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Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

by Johann Christoph Biernatzki · German · Gutenberg #49592 · 506,567 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee
    
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Title: Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Author: Johann Christoph Biernatzki

Commentator: Heinrich Düntzer


        
Release date: August 4, 2015 [eBook #49592]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/49592

Credits: Produced by Jens Sadowski


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HALLIG: DIE SCHIFFBRÜCHIGEN AUF DEM EILAND IN DER NORDSEE ***

                               Deutsche
                       Hand- und Hausbibliothek

                          Collection Spemann




                              Die Hallig
                                 oder
                  die Schiffbrüchigen auf dem Eiland
                            in der Nordsee
                                 von
                           J. C. Biernatzki


             Mit einer Einleitung von _Heinrich Düntzer_

                              Stuttgart
                        Verlag von W. Spemann

                       Alle Rechte vorbehalten.

      Druck der _C. Hoffmann'schen_ Buchdruckerei in Stuttgart.




                             Einleitung.


Auf die weder durch Deiche noch durch Dünen geschützten ganz kleinen
Eilande an der Westküste Schleswigs, die als _Hallige_ bezeichnet
werden, richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit, als man von der
furchtbaren Sturmflut des 3. Februar 1825 vernahm, welche Kirchen,
Hütten und jedes Besitztum weggeschwemmt und die dem Untergang
Entronnenen in solche Not versetzt hatte, daß sie auch in weitern
Kreisen zu thatkräftiger Mildthätigkeit antrieb. Als Prediger der
nordwestlichsten dieser Halligen, welche von der im Jahre 1634 durch das
tobende Meer größtenteils verschlungenen umfangreichen Insel Nordstrand,
den Namen Nordstrandischmoor führt, wirkte damals Johann Christof
Biernatzki. Er war am 17. Oktober 1795 als Sohn eines Gastwirts in dem
holsteinischen Flecken Elmshorn geboren. Von Jugend an schwach und
kränklich, von den Blattern stark entstellt, kam er erst spät auf das
Altonaer Gymnasium, wo der durch langes Leiden in sich gescheuchte Knabe
eine gründliche Vorbildung empfing. Er war hier Zeuge der Leiden des
benachbarten Hamburg während des französischen Krieges. Nach
Deutschlands Befreiung widmete er sich zu Jena, Halle und Kiel der
Theologie und den morgenländischen Sprachen, aber die auf den
Hochschulen herrschende, das Herz leer lassende Behandlung des
Christentums konnte ihn nicht befriedigen. Seine Seele verlangte nach
Erwärmung und Erhebung, die er aus der lebendig aufgefaßten Offenbarung
in Gottes Wort und seiner Natur schöpfte. Frischer Natursinn begeisterte
ihn, die Schönheit des Deutschen Vaterlandes, (denn als Deutscher fühlte
er sich) und die Wunder der Schweiz aufzusuchen. Als er im Jahre 1821
die Prüfung weniger glänzend, als er gehofft, in Glückstadt bestanden,
nahm er die ihm angebotene Stelle als Prediger auf der Hallig
Nordstrandischmoor an, wie kümmerlich und von aller Welt abgeschnitten
auch das Leben der mit Spott oder Mitleid betrachteten »Halligpriester«
sein mochte. Nordstrandischmoor zählte auf seiner kleinen
Viertelquadratmeile neun Hütten mit etwa fünfzig Einwohnern, die sich
kärglich von der Schafzucht nährten. Die alte Kirche war 1816 von der
Flut weggerissen worden, der die Hallig so sehr ausgesetzt war. Bei dem
höchst schwachen Einkommen hatte der Priester, wie man die Prediger
nannte, auch den Schulunterricht zu besorgen. Alles dies schreckte ihn
nicht ab; er wollte als christlicher Prediger auf seine Gemeinde wirken,
und eine lenkbarere konnte er nicht finden, da auf der Hallig strengste
Sittlichkeit herrschte, dabei aber mußte er auf jede erheiternde
Geselligkeit verzichten, da die Bewohner in sich verschlossen, nur dem
Bedürfnis des Tages und dem alten Gotte lebten. Gleich in der ersten
Zeit riß das aufgeregte Meer die neue Kirche weg und beschädigte das
Pfarrhaus, aber gläubig hielt der treue Priester aus. Schon zwei Jahre
später führte er in seine bescheidene Wohnung die Geliebte seiner Seele,
Henriette de Vries, die ihn mit einer ihm bald wieder entrissenen
Tochter beschenkte. Die Geburt einer zweiten erfreute ihn unmittelbar
vor der Sturmflut des Jahres 1825, die ihm nur Gattin und Tochter ließ,
auch Kirche und Pfarrhaus verschlang, blos der alte goldene
Abendmahlskelch von 1549 fand sich wunderbar erhalten.

Für Biernatzki war dieses Unglück die Veranlassung nicht allein zu
seiner Versetzung als Prediger der evangelisch-lutherischen Gemeinde in
Friedrichstadt, sondern auch zu seinem ersten Auftreten als Dichter;
denn noch in demselben Jahre ließ er sein »religiöses Lehrgedicht, der
Glaube«, zum Besten seiner durch die letzte Ueberschwemmung zu Grunde
gerichteten Gemeinde erscheinen. Die Teilnahme war so groß, daß noch in
demselben Jahre eine zweite Auflage folgte. Ruhte auch Biernatzki's Muse
nicht, die sich gern in reinen Herzenstönen erging, so trat er doch in
den nächsten neun Jahren nur bei besondern Gelegenheiten öffentlich auf:
das Jahr 1829 brachte das Festgedicht »Der König und sein Volk«, und als
der durch den Pariser Julisturm aufgeregte Freiheitsgeist aus
Schleswig-Holstein und Dänemark ergriff, suchte er durch eine im Druck
erschienene Predigt »Die Pflichten des Bürgers in einer unruhigen Zeit«
christliches Oel auf die brandenden Wogen zu gießen. Bei der allgemeinen
Bewegung trieb es ihn, auch die Form des Romans, dessen
sittenverderblichen Einfluß er tief bedauerte, in christlicher und
sittlicher Wirkung zu verwerten. Zehn Jahre nachdem er seine Hallig
verlassen, trat er mit den Erzählungen »Wege zum Glauben oder die Liebe
aus der Kindheit« hervor, deren Absicht die nähere Bezeichnung
»Wanderungen auf dem Gebiete der Theologie im Modekleide der Novelle«
entschieden ausspricht. Denselben Nebentitel führt auch die im nächsten
Jahre erschienene »Die Hallig«, die schon 1840 zum zweiten, 1852 zum
drittenmal aufgelegt, auch ins Englische und Holländische übersetzt
wurde. Ihr folgt 1839 die einfach als Novelle bezeichnete, von demselben
Geiste durchdrungene, Erzählung »Der brave Knabe oder die Gemeinde in
der Zerstreuung«. Im Jahre 1840 wurde Biernatzki auf seinen Wunsch zum
Pfarrer von Rüdern in Holstein befördert, aber schon hatte ihn eine
schmerzliche Krankheit ergriffen, die ihn, ehe er seine neue Gemeinde
übernehmen konnte, am 11. Mai 1840 hinraffte. Seine 1844 gesammelten
Schriften brachten auch eine Novelle »Des letzten Matrosen Tagebuch« und
seine zum Teil in Zeitschriften zerstreuten Gedichte. Daß von diesen,
wie auch von der Sammlung der Werke, eine neue Auflage sich nötig
erwies, deutet auf die Wirkung, welche der frühe hingeschiedene Dichter,
auch im Gedränge verschiedenster Richtungen, auf empfängliche Gemüter
geübt[1].

In seiner »Hallig«, die uns in den wenigen Monaten vom 9. September 1824
bis zum folgenden 3. Februar eine große Menge von Ereignissen auf dem
kleinen, einsamen Eilande zeigt, hat Biernatzki seiner frühern Gemeinde
und sich selbst, als Priester und Dichter, ein dauerndes Denkmal
gegründet, aber auch zum Besten der armen Halligpriester einen nicht
wirkungslosen Mahnruf erlassen. Die gemütliche, in tiefster Seele
wurzelnde Liebe der Bewohner von Nordstrandischmoor zur Heimat, ihre
still zufriedene Beschränkung, ihr gläubiges Vertrauen auf Gottes Wort
als Leitstern in allen Leiden und Nöten tritt lebendig hervor, und wir
erschauen, wie gerade die äußern Verhältnisse diesen Charakter immer
mächtiger den Halligern aufdrücken mußten, die von aller Welt
geschieden, auf dem kleinsten Raum vom Meer beschränkt, auf den Anblick
dieses gewaltigen Elementes, einer äußerst kärglichen Natur und der
ewigen Himmelsschrift angewiesen, von einem gläubigen, wie sie selbst,
in dürftigen Umständen lebenden Priester geleitet, fast nur durch
schiffbrüchige Fremde und die geforderten Abgaben mit der Außenwelt
verbunden waren. Und auf einem solchen Boden muß die echte Treue
wachsen, die sich nur des stillen Genusses freuen will und sich mit
allen Wurzelfasern in den einmal liebgewonnenen Zustand einsenkt. Nur
eine übermächtige Wirkung kann eine solche Treue wankend machen, wie es
Biernatzki auf ergreifende Weise zu schildern weiß, so daß kaum ein
leiser Zweifel an diese Möglichkeit aufzusteigen vermag.
Unerschütterlicher als die Treue, zeigt sich die Heimatsliebe, der das
unnatürliche Verhältnis weichen muß, zu dem der Verlobte, der so viele
Jahre lang nach seiner Geliebten sich gesehnt, durch einen wunderlichen
Zufall gerade beim Betreten seiner Hallig hingerissen worden. Wenn der
Geliebte, den auf der weiten Erde, die er gesehen, nichts abwendig
machen konnte, in einem unbewachten Augenblick sich vergißt, so hält das
liebende Mädchen unerschütterlich fest an seiner Treue, an seiner reinen
Einfalt und Unschuld; in ihrem Herzen ist »Gottes Erdreich«.

[Fußnote 1: Eine Gesamtausgabe der Schriften Biernatzki's ist im Verlag
von Ferd. Riehm in Basel erschienen, welche wir allen Freunden des
Schriftstellers empfehlen.]

Aber der Dichter zeigt uns nicht allein, wie die Hallig auf die
Eingeborenen wirkt, der Aufenthalt auf ihr bewirkt auch die Bekehrung
eines hochgebildeten fremden Kaufmanns, den Gott hier erkennen läßt,
»was uns Not thut«. Dazu müssen freilich andere Umstände und auch der
Priester mitwirken, aber alles dies beruht doch im Wesen des der
Herrschaft des Meeres unterworfenen Halligs. Hierin wie in der ganzen
Erfindung entwickelt Biernatzki großes Geschick. Nicht weniger zeigt die
Entwicklung der Seelenzustände einen feinen Beobachter, wenn auch bei
einzelnen Zügen die Absichtlichkeit hervortreten mag. Die größte
Meisterschaft aber bewährt er in den großartigen Naturschilderungen,
beim Schiffbruche und der Rettung nach der Hallig, bei dem schon gleich
am Anfang angedeuteten, später so ergreifend in Scene gesetzten
Schicklaufe und zuletzt bei der die unglückliche Geschichte von Godber
und Maria zu einem bei allem Grausigen doch zu einem beruhigenden
Abschluß bringenden Sturmflut.

Neben allem aber tritt die Persönlichkeit Biernatzki's selbst uns in dem
voll ausgeführten Bilde Holds, zu dem er selbst fast alle Züge geliefert
hat, höchst verehrungsvoll als Muster eines vom innersten Geiste
getriebenen werktätigen christlichen Geistlichen entgegen, das auch
diejenigen ansprechen wird, die eine ganz abweichende Ansicht von der
Offenbarung und der geistigen Bestimmung des Menschen haben, und seinen
Träumen von einer Zeit des Rechtes und der Wahrheit auf Erden eben nur
das Recht eines Traumes einräumen. Freilich möchten manche wünschen, daß
die Bekehrungsgespräche nicht einen so breiten Raum einnähmen, besonders
aber, daß die eigenen Bemerkungen, mit welchen der Dichter zuweilen
gleichsam mit dem Finger auf die sittliche Verführung mahnend hindeutet,
weggeblieben oder, so viel nötig, in die Darstellung verflochten wären.

Auch aus der ganzen sprachlichen Darstellung weht uns ein dichterisches
Gemüt entgegen, das lebendig zu schildern, die rechten Farbentöne zu
wählen, durch leicht fließenden, treffenden Ausdruck zu fesseln weiß, so
daß nur hier und da etwas Schleppendes, nie etwas Ungehöriges oder die
Reinheit der Sprache Trübendes stören möchte. So ist auch der äußern
Form nach die »Hallig« durchaus der Abdruck einer reinen, wolgestimmten
Seele.

                                                     Heinrich Düntzer.




                                  I.


   Der erste Blick, der auf zum Lichte schaut,
   Der erste schwanke Schritt im Staube,
   Des Mutternamens erster schwacher Laut:
   Giebt's eine Zeit, die sie dem Herzen raube?

An der Westküste des Herzogtums Schleswig finden sich, umflutet von den
Wogen der Nordsee, mehrere Inseln, die als Ueberreste einer
zusammenhängenden Landstrecke, welche dem Meere zum Raube geworden ist,
den Bewohner des festen Küstenlandes daran erinnern, sich mit allen ihm
zu Gebote stehenden Mitteln der Fluten zu erwehren.

Die größeren dieser Eilande sind teils durch Deiche (künstliche
Seedämme), teils durch Dünen (natürliche Höhen von Meersand) vor den
Wogen geschützt, die, täglich mit Flut und Ebbe kommend und gehend,
immer neue Versuche zu machen scheinen, die letzten Brocken ihres großen
Raubes in den gierigen Schlund des Meeres hinunterzuziehen. Bei der Ebbe
geht die See so weit zurück, daß ein meilenweiter Schlickgrund
bloßgelegt wird, der noch in kräuselnden Zügen das Bild der Wogen
darstellt, die ihn vor wenigen Stunden überfluteten. Einzelne Rinnen und
andere Senkungen werden aber auch dann nicht wasserleer, und besonders
winden sich für jene Zeit sichtbar rings um die Inseln die, mit einander
und dem zurückgewichenen Ocean zusammenhängenden, sogenannten Tiefen,
gleichsam Schlangenarme, mit denen der eine Zeit lang an andern Gestaden
kämpfende Riese die nie vergessene Beute umschlungen hält, daß sie nicht
einen Augenblick der Hoffnung sich überlasse, von ihm aufgegeben zu
sein. Diese Tiefen, welche dem einsamen Wanderer, der auf dem weichen,
feinem Fußtritt für eine kurze Zeit überlassenen Meeresgrunde Krabben,
Rochen oder einen von dem schnellen Abfluß der Wogen überraschten
Seehund sucht, auch bei der hohlsten Ebbe unüberschreitbare Grenzen
setzen, verhindern die Verbindung zwischen den Inseln zu Lande selbst
dann, wenn sie am scheinbarsten ist. Nur einzelne kleinere Eilande
erfreuen sich beim Rückgange des Meeres einer kurzen Gemeinschaft mit
einander oder mit dem festen Lande, auch ohne das umständliche Mittel
der Schifffahrt; aber wehe dem Wanderer, der zu viel dem trügerischen
Riesen vertraute! Dieser kehrt oft mit ungewöhnlicher Schnelligkeit
zurück, führet den Nebel mit sich als Bundesgenossen, und der
Schlickläufer, so nennt man den, welcher die Ebbe zu größeren
Wanderungen benutzt, siehet das heimische Gestade vor seinen Blicken
verschwinden, er fühlt die Flut um seine Füße spielen, Entsetzen sträubt
sein Haar bei diesem Spiel, er eilt mit Todesangst vorwärts, die schon
ganz gefüllten Rinnen versperren seinen Weg, er wendet sich seitwärts,
um sie zu umgehen, er verliert dadurch seine Richtung, läuft hin und
her, ist gefangen ohne Ausweg, und mit jedem Augenblick kriecht die Flut
höher an ihn hinan, sein Geschrei verhallt in der großen, weiten
Wasserwüste und wird zuletzt von den ihn überrauschenden Wogen ganz
erstickt, die bald seine Leiche bedecken; denn ein tiefflutendes Meer
ist da, wo noch vor Kurzem die Fußstapfen des Armen sichtbar waren.

Im Gegensatz der größeren, durch Deiche und Dünen gesicherten Inseln
werden die kleineren Eilande Halligen genannt. Eine solche Hallig ist
ein flaches Grasfeld, das kaum zwei bis drei Fuß höher liegt, als der
Strand der gewöhnlichen Flut des Meeres, und daher, weder durch Kunst
noch durch Natur beschützt, sehr oft, und besonders in den Wintermonaten
sogar wol zweimal an einem Tage, von der wogenden See überschwemmt wird.
Die bedeutendsten dieser Halligen sind noch keine halbe Quadratmeile
groß; die kleineren, oft nur von einer Familie bewohnten, kaum ein paar
tausend Fuß lang und breit; die kleinsten und unbewohnten dienen nur
dazu, ein wenig kurzes und feines Heu zu gewinnen, das aber sehr oft,
ehe es geborgen werden kann, von der Flut weggespült wird. Das geborgene
Heu wird in Diemen zusammengehäuft, über die ein Flechtwerk von Stroh,
an beiden Enden mit Steinen belastet herabhängt, wodurch sie eine solche
Festigkeit gewinnen, daß nur mit eisernen Spaten das zum jedesmaligen
Gebrauche Nötige abgestochen werden kann, und diese Heuberge an der
Seite des Hauses oft noch eine Zuflucht geben, wenn die Mauern vor der
Gewalt der Wellen niederbrechen. Auf künstlichen Erderhöhungen oder
Werften stehen die einzelnen Wohnungen, die selten mehr Raum auf der
sich schräge absenkenden Höhe lassen, als zu einem schmalen Gang um die
Hütte erforderlich ist. Daher trifft man denn auch auf fast allen
Halligen keinen Fleck Gartenland für ein wenig Gemüse, keinen einzigen
Strauch mit einer erquickenden Beere, keinen Baum zu einem Ruheplatz im
Schatten. Für solche Genüsse müßte die Werfte größer sein, deren
Aufführung und Unterhaltung aber schon, so klein sie ist, mehr Kosten
erfordert, als das einfache Gebäude, das darauf steht. Auf der Ebene
sproßt der Ueberschwemmungen wegen kein fröhliches Gewächs, keine
nährende Frucht. Sie ist eine Wüste, die freilich durch ihr fahles Grün,
das noch dazu vielfach von schmutziggrau überschlickten Stellen
unterbrochen wird, andeutet, wie das genügsame Schaf hier wol seine
spärliche Nahrung finden mag, die aber keineswegs jenen frischen,
duftigen Graswuchs kennt, in welchen sich behaglich die fette Kuh
hinstreckt, oder über welchem das wiehernde Roß mutwillig hin und her
sprengt. Suchst du sprudelnde Quellen, die einen Labetrunk geben
könnten, da, wo die Sonnenstrahlen, ohne durch eine buschigte
Blätterkrone gebrochen zu werden, auf das matte Grasfeld brennen? Wol
findest du vom Wellenschlag zerrissene Ufer; wol tiefe Einbrüche des
Meeres, die sich oft in langen Krümmungen weit in's Land hinein
erstrecken, als wollten sie es in noch kleinere Stücke zerteilen, um
leichter desselben Herr zu werden; wol viele stehende Lachen, ein
Nachlaß der letzten Ueberschwemmung, zur Erinnerung, daß das Land schon
halb dem Ocean gehöre und ihm bald ganz zufallen werde: aber
Trinkwasser? Auf der Werfte wird ein Behältnis ausgegraben und ringsum
mit Grassoden ausgesetzt; dahin mag sich Regenwasser von oben her
sammeln oder von den Seiten durchsickern es dient den Schafen zur Tränke
und ihren Herren zur Bereitung ihres Thees, obwol es von dem mit
Meersalzteilen durchdrungenen Boden den widerlichsten Geschmack
angenommen hat, der es für den nicht daran Gewöhnten ungenießbar macht.
Vielleicht bringt auch gar einmal ein Boot ein Tönnchen Wasser mit vom
festen Lande, und in Zeiten der Dürre kann solche Zufuhr zur
dringendsten Notwendigkeit werden. _Eine_ Freude hat doch wol der
Halligbewohner: das muntere Treiben eines täglichen und reichen
Fischfangs? Nein, nicht einmal den schönen Anblick eines in hellen,
grünlichen Wellen flutenden Meeres hat er; ein widriges, trübes Gelb in
Grau ist die gewöhnliche Farbe der Gewässer um ihn her, und vor dem
Aufenthalt in einer Meeresstrecke, die bei der Ebbe stundenweit ihren
Schlammboden aufdeckt, hüten sich die Fische und überlassen gern dem
Seehund und der häßlichen Roche allein das wenig einladende Gebiet. Und
dies Meer, das die Halligen umgiebt und so oft überwogt, und das auf
seinen verschiedenen Punkten nach den Namen der im Lauf der Jahrhunderte
darin begrabenen Landstellen und ihrer Eigner bezeichnet wird, dies an
Gaben so arme und an Raub so reiche Meer ist noch dazu fortwährend ein
Räuber, der bald mit langsamer, still untergrabender Macht, bald mit
wildstürmender Gewalt ein Stück Land nach dem andern von dem Eilande
abbricht, so daß der Halligbewohner schon die Jahre zählen kann, wann
den Hütten und den Heerden der letzte Raum genommen sein wird.

Doch glücklich die Hallig, wenn hiemit ihr Bild vollständig gezeichnet
wäre! Aber es bleibt noch eine furchtbare Seite übrig. Zur Gewohnheit
sind die Ueberschwemmungen geworden, die, alles flache Land überwogend,
an die Werfte hinaufsteigen und an die Mauern und Fenster der Hütten mit
ihrem weißen Schaum anschlagen. Da blicken denn diese Wohnungen aus der
weiten, umrollenden Wasserfülle nur noch als Strohdächer hervor, von
denen man nicht glaubt, daß sie menschliche Wesen bergen, daß Greise,
Männer, Frauen und Kinder unterdessen vielleicht ruhig um ihren
Theetisch hersitzen und kaum einen flüchtigen Blick auf den umdrängenden
Ocean werfen. Manch' ein fremdes, aus seiner Bahn verschlagenes Schiff
segelte schon in solchen Zeiten bei nächtlicher Weile über eine Hallig
weg und die erstaunten Seeleute glaubten sich von Zauberei umgeben, wenn
sie auf einmal neben sich ein freundliches Kerzenlicht durch die hellen
Fenster einer Stube schimmern sahen, die halb von den Wellen bedeckt,
keinen andern Grund als diese Wellen zu haben schien. Aber es bricht der
Sturm zugleich mit der Flut auf das bange Eiland ein. Die Wasser steigen
gegen zwanzig Fuß über ihren gewöhnlichen Stand hinauf. Die Wogen dehnen
sich zu Berg und Thal, und das Meer sendet in immer neuen, langen Zügen
seine volle, breite Gewalt gegen die einzelnen Werften, um sie aus
seiner Bahn wegzuschieben. Der Erdhügel, der nur eine Zeit lang zitternd
widerstand, giebt nach; bei den unausgesetzten Angriffen bricht ein
Stück nach dem andern ab und schießt hinunter. Die Pfosten des Hauses,
welche die Vorsicht eben so tief in die Werfte hineinsenkte, als sie
darüber hervorstehen, werden dadurch entblößt; das Meer faßt sie,
rüttelt sie. Der erschreckte Bewohner des Hauses rettet erst seine
besten Schafe hinauf auf den Boden, dann sieht er selbst nach; und hohe
Zeit war es! Denn schon stürzen die Mauern, und nur noch einzelne
Ständer halten den schwankenden Dachboden, die letzte Zuflucht. Mit
furchtbarem Siegesübermut schalten nun die Wogen in dem untern Teil des
Hauses, sie werfen Schränke, Kisten, Betten, Wiegen mit wildem Spiel
durch einander, schlagen sich immer freieren Durchgang, um Alles
hinauszureißen auf den weitern Tummelplatz ihrer unbändigen Kraft, und
der Stützpunkte des Daches werden immer weniger, des Daches, dessen
Niedersturz rettungslos einer noch vor wenigen Stunden in häuslicher
Geschäftigkeit mit einander wirkenden, oder im sanften Arm des
Schlummers neben einander ruhenden Familie ein schäumendes Grab
bereitet. Aengstlich lauscht das Ohr, ob nicht das Brausen des Sturmes
abnehme; ängstlich pocht das Herz bei jeder Erschütterung; immer enger
drängen die Unglücklichen sich zusammen. In der Finsternis sieht Keiner
das entsetzenbleiche Antlitz des Andern; im Donnergeroll der tobenden
Wogen verhallt das bange Gestöhn; aber Jeder kann an seiner eigenen Qual
die marternde Angst seiner Lieben ermessen. Der Mann preßt das Weib, die
Mutter ihre Kinder mit verzweiflungsvoller Todesgewißheit an sich; die
Bretter unter ihren Füßen werden von der drängenden Flut gehoben; aus
allen Fugen quellen die Wasser auf; das Dach wird durchlöchert vom
Wogensturz; ein irrer Mondstrahl dringt durch die zerrissenen Wolken,
fällt hinein auf die Jammerscene, die, von seinem bleichen, zuckenden
Lichte beleuchtet, in all' ihrer Furchtbarkeit erscheint und die
angstverzerrten Gesichter einander spiegelt. Da kracht ein Balken. Ein
furchtbarer Schreckruf! Noch eine martervolle Minute! Noch eine! Der
Dachboden senkt sich nach einer Seite; ein neuer Flutenberg schäumt
herauf, und im Sturmgeheul verhallt der letzte Todesschrei. Die
triumphierenden Wogen schleudern sich einander Trümmer und Leichen zu.

Dennoch liebt der Halligbewohner seine Heimat; liebt sie über Alles, und
der aus der Sturmflut Gerettete baut sich nirgends sonst wieder an, als
auf dem Fleck, wo er Alles verlor, und wo er in Kurzem wieder Alles, und
sein Leben mit, verlieren kann.

Wir bewundern den Sohn der afrikanischen Wüste, der sein Zelt aufschlägt
unter der Glut einer versengenden Sonne, in der Mitte einer
unübersehlichen, brennenden Sandstrecke. Er hat doch ein weites Gebiet,
das er nach allen Richtungen hin auf seinem flüchtigen Renner
durchstreift. Er hat doch seine Oasen, diese Inseln des Sandmeeres, wo
er im Schatten der Palme die Quellen sprudeln hört und Lieder singt zur
Ehre der Wüste, oder den wunderreichen Erzählungen eines vielgereisten
Karawanenführers horcht. Die Heimat, die er liebt, ist doch nicht ohne
Abwechslung, sein Leben nicht ohne Veränderung. Er schleppt sich nicht
hin in steter Einförmigkeit des Daseins, findet doch Raum für seine
Kraft, und hat doch Fernen, denen der Reiz der Neuheit nicht ganz fehlt.
Der Halligbewohner übersieht mit einem Blick alle seine nahen Grenzen,
sein Thun und Treiben ist dasselbe einen Tag wie den andern, außer daß
eine seltene Fahrt ihn zum Verkauf der Wolle seiner Schafe nach dem
festen Lande führt; und er fühlt sich bei seiner Abgeschiedenheit vom
Menschenverkehr fremd unter Fremden, sobald er seine Scholle im Meere
notgedrungen einmal verlassen hat. Alle seine Freuden und Genüsse
bleiben wie seine Arbeiten in einem kleinen Umfang beschränkt, ohne
lebhaften Reiz, ohne die Spannung einer Ungewöhnliches erwartenden
Aussicht. Ein bei der geringen Zahl der Bewohner oft erst nach Jahren
auf der Hallig wiederkehrender Hochzeitstanz gehört zu seinen höchsten
Vergnügungen.

Die Gefahren selbst, denen der Halligbewohner ausgesetzt ist, entbehren
den einzigen Reiz, den die Gefahr haben kann, den Gegenkampf. Mag der
Sand der Wüste, vom Sturm aufgewirbelt in die Wolken, als sollte das
Gewölbe des Himmels auch eine Sahara werden, daherjagen und Zeltdörfer
und Karavanenzüge in sein heißes, erstickendes Bett begraben: die
Möglichkeit der Flucht ist doch gegeben, und die Menschen versuchen auf
Rossen und Kamelen mit dem Sandsturm in die Wette zu jagen; und oft
gelingt es ihnen, dem drohenden Verderben zu entgehen. Der
Halligbewohner hat seinen Feind rund um sich; erhebt _der_ sich in
seiner schauervollen Macht, so muß er, hülfloser als ein Kind auf dem
Wege des tobenden Stieres, sich diesem Gewaltherrscher hingeben und
zitternd erwarten, ob er mitleidig schonend vorüberziehe oder in blinder
Wut alles niederwälze; er muß Leben oder Tod als ein willenloses
Schlachtopfer annehmen, ohne Hand oder Fuß zur völlig unmöglichen, weder
Gegenwehr noch Flucht zu regen. Verstand und Kraft sind ihm unnütz; nur
Ergebung ist sein Loos in dem vollen Bewußtsein seiner Ohnmacht.

