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»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt

by Ferdinand Heinrich Grautoff · German · Gutenberg #49995 · 515,238 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of »1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt
    
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Title: »1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt

Author: Ferdinand Heinrich Grautoff


        
Release date: September 17, 2015 [eBook #49995]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/49995

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »1906«. DER ZUSAMMENBRUCH DER ALTEN WELT ***

                               Seestern




                                »1906«


                        Der Zusammenbruch der
                              alten Welt

                          Zwanzigste Auflage
                      == 96. bis 100. Tausend ==

                               Leipzig
                  Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung
                           Theodor Weicher.

                             Alle Rechte,
                 besonders des Recht der Übersetzung
                   in fremde Sprachen, vorbehalten.

Wir stehen am Ende. Das furchtbare Jahr, in dem die alte Welt von Blut
so rot war, ist vorüber. Wir haben ihn gehabt, den frischen fröhlichen
Krieg. Noch stehen europäische Heere draußen, um Schritt für Schritt das
zurückzuerobern, was der Trümmersturz des Riesenkampfes verschüttet hat.
Das wieder aufzubauen, was dieses Jahr an friedlicher Kulturarbeit
vernichtet hat, wird ein Jahrzehnt kosten. Und die, welche heimkehren
aus Feindesland, sind ein der Arbeit entwöhntes Geschlecht. Die Herzen
sind härter geworden in diesem Jahr, da die Welt nach Blut roch. Die
Länder sind leerer geworden; es sind zu viele schlafen gegangen unter
den grünen Erdhügeln da draußen.

Wir stehen am Ende des gewaltigsten Krieges, den die Geschichte der
Menschheit sah; das Jahr 1906 ist ihr mit blutroten Lettern eingebrannt.
Wir stehen am Ende, und dem Historiker liegt es ob, sich noch einmal
Szene um Szene die Entwicklung des furchtbaren Dramas zu
vergegenwärtigen, das in den unheilvollen Märztagen 1906 vor Samoa
seinen Anfang nahm und alle Völker der alten Welt in seinen Wirbelsturm
mit hineinriß. Alle die Unverantwortlichen, die in den Parlamenten, in
Volksversammlungen, in der Presse jenseits wie diesseits des Kanals
immer wieder den Völkerhaß geschürt, die da gemeint hatten, ein
Waffengang zwischen Deutschland und England werde nur wie ein Gewitter
die Luft reinigen, und man werde in der Lage sein, nach Gutdünken heute
oder morgen, wenn die Spannung gelöst, »das Ganze Halt« blasen zu
lassen, über sie alle war der Gang der Ereignisse rücksichtslos
hinweggeschritten. ^Caesar supra grammaticos!^

Das hatten sie nicht berechnet, daß ein europäischer Krieg bei den
tausendfältigen Beziehungen zu den überseeischen Neuländern, deren
Millionenvölker widerwillig einer Handvoll Weißer gehorchten,
notwendigerweise die Welt in Flammen setzen mußte. Wie eine Bora, wie
ein glutheißer alle schlummernden Gefühle aufpeitschender Wüstensturm
ging es durch die Länder des Islam, wie ein elektrischer Strom zuckte es
durch die scheinbar so indolenten Völkermassive Asiens, als Europas
Boden vom Waffenlärm widerklirrte. Die Diplomaten des Berliner
Kongresses mühen sich jetzt den neuen Most in neue Schläuche zu füllen;
noch liegt nichts Fertiges, Abgeschlossenes vor, aber die Umrißlinien
sind gegeben. Da mögen wir noch einmal rückwärts schauen, und das Ganze
uns noch einmal vergegenwärtigen, wie es sich entwickelt hat. Nur ein
Querschnitt durch die Ereignisse soll hier gegeben werden, nur die
Hauptpunkte sollen hervorgehoben werden, nur die Meilensteine, die den
Weg des Jahres 1906 bezeichneten. Allein die _Einigkeit_ der Völker
Europas kann das, was ihnen verloren gegangen ist, die unbestrittene
politische Macht und die Seeherrschaft auf dem Weltmeer wieder
zurückgewinnen. Heute liegt der politische Schwerpunkt in Washington,
Petersburg und Tokio.

Im Mai 1907.

                                                             Seestern.




                     Der Zwischenfall von Samoa.


Irgend etwas lag in der Luft. Nicht daß gerade die politischen
Nachrichten irgend jemandem Sorge gemacht hätten. Drüben jenseits des
Meeres erscheinen Ereignisse, die in der Heimat wochenlang die Presse in
Atem halten, mikroskopisch klein. Die große Distanz und die
Zeitdifferenz läßt sie gewissermaßen mit einem umgedrehten Fernglas
sehen. Recht, recht gleichgültig ist unseren Landsleuten drüben der Gang
der großen und der kleinen Politik, von der man im stillen Winkel doch
so gut wie nichts verspürt. Trotzdem machte es einen tiefen Eindruck,
als die »Samoanische Ztg.« am 3. März durch eine Extraausgabe mitteilte,
der deutsche Reichstag habe die neuerdings geforderte Auslandsflotte,
auf die man beim Flottengesetz von 1900 verzichtet hatte, abgelehnt.

Am Abend des Tages saßen einige deutsche Kaufleute und mehrere
Angestellte der deutschen Plantagengesellschaft in der Veranda eines
Landhauses, von dem aus man den schönsten Blick auf Apia und die Reede
hat. Am anderen Ufer der Bucht flatterte träge in der lauen Abendluft
über dem kaiserlichen Gouvernement die Flagge des Reiches. Leise
rauschend schlugen die Wellen an den Strand, während die nach Norden
offene Reede sonst gerade im Märzmonat von heftigen Stürmen heimgesucht
wird. Gleich einem riesigen Gerippe lag das Wrack des Kreuzers »Adler«
auf der Korallenbank, auf der sich eine Schar Samoaner tummelte. Hin und
wieder erschien eine der geschmeidigen Gestalten zwischen den
Stahlrippen des Wracks. Der feurige Sonnenball stand dicht am Rande des
westlichen Horizontes. Von der »Möwe«, die auf der Reede lag[1], klangen
die melancholischen Töne des Zapfenstreiches über die ruhige
Meeresfläche, langgezogen und klagend. In der traumhaften Stille des
Abends glaubte man fast die Ruderschläge der Gig zu hören, die einige
Offiziere der »Möwe« dem Lande zutrug. Wie eine weiße Raupe kroch das
Boot über den kupferfarbenen Seespiegel, während mit dem Scheiden der
Sonne die Flagge am Heck des Kriegsschiffes verschwand.

[Fußnote 1: Die »Möwe« war nach ihrem Eintreffen in Tsingtau noch einmal
nach Apia zurückbeordert worden, da der in der Südsee stationierte
Kreuzer »Condor« eine Havarie erlitten hatte.]

»Dort kommen unsere Gäste«, sagte der Hausherr, der für diesen Abend die
Offiziere S. M. S. »Möwe« zu sich geladen hatte, da das
Vermessungsschiff, ein häufiger Gast in Apia, am nächsten Tage die Reede
verlassen sollte, um seine letzte Reise nach Tsingtau anzutreten, um
dort als Hulk seine Tage zu beschließen. Man brach auf und begab sich in
das Speisezimmer, um dort die Marineoffiziere zu begrüßen. Noch bevor
sie die kurze Strecke von dem gebrechlichen Landungssteg am Strande bis
zum Landhause, das am sanften Abhange des Berges lag, zurückgelegt
hatten, erschien dort ein Soldat der eingeborenen Polizeitruppe mit
einem Briefe für den Hausherrn. Nachdem er ihn durchflogen, wandte er
sich zu seinen Gästen: »Schade, unser Gouverneur Dr. Solf bittet, ihn
für heute abend als entschuldigt gelten zu lassen und außerdem will er
uns noch einen unserer Gäste entführen. Schade, es hätte so nett werden
können«. In diesem Augenblick betraten die Marineoffiziere, lebhaft
begrüßt, das Haus. Während die übrigen Herren abschnallten, nahm der
Hausherr den Kapitänleutnant Schröder beiseite und verständigte ihn von
dem Wunsche des Gouverneurs.

Bei einer vorzüglichen Bowle entwickelte sich schnell eine rege
Unterhaltung, die sich bald auch dem Ereignis des Tages, dem
Reichstagsbeschlusse über die Auslandsflotte, zuwandte.

»Nun, allzu tragisch dürfen wir's nun doch wohl nicht nehmen. Was
bekommen wir in Apia von der Auslandsflotte überhaupt zu sehen? Ja
früher, da lagen hier oft unsere großen Kreuzerfregatten, aber seit
1889, seit dem Unglück, schickt man uns doch nur kleine Kähne. Das sind
Sie, sagte einer der Pflanzer zu den Offizieren, mit Ihrer >Möwe<, die
sieht ja recht nett aus, aber glauben Sie, daß sie unseren englischen
und amerikanischen Freunden imponiert? Eine >Antiquität aus Williams
Museum< nennen sie den Kahn. Nun, die >Möwe< geht ja jetzt auch ins alte
Eisen in der Tsingtauer Rumpelkammer. Höchstens kommt sonst mal der
>Falke< seligen Andenkens oder der >Cormoran< auf eine Stippvisite. Von
Ihren Auslandsschiffen merken wir hier verdammt wenig; wenn Sie Ihre
Schiffe nicht ins Ausland schicken, dann können wir uns die Kosten auch
sparen. Überhaupt sieht's friedlich genug aus in der Politik. Wer will
denn auch heute einen Krieg anfangen? Jeder scheut doch die
Verantwortung.«

»Friedlich«, meinte der Herausgeber der »Samoanischen Zeitung«, »sieht
es nun gerade nicht aus. Wenn ich den Zusammenhang auch nicht ganz
verstehe, so muß doch irgend etwas in der Luft liegen, was sich über das
Niveau des diplomatischen Kleinkrieges, den wir seit Monaten verfolgen
können, hinaushebt. Nach einer Depesche, die ich heute aus New York
bekam, die allerdings unterwegs stark ramponiert sein muß, hat England
sein Mittelmeergeschwader mobil gemacht. -- Außerdem wird von
verdächtigen Schiffsbewegungen im Kanal berichtet. Doch ist der Zweck
dieser Maßnahmen so unklar, daß es ebenso gut eine amerikanische Ente
sein kann. Sie wissen ja wie das amerikanische Kabel arbeitet. Die
reinen Rösselsprünge depeschieren sie uns, wenn es ihnen paßt«.

»Ach was, das englische Säbelrasseln kennen wir; warten wir ab und
trinken wir Tee oder besser diese geradezu erhaben komponierte Bowle.
Laßt uns lieber ein lustiges Lied singen«.

Wie immer, wenn Deutsche beisammen sind, war's kein lustiges, sondern
ein wehmütiges Lied --

   Hier in weiter, weiter Ferne
   Wie's mich nach der Heimat zieht!
   Lustig singen die Gesellen,
   Doch es ist ein falsches Lied,
   Doch es ist ein falsches Lied ....

klangs voll und kräftig aus zwanzig Männerkehlen in die tropische
Sommernacht hinaus. Mit ernstem Gesicht hörte der Kapitänleutnant
Schröder, der, vom Gouverneur zurückgekehrt, unbemerkt das Zimmer wieder
betreten hatte, dem Gesange zu ....

   Andere Mädchen, andere Städtchen
   O wie gerne kehrt' ich um .....

hallte es noch nach. Er trat jetzt an den Tisch: »Meine Herren
Kameraden, Sie haben eben mit Nachdruck versichert, daß Sie gerne
umkehrten; ich muß Sie nun leider auch tatsächlich bitten, mit mir
umzukehren und mit mir an Bord zu gehen. Und Sie, verehrter Herr
Gastgeber, bitte ich, zu entschuldigen, daß ich gewissermaßen als
steinerner Gast, als Störer der Freude erscheine. Aber die Pflicht ruft.
Im übrigen brauchen wir uns heute noch nicht zu verabschieden, denn die
»Möwe« bleibt noch einige Tage im Hafen liegen«.

Ein rasches Abschiednehmen, dann ruderte die Gig wieder in die
Finsternis hinaus, auf die Laterne zu, die wie ein einsamer Stern am
Vortopp des weißen Kreuzers draußen auf der Reede über der weiten
Meeresfläche schwebte.

Leise rauschend legte das Boot am Fallreep an, die beiden Fallreepsgäste
erschienen mit ihren Laternen, die Deckswache salutierte. Als man außer
dem Hörkreis der Mannschaften war, ersuchte der Kommandant die
Offiziere, ihm in seine Kajüte zu folgen.

Die Ordonnanz, die Licht gemacht, verschwand lautlos. Erwartungsvoll
blickten die Herren ihren Vorgesetzten an. Nach einer kurzen Pause sagte
er mit leicht stockender Stimme: »Meine Herren, ich will Ihre Zeit nur
auf ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Der kaiserliche Gouverneur,
Herr Dr. Solf, hat mir aus einer amtlichen Meldung mitgeteilt, daß die
politische Lage die Möglichkeit eines Kriegs zwischen England und
Deutschland nicht ausgeschlossen erscheinen läßt. Es wird von
deutschfeindlichen Kundgebungen in England berichtet«. Mit leiser,
erregter Stimme fortfahrend, setzte er hinzu: »Unsere Kameraden von S.
M. S. »Sperber« sind in Durban vom englischen Pöbel insultiert worden.
Die Lage ist ernst. Einstweilen ist angeordnet worden, daß S. M. S.
»Möwe« vor Apia bleibt. Im Falle eines Krieges hat die »Möwe« bis auf
weiteres den Schutz der Kolonie zu übernehmen. Durch treue
Pflichterfüllung werden wir das Vertrauen Seiner Majestät, unseres
obersten Kriegsherrn, ehren. Meine Herren Kameraden, diese Mitteilungen
sind nur für Sie bestimmt; sie sind Dienstgeheimnis. Und nun, meine
Herren, lassen Sie uns ruhen.« Mit festem Händedruck verabschiedete sich
der Kommandant von seinen Offizieren.

Keiner fand Schlaf diese Nacht. Krieg? S. M. Kriegsschiff »Möwe«,
Kriegsschiff? Vermessungsschiff sagte die Schiffsliste. Außerdem zum
Tsingtauer Hulk kondemniert! Einerlei: Kriegsschiff. Langsam, mit
hallenden Schritten ging der Posten auf Deck auf und ab, auf ... und ...
ab, auf ... und ... ab. Tapp-tapp ... Kriegsschiff, Kriegs ... schiff.
Antiquität hatte der Engländer gesagt. Ach was, ein deutsches Lied
singen »Wie's mich nach der Heimat zieht« ... Heimat ... ja Heimat ...
aber erst der Krieg ... Kriegsschiff ... Kriegs ... schiff ... Einerlei,
hier stand man auf Posten, der Schutz Samoas, und man würde ja auch
nicht allein gelassen werden. »Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr«,
hatte das nicht der Alte damals gesagt? Nein, nicht Dienst: _Pflicht_.

Leise plätschernd schlugen die Wellen gegen den schlanken Leib der
»Möwe«. Hin und wieder schnellte ein Fisch empor und fiel klatschend
wieder aufs Wasser zurück. Knarrend drehte sich nur manchmal eine Stenge
oder ein Tau im leichten Nachtwinde. Sonst Totenstille. Auch im
Gouvernementsgebäude am Strande erlosch in dieser Nacht das Licht nicht.

                   *       *       *       *       *

Die nächsten Tage verliefen völlig ruhig. Die Mannschaft der »Möwe«
erhielt keinen Landurlaub mehr. Nur die Dampfpinasse fuhr mehrmals am
Tage zwischen dem Gouvernementsgebäude und dem Kriegsschiff hin und her.
Dr. Solf teilte dem Kommandanten am 10. März ein amtliches
Chiffretelegramm mit, das letzte, welches er aus der Heimat erhielt. Es
lautete -- vorsichtig abgefaßt, im Hinblick auf eine mögliche
Entzifferung von unberufener Seite -- »Handelt im Einvernehmen mit
>Möwe<. Gefahr drohend von Washington und London. >Thetis< und
>Cormoran< unterwegs.« So konnte man binnen einiger Tage auf das
Eintreffen der beiden Schiffe, des ersten von Batavia, des zweiten von
Jaluit aus hoffen. Bereits machte sich die Bedeutung des
englisch-amerikanischen Kabelmonopols geltend. Obige Depesche war wie
erwähnt das letzte Chifferntelegramm, das überhaupt auf dem
amerikanischen Kabel über Pago-Pago weitergegeben wurde. Es war
vorsichtigerweise schon an eine Mittelsperson gerichtet.

Mindestens so gut wie auf deutscher Seite, waren die englischen und
amerikanischen Einwohner Apias über die politischen Vorgänge in Europa
unterrichtet. Die Konsuln beider Länder standen in steter
telegraphischer Verbindung mit ihren Regierungen. Den Depeschenverkehr
schon jetzt einer Zensur zu unterwerfen, lag für die deutsche Behörde
einstweilen kein völkerrechtlicher Grund vor. Daß man genügend
informiert war, zeigte sich in dem sehr zurückhaltenden Benehmen der
Engländer und Amerikaner gegenüber den Deutschen. Man ging sich
gegenseitig aus dem Wege. Im übrigen zeigte Apia sein alltägliches
Aussehen, und nichts ließ äußerlich darauf schließen, daß die Luft mit
elektrischem Fluidum gesättigt war.

Die »Möwe« blieb ruhig vor dem Hafen liegen. Der kleine, wackelige
englische Postdampfer »Kawau«, der den Verkehr Samoas mit der Außenwelt
vermittelt, fuhr noch am 12. März mit zahlreichen amerikanischen
Passagieren nach Pago-Pago auf Tutuila ab.

Unter der Hand verständigte ein schnell gebildetes Komitee der deutschen
Bewohner Apias den Gouverneur, daß »im Ernstfall« die Kolonie, meistens
gediente Leute, sofort aus sich selber heraus eine Schutztruppe bilden
würde, und Herr Dr. Solf nahm, da die samoanische Polizeitruppe von 30
Mann doch nur ein fragwürdiges Kriegsinstrument war, das Anerbieten an
-- auf alle Fälle. Er unterrichtete auch das Komitee davon, daß die in
einem Schuppen hinter dem Gouvernementsgebäude liegenden Armeegewehre
»im Ernstfall« zur Verfügung ständen. So war man, wenn auch nicht
gerüstet, so doch vorbereitet.

                   *       *       *       *       *

Am Nachmittag des 13. März erschien am westlichen Horizont eine
Rauchwolke, und kurz vor 5 Uhr warf ungefähr 200 m seewärts von der
»Möwe« der englische Kreuzer »Tauranga«, von Sidney kommend, Anker, ein
alter Bekannter auf der Reede von Apia. Nach Erledigung der
vorschriftsmäßigen Salutschüsse ließ sich der britische Kommandant an
Land setzen, um dem Gouverneur einen Besuch zu machen. Dr. Solf ersuchte
unter Hinweis, daß von seiten der »Möwe« dasselbe geschehe, den
Engländer, bei den gegenwärtigen Mißhelligkeiten, deren Einfluß sich
schon bis Apia geltend machte, seiner Mannschaft einstweilen keinen
Landurlaub zu geben, was Kapitän Hopkins auch bereitwillig zusagte.
Hierauf verweilte er eine halbe Stunde -- ein längerer Besuch wäre
aufgefallen -- im englischen Konsulat und fuhr dann an Bord der »Möwe«.
Ein etwas wärmerer Ton kam in die anfangs streng förmliche Unterhaltung,
als beide Schiffskommandanten sich als Kameraden vom Seymourzuge auf
Peking erkannten. Noch an demselben Abend erwiderte Kapitänleutnant
Schröder den Besuch auf der »Tauranga«.

Am Abend desselben Tages wurde dem Gouverneur gemeldet, daß ein
amerikanischer Missionar von Eingeborenen windelweich durchgeprügelt
worden sei, weil er durch reichliche Schnapsspenden und durch klingende
Dollars versucht hatte, einige ehemalige Anhänger Malietoas gegen die
Deutschen aufzuwiegeln. Der treffliche Seelenhirte -- man sagte ihm
nach, er habe vor seiner »Erweckung« einen längeren Urlaub nach
Sing-Sing (dem bekannten amerikanischen Gefängnis) gehabt -- war bei
seinem sauberen Handel von zwei Soldaten der eingeborenen Polizeitruppe
überrascht worden, die alsbald die Rolle des Richters Lynch übernahmen
und den Reverend weidlich verdraschen. Der amerikanische Konsul sandte
alsbald ein amtliches Schreiben: »Hoffentlich (^I hope sincerely^)
genössen doch amerikanische Untertanen auch unter den gegenwärtigen
Umständen den Schutz der deutschen Regierung«.

Die Sache war fatal wegen der Beteiligung der beiden Polizeisoldaten.

Dr. Solf teilte dem Konsul mit, beide Übeltäter säßen bereits im Arrest,
er bäte ihn aber, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß sich
amerikanische Untertanen auch jeder politischen Wühlerei enthielten, nur
dann könnte er garantieren usw.

                   *       *       *       *       *

Am 15. März beschwerte sich der englische Konsul, daß betrunkene
Eingeborene -- der Schnaps stammte von dem amerikanischen Seelenhirten
-- nachts in einige englische ^stores^ eingebrochen seien. Hierauf
erließ Dr. Solf eine strenge Verfügung, die jede Verabfolgung von
Spirituosen an Eingeborene oder Chinesen mit strengen Strafen belegte.

Am Nachmittage erschienen auf der Reede der amerikanische Kreuzer
»Wilmington« und der von Sidney kommende englische Kreuzer »Wallaroo«
und ankerten neben der »Tauranga«. Am späten Abend fuhr vom »Wilmington«
ein Boot an Land; ein Offizier begab sich ins amerikanische Konsulat und
kehrte von dort erst spät wieder an Bord zurück. Ein Zollwächter
berichtete, man habe zwei schwere Kisten aus dem Boot ins Konsulat
geschafft; seiner Ansicht nach könnten sie nur Gewehre enthalten.

Um die Sache aufzuklären, ließ sich Dr. Solf auf 9 Uhr am anderen Morgen
beim amerikanischen Konsul anmelden. Er teilte ihm mit, was ihm
gemeldet sei, und machte den Konsul darauf aufmerksam, daß das
Waffeneinfuhrverbot nach wie vor bestehe. Der Konsul Mr(!) Schumacher
wollte nichts von Kistentransporten und gar nichts von Gewehren wissen.

Zwei Stunden darauf wurde einem eingeborenen Arbeiter auf einer
amerikanischen Plantage, ein verdächtiges Paket abgenommen, das drei
amerikanische Marinekarabiner enthielt. Der Bursche konnte entfliehen,
die Waffen wurden ins Gouvernementsgebäude gebracht. Dr. Solf sandte Mr.
Schumacher ein offizielles Schreiben, in dem er seine Warnung
wiederholte.

Am Nachmittage bat Dr. Solf sämtliche Schiffskommandanten und beide
fremden Konsuln zu einer Konferenz zu sich. In kurzen Worten skizzierte
er die politische Lage und bat die Vertreter der fremden Mächte, alles
zu tun oder zu unterlassen, was zu einer Störung des Friedens führen
könnte.

Es herrschte eine schwüle Atmosphäre in dem engen Raum. Die Besprechung
hatte etwas Gezwungenes, und das gegenseitige Vertrauen fehlte.
Plötzlich fiel ein Schuß draußen, wildes Geschrei folgte.

Der Kommandant des »Wilmington« eilte in nervöser Hast ans Fenster.

Draußen wurde ein Chinese mit Kolbenstößen von eingeborenen
Polizeisoldaten in den kleinen Vorhof geführt, welcher zum Gouvernement
gehört. Eine Ordonnanz trat ein und meldete, der Chinese habe nach
kurzem Wortwechsel einen Polizeisoldaten auf offener Straße erschossen.

Erschossen??!

Hier ist das Gewehr; die Ordonnanz überreichte es.

Ein Zucken ging über Dr. Solfs bartloses Gesicht. Er stieß den Kolben
des Gewehres mit kraftvoller Hand schmetternd auf den Fußboden, trat,
die Faust an dem Gewehrlauf, an den Beratungstisch, und den
durchdringenden Blick auf Mr. Schumacher geheftet, sagte er: »Es ist
heute das zweite Mal, daß mir amerikanische Marinegewehre ins Haus
getragen werden. In einer halben Stunde werden zwei Doppelposten vor dem
Konsulatsgebäude der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika
stehen, damit keine Gegenstände aus dem Gebäude mehr -- gestohlen werden
können.« Die Amerikaner grüßten eisig und empfahlen sich. Die Engländer
folgten ihnen. Zu kurzer Beratung blieben Kptlt. Schröder und Dr. Solf
noch zusammen, dann kehrte auch dieser an Bord zurück.

Eine halbe Stunde später setzte die »Möwe« 30 Marinesoldaten an Land,
die ein Alarmquartier in der Nähe des Gouvernementsgebäudes bezogen und
alsbald den Sicherheitsdienst in den Straßen Apias übernahmen. Die
Tätigkeit der eingeborenen Polizeitruppe blieb auf das samoanische
Viertel beschränkt. Zugleich erließ Dr. Solf eine Verfügung, daß niemand
nach Sonnenuntergang ohne Erlaubnisschein die Straße betreten dürfe, was
sofort auch den fremden Konsuln amtlich mitgeteilt wurde.

                   *       *       *       *       *

Glühend rot versank der Sonnenball im Meere. Auf der stillen Flut
wiegten sich leise die schlanken weißen Leiber der vier Schiffe. Scharf
und deutlich drangen die schnarrenden Trommelwirbel und die
langgezogenen Horntöne des Zapfenstreichs zum Lande hinüber. Langsam und
ruckweise kletterte die weiße Toplaterne wie ein blasser Stern am
Fockmast der »Möwe« empor. Wie ein Spielschiff nahm sie sich mit ihrer
hohen Takelage gegenüber den ernsten, ausgesprochen kriegerisch
aussehenden fremden Kreuzern aus. Nur zwei Batterienpforten unterbrachen
die Reeling der »Möwe«, nur zwei größere Geschütze gegenüber zwei
Dutzend englischen und amerikanischen, im Ernstfall ein von vornherein
verlorenes Spiel. Hinter der »Möwe« der groteske Bau des »Wilmington«,
ein schwimmendes Plätteisen mit einem Fabrikschornstein drauf, ungefähr
als wäre in diesem Fahrzeug mit dem überlangen Schlot wieder eines jener
frühesten unbeholfenen, unproportionierten Dampfboote lebendig geworden,
wie sie noch hie und da in stillen Hafenwinkeln rosten.

Schnell brach die tropische Nacht herein. Unter ihrem Schutze näherten
sich zwei amerikanische Schiffsboote dem Strande; beide Kommandanten
begaben sich ins amerikanische Konsulat. Nur eine Bootswache blieb am
Strande zurück.

Um 2 Uhr nachts wurden mehrere total betrunkene Seehelden vom
Sternenbanner von deutschen Marinesoldaten im Arrestlokal eingeliefert.
Während die Patrouillen mit der Bändigung dieser Gesellen -- es waren
zwei Neger darunter -- beschäftigt waren, spielten sich im eigentlichen
Apia wüste Szenen ab. Eine Schar wiskybegeisterter amerikanischer
Matrosen war in mehrere Eingeborenenhütten eingebrochen. Aus einer
Prügelei war ein regelrechter Kampf geworden. Schüsse fielen von beiden
Seiten. Die Samoaner, denen vor Jahren alle Waffen von den deutschen
Behörden abgenommen, d. h. abgekauft worden waren, hatten
unerklärlicherweise plötzlich amerikanische Karabiner; sie stammten, wie
sich später herausstellte, aus dem Waffenlager im Konsulat. Zwei
amerikanische Matrosen wurden getötet, vier verwundet, acht sinnlos
betrunkene Leute waren im Arrest. Von den Samoanern waren acht tot,
vierzehn verwundet.

Noch vor Tagesanbruch fand ein lebhafter amtlicher Verkehr zwischen dem
Gouverneur und den Konsulaten statt. Es war eine böse Nacht.

                   *       *       *       *       *

Am 17. März, morgens 7 Uhr, erhielt Dr. Solf vom amerikanischen und
gleich darauf vom englischen Konsul ein Schreiben des Inhalts: Da
bewaffnete Eingeborene amerikanische Seesoldaten überfallen hätten,
müßten sie als Schiffskommandanten ihrer Regierung ersuchen, eine
Abteilung Mannschaften zum Schutze der Konsulate zu landen.

