aber es mußte heraus. Er sog nachdenklich an seiner Zigarre, und
endlich sagte er: Selma, wie wäre es wohl, wenn wir ein Zimmer
vermieteten? -- Fehlt dir etwas an Bequemlichkeit? fragte sie dagegen;
-- meinst du, durch ein bißchen Nebenverdienst könntest du sie bekommen?
Genügt dir dein Gehalt nicht? Und das, was ich durch meiner Hände Arbeit
verdiene? O Wilhelm, ich will mich ja gerne noch mehr abarbeiten als ich
tue -- das heißt -- was tue ich denn eigentlich? Ich lebe ja wie eine
Prinzessin! Wie viele Menschen gibt es, die überhaupt nichts haben! Und
ich, ich habe doch dich, du Einziger, Geliebter! -- Herr Könnecke
errötete: Selma, wenn dich jemand so reden hörte, könnte er wirklich auf
unreine Gedanken kommen; ich weiß ja, daß du dir nichts Schlimmes dabei
denkst, aber du bist manchmal so übertrieben in deinen Ausdrücken! --
Sofort schoß die dunkle, von ihm so gefürchtete Röte auf ihre Stirn:
Wenn ich dir nahestände -- sagte sie leidenschaftlich, und ihre Augen
wurden feucht -- dann könntest du nicht so reden; jedes warme Wort von
mir würde dir wohltun. Auf Liebe habe ich ja verzichtet -- du weißt, daß
ich verlobt war und daß er starb -- aber wenn einen nun noch unsere
nächsten Angehörigen verwunden, kaltherzig sind, wenn man um ein ganz
klein wenig Wärme bittet -- sie preßte ihre Lippen zusammen und aus
ihren Augen liefen Tränen. Er erhob sich und wollte den Arm um ihre
Schulter legen, sie wehrte ab: Mitleid will ich nicht! Wenn die Liebe
nicht von Herzen kommt, wenn man einander nicht begegnet in demselben
Gefühl -- Sie riß an ihrem Taschentuch und murmelte heftig: Lieber in
die Grube fahren, Sargdeckel zu, Erde drauf, fest gestampft, gut daß sie
tot ist, fertig!! -- Es war nicht das erstemal, daß Fräulein Nippe so
redete. Herr Könnecke geriet dann jedesmal in eine hilflose
Verlegenheit, da er auch nicht das geringste darauf zu sagen wußte. Es
kam bei ihr plötzlich und fast immer dann, wenn er am wenigsten darauf
gefaßt war. -- Jetzt hustete er leise, tief und unglücklich. -- Wenn ich
nur wüßte, sagte sie nach einer Weile ruhiger, was ich noch für dich tun
kann, um dich glücklich zu machen! Ich würde ja, um andere zu beglücken,
mir das Hemd vom Leibe reißen; -- direkt vom Leibe reißen, wiederholte
sie, indem sie in eine Ecke starrte und sich selbst in dieser Tätigkeit
beschäftigt sah, aber ich frage: Was nützt das alles, wenn man nicht
einmal anerkannt wird, wenn man dafür mit Steinen beworfen wird? Und
Steine auf den nackten Körper -- setzte sie hinzu, schmerzen noch mehr
als auf den bekleideten! -- Jetzt ergriff Herr Könnecke das Wort: Er gab
zu, daß sie vom Leben hart mitgenommen wäre, er wisse, daß sie engelsgut
sei, er hege die tiefste Dankbarkeit gegen sie, aber -- und er erhob
unglücklich seine Stimme: Ich kann dir das doch nicht Tag für Tag mit
Worten wiederholen! Ich bin nun mal nicht so! Habe ich je in meinem
Leben etwas Böses zu dir gesagt? --
Sie ging auf ihn zu, glitt an ihm nieder und drückte seine Knie, daß er
ganz verlegen erst das eine, dann das andere Bein in die Höhe zog. Auf
einmal sprang sie auf, setzte sich auf einen Stuhl am Tisch, faltete die
Hände und sah ihn strahlend an: Nun sage mir, du Wonniger, wie meinst du
das mit der Stube? -- Er wollte zunächst das »du Wonniger« beanstanden,
unterließ es aber, erzählte dann sein Zusammentreffen mit Elfriede van
Loo, und fügte hinzu, daß der Herr Sintrup morgen kommen wolle, um sich
alles anzusehen. -- Und mit dieser einfachen Geschichte hast du solange
gezögert? Komischer Mann! Schweifst ab anstatt bei der Sache zu bleiben,
redest von hundert andern Dingen und quälst mich, und dabei ist doch
alles so klar, -- ich wüßte gar nichts was klarer sein könnte! Aber die
gute Stube bleibt wie sie ist; er bekommt _mein_ Zimmer, und ich ziehe
in die Kammer. Mir schadet das gar nicht. Junge Leute müssen
Bequemlichkeit haben; ach wie ich sie liebe, diese goldene Jugend! --
Sie lief auf den Vorplatz und kam gleich darauf zurück, den Kopf mit
einem billigen rosa Theaterschal umhüllt: Sitzt er recht? fragte sie und
lächelte. -- Sie wollte noch heute abend schnell zu einer Tante rennen,
in deren Besitz einige ihrer Möbel waren; er versuchte ihr das
auszureden, aber sie sah ihn grimmig von der Seite an. -- So blieb er
allein zurück, setzte sich in den Lehnstuhl, rückte ihn so, daß er nicht
wackelte, seufzte tief und sagte: Ach Gott! -- Und dann dachte er: Es
ist gut, daß sie noch an die frische Luft kommt, die Arme! Immer plagt
sie sich für andere Menschen, und sie hat ganz recht: ich zeige es ihr
nicht genug, daß ich sie lieb habe. -- Er dachte sich aus, wenn sie nach
Hause komme, solle der Kaffeetopf dampfend auf dem Feuer stehen. Zu
diesem Behuf erhob er sich, schnitzte Holz zum Herdfeuer, und dann
klemmte er die Kaffeemühle zwischen die Knie.
Am nächsten Tage begegneten sich die zwei in demselben Ziele: Jeder
wollte auf sein eigenes Zimmer verzichten und in die Kammer übersiedeln,
jeder wollte dem andern wohltun. Aber Fräulein Nippe siegte: Sie preßte
die Zähne aufeinander und riß die Augen weit auf, indem sie ihn zur
Schwelle drängte mit all ihren Kräften. Er mußte in sein eigenes Zimmer,
sie verriegelte ihn von außen. -- Licht! Luft! Und Liebe! hörte er sie
jammern, auf Liebe habe ich ja verzichtet, aber Licht und Luft verliere
ich nun auch noch! Dieses elende dunkle Loch! -- sie stürzte zum Fenster
und riß die Flügel auf -- und dann jammerte sie weiter, daß gerade sie
vom Schicksal ausersehen sei alle Marter der Welt zu tragen.
Als Pitt erschien, war das Zimmer fertig eingerichtet, obgleich sie ja
nicht einmal wußte, ob sie es nun auch vermieten würde. Herr Könnecke
hatte ihr erzählt, Fräulein van Loo habe zu ihm gesagt, der Herr Sintrup
müsse es gemütlich und heimisch haben. So sagte sie denn, um es ihm
recht warm ums Herz herum zu machen, sogleich: ihr eigenes Lebensgebäude
sei ein luftig durchbrochener Bau, in den überall die Sonne
hineinscheine; ihre eigene Wärme strahle über auf ihre Umgebung: Wo ich
erscheine, verbreite ich Behaglichkeit und Vergnügen. -- Vergnügen schon
-- sagte Pitt ernsthaft. -- Nun sehen Sie! Und die Behaglichkeit wird
sich auch noch einstellen! -- Pitt machte dieses Fräulein Spaß. Herr
Könnecke erschien neben ihr wie die menschgewordene epische Breite, und
er dachte: Für ein paar Wochen wenigstens kann ich es immerhin
versuchen. Er mietete. -- Am Nachmittage zog er ein: Fräulein Nippe
hatte in aller Eile einen Kuchen gebacken, und das Willkommschild
nagelte sie gerade an die Tür, mit viel zu langen Stiften, die klaffend
ins Holz fuhren, als er die Treppe heraufkam. --
Zu Anfang war es ihm, als befinde er sich in einem Lustspiel; nach und
nach erfuhr er ihre ganze Lebensgeschichte, an die sie Sentenzen mit
verfehlten Bildern knüpfte, und zu solchen Sentenzen reizte er sie immer
wieder. Aber allmählich fing sie an sich zu wiederholen, und nun begann
sie ihn zu langweilen. Sie ihrerseits begriff nicht, warum seine Tür
immer verschlossen war, wenn sie zu ihm herein wollte. Alles war doch so
gut gegangen, zu Anfang! Ach! immer drängte ihre stürmische Seele vor,
die Frucht zu pflücken, ehe noch die Blume voll entfaltet war; die
Menschen waren einmal so sonderbar: langsam wollten sie erwärmt werden,
anstatt sich direkt ans Herz schließen zu lassen, wie es doch das
Natürlichste war. Sie beschloß still zuzuwarten und es der Zeit zu
überlassen, seine rauhe Schale »aufzutauen«. Herr Könnecke hielt sich
von Anfang an in angemessener Entfernung, nachdem er zuerst gehofft
hatte, abends ab und zu mit ihm und seiner Cousine »schwarzer Peter« zu
spielen; er spielte auch eigentlich gern mit ihr allein schwarzer Peter,
aber sie fand es langweilig, da jeder immer wisse, was für Karten der
andere habe und gar kein Geheimnis dabei sei. -- Pitt hatte in Bälde
sich den Tonfall beider angeeignet und erfreute Elfriede zuweilen damit,
daß er einen Dialog zwischen ihnen improvisierte, wobei ihm dann
blitzartig auch entlegenere Seiten ihrer Charaktere klar wurden, die er
vorher noch nicht beachtet hatte. Ich glaube aber, sagte er manchmal,
ich ziehe bald wieder aus; es wird mir langweilig, immer dasselbe zu
sehen.
Der einzige Platz, wo er sich wirklich wohl fühlte, war das Haus der van
Loos, und, von einer inneren Unruhe getrieben, erschien er zu den
verschiedensten Tageszeiten dort, redete oft gar nichts, setzte sich in
einen Sessel und hörte Elfriede spielen. Zu Anfang hielt sie ihn für
ganz unmusikalisch, denn er kannte sehr wenig und verwechselte oft die
Namen der größten Meister; dann wieder verglich er Werke, die sie
spielte, mit seiner zögernden, sicheren Stimme in so nachdenklicher
Weise, daß ihr eigenes Urteil zuweilen unsicher wurde. Anfänglich
erschien ihr manches, was er sagte, beinah toll, und sie lachte einfach.
Nie ließ er sich dadurch beirren; dann dachte sie darüber nach, und
endlich schien es ihr, als könne er recht haben und sie unrecht. Langsam
bildete sie sich nach seiner Weise, und oft, wenn sie mit andern redete,
ertappte sie sich dabei, daß sie Dinge sagte, die sie zwar nicht von ihm
gehört hatte, die aber seiner Art des Wesens entsprangen. --
Pitt vergaß die ganze Vergangenheit, und um so mehr erschreckte ihn
eines Tages eine Postkarte, worauf sich sein Vater zum Besuch anmeldete.
Eine Geschäftsreise führte ihn in die Stadt, und er wollte nicht
versäumen, mit seinem Sohn zusammen zu sein. -- Pitt verwechselte die
Morgenstunde seiner Ankunft mit der Abendstunde, und traf seinen Vater
erst mittags, zufällig, in seinem eigenen Zimmer.
Vorher aber fand eine längere Begrüßung und Ansprache von seiten
Fräulein Nippes statt. Herr Sintrup war in seinem pompösesten »Habitus«,
ihr Herz war sofort im Sturm erobert. -- Darf ich Ihnen vielleicht ein
Gläschen Kognak anbieten? Ganz alten, echten! Und ehe Herr Sintrup
abwinken konnte, war sie schon hinaus, holte ihn und kredenzte ihm das
Gläschen mit einem kleinen Knix. -- In der Tat vorzüglich! sagte Herr
Sintrup und schnalzte mit der Zunge. -- Noch einen? Noch ein ganz
kleines Gläschen? Nur so ein ganz kleines Gläschen? Sie lächelte
schelmisch, kredenzte abermals, und er nannte sie eine liebenswürdige
Hebe. Der Kognak war wirklich hervorragend gut! Er fühlte sich etwas
angegriffen von seinen Geschäftsgängen, und nach einem kleinen Zögern
langte er mit einem: ist es erlaubt? -- zu einem dritten Gläschen selbst
zur Flasche. -- Dies war einmal jemand, der gern Gebotenes mit
Selbstverständlichkeit annahm! -- Ob er wohl Witwer ist? fuhr es ihr
durch den Kopf. Und sogleich reihte sich ein anderer Gedanke daran:
könnte ich bei dem nicht Hausdame werden? Diese gutfrisierte, herrlich
bartbeschnittene Gestalt! Diese freien, kernigen Augen unter den
männlichen, leicht ergrauten Brauen! Hatte er nicht etwas ganz
Witwermäßiges an sich, ja geradezu etwas _Hahnreihaftes_!? -- Denn unter
einem Hahnrei stellte sich Fräulein Nippe einen älteren, aber innerlich
jugendlichen und feurigen Herrn vor, dem ein ganzer Hühnerhof von Frauen
zur Auswahl steht. -- Pitt hatte niemals von zu Hause einen Brief mit
Frauenhandschrift bekommen; Fräulein Nippe wußte dies, denn sie las
alles. Wie geht es der Frau Gemahlin? fragte sie aber doch zur
Sicherheit; und spürte einen kleinen Stich, als sie hörte, daß es ihr
gut gehe, daß sie mithin noch existierte. Trotz allem aber -- um so
selbstloser war dies von ihr -- machte sie ihm die schmeichelhaftesten
Komplimente, die er etwas gönnerhaft, aber nicht ungern über sich
ergehen ließ. Pitt kam nicht. -- Er knipste ein paarmal an seiner Uhr --
gewiß ein liebes Andenken? Und so kostbar! -- und erhob sich. Er begriff
nicht, daß sein Sohn nicht kam, nannte ihn rücksichtslos und redete
davon, daß er ihm zutraue, womöglich erst zum Abendessen ins Hotel zu
kommen. Bei diesen Worten regte sich etwas Liebliches in Fräulein Nippe,
aber sie seufzte nur diskret, fragte nach dem Namen des Hotels, -- es
war das allererste, teuerste -- und das Liebliche regte sich noch
stärker. -- Da kommt er! ich höre den Schlüssel in der Korridortür!
sagte sie plötzlich, und als Pitt erschien, zog sie sich sogleich
taktvoll zurück und horchte während des Folgenden nur an der Zimmertür.
Halloh! sagte Pitt unwillkürlich, als er jemand in seinem Zimmer stehen
sah.
Nach der ersten Begrüßung machte ihm Herr Sintrup Vorwürfe, daß er
niemals schreibe, daß er keine von den Besuchen gemacht habe, zu denen
er ihm die Empfehlungen gab, daß er so oft von einer Wohnung in die
andere ziehe, und endlich, daß er nicht einmal auf den Bahnhof gekommen
sei. -- Pitt wußte für all dieses Gründe anzugeben, die Herr Sintrup
sämtlich für nicht stichhaltig erklärte. Er nannte ihn einen verlorenen
Sohn, an dem seine Eltern keine Freude erlebten, und als er die vielen
philosophischen Bücher auf seinem Tische liegen sah, verlangte er, daß
da in Zukunft nur juristische zu liegen hätten. Pitt versprach alles was
er wollte, und damit war dies Kapitel, wie Herr Sintrup sich ausdrückte,
erledigt. Während sein Vater sprach, wunderte sich Pitt darüber, wo die
Kognakflasche herkam, aus der er sich ganz in Zerstreutheit ab und zu
ein Gläschen einschenkte, das er auf einen Zug leerte. Donnerwetter!
sagte Herr Sintrup, als sie sich endlich erhoben, um zum Mittagessen zu
gehen -- Fräulein Nippe zog sich bei dem Geräusch sofort zurück -- mir
ist so schwer in den Gliedern! Herr des Himmels, jetzt habe ich der den
halben Kognak ausgetrunken! Alter, französischer Kognak, das muß ein
Erbstück sein. Ich muß ihn ihr irgendwie ersetzen. Er zog ein Goldstück
aus dem Portemonnaie, warf es auf den Tisch und sagte, damit möge ihr
Pitt die ganze Flasche abkaufen, es wäre gut bezahlt. -- Das geht nicht;
sagte Pitt. Herr Sintrup dachte nach: Immerhin war sie eine Dame! Es
fiel ihm ein, was sie vorhin für Augen machte, als er vom Abendessen im
Hotel redete, und er sagte zu Pitt: Ich könnte mich ja revanchieren,
indem ich sie für heute abend ins Hotel lade! Nebenbei wäre es ein gutes
Werk, die mal recht vollzufüttern, denn sie sieht höllisch mager aus.
Überaus bedeutend ist sie zwar nicht, aber sie hat doch ein ganz nettes
Wesen! -- Pitt war damit einverstanden; er brauchte dann nicht den
ganzen Abend mit seinem Vater allein zu sein. Fräulein Nippe wurde
geholt, sie nahm strahlend und dankend an, und Herr Sintrup machte
verwunderte Augen, als sie auch im Namen ihres Vetters dankte. -- Um so
besser, dachte Pitt.
Endlos lange saßen sie mittags im Restaurant, Pitt rauchte eine
Zigarette nach der andern, nur um irgendeine Ablenkung zu haben. Er kam
sich wie in einer Verbannung vor, zurückversetzt in seine Vaterstadt,
abgeschnitten von aller Freiheit, obgleich es sich ja nur um Stunden
handelte. Herr Sintrup fragte nach seinem Verkehr. Pitt nannte das Haus
van Loo. -- Herr Sintrup nahm die Zigarre aus dem Mund: Die Amsterdamer
van Loos? Verkehrst du da viel? -- Jeden Tag. -- Ist da eine Tochter? --
Kennst du denn die Familie? fragte Pitt zurück. -- Und ob! natürlich
nicht persönlich. Er warf Pitt einen verschmitzten Blick zu: Junge,
Junge, das könnte ja mal etwas Famoses werden! Du mußt es nur richtig
anstellen; wie bist du denn da hineingeraten? Und Herr Sintrup erzählte
die Geschichte von dem Vater, der im indischen Meer ertrank. -- Die
Familie erschien Pitt plötzlich in einem fast trivialen Lichte; bisher
hatte er ein Gefühl gehabt, als sei sie eigentlich nur seinetwegen
vorhanden; nun erfuhr er, daß der Name eine »Weltfirma« sei. -- Die
Familie halte dir warm! fuhr sein Vater fort, _die_ Marke ist ff! Hat
zwar jetzt direkt mit der Firma nichts mehr zu tun, profitiert aber noch
kolossal davon. Ja so was lasse ich mir gefallen! Hast du noch mehr von
der Sorte? -- So fragte Herr Sintrup und machte animierte Augen. Pitt
dachte: Ganz genau so wird Fox einmal werden! -- Und als ob dessen Geist
ungesehen im Zimmer schwebte, fuhr Herr Sintrup fort: Das muß ich Fox
erzählen! Das wird dem Eindruck machen! Übrigens: könnte die denn heute
abend nicht mitkommen?! Wenn ich nun vorher einen Besuch in der Familie
machte? Das ginge doch prächtig! -- Pitt wurde rot und sagte: auf gar
keinen Fall! -- Sein Vater mißverstand dies, drohte ihm schalkhaft mit
dem Finger und meinte: ^Noli turbare circulos meos^ -- das ist das
einzige, was ich noch vom Lateinischen behalten habe. -- Dann schwiegen
beide wieder, und Herr Sintrup, der schon vorher von Zeit zu Zeit etwas
abwesend schien -- Pitt schob dies auf die vielen Kognaks -- sagte
plötzlich wie nach einem Entschlusse: Ja, wenn du mich jetzt verlassen
willst -- ich habe noch ein paar Geschäftsbriefe zu schreiben, und
nachher möchte ich ruhen. Er zog seinen Füllfederhalter und einige
Blätter Papier hervor, und Pitt war froh, für den Nachmittag frei zu
sein. Draußen atmete er auf. Er wollte sofort zu Elfriede gehen, ihm
war, als sei er seit Wochen nicht bei ihr gewesen. -- Wie er so an
seinen Vater dachte, blieb er plötzlich mitten auf dem Platze stehen,
sah auf das Restaurant zurück, in einem halbklaren Gedanken, der -- er
wußte selbst nicht wie -- ihm durch den Kopf geschossen war, dann ging
er sehr schnell zurück und lugte vorsichtig durch die Fensterscheibe:
Herr Sintrup saß jetzt an einem andern Tisch, neben einer Dame, die Pitt
zwar vorher auch schon bemerkt aber nicht beachtet hatte. Sie hielt den
Blick nicht ohne Wohlwollen auf Herrn Sintrup geheftet, antwortete ab
und zu, und schließlich sah Pitt, wie erst sein Vater, dann die Dame die
Uhr hervorzog, und wie sie die ihrige nach der seinigen richtete. Dann
legte Herr Sintrup leise seine Finger über ihre Hand und sah ihr
freundlich in die Augen. Pitt wandte sich vom Fenster ab und schritt
wieder über den Markt. Nie hatte er einen starken Zusammenhang mit
seiner Familie gehabt; aber nun war ihm doch, als wäre die Wand eines
altbekannten Zimmers eingerissen, so daß ein neuer Raum entsteht, der
nur halb der alte ist, und in dem man sich mit einem Gefühl der
Fremdheit und des Fröstelns umsieht. Eigentlich müßte ich ja nun wohl
entrüstet sein, dachte er; aber es wollte kein ähnliches Gefühl in ihm
aufkommen; ja, sein Vater kam ihm bemitleidenswert vor. Derartige
Erlebnisse bildeten jedenfalls Lichtpunkte in seinem arbeitsvollen, öden
Dasein. Ob solche Lichtpunkte wohl öfters eintraten? Ob seine
Geschäftsreisen wohl meist so menschlich schlossen? Und ob wohl seine
Frau, Pitts Mutter, um diese Erlebnisse wußte? -- Er machte eine
Bewegung, als wolle er alles von sich abschütteln, und läutete schärfer
an der Glocke des van Looschen Hauses als sonst, so daß der Diener
Friedrich ganz verwunderte Augen machte.
