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Aus zwei Welttheilen. Erster Band.

by Friedrich Gerstäcker · German · Gutenberg #50187 · 534,010 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Aus zwei Welttheilen. Erster Band.
    
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Title: Aus zwei Welttheilen. Erster Band.

Author: Friedrich Gerstäcker


        
Release date: October 12, 2015 [eBook #50187]
                Most recently updated: October 22, 2024

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. ERSTER BAND. ***

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  Aus zwei Welttheilen.

  Gesammelte Erzählungen
  von
  Friedrich Gerstäcker.

  Erster Band.

  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1854.




Inhalt des ersten Bandes.


                                                         Seite

  Heimweh und Auswanderung                                   1

  Die Wolfsglocke                                           27

  Die Ahnung                                                83

  Schwarz und Weiß                                         137

  Der Freischütz                                           227

  Die Schoonerfahrt                                        275

  Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand      401




Heimweh und Auswanderung.

Skizze.


Vor Jahren, und noch nicht einmal vor so gar _langen_ Jahren, war eine
Reise von mehr als zwanzig Meilen ein Gegenstand, der nicht allein jede nur
erdenkliche Vorbereitung erforderte, sondern den Reisenden selbst fast wie
einen tollkühnen Wagehals erscheinen ließ, der sein eigenes Leben und die
Ruhe seiner Verwandten und Freunde keinen Deut hoch achtete, sondern
nur, ein zweiter Robinson Crusoe, Lust habe, seine Tage unter Wilden und
Cannibalen zu beschließen. Damals standen noch wohlbeleibte Wirthe mit den
dicken, gemüthlichen Gesichtern in der Thür ihrer Gasthäuser und unter den
an starken eisernen Stäben hin- und herknarrenden Conterfeys von rothen
Drachen oder noch rötheren Potentaten, sahen die alte, wohlbekannte
Landkutsche halbe Stunden lang bedächtig auf der ausgefahrenen Straße
heranrasseln, und berechneten schon im Voraus, für wie viel Gäste die
hochlägerigen, schneeweiß überzogenen Betten hergerichtet, wie viel Paar
Pantoffel zum Wärmen an den Ofen gestellt werden müßten.

Jetzt dagegen zischen und schnauben keuchende Locomotiven ihre eiserne
Bahn entlang -- die Drachen und Potentaten sind (beide jedoch nur von den
Wirthshausschilden) verschwunden und haben französirten Hotels -- »=de
Leipsic, de Katzenellenbogen etc.=« -- Platz gemacht, und langbeinige,
dünnleibige Wirthe und Kellner stürzen, mit ganzen Armladungen voll
Erfrischungen, von Coupee zu Coupee, um die _nie_ mehr einkehrenden
Passagiere zu veranlassen, ihr Geld im Fluge zu verzehren.

Der Ocean hält mit dem festen Lande Schritt; sonst nannte man eine Fahrt
von Hamburg nach Helgoland eine »Seereise«, jetzt heißen die, zwischen
Newyork und Liverpool »spielenden«, ungeheueren Packetdampfschiffe
»_Fährboote_«, und Pianofortes und Brüsseler Spitzen werden nach Gegenden
hingeschafft, in denen noch vor kurzer Zeit Schellen und Glasperlen als
Wunderwerke der Kunst galten.

Der Mensch selbst bleibt dann natürlich nicht hinter dem Fortschritt der
Länder zurück -- der enge Kreis, der sonst den Hausvater an die Scholle
bannte die er bewohnte, wird ihm jetzt zu eng, und wenn er die Seinen nicht
verlassen kann, ei nun, so nimmt er sie mit zu anderen Zonen. Ein mit dem
Vaterland Zerfallener -- ein »Weltschmerzdurchtobter« -- dachte früher nur
selten daran, die alten Ketten und Verhältnisse, die ihn bisher gebunden,
abzuschütteln und auf neuem Boden, von der neuen, lebensfrischen Keimkraft
einer anderen Welt durchglüht, ein ebenso neues, ein ebenso frisches Leben
zu beginnen, -- das Wort »Europamüde« stand noch in keinem _deutschen_
Wörterbuch. Jetzt ziehen Tausende von ruhigen Landleuten, die bis dahin von
Schiffen keine anderen kannten als Weberschiffe, und das Wasser, außer
dem Hausgebrauch, nur noch zum Mühlentreiben verwendbar hielten, mit
schwellenden Segeln über brausende Wogen hin, einer neuen, ferngelegenen
Heimath zu, und befinden sich auch dort schon, nach ganz kurzem Aufenthalte
so wohl, so bekannt, als ob sie zwischen lauter Negern und Mulatten
aufgewachsen wären, und von frühester Kindheit an nichts Anderes gegessen
hätten, als Maisbrod und Ananas.

Deutschland, das sonst so ruhige, gemüthliche Deutschland, ist auf Reisen
gegangen; Michel hat Schlafrock und Pantoffeln ausgezogen, und am Ganges,
Nil und Niger, am Amazonenstrom wie am Mississippi verlangt er von dem aufs
Aeußerste erstaunten Echo, ihm »Ei du lieber Augustin« und »schöner grüner
Jungfernkranz« nachzusingen.

Betritt nun der Deutsche amerikanischen Grund und Boden, und ist ihm selbst
die Sprache fremd, die er von _lauter_ fremden Menschen sprechen hört, dann
erfaßt ihn gewöhnlich zum ersten Mal jenes Gefühl gänzlicher Verlassenheit,
das er selbst bei dem Abschied aus der Heimath, als er den letzten blauen
Streifen des Vaterlandes in nebliger Ferne schwinden sah, noch nicht
empfand. Damals, in ganz neuer, fremdartiger Umgebung, wo Scene nach Scene
wechselte, und jede nachfolgende immer wieder frischeres, lebendigeres
Interesse bot, -- noch dazu von lauter Landsleuten umgeben, die nur über
Sachen sprachen die ihm selbst bekannt, mit denen er selbst vertraut war,
fühlte er, glaubte er noch nicht, daß der letzte Faden zerrissen sei, der
ihn an vaterländische Erde band, -- er war nur eben unterwegs, und das
Meer, in dessen wundervolle Bläue er jetzt hineinstarrte, umfluthete ja
auch den heimischen Strand.

So vergrößerte sich nach und nach die Entfernung, ohne daß er im Stande
war einen Maßstab anzulegen, wie er von Stunde zu Stunde alles Das weiter
zurückließ, an dem bis jetzt sein ganzes Herz gehangen, und das ihm durch
Liebe und Gewohnheit heilig geworden war.

Der erste Schritt auf fremder Erde zerstört den Wahn -- von seinen
Reisegefährten trennt ihn gewöhnlich bald irgend ein anderer Plan, trennen
ihn andere Interessen, andere Ansichten -- er verliert sie in dem
ihn umtosenden Gedränge aus den Augen, und erst dann -- erst in _dem_
Augenblick steigt mit einem Schlage die ganze starre Wahrheit vor ihm auf:
du bist im fernen, fremden Land _allein_.

In _der_ Zeit schließt er sich an Jeden an, der _deutsch_ spricht -- in
_der_ Zeit glaubt er einem Jeden, der ihm versichert, daß er es gut und
ehrlich mit ihm meine -- ach seine ganze Seele hängt ja an dem Glauben. Nur
zu häufig fällt er aber auch dann gerade in die Hände listiger Speculanten,
die, in der amerikanischen Schule gestählt, jeden fremden Einwanderer,
komme er nun aus der eigenen Heimath oder wo anders her, wie einen Schwamm
betrachten, den sie so lange drücken und kneten, als noch ein Tropfen
Wasser in ihm enthalten ist, und erst dann, nachdem sie sich ihres Erfolgs
vergewissert haben, wie ein abgenutztes Handwerkszeug bei Seite werfen.

Der also Mißbrauchte sieht sich so von Jedem, dem er mit treuem Herzen
vertraute, hintergangen und verspottet, und jetzt stürmen urplötzlich all
die tausend und tausend gehörten und für Märchen gehaltenen Geschichten auf
ihn ein, durch die er in der alten Heimath vor solchen _Freunden_ gewarnt
worden war. Er gleicht jetzt dem Knaben, der sich, schon unter Wasser, noch
deutlich daran erinnert, daß ihm Jemand gesagt hätte, das Eis würde nicht
halten. Er ist aber einmal durchgebrochen, und nur starkes, kräftiges
Ringen kann und wird ihn wieder an die Oberfläche bringen.

Nun sind es allerdings großentheils Deutsche, die in den Seestädten
Amerikas einzig und allein darauf auszugehen scheinen, ihre Landsleute
durch falsche Verkäufe, Landspeculationen oder sonstige Betrügereien
zu hintergehen; das hat aber hauptsächlich darin seinen Grund, daß der
Amerikaner nur selten Deutsch genug versteht, sich des eben Eingewanderten
Vertrauen zu erwerben und Vortheil aus ihm zu ziehen, sonst wäre er der
letzte, der sich ein Gewissen daraus machen würde, ein =greenhorn=[1]
hinters Licht zu führen.

  [1]: =Greenhorn= -- ein unübersetzbares Wort, das der Amerikaner von
  solchen braucht, die in einer neu unternommenen Sache noch gänzlich
  unbekannt sind, wie z. B. ein Landbewohner, der Matrose werden wollte,
  im Anfang stets ein =greenhorn= genannt werden würde.

Der Amerikaner hat überhaupt, besonders im Handel, wunderliche Begriffe von
Ehrlichkeit, und hält Manches für erlaubt, was wir nach _unseren_ Ansichten
unmöglich billigen könnten. Ich brauche da nur an die aus Kien gedrehten
Muskatnüsse, an hölzerne in Leinwand eingenähte Schinken, an aus Kartoffeln
und rothem Flanell gestopfte Würste, und an viele andere Betrügereien zu
erinnern, die den Schuldigen vor Gericht allerdings verdammt hätten, denen
aber der Amerikaner selbst seine volle Bewunderung zollt und einen solchen
Pfifficus höchstens einen »=deuced smart fellow=«, einen »verwünscht
schlauen Burschen« nennt.

Nun ist es aber nicht allein das Vertrauen gegen Andere, vor dem sich der
neu eingewanderte Deutsche besonders zu hüten hat, sondern auch das in sich
selbst, was ihm nicht selten noch größeren Schaden thut als das erste, denn
jenes kostet ihm gewöhnlich nur Geld und er gewinnt dafür Erfahrung,
das andere aber kostet ihm seine _Zeit_ und die kann ihm Nichts wieder
ersetzen.

Ich möchte hier übrigens nicht mißverstanden werden, denn ich will
keineswegs damit sagen, daß der Europäer nicht auf seine eigenen Kräfte,
auf seine eigene Ausdauer und Beharrlichkeit vertrauen solle. Nein im
Gegentheil, ein solches Vertrauen ist sogar unumgänglich nöthig, er würde
sonst untergehen in Zweifel und Unentschlossenheit; er soll sich aber nicht
einbilden daß er nach Amerika gekommen ist, um die Eingeborenen durch
seine eigene Geschicklichkeit in Erstaunen zu setzen -- er soll nicht,
ohne vorher zu prüfen, _seine_ Manier zu arbeiten für die bessere,
_seine_ Werkzeuge für die einzigen guten halten -- er soll seine eigenen
Fähigkeiten nicht zu hoch anschlagen und selbst da noch _lernen_, wo er
sich schon vielleicht für geschickter und klüger als Die hielt, mit denen
er zusammentraf.

Der Amerikaner ist viel praktischer als der Deutsche -- er hat sich aber
auch nicht aus dem alten Schlamm, aus geistigem und körperlichem Zwang erst
herauszu_arbeiten_ gebraucht, wie wir das noch jetzt mit Händen und Füßen,
ja oft auf dem Bauche liegend, im Begriff sind zu thun. Er hat das Joch,
was ihn zu drücken erst _anfing_, abgeschleudert und nun, ein freier Staat,
die freie Bahn frisch und fröhlich verfolgt. Nicht durch Zunft oder anderen
Zwang niedergehalten, von allen Ländern der Welt die Repräsentanten in
seiner Mitte, konnte er prüfen und wählen und der Erfolg hat bewiesen, wie
er nicht blind war gegen das Bessere.

Daher geschieht es denn gewöhnlich, daß sich besonders der deutsche
Handwerker im Anfang gar nicht in die Behandlungsart seines eigenen
Gewerbes hineinfinden kann, und selbst der _Meister_ zu seinem nicht
geringen Erstaunen noch lernen muß. Hier in Deutschland kommt es besonders
_darauf_ an, daß eine Sache gut und dauerhaft gearbeitet sei; der Vater
will ein Stück, das er für sich selber machen läßt, auch noch auf den Sohn
vererben, _dort_ hingegen soll nur Alles _schnell_ und in _Masse_ fertig
werden, und der Amerikaner wird daher stets den schnellen Arbeiter dem
guten vorziehen. Schuhmacher z. B., die zwei bis drei Paar Schuhe in einem
Tage machen, gehören keineswegs zu den Seltenheiten. -- Hie und da, in
großen Städten, findet man Anschläge, wo »schwarze Wäsche« in _einer_
Stunde gewaschen, getrocknet und geplättet wird. -- Häuser scheinen über
Nacht aus dem Boden zu steigen, ganze Städte wachsen in wenigen Monaten
heran und ein ewiges Drängen und Treiben schüttelt die Amerikaner selbst
aus einem Staat in den anderen, aus einem Geschäft in das andere.

Der Lebenszweck ist: _durch_ die Welt zu kommen, und _womöglich_ ehrlich,
das _wie_ ist aber auf jeden Fall sonst Nebensache. Was also hier in
Deutschland einem Menschen zur Schande gereichen, oder über das der
Philister wenigstens sehr stark den Kopf schütteln würde, das öftere
sogenannte »Umsatteln« wird dort nicht allein für natürlich, sondern sogar
für lobenswerth gehalten, weil es beweist, wie der unstät von Einem zum
Anderen Wechselnde das für ihn Passende zu finden sucht, und man ist
überzeugt, er wird, _wenn_ er es findet, nicht langsam in der Benutzung
desselben sein.

Daß Einer heute Zimmermann, morgen Straßenarbeiter, übermorgen Doctor,
nachher Landmann, Maler, Schuster, Matrose, Apotheker, Händler u. s. w.
ist, fällt Keinem auf, und gerade diese unbegrenzte Arbeitsfreiheit hat
Amerika seinen ungeheuern Aufschwung gegeben. Dort treibt ein Jeder nicht
etwa Das, wozu ihn die Laune seiner Aeltern oder seiner Geburt verdammte,
sondern Das, was seinen eigenen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, und
ist daher auch im Stande, es zu einer Vollkommenheit zu bringen, zu der er
sich noch mehr durch unbegrenzte Concurrenz getrieben sieht.

Das sollte aber auch den Einwanderer vor einem Fehler warnen, in den er nur
zu oft von allem Anfang an fällt -- daß er nämlich Dasselbe dort treiben
will und es durchsetzen zu müssen glaubt, was er hier im alten Vaterlande
getrieben. Es ist gerade so, als ob er nun auch noch immer in das alte
Wirthshaus gehen wollte, in das er seit Jahren gegangen; ja lieber Gott,
das liegt Tausende von Meilen hinter ihm, und eine neue Welt ist's, die
ihn umgiebt, eine neue Welt ist's also auch, der er sich anpassen, der alte
Adam ist's, den er mit dem alten Schlafrock ausziehen muß.

Dazu kommt noch, daß viele Gewerke in Nordamerika gar keine Kundschaft
haben, so z. B. würden _Weber_, wenn sie es dort durchsetzen wollten, vor
dem Webstuhl ihr Brod zu verdienen, verhungern müssen -- _was_ gewebt wird,
geschieht auf Maschinen oder von Frauen -- Spitzenklöppler dürften ebenso
wenig daran denken, ihr Geschäft in Amerika zu treiben -- Hufschmiede
müßten sich den steinigen Norden oder gebirgige Strecken suchen, da im
Süden kein Mensch daran denkt, ein Pferd beschlagen zu lassen u. s. w.
Michel muß also, wenn er einmal überhaupt eine so große Reise angetreten
hat, total aus sich herausgehen und ein ganz anderer Mensch werden.

Der _Arme_ aber, der hier nur Sklave und Knecht war, der hier wie ein
Pferd arbeitete, um zu leben, und für einen Tag Krankheit zwei Tage hungern
mußte, um die Sache wieder ins alte Gleis, d. h. auf sein früher reducirtes
Nichts zu bringen, wird dort auf einmal finden, daß er mehr als ein bloßer
Zahn in einem Maschinenrad ist, daß er auch noch Menschenrechte hat, die
dort gelten und anerkannt werden. Er braucht auch nicht mit Thränen
auf seine Kinder zu blicken, weil er im Geist voraus sieht, welch
fürchterliches Leben sie durch lange endlose Jahre dahin zu schleppen
haben; denn gerade die Kinder sind es, die nachher tausendfältig ernten,
was die Aeltern, vielleicht immer noch unter Sorgen und Entbehrungen,
gesäet haben. Für den Armen, der arbeiten will, ist daher Amerika noch ein
Land der Verheißung, und alle die, die es gut mit den Unglücklichen meinen,
sollten der Auswanderung derselben nicht allein nicht im Wege sein, sondern
sie eher und so viel als möglich unterstützen helfen.

Daß dort _Alle_ gedeihen, daß es dort _Allen_ gut gehen soll, wer könnte
das verbürgen -- schon ihre ganze Erziehung hier, die Abhängigkeit, in
der sie von Jugend auf gelebt, läßt sie dort anfänglich in einer Freiheit
umhertaumeln, die sie nicht verstehen, deren Werth sie noch nicht begreifen
können. Allerdings sagen sie es sich wohl oft, recht oft laut und in
Gedanken vor: »Hier sind wir Alle gleich, hier trennt uns kein Unterschied
des Ranges mehr«, aber vor jedem guten Rock bücken sie sich, weil sie den
verwünscht schwachsinnigen Gedanken noch nicht abschütteln können, daß in
einem bessern Stück Tuch auch nothwendig ein besseres Stück Fleisch stecken
müsse, als sie selbst unter ihrer wollenen Jacke tragen. Das verliert
sich aber nach und nach, sie lernen ihren eigenen Werth erkennen, und der
deutsche _Farmer_ ist durch seine Arbeitsamkeit und offene Ehrlichkeit der
geachtetste Bürger der Staaten.

Anders, aber nicht etwa besser steht es dafür mit Denen, die in den Städten
kleben bleiben und nun dem Endzweck der Amerikaner huldigen und Geld, nur
immer _Geld_ zu verdienen suchen, während ihnen das _Wie_ dabei als eine
nicht zu beachtende Nebensache erscheint.

  Du kannst im Großen nichts verrichten,
  Und fängst es nun im Kleinen an.

Zu dem Großen fehlen ihnen die Mittel, fehlt ihnen der Geist -- von klein
auf krämern sie sich nach und nach hinauf. Stege, die der Amerikaner ihres
Schmutzes wegen nicht einschlagen will, benutzen sie mit Freuden, und haben
sie endlich ihr Ziel erreicht -- ist es ihnen gelungen ein kleines Vermögen
zu erwerben, das sie unabhängig dastehen läßt, dann kriecht aus der Puppe
der gemeinen Raupe ein Zwitter-Unding von Amerikaner und Deutschem hervor
-- ein Wesen, das nur englisch radebrecht, und von seinen Landsleuten mit
vornehmen Nasenrümpfen sagt: =it is _only a Dutchman_= (es ist _nur
ein Deutscher_) -- und zwar Dutchman noch im allerverächtlichsten Sinn
gebraucht.

Die Galle läuft einem ordentlichen Kerl über, wenn er solch Pack sieht,
und dann fühlt, daß Jene nur ihre eigene Gemeinheit vor einer so reichlich
verdienten Züchtigung schützt.

Auch unter diesen giebt es allerdings eine bessere Klasse, aber sie ist
selten; der _gebildete Deutsche_ zieht es -- wunderlicher Weise -- fast
stets vor, sich lieber durch _Hand_arbeit eine Zeitlang fortzuhelfen, bis
er Sprache und Sitten des Landes erlernt hat, und wenn er dann mit dem
Lande selbst vertraut wird, wenn er die Achse findet, um die sich Alles
dreht, und sich nun selber fragt: Weshalb bist Du denn eigentlich nach
Amerika gekommen? weshalb hast Du Freunde und Verwandte, weshalb Alles Das
verlassen, was Dir einst lieb und theuer war? dann gesteht er sich wohl
meistens selber ein: es war jener, vielleicht noch unbewußte Drang
nach Freiheit -- ein Gefühl, das, wenn auch ungeweckt, in seiner Brust
geschlummert, und hinein zieht er nun in den freien, fröhlichen Wald, und
als freier Farmer der Vereinigten Staaten verdient er sich sein Brod,
zwar im Schweiße seines Angesichts, aber er steht auch selbstständig
und unabhängig da, ein souverainer Fürst auf seinem eigenen kleinen
Fürstenthum.

Zwei Krankheiten sind es übrigens, denen der Deutsche, denen überhaupt der
Auswanderer nach Amerika fast stets anheimfällt -- zwei Krankheiten,
die, eigentlich sehr von einander verschieden, doch auch wieder einzelne
Aehnlichkeit mit einander haben; sie heißen: _Seekrankheit_ und _Heimweh_.

Die Seekrankheit betrifft allerdings nur hauptsächlich den Körper, das
Heimweh dagegen den Geist; das heißt: die eine kommt aus dem Magen, die
andere aus dem Herzen -- beide sind aber die fast unausbleiblichen Folgen
einer transatlantischen Fahrt und ähneln sich auch darin, daß sie manchmal
ihr Opfer nur im Anfang, nur in den ersten Tagen mit beiden Fäusten
anpacken und recht ordentlich, so recht aus Leibeskräften durchschütteln,
es aber dafür auch später ungeschoren lassen, oder -- was viel, viel
schlimmer ist -- leise auftreten und bei jeder neuen Woge, bei jedem etwas
stürmischen Meer, wieder- und immer wiederkehren und Herz und Magen gleich
stark zur Verzweiflung bringen. Beides sind Krankheiten, die kein Arzt zu
curiren im Stande ist, die aber beide, die eine durch _jedes_ feste Land,
die andere nur durch den heimischen Boden, augenblicklich gehoben werden,
und sonderbarer Weise sich auch nach wiederholter Ursache, d. h. nach
wiederholter Seereise oder Trennung vom Vaterlande, selten und nur in
außerordentlichen Fällen zum zweiten Male einstellen.

Zwar hat man für das Heimweh allerlei probate Mittel empfohlen, wie z. B.
stete Aufregung, ein rastloses Suchen von Geschäften, Reisen, überhaupt
Zerstreuung, und das hilft auch für _die_ Zeit vielleicht, _in der_ wir
uns zerstreuen; Augenblicke der Ruhe _müssen_ aber kommen und dann -- ach
selbst die Erinnerung an die ist schmerzlich.

Auch für die Seekrankheit hat man in neuerer Zeit etwas -- ein Vomitiv
gleich zu Anfang genommen -- als von ausgezeichneter Wirkung empfohlen, das
ist aber etwa eben so, als ob mich beim Arbeiten das Wagenrasseln auf der
Straße störte und ich mir nun ein paar nimmer rastende Trommelschläger vor
die Thüre bestellte, damit ich jenes nicht mehr höre. Nein, Heimweh wie
Seekrankheit will austoben und beiden muß man daher seinen ruhigen Lauf
auch ruhig lassen.

Nun wollen freilich Einige behaupten, das Eine schütze zugleich vor dem
Andern, denn wer die Seekrankheit einmal recht ordentlich gehabt, der
bekomme nie das Heimweh, oder verlange wenigstens nie heimzukehren, weil
er sonst auch jener wieder zum Opfer fiele. Dem ist jedoch nicht so, das
Heimweh kann sogar viel eher als eine fortgesetzte, als eine moralische
Seekrankheit betrachtet werden. Es ist die Seele, die auf dem
sturmgepeitschten fremden, ungewohnten Lebensmeer erkrankt und sich nun,
obgleich der Körper durch jede mögliche Anstrengung, durch Beinespreizen
und verzweifeltes Balanciren sein Aeußerstes thut dagegen anzukämpfen, nur
immer und immer zurücksehnt nach dem festen Land, nach dem _Vater_land.

Einen Beweis hierzu liefert ebenfalls wenigstens der bessere Theil der
Deutschen in Nordamerika. Dieser nämlich, obgleich vielleicht früher
mit den Wörtern Preuße, Baier, Oestreicher, Sachse etc. vollkommen
einverstanden, macht jetzt plötzlich keinen Unterschied mehr zwischen
dem Rhein und der Donau -- er fragt nicht mehr den Deutschen: aus welchem
_Lande_ kommst Du? das weiß er, das ist _Deutschland_; nein, aus welcher
_Gegend_, und selbst _die_ Frage geschieht nur, um vielleicht einen
bekannten Ort genannt zu hören und sich an den lieben, ach lange entbehrten
Lauten zu erfreuen. -- Daher schreiben sich auch die, fast in allen
amerikanischen Städten entstehenden Gesellschaften zur Bildung eines
_einigen Deutschlands in Amerika_ -- Michel versucht ganz urplötzlich in
einem total fremden Lande etwas, an das er zu Hause, wo es doch eigentlich
hingehörte, mit keiner Sterbenssilbe gedacht hatte, und ärgert sich dann,
daß er so wenig »Gemeinsinn«, wie er es nennt, daß er so wenig Anklang
unter seinen Landsleuten findet.

Alle diese Versuche sind ebenfalls nur ein _Heimweh_, das sich auf solche
Art seine, tief im Herzen wurzelnde Bahn bricht -- es ist das Andenken an
liebe, früher so glücklich verlebte Stunden. Der Ausgewanderte will sich
dadurch gewissermaßen glauben machen, er lebe noch in den alten, jetzt so
schmerzlich vermißten Kreisen, und all das Fremde, Ungemüthliche, was ihn
umgebe, sei nur die harte, bittere und keineswegs zum süßen Kern gehörige
Schale, wie wir ja wohl vor den hereinbrechenden Winterstürmen Blumen und
Blüthen mit in das wohnliche Zimmer flüchten und diese hegen und pflegen,
daß sie uns noch recht lange den lieben Sommer erhalten sollen.

Eine Weile geht das auch -- die Keime sind noch frisch und kräftig, und
wenn gleich draußen der eisige Nord das gelbe verwelkte Laub von den
Zweigen reißt, so trotzen die warm gehaltenen Pflanzen lange und glücklich
dem starren Vernichter. Nach und nach aber welken sie auch -- die Zeit
übt ihr Recht -- der Winter greift durch jedes zufällig geöffnete Fenster,
durch jede Ritze und Spalte herein, nach den armen Kindern einer anderen
Sonne, und legt sie erbarmungslos in ihr dunkles Grab.

Doch eines bleibt -- eines ist, das der Hitze wie Kälte, der erstickenden
Stubenluft wie dem vernichtenden Norde trotzt, das sich mit immer wieder
neuen Schößlingen an Herz und Seele rankt und klammert, das frisch und
fröhlich keimt, wenn auch draußen die ganze Natur erstarrt, wenn Alles
unter weißer Leichendecke todt und begraben liegt, und das ist der _Epheu_
-- die _Erinnerung_ an die Heimath, wenn auch die Heimath selbst, ach
längst für uns gestorben scheint. In seinen lebensfrischen Blättern sehen
wir uns eine neue Frühlingswelt erstehen -- aus ihm bauen wir uns Lauben
und Grotten -- ihn flechten wir um unsere Sitze und zu ihm aufblickend
trägt uns sein freundliches Grün zu der Zeit zurück, wo wir draußen im
schattigen Wald mit den heißen Wangen den Thau von den Zweigen strichen, wo
wir in der Heimath Das fanden, was uns jetzt nur noch, ein schwaches Bild
ihrer selbst, geblieben.

Es ist eine eigene Sache um das Heimweh, und ein dem vaterländischen Boden
entrissener Mensch ist ebenfalls wie ein aus der Erde, die ihn erzeugte,
genommener Baum; er stirbt vielleicht nicht ab im fremden Lande -- die
Wurzeln schlagen wieder aus, aber die feinen, zarten Theile derselben
sind doch noch im alten Bett zurückgeblieben -- die tausend kleinen,
unbedeutenden Fasern wurden verletzt und getrennt, und wenn sie auch zu dem
Leben des Baumes selbst nicht unbedingt erforderlich waren, so thun sie ihm
doch recht weh, und ihr Verlust schmerzt noch lange nach.