Dr. Solf antwortete: Die Konsulate ständen unter dem Schutze der
deutschen Regierung; er erstrecke sich allerdings nicht auf Leute, die
die Hütten friedlicher Eingeborener überfielen, wie das geschehen sei.
Eine Landung fremder Marinemannschaften könne er nicht erlauben. Er
wolle über den Fall telegraphisch Instruktionen seiner Regierung
einholen. Bis dahin müßte es bei diesem Bescheide bleiben. Die Benützung
des Kabels sei vor der Hand nur für gewöhnliche, nicht chiffrierte
Depeschen zulässig. Die verhafteten Amerikaner müßten bis auf weiteres
im Arrest verbleiben.

Antwort beider Konsuln: Wenn bis um 9 Uhr keine zustimmende Antwort des
Gouverneurs vorliege, würde die Landung zweier Abteilungen ohne
Erlaubnis stattfinden.

Antwort Dr. Solfs: Einer bewaffneten Landung würde er mit Waffengewalt
entgegentreten. Der Kommandant S. M. S. »Möwe« werde instruiert werden,
jedes Boot mit bewaffneter Macht unter Feuer zu nehmen.

Die Uhr schlug die 8. Stunde; alle Arbeit ruhte in Apia. Überall wurden
die Ereignisse der Nacht besprochen. Auf den Straßen standen lebhaft
sich unterhaltende Gruppen; die englischen und amerikanischen Ansiedler
hatten sich in der Nähe ihrer Konsulate versammelt. Die Hügel hinter
Apia waren dicht besetzt von Eingeborenen; das reine Amphitheater
»^Caesar, morituri te salutant^« .... 5 Minuten nach 8 Uhr glitt das von
8 eingeborenen Polizeisoldaten geruderte Gouvernementsboot rasch aus dem
Hafen hinaus. Dr. Solf begab sich an Bord der »Möwe«. Eine Viertelstunde
später verabschiedete er sich am Fallreep von Kapitänleutnant Schröder
mit einem langen Händedruck. Auf der Rückfahrt begegnete Dr. Solf dem
Boote des amerikanischen Konsuls, das wenige Minuten später beim
»Wilmington« anlegte und kurz darauf zurückkehrte. Am Lande hieß es Mr.
Schumacher habe dem Kommandanten des »Wilmington« eine wichtige Meldung
überbracht.

½9 Uhr. Tausend Augen blickten hinaus aufs Meer voll banger Sorge. Man
war auf sich selber angewiesen, ganz allein auf sich. Das Kabel hatte,
nachdem der amerikanische Konsul noch eine Depesche erhalten, versagt,
von der übrigen Welt war man abgeschnitten. Draußen lagen die drei
weißen Schiffe mit ihren blanken drohenden Geschützen, der Feind,
daneben dem Lande zu die kleine »Möwe«. Und die Minuten rannen. Stolz
flattert des Reiches Flagge über dem Gouvernementsgebäude in der
frischen Brise. Dicke Ballen Rauch warfen die Schlote der Kriegsschiffe
aus; er sank nieder auf die Wasserfläche, auf ihr sich zerteilend zu
einem feinen braunen Schleier. Ab und zu drang ein Signal herüber.
Klick, klick, klack, klick, klick, klack tönte es scharf und regelmäßig
-- die Anker gingen auf, gleichzeitig erschien eine sprudelnde Welle am
Heck .... man ließ die Schraube angehen. Und die Minuten rannen. Die
_kleine_ »Möwe«, die arme »Möwe«. Ihr Schicksal war besiegelt. Was
nützte es, daß man die Faust ballte, daß man die Zähne zusammenbiß. Die
_arme_ »Möwe« und unsere braven, blauen Jungen. Totenstill lag Apia da.
Alle blickten sie hinaus mit brennenden Augen, alle Deutschen auf des
Reiches äußersten verlorenen Posten, alle, alle.

Gewehr bei Fuß stand das gelandete Marinekommando im Vorhof des
Gouvernementsgebäudes. »Kerls das ist gräßlich. Wer doch wenigstens an
Bord sein könnte, um den verfluchten Hunden eins aufs Fell zu brennen«,
knirschte der führende Leutnant zwischen den Zähnen hervor. Die Sekunden
wuchsen, aber sie schwanden Tropfen um Tropfen. Am Gouvernementsgebäude
sammelten sich die Deutschen. Mit kurzem Händedruck begrüßte man sich,
man sprach nur flüsternd, die Sekunden rannen. Da tönte plötzlich der
heulende Schrei einer Dampfpfeife zum Lande herüber, an dem langen
Schlot des »Wilmington« erschien eine weiße Dampfwolke. Am Bug des
Schiffes wallte das Wasser auf. Langsam glitt der »Wilmington« zwischen
den beiden Engländern hindurch und verließ nun unter Volldampf die
Reede, weit draußen auf der offnen See einen flachen Bogen nach Osten
beschreibend und dann die Richtung nach Pago Pago nehmend. Der
amerikanische Konsul hatte dem Kommandanten des »Wilmington« das
Telegramm seiner Regierung noch rechtzeitig übermitteln können, welches
die Anweisung enthielt, auf _jeden Fall_ einen Konflikt zu vermeiden,
bei Ausbruch von Feindseligkeiten Apia zu verlassen und alles weitere
der Regierung der Vereinigten Staaten zu überlassen. Die beiden
Engländer blieben auf ihren Plätzen.

¾9 Uhr. Trug der Wind nicht den Ton einer Trillerpfeife herüber? Auf dem
Achterdeck der »Möwe« trat die Mannschaft an.

Kapitänleutnant Schröder hielt eine kurze Ansprache: »Kameraden! die
Kommandanten der englischen und amerikanischen Schiffe haben verlangt,
Mannschaften landen zu dürfen zum Schutze ihrer Konsulate. Fremde
Konsulate auf deutschem Boden stehen unter deutschem Schutz und bedürfen
keines anderen. Unser Gouverneur hat das Ansinnen deshalb rundweg
abgelehnt und erklärt den Versuch einer Landung mit Waffengewalt
verhindern zu müssen. Da der »Wilmington« in See geht, scheint der
Amerikaner seine Forderung zurückgezogen zu haben. Die beiden Engländer
werden aber sicherlich Ernst machen. Kameraden! Wir lassen deutschen
Boden nicht vom Feinde betreten, einen Boden, auf dem so viel deutsches
Blut geflossen ist. Kameraden! Wird die Landung versucht, so sprechen
unsere Geschütze. Kerls, ich wollte wir hätten hier ein anderes Schiff
unter den Füßen. Wenn um 9 Uhr der erste Schuß fällt, so wird eine
Viertelstunde später die »Möwe« aller Voraussicht nach nicht mehr
existieren. Kameraden! Zeigen wir der Welt, wie deutsche Seeleute ihre
Flagge zu verteidigen wissen. Noch nie hat ein deutsches Kriegsschiff
die Flagge vor dem Feinde gestrichen, der letzte von uns nehme sie hinab
mit ins dunkle Grab. Und nun Kameraden, fassen wir alles, was uns
bewegt, in dem Rufe zusammen: Unser allergnädigster Kriegsherr, hurra,
hurra, hurra!«

Das brausende Hurra fand am Lande ein tausendfaches Echo; die gepreßte
Brust machte sich Luft in dem alten Kriegsruf.

5 Minuten vor 9 Uhr. Dr. Solf erscheint auf der Veranda des
Gouvernementsgebäudes. Die Matrosenabteilung tritt an. Mit einem Ruck
fliegen die Gewehre empor. Totenstille. Alle Nerven gespannt. Arme
»Möwe«. Einer zeigt nach dem westlichen Horizont, wo ein qualmiger
Rauchstreifen über dem Wasser liegt. Wer spricht da plötzlich von Hilfe
und Rettung? .... Baum, baum .... 9 Uhr.

Am Flaggenstock des englischen Konsulats fliegt eine Signalflagge empor
bis dicht unter die Landesflagge. Die Entscheidung! Alle Augen suchen
Dr. Solf, dessen eiserne Gesichtszüge keine Bewegung verraten. Jetzt
nimmt er den Federhut ab, tritt an die Brüstung der Veranda und
umklammert mit beiden Händen das Geländer, festen Auges aufs Meer
blickend. Vom Bord der »Wallaroo« geht ein Boot zu Wasser, ebenso von
der »Tauranga«.

An allen Geschützen hinter den Panzerschilden und an den
Maschinengewehren sieht man die Bedienung stehen. Jetzt legen sich die
Bootsmannschaften in die Riemen. Ruckweise schießen die Boote vor, jetzt
kommen sie aus dem Schatten der Schiffskörper, eine leichte Kurve, jetzt
sind sie im offenen Wasser. Man glaubt fast den Rudertakt zu hören. Ruck
... Ruck ... Ruck ...

Aller Augen sind auf die »Möwe« gerichtet. An den dunklen Geschützrohren
leuchten die weißen Anzüge der Matrosen. Ein schriller Pfiff, an der
vorderen Revolverkanone erscheint eine blaue Wolke, ein Blitz ... eine
zweite Wolke, ein zweiter Blitz ... Platschend schlagen die Geschosse
vor beiden Booten ins Wasser. Es ist, als ob sie zaudern. Nein, sie
rudern weiter. Pratsch gehen die Ruder ins Wasser, pratsch ... pratsch
...

Wer hat angefangen? ... irgendwer. Das alte Sturmlied vom »Iltis«.

   Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot
   von unseres Schiffes Mast.

Alle Häupter entblößen sich am offenen Grabe unserer blauen Jungen.
Manch eine Träne rollt über wettergebräunte Wangen. Ein letzter Gruß von
deutschem Mund ward ihnen das Flaggenlied.

... Am Heck der »Möwe« schäumt's auf. Dicht entquellen dem Schlote die
Rauchwolken. Bis 20 sollten die Kanoniere zählen nach dem ersten
scharfen Warnungsschuß ... zwanzig. Eine blaue Wolke hüllt die
Revolverkanonen ein. Splitter und Holzscheite stieben empor an beiden
Booten. Hoch spritzt das Meerwasser auf in Dutzenden von Fontänen.
Einige Planken treiben auf dem Wasser, hie und da taucht ein Kopf, ein
Arm auf. Das war alles, was man sah. Denn in dem Moment, da die
Revolverkanonen der »Möwe« zu spielen beginnen, rast und tobt es draußen
los, als ob die Hölle sich öffnete. In einem ungeheueren, grauweißen
Rauchschleier[2] verschwinden alle drei Schiffe. Rote und gelbe Blitze
flammen auf. Dumpf hallende Schläge, heulendes Pfeifen, helles
Zusammenkrachen von Eisenteilen, rollendes Kettenfeuer, donnernde
Explosionen, die die Luft zerreißen und darüber das harte metallische
Knattern der Maschinengewehre. Vereinzelte Geschosse schlagen am Lande
ein, hier knickt ein Palmbaum, glatt abgeschnitten, in der Mitte
zusammen, dort wirft eine berstende Granate gewaltige Erdmassen auf, ein
Haus brennt. Im Hafen steigen an hundert Stellen zugleich springende
Wassersäulen auf.

Nach 10 Minuten wird es stiller, hie und da noch ein Schuß, Hornsignale,
heulende Sirenentöne, dann Hurragebrüll, das gemarterte Trommelfell
vermag die plötzliche Stille kaum zu empfinden, und der Höllenlärm
klingt noch stundenlang im Ohre nach. Die dichte Rauchwand sinkt in sich
zusammen, die leichte Brise reißt große Stücken von ihr los.

[Fußnote 2: Die alte rauchstarke Geschützmunition wird in den meisten
Marinen beim Salutschießen und von den Schiffen auf den Außenstationen
aufgebraucht. Das war vor Apia auf beiden Seiten der Fall.]

Mastspitzen werden sichtbar, qualmende Schlote. Endlich zerteilt ein
Windstoß den Rauch, der wie eine Nebelwolke fortgeschoben wird. Die
Sonne bescheint eine Stätte wüster Vernichtung.

Die »Möwe« ist verschwunden. Nur die Masten ragen noch aus dem Wasser,
am Großtopp weht noch weiß und stolz die Flagge des Reiches. Die brave
Besatzung hatte, so weit sie nicht getötet war, in treuer
Pflichterfüllung ein Grab in den Wellen gefunden. Nur einzelne hatten
sich in die Toppen gerettet.

Ein Boot von der »Tauranga« ruderte auf das Wrack der »Möwe« zu, um die
Überlebenden an Bord zu bringen.

Die »Tauranga« schien ziemlich unversehrt zu sein, nur ein 10 cm
Geschütz war aus der Lafette geworfen und lag schief über der Reeling.
Der Panzerschild war wie ein Blechkasten seitlich zusammengedrückt.
Schwer beschädigt schien dagegen die »Wallaroo« zu sein. Sie lag quer zu
dem Wrack der »Möwe«, die ungefähr 30 m seewärts von dem Riff, das die
Fortsetzung der Landspitze von Mulinuu bildet, gesunken war. Die
»Wallaroo« lag offenbar bis zur Mitte des Schiffes _auf_ dem Riff -- wie
er dahin geraten, war ein Rätsel -- mußte auch schwer leck sein, denn
die Lenzpumpen warfen an beiden Bordseiten mächtige Wasserstrahlen aus.
Die Vernichtung der »Möwe« war vom Feinde teuer erkauft worden.

Während vor dem Gouvernementsgebäude das vor zwei Tagen gebildete ca.
160 Mann starke Freiwilligenkorps unter Gewehr antrat, stieß gegen ½11
Uhr von der »Tauranga« ein Boot unter der Parlamentärsflagge ab. Der
erste Offizier des Schiffes überbrachte die Forderung, der Gouverneur
sollte die deutsche Flagge niederholen und Apia den fremden
Schiffskommandanten übergeben.

Dr. Solf antwortete kühl: Wer die deutsche Flagge haben wolle, möge sie
sich nur holen.

Punkt 11 Uhr eröffnete die »Tauranga« ein zwar heftiges, in seinen
Wirkungen aber ziemlich harmloses Bombardement auf Apia. Der Erfolg war
gleich Null; mehrere Samoaner wurden getötet und verwundet, ein paar
Gebäude verwüstet; das war alles.

Um 12 Uhr nahm die Dampfpinasse der »Tauranga« drei stark besetzte Boote
in Schlepp und näherte sich unter dem Feuer der Schiffsgeschütze dem
Lande. Als man Gefahr lief, die eigenen Leute zu treffen, verstummte das
Bombardement, und nun begann das Kleingewehrfeuer, unterstützt von dem
Bootsgeschütz in der englischen Pinasse. Wacker griff das deutsche
Freikorps in den Kampf ein, und die 30 Marinesoldaten, in guter Deckung
liegend, machten dem Feinde arg zu schaffen. Schon hatten die
Bootsmannschaften mehrere Tote verloren, aber trotzdem mußte der Feind
in ein paar Minuten den Strand erreichen; einige Seesoldaten sprangen
bereits über Bord und wateten, bis an den Hals im Wasser stehend, ans
Land. Die letzte Entscheidung nahte ....

Da stieß plötzlich die Dampfsirene der »Tauranga« heulende Warnungsrufe
aus, die Vorwärtsbewegung der Landungstruppen stockte, und zu gleicher
Zeit scholl von der See her ein dumpfer Knall, und zwei Sekunden später
platzte auf dem Achterdeck der »Tauranga« eine Granate.

Es war dies einer jener Momente, die später allen Beteiligten bei
ruhigem Nachdenken einfach unbegreiflich erscheinen. Das Interesse des
Feindes war so sehr auf die Vorgänge am Lande konzentriert gewesen, und
andererseits hatte man dort nur Augen für die angreifenden Boote, mußte
sich auch vor den einschlagenden Granaten in Deckung halten, so daß fast
niemand das Näherkommen zweier Schiffe von der See her bemerkt hatte.

Wie plötzlich aus dem Meer emporgetaucht lagen die vor einer Woche schon
angekündigten deutschen Kreuzer »Thetis« und »Cormoran«, zwei Seemeilen
vom Feinde entfernt und eröffneten ein energisches und gut geleitetes
Feuer. Nur Dr. Solf hatte das Erscheinen der Retter in der Not seit zwei
Stunden beobachtet, und nur in seiner Umgebung war man unterrichtet.
Freudig atmete man auf, als man mit scharfen Gläsern ½12 Uhr die
deutsche Kriegsflagge am Heck beider Schiffe erkannt hatte. Und doch
hing die schließliche Entscheidung an einigen Minuten.

Der Feind war in übler Lage. Die Hälfte der intakten Mannschaften befand
sich in den Booten, andere waren mit Reparaturarbeiten -- auf der
»Wallaroo« schon mehr Rettungsarbeiten -- beschäftigt, so konnten die
Geschütze einstweilen nur ungenügend bemannt werden. Die Boote wurden
schleunigst zurückgerufen. Nichtsdestoweniger nahm der Feind mit
anerkennenswerter Fixigkeit das neue Gefecht auf. Schlimm stand es nur
um die »Wallaroo«, die wie ein gestrandeter Pottwal auf dem Korallenriff
hing.

Ungefähr stand die Partie gleich. »Tauranga« und »Thetis« waren
gleichwertig und der kleinere »Cormoran« konnte es mit der havarierten
»Wallaroo« aufnehmen. Nun kam der starke Mannschaftsverlust auf seiten
des Feindes hinzu.

Ein glücklicher Schuß traf die zurückkehrende Dampfpinasse, durchschlug
den Kessel, der explodierte, und in einer halben Minute war das Fahrzeug
von den Wogen verschlungen; auch ein anderes Boot ward von einer Granate
getroffen. Das voreilige Landungsmanöver kostete dem Feinde in 5 Minuten
über 60 Mann, da die rasch näher kommenden Deutschen das Feuer der
leichten Geschütze auf die Boote konzentrierten. Die Einzelheiten des
Gefechtes ließen sich infolge des Pulverdampfes, -- »Thetis« und
»Cormoran« waren mit ihrer rauchschwachen Munition sehr im Vorteil --
den die englischen Geschütze entwickelten, nicht genau verfolgen.

»Wallaroo« litt furchtbar. Die Geschosse vom »Cormoran« fegten das Deck,
die ohnehin spärliche Bedienungsmannschaft der Geschütze wurde
niedergemäht. Deckaufbauten und Schornstein wurden heruntergeschossen.
Doch die Engländer zeigten, daß man unter dem Union Jack noch zu sterben
wisse. Gegen ½2 Uhr ward es still auf der »Wallaroo«, die wie ein totes
Werk, eine qualmende Ruine auf dem Riff lag. Der Wind drückte den
Pulverdampf nieder, rastlos klapperten die Maschinengeschütze, in kaum
sekundenlangen Pausen entsandten die 10 cm Geschütze ihre heulenden
Projektile. Aber schon wurden die Zwischenräume zwischen den feindlichen
Schüssen größer. Die »Tauranga« hatte nur noch einen Schornstein; vom
»Cormoran«, der mehrere Volltreffer aufwies, war ein Mast über Bord
gegangen. Scheinwerfer und Peilkompaß glichen einem wüsten Gewirr von
Eisenstäben. Weiter tobte der Kampf. Jetzt verließ die »Tauranga« ihre
Position, sie machte eine brillante Wendung nach Steuerbord und
schrammte in fliegender Fahrt mit dem Heck fast den »Cormoran«. Dieser
Augenblick wurde mit scharfem Blick von einem englischen Kanonier
erfaßt. Ein Geschoß traf die Mündung des Backbordtorpedorohres des
»Cormoran«. Ein weißer Blitz, eine betäubende Detonation -- hoch stob
der Gischt empor, in der Breitseite des »Cormoran« klaffte bis unter die
Wasserlinie ein meterbreiter Riß, durch den gurgelnd und brandend das
Wasser in das Innere stürzte. Außerdem war einer der Backbordkessel
zertrümmert, und weißer Dampf brach aus allen Decksöffnungen.

Das Schiff lag gefährlich nach Backbord über; die Situation war
kritisch. Kurz entschlossen gab daher der Kommandant das Kommando in die
Maschine: »Volldampf voraus«. In voller Fahrt passierte der »Cormoran«
die drohenden Korallenbänke, erreichte die innere Bucht von Apia und
lief sicher gesteuert auf dem weichen Schlickgrund des Hafens auf, just
an derselben Stelle, wo 1889 die »Olga« durch ein ähnliches Manöver
einer anderen Gefahr entging. Sowie der Schiffsboden so einen Stützpunkt
gefunden hatte, pendelte der Kreuzer wieder in die horizontale Lage
zurück und lag jetzt ruhig wie ein Block in der leichten Brandung. Der
Choc warf eine mächtige Welle auf den Strand.

Freilich schied der »Cormoran« so aus dem Gefechte aus, aber Schiff und
Besatzung waren gerettet, und die »Thetis« hatte ja auch nur noch mit
der arg zusammengeschossenen »Tauranga« zu tun, deren Maschinenleistung
durch Versagen eines Kessels und durch Zerstörung eines anderen durch
eine deutsche Granate, die das schwache Panzerdeck durchschlagen hatte,
erheblich reduziert war. In dem Moment der Explosion auf dem »Cormoran«
hatte die »Tauranga« einen kurzen Vorsprung vor der »Thetis« gewonnen.
Diese folgte ihr jetzt und es entspann sich ein laufendes Feuergefecht,
das aber nicht lange dauern konnte, da die »Thetis« noch ziemlich intakt
war.

Die Absicht des englischen Kommandanten war klar; er wollte das
aussichtslose Gefecht mit Ehren zu Ende führen. Er hielt den Kurs eine
Seemeile vom Lande parallel der Küste.

Die »Thetis« folgte unter voller Maschinenkraft und lief der »Tauranga«
schnell auf. Deren zwei Heckgeschützen gegenüber hatte die »Thetis«
sechs 10 cm-Geschütze im Gefecht und dieser Umstand entschied bereits
nach 20 Minuten, zumal die Bedienung der beiden englischen Geschütze
(dreimal abgelöst) unter dem Schloßenhagel der Maschinengeschütze
schnell zusammenschmolz. Kurz nach 2 Uhr schor die »Tauranga« nach
Steuerbord aus und lief auf dem Korallenriff auf. Das Vorschiff bäumte
sich hoch auf, das Heck fast unter Wasser drückend. Der furchtbare
Anprall warf alle zu Boden.

Der Kampf war zu Ende. Die »Thetis« stoppte 100 m von der »Tauranga«,
die den Union Jack herunterholte. Im selben Moment gingen zwei Boote der
»Thetis«, die einzigen noch verwendbaren, zu Wasser, um die Überlebenden
der »Tauranga«, der sämtliche Boote zerschossen waren, herüberzuholen.

Als der englische Kommandant das Fallreep der »Thetis« betrat, schlug
der Tambour den Ehrensalut, die Mannschaft präsentierte. Kapitänleutnant
Hartmann begrüßte den geschlagenen Gegner mit einem Händedruck und wies
dessen Degen mit stummer Gebärde zurück. Als die »Thetis« dann drehte
und den Kurs wieder auf Apia nahm, rutschte das Wrack der »Tauranga« von
dem Riff herunter und versank in den Fluten, ein ungeheurer Sarg für die
an Bord zurückgelassenen Toten.

Brausender Jubel empfing die Sieger am Lande. Ernst und würdig war aber
der Ton der Begrüßung. Dr. Solf ließ sich sofort an Bord der »Thetis«
rudern. In stummer Ergriffenheit schüttelte er Kptlt. Hartmann immer
wieder die Hände. Apia war gerettet, aber unter welchen Opfern! und auf
wie lange! denn das war jetzt der Krieg. In diesem Augenblicke loderten
vielleicht schon überall auf dem ganzen Erdenrund die Flammen empor.

Es ist nur noch wenig über die Ereignisse in Apia nachzutragen: Am
folgenden Tage wurden die Toten, Freund und Feind, soweit sie nicht auf
dem Grunde des Meeres ruhten, nebeneinander bestattet. Aus den Berichten
der 5 Geretteten von der »Möwe« ging hervor, daß das Schiff gleich in
den ersten Minuten von den feindlichen Geschossen furchtbar zerfetzt
worden war. Sonderbarerweise blieb die Maschine intakt. Da faßte der
Kommandant den verzweifelten Entschluß, die »Wallaroo« zu rammen. Als
die »Möwe« ungefähr noch 50 m von der »Wallaroo« entfernt war, ließ der
Engländer die Maschine rückwärts schlagen und rannte so mit voller Kraft
auf das dicht hinter ihm liegende Korallenriff auf. So war die Strandung
zu erklären.

Die »Wallaroo« aus dem die deutschen Seeleute mit eigener Lebensgefahr
mehrere Verwundete geborgen hatten, brannte in der Nacht gänzlich aus,
eine gigantische Todesfackel über dem Grabe der Gefallenen.

In den nächsten Tagen ging es an das Ausflicken der »Thetis«, bei der es
nur einige Schußlöcher im Rumpf und in den Schornsteinen und die Boote
zu reparieren gab. Zwei stark beschädigte Maschinenkanonen wurden an
Land geschafft. So war der Kreuzer schon nach zwei Tagen wieder fertig.
Schlimmer sah es mit dem »Cormoran« aus. Auf die Reparatur des
Dampfkessels mußte verzichtet werden. In die zerschmetterte Bordwand
fügte man einige Stahlplatten vom Wrack der »Wallaroo« ein, die leidlich
passend gemacht wurden und so war der »Cormoran« nach einer Woche
einigermaßen wieder zurechtkalfatert. Schön sah das Pflaster zwar nicht
aus, aber mit Farbe läßt sich dem Auge manches verdecken. Dann wurde der
»Cormoran« geleichtert und von der »Thetis« abgeschleppt. Nirgends
zeigte sich ein Leck. Mit den Kohlenvorräten am Lande füllte man die
Bunker wieder auf, und am 26. März lagen beide Schiffe vollkommen
gefechtsbereit wieder auf der Reede.

Was war inzwischen aber in der Welt vorgegangen!




                       Im deutschen Reichstag.


Der Abgeordnete Stadthagen redete bereits zwei Stunden. Die meisten der
spärlich erschienenen Volksvertreter hatten sich vor der alten
Phrasengießkanne in die Restaurationsräume geflüchtet, denn nach dem
durch jahrelange Gewohnheit geheiligten Brauch benutzte der grauhaarige
Genosse die Beratung des Etatskapitels: Gehalt des Reichskanzlers, um
alles das, was die sozialdemokratische Presse im Laufe des letzten
Halbjahres ihren gläubigen Lesern an wirklichen und erlogenen
Skandalgeschichten aufgetischt hatte, noch einmal wiederzukäuen. Unter
lebhaften Gestikulationen und bei den hinausgeschrieenen Kraftstellen
mit der Stimme umkippend redete der zappelige Volkstribun allbereits
zwei volle Stunden über die tausend Kleinigkeiten, die die kochende
Volksseele angeblich zum Überschäumen gebracht haben sollten. Jede
Backpfeife, die einem renitenten Rekruten auf dem sandigen Kasernenhofe
verabfolgt war, jeder freundschaftliche Rippenstoß ward hier zu einer
»unerhörten Beleidigung des geknechteten rechtlosen Volkes«. Und weiter
plätscherte der Strom der geschwätzigen Rede, wie ein Wasserhahn den man
vergessen hat zuzudrehen, weiter und weiter in ermüdendem Tonfall.

Der Vizepräsident des hohen Hauses starrte wie geistesabwesend vor sich
hin; in dem allgemeinen Stumpfsinn ward es ihm schwer, die
Präsidialgewalt irgendwie imponierend zu markieren.

Bleierne Müdigkeit lag über dem Hause. Selbst aus dem Häuflein der
Roten, die als Ehrengarde für ihren schlimmsten Dauerredner ausharrten,
erklang nur selten ein schläfriges Bravo. Und weiter plätscherte der
Worte Bächlein. Wie ein Schachbrett am Ende der Partie sahen die
Sitzreihen der anderen Parteien aus. Hie und da ein Abgeordneter, der
Briefe schrieb oder Schnörkel und geometrische Figuren aufs Papier malte
um der Müdigkeit Herr zu werden. Ein dicker Domherr gerade vor Herrn
Stadthagen hatte bereits kapituliert, die derbe Faust vor sich auf der
Tischplatte schnarchte er wie ein dicker Kater in heißer Mittagsstunde.
Dicht am Eingang des Saales ein paar plaudernde Gruppen. Die Tribünen
waren fast leer. Und weiter ging der Rede surrender Gleichstrom.

Am Bundesratstische zwei Uniformen. Dem hohen Hause den Rücken kehrend
und sich an die Kante des Tisches lehnend sprach Fürst Bülow leise und
eindringlich mit einem Herrn in Generalsuniform. Der wandte den Kopf,
als Herr Stadthagen die Worte hervorkreischte:

... wenn der Soldat in dieser Weise der Willkür seiner Vorgesetzten
schutzlos preisgegeben ist, wenn die schreiendste Ungerechtigkeit zum
Prinzip erhoben wird, so kann doch von einer Begeisterung für den
Heeresdienst, von der Sie bei festlichen Anlässen immer so viel zu
rühmen wissen, keine Rede mehr sein. Erfüllt mit diesen Gefühlen von Haß
und Erbitterung, angesammelt in zwei Jahren rohester und brutalster
Behandlung, versagt die Armee überhaupt als Waffe. Ein Heer, in dem das
Ehrgefühl systematisch ertötet wird, kann wohl in die Schlacht als
willenlose Masse getrieben aber nicht geführt werden. Wenn heute ein
Krieg ...