Frau van Loo empfing ihn: Gut, daß Sie kommen! Hören Sie! Elfriede übt
ihre Etüde eben zum siebenundzwanzigstenmal, und darin kommt ein Akkord
vor -- im selben Augenblick hörte man einen schrillen Klang -- sie hielt
die Hände an die Ohren und fragte dann: ist er noch da? -- Darauf ging
sie langsam zur Tür, rollte sie auf und rief Elfriede zu, sie habe
Besuch. -- Ja! antwortete sie, und ihre Stimme klang ganz abwesend. Frau
van Loo zog sich zurück. -- -- Pitt ging auf sie zu und faßte ihre
beiden Hände. -- Was haben Sie denn? fragte sie erstaunt. Er wollte mit
ihr spazierengehen -- nur eine einzige Stunde! -- Elfriede hörte kaum
zu; mit geröteten Backen saß sie da, ihre Gedanken irrten fortwährend zu
ihrer Etüde zurück. -- Auf keinen Fall! sagte sie, o, ich bin in so
herrlicher Stimmung zum Arbeiten, -- und ich kriege es auch noch, fügte
sie, schon wieder abgelenkt, hinzu. -- Sie sollen aber mit mir gehen!
sagte Pitt heftig, ich halte es einfach nicht mehr aus! Und wenn Sie
jetzt nein sagen, komme ich nie wieder zu Ihnen, denn dann sehe ich, daß
Ihnen meine Freundschaft gar nichts wert ist. -- Elfriede sah ihn ganz
erstaunt an: War dies Pitt Sintrup, der so heftig reden konnte? Fast wie
selbstverständlich gab sie nun ihre Einwilligung, und jetzt erst fiel
ihr ein, daß wohl alles mit seinem Vater zusammenhänge. -- Frau van Loo
war sehr zufrieden, als sie hörte, Elfriede wolle gehen. Sie hatte sich,
wirklich erschöpft durch die Töne, zum Ruhen hingelegt; wohlig schaute
sie aus ihren weichen Decken und Fellen heraus, mit ihrem
silberglänzenden, vollen Haar und den schön geformten, großen
Wangenflächen, auf denen sich zwei kleine Grübchen bildeten, als sie,
ohne ihre Haltung zu verändern, die Augen zu Elfriede gehen ließ und
sagte: Weißt du, was ich gerade in aller Schnelligkeit geträumt habe?:
Harald sei da und setzte mir einen Kranz von Kirschen auf den Kopf.
Harald hat doch zu hübsche Ideen! -- Als Pitt und Elfriede das Haus
verlassen hatten, ging sie, nachdem sie genug geruht, in das
Musikzimmer. Und als es später zu dunkeln begann, erleuchtete sie den
ganzen Saal, um sich einzubilden, Elfriede übe. Das war viel angenehmer
als sie wirklich üben zu hören.
Pitt ging neben Elfriede her; die Abendluft war klar und mild, das
Gewölk des Tages hatte sich verzogen, der Himmel war ein reines, tiefes
Hellblau geworden, so tief, daß man endlos weit hineinschauen konnte,
und dann sah man kleine schwarze Punkte, die sich hin und her bewegten,
Vögel, die dort oben flogen. Pitt sah nicht hinauf. Seine Augen blickten
immer in die höchsten Spitzen der Pappeln, die leise bewegt erschienen,
obgleich kein Wind wehte. In ihnen lag goldene Abendsonne; er liebte die
Sonne nur am Abend, und von allen Bäumen liebte er nur die Pappeln, mit
ihren steilen, luftigen, unerklimmbaren Ästen, diese Bäume, deren
Anschauen weit weg führt von den Menschen und von allem, was mit der
Welt zu tun hat. Er war in einer ruhigen, schönen Stimmung. --
Wenn das Leben immer so wäre wie in diesem Augenblick, sagte er nach
einem Schweigen, wie wundervoll wäre das; aber man darf es nicht
aussprechen: sogleich wird alles trivial. -- Wenn ich Sie so reden höre,
antwortete Elfriede, verstehe ich Sie nicht; mir scheint es schön, so
etwas auszusprechen; wäre man immer stumm, so würde der andere niemals
wissen, was in einem selbst vorgeht; und Sie sprechen wenig genug aus!
Es tut mir doch wohl, zu fühlen, wenn ich einem andern wohltue. -- Sie
schwiegen beide, und es war Elfriede, als ob sie Pitt schon seit langem,
langem kannte, und als ob sie sehr, sehr gute Freunde wären. -- Wissen
Sie, sagte er nach einer Weile, daß mein Vater auf den Gedanken kam, Sie
für heute abend einzuladen? -- Sie war zunächst überrascht, dann aber
sagte sie mit einem Entschluß: ich gehe mit. -- Er nahm dies anfänglich
als einen nicht ernsten Einfall, aber sie blieb dabei: Es muß mich doch
interessieren, jemand kennen zu lernen, der Ihnen so nahe steht! Ganz
egal, ob Sie sich innerlich nahe sind oder nicht. Nach Hause würde sie
telephonieren -- sprach sie weiter -- sie gehe ins Theater -- so sehr
lange würde das Zusammensein doch nicht währen -- morgen früh oder ein
andermal würde sie dann ihrer Mutter die Wahrheit sagen, wenn es nicht
mehr so schlimm wäre. -- Sie werden mich dann vielleicht nicht mehr so
gern mögen, wenn Sie erst meinen Vater kennen! -- Erst recht, wenn ich
den Unterschied zwischen Ihnen sehe! Er fügte sich. -- Als es endlich
Zeit war, sich zum Hotel zu wenden, und wie sie über dem Reden stehen
blieben und langsam umkehrten, warf sich plötzlich ein kleines, weißes,
lebendiges Paket gegen Elfriedes Körper. Es war das Hündlein, welches
sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, weil es wußte, daß es
eigentlich zu Hause bleiben müsse. Jetzt dachte es, man gehe sowieso
heim und es könne sich somit durch sein plötzliches Zuerkennengeben
nichts mehr zerstören. Es setzte sich mit einer pirouettenartigen
Drehung dicht vor Elfriede auf die Hinterbeine, wie eine kleine
Schildwache, den Rücken gegen ihr Kleid gelehnt, leckte sich den Mund,
hob die Pfoten und blickte vernünftig drein aus seinen rötlich
umränderten dunklen Augen, die so aussahen, als sei das Fell nicht
genügend weit um sie herum ausgeschnitten. Elfriede durchschaute es
völlig, lachte und stieß es leicht vorwärts. Es schnellte bis zur
nächsten Straßenecke, blieb dann stehen, da es nicht wußte, ob man sich
nach links oder geradeaus wenden würde, kam wieder zurück, bewegte
ausnehmend läppisch sein Hinterteil und versuchte es dann unter den
Bauch zu ziehen, da es dort besonders fror. So ein Tier, sagte Pitt,
führt ein ideales Leben. Es tut das, was ihm der Augenblick eingibt,
kennt keine Konflikte; Wollen, Fühlen, Handeln, alles ist wie ein
einziger starker Schlag. Beneidenswerte Primitivität!
Haben gnädiges Fräulein Gefallen am Verkehr mit einem Sprößling meines
armen Hauses gefunden? So fragte Herr Sintrup, nachdem er zur Begrüßung
die Hacken zusammengeschlagen und Elfriede eine tiefe, respektvolle
Verbeugung gemacht hatte. Und er verbreitete sich darüber, wie
angemessen der Ausdruck sei, in Rücksicht der »Weltfirma« der van Loos.
-- Elfriede hätte am liebsten gelacht, so fremdartig und komisch kam ihr
dieser Mann vor, der in so untertänigem, devotem Tone zu ihr sprach.
Dies war Pitts Vater?! Er ließ seine Augen voll und biedermännisch auf
ihr ruhen, ohne seine etwas vorgebeugte, respektvolle Haltung zu
verändern. Sie wollte etwas erwidern, es fiel ihr aber nicht das
geringste ein, und in halber Verlegenheit sagte sie: Ach da ist ja auch
Herr Könnecke! Jawohl, rief Pitt, und Fräulein Nippe wird auch noch
erwartet! -- Ja, ja, meinte Herr Sintrup, schlichtes Souper, ganz
schlichtes, einfaches Souper -- und läutete dem Kellner, noch ein Gedeck
mehr aufzutragen. Herr Könnecke, der sich bescheiden zur Gardine
zurückgezogen hatte, trat jetzt vor, wischte sich die Hand ab -- er war
bei der vorangehenden Unterhaltung mit Herrn Sintrup etwas ins Schwitzen
geraten -- und begrüßte Elfriede mit einem kavaliermäßigen Bückling.
Seine Cousine hatte ihm zu Hause eingeschärft, sich möglichst
weltmännisch zu benehmen und »das schwere Brot der Schule hinter sich zu
werfen«. -- Und gnädiges Fräulein sind so vielseitig talentiert, wie mir
Herr Könnecke mitteilte? Haben Interesse für Mathematik, für Kunst und
Wissenschaft, und bilden sich in Musik aus? Herr Sintrup nagelte sie
hierüber in ein Gespräch fest. Herr Könnecke, eingedenk der Ermahnungen
seiner Cousine, wartete immer darauf, daß er auch ein Wort in die
Unterhaltung einwerfen könne, fand den Moment aber nie, ähnlich einem
alten Herrn, der noch gern Karussell fahren möchte, das Ding schon in
Gang findet, eine leere Schaukel entdeckt und sich jedesmal, wenn sie
vorbeikommt, erst dann zum Hineinspringen entschließt, wenn es schon zu
spät ist, und nun warten muß bis eine neue Tour beginnt. Und da Pitt
ebenfalls an dem Gespräch teilnahm, wandte er sich möglichst unbemerkt
zur Seite und sprach zu dem Hündchen ein freundliches Wort. Es kam auch
sogleich auf ihn zu, beroch ihn, und bewegte vergnügt sein
Stummelschwänzchen; und wie er sich setzte, wollte es an seinen Beinen
in die Höhe. Aber das gab Flecke, und er suchte es mit sanften Worten
fortzudrängen. Es ließ sich jedoch nicht beirren, und schlug schließlich
mit so rasenden Trommelbewegungen gegen seine Knie, daß ihm Angst wurde.
Er sagte immer noch: du guter Hund, du guter Hund, -- aber seine
Bewegungen, es abzuwehren, wurden deutlicher, und endlich -- es sah
niemand hin zu ihm -- packte er es mit dem Gedanken: Es ist ja
schließlich doch nur ein Hund! -- leicht im Genick und gab ihm, selbst
erschrocken über seine Kühnheit, einen energischen, kleinen Schwung zur
Seite. Das Hündchen quiekte, Elfriede rief es, und Herr Könnecke erhob
sich rasch, trat möglichst unbefangen zu den andern und sagte: Nicht
wahr Herr Direktor: Die Gymnasialbildung ist doch die gründlichste; ich
meine die allseitigste, und wenn man dann hinterher noch studiert -- --
er wußte nicht weiter. -- Wann kommt denn Ihre Cousine? fragte Elfriede,
die ihm helfen wollte. -- Die kommt bald! sagte Herr Könnecke lebhaft,
so, als sei bisher von niemand anderm die Rede gewesen, oder als sei
erst jetzt der eigentliche Gesprächsstoff erreicht. Und als ob seine
Worte eine Beschwörungsformel gewesen wären, die Fräulein Nippe bei den
Haaren gepackt, durch die Straßen geschleift und vor der Tür abgesetzt
hätte, öffnete sich diese, und Fräulein Nippe, mit etwas zerzauster
Frisur, stand auf der Schwelle. In ihren Armen hielt sie eine Fülle von
Blumen. Sie sah lächelnd von einem zum andern, als wisse sie noch nicht,
wen sie zuerst aus ihrem Füllhorn überschütten solle, entdeckte
Elfriede, ließ sich ihr vorstellen, umarmte sie dezent, als sie eine
Blume nahm, und wollte auf Herrn Sintrup zu, der inzwischen ebenfalls
eine gewählt hatte. Aber der schob rasch einen Stuhl zwischen sich und
sie, auf den sie sich auch sogleich dankend niederließ.
Der Diener meldete, das Essen sei bereit. -- Mit den Blumen, sagte Herr
Könnecke, wollen wir die Tafel schmücken, das macht man immer so in
feinen Häusern! -- Herr Sintrup verbeugte sich vor Elfriede und reichte
ihr mit einem achtungsvoll durchbohrenden Blick den Arm. Fräulein Nippe
überwand schnell eine kleine Enttäuschung und näherte sich Pitt. Der
blickte zurück auf Herrn Könnecke, der mit seinen Blumen bepackt
dastand. Gewinnend lächelnd sah sie ihn an, und -- hast du nicht
gesehen! -- fuhr ihr Arm in den seinen. Herr Könnecke folgte, das
Hündlein machte den Beschluß, zerstreut die Ohren hängen lassend, bis
ihm plötzlich einfiel, daß es zu Elfriede gehöre. Es jagte hinterher,
witterte aber im Laufen den Geruch der Speisen, schoß an ihr vorbei und
gelangte als erstes in den kahleleganten kleinen Raum, mußte sich dann
aber bescheiden zu Elfriedes Füßen setzen. -- Ist das aber mal ein
schönes Zimmer! sagte Herr Könnecke, worauf Herr Sintrup zu Elfriede
meinte: Na, Sie werden wohl zu Hause anderes gewöhnt sein. Seine
hochzeremonielle Anrede vergaß er nach und nach.
Diese ewigen Anspielungen auf Reichtum -- Herrn Sintrups Bemerkungen
enthielten vorläufig fast ausschließlich diesen Kern, verhüllter oder
nackter -- irritierten Elfriede allmählich, nachdem sie zuerst innerlich
gelacht hatte. Fast unbewußt sandte sie ab und zu einen Blick zu Pitt
hinüber, der sich begnügte ein spöttisches Gesicht zu machen. --
Fräulein Nippe bedauerte, daß die Suppe schon in den Tellern stand; sie
hätte sie so gerne aufgefüllt! Sie ließ ihre Augen kontrollierend über
die Tafel gehen, behauptete, sie habe mehr bekommen als die andern, und
wollte schon auf die kleine Glocke schlagen, aber Herr Sintrup, der
jetzt lebhaft zu Elfriede über Knallbonbons redete: die müßten an einem
Weihnachtsbaum hängen, er selbst habe sich seinerzeit unter
Knallbonbonsschüssen verlobt -- verstand halb ihr Wort und ihre
Bewegung, schob seinen Arm dazwischen, machte: bsch, bsch, bsch! und
warf Pitt einen aufmunternden Blick zu als wolle er sagen: Beschäftige
du doch diese Dame! Das Hündlein, das hervorgekommen war, mußte sich
wieder zurückziehen. Fräulein Nippe fühlte sich etwas zurückgesetzt. Und
doch: wie echt männlich, sorglos-froh war dieser Zwischenruf! Freilich,
heute früh war Herr Sintrup etwas liebenswürdiger gewesen; das war aber
ganz natürlich! Jetzt saß eben eine Jüngere an seiner Seite, und da
folgte er seiner herrlichen Hahnrei-Natur! Ob es denn ganz aussichtslos
war, daß sie bei ihm Hausdame werden könnte?!
Sie gab es vorerst auf mit ihm in ein Gespräch zu kommen, und wandte
sich an Pitt, mit dem Herr Könnecke eine Unterhaltung führte über
Stunden im allgemeinen und im besondern. -- Was ist dies für ein Fisch?
fragte sie und deutete auf das viereckige grauhäutige Stück auf ihrem
Teller. Pitt überhörte dies, aber sie faßte ihn am Ärmel. -- Das ist
eine Forelle! -- Wie interessant! Sie nickte zartfühlend, als habe er
ihr etwas Diskretes mitgeteilt. -- Schafskopf! rief Herr Sintrup mitten
aus seinem Gespräch heraus, Steinbutt ist es. Ist es etwa das erstemal,
daß du einen Steinbutt zu Gesicht bekommst? Haben wir den nicht oft zu
Hause gegessen, und Forellen womöglich noch öfter? Er erklärte den Namen
Steinbutt und forderte Fräulein Nippe auf, die Haut zu untersuchen, da
fände sie die Steine drin. Fräulein Nippe fand sie wirklich, war aber im
Zweifel, ob das nicht eine neue Irreführung sei, und äußerte sich nicht
weiter. Herr Könnecke aber erzählte eine Geschichte: wie er als Junge
einmal geangelt habe, ganz aus Zufall, nur weil er jemand traf, der
gerade angelte, und wie er dann wirklich einen Fisch gefangen habe. Aber
das Tier hätte so traurig mit den Kiemen geklappt und ihn so
erbarmungswürdig angesehen, daß er es schnell in die Freiheit
zurücksetzte. Dies sei das einzige Mal in seinem Leben, daß er eine
Tierquälerei beging. -- Fräulein Nippe fand diese Erzählung
uninteressant; viel interessanter sei es, zum Beispiel darüber zu
debattieren, ob wohl die Nachtigall aus Hunger sänge oder aus Liebe. Sie
glaube nun und nimmer, daß sie des Hungers wegen sänge -- dann würde sie
doch einfach fressen. -- Liebe ist auch Hunger! warf Pitt mechanisch
ein, der immer nur auf das hörte, was sein Vater sprach. -- Liebe ist
allerdings Hunger! rief sie und nahm einen tüchtigen Schluck Wein. Und
dann redete sie von den schwülen Sommernächten, in denen man sich
ruhelos auf seinem Lager wälze, so daß das Bettuch am nächsten Morgen
ganz zerknüllt sei: Poesie und Prosa wohnen so dicht beisammen, und die
Dinge sehen am Tage anders aus, als wenn man sie durch die Brille eines
bengalischen Lichtes betrachtet!
Selma kucke mal! sagte Herr Könnecke und hob seine Roastbeefscheibe an
der Gabel hoch. -- Was willst du denn? -- Nichts, ich freue mich nur. --
Ach, wenn man denkt, sagte sie wieder zu Pitt, daß während wir hier
schwelgen, Tausende von Menschen hungern -- und sie führte dies des
weiteren aus. Aber Sie sind ja so still geworden?! Drückt Sie ein
Kummer? Mir können Sie ihn erzählen, es gibt doch nichts Größeres als
einen Menschen aufzurichten! -- Können Sie schweigen? -- Vollkommen!! --
Dann schweigen Sie mal zehn Minuten! -- Fräulein Nippe durchfuhr es
unbehaglich. Aber vielleicht mußte er sich erst sammeln für seine
Geschichte? -- --
Herr Sintrup hatte inzwischen dem Weine fleißig zugesprochen, war sehr
lebhaft geworden, erzählte Eisenbahnanekdoten und nannte alle besten
Hotels, in denen er je abgestiegen war; überall dienerten die Portiers
schon aus der Ferne, er war durch reichliche Trinkgelder bekannt. Er
zählte die besten Weine auf und betonte, daß auch in seinem Hause gut
gelebt würde, wenn er es sich auch nicht gestatten könne, so wie die
Großherrn der Hansastädte Feste zu geben, die gleich in die Tausende
gingen. Aber hoch in die Hunderte -- so log er -- ist es bei uns auch
schon oft gegangen. Er ließ sich in seinen Übertreibungen immer freieren
Lauf, da seine Worte auf Elfriede nicht so zu wirken schienen, wie er es
gern gesehen hätte. Pitt hatte bisher an der Unterhaltung wenig
teilgenommen, und sich darauf beschränkt, mit anscheinender Kindlichkeit
seinen Vater öfter in irgendeine Klemme zu bringen, worauf er dann
Elfriede einen stillen Blick zuwarf. Aber er langweilte und ärgerte sich
dabei, und wie er dachte, Elfriede habe nun genug gesehen und gehört, um
seinen Vater richtig zu beurteilen, beschloß er, ihn gleichsam in der
Idee seines Wesens ihr vorzuführen: Anstatt ihn zurückzuhalten, spornte
er ihn möglichst an, sich selbst zu überbieten, und um ihm dies noch zu
erleichtern, begann er, erst leise, dann stärker, seine Bewegungen,
seinen Tonfall nachzuahmen, schließlich kopierte er ihn geradezu in
seinem Wesen; sein Gesicht nahm einen leise boshaften Zug an. Mit
unverfrorener Miene stellte er die gröbsten Behauptungen über das Leben
zu Hause auf, und Herr Sintrup bekräftigte dann jedesmal seine Worte, so
wie jemand wohl im Spiele einem Ball, der, von einem Hinterstehenden
derselben Partei geschlagen, an ihm vorbeifliegt, noch einen zweiten
Schlag versetzt, damit er auch ganz sicher und knallend zum Ziele kommt.
Endlich, so dachte er, fängt dieser Pitt an zu begreifen, worauf ich
hinaus will. -- Elfriede durchschaute Pitts Absicht genau, aber wie er
nun sein eigenes Wesen so vollkommen verleugnete, daß sie ihn kaum mehr
erkannte, wie er so erschreckend seinem Vater glich -- dessen Sohn er
doch auch in der Tat war, kam sie sich ganz verlassen vor, sie empfand
zwiespältig gegen ihn, ihr eigenes gerades, einfaches Wesen widersetzte
sich dem, was sie sah, mit aller Kraft, und als Herr Sintrup dem Kellner
etwas zurief, flüsterte sie ihm zu: Pitt, ich _kann_ dies Wesen nicht
länger ertragen! -- Und wie Herr Sintrup seine Sätze wieder aufnahm,
wandte sie sich an Herrn Könnecke und bat ihn, ihr eine Aufgabe zu
erklären, die sie für ihn zu lösen hatte. Herr Könnecke zog seinen
Bleistift aus der Tasche, suchte nach Papier und war nicht zu bewegen,
die fragliche Figur auf das Tischtuch hinzuzeichnen. Herr Sintrup riß
ein Blatt aus seinem Notizbuch und beugte sich zu Elfriede hinüber, um
mitzulernen, wie er sagte, während Elfriede ein wenig zur Seite wich.