Und nicht etwa die Unbekanntschaft mit den Vorzügen anderer Länder ist
es, was dem Halligbewohner seine Heimat lieb macht. Nein, er hat die
fruchtbarsten, reichsten Strecken vor seinen Augen. Hinter den Deichen
des festen Landes in seiner Nähe ist ein Boden, der seinen Bewohnern
einen Ueberfluß bietet wie wenige Länder der Erde ihn haben. Da reift
das schwere Korn; da streckt sich der breite Stier in den duftigsten
Klee; da erheben sich große und schöne Bauernhöfe, deren Bewohner, mit
allen Genüssen des Lebens vertraut und im Gefühl ihrer Wichtigkeit, mit
Stolz sich Bauern nennen. Oft auch, und früher noch mehr als jetzt,
führt den Halligbewohner in seiner Jugend und Mannheit der Dienst auf
Schiffen in ferne Lande. Durch seine Genügsamkeit und Rechtlichkeit auch
in der Fremde schwingt er sich zum Schiffsherrn auf; die reichsten
Handelsplätze, die herrlichsten Gegenden werden ihm bekannt wie die
eigene Heimat. Aber er hat Alles gesehen, Alles verglichen, und -- Alles
vergessen. Er kehrt mit seinem Ersparten heim zu seinem geliebten
Eilande, heim zu diesem trostlosen Boden, zu diesem gefahrvollsten Fleck
der Erde, zu dieser Oede voll Entbehrung und Entsagung, und dankt Gott,
daß seine Hallig noch nicht weggespült ist; und kaum hat er sich da
wieder eingerichtet, so ist er in seinem Wesen und seinen Neigungen wie
Einer, der nie die Welt sah.

Es ist auch nicht die Freiheit, die dem Halligbewohner seine kleine
Heimat, wie dem Mauren die Wüste, zum Paradiese macht. Er fühlt vielmehr
den Druck der Civilisation mit Abgaben, Zöllen und dergleichen, und
benutzt dagegen wenig von ihren Vorteilen: von Sicherheit des Eigentums,
-- ihn schützt ja schon genug seine Armut und seine Wogengrenze -- von
allgemeinem Verkehr, -- zu ihm führt keine gebahnte Straße, -- von
vermehrten Kenntnissen, -- zu ihm verirrt sich selten eine andere
Schrift als Bibel und Gesangbuch, -- von heiteren Künsten, -- die Kunst
dringt nicht zu seinen Hütten. Nicht einmal die Geselligkeit, die er
haben könnte, gilt ihm etwas. Er ist meistenteils wenig gesprächig, lebt
gern auf seiner Werfte für sich, und obwohl sein Prediger oder Priester,
wie er ihn nennt, von ihm sehr geehrt wird, so gelingt diesem doch nicht
leicht, es zu einer herzlichen Gemeinschaft zu bringen; da er, besonders
bei dem weiblichen Geschlecht, außer im Religiösen, den völligen Mangel
eines Anknüpfungspunktes an seine Bildung erkennen muß, und seine
hochdeutsche Sprache ihn der friesisch sprechenden Gemeinde entfremdet.
Nur auf diesen Eilanden hat nämlich das Friesische, das dem Englischen
nahe verwandt ist, und worauf der deutsche Sprachforscher mehr, als
bisher, sein Augenmerk richten sollte, noch fast seine ganze
Eigentümlichkeit sich bewahrt, während es auf den Küsten des festen
Landes schon nahe daran ist, in ein bloßes Gemisch auszuarten.

Eine dieser Halligen, von welchen wir im Obigen ein allgemeines und der
Wahrheit getreues Bild zu zeichnen versucht haben, ist der Ort der
nachfolgenden Handlung. Sie war damals, im Sommer des Jahres 1824, von
ungefähr fünfzig Menschen in neun Hütten, auf sechs über die Fläche
einer kleinen Viertelmeile zerstreuten Werften bewohnt, welche sich
durch Schafzucht kärglich, aber für die geringen Bedürfnisse
ausreichend, nährten. Eine, wenig vor den andern Wohnungen
ausgezeichnete, neue Kirche, nachdem 1816 die alte, und 1821 wieder eine
eben aufgebaute vom Meere weggerissen war, diente den gottesdienstlichen
Versammlungen der frommen Gemeinde.




                                 II.


   Das schlanke Schiff mit seinen weißen Schwingen
   Durchschäumt die Wogen, strebt hinauf, hinab;
   Auf Abgrunds Tiefen muß es vorwärts ringen:
   »Der Weg zum Hafen führt ja über's Grab.«

Es war ein stiller, heiterer Nachmittag am 9. September 1824; der klare
Himmel spiegelte sich in der glatten Flut des Meeres, das eben nur durch
solchen Wiederschein sich heute schöner als sonst malte, so rein und
deutlich ab, daß selbst das duftigste Wölkchen, das einen leisen
Schatten auf seine Klarheit geworfen hätte, auch auf dem Gegenbilde
sichtbar geworden wäre; aber weder Wolkenstreifen noch kräuselnde Wellen
trübten das lichte Blau.

Maria saß mit ihrer Mutter, einer betagten Witwe, in der kleinen,
niedrigen Stube ihrer Wohnung beim Spinnrade. Die höchste Reinlichkeit
und die blau und rot gemalten Wände und Fensterbänke, die mit blankem
Messing gezierte Lade, die den Hausschatz von Leinenzeug, Feierkleidern
und seidenen Tüchern enthielt und zugleich in einem Schiebfach einzelne
Kleinodien an goldenen Ringen und Ketten barg, die der Halligbewohner so
sehr liebt, gaben dem Ganzen ein freundliches Ansehen, wozu die mit
vielfarbigen Malereien geschmückten Thüren der Wandbetten besonders
beizutragen bestimmt schienen. Freilich waren die mit losen Kissen
belegten Stühle und der Tisch, der durch seine Größe den Raum der Stube
sehr beengte, nur von ungefärbtem Holze und verdankten ihre Politur
allein dem beständigen Gebrauch und der fleißig reinigenden und
glättenden Hand. Selten unterbrach ein einzelnes Wort aus dem Munde der
fleißigen Spinnerinnen die Stille, welche nur von den schnurrenden
Rädern mit ihrer eintönigen Geschäftigkeit belebt wurde. Eben so still
saß der weiße Schäferhund auf der Fensterbank und blickte mit seinen
hellen und klugen Augen durch die kleinen, in Blei gefaßten Scheiben
unverwandt auf das Meer hinaus, ohne daß sich doch dort irgend Etwas
gewahren ließ, das seine Aufmerksamkeit so rege erhalten konnte.

Doch auch Maria warf zuweilen, wenn ihre Arbeit es erlaubte, einen Blick
auf die See. Denn nach neunjähriger Abwesenheit sollte endlich in diesen
Wochen Godber wiederkehren, der nach weiten Seereisen zuletzt von
Hamburg aus geschrieben, wie er sich ein kleines Kapital erworben, um
seine väterliche Stelle auszulösen, und nun sich sehne, zu seiner Hallig
und zu seiner Maria zurückzukommen. Ihm war sie schon, nach der
Gewohnheit des Landes, seit ihrer frühesten Kindheit verlobt und hatte
ihm still und treu eine Liebe bewahrt, die freilich von jener
ungeduldigen Leidenschaftlichkeit, welche Viele ihrer Zeitgenossinnen
als eine notwendige Eigenschaft der Liebe zu betrachten scheinen, weit
entfernt war, die aber nichtsdestoweniger durch ihre Tiefe und Innigkeit
sich mit dem ganzen Dasein Maria's verschmolz, jede andere, auch nur
flüchtige Neigung gänzlich ausschloß und allen Gedanken und Empfindungen
der Jungfrau die bestimmteste und entschiedenste Richtung auf ihre
Pflichten als die Braut und künftige Gattin Godber's schon längst
gegeben hatte und erhielt. Wohl kam in den Briefen Godber's Manches vor,
das weit über die Fassungskraft seiner einfach erzogenen Braut hinaus
war, und sie konnte sich einer heimlichen Scheu vor ihm, der so Vieles
gesehen und gelernt haben müßte, da er so überklug zu schreiben
verstände, nicht immer ganz erwehren; aber er hatte doch auch wieder des
Glückes gedacht, wenn er nun die Welt gleichsam hinter sich abschlösse
und allein für seine Hallig und seine Maria lebe, um all' das bunte und
wirre Wesen und Treiben, das ihn ganz anwidere, auf dem kleinen,
friedlichen Raume, an der Seite einer geliebten, gleichgesinnten Gattin
zu vergessen. In solchen Aeußerungen fand ihr Herz sich heimatlich. Sie
zauberten ihr ein Morgenrot lieblicher Hoffnungen herauf, vor dem sie
die ihr fremde Färbung anderer Stellen seiner Briefe leicht übersah.

»Heute muß er kommen,« sprach sie zu ihrer Mutter, »mir ahnet so etwas.«

Dabei aber spann sie eben so emsig fort wie sonst; denn sie, wie ihre
Schwestern alle auf jenen Eilanden, wußte nichts von einer Liebe, die
untreu macht den nächsten, bescheidenen Pflichten des Berufs.

»Heute möchte ich Godber lieber nicht auf der See wissen,« meinte die
Mutter, »denn es ist ein Sturm im Anzuge. Hörst du nicht, wie die Möven
schreien?«

»Mutter,« rief Maria, »das thut der liebe Gott nicht! Ich habe ja so
fleißig gebetet, und Er hat mir ein so gewisses, fröhliches Herz
gegeben, daß ich weiß, Er thut es nicht.«

»Was thut er nicht?« fragte die Mutter.

»Er läßt keinen Sturm kommen, Godber zu verderben. Er läßt nur die Winde
los, daß sie die Segel straffer füllen und ihn recht schnell heimtragen
zu mir -- zu uns.«

»Er mache es nach seinem Wohlgefallen,« sagte andächtig jene. »Was Gott
thut, das ist wohlgethan! -- Komm, der Spitz ist schon vom Fenster
gesprungen und wartet voll Unruhe auf uns. Laß uns die Schafe
eintreiben, ehe das Wetter hereinbricht.«

Und sie gingen hinaus auf das Feld, wo der Hund, der schon lange, sei es
durch seine Beobachtung der gewöhnlichen Vorzeichen, oder durch die nur
seinen reizbaren Nerven merkliche Veränderung der Luft, die Witterung
von dem kommenden Sturm gehabt hatte, in raschen Sprüngen vor ihnen
voraus eilte und mit eifrigem Bellen die Schafe zusammen- und
entgegentrieb. Schon gingen in einzelnen Stößen die ersten Boten des
Sturmes über die Wellen hin. Diese rauschten unmutig auf und sanken
langsam wieder herab, als seien sie zu träge, um sich zum Kampf zu
erheben. In Südwesten stand noch die Abendsonne, aber nur nach oben hin
warf sie ihre Strahlen. Unter ihr war ein dunkles Gewölke
hervorgetreten, dessen Rand in gelbgrauen Farben spielte und das beinahe
eine Viertelstunde lang weder in der Höhe, noch in der Breite wuchs,
sondern gleichsam nur als Vorwacht über die See hinlugte. Plötzlich
rauschte ein neuer stärkerer Luftstrom daher, der aber mit noch
unsicherem Fuß über das Meer wandelte, so daß nur hier und da eine
einzelne Welle vor ihm aufschäumte; und Alles ward wieder still. Nun
aber, wie gehoben von einer nachdrängenden Macht, tauchten schwarze
Wolkenmassen empor und verhüllten das Antlitz der Sonne. Immer schneller
und heftiger folgten die Windstöße einander, immer unruhiger schüttelten
die Wogen das dunkle Haupt. Da streckte sich das düstere, schwere
Schattenbild am Rande des Horizonts zu langen Armen aus, die immer
weiter und weiter über den noch lichten Himmel streiften, und deren
mächtige Schatten über den Ocean hinjagten. Auf diesen Armen, wie auf
ihm gebahnten Straßen, flog der Sturm daher in seiner Kraft, neigte sich
zum Meere nieder und die furchtbare Schlacht begann. Die Wellen wogten
in breiten, gewaltigen Reihen auf, als wollten sie die Wolken in ihre
Tiefe niederziehen; aber der Sturm peitschte sie wieder von ihrer Höhe
herab, daß sie, vor Grimm schäumend, gleich stürzenden Gebirgen
niederbrachen, um mit neuer Wut nur noch höher sich zu erheben; und
immer rasender sauste der Sturm, und immer hohler rollten die Wogen mit
dumpfem Rauschen.

Unterdessen war eilig die kleine Herde auf die Werfte getrieben und
Maria wandte nun erst wieder den besorgten Blick auf das Meer, das
bereits über das Land hinausgetreten war und die einzelnen Hütten durch
seine Wellen von einander trennte. Da sah sie, und ihr Herz schlug höher
auf, einen weißen Punkt, der bald auf dem Schaumrande einer
hochbrausenden Woge keck dahertanzte, bald, in den schwarzen Abgrund
niederfahrend, sich ihrem Auge entzog, als wolle er nimmer wiederkehren.
»Ein Schiff, Mutter!« rief sie, und dachte an Godber. Auch die Mutter
heftete teilnehmend ihren Blick nach der bezeichneten Gegend, wo sie
aber anfangs mit ihren vom Alter geschwächten Augen nichts entdecken
konnte. Aber näher und näher kam es; erst wie ein weißer Fittig, der
einer verspäteten Möve anzugehören schien, die bald einen Ausweg durch
das dunkle, drückende Gewölbe über ihr zu suchen bemüht war, bald in die
verschlingenden Wellen untertauchte. Allmählig entfalteten sich die
Formen von Segeltüchern, dann wurden die Masten sichtbar und endlich
konnte man den ganzen schönen Bau beobachten, wie er jetzt, völlig auf
eine Seite gelehnt, den vollen Bogen des straffen Leins zu den Wogen
niedersenkte, und jetzt, wenn diese wie im kindischem Spiel den
flüchtigen Kuß den Segeln gegeben, wieder gerade sich aufrichtete, und
wie ein stolzer Sieger, der seinem glorreichen Grabe jauchzend
entgegeneilt, in die Tiefe hinabschwebte. Aber immer tauchte wieder der
leichte Kiel mit seinen glatten Wänden und seinen schlanken Masten, mit
seinem vielfach, aber in fester Ordnung verschlungenen Tauwerk und
seiner vom Meeresgruß dunkler gefärbten Segelfülle aus dem Ocean hervor
und wiederholte stets auf's Neue denselben Auf- und Niedergang, dabei
mit mannigfacher Wendung einen scheinbar regellosen, aber von erfahrener
Hand geleiteten Weg durch die zahlreichen Untiefen jenes Fahrwassers
verfolgend.

»Sie haben einen guten Steuermann,« sagte die Mutter; und: »Godber!«
tönte es leise von Maria's Lippen nach.

Jetzt machte das Schiff eine neue Wendung, die es glücklich durch zwei
einander beinahe berührende Untiefen hindurchbrachte, und trat aus dem
schäumenden Schwall der brandenden Wogen eben siegesfroh in die dunklere
Flut hinein.

»Steuer in Lee!« kreischte die Mutter, als könnte sie mit ihrem im Sturm
verhallenden Kommando das Schiff regieren; aber links drehte es sich und
jeden Augenblick erwarteten die ängstlichen Zuschauer, daß es nun an die
ihnen bekannte gefahrvolle Stelle kommen würde, wo es bei der geringsten
Abweichung zur Linken oder zur Rechten auf den dort zu beiden Seiten der
Tiefe mehr als anderswo erhöhten, jetzt freilich auch von der Flut
überdeckten Grund stoßen mußte. Doch plötzlich fielen alle schon lange
gerefften Segel gänzlich von den Masten ab, daß diese mit ihren nackten
Spieren verdorrten Fichten glichen, durch die die Wucht des Sturmes
unschädlich hinstreift, und das schwankende Schiff bewegte sich langsam
in einem Halbkreis herum, so daß das Boogspriet nun gegen den Wind
stand, nachdem es so lange die Richtung mit dem Winde angedeutet.

»Sie haben Anker geworfen;« rief Maria erfreut, und die alte kundige
Witwe bemerkte:

»Wenn sie, wie ich glaube, nach Husum wollen, so können sie nun wieder
mit der eintretenden Ebbe in den rechten Kurs kommen, von dem sie vor
dem Sturm zu weit nach Norden abgetrieben sind.«

Von ihrer Furcht für die Seefahrer befreit, gingen die Beiden in ihre
Wohnung. So lange die Tageshelle es erlaubte, warf Maria noch manchen
Blick aus dem Hinterstübchen zu dem Schiffe hinüber, das bei nun
eingetretener Ebbe ruhig auf seinem Platze liegen blieb, ohne daß man
vom Lande aus irgend eine Bewegung auf demselben bemerken konnte. Als
die Abenddämmerung die Aussicht hinderte, spann sie wieder ungestörter
an der Seite ihrer Mutter fort, wobei zwischen den Beiden Manches über
die Aussteuer und künftige Einrichtung verhandelt wurde. Denn auch die
Mutter war durch Maria's Zuversicht allmählig mit dem Gedanken vertraut
geworden, daß Godber auf dem Schiffe sei. Mit freundlichen Hoffnungen
gingen sie dann, später als sonst, zur Ruhe; jedoch nicht eher, als bis
sie andächtig mit einander mit folgendem kurzen, kunstlosen Versgebet
sich dem Schutze des Höchsten empfohlen:

   In Sturm und Wellenbraus
   Behüte Gott, mein Leben
   Und um mein schwaches Haus
   Laß Deine Engel schweben,
   Daß sich die wilden Wogen scheu'n
   Wie Lämmer vor dem starken Leu'n.

   Doch hast Du andern Sinn,
   Naht mir ein jähes Ende:
   So nimm mich gnädig hin
   In Deine Vaterhände;
   Und Todesflut und Christi Blut
   Mach' es mit meinen Sünden gut.




                                 III.


   Das Meer ist hier und dort
   Wie's woget und wie's weht,
   Gehorsam seinem Wort,
   Ein See Genezareth.

Wenden wir uns nun zu dem Schiffe, das, von des Ankers Zahn gehalten,
sich auf seiner gewählten Stelle von den Wellen schaukeln ließ, um das
Aufhören des Sturmes zu erwarten. Godber war wirklich, wie Maria es
geahnt hatte und wie die kundige Führung des Schiffes in diesen
Gewässern es erwarten ließ, auf demselben als Steuermann, und außer ihm
befanden sich der Kapitän und vier Matrosen am Bord, nebst drei
Passagieren: Herr Mander, Kaufmann aus Hamburg, zugleich Eigentümer der
Ladung, und seine schon erwachsenen Kinder, ein Sohn: Oswald, und eine
Tochter: Idalia. Nicht um der Geschäfte willen, sondern allein den
Bitten seiner Kinder zu Gefallen, die von einer Seetour sich das größte
Vergnügen versprochen, hatte Mander die Reise unternommen.

Die Hoffnung des Kapitäns, auf die, von der Mutter Maria's angegebene
Weise seinen Kurs wieder zu gewinnen, wurde getäuscht. Denn als nach
einigen Stunden die Ebbe wieder eintrat, lief das Wasser wegen des
fortdauernden Südwestwindes mit so geringer Strömung ab, daß es nicht
möglich war, mit Hülfe derselben das Schiff gegen den Wind
aufzuarbeiten, wodurch auch die Absicht Godber's, der gerade jenen
Ankerplatz vorgeschlagen, weil der Zug der abfließenden Wasser dort
sonst besonders stark trieb, vereitelt wurde. Nun trat der gefährliche
Uebelstand ein, daß das Schiff, auf seiner Stelle notgedrungen
gefesselt, bei der Ebbezeit mit seinem Boden manchen schweren Stoß gegen
den Meeresgrund auszuhalten hatte. Als darauf, nach Verlauf einiger
erwartungsvoller Stunden, die Flut wiederkehrte, und mit ihr der Sturm
in noch größerer Wut ausbrach, zeigte es sich bald, daß einige von jenen
Stößen gelöste Fugen Wasser sogen. Jetzt galt es, einen entscheidenden
Entschluß zu fassen, da auch die Dunkelheit der Nacht die Gefahr noch
vermehrte. Die angefangene Beratung zwischen Kapitän und Steuermann
wurde wider ihren Willen nur zu schnell beendigt. Ein furchtbarer Stoß,
der das Schiff in allen seinen Teilen erschütterte, als sollte es auf
einmal ganz aus einander gehen, deutete auf einen unerwarteten Fall.

»Die Ankerkette ist gebrochen!« Dieser Schreckensruf gab die Lösung des
Rätsels. »Die Taue auch?« schrie der Kapitän. Diese, viel schwächer,
aber lenksamer und dehnbarer, als die eiserne Gliederreihe, hielten
freilich für den Augenblick noch an zwei kleinen Ankern, es war aber zu
erwarten, daß der nächste Windstoß auch diesen letzten Halt nehmen
würde. »Alle Segel auf! alle Lappen bei! die Anker gekappt!« war nun,
nach schneller Uebereinkunft der Sachverständigen, das nächste Kommando;
und, die ganze Wucht des Sturmes in seine weiten Fittige fassend, die
schäumenden Wogen wie ein leichtes Schneegewölk auseinander stäubend,
flog das Schiff dem Strande zu. Ueber diesen waren freilich die Wellen
auch schon wieder mit der Flut hinübergegangen; aber der so ganz kundige
Mann am Steuer würde, obwohl die Dunkelheit die Werften nicht mehr
deutlich erkennen ließ, ihn nicht verfehlt haben. Allein zu viel war den
Masten zugemutet. Sie bogen sich, als hätten sie noch ganz die zähe,
elastische Kraft, mit der sie früher auf den Bergen der Heimat die
Gewalt der Stürme täuschten; sie strebten vorwärts, als wollten sie den
schweren Leib des Schiffes weit hinter sich lassen; doch schon kündeten
immer hellere verdächtige Laute eine Ueberspannung ihrer Kräfte. Der
Ruf: »Alle Beile, alle Messer zur Hand!« führte die Matrosen auf ihre
Posten, wo sie in ängstlicher Erwartung, mit gehobenem Arm horchten auf
das nächste Kommando. »Krach! Krach!« ging es plötzlich, Sturmgeheul und
Wogengebraus übertönend, durch alle Teile des Schiffes, und die ganze
volle Takelage schmetterte schräge auf das Vorderende nieder und tauchte
seitwärts in die Wogen hinab, daß die untern, gebrochenen Enden der
Masten sich aufwärts kehrten. »Kappt! Um Gotteswillen, kappt, kappt!«
gellte die Stimme des Kapitäns den Matrosen zu, die, obgleich vom Sturz
der Masten das Schiff im ersten Augenblick so tief in die Flut
hineingedrückt wurde, als sollte es nie wieder aus dem Abgrund sich
erheben, mit bewundernswürdiger Gewandtheit, getrieben von dem
Bewußtsein, daß ihr Leben von der schnellen und sichern Ausführung
abhinge, dem Befehl volle Genüge leisteten. Da schwankte denn in dem
nächsten Momente das ganze Segelwerk, das eben noch mit seinen vollen,
weiten Schwingen und den kühnen Masten so stolz sich zu heben und so
anmutig sich zu neigen wußte, eine wirre und schlaffe Masse auf der
dunklen Oberfläche des Meeres dahin, und das völlig seines besten
Schmuckes und seines führenden Zuges beraubte Schiff ward, ein
willenloser Spielball der gewaltigen Wogen, hin und her geschleudert. Es
war aus einem scheinbar belebten Wesen voll Zier, Mut und Stärke, zu
einem stumpfen, toten Holze, zu einem lecken Wrack geworden.

In dieser Lage mußten die, deren Leben nun in offenbarer Gefahr
schwebte, einen Entschluß fassen. Sollten sie erwarten, wie der Kampf
enden würde, den Sturm und Flut um das entmastete Schiff führten, das
diese, immer unaufhaltsamer eindringend, in ihre Tiefe zu ziehen suchte,
jener, es immer gewaltsamer vor sich herschleudernd, auf Untiefen zu
zertrümmern drohte? Sollten sie es für möglich halten, mit dem leichten
Boote, da die Schaluppe an ihrem Platze, am Fuß des großen Mastes, vom
Sturz desselben zerschmettert war, die Küste zu erreichen und auf der
überschwemmten Hallig in der Finsterniß an eine Werfte zu gelangen? Die
Reisenden forderten dringend diesen Versuch. Jede Aenderung war ihnen
eine Lebenshoffnung; auf dem Schiffe zu bleiben, schien ihnen der
gewisseste Tod. Dem Kapitän erlaubte es sein Pflichtgefühl nicht, so
lange noch eine Planke zusammenhielte, seinen Posten zu verlassen. Er
wollte aber auch seinen Passagieren nicht widerstreben, und überließ es
daher seinem Steuermann, wenn dieser die Möglichkeit der Rettung auf dem
Boote für wahrscheinlicher halte, als auf dem rasierten und noch dazu
lecken Schiffe, Jene an's Land zu bringen. Godber, vertrauend auf seine
genaue Kenntnis des Fahrwassers und der Hallig, verstand sich dazu, und
ihm schlossen sich zwei Matrosen an, die, gleichwie die Andern an aller
Rettung verzweifelnd, dennoch es vorzogen, einen letzten Kampf um ihr
Leben zu wagen und kämpfend unterzugehen, als sich auf dem Wrack
unthätig und kraftlos dem Verderben hinzugeben. Konnte bisher noch eine
Hoffnung da sein, das Schiff auf die eine oder die andere Weise vom
gänzlichen Untergang zu retten, so mußte diese, so schon auf das
schwächste Vielleicht gestützt, völlig wegfallen in dem Augenblick, da
Godber, der allein mit dieser See voll Strömungen und voll Untiefen
Vertraute, dasselbe verließ. Ihm selbst flog dieser Gedanke durch den
Sinn. Schon wollte er von dem übernommenen Rettungsversuch zurücktreten;
aber die flehend bittende Idalia stand vor ihm, und -- jede andere
Bedenklichkeit mußte schweigen. Die Heckjolle wurde daher vom Spiegel
des Schiffes in's Meer gelassen, von den drei Seeleuten mit Leichtigkeit
bestiegen, und mit erfahrener Gewandtheit an die Leeseite herumgebracht.
Aber es bedurfte einer vollen halben Stunde, um die Andern nur erst in's
Boot hinein zu bringen; denn das leichte Fahrzeug flog bald auf dem
schäumenden Kamm einer Welle weit vom Schiffe ab, bald wieder, der
niederrauschenden Woge nach, mit solchem Schwung auf dasselbe zu, als
sollte es im nächsten Augenblick daran zerschellen. Daher mußten die
Passagiere nach mancherlei Versuchen, die eben so oft die Furcht, als
der Mangel an Gewandtheit vergeblich machte, zuletzt an Seilen
heruntergelassen werden, und schwebend, von den am Schiffe brandenden
Wogen überschäumt, erwarten, bis das Boot wieder unter ihnen war. Wurden
sie dann auch nur eine halbe Minute zu spät niedergelassen, so tanzte
das Boot schon wieder fern von ihnen auf den schwindelnden Höhen eines
Wasserberges, oder war in den Hohlen ihrem Blick entzogen, und sie
tauchten in die Salzflut unter. Mander und Oswald, deren Hoffnung, sich
auf der Jolle zu retten, bei dieser nicht erwarteten Schwierigkeit, sie
nur zu besteigen, gänzlich dahin war, fügten sich doch willenlos allen
Anordnungen. Idalia, erschreckt durch solche Vorkehrungen, weigerte sich
lange, ihrem Vater und Bruder zu folgen, und die Ungeduld, die ihr
Zaudern erregte, war wohl eine Mitursache, daß, als sie sich endlich
entschlossen hatte, das Seil, welches sie so lange halten sollte, bis
das Boot sie aufgenommen, den Händen der Matrosen auf dem Schiffe
entglitt und sie in's Meer hinabstürzte. Godber aber, der kein Auge von
ihr gewandt, sprang sogleich in die brausenden Wogen nach und hielt sie
mit starkem Arm empor. Doch auch der fertigste Schwimmer würde einem
solchen tobenden Meer keine Beute entrissen haben. Glücklicher Weise
gelang es den Leuten im Boote, das Ende des Seils zu fassen, welches um
Idalia's Schultern gegürtet war, und so wurden Beide an Bord gezogen.