In diesem Augenblicke erwachte der dicke Domherr mit den Worten: Sehr
richtig, die von der andern Seite des Hauses mit einem fröhlichen Guten
Morgen beantwortet wurden. In der allgemeinen Heiterkeit, die diesen
Zwischenfall begleitete, bemerkte man nicht, daß ein Saaldiener an den
Fürsten Bülow herantrat und ihm etwas zuflüsterte, worauf dieser sich
hastig von dem General verabschiedete. Und Herr Stadthagen redete
weiter.

Die Uhr ging stark auf drei. Graf Ballestrem übernahm wieder das
Präsidium und sein Stellvertreter verließ die Tribüne, um von seinem
ermüdenden Dienst Erholung zu suchen in der Restauration.

In der Tür prallte er heftig mit dem Grafen Reventlow zusammen, der den
Saal betrat, ein Blatt Papier in der hocherhobenen Rechten schwenkend.
Ihm folgten einige Dutzende von Abgeordneten, die laut und erregt
miteinander sprachen. Alle Augen wandten sich nach der Eingangstür. Dem
Abgeordneten Stadthagen riß der Faden der Rede ab; Graf Reventlow eilte
auf den Präsidenten zu und überreichte ihm das Blatt. Graf Ballestrem
überflog den Inhalt, während sich die Schar der Volksvertreter um den
Präsidentensitz drängte. Summendes Stimmengewirr erfüllte plötzlich den
Saal. Graf Ballestrem schob seinen Stuhl zurück, sein Auge suchte den
Platz, wo vorher der Reichskanzler gestanden. Er war leer. Dann fuhr er
mit einer hastigen Bewegung nach der Glocke, setzte sie wieder auf den
Tisch, rückte an seiner goldenen Brille und begann:

»Meine Herren! Es wird mir soeben ein Extrablatt überreicht, das vom
>Berliner Tageblatt< ausgegeben worden ist. Ich will es hiermit zur
Kenntnis des hohen Hauses bringen. Es lautet:

   Washington, 18. März. (Privattelegramm.) Wie aus Pago-Pago
   gemeldet wird, sind am 16. März in der Abendstunde einige
   amerikanische Matrosen von samoanischen Eingeborenen in Apia
   überfallen worden. 4 Matrosen wurden getötet und einige schwer
   verwundet. Hierauf kündigten die Konsulen der Vereinigten Staaten
   und Großbritanniens am 18. frühmorgens dem deutschen Gouverneur
   an, es sei unumgänglich notwendig, daß amerikanische und
   englische Marinemannschaften zum Schutze der Konsulate und der
   betreffenden Staatsuntertanen gelandet würden. Obgleich dieses
   Ersuchen in der verbindlichsten Form gestellt war und das Ansehen
   der deutschen Behörden in keiner Weise beeinträchtigte,
   verweigerte der Gouverneur Dr. Solf die Landung solcher
   Schutzwachen und erklärte, daß er einer Landung mit Waffengewalt
   entgegentreten würde. Er verbürge den Schutz aller fremden
   Staatsangehörigen. Im Vertrauen auf diese Zusage verließ dann der
   amerikanische Kreuzer »Wilmington« den Hafen von Apia. Die
   Kommandanten der beiden englischen Kreuzer »Tauranga« und
   »Wallaroo« beharrten jedoch auf ihrer Forderung. Als dann um 9
   Uhr eine englische Matrosenabteilung die Boote bestieg, um an
   Land zu gehen, eröffnete der deutsche Kreuzer »Möwe« ohne
   weiteres das Feuer auf die Boote und die englischen Schiffe auf
   der Reede. Dieses provokatorische Vorgehen des deutschen Kreuzers
   fand damit ein Ende, daß nach einem Gefecht von nur wenigen
   Minuten der Kreuzer »Möwe« zum Sinken gebracht wurde, worauf die
   Schutzwachen gelandet wurden. Die Kabelverbindung nach Pago-Pago
   scheint gestört zu sein. Der amerikanische Kreuzer »Wilmington«,
   der in Pago-Pago auf Tutuila eingetroffen ist, hat den Verlauf
   des Gefechtes von der See aus beobachtet.

Meine Herren! Diese Meldung kommt so überraschend und sie ist so
schwerwiegend, daß ich mich einstweilen lediglich auf diese Mitteilung
beschränke. Ich werde mich sofort mit dem Herrn Reichskanzler in
Verbindung setzen, um zu erfahren, ob diese Nachricht auf Tatsachen
beruht. Ich bitte Sie das Resultat meiner Anfrage beim Herrn
Reichskanzler einstweilen abwarten zu wollen. Ich vertage hiermit die
Sitzung auf eine Stunde.«

Schnell leerte sich der Sitzungssaal. Die Abgeordneten fluteten in die
Restaurationsräume zurück, wo der Inhalt des Extrablattes mit großer
Erregung besprochen wurde. Auf dem so heiß umstrittenen Boden von Samoa
war deutsches Blut geflossen. Die Geschütze waren gewissermaßen von
selber losgegangen und die mit elektrischem Fluidum übersättigte Luft
hatte eine Entladung gefunden. War das der Krieg, oder war es noch
möglich, unter Anspannung aller diplomatischen Künste, die Flut, die den
Deich durchbrochen, in ihre Ufer zurückzudämmen? Und zwar so
zurückzudämmen, daß kein Flecken auf dem nationalen Ehrenschilde
zurückblieb? So, wie diese Depesche gefaßt war, stammte sie aus
amerikanischer Quelle und man wußte aus Erfahrung, wie trübe diese
Quelle in Zeiten nationaler Erregung floß. Vielleicht war, wenn anders
in London der ehrliche Wille vorhanden war, diesen Konflikt als ein
»^untoward event^« zu betrachten und zu behandeln, eine Möglichkeit
gegeben, noch einen ^modus vivendi^ zu finden. Das war der Strohhalm, an
den sich die Erwägungen derer anklammerten, die sich der furchtbaren
Verantwortung bewußt waren, einen Krieg zu entfesseln, der ohne weiteres
die abendländische Welt in Flammen setzen mußte. Vielleicht hatte man in
der Wilhelmstraße schon andere Nachrichten, obwohl die Schwierigkeit auf
der Hand lag, den Schleier zu zerreißen, den das angelsächsische
Kabelmonopol vor den Augen Europas zu weben im stande war.

Im allgemeinen hatte man aber das Gefühl, hier machtlos am Ufer eines
Stromes zu stehen, dessen Wogen von einer höheren Gewalt emporgepeitscht
wurden. Man saß hier mit gebundenen Händen, während die Weltenuhr
draußen mit hartem Pendelschlag die Stunden maß und die Weltgeschichte
ihren Gang ruhig weiterging, ohne daß schwache Menschenhände imstande
waren, in die Speichen des Rades hineinzugreifen.

Einige Abgeordnete trieb es hinaus aus dem engen Raum des Gebäudes.
Draußen auf dem Königsplatz fegte ein mürrischer Märzwind die kahlen
Bäume des Tiergartens und ein unfreundlicher Regentag hatte die Straßen
und Wege verödet. Nur schwach dröhnte das Brausen der Volksmenge und des
Wagenverkehrs vom Brandenburger Tor herüber. Eine dichte Menschenmasse
wogte unter den Linden auf und ab, nichts von der Hastigkeit des
Berliner Lebens sonst. Man sah sich plötzlich einem Ungeheueren,
Unerwarteten gegenüber, man fühlte, daß diese Stunden eine scharfe
Scheide bildeten zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Um ½5 Uhr eröffnete Graf Ballestrem den Reichstag von neuem wieder,
machte aber nur die Mitteilung, der Reichskanzler sehe sich außerstande,
heute bereits weitere Erklärungen abzugeben, sei jedoch bereit, morgen
bei Eröffnung der Sitzung Aufschluß über die politische Lage zu geben.
Hierauf wurde die Sitzung geschlossen.

Die Abendblätter enthielten keine weiteren Nachrichten, überhaupt schien
der gewohnte Strom der Reuterschen Depeschen plötzlich versiegt zu sein.
Die Leitartikel forderten ein festes Auftreten der Regierung gegenüber
diesem englischen Übergriff, forderten strenge Sühne für das vergossene
deutsche Blut, und doch mischte sich ein Ton der Unsicherheit in diese
Betrachtungen, das Gefühl, England gegenüber zur See fast hilflos
dazustehen mit den geringen eigenen maritimen Kräften, und vielleicht
noch ohne Verbündete. Auch die Bündnisfrage wurde mit einer gewissen
Zaghaftigkeit erörtert, es war unmöglich, die Tragweite des Dreibundes
ohne weiteres unter solchen Umständen richtig einzuschätzen, und man
fand nur darin schließlich einen zuversichtlichen Ton wieder, daß man
versicherte, in einem solchen Konflikt sei das deutsche Volk, auch
allein, entschlossen, den letzten Mann an die Verteidigung der
nationalen Ehre zu setzen.

So verging der Abend. Bis tief in die Nacht hinein waren die Straßen von
erregten Menschenmassen belebt. Man konnte sich nicht entschließen, zur
Ruhe zu gehen, in fieberhafter Spannung weiteren Meldungen über die
Ereignisse von Samoa entgegenharrend.

                   *       *       *       *       *

Fürst Bülow schloß: »... und so haben wir denn von unserm diplomatischen
Vertreter in London die Mitteilung erhalten, daß die englische Regierung
zwar bereit sei, ihr Bedauern über den Zwischenfall auszusprechen, daß
sie aber keineswegs in der Lage sei, ihrem Vorgehen irgendwelche Schuld
beizumessen, diese trage vielmehr lediglich der deutsche Gouverneur von
Samoa, der sich geweigert habe, den fremden Staatsangehörigen in
ausreichender Weise seinen Schutz angedeihen zu lassen. Der englische
Standpunkt ist in diesem Fall ein solcher, daß wir ihn unter keinen
Umständen teilen können. Wir haben Herrn Dr. Solf angewiesen, jeden
feindlichen Übergriff mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen, das ist
eine Auffassung, wie sie allein mit unserer nationalen Ehre vereinbar
ist. Wie Sie bereits aus den Morgenblättern erfahren haben werden, sind
die beiden englischen Schiffe später durch unsere Kreuzer »Thetis« und
»Cormoran« nach einem längeren Gefechte vernichtet worden. Die
diplomatischen Verhandlungen gehen weiter und ich kann dem hohen Hause
die Zusicherung geben, daß von meiner Seite alles geschehen wird, was
eine friedliche Beilegung dieses Konfliktes herbeiführen kann, doch wäre
es töricht, zu verschweigen, daß unsere Hoffnungen in dieser Beziehung
sehr gering sind. Nach den Nachrichten, die wir besitzen, scheint es im
Gegenteil fast so, als ob dieser Zwischenfall nur eine Episode ist in
einem Plane, der mit einer freundschaftlichen Politik dem Deutschen
Reiche gegenüber in keiner Weise in Einklang gebracht werden kann.
Sollten unsere Vorstellungen in London keinen Erfolg haben, so sind die
Konsequenzen, die wir daraus zu ziehen haben, selbstverständlich. Ich
bin natürlich außerstande, mich darüber auszusprechen, welche Maßnahmen
in einem solchen Falle von uns zu treffen wären, noch auch darüber,
welche Nachrichten über beunruhigende Maßregeln in England wir bereits
besitzen. Ich bitte deshalb das hohe Haus, sich für heute mit diesen
Mitteilungen zu begnügen und gebe meinerseits die Versicherung, daß ich
bei einer ernsteren Wendung der Dinge keinen Moment zögern werde, dem
hohen Hause entsprechende Mitteilungen zu machen. Sollten wir aber jetzt
vor die große Entscheidung um unsere nationale Zukunft gestellt werden
und sollten wir gezwungen werden, das Schwert zu unserer Verteidigung zu
ziehen, so wird das geschehen unter dem Wahlspruch, den die deutsche
Hansa zu ihrer Devise gemacht: Das Fähnlein ist wohl leicht an die
Stange gebunden, doch es ist schwer, es mit Ehren wieder
herunterzuholen.«

Brausender Beifall folgte diesen Worten des Reichskanzlers, in den
Jubelrufen nationaler Begeisterung schaffte sich die gepreßte Brust
Erleichterung. Als die Hochrufe langsam verhallten, erhob sich Graf
Ballestrem und machte dem Hause die Mitteilung, daß zwei Anträge bei ihm
eingebracht seien. Der Antrag Kardorff, von sämtlichen Parteien, bis auf
die Sozialdemokraten, unterschrieben, forderte das Haus auf, dem Fürsten
Bülow für seine Worte uneingeschränktes Vertrauen auszusprechen und eine
weitere Erörterung einstweilen nicht eintreten zu lassen. Hingegen, fuhr
er fort, verlangt ein _Antrag Bebel_ und Genossen, das hohe Haus möge
die Regierung auffordern, die Erledigung des Zwischenfalles von Samoa
dem _Haager Schiedsgericht_ zu überweisen.

Lebhafte Unruhe und stürmische Protestrufe folgten dieser Ankündigung.
Kaum vernahm man noch, daß der Abgeordnete Bebel zu seinem Antrag das
Wort zu ergreifen wünschte, so stand der ehemalige Drechslermeister
bereits auf der Tribüne, aber es dauerte Minuten, bevor aus der
pantomimischen Vorstellung, die der lebhaft gestikulierende Abgeordnete
dort oben gab, hin und wieder ein Wort vernehmbar wurde. Er zog alle
Register seiner Beredsamkeit. »Wir haben Sie immer gewarnt«, schrie er,
»wir haben vergebens versucht die Verschleuderung des Volksvermögens für
eine maritime Politik zu hintertreiben, die das ganze Ausland gegen
unsere sogenannte Weltpolitik mobil gemacht hat, die uns bei allen
Völkern verdächtigt hat und die dazu geführt hat, daß unsere Politik
überall mit Mißtrauen verfolgt wird. Jetzt sehen Sie, wohin Sie mit
dieser Weltpolitik gekommen sind. Ihr Staatsschiff, Herr Reichskanzler,
hängt jetzt auf der kolonialen Korallenklippe, die Sie sich erst auf
einer Konkursversteigerung mit vielen Millionen teuer genug gekauft
haben. Hinter mir und meinen Genossen stehen drei Millionen deutscher
Staatsbürger, die verlangen, daß dieser Zwischenfall isoliert bleibt,
und daß seine Erledigung dem Haager Schiedsgericht überantwortet wird.
Wir werden kein Mittel scheuen, selbst kein Mittel, welches Sie
mißbilligen werden, um zu verhindern, daß Ihre unsinnige Politik uns in
das furchtbare Unglück eines europäischen Krieges hineinführt. Es ist
Ihre Sache, Herr Reichskanzler, das wieder auszugleichen, was Sie
gesündigt, denn die Achiver, das sind wir, das steuerzahlende Volk, hat
keine Lust, das auszubaden, was die Könige gesündigt. Wir haben keine
Neigung, uns für das Phantom einer angeblichen nationalen Ehre auf dem
Schlachtfelde hinmorden zu lassen. Was drüben in Australien geschehen
ist, geht uns in der Heimat recht wenig an, sehen Sie zu, wie Sie mit
den fremden Kabinetten fertig werden, denn das ist Ihr Geschäft, mit den
fremden Völkern wollen wir, das arbeitende Volk, uns schon vertragen.
Zwischen uns und den Reden und Telegrammen eines Herrn, der die Welt in
stete Unruhe versetzt hat, besteht kein Zusammenhang. Wir mißbilligen
seine Politik .....«

Ein Sturm der Entrüstung durchtoste das Haus, die Abgeordneten der
rechten Seite und auch die Massen der Zentrumsabgeordneten, in denen der
Funke nationaler Begeisterung zu glimmen begann, scharten sich um die
Tribüne und manche derben Flüche und Verwünschungen schollen dem
kreischenden Redner entgegen, dessen weitere Worte in dem allgemeinen
Tumult untergingen. Auch auf den Tribünen machte sich laute Empörung
geltend, und in dem brausenden Lärm verschwand auch der Schall der
Präsidentenglocke, die Graf Ballestrem über dem wogenden Meer erhobener
Arme lautlos schwang.

Langsam verhallte der Lärm, Herr Bebel wollte von neuem zu reden
beginnen, aber der Präsident schnitt ihm den Faden ab mit den Worten:
»Ich entziehe hiermit dem Abgeordneten Bebel das Wort«. Der Antrag
Kardorff wurde mit 310 Stimmen angenommen, für ihres Genossen Antrag
stimmten 48 Unentwegte. Die Sitzung wurde vertagt und schnell verließen
die Abgeordneten das Reichstagsgebäude, das von einer nach Zehntausenden
zählenden Menschenmasse umlagert wurde. Man hielt die einzelnen Herren
auf der Straße an, um von ihnen zu erfahren, was Fürst Bülow gesagt.
Fremde Menschen schüttelten sich die Hände, sprachen auf einander ein
und die gemeinsame Not und Gefahr ließ alle Standesunterschiede
vergessen, man war Mensch zu Mensch. Man sprach laut und erregt, war
empört über das, was in Samoa geschehen, und suchte dadurch, daß man
immer wieder versicherte, für des Volkes Sicherheit keine Opfer scheuen
zu wollen, tapfer der drohenden Gefahr ins Auge zu sehen, die dumpfe
innere Angst zu übertäuben, die Angst vor einer ungekannten, furchtbaren
Gefahr, die jetzt vielleicht schon über des Weltmeeres Wogen gegen die
Heimatküste herankam. Man zog wieder durch die Linden, umjubelte des
Fürsten Bülow Wagen, stand stundenlang, aller Tagesarbeit vergessend,
vor den grauen Mauern des Kaiserschlosses und zog wieder in die
Wilhelmstraße, dort vor des ersten Kanzlers Heimstätte, geduldig
ausharrend und schon erhob eine neue Gefahr drohend ihr Haupt.

In den schwarzen Strom der Menschen, der in gleichmäßigen Wellen
zwischen den hohen Häuserreihen der Linden auf und nieder wogte, ergoß
sich plötzlich von rechts her aus einer Zeitungsdruckerei ein
schäumender Gießbach weißer Papierblätter, zerfloß in ihm, zerteilte
sich, weiße Schaumköpfe auf die schwarzen Wellen spritzend, in weißen
Strudeln das schwarze Wasser herumquirlend und wieder stockte der Strom.
Mauergleich stand er, Totenstille herrschte und gierigen Blickes
durchflog man die tanzenden Zeilen auf dem knitternden Papier und
»Extrablatt« -- »Extrablatt« gellte der Ruf der Verkäufer über der
stummen Menge.

In der französischen Deputiertenkammer hatte ein Abgeordneter der
nationalistischen Partei den Minister des Auswärtigen interpelliert über
den Zwischenfall von Samoa. Er hatte gefordert, daß die französische
Regierung sich gegenüber der neuen Konstellation in der Politik so
verhalten möchte wie es die Ehre Frankreichs, seine Bündnispflicht
gegenüber England und das Andenken an alte Schmach erfordere. Der
Minister des Auswärtigen hatte darauf eine Darstellung der Ereignisse
vor Apia gegeben, in der bekannten Form und hatte hinzugefügt, daß die
deutsche Regierung in London strenge Genugtuung gefordert habe, darauf
sei die Antwort ergangen: Man sei leider nicht in der Lage eine solche
zu gewähren, im Gegenteil müsse man fordern, daß Deutschland seinerseits
für den unmotivierten Angriff auf die englischen Schiffsmannschaften
eine Genugtuung leiste. Man war demnach in Paris schon sehr genau über
den Verlauf der diplomatischen Verhandlungen orientiert und wurde
anscheinend von London aus auf dem Laufenden gehalten. »Er habe, so fuhr
der Minister fort, unbedingt zuverlässige Nachricht durch Frankreichs
diplomatischen Vertreter erhalten, daß man in London fest entschlossen
sei, auf seinen Forderungen zu beharren. Wenn Deutschland durch das
Verhalten seines Gouverneurs auf Samoa den Krieg vom Zaune gebrochen
habe, so sei England entschlossen, den Handschuh aufzunehmen und, wie
mir versichert wird, lassen die Vorbereitungen der englischen Flotte
keinen Zweifel darüber zu, daß eine friedliche Beilegung des
Zwischenfalles wenig wahrscheinlich ist. Man ist jenseits des Kanales
der Ansicht, daß das Auftreten Deutschlands in internationalen Fragen
seit Jahren ein derartiges gewesen ist, daß kein Zweifel darüber
bestehen kann, daß Deutschland die Absicht hat, sich über die im
internationalen Verkehr traditionellen Formen hinwegzusehen und in
falscher Beurteilung seiner Machtmittel zur See es auf einen Bruch der
Beziehungen zu den Völkern angelsächsischer Rasse ankommen zu lassen. Er
stelle dem Hause anheim, ob dies der Moment sei, das provozierende
Auftreten des deutschen Reiches in die gebührenden Schranken
zurückzuweisen, auf daß man für alle Zukunft Ruhe vor diesem
Friedensstörer habe. Er stelle es dem Hause anheim, ob Frankreich in der
Lage sei, eine solche Beunruhigung der ganzen Welt durch Deutschland und
insbesondere der Staaten, mit denen man einesteils durch nationale
Traditionen verbunden sei und mit denen man andererseits einen Vertrag
geschlossen habe, der zwar Frankreich im Kriegsfalle keine
Verpflichtungen auferlege, es jedoch vor die Frage stelle, ob es die
Hoffnung auf die Wiedererlangung ihm geraubter Länder auf ewig begraben
solle«.

-- Es hieß weiter in der Depesche, in der französischen Kammer hätten
sämtliche Parteien (mit Einschluß der Sozialdemokraten) eine
Tagesordnung eingebracht, die der Regierung in ihren Entschlüssen
vollkommenes Vertrauen ausspreche. Diese Tagesordnung sei einstimmig
angenommen worden und die Kammersitzung habe geschlossen unter Rufen: à
Berlin, à Berlin! In Paris herrschte größte Begeisterung und eine
Stimmung, die keinen Zweifel darüber ließ, daß man mit dem Ausbruch
eines Krieges gegen Deutschland bereits in den nächsten Stunden rechne.

Eine weitere Meldung aus Genf ließ erkennen, daß in Brest, Cherbourg und
Toulon Maßregeln zur Mobilisierung der Flotte getroffen würden.

Eine Depesche aus Brüssel wollte bereits wissen, der Befehl zur
Mobilmachung der französischen Ostkorps sei schon am Vormittag ergangen.

Das war also das, worüber man so oft gesprochen hatte, was man so oft
sich als in ferner Zukunft liegend ausgemalt hatte, das war der Krieg.
Überall stockte der Pulsschlag auf einer Sekunde Dauer. Über die
Vergangenheit, über das friedliche Leben des Tages machte man in
Gedanken einen Strich, von heute und dieser Stunde an war man ein
anderer als gestern und ehegestern. Das ganze Leben der Kulturwelt
versank in einem Augenblick in Vergessenheit, das Leben der europäischen
Völker ward in einer Stunde zurückgeschraubt um Jahrzehnte, um
Jahrhunderte. Man stand wieder, die Flinte im Arm, als Volk in Waffen an
des Reiches Grenzen.

Und immer weiter schäumte der Gießbach, Wirbel und Strudel ziehend in
den dunklen Wogen der Menge. Dann flossen die Wasser wieder zusammen,
breit und majestätisch, und dahin brauste ein breiter Strom, aus allen
Seitenstraßen weiteren Zufluß an sich ziehend und wogte kaum sich
einengen lassend von den Häusermauern, zu einem See sich erweiternd vor
des alten Kaisers schlichtem Hause, dann wieder sich einpressend vor dem
Zeughaus, wo die erkämpften Waffen und Fahnen stumme Zeugen waren von
des preußischen Heeres Ruhm und Tapferkeit. Noch einmal eingeengt
zwischen den Geländern der Steinbrücke floß er dann breit hinaus auf den
weiten Platz vor dem Kaiserschloß. Und jetzt lohte sie auf die nationale
Begeisterung des Volkes, und während man bisher stumm, gedrückt von dem
plötzlich hereinbrechenden Unheil schweigend dahin gewandert war, jetzt
brach der Sturm los unwiderstehlich, alles mit sich fortreißend und
treibend, auch die behelmten Diener der öffentlichen Ordnung, die
vergebens versucht hatten, die erregten Volksmassen in Reihen längs der
Bürgersteige zu ordnen; alles durcheinander wirbelnd, so flutete der
Strom der Menschenmenge hin auf den Schloßplatz, dort sich stauend und
bis zu den Terrassen vor dem Schlosse emporschäumend und über sie
hinwegleckend.

Und nun begann es irgendwo, einer fing an und die anderen stimmten ein,
und wie mit dem donnernden Tosen der Brandung scholl er hinauf, der alte
Siegessang der Hohenzollern, daß nicht der Rosse und Reisigen Macht,
sondern des freien Mannes Liebe den Herrscherthron wie ein Fels im Meere
gründet: »Heil Dir im Siegerkranz!« Wie Sturmgebrüll, wie des Orkans
Gewalt klang es, Zehntausende jubelten hier des Reiches Kaiser entgegen
und nicht enden wollte es und immer wieder von neuem begann es, über den
grauen Mauern des Schlosses schwebte flatternd im Märzwinde das
königliche Blutpanier der Hohenzollern. Und hinter dem Balkon, auf dem
einst Friedrich Wilhelm IV. die tiefste Demütigung erlitt, begann jetzt
die eine Hälfte der Glastür zu zittern, sie wich nach innen zurück, eine
Hand erschien oben am anderen Türrahmen, schob mühsam einen Riegel
zurück, einen Moment sah man in das Dunkel des dahinter liegenden
Raumes, dann ward eine blaue Uniform sichtbar und festen Schrittes trat
der Kaiser auf den Balkon. Er schien zu zögern, wandte sich nochmals
nach rückwärts, winkte mit der Hand, die Kaiserin stand neben ihm, und
während der Gesang plötzlich stockte und abflaute und sich in die Tiefe
des Lustgartens bis hinten zum Museum verlor, wo er zwischen den
Gebäuden langsam im Widerhall erstarb, brausten dem Kaiser donnernde
Hochrufe entgegen. Er legte die Hand grüßend an den Helm, sprach zu der
Kaiserin, wies auf die Menschenmassen dort unten vor ihm und grüßte
wieder und wieder. Und von neuem begann der Gesang, diesmal das alte
Sturmlied von anno 70: »Die Wacht am Rhein«, das unser Volk auf seinem
Siegeszuge geleitet. Es ward von neuem hinausgesungen, des Reiches
Schirmherrn das Gelübde bietend, daß auch in dieser ernsten Stunde des
Volkes Heer treue Wacht halten werde an des Reiches Westgrenze.

Und immer neue Jubelrufe erschollen, als neben dem Kaiser die schlanke
Gestalt des Kronprinzen auf dem Balkon erschien. Kaiser Wilhelm legte
seinem Sohne die Hand auf die Schulter, zu ihm eindringlich sprechend.
Dann trat er an die Brüstung des Balkons und stützte sich mit der Linken
auf ihren steinernen Rand, festen Blickes auf die Menge
herniederschauend, und als sich sein Blick nach links verlor, wo die
^Via triumphalis^ der Linden bis an den Säulenbau des Brandenburger
Tores schwarz von Menschen sich schier endlos dehnte, und er den Blick
dann wieder zurückwandte auf die Menschenmasse vor ihm, die mit
erhobener Rechten ihm gleichsam neue Heeresfolge zuschwor, da führte er
in tiefer Ergriffenheit die Hand an die Augen, von denen eine Träne
hernieder perlte. Da ward es leise still dort unten, ein jeder fühlte,
daß in dieser heiligen Stunde des Kaisers Herz zusammenschlug mit dem
des Volkes. Der Kaiser schien sprechen zu wollen, man sah wie er die
Lippen bewegte, doch von neuem brauste der Jubel empor und mit einer
kurzen, schnellen Bewegung trat der Kaiser zurück von der Brüstung,
winkte noch einmal und verschwand mit der Kaiserin und dem Kronprinzen
im Dunkel des Zimmers. Da kam plötzlich neue Bewegung in die Menge, über
den Köpfen derselben erblickte man den oberen Teil einer Droschke, die
sich langsam und nur ruckweise vorwärts zu schieben vermochte, bis sie
kurz vor der Schloßbrücke still hielt und wie ein Wrack in der Brandung
hilflos liegen blieb. Dann öffnete sich eine schmale Gasse und langsam
erkämpfte sich der Reichskanzler Fürst Bülow, von stürmischen Rufen
begrüßt, den Weg zum Schloß. Erst spät am Abend kehrte der Kanzler, der
sich nur schwer aller derer erwehren konnte, die ihm die Hand schütteln
wollten, aus dem Schlosse in sein Palais zurück. Inzwischen hatte der
Telegraph auf allen Stationen zwei inhaltsschwere Worte übermittelt:
_Krieg mobil_.