Herr Könnecke wurde sehr gründlich, und seine Stimme war genau so wie in
der Schule. -- Wo sind denn die Quadrate? fragte Herr Sintrup. Ich sehe
nur so was wie ein Dreieck, und Sie sagen immer: A Quadrat. -- Das
Quadrat sitzt hier! sagte Herr Könnecke und deutete auf eine Linie. --
So? na, gut, daß man das weiß; _ich_ sehe es immer noch nicht! -- Es ist
auch nicht da, man denkt sich das nur! belehrte Herr Könnecke. -- Wer
zwingt mich denn aber, mir da ein Quadrat zu denken? Wenn ich mir da nun
lieber einen Kreis denke, oder ein Kreuz, oder einen Pinsel? -- Herr
Könnecke sah ihm starr in die Augen: Da _muß_ aber ein Quadrat sitzen!
sagte er endlich, und dann malte er es hin, liebevoll und langsam. --
Ist es nun da oder nicht? fragte er, und sah es zufrieden an, wie einen
Freund, den man in seiner Abwesenheit gegen einen andern verteidigt hat
und der gleich darauf ins Zimmer tritt. -- Das ist ein schöner Beweis!
rief Herr Sintrup, machte ein Kreuz über die Linie und sagte: ist es nun
da oder nicht?! -- Ich glaube es steht ganz wo anders! sagte Pitt, indem
er es auf seines Vaters Stirn zu suchen schien. -- Ein jeder hat sein
Kreuz zu tragen! seufzte Fräulein Nippe, und wenn man meine alle sähe --
ich sähe aus wie ein Kirchhof. Herr Sintrup schielte zu ihr herüber und
dachte: Sie ist ja eine ganz nette Person, aber wenn sie wenigstens das
eine Kreuz, das man an ihr sieht, nicht so windschief tragen wollte! --
Herr Könnecke runzelte die Stirn. In der Schule würde er jetzt gesagt
haben: Och bitte wollt Ihr nicht gefälligst ruhig sein! -- Dann dämpfte
er seine Stimme zum Ton einer vertraulichen Mitteilung herab, zog noch
andere Linien, stellte seine Gleichungen auf und überhörte Herrn
Sintrups Zwischenrufe, der sich den Scherz machte, das Wort »Quadrat«
immer durch das Wort »Kreuz« zu verbessern, oder zu »durchkreuzen«, wie
er sagte. --
Dieser Schafskopf! dachte Herr Sintrup, ich war so schön mit ihr im
Gange, und Pitt ist doch ein prächtiger Junge! -- Er sann über einen
neuen Witz nach, fand aber keinen, fühlte sich infolgedessen, unbeachtet
wie er war, plötzlich auf einem allgemeinen öden Nullpunkt, trommelte
mit den Fingern auf den Tisch und wandte sich dem Weine zu.
Fräulein Nippe erachtete jetzt den Zeitpunkt für gekommen, sich Herrn
Sintrup zu nähern.
Für uns sind dergleichen Dinge nicht! sagte sie in einem halb
konstatierenden, halb leise überredenden Tone gleichgestimmter Seelen:
Ich habe mein Leben lang ohne Mathematik auskommen können, und Sie als
Kaufmann haben weiß Gott an ernstere, schwierigere Dinge zu denken.
Haben Sie mehrere Söhne? -- Jawohl, noch einen, nickte Herr Sintrup. --
Ist er ebenfalls -- wird er auch studieren? -- Höchstwahrscheinlich!
sagte Herr Sintrup in einem vollkommen geschäftsmäßigen Ton; aber
Fräulein Nippe hörte einen Unterton. Ja, sagte sie, es ist traurig, wenn
ein Vater sein großes, blühendes Geschäft immer weiter ausgestaltet, und
sich am Ende sagen muß: Für wen habe ich gearbeitet? Es geht ja doch
alles in fremde Hände über. -- Sehr vernünftig, wirklich vernünftig! --
Dann wird Ihr großes Haus aber recht einsam, wenn Ihre Kinder beide fort
sind; oder haben Sie noch Töchter? -- Nee; -- ja ein bißchen öde wird es
wohl, zudem meine Frau im Grunde doch recht leidend ist, seit netto
dreieinhalb Jahren. -- Ach! -- Fräulein Nippe machte ein tief
bedauerndes Gesicht; zugleich aber war ihr, als habe sie plötzlich viele
Stufen mit einem Male übersprungen. -- Ja, sagte sie, und dann ein
ganzes, großes Hauswesen führen, das strengt an; zumal wenn keine
Töchter da sind. Da sollten Sie sich doch nach einer Hausdame umsehen,
um die Frau Gemahlin zu entlasten. -- Das kann ich ja auch mal, wenn es
nötig ist, das ist doch furchtbar einfach. -- So furchtbar einfach ist
das nicht! meinte Fräulein Nippe bedenklich: Herzensbildung, wahre
Herzensbildung gehört dazu, und die findet man sehr, sehr selten. Ich
habe selbst einmal länger einen Haushalt geführt. Wie war der vorher
verwahrlost, durch gemütsrohe Damen, die vor mir da waren! --
Holla! dachte Herr Sintrup; sollte die Absichten haben? Sich einnisten
wollen, um später, wenn die Frau tot ist, den Mann zu heiraten? Dabei
schoß ihm eine andere Idee durch den Kopf; er sah nach seiner Uhr,
steckte sie aber beruhigt wieder ein. -- Nein, nein, sagte er, mir
genügt schon, wenn die Person keine silbernen Löffel stiehlt. --
Fräulein Nippe fuhr ein klein wenig zurück, als wolle sie einem
Stäubchen ausweichen, das an ihrer Nase vorüberflöge. Und Herr Sintrup
redete weiter: Brauche bloß zu annoncieren, am nächsten Morgen steht der
ganze Vorplatz voll. -- Ja, aber ich meine doch -- Fräulein Nippe
stockte. -- _Was_ meinen Sie? fragte Herr Sintrup und grinste einfach.
Der Nachtisch wurde aufgetragen. -- Seid Ihr da unten immer noch nicht
fertig? Wer jetzt noch rechnet, kriegt keinen Champagner, das ist mal
sicher! -- Gleich! antwortete Herr Könnecke, als ob Herr Sintrup sein
Direktor wäre. Der Pfropfen sollte mit einem Knall zur Decke springen.
-- Das ist hier nicht üblich! hauchte der Kellner. -- Üblich oder nicht:
Knallen soll er! Und Herr Sintrup öffnete persönlich die zweite Flasche.
-- Ach der liebe Hund! sagte Fräulein Nippe, die verärgert auf ihrem
Stuhl saß, er fürchtet sich und ist zu mir gekommen! Sie nahm das
Hündlein auf den Schoß, streichelte und küßte es, und da es faul bei ihr
verharrte, meinte sie, es habe sich schon ganz an sie gewöhnt: Tiere
haben einen viel freieren Instinkt als die Menschen; sie fühlen sofort
wer sie lieb hat: sehen Sie nur wie er mich ansieht! Sie drückte es
zärtlich an sich. Wie heißt denn dieses Tier? fragte Herr Sintrup, der
die Gläser füllte, mit einem etwas boshaft musternden Blick. --
Eigentlich heißt es Lili! sagte Elfriede. Fräulein Nippe fand, als sich
nun alle zum Anstoßen der Gläser erhoben, einen schicklichen Grund, sich
dieses Tieres sogleich wieder zu entledigen. -- Ach Gott, schmeckt das
mal wundervoll! sagte Herr Könnecke, und als Herr Sintrup die Gläser zum
zweiten Male füllte, fragte er selbstvergessen: kann ich _auch_ noch? --
Herr Sintrup wandte sich jetzt ausschließlich wieder zu Elfriede; er
zwinkerte von ihr zu Pitt und von Pitt zu ihr, und sagte, wie wenn er
einen Satz verschluckt hätte: Na, in ein paar Jahren werden wir uns
hoffentlich wieder sprechen. Er war nicht mehr nüchtern, seine
Anspielungen wurden immer deutlicher, und dann wollte er gern ihr »süßes
kleines Händchen« küssen. -- Luft, Luft, rief Fräulein Nippe plötzlich,
man erstickt hier ja! eilte zum Fenster, öffnete es und verharrte an der
Gardine. Herr Könnecke, der nun nicht mehr beweisen konnte und sich ohne
seine Cousine unbehaglich zu fühlen begann, folgte ihr, unter dem
Vorwand, das Fenster wieder zu schließen, falls es kalt würde. -- Sie
starrte verdrossen in die Nacht hinaus; ach geh doch! sagte sie
unwirsch, und befangen zog er sich langsam wieder zurück. -- Herr
Sintrup hatte inzwischen rasch ein paar aufklärende Worte an Elfriede
und Pitt gerichtet, und sagte jetzt: Paßt mal auf, wie ich die wieder
rumkriege! -- Er erhob sich, trat zu ihr hin, reichte ihr ein neues Glas
und sagte: Also besinnen Sie sich vielleicht doch noch? -- Wieso? fragte
sie mißtrauisch. -- Nun, ich dachte mir, an der einen Erfahrung als
Hausdame hätten Sie genug, und deshalb fragte ich nicht weiter. Aber
wenn Sie einmal Lust haben sollten, dann ließe sich ja weiter über die
Sache reden. -- Zunächst konnte sie vor Überraschung nicht viel erwidern
und sagte nur: O bitte. -- Erst allmählich ward ihr alles klar: Wie
grundfalsch hatte sie diesen Mann beurteilt! Nichts, gar nichts hatte er
bemerkt! Sie hatte die Unterhaltung dahin dirigiert, wohin sie sie haben
wollte, und er meinte, er habe dies getan! Freilich, daß er sagte, er
wolle keine Person, die silberne Löffel stehle, und dabei schon an sie
dachte -- nein, ganz fein war das nicht; aber er meinte das ja gar nicht
so! Reiner Widerspruchsgeist gegen ihre eigene vorher geäußerte Meinung
über das Ideal einer Hausdame; Männer widersprechen doch so gern! Und
daß er ihr einmal geradezu ins Gesicht lachte -- mein Gott, ein bißchen
plumpe Kindlichkeit, ja geradezu Verlegenheit war das gewesen! Dieser
Mann wollte ganz einfach, ganz natürlich behandelt werden! Sie streckte
ihm die Hand entgegen und sagte: Also: Ein Mann -- ein Wort! -- Was
verabredest du denn da mit Herrn Direktor? fragte Herr Könnecke
neugierig. -- Ich werde bei Herrn Direktor Hausdame! sagte sie mit
Genugtuung. -- Ihm war, als fiele er irgendwo herunter und er sah sie
flehend an. -- Sie lächelte gönnerhaft: Einmal muß ja doch geschieden
sein, daß es nun so bald geschähe, hätte ich freilich auch nicht
gedacht. -- Sie trank den Rest aus ihrem Glase. -- Na, so bald ist es
hoffentlich nun nicht! meinte Herr Sintrup. -- Sie wollte gerade
antworten: Hoffentlich wohl doch! als ihr die Situation wieder einfiel.
-- Allerdings! sagte sie zartfühlend; hoffen wir, daß es noch recht --
noch ziemlich lange dauert! Sie reichte ihm wieder die Hand, als wenn
sie sich soeben verlobt hätten, und Herr Sintrup schnitt ein vergnügtes
Gesicht. -- Herr Könnecke war noch immer in seiner Erstarrung: der ganze
Champagner schmeckte ihm nicht mehr. Jetzt flüsterte Pitt ihm zu, alles
sei nur ein Scherz; sein Vater habe es ihm selbst gesagt; er erlaube
sich öfter solche Scherze. Da fühlte sich Herr Könnecke wie von einem
Eisenpanzer befreit, er empfand plötzlich eine starke Lebensfreude und
sagte unvermittelt: Schiller ist doch wirklich der größte Dichter! Ich
verstehe zwar nicht viel von Literatur und komme selten ins Theater,
aber immer wenn Wilhelm Tell gegeben wird, denke ich: da möchte ich
rein! Ich gehe auch manchmal in Wilhelm Tell, und ich kann mir nicht
helfen: immer wenn er auf den Apfel zielt, denke ich: Jetzt trifft er'n
nicht und schießt den Jungen tot! Maria Stuart habe ich auch mal
gesehen, aber das mag ich nicht so gerne; ich denke immer: Wozu reden
die soviel, es hilft ja nichts, -- sie wird ja _doch_ enthauptet. -- Das
verstehst du eben nicht! rief Fräulein Nippe, du hast keinen Sinn fürs
rein Poetische! Ach, immer wenn die Worte kommen: Eilende Wolken, Segler
der Lüfte, -- da weine ich jedesmal meine Naht 'runter! Wird in Ihrem
Theater viel Schiller gegeben? wandte sie sich an Herrn Sintrup. --
Jawohl! Räuber, Don Cesar, Tell -- das wird alles bei uns gegeben! --
Fräulein Nippe sah schon im Geiste einen Abonnementsitz, und sich
darauf, im schwarzen Seidenkleide. -- Du darfst uns dann mal besuchen!
wandte sie sich an ihren Vetter, und dem gab es wieder einen Stich,
obwohl er ja wußte, daß alles nicht wahr sei; aber sie redete auf einmal
so zu ihm, als ob sie -- als ob er -- er wußte selber nicht wie. -- Und
die Kinder, wenn die in den Ferien heimkommen, die sollen es dann schon
gemütlich finden! Sie sah zu Pitt herüber: Nicht wahr, ich sorge doch
jetzt schon für Sie wie eine Mutter! Dann wandte sie sich wieder an
Herrn Sintrup: Sie sollen sehen, wie auf einmal alles blitzblank und
sauber in Ihrem Hause wird! -- Das wäre sehr zu wünschen! -- Dann wäre
es aber doch vielleicht das beste, ich käme bald! -- Ja, offen
gestanden: lieber heut als morgen. -- Aber Sie drolliger Mann, weshalb
lassen Sie denn alles so langsam aus sich herausziehen?! -- Elfriede
erhob sich; sie wollte diese Szene nicht mehr bis zum Ende mit ansehen.
-- Ich begleite dich! sagte Pitt. Herr Sintrup, der wieder zum Tisch
getreten war, hörte, wie sein Sohn -- der dieses selbst nicht wußte --
in so vertrauter Form zu Elfriede sprach. Sieh mal! dachte er, die
beiden sind ja schon viel weiter als ich dachte; na, das hätte er mir
auch wohl vorher sagen können, dann hätte ich mir selber nicht so viel
Mühe zu geben brauchen. -- Er sah nach seiner Uhr und fand die Zeit
genügend vorgeschritten, um selber aufzubrechen. -- Das ist ja aber
jammerschade! rief Fräulein Nippe, jetzt, wo wir erst anfangen, recht
gemütlich beieinander zu sein. Bleiben Sie doch noch! fügte sie hinzu,
als sei sie die Hausfrau und Gastgeberin. -- Ich _muß_ leider gehen!
sagte Herr Sintrup, aber es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, wenn
Sie mit Ihrem Herrn Onkel oder Vetter den Abend feiern solange Sie
wollen. Ich werde dem Kellner die Weisung geben, mir die Rechnung später
zuzuschicken; man kennt mich hier genügend, ich zahle alles. Suchen Sie
sich nur das Beste raus! Fräulein Nippe nahm diesen Vorschlag begeistert
an und pries seine »gentile Großmut«, während Herr Könnecke rot wurde
und sich wie ein Bettler behandelt vorkam. Er protestierte auch dankend
und zog sich seinen Mantel an; sie war aufgebracht, und als alles nichts
half, rief sie: Du hast überhaupt gar nicht mitzureden! Du warst ja von
Anfang an gar nicht mit eingeladen! Ich habe dich doch nur mitgenommen!
-- Und _Sie_ wurden von _mir_ mitgenommen, das kommt doch auf eins
heraus! sagte Herr Sintrup ärgerlich und wollte damit Herrn Könnecke
über die Situation hinweghelfen. -- Nun war Herr Könnecke eisern in
seinem Entschluß, und Fräulein Nippe mußte ihm wohl oder übel folgen.
Herr Sintrup warf noch große Trinkgelder um sich; dann stand man draußen
und nahm Abschied. -- Schreiben Sie mir nun recht bald so einen
richtigen Schreibebrief! wandte sie sich an Herrn Sintrup; und
überhaupt, wann soll ich denn nun kommen? -- In dem gutmütigen Herrn
Könnecke wachte plötzlich ein Rachegelüste auf, für alles, was seine
Cousine ihm heute abend angetan hatte: Mach dich doch nicht lächerlich!
sagte er nachdrücklich; merkst du denn nicht, daß Herr Direktor nur
einen Scherz mit dir gemacht hat?! -- Fräulein Nippe fühlte etwas
Eisiges ums Herz herum: Haben Sie sich wirklich einen Scherz mit mir
erlaubt? -- Ungemein ernst, rief Herr Sintrup, seinen Hut im Abgehen
schwenkend, ungemein ernst ist es nicht gewesen. -- Sie würgte an ihrer
Enttäuschung, und in dem heftigen Bedürfnis, nichts davon zu zeigen,
rief sie in erzwungen heiterem Ton Pitt nach: Sie sind mir ja noch Ihre
intime Geschichte schuldig, wissen Sie nicht mehr? -- Ein andermal, ein
andermal! tönte Herr Sintrup zurück: Bis dahin ist sie dann _noch_
intimer geworden! Sie sah ihnen noch einen Moment unbeweglich nach, dann
wandte sie sich zu ihrem Vetter: Nun sind wir wieder allein! sagte sie,
und während sie sich innig an seinen Arm schmiegte, erfaßte sie eine
irritierte Wut gegen ihn, der ihr gleichsam übergeblieben war. Und in
ihm schmolz sogleich die Bitterkeit: wenn man der Sache auf den Grund
sah -- hatte sie denn so unrecht, daß sie mit beiden Händen zugreifen
wollte? Was konnte _er_ ihr denn bieten? --
Herr Sintrup verabschiedete sich inzwischen von Pitt und Elfriede. Er
dachte an seine Verabredung, war eigentlich nicht mehr recht in
Stimmung, wollte sie aber trotzdem innehalten, da die Stimmung sich wohl
wieder einstellen würde. -- Kann man dich auch so allein gehen lassen?
fragte er neckisch und drohte Pitt mit dem Finger. Was siehst du mich
denn so komisch an? Da Pitt nicht antwortete, kam eine kleine Pause,
Herr Sintrup schaute von einem zum andern, dann, wie nach einem
Entschlusse, reichte er Elfriede die Hand, schlug die Hacken wieder
zusammen, und verband damit den Anfang und das Ende seiner heute abend
durchlaufenen Kreisbahn tadellos und klappend prompt. --
Pitt holte aus tiefster Brust Atem und sagte langsam: Gott sei Dank.
Dann holte er noch einmal Atem, und dann zum drittenmal. -- Hatte ich
Ihnen nicht gesagt, fragte er nach einer Weile traurig, wie alles werden
würde? Und ich selbst komme mir Ihnen mit einem Male ganz fernegerückt
vor; es kann ja auch kaum anders sein. -- Ihr war, als erwache sie aus
einem beklemmenden Traume. Sie hörte seine Stimme wieder, all das, was
sie heute abend von ihm abgestoßen hatte, erschien ihr jetzt nur noch
unendlich traurig, das alte, echte Gefühl strömte voll in sie zurück,
ihr war, als habe sie ihn noch viel lieber als früher. Und sie sagte es
ihm. Wirklich?? fragte er, und ergriff ihre Hand. Und dann wurde er
allmählich sehr vergnügt und pfiff eine Melodie, die er durch sie
kannte, während sie wortlos und nachdenklich neben ihm herschritt.
Ich begleite dich! Diese Worte hörte sie noch, als alles still und
dunkel um sie war.
Drittes Kapitel.
Das Semester nahte seinem Ende, die Zeit des Abschiedes rückte heran,
Elfriede wurde traurig. -- Ich komme ja in ein paar Monaten wieder!
meinte er. -- Aber das ist doch furchtbar lange bis dahin! rief sie und
sah ihn fast empört an über seinen Gleichmut.