Bei diesem Aufenthalt und dieser alle Sinne in Anspruch nehmenden
Thätigkeit war es nicht leicht, die rechte Richtung nach dem kleinen
Fleck Landes, von dessen Auffinden ihre einzige Hoffnung abhing, wieder
zu gewinnen. Nur Godber, dem die Lage der Häuser auf der nahen Hallig
genau bekannt war, und der während des Tages fast keinen Blick von der
lieben Heimat gewandt hatte, vermochte in der trüben Finsterniß, die
Alles einhüllte, an einzelnen ihm allein bemerkbaren, dunkleren Flecken
sich zu vergewissern, welche Richtung einzuschlagen sei. Ein
gegenseitiges: Lebewohl! und: Behüt' euch Gott! riefen sich die
Abfahrenden und Zurückbleibenden noch zu, und bald hatte sie die dunkle
Nacht und die wogende See so weit von einander geschieden, daß kein
Zusammentreffen, wenn es auch versucht worden wäre, mehr möglich war.
Mander saß mit Oswald und Idalia platt auf dem Boden des Bootes, und
diese drei schreckten nur dann und wann in die Höhe, wenn eine
aufbrandende Woge ihren Schaumwall über das Boot hinschleuderte und es
in die Tiefe hinunterzuschwemmen drohte. Die Matrosen ruderten, obwohl
hoffnungslos, doch mit ruhiger, gleichmäßiger Anstrengung, als ob keine
Todesgefahr sie umgebe. Godber führte mit kraftvollem Arm das Steuer, in
künstlichen Wendungen dem Abbruch der niederstürzenden Flutmassen
auslenkend, und den am wenigsten gefährlichen Weg durch die wogenden
Thäler und auf den schwankenden Höhen mit dem Scharfsinn und der
Erfahrung eines auf den Wellen großgewiegten Seemanns für sein schwaches
Fahrzeug suchend. Dabei beachtete er mit durchdringenden Augen sorgsam
die Ferne, wenn eine Welle, die das Boot emportrug, eine weitere
Aussicht als von Woge zu Woge möglich machte. Aber die Finsterniß
lagerte sich immer dichter und undurchdringlicher über das tobende Meer
hin, und nur an dem kürzeren Schlag der Wellen unterschied er nach zwei
Stunden der angestrengtesten Arbeit seiner Ruderer und der
ungeduldigsten Aufmerksamkeit von seiner Seite, daß das Boot auf das
überschwemmte Land der Hallig gekommen sei. Ein unter dem Wasser
verborgener Pfahl oder Ueberrest einer alten Werfte konnte jetzt den
Nachen kentern und Allen Verderben bringen. Mit dem gespanntesten Blick
forschte Godber daher nach beiden Seiten hin, ob nicht ein Streif hohler
gehender Wogen ihm einen schmalen Seearm bezeichne, von dem er wußte,
daß er sich an dieser Seite des Landes weit in dasselbe hinstrecke. Gott
schärfte seinen Blick und leitete sein Steuer. Er fand jene Einfahrt, wo
dem minder Kundigen Alles ein Wogenschwall zu sein schien. Nun forderte
er den jungen Mander auf, das Steuer zu nehmen. Dieser aber war gänzlich
von Todesangst erstarrt und aller Kraft des Handelns völlig beraubt, daß
er bei dem Anruf regungslos sitzen blieb. Williger fand Godber den
Vater, der wenigstens halb bewußtlos sich zum Steuer hinsetzte, aber
auch wohl ohne Nachhülfe der Matrosen, die mit ihren Rudern zur Lenkung
der Jolle beitrugen, wenig geleistet haben würde, die schnell auf
einander folgenden Befehle Godber's, der sich auf das Vorderende des
Nachens mit einem langen Handstock gestellt hatte, rasch in's Werk zu
setzen. Da Niemand auf dem Boote Kunde hatte von der Einfahrt, in
welcher es sich nun fortbewegte, sondern Alle meinten, noch die tiefe
See um sich zu haben, so verstand auch Keiner den Zweck der Anordnungen
Godber's, seiner bald rechts bald links gebietenden Befehle; aber der
alte Mander gehorchte wie ein Sklave, der sich kein eigenes Denken und
Wollen erlauben darf, die Matrosen als Leute, die gewohnt sind, ihr
eigenes Urteil ganz dem strengsten Gehorsam unterzuordnen. Auf diese
Weise ging es bald mit dem Winde, bald hart an dem Winde noch anderthalb
Stunden fort, ohne daß sie darum eine bedeutende Strecke vorwärts
gekommen wären, denn die oft so plötzlichen Wendungen brachten immer
einige störende Verwirrung in den Gang des Bootes, und die Kräfte der
Ruderer waren beinahe erschöpft. Da führte eine neue kurze Wendung das
Fahrzeug wieder in eine andere Richtung, und als ob sie plötzlich fast
ganz aus dem Bereich des Windes herausgekommen wären, hörten sie nur
noch sein Sausen, fühlten es aber nicht mehr, und die Wogen, deren
Rauschen noch beinahe lauter als vorher an ihr Ohr schlug, spielten doch
viel ruhiger um den Nachen. An dieser Stelle konnte der kleine Anker
wohl halten, den sie auf Godber's Befehl sogleich auswarfen und die
Ruder einlegten.

Staunend über die rätselhafte Veränderung ihrer Lage, blickten die
seeerfahrenen Matrosen und der alte Mander, während seine Kinder sich
erst allmälig aus ihrer starren Angst erhoben, in die Nacht hinaus; aber
Alles um sie her war so schwarz verhüllt, daß sie kaum sich einander,
viel weniger irgend Etwas außerhalb des Bootes erkennen konnten, und
fragend wandten sich Alle an Godber. Er allein, der sie so wunderbar
geführt, mußte Auskunft geben können. »Wir sind zur Stelle!« rief
dieser, sprang auf Idalia zu, löste das Seil, mit dem sie noch immer
umgürtet war, von ihren Schultern, schlang das eine Ende um seinen Leib,
band das andere Ende in einem Ring der Jolle fest, lehnte seine Stange
schräge aus von dem Boot und sprang mit einem mächtigen Satz in die
Finsternis und in die Wogen hinein. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr
Allen. Dann standen sie einige Minuten lang in stummer Erwartung, wie
dies ihnen ganz zwecklos dünkende Wagestück Godber's enden werde. Schon
gaben sie ihn verloren, und damit sank wieder jede Hoffnung, aus dem
Schrecken dieser Nacht gerettet zu werden. Plötzlich schallte ein lautes
Halloh! Halloh! wie aus den Wolken her über sie hin. Die Matrosen
antworteten unwillkürlich dem ihnen gewohnten Ruf, obwohl sie nicht
begreifen konnten, woher die Stimme so nahe, und doch wieder so hoch von
oben her, als ob ein Riese neben ihnen stände. Vergebens strengten sie
ihre Blicke an; ihr sonst so scharfes Auge für alle Gegenstände auf dem
Meere sah Nichts, als die undurchdringlichste Nacht. Wieder gingen
einige Minuten der gespanntesten Erwartung vorüber. Siehe, da glänzte
plötzlich ein freundliches Licht durch die Fenster einer friedlichen
Wohnung dicht über ihnen auf sie herab, und nach dem ersten regungslosen
Erstaunen begrüßten die Matrosen dessen Erscheinen mit einem jubelnden
Hurrah! während die Andern mit Thränen der Freude einander in die Arme
sanken. Die ganze Lage der Dinge war jetzt klar. Der Nachen ankerte
neben einer bis zur halben Höhe von den Fluten bedeckten Werfte und ward
durch dieselbe und die darauf stehende Wohnung vor dem Winde geschützt,
während noch rings umher der Sturm in gleicher Stärke auf den Wellen
tobte und scheinbar noch wilder brauste, indem die an der Werfte vorbei
brandenden Wogen eine kleine Strecke hinter dem Boote gegen einander
aufwirbelten. Das eine Ende des Seils, das Godber mit hinaufgenommen,
hatte er schon an den Thürpfosten befestigt, zog daran das Fahrzeug so
nahe wie möglich zu sich und bildete damit zugleich eine ausreichende
Handhabe für die Aufsteigenden, so daß in wenigen Augenblicken sich alle
in dem sichern Schutz des Hauses befanden.

Hier mit der gutmütigsten Gastfreiheit aufgenommen und mit dem
geschäftigsten Eifer erquickt, gewannen sie Zeit, ihrem frohen Erretter
den freudigsten Dank darzubringen, den die Matrosen mit einem warmen,
festen Händedruck und einem: »Du bist ein braver Steuermann!« kurz und
bündig abmachten. Der alte Mander sagte ebenfalls nur wenige Worte und
saß dann stumm und sinnend da. Oswald konnte nicht Redensarten genug
finden, um seine Dankbarkeit auszusprechen, dabei war er lustig wie ein
Kind, lachte und scherzte über die geliehenen Kleider, in die sie
angethan waren, und die freilich nicht eben im Modeschnitt anpaßten,
aber doch eine behagliche Wärme den Durchnäßten bereiteten. Idalia, die
sich im Nebenzimmer umgekleidet, trat jetzt herein, und während Oswald
sie jubelnd umfaßte und sich totlachen wollte über ihren Anzug, in
welchem, wie er meinte, sie notwendig auf dem nächsten Maskenball in
Hamburg Furore machen müsse, starrte Godber sie als eine Erscheinung an,
die mit dem seligsten Entzücken alle seine Nerven durchbebte. Sie war
eine Jungfrau seiner Heimat. Dies glattgescheitelte Haar, von der
kleinen Haube nur ein wenig bedeckt, dieses grüne Mieder mit seinen
kurzen Aermeln, dieses nachlässig in einen Knoten geschlungene Tuch von
bunter Seide, dieser gestreifte Rock, der nicht so lang war, die blauen
Strümpfe zu verbergen, dieser Anzug hatte die prunksüchtige
Großstädterin zu einer bescheidenen Erbin seines Stammes umgeschaffen.
Aber diese hohe, weiße Stirn, diese glänzend braunen sprechenden Augen,
diese feinen Gesichtszüge und die zartgeröteten Lippen und Wangen, diese
lieblich gerundeten Arme mit der kleinen zierlichen Hand: nein! sie war
das himmlische Bild einer irdischen Tochter der Hallig. Er war noch
verloren in ihrem Anblick, als Idalia sich endlich frei machte von den
Spässen ihres Bruders und nun, von ihrem lebendigen Gefühl hingerissen,
Alles um sich her vergessend, auf Godber zueilte, mit dem
leidenschaftlichsten Ungestüm sich an seine Brust warf und ihn mit ihren
Thränen und ihren Küssen bedeckte. Er war ihr ja nachgesprungen in die
grausige Tiefe; er hatte durch seine kluge und kühne Führung sie und
ihren Vater und Bruder gerettet! Wie konnte sie daran denken, daß die
ungehemmte Aufwallung ihrer Dankbarkeit die Grenzen überschritt? Wie
konnte sie, die nie gewohnt war, ihre Lebhaftigkeit nur aus Rücksichten
auf Andere in das Geleis des Gewöhnlichen zu zwingen, in diesem
Augenblick zurückhaltender sein, als das Gefühl ihres Herzens sprach?
Einen Geist, wie der ihre war, der jeden Funken der Empfindung sogleich
zur hellen Flamme anfachte, hatten die Stunden der Schrecknis auf die
furchtbarste Höhe der Angst gesteigert, und so mußte ihn auch die Freude
der Errettung Alles überwältigend fortreißen. In den süßesten Tönen, die
kaum zu Worten wurden, und die sich in immer von Neuem wieder
hervorbrechende Thränenströme auflösten, dankte sie Godber für ihr
Leben; und so oft ein Gedanke ihr den Tod in den tobenden Fluthen wieder
vormalte, dem sie entgangen, schauderte sie vor dem Schreckensbilde
zusammen und klammerte sich fester um den Hals des Retters, als sollte
er sie noch einmal aus der grauenvollen Tiefe ziehen. Und Godber -- da
stand der männlich schöne Jüngling mit bebendem Entzücken, wie Einer,
dem plötzlich die Pforte eines neuen, nie geahnten, seligen Daseins
aufgethan ist. Ach! der Hoffnungsstern der armen Maria war untergegangen
in der Stunde, in welcher endlich ihr langersehnter Verlobter den
heimischen Boden betrat.




                                 IV.


   Bringst Du zur Heimat wieder
   Die alte Lieb' und Treu',
   Dann laß Dich fröhlich nieder,
   Es grüßt Dich Alles wieder
   Mit alter Lieb' und Treu'.

Am andern Morgen war der Himmel klar und heiter. Hinter dem Deiche des
festen Landes tauchte eben die Morgensonne empor und warf neugierig ihr
Strahlenauge über die Halligen hin, um nach den Verwüstungen der
vergangenen Nacht zu sehen und zu fragen, ob noch Wesen übrig geblieben,
die ihres Lichtes sich freuten. Das Meer floß still und friedlich in
seiner gewohnten Bahn und schien den Menschen, in deren Ohr noch das
Wogengebrause der letzten Stunden nachklang, lächelnd zu sagen: Ihr habt
nur geträumt!

Godber, welcher trotz der Anstrengung, zu der ihn die im vorigen Kapitel
beschriebenen Gefahren genötigt hatten, wenig Ruhe fand, trat vor die
Thüre der freundlichen Wohnung. Die verschiedenartigsten Gefühle
bestürmten sein Herz. Da lag vor ihm der Boden seiner Hallig, nach dem
er an den blühenden Küsten Italiens, auf den reichen Fluren Hollands mit
solchem Heimweh sich gesehnt; der Boden, auf dem er allein sich
glücklich fühlen konnte, von dem sich jetzt wieder loszureißen ihm eine
Unmöglichkeit gewesen wäre. Für diese Heimat hatte er in der Fremde
gestrebt und gedarbt; der Gedanke an sie hatte ihn gespornt zur
unermüdlichsten Thätigkeit, zum willigsten Gehorsam, zum ängstlichsten
Eifer in Erfüllung aller seiner Pflichten; hatte ihn ferngehalten von
allen Vergnügungen seines Standes, ihn rastlos gemahnt zum sparsamsten
Haushalt. Jeder neue Beitrag zu seinem kleinen baaren Schatz, den er
stets bei sich getragen und daher auch jetzt gerettet, war immer der
Anfang eines lieben frohen Traumes von der Wiederkehr gewesen, dem er
sich an solchen Tagen oft Stunden lang in der Einsamkeit hingegeben. Nur
seine Begierde, sich zu unterrichten, sein Streben nach einer Bildung
über seinen Stand hinaus, konnte ihn verführen, seinen Schatz zuweilen
für diesen Zweck anzugreifen; aber er darbte dann auch nur desto
sorglicher, um solche Ausgaben bald wieder zu ersetzen. Nun hatte er es
erreicht. Dort stand seine väterliche Wohnung. Schauer des Entzückens
rieselten durch sein Gebein; Thränen der Freude brannten auf seinen
Wangen. Wer, selbst nicht Halligbewohner, diesen nackten Fleck, auf dem
das spärliche Gras von der letzten Ueberschwemmung her noch in
schlammigter Glätte niederlag, mit seinen tief ausgefurchten und
zerlöcherten Werften angesehen und dazu noch der vergangenen Nacht
gedacht hätte, die alle Lebendigen auf dieser Scholle im Meere dem
Wellentode so nahe gebracht, der würde nie geahnet haben, daß _diese_
Heimat des Jünglings Freudenthränen hervorgerufen. Aber Godber hatte um
dieses Anblicks willen neun Jahre hindurch ein Leben voll Anstrengungen
und Gefahren, voll Entbehrungen und Entsagungen ertragen; und hätte er
zwanzig Jahre so geduldet und gelitten, ihn würde die Wiederkehr auf
diese Flur damit nicht zu theuer erkauft dünken.

Und doch, ganz rein war seine Freude nicht. Er konnte sein Kniee nicht
beugen vor dem Gott, der ihn gnädiglich behütet und heimgeführt zu dem
Lande seiner Väter. Hätte er es doch gethan! Vielleicht würde er dann
ganz sein altes Herz wiedergefunden haben. Es wären die eitlen Träume
von ihm gewichen. Das Gelübde der Treue wäre der frommen Maria bewahrt
und Idalia's verführerisches Bild hätte seinen Zauber verloren.

In jedes Menschen Leben tauchen wohl solche Zauberbilder auf, die ihm
die innere Klarheit trüben und den hellen Blick rauben für die nächste
Pflicht; die, wenn sie nicht bloße Träume der Phantasie sind, sondern
vielmehr durch außerordentliche Lagen und Verhältnisse hervorgerufen
wurden, ihm als Bestimmungen seines Geschicks erscheinen. Sie gaukeln um
seine Seele wie ladende Boten eines Genusses, von dem ihn nur kleinliche
Rücksichten und Mangel an Selbstvertrauen bisher zurückhielten, und der
ihm gewiß ist, wenn er es nur wagen will, sich in seiner Kraft zu
erheben. Sie malen ihm eine Zukunft vor, gegen die Alles, was ihm
ruhiges Beharren in dem gewöhnlichen Gleise, treues Festhalten früherer
Grundsätze, williger Gehorsam unter dem seither dafür gehaltenen Gesetz
Gottes zu bieten vermag, matt und farblos, ja seiner unwürdig vorkommt.
Es ist ihm zu Mute wie Einem, der nur den Fuß vorwärts zu setzen
braucht, um einer langen Knechtschaft zu entfliehen, um in ein Paradies
einzutreten, dessen Pforte er nur zu lange schon sich selbst eigensinnig
verschloß. Er fragt sich, warum er nicht die schwachen Riegel, Pflicht
und Gewissen, ganz zurückschieben solle? Ja, es will ihn bedünken, als
seien die Riegel nur ein Ammentraum, dem er entwachsen, oder als habe er
jetzt erst in Wahrheit erkannt, was Pflicht und Gewissen eigentlich von
ihm fordern. In solchen Zeiten hat der Mensch in sich selber Nichts, was
ihm einen Halt geben oder zum Wegweiser dienen könnte. Er hat gleichsam
den gewohnten Boden unter seinen Füßen verloren, auf dem er sonst mit
Sicherheit auftrat; ihm ist das Ziel seines ganzen früheren Lebens
verrückt und seine Gedanken und Empfindungen sind doch noch nicht
heimisch geworden in der neuen Aussicht. Darum hat er keine andere
Hülfe, als die von Oben kommt. Er richte sein Sinnen und Denken hinauf
zu der festen Burg des klaren Rechtes; er hafte mit Blick und Herz an
dem ewigen Worte des Richters der Lebendigen und der Toten; er lasse die
Welt mit ihren Träumen einen Augenblick hinter sich und versenke mit
voller Hingebung sich in das Anschauen Dessen, der die fromme Brust
durch Seinen heiligen Geist zu einer Stätte der Gemeinschaft erwählet
des Himmels und der Erden. Und dieser Geist wird ihm die Erleuchtung
bringen, deren er bedarf. Die Nebelgestalten werden von ihm gewichen
sein, wenn er wieder zurückschaut auf seinen Pfad. Er wird sie erkennen
als Schatten einer im Hintergrunde lauernden Sünde und nun klar seinen
Weg wissen und ihn mit Zuversicht wandeln.

Aber Godber betete nicht, und sein Auge und seine Seele verfinsterten
sich, als sein Blick flüchtig auf Maria's Wohnung hinstreifte. Es
ergriff ihn ein Gefühl wie Gewissensangst; aber er scheute sich vor
einer klaren Rechenschaft vor sich selbst und ward froh, als die
Erinnerung an das im Sturm verlassene Wrack und die darauf gebliebenen
Leute alle andern Gedanken verdrängte. Rasch wandte er seine forschenden
Blicke nach dem westlichen Ende der Hallig und -- da lag das Schiff
gekentert nicht weit vom Strande. Er eilte geflügelten Schrittes darauf
zu. Sein Weg aber führte ihn an Maria's Wohnung vorüber, und es wurde
ihm unheimlich um's Herz, als er in die Nähe derselben kam; sein Blut
flog rascher in den Adern und färbte seine Wangen röter. Er trat
unwillkürlich leiser auf, als fürchtete er, die Verlobte mit dem
Geräusch seiner Tritte aus einem Hoffnungstraume zu wecken und in die zu
seiner Freude noch geschlossene Thür zu rufen. Wie er vorbei war, fiel
ein Stein von seiner Brust, ohne daß er bedachte, wie wenig mit einer
solchen kurzen Frist gewonnen sei. Jetzt fesselte wieder das Wrack seine
ganze Aufmerksamkeit, und bald hatte er das Ufer erreicht. Doch
vergebens strengte er seine Augen an, er sah keine menschliche Gestalt.
Er watete so weit als möglich auf den Schlick hinaus, ließ sein
schallendes »Halloh« ertönen; Niemand antwortete. Stumm und unbeweglich
lag der jetzt so formlose Bau vor ihm, den früher, als er noch in seiner
Schöne mit entfalteten Schwingen die Wogen rauschend durchschnitt, laute
und fröhliche Thätigkeit belebte. Godber mußte sich, nach wiederholten
Versuchen, einen Gegenlaut hervorzurufen, von dem unglücklichen
Schicksal seiner früheren Gefährten überzeugen. Es drängte sich ihm die
Vorstellung auf, ob es ihm nicht besser gewesen wäre, in den Wellen,
gleichwie sie, begraben worden zu sein, als mit dem Bewußtsein einer
doppelten Untreue zu leben: gegen ein Schiff, dessen Steuer ihm
anvertraut gewesen war, und das er, wie jeder Seemann das seine, gleich
einer Braut geliebt hatte, und gegen die Verlobte seiner frühesten
Jugend. Lange starrte er mit trübem Sinnen vor sich hin, bis beim
Rückblick auf die Begebenheiten der vergangenen Nacht Idalia's Bild vor
ihn hintrat und alle seine Gedanken und Empfindungen allein auf sich
zog. Es ergriff ihn eine unbeschreibliche Sehnsucht, sie wieder zu
sehen. Er klagte sich an, ihren Morgengruß nicht erst erwartet zu haben
und lenkte seine Schritte eilig zurück.

Achtlos wäre er an der Wohnung seiner Verlobten vorübergegangen, aber --
da öffnete sich die Thür; Maria trat mit ihrem Wassereimer heraus. Ihr
erster Blick fiel auf Godber. Rasch warf sie ihren Eimer hin, sprang die
Werfte hinab, flog jubelnd auf ihn zu und mit einem freudigen »Godber,
Godber, bist du da!« ergriff sie seine Hand, die er ihr mechanisch
entgegenstreckte. Hätte er sie an seine Brust gezogen, sie würde seinen
Kuß ohne Ziererei empfangen und wiedergegeben haben. Daß er es nicht
that, verstimmte sie aber keineswegs; denn an eine ruhigere Aeußerung
der Liebe, als die größere Leidenschaftlichkeit der Bewohner des festen
Landes in solchen Verhältnissen sie zuläßt, war die Tochter der Hallig
gewöhnt. Wußte sie doch, daß er ihr treu geblieben sei; und wenn er es
auch nicht geschrieben hätte, er war ja ein Sohn ihrer Heimat, auf der
Untreue unter den in früher Kindheit schon Verlobten eben so unerhört
ist, als unter Gatten.

»Wo kommst Du aber heute her? Wir erwarteten dich erst morgen von Husum;
denn, nicht wahr? Du warst auf dem Schiff, das wir gestern in der Ferne
ankern sahen? -- Wo ist denn das Schiff geblieben?« Mit diesen Worten
sah sie nach der Ankerstelle, nach der sie gestern mit so sehnsüchtiger
Hoffnung hingeblickt hatte.

»Da!« sagte Godber und streckte seine Hand seitwärts aus nach dem Wrack.

»Herr Gott!« schrie Maria auf und wäre nun fast an die Brust des
Geliebten gesunken. »So kämpftest Du mit dem Tode, während ich so ruhig
von Dir träumte! Wir hörten wenig vom Winde in der Vorderstube und
meinten, der Sturm habe längst ausgetobt. Ich sagte es der Mutter wohl,
daß wir ein Licht in die Hinterkammer setzen sollten; ich hätte gern
dabei gewacht. Sie aber meinte, es könnte die in dieser Gegend fremden
Schiffer irre machen und lachte mich aus, weil ich so gewiß wissen
wollte, daß Du auf dem Schiffe seist. Und nun seid Ihr doch gestrandet!
Ach! was hast Du wohl ausgestanden! und wie hätte ich geweint, wenn Du
umgekommen wärest. Gewiß, ich wäre auch gestorben!« und dabei deckte sie
die Augen mit ihrer Schürze und weinte vor Angst und vor Freude.

Godber zitterte wie ein Verbrecher. Die Thränen des Mädchens fielen wie
glühende Tropfen auf seine Seele. Einen Augenblick kehrte sein früheres
volles Gefühl für sie wieder zurück. Er umfing sie mit seinen Armen,
preßte sie heftig an sich, und als sie mit ihren blauen, feuchten Augen
so voll Liebe zu ihm aufblickte, war Idalia's Bild ganz aus seinem
Herzen verschwunden. Aber Maria riß sich schnell von ihm los und rief:

»Armer Godber! wie zitterst Du! Komm doch geschwind in's Haus. Der Thee
soll gleich fertig sein. Wie die Mutter sich freuen wird, wenn Du vor
ihr Bett trittst! Bist Du allein gerettet?«

Diese Frage führte Godber's Gedanken schnell wieder zu Idalia hin. Er
fiel wieder in seinen frühern Kaltsinn gegen Maria zurück und sprach
hastig und in abgebrochenen Sätzen:

»Es sind noch Andere gerettet. -- Leb' wohl! -- für jetzt! -- Ich muß
Bescheid bringen wegen des Schiffes.«

»Warte doch!« entgegnete Maria. »Wo sind sie? Ich gehe mit Dir. Laß'
mich nur erst der Mutter Nachricht bringen.«

Damit sprang sie fröhlich die Werfte hinauf und kam in wenigen
Augenblicken wieder zu Godber, der regungslos und in dumpfer
Verzweiflung auf dem Flecke geblieben war.

Sie gingen nun mit einander. Er mit trüben Sinnen und einsilbigen
Lippen; sie mit leuchtenden Augen und mit einer muntern, ihr sonst ganz
ungewöhnlichen Geschwätzigkeit. Sie hatte ihm ja so Viel zu erzählen,
wie sehr sie sich nach ihm gesehnt, wie sie bei allen Arbeiten seiner
gedacht, wie fleißig sie gesponnen für die Aussteuer, und sie rechnete
ihm dabei jedes einzelne Stück des künftigen Haushalts vor, das sie
teils von der lieben Mutter mitbekomme, teils selbst verfertigt habe.
Godber war zu Mute, als ob ein ängstlicher Traum ihn immer fester umwob
und sein Herz einschnürte; sie aber erzählte weiter, wie sie so oft den
lieben Gott gebeten, ihn glücklich heimzuführen; mit welcher Zuversicht
sie auf die Erhörung ihres Gebetes vertraut; mit welcher Inbrunst sie
nun dem Vater im Himmel danken wolle für Seine Güte und Barmherzigkeit,
der aber nicht böse werden müsse, wenn sie jetzt vor lauter Fröhlichkeit
noch nicht zu einem rechten vollen Dankgebet kommen könne. Wenn sie so
mit kindlich frommer Herzlichkeit bald mit Gott sprach, bald mit Godber
von dem ersten gemeinsamen Kirchgang, dann fiel es ihm wie Felsenlasten
auf die Brust und wie Bleigewicht in seine Füße; er mußte still stehen
und Atem schöpfen und seine Kniee drohten einzusinken. Maria bemerkte
es; aber die wahre Ursache nicht ahnend, faßte sie ihn mit der
zärtlichsten Besorgnis am Arm und schalt, daß er die Erquickung in ihrem
Hause verschmäht. Er sei ja noch so angegriffen und es sei
unverantwortlich, daß er sich nicht erst gehörig ausgeruht; aber:

»Warte nur,« fügte sie hinzu, »nun sollst Du auch in den ersten vierzehn
Tagen nicht vom bequemen Lehnstuhl aufstehen. Ich will Dich pflegen wie
ein Schoßkind. In des seligen Vaters Schafpelz mit seiner wollenen
Nachtmütze über den Ohren sollst Du wohl wieder warm werden.«

»Nein, es ist abscheulich, wie Du Deine Gesundheit durch Deine trotzige
Weigerung, bei uns einzukehren, auf's Spiel gesetzt hast!« sagte sie im
Ernst zürnend und halb weinend, als sie zu dem schmalen Balken kamen,
der, über den dort noch 16 Fuß breiten Seearm gelegt, freilich nur einem
auf solchem Schwindelpfad geübten Halligbewohner ein Steg heißen konnte,
da er, um die Schafe zu hindern, nur die scharfe Kante dem Fuße darbot.
Maria war wie im Tanze hinübergehüpft; Godber folgte ihr nur langsam und
schwankend nach.

