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Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

by Carry Brachvogel · German · Gutenberg #49486 · 456,463 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig
    
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Title: Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Author: Carry Brachvogel


        
Release date: July 19, 2015 [eBook #49486]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/49486

Credits: Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROSSE GAUKLERIN: EIN ROMAN AUS VENEDIG ***

    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

    Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.




    Die große Gauklerin




    Ullstein-Bücher

    Eine Sammlung
    zeitgenössischer Romane

    [Illustration]

    Ullstein & Co / Berlin und Wien




    Die große Gauklerin

    Ein Roman aus Venedig von

    Carry Brachvogel

    [Illustration]

    Ullstein & Co / Berlin und Wien




    Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
    Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.




1.


Wie der Graf Ettore Priuli die Treppen des Hotel Danieli herunterging,
kam er sich gedemütigt und lächerlich vor. Er mußte sich Gewalt
antun, um die sorglose Haltung, die scharmante Liebenswürdigkeit des
Gesichtsausdruckes zu wahren, die ganz Venedig an dem schönen Priuli
kannte. Trotz aller Anstrengung blieb aber sein Lächeln gezerrt, und
seine Augen funkelten in trübem Dunkel, wie von verhaltenem Zorn. Er
ging ganz langsam, Stufe für Stufe, als wolle er so lange wie möglich
den Augenblick verzögern, der ihn aus der dämmerigen Kühle, aus der
verantwortungslosen Untätigkeit des scheidenden Besuchers hinausführte
auf die Riva degli Schiavoni. Er verzögerte sich geflissentlich, blieb
einmal stehen, um von seinem weißen Sommeranzug ein paar Stäubchen
wegzublasen, die gar nicht vorhanden waren, betrachtete dann wieder
aufmerksam, mit leicht gerunzelter Stirn seine hellen Schuhe, als ob
er an ihnen einen Mangel entdeckte, obschon sie so tadellos waren,
als hätte der Schuster sie erst vor einer Stunde abgeliefert. Als die
Treppe dann endlich doch hinter ihm lag, wechselte er noch, scheinbar
interessiert, mit dem ergebend dienernden Portier ein paar Redensarten
über das schöne Weiter und das gute Trinkwasser, das man, dem Himmel
sei Dank! in Venedig hatte, wenn es sich auch freilich nicht mit
dem Wasser von Rom vergleichen ließe. Nun war aber auch die letzte
Möglichkeit geschwunden, noch länger herumzutrödeln, und er stand
draußen auf der Riva, die heiß und hell im Glanz eines Junitages dalag.

Ettore Priuli zog einen kleinen, bunten Papierfächer aus der
Brusttasche seines weißen Jacketts und begann sich zu fächeln,
obgleich er die Hitze gar nicht stark empfand. Er fächelte sich nur
gewohnheitsmäßig und weil es ihm angenehm war, den nervösen Aerger, den
diese letzte Stunde ihm bereitet hatte, durch eine regelmäßige, wenn
auch geringfügige Bewegung zu entladen. Er stand da, fächelte sich, biß
ein paarmal die Unterlippe und fluchte in seinem Innern alle Flüche,
deren die italienische Sprache fähig ist. Er stand, blickte unschlüssig
bald vor sich hin, bald auf die Lagune, ob seine Gondel nicht käme.
Zuckte ärgerlich mit den Achseln und hätte am liebsten über sich
selbst gelacht; denn wie konnte er jetzt, da es just vier Uhr war, die
Gondel erwarten, die er doch mit Vorbedacht erst für fünf Uhr bestellt
hatte! Nun, dieser Nachmittag oder vielmehr diese eben abgelaufene
halbe Stunde in dem eleganten Ecksalon des Hotel Danieli hatte ihn
schwerer geschädigt als nur mit der Wartezeit auf eine Spazierfahrt,
hatte ihm alles eingerissen, was schon so sicher aufgebaut schien, alle
Zukunftshoffnungen vernichtet, deren Glanz ihn schon entzückt hatte,
warf ihn, der sich bereits am Ziel glaubte, wieder ins Ungewisse zur
Jagd nach dem Glück zurück, deren er doch schon recht müde war ...

Die Lagune lag starr und grau wie ein rätselvolles Ungeheuer aus
östlicher Sage. Auf seinem durchsichtigen Rücken trug es als lichtes
Mirakel Venedig, die Schöne, mit ihren weißen und orangefarbenen
Palästen, ihren gewaltigen Kuppeln, ihren erzenen Helden, ihren
marmornen Loggien und Sinnbildern und dem schwermütigen Flimmern ihrer
Goldmosaiken, die gleich einem vom verschollenen Byzanz vergessenen
Diadem ihr die Stirne umkränzen. Priuli sah abwesenden Blickes über
die Lagune hin, sah in der Ferne den Canal Grande leuchten und den
gigantischen, steinernen Leib von Santa Maria della Salute. Da überkam
ihn ein plötzlicher Haß auf diese Stadt, auf seine Vaterstadt,
die er sonst doch anbetete, wie jeder Venezianer sie anbetet. Sie
erschien ihm klein, eng, schmutzig, übelriechend, ein Hemmnis aller
Bewegungsfreiheit und aller Glücksmöglichkeiten. Wahrhaftig, anderswo,
zum Beispiel in Rom, wäre ihm die letzte halbe Stunde nicht begegnet!
Rom hatte eben seinen Hof, sein rauschendes Leben der Aristokratie,
gleichviel ob sie sich zur schwarzen oder zur weißen bekannte, die
Söhne römischer Adelsfamilien legten für den Snobismus ausländischer
Millionen nicht bloß einen Titel, sondern auch eine weithin sichtbare
Wirkung des Titels in die Wagschale, während die Venezianer nichts zu
bieten hatten als das abgeschlossene Kastenleben der Provinzstadt.
Wie sollte man hier je zu Geld und Wohlleben gelangen, da die reichen
Mädchen sich hier immer nur auf der Durchreise befanden, um schließlich
den adeligen Sohn irgendeiner europäischen Großstadt oder Weltstadt
zu heiraten. Sein Vetter Carlo Priuli meinte freilich, es gäbe noch
andere Dinge zum ersehnten Reichtum als die glänzende Heirat, aber
Carlo war ja ein aus der Art geschlagener Priuli, der aus Deutschland
und England seltsame, für Ettore ganz unverständliche Ideen mit
heimgebracht hatte. Carlo war ja wahr und wahrhaftig Schiffsingenieur,
wurde von der Regierung, die ihn schätzte, bald auf diese, bald auf
jene Rheede geschickt, so daß er einmal in Spezia, einmal in Tarent,
dann wieder in Venedig arbeitete, hatte auch schon einmal irgendeine
Schraubenverbesserung erfunden, von der Ettore nichts verstand, und
trug obendrein im Kopf Pläne und Anschauungen, für die Ettore sich nur
insofern interessierte, als er sie belächelte. Nein, nein, Venedig war
und blieb im Hintertreffen, und wer hier saß und sitzen mußte, konnte
sich darauf gefaßt machen, noch öfters Worte zu hören, wie Miß Beaufort
sie eben gesprochen hatte.

Es fiel ihm jetzt ein, daß er doch nicht länger auf der Riva stehen
konnte und sich fächeln. Er schlenderte also langsam, sich in den
geizigen Schattenstreif drückend, den die Häuser warfen, nach
der Piazetta und landete schließlich in einem der Cafés auf dem
Markusplatz. Er bestellte sich ein Granito und fand mit Recht, daß
der Markusplatz um diese Stunde sehr langweilig war. Als sich nun gar
neben seinem Tisch drei Damen niederließen, die alsbald auf englisch
rekapitulierten, was sie seit drei Tagen in Venedig gesehen hatten,
stand er auf und ging angeekelt davon. Er konnte jetzt unmöglich
Englisch hören ... Er schlenderte wieder ziellos umher, erst durch
die Frezzeria, dann durch die Merceria, stand unversehens vor der
grauen, gebieterischen Kirche, in der sein Ahnherr, der große Priuli,
den letzten Schlummer schlief. Es war lange, fast ein Jahrtausend
her, daß der große Priuli unter den Lebenden gewandelt war, aber der
Krieges- und Siegesruhm seiner Taten (wegen seiner Eroberung Kretas für
die Republik Venedig hieß er »der Kretenser«!) hatte den Tod und die
Jahrhunderte überdauert, und immer noch standen die Fremden ehrfürchtig
vor dem Denkmal des Dogen Priuli, während sie die Grabsteine der
anderen Dogen, die hier bestattet lagen, nur im Vorübergehen musterten.

Ettore trat in die Kirche ein. Der Gegensatz zwischen der flimmernden
Helle draußen und dem Halbdunkel hier war so groß, daß er eine
Minute lang geblendet dastand und erst allmählich das Innere der
Kirche, ihre Altäre, Säulen und Denkmäler unterscheiden konnte. Er
ging auf seinen großen Ahnherrn zu, ließ sich auf einen kleinen,
zerrissenen Strohsessel nieder, der da stand, und betrachtete das
Denkmal aufmerksam, als sähe er's heute zum erstenmal. Es war ganz in
der Art der übrigen Dogendenkmäler gehalten: ein hoher, länglicher
Stein, auf dem, von einem Giebelfelde überragt, die ruhende Gestalt
des Dogen sichtbar wurde. Eine fast verlöschte Inschrift verkündete
auf lateinisch, daß die dankbare Republik ihrem großen Sohne dies
Denkmal gestiftet habe zum ewigen Gedenken seiner Heldentaten und
seines Ruhmes. Während Ettore dasaß, kamen etliche Fremde, ließen sich
vom Kirchendiener die Geschichte des großen Priuli erzählen und die
künstlerischen Schönheiten des alten Bildwerks preisen, und Ettore gab
sich Mühe, bei diesem Vorgang den edlen Hochmut zu empfinden, den die
Erinnerung an die Größe des eigenen Blutes wachruft. Er stellte sich
vor, was die Fremden wohl sagen würden, wenn sie erführen, daß sie mit
ihrem Aermel einen Nachkommen des großen Dogen streiften, wollte sich
einreden, daß Blut von diesem Blut mehr wert sei als alle Millionen der
Miß Beaufort, und daß er also darum über das amerikanische Fräulein
nur verächtlich die Achseln zucken könne. Wie sehr er sich aber auch
mühte, einen Zusammenhang zwischen sich und dem Ahnherrn herzustellen,
-- es gelang ihm nicht. Er fand keine Beziehung, die sie miteinander
verband, denn schließlich hatte ihn auch aller Heldenmut und aller Ruhm
des großen Dogen nicht vor der Niederlage bei der Amerikanerin schützen
können. Er stand auf und ging wieder hinaus auf die Straße. Als ein
Priuli fühlte er sich zwar immer noch erhaben über ganz Venedig, aber
warum er sich so erhaben vorkam, wußte er im Augenblick nicht.

Er ging wieder zurück zur Riva und wartete noch ein paar Augenblicke
auf seine Gondel. Da fiel ihm ein, daß er ja auch eine Mietgondel
nehmen könnte, und dieser Gedanke war ihm so angenehm, daß sein Aerger
fast völlig geschwunden war, als er mit einem fremden Gondoliere über
die Fahrt nach dem Lido verhandelte. O, das tat gut, jetzt geraume
Weile mit sich allein, nicht beobachtet von Domestikengesichtern,
auf den Wellen dahinzugleiten und Ordnung in die wirren Gedanken zu
bringen. Er merkte jetzt mit Staunen, daß es vor allem der Gedanke
an das neugierige, forschende Gesicht des eigenen Gondoliere gewesen
war, der ihm diese letzte Stunde so peinlich gemacht hatte. Nun sprang
er behend in die Mietgondel, deren Kissen freilich nicht so weich
waren wie die der Priulischen Barke, deren schwarze Tuchverkleidung
etwas fettig und deren Gondoliere sehr banal aussah, die ihm aber ein
ungestörtes, von keinem Dienerauge begucktes Nachdenken gewährte,
dessen er so dringend bedurfte, ehe er mit den Freunden oder besser
gesagt mit seiner Gesellschaft auf der Kurhausterrasse des Lido
zusammentraf. Um keinen Preis wollte er vor sie mit der blanken
Wahrheit hintreten. Er mußte irgendeine Form finden, die zwar nicht
gerade eine Lüge umschloß, aber doch die Szene im Hotel Danieli
merklich zu seinen Gunsten verschob. Er wollte sie erst langsam darauf
vorbereiten, daß er Miß Beaufort nicht heiraten würde, weil -- -- ja,
den angeblichen Grund dieses Entschlusses wollte er ausfindig machen,
während er dem Lido entgegenfuhr. Er war ja nicht dumm, in allen
gesellschaftlichen Dingen und Listen wohlerfahren; es konnte ihm also
nicht schwer werden, seine Niederlage so zu verhüllen, daß sie wie ein
freiwilliger Rückzug aussah.

Solange sie noch umringt von Barken und Vaporetti waren, gelang es
Ettore nicht, seine Gedanken zu sammeln, aber als das bunte und
lärmende Treiben der Lagune immer weiter hinter ihm zurückblieb,
versank er ganz in sich und in die Einsamkeit, die sich immer blauender
um ihn her dehnte, und in der er mit seinen abgewandten Sinnen auch
seinen Gondoliere kaum mehr sah, die Ruderschläge kaum mehr hörte.
In der weicheren Nachmittagsbeleuchtung, die jetzt anhub, sah die
entfernte Stadt rosenfarben aus, aber Ettore, der sie vorhin gehaßt
hatte, warf nun keinen Blick nach ihr zurück. Er durchlebte wieder die
Szene im Hotel Danieli und alles, was ihr vorangegangen war.

Vor einigen Wochen war Miß Beaufort mit ihrer Mutter in Venedig
eingetroffen, umstrahlt vom Glanz ihrer Millionen, von denen die ganze
vornehme Jugend Venedigs alsbald wußte. All diese jungen, adeligen
Venezianer, diese Fabrianis, Tassinis, Orseolos und wie sie sonst noch
heißen mochten, kannten ja, genau so wie Priuli, nur das eine, große
Lebensziel, -- die reiche Partie. Sie verfolgten es ganz naiv, ganz
selbstverständlich, denn man hatte sie zu nichts anderem erzogen,
sie von Jugend auf gelehrt, daß der Klang ihrer alten Namen dazu da
sei, um ihnen eine Millionenbraut oder wenigstens ein sehr reiches
Mädchen anzulocken. Man hatte sie alle so erzogen, wie die romanischen
Aristokraten ihre Söhne zu erziehen pflegen, hatte sie mit wenig
Wissen, sehr gefälligen Manieren und einer Portion selbstbewußten,
lächelnden Leichtsinns ausgerüstet, daß sie, obgleich sie inmitten
eines demokratischen Volkes aufwuchsen, in ihren Anschauungen und in
ihren Bestrebungen immer noch Herren des ~Ancien régime~ darstellten.
Keiner von ihnen hatte gelernt, ernsthaft zu arbeiten, denn jeder
von ihnen lebte »~del suo~«, das freilich mitunter gar nicht »das
Seinige« war, sondern eine Rente, die man mühselig einem geizigen
Onkel oder einer verbissenen Tante abjagte, wenn nicht gar Mutter
und Schwestern darbten und Gläubiger schwer geschädigt wurden, nur
damit der junge, vornehme Herr immerfort tadellos gekleidet war,
bei allen Veranstaltungen seiner Standesgenossen erschien und seine
wohlgepflegten Hände nie durch Arbeit entehrte. Sie dachten sich bei
dieser Art zu leben gar nichts Böses, sie bemitleideten aufrichtig
die Frauen ihrer Familie, die sich für sie opferten, sie wären selber
sehr froh gewesen, wenn sie ihre Schulden hätten bezahlen können, und
waren darum um so eifriger auf das einzige Rettungsmittel bedacht, das
man ihnen gezeigt hatte, und das sie selbst erkannten. Die wenigsten
von ihnen hatten freilich so Gewichtiges in die Wagschale zu legen wie
Ettore, der als einer der schönsten Männer Venedigs galt und obendrein
einen, im Innern allerdings ganz verlotterten und verfallenen Palast
besaß, dessen Schiffspilonen jedoch mit den kleinen, goldenen
Dogenmützen geziert waren, dem Vorrecht der Geschlechter, die einst
als Herren über die Republik geherrscht hatten. Gerade aber weil er
mehr besaß als die anderen, vielleicht auch weil er seine Freiheit sehr
liebte, war er im allgemeinen lässiger als sie bei der Heiratsjagd,
erfuhr immer erst später als sie von den Goldfischen, die aus Amerika,
England und Deutschland in die Lagune geschwommen kamen. So hatte
er auch erst durch den jungen Fürsten Gaulo, der mit verschiedenen
Hotelportiers in indirekten Beziehungen stand, durch die ihm die
Ankunft reicher Mädchen oder Witwen gemeldet wurde, von Miß Beaufort
erfahren, und es war ihm nicht schwer geworden, die Bekanntschaft
der beiden Amerikanerinnen zu machen, die sich natürlich von den
Huldigungen eines Conte geschmeichelt fühlten. Ihm wiederum gefiel das
Mädchen nicht übel, denn sie war frisch und elegant und innerlich ganz
unkompliziert, ganz auf das Leben und die fröhliche Stunde gestellt, so
ungefähr wie Priuli selbst. Wochenlang hatte er nun Miß Maud den Hof
gemacht und war seines Erfolges so sicher gewesen, daß er heute als
Freier mit seinem Antrag hatte hervortreten wollen. Als er sich aber
dem Salon der Damen näherte, fiel ihm auf, daß die Jungfer geschäftig
Kleider und Hüte auf den Armen trug, als ob sie einpacken wollte, und
daß Bedienstete des Hotels die mächtigen Rohrplattenkoffer mit dem
aufgemalten Sternenbanner und den Buchstaben ~M. B.~ herbeischleppten.
Schlimmer Ahnungen voll trat er ein und fand Mrs. Beaufort allein (Maud
war im Nebenzimmer mit der Verwahrung ihres Schmuckes beschäftigt), die
ihm ein bißchen weinerlich, aber doch geschwellt von Stolz erzählte,
daß sie sich plötzlich entschlossen hätten, zur ~season~ nach London zu
fahren. Eine Freundin Mauds war in London an einen Earl verheiratet,
einen Earl, der Peer von England war und also nebst seiner Lady bei
der Königskrönung in Westminster-Abtei mit dem Krönchen auf dem Haupte
und dem hermelinverbrämten, roten Samtmantel erscheinen durfte und
vom neugekrönten König geküßt wurde! Nie zuvor in seinem Leben war
Ettore sich so albern vorgekommen wie jetzt, da er mit seinem wertlos
gewordenen Antrag der alten Amerikanerin gegenübersaß (denn es war
ja sicher, daß die Freundin auch für Maud schon einen Peer ausfindig
gemacht hatte!) und das Loblied auf den Earl mit anhören mußte. Aber
zornig, wirklich zornig war er erst geworden, als Maud eintrat, ihm
ganz wie sonst die Hand reichte, ganz wie sonst lächelte, daß die
großen Raffzähne im Oberkiefer allzusehr sichtbar wurden, und ganz
unbefangen sagte: »Ja, ~dear Conte~, wir haben nun genug von Venedig;
es ist ja ~quite interesting~, aber schließlich kann man sein Leben
hier nicht verbringen!«

Das war deutlich, so deutlich, daß es kein Mißverständnis und keinen
Antrag mehr gab. Priuli mußte sich darein finden, daß Maud ihn
wochenlang am Narrenseil geführt hatte und ihn aufgab, als sich ihr die
Aussicht auf einen Empfang im englischen Königsschloß eröffnete. Die
Konkurrenz mit Buckinghampalast konnte er nicht aufnehmen, ebensowenig
wie man diesen albernen Weibern (wie er sie jetzt im stillen nannte!)
hätte klarmachen können, was ein Priuli war und in Venedig bedeutete.
War doch neulich (er mußte lachen, wenn er daran dachte) die alte
Beaufort sehr enttäuscht gewesen, als sie hörte, daß der Colleoni nicht
identisch sei mit dem großen Dogen Priuli, was sie sich, Gott weiß
wieso, eingebildet hatte. --

Nun, die Sache Beaufort war mißlungen, damit mußte man sich nun
abfinden. Ettore empfand schmerzliches Bedauern, wenn er bedachte, was
er alles von dieser Heirat gehofft hatte. All seine Schulden wollte
er bezahlen, den verlotterten Palast von der Steintreppe an bis zum
Speicher gründlich renovieren, nicht immer nur die Dogenmützen frisch
vergolden lassen, wie er es jetzt tat. Die Mutter sollte behaglich,
ohne die ekelhaften Geldsorgen ihren Lebensabend verdämmern, die schöne
Schwester, die junge Eleonore, mit der Mitgift, die er ihr aufsetzte,
einen Mann finden, daß sie nicht ins Kloster zu gehen brauchte, wie
seine älteren Schwestern. Das alles wäre so einfach, so schön gewesen,
und nun war alles zu Ende, bloß weil in weiter Ferne ein Earl einem von
Snobismus verzehrten Mädchen winkte!