Seit einiger Zeit nannten sie sich du. Pitt hatte sich nach jenem ersten
noch ein zweites Mal versprochen, und Elfriede dachte: Wenn er es ein
drittes Mal tut, so sage ich ihm, daß es nun kein Versprechen mehr sein
soll. Hedwig fand diese Art des Verkehrs geschmacklos und nannte
Elfriede undiszipliniert. --
Du könntest doch für die Ferien mit uns aufs Gut gehen! -- Dieser
einfache Gedanke fiel ihr plötzlich ein. Er sah sie überrascht und
hocherfreut an: Löste sich die Frage so wie Elfriede vorschlug, so
brauchte er das ganze Jahr mit der Existenz seiner Familie so gut wie
gar nicht zu rechnen, denn nach den Ferien würde er mit den van Loos
zurückgehen, und dann war wieder für ein halbes Jahr vorgesorgt. --
Frau van Loo gab Elfriede nicht sofort die schnelle Antwort, die sie
erwartete und Pitt gleich zu überbringen dachte, erst am übernächsten
Tag rief sie Elfriede zu sich und sagte in beiläufigem und zärtlichem
Ton zu ihr: Also sage ihm, daß er mitgehen darf, du dummes Mädchen. --
Hedwig war, wie zu erwarten stand, nicht einverstanden mit diesem Plane:
Freundschaften solle man in maßvollen Grenzen halten, nur dann könnten
sie von Dauer sein. Du übersiehst -- so sagte sie zu ihrer Mutter -- was
ich schon lange kommen sehe: Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit,
daß sich Elfriede in diesen Menschen verliebt, sonst könntest du gar
nicht so unbedachtsam handeln. -- Hältst du mich eigentlich für dumm?
war alles was Frau van Loo ihr antwortete, in einem freundlichen Tone,
der alles weitere abschnitt. Da sprach Hedwig mit Elfriede selber. Aber
Elfriede antwortete nur, es sei eine Gemeinheit von Hedwig zu behaupten,
daß sie sich verliebe. --
Pitt wußte von den ersten Unentschiedenheiten nichts und erfuhr nur die
Tatsache. Aber da darüber Tage hingingen, ahnte er doch den
Zusammenhang. -- Er lächelte für sich, denn unwillkürlich dachte er all
die Fragen nur in Bezug auf sich selber und nicht auf Elfriede. -- Wenn
das Verlieben etwas so Stilles, Gemütliches war wie er es selbst
empfand, so lag wahrhaftig kein Grund vor, sich darüber aufzuregen. --
Wenigstens soll er nicht mit uns fahren, sondern allein nachkommen!
sagte Hedwig, ich finde dies stillos. -- Aber Frau van Loo meinte, es
sei kein Grund vorhanden seine Existenz und seine Freundschaft zu der
Familie zu verleugnen.
Am Morgen der Abfahrt erschien noch einmal Herr Könnecke bei Pitt, um
sich zu verabschieden. Pitt hatte den größten Teil seiner Sachen
zusammengepackt und in eine Ecke gestellt; da sollten sie bleiben bis er
wiederkäme. Auf diesem Haufen saß er, als Herr Könnecke eintrat. Der war
gerührt, was Pitt mit Erstaunen sah. -- Wir haben noch nie im Leben
einen Zimmerherrn gehabt, aber wenn ich jetzt das Zimmer sehe, so mag
ich es viel lieber als früher, und denke, Sie müßten nun immer drin
wohnen. Sie haben so treu zu uns gehalten! -- Worin das liegen sollte,
wußte Pitt nicht, aber wie Herr Könnecke nun treuherzig seine Hand
schüttelte, stieg in ihm eine unklare Empfindung auf von Ankergrund und
Hafenruhe. Doch als Herr Könnecke ihn verlassen hatte, dachte er
sogleich wieder: Ob ich wohl wirklich in dies Zimmer zurückgehe? Habe
ich hier eigentlich nicht schon lange genug gewohnt? --
Fräulein Nippe bedauerte, daß Pitt ging, und äußerte Befürchtungen, daß
er ihre Pflege sehr vermissen werde. Aber Frau van Loo, sagte sie, ist
eine gute Seele. Ich habe sie zwar nur ein paarmal in ihrer Equipage
fahren sehen, aber man hat doch seine Menschenkenntnis. Und dazu diese
fürstliche Erscheinung! Wenn auch nicht alles echt an ihr sein mag --
lieber Gott, wenn man jung aussehen will und zum Beispiel graue
Augenbrauen hat, färbt man sie doch, und wenn man den ganzen Tag nichts
zu tun und Geld wie Heu hat, und nicht einmal seinen Körper pflegen will
-- -- Fräulein Nippe hätte keine ihrer Andeutungen auch nur mit dem
Scheine eines Grundes bekräftigen können, aber auf den Gedanken wäre sie
auch nie gekommen. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen: Wie steht es
denn jetzt mit Ihnen beiden? Ich meine diesmal aber das Fräulein! --
Hören Sie mal, sagte Pitt, der sich mühte, seinen Handkoffer zu
verschnallen, -- Sie werden zudringlich. -- Fräulein Nippe wich ein
wenig gegen die Tür zurück, als fühle sie sich schon halb
hinausgeworfen. -- Herr Sintrup, meinte sie, Sie müssen sich Ihre Worte
mehr überlegen! _Ich_ verstehe Sie ja richtig, aber andere werden Ihre
Worte manchmal falsch auslegen. Sie wissen, daß ich nur Ihr Bestes will.
Kann ich etwas dafür, daß Sie es ablehnten, als ich mich erbot,
nachmittags oder abends, so oft Sie wollten, an der Musikschule zu
warten und ihr ein Briefchen zu übermitteln, wo mich mein Weg sowieso
dort in der Nähe vorbei führt? --
Als Pitt sich ein letztes Mal in dem Zimmer umsah, hatte er plötzlich
das Gefühl, er werde es nie wiedersehen, als werde irgend etwas
Drohendes eintreten, das fast hinter ihm stand. Im nächsten Augenblick
lachte er über sich selbst. --
Eine Stunde später saß er mit den andern in der Eisenbahn. Hedwig hatte
einen spannenden Roman für die Fahrt mitgenommen und blickte selten von
ihrem Buche auf, Frau van Loo lehnte den Kopf zurück und schlief auf
öden Strecken, ließ sich aber von Elfriede aufwecken, wenn es etwas
Schönes zu sehen gab, und dann schien es jedesmal, als habe sie
überhaupt nicht geschlafen, sondern nur die Augen geschlossen, um sich
Langweiliges zu ersparen.
Elfriede war während der Fahrt in schönster, zufriedener Stimmung. Was
sie wollte, hatte sie erreicht: Pitt saß neben ihr; sie fühlte sich
glücklich, wenn sie daran dachte, wie er jetzt da draußen innerlich
aufleben und die Natur genießen würde. Und daß _sie_ ihm dazu verhalf,
das war das schönste. Leise redete sie mit ihm, was sie alles draußen
tun würden, und wie sie sich auf alles freue. Sie beschrieb ihm genau
die Lage des Gutes, und er hörte mit willigem Interesse zu, obgleich ihm
ihre Schilderungen unbehaglich waren: Bei Beschreibungen von Gegenden
konnte er nichts, gar nichts empfinden, im Grunde langweilten sie ihn
nur. Während sie erzählte, sah er auf ihre Finger, und er konnte es
nicht ändern, daß seine Gedanken allmählich abirrten. Wie fest, fein und
gedrungen waren ihre Hände! Er verwunderte sich, wie sie jetzt so
unbeweglich auf ihrem Knie lagen, daß sie die Kraft haben konnten, große
und schwere Akkorde erklingen zu lassen; das paßte doch eigentlich gar
nicht zu Elfriedes Wesen. Paßte die Musik überhaupt zu ihr? Er hatte ihr
nie etwas darüber gesagt; zu Anfang ihrer Bekanntschaft bewunderte er
ihre Kunst, da sie ihm neu war, und Elfriedens Wesen durch sie gehoben
erschien. Aber je öfter er sie spielen hörte, je gewohnter ihm ihr Spiel
wurde, um so mehr verlor es seinen Zauber, und jetzt fragte er sich, ob
sie nicht ebensogut irgend etwas anderes hätte ergreifen können, was sie
ebenso glücklich gemacht haben würde. -- Was denkst du? fragte Elfriede
endlich, da er nicht mehr antwortete und sie bemerkte, wie sein Blick so
nachdenklich auf ihrer Hand ruhte. -- Er errötete fast wie wenn er
ertappt wäre. Sie suchte den Sinn dieses Errötens still zu erraten, und
als er sie nun anblickte, mit irgend einem Verschweigen in den Augen,
war ihr als rinne ein geheimer, stiller Strom durch sie beide. -- Frau
van Loo erwachte von selber und fragte, wie es denn käme, daß sie durch
Italien führen: das da ist doch eine Pinie! Hedwig sah von ihrem Buche
auf und erklärte, es sei eine Kiefer, worauf Frau van Loo entgegnete,
dann sähen in Italien die Pinien genau so aus, wie hier die Kiefern. --
Schlaf nur wieder! tönte Hedwig aus ihrer Ecke, wenn du das nächstemal
aufwachst, sind wir vielleicht schon in Batavia. -- Ach wären wir doch
wieder in Batavia! sagte Frau van Loo freundlich; hier in Deutschland
friert man immer und niemand sorgt für einen. Wenn ihr beide einmal
verheiratet seid, gehe ich mit Harald zurück in die alte Heimat. -- Aber
Harald geht doch zur See! warf Elfriede ein. -- Das ist ganz gleich; er
kann dann auch manchmal ein bißchen zur See gehen. Harald ist der
einzige, der mich lieb hat, ihr beiden andern mögt meinetwegen eure
Männer lieben, Harald wird niemand lieben außer mir! Sie zog die
Augenbrauen ein wenig in die Höhe und sandte einen zärtlichen Blick auf
Elfriede; dann ging er, noch immer etwas zärtlich, aber vorsichtiger, zu
Hedwig hinüber, die schon wieder in ihrem Buche las. --
Ein elegantes, ländliches Gefährt erwartete sie an der Endstation.
Friedrich, der Diener, verlud die Koffer auf einen bereitstehenden
Stellwagen. So fuhren sie nun in das stille Land hinein. Frau van Loo
sog die gute Luft ein und sagte, um sich blickend, sie habe sich vorher
geirrt: Deutschland sei doch das schönste Land der Erde. -- Hedwig hatte
ihren Roman eingepackt und erläuterte den Zusammenhang der Hügelketten
mit dem weiteren Gebirge. Elfriede beschäftigte sich mit dem Hündlein,
das, froh seinem Zwinger entkommen zu sein, bald an dem einen bald an
dem andern emporzuspringen suchte.
Die Sonne war gesunken; weinfarben lag der Westen und verlor sich in ein
immer tieferes Blau, das nach Osten zu sich bereits zu einem Dunkel
verdichtete. Ein Fenster im fernen Dorfe blinkte rot. Unwillkürlich
heftete sich Pitts Blick darauf. Elfriede folgte seinen Augen. Sie sahen
es blasser werden bis die Farbe ganz verlosch. Schatten zogen über ihre
Köpfe, in leiser Bewegung schienen die grünen Erdwellen um sie her zu
fluten. Der Himmelsrand hob und senkte sich; wie sie jetzt an einem
kleinen, metallisch schimmernden Weiher vorüberfuhren, spiegelten sich
in ihm die ersten Sterne. Vereinzelte kleine Häuser zogen an ihnen
vorbei, inwendig erhellt von Öllampen, goldgelb im Blau des Abends.
Dunklere Gestalten waren zu erkennen an Tellern und Schüsseln, im Kreis
vereinigt zum Gebet, ein wachsamer Hofhund bellte dem Wagen nach, das
Bellen verlor sich, man hörte nur noch das Knarren der Räder und die
fernen Geräusche des Abends auf dem Lande. --
Langsam, leise war Pitt in eine tiefe, melancholische Stimmung gekommen.
Landschaften machten ihn stets traurig: er empfand in ihnen doppelt
seine Einsamkeit. Der tiefe Abendfriede verstärkte dies Gefühl. -- Mit
seinem Verstande sagte er sich: Nach Jahren wird mir der heutige Abend
als einer der glücklichsten meines Lebens erscheinen -- ist es nicht
töricht, erst in der Erinnerung zu genießen? -- Elfriede fragte sich
vergebens nach dem Grunde seiner Schweigsamkeit. Sieh dort hinten! sagte
sie endlich, unwillkürlich leise, indem sie sich auf ihrem Rücksitz
etwas wandte. Der Weg senkte sich nach dort etwas herab; an den Köpfen
der Pferde vorbei sah man auf einen niedrigen Tannenwald, hinter dem
sich, in ungewisser Nähe, ein hohes helles Haus erhob, im kalten
Schimmer der Nacht. -- Wie lange meinen Sie wohl, daß wir noch brauchen,
um bis zu ihm zu kommen? fragte Hedwig. -- Fünf Minuten! sagte Pitt nach
kurzer Abschätzung; wir brauchen doch nur durch den kleinen Wald
hindurch und sind dann da. Wie er weiter in die Richtung blickte,
schoben sich die Tannen höher, ihre Spitzen wuchsen zu dem Haus hinauf,
es verschwand allmählich ganz, der Weg ging abwärts in die Tiefe. --
Sind wir denn hier auf einem Berg? fragte er, während es ganz dunkel um
ihn wurde. Allerdings! sagte Hedwig mit einer Art Genugtuung, Sie werden
sich noch wundern. -- Es ist doch gar kein Berg, sondern nur eine
Hochebene! bemerkte Frau van Loo, aber Hedwig überhörte es. Der Wagen
rüttelte weiter in die Tiefe. -- Man kann auch, fuhr Frau van Loo fort,
auf einem viel bequemeren Wege fahren, aber dieser hier ist schöner; er
hat eine so angenehme Überraschung, die um so angenehmer ist, weil man
sie schon kennt. -- Allmählich erreichte der Wagen den tiefsten Grund,
jetzt ließ er das Gehölz hinter sich und war im Tale. Pitt blickte um
sich und suchte das Haus: da lag es, ganz hoch oben auf einem neuen
waldigen Hügel, so daß es, von hier gesehen, die ganze Gegend zu
beherrschen schien. Jenseits hinter dem Tannenwalde, von wo sie kamen,
ahnte man nichts von der tiefen Schlucht, die dazwischen lag.
Der Himmel glühte jetzt von Sternen, und wie ein lebendig gewordener
Komet schoß und flatterte es weißlich hoch über dem Hause. Es war ein
weißer Wimpel, dessen Stange man nicht sah. Wer mag ihn aufgezogen
haben? fragte Elfriede; ich habe ihn doch selbst im Haus verwahrt, als
wir das letztemal zur Stadt fuhren. -- Sie sah scharf hinauf: Da oben
bewegt sich noch etwas, aber etwas Schwarzes; manchmal sind die Sterne
fort, und manchmal sind sie da! -- In diesem Augenblick schoß dort oben
ein schmaler Feuerstrom empor, zerteilte sich in Hunderten von goldnen
Funken, die der Wind hierhin und dorthin entführte, so daß es schien,
als schwärmten die Sterne durcheinander. Harald! sagte Elfriede
überrascht, und dann rief sie durch ihre hohlen Hände seinen Namen
hinauf, und gleich darauf trug die Luft einen wohlklingenden Laut zu ihr
herunter, der halb wie eine Antwort und halb wie eine fröhliche
Herausforderung klang. -- Dieser Junge! sagte Frau van Loo, er sollte
doch noch auf seiner Schule sein! -- Der Wagen erreichte langsam die
volle Höhe, im scharfen Trabe liefen die Pferde die Avenue hinab, die
geradewegs auf das Gebäude zuführte. Aus dem Tore schoß ein
halbwüchsiger Knabe, umarmte erst Elfriede, dann seine Mutter, küßte
Hedwig die Fingerspitzen und sah jetzt erst Pitt. -- Wer ist denn _das_?
fragte er sorglos; dann gab er ihm die Hand. -- Elfriede! sagte Frau van
Loo, als sie im Hause waren, führe den kleinen Herrn Pitt hinauf und
zeige ihm sein Zimmer. -- Das kann doch das Mädchen tun! sagte Hedwig,
aber ihre Mutter meinte, die Tochter des Hauses könne das doch besser;
sie möchte sich beeilen, da sie Hunger habe und das Essen sogleich
angerichtet werde. -- Sie drückte im Vorplatz auf alle elektrischen
Knöpfe, die dawaren, und wie alle Dienstboten des Hauses versammelt
waren, ließ sie sich über jedes einzelne Bericht erstatten, gab Befehle,
und verkündete, sie werde sogleich, wenn sie sich umgezogen habe, einen
Rundgang durch das Haus tun, um zu sehen, ob alles beim Rechten sei.
Hedwig fügte hinzu, sie werde ebenfalls einen Rundgang machen. --
Elfriede führte Pitt hinauf in sein Zimmer, das einfach und bequem
eingerichtet war. -- Hier wohnst du nun mit uns zusammen, eine lange,
schöne Zeit; und wenn dir irgend etwas fehlt, so mußt du es mir sagen!
-- Ja, sagte er und sah um sich. Elfriede blickte auf ihn, und ihre
Worte gingen ihm erst jetzt voll ins Gefühl. -- Du bist so gut! sagte er
und legte leise den Arm um ihre Schulter. Sie ließ es geschehen. Sie
traten zum Fenster und sahen in die Sternennacht hinaus. Aber dann fiel
ihm ein Bild ein, auf dem auch zwei Menschen am Fenster standen und in
den Nachthimmel sahen, das war ihm unbehaglich und er nahm die Hand von
ihrer Schulter. -- Eine Sternschnuppe durchschnitt das Himmelsfeld. --
Hast du dir etwas gewünscht? fragte Elfriede nach einer Weile. Er lachte
und sagte, er habe gerade ausgerechnet, daß das Licht immer noch
ungefähr dreitausendmal schneller liefe als diese Sternschnuppe. Sie
fand ihn viel vernünftiger als sich, und als sie sich nun nach unten
wandten, ließ sie sich von ihm das Wesen der Aerolithen erklären.
Harald erzählte bei Tisch, er habe sich in der Schule drei Tage krank
gestellt, gar nichts gegessen, und erst am vierten, als man ihn entließ,
auf dem Bahnhof alles nachgeholt. Frau van Loo redete von der
Unerhörtheit seines Streiches, sagte dann aber: da du einmal hier bist,
magst du auch gleich dableiben, worauf Pitt zum erstenmal seine
vergnügten spitzen Eckzähne zu sehen bekam.
Am nächsten Morgen erwachte Elfriede an einem altgewohnten Geräusch:
Harald warf ihr kleine Steine in die Stube. Er wartete draußen bis sie
sich angekleidet hatte: komm, ich zeige dir, wo ich gestern gegraben
habe! Und unvermittelt fügte er hinzu: Was ist das für ein Mensch,
dieser Herr Pitt oder wie er heißt? Wie ist der in unser Haus gekommen?
-- Was Elfriede antwortete, war ihm nicht genug; er bohrte und drängte,
und warf so scharfsinnige Bemerkungen und Einwände zwischen ihre
ausweichenden Sätze, sah so traurig aus als er sagte: Früher hast du
doch nie ein Geheimnis vor mir gehabt! -- daß sie ihm schließlich alles
erzählte. -- Nun hast du mich wohl nicht mehr ganz so lieb wie früher?
-- Sie sah ihn verwundert an. -- Du liebst ihn doch natürlich. -- Sie
wurde ärgerlich und nannte ihn verrückt. Sie waren zum Gemüsegarten
gekommen; er grub, sie mußte helfen, beide bekamen rote Backen und
wollten sich gegenseitig überholen. Harald stieß den Spaten ins
Erdreich, mit aller Kraft und aller Liebe, und sagte aufatmend: Danach
habe ich mich immer gesehnt, daran habe ich immer gedacht, wie ich auf
der Schulbank saß und hungerte; so eine Schaufel ist doch etwas
Wundervolles! -- Er umarmte sie, als wäre sie ein lebendes Wesen. --
Aber zur See gehen ist doch noch viel, viel schöner! -- Das Hündlein
nahte in voller Karriere über den Kiesweg, warf sich ihm an die Brust,
er fing es mit beiden Armen, es schnappte nach seinem Ohrläppchen und er
küßte es auf die Schnauze. -- Wenn das die Komtesse sähe! -- Mit der
Komtesse war Hedwig gemeint. Er liebte sie immer noch nicht sonderlich,
denn sie hatte ewig etwas an ihm auszusetzen.
Pitt erschien zum Frühstück als die andern sich schon erheben wollten.
Er schien nervös, war nachts von den unruhigsten Träumen geplagt worden
und hatte wie im Fieber gelegen. -- Das macht der Unterschied der Luft!
sagte Elfriede, du wirst dich schon daran gewöhnen! -- und reichte ihm
noch einmal die Hand, da er sie das erstemal übersehen hatte.
Nach dem Frühstück ging er mit ihr und Harald durch die Felder. Er sah
auf die sonnedurchleuchteten Wiesen und Hügel, die seinem Auge weh
taten: Brutal, nackt war sie, diese sogenannte Natur, und er dachte: Das
soll ich nun viele Wochen aushalten?
Aber die nächste Nacht schlief er schon etwas besser, und nach einiger
Zeit hatte er sich so an alles gewöhnt, daß es nun die Häuser der Stadt
waren, an die er mit Abneigung dachte. Allein freilich hätte er hier
keinen einzigen Tag verbracht.
Harald war die erste Zeit sehr zufrieden. Seine Sorge, Elfriede möchte
ihn nun weniger lieben, bestätigte sich nicht; er durfte überall dabei
sein und gab seiner Freundschaft für Pitt und seiner Liebe zu Elfriede
dadurch Ausdruck, daß er stets zwischen ihnen ging. Hedwig beteiligte
sich zuweilen an diesen Spaziergängen, aber dann waren sie alle wortkarg
und einsilbig. Gegen Hedwig hatten Pitt und Elfriede schon früher eine
Art Bündnis geschlossen; wenigstens erzählte sie ihm alles, was zu Hause
zwischen ihnen vorfiel und auf sie Bezug hatte, und freute sich, wenn er
in ihr Urteil einstimmte; doch konnte sie es früher nicht leiden, wenn
er selbständig etwas Schlechtes von ihr sagte; dann zählte sie alle
Vorzüge ihrer Schwester auf, oder sagte auch geradezu, er möge stille
sein, sie könne das nicht hören; er begriff sie nicht und sagte, sie
wäre feige: Entweder man habe ein Urteil über einen Menschen oder man
habe es nicht; er selbst hätte eine ganz bestimmte Ansicht von seinem
Vater, und wenn jemand dieselbe Ansicht äußere, dann stimme er ihr bei.