Ist es aber zur Erhaltung des _ganzen Baumes_ nöthig, daß er in anderen
Grund und Boden komme, dann sind eben diese Fasern nur Nebendinge, auf die
man nicht Rücksicht nehmen darf und kann -- es thut ja auch weh, sich einen
Zahn ausnehmen zu lassen, und doch unterzieht man sich dem Schmerz, um
künftig Ruhe zu haben und sich wohler zu befinden. So leben wir denn
ebenfalls jetzt in einer Zeit, wo die Bevölkerung einzelner Länder mit Dem
was sie selbst erzeugen kann, in keinem Verhältniß mehr steht, und entweder
muß ein Theil, nach Vorbild der Bienen, _schwärmen_, oder der ganze Stock
Noth und Mangel leiden.

Früher geschah das erstere durch sich selbst; die Völkerwanderungen
bedurften eben keiner weiteren Anregung als der Ueberzeugung, daß der
bisherige Aufenthaltsort für einen Stamm zu eng ward und die, überdieß
nicht an die Scholle gebundenen Nomadenvölker zogen aus, in irgend einer
anderen Himmelsrichtung ein besseres, ihrer großen Zahl mehr zusagendes
Land zu finden. Jetzt aber fehlen jene ungeheueren, wenig bevölkerten und
in der Nähe gelegenen Strecken, oder wo sie liegen, sind die politischen
Verhältnisse der Art, daß Jemand, der erst einmal glücklich Sack und Pack
zusammengeschnürt hat, gewiß nicht _dort_hin zieht; es werden daher Mittel
erfordert, um einen uns nicht mehr ernährenden Wohnplatz zu verändern, die
der Arme nicht besitzt; gleichwohl nimmt die Noth, besonders in einzelnen,
übervölkerten Theilen unseres Vaterlandes, wie in den sächsischen,
schlesischen und böhmischen Gebirgen, mit jedem Tage zu und mit allen
gereichten Gaben ist immer kein Ende derselben zu ersehen, keine dauernde
Hülfe zu erzwecken -- es ist immer nur ein einzelnes Mahl, dem Hungrigen
gereicht, und der morgende Tag wird ihn eben wieder so verschmachtend
finden, als der gestrige ihn fand. Daher sollte denn auch der Staat,
wenn er es wirklich gut mit den Armen meint, wenn er ihrer Noth wirklich
_abhelfen_ und sie nicht nur für den Augenblick durch eine Galgenfrist
beschwichtigen will, die _Auswanderung_ _unterstützen_ und _leiten_.
Unterstützen, so weit das in seinen Kräften steht, bedenken daß er in
dem Läutern seiner eigenen Kräfte auch sein eigenes Blut reinigt von dem
ungesunden Ueberfluß, der ihn zuletzt sonst selbst bewältigt, und nicht
fürchten, daß die gesunden Arbeiter alle fortgehen und nur Greise und
Krüppel zurückbleiben -- denn wäre das wirklich der Fall, so könnte
man dann noch immer die _wenigen_ mit dem zehnten Theil dessen thätig
unterstützen, was jetzt auch an die arbeitsfähigen, und zwar nur zur
augenblicklichen Stillung ihres Hungers verwendet wird, ohne daß es ihre
Leiden lindert, sondern sie bloß am Leben erhält.

Aber auch _leiten_ sollte der Staat die Auswanderung und zwar durch
tüchtige Männer, die, vom Staate beauftragt, die Auswanderer nicht allein
hinüber zu führen hätten in ihre neue Heimath, sondern die auch an Ort und
Stelle die Gegenden aussuchen und alles Nöthige einleiten müßten, um ihnen
wenigstens einen Anfang möglich zu machen, um ihnen die Gelegenheit
zu geben, daß sie beweisen können, wie es ihnen wirklich Ernst ist,
selbstständig durch die Welt zu kommen, und sie ihr altes Vaterland nicht
allein nicht ganz vergessen, sondern auch mit Freundlichkeit statt mit
bitteren Empfindungen daran zurückdenken. Die Zeit _war_ wo wir eine Flotte
hatten, -- und unsere Nachkommen werden glauben, man erzählt ihnen ein
Märchen, wenn sie die Geschichte derselben lesen -- wir dürfen deshalb
nicht daran denken, unsere ausgewanderten Freunde auch noch in fremden
Welttheilen _schützen_ zu wollen. Das edle Recht ist nur den _Nationen_
vorbehalten, aber wir könnten ihnen dadurch doch auch beweisen, daß uns
wirklich ihr Wohl am Herzen lag, als wir ihre Taxen und Steuern nahmen,
daß wir sie wirklich, wie ihnen das hier oft genug vorerzählt wird, als
_Kinder_ des Staates betrachten und nicht als überflüssiges Material, als
Kehricht, den man auf die Straße wirft, und von dem man froh ist, wenn ihn
der Nachbar gelegentlich mit fortführt.

Diese vom Staat Beauftragten sollten aber nicht, wie das bis jetzt
stets der Fall gewesen, Männer sein, die, selbst unbekannt mit
Amerika, hinübergehen, dort vielleicht ein halbes Jahr leben, flüchtige
Erkundigungen einziehen und dann glauben, sie kennten das Land genug, um
ein richtiges Urtheil darüber fällen zu können; solche Leute haben schon
unendliches Unheil über arme Auswanderer gebracht, die ihren Worten,
ihrer Führung unbedingt vertrauten und dann zu spät einsahen, wie sie von
Menschen geleitet waren, denen selbst kaum die obere Rinde der dortigen
Verhältnisse bekannt geworden. Allerdings weiß ich, welche Schwierigkeiten
es hat, Deutsche zu einem gemeinschaftlichen Zusammenleben zu bewegen; ja
ich halte es sogar, außer unter dem strengsten religiösen Zwang, für
eine positive Unmöglichkeit. Das darf aber auch gar nicht der Zweck einer
Uebersiedelung von Armen sein, der Staat hat genug gethan, wenn er sie
hinüber schafft und dort dafür sorgt, daß sie wenigstens im Anfang einen
Wirkungskreis für ihre Thätigkeit bekommen, was nur durch Ankauf einer
selbstständigen Strecke Landes geschehen kann. Für das weitere Fortbestehen
ihres Zusammenlebens wäre es verlorene Mühe sorgen zu wollen -- es findet
dann später ein Jeder schon seine eigene Bahn, und wer nicht Lust hat, das
ihm angewiesene Land zu bebauen, der mag es verlassen und irgendwo anders
Beschäftigung suchen. Das Land muß ihm nur im Anfang als Aufenthaltsort
gegeben werden, daß er nicht gerade in der Zeit, wo er weder Sprache noch
Sitten kennt, als ein Bettler die Staaten durchstreift, und sowohl für sich
selbst ein eben so elendes Leben fortsetzt, als er es hier geführt, sondern
auch seinen anderen Landsleuten unendlichen Schaden zufügt, indem er sie
durch sich selbst in den Augen der Amerikaner herabwürdigt.

Das Alles ist jedoch nur durch Leute möglich zu machen, die Amerika nicht
allein vom Bord eines Dampfschiffes aus, oder durch das Coupeefenster eines
Bahnzuges kennen gelernt, sondern die sich selbst eine genaue Kenntniß der
dortigen Verhältnisse _an Ort und Stelle_ verschafft haben. Ebensowenig
wäre es aber auch anzurathen, dortigen _Ansiedlern_ die Wählung eines
Platzes zu überlassen; diese werden nie im Interesse der Uebersiedler,
sondern stets in ihrem eigenen Interesse handeln und zwar die neue Colonie
so viel als möglich in ihre Nähe, wenn nicht gar auf ihr eigenes Land zu
bringen suchen, um einen sicheren und bequemen Absatz für ihre Produkte
zu finden. Das Alles wird durch einen dabei nicht selbst Betheiligten
vermieden, dann aber bietet auch der weite Westen der Vereinigten Staaten
einen ungeheueren Abzugscanal für jene Unglücklichen, die hier hungern
müssen, während dort Brod wächst sie zu sättigen, die den Quell kennen,
der sie vor dem Verschmachten retten würde, ihn aber nicht zu erreichen
vermögen, weil ihre Kräfte erschöpft, ihre Glieder erschlafft sind. Jetzt
werden sie nur durch dürftige Spenden dürftig am Leben gehalten -- eine
kräftige Hülfe aber, die das Uebel bei der Wurzel faßte und herausrisse,
würde nicht allein Denen einen freieren Blick in die Zukunft gestatten, die
jetzt durch das Unglück ihrer Mitmenschen jede Freude verbittert sehen,
und immer nur gedrängt und getrieben werden, zu helfen und zu unterstützen,
sondern auch für Die, die es selbst betrifft, von segensreichster Wirkung
sein.

Nur durch die Auswanderung kann eine wirkliche und nachhaltende Linderung
der jetzigen Noth einzelner Klassen ermöglicht werden.




Die Wolfsglocke.


In den Washita-Bergen Nord-Amerikas liegt der Schauplatz auf den ich den
Leser führen will. Dort, in den wilden Thälern jener reizenden Hügelketten
existirt noch der richtige Backwoodsman; schlicht und ehrlich, rauh und
derb, aufopfernd in seiner Freundschaft, aber gefährlich in seinem Haß, und
sein Leben großentheils von der Jagd, etwas vom Ackerbau, und meist von der
Viehzucht abhängig machend.

Die letztere wird ihm besonders durch das milde Klima jener Gegend, durch
die grasreichen Hügel, durch die noch hie und da mit dichten Schilfbrüchen
gefüllten Thäler erleichtert, und wenig Mühe ist es, die ihm die Zucht
einer oft nicht unbeträchtlichen Heerde kostet. Dann und wann eine Hand
voll Salz, nahe zu seiner Hütte hingeworfen, eine häufige und regelmäßige
Wanderung von einem der kleinen zerstreuten Trupps zum andern, daß sie
den Anblick des Menschen gewohnt blieben und nicht wild wurden -- und der
Sorgfalt, die er möglicher Weise darauf verwenden _konnte_, war vollkommen
Genüge geleistet.

Einen Feind aber hatte er, den er, so oft er ihm auch nachstellte und ihn
mit Büchse und Falle unermüdlich verfolgt und zu vernichten strebte, doch
nicht bewältigen konnte, einen Feind, der Nachts in heulenden Schaaren die
ängstlich blökende Heerde umschlich, und manch kräftiges Kalb, ja sogar
manch einzeln abschweifende Kuh -- und wie viel Ferkel und junge Schweine!
-- überfiel, erwürgte und verzehrte -- dieser listige, blutgierige und
erbarmungslose Feind war der _Wolf_.

Durfte man es dem Backwoodsman verargen, wenn er seine ganze List und
Jagdkenntniß anwandte, solch schlauem und gefräßigem Diebe beizukommen? --
aber so eifrig er auch auf der Lauer lag, so manche Nacht er, Mosquiten
und Holzböcken zum Trotz, in den Aesten irgend einer knorrigen Eiche
eingeklemmt hing, und beim matten Mondeslicht den scheuen Räuber durch
angeschlepptes Aas herbeizulocken und zu belauern gedachte, so selten war
er im Stande der höchst umsichtigen Bestie die tödtliche Kugel in den Pelz
zu schicken. Die Zahl der Raubthiere mehrte sich, trotz den unermüdlichen
Nachstellungen, von Jahr zu Jahr, und im Verhältniß dazu wurden die Heerden
gelichtet, so daß wirklich etwas ernstlich geschehen mußte, wenn sich die
Viehzüchter nicht genöthigt sehen sollten ihre Weidegründe, nur allein
dieser Plage wegen, aufzugeben. -- Und ein Hinterwäldler einem Wolf das
Feld räumen, -- ei Klapperschlangen und Poppkorn! das wäre ja wahrhaftig
eine Schmach und Schande für sein ganzes Leben gewesen!

Daß unter solchen Umständen derjenige welcher die meiste Geschicklichkeit
auf der Jagd bewies, auch der geachtetste der Jäger war, versteht sich wohl
von selbst, und so geschah es auch daß sich Benjamin Holik, der erst seit
kurzer Zeit aus Missouri heruntergekommen war, in kaum einem halben Jahre,
wo er allein mit seiner Büchse siebzehn der Bestien erlegt hatte, den
Ehrennamen »Wolfs Ben« verdiente, und bald für den besten Wolfsjäger im
ganzen Reviere galt.

Wolfs Ben war auch noch außerdem ein gar stattlicher und wackerer Bursche;
gut seine sechs Fuß hoch, mit wahrhaft riesigen Schultern und Armen
und einer Kraft, der es keiner der doch sonst gewiß nicht schüchternen
Hinterwäldler, gewagt hätte, im Einzelkampf zu begegnen, zeigte er sich
sonst in seinem ganzen Wesen als der gutmüthigste, verträglichste und
gefälligste Freund. -- Mit einem guten Wort ließ sich von ihm Alles
erlangen, die vorletzte Ladung Pulver gab er her und den letzten Bissen den
er in seine Decke gewickelt bei sich trug; dabei war er der trefflichste
Gesellschafter, wußte Unmassen der abenteuerlichsten Geschichten zu
erzählen, half, wo er einmal irgendwo übernachtete, mit unermüdlichem
Fleiße Feuerholz schlagen und zum Haus schaffen, den Mais in der Stahlmühle
mahlen, die Thiere versorgen etc., und hatte sich dadurch sowohl wie durch
sein männlich schönes Aeußere die Herzen sämmtlicher Frauen der Ansiedlung
dermaßen gewonnen, daß er die übrigen jungen Burschen wahrhaft zur
Verzweiflung brachte und schon anfing, trotzdem daß er noch Keinem auch nur
eines Strohhalms Hinderniß in den Weg gelegt, recht tüchtige Feinde unter
ihnen zu zählen.

So still und ruhig aber Wolfs Ben dabei seinen Weg ging und anscheinend
harmlos in den Tag hinein lebte, so hatte er doch auch die Augen weit genug
offen und wußte selber am besten unter welchem Dach er am liebsten schlief,
in welche Augen er am unermüdlichsten schauen konnte, und wo ihn -- nicht
das freundlichste Gesicht, denn die Mädchengesichter bewillkommten ihn alle
freundlich -- wohl aber das süßeste Erröthen begrüßte, das ihm bis jetzt
noch stets das Blut in rasender Schnelle durch die Adern gejagt.

Doch ich will dem Leser keine langen Räthsel aufgeben, die er jedenfalls
schon eine Weile vorher errathen hätte. -- Benjamin Holik liebte -- wie
nur seine treue einfache Seele lieben konnte -- so recht aus Herzensgrunde
Robert Suttons liebliches und einziges Töchterlein, und die einzige und
alleinige Sorge die ihn dabei quälte war, daß Sutton, der die größte Farm-
und Baumwollenplantage unten am Washita und Red River besaß, und im Sommer
hier nur eigentlich seiner Heerden und seiner Gesundheit wegen in die Berge
zog, für einen sehr reichen, und -- was noch schlimmer, geizigen Mann galt,
und er -- armer Teufel! -- weiter Nichts auf der weiten Welt besaß als
seine Büchse, sein Messer und seinen gesunden Körper. -- Sein braves
ehrliches und treues Herz schlug er dabei gar nicht an, und doch war das
die kostbarste Perle, die in ihrer Umhüllung nur wie in einer weit minder
werthvollen Schaale saß.

Ben hatte aber schon oft und lange, und nicht selten mit recht trüben
Sinnen darüber nachgedacht, wie er es eigentlich anfangen sollte etwas Geld
zu verdienen und einen kleinen »=start=« wenigstens zu haben, mit dem er
beginnen könne -- denn sich um Arbeit auszudingen und langsam und mühsam
Dollar nach Dollar in schwerer Tages- und Monatsarbeit zu verdienen, das
schien ihm ein viel zu langer und weitläufiger Weg und hätte ihn seinem
Ziele auch wohl nun und nimmermehr entgegengeführt. -- Und doch war es
nöthig, denn er wäre nicht der erste Freier gewesen dem der alte Sutton,
seiner ärmlichen Verhältnisse wegen, einen Stuhl vor die Thür gesetzt, und
wo zeigte sich ihm in dem einfachen, ruhig dahin fließenden Waldleben
eine Gelegenheit, so einmal mit raschem Schlage das Glück beim Schopf zu
erfassen -- und zu halten? --

Er wurde immer nachdenkender und schwermüthiger, mied die geselligen
Wohnungen der Ansiedlung, trieb sich Tag und Nacht draußen im Wald herum
und hatte als einzigen Gewinn die Scalpe der erbeuteten Wölfe, die ihm der
Staat allerdings mit drei Dollar Prämie =pro= Stück vergütete, die aber
immer noch zu keiner Summe erwachsen wollten, um auch nur einigermaßen
seine Ansprüche auf der holden Betsy Hand zu begründen.

In dieser Zeit etwa war es daß der alte Sutton einmal einen kleinen
Abstecher nach Texas gemacht und dort von eben so abgeschieden wohnenden
Viehzüchtern ein Mittel gehört hatte, die Wölfe aus einer Gegend in die sie
sich gezogen und wo sie überhand genommen hätten, vollkommen zu vertreiben.

Dies bestand einfach darin daß sie vorher einen Wolf lebendig fingen, ihm
dann eine Glocke, wie einem Pferd, um den Hals schnallten, und -- ruhig
wieder laufen ließen. Der Wolf kehrte hiernach natürlich so rasch er konnte
zu seinem Rudel zurück; dort aber hörten sie kaum die fremdartige Schelle
als sie auch scheu vor dem früheren Kameraden die Flucht ergriffen und in
wilder Eile einem so unheimlichen Gegenstand zu entkommen suchten.

In jedes Versteck das sie annehmen, folgt ihnen nun der beglockte Wolf,
dem es mit dem unbequemen Riemen um den Hals und dem ewigen Gebimmel unter
seiner Kehle selber unheimlich wird wenn er sich allein sieht. Er glaubt
Schutz unter den Brüdern zu finden, schüttelt sich, wälzt sich, springt,
schwimmt, kurz thut alles Mögliche seine Qual loszuwerden und ist besonders
darüber auf's Aeußerste empört daß er nicht mehr wie früher so leise und
geräuschlos seine Beute beschleichen kann, sondern sich jedesmal selbst
gleich durch lauten Glockenklang verrathen muß, und flieht nun, hat er das
eine Rudel förmlich verjagt, zu einem andern, treibt auch dieses aus den
Bergen, die er sich selber bis dahin zum Wohnort erwählt und sieht sich
endlich -- was er aber auch nur im äußersten Fall und erst dann thut, wenn
er wirklich ganz allein zurückgeblieben ist -- genöthigt, selbst einen
andern Jagdgrund zu suchen, da auch die Heerden sich bald den Ton der
Glocke merken, und nicht selten in fest geschlossener Phalanx den nächsten
Ansiedlungen zustürmen, sobald sie den klingelnden Feind nur nahen hören.

Der Versuch mußte auch am Washita gemacht werden; Sutton kehrte rasch
dorthin zurück, berieth sich mit sämmtlichen benachbarten Farmern und kam
mit ihnen darin überein, daß sie eine Prämie von zwanzig Dollar darauf
setzen wollten, einen Wolf lebendig überliefert zu bekommen, so daß sie ihm
selber die Glocke umschnallen und ihn dann in's Freie wieder hinauslassen
konnten.

Der Preis ließ sich aber gut setzen! Die Wölfe waren schlauer als die
Jäger, und wenn besonders Wolfs Ben noch manchen Scalp einbrachte, so
schien es doch selbst ihm unmöglich zu sein, einen der schlauen Schurken
wirklich unbeschädigt und lebendig zu erhaschen, denn seine Fallen, die er
stellte, blieben leer und in den Fallgruben die er auswarf, fingen sich nur
der Nachbaren Rinder und Schweine.

Da es _ihm_ nicht gelang, waren es die übrigen Jäger noch weit weniger im
Stande, und der auf einen lebendig eingebrachten Wolf gesetzte Preis stieg
endlich, da die Farmer jetzt auch hitzig wurden, und den Versuch unter
jeder Bedingung, und zwar so bald als möglich zu machen wünschten, bis zu
der für den Wald ungemein hohen Summe von _zweihundert Dollar_ empor.

Das war ein Sporn für unsern Benjamin. -- Zweihundert Dollar, alle Wetter
damit konnte er sich eine vollkommen eingerichtete kleine Farm mit einem
mäßigen Rinder- und Schweineanfang kaufen -- und Betsy -- ei wer weiß ob
sich der Alte nicht dann doch noch überreden ließ, wenn er nur erst einmal
den schwarzen Burschen einbringen und überliefern konnte! Zeit durfte er
übrigens dabei auch nicht im geringsten verlieren, denn der Preis hatte
natürlich alle Jäger der ganzen Umgegend auf die Füße gebracht, und
überall im Wald hallten die Axtschläge der Männer wieder, die sich
kleine Baumstämme fällten, um damit die einzig mögliche Art von Fallen
zu errichten die man dort kannte, eine solche wilde Bestie wirklich
unbeschädigt zu fangen. Stahlfallen durften nämlich nicht angewandt
werden, da diese jedenfalls den erfaßten Lauf verwundet, vielleicht gar
zerschmettert hätten und die Prämie nur ausdrücklich für ganz _gesunde_
Wölfe garantirt wurde.

In dieser Zeit etwa, war ein Besuch in die Hügel gekommen, der unseren
armen Benjamin Holik bald auf das bösartigste beunruhigen -- ja was noch
schlimmer war -- ihm wirklich gefährlich werden sollte. --

Es war dies Niemand Anderes als ein sogenannter »Vetter« von Suttons,
ein »Städter« mit blauem Tuchfrack, blanken Knöpfen und »Strippen« an den
Hosen. Jesus! wie die Kinder lachten wenn er irgendwo in ein Haus kam
und sich niedersetzte; wie sie sich dann mit den schmutzigen Gesichtern
zusammendrückten, mit einander flüsterten, dann einen scheuen Seitenblick
nach den »Strippen« warfen und plötzlich in ein lautes, mit aller Mühe
nicht zu unterdrückendes Gelächter ausbrachen und wild und toll aus dem
Hause stürmten! Das blieb sich aber gleich, die Kinder waren dumme Bälger
die noch nichts von der Welt verstanden, und am wenigsten beurtheilen
konnten ob an einem Manne wirklich etwas sei, oder nicht; -- und an diesem
war jedenfalls etwas, denn sein Onkel galt für einen der reichsten Pflanzer
in Alabama und hatte nur den einzigen Erben. Ist es da ein Wunder daß ihn
der alte Sutton freundlich aufnahm, wie den eigenen Sohn behandelte und
sich und sein ganzes Haus (die Hand der Tochter mit eingerechnet) zu seiner
Disposition stellte?

Mr. Metcamp schien denn auch recht gut einzusehen welch ein Schatz ihm hier
geboten wurde, und wenn ihn auch die junge Dame selber scheu, und in der
That absichtlich vermied, und ihm auf jede nur mögliche Art zu verstehen
gab, es sei ihr an seinen Artigkeiten nicht das mindeste gelegen, so war er
-- in New-Orleans selber aufgezogen -- keineswegs der Mann der sich durch
solche »ländliche Sprödigkeit« hätte so rasch und leicht abschrecken
lassen. Er wußte sich nur vor allen Dingen kluger Weise bei dem Vater in
festeste Gunst zu setzen, lauerte dem alten Mann bald seine Schwachheiten
ab, und machte ihn in kürzester Zeit glauben er sei der beste Jäger, der
unerschrockenste Reiter und überhaupt das muthigste Herz das nur je
unter einem ledernen Jagdhemd geschlagen, also unter einem feinem blauen
Tuchfrack doppelten Werth haben mußte, und wußte dabei dem schlichten
Hinterwäldler durch seine Gelehrsamkeit und sein tiefes Wissen -- lauter
solche Sachen von denen dieser bis jetzt noch nicht einmal eine Idee
gehabt -- so zu verblüffen, daß Sutton endlich schwor, Mr. Metcamp sei der
»=smartest=« und beste Mann in der ganzen »=range=« und wenn seine Tochter
ihm nicht ihre Hand geben wolle, so bekäme sie es mit ihm selber, ihrem
Vater zu thun. --

Betsy machte bei einer -- der _ersten_ -- heimlichen Zusammenkunft mit dem
Geliebten, diesen mit Allem bekannt was ihr das Herz abzudrücken
drohte, erklärte ihm, nicht ohne ihn leben zu können und behauptete das
unglücklichste Wesen zu sein, das die Erde trüge. Benjamin war vollkommen
damit einverstanden, hielt der Geliebten Hand fest, fest in der seinen,
schaute ihr mit recht wehmuthsvollen Blicken in die treuen Augen und sagte
endlich mit leiser, zum Trost bestimmter, aber ach des Trostes selber sehr
bedürftiger Stimme:

»Liebe Betsy, verzage nicht -- es wird schon noch Alles gut gehen -- sieh,
ich habe die ganze Nacht gearbeitet und vier neue Fallen aufgestellt und
auch in allen schon und zwar treffliche Lockspeise gelegt; fang' ich den
Wolf, dann hab' ich ein kleines Capital und kann nachher sagen: Nachbar
Sutton, ich möchte Eure Tochter zum Weibe und bin im Stande ihr gleich
ein freundliches Obdach zu bieten, so daß ich Eurer Hülfe dabei gar nicht
weiter bedarf -- und wenn er dann hört daß Du, Betsy, mir wieder so recht
von Herzen gut bist --«

»Ach Du wirst gar nicht den ersten Wolf fangen können!« sagte Betsy unter
Thränen; »der häßliche Fremde hat dem Vater den ganzen Abend von weiter
nichts als den neuerfundenen Fallen erzählt, die er hier anwenden will --
der kennt gewiß lauter neue Schliche und Pfiffe, wie sie in den Städten
ausgedacht werden, und wird Dir auch da am Ende störend in den Weg treten.«

»Laß nur sein, mein Herz!« beruhigte sie, jetzt aber wirklich in stolzem
Selbstgefühl lächelnd, der Jägersmann. »Darum sorge Dich nicht -- wo's in
den Wald schlägt und mit wilden Bestien zusammenhängt, da laß sie in den
Städten getrost sinnen und grübeln: in der Ausführung sollen sie's uns hier
schon nicht zuvorthun, oder -- es ist unsere eigene Schuld, und wir haben's
nicht besser verdient. Da Du mir jedoch sagst, mein Kind, daß er auch von
der Jagd etwas zu verstehen vorgiebt, so kommt er mir da auf einen Boden,
wo ich ihm meinen Mann stehe, und siehst Du, jetzt -- ich weiß selber nicht
wie das so eigentlich gekommen ist -- hab' ich auf einmal weit mehr Muth
und Selbstvertrauen als vorher. Bleib Du mir nur hold, Du gutes Kind!
Zwingen kann Dich der Vater zur Heirath doch nicht, und wenn er erst findet
daß ich Dich nur zu meinem lieben Weibe haben will, weil ich einmal nicht
ohne Dich leben kann, und keineswegs seines Geldes und Gutes wegen, ei so
wird er auch einsehen daß ihm ein solcher Schwiegersohn mehr Ehre bringt
als der geschniegelte Städter, und vielleicht bekomme ich dann noch ein
recht herzliches »Ja« von ihm.«

Es lag eine so freudige, vertrauensvolle Zuversicht in den Worten, daß sie
selbst der muthlosen Jungfrau neue Hoffnung gab. Durch das Gerücht von des
Fremden Kenntniß im Fallenstellen, war aber auch Benjamin aufgereizt worden
seine Anstrengungen zu verdoppeln, daß er nicht etwa durch Lässigkeit
sein ganzes Glück versäume. Einen fast fröhlichen Abschied nahm er von dem
schwermüthigen Mädchen, küßte ihr die thränenden Augenlider, schulterte
seine Büchse, und wanderte frisch und getrost in den dunkeln Wald hinein.

