Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

by August Niemann · German · Gutenberg #49656 · 713,944 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Author: August Niemann


        
Release date: August 8, 2015 [eBook #49656]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/49656

Credits: Produced by Peter Becker and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
        produced from images generously made available by The
        Internet Archive)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WELTKRIEG, DEUTSCHE TRÄUME: ROMAN ***

    +--------------------------------------------------------------+
    | Anmerkungen zur Transkription                                |
    |                                                              |
    | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Fettschrift  |
    | als $fett$ und Schrift in Antiqua als ~antiqua~.             |
    | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs.   |
    |                                                              |
    +--------------------------------------------------------------+




Der Weltkrieg




  Druck von
  W. Vobach & Co.
  Berlin N. 4.

[Illustration]




                             Der Weltkrieg

                            Deutsche Träume

                                 Roman

                                  von

                            August Niemann

                            [Illustration]

                            Berlin-Leipzig

                      Verlag von W. Vobach & Co.


  Alle Rechte,
  insbesondere das Recht der Uebersetzung in
  andere Sprachen, vorbehalten.

  Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

  ~Copyright 1904 by W. Vobach & Co.~




[Illustration]


In meiner Erinnerung taucht der britische Oberst auf, der mir in
Kalkutta sagte: Dreimal bin ich hierher nach Indien kommandiert worden.
Vor fünfundzwanzig Jahren als Leutnant: -- damals standen die Russen
fünfzehnhundert Meilen von der indischen Grenze entfernt. Dann als
Kapitän vor zehn Jahren: -- und damals standen die Russen nur noch
fünfhundert Meilen entfernt. Vor einem Jahre als Oberstleutnant: -- die
Russen stehen unmittelbar vor den Pässen, die nach Indien führen.

Die Weltkarte entfaltet sich vor meinen Blicken.

Alle Meere durchpflügt von den Kielen britischer Kriegsschiffe, alle
Küsten besetzt mit Kohlenstationen und Festungen der britischen
Weltmacht. Die Herrschaft über den Erdkreis ist bei England, und
England will sie behalten, es kann nicht dulden, daß der russische
Koloß Leben und Bewegung aus dem Meere trinkt.

„Ohne Englands Erlaubnis darf keine Kanone auf dem Meere abgefeuert
werden,“ sagte einst William Pitt, Englands größter Staatsmann.

Seit langen Jahren wächst England empor durch den Zwiespalt der
kontinentalen Mächte unter sich. Fast alle Kriege seit Jahrhunderten
sind zum Vorteil Englands geführt, fast alle von England angestiftet
worden. Nur als der Genius Bismarcks über Deutschland wachte, besann
der deutsche Michel sich auf seine Kraft und kriegte für sich selbst.

Soll es dahin kommen, daß Deutschland Luft und Licht und das tägliche
Brot nur noch der Gnade Englands verdankt? Oder lebt noch die alte
Kraft in Michels Armen?

Werden die drei Mächte, die im Vertrage von Schimonoseki nach dem Siege
Japans über China zusammenstanden, um Englands Pläne zu vereiteln,
werden Deutschland, Frankreich und Rußland noch länger müßig bleiben,
oder werden sie sich zu gemeinsamem Handeln die Hände reichen?

Im Geiste sehe ich die Heere und Flotten Deutschlands, Frankreichs
und Rußlands sich in Bewegung setzen gegen den allgemeinen Feind,
der mit Polypenarmen die Weltkugel umklammert. Befreiung aus seinen
erstickenden Schlingen bringt für ganz Europa der eherne Ansturm der
alliierten drei Mächte. Die Zukunft trägt den großen Krieg in ihrem
Schoße.

Es ist keine Geschichte aus der Vergangenheit, die ich in den folgenden
Blättern schildere. Es ist das Bild, wie es sich klar vor meiner Seele
entrollte, als mir der Inhalt der ersten Depesche des Statthalters
Alexejew an den Zaren bekannt wurde. Und gleichzeitig tauchte wie ein
Blitz in mir die Erinnerung an das Telegramm auf, das Kaiser Wilhelm
II. nach Jamesons Einfall an die Buren sandte, jenes Telegramm, das im
Herzen der ganzen deutschen Nation ein so nachhaltiges Echo gefunden
hat. Ich schaue in die Zukunft und erinnere mich der Pflichten und
Aufgaben unsers deutschen Volkes. Meine Träume, die Träume eines
Deutschen, zeigen mir den Krieg und Sieg der drei verbündeten großen
Nationen, Deutschland, Frankreich, Rußland, und eine neue Verteilung
des Besitzes der Erde als Endziel dieses gewaltigen Weltkrieges.

                                                          Der Verfasser.




[Illustration]




I.


Eine glänzende Versammlung hoher Würdenträger und Militärs war es, die
sich im kaiserlichen Winterpalast zu St. Petersburg zusammenfand. Von
den einflußreichen Persönlichkeiten, die durch ihre amtliche Stellung
oder durch ihre persönlichen Beziehungen zum Herrscherhause berufen
waren, beratend und bestimmend auf die Geschicke des Zarenreiches
einzuwirken, fehlte kaum eine einzige. Aber es konnte kein festlicher
Anlaß sein, der sie hier zusammen führte; denn in allen Mienen war
der Ausdruck tiefen Ernstes, der sich hier und da bis zu banger Sorge
steigerte. Und die in leisem Flüsterton geführten Gespräche bewegten
sich um sehr bedeutsame Dinge.

Die breiten Flügeltüren gegenüber dem lebensgroßen Bilde des
regierenden Zaren wurden weit geöffnet, und unter lautloser Stille der
Versammelten betrat der greise Präsident des Reichsrats, der Großoheim
des Zaren, Großfürst Michael, den Saal. Zwei andere Mitglieder des
Kaiserhauses, die Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch und Alexis
Alexandrowitsch, die Brüder des verstorbenen Herrschers, befanden sich
in seiner Begleitung.

Huldvoll erwiderten die Prinzen die tiefen Verbeugungen der Anwesenden.
Auf einen Wink des Großfürsten Michael gruppierte man sich um den
langen, mit grünem Tuch überzogenen Konferenztisch inmitten des
säulengetragenen Saales. Noch herrschte tiefe, ehrfurchtsvolle
Stille; aber auf ein Zeichen des Präsidenten erhob sich nunmehr der
Staatssekretär Witte, Vorsitzender des Minister-Komitees, um, gegen die
Großfürsten gewendet, zu beginnen:

„Kaiserliche Hoheiten und verehrte Herren! Eure Kaiserliche Hoheit
haben zu einer dringenden Beratung befohlen und mich mit dem Auftrage
betraut, deren Ursachen und Zweck darzulegen. Wir alle wissen, daß
Seine Majestät, der Kaiser, unser erhabener Herr und Gebieter, die
Erhaltung des Weltfriedens als das höchste Ziel seiner Politik
bezeichnet hat. Die christliche Idee, daß die Menschheit _eine_ Herde
unter _einem_ Hirten sein soll, hat in unserm erlauchten Herrscher
ihren ersten und vornehmsten Vertreter auf Erden gefunden. Die Liga
für den Weltfrieden ist das eigenste Werk Seiner Majestät, und wenn
wir berufen worden sind, um unsere untertänigsten Vorschläge zur
Beseitigung der dem Vaterlande in diesem Augenblick drohenden Gefahr
dem Allerhöchsten Herrn zu unterbreiten, so dürfen unsere Beratungen
immer nur von jenem Geiste erfüllt sein, der dem christlichen Gebot der
Menschenliebe entspricht.“

Unterbrechend erhob Großfürst Michael die Hand.

„Alexander Nikolajewitsch,“ wandte er sich an den Protokollführer,
„vergiß nicht, diesen Satz wörtlich niederzuschreiben.“

Der Staatssekretär machte eine kurze Pause, um dann mit etwas erhobener
Stimme und nachdrücklicherem Ton fortzufahren:

„Es bedarf keiner besonderen Beteuerung, daß bei solcher hochsinnigen
Denkungsart unseres höchsten Herrn ein Bruch des Weltfriedens niemals
von uns ausgehen konnte. Ein heiliges Besitztum aber, das wir von
niemandem antasten lassen dürfen, ist die nationale Ehre, und der
Angriff, den Japan im fernen Osten auf uns unternommen hat, zwang uns
zu ihrer Verteidigung das Schwert in die Hand. In der ganzen Welt kann
es keinen gerecht und billig denkenden Menschen geben, der um dieses
uns aufgezwungenen Krieges willen einen Vorwurf gegen uns erheben
dürfte. Aber es ist in der gegenwärtigen Gefahr für uns ein Gebot der
Selbsterhaltung, zu erwägen, ob Japan in Wahrheit der einzige und
der eigentliche Feind ist, gegen den wir uns zu verteidigen haben.
Und es liegen triftige Gründe vor, die uns dahin führen müssen, diese
Frage zu verneinen. Die Regierung Seiner Majestät ist überzeugt,
daß wir den japanischen Angriff lediglich der lange währenden und
in ihrer heimlichen Wühlarbeit nimmer ruhenden Feindschaft Englands
zu danken haben. Unablässig ist England von jeher darauf bedacht
gewesen, uns zur Erlangung eigenen Vorteils zu schaden. Bei allen
unseren Bestrebungen, das Wohl des Reiches zu fördern und die Völker
glücklich zu machen, sind wir von jeher auf den Widerstand Englands
gestoßen. Vom chinesischen Meere aus durch ganz Asien hindurch bis
zur baltischen See legt England uns Schwierigkeiten in den Weg, um
uns der Früchte unserer Kulturarbeit zu berauben. Niemand von uns ist
darüber im Zweifel, daß Japan in Wahrheit die Sache Englands führt.
Aber auch überall, wo sonst auf dem Erdball unsere Interessen in Frage
stehen, stoßen wir auf die offenen oder versteckten Feindseligkeiten
Englands. Die von ihm erregten und mit den verwerflichsten Mitteln
begünstigten Wirren in den Balkanländern und in der Türkei haben
einzig den Zweck, uns mit Oesterreich und Deutschland zu verfeinden.
Und nirgends treten die eigentlichen Ziele Britanniens deutlicher zu
Tage, als in Mittelasien. Mit unsäglichen Mühen und den größten Opfern
an Gut und Blut haben weise Regenten die öden, von halbwilden Völkern
bewohnten Landstrecken zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere und
östlich von diesem bis zur chinesischen Grenze und an den Himalaja der
russischen Kultur zugänglich gemacht. Nie aber haben wir einen Schritt
nach Osten oder Süden tun können, ohne englischem Widerspruch oder
englischen Intriguen zu begegnen. Jetzt stehen wir nahe der Grenze
des britischen Ostindien und unmittelbar an der Grenze Persiens und
Afghanistans. Wir haben freundschaftliche Beziehungen zu den Herrschern
dieser beiden Reiche geschaffen, pflegen einen eifrigen Handelsverkehr
mit ihren Völkern, unterstützen ihre industriellen Unternehmungen und
sind vor keinen Opfern zurückgeschreckt, um diese Länder den Segnungen
der Kultur zugänglich zu machen. Aber auf Schritt und Tritt sucht
England unsere Tätigkeit zu hemmen. Britisches Gold und britische
Hetzereien waren es, die in Afghanistan zeitweilig eine kriegerische
Stellung gegen uns hervorzurufen vermochten. Einmal endlich müssen
wir uns die Frage vorlegen, wie lange wir solchem Beginnen untätig
zusehen dürfen. Rußland muß sich den Weg zum Meere frei machen. Viele
Millionen rüstiger Arme bebauen die heilige Erde unseres Vaterlandes.
Wir verfügen über unermeßliche Schätze an Getreide, Holz und an
allen Produkten der Landwirtschaft. Aber wir können nur mit einem
geringfügigen Bruchteil dieses uns vom Himmel beschiedenen Segens auf
den Weltmarkt gelangen, weil wir von allen Seiten eingeschlossen und
eingeengt sind, solange uns der Weg zum Meere versperrt bleibt. Unsere
mittelasiatischen Provinzen ersticken aus Mangel an Seeluft. Das weiß
England sehr gut, und darum ist all sein Verlangen darauf gerichtet,
uns das Meer zu verschließen. Mit einer durch nichts berechtigten
Anmaßung erklärt es den persischen Golf für seine Domäne und möchte das
ganze indische Meer, gleich Indien selbst, für sein Eigentum gehalten
wissen. Diesem Uebermut sollte endlich ein gebieterisches ‚Halt‘
zugerufen werden, wenn unser geliebtes Vaterland nicht in die Gefahr
geraten soll, unübersehbaren Schaden zu erleiden. Nicht wir sind es,
die den Kampf suchen, sondern man zwingt ihn uns auf. Ueber die Mittel
aber, mit denen er zu führen wäre, wenn England sich aus freien Stücken
zu einer Erfüllung unserer berechtigten Forderungen nicht versteht,
würde uns am besten Seine Exzellenz der Herr Kriegsminister Auskunft zu
geben vermögen.“

Er verbeugte sich abermals gegen die Großfürsten und ließ sich in
seinen Sessel nieder; die hohe stattliche Gestalt des Kriegsministers
Kuropatkin war es, die sich jetzt auf einen Wink des Präsidenten erhob
und Antwort gab.

„Zwanzig Jahre habe ich in Mittelasien gedient, und ich beurteile
unsere Lage an der Südgrenze aus eigener Anschauung. Für einen Krieg
gegen England ist Afghanistan zunächst der entscheidende Schauplatz.
Drei wichtige Pässe führen aus Afghanistan nach Indien hinein: der
Kaiberpaß, der Bolanpaß und das Kuramtal. Als die Engländer im November
des Jahres 1878 in Afghanistan einmarschierten, gingen sie in drei
Kolonnen von Peschawar, von Kohat und von Quetta aus auf Kabul,
Gasna und Kandahar. Diese drei Wege sind auch uns vorgezeichnet. Die
öffentliche Meinung hält sie für die allein möglichen. Es würde zu
weit führen, wenn ich meine strategische Ansicht über die Richtigkeit
oder Unrichtigkeit dieser Annahme hier entwickeln wollte. Genug:
wir werden den Weg nach Indien finden. Habib Ullah Khan würde sein
sechzigtausend Mann starkes Afghanenheer zu uns stoßen lassen, sobald
wir in sein Land einrückten. Allerdings ist er ein Bundesgenosse
von zweifelhafter Zuverlässigkeit; denn er würde wahrscheinlich
ebenso bereitwillig mit den Engländern gehen, wenn diese zuerst
mit einer Macht, die ihm hinlänglich imponierte, in seinem Lande
erschienen. Aber es hindert uns nichts, die ersten zu sein. Unsere
Eisenbahn führt bis Merw, 120 Kilometer von Herat, und von dieser
Zentralstelle bis zur Grenze Afghanistans. Mit unserer transkaspischen
Bahn können wir die kaukasischen Armeekorps und die Truppen des
Generalgouvernements Turkestan an die afghanische Grenze bringen. Ich
mache mich anheischig, innerhalb vier Wochen nach der Kriegserklärung
eine ausreichende Feldarmee in Afghanistan um Herat herum konzentriert
zu haben. Unserer ersten Armee aber kann ein unablässiger Strom von
Regimentern und Batterien folgen. Die Reserven des russischen Heeres
sind unerschöpflich, und wir stellen, wenn es sein muß, vier Millionen
Soldaten und mehr als eine halbe Million Pferde ins Feld. Ich möchte
aber bezweifeln, daß England uns in Afghanistan entgegentreten wird.
Die englischen Generäle würden jedenfalls nicht sehr klug daran tun,
Indien zu verlassen. Würden sie in Afghanistan geschlagen, so kämen
sicherlich nur schwache Trümmer ihres Heeres nach Indien zurück.
Die Afghanen würden eine fliehende englische Armee erbarmungslos
vernichten, wie sie es schon einmal getan haben. Wir aber, wenn sich,
was Gott verhüten möge, das Kriegsglück anfänglich gegen uns wendete,
hätten immer noch einen Rückweg nach Turkestan offen, auf dem man
uns schwerlich folgen würde, und wir könnten den Angriff jederzeit
erneuern. Wird die englische Armee geschlagen, so ist Indien für
Großbritannien verloren. Denn die Engländer stehen in Indien wie in
Feindesland; sie finden als Unterliegende keinen Rückhalt im indischen
Volke. Von den eingeborenen Fürsten, deren Selbständigkeit sie
brutal vernichtet haben, würden sie in dem Augenblick, da ihre Macht
zusammenbricht, auf allen Seiten angegriffen werden. Uns aber würde man
als Befreier von einem unerträglichen Joch mit offenen Armen empfangen.
Die anglo-indische Armee sieht auf dem Papier viel gefährlicher aus,
als in der Wirklichkeit, sie zählt angeblich 200000 Mann; aber nur
ein Drittel davon sind englische Soldaten, während sich der Rest aus
Eingeborenen zusammensetzt. Und diese Armee besteht überdies aus
vier Korps, die über das ganze große Gebiet Indiens verteilt sind.
Eine Feldarmee, die an der Grenze oder jenseits der Grenze verwendet
werden sollte, müßte erst aus diesen vier Korps herausgezogen und neu
organisiert werden. Sie könnte höchstens 60000 Mann stark sein, weil
das Land um der Unzuverlässigkeit der Bevölkerung willen nicht von
Garnisonen entblößt werden darf. Ich möchte nach all diesem meiner
Ueberzeugung dahin Ausdruck geben, daß der Krieg in Indien selbst
geführt werden muß und daß Gott uns den Sieg verleihen wird.“

Die in energischem und zuversichtlichem Ton vorgebrachten Ausführungen
des Generals hatten ersichtlich einen tiefen Eindruck auf die Hörer
gemacht. Aber die Rücksicht auf die Anwesenheit der Großfürsten
verhinderte jede laute Kundgebung. Der greise Präsident reichte dem
Kriegsminister die Hand. Dann erteilte er dem Minister der auswärtigen
Angelegenheiten das Wort.

„Es unterliegt für mich keinem Zweifel,“ sagte der Diplomat, „daß die
soeben von Seiner Exzellenz dem Herrn Kriegsminister entwickelten
strategischen Ansichten einer eingehenden Sachkenntnis und richtigen
Würdigung der Verhältnisse entsprungen sind, und ich bin gewiß, daß
die sieggewohnten Truppen Seiner Majestät des Zaren im Falle eines
Krieges bald in der Ebene des Indus stehen werden. Auch ist es durchaus
meine Ueberzeugung, daß Rußland am besten tun würde, die Offensive
zu ergreifen, sobald sich einmal die Unhaltbarkeit des gegenwärtigen
Verhältnisses zu England erwiesen hat. Aber wer mit Großbritannien
Krieg führt, darf nicht mit einem Kriegsschauplatz rechnen. Wir müßten
im Gegenteil auf Angriffe der verschiedensten Art gefaßt sein, zunächst
wohl auf einen Angriff auf unsere Finanzen, unsern Kredit, worüber
Exzellenz Witte uns bessere Aufschlüsse geben könnte als ich. Die
englische Bank und die mit ihr verbündeten großen Bankhäuser würden
diesen Finanzkrieg ungesäumt eröffnen. Weiter würde sich schwerlich
noch ein unter russischer Flagge segelndes Schiff auf offenem Meere
zeigen dürfen, und unser internationaler Handel würde bis zur
Niederwerfung des Gegners völlig unterbunden sein. Bedeutsamer aber
als Erwägungen dieser Art muß für uns die Frage nach dem Verhalten
der anderen Großmächte sein. Wer wird für uns und wer wird gegen uns
sein? Englands politische Kunst hat sich seit der Zeit Oliver Cromwells
hauptsächlich in der geschickten Ausnutzung der kontinentalen Mächte
offenbart. Es ist keine Uebertreibung, zu sagen, daß Englands Kriege
vornehmlich mit kontinentalen Heeren geführt worden sind. Das ist keine
Herabsetzung der Kriegstüchtigkeit Englands. Wo immer die englische
Flotte und englische Armeen auf dem Kriegsschauplatze erschienen sind,
hat sich die Energie, die Zähigkeit und Tapferkeit ihrer Offiziere,
ihrer Seeleute und Soldaten stets im glänzendsten Lichte gezeigt. Die
Tradition der englischen Truppen, die einst Frankreich unter Führung
des Schwarzen Prinzen und Heinrichs V. siegreich durchzogen, ist in
den Kriegen gegen Frankreich im 18. Jahrhundert und gegen Napoleon
lebendig geblieben. Ungleich größere Erfolge aber als durch diese
eigenen Waffentaten hat England dadurch errungen, daß es fremde Völker
für sich kämpfen ließ und auf dem Kontinent die Truppen Oesterreichs,
Frankreichs, Deutschlands und Rußlands gegeneinander führte. Seit
zweihundert Jahren sind überhaupt sehr wenig Kriege ohne Englands Zutun
und ohne Nutzen für England geführt worden. Diese wenigen Ausnahmen
sind die nur zum Vorteile und zum Ruhme des eigenen Volkes geführten
Kriege Bismarcks, der darum auch der bestgehaßte Mann der Engländer
war. Während das europäische Festland von inneren Kriegen zerrissen
wurde, die Englands Staatskunst angeschürt, hat Großbritannien
seinen ungeheuren Kolonialbesitz erworben. Uns selbst hat England
in Feldzüge verwickelt, die lediglich seinen Vorteil bildeten. Ich
erinnere nur an den blutigen, opfervollen Krieg von 1877/78 und an den
verhängnisvollen Frieden von San Stefano, wo Englands Intriguen uns
um den Lohn unserer Siege über den Halbmond brachten. Ich erinnere
weiter an den Krimkrieg, wo eine kleine englische und eine große
französische Armee uns zum Vorteil Englands bekriegten. Daß jetzt
hinter unseren japanischen Angreifern wiederum nur England steht, ist
von den Vorrednern bereits betont worden. Unsere Gegner haben eben
nicht die mindeste Veranlassung, von ihrer so gut bewährten Politik
abzugehen, und die Aufgabe der unsrigen mußte es deshalb sein, uns der
Bundesgenossenschaft oder wo dies durch die Umstände ausgeschlossen
war, wenigstens der wohlwollenden Neutralität der übrigen kontinentalen
Großmächte für den Fall eines Krieges gegen England zu versichern. Was
zunächst unseren Alliierten, die französische Republik, betrifft, so
war eine befriedigende Lösung der Aufgabe schon durch die bestehenden
Verträge gesichert. Immerhin verpflichten dieselben die französische
Regierung nicht, uns für den Fall eines Krieges, der in den Augen
kurzsichtiger Beobachter vielleicht als ein von uns heraufbeschworener
Angriffskrieg erscheinen wird, seine militärische Unterstützung zu
gewähren. Wir haben deshalb durch unsern Botschafter Verhandlungen
mit Mr. Delcassé, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten
Frankreichs, und mit dem Präsidenten selbst führen lassen. Es gereicht
mir zur besonderen Genugtuung, Ihnen das Ergebnis dieser Verhandlungen
in folgender, heute eingetroffener Depesche unseres Botschafters
vorlegen zu dürfen. Dieselbe lautet in der Hauptsache wie folgt:
„Ich beeile mich, Eurer Exzellenz mitzuteilen, daß mir von seiten
des Herrn Delcassé namens der französischen Regierung die bindende
Zusage erteilt worden ist, Frankreich werde England sofort den Krieg
erklären, wenn Seine Majestät der Zar seine Armeen gegen Indien
marschieren ließe.“ Ueber die Erwägungen, von denen die französische
Regierung zu diesem Beschlusse geführt worden sei, sprach sich Mr.
Delcassé in unserer heutigen Unterredung ungefähr dahin aus: „Schon
Napoleon hat vor mehr als 100 Jahren mit genialem Scharfblick erkannt,
daß England der eigentliche Feind aller kontinentalen Völker ist
und daß der europäische Kontinent keine andere Politik verfolgen
sollte, als die der gemeinsamen Abwehr dieses großen Seeräubers.
Der grandiose Plan Napoleons war die Vereinigung Frankreichs mit
Spanien, Italien, Oesterreich, Deutschland und Rußland, um dem System
der Ausbeutung von seiten Englands entgegenzutreten. Und er würde
diesen Plan wahrscheinlich durchgeführt haben, wenn nicht Rücksichten
der inneren Politik den Zaren Alexander I. trotz seiner Verehrung
für das Genie Napoleons zum Widerstande gegen seine Absichten
bestimmt hätten. Die Folgen der Niederlage Napoleons haben sich in
dem gewaltigen Anwachsen der englischen Macht während der letzten
100 Jahre deutlich genug gezeigt. Darum sollte man die gegenwärtige
politische Konstellation, die der vom Jahre 1804 in vielen Stücken
sehr ähnlich ist, dazu benützen, den Plan Napoleons wieder zu
beleben. Rußland hat an einer Niederwerfung Englands allerdings das
nächste und dringendste Interesse; denn es gleicht einem Riesen, dem
Hände und Füße gebunden sind, so lange Großbritannien alle Meere und
alle wichtigen Küstenstriche beherrscht. Aber auch Frankreich ist in
seiner natürlichen Entwickelung gehemmt. Seine blühenden Kolonien
in Amerika und im Atlantischen Ozean wurden ihm im 18. Jahrhundert
durch England entrissen. Aus seinen Niederlassungen in Ostindien
wurde es durch diesen übermächtigen Gegner verdrängt, und -- was vom
französischen Volke vielleicht am schmerzlichsten empfunden wird --
Aegypten, das der große Napoleon mit dem Blute seiner Soldaten für
Frankreich erkaufte, wurde ihm durch englisches Gold und englische
Intriguen genommen. Der von dem Franzosen Lesseps erbaute Suezkanal ist
im Besitz der Engländer. Er erleichtert ihnen den Verkehr mit Indien
und sichert ihnen die Weltherrschaft. Frankreich wird also für seine
Bundesgenossenschaft gewisse Forderungen stellen -- Bedingungen, die
so loyal und billig sind, daß ihre Annahme von seiten des alliierten
Rußland von vornherein keinem Zweifel unterliegen kann. Frankreich
verlangt, daß ihm seine Erwerbungen in Tonking, Kochinchina,
Kambodscha, Annam und Laos garantiert werden, daß Rußland ihm
behilflich sei, Aegypten zu erwerben, und daß es sich verpflichte, die
französische Politik in Tunis und im übrigen Afrika zu unterstützen.“
Nach den mir gewordenen Instruktionen glaubte ich, Monsieur Delcassé
die Annahme dieser Bedingungen zusichern zu dürfen. Auf meine Frage,
ob ein Krieg gegen England in Frankreich populär sein würde, erhielt
ich die Antwort: ‚Das französische Volk wird zu jedem Opfer bereit
sein, wenn wir Faschoda zu unserer Parole machen.‘ Niemals hat sich der
britische Uebermut brutaler und beleidigender geoffenbart als in diesem
Falle. Unser braver Marchand war mit einer überlegenen Mannschaft
am Platze, und Frankreich befand sich in seinem guten Recht. Aber
die bloße Aufforderung eines englischen Offiziers, dem keine andere
Macht als die moralische der englischen Fahne zur Seite stand, zwang
uns unter den damaligen politischen Verhältnissen, unsere begründeten
Ansprüche aufzugeben und den tapferen Führer zurückzurufen. Wie das
Volk diese Niederlage aufnahm, haben wir deutlich genug gesehen. Die
Pariser begrüßten Marchand jubelnd, wie einen Nationalhelden, und die
französische Regierung rechnete allen Ernstes mit der Möglichkeit einer
Revolution. Jetzt könnten wir Revanche nehmen für die Demütigung,
die wir damals aus vielleicht allzugroßer Vorsicht über uns ergehen
ließen. Schreiben wir den Namen Faschoda auf die Trikolore, und es
wird keinen waffenfähigen Mann in ganz Frankreich geben, der uns nicht
mit Begeisterung folgte. Es schien mir ratsam, mich zu vergewissern,
ob die Regierung oder die von ihr inspirierte Presse dem Volke
vielleicht auch die Wiedererwerbung Elsaß-Lothringens als Preis eines
siegreichen Krieges verheißen würde. Aber der Minister verneinte mit
aller Entschiedenheit. ‚Die Frage Elsaß-Lothringen muß gänzlich aus
dem Spiele bleiben, sobald wir uns anschicken, Realpolitik zu treiben,‘
erklärte er. ‚Nichts könnte verhängnisvoller sein, als die Erregung
einer Mißstimmung in Deutschland. Denn der deutsche Kaiser ist das
Zünglein an der Wage, auf der die Geschicke der Welt gewogen werden.‘
Daß England von ihm, den es nicht als einen Deutschen, sondern als
einen Engländer ansieht, keine Feindseligkeiten zu befürchten habe, ist
eine feststehende Ueberzeugung bei unsern Nachbarn jenseits des Kanals.
Und diese Zuversicht ist eine der stärksten Stützen des britischen
Uebermuts. Die immer wiederholten Versicherungen des deutschen Kaisers,
daß er den Frieden und nichts als den Frieden wolle, scheinen ja die
Richtigkeit dieser Auffassung zu bestätigen. Aber ich bin gewiß, daß
Kaiser Wilhelms Friedensliebe da eine Grenze hat, wo das Wohl und
die Sicherheit Deutschlands ernstlich in Frage stehen. Er ist trotz
seines impulsiven Temperaments nicht der Herrscher, der sich von jeder
Aeußerung der Volksstimme beeinflussen und von jeder aufrauschenden
Strömung zu entscheidenden Handlungen treiben ließe. Aber er ist
weitblickend genug, eine wirkliche Gefahr rechtzeitig zu erkennen und
ihr mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit entgegenzutreten. Ich
halte darum die Hoffnung, ihn als Alliierten zu gewinnen, nicht für
eine Utopie, und ich hoffe, daß die russische Diplomatie sich mit der
unsrigen vereinigen werde, dieses Bündnis zustande zu bringen. Ein
Krieg gegen England ohne die Unterstützung Deutschlands würde immerhin
ein bedenkliches Unternehmen bleiben. Wir sind ja bereit, uns um
unserer Freundschaft für Rußland und um unserer nationalen Ehre willen
darauf einzulassen, aber wir würden uns einen sicheren Erfolg nur
von einem geschlossenen Zusammengehen aller kontinentalen Großmächte
versprechen können.“

Mochte auch die Tatsache des mit Frankreich für den Fall eines Krieges
gegen England abgeschlossenen Schutz- und Trutzbündnisses den meisten
der hier Versammelten nicht mehr unbekannt gewesen sein, so war die
Vorlesung der Depesche, der man in atemloser Spannung gefolgt war, doch
unverkennbar von tiefer Wirkung. Ihre Bekanntgabe ließ keinen Zweifel
mehr, daß man an höchster Stelle zu diesem Kriege entschlossen sei, und
wenn auch keine laute Kundgebung des Beifalls erfolgte, ging es doch
wie ein Aufatmen der Erleichterung durch die illustre Versammlung, und
deutlich war auf fast allen Gesichtern die freudigste Genugtuung zu
lesen.