-- Das ist eben der Unterschied! sagte sie damals und ließ sich nicht
beirren. -- Jetzt wandelte sich dieses, wo alle Beziehungen so eng
zueinander gerückt erschienen, wo jede Mißhelligkeit einen viel
deutlicheren Ausdruck fand. Hedwig konnte es nicht lassen, jede ihrer
kleinen Mißbilligungen zu äußern, die in Elfriedes Augen sofort in
übertriebener Größe erschienen, da sie allmählich gewöhnt war, Pitt
blindlings gegen jeden in Schutz zu nehmen und ihre Schwester von
vornherein als voreingenommen zu betrachten. Pitt trafen ihre kleinen
Spitzen nicht empfindlich; im Gegenteil, er empfand es als ganz lustig,
sie zu parieren und dabei seine Schlagfertigkeit zu üben, die sich in
der letzten Zeit im übrigen etwas abzustumpfen schien; auf den
Spaziergängen mit Elfriede und Harald ließ er sich zuweilen gehen in
grotesken Einfällen und Bildern. Auf Harald hatte dies die Wirkung, daß
er nun selbständig gegen Hedwig vorging und sich übte, im Pittschen
Sinne schlagfertig zu antworten. Schließlich machte er sich geradezu
einen Sport aus diesen Dingen, und wenn er mit den beiden andern
zusammen war, schien ihm das Ziel der Unterhaltung erst dann erreicht,
wenn er die Rede auf Hedwig brachte. --
Elfriede wünschte ihn zuweilen fort, sie wollte mit Pitt lieber allein
sein; aber er war so unbefangen selbstverständlich und rückhaltlos, daß
sie es ihm nicht sagen mochte, sondern lieber darauf wartete, ob sich
die Gelegenheit nicht von selbst ergebe, wobei sie dann noch ein wenig
nachhelfen konnte. -- Einmal fand sie Pitt allein in der Laube sitzen,
über einem dicken alten Buche, das er mitgenommen hatte. Die
schreckliche Philosophie! sagte sie, die kannst du doch auch in der
Stadt lesen! Und warf ihm, um ihn zu unterbrechen, eine Blume aufs
Papier. Er ließ sich bewegen, mit ihr zu gehen; ganz heimlich ging sie
mit ihm durch den Garten. -- Sie glaubte sich und ihn schon gerettet,
als Harald seitwärts heranlief: Die Komtesse! rief er, sie hat euch
gesehen und will mit uns gehen, da das Wetter so schön sei; schnell,
schnell, dann findet sie uns nicht! -- So ist dieser Spaziergang wieder
nichts geworden! dachte Elfriede, und beeilte sich nicht so wie Harald
wünschte. -- Sie wandten sich zum Wasser hinab, das unten in der Tiefe,
von Erlengebüschen umstanden, lag; Harald warf mit flachen Steinen über
seine Oberfläche. Nach einer Weile aber duckte er sich, schlich in ein
dichtes Strauchwerk und winkte den beiden andern heftig nachzukommen.
Dann deutete er mit dem Finger vorsichtig durch die Zweige. Oben auf dem
dunklen Brachfelde, auf der Horizontlinie stand Hedwig, in ihrem
schwarzen Kleide. -- Wie sie geschnürt ist, -- wie eine Rübe! sagte er,
und versuchte Pitts Tonfall nachzuahmen. Und Elfriede fügte hinzu: es
geschieht ihr ganz recht, daß wir hier im Busch sitzen und lachen; wozu
ist sie so abscheulich! -- In ihrem Ton lag so viel Bitterkeit, daß Pitt
sich wunderte. Hedwig stand noch eine kleine Weile oben, dann verschwand
sie langsam. -- Sofort trat Harald aus dem Gebüsch heraus und warf
wieder mit seinen Steinen, Pitt wollte folgen, aber Elfriede sagte: Ich
finde es so schön hier, bleibe doch sitzen! -- So saßen sie
nebeneinander, in dem dichten Grün, Elfriede immer in der leisen Unruhe,
er könne plötzlich doch aufstehen. -- Was ist das eigentlich für ein
Gebüsch, in dem wir sitzen? fragte er nach einer Weile. -- Ach ich weiß
es nicht! sagte sie und in ihrer Stimme klang eine sonderbare Erregung;
vielleicht ist es ein Weidenbusch -- nein, es sind Haselnüsse. Dann
schwiegen sie wieder. In ihr war eine Unruhe, daß sie plötzlich
aufsprang: ich glaube, ich möchte mit dir ringen! Er sah sie erst
erstaunt, dann nachdenklich an, sie hielt diesen Blick verwirrt aus,
dann strich sie ihr Haar aus der Stirne und sagte: es ist hier so heiß
und dumpf drinnen, ich halte es nicht aus -- und trat ins Freie. -- Was
ist denn los? fragte Harald überrascht und blickte schnell hinter sich,
ob da ein Tier säße, das er vorher nicht bemerkt hatte; -- du sahst mich
eben so merkwürdig an, als ob ich gar nicht da wäre! -- Wir wollen nach
Hause gehen, ich muß üben, meine Finger werden ganz steif! Sie dehnte
sie auseinander, so stark, daß sie knackten. -- Harald fand das
langweilig. -- Bleibt ihr beide doch unten! sagte sie und streifte Pitt
mit einem Blick, ich finde den Weg auch allein. -- Wirklich schritt sie
allein den Pfad hinauf. -- Nach einer Weile blieb sie stehen und schaute
zurück. Unten gingen die beiden jetzt am Wasser entlang. Sie wartete
immer, daß er sich nach ihr umsehen würde. -- Weshalb hatte sie das
gesagt! Weshalb war sie überhaupt so plötzlich weggegangen! Sie wandte
sich wieder auf ihren Weg, ihre Schritte wurden schneller, schließlich
begann sie zu laufen. -- Frau van Loo trat ins Musikzimmer. -- Elfriede,
sagte sie, du spielst roh! Oder liegt es am Flügel? Wo ist denn Herr
Pitt? -- Der ist mit Harald spazieren gegangen! antwortete sie mit
frischer Stimme, ohne ihre Augen von den Tasten zu wenden -- ich habe
sie allein gelassen, weil ich Lust hatte zu üben. Und stählern fielen
ihre Finger wieder in die Tasten. -- Was spielst du da eigentlich? Es
kommt mir so bekannt vor, aber so abscheulich verändert! -- Ich mache
einen Marsch draus! Es klingt famos!! -- Frau van Loo verließ das Zimmer
wieder und Elfriedes Töne hallten weiter. Schließlich spielte sie fast
mechanisch. Endlich sprang sie auf, holte ein Sonatenbuch und begann
regelrecht zu üben. Und immer wenn diese schwierige, sonderbare Passage
kam, sah sie Geäst vor sich und hörte Pitts Stimme: Was ist dies
eigentlich für ein Gebüsch? -- Je mehr sie von dieser sinnlosen
Verbindung sich frei machen wollte, um so fester hakte sie sich in sie
hinein; es war fast blödsinnig.
Nach einer Weile wurde sie abermals gestört: Hedwig trat herein. -- Ich
möchte dir gerne etwas sagen. -- Sie wartete, daß Elfriede ihr Spiel
unterbrechen solle. -- Sprich nur, ich höre schon. -- Sie wartete wieder
eine Zeitlang, dann kam sie auf den Flügel zu und schloß den
Tastendeckel, daß Elfriede schnell die Hände wegzog. Beide sahen sich
einen Augenblick an, fast wie zwei Feinde. -- Elfriede stieß den Deckel
wieder auf. Was willst du denn? -- Was ich will? Kannst du dir das nicht
denken? -- Absolut nicht! sagte Elfriede gereizt und trotzig. -- Dann
will ich es dir sagen: Wenn das so fortgeht, so gebe ich dir mein Wort
darauf, daß dieser Mensch schon in den nächsten Tagen das Gut verläßt.
-- Welcher Mensch? fragte Elfriede erregt. -- Es handelt sich nur um den
einen. -- Also doch! Ich hatte gedacht, daß du etwas anständiger von
jemand redest, der mein Freund ist und unser Gast! -- Ich rede von den
Menschen so wie sie es verdienen. Dieser Herr Sintrup hat keine Art,
sich beliebt zu machen, und wenn es noch das allein wäre! Aber er
stiftet Unfrieden zwischen uns allen. Von seinem Benehmen gegen mich
will ich gänzlich schweigen; es war niemals taktvoll; aber er hat auch
andere Leute angesteckt. -- Wer sind die andern Leute? -- Du und Harald!
Es ist ja, als wenn ihr ein Bündnis gegen mich geschlossen hättet; alles
ergreift Partei gegen mich, nur weil ich die Wahrheit sage: Halboffene
Seitenblicke, unterdrücktes Lächeln -- denkt ihr denn ich sehe das alles
nicht? Ich tue nur, als ob ich nichts bemerke, weil ich eine bessere
Lebensart habe als ihr. Ich bemühe mich, zu vertuschen, zu bemänteln,
nicht aus Rücksicht auf euch, sondern aus Rücksicht auf unsere Mutter,
der ich alles Unangenehme ersparen möchte, aber ihr werdet ja geradezu
flegelhaft! Die Mißstimmung beim Frühstück heute morgen dachte ich zu
überbrücken, indem ich mich euch beim Spazierengehen anschließen will:
Harald sieht mich im Garten, kehrt vor mir um und läuft davon. Noch
einmal nehme ich mich zusammen und folge euch zum Wasser hinunter; ihr
versteckt euch wie Schulkinder vor mir, im Gebüsch, und macht eure Witze
über mich. Und »Herr Pitt« ist der Anführer. -- Das ist nicht wahr! rief
Elfriede, Harald verkroch sich zuerst! -- Um so schlimmer! Soweit habt
ihr ihn schon gebracht in der kurzen Zeit. Harald war früher ein ganz
anderer Mensch, zuweilen ungezogen, aber einfach und natürlich. Jetzt
aber sucht er geradezu Streit mit mir, und in seinen Antworten ist ein
Geist -- wenn ich es überhaupt so nennen soll -- der ihm ganz fremd ist.
Gestern nenne ich ihn halb im Scherz einen »losen Vogel«; er will
antworten, und ich sehe es seinem Gesichte an, daß ihm nichts einfällt.
Jetzt, heute morgen wirft er mir unversehens die Worte an den Kopf:
Gefangene Vögel schelten immer auf die freien. Denkst du ich weiß nicht,
woher solche Antwort kommt? Will Harald aus sich selber witzig sein?
Liegt das in seinem Charakter? Und noch dazu auf eine so alberne und
abgeschmackte Weise witzig? Harald wiederholt sorglos das was man ihm
vorsagt. Er wird hier geradezu verdorben. -- Pitt ist niemals albern
oder abgeschmackt! rief Elfriede. -- Das wundert mich nicht von dir zu
hören, glaubst du denn ich sähe nicht, wie du dich von ihm beeinflussen
läßt? Ich rede eben nicht in bezug auf mich, sondern im allgemeinen. Du
sagst Dinge, die du früher nie gesagt hättest, du bewunderst ihn
blindlings, du findest seine Plattitüden interessant, du wirst ihm sogar
in den Bewegungen ähnlich -- sieh, wie du eben den Finger aufhebst, um
mich zu unterbrechen! Ganz seine Art, ganz sein Benehmen. Er ist ein
durch und durch uninteressanter Mensch, der seine Existenz wenigstens
durch ein tadelloses Benehmen erträglich machen sollte. -- Elfriede war
blaß geworden und ihre Lippen zitterten. -- Was du da sagst, rief sie,
sagst du nur aus Neid. Du mißgönnst es mir, daß ich einen Menschen lieb
habe und daß er mich lieb hat. Aber nun ist es genug; geh hinaus! --
Elfriede hatte sich jäh zu ihr gewendet, und ihre Augen brannten. -- Ich
gehe, wenn ich die Lust dazu habe, ich bin hier so gut in meinem wie in
deinem Hause. Merke dir, was ich gesagt habe, du bist nun gewarnt! --
Sie schritt an ihr vorbei und schloß geräuschvoll die Tür hinter sich.
-- Sofort fielen Elfriedes Finger wieder in die Tasten. Hedwig sollte es
empfinden, daß es ihr völlig gleichgültig war, was sie sagte. Und Pitt,
der würde einfach lachen, wenn sie es ihm erzählte. --
Hedwig war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Die Hauptsache hatte sie
vergessen zu sagen: Was für ein Unterschied war denn zwischen lieben und
lieb haben? Hatte Elfriede nicht eigentlich eingestanden, daß sie diesen
Pitt liebe? -- Sie ging zu ihrer Mutter und teilte ihr das ganze
Vorausgegangene mit. -- Ich sehe nichts Gutes für Elfriede ab, wenn er
noch lange hier bleibt, schloß sie; wir können ihn nicht eins, zwei,
drei wieder fortschicken, das wäre gegen die Sitte und gegen alle
Gastfreundschaft, aber ich halte es für das beste, daß er nicht länger
bleibt als unumgänglich nötig ist. Mag sein, daß Elfriede bis jetzt noch
nicht in ihn verliebt ist, -- die Unterschiede sind übrigens zuweilen
fast unkenntlich -- aber die Gefahr scheint mir jetzt ganz nah. --
Jedenfalls, sagte Frau van Loo, wird die »Gefahr«, wie du es nennst,
vergrößert, wenn jemand auf sie einredet, wenn man ihr die Möglichkeit
vorhält. Und was diesen Pitt selbst betrifft, so wird -- wie ich ihn
auffasse -- seine Neigung zu ihr niemals über die Grenze einer
Freundschaft hinauskommen. Hedwig bestritt dieses und erinnerte an die
Art, wie Pitt damals Elfriede kennen lernte; das sei doch eigentlich ein
genügend deutlicher Fingerzeig. -- Zwei Dinge, sagte Frau van Loo,
können sich zum Verwechseln ähnlich sehen und doch etwas ganz
Verschiedenes sein. Hedwig zuckte die Achseln und ging.
Pitt war inzwischen nach Hause gegangen und hatte über alles
nachgedacht. Er ärgerte sich, daß er Elfriede hatte allein gehen lassen.
Jetzt wußte er mit einem Male klar, was er bisher nur geahnt hatte: daß
Elfriede ihn liebe. Dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit einer stillen
Freude; sein eigenes Gefühl zu ihr erschien ihm nun mit einem Male fest,
sicher, klar. Zuweilen war er an sich selber irre geworden, wenn er
darüber nachdachte, daß er eigentlich noch niemals irgendeine Angst um
sie empfunden hatte, daß ihm ihr Dasein so selbstverständlich war wie
sein eigenes, daß es Stunden gab, wo er sich ihres Daseins erst genau so
erinnern mußte wie seines eigenen, das er mitunter ganz vergaß. Aber muß
denn einer Liebe stets irgend etwas Bitteres, etwas Aufregendes und
Zerrendes beigemischt sein? Er fühlte sich in seinem Zustand vollkommen
wohl, und jetzt noch viel wohler, da er ihm gesichert schien.
Elfriede sprach mit ihm über das Vorgefallene, und während sie sprach,
sah er sie mit einem so stillen Blicke an, daß sie verwirrt die Augen
von ihm kehrte. Er ergriff ihre Hand und sagte: Wollen wir wegen einer
solchen Dummheit diese schöne Zeit, die vielleicht nie wieder kommt,
abbrechen? Diese Worte gingen ihr noch lange nach. Sie fühlte, daß
zwischen ihm und ihr ein tieferes Einverständnis war als all die Zeit
vorher.
Harald war nicht so ohne weiteres einverstanden mit dem neuen Leben,
Hedwig gegenüber. Sie fing ihn ab, als er pfeifend an ihr vorüber
wollte. Er kam mit geröteter Stirn zu Pitt und Elfriede, erzählte alles
und sagte in dem Tone eines Bandenanführers: Irgend etwas muß gegen sie
unternommen werden! Und als beide nicht mittun wollten, meinte er
verwundert: was seht ihr denn so zufrieden aus? _Ich_ finde dieses
furchtbar dumm. -- Alleine unternehme ich auch nichts gegen sie! fügte
er nach einer Pause hinzu, wie eine Warnung, sich noch zu besinnen. Dann
ging er enttäuscht hinaus. -- Und nicht einmal die Komtesse darf ich sie
mehr nennen, weil sie das herzlos findet. Ich möchte wissen, was daran
herzlos ist. --
Es folgten nun ruhigere Tage. Pitt und Elfriede waren fast stets
zusammen. Sie schienen wie zwei gute Kameraden, Hedwig hätte alle ihre
Worte hören können, ohne den geringsten Anlaß zu einem Tadel zu haben.
Jenem ersten, unklaren Ausbruch in Elfriedes Gefühl schien kein zweiter
zu folgen.
Nur nahm sie jetzt, wenn sie draußen zusammen gingen, zuweilen still
seinen Arm, was er geschehen ließ, obgleich er es im Grunde nicht gerne
mochte, da es ihn an Ehepaare erinnerte. Aber am Ende ihrer
Unterhaltungen geschah es jedesmal, daß sie still und einsilbig wurde.
Dann überkam ihn ein unbehagliches Gefühl und er redete von den
abgelegensten Dingen, und sie ließ sich halb widerwillig in ein neues
Gespräch ziehen, bis sie abermals verstummte. Endlich machte er sich
unter irgend einem Vorwande frei von ihrem Arm, da ihn dieses ganz nahe
Beieinandergehen beengte, seine Schritte wurden immer schneller, und
schließlich ging sie beinah hinter ihm. Sie begriff ihn nicht, und
begann zu leiden. -- Ich möchte heute gern allein gehen! sagte er
zuweilen. Dann antwortete sie nicht, aber in ihren Augen lag eine solche
Traurigkeit, daß er hinzusetzte: oder ich kann ja auch morgen einmal
allein gehen. Dann gingen sie zusammen. Und wieder begann er zu
sprechen, wieder antwortete sie ihm, aber es kam allmählich so, daß sie
auch nicht einmal für kürzere Zeit ihre Gedanken sammeln konnte auf
etwas, das nicht einen unmittelbaren Bezug auf ihn oder auf sie selber
hatte. --
Schon morgens, wenn sie ihn begrüßte, lag nun in ihren Augen ein
Ausdruck, wie er sich bisher, in der allerletzten Zeit, erst allmählich
im Lauf des Tages bildete, nachdem sie durch ihr selber oft ganz
unbewußte Enttäuschungen hindurch geschritten war. Im Beisein der
anderen beherrschte sie sich instinktiv. Aber Frau van Loo bemerkte
trotzdem ihren Wandel.
Der Ton der Unbefangenheit schwand mehr und mehr zwischen Pitt und
Elfriede. -- Was ist es nur? Was hat er nur? dachte sie, wie sie
deutlich zu bemerken begann, daß er anfing sie zu vermeiden. Und er
wiederum dachte: Wie war Elfriede früher anders! Noch immer bildete er
sich ein, er liebe sie, und daß sie die Liebe einmal anders auffaßte als
er; und da er sie nicht kränken wollte, sondern wenigstens Versuche
machen, ihr so zu begegnen wie sie ihm, kam zuweilen in sein Wesen eine
Dissonanz, eine ungewollte Unehrlichkeit gegen sie und gegen sich
selber. Er nahm ihre Hand und streichelte sie, Elfriede überließ sich
für einen Augenblick ganz ihrem Gefühl und dachte: alles wird noch gut
-- worunter sie sich gar nichts Bestimmtes vorstellte -- und dann ging
er fort von ihr, indem er sagte, er müsse an seinen Vater schreiben;
dies war das traurigste, wenn sie dachte: Sein Vater? Was kann er denn
seinem Vater schreiben wollen!? --
Er fühlte es allmählich selbst, was er nicht fühlen wollte, und was doch
mit immer stärkerer Deutlichkeit hervortrat: daß sein Gefühl zu Elfriede
ganz anders war als Elfriedes zu ihm selbst. Und mitunter empfand er mit
rücksichtsloser Klarheit, daß es das beste sei, wenn er nicht länger
blieb. Später, wenn sie wieder in der Stadt war, würde Elfriede
sicherlich den alten Ton zurückfinden. Oder sollte er doch bleiben?
Konnte die Welle nicht auch ihn überfluten? -- Die Ausflüsse solcher
Stimmungen erschienen ihr rätselhaft. Plötzlich war er bei ihr, und
plötzlich ging er wieder.
Warum stehst du jetzt so unendlich spät auf? fragte sie einmal, die
schöne Zeit ist plötzlich vorbei, ohne daß wir es wissen! -- Er log, er
habe den Schlaf nötig, in den ersten Nachtstunden läge er stets wach. --
Du auch?! fragte sie, und er bedauerte, dies gesagt zu haben. Sein
wirklicher Grund war ein ganz anderer: er wollte den ganzen langen Tag
abkürzen, die Vormittagsstunden schlief er nicht, sondern las im Bette.
Immer später erschien er, einmal verspätete er sich sogar zum
Mittagessen, so daß Frau van Loo, der es ganz lieb war, daß Elfriede den
Vormittag auf sich allein angewiesen war, zu ihm sagte: Durch
progressive Steigerungen können Sie es noch erreichen, Herr Pitt, daß
Sie eines Morgens einmal wieder richtig zum Kaffee eintreffen. --
Elfriede übte gleich nach dem Frühstück mehrere Stunden hintereinander;
sie mußte sich nicht dazu zwingen, im Gegenteil: auf diese Weise
täuschte sie sich am besten hinweg über die Zeit, wo das Haus ihr leer
erschien, wo sie sonst ohne wirkliche Beschäftigung war, und voll
innerer Unruhe nur immer auf alle Tritte horchte und zur Tür sah. --
Harald und Hedwig befreundeten sich wieder. Elfriede bekümmerte sich
nicht mehr wie sonst um ihn, und er mußte jemand haben, der sich mit ihm
beschäftigte. Sie ritten zusammen, er bewunderte ihre gute Haltung, und
die Eleganz, mit der sie über Gräben hinwegsetzte. Sein größter Ehrgeiz
war es nun, von ihr ein Lob zu verdienen, das sie sehr spärlich
austeilte; die geschnürte Taille, über die er anfangs so gespottet
hatte, erschien ihm jetzt im anderen Lichte, ja »durchaus notwendig« für
eine vornehme Reiterin, wie er sich bei Tisch ausdrückte. Die beiden
kamen immer sehr frisch von ihren Ritten zurück. -- Weshalb reitest du
eigentlich niemals mit? fragte Frau van Loo Elfriede; du bist immer blaß
und kommst zu wenig an die frische Luft; deine Übungen werden immer
unerträglicher. -- So sprach sie, und dachte: lange sehe ich dieses
nicht mehr mit an. Aber Elfriede fand stets Ausflüchte, bis ihre Mutter
ihr eines Morgens stillschweigend ein Pferd satteln ließ; wohl oder übel
mußte sie mitreiten, anfänglich ganz froh, dann immer stiller; und wie
erst der Wald zwischen ihr und dem Gute lag, daß sie das Haus nirgends
mehr finden konnte, faßte sie eine große Unruhe, sie blieb hinter Harald
und Hedwig zurück und ward erst ruhiger, als das Schlößchen wieder in
der Ferne vor ihren Blicken lag. Sie strengte ihre Augen an, sie zählte
alle Fenster, ihr Blick blieb auf _einem_ haften während der ganzen Zeit
ihres Rückwegs. -- Es greift mich zu sehr an, sagte sie, absteigend, zu
ihrer Mutter, und fiel ihr fast in die Arme. Das erstemal, fügte sie,
sich zusammennehmend, hinzu, ist es immer mehr eine Arbeit als ein
Vergnügen; ich werde morgen wieder reiten! Aber sie ritt nicht wieder,
sie saß wieder am Flügel, und wenn eine Tür ging, zuckte sie zusammen.