Als sie in das Haus eintraten, fanden sie Alle um den großen Tisch beim
Frühstück, dessen ganzer Aufsatz freilich nur in Thee mit Schwarzbrot,
Butter und Schafskäse bestand. Idalia trug noch die Kleidung der Hallig;
doch hatte sie mit erfinderischem Sinn und geschmackvoller Auswahl dem
Anzug, ohne Nachteil seiner Eigentümlichkeit, manchen ihm früher
fehlenden gewinnenden Reiz gegeben. Ihr Haar, obwohl von der Stirn
weggescheitelt, war doch nur in so weit unter die kleine Haube
aufgebunden, daß noch mehrere Locken über die Schultern hinfielen. Sie
hatte auch aus dem Schmuckkästchen der Familie, dessen reiche Fülle ihre
Erwartungen bei weitem übertraf, die lange goldene Kette geborgt, die
jetzt von ihrer Brust glänzte, als oben weit und nach unten zu immer
kürzer geschnürtes Band das Mieder zusammenhaltend, nach der Weise, wie
beim Brautputz solche Ketten auf den Halligen getragen werden. Die
großen, ebenfalls goldenen Medaillons, die sonst wohl noch darüber
hängen, hatte sie mit besserm Geschmack unbenutzt gelassen. Bei Godber's
Eintritt stand sie rasch auf und trat mit dem unwiderstehlichsten
Liebreiz in allen ihren Zügen ihm entgegen, nicht mehr mit der Alles
vergessenden Leidenschaftlichkeit von gestern, sondern mit einem
Lächeln, in welchem das Bewußtsein sich auszudrücken schien, daß sie ihm
gefallen müsse. Man würde aber Idalia Unrecht thun, wenn man ihr
Benehmen gegen Godber als leere Gefallsucht auslegen wollte. Nein,
ungewohnt, die Verhältnisse zu beachten, oder die Folgen zu bedenken, wo
ihre Neigung sprach, gab sie sich auch jetzt ihrem Gefühle ganz hin; und
dies Gefühl war mehr als Dankbarkeit gegen den Retter ihres Lebens, es
war, wenn nicht volle, zu jeder Aufopferung fähige Liebe, doch eine
Aufwallung von Liebe mit allen Ansprüchen, welche die wahre Liebe auf
den geliebten Gegenstand macht. Sie wollte gefallen, um sich des
Jünglings Herz zu gewinnen, für den so Viel in ihrem Herzen sprach; und
fern war sie dem Gedanken, ihn nur als Sklaven ihrer Laune an den
Triumphwagen ihrer Reize zu fesseln, obwohl ihr ganzes Benehmen von
einer Absichtlichkeit geleitet wurde, zu welcher sonst nur eine Kokette
und nie eine wahrhaft Liebende fähig ist. Godber hing mit stummem
Entzücken an dem Anblick der lieblichen Erscheinung. Festgebannt auf der
Stelle, wo er stand, sah er sie mit einem Blicke auf sich zuschweben,
der alle Tiefen seiner Seele durchdrang. Wie sie nun seine Hand faßte,
sie an ihre Brust drückte und mit schmelzenden Tönen und dem traulichen
Du fragte: »Godber, mein Retter, wie konntest Du uns so früh verlassen
ohne meinen Dank für den Morgen zu erwarten, den ich ohne Dich nie
gesehen?« Da wäre er fast ihr zu Füßen gesunken, und Idalia feierte den
vollständigsten Sieg, der ihr, wie das zufriedene Lächeln um ihre Lippen
verkündete, auch nicht unbemerkt blieb. An ihrer Seite mußte er sich
niedersetzen, während Maria, scheu und verlegen und plötzlich verstummt
in der Nähe der Fremden, ihr gegenüber kaum sich zu setzen wagte und nur
halbe Blicke zu Idalia aufrichtete, deren zarte Schönheit und deren ihr
wohl bekannte und doch wieder fremdartige Tracht ihre ganze
Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie konnte sich eines unheimlichen Gefühls
nicht erwehren, das mehr war, als bloße Befremdung über die
ungewöhnliche Erscheinung und über das zutrauliche Benehmen der Fremden
gegen Godber. Sie mußte unwillkürlich die bei weicher Fülle schlanken
Formen und die blendenden Reize Idalia's mit dem eignen, von der Sonne
gebräunten Antlitz, den von anstrengender Arbeit zeugenden Armen und
Händen und der gedrungenen, nur Rührigkeit und Gewandtheit
versprechenden, aber keineswegs in stolzer Hoheit imponirenden Gestalt
vergleichen. Sie, unter den Halligmädchen leicht die Schönste, stellte
sich in ihrer Bescheidenheit tief unter die Fremde, tiefer wohl noch,
als sie wirklich zu stehen verdiente. Was Godber's kalte Erwiderung auf
die Aeußerungen ihrer Freude beim Wiedersehen nicht zu wecken vermocht
hatte, das drängte beim Anblick der Fremden sich ihr auf: Zweifel an des
Verlobten Treue. Und nicht Idalia's Benehmen gegen Godber war es allein,
das solchen Stachel in ihr Herz drückte, sondern die Eifersucht der
Liebe, die auch dem einfachsten Mädchen einen nicht leicht zu
täuschenden Scharfblick leiht, wenn sie mit dem Geliebten in der Nähe
eines andern weiblichen Wesens weilt, würde ihr, auch ohne die
Zutraulichkeit der Fremden gegen den Jüngling, manche ihr unwillkommene
Bemerkung aufgedrungen haben. Maria's Herz sollte bald ganz gebrochen
werden.

»Wer ist das liebe Mädchen?« fragte Idalia mit dem freundlichsten Tone,
der aber mit einem scharfen, forschenden Blicke auf Godber begleitet
war, als wüßte sie schon, wie viel ihr an der Antwort gelegen sei.

Maria errötete tief, sah aber doch dabei mit einem gewissen Trotz zu der
Fremden auf. Godber erglühte noch tiefer; sein Auge senkte sich zu
Boden, und seine Stimme zitterte, als er erst nach einer Pause
antwortete: Maria Nommens. -- Er schien noch etwas hinzusetzen zu
wollen, aber -- er schwieg. Maria horchte noch eine tötliche Minute
lang, aber -- er schwieg. Da sank sie bleich in sich zusammen, preßte
die Hand auf's Herz, in welchem alle Pulse stockten, und sah und hörte
nun nichts weiter. Daß er nicht hatte hinzusetzen können oder wollen:
meine Braut! das war für sie genug zur Entscheidung ihres Geschicks. Mit
diesem seinem Schweigen war das Glück ihres Lebens vernichtet. Sie wußte
nun, daß sie ihn verloren. Idalia ahnete wohl etwas von den
Verhältnissen. Ihr konnte die Bewegung Beider nicht entgehen; aber die
Freude, Godber für sich gewonnen zu haben, überwog fast ganz ihr Mitleid
mit der armen Maria. Auch Godber fühlte, wie er durch das Verschweigen
seines Verhältnisses zu Maria schon Alles gesagt habe, und dachte gar
nicht daran, wie ja möglicherweise sie gar keine Bedeutung auf dies
Verstummen gelegt habe. Er wagte es nicht, aufzusehen und saß in der
peinlichsten Unruhe da, woraus er erst durch die Frage Mander's: »ob er
nichts von dem Schiffe gesehen?« zu seiner Freude gerissen wurde. Er
erzählte nun, indem er aufsprang, mit einer Hast und mit einer
Teilnahme, die mit seinem bisherigen Stillschweigen über diesen
Gegenstand gar nicht zu vereinigen war, was er gesehen und wie die
Zurückgebliebenen wohl ihren Tod in den Wellen gefunden hätten.

Alle beschlossen jetzt nach dem Wrack hinzuwandern. Maria folgte allein
und langsam nach. Sie sah nur noch, wie an dem oben bezeichneten Steg
Idalia vor dem Schwindel erregenden Uebergang zurückbebte und nach
mehreren vergeblichen Versuchen, von Godbers Hand geführt,
hinüberzugehen, zuletzt ihren Arm um seinen Nacken schlang, und so, von
ihm getragen, das jenseitige Ufer erreichte. Nun flossen ihre Thränen
ungehemmt. Sie dachte nicht mehr daran, den Andern zu folgen, sondern
wankte, bei ihrer Wohnung angekommen, die Werfte hinauf und warf sich
laut weinend auf ihren Sitz nieder.

Maria blieb mit ihrem Schmerz allein. Ihre Mutter hatte die Neugierde an
den Strand geführt, wo schon fast alle Bewohner der Hallig versammelt
waren.

Als Godber sich mit den Freunden dazu gesellte, wurden nach der ersten
herzlichen Begrüßung des glücklich Wiedergekehrten Anstalten gemacht,
ein Boot über den Schlick hinauszuziehen bis dahin, wo das Wasser tief
genug ward, es mit seiner Bemannung zu tragen. Von dieser wurde das halb
mit Wasser gefüllte Wrack bestiegen, und auf das Genaueste untersucht.
Wie von lebenden Wesen fand man auch von Leichen keine Spur.
Wahrscheinlich war beim Kentern des Schiffes der Kapitän mit seinen
Leuten durch die Gewalt der Wogen vom Verdeck hinweggerissen, und es
stand zu erwarten, daß in einer der nächsten Flutzeiten die Leichen ans
Land getrieben werden würden. Einiges Wertvolle wurde sogleich
mitgenommen, und Godber vergaß nicht, für Idalia eine Kiste mit
Südfrüchten und einen Korb, worin ein paar Bouteillen süßen Weins
verpackt waren, beizufügen. Die Bergung der übrigen Ladung, die
größtenteils aus Fässern mit Wein und aus Citronenkisten bestand, wurde
dadurch vorbereitet, daß mehrere Schiffsseile, um die Stümpfe der Masten
und um andere Teile des Wracks geschlungen, mit dem andern Ende am
Strande befestigt werden sollten.

Während die Zurückgekommenen Alles berichteten, wie sie Schiff und
Ladung gefunden, und Mander, der Vater, dann mit den Leuten um den
Berglohn sprach, worüber sie aber zu seiner Verwunderung jede
eigentliche Unterhandlung verwarfen und Alles in seinen guten Willen
stellten, wobei sie ihm ihre besten Dienste mit einer Herzlichkeit
gelobten, die für die Aufrichtigkeit ihrer uneigennützigen Gesinnung
sprach, hatte Idalia, mit Hülfe ihres nach einer, wie er sagte,
menschlichen Erquickung begierigen Bruders, das Kästchen mit Apfelsinen
und eine Flasche Wein geöffnet, aus welcher Oswald sogleich ein paar
kräftige Züge that. Darauf schälte sie mit ihren weißen Fingern eine der
süßen Früchte ab, teilte sie mit gewandter Kunsterfahrung in zwei
Hälften und bot Godber mit dem freundlichsten Dank für seine
Aufmerksamkeit die eine Hälfte. Lächelnd schlürfte auch sie dann aus der
Flasche und reichte sie ihm mit der Bitte, den labenden Trunk nicht zu
verschmähen, wenn er auch dadurch mit ihren Lippen mittelbar in
Berührung käme. Des beglückten Jünglings Lippen waren wie festgebannt
auf der Stelle, wo ihr Mund gesogen, und erst Idalias Frage: warum er
nicht daran gedacht habe, lieber ihren Koffer mit ihren Kleidern
mitzubringen? riß ihn aus seiner Begeisterung.

»Ach,« sagte er, »ich möchte Sie nie in einer andern Kleidung sehen, als
in dieser Kleidung meiner Heimat.«

Er errötete selbst vor dem Geständnis, das in diesen Worten lag; Auch
Idalia's Wangen färbten sich höher, und erst nach einer Pause erwiderte
sie mit leiser Stimme, indem sie sich voll Anmut zu ihm neigte:

»Ich werde keine andere mehr tragen, so lange es Dir Freude macht. Aber
Ihr seid auf diesem Eilande, wie ich glaube, Alle mit einander verwandt
oder verschwägert, denn ich habe noch keine andere Anrede gehört, als
das liebe Du. Nimmst Du mich nun als ein Mädchen Deiner Hallig an, warum
denn mir allein das kalte Sie?«

Ueberraschung und Schauer des Entzückens verschlossen Godber den Mund.
Eine Sekunde noch ruhte sein Auge fragend an ihrem Blick; doch der
weiche Anhauch einer tiefern Empfindung lag zu deutlich in diesem
freundlichen Lächeln, in dieser lieblichen Stimme. Er konnte nicht
länger zweifeln an der Erfüllung seiner kühnsten Hoffnungen. Als jetzt
die langen, seidnen Wimpern sich niedersenkten, um gleichsam das Auge zu
strafen, weil es zu viel verkündet, als die enger angezogenen Lippen die
Furcht, mehr zu sagen, und zugleich die Erwartung, wie das Gesagte
aufgenommen würde, anzudeuten schienen, da riß es ihn allmächtig hin zu
ihren Füßen. Sie aber scheute die Nebenstehenden, und schnell besonnen,
obwohl überrascht durch die leidenschaftliche Bewegung des jungen
Mannes, ergriff sie seine Hand, und mit einer leichten Wendung von ihm
führte sie ihn in seine Schranken zurück. Wer aber konnte es dem
Liebetrunkenen wehren, in ihren Händedruck, wie in den Blick, der diesen
begleitete, ein antwortendes: »Dein!« hineinzulegen? Sie rief nun ihren
Vater herbei und forderte ihn auf, an der Labung Teil zu nehmen, mit
welcher Alicante den Strand einer Hallig bedacht.

Wundern wir uns nicht, daß Idalia die volle Gewißheit ihres Sieges über
das Herz des Jünglings, an dem sie schon auf dem Schiffe mit
Wohlgefallen den Eindruck, welchen ihre Reize auf ihn machten, bemerkt
hatte, so schnell und mit einem kaum jungfräulichen Entgegenkommen
herbeiführte. Es lag ganz in ihrem Charakter, an jenem Hangen und Bangen
der ahnenden Liebe keinen Geschmack zu finden. Sie wollte, was sie
wünschte, rasch entschieden sehen, ohne das ihr langweilige Schweben
zwischen Fürchten und Hoffen, und dazu drängte sie noch die
wahrscheinliche Kürze ihres Aufenthalts auf der Hallig, wodurch sie
fürchten mußte, nach wenigen Tagen vielleicht auf immer von Godber
getrennt zu werden, den sie, so weit ihr selbstisches Gemüt lieben
konnte, wirklich liebte! Auch war durch frühzeitige Romanlektüre jenes
zarte, scheue Wesen längst abgestreift, das, gleichwie der weiche,
duftige Schmelz auf dem Farbengewande der Blume, diese Farben mildert
und dadurch verschönt, so den Empfindungen der Jungfrau jenen keuschen
Sinn leiht, der mehr ist, als erlernter Anstand, der eben zu ihrem
eigentümlichsten Sein gehört und ihr den höchsten Reiz giebt, dessen
Nachäffung zur widerlichsten Ziererei wird.

Dieses schöne Erbteil, dieser nie wieder zu gewinnende Dufthauch der
jungfräulichen Weiblichkeit geht wenigstens immer Euren Töchtern
verloren, sorglose Eltern, die Ihr ihnen ohne Ausnahme fast Alles zu
lesen verstattet, was die belletristische Literatur darbietet. Mit Euren
Anstandsregeln, mit Euren Klugheitsvorschriften, mit Euren Ehrbegriffen
könnt Ihr nur übertünchen, nicht jene Weihe der sich ihrer selbst
unbewußten Unschuld wieder neu schaffen, welche das ganze Wesen und Thun
wie mit einem Odem aus reineren himmlischen Gefilden beseelt und in
welcher die Jungfrau an das Wort des Herrn von den Lilien erinnert: »Ich
sage Euch, daß auch Salomon in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet
gewesen, als derselben eine.« Mit dem Verlust dieser Mitgabe für's Leben
ist aber nicht allein jene Lieblichkeit verloren, die durch keine noch
so blendende Schönheit, von keiner noch so glänzenden Bildung ersetzt
werden kann; es ist auch damit zugleich jeder wüsten Leidenschaft ein
freier Eingang geöffnet, wodurch so leicht ein Betragen hervorgerufen
wird, das aller Eurer guten Lehren spottet und Euer graues Haar mit
Schanden in die Grube bringt. Ihr pfleget Eure Blumen und bewahret sie
sorgsam vor dem Nachthauch und dem scharfen Mittagsstrahl, und Eure
Töchter setzet Ihr durch Romanlektüre in eine Welt hinaus, in welcher
die schwüle Stickluft lüsterner Begierden und der helle Brand wilder
Leidenschaften fast allein das bewegende Triebrad sind, und welche um so
gefährlicher ist, weil sie durch ihre reizende Hülle gefällt und der
Phantasie noch immer eine weitere Ausmalung übrig läßt. Die Religion,
die allein noch wehren könnte, ist dabei zu einer Blumenkönigin
umgewandelt, die, mit heitern Kränzen geschmückt, dem frivolen Spiel
freundlich zusieht und nur Liebe, Güte, Milde, Duldung und Nachsicht
atmet.

Das Auge der Jungfrau, wie auch des Weibes, sollte überhaupt weniger
aufgetan sein für den großen Markt der Leidenschaften in der Welt; sie
sollten mehr in harmloser Unbekanntschaft mit dem Irren und Wirren der
Menschheit ein ungetrübtes Gefühl für alles Wahre, Gute und Schöne sich
in einem stillen, frommen Gemüt bewahren, ohne erst, wie der Mann, sich
in scharfem Unterscheiden und Zerlegen zu üben, und im besten Falle mit
langsam verharrschenden Narben aus dem Kampfe zurückzukehren. Ihre ganze
bescheidene Stellung in der Welt, ihre feinere Körperbildung und ihr
ihnen angebornes, zarteres Gefühl, wodurch sie mehr der vor jeder leisen
Berührung erbebenden Sinnpflanze, als dem in Stürmen aufwachsenden Baum
mit harter Rinde zu gleichen bestimmt sind, weisen sie auf ein
Stillleben hin. Dagegen führt, wenn nicht die Wirklichkeit, doch ihre
jetzt gewöhnliche Lektüre sie in ein Gebiet, das ihnen besser
verschlossen geblieben wäre, und sie werden in Lagen versetzt, die, wenn
sie auch nur erträumt sind, dennoch eine glückliche Binde von ihren
Augen nehmen, sie zur Unzufriedenheit mit ihrem Loose führen, und eine
Frucht der Erkenntnis geben, wie die der Eva nach dem Sündenfalle,
wodurch ein Paradies verloren ging.

Fern sei es, bei der Bildung des weiblichen Geschlechts nur an den Herd
und die Wiege zu denken; aber gewiß ist jede Bildung desselben, die den
Herd und die Wiege unleidlich macht, eine verkehrte. Fern sei jene
Oberflächlichkeit, welche nur die Versuche zu schimmern nährt; aber doch
möge ihr Geist mehr an den Resultaten der Wissenschaft reifen, als daß
er in die Tiefen aller Gründe und Beweise sich verliere. Fern sei jenes
Weben und Schweben in bloßen Gefühlen ohne Halt und Kraft; aber doch
gehe das feinfühlende Herz dem überlegenden Verstande voran und merke
das Falsche und Sündliche eher, als jener es durchschaut, habe den
Willen schon dem Wahren, Guten und Schönen zugelenkt, während jener noch
das Für und Wider abzuwägen nicht fertig ist. Und über dieser Bildung
schwebe, sie mit ihrem milden Lichte durchdringend und verklärend, die
Religion als die himmlische Jungfrau, um welche die Ahnung einen
duftigen Rosenschleier webt, dessen geheimnisvoller Zauber nicht zur
Enthüllung entflammt, sondern nur eine heilige Sehnsucht und Liebe
nährt. Nur dem Manne mag, dem Weibe sollte nie die Religion als
Theologie erscheinen, als jene strahlende Königin, die ihres Thrones
Stufen von den Trümmern des Aberglaubens, Unglaubens und der
Zweifelsucht erbaut.




                                  V.


   So güterreich,
   Und doch so arm;
   So künstlich heiß,
   Und doch nicht warm;
   So überfein,
   Und doch so roh;

   Genuß und Spiel,
   Und nimmer froh;
   Nur Glanz und Pracht,
   Kein Morgenrot:
   Fehlt da zum Schluß
   Denn noch der Tod?

Zu den am Strande Versammelten hatte sich nun auch der Pastor Hold
eingefunden, welcher Godber, den er, obwol erst seit einigen Jahren auf
der Hallig angestellt, doch schon aus Maria's Erzählungen kannte,
freundlich begrüßte.

Da das Haus, welches die Fremden zuerst aufgenommen, nicht geräumig
genug war, sie auch ferner zu beherbergen, erboten sich Hold und Andere
der Gemeinde zur gastfreundlichen Aufnahme, wobei aber, aus demselben
Mangel an Raum, eine Trennung vorausgesetzt werden mußte. Als nun Godber
mit dem Vorschlage hervortrat, seine väterliche Wohnung, die ja ganz
unbesetzt sei, mit den notwendigsten Möbeln und Geräten für Alle
einzurichten, wie denn auch sein leerer Schafstall den besten Raum für
die zu bergende Ladung darböte und die Anwesenden auf das
Bereitwilligste ihren Beitrag zu dieser Einrichtung versprachen,
entschied sich Idalia sogleich für die Annahme. Sie sprach unter
fröhlichem Händeklatschen laut ihren Jubel darüber aus, dort als
regierende Hausfrau zu schalten, und malte ihre Phantasie jenes
häusliche Walten ihr zu dem lieblichsten idyllischen Bilde aus. Mander
fand es aber passend, eine ältere und erfahrenere Martha um ihre
Mithülfe zu bitten. So zogen denn Mander und Oswald, Godber und Idalia,
nebst einer bejahrten und verständigen Frau von der Hallig, in Godbers
Wohnung ein und die Andern verfügten sich nach ihren verschiedenen
Häusern, um dort das Notwendigste für die ersten Bedürfnisse der fremden
Familie auszuwählen.

Für diesen Tag war Idalia vollauf beschäftigt, um, so weit es die
Umstände erlaubten und die empfangenen Sachen es zuließen, Alles auf das
Zierlichste und Freundlichste einzurichten. Wol zehnmal mußte hier ein
Stuhl anders angesetzt, dort ein Tisch anderswohin gerückt werden, und
es gehörte der ganze geduldige Gehorsam einer Halligbewohnerin dazu, um
ihrer Gefährtin bei diesen derselben ganz zwecklos scheinenden
Veränderungen nicht den übernommenen Dienst zu verleiden. Godber
lächelte innig vergnügt über diese Geschäftigkeit, und putzte nach
Idalia's einander drängenden Anordnungen an der Reinigung und
Ausschmückung der Stuben mit, als gelte es, die Kajüte des Kapitäns für
den Empfang vornehmer Gäste zu bereiten. Mander selbst freute sich über
dieses früher nie bemerkte Wolgefallen seiner Tochter an solchem
Treiben. Nur Oswald bemerkte spottend, wie gut es sei, daß der
Mittagstisch heute vom Pastorate aus bestellt würde, und verglich seine
Schwester mit dem Vetter Fritz, der, als man ihm bei einem Diesput
vorwarf: »Sie werden ja immer confuser!« rasch antwortete: »Nein, ich
ordne nur meine Gedanken!«

Es möchte hier Zeit sein, einen nähern Blick auf des jungen Mander's
Charakter zu werfen. Zeigte er sich bisher nur als einen jener faden und
ärmlichen Menschen, auf die allein die sinnliche Seite des Lebens
Einfluß hat, und die der Erhebung über die Welt des Genusses nicht fähig
sind, so hat er sich damit nicht so ganz dargestellt, daß unser Urteil
über ihn nun als ausgemachte Wahrheit feststände. Vielmehr, obwol
beinahe zwei Jahre jünger als seine dreiundzwanzigjährige Schwester, war
doch auch sein Benehmen nicht mehr der offene Spiegel seines Herzens,
sondern wie sie Berechnung und Gefühl also verschmolz, daß auch der
erfahrenste Menschenkenner oft schwer hätte unterscheiden können,
wodurch ihr Betragen bestimmt und geleitet wurde, gleichwie ihr selbst
jene Unterscheidung nicht leicht möglich gewesen wäre, so vereinte sich
bei ihm ein Herz, fähig der wärmsten Empfindung für alles wahrhaft Große
und Schöne, mit der fast ausschließlichen Richtung seines Lebens auf das
sinnliche Gefallen und körperliche Behagen. Es war nicht etwa eine blose
Maske, die er vornahm, wenn er sich so aussprach und so handelte, als ob
er nichts Höheres kenne über des Leibes Wolsein und der Sinne Ergötzung
hinaus; nein, er gehörte zu dem Schwarm junger Großstädter, die es
Lebensphilosophie nennen, alle ernster anschlagenden Saiten des Herzens
in den frivolen Ton einer Brust umzustimmen, in welcher nur Gedanken an
Theater, Schmausereien, Trinkgelage, Bälle und Liebschaften Raum haben.
Er war noch zu jung, als daß jene Philosophie, die Ausgeburt eines
gefallenen Geistes, der das Gemälde seiner Erniedrigung übertünchen und
die Stimme des Gewissens übertäuben wollte, dadurch, daß er für seine
Tierheit den Namen System mißbrauchte, in ihm so feste Wurzel gefaßt
haben sollte, um alle Keime des wahren Lebens zu überwuchern und zu
ersticken. Er war aber doch ein zu gelehriger Jünger zu den Füßen dieser
Seelenverkäuferin gewesen, um sich nicht selbst zu überreden, daß er
ganz das sei, wofür er sich gab, um wenigstens nicht vor Andern das
Ansehen behaupten zu können, ein Meister in der Kunst der Erbärmlichkeit
zu sein. Natürlich mußten Stunden im Leben, wie die auf der stürmenden
See, ihm seine Blöße zeigen; aber eben darum bemühte er sich nur desto
mehr, sie aus seinem Gedächtnis zu tilgen und den Eindruck, den in
solchen Momenten die traurige Gestalt seiner sogenannten Weltansicht auf
ihn und Andere gemacht haben könnte, durch eine schnelle Rückkehr in das
alte Geleis zu verwischen, so sehr auch die mahnende Stimme des
gewaltsam erweckten besseren Sinnes gegen ein solches Benehmen sprach.
Daher war auch sein Lachen und Scherzen gleich nach der Errettung aus
dem drohendsten Untergang mehr eine widernatürliche Anspannung seiner
Kräfte gegen sich selbst, als, wie er sich und Andere überreden mochte,
ein Zeugnis seines leichten Sinnes.

Es gehört die Stimme eines Propheten dazu, um die Nachtwandler zu
wecken, die auf dem Pfade fortgehen, den Oswald betreten, diese Damen
und Herren, denen im Besitz und Genuß aller Güter des Lebens nur Eines
fehlt, das Leben selber. Aber nirgends deutlicher als an ihnen zeigt
sich die Wahrheit des Wortes Christi: »wer nicht glaubet, ist schon
gerichtet!« Die ganze fade Armseligkeit ihres Daseins mitten in der
Fülle ist ihr Gericht. Gleich einer Verwünschung wirkt schon die
Zeichnung eines ihrer »himmlischen« Tage auf das Gemüt. Diese
stundenlange Toilette mit allen ihren jämmerlichen Künsten und dabei das
Entzücken über eine wolgelungene Schleife, über die Zier eines
neumodischen Kleides, dieser letzte triumphierende Blick in den Spiegel,
dieser Wonnegedanke, so Bewunderung zu ernten. Nur ein paar Besuche
gegeben oder angenommen, Gespräche in nichtsmeinenden und nichtssagenden
Formeln sich bewegend, oder an der ersten Melone, an der neuesten Oper,
an dem letzten Ball mit einer Zähigkeit haftend, als ob man sich es
bewußt wäre, daß darüber hinaus aller Gedankenvorrat erschöpft sei.
Glücklich, wenn eine Stadtneuigkeit, ein eben herausgekommener Roman,
oder ein Körnchen Medisance, das schnell auf fruchtbarem Boden
fortwuchert, von der Verstandesmarter, unterhaltend zu sein, erlösen und
das Lob eines interessanten Gesprächs auf die Sprecher zurückspiegeln.
Nun die Tafel mit ihren Leckerbissen und feinen Weinen. Eine gute
Gelegenheit, von zarter Constitution, Krieg und Frieden, Hungersnot und
Cholera, Volksaufständen und Militärparaden in demselben Gemenge zu
reden, in welchem die Kunst des Koches vorliegt. Dann das Concert, wo
die schmelzendsten Töne den Weg nicht zum Herzen, sondern nur zu der
zahlenden und klatschenden Hand suchen, oder das Theater, wo Thekla auf
die Geisterstimme des Souffleurs lauscht und der ermordete Wallenstein
auf die Danksagung gegen das hervorrufende Publikum denkt, während
dieses allvergessend von Loge zu Loge kokettirt. Oder der Ball, der, den
Staub einer schwindsüchtigen Gallopade aufwirbelnd, noch das letzte
Fünkchen Leidenschaft in der hohlen Brust anfacht, um das künstlich
erregte Blut mit dem künstlichen Eise wieder zu dämpfen. Und dieses
Leben, dessen schmutzige Orgien, so wol sie sich mit der feinen Glätte
und Zierlichkeit jener Menschen vertragen, wir nicht aufdecken wollen,
sollte nicht mitleidenswert sein? Sollte nicht in seiner Flachheit und
Fadheit eine Jammergestalt darstellen, gegen die der frechste und
roheste Uebertreter aller göttlichen und menschlichen Gesetze noch ein
Mensch ist? Er ist doch noch ein Wesen, das Etwas ist, und darum kann er
auch noch inne werden den Richter der Lebendigen und der Toten und
umkehren von seinem Wege. Auf jener Flachheit gefriert aber der Thau vom
Himmel wie auf dem Spiegel des Eises. In jener Fadheit wird jedes
Mannakorn aus den Wolken zu geschmackloser Spreu. Wo eine Kraft wirken
soll, da muß auch eine Kraft sein, auf die sie wirken kann, sonst geht
ihre Wirkung in leere Winde. Wie soll man aber jene mit Dunst erfüllten
Totengerippe fassen? Sie thun den Mund auf und nennen ihre Dunstblasen
feine Bildung; sie gehen ihren Weg hin und atmen sich ihre
Leichengerüche zu als Nahrung für Geist und Herz. Tritt ihnen das Leben
entgegen, so wenden sie sich verächtlich ab, als hätten sie Moder und
Verwesung gesehen. Ihre Armseligkeit ist ihnen Reichtum, ihre
Erniedrigung Hoheit, ihr Unsinn Weisheit, ihre Verdammnis Seligkeit.

So sind sie, wenn auch für den nur obenhin Schauenden mit lieblicher
Schale doch durch und durch eine faule Frucht, die, abgefallen vom Baume
des Lebens, im Staube liegt, und sich freuet dieses Staubes, ohne
Sehnsucht wieder hinauf zu der grünen, frischen Krone.