Einer nur blickte mit finster zusammengezogenen Brauen wie in ernster
Mißbilligung drein -- und dieser Eine galt seit Jahrzehnten für den
einflußreichsten Mann in Rußland -- für eine Macht, die schon oft
alle Pläne der leitenden Staatsmänner durchkreuzt und mit unbeugsamer
Energie ihren Willen durchgesetzt hatte.

Das war der vielgehaßte und noch mehr gefürchtete greise Pobjedonoszew,
der Oberprokurator des heiligen Synod.

Seine düstere Miene und sein Kopfschütteln waren dem präsidierenden
Großfürsten nicht entgangen. Und er hielt es offenbar für seine
Pflicht, dem durch die Gunst dreier Zaren fast allmächtig gewordenen
Manne Gelegenheit zur Aeußerung seiner abweichenden Meinung zu geben.

Auf seinen Wink erhob sich der Oberprokurator und sagte unter lautloser
Stille der Versammelten:

„Es kann nicht meine Aufgabe sein, mich über die Möglichkeit oder
die Aussichten eines Bündnisses mit Deutschland zu äußern. Denn ich
kenne ebensowenig wie einer der hier Anwesenden die Absichten und
Pläne des deutschen Kaisers. Wilhelm II. ist die große Sphinx unserer
Zeit. Er spricht viel, und seine Reden machen den Eindruck vollster
Offenherzigkeit. Wer aber mag erraten, was sich hinter ihnen verbirgt?
Daß er sich ein bestimmtes Programm für sein Lebenswerk gesetzt
hat, und daß er der Mann ist, es durchzuführen, gleichviel, ob die
öffentliche Meinung für ihn oder gegen ihn sei, scheint mir gewiß.
Bildet die Niederwerfung Englands einen Teil dieses Programms, so
dürfte die Hoffnung des französischen Ministers ja in der Tat keine
Utopie sein, vorausgesetzt, daß Kaiser Wilhelm den gegenwärtigen
Zeitpunkt für den geeigneten hält, der Welt seine letzten Ziele zu
offenbaren. Die Aufgabe unseres diplomatischen Vertreters am Berliner
Hofe würde es sein, sich darüber zu informieren. Aber eine andere
Frage wäre es, ob Rußland eines Bündnisses mit Deutschland oder mit
der westlichen Macht, die vorhin hier genannt worden ist, überhaupt
bedarf. Und meine Anschauung der Dinge führt mich dahin, diese Frage
zu verneinen. Rußland ist zur Zeit in Europa der letzte und einzige
Hort des absolutistischen Prinzips. Und wenn ein von Gottes Gnade zu
dem höchsten und verantwortlichsten aller irdischen Aemter berufener
Herrscher stark genug bleiben soll, den Geist der Unbotmäßigkeit und
der Unmoral niederzuwerfen, der sich hier und da unter dem Einfluß
fremder staatsfeindlicher Elemente in unserem geliebten Vaterlande
regen will, so müssen wir vor allem darauf bedacht sein, das Gift
der sogenannten liberalen Ideen, des Unglaubens und des Atheismus,
mit dem es von Westen her verseucht werden soll, von unserem Volke
fernzuhalten. Wie wir vor einem Jahrhundert den mächtigen Heerführer
der Revolution niedergeworfen haben, so werden wir auch heute über
unsern Feind triumphieren -- wir ganz allein! Laßt unsere Heere in
Persien, Afghanistan und Indien einmarschieren und durch ganz Asien
die Herrschaft des wahren Glaubens zum Siege führen. Aber hütet unser
heiliges Rußland vor der Ansteckung durch das Gift jenes ketzerischen
Geistes, der ihm ein schlimmerer Feind werden würde, als es ihm je eine
auswärtige Macht sein kann.“

Er setzte sich, und sekundenlang herrschte eine tiefe Stille. Der
Großfürst machte ein ernstes Gesicht und wechselte ein paar geflüsterte
Worte mit seinen beiden Neffen.

Dann sagte er: „Von all den Herren, die uns hier ihre Ansichten
vorgetragen haben, ist die Kriegserklärung an England als eine zwar
tief beklagenswerte aber den Umständen nach unabweisbare Notwendigkeit
bezeichnet worden. Ehe ich aber Seiner Majestät, unserem erhabenen
Herrn, diese Anschauung als die der hier Versammelten unterbreite,
richte ich an Sie, meine Herren, die Frage, ob unter Ihnen jemand ist,
der eine abweichende Meinung vertritt. Ich würde ihn bitten, sich zum
Worte zu melden.“

Er wartete eine kleine Weile, aber niemand leistete der Aufforderung
Folge. Da erhob er sich aus seinem Sessel und gab durch ein kurzes
Wort des Dankes und durch eine leichte Verneigung gegen die ebenfalls
aufgestandenen Würdenträger kund, daß er die Sitzung, die für die
Geschicke der Welt von entscheidender Bedeutung gewesen war, als
geschlossen betrachte.




[Illustration]




II.


Es war zu Chanidigot im britischen Ostindien. -- Der blendenden
Helligkeit des heißen Tages war unvermittelt, fast ohne
Dämmerungsübergang, die abendliche Dunkelheit gefolgt und mit ihr eine
erquickende Kühle, die alles Lebendige aufatmen ließ.

In dem weiten Camp, das dem englischen Lancerregiment als Lagerplatz
diente, war es mit dem Sinken der Sonne lebendig geworden. Die
Soldaten, frei von der Last des Dienstes, vergnügten sich je nach
Laune und Temperament mit Spiel, Gesang und fröhlichem Zechen. Auch
in dem großen Zelt, das als Offiziersmesse benutzt wurde, ging es
lebhaft her. Das gemeinsame Mahl war vorüber, und ein Teil der Herren
hatte sich nach täglicher Gewohnheit zum Kartenspiel niedergesetzt.
Aber die Unterhaltung war hier weniger harmlos als draußen bei den
gemeinen Soldaten. Denn man begnügte sich nicht mit einem unschuldigen
Whist, sondern spielte bei ziemlich hohen Einsätzen das in Amerika und
teilweise auch in England beliebte Poker, bei dem lediglich der Zufall
und eine gewisse schauspielerische Geschicklichkeit der Teilnehmer
den Ausschlag gibt. Zumeist allerdings waren es die jüngeren Herren,
die diesen abendlichen Nervenkitzel in dem eintönigen Lagerleben als
unentbehrlich betrachteten. Die älteren saßen mit ihren kurzen Pfeifen
und ihrem Whisky und Sodawasser plaudernd an den abseits stehenden
Tischen. Auch ein Herr in bürgerlicher Kleidung war unter ihnen. Die
zuvorkommende Höflichkeit, mit der man ihn behandelte, ließ vermuten,
daß er nicht dem Offizierkorps des Regiments angehörte, sondern nur
dessen Gast war. Der Klang seines Namens -- man redete ihn mit Mr.
Heideck an -- würde seine deutsche Abstammung verraten haben, auch wenn
sie sich nicht schon in seiner äußeren Erscheinung kundgegeben hätte.
Er war von nur mittelgroßer Gestalt, aber von athletischem Körperbau.
Seine straffe, soldatische Haltung und die elastische Leichtigkeit
seiner Bewegungen waren unzweideutige Kennzeichen einer vortrefflichen
Gesundheit und einer nicht geringen körperlichen Kraft. Für den
Engländer aber kann der Fremde kaum eine bessere Empfehlung mitbringen
als diese. Und vielleicht war es vor allem seine imponierende
Erscheinung gewesen, die im Verein mit seinem liebenswürdigen, durchaus
gentlemanmäßigen Auftreten diesem blondbärtigen jungen Deutschen mit
dem scharf geschnittenen, energischen Gesicht und den treuherzig
blickenden, blauen Augen so schnell Zutritt in die sonst sehr
exklusiven Offizierskreise verschafft hatte.

Seinem Stande nach mochte er ja nach der Auffassung einiger dieser
Herren nicht gerade in ihre Gesellschaft gehören. Denn man wußte, daß
er zu geschäftlichen Zwecken für ein großes Hamburger Handelshaus
reiste. Sein Oheim, der Chef dieses Hauses, befaßte sich mit dem Import
von Indigo. Und da der Maharadjah von Chanidigot sehr ausgedehnte
Indigo-Plantagen besaß, hielt die geschäftliche Verhandlung mit dem
Fürsten den jungen Heideck nun schon seit vierzehn Tagen hier fest.
Es war ihm gelungen, während dieser Zeit die lebhaften Sympathien
namentlich der älteren britischen Offiziere zu gewinnen. In den
indischen Garnisonen ist jeder Europäer willkommen, man zog Heideck
auch zu denjenigen geselligen Veranstaltungen hinzu, an denen die Damen
des Regiments teilnahmen.

Die Einladung zum Spiel hatte er indessen jedesmal mit höflicher
Bestimmtheit abgelehnt, und auch heute machte er dabei nur den
unbeteiligten, wenig interessierten Zuschauer.

Jetzt öffnete sich die Tür des Zeltes, und sporenklirrend, in sehr
selbstbewußter, fast hochmütiger Haltung trat ein hochgewachsener,
aber auffallend hagerer Offizier in den Kreis der Kameraden. Er war im
Dienstanzuge und sprach zu einem der Herren, der ihn als Kapitän Irwin
begrüßt hatte, davon, daß er einen zur Inspizierung eines Außenpostens
unternommenen anstrengenden Ritt hinter sich habe. Von einer der
aufwartenden Ordonnanzen ließ er sich einen erfrischenden Trunk, das
beliebte Gemisch aus Whisky und Sodawasser, bringen. Dann näherte er
sich dem Tische der Spieler.

„Ist hier noch Raum für einen kleinen Kerl?“ fragte er. Und
bereitwillig machte man ihm Platz.

Eine Weile ging es bei der Pokerpartie in der bisherigen ruhigen
Weise fort. Plötzlich aber mußte etwas Außergewöhnliches eingetreten
sein. Denn man sah, daß die Herren bis auf Kapitän Irwin und einen
der Mitspieler ihre Karten niederlegten, und man hörte die unangenehm
scharfklingende Stimme Irwins.

„Sie sind ein alter Fuchs, Kapitän Mc. Gregor! Aber ich kenne
Ihre Tricks und falle nicht mehr darauf hinein. Noch einmal also:
sechshundert Rupien!“

Wer die Gesetze des Poker kennt, weiß, daß es bei diesem Spiel, worin
gewissen Kartenkombinationen der Gewinn zufällt, nicht für unehrenhaft,
sondern im Gegenteil für eine besondere Feinheit gilt, die Mitspieler
durch kleine, komödiantische Kniffe über den Wert der beim Austeilen
erhaltenen Karten zu täuschen. Der Name ‚Bluff‘, den man diesem
Hazardspiel beigelegt hat, verrät ja schon, daß jeder nach Kräften
versuchen muß, seinen Gegner zu verblüffen.

Dem Kameraden Mc. Gregor gegenüber aber schien es Irwin diesmal nicht
recht zu gelingen. Denn der Kapitän erwiderte mit großer Ruhe:

„Sechshundertfünfzig. Aber ich rate Ihnen, Irwin, sie nicht zu halten.“

„Siebenhundert.“

„Siebenhundertfünfzig!“

„Tausend!“ rief Irwin mit dröhnender Stimme und lehnte sich mit einem
siegesgewissen Lächeln in seinen Stuhl zurück.

„Ueberlegen Sie, was Sie tun,“ sagte Mc. Gregor. „Ich habe Sie gewarnt.“

„Eine bequeme Manier, siebenhundertfünfzig Rupien einzustreichen. Ich
wiederhole: Tausend Rupien.“

„Tausendundfünfzig!“

„Zweitausend!“

Alle im Zelt anwesenden Herren hatten sich erhoben und umstanden die
beiden Spieler, die, ihre Karten verdeckt in der Hand haltend, einander
mit scharfen Blicken betrachteten. Hermann Heideck, der hinter Irwin
getreten war, sah an der Rechten des Kapitäns einen wundervollen
Brillanten funkeln. Aber an dem Tanzen der bunten Strahlen, die von
diesem Stein ausgingen, sah er auch, wie die Finger des Spielers bebten.

Kapitän Mc. Gregor wandte sich an seine Umgebung.

„Ich rufe die Herren zu Zeugen an, daß ich den Kameraden schon bei
sechshundert gewarnt habe.“

„Wozu bedarf es da einer Warnung?“ fiel Irwin fast heftig ein. „Bin ich
denn ein Knabe? Halten Sie die zweitausend, Mc. Gregor, oder halten Sie
sie nicht?“

„Nun denn, da Sie es nicht anders wollen: dreitausend.“

„Fünftausend!“

„Fünftausendfünfhundert.“

„Zehntausend.“

Jetzt legte einer der höheren Offiziere, der Major Robertson, seine
Hand leicht auf die Schulter des tollkühnen Spielers.

„Das ist zuviel, Irwin! Ich mische mich nicht gern in solche Dinge,
und da Sie nicht von meinem Regiment sind, kann ich nicht dienstlich,
sondern nur kameradschaftlich mit Ihnen reden. Aber mir scheint, daß
Sie sich in Verlegenheit befinden würden, wenn Sie verlören.“

Unwillig fuhr der Angeredete auf.

„Was wollen Sie damit sagen, Herr Major? Wenn Ihre Worte einen Zweifel
an meiner Zahlungsfähigkeit ausdrücken sollen, -- --“

„Nun, nun -- ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Sie müssen ja
schließlich am besten wissen, was Sie verantworten können.“

Und mit trotziger Miene wiederholte Irwin:

„Zehntausend also! Ich erwarte Ihre Antwort, Mc. Gregor.“

Der Gegner blieb unverändert ruhig.

„Zehntausendfünfhundert.“

„Zwanzigtausend!“

„Sind Sie denn betrunken, Irwin?“ flüsterte von der anderen Seite her
der junge Leutnant Temple dem Kapitän ins Ohr. Der aber streifte ihn
mit einem zornfunkelnden Blick.

„Nicht mehr als Sie. Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!“

„Einundzwanzigtausend,“ klang es gelassen von der gegenüberliegenden
Seite des Tisches.

Eine kurze, erwartungsvolle Pause folgte. Kapitän Irwin kaute nervös an
seinem kleinen, dunklen Schnurrbart. Dann aber reckte er seine hagere
Gestalt und rief:

„Fünfzigtausend.“

Noch einmal glaubte der Major, Halt gebieten zu müssen.

„Ich erhebe Einspruch!“ sagte er. „Es ist bisher Regel bei uns gewesen,
daß der Pool nicht um mehr als tausend Rupien auf einmal erhöht werden
darf. Diese Regel ist längst überschritten.“

Ein häßliches, rauhes Lachen kam von Irwins Lippen.

„Es scheint, daß Sie die Absicht haben, mich zu retten, Herr Major!
Aber ich brauche durchaus keinen Retter. Wenn ich verliere, werde ich
zahlen. Und ich begreife nicht, weshalb sich die Herren in meinem
Interesse die Köpfe zerbrechen.“

Der Major, der einsehen mußte, daß er hier mit allem guten Willen
nichts auszurichten vermochte, zuckte die Achseln. Leutnant Temple
aber vermeinte, einen guten Einfall zu haben. Mit einer anscheinend
unbeabsichtigten, ungestümen Bewegung stieß er gegen den leichten
Feldtisch, daß Aschenbecher, Flaschen, Gläser und Karten zu Boden
fielen. Aber es war nichts damit gewonnen, denn die beiden hielten ihr
Spiel fest in der Hand und ließen sich durch den Zwischenfall nicht
einen Augenblick aus der Fassung bringen.

„Einundfünfzig,“ sagte Mc. Gregor.

„Sechzig.“

„Einundsechzig.“

„Siebzig.“

„Einundsiebzig.“

„Achtzig.“

„Einundachtzig.“

„Ein Lakh!“ schrie Irwin, der jetzt vor Aufregung kreidebleich geworden
war.

„Wirklich?“ fragte Mc. Gregor gleichmütig. „Das ist ein schönes Gebot.
Ein Lakh also -- nach dem heutigen Kurse sechstausendfünfhundert Pfund
Sterling. Sie werden ein reicher Mann sein, Irwin, wenn Sie gewinnen.
Zeigen Sie doch, was Sie in der Hand haben.“

Mit zitternden Fingern, doch mit triumphierender Miene deckte der
Kapitän seine Karten auf.

„~Straight flush!~“ sagte er heiser.

„Ja, das ist ein starkes Spiel,“ erwiderte der andere lächelnd. „Aber
sagen Sie doch, welches ist Ihre höchste Karte?“

„Der König, wie Sie sehen.“

„Schade! Ich habe nämlich auch ~straight flush~. Aber bei mir steht das
Aß an der Spitze.“

Langsam, eine nach der anderen, legte er seine Karten auf den Tisch:
Coeuraß, Coeurkönig, Coeurdame, Coeurbube, Coeurzehn. Wie ein einziger
Ausruf der Verwunderung kam es von den Lippen der Umstehenden. Keiner
hatte je das Zusammentreffen einer so merkwürdigen Kartenkombination
erlebt.

Kapitän Irwin saß für einen Moment regungslos, die flackernden Augen
starr auf die Karten seines Gegners geheftet. Dann plötzlich sprang er
mit einem wilden Lachen auf und verließ mit klirrenden Schritten das
Zelt.

„Dieser Verlust bedeutet für Irwin eine Katastrophe,“ sagte der Major
sehr ernst. „Er ist außer stande, eine solche Summe zu zahlen.“

„Mit Hülfe seiner Frau könnte er es wohl,“ meinte ein anderer, „aber es
würde sie so ziemlich den ganzen Rest ihres Vermögens kosten.“

„Ich nehme die Herren zu Zeugen, daß es nicht meine Schuld ist,“
erklärte Mc. Gregor, der einen gewissen Vorwurf in den Mienen seiner
Umgebung zu lesen glaubte. Man stimmte ihm zu. Aber Leutnant Temple,
der einzige unter allen Anwesenden, den eine gewisse oberflächliche
Freundschaft mit Irwin verband, bemerkte:

„Irgend jemand wird ihm nachgehen müssen, damit er in der ersten
Aufregung nicht eine Torheit begeht.“

Er wandte sich schon zum Gehen, aber ein Zuruf Mc. Gregors hielt ihn
zurück.

„Es würde keinen Zweck haben, Temple, wenn Sie ihm nicht zugleich etwas
Beruhigendes sagen können. Und es gibt meines Erachtens da nur einen
einzigen Ausweg. Man müßte ihm einreden, die Sache hätte nur ein Spaß
sein sollen und die Karten wären vorher geordnet gewesen.“

Der Leutnant kehrte zum Tische zurück.

„Die Erfindung dieses Auskunftsmittels gereicht Ihnen zur Ehre, Herr
Kapitän! Aber ich zweifle, daß jemand von uns den Mut haben würde, ihm
mit solcher Lüge zu kommen.“

Das Schweigen der anderen schien diesen Zweifel zu bestätigen. Da
ertönte die markige Stimme des deutschen Gastes:

„Wollen Sie mich mit dieser Mission betrauen, meine Herren? Ich kenne
den Kapitän Irwin zwar nur flüchtig, und ich hätte keinen Anlaß, mich
in seine Angelegenheiten zu mischen; aber ich höre, daß es das Vermögen
seiner Gattin ist, das hier auf dem Spiel steht. Und da ich Mrs. Irwin
für eine sehr verehrungswürdige Dame halte, würde ich gern das meinige
dazu beitragen, sie vor einem so schweren Verlust zu bewahren.“

Mc. Gregor reichte ihm die Hand.

„Sie würden mich zu Dank verpflichten, Mr. Heideck, wenn es Ihnen
gelänge. Aber ich rate Ihnen, keine Zeit zu verlieren.“

Rasch verließ Heideck das Zelt. Und als er in die köstliche, mondhelle
Nacht hinaustrat, sah er in der Entfernung von zwanzig Schritten
Kapitän Irwin neben seinem Pferde. Der Bursche hielt das Tier am Zügel,
Kapitän Irwin aber machte sich am Sattel zu schaffen. Während Heideck
näher kam, sah er den Soldaten sich entfernen und gewahrte, daß Irwin
einen Revolver in der Hand hielt.

Mit raschem Griff hatte er das Handgelenk des Offiziers erfaßt.

„Einen Augenblick, Kapitän Irwin.“

Dieser schrak zusammen, drehte sich um und blickte wütend auf Heideck.

„Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte der Deutsche. „Aber Sie befinden
sich im Irrtum, Herr Kapitän. Das Spiel gilt nicht. Man hat sich einen
Scherz mit Ihnen erlaubt. Die Karten sind vorher arrangiert worden.“

Irwin erwiderte nichts, aber er pfiff nach seinem Burschen und ging,
noch immer ohne mit Heideck zu sprechen, in das Zelt zurück, den
Revolver in der Hand. Heideck folgte ihm.

Beide Herren traten an den Spieltisch, und Irwin wandte sich an Mc.
Gregor. „Also das Spiel ist arrangiert gewesen?“ fragte er.

„Zur Lehre für Sie, Irwin, der Sie immer wie toll und töricht darauf
losgehen und sich einbilden, ein guter Spieler zu sein, während Sie gar
nicht das kalte Blut dazu haben.“

„Nun,“ sagte Irwin, „das ist eine Geschichte, die ich als Beispiel
kameradschaftlicher Gesinnung in allen Garnisonen Indiens herumbringen
werde, damit ein jeder sich hütet, der einmal hierherkommt und verführt
werden sollte, ein Spiel zu machen. Eine solche niederträchtige
Geschichte habe ich noch nicht erlebt, aber es ist mir allerdings eine
Lehre, daß man nur mit ehrlichen Leuten -- --“

„Ah, Kapitän Irwin,“ sagte Mc. Gregor, sich hoch aufrichtend, indem er
den Beleidiger mit einem vernichtenden Blick seiner großen blauen Augen
fixierte, „an Ihre junge Frau sollten Sie lieber denken, die Sie in
Armut gestürzt hätten, wenn dies Spiel kein Scherz war.“

Irwin taumelte zurück, der Revolver entfiel seiner Hand.

„Was?“ kreischte er, „was ist das? So ist es kein Scherz gewesen? So
habe ich das Geld wirklich verloren? O, ihr -- ihr -- Aber für wen
haltet ihr mich? Seid gewiß, ich werde bezahlen!“ „Aber,“ rief er, sich
besinnend, „ich möchte doch wohl wissen, was nun Wahrheit ist. Euch
alle frage ich und nenne euch Schurken und Lügner, wenn ihr nicht die
Wahrheit sagt: hat man wirklich einen Spaß mit mir getrieben oder ist
das Spiel ein ehrliches Spiel gewesen?“

„Kapitän Irwin,“ entgegnete der Major, ihm entgegentretend, „ich
sage Ihnen als Aeltester im Namen der Kameraden, daß Ihr Benehmen
unverzeihlich wäre, wenn nicht eine Art von Tollheit Sie beherrschte.
Dies ist ein ehrliches Spiel gewesen, und nur die Großmut des Kapitän
Mc. Gregor war es, die -- -- --“

Irwin hörte den Schluß seiner Rede nicht mehr, denn mit einem wilden
Fluch hatte er abermals das Zelt verlassen.




[Illustration]




III.


Hermann Heideck wohnte in einem Dak Bungalo, einem jener von der
Regierung unterhaltenen Gasthäuser, die dem Reisenden zwar Unterkunft
aber weder Betten noch Verpflegung bieten. Als er aus dem Camp dahin
zurückkehrte, stand sein indischer Diener Morar Gopal in der Tür, um
den Herrn zu empfangen und teilte ihm mit, daß ein neuer Gast mit
zwei Dienern angekommen wäre. Da dieses Dak Bungalo geräumiger war
als die meisten anderen, so hatten die Neuangekommenen Platz, und
Heideck brauchte nicht, wie sonst üblich, als älterer Gast dem später
eingetroffenen zu weichen.

„Was für ein Landsmann ist der Herr?“ fragte er.

„Ein Engländer, Sahib!“

Heideck trat in sein Zimmer und ließ sich am Tische nieder, auf
dem neben den beiden mattleuchtenden Kerzen eine Whiskyflasche,
einige Flaschen Sodawasser und das Zigarettenkistchen standen. Er
war nachdenklich und übel gelaunt. Die aufregende Szene in der
Offiziersmesse war ihm persönlich nahe gegangen. Nicht um des Kapitän
Irwin willen, der ihm seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft
in hohem Maße unsympathisch gewesen war, sondern einzig wegen der
schönen jungen Frau des leichtsinnigen Offiziers, an die er sich
von ihren wiederholten gesellschaftlichen Begegnungen her gut genug
erinnerte. Keine der anderen Offiziersdamen -- und es waren sehr
hübsche und liebenswürdige unter ihnen -- hatte einen so tiefen und
nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht, wie Mrs. Edith Irwin, deren
persönlicher Liebreiz ihn in ebenso hohem Maße gefesselt hatte, wie
ihre ungewöhnliche Klugheit ihn in Erstaunen setzte. Die Vorstellung,
daß dieses anmutige Wesen mit unzerreißbaren Ketten an einen brutalen
und ausschweifenden Menschen vom Schlage Irwins gefesselt war, und
daß ihr Mann sie vielleicht eines Tages mit sich hinabriß in sein
unausbleibliches Verderben, bereitete ihm eine schmerzhafte Empfindung.
Er hätte so gern irgend etwas für die unglückliche junge Frau getan.
Aber er mußte sich sagen, daß es dazu für ihn, den Fremden, der ihr
nichts als eine oberflächliche Bekanntschaft war, keine Möglichkeit
gab. Der Kapitän wäre vollkommen berechtigt gewesen, jede unberufene
Einmischung als eine unerhörte Dreistigkeit zurückzuweisen. Und auf
welche Art hätte er hier helfend eingreifen können?

Ein Lärm, der sich plötzlich im Nebenzimmer erhob, riß Heideck aus
seinen unerfreulichen Grübeleien. Er hörte lautes Schelten und ein
klatschendes Geräusch, wie wenn Peitschenhiebe auf einen nackten
menschlichen Körper fallen. Eine Minute später wurde die Verbindungstür
aufgerissen und ein nur mit Hüftschurz und Turban bekleideter Inder
stürzte in das Zimmer, als ob er hier Schutz vor seinem Peiniger suchen
wollte. Ein lang gewachsener, ganz in weißen Flanell gekleideter
Europäer war ihm auf den Fersen und ließ unbarmherzig seine Reitgerte
auf den bloßen Rücken des wehklagenden Mannes niedersausen. Die
Anwesenheit Heidecks genierte ihn dabei offenbar nicht im mindesten.

Auf den ersten Blick hatte der junge Deutsche erkannt, daß sein Nachbar
nicht, wie der Diener ihm gesagt hatte, ein Engländer sein konnte. Sein
auffallend schmales, fein geschnittenes Gesicht, seine eigentümlich
geschlitzten schwarzen Augen und sein weicher dunkler Bart hatten viel
mehr von dem sarmatischen als von dem charakteristisch angelsächsischen
Typus.

Der Mann gefiel ihm seinem Aeußeren nach nicht übel, sein Betragen
aber konnte er unmöglich ruhig hinnehmen. Indem er zwischen ihn und
den Mißhandelten trat, fragte er sehr energisch, was dieser Auftritt
bedeuten solle.

Lachend ließ der andere den eben wieder zum Schlage erhobenen Arm
sinken.

„Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr,“ sagte er in fremdartig
klingendem Englisch, „ein sehr guter Boy, aber er stiehlt wie ein Rabe
und muß von Zeit zu Zeit seine Prügel haben. Ich weiß, daß er irgendwo
an seinem Leibe die fünf Rupien versteckt haben muß, die mir heute
wieder fehlen.“

Damit packte er, als hielte er die gegebene Auskunft für vollkommen
ausreichend, seine Handlungsweise zu erklären, den braunen Burschen
von neuem und riß ihm mit raschem Griffe den Turban vom Kopfe. Aus dem
weißen, rotgesäumten Tuche rollten klirrend ein paar Silberstücke über
die Steinplatten hin. Zugleich aber war auch ein größerer Gegenstand
vor Heidecks Füße niedergefallen. Er hob ihn auf und hielt ein goldenes
Zigarettenetui in der Hand, auf dessen Deckel ein Wappen mit einer
Fürstenkrone eingraviert war. Als er es dem Fremden überreichte,
verbeugte sich dieser dankend und entschuldigte sich wie ein Mann von
der besten Gesellschaft. Der Inder aber nahm die Gelegenheit wahr, sich
mit einigen affenartigen Sprüngen aus dem Staube zu machen.

Der Anblick des Wappens auf dem Zigarettenetui hatte in Heideck das
Verlangen geweckt, diesen gewalttätigen Nachbar näher kennen zu lernen.
Als hätte er die sonderbare Art seines Eintritts ganz vergessen, fragte
er artig, ob er den ihm vom Zufall bescherten Hausgenossen zu einer
Zigarre und einem Abendtrunk einladen dürfe.

Mit liebenswürdigster Bereitwilligkeit nahm der andere die Aufforderung
an.

„Sie reisen auch in Geschäften, mein Herr?“ fragte Heideck. Und da er
eine bejahende Antwort erhielt, fügte er hinzu:

„Wir wären also Kollegen. Sind Sie mit Ihren hiesigen Erfolgen
zufrieden?“

„O, es könnte besser gehen. Man hat zuviel Konkurrenz!“

„Baumwolle?“

„Nein. Bronzewaren und Seide. Habe von Delhi auch wunderbare Goldarbeit
mitgebracht.“

„Dann stammt Ihr Zigarettenetui vermutlich auch aus Delhi?“

Die geschlitzten Augen des anderen streiften ihn mit einem forschenden
Blick.

„Mein Zigarettenetui? Nein! -- Arbeiten Sie vielleicht in Fellen, Herr
Kollege? Haben Sie Kaschmirziegen?“

„Ich habe alles. Mein Haus arbeitet in allem.“

„Sie kommen nicht von Kalkutta?“

„Nein, nicht von Kalkutta.“

„Schlechtes Wetter da. All mein Leder ist verdorben.“

„Ist es so feucht dort?“

„Dampfbad, sage ich Ihnen, veritables Dampfbad.“

Heideck war längst überzeugt, einen Russen vor sich zu haben. Aber um
seiner Sache ganz sicher zu sein, machte er eine scherzhafte Bemerkung
in russischer Sprache. Verwundert blickte sein neuer Bekannter auf.

„Sie sprechen russisch, mein Herr?“

„Ein wenig.“

„Sie sind aber kein Russe?“

„Nein, ich bin ein Deutscher, der sich während eines vorübergehenden
Aufenthaltes in Rußland einige Sprachkenntnisse angeeignet hat. Wir
Kaufleute kommen ja weit herum.“

Der Herr, der seiner Angabe nach in Seide und Bronzewaren reiste, war
sichtlich erfreut, hier, wo er es gewiß am wenigsten erwartet hatte,
die anheimelnden Laute seiner Muttersprache zu vernehmen. Und Heideck
bemühte sich mit einem fast befremdlichen Eifer, ihn bei guter Laune
zu erhalten. Er rief seinen Diener und befahl ihm, heißes Wasser zu
bereiten.

„Es ist sehr kühl diese Nacht,“ wandte er sich an seinen Gast. „Ein
Brandy mit heißem Wasser ist da nicht zu verachten.“

„Ah,“ sagte der Russe, „warten Sie einen Augenblick. Es ist besser, das
Wasser wegzulassen und es durch etwas Schmackhafteres zu ersetzen.“

Er ging in sein Zimmer und kehrte alsbald mit einer Flasche Sherry und
zwei Flaschen Champagner zurück.

„Ich werde mit Ihrer Erlaubnis hier in diesem Kessel einmal eine Bowle
nach russischem Geschmack mischen. Zucker muß auch hinein. Dieser für
englische Zungen berechnete Champagner ist so trocken, daß er gesüßt
werden muß, um für unsereinen genießbar zu werden.“

Er goß die Flasche Kognak, die der Diener gebracht hatte, ebenso wie
den Sherry zu dem Champagner und füllte die Gläser.

Nach deutscher Sitte stießen die beiden Herren mit einander an. Noch
einmal betrachtete Heideck dabei aufmerksam seinen neuen Bekannten. Der
lauernde Ausdruck, mit dem er die Augen des anderen auf sich gerichtet
fühlte, machte ihn einen Moment stutzig. Sollte der Russe etwa die
gleiche Absicht haben, wie er selbst, und ihm mit dem Sekt nur die
Zunge lösen wollen? Jedenfalls war er jetzt auf seiner Hut.

„Darf ich Sie bitten, eine meiner Havannazigarren zu versuchen?“ fragte
der Russe, indem er ihm sein Etui darreichte. „Die indischen Zigarren
sind nicht schlecht und sehr billig. Die Beaconsfield ist meine
Lieblingssorte. Hier und da muß man aber zur Abwechslung doch etwas
anderes rauchen.“

Heideck nahm dankend an und es begann jetzt ein ziemlich scharfes
Zechen, zu welchem der Russe das Tempo angab. Aber er war der Wirkung
des ebenso wohlschmeckenden wie starken Getränkes offenbar viel weniger
gewachsen, als der Deutsche. Von Minute zu Minute gesprächiger werdend,
fing er bald an, seinen neuen Freund Brüderchen zu nennen und allerlei
mehr oder weniger verfängliche Geschichten zu erzählen. Auch auf seine
heimischen Familienverhältnisse kam er, durch einige geschickte Fragen
Heidecks veranlaßt, zu sprechen. Er lachte über eine alte Tante, die
ihr Haar mit Rosen zu schmücken pflege, um kahle Stellen zu verdecken,
und fügte hinzu, daß diese Tante wegen ihrer unvergleichlichen
Klatschgeschichten am Zarenhofe ganz besonders beliebt sei. Daß solche
Familienbeziehungen bei einem Geschäftsreisenden etwas verwunderlich
wären, kam ihm augenscheinlich nicht in den Sinn.

Im Verlauf der Unterhaltung erwähnte er auch, daß er vor nicht langer
Zeit in China gewesen wäre.

„Wir sind zu langsam, Brüderchen, viel zu langsam,“ versicherte er,
„mit fünfzigtausend Mann konnten wir uns alles nehmen, was wir haben
wollten, und die Japaner hätten wir unsererseits schon längst angreifen
sollen.“

„Sagen Sie doch,“ fragte Heideck anscheinend gleichgiltig, „wie stark
ist denn eigentlich die Armee des General-Gouvernements Turkestan?“

Der Russe blickte auf, aber es geschah nicht, weil er sich auf die
verlangte Antwort besann. Denn nachdem er langsam ein Glas Sodawasser
ausgetrunken hatte, sagte er:

„Wenn du gut leben willst, Brüderchen, mußt du in die Mandschurei
gehen. Lachse, sage ich dir -- ah! Und kosten beinahe nichts. -- Und
hübsche Mädchen in Menge! Pelze aber kannst du kaufen -- so gut wie
umsonst. Was in Petersburg zehntausend Rubel kostet, hast du in China,
da oben im Norden, für hundert.“

„Da haben Sie wohl schöne Pelze mitgebracht?“

„Pelze in Indien? Da würden sie im Handumdrehen von den Ameisen
aufgefressen werden. Für meinen Gebrauch allerdings habe ich einen
mitgebracht, der in Petersburg unter Brüdern fünftausend Rubel wert
sein würde. Werde ihn später im Gebirge gut genug brauchen können. Er
riecht eine Werst weit, so gut habe ich ihn eingepfeffert!“

Wieder gab es eine kleine Pause. Dann, indem er sein Gegenüber scharf
ansah, sagte Heideck plötzlich:

„Sie sind Offizier!“

Ganz fassungslos starrte ihm der Russe ins Gesicht.

„Offenheit gegen Offenheit!“ erwiderte er nach längerem Besinnen. „Auch
Sie sind Soldat, mein Herr?“

„Einem Kameraden brauche ich es nicht zu verschweigen. Hermann Heideck,
Hauptmann vom preußischen Generalstabe.“

Der Russe erhob sich und machte eine sehr korrekte Verbeugung.

„Fürst Fedor Andrejewitsch Tschadschawadse, Hauptmann im Garderegiment
Preobraschensky.“

Dann klangen aufs neue die Gläser zusammen.

„Auf gute Kameradschaft!“ hieß es hüben und drüben.

„Kamerad, ich will Ihnen etwas verraten,“ sagte der Russe. „General
Iwanow ist im Anmarsch gegen die indische Grenze. Der Zar beschäftigt
sich nicht mehr mit Theosophie, er will England den Krieg erklären.“

Heideck hätte gern noch mehr erfahren, doch der Fürst hatte der
berauschenden Mischung wohl schon über seine Kräfte zugesprochen.
Er fing an, leichtfertige französische Chansons zu singen, um dann
plötzlich auf schwermütige russische Volkslieder überzugehen. An ein
halbwegs vernünftiges Gespräch war in seiner gegenwärtigen Verfassung
nicht mehr zu denken.

Heideck befand sich bereits in einiger Verlegenheit, was er mit seinem
bezechten Gaste anfangen solle. Da wurde ihm eine neue Ueberraschung zu
Teil. Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich und ein schöner, schlanker
Bursche von höchstens achtzehn Jahren erschien auf der Schwelle.

Er war in eine Art phantastischer Pagentracht gekleidet, die in einem
anderen Lande als dem farbenreichen, malerischen Indien wie eine
Maskerade gewirkt haben würde. Der blaue, goldgestickte Kittel war mit
einer rotseidenen Schärpe umgürtet und die weiten roten Beinkleider
verschwanden an den Knieen in hohen, glänzenden Lackstiefeln, deren
elegante Form die auffallende Kleinheit der schmalen Füße erkennen
ließ. Ueppiges, goldschimmerndes Blondhaar fiel wellig fast bis auf
die Schultern des knabenhaften Jünglings herab. Das schöne, längliche
Gesicht war von rosigstem Incarnat. Aus den großen, blauen Augen aber
blitzte die Energie eines starken Temperaments.

Sowie er des Eintretenden ansichtig geworden war, hatte der Fürst
aufgehört zu singen.

„Ah, Georgij --“ stammelte er.

Ohne ein Wort zu sprechen, war der Page auf ihn zugetreten und
hatte den plötzlich ganz Willenlosen vom Stuhle emporgezogen. Fürst
Tschadschawadse schlang den Arm um seine Schultern und ließ sich
hinausführen, ohne seinem deutschen Kameraden eine ‚Gute Nacht‘ zu
wünschen.

Heideck zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß dieser schlanke
Page ein verkleidetes Mädchen wäre. Der schöne Wuchs und der seltsame
Ausdruck ungebändigter Naturkraft in den wunderbar regelmäßigen Zügen
waren unverkennbar Eigentümlichkeiten des cirkassischen Typus. Dieser
angebliche Georgij war sicherlich eine Tochter der kaukasischen
Berge, das Kind eines Bauern oder vielleicht eines Räubers, wie auch
Tschadschawadse seinem Namen nach einem jener alten kaukasischen
Fürstengeschlechter angehörte, die einst als echte Raubritter in dem
von Rußland so schwer und so langsam unterworfenen Gebirgslande gehaust
hatten.




[Illustration]




IV.


Die Angabe des Hauptmanns Heideck, daß er für ein Hamburger Handelshaus
reise, war nicht eigentlich eine Unwahrheit gewesen. In der Tat betrieb
er die kaufmännischen Geschäfte, die ihm als Maske für den wirklichen
Zweck seiner Reise dienten, mit größtem Ernst.

Er hatte von dem Chef des Großen Generalstabes den Auftrag erhalten,
die militärischen Verhältnisse in Indien und die strategische Bedeutung
der Nordwestgrenze zu studieren, und hierzu war ihm ein unbegrenzter
Urlaub bewilligt worden.

Aber der General hatte ihm ausdrücklich erklärt:

„Sie reisen als Privatmann, und wenn Sie in irgend einen Konflikt
mit den Engländern geraten sollten, würden wir in keiner Weise die
Verantwortung für Ihre Taten und Erlebnisse übernehmen können. Sie
erhalten einen Paß auf Ihren richtigen Namen, aber natürlich ohne
Erwähnung Ihrer militärischen Eigenschaft. Daß wir Sie bei einer
etwaigen Nachfrage nicht verleugnen werden, ist selbstverständlich. In
einem gewissen Sinne aber reisen Sie auf eigene Gefahr. Ihr eigener
Takt muß Ihnen Führer sein.“

Darauf hin hatte Heideck sich mit seinem Oheim in Verbindung gesetzt
und von ihm die erforderlichen Briefe und Empfehlungen an indische
Geschäftsfreunde erhalten. Er war von Bombay aus über Allahabad in die
nördlichen Provinzen gereist und hatte die wichtigsten Garnisonen,
Cawnpore, Lucknow, Delhi und Lahore besucht. Nach Erledigung seiner
Geschäfte in Chanidigot gedachte er sich weiter nach Norden zu wenden
und durch den Kaiberpaß nach Afghanistan zu gehen. Lediglich mit
Rücksicht auf diesen Plan hatte er die nähere Bekanntschaft mit dem
Russen gesucht. Er wurde sich klar darüber, daß dieser von seiner
Regierung einen ähnlichen Auftrag erhalten hatte wie er selbst, und
gewisse Andeutungen des Fürsten hatten ihn in der Vermutung bestärkt,
daß er die nämliche Reiseroute zu wählen gedenke. So konnte es für den
deutschen Offizier nur von Vorteil sein, wenn er sich dem russischen
Kameraden anschloß, der ihm auf russischem Gebiet sicherlich wertvolle
Empfehlungen zu verschaffen vermochte. --

Die gehaltvolle Bowle des Fürsten machte sich noch in einigen
unangenehmen Nachwirkungen bemerkbar, als Heideck in der Frühe des
nächsten Morgens erwachte. Aber das kalte Bad, das ihm Morar Gopal
bereitet hatte, und eine Tasse Tee stellten ihn bald wieder her.

Es war ein indischer Frühlingsmorgen von strahlender Schönheit, in
den er tiefaufatmend hinaustrat. Der Februar hatte hier im Tale
des Indus unter dem 29° nördlicher Breite etwa die Temperatur des
römischen Mai. In den Mittagsstunden pflegte die Quecksilbersäule des
Fahrenheit-Thermometers auf hundert Grad zu steigen. Die Abende aber
waren erquickend kühl und die Nächte mit ihren feuchten Nebeln zuweilen
sogar empfindlich kalt.

Heideck hatte an diesem Morgen mit besonderer Sorgfalt Toilette
gemacht, denn er war zu einer Besprechung mit dem Minister des
Maharadjah geladen, um über das beabsichtigte Indigogeschäft mit ihm zu
verhandeln.

Der Minister bewohnte ein Haus an der Weichbildgrenze der Stadt. Es
war ein inmitten eines großen Gartens gelegenes einstöckiges Gebäude
mit breiten, luftigen Veranden. Als Heideck eintraf, war die Treppe
der Eingangshalle bereits von einer bunten Menge besetzt, die auf
Audienz wartete. Ihm aber, als einem Vertreter der weißen Rasse,
blieb diese lästige Unbequemlichkeit erspart. Der in weißen Musselin
gekleidete und zum Zeichen seiner Würde mit einer breiten roten Schärpe
umgürtete Pförtner führte ihn vielmehr gleich in das ganz europäisch
ausgestattete Arbeitszimmer des Ministers.

Auch in seiner äußeren Erscheinung verriet der Würdenträger nur durch
seine Hautfarbe und seinen Gesichtsschnitt den Inder. Kleidung und
Manieren waren ganz die eines abendländischen Diplomaten. Er reichte
Heideck die Hand und teilte ihm mit, daß Seine Hoheit selbst mit ihm
über den Indigo verhandeln wolle.

„Der Preis, den Sie zahlen wollen, ist ungewöhnlich niedrig,“ fügte er
in einem Tone leiser Mißbilligung hinzu.

Heideck aber war auf diesen Einwand offenbar vorbereitet gewesen.

„Exzellenz mögen darin recht haben, daß der gebotene Preis niedriger
ist als in früheren Jahren. Aber er ist noch immer sehr hoch, wenn man
die inzwischen eingetretenen Veränderungen des Marktes berücksichtigt.
In Deutschland wird jetzt durch Anilin ein Ersatz geschaffen, der so
billig ist, daß in absehbarer Zeit vermutlich überhaupt kein Indigo
mehr gekauft werden wird. Wenn es mir gestattet ist, Seiner Hoheit
einen Rat zu geben, so wäre es der, statt des Indigobaus künftig eine
Industrie zu wählen.“

„Und welche hätten Sie dabei im Auge?“

„Am vorteilhaftesten würden mir ~oil-mills~ und ~cotton-mills~
erscheinen. Sie könnten der europäischen und japanischen Konkurrenz
damit wirksam begegnen.“

Ein indischer Diener erstattete eine Meldung, und der Minister lud
Heideck ein, sogleich mit ihm zum Maharadjah zu fahren. Sie bestiegen
einen mit zwei schnellen turkestanischen Pferden bespannten offenen
Wagen. Der gelb gekleidete Kutscher, der merkwürdige Aehnlichkeit
mit einem geputzten Affen hatte, schnalzte mit der Zunge, und im
Galopp ging es durch weit ausgedehnte Parkanlagen zum Schlosse,
dessen weiße Marmorwände bald aus dem Grün der Palmen und Tamarinden
hervorleuchteten.

Heideck mußte während der kurzen Fahrt an die zahllosen Kriegsstürme
denken, die über diesen Boden dahingebraust waren, ehe die englische
Herrschaft alle religiösen Kämpfe, alle blutigen Aufstände und alle
Einfälle fremder Eroberer für immer unmöglich gemacht zu haben
schien. Jetzt konnten hier, wo Alexander des Großen sieggewohnte
Krieger gekämpft hatten, wo sich Mohammedaner und Hindus, Afghanen
und Sonnenanbeter blutige Schlachten geliefert, Werke des Friedens
geschaffen werden, die auf eine Dauer von Jahrhunderten berechnet
waren. Es war ein Triumph der Zivilisation, dessen imponierendem
Eindruck sich ein Kenner von Indiens geschichtlicher Vergangenheit kaum
entziehen konnte.

Der Maharadjah von Chanidigot bekannte sich gleich dem größten Teil
seiner Untertanen zum Islam, und schon die äußere Anlage seines
Palastes ließ den mohammedanischen Fürsten erkennen. Abseits von dem
Hauptgebäude, aber durch eine gedeckte Galerie mit ihm verbunden,
lag der kleine Haremsflügel, dessen Inneres hinlänglich vor jedem
fremden Blicke geschützt war. Hier wie dort offenbarte sich in der
Ausschmückung des Palastes die verschwenderischste Pracht. Und Heideck
dachte mitleidig an die armen Untertanen des Maharadjah, deren
Sklavenarbeit die Mittel für diesen üppigen Luxus hatte liefern müssen.

Der Minister und sein Begleiter wurden nicht in die große Audienzhalle
geführt, die nur für besondere feierliche Empfänge bestimmt war,
sondern in eine Loggia des ersten Stockwerkes. Die von zierlichen
Marmorsäulen getragene offene Seite derselben ging nach einem inneren
Hofe hinaus, der mit seinem tropischen Pflanzenreichtum einen wahrhaft
paradiesischen Anblick gewährte. Eine leise plätschernde Fontäne, die
aus dem Marmorbassin in seiner Mitte emporstieg, warf ihren feinen
Sprühregen bis zu der Loggia hinauf und verbreitete angenehme Kühle.

Eine gute Weile ließ ihn der Minister warten. Dann kehrte er zurück
und forderte ihn durch ein stummes Zeichen auf, ihn zum Fürsten zu
begleiten.

Das Gemach, in welchem der Maharadjah sie empfing, war in seiner
Ausstattung ein sonderbares, für die Augen eines Europäers nicht
gerade anmutiges Gemisch von orientalischem Luxus und englischem
Modegeschmack. Zwischen herrlichen Teppichen und kostbaren Waffen,
mit denen die Wände geschmückt waren, hingen grellbunte Gemälde von
wahrhaft barbarischem Geschmack, wie man sie in Deutschland kaum
im Hause eines mäßig begüterten Bürgers angetroffen haben würde.
Und ähnliche Widersprüche zeigten sich mehrfach. Am auffallendsten
vielleicht traten sie in der Erscheinung des Fürsten selbst zu Tage.
Denn dieser hochgewachsene Mann mit dem weichen schwarzen Vollbart
und den brennenden Augen, der in seiner malerischen Landestracht
ohne Zweifel schön und imponierend ausgesehen hätte, machte in dem
grauen englischen Anzug und dem roten Turban auf dem Kopfe einen
unharmonischen Eindruck.

Er saß in einem mit rotem Juchtenleder überzogenen englischen
Klubsessel und neigte auf Heidecks tiefe Verbeugung zu leichtem
Gegengruße den Kopf.

Es entging dem deutschen Offizier nicht, daß der Maharadjah äußerst
verdrießlich aussah. Und er vermutete, daß es der für den Indigo
gebotene niedrige Preis sei, der ihn verstimmt hätte.

Aber schon die ersten Worte des Fürsten belehrten ihn eines anderen.

„Wie ich höre,“ sagte er in ziemlich mangelhaftem Englisch, „sind
Sie zwar Europäer, aber nicht Engländer. Darum hoffe ich, von Ihnen
die Wahrheit zu hören. Ich bin gern bereit, Sie für Ihre Auskunft zu
belohnen.“

„Ich pflege auch ohne Belohnung die Wahrheit zu sagen, Hoheit!“

Der Maharadjah maß ihn mit einem mißtrauischen Blick.

„Ich bin ein treuer Freund Englands,“ sagte er nach kurzem Zaudern,
„und ich befinde mich im besten Einvernehmen mit dem Vizekönig. Aber
es geschehen jetzt Dinge, für die mir jede Erklärung fehlt. An diesem
Morgen erhielt ich eine Botschaft aus Kalkutta, die mich in Erstaunen
setzt. Die indische Regierung beabsichtigt bei Quetta ein Truppenkorps
zusammenzuziehen und fordert mich auf, tausend Mann Infanterie und
fünfhundert Reiter sowie eine Batterie und zweitausend Kamele dorthin
zu senden. Können Sie mir sagen, mein Herr, was England veranlaßt, eine
so bedeutende Truppenmacht bei Quetta zusammenzuziehen?“

„Es dürfte sich lediglich um eine Vorsichtsmaßregel handeln, Hoheit!
Vielleicht sind in Afghanistan neuerdings Unruhen ausgebrochen.“

„Unruhen in Afghanistan? Dabei könnte nur Rußland seine Hand im Spiele
haben. Wissen Sie vielleicht etwas Bestimmteres?“

Heideck mußte verneinen. Und der Maharadjah, der seine üble Laune nicht
verbarg, fing an, in einer etwas unvorsichtigen Weise seinem Herzen
Luft zu machen.

„Ich bin ein treuer Freund der Engländer, aber der Druck, den sie auf
uns ausüben, wird täglich schwerer. Wenn England einen Krieg führen
will, weshalb sollen wir unser Blut und unser Geld dafür hergeben?
Wissen wir doch nicht einmal, wie mächtig die Feinde der Engländer
sind. Sie gehören dieser Nation nicht an, wie mir mein Minister
mitteilte. Deshalb könnten Sie mich recht wohl darüber unterrichten.
Ich bin ja selbst in Europa gewesen. Aber man hat mich nicht über
London hinaus gelangen lassen, wohin ich gereist war, um die nunmehr
verstorbene Königin zu ihrem Geburtstage zu beglückwünschen. Ich habe
nichts gesehen als viele Schiffe und eine riesengroße, schmutzige
Stadt. Gibt es nicht in Europa starke und mächtige Staaten, die England
feindlich gesinnt sind?“

Derartige Fragen waren für Heideck unbequem. Er zog deshalb vor, einer
bestimmten Antwort auszuweichen.

„Ich bin seit fast einem Jahre in Indien, erwiderte er, und ich
weiß von den politischen Ereignissen nur, was die ‚India Times‘ und
andere englische Zeitungen darüber berichten. Eine gewisse Rivalität
besteht zwischen den europäischen Großmächten selbstverständlich
immer. Und England ist in den letzten Jahrzehnten so groß geworden,
daß es naturgemäß viele Feinde haben muß. Darüber aber, wie sich die
politischen Verhältnisse in diesem Augenblick gestaltet haben mögen,
wage ich nicht ein Urteil zu äußern.“

Unmutig schüttelte der Maharadjah den Kopf.

„Machen Sie die Geschäfte mit dem Manne nach Ihrem Ermessen ab,“ wandte
er sich kurz an den Minister, während zugleich eine verabschiedende
Handbewegung dem jungen Deutschen kund gab, daß er entlassen sei.

Als Heideck wieder in die Loggia hinaustrat, sah er den Kapitän
Irwin in Begleitung eines Hofbeamten am Eingange derselben
erscheinen. Der britische Offizier stutzte, als er des vermeintlichen
Geschäftsreisenden ansichtig wurde. Er streifte ihn mit einem
lauernden Blick, und eine fast feindselige Zurückhaltung lag in der
Art, wie er den Gruß Heidecks erwiderte. Dieser kümmerte sich wenig
darum, langsam schlenderte er durch den weitläufigen Park, auf dessen
prachtvollen alten Bäumen viele Affen ihr munteres Wesen trieben. Die
Mitteilung des Maharadjah von dem an ihn ergangenen englischen Befehl
in Verbindung mit der Nachricht vom Vormarsch des Generals Iwanow
gab ihm viel zu denken. Es konnte danach nicht zweifelhaft sein, daß
sich in Afghanistan ernste kriegerische Ereignisse vorbereiteten oder
vielleicht schon im vollen Gange waren. Quetta in Beludschistan,
unmittelbar an der afghanischen Grenze gelegen, war das Ausfallstor
gegen Kandahar. Und wenn England die Hilfe indischer Fürsten in
Anspruch nahm, mußte es die Situation als kritisch erkannt haben. Noch
war ja der Krieg nicht erklärt, aber Heidecks Mission konnte unter
diesen Umständen plötzlich eine ganz besondere Bedeutung gewinnen,
und es war jedenfalls unmöglich, in diesem Augenblick bestimmte
Entschlüsse für die nächste Zukunft zu fassen.

Der Spaziergang nach seinem in unmittelbarer Nähe des englischen Camp
gelegenen Bungalo mochte etwa eine Stunde in Anspruch genommen haben,
Zeit genug, einen gesunden Appetit wach zu rufen. Es war ihm deshalb
durchaus nicht unangenehm, daß er seinen russischen Kameraden an einem
schattigen Platze vor der Tür des Gasthauses beim Frühstück sitzen sah,
und mit einem herzlich erwiderten Gruß nahm er ohne viel Umstände an
dem Tische Platz. Fürst Tschadschawadse sah recht blaß aus und hielt
sich lediglich an Sodawasser, das er gegen allen Landesbrauch sogar
ohne jede Beimischung von Whisky trank. Die appetitlich duftenden
gebackenen Eier mit Schinken standen unberührt vor ihm, und er lächelte
etwas wehmütig, als er sah, wie gut der andere sie sich auf seine
Einladung munden ließ.

Sie hatten erst ein paar gleichgiltige Worte gewechselt, als zwei
indische Mädchen auftauchten, die ihnen allerlei Tand zum Kauf anboten.
Die jüngere, deren nackter Oberkörper wie Bronze glänzte, war von
großer Schönheit. Selbst die Bemalung ihres Gesichts vermochte die
natürliche Anmut der feinen Züge nicht zu zerstören. Aber so hübsch sie
war, so kokett war sie auch. Und sie hatte es offenbar auf den Russen
abgesehen. Hinter seinen Stuhl tretend, hielt sie ihm ihre glitzernden
Nichtigkeiten vor das Gesicht. Und ihr Benehmen wurde dabei immer
vertraulicher. Zuletzt streifte sie ein goldglänzendes Armband über
das zierliche, braune Handgelenk und neigte sich, damit er es besser
betrachten könne, so weit über seine Schulter, daß ihre lebenswarme,
junge Brust seine Wange streifte.

Fürst Tschadschawadse war von zu heißblütigem Temperament, um solcher
Versuchung lange zu widerstehen. In seinen Augen leuchtete es auf, und
mit einer raschen Bewegung drehte er sich nach dem Mädchen um, ihren
biegsamen Leib mit seinem Arme umschlingend.

Zu weiteren Zärtlichkeiten aber kam es nicht, denn das kleine
Abenteuer, das Heideck unangenehm berührte, erfuhr eine jähe
Unterbrechung.