Wenn sie allein war mit den andern, war sie stumm und gedrückt; trat
Pitt ins Zimmer, ward sie lebhafter; als wäre es selbstverständlich, war
sie stets an seiner Seite, sie antwortete nur halb dem was er sagte,
ihre Stimme hatte einen belegten, trockenen Klang. Und schließlich
konnte sie auch nicht mehr üben; alles schien seinen Sinn verloren zu
haben.
Leise näherte sich ihr Frau van Loo; aber wie sie nur das erste Wort
sagte, fiel Elfriede erregt ein: es sei schrecklich, daß man nicht mehr
eine Freundschaft haben dürfe, bis jetzt habe sie geglaubt, daß ihre
Mutter wenigstens natürlich und einfach dächte, nun werde sie auch noch
von Hedwig angesteckt! Ich muß es doch am besten wissen, was ich fühle!
-- Also ist es noch zu früh; dachte Frau van Loo und wartete. --
Elfriede beherrschte sich die nächsten Tage, aber langsam, ohne daß sie
das geringste dagegen tun konnte, kam es wieder über sie.
Sie vermied jetzt jede Berührung mit ihm; wenn er ihr morgens die Hand
reichte, nahm sie sie nur flüchtig. Harald bemerkte Elfriedes
Traurigkeit einmal, als er sie allein in einem Zimmer überraschte. --
Habt ihr euch gezankt? fragte er Pitt: Elfriede ist so traurig. -- Ja,
sagte Pitt, sie ist traurig, und ich bin traurig darüber. Diese Worte
kamen ihm ganz einfach über die Lippen, da Harald so warm und
selbstverständlich sprach. -- Harald teilte dies sofort Elfriede mit:
sei doch wieder gut mit ihm, Pitt ist so furchtbar traurig! Elfriede
hielt mit Mühe die Tränen zurück. Aber Haralds Worte taten ihr wohl, und
die Hoffnung kam in ihr Herz zurück. Als sie Pitt wiedersah, erwartete
sie ein Wort von ihm über das, was er zu Harald gesagt hatte; aber es
war als habe er es nie gesprochen, oder schon wieder vergessen. In
seinem Wesen schien kein innerer Zwang zu sein, nichts schien einem
Gesetz zu folgen.
Dennoch wurde sie für kürzere Zeit heiterer, indem sie dachte: So weiß
ich es doch wenigstens, wenn er es mir auch nicht selber sagt. Aber
lange hielt diese Stimmung nicht an: ein kleines Wort von ihm genügte,
sie von einem Gefühl ins andere zu werfen. Eine geringe Veränderung in
seiner Miene machte sie traurig oder froher. Sie hatte Angst, wenn er zu
Tisch kam, ob er sie zuerst ansehen oder ob er nur im allgemeinen guten
Tag wünschen würde; wenn geredet wurde und sie selber etwas sagte, sah
sie hin zu ihm, ob der Klang ihrer Stimme irgendeine Veränderung auf
seinen Zügen hervorrufe; wenn man vom Tische aufstand, beobachtete sie,
wohin er seine Schritte wende, ob er gleichgültig irgend einen
Gegenstand anfaßte, oder ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen
würde. Gingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine Gedanken
zu ergründen, wenn er vorausschritt. Mit Mühe bezwang sie sich, aber
gegen ihren Willen schritt sie schneller, bis sie an seiner Seite war.
Wenn sie abends alle nach dem Tee zusammensaßen und Hedwig Geschichten
von Bällen, Rennen und Gesellschaften erzählte, wenn überhaupt irgend
jemand länger sprach, irrten ihre Gedanken sogleich ab, ihre Augen
suchten seine Augen, ob sie sich nicht in ein heimliches Einverständnis
mit ihr setzten, das über die Erzählungen hinweg sie und ihn in eine
glückliche Stille führe, -- und wenn er dann endlich zu ihr herübersah,
da er empfand, daß sie sich nach einem Zeichen von ihm sehne, dann ließ
ihre Spannung etwas nach.
Pitt wurde dieser Zustand unerträglich. Es war ihm, als habe er seine
Freiheit verloren, er begann fast einen Widerwillen gegen Elfriede zu
empfinden. Ihr Wesen erschien ihm verzerrt und fremd, es drohte all
seinen Schimmer für ihn zu verlieren.
Die Erwägung, daß dies alles seinetwillen war, half ihm nicht darüber
hinweg. Wieder nahm er sich vor, abzureisen, aber schon bei dem Gedanken
daran stieg ihm Elfriedes Bild so wie es war und wie er es liebte,
hemmend vor die Seele. Er geriet in einen Zwiespalt mit sich selbst,
wußte nicht mehr was er tun sollte. Aber schließlich raffte er sich zu
einem Entschlusse auf: Ich reise morgen! -- Du reist morgen? Elfriede
erblaßte. Ist es dir denn ganz gleichgültig, ob du hier bist oder wo
anders? -- Pitt sah ins Leere und seine Augen wurden feucht. -- Siehst
du, du denkst selbst nicht im Ernst daran. -- Sie stand vor ihm, hob die
Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. -- Oder ist es dir doch
gleichgültig? -- Sie sah ihm fast flehend in die Augen. -- Es war als
käme er aus einem Traume zu sich. Er blickte ihr ins Gesicht, unklar,
zweifelnd, grübelnd, und er blieb. -- Aber ihre Gegenwart bedrückte,
beengte ihn mehr und mehr, er fing an ein Alleinsein mit ihr überhaupt
zu vermeiden und schloß sich an Harald an, mit dem er nachmittags
zusammen arbeitete. Harald hatte gesagt, daß ihm die Mathematik so
schwer werde, und daß dies eine wahnsinnig dumme Wissenschaft sei.
Jetzt, unter Pitts Anleitung, wurde sie ihm plötzlich nahgerückt und
interessant; denn Pitt verstand es, aus ihr eine Kunst zu machen, die
sich auf den einfachsten Grundlagen aufbaute. Dinge, die Harald früher
unbegreiflich erschienen waren, lösten sich unter seinen Worten und
Beschreibungen zu durchsichtigster Selbstverständlichkeit auf; es lockte
geradezu, auf diesen schwanken Brettern und Balken herumzusteigen, neue
Brücken und Verbindungen zu schlagen, und wenn man einmal leichtsinnig
oder unüberlegt abstürzte, so tat der Sturz nicht weh, man erhob sich
als sei man niemals heruntergefallen, und sah sich das nächstemal etwas
vorsichtiger um. -- Pitt ist ganz anders als andere Menschen! sagte
Harald zu seiner Mutter; man schämt sich nie vor ihm. Wenn ich etwas
Dummes sage, dann ist es immer so, als ob er es eigentlich gesagt hätte
und dann nur gleich das Richtige fände. Er sagt alles so klar und
einfach in den Stunden, und dann hinterher, wenn wir uns unterhalten,
muß ich mich manchmal durcharbeiten durch seine Worte, wie durch ein
Gestrüpp, hinter dem der Sinn sitzt. --
Eines Spätnachmittags gegen Abend, als sie wieder lange zusammengesessen
hatten, trat Elfriede ein. Sie hatte Pitt an diesem Tage fast noch gar
nicht gesehen, und hielt ihren Zustand nicht mehr aus. Mit stumpfen
Augen stand sie da -- er konnte diese Augen fast nicht mehr ansehen --
und bat ihn, mit ihr ins Musikzimmer zu kommen; sie habe unter den Noten
ein schönes altes Stück gefunden, das sie ihm früher einmal vorspielte,
und das ihm so gut gefallen habe. -- Im selben Augenblick, wo sie so
unter der geöffneten Tür stand, schlug das Fenster zu. Draußen hatte
sich nach der schwülen Tageshitze ein Wind erhoben, es drohte ein
Gewitter. Pitt sagte, sie möge vorangehen, er wolle nur noch oben in
seinem Zimmer das Fenster schließen. -- Sie dachte: das können doch auch
die Mädchen! antwortete aber nicht und begab sich stumm zum Flügel,
schlug das Stück auf und horchte von ihrem Sitz aus auf den Gang hinaus,
zur Treppe. Schließlich begann sie Akkorde anzuschlagen, ohne
Zusammenhang, nur um die Zeit des Wartens hinzubringen. Aber Pitt kam
nicht. Eine Viertelstunde war vergangen, endlich erhob sie sich. Sie
horchte wieder. Schließlich schritt sie langsam die Treppe hinauf, bis
vor seine Tür, zögerte einen Augenblick, öffnete sie dann aber in dem
sicheren Gefühl, daß Pitt doch nicht im Zimmer sei, und stand
bewegungslos und fragend auf der Schwelle.
Pitt saß am Fenster, den Kopf in die linke Hand gestützt, und zeichnete
Figuren. Sie sah dies wie ein lebendes Bild, das nur einen einzigen
Augenblick andauerte, denn im nächsten hatte er den Kopf zu ihr
gewendet, und sah sie ebenfalls bewegungslos und fragend an. -- Ach so!
rief er, indem er aufsprang, das hatte ich ganz vergessen. Mir fiel
vorhin ein einfacherer Beweis für Harald ein, ein neuer, den ich selbst
gemacht habe, und dazu zeichnete ich gerade die Figur. -- Sie hatte die
Tür hinter sich geschlossen und trat näher; sie sah ihn so sonderbar und
ernst an, daß er wußte: Jetzt kommt die Entscheidung. Eine nervöse
Unruhe überfiel ihn, er wollte langsam an ihr vorbei, blieb aber auf
halbem Wege stehen. -- Was hast du denn? fragte er, nur um etwas zu
sagen, und doch wußte er, daß diese Frage gerade die schlimmste von
allen war. -- Sie antwortete noch immer nichts und hielt ihre traurigen
Augen unausgesetzt auf ihn gerichtet. Sie wollte sprechen, sie vermochte
es nicht. In dem Gefühl, etwas tun zu müssen, worauf sie wartete, wonach
sie sich sehnte, legte er sanft den Arm um sie und zog sie an sich. Da
lösten sich ihre Tränen.
O, du quälst mich so! -- -- diese Worte schienen das Zimmer noch zu
füllen, nachdem sie längst verklungen waren. --
O, du quälst mich so! wiederholte sie langsam, heftiger, und er fühlte,
wie ihr Körper in verhaltenem Schluchzen bebte. Ihre Arme, die ihn ganz
umfaßt hielten, umschlangen ihn noch enger. Es war, als wollten sie ihn
nie wieder loslassen. Sie hatte die Augen geschlossen, sie vergaß alles
um sich her, sie wußte nur, daß sie ihn in ihren Armen hielt.
In ihm gingen die verschiedensten Gedanken wirr durcheinander. Zum
erstenmal fühlte er ihren Körper dicht an dem seinen, zum erstenmal
empfand er mit aller Heftigkeit das, was er bisher nur mit seinen Augen
gesehen und mit den Ohren gehört hatte. Und jetzt empfand er zum
erstenmal in aller Stärke den Unterschied in seinem und ihrem Gefühl,
beängstigt, beklemmt, ähnlich wie schon früher, nur viel stärker.
Einzelne Bruchstücke ihres früheren Beisammenseins tauchten in seiner
Seele auf und verschwanden wieder, ohne daß sich ein selbständiger
Gedanke an sie heftete. Sie tauchten empor und sanken unter wie Bilder,
die man nur als Zuschauer betrachtet. Dann dämmerten ganz frühe
Eindrücke in ihm auf, Landschaften, die er als ganz kleiner Knabe
gesehen und die aus seiner Erinnerung geschwunden waren. Sie verrannen
wieder, dichtes, feines Stabwerk schwebte ihm vor Augen, wie wenn es
anatomisch wäre, verschlungene zarte Röhren; aus ihnen brachen kleine
runde Knospen, halb traumhaft dachte er: Das sind die Gedanken, die sich
im Gehirne bilden -- -- -- und dann war er wieder in der Wirklichkeit
und fühlte Elfriedes Körper.
Draußen trieb der Wind den Regen gegen die Scheiben. Elfriede sprach
noch immer nichts; sie wartete auf ein Wort von ihm, das sie befreien
mußte; noch immer wollte sie nicht sehen, was doch klar vor ihrer Seele
stand. -- Ihm wurde dieses Schweigen schrecklich, so schrecklich, daß er
es brechen mußte. Aus ihrem Traum schon halb erwacht, kam sie ganz zu
sich und in die leere Wirklichkeit zurück, als er sie endlich fragte:
Willst du mir nicht jetzt die Musik vorspielen? -- Jetzt?! fragte sie
verständnislos, mit großen Augen. -- Er schwieg wieder. -- Was soll nun
werden? fragte sie endlich tonlos. -- Ich reise ab. -- Das Blut lief ihr
zu Herzen. Nein, das darfst du nicht! rief sie schnell, du sollst hier
bleiben.
Noch vor einer Stunde war es ihr unmöglich erschienen, länger mit ihm
zusammen zu leben; jetzt, wo er das Wort der Trennung aussprach,
widersetzte sich ihr ganzes Gefühl dagegen. Von der schrecklichsten Last
wenigstens fühlte sie sich befreit, er wußte nun, daß sie ihn liebte,
und so gab es doch etwas wenigstens, das sie und ihn in der Tiefe
verband. --
Komm! sagte er. Sie starrte auf das Tuch von seinem Ärmel, dicht vor
ihren Augen, sie fühlte, daß Pitt sich von ihr lösen wollte, obgleich er
nach wie vor bewegungslos blieb. Sie täuschte sich vor, daß er ihr diese
armselige kleine Zeitlang ganz gehöre, sie wußte, daß dieser Augenblick
nie wieder kam. Sie hob den Kopf und sah ihm mit aller Inbrunst in die
Augen. Komm! sagte er befangen, und sie fühlte seinen leise abwehrenden
Druck.
Mit einer plötzlichen, heftigen Bewegung befreite sie sich von ihm. Für
einen Moment ruhten ihre Augen mit einem andern Ausdruck auf den seinen,
es war als ob sie etwas sagen wollte, aber sie schwieg, ging an ihm
vorbei und verließ das Zimmer.
Pitt blieb zurück in einer dumpfen Betäubung. Draußen prasselte der
Regen gegen die Scheiben, er starrte hinaus in die Landschaft und fühlte
sich verlassen, ausgestoßen, heimatlos. Heute abend würde er Frau van
Loo, sowie er sie allein sah, mitteilen, daß er fortging.
Frau van Loo begegnete Elfriede auf der Treppe. Elfriede kehrte das
Gesicht fort. In ihrer ersten Überraschung wollte ihre Mutter stehen
bleiben, so verändert hatten Elfriedes Züge ausgesehen. -- Aber dann tat
sie, als habe sie nichts bemerkt und stieg langsam an ihr vorbei, die
Treppe hinauf. -- Elfriede ging in ihr Zimmer, und als Frau van Loo, da
sie nicht zum Abendessen kam, an ihre Tür klopfte, die verschlossen war,
sagte sie von innen, sie fühle sich nicht wohl und sei bereits zu Bett
gegangen; sie lasse niemand herein. -- Auch mich nicht? -- Nein. --
Elfriede horchte von innen, dann hörte sie, wie sich das feine, seidene
Geräusch von der Tür entfernte, langsam und gemessen. --
Elfriede hat Kopfweh! sagte Frau van Loo in einem Ton, der gleichmäßig
allen Anwesenden galt; sie hat das von mir geerbt, nur daß mir die
Glieder vor dem Gewitter schmerzen, und ihr erst hinterher. Pitt war
einsilbig und ernst. Hedwig ahnte einen tieferen Zusammenhang und suchte
sich mit ihrer Mutter durch Blicke ins Einvernehmen zu setzen, aber Frau
van Loo tat als sähe sie das nicht. Ihr Plan war schon gemacht. --
Dieser unerhörte Regen! sagte sie, als man von der Tafel aufstand und
sich in das Wohnzimmer begab; ich glaube wahrhaftig, wir müssen heizen.
-- Sie ließ den Diener kommen, und bald prasselte ein Feuer im Kamin. --
Das einzige, was einem in diesem unfreundlichen Klima übrig bleibt, fuhr
sie fort, ist, es sich möglichst behaglich zu machen, und andere
Gegenden zu betrachten, in denen es schöner aussieht als bei uns. -- Sie
ließ durch Harald eine Mappe bringen, darin lagen große, vergilbte
Photographien. -- Das ist Batavia! sagte sie, und hier ist unser
Landhaus; o diese Palmen! und dieser Himmel! -- Pitt sah zerstreut
seitwärts mit hinein in die Mappe, auf die langgestreckten, einstöckigen
weißen Häuser, auf die riesigen, überhängenden Blätter, von denen ein
einziges viel größer war als die Menschen, die unter ihnen standen in
ihren weißen Anzügen und den großen Strohhüten, oder fast unbekleidet in
ihrer eigenen dunklen Farbe. Da war auch ein Bild von Frau van Loo
selbst; in einem weißen faltigen Kleide saß sie unter einem
fremdartigen, großblütigen Strauche. Wie schön mußte sie gewesen sein!
-- Harald aber interessierte das nicht; er sah die Bilder jede Ferien
an. -- Hol die braune Mappe vom obersten Brett! sagte sie, da wirst du
Dinge finden, die du noch nicht kennst, es ist eine Sammlung, die dein
Vater aus Italien mitgebracht hat. -- Harald holte sie und betrachtete
die einzelnen Blätter. Riesige Kuppeln wechselten mit schlanken Türmen,
reiche Paläste mit großwandigen, kleinfenstrigen Häusern, die irgendwo
aus einer Gegend herauszuwachsen schienen, und hinter ihnen ragten
schwarze Baummassen wie spitze Flammenbündel in den Himmel. -- Er geriet
in immer größeren Eifer. -- _Möchtest_ du einmal nach Italien? fragte
Frau van Loo. Harald war sehr überrascht. Wenn seine Mutter so etwas
fragte, so stand auch jedesmal eine Gabe im Hintergrunde. -- Ich würde
dich gerne einmal hingehen lassen, meinte sie, denn es ist für deine
Erziehung sehr erfreulich. -- Er stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihr
Knie. -- Aber du mußt erst älter sein, so alt, daß ich dich ohne Sorgen
ziehen lassen kann. -- Ach so! rief er gedehnt und enttäuscht; ich
dachte du meintest gleich! -- Jetzt, sagte sie, würde sich wohl keine
Gelegenheit finden, denn ich glaube, es gibt niemand, der mit dir
ungezogenem Buben reisen möchte. Harald stand einen Augenblick in
Gedanken. Er dachte nur darüber nach, ob er niemand wisse, mit dem _er_
gerne reisen würde. -- Pitt! sagte er plötzlich, und sah ihn an, als ob
der gerade vom Himmel gefallen wäre. -- Der wird sich wohl bedanken und
lieber hierbleiben, wo es für ihn viel gemütlicher ist. -- Hierauf
schwieg Frau van Loo und lehnte sich zurück. Was jetzt noch zu tun
blieb, war Sache Haralds. -- Pitt hatte im Laufe ihrer Worte gemerkt,
worauf Frau van Loo abzielte. So frei und warmherzig ihr Anerbieten war
-- er schwankte keinen Augenblick es auszuschlagen. -- Ich muß nach
Hause, sagte er, und seine Worte waren gleichmäßig, so ruhig wie seine
Augen blickten; ich habe heute morgen von meinem Vater einen Brief
bekommen, daß es meiner Mutter sehr schlecht geht! -- Das ist nicht
wahr! rief Harald, worauf er entgegnete: würde ich es sonst sagen? und
ihn so sicher anblickte, daß Harald nun wirklich bestürzt war. -- All
die schönen Pläne waren so schnell vernichtet, wie sie entstanden waren.
Am nächsten Morgen war Elfriede um die gewohnte Zeit beim Frühstück,
blaß und ruhig. Sie hatte sich gefaßt und war entschlossen, niemand
etwas merken zu lassen. Pitt trat ein, das Blut lief ihr zu Herzen, aber
sie nahm seine Hand, ohne ihre Miene zu verändern, nur daß sie ihn nicht
ansah. Sie erfuhr, er würde reisen, sie blickte auf das Tischtuch unter
sich, einen Augenblick war es, als ob sie etwas halten wollte, das sich
schon halb losgerissen hatte und jetzt ins Dunkel zu verschwinden
drohte, -- dann ließ sie alles in sich sinken. Gleich nach dem Frühstück
ging sie wieder in ihr Zimmer. Pitt sah sie nicht zum Abschied.