                   *       *       *       *       *

Noch an demselben Abend wurden sämtliche diplomatischen Vertreter des
Reiches im Ausland über die politische Lage dahin informiert, daß die
Verhandlungen in London völlig ergebnislos verlaufen seien und daß die
deutsche Regierung der drohenden Gefahr Rechnung getragen habe, indem
sie die Mobilisierung des Landheeres, sowie der Flotte angeordnet habe.
Es herrsche noch kein Kriegszustand, aber man müsse auf Grund der
Nachrichten, die man aus England erhalten habe, befürchten, daß die
englische Flotte ohne Kriegserklärung die deutschen Häfen und Küsten
angreifen werde, wie das ja vom Zivillord der englischen Admiralität und
in der englischen Presse in der letzten Zeit öfters ausgesprochen worden
sei. Sollte die telegraphische Verbindung zwischen Berlin und dem
Auslande unterbrochen werden, wie das zu erwarten sei, so seien die
diplomatischen Vertreter des Reiches angewiesen, ihren letzten
Instruktionen gemäß, die am Tage vorher noch in einer chiffrierten
Depesche versandt worden seien, zu handeln. Die Vorgänge in Paris legten
die ernstesten Befürchtungen nahe, daß Frankreich sich dem britischen
Feinde anschließen werde, ja daß es vielleicht von vornherein gesonnen
sei, die Operationsbasis zu Lande gegen die deutschen Grenzen abzugeben.
Es scheine, daß Abmachungen zwischen London und Paris beständen,
derartig, daß man annehmen könnte, die Mobilisierung des französischen
Heeres sei bereits weiter gediehen, als die französische Presse in den
letzten Tagen habe erkennen lassen. Jedenfalls sei zu befürchten, daß
die französische Flotte gleichzeitig mit der englischen vorgehen werde.
Es sei so gut wie sicher, daß Österreich sich Deutschland anschließen
werde, soweit es überhaupt über seine militärischen Kräfte in Anbetracht
der inneren Krisis werde verfügen können. Nach Meldungen aus Rom gewinne
es den Anschein, daß England durch ein Ultimatum, welches durch ein
plötzliches Erscheinen der englischen Flotte vor den italienischen Häfen
gestützt werde, Italien zum Abfall vom Dreibund drängen werde. Man
hoffe, daß Italien sich durch englische Drohungen nicht zwingen lassen
werde, seine Dreibundsverpflichtung zu ignorieren. Die Entscheidung
hänge in Rom jedenfalls an Stunden, die letzte Versicherung von seiten
der italienischen Regierung laute dahin, daß sie in der gegenwärtigen
Krisis es mit ihrer Ehre nicht für vereinbar halte, alte
Bündnisverpflichtungen zu ignorieren, doch sei dem gegenüber zu
bedenken, daß solche Entschlüsse vielleicht doch durch ein übermächtiges
Auftreten einer feindlichen Macht wankend gemacht werden könnten.
Einstweilen sei man also ganz auf sich selber angewiesen und jedenfalls
habe man die Macht des ersten Anpralls allein auszuhalten. Daß Rußland
sich neutral verhalten werde, sei so gut wie sicher.

Als Fürst Bülow nach durcharbeiteter Nacht in früher Morgenstunde, da
bereits der junge Tag durch die Vorhänge schimmerte, seinem
Legationssekretär die eben eingelaufene letzte Post abnahm, fand er oben
aufliegend ein offizielles Schreiben des deutschen Botschafters in
London. Er öffnete es und durchflog es.

»Da teilt uns unser Botschafter offiziell mit, die Universität London
habe Sr. Majestät dem Kaiser am 10. März die juristische Doktorwürde
verliehen in Anerkennung seiner großen Verdienste um die Erhaltung des
Weltfriedens«.

»Das nennt man einen Treppenwitz der Weltgeschichte«, sagte der Kanzler,
»kommen Sie, Hollmann, jetzt wollen wir noch einige Stunden schlafen!
Den ersten Vortrag bitte ich mir um 8 Uhr zu halten.«




                             Krieg mobil.


Wie einst zwischen Odins Adler und dem Drachen Nidhöggr das Eichhörnchen
Ratatösker am Stamme der Weltesche auf und nieder springend Zankworte
hin und her trug, den nimmermüden Streit zwischen den Kämpfern des
Lichtes und den dunklen Mächten immer aufs neue entfachend, so weckte
der elektrische Funke jetzt den Drachen der Zwietracht aus seinem
Schlummer. An allen Kontaktpunkten, da wo die Midgardschlange der
modernen Welt, die alle Länder umschlingt, ihren Rachen öffnet und ihre
blanken Zähne bleckt, leuchtete jetzt der kleine, grüne Funke des
Unheils auf. In der Abendstunde des 19. März rasselten an allen
Apparaten die elektrischen Glocken, tönte das ratternde Geräusch des
Morsetelegraphen, ein kurzer Streifen weißen Papieres erschien mit den
inhaltschweren Worten: Krieg mobil.

Auf allen Redaktionen tönten in später Abendstunde die Telephonklingeln:
Extrablattmeldung aus Berlin, und mit zitternden Federzügen entstanden
auf dem Papier die wenigen Zeilen, die 60 Millionen die Kunde zutragen
sollten, daß der Kaiser die Mobilisierung der Land- und Seemacht
befohlen habe.

Noch war man außer stande, die ganze Wucht dieses Ereignisses zu
erfassen und schon lag das weiße Blatt am Rande des Setzerkastens, die
bleiernen Lettern fügten sich aneinander, und hinein gingen diese kurzen
Metallstreifen in die Maschine, die mit sausendem Schwunge diesen
unscheinbaren Bissen erfaßte und herumwirbelte. Und heraus flatterten
die weißen, gedruckten Papierfetzen, von Dutzenden geschäftiger Hände
erfaßt, die sie hinaustrugen auf die Straße, wo sie den Strom des Lebens
plötzlich zum Stillstand brachten.

Krieg mobil! -- Die Extrablätter klebten bereits an allen Straßenecken
und an allen Schaufenstern, wo sich die Menge vor ihnen staute und wo
man mit starren Augen immer wieder die wenigen Worte las, daß der Kaiser
sein Volk rufe.

Als erster Tag der Mobilmachung galt der 20. März. Das ganze friedliche
Leben des Volkes stand still. Der Arbeiter legte sein Werkzeug nieder
und ging heim. In allen Schreibstuben und Kontoren ward es leer und in
der stillen Arbeitsklause des Gelehrten hatte die Feder Ruhe. Des
Kaisers Ruf war durch das Land gegangen und man bestellte sein Haus, um
morgen hinauszuziehen auf die Sammelplätze, auf die Kasernenhöfe, um
sich dort als wehrhafter Mann einzureihen und des Befehles zu harren,
der das Volk in Waffen an die Grenzen führen sollte.

Die Grenzkorps waren so gut wie mobil und standen nach 24 Stunden, am
Abend des 20. März, bereits in klirrender Rüstung da, bereit, dem
Angriff des Feindes zu begegnen. Auf allen Bahnstationen des Reiches
aber begannen bereits am Mittag und Abend des 20. März die ersten
Truppentransporte. Es war fast überall das gleiche Bild. Eine kurze
Ansprache der Truppenführer auf dem Kasernenhofe, die mit einem Hurra
auf den obersten Kriegsherrn schloß. Dann Still gestanden! ... Bataillon
marsch! ... Die Musik setzte ein und hinaus ging's auf die Straße, wo
die Truppe von einer dicht gedrängten Menschenmenge mit lauten Rufen
empfangen wurde. Die flotten Armeemärsche entfachten schnell eine
patriotische Stimmung, die Straßenjugend ließ es sich nicht nehmen,
jedes Bataillon bis zum Bahnhof zu geleiten, und man sah darüber hinweg,
daß die Ordnung im Glied nicht so streng aufrecht erhalten wurde, wenn
Mütter und Bräute sich an die Reihen der marschierenden Leute
herandrängten, um noch einen letzten Händedruck zu erhaschen. Auf den
Bahnhöfen hatte die Bevölkerung dafür gesorgt, daß den Truppen noch ein
letzter Trunk und eine letzte Liebesgabe gereicht wurde.

Einsteigen! hieß es dann, noch ein Kuß, eine Umarmung, hinein dann in
die Wagen, die auf Tage hinaus oft das Heim der Ausziehenden bilden
sollten. Immer wieder reichte man sich die Hände durch die Fenster, dann
ein schriller Pfiff der Lokomotive, ein brausender Hurraruf der Menge
und unter Tücherschwenken ging es fort, immer weiter und immer
schneller, bis der Zug den Blicken der Zurückgebliebenen entschwand. Es
war ganz wie ^anno^ 70, nur daß man damals, verwöhnt durch die Erfolge
von 64 und 66, mit dem sicheren Gefühl des Erfolges ins Feld zog,
während jetzt die Ungewißheit über die Zahl und Stärke der Gegner das
freudige Siegesgefühl und die nationale Begeisterung etwas dämpfte.

Daheim saß man wieder zwischen den leeren Wänden und zergrübelte sich
den Kopf über das, was werden mochte, während die, die jetzt der Grenze
zueilten, doch wenigstens der Gefahr frisch und klar ins Auge sehen
konnten. Man ließ die Arbeit ruhen, die Erschütterung für das gesamte
wirtschaftliche Leben war zu groß, als daß man gleichmütig wieder zum
Werkzeug der täglichen Arbeit greifen konnte. Man hatte das Bedürfnis
sich mitzuteilen und auszusprechen, trieb sich planlos auf den Gassen
herum, schloß sich jeder marschierenden Soldatenabteilung ohne weiteres
an und kehrte dann immer wieder dahin zurück, wo die neuesten
Extrablätter ausgegeben wurden.

Was man aus ihnen erfuhr, war jedoch wenig genug, denn durch die
Erfahrungen des russisch-japanischen Krieges und auch des Burenkrieges
gewitzigt, hatte die deutsche Regierung auch ihrerseits eine scharfe
Depeschenzensur für alles, was im Inlande vorging und auch nur im
entferntesten mit der Mobilmachung zusammenhing, eingeführt. So erfuhr
das Volk eigentlich nur das, was es mit Augen sah, und selbst die
entsprechenden Vorgänge in den benachbarten Städten wurden erst tagelang
nachher bekannt. Denn wenn auch der Feind darüber unterrichtet war, daß
die Mobilisierung beschlossen war und ausgeführt wurde, so lag doch ein
hinreichender Grund vor, alle Nachrichten über die Abfahrt von
Truppenkörpern, über alle Bahntransporte und ihre Richtung, vorläufig zu
unterdrücken, damit der Feind keinen Anhalt dafür hatte, welche Truppen
und wohin sie bereits unterwegs waren.

Der Reichskanzler hatte sofort dafür gesorgt, daß gleichzeitig mit dem
Telegramm, welches die Mobilmachung bekannt gab, an sämtliche
Telegraphenstationen und an sämtliche Zeitungen eine Mitteilung ergangen
war, des Inhaltes: Er müsse darum ersuchen, alles, was sich auf die
Truppenmobilisierung beziehe, mit der größten Diskretion zu behandeln,
und auch die Berichte über Vorgänge in der eigenen Stadt so abzufassen,
daß die Richtung der Eisenbahntransporte und ihre Stärke, sowie die
Namen der Truppenführer nicht genannt würden. Er ersuche die
Redaktionen, diesem Wunsche Folge zu leisten in der Erwägung, daß dem
Feinde durch eine allzu reichliche Berichterstattung leicht wertvolles
Material zugehen könnte. Er habe dafür gesorgt, daß der Verkauf von
Zeitungen und ihre Versendung durch die Post an der Landesgrenze überall
sistiert würde. Er bäte aber auch seinerseits, seinem Wunsche Folge zu
leisten, damit nicht durch irgendwelche Indiskretionen Preßmeldungen
über die Grenze gelangen könnten. Er hatte diese amtliche Mitteilung
auch an die sozialdemokratische Presse gerichtet und dabei erwähnt, daß
er von jedem deutschen Blatte, einerlei, welcher Parteirichtung es
angehöre, erwarte, daß es dieser Regierungsverfügung Folge leiste. Er
bäte, die Leser davon zu unterrichten, daß sie vorläufig über die
Truppentransporte und den Aufmarsch der Armeen nichts erfahren könnten
und sie darauf hinzuweisen, daß dies im Interesse der militärischen
Verteidigung geschehe. Er werde jedoch dafür sorgen, daß alles
Wissenswerte über die Vorgänge auf dem voraussichtlichen
Kriegsschauplatze der Presse rechtzeitig zugehe; dagegen habe er die
lokalen Polizeiverwaltungen damit beauftragt, darauf zu achten, daß
seine Anordnungen über den Nachrichtendienst aufs Genaueste befolgt
würden; er hoffe, daß es nicht nötig sein werde, von Zwangsmaßregeln
Gebrauch zu machen.

Diese Verfügung des Reichskanzlers über eine freiwillige Preßzensur im
militärischen Interesse wurde bekanntlich von allen Zeitungen aufs
Gewissenhafteste befolgt, so daß ein Eingreifen der Behörden nirgends
nötig wurde.


                Antwerpen von den Engländern besetzt.

Das Nachrichtenmaterial aus dem Auslande war mehr als dürftig, aber
immerhin drang einiges auf Umwegen über die Grenze. So hieß es, die
englische Flotte sei vor Antwerpen erschienen und habe die Festung, ohne
Widerstand zu finden, besetzt. Diese Meldung, die über Amsterdam einlief
und mehrfach von anderen Orten bestätigt wurde, gab verschiedenen
liberalen Blättern Anlaß, sich in langen, theoretischen Artikeln über
die Neutralitätsfrage an sich und insbesondere Belgiens Neutralität zu
verbreiten. Diese Schreibtischpolitiker konnten sich auch jetzt noch
immer nicht zu der Erkenntnis aufraffen, daß die Flut eines Krieges
nicht vor papiernen Wänden Halt macht, sondern schonungslos über alle
Verträge über Neutralität und derlei schöne Sachen hinwegrauscht. Es
konnte kaum noch einem Zweifel unterliegen, daß sich England in
Antwerpen eine Operationsbasis für den Landfeldzug gesichert hatte,
gewissermaßen einen festländischen Brückenkopf für Truppentransporte.
Welche Stellung die belgische Regierung dazu einnahm, war nicht zu
ersehen, bis unser Gesandter am 21. März mittags in Aachen eintraf und
der Berliner Regierung mitteilte, man habe ihm in Brüssel einfach seine
Pässe zugestellt, mit dem Ersuchen, das Land zu verlassen; somit stand
auch Belgien in der Reihe der Gegner, es war von Frankreich und England
vor die Frage gestellt worden, freiwillig oder unfreiwillig seine
Grenzen den einmarschierenden Truppen zu öffnen.


                    Die Stellung der Niederlande.

Durch die Okkupierung oder den Anschluß Belgiens an die Verbündeten --
Genaueres war am 20. März noch nicht darüber bekannt -- waren die
Niederlande in eine sehr prekäre Lage versetzt worden. Sie hingen
gewissermaßen zwischen den Kriegführenden in der Luft. Außer stande
durch ihre kleine Armee, die Landesgrenzen zu verteidigen und den
Volksheeren der großen Nachbarreiche somit widerstandslos preisgegeben,
schwankte die niederländische Regierung zwischen einem Versuch, ihre
Neutralität zu bewahren und der Entscheidung, zu welcher von beiden
Parteien sie sich schlagen sollte. Folgte man Englands Fahnen, so konnte
man vielleicht hoffen, den ostindischen Kolonialbesitz aus dem
Trümmersturz zu retten. Schloß man sich dem deutschen Nachbar an, so
bestand eine Möglichkeit, daß Deutschland auch die niederländische
Grenze schützte. Andererseits war dann die kleine niederländische Flotte
in Gefahr, von den Engländern ohne weiteres überrannt zu werden, wodurch
dann auch die Seestädte in die Gewalt der Engländer fielen. Wohl war man
sich im Haag jetzt über die Versäumnisse der letzten Jahre klar, als man
die Hände, die sich von Osten hilfreich darboten, immer wieder
eigensinnig zurückwies und durch das Beharren auf einer mißtrauischen,
chauvinistischen Politik glaubte, die Rolle einer politischen Macht
spielen zu können. Jetzt fielen die Entscheidungen, ohne daß man im Haag
eine Möglichkeit hatte, sie irgendwie beeinflussen zu können. Man ging
über das Bestehen des niederländischen Staates einfach zur Tagesordnung
über. Holland hatte dasselbe Geschick, wie das benachbarte Belgien, und
ohne daß weitere Schritte von der Regierung -- das Ministerium hielt
zwar dauernd Sitzungen ab, wurde aber schließlich von den Ereignissen
überrascht -- ergriffen wurden, ohne daß überhaupt ein diplomatisches
Aktenstück mit dem Auslande gewechselt wurde, hatte sich das Schicksal
des Staates bereits erfüllt. Noch ehe ein sentimentaler Protest der
Niederlande in London eintraf, waren die Engländer bereits vor
Vlissingen erschienen und im südlichen Teile des Landes standen bereits
deutsche Truppen auf niederländischem Boden. Daß man jetzt das tat, was
man rechtzeitig hätte vorbereiten sollen, hatte kaum noch einen Wert;
der Anschluß der Niederlande an Deutschland verstärkte die Wehrkraft des
Reiches nur um die völlig unvorbereitete, kleine niederländische Armee
und einige Küstenpanzerschiffe, die nicht einmal mehr die deutschen
Häfen erreichten, sondern auf der Höhe von Texel von einem Detachement
der englischen Flotte nach einem halbstündigen Kampfe abgetan wurden.
Der Rest der niederländischen Marine wurde in den Kriegshäfen einfach
von den Engländern abgewürgt. Der englische Admiral rüstete diese
Fahrzeuge noch auf den niederländischen Werften mit den dortigen
Beständen aus und reihte sie dann dem englischen Reservegeschwader ein.

Anfang April erschienen vor Batavia einige englische Schiffe. Das
Gefecht auf der Reede endete mit der Vernichtung der geringen
niederländischen Streitkräfte. Nach Verlust zweier kleiner Kreuzer
besetzten die Engländer Batavia und machten die Stadt zu einer
englischen Flottenbasis. Die Gefechte der (von Hongkong aus) gelandeten
englischen Truppen mit der niederländischen Kolonialarmee dauerten
bekanntlich noch einige Monate, dann aber zogen die Niederländer es vor,
eingeengt zwischen einem europäischen Feind und den grausamen Banden der
eingeborenen Volksstämme, zu kapitulieren, um ihr Leben nicht nutzlos an
eine verlorene Sache zu setzen. Im Mai existierten niederländische
Kolonien nicht mehr und das kleine Mutterland ward mit zum Schauplatz
der Kämpfe, die hier, auf dem Grenzgebiet zwischen West und Ost, die
friedlichen Bewohner furchtbar in Mitleidenschaft zogen. Über dem Grabe
der niederländischen Selbständigkeit aber prangte die Inschrift: »Eine
versäumte Gelegenheit«.


                      Alarmierende Nachrichten.

Am Abend des 20. März waren überall an der westlichen Grenze vom
Dollartbusen an bis hinunter nach Lörrach, alle Stationen der
Grenzpolizei bereits von militärischen Kommandos besetzt. Der gesamte
Grenzverkehr hatte schon um die Mittagsstunde völlig aufgehört. Wer sich
von den eintreffenden Reisenden nicht als Reichsangehöriger ausweisen
konnte, wurde zurückgeschickt, und andererseits ließ man niemand, auch
keinen Fremden mehr von diesseits über die Grenze, schon um
Indiskretionen von seiten Privatpersonen hinsichtlich der Mobilmachung
zu verhindern.

Besonders in den Hafenstädten, wo die Nachrichten aus aller Welt bis
dahin zusammengeflossen waren, empfand man das plötzliche Abschnappen
der Kabelmeldungen als störend. Man war von der Außenwelt völlig
abgeschnitten, und wenn man auch das gewöhnliche Depeschenmaterial,
soweit es sich auf politische Vorgänge bezog, nicht gerade sehr
entbehrte, so erzeugte doch das Ausbleiben der Meldungen über den
Schiffsverkehr im Auslande große Beunruhigung. Nach dem Stand der
Meldungen vom 18. März wußten die Dampfergesellschaften und Reedereien
der Seestädte zwar, wo sich an diesem Tage ihre Schiffe befunden hatten,
man war jedoch jetzt völlig außer stande, zu kontrollieren, was aus
diesen schwimmenden Millionen des Nationalvermögens geworden war. Die
Vorkehrungen zur Sicherheit, die man treffen konnte, waren verschwindend
gering. Man hielt alle auslaufenden Schiffe zurück und schickte sie von
Bremerhaven und Cuxhaven usw. wieder stromaufwärts, um sie von dem
Schauplatz voraussichtlicher baldiger Kämpfe zu entfernen. Das war aber
auch alles, was sich anordnen ließ. Der Verkehr nach den Nordseeinseln
und die Küstenschiffahrt wurden sofort eingestellt. Der Hamburger und
Bremer Senat hatte in Berlin angefragt, wie man sich gegenüber den in
den Häfen liegenden englischen und französischen Schiffen verhalten
sollte. Einige englische Dampfer hatten ohne weiteres den Hafen bereits
verlassen ohne Rücksicht darauf, ob sie Ladung oder Löschung bereits
beendet hatten.

Von Berlin aus kam die Anweisung, alle französischen und englischen
Schiffe einstweilen im Hafen zurückzuhalten und weitere Anordnungen
abzuwarten. Man beabsichtige dieses Schiffsmaterial als ein Pfandobjekt
zu benutzen, falls die fremden Regierungen deutsches Privateigentum zur
See aufbringen sollten. Eine entsprechende Note sei dem abreisenden
englischen und französischen Botschafter vor ihrer Abfahrt aus Berlin
zugestellt worden, mit der Bemerkung, daß die deutsche Regierung
gesonnen sei, sich in dieser Frage nach dem Verhalten der fremden
Regierungen zu richten. Man blieb hierüber nicht lange im unklaren.

Selbst wenn man den zahlreichen Meldungen, daß deutsche Dampfer und
Segelschiffe auf der Nordsee und im Kanal, sowie an der englischen Küste
bereits von englischen Kreuzern und Torpedobooten aufgebracht sein
sollten, einstweilen keinen Glauben beimessen wollte, so lag doch
andererseits von Amsterdam aus schon die Meldung vor, daß der Dampfer
»Gretchen Bohlen«, sowie der Dampfer der Deutsch-Ostafrikalinie
»Bundesrat« (Durbaner Andenkens) sofort nach dem Verlassen des Hafens
von Rotterdam von einem englischen Kriegsfahrzeuge aufgebracht waren.
Ferner wurde gemeldet, daß der Norddeutsche Lloyd-Dampfer »Kronprinz
Wilhelm«, auf der Rückfahrt von New York, auf der Höhe von Dover
angehalten und in den Hafen geschleppt worden sei. Es wurde auch noch
von mehreren Schiffen berichtet; so sollten auf der Höhe von Texel der
Touristendampfer »Therapia« von der Levantelinie und mehrere kleine
Hamburger und Bremer Dampfer von einem großen englischen Kreuzer
gekapert worden sein. Alle diese Nachrichten wirkten sehr alarmierend,
und an der Börse von Hamburg herrschte große Aufregung. Dazu kamen noch
andere Meldungen, so hieß es, die englische Flotte liege bereits auf der
Höhe von Norderney. Dann wurde aus Frederikshavn (Nordküste Jütlands)
gemeldet, eine schwimmende Batterie ohne Landesflagge habe in einer
Entfernung von vier Seemeilen südlich steuernd die jütische Ostküste
passiert. Ein in Esbjerg eingetroffener dänischer Fischdampfer wollte
ferner unweit der Doggersbank ein englisches Geschwader manöverierend
und nach Osten steuernd angetroffen haben; diese Meldung war bereits
drei Tage alt. Schließlich wollte ein in Cuxhaven am Mittag des 19. aus
Hull angekommener schwedischer Dampfer auf der Reede von Hull und im
Hafen nicht weniger als 30 große Passagierdampfer gesehen haben. Es war
dem Dampfer, ohne Hull anzulaufen, gelungen, beim Anbruch der Nacht
heimlich davonzukommen. So verging der 20. März.

Die Reede von Cuxhaven und die Elbmündung war völlig verlassen, nur nahe
am Ufer waren noch einige Fischerboote von Finkenwärder und Blankenese
verankert, die sich nicht getraut hatten, gewarnt von der Hafenbehörde,
draußen ihrem Fang nachzugehen. In dem kleinen Hafen lagen zwei Dampfer
der Nordseelinie, die ihre regelmäßigen Fahrten nach Helgoland usw.
bereits eingestellt hatten. Draußen auf der Reede sah man den
Lotsendampfer »Kapitän Karpfanger« langsam in die Elbmündung
zurückdampfen. Er hatte im Schlepp die drei Feuerschiffe, die auf
Anordnung der Marinebehörde eingezogen wurden. Zwei andere Dampfer,
darunter ein weißgestrichenes Marineboot, sah man draußen die Seezeichen
einsammeln. Mitten im Fahrwasser lag der »Pelikan« von der Kaiserlichen
Marine, von Booten umschwärmt, und weiter stromabwärts sah man mehrere
Minenleger, die der Hamburger so drastisch Eierleger nennt, das
Fahrwasser bereits mit einer Minensperre versehen. Zu demselben Zwecke
wurden einige Fischdampfer und Torpedoboote verwendet. In den Batterien
von Kugelbaake und Grimmerhörn herrschte reges Leben, und von den
Kasernen tönten Signale herüber. Die Küstenbahn hatte ihren Betrieb
eingeschränkt und war ausschließlich für Militärtransporte zur Verfügung
gestellt worden.

Was landeinwärts von Cuxhaven vorging, davon wurden unberufene Augen
durch eine doppelte Postenlinie ferngehalten; das eine war klar, daß
dort hinten etwas vorging, aber die vielen morgens nach Cuxhaven
gefahrenen Hamburger waren infolge der strengen Absperrung nicht in der
Lage, ihre Neugierde zu befriedigen. Sie hielten sich dafür schadlos,
indem sie vor den beiden Batterien, deren gewaltige Rohre zwischen den
Erdtraversen hervorschauten, auf der Strandpromenade auf und ab
patrouillierten, die Möglichkeiten eines feindlichen Angriffes erwägend.
Mittags liefen zwei Torpedodivisionen aus Cuxhaven aus. Von der Flotte
sah man sonst weiter nichts, es hieß nur, in Brunsbüttel werde die
Durchfahrt mehrerer Schiffe erwartet. Der Kanal war seit morgens um 6
Uhr für jedes Handelsschiff gesperrt. So verging der 20. März, ohne daß
man über den Fortgang der Ereignisse etwas Positives erfuhr, unter
größter Spannung. Der Transport von Marinekommandos und ihre Verteilung
auf die einzelnen Befestigungen an der Elbmündung entzog sich der
Beobachtung, da über alle diese Transporte nichts in der Presse
mitgeteilt wurde, der Dienst auf der Küstenbahn sich unter einer
strengen Aufsicht vollzog und von lokalen Ereignissen nur die Zuschauer
an Ort und Stelle erfuhren.


                               Im Dom.

Der 21. März war durch kaiserliche Verordnung zum allgemeinen Buß- und
Bettag bestimmt. Noch einmal wollte man den Schutz des Höchsten auf die
deutschen Waffen herabflehen, noch einmal wollte man eine Stunde ruhiger
Sammlung haben, bevor der Sturm losbrauste. Der Gottesdienst im Berliner
Dom war auf 10 Uhr vormittags angesetzt. Der Kaiser hatte seine Residenz
um 8 Uhr morgens verlassen und war mit der Kaiserin und dem Kronprinzen
hinausgefahren nach Charlottenburg und Potsdam, um in den beiden stillen
Kapellen, die die Gräber der beiden ersten Hohenzollernkaiser bergen,
einen stillen Abschied zu nehmen. Niemand war Zeuge gewesen dieser
Stunden, da des Reiches Herrscher mit den Seinen an jenen, durch große
Erinnerungen geweihten, Stätten weilte.