       *       *       *       *       *

Die Fallen die Ben Holik für Wölfe stellte, befanden sich alle ziemlich
in der Nähe der Ansiedlungen, da die wilden Bestien die bewohnten Plätze,
wohin sich das Vieh Abends zurückzog, und wo auch die säugenden Sauen ihre
Betten hatten, am liebsten aufsuchten. Eine besonders, auf die er seine
meiste Hoffnung setzte, da sie nicht weit von einem Wechselpfad der
Wölfe, zwischen zwei Hügelrücken lag, war mit außerordentlicher Sorgfalt
hergerichtet, und so gestellt daß sie von den Wölfen gesehen werden
_mußte_. Ebenso stak die trefflichste Lockspeise, die ganze Keule eines
erst gefallenen Pferdes, daran, und _den_ Vortheil hatte sie noch außerdem
vor den übrigen, daß er nicht jedesmal, wenn er nachsehen wollte ob sich
etwas gefangen habe, dicht hin zu gehen brauchte, wodurch er gezwungen
gewesen wäre Spuren zurückzulassen, sondern von einem nicht fernen ziemlich
steilen Hügelrücken aus, der dort in eine starre Felsspitze vorragte, mit
seinen Adleraugen den ganzen Platz recht gut übersehen konnte. Ließ sich
dann auch nicht gleich bestimmen ob sich etwas gefangen hätte, so ließ sich
doch recht gut erkennen ob die Falle noch aufgestellt oder niedergeschlagen
wäre.

In der Nacht mochte er freilich den Ort nicht stören, deshalb ging er jetzt
geradenwegs zu seinem Lagerplatz, den er sich, bis er sein Ziel erreicht,
in den Bergen aufgeschlagen, entzündete dort sein Feuer wieder, verzehrte
sein einfaches Abendbrod, rollte sich in seine Decke, und war bald
sanft und süß, jeder weiteren Anstrengung für diese Nacht entsagend,
eingeschlafen.

Am Morgen bedurfte er des Hahnenschreis nicht, munter zu werden, so wie der
»Whip poor will« seine ersten klagenden Laute wieder hören ließ, sprang er
auf, kochte seinen Kaffee, den jeder Jäger gebrannt und gemahlen in einem
Leinwand- oder Ledersäckchen bei sich führt, und erwartet nun ungeduldig
den ersten matten Dämmerschein der sich im Osten zeigen würde.

Endlich, endlich kam das diesmal so heiß ersehnte Licht, mit dem sich der
Wolf jedesmal wieder in seine bestimmten und gewöhnlich unzugänglichen
Schlupfwinkel zurückzieht -- und vorsichtig, dürre Aeste und brechendes
Holz meidend, damit das Geräusch nicht etwa noch in der Nähe weilende
Bestien aufscheuche, kroch er in der That mehr als er ging, dem Felsen zu
der ihm zur hohen Warte diente.

Jetzt hatte er ihn erreicht -- jetzt konnte er den flachen, eben von grauem
Licht kalt durchgossenen Fleck überschauen -- beim Himmel, der ungewisse
Schein mußte ihn täuschen -- er vermochte das aufgestellte Dach der Falle
nicht mehr zu erkennen. -- War sie -- war sie niedergeschlagen?

Das Herz schlug ihm in fieberhafter Ungeduld, und gewaltsam fast bezwang er
sich den heller heraufbrechenden Morgen abzuwarten, ehe er seine Fährte dem
Thalgrunde einpresse.

Aber lange hielt er es so nicht aus; weder Ruh noch Rast ließ ihm die
Ungeduld und jemehr er jetzt den Blick anspannte die Gegenstände unter
sich zu erkennen, desto deutlicher wurde ihm die Thatsache, und der Zweifel
endlich zur Gewißheit. -- Die Falle war wirklich zugeschlagen und es
_mußte_ also ein Wolf in ihr stecken, denn die Kühe, die manchmal auch
sehr zum Aerger des Jägers und ihrem eignen Schrecken die Stützen umstoßen,
kamen gar nicht in dies felsige grasleere Thal hinunter.

»Betsy!« das war der einzige Laut, den er, sich selbst vielleicht unbewußt,
ausstieß, als er mit flüchtigen Füßen den Thalgrund hinab und der Stelle
zuflog, wo im Schatten dichter Sassafras und Spicebüsche, gar schlau
in einen wilden Haufen des dort von dem manchmal reißend geschwollenen
Bergstrom hingeschwemmten Holzes hineingestellt, und von dem klar
vorbeisprudelnden Wasser bespühlt, die Falle stand.

»_Hurrah!_« er konnte sich nicht helfen, er _mußte_ seinem Jubel wenigstens
in _einem_ recht herzlichen, recht aus tiefster innerster Seele kommenden
Aufschrei Luft machen. -- Und er hatte auch wahrlich Ursache darüber
zu jauchzen, denn in der Falle saß, scheu und verschämt, als ob er sich
genirte, bei dem heller und heller heraufdämmernden Tageslicht hier noch
ertappt zu sein, ein prachtvoller rabenschwarzer männlicher Wolf, und
die Augen funkelten dunkelglühend, zwischen den wohl eine Hand breit
auseinanderliegenden Stämmen nach dem grimmsten Feind durch, dem er in
diesem Theile des Waldes hätte in die Hände fallen können -- dem jungen
Jägersmann entgegen.

»Siehst Du, Bestie, sagte aber der, so habe ich Dir endlich das Handwerk
gelegt, Du alter grauer Sünder -- wirst die andern wohl gestern von der
gefundenen und so vortrefflich geglaubten Beute weggebissen haben, und
sitzest jetzt in der beneidenswerthesten Lage von der Welt hinter Glas und
Rahmen. Nun warte nur, Dir ist noch weit besserer Spaß aufbewahrt. An's
Leben geht es Dir diesmal allerdings nicht gleich, wenn Du aber nur erst
einmal mit der Glocke um den Hals spazieren läufst, wirst Du schon finden
was es heißt in Ben Holiks Hände gerathen zu sein!«

Der Wolf fletschte, als er sich nach der Falle hinunter bog, ingrimmig
die Zähne gegen ihn, behauptete aber seinen Platz und schien, wie ein
ärgerlicher Hund nur einen Angriff zu erwarten, um gleich zufahren zu
können. Ben dachte aber gar nicht daran ihn weiter zu reizen, sah nur noch
einmal lächelnd nach ihm zurück und rief:

»Bin Dir nicht böse, alter Bursche, bist zwar ein gar unwirsch aussehender
Brautwerber, sollst mir aber doch zur Braut verhelfen, und da müssen wir
schon gute Freunde mitsammen bleiben.«

Und einen fröhlichen Gruß dem Gefangenen hinüberwinkend, warf er seine
Büchse über die Schulter und sprang in flüchtigen Sätzen den ziemlich
steilen Abhang der Schlucht hinauf, um die Ansiedlung auf dem geradesten
Wege und so rasch als möglich zu erreichen, damit er von dort aus gleich
Hülfe herbei holen könne, dem wilden Burschen das Halsband mit der Glocke
umzulegen, und ihn dann wieder -- hei! wie er springen würde! -- frank und
frei laufen zu lassen.

So hatten die Männer der Ansiedlung (die sie um ihr doch eine Art
Stadtnamen zu geben, _Woodville_ getauft, obgleich sie nur aus drei Häusern
und zwei Ställen bestand) den jungen Jägersmann noch nie gesehen. Jubelnd
und jauchzend kam er in Suttons Haus gesprungen, umarmte in Ermangelung der
Tochter, den alten Sutton selber, und schwatzte eine solche Masse tolles
Zeug von Wölfen, Scalpen, Farmen, Glocken, Stricken und Holzhaufen, daß
eine Art Gerücht, »Wolfs Ben sei wahnsinnig geworden«, schon wirklich
anfing Glauben zu gewinnen.

Nach und nach klärte sich aber die Sache auf, und der alte Sutton erfuhr
kaum um was es sich handle, als er auch selber mit fast eben solchem Eifer
darauf einging, und jetzt nur bedauerte daß Metcamp den Augenblick nicht
gegenwärtig wäre, da er ebenfalls die Nacht im Wald gewesen sei um sein
Glück zu versuchen.

»Hallo, jetzt bekommen wir am Ende gar zwei!« lachte der Alte endlich,
während er seine Büchse vom Nagel nahm und die Kugeltasche umhing. »Metcamp
hatte verdammt gute Aussichten, und scheint seiner Sache ziemlich gewiß zu
sein. Nun, das schadete nichts; dann theilt Ihr die Prämie und zwei Wölfe
wären am Ende immer noch sicherer als einer. Ist Euerer denn ein Wolf?«

»Ei und solch ein derber Bursche, wie nur je einer ein Kalb zerrissen hat.«

»Vortrefflich, vortrefflich! Nun so kommt, Benjamin, und Du, Scip', kommst
gleich mit den andern beiden nach; wo ist's denn? an der Froschquelle
sagtet Ihr?« --

»An den Wassern der Froschquelle, etwa sechshundert Schritt von dem
scheidenden Bergrücken und gerade da gegenüber wo des »Teufels Kanzel« über
den Bach hängt.«

»Nun da könnt Ihr ja gar nicht fehlen -- also die Stricke und den Sack --
habt Ihr das Halsband, Ben?«

Der junge Mann bejahte es, klingelte mit der kleinen Glocke und schien
selber die Zeit nicht erwarten zu können, wo sie wieder aufbrechen würden,
seine Siegstrophäen in Empfang zu nehmen. --

       *       *       *       *       *

Mit raschen Schritten wanderten die beiden Männer den schmalen Pfad
entlang, der von der Ansiedlung aus in den Wald lief, verließen diesen aber
bald darauf wieder, eine nähere Richtung einzuschlagen, und benutzten einen
von den Hügeln hin auszweigenden Abhang, der in leiser Niederdachung den
Wassern der Froschquelle zuführte.

»Aber, Ben, Ihr habt ihn doch auch sicher? fragte da Sutton, ganz plötzlich
stehenbleibend, und sah den jungen Jägersmann mißtrauisch dabei von der
Seite an. -- Ihr war't mir heut Morgen so -- so kreuzfidel -- es ist zwar
noch etwas früh -- ich hoffe doch nicht daß Ihr mich etwa zum Narren habt?«

Ben Holik lachte, als ob er im Leben nicht wieder zu sich selber kommen
wollte, und schüttelte das Halsband, das er in der Hand trug dermaßen, daß
der Ton hell und klingend durch den Wald tönte. --

»Hahahaha -- das ist kostbar. Nein Sutton -- das ist wirklich kostbar --
jetzt -- jetzt fällt Euch auf einmal ein -- hahaha -- daß ich Euch könnte
-- hahaha -- angeführt haben!«

»Mr. Holik! --«

»Nein, lassen Sie's gut sein, Sir, sagte der Jäger plötzlich seine
Fröhlichkeit zügelnd, da er sah wie ernst der alte Mann die Sache zu
nehmen schien. Sie dürfen aber wahrlich nicht bös darüber sein, wenn ich
vielleicht ein Bischen zu munter bin -- es freut Einen doch am Ende so
einen verwünschten Kälberdieb, der so oft und schlau jeder Versuchung
widerstanden hat, zuletzt doch noch nicht überlistet zu haben. Wir müssen
übrigens gleich an Ort und Stelle sein; da drüben seh ich schon die Kiefern
der Teufelskanzel über das andere Schwarzholz hervorragen, und gleich
dort unten, wo der Hickory über die enge Schlucht gestürzt ist, liegt das
Triftholz wo meine Falle steht. Die Neger werden den Platz doch finden?«

»Scipio kennt jeden Fußbreit Boden hier, sagte Sutton. Also hier unten
steckt die Bestie; nun warte, mein Schatz Du sollst Deinen Kameraden so
lange Musik vormachen, bis ihnen vor lauter Bimmeln die Ohren klingen.
Hört, Ben, dies ist ein nichtsnütziger Weg hier; wir sind auch wohl gerade
auf den steilsten Fleck gekommen -- nun, Ben? -- wollen wir noch ein
Bischen? -- was habt Ihr denn zu gucken?«

Der junge Mann war auf einen umgefallenen Baumstamm getreten, hatte mit der
Linken den niederhängenden Ast einer jungen Buche gefaßt, und schaute mit
stierem unverwandtem Blick die Schlucht hinab in die Tiefe -- erwiederte
aber kein Wort.

»Nun Ben? -- was giebts? -- Ihr wißt wohl selber nicht mehr recht wo ihr
daheim seid? rief der Farmer, und sah ungeduldig nach ihm zurück -- wir
sind wohl in der falschen Schlucht?«

Ben Holik erwiederte keine Sylbe; nur bleichen Angesichts und keines Wortes
mächtig, deutete er nach einem wirren Haufen wild über einander gestürzter
dürrer Aeste und Stämme, zwischen dem das scharfe Auge des alten Mannes
gar bald das rauhe viereckige und massive Gestell einer zugeschlagenen
Wolfsfalle, wie sie in den Wäldern eben üblich ist, erkannte.

»Meiner Seel, an den falschen Kasten gerathen«; brummte der Greis, nachdem
er sich durch einen zweiten Blick überzeugt hatte wie die Falle leer sei,
-- »na das fehlte auch noch, jetzt können wir die steile Partie wieder
hinauf machen.«

Er wandte sich, den Berg wieder empor zu klimmen, hier aber fiel ihm das
verstörte wilde Aussehn des eben noch so fröhlichen Jägers auf, und als er
schon den Mund öffnete, ihn zu fragen was ihm fehle, hörte er die halblaut
und heftig ausgestoßenen Worte desselben:

»Sie ist _leer_!«

»Da unten in _der_ hat der Wolf gesessen?« fragte der alte Farmer rasch und
erschreckt.

»Dort unten,« lautete die monotone Antwort des aus seinen Himmeln
erbarmungslos Niedergeschmetterten.

»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte Sutton, klomm, so rasch
dies eben gehen wollte, und sicherlich viel rascher als er im Anfang
beabsichtigt, den steilen Hang hinunter, und stand gleich darauf vor der
allerdings leeren, aber heruntergeschlagenen Falle.

Das Fleisch im Innern war augenscheinlich nicht berührt, eine Art
Wolfsgeruch glaubte er aber selber zu wittern, und bei genauerer
Untersuchung entdeckte er an dem einen rauhen Balken sogar einzelne weiße
Bauchhaare, die kaum von einem andern Thier als einem Wolf herrühren
konnten. Wo aber war dieser hin verschwunden, denn daß er sich sollte unter
der schweren Klappe vorgearbeitet haben -- Sutton stemmte seine Schulter
darunter und suchte sie emporzuheben, er war es kaum im Stande -- schien
rein unmöglich.

Während er noch so beschäftigt war, stieg Benjamin Holik langsam und
schweigend zu ihm nieder, stellte seine Büchse an den nächsten Baum, legte
Halsband und Glocke daneben und trat dann dicht zur Falle heran, die
er, ohne sie jedoch zu berühren, auf das aufmerksamste und genauste
betrachtete.

»Und Ihr habt heute Morgen wirklich einen Wolf darin gefangen gehabt?«
fragte Sutton nach längerer Pause, während er trotz des Beweises der
gefundenen Haare ungläubig dabei mit dem Kopfe schüttelte.

»Ich gebe Euch mein Ehrenwort, sagte Ben tonlos -- ein starker männlicher
Wolf stak in der Falle, als ich vor kaum einer Stunde diesen Platz verließ;
_drei_ Wölfe hätten aber nicht Kraft genug gehabt diese Balken emporzuheben
und darunter vorzuschlüpfen, und _wenn_ ihnen das wirklich gelungen wäre,
so müßte wenigstens die Hälfte ihres ganzen Pelzes an der rauhen Rinde
dieser Stämme hängen geblieben sein.«

»Das dachte ich eben auch, sagte Sutton -- und Ihr wißt gewiß daß es auch
wirklich ein Wolf« --

»Nun zum Henker! rief der Jäger, dem der Ingrimm über die getäuschte
Erwartung auch endlich durch das sonst überhaupt nichts weniger als
geduldige Hirn zu blitzen begann; ich werde doch einen Wolf von einem Stück
verendetem Pferde unterscheiden können? -- aber da -- seht hier -- und --
und überzeugt Euch selber!«

Noch während er sprach, sprang er plötzlich auf die Falle zu, warf mit
einem Ruck seiner gewaltigen Kraft die Klappe zurück, als ob's ein loses
Brett gewesen wäre, und schwang sich mit einem Satz über die niedere Wand
in's Innere.

»Da! rief er, während er vor sich auf den feuchten Boden niederzeigte --
da und da -- und da sind die Spuren der Bestie, wenn Ihr denn meinen Worten
nicht mehr glauben wollt; hier ist die Stelle wo sie die Fänge in die
Lockspeise einschlug, als die Klappe wahrscheinlich zufiel. -- Wollt Ihr
mehr Beweise daß ich Euch nur eine Thatsache verkündet und nicht etwa eine
-- Lüge in den Bart geworfen habe? Pest und Gift! das hat mir Einer der
schleichenden Hallunken, die mich in der Ansiedlung immer nur so scheu von
der Seite anblinzen, wenn ich einmal hinaufkomme, zum Possen gethan; --
herausgelassen, muthwillig herausgelassen ist das Raubthier, und weiß es
Gott, Dem der seine Hand in so schmählich schändlicher Art an Ben Holiks
Eigenthum gelegt hat, wäre besser, er hätte den Washita in seinem Leben
nicht gesehen, als daß er mir, hab' ich ihn erst aufgespürt, wieder vor die
Augen käme!«

»Hm, das ist eine wunderliche Geschichte, brummte der Alte, wer zum Henker
soll sich die Mühe geben, Euch die Wölfe aus der Falle zu lassen? Und müßte
er nicht die ganze Nacht gerade hinter Euch her gekrochen sein, um den
einzigen Zeitpunkt, wo er es unentdeckt thun konnte, so genau abzupassen?«

Ben erwiederte nichts, sondern stieg aus der Falle und suchte auf dem Holz
nach irgend einem Zeichen, das ihn vielleicht hätte auf die richtige Spur
bringen können. Das trockene Holz bot seinem Auge aber nichts, von dem
geleitet, es hätte weiter forschen können -- nur die Spuren von Haaren
entdeckte er bald, auch die Fährten des Raubthieres, wo es vom letzten
Stamm hinab auf die weiche Erde gesprungen und dann wieder die andere Seite
der Schlucht hinauf in geradester Richtung seinen Schlupfwinkeln zugeflohen
war. Nirgend ließ sich dabei die Spur eines menschlichen Fußes erkennen
-- nur ein Paar unnatürlich tief in die Erde eingedrückte Steine, die der
Blick des Jägers bald erkannte, lenkten seine Aufmerksamkeit auf sich --
sie waren, selbst da wo sie mit Erde bedeckt lagen, noch vollkommen trocken
-- Der, der sie eingetreten, mußte also erst vor ganz kurzer Zeit hier
herübergeschritten sein.

Holik zeigte sie dem alten Mann und dieser gab auch zu daß es ihm selber
so vorkäme, als ob da Jemand gegangen sei, an die Erkennung einer genauern
Fährte war aber nicht zu denken. -- Oben auf dem Hügelkamm zog sich ein
starrer Felsstreifen meilenweit über den Berg hin, und zweigte überall
in rauh steinige Schluchten aus. Wem hier daran gelegen war seine Spur zu
verheimlichen, konnte das leicht genug, und die beiden Männer sahen sich
auch endlich genöthigt jeden derartigen Versuch als nutzlos aufzugeben.

Die Neger wurden zurückgeschickt, und Sutton folgte ihnen, selber in
keineswegs rosiger Laune, allein, denn Ben Holik wollte jetzt vor
allen Dingen den Wald nach der Richtung hin durchstreifen, wohin die
muthmaßlichen Fährten liefen, möglich doch, daß ihm sein gutes Glück -- er
stampfte mit dem Fuß als er die Worte sprach -- den Thäter gerade in den
Weg führte.

Er fand nichts -- den ganzen Tag durchkreuzte er den Wald, und als er
Abends müd' und matt in die Ansiedlung zurückkehrte, mußte er noch ertragen
daß man ihn bemitleidete und sich, anscheinend theilnehmend, in der That
aber nur neugierig, nach den näheren Umständen erkundigte; ja Metcamp erbot
sich sogar höchst freundlich wieder mit ihm zu gehen und die Spur noch
einmal aufzunehmen, -- er hätte, wie er selber den alten Sutton dabei
versicherte -- eine ungeheuere Uebung in Fährtefolgen, und war überzeugt,
er könne ihr nachgehen. Ben Holik aber hielt sich, was den Wald betraf,
für einen eben so guten Mann wie irgend einer dessen Füße je in Moccasins
staken, und lehnte das Anerbieten artig wohl, aber rund ab.

Dieser Metcamp hatte für ihn etwas Unheimliches in Blick und Ton. War er
selber so parteiisch oder eifersüchtig, ohne allen sonstigen Grund den
Menschen zu hassen, und wäre es nicht --

»Verzeih mir Gott die Sünde!« unterbrach Ben selber seine Gedanken als er
wieder zum Walde zurückschritt, denn Betsy konnte und wollte er in diesem
Zustand von Aufregung und getäuschter Hoffnung nicht vor die Augen kommen
-- »verzeih mir Gott die Sünde daß ich von einem Menschen, der mir bis
jetzt wissentlich noch kein Leid gethan hat, Unrechtes denke, aber dieser
Metcamp kommt mir immer vor wie mein böser Geist und wenn es _einen_
Menschen in der weiten Gotteswelt gäbe, dem ich den Bubenstreich zutrauen
möchte -- so ist es _Der_. Aber wart! mein Bursche, _bist_ Du's gewesen,
so hast Du ein Paar so scharfe Augen auf Deiner Fährte, wie sie in der
Ansiedlung nur zu finden sind, und wer weiß dann, ob wir nicht noch einmal
ein Paar Worte im Vertrauen reden!«

Ben war ein seelensguter, herzlicher und schwer zu kränkender Mann -- wie
es fast alle recht kräftig kernige Naturen von so riesigem Körperbau sind,
aber leichenbleich färbte ihm doch der Zorn die Wangen als er den Ort
wieder erreichte, wo er das Ziel seiner Wünsche, nach dem er Wochenlang
gestrebt, endlich gefangen gehalten, und dann ihm eine tückische Hand
den Becher, den er gerade zum Munde führen wollte, entrissen und zu Boden
geschleudert hatte.

Was aber half ihm der ohnmächtige Zorn -- er fand keine weiteren Anzeichen;
die Spuren des Geflohenen waren so schlau verdeckt daß er anfing es dem
geschniegelten Städter nicht einmal mehr zuzutrauen, und seinen Verdacht
von Einem zum Andern der jungen Leute unter seinen Bekannten schweifen
ließ, die, wie er recht gut wußte, ihn um sein Glück bei Betsy beneideten
und ihn dadurch vielleicht abhalten wollten ihre Hand zu erringen. Es blieb
aber auch immer nur wieder bei dem Verdacht; eine Gewißheit konnte er auf
keiner Seite erlangen.

Das Schlimmste bei der Sache war übrigens auch das noch, daß ihm diese,
seine beste Falle dadurch für eine geraume Zeit unbrauchbar geworden, denn
in die ging, wenigstens nicht eher als bis einmal ein Wolkenbruch jedes
Zeichen der gefangen gewesenen Bestie abgewaschen, kein Wolf wieder hinein
-- und welche Falle lag so vortrefflich wie gerade diese!

Wolfs Ben war übrigens nicht der Mann, der sich durch eine ihm in den Weg
geworfene Schwierigkeit so leicht hätte abschrecken lassen; noch standen
ihm drei andere Fallen und selbst in dieser Schlucht konnte er, wenigstens
weiter oben, eine neue anlegen. Mit unermüdlichem Fleiß arbeitete er
also auf's Neue, lag Tag und Nacht draußen und hielt von jetzt an eine so
scharfe Wacht in seinem gewöhnlichen Jagdrevier, daß kein Kaninchen, viel
weniger denn ein Menschenkind unbeachtet durchschlüpfen konnte. Voll neuer
Hoffnung dachte er nun mit jedem Morgen den Fang eines zweiten Wolfes
begrüßen zu können -- aber vergebens. Was er auch that blieb fruchtlos, und
Ben wurde zuletzt so schwermüthig und menschenscheu, daß er gar nicht mehr
aus seinem Wald heraus mochte, sondern jetzt, mit dem einen und einzigen
Ziel vor Augen, fast nichts anderes dachte, als einen Wolf lebendig zu
fangen.

Die Ansiedlung besuchte er gar nicht mehr, oder doch nur bei Nacht, wo
er nicht zu fürchten brauchte, daß Betsy's Blick auf ihn fiel -- denn
nachgerade fing er an sich zu schämen ein so »schlechter Jäger« zu sein und
er meinte, die Leute müßten ihm das Alle an den Augen ansehen.

       *       *       *       *       *

Drei Wochen waren solcher Art verflossen und wenn Ben's Herz auch wohl
immer und unverändert dasselbe geblieben war, so hatten doch die Sachen in
der Ansiedlung indessen eine ganz andere Wendung genommen.

Der »Stadtherr«, wie ihn die übrigen Jäger gewöhnlich nannten, bekam Briefe
aus Alabama, die seine Rückreise dorthin so rasch als möglich verlangten.
Sein Onkel war plötzlich gestorben -- er zum Universalerben eingesetzt,
und jetzt natürlich genöthigt die dortigen Verhältnisse, die durch eine
bedeutende Sklavenzucht noch weit mehr Aufmerksamkeit erforderten, selber
zu ordnen. Er mußte also ohne weiteres Zögern zurück, und seine im Anfang
langsam genug eingeleitete Werbung um die liebliche Waldblume, des alten
Suttons Töchterlein, wurde nun zum raschen Heirathsantrag. Mr. Metcamp
hielt noch an dem nämlichen Tag um des Mädchens Hand an, und wenn auch
Betsy unbedingt _nein_ sagte, sprach doch der Vater, dem der jetzt um
so reichere Schwiegersohn desto mehr zu behagen schien, ein um so
entschiedeneres _Ja_, versicherte seinen künftigen Eidam »das Mädchen ziere
sich nur, wolle erst angegangen sein, und bat ihn sich um das keine Sorge
weiter zu machen.«

Metcamp hätte allerdings lieber eine freundlichere Antwort der Tochter,
wenigstens keine so ganz bestimmt abgeneigte gehabt; da es aber nun
einmal nicht anders ging, schien er sich auch hineinzufinden, hoffte
durch Freundlichkeit zuerst ihr Wohlwollen, dann vielleicht ihre Liebe zu
gewinnen -- wenigstens sagte er das dem Vater, -- und beschloß jeden Falls
an demselben Abend an dem er den Brief erhalten, eine Art Fest zu geben,
wozu sämmtliche Bewohner der Ansiedlung eingeladen wurden, und was er
dadurch zu einer Art Verlobungsfest zu stempeln gedachte.

Der Abend kam heran und das Gerichtshaus (ein leer stehendes und aus
Stämmen roh aufgeführtes Gebäude, das in früherer Zeit einmal zu einer
Gerichtssitzung gedient, und davon den Namen, und später auch noch das
Versprechen erhalten hatte, bei nächster Gelegenheit zu einer Schule
benutzt zu werden, jetzt aber nur zur Aufbewahrung des Mais diente), war
zu dieser Begebenheit gar festlich und brillant hergerichtet. Viele Pfund
Wachslichter -- aus dem rohen gelben Wachs gegossen, wie es die Jäger den
gefällten Bienenbäumen entnehmen -- erleuchteten den ziemlich großen Raum,
der Boden war von allen Maishülsen gereinigt und rings herum Bänke gestellt
für die Damen, wie auch ein Tisch mit einem Stuhl oben darauf in die Ecke
geschoben, auf dem der einzige Musikant -- ein Violinspieler -- seinen
Sitz nehmen sollte. Kurz, es war Alles nur Mögliche angewandt, den Raum so
behaglich als möglich zu machen, und wer am späten Abend die Fröhlichkeit
der äußerst zahlreich versammelten Gäste gesehen hätte, wäre gewiß mit dem
Resultat zufrieden gewesen.

Nur Betsy war traurig -- sie dachte an ihren armen Ben, der jetzt
wahrscheinlich draußen allein im Walde herumirrte, und wollte nicht Theil
nehmen an Tanz und Lustbarkeit. Nur mit Mühe wurde sie in den
Tanzsaal selber gebracht, dort aber wies sie jede Aufforderung auf das
entschiedenste zurück, und blieb ruhig, dem fröhlichen Treiben zuschauend,
auf ihrem gleich im Anfang eingenommenen Platz.

Benjamin Holik war aber nicht draußen im Wald, wie sein armes, hier in
der lustigen Schaar nur um so viel betrübteres Liebchen in ihrem Schmerz
geglaubt. Der alte Sutton hatte ihn sogar, wie sich das übrigens von selbst
verstand, da man Niemanden ausschloß, noch besonders dazu eingeladen, Ben
jedoch die Einladung abgelehnt.