Ohne von den am Tische Sitzenden bemerkt zu werden, war der schöne,
blonde Page des Fürsten aus der Tür des Bungalo getreten, einen Teller
mit Bananen und Mangos in der Hand. Ein paar Sekunden lang hatte er mit
funkelnden Augen den Vorgang betrachtet. Dann aber war er mit einigen
lautlosen Schritten herangeglitten und warf nun, ohne ein Wort zu
sprechen, den Teller mit den Früchten so geschickt und kräftig nach der
bronzefarbigen Verführerin, daß das Mädchen mit einem lauten Aufschrei
nach der getroffenen Schulter griff, während das Geschirr zerbrochen am
Boden klirrte.

In der nächsten Minute schon war sie mit ihrer Begleiterin in eiliger
Flucht verschwunden. Das Gesicht des Fürsten aber war rot vor Zorn, und
er griff aufspringend nach der neben ihm liegenden Reitpeitsche.

Schon machte sich Heideck bereit, das verkleidete Mädchen vor einem
ähnlichen Strafgericht zu bewahren, wie sein neuer Freund es gestern
an seinem indischen Boy vollzogen hatte. Aber er sah, daß es seiner
Intervention hier nicht bedurfte.

Hochaufgerichtet und mit einem beinahe verächtlichen Zucken der schönen
Lippen war der junge Page dicht vor den Fürsten hingetreten. Ein
halblautes, zischendes Wort, dessen Sinn Heideck nicht verstand, mußte
den Zorn des Russen plötzlich beschwichtigt haben. Denn er ließ den
schon zum Schlage erhobenen Arm sinken und warf die Peitsche auf den
Tisch.

„Geh und hole uns einen anderen Nachtisch, Georgij!“ sagte er so
gleichmütig, als wäre gar nichts geschehen. „Es ist eine wahre Plage,
daß man vor diesem indischen Gesindel nicht eine Stunde lang Ruhe hat.“

Ueber das Gesicht der Cirkassierin huschte es wie ein triumphierendes
Lächeln. Sie warf einen freundlichen Blick auf Heideck und wandte
sich schweigend dem Bungalo zu. Voll Bewunderung und nicht ohne eine
leise Regung des Neides gegen den glücklichen Besitzer von soviel
berückender weiblicher Schönheit sah ihr Heideck nach, wie sie anmutig,
sich leicht in den Hüften wiegend, dahin ging. Er hatte schon eine
Bemerkung auf den Lippen, die dem Fürsten verraten sollte, daß er
hinter das allerdings sehr durchsichtige Geheimnis seiner maskierten
Reisebegleiterin gekommen sei. Aber er wurde durch einen neuen
Zwischenfall daran gehindert.

Ein englischer Soldat im Ordonnanzanzuge trat an den Tisch und
überreichte Heideck, der ihm dem Ansehen nach bekannt sein mußte, mit
militärischem Gruße ein Billet.

„Von dem Herrn Obersten,“ sagte er. „Und ich soll melden, daß es sehr
dringlich sei.“

Mit Verwunderung griff Heideck nach dem Brief. Er enthielt in zwar
höflicher, doch immerhin ziemlich bestimmter Form die Bitte um einen
möglichst baldigen Besuch des Herrn Hermann Heideck. Das bedeutete bei
der Machtstellung, die Oberst Baird hier in Chanidigot inne hatte,
einen Befehl, dem er ohne Zögern und Widerspruch gehorchen mußte.

Baird war der Höchstkommandierende des hier stationierten Detachements,
das aus einem Infanterieregiment von etwa sechshundert Mann, einem
zweihundertvierzig Pferde starken Ulanenregiment und einer Feldbatterie
bestand. Wie in allen anderen Residenzen der großen indischen Fürsten,
hatte die britische Regierung auch in Chanidigot eine Streitmacht
stationiert, die stark genug war, um den Maharadjah in Respekt zu
halten und alle Rebellionsgelüste im Keime zu ersticken. Da Oberst
Baird zugleich den Posten eines Residenten am Hofe des Fürsten
bekleidete und somit alle diplomatische und militärische Gewalt in
seiner Hand vereinigte, war er als der eigentliche Herr und Gebieter in
Chanidigot anzusehen.

Sein Bungalo lag inmitten des auf einer weiten, grünen Ebene
aufgeschlagenen Lagers. Es war eine Gruppe von Gebäuden, die einen mit
Pflanzen und einem plätschernden Brunnen geschmückten viereckigen Hof
umschlossen.

Wie es schien, hatte er Befehl gegeben, Heideck sofort vorzulassen.
Denn der Adjutant, bei dem sich Heideck gemeldet hatte, führte ihn ohne
weiteres in das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.

Höflich, doch mit einer Gemessenheit, die sich merklich von seinem
bisherigen Benehmen gegen den beliebten Gast des Offizierkorps
unterschied, dankte ihm der stattliche, martialisch aussehende Mann für
sein rasches Erscheinen.

„Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Heideck,“ fügte er hinzu, „ich habe mich
ungern entschlossen, Sie zu bemühen, aber ich konnte es Ihnen nicht
ersparen. Es ist mir gemeldet worden, daß Sie heute Morgen bei dem
Maharadjah waren.“

„Allerdings. Ich hatte in Geschäften mit ihm zu reden. Denn ich stehe
im Begriff, für mein Hamburger Haus einen großen Posten Indigo von ihm
zu kaufen.“

„In Ihre Geschäfte habe ich mich selbstverständlich nicht einzumischen.
Aber ich muß Ihnen sagen, daß wir einen direkten Verkehr von Europäern
mit den eingeborenen Fürsten nicht gern sehen. Sie werden deshalb gut
tun, mir in künftigen Fällen vorher Mitteilung davon zu machen, wenn
Sie zu dem Maharadjah berufen werden, damit wir uns über das, was Sie
ihm sagen oder nicht sagen dürfen, verständigen können. Wir dürfen
leider nicht allen indischen Fürsten trauen, und dieser hier ist
vielleicht einer der unzuverlässigsten unter ihnen. Sie dürfen das, was
ich Ihnen da sage, nicht als einen Ausdruck des Mißtrauens gegen Sie
ansehen. Die Verantwortlichkeit meiner Stellung aber gebietet mir die
allergrößte Vorsicht.“

„Ich begreife das vollkommen, Herr Oberst!“

„Gerade in diesem Augenblick scheint sich die Lage besonders schwierig
zu gestalten. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir nicht recht
unruhigen Zeiten entgegen gingen. Der Generalgouverneur von Turkestan
ist auf dem Marsche, und seine Avantgarde ist bereits über die Grenze
von Afghanistan vorgedrungen.“

Heideck hatte Mühe, die Erregung zu verbergen, in welche diese
Bestätigung der Mitteilung Tschadschawadses ihn versetzte.

„Ist das gewiß, Herr Oberst? Was wollen die Russen in Afghanistan?“

„Was sie da wollen? Nun, mein lieber Mr. Heideck, ich denke, das ist
ziemlich klar. Ihr Vorgehen bedeutet den Krieg gegen uns. Rußland will
das natürlich vorläufig noch nicht offen zugeben. Man behandelt den
Vormarsch als eine Angelegenheit, die nur den Emir anginge und um die
wir uns nicht zu kümmern hätten. Aber man müßte sehr befangen sein, um
die wahre Absicht nicht zu durchschauen.“

„Und darf ich fragen, was der Herr Oberst zu tun gedenkt?“

Oberst Baird mußte den jungen Deutschen in der Tat für eine sehr
vertrauenswürdige oder für eine sehr ungefährliche Persönlichkeit
halten, da er ihm bereitwillig Antwort gab.

„Die russische Avantgarde hat den Amu darja überschritten und zieht
das Murgabtal herauf nach Herat. Danach werden wir unsere Maßregeln
treffen. Die Moskowiter sollen sich in uns getäuscht haben. So geduldig
und langmütig sind wir doch nicht, daß wir unsere lieben Nachbarn
einfach in offene Tore einziehen lassen. Ich denke, es wird bei den
russischen Generalen einige lange Gesichter geben, wenn sie sich in
Afghanistan plötzlich unseren Bataillonen, unseren Sikhs und Gurkhas,
gegenüber sehen.“

Der Adjutant erschien mit einer offenbar sehr wichtigen Meldung, und
da Heideck wahrnahm, daß der Oberst mit seinem Ordonnanzoffizier
unter vier Augen zu sprechen wünsche, hielt er es für ein Gebot der
Höflichkeit, sich zu empfehlen.

Die Worte des Obersten: ‚Das Vorgehen der Russen in Afghanistan
bedeutet den Krieg‘, klangen ihm unablässig in den Ohren wieder. Er
pries in seinem Herzen den glücklichen Zufall, der ihn zur rechten
Zeit auf den Schauplatz großer weltgeschichtlicher Ereignisse geführt
hatte. Und alle seine Gedanken waren einzig darauf gerichtet, wie er es
anfangen könne, beim Ausbruch der Feindseligkeiten als Zuschauer und
Beobachter zugegen zu sein.

Daß sein russischer Freund von demselben Wunsche erfüllt sein würde,
durfte er um so eher voraussetzen, als Fürst Tschadschawadse ja einer
der beiden unmittelbar beteiligten Nationen angehörte. Er beeilte sich
deshalb, ihn von dem Inhalt seiner Unterredung mit dem Obersten Baird
in Kenntnis zu setzen. Und die Wirkung seiner Mitteilungen auf den
Fürsten war ganz so, wie er es erwartet hatte.

„Also wirklich! Die Avantgarde ist schon über den Amu darja! Und es
wird also an der rechten Stelle der Krieg ausbrechen!“ rief der Russe
in hellem Jubel aus. „In unserer Armee herrschte die Befürchtung,
daß der Zar sich vielleicht niemals zu dem Entschlusse aufraffen
würde, einen Krieg zu führen. Es müssen mächtige und unwiderstehliche
Einflüsse gewesen sein, die zuletzt doch über seine Friedensliebe
gesiegt haben.“

„Sie wollen natürlich so schnell als möglich zur Armee?“ fragte
Heideck. Und da der Fürst bejahte, fügte er hinzu:

„Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir erlauben wollten, mich
Ihnen anzuschließen. Wie aber kommen wir über die Grenze? Hoffentlich
läßt man uns als unverdächtige Kaufleute unbehelligt passieren.“

„Das ist nicht so ganz sicher. Wahrscheinlich werden wir nicht so
leicht aus Indien hinauskommen, wie wir hereingekommen sind. Immerhin
aber müssen wir's versuchen. Wir können mit der Bahn in zwölf Stunden
in Peschawar und in fünfzehn in Quetta sein. Beide Bahnlinien dürften
augenblicklich noch nicht durch Truppensendungen beansprucht sein.
Aber wir werden gut tun, unsern Aufbruch zu beschleunigen. Vermutlich
würden wir sowohl von Peschawar wie von Quetta aus bald auf russische
Truppen stoßen. Denn ich zweifle nicht, daß auch gegen Kabul hin ein
russisches Korps im Vormarsch ist, obwohl der Oberst, wie Sie sagen,
nur von einer Avantgarde sprach, die auf Herat marschiere.“

„Ich würde vorschlagen, über Peschawar und durch den Kaiberpaß zu
gehen, weil wir so am schnellsten und sichersten nach Kabul gelangen.“

„Wir werden das nachher noch des näheren besprechen, Herr Kamerad!
Jedenfalls ist es ausgemacht, daß wir zusammen bleiben. Hoffe ich doch,
daß auch auf der großen Weltbühne in diesem Augenblick Ihre Nation
Schulter an Schulter mit der meinigen gegen England steht.“




[Illustration]




V.


Als verheirateter Offizier bewohnte Kapitän Irwin nicht eine der
hölzernen Baracken im englischen Camp, sondern ein Bungalo in der
Vorstadt.

Es war ein einstöckiges, von einem großen, gut gehaltenen Garten
umgebenes Haus mit breiten Veranden, das früher einem hohen Hofbeamten
des Maharadjah als Wohnung gedient hatte. Abseits lagen zwei kleinere,
für die Dienerschaft bestimmte Gebäude, von denen gegenwärtig nur eines
benutzt wurde.

Die Sonne desselben Tages, der ihm so wichtige und für die Gestaltung
seiner nächsten Zukunft entscheidende Entschlüsse nahe gelegt hatte,
neigte sich bereits dem Untergange zu, als Hermann Heideck die
Kaktushecke und das Bambusgebüsch des zum Irwinschen Bungalo gehörenden
Gartens durchschritt.

Er war in einen Gesellschaftsanzug aus leichtestem schwarzen Tuch
gekleidet, wie es englische Sitte für einen um die abendliche Dinerzeit
abgestatteten Besuch unter jenem Himmelsstrich vorschreibt.

Er kam heute nicht aus eigenem Antrieb, und der Morgengruß Irwins
hatte nichts Einladendes gehabt. Ein Billet von Mrs. Irwin hatte
ihn zu seiner Ueberraschung um sein Erscheinen zu dieser Stunde
gebeten. Er hatte der Fassung des Briefes entnommen, daß es sich um
etwas Dringliches handeln müsse, und es lag nicht fern, zu vermuten,
daß die unglückliche Pokerpartie des Kapitäns die Ursache wäre. Was
Mrs. Edith veranlaßt haben konnte, sich gerade an ihn zu wenden, war
ihm allerdings vorläufig ein Rätsel. Denn seine Beziehungen zu der
schönen jungen Frau hatten bis zu diesem Augenblick ganz und gar nichts
Vertrauliches gehabt. Er war ihr einigemal in größerer Gesellschaft,
beim Polospiel der Offiziere und ähnlichen Anlässen begegnet. Und wenn
er, durch ihre Anmut und ihren Geist gefesselt, sich der Gattin des
Kapitäns vielleicht auch lebhafter gewidmet hatte, als irgend einer
der anderen anwesenden Damen, so hatte sich ihr Verkehr doch durchaus
in den konventionellen Grenzen bewegt. Und niemals würde es ihm
eingefallen sein, sich einer besonderen Bevorzugung durch Mrs. Irwin zu
rühmen.

Die zierliche indische Zofe der Hausfrau empfing den Besucher
und führte ihn zu der Veranda. Mrs. Irwin, die in einem Kleide
von roher Seide auf einem Schaukelstuhl gesessen hatte, ging ihm
einige Schritte entgegen. Aufs neue fühlte sich Heideck entzückt
durch den Liebreiz ihrer Erscheinung. Sie war eine echt englische
Schönheit von hoher, wundervoll ebenmäßiger Gestalt, feinen Zügen und
jener weißen, durchsichtigen Haut, die den Töchtern Albions einen
ihrer eigenartigsten Reize verleiht. Reiches, dunkelblondes Haar
schmiegte sich in dichten, natürlichen Wellen um die breite Stirn,
und ihre blauen Augen hatten den klaren, ruhigen Blick einer ebenso
intelligenten wie willensstarken Persönlichkeit.

In diesem Moment allerdings schien die junge Frau, die Heideck bisher
nur als die gelassene und beherrschte Dame der großen Welt kennen
gelernt hatte, sich in einer Erregung zu befinden, die sie nur
unvollkommen zu verbergen vermochte. Etwas eigentümlich Befangenes war
in der Art, wie sie den Besucher begrüßte.

„Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen, Mr. Heideck! Meine Einladung wird
Sie befremdet haben, aber ich wußte mir nicht anders zu helfen. Bitte,
lassen Sie uns in das Parlour gehen, es wird hier draußen empfindlich
kühl.“

Von solcher Kühle konnte Heideck zwar noch nichts bemerken, aber er
glaubte zu verstehen, daß es nur die Furcht vor einem Lauscher sei,
die den Wunsch der jungen Frau bestimmte. In der Tat schloß sie hinter
ihm die Glastür und lud ihn ein, ihr gegenüber auf einem der breiten
Rohrstühle Platz zu nehmen.

„Kapitän Irwin ist nicht anwesend,“ eröffnete sie, noch immer
ersichtlich mit einer starken Verlegenheit kämpfend, das Gespräch. „Er
ist fortgeritten, um seine Schwadron zu inspizieren und wird, wie er
mir sagte, nicht vor Tagesanbruch zurückkehren.“

Heideck begriff nicht recht, weshalb sie ihm diese Mitteilung machte.
Wäre er ein von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugter Frauenjäger
gewesen, so würde er darin vielleicht eine sehr durchsichtige
Ermutigung erblickt haben. Aber er war weit entfernt, Ediths Worten
eine derartige Deutung zu geben. Die Verehrung, die er dieser schönen
Frau seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft entgegengebracht
hatte, schützte sie hinlänglich vor jedem unlauteren Verdacht. Wenn sie
ihn zu einer Zeit hierher beschieden hatte, wo sie sicher sein konnte,
daß ihr Gespräch nicht durch das Erscheinen ihres Gatten gestört werden
konnte, so hatte sie dafür sicherlich andere Gründe gehabt, als den
Wunsch nach einem Abenteuer.

Und wie er sie da vor sich sitzen sah, mit einem Zug herben Kummers,
regte sich in seinem Herzen kein anderes Verlangen als der lautere
Wunsch, diesem ohne Zweifel tief unglücklichen Wesen irgend einen
ritterlichen Dienst erweisen zu dürfen.

Aber er hatte nicht den Mut, ihr etwas derartiges zu sagen, bevor sie
ihm nicht in unzweideutiger Weise ein Recht dazu gegeben hätte. Darum
wartete er schweigend auf das, was sie ihm weiter mitzuteilen wünsche.
Und es gab eine ziemlich lange, etwas peinliche Pause, bevor Mrs.
Irwin, ersichtlich all ihren Mut zusammennehmend, fortfuhr:

„Sie waren ein Zeuge des Auftritts, der sich gestern abend in der
Offiziersmesse zwischen meinem Mann und dem Kapitän Mc. Gregor
abgespielt hat. Wenn ich recht unterrichtet bin, habe ich es sogar
lediglich Ihnen zu verdanken, daß mein Mann nicht in der ersten
Erregung Hand an sich gelegt hat.“

Bescheiden wehrte Heideck ab.

„Ich habe durchaus nichts getan, was mir einen Anspruch auf Ihre
Dankbarkeit gäbe, Mrs. Irwin, und ich glaube auch nicht, daß Ihr Gatte
sich wirklich zu einer solchen unsinnigen Verzweiflungstat hätte
hinreißen lassen. Im entscheidenden Augenblick würde der Gedanke an Sie
ihn sicherlich vor dem Aeußersten bewahrt haben.“

Er war überrascht von dem Ausdruck der Verachtung, den das schöne
Gesicht der jungen Frau bei seinen letzten Worten angenommen hatte, und
von dem harten Klang ihrer Stimme, da sie erwiderte:

„Der Gedanke an mich? Ah, wie wenig Sie meinen Mann kennen! Er ist
nicht gewöhnt, um meinetwillen irgend welche Opfer zu bringen. Und
vielleicht wäre sein freiwilliger Tod nicht einmal das Schlimmste, was
er mir hätte antun können.“

Sie sah wohl die Bestürzung in seinen Zügen, und deshalb fügte sie
rasch hinzu:

„Sie werden mich gewiß für das herzloseste Geschöpf halten, weil ich so
zu einem Fremden sprechen kann. Aber gilt nicht auch in Ihrem Lande der
Verlust der Ehre für schlimmer als der Tod?“

„Unter gewissen Umständen -- ja. Aber so tragisch ist die Lage Ihres
Gatten hoffentlich nicht zu nehmen. Nach dem Eindruck, den ich bisher
von der Persönlichkeit des Kapitäns Mc. Gregor empfangen habe, ist
er nicht der Mann, der Mr. Irwin um einer leichtsinnig eingegangenen
Spielschuld willen zum Aeußersten treiben wird.“

„O nein, Sie beurteilen diesen Ehrenmann vollkommen richtig. Er würde
am liebsten ganz auf die Zahlung verzichten. Und in der Absicht, ein
derartiges Arrangement herbeizuführen, war er heute nachmittag hier.
Aber der törichte Stolz, die maßlose Eitelkeit Irwins machten alle
seine guten Absichten zu schanden. Das Ergebnis von Mc. Gregors gut
gemeinten Bemühungen war einzig eine heftige Szene, durch die die Sache
nur noch mehr verschlimmert wurde. Mein Mann ist entschlossen, seine
Schuld um jeden Preis zu bezahlen.“

„Und -- verzeihen Sie die indiskrete Frage -- ist er dazu imstande?“

„Wenn er sich meines Vermögens bedient -- gewiß! Und ich habe es ihm
ohne weiteres zur Verfügung gestellt. Ich habe ihm gesagt, daß er alles
bis auf den letzten Penny nehmen möge, wenn dieses Opfer ausreichend
sei, mich für immer von ihm zu befreien.“

Heideck wußte kaum, ob er seinen Ohren trauen dürfe. Auf nichts in
der Welt war er weniger vorbereitet gewesen, als darauf, solche
Geständnisse zu empfangen. Er fing an, irre zu werden an dieser Frau,
die ihm bisher der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit gewesen
war. Und er suchte nach einer Gelegenheit, weiteren Enthüllungen
vorzubeugen, die sie seiner Ueberzeugung nach schon in der nächsten
Stunde bereut haben würde.

„Niemand kann von Ihnen verlangen, Mrs. Irwin, daß Sie für eine
sträfliche Leichtfertigkeit, für eine vielleicht im halben Rausch
begangene Uebereilung Ihres Gatten ein so ungeheures Opfer bringen.
Aber da Sie mich einmal der Ehre gewürdigt haben, mit mir über diese
Dinge zu sprechen, so ist es vielleicht nicht unbescheiden, wenn ich
Ihnen sage, daß es meiner Ansicht nach das richtigste wäre, Ihren
Mann die Folgen seiner Handlungsweise tragen zu lassen. Sie brauchen
wohl kaum zu fürchten, daß diese Folgen allzu schlimm sein werden.
Mc. Gregor wird ihn gewiß nicht drängen. Und da wir unmittelbar vor
dem Ausbruch eines Krieges zu stehen scheinen, gehen auch seine
Vorgesetzten in diesem Augenblick wegen dieser Angelegenheit wohl nicht
allzu streng mit ihm ins Gericht. Er wird vielleicht Gelegenheit haben,
sein erschüttertes Ansehen durch soldatische Verdienste wieder gut zu
machen oder den Tod auf dem Schlachtfelde zu suchen. In einigen Wochen
oder Monaten werden alle diese Dinge, die Ihnen jetzt so viel Sorge
verursachen, ein ganz anderes Gesicht zeigen.“

„Sie meinen es sehr gut, Mr. Heideck, und ich danke Ihnen für
Ihre freundliche Absicht. Aber ich würde Sie nicht zu einer so
ungewöhnlichen Zeit hierher gebeten haben, wenn es mir nur darum zu tun
wäre, durch liebenswürdigen Zuspruch getröstet zu werden. Ich befinde
mich in einer wahrhaft entsetzlichen Lage -- entsetzlich besonders
deshalb, weil es hier niemanden gibt, dem ich mich anvertrauen, bei dem
ich mir Rat und Beistand holen könnte. Daß ich in meiner Verzweiflung
darauf verfiel, mich an Sie zu wenden, muß Sie gewiß in Erstaunen
setzen. Und jetzt will es mir selber fast unbegreiflich erscheinen, wie
ich Sie mit einer solchen Zumutung behelligen konnte.“

„Wenn Sie mir eine Möglichkeit zeigen können, Mrs. Irwin, Ihnen in
irgend einer Weise dienlich zu sein, so bitte ich Sie, unbedingt über
mich zu verfügen. Ich bin mit allem, was ich vermag, zu Ihren Diensten.
Und Ihr Vertrauen würde mich sehr glücklich machen.“

„Als Gentleman dürfen Sie mir natürlich nicht anders antworten.
In Ihrem Herzen aber halten Sie mein Benehmen doch vielleicht für
unweiblich und unschicklich. Denn es ist ja richtig, daß wir einander
kaum kennen. Drüben in England und gewiß nicht weniger in Ihrer
deutschen Heimat würden so flüchtige Begegnungen, wie es die unsrigen
waren, mir sicherlich kein Recht geben, Sie wie einen Freund zu
behandeln. Und ich kann nicht wissen, inwieweit Sie unter dem Einfluß
dieser europäischen Anschauungen stehen.“

„Auch in Deutschland würde jede schutzlose und unglückliche Frau
unbedingten Anspruch auf meinen Beistand haben,“ erwiderte er ernst.
„Wenn Sie mir vor Ihren hiesigen Freunden den Vorzug geben wollen, so
habe ich das nur dankbar anzuerkennen und über Ihre Beweggründe nicht
weiter nachzudenken.“

„Aber Sie sollen sie selbstverständlich erfahren. Meine hiesigen
Freunde sind natürlich die Kameraden meines Mannes, und an sie kann
ich mich nicht wenden, wenn ich damit nicht zugleich das Todesurteil
über Irwin sprechen will. Keiner von ihnen dürfte es geschehen lassen,
daß ein Mann vom Schlage meines Gatten nur eine Stunde länger dem
Offizierkorps des britischen Heeres angehört.“

„Ich verstehe nicht recht, Mrs. Irwin. Die Spielaffäre des Kapitäns ist
seinen Kameraden doch ohnedies kein Geheimnis mehr.“

„Es handelt sich auch nicht darum. Wie aber würden Sie über den
Charakter eines Mannes urteilen, der seine Frau verkaufen will, um
seine Schulden zu bezahlen?“

Das Wort hatte den Hauptmann getroffen wie ein Schlag. Mit großen Augen
starrte er auf die junge Frau, die eine so ungeheuerliche Anklage
gegen ihren Gatten erhob. Nie war sie ihm lieblicher erschienen, als
in diesem Augenblick, wo eine Empfindung weiblicher Scham ihre eben
noch so bleichen Wangen mit dunkler Glut bedeckt hatte. Nie hatte er
mit gleicher Deutlichkeit gefühlt, ein wie köstlicher, unschätzbarer
Besitz dies anmutige Wesen dem Manne sein müsse, dem es sich liebend zu
eigen gegeben. Und je weniger er daran zweifelte, daß sie soeben die
volle Wahrheit gesprochen, desto heißer wallte in seinem Herzen ein
leidenschaftlicher Zorn gegen den Elenden auf, der verworfen genug sein
konnte, das herrliche Kleinod in den Schmutz zu zerren.

„Ich wage nicht, Ihre Frage auf den Kapitän Irwin zu beziehen,“ sagte
Heideck mit merklich bebender Stimme. „Denn wenn er dazu in Wahrheit
fähig gewesen wäre -- -- --“

Ihn unterbrechend, deutete Edith auf ein kleines Etui, das auf dem
neben ihr stehenden Tischchen lag.

„Möchten Sie sich nicht einmal diesen Ring ansehen, Mr. Heideck?“

Er leistete ihrem Verlangen Folge und glaubte in dem Schmuckstück
denselben prachtvollen Brillanten zu erkennen, den er gestern an
Irwins Finger hatte funkeln sehen. Er gab dieser Vermutung Ausdruck,
und die junge Frau nickte bestätigend.

„Ich habe ihn meinem Manne an unserem Hochzeitstage geschenkt. Der Ring
ist ein altes Erbstück in meiner Familie. Juweliere schätzen seinen
Wert auf mehr als tausend Pfund.“

„Und weshalb trägt Ihr Gatte ihn nicht mehr?“

„Weil er die Absicht hat, ihn zu verkaufen. Natürlich ist der
Maharadjah hier der einzige, der sich den Luxus solcher Erwerbungen
gestatten darf. Und mein Gatte wünscht, daß ich den Handel mit dem
Fürsten abschließe.“

„Sie, Mrs. Irwin? Und warum tut er es nicht selbst?“

„Weil der Maharadjah ihm den Preis nicht zahlen will, den er fordert.
Mein Mann will den Ring nicht unter zwei Lakh hergeben.“

„Aber das ist ja ungeheuerlich! Damit wäre er mehr als zwölffach
überzahlt!“

„Mein Mann ist trotzdem sicher, daß das Geschäft ohne Schwierigkeiten
zustande kommen würde, wenn ich die persönliche Vermittelung übernähme.“

Es war unmöglich, den Sinn ihrer Worte mißzuverstehen. Und so groß war
die Erregung, in welche sie den Hauptmann versetzten, daß er ungestüm
von seinem Stuhle aufsprang.

„Nein, das ist unmöglich -- undenkbar! -- Das konnte er Ihnen
nicht zumuten! Sie müssen ihn mißverstanden haben. Einer solchen
Nichtswürdigkeit kann ein Mann, kann ein Offizier, kann ein Gentleman
niemals fähig sein!“

„Sie würden weniger erstaunt sein, wenn Sie Gelegenheit gehabt hätten,
ihn kennen zu lernen, wie ich ihn in der kurzen Zeit unserer Ehe kennen
gelernt habe. Es gibt schon beinahe nichts mehr, das mich in seiner
Handlungsweise überraschen könnte. Er hat eben längst aufgehört, mich
zu lieben. Und eine Frau, deren Person ihm gleichgiltig geworden ist,
hat für ihn nur noch den Wert eines Handelsobjekts. Vielleicht gibt
es für seine Denkungsart sogar eine gewisse Entschuldigung. Es ist
möglicherweise ein atavistischer Rückfall in die Anschauungen seiner
Vorfahren, die ihre Weiber, wenn sie ihrer überdrüssig geworden waren,
mit einem Strick um den Hals auf den Marktplatz führten, um sie an den
Meistbietenden zu verkaufen. Es soll noch nicht gar zu lange her sein,
daß sich diese schöne Sitte verloren hat.“

„Nicht weiter, Mrs. Irwin!“ fiel ihr Heideck ins Wort. „Ich kann es
nicht ertragen, Sie so sprechen zu hören. Und noch immer bin ich der
Meinung, daß der Kapitän unzurechnungsfähig gewesen sein muß, als er
Ihnen das zumuten konnte.“

Die junge Frau schüttelte mit einem herben Zucken der Lippen den Kopf.