Gewaltsam riß er sich aus seinem Bedauern empor. Der Lido wurde schon
deutlich sichtbar, und immer noch wußte Ettore nicht, mit welchem
Gesicht er vor seine Freunde treten sollte. Die Wahrheit sagen und
sich von ihnen bemitleiden oder ausspotten lassen, das einfachste wäre
es gewesen, aber eine begreifliche Eitelkeit bäumte sich dagegen auf.
Sagen, daß er es war, der die Partie aufgegeben hatte? Sie würden ihm
nicht glauben. Andeuten, daß der Reichtum der Beauforts überschätzt
worden oder daß er, Ettore Priuli, einem andern Goldfisch auf die
Spur gekommen war? Das sah nicht sehr wahrscheinlich aus, mochte aber
immerhin gehen, wenn man die Geschichte ein wenig schlau anfaßte und
wenn man gleich einen anderen Namen oder eine andere Erscheinung gegen
die Beaufort ausspielen konnte. Woher aber in der Eile ein anderes
Mädchen, eine andere Partie ausfindig machen, die es begreiflich
erscheinen ließen, daß man sich um ihretwillen von Maud abwandte?!
Das war natürlich nicht leicht, und dennoch hatte Ettore plötzlich
ein angenehmes Gefühl, so als ob hier eine Möglichkeit läge, über die
er sich noch nicht ganz klar war, die aber unversehens Fernsichten
erschließen konnte, von denen er jetzt noch nichts ahnte. Sein Unmut
war während der langen Fahrt schon völlig geschwunden, nur eine große
Müdigkeit war ihm geblieben und der Wunsch, die ersten Fragen und
Anspielungen der Freunde hinter sich zu haben. Er war daher froh, als
der Lido endlich zum Greifen nahe lag, und trieb seinen Gondoliere zur
Eile an, damit sie noch vor dem Vaporetto, der sich eben dem Strand
näherte, ans Land kamen und nicht durch die Wellen des Dampfers eine
Verzögerung hatten. --

Als Ettore die Gondel verlassen hatte, merkte er, daß seine Eile ganz
vergeblich gewesen war, denn er mußte ja doch auf das Trambähnchen
warten, das vom Landeplatz zu den Bagni fuhr und natürlich den Anschluß
der Vaporetti bildete. Er war ganz froh darüber, denn es eilte ihm
gar nicht so sehr, die Freunde zu treffen, und obendrein bereitete es
ihm die Freude des müßigen Bummlers, die dem Dampfer entsteigenden
Menschen zu mustern. Es waren ihrer nicht gar zu viele, denn die
Reisesaison hatte eben erst begonnen, und interessante Typen fehlten
fast gänzlich. Es war ein ziemlich untergeordnetes, italienisches
Kleinbürgertum, das herausdrängte, stark vermischt mit Deutschen
von ähnlicher Qualität, die schon durch ihre seltsame, weder der
Witterung noch dem Stimmungsreiz Venedigs angepaßte Kleidung ihre
Nationalität verrieten. Ettore sah dieselben Gestalten, die jahraus,
jahrein seine Vaterstadt in immer größeren Scharen überschwemmten: die
Männer in Loden, die Frauen in abgetragenen Blusen, alle oder fast
alle hingerissen, verzaubert von dieser Stadt, deren Name ihnen seit
ihren Kindertagen wie ein Märchen ins Ohr geklungen hatte, daß sie
gar nicht merkten, wie sie durch ihre vernachlässigten Erscheinungen,
durch ihr lautes Wesen stets aufs neue den Spott und den Aerger der
an allen Aeußerlichkeiten hängenden, eleganten Romanen hervorriefen.
Einige Engländer stiegen aus, tadellos gekleidet, mit unbeweglichen
Mienen, eine französische Kokotte, geschminkt und parfümiert, kam mit
ihrem Begleiter angetrippelt, und man sah ihr an, daß sie von all
der Herrlichkeit Venedigs nicht das geringste verstand und für den
Boulevard des Italiens willig die Lagunenstadt hergegeben hätte.

Ettore wollte eben feststellen, daß die Musterung dieses Dampferpöbels
sehr unergiebig gewesen sei, als ihm ein Paar auffiel, das fast als
letztes den Dampfer verließ. Es war ein älterer Herr und eine junge
Dame, die er sofort, noch ehe er sie sprechen hörte, als Deutsche
erkannte, obgleich sie beide durch ihre Erscheinungen und ihren Anzug
sehr vorteilhaft von ihren Landsleuten abstachen. Dem Herrn merkte
man an seiner Haltung und an kleinen Einzelheiten seiner Toilette den
Militär in Zivil an, die junge, schlanke Dame, die ein ganz einfaches,
aber tadelloses blaues Tailor made mit einer weißen Spitzenbluse trug,
konnte vielleicht seine Frau, wahrscheinlicher aber seine Tochter sein;
Ettore war sich im Augenblick darüber nicht klar. Die beiden waren
ihm zuerst durch ihre großen, schlanken Gestalten aufgefallen und
dann durch einen Ausdruck von Glück, von Verklärtheit, der über ihren
Gesichtern lag, sie von innen heraus beleuchtete, daß man gar nicht
wußte, ob diese Menschen schön oder häßlich waren, sondern nur, daß
ihnen etwas zuteil geworden, was sie nicht zu hoffen gewagt, daß sie
dahingingen, eingesponnen und verloren in einen seligen Traum. Ettore
erinnerte sich, daß er diesen entrückten Ausdruck wohl schon da und
dort auf den Gesichtern von Deutschen gesehen hatte, die zum erstenmal
nach Italien kamen, eine Sehnsucht zu stillen, die ihrer Rasse im
Blute liegt; sie hatte ihm auch immer gefallen, ihn mitunter ein wenig
gerührt, aber nie war ihm so warm ums Herz geworden, wie eben jetzt, da
er diese beiden betrachtete. Das Mädchen war sicherlich nicht besonders
hübsch, wohl auch schon über die allererste Jugend hinaus; ihr Gesicht
war schon ein wenig gezeichnet, vom Leben, von kleinen, verschwiegenen
Entsagungen und wortlosen Bitternissen, zugleich aber war es so
erfüllt von Güte und vom Glück dieser Tage, daß Ettore sie bewegt
ansah. Er dachte an Miß Maud, die sicher alle möglichen Eigenschaften
besaß, nur keine Güte und vermutlich auch keine Glücksfähigkeit, und
diese blonde, verklärte Deutsche erschien ihm mit eins schön und
begehrenswert. Der ältere Herr bemerkte ihn, sah ihn eine Sekunde lang,
sichtlich betroffen von Priulis Schönheit, an und machte dann zu der
jungen Dame leise eine Bemerkung. Sie hatte bis jetzt auf die Lagune
zurückgeblickt, wandte aber nun den Kopf nach der Richtung, wo Ettore
stand. Er merkte, daß sie, genau wie ihr Begleiter, betroffen war
von der Vollendung seiner Fechtergestalt und seinem kühnen, braunen
Gesicht, das alle Feinheiten der alten Rasse wies. Weil er's merkte,
sah er sie mit seinen dunklen Augen so schwärmerisch und lockend
an, wie er alle Frauen anzublicken pflegte, und wartete gespannt den
Effekt ab. Das Mädchen wandte langsam, ohne Bewegung oder Verwirrung
zu verraten, den Kopf wieder weg, aber Priuli merkte, daß ihr helles
Gesicht sich mit einer leisen Röte bedeckt hatte. Sie wechselte wieder
ein paar Worte mit ihrem Begleiter, sah, während die Menge zur Trambahn
drängte, immer wieder auf die Lagune und die ferne Stadt zurück.
Priuli, der sich selbst nicht recht begriff, stand immer noch wie
vorhin und dachte, wie töricht und süß es doch sei, daß ein Mensch sich
glückselig fühle, bloß weil er in Venedig und weil die Lagune so blau
ist ...

Er hoffte, während der kurzen Fahrt des Trambähnchens irgendeinen
Anknüpfungspunkt mit dem deutschen Paar zu finden, sah sich aber
peinlich enttäuscht. Die beiden, die wahrscheinlich genug hatten vom
Reisepöbel, stiegen nicht ein, sondern schickten sich an, die Bagni
zu Fuß zu erreichen. Ettore warf noch einen seiner lockenden Blicke
auf die blonde Dame zurück, aber sie sah ihn nicht oder wollte ihn
nicht sehen, hing sich an den Arm ihres Begleiters, und weil der Wagen
sich nun in Bewegung setzte, waren sie bald dem Gesichtskreis Ettores
entschwunden.




2.


Die Freunde Priulis, der junge Fürst Gaulo, die zwei Grafen Fabbriani
und der Graf Spatò, erwarteten ihn mit mehr Geduld und besserer
Laune, als er sich dachte. Sie saßen an einem runden Tisch auf der
Kurhausterrasse, sogen an den Strohhalmen ihrer Graniti, sahen
hinunter aufs Meer, wo einzelne, aber nicht allzu viele badeten, und
sprachen in den Pausen, welche die Musikkapelle ließ, über allerlei
Gesellschaftsklatsch und -neuigkeiten und über ihr Lieblingsthema, --
das Heiratsproblem. Priuli hätte sich ihretwegen gar nicht auf eine
Ausrede oder irgendeine Gefühlskomödie zu besinnen brauchen, denn sie
waren von seinem Mißerfolg bei der Amerikanerin schon überzeugt, als
seine Hoffnungen noch mit geblähten Segeln dahinfuhren. Gaulo sagte:

»Es dauert zu lange! Wenn eine Sache nicht in den ersten acht Tagen
glückt, wird sie überhaupt nichts mehr! Sie nimmt Priuli nicht, verlaßt
Euch darauf!«

Die andern nickten. Der jüngere Fabbriani, blond und häßlich, wie die
blonden Italiener fast immer sind, sagte nachdenklich: »Es ist komisch!
Priuli sieht doch so famos aus, daß man meint, er brauchte nur die
Hand auszustrecken, um alle Weiber in der Tasche zu haben ...«

»In der Tasche schon, aber nicht in der Kirche!« meinte Spatò, der sich
gern als Experte in Heiratsangelegenheiten aufspielte. Auch ihm sah
man die alte, vornehme Rasse an, aber mehr an Dekadenzmalen denn an
Vorzügen. Er war engbrüstig, hatte einen auffallend langen, schmalen
Schädel und lebte seit Jahren mit einer Tänzerin, von der er nicht mehr
loskam. Jeder wußte, daß er nur den Tod eines reichen Großonkels, der
mit Enterbung drohte, abwartete, um seine Geliebte zu heiraten.

Die andern lachten. Es war eine kleine Schwäche Spatòs, stets so zu
tun, als ob er seine Tänzerin jeden Augenblick verabschieden könnte
und wollte und ernstlich daran dächte, eine vorteilhafte Standespartie
zu machen. Er tat nicht nur vor den Leuten so, er redete es sich auch
selbst ein, und darum wußte niemand in Venedig, ausgenommen vielleicht
der junge Fürst Gaulo, so genau Bescheid um alle Partien, die in Frage
kamen, wie Spatò. Massimo Fabbriani tat ihm jetzt den Gefallen, auf
sein Spiel einzugehen, und fragte, was man denn tun müsse, um einen
Goldfisch zu angeln. Spatò wiegte leise den Kopf, schien ein wenig
nachzudenken und sagte dann fast dasselbe, was Priuli vorhin erwogen
hatte.

»In Venedig ist es schwer, verdammt schwer; die Konkurrenz des
Auslandes ist so groß! Unsere Namen klingen da draußen zu wenig, und
unsere Paläste, nun ja, wenn man einen am Canal Grande hat, mag's noch
gehen (der Palazzo Spatò, dicht bei den Palazzi Mocenigo gelegen,
war einer der stolzesten des Canal Grande und berühmt wegen seiner
prächtigen Renaissancefassade); aber der arme Priuli hat darin Pech. In
der Calle, wo er steht, sieht ihn kein Mensch!«

»Aber der Palazzo Priuli ist entzückend!« meinte Cesare Fabbriani, der
ein wenig mit Kunstinteressen kokettierte. »Für seine Spitzbogen geb'
ich den Loredan und den Cornèr und noch einen dazu!«

»Ja, mein Lieber, wenn Du glaubst, daß die Mädchen wegen des
Spitzbogenstils heiraten!« beharrte Spatò. »Wenn man ihnen imponieren
will, muß man am Canal Grande wohnen, wo alle Parvenüs täglich
vorbeifahren, und wo die Aussicht lockt, daß der Name, den sie
erheiraten, von jedem Gondoliere und Fremdenführer genannt wird! Aber
in einer Calle --«

Massimo Fabbriani gab Spatò recht. Er war mit seiner blonden
Häßlichkeit immer etwas neidisch auf Priuli, und es freute ihn, wenn
man die Chancen des schönen Ettore gering einschätzte. Darum sagte er
jetzt, nur um den Widerspruch der andern zu hören:

»Freilich hat Priuli etwas, was mehr wert ist als irgendein Palast.
Er hat seine Gemäldegalerie mit der ›Dogaressa‹!« Einen Augenblick
herrschte Schweigen. Die ›Dogaressa‹, das weltberühmte Bild, das
sich seit Jahrhunderten im Besitz der Priuli befand und eines der
köstlichsten Kleinode Venedigs darstellte, war jedem Venezianer so
teuer, daß er nur mit Ehrfurcht davon sprach. Cesare Fabbriani meinte
gedankenvoll:

»Ja, die ›Dogaressa‹ ...! Was wären die Priuli, wenn sie das Bild nicht
hätten! Es ist übrigens das einzige Wertvolle in der ganzen Sammlung.
Der Rest ist nur Kitsch!«

Gaulo lachte.

»O, wenn die Priulis das Bild verkaufen könnten, das gäbe einen schönen
Haufen Geld, was meint Ihr?«

Sie fingen an Summen zu nennen, Millionenziffern, die alle gleich
möglich oder unmöglich sein konnten, weil der Wert des Bildes nicht
abzuschätzen war. Schließlich meinte Cesare Fabbriani, der anfing sich
zu langweilen:

»Wozu machen wir uns eigentlich die Köpfe mit all den Zahlen warm? Bei
uns kann es doch keiner kaufen, und nach auswärts darf es ja nicht
gehen!«

Sie nickten. Nun, da sie, scheinbar im Scherz und doch mit einem
deutlichen Unterton von Ernst und Gier, das Bild abgeschätzt hatten,
war ihr Interesse an ihm erschöpft, zudem sie jetzt Ettore auf ihren
Tisch zukommen sahen. Er ging langsam, den Hut aus der Stirn geschoben,
den Kopf ein wenig zurückgelegt, das Stöckchen schwingend, ganz und gar
der scharmante, schöne Priuli, als den ihn Venedig kannte. Er setzte
sich zu ihnen, tauschte mit ihnen die üblichen Redensarten über das
Wetter von heute, gestern und morgen, bestellte sich eine Eislimonade,
zündete eine Zigarette an und schien nichts zu empfinden als das
Behagen des Lebens und die Helle dieses Tages. Gaulo fragte ihn neckend:

»Was macht Amerika?«

»~Vederemo!~«

»Ist die Geschichte noch nicht bald spruchreif!«

Der häßliche, blonde Fabbriani sah Ettore lauernd an. Ettore verstand,
was der Blick sagen wollte, und entgegnete gelassen:

»Eine Verlobung ist kein Kinderspiel! So etwas muß man sich genau
überlegen. Ich muß mir's nämlich genau überlegen!«

Er staunte selbst, daß er so unbefangen flunkern und die andern
verblüffen konnte. Denn verblüfft waren sie ein paar Sekunden lang,
wenn schon sie sich bei ruhiger Ueberlegung sagen mußten, daß die
sogenannte Ueberlegung wohl mehr auf seiten Miß Mauds als auf der
Priulis war. Sie neckten ihn noch, fragten ihn, was es denn angesichts
von so viel Dollars noch zu überlegen gäbe, worauf er zuerst allerlei
allgemeine Redensarten machte, um plötzlich ernst und ein wenig
geheimnisvoll zu behaupten:

»Ich werd' Euch später sagen, warum mir heute Bedenken gekommen sind!«

Die andern lachten oder lächelten, und der blonde Fabbriani freute sich
innerlich über die Niederlage, die er aus den umschreibenden Worten
deutlich merkte; Priuli selbst aber hatte, er wußte nicht wieso, mit
einemmal das Gefühl, als ob seine Worte nicht mehr bloß Ausrede und
Erfindung seien, als ob sie vielmehr in irgendeinem Grunde wurzelten,
so daß er selbst beinahe zu glauben begann, irgendeine schwerwiegende
Ursache hätte seine Verlobung mit Miß Maud verzögert.

Nun waren sie wieder auf dem alten Lieblingsthema, der reichen Heirat,
und sie erörterten abermals tiefsinnig, wie schwer es für sie sei, eine
zu schließen.

Gaulo sagte:

»Es ist eigentlich ein Unsinn, immer hinter diesen Ausländerinnen
herzujagen. Man sollte sich mehr an die Töchter des Landes halten!«

Spatò meinte:

»Freilich! Nur haben leider die Väter des Landes sehr wenig Geld!«

Ja, darin hatte er wohl recht, das gaben alle zu. Das war ja eben
der Jammer, daß man auf die Ausländerinnen angewiesen war, mit
denen man sich in der Ehe dann schlecht verstand und schlecht
vertrug. Die Fabbrianis zwar, deren Familie sich ein paarmal mit
dem österreichischen Hochadel verschwägert hatte, meinten, daß
die Oesterreicherinnen, natürlich die Oesterreicherinnen aus den
italienischen Sprachgebieten, angenehme Gattinnen abgäben, die sich
leicht und gut in die Besonderheiten Italiens und der vornehmen
italienischen Ehe einlebten. Sie stießen aber auf den vereinten
Widerstand der andern drei, die nichts von Oesterreich wissen wollten.
Oesterreich war für sie trotz des Dreibundes der Bedränger Italiens,
mit dem man wohl über kurz oder lang aneinandergeraten würde, und wenn
diese jungen Leute sich auch nicht im geringsten um Politik kümmerten,
so war ihnen doch die Abneigung gegen Oesterreich in Fleisch und Blut
übergegangen.

Die Fabbrianis gaben schließlich klein bei.

»Also schön, keine Oesterreicherinnen! Aber wen dann? Mit den
Amerikanerinnen ist das doch so eine Sache --«

Der Blonde schielte zu Ettore hinüber, der unbefangen und aufmerksam
Rauchkringel in die Luft blies, als hätte er nie von einer Amerikanerin
einen Korb erhalten.

»Und die Engländerinnen --«

Gaulo nahm heftig für die Engländerinnen Partei. Er war, wie die
meisten Italiener, ein großer Anglomane, weil er, wiederum wie die
meisten seiner Landsleute, verwandte Seiten mit den Engländern besaß.
Ihre Geldgier, ihre Rücksichtslosigkeit, ihre Kunst sich durchzusetzen
und zu behaupten, imponierten ihm mächtig, und die ungeheuren
Reichtümer, die sie ansammelten, natürlich noch mehr. Er sagte:

»Ich hoffe zuversichtlich, einmal eine Engländerin zu heiraten. Von
allen Frauen, die ich kennen gelernt habe, gefallen sie mir in jeder
Hinsicht weitaus am besten!«

Spatò lächelte ironisch.

»Ich weiß nicht, aber wenn ich Tassini ansehe ... Ich sag' Euch, die
Ehe Tassinis hat mich ein für allemal von dem Gedanken abgebracht,
eine Engländerin zu freien!«

Sie zuckten die Achseln, gingen nicht weiter auf Spatòs Worte ein.
Mein Gott, wer sprach denn noch von der Ehe der Tassinis?! Die
Tassinis waren ja doch schon über zwanzig Jahre verheiratet, und die
Ausschweifungen des Fürsten wie die Absonderlichkeit der Fürstin waren
so oft besprochen und kritisiert worden, daß es langweilig gewesen
wäre, jetzt abermals darauf zurückzukommen. Gaulo sagte also nur:

»Ich bitte Dich, hör' auf mit den Tassinis! Das ist ja schon beinahe
biblische Geschichte.«

Spatò aber, der gerne widersprach oder zum Widerspruch reizte,
versetzte:

»Biblische Geschichte? Schön! Dann will ich Euch etwas ganz
Neues sagen. Merkt auf! Man sollte weder Oesterreicherinnen noch
Amerikanerinnen, noch Engländerinnen heiraten, sondern deutsche
Mädchen!«

Nun erhob sich ein Sturm der Abwehr. Wie konnte Spatò nur so etwas
behaupten oder gar im Ernst meinen! Die Deutschen waren garstig,
plump, unelegant, -- wie sollte man solch ein Mädchen in die Pracht
venezianischer Paläste, in die Kreise venezianischer Gesellschaft
bringen, in der es so schöne Frauen, so glänzendes Auftreten und so
scharfe Lästerzungen gab?! Man wäre lächerlich vom ersten Tag der Ehe
an, und über Lächerlichkeit könnte auch alles Geld nicht weghelfen.

»Zudem haben die Deutschen auch gar nicht so viel Geld!« meinte der
ältere Fabbriani, und die andern gaben ihm recht.