In der Nähe mußte er aber doch weilen -- geschäftige Freunde brachten ihm
bald die Nachricht daß es ein _Verlobungsfest_ sein werde, was man hier
feiern wolle, und er gedachte erst doch noch einmal zu sehen, mit eignen
leiblichen Augen zu sehen daß ihn Betsy -- _seine_ Betsy auch wirklich ganz
und gar vergessen habe und dann -- ei dann zog er nach Texas. -- Onkel Sam
warb gerade für den beginnenden Krieg, und solche Leute wie er war --
Ben brauchte keinen Spiegel sich das selber zu sagen -- fanden rasche und
freudige Aufnahme im Dienst.

Scheu und furchtsam, daß ihn Niemand erkenne und seinen Schmerz errathe,
umschlich er wohl eine Stunde lang das Haus und horchte den munteren,
kreischenden Tönen der Violine. Näher hinan zu gehen daß er einen Blick
hineinwerfen konnte, mochte er nicht. Da kamen endlich ein Paar seiner
Bekannten aus dem Haus heraus, blieben vor der Thür stehen und schritten
dann zusammen dicht an dem Orte vorüber wo sich Ben versteckt hielt, ihren
Wohnungen zu.

Ben drückte sich, so gut das gehen wollte, hinter den Stamm eines dort
stehenden Hickory und der Eine der Männer sagte, als sie eben dicht neben
ihm waren:

»Betsy hat doch, so lange ich im Haus war, keinen Schritt getanzt.«

»Den ganzen Abend noch nicht, und hat es ein für alle Mal rund
abgeschlagen, erwiederte der Andere -- ich glaube noch nicht einmal daß sie
ihn nimmt.«

»Ah, bah -- sagte der Erste wieder -- da müßte man die Mädchen nicht kennen
-- der hat Geld, und da --«

Die weiteren Worte wurden in der Entfernung unverständlich, aber was
brauchte Ben auch noch weiter zu hören. Das letzte war schändliche
Verleumdung.

»Noch keinen Schritt getanzt,« jubelte der junge Jäger in sich hinein --
»also doch nicht falsch, doch nicht treulos, doch ihren Ben noch nicht
vergessen -- aber -- was kann's Dir auch helfen armer Ben -- Du hast doch
kein Glück -- Betsy ist doch für Dich verloren -- und wenn sie Dich nicht
vergessen könnte -- ach dann wär's nur so viel schlimmer für sie -- Besser
für Dich selber aber nimmer und nimmer.«

Die Büchse, die er nicht weit von da in einem dichten Busch hineingestellt,
hob er vom Boden auf, noch einen Blick nach dem hell erleuchteten Hause
warf er zurück, und still und schweigend wanderte er den Fußpfad entlang
dem nächsten Hügelrücken zu. -- Es litt ihn -- die Nacht wenigstens --
nicht in der Ansiedlung, und er wollte draußen am Feuer schlafen.

Ein Platz war endlich an einer klaren Quelle, die hier dem felsigen Boden
rein entquoll, bald gefunden, eine Flamme entzündet, und in die Decke
gehüllt lag er, den Kopf auf einen untergeschobenen Stein gelegt, und
schaute sinnend und ernst zu den freundlich auf ihn niederblitzenden
Sternen empor.

Im Wald war es merkwürdig still, selbst die Frösche quakten nicht so toll
und wild durcheinander, wie er das sonst wohl gehört, den leisen Schritt
des Opossums, das zu nächtlichem Hühnerraub nach den bewohnten Ansiedlungen
schlich, konnte er deutlich und bestimmt hören, und dort hinten -- er hob
den Kopf und lauschte einen Augenblick -- wahrlich es war ein Wolf, der
weit drüben auf dem scheidenden Gebirgsrücken sein klägliches Abendlied
heulte.

»Winsle nur, Bestie!« murmelte er endlich und sank in seine frühere
Stellung zurück, »winsle, aber bleib mir außer Schußnähe; auf Deines
Gleichen und auf -- noch Einen, hätt' ich besonders heut Abend Appetit.«

Eine halbe Stunde lag er wohl so noch, und suchte seine Gedanken wieder auf
die früher durchträumten Pläne zu richten -- es war aber nicht möglich
-- das immer näher und näher kommende Geheul des Wolfes lenkte seine
Aufmerksamkeit immer wieder dort hin, und jetzt -- alle Wetter, das war gar
nicht so weit entfernt -- antwortete eine andere Stimme aus einer hinter
ihm liegenden Schlucht, wo auch, wie sich bald auswies, das ganze Rudel
steckte.

Er sprang rasch von seinem Lager auf und griff nach der Büchse; der Mond
stieg eben hinter den düstern Schatten der fernen Bergesketten hell und
freundlich empor -- die alte Jagdlust erwachte und verdrängte, für den
Augenblick wenigstens, jeden anderen Gedanken.

Er befand sich auf einem äußerst günstigen, ziemlich offenen und vom Mond
hell beschienenen Fleck und zwar gerade mitten zwischen dem Rudel und
dem vereinzelten, jetzt zu diesem zurückkehrenden Wolf -- das Feuer war
niedergebrannt, und die noch glimmenden Kohlen schreckten die Bestien auch
nicht ab, da fortwährend brennende Stämme im Wald liegen und Hirsch und
Wolf daran gewöhnt sind Feuer auf ihrem Pfad zu finden. Ein vom Winde
niedergeworfener Stamm der die Höhe hinunter, nach dem Thale zu lag,
gewährte ihm dabei einen trefflichen Hinterhalt. --

»Wart Kannaille, murmelte er, griff seine Büchse auf und glitt hinter den
Stamm -- komm mir nur aus dem Busch vor, und freu' Dich dann auf Ben Holiks
Kugel.«

Er hob sein Gewehr auf den Stamm, richtete die Mündung nach der Gegend
zu, von der er den einzelnen Wolf erwartete, -- denn das Rudel bleibt in
solchem Fall gewöhnlich so lange auf dem einmal behaupteten Platz, bis der
Vereinzelte dazu gestoßen ist -- und harrte dann lange und geduldig -- der
Wolf wollte sich aber immer noch nicht sehen lassen.

Sollte die Bestie etwas gemerkt haben -- aber der Wind war doch günstig.
-- Holik ließ seine Büchse auf dem Stamm liegen, hielt beide Hände
trichterförmig an den Mund -- und heulte kläglich. -- Der Laut war
täuschend ähnlich nachgeahmt, und schallte gar wehmüthig durch den düstern
Wald.

Wenn aber auch keine Stimme von dort, wo der einzelne Wolf sein mußte,
antwortete, so war Ben doch ein viel zu alter Jäger um nicht auf seiner Hut
zu sein, oder sich durch Uebertreibung einen einmal gewonnenen Vortheil zu
verderben. Leise griff er wieder nach der Büchse, blieb ruhig im Anschlag
liegen, und erwartete das Resultat.

Das sollte auch nicht lange ausbleiben. -- Der Wolf antwortete allerdings
nicht mehr, aber nur weil er zu nahe war, und als Ben mit gespannter
Aufmerksamkeit selbst dem leisesten, unbedeutendsten Geräusche lauschte,
hörte er plötzlich im trocknen Laub der benachbarten Baumgruppe rasche,
aber vorsichtige Schritte. -- Trap, trap, trap, trap -- und das Thier stand
-- noch einmal -- es windete wieder. Hatte es vielleicht den Rauch in die
Nase bekommen. Der Wolf betritt übrigens jedesmal vorsichtig einen freien
Platz, weil er wahrscheinlich nicht allein Gefahr fürchtet, sondern auch
vielleicht selber nach Beute ausschaut.

Ben konnte genau von wo er stand die Schritte hören, den Platz selbst aber
noch nicht mit seinem Blick durchdringen, wagte deshalb auch nicht sich zu
bewegen, weil er nicht wissen konnte ob des Raubthiers Augen nicht gerade
in diesem Moment dorthin gerichtet waren, wo er lag. Heulen durfte er auch
nicht wieder -- die Entfernung mußte jedenfalls zu gering sein, als daß die
scheue Bestie nicht den Betrug hätte merken und den falschen Rufer erkennen
sollen. Es blieb ihm Nichts anderes übrig als jetzt ruhig und regungslos
abzuwarten, bis das Thier in's Mondenlicht heraustreten würde.

Da wurde plötzlich hinter ihm -- ein klein wenig nach rechts, das Rudel
wieder laut und ein triumphirendes Lächeln zuckte über Ben's Antlitz -- es
machte aber auch eben so schnell einem Ausdruck peinlicher Spannung Platz,
denn in dem nämlichen Moment schon trat der Wolf, der durch den letzten
Lockton bestimmt schien, aus dem düstern Schatten vor, auf den freien, nur
mit einzelnen Bäumen bewachsenen Raum.

Ben's Herz schlug fast hörbar, aber sein Arm lag fest wie Eisen -- ruhig
richtete er das todtbringende Rohr nach dem Feind und suchte mit dem
scharfen Blick dessen dunkle Gestalt auf das Korn seiner Büchse zu bringen.
Doch vergebens -- in dem matten ungewissen Licht schmolz Korn und Ziel
so ineinander daß er um's Leben nicht hätte genau bestimmen können wo die
Kugel sitzen würde, und fehlen -- nein das durfte er nicht.

Vorsichtig hob er den Lauf gegen den helleren Himmel, wo er das Korn
deutlich gegen einen der funkelnden Sterne konnte abstechen sehen, legte
sich dann fest in den Kolben, fuhr nieder, und so wie er die Gestalt des
noch immer regungslos und jetzt seitwärts in's Thal schauenden Thieres voll
im Korn hatte, berührte sein Finger den Drücker.

Der Schuß schmetterte dröhnend durch den Wald und Ben sprang blitzesschnell
empor.

»Siehst Du, Kannaille, sagte er da, als er den dunkeln Körper regungslos
im, vom Mondlicht hell beschienenen Laube liegen sah -- siehst Du -- ich
habe Dir's prophezeiht. -- Das ist doch wenigstens _ein_ Trost, einem
solchen herumschleichenden Schuft das Handwerk gelegt zu haben. Panther und
Bären -- ich wollte daß Gottes Strahl all das Lumpengesindel träfe, das
so wie Du, Bestie, das Licht scheut, im Dunkeln herumschleicht und Unheil
anrichtet, wohin es den Fuß gesetzt und seinen Athem gehaucht!«

Ben war bei den obigen Worten, die er mit fest zusammengebissenen Zähnen in
den Bart murmelte, ruhig auf seinem Platz stehen geblieben und hatte, nach
Jägerart, vor allen Dingen die Büchse wieder geladen, hob sie jetzt mit
einem noch leise gemurmelten Fluch auf die Schulter, und schritt langsam
der Stelle zu, wo der so glücklich erlegte Feind im Laube ausgestreckt lag.

Es war ein großer, kräftiger Wolf, kohlschwarz und nur mit dem einen
kleinen herzförmigen weißen Fleck auf der Brust, der im Mondenlicht
ordentlich zu glühen schien -- die Kugel mußte ihm gerade durch den Kopf
gefahren sein -- er rührte und regte sich nicht.

»Ich habe ihn nicht einmal zucken sehen, sagte der Jäger leise, und bog
sich zu ihm nieder, um nach dem Kugelloch zu fühlen. Ueber den ganzen Kopf
strich er hinüber und herüber, dort war aber nichts, auch kein Schweiß --
und die gegen das Mondenlicht gehaltene Hand weiß und rein. Wunderlicher
Schuß! brummte der Jäger -- ei zum Henker, 's ist einerlei _wo_ die Kugel
sitzt, _wenn_ sie nur sitzt, und da ich den Schuft -- Hallo! unterbrach er
sich plötzlich -- lebt der Bursche noch?«

Er stand mit gespannter Aufmerksamkeit die Büchse im Anschlag, jede
Bewegung des Raubthiers beobachtend, und allerdings gab dies jetzt wieder
Lebenszeichen von sich, warf einmal den Kopf auf, und schnellte sich dann
auf dem linken Vorderlauf in die Höhe.

Ben hatte aber zu manches Stück Wild erlegt, als daß ihn diese Bewegung
auch nur einen Augenblick länger über den Zustand des Wolfes in Zweifel
lassen konnte. Im ersten Augenblick fuhr er allerdings noch einmal, und
wie unwillkürlich mit der Büchse an den Backen -- das war aber auch nur ein
Moment -- im nächsten warf er sie fort und sprang plötzlich in keckem Muth
auf das, von _der_ Minute an sich wieder ganz kräftig und rasend sträubende
Thier.

»Hoho, mein Bursche! rief der junge Jägersmann dabei, und lachte mit wilder
Freude in sich hinein, während er seinen Arm mit eiserner Gewalt um den
wüthend dagegen ankämpfenden Körper des Wolfes schlang -- hoho -- einfach
ge=creast=[2] -- hahahaha -- ja strample nur, strample nur Herz, _der_
Falle entgehst Du nicht -- wenn Du nicht im Stande wärst, aus der Haut zu
rutschen.«

  [2]: =creasen= nennt der amerikanische Jäger den Schuß über dem
  Rückgrate oder noch häufiger Hals eines Wildes, wenn die Kugel auf die
  oberen Halssehnen und Muskeln gedrückt hat, ohne sie zu durchschneiden,
  was das Thier augenblicklich zu Boden wirft, aber nur für den Moment
  betäubt, und nicht im mindesten beschädigt. Nach sehr kurzer Zeit
  erholt es sich gewöhnlich wieder, und wenn der Jäger dann nicht schnell
  mit Büchse oder Messer bei der Hand ist, springt es wieder auf und ist
  nicht selten weit aus dem Bereich der Kugel ehe der verblüffte Schütze,
  der sich seine schon sicher geglaubte Beute auf einmal wieder entgehen
  sieht, seine Sinne gesammelt hat. Die westlichen Indianer fangen auch
  mit diesem Schuß die wilden Pferde, wobei natürlich mehr erschossen als
  gefangen werden.

Das Thier, das nun sein volles Bewußtsein wieder erlangt hatte, schien
jetzt erst zu begreifen in welcher höchst mißlichen Lage es sich eigentlich
befinde und suchte mit aller ihm zu Gebote stehender Kraft um sich zu
beißen, und durch Treten und Kratzen seine Freiheit wieder zu gewinnen.
Doch vergebens, Ben hielt es wie in einem eisernen Schraubstock und drückte
sich dabei so mit dem ganzen Gewichte seines schweren Körpers darauf, daß
der arme also ertappte Wolf endlich und als auch seine Kräfte vollständig
erschöpft waren, wenigstens für kurze Zeit ruhig liegen mußte.

Was aber nun thun? -- den Wolf tödten? das wäre allerdings mit nur
wenig Schwierigkeiten verknüpft gewesen, denn Ben trug sein haarscharfes
Jagdmesser im Gürtel. Aber war nicht jetzt sein Ziel erreicht? -- einen
lebendigen, gesunden, unbeschädigten Wolf wollte er haben, und den hielt er
in diesem Augenblick hier unter sich so fest als ob er ihn im Leben nicht
wieder loslassen wollte. Doch wie ihn binden und festhalten? nicht einmal
einen Lederriemen führte er bei sich, nichts als seinen Gürtel und wie
hätte er es überhaupt wagen dürfen auch nur den Versuch zu machen? Ließ er
dem Wolf nur ein wenig Luft so gab es nachher einen Kampf, in dem er ihn
entweder ernstlich beschädigen, oder gar frei lassen mußte -- das eine fast
so schlimm wie das andere. Und das schwere Thier bis zur Ansiedlung tragen?
-- er hätte ohne den Wolf eine halbe Stunde gebraucht sie zu erreichen --
viel weniger mit ihm -- aber es blieb ihm weiter keine Wahl.

»Entweder oder,« murmelte er, »Du oder ich, Bursche, und so mag denn _der_
Abend über mein Glück, über mein Unglück entscheiden. Zum Teufel auch, habe
doch schon manchen starken Hirsch getragen, der noch einmal so schwer war
wie der hier, und das blos um des elenden Wildprets wegen -- werden mir
heute die Kräfte nicht versagen, da es das Höchste -- oder doch wenigstens
einen Triumph über den schurkischen Feind gilt.«

Und mit dem raschen Entschluß nahm er seinen Halt fest um das, sich jetzt
wieder mit rasender Wuth sträubende Thier, brachte den rechten Fuß unter
sich, und stand, die Schulter gegen einen kleinen danebenstehenden Gumbaum
stützend, langsam auf. Er hatte den Wolf mit dem Rücken gegen sich, mit dem
linken Arm zwischen den beiden Vorderläufen durch gepackt, und den
rechten Arm ihm fest um die Weichen geschlagen und hielt ihn so eng
zusammengepreßt, daß er ihm mit seinen Zähnen gar nicht schädlich werden
konnte.

Die Büchse mußte er natürlich zurücklassen, auch die Mütze war ihm bei
dem Ringkampf entfallen, doch das hinderte ihn nicht; mit fest
zusammengebissenen Zähnen und zum Aeußersten entschlossen, wanderte er
seine wunderliche sich unaufhörlich sträubende Last im Arm, Schritt vor
Schritt weiter -- der fernen Ansiedlung zu.

       *       *       *       *       *

Im alten Gerichtshaus herrschte indessen noch immer laute lärmende
Fröhlichkeit, Bowle nach Bowle wohlschmeckenden süßen Stewes war gebraut,
und der Raum endlich durch Kerzen, Trunk und Tanz so heiß geworden, daß
man selbst das kleine, nach dem Holz hinausführende Fenster öffnete, um nur
frische Luft herein zu bekommen.

Die Töne der Violine schwirrten immer rascher und gellender in Jigs und
Hornpipes, die Füße der Tänzer klapperten immer behender auf dem schon
blank gescharrten Boden; Metcamp war besonders ausgelassen lustig, er
nannte die arme Betsy -- die sich übrigens hartnäckig weigerte weder mit
ihm noch einem der andern Gäste zu tanzen -- nicht anders wie »sein süßes
Bräutchen«, umarmte den alten Sutton ebenfalls zweimal als »Schwiegerpapa«
und wußte seiner Ausgelassenheit gar keine Grenzen.

Eine kleine Unterbrechung hatte indessen stattgefunden; »Lord Howe's
Hornpipe« war eben beendigt und einige Erfrischungen wurden herumgereicht.
Betsy, die auf ihres Vaters Befehl die Bedienung überwachen mußte, saß
unfern dem Eingang, nicht weit vom Schenktisch, und Metcamp, der sich dicht
neben sie gestellt, flüsterte ihr eben einige fade Schmeicheleien in's Ohr,
die ihr die zornige Röthe auf die Wangen trieben, als plötzlich Etwas mit
gewaltigem Poltern von außen gegen die Thüre schlug.

»Hallo!« schrie der Bräutigam zusammenfahrend -- das ist ein unhöfliches
Anklopfen -- »wer da?«

Die übrigen Gäste wandten sich Alle rasch und erstaunt nach dem Lärmen um,
die einzige Antwort von dort her war aber ein erneutes, noch viel stärkeres
Gepolter.

»Ei so hol' doch der Henker die Unverschämtheit!« rief da Metcamp; »ich
will doch sehen --«

Rasch ergriff er den ledernen Riemen der an dem Drücker hing, riß daran und
stieß die Thüre auf.

»Ha!« -- Vor sich ein Paar stiere funkelnde, fast aus ihren Höhlen
drängende Augen -- ein weit aufgerissener Rachen mit blutiger,
heraushängender Zunge und weißem fürchterlichen Gebiß -- ein Wolfskopf wie
ihn sich die Einbildung nur schrecklich und Entsetzen erregend
ausmalen kann -- hinter ihm aber, dicht über dem gräßlichen Rachen, das
todtenbleiche, wildblickende Angesicht Ben Holik's, vom Schein der Kerzen
geisterhaft beleuchtet.

»Der Wolf! -- Der Wolf!« schrie da Metcamp nach einem, nur fast
flüchtigen Blick auf die schauerliche Gruppe. -- »Der Wolf!« und durch die
hinzudrängenden Gäste brach er in wilder Hast sich Bahn, zum Fenster sprang
er, und ehe nur noch irgend Jemand sein Vorhaben hätte errathen, oder
ihn gar daran verhindern können, flog er mit scheuem Satz hinaus und in's
Freie.

Die Hintenstehenden, die noch gar nicht sehen konnten was eigentlich die
Ursache solch wunderbarer Behendigkeit gewesen, lachten; die nächst der
Thüre aber fuhren ebenfalls, kaum minder als Metcamp selbst erschreckt,
zurück, und starrten überrascht die wunderliche Gruppe an, aus der sie Ben
Holik's todtenfahle Züge jetzt erkennen konnten.

»Die Glocke -- die Glocke!« war aber Alles was der Jäger mit heiserer, nur
den Nächsten verständlicher Stimme zu lallen vermochte -- »die Glocke --
ich kann -- ich kann nicht mehr.«

»Heiliger Gott!« schrie da Betsy, die schon bei dem ersten Ausruf Metcamps
entsetzt empor gesprungen war und ihren Augen kaum trauend, keines Wortes,
keiner Bewegung mächtig, in das todtenbleiche, fürchterlich entstellte
Antlitz des Geliebten gestarrt hatte, »heiliger, allmächtiger Gott! zu
Hülfe -- zu Hülfe!«

»Die Glocke! flehte aber nur Ben -- Betsy die Glocke oder meine Arme
erstarren.«

»Die Glocke? -- was für eine Glocke?« fragten die Umstehenden wild
durcheinander.

»Ha -- die Wolfsglocke!« rief da das Mädchen -- das Ganze ihr bis dahin
Entsetzliche, jetzt rasch und froh begreifend -- »die _Wolfsglocke_, nur
noch einen Moment Ben -- nur noch wenige Secunden und ich bin wieder da.«

Und rasch zur Thür hinaus, dicht an den klaffenden Fängen der Bestie vorbei
-- so dicht daß ihre Schulter die blutträufende Zunge fast berührte, glitt
die Jungfrau flüchtigen Laufes in das dicht daneben gelegene Haus ihres
Vaters, wo die Glocke noch in der Stube (unter der Büchse, wo er sie
neulich bei seiner Zurückkunft hingethan) hing, hob sie schnell herunter
und war in kaum einer Minute Zeit schon wieder zurück mit dem Verlangten.

Indessen hatten sich aber die Männer dort ebenfalls von ihrer ersten
Ueberraschung erholt; der alte Sutton war zu ihnen getreten, und rasch
begreifend um was es sich hier handle, wollte er Ben unterstützen und ihm
den Wolf vielleicht abnehmen. Das gab aber der Jäger nicht zu, da er seiner
wie des alten Mannes Sicherheit wegen nicht wagen durfte dem festen Halt,
den er einmal an der Bestie hatte, zu entsagen. Kaum erschien aber Betsy
mit der Glocke, so nahm sie ihr Sutton rasch aus der Hand, schlang den
Riemen um des, jetzt wieder wie wüthend um sich beißenden Wolfes Hals, und
schnallte ihn nicht zu fest, aber sicher genug, daß er nicht über den
Kopf hinüberrutschen konnte, den Wolf jedoch auch nicht hinderte, oder gar
würgte.

Was aber jetzt, nachdem dies geschehen war, thun? -- wie die Bestie, da der
Zweck erfüllt war, wieder loswerden? denn war es nicht möglich daß sie, in
so gereiztem Zustand freigegeben, anstatt zu fliehen sich gerade gegen ihre
Feinde wenden, und dort Unheil anrichten konnte, ja am Ende gar, um sie
nur wieder los zu werden, doch noch getödtet werden mußte? Das Klingeln
der Glocke beunruhigte den Gefangenen dabei immer mehr, seine Anstrengungen
wurden wüthender, je mehr die Kräfte des armen Jägers nachließen. Zwar
sprangen von vielen Seiten die Männer mit Stricken herbei und Einer
machte sogar eine Schlinge, den Wolf daran zu hängen und ihm die Kehle
zuzuschnüren bis er betäubt wäre und hinaus in den Wald geschafft werden
könnte -- das aber schienen viel zu gefährliche Experimente, denn geschah
dem Thier dadurch ein Schaden, so war die ganze Anstrengung vergebens
gewesen. Da rief Betsy, die in Todesangst um den Geliebten, die Hände fest
gegen die Schläfe gepreßt, daneben gestanden und dem ganzen wirren Treiben
zugeschaut, den tausend verworrenen Vorschlägen, wie sie gemacht und
verworfen wurden, in namenloser Furcht gelauscht hatte, plötzlich aus:

»Trag ihn in den Garten, Ben, wo der Fluß die Biegung macht -- dort ist
die Uferbank eingestürzt, und da hinabgeworfen, kann er nur an's
gegenüberliegende Ufer schwimmen!«

»Bei Gott das Mädchen hat Recht!« rief der alte Sutton, und Ben schritt
schon um's Haus herum dem bezeichneten Orte zu. Die Fenz, die ihn noch von
dem Garten trennte, wurde augenblicklich eingerissen, und wenige
Secunden später stand der Wolfsjäger an dem schroffen Ufer das unten
der vorbeischäumende kleine Bergstrom bespülte -- Betsy hatte seinen Arm
ergriffen und ihn geführt, daß er nicht etwa einen Schritt zu weit vorgehe
und selber mit hinabstürze.

»Jetzt Ben! rief sie ihm zu, als sie ihn plötzlich zurückhielt, jetzt laß
los!«

»Gott sei Dank!« murmelte Ben und während er noch die Arme öffnete glitt
der dunkle Körper am nachgebenden Sande hinab und schlug plätschernd in die
unten über ihm zusammenbrechende Fluth.

Jetzt kamen auch mehre mit rasch herbeigeholten Lichtern herbei und bei dem
matten ungewissen Schein derselben konnten sie erkennen wie der schwarze
Körper des befreiten Wolfes rasch und mit heftigem Stöhnen durch die Fluth
strich. Als er aber drüben an's Ufer stieg klingelte die wackere Glocke
laut und hell -- er hatte sich schütteln wollen, erschrak jedoch so über
den fremden Laut daß er rasch die Uferbank hinansprang, und noch eine lange
Strecke durch den Wald hörten sie das gleichmäßige Anschlagen der Schelle,
wie der Wolf in dem, diesen Thieren eigenen langen Galopp mit flüchtigen
Sätzen nicht mehr den Feinden, die hatte er kaum gefürchtet, nein, diesem
unerträglichen scharfen Lärm unter seiner Kehle, zu entfliehen suchte.

»Hahahaha!« brach endlich Ben, der jetzt lachend seine halb erstarrten
Arme schwenkte, das athemlose Schweigen mit dem die Männer den immer mehr
verschwimmenden Tönen der Glocke gelauscht hatten -- »er hat sie -- beim
ewigen Gott, er hat sie -- so -- das soll mir der Mr. Metcamp einmal
nachmachen!«

Metcamp? ja wo war denn Metcamp die ganze Zeit eigentlich -- das weiß der
Himmel, am Washita hat ihn wenigstens kein sterbliches Auge mehr gesehen,
sein Fenstersprung konnte nicht bezweifelt werden, denn Zeugen gab es dafür
genug, und vom Fenster aus ließ sich die Spur noch weit hinaus in den Wald,
aber immer dem Arkansas zu, verfolgen, sein ganzes Gepäck aber, ja selbst
seinen Hut ließ er, ohne auch nur einmal darum zu schreiben, in der
Ansiedlung zurück und Ben hatte gewiß recht als er meinte -- »den habe nur
sein _böses Gewissen_ aus den Bergen getrieben.«

Und was wurde aus Betsy? --

Ich will dem Leser die weitläufige Auseinandersetzung ersparen und ihm
nur mit kurzen Worten einzelne Thatsachen mittheilen aus denen seine
Einbildungskraft dann leicht den weitern Verfolg der Sache, viel besser als
ich ihm das selber klar machen könnte, herausfinden wird.

Mr. Metcamp war wirklich flüchtigen Fußes förmlich davon gelaufen, der
Brief aber, den er zu der Zeit am Washita erhalten hatte, mußte jedenfalls
gefälscht gewesen sein, denn noch in demselben Monat hörten sie von einem
Reisenden daß Metcamps Onkel, etwa vier Wochen vorher ehe dieser zum
Washita gegangen, total bankerott gemacht habe und der vermeintliche Erbe
noch schlimmer als ein Bettler sei, da er sogar rasend in Schulden stecke.
Die reiche Farmerstochter hatte er dabei leicht zu gewinnen geglaubt, und
auch natürlich alles Mögliche gethan, seinem, ihm allerdings gefährlichen
Nebenbuhler den Besitz des Mädchens unmöglich zu machen.