Lange hielt er Frau van Loos Hand in der seinigen, bis er sie küßte,
dankbar und voll Traurigkeit. -- Der Wagen rollte davon, Frau van Loo
wandte sich ins Haus zurück, zu Elfriedens Zimmer, und diesmal ließ sie
Elfriede ein.
Viertes Kapitel.
Fox Sintrup ließ wie ein Taxator seine Blicke über die Möbel des besten
Zimmers der alten, kleinen Frau Rechnungsrat Bornemann gehen, in dem
sich die Reste einer besseren Zeit zusammenfanden. Er senkte sich
gewichtig auf das Sofa nieder, um die Elastizität auszuprobieren,
untersuchte die Aussicht aus dem Fenster und trat endlich vor den
großen, goldenen Spiegel, der sein tadelloses Bild aus tadellosem Glase
zurückwarf. Frau Bornemann stand still und klein in der Mitte des
Zimmers, und schien, während sie ihm alles zeigte, weniger an ihn als an
die Sachen selbst zu denken, denn sie vermietete zum ersten Male. Ihre
wenigen Worte kamen aus einem Mündchen, das sich beim Sprechen noch mehr
in sich selbst zusammenzog. Erst als er wirklich mietete, und sie ihm
nun Haus- und Korridorschlüssel einhändigte, ließ sie einen etwas
schüchternen Blick über ihn hingehen.
Famoses Zimmer! dachte er zufrieden, und eine reizende Tochter scheint
auch da zu sein; zwar -- wenn die denkt, ich würde irgend etwas
unternehmen, dann irrt sie sich: die Töchter aus Bürgerfamilien sind --
also: unantastbar, -- aber immerhin: Ein hübsches Mädchen ist ein
herzerfreuender Anblick, den jeder rein genießen darf!
Dieses Mädchen, das ihn neugierig auf der Korridorschwelle gemustert
hatte, aus ihren dunklen Augen, war in Wirklichkeit keine Tochter,
sondern eine Enkelin der kleinen Frau Bornemann und hieß Lotte Pfanz.
O das feine Leder! Großmutter, das feine Leder! sagte sie, als der
Dienstmann Foxens Koffer brachte, und sah ihnen hochachtend und
begehrend nach, wie sie in das neuvermietete Zimmer verschwanden. --
Schnickschnack! sagte Frau Bornemann bedächtig, wann wirst du endlich
vernünftig werden, Lotte. Leder ist die Haut von Tieren, der Mensch
versündigt sich, wenn er sein Herz an eitle Dinge hängt. Kümmere dich
nur um deine Seminararbeiten! --
Fox zog nun wirklich ein und wahrte in seinem Verkehr zu Lotte eine noch
größere Distanz, als er sich ursprünglich vorgenommen, denn sie hatte
ihn gleich bei der Vorstellung sehr beleidigt: Fox fragte, wie das denn
möglich sei, daß sie die Enkelin von Frau Bornemann wäre, wenn sie
Fräulein Pfanz heiße. Da sagte sie, Frau Bornemann sei eben die Mutter
ihrer Mutter, und darauf sah er so perplex aus, daß ihr die Worte
entfuhren: Sind Sie aber borniert! Frau Bornemann war zwar über das
unhöfliche Betragen ihrer Enkelin zunächst sehr erschreckt, aber da es
die Wirkung hatte, daß Fox sie in Zukunft zwar sehr höflich grüßte, im
übrigen aber vollkommen ignorierte, so war sie im Grunde doch nicht
unzufrieden; denn sie war so besorgt um ihre Enkelin! --
Die ersten Semester hatte Fox fast nur getrunken, indem er sich
erinnerte, daß die Zeit der Freiheit nach dem Schulzwang eine Zeit des
Gärens, des Sturmes und des Dranges ist. Jetzt wollte er arbeiten,
aufwärts klimmen auf der Leiter, die ihn zu höchsten Stufen führte.
Daneben hatte er die Absicht, einmal die Kunst einer gehörigen Revision
zu unterziehen und seine Kräfte in diesem oder jenem Fach auszubilden.
Er wollte es anders machen als sein Bruder Pitt, der stumpfsinnig aus
seinen Semestern nach Hause kam und erst dann in etwas lebhaftere
Bewegung geriet, wenn er wieder abreisen sollte.
Jetzt hatten sich beider Wege für eine kurze Zeit geeinigt, indem sie
auf derselben Universität studierten. Frau Sintrup hatte dies durchaus
gewünscht: Dann brauche ich nicht einmal hierhin und einmal dahin zu
denken, sondern kann mit demselben Gedanken an alle beide zusammen
denken, das ist doch viel einfacher!
Pitt, der nur nicht an dem Orte sein wollte, wo Elfriede war, hatte sich
ohne Widerrede gefügt, und gelächelt, als sein Vater sagte: Dann kann
dich Fox einmal etwas unter seine Fittige nehmen. Er dachte es sich ganz
lustig, seinen Bruder etwas näher kennen zu lernen. Wo dies geschah, war
ihm gleichgültig; nur seine ewigen Umzüge von einer Wohnung in die
andere hatte er satt bekommen, obgleich die sich jetzt ziemlich leicht
gestalteten. Sein Hauptkoffer stand noch immer in dem Zimmer des Herrn
Könnecke, der ihm anfangs mehrere Male darüber schrieb; aber Pitt
antwortete, er könne die Sachen augenblicklich nicht gut gebrauchen, und
vertröstete auf ein späteres Wiederkommen, so daß Fräulein Nippe sich
endlich entschloß, aus diesem Koffer einen reellen Zimmerschmuck zu
machen: Ein dünner, bedruckter Stoff aus einem orientalischen Basar lag
nun darüber, aus einem inneren Bedürfnis nagelte sie noch einen großen
japanischen Fächer auf die Wand dahinter, und taufte das ganze auf den
Namen »das Angßangbel«.
Pitt mietete jetzt einfach eine Schlafstelle. Er wollte mit seinen
Zimmern möglichst wenig zu tun haben. -- Und deine Bücher? fragte Fox.
Dies bot keine Schwierigkeit, im Gegenteil: Bücher bekommt man auch in
Bibliotheken, und in einem Lesesaal sitzt es sich viel besser als in
einer Schlafstelle. Pitt beschloß den ganzen Tag im Lesesaal zu sitzen;
er machte dies auch wahr; ursprünglich nur, um zu zeigen, daß man sehr
wohl ohne eine Wohnung auskommen könne; dann gewöhnte er sich daran.
Auch die praktischen Einrichtungen dort gefielen ihm weit besser, so daß
er seiner Wirtin wie ein Geist vorkam.
Fox schuf sich in Bälde einen Verkehrskreis. Zunächst besuchte er den
Rektor der Universität, eigentlich nur in dem Gefühle, ihm zu
versichern, daß er da sei, wenigstens konnte er keinen wirklichen Grund
für sein Kommen angeben. Es knüpften sich auch keine weiteren Folgen an
diesen Besuch, und Fox bedauerte, daß die große Universität ein so
stumpfsinniges Oberhaupt besitze. Dagegen lobte er diesen und jenen
Dozenten, in deren Jours ihm einzudringen gelang. Er verstand es
zuzuhören, zu schweigen, bescheidene Fragen zu tun, zu lernen, und da
dies an einem jungen Mann seltene Eigenschaften sind, gewann er vielfach
Wohlwollen und neue Empfehlungen. Sein großes Anpassungsvermögen ließ
ihn in die verschiedensten Kreise eindringen. Bald kannte er außer
Leuten der Wissenschaft auch Künstler, Kunststudierende, Architekten,
Sportsleute. Viele wußten gar nicht, wo und wie sie seine Bekanntschaft
gemacht hatten. Es kam vor, daß er einem ganz fremden Herrn auf der
Straße die Hand schüttelte und dann auf irgendein Gespräch zurückkam,
das er gar nicht mit ihm geführt hatte: Sie sagten mir damals ... so
begann er, und ließ es darauf ankommen, wie weit sich der andere
erinnerte oder zu erinnern glaubte. Oft gelang ihm seine Absicht ohne
weiteres, indem er sich sagte: In einem großen Salon, wo viele
durcheinander sprechen, weiß man nicht, zu wem man dies, zu wem man
jenes sprach. Stutzte jedoch der andere, so wog Fox mit großer
Geschicklichkeit den Grad dieses Stutzens ab; entweder wußte er ihm dann
vollkommen zu suggerieren, daß er damals mit ihm selber sprach, oder
aber er sagte etwa: Teufel noch mal -- Sie haben recht! Das Gespräch
interessierte mich so sehr, daß ich mir wahrhaftig jetzt einbildete, Sie
hätten es mit mir geführt! Was Sie damals sagten, war wirklich famos ...
wirklich ganz famos! -- Die Folge war, daß man sich grüßte, daß man sich
wieder sprach. In Bildergalerien, Ausstellungen folgte er unbemerkt
irgendeiner anerkannten Größe durch die Säle, merkte sich die Bilder,
vor denen sie besonders lange verweilte, trat näher, wenn er ein
Gespräch erhaschen konnte, bewahrte es gut in seinem Gedächtnis und gab
es später wieder von sich als sein eigenes Urteil, mit zögernder Stimme,
mit kleinen Kunstpausen, in denen er das bezeichnende Wort zu suchen,
sich zu ihm durchzuringen schien. Zuweilen stellte er sich auch dicht
neben einen solchen Mann, ließ dessen Blicken seine eignen folgen, und
murmelte ergriffen: Kolossal! Ab und zu gelang es durch solch ein
hingeworfenes Wort eine Anknüpfung zu finden. Dann erzählte er später,
er kenne diesen Maler, jenen berühmten Bildhauer, vor den und den
Kunstwerken hätten sie ihn angeredet: Und dabei war der Mann so
bescheiden! so einfach! so ganz und gar -- also doch wirklich --
bescheiden! -- Pitt machten solche Erzählungen große Freude: mit
anscheinender Bewunderung hörte er zu, wenn Fox die Bilderpreise aus dem
Katalog ablas und sie zu hoch oder zu niedrig fand. Manchmal hatte er
dem Künstler selbst geraten, den Preis herabzusetzen, und es wäre fast
zu einer Verstimmung zwischen ihnen gekommen! Lieber Gott, das ist ja
auch natürlich! Pinselt der arme Kerl da Tag für Tag an seiner Leinwand
herum und verwechselt schließlich die Mühen seiner Arbeit mit ihrem Wert
als Kunstwerk! -- Fox durfte es sich bereits erlauben, unter seinen
Freunden und Bekannten auch minderwertige zu besitzen. -- Am meisten
aber freute sich Pitt, wenn sie in Konzerten nebeneinander saßen. Fox
hatte zu Hause bei dem teuersten Klavierlehrer Stunden gehabt und galt
in der Familie als musikalisch. -- Bei den ersten Tönen führte er die
Hand vor die Augen, er schien alles um sich her zu vergessen, er seufzte
nach dem Schluß des Satzes leise und starrte vor sich hin, im nächsten
Satze dirigierte er fast unmerklich mit, ungeduldig beschleunigend, dann
wieder unmutig retardierend; und vor dem letzten Satz sah er Pitt mit
großen Augen an und flüsterte, jetzt komme das Erhabenste, was überhaupt
geschrieben worden sei. Seine Augen wurden immer starrer, er vergaß die
Wimpern wieder zu schließen, und endlich lief ihm eine Träne die Wange
herunter. -- Für den Fall daß Pitt sie nicht bemerkt haben sollte,
konnte es nicht schaden später zu gestehen: Solche Zähren sind erlösend.
Was ist denn _das_? fragte Pitt, als er zum erstenmal das Zimmer seines
Bruders betrat. Es war vollkommen illuminiert mit Schwarz-weißdrucken,
die den Inhalt einer Bildermappe bildeten, auf die Fox neuerdings
abonniert war. Fox belehrte ihn: Ich hänge die Bilder nicht hin zu
meinem Vergnügen, sondern zu meiner Erziehung. Wenn ich lange gearbeitet
habe und mein Geist nicht mehr recht vorwärts will, dann sehe ich das
Bild da vorne an, den Philosophen oder was es ist, von Rembrandt. Wenn
ich eine Kritik schreiben soll über Mozartsche Opern, kucke ich nach dem
Dings da hinten von Watteau, der mir die ganze Grazie des Mozartschen
Zeitalters vor die Seele ruft und mir die Melodien des Meisters
überhaupt ganz von selbst erklingen läßt. -- Du schreibst Kritiken? --
Natürlich! Fox nagelte Pitt mit einem Blicke fest und holte langsam aus
seiner Rocktasche einige beschriebene Papiere vor. -- Lies das mal zu
Hause durch; zwar bist du ja nicht eigentlich musikalisch, aber immerhin
ist deine Stimme die eines Unbefangenen. -- Ganz im geheimen hatte Fox
eine bessere Meinung von Pitt als von sich selbst. Und wenn Pitt
Ausstellungen zu machen hatte an seinen Gedanken, -- -- so brauchte er
sich ja einfach nicht nach ihm zu richten! -- Er richtete sich aber dann
doch danach. -- Dieses Semester will ich mich einmal ganz auf die Musik
werfen, neben meiner Jura. Nächstes Semester kommt die Schauspielkunst
dran; da werde ich mich selbst einsetzen mit meiner ganzen
Persönlichkeit. Jeder Mensch muß die Fähigkeiten in sich ausbilden, die
da sind. Wie? Was? --
Fox übernahm für einige Wochen die Opern- und Konzertkritiken an einem
kleinen Blatte. Der eigentliche Rezensent war krank geworden und hatte
Fox, der immer noch mehr wußte als er selbst, der Redaktion zur Aushilfe
empfohlen. Fox kaufte sich in Antiquariaten Sammelwerke alter Kritiken,
nach denen arbeitete er. Er lebte sich ganz in den Journalistenton ein,
nannte die Saison den »Winter unseres Mißvergnügens« und redete von
»goldnen Früchten, auf silbernen Schalen dargereicht«. Ehe die Kritiken
erschienen, lud er Pitt zum Kaffee ein und las ihm alles vor. -- Der
Satz ist gut! sagte Pitt und nickte beifällig. Fox sah ihn mißtrauisch
an, doch ohne Grund: Pitt hatte längst vergessen, daß dies ein Ausspruch
war, den er selbst einmal getan hatte, eine Sentenz, die hier für sich
allein stand, aus dem übrigen etwas herausfiel. _Den_ Gedanken, sagte
Pitt, hättest du zum Mittelpunkt machen und ihn entwickeln sollen. So
für sich allein wirkt er eigentlich unverständlich, am Schluß
widersprichst du dir sogar.
Fox begann auch Buchbesprechungen zu machen: Lies das mal zu Hause, du
hast mehr Zeit als ich, es kommt mir nur darauf an, die leitenden
Gesichtspunkte zu finden. Die kannst du mir mal aufstöbern, ich werde
sie dann verarbeiten. Pitt belustigte dies alles, aber er bestärkte Fox
in seinen Schreibereien und sagte mehrmals, es gehöre ein besonderes
Talent dazu, derartiges zu machen; er selbst könne das nicht, er habe zu
wenig anhaltende Energie und Spannkraft. -- Ja, das ist die Hauptsache!
bestätigte Fox bedauernd. Pitt erschien immer häufiger bei ihm. -- Ich
dachte, du hättest vielleicht heute wieder eine Kritik zum Vorlesen. --
Nee, heute nicht, sagte Fox bedauernd-gönnerhaft. -- Pitt ging, läutete
aber nach zwei Minuten abermals und fragte: Hast du morgen eine? --
Manchmal öffnete ihm Frau Bornemann, manchmal aber auch Lotte, und sie
wollte er sehen. -- Dies ist ein Mädchen, dachte er, das ich vielleicht
lieben könnte. Lotte öffnete stets vergnügt ihren roten Mund, wenn sie
ihn sah, und blickte ihn mit unverhohlenem Wohlgefallen an, und wenn
Großmutter auf das Läuten hinausging, spähte sie durch die Zimmertür.
Einmal bemerkte Fox an Lottes Brust eine Rose, und wußte mit Sicherheit,
daß Pitt am selben Morgen -- wenn es nicht dieselbe war -- mindestens
ganz genau eine gleiche in der Hand getragen hatte. Halloh! dachte er,
sollten seine häufigen Besuche mit dem Mädchen in Verbindung stehen?
Sollte da irgendwas im Anzug sein? Hier unter meinen Augen gleichsam?
Das reine Kind? Die dunkeläugige Blume?! -- Sein Ehr- und Selbstgefühl
regte sich. Vielleicht hatte Pitt keine schlimmen Absichten -- aber
immerhin: Man konnte nicht wissen was daraus erwuchs. Er selbst aber
fühlte sich als Schirmherrn der kleinen Familie, er würde jede drohende
Wolke verscheuchen! Wenn jemand ausersehen war, ihr Freund zu sein --
ganz in Ehren natürlich -- so war er selbst das doch, wo er sowieso im
Hause wohnte -- und dann: Überhaupt, er hatte moralischere Rechte. --
Ich habe die folgenden Wochen stark zu arbeiten, sagte er zu Pitt, und
kann dich kaum gebrauchen -- und wenn es läutete, stürzte er die
nächsten Tage selbst zur Tür. --
Pitt kam nicht mehr. -- Es schadet im Grunde auch gar nichts, dachte er,
Gott weiß, in was ich mich da verstrickt hätte. Dafür kam Fox mit seinen
Kritiken jetzt zu ihm: Mein Ofen raucht! sagte er.
Fox machte sich Vorwürfe, daß er Lotte bis jetzt so wenig beachtet
hatte. Er mußte ihr Vertrauen gewinnen, und das Vertrauen der alten Frau
Bornemann ebenfalls. Deren Geburtstag bildete die passende Einleitung
zur Annäherung. -- Er ließ sich bei ihr melden und verehrte ihr einen
Hummer zum Wiegenfeste. Frau Bornemanns Augen wurden naß, sie wollte ihn
erst nicht nehmen, da er doch gewiß sehr teuer sei, und hielt die Hände
in die Schürze geknüllt, wie ein schüchternes Mädchen. Dann nahm sie ihn
aber doch, bereitete eine Sauce dazu nach ihren Erinnerungen einer
besseren Zeit, und lud Fox später zögernd zu dem Mahle ein, obgleich
Lotte meinte, sie wollten das Tier lieber allein verzehren. Auf Lotte
war dieser Hummer eigentlich berechnet. Fox wußte, daß sie gerne etwas
Gutes aß. Er hatte das öfter bemerkt, wenn er an der Küche vorbei ging.
Da stand sie an dem rohen Brettertisch, hielt eine seiner nicht ganz
ausgeleerten Delikateßbüchsen in der Hand -- Fox liebte es nicht von
Resten zu leben -- stocherte die Fischlein mit der Gabel heraus und
verzehrte eines nach dem andern, andächtig, ohne Brötchen. Frau
Bornemann, erst zurückhaltend, taute doch allmählich auf. Sie klagte,
daß sie hier wie in einem Meer von Steinen säße, die Straßen verwirrten
sie, sie kenne kaum jemand, alle ihre natürlichen Berater, Kinder und
Schwiegersöhne, seien tot, man nütze ihre Unkenntnis in geschäftlichen
Dingen aus, sie fühle sich der Welt preisgegeben, und Lotte wisse noch
weniger als sie selbst, obgleich sie doch das Seminar besuche. Und dann
sagte sie, das Großstadtpflaster sei doch nichts für junge Mädchen,
obzwar sie ja auf Lotte wie auf einen Felsen bauen könne, denn im Grunde
sei sie brav und gut -- und ihre Rede floß weiter, leise und bescheiden
wie ein ganz kleines, spärliches Wässerchen. Fox sagte zu allem: jaja,
jaja, blickte nachdenklich und fürsorglich drein und versprach, er werde
ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen, sie möge sich nur in allen
schwierigen Fragen an ihn wenden. Das tat sie in Zukunft auch wirklich,
erzählte ihm lange Geschichten über ihre bescheidenen Bankpapiere, und
fragte: Nun sagen Sie, was soll ich tun?! -- Er hörte stirnrunzelnd zu,
versprach, sich die Sache im Kopf herumgehen zu lassen, besprach sie
dann mit Leuten, die davon mehr verstanden als er selbst, meinte
zustimmend, dasselbe habe er ungefähr auch schon gedacht, und legte
dieses Selbe später der Frau Bornemann als Resultat seines
vierundzwanzigstündigen Nachdenkens vor. Lottes Wohlwollen erwarb er
sich dadurch, daß er ihr nun ab und zu auch noch intakte kleine
Leckereien verehrte, und Frau Bornemann hatte nichts dagegen, denn sie
sah ja nun: Ihr Mieter war brav und meinte es gut mit ihnen. Und diese
Überzeugung wurde besonders rege in ihr, wenn er Lotte, die zuweilen
merkwürdig frei redete, ohne sich dabei im geringsten etwas zu denken,
nachdrücklich zurechtwies: So etwas _paßt_ sich nicht für ein Fräulein!
Zuweilen lud er sie ein, mit ihm in eine Bildergalerie, in ein Museum zu
gehen. Er erklärte ihr, daß es »Schulen« gäbe unter den alten Meistern;
das glaubte sie erst nicht, ließ sich dann aber belehren, und erzählte
zu Hause alles Großmutter wieder. -- Lies ihm doch mal deinen neuen
Aufsatz vor! Er interessiert sich doch für unser Wohl und Wehe! -- Aber
das wollte sie nicht, sie wußte selber nicht warum. Sie hatte ihn ja
ganz gern, und verehrte ihn, weil er alles wußte, aber -- ihre Aufsätze
vorlesen, -- nein, das wollte sie nicht. -- Weshalb sein Bruder wohl gar
nie mehr kam? Der sah so interessant aus! Ob der wohl noch viel mehr
wußte als Fox? Manchmal wollte sie Fox fragen, weshalb er sich gar nicht
mehr sehen ließe, aber sie unterließ es, aus einem unklaren Gefühle.