Spatò ließ ihren erregten, von Gesten reichlich unterstützten
Widerspruch verklingen, wiegte bedächtig den Kopf:

»Ja, ja, Kinder, Ihr redet geradeso wie Eure Väter geredet haben,
weil Ihr Euch um das, was in der Welt vorgeht, nicht kümmert! Ihr
meint immerfort, die Deutschen seien noch die Kleinkrämer, auf die
wir mit Verachtung herabblicken können. Ich sag' Euch aber, daß dies
alles anders geworden ist, ganz anders! Sie sind in Deutschland reich
geworden, schwer reich, ekelhaft reich, und darum ist's ein Unsinn,
daß wir immer noch wie hypnotisiert auf die Misses von Amerika und
England starren! Es gibt heute in Deutschland eine Unzahl von reichen
Mädchen, die obendrein auch noch gut aussehen und sich zu kleiden
wissen, jawohl, Gaulo, wenn Du auch noch so sehr grinst und meinst,
Du seist in Heiratsgeschichten unfehlbar! Frage einmal beim Portier
von Bauer-Grünwald nach, wer jahraus, jahrein in den seidentapezierten
Salons bei ihm wohnt, da wirst Du Namen hören, hinter denen Millionen
und immer wieder Millionen stehen, und Frauen, die sich überall sehen
lassen können ...«

Gaulo sagte trocken:

»Danke, ich bleibe lieber beim ›Danieli‹ und ›Beaurivage‹!«

Die andern lachten, denn sie wußten ja, daß von dort aus Gaulo durch
einen Vertrauensmann die Ankunft der reichen Angelsächsinnen erfuhr,
Ettore aber, der bis jetzt ziemlich teilnahmlos geblieben war, mischte
sich ins Gespräch und gab zum allgemeinen Staunen Spatò recht. Keiner
begriff ihn, denn er hatte bis zum heutigen Tage immer eine gewisse
Verächtlichkeit für die deutschen Frauen an den Tag gelegt, und darum
dachten sie, daß auch aus ihm nur ein momentaner Widerspruchsgeist
redete. Er aber aber beharrte:

»Ich bin ganz der Meinung Spatòs. Wir täten sehr gut, wenn wir einmal
das Geld und die Frauen der Deutschen in Betracht ziehen würden!«

Und Spatò fuhr fort:

»Jawohl, Gaulo, ich werde Dir gleich beweisen, wie richtig meine
Behauptung ist.«

»An der Hand des Portiers von Bauer-Grünwald?«

»Sie ist ebenso gut wie die Hände von ›Danieli‹ oder ›Beaurivage‹!«

»Also meinetwegen,« sagte Gaulo, der in Spatòs Worten Schärfe spürte
und keinen Streit aufkommen lassen wollte. Ettore aber horchte auf, als
ob Spatò nur für ihn spräche.

»Also merkt auf: Da wohnen seit ein paar Tagen im ›Bauer-Grünwald‹
Deutsche, denen man gar nichts Besonderes ansieht. Vater und Tochter.
Der Portier hat sie mir gezeigt und ihren Namen gesagt. Sie heißen:
Scio ... Sce ...« Spatò machte noch einige weitere, vergebliche
Versuche, einen deutschen Namen zu buchstabieren, ließ aber, da er die
Aussichtslosigkeit einsah, davon ab und sagte: »Nun, den Namen werd'
ich Euch nachher zeigen, der Portier hat ihn mir aufgeschrieben. Also
das ist ein alter Offizier mit seiner Tochter, einem hübschen und ganz
eleganten Mädchen. --«

Ettore hörte jetzt gespannt zu.

Gaulo markierte ein Gähnen.

»Nun erzähl' uns noch, daß auch die deutschen Offiziere Milliardäre
sind, dann hast Du für heute so ziemlich den Gipfel der Absurdität
erreicht!«

»Laß Spatò doch ausreden!« sagte Priuli so zuversichtlich, als wisse er
jedes Wort, das Spatò noch sagen wollte.

»Jawohl, Gaulo, hör' mich bis zu Ende an! Dieser alte Offizier, der
bisher wahrscheinlich in irgendeiner kleinen Garnison mit seiner
Familie ein Fretterleben geführt hat, machte plötzlich eine Erbschaft,
eine Sensationserbschaft, um die schon seit achtzig Jahren ein
hartnäckiger Prozeß von Generation zu Generation geführt worden ist ...«

»~Querelles allemandes!~« warf Gaulo ironisch hin.

»Nein, gar nicht ~querelles allemandes~, denn dieser Streit ging nicht
um nichts, sondern um viele Millionen!«

Jetzt fing Gaulo an, sich für die Geschichte zu interessieren.

»Sag' mal, hat man Dir da nicht am Ende bei ›Bauer-Grünwald‹ einen
Bären aufgebunden? Ein alter Offizier und plötzliche Millionen -- das
kommt mir so unwahrscheinlich vor!«

Spatò zog seine Brieftasche heraus, kramte ein wenig darin herum und
brachte einen Ausschnitt aus einer deutschen Zeitung sowie einen Zettel
zutage, auf dem mit Bleistift ein paar Worte geschrieben standen. Er
reichte beides Gaulo hin, damit er es sehen und auch den andern zeigen
konnte.

»Auf dem Zettel steht, wie sie heißen, und in dem Zeitungsausschnitt
die Geschichte ihrer Erbschaft, die bis zu irgendeinem Kurfürsten
aus dem 18. Jahrhundert zurückreicht und darum wohl auch die
Oeffentlichkeit in Deutschland interessiert!«

Gaulo las von dem Zettel: »Oberst a. D. von Schöttling und Tochter.«
Den Zeitungsausschnitt konnten sie aber nicht lesen, weil keiner von
ihnen Deutsch verstand. Sie gaben Zettel und Ausschnitt an Spatò zurück
und redeten ihm zu, daß er sich vom Portier des »Bauer-Grünwald« das
Entrefilet übersetzen lassen sollte. Nur Ettore machte ein wissendes
Gesicht, das dem blonden Fabbriani auffiel.

Spatò hatte eben die Papiere wieder in seine Brieftasche
zurückgesteckt, als es ihm einen kleinen Ruck gab.

»~Per Dio~, da sind sie! Da kommen sie gerade auf die Terrasse zu!«

Alle hoben die Köpfe, wandten sie nach der Seite, die Spatò bezeichnet
hatte. Ettore tat's ein wenig hastiger und zugleich sieghafter als die
andern, denn er ahnte deutlich, daß die Millionenerben niemand anders
waren als die verklärte Blondine mit ihrem Vater, die ihm vorhin bei
der Landung des Vaporetto aufgefallen waren.

»Nun, hab' ich nicht recht? Sieht die Kleine nicht ganz patent aus?«
fragte Spatò im Ton eines Impresarios.

Wirklich, es ließ sich kaum etwas entgegnen, und Gaulo, der nörgelte,
daß das Mädchen zu überschlank und ihre Nase zu lang sei, fiel gänzlich
ab. Bah, mit der Zeit würde sie schon dicker werden, und die wirklich
etwas große Nase störte den Reiz des Gesichtes mit den sorgsam
frisierten Blondhaaren nicht im geringsten. Sie hatte eine ruhige
Anmut des Ganges und, was Ettore jetzt erst bemerkte, ungewöhnlich
schmale Füße und Hände. Ihre Linke hielt einen ausgespannten,
weißen Spitzensonnenschirm, während die Rechte liebkosend mit einer
langen Halskette spielte, einer jener wunderbar feinen, von Perlen
unterbrochenen Ketten, wie nur venezianische Goldschmiede sie fertigen.
Die Aufmerksamkeit, die ihr Kommen an dem Tisch der jungen Leute
erregte, mußte ihr auffallen, fiel ihr auch auf, und sie erkannte
sogleich den Mann wieder, dessen Fechtergestalt und klassische
Schönheit sie unten am Landungssteg betroffen gemacht hatte. Sie wurde
wieder rot, sah weg und suchte mit ihrem Vater angelegentlich einen
Tisch, an dem die Sonne nicht lästig war und der zugleich den freien
Ausblick übers Meer bot. Weil Priuli Glück hatte, vielleicht auch
weil Fräulein von Schöttling es trotz ihres Errötens wollte, fand sich
ein Tisch, der etwas entfernt, aber doch den jungen Leuten gerade
gegenüber stand, so daß Priuli im Laufe des verdämmernden Nachmittags
noch mehrmals Gelegenheit hatte, schmachtende und lockende Blicke zu
schleudern, die jedesmal mit einem Erröten, ein und das andere Mal
auch mit einem Gegenblick quittiert wurden. Kurz ehe die jungen Leute
aufstanden, um nach Venedig zurückzufahren, sagte er mit einer gewissen
Süffisance, die den blonden Fabbriani ärgerte:

»Ja, seht Ihr, nun will ich's Euch doch nicht länger verschweigen.
Ich wußte die Sache von der deutschen Millionenerbschaft schon länger
und habe darum meine amerikanische Miß etwas kaltgestellt ... Ich
beabsichtige nämlich, dieses Fräulein von Schöttling zu heiraten!«

Er hatte sie zuerst verblüffen wollen, nichts weiter, aber bei
jedem Wort, das er sagte, wuchs ihm der Glaube an sich und seine
phantastische Behauptung, so daß es ihm schließlich vorkam, als wäre
sein Abfall in Venedig heut nachmittag eine besondere Fügung des
Schicksals gewesen, das ihm dieses blonde, deutsche Mädchen zur Gattin
bestimmte.




3.


Elisabeth von Schöttling stand am offenen Fenster des kleinen Salons,
der zwischen den beiden Schlafzimmern lag und sah hinaus auf den Canal
Grande, an dessen Ufern Palast an Palast gereiht in der Morgensonne
lag. Köstliche Pergolen wechselten mit Säulen und Fassaden des San
Sovino, mit Friesen, Balkonen und Pilastern von heiterer Festlichkeit.
Die einen sahen gewaltig, die andern prunkvoll oder verlottert aus, den
mochte ein Eroberer, jenen ein fröhlicher Genußmensch oder ein toller
Verschwender gebaut haben, aber wer immer den Odem des Lebens ihnen
eingeblasen hatte, -- sie hatten ihn bewahrt, wie sie ihn empfingen,
und trugen ihn weiter über Jahrhunderte, Krieg, Völkergeschick und
Verfall bis auf den heutigen Tag, daß der Wasserarm, in dem sie sich
spiegeln, einer geheimnisvollen Quelle gleicht, der die Kraft gegeben
war, dem Tode zu wehren und längst Vergangenes durch Zauberkraft
festzuhalten. Unwirklich, nicht einmal wie ein Märchen, sondern nur
wie die Spiegelung eines Märchens, lag Venedig da, nur die Vaporetti,
die auch zu dieser frühen Stunde fleißig und geräuschvoll den Kanal
auf und ab fuhren, brachten durch das wirbelnde Geräusch ihrer Räder
und die bunte Menge, die sie verfrachteten, den Lärm und das Getriebe
des lebendigen Tages in diese Palaststraße, die der Vergangenheit und
den großen Erinnerungen geweiht scheint. Elisabeth sah hinaus, wie
sie jeden Morgen hinaussah, ungläubig, erstaunt, so als ob sie's noch
immer nicht fassen könne, daß dies alles nun ihr und ihren durstigen
Augen gehöre. Sie wandte den Kopf zurück zu ihrem Vater, der am
Frühstückstisch saß:

»Kannst Du's fassen, Papa, ich noch immer nicht! Ich meine immer noch,
eines Morgens müßt' ich aufwachen, daheim in München, und merken, daß
alles nur geträumt war!«

Der Oberst lachte.

»Unser italienischer Traum dauert jetzt schon Wochen, und da hab' ich
mich allmählich daran gewöhnt!«

»O sag' nicht ›gewöhnt‹! Gewöhnen kann man sich an alles mögliche,
aber an Venedig nie, nie ... Mir kommt's schon immer so töricht vor,
daß man hier essen und schlafen muß, wie sonst auch, statt zu schauen,
immerfort zu schauen. Ich hab's wie ein Fieber in mir, daß ich meine,
ich müßte jeden Tag auspressen und genießen, als ob er mein letzter
wäre!«

»Ich genieße jeden Venezianer Tag lieber so, als ob er mein erster
wäre, als ob ihm noch eine endlose Reihe von seinesgleichen folgen
müßte.«

Elisabeth dachte eine Sekunde nach.

»Ja, das ist wohl auch klüger, und ich möcht' es auch, aber ich kann
nicht. Es ist wie eine Angst in mir, daß mir etwas von all dieser
Schönheit entrinnen und daß ich's dann nie mehr einholen könnte.«

Der Oberst nickte.

»Das ist die Jugend mit ihrer schönen Zügellosigkeit! Mädel, Du weißt
gar nicht, wie gut Du's hast, daß Du in Deinen jungen Jahren Italien
auf- und abkutschieren darfst. Ich hab's nicht so gut gehabt!«

»Du warst aber doch schon als junger Mensch einmal hier!«

Die Augen des Obersten leuchteten auf.

»Ja, freilich, als ganz junger Dachs mit ein paar mühselig ersparten
Kröten. Für acht Tage in einem italienischen Beisel hat's gereicht!
Aber was waren das für acht Tage! Herrgott, was für Tage! Damals war
man eben jung und genau so verrückt wie Du heut, obgleich ich für mein
Mittagessen nicht so viel zahlen konnte, wie wir heute hier für eine
Flasche Selterwasser.

Aber Venedig bleibt immer Venedig, und wie man's erreicht, ist schon
ganz gleichgültig, wenn man's nur erreicht!

Aber sag', Liesel, willst Du nun immerfort am Fenster stehenbleiben und
das schöne Frühstück kalt werden lassen?«

»Ich habe gar keinen Hunger!«

»Ach was, keinen Hunger! Der Mensch muß ordentlich frühstücken, immer
und in allen Lebenslagen, hauptsächlich auf Reisen! Also mach' keinen
Unsinn, komm her und trinke Deinen Tee!«

Elisabeth trat lächelnd vom Fenster zurück und setzte sich ihrem Vater
gegenüber an den Frühstückstisch, auf dem alles stand, was ein erstes
Hotel zum ~Déjeûner complet~ serviert. Sie trug kein Morgenkleid,
sondern war schon wieder wie gestern zum Ausgehen fertig, aber trotz
der Ungeduld, die sich in dieser morgendlichen Bereitschaft verriet,
und trotzdem sie behauptet hatte, daß sie gar keinen Hunger habe, aß
sie jetzt doch mit dem Appetit ihrer Jugend, so daß der Vater lange vor
ihr fertig war und sich in das Studium der deutschen Zeitung versenkte,
die er gestern abend gekauft hatte. Elisabeth las indes im Bädeker
nach, was man gestern gesehen hatte oder heute sehen konnte. Als der
Oberst seine Zeitung zu Ende gelesen hatte, fragte er:

»Also, wie war doch das Programm für heute? Wenn ich mich recht
erinnere, vormittags die Gemäldesammlung im Palazzo Priuli, dann San
Zaccaria und San Giovanni e Paulo, und nachmittags nach Chioggia. Das
alles aber natürlich nur, wenn es Dich nicht müde macht!«

Elisabeth schüttelte den Kopf. Nein, hier war sie nie müde. Befand
sich immerfort in einer leisen, köstlichen Erregung. Es war ihr, als
ob ihr Körper gar keine Schwerkraft mehr besäße, sondern gleich einem
leuchtenden, durchsichtigen Vogel von Schönheit zu Schönheit flog,
immer höher und höher in eine blaue, unnennbare Ferne hinein, in der es
nichts mehr gab als Seligkeit.

Jeder junge, empfindsame Mensch, der zum erstenmal italienischen
Boden betritt, kennt den romanischen Rausch, in dem der Germane
und Nordländer seine Geistesschwere vergißt und mit Staunen sieht,
wie schön eine Welt sein kann, in der es kein Regenwetter und
keine abgrundtiefen Probleme gibt. Wenn Elisabeth diesen Rausch
stärker empfand als die meisten anderen, so war's vielleicht, weil
sie die Sehnsucht ihrer ganzen Familie im Blute trug, weil die
Schöttlings, dies verarmte bayerische Adelsgeschlecht, ihrem Drang
und ihrem Wesen nach Künstler waren, wenn sie gleich aus Standes-
und Sparsamkeitsrücksichten immer wieder den Offiziersberuf wählten.
Nur einer von ihnen, Peter von Schöttling, der ums Jahr 1830 herum
lebte, hatte, weil er ein ungewöhnliches Talent war, seiner großen
Leidenschaft folgen und Maler werden können. Er hatte mit König Ludwig
I. die Italienreise gemacht, war ein Freund Rottmanners gewesen,
und die alte Pinakothek in München bewahrt noch ein paar im Stil
seiner Zeit gemalte treffliche Landschaften von ihm. Das war aber
auch der einzige, der seine Sehnsucht hatte ausleben dürfen; bei
den anderen reichte weder das Können noch das Geld, und sie wurden
Soldaten, weil sie im Kadettenkorps einen halben Freiplatz bekamen,
und weil ihre Väter immer gerade noch die dreißig Mark Zulage für ein
Infanterieregiment aufbringen konnten.

Weil sie allesamt Künstlernaturen waren, heitere oder versonnene
Idealisten, lag die ewige Geldmisere nicht gar zu schwer auf ihnen;
sie träumten wohl davon, wie schön das sein müßte, wenn man so leben
könnte, wie der Peter von Schöttling gelebt hatte, dilettierten wohl
auch in ihren Mußestunden ein wenig mit Pinsel und Palette herum, aber
dann gingen sie auch wieder als brave Soldaten zum Dienst und taten
ihre Pflicht, wenn auch keiner von ihnen eine Leuchte der Strategie
oder des Kriegshandwerks wurde.

Seltsam und tragikomisch war es, daß diese Menschen, die so gerne von
den Notwendigkeiten des Lebens gar nichts gewußt hätten, durch die
Verhältnisse gezwungen waren, diesen Erbschaftsprozeß zu führen, der
in der Tat bis zu einem der bayerischen Kurfürsten zurückreichte und
sich um Millionenliegenschaften drehte. In diesem Prozeß stritten
zwei Linien Schöttling gemeinsam gegen eine dritte, die sich jene
Liegenschaften kraft irgendeiner unklaren Ehe angemaßt hatte, stritten
mit ihr über ein Jahrhundert hinweg mit einer Ausdauer, einer Zähigkeit
und einer Empörung, als ob sie allesamt die zwei Ur-Schöttlinge wären,
die den Erbschaftsprozeß zuerst angefangen hatten. Geschlechter kamen,
liebten, haßten, hofften, alterten und starben, -- aber der Prozeß
dauerte fort. Jede Hoffnung begann bei ihnen mit den Worten: »Wenn wir
den Prozeß erst gewonnen haben ...«, und jede Entsagung senkte grimmig
das Haupt: »Ja, wenn wir den Prozeß schon gewonnen hätten ...« Der
Prozeß war schließlich wie ein unsichtbares, aber lebendiges Wesen
geworden, das mit ihnen ihre Tage teilte, sie erfüllte, umzingelte,
jeder Süße und jeder Bitternis seinen Namen lieh. Und doch dachten die
wenigsten von ihnen, die da verbissen von Instanz zu Instanz stritten,
an unerhörte materielle Genüsse, an Luxus und Verschwendung, die ihnen
aus dem endlich erreichten Schatz kommen sollten. Sie stritten, weil
ihnen der Prozeß vererbt war wie eine Charaktereigenschaft, und weil
in ihnen allen die Sehnsucht Peter von Schöttlings trieb, die endlich
einmal vom halben Freiplatz im Kadettenkorps und im Infanterieregiment
befreit sein wollte, um das Leben in Schönheit und Kunst zu leben,
von dem Geschlecht auf Geschlecht vergebens träumte. Auch der Oberst
Schöttling hatte in seinen Knabenjahren gemeint, daß der Prozeß wohl
gewonnen sein würde, bis er das Kadettenkorps verließ, und daß er dann
für Jahre hinunterziehen dürfte nach Italien, um Maler zu werden,
wie's der Vorfahre gewesen war. Aber auch ihm ging's nicht anders
wie den andern, denn die Entscheidung des Prozesses verzögerte sich
immer noch, nur die dreißig Mark Zulage blieben. Weil der Leutnant
Schöttling aber von Hause aus ein gescheiter Mensch und obendrein halb
und halb ein Sohn der neuen Zeit war, die vom Träumen und Sehnen nicht
mehr gar so viel wissen mochte, kam er über den Durchschnitt hinaus,
wurde Geschichtslehrer an der Kriegsakademie, erreichte es, daß er in
den Stab kam, und schien bestimmt zu sein, eine große oder wenigstens
sehr gute Karriere zu machen. Da kam aber bei ihm doch wieder die
künstlerische Unbedachtsamkeit zutage, er verlobte sich mit einem
blutarmen Mädchen, das geduldig mit ihm wartete, bis er als Hauptmann
sie heiraten konnte. Rasch nacheinander kamen vier Kinder, unter ihnen
drei Söhne, deren Existenz sich abermals auf den halben Freiplatz im
Kadettenkorps und die dreißig Mark Zulage aufbaute. Dann begann die
Frau zu kränkeln, Aerzte und Badereisen zu bedürfen, und alles, was
sonst an die Hausfrau und Mutter kam, legte sich nun auf die Schultern
der jungen Elisabeth. Eine wegen beiderseitiger Armut aussichtslose
Neigung zu einem Leutnant im Regiment ihres Vaters warf die ersten
tieferen Schatten über ihre Seele und ihr Gesicht, und die Jahre, die
nachkamen, hielten mit feinen, mit ganz feinen Linien den Umriß der
Schatten fest. Die Mutter starb, für den Vater war es Zeit, in Pension
zu gehen, und er siedelte aus der teueren Pfalzgarnison, in der sie
zuletzt gestanden hatten, nach München über, weil Elisabeth, die ein
hübsches, wenn auch nicht aufsehenerregendes Talent besaß, Malerin
werden wollte. Sie studierte fleißig in einer Malschule ganz moderner
Richtung, bekam durch ihren guten Namen und mancherlei Beziehungen von
früher her auch allerlei Aufträge für Kinderportraits oder Kopien, aber
sie fühlte doch bald, daß ihre Begabung nicht ausreichte, um ihrem
Leben einen Inhalt zu geben, wenngleich sie natürlich die Einnahmen,
die ihr die Bilder brachten, nicht hätte missen mögen. Denn das billige
München war unaufhaltsam teurer geworden, die drei Brüder reichten
schon lange nicht mehr mit ihrem bescheidenen Wechsel, und der Oberst
war froh, daß die Tochter wenigstens nicht von ihm forderte, sondern
bescheiden und still das kleine Hauswesen führte und selber verdiente,
was sie an Extraausgaben benötigte.