„O nein, er war weder betrunken, noch sonderlich aufgeregt, als er mich
um diese ‚kleine‘ Gefälligkeit ersuchte. Am Ende sollte ich mich seiner
Meinung nach noch dadurch geschmeichelt fühlen, daß Seine indische
Hoheit meiner unbedeutenden Person einen so großen Wert beimißt. Daß
ich ohne mein Zutun das Wohlgefallen des Maharadjah erregt habe,
war mir allerdings schon seit einiger Zeit zum Bewußtsein gekommen.
Nach der ersten Begegnung schon hat er angefangen, mich mit seinen
Aufmerksamkeiten zu belästigen. Ich habe davon keine Notiz genommen und
nicht einen Augenblick an die Möglichkeit gedacht, daß sich seine --
nun, nennen wir es: seine Zuneigung -- bis zu verbrecherischen Wünschen
versteigen könnte. Nach allem, was ich heute erfahren, muß ich es indes
wohl glauben.“

„Aber diese Abscheulichkeit, Mrs. Irwin, war doch für Sie in demselben
Augenblick erledigt, wo Sie das Ansinnen Ihres ehrvergessenen Gatten
zurückwiesen?“

„Zwischen ihm und mir -- ja. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob damit
die Wünsche des Maharadjah wirklich schon ganz vergessen sind. Meine
indische Zofe ist von einem ihrer Landsleute aufgefordert worden, mich
vor einer Gefahr zu warnen, die mich bedroht. Der Mann hat ihr nicht
gesagt, worin diese Gefahr besteht; aber ich wüßte nicht, woher sie
kommen sollte, wenn nicht von dem Maharadjah.“

Ungläubig schüttelte Heideck den Kopf.

„Von ihm haben Sie sicherlich nichts zu fürchten. Er weiß sehr wohl,
daß er die ganze britische Macht gegen sich herausfordern würde, wenn
er die Gattin eines englischen Offiziers auch nur mit einem Wort zu
verletzen wagte. Er müßte geradezu wahnwitzig sein, wenn er es darauf
ankommen ließe.“

„Nun, etwas Despotenwahnsinn mag schon noch in ihm stecken. Wir dürfen
doch nicht vergessen, daß die Zeit nicht allzuweit zurückliegt, wo
alle diese Tyrannen unumschränkt über Leben und Tod, über Leib und
Seele ihrer Untertanen geboten. Und wer weiß, was mein Gatte -- -- --
Aber Sie mögen ja recht haben. Es ist vielleicht eine ganz törichte
Vermutung, von der ich mich da beunruhigen lasse. Und eben deshalb
wollte ich auch zu keinem von meines Mannes Kameraden davon sprechen.
Ihnen allein habe ich mich offenbart. Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann
sind und daß niemand aus Ihrem Munde erfahren wird, was in dieser
Stunde zwischen uns gesprochen wurde.“

„Ich danke Ihnen noch einmal für Ihr Vertrauen, Mrs. Irwin, aber ich
möchte so gerne etwas tun, Sie aus Ihrer Unruhe zu befreien. Sie
fürchten sich vor einer unbekannten Gefahr, und Sie sind in dieser
Nacht bei der Abwesenheit Ihres Gatten ohne einen anderen Schutz als
den Ihrer indischen Dienerschaft. Wollen Sie mir gestatten, bis zum
Tagesanbruch in Ihrer Nähe zu bleiben?“

Mit einem Erröten, das sein Herz schneller schlagen machte, schüttelte
Edith Irwin den Kopf.

„Nein -- nein! -- Das ist unmöglich. Und ich glaube ja auch nicht, daß
mir hier im Schutze meines Hauses und inmitten meiner Leute ein Leid
geschehen könnte. Nur für den Fall, daß mir zu einer anderen Zeit und
an einem anderen Orte etwas zustoßen sollte, würde ich Sie bitten, den
Obersten Baird von dem Inhalt unserer heutigen Unterredung in Kenntnis
zu setzen. Man wird den Zusammenhang der Dinge dann vielleicht besser
begreifen.“

Wohl verstand Heideck jetzt, weshalb sie gerade ihn, den Fremden, zu
ihrem Vertrauten gemacht hatte. Und er glaubte auch zu erraten, daß es
viel weniger die Besorgnis vor einem Anschlage des Maharadjah, als vor
einer Schurkerei ihres eigenen Gatten sei, von der die unglückliche
junge Frau geängstigt wurde. Aber sein Zartgefühl hielt ihn ab, mit
dürren Worten auszusprechen, daß er sie begriffen habe. Es war ja auch
genug, wenn sie wußte, daß sie unbedingt auf ihn zählen dürfe. Und
davon mußte sie hinlänglich überzeugt sein, obgleich es nur der Blick
seiner Augen war, der sie dessen versicherte, und der lange, heiße Kuß,
den seine Lippen auf die zum Abschied gereichte eiskalte, kleine Hand
des armen jungen Weibes drückten.

„Sie werden mir erlauben, Ihnen morgen noch einmal meine Aufwartung zu
machen, nicht wahr?“

„Ich werde Ihnen Nachricht geben, wann ich Sie erwarte; ich möchte
nicht, daß Sie meinem Mann begegnen. Vielleicht ahnt er, daß Sie mir
freundlich gesinnt sind. Und das genügt, um ihn mit Mißtrauen und
Abneigung gegen Sie zu erfüllen.“

Sie klatschte in die Hände, und da jetzt die indische Zofe eintrat, um
den Besucher hinaus zu geleiten, mußte Heideck ihre letzte Bemerkung
unbeantwortet lassen. Als er sich auf der Schwelle aber noch einmal zu
einer letzten Verbeugung umwandte, suchten seine Augen die ihrigen,
und wenn auch ihre Lippen stumm blieben, hatten sie einander doch
vielleicht in dieser einzigen Sekunde mehr gesagt, als während ihres
ganzen, langen Beisammenseins.




[Illustration]




VI.


Als Heideck in den Garten hinaustrat, vermochte er sich zunächst kaum
zu orientieren, aber nach einigen Schritten hatten seine Augen sich
hinlänglich an die nächtliche Dunkelheit gewöhnt, und das schwache
Licht der Sterne zeigte ihm den Weg.

Eine undurchdringliche Hecke von Kaktuspflanzen, die indessen niedrig
genug war, um einen hochgewachsenen Mann darüber hinwegsehen zu
lassen, bildete die Umfassung des Gartens. Als er die hölzerne Pforte
hinter sich geschlossen, blieb Heideck jenseits dieser Hecke stehen
und blickte nach den hell erleuchteten Fenstern des Hauses zurück.
Solange er der schönen Frau gegenübergestanden, hatte er sich mannhaft
beherrscht. Kein rasches Wort hatte ihr den Sturm von Gefühlen
verraten, den diese nächtliche Unterredung in seiner Brust entfesselt
hatte. Nicht eine Sekunde lang hatte er vergessen, daß sie das Weib
eines anderen sei und daß er eine Ehrlosigkeit beging, sie zu seinem
Weibe zu begehren, solange sie an diesen anderen gefesselt war. Darüber
aber, daß sein Blut mit ungestümer Leidenschaft nach ihr verlangte,
konnte er sich selbst nicht länger täuschen. Heute zum ersten Male war
ihm mit fast erschreckender Deutlichkeit zum Bewußtsein gekommen, daß
er diese Frau liebte, wie er noch nie ein weibliches Wesen geliebt
hatte. Doch es war für ihn nichts berauschendes oder beglückendes in
dieser Erkenntnis. Viel eher erfüllte sie ihn mit einer Empfindung
der Furcht vor den Wirren und Kämpfen, in die seine Liebe zu dieser
schönen Frau ihn verwickeln konnte. Wäre sie nicht seines Schutzes
bedürftig gewesen und hätte er nicht sein Wort gegeben, zu ihrem
Beistande hier zu bleiben, er würde sich dem schweren Herzenskonflikt
durch eine rasche Flucht entzogen haben. Aber davon konnte unter diesen
Umständen nicht mehr die Rede sein. Er selbst hatte ihr heute ein Recht
gegeben, auf seine Freundschaft zu zählen; und es war ein Gebot der
Ritterlichkeit, ihr Vertrauen auch zu verdienen.

Unfähig, sich von der Stelle loszureißen, wo er das geliebte Weib
wußte, verharrte Heideck wohl schon eine Viertelstunde lang auf seinem
Platze, und als er endlich -- das törichte seines Beginnens erkennend
-- den Entschluß gefaßt hatte, sich zur Heimkehr zu wenden, machte er
eine Wahrnehmung, die befremdlich genug war, um ihn zu längerem Weilen
zu veranlassen.

Er sah, daß die Haustür, die vorhin die indische Zofe hinter ihm
geschlossen hatte, sich öffnete, und bei dem Lichtschein, der aus dem
erhellten Flur in die Dunkelheit hinausfiel, bemerkte er, wie mehrere
in helle Gewänder gekleidete Männer dicht hintereinander die Stufen
hinaufeilten.

Er erinnerte sich an Mrs. Irwins rätselhafte Aeußerungen von
einem Unglück, das ihr möglicherweise bevorstände, und von einer
beängstigenden Ahnung erfaßt, stieß er die Gartenpforte wieder auf und
eilte dem Hause zu.

Noch hatte er es nicht erreicht, als der gellende Hilferuf einer
weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Heideck riß den Revolver, den er
stets bei sich führte, aus der Tasche und sprang mit einigen Sätzen die
Treppe empor. Die Tür des Salons, wo er vorhin noch mit der Gattin des
Kapitäns gesprochen hatte, war weit geöffnet, und von dort her ertönten
die Hilferufe, deren verzweifelter Klang dem Hauptmann die Gewißheit
gab, daß es eine furchtbare Gefahr sein müsse, von der Edith Irwin
bedroht war. Nur wenige Schritte noch, und er sah die junge Engländerin
mit wahrem Todesmut gegen drei weißgekleidete, eingeborene Männer sich
wehren, die offenbar willens waren, sie mit sich fortzuschleppen. Ihr
leichtes Seidenkleid war bei diesem ungleichen Kampfe bereits in Fetzen
gegangen, und so groß war Heidecks Empörung über die ungeheuerliche
Brutalität der Angreifer, daß er keinen Augenblick zögerte, seine Waffe
gegen den baumlangen, wild aussehenden Burschen abzudrücken, dessen
braune Hände eben mit rohem Griff die entblößten Arme der jungen Frau
umklammerten.

Der Schuß krachte, und mit einem kurzen, dumpfen Aufschrei taumelte
der Getroffene zurück. Entsetzt ließen die beiden anderen von ihrem
Opfer ab. Einer von ihnen riß seinen Säbel aus der Scheide und drang
auf den Deutschen ein. Heideck konnte nicht zum zweiten Male schießen,
weil er fürchten mußte, Edith zu treffen. Darum warf er ohne Besinnen
den Revolver zu Boden und packte mit einer Gewandtheit, auf die der
Angreifer nicht vorbereitet war, den schon zum Schlage erhobenen Arm
des Inders. Er war ihm an Körperkraft weit überlegen und hatte ihm mit
einem raschen Griff den Säbel entwunden. Da gab der waffenlos gewordene
den Kampf auf und suchte gleich seinem dritten Gefährten, der bereits
mit lautlosen, katzenartigen Sprüngen entwischt war, sein Heil in der
Flucht.

Heideck verfolgte ihn nicht. Er dachte nur an Edith und daran, daß
ihr von den Banditen vielleicht schon ein Leid geschehen war. Sie war
in demselben Augenblick, da die gewalttätigen Hände der Inder von
ihr abließen, auf den Teppich niedergesunken, und ihr marmorbleiches
Antlitz erschien Heideck wie das einer Toten.

Während seltsamerweise weder Ediths gellende Hilferufe, noch der
Knall des Schusses einen von den Dienstboten herbeizurufen vermocht
hatten, tauchten jetzt, da die Gefahr vorüber war, plötzlich ein paar
verstörte braune Gesichter in der Türöffnung auf. Und die energische
Aufforderung, die Heideck in englischer Sprache an die noch ängstlich
zaudernde Zofe richtete, brachte sie zum Bewußtsein ihrer Pflicht
zurück.

Mit ihrer Hilfe trug Heideck die Ohnmächtige zu einer Chaiselongue, und
da er auf dem Tischchen eines der grünen Fläschchen mit Lavendelwasser
liegen sah, die in keinem englischen Hause fehlen, bediente er sich des
starkduftenden Reizmittels, so gut er es verstand, während die Inderin
die Fußsohlen ihrer jungen Herrin rieb und allerlei andere, unter den
Eingeborenen gebräuchliche Handgriffe anwendete, um die Bewußtlose ins
Leben zurückzurufen.

Nach kurzer Zeit schon schlug Edith unter diesen vereinten Bemühungen
die Augen auf, und nachdem sie mit wirrem, verständnislosen Blick
umhergesehen, kehrte ihr in dem Augenblick, wo sie den auf dem Boden
ausgestreckten Körper des von Heideck erschossenen Inders erblickte,
mit voller Klarheit die Erinnerung an das Geschehene zurück.

Den letzten Rest der lähmenden Schwäche mit der Energie eines festen
Willens abschüttelnd, sprang sie auf.

„Sie waren es, der mich gerettet hat, Mr. Heideck -- Sie haben Ihr
Leben für mich eingesetzt -- wie soll ich Ihnen danken!“

„Allein damit, gnädige Frau, daß Sie mir erlauben, Sie unverzüglich
in das Haus des Obersten zu geleiten, unter dessen Schutz Sie sich
notwendig bis zur Rückkehr Ihres Gatten stellen müssen. Von wem auch
immer dieser verbrecherische Anschlag ausgegangen sein mag, -- ob diese
Halunken gemeine Diebe waren oder ob sie in irgend jemandes Auftrage
gehandelt, jedenfalls fühle ich mich als einzelner Mann nicht stark
genug, die Verantwortung für Ihre Sicherheit zu übernehmen.“

„Sie haben recht,“ erwiderte Edith fügsam. „Ich werde mich sogleich
bereit machen, mit Ihnen zu gehen. -- Aber dieser Mann da --“ fügte sie
erschauernd hinzu, -- „ist er tot? Oder kann man noch etwas für ihn
tun?“

Heideck neigte sich über den Regungslosen herab, und ein einziger Blick
in das fahlbraune, verzerrte Antlitz mit den weitoffenen, stieren,
verglasten Augen ersparte ihm jede weitere Untersuchung.

„Er hat empfangen, was ihm gebührte,“ sagte er, „und für Ihr
hochherziges Mitleid gibt es hier nichts mehr zu tun. Ist denn aber gar
kein männliches Wesen hier im Hause, das mir behilflich sein könnte,
den Mann beiseite zu schaffen?“

„Alle sind fort,“ sagte die Zofe. „Der Haushofmeister hat sie
aufgefordert, sich mit ihm in der Stadt einen vergnügten Abend zu
machen.“

Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Keines von ihnen
hegte jetzt auch nur noch den geringsten Zweifel, daß es sich bei dem
tollkühnen Ueberfall um ein Komplott gehandelt hatte, an welchem auch
die indische Dienerschaft beteiligt war. Und deutlich genug erriet
jedes von ihnen die Vermutungen des anderen hinsichtlich der Urheber
des schändlichen Anschlags.

Aber sie sprachen sich nicht darüber aus. Gerade weil sie sich durch
die Erlebnisse dieser Nacht so nahe gekommen waren, wie das Schicksal
zwei junge Menschenkinder verschiedenen Geschlechts nur immer
zueinander führen kann, hegten sie beide dieselbe, fast instinktive
Scheu vor dem ersten Wort, das vielleicht auch die letzte trennende
Schranke zwischen ihnen niedergerissen hätte. Und Kapitän Irwins Name
wurde nicht zwischen ihnen genannt.




[Illustration]




VII.


Es war um die Mittagszeit, als Kapitän Irwin aus dem Bungalo des
Obersten trat und sich seinem Hause zuwandte. Die Unterhaltung mit
seinem Vorgesetzten mußte für ihn sehr bedeutungsvoll und wenig
erfreulich gewesen sein. Denn er war sehr bleich. Auf seinen Wangen
brannten rote Flecken und seine tiefliegenden Augen blickten finster,
wie in mühsam beherrschtem Zorn.

Kurze Zeit darauf wurde das Pferd des Obersten vorgeführt und
gleichzeitig ritt ein Zug Lancers unter dem Kommando eines
Wachtmeisters in den Hof ein. Der Kommandierende erschien in großer
Uniform und setzte sich an die Spitze des Zuges, der im Galopp dem
Schlosse des Maharadjah zusprengte.

Unmittelbar vor dem Palast machten die Reiter Halt, und in befehlendem
Ton rief Oberst Baird den am Eingangstor lungernden Dienern zu, daß er
den Maharadjah zu sprechen wünsche.

Ein paar Minuten vergingen, ehe ein prächtig gekleideter Palastbeamter
mit der Meldung zurückkam, daß Seine Hoheit augenblicklich niemanden
empfangen könne. Der Herr Oberst würde Nachricht erhalten, sobald die
erbetene Audienz bewilligt werden würde.

Jetzt schwang sich der Befehlshaber aus dem Sattel und ging festen,
sporenklirrenden Schrittes in das Schloß, seinen Säbel mit lautem
Gerassel hinter sich her über die Marmorfliesen schleifend.

„Melden Sie dem Fürsten, daß ich auf der Stelle mit ihm zu reden habe!“
rief er mit drohender Stimme den Palastbeamten und Dienern zu, die ihm
in sichtlicher Bestürzung folgten.

Einer so kategorischen Erklärung wagte man offenbar keinen Widerstand
mehr entgegenzusetzen. Alle Tore öffneten sich vor dem Engländer, und
auch im Vorzimmer brauchte er kaum eine Minute lang zu warten, ehe sich
der Fürst bereitfinden ließ, ihn zu empfangen.

Auf einer kleinen, hochgelegenen Terrasse des Erdgeschosses saß der
Maharadjah beim Luncheon. Er veränderte seine absichtlich lässige
Haltung nicht, als der englische Resident auf ihn zutrat. Und der
sprühende Blick, mit dem seine dunklen Augen sich auf den Eindringling
richteten, sollte den Fremden offenbar einschüchtern.

Den Helm auf dem Kopf, die Faust auf den Säbel gestützt blieb der
Oberst hart vor dem Fürsten stehen.

„Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Maharadjah!“

„Und ich habe Ihnen durch meine Diener sagen lassen, daß ich jetzt
nicht zu sprechen bin. Sie sehen, ich bin bei der Mahlzeit!“

„Das darf für Sie kein Hindernis sein, den Vertreter Seiner britischen
Majestät zu empfangen. Der Bescheid, den Sie mir erteilen ließen, war
eine Beleidigung, die bei einer Wiederholung nicht ungesühnt bleiben
würde.“

In aufloderndem Zorn fuhr der Fürst von seinem Sessel empor. Er
schleuderte dem Obersten ein Schmähwort ins Gesicht, und seine Rechte
fuhr gleichzeitig nach dem Dolche in seinem Leibgurt. Erschrocken
prallte der Diener zurück, der eben im Begriff gewesen war, ihm auf
silberner Schale eine rotschimmernde Languste zu präsentieren. Der
Oberst aber setzte, ohne sich auch nur um Haaresbreite von seinem
Platze zu rühren, das silberne Jagdpfeifchen an den Mund, das an
seiner Schulter hing. Zwei gellende Pfiffe ertönten, und unmittelbar
darauf wurde das Trappeln von Pferdehufen und das Klirren von Waffen
vernehmlich. Die hohen, blaugestreiften Turbane der Reiter und die
Fähnchen ihrer Lanzen tauchten neben der Terrasse auf.

„Man rufe meine Leibgarde!“ schrie der Fürst mit vor Wut heiserer
Stimme.

Aber mit eisiger Ruhe klang es von den Lippen des Obersten:

„Wenn Sie Ihre Leibgarde kommen lassen, Maharadjah, sind Sie ein toter
Mann. Das wäre Rebellion. Und mit Rebellen pflegen wir keine Umstände
zu machen.“

Der Fürst preßte die Lippen zusammen. Die mit ungeheurer Anstrengung
beherrschte Wut ließ seinen Körper wie im Fieber erzittern. Aber er
mußte einsehen, daß er hier der schwächere sei, denn ohne ein weiteres
Wort ließ er sich wieder in seinen Sessel fallen.

Der Oberst trat an die Brüstung der Terrasse.

„Wachtmeister Thomson!“ rief er in den Park hinaus.

Auf den Marmorstufen erklangen schwere Schritte, und der Gerufene, dem
zwei Soldaten folgten, trat in dienstlicher Haltung seinem Vorgesetzten
gegenüber.

„Wissen Sie, Wachtmeister, wer der Herr dort am Tische ist?“

„Zu Befehl, Herr Oberst! Das ist Seine Hoheit der Maharadjah.“

„Wenn ich Ihnen Befehl erteilte, den Herrn zu verhaften und zum Camp zu
führen, -- würden Sie Bedenken tragen, zu gehorchen?“

Der Wachtmeister sah den Fragenden an, als ob der Zweifel an seinem
bedingungslosen, militärischen Gehorsam ihn in Erstaunen setzte. Dann
machte er eine Kopfbewegung gegen die beiden Soldaten hin und trat, als
wollte er den Auftrag sofort zur Ausführung bringen, um einen weiteren
Schritt auf den Fürsten zu.

„Halt, Wachtmeister!“ rief der Oberst. „Ich hoffe, Seine Hoheit wird es
nicht zum äußersten kommen lassen. Sie sind doch bereit, Maharadjah,
mir jetzt Rede zu stehen?“

Schweigend deutete der Inder auf den vergoldeten Sessel an der anderen
Seite des Tisches. Auf einen Wink des Obersten traten der Wachtmeister
und die beiden Soldaten wieder ab.

„Ich habe eine sehr ernste Frage an Sie zu richten, Maharadjah!“

„Sprechen Sie!“

„In der letzten Nacht, während der Kapitän Irwin abwesend war, sind
einige verbrecherische Leute in sein Haus eingedrungen in der Absicht,
sich tätlich an der Gemahlin des Kapitäns zu vergreifen. Was wissen Sie
von dieser Sache, Maharadjah?“

„Ich verstehe Sie nicht, Oberst! Was sollte ich davon wissen?“

„Vielleicht täten Sie doch gut, sich zu besinnen. Sie hören von dieser
Affäre zum ersten Mal?“

„Gewiß. Ich habe bisher nicht das geringste davon gewußt.“

„Auch das hat man Ihnen also nicht gemeldet, daß derjenige von den
Einbrechern, der tot auf dem Platze geblieben ist, einer Ihrer Diener
war?“

„Nein. Ich habe sehr viele Diener, und ich bin nicht verantwortlich für
das, was sie tun, wenn es nicht in meinem Auftrage geschah.“

„Gerade das aber ist es, was ich vermute. Sie werden mir schwerlich
zumuten zu glauben, daß einer Ihrer Diener einen derartigen Ueberfall
auf eigene Hand gewagt haben sollte. Die anderen Schurken sind zwar
entkommen, aber einer von ihnen hat einen Säbel zurücklassen müssen,
der einem Manne Ihrer Leibgarde angehörte.“

Der Maharadjah kämpfte augenscheinlich einen schweren Kampf, seine
Fassung zu bewahren. Indem er seine Wut hinter einem verächtlichen
Lächeln zu verbergen suchte, sagte er:

„Es ist unter meiner Würde, Oberst, Ihnen darauf zu antworten.“

„Von irgend einer Würde, die Sie berechtigte, eine von dem britischen
Residenten verlangte Auskunft zu verweigern, kann nicht die Rede sein.
Sie haben es nicht mit einem einfachen englischen Offizier, sondern mit
dem Vertreter Seiner Majestät des indischen Kaisers zu tun. Wie es
meine Pflicht ist, Sie zu fragen, so ist es die Ihre, mir zu antworten.
Eine Weigerung könnte leicht die schwersten Folgen für Eure Hoheit
haben. Denn die Regierungskommissare, die man auf meinen Bericht hin
von Kalkutta nach Chanidigot entsenden würde, dürften sich von Ihrer
Würde sehr wenig imponieren lassen.“

Wieder biß der Inder die Zähne zusammen, und ein wilder,
leidenschaftlicher Haß glänzte in seinen Augen. Aber er mochte zu
gleicher Zeit daran denken, daß er nicht der erste unter den indischen
Fürsten gewesen wäre, den man wegen eines geringfügigen Uebergriffes
auch um den letzten Rest seiner Scheinherrschaft gebracht hätte. Darum
zwang er sich zu einer äußerlich ruhigen Entgegnung.

„Wenn Sie es für nötig halten, nach Kalkutta zu berichten, so kann
ich Sie daran nicht hindern. Aber ich denke, der Vizekönig wird sich
besinnen, einen treuen Alliierten Englands gerade in dem Augenblick zu
beleidigen, wo er ihn um die Entsendung einer Hilfstruppe angeht.“

„Da Sie dieses Umstandes einmal erwähnen -- wer ist zum Kommandeur der
Truppe bestimmt?“

„Mein Vetter Tasatat Radjah.“

„Und wann wird er marschieren?“

„In etwa vier Wochen, wie ich hoffe.“

Der Offizier schüttelte den Kopf.

„Das wäre viel mehr Zeit, als wir Ihnen geben können. Ihre Truppe
soll sich meinem Detachement anschließen, und ich werde spätestens in
vierzehn Tagen ausrücken.“

„Sie verlangen Unmögliches. Es fehlt vorläufig noch an Pferden,
und ich weiß nicht, woher ich in so kurzer Zeit zweitausend Kamele
nehmen sollte. Auch habe ich bei weitem nicht genug Munition für die
Infanterie.“

„Die fehlende Munition kann für Rechnung Eurer Hoheit aus dem Arsenal
zu Mooltan geliefert werden. Was aber die Pferde und Kamele betrifft,
so werden Sie bei einiger Anstrengung die nötige Anzahl ohne Zweifel
zu rechter Zeit stellen können. Ich wiederhole, daß in vierzehn
Tagen alles bereit sein muß. Vergessen Sie nicht, daß die pünktliche
Ausführung des Ihnen erteilten Befehls gewissermaßen eine Probe auf
Ihre Treue und Ihren Eifer darstellt. Jedes unnötige Zaudern und jede
Zweideutigkeit in Ihrer Haltung müßten Ihnen verhängnisvoll werden.“

Der Nachdruck, mit dem diese Worte gesprochen waren, verriet
hinlänglich, wie ernst sie gemeint seien. Und der Maharadjah, dessen
gelbliche Haut sich für einen Moment dunkler gefärbt hatte, neigte
schweigend den Kopf.

Oberst Baird erhob sich von seinem Sitz.

„Was die Angelegenheit der Mrs. Irwin betrifft, so erwarte ich
die sofortige Einleitung einer gründlichen Untersuchung. Und ich
verlange, daß sie mit schonungsloser Strenge, ohne alle Winkelzüge
und Heimlichkeiten geführt werde. Die Beleidigung, die von einigen
Ihrer Untertanen einem Offizier Seiner Majestät und einer britischen
Dame zugefügt wurde, ist eine so ungeheuerliche, daß nicht nur die
Verbrecher selbst, sondern auch der Anstifter dieser Tat der verdienten
Strafe überliefert werden müssen. Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden
Zeit. Wenn ich nicht vor Ablauf dieser Frist einen befriedigenden
Bericht von Ihnen erhalten habe, so werde ich selbst die Untersuchung
führen. Und Sie dürfen gewiß sein, daß die gewünschte Aufklärung dann
binnen kürzester Frist erfolgt sein wird.“

Er legte militärisch grüßend die Hand an den Helm und schritt, diesmal
den kürzesten Weg wählend, die Stufen der Terrasse hinab. Klirrend und
rasselnd sprengte der Reiterzug davon.

Mit düster funkelnden Augen blickte ihm der Maharadjah nach. Dann
befahl er dem Diener, Mohammed Bhawon, seinen Leibarzt, zu rufen.
Und als wenige Minuten später das ganz in weißen Musselin gekleidete
magere, verhutzelte Männchen mit dem faltigen braunen Gesicht und den
stechenden schwarzen Augen zu ihm trat, winkte er ihm gnädig zu, sich
auf dem goldgestickten Polster an seiner Seite niederzulassen.

Eine zweite gebieterische Handbewegung wies den Diener hinaus. Und
indem er seinen Arm vertraulich um den Nacken des Arztes legte, sprach
der Maharadjah lange und angelegentlich mit behutsam gedämpfter Stimme
auf ihn ein -- freundlich und schmeichelnd, wie man zu jemandem redet,
von dem man außerordentliches verlangt -- aber noch immer mit dem
Glitzern einer leidenschaftlichen Wut und eines tödlichen Hasses in den
Augen.




[Illustration]




VIII.


Vergebens wartete Heideck am Tage nach dem nächtlichen Ueberfall auf
eine Botschaft von Edith, die ihm die Möglichkeit gewährt hätte, sie
wiederzusehen. Er war darauf gefaßt, von Irwin wegen seines abendlichen
Besuchs in der Villa zur Rede gestellt zu werden. Aber der Kapitän ließ
sich nicht bei ihm blicken.