Daß er es gewesen der damals den gefangenen Wolf befreit, ließ sich
ebenfalls immer weniger verkennen, wenigstens sprach man die Ansicht kurze
Zeit darauf ganz offen in der Ansiedlung aus; und daß sich der alte Sutton
nach alle dem Vorangegangenen schämte, den beabsichtigten Schwiegersohn aus
der Stadt auch nur noch einmal zu erwähnen, versteht sich wohl von selbst.

Es sind jetzt seit der Zeit zehn volle Jahre verflossen, und Farmer Sutton
schläft in seinem eigenen Garten still und ruhig unter dem grünen blumigen
Rasen, Ben Holik aber hat das unstäte Jägerleben aufgegeben, ist ein
ordentlicher Farmer worden und lebt mit seinem lieben Weib, seiner Betsy,
und den drei Jungen und zwei Mädchen die sie ihm in ihrer neunjährigen
Ehe geboren, so glücklich und zufrieden, wie nur ein Mensch in der weiten
Gotteswelt leben kann. Seine Heerden haben sich dabei ungemein vermehrt,
denn die Wölfe trieb der mit der Glocke Behangene richtig hinaus aus der
ganzen Nachbarschaft, und seine Felder hat er ebenfalls um viele fruchtbare
Aecker erweitert; dort aber, wo er den Wolf damals lebendig gefangen, baute
er sich auf der luftigen Bergkuppe ein kleines Haus und nannte es, zum
Gedächtniß jenes glücklichen Abends -- die _Wolfsglocke_.




Die Ahnung.

Nach einer wahren Begebenheit.


Draußen über die Haide tobte und wetterte der Sturm, heulte durch die
blattlosen Baumwipfel der Eichen, und zischte und flüsterte in den dichten
Nadeln des benachbarten Schwarzholzes. Der Mond war hinter schweren Wolken
verschwunden, trüb und düster lag die Nacht auf der Erde und der Orkan, der
sich von den Geistern der Luft die tollen Weisen aufspielen ließ, raste
mit der Windsbraut über den weiten Plan, durch Bergesschlucht und einsames
Thal, und über die starren, drohenden Felsenkämme der trotzig ihm die Stirn
bietenden Gebirgsrücken hin.

So, draußen im Freien -- aber fast noch tolleres Spiel trieb er um die
Wohnungen der schüchtern zusammengedrängten Menschen. Hui! -- wie das
um die Giebel pfiff und splitterte, wie die Windfahne auf dem alten
Pastorhause kreischte und knarrte, daß selbst der hoch und altergrau
daneben aufstarrende Schornstein den Lärmen endlich satt bekam, und bald
links in den dunkeln Hof, bald rechts in den feuchten Garten hinunter
sah, als ob er nur noch nicht recht wisse, in welchen von beiden er zuerst
kopfüber hinein springen solle. Wie's an den alten morschen Fensterrahmen
riß und klapperte, und seine Kraft an den breitästigen Birn- und
Aepfelbäumen versuchte, die schon so lange Jahre dem Sturme getrotzt
und sich jetzt, bei den erneuten Angriffen, nur noch immer fester und
hartnäckiger mit den weitgespreizten Wurzeln in die Erde hineinklammerten.

Viele viele Stunden lang trieb er's so, und vergebens hatten die
wetterschwangeren Wolken schon oft versucht, sich in einzelnen
Fluthengüssen zu erleichtern, wie es wohl ein bedrängtes Schiff thut, das
seinen Ballast über Bord wirft, die leewärts drohende Küste zu verlassen;
der wachsende Orkan schleuderte ihnen stets neue wasserschwere Nebelberge
entgegen, und jagte die zürnenden wild und toll durch einander in
entsetzlicher Fröhlichkeit.

Bei solchem Wetter, wo die Natur in ihrer ganzen großartigen Furchtbarkeit
ersteht, drängen sich die armen schwachen Menschenkinder am liebsten in
freundlicher Traulichkeit zusammen, und von sicheren Wänden geschützt,
unter Dach und Fach, dem brausenden Nord wie dem kalten Regen entzogen,
lauschen sie nur manchmal in ängstlicher Stille zum Fenster hinüber, wenn
der Sturm einen neuen Akord in seine dröhnende Aeolsharfe greift, und das
feste Gebäude vielleicht vor dem markdurchschauernden Ton bis in seine
innerste Tiefe hinein erbeben macht.

So still und traulich war's auch im kleinen behaglichen Studirzimmerchen
des wackern Pastor Barrenkamp, der mit seiner Frau, dem Schulmeister, einem
Universitätsfreund des Pastors, und dem Rittergutsverwalter, einem alten
wettergebräunten Oekonomen, um den schweren eichenen Tisch saß und bei
einer guten Tasse Warmbier das Unwetter draußen so wenig als möglich zu
beachten schien. Nur manchmal, wenn der Wind die Backen ein bischen gar
zu voll genommen und irgend ein krachender Stamm des dicht an den Garten
grenzenden Waldes seine gewaltige Kraft verrieth, stand Barrenkamp wohl
auf, ging an's Fenster, schob den Vorhang zurück, nahm die Pfeife einen
Augenblick aus dem Munde, und schaute, das schwarze Sammetkäppchen fest an
die kalte behauchte Scheibe gedrückt, in die rabenfinstere Nacht hinaus.

Es war während einer solchen Pause, denn das Gespräch stockte in dem Fall
gewöhnlich auf einige Minuten und die kleine Gesellschaft horchte ebenfalls
nach dem Kampf der aufgeregten Elemente hinüber, als der Verwalter langsam
seine ausgetrunkene Tasse niedersetzte und mit leiser, fast ängstlicher
Stimme sagte:

»Sie haben ganz recht gethan, Frau Pastorin, daß Sie sich heute einmal
ausnahmsweise in des Herrn Pastors warmgelegenes Studirstübchen geflüchtet;
da drüben in der großen Eckstube muß bei solchem Sturme ein keineswegs
freundlicher Aufenthalt sein -- draußen freilich ist's noch schlimmer; der
Wind pfeift sich ordentlich sein Stückchen und es kommt Einem wahrhaftig
manchmal sogar vor, als ob man einzelne Worte und Redensarten verstände --
möchte heute nicht über den Kirchhof gehen.«

»Nicht über den Kirchhof?« wiederholte, sich lächelnd nach ihm umwendend,
der Pastor, »Sie fürchten sich doch nicht etwa, Verwalterchen? ei, ei, ein
Mann in Ihren Jahren --«

»Mein bester Herr Pastor,« meinte der Verwalter und rückte auf seinem Stuhl
hin und her, »von fürchten kann bei mir wohl keine Rede sein, ich bin kein
böser Mensch und -- glaube nicht an Gespenster, wovor sollte ich mich also
fürchten, aber --«

»_Aber_« lachte die Hausfrau und schaute mit einem schelmischen Blicke
zu ihm auf, -- »aber? der Herr Verwalter lassen sich noch eine Hinterthür
offen.«

»Ei, ich meinte nur was das Kirchhofgehen betraf,« erwiederte gutmüthig der
alte Mann, -- »ich weiß ebensowohl wie jeder Andere, daß die _Todten_ sanft
da unten, unter ihrer warmen Decke ruhen, und Nachts nicht wieder herauf
kommen werden, um sich auf die kalten Hügel zu setzen und hinter den weißen
Steinen Versteckens zu spielen, aber ich vermeide auch gern jede unnütze
Aufregung, die mir nachher immer nur Kopfschmerz und Unwohlsein verursacht.
-- Es hat etwas Unbehagliches für mich, mir in dem schwachen Dämmerlicht
aus wehenden Trauerweiden und Büschen, die bleiche Steine halb überdecken,
Gestalten mit weißen Gewändern und ringenden Händen heraus zu finden, und
ich mag mich nicht in einem fort umsehen, weil ich jeden Augenblick darauf
schwören wollte, es käme Jemand hinter mir drein. Ebenso ungern, und aus
eben dem Grunde, sitze ich Abends allein in einem Zimmer und mit dem Rücken
einer Thüre zugedreht, die halb offen oder angelehnt ist. Ich weiß dabei
recht gut, daß sich Niemand im andern Zimmer befindet, also auch Niemand
von da zu mir herein kann, und dennoch läßt es mir, wunderlicher Weise,
keine Ruhe; ich muß mich entweder herumsetzen, oder die Thüre schließen.«

»Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, und die gaukelt Ihnen da
allerlei seltsame Dinge vor,« fiel hier die Pastorin ein, »Sie denken sich
in dem Augenblick vielleicht etwas recht Entsetzliches oder Graußliches,
und das stört, wenn es auch nicht wirklich eintreffen kann, doch für kurze
Zeit Ihre sonstige Ruhe.«

»Ih nun, mit der Einbildungskraft dürfen wir am Ende so etwas nicht
einmal alleine entschuldigen,« meinte kopfschüttelnd der Schulmeister,
»Einbildungskraft schreiben wir doch sonst schon einem ausgebildeteren
Geiste zu und dasselbe Gefühl, das Ihnen der Herr Verwalter vorhin
geschildert, finden Sie nicht selten bei dem geringsten Drescher, der sein
Hirn den ganzen Tag über mit nichts weniger martert, als mit Gedanken
und Ideen. Ich habe mir nach meiner schlichten Weise die Sache immer _so_
versucht auszulegen: etwas Uebernatürliches giebt's doch, das können und
dürfen wir nicht leugnen, wo das nun -- uns versteht sich unbewußt, weil
unsere Sinne zu grob und rauh sind es zu verstehen und zu erkennen -- in
unsere Nähe kommt, da läuft uns, wir wissen selbst nicht weshalb, eine
sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib. Daher kommt auch wahrscheinlich
die Sage von den _Ahnungen_, denn was ich meine, ist eben nichts weiter als
eine Ahnung überirdischer Kräfte.«

»Die wir auch um Gotteswillen nicht ableugnen wollen,« sagte die Pastorin
und wurde auf einmal ganz still und ernst, »ich dächte wir hätten davon ein
Beispiel in unsrer eignen Familie.«

»In Ihrer eignen Familie?« frug der Verwalter rasch.

»Meine Frau bildet sich's wenigstens ein,« meinte der Pastor
kopfschüttelnd; »die Sache klingt freilich ganz abenteuerlich, hat aber
sicher eine sehr natürliche Lösung.«

»Die aber bis jetzt noch kein Mensch gefunden hat,« flüsterte die Frau;
»es ist meiner eignen Mutter widerfahren, und ich habe es nicht allein aus
ihrem Munde, sondern auch die Bestätigung, wenn es deren überhaupt bedurft
hätte, oft von meiner Tante gehört, die als Kind dabei gewesen war, und
sich der einzelnen Umstände noch recht gut erinnerte.«

»Und wären Sie wohl so freundlich, uns die Geschichte mitzutheilen?« frug
der Verwalter und rückte seinen Stuhl etwas näher zum Tisch; »es wäre
möglich, daß ich durch etwas Aehnliches die Existenz solcher Ahnungen
ebenfalls zu bekräftigen vermöchte.«

»Die Sache ist einfach genug,« erzählte die Pastorin; »wir waren unser drei
Geschwister, ich, ein älterer Bruder und noch eine jüngere Schwester, und
die Großmutter vor etwa acht Wochen gestorben, als meine Mutter, die sich
allerdings damals noch in einem sehr aufgeregten Zustande befand, träumte,
sie schaute am hellen Nachmittag aus dem Fenster. Da ging die Hofthür auf
und herein kam, in demselben Kleide wie sie im Sarg gelegen, ihre Mutter,
schritt langsam durch den ganzen Hof und stieg dann die Leiter hinauf, die
zu dem Heuboden führte.

»Wie man nun so im Traume ist, so scheint auch meine Mutter gar nichts
Außerordentliches in dem Wiederkommen der Todten gesehen zu haben, nur daß
diese, was sie im Leben nie gethan, auf den Heuboden stieg, fiel ihr auf.
Trotzdem sprach sie kein Wort und die Mutter kam denn auch bald wieder
zurück und hatte ein Heubündel unter dem Arm. Damit stieg sie die halbe
Leiter hinunter, blieb plötzlich stehen, drehte dann wieder um und holte
sich noch ein zweites.

»Ei um Gott, Mutter,« rief die Träumende da, und streckte die Arme nach ihr
aus, »ist denn das eine nicht genug?«

»Ja, sagte die Todte und stieg langsam nieder, ich bringe Dir das andere
wieder zurück« -- und aus der Hofthür verschwand sie, wie sie gekommen.

»Mein damals etwa vierzehnjähriger Bruder war ein ausgezeichneter
Harfenspieler, und übte sich besonders in jener Zeit Tag und Nacht; um es
zu noch immer größerer Fertigkeit zu bringen, hatte er sich aber wohl darin
übernommen, oder lag der Keim der Krankheit schon in ihm, kurz, wenige Tage
nach diesem Traume wurde er, sonst ein kräftiger, gesunder Knabe, krank,
und sah sich bald durch das hitzigste Nervenfieber auf sein Lager geworfen.
Fünf Tage später legte ich mich ebenfalls mit demselben Uebel, mein Bruder
aber starb am neunten Tage, und in dem Augenblicke, wo er im Todeszucken
lag, rissen plötzlich _alle_ Saiten seiner Harfe. -- _Mich_ brachte die
Großmutter wieder -- ich genas nach kurzer Zeit.«

»Die Harfe hat hinter dem Ofen gestanden,« brach der Pastor rasch eine
feierliche Pause; »das Gestell kann sich gezogen haben und da mußten wohl
die Saiten mit einem Male springen.«

»Die Erklärung mag wohl ganz gut und natürlich klingen,« sagte der
Schulmeister endlich, »ich sehe aber wirklich nicht ein, weshalb wir uns
Alles natürlich erklären _müssen_ -- Du lieber Gott, unser Aller Leben ist
so arm, so entsetzlich arm an jeder Poesie, daß ich denken sollte es hätte
sogar etwas Wohlthuendes, einmal einen Gegenstand zu finden, den man nicht
recht begreifen kann. Ich weiß mich noch recht gut daran zu erinnern, wie
ich als Kind fest und heilig glaubte der Storch bringe die Kleinen, und
das Christkindchen die schönen Sachen zu Weihnachten; wie ich mich vor
dem Knecht Ruprecht fürchtete und die heiligen drei Könige ehrfurchtsvoll
anstaunte -- und einmal im Theater -- der Abend wird mir unvergeßlich
bleiben, da sah ich ein Stück, das hieß die _Kreuzfahrer_, und etwas
derartiges war mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Ich
weinte und lachte den ganzen Abend und träumte ein volles Jahr von
weiter nichts, als tapfern edeln Rittern, braven Türken, unglücklichen
Türkenmädchen und bösen Aebtissinnen. Das Stück übte auch merkwürdiger
Weise einen ganz eigenthümlichen Einfluß auf mein künftiges Leben aus; ich
schwärmte für die altadeligen Geschlechter der tapfern Ritter, und bekam
einen ordentlichen Haß auf die katholische Religion, die den Mißbrauch der
Klöster dulden konnte.«

»Jetzt ist das ganz, ganz anders geworden -- ich halte die Störche für sehr
gewöhnliche Zugvögel, die von Fröschen und anderem Zeug leben, und sich
keineswegs mit Kindertransport beschäftigen -- den sogenannten heiligen
Christ habe ich diverse Male selbst machen müssen, und deshalb gegründete
Ursache an seiner Heiligkeit zu zweifeln; ebenso den Knecht Ruprecht, wobei
ich gleichzeitig und höchst trauriger Weise allen Respekt selbst vor den
heiligen drei Königen verloren; und was das Theater anbetrifft, so gaben
sie, als ich im vorigen Jahre zum letzten Male in Hamburg war, dort
zufällig dasselbe Stück und die Erinnerung an meine Kindheit trieb mich
hinein. -- Ich wollte, ich wäre _nicht_ gegangen, denn als ich wieder
heraus kam, -- und ich sollte mich eigentlich schämen es zu gestehen --
habe ich großer erwachsener Kerl geweint, bittere, große Thränen geweint,
und weshalb? weil ich durch meine Neugierde ein kleines Heiligthum
muthwillig zerstört hatte, das mein Herz seit seiner Jugendzeit in seiner
innersten Zelle still und heilig genährt -- weil ich das muthwillig und mit
roher Hand jetzt von mir gerissen sah, was mich so viele, viele Jahre mit
froher geheimnißvoller Lust erfüllt. Die hohen schattigen Palmen, die mir
bis dahin noch immer vorgeschwebt, schrumpften zu Pappdeckeln mit hölzernen
Stützen zusammen, -- jener Zweikampf, an den ich oft mit stillem Schauder
zurückgedacht, wurde zu einem gewöhnlichen Hämmern auf Blechschilde, -- der
alte ehrwürdige Emir -- in der einen Scene fiel ihm der Bart ab, und das
ganze Publikum lachte, während mir die Thränen in die Augen traten -- die
fürchterliche Aebtissin -- war die Frau meines freundlichen Wirths, eine
treffliche brave Seele, die sich noch an demselben Nachmittag erst so
theilnehmend erkundigt hatte, wie es all' den Meinigen zu Hause ging --
die Frau konnte unmöglich ein Bösewicht sein; und nun erst die Knappen und
Ritter, die früher einen solchen Eindruck auf mich gemacht, -- wie hölzern
sie dastanden und wie ungelenk -- ach, mein schöner Jugendtraum, wie bös,
wie häßlich war der zerstört worden, und wie viel besser wäre es gewesen,
wenn ich _keine_ natürliche Erklärung für all den süßen Zauber gefunden
hätte!«

»Es _läßt_ sich auch nicht Alles natürlich erklären,« sagte der Verwalter
ernst und stopfte sich dabei langsam den hohen Maserkopf mit dem vor ihm
liegenden Tabak -- »und wenn man's noch so gern erklären möchte und wollte.
Ich selbst habe zum Beispiel etwas erlebt, was so wunderbar und märchenhaft
klingt, daß ich es selten erzähle -- es glaubt mir's Niemand, und es thut
mir nachher weh wenn etwas bespöttelt wird, das -- heiliger Gott, wie das
wieder rast und tobt, man sollte glauben, es schüttelte die alte Erde aus
den Achsen -- das mir selbst so allgewaltig in's Leben gegriffen hat.«

»Sie scheinen mich für einen total Ungläubigen zu halten, lieber Verwalter,
sagte der Pastor freundlich, darin thun Sie mir aber Unrecht, -- das
vertrüge sich auch nicht einmal mit meiner Stellung, mit meiner
Religion. Auch von Gott ward uns ja weiter nichts, als in sinnbildlichen
Uebertragungen eine Ahnung seines Wesens, und was Anderes als Ahnung einer
höhern Welt ist es, wenn uns bei frommen, erhebenden Choralgesang die Seele
in süßer unbegriffener Lust zusammenschauert. Ich glaube an _Ahnungen_,
möchte sie aber nur von den gewöhnlichen _Vorbedeutungen_ geschieden
sehen.«

»Vorbedeutungen -- Ahnungen!« -- sagte der Verwalter kopfschüttelnd, und
hielt dabei den brennenden Fidibus auf die Pfeife, ohne jedoch den Blick
zu erheben, der sich von da an fest und unbeweglich in die eine Zimmerecke
heftete, »das sind am Ende nur immer verschiedene Worte für ein und
dieselbe Bedeutung -- doch zu meiner Erzählung, aus der sich Jeder seinen
Schluß selber ziehen mag, denn ich selbst kann nichts weiter als die
Thatsachen geben. Es war nach dem letzten Kriege; -- mein Bruder Carl, ein
tüchtiger, stattlicher Bursche, hatte sich auch anwerben und später nie
wieder etwas von sich hören lassen. Bei Leipzig wollten sie ihn zuletzt
gesehen haben; bis dahin dienten wenigstens Landleute aus demselben Ort, in
dem nämlichen Regiment mit ihm, und er ließ mich auch einmal in einem
von den Briefen grüßen. Nachher blieb er verschollen und zehn Jahre, die
ebenfalls verflossen ohne daß ich die mindeste Nachricht erhielt, nahmen
mir endlich den letzten Zweifel, daß er in jener blutigen Schlacht
gefallen.«

»Nach dieser Zeit, und als der Friede schon lange wieder seine
segensreichen Früchte getragen, verwaltete ich in der Nähe von Grimma, eine
kurze Strecke von Leipzig entfernt, ein Gut, schaffte im Juni meine Wolle
in die Stadt, zum dort gehaltenen Markte, verkaufte sie, und schickte, weil
ich noch bei Thräna einen Freund besuchen wollte, den Wagen von dort aus
allein voraus. Dort kam das Gespräch, ich weiß jetzt selbst eigentlich
nicht mehr recht wie, auf die frühere Kriegszeit und auf unsere gefallenen
Freunde und Brüder, wobei ich äußerte, wie schmerzlich es doch für die
Hinterbliebenen sein müsse, nicht einmal zu wissen wo die geliebten Todten
begraben lägen und ob sie überhaupt ein ehrliches Soldatengrab bekommen
hätten.«

»Du lieber Gott,« meinte hierauf mein Freund, der dortige Förster, »da ist
wohl Mancher Wochen lang im lieben Walde liegen geblieben, oder, was noch
schlimmer ist, mit der ganzen Masse in _eine_ große Grube geworfen, und wie
Viele wurden noch vorher von den Kosaken und -- anderem Volk -- geplündert
und gemißhandelt -- ich sage Dir, Bernhard, ich habe da schauerliche Dinge
mit angesehen. Ich erinnere mich noch an einen armen Teufel, dem hatten sie
drei Kugeln in die Brust geschossen und er lebte immer noch. Von den Unsern
waren dabei Leute hinausgeschickt die Gebliebenen aus dem Wege zu schaffen
und in ein Loch zu werfen; die, aber natürlich bei denen sie noch Leben
fanden, die legten sie bei Seite bis sie fertig waren, und dann konnten
sie gewöhnlich bei denen wieder von vorn anfangen. Der Verwundete nun, der
unter einer Eiche lag, streckte die Hand nach mir aus, und bat mich ihm zu
helfen -- lieber Gott, was konnte ich für ihn thun -- die Zunge klebte ihm
schon am Gaumen und er brachte kein Wort mehr über die Lippen; selbst
einen Trunk Wasser den ich ihm reichte vermochte er nicht mehr
hinunterzuschlucken. Während ich ihn noch im Arme hielt, holte er seinen
letzten Athemzug, und als ich ihm die Uniform aufriß, nach seiner Wunde
zu sehen, fiel er, eine Leiche, zurück. Auf der bloßen Brust fand ich aber
einen Ring, den ich zum Andenken mitnahm und den armen Teufel dafür draußen
am Waldesrand, etwa eine Stunde von hier, und nicht weit von dort, wo
jetzt der Fußpfad in die große Straße einläuft, warm und weich in die Erde
bettete.«

»So lautete seine Erzählung, und er wollte mir den Ring, noch ehe ich
fortging, zeigen, bald nachher kamen wir aber auf ein anderes Gespräch und
vergaßen ihn. Gegen Abend endlich -- denn ich hatte nun noch volle
drei Stunden zu marschiren und der Mond ging etwa eine Stunde nach
Sonnenuntergang auf -- nahm ich Abschied von meinem Freunde und machte
mich, nachdem er mir einen nähern Pfad durchs Holz gezeigt, auf den
Heimweg.«

»Die Sonne sank eben hinter den Wipfeln nieder als ich ausmarschirte, und
im Walde dämmerte es schon; meinen Pfad konnte ich aber nichtsdestoweniger
deutlich genug erkennen, und schritt rüstig darauf vorwärts, bis ich von
fern das hellere Licht des offenen Feldes durch die Bäume schimmern sah;
-- bald darauf erreichte ich die äußerste Grenze des Waldes und vor mir,
vielleicht noch eine Viertelstunde entfernt, lief die Chaussee, die sich
ganz genau an den Pappeln unterscheiden ließ. Ich überflog die ausgedehnte
Fläche mit meinem Blick, um nach den nächsten Thürmen genau die Stelle
bestimmen zu können, wo ich mich eigentlich befand, als ich in gar nicht
großer Entfernung und mitten auf einer kleinen feuchten Wiese einen
einzelnen Menschen, und als ich näher hinsah, einen _Soldaten_ erkannte,
der hier allem Anschein nach und mit dem Gewehr im Arme, Schildwache
stand.«

»Was um des Himmels willen, dachte ich so bei mir selber, macht nur der
einzelne Posten hier mitten auf dem Felde -- die Früchte sind doch noch
nicht reif, und der Klee -- hm, das muß ein Forstschutz sein, -- hat sich
aber einen sonderbaren Platz dazu gewählt.«

»Der Mann stand still und regungslos und ich blieb ebenfalls einen
Augenblick stehen und schaute nach ihm hinüber -- er rührte sich nicht,
und die Uniform fiel mir jetzt auf, die er trug. So viel ich in der immer
zunehmenden Dämmerung erkennen konnte, gehörte sie keineswegs nach Sachsen,
war auf jeden Fall von der sehr verschieden, die ich sonst zum Forstschutz
verwendet gesehen, und der Tschacko -- ein Schauer lief mir unwillkürlich
über den Leib, als ich zu dem Gesicht des Posten aufschaute -- der Tschacko
saß in der richtigen Entfernung zu dem Kopf, aber der Kopf? -- das matte
Licht mußte mich jedenfalls täuschen, denn gerade wo ich stand, konnte ich
deutlich durch die Stelle durch, wo doch sein Gesicht hätte sein müssen,
das dahinter durchschimmernde Grün der Wiese erkennen.«

»Lächerlich, murmelte ich aber leise vor mich hin, -- daher entstehen so
viele Geister- und Gespenstergeschichten, daß uns irgend ein ungewisser
Lichtschein oder eine Brechung der Strahlen, ja vielleicht der aufsteigende
feuchte Dunst der Erde, wunderliche Geschichten vorspiegelt, die sich
nachher, wenn man näher hinzugeht, auf die natürlichste Art von der Welt
erklären. Wäre jetzt an meiner Stelle irgend ein furchtsamer Bauerjunge
den Weg gekommen, und sein Blick dorthin gefallen, wer weiß, ob er nicht in
voller Angst und vor lauter Entsetzen die Flucht ergriffen und daheim dann
erzählt und beschworen hätte, er habe auf dem frühern Schlachtfelde einen
fremden Soldaten ohne Kopf Schildwache stehen sehen -- ich muß nur näher
hingehen und mich selber davon überzeugen --«

»Gerade dort wo ich mich befand, lief ein nicht tiefer Graben am Rand der
Holzung hin, den ich vorher überspringen mußte, er war übrigens schmal und
auf der andern Seite desselben führte ein grüner Rain in ziemlich genauer
Richtung der Stelle zu, wo die wunderliche Wache stand. Ohne weiteres
Ueberlegen -- denn ich ging nicht einmal viel um, da ich von dort aus die
Chaussee eben so rasch erreichen konnte -- schritt ich jetzt auf den Mann
zu und hielt dabei, des Wegs nicht weiter achtend, den Blick fest und
unverwandt auf seine, dunkel gegen das lichter dahinter liegende Grün
abstechende Gestalt geheftet. Das Bandelier zog sich ihm, wie ich deutlich
erkennen konnte, weiß und hell über die Brust und jetzt kam es mir auch
vor, als ob die Umrisse seines Kopfes, ja seine Gesichtszüge klarer und
deutlicher hervorträten.«

»Guten Abend, Kamerad! sagte ich endlich, als ich schon in mehr als Rufes
Nähe von ihm war -- ist ein kühler Posten hier, und abgelegen vom Wald;
-- weshalb so spät noch draußen? -- wird der Holzdiebstahl hier so arg
getrieben?«

»Der Soldat antwortete nicht, und ich hätte darauf schwören wollen, er sei
noch vor wenigen Sekunden mitten in der kleinen Wiese gewesen, auf der
ich mich jetzt befand, und nun stand er doch, wie sich gar nicht verkennen
ließ, in dem benachbarten Sturze, und ein gutes Stück weiter von mir
entfernt. Wieder überkam mich jenes eigenthümliche fröstelnde Gefühl, über
das ich mir keine Rechenschaft zu geben wußte, doch war ich entschlossen,
den wunderlichen Soldaten zum Antworten zu bringen, und ging jetzt mit noch
schnelleren Schritten als vorher auf ihn zu.«

»Sie glauben mir vielleicht nicht wenn ich es Ihnen sage, aber dennoch kann
ich Sie heilig versichern, daß ich nicht im Stande war den Schattenmann
zu erreichen -- deutlich genug sah ich ihn vor mir, und wenn er auch kein
Glied regte, weder Fuß noch Arm, dennoch rückte er aus einem Feld in's
andere und es blieb mir zuletzt gar kein Zweifel mehr, daß ich es mit einem
keineswegs körperlichen Wesen zu thun hatte.«

»Und konnte das ein Gebild meiner erregten Phantasie sein? -- war es
möglich, daß ich die Conturen der jetzt, trotz der Dämmerung immer noch
genau erkennbaren Gestalt nur träume oder denke? Ich blieb plötzlich
stehen und hielt den Blick fest und unverwandt auf die Figur geheftet.
Da verschwammen die Umrisse mehr und mehr mit dem, jetzt dunkel dahinter
lagernden Feld -- zuerst verschwand der Tschacko -- die Uniform -- ich sah
nur noch das blitzende Gewehr, das Bandelier, die helleren Beinkleider
-- auch diese wurden immer undeutlicher -- das Alles zog sich wie ein
leichter, wehender Nebel in den feuchten Grund -- der Körper, wenn es
überhaupt ein Körper gewesen, lief flüssig, in luftigen Hauchen aus
einander, und zuletzt war gar nichts mehr zu erkennen. -- Doch nein,
das weiße Bandelier stach noch immer scharf und klar gegen den düstern
Hintergrund ab -- ich konnte deutlich die Kappe sehen, in der das
Seitengewehr hing. -- War denn auch _das_ Täuschung? -- wenigstens davon
wollte ich mich noch überzeugen, denn wenn ich auch unbeweglich wohl zehn
Minuten auf meiner Stelle stehen blieb, der Schein des Bandeliers regte
sich ebenso wenig, und hing, wie es fast aussah, von einer unsichtbaren
Gewalt getragen, in der Luft.«

»Je näher ich kam, desto deutlicher ließ es sich unterscheiden, und schon
stand ich, kaum noch fünf Schritt davon entfernt, als ich --«

»Herr Gott -- was war das?« rief die Frau plötzlich und fuhr erschreckt auf
-- der Verwalter schwieg und selbst der Pastor warf einen flüchtig scheuen
Blick im Zimmer umher.