Endlich war dann der Prozeß gewonnen, der die Lage der Familie mit
einem Schlage glänzend gestaltete, und als ersten Genuß des Besitzes
gönnten sich der Oberst und Elisabeth die italienische Reise, die
zunächst bis Neapel führen sollte. In Anbetracht des ungewöhnlichen
Ereignisses hatte auch der jüngste Bruder, der in einer kleinen,
fränkischen Garnison war, einen vierzehntägigen Urlaub erhalten, und
das Kleeblatt reiste in hellem Jubel ab.

Ueber Mailand ging die Fahrt in kleine Nester und Städte, die durch
große Offenbarungen der Kunst für alle Zeiten geweiht sind. Der Oberst
und Elisabeth schwelgten in primitiven Fresken, in naiven Gobelins, in
präraffaelitischen Märtyrern und Allegorien, der Leutnant aber stand
ziemlich teilnahmslos umher und schien von allem, was er sah, ziemlich
oder gründlich enttäuscht. Denn Otto von Schöttling war ein aus der Art
geschlagener Schöttling und Bayer, dem wenig Kunstbegeisterung im Blute
lag, der nicht als Aesthet, sondern als Beobachter reiste und obendrein
noch das »Uns-kann-keiner-Gefühl« des jungen Neudeutschen mit sich trug
und zur rechten Zeit laut werden ließ. Er sah überall Verlotterung,
Faulheit, Schmutz und Unredlichkeit, wo Vater und Schwester malerische
Wirkung und kindliche Harmlosigkeit erblickten, und erklärte bald, er
hätte schon genug vom Bilderrummel, und der Geruch der Kanäle sei so
entsetzlich, daß er ihn auf die Länge nicht aushalten könne. Erstaunt,
ungläubig hörten der Oberst und Elisabeth, was er sagte, und begriffen
ihn nicht, begriffen vor allem nicht, wieso sich gerade hier, in dieser
märchenhaften Stadt eine so tiefe Verschiedenheit der Ansichten geltend
machen konnte.

Dann bat wohl Elisabeth: »Geh', Papa, erzähl' ein wenig, wie alles war,
wie Du zum erstenmal hier warst!«

Und der Oberst, der sich selbst gern der alten Zeiten erinnerte,
fing an zu erzählen, wie schlecht damals, so ums Jahr 1875 herum,
die Schiffe und wie lang die Fahrt gewesen, wie es in Venedig damals
noch keine Wasserleitung und keine Vaporetti gegeben habe, sondern
nur Ziehbrunnen und die schwarzen Gondeln, wie das alte Getto noch
bestanden habe, starrend vor Schmutz, aber in den Tiefen seiner
Trödlerläden seltene Altertümer bergend, wie die Straßen und Plätze
kaum je gekehrt wurden und von Bettlern erfüllt waren, und wie er und
der andere junge Dachs, mit dem er gereist war, an der Speisenkarte
ihrer Trattoria gemächlich von den Preisen herunterhandeln konnten.
Elisabeth hörte solche Geschichten vom früheren Venedig zu gern, der
Leutnant aber meinte mit gönnerhaftem Lächeln:

»Donnerwetter, Papa, das muß eine schöne Wirtschaft gewesen sein und
eine schöne Trattoria!«

Der Oberst entgegnete ruhig:

»Wir waren anspruchsloser als Ihr heutzutage! Ihr habt's besser und
wollt's immer noch besser haben!«

Der Leutnant wurde rot und klein. So hatte er's ja nicht gemeint, er
wollte den Vater ja nicht kränken und war doch weiß Gott für sich
persönlich nicht anspruchsvoll. --

»Laß gut sein, ich weiß schon, wie Du es meinst! Elisabeth und ich, wir
sind eben die Rasse von früher, und Ihr die neue. Wir beten noch an,
was unsere Vorfahren angebetet haben, Ihr aber seid aus anderm Stoff
und wollt selber Vorfahren sein!«

Sie verfolgten das Gespräch nicht weiter.

Der Oberst dachte dann wohl ein wenig darüber nach, wie seltsam
verschieden von ihm doch seine Söhne waren, von denen es keinen zur
Kunst hinzog, obgleich sie jetzt doch hätten tun und lassen können,
wozu die Neigung sie trieb. Der eine wollte nur zur Kavallerie
übertreten, der zweite ging mit dem Gedanken um, den bunten Rock
auszuziehen, um Elektrotechnik zu studieren, und der Jüngste
hier träumte nur von weiten Auslandreisen, von dem Posten eines
Militärattachés bei Gesandtschaften in Japan, China oder Amerika.

»Meine nächste Reise aber geht nach England. Ich will den Platz
aufsuchen, wo wir nach dem nächsten Krieg dem King den Frieden
diktieren!« setzte er lachend, aber doch mit einem Unterton von Ernst
hinzu.

»Ja, ja, der Vorfahre!« sagte der Oberst mit leiser Ironie.

Hinwiederum neckte der Leutnant Elisabeth gern, wenn sie bei Fahrten
auf dem Canal Grande oder bei Spaziergängen durch die winkelige Stadt
immer wieder in Bedauern ausbrach, daß so viele der alten Paläste von
einstens zu Registraturen, Gasthöfen, Bilder- und Glaswarenniederlagen
degradiert worden waren, vor allem, daß sich heute im Palaste der
Catarina Cornaro das Leihhaus befindet. Er sagte dann wohl: »Ich wette,
Liesel, die Dogen wären mit dieser Wandlung ganz zufrieden und die
Republik Venedig auch. Das waren doch alles nur Krämer und Händler, und
ein Leihhaus ist ein Geschäft wie ein anderes auch.«

»Aber findest Du's denn nicht jammervoll, daß diese großen Familien so
heruntergekommen sind, daß sie ihre Paläste zu Bureaux oder Kaufläden
hergeben müssen?«

»Du lieber Gott, was soll einem das Haus ohne Schnecke und der Palazzo
ohne Geld! Ich finde es noch ganz vernünftig, daß sie sich nicht mit
altem Krempel plagen, der für sie keinen Wert mehr hat.«

»Ich kann nicht so denken wie Du! So oft ich am Palazzo Manin
vorbeikomme, muß ich immer daran denken, wie Papa uns erzählte, daß
zu seiner Zeit der letzte Nachkomme der Manins auf dem Markusplatz
Streichhölzer verkauft hat!«

Der Leutnant lachte.

»Wenn sie dem guten Papa da nur nicht einen Bären aufgebunden haben!
Außerdem war der letzte Manin ein simpler Advokat und die Republik von
1848 etwas so Klägliches, daß sie ihrem Schöpfer danken durfte, als
sie beim vereinigten Königreich Italien unterkriechen konnte!«

Es kam bei allen Ironien und Neckereien nie zum Streit, aber alle drei
waren froh, als der Leutnant Venedig verließ. Beim Abschied sagte er
noch:

»Also, Liesel, bis wir uns wiedersehen, wird Deine Verstiegenheit
überhaupt den Pegel erreicht haben, und ich freu' mich schon, Dich
allmählich auf mein ordinäres Niveau herunterzubringen, denn so schätzt
Ihr beide mich jetzt doch ein, das weiß ich schon!«

Elisabeth lachte und wehrte ab, aber sie freute sich, daß nun niemand
mehr sie in ihrer Schwärmerei und ihren Phantasien störte. Immer tiefer
versanken die beiden in den romanischen Rausch, schoben die Abreise
nach Florenz immer weiter hinaus, weil Venedig sie so fest gefangen
hielt. Alles erschien ihnen hier köstlich und zauberhaft, obwohl es
ihr Empfinden verletzte, wenn sie immer wieder merkten, daß das alte
Venedig der Neuzeit Konzessionen machte, versuchte, sich ihr anzupassen
und sie zu sich hereinzulocken. Sie empfanden das als stillos und
kleinlich, hätten lieber gehabt, daß es nach königlicher Macht stolz
in königlichem Verfall beharrt hätte. Sie merkten gar nicht, wie sie
mit diesen Gedanken die Stadt vom Leben abtrennen, ihr die Blutadern
abbinden wollten, daß sie nichts sein sollte als eine bleiche,
tragische Erscheinung, über der gleich einem Märtyrerschein der Glanz
ihrer großen Vergangenheit schwebte.




4.


Grau und erinnerungsreich stieg der Palazzo Priuli aus dem stillen, wie
tot daliegenden Seitenkanal des Canal Grande auf. Er blendete nicht
durch großartige Raumverhältnisse oder durch überreiche Verzierungen,
wie die Spätrenaissance berühmter Paläste sie liebte, denn er war älter
als die meisten von ihnen, da die Priulis ja noch zu den Familien
gehörten, deren erste Dogen nicht im Dogenpalast auf der Piazza,
sondern in dem inzwischen verschwundenen am Rialto geherrscht hatten.
Er war nicht viel größer als ein mäßiges Privathaus, bestand nur aus
Erdgeschoß und erstem Stockwerk, in dessen Mitte die vielgerühmten
Spitzbogen aus dem zwölften Jahrhundert die Fassade unterbrachen.
Das ursprünglich weiße Steingemäuer war von den Jahrhunderten mit
sanftem Grau beschlagen worden, aber sonst schienen sie machtlos an
ihm vorübergegangen zu sein. Nur die Marmorstufen, die von der großen,
erzenen Eingangstür herunter in den Kanal führten, waren vom ewigen
Anschlag der Wellen poliert, da und dort zernagt, und die untersten
hatten von Moos und Tang einen grünlichen Schimmer bekommen. Die
Gondelpfeiler aber leuchteten frisch angestrichen in Weiß-Blau, den
Farben der Priuli, die Dogenmützen, die sie bekrönten, glitzerten
neuvergoldet, und wenn auch eine kleine Metallplatte mit verwitterter
Inschrift zwischen dem Erdgeschoß und dem ersten Stockwerk verlöscht
und zerstört dahing, so war doch der ganze Eindruck des Palastes
ein so vornehmer, daß die Schöttlings meinten, er gehöre zu den
besterhaltenen, die sie noch gesehen hatten.

Der Gondoliere begann, sobald er um die Ecke vom Canal Grande abgebogen
war, mit den üblichen Erklärungen. Er nannte den vermutlichen
Baumeister, einen langverschollenen Namen, pries die Spitzbogen, als
ob er wirklich etwas von ihrer Schönheit verstünde, wies mit der Hand
nach der zerstörten Metalltafel und erläuterte, daß die unleserlich
gewordene Inschrift besagte: »Hier wurde Enrico Priuli, der Sieger
von Kreta, geboren und lebte sein höchst tugendreiches Leben, bis
ihn der Tod zur Trauer aller Edlen und zum Schmerz der Republik von
hinnen rief, ~anno Domini~ 1467.« Die Schöttlings fragten, ob die
Familie Priuli wohl ausgestorben und der Name nur noch dem Palast
erhalten geblieben sei. Der Gondoliere verneinte, wußte in den
Personalverhältnissen der Priuli genau Bescheid, rühmte, daß sie immer
noch zu den vornehmsten Familien Venedigs gehörten, und fragte, ob er
die Herrschaften nicht vielleicht zu dem zweiten Palazzo Priuli fahren
sollte, der nur wenige Ruderschläge weiter in demselben kleinen Kanal
sich erhob.

»Palazzo +Ettore+ Priuli!« betonte er, als er die Gondel wieder
abstieß, »Palazzo +Carlo+ Priuli«, als er vor dem anderen hielt. Der
Palazzo Carlo Priuli war reicher, aber lange nicht so künstlerisch
und in sich abgeschlossen wie sein Vetter. Er stammte schon aus der
Renaissance, prunkte mehr mit geschnörkelten Kapitälen, Stützpfeilern
und Balkonen. Er war auch sichtbarlich restauriert worden, und auf den
Gondelpfeilern fehlten die Dogenmützen, denn diese Linie der Priuli
hatte der Republik keinen Herrscher gegeben. Die Schöttlings fragten
auch hier diesem und jenem nach und erfuhren von dem Gondoliere, daß
dieser Palast wohl noch im Besitz der Familie, aber an die »Bank von
San Marco« vermietet sei. Dann drehte der Gondoliere geschickt die
Gondel um, und sie fuhren zurück zum Palazzo Ettore Priuli, dessen
Pforten sich eben für die Besucher der Gemäldegalerie öffneten.

Es war der erste Privatpalast, den die Schöttlings betraten, denn
wenn sie auch Spitzen- und Glaswarenläden besucht hatten, die sich
in früheren Edelsitzen breit machten, so waren es eben doch immer
Kaufläden gewesen, bei denen die Waren die Hauptsache und die Umgebung
das Nebensächliche schien. Hier aber schritten sie durch Räume, die
heute noch derselben Tradition dienten, der sie vor Jahrhunderten
gedient hatten, und die Schöttlings empfanden ein köstliches Gefühl
von Ehrfurcht, das gar nichts mit Snobismus zu tun hatte, vielmehr aus
feinfühligen und gebildeten Herzen herkam. Hier war alles Pracht, wie
das alte Venedig sie geschätzt hatte: die Fußböden aus buntem Marmor,
mit reizvollen Mustern eingelegt, die Wände mit Seide und Gobelins
bespannt, die Decken entweder aus dunklem, kassettiertem Holz reich
mit Gold inkrustiert oder mit heiteren Gemälden und verschlungenen
Stuckgirlanden. Die Galerie lag im Erdgeschoß, während das erste
Stockwerk, das sich noch weit nach hinten mit der Aussicht auf einen
anderen Kanal dehnte, die Wohnungen der Priulis umschloß. Ein Diener
in Kniestrümpfen und schwarzer Livree empfing die Besucher, nahm ihnen
Stöcke und Schirme ab, wies sie mit einer diskreten Handbewegung nach
den zwei Sälen, welche die Galerie bildeten, und zog sich dann wieder
zurück, um neue Gäste zu empfangen.

Der Oberst und Elisabeth musterten nur flüchtig die Gemälde des
ersten Saales, denn es drängte sie, das berühmte Bild zu sehen, um
dessentwillen diese kleine Privatgalerie sich großen Stadtsammlungen
an die Seite stellen konnte, und das sie natürlich schon aus zahllosen
Kopien und Reproduktionen kannten. Wie sie dann vor dem Bild standen,
merkten sie aber deutlich, wie arm alle Nachbildungen gegenüber dieser
Offenbarung eines Begnadeten bleiben mußten, dessen Farben so heiß und
jubelnd waren, daß sie sich in Töne zu verwandeln schienen, und für
den die Raumbeschränkung nicht ein mühselig zu überwindendes Hindernis
bildete, sondern die gewollte Abgrenzung eines strenggedachten und
scheinbar spielend ausgeführten Baues. Das Bild, ein Kniestück,
etwas unter Lebensgröße, stellte eine junge Frau dar. Sie war in ein
purpurfarbenes, mit Gold und Perlenstickerei reich verbrämtes Gewand
gekleidet, hielt zwischen dem spitzen Zeigefinger und dem Daumen der
rechten Hand einen goldenen Ring, so als ob sie ihn zeigen wollte. Das
Gesicht glich anderen Frauen des Meisters, wie sie sich alle gleichen,
nur war es vergeistigter, vielleicht auch ein wenig leidvoller, als
die Renaissance sonst die Frauen darzustellen liebt. Auf den rötlichen
Haaren saß ein goldener Kopfschmuck, der dem Mützchen einer Dogaressa
glich. Sie stand vor einem Vorhang aus gelbem Damast, der sich hinter
ihr zurückschlug und die Lagune enthüllte, auf der man den Bucentaurus
schwimmen sah, das Prachtschiff, von dem der Doge alljährlich den
Ring ins Meer warf, zum Zeichen, daß Venedig und die Adria unlöslich
miteinander vermählt seien. Weil man nicht genau wußte, wen das Bild
darstellte, ob es wirklich, wie einige Kunsthistoriker behaupteten,
eine Dogaressa Priuli oder nur sonst eine vornehme Dame war, hieß es
bald ›die Dogaressa‹, bald auch nur ›die Frau mit dem Ring‹. Wie immer
es aber heißen mochte, -- wer vor ihm stand, vergaß bald nach Namen und
Sinn zu fragen, versank tief in den Zauber, der von diesen Farben, von
dieser wundersamen Abstimmung des goldfarbenen Vorhangs zwischen dem
purpurnen Kleid und der blauschimmernden Lagune ausging. Lange standen
der Oberst und Elisabeth vor dieser köstlichen Frau, sahen immer noch
zu ihr empor, auch als die Besucher, die mit ihnen gekommen, schon
wieder gegangen waren und neue eintraten. Nur »der erste Kirchgang
Mariä« in der Academia hatte ähnliche Empfindungen in ihnen ausgelöst,
hatte sie so bis zuletzt einem Kunstwerk hingegeben, wie dieses Bildnis
hier.

Halblaut, als stünden sie an geweihtem Ort, tauschten sie bewundernde
Bemerkungen über Einzelheiten der Technik und der Wirkung aus, aber
nicht gar viele, denn sie fühlten beide, daß man hier nur schauen,
nicht sprechen oder erläutern mußte. Als sie sich dann endlich von
der »Dogaressa« losrissen, um die übrige Galerie zu betrachten, kamen
ihnen die andern Schulen und Bilder, die hier vertreten waren, blaß und
nichtig vor, so daß sie nichts von ihnen in der Erinnerung behielten,
auch späterhin nicht wußten, ob sie in Wirklichkeit oder nur durch den
Gegensatz so unbedeutend waren, wie sie ihnen erschienen.

Wie Schöttlings die Galerie wieder verließen und durch das Erztor
hinaustraten auf die Stufen, um ihren Gondoliere heranzuwinken, der
ein wenig beiseite gefahren war, bot sich ihnen ein Anblick, bei dem
Elisabeths Herz zu klopfen begann, so daß ihr wieder, wie gestern
auf dem Lido, das Blut ins Gesicht stieg. Am Fuß der Treppe auf der
letzten Stufe, welche das Wasser frei ließ, stand ein hochgewachsener,
schlanker Mann mit einem jungen, kühnen Gesicht -- Ettore Priuli. Er
trug wieder seinen weißen Anzug, seine tadellosen, hellen Schuhe,
das Fächerchen in der Brusttasche, den Hut weit zurückgeschoben und
im Knopfloch seines Jacketts eine dunkle Rose. Er erwartete seine
eigene Gondel, die eben von zwei Gondolieri mit zarten Ruderschlägen
herangerudert wurde. Noch ehe Elisabeth ihn bemerkte, hatte er sie
schon unter den herausströmenden Fremden herausgefunden und erkannt
und warf ihr nun, ohne seine Stellung zu verändern, wieder jene
schmachtenden und lockenden Blicke zu, mit denen er gestern schon die
ihrigen eingefangen hatte. Seine Gondel kam jetzt hergeschwommen,
schwarz wie alle andern, aber reich vergoldet am Steuer und am Schnabel
und mit schwellenden Sammetkissen belegt. Die Gondolieri trugen helle
Leinenanzüge mit Schärpen in den Hausfarben der Priuli und breitrandige
Strohhüte mit weiß-blauen Bändern. Der altersgraue Palast, vor dem
der junge Beau auf seine Gondel wartete, die prächtige Erscheinung
Ettores, die malerische Konstrastwirkung der dunklen Gondel mit den
hellgekleideten Burschen, die sie führten, -- das alles gab zusammen
ein so echt venezianisches Bild, daß die Schöttlings darauf hinsahen,
als hätten sie ein Gemälde von Canaletto vor sich, nicht Menschen
und Dinge der Wirklichkeit. Ettore wußte wohl, wie dekorativ er da
aussah, und freute sich des Eindrucks, den er samt seiner Umgebung
hervorbrachte. Er fand aber auch, daß es für heute genug sei, daß ein
rasches Verschwinden die Neugier rege machen und so seine Chancen
erhöhen würde, und darum markierte er ein wenig Ungeduld und schickte
sich an, in die Gondel zu springen, noch ehe sie völlig herangerudert
war. In diesem Augenblick kam von der andern Seite, vom Palazzo Carlo
Priuli her, eine gewöhnliche Mietsgondel, in der ein einziger Mann
saß. Er mochte nur wenig älter sein als Ettore, und die Gesichter der
beiden trugen eine gewisse Familienähnlichkeit, aber Carlo Priuli sah
viel älter, gescheiter und nervöser aus als sein schöner Vetter, und
obgleich auch er mit der koketten Eleganz des Italieners gekleidet war,
merkte man ihm doch an der Miene, an den Bewegungen und am Blick an,
daß er kein Bummler war, sondern ein geistiger Arbeiter. Er zog seine
Uhr heraus, fluchte halblaut etwas vor sich hin, trieb den Gondoliere
zur Eile an und langte dann von der Bank neben sich ein Notizbuch her,
in das er allerlei Zahlen und Zeichen einschrieb.