Reges Leben herrschte in der Reichshauptstadt, als die kaiserliche
Equipage sich dem Brandenburger Tore wieder näherte. Ohne allen
militärischen Pomp durchfuhr der Kaiser die Linden, überall von der
Menge mit donnernden Zurufen begrüßt. Zahllose Blumen flogen in den
kaiserlichen Wagen, man hatte das Bedürfnis, dem Monarchen seine Liebe
und Anhänglichkeit durch diese letzten Spenden zu bezeichnen, denn am
Tage darauf wollte der Kaiser zur Armee abreisen. Am Morgen hatte ein
Berliner Blatt berichtet, ein Großindustrieller habe ein Gesuch an den
Kaiser gerichtet, er wolle eine Million für die verwundeten Krieger zur
Verfügung stellen, wenn sein einziger Sohn von der Dienstpflicht befreit
werde. Der Kaiser habe am Rande der Bittschrift bemerkt: Ablehnen, mein
Sohn muß auch mit.

Der gewaltige Prachtbau des Berliner Domes war bis auf den letzten Platz
gefüllt. Fast nur Uniformen; hier war noch einmal die Führerschaft der
Armee, soweit sie nicht schon an der Grenze stand, um ihren Kaiser
versammelt. Als die kaiserliche Familie ihre Loge betrat, ging ein
Gemurmel durch die Versammlung. Ein metallisches Klirren und Knirschen
des kriegerischen Schmuckes, aller Augen wandten sich einen Moment dem
Herrscher zu und eine rauschende Bewegung ging durch die Menge.

Die Worte des Predigers waren in dem weiten Gotteshaus verhallt; und
während alle, die hier die Kniee gebeugt hatten vor dem Gott, der die
Geschicke der Völker in seiner Hand hält, noch ihren Gedanken nachhingen
und von der Vergangenheit Abschied nahmen, begann leise die Orgel mit
ganz leisen, kaum hörbaren perlenden Akkorden, bald anschwellend zu
brausenden Tönen, bald fast verklingend in den Wölbungen der Decke und
in den Kapellen und Nischen ein leises Echo weckend. Dann setzte die
Orgel wieder machtvoll ein und der Sturmgesang, der einst ein armes Volk
begeistert und geführt hatte zum Kampfe gegen den übermächtigen Feind,
er brach hervor mit ergreifender Gewalt, und jetzt begann der Domchor,
und er klang hinaus wie Donnerhall dieser Schlachtensang, dieser
eifernde Schrei um Hilfe: »Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten«
und hinaus sangen sie es alle und fromme Begeisterung, die dem Höchsten
bekennt, daß ohne ihn kein Sieg, erklang hinaus, daß die gewaltigen
Mauern dieser Trutzkirche des protestantischen Glaubens erdröhnten.

Leise öffneten sich die Türen, die ersten Bänke leerten sich bereits, in
den breiten Eingangspforten drängten sich glitzernde Uniformen, da
mischte sich in die Töne des verhallenden Chorals von draußen her ein
scharfer, heller Klang. Der Gottesfrieden ward durch einen rauhen Ton
zerrissen, die Gotteswelt versank, ein Rasseln wie von klirrendem
Metall. Als die Ersten hinaustraten in den sonnigen, strahlenden
Frühlingstag, hielten ihnen tausend Hände etwas entgegen, was, rasch
entziffert, die Meldung trug: »_Die Engländer bombardieren Cuxhaven_«.
Donnernde Zurufe empfingen den Kaiser, als er das Gotteshaus verließ und
rasch zu Fuß, die Kaiserin am Arm, die Straße überschritt und im Portal
des kaiserlichen Schlosses verschwand.

Der erste Blitz war herniedergefahren, zündend, vernichtend, verwüstend
und zertrümmernd, wann folgte der zweite und wohin traf er?




                          Ran an den Feind!


Um 4 Uhr nachmittags am 20. März lief auf der Funkspruchsstation
Helgoland ein Zifferntelegramm aus Cuxhaven ein, das den kommandierenden
Admiral des auf der Reede liegenden Geschwaders über die politische Lage
informierte und ihm neue Befehle übermittelte. Der Admiral begab sich
von Bord seines Flaggschiffes »Kaiser Wilhelm II.« sofort an Land und
hatte eine längere Unterredung mit dem Kommandanten von Helgoland. ½
Stunde später legten sich die zehn Hamburger Kohlendampfer, die sich
beim Geschwader befanden, in einige Entfernung längsseits der
Linienschiffe, und an den durch Stahltrossen konstruierten Schwebebahnen
krochen bald die schwarzen Kohlengefäße hinüber zu den nur leise auf und
nieder stampfenden Panzern, wo sie prasselnd in die schwarzen Schlünde
der Bunker entleert wurden, während die Torpedoboote unten an der
kleinen Mole anlegten und dort ihre Kohlenvorräte auffüllten. Gegen 6
Uhr wurden die Trossen wieder eingeholt und die Kohlenschiffe nahmen
ihren Weg nach der Richtung von Cuxhaven, bald im abendlichen
Dämmerlicht nur noch als eine braune Rauchwolke am Horizont erkennbar.

In der ruhigen See wiegten sich die grauen Leiber der fünf Panzer der
»Wittelsbach«-Klasse neben ihnen der »Kaiser Wilhelm II.« und etwas
seewärts die Kreuzer »Friedrich Karl« und »Prinz Adalbert« mit ihren
drei schlanken Schloten. Weiter draußen, einen Halbkreis nach Westen
bildend, lagen die vier Kreuzer »Gazelle«, »Medusa«, »Niobe« und
»Nymphe«. Die scheidende Sonne überstrahlte den abendlichen Himmel mit
gelben und glutroten Farben, die sich auf der leise wogenden Meeresflut
in schimmernden Reflexen widerspiegelten. Fortwährend wurden zwischen
dem Lande und dem Admiralsschiff, sowie zwischen diesem und den
einzelnen Schiffen des Geschwaders, Signale gewechselt. Als im
Abenddämmern die Winkflaggen nicht mehr zu erkennen waren, blitzten oben
zwischen den Signalmasten die farbigen, elektrischen Lichter als
feuerige Funken auf, einen steten Kontakt zwischen dem Kommandanten und
seinen Unterführern unterhaltend. Die Schiffe des Geschwaders waren die
einzigen Punkte, die das eintönige Graugrün der Meeresfläche
unterbrachen. Nur ganz fern im Norden steuerte ein schwarzer, niedriger
Frachtdampfer, an den hellen Flächen auf seinen Vorder- und Hinterdeck
als Holzdampfer erkennbar, nach Südwest, offenbar ein Schiff, das von
dem drohenden Unwetter noch keine Nachricht erhalten hatte und friedlich
seinen Weg fortsetzte, der einzige lebende Punkt in der weiten
Wasserwüste. Die Bewohner der Insel standen in dichten Scharen oben an
der steinernen Brüstung der Falm von dort aus mit scharfen Gläsern den
Horizont absuchend.

Unten am Marinepier lagen die sechs schwarzen Hochseeboote »S. 114« bis
»119«, taktmäßig auf der ans Ufer drängenden breiten Dünung sich an der
Mole hebend und senkend. Kapitänleutnant Westerkamp betrat jetzt, vom
Oberlande kommend, begleitet von den Führern der anderen Boote, eiligst
die Mole, verabschiedete sich mit kurzem Händedruck von seinen Kameraden
und ging an Bord von »S. 114«. Im Schatten des hohen Felsenufers von
Helgoland lagen die sechs Boote fast schon in vollkommener Dunkelheit,
und die wenigen Neugierigen, die von dem Doppelposten am Strande vor der
Mole zurückgehalten wurden, vermochten nur wenig von dem zu
unterscheiden, was an Bord der Torpedoboote vor sich ging. Daß dort aber
rege Tätigkeit herrschte, konnte man daran erkennen, daß huschende
Schatten die rotglühenden Deckslichter bald verdeckten, bald wieder
freigaben. Allmählich aber ward alles ruhig, die Wache ging in hallenden
Schritten auf den Decksplatten auf und nieder und alles Leben schien auf
den schwarzen ernsten Schiffen erstorben.

Um dieselbe Zeit konnte man oben von der Falm aus und von der am meisten
nach Südwest vorgeschobenen Batterie des Oberlandes ein merkwürdiges
Schauspiel beobachten. Nur ein dunkelroter Streifen, der die düsteren
Regenwolken, die sich am westlichen Horizont zusammengeballt hatten, in
ihren unteren Konturen noch scharf erkennen ließ, zeigte die Stelle, wo
die Sonne untergegangen war. Eine frische Brise von Westen war
aufgesprungen und schlug die Drähte des Signalmastes der
Funkenspruchstation hart aneinander. Es lag wie Gewitterstimmung in der
warmen Luft. Das Licht des steinernen Leuchtturmes brannte diese Nacht
nicht mehr, das erste Zeichen des Kriegszustandes. Da blitzte es
plötzlich im Südwesten auf wie fernes Wetterleuchten, und weiße
Lichtgarben schossen plötzlich aus der Wasserfläche empor, dreimal,
viermal, in kurzen, unregelmäßigen Zwischenräumen, lautlos aufsprühend
wie Raketenfeuer. Plötzlich zuckten auch vom Leuchtturm aus mehrere
Blitze, den westlichen Teil der Insel mit weißem Licht übergießend. Dann
war mit Gedankenschnelle diese stumme Lichtsprache wieder verschwunden
und die Dunkelheit schlug über diesem Feuerwerk wieder zusammen, nur in
dem kleinen Gebäude der Funkenspruchstation prasselten und knatterten
die elektrischen Funken, die Mitteilung an den kommandierenden Admiral
weitergebend, daß das Kreuzergeschwader Wilhelmshaven um 4 Uhr
nachmittags verlassen habe und, jetzt auf der Höhe von Helgoland
befindlich, seinen Weg entsprechend der dem Admiral bekannten Befehle
nach Norden fortsetze.

Um ½8 Uhr betrat Kapitänleutnant Westerkamp wieder das Deck des
Torpedobootes »S. 114«. In die Tür des niedrigen Signalhauses tretend,
hielt er seine Uhr gegen das Licht der kleinen Laterne an der
Steuermaschine. »½8 Uhr«, sagte er leise zu dem Mann an der
Maschine, schloß die Tür hinter sich und ergriff den Hebel des
Maschinentelegraphen. Unten im Maschinenraum rasselten die Klingeln und
kurz darauf warfen die dicken Schlote der Boote schwere Rauchwolken aus.
Die Trossen wurden gelöst, noch ein Signal an die Maschinen und lautlos
verließen die Boote ihren Liegeplatz, sofort von der Dunkelheit
verschluckt, in der einige Minuten später zwei grüne Funken wie gierige
Raubtieraugen erglühten, von der Stelle, wo das Admiralsschiff lag, mit
einem anderen Glühsignal beantwortet.

Helgoland war gesichert gegen jeden unvermuteten Überfall. Während das
Geschwader südöstlich der Insel liegen blieb, bildeten die Kreuzer in
weiter Entfernung einen Halbkreis um die Insel und zwischen ihnen hielt
eine Reihe vorgeschobener Torpedobootposten scharfe Wacht. Die von
Kapitänleutnant Westerkamp befehligte Division hatte den Auftrag, in der
Richtung auf den Kanal aufzuklären, während die Panzerkreuzer »Prinz
Adalbert« und »Friedrich Karl« in derselben Richtung Fühlung mit dem
Feinde suchen sollten, dessen Herannahen in dieser Nacht bereits zu
erwarten war. Die einzelnen Schiffe standen durch Funkspruch miteinander
in Verbindung, so daß jede Nachricht sofort auf der ganzen Postenkette
bekannt werden konnte.

Gegen Mitternacht befand sich die Division des Kapitänleutnant
Westerkamp, mit 25 Knoten Geschwindigkeit die Wogen durchrasend, etwa
auf der Höhe von Terschelling. Kein Lichtschimmer, keine Laterne verriet
den Weg der schwarzen Schiffe. Um den messerscharfen Bug sprudelte das
dunkle Wasser, helle Schaummassen bis zum Wellenbrecher emporwerfend.
Kapitänleutnant Westerkamp befand sich unten in der Offiziersmesse, dort
auf der Seekarte den Weg der Division eine Seemeile um die andere
verfolgend. Leise nur drang das taktmäßige Stampfen der Maschine, die
den ganzen Schiffskörper in harten Schwingungen vibrieren ließ, aus dem
Maschinenraum zu ihm herüber. Die Division hatte den Befehl, den Feind,
falls er schon unterwegs angetroffen werden sollte, ohne weiteres
anzugreifen. Würde man den Feind nicht finden, so hatte die Division den
Befehl, bei Tagesanbruch auf die beiden Panzerkreuzer zurückzufallen und
abends wieder vorzugehen, um womöglich in der Nacht noch die englischen
Kriegshäfen zu erreichen und, wenn eine Gelegenheit günstig, feindliche
Schiffe überraschend anzugreifen.

Gegen Mitternacht zog sich Kapitänleutnant Westerkamp seinen Ölrock an
und begab sich, die schmale, steile Treppe emporklimmend, wobei schon
die starken Schwankungen des Bootes infolge heftiger werdenden
Seeganges, deutlich zu spüren waren, wieder an Deck.

Es war eine finstere, sternenlose Nacht. Schon wenige Meter vom Schiffe
aus verschwamm alles in absoluter Dunkelheit und nur das an diese
bereits gewöhnte Auge vermochte links und rechts die beiden zur Seite
fahrenden Boote als schwebende Schatten zu erkennen. Gurgelnd und
schäumend verschwanden die von leichten Schaumstreifen gekrönten Wogen
in rascher Fahrt hinter dem Schiffskörper, der auf ihnen eine graue Bahn
rauschender Schaumblasen zurückließ. Die hinteren drei Boote vermochte
man in der Finsternis, die wie aus Stahlblöcken gefügt wie eine Wand vor
den Augen stand, nicht zu erkennen. Das taktmäßige Schlagen der
Maschinen und ihre dumpfen Kolbenstöße waren der einzige, rings
vernehmbare Laut. Im Feuerraum flogen die Kohlen Schaufel um Schaufel in
die glühenden Öffnungen der Kesselfeuerungen. Der hochgespannte Dampf
surrte und brauste in den Ventilen und wie am offenen Höllenrachen sah
man die schwarzen Gestalten der Heizer in dem rotglühenden Lichte
arbeiten, sobald die Feuertüren sich öffneten, und unablässig flogen die
Kohlen Schaufel um Schaufel in die Feuerungen.

Vergebens suchte man mit starren Augen die kompakte Dunkelheit zu
durchbohren. Da blitzte plötzlich über Steuerbord eine weiße Lichtgarbe
auf, ganz fern die wogende Meeresfläche mit bleichem Lichte überziehend
und nach Sekunden wieder verlöschend: War das Freund oder Feind? Überall
rasselten die Klingeln der Maschinentelegraphen. Die Fahrt wurde auf 28
Knoten erhöht. Einen Moment drängten sich die Boote auf einen Haufen
zusammen, um dann strahlengleich nach vorwärts auseinander zu schießen,
jedes das andere aus dem Gesichtskreis verlierend. Der Wind pfiff frisch
über die dunkle Seefläche, und jetzt, wo man die Wogen schräg vom
Backbord bekam, platschten wuchtige Spritzer über Deck. Kapitänleutnant
Westerkamp übernahm nunmehr das Kommando seines Bootes selber und hielt
nach der Stelle, wo der Blitz des Scheinwerfers die Anwesenheit fremder
Schiffe verraten hatte. Und weiter pflügte der schwarze Schiffsleib und
die peitschenden Schrauben das schwarze Meerwasser.

Da erschien vorn übers Steuerbord ein huschender Schatten, der den Weg
von »S. 114« kreuzte. Zwei Minuten später und man passierte einen
grauen, kaum bemerkbaren Schaumstreifen, der den Weg eines feindlichen
Bootes flüchtig markierte. Die erste Postenlinie des Feindes war
passiert. Alle Pulse flogen, fest und sicher aber ruhte des Führers Hand
auf dem Hebel des Maschinentelegraphen. Noch ein Moment und noch einer,
da stieg eine graue nach oben zackig ausgerissene Wand vor den Blicken
auf, herumgerissen den Hebel, ein leiser metallener Klang von unten aus
der Maschine, der Schiffskörper erbebte unter den Vibrationen, »S. 114«
änderte seinen Kurs, ein wenig nach Backbord abfallend. Jetzt war man
auf gleicher Höhe mit dem dunklen Schatten.

Der Leutnant stand bei den Mannschaften am ersten Torpedorohr, jetzt das
Kommandosignal: »Los«, ein Riß am Abzuge und klatschend sauste der
blanke Metallkörper ins schwarze Wasser. Wird der Schuß treffen, man
zählte in Gedanken 100 m ... 200 m ... 300 m ... 400 m ... jetzt, da
schäumte gerade aus, ganz hinten ein weißer Wasserberg auf, ein dumpfer
Krach wie von zerreißendem Metall und eine glänzende Wassergarbe stieg
mittschiffs des feindlichen Panzerkreuzers auf. ...

Da, blendende Helle, weiße Strahlengarben. Plötzlich war das Deck in
grelles Licht getaucht. Die Mannschaften an den Torpedorohren erschienen
wie Gespenster aus der Dunkelheit auftauchend, zwei andere Boote zur
linken Seite ebenfalls in Tageshelle. Von ihr geblendet vermochte das
Auge den rasch aufeinander folgenden Ereignissen kaum noch zu folgen.
Rasselnde Signale, laute Kommandos, das Wasser spritzte auf und von
drüben her, wo plötzlich die sich kreuzenden elektrischen Scheinwerfer
eine ganze Flotte dem überraschten Blick zeigten, begann das taktmäßige
Knattern der Maschinengeschütze, der Schnellfeuergeschütze. Wieder eine
dumpfe Explosion, man war mitten in der feindlichen Flotte und es galt
jetzt, wo der eigene Untergang gewiß, dem Feinde nach Kräften noch
Schaden zu tun. Überall plumpsten die schweren Stahlgranaten ins Wasser,
spritzende Geyser in die Luft schleudernd, hier und da knickten an den
Lancierrohren die Mannschaften zusammen. Auf »S. 115« fehlte plötzlich
ein Schornstein. Am Heck von »S. 114« platzte eine 15 cm Granate die
Decksplatten aufreißend und das hintere Lancierrohr über Bord werfend.
»S. 117« kämpfte nach Backbord, dort einem englischen kleinen Kreuzer
von der »Pelorus«-Klasse, dessen Konturen sich gegen das Licht der
hinter ihm aufleuchtenden Scheinwerfer deutlich abzeichneten, aus beiden
Rohren Torpedos lancierend. Sobald die Wasserstrahlen an seiner
Backbordseite aufschäumten, legte sich der Kreuzer weit über, dem Feinde
sein schräges von Menschen wimmelndes Deck zeigend. Heulende Geschosse
durchfuhren die Luft. »S. 118« hatte seinen Gegner zweimal gefehlt und
während es die Rohre von neuem lud, faßte es einen neuen Feind ins Auge.
Plötzlich fühlte die Besatzung den Boden unter sich wanken, der am
hinteren Torpedorohr stehende Maat sah eine riesenhohe schwarze Wand zum
Greifen nahe neben sich erscheinen, fühlte die Decksplatten unter sich
zerreißen und suchte sich vergebens an der glatten, nassen Eisenwand
neben ihm zu halten, aus der oben gelbe Blitze zuckten. Ein feindlicher
Kreuzer war einfach über »S. 118« hinweggefahren, das Boot mitten
zerschneidend und es unter sich in die Tiefe drückend. Der Maat erzählte
nachher -- er war der einzige Überlebende der Besatzung -- er sei mit
dem Boote in die Tiefe gegangen und habe im letzten Augenblick noch den
glühenden Dampf der explodierenden Maschine, der von unten
herausströmte, gespürt; als er wieder an der Oberfläche erschien, fühlte
er einen schweren Körper neben sich im Wasser treiben, ein Stück von der
Deckeinrichtung des gesunkenen englischen Kreuzers. Hieran sich
anklammernd und von seiner Korkweste getragen, habe er sich bis
Tagesanbruch über Wasser gehalten, worauf er von einem englischen
Torpedoboot aufgefischt wurde.

Nach einer Viertelstunde herrschte wieder tiefe Stille auf dieser Stätte
der Vernichtung. Das englische Geschwader hatte zwei Kreuzer »Pelorus«
und »Diadem« verloren, die fast augenblicklich gesunken waren. Der
englische Panzerkreuzer »Cressy«, von einem Torpedo an der Stelle an
Steuerbord getroffen, wo der Panzergürtel dicht hinter dem zweiten Mast
aufhört, war mit schwerer Havarie zurückgekehrt, um im heimatlichen Dock
zu reparieren. Außerdem waren zwei englische Torpedoboote, die sich
gegenseitig in dem ^pêle-mêle^ angerannt hatten, gesunken. Von den
deutschen Booten war nur »S. 115« fast unbeschädigt durch die englische
Linie durchgebrochen, »S. 114« gelang es in der Dunkelheit nach
Wilhelmshaven zu entkommen. Alle anderen Boote hatten den Angriff mit
ihrer eigenen Vernichtung bezahlt. Im allgemeinen konnte man mit dem
Ergebnis zufrieden sein.

Die beiden Panzerkreuzer »Prinz Adalbert« und »Friedrich Carl« hatten
von fern aus das Gefecht beobachtet. Außer stande bei einem so
ungleichen Kampfe einzugreifen, hatten sie sich zurückziehen müssen. Sie
erschienen, Fühlung mit dem Feinde behaltend, gegen 7 Uhr morgens in der
Nähe von Helgoland, die durch die kleinen Kreuzer gebildete Postenkette
langsam mit sich zurücknehmend. Da die elektrischen Wellen der
Funksprüche sich fortwährend störten und eine Verständigung zwischen den
Kreuzern und der Station in Helgoland unmöglich machten, erfuhr man erst
gegen 8 Uhr in Helgoland Genaueres von dem Gefecht.

Gleichzeitig meldete der im Nordosten der Insel, auf der Höhe von
Westerland stationierte Kreuzer »Kaiserin Augusta« das Herannahen des
zweiten feindlichen Geschwaders und um 9 Uhr meldete ein Funkspruch, daß
das Torpedoboot »S. 115« bei Sylt eingetroffen sei. Das Boot habe nach
dem Nachtgefecht beim Passieren der englischen Flotte deren ungefähre
Stärke feststellen können, sie bestände aus ca. 20 Schiffen und habe
eine ganze Reihe von Kohlendampfern bei sich. Der Feind nahte also
heran.


                    Das Bombardement von Cuxhaven.

Am 21. März morgens 9 Uhr war für die Besatzung von Cuxhaven -- der Tag
war bekanntlich ein allgemeiner Buß- und Bettag -- Kirchgang angesagt.
Die Garnisonkirche war bis auf den letzten Platz gedrängt voll. Der
Prediger hatte kaum begonnen, da tönten plötzlich von draußen her
schmetternde Signalhörner und rasselnde Trommelwirbel. Auf den Straßen
wurde Generalmarsch geschlagen, und während der Prediger eine Pause
machte und nach den ungewohnten Tönen hinhorchte, wurde die Tür
aufgerissen und jemand schrie ins Gotteshaus hinein: »Die Engländer
kommen«. Keiner hörte mehr auf die Friedensworte von der Kanzel, scharfe
Kommandoworte und hinaus strömten Mannschaften und Offiziere aus den
Kirchtüren. Draußen wurde schnell angetreten und während die Signale aus
den Straßen des Städtchens herübertönten und drüben an der Ecke ein
blasender Hornist erschien, eilten schon einzelne Abteilungen der
Matrosenartillerie im Laufschritt in der Richtung nach den beiden
Batterien Kugelbaake und Grimmerhörn.

Aus allen Häusern traten die Bewohner mit angsterfüllten Blicken auf die
Straße, anscheinend noch die Bedeutung dieses plötzlichen Alarms nicht
erfassend, aber schon verbreitete sich mit Windeseile das Gerücht vom
Herannahen des Feindes. Und in fliegender Hast stürzte man wieder in die
Wohnungen, dort die wenigen Kostbarkeiten zusammenraffend und in der
lähmenden Aufregung Dinge rettend und bergend, die des Aufhebens nicht
wert waren. Noch konnte es ja Stunden dauern, vielleicht war auch der
Feind schon in nächster Nähe, aber bereits begann die Einwohnerschaft
von Cuxhaven die Stadt zu verlassen. Vom Hafen her dröhnten heulende
Dampfpfeifen und die Sirenen der Schleppdampfer, die die Fischerboote,
breite Ewer und schlankere Kutter, auf denen die Fischerbevölkerung ihre
Habseligkeiten schon am Tage vorher in Sicherheit gebracht hatte,
nunmehr in langen Reihen stromaufwärts zogen. Polizisten gingen von Haus
zu Haus, um die Bewohner im Hinblick auf ein mögliches Bombardement zum
Verlassen ihrer Wohnungen aufzufordern. Auf dem Bahnhofe wurden Züge
rangiert und hastendes, nervöses Leben herrschte plötzlich in der
kleinen Stadt. Allerlei Hausrat lud man auf Wagen, andere schrien sich
heiser nach Karren und sonstigen Beförderungsmitteln und rangen
verzweifelt die Hände, ihr Eigentum im Stich lassen zu müssen. Der
Bahnhof war bald von dichten Scharen umlagert, die immer neuen Zufluß
aus allen Straßen erhielten. Obgleich eine Abteilung der Hamburger
Polizei alles aufbot, Ordnung in das Chaos zu bringen, entspannen sich
wüste Szenen als man erfuhr, daß jede umfangreichere Gepäckbeförderung
mit den schon seit dem Tage vorher bereitstehenden Bahnzügen
ausgeschlossen sei. Und immer von neuem schmetterten die Signalhörner.

Eine Schar von Hamburger Herren hatte sich auf der »alten Liebe«
gesammelt, von dort aus mit Ferngläsern die Reede beobachtend und die
Vorgänge in den Batterien verfolgend.

Gegen 11 Uhr war der Hafen und der Strand völlig verödet. Die Straßen
lagen still und menschenleer und nur vom Bahnhof herüber dröhnte das
Pfeifen der Lokomotiven und Rangieren der Züge.

Aller Augen richteten sich jetzt nach dem Meere, von wo ferner
Kanonendonner bereits herüber tönte. Am Horizont sah man eine Reihe von
Schiffen langsam herandampfen. Zunächst kamen die beiden
Küstenverteidiger »Odin« und »Hagen«, die an Cuxhaven schnell
vorüberfuhren. Dann erschienen vier kleine Kreuzer draußen zwischen den
Sänden, wo sonst die roten Feuerschiffe das Fahrwasser bezeichnet
hatten, und dann kam die Linie der sechs Panzerschiffe langsam in die
Elbmündung herein. Unter den dicken braunen Rauchfahnen, die ihren
Schloten entquollen, konnte man deutlich die gelben Flammenblitze der
Geschütze erkennen. Vom Feind war noch nichts zu sehen, doch zeigten die
spritzenden Fontänen zwischen und diesseits der deutschen Schiffe, daß
ein ernster Kampf im Gange war. Langsam zogen sich die deutschen Schiffe
in die breite Elbmündung zurück, und immer lauter erscholl der Donner
der schweren Geschütze. Gegen 11 Uhr erschien ganz weit draußen, noch
weiter hinaus als da, wo ein grauer Schatten die Lage des plumpen
viereckigen Leuchtturms von Neuwerk andeutete, eine Reihe
feuersprühender Linien, über denen ein leichter blauer Rauchschleier
hing: die englische Flotte. Die sechs deutschen Panzer lagen ungefähr
auf der Höhe von Kugelbaake. Hinter ihnen, Cuxhaven rasch passierend,
barg sich ein Schwarm von Torpedobooten. Die vier kleinen Kreuzer und
die »Kaiserin Augusta«, sowie die beiden schweren Panzerkreuzer waren
bereits aus dem Gefechte ausgeschieden und dampften elbaufwärts. Auf dem
»Friedrich Karl« war der vordere Schornstein zerschossen, der mächtige
Schlot lag, nach vornüber gebrochen, neben der Kommandobrücke. Die
»Gazelle« hatte zwei große Schußlöcher dicht über der Wasserlinie. Auf
der »Kaiserin Augusta« war ein Backbordgeschütz aus seiner Lafette
geworfen und ragte steil in die Luft. Im übrigen waren an den Schiffen
keine schweren Beschädigungen zu erkennen. Jedes einlaufende Schiff
wurde von der »Alten Liebe« aus, die jetzt durch Militärposten von
Neugierigen langsam geräumt wurde, mit lautem Hurra begrüßt.

Noch immer schwiegen die Geschütze der Küstenbatterien, da die
Entfernung bis zum Feind noch zu groß war, auch seine Geschosse die
Batterien noch nicht erreichten. Aber immer zahlreicher wurden die
englischen Schiffe. Anscheinend gingen sie jetzt zum Angriff vor.
Gleichzeitig steuerten die sechs deutschen Linienschiffe, in Kiellinie
einander folgend, vorsichtig -- offenbar durch eine Lücke in der
Minensperre fahrend -- an Cuxhaven vorüber und legten sich etwas
stromaufwärts des neuen Hafens vor Anker.