Eines Tages stand Pitt plötzlich vor ihr, unter der Tür. Es regnete
stark, er hatte weder Schirm noch Mantel und wollte sich beides von
seinem Bruder borgen. -- Er ist nicht zu Hause! sagte Lotte, aber kommen
Sie nur herein, vielleicht ist er bald da! Pitt sah in ihre lebhaften
und erfreuten Augen und ließ sich hineinziehen. Er saß ihr nun
gegenüber, und es war, als habe sich da ein ganz besonderer
interessanter Vogel neben ihr niedergelassen, den sie bisher nur
flüchtig und im Fluge sah. -- Was er für schöne tiefe Augen hatte! Gewiß
hatte er furchtbar viel Interessantes erlebt. -- Ich soll mich auf mein
Lehrerinnenexamen vorbereiten! erzählte sie sofort, wir haben nicht viel
Geld und ich muß einen Broterwerb ergreifen! -- Sie sollten lieber
heiraten! sagte er, ich glaube dazu passen Sie viel besser. -- O Gott,
das möchte ich ja so gern! Aber wen? ich weiß ja keinen! -- Sie holte
Großmutters Visitenkartenschale, die nun Zimmerschmuck bei Fox geworden
war: Mit was für vornehmen Leuten Ihr Bruder verkehrt! Sehen Sie, hier
ist ein Baron, da ein Graf! Sie nahm die Karten achtungsvoll aus der
Schale. -- Furchtbar schade, daß die immer kommen, wenn ich im Seminar
bin! -- Diese Karten hatte Fox selbst importiert, um sein Renommee zu
heben. In Salons für einen Moment allein gelassen, pflegte er zuweilen
die Visitenkartenschalen zu revidieren. -- Ihr Herr Vater wird ja nun
auch bald Graf! -- Mein Vater? -- Natürlich! Der Kaiser wartet nur auf
die nächste Gelegenheit, und dann wird er Graf! -- Hat Ihnen das Fox
erzählt? Sie nickte und fand gar nichts Verdächtiges in seiner Frage. --
Es klopfte leise und bescheiden. Frau Bornemann hatte an Foxens
Zimmertür gehorcht und drinnen Lottes Stimme und eine andere, männliche
gehört; wenn Lotte auch nichts Unrechtes tat: Es _schickte_ sich nun
einmal nicht. --
Lotte war etwas verlegen. Sie stellte Pitt sogleich vor und erklärte
eifrig, er warte hier auf seinen Bruder. Frau Bornemann dachte: dann
kann ich ja ein bißchen mitwarten! überlegte, ob sie sich wohl auf einen
ihrer eigenen Stühle setzen dürfe und ließ sich dann auf den Rand eines
Sessels nieder. Also Sie sind der Bruder von unserm Herrn Sintrup?
begann sie höflich und mit stillem Vertrauen, ja das habe ich mir gleich
gedacht. In meiner Heimat hatte lobesam der Herr Bürgermeister auch zwei
Söhne. -- So sagte sie, indem sie ihn aus ihren sorgenvollen Augen halb
freundlich und halb kurzsichtig ansah. Dann fuhr sie fort: Merkwürdig,
wie einem doch manches zum Segen ausschlägt, von dem wir vorher denken,
es brächte einem nur Kummer. Wie bitter schwer kam es mir an, einen
Mieter für die neue Wohnung zu nehmen! Wenn einer so etwas nicht erlebt
hat, versteht er's nicht. Alles, was man durchmacht, muß erlebt sein.
Fremde Erfahrungen bringen einen selbst nicht weiter. Das denke ich
manchmal, wenn ich die Menschen Irrtümer über Irrtümer begehen sehe; ich
möchte ihnen dann zurufen: Kinder, seht ihr denn nicht, daß ihr das
falsch macht? Aber dann denke ich: Laß sie nur gehen, laß sie nur
machen! Hinterher sehen sie's dann besser ein, und einmal gebrannte
Kinder scheuen das Feuer! Frau Bornemann schwieg, es kam nichts mehr.
Und als Pitt sie erwartungsvoll ansah, drehte sie ihr kleines
Hasengesicht freundlich hin zu ihm und blickte ihn so niedlich an, daß
er innerlich lachte. Und das mit dem Segen des Zimmers? fragte er. --
Sie sah ihm erst unsicher auf die Lippen, ob er vielleicht einen Wunsch
habe, dann in die Luft, endlich hatte sie den Faden wieder und fuhr
fort: Ach ja, das wollte ich ja sagen: Ich müßte lügen, wenn ich
behaupten wollte, daß ich nun sehr glücklich gewesen wäre, -- obgleich
es Ihr Herr Bruder ist. Aber der Wahrheit die Ehre: Die ersten Tage war
ich ganz unglücklich darüber! In dem Bett, worin er schläft, ist mein
Mann-selig gestorben, und den Fußteppich hat mir meine Schwester-selig
gestickt zur Hochzeit; na, und was da noch für Erinnerungen sind, das
kann Sie ja kaum interessieren. Aber jetzt danke ich unserem Schöpfer,
daß er da ist -- Ihr Herr Bruder nämlich: So ein ausgereifter Verstand
in einem so jungen Kopfe -- wenn man so sagen darf -- und dann die
hoch-anständige Gesinnung: Einen Teppich hat er legen lassen auf dem
Vorplatz! Ich sehe ihm auch manches gerne nach; einem andern würde ich
es nicht erlauben, all die alten Familienbilder von den Wänden zu
nehmen; meine Tochter gehört nun mal übers Sofa, wo sie immer drauf
gesessen hat, und mein eigenes Jugendbild von anno dazumal hat auch
stets einen Ehrenplatz gehabt. Aber ich dachte: Mathilde, du versündigst
dich, der junge Mann ist in der Fremde, und wenn er dich bittet, eigene
Bilder hinhängen zu dürfen -- laß ihn dem Zug seines Herzens folgen. Na,
Familienbilder hat er ja nun nicht gerade hingehängt, sondern solche
abgemalte Bilder; ich versteh ja nichts davon, aber wenn ihm das Freude
macht -- ich habe nichts dagegen! Nun sagen Sie mal: was studieren _Sie_
nun eigentlich? -- Auch Jura. -- Sieh mal! Dann sind Sie also _zwei_
Juristen? --
Pitt wurde dies langweilig, er erhob sich und wollte gehen. Der Regen
hatte aber zugenommen und Frau Bornemann sagte: Nun werden Sie ja naß!
Lotte flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie murmelte dagegen: alte Andenken,
-- und so tief weggepackt -- verstand sich dann aber dazu, sie zu
suchen, und Pitt mußte versprechen, sie am nächsten Tag wiederzubringen.
Um drei! rief Lotte; und an der Tür sagte sie noch einmal leise und
dringlich: Punkt drei! Um diese Zeit -- so wußte sie -- war Fox nicht zu
Hause.
Wirklich war Pitt am nächsten Tage um die angegebene Zeit auf dem Wege.
Soll ich nun den Mantel einfach abgeben, und dann gleich wieder gehen?
So fragte er sich.
Die letzte Zeit, in der er Fox nicht mehr besuchte, hatte er kaum an
Lotte mehr gedacht. Aber seit gestern hatte er fortwährend an sie denken
müssen. Immer sah er sie vor sich, mit ihrer festen, etwas derben
Gestalt, mit ihren gesunden, frischen Backen und den blanken,
lebenslustigen schwarzen Augen. Nie hatte er ein Mädchen gesehen, das
ihm auf den allerersten Blick so sehr gefallen hatte.
Nach seiner Trennung von Elfriede hatte Pitt die erste Zeit sehr
zurückgezogen gelebt, fast ängstlich jede Bekanntschaft mit einem
Mädchen vermieden, da er sich vor einem neuen Schiffbruch fürchtete; bis
er schließlich den Zustand gänzlicher Zurückgezogenheit doch nicht mehr
ertrug und, wie die Schnecke, langsam seine Fühlhörner wieder
vorzustrecken begann. Aber seine Annäherungen blieben doch stets wie in
einer Ferne, und fühlte er gar eine Annäherung des anderen Teils, so
ergriff ihn sogleich wieder die erste Furcht, ja fast ein Schreck, er
zog sich augenblicks wieder in sein Häuschen zurück und lachte sich
selber aus: Liebe, so sagte er sich, ist etwas, das man nicht suchen
darf; sie muß kommen, ohne daß man sie sucht. Nun hatte er immer darauf
gewartet, daß sie von selber käme, aber sie kam nicht.
Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er: Liebe ist etwas, das
im Blute liegt und zum andern will! Zum erstenmal fühlte er einen
starken Trieb in sich.
Mit äußerer Ironie und innerem Neide hatte Pitt auf seine Kameraden
gesehen, die ein ihm fremdes Leben führten. Waren sie nicht weit besser
dran als er selbst, der in jedem Sinn egoistisch nur für sich selber
lebte?! War es nicht Feigheit, Mangel an Selbstvertrauen, wenn er jetzt
auch nur der Möglichkeit eines Erlebens aus dem Wege gehen wollte? --
Unter diesen Erwägungen näherte er sich der Wohnung der Frau Bornemann.
Lotte öffnete, sah ihm frisch und freudig in die Augen und sagte: Ich
hatte schon gefürchtet, Sie kämen überhaupt nicht mehr, denn es ist
schon zwanzig Minuten nach drei! Wir wollen aber nicht in Ihres Bruders
Zimmer gehen, sondern in unser eigenes! Pitt war hiermit sehr zufrieden,
dachte aber: du lieber Gott! als ihm Frau Bornemann auch heute
entgegentrat; im ersten Momente sah er sie gar nicht, da ihre
unscheinbare Gestalt in dem braunen Kleide sich wenig von der ebenfalls
braunen Tapete abhob. Sie machte Pitt diesmal eine feierliche Reverenz,
die er ebenso erwiderte, ohne zu wissen, weshalb sie das beide täten. Er
hatte keine Lust, ähnliche Ansprachen zu erleben wie die gestrige, nahm
sich vor, sogleich wieder zu gehen, und Lotte an der Tür zu fragen, wann
er sie einmal allein sehen könne. Aber wie er nur das erste Wort davon
sagte, rief Lotte, das gehe nicht, sie habe sich so darauf gefreut, daß
sie ihm ihre Hefte zeigen würde! So ließ er sich mit einem innerlichen
Seufzer auf einen Stuhl nieder. -- Was mögen Sie am liebsten?
Französisch, Geographie? -- Aufsatz! sagte er, und dachte: da erfahre
ich wenigstens etwas über sie selber. Sie holte sogleich alle ihre
Hefte; er schlug das erste auf. -- Den nicht! sagte sie und blätterte
bis zum zweiten. Er las, sie sah ihm ab und zu über die Schulter, ob er
schon an die schöne Stelle käme, die ihr so besonders gut geglückt war.
Dann kam der nächste: Über die Erziehung der Jugend. Was für
abgedroschene Worte und Gedanken das alles waren! -- Sie glaubte etwas
wie Mißbehagen auf seinem Gesichte zu sehen, sagt selbst, alles sei
gräßlich, während sie alles eigentlich ganz in der Ordnung fand,
verteidigte sich auch gar nicht und rief bloß: Ich muß ja! Ich muß ja!
-- Er legte das Heft endlich beiseite, sie brachte sofort ein neues. Sie
wollte durchaus hören, was er über Iphigenie dachte und »Goethes
Stellung zum Christentum«. Auf diesen Aufsatz war sie wirklich stolz.
Sie hatte darunter die beste Note erhalten, und außerdem war alles
kalligraphisch musterhaft geschrieben. Er las ihn von Anfang bis zu
Ende, dann reichte er ihr das Heft mit einem stummen Blicke. -- Geist
und Ideen hatte dieses Mädchen nicht, das stand fest. Aber das schadete
ja gar nichts -- im Gegenteil: ein solches urwüchsiges, frisches,
einfaches Geschöpf und Aufsätze -- das paßte nicht zusammen. Und die
sollte in eine Schule eingesperrt werden? -- Lotte war etwas betrübt,
daß er gar nichts sagte. -- Hier ist noch ein Aufsatz, meinte sie aber
mit frischem Mute, der heißt einfach: Die Kuh. Den habe ich am
allerliebsten gemacht von allen, und immer wenn ich eine Kuh sehe, denke
ich: Ob das wohl die ist, von der ich das geschrieben habe? -- Pitt las
auch diesen Aufsatz, und ehe er etwas äußern konnte, ließ sich Frau
Bornemann, die mit Wohlgefallen zuhörte, wie ihre Enkelin sich
wissenschaftlich unterhielt, von ihrem Nähtisch aus vernehmen: Gegen
_den_ Aufsatz kann keiner was sagen, da fehlt auch kein Härchen vom
ganzen Fell! Nun quäle Herrn Sintrup aber auch nicht mehr! Doch Lotte
wollte jetzt durchaus, daß er auch ihre Geographiehefte ansähe. Sie
hatte bemerkt, daß es draußen regnete, und wünschte, der Regen möchte
inzwischen zunehmen, damit Pitt auch morgen einen Grund habe
wiederzukommen. Wirklich ging ein ganzer großer Guß nieder; als er fast
vorüber war, erhob sich Pitt, aber Lotte sagte: Es steht eine ganze Wand
am Himmel, Großmutter, er darf doch den Mantel noch einmal mitnehmen?
Frau Bornemann erlaubte es zögernd. -- Wenn es besseres Wetter wäre,
sagte Pitt an der Tür zu Lotte, hätte ich gedacht, ob Sie nicht ein
bißchen mitgingen. -- O Gott, dasselbe habe ich ja auch schon gedacht,
sagte sie erfreut; das Wetter macht mir gar nichts -- ich muß mir ja
sowieso neue Hefte kaufen, setzte sie hinzu und dachte: das kann ich ja
wirklich. In 10 Minuten komme ich! -- Sie begab sich ins Zimmer zurück,
setzte sich scheinbar an die Arbeit, behielt die Uhr genau im Auge und
brachte nach zehn Minuten ihr Anliegen vor. Großmutter suchte in ihrem
Portemonnaie, gab ihr ein Geldstück und sagte: von den zwanzig
Pfennigen, die übrigbleiben, darfst du dir ein Magenbrot kaufen, das
heißt: für fünf; die übrigen muß ich wieder haben! --
Pitt wartete unten. Sie schoß zur Tür hinaus und spähte, ob er noch da
sei; denn inzwischen war schon fast eine Viertelstunde verflossen. --
Ich muß mir die Hefte nun aber wirklich kaufen, dachte sie, denn sonst
wäre es eine Lüge gewesen, und ich lüge nie. -- Wo wohnen Sie denn
eigentlich? Pitt nannte die etwas entfernte Straße, und sie sagte, da
kaufe sie immer ihre Schulhefte. Sie fing noch einmal an von ihren
Aufsätzen zu sprechen und dann erzählte sie ihm, daß sie schon einmal
durchs Examen gefallen sei, nicht aus Dummheit, sondern aus Angst, daß
sie sonst Lehrerin werden müsse. Großmutter dürfe das nie erfahren, das
wäre entsetzlich. -- Auch Ihrem Bruder, fügte sie hinzu, würde ich das
nie erzählen; aber ich weiß nicht, zu Ihnen habe ich ein so großes
Zutrauen. -- Sie erreichten allmählich seine Straße; wirklich entdeckte
sie dort einen Schreibwarenladen, sagte zu Pitt, er möge draußen warten,
sie wäre im Augenblick wieder da, und blieb dann sehr lange drinnen.
Endlich erschien sie wieder, mit einem glücklichen Ausdruck in den
Augen: ich habe alles um fünf Pfennige billiger bekommen als in dem
eigentlichen Laden -- ich kaufe manchmal auch wo anders -- und nun darf
ich zehn Pfennige für Kuchen verwenden anstatt fünf! -- Ist eine
Konditorei hier in der Nähe? fragte Pitt. -- Konditorei? ich gehe immer
in Bäckerläden, da kriegt man mehr. -- Er wollte aber durchaus in eine
Konditorei. Sie zögerte erst, indem sie dachte, sie könne ihre zehn
Pfennige ausgiebiger anlegen, aber dann überwog die Freude, mit ihm
zusammen zu sitzen.
Nun standen sie vor dem ausgebreiteten Gebäck. -- Soll ich dies nehmen
oder das? flüsterte sie dicht an seiner Seite; wenn ich das linke nehme,
habe ich noch fünf Pfennige für eine Makrone. Sie zögerte; aber das
teuerere Stück hatte einen so festlichen kleinen Geleeaufputz, und das
nahm sie endlich. Als sie es gegessen hatte, sagte Pitt: Nun dürfen Sie
sich noch aussuchen was Sie wollen, ich schenke es Ihnen. Das hatte sie
nicht erwartet. Sie sah ihn erst halb ungläubig an, dann sprang sie auf
und kam mit einem leckeren, kleinen Törtchen zurück, das sie schon
vorher voll Verlangen angesehen hatte, ohne Hoffnung es jemals zu
besitzen. -- Aber das teilen wir! Und als er sich weigerte, erklärte
sie, dann äße sie überhaupt nichts davon, so daß er einwilligte. Sie
überreichte ihm seine Hälfte mit zwei Fingern, und streichelte mit den
übrigen drei halb aus Dankbarkeit, halb um einen Witz zu machen, über
seinen Handrücken hin. -- Gehen wir bald wieder in eine Konditorei?
fragte sie draußen, wurde aber sogleich rot und setzte hinzu, sie meine
nicht etwa, daß er sie wieder dazu einladen solle, im Gegenteil: das
nächstemal wollte _sie_ bezahlen, nicht des Geldes wegen, sondern weil
sie ihm für seine Freundlichkeit auch etwas Freundliches antun möchte.
Morgen? -- Aber ganz bestimmt! sagte er, und sie erklärte zum Schluß,
vor acht Tagen habe sie noch keine Ahnung gehabt, daß sie sobald einen
wirklichen Freund bekommen würde. Sagen Sie aber um Gottes willen Ihrem
Bruder nichts! Dann drückte sie ihm alle seine Finger und an der
nächsten Straßenecke prallte sie gegen einen Herrn, da sie sich immerzu
winkend zurückwandte. --
Sie trafen sich nun jeden Tag; Pitt wartete mit Ungeduld an irgendeiner
Straßenecke wohin sie sich verabredet hatten. Dann umfaßte sie wohl
seine ganze Hand und sagte: Wenn das nun Menschen wären, müßten sie sich
erst anziehen ehe sie sich so guten Tag sagten! und lachte. -- Ist das
nun Naivität oder Raffiniertheit? dachte er. Wenn er im gleichen Sinne
etwas antwortete, schien sie ihn nicht zu verstehen. Obgleich er sich
nie darin geübt hatte, besaß er doch eine Leichtigkeit, zweideutige
Dinge zu sagen, die sich bei einiger Konzentration der Gedanken bis ins
Virtuosenhafte zu steigern fähig war. Sie ging dann neben ihm her, zog
eifrig die Brauen im Nachdenken zusammen und fragte: Was heißt denn das,
was heißt denn das? Manchmal erschrak sie selber, wenn sie irgend etwas
sagte, das ihr vorher gar nicht recht klar gewesen war. Zuweilen meinte
sie auch nur: darf ich so etwas nicht sagen? Papa sagte manchmal noch
viel Ärgeres, o Gott, wenn ich das noch alles wüßte: Großmutter hielt
sich die Ohren zu und sagte: Aber Anton, denk doch an das Kind! --
Diese erste Zeit ihres Verkehrs war still und glücklich für Pitt, durch
ihre Aussicht auf die Zukunft. Jeder Tag fast brachte sie einander
näher. Aber dann begann eine Zeit des gänzlichen Stillstandes; alles
schien so bleiben zu wollen, wie es war. Für Lotte war damit der
Höhepunkt denkbaren Glückes erreicht. Pitt dagegen begann unruhig zu
werden, er wurde einsilbig und zerstreut, sein Blick ruhte länger in
ihren Augen, wenn sie sich trennten, er küßte sie heftiger als früher
und wollte sie gar nicht wieder loslassen. Es war doch gar kein Grund zu
seufzen, den Abschied immer wieder um eine Minute hinauszuschieben, dann
nebeneinander herzugehen und doch nichts zu sagen! Für sie lag die
Zukunft vollkommen klar. Es galt ihr als ausgemacht, daß sie heimlich
verlobt seien, sie würden sich nach ein paar Jahren -- wenn er eine
Stellung hatte -- heiraten, bis dahin blieb sie Lehrerin, und
zwischendurch kamen wahrscheinlich romantische Prüfungen ihrer Liebe,
hervorgerufen durch die Tücken der Welt, die sie alle siegreich
überwinden würde. Bei seinen Küssen fühlte sie schon jetzt manchmal
einen leisen schönen Schauer, das kam daher, daß sie später eine ganze
Etage beziehen würden und niemand ihnen mehr etwas anhaben konnte, wenn
sie erst durch alle Fährnisse glücklich hindurchgegangen waren. -- Er
rang oft mit sich, aber niemals brachte er das Wort über die Lippen, das
den Gedanken aussprach, der ihn ganz erfüllte. Mehr und mehr ahnte er,
daß Lotte ein vollkommenes und reines Kind war. Dazwischen kamen wieder
Stunden, wo er sich töricht schalt und feige. Dann faßte er den festen
Entschluß: Morgen frage ich sie; und wirklich zwang er sich dazu; aber
er kam nicht über die Einleitung hinaus: Ich muß dich etwas fragen!
sagte er. Dann sah sie ihn so neugierig und unbefangen-erwartungsvoll
an, daß er sogleich stockte und schnell irgend etwas ganz
Bedeutungsloses erfand, das in ihren Augen aber sofort höchst
bedeutungsvoll erschien, da er eine so feierliche Einleitung gemacht
hatte. -- So blieben sie immer auf demselben Punkte stehen, er wurde
blaß und müde, in seine Augen trat ein ruheloser und oft ungeduldiger
Ausdruck. Sie ahnte von dem Grunde nichts; wenn er in der Konditorei
nicht aß, schob sie das auf seine Magenverstimmu
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