Offenbar rechnete er irgend etwas aus, denn er hielt immer wieder im
Schreiben an, klemmte den Bleistift zwischen die Zähne und sah mit
einer Falte über der Nasenwurzel starr in die Ferne, wie jemand tut,
der sein Gehirn zu straffer Arbeit zwingt. Ettore sah ihn und lächelte
ein wenig spöttisch. Er rief ihn an:

»Carlo, wohin in solcher Eile?«

Der andere hob den Kopf, lüftete ein wenig den Hut, schien aber von der
Begegnung mit dem schönen Vetter nicht gerade hocherfreut. Er gab kurz
zurück:

»Zu einer Unterredung bei Grimaldi. Es ist höchste Zeit. Ich bin schon
um zehn Minuten zu spät daran!«

Ettore lachte und rief: »Zehn Minuten zu spät, entsetzlich! Die Welt
wird untergehen, wenn Grimaldi ganze zehn Minuten auf Dich warten muß!«

Carlo lachte gezwungen, entgegnete aber nichts. Seine Gondel war auch
schon zu dreiviertel vorüber. Ettore rief ihm noch nach:

»Kommst Du nicht einmal auf den Lido hinüber?«

»Ich glaube kaum, vielleicht fahre ich schon in den nächsten Tagen nach
Rom, es kann sein, daß ich ins Ministerium muß!«

Damit war Carlo Priuli um die Ecke des kleinen Kanals verschwunden, und
auch Ettore sprang jetzt in seine Gondel. Elisabeth hatte die kleine
Szene ohne besonderes Interesse beobachtet, wurde erst aufmerksam,
als der Gondoliere ihr flüsternd die Namen der beiden Herren nannte.
Sie fand Carlos Erscheinung, im Gegensatz zu seinem Vetter, wenig
anziehend, seine Art zu sprechen und sich zu geben trocken und
unfreundlich, und doch mußte sie in späteren Tagen oft an diese kleine
Begebenheit zurückdenken, an die Begegnung der beiden Männer, an die
Worte, die sie im Vorüberfahren wechselten, und immer war's ihr dann,
als wäre diese Begegnung nicht nur ein zufälliges Zusammentreffen
gewesen, sondern ein Symbol, an dem sie achtlos vorübergegangen war und
das doch für ihr ganzes Leben tiefe Bedeutung gewinnen sollte ...

Die Gondolieri Ettores stießen von der Treppe ab. Er warf noch einen
Blick auf Elisabeth zurück, glitt mit der Hand langsam, zärtlich
über die dunkle Rose in seinem Knopfloch, als streichelte er eine
Mädchenwange. Elisabeth sah das Spiel seiner Finger und erbebte; sie
wollte eine jähe Bewegung machen, sich zum Gehen wenden oder irgend
etwas tun, was keinen Sinn hatte, da war aber die Gondel mit dem jungen
Mann schon dahingeglitten und bog eben in einer wundervoll scharfen
Kurve um die Ecke zum Canal Grande.

Auch die Schöttlings fuhren nach Hause. Sie wußten, daß nach der
›Dogaressa‹ jeder andere Kunsteindruck schwach bleiben mußte. Sie
hatten also beschlossen, den Kirchenbesuch, der noch geplant war,
auf ein andermal zu verschieben, und sie ließen sich jetzt planlos
ein wenig in Seitenkanälen umherfahren. Sie sprachen nicht viel,
sondern schauten und sannen, wie in Venedig schaut und sinnt, wer
dieser Stadt sein Herz geöffnet hat. Einmal, da der Gondoliere für
eine kurze Strecke in den Canal Grande zurückgekehrt war, sahen sie
aus dem Palazzo Morosini Menschen herauskommen, elegante Frauen
in hellen Mänteln und wehenden Schleiern mit vornehmen Herren und
reichgekleideten Kindern. Da fragte Elisabeth aus ihren Gedanken heraus:

»Kannst Du Dir eigentlich vorstellen, wie man in diesen Palästen lebt?«

Der Oberst lächelte.

»Ich denke, sehr angenehm, wenn auch nicht ganz so komfortabel wie in
einem deutschen Palast. Aber alle Leute machen ja nicht die Ansprüche
Ottos.«

Elisabeth schüttelte den Kopf.

»Nein, so hab' ich es nicht gemeint. Ich möchte wissen, wie die
Menschen in solchen Häusern wohnen, in denen sie immerfort von einer
großen Tradition, von großen Erinnerungen umstellt sind! Ich denke, man
muß sich eigentlich vorkommen, als ob man an eine Kette gebunden wäre,
so daß man so leben muß oder wenigstens versucht so zu leben, wie alle
die getan haben, durch deren Hände die Kette läuft. Ich denke mir, man
hat da gar nie den Mut, man selbst zu sein, man versucht wohl immer
unwillkürlich, ob man sich in den Stil oder in die Tradition einpaßt.
Ich denke mir das traurig und beklemmend.«

Der Oberst sah auf die Menschen zurück, die eben aus dem Palazzo
Morosini getreten waren und jetzt lachend und scherzend eine Gondel
bestiegen.

»Das denkst Du Dir bloß aus! Schau' Dir die Menschen da an, ob sie
beklemmt aussehen oder man ihnen zutraut, daß sie sich einer Tradition
einfügen wollen. Es sind alles Italiener, vergiß das nicht! Sie wurzeln
fester im Leben als wir, und die Vergangenheit hat über sie keine
Macht --«

Elisabeth entgegnen nichts mehr. Ihre Gedanken gingen schon auf anderen
Wegen. Sie liefen zurück zum Palazzo Priuli und zu dem Mann, der in der
Rose ihre Wange gestreichelt hatte. Voll verwirrender Süße stürmten sie
auf das Mädchen ein, bis ihr Gesicht nicht mehr verklärt aussah, wie an
den Tagen vorher, sondern ernst und bewegt, so daß ihr Vater einmal
fragte: »Liesel, an was denkst Du?«

»Ich denke an die ›Dogaressa‹,« entgegnete sie und log nicht einmal,
da sie's sagte. Ja, sie dachte an das Bild, an den Palast, aber auch
noch an den, in dem das Blut alter Herrscher floß. Er, sein Haus,
sein Bild, seine Stadt gingen ineinander über, daß sie nicht mehr
genau unterscheiden konnte, woran ihr Denken hing, daß sie nur eine
Sehnsucht empfand, die sie zu gleicher Zeit erschreckte und beglückte,
eine Sehnsucht, die die Arme weit ausbreitete, um etwas zu empfangen,
dessen Namen sie noch nicht kannte oder sich noch nicht zu nennen
traute. An diesem Tag und an andern, die ihm folgten, spürte Elisabeth
erst wieder, daß sie jung und daß das Leben ihr noch alles schuldig
geblieben war. Im Harm um ihre erste Liebe, in den kleinlichen Sorgen,
durch die sie Jahr um Jahr mit den Eltern geschritten war, hatte
sie's fast vergessen, war immer schon zufrieden gewesen, wenn keine
Katastrophe die bescheidene Zufriedenheit ihres Elternhauses gestört
hatte. Nun aber war's ihr, als stünde hier, in Venedig, irgendwo das
Glück für sie bereit und hätte seinen Nachen an den weiß-blauen Pfählen
des Palazzo Priuli festgebunden.

       *       *       *       *       *

Während Ettore mit seiner dunkelroten Rose dahinfuhr, war er sehr
zufrieden. Heute war er ohne jede Anstrengung der schöne Priuli, dessen
Lächeln ganz Venedig kannte und in das die Frauen verliebt waren. Wie
alle Tage, so machte er auch heute eine etwa einstündige Fahrt auf
dem Canal Grande, denn wenn die elegante Welt Venedigs auch um diese
Zeit hier nicht zu sehen war, so hielt Ettore es doch für unterhaltend
und auch für klug, sich eben in dieser Stunde in das Fremdengewühl zu
mischen. Er wußte ja, wie bestechend er in seiner malerischen Gondel
wirkte, und er hatte noch immer, trotz verschiedener Fehlschläge, die
Hoffnung nicht aufgegeben, daß sich eines Tages eine Milliardärin hier,
auf dem Canal Grande, in ihn und seinen glänzenden Apparat verlieben
würde. Früher wenigstens hatte er darauf gerechnet, ehe die Schöttlings
in seinen Gesichtskreis getreten waren, jetzt hoffte er, vielleicht
noch einmal der Gondel mit dem blonden Mädchen zu begegnen. Er war
zufrieden mit sich und eigentlich schon glücklich. Was er auf dem Lido
nur wie im Scherz, nur wie unter dem Eindruck einer Laune gesprochen
hatte, schien, durch seltsame Zufälle begünstigt, Wirklichkeit werden
zu wollen, eine Wirklichkeit, von der ein warmes Glücksgefühl auf
ihn niederfloß. Warum ihm Elisabeth und ihr Besitz mit eins so teuer
schien? In erster Linie natürlich ihrer großen Erbschaft wegen, denn
obwohl die Priuli keine Kriege mehr führten, brauchten sie doch Geld,
Geld und nochmal Geld. Seit Jahrzehnten und länger noch waren sie ja
nur mehr Nachfahren, hatten niemals die Hände oder die Gedanken geregt,
um selbständig zu erwerben, was ihnen große Ahnen hinterlassen hatten.
Stolz und fröhlich hatten sie immer von dem gezehrt, was da war, so
daß es jetzt Tage und Wochen gab, an denen die Familie nur von den
Eintrittsgeldern der Galerie oder von Darlehen Carlo Priulis lebte,
die allerdings karg bemessen waren, denn der Ingenieur war sparsam und
ärgerte sich jedesmal, wenn er, der sich um seinen Verdienst redlich
abmühte, die Hände der faulenzenden Verwandten füllen sollte.

Wohl besaßen die Priuli etliche Güter mit Weinbergen und Oelpressen in
Friaul, aber da niemand sich um ihre Verwaltung bekümmerte, warfen sie
nur einen kläglichen Pachtzins ab, und es schien unmöglich, für sie
einen Käufer zu finden oder eine neue Hypothek, mit der man sie hätte
belasten können.

Es war also wohl in erster Linie Elisabeths Reichtum, der Ettore
anzog, aber noch anderes kam dazu. Das war: er hatte sich im Laufe der
letzten Jahre schon mehrfach Körbe von reichen Mädchen geholt, so daß
Miß Mauds Absage ihm nicht wie eine ungeahnte Ueberraschung, sondern
mehr wie etwas leidig Gewohntes erschienen war. So seltsam es auf den
ersten Blick auch scheinen mochte, daß ein Mann, der immerhin so viel
Aeußerlichkeiten zu bieten hatte, als Freier ohne Glück war, so wurde
dies doch verständlicher, sobald man Ettore und seine ganze Art näher
kannte. Er war naiv und selbstsüchtig wie ein Kind, und wie ein Kind
viel zu sehr mit sich und den tausend kleinen Süßigkeiten des Lebens
beschäftigt, als daß er sich hätte ernsthaft zusammennehmen und all
seine Anstrengung auf ein einziges Ziel richten können. Er konnte
ganz hübsch aufschneiden, lügen und ein wenig Komödie spielen, aber
heucheln, tiefgründig heucheln konnte er nicht. So war er, sobald er
auf die Freite ging, ein primitiver Geldjäger, den jedes Mädchen nach
zwei Tagen durchschaute, weil er eben ganz unfähig war, mit großen
Gefühlsunwahrheiten oder täuschend gespielter Liebe zu manövrieren.
Er überzeugte nur, wenn er selber überzeugt war, und darum hatte er
es bisher wohl zu zahlreichen Liebschaften, aber noch zu keiner Braut
gebracht. Die Freunde, die's gut mit ihm meinten, wie z. B. der junge
Fürst Gaulo, sahen wohl mit Verwunderung, wie täppisch er war, und
redeten ihm zu, seine Absichten doch mit etwas mehr Raffinement zu
verbrämen. Ettore aber, der auch eigensinnig war wie ein Kind, lachte
sie aus und hielt ihnen seine Lieblingsredensart entgegen, die er immer
anwendete, gleichviel ob sie paßte oder nicht: »~L'italia farà da sè~.«

Mit seiner Naivität und seinem Egoismus spürte er jetzt, daß Elisabeth
in ihm nicht nur den schönen Mann sah oder den gierigen Freier sehen
würde, sondern noch etwas anderes, das er zwar nicht verstand, das ihm
aber ihr gegenüber eine starke Ueberlegenheit lieh. Nicht bewußt, rein
instinktiv fühlte er, daß dies Mädchen mit dem gütigen, verklärten
Gesicht sich von seinem Egoismus würde ausbeuten und beherrschen
lassen, daß sie bereit war, ihn und das, was sie in ihm sah, zu
lieben, zu verwöhnen und anzubeten. Weil er wie ein Kind sich über
Nichtigkeiten erzürnen oder freuen konnte, hatte er jetzt, da Miß
Mauds Absage doch noch immer in ihm fortklang, ein Bedürfnis sich
anzuschmiegen, sich verhätscheln zu lassen und von einer Frau, von
einer wirklichen Frau, nicht von einem kleinen, liederlichen Mädel, zu
hören, daß er ihr Schatz, ihr alles auf der Welt sei ... Damals, auf
dem Lido hatte er Elisabeth, wie sie verträumt übers Meer hinblickte,
sofort als Phantastin erkannt, und wenn er selber auch keine Spur
von Phantasie besaß, sondern immerfort mit beiden Füßen auf der Erde
stand, so wußte er doch, was Phantasie wert sein kann, hauptsächlich
für einen Realisten, der sich die Einbildungskraft eines Andern zunutze
macht. Weil sie so anders war als die tückische Miß Maud, von der er
damals gekommen war, hatte diese Deutsche sein Empfinden gerührt, hatte
ihn immer mehr in ihren Bannkreis gezogen, daß er jetzt entschlossen
war, sie zu heiraten, selbst wenn sie viel, viel weniger besaß als
die Amerikanerin. Wenn sie auch nur eine halbe Million Mitgift bekam,
wollte er schon zufrieden sein, obgleich sie, wenn sie im Freundeskreis
auf dem Lido oder im Klub saßen, allesamt schworen, daß man unter 60000
Lire Rente nichts anfangen könne ...

Seine Spazierfahrt war heute völlig zwecklos. Er beobachtete die
fremden Gondeln nur mit abwesenden Blicken, sah kaum die bewundernden
Gesichter, die sich ihm zuwandten. Er streichelte wieder, als wär's
eine Mädchenwange, seine dunkelrote Rose und war vergnügt, daß er
die Begegnung heute morgen so fein abgepaßt hatte. Ja wirklich, er
würde dies Mädchen heiraten! Sie gefiel ihm, sie würde eine liebe,
gute Frau sein und ihn von dem Leben des Scheins erlösen, dessen er
müde war oder wenigstens seit einigen Tagen müde zu sein glaubte. Das
Leben der Priuli war ja nur eine Fassade, die mit ihrem Glanz über
Aermlichkeit und Verfall wegtäuschen mußte. So prächtig sich die Räume
der Galerie im Palast präsentierten, so heruntergekommen sahen die
Wohnzimmer aus, und der elegante Diener war nur für die Besuchsstunden
gemietet. Den Haushalt besorgte eine alte, schmutzige Magd, die seit
vielen Jahren bei den Priuli diente und sich nicht mehr wunderte,
wenn so und so oft die ganze Hauptmahlzeit aus einer Schüssel Polenta
oder Tomaten bestand. Die verwitwete Gräfin und ihre Tochter Eleonore
saßen unfrisiert, in schmutzige Schlafröcke gehüllt in Zimmern, deren
Oede noch trostloser wirkte, weil zerfetzte Seidengardinen, kostbare,
aber zerfressene und zerschlissene Möbel, alte Bilder in zerstoßenen
Rahmen von früherer Pracht und Größe sprachen. Saßen da und führten
ein Dasein, das ein wenig gespenstisch und ein wenig marionettenhaft
anmutete: die alte Gräfin betete stundenlang und legte stundenlang
Patiencen, die junge rekelte sich in einem Lehnstuhl, studierte in
der Zeitung die Lotterienummern, las einen Schmöker und dachte an
einen Mann. Wenn sie miteinander schwatzten, so war es immer dasselbe
Thema, immer eine reiche Heirat Eleonorens, für die noch gar keine
Aussicht vorhanden war, oder die reiche Heirat Ettores, deren
Aussichten immer wieder scheiterten. Dann klagte die alte Gräfin mit
jammernder Stimme, daß ihre Kinder so wenig Glück hätten, und die
schöne Eleonore lachte und tröstete die Mutter und war überzeugt, daß
das Glück schon noch kommen würde. Einmal im Tag bewegte sich dann
dies gespenstische Marionettenleben nach außen, das war um die Stunde,
wenn die alte Gräfin in die Kirche ging und Ettore die Schwester
mitnahm zur Spazierfahrt auf den Canal Grande. Er tat es sonst stets,
nur heute hatte er's vergessen, vielleicht auch vergessen wollen. Da
kämmten die Frauen ihre wirren Haare zu schönen Scheiteln, Zöpfen und
Gewinden, die alte Gräfin legte ein schwarzes Seidenkleid an, die
junge die einzige modische Toilette, die sie jeweils besaß, nebst
einem mächtigen Blumenhut, und wer die beiden so in der Kirche oder
in der Gondel sah, wußte, daß er zwei vornehme Damen vor sich hatte.
War dann die Kirche oder die Gondelfahrt zu Ende, so änderte sich das
Bild abermals, und Mutter und Tochter verpuppten sich, kaum daß sie in
den Palast zurückgekehrt waren, alsbald wieder in ihre Schlafröcke,
ihre Patiencekarten, ihren Schmöker, ihren Jammer und ihre Zuversicht.
Ettore, der Sohn, führte derweilen die Existenz seiner Standesgenossen.
Er war den ganzen Tag über sorgfältig gekleidet, lief seinem Vergnügen
nach und überließ die Sorge für den nächsten Tag dem lieben Gott. Er
liebte seine Mutter und seine Schwester, wie die Italiener ihre Mütter
und Schwestern immer lieben, und darum bestimmte er in all seinen
Zukunftsträumen stets eine ansehnliche Summe für sie beide, damit die
~mamma~ stets all ihre Rechnungen bezahlen und Eleonore endlich den
Mann bekommen könnte, an den sie dachte, wenngleich sie ihn bisher noch
nicht erblickt hatte.

Während die Gondel langsam auf dem Kanal dahinglitt, dachte sich
Ettore ein wenig sein künftiges Dasein aus. Er träumte gar nicht von
besonderen Ausschweifungen oder Extravaganzen, sondern nur von einem
unendlichen süßen Genuß, in dem man weder von Gläubigern gestört wurde
noch Carlo Priuli um ein Darlehen angehen mußte. Die Hand dieser
blonden, gütigen Deutschen würde ihm alles geben, was er vom Leben
begehrte, und je mehr er an sie dachte, um so lieber wurde ihm ihr
stiller Reiz, gerade weil so vieles an ihr seinem eigenen Wesen fremd
und unverständlich blieb.