Hold mochte, als er später den jungen Mander näher kennen lernte und
sich die eigenen in großstädtischen Kreisen gemachten Erfahrungen
vergegenwärtigte, manches dem hier Ausgesprochenen Aehnliche gedacht
haben. Denn wir finden in einer Handschrift von ihm, der er den etwas
auffallenden Titel: »Gesichte« gegeben hat, und woraus wir vielleicht
noch einige Mitteilungen vorlegen werden, aus jener Zeit unter Anderem
auch folgendes Gesicht:

Ich sah ein kleines Mädchen mit allen Zügen des Hungers auf den bleichen
eingefallenen Wangen und mit der Blöße der tiefsten Armut angetan, am
Wege sitzen. Ihr Alter mochte zehn bis zwölf Jahre sein, aber ihr Körper
war klein und schlaff, wie das kränkelnde Gewächs eines Treibhauses. --
Und ein Weib, reinlich aber ärmlich gekleidet, am Busen einen lächelnden
Säugling und an der Hand einen hüpfenden Knaben. Ein Korb hing an ihrem
Arm. Ihr eilender Schritt stockte an der Seite des Mädchens am Wege; sie
ließ die Hand des Knaben fahren und blickte auf ihren Korb. Aber sie
ging vorüber und schritt über einen Steg auf das Feld zu einem
arbeitenden Manne. Der wischte sich mit dem nervigen Arm den Schweiß von
der Stirne und nahm das schwarze Brod aus dem Korbe, während der Knabe
für ihn die Flasche aus der nahen Quelle füllte. Da sah das Mädchen am
Wege hinüber nach dem Brote, und der Mann brach es in zwei Hälften und
trat hin und gab der Hungrigen die eine Hälfte. Sie dankte ihm mit der
Begierde, mit welcher sie die Gabe an ihren Mund brachte. Da glitt der
Blick des Mannes noch einmal über die ganze Gestalt hin und er legte nun
auch die andere Hälfte des Brotes in ihren Schooß. Das Mädchen vergaß
ihren Hunger und blickte ihm staunend nach, wie er über den Graben
zurückschritt. Sein Weib aber strich mit der Hand über die Augen, als
weinte sie, und wischte dann mit ihrer Schürze sorgsam den Schweiß von
seiner Stirne, und es schien mir auch, daß sie ihn küßte. Da setzte er
sich mit ihr nieder in den Schatten eines Dornbusches, und neben ihnen
stand der leere Korb. Sie aber spielten mit dem lächelnden Säugling.
Eine Karosse fuhr unterdessen vorüber auf dem Wege, und die darinnen
wandten ihre Augen weg von den Menschen zur Rechten, und ich hörte nur
noch den Theaterbericht des Herrn, der zur Linken ritt: Ach! das dumme
Stück: die Waise.

Da dachte ich: »sie sind schon gerichtet!«

Weiter ging ich und sah nur noch, wie der Mann im Felde freundlich
nickte, als ich dem armen Mädchen, schamrot über die geringe Gabe, zwei
Silberstücke gab. Wie viel mehr hatte er gegeben! -- Immer schöner
entfaltete sich die Gegend vor meinem Blicke. Wie ein Garten Gottes lag
sie da, gekleidet in Seiner Schöne, erfüllt mit dem Reichtum Seiner
Herrlichkeit, träufelnd von dem Segen Seiner Güte und duftend in dem
Odem Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schützender Gebirge, deren freie
Gipfel aus der Tannenwaldung sich erhoben, hier das weiche Grün
kräuterreicher Weiden, auf denen die gesättigte Kuh ihre breiten Glieder
in den Klee streckte, während das mutige Roß im geflügelten Lauf seine
Kräfte übte. Tiefer hinab der schlängelnde Strom, dem fremden Segler
nach den Gefahren des Oceans eine willkommene Straße und dem Fischer am
Ufer eine Quelle genügsamen Reichtums. Weiter ging ich, doch nur bis zu
der breitästigen, dichtbelaubten Eiche am grünen Hügel. Da drang es, wie
eine Stimme aus der Höhe überwältigend in mein Herz: »Sehet und
schmecket, wie freundlich der Herr ist!« Mein Fuß hatte in diesem Tempel
Gottes den Altar gefunden, an welchem Keiner vorübergehen kann, ohne ein
Opfer der Bewunderung und des Dankes gegen Den, dessen Werke so groß und
so viel, der sie alle weislich geordnet und die Erde erfüllet mit Seinen
Gütern! Und es dauerte lange, ehe ich, froh und verklärt, wie Einer,
dessen Glaube zum Schauen geworden ist, dem Hause am Fuße des Hügels
mich nahte. Mit seinen roten Ziegeln ragte es weit über die schattenlose
Anpflanzung ausländischer Sträucher hervor, und in seiner Größe
verdeckte es fast ganz das dahinterliegende Dorf. Die Inschrift: »Zum
ländlichen Vergnügen,« prangte in goldenen Buchstaben über der Thür. Auf
dem Vorhofe hielten mehrere Karossen, und reichbordirte Livreebediente
zechten und lärmten auf der nahen Kegelbahn. Die Gäste drinnen aber
vergnügten sich mit lautem Geräusch am Billard, und als ich ein stilles
Nebenzimmer suchte, trafen mich die finstern Blicke gestörter
Kartenspieler. Vor ihrem unfreundlichen Murren flüchtete ich in eine
andere Stube. Hier aber saßen viele Herren und Damen und blätterten in
Journalen und Modezeitungen, bis die Abbildung eines Pariser
Maskenanzuges alle Blicke auf sich zog, und allerlei sehnsüchtige
Ausrufungen und witzige Bemerkungen hervorriefen. Doch störten diese die
eine junge Dame nicht, die selbstgefällig eine Arie aus Fra Diavolo am
Fortepiano mit heller Stimme sang. Wie sie aber aufstand, drängte sich
Alles an sie heran, ihrem entzückenden Gesange und kunstreichen Spiele
zu huldigen.

Da kam mir der Garten Gottes rings um dies »ländliche Vergnügen« her in
den Sinn, und ich dachte: »sie sind schon gerichtet!«

Plötzlich rief eine Stimme aus dem Fenster: »Singe Du uns auch einmal
etwas vor!« und als Alle nun sich dahin wandten, blickte auch ich mit
auf die Straße. Da stand das Mädchen vom Wege. Sie hatte auf den Gesang
gehorcht und wollte sich eben scheu wegschleichen, erschreckt über die
Aufmerksamkeit, die sie erregte. Doch der eine Herr zeigte ihr eine
Silbermünze und befahl ihr zu bleiben und zu singen; während der Reiter,
den ich vom Wege her wieder unter den Gästen erkannte, mit finsteren
Augenbrauen und drohender Stimme ihr zurief: »Pack' Dich, Dirne!« »Nein,
sie soll singen!« forderten die Uebrigen. Der Reiter aber warf einen
Thaler vor sie hin auf die Straße und schrie noch einmal: »Weg mit Dir!«
Da riefen die Andern einen Diener, der ihr den Weg versperren mußte, und
wollten sich den köstlichen Spaß nicht nehmen lassen, den Knittelvers
irgend eines Gassenliedes von den Lippen der zagenden Unschuld zu hören.
»Ich kann nicht singen,« stammelte ängstlich die Kleine. »So sag' uns
ein Lied her, das Du weißt! Eher darfst Du keinen Finger nach dem Thaler
ausstrecken.« Das Mädchen blickte nach dem Gelde, das zu ihren Füßen
lag, dann nach dem Reiter, der sich aber mürrisch vom Fenster weggezogen
hatte, und begann endlich mit zitternder Stimme:

   Wer nur den lieben Gott läßt walten
   Und glaubensvoll -- --

Aber bei dem schallenden Gelächter, das diese Worte hervorriefen,
schreckte das arme Mädchen zusammen; in ihre Wangen schoß die volle Glut
der Scham auf, und wie ein gejagtes Reh floh sie über die Straße hinweg.
Den Thaler nahm der Diener zu sich und eilte der Schenkstube wieder zu.
Die aber drinnen flehten nach diesem Intermezzo bei der Kunstbegabten um
eine Arie aus: Robert der Teufel.

Da dachte ich: »sie sind schon gerichtet!«

Zu eng ward mir es in diesem Hause; und ich wandte meine Schritte auf
die Straße durch's Dorf entlang. In der Nähe einer der letzten Hütten
gellten die scheltenden Worte: »Du Bastard, komm mir nicht wieder unter
die Augen!« und eine alte, erboste Bäurin stieß die Kleine vom Wege aus
ihrer Thür. Die aber setzte sich auf einen Stein und weinte bitterlich.
Ich trat hinzu und suchte sie zu trösten, und fragte dann, ob sie von
ihren Eltern das Lied gelernt, das sie vorhin hatte aufsagen wollen.
»Von meinen Eltern?« und dabei blickte sie mich verwundert an; »die
Mutter schilt nur immer mit mir. Dem blinden Nachbar habe ich es an der
Thür abgehorcht, der singt es alle Abend.« -- »So versprich mir, jeden
Tag einen Vers aus diesem Liede für dich herzusagen, bis Du groß bist.«
Sie gab dieses Versprechen gern und weinte nicht mehr. »Hier ist auch
der Thaler,« fuhr ich fort, »als Lohn für dein Aufsagen am Fenster.« Die
Kleine griff hastig nach dem Gelde. »Dank, Dank!« rief sie, »nun kann
ich der Mutter eine Decke kaufen.« Da erfuhr ich, ihre Mutter sei schwer
erkrankt und sie ausgesandt, die Großmutter im Dorfe um eine warme.
Decke zu bitten. »Nun kann ich eine Decke _kaufen_!« mit diesen Worten
blickte sie halb trotzig nach der Hütte ihrer Großmutter auf, die sie
eben ausgestoßen. Da sah sie die Alte am Fenster und eilte freudig allen
Zwist vergessend auf sie zu, in der hochgeschwungenen Hand ihr den
Thaler entgegen haltend. Und diese Freude, wem galt sie? Der Mutter, die
immer nur schalt! -- »Hör', Kleine!« rief ich ihr nach. Und ich fragte:
»Hast Du nie Deinen Vater gekannt?« Das Mädchen blickte schüchtern um
sich her, als drohe ihr eine Gefahr; dann neigte sie sich näher zu mir
hin und flüsterte leise: »Vater ist reich und vornehm, aber ich darf ihn
nicht Vater nennen;« und noch leiser und mit einer Hastigkeit, als
fürchte sie sich vor ihren eigenen Worten, fügte sie hinzu: »Der war's,
der mir den Thaler zuwarf.«

Da dachte ich: »sie sind schon gerichtet!«




                                 VI.


   Der Geist mag sich im Werk verkünden,
   Das schöpferisch er Dir enthüllt,
   Die Macht kann sich ein Zeugnis gründen,
   Das mit Bewundrung Dich erfüllt.
   Willst Du nach einem Herzen fragen,
   Dem Deine Thräne nicht zu klein:
   Da muß das Herz an Deinem schlagen,
   Muß mit Dir dulden, mit Dir tragen,
   Da muß Dein Gott Dir Christus sein.

Am Nachmittag nach eingetretener Ebbe begannen die Versuche zur Bergung
der Güter aus dem Schiffe, wobei Mander und Oswald mit beschäftigt
waren, Godber aber nicht, indem Idalia rund heraus erklärte, daß sie
seine Hülfe nicht entbehren könne, wenn die Herren eine ruhige Nacht
wünschten.

Hold war zu Maria's Wohnung gegangen, um ihr seinen Glückwunsch zu der
Wiederkehr ihres Verlobten zu bringen. Wie ganz anders traf er es da,
als er erwartet hatte. Maria in Thränen schwimmend, ihre Mutter
ängstlich um sie her trippelnd, und bald schmeichelnd tröstend, bald
eifrig darein redend von Unverstand und Wunderlichkeit.

»Gott Lob!« rief diese, als sie Hold erblickte, »Gott Lob! Herr Pastor,
daß Sie kommen! Ich weiß nichts mehr mit dem Mädchen anzufangen. Da
kommt sie diesen Morgen, deckenhoch springend, vor mein Bett gejubelt:
Godber ist da! daß ich alte Frau noch den Schreck in allen Gliedern
fühle, und nun sitzt sie, seit ich vom Strande zurückgekommen bin, bis
jetzt laut weinend und schluchzend auf diesem Flecke, weil sie sich
einbildet, die fremde Stadtdame, die wunderlich genug aussieht in
unserer Tracht, habe mit ihren langen Locken ihm den Kopf verrückt. Als
ob so ein schiffbrüchiges Milchgesicht das hübscheste und fleißigste
Mädchen in der ganzen Hallig so mir nichts dir nichts bei ihrem
Verlobten ausstechen könnte.«

Und nun erzählte sie, immer dazwischen wieder sich zu der jammernden
Maria wendend, Alles was sie von der Armen nach und nach, obwohl ohne
rechten Zusammenhang, erforscht hatte, und das freilich in ihrem Munde
und mit den mildernden Deutungen, die sie dem Benehmen Godber's
unterlegte, nicht geeignet war, den Pastor von der Untreue desselben zu
überzeugen. Doch war er auch zu sehr davon überrascht und ergriffen, ein
Herz trostbedürftig zu finden, dessen Jubel er zu einem freudigen
Dankgebet hatte leiten wollen, als daß er nicht mit mehr Ernst, denn
sonst wohl, in Maria's Vorstellungen eingegangen wäre. Er glaubte
zugleich zu ihrer Beruhigung besser wirken zu können, wenn er ihrem
aufgeregten Gefühle keinen Widerspruch entgegensetzte, und sagte daher:

»Wir wollen einmal annehmen, liebe Maria, daß Deine Liebe zu Godber
nicht _mehr_ in seinem Betragen erblickte, als darin lag, daß die
natürliche Teilnahme, die er für die durch ihn Gerettete haben muß,
weiter geht, als Du wünschen kannst, wird er nicht, wenn der erste
lebhafte Eindruck vorüber ist, zu der Treue zurückkehren, die er Dir
gelobte? Wird er nicht bald sein Herz wiederfinden, das, wie Du aus
seinen Briefen weißt, neun Jahre in der Ferne nur allein für Dich
schlug, obwohl ihm gewiß schon manche reizendere Gestalt als diese
Fremde entgegentrat?«

Maria schüttelte schweigend den Kopf.

»Wenn auch,« fuhr Hold fort, »in diesem Augenblick die Zuneigung der
jungen Stadtdame für Godber vielleicht über die Grenzen der Freundschaft
und Dankbarkeit hinausgeht, ist damit schon eine ernsthafte Liebe gewiß?
Willst Du von ihr verlangen, daß sie, aus der drohendsten Todesgefahr
durch ihn gerettet, sogleich ihre Gefühle auf das Maß beschränke, das
sie in der Zukunft bewahren müssen und werden? Diese lockende Sprache
und dies verführerische Benehmen, wodurch sie Dir jetzt so viel Weh
bereitet, werden sich früh genug zu einem freundlichen Dank, zu einer
besonnenen Berücksichtigung der Verhältnisse zurecht finden, und Godber
wird, vorausgesetzt, daß Du sein Betragen an diesem Morgen recht
beurteilst, gar bald sich als das thörichte Gängelkind einer flüchtigen
Aufregung erkennen.«

Maria antwortete noch immer nicht.

»Aber was reden wir weiter davon,« schloß des Tröstenden Zuspruch; »ist
denn Dein Glaube an Godber's Liebe nicht fester, als daß ein Augenblick
ihn erschüttern kann? Ist Euer Bund nicht geschlossen unter dem
Aufschauen auf Den, der die Herzen der Menschen lenket wie Wasserbäche?
Und sollte der Gott, der ihn nach neun Jahren aus jeglicher Gefahr zu
Dir heimgeführt, nun nicht auch ferner wachen, fördern und helfen zu
einem glücklichen Ende? Gieb Deine Zukunft hin in des Herrn Hand; Er
wird's wohl machen nach Seinem weisen und gütigen Rat und Willen!
Befiehl Ihm Deine Wege. Er ließ noch Keinen ohne Trost und Hoffen, der
ihm vertraute.«

»Amen!« sagte die Mutter, die ihre Hände andächtig gefaltet hatte; aber
Maria konnte nicht Amen sagen, und schluchzte nur noch lauter, bis sie
in die Worte ausbrach: »Er hat mein Gebet verworfen und mein Vertrauen
nicht angesehen!«

»Kind, frevle nicht!« rief die Mutter ängstlich, und: »Gott behalt' ihr
die Sünde nicht!« flehte sie mit emporgehobenen Händen, indem die
Thränen ihr von den gefurchten Wangen perlten.

Hold sah zu seinem Erstaunen, zu welcher Leidenschaftlichkeit plötzlich
Maria's Liebe gestiegen sei, die während der langen Trennung und bei
Godber's gefahrvollem Leben auf der See so ruhig geblieben war. --
Fließt denn nicht auch der kleine Bach der Flur, wie unter des Himmels
Stürmen, so im Sonnenschein, gleich ruhig dahin? Von einem rauhen Stein,
in seine Bahn geworfen, aber schäumt er heftig auf. -- Es konnte hier
nicht mehr die Rede davon sein, ob ihre Ansicht falsch oder wahr sei;
sondern eine rasche und starke Hülfe that ihrer Seele not. Er faßte
daher Maria's herabgesunkene Rechte und sprach in einem ernsten und
ruhigen, aber eindringlichen Tone:

»Wehe den Herzen, die an Gott verzagen, und den Händen, die nicht
festhalten! Wir aber schauen auf Jesum Christ, den Anfänger und
Vollender des Glaubens. Er kam, den Frieden zu bringen auf Erden. Er
hatte nicht, wo er Sein Haupt hinlegte. Er wurde von Seinen Feinden
geschmäht, von Seinen Freunden verraten. Er weinte blutige Thränen auf
Gethsemane, trug die wundenvolle Dornenkrone und war gehorsam bis zum
Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Er hat's vollbracht! Zu Ihm kommen die
Mühseligen und Beladenen und empfangen den Frieden, Seinen Frieden. Was
wollen wir weinen und klagen in unserm Leid beim Gedächtnis Seiner
Leiden für uns? Was wollen wir weinen und klagen um unser kurzes,
vergängliches, irdisches Teil? Haben wir denn nicht mehr empfangen, als
die Welt uns nehmen kann? Haben wir nicht Teil an Seinen Segnungen und
in diesen den Reichtum der Gottseligkeit, die zu allen Dingen nütze ist
und die Verheißung hat _dieses_ und des zukünftigen Lebens? Ich aber
hebe meine Augen hinweg von der Welt auf zu der Höhe und frage: was ist
der Mensch, o Gott, daß er mehr erbitte, als Deinen Willen, mehr
begehre, als Deine Liebe, die sichtbarlich geworden ist auf Erden, und,
selbst mit dem bittersten Leid getränkt, freundlich naht dem Herzen voll
Gram und spricht: »Sieh mich an und weine nicht! Der Himmel ist Dir
offen!« Die aber der Welt Unruhe und Kümmernis scheidet von Christo und
Seiner Liebe, die kreuzigen Ihn auf's Neue und verderben sich selber.
Darum gieb Ihm Dein Herz und bewahre Ihm Deine Treue; und die Stunde in
die Du gekommen bist, wird Dich nicht überwinden, sondern durch den
Schmerz der irdischen Liebe Deine Liebe zu dem Heiland nur geläutert,
erhoben und verkläret werden. Die mit Thränen säen, werden in Freuden
ernten!«

Und nun Maria's Hand in seiner gefalteten erhebend, während sie lautlos
in die Knie sank, rief er:

»Herr Gott! Vater alles Dessen, was Kind heißt im Himmel und auf Erden,
hier ist Deine Magd. Dein Wille geschehe! Amen.«

Maria betete die letzten Worte leise und mit bebender Stimme nach. Ihre
Thränen flossen linder, ihr Blut wallte ruhiger. Da stand sie auf, und
das Auge, in welchem noch die letzte Zähre schwamm, nach Oben richtend,
die Hände über die Brust faltend, hochatmend wie von einem langen Druck
befreit, sprach sie noch einmal lauter und mit festerem Tone:

»Hier ist Deine Magd! Dein Wille geschehe!« Nun gab sie voll Zuversicht
ihrer Mutter das Versprechen, Alles mit Geduld und Stille in des Herrn
Hand zu stellen und nur für sie zu leben, und ihr nur Freude zu machen
in den Tagen ihres Alters.

Als Hold sich entfernte, dankten ihm weder Maria noch die Mutter für
seine Tröstung anders als mit einem Blick voll Herzlichkeit. Sie waren
es ja gewohnt, die Prediger auf den Halligen immer als Teilnehmer
solcher Stunden zu sehen und den Segen des geistlichen Amtes an sich zu
erfahren. Die Mutter, unter einem Vorwande Maria von der Begleitung
zurückhaltend, bat noch den Pastor unter der Thür, doch bei Gelegenheit
ein ernstes Wörtchen mit Godber zu reden, was er schon ohnedies sich
vorgenommen.

Auf dem Heimwege dachte Hold darüber nach, warum die Hinweisung auf
Christum augenscheinlich so mächtig auf die Bekümmerte gewirkt. Er
glaubte diesen beruhigenden Einfluß nicht allein daraus ableiten zu
müssen, daß das Gedächtnis des Herrn in ein höheres Reich einführe, in
welchem die weltlichen Freuden und Leiden nur als Schatten und Träume
erscheinen, sondern auch darin finden zu dürfen, daß der Friedefürst und
Ueberwinder der Welt uns nicht ohne Sein Kreuz und Seine Dornenkrone
erscheint.

Der Mensch will schauen, nicht etwa allein der, welcher den Glauben als
eine Entwürdigung der Vernunft verwirft, sondern auch der, welcher ein
kindlich gehorsames Herz sich bewahrte für das Wort des ewigen Vaters.
Bei diesem ist dies Verlangen das allgemeine Bedürfnis der schwachen
Natur des Staubes, die auch da, und vielleicht da am dringendsten, eine
Ansprache an die Sinne fordert, wo es darauf ankommt, sich aus deren
Bereich zu erheben, wie der Adler, der zur Sonne aufstrebt, in der
niedern Luftschicht seinen Flügeln allein die Schwungkraft geben kann,
mit der sie ihn in ruhiger Schwebung emportragen. Ein Glaube, der nicht
von dem: »Wer mich siehet, der siehet den Vater« ausgehet, wird der
Vermittelung ermangeln, wodurch zu dem ewigen, einigen Geist ein Geist
sich aufringt, für den das Leibliche nicht blos Behausung ist, sondern
zu dessen eigentümlichem Wesen und Sein es gehört, so daß er, wenn auch
diese Erdenhülle bricht, doch wieder in einen, wenn auch verklärten Leib
gekleidet wird. Mag auch das allgemeine Gefühl der Andacht den Menschen
hinauftragen zu den himmlischen Höhen, und, den blöden Sinn
überwältigend, ihn an das Vaterherz Gottes legen mit solcher Innigkeit
und Zuversicht, als ob der Glaube zum Schauen geworden wäre, so verliert
er sich doch auch wieder leicht in den Tiefen der Gottheit, ohne eine
feste Ruhestätte gefunden zu haben, und die Frucht seiner Andacht geht
ihm verloren in einem unbestimmten Verschwimmen seiner Gedanken und
Gefühle. Besonders aber wird es ihm schwer, in Leiden einen dauernden
gewissen Trost von dort her zu nehmen, wo kein Leid ist, wo er für die
schmerzlichen Gefühle, die ihn bewegen, keinen Anknüpfungspunkt findet
und daher oft so vergeblich ringt, das eine Ende seiner Gedanken, womit
er an den Schmerz gebunden ist, fahren zu lassen und das andere Ende zu
ergreifen, woran er auf der Himmelsleiter sich emporschwingen soll. In
Christo sind diese Enden verknüpft. In Ihm sieht der Leidende den
friedvollen Himmel und die schmerzensreiche Erde vereint. Er sieht
seiner eigenen Herzenswunden blutige Gestalt und zugleich mit demselben
Blick den Sieg, der die Welt überwindet, den Frieden, der vom Himmel
stammt und zum Himmel führt. So ist ihm an Christi Hand die Bahn zum
Vater geebnet. Sie ist kein plötzlicher Aufschwung mehr über den Abgrund
seines Kummers hinweg, sondern ein allmäliger Uebergang aus den Dornen
in der Tiefe zu den Friedenspalmen auf der Höhe. Er trägt, indem er mit
dem leidenden Heilande aufsteigt, gleichsam seine eignen Leiden mit
hinauf und fühlt darum die heilende Hand näher und gewisser. Auch in
diesem Sinne ist es wahr: »Niemand kommt zum Vater, denn durch den
Sohn!«

   Heiland, Deine bangen Schmerzen
   Auf der dornenvollen Bahn
   Lassen jedem wunden Herzen,
   Ein vertrauter Freund, Dich nahn!

   Heiland, Deine Siegesfreuden
   In der Schmach und in der Pein,
   Leuchten auf den Quell der Leiden
   Mit des Himmels Wiederschein.

   Tau aus ew'gem Lichtgebiete,
   Zähren, wie die Erde weint:
   Perlen, ihr an einer Blüte,
   Trank in einem Kelch vereint;

   Abgrund, den die Nacht geboren,
   Kreuz, voll Marter und voll Hohn:
   Zur Verherrlichung erkoren,
   Lebenswiege, Friedensthron!

   Ja, die Scheidung ist gefallen,
   Und verklärt der Erde Leid.
   Aufwärts darf der Seufzer wallen,
   Gilt er auch dem Traum der Zeit.

   Fand mein Schicksal andre Gleise?
   Welche Wandlung ist gescheh'n?
   Sieh', der Freund entführte leise
   Hin mich, wo die Palmen weh'n.




                                 VII.


   Wie sich Licht und Schatten wende
   Wechselnd in der Völker Loos,
   Knechtschaft zieht die Freiheit groß,
   Unrecht schlägt die eignen Hände.

Als Hold in seine Wohnung zurückkehrte, fand er Mander und Oswald dort
vor. Sie waren gekommen, teils um zu danken für die bewiesene Fürsorge,
teils um zu sehen, ob für ihren Aufenthalt auf der Hallig die
Annehmlichkeit eines gebildeten Umgangs wenigstens in einer Familie
ihnen nicht ganz fehlen würde. Ihre Erwartungen waren freilich geringe,
und das Aeußere und Innere einer Wohnung, gegen welche das Haus des
Gärtners auf ihrem ländlichen Ruhesitze bei Hamburg ein Palast war,
diente nicht dazu, ihre Erwartungen höher zu spannen. Einfachheit und
Beschränktheit schienen hier die genügsamen Schaffnerinnen gewesen zu
sein. Reinlichkeit mußte den Glanz, Nettigkeit die Schönheit, gefällige
Anordnung die Fülle ersetzen; und der Anzug der Pastorin wie ihrer
Kleinen trug die Spuren der wirtschaftlichen Nadel, die den abgetragenen
Stoff so lange als möglich benutzen lehrt und ihm immer neue, wenn auch
kleidsame, doch wenig modische Formen verleiht. Uebrigens blühten Mutter
und Tochter in der Fülle der Gesundheit: und der Eindruck, den das
herzliche Willkommen der Pastorin auf die Fremden machte, wurde nicht
allein durch die angenehmen Züge ihres Gesichtes und ihre gefällige
Gestalt, sondern auch durch ihr ungezwungenes, einen frühereren Umgang
in höheren Kreisen verratendes Wesen erhöht. Oswald ward dadurch ganz
irre gemacht, da er nicht wenig darauf gerechnet hatte, durch gewandte
Verdeckung der gewiß erwarteten Verstöße und durch freundliche
Herablassung zu den beschränkten Vorstellungen und trivialen
Lieblingsgesprächen einer Familie, deren Gesichtskreis, wie er
voraussetzte, sehr eng sei, hier großes Lob zu ernten, nun aber bald
merkte, daß es für ihn nur darauf ankomme, mit gleicher Leichtigkeit den
rechten Umgangston für eine unter solchen eigentümlichen Umständen
gemachte Bekanntschaft zu treffen. Auch Mander, der feingebildete
Weltmann, der ein solches Benehmen zu beurteilen und zu schätzen wußte,
fand sich davon nicht wenig überrascht bei der ebenfalls von ihm
vorgefaßten Aussicht, auf unbeholfene Verlegenheit oder überlästige
Höflichkeit zu stoßen. Nach den ersten Begrüßungen suchte er daher mit
geschickter Wendung eine Gelegenheit zu der Frage an die Pastorin, ob
sie sich in dieser ihrer Lage wohl glücklich fühlen könne?