»Was hast Du denn?« sagte er dann und versuchte zu lächeln, -- »Du jagst
Einem ja ordentlich Schreck ein.«

»Hörtest Du nichts? sagte die Frau und sah leichenblaß aus, -- mir war es,
als ob Jemand um Hülfe schrie --«

»Die erregte Einbildungskraft,« beruhigte sie der Schulmeister, »wir haben
Alle ein gutes Gehör, Frau Pastorin, verlassen Sie sich darauf, hätte
wirklich Jemand gerufen, es wäre uns nicht entgangen -- die Erzählung hat
Ihre Nerven aufgereizt, das unbedeutendste Geräusch erschreckt uns dann; --
bitte, Herr Verwalter, fahren Sie fort.«

Der Pastor war aufgestanden und wischte mit seinem Taschentuch den Hauch
von dem Fenster, um hinaussehen zu können; bei dem augenblicklichen
Schweigen hörten sie, wie der Regen polternd gegen die Scheiben klapperte,
und draußen auf dem gepflasterten Hofe laut und klatschend aufschlug. Der
Verwalter, welcher während der ganzen Unterbrechung -- die übrigens nicht
so lange gedauert als ich hier gebraucht sie zu beschreiben -- seine
Stellung kaum so weit verändert, daß er bei dem ersten Ruf den Kopf etwas
erhob, jetzt aber wieder eben so still und in seinen Gedanken verloren in
dieselbe Ecke starrte als vorhin, fuhr augenscheinlich mehr mit sich selbst
sprechend, wie zu den Andern gewandt, mit leiserer Stimme als vorher also
fort:

»Fünf Schritt mochte ich noch davon entfernt sein, als ich erst in diesem
hellen Bandelier weiter nichts wie -- einen einfachen Streifen weißen
Sandes erkannte, der sich hier, von dunkler Erde und hohem Grase umgeben,
vielleicht zwei Schritt lang auf dem Boden herzog. Aber -- ich berührte ihn
mit dem Fuße -- die Stelle war erhöht, selbst das immer mehr schwindende
Licht warf noch seinen letzten düstern Schein über den kleinen flachen
Hügel. -- Es war ein _Grab_ und hier unten -- wie mit einem elektrischen
Schlage durchzuckte es meinen ganzen Körper -- viele Minuten stand ich,
meiner selbst kaum mächtig, auf der einsamen Stelle. -- Plötzlich -- ich
konnte mir im Anfang nicht einmal Rechenschaft darüber geben -- raffte ich
mich empor und floh, so schnell mich meine Füße trugen, zu meinem Freund,
dem Förster zurück.«

»Der Ring, der Ring -- das war der einzige Gedanke, den ich mit Bewußtsein
festhalten konnte -- der Ring des todten Soldaten, und bleich und athemlos
erreichte ich bald darauf sein Haus wieder. Er erschrak, als er mich in
diesem Zustande sah, -- er wollte --«

Der Verwalter schwieg plötzlich, stand auf, ging zum Fenster und trat von
diesem wieder zum Tisch zurück.

»Und der Ring?« frugen der Pastor und Schulmeister gespannt.

»Weshalb soll ich Sie noch länger mit der genauern Mittheilung quälen,«
erwiederte der Verwalter mit augenscheinlich erzwungener Ruhe -- »der Ring
war wirklich der meines Bruders -- und jenes Grab -- _sein_ Grab. Was jene
Erscheinung betrifft, so weiß nur Gott, ob sie ein Spiel meiner Phantasie
gewesen; doch einerlei, Sie werden begreifen daß ich seit jener Zeit
alle Ursache hatte, wenigstens an _Ahnungen_ zu glauben, wenn ich _das_
überhaupt mit diesem Namen belegen darf. -- Aber es wird spät, Herr Pastor
-- Sie wollen wohl auch zu Bette gehen -- es ist lange Schlafenszeit, und
ich habe noch eine kleine Strecke zu marschiren.«

»Sie können doch wahrlich bei dem Wetter nicht fort? sagte der Pastor
rasch, -- es pfeift und heult ja noch draußen um die Kirche herum, als wenn
es das alte Gebäude mit der Wurzel aus dem Erdboden zu reißen gedächte --
bleiben Sie die Nacht bei uns, das Fremdenstübchen steht bereit, und Sie
wissen, es macht auch nicht die mindesten Umstände.«

»Danke -- danke herzlich, sagte der Verwalter und verbeugte sich leise, --
es geht aber doch nicht; erstlich ist es kaum einen Büchsenschuß weit bis
an's Gut und dann muß ich auch morgen früh schon wieder bei der Hand
sein, und möchte überdies nicht gern gerade in solcher Nacht das Gut ohne
Aufsicht lassen -- es ist besser ich bin bei der Hand wenn etwas vorfällt.
Gehen Sie mit, Schulmeister?«

»Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpförtchen und habe dann nur einen
Sprung bis in mein Haus.«

Der Verwalter knöpfte sich seine grüne Pekesche bis oben hinan zu, klappte
den Kragen auf, band sich noch zur Vorsicht sein Taschentuch über diesen
um den Hals, griff nach Mütze und Hacke, schüttelte Allen herzlich die Hand
und verließ, ohne zu gestatten, daß ihm Jemand hinunter leuchte, rasch das
Zimmer.

Die drei Leute blieben, als sein Schritt schon lange auf der Treppe
verklungen war, noch wohl mehrere Minuten beisammen stehen, und es sah fast
so aus, als ob Keiner gern das Schweigen zuerst brechen wollte. Endlich
sagte des Pastors Frau mit einem recht aus tiefster Brust heraufgeholten
Seufzer:

»Ich wollte, der Verwalter hätte die häßliche Geschichte nicht erzählt --
ich weiß nicht -- mir wurde so unheimlich dabei -- und er blieb auch so
still und ernsthaft, als ob das Alles wirklich geschehen, und der Geist
seines Bruders ihm leibhaft erschienen wäre -- so deutlich und sichtbar
steht doch die Geisterwelt auf keinem Fall mit der unsern in Verbindung,
und man sollte daher auch so etwas nicht so lebendig und ernsthaft den
Leuten ausmalen.«

»Auch das läßt sich vielleicht natürlich erklären,« sagte der Pastor,
mehr wie es schien seiner Frau zur Beruhigung, als weil er selbst wohl das
wirklich glaubte was er jetzt sagte, -- »die Erzählung jenes Försters hatte
ihn sehr wahrscheinlich aufgeregt, und er dachte an den Bruder -- dachte
wohl gar, wenn _der_ jener fremde Mann gewesen, dessen Grab da so ganz in
der Nähe sein sollte. Dämmerung war es ebenfalls, die dunkeln Abendschatten
geben oft einem Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hineinlaufenden
Wagengleis die wunderlichste Gestalt -- läßt es sich da nicht denken daß
er, besonders noch von dem weißen schimmernden Sand angelockt, zufällig
den kleinen Hügel fand und später die Bestätigung dessen erhielt was er
geahnt? --«

»Geahnt -- und da wären wir wieder auf dem alten Punkt« -- fiel hier
kopfschüttelnd der Schulmeister ein; »die Ahnung kommt zuerst, macht
uns unbehaglich, und die Imagination muß nachher dem Ganzen die Krone
aufsetzen; 's ist ein wunderliches Ding um den menschlichen Geist, aus
heiler Haut, mit all seiner gerühmten Festigkeit und Consequenz läßt er
sich herauslügen und außer Fassung bringen, und das ganze Nervensystem
erbebt nachher, wenn draußen nur etwa ein Besen in der Ecke umfällt, oder
die Katze von einem Stuhl herunter springt -- ganze Bücher ließen sich
schreiben über den Unsinn.«

»Unsinn, Schulmeister? -- wiederholte die Frau und sah ihn verwundert an.
Sie sagten doch selbst erst daß Sie an Ahnungen glaubten. Doch, wie dem
auch sei, ich halte es für Unrecht, und noch dazu in solch wilder Nacht,
die Einbildungskraft förmlich muthwillig aufzuregen -- ich glaube ich
könnte mich jetzt vor meinem eignen Schatten fürchten, und mag mich
gar nicht einmal danach umsehen -- Frauen sind doch recht ängstliche,
nervenschwache Wesen.«

»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister lächelnd, während er
ebenfalls nach seinem Käpsel griff und den, schon vor Anfang des Regens zur
Vorsorge mitgenommenen dicken, rothbaumwollenen Regenschirm aus der Ecke
holte, »Zeit und Umstände müssen das ihrige dazu beitragen und der stärkste
Mann ist vor demselben Gefühl -- und dann noch dazu in weit erhöhtem Maße
-- nicht sicher.«

»Wenn er überhaupt ängstlichen Gemüths ist,« sagte der Pastor.

»Aengstlichen Gemüths oder nicht -- seine schwache Stelle, seine
Achillesferse hat ein Jeder, und wird die getroffen, so greift es nachher
gerade den stärksten Mann auch am stärksten und gewaltigsten an. Sie kennen
doch gewiß die Geschichte mit dem Spiegel --«

Die beiden Gatten verneinten es.

»Hm, sagte der Schulmeister, denn weiß ich auch nicht, ob ich's heute Abend
nicht lieber lasse -- Sie sind gerade erregt genug --«

»Ach, heraus damit -- in solcher Stimmung ist man am empfänglichsten
dafür, und schlimmer kann's bei meiner Alten doch nicht werden,« meinte der
Pastor.

»Ach Gott ja -- erzählen Sie nur,« bestätigte dies mit einem tiefen Seufzer
die Frau, -- »es kommt jetzt auf das eine mehr oder weniger nicht mehr an
-- ich fürchte mich doch heute Abend -- Sie sprachen von einem Spiegel.«

»Nun, ich meine das Hineinsehen in einen Spiegel, Abends, wenn man ganz
allein ist,« begann der Schulmeister und stützte sich auf die Lehne des ihm
nächsten Stuhles. »Es wird nämlich, wie Sie gewiß auch schon gehört haben,
behauptet, man könne oder dürfe vielmehr in stiller Nacht und in einem
einsamen Zimmer nicht mit einem Licht in jeder Hand langsam und dicht vor
den Spiegel treten, dort dreimal mit lauter Stimme seinen eignen Namen
rufen und dann laut und schallend auflachen. Thäte man das und riefe sich
besonders nachher noch einmal, so passire irgend etwas Entsetzliches, ich
glaube die eigene Gestalt soll mit schauerlich verzerrtem Gesicht aus dem
Spiegel heraussteigen.«

Die Frau warf einen scheuen Blick nach dem Spiegel und strich sich rasch
mit der Hand über die eigne Stirn.

»Die Geschichte nun, die mir darüber erzählt wurde,« fuhr der Schulmeister
fort, »ist sehr kurz, und betrifft einen Husarenlieutenant, also doch allem
Vermuthen nach einen kräftigen, keineswegs nervenschwachen Menschen. Die
jungen Leute waren in einer fröhlichen Gesellschaft von Herren und
Damen gewesen und dort, eben so wie wir heute, auf Geister- und
Gespenstergeschichten gekommen. Ein Wort gab das andere, und allerlei tolle
Vorschläge wurden endlich, wahrscheinlich mehr um die Damen zu ängstigen,
als sie wirklich auszuführen, gemacht; die Einen wollten um zwölf Uhr auf
den Kirchhof gehen und dort um ein frisches Grab tanzen -- die Andern in
der Kirche selber eine Nacht allein bleiben, bis endlich irgend Jemand von
der Gesellschaft das Experiment mit dem Spiegel in Anregung brachte.«

»Der junge Lieutenant erbot sich augenblicklich dazu und die Dame vom
Hause, die wahrscheinlich glaubte, der junge Herr bramarbasire blos, sagte
scherzend, damit ließe sich der Versuch ganz vortrefflich in ihrer eignen
Wohnung machen. Im Gartenhause sei ein ganz einsam gelegener großer Saal
mit zwei mächtigen Spiegeln, der seit längerer Zeit unbenutzt stehe -- sie
habe den Schlüssel dazu und wenn der Herr Lieutenant Lust hätte, könne er
seine Wanderung gleich antreten. Ein allgemeiner Jubel unterbrach sie hier
und der Husar durfte schon nicht mehr zurück, wenn er es wirklich gewünscht
hätte. Allerdings erschrak die Dame, als sie sah daß es plötzlich Ernst
wurde, und machte nun allerlei Ausflüchte; der Lieutenant bestand aber
jetzt selbst darauf, gab sein Ehrenwort, daß er die vorbeschriebenen
Bedingungen genau erfüllen wolle, und verließ mit einem Bedienten, der ihm
Lichter und Feuerzeug nachtragen mußte, das Zimmer. Den Bedienten wollte
er, an Ort und Stelle angelangt, zurückschicken.«

»Die Gäste wären allerdings gar zu gern mitgegangen, Einsamkeit war ja
aber die Hauptbedingniß des ganzen Versuchs, und mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit erwarteten sie die Rückkehr des Offiziers -- jedes Gespräch
schien abgeschnitten -- jede Unterhaltung stockte und eine halbe Stunde
mochte so in peinlichster Weise verstrichen sein, als der mitgegebene
Diener plötzlich todtenbleich in's Zimmer stürzte und die, jetzt kaum
minder entsetzten Gäste zu Hülfe rief. Ein Paar Damen wurden richtig
ohnmächtig, die Herren aber, die sich ja auch in ihrer Masse gesichert
fühlten, stürmten, da ihnen der Bediente weiter gar keine Rede stehen
wollte, von diesem geführt durch den Garten, in dessen Saal sie bleich und
besinnunglos den unglücklichen jungen Menschen zwischen den beiden sich
gegenüber befindlichen Spiegeln am Boden liegen fanden.«

»_Was_ er gesehen -- was ihm begegnet, hat man nie genau erfahren können,
der Bediente hatte allerdings draußen an der Thüre des Gartensaales
gehorcht, und wollte den jungen Mann, als er sich eine kurze Weile dort
befunden, laut haben lachen hören, dann aber -- und der Mann glich selber
mehr einem Todten als einem Lebenden -- schwur er Stein und Bein, es
sei ihm so vorgekommen, als ob es von allen Seiten von oben und unten
geantwortet hätte, gleich darauf gellte ein fürchterlicher Schrei heraus,
und als dann Alles todtenstill geworden war, und er selbst in Furcht und
Entsetzen viele Minuten lang athemlos gelauscht, da hielt er es nicht
länger aus, riß die Thür auf und sah den Lieutenant ausgestreckt auf
der Erde liegen. Weiter wußte er selber nichts, denn hierauf stürzte er
spornstreichs in die Gesellschaft zurück, um Hülfe herbeizuholen.«

»Und der Lieutenant war todt?« frug der Pastor gespannt.

»Nein -- nur wahnsinnig;« sagte der Schulmeister -- »aber es ist wahrhaftig
schon zehn Uhr vorbei -- wünsche beiderseits eine gute Nacht -- Bitte
Barrenkamp -- ich dächte, ich sollte die Treppen hier kennen -- das Mädchen
kommt auch gerade unten mit ihrem Lichte aus der Küche, die kann das Haus
hinter mir wieder zuschließen.«

Und der Schulmeister verschwand, während die Eheleute allein in dem nur
matt erhellten Gemach zurückblieben.

»Nun, _die_ Geschichte hat mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und
räumte, wie nur um sich eine Beschäftigung zu machen, das auf dem Tische
stehende Geschirr zusammen -- _nur_ wahnsinnig -- das ist ja fürchterlich.
Die Leute hatten aber auch gefrevelt, so etwas darf man sich nicht zu
Schulden kommen lassen -- Herr Du mein Gott!« rief sie plötzlich, und als
sie die Tassen, die sie in der Hand hielt, wieder auf den Tisch setzen
wollte, fiel ihr eine herunter und zerbrach klirrend am Boden.

»Was hast Du denn?« fragte der Pastor und drehte sich rasch und erschrocken
nach ihr um -- sie sah todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinüber. Nichts aber als das Unwetter
draußen ließ sich vernehmen, der Regen schien etwas nachgelassen zu haben,
und die Wolken schüttelten sich nur noch, nach dem langen verzweifelten
Kampf, ungeduldig und unwirrisch das Wasser aus den nassen Jacken.

»Das war wieder derselbe Hülferuf,« flüsterte die Frau -- »derselbe Ton
und -- Heinrich -- soll mir der Herr in meiner letzten Noth beistehen -- er
klang gerade wie meines Vaters Stimme.«

Sie barg das Gesicht in den Händen und schauderte am ganzen Körper
zusammen.

»Unsinn!« sagte der Mann und rückte sich ärgerlich die schwarze Kappe auf
das linke Ohr, -- »Unsinn -- die dummen Erzählungen haben Dich aufgeregt
und Du fängst mir am Ende auch noch heute Abend an Gespenster zu sehen und
zu hören. Wir wollen zu Bette gehen -- es ist Schlafenszeit und morgen,
mit dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trüben und ängstlichen
Gedanken vergehen. Habe ich nicht recht, Elise? -- aber was fehlt Dir auf
einmal, was hast Du?«

Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht gehört, in ihrer Stellung,
nur die zitternde Gestalt verrieth ihre Aufregung und ihr leises
Schluchzen, wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreßten Fingern
vorquellenden Thränen kündeten, daß etwas ganz Absonderliches in ihrem
Herzen vorgehen müsse.

»Elise,« -- sagte der Mann nach kurzer Pause, während er leise der Gattin
Hand ergriff und diese von ihren Augen wegzuziehen suchte -- »bist Du
nicht wie ein närrisches Kind, das sich von ein Paar thörichten
Geistergeschichten in Furcht und Schrecken setzen läßt, und nachher nicht
mehr allein über den dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, daß die Magd
das Zimmer verläßt? -- Du kennst doch den alten Verwalter, weißt doch, was
er fortwährend für abenteuerliche Märchen erlebt haben will. Wie haben wir
nicht erst noch neulich über ihn gelacht, als er uns die Geschichte von den
zwei feindlichen Irrlichtern erzählte, und wie böse wurde er darüber; und
was das andere betrifft, wo --«

»Das meine ich nicht,« sagte die Frau leise und fast mehr mit sich selbst,
als mit ihrem Manne redend -- »der Verwalter kann sich geirrt haben,
und die Spiegelgeschichte ist wohl fürchterlich genug, läßt sich aber
vielleicht natürlich erklären; nein, _mir_ bewegt Anderes die Brust. -- Der
Schulmeister hat ganz recht -- es giebt übernatürliche Kräfte -- es muß
sie geben, denn wo wir wissen daß der kleinste Wassertropfen von unzähligen
Geschöpfen belebt und bewohnt wird, wie dürfen wir da annehmen, die
ungeheuern Luft- und Aetherräume umschlössen frei und leer das ganze
Weltall. -- Nein, das ist nicht möglich; um uns her, über uns, neben uns
regt es sich und treibt und wirkt -- die uns fernstehenden Gebilde berühren
uns aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug ihre Nähe zu empfinden,
oder ihre Kräfte -- mir fehlt der Ausdruck Dir genau zu beschreiben wie
ich es mir denke -- ihre Kräfte üben nicht einen solchen harmonischen --
vielleicht magnetischen Einfluß auf die unseren aus, um uns zum Bewußtsein
ihrer Annäherung zu bringen. -- Das dauert aber nur so lange, bis wirklich
einmal ein uns verwandter Geist unseren eigenen Luftkreis berührt, oder
durch die Stärke seines Willens, seiner Seele, zu uns hingetrieben wird
-- dann ergreift er aber auch all die feinsten Fasern unseres innersten
Systems und die _Ahnung_ desselben, vielleicht auch nur das _Bewußtsein_
dieses Gefühls entsteht und macht sie geltend --«

»Aber ich begreife Dich nicht --«

»Es ist heute der dritte Abend,« fuhr seine Frau, den Einwurf nicht weiter
beachtend, fort -- »daß ich dieselbe ängstliche Unruhe fühle wie heute --
nur nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du weißt, gerade vor
Schlafengehen, den Brief von zu Hause -- worin mir Mutter von des Vaters
Krankheit schrieb.«

»Ein etwas hartnäckiger Katharr, wie sie selbst sagte, der sich bis jetzt
schon wahrscheinlich wieder vollkommen gehoben hat.«

»Kein Katharr, Heinrich, -- die Sache ist schlimmer als sie es mir sogleich
schreiben mochte -- weshalb den Brief eilig gemacht -- weshalb nun das
Schweigen? -- Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn könnte Nachricht in neun
Stunden hier sein.«

»Komm Kind, erwiederte ihr lächelnd der Mann, -- geh jetzt zu Bett, und
morgen früh wollen wir ruhig über die Sache reden; Du phantasirst heute
Abend, und da ist's besser Du überschläfst erst einmal die Gedanken, die
das Sonnenlicht ohnedies nicht gut vertragen können. Doch sieh, der
Wind hat den Himmel endlich rein gefegt, und der Mond scheint ordentlich
freundlich in's Fenster herein, wenn sich der Sturm erst ein Bischen legt,
bekommen wir vielleicht das schönste Wetter -- komm Kleine -- heb' das
Köpfchen wieder und sei mein braves Weib -- Du wirst Dich doch wahrlich
nicht vor Spukgeschichten fürchten?«

»Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich,« flüsterte die Frau und starrte
dabei mit festem glanzlosen Blick in die Ecke des Gemachs, das von der
immer düsterer brennenden Lampe kaum noch hinlänglich beleuchtet wurde,
-- »gewiß nicht vor denen, ich habe schon fast wieder vergessen was der
Verwalter und Schulmeister erzählten, aber -- in mir selbst fühle ich daß,
und zwar in diesem Augenblicke, irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich
kann, so viel ich auch dagegen ankämpfe, das Bild meines Vaters nicht
aus dem Sinn verlieren. -- Fortwährend sehe ich ihn, bleichen, gramvollen
Angesichts, in dem grünen Schlafrock mit dem dunkeln Käppchen vor mir auf-
und abgehen und mit dem stählernen Uhrbehänge spielen, -- was er nur that,
wenn er krank oder leidend war -- so deutlich höre ich dabei das leise
klimpernde Geräusch, daß ich mich heute schon mehrmals im Zimmer umgeschaut
habe, ob nicht irgend etwas die Ursache desselben wäre, aber es liegt mir
allein im Ohr -- Du -- Ihr Anderen habt nie etwas davon vernommen.«

»Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze Sache, beruhigte sie der
Mann, komm, laß uns zu Bett gehen, es wird spät und ich bin müde -- die
Lampe scheint überdies kein Oel mehr zu haben; sie will ausgehen.«

Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner Hülferuf klang, wurde
in diesem Augenblicke laut -- man konnte nicht recht unterscheiden, ob er
vom Hofe, oder aus dem Hause selbst herauf, erschalle -- der Wind brauste
und rauschte auch noch zu sehr in der dicht neben dem Gebäude stehenden
Linde, und heulte im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlöschte in
diesem Augenblick und der Pastor, der jetzt selbst, durch die Furcht der
Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses unheimliches Gefühl nicht ganz
unterdrücken konnte, war eben im Begriff, in die daran stoßende Schlafstube
zu treten, um von dort her einen kleinen, neben dem Feuerzeug stehenden
Wachsstock zu holen, als die Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm
ergriff, und mit von innerer Angst fast erstickter Stimme, während sie die
rechte zitternde Hand nach der andern Thüre ausstreckte, flüsterte:

»Sieh, -- sieh dort!«

Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der Schlafkammerthür und noch im
Schatten der Wand, in dem jetzt dunkeln Zimmer, während ein einzelner
Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenüber liegenden
Treppenthür fiel; aber auch durch eine dünne Gardine so weit gemäßigt
wurde, die Gegenstände, die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt
erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen die Gatten ganz genau, wenn
sie auch nicht das mindeste Geräusch der sonst gewöhnlich kreischenden
Thüre hörten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte und anscheinend
von selber aufdrückte -- gleich darauf öffnete sich eben so feierlich die
Thür, und herein trat mit geräuschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in
Beider Adern stocken machte -- der grüne Schlafrock, das schwarze Käppchen
-- die hohe, bleiche Figur -- die Pastorin stand mit fast aus ihren Höhlen
starrenden Augen, mit halbgeöffneten Lippen -- mit noch immer zeigend
und zugleich abwehrend ausgestrecktem Arme da, und selbst der Mann blieb
überrascht -- bestürzt vor dem, was seine eigenen Augen sahen und nicht
ableugnen _konnten_ -- in der einmal genommenen Stellung.

Im nächsten Moment glitt die Erscheinung, sonst regungslos, langsam in den
dunkeln Theil des Zimmers und ein klimperndes Geräusch wurde laut, wie
von Stahl an Stahl. Der Pastor fühlte, wie sich sein Weib an seinen Arm
klammerte und selbst von einem ihm unerklärlichen Entsetzen gefaßt, wußte
er kaum ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte. Da ließ der Druck an
seinem Arme nach und die Frau wäre zu Boden gestürzt, hätte er sie nicht
rasch umfaßt und gehalten.

Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte, war diese verschwunden,
und der Mond schien freundlich in das stille -- leere Gemach.

Der Pastor trug die ohnmächtig gewordene Frau auf ihr Bett, und sprang dann
mit dem rasch entzündeten Lichte durch sein Zimmer, -- riß die Thür auf,
eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an alle Klinken, fand
selbst das Hausthor verschlossen und pochte vergebens an des Küsters Stube
an; der alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und hörte ihn nicht. --
Es war Alles so still, so unheimlich; auf den Gängen rauschte und flüsterte
es, wie mit schleppenden Gewändern zog's Trepp auf und ab -- den sonst
unerschrockenen Mann faßte ein Schauder an, und mit Gewalt mußte er das
Gefühl, das ihm die Brust zusammen zu schnüren drohte, von sich werfen.