Die Hauptsache war nun freilich, sie endlich kennen zu lernen. Das
war offenbar schwerer, als es den Anschein hatte, denn Ettore erwog
diesen und jenen Plan, der zu einer Anknüpfung dienen sollte, verwarf
sie aber alle als töricht oder gar zu plump. Hätte sich's um eine
Amerikanerin gehandelt, so wäre er ganz einfach mit dem Portier des
Hotels in Verbindung getreten, aber sein Instinkt sagte ihm, daß
er hier vorsichtiger sein müßte, daß dies Mädchen und seine Rasse
subtilere Begriffe von Liebe und Ehe hat als die Völker des Südens
oder des andern Erdteils. Da fiel ihm ein, daß in etwa acht Tagen auf
dem Canal Grande ein großer Blumenkorso geplant war, und er beschloß,
diese festliche Veranstaltung auszunützen, um sich den Schöttlings zu
nähern. Freilich waren acht Tage eine lange Zeit, und die Schöttlings
konnten inzwischen abgereist sein, aber Ettore fühlte sich schon so
sicher, daß er solche Abreise gar nicht mehr ernsthaft in den Kreis
seiner Betrachtungen zog, sondern sich auf Elisabeths Verliebtheit und
ihre Frauenlist verließ. Die Kleine war gewiß schon vergafft in ihn,
und wenn er es klug anstellte, da und dort nochmals wie von ungefähr
ihren Weg kreuzte, würde sie gewiß den Vater drängen, immer noch ein
paar Tage zuzugeben, bis sie vor dem Blumenkorso standen, den sie als
eifrige Italienreisende doch sicher nicht versäumen wollten. Als Ettore
in seinen Gedanken so weit gekommen war, fuhr die Gondel wieder sacht
am Palazzo Priuli vor, und er sprang vergnügt die breite Marmortreppe
hinan, um der ~mamma~ und Eleonore von seinen heiteren Zukunftsplänen
zu sprechen! --

Am Tag des Blumenkorsos bot der Canal Grande ein prächtiges Bild. Von
den Fenstern aller Paläste hingen purpurfarbene oder golddurchwirkte
Prunktücher hernieder, zwischen den Schiffspilonen spannten sich
grüne oder bunte Girlanden, und von den Knäufen wehten farbige Wimpel
in eine helle, von sommerlicher Lust durchleuchtete Luft hinein.
Zahllose Gondeln tummelten sich auf der sanftbewegten Welle, und
ihr düsteres Schwarz verschwand beinahe unter der weißen, rosigen,
violetten, blauen, zitronenfarbenen und scharlachenen Blumenpracht,
mit der man sie verschüttet hatte. Was Venedig an Schönheit, Adel und
Reichtum besaß, kam in der Blumenbarke einhergefahren, gerudert von
Gondolieri in prächtigen, hellen Gewändern mit Blumensträußen auf
den breitrandigen Hüten und im Schärpengurt. Da sah man weltberühmte
Schönheiten, vor deren Zauber selbst Kaiser die Stirne neigten,
Spitzen, Ohrgehänge, Ringe und Hutagraffen, die den Brautschatz
einer Königstochter beschämt hätten, und neben ihnen jüngere Reize,
jüngeren Reichtum, denen aber noch das verbriefte Recht der allgemeinen
Anerkennung fehlte, und die doch danach drängten, morgen das zu sein,
was die Erbgesessenen heute schon waren. Ueber allen aber, gleichviel
zu welcher Zeit und zu welcher Kaste sie gehörten, lag eine jauchzende
Fröhlichkeit, die kindliche Freude des Südländers am Dasein, an der
Stunde, überall sah man dunkle Augen, die entzückt leuchteten, rote
Lippen, die übermütig lachten, üppige Frauenkörper, die sich wie in
wonnigem Rausch über den Blumenhügel beugten, der zu ihren Füßen
lag, mit Verschwenderwonne hineingriffen, jauchzend eine Garbe voll
köstlichen Duftes in eine andere Gondel hineinschleuderten, um von dort
die holde Gegengabe zu empfangen. Mit all seinen geschmückten Palästen
und Gondeln, seinen schönen, heiteren Menschen sah der Canal Grande
aus, als wäre aus dem Schutt und der Nüchternheit der Gegenwart Venedig
für ein paar Stunden zu seiner alten Pracht erwacht und feiere in der
Sonne eines Frühsommertags ein Fest der Renaissance. Schöttlings,
die ihre Abreise von Tag zu Tag verschoben, hatten zuerst gemeint,
daß sie den Blumenkorso von einem Hotelfenster aus ansehen wollten.
Der Direktor des Hotels hatte ihnen aber zugeredet, doch lieber eine
Gondel zu mieten, damit sie den ganzen Kanal überblicken konnten,
und so fuhren sie jetzt in einer etwas banal und dürftig mit Mimosen
geputzten Gondel daher, sahen auch, sie fühlten es wohl, mit ihren
blonden Gesichtern und ihrer diskreten Eleganz, die jede kecke Farbe
oder Nüance verschmähte, fremd und ernsthaft aus in dem dunkeläugigen,
bunten und jauchzenden Getriebe um sie her. Sie hatten aber kaum Muße,
über sich oder den Eindruck, den sie hervorbrachten, nachzudenken, denn
immerfort gab es, bald auf dieser, bald auf jener Seite, irgend etwas
zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit fesselte und entzückte; außerdem
schaute sich Elisabeth die Augen fast blind, ob sie nicht die +eine+
Gondel sähe, um derentwillen sie eigentlich gekommen waren, die Gondel
der Priuli. Vorläufig war sie aber noch nirgends zu erblicken, und
Elisabeth mußte sich damit begnügen, die Insassen der andern Gondeln zu
mustern.

Unter all diesen Gondeln fiel ihr eine besonders auf, weniger weil
sie so verschwenderisch mit weißen Rosen verbrämt war, daß sie
einem schwimmenden Rosenbeet glich, als wegen der Dame, die in den
schwarzen Kissen saß. Es war eine schlanke Frau mit rötlichen, krausen
Haaren, den hellen Augen und dem langen, etwas vorgeschobenen Kinn
der Engländerin. Sie trug ein silberfarbenes Seidenkleid und einen
breitrandigen Hut mit fünf oder sechs langen, weißen Straußenfedern. Um
ihren Hals hingen bis über den Gürtel herab sieben, acht Perlenschnüre
von einer Größe und einer Schönheit der Perlen, wie man sie sonst nur
in den Schatzkammern von Fürstenschlössern sieht. Das Gesicht wirkte
auf den ersten Blick frisch und jugendlich, sah man aber näher hin, so
merkte man, daß es wie zersägt war von tausend kleinen, feinen Linien
des Lebens und wie versteint in hochmütig getragenem Leid. Hochmütig
war auch das Lächeln um die herabgezogenen Mundwinkel, hochmütig die
Geste, mit der sie nachlässig ein Blumengeschoß versandte oder empfing.
Es war auch, als ob die laute Lust der andern vor dieser weißen
Rosengondel stiller würde, als ob diese Frau mit dem rötlichen Haar und
dem versteinten Gesicht ihnen allen fremd geblieben sei, wenngleich sie
seit Jahrzehnten mit ihr lebten und verkehrten. Elisabeth fragte den
Gondoliere, wer die Dame sei.

»La Principessa Tassini!« Erläuternd machte er Elisabeth auf die
Perlenschnüre der Fürstin aufmerksam, die so schön seien, daß nur die
Königin-Mutter Margherita schönere besäße. Man sah ihm an, daß er gern
noch mehr von diesen Perlen und der Fürstin gesprochen hätte, aber
er mußte auf seine Gondel aufpassen, scheute sich wohl auch hier zu
berichten, was ganz Venedig wußte und flüsterte. Jedenfalls aber merkte
Elisabeth, daß es mit dieser Frau und ihrem Schmuck ein besonderes
Bewenden haben müsse, und sie nahm sich vor, den Hoteldirektor bei der
Rückkehr danach zu fragen.

Da kam dann auch endlich die Gondel, nach der sie so lange und
sehnsüchtig ausgeschaut hatte, und über der sie jetzt alles andere
vergaß. Ettore und Eleonore Priuli saßen in einem Gefährt, das über
und über mit Büscheln aus fleischfarbenen Rhododendren geschmückt war,
und inmitten dieser üppigen Blüten des Orients wirkte ihre dunkle,
junge Schönheit so sieghaft, daß, wo sie vorbeikamen, die Menschen
erstaunt und bewundernd blickten. Vielleicht war Eleonore für deutschen
Geschmack etwas zu auffallend mit ihrem gigantischen Hut und einem
hellroten Musselinkleid, vielleicht auch zu stark geschnürt und zu weiß
gepudert, aber Elisabeth meinte doch, kaum je ein schöneres Mädchen
gesehen zu haben, suchte und fand entzückt in Eleonorens Gesicht die
Züge Ettores wieder. Eleonore sah die Deutsche mit großen Augen an und
lächelte ihr zu. Der Bruder hatte ihr ja schon ausdrücklich gesagt, was
er von diesem Blumenkorso hoffte, und Eleonore war entschlossen, die
Initiative zu ergreifen. Sie beugte sich jetzt ein wenig zur Seite,
griff ein paar Hände von den fleischfarbenen Blüten und schleuderte
sie geschickt in Elisabeths Schoß. Die wollte eben ein wenig linkisch
mit Mimosen erwidern, da kam ein ganzer Regen von Rhododendren auf
sie nieder, von Ettores Hand geschleudert, der aufgestanden war und
sich jetzt mit flammenden Blicken vor der Gondel des deutschen Paares
verneigte. Sie dankten dem Gruß, Elisabeth befangen, der Oberst
entzückt von dieser leichten Art sich zu geben und eine Huldigung zu
erweisen. Dann waren die beiden Gondeln aneinander vorübergeglitten,
und es dauerte geraume Zeit, ehe sie sich im Gewirr der andern
wiederfanden. Aber sie fanden sich wieder, und jedesmal grüßten sich
Blumen, Blicke, Lachen und Lächeln.

Nach einiger Zeit lichtete sich das übergroße Gedränge. Elisabeth, die
sich außer für die Priuli jetzt nur noch ein wenig für die Fürstin
Tassini interessierte, hätte gerne noch einmal das schwimmende, weiße
Rosenbeet gesehen, aber die Fürstin war nur ein einziges Mal auf- und
abgefahren und dann in ihren Palast zurückgekehrt. Auch die Priuli
hatten eigentlich schon genug von der Blumenschlacht und wollten nur
den Augenblick abwarten, wo die Schöttlings zu ihrem Hotel fuhren.
Sie hielten sich dicht hinter ihnen, und als die Gondel vor dem Hotel
anlegte und ein alter Bettler sie mit dem Enterhaken herangezogen
hatte, sprang Ettore behend aus der seinen und schüttete, noch ehe
Elisabeth den Fuß auf die erste Stufe gesetzt hatte, den Rest seiner
Rhododendren, die er eigens zu diesem Zweck aufgespart hatte, vor
ihr auf die Stufen hin, daß sie wie über einen Blütenteppich schritt.
Am nächsten Tag speiste das Geschwisterpaar auf der großen Terrasse
des Hotel Bauer-Grünwald an einem Tisch, den Ettore schon morgens
hatte belegen lassen, und der dicht neben dem der Schöttlings stand.
Im Verlauf des Dejeuners ließ Eleonore ganz zufällig und geschickt
nach der Schöttlingschen Seite hin ein Armband fallen, das der Oberst
dienstbeflissen aufhob und mit etlichen verbindlich geradebrechten
Worten zurückgab. So war unschwer die von den jungen Leuten ersehnte
Gelegenheit zur Anknüpfung gefunden, und kaum vierzehn Tage später
verkündete Ettore auf dem Lido seinen erstaunten Freunden, daß er sich
nun wirklich mit Fräulein von Schöttling verlobt habe.




5.


Nun kamen für Elisabeth Tage so voll Glück, daß sie beinahe schwer
daran trug und vor der Buße bangte, die sie dem Schicksal dafür
späterhin zahlen mußte. Wie bei anderen das Unglück, so kam bei ihr das
Glück Schlag auf Schlag. Zuerst der Reichtum, dann die Italienfahrt
und als deren Krönung nun die Vermählung mit einem Mann, den sie wie
in einem Märchen sich zu eigen gemacht hatte, kaum daß er sie erblickt
hatte. Wie jedes verliebte Mädchen hätte natürlich auch sie mit dem
Geliebten freudig ein bescheidenes Los geteilt, wäre mit ihm, wenn es
die Notwendigkeit erfordert hätte, in ein kleines Nest gegangen oder
von einer Provinzgarnison zur anderen, aber dies eben erschien ihr so
wunderbar, daß der Mann ihres Herzens sie auch noch einem Geschlecht,
einem Hause zuführte, das ihre Einbildungskraft lebhaft beschäftigte,
und daß sie nun zeitlebens in der Stadt wohnen sollte, in der ihr jeder
Tag wie ein Feiertag erschien. Wie sie als Braut zum erstenmal mit
ihrem Vater am Palazzo Priuli vorfuhr, war sie blaß und ernst, und als
Ettore sie zärtlich über die Marmorstufen durch die dunkle Erzpforte
geleitete, überlief sie ein kleiner Schauer, den sie selbst nicht
begriff, und über den Ettore lachen mußte.

»Sie friert, die arme, kleine Deutsche. Sie friert schon jetzt, im
Sommer, weil keine Zentralheizung da ist und kein Kachelofen.«

Elisabeth lächelte einen Augenblick, wurde aber gleich wieder ernst.

»Nein, das ist es gewiß nicht! Aber ich bin doch heute zum erstenmal
in Deinem Hause, denn früher war ich doch nur in Deiner Galerie. Und
siehst Du, in solch einem Palast steckt so viel Altes, Ueberkommenes,
Bindendes, -- ein großer Name legt auch große Verpflichtungen auf, und
ich frage mich, ob ich sie alle erfüllen kann.«

Ettore, der sich niemals mit solchen Ideen trug und in seinem ganzen
Leben noch nicht über die Beziehungen zwischen seinem Namen und seiner
Lebensaufgabe nachgedacht hatte, war zuerst ein wenig verblüfft, küßte
dann aber Elisabeths Hand und meinte heiter:

»~O, la carina~, was sie für Gedanken im Kopf hat! Das mußt Du Dir
abgewöhnen, Schatz, oder vielmehr, ich werde Dir's abgewöhnen. Eine
schöne, junge Frau muß immer lachen und fröhlich sein und soll keine
Dinge denken, bei denen sie zwei Falten auf der Stirne ziehen muß, wie
Du jetzt!«

Elisabeth entgegnete nichts. Es war nicht leicht, Ettore alles
auseinanderzusetzen, was in ihr vorging, denn er sprach kein Wort
Deutsch, und die Konversation mußte also entweder französisch geführt
werden, von dem er wenigstens ein paar Brocken wußte, oder italienisch,
das wiederum Elisabeth doch nicht genügend beherrschte, um für alle
Empfindungen oder Dinge stets den rechten Ausdruck zu finden. Sie
durchschritten die Bildergalerie, um zuerst in eine kleine Flucht
früherer Prunkräume zu gelangen und dann hinaufzusteigen zu den
Wohnräumen der Familie und etlichen Gesellschaftszimmern, die aber seit
dem Tode des alten Priuli nicht mehr oder nur selten benutzt wurden.
Vor der ›Dogaressa‹ blieb Elisabeth stehen, während der Oberst als
taktvoller Brautvater sich in die Betrachtung einer uninteressanten,
aber entfernt hängenden Landschaft vertiefte. Elisabeth, die eben in
diesen Tagen einen neu erschienenen Essay über das Bild gelesen hatte,
fragten ihren Bräutigam:

»Hast Du das schon je gehört, daß die ›Dogaressa‹ eigentlich Venedig
selbst darstellen soll?«

Ettore schüttelte den Kopf. Nein, er hatte es nie gehört. Es
interessierte ihn auch gar nicht.

»Ich halte es für gar nicht unwahrscheinlich, gerade weil man im
Hintergrund den Dogen auf dem Bucentauro sieht. Ich finde diese neueste
Deutung sehr hübsch, nur sollte die Venezia dann strahlender aussehen,
nicht so, als ob sie sich heimlich über ihre Hochzeit kränke.«

Ettore fand dies Kunstgespräch sehr langweilig. Er legte den Arm um
Elisabeths Schultern, küßte sie mit kleinen Küssen hinter das Ohr, wo
das Haar in einem blonden Flaum endete, und meinte überzeugt:

»Laß Dir doch keine solchen Dinge einreden! Die ›Dogaressa‹ ist ganz
gewiß eine Priuli. Aber selbst wenn sie keine ist, was kümmert's uns?
Sie hält einen Ring, und sie wartet gewiß mit derselben Ungeduld wie
ich darauf, daß ich ihn meinem gelehrten Fräulein anstecke und sie als
Gräfin Priuli hierherführe!«

Er zog sie fester an sich, redete ihr tausend süße, heiße Dinge vor, so
daß sie am liebsten alle beide immerfort hier vor dem Bild geblieben
wären, statt die Gemächer zu besichtigen, die für das junge Paar
eingerichtet werden sollten.

Elisabeth sah alles mit verliebten Augen, und darum kam ihr alles schön
und richtig vor, zudem ja auch die Priuli sich Mühe gegeben hatten,
den allzu sichtbaren Verfall zu verkleistern und zu verstecken. Man
hatte vom Speicher alte Bilder und Waffen geholt und sie über die
allergrößten Risse der Seidentapeten gehängt, ein billiger Hausarbeiter
hatte in Eile ein paar klaffende Sprünge der Plafonds ausgefüllt, der
elegante Diener, der sonst nur für die Besuchsstunden der Galerie
vorhanden war, stand jetzt als Kammerdiener in Ettores Dienst, die
alte Magd war, wie ein Möbel, dessen man sich schämte, in die Küche
gedrängt, und so machte alles, wenn auch nicht einen reichen, so doch
einen anständigen Eindruck. Die Schöttlings wußten wohl, daß hinter den
Priuli kein Reichtum mehr stand, Ettore hatte bei seiner Werbung daraus
kein Hehl gemacht, wenngleich er die Armut seiner Familie wie seine
Schulden verschwieg und so tat, als ob immerhin ein festes, wenn auch
kleines Einkommen vorhanden sei.

Auch die Familie Priuli gefiel den Schöttlings. Eleonore hatte schon
durch ihre Schönheit gewonnenes Spiel, und die Gräfin-Mutter, die sich
vor den neuen Verwandten natürlich weder unfrisiert noch im Schlafrock,
sondern nur im würdigen Seidenkleid mit altem Familienschmuck sehen
ließ, erschien Elisabeth verehrungswürdig, weil sie Ettores Mutter war.
Von weitläufigeren Verwandten lernte sie zunächst nur Carlo Priuli
kennen und fand ihn nicht unangenehm, obschon Ettore ihn als Egoisten
und Geizkragen geschildert hatte. Ettore hatte guten Grund, seine Braut
gegen den Vetter einzunehmen, denn er fürchtete, daß Carlo am Ende
von den Darlehen sprechen könnte, die er Ettore so oft gegeben hatte,
und von noch manch anderem dazu, was nicht gerade für die Ohren einer
Braut, noch dazu einer deutschen Braut bestimmt war. Er war jetzt Carlo
gegenüber um so unsicherer, weil der Ingenieur leidlich Deutsch sprach
und es tadellos verstand, so daß er selbst in Ettores Gegenwart Dinge
hätte erörtern können, die jenem unverständlich blieben. Carlo dachte
aber gar nicht daran, die Befürchtungen seines schönen Vetters zu
erfüllen. Er hielt Ettore zwar für einen ausgemachten Tunichtgut, --
aber welchen Sinn hätte es gehabt, ein verliebtes Mädchen zu warnen,
oder einen Vater, der schon freudig seine Einwilligung gegeben hatte
und nicht zu ahnen schien, was sich hinter Venedig und seinen Palästen
bergen konnte! Zudem hätte man ja auch nichts wirklich Belastendes
gegen Ettore vorbringen können, denn die Liebesgeschichten und
Schulden, die er auf dem Konto hatte, zählten ja nach der landläufigen
Auffassung von Junggesellen- und Kavaliersgepflogenheiten nicht mit,
und daß er ohne Beruf und Arbeit in der Welt umherlief, lag so klar
am Tag, daß die Schöttlings es selber sehen mußten, wenn sie es sehen
wollten. Was hätte also Carlo Priuli sagen sollen, selbst wenn er die
Schöttlings, die er gleich als ehrbare und tüchtige Menschen erkannte,
vor Untiefen hätte warnen wollen, die er wohl vermutete, aber nicht mit
Namen nennen konnte? Ein einziges Mal nur versuchte er leise anzutippen
in einem Gespräch, das er mit dem Oberst über die Kaufkraft deutschen
Kapitals und die Widerstandsfähigkeit deutscher Banken führte. Der
Oberst als neugebackener Kapitalist erwog den Ankauf verschiedener
ausländischer und überseeischer Papiere, und da sagte Carlo ruhig und
bestimmt:

»Ich finde es immer begreiflich und klug, wenn die Deutschen ihr
Kapital im Lande behalten, statt es auf fremden Börsen oder in fremden
Unternehmungen zu riskieren!«

Ettore, der mit Elisabeth ein wenig abseits saß und flüsterte, aber
doch immer hinhorchen wollte, was die beiden verhandelten, fing
jetzt das immer wiederkehrende Wort »Bank« und »Kapital« auf, dessen
Bedeutung er doch kannte, und fragte mit lauernder Liebenswürdigkeit:

»Ihr verhandelt wohl nur über Geldsachen?«

Carlo sah ihn an.

»Ja. Ich habe eben Deinem Schwiegervater gesagt, daß ich immerfort
Deutschland für das beste Anlagekapital halte!«

Ettore lachte gezwungen.

»Du bist ja ein glänzender Patriot! Du diskreditierst uns und möchtest
wohl am liebsten das Geld von uns fernhalten, statt es zu uns
hereinzuführen!«

»Das sind Dinge, die sich nicht prinzipiell, sondern immer nur von Fall
zu Fall bestimmen lassen!«

Die beiden Vettern hatten nach italienischer Art sehr lebhaft,
scheinbar heftig miteinander geredet, so daß Elisabeth intervenieren
wollte. Sie ergriff Ettores Hand:

»Laß doch, Du sollst nicht mit jemand um Geld streiten! Was geht uns
überhaupt das Geld der andern an?«

Ettore warf Carlo einen triumphierenden Blick zu, fragte Elisabeth halb
im Scherz, halb im Ernst:

»~Carina~, werden wir uns überhaupt nie streiten?«

»Mit meinem Willen nie!« versicherte Elisabeth so ernsthaft, daß Carlo
ärgerlich den Kopf wegwandte und bei sich dachte, daß die Liebe doch
wirklich jeden Menschen unzurechnungsfähig mache.

Sehr lange dauerte aber der Aufenthalt der Schöttlings in Venedig
nicht mehr. Sie mußten nach Deutschland zurückkehren, um Elisabeths
Aussteuer zu bestellen und die Hochzeitsvorbereitungen zu treffen,
während Ettore den Palazzo Priuli glänzend instandsetzen lassen wollte,
denn er gedachte mit seiner jungen Frau ein großes Haus zu führen.
Er wollte mit Elisabeth das obere Stockwerk bewohnen, im unteren
Stockwerk neben den Prunkräumen, die vielleicht für ganz besondere
Feste mit herangezogen werden konnten, sollte die Wohnung für die
alte Gräfin und Eleonore hergerichtet werden, was ziemlich lange Zeit
in Anspruch nehmen konnte, denn hier fehlten alle Vorbedingungen
für Wirtschaftsräume und mußten erst, zuweilen unter beträchtlichen
Schwierigkeiten, neu geschaffen werden. Ettore hatte zwar zuerst
gemeint, wenn auch nicht klipp und klar ausgesprochen, daß eigentlich
ein gemeinsamer Haushalt das Praktischste wäre, ja, eigentlich
dasjenige, was ihm am natürlichsten und bequemsten schien. Hier aber
hatte der Oberst Widerspruch erhoben. Nein, seine Elisabeth sollte
Herrin in ihrem Hause sein, einzige und absolute Herrin! Von einer
Schwiegermutter hatte er ganz bestimmte deutsche Ansichten, in denen
er sich nicht beirren ließ, und eine Schwiegermutter im Hause kam ihm
vor wie die ewige Verdammnis. Elisabeth, die ihre neue Verwandtschaft
schon liebte und die alte Gräfin mit ihrer jammernden Stimme und ihren
Kirchgängen rührend fand, begriff den Widerstand ihres Vaters nicht.