Am frühen Morgen schon war Heideck zu dem Obersten beschieden worden,
um über den Hergang des nächtlichen Ereignisses Bericht zu erstatten.
Die Vernehmung war sehr kurz gewesen, und Heideck hatte den Eindruck,
daß der Oberst in seinen Fragen eine eigentümliche Zurückhaltung
beobachtete. Offenbar wünschte er in dem Deutschen die Vorstellung
zu erwecken, daß er selbst fest überzeugt sei, man habe es nur mit
verwegenen Einbrechern zu tun, die auf ihre eigene Faust gehandelt
hätten. Ganz beiläufig nur erwähnte er, daß der Tote als ein Mann von
der Leibwache des Maharadjah rekognosziert worden sei. Als Heideck
fragte, ob ihm aus der Tötung des Mannes von seiten der Zivilbehörden
noch Weiterungen erwachsen könnten, beruhigte ihn der Oberst durch ein
entschiedenes Nein.

„Sie haben in berechtigter Abwehr gehandelt, als Sie den Burschen
niederschossen, und ich verbürge mich dafür, daß Sie weder von den
englischen Behörden noch von dem Maharadjah deshalb behelligt werden
sollen.“

Auf seine Erkundigung nach Mrs. Irwins Befinden wurde ihm ebenfalls
eine beruhigende Antwort gegeben.

„Die Dame erfreut sich glücklicherweise des besten Wohlseins,“
sagte der Oberst. „Sie ist eben eine Frau von bewundernswürdiger
Seelenstärke.“

Auch bis zum nächsten Morgen hatte Kapitän Irwin noch nichts von sich
hören lassen. Heideck und Fürst Tschadschawadse saßen in ihrem Bungalo
beim Frühstück und plauderten über die wichtigen Nachrichten, welche
die eben eingetroffenen Zeitungen gebracht hatten.

Die ‚India Times‘ schrieb, daß Rußland durch seinen Einmarsch in
Afghanistan die Londoner Verträge verletzt habe und daß England
dadurch ebenfalls berechtigt und genötigt würde, eine Armee
nach Afghanistan zu senden. Es sei zu hoffen, daß friedliche
Verhandlungen den drohenden Konflikt lösen würden. Wenn aber die
russische Armee nicht nach Turkestan zurückkehre, würde England sich
ebenfalls zu energischen Maßregeln veranlaßt sehen. Eine englische
Truppenmacht würde Afghanistan besetzen und den Emir zwingen, seinen
Bündnisverpflichtungen gegen die indische Regierung nachzukommen. Auf
alle Fälle würde eine starke Flotte in den Häfen von Plymouth und
Portsmouth ausgerüstet, um im gegebenen Moment in die Ostsee zu gehen.

„Bezeichnender als das,“ sagte Heideck, „ist die Tatsache, daß die
zweieinhalbprozentigen Konsols an der Londoner Börse gestern einen Kurs
von neunzig notierten, während sie vor acht Tagen auf sechsundneunzig
standen. Die Engländer scheuen sich, offen auszusprechen, daß der Krieg
tatsächlich begonnen hat.“

„Ein Krieg ohne Kriegserklärung,“ stimmte der Fürst zu. „Jedenfalls
müssen wir uns beeilen, über die Grenze zu kommen. Ich möchte nicht
gern den Augenblick versäumen, wo man in Afghanistan losschlägt.“

„Das kann ich Ihnen nachfühlen. Aber es dürfte alsdann in der Tat keine
Zeit zu verlieren sein.“

„Wenn Sie damit einverstanden sind, reisen wir noch heute ab. Dann
sind wir um Mitternacht in Mooltan und morgen Mittag in Attock.
Morgen Abend können wir in Peschawar eintreffen. Dort lassen wir uns
die Erlaubnisscheine zum Ueberschreiten des Kaiberpasses geben. Je
früher wir durch den Paß kommen, desto besser, denn später dürfte es
Schwierigkeiten haben, die Erlaubnis zu erlangen.“

„Sie führen doch nichts Verdächtiges bei sich -- Karten, Zeichnungen
oder dergleichen?“

Der Russe schüttelte lächelnd den Kopf, „Nichts als Murrays Handbuch,
den unentbehrlichen Begleiter jedes Reisenden. Ich würde mich wohl
hüten, etwas anderes mitzunehmen. Für Sie liegt die Sache ja weniger
ängstlich.“

„Weshalb für mich?“

„Weil Sie ein Deutscher sind. Mit Deutschland ist man nicht im Kriege.
Ich aber würde sofort in Gefahr sein, für einen Spion gehalten zu
werden.“

„Uebrigens glaube ich, daß wir beide nichts zu fürchten hätten, selbst
wenn man uns als Offiziere erkennen würde. Es dürften in diesem
Augenblick mindestens ebensoviele englische Offiziere auf russischem
Gebiet als russische hier in Indien sein.“

„Solange der Krieg noch nicht erklärt ist, pflegt man mit den
Offizieren fremder Mächte allerdings höflich zu verfahren. Aber unter
den obwaltenden Umständen möchte ich es doch nicht gern darauf ankommen
lassen. Die Möglichkeit, standrechtlich erschossen zu werden, läge
nicht allzu fern. Besser schon, ich suche die Maske eines harmlosen
Kaufmanns festzuhalten und beeile mich, aus dem Machtbereich unserer
Gegner zu kommen. Was ich an Aufzeichnungen, Karten und Festungsplänen
in meinem Gedächtnis bewahre, könnte man ja glücklicherweise selbst mit
Röntgenstrahlen nicht entdecken. Aber Sie haben sich noch gar nicht
geäußert, Herr Kamerad -- sind Sie bereit, mich heute zu begleiten?“

„Ich bitte Sie, nicht auf mich zu rechnen. Ich möchte vorläufig noch
bleiben.“

Und da er das Erstaunen des Russen bemerkte, fuhr er fort:

„Sie sagten selbst, daß ich mich als Deutscher in einer weniger
gefährlichen Lage befinde. Selbst wenn man mich als Offizier erkennt,
kann man mir kaum ernstliche Unannehmlichkeiten bereiten. Am wenigsten
hier, wo nichts auszuspionieren wäre.“

Daß es lediglich der Gedanke an Mrs. Irwin war, der die plötzliche
Aenderung seiner Entschlüsse herbeigeführt hatte, verriet er nicht.
Und der Russe zerbrach sich über seine Beweggründe allem Anschein nach
nicht weiter den Kopf.

„Wissen Sie, was mir in diesem Augenblick allein Sorge macht?“ fragte
er. „Ich fürchte, daß Deutschland die gute Gelegenheit benutzen könnte,
uns in den Rücken zu fallen. Ihr Volk liebt uns nicht, darüber wollen
wir uns nicht täuschen. Es gab ja eine Zeit, wo das Deutschtum bei uns
eine entscheidende Rolle spielte. Aber seit den Tagen Alexanders III.
ist das anders geworden. Auch wir können nicht so leicht vergessen, daß
Ihr großer Bismarck uns auf dem Berliner Kongreß um den Preis unseres
Sieges über die Türken gebracht hat.“

„Verzeihen Sie, mein Fürst, wenn ich Ihnen da widerspreche. Die Schuld
lag einzig bei Ihrem Kanzler Gortschakow, der seinen Vorteil nicht zu
verfolgen verstand. Die Engländer haben das benutzt. Bismarck selbst
würde ohne Zweifel jeder russischen Forderung zugestimmt haben. Im
übrigen kann ich Ihnen versichern, daß von einer nationalen Feindschaft
gegen Rußland bei uns, namentlich in den gebildeten Kreisen, nicht die
Rede ist.“

„Es mag ja sein, aber in Rußland wird diese Abneigung jedenfalls
als ein Faktor betrachtet, mit dem man in kritischen Augenblicken
rechnen müsse. Der Vertrag mit Frankreich würde sonst wahrscheinlich
niemals zu stande gekommen sein. Und ich könnte Ihrer Nation gewisse
Feindseligkeiten gegen uns nicht im mindesten verübeln. Wir besitzen
nun einmal verschiedene Landesgebiete, die geographisch viel
natürlicher zu Deutschland gehören würden. Wenn Ihr Vaterland von
seinem Ueberfluß an Menschen acht Millionen Bauern in Polen ansiedeln
könnte, wäre ihm in mancher Hinsicht geholfen. Stände ich an der
Spitze Ihrer Regierung, so würde ich mich zunächst mit Oesterreichs
Zustimmung des russischen Polen bemächtigen, dann aber Oesterreich
zerschlagen, Böhmen, Mähren, Kärnthen, Steiermark, Tirol als deutsches
Land annektieren und die österreichische Dynastie auf Transleithanien
beschränken.“

Heideck konnte nicht umhin, zu lächeln.

„Das sind kühne Phantasien, Fürst! Und Sie dürfen versichert sein, daß
bei uns niemand im Ernst an solche Pläne denkt.“

„Seltsam genug, wenn es so wäre. Denn mich dünkt, es müßte Ihnen als
das Natürlichste erscheinen. Was bedeutet denn euer deutsches Reich,
wenn euch gerade die deutschesten Länder fehlen? Sollte euch nicht die
Bevölkerung der deutschen Provinzen Oesterreichs näher stehen als die
des nordöstlichen Preußen? Aber es ist ja möglich, daß man bei euch zu
gewissenhaft und zu vertragstreu ist, um eine so großzügige Politik zu
treiben.“

Heideck lenkte das Gespräch nicht ohne Absicht wieder auf das
ursprüngliche Thema zurück.

„Welche Route gedenken Sie zu nehmen? Haben Sie sich bestimmt für
Peschawar entschieden oder ziehen Sie auch Quetta in Betracht?“

„Darüber bin ich mit mir noch nicht ganz im Reinen. Jedenfalls möchte
ich denjenigen Weg wählen, auf dem ich am schnellsten zu unserer Armee
gelange.“

„Dann würde ich Ihnen die Route über Quetta vorschlagen. Denn es ist
wohl das wahrscheinlichste, daß die russische Hauptarmee sich nach
Süden wendet. Herat dürfte ihr nächster Angriffspunkt sein. Dorthin
führen die besten Straßen, von Norden und Nordwesten her. Es ist der
Kreuzungspunkt der Karawanenwege aus Indien, Persien und Turkestan.
In Herat kann eine große Armee konzentriert werden, weil es inmitten
fruchtbaren Landes liegt. Wenn Ihre Vorhut da festen Fuß faßt, lassen
sich mit der transkaspischen Bahn in verhältnismäßig kurzer Zeit
sechzigtausend Mann dorthin schaffen. Rücken die Engländer bis Kandahar
vor, so wird dort der Zusammenstoß erfolgen. Aber die russische Armee
wird so überlegen sein, daß der Gegner schwerlich den Marsch auf
Kandahar wagen wird. Durch die afghanischen Truppen verstärkt, kann
General Iwanow mit hunderttausend Mann ungehindert bis zum Bolanpaß
kommen.“

„Wenn ihm das gelänge,“ meinte der Fürst, „so stände ihm der Weg in
das Tal des Indus offen. Denn gegen eine solche Streitmacht vermöchte
England den Paß nicht zu halten.“

„Ist der Bolanpaß wirklich so schwer zu passieren, wie man sagt?“
fragte Heideck.

„Der Paß ist etwa fünfzig Werst lang. Im Jahre 1839 ging das
bengalische Korps der Indusarmee durch den Paß zum Angriff auf das
afghanische Heer und brachte vierundzwanzigpfündige Haubitzen, sowie
achtzehnpfündige Kanonen ohne Schwierigkeiten hindurch.“

„Wenn ich mich recht besinne, kamen sie ohne nennenswerten Kampf bis
nach Kandahar und besetzten ganz Afghanistan. Aber der endliche Ausgang
war doch eine fürchterliche Niederlage. Von ihren fünfzehntausend Mann
sind nur viertausendfünfhundert in eiliger Flucht durch den Kaiberpaß
nach Indien zurückgekehrt.“

Fürst Tschadschawadse lachte spöttisch auf.

„Fünfzehntausend? Ja, wenn man den englischen Quellen Glauben schenken
wollte! Aber ich kann Ihnen nach besseren Informationen versichern, daß
die Engländer im Jahre 1839 mit nicht weniger als einundzwanzigtausend
Soldaten nebst einem Train von siebzigtausend Mann und sechzigtausend
Kamelen gegen Afghanistan ausgezogen sind. Sie marschierten durch
den Bolanpaß, nahmen Kandahar und Gasna, rückten in Kabul ein und
setzten Schah Tschudscha auf den Thron. Eine entscheidende Niederlage
erlitten sie eigentlich nicht, aber ein allgemeiner Aufstand der
Afghanen vertrieb sie aus ihrer Position und rieb ihren Truppenbestand
vollständig auf.“

„Ich bewundere Ihr Gedächtnis, mein Fürst!“

„O, das alles müssen wir auf Generalstabsschule am Schnürchen haben,
wenn wir nicht jämmerlich durchs Examen rasseln wollen. Im November
1878, als wir den Krieg gegen die Türken mit allen Mitteln zu Ende
führen mußten und deshalb in Zentralasien ziemlich schwach waren, sind
die Engländer abermals in Afghanistan eingerückt. Sie gedachten, sich
unsere Verlegenheit zu nutze zu machen und das Land ganz unter ihre
Herrschaft zu bringen. In drei Kolonnen gingen sie durch den Bolanpaß,
das Kuramtal und den Kaiberpaß. Aber auch diesmal konnten sie sich
nicht behaupten und mußten unter großen Verlusten den Rückzug antreten.
Wer nicht die eingeborene Bevölkerung für sich hat, wird in Afghanistan
niemals festen Fuß fassen. Und die Sympathieen der Afghanen sind auf
unserer Seite. Wir verstehen es, mit diesen Leuten umzugehen; die
Engländer dagegen gelten ihnen für unreine Ungläubige.“

„Glauben Sie, daß Rußland es jetzt nur auf den Besitz des Pufferstaates
Afghanistan abgesehen hat? Oder sollten seine Absichten noch weiter
gehen?“

„O, mein bester Kamerad, jetzt geht es um Indien. Seit mehr als hundert
Jahren schon haben wir unsere Blicke auf dieses reiche Land gerichtet.
Alle unsere Eroberungen in Zentralasien haben Indien zum letzten Ziel.
Schon Kaiser Paul befahl 1801 dem Ataman des donischen Heeres, Orlow,
mit 22000 Kosaken bis zum Ganges vorzudringen. Man stellte sich damals
den Feldzug allerdings viel zu leicht vor. Der Kaiser starb, und sein
tollkühner Plan kam nicht zur Ausführung. Während des Krimkrieges erbot
sich General Kauffmann, mit 25000 Mann Indien zu erobern. Es kam nicht
dazu. Seitdem haben sich die Ansichten geändert. Wir haben eingesehen,
daß nur ein schrittweises Vorgehen zum Ziele führen kann. Und wir haben
unsere Zeit nicht verloren. Im Westen sind wir bis auf 100 Kilometer an
Herat herangerückt, und im Osten, im Pamirgebiet, sind wir Indien noch
viel näher gekommen.“

„Es ist mir interessant, das zu hören. Ich selbst habe mir bisher
trotz alles Bemühens keine recht klare Vorstellung von der Grenze am
Pamirgebiet machen können.“

„Und Sie sind wahrhaftig nicht der Einzige, dem es so ergeht.
Niemand, der nicht an Ort und Stelle war, kann die dortige Lage
verstehen. Und wer dagewesen ist, kennt die Grenze auch nicht, weil
es gar keine bestimmte Grenze gibt. Das Pamirplateau liegt nördlich
von Peschawar und wird im Süden vom Hindukuschgebirge begrenzt. Die
Besitzverhältnisse aber sind außerordentlich verwickelt. Der Emir des
benachbarten Afghanistan beansprucht die Herrschaft über die Chanate
Schugnan und Roschan, die den Hauptteil des Pamirgebietes ausmachen.
Weiter erhebt er ja auch Anspruch auf die Provinz Seistan, die außerdem
noch von Persien reklamiert wird. Gerade diese Provinz ist von
besonderer Wichtigkeit, denn die Engländer würden, wenn sie sich ihrer
bemächtigten, was von Beludschistan aus ohne große Schwierigkeiten
geschehen könnte, eine starke Flankenstellung im Süden unserer
Marschlinie Merw-Herat durch Kandahar-Quetta gewinnen.“

„Das sind allerdings recht unklare Verhältnisse.“

„So unklar, daß wir mit den Engländern seit langen Jahren über die
Grenzfrage streiten. Unsere britischen Freunde haben den Emir von
Afghanistan schon wiederholt veranlaßt, Truppen dorthin zu senden. Und
englische Expeditionen zum Zwecke der Grenzfeststellung sind oft genug
in den Bergen von Pamir herumgeklettert. Natürlich stehen wir in dieser
Hinsicht nicht hinter ihnen zurück. Ich selbst habe seinerzeit an einer
solchen wissenschaftlichen Expedition teilgenommen.“

„Und es handelte sich wirklich um ein wissenschaftliches Unternehmen?“

„Sagen wir: um ein kriegswissenschaftliches!“ erwiderte der Fürst
lächelnd. „Wir hatten zweitausend Kosaken bei uns und kamen bis auf den
Hindukusch, zum Baragilpaß und einem andern, der keinen Namen hatte,
und den wir unserem Obersten zu Ehren Jonowpaß nannten. Da stießen wir
auf afghanische Truppen und schlugen sie bei Somatsch. Der Emir Abdur
Rahman mußte das auf Geheiß der Engländer, die ihm Subsidien zahlten,
übelnehmen und sie um Beistand bitten. Ein englischer Gesandter
erschien in Kabul, und es kam zu Verhandlungen, die wir recht geschickt
in die Länge zogen, um Zeit für die Erbauung kleiner Forts auf dem
Pamirgebiet zu gewinnen. In London wurde schließlich vereinbart, daß
der Pentsch die Grenze zwischen Rußland und Afghanistan im Pamirgebiet
sein solle. Und ein paar Monate später trafen wir am Ssary-Kul mit
einer englischen Expedition zusammen, die im Verein mit uns die genaue
Grenzlinie feststellen sollte. Es gab eine höchst ergötzliche Komödie;
denn die englischen Kameraden wollten uns durchaus nicht merken lassen,
daß sie Befehl hatten, nachgiebig zu sein. Wir aber waren sehr rasch
dahintergekommen und zogen die Grenze, wie es uns gefiel. Das Ende
war, daß nur noch ein ganz schmaler Streifen zwischen Buchara und der
indischen Grenze dem Emir verblieb, der sich außerdem verpflichten
mußte, dort weder Truppen zu halten, noch Befestigungen anzulegen. Also
unser Gebiet war auf 20 Kilometer an das englische herangerückt. Dort
sind wir Indien am nächsten, und wenn wir wollen, können wir jederzeit
von den Pässen des Hindukusch nach dem unter englischem Einfluß
stehenden Tschitratal hinabsteigen.“

Die Unterhaltung wurde durch das Erscheinen eines Dieners unterbrochen,
der Heideck eine Einladung von Mrs. Baird zum Diner am Abend dieses
Tages brachte. Der Hauptmann vermochte seine Freude kaum zu verbergen;
denn er zweifelte nicht, daß es Edith war, der er diese Einladung
verdankte, und er war glücklich in der Hoffnung, sie endlich
wiederzusehen.

„Sie stehen sich gut mit dem Obersten,“ sagte der Fürst, als der Diener
mit Heidecks zusagendem Bescheide gegangen war. „Das kann Ihnen unter
den gegenwärtigen Verhältnissen von großem Vorteil sein. Lassen Sie
sich doch einen Passierschein ausstellen und reisen Sie mit mir!“

„Es tut mir leid, mein Fürst! Ich würde gewiß sehr gern in so
angenehmer Gesellschaft reisen, aber meine Geschäfte halten mich
einstweilen noch hier zurück.“

„Nun -- wie Sie wollen, -- ich darf Ihnen nicht weiter zureden. Aber
ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß wir einander nochmals begegnen
werden, und es ist überflüssig, zu versichern, daß Sie in jeder Lage
auf mich zählen dürfen.“




[Illustration]




IX.


Der deutsche Kaiser weilte, wie alljährlich, im Wildpark von
Springe. Aber für das edle Weidwerk, bei dem der Monarch sonst in
der nervenstählenden Waldeinsamkeit Erholung und neue Kräfte suchte,
blieb diesmal nur selten eine Stunde übrig. Der Telegraph war in
ununterbrochener Tätigkeit, und täglich erschienen in dem Jagdschlosse
Staatsmänner, Diplomaten und hohe Offiziere, mit denen der Kaiser lange
Besprechungen hatte. Die Fenster seines Arbeitszimmers blieben bis tief
in die Nacht hinein erleuchtet, und gewöhnlich fand schon der frühe
Morgen den Herrscher wieder an seinem Schreibtisch.

Heute aber hatte nach halbdurchwachter Nacht die Sehnsucht nach einem
Atemzug frischer Gottesluft den Kaiser beim Morgengrauen hinausgeführt
in den schweigenden Tannenwald.

Ein leichter Rauhreif, der über Nacht gefallen war, bedeckte die Zweige
und den Boden mit feinen, weißschimmernden Eiskristallen. Zwischen den
Stämmen lagen noch die Schatten der Dämmerung. Im Osten aber flammte
glühendes Rot über den fahlen, graublauen Himmel hin.

Dorthin richteten sich die Blicke des Kaisers. Unter einer hohen, alten
Fichte hemmte der Monarch seinen Schritt, und seine Lippen bewegten
sich zu einem leisen Gebet. Von dem Lenker der Geschicke aller Völker
erflehte er in dieser ernsten Zeit Rat und Kraft für seinen schweren
Entschluß.

Da schlug der Ton menschlicher Stimmen an sein Ohr. Er sah zwei Männer,
die seine Nähe nicht ahnten, in lebhaftem Gespräch auf dem unfern
vorüberführenden schmalen Pirschpfade daherkommen. Des Kaisers scharfes
Jägerauge erkannte in dem einen der beiden hochgewachsenen Herren
seinen Oberstallmeister, den Grafen Wedel. Der andere aber war ihm
fremd.

Und dieser Unbekannte war es, der jetzt sagte:

„Es ist mir eine Freude, daß wir uns endlich einmal Auge in Auge
aussprechen können. Ich habe den tiefen Riß in unserer alten
Freundschaft und Kameradschaft sehr beklagt. Aber auf meiner Seite ist
die Mißstimmung längst vorüber. Ich hatte damals nicht in preußische
Dienste treten wollen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, daß
unsere alte tapfere hannoversche Armee aufgehört hatte, zu existieren,
und ich zürnte dir, mein lieber Ernst, weil du, ein hannoverscher Garde
du Corps, vergessen zu haben schienst, was du der Ehre deines engeren
Vaterlandes schuldig warst. Aber du hast weiter gesehen als ich. Der
hochherzige Entschluß des Kaisers, die Traditionen der Hannoveraner
wieder zu beleben, unserem alten Offizierkorps eine Heimstätte in den
neuen preußischen Regimentern zu eröffnen und unsere ruhmvollen Devisen
auf die Fahnen und Standarten dieser neuen Regimenter zu schreiben,
hat alles wieder gut gemacht. Ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern,
wo auch diejenigen Hannoveraner, die jetzt noch grollend beiseite
stehen, einsehen werden, daß ein Kriegsherr, der so hochsinnig denkt,
der berufene Sammler und Führer aller Kräfte des großen, gemeinsamen
Vaterlandes ist.“

„Nun, ich habe dich und deinen Eisenkopf nie verkannt. Du hast dich ja
inzwischen tüchtig in der Welt umgesehen, und da du jetzt ein Hamburger
Großkaufmann bist, wirst du wohl ein großes Vermögen haben.“

„Mein Leben ist interessant und erfolgreich gewesen, aber mir fehlt
doch das beste. Ich sehne mich nach einer Tätigkeit, die meiner Natur
entspricht. Ich bin nun einmal Soldat, wie meine Vorfahren es seit
Jahrhunderten gewesen sind. Wäre ich 1866 in die preußische Armee
eingetreten, so könnte ich heute Kommandierender sein, und vielleicht
hätte ich binnen kurzem die Ehre, mein Korps unter den Augen unseres
Kaisers ins Feld zu führen.“

„Du glaubst, daß Deutschland in den Krieg verwickelt werden könnte?
Gegen wen sollten wir fechten?“

„Wenn unser Kaiser der scharfblickende und energische Geist ist, für
den ich ihn halte, -- -- --“

Es widerstrebte dem Monarchen, die Sprechenden noch länger in
Unkenntnis seiner Anwesenheit zu lassen.

„Heda, ihr Herren!“ rief er jovial hinüber. „Verratet eure Geheimnisse
nicht, ohne zu wissen, wer sie hört!“

„Seine Majestät!“ sagte der Graf halblaut, indem er mit tiefer
Verbeugung seinen Hut zog. Der Begleiter folgte seinem Beispiel, und da
ihn der Kaiser fragend ansah, sagte er:

„Untertänigst zu melden: Grubenhagen aus Hamburg.“

Der Monarch ließ seinen Blick über die hohe, breitschultrige Gestalt
des stattlichen Mannes hingleiten und fragte lächelnd:

„Sie haben gedient?“

„Zu Befehl, Majestät -- als Leutnant beim Königlich hannoverschen
Regiment Garde du Corps.“

„Haben denn auch bürgerliche Offiziere bei dem Regiment gestanden?“

„Majestät halten zu Gnaden: Mein Name ist Freiherr von Grubenhagen.
Aber der Freiherr war dem Kaufmann im Wege.“

Das bei aller schuldigen Ehrerbietung freimütige und mannhafte Wesen
des Freiherrn schien dem Kaiser zu gefallen. Lange blickte er in das
scharfgeschnittene, energische Gesicht, aus dem ein Paar kühne und
intelligente Augen leuchteten.

„Sie haben viel von der Welt gesehen?“

„Majestät, ich war in Amerika und viele Jahre in England, bevor ich
mein Geschäft in Hamburg errichtete.“

„Ein guter Kaufmann sieht oft mehr als ein Diplomat, denn sein Blick
ist unbefangener und freier. Ich liebe Ihr Hamburg; es ist eine loyale
Stadt voll Einsicht und Unternehmungsgeist.“

„Man würde an der Alster glücklich sein, Eure Majestät so sprechen zu
hören.“

„Fürchtet man in Hamburg nicht große Verluste durch den Krieg?“

„In Hamburg, Majestät, denken viele Leute so wie ich.“

„Und wie denken Sie?“

„Daß unter Eurer Majestät glorreicher Regierung alle Deutschen
des Kontinents sich zu einem einzigen und einigen großen Volk
zusammenschließen werden, dem alle germanischen Stämme des Nordens,
Dänen, Schweden und Norweger, kraft des Gravitationsgesetzes, sich
ankristallisieren müssen.“

„O! -- Sie haben Mut!“

„Majestät, wir leben in einem Zeitalter, dessen charakteristisches
Zeichen die Bildung großer Staatswesen ist.“

Mit einer freundlichen Handbewegung unterbrach ihn der Monarch:

„Lassen Sie uns zum Frühstück gehen, meine Herren! Freiherr von
Grubenhagen, Sie sind mein Gast. Es wird mich interessieren, noch
einiges von Ihren kühnen Ideen zu hören.“

       *       *       *       *       *

Unmittelbar nachdem der Kaiser das Jagdschloß betreten hatte, war
ihm der mit dem Nachtzuge von Berlin herübergekommene Reichskanzler
gemeldet worden. Auch er nahm mit dem Gefolge des Monarchen an der
Frühstückstafel teil, und er mochte nicht wenig erstaunt sein über den
fremden Gast, den er da in der Umgebung des Kaisers fand und der von
dem Herrscher mit offenkundigem Wohlwollen ausgezeichnet wurde.

Als man sich nach aufgehobener Tafel um den runden Tisch im
Rauchzimmer gruppiert und auf einen Wink des Kaisers der diensttuende
Flügeladjutant für die Entfernung der Dienerschaft Sorge getragen
hatte, wandte sich Kaiser Wilhelm mit ernster Miene an den Freiherrn
von Grubenhagen.