»Der Wind, -- der Wind!« murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen dabei
leise vor sich hin, und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf.
Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen, betrat zuerst das Zimmer
seiner Frau, um dieser beizustehen, stieg dann hinauf wo ihre Magd schlief,
weckte sie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was sie zu besorgen habe.
Dann untersuchte er noch einmal alle Laden und Thüren, ging sogar über
den Hof, um zu sehen ob das Hofthor verschlossen wäre, und that überhaupt
Alles, was er nur mit ruhigster, kältester Besonnenheit hätte thun
können; aber es geschah eben nicht mit kalter Besonnenheit, -- wie ein
Nachtwandelnder, mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge schritt er von
Ort zu Ort, und die Bewegungen seines Körpers glichen eher denen eines
künstlichen Automaten, als denen eines wirklichen, selbstbewußten Menschen.

Sobald der Morgen dämmerte und seine Frau in einen ruhigen stärkenden
Schlaf verfallen war, schloß er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den
ganzen Vormittag und siegelte mehrere Pakete und Schriften ein. Selbst zum
Mittagsessen blieb er nicht vorn und sah nur einmal nach der Kranken, ob
sich diese von den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe.

Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als er den Riegel zurückschob,
reichte ihm der draußen stehende Postbote einen Brief. -- Er riß ihn auf,
sah nach der Unterschrift -- er war von seiner Schwägerin Regine -- und las
mit flimmernden Augen, während das Schreiben in seiner Hand zitterte und er
die Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger Eile niedergeworfenen
Zeilen:

    »Lieber Schwager.

  Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche Weise heimgesucht.
  Zwischen zehn und halb eilf Uhr starb, wahrscheinlich an einem
  Blutschlage, mein armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde
  vorsichtig mit -- ach, sein letzter, sehnsüchtiger Wunsch war ja, _sie_
  noch einmal vor seinem Ende zu sehen. Wenn es möglich ist kommen
  Sie her; Elise wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich
  entbehren können. Ich schreibe in der Nacht, und will den Brief noch
  vor dem Abgange eines Bahnzuges an einen Conducteur zur Beförderung
  schicken, daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Trösten Sie meine
  arme Schwester.

    Ihre

      _Regine_.«

       *       *       *       *       *

Acht Wochen waren verflossen -- draußen auf Feldern und Wiesen keimte und
grünte es, das Frühjahr hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden
geküßt, und froh auf dieser trieb, in immer neu erstehender Kraft und
Jugend, saftreiche Gräser und Halme und bunte, glänzende Blumen und
Blüthen. -- Zwischen neckend nach ihm hinunterschwankenden Zweigen rieselte
freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und aus südlichern Zonen waren die
munteren Sänger des Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig in den
alten lieb gewonnenen Plätzen, wo sie schon im vorigen Jahre so still und
friedlich mitsammen gehaust.

Die Luft war rein und lau und auch vor der Pastorwohnung, unter dem
blühenden Apfelbaume, von duftigen Hollunderbüschen umgeben, saß, an der
Seite ihres wackeren Mannes, die erst von schwerer Krankheit erstandene
Frau, und schaute mit mattem Blick auf das fröhliche Wirken und Schaffen
der herrlichen Welt. Ihre kräftige Natur hatte endlich das heiße Fieber
besiegt, der Körper erholte sich wieder, wenn auch langsam von dem
erlittenen Anfall und die Kräfte kehrten nach und nach zurück. Der nicht zu
scheuchende Trübsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes, stundenlanges
Träumen und Brüten -- die Angst, die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst
auf Augenblicke allein im Zimmer bleiben mußte, das Alles verrieth nur zu
deutlich, wie sie jene Schreckensstunde nicht allein nicht vergessen habe,
sondern die peinliche Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten
Gemüthe hege und sich heimlich abzehre und gräme.

Solche Furcht und Besorgniß mochte wohl das Herz des Gatten erfüllen, denn
er hielt die Hand der Geliebten fest und innig in der seinen und schaute
ihr wehmüthig freundlich in das bleiche leidende Gesicht, wagte aber doch
nicht den wunden Fleck zu berühren, der _vielleicht_ geheilt werden konnte,
vielleicht aber auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte, um
mit neuer, zündender Gewalt auszubrechen und um sich zu greifen. Ueber die
Vorgänge jener Nacht hatte er selbst mit Niemandem gesprochen; nur seinem
alten Freunde, dem Schulmeister, vertraute er die Ursache der Krankheit
seiner Frau und theilte ihm dabei die näheren Umstände der Erscheinung
und so bis zu den kleinsten Einzelnheiten mit, daß der Schulmeister doch
endlich zugestehen mußte, es sei ein höchst merkwürdiger Fall, und bestärke
ihn, wenn beide Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr in dem,
was er schon früher über Ahnungen gedacht und gesprochen. »Vor der Hand
übrigens,« meinte er, »sei es am Besten, es auf sich beruhen zu lassen;
es käme sehr häufig vor daß sich derartige, dem Anschein nach höchst
wunderbare Fälle, oft später und ganz zufällig, auf die natürlichste
Weise aufgeklärt hätten. Ja, wären die beiden Leute vorher nicht durch
Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten worden, wäre irgend ein
dritter, ruhiger Zuschauer dabei gewesen, dem dasselbe wiederfahren, aber
so --« er schüttelte dann immer mit dem Kopfe, und wollte das Erlebte nicht
zugeben.

Die untere Gartenthür ging auf, der alte Küster kam mit dem Schulmeister
den breiten Mittelgang herauf, und herzlich begrüßten die beiden Männer zu
ihrem ersten Ausgang in Gottes schöner Luft die Kranke, während der Küster
dem Pastor ein Schreiben überreichte, das, irgend ein Geschäft betreffend,
augenblickliche Erledigung verlangte.

Barrenkamp erbrach und durchflog es rasch und sagte dann, während er
aufstand und sich dem Hause zuwandte:

»Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein, und Ihr könnt es gleich
wieder mit zurücknehmen, Münzer. Bleibt Ihr Beiden indeß bei meiner Frau
und vertreibt ihr die Zeit ein Bischen; sie wird gern einmal wieder auf die
Plaudereien aus dem Dorfe horchen.«

Der Pastor ging schnell ins Haus.

»Was macht Ihr Münzer? sagte die Frau und streckte dem alten Manne die
weiße abgezehrte Hand entgegen. -- Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus
-- die Frühlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt Euch zu mir -- bitte
Schulmeister, nehmen Sie Platz -- was macht Euer Gärtchen -- Eure Kuh, Euer
kleines Stück Feld? -- wir haben uns recht lange nicht gesehen.«

»Ach, beste Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und faßte und streichelte
die ihm gebotene Rechte -- »seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht,
wo der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umriß, und Hammers, unten
im Dorfe, den Schornstein mitten in die Stube warf, der beinahe das jüngste
Kind erschlagen hätte. Das war in jeder Beziehung eine böse Nacht und ich,
meinestheils, werde sie im Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja
auch damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich weiß noch recht gut,
am nächsten Mor -- aber lieber Gott, fehlt Ihnen etwas? --«

»Es ist doch am Ende zu kalt hier draußen, Frau Pastorin,« unterbrach ihn
hier rasch der Schulmeister, der ein dorthin führendes Gespräch so bald
als möglich abzuschneiden wünschte. -- »Sie möchten lieber hineingehen in's
warme Zimmer -- soll ich Sie vielleicht geleiten? --«

»Ich danke, ich danke, Herr Wendler,« sagte die Frau und hielt sich nur
wenige Sekunden lang das Tuch gegen die Augen gepreßt -- zum ersten Male
wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters Tod erfahren, jener
Abend erwähnt, und sie mochte jetzt die Männer nicht merken lassen, wie sie
der Gedanke daran erregte. -- »Es war nur ein leichter Uebergang« fuhr
sie dann mit einem halblächelnden Zug um den Mund fort -- »ein leichter
Uebergang sich oft einstellender Schwäche -- ich habe meine alten Kräfte
noch nicht wieder -- es wird gleich vorbei sein. Doch -- laßt Euch nicht
irre machen, Münzer -- Ihr nanntet jene Nacht eine böse -- ist auch Euch --
ist Euch etwas darin geschehen, daß Ihr sie nie wieder vergessen könntet?«

»Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin,« bat sie der Schulmeister,
»die ist lange vorüber; weshalb immer wieder auf sie zurückkommen. Münzer
kann Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der Gutsherr hat ihm
das kleine Stückchen Feld, das er bis dahin bewirthschaftete, verdoppelt,
und hinlänglichen guten Samen zu Kartoffeln versprochen.«

Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend auf den alten Mann
geheftet; es war unverkennbar, daß irgend ein Gegenstand alle seine
Gedanken gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das, was ja
bisher, wie die Pastorin recht gut wußte, sein höchster Wunsch gewesen.
Etwas Anderes ging ihm im Kopfe herum und jene Nacht mußte damit in
Verbindung stehen. Der leicht erregbare Zustand der Kranken faßte denn
auch, besonders nach diesem Punkte hin, den geringsten Faden mit zitternder
Schnelle auf.

»Was ist Euch geschehen, Münzer,« flüsterte sie und griff, die Hand des
Schulmeisters zurückdrängend, nach seinem Arme -- »was ist, -- sagt mir --
was ist mit jener Nacht?«

»Geschehn gerade nichts, Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und schnitt
verlegen mit dem Rand seiner Sohle in den gelben Kies ein, -- »geschehen
gar nichts, aber -- wenn Sie es denn wissen und -- mich nicht auslachen
wollen -- -- ich hatte eine Erscheinung.«

»Münzer!« rief der Schulmeister vorwurfsvoll, und der alte Mann sah erst
jetzt, als er die Augen vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck
die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten.

»Ihr saht -- Ihr saht meinen Vater!« -- rief diese mit heiserer, kaum
vernehmlicher Stimme, -- »gesteht es nur -- gesteht -- Ihr saht an jenem
Abende meinen Vater -- Münzer!«

Die Kranke war in fürchterlicher Aufregung und der Küster hätte Gott weiß
was darum gegeben, kein Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben;
doch zu spät. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder aus dem Hause trat
und bestürzt erkannte welcher Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr
im Stande seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfaßte Ziel zu
entrücken. Hören wollte sie, hören von des Küsters eigenen Lippen, was er
gesehen, _die Gewißheit_ wollte sie haben, daß ihr Vater selber sie gerufen
»und dann, dann« -- meinte sie und strich sich die Haare aus der feuchten
weißen Stirn -- »werde sie ruhiger, -- werde ihr besser werden.«

Es blieb keine andere Wahl als ihr zu willfahren und der Pastor forderte
zuletzt selbst den alten Mann auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber
kein falsches, übertriebenes Wort zu sagen.

»Ach, lieber Herr Pastor,« erwiederte der Greis, »wollte doch Gott, ich
hätte ganz geschwiegen, noch dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes
über die Gestalt sagen kann.«

»Die Gestalt« -- wiederholte, kaum bewußt, die Kranke -- »wo war sie -- wie
sah sie aus?«

Der Schulmeister stand bestürzt und ängstlich daneben -- jetzt schien
sein letzter Einwurf gehoben -- und welchen Eindruck mußte eine solche
Bestätigung auf die reizbare Kranke machen.

»Genau weiß ich's nicht,« flüsterte der alte Mann und sah sich selbst hier
im hellen Sonnenlichte scheu um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene
noch Schauder erwecke; »doch -- es wird vielleicht besser sein, Ihnen das
Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen. Ich hatte mich nämlich an dem
Abende schon früh, weit früher als gewöhnlich, in's Bett gelegt; das
Wetter war stürmisch und mein altes Reißen plagte mich wieder einmal ganz
absonderlich; sobald ich aber einzuschlafen versuchte, störte mich ein
häßlich ächzendes Geräusch, das, wie ich gar bald fand, von dem offen
gelassenen Fensterladen der Sakristei herrührte. Nun hätte ich allerdings
leicht hinübergehen und den Laden schließen können, noch dazu da ich
fürchten mußte, der Wind bräche ihn vielleicht die Nacht aus den Angeln,
und von der kleinen Hinterthür, die aus meinem Zimmerchen hinüber führt,
sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte -- ich hatte aber die
Schlüssel in des Herrn Pastors Studirstube liegen lassen --«

Der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah den Küster forschend an.

»-- und scheute mich hinaufzugehen und ihn zu stören. So lag ich bis nach
zehn Uhr; da jetzt das Geräusch aber immer ärger wurde und ich nun auch
ziemlich gewiß wußte, Sie wären oben Alle zu Bett -- denn an der Linde,
die vor meinem Fenster steht, kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der
großen Eckstube noch Licht ist -- zog ich meine Filzschuhe und meinen alten
Schlafrock an und schlich leise die Treppe hinauf --«

»Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer?« rief der Pastor und die Lippen
der Frau theilten sich in Staunen und Ueberraschung --

»Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und laut,« fuhr der Greis, die
Frage nicht beachtend, fort, -- »das stürmische Brausen _um_ das Haus wurde
hier, in dem umschlossenen Raume, zum leisen Flüstern und Zischeln, und ich
öffnete rasch die Thür und schritt dem wohlbekannten Platze zu, wo der Herr
Pastor immer Abends die Schlüssel hinlegt, damit ich sie früh finden kann.
Schon hatte ich sie gefühlt und in die Hand gefaßt, denn ein schwacher
Mondenstrahl fiel in dem Augenblicke durchs Zimmer, als ich -- das Blut
stockt mir jetzt noch in den Adern, wenn ich daran denke -- ein leises
Stöhnen vernahm, und den Kopf rasch darnach umwendend, eine helle Gestalt
erkannte, die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken. Im
nächsten Augenblick stand ich vor Entsetzen stumm und regungslos, als ich
jetzt aber wirklich sah, daß sich die Erscheinung regte, als ich das weiße
Grabtuch rauschen hörte, da kann ich nachher nicht einmal mehr sagen, _wie_
ich aus dem Zimmer kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die
Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich hinter mir verschloß --
in's Bett, hüllte mich in die Decke ein und betete heiß und brünstig zum
lieben Herr Gott, daß er alles Unglück von mir und diesem Hause abwenden
wolle.«

»Und der Fensterladen?« frug der Schulmeister und ergriff lächelnd des
Pastors Hand.

»Der Wind legte sich bald nachher, meinte der alte Mann, und das Aechzen
hörte auf; wär's aber auch noch so stürmisch gewesen, an _dem_ Abende
hätten mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.«

»Elise!« sagte der Pastor, und zog das bleiche zitternde Weib leise an sich
-- sie zögerte einen Augenblick, -- schaute noch zweifelnd -- zaudernd vor
sich nieder und barg dann mit lautem Schluchzen den Kopf an ihres Gatten
Brust.

»Meine gute Frau Pastorin,« bat der alte Mann bestürzt.

»Alterchen, rief aber jetzt der Schulmeister, und zog den Arm des
erstaunten Küsters in den seinen; Ihr habt heute Morgen den gescheidesten
Streich gemacht, der sich nur denken läßt; nun kommt aber, meine prächtige
Geistererscheinung, hier ist Euer Dokument, heute Mittag müßt Ihr bei mir
essen.«

»Aber Herr Schulmeister -- ich begreife nicht --«

»Ist auch gar nicht nöthig, Schätzchen, -- ist auch gar nicht nöthig, nur
jetzt ein bischen die alten Knochen gerührt. Hurrah, Küster, ich bin so
fidel, ich könnte, glaube ich, eine Menuet tanzen und mir die Melodie
selber dazu pfeifen.«

Und ohne dem alten Manne auch nur Zeit zu lassen, noch ein einziges Wort an
die weinende Frau zu richten, zog er ihn rasch den Gartenweg hinunter und
verschwand mit ihm durch die hintere Thür.

Und die Kranke? --

Nur wenige Wochen sind seit jenem Morgen verstrichen, in der Pfarre giebts
aber keine Kranke mehr -- des Pastors wackere Hausfrau wirthschaftet
wieder, wenn auch noch etwas bleich und angegriffen, doch mit vollen,
rüstigen Kräften im Hause herum; auch der Schulmeister und Verwalter
kommen, wie früher, manchmal Abends herüber und verplaudern ein Stündchen
-- nur Geistergeschichten werden nicht mehr erzählt, und der Küster --
nimmt jetzt den Schlüssel zur Sakristei gleich Abends mit in seine Stube --
damit der alte Mann nicht mehr Morgens die Treppen zu steigen braucht, sie
herunter zu holen.




Schwarz und Weiß.

Aus dem Farmerleben Missouris.


Weit aus dem fernen Westen, da wo die eisgekrönten Berge ihre zackigen
Kuppen in einander drängen und zweien Meeren, dem atlantischen wie dem
stillen Ocean die schäumenden Quellen zusenden; weit von daher, wo er
sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten Felsmassen bricht, die
er entweder mit starkem Arm zerreißt, oder sich im tollkühnen Satz
hinüberschwingt, um nachher, wie ob des gelungenen Wagestücks, meilenlang
weiter zu tanzen und zu sprudeln, -- kommt der gewaltige Missouri herab,
»der schmutzige Strom,« wie ihn der Indianer des Raubes wegen nennt, den
er an seinem eigenen Ufer vollführt, oder der »brüllende Strom« (=roaring
river=), wie ihn erstaunt der Weiße taufte, als er da zuerst sein Bett
erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther gleich, aus den
Gebirgsschluchten sprang, und erst dort still und geräuschlos seine Bahn
vollendete, als er das schützende Dickicht der Niederung erreicht hatte und
nun zwischen den riesigen Stämmen des Urwaldes hin, dem starken Bruder, dem
Mississippi, in die Arme glitt.

Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und Hickorys der wilde Wein
seine mächtigen Ranken von Zweig zu Zweig schlang und in zähen Armen die
stattlichen Bäume verband, während mit zwar prunkenderem Aeußeren, mit
bunter schimmernden Blüthen und saftigeren Blättern, andere Schlingpflanzen
ebenfalls hinaufstrebten zu den starken Aesten und sich ihnen liebend
anzuschmiegen schienen, indeß doch Gift in ihren Adern floß und sie nur
Macht zu bekommen suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern und
ihm Licht und Luft zu rauben, daß es endlich in ihrem Griff erstickte,
verdorrte, -- dort, in dem fast noch unentweihten Heiligthume, stand ein
kleines, roh aufgebautes Blockhaus mit breitmächtigem, aus Lehm errichteten
Kamine, die Nordseite dicht an den dunkeln Wald geschmiegt, dessen
ungeheuere Wipfel hoch über das niedere Dach emporragten, an den
drei anderen Seiten aber durch ein wahres Chaos gefällter Bäume, hoch
aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener Stämme und
knorriger, sich weit umher spreizender Aeste im wahren Sinne des Wortes
verbarrikadirt.

Der Eigenthümer dieses Platzes mußte augenscheinlich erst seit kurzer Zeit
hierher gezogen sein und die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was
auch noch überdieß ein dicht am Hause stehender, mit Leinwand bespannter
Wagen bewies, der wohl, nebst einem nicht sehr weit von ihm entfernten
Karren, sämmtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue Waldheimath
eingeführt hatte.

Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem rothen Gluthenlicht durch die
Wipfel der Bäume, als sich ein Reiter, auf kleinem indianischen Poney,
einem schmalen Kuhpfad folgend, dem Platze näherte und endlich gerade
da die Lichtung erreichte, wo Stämme und Aeste am tollsten umhergestreut
lagen. Wenige Secunden hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an,
und schien sich in den Steigbügeln hoch emporrichtend, nach irgend einer
Oeffnung zu suchen, durch die er in diese Holzmasse eindringen und das
Haus erreichen könnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfüllt bleiben; denn,
einen leisen Fluch ausstoßend, preßte er seinem Thier den einen bespornten
Haken in die Flanke und setzte über die ersten, ihm den Weg versperrenden
Klötze hinweg.

Das kleine muntere Pferd sah auch bald was sein Herr eigentlich
beabsichtige, und daran gewöhnt Hindernisse zu beseitigen, die bei
fortwährendem Reiten im Walde fast stündlich vorkommen, wand es sich mit
wirklich bewundernswerther Geschicklichkeit immer näher und näher dem
Hause zu, hier einen Stamm überspringend, dort vorsichtig durch wild umher
gestreute und zersplitterte Aeste dahinschreitend, bis es sich plötzlich,
nach einem besonders kühnen Satz über, oder vielmehr _durch_ den Wipfel
einer gefällten Eiche, so von allen Seiten eingezwängt und von wirklich
unübersteiglichen Hindernissen umgeben sah, daß es ruhig stehen blieb und,
in der festen Ueberzeugung sein Aeußerstes gethan zu haben, ganz geduldig
erwartete was jetzt der Reiter beschließen würde, der doch eigentlich auch
bei der Sache interessirt war.

Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg umher und that endlich das,
was er von allem Anfang an hätte thun sollen, er rief das Haus an, und zwar
mit einem kräftigen, weit hinausschallenden »Halloh!«, was augenblicklich
im ohrzerreißenden Chor von zehn bis zwölf Rüden bellend und heulend
beantwortet wurde.

Gleich darauf öffnete sich die Breterthüre, auf deren Schwelle eine
schlanke, schon etwas ältliche Matrone erschien, die rings nach dem
Rufenden, freilich vergeblich, umherschaute, während jetzt die durch den
Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten Hunde einen so fürchterlichen
Lärm erhoben, daß er für kurze Zeit jeden andern Laut vollkommen
übertäubte.

»Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Watch, willst du still sein, Deik;
Hunde, ihr bringt Einen noch zur Verzweiflung, ruhig da, hört ihr denn
nicht!« rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn auch
endlich zufrieden geben wollte, als ein zweites »=Halloh the house!=« ihren
Grimm aufs Neue erregte, der jetzt gar keine Grenzen mehr zu kennen schien.

Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch wohl ihr Ende erreicht
haben; denn einen zum Trinkbecher ausgeschnittenen großen Flaschenkürbiß
ergreifend, der in dem vollen, auf einem Gesims vor der Thüre stehenden
Eimer schwamm, goß sie die klare, kalte Fluth über die Tobenden aus, die
nun heulend und kläffend auseinander stoben.

Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der Ruhe benutzend, die
Stimme ihr immer ungeduldiger werdendes »Halloh!« herüber, und nun erst
ward die Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig über das ihn
umgebende Buschwerk hervorragte.

»Mr. Hennigs, sind Sie das?« rief sie lachend, als sie die Lage des jungen
Mannes errieth, »wie, um Christi willen, haben Sie sich denn da hinein
verloren?«

»Verloren?« rief dieser in komischer Verzweiflung, »ich möchte wirklich
wissen, wie ich mich hier verlieren sollte; ich sitze so fest, wie der Wolf
in der Falle. Wo zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus? ich bin
hier zwar auf dem Fußweg, er scheint aber nicht sehr begangen.«

»Sie hätten um die Lichtung herum, durch den Wald reiten müssen,«
entgegnete die Frau, »mein Mann hat hier Bäume gefällt.«

»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter, »die Beweise liegen
zur Hand.«

»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt eine kichernde
Mädchenstimme hinter der alten Dame vor, und dicht neben ihr ließen sich in
diesem Augenblick zwei allerliebste Köpfchen sehen, die neugierig die Lage
des jungen Mannes erspähen wollten, »bleiben Sie nur da halten; Vater hat
gesagt, daß er im Lauf der nächsten Woche das ganze Holz wegräumen will,
und dann wird der Fußweg wieder frei.«

»Danke, Sally, danke!« rief Hennigs lachend, »die Zeit möchte mir aber doch
lang werden, wenn ich Ihre liebe Stimme immer so ganz in der Nähe hören
müßte und nicht hinüber könnte. Nein, mag mein Poney sehen, wie es allein
heraus kommt; ich will's ihm leichter machen!« Und damit sprang er vom
Pferd, schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides über die Schulter
und kletterte nun, wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengung, dem kaum
sechzig Schritt entfernten Hause zu.

Das Poney blieb im Anfang, als es sich so von seinem Herrn verlassen sah,
ruhig stehen, und spitzte nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es
jedoch fand wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den Trog witterte,
an dem es gefüttert zu werden hoffte, warf es den Kopf in die Höhe,
wieherte ein paar Mal hell auf, und flog dann, jetzt durch keine Last
mehr zurückgehalten, mit kühnen Sätzen über Stamm und Busch hinweg, bis es
schnaubend und mit den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstürmenden
Hunden schlagend, vor der Thüre der Hütte hielt, und dort seinen jetzt
ebenfalls herankeuchenden Herrn freudig begrüßte.

Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang schnell die aus über
einander gelegten Klötzen bestehenden Stufen hinauf ins Haus und rief hier,
die Hände der Frauen ergreifend und herzlich schüttelnd:

»Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally und Lucy, Ihre Hand, Alle wohl?
seh'n wenigstens Alle kerngesund aus; doch -- wo ist der Alte?«

»Vater ist noch draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete, nach
der kurzen Begrüßung, Sally, das jüngste der beiden Mädchen, die etwa
siebenzehn und neunzehn Jahre zählen mochten.

»Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen?« frug die Matrone, während sie
ihr großes Baumwollenspinnrad in die Ecke schob und die Kohlen im Kamine
mit dem langen Schürstecken zu neuer Glut aufschüttelte.

»Sie müssen heute Morgen aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte
Hennigs, »am Bach wenigstens waren die Fährten, und wenn ich nicht irre, so
habe ich auch gleich oben über dem Kreuzweg die Schelle gehört.«

»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally bedauernd aus, »er
wollte an Potters Creek hinauf und von da an links in das Thal hinüber
suchen.«

»Nein, er ist wohl schon auf den Spuren,« entgegnete der junge Mann; »denn
im weichen Quellboden sah ich deutlich die Abdrücke eines Schuhes.«

»Vater trägt heute seine Mocassins,« sagte Lucy, »das muß Jemand Anderes
gewesen sein.«

»Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde brauchen? ist ein Tanz
irgendwo? es scheint Sie ja Alle ungemein zu interessiren, ob der Vater die
Pferde findet, oder nicht.«

»Tanz? pfui, Mr. Hennigs, ich dächte doch Sie wüßten, daß wir nicht
tanzen,« erwiederte ihm, etwas pikirt, die Matrone.

»Ach, alle Wetter ja, ich habe davon gehört, Sie hätten sich der »Kirche«
angeschlossen und wären »religiös« geworden; Vater auch?«

»Noch nicht,« entgegnete, mit einem tiefheraufgeholten Seufzer, Mrs.
Draper, »wir wollen aber morgen früh zur Campmeeting, und davon hoffe ich
das Beste: der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten, daß er den rechten
Weg findet.«

»Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob aber auf solche Art, bezweifle
ich fast; der alte Herr trinkt gern sein Gläschen, und wenn ihm einmal
etwas in die Quere kommt, ih nun, dann flucht er auch wohl ein Bischen, und
ich glaube kaum, daß er sich das so leicht abgewöhnen wird. Wozu braucht er
aber auch wirklich zu einer »Kirche« zu gehören? 's ist so ein herzensguter
alter Mann, wie nur je Einer seine Sohlen in den Missouri-Bottom drückte,
er thut ja keinem Menschen etwas zu Leide.«

»Wir sind Alle Sünder, Mr. Hennigs,« sagte die alte Dame sehr ernst, »und
mein armer Mann besonders, er schwört und flucht, genießt geistige Getränke
und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns übernachtete und die
Gebete las, einen Hypokryten genannt, ja sogar gelogen, als er während des
Gebetes aufstand und, Nasenbluten vorschützend, das Haus schnell verließ;
ich habe später das Tuch untersucht, es war nicht ein einziger Blutfleck
darin, und der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit dem Gebet,
ehe er fortfuhr, damit der böse Mensch keinen Vers des heiligen Wortes
versäumte.«

Hennigs lachte laut auf.

»Der arme Draper; also half ihm seine kleine Nothlüge nicht einmal?«

»Kleine Nothlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone mit größerer Strenge, als
sie es sonst wohl gewohnt war, »Sie reden da recht böse, recht unendlich
böse Worte; abgesehen davon, daß der Augenblick, wo er sich mit seinem
Gott beschäftigen sollte, keine Nothlüge zuließ, so giebt es gar keine
Nothlügen; es darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu einer Lüge
bewegen, nicht einmal die Noth; denn das Herz, was nicht wahr und treu ist,
kann dem Herrn kein wohlgefälliges Opfer bringen.«

»Aber beste Mrs. Draper,« entgegnete ihr Hennigs, »Sie werden mir doch
gewiß zugeben, daß es Fälle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlüge
nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und --«

»Nein, das gebe ich Ihnen _nicht_ zu,« unterbrach ihn die Matrone schnell,
»das kann ich Ihnen nicht zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist
Unrecht.«

»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder eines von Ihren Kindern recht
lebensgefährlich krank wäre,« demonstrirte Hennigs, »und wenn Sie
nun wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten,
nachtheiligsten Folgen haben könnte, würden Sie da nicht, wenn nun etwa ein
lieber Freund des Kranken eben gestorben wäre und er darnach früge, ihm den
Todesfall verheimlichen? würden Sie da nicht lieber zu einer Nothlüge Ihre
Zuflucht nehmen, ehe Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?«

»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge von Voraussetzungen zusammen,
um nur eine, Ihren Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die
Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu führen in dem, was
recht und gut ist, und reichen wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat
er bald die ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen. Draper
nannte auch den frommen Mann einen Hypokryten.«

»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, er hätte an dem Gebet volle
sieben Viertelstunden gelesen, das ist doch ein Bischen stark.«

»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer Sünden, da mußte es
schon lange werden,« erwiederte die Frau.

»Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting gehen, Mr. Hennigs?« frug jetzt
Sally den jungen Mann, und sah ihn bittend mit ihren großen dunkeln Augen
an.

»Gewiß, gewiß!« rief dieser schnell. »In so angenehmer Gesellschaft führ
ich selbst mit zur -- Campmeeting,« verbesserte er noch zur rechten Zeit,
da ihm schon ein sehr sündhaftes Wort auf den Lippen schwebte, »aber
wahrhaftig,« sagte er, jetzt sich in dem kleinen Raume umschauend, »Draper
muß ver -- muß ungemein fleißig gewesen sein; er hat sich in den vier
Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich eingerichtet; das
Dach kann ja kaum vierzehn Tage liegen.«

»Mr. Draper ist auch in der That sehr fleißig gewesen,« erwiederte die
Matrone, »wie lange wird's aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust
wieder an, und Knall und Fall verkauft er für wenige Dollar das, was
ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte, und zieht westlich, immer weiter
westlich, und immer tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und Thiere
hinein.«

»Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr gehen,« meinte Sally
ganz ernsthaft, indem sie dem Gast einen Stuhl zum Feuer rückte; »Vater hat
ja selbst gesagt, er wäre nun nicht mehr weit vom indianischen Gebiet,
und in dem dürfen sich keine weißen Leute ansiedeln. Ueberdieß,« fuhr sie
schelmisch lächelnd fort, »ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald
gezogen, und da muß die Gegend doch wirklich Vorzüge besitzen, die man ihr
auf den ersten Anblick hin gar nicht zutrauen möchte.«

Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem großen
Baumwollenspinnrade fort.

»Das Wandern müssen Sie uns schon zu Gute halten,« erwiederte Hennigs, der
ebenfalls Sally's Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in aller
Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem Stuhle herumschnitt, auf
dem er saß. »Dafür sind wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der
Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade solche Leute, die weder
wilde Thiere noch wilde Menschen fürchten, sondern keck hineinziehen mitten
in ihr Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der ihnen und ihrem
Fleiß, nach Aussage aller klugen Leute, nun doch einmal gehört.«

»Ja, ja, das ist schon Alles recht schön und gut,« meinte Mrs. Draper,
»aber lieber wäre ich denn doch in Illinois geblieben.«

»Was, in Illinois? in den ungesunden dürren Steppen? zwischen
Prairie-Hühnern und Prairie-Wölfen, und in der Gesellschaft der wirklich
weltberühmten Corncrackers!«[3] rief Hennigs erstaunt aus: »nein, da lobe
ich mir das Kraftland unserer Niederung, das ist nicht todt zu machen, und
wollen wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir sie westlich von
hier, schöner und herrlicher, wie sie der ganze Osten mit all seinen so
hochgepriesenen Vortheilen aufweisen kann.«

  [3]: Spottname für die Bewohner von Illinois.

»Das mag wahr sein,« entgegnete ihm Mrs. Draper; »aber Illinois ist doch
kein Sclavenstaat, und, mag dieß Land so schön und gut sein, wie es will,
es ist mir fürchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben zu müssen, die
ihre Brüder und Schwestern wie das Schlachtvieh verkaufen.«

»Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres daran sein,« meinte Hennigs
kopfschüttelnd, »manchmal, wenn ich so recht allein darüber nachdenke,
kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz recht wäre, daß wir die
Neger feilbieten und ebenso für sie, wie für andere Waaren, den möglichst
höchsten Preis zu erhalten suchen. Für Sünde kann's aber doch auch nicht
gelten; denn unsere Väter und Großväter haben's gethan, das Gesetz hat den
Sclavenhandel geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache als etwas
sehr Natürliches zu betrachten, wenigstens habe ich neulich einmal mit dem
presbyterianischen Geistlichen, der auch Sclaven hält, darüber gesprochen
und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt, daß die heidnischen
Völker den Christen dienen müßten; das klingt auch eigentlich vernünftig
genug.«

»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mrs. Draper, »sie vertheidigen die
Sclaverei, selbst aus der heiligen Schrift, aber nur Gott kann erkennen
ob sie daran Recht thun; ich möchte nicht ein voreilig Urtheil fällen. Wir
Frauen fühlen uns aber auch vielleicht weit näher darin berührt als die
Männer; mir thut's ja schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn
geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne gluckend den ganzen
Raum, den sie sonst zu begehen pflegt, durchläuft und das Verlorene sucht;
wie vielmehr muß ich Mitgefühl mit einer Mutter haben, der fremde Menschen
das Kind aus den Armen reißen, um es für wenige Dollar zu verkaufen,
während sie selbst gern das eigene Herzblut dafür hingäbe, und doch zu arm
ist es zu bezahlen. -- Ich wollte, wir wären in einem Freistaat geblieben.«

»Nun, hier in Missouri wird die Sclaverei noch nicht so arg getrieben,«
sagte Hennigs, »im Süden mag's freilich schlimmer sein; hier hören wir auch
ganz selten von entflohenen Negern, und das, sollte ich denken, wäre ein
ziemlich günstiges Zeichen. Wo ein Freistaat so nahe ist und die Sclaven
trotzdem bei ihrem Herrn bleiben, da kann auch ihr Loos noch kein
entsetzliches sein.«

»Und wie sollten sie denn entfliehen können?« frug Mrs. Draper, »muß denn
nicht ein Neger, wenn er nur selbst auf eine andere Farm oder Plantage
hinübergeht, einen Paß haben, ohne den er von jedem weißen Mann
festgenommen werden kann? und liefert nicht selbst dann, wenn der flüchtige
Neger den Freistaat wirklich erreicht hat, dieser, zur Schande der
Vereinigten Staaten, den festgenommenen Sclaven an seinen Herrn aus? Wie
also soll ein solcher armer Mensch denn entkommen, wenn er Niemanden weiß
an den er sich wenden kann, wenn er Niemanden hat, der ihn unterstützt und
ihm forthilft, und wer das thut -- hat Zuchthausstrafe zu erwarten.«

»Das Ausliefern muß aber sein,« fiel ihr hier Hennigs in die Rede, »wie
könnten denn die Vereinigten Staaten einig neben einander bestehen, wenn
sie einander ihr Eigenthum vorenthalten wollten; das gäbe ja zu endlosen
Streitigkeiten Anlaß, und müßte nach und nach zu Haß und Zwietracht führen.
Nein, es ist allerdings schlimm, daß wir die Sclaverei haben, und ich
selbst wollte Gott danken, wenn es ein Mittel gäbe ihrer los und ledig zu
werden, und alle von Negern Abstammende wieder über die See zurück in ihre
Heimath senden könnten, wie ja der Anfang dazu auch mit Liberia gemacht
ist; da aber die klügsten Leute im Lande sich schon seit langen Jahren
vergebens die Köpfe zerbrochen haben, wie Dem am Besten abzuhelfen wäre, so
wird unser Einer doch auch nicht dagegen ankämpfen sollen. Das Bestehende,
wie es nun einmal besteht, muß der Einzelne ehren.«

Lucy hatte indessen aus einer Spalte über dem Kamine ein zusammengefaltetes
Zeitungsblatt herausgenommen, schlug es jetzt aus einander und hielt es dem
jungen Mann entgegen.

»Sie behaupten, es entflöhen hier in Missouri keine Neger ihren Herren?«
sagte sie mit leisem Vorwurf im Tone, »da -- überzeugen Sie sich selbst;
hier stehen Drei angegeben, und vor jedem ein kleines Bildchen: ein armer
Neger mit seinem Päckchen auf dem Rücken; der eine ist sogar von einem
unserer Nachbarn, aus dem nächsten County, von Squire Wallis.«

»Das spricht für und wider mich,« sagte Hennigs; »wider mich, wegen
dem Entlaufen, für mich, weil eben dieser Wallis auch Einer von Ihren
sogenannten frommen Leuten ist; er hat sogar schon gepredigt, und die
Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht, das dem Staate und
ihrer Kirche in diesem Manne aufgegangen sei. Gott bewahre uns vor solcher
Beleuchtung!«

»Behandelt Mr. Wallis seine Sclaven wirklich so arg?« frug die Matrone.

»Dessen war Draper und ich neulich Zeuge,« erwiederte ihr Hennigs; »wir
ritten gerade vorbei, als er einen seiner jungen Neger an einen Baum
gebunden hatte und ruhig daneben seine Pfeife rauchte; dann und wann nur,
wie um sich eine kleine Bewegung zu machen, stand er auf und peitschte
den Unglücklichen höchsteigenhändig, daß ihm das klare Blut an dem Rücken
hinunter lief. Wir frugen ihn, was ihn zu einer so fürchterlichen Strafe
veranlaßt habe, er behauptete aber, er thue das aus christlicher Milde, es
sei gegen seine Grundsätze einen seiner Sclaven im Zorn zu strafen, und
da kühle er sich in der Zwischenzeit immer erst ein wenig ab, um ruhig zu
bleiben und nicht hitzig zu werden.«

»Und das nennen Sie ein freies Land!« rief die Matrone entrüstet.

»Und das nennen Sie einen frommen Christen!« warf Hennigs dagegen ein; »ist
Ihnen da nicht Ihr Mann mit all seinen kleinen Fehlern und Eigenheiten,
meinetwegen Schwächen, zehntausendmal lieber, selbst wenn er dann und wann
das untere Ende des Whiskeykruges höher hebt, als das obere, und seinem
Herzen mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten Luft
macht?«

»Aber das viele gotteslästerliche Fluchen könnte er doch lassen,« sagte
Mrs. Draper, freilich schon um Vieles milder gestimmt.

»Ja, und Sie auch, Sir,« lachte Sally, »Lucy hat schon oft gesagt, Sie
wären ein ganz guter Mensch, wenn Sie nur nicht immer --«

»Sally!« rief Lucy, »wie kannst Du nur --«

Ein plötzliches Anschlagen der Hunde unterbrach hier jede weitere Rede,
und gleich darauf trat auch, die Mütze fest in die Stirne gedrückt und die
Büchse in der Hand, die er, ohne sich weiter umzusehen, auf die über der
Thür eingeschlagenen Pflöcke legte, Draper ein.

»Da bin ich wieder,« sagte er, und drehte sich in diesem Augenblicke nach
den Seinen um, sein Antlitz war aber auffallend bleich, sein ganzes Wesen
schien erregt, und er fuhr merklich zusammen, als er einen Fremden an
seinem Kamin erblickte, faßte sich jedoch augenblicklich und streckte dem
schnell erkannten Freunde die Rechte entgegen.

»Und ohne die Pferde?« frug Hennigs, der die dargebotene Hand derb
schüttelte, »mit leeren Zügeln? Die Damen hier scheinen deren Ankunft fest
erwartet zu haben.«

»Dann müssen die Damen noch etwas Geduld haben,« lächelte der Alte, und
nahm die Mütze ab, die er oben auf eine Ecke des Kaminsimses legte. Dabei
schienen aber seine Gedanken wieder weit hinweg zu schweifen, und er
starrte, die Hand noch immer oben an dem Brett, wohl mehrere Minuten lang,
wie in tiefem Nachdenken versunken, auf die im Kamine glimmenden Kohlen
nieder.

»Mr. Hennigs hat die Fährten im Potters Creek gesehen, Vater,« brach
endlich Sally das Schweigen, »sie müssen nach der Niederung hinunter sein,
und da, weißt Du wohl, wenn sie erst in den Schilfbruch kommen, findest Du
sie immer nicht gleich wieder. Am Ende versäumen wir morgen den Anfang der
Campmeeting.«

»Das wäre freilich entsetzlich,« lächelte der Alte, der jetzt seine volle
Ruhe wieder erlangt hatte und sich behaglich auf dem für ihn hingeschobenen
Stuhl niederließ, »und dann könntest Du und Lucy auch nicht eure neuen
Kleider und Bonnets zeigen, und Mutter müßte das schöne Umknüpftuch noch
ganze vierzehn Tage länger in der Kiste liegen lassen.«

»Aber, Mann!« unterbrach ihn vorwurfsvoll Mrs. Draper, »willst Du denn
behaupten, daß wir solcher sündlichen Eitelkeit wegen zu der Versammlung
reiten? Habe ich Dir dazu schon je Ursache gegeben?«

»Vater ist überhaupt heute so sonderbar?« sagte Sally plötzlich, indem sie
auf ihn zuging und ihm scharf ins Auge schaute, »es fiel mir gleich auf wie
er hereintrat; ich weiß nicht --«

»Aber ich weiß, was Jungfer Naseweiß zu thun hat,« sagte der Alte, und
ergriff sie lächelnd beim Kinn; »draußen steht Mr. Hennigs Poney und
wiehert nun schon, so lange ich im Hause bin, ganz ungeduldig um den
versteckten Mais herum. Geh, und gieb ihm ein halbes Dutzend Kolben, und
dann wollen wir das Pferd aushobbeln,[4] es mag sich hier herum sein Futter
selbst suchen. Du mußt ihm aber vorher die kleine Glocke umschnallen, sie
hängt hinten an der Hausecke.«

  [4]: Aus_hobbeln_ nennt der Amerikaner das Zusammenbinden der
  Vorderbeine des Pferdes, damit sich dieses zwar langsam von der Stelle
  bewegen kann, sein Futter zu suchen, aber doch nicht im Stande ist
  fortzulaufen.

Sally sprang singend hinaus, den erhaltenen Auftrag zu erfüllen, Draper
aber ging zu seiner Frau hin, strich ihr schmeichelnd die nur noch halb
schmollend weggedrehte Wange und sagte gutmüthig:

»Bist nicht böse, Alte, weißt schon, wie's gemeint ist; ein Bischen eitel
seid ihr aber Alle, wenn ihr's auch nicht wollt merken lassen; denn in
ihrem Alltagskleid ginge keine von euch zur Campmeeting, so viel weiß ich.«

»Das würde sich auch nicht schicken, Draper, das würde sich auch nicht
schicken; wenn wir zu dem Herrn beten, müssen wir auch zeigen, daß wir
etwas darauf halten, mit anständigem Aeußeren vor ihn zu treten.«

»Das wäre dem lieben Gott, so wie ich ihn kenne, sehr egal,« lachte Draper
gutmüthig: »doch, Du hast recht, Du meinst's ehrlich dabei, und bist auch
sonst brav und wacker; nur das scheinheilige Pack kann ich nicht leiden.
Aber, Hennigs, wo habt Ihr denn die Pferde gesehen?«

»Die Pferde nicht, nur die Spuren,« erwiederte dieser, »sie kamen aus den
Hügeln herunter und gingen, über den Kreuzweg hinüber, der Niederung zu;
wenn ich nicht ganz irre, habe ich sogar die Schelle gehört, die der Fuchs
um hat.«

»Ja, die schellt am weitesten, 's ist wohl möglich; nun, dann finde ich
sie heute Abend an der Buffalolick, dorthin gehen sie gewöhnlich, wenn sie
überhaupt die Richtung einschlagen.«

»Ich sah auch dort oben die Spuren eines Mannes,« fuhr Hennigs fort,
»und glaubte erst, als ich hier hörte Ihr wäret ausgegangen die Pferde zu
suchen, es seien die euren gewesen. Der die hinterließ trug aber Schuhe; es
wird wohl ein Jäger gewesen sein.«

»Ja, ja, es wird wohl ein Jäger gewesen sein,« sagte der Alte, stand auf
und schritt dann ein paar Mal in der Stube auf und ab; »ja, fuhr er dann
fort, ich habe sie auch gesehen, sie gingen nach Süden, den Ansiedelungen
zu; wahrscheinlich ein Jäger; aber was ist das für ein Zeitungsblatt?«

»Dasselbe, was der Sheriff heute Morgen hier herein gelegt hat, Vater,«
erwiederte ihm Lucy, »wir blätterten darin herum.«

»Nun, giebt es Neuigkeiten aus St. Louis?« frug der Alte, und fuhr sich
mit der linken Hand über die breite, offene Stirne, als ob er alle anderen
Gedanken daraus verscheuchen wollte; »wie steht's mit der Wahl? was sagt
unser Demokrat da? hat Polk Aussichten?«

»Nun, Missouri läßt ihn sicher nicht im Stich,« lachte Hennigs. »Das war's
aber nicht, wir haben uns nicht mit Politik beschäftigt, sondern nur über
eine Frage debattirt, die das gute Verständniß der südlichen und nördlichen
Staaten betraf -- über die Sclaverei, und zur Erläuterung derselben lasen
wir hier einige Anzeigen von entlaufenen Sclaven.«

»Von entlaufenen Sclaven? wo? zeigt her!« rief Draper schnell und zwar mit
einem Interesse, das einem genauen Beobachter sicherlich hätte auffallen
müssen; Hennigs aber, die Bewegung einzig und allein der Neugierde
zuschreibend, hielt ihm ruhig das Blatt hin und sagte:

»Drei Stück -- Wallis hat auch wieder Einen hineinsetzen lassen.«

»Neunzehn Jahr alt,« las Draper, »schlank gewachsen, mit freier, hoher
Stirn und besonders wolligem Haar; Farbe: Ebenholzschwärze, Größe: fünf Fuß
sieben Zoll -- das stimmt alles.«

»Was stimmt?« frug Hennigs.

»Was stimmt? ih nun, die -- o, ich kenne den Burschen, der wahrscheinlich
entlaufen ist,« erwiederte Draper, und wandte sich, wie um besser lesen zu
können, mit der Zeitung ab, dem Lichte zu.

»Ist es etwa der, den er vor kurzer Zeit so fürchterlich mißhandeln ließ?«
sagte Hennigs.

»Derselbe, derselbe; sein Rücken ist noch jetzt blutig und zerfleischt, die
Narben hatten noch keine Zeit, wieder zu heilen, der arme Teufel konnte
Tag und Nacht kein Auge schließen vor Schmerz und Qual und -- mußte
dennoch arbeiten; Donnerwetter, Alte, wo ist denn eigentlich der Whiskey,«
unterbrach er sich plötzlich und bog sich nieder, um unter den Fuß des
Bettes zu sehen, wo die fragliche Steinkruke gewöhnlich ihren Platz hatte,
»ich bin trocken wie eine Ohio-Chaussee, ich staube ordentlich. Glaubt ihr,
man soll euch die Pferde suchen, und nachher nicht einmal einen Tropfen
trinken? Ich verdurste, wenn ich nicht bald etwas bekomme!«

»Vater hat wohl die Pferde gesucht, hat sie aber noch nicht gefunden,«
sagte Sally, und schöpfte dabei, als sie eben in die Thüre trat, den
Flaschenkürbiß voll des klaren Quellwassers, das in einem Eimer auf dem
dort angebrachten Regale stand.

»Ist mein kleiner Kiek in die Welt auch schon wieder da?« lachte der Alte.
»Also, weil ich sie nicht gefunden habe, braucht' ich auch nicht trocken
im Halse geworden zu sein? und Wasser soll ich trinken? Wettermädchen das,
folgt der Alten aufs Haar. Nein, Kinder, einen Schluck Whiskey muß ich
vorher aufsetzen, aber laß nur das Wasser hier, Sally, zum Nachtrinken
giebt's nichts Besseres auf der ganzen Welt.«

»Bester Mann,« bat Mrs. Draper, »ist nun das klare, liebe Himmelsgetränk
nicht viel besser und zweckmäßiger, selbst den brennendsten Durst zu
löschen?«

»Liebe, beste Frau,« entgegnete ihr Draper, während er von der ihm
gereichten Kruke den, aus dem holzigen innern Theil eines Maiskolben
bestehenden Stöpsel abzog und dann etwas von dem goldklaren Inhalt in den
großen, vor ihm auf dem Tische stehenden Blechbecher ausgoß, -- »das Wasser
ist eben ein Himmelsgetränk, wie Du ganz richtig bemerkst, für uns
arme Sterbliche aber müssen wir etwas Feurigeres, Herz und Seele mehr
Zusammenhaltendes haben, und da hat denn der liebe Gott den Whiskey
erschaffen.«

»Den hat der Teufel erschaffen!« rief Mrs. Draper lebhafter, als es sonst
gewöhnlich ihre Art war, »das ist des Teufels Erfindung.«

»So? in der That? -- dann bin ich dem Teufel wirklich mehr verbunden, als
ich bis jetzt habe glauben mögen; die Erfindung macht ihm alle Ehre, und
söhnt mich theilweise wieder mit ihm aus,« sagte der unverwüstliche Draper
mit größter Ruhe, und leerte etwa die Hälfte des Inhalts, wornach er den
Rest an Hennigs hinüber schob. Dieser aber zögerte, ihn anzunehmen, und
blickte sich halb unschlüssig nach Lucy um.

»Lucy sieht nicht her!« neckte ihn Sally, der des jungen Mannes
Verlegenheit keineswegs entgangen war, »Sie können's riskiren.«

»Laßt Euch durch die Frauen nicht irre machen, Hennigs,« ermahnte ihn der
Alte, »wenn ich denen glauben wollte, dann wäre das gute Getränk hier
vor uns ein Haken, und meine Kehle ein Arm, die mich selbander und mit
vereinten Kräften in den Pfuhl der Hölle hineinrissen; so hat's ihnen
wenigstens neulich der Presbyterianer erklärt.«

»Du bist ein böser Mann, Draper, und drehst Einem immer die Worte im Munde
herum,« sagte die Matrone, reichte aber dem Gatten dabei freundlich die
Hand hinüber: »Du weißt ja doch recht gut, wie ich's meine, und daß es
nur immer Deines eigenen Besten wegen ist, wenn ich ein Wort einwerfe über
Dein --«

»Trinken und Fluchen!« fiel ihr Draper ins Wort; »ja, ja, ich weiß schon,
wovon die Rede ist; übrigens habe ich heute noch nicht ein einziges Mal
geflucht, und was den Trunk betrifft, den ich selten genug zu meiner
Erholung thue, so bin ich allerdings davon überzeugt, daß Du ihn mir nicht
mißgönnst, da ist aber der gottverdammte --«

Sally's kleine Hand lag auf seinen Lippen, und er zog sie gutmüthig
lächelnd herunter und drückte einen herzlichen Kuß auf den kleinen
gespitzten Rosenmund des lieben Kindes.

»Nun, schon gut, schon gut, Sally,« sagte er dann, »'bist mein gutes
Mädchen; jetzt seht aber nach euren Kühen -- ach, ja so, es ist erst eine
da; nun, schad't nichts, besorgt die nur, ehe es dunkel wird, es sollen
schon mehrere nachkommen, und nachher zündet auch die Lampe an, oder habt
ihr die Lichter schon gegossen?«

»Ja, Vater, die letzten drei Hirsche, die Du geschossen hast, hatten gar
viel Talg bei sich, und aus den Bienenbäumen, die hier Mr. Hennigs für
uns umgehauen, ist auch ein recht schönes Stückchen Wachs gekommen, -- die
Lichter sind fertig.«

»Brav, Kinder, dann macht alles bereit, Hennigs und ich, wir wollen
indessen noch einmal nach der Buffalolick hinüber gehen und die Pferde
holen; vielleicht finden wir auch unterwegs irgendwo ein Volk Truthühner
aufgebäumt, ich will auf jeden Fall den Rifle mitnehmen.«

Und der alte Mann hob die schwere Büchse von der Wand herunter, hing sich
die kaum abgelegte Kugeltasche wieder um, setzte die Mütze auf und wollte
eben mit seinem jungen Freunde das Haus verlassen, als er plötzlich
zurückprallte und erbleichend ausrief: »Tod und Teufel!«

Erschreckt sprangen seine Frau und Töchter hinzu, sie sollten aber über
das, was den Vater so überrascht hatte, nicht lange in Zweifel bleiben; ein
junger Neger mit bloßem Kopf und nur einer dünnen Leinwandjacke und eben
solchen Hosen bekleidet, die nackten Füße in groben, rindsledernen
Schuhen, das schwarze Antlitz eingefallen und verzerrt von Todesfurcht und
übermäßiger Anstrengung vielleicht, sprang auf die Schwelle, warf einen
scheuen, wilden Blick über die ihn jetzt Umstehenden, und brach dann, die
Kniee des alten Mannes krampfhaft umklammernd, vor diesem halbohnmächtig
zusammen.

»Ben, Ben, um Gottes Willen, was soll das heißen?« rief Draper und sah
ängstlich nach Hennigs hinüber, der ganz überrascht dastand und gar nicht
wußte, wie er sich diese merkwürdige Scene deuten solle.

»Rettet mich, Herr, rettet mich, wenn Ihr nicht wollt, daß sie mich bei
lebendigem Leibe verbrennen, wie sie's dem armen Nigger in St. Louis gethan
haben, rettet mich um des Heilands Willen, sie sind dicht hinter mir!«

Er blickte flehend zu ihm empor, und Hennigs konnte jetzt zum ersten Mal
seine Züge erkennen. Kaum hatte er ihn aber einen Moment scharf in's
Auge gefaßt, als er vorsprang, den Knieenden bei der Schulter ergriff und
ausrief:

»Alle Wetter, das ist Wallis entlaufener Neger, halt, Bursche, wo kommst Du
her und wo willst Du hin?«

Der unglückliche Ben warf einen flehenden Blick auf den alten Mann und sank
dann, seine Kniee loslassend, ohnmächtig zu Boden.

»Der Bursche hat wahrscheinlich nicht mehr weiter gekonnt!« sagte Hennigs,
als er ihn umwandte und fühlte, wie der arme Teufel regunglos in seinen
Armen lag, »nun, ein Bischen kalt Wasser wird ihn schon wieder zu sich
selbst bringen. Sie werden ihn aber hier behalten müssen, bis wir Wallis
davon benachrichtigen können. Der wird nicht wenig froh sein, daß er seinen
Neger wieder hat.«

»Sie werden ihn doch nicht ausliefern?« rief Lucy entsetzt.

»Nicht ausliefern, Miß Lucy? -- wir sollen doch wohl nicht etwa gar
einem Nigger zum Fortlaufen behülflich sein und nachher das Vergnügen im
Zuchthaus büßen?«

»Man will ihn lebendig verbrennen!« rief Sally und faltete in Todesangst
die kleinen weißen Händchen auf der klopfenden Brust.

»O bewahre Gott,« lächelte Hennigs, »das wäre ja wider des Herrn eigenen
Vortheil, einen seiner Sclaven umzubringen; nein, Sally, der kommt mit
einer Tracht Schläge davon, und die hat der Schlingel auch eigentlich
verdient, warum läuft er fort; er weiß, daß er doch am Ende wieder gefangen
wird.«

Draper bog sich schweigend zu dem Unglücklichen nieder und wies auf seinen
Rücken, die Dämmerung brach schon stark herein, aber deutlich konnten sie
noch erkennen, wie rothes Blut durch die dünne Leinwandjacke gedrungen war,
und diese in langen, theils erhärteten, theils noch frischen Streifen an
dem Rücken des Unglücklichen festgeleimt hatte.

Die Frauen stießen einen Schrei der Angst und des Entsetzens aus, und
selbst Hennigs wandte sich schaudernd ab.

»Der arme Teufel!« brummte er vor sich hin.

Draper brach endlich das Schweigen und sagte mit hohler, fast tonloser
Stimme, indem er den Neger noch immer mit seinem Arm unterstützte:

»Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das Leben; ich badete im Strom,
und nur seiner Dazwischenkunft verdanke ich es, daß ich das steile
schroffe Ufer, zu dem mich die zu starke Strömung hingerissen hatte, wieder
erklimmen konnte. Heute traf ich ihn flüchtig im Wald, und obgleich ich
wußte, daß es ein entflohener Sclave sei, ließ ich ihn ungehindert ziehen.
-- Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen, wohin er floh. Jetzt führt,
Gott weiß nur welches Schicksal, den Unglückseligen 

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