»Ich weiß nicht, Papa, ob Du da in allem recht hast!«

»Natürlich hab' ich recht! Ich habe gar nichts gegen die alte Gräfin
einzuwenden und bin überzeugt, daß sie in ihren vier Wänden und auch
sonst eine sehr scharmante Frau ist, aber in +Deinem+ Hause, nein! Ein
junges Paar gehört für sich allein! Du wirst mir's noch einmal danken,
daß ich da gescheiter war als Du!«

Für den Oberst wie für Elisabeth war diese Frage des gemeinsamen
oder getrennten Haushaltes sehr wichtig gewesen, denn sie konnte bei
den Priuli allerlei Verstimmungen nach sich ziehen. So wenigstens
hatten Schöttlings gedacht und waren einige Tage mit Sorgen im Kopf
umhergegangen, aber weder Ettore noch seine beiden Damen waren
verstimmt oder gar beleidigt. Die alte Gräfin schien sogar sehr
zufrieden, daß im untern Stockwerk eigens für sie eine Küche gebaut
wurde, und Ettore beschloß die Debatte lachend mit seinem Lieblingswort:

»Alles in schönster Ordnung! ~L'Italia farà da sè!~«

Die Hochzeit fand im Spätherbst statt. Ettore, der erst einige Tage
vor der Trauung nach München gekommen war, wurde allgemein bestaunt
und bewundert, sogar der Leutnant Otto fand, daß der Schwager ein
fescher Mensch sei. Ueber seine innern Qualitäten konnte man sich in
der kurzen und bewegten Zeit, die einer Hochzeit vorangeht, natürlich
keine rechte Meinung machen, zudem ja hier die Sprachschwierigkeiten
noch akuter waren als in Venedig. Ettore hatte allerdings seiner Braut
beim Abschied versprochen, daß er Stunden im Deutschen nehmen werde,
aber er hatte nicht die geringsten Fortschritte gemacht und konnte zu
Elisabeths Staunen und Ergötzen eigentlich nichts ordentlich sagen
als: »Gib mir einen Kuß«. Dagegen traten die deutschen Verwandten zu
wiederholten Malen, wenn auch nur beiläufig, mit einer Frage an ihn
heran, deren Sinn er nicht recht begriff, und die ihm so überflüssig
vorkam, daß er seine Schwäger im stillen für Spießbürger hielt. Sie
fragten ihn nämlich, was er für einen Beruf habe oder arbeite. Ettore
fühlte wohl, daß er ihnen nicht klarmachen konnte, wie überflüssig für
einen italienischen Nobile von altem Geschlecht Beruf oder Arbeit sei.
Er begnügte sich also etwas von oben herab und obenhin zu entgegnen,
daß er sich jetzt ganz und gar der Verwaltung und Hebung seiner Güter
widmen wollte. Fügte auch gleich mit seinem hübschen Lächeln, das ihm
die Herzen gewann, hinzu:

»~E vero~, bis jetzt war ich ein rechter Leichtfuß und habe nur an
mein Vergnügen gedacht, aber nun ist's aus mit dem Junggesellenleben,
nun werde ich ein braver Ehemann und Familienvater, und da ist's
selbstverständlich, daß ich mich nach allen Seiten hin um unseren
Grundbesitz bekümmere! ~L'Italia farà da sè!~«

Diese kindliche Offenheit gefiel allen sehr. Die Schwäger freuten sich,
daß die Schwester weder einen Duckmäuser, noch einen unverbesserlichen
Lebemann heiratete, und jeder von ihnen war überzeugt, daß Elisabeth,
die sie trotz aller gelegentlichen Schwärmerei und Verstiegenheit für
rechthaberisch hielten, diesen heiteren, naiven Mann um den Finger
wickeln würde.

Die Hochzeitsreise ging nach Süditalien und sollte nach einem Abstecher
nach Korsika in Aegypten enden, wo das junge Paar bis nach Neujahr
oder noch länger bleiben wollte, je nachdem eben Zeit benötigt wurde,
um alle die Arbeiten im Palazzo Priuli zu beenden, die jetzt in vollem
Gange waren.




6.


Seit drei Monaten hieß Elisabeth nun Gräfin Priuli. Diese drei Monate
waren dahingegangen wie ein einziger Liebestag, an dem sie kaum je Zeit
fand, einen Gedanken zu fassen oder sich selbst anzugehören. Immerfort
war Ettore da, wollte bei ihr sein, sie neben sich fühlen, sie an
sich reißen. Niemals hätte sie geglaubt, daß für einen Mann Liebe so
viel bedeuten, ihn so erfüllen könne, wie Ettore von seiner jungen
Eheliebe erfüllt war. Sie mußte lächeln, wenn sie an das deutsche Axiom
dachte, das immer noch behaupten will, daß die Liebe für die Frau das
Schicksal, für den Mann aber nur eine Episode darstelle. Mußte noch
mehr lächeln, wenn sie sich die Gatten ihrer Freundinnen oder gar
ihre Brüder in solch anhaltendem Liebestaumel vorstellen wollte, wie
Ettore nun seit Wochen und Monaten war. Für ihn gab es jetzt nichts
auf der Welt als seine Frau, und alles andere war bloß Szene und
Komparserie für ihn und das jauchzende Idyll, das er um sich und um
die blonde Frau spann. Er tauchte unter in seiner Empfindung wie ein
geschickter Schwimmer in eine azurne Woge, was oberhalb dieser Woge
vorging, kümmerte ihn nicht. Wenn Elisabeth zuweilen entzückt und
geschmeichelt staunte, daß er nach drei Monaten noch ebenso ungeduldig
und leidenschaftlich war wie am Hochzeitstage, dann verstrickte er sie
fest in seine Arme und sagte ihr zärtlich, wenn auch mit einer leichten
Überlegenheit im Ton:

»Törichtes, kleines Ding! Was wißt Ihr und Eure Männer daheim von
Liebe? Was Liebe ist, und wie eine Frau geliebt werden muß, das wißt
Ihr in Deutschland nicht, das wissen nur wir im Süden!«

Elisabeth schalt dann wohl scherzhaft über seine Anmaßung und seine
Ueberhebung, aber im Innern gab sie ihm recht. Liebe war für den
Italiener offenbar etwas ganz anderes als für den Deutschen, das
merkte sie nicht nur an Ettore selbst, sondern sie las es auch aus
italienischen Romanen, von denen sie trotz Ettores Widerspruch ein paar
auf die Reise mitgenommen hatte. Denn ein Restchen heimischer Schwere
und Ernsthaftigkeit blieb immer in ihr, und mit diesem Restchen von
Schwere und Ernst fand sie mitten in allem Glück doch aus, daß der
junge Gatte ihr immer noch recht fremd war. Sie meinte, das läge wohl
nur daran, daß sie sich immer noch sprachlich nicht so gut verständigen
konnten, als wenn sie aus dem gleichen Land gewesen wären, und darum
eben und auch um überhaupt italienisches Wesen genauer kennen zu
lernen, las sie, wenn Ettore ihr irgend Zeit ließ, italienische Bücher.
Las berühmte Romane, an denen sie sowohl den Aufbau wie die Psychologie
und die Sprache bewunderte, aber auch in ihnen immer wieder fand, daß
für die Menschen, deren Schicksale sie erzählten, Liebe das Ein und
Alles war. All diese Heldinnen und auch die Helden tauchten unter,
erfüllten ihren Daseinszweck, wenn sie glücklich liebten, hatten nichts
mehr auf der Welt oder im Leben zu suchen, wenn die Liebe zu Ende war.
Zuerst kamen ihr solche Bücher romanhaft und verlogen vor, aber je
länger sie neben Ettore lebte, um so mehr mußte sie über sie nachdenken
und erkannte schließlich, daß sie, wie jedes gute Buch, ein Abbild der
Wirklichkeit waren.

Ettore sah keines der Bücher an, die seine Frau beschäftigten. Er
kannte sie schon zum großen Teil, und wenn er sie nicht kannte,
interessierten sie ihn im Augenblick auch nicht. Er sah höchstens
flüchtig ein bis zwei italienische Zeitungen durch, um annähernd
zu wissen, was in der Politik oder in Venedig Neues vorging, zu
irgendeiner Meinung oder leidenschaftlichen Parteinahme raffte er sich
aber niemals auf. Er schimpfte meist ein wenig auf die Regierung und
immer auf die radikale Partei, aber schließlich war ihm momentan sowohl
die Politik wie das Königreich Italien ganz gleichgültig. »~L'Italia
farà da sè!~« Für neue Eindrücke war er nicht halb so empfänglich wie
Elisabeth. Die historischen Erinnerungen Korsikas und Aegyptens ließen
ihn kalt, und für Naturstimmungen hatte er auch nicht viel Verständnis,
aber Stunden, halbe Tage lang konnte er in Capri im warmen Sand am
Strand liegen, auf das tiefblaue Meer hinausblicken und Wärme und
Lebenskraft in sich aufsammeln, daß Elisabeth, die viel beweglicher,
viel weniger primitiv-genußfähig war als er, ihn um dies tiefe Behagen
beneidete, um diese einfache, körperliche Hingebung an die Natur.

»~Ch' è bello il sole!~« sagte er dann wohl wie berauscht und begriff
nicht, daß Elisabeth sich's nicht an dieser empfundenen Schönheit
genügen lassen, daß sie sich nicht neben ihm ausstrecken und die Zeit
gleich dem feinen Meeressand achtlos durch die Finger rinnen lassen
wollte. Wenn sie's auch versuchte, gelang es ihr nie recht, denn immer
wieder mußte sie, was sie sah oder fühlte, mit Gedanken umstellen,
denen sie in irgendeiner Art Ausdruck lieh oder leihen wollte. Bald
drängte es sie, irgendeine Beleuchtung des Meeres, ein zitterndes
Spiel des Lichtes als Studie festzuhalten, und dann tat es ihr leid,
daß sie keine Farben und keine Leinwand zur Hand hatte, ein anderes
Mal kritzelte sie in ein Reisetagebuch, und wieder ein anderes Mal
wollte sie Gebräuchen, Volkseigentümlichkeiten, Sitten oder Unsitten
nachspüren, die Ettore so gleichgültig waren wie der Mann im Mond.

Da fragte er sie dann wohl lachend, aber doch ein wenig ärgerlich:

»Kannst Du denn nie all den Schnickschnack vergessen und nur an mich
und an Dich denken?!«

Sah sie ihn dann mit erstaunten, hilflosen Augen an, als rede er von
etwas, was ihr nie eingefallen war, so trällerte er ihr das hübsche
Liedchen des Medici vor:

    ~»Quant' è bella giovinezza
    Che si fugge tuttavia!
    Chi vuol esser lieto sia
    Di doman' non c'è certezza.«~

Sie kannte es schon, sprach unwillkürlich die letzte Zeile leise mit,
dann fiel ihr ein, daß irgendwo, in einem Winkel ihres Gedächtnisses,
vier deutsche Zeilen hafteten, die ungefähr dasselbe, nur ungleich
wuchtiger als der Mediceer, ausdrückten. Nach ein paar Sekunden fielen
sie ihr ein, und sie versuchte, Ettore die Verse zu übersetzen:

    »Um das Roß des Reiters schweben,
    Um das Schiff die Sorgen her.
    Morgen können wir's nicht mehr,
    Darum laßt uns heute leben!«

Er hörte sie an, nickte bejahend.

»Aber schwerfällig ist alles, was Eure Dichter sagen. Warum muß nun da
schon wieder die Rede von Sorgen sein, die um alles herschweben? Ich
mag den Medici lieber, der ganz einfach sagt:

    »Heut sei fröhlich, wer es mag,
    Denn vom Morgen weißt Du nichts.«

Und er rekelte sich in der Sonne wie ein schönes, träges Tier, küßte
seine Frau und verstand nicht, daß sie sich mit einer angstvollen Hast
in seine Arme flüchtete, als ob ihr vor dem Morgen graute, dessen
Ungewißheit er und sein Dichter so leichthin nahmen ...

Zu seinem tiefen Behagen trug natürlich die vorteilhafte Veränderung
seiner äußeren Verhältnisse nicht wenig bei. Er konnte sich kaum je
einer Zeit erinnern, in der er so ohne alle Schwierigkeiten und im
Ueberfluß gelebt hatte wie jetzt. Seine Gläubiger hatten sich gern
bis zu seiner Rückkehr vertrösten lassen, der Palast wurde gründlich
renoviert und für das Leben nach außen hergerichtet, das Ettore sehr
liebte. Jeden Einfall, jede Laune konnte er sich befriedigen und
empfing noch obendrein dies alles nicht etwa von einer garstigen und
ungeliebten Frau, sondern von einer, die momentan zu seinen Sinnen
sprach und blind in ihn verliebt war. Wenn sie erst nach Venedig
zurückgekehrt und ein bißchen länger verheiratet waren, würde er
ihr auch die deutsche Gründlichkeit und den deutschen Ueberschwang
abgewöhnen, würde mit ihr eine sehr gute Ehe führen, so wie man in
seinen Kreisen eine gute Ehe verstand, ein Zusammenleben, bei dem man
immer ein schönes Bild bot, einander vielleicht auch zugetan war, sich
aber jedenfalls in nichts störte ... Natürlich sprachen sie oft von
Venedig und wie sie ihr künftiges Leben einrichten wollten. Ettore, der
sich gemerkt hatte, daß seine Frau ihn in irgendeiner Weise tätig sehen
wollte, sprach dann wieder von der Bewirtschaftung seiner Güter und dem
Aufschwung, den sie jetzt, unter seiner persönlichen Leitung nehmen
mußten. Elisabeth hörte das gerne und fragte vergnügt:

»Da werden wir also wohl nur die Hälfte des Jahres in Venedig leben und
die andere Hälfte auf dem Lande?«

Er sah sie etwas verblüfft an. Sie lachte.

»Aber, mein großes Kind, Du wirst doch nicht vom Canal Grande aus
Gutsherrschaft spielen können. Wir haben zwar nie ein Gut gehabt, aber
das weiß ich doch, daß man da immerfort selber nach dem Rechten sehen
und zur Stelle sein muß.«

Und weil sie meinte, er scheue sich vielleicht, ihr das Leben in einem
verlorenen, welschen Erdwinkel zuzumuten, fuhr sie eifrig fort:

»Ich freue mich sehr, wenn ich monatelang nicht in der Stadt zu sein
brauche! Es war eigentlich immer meine Sehnsucht, die Hälfte des Jahres
auf dem Lande zu sein!«

»Das ist ja sehr schön! Das läßt sich leicht machen!«

Er suchte und fand noch einige allgemeine Redensarten, kam aber an
späteren Tagen nur mehr mit Vorsicht auf das Thema von den Gütern
zurück. Wahrhaftig, diese exaltierte kleine Frau war imstande,
alles für Ernst zu nehmen und zu glauben, daß er, der schöne Ettore
Priuli, Lust hatte, sich für Monate unter die Bauern zu vergraben
und zu arbeiten! Dagegen erzählte er ihr gern und ausführlich von
der Gesellschaft Venedigs, von ihrem Reichtum, ihren Festen, ihrem
berechtigten Stolz und ihrem weitläufigen Klatsch. Elisabeth staunte
manches Mal, wie sein Gedächtnis all diese Salonkleinlichkeiten, diese
Frauenintrigen, Liebesgeschichten, Eheskandale und Geldaffären behielt.
Gewiß hatte sie auch daheim Klatsch- und Skandalgeschichten aus allen
möglichen Kreisen gehört, niemand aber hatte sie je so wichtig genommen
wie Ettore tat. Einmal fragte sie ihn auch nach der Fürstin Tassini,
deren Erscheinung inmitten des weißen, schwimmenden Rosenbeetes ihr
unvergeßlich geblieben war. Sie meinte, Ettore würde auch über sie so
viel wissen, wie über all die andern, aber seltsamerweise erwies er
sich da etwas zugeknöpft, wußte entweder nichts Besonderes über die
Tassinis oder wollte es nicht sagen. Elisabeth erfuhr nur, daß die
Fürstin, eine bürgerliche Engländerin, dem Fürsten, der seinerzeit ein
Salonlöwe Venedigs gewesen, eine märchenhafte Mitgift zugebracht habe,
daß aber die Ehe trotzdem schlecht gegangen sei. Er schilderte die
Fürstin, die er natürlich kannte, als kalt, herrisch und geldgierig,
während der Fürst wohl ausschweifend, aber doch ein guter, harmloser
Mensch sei. Er war bestrebt, die Schuld an dem Schiffbruch der
Tassinischen Ehe mehr auf die Frau als auf den Mann zu wälzen, tat
es teils instinktiv aus Korps- und auch aus Nationalgeist, mehr aber
noch, weil er es für klug fand, Elisabeth nicht alles erfahren zu
lassen, was in der Gesellschaft, der sie künftig angehören sollte,
möglich war und vorging. Er merkte wohl, daß sie sich für die Fürstin
interessierte, aber er hätte es nicht gern gehabt, daß seine Frau sich
mit der Engländerin befreundete, die ihr in gewissen Dingen nur ein
schlechtes Beispiel sein konnte. Denn obwohl niemand die Fürstin genau
kannte, spürte doch jeder, daß sie die Feindin des eigenen Mannes war,
und ihrem verschlossenen Gesicht, ihrem beherrschten Wesen traute man
alles zu, gerade weil man gar nichts von dem wußte, was in ihr vorging.

Oft auch bat Elisabeth ihn, daß er ihr von früher erzähle, von seiner
Kindheit, seiner Jugend, dem ganzen Leben, das er geführt hatte, bis
sie kam. Das tat er gern, berichtete aus allen möglichen Perioden
seines Lebens, Lustiges, Drolliges, wohl auch ein wenig Sentimentales,
aber kaum je Ernsthaftes oder gar Leidvolles. Nur als er vom Tode
seines Vaters sprach, liefen ihm Tränen über die Wangen, und Elisabeth
merkte da wieder, wie schon bei andern Gelegenheiten, wie tief in ihm
das Familiengefühl und die Liebe für die Familie, die ihn geboren
hatte, wurzelten. Diese Liebe war aber doch wieder ganz anders als das
Gefühl, das Elisabeth daheim als Kindesliebe kennen gelernt hatte. Es
war etwas, das viel stärker und auch viel dumpfer schien, etwas, das
in Tiefen wurzelte, von denen verfeinerte Naturen nichts mehr wissen,
etwas, das nach Nestwärme roch und das, wie alle ursprünglichen Dinge,
zu sehr Hohem oder zu sehr Niedrigem führen konnte. Elisabeth konnte
sich keine Rechenschaft geben, wie dies Gefühl auf sie wirkte, sie
fand auch im Augenblick kein Wort dafür und suchte es auch nicht. Der
Bildungsgang, den Ettore genommen hatte, schien, soviel aus seinen
Erzählungen hervorging, ziemlich undiszipliniert und wenig gründlich.
Er war fast immer von Hauslehrern und Hofmeistern unterrichtet worden,
hatte nie irgendein Examen gemacht, hatte freilich auch nie die
beschämenden Heimlichkeiten, die verbissene Auflehnung, die inneren
Kämpfe der deutschen heranwachsenden Männerjugend erlebt. Er war ein
ganz guter, durchaus nicht renitenter Schüler gewesen, aber schon als
Kind hatte er sich, als ein Priuli, jedem Lehrer als Mensch überlegen
gefühlt und für das Wissen des andern nur eine sehr geringe Achtung
gehabt. Er war von seinen Eltern streng kirchlich, das heißt zur
peinlichen Beobachtung aller äußeren religiösen Vorschriften angehalten
worden, ohne daß ihn jemals irgendwer zur Frömmelei oder zum Fanatismus
verleitet hätte. Selbstverständlich war man im Hause Priuli durchaus
konservativ und königstreu, aber schon der alte Graf Priuli hatte
sich wenig um Politik gekümmert, und Ettore tat es noch weniger, weil
er fand, daß bei all dem Hin und Her doch nichts herauskomme. Mit
Staunen und mit leisem Neid hörte Elisabeth, wie hell und innerlich
unbewegt diese Knaben- und Jünglingsjahre dahingegangen waren. Da war
nichts von dem Widerstreit, von den wirklichen oder eingebildeten
Seelenkonflikten und -problemen, mit denen sie und ihre Brüder sich
selbst und gegenseitig gequält hatten, nichts von Zweifeln, die
schmerzhaft an ältesten Ueberlieferungen nagten, nichts von Weltschmerz
oder jugendlichem Größenwahn, nichts von gigantischen, hold-unmöglichen
Zukunftsplänen für sich und eine neu zu erfassende Welt, nichts
von der großen, gärenden Torheit, die sich in dem Worte »Jugend«
zusammenpreßt und in der Erinnerung späterer Jahre so schön scheint,
daß jeder wirkliche Erfolg neben ihrem erträumten verblaßt. Niemals
hatte der junge Priuli mit sich oder mit andern um eine Weltanschauung
gerungen, niemals daran gezweifelt, daß die Welt gut eingerichtet und
schön und er ein Bevorzugter auf ihr sein müsse. Ein- oder zweimal
hatte Elisabeth versucht, ihm von ihren erlebten und miterlebten
tragikomischen Jugendkämpfen zu sprechen, aber er hatte so wenig davon
verstanden, daß sie schnell und ein wenig beschämt schwieg. Sie kam
sich vor, als hätte sie liebe, verblaßte, altmodische Familienbilder
vor jemand ausgebreitet, der sie kühl und ein wenig spöttisch mit dem
Maßstab moderner Erscheinungen maß. Es stand nun für Elisabeth ziemlich
fest, daß sie einen Teil des Jahres auf den Gütern leben würden. Ettore
wußte gar nicht, wie er ihr diesen Gedanken wieder ausreden sollte,
denn wenn er auch vorsichtig andeutete, daß diese Güter sehr bescheiden
und in der Entwicklung sehr zurückgeblieben seien, so meinte sie immer,
er hätte Angst, daß ihr alles dort zu einfach, zu bäuerisch sei, und
sie bemühte sich dann erst recht, ihm zu versichern, wie glücklich sie
dort sein würden, ganz allein, fern der Welt, gemeinsam arbeitend und
sich gemeinsam des Lohnes der Arbeit freuend. Ettore, der sich selber
innerlich verwünschte, daß er diese Komödie mit der Gutsverwaltung
angefangen hatte, hoffte im stillen, daß sie in Venedig, im Treiben der
Stadt und der Gesellschaft, die Geschichte mit den Gütern vergessen
würde, denn selbstverständlich wollte er doch nicht jetzt schon
offenbaren, wie es in Wahrheit damit stand. Er bekam daher einen hellen
Schreck, als sie ihm eines Tages ankündigte:

»Weißt Du, sobald wir in Venedig ein wenig eingerichtet sind und gutes
Wetter kommt, mußt Du mir Deinen Landbesitz zeigen. Unser allererster
Ausflug soll die Fahrt dahin sein.«

Ettore sagte: »Ja, ja!« Und fragte, um dem Gespräch eine andere Wendung
zu geben, ob Elisabeth sich denn nicht auf all die Gesellschaften und
Feste freue, die sie in Venedig erwarteten.