„Und nun lassen Sie uns einmal ganz frei und unumwunden hören, wie
nach Ihren Beobachtungen das deutsche Volk über die Möglichkeit eines
Krieges denkt.“

Der Freiherr erhob den schönen, charaktervollen Kopf, und indem er dem
Kaiser frei und unbefangen in die Augen sah, erwiderte er:

„Niemand, Majestät, ist darüber im Ungewissen, daß es ein
verhängnisvoller Schritt sein würde, den Krieg zu erklären. Vielen
Tausenden wird damit ein frühes Grab geöffnet, verwüstete Länder,
ein vielleicht auf lange Zeit hinaus zerstörter Handel und unzählige
Tränen sind die unvermeidlichen Begleiter des Kriegs. Aber es gibt ein
höchstes Gesetz, vor dem alle andern zurücktreten müssen: das Gebot,
die Ehre zu erhalten. Und ein Volk hat seine Ehre, wie der einzelne.
Wo diese Ehre auf dem Spiele steht, soll es den Krieg nicht scheuen.
Denn von der Bewahrung der nationalen Ehre hängt schließlich doch die
Bewahrung aller andern nationalen Güter ab, und wo der Friede um jeden
Preis, selbst um den Preis der Ehre erhalten bleiben soll, müssen
allmählich alle Güter des Friedens verloren gehen, und das Volk muß
zur Beute seiner stärkeren Nachbarn werden. Eisen ist wertvoller als
Gold, denn dem Eisen verdanken wir all' unsern Besitz. Wozu wären
denn auch Armee und Marine? Sie sind der Ausdruck der politischen
Wahrheit, daß nur Mut und Kraft die Bürgschaft für das Bestehen und
Gedeihen eines Volkes bilden. Rußland und Frankreich stehen zusammen,
um England zu bekämpfen. Und das deutsche Volk hat das Gefühl, daß
es an der Zeit sei, in diesen Kämpfen Partei zu ergreifen. Darüber
aber, auf welche Seite es sich zu stellen habe, besteht nirgends eine
Ungewißheit. Unser Volk ist seit langem erbittert durch Englands
Intriguen und Uebergriffe. Tiefer und mächtiger als irgend ein anderes
Gefühl in der Menschenbrust ist die Liebe zur Gerechtigkeit, und dieses
Gerechtigkeitsgefühl ist beständig durch Englands Politik verletzt
worden. Es bedarf nur eines Kaiserwortes, um die deutsche Volksseele
bis in ihre tiefsten Tiefen aufzuregen und eine Flamme der Begeisterung
emporschlagen zu lassen, die alle innere Uneinigkeit, allen Hader der
Parteien verzehren wird. Wir sollten nicht fragen, was kommen könnte;
wir sollten tun, was die Stunde gebietet. Wo Deutschland mit Einsetzung
seiner ganzen Kraft um den Sieg ringt, da wird er ihm zufallen. Der
Sieg aber hat seine eigene Weisheit.“




[Illustration]




X.


Um die Mittagszeit war Fürst Tschadschawadse mit seinem Pagen Georgij
und seinem indischen Diener nach dem Norden abgereist. Heideck hatte
während der wenigen Tage ihrer Bekanntschaft der schönen Cirkassierin
gegenüber die größte Zurückhaltung beobachtet und hatte nicht zu
erkennen gegeben, daß er das Geheimnis ihrer Verkleidung durchschaut
habe. Und es war, als ob sie ihm dafür Dank wisse. Zwar hatte er
nicht ein einziges Mal mit ihr gesprochen, aber ihr Lächeln und die
freundlichen Blicke, die sie ihm bei zufälligen Begegnungen zuwarf,
waren hinlänglich deutliche Beweise für die Art ihrer Gesinnung. Ueber
die Natur der Beziehungen, die zwischen dem schönen Pagen und seinem
Herrn bestanden, konnte Heideck nicht im Zweifel sein. Wäre seine
Seele nicht so ganz ausgefüllt gewesen von dem Gedanken an Edith, so
hätte er sich leicht versucht fühlen können, den Russen um das Glück
dieser holden Reisegesellschaft zu beneiden; denn er erinnerte sich
kaum je ein reizvolleres weibliches Wesen gesehen zu haben, als es
die Cirkassierin in ihrer malerischen Kleidung war. Vor den Augen
Fremder wußte sie ihre Dienerrolle meisterlich durchzuführen, aber
es war unverkennbar, daß sie in Wahrheit die Gebieterin war. Ein
einziger Blick ihrer feurigen Augen reichte hin, die gelegentlichen
brutalen Aufwallungen des Fürsten niederzuhalten, und er wagte in
ihrer Gegenwart keinen der etwas freien Scherze, zu denen er sonst,
namentlich unter dem Einfluß geistiger Getränke, leicht geneigt war.

Heideck empfand eine Neigung aufrichtigen Bedauerns, als er den bei
all seinen kleinen Schwächen sehr liebenswürdigen Kameraden scheiden
sah. Er hegte wenig Hoffnung, daß die Erwartung des Fürsten, ihm noch
einmal zu begegnen, sich erfüllen würde; aber er zählte ihn unter
die erfreulichsten und interessantesten Bekanntschaften seiner an
wechselvollen Erlebnissen schon so reichen Reise.

       *       *       *       *       *

Pünktlich um 7 Uhr betrat Heideck in dem vorschriftsmäßigen
Gesellschaftsanzuge den Empfangssalon des Obersten. Ein Gefühl heißer
Freude wallte in seinem Herzen auf, als er sah, daß niemand außer Edith
Irwin darin anwesend war. Sie sah schöner aus denn je. Einzig eine
leichte Blässe mochte an die Wirkung der Schrecknisse erinnern, die sie
erlebt. Lächelnd ging sie ihm um einige Schritte entgegen und reichte
ihm die Hand, die er bewegt an seine Lippen zog.

„Ich bin beauftragt, Mrs. Baird und den Obersten noch für eine
Viertelstunde bei Ihnen zu entschuldigen,“ sagte sie. „Die
Vorbereitungen für die Mobilmachung nehmen den Obersten völlig in
Anspruch, und seine Gattin war vorhin durch einen kleinen Migräneanfall
genötigt, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen.“

Wie gern Heideck seinen Gastgebern den kleinen Verstoß gegen die
Pflichten der Höflichkeit verzieh, stand deutlich genug auf seinem
Gesicht geschrieben. Er nahm auf Ediths Einladung ihr gegenüber Platz
und sagte:

„Ich hoffe, Mrs. Irwin, daß Sie von seiten Ihres Gatten keine
Unannehmlichkeiten wegen meines späten Besuchs gehabt haben. Während
des ganzen gestrigen Tages hat mich diese Sorge unablässig verfolgt.“

Mit einem etwas herben Lächeln schüttelte die junge Frau den Kopf:

„O nein. Mein Mann hat mir im Gegenteil aufgetragen, ihn zu
entschuldigen, daß er die persönliche Abstattung seines Dankes
für Ihre heldenmütige Tat auf später verschieben müßte. Er wurde
in dienstlicher Angelegenheit auf unbestimmte Zeit nach Lahore
abkommandiert, und sein Aufbruch erfolgte in solcher Hast, daß ihm
nicht die Zeit blieb, Ihnen seinen Dank auszusprechen.“

Heideck glaubte zu verstehen, was dieses Kommando zu bedeuten habe.
Aber er fragte nur:

„Und Sie werden während der Abwesenheit des Kapitäns unter dem Schutz
des Obersten bleiben?“

„Es ist noch nichts bestimmtes darüber beschlossen worden. Weiß doch
augenblicklich hier niemand, was uns die nächsten Tage bringen werden.
Es ist gewiß, daß sich außerordentliche Ereignisse vorbereiten, und wir
armen Frauen müssen im Falle eines Krieges geduldig über uns ergehen
lassen, was man über unser Schicksal beschlossen hat.“

„Und der Maharadjah? Sie haben noch nichts von ihm gehört?“

„Oberst Baird hat gestern eine amtliche Unterredung mit dem Fürsten
gehabt; aber ich kenne ihren Inhalt nicht, da ich nicht den Mut
hatte, danach zu fragen. Daß der Maharadjah sich augenblicklich in
feindseliger Stimmung gegen den Obersten befindet, scheint mir indessen
leider nur zu gewiß. Ich müßte mich sehr schlecht auf die Eigenart
dieser indischen Despoten verstehen, wenn das Ereignis, das sich heute
hier zugetragen, nicht unmittelbar auf den Maharadjah zurückzuführen
wäre.“

„Ist es unbescheiden, nach der Natur dieses Ereignisses zu fragen?“

„Man hat versucht, den Obersten an seinem eigenen Tische zu vergiften.“

„Wie?“ fragte Heideck erstaunt. „Zu vergiften?“

„Ja. Mr. Baird hat die Gewohnheit, vor jeder Mahlzeit ein Glas
Eiswasser zu trinken, und bei dem heutigen Tiffin wurde es ihm,
wie immer, von seinem indischen Tafeldecker dargereicht. Aber
eine eigentümliche Trübung des Wassers fiel dem Obersten auf. Er
leerte das Glas nicht sofort, sondern ließ es ein paar Minuten lang
stehen, und nun wurde deutlich ein feiner, weißer Niederschlag auf
dem Boden des Gefäßes sichtbar. Die Vermutung, daß es sich um einen
Vergiftungsversuch handle, lag um so näher, als der Tafeldecker,
den man wegen der Beimischung befragen wollte, plötzlich spurlos
verschwunden und auch bis zur Stunde noch nicht wieder aufzufinden ist.
Man schüttete einen kleinen Teil der Flüssigkeit in das Futtergefäß
der Hunde und stellte es in eine Rattenfalle, die fünf oder sechs
dieser gefräßigen Nager enthielt. Zehn Minuten später war nicht eines
der Tiere mehr am Leben. Der Rest des Wassers wurde dem Regimentsarzt
Doktor Hopkins, einem eifrigen Chemiker, zur Untersuchung übergeben,
und er hat versprochen, uns beim Diner über das Ergebnis zu berichten.“

Noch ehe Heideck Gelegenheit gefunden hatte, das Gespräch auf Ediths
persönliche Angelegenheiten zurückzuführen, erschien Mrs. Baird in
Gesellschaft ihres Gatten und seines Adjutanten. Der Gast wurde mit
gewinnender Liebenswürdigkeit begrüßt, und als wenige Minuten später
auch der kleine, bewegliche Doktor Hopkins eingetroffen war, setzte man
sich zu Tisch.

Vielleicht wäre es dem Obersten lieber gewesen, wenn von der
Vergiftungsaffaire in Heidecks Gegenwart nicht die Rede gewesen wäre.
Aber die Ungeduld seiner durch den Vorfall in begreifliche Aufregung
versetzten Gemahlin ließ sich nicht zügeln.

„Nun, Herr Doktor,“ fragte sie, „was haben Sie gefunden?“

Der Regimentsarzt hatte offenbar nur auf diese Frage gewartet.

„Eines der gefährlichsten aller bekannten indischen Gifte,“ erklärte
er mit ernster Miene, „das sogenannte Diamantpulver, gegen das es kein
Gegengift gibt und das sich im Körper des Vergifteten nicht nachweisen
läßt, weil es pflanzlicher Natur ist und von den Geweben aufgesogen
wird.“

Mrs. Baird stieß einen Schrei des Entsetzens aus und legte für einen
Moment die Hand über die Augen.

Mr. Hopkins aber fuhr fort: „Ich habe das Diamantpulver noch niemals
unter den Händen gehabt, obwohl es gar nicht so selten zur Anwendung
gelangen soll. Die Zubereitung ist für uns Europäer bis jetzt noch ein
undurchdringliches Geheimnis, das von den indischen Aerzten sorgfältig
gehütet wird. An den indischen Fürstenhöfen soll es früher dieselbe
Rolle gespielt haben, wie im Mittelalter die berühmte ~acqua toffana~
bei den italienischen Despoten.“

Die Ausführungen des Arztes waren unter dem frischen Eindruck des nur
durch einen Zufall vereitelten abscheulichen Attentats natürlich nicht
danach angetan, die gedrückte Stimmung der kleinen Tischgesellschaft
zu heben. Und der Oberst, dem die gelehrten Auseinandersetzungen des
Regimentsarztes ersichtlich besonders unbehaglich waren, machte seiner
Gattin früher, als es sonst zu geschehen pflegte, ein Zeichen, die
Tafel aufzuheben.

Man begab sich auf die von einer Hängelampe beleuchtete Veranda, wo Tee
und eisgekühlte Getränke gereicht wurden. Obwohl Heideck während des
ganzen Abends nur Augen für Edith Irwin gehabt, hatte er doch beinahe
ängstlich alles vermieden, was den Anwesenden seine Empfindungen für
die junge Frau verraten konnte. Und auch jetzt, nachdem Edith sich in
den äußersten, halbdunklen Winkel der Veranda zurückgezogen, würde er
sicherlich nicht gewagt haben, sich in dem Korbsessel niederzulassen,
der an ihrer Seite freigeblieben war, wenn sie selbst ihn nicht in
vollkommen unbefangenem Tone dazu aufgefordert hätte.

„Sie haben keinen Platz, Herr Heideck -- bitte -- hier ist noch ein
Stuhl frei.“

Und mit einer graziösen Bewegung raffte sie die Falten ihres
Foulardkleides zusammen, um ihn vorüber zu lassen. Wieder begegneten
sich, von den anderen unbemerkt, für einen Moment ihre Augen. Und
wenn er es nicht gewußt hätte, daß er sich rettungslos im Banne dieses
schönen jungen Weibes befand, so würde der stürmische Schlag seines
Herzens ihn darüber belehrt haben.

Der Abend war ziemlich hell, und als jetzt plötzlich unter dem üblichen
Lärmen und Schreien der indischen Kutscher zwischen den Zelten des
Lagers ein sonderbarer Wagenzug auftauchte, verstummte die kaum in
Fluß gekommene Unterhaltung auf der Veranda, weil alle Blicke sich dem
unerwarteten Schauspiel zuwandten, für das -- den Obersten vielleicht
ausgenommen -- zunächst wohl noch niemand eine Erklärung hatte.

Man sah, daß es fünf, von reich geschmückten weißen Buckelochsen
gezogene Wagen waren, die ein Reitertrupp in der Kleidung der Leibgarde
des Maharadjah eskortierte.

Ihr Anführer ritt bis hart an die Stufen der beleuchteten Veranda,
schwang sich hier aus dem Sattel und stieg in vornehmer, würdevoller
Haltung zu der in begreiflicher Spannung harrenden Gesellschaft des
Obersten empor.

Er war ein schöner junger Mann mit griechisch geschnittenem Gesicht und
großen, schwermütigen Augen. Sein Anzug bestand aus einer gelbseidenen
Bluse, die mit einem Schal aus violetter Seide umgürtet war, englischen
Reithosen und hohen gelben Stiefeln. Sein violett gestreifter seidener
Turban war mit einer Perlenschnur durchflochten, und an seiner Brust
sandten haselnußgroße Brillanten im Licht der Lampe ihre buntfarbigen
Strahlen aus.

„Es ist Tasatat Radjah, der Vetter und der besondere Liebling des
Fürsten,“ flüsterte Edith Heideck zu, in dessen Gesicht sie etwas
wie eine Frage gelesen haben mochte. „Ohne Zweifel schickt ihn der
Maharadjah in einer besonderen Mission.“

Der Oberst hatte sich erhoben und war dem Besucher um einige Schritte
entgegengegangen. Aber er reichte ihm nicht die Hand und lud ihn auch
nicht zum Niedersitzen ein.

„Ich grüße dich, Sahib, im Namen Seiner Hoheit,“ sagte der Prinz
mit jenem edlen Anstand, der dem vornehmen Inder angeboren ist, „und
ich wünsche dir Glück und langes Leben. Seine Hoheit übersendet dir
als Zeichen seines Wohlwollens wie seiner hohen Achtung vor deinem
Amte und deinen Verdiensten ein geringes Geschenk. Er bittet dich,
es anzunehmen, zum Beweise, daß auch du vergessen hast, was gestern
infolge eines beklagenswerten Mißverständnisses zwischen dir und Seiner
Hoheit gesprochen wurde.“

„Seine Hoheit ist sehr gütig,“ sagte der Oberst kühl und gemessen.
„Darf ich fragen, worin das mir zugedachte Geschenk besteht?“

Mit einer lässigen Handbewegung wies der Prinz auf die unten haltenden
Gefährte.

„Jeder dieser fünf Wagen, Sahib, enthält hunderttausend Rupien.“

„Das wären also fünf Lakh?“

„So ist es. Und ich bitte dich noch einmal, Seine Hoheit durch eine
günstige Antwort zu erfreuen.“

Der Oberst überlegte ruhig und kühl seine Antwort, dann sagte er in
derselben ruhigen Haltung und mit demselben undurchdringlichen Gesicht,
wie zuvor:

„Ich danke dir, Prinz! Laß den Inhalt dieser Wagen in die Vorhalle
meines Hauses schaffen. Ueber das, was weiter damit geschehen soll,
werde ich die Entscheidung des Vizekönigs abwarten.“

Auf dem Gesicht des Prinzen zeigte sich deutlich ein Ausdruck der
Enttäuschung. Eine Weile verharrte er wie in unentschlossenem
Nachdenken. Dann, da er aus der Haltung des Obersten erkennen mußte,
daß der Engländer die Unterhaltung als beendet ansah, berührte er mit
der Rechten leicht die Mitte der Stirn, verbeugte sich und stieg die
Stufen der Veranda wieder hinab. Viele kleine Tonnen wurden auf sein
Geheiß von den niedrigen Karren herabgehoben und unter dem Beistande
englischer Soldaten in den Flur des Hauses geschafft. Dann setzte sich
der Zug unter demselben Lärm und Geschrei, wie er gekommen war, wieder
in Bewegung und verschwand in der Ferne.

Ein Lächeln lag auf dem eben noch so kalten Gesicht des Obersten, als
er sich jetzt seinen Gästen zuwandte; wohl von der Empfindung geleitet,
daß er ihnen gewissermaßen eine Erklärung für sein Benehmen schuldig
sei.

„Ich betrachte diese halbe Million als einen sehr erwünschten Beitrag
zu den Kriegskosten meines Detachements. Diese Orientalen können
sich eben niemals in unsere Denkweise hineinversetzen, und unsere
Ehrbegriffe werden ihnen immer ein unlösliches Rätsel bleiben. Mit
einem Geschenk, das er natürlich mir persönlich zugedacht hat,
glaubt dieser Despot alles aus der Welt geschafft zu haben, was ihm
möglicherweise Ungelegenheiten bereiten könnte -- sowohl den Anschlag
gegen Mrs. Irwin, wie die Geschichte mit dem Diamantpulver. Denn er
ist durch den verschwundenen Tafeldecker natürlich bereits über den
Mißerfolg unterrichtet, und er weiß recht gut, was für ihn auf dem
Spiele stehen würde, wenn ich diese skandalöse Geschichte nach Kalkutta
berichtete.“

Zum ersten Male sprach der Oberst hier vor andern offen aus, daß er den
Maharadjah für den Urheber der beiden Anschläge hielt. Er mußte einen
besonderen Grund hierzu haben, und Heideck glaubte ihn zu erraten,
als der Oberst auf die Frage des Regimentsarztes, ob er denn nicht
gesonnen sei, einen solchen Bericht an den Vizekönig abgehen zu lassen,
erwiderte:

„Ich weiß es nicht -- ich weiß es wirklich noch nicht. Nach dem
Grundsatze: „~fiat justitia, pereat mundus~“ müßte ich es ja
unzweifelhaft tun. Aber mit dem „~pereat mundus~“ ist es doch so ein
eigen Ding. Wir stehen wahrscheinlich unmittelbar vor dem Kriege, und
der Vizekönig würde mir, wie ich vermute, wenig Dank wissen, wenn ich
ihm zu seinen mancherlei anderen Sorgen noch neue aufbürden wollte.
Wir brauchen diese indischen Fürsten jetzt sehr notwendig. Sie müssen
uns ihre Truppen zur Verfügung stellen, und wir dürfen keine Feinde
im Rücken haben, wenn unsere Armee in Afghanistan engagiert ist. Ein
schroffes Vorgehen gegen einen von ihnen aber könnte uns alle diese
Fürsten rebellisch machen. Und es wäre ganz unabsehbar, welche Folgen
eine einzige Niederlage oder auch nur das falsche Gerücht von einer
solchen haben würde.“

Doktor Hopkins stimmte ihm ohne weiteres zu, und auch die anwesenden
Offiziere waren der Meinung ihres Vorgesetzten. Wie immer in diesen
letzten Tagen, entspann sich ein lebhaftes Gespräch über die
Kriegsgefahr und über den wahrscheinlichen Verlauf der bevorstehenden
Ereignisse. Heideck aber, der sicher war, aus dem Munde dieser
siegesgewissen Herren nichts neues mehr zu vernehmen, benutzte das
laute Durcheinander, um Edith leise zu fragen:

„Es geschieht nicht bloß aus politischen Rücksichten, sondern auch auf
Ihren Wunsch, wenn der Oberst nichts von dem nächtlichen Ueberfall nach
Kalkutta berichtet -- nicht wahr?“

„Ich habe ihn allerdings darum gebeten,“ gab sie in demselben
vorsichtigen Flüsterton zurück. „Heute aber, nach dem mißlungenen
Anschlag auf sein Leben, habe ich ihm gesagt, daß ich für meine Person
und für -- für die Person meines Gatten keinerlei Rücksicht mehr
verlange.“

„Sie halten es also im Ernst für möglich, daß Kapitän Irwin bei jenem
Ueberfall -- --“

„Lassen Sie uns nicht jetzt davon sprechen, Mr. Heideck -- nicht jetzt
und nicht hier,“ bat sie, indem sich ihre Augen mit einem flehenden
Blick zu ihm erhoben. „Sie können nicht ahnen, wie furchtbar ich unter
diesen schrecklichen Dingen leide. Es ist mir, als wäre vor mir nur
finstere, undurchdringliche Nacht. Und wenn ich daran denke, daß ich
eines Tages wieder gezwungen sein könnte -- --“

Sie beendete den angefangenen Satz nicht, aber Heideck wußte gut genug,
wie sein Schluß hatte lauten sollen. Und ein unwiderstehlicher Impuls
trieb ihn, ihr zu antworten:

„Sie dürfen sich zu nichts zwingen lassen, Mrs. Irwin, gegen das Ihr
Herz sich auflehnt. Wer könnte denn auch versuchen, solchen Zwang auf
Sie zu üben?“

„O, Sie wissen nicht, Mr. Heideck, was für uns Engländer die Rücksicht
auf die sogenannte gute Sitte bedeutet. Nur keinen Skandal -- nur um
des Himmels willen keinen Skandal! Das ist das erste und vornehmste
Gesetz in unserer Gesellschaft. So liebenswürdig der Oberst und seine
Gattin bis jetzt gegen mich gewesen sind -- ich fürchte sehr, daß sie
mich ohne Rücksicht auf meine Schuld oder Unschuld sofort fallen lassen
würden, wenn ich es zu dem kommen ließe, was ihnen als ein Skandal
erscheint.“

„Und doch sollen Sie nur Ihrem eigenen Empfinden -- nur Ihrem Herzen
und Ihrem Gewissen folgen, Mrs. Irwin -- nicht den engherzigen
Ansichten des Obersten oder irgend eines anderen Menschen. Sie dürfen
nicht die Märtyrerin eines Vorurteils werden -- ich kann diese
Vorstellung einfach nicht ertragen. Und Sie müssen mir versprechen --
--“

Er kam nicht weiter. Eine plötzlich eingetretene Pause im Gespräch der
anderen zwang auch ihn, zu verstummen. Und es war ihm, als sähe er die
klugen, durchdringenden Augen der Mrs. Baird mit einem Ausdruck des
Mißtrauens auf sich gerichtet. Er war unzufrieden mit sich selbst, daß
die berauschende Nähe des geliebten Weibes und seine fast schon bis zu
leidenschaftlichem Haß gesteigerte Abneigung gegen ihren unwürdigen
Gatten ihn in die Gefahr gebracht hatten, sie zu kompromittieren. Aber
als er sich bald nachher gleichzeitig mit den anderen Gästen empfahl,
bewies ihm ein warmer, beglückender Druck von Ediths Hand, daß sie weit
davon entfernt war, ihm zu zürnen.




[Illustration]




XI.


Jeder neue Tag brachte jetzt weitere Nachrichten, die das drohende
Gespenst des Krieges in immer größere Nähe rückten. Die Mobilmachung
wurde befohlen. Die Feldtruppen wurden von dem Depot gesondert, das
in Chanidigot zurückbleiben sollte. Die Infanterie wurde mit Munition
ausgerüstet und täglich mit Schieß- und Gefechtsübungen beschäftigt.
Pferde wurden eingekauft und ein Train gebildet, zu dem namentlich
eine ungeheure Menge von Kamelen gehörte. Die Vorräte an Lebensmitteln
wurden vervollständigt, und die Offiziere studierten eifrigst die
Karten von Afghanistan.

Für Heidecks Begriffe von einer Mobilmachung ging das alles freilich
sehr langsam von statten, und der Maharadjah schien es mit der
Ausrüstung seiner Hilfstruppen noch viel weniger eilig zu haben.

Von Süden her kamen beständig Militärzüge durch Chanidigot, um Truppen
und Pferde weiter nach dem Norden zu befördern. Ihr Ziel war zunächst
Peschawar, wo Generalleutnant Sir Bindon Blood, der Oberkommandierende
des Korps von Pendschab, eine große Feldarmee zusammenzog. Mit einiger
Verwunderung nahm Heideck wahr, daß die durchziehenden Regimenter den
verschiedensten Korps entnommen waren, so daß der taktische Verband
dieser Korps und ihre Organisation zerrissen worden waren. Es unterlag
keinem Zweifel, daß die Regierung um jeden Preis so schnell als möglich
starke Truppenkörper an der Grenze aufstellen wollte und darüber die
Rücksicht auf spätere Ereignisse gänzlich außer Acht ließ. Sowohl
Viscount Kitchener, der Oberbefehlshaber in Indien, wie der Vizekönig
und die Minister in London schienen es für ausgemacht zu halten, daß
die englische Armee von vornherein siegreich sein würde und nicht
genötigt werden könnte, sich auf die Festungen der Nordwestprovinzen
zurückzuziehen. Die Geringschätzung, mit der die Offiziere in
Chanidigot von der russischen Armee und von den Afghanen sprachen,
bestätigte diese allgemeine Auffassung zur Genüge.

Endlich wurde es klar, daß der Krieg zur Tatsache geworden war. Am
zehnten Tage nach der Meldung vom Einmarsch der Russen in Afghanistan
fiel die Entscheidung.

Das Londoner Kabinett hatte in St. Petersburg angefragt, was jener
Einmarsch zu bedeuten habe. Und es hatte die Antwort erhalten,
daß Rußland sich genötigt sähe, dem Emir auf seine Bitte zu Hilfe
zu kommen; denn der Afghanenherrscher wäre den Maßnahmen Englands
gegenüber um seine Selbständigkeit besorgt. Nichts läge der russischen
Regierung ferner, als eine Herausforderung Englands, aber sie könne die
Bedrängnis des Emirs nicht gleichgiltig ansehen und sei entschlossen,
für die Unabhängigkeit Afghanistans einzutreten.

Daraufhin erklärte England den Krieg, und Generalleutnant
Blood erhielt den Befehl, unverzüglich durch den Kaiberpaß in
Afghanistan einzurücken. Weiter sollte Generalleutnant Hunter, der
Oberkommandierende des Korps von Bombay, mit einer Armee von Quetta aus
gegen Kandahar marschieren.

Gleichzeitig, -- so hieß es, -- sollte von Portsmouth aus eine
englische Flotte abgehen.

Obwohl die in Indien erscheinenden englischen Zeitungen offenbar dahin
instruiert waren, alles zu verschweigen, was die Lage Englands in
einem ungünstigen Lichte erscheinen lassen könnte, brachten sie doch
mancherlei Meldungen, die dem kundigen Leser allerlei Schlüsse auf die
gegenwärtige Kriegslage nahe legten. Man konnte daraus entnehmen, daß
England auch gegen Frankreich rüste. Nur über die Haltung Deutschlands
in dem drohenden Weltkriege fehlte jede Mutmaßung.

Die anfängliche Absicht, die Familien der in Chanidigot stationierten
Offiziere und Beamten südwärts nach Bombay oder nach dem östlich
gelegenen Kalkutta zu bringen, war bald aufgegeben worden. Die
Verbreitung der Pest in beiden Städten und die Schwierigkeiten der
Reise sprachen dagegen; denn die Eisenbahnen waren zur Zeit vollständig
durch Truppentransporte in Anspruch genommen. So wurde beschlossen,
daß die Frauen und Kinder zunächst bei dem Depot in Chanidigot bleiben
sollten. Kapitän Irwin, der aus Lahore zurückgekehrt war, und der
außerhalb des Dienstes, bei dem er einen fast fieberhaften Eifer
entwickelte, ein völlig einsiedlerisches Leben führte, sollte dieses
Depot kommandieren. Seine Gattin aber, der er seit seiner Ankunft
noch nicht ein einziges Mal begegnet war, sollte seinem Schutze nicht
unterstellt werden. Oberst Baird, der seiner Frau auf ihre dringenden
Bitten zugesagt hatte, daß sie ihn mit den Kindern nach Quetta
begleiten dürfte, wollte auch Edith Irwin dorthin mitnehmen.

Es war bestimmt worden, daß das Detachement im Verein mit den Truppen
des Maharadjah von Chanidigot aufbrechen sollte. Heideck hatte die
Erlaubnis erhalten, es zu begleiten. Der Oberst wollte ihm wohl, und
es war ihm offenbar angenehm, einen so ritterlichen Mann, auf den man
sich in jeder Lage unbedingt verlassen konnte, als Beschützer bei den
Damen zu wissen, wenn er selbst durch seine militärischen Pflichten
verhindert sein würde, sich um sie zu kümmern. Am Tage vor dem Abmarsch
war Heideck zum Tiffin bei dem Obersten, und man besprach in ernster
Stimmung die bevorstehenden Ereignisse, als draußen das dumpf klingende
Warnungszeichen eines Automobils vernehmlich wurde. Zwei Minuten später
trat, ganz mit Staub bedeckt und mit dunkelgerötetem Gesicht ein
Offizier auf die Veranda, der sich als Kapitän Elliot, Adjutanten des
Generals Blood, vorstellte.