»Das ist eine Gewissensfrage,« erwiderte sie lächelnd. »Wir Frauen
hängen einerseits mehr als die Männer von äußeren Eindrücken ab. Die
Stätte, die uns groß gezogen, die Gespielinnen der Jugend, die Kreise
des geselligen Lebens, in denen wir uns freuten mit den Fröhlichen und
weinten mit den Weinenden, die Gewohnheiten, die Formen einer frühern
Zeit bleiben treuer in unserm Gedächtnisse und behaupten länger ihren
Einfluß auf unsere Neigungen, Wünsche und Hoffnungen, als es bei dem
Manne der Fall sein wird, dem sein Beruf und sein Amt seine Welt ist, in
die er sich mit allem seinen Denken, Wollen und Thun hineinversetzt,
wodurch die Erinnerung an das Vergangene geschwächt und der Traum von
den zukünftigen Tagen weniger lebhaft unterhalten wird.«

»So möchte Ihnen denn Ihre Stellung hier weniger gefallen, als ihrem
Gatten?«

»Ich habe,« sprach sie, »nur von einer Kammer gleichsam des weiblichen
Herzens gesprochen, die andere wird mehr für meine Zufriedenheit reden.
Unser demütiges, zweites Geschlecht ist ja an den Herrn der Schöpfung,
wie der Mann sich selbst nennt, gewiesen. An ihn schließen wir uns an,
ihm folgen wir; und Vater und Mutter soll ja das Weib verlassen und
ihrem Manne anhangen. Warum denn nicht auch eben so leicht ihm ihre
lieben Gewohnheiten, ihre bisherigen Neigungen opfern? Und wie von
selbst giebt sich das an der Seite des guten geliebten Gatten.
Vergangenheit und Zukunft verbleichen vor dem Rosenschimmer der
Gegenwart, wenn dieser auch nicht über die vier Wände des Hauses
hinausreicht, wenn dieser auch nur aus dem Auge des Gatten mir strahlt
und nicht aus der Umgebung. Er findet doch den Eingang in das offene
Herz und übt seinen verklärenden Zauber auf alle Dinge um sie her. Das
häusliche Glück überwindet auch selbst eine Hallig mit allen ihren
Entbehrungen.«

»Aber unbegreiflich ist es mir,« sagte Oswald, »wie der Pastor sich hier
wohl fühlen kann, da er ja doch in seinen Studienjahren ein reich
bewegtes Leben hat kennen lernen müssen?«

»Nicht allein seine Studienjahre hat er zum Teil in Deutschland
zugebracht und sie zu Reisen in den schönsten Strecken unseres großen
Vaterlandes und der Schweiz mitbenutzt, sondern auch seine Kindheit und
erste Jugend verlebte er im Genusse alles dessen, was großstädtischer
Verkehr und großstädtische Sitte Angenehmes haben.«

»So werden gelehrte Untersuchungen es ihn vergessen machen, was er jetzt
entbehren muß?« bemerkte Mander, der unterdessen einen Blick auf das
kleine Bücherrepositorium geworfen hatte.

»Sie meinen,« lächelte die Pastorin, »weil Ihnen da die Titel arabischer
und persischer Bücher entgegenblitzen. Nein, das ist noch aus jener Zeit
her, in welcher, wie Hold sagt, der altertümliche Reifrock der seligen
Großmama oft eben so viel Anziehungskraft hat, als der duftende
Blumenkranz der lebensfrohen Enkelin; oder die herbe und trockene
Frucht, die aus der Ferne und Fremde kommt, lieblicher mundet, als die
frische Pflaume aus dem Garten der Heimat. Jetzt muß ich bei vielen
dieser Bücher dafür sorgen, daß der Staub nicht ihre goldenen Titel
bedecke; nur wenige erfreuen sich noch des Immergrüns der jungen Liebe.«

»Natürlich müssen die einzelnen Lieblingsstudien,« sagte Mander, »bei
dem gebildeten Manne vor dem Interesse für die großen, neuen
Fortschritte der Wissenschaft zurücktreten; und so wenig ich auch mit
der theologischen Literatur bekannt bin, so weiß ich doch, daß der
Theologe, der eine übersichtliche Kenntnis des allgemeinen Ganges seiner
Wissenschaft sich bewahren will, schon hinreichend mit Lectüre versorgt
ist.«

»Wenn es dem Halligprediger nur vergönnt wäre,« entgegnete die Pastorin
mit einer Stimme, deren Schwanken die Furcht verriet, mehr zu sagen, als
vor fremde Ohren gehörte, »etwas für die Befriedigung des
wissenschaftlichen Bedürfnisses aufzuwenden. Hold beklagt dies oft und
meinte noch neulich, daß die Vierteljahrsgage eines der geringsten
Opernsänger oder Ballettänzer ausreichen würde, um den vom Weltverkehr
und vom Büchermarkt ausgeschlossenen Geistlichen der Hallig die
Schriften und Journale in die Hände zu geben, welche sie vor Lücken in
der Kenntnis des Standes ihrer Wissenschaft bewahren könnten. Dazu kommt
der tägliche Schulunterricht, der sich bei der geringen Bildungsstufe
der Halligbewohner und der gänzlich fehlenden Mithülfe der Eltern fast
nur auf die ersten Anfangsgründe beschränkt.«

»Wie!« riefen Mander und Oswald erstaunt, »der Geistliche ist
verurteilt, das ABC zu lehren und Buchstaben vorzumalen?«

»Wenn sie dies Verurteilung nennen wollen, habe ich nichts dagegen. Mir
thut es auch oft in der Seele weh, wenn ich im Nebenzimmer das eintönige
Buchstabieren anhöre und dabei einen Blick auf diese Bücher werfe. Aber
Hold weiß sich ganz darein zu fügen und geht eben so munter in die
Schulstube hinein, wie er aus derselben zurückkehrt. Auf allen Halligen
ist übrigens der Schuldienst mit dem Pastorat verbunden.«

»Aber ich würde mir einen Gehülfen halten,« sagte Oswald etwas
unbedachtsam.

»Dieselbe Ursache,« erwiderte die Pastorin, indem sie die Augen senkte
und leise errötete, »welche jene Verbindung nötig macht, erspart uns
auch den Gedanken an einen Gehülfen für die Schule.«

Die Pastorin wurde durch die Ankunft ihres Mannes aus dieser
Unterhaltung befreit, die für sie etwas peinlich geworden war, da Frauen
überhaupt noch weniger als Männer dazu geeignet sind, die beschränkte
Lage des Hauswesens vor Fremden aufzudecken, und gern, so lange als
möglich, einen gewissen Schein zu bewahren streben.

Hold trat den Fremden mit freundlicher Offenheit entgegen und wußte
ihren Dank für Das, was auch er für ihre gastliche Aufnahme auf der
Hallig gethan, sogleich mit den Worten abzuwenden: wie er ihnen vielmehr
danken müßte, daß sie hierher gekommen seien, ihm ein Bischen von der
Welt draußen zu erzählen.

Während nun die Hausfrau den Thee mit den Butterschnitten von
Schwarzbrod bereitete, das Einzige, was der Halligbewohner in solchen
Fällen für seine Gäste hat, und was er den größten Teil der Woche
hindurch selbst als Mittagessen mit seiner Familie nur genießt, hatten
die Männer im raschen Laufe des Gesprächs schon fast die ganze Erde
umflogen, hatten die wirren Bahnen der Politik durchwandelt, sich auf
den luftigen Höhen der Weltansichten bewegt und waren in die Tiefen der
Wissenschaft hinabgetaucht. Aber nirgends fanden sie sich in
Uebereinstimmung mit einander; nirgends gelang es ihnen, die
verschiedenen Noten, die jeder anschlug, zu einer melodischen Harmonie
zu verschmelzen. Wollte Oswald die aufgestellten Fragen leicht
abfertigen, so zeigten ihm Mander und Hold den schweren Ernst derselben
und den entscheidenden Einfluß einer richtigen Beantwortung auf das Wol
und Wehe der Menschheit. Wollte Mander den Scharfsinn des menschlichen
Geistes in der seither versuchten Lösung dieser Lebensfragen bewundern,
dann schob ihm Hold die Erfahrung entgegen, wie wenig jene Lösung
gefruchtet.

Da aber jetzt die Politik das Gebiet ist, wie es in früheren Zeiten oft
die Theologie war, auf welchem sich die Geister am liebsten tummeln, der
Gemeinplatz, der fast keinem ganz fremd ist, der die verschiedensten
Stände und Stämme mit gleichem Spruchrecht um das Beratungsfeuer sammelt
und zugleich für den feineren Beobachter das Tinggericht, wo Vieler
Herzen offenbar werden und sich unter einander erkennen auch über den
Zeitungs-Krieg und Frieden hinaus, so fanden sich unsere Freunde auch
immer wieder zu derselben zurück.

Hold sagte, als er dies bemerkte:

»Es ist immer eine ärmliche Zeit, die keinen über die nächste Wand
hinausgehenden, Allen gemeinsamen Stoff zur Unterhaltung hat; sie brütet
einen widerlichen Kastengeist, ein kleinliches Mein- und Dein-Leben,
eine jämmerliche Nützlichkeitsprosa aus. Ueber dem täglichen Verkehr,
über dem Dichten und Trachten für die Duodezwelt, die für Jeden eine
andere ist, muß ein Reich aufgethan sein, das Alle zuläßt, ohne nach Paß
und sonstiger Berechtigung zu fragen, das ihren Gedanken einen weiten
Raum giebt, ihre Empfindungen an Vieler Wol und Wehe groß zieht. Aus
diesem Grunde will ich die jetzt so allgemeinen politischen
Unterhaltungen, in die auch wir stets wieder unwillkürlich
hineingeraten, nicht ganz als bloßen Zeitvertreib verwerfen; obwol die
Politik selbst, wie sie als Wissenschaft gelehrt und von den Staaten
gegen einander geübt wird, mir die verächtlichste Mißgeburt ist, die ich
kenne.«

»Wie!« rief Mander voll Erstaunen, »müssen Sie nicht den Staatsmann
achten, der in seinem Geiste das Schicksal der Völker und Länder abwägt;
der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu kombinieren weiß und
mit einem Federstrich oft mehr ausrichtet, als die sieghaftesten Armeen;
der das Staatsschiff durch alle Klippen hindurch in den schwersten
Stürmen steuert und auf tausend Umwegen glücklich an's Ziel führt?«

»Meinethalben mag seine Klugheit bewundernswert sein,« entgegnete Hold;
»aber sehe ich, daß seine Winkelzüge eben erst die Stürme hervorgerufen
haben und die Klippen entstehen ließen; sehe ich, wie er eine Grube zu
seinen Füßen gräbt, während er sich selbstgefällig seiner Voraussicht in
die Zukunft rühmet; sehe ich, wie er mit Treu und Glauben, mit der
Heiligkeit der Verträge, mit den Gesetzen des Rechtes, wie mit Schalen
spielt, die man wegwirft, wenn der saftreiche Kern ausgesogen ist und
auch wol bei Gelegenheit einmal wieder aufnimmt, um den letzten Tropfen
Oel noch herauszupressen; wenn er das eine Knie beugt, um mit vollem
Munde Gott und alle Heiligen für sein gutes Recht und um Bestrafung des
Treubruchs anzuflehen, während er den andern Fuß aufhebt, um die
Gerechtigkeit in den Staub zu treten, dann widert mich der Staatsmann,
oder vielmehr die Politik, die er repräsentirt, als die große
babylonische Buhlerin unserer Zeit an, die sich am Verderben der Völker
sättiget.«

»Sie wollen doch wol nicht die Gesetze der gewöhnlichen Moral, die im
häuslichen und bürgerlichen Leben ihre gute Geltung haben, auch auf die
Leitung des Geschicks der Völker übertragen?«

»Ja wol will ich das,« erwiderte Hold mit großem Eifer. »Gerechtigkeit
und Treue sind kein Menschenfündlein, an dem gedreht und gedeutelt
werden darf. Sie sind Gebote des lebendigen Gottes, der die Welten
lenket mit Rat und Weisheit und die Völker des Erdkreises richtet mit
Gerechtigkeit. Der Gedanke, weil ich auf diesem Staubkörnlein Erde die
Miniaturgeschichte eines Pünktchens übersehe und ein paar Sekunden lang
sie weiter führen soll, darum bin ich erhaben über das Gesetz des
Schöpfers und ewigen Regierers des Himmels und der Erden, dieser Gedanke
ist so mitleidswert armselig, daß man ihn nur belächeln könnte, wenn er
nicht zugleich so verächtlich wäre. Wahrlich, so lange das Gesetz Gottes
als allein bestimmende Richtschnur noch keine Stätte gefunden hat in der
kalten Brust der Leiter unserer Staatenmaschine, so lange bleibt diese
ein Räderwerk, das von Blut und Thränen träuft, und das, in wilder
Unordnung bald vorwärts, bald rückwärts gehend, den Baumeistern nur
Schande macht. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Was ist denn
Europa? Ein ewiger Tummelplatz des eisernen Würfelspiels, ein immer neu
geöffneter Kirchhof hingemordeter Millionen. Dabei jeder einzelne Staat
eine Schuldbank, die nur von neuen Gläubigern vor dem Einsturz bewahrt
wird. Ueberall ein Beben und Schweben der Völker und ihrer Hirten in der
Furcht, daß die eben glücklich zum Stillstand gebrachte Maschine wieder
losrädere; und um diesen ängstlichen Stillstand zu erhalten, müssen
große stehende Heere schlagfertig bleiben auch im gerühmten Frieden, dem
Meisterstück der Diplomatie.«

»Sie werden diesen Zustand nicht den Staatsmännern zur Last legen.«

»Keineswegs; wohl aber der falschen, zweideutigen, rechtlosen Göttin,
der sie huldigen. Können Sie sich denken, daß der Zustand Europa's
schlimmer wäre, wenn die Diplomatiker, anstatt in ihr System die
Hintansetzung der Moral aufzunehmen, in allen Beziehungen der Staaten
gegen einander die Gesetze derselben als höchste Norm befolgt hätten?«

»Aber das politische Gleichgewicht soll doch bewahrt werden,« erinnerte
Oswald. »Ein vorherrschender Staat würde Einseitigkeit in die
Intelligenz der Völker bringen, würde die freie Entwicklung der
Nationaleigentümlichkeit hemmen, würde die andern Herrscher zu Sklaven
eines allmächtigen Willens herabwürdigen. Und alle Politik geht doch am
Ende nur auf die Erhaltung jenes Gleichgewichts unter den Völkern.«

»Was die Völker betrifft, so wissen sie aus der Geschichte, daß jedes
Uebergewicht eines Staates, das seinen Grund in der Ausdehnung über die
natürlichen Grenzen hinaus hat, auch ohne die Gegenwirkung der Politik
seinem Falle nahe ist, eben gerade durch die falsche Politik, die zu
solcher Ausdehnung verführte. Sie wissen, daß dies gerühmte, mit so viel
tausend Aufopferungen von ihrer Seite immer neu zu erkämpfende
Gleichgewicht doch stets ein eingebildetes bleibt, und im besten Falle
nur ein sehr schwankendes Gleichgewicht der größern Staaten gegen
einander ist, während die kleineren, wie ein Rohr, von jeglichem Winde
bewegt, bald in diese, bald in jene Schale sich neigen, und gar oft zur
Wiederherstellung der Balance jener diplomatischen Waagschale sich
zerstückeln lassen müssen. Dies wissen auch die Fürsten dieser Staaten
und zögen gern sich und ihre Länder aus jenem Conflict heraus, in
welchem das Recht des Stärkern allein gilt, und der heiligste Vertrag
nur dann geehrt wird, wenn ihn ein paarmal hunderttausend Bajonette
aufrecht halten. Jenes Gleichgewicht würde aber auch nie solche
Störungen erlitten haben, wenn eben nicht dem einzelnen Störenfried die
diplomatischen Fechterstreiche seiner Gegner seine Unternehmungen so
sehr erleichterten. Ist ein glücklicher Gegenkampf gegen einen solchen
begonnen, dann tritt sogleich die Politik mit ihrem scheelsüchtigen Auge
hinzu und deutet mit der weitsichtigsten Klugheit darauf hin, wie leicht
der eine Mitstreiter durch den gemeinsamen Sieg zuviel gewinnen könne,
und öffnet das Auge für das, was so nahe liegt, für das durch solches
Mißtrauen dem zu bekämpfenden Gegner gegebene Uebergewicht nicht eher,
als bis es zu spät ist. Ist das nicht die Geschichte fast aller
Gleichgewichtskriege des letzten Jahrhunderts?«

»Ich darf Sie zu ihrer Widerlegung nur an den Befreiungskampf gegen
Napoleon erinnern,« rief Oswald, »in welchem auch mein Vater
mitgestritten hat.«

»Gerade jener Kampf spricht für mich,« entgegnete Hold. »Es war für die
unterjochten Fürsten und Völker ein Augenblick der Begeisterung, der
sich über die diplomatischen Winkelzüge der Politik erhob. Wenn dieser
Krieg ebenso mit derselben kalten, lauernden Berechnung, mit denselben
politischen Seitenblicken, wie die früheren Kämpfe gegen jenen Eroberer,
geführt worden wäre, was würde der Erfolg gewesen sein? Was aber die
Weisheit der Staatsmänner in jenen Tagen an Großartigkeit angenommen,
das flog ihr nur zu in Folge des Sturms der Auferweckung, der über
Altäre, Throne und Hütten dahin brauste; es war kein Teil ihrer Natur.
Daß die alte Heuchlerin einmal in einer Stunde der höchsten Not zum
Gebet getrieben wurde, hat sie damit aufgehört, eine Heuchlerin zu sein?
Und hat sie nicht schon während jenes Gebetes, während sie die
Gerechtigkeit Gottes anrief, auf neue Ungerechtigkeit gebrütet? Hat sie
nicht die gefaltete Hand zugleich zum Raube gekrümmt und auf das
Siegesfeld die Drachenzähne neuer Zwietracht ausgesäet?«

»Sie mögen darin Recht haben,« erwiderte Mander; »jedoch werden Sie auch
zugeben, daß mancher Staat, bei einem strengen Festhalten an den
Grundsätzen der Moral sich seinen Untergang bereitet hätte, dem er nur
durch eine gewandte, den Umständen und Verhältnissen sich anbequemende
Politik entgangen ist.«

»Wol wahr! Aber das ist ja eben der Fluch, daß es so weit gekommen ist,
daß der Teufel nur durch den Beelzebub ausgetrieben werden kann, daß die
Notwehr uns die unwürdige Waffe des Angreifers in die Hände zwingt.
Vergessen Sie jedoch nicht, daß trotz seines politischen Spiels und
vielleicht eben durch dasselbe auch mancher Staat nur seinen Untergang
gefunden hat, und daß wir die Geschichte der Staaten allein vor uns
haben, wie sie in jenem politischen Treiben geworden ist; also gar nicht
behaupten können, das Bestehen eines einzelnen Staates hätte außer der
Reihe der Möglichkeiten gelegen, wenn seine Leiter in ihrer Haltung und
in ihrem Handeln nur die strenge Rechtlichkeit und die gewissenhafteste
Treue vor Augen gehabt hätten.«

»Das möchte ich doch Keinem raten,« meinte Oswald, »so lange nicht die
Politik Aller sich zu Ihren Grundsätzen bekehrt hat, und dahin wird es
nie kommen.«

»Und warum sollte es nie dahin kommen?« antwortete Hold. »Was wahr und
recht ist, das hat seine Wurzel droben im Himmel und senkt seine
Blütenzweige auf die Erde herab, um da einen guten Samen auszustreuen.
Mag dieser Same denn hier auf steinigtem Boden keine Nahrung zum Keimen
finden, dort im Sande der Wüste verdorren: derselbe Himmel hat auch Tau
und Sonnenschein, um den Boden allmälig zu bereiten und ihn empfänglich
zu machen für die gute Saat. Aus all' dem Irren und Wirren hienieden
wird ein Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens
hervorgehen, das seinen glücklichen Bürger nicht ahnen läßt, mit welchem
Blut der Boden gedüngt ist, den er betritt; mit welcher Täuschung die in
den Gräbern ruhen nach einem Frieden strebten, der vor ihnen her
wandelte, ohne daß sie ihn sahen, mit welchem Unsinn man zweierlei
Gesetz stellte, eines für die einzelnen Menschen: Du sollst Gott, Deinen
Herrn, über Alles lieben und Deinen Nächsten als Dich selbst! und das
andere für die Gesammtheit derselben Menschen, für den Staat: Du sollst
nach jeglichem Winde lieben oder hassen, und Deinen Nächsten
übervorteilen, wie Du kannst!«

»Ein solches Friedensreich auf Erden bleibt immer,« sagte Mander
lächelnd, »nur der schöne Traum eines liebevollen Herzens, und würde
nicht einmal, wenn es möglich wäre, förderlich sein für die Entwickelung
der Menschheit; denn gerade der Kampf soll Regen und Bewegen in ihr
erhalten, soll die Kraft stählen, den Geist schärfen. Die Geschichte muß
eine Epopee bleiben und kann nie eine Idylle werden. Auch in der übrigen
Schöpfung finden wir gleichen Kampf. Welche, auf furchtbare Umwälzungen
deutende Veränderungen bemerken die Astronomen an den Himmelskörpern!
Welche Erdbeben, Ueberschwemmungen, vulkanische Ausbrüche; welche Zeiten
der Dürre oder überflutender Wolkenbrüche und dergleichen gehören zur
Geschichte des Erdbodens! Welcher rastlose Kampf unter den Tieren,
welches Recht des Stärkern, welche Beraubung und Erwürgung der
Schwächern unter ihnen!«

»Und davon,« entgegnete Hold, »wollten Sie eine Anwendung auf die
Menschen machen, die erschaffen sind nach dem Bilde Gottes; denen Er das
Vermögen gab, die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende für die
Gegenwart zu benutzen; denen Er Seine heiligen Gebote verkündet, welche
alle nicht allein das ewige Heil, sondern mit demselben auch das
irdische Wol zum Zweck und Ziel haben, denen Er in Jesu Christo den
Abglanz Seiner Herrlichkeit leuchten ließ auf Erden, einer Herrlichkeit,
die da ist Gerechtigkeit und Liebe, Kraft und Friede?«

»Mußte nicht auch Christus kämpfen, leiden und sterben, und ist nicht
auch durch Ihn so viel neue Zwietracht geweckt auf Erden?«

»Und darum sollten wir immer und ewig Seine Mörder bleiben müssen durch
die Verleugnung Seiner Lehren, Segnungen und Verheißungen? Sollten Ihn
zum Hausgott bestellen für unsern kleinen häuslichen bürgerlichen
Verein; als Gott der Weltgeschichte aber den anbeten, der ein Mörder war
von Anfang an? Nein, so gewiß wie, von Christo ganz abgesehen, der über
jeden Vergleich hinaus ist, die Apostel, die das Evangelium hinausriefen
in die Welt, mehr Segen brachten den Menschenkindern, als Alle, die vor
ihnen und nach ihnen gelebt haben, so gewiß wird auch dies Evangelium
durchdringen durch alle Tiefen und zu allen Höhen hinauf; und dann erst
ist das rechte Streben und Bewegen in der Menschheit, das nicht in der
Zwietracht, sondern in der Liebe thätig ist; dann wird mancher jetzt in
der Geschichte hochgepriesene Name, der seinen Ruhm auf verbrannte
Trümmer und zertretene Schädel erbaute, nur als ein Denkmal menschlichen
Unsinns eine kurze Spalte in dem Buche der Vorzeit füllen, während man
eifrig den Thaten dessen nachforscht, der einen Grundstein mitlegen half
zum Aufbau der bessern Zeit.«

»Und doch,« bemerkte Oswald, »haben die scheinbar verderblichsten Kriege
auch mit zur Förderung der Fortschritte der Menschheit gewirkt.«

»Weil ein Gott vom Himmel darein sieht und Alles zum Besten lenket: Die
Gewitter reinigen die Luft und fördern einen schönen Tag herauf. Aber
dieser schöne Tag muß droben über den Wolken und Stürmen bereitet
werden, die Gewitter schaffen ihn nicht; sie entladen nur ihre eigene
heillose Kraft, die aus den Dünsten geboren ist, die sie zerstreuen.«

Die Pastorin, der ihr Mann zu eifrig wurde gegen die Fremden, unterbrach
ihn hier lächelnd, indem sie sagte: »Die Dünste meines Thees würden auch
längst Zeit gehabt haben, sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie
nicht so friedsamer Natur wären.«

Mander aber setzte nach einer kurzen Unterbrechung das ernste Gespräch
fort. Ihm hatten die Erfahrungen vielbewegten Lebens jenes besonnene
Urteil gegeben, das nicht über die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht,
und keinen Blick weit über den Anknüpfungspunkt hinüberwagt; doch hörte
er gern einen Mann reden, der in der eignen, so viele Wünsche übrig
lassenden, beschränkten Lage nur von Idealen für die Menschheit träumte,
und hatte mit Absicht nur so viel entgegnet, als nötig war, um Hold im
Feuer zu erhalten; wobei aber auch in seiner Brust manche längst
entschlafene Empfindung wieder wach zu werden geneigt schien.

»Ich kann mir es wol denken, wie Ihnen, bei Ihrer Bildung zum
Volkslehrer und in Ihrer Stellung als solcher, die Männer der
Wissenschaft die höchste Bedeutung haben müssen.«

»Es giebt nur eine Wissenschaft,« erwiderte Hold, »von der das wahre
Leben ausgehet in Zeit und Ewigkeit, die Wissenschaft von dem Heil der
Menschheit in Gott. Unter das Licht und Gericht derselben soll Alles
gestellt werden, was ist und was geschieht; und nur in soweit hat unser
Wissen und Erkennen Gehalt und Bestand, als es uns und Andere fördert in
dem Bewußtsein unserer Abhängigkeit von Gott, in der heiligen Lust an
Seinem Willen, in dem freudigen Vertrauen auf Seinen Rat, mit einem
Worte: in der Kindschaft zu Ihm. Gleichwie unser Wollen und Vollbringen
in so fern einen lebendigen Keim und eine bleibende Frucht in sich
trägt, als es dient jener Wissenschaft des Heils, daß sie eine Gestalt
gewinne in unserm Leben und im Leben der Menschheit.«

»Auf diese Weise,« bemerkte Mander, »hätten alle Wissenschaften nur eine
Aufgabe; während sie doch von so verschiedenen Punkten ausgehen, so ganz
verschiedene Richtungen einschlagen.«

»Lassen Sie mich ein Bild gebrauchen,« war Hold's Antwort. »Die eine
Wissenschaft ist die Sonne am Himmel der Menschheit; die andern
Bestrebungen der Wißbegierde sind nur die Träger der Strahlen dieser
Sonne nach allen Seiten hin und in jedes Dunkel hinein. Vergessen sie
diesen ihren Beruf und gehen mit der eignen Hornleuchte umher, so werden
sie sich in Wüsten verlieren und auf tausenderlei Irrwegen wandeln. Aber
sie werden doch auch ihr Wissen vollständiger entwickeln, klarer
durchbilden und fester begründen und dadurch reifen in der Erkenntnis
ihres wahren Berufes und in der Zurückführung alles Wissens auf die eine
Wissenschaft. Je vollständiger des Irrtums Bahnen durchlaufen sind,
desto sicherer werden sie auch zurückgemessen und dienen dann nur als
Wegweiser auf den rechten Weg.«

»Sie sind Theologe, und Jedem ist seine Wissenschaft die erste.«

»Die Theologie ist nicht die Wissenschaft, die ich meine; sie ist nur
die Anleitung dazu. Sie stellt sich, wenn sie sich selbst erst begriffen
hat, die Aufgabe: Alles, was war, ist und geschieht, unter den
Brennpunkt der einen göttlichen Wissenschaft zu bringen, wo sich das
reine Erz von den Schlacken sondert; und in diesem Sinne soll Jeder ein
Theologe sein, indem er all' sein Denken, Wollen und Thun, alle Arbeit
und alle Erfahrung seines Lebens, alle seine Sehnsucht und seine
Hoffnung durchleuchten und durchläutern läßt von der wahren
Wissenschaft, die aus Gott ist und zu Gott führt. Nur daß der
eigentliche Theologe nicht allein, was _sein_ Leben bewegt, sondern die
Bestrebungen und Erfahrungen, die Meinungen und Hoffnungen aller Zeiten
und aller Völker in das Licht und Gericht der göttlichen Weisheit stellt
und dadurch an Schärfe und Bestimmtheit in der Beurteilung des Treibens
seiner Zeit, im Durchblicken des Scheines, in der Erkenntnis der Quellen
des Irrtums und der Gottentfremdung der Menschheit und des einzelnen
Menschen gewinnen soll. Dadurch wird er geschickt werden zum Leiter der
Blinden, zum Lehrer der Ungeübten, zum Ermahner der Leichtsinnigen, zum
Tröster der Glaubensschwachen, zum Erwecker der Lauen und Gleichgültigen
und zum Sprecher des Gerichtes wider Die, welche für sich selber das
Heil verschmähen und Andern den Zugang hindern. Und weil wir Alle nach
unserer Schwachheit und Sündhaftigkeit bald zu der einen, bald zu der
andern Klasse gehören, so darf es Keiner, sei er Priester oder Laie, an
dem weitern Anbau der wahren Wissenschaft für sich selbst je fehlen
lassen, keine Gelegenheit versäumen, zu reifen in aller Erkenntnis,
Tugend und Gottseligkeit.«

»Wo ist aber die wahre Wissenschaft zu finden,« fragte Mander, »auf die
wir Alles zurückführen und an der wir Alles prüfen sollen?«

»Sie ist nicht da und kann nicht da sein,« entgegnete Hold, »wo Irrtum
und Täuschung wenigstens möglich sind, in keinem System der Philosophie.
Sie kann nur aus dem Quell der Wahrheit selbst geschöpft werden.«

»Ich möchte mit der Frage des Pilatus,« sagte Mander, nicht ohne eine
schmerzliche Bewegung zu verraten, »Ihnen antworten: was ist Wahrheit?«

»Das Wort Gottes!« sprach Hold fest und ernst. Aber ein leises
Kopfschütteln des alten Mander und ein fast spottendes Lächeln seines
Sohnes zeigten ihm, wie wenig diese Antwort seine Zuhörer befriedigt
habe.