Da flammte es in der Batterie im Fort Kugelbaake auf. Die schweren 30,5
cm-Geschütze griffen in den Kampf ein, und heulend sandte die Batterie
ihren ersten Gruß dem Feinde entgegen. Der nachhallende Donner des
Schusses ließ alle Fensterscheiben in der Stadt erklirren. Nur in langen
Pausen fielen die Schüsse von deutscher Seite. Eine Viertelstunde später
blitzte es auch zwischen den grünen Erdtraversen des Forts Grimmerhörn
auf. Das Gefecht wurde diesseits nur von den Küstenbatterien geführt,
während das Geschwader, dessen stärkstes Kaliber von 24 cm den Feind
nicht mehr erreichte, auf diese Schußweite gezwungen war, untätig dem
Artilleriekampfe zuzusehen. Der Feind war dagegen im stande, vermittels
seiner zahlreichen 30,5 cm (dem gleichen Kaliber wie in den deutschen
Küstenbatterien) und da seine Linienschiffe eine größere Maschinenkraft
besaßen, die Einhaltung dieser Feuerdistanz zu erzwingen. Ein Vordringen
unserer Linienschiffe auf die Schußweite ihrer 24 cm-Geschütze hätte
sie, wenn überhaupt die englischen Panzer dann nicht zurückwichen,
gezwungen, zunächst eine Strecke zurückzulegen, auf der sie der
feindlichen schweren Artillerie schutzlos preisgegeben waren, zumal die
Engländer, im Besitze genauer Seekarten, bei jedem Vorstoß der deutschen
Schiffe die immerhin schmale Fahrrinne mit dem stärksten Kaliber
energisch unter Feuer nahmen. Daher gab der Geschwaderchef den Befehl
zum vorläufigen Rückzuge und ging, wie erwähnt, etwas stromaufwärts,
außerhalb des feindlichen Schußbereiches vor Anker.

Inzwischen tobte der Geschützkampf mit voller Wut weiter. Alle kleineren
Kaliber schwiegen, da nur das Feuer der schwersten Geschütze auf solche
Entfernungen wirksam war. Immerhin folgten sich die Schüsse nur in
langen Pausen, da man beiderseits bestrebt war, in Rücksicht auf die
beschränkte Leistungsfähigkeit der schweren 30,5 cm-Rohre, das Material
zu schonen. Sobald die »Kaiserin Augusta« die »Alte Liebe« passiert
hatte, ging ihre Dampfpinasse zu Wasser, und steuerte in den Hafen
hinein. Ein Offizier stieg an Land und begab sich alsbald zu dem
Kommandoführer der Küstenbatterien, um ihm seine genaueren Beobachtungen
über die Stärke und Zusammensetzung der feindlichen Flotte mitzuteilen.
Diese stimmten im großen und ganzen überein mit der letzten Meldung, die
man von der Beobachtungsstation auf dem Neuwerker Leuchtturm erhalten
hatte, bevor eine feindliche Granate dessen Laterne und den
Signalapparat zerstörte. Nur waren von Neuwerk aus noch vier schwere
Panzer gemeldet worden, mit merkwürdig hohen Aufbauten, also Schiffe,
die nicht zu der charakteristischen niedrigen Form englischer
Linienschiffe paßten. Demnach befand sich bereits eine französische
Panzerdivision bei der englischen Flotte. Sie umfaßte, wie sich später
herausstellte, die französischen Linienschiffe »Charlemagne«, »Gaulois«,
»St. Louis« und »Bouvet«.

Während das Fort Kugelbaake weniger zu leiden hatte, fiel die erste auf
Fort Grimmerhörn gerichtete feindliche Granate mitten in die Batterie,
und mit mathematischer Genauigkeit gezielt, folgten mehr als ein Dutzend
weiterer Geschosse. Reihenweise sanken die Kanoniere dahin, und zwischen
den nur durch Erdtraversen, aber durch keine Panzerung geschützten
Kanonen räumten die feindlichen Granatsplitter in grauenvoller Weise
auf. Immer neue Mannschaften ersetzten die Gefallenen, die zu blutigen
Fleischklumpen zerhackt, ein entsetzliches Ende gefunden hatten. Die
Podeste hinter den Geschützen waren von Blut und Fleischfetzen
schlüpfrig, auf ihnen handhabten die dem Verderben schutzlos
preisgegebenen Artilleristen maschinenmäßig mit sehnigen Armen die
Ladevorrichtungen und schoben ein Geschoß nach dem anderen in die heißen
Rohre. Schuß um Schuß erschütterte die Luft und in dem Höllenspektakel
des eigenen und des fremden Feuers konnte man sich nur pantomimisch
verständigen.

Um 2 Uhr war die Hälfte der Geschütze in Grimmerhörn außer Gefecht
gesetzt. Bei zwei Rohren waren die Liderungen durch hineinspritzenden
Sand und Steinstücke undicht geworden. Ein anderes Geschütz war durch
einen seitlichen Volltreffer auf die Lafette aus seiner Stellung
geworfen worden, und hatte einige Artilleristen mit seiner schweren
Masse unter sich zerquetscht. Das Innere der Batterie bot ein
scheußliches Bild der Verwüstung. Blutige Fleischmassen in verbrannte
und zerrissene Uniformfetzen gehüllt und rauchende Blutlachen da, wo
eben noch lebende Menschen gestanden. Eine Sanitätsabteilung schleppte
unter dem feindlichen Feuer von Granatsplittern umsaust, einige
Schwerverwundete in die bombensicher eingedeckten Räume. Aber ohne
Zaudern traten neue Ersatzmannschaften aus dem Innern des Forts auf die
Ladepodeste, unablässig brüllten und donnerten die Geschütze zwischen
den Erdtraversen hervor, die allmählich, von krepierenden Geschossen
zerwühlt, ihre regelmäßigen Formen verloren und zu grauen Erdhaufen
wurden.

Draußen auf der Reede schoben sich die dunklen Silhouetten der
englischen Panzer immer enger zusammen. Der Feind feuerte nur aus den
vorderen Türmen mit dem schwersten Kaliber und drängte langsam in einem
Halbrund immer näher gegen die Elbmündung vor, den deutschen
Verteidigern so seine bestgeschützte Stirnseite zukehrend. Aus den
grauen Schiffskörpern, deren Signalmasten und hohen Schornsteine
(teilweise paarweise nebeneinander gestellt, daran die »Majestic«-Klasse
erkennen lassend) jetzt deutlich zu unterscheiden waren, zuckten und
sprühten unaufhörlich die gelben Blitze, Tod und Verderben in die
deutschen Küstenbatterien schleudernd. Mit dem Glase konnte man jetzt
auch aufspritzende Wassersäulen erkennen, wenn deutsche Granaten
zwischen den feindlichen Schiffen einschlugen. Aber nicht alle
Projektile versanken so nutzlos in den Wogen der See. Man hatte auf dem
Vorderdeck mehrerer englischer Schiffe deutlich die Explosion deutscher
Geschosse feststellen können. An Bord eines der Schiffe der
»Majestic«-Klasse sah man eine schwarze Rauchwolke aufsteigen, worauf
der vordere Signalmast seitwärts über Bord stürzte. Ein anderes Schiff
schor plötzlich nach Backbord aus, so den deutschen Kanonieren die ganze
Steuerbordseite zeigend, worauf ein anderer Engländer herandampfte, um
das inzwischen noch mehrmals in der Wasserlinie getroffene und schwer
überliegende Linienschiff aus der Gefechtslinie zu schleppen.

Alles dies zeichnete sich für das bloße Auge nur silhouettenhaft am
Horizonte ab. Vom Leuchtturm in Cuxhaven konnte man jedoch mit guten
Ferngläsern die Treffer genauer beobachten. Es war von dort
festzustellen, daß mehrere englische Schiffe drehten und nunmehr mit den
hinteren Turmgeschützen das Gefecht weiterführten.

Sehr viel mehr als die Engländer litten die Franzosen, die mit ihren
hohen, leicht verletzlichen und nur ganz schwach gepanzerten Aufbauten
den deutschen Kanonieren bessere Zielpunkte boten als die niedrig
gehaltenen englischen Panzer. Zwei der französischen Linienschiffe (eins
von ihnen war anscheinend in Brand geraten), mußten schon, nachdem das
Gefecht zwei Stunden gedauert hatte, aus dem Kampfe ausscheiden und
dampften seewärts. Ein drittes französisches Schiff, der »Bouvet«, hatte
das Feuer eingestellt. Es trieb schwerfällig schlingernd auf den Wogen
hin und her.

Es hatte sich wie man später erfuhr folgendes ereignet: Eine deutsche
Granate hatte, zwischen dem vorderen Geschützturm und dem etwas
höher liegenden Kommandoturm durchschlagend, nicht nur viele
Telegraphensignalleitungen durchschlagen, sondern war, schräg den
vorderen Schornstein durchbohrend, zwischen beiden Schloten durch das
Panzerdeck gefahren und hatte, im Maschinenraum krepierend, die ganze
Backbordmaschine mit fast sämtlichen Kesseln zerstört. Da der englische
Admiral kein Linienschiff aus der Feuerlinie herausnehmen wollte, um den
»Bouvet« abzuschleppen, ließ man ihn einfach liegen, in der Hoffnung,
das Rettungswerk beim Dunkelwerden ausführen zu können. Gegen 5 Uhr
nachmittags war der »Bouvet«, von drei weiteren deutschen Granaten
getroffen, vollständig manöverierunfähig. Zwar nahmen die schweren
Turmgeschütze hin und wieder das Feuer wieder auf, doch wurde gegen 5
Uhr die Decke des vorderen Turmes von einer Granate durchschlagen, die,
im Innern des Turmes explodierend, die Geschützbedienung einfach zu Brei
zerquetschte. Da gleichzeitig eine Menge bereitliegender Kartuschen in
die Luft flog, entstand eine Panik an Bord. Hierauf geriet der »Bouvet«,
nur noch mit seiner Steuerbordmaschine arbeitend, durch Versagen des
Rudermechanismus ins Treiben, lag etwa 10 Minuten quer zu der Richtung
der deutschen Geschütze, wurde noch mehrmals getroffen und strandete
dann auf einer Sandbank, nunmehr ein hilfloses Wrack.

Es mußte auffallen, daß der Feind, während er dem Fort Kugelbaake nur
wenig anhaben konnte und dort kein Geschütz dauernd außer Gefecht
setzte, bereits mit dem ersten Schuß in die Batterie von Grimmerhörn
getroffen hatte. Das Rätsel löste sich leicht. An Bord der englischen
Flotte befanden sich als Lotsen für die deutschen Gewässer und
insbesondere für die Elbe- und Wesermündung englische Dampferkapitäne
und Steuerleute, die auf ihren regelmäßigen Fahrten nach Hamburg und
Bremen die Fahrrinne so genau kennen gelernt hatten, daß sie auch nach
Entfernung der Seezeichen hinreichend Bescheid wußten, um die englische
Flotte sicher zwischen den Sänden und Untiefen der Wattenküste zu
geleiten. Diese englischen Kapitäne kannten selbstverständlich auch die
Lage der deutschen Küstenbatterien und für ein einigermaßen geschultes
Auge war es ohne weiteres klar, daß der Kanonier, der sein Geschütz auf
Grimmerhörn richten wollte, nichts weiter zu tun brauchte, als den
spitzen Turm der dicht dahinter liegenden Garnisonskirche als Richtpunkt
zu nehmen. Bei dem überraschenden Ausbruch des Krieges hatte man diesen,
der deutschen Marine natürlich gut bekannten Umstand übersehen und hatte
es beim Herannahen der feindlichen Flotte versäumt, hier die nötigen
Vorkehrungen zu treffen. Das wurde durch Sprengung des Turmes jetzt im
feindlichen Feuer nachgeholt. Gegen 2 Uhr mittags war der Kirchturm
plötzlich von einer Staubwolke umhüllt, worauf er und die Mauern der
Kirche unter lautem Krachen in sich zusammen sanken. Dem Feind war
dadurch ein bequemer Zielpunkt geraubt, womit sich dann auch die Zahl
der Treffer in Fort Grimmerhörn sehr schnell verminderte. Leider hatte
kurz vorher noch ein feindliches Geschoß die bombensichere Decke einer
Munitionskammer durchschlagen, worauf dieses Magazin mit seinem Inhalt
in die Luft flog. Die niederfallenden Geschoßtrümmer und der Steinschutt
richteten unter den Häusern von Cuxhaven gewaltige Zerstörungen an.

Um 4 Uhr nachmittags brannte Cuxhaven an mehreren Stellen. Da die Stadt
von den Einwohnern geräumt war, hatte das wenig zu bedeuten. Man
beschränkte, um nicht nutzlos Menschenleben aufzuopfern, die
Löscharbeiten auf das Notwendigste, und ließ brennen, was brennen
wollte, in der richtigen Erkenntnis, daß durch die Feuersbrunst die
Engländer vielleicht übertriebene Vorstellungen von der Wirkung des
Bombardements erhalten würden. In derselben Erwägung ließ man ½6 Uhr
abends in den Forts langsam ein Geschütz nach dem anderen bis auf zwei
Rohre verstummen. Und es schien wirklich, daß der Feind glaube, daß er
nicht nur die Batterien niedergekämpft habe, sondern auch die
Küstenstadt mit ihren Hafenanlagen in einen Trümmerhaufen verwandelt
habe, zumal die Lagerhäuser und das Depot der Hamburg-Amerika-Linie am
Hafen lichterloh brannten.

Plötzlich kam Bewegung in die feindlichen Linien, Signale wurden
gewechselt, aus allen Schloten quollen dicke Rauchwolken, nur der
havarierte »Bouvet« blieb regungslos liegen. Die feindlichen Geschwader
bewegten sich vorwärts, das Feuer aus den schweren Geschützen
verringernd und es bald darauf ganz einstellend. Eine Pause entstand
auch in dem diesseitigen Feuer.

Mit rauchgeschwärzten Gesichtern standen die deutschen Kanoniere an
ihren Geschützen. Die letzte Ladung saß im Rohre und mit atemloser
Spannung verfolgte man das Herannahen der feindlichen Flotte, des
Kommandowortes harrend, das den Riesengeschützen von neuem den Mund
öffnen sollte. Schon mit bloßem Auge konnte man am Bug der vorderen
feindlichen Schiffe den sprudelnden Schaum erkennen, der durch die
rasche Fahrt, mit der die stählernen Kolosse durch Tausende von
Pferdekräften vorwärts getrieben wurden, aufgewirbelt wurde. Es war ein
majestätischer und zugleich herzbeklemmender Anblick, diese Reihe
feindlicher Panzer heranrauschen zu sehen.

Die plötzlich eintretende Stille wirkte so eigenartig; das Tosen des so
schnell verstummten Geschützkampfes klang im Ohre noch so intensiv nach,
daß jedes kleinste Geräusch sofort die Vorstellung von dem Wiederkehren
des eben verhallten Donnergebrülls erweckte. Es war charakteristisch,
daß, als man in der ungewohnten Stille nun das Knattern und Prasseln der
Feuersbrunst in dem hinter den Batterien liegenden Städtchen hörte, sich
viele Artilleristen umwandten, in dem bestimmten Gefühl, von rückwärts
Maschinengeschützfeuer zu erhalten.

Über Cuxhaven lag eine qualmende Rauchwolke, von unten durch die
aufleckenden Feuerzungen brandrot gefärbt, oben von den Strahlen der
scheidenden Abendsonne mit gelben Lichtern umrandet. Leise schäumten und
brandeten die Wogen am Strande empor. Noch war der Feind etwa eine
Seemeile von der ersten Minensperre entfernt. Die nächsten Minuten
mußten bereits die unterseeischen Minen mit den ersten englischen
Schiffen in Berührung bringen, da tönte der bellende Schrei einer
Dampfsirene vom englischen Admiralsschiffe und fast im selben Augenblick
erhob sich, während die Panzerschiffe ihre Fahrt verlangsamten, mitten
im Fahrwasser, einer Riesenfontäne gleich, ein weißer, schäumender
Wasserberg, und neben ihm noch einer und noch einer, und zwischen diesen
aufschießenden Strudeln erschienen an der Oberfläche zwei schwarze
Körper, wie treibende Wrackstücke hin und her geworfen zwischen den
wütend aufgepeitschten Wogen. Und immer neue Fontänen und weiße
Gischtsäulen stiegen empor. Die Zeugen dieses wunderbar schrecklichen
Schauspieles auf dem Wasser vermochten sich die Vorgänge in den ersten
Sekunden nicht zu erklären. Dann aber, als eine gewaltige Woge an den
Strand prallte, bis auf den steinernen Uferdamm Schaummassen spritzend
und dann wieder in unwiderstehlichem Sog zurücksinkend, und eine neue
schaumgepeitschte Welle einen jener schwarzen Gegenstände hoch hinauf
auf den flachen Strand schleuderte, wo er wie ein umgekipptes Boot
liegen blieb, da ward es klar, daß die Engländer mit ihren
_Unterseebooten_, die sie der Flotte vorangeschickt hatten, Kontreminen
ausgelegt hatten und diese in der Nähe der deutschen Minen zur Explosion
gebracht und so die äußere Minensperre vernichtet hatten. Die Mannschaft
der vier englischen Unterseeboote war hierbei dem sicheren Untergang
geweiht. Keiner von der Besatzung entkam und was dort unter der
Wasserfläche vorgegangen, blieb ein stummes Geheimnis.

In demselben Moment, als der erste Wasserberg aufschäumte, verwandelten
sich die bleigrauen, schweigenden Panzerschiffe wieder in feuerspeiende
Vulkane. Aus allen Geschützöffnungen lohten die gelben Flammen. Aus
allen Winkeln und Ecken, aus allen Stockwerken der Decksaufbauten, aus
allen Turmöffnungen und Geschützpforten sprühte und zuckte der Tod. Wie
Schloßenhagel fuhren die Geschosse aus allen feindlichen Kalibern heran,
warfen ganze Lagen von Sand und aufgewirbelten Steinen über die
Batterien, überall zersprangen feindliche Granaten und die
dichten Salven aus den Schnellfeuergeschützen zerfetzten die
Geschützbedienungen. Lautlos oder gräßliche Schreie ausstoßend, sanken
die deutschen Artilleristen dahin, durch keine Panzerwand gegen das
feindliche Feuer geschützt. Das Donnern und Gebrüll aller Geschütze
vereinigte sich zu einem Höllensabbat, als öffne sich die Erde und als
schössen aus ihr die lodernden Gluten hervor. Hier vor der brennenden
Stadt die feuerspeienden Sandhaufen der deutschen Forts, drüben die
flammenumzuckten, stählernen Berge auf der wogenden Meeresflut.

Jetzt wo der Feind so nahe, jetzt war der Moment gekommen, wo die
deutschen _Mörserbatterien_ mit ihrem Steilfeuer eingreifen konnten.
Gedeckt durch die dicken Stahlwände der Panzerungen, begannen sie ihr
Feuer. Wohin man blickte, nichts als flammende Blitze, tanzende,
zuckende, sprühende Flammen.

Und drüben schlug's jetzt ein. Noch waren die feindlichen Staffeln
wohlgeordnet, aber jetzt gerieten sie in Verwirrung. Auf dem
Linienschiffe »Ocean« schoß plötzlich eine weiße Dampfwolke zwischen den
Schloten empor, den einen von ihnen über Bord werfend. Eine
Mörsergranate hatte das Panzerdeck durchschlagen und hatte, im
Maschinenraum berstend, verschiedene Kessel zur Explosion gebracht. Auf
dem Panzer »Glory« explodierte ein Geschoß im hinteren Turm, die zwei
langen Geschützrohre nach vorwärts über das Deck werfend. Der Panzer
verlangsamte seine Fahrt, bog nach Steuerbord aus, stieß mit dem ihm
seitwärts folgenden »Albion« zusammen und beide Schiffe wurden jetzt das
Zielobjekt für die Küstenbatterien. Auf dem Admiralsschiffe stürzte der
hintere Gefechtsmast zerschmettert über Bord, mit seinen Drahtseilen
anscheinend die eine Schraube unklar machend, denn das Schiff stoppte
und beschrieb plötzlich einen Kreis. Es herrschte durch diese plötzliche
Wirkung des deutschen Steilfeuers, dem die englischen Panzerdecks nicht
gewachsen waren, Verwirrung in den Reihen des Feindes. In dem
verhältnismäßig schmalen Fahrwasser ließ sich die ursprüngliche
Formation nicht mehr innehalten, mehrere Schiffe berührten sich
gegenseitig. Das Linienschiff »Ocean« war leck geschossen und durch eine
Maschinenhavarie gefechtsunfähig. Dicke Wasserstrahlen der Lenzpumpen
quollen nach der dem Leck abgekehrten Seite aus dem Schiffsrumpfe
hervor. Dann wurde der Panzer von einem Kameraden zurückgeschleppt, wo
er jedoch unweit der Stelle, wo der »Bouvet« gestrandet war, ebenfalls
auf den Sand geriet.

Das war der Augenblick für die deutschen Linienschiffe, in den Kampf
einzugreifen. Vorsichtig die zweite Minensperre in Kiellinie passierend,
ging es jetzt mit Volldampf auf den Feind los. Aber schneller, als man
erwartet, hatte sich dieser wieder rangiert, Kehrt gemacht und ging
unter voller Maschinenkraft wieder seewärts. Als die deutschen Panzer
das Feuer der Küstenbatterien maskierten, brach dieses plötzlich ab, die
Verfolgung des mit seinem Angriff abgeschlagenen Feindes dem Geschwader
überlassend.

Das Gefecht auf der Reede, welches von unserer Seite gegen den mehrfach
überlegenen Feind nicht weiter fortgeführt werden konnte, entzog sich in
dem Abenddunkel der Beobachtung vom Lande. Vermöge seiner größeren
Schnelligkeit vermochte sich der Feind mit seinen stärkeren Kalibern die
sechs deutschen Linienschiffe sehr bald vom Leibe zu halten. Um 8 Uhr
kehrte das deutsche Geschwader wieder in die Elbmündung zurück, die
Sicherung gegen feindliche Angriffe einer Postenkette von schnellen
Kreuzern überlassend, deren Zahl durch die am Nachmittag von Brunsbüttel
eingetroffenen Schiffe »Lübeck«, »Berlin«, »München« wesentlich vermehrt
worden war.

Die deutschen Panzerschiffe waren vom Kampfe hart mitgenommen.
Namentlich die hohen Decksaufbauten waren arg zusammengeschossen und
durch die Splitterwirkung waren die Mannschaftsverluste recht hoch. Doch
sahen die Beschädigungen für das Laienauge schlimmer aus, als sie in
Wirklichkeit waren. Vitale Teile waren kaum verletzt und alle deutschen
Panzer waren gefechtsfähig geblieben. Der 21. März hatte jedoch
das bestätigt, was in den letzten Jahren von verschiedenen
Marineschriftstellern immer wieder hervorgehoben worden war, daß nämlich
die überlegene, niedrigere Bauart der englischen Panzerschiffe
praktischer für den Kampf sei, als die der deutschen mit ihren hohen,
zwar martialisch aussehenden, dem Feinde aber ein gutes Zielobjekt
liefernden Aufbauten über Deck. Und nun erst die Franzosen, die
Geschützstände und Brückendecks etagenweise übereinander stapeln bis zur
Grenze der Seefähigkeit dieser wuchtigen, hoch aufragenden schwimmenden
Festen! Während die niedrigen englischen Linienschiffe schwer zu
treffende Ziele waren, hatten die Franzosen ihre Liebhaberei für
groteske Schiffsformen mit großen Mannschaftsverlusten und furchtbaren
Zerfetzungen des Schiffskörpers über Wasser zu büßen. Das deutsche
Geschwader nahm wieder seinen Ankerplatz innerhalb der zweiten
Minensperre ein. Zwei weitere Torpedo-Divisionen rückten noch spät am
Abend in die äußere Vorpostenlinie vor. Der Standpunkt der feindlichen
Flotte, die sich anscheinend mit ihrem Gros auf Helgoland zurückgezogen
hatte, war um 9 Uhr abends noch in dieser Richtung an den zwischen den
Schiffen gewechselten Scheinwerfersignalen erkennbar. Während der Nacht
liefen durch Funksprüche Meldungen ein, denen zufolge die feindliche
Flotte sich durch eine mehrfache Postenkette von Kreuzern und
Hochseebooten gegen einen Torpedoangriff von deutscher Seite geschützt
hatte.

Nach dem Rückzuge des Feindes begannen beim Scheine elektrischer
Bogenlampen Pionierabteilungen die Verwüstungen in den Küstenforts mit
möglichster Beschleunigung auszubessern, damit am nächsten Tage der
Feind auch hier wieder alles gefechtsbereit fände. Abends trafen noch
mit der Küstenbahn zwei Züge der Hamburger Feuerwehr in Cuxhaven ein,
die mit ihren Dampfspritzen und von Spritzendampfern unterstützt das
Löschen des Feuers in der Stadt energisch in Angriff nahmen, aber noch
bis in die frühe Morgenstunde lag eine brandrote Wolke über der
unglücklichen Stadt, ein Feuermal über dem Grabe von Hunderten deutscher
Männer. Der erste Vorstoß des Gegners war, allerdings unter schweren
Opfern, abgeschlagen worden. Während der ganzen Nacht wurden durch
Sanitätstransporte die Schwerverwundeten aus den Küstenforts nach dem
Bahnhofe überführt, um von dort nach den Hamburger Lazaretten evakuiert
zu werden.




                            Die Blockade.


Nach dem Bombardement von Cuxhaven trat eine gewisse Stockung in den
feindlichen Operationen ein. Die Verluste, die das vereinigte
Angriffsgeschwader erlitten hatte, mahnten es zur Vorsicht. Die
zerschossenen und havarierten Schiffe schickte man in die heimatlichen
Häfen und füllte die Lücken mit inzwischen neu mobilisierten Schiffen
aus.

Auch die Ausrüstung der deutschen Schiffe wurde mit allem Eifer
vollendet. Am 2. April war die Mobilisierung auf jedem in Frage
kommenden Schiffe abgeschlossen, nur das Mitte März vor Kiel
aufgelaufene Linienschiff »Schwaben« lag auf der dortigen Werft, um die
erhaltene schwere Bodenbeschädigung zu reparieren. Außerdem lagen die
Küstenpanzer »Siegfried« und »Hagen«, die vor der Kanalmündung
zusammengerannt waren, im Dock. Die veralteten Schiffe der
»Sachsen«-Klasse blieben in Wilhelmshaven vorläufig in Reserve.

Mit fieberhafter Eile wurden in Cuxhaven die zerschossenen Batterien
wieder hergestellt, einzelne demolierte Geschütze ausgewechselt und
außerdem wurden mit den bei Krupp und Erhardt vorhandenen Beständen an
schwerer Artillerie neue Batterien errichtet. Der Panzer »Wittelsbach«
wurde, um eine rasche Reparatur seiner Beschädigung zu ermöglichen, in
die eine Schleusenkammer von Brunsbüttel gelegt, dort flickte man in
drei Tagen seine Schußlöcher wieder aus. Die schwer beschädigte
»Gazelle« wurde in das Dock von Blohm & Voß gelegt, das nach Brunsbüttel
geschleppt worden war und dort auch später nach der Schlacht bei
Helgoland gute Dienste tat. Ebenso wurden sämtliche anderen Hamburger
Schwimmdocks an die Elbmündung befördert, wo sie havarierte Torpedoboote
und kleine Kreuzer immer sofort aufnahmen, wenn diese mit Beschädigungen
aus der Blockadelinie zurückkehrten. Die zerstörte Minensperre wurde
wieder hergestellt und durch eine neue Linie ergänzt, in der man zum
ersten Male eine aus Stahltrossen gefertigte netzartige Sperre als
Schutz gegen die Unterseeboote anwandte.

Als ein guter Erfolg konnte es angesehen werden, daß es am 28. März
gelang, auf der Insel Neuwerk eine Ballonstation zu errichten, die in
Verbindung mit dem Fesselballon, der ständig über dem Fort Kugelbaake
schwebte, nicht nur zur Beobachtung der Blockadeflotte diente, sondern
auch bei Tage wenigstens einen gewissen Schutz gegen Angriffe durch
Unterseeboote darstellte, die sich namentlich zahlreich bei dem
französischen Geschwader befanden. Bekanntlich sind flache
Küstengewässer aus einer gewissen Höhe für den von dort aus
Beobachtenden durchsichtig, und die dunklen Körper der Unterseeboote
zeichnen sich auf dem hellen Meeresgrunde scharf ab. Es gelang mehrere
Male, von dem Beobachtungsposten im Ballon das Geschwader in der
Elbmündung rechtzeitig vor herannahenden Unterseebooten zu warnen. In
Verbindung mit diesem Nachrichtendienst erwiesen sich mehrfach die
Beobachtungsminen, die auf ein Signal der Ballonstation entzündet wurden
und durch ihre Explosion feindliche Unterseeboote zerstörten, als ein
ziemlich wirksamer Schutz. Nebenher wurde ein scharfer Postendienst
unterhalten; auch von Kiel aus sicherte man durch vorgeschobene Kreuzer
und die inzwischen als Hilfskreuzer eingestellten Schnelldampfer unserer
großen Reedereien die dänischen Gewässer gegen eine feindliche
Annäherung.