„Der General läßt Ihnen melden, Herr Oberst,“ sagte er in dienstlicher
Haltung, „daß alle Dispositionen geändert worden sind. Sie marschieren
nicht nach Quetta, sondern unter tunlichster Beschleunigung des
Aufbruchs nach Mooltan.“

„Und was ist die Ursache dieses veränderten Befehls?“ fragte der Oberst.

„Die Russen kommen vom Hindukusch herunter. Sie ziehen das Tal des
Indus herab, unserer Armee in den Rücken. General Blood ist auf dem
Marsche südwärts, um nicht abgeschnitten zu werden. Ich befinde mich
unterwegs, um alle Truppenteile nach Mooltan zu dirigieren.“

„Aber ist das denn möglich? Kann hier nicht doch ein Irrtum vorliegen?
Wie sollten die Russen über den Hindukusch kommen?“

„Ich selbst habe russische Infanterie in den Schluchten des Industals
gesehen, Herr Oberst. Der Marsch auf Herat und die Besetzung von Kabul
unter General Iwanow sind hauptsächlich Demonstration gewesen. Iwanow
kommt mit zwanzigtausend Mann, verstärkt durch zwanzigtausend Afghanen,
von Kabul her gegen den Kaiberpaß heran. Aber der Hauptangriff erfolgt
vom Pamir aus in der Richtung auf Raval-Pindi und Lahore.“

„Raval-Pindi?“ rief der Oberst. „Wenn die Russen den Indus herabkommen,
treffen sie zunächst auf Attock, und dieses starke Fort wird sie lange
genug aufhalten.“

„Hoffentlich! Aber wir dürfen nicht unbedingt damit rechnen. Die Stärke
der russischen Armee ist uns zur Zeit noch nicht bekannt. Ihr Vormarsch
aber ist offenbar trefflich vorbereitet gewesen. Die Pioniere müssen in
den schwierigen Pässen des Hindukusch wahrer Wunder verrichtet haben,
und diese russischen Soldaten scheinen von Eisen.“

„Nun,“ sagte der Oberst kurz, „so werden wir ihnen zeigen, daß wir von
Stahl sind.“

Der Adjutant überreichte ihm die schriftlichen Dispositionen, und
nachdem er sie durchgesehen, erklärte der Oberst:

„Ich werde morgen früh nach Mooltan aufbrechen und denke, mein
Detachement morgen abend dort vereinigt zu haben. Der Train mit der
Proviantkolonne und der Munitionskolonne freilich kann erst einige
Tage später eintreffen, und auch nur zum Teil. Was in aller Welt mag
den General bestimmt haben, sich dem Feinde nicht in Raval-Pindi
entgegenzustellen? Die Stadt ist befestigt und von starken Forts
umgeben; sie ist eine der größten Militärstationen Indiens. Weshalb
mußte der General da so weit, bis nach Mooltan, zurückgehen?“

„Der General erwartet eine Entscheidungsschlacht und möchte sich dazu
mit der Armee des Generals Hunter vereinigen. Beide Armeen aber sind
zur Zeit ungefähr gleich weit von Mooltan entfernt, auch würden die
Russen, wie der General meint, Bedenken tragen, soweit vorzugehen, daß
sie von Lahore aus in der linken Flanke angegriffen werden könnten.
Dort stehen schon jetzt zehntausend Mann, die täglich von Delhi aus
verstärkt werden.“

Mit der Verabschiedung des Adjutanten, der den angebotenen Imbiß mit
dem Hinweis auf die Dringlichkeit seines Auftrages abgelehnt hatte,
wurde auch die Tafel aufgehoben, und der Oberst entschuldigte sich bei
seinem Gaste, dem er sich unter den obwaltenden Umständen nicht länger
widmen konnte. Seine Offiziere begleiteten ihn, und bald nachher wurde
auch Mrs. Baird abgerufen. Unerwartet sahen sich Heideck und Edith
Irwin allein.

Ein paar Sekunden lang schwiegen sie beide, wie wenn keines von ihnen
den Empfindungen Ausdruck zu geben wagte, die sie erfüllten. Dann aber
sagte die junge Frau:

„Sie wollten mit uns ins Feld ziehen, Mr. Heideck, und ich weiß, daß
Sie dabei von dem Wunsche geleitet wurden, uns Frauen durch Ihren
männlichen Schutz nützlich zu sein. Aber nun ist ja alles anders
geworden, und ich bitte Sie, auf Ihren Plan zu verzichten.“

Ueberrascht sah er sie an: „Wie, Mrs. Irwin, Sie wollen mir die Freude
versagen, Sie begleiten und schützen zu dürfen? Und weshalb?“

„Sie haben soeben selbst gehört, daß alle Dispositionen geändert worden
sind. Wären wir nach Quetta gegangen, so hätten Sie, sobald unsere
Armee über die Grenze ging, leicht irgend einen anderen Platz aufsuchen
können; wenn es aber auf indischem Boden zum Kampfe kommt, so befänden
Sie sich in beständiger Gefahr.“

„In meiner Eigenschaft als Ausländer? Gewiß. Ich würde unter Umständen
manchen Unbequemlichkeiten ausgesetzt sein. Aber ehe ich meine
Entschließungen ändere, möchte ich von Ihnen hören, ob Sie auch unter
diesen neuen Verhältnissen bei der Truppe bleiben werden?“

„Da Mrs. Baird mir die Erlaubnis dazu gegeben hat -- ja.“

„Und Sie glauben, daß ich weniger Mut zeigen werde, als Sie, die Sie
sich damit ohne Zweifel ebenfalls ernsten Gefahren aussetzen?“

„Wie dürfte ich an Ihrem Mute zweifeln, Mr. Heideck! Aber das ist
doch etwas ganz anderes. Wir Soldatenfrauen gehören nun einmal zu den
Männern, denen wir nach Indien gefolgt sind. Und überdies sind wir
vielleicht nirgends sicherer, als bei der Armee. Sie aber haben mit
diesem Kriege und mit unserem Heere nichts zu tun. Wenn Sie jetzt
von hier abreisen und in weiter Entfernung vom Kriegsschauplatze,
vielleicht in einer der Hillstations, wo Sie auch von der Pest nichts
zu fürchten haben, Wohnung nehmen, so wird man Sie als deutschen
Kaufmann gewiß unbehelligt lassen.“

„Und warum gehen Sie selbst nicht in eine solche Hillstation,
Mrs. Irwin? Ich würde Ihnen Simla vorschlagen, wenn es nicht dem
Kriegsschauplatz nahe läge. Aber gehen Sie doch nach Poona oder in
sonst einen der südlichen Gebirgsorte.“

Die junge Frau schüttelte den Kopf.

„Ich vermute, daß ich damit in mein sicheres Verderben gehen würde.“

„Und was bringt Sie auf solche Vermutung?“

„Ich sagte Ihnen schon, daß im Falle eines Krieges englische Frauen
hier in Indien nur noch in unmittelbarer Nähe der Truppen einigermaßen
sicher sind. Sollten wir eine Niederlage erleiden, so wird die
Rache des Volkes an seinen Unterdrückern furchtbar sein. Kennen Sie
die grausamen Instinkte, die in diesen scheinbar so höflichen und
unterwürfigen Menschen schlummern? Die wehrlosen Frauen und Kinder
würden ohne Zweifel ihre ersten Opfer sein. So war es bei dem Aufstande
vom Jahre 1857, und genau so wird es sich unter ähnlichen Verhältnissen
wiederholen. Nana Sahib und seine Gefolgschaft haben sich damals an den
unmenschlichsten Martern weißer Frauen und Kinder ergötzt und Ströme
unschuldigen Blutes vergossen. Der Kulturzustand des niederen Volkes
aber ist seitdem gewiß nicht besser geworden.“

„Sie sprechen, als ob Sie eine Niederlage Ihrer Armee für
wahrscheinlich hielten?“ --

„Ich kann meine düsteren Ahnungen nicht los werden. Und Sie selbst, Mr.
Heideck? -- Seien wir doch ehrlich! Als vorhin der Adjutant dort stand,
und als jedes seiner Worte die mangelnde Voraussicht unserer Generale
offenbarte, habe ich Ihr Gesicht beobachtet, und ich habe mehr daraus
gelesen, als Sie ahnen mögen. Ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse
drängen, aber ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie ganz aufrichtig
gegen mich wären. Sie sind nicht der, für den Sie sich hier ausgeben.“

Nicht einen Augenblick zögerte er, ihr die Wahrheit zu bekennen.

„Nein, ich bin deutscher Offizier und von meinen Vorgesetzten zum
Studium der angloindischen Armee hierher entsandt.“

Ediths Ueberraschung war ersichtlich nicht allzu groß.

„Ich ahnte es. Und nun gestehen Sie mir ebenso offenherzig die Frage:
Glauben Sie an einen Sieg der britischen Waffen?“

„Ich darf mir darüber kein Urteil erlauben, Mrs. Irwin.“

„Aber Sie müssen doch eine Meinung haben. Und es läge mir unendlich
viel daran, sie zu erfahren.“

„Nun denn -- ich glaube an die englische Tapferkeit, aber nicht an
einen englischen Sieg.“

Sie seufzte tief auf, aber sie neigte zustimmend den Kopf, wie wenn
er damit nur ihrer eigenen Ueberzeugung Ausdruck gegeben hätte. Dann
reichte sie ihm die Hand und sagte leise:

„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, und es ist selbstverständlich, daß
von mir niemand erfahren wird, wer Sie sind. Aber nun bestehe ich erst
recht darauf, daß Sie uns um Ihrer eigenen Sicherheit willen verlassen.“

„Und wenn ich mich weigerte? Wenn ich es gerade in meiner Eigenschaft
als Soldat für meine Ehrenpflicht hielte, Sie jetzt nicht im Stich
zu lassen? Würden Sie mir darum zürnen? Würden Sie mir nicht mehr
gestatten, das Glück Ihrer Gesellschaft zu genießen?“

Ihre Brust hob sich, aber sie senkte den Kopf und schwieg. Deutlich sah
Heideck die glitzernde Träne, die sich unter ihren Wimpern hervorstahl
und langsam über ihre zarte Wange herabrollte.

Das war ihm Antwort genug. Er beugte sich herab, und indem er ihre
beiden Hände küßte, flüsterte er:

„Ich wußte, daß Sie nicht die Grausamkeit haben würden, mich
zurückzustoßen. Wohin auch immer das Schicksal Sie führen mag, es wird
mich an Ihrer Seite finden, solange Sie noch meines Schutzes bedürfen.“

Ein paar Sekunden lang hatte sie ihm ihre Hand überlassen. Dann entzog
sie sie sanft dem Druck der seinen.

„Ich weiß, daß ich Ihnen um Ihrer eigenen Sicherheit willen verbieten
sollte, mir zu folgen. Aber ich habe nicht die Kraft dazu. Der Himmel
gebe, daß Sie mir niemals einen Vorwurf daraus machen.“




[Illustration]




XII.


Ein ungewöhnlich schöner und trockener Frühling begünstigte den
Vormarsch der russischen Armee durch die Gebirgsländer. Im Norden
Indiens hielt sich die Temperatur auf durchschnittlich 20° C., und
Tag für Tag strahlte die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel
auf die weiten Ebenen des Pendschab herab, durch deren helles Grün
sich wie lange Silberstreifen die russischen Truppen in ihren weißen
Sommeruniformen vorwärts schoben.

Es schien, als sollte das Kriegsglück ihnen günstig sein; denn sie
hatten den schwierigen und gefürchteten Uebergangspunkt Attock mit
unerwarteter Leichtigkeit überwunden.

Der Kommandant dieser hochgelegenen Festung hatte Befehl, die Brücke
über den Indus erst dann abzubrechen, wenn General Bloods Armee, die
Peschawar und den Kaiberpaß hatte halten sollen, völlig zurückgegangen
wäre und bis auf den letzten Mann den Uebergang passiert hätte.

Die Brücke bei Attock, die sehr hoch über den hier in schmalem Bette
mit reißender Schnelligkeit dahinbrausenden Indus erbaut ist, gilt
als ein Wunderwerk der Ingenieurkunst. Sie ist in zwei Etagen erbaut,
deren obere die Eisenbahn, und deren untere eine Straße für Wagen,
Lasttiere und Fußgänger bildet. Auf jedem Ufer liegt ein befestigtes
Tor. Der englische Kommandant von Attock vertraute auf die Stärke der
800 Fuß hoch über dem Flusse liegenden Forts und wähnte die Russen noch
weit entfernt. Die russische Vorhut war oberhalb Attocks über den Fluß
Kabul, der sich bei Attock mit dem Indus vereinigt, gegangen und kam
zugleich mit den Truppen des Generals Blood in die Nähe der Festung.

Die Truppen Bloods passierten in endlos langen Marschkolonnen die
Brücke. Diese Bewegungen wurden oftmals infolge von Stockungen, die
durch fehlerhaftes Ansetzen der einzelnen Truppenkörper entstanden,
unterbrochen, und so kam es, daß in den ersten Morgenstunden eine
größere russische Truppenabteilung, von den Engländern unbemerkt,
in einer solchen Lücke der englischen Marschkolonne den nördlichen
Brückenkopf erreichte: der morgendliche dichte Nebel hatte der
englischen Aufklärung das Herannahen der Russen verborgen. Die Russen
besetzten sofort die Brücke und schnitten so den Rest der noch auf dem
nördlichen Ufer befindlichen Engländer von dem Gros ihres Korps, das
in der Hauptsache die Brücke schon passiert hatte, vollständig ab.
Der Kommandeur der russischen Avantgarde war selbst über den ihm vom
Kriegsglück in den Schoß gelegten Erfolg am meisten erstaunt: hätte der
Nebel nicht die beiderseitige Aufklärung illusorisch gemacht und der
Zufall ihn nicht gerade auf eine Lücke der englischen Marschordnung
stoßen lassen, so hätten die Chancen bei der Enge seiner Marschstraße
für die Engländer wesentlich günstiger gestanden, als für ihn, und der
Kampf würde wahrscheinlich mit einer Niederlage seiner Truppe geendet
haben. So stieß General Iwanow, der über den Kaiberpaß kam, auf die
englische Nachhut, und die fünftausend Mann angloindischer Truppen
derselben mußten sich nach kurzem Kampfe gefangen geben. Zweitausend
Engländer und dreitausend Mohammedaner fielen den Russen hier in die
Hände. Als die Sieger den mohammedanischen Indern versicherten, daß sie
gegen die Ungläubigen für den wahren Glauben kämpften, traten diese
ohne weiteres zur russischen Armee über.

Der Kommandant von Attock verweigerte die Uebergabe der Festung und
ließ seine Geschütze auf die russischen Marschkolonnen spielen, aber
die Batterien fügten infolge des Nebels den Russen nicht viel Schaden
zu, und diese setzten, da sie im Besitz der Brücke waren, den Vormarsch
nach Süden fort.

Ehe dann jedoch der so erfolgreich begonnene Einmarsch fortgesetzt
wurde, sammelte der Kommandierende unweit Attocks alle die in kleinen
Abteilungen den Hindukusch übersteigenden russischen Truppen und
vereinigte sie mit dem aus Afghanistan kommenden Korps, so daß er über
eine Armee von siebzigtausend Mann verfügte.

Eine blutgetränkte Bahn war es, auf der dieses Heer hinter der
weichenden englischen Armee dahinzog. Auf dieser Straße war auch
Alexander der Große einst in Indien eingezogen. Hier hatte zu Anfang
des sechzehnten Jahrhunderts der Afghanenherrscher Ibrahim Lodi mit dem
Großmogul Babar gekämpft; hier wurde wenige Jahrzehnte später Himu,
der Feldherr des Afghanensultans Mohammed Schah Adil an der Spitze von
fünfzigtausend Reitern, fünfhundert Elefanten und unzähligem Fußvolk
von dem jugendlichen Großmogul Akbar besiegt. Blutiger noch war die
Schlacht gewesen, die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts der
Afghanensultan Ahmed Schah Durani den großen Mahrattenfürsten Holkar
Sindia, Gaekwar und den Peschwas lieferte; und noch einmal hatten hier
alle Schrecknisse des Krieges gewütet, als im Jahre 1857 die englischen
Generale Havelock, Sir James Outram, Sir Colin Campbell, Sir Hugh Rose,
Sir John Lawrence und Sir Robert Napier mit erbarmungsloser Härte den
gefährlichen Aufstand der Sepoys erstickten. Abendland und Morgenland
hatten in gewaltigem Ringen hier an dieser von Sagen umwobenen Stätte,
der Wiege der Menschheit, schon gestritten. Hunderttausende von
Menschenleben waren auf diesem blutdurchtränkten Boden schon geopfert
worden, und abermals stand hier eine Entscheidungsschlacht bevor, die
mit eisernem Griffel in die Tafeln der Weltgeschichte geschrieben
werden sollte.

       *       *       *       *       *

Die Bewegungen der russischen Armee hatten den Plan der englischen
Heerführer umgestoßen. Die in Mooltan vereinigten englischen Korps
wurden schleunigst nach Lahore in Bewegung gesetzt, als die Absicht
der Russen, nach Südosten zu gehen, klar zu Tage trat. Die Zeit, die
General Iwanow brauchte, bei Attock seine Truppen zu vereinigen,
ermöglichte den Engländern, Lahore zu erreichen. Hier wurden ihre
Streitkräfte durch die starke Garnison erheblich vermehrt, und täglich
kamen neue Regimenter von Delhi und Lucknow an, die den Bestand der
von Sir Bindon Blood befehligten Armee auf die Zahl von hunderttausend
Kombattanten brachte.

Die Engländer bereiteten sich zu einer entscheidenden Schlacht vor,
denn schon erschien die Spitze der russischen Kolonnen zehn englische
Meilen nördlich vom Grabe des Kaisers Jehangir bei Schah Dara,
einer kaum acht englische Meilen nordwestlich von Lahore liegenden
Bahnstation.

Die englischen Truppen waren in Versammlungsformation in einer
Linie aufmarschiert, deren linker Flügel an dem dicht bei Lahore
vorbeifließenden Ravifluß die Schah Dara-Pflanzungen und die daneben
befindliche Schiffsbrücke besetzt hielt. Sie dehnte sich von dort fünf
englische Meilen weit östlich bis zu einem Kanal aus, der sich am
Shalimar-Park hin nach Süden zieht. Dieser Park und der an demselben
liegende Ort Bhogiwal bildeten den rechten Flügel. Vor der Front
hin zog sich ein Nebenarm des vielgewundenen Ravi mit größtenteils
sumpfigen Ufern. Im Rücken der Stellung lag das befestigte Lahore
mit seiner fünfzehn Fuß hohen, von dreizehn Toren durchbrochenen
Backsteinmauer.

Der Ravi, ein Nebenfluß des Indus, führte zur Zeit nur wenig Wasser.
Das Flußbett lag zum großen Teil trocken und war nur von lebhaft
fließenden, unregelmäßigen Rinnsalen durchzogen, die hier und da
größere und kleinere, zumeist sumpfige Inseln zwischen sich frei
ließen. Dieses Flußbett bildete das wesentlichste Hindernis für den
russischen Angriff, denn es mußte passiert werden, ehe die englische
Front und die Stadt Lahore erreicht werden konnte.

Heideck wohnte in einem kleinen Zelte, das er von Chanidigot
mitgebracht hatte. Morar Gopals Pferd hatte es während des Marsches
von Mooltan nach Lahore auf dem Rücken getragen, denn die Lancers, zu
denen Heideck sich hielt, da er ja mit ihren Offizieren befreundet
war, hatten den Weg nicht auf der Eisenbahn gemacht. Sie kampierten
jetzt im Shalimar-Park, einer großen, von einer Mauer umgebenen Anlage
voll der prächtigsten Mangobäume, mit vielen kleinen Springbrunnen und
zierlichen Pavillons. Da Heideck einen Khaki-Anzug und einen Korkhelm
trug, glich er trotz des Fehlens der militärischen Abzeichen ganz einem
englischen Offizier, umsomehr, als seine Haltung und seine Gestalt
durchaus soldatisch waren.

Er hatte während des Marsches und in der Lagerzeit Gelegenheit gehabt,
allerlei Betrachtungen über die britische Kriegsführung anzustellen.
Aber er hütete sich wohl, darüber mit den englischen Offizieren zu
sprechen, denn es waren nicht eben günstige Schlüsse, zu denen er
gelangt war. Er hatte den Eindruck, daß die Truppen weder kriegsmäßig
geführt wurden, noch eine besondere Feldtüchtigkeit an den Tag legten.
Die Leute wußten sich im Biwak und im Lager oft nicht zu helfen und
litten häufig empfindliche Entbehrungen, weil das nötige Material nicht
immer rechtzeitig zur Stelle war und die Lebensmittel nicht regelmäßig
geliefert wurden: auf den Proviantämtern herrschte die größte
Verwirrung.

Und nicht dort allein, sondern auch in den taktischen Verbänden machte
sich infolge der unpraktischen Zusammenstellung der Truppenkörper
überall eine bedenkliche Unordnung fühlbar. Zunächst waren die
Regimenter zur Bildung der Korps in Peschawar und Quetta durcheinander
gewürfelt worden, weil sie, je nachdem sie marschbereit zu sein
schienen, einzeln aus ihren Garnisonen weggeführt und auf die
Eisenbahn gesetzt worden waren. Die Konzentrierung in Mooltan und
der überstürzte Abmarsch nach Lahore aber hatten vollends ein schier
unentwirrbares Durcheinander geschaffen.

Heideck sah sich inmitten einer Armee, die den großen Krieg und
wohl überhaupt den Krieg gegen reguläre Truppen nicht kannte. Des
Kämpfens zwar waren die Engländer gewohnt, denn sie hatten sich ja
beständig mit wilden und halbwilden Völkern herumschlagen müssen. Sie
hatten kostspielige Expeditionen gemacht und teuer erkaufte Siege
davongetragen. Aber immer waren es regellose braune und schwarze
Haufen gewesen, mit denen sie es zu tun gehabt hatten. Die Erfahrungen
des Burenkrieges waren noch nicht in Fleisch und Blut der Truppe
übergegangen. Die persönliche Tapferkeit jedes einzelnen war beinahe
immer das allein entscheidende Moment gewesen, und so mochte sich's
auch erklären, daß alle Offiziere von einem gewaltigen Selbstgefühl
erfüllt waren. Mit Geringschätzung sahen sie auf jeden Fremden herab,
weil sie in ihren Siegen ja tatsächlich fast immer über eine numerische
Uebermacht gesiegt hatten.

Mit Erstaunen bemerkte Heideck, daß die Durchführung der taktischen
Regeln und Instruktionen in der britischen Armee häufig noch im
Widerspruch mit der modernen Bewaffnung stand. Namentlich wurde bei
der Infanterie immer noch das Salvenfeuer gewohnheitsmäßig als die
Hauptfeuerart angewandt. Die Mannschaften waren einmal darauf gedrillt,
daß sie auf Kommando ein ruhiges, gleichmäßiges Feuer abzugeben
und dann fest zusammengeschlossen mit dem Bajonett auf den Feind
loszustürmen hätten. Dies mächtige Volk war eben zu bequem gewesen,
die neuesten Erfahrungen der Gefechtstechnik sofort zur Durchführung
zu bringen; das hochmütige Albion hatte kritiklos alles für gut
beibehalten, was englisch war und alles Neue und Fremde von vornherein
verachtet. Oder vermieden die Engländer die aufgelöste Gefechtsordnung
etwa deshalb, weil sie fürchteten ihre indischen Soldaten alsdann nicht
mehr lenken zu können?

Die Breitengliederung der taktischen Verbände im Verhältnis zur Stärke
der Armee erschien Heideck zu gering, um eine Aussetzung des Gefechts
kraft derselben zu sichern.

Die Umgebung Lahores, besonders im Norden der Stadt, zwischen der Mauer
und dem Feldlager, machte einen sehr bunten und bewegten Eindruck.
Eine ganz eigenartige Staffage bildeten die unzähligen Kamele, die als
Transportmittel gedient hatten und den Hauptteil des Trains ausmachten.
Sie lagen in dicht gedrängten Haufen am Boden oder schritten
gravitätisch ihres Wegs, während das laute Geschrei der Treiber grell
die Luft erfüllte. Außerdem gab es noch eine ungeheure Menge von
Menschen, die auf die eine oder andere Art zum Heere gehörten, ohne
Kombattanten zu sein. Ein für malerische Eindrücke empfängliches Auge
konnte also wohl seine Freude haben an den stetig wechselnden, farbigen
Bildern der weiten Ebene. War doch schon die landschaftliche Szenerie
interessant. Zwischen den weit verstreuten Dörfern und Vororten der
etwa 180000 Einwohner zählenden Stadt schimmerten in frischem Grün
prächtige Park- und Gartenanlagen, zumeist als Umgebung der Grabstätte
eines Sultans oder eines berühmten mohammedanischen Heiligen. Nach
Südosten hin erstreckten sich die großen Kantonnements der Kavallerie
und der Artillerie, zu der auch mehrere Elefanten-Batterien gehörten.

Die Stadt selbst war gedrängt voll von Militär und den Familien der
Offiziere. Fast alle Frauen und Kinder der nordwestlich von Lahore
liegenden Garnisonen hatten sich beim Anmarsch der Truppen hierher
geflüchtet. Auch Mrs. Baird mit ihren beiden kleinen Töchtern und
Mrs. Irwin befanden sich in der Stadt, wo sie im Charing-Croß-Hotel
Unterkunft gesucht hatten. Obwohl die Stadt in fast beängstigender
Weise überfüllt und die Kriegslage keineswegs unbedenklich war, nahm
Heideck doch nirgends eine besondere Aufregung wahr. Die Engländer
bewahrten die ihnen eigentümliche ruhige Haltung, und die Eingeborenen
schwiegen aus Furcht. Auf sie mochte das völlig Unerwartete und
Unfaßliche der veränderten Situation wohl auch eine gewisse lähmende
Wirkung ausüben.

Als Heideck kurz vor Sonnenuntergang vom Lager nach der Stadt ging,
um die Damen aufzusuchen, kam es ihm, während er das bunte Gewühl
außerhalb der Ringmauer durchschritt, immer mehr zum Bewußtsein, daß
die Stellung der Armee sehr schlecht gewählt war. Eine viel zu große
Anzahl von Menschen und Tieren war in dem verhältnismäßig engen Raum
zusammengedrängt. Wenn etwa russische Schrapnells in diese Menge
fielen, mußte ein schrecklicher Wirrwarr entstehen. Die Nähe der
befestigten Stadt mußte die Kämpfenden zur Flucht hinter die Mauern
verlocken. Heideck hatte bisher nicht den Eindruck empfangen, daß man
auf ausdauernden Mut bei den eingeborenen Soldaten rechnen könnte.

Auf der Straße, die vom Shalimar-Park zur Eisenbahnstation in der
Vorstadt Naulakha führte, mußte Heideck beständig den Batterien, den
langen Zügen hochbepackter Kamele und beladener Ochsenwagen ausweichen,
die ihm entgegen kamen, und er brauchte darum beinahe zwei Stunden, bis
er sein Ziel erreichte. Das Charing-Croß-Hotel war bis unter das Dach
hinauf gefüllt, und die beiden Damen mußten sich mit den Kindern in
einem einzigen Zimmer des dritten Stockwerks behelfen, das man ihnen
für einen enormen Preis überlassen hatte.

Mrs. Baird, eine Dame von kleiner, zierlicher Gestalt, aber von
energischem Geist und echt englischem Stolz, erschien vollkommen ruhig
und zuversichtlich. Sie sprach mit keinem Wort von ihrer eigenen,
sicherlich höchst unbequemen Lage und von den Entbehrungen, die unter
den obwaltenden Umständen ihren Kindern auferlegt waren, sondern einzig
von dem nach ihrer Ueberzeugung unmittelbar bevorstehenden Siege
der britischen Armee. Der Marsch von Mooltan nach Lahore war ja ein
Vorrücken, und es unterlag für sie nicht dem mindesten Zweifel, daß der
Uebermut der Russen binnen kürzester Zeit furchtbar bestraft werden
würde.

„Es ist schrecklich, zu denken,“ sagte sie zu Heideck, „daß eine
Nation, die sich eine christliche nennt, uns in Indien anzugreifen
wagt. Was war dies unglückliche Land, ehe wir uns seiner annahmen!
England hat es von der Tyrannei barbarischer Despoten befreit und ihm
Wohlstand und Glück gegeben! Die indischen Städte sind aufgeblüht,
weil unsere Gesetze die freie Entwicklung von Handel und Verkehr
ermöglichten. Es war im höchsten Sinne des Wortes eine Kulturmission,
die unsere Nation hier erfüllt hat. Gäbe der Himmel den Russen den
Sieg, so würde dieses jetzt so glückliche Land wieder in die finsterste
Barbarei zurückgeschleudert werden.“

Sie schien ein Wort der Zustimmung von Mrs. Irwin zu erwarten; diese
aber saß ernst und schweigend da.

„Sie sollten nicht so still sein, liebste Edith, und nicht ein so
schwermütiges Gesicht machen,“ wandte sich die Gattin des Obersten mit
sanftem Vorwurf an sie. „Ich begreife vollkommen, daß die traurigen
Ereignisse in Ihrem Privatleben Sie bedrücken. Aber jedes persönliche
Leid sollte jetzt in der

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/49656