Oswald erinnerte jetzt, daß es schon spät geworden sei, und die Gäste
schieden mit dem gern angenommenen Versprechen, ihren Besuch bald zu
wiederholen.




                                VIII.


   Du klagst, daß Deinen Blick umfloren
   Die Schatten um der Wahrheit Thron?
   Dein eigen Herz hat sie geboren;
   Sie sind der Sünde Frucht und Lohn.

Idalia glaubte in ihrem ganzen Leben nie so glücklich gewesen zu sein,
als sie jetzt sich fühlte. Diese häusliche Geschäftigkeit, der sie sich
mit allem Eifer hingab, hatte, je ungewohnter sie ihr war, einen desto
größeren, ja zauberischen Reiz für sie, der noch durch das Eigentümliche
ihrer Lage und ihres Aufenthaltes auf einer Hallig erhöht wurde. Die
Liebe löste in ihrer Brust, die früher nur Raum hatte für das
flatterhafte Wesen eines eitlen Mädchens, alle Ahnungen der wahren
Weiblichkeit und den Sinn für die Würde einer Hausfrau. Zugleich wußte
sie ja, daß sie so gerade Dem am meisten gefalle, von welchem sie
geliebt sein wollte. Sie benutzte nicht einmal alle Vorteile, welche ihr
die Mittel ihres Vaters liehen, um Bedürfnisse und Annehmlichkeiten, die
sonst der Hallig fremd waren, für ihren Zustand zu gewinnen; sondern
gefiel sich in der Einfachheit und Genügsamkeit ihrer jetzigen Heimat,
und machte tausend, fast immer unausführbare Vorschläge, um das Ganze
noch mehr in die Form einer Gesner'schen Idylle zu kleiden. Den Rand des
sogenannten Soods, in welchem sich das Regenwasser sammelte, umkränzte
sie mit einer breiten Lage von Seemuscheln, die sie mühsam hatte am
Strande zusammensuchen müssen, weil dieser in jener Gegend auch damit
geizt. Der Bedarf an Trinkwasser mußte jedoch für die verwöhnten Zungen
vom festen Lande herübergebracht werden. Den Schatten und die trauliche
Enge einer Laube zu ersetzen, hatte sie mit Godber's Hülfe ein Zelt von
Segeltüchern auf der Werfte aufgeschlagen, und wenn das Wetter es nur
zuließ, ward der Kaffee unter dem Dache desselben getrunken. Sie führte
auch mit ihrem Bruder manchen Streit, indem sie das Leben auf diesem
Eilande vor allen Herrlichkeiten der großen Stadt rühmte, und so oft sie
eine der Eigentümlichkeiten der Hallig, wenn auch nur scherzhaft, mit
den glänzendsten Lobeserhebungen anpries, fühlte sich Godber enger und
enger zu ihr hingezogen und gab sich den schönsten Träumen einer
goldenen Zukunft hin. Bei ihm war ja die Liebe zu seiner Heimat so mit
seinem innersten Wesen verwoben, daß er Alles, was Idalia in dieser
Hinsicht sagte, nur für natürliche Anerkennung der Wahrheit, für ein
Zeugnis voller Uebereinstimmung ihrer Seelen nahm, und mit jedem Lobe
aus ihrem Munde wuchs daher auch seine Liebe zu ihr, die allein in der
Liebe für das Land seiner Geburt ein Gleichgewicht hatte, sonst alle
seine andern Gedanken und Empfindungen weit überwog. Die Erinnerung an
Maria trat immer weiter in den Hintergrund zurück, und kamen auch
einzelne Augenblicke, die an Treu und Glauben mahnten, so übte sich
Godber in der Kunst, mit seinem Gewissen sich so zu beraten, daß er
Recht behielt. Was konnte er dafür, daß er jetzt erst den Stern
gefunden, der ihm auf seiner Erdenwallfahrt zu leuchten bestimmt war?
Daß er nun erst sich selbst ganz gefunden durch die Gemeinschaft mit
einem Wesen, in welchem sein Denken und Fühlen sich wie in einem
verklärenden Spiegel abmalte, so daß er selbst dadurch zu einer nie
geahnten Höhe erhoben und begeistert wurde? Er erschrak jetzt vor der
niedern Sphäre, in welcher sein Geist und sein Herz geblieben sein
müßten, wenn nicht Idalia's Zauberschlag an die Tiefen seiner Brust
gerührt, wenn er mit der unbedeutenden Maria sein Leben hingebracht.

So war es bei ihm, und so ist es bei Allen, die Eitelkeit, die in den
verschiedensten Formen und Gestalten, mit den verschiedensten Wendungen
und Umkleidungen sich in unsere Selbstbetrachtungen mischend, den Dingen
einen Schein leiht, der uns verblendet gegen die klare Beurteilung der
Verhältnisse, gegen die offenen Forderungen des Rechtes und der Pflicht.
Darum ist es dem Menschen so not, daß er sich halte an dem festen
prophetischen Worte. Er soll in Stunden, die er als Scheidewege erkennt,
weder blindlings folgen den von Außen gegebenen Eindrücken, noch es
versuchen, durch vielseitige Ueberlegung den rechten Pfad
herauszufinden. Bei solcher Ueberlegung wachen in ihm alle bösen Geister
auf, als fände der Aberglaube seine Erklärung und Bestätigung, der die
Kreuzwege zum Tummelplatz nächtiger Dämonen macht. Sinnlichkeit,
Eigennutz, Eitelkeit werden sein Urteil irre zu führen suchen, und
selbst mit dem besten Willen wird seine Prüfung nie eine gerechte
Würdigung Dessen sein, was sich für die eine oder andere Seite sagen
läßt. Er soll vielmehr auch in diesem Sinne seine Vernunft, die durch
das Erwachen jener bösen Geister in der Abgebung eines wahrhaftigen
Zeugnisses gehindert wird, gefangen geben unter den Gehorsam des
Glaubens. Er soll fragen, was da sei des Herrn Wille? und die Antwort
darauf nicht suchen in sich selbst, als wäre seine Brust eine Wohnung
des heiligen Geistes, da doch, wenn sie das wäre, es der Frage nicht
bedurft hätte; sondern er soll die Antwort suchen in den Geboten Gottes,
wie sie ihm gegeben sind in der reinen und lautern Offenbarung des
göttlichen Gesetzes. Ein solches in seiner festen Entschiedenheit, in
seiner einfachen Hoheit dastehendes Gesetz, an dem sich nicht drehen und
deuteln läßt, so viel man es auch hin- und herwenden mag, und das kein
Zuthun und kein Abnehmen leidet, wenn man es nicht ganz verändern und in
Widerspruch mit sich selber bringen will: ein solches Gebot ohne
Ausflucht, ein solcher Wegweiser ohne Seitenarm, ein solches Ja und
Nein, ohne ein Wörtchen darüber, muß allein entscheiden. Ohne einen
solchen Gesetzfels kommt es dahin und ist dahin gekommen, daß jeder
Mensch seine eigene Moral hat, und daß diese Moral noch dazu ein wahrer
Januskopf ist mit zweierlei Gesichtern, und mit Augen, die, was sie
heute grün sehen, morgen früh für grau halten und umgekehrt. Berufst Du
dich auf Dein Gewissen, so ist dies ja eben nichts Anderes, wenn es den
Namen verdient, den Du ihm beilegst, als der Strom lebendigen Wassers
vom Felsen des Gesetzes; und ist es das nicht, so ist noch weniger
Verlaß darauf als auf eine von jedem Winde bewegte Wetterfahne, die
darin noch den Vorzug hat, daß sie doch wenigstens die Richtung anzeigt,
woher der Wind bläst. Also das klare, lautere, _gegebene_, nicht erst
nach den Umständen und Verhältnissen zu machende oder zu modelnde Gesetz
Gottes sei Dir für Dein Wollen und Thun ein unerschütterlicher Sinai.
Vor Seiner Stimme durch die Wolken müssen alle andern Stimmen schweigen;
und schmeicheln sie noch so lockend als Stimmen der Wahrheit um Dich
her, sie sind Lüge mehr oder minder, in dem Maße, in welchem sie sich
von dem einfachen, offenen Sinn des Gesetzes entfernen. Denkst Du an die
Folgen? Ein lieblicher Sonnenschein lächelt Dir entgegen, wenn Du es nur
einmal nicht so streng und scharf nehmen wolltest mit den Geboten
Gottes, oder sie umkleidest in eine Dir gefälligere Wahrheit. Schwere
Wolken dagegen hängen herab über Deinen Pfad, bereit, ihre Gewitter und
ihren Hagelschlag auf Dich und die Deinen, auf die Saat Deines Nächsten
zu entladen, wenn Du ohne Weichen und Wanken beharrest in dem Worte des
Gesetzes. Beharre bis in den Tod, auf daß Du das Leben gewinnest! Du
sollst Deine unsterbliche Seele beraten, daß sie bestehe vor dem Richter
der Lebendigen und der Toten. Für die Folgen da laß Ihn sorgen; sie
stehen ja in Seiner, in des gnädigen Vaters Hand. Sie sind nicht Deine
Sache. Dein ist es aber, treu erfunden zu werden! Dies sei Dir genug;
wenn auch die Erfahrung Dir nicht so oft zeigte, wie unsere Berechnung
der Folgen so leicht dem Irrtum unterworfen ist; wie das Licht die
Nacht, und die Nacht das Licht gebiert. Immerdar müssen ja auch alle
Dinge, sei's Reichtum oder Armut, Glück oder Unglück, Leben oder Tod,
zum Besten dienen dem, der da sagen kann: »Hier bin ich, Herr! Dein Wort
war meines Fußes Leuchte!«

Woher kommt denn all die Armseligkeit selbst unter den sogenannten
»guten Menschen?« Woher denn bei ihnen diese vielen »unschuldigen
Schwächen,« diese feinen, scheuen Wendungen, wenn Gott einmal ein
Brandopfer wieder fordert auf dem Altar der Pflicht? Weil sie sich
selbst ihre Tugend gemacht haben, um sie, gleich einem bequemen und
behaglichen Kissen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite hin
ihrem Erdenschlummer unterzulegen. Weil sie um den Sinai in der Wüste
einen schattenreichen Park angepflanzt haben, der ihnen den Berg aus den
Augen rückt, während sie auf blumigen Pfaden über Thal und Hügel
dahinwandeln, ganz zufrieden damit, wenn sie nur nicht so weit sich
entfernen, daß die Mitgäste im Park sie nicht mehr als ihres Gleichen
erkennen wollen. Wahrlich, es thut diesem Geschlecht der Flammenspiegel
des Gesetzes not, vor dem die Spreu, die sie eine gute Saat nennen, zur
Asche werden muß, nicht einmal geeignet, die dürre Stätte zu bedecken.

Es stimmt freilich wenig mit der sogenannten Aufklärung unserer Zeit,
sich an ein solches festes Wort zu binden. Nein, wir wollen lieber uns
selbst Gesetz sein, und reden daher viel von dem ins Herz geschriebenen
Gebot, worunter wir, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, eine weiche
Wachsfläche verstehen, worin die äußeren Eindrücke allerlei Figuren
malen, aus denen wir dann ein mit unsern Neigungen am besten
übereinstimmendes Orakel herauslesen, um ihm als einem Götterspruch
nachzufolgen. Daher haben wir es denn auch so leicht gefunden, recht
gute und sittliche Menschen zu werden; weil wir, wenn unsere Neigungen
nur durch glückliche Umstände, durch Erziehung und Scheu vor dem Urteil
der Welt in einer gewissen Flauheit gehalten werden, die es nicht zu
tobenden Ausbrüchen der Leidenschaften kommen läßt, davor bewahrt
bleiben, Diebe und Mörder zu heißen. Ein bischen Hoffahrt, Weltlust,
Verleumdung, Rachsucht, Betrug, ja selbst ein bischen Buhlerei mag dabei
gern mit unterlaufen; es ist ja einmal das Erdenleben nicht anders, und
es ist ja kein Richter in unserer Brust, der es so genau nimmt; es ist
kein Gesetz da, das schärfer als ein zweischneidig Schwert teilet
zwischen Gott und Welt, Recht und Unrecht, Tugend und Sünde. Wie im
lauen Wasser Wärme und Kälte gemengt sind, so ist auch in unserem
selbstgeschaffenen Gesetz Licht und Finsternis zu einem die Augen nicht
angreifenden Nebel vereinigt. Wie die Schlangenlinie bald rechts und
bald links führt, und wenn sie der einen Seite zulenkt, schon die
Wendung nach der andern vorbereitet, so ist auch in unserm Wandel weder
ein Fortschreiten auf dem Wege des Lebens, noch ein völliges Abirren auf
den Weg des Todes. Freilich, wenn der Tag aufgehet, an welchem Gott die
Völker der Erde richtet; wenn Er Rechenschaft fordert auch von jeglichem
unnützen Wort, das aus unserm Munde gegangen ist; wenn von Seinem Throne
das Wort niederleuchtet: »Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig!«
dann freilich wird das weiche Wachs _unseres_ Gesetzes vor den
Flammenstrahlen _seines_ Gesetzes hinschmelzen; dann wird unser
gefügiger Mittelweg offenbar werden als ein Weg des Fleisches und des
Verderbens, der in seinen Windungen nur darum an den Weg des Lebens
hinstreifte, auf daß wir keine Entschuldigung hätten, als wäre uns
verborgen geblieben, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. -- Die
Fabel vom Gewissen, wie dies Wort gewöhnlich genommen wird, muß
aufhören, eher mag keine rechte Tugend gedeihen. Und eine Fabel, noch
dazu mit gar schlechter Moral, ist das Gewissen; so es, wie bei den
meisten Menschen, nichts weiter ist, als ein Gebräu von Lebensklugheit,
Sorge für den guten Ruf, Beachtung des Anstandes, versetzt mit einem
Teil natürlicher Gutmütigkeit, die eben so gut Charakterschwäche heißen
mag, und einem Teil Erkenntnis des göttlichen Willen, die aber nicht
recht weiß, wie sie sich mit jener Mixtur verbinden soll, und nur als
Bodensatz zu dienen scheint, der, wenn das Gewissen sich einmal
aufrüttelt, unstät im Ganzen verschwimmt. Das wahre Gewissen ist kein
Gesetzgeber, sondern nur das Auge, das geöffnet ist für das gegebene
Gesetz. Es fragt nicht, wie entschieden werden soll, sondern zeigt nur,
wie entschieden ist durch Den, der da sprach: Du sollst, und Du sollst
nicht! es erlaubt sich kein Urteil über die Umstände und Verhältnisse;
sondern erinnert Dich nur an das Urteil Gottes über den Fall, der
vorliegt. Dadurch allein bewahrt es sich in seiner Freiheit wider die
Anläufe böser Neigungen und Begierden, daß es sein Licht und seine Kraft
nimmt aus einer Höhe, zu der diese nicht hinaufreichen. Will es selbst
den Weg finden, den Du wandeln sollst, dann fällt es der Knechtschaft
anheim; ist nur ein vielleicht hochmütiger, aber doch williger Diener
alles ungöttlichen Wesens und der weltlichen Lüste, und trägt die Livree
seiner Herren. Es ist also ein fester Pol, ein: »Gieb mir, wo ich
stehe!« dem Gewissen not, von welchem aus es die Welt überwinde. Es hat
sein Licht nicht in sich selber; sondern bedarf eben so gut, wie Dein
leiblich Auge das Licht von Außen her, um zu sehen. Ist denn etwa der
inwendige Mensch nach seinen verschiedenen Geistes- und
Seelenthätigkeiten so getrennt und gespalten, daß jede ihr eigenes
Gebiet habe, welches sich frei hält von aller Berührung und Einwirkung
der andern? Daß jede schaffet und waltet für sich, ohne von der Bewegung
der andern sich mitbestimmen zu lassen? Also daß, während das Herz sich
krümmt vor einem Opfer, das die Tugend fordert, während die Sinnlichkeit
der bösen Lust zustrebt, während die Klugheit eigennützig rät, den
breiten Weg zu wählen, daß nun das Gewissen, ohne einen Führer außerhalb
dieser Bewegung, sich ganz frei halten sollte von dem Einfluß dieser
Hausgenossenschaft? Wird es nicht bald in den verführerischen
Sirenengesang mit einstimmen, oder wenigstens bald übertäubt werden,
wenn ihm keine Hülfe von Außen her wird? Wenn lange Gewohnheit
leichtsinnig und gleichgültig machte gegen den Weg, den wir wandeln,
wenn die Geleise, die wir betreten, unserm Fuß einmal so bequem und
natürlich geworden sind, daß es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt,
andere zu wählen: ist dann Dein Gewissen nicht mit Dir in gleiche
Gewohnheit versunken? Wird es wachen, wenn Du schläfst? Wird es stille
stehen, wenn Du fortgehst? Wird es sehen, wenn Du blind bist? Wird es
reden, mahnen, strafen, anders als Du willst, als ob es kein Teil von
Dir wäre, da Du es doch auf Dich selbst allein hinweisest, als auf den
Quell, woraus es seine Erkenntnis nehmen soll? Damit verlangst Du ja,
daß Du Dir selbst widersprechen, Du selbst Dich selbst überwinden
sollst; verlangst Licht von der Finsternis, Kraft von der Ohnmacht,
Antwort von der Frage. -- Es muß Etwas außer uns sein, wohin wir
schauen, als auf einen festen Polarstern, ein Licht, das erhaben ist
über die Nebeldünste dieser Welt, ein Wegweiser, auf den wir nicht
selbst den Weg malen, den wir für den richtigen halten, sondern auf dem
er vorgezeichnet ist von Dem, dessen Wort unseres Fußes Leuchte ist, und
ein Licht auf dunklen Wegen. Es muß ein heiliger Wille uns verkündet
sein vom Vater des Lichtes. Sonst leben wir in einem revolutionären
Lande, wo das alte Recht abgeschafft ist und noch kein neues wieder
gegeben; wo Jeder mit seinen Ansichten und Neigungen zu Rate geht, was
er thun und lassen soll, und wo der Eine mit dem besten Gewissen ein
Totschläger wird und der Andere mit gleich gutem Gewissen die Beute zu
sich nimmt. Nicht weil man ohne Gewissen handelte, wurden Scheiterhaufen
erbaut und die Guillotine aufgerichtet, sondern weil man das Gesetz
Gottes: Du sollst nicht töten! vergaß, und die eigenen Ansichten und
Neigungen sich zur Gewissenssache machte. Nicht _gegen_ sein Gewissen
lebt der, welchem die Befriedigung des irdischen Gelüstens, das Treiben
in zeitlichen Geschäften, der behagliche Genuß des weltlichen Friedens
Alles ist; der, dem kein Blick der Andacht den Himmel öffnet, keine
ernste Frage nach den göttlichen Dingen das Herz bewegt, keine Heiligung
des Sinnnes und Wandels als Lebensaufgabe vorliegt. Er merkt vielmehr in
sich gar keinen Widerspruch gegen solche Weise, weil er es nicht gelernt
oder wieder verlernt hat, sein Leben im Spiegel des göttlichen Gesetzes
zu betrachten; und hat nichts destoweniger auch seine Ehrenpunkte, die
sein Gewissen ihm nicht zu verletzen erlaubt. Der Ton, der vielleicht
auch bei ihm in einzelnen Stunden wie aus einer höheren Welt anschlägt,
ist nur ein Nachklang des früher erkannten göttlichen Gesetzes, oder ein
Anklang desselben, durch Gottes Schickungen hervorgerufen. Das Gewissen
aber in seiner Wahrheit und Klarheit ist nichts mehr und nichts weniger,
als ein Abglanz der Herrlichkeit des göttlichen Gesetzes. Ein Spiegel
ist es, in welchem wir den Willen des Ewigen erkennen, wenn wir diesen
Willen davor halten. Wollen wir aber nur unser eigenes Bild davor
hinstellen, so sehen wir eben auch nur unser eigenes Bild, und unser
Wollen und Thun wird auch nichts Anderes sein, als eine Nachäffung
dieses Bildes; kein Wollen und Vollbringen dessen, was der Herr, unser
Gott, von uns fordert. Der Pilger, der kein Ziel vor sich hat, nach dem
er strebt, oder keine Anweisung, wie und wohin er wandern soll, richtet
sich nach der Munterkeit oder Müdigkeit seiner Glieder, nach der
Annehmlichkeit oder Beschwerde des Weges, nach dem Sonnenschein oder
Regenwetter des Tages. So auch die Wallfahrt durch's Leben ohne Gesetz
von Außen her. Wo aber dies als Machtgebot des Richters der Lebendigen
und der Toten uns vorleuchtet, da gilt kein Säumen und kein Wanken, da
gilt kein Fürchten und kein Gefallen, da gilt kein Leben und kein
Sterben, da gilt allein das strenge, unerbittliche Wort, das kein Drehen
und kein Deuteln zuläßt, das keine Vorwände und Entschuldigungen
annimmt, das keine Verführungen und Versuchungen anerkennt, das
Gehorsam, nur Gehorsam will. Ohne ein solches Wort der Zucht und der
Kraft, das ganz über unser Klügeln und Mäkeln hinausgehoben ist, werden
wir nie die Sünde überwinden, nie wandeln in rechtschaffener
Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum soll unser Gewissen nie etwas
Anderes sein, als ein Merken und Erwägen dieses Wortes; und redeten auch
tausend Stimmen dagegen und spräche auch die ganze Welt ihr Anathema aus
gegen dessen Ausspruch, und flehten auch alle Seufzer und Thränen Deines
Herzens gegen seine Erfüllung, und gelte es auch den letzten Brosamen
unseres irdischen Glückes, die letzte Hoffnung unseres zeitlichen
Daseins: laß fahren dahin, Du hast nur ein Gesetz, das Gesetz des Herrn!
und darin beharre bis an's Ende! Das Reich Gottes muß Dir doch bleiben.
Godber war in der Furcht Gottes und in der Zucht des Gesetzes erzogen.
Es war ihm darum nicht so leicht, sein Gewissen, das wenigstens mit
einem Fuße noch auf dem Boden stand, zu seinen jetzigen Ansichten
hinzudrängen. Wenn er eben glaubte, daß es mit ihm ruhig auf dem Wege
fortwandle, welchen er fortan als den für ihn notwendigen, durch die
Fügungen des Geschicks ihm vorgezeichneten Lebensweg zu betrachten sich
zu gewöhnen suchte, dann trat es eigensinnig aus dem Geleise und stand
wieder wie eingewurzelt auf der Stelle der Schrift: »Laß Dich nicht
einen jeglichen Wind führen, und folge nicht einem jeglichen Wege, wie
die unbeständigen Herzen thun; sondern sei fest in Deinem Gemüt und
bleibe bei einerlei Rede!« Doch wir sind nie schlauer und gewandter, als
da, wo es darauf ankommt, uns selbst zu betrügen; und so förderte sich
auch Godber immer weiter in der Kunst, aus der ehernen Gesetztafel eine
wächserne zu machen, und das störrige Roß seines Gewissens in ein
folgsames Paradepferd umzuwandeln. Der Herr aber in der Höhe wollte ihm
zeigen, wie eitel solche Kunst sei und wie wenig haltbar der Zügel, an
dem sie ein Gewissen, das einmal eine andere Führung gewohnt war, zu
leiten sucht. Gott sprach durch den Mund der Toten, und -- vor das
Paradies, in das Godber ruhig einzugehen meinte, trat der Engel mit dem
feurigen Schwert.




                                 IX.


   Die Stunde kommt, von Gott gesendet,
   Das sinnentrunkne Herz wird wach,
   Und jedes dunkle Blatt, es wendet
   Zurück sich an den hellen Tag.

Die Leichen der mit dem Schiffe Verunglückten wurden gefunden. Godber
hatte auf der alten Kirchwerfte einen Stein, in der Form eines großen
Taufbeckens, bemerkt und war auf Idalias Wunsch hinausgegangen, um zu
sehen, ob derselbe sich nicht für ihre Absicht gebrauchen ließe, seiner
Werfte eine neue Zier zu geben. Da lag vor ihm die Leiche seines
Schiffsherrn, und später fanden sich, noch im Tode getreu, nicht weit
davon die beiden andern Seeleute. Sie hatten zusammen in den Höhlungen
des frühern, jetzt fast ganz dem Meere anheimgefallenen Friedhofs, der
aber noch durch manches vom Wellenschlag wieder ans Licht gebrachte
Gebein von seiner ehemaligen Bestimmung zeugte, ihre Ruhestätte
gefunden, nachdem sie lange ein Spiel der Wogen gewesen waren.

»Haben die Toten da in den halboffnen und verwitterten Särgen,« sagte
Hold, als er bald darauf herbeigerufen wurde, um die nötigen Anordnungen
wegen der Beerdigung zu treffen, »nicht, gleichsam mitleidig ihre Arme
ausgestreckt, um diese Leichen neben sich zu betten? Ach! wie bald wird
auch der Platz, wohin wir sie bringen, ausgewaschen werden von der Flut,
und die Welle ihr Spiel erneuen mit den ruhelosen Gebeinen!«

Die Abgeschiedenheit, in welcher die Halligen oft Wochen lang durch den
Wind und Wetter oder Eisgang gehalten werden, nötigt den Hausvater, auch
daran zu denken, daß ein Sarg vorrätig sei. Unter seinem übrigen Gerät
darf auch dies ^memento mori^ nicht fehlen, so schwer und so ungern man
sich auch sonst anderswo daran gewöhnen möchte, tagtäglich mit seinem
Blick die enge Bretterkammer zu messen, die für einen unserer Lieben
oder für uns selbst bestimmt ist. An Särgen zur notwendig schnellen
Beerdigung der aufgefundenen Leichen fehlte es daher nicht, und diese
wurde auf den folgenden Tag, einen Sonntag, festgesetzt.

Der fast unerhörte Fall auf der Hallig: drei Leichen an einem Tage, die
außerordentlichen Umstände, welche dies Ereignis herbeigeführt, die
besondere Rettung der Andern vom Schiffe, dies Alles bestimmte Hold, die
ganze Feier des Tages daran zu knüpfen. Es wurden also zur Kirchzeit die
drei Särge vor die Kirchthüre gesetzt, da der innere Raum zu beschränkt
war, sie und die Gemeinde aufzunehmen. Die Predigt nach Vorlesen des
Evangeliums für jenen Tag, den 13. Sonntag Trinitatis, Lukas 17, 11--19,
nahm die Frage: »Wo sind aber die Neun?« als Thema aus dem Schrifttext
heraus, und die bloße Ankündigung dieses Themas mußte, so wenig auch
nach den Regeln der Homiletik ein solches Herausgreifen eines einzelnen
Wortes oder Nebenumstandes gerechtfertigt werden kann, erschütternd
wirken, da gerade auch neun Personen in dem Schiffe zusammengewesen
waren. Diese einzige Frage stellte die Geretteten und Verunglückten
neben einander, führte die Gedanken zurück auf ihre frühere
Gemeinschaft, hin auf den jetzt so verschiedenen Zustand, und drängte
die Betrachtung auf: wie, wenn die Loose nun vertauscht worden wären?
»Wo sind aber die Neun?« für die Fremden war dies Wort genug zu einer
unvergeßlichen Predigt. Es schien auch, als habe Hold durch Hervorhebung
dieser Frage nur einen kurzen, aber eindringlichen Schlag auf die Herzen
der anwesenden Fremden führen wollen, denn in der Beantwortung redete er
weit weniger, als Viele seiner Zuhörer erwarten mochten, in Beziehung
auf den vorliegenden Fall; machte von dem Besonderen sogleich allgemeine
Anwendungen und vergaß über die Einzelnen nicht die Gemeinde. Vielleicht
aber gerade deswegen fanden seine Worte Eingang auch bei diesen
Einzelnen. Sie hatten nun nicht die Unannehmlichkeit, alle Blicke und
Gedanken auf sich gerichtet zu sehen und nur von und für sich reden zu
hören. Sie konnten nun mit voller Aufmerksamkeit dem Worte folgen, da
ihre Phantasie nicht immer wieder auf die erlebten Schreckensscenen
zurückgeführt wurde. Sie fanden sich nun nicht gestört durch falsche
Zeichnung der Umstände ihrer Gefahr und Rettung, durch Andichtung von
Empfindungen, die sie nie gehabt, durch Zuschreibung von Wünschen oder
Gelübden, die nie in ihre Gedanken gekommen waren. -- Nach der Predigt
wurden die Särge auf den Gottesacker, der eine kurze Strecke von der
Kirche entfernt war, in drei verschiedenen Gängen getragen, da der
Mangel an Trägern es nicht erlaubte, sie mit einander hinzubringen. Aber
eine Gruft nahm die drei Toten auf, und die große Flagge des Schiffs,
dem ihre letzten Dienste im Leben gewidmet waren, sollte über die Särge
hingesenkt werden. Godber hatte diese Flagge, die mit schwarzem Flor
umhangen war, vorgetragen; aber als er sie hinabsenken wollte in die
Gruft, entglitt sie seinen zitternden Händen und von dem Fall ihrer
Stange dröhnten die Särge mit hohlem Klang. Godber aber sank totenbleich
und an allen Gliedern bebend auf die Umstehenden zurück.