Die in der Ostsee erreichbaren englischen Schiffe waren von deutschen
Kreuzern gekapert worden. Die meisten englischen Kauffahrer hatten
jedoch rechtzeitig in neutralen Häfen einen Unterschlupf gefunden.
Besonders in Kopenhagen lagen Dutzende von englischen Dampfern in langen
Reihen an den Kais. Leider konnte man nicht verhindern, daß ihre
Besatzung auf Umwegen in die Heimat zurückkehrte, wo sie an Bord der
englischen Flotte eingestellt wurde.


                            Auf Vorposten.

Für den Feind begann jetzt, weil man vor der Komplettierung der eigenen
Streitkräfte keinen neuen Schlag versuchen wollte, der ungeheuer
anstrengende Blockadedienst. Da man mit den ziemlich intakten deutschen
Streitkräften Tag und Nacht rechnen mußte, wirkte dieser Dienst auf die
feindlichen Seeleute sehr ermüdend. Wollte man durch Scheinwerfer nicht
seinen eigenen Aufenthalt verraten, war man an Bord der Engländer und
Franzosen nachts allein auf Auge und Ohr angewiesen. Dazu wurden die
Schiffe durch die rauhe See und durch heftige Stürme fürchterlich hin
und her geworfen. Durch kühne Vorstöße deutscher Torpedoboote verlor die
Blockadeflotte eine Reihe von kleineren Schiffen, auch ein französisches
Panzerschiff wurde durch eine Torpedoexplosion schwer leck. Unter Deck
benutzte man empfindliche Telephonapparate, da man bei ruhiger See auf
diese Weise das Geräusch der feindlichen Torpedoschrauben im Wasser auf
weite Strecken hören kann. Solcher Vorpostendienst erschöpfte die
Besatzung derart, daß man, um die Mannschaften frisch zu erhalten, die
Kreuzer höchstens eine Woche in der Postenlinie ließ und sie dann
ablöste und zurückzog. Die dienstfreien Schiffe lagen seewärts der
Blockadelinie, halbwegs zwischen der dänischen Küste und der Doggerbank.

Der Panzerkreuzer »Friedrich Karl«, der durch den Kanal nach Kiel
zurückgekehrt war, befand sich nördlich von Skagen in der äußersten
Postenlinie, die gegen ein Herannahen des Feindes durch die
skandinavischen Gewässer sicherte. Alle Lichter waren sorgfältig
abgeblendet, die See ging hoch und spritzte weiße Schaumflocken an den
Bordwänden empor. Oben auf dem Kommandostand erhielt der wachthabende
Offizier die Meldung aus dem ersten Signalmast, es scheine so, als ob
sich wenige Striche über Backbord mehrere Schiffe bewegten. Ein leises
Signal in die Maschine ließ diese mit voller Kraft angehen. Die Posten
an den Scheinwerfern erhielten ein Achtungssignal, der Kreuzer wühlte
sich mit 21 Knoten durch die schwarze See. Plötzlich eine Wand weißen,
blendenden Lichtes, das in den Augen schmerzte; vorn über Backbord
flammte dicht über den Wellen der Lichtstrom eines Scheinwerfers auf,
der mit seinem breiten Kegel plötzlich die schäumenden Wogen vor dem Bug
des »Friedrich Karl« in voller Deutlichkeit zeigte. Einen Moment, und
das Vorschiff des Kreuzers sank in diese Lichtflut ein, durch die die
aufgespritzten Schaumtropfen wie Schneeflocken herniederrieselten. Wie
ein Phantom erschien der graue Schiffsrumpf von blendenden Reflexen
umspielt. Wie an Bord eines Geisterschiffes tauchten die hinter ihren
Geschützen wie eherne Statuen stehenden Artilleristen gleichsam aus dem
Nichts empor, dann wuchs der ragende Signalmast mit seinem zierlichen
Gerippe von Stahldrähten aus der Dunkelheit heraus.

Drüben zuckten jetzt in der Nacht ein paar gelbe Feuerzungen auf und
heulend sausten mehrere Granaten durch das Takelwerk des »Friedrich
Karl«, aber schon war sein Vorderschiff wieder von der Dunkelheit
verschluckt, und der letzte Schein des weißglühenden Lichtes fegte nur
noch über das Achterdeck, den sprudelnden Wasserwirbel am Heck und den
über die Wellen nachgezogenen Schaumstreifen im silbernen Schimmer
aufleuchten lassend. Die wieder einfallende Dunkelheit betäubte das
geblendete Auge, und nur die roten Flammen aus den feindlichen
Geschützrohren und das Sausen und das klatschende Einschlagen der
ziellos verfeuerten Granaten auf der Wasserfläche gemahnte daran, daß
das soeben Geschaute nicht nur eine Vision gewesen.

Da, ein tausendfacher, gellender Schrei, das Vorschiff des »Friedrich
Karl« hob sich von einem gewaltigen Stoß. Der Scheinwerfer oben auf dem
ersten Signalmast blitzte auf und sandte seine weiße Lichtflut aus der
Höhe nach vorn, wo ein Krachen und Bersten von zerrissenem Metall und
stürzende schwere Gewichte einen Höllenspektakel machten. Ein
grauenhaftes Schauspiel bot sich dem entsetzten Blick: Der scharfe Sporn
des »Friedrich Karl« hatte sich in die Breitseite eines großen
Ozeandampfers eingewühlt. Der Wind trieb aus dessen drei mächtigen
Schloten die braunen Rauchschwaden seewärts, wo sie wie ein flatternder
Schleier über den Wogen hinkrochen. Auf dem fremden Schiffe, an dessen
Bug der Name »Lucania« deutlich zu lesen war, liefen schreiend und
kommandierend ein paar Leute hin und her.

In diesem kritischen Moment platzten auf dem »Friedrich Karl« zwei
feindliche Granaten dicht neben dem vorderen Turm, der sofort
automatisch drehte und mit seinem 21 cm-Geschütz in die Dunkelheit
hineinschoß. Auch die Backbordartillerie nahm das Feuer langsam auf.
Jetzt blitzte der englische Scheinwerfer von neuem auf und die dunkle
Meeresfläche erschien plötzlich belebt von einer langen Reihe
feindlicher Schiffe: Die auf Kiel herandampfende englische Flotte.

Durch die gewaltige Maschinenkraft des deutschen Kreuzers war sein
mächtiger Rumpf weit in das feindliche Transportschiff hineingetrieben.
Ein paar Sekunden nach dem Zusammenprall ließ der »Friedrich Karl« die
Schrauben rückwärts schlagen und ging langsam Zoll um Zoll rückwärts.
Als sich sein grauer Stahlleib zurückschob, klaffte über ihm ein
riesenhaftes Loch mit verbogenen und zerrissenen Rändern an der
Bordseite der »Lucania«, aus dessen schwarzen Tiefen weißer Wasserdampf
hervorquoll, und in das die See rauschend und polternd hineinstürzte.
Kaum war der »Friedrich Karl« wieder frei, so legte sich die »Lucania«
nach Steuerbord über, dem deutschen Schiffe sein schräges, von Hunderten
von schreienden Menschen belebtes Deck weisend.

Einige der englischen Soldaten waren im naiven Selbsterhaltungstrieb auf
den »Friedrich Karl« hinübergesprungen, andere suchten die Boote klar zu
machen, was aber nicht mehr an der Steuerbordseite gelang, wo die
Reeling mit dem Bootsdeck bereits ins Wasser tauchte. Durch mehrere
Scheinwerfer war die schwarze Wasserfläche hell beleuchtet. In der
ersten Überraschung konzentrierten alle englischen Schiffe ihre
Aufmerksamkeit auf die unglückliche »Lucania«. Von den an Bord
befindlichen 1500 Mann Infanterie wurde jedoch kaum der dritte Teil
gerettet. Fast tausend Mann nahm das Unglücksschiff, als es nach wenigen
Minuten infolge einer Kesselexplosion, die den Schiffsrumpf in zwei
Teile zerriß, sank, mit in die Tiefe. Noch ehe man sich über die Größe
des Unglücks klar geworden, war der »Friedrich Karl« wieder von der
Dunkelheit verschlungen.

Die geplante Überraschung des Kieler Hafens war also mißglückt. Bereits
um 5 Uhr morgens wurde dort das Herannahen der englischen Flotte
bekannt; sie erschien am Tage darauf, durch den großen Belt dampfend,
weit draußen vor der Kieler Föhrde, worauf die beobachtenden deutschen
Kreuzer sich zurückzogen und sich auf einen intensiven Postendienst
beschränkten. Da die englische Flotte den in Kiel stationierten
Streitkräften weit überlegen war, konnte man zunächst einen Angriff von
deutscher Seite mit Aussicht auf Erfolg nicht versuchen und begnügte
sich damit, dem Feinde seinen Blockadedienst durch stetige nächtliche
Vorstöße zu erschweren. Nach den Erfahrungen des Bombardements von
Cuxhaven, welches die schwere Artillerie an Bord der angreifenden
englischen Flotte außerordentlich strapaziert hatte, war man offenbar
auf feindlicher Seite entschlossen, die Lebensdauer der schweren
Geschützrohre nicht durch zweckloses Schießen unnötigerweise zu
verkürzen.

Die Vernichtung der »Lucania« wurde in der Presse bekanntlich lebhaft
erörtert, da man sich wunderte, wie ein solcher Zusammenstoß
_unvermutet_ erfolgen konnte, da doch der feindliche Scheinwerfer dem
»Friedrich Karl« jenes Transportschiff gezeigt haben müßte. Dabei wurde
vergessen, daß der Lichtkegel eines Scheinwerfers undurchsichtig ist.
Der Lichtkegel des englischen Scheinwerfers hatte sich gewissermaßen wie
eine trennende Wand zwischen den »Friedrich Karl« und die »Lucania«
gelegt, so daß der »Friedrich Karl«, nachdem er die Lichtzone
durchfahren, tatsächlich unerwartet mit der »Lucania« zusammenstieß.




                              Am Feinde.


Der am 21. März mittags in Aachen eintreffende deutsche Gesandte aus
Brüssel brachte die Bestätigung, daß die Franzosen die belgische Grenze
überschritten hatten. Man hatte sich bis dahin auf deutscher Seite
darauf beschränkt, den Tunneleingang der Aachen-Lütticher Linie
militärisch zu besetzen, um so eine Unterbrechung dieser wichtigen
Strecke zu verhindern. Jetzt, da die politische Lage klar, erging der
Befehl, in Belgien einzurücken. Die beiden Kavallerieregimenter mit
einer Maschinengewehrabteilung und die beiden Bataillone, die am Tage
vorher schon unweit des Aachener Bahnhofes Alarmquartiere bezogen
hatten, um sofort die bereitgehaltenen Züge besteigen zu können,
verließen, von den lauten Hurrarufen der Volksmenge begleitet,
nachmittags um 4 Uhr den Bahnhof der alten Kaiserstadt. Der erste Zug,
auf dessen erstem Lowry, der sich noch vor der Lokomotive befand, aus
Schienen und Eisenbahnschwellen für zwei Maschinengewehre kugelsichere
Deckungen hergerichtet waren, erhielt gegen 6 Uhr abends dreiviertel
Wegs nach Lüttich aus einem Walde heftiges Gewehrfeuer. Die
Maschinengewehre brachten es schnell zum Schweigen, die Truppen
verließen die Wagen und bezogen zu beiden Seiten der Bahn eine
ausgedehnte Vorpostenstellung. Es galt zunächst festzustellen, ob, wie
die Gerüchte wissen wollten, bereits französische Truppen soweit gegen
die deutsche Grenze vorgeschoben seien. Einfach heute schon nach Lüttich
hineinzufahren, verbot die Schwäche dieser Vortruppen.

Kurz vor der Stelle, wo die Bahn den zu beiden Seiten sich hinziehenden
Wald verläßt, um dann auf einer kleinen Brücke einen Bach zu passieren,
worauf sie jenseits bald wieder im dichten Walde verschwindet, hielt am
anderen Morgen eine Patrouille des rheinischen Husarenregimentes.

»Meyer,« sagte der Gefreite Busch, »wir wollen einmal bis an die
Waldzunge vorgehen, mir ist so, als hörte ich ein leises Geräusch in den
Schienen; möglich, daß ein Zug herankommt. Von dort werden wir ihn
jedenfalls besser beobachten können.«

Vorsichtig die beiden Pferde am Zügel führend, folgte Meyer durch das
Unterholz dem Gefreiten. Nach etwa zehn Minuten standen sie am Rande des
Waldes und überblickten jetzt den Bahnkörper, die kleine Brücke und den
in der Morgensonne weißlich glänzenden zweifachen Schienenstrang, der
sich weiterhin zwischen den schwarzen Stämmen des Waldes wieder verlor.
Vom Feinde war nichts zu sehen; tiefe Ruhe herrschte unter den hie und
da schon einen hellgrünen Schimmer zeigenden Baumwipfeln, in denen die
Vögel ihr lustiges Morgenliedchen pfiffen. Da wo sich der
gegenüberliegende Wald zum Bahndamm herniedersenkte, stand auf den
Schienen eine Lokomotive, ganz ruhig, wie hingezaubert in diese
friedliche Stille.

Flüsternd machten sich die beiden Husaren auf diese überraschende
Erscheinung aufmerksam. Wie vergessen stand die Maschine da, kein
Dampfwölkchen verriet, ob Bewegung in ihr wohnte. Kein Mensch war hinter
den ovalen Fenstern des Führerstandes zu erblicken, ringsum zwitscherten
die Vögel und rauschten leise im Morgenwinde die Zweige der Bäume.

»Meyer, wir müssen weiter vor, folgen Sie mir, wir wollen hier links
durch den Wald über den Bach hinübergehen und dieses belgische
Verkehrsinstrument einmal untersuchen.« Langsam sich hinter den
Baumstämmen deckend, ritten die beiden Husaren nach vorne. Jetzt mußten
sie den schützenden Wald verlassen und stiegen den sanften, nur von
wenigen Bäumen bestandenen Abhang hinunter.

»Klapp«, sagte es plötzlich über ihnen und noch einmal »klapp«, und ein
paar Äste fielen vor ihnen herunter. Gleichzeitig weckten zwei Schüsse
ein in den Waldschluchten lang hinrollendes Echo.

»Also doch,« sagte Busch, »ich dachte es mir, dann also zurück.« Da
ertönten mehrere lange und kurze Pfiffe der Lokomotive, ein weißer
Dampfstrahl stieg über ihrem blanken Kesseldom auf und langsam, wie von
unsichtbarer Gewalt geschoben, bewegte sich die Maschine rückwärts. »Sie
geben ein Signal für ihre Posten,« sagte Busch, »hören Sie: lang, kurz,
lang, kurz, kurz, lang; ganz nach dem Morsesystem. Nun Vorsicht.« Die
Lokomotive, die lautlos auf den Schienen zurückgeglitten, machte wieder
Halt. »Ich bleibe hier,« sagte Busch, »Meyer, reiten Sie zurück und
melden Sie dem nächsten Posten, was wir gesehen.«

»Zu Be...«, mehr hörte Busch nicht, er spürte neben sich einen
klatschenden Schlag und fühlte eine widerlich warme Masse sich auf die
Wange spritzen. Meyer stürzte seitwärts vom Pferde und blieb liegen.
Eine feindliche Kugel hatte ihn mitten in die Stirn getroffen. »Der
erste«, sagte Busch, zog Meyers Säbel heraus und stieß ihn neben der
Leiche in den weichen Waldboden.

Und nun ging's vorwärts auf Lüttich zu, langsam kroch die eherne
Schlange auf den Schienensträngen vorwärts, während zu beiden Seiten des
Bahnkörpers die Kavallerie sicherte. Als die ersten deutschen Truppen in
die Vorstadt von Lüttich am Mittage des 22. März eindrangen, verließ der
letzte Zug mit einem französischen Infanteriebataillon den Bahnhof auf
der anderen Seite, und die französischen Chasseurs räumten vor der
einrückenden deutschen Kavallerie die Vorstadt Lüttichs. Die belgischen
Truppen gingen teils in südwestlicher Richtung auf die französische
Grenze mit ihren französischen Kameraden zurück, teils wichen sie
kampflos in der Richtung auf Antwerpen, wo bereits englische Truppen
einen Rückhalt für sie bildeten. Vor Brüssel beabsichtigte man keinen
weiteren Widerstand zu leisten. Da die Engländer zunächst auch im Verein
mit den Belgiern bei weitem nicht stark genug waren, um die Forts von
Antwerpen zu besetzen _und_ gleichzeitig ungefähr bei Löwen, wie
ursprünglich beabsichtigt, dem deutschen Vormarsch einen Riegel
vorzuschieben, war von dieser Seite, von wo aus man eventuell den
deutschen Vormarsch hätte flankieren können, einstweilen nichts
Ernstliches zu befürchten.

Der schnelle Vorstoß der deutschen ersten Armee richtete sich auf die
französische Grenze, die geringen belgischen Truppen und die hastig nach
Belgien hinübergeworfenen französischen Truppen vor sich aufrollend und
zusammentreibend. Bis nach Namur war die Bahnlinie seltsamerweise völlig
unversehrt. In Namur traf man auf die ersten gesprengten Brücken und
zerstörten Schienenstränge. Da die Hauptlinie Lüttich--Namur--Charleroi
schnell von den Deutschen besetzt wurde, fiel das gesamte rollende
Material auch auf den Zweiglinien der belgischen Bahn in deutsche Hände.
Das war das erste Versäumnis des Feindes. Die teilweise aufgerissenen
Schienen und die ziemlich ungeschickt gesprengten Brücken wurden in
wenigen Tagen wieder repariert, so daß der Verkehr bis Charleroi sofort
funktionierte, ein erfreulicher Erfolg. Für die Niederhaltung der
unruhigen belgischen Arbeiterbevölkerung, die von fanatischen Pfaffen
zwar aufgereizt wurde, sich aber passiv verhielt, sorgten in allen
Städten verstreute starke Truppenabteilungen, denen teilweise auch noch
recht bedeutendes Kriegsmaterial in die Hände fiel.


              Der sozialistische Aufstand in Charleroi.

Als sich der erste deutsche Truppentransport Charleroi näherte, brannte
der dortige Bahnhof lichterloh. Die seitwärts der Bahn gegen die Stadt
vorrückenden deutschen Truppen stießen zwischen den ersten Häusern
bereits auf Widerstand. Fast sämtliche Straßen waren durch Barrikaden
gesperrt, die sich innerhalb der Stadt zu einem Kreise zusammenfügten,
der auch den Bahnhof mit einschloß. Ein von dem Bürgermeister der Stadt
den Deutschen entgegengesandter Parlamentär klärte über die Sachlage
auf. Die sozialistischen Arbeiterführer hatten, empört über das
Verhalten des Königshauses, welches beim Einrücken der fremden Heere
sein Heil in der Flucht gesucht hatte und das unglückliche Land in der
furchtbaren Lage zurückließ, den Kampfplatz zwischen den beiden Gegnern
abgeben zu müssen, den städtischen Magistrat abgesetzt und hatten dafür
die rote Republik erklärt. Mit den Bergarbeitern des Bezirkes von
Charleroi, die von allen Seiten in die Stadt hineinströmten, verfügten
die Sozialisten über nicht unbeträchtliche Streitkräfte, die zudem alle
militärisch geschult und gut bewaffnet waren. Man hatte in der Stadt die
öffentlichen Gebäude angezündet, wüste Plünderungsszenen hatten bereits
in den Bürgerhäusern stattgefunden und Mord und Brand und unerhörte
Grausamkeiten bezeichneten den Anfang des roten Schreckens.

Die deutsche Armeeleitung führte die Truppentransporte um die Stadt
herum und stellte hinter ihr die zerstörten Bahnlinien ziemlich schnell
wieder her, so daß man nach vier Tagen an der französischen Grenze
stand. Hinter der deutschen Front fiel drei Regimentern mit starker
Artillerie die Aufgabe zu, den Widerstand der zum Äußersten
entschlossenen sozialistischen Terroristen zu brechen. Die deutschen
Truppen, die zunächst Charleroi zernierten, hatten sich das erste
Zusammentreffen mit dem Feinde etwas anders vorgestellt. Anstatt in
offener Feldschlacht dem Gegner entgegentreten zu können, hatte man sich
hier zwischen brennenden Straßen mit allem möglichen Gesindel und einer
zum blinden Fanatismus aufgehetzten Zivilbevölkerung herumzuschlagen.
Langsam nur gelang es, eine Barrikade nach der anderen einzunehmen, sie
waren aus den Trümmern zerstörter Häuser errichtet und gegen diese
meterdicken Steinwälle erwies sich die Artillerie ziemlich wirkungslos,
und für die Hunderte, die unter dem deutschen Schrapnellfeuer
verendeten, traten immer neue Kämpfer in die Lücken. Die Hauptsache war,
daß man den Bahnhof bald in die Hände bekam, damit die doch recht
unzulängliche provisorische Bahn um die Stadt herum wieder ausgeschaltet
werden konnte. Aber gerade über die Schienenstränge vor dem Bahnhof
zogen sich die stärksten Barrikaden hin. Sie waren teilweise
aus den meterhohen Papierrollen hergestellt, wie sie von
Zeitungsrotationspressen verwendet werden, und dieses zähe, elastische
Material war durch Granatfeuer kaum zu zerstören. Selbst gegen
Haubitzgranaten erwiesen sich diese Papierrollen als eine
außerordentlich widerstandsfähige Deckung, so daß man im weiteren
Verlauf des Krieges auch auf deutscher Seite solche Zeitungspapierrollen
beim Bau von Schanzen und Blindagen sehr gern verwendete.

Erst nach mehreren Tagen, nachdem eine Pionierabteilung regelrechte
Minengänge an die Barrikaden herangeführt hatte, wurden diese Stellungen
erobert. Aber auch dann noch erforderte die Einnahme der Stadt ungeheure
Opfer, da die Bergleute in allen Straßen mit den ihnen in die Hände
gefallenen Dynamit- und Pulvervorräten Flatterminen gelegt hatten, die,
unter den vorstürmenden deutschen Truppen explodierend, ganze
Abteilungen zerrissen. Als dann der Bahnhof in deutschen Händen war,
wurde das Ende dieser Schreckensherrschaft dadurch beschleunigt, daß
unter den sozialistischen Anführern selber Streitigkeiten ausbrachen. Am
letzten Tage des Kampfes kehrten sich die Waffen der Empörer gegen
einander, als die deutschen Regimenter bereits die Verteidigung der
völlig in Trümmer liegenden und an allen Orten brennenden Stadt auf
einen nur noch kleinen Kreis von Barrikaden beschränkt hatten. Die
Blutorgie von Charleroi erlosch, als sich die Wut des Pöbels in seinem
eigenen Blute kühlte.

Diese Ereignisse blieben nicht ohne Eindruck auf die sozialistische
Partei in Deutschland, hatte man doch hier gesehen, welche Opfer auf die
Schlachtbank geführt werden, wenn man der Bestie den Käfig öffnet.

Die ersten Gefechte an der französischen Grenze hatten mit der
Zurückwerfung der drei französischen Armeen geendet. Die von Calais her
erhofften englischen Hilfstruppen waren noch immer ausgeblieben, und mit
der Besetzung von Calais durch deutsche Truppen war Antwerpen nach Süden
isoliert und von dort den Engländern der Weg in den Norden Frankreichs
abgeschnitten. Die englischen Transportdampfer führten Tag um Tag neue
Truppen nach Antwerpen, aber dieser Strom wurde sehr bald dünner,
nachdem die mobilen Truppen aus den englischen Häfen evakuiert waren und
bis zur Mobilisierung der Miliz eine große Pause eintrat. Infolgedessen
entschloß man sich erst spät zu einem Vorstoß auf die rechte deutsche
Flanke, die hier unmittelbar nur durch ein Beobachtungskorps gedeckt
war, das jedoch senkrecht auf der breiten Basis der deutschen
Etappenlinie stand. Die unaufhörlich hier in der Richtung nach Südwest
vorüberflutenden Truppenmassen brauchten gewissermaßen nur rechtsum zu
machen und standen als eine riesenhafte Front Antwerpen gegenüber.

Schon lagen die französischen Grenzfestungen im Rücken der siegreich
vordringenden deutschen Armeen, man begnügte sich damit, sie durch
kleinere Detachements zu cernieren, die ausreichend waren, einen Ausfall
zu verhindern und überließ es der Zeit und dem Hunger der
eingeschlossenen Besatzung, sich selber den Tag der Übergabe zu wählen.
Wenn diese Detachierung deutscher Beobachtungskorps immerhin auch die
Feldarmee um eine große Anzahl von Streitern schwächte, so war dasselbe
doch auch beim Gegner der Fall und die verhängnisvolle Bedeutung
zwecklos gehaltener Festungen machte sich auf französischer Seite sehr
bald geltend. In den französischen Festungen lagen Linientruppen,
während man auf deutscher Seite diese vor den Festungen durch Landwehr
sehr schnell ersetzte und dadurch die Feldarmee von einer mühseligen,
zeitraubenden Aufgabe entlastete.

Der Krieg erzieht den Krieg. Die Erfahrungen, die man in den ersten
Gefechten machte, führten zu einer Reihe von Änderungen an der Uniform
und der Ausrüstung. So verschwanden schon nach wenigen Tagen die
Fähnchen an den Lanzen der Kavallerie. Die Metallbeschläge und die
Uniformknöpfe durften nicht mehr geputzt werden. Die glänzenden
Säbelscheiden der Offiziere erhielten einen Farbanstrich und sehr bald
gewöhnten sich die Offiziere daran, im Gefecht den ziemlich zwecklosen
Säbel zurückzulassen, und griffen in der Feuerlinie lieber zum
Karabiner, der dann überhaupt als Offizierswaffe eingeführt wurde. Im
Gefechte wurden die Helmbezüge allgemein getragen und da die blinkende
Helmspitze leicht den Platz liegender Schützen verriet, wurde sie
abgeschraubt, wodurch freilich das Aussehen der Truppen dem von
Feuerwehrleuten ähnelte. Aber mit kriegerischen Schmuckstücken gewinnt
man keine Schlachten. Wenn auch der grundlose Schmutz ausgefahrener
Landstraßen, das Biwakieren in Wind und Wetter allen Uniformen
allmählich das gleiche »Kriegsgrau« verlieh, so fertigte man doch in der
Heimat ein neues graues Militärtuch, dessen Farbenton ungefähr die Mitte
hielt zwischen der Uniform der Maschinengewehrabteilungen und dem
»Feldgrau«, welches bei einzelnen Truppenteilen 1905 versuchsweise
eingeführt worden war, in großen Massen an, so daß bald die Feldarmee
neu eingekleidet werden konnte. Es hatte sich nämlich herausgestellt,
daß weniger die lebhaften Farben der Kavallerieuniform als vielmehr der
dunklere Ton des Waffenrockes der Infanterie den Mann im Gelände auf
weite Entfernungen erkennen ließ. Ebenso ließ man allem Lederzeug die
Naturfarbe oder stellte sie nachträglich wieder her, da man in den
ersten Gefechten besonders dem leuchtenden weißen Riemenzeug viele
Verluste verdankte.

Die französischen Armeen hatten sich langsam rückwärts konzentriert. Die
außerordentlich blutige Schlacht westlich von Lille und das
gleichzeitige Gefecht bei Tournay hatten die französische Armee von der
Küste und von Calais und somit von einer englischen Unterstützung an
diesen Punkten abgeschnitten. Über 100000 Kämpfer deckten bereits das
Schlachtfeld als die französische Armee auf der Linie Arras, Bapaume,
St. Quentin, Laon und Châlons feste Stellungen einnahm, zwischen Laon
und Châlons dann in Rheims einen gewaltigen Stützpunkt findend. Hier
sollte zunächst die Entscheidung fallen. Auf französischer Seite standen
hier etwa 600000 Mann, während die ihnen gegenüberstehende erste und
zweite deutsche Armee etwa 400000 Mann zählen mochte. Über die Erfolge
der dritten und vierten Armee, die bei Nancy und südlich davon standen,
fehlten zur Zeit noch bestimmte Nachrichten, als der Kampf auf der
langen Front hier im Norden begann. Die ersten Gefechte hatten sich hier
in der Nähe der französischen Sperrforts entsponnen, von denen ein Teil
nach wenigen Tagen bereits unter dem Steilfeuer der deutschen
Belagerungsartillerie fiel und die somit ihren Ruf als eine absolut
sichere Verteidigungslinie gegen Deutschland nicht rechtfertigten.
Andere von diesen Sperrforts waren noch cerniert. Aus dem Süden, in der
Nähe von Belfort, wurden zunächst die ersten in Deutschland sehr
alarmierend wirkenden französischen Erfolge gemeldet, während auf dem
südlichen Kriegsschauplatz die italienische und französische Armee sich
unweit der Grenze ziemlich das Gleichgewicht hielten, ohne daß bisher
ein entscheidender Schlag erfolgt war.