Doch müssen wir hier wohl erst ein wenig wieder zurückgehen, um Godber's
innere Kämpfe bis zu diesem Augenblick zu verfolgen. Mit der Auffindung
der ertrunkenen Gefährten war über sein Gemüt eine düstere Wolke
gezogen, die er mit der größten Anstrengung zu verscheuchen, oder
wenigstens vor Andern zu verbergen strebte. Die starren, strengen Züge
im Antlitz seines Kapitäns, als er neben der Leiche desselben am Ufer
unter den zerrissenen Grüften stand, schienen ihn zu fragen: »warum hat
mein Steuermann vor mir das Schiff verlassen?« und als er den Blick
verstört zurückwandte, ging Maria eben mit langsamem Schritt auf ihre
Werfte hinauf, und er glaubte ihren Seufzer zu hören: »warum hast Du
Deine Braut verlassen, Godber?« Da ward es ihm finster vor den Augen, da
krampfte eine eisige Hand sich um sein Herz, da gellte es ihm wie
Hohngelächter in die Ohren: »Du doppelt Meineidiger!« Er eilte wie vom
Fluch gejagt hinweg von dieser grauenvollen Stätte und stand, ehe er
noch wieder zur Besinnung kam, vor Idalia. Wäre diese ihm mit Thränen in
den Augen, oder auch gar mit Zorn und Schelten entgegengetreten, er
würde an ihren Hals geflogen sein, und an ihrem Busen sein von Wehmut
und Bitterkeit gleich erfülltes Herz ausgeweint haben. Sie aber kam mit
ihrem gewöhnlichen holden Lächeln auf ihn zu, mit dem Lächeln, das so
oft ihn wie mit magischer Gewalt hingerissen hatte; jetzt aber in der
Stimmung, worin er war, wirkte es nur zurückstoßend auf ihn; es
widersprach zu sehr allen seinen Empfindungen, und es fiel ihm gar nicht
ein, daß sie, noch unbekannt mit Dem, was er eben gesehen, auch keine
Trauer über das Geschick der Umgekommenen zeigen könne. Er mußte,
anstatt zu ihr sich hinzuneigen, scheu zurückweichen. Er mußte, während
er seinen Blick starr auf sie heftete, sich selber fragen: »ist dies
herzlose, spottende Zauberbild eines doppelten Treubruchs wert?«

Idalia trat stolz zurück. Sie war zu sehr an eine allvergessende
Huldigung gewöhnt, als daß sie sich hätte entschließen können, ihn
teilnehmend zu fragen: was ihm fehle? Mochte auch Liebe für ihn eben so
dringend, als Neugierde, sie antreiben, den völlig Verstörten, der sich,
mit beiden Händen die Augen bedeckend, auf einen Stuhl geworfen hatte,
um Aufschluß über sein Benehmen zu bitten, so trug doch ihre
Empfindlichkeit den Sieg davon. Sie setzte sich grollend in eine andere
Ecke, stützte ihren Kopf mit dem Arm, und, die kleinen Lippen hoch
aufwerfend, die Augen, wie feucht von einer Thräne, mit dem Schnupftuch
trocknend, nur dann und wann einen flüchtigen und verstohlenen Blick auf
Godber werfend, spielte sie eben so sehr die Rolle einer Uebellaunigen,
als sie es wirklich war. Denn wenigstens das war ihr klar geworden, daß
sie nicht so ganz allein herrsche in seinem Herzen, daß es noch Etwas
gebe in der Welt, was ihn unempfindlich machen könne gegen die Macht
ihrer Reize; daß daher ihr Sieg noch gar nicht so vollständig sei, wie
sie bisher geglaubt. Und hatte seine Verstimmung wohl gar allein ihren
Grund in einem Zusammentreffen mit Maria? Wenn dieser Gedanke ihrer
Liebe, die nicht weniger abgöttische Verehrung, als ausschließliche
Hingebung des Herzens von dem Geliebten forderte, vielleicht Eintrag
that, so weckte er doch auch wieder ihren Stolz, und durch diesen den
Entschluß, ihn mit allen Mitteln ganz zu fesseln. Sie selbst urteilte
freilich nicht so klar über ihre Empfindungen und rechnete auch der
Liebe einen nicht kleinen Anteil zu an diesem Entschlusse.

Godber aber schien völlig abwesend zu sein mit seinem Geiste. Er brütete
bald mit dumpfem Schweigen in sich hinein, bald kündeten einzelne
Seufzer und zuckende Bewegungen die tiefe Aufregung seines Innern.
Idalia wußte sich in der Spannung zwischen Neugierde und Aerger kaum
mehr zu lassen. Selbst ihr Schluchzen hatte der Unempfindliche überhört.
Zu ihrer Freude kam endlich ihr Vater, und aus dessen theilnehmenden und
tröstenden Worten an Godber, der sich bei dem Eintritte Mander's
emporraffte und ruhiger zu erscheinen strebte, erfuhr sie nun die
Auffindung der Leichen. War ihr auch der Schmerz Godber's über das
Geschick der schon längst verloren gegebenen Gefährten unbegreiflich,
fühlte sie sich auch noch mehr beleidigt, wie eine ihr so gering
dünkende Ursache ihn zu einem solchen Betragen gegen sie verleiten
konnte, so hatte sie _das_ doch wenigstens gewonnen, daß nicht mehr die
Eifersucht sich in ihre Betrachtungen über sein Benehmen mischte. Sie
mußte mit einem Blick in den Spiegel über sich selbst lächeln, daß sie
nur einen Augenblick hatte daran denken können, daß ein Halligmädchen
ihr den Rang streitig mache. Doch sollte Godber ernsthaft bestraft
werden; zu ihren Füßen sollte er Verzeihung betteln, und erst nach
langem Flehen wollte sie ihm die Hand zum Kusse als Anfang der
Versöhnung reichen; die rechte Versöhnung sollte noch mehrere Tage
weiter hinausgeschoben werden, damit es ihm nie wieder einfallen möge,
zu vergessen, wie sein Glück allein von ihrer Liebe abhänge, und wie
dieses Glück mit voller Hingebung und Vergessenheit erkauft werden
müsse.

Und das nennen sie Liebe!

Für heute schien Godber keinen Anfang zur reuigen Rückkehr machen zu
wollen, denn, ohne nur mit einem Blicke nach Idalia zu sehen, ging er
mit Mander zu dem Pastor, um Verabredungen wegen der Beerdigung zu
treffen. Hold nannte die Hausväter, die wohl passende Särge haben
würden, und Godber ging zu diesen. Als er später wieder zum Pastorat
zurückkam, war Mander schon fortgegangen, und Hold hatte nun
Gelegenheit, ein Wort über Godber's Verhältnisse zu Maria und Idalia zu
reden. Kaum aber begann er darauf hinzudeuten, als Godber mit dem
Ausruf, der aber keineswegs wie trotzige Abweisung, sondern eher wie ein
Schrei der Verzweiflung klang: »Ich weiß Alles, was Sie sagen wollen!«
ihn unterbrach und aus dem Hause stürzte.

Idalia wartete den Abend vergebens auf seine Rückkehr. Sie weinte jetzt
wirklich bittere Thränen, die anfangs nur der tiefbeleidigte Stolz
hervorgerufen; die aber, weil sie nur den Schmerz der gekränkten Liebe
darin sah, auch ihre Gefühle zu der Höhe der wahrhaften Liebe
steigerten.

Am andern Morgen fehlte Godber beim Frühstück, und es wußte Niemand im
Hause, ob er überhaupt in der Nacht da gewesen sei. Idalia sah ihn
zuerst wieder, wie er bleich und verstört mit der Trauerfahne an der
Werfte vor den Särgen her vorüberschwankte.

Godber hatte in der Nacht bei den Toten gewacht und sich ausdrücklich
jede Teilnahme Anderer an dieser Wache verbeten, so ungern sich auch die
beiden mitgeretteten Matrosen aus alter Neigung zu ihrem Kapitän und
ihren Gefährten davon zurückweisen ließen. Er wollte allein sein, allein
mit den glücklichen Toten und seinem unglücklichen Herzen. Sein Schmerz
löste sich in dieser Stille zu Thränen der Wehmut auf. Seine ganze
glückliche Kindheit, seine Spiele mit Maria, das Gelübde, das er ihr
gegeben, die Briefe, die er ihr geschrieben, die Träume von einer
schönen Zukunft an ihrer Seite mitten in den Gefahren des Meeres, mitten
unter dem geräuschvollen Treiben seines Berufs, die einsamen Nächte am
Steuer, wenn die Wellen fremder Meere wie Grüße aus der Heimat um den
Kiel rauschten und die Sterne am Himmel von dem Frieden dieser Heimat
redeten: Alles dieses wiederholte sich in seiner Erinnerung und ging an
ihm vorüber wie Bilder eines verlorenen Paradieses. Warum konnte er dies
Paradies nicht wieder gewinnen? Warum die Fesseln, die die Untreue
gebunden, nicht von sich abstreifen? so fragte er sich selbst; und
Idalia's Bild vermochte nicht einen Augenblick seinen Geist in diese
Bande zurückzuführen. Vielmehr erwachte in ihm eine unendliche
Sehnsucht, Maria, seine Maria wiederzusehen. Um Mitternacht verließ er
die Totenkammer, trat leise hinaus in's Freie; und siehe! die Sterne
blickten so freundlich lächelnd auf ihn herab, als wollten sie seinen
Gang segnen. Er eilte raschen Laufs vorwärts, übersprang mehrere Gräben,
um nicht durch den Umweg über die Stege aufgehalten zu werden. Da
blinkte ihm schon von fern ein Lichtglanz aus der ersehnten Wohnung
entgegen. Es fiel ihm nicht auf um diese späte Stunde. Er meinte, es
müsse so sein; sie warte ja auf ihn, sie zeige ihm ja damit nur den Weg
zurück zu seinem Gelübde der Treue. Hastig, aber doch sorgsam jedes
Geräusch meidend, ging er die Werfte hinauf. Ein Stein an der Mauer
erlaubte ihm, über die niedrigen Fensterladen hinwegzusehen. Da saß
Maria am Bette ihrer Mutter, die Hände gefaltet in den Schoß gelegt und
mit den halbgeschlossenen Augen, wie träumend, nach Oben blickend.
Angewurzelt blieb Godber auf seiner Stelle, den Atem zurückpressend in
der aufwallenden Brust, mit unverwandtem Auge an der Jungfrau haftend,
die ihm jetzt, wenn er in diesem Augenblick hätte vergleichen können,
als eine himmlische Erscheinung gegen Idalia's irdisches Schattenbild
vorgekommen wäre. Lange, lange stand er so. Maria nickte zuweilen vom
Schlummer überwältigt ein, und Godber's Herz klopfte dann hörbar vor
Angst, daß sie fallen möchte. Wenn sie die Augen wieder aufschlug,
wartete er immer darauf, daß sie ihn sehen und wie am ersten Tage mit
dem Ausruf: »Godber, Godber, bist Du wieder da!« zu ihm hineilen sollte.
War denn nicht heute der erste Tag? kam es ihm doch vor, als habe er nur
schwer geträumt und sei erst eben angekommen auf der Hallig. Aber Maria
nahm das Licht, leuchtete sorgsam nach dem Bette ihrer Mutter hin und
horchte auf ihren Odemzug. So waren Stunden entflohen; für Godber waren
es Minuten. Der Morgen begann schon zu dämmern; für Godber war es noch
Mitternacht. Die Kühle aber, welche dem Aufgang der Sonne vorhergeht,
fieberte auch ihn an. Er merkte es nicht; nur wurden seine Gedanken
dadurch von Maria auf die Ursache ihres Nachtwachens hingeführt. »Ach!«
dachte er, »gewiß ist die Mutter krank, und du, du allein trägst die
Schuld! Du bringst die Mutter in's Grab, und die Tochter« -- er konnte
nicht vollenden -- wird ihr nachfolgen! Hinein mußte er, zu ihren Füßen
die Stunde der Reue feiern, an ihrer Brust wieder zum neuen Leben
erwachen. Er hatte die Hand schon an der Thürklinke. Da krähte der Hahn
im Stalle dicht neben ihm dem Morgen entgegen. Er schrak zusammen, wie
ein ertappter Verbrecher. »Petrus der Verräther!« murmelte er dumpf in
sich hinein, zog die Hand rasch von der Thür hinweg und blickte wild um
sich. Die Sterne waren untergegangen und ein grauer Nebel verdeckte noch
die erste Röte des Tages. Godber's hochatmende Brust sog die kalte,
schwere Luft mit vollen und raschen Zügen ein. Er fühlte auf einmal alle
Bande wieder, in die er sich verwirrt, und stürzte fort. Atemlos kam er
in der Totenkammer wieder an. Die Lampe war fast ganz niedergebrannt und
warf nur noch einen schwachen Schimmer in die Dunkelheit hinein. Sein
rascher Fußtritt stieß an einen der Särge an, dumpf dröhnten die
trocknen Bretter und besinnungslos sank der Lebende bei den Toten zu
Boden.

Nach dieser Nacht mußte für Godber der folgende Tag wahrhaft martervoll
werden. Die völlige Erschöpfung seiner Körperkräfte trug dazu bei,
seiner Phantasie volle Herrschaft über ihn zu geben. Er sah und hörte in
Allem nur Anspielungen auf seinen Treubruch. In dieser Kirche hatte ja
Maria für seine glückliche Rückkunft gebetet; hierher gedachte sie den
ersten Gang an seiner Seite zu machen. Diese ganze Gemeinde wußte ja von
seinem Gelübde; alle Blicke kündeten die tiefste Verachtung; alle diese
heimlichen Unterredungen sprachen schon den Bann über ihn; alle Tritte
lenkten von seiner Nähe ab. Die Buchstaben selbst des Gesangbuches
drängten sich von seinem Blick hinweg und die Töne flohen seinen
vergifteten Odem. Bei der Frage Hold's: »Wo sind aber die Neun?« grüßten
ihn die fahlen Gesichter der Toten und sprachen grinsend: »Die Neun sind
wieder beisammen!« Daß diese Worte der Predigt angehörten, konnte ihm
nicht in den Sinn kommen; er sah und hörte nur die Toten, die sich immer
näher an ihn herandrängten und deren eisiger Hauch ihm durch die Gebeine
rieselte, während heiße Tropfen von seiner Stirne fielen. So wurde er
nach dem Schluß der Kirchenfeier in den Leichenzug als Träger der
Trauerfahne willenlos hineingezogen. Aber die Flagge des seiner Hand
vertraut gewesenen Schiffes ward ihm zu einer großen, schweren Woge, die
vor ihm herrollte und ihn mit fortzog. Er klammerte seine Hand so fest
um den Stock, daß ihn der Arm schmerzte, und je mehr er den Schmerz
fühlte, desto fester klammerte er seine Finger zusammen; denn desto
gewisser ward es ihm, daß er, in die Flut geschleudert, die letzte
Planke des zertrümmerten Schiffes gefaßt habe. Dreimal hatte er, von den
ängstlichen Bildern gefoltert, den schweren Gang machen müssen, und trat
nun an das offene Grab. Er starrte hinein und strengte seine Augen
vergebens an, den Abgrund zu seinen Füßen abzusehen. Immer tiefer dehnte
sich vor ihm die unergründliche Gruft. Er wäre, wie er sich immer weiter
vorbog, um mit seinem irren Blick die Tiefe zu ermessen, hinabgestürzt,
wenn ihn nicht Mander und Oswald, die in ihm nur den um den Verlust
seiner Schiffsgenossen tieftrauernden Mann sahen, zurückgehalten hätten.
Da hörte er, wie Hold, in Bezug auf des Kapitäns Weigerung, das ihm
anvertraute Schiff zu verlassen, sagte: »Es ist ein Segen bei der Treue,
wenn nicht in der Zeit, doch in der Ewigkeit!« Dieses Wort schmetterte
seine letzte Kraft hin. Er murmelte leise wie ein Sterbender mit
gebrochenem Herzen: »Und ein Fluch bei der Untreue in Zeit und
Ewigkeit!« Jetzt schon wäre er hingesunken, wenn er sich nicht mit
schlaffen Gliedern auf die Flaggenstange gelehnt, die neben ihm in den
Boden gesteckt war. Hold mußte ihn erinnern, die Flagge in die Gruft zu
senken. Er faßte sie krampfhaft an und schwankte wieder vornüber auf das
Grab zu. Da standen die drei Särge; aber wie vorher die Tiefe
unergründlich schien, so rückten nun die schwarzen Särge dicht vor seine
Augen hin. Die Deckel öffneten sich, die Toten rüttelten sich zornig
drohend gegen ihn auf. Er taumelte entsetzt zurück, und die Flagge fiel
aus seinen ohnmächtigen Händen auf die Särge hin.




                                  X.


   Es reift in stiller Hütte
   In einfach frommer Sitte
   Das wunderreiche Herz,
   Dem Segen jede Wunde,
   Dem Licht die trübste Stunde,
   Dem Tau der größte Schmerz.

Maria's Benehmen in diesen Tagen war ganz der Spiegel ihres
gottergebenen Herzens. Sie erfüllte die häuslichen Pflichten, die ihr
oblagen, mit demselben Eifer und derselben Ausdauer wie früher. Wer sie
nicht, belebt von der Hoffnung einer schönen Zukunft, gekannt hatte,
konnte nicht ahnen, welchen Schmerz die Jungfrau, der dies stille,
ruhige Wesen angeboren zu sein schien, zu überwinden sich im täglichen
Gebet übte, und welcher Kraft sie bedurfte, um fest zu werden in ihrer
Erwählung, eine Magd des Herrn zu sein. Gott, der da sorget für die
gebrochenen Herzen, und Keinem mehr auflegt, als er tragen kann,
erleichterte ihr ihren Kampf durch die Krankheit, welche die Mutter
befiel. Und Maria gab, als ob sie es empfunden, daß diese Krankheit
ihrer Wunde Heilung bringen sollte, sich mit einer Sorgsamkeit und
Aufopferung der Pflege ihrer Mutter hin, daß all' ihr Sinnen und Denken
gleichsam verschlungen ward von diesem ihren neuen Beruf. Aerztliche
Hülfe bot die Hallig nicht dar; und auswärts sie zu suchen, überstieg
die Vermögenskräfte der Witwe, wenn auch nicht der Wille gefehlt hätte,
da Ruhe, Pflege und einige Hausmittel dem Halligbewohner in
Krankheitsfällen genug dünken. Hold besuchte die Kranke mehrere Male,
und wenn diese zuweilen auf Godber's Untreue zu sprechen kam, fiel ihr
Maria schnell in die Rede und sagte: »Laß das, Mutter. Ich kann Dich ja
nun besser pflegen, als wenn ich an ihn dächte.« Sprach sie mit Hold
allein, dann drang wohl noch ein Ton des Schmerzes durch; aber als hätte
er nur einen Friedensgruß aus der Höhe von den Lippen des Seelsorgers
locken wollen, ging er gleich wieder in die aufrichtige Sprache frommer
Ergebung über.

Lächeln aber mußte Hold, als Maria ihm bei einem dieser Besuche ein paar
damals vielgelesene Romane mit der Bitte gab, sie dem jungen Herrn
zurückzubringen. Er erfuhr nun, daß Oswald, vielleicht nur um eine,
seinen Neigungen entsprechende Abwechslung in die Einförmigkeit des
Lebens, zu dem er gezwungen war, hineinzubringen, die Bekanntschaft des
Mädchens gesucht, den einen Tag der Mutter eine Flasche Wein, den andern
Tag der Tochter die Bücher gebracht habe.

»Sie aber,« meinte diese, »könne eben so wenig aus seinen Reden, wie aus
seinen Büchern vernehmen. Ihr werde unheimlich dabei zu Mute; denn das
sei eben die Sprache, welche Godber in seinen Briefen auch zuweilen
geredet, und die wol die Schuld trage, daß er seine Verlobte nun
verachte;« und unbekannt mit der Blume, die durch ihren Namen die
Erinnerung fesseln soll, fügte sie mit dem scharfen Spott eines
tiefverwundeten Herzens hinzu:

»Da reden sie von Vergiß mein nicht, als ob man so Etwas abpflücken
könne, wie eine Blume, die zum Verwelken bestimmt ist. Kein Wunder, daß
sie so leicht vergessen!«

»O, diese feinen Herren,« dachte Hold beim Heimwege, »die die Fühlfäden
ihrer Lüsternheit nach jedem hübschen Gesicht ausstrecken und es nicht
merken, wenn sie die Einfalt der Unschuld vor sich haben, an der all'
ihre Gifttropfen, wie an einem Krystall, abfallen, ohne eine Spur zu
lassen. Nein, mein kluger Oswald, mit Deinen Romanen wolltest Du wol
erst geschickt den Boden bereiten für deine Liebschaft. Aber hier ist
kein Boden, auf dem solche Schlingflanzen Wurzel fassen können. Hier ist
Gottes Erdreich und nicht das faule Beet verborgen gehaltener Begierden.
Ehe Maria Dich und Dein Gift versteht und dadurch ihm die Kraft zu
schaden giebt, müßtest Du sie gar lange in Deine Schule nehmen. Und dann
noch das Vergißmeinnicht, welches in ihrem Herzen als eine Blume aus dem
Garten Gottes blüht, das pflückst Du nicht so leicht ab, das schützen
Gottes Engel vor jedem versteckten oder offenen Angriff.«

Um Mander zu schonen, wartete Hold eine Gelegenheit ab, die Bücher an
Oswald ohne Zeugen abzugeben, und sagte ihm dabei:

»Glauben Sie ja nicht, daß ich diese Schriften dem Mädchen abgenommen.
Sie gab mir sie ganz freiwillig, weil sie dergleichen nicht verstehen
könne.«

»Ich glaubte,« stotterte Oswald verlegen, »daß dem äußerlich so wol
gebildeten Mädchen eine größere innere Bildung keinen Nachteil bringen
würde.«

»Und Sie dachten,« entgegnete Hold strenge, »eben erst wegen dieser
Wolgestalt ihres Aeußern an eine innere Bildung? warum denn, wenn Sie
ihre sogenannte Bildung so hoch schätzen, gingen Sie ohne Teilnahme an
den gleich ungebildeten, aber weniger mit körperlichen Reizen
Geschmückten vorüber?«

»Es ist natürlich, daß die auch bloß äußere Schönheit ein regeres
Interesse weckt.«

»Ja wol, natürlich,« erwiderte Hold, »wenn wir gewohnt sind, uns vom
Sinnenreiz in unserm Interesse bestimmen zu lassen.«

»Sie nehmen die Sache zu ernst,« lachte Oswald, der sich von seiner
augenblicklichen Verwirrung erholt. »Als Hirte müssen Sie freilich
darauf achten, daß kein Schaf Ihrer Heerde zu Schaden kommt.«

»Also auf einen Schaden war es doch abgesehen?« fragte Hold mit scharfer
Betonung, und als Oswald, wol fühlend, wie er sich in seinem eignen
Ausdruck gefangen habe, erst nach einer Pause antwortete:

»Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich dem Mädchen, das, wie ich nicht
leugnen will, mir gleich beim ersten Anblick sehr gefiel, eine reichere
Bildung des Geistes und des Herzens wünschte, und darum ihr die Bücher
gab,« fuhr er fort:

»Um Maria's Willen würde ich kein Wörtchen in dieser Sache verloren
haben. Sie hat jene Unschuld, die da Gift trinken mag, und es wird ihr
nicht schaden, die auf Schlangen treten mag, und ihr Fuß wird nicht
verwundet werden; denn sie ist einfältiglich frommen Sinnes. Für ihren
Verstand ist die Sünde zu hoch und ihr Herz zu hoch für die Sünde. Aber
um Ihretwillen, junger Mann, möchte ich noch ein Wort sagen. Vergleichen
Sie sich einmal in Ihrem Gewissen mit dieser Maria. Sie wissen Vielerlei
und Maria gar Wenig. Sie kennen die Geschichte der Völker, ihre
Sprachen, ihre Sitten; Maria's Kunde von diesem Allen ist fast nur auf
den Umfang dieses Eilandes beschränkt. Sie haben Mancherlei gesehen und
erfahren, und wissen von hunderttausend Dingen zu reden, von denen Maria
nicht einmal die Namen kennt. Sie gelten durch die Feinheit Ihres
Benehmens, durch gefälligen Anstand und kluge Benutzung aller Vorteile
der Erziehung für einen gebildeten Mann; Maria geht schlicht und recht
dahin und redet, wie es ihr um's Herz ist, ohne Zier und Schminke. Sie
suchen dabei die Erholung von Geschäften in allerlei Vergnügungen,
welche die Sinne reizen und die Gelüste des sterblichen Leibes
befriedigen; Maria betet und arbeitet einen Tag wie den andern und sorgt
mit aufopfernder Liebe für die Pflege ihrer kranken Mutter. Sie nehmen
Freuden und Leiden als Spiele des Zufalls; Maria dankt ihrem Gott und
vertraut ihrem Vater im Himmel. Sie stehen hoch über ihr, so hoch, wie
die Erde mit ihren Gaben und Genüssen nur erheben kann, und --« er faßte
Oswald's Hand und schloß mit erhobener Stimme: »ich sage Ihnen, wenn Sie
an einen Gott glauben, in dem Namen dieses wahrhaftigen Gottes: Maria
steht hoch über Ihnen, denn ihr Wandel ist im Himmel!«

Der junge Mander schwankte zwischen Unmut und Scham und erwiderte mit
einer Stimme, in der Trotz und Verlegenheit sich mischten:

»Ein wenig Bildung mehr würde der frommen Jungfrau keinen Schaden thun.«

»Maria's Bildung,« entgegnete Hold, »ist für ihren Stand und Beruf
hinlänglich; und was ihr sonst zu wissen nützlich wäre, lernt sie
wahrlich nicht aus diesen Büchern. Ja, -- verzeihen Sie, wenn auch ich,
als ein Landsmann Maria's, schlicht und recht rede, wie mir's um's Herz
ist, -- was Sie von ihr lernen können, ist bei weitem mehr und
wichtiger, als das, was Sie ihr aus allem Ihren Wissen und aus allen
Ihren Büchern an Belehrung zu geben vermögen. Gesetzt auch, sie könnte
die Bildung annehmen, die Sie ihr darreichen wollen, was hätte sie damit
gewonnen? Unzufriedenheit mit ihrer Lage, Sehnsucht nach einem ihr
unerreichbaren Leben, und was noch schlimmer ist, Erregung von
Leidenschaften, die jetzt ihr Herz unzugänglich finden. Verloren aber
hätte sie, unwiederbringlich verloren: die Geduld und die Stille eines
in Gott ergebenen Gemütes, den Frieden einer den irdischen Schmerz
überwindenden Seele; verloren die Ruhe eines unbefleckten Gewissens und
die sichere Freudigkeit eines kindlich frommen Glaubens.«

»Wie mögen Sie diesen unschuldigen Romanen einen so schädlichen Einfluß
zuschreiben? sie sind ja nur zu einer augenblicklichen Unterhaltung
bestimmt und bilden dabei unmerklich den Verstand.«

»_Wir_ nehmen,« war Hold's Entgegnung, »solche Bücher für das, was sie
sind, für Erzeugnisse der Einbildungskraft und sind zu bekannt mit dem
Leben, das sie schildern, um mehr darin zu finden, als uns selbst, nur
in andern Kleidern. Für Maria aber würden sie eine Welt eröffnen, wenn
sie dieselbe verstehen könnte; eine Welt, die ebenso heiße Begierden
entflammen und darum ihr ebenso schädlich werden würde, wie Amerika bei
der ersten Entdeckung es den Spaniern ward. -- Doch ich vergesse, daß
Ihr Versuch für die Bildung Maria's nur eine versuchte Vorbildung für
ein ähnliches Spiel war, wie Ihre Schwester es mit Godber treibt.«

Oswald ließ sich nicht darauf ein, diesen erneuten Vorwurf noch einmal
abzulehnen. Er ergriff vielmehr mit einer Hast, die seine Freude kund
gab, auf einen andern Gegenstand das Gespräch gewandt zu sehen, die
Gelegenheit, Idalia als Streitpunkt vorzuschieben.

»Was kann sie denn dafür, wenn ihre Reize so hinreißend wirken? sie hat
schon ganz andere Männer zu ihren Füßen gesehen, als diesen Godber.«

»Was kann ich dafür!« antwortete Hold mit Spott. »Dies Wort kommt mir
vor, wie ein verlorener Posten, der auf's Geradewol dem anrückenden
Feinde entgegengeworfen wird, weil es an einer ordentlichen Wehr zur
Verteidigung fehlt. Aber es würde unnütz sein, mit Ihnen hierüber zu
reden, da Sie gerade ja schon in die Fußstapfen Ihrer Schwester getreten
wären, wenn nicht ein gebrochenes Herz, besonders wenn Gottes heilige
Engel sich darin gelagert haben, so schwer zu erobern stände, wie ein
Herz, wo Eitelkeit und Sinnlichkeit die Wache halten, dagegen leicht.«
-- Als Oswald vor Unwillen erglühend jetzt nach seinem Hute griff, fügte
der Pastor hinzu:

»Noch Eins, Herr Mander! Sie werden mich immer bereit finden zu all' der
Freundlichkeit, die wir den Gästen unserer Hallig schuldig sind. Sie
werden mich verbinden, wenn Sie durch Ihre Unterhaltung dazu beitragen
wollen, für diese Wochen mir den Gen

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