                      Das Ultimatum in Italien.


Die Nachricht von dem Gefecht auf der Reede von Apia war, ebenso wie in
Berlin, am Nachmittag des 18. März in Rom eingetroffen und hatte dort
große Erregung hervorgerufen. Handelte es sich doch, wenn es zu dem
anscheinend unvermeidlichen Kriege zwischen England und Deutschland kam,
um die Frage, welche Stellung Italien zu seinem Dreibundsgenossen
einnehmen würde. Der erste Eindruck war lediglich der einer gewaltigen
Bestürzung, und der Schrecken vor dem nahenden Unglück eines Krieges
übte einen lähmenden Druck aus. Dazu kam, daß man dank des englischen
Kabelmonopoles ja nicht einmal die volle Wahrheit kannte, man mußte also
nach den vorliegenden Nachrichten Deutschland für den Staat halten, der
durch seine schroffe Haltung den Zwischenfall von Samoa provoziert
hatte. Daraus ergab sich auch, daß irgendwelche Begeisterung nicht
aufkommen konnte; man fühlte sich wider seinen Willen von dem
Verbündeten im Norden in eine Krisis hineingezerrt, deren Ausgang nicht
abzusehen war.

Ebenso wie in Berlin, war die Nachricht aus Samoa während der Sitzung
des Parlaments bekannt geworden. Der Ministerpräsident hatte schleunigst
die Sitzung verlassen und war ins Königliche Palais gefahren. Als die
Sitzung vorzeitig schloß, verließen die sozialdemokratischen
Abgeordneten den Saal unter Hochrufen auf Frankreich. Da keine
formulierten Abmachungen vorlagen über Italiens Verhältnis zu England,
man sich aber an die Versprechungen, gelegentlich des Besuchs Eduards
VII. im Quirinal bezüglich der Erwerbung von Tripolis erinnerte, so
waren die Sympathien für beide in dem Drama von Samoa beteiligten Mächte
geteilt. Man wußte, daß, sobald das Bündnis wirksam würde, das englische
Mittelmeergeschwader mit dem Angriff auf italienische Häfen keinen Tag
zögern würde.

Auf den Straßen wogten dichte Menschenmassen hin und her, und in den
Kaffeehäusern wurde die politische Lage eifrig diskutiert. Erst spät
ward der Platz vor dem Quirinal leer. Der Ministerpräsident, der abends
um 8 Uhr vom König zurückkehrte, wurde auf der Straße Gegenstand
lebhafter Ovationen, in die Hochrufe auf Deutschland mischten sich aber
auch solche auf England und das dem Volksempfinden doch immerhin näher
stehende Frankreich.

Auch der 19. März verlief ohne eine Entscheidung zu bringen. Man erfuhr
nun allerdings aus Paris die ganze Wahrheit über das Gefecht vor Apia
und über den schließlichen Sieg der deutschen Schiffe. Außerdem trafen
Meldungen ein, die von einer Mobilisierung der englischen und
französischen Flotte wissen wollten. Während man in London alle
wichtigen Depeschen zurückhielt, hatte man eine wohl absichtlich
passieren lassen, nämlich die Meldung der »Times«, daß guten
Informationen zufolge, die englische Regierung es nicht dulden werde,
daß Deutschland auf Bündnisverträge aus früherer Zeit zurückgreife, da
es vor Apia nicht der Angegriffene, sondern der Angreifer gewesen sei.
Das konnte nur als eine Warnung an Österreich und Italien aufgefaßt
werden.

So verging der 19. März unter allgemeiner Unruhe. Der Ministerpräsident
hatte erklärt, er sei vorläufig nicht in der Lage eine Interpellation in
der Kammer zu beantworten, bevor nicht die Regierung nähere Nachrichten
über die Vorgeschichte der Krisis erhalten habe. Ein anscheinend
offiziös inspirierter Artikel der »Tribuna« aber erklärte, daß ein
Konflikt mit irgend einer Macht Italiens Heer und Flotte vollauf
gerüstet finden würde. Aus Spezzia und aus Neapel, wo das zweite
Geschwader der Manöverflotte im Hafen lag, erfuhren die Zeitungen, daß
dort alle Vorbereitungen getroffen würden, um eine schleunige
Mobilisierung der Flotte vorzubereiten. Wo sich Truppenabteilungen auf
der Straße zeigten, wurden sie von der Menge mit begeisterten Ovationen
empfangen, und besonders die Marineoffiziere wurden in den Cafés als
politische Orakelspender eifrig umlagert und ausgeforscht.

                   *       *       *       *       *

Ein herrlicher Frühlingstag ging in Neapel zu Ende. Glutrot verschwand
die Sonne hinter dem Kimm des tiefblauen Meeres, mit ihrem Glanz alle
Vorgebirge und Bergspitzen vergoldend und das weiße Häusermeer der Stadt
mit ihren letzten Strahlen überschüttend. Die leichte Rauchwolke über
dem Vesuv begann sich bereits an der inneren Glut des Berges rötlich zu
färben. Wer dieses einzig schöne Schauspiel oben von der Höhe des Castel
St. Elmo genoß, dem ward es schwer, sich angesichts dieses Bildes
tiefsten Friedens in den Gedanken zu versetzen, daß vielleicht innerhalb
weniger Tage die Fluten des Krieges wiederum gegen diese sonnigen
Gestade heranbranden könnten. Von unten her aus der Stadt drang das
Geräusch der Volksmenge, die auf den Straßen hin und her zog. Ab und zu
verdichtete sich das leise Brausen zu explosiv wirkendem Geschrei, wenn
hier und da sich dichtere Gruppen um einen Redner zusammenschlossen, der
wie ein hüpfender Punkt über der dunklen Masse der Köpfe schwamm. Unten
am Hafen wo die vier schweren Panzer still auf der blauen Flut lagen,
und vor den Kasernen am Castel Nuovo sah man die Menschenmenge sich
stauen.

Während der Abend herabsank auf die bella Napoli wurden drüben in der
Meerenge, wo Capri in einem blauen Meere von Dunst und Sonnengold
schwamm, einige Rauchwolken sichtbar und beim letzten Schimmer des Tages
sah man am Horizonte eine Reihe massiver Schiffskörper auftauchen.
Drunten in der Stadt konnte man sie nicht mehr bemerken, dort lag
bereits alles im Dunkel. Es fiel allerdings auf, daß man am Hafen die
Ankunft des fälligen Dampfers aus Messina vergebens erwartete. Dieser,
der Postdampfer »Calabria«, war nämlich von einem Teil des englischen
Mittelmeergeschwaders unterwegs angehalten worden, welches in der Stille
der Nacht langsam bis auf die halbe Entfernung zwischen Capri und Neapel
herandampfte.

Gegen 11 Uhr abends legte in Neapel am äußersten Molo eine kleine
pustende Dampfpinasse des englischen Kreuzers »Dido« an. Ein Leutnant
stieg an Land, meldete im Auftrage seines Kommandanten auf dem Hafenamte
das Eintreffen des englischen Kreuzers auf der Reede und begab sich
hierauf von der Menge, die englische und italienische Marineuniformen
nicht unterscheidet, unbeachtet auf das Telegraphenamt. Hier gab er nach
Rom an die Adresse des englischen Botschaftssekretärs Hopkins folgende
Depesche auf:

   »Bin um 5 Uhr 58 Neapel eingetroffen und hoffe morgen mittag 12
   Uhr Bescheid, wann meine Braut in Rom eintrifft«.

Der Telegraphenbeamte beförderte diese Depesche unbeanstandet, ohne zu
wissen, daß Admiral Beresford damit dem englischen Botschafter am
Quirinal mitteilte, daß er mit dem Geschwader von fünf Panzern, fünf
Kreuzern und acht Zerstörern auf der Reede liege und bis zum 20. März
mittags 12 Uhr Bescheid darüber erwartete, ob er gegen die italienischen
Schiffe die Feindseligkeiten beginnen sollte. Noch bevor auf dem
Hafenamte eine Ordonnanz aus dem Marinekommando eingetroffen war um den
Führer der englischen Pinasse dorthin zu bitten, war diese bereits
wieder lautlos im Dunkel der Nacht verschwunden.

Trotzdem die Ankunft des englischen Kreuzers, wie sie ihm das Hafenamt
gemeldet hatte, den kommandierenden Admiral der zweiten Division des
Manövergeschwaders stutzig gemacht hatte, nahm er, im Vertrauen
darauf, daß ein einzelnes Schiff, gegenüber einer so starken
Verteidigungsflotte, dem Hafen keine Gefahr bringen konnte, an dem
Festmahl im Marinekasino teil, welches bis tief in die Nacht hinein
dauerte, weil die widerstreitenden Ansichten der Offiziere über den
Ausgang der politischen Krisis dem Gespräch immer neue Nahrung gaben.

                   *       *       *       *       *

Während ein fahles Dämmerlicht den heranbrechenden Morgen in der
römischen Hauptstadt ankündigte, fuhr ein schlichter Wagen vor dem
Ministerium des Auswärtigen in Rom vor. Der englische Botschafter ließ
den italienischen Minister um eine dringende Unterredung im Auftrage
seiner Regierung ersuchen. Eine Viertelstunde später standen sich beide
Männer gegenüber. Der Engländer griff kurz zurück auf die Vorgänge in
Samoa und erinnerte daran, daß der deutsche Kreuzer die englischen
Schiffe angegriffen habe. »Es ist uns bekannt,« fuhr er fort, »daß
gewisse Bündnisverträge aus früherer Zeit bestehen, die Italien
verpflichten könnten, Deutschland seinen militärischen Beistand zu
leihen. Soweit wir diese Verträge kennen, kommt der Bündnisfall jetzt
nicht in Frage, da Deutschland der Angreifer gewesen ist. Da um diese
Stunde aber vielleicht (^I suppose^) die Feindseligkeiten in der Nordsee
schon ausgebrochen sind, ist es für uns von Wert, zu wissen, welche
Haltung die italienische Regierung einzunehmen beliebt. Wir können
leider (^I regret sincerely^) nicht darauf warten, ob sich Italien auf
die eine oder die andere Seite schlagen, oder neutral bleiben wird. Wir
müssen daher darauf bestehen, eine klare Antwort zu erhalten und zwar
bis heute mittag um 12 Uhr, da bereits die nächsten Stunden schwere
Entscheidungen für uns enthalten können. Ich bin daher beauftragt von
meiner Regierung,« der Botschafter erhob sich und stützte die rechte
Hand auf den Schreibtisch des Ministers, »dem italienischen Ministerium
des Auswärtigen folgendes zu unterbreiten:

In der verflossenen Nacht hat unser Mittelmeergeschwader Aufstellung
genommen auf der Reede von Neapel und vor dem Kriegshafen von Tarent;
gleichzeitig wird ein Teil der mit uns verbündeten französischen Flotte
vor Spezzia erscheinen und ist beauftragt, Maddalena zu observieren. Wir
sind gezwungen, diese Maßregeln zu ergreifen, um zu verhüten, daß die
italienische Regierung, von Berlin aus beeinflußt, eine feindselige
Haltung gegen uns einnimmt. Ich bin beauftragt, folgende Forderungen zu
stellen: Die italienische Regierung erklärt, daß sie in dem jetzt
ausgebrochenen Kriege völlig neutral bleiben will. Als Pfand für diese
Versicherung fordern wir, daß uns für die Dauer des Krieges die
Benutzung des Kriegshafens von Venedig als einer eventuellen
Operationsbasis für unsere Flotte gegen die österreichischen Kriegshäfen
von Pola und Triest eingeräumt wird. Diese Benutzung hat nur soweit zu
gehen, als unseren Schiffen erlaubt wird, in Venedig Kohlen zu nehmen
und kleinere Reparaturen auszuführen. Ich bin beauftragt, die
zustimmende Antwort der italienischen Regierung bis 12 Uhr mittags
entgegenzunehmen, anderenfalls würden wir gezwungen sein, unsererseits
mit dem Angriff auf Neapel und andere Küstenpunkte zu beginnen, während
gleichzeitig die französische Flotte gegen Spezzia und Maddalena
vorgeht. Ich bitte zu bedenken, daß nach den Mitteilungen, die sich in
unserem Besitz befinden, die italienische Flotte dem gegen sie
detachierten Teil unserer Marine, sowie dem französischen Geschwader vor
Spezzia nicht gewachsen ist. Die Abweisung unserer Bedingungen würde im
Laufe des heutigen Tages demzufolge _die Vernichtung der italienischen
Marine_ bedeuten und uns wahrscheinlich in Besitz der betreffenden
Kriegshäfen setzen.«

Tiefes Schweigen herrschte in dem dämmerigen Gemach. Auf den Zügen des
italienischen Ministers malte sich eine schlecht verhohlene Bestürzung.
Der Engländer stand, die rechte Hand auf der Lehne des Stuhles, wie eine
aus Erz gegossene Statue mitten im Zimmer. Der summende Schlag einer Uhr
teilte die lastende Stille in kleine Stücke, es war 7 Uhr. Draußen auf
der Straße hörte man den hallenden Schrei eines Ausrufers. Der Minister
erhob sich und verabschiedete sich von dem Engländer mit den Worten:
»Ich werde Sr. Majestät dem König die Vorschläge Eurer Exzellenz
übermitteln und bedaure, daß das englische Kabinett uns in die
Zwangslage versetzt, unsere Stellung in dem ausgebrochenen Konflikte so
schnell zu wählen.«

Mit dem Bemerken: »Die Ereignisse sind stärker als wir«, verabschiedete
sich der englische Botschafter.

Als Rom erwachte und seine Bewohner voll Erwartung nach den Zeitungen
griffen, um aus ihnen zu erfahren, welche Entscheidung die letzten
Stunden gebracht haben könnten, ahnte niemand, daß diese nicht draußen
auf dem nordischen Meer, sondern im Königlichen Palais, wo eine ernste
Beratung des Monarchen mit dem Gesamtministerium stattfand, bis um die
Mittagsstunde fallen mußte. Erst um 10 Uhr wurde in Rom die Nachricht
durch Extrablätter bekannt, daß auf der Reede von Neapel am Abend vorher
ein englischer Kreuzer eingetroffen sei, und eine Stunde später erfuhr
man, daß fünf große englische Panzerschiffe und eine Anzahl kleinerer
Fahrzeuge auf der Reede Aufstellung genommen hatten.

                   *       *       *       *       *

Um 9 Uhr machte auf der Reede von Neapel der Schiffsleutnant Hamilton
dem Kommandanten des englischen Linienschiffes »London« die Meldung, daß
soeben der italienische Panzer »Lepanto« an der Mole vor dem Arsenal
festgemacht habe und daß ein Karrentransport aus dem Arsenale nach dem
Schiffe stattfände, woraus zu schließen sei, daß man auf italienischer
Seite seine Munitionsbestände ergänze. Aus den Schloten der Italiener
quollen schwarze Rauchwolken, man machte Dampf auf. Durch scharfe Gläser
konnten die Engländer erkennen, wie die Schutzkappen von den Geschützen
entfernt wurden und wie die Mannschaften die Rohre reinigten und
putzten. Es herrschte ein emsiges Leben an Bord der vier Panzer:
»Lepanto«, »Italia«, »Dandolo« und »Duilio«, sowie der beiden Kreuzer
»Etruria« und »Lombardia«. Ein schwarzes Torpedoboot verließ in
schneller Fahrt den Hafen, dicke Rauchschwaden über den blauen, fast
unbewegten Meeresspiegel hinter sich herschleppend. Es nahm den Kurs ums
Kap Miseno in der Richtung nach Gaeta. Sonst herrschte eine tiefe,
friedliche Stille, und nichts verriet, welche Gefahr von draußen her
drohte, nur erschienen die Küstengewässer etwas verödet. Während sonst
die Reede von zahllosen Fischerbooten und kleineren Fahrzeugen belebt
war, und größere Dampfer und ferne Segler von der See her grüßten,
schien jetzt alles Leben auf der Wasserfläche erstorben, nur die
wuchtigen, langgestreckten Kriegsmaschinen stießen schwere Packen Rauchs
aus, die die leichte Brise langsam in einen hellbraunen Rauchschleier
auflöste.

An Bord der Engländer verfolgte man die Vorgänge am Hafen mit größter
Aufmerksamkeit. Während bis gegen 9 Uhr auf den Hafenkais und in den
anstoßenden Straßen dichte Menschenmassen beobachtet wurden, sah man sie
in der klaren, sichtigen Luft plötzlich von einer flimmernden Linie
umsäumt, die sich aus den grauen Mauern des Castel Nuovo fadenartig
herauszog. Das blitzende Band umschlang die dunkle Masse, schwankte hin
und her, schob sich vorwärts und zurück und rückte langsam nach dem
Hintergrund des Platzes vor, hinter sich die hellen Flächen des
Straßenpflasters leer lassend und allmählich die dunkle Welle in die
Straßeneingänge zurückschiebend: Militär mit aufgepflanztem Bajonett
räumte die Plätze und Straßen am Hafen.

Gegen 11 Uhr kam von Norden her ein weißer, schlanker Dampfer in Sicht;
er schien dem Hafen zuzusteuern und schwebte einsam wie eine weiße Linie
über der tiefblauen Meeresfläche. Kurz darauf erschien hinter dem Kap
Miseno wieder das Torpedoboot, welches vorhin dort verschwunden war,
änderte sofort den Kurs und steuerte auf den weißen Dampfer zu, an
dessen Deck man mit scharfen Gläsern die _deutsche Flagge_ erkennen
konnte. Gleichzeitig löste sich aus der Masse des englischen Geschwaders
ein Torpedoboot los, welches mit voller Fahrt, weiße Schaumberge mit
seinem Bug aufwühlend, ebenfalls auf das weiße Schiff zufuhr. Es war ein
seltsam aufregendes Schauspiel, dieses Wettrennen der beiden flinken
schwarzen Boote um den weißen Dampfer zu verfolgen. Gleichzeitig fast
erreichten sie ihn, und fast gleichzeitig blitzte an Bord beider
Torpedoboote an dem vorderen Geschütz ein Funke auf, worauf der Deutsche
die Maschine zu stoppen schien, denn er ward schwerfällig pendelnd von
den Wogen gewiegt. Man schien zu verhandeln. Dann umspielte den vorderen
niederen Schlot des englischen Torpedos eine leichte Dampfwolke und
sekundenlang später dröhnte der scharfe, bellende Ton einer Sirene zum
Lande hinüber. Man sah, wie der Deutsche den Kurs änderte und gefolgt
von dem Torpedoboot auf das englische Geschwader zusteuerte, langsam die
blauen Wogen zerteilend. Das italienische Torpedoboot fiel allmählich
nach hinten ab, folgte zunächst eine halbe Seemeile, machte mürrisch
Kehrt und nahm dann unter voller Maschinenkraft Kurs auf den Hafen, wo
es nach einer Viertelstunde längsseits des Admiralschiffes »Dandolo«
festmachte, worauf ein Offizier, kenntlich an seinem Säbel, über den er
beim Verlassen des Decks stolperte, das Fallreep zum »Dandolo«
hinaufstieg.

Erst später erfuhr man, daß jenes weiße Schiff der Hamburger
Vergnügungsdampfer »_Meteor_« gewesen war, der von Genua kommend hier
vor dem Hafen von Neapel von den Engländern abgefangen wurde.

                   *       *       *       *       *

Um 11 Uhr wurde in Rom durch Maueranschläge und Extrablätter bekannt
gemacht, daß der König in Übereinstimmung mit dem Ministerium die
englischen Forderungen _abgelehnt_ habe. Sie wurden im Wortlaut
mitgeteilt, mit der angefügten Erklärung:

Aus der Übermittlung des englischen Ultimatums habe sich klar ergeben,
daß England entschlossen sei, die Neutralität Italiens in _keinem_ Falle
zu achten. Für den Verrat am Dreibund in der Stunde der Gefahr verlange
die englische Regierung obendrein noch die Einräumung des Kriegshafens
von Venedig, eine Forderung, die ein ehrliebendes Volk mit alten
ruhmreichen Traditionen niemals akzeptieren könne. Die königliche
Regierung habe sich deshalb entschlossen, die englischen Forderungen
abzulehnen und an die Entscheidung der Waffen zu appellieren, zumal das
englische Geschwader vor Neapel bereits eine drohende Haltung angenommen
habe. Man habe eine Erklärung nach Berlin gesandt, daß Italien auch ohne
Rücksicht auf Österreichs Haltung fest entschlossen sei, sein Geschick
mit dem des Deutschen Reiches zu verbinden. Der König glaube, aus dem
Herzen seines treuen Volkes zu sprechen, wenn er solche Entscheidung
getroffen habe, zumal es sich inzwischen, wie man aus Berlin authentisch
erfahren, herausgestellt habe, daß der Zwischenfall von Samoa lediglich
durch das provokatorische Verhalten der Engländer herbeigeführt sei. Es
handelt sich also in Samoa, wie jetzt in den europäischen Gewässern,
ganz ohne Frage um einen hinterlistigen Überfall auf Deutschland, den
England längst geplant und bereits seit Wochen vorbereitet habe. Eine
Drohung, wie sie der englische Botschafter heute morgen dem Minister des
Auswärtigen übermittelt habe, mache es der italienischen Regierung
unmöglich, weiter den Weg der Verhandlungen zu beschreiten. Man habe
daher die Flotte in Neapel und Spezzia, sowie den anderen Punkten, wo
ein Angriff drohe, angewiesen, diesen mit den Geschützen zurückzuweisen.

Volksstimmungen sind Augenblicksstimmungen. Das auf der Schwäche der
einige Jahre lang stark vernachlässigten italienischen Marine basierende
und die Empfindlichkeit eines fremden Volkes so wenig berücksichtigende
Vorgehen Englands hatte eine leidenschaftliche Erregung erzeugt, die das
Erscheinen der englischen Flotte vor Neapel als eine unerträgliche
Beleidigung des italienischen Ehrgefühls empfand.

Brausender Jubel erscholl in den menschengefüllten Straßen; nur ein
starkes Aufgebot der Munizipalgarde vermochte die tobende Menge daran zu
hindern, in der englischen Botschaft die Fenster zu demolieren.
Ausgelöscht, wenigstens in der augenblicklichen Begeisterung, waren auch
die alten Sympathien für den französischen Nachbar, seitdem man wußte,
daß er gemeinsame Sache mit dem brutalen Angreifer machte. Aber wenn
selbst das klerikale Element auf den Straßen teils aus ehrlichem
Empfinden, teils in kluger Berücksichtigung der momentanen
Volksstimmung, sich an den patriotischen Kundgebungen beteiligte, drüben
jenseits der Tiber, dort wo der Papst-König grollend über den Trümmern
seiner weltlichen Herrschaft thronte, wo er auch die Leitung der Geister
langsam aus seinen Händen gleiten sah, dort blieb alles stumm, dort
faßte man diesen Waffengang auch nur als eine historische Episode in dem
Weltendrama auf, in dem die Streiter der römischen Hierarchie mit den
Kindern der Welt um die letzte Entscheidung ringen.


                     Die Seeschlacht vor Neapel.

Wieder wie vor Jahrhunderten klopfte der Normanne mit eisernem Handschuh
an Italiens Pforte, hinter der der Moloch Capua schon so viele
Hekatomben blondhaariger Barbaren verschlungen hatte.

Gegen ½12 Uhr sah man die kompakte Masse des englischen Geschwaders sich
in eine lange Dwarslinie auflösen und eine halbkreisförmige Stellung auf
der Reede von Neapel einnehmen. Die schweren englischen Panzer wandten
der Stadt ihre Vorderseite mit den riesigen Turmgeschützen zu, so die
denkbar geringste Zielfläche bildend. Während die Torpedoboote bei den
Linienschiffen zurückblieben und sich hinter deren schweren Stahlleibern
deckten, vom Lande aus somit unsichtbar werdend, dampften die englischen
Kreuzer seewärts und zogen sich aus dem Feuerbereich zurück. Zwei
Panzerkreuzer an den drei Schornsteinen als Schiffe der »Kent«-Klasse
erkennbar (es waren »Suffolk« und »Lancaster«) gingen zwischen Ischia
und der Küste unter Volldampf nach Nordwesten offenbar um, begleitet von
vier kleineren Schiffen und einigen Hochseebooten, gegen etwa von
Spezzia heranrückende italienische Streitkräfte zu sichern. Gleichzeitig
verließ der italienische Kreuzer »Etruria«, der neben seinem
Schwesterschiffe »Lombardia« lag, seine Boje und fuhr auf das englische
Geschwader zu.

Die »Etruria« hatte den Auftrag dem englischen Geschwaderchef die
Aufforderung zu überbringen, mit seinen Schiffen die Reede von Neapel zu
verlassen, andernfalls werde man sein Bleiben als eine herausfordernde
Handlung ansehen und die nötigen Konsequenzen daraus ziehen. Während
aller Augen am Lande und auf dem Geschwader der »Etruria« folgten und in
banger Erwartung der Entscheidung harrten, die die kleine Dampfpinasse
des italienischen Kreuzers, die jetzt am Fallreep der »London« lag,
zurückbringen werde, wollten drei französische und vier englische
Dampfer diesen letzten Moment benutzen, um den Handelshafen zu
verlassen. Noch hatte jedoch das erste Schiff nicht die Mole passiert,
als ein Torpedoboot heransauste und die fremden Kapitäne aufforderte,
sofort in den Hafen zurückzukehren, worauf der erste Dampfer, ein
französischer, alsbald stoppte, Contredampf gab und rückwärts wieder in
den Hafen hineinfuhr. Draußen hatte inzwischen die »Etruria« ihre
Pinasse wieder an Bord genommen und steuerte in fliegender Fahrt auf den
Kriegshafen zu. An ihrer Seite legte alsbald ein Marineboot an, nahm
einen Offizier an Bord und ging hinüber zum »Dandolo«. Die nächsten
Minuten mußten entweder den Rückzug der Engländer oder den Beginn des
Kampfes bringen. Draußen auf der Reede machte sich keine Bewegung
bemerkbar; die bleigrauen englischen Panzerschiffe blieben auf ihren
Plätzen liegen, von den Meereswogen sanft hin und her gewiegt.

An allen englischen Geschützen standen die Artilleristen, die Ärmel an
den sehnigen Armen emporgestreift, bereit dem Feind die todbringende
Ladung aus allen Rohren hinüberzusenden. 5 Minuten nach ½1 Uhr ging am
vorderen Maste des »Dandolo« ein Signal hoch, welches sofort von den
anderen Schiffen beantwortet wurde; die Schornsteine warfen dicke Ballen
Rauch aus, den ganzen Hafen in einen braunen Dunst verhüllend. Die
Schrauben gingen an und das italienische Geschwader nahm den Kurs
seewärts dem Feinde entgegen. »Etruria« und »Lombardia« blieben vor dem
Eingang des Kriegshafens zurück. Auf englischer Seite wurden diese
Manöver mit größter Aufmerksamkeit verfolgt.

Admiral Lord Beresford hatte die Anweisung, das italienische Geschwader
auf die Reede hinauszulocken und dort den Kampf auszufechten, um, soweit
es die Rücksicht auf die eigenen Schiffe zuließ, die Stadt Neapel zu
schonen. Zehn Minuten nachdem das italienische Geschwader seinen
Liegeplatz verlassen hatte, blitzte es aus allen vier Turmgeschützen des
»Dandolo« auf. Heulend sausten die Geschosse heran, das erste ungefähr
400 m vor dem Admiralsschiff auf die Wasserfläche schlagend, einen
Moment unter ihr verschwindend und dann dreimal rikoschettierend
zwischen der »London« und der ihr zunächst liegenden »Formidable«
durchfahrend. Eine zweite Granate, ein Zufallstreffer, nahm von der
englischen »Venerable« den ersten Mast und den vorderen Schornstein mit
über Bord, auch noch den zweiten zerfetzend. In diesem Moment erging auf
allen englischen Schiffen der Befehl zum Feuern, und mit Donnergetöse
entsandten die englischen Turmgeschütze ihre Ladungen. Furchtbar war die
Wirkung am Lande, wo diese erste meist zu hoch gehende und über die
italienischen Panzer hinwegfegende Lage einschlug. Zwei Granaten trafen
den dicken Turm der Kaserne des Castel Nuovo, mehrere platzten vor dem
Munizipalgebäude, dessen Frontmauer zertrümmernd. Wenige Minuten darauf
brannte es i

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