»Gewiß freu' ich mich, denn das wird jedenfalls etwas ganz anderes sein
als die Garnisonbälle oder die Künstlerfeste bei mir daheim! Aber weißt
Du, auf was ich mich am meisten freue?«

Ettore dachte:

»Ich wette, jetzt kommt wieder ›auf das Landleben mit Dir‹!«

Er sagte aber nichts, sondern sah seine Frau nur mit gespanntem Lächeln
an.

»Auf die ›Dogaressa‹ freu' ich mich am meisten. Ich werde sie jeden Tag
besuchen, und sobald wir ein wenig in Ordnung sind, will ich eine Kopie
davon machen, für Papa zu Weihnachten. Ich habe das Gefühl, als hätt'
ich, seit ich in Italien bin, eine Menge gelernt, nur vom Schauen und
von all der Schönheit, die Tag für Tag um einen her ist ...«

Er neckte sie ein wenig ob ihrer Streberei und meinte im stillen,
daß sie in Venedig wohl an ganz andere Dinge zu denken habe als ihre
Malerei. Er ließ aber nichts davon vernehmen, denn er wußte nun schon,
daß sie immerfort allerlei Gründlichkeiten wollte, die ihm überflüssig
vorkamen, und außerdem hielt er die Schwärmerei um ein altes Bild herum
für ein harmloses und drolliges Ding.

Eines Tages, da er ganz allgemein von seiner Mutter und seiner
Schwester sprach, fragte Elisabeth:

»Warum hat eigentlich Eleonore noch nicht geheiratet? Ein so
wunderschönes Mädchen --«

Er zuckte die Achseln.

»Was willst Du?! Meine zwei andern Schwestern haben auch nicht
geheiratet und waren kaum weniger schön.«

Elisabeth schwieg, der Gedanke an die beiden Nonnen hatte sie stets
bedrückt, wann immer von ihnen die Rede war. So sagte sie auch jetzt
leiser und unsicher:

»Die beiden andern folgten doch wohl einem inneren Drang --«

Ettore lachte auf.

»Nein, es war die Misere! Sie sahen ja doch, daß sie keine Männer
bekamen. Was blieb ihnen denn da anderes, um mit Anstand vom Hause
fortzukommen und zu leben?!«

»Hätte es wirklich gar nichts anderes für sie gegeben? Hatte keine
von ihnen ein Talent oder eine Fähigkeit oder auch nur einen starken
Willen für irgendeinen Wirkungskreis, der sie glücklich gemacht hätte?«

Elisabeth fragte es gütig, aber er hörte doch einen feinen Unterton von
Widerspruch und Mißfallen heraus. So wurde auch seine Stimme schärfer,
als er entgegnete:

»Soll eine Priuli vielleicht Sängerin werden oder Lehrerin oder
Buchhalterin?!«

Elisabeth wich einer direkten Antwort aus.

»Ich habe all die Jahre her kopiert und alles mögliche gemalt
und bin ganz zufrieden damit gewesen. Und mein Vater war doch
Regimentsoberst --«

»Ach Gott, das sind Sachen, die bei Euch in Deutschland, in Euren
kleinen Verhältnissen gehen, aber eine Priuli in Venedig, die kann
nicht um Geld arbeiten!«

Elisabeth merkte, daß hier keine Verständigung möglich sei. Sie lenkte
also ab und sagte herzlich:

»Ich hoffe zuversichtlich, daß Eleonore heiraten wird!«

Ettore zuckte die Achseln.

»Bah, ein Mädchen ohne Mitgift! Wer wird die heiraten?!«

Zum erstenmal dachte da Elisabeth, ob auch sie am Ende um ihrer
Mitgift willen geheiratet worden sei. Bisher war sie nie auf diese
Vermutung gekommen, denn da sie von Haus aus arm gewesen, war ihr das
berechtigte Mißtrauen reich geborener Töchter fern geblieben. Kaum im
Besitze des neuen Vermögens, hatte sie sich dann mit Ettore verlobt,
der doch (so meinte sie) unmöglich hatte wissen können, ob sie eine
glänzende Partie sei oder nicht. Auch jetzt war ihr der Gedanke nur
so angeflogen, faßte keine Wurzel, so daß sie wie im Scherz leichten
Herzens fragte:

»Aber, Ettore, es heiraten doch nicht alle nach Geld. Hättest Du mich
denn nicht genommen, wenn ich zufällig ein armes Ding gewesen wäre?«

Ettore erwiderte unbekümmert und heiter:

»Nein! Das hätt' ich ja gar nicht gekonnt!«

Elisabeth wurde rot, schloß eine Sekunde lang die Augen. Zum erstenmal
war sie zornig auf ihren Mann, so zornig, daß sie seine Nähe kaum
ertragen konnte. O, sie begriff wohl, daß er, der Träger eines
glänzenden aber verarmten Namens, nicht nur aus Liebe freien, sondern
auch eine reiche Frau haben wollte. Das war ja überall so, in der
ganzen Welt, und gerade weil sie wußte, daß sie geliebt wurde, hätte
sie's leicht ertragen, daß bei der Liebe ihr Geld eine Nebenrolle
gespielt hatte. Aber die unverhüllte Offenheit, mit der Ettore ihr
ins Gesicht sagte, daß er sie ohne Geld nie zur Frau genommen hätte,
verletzte sie, und mit ihren geschlossenen Augen sah sie durch Raum
und Jahre weit entfernt einen anderen Mann vor sich, der ihr ungefähr
dasselbe gesagt hatte ... Ihre Jugendliebe war's gewesen, der Offizier,
den sie gern gehabt und wegen ihrer Armut nicht hatte heiraten können.
Auch er hatte damals ungefähr gesprochen: »Ich kann kein Mädchen ohne
Geld heiraten, ich muß mindestens die Kaution bekommen!«, aber wie
anders, wie ganz anders war dieser Mann mit seinem Bekenntnis vor ihr
gestanden. Stockend, mit sich kämpfend, beschämt und verwirrt hatte er
ihr's abgelegt, so daß ihr Mitleid mit der Qual, die sie ihm ansah,
fast größer gewesen war als der Schmerz über seinen Verlust. Ettore
aber nahm und gestand das Unvermeidliche selbstverständlich und heiter
ein, wie es in allem seine Art war. Nichts vermochte ihm die Laune zu
trüben, die ewig hell und sonnig blieb, wie die Tage seines begnadeten
Landes. Und plötzlich fiel Elisabeth eine tiefe Sehnsucht an nach
der Regenstimmung der bayerischen Hochebene und nach einem Menschen,
der unzufrieden war, der mit sich oder mit dem Schicksal im Streite
lag. -- -- --

Weihnachten und Neujahr waren vorübergegangen, im Februar wollte das
junge Paar nach Venedig zurückkehren. Elisabeth war schon müde vom
Reisen, von all den neuen, immer wechselnden Eindrücken und sehnte sich
nach der Ruhe des eigenen Heims. Auch Ettore dachte nicht ungern an die
Rückkehr. Seiner Veranlagung nach hätte er zwar gut und auch gern noch
monatelang das elegante, müßige Reiseleben fortgesetzt, aber er freute
sich doch auf Venedig, auf die ~mamma~, auf seine Freunde, auf den
Klub, kurz auf alles, was seit Jahren sein Dasein gebildet und erfüllt
hatte. Auch daß er dann nicht mehr Tag für Tag, Stunde für Stunde mit
seiner Frau zusammengespannt war, dünkte ihm angenehm, denn wenngleich
er immer noch verliebt in sie war, so wurde sie ihm doch mitunter etwas
unbequem mit ihren vielen Fragen und geistigen Ansprüchen, die er
nicht beantworten oder auch gar nicht verstehen konnte. Es gefiel ihm
ja sehr, daß sie offenbar etwas in ihm gesehen hatte und noch sah, das
er selbst nicht kannte, aber er spürte manches Mal eine leise innere
Ungeduld, wenn sie verlangte, daß er dem Bild gleichen sollte, das sie
sich von ihm gemacht hatte. Und er dachte bei sich, daß es für sie
beide vorteilhaft sein würde, wenn sie nach einem fast fünfmonatlichen,
unausgesetzten Beisammensein nun zeitweise durch andere Menschen, durch
die Ansprüche des täglichen und gesellschaftlichen Lebens für kurze
Zeitspannen voneinander abgerückt würden.

Die Vorfreude auf die Heimat wurde durch einen Brief aus Venedig
getrübt, wenigstens für Elisabeth. Der Brief kam von der Gräfin
Priuli, war an den Sohn gerichtet und meldete, daß die Handwerksleute
im Palazzo Priuli schon jetzt, fast einen Monat vor dem festgesetzten
Termin, mit ihren Arbeiten zu Ende wären. Diese Ueberpünktlichkeit
schien auf den ersten Blick erstaunlich, aber als Ettore weiterlas,
begriff er sie gut, denn die alte Gräfin hatte eben -- -- Ettore freute
sich von Herzen und fand, daß die ~mamma~ eine überaus kluge und
praktische Frau sei. Wie er jetzt aber Elisabeth den Brief vorlesen
oder wenigstens mitteilen sollte, wurde ihm ein wenig unbehaglich
zumute. Elisabeth fragte:

»Was gibt's zu Hause Neues, Lieber? Was schreibt Deine Mutter?«

Er spielte verlegen mit dem Brief, sagte es dann geradezu, wie ein
Schuljunge, der sich endlich zu einem kecken Geständnis zusammenrafft.

»Merk auf, ~carina~! Die ~mamma~ schreibt, daß sie die großen
Umänderungen für eine eigene Küche und Wirtschaftsräume für sich nicht
hat machen lassen, weil für Eleonore eine Heirat in Aussicht steht. Und
wenn Eleonore heiratet, dann zieht die ~mamma~ natürlich zu ihr, und
sie meint, es sei Unsinn, wegen ein paar Monate einen Kamin einzubauen,
den dann doch niemand mehr braucht --«

»Und dann beabsichtigt also Deine Mutter --«

Ettore unterbrach sie, sprudelte hastig hervor, was er und seine Mutter
wollten. Jawohl, für die paar Monate, bis zu Eleonorens Hochzeit, würde
man insofern mit den beiden Damen einen gemeinsamen Haushalt führen,
als Ettores Mutter und Schwester an den Mahlzeiten des jungen Paares
teilnehmen sollten. Die Wohnräume blieben natürlich getrennt, aber
in der Sache mit dem Kamin hatte die ~mamma~ doch recht, das mußte
Elisabeth doch einsehen ...

Elisabeth sagte zunächst kein Wort. Sie sah, daß die Priuli über ihren
Kopf hinweg gerade das taten, was sie und ihr Vater nicht gewollt
hatten, daß sie aus irgendeinem Grund ein Zusammenleben erzwangen, das
schon jetzt, noch ehe es begonnen hatte, auf der jungen Frau lastete.
Sie wußte, daß ihr Mann nichts von dem begriff, was jetzt in ihr
vorging, daß er glücklich war in dem Gedanken, nach wie vor mit Mutter
und Schwester zusammen zu sitzen, indes Elisabeth sich nach keiner
andern Stunde so gesehnt hatte als nach der, in der sie zum erstenmal
allein mit dem geliebten Mann am eigenen Tisch saß. Sie war voll Zorn
und ohnmächtiger Liebe und konnte nichts denken als:

»Die Brut! Er denkt an nichts als an seine Brut!«

Ganz plötzlich war ihr dies Wort mit seinem animalischen Dunst in den
Sinn gekommen, und sie hätte es ihm ins Gesicht gesagt, wenn sie gewußt
hätte, wie es auf italienisch hieß. So fragte sie nur hart und trocken:

»Wir werden also in Venedig nie mehr allein sein?«

Ettore lachte. Nein, wie diese törichte Frau doch übertreiben konnte!
Nie mehr, -- wie das klang! Als ob der Tag nicht vierundzwanzig Stunden
hätte, und als ob es darauf ankäme, ob an zweien davon die ~mamma~ und
die Schwester bei ihnen säßen und sich mitfreuten über die schönen
Sachen, die der neuengagierte Koch herstellen würde! Und alles war ja
auch nur eine Frage der Zeit, der ganz kurzen Zeit bis zu Eleonorens
Hochzeit ... Elisabeth entgegnete nichts. Das war wieder eine jener
scheinbar gleichgültigen Fragen, über die sie sich nicht einigen
konnten. Er, der immer nur die Wirklichkeit der Dinge sah, begriff
nie, daß Elisabeth noch etwas hinter ihnen suchte, daß für sie vieles
Bedeutung hatte, was für ihn nur ein gleichgültiger oder alltäglicher
Vorgang war. Da sie immer noch stumm blieb, meinte er sie mit dem
letzten Argument zu überzeugen:

»Siehst Du, es kommt ja so auch viel billiger, als wenn wir der ~mamma~
einen eigenen Haushalt einrichten!«

»Wir ... der ~mamma~ einrichten ...?«

Elisabeth glaubte nicht recht gehört zu haben. Mehr als einmal hatte
Ettore ja von den festen, wenn auch bescheidenen Renten seiner Mutter
gesprochen; wie kam er also jetzt dazu, an Elisabeth und ihren Wünschen
einsparen zu wollen, um es der alten Gräfin zu geben?! Es dämmerte
ihr schon, daß sie jetzt Unerwartetes und Peinliches hören würde, und
Ettore, der nun alle Unannehmlichkeiten auf einmal abmachen wollte,
zögerte auch nicht, sie über die wahren Verhältnisse der Familie
Priuli aufzuklären. Er tat es ohne Scham und ohne Schmerz, nur mit
einer gewissen Empörung über eine Weltordnung, die nicht besser für
die Priuli sorgte. Elisabeth hörte ihn an, ohne sich zu regen. Ihr
Gesicht, das er sonst nur gütig und verklärt gekannt hatte, war jetzt
ernst, fast bitter, und um ihren Mund lag ein Zug von Verächtlichkeit,
um dessentwillen die Brüder Elisabeth stets für herrschsüchtig gehalten
hatten. Ettore mit seiner primitiven Frauenpsychologie dachte, daß sie
jetzt wohl eine heftige, laute Szene machen würde, und war erstaunt,
als sie, nachdem er zu Ende war, schweigend aufstand und das Zimmer
verließ. Wo sie hingegangen war, wußte er nicht, und er fragte ihr
auch nicht nach, sondern rüstete sich zu einem kleinen Schlendergang
am Strand entlang. Von dieser letzten Stunde war ihm sehr heiß
geworden, und es tat gut, so mit erleichtertem Herzen in der Kühle
spazierenzugehen.

Als er nach Hause kam, fand er seine Frau bereits zum Diner
umgekleidet. Sie hatte den Nachmittag, den ersten, den sie
verschmollten, im Park des Hotels zugebracht und war dort ruhiger
geworden. Sie gab sich Mühe, die Verstimmung, die zwischen ihnen
lag, zu heben, und Ettore, der jetzt überhaupt ein federleichtes
Gefühl hatte, kam ihr mit so viel Zärtlichkeit entgegen, daß sie
gänzlich ausgesöhnt und heiter zur Abendmahlzeit in den Speisesaal
hinuntergingen. Vorsichtig kamen sie beide noch einmal auf den
verhängnisvollen Brief zurück, und jeder versuchte dem andern
klarzumachen, daß dieser gemeinsame Haushalt eigentlich eine sehr
nützliche und angenehme Einrichtung sei. Elisabeth sagte:

»Es wäre wirklich überflüssig, für ein paar Monate alles auf den Kopf
zu stellen! Und ich freue mich ja so, wenn Eleonore nun wirklich
heiratet!«

Und Ettore:

»Natürlich, dem armen Mädchen ist's zu gönnen! Und für Dich, ~carina~,
ist es sehr gut, wenn meine Mutter vorläufig noch ganz bei uns bleibt!
Gerade jetzt, wo Du doch bald den Rat und die Pflege einer Frau um Dich
haben mußt!«

So gaben sie sich freundliche Worte und meinten es wohl auch gut, aber
Elisabeth tat in dieser Nacht doch kaum ein Auge zu. Während sie im
Dunkel wachend dalag, nagte an ihr etwas wie ein kleiner Wurm, und sie
war ärgerlich auf sich selbst, daß sie ein Unrecht, das ihr geschah,
durchaus Recht nennen wollte.




7.


An dem Tag, da das junge Paar heimkehrte, glich Venedig wieder
einem leuchtenden Mirakel, das ein durchsichtiges Ungeheuer aus
orientalischer Sage auf dem Rücken trägt. Elisabeth war von dieser
Stadt und vom eigenen Glück wieder erfüllt wie damals, als sie ihr zum
erstenmal ins Antlitz sah, und alle Verstimmung war vergessen. Es gab
ja jetzt auch in ihrem eigenen Hause so vielerlei für sie zu sehen
und zu tun, daß sie, selbst wenn sie gewollt, keine Zeit gefunden
hätte, über sich nachzudenken. Zunächst mußte sie alles beschauen
und auch bewundern, was sich in dem alten Palazzo verändert hatte,
so sehr verändert, daß man seine Gemächer kaum wiedererkannte. Alles
war nach Ettores Angaben stilvoll ergänzt oder auch neu beschafft
worden, und sie mußte sich gestehen, daß es ihrem Mann nicht an
Geschmack gebrach. Man hatte aus halb vergessenen Speichern und
verlassenen Zimmern allerlei alte Möbel, Bilder, Spiegel und Zierate
herbeigeschafft, hatte ausgebessert, was sich kunstvoll ausbessern
ließ, hatte frische Seidentapeten gespannt, alte Stukkaturen gereinigt,
so daß der Palazzo nun aussah, als hebe seine neue, große Zeit
eben an. Neben der Pietät für den Stil und der Vorliebe für einen
gewissen Prunk war aber auch der Komfort nicht zu kurz gekommen, den
Elisabeth von ihrer deutschen Heimat gewöhnt war. Der Palazzo, in
dem man sich bis zur Stunde an Marmorkaminen oder mit Kohlenbecken
erwärmt hatte, besaß jetzt eine Warmwasserheizung, elektrisches
Licht und gerade in den Wirtschaftsräumen alle Raffinements, die
ein vornehmer, von anspruchsvollen Dienstboten geleiteter Betrieb
verlangt. Nur eins vermißte Elisabeth: ein Zimmer, das ohne Pracht,
nur mit tiefer Behaglichkeit ausgestattet war und ihr, ihren Büchern,
ihren Skizzen und ihren Träumen gehören sollte. Es war wohl neben dem
großen Empfangssalon ein sogenanntes Boudoir mit Louis-XV.-Möbeln und
rosenfarbenem Damastbezug vorhanden, ein Raum, geschaffen für eine
elegante Dame und ihre kleinen, mondänen Phantasien, nicht aber für
eine Frau, die's gewöhnt war, sich aus dem Alltag heraus eine besondere
Welt zu schaffen. Da Elisabeth merkte, daß Ettore gerade auf die
Ausstattung dieses Raumes sehr stolz war, tadelte sie nichts daran,
schien vielmehr entzückt von seiner duftigen Grazie und dachte bei
sich, daß es ihr schon gelingen würde, sich den traulichen Winkel zu
gestalten, den sie sich wünschte.

Bei aller Bewunderung für den Geschmack ihres Mannes und die Schönheit
des neuen Heims ließ aber ein ängstlicher Gedanke sie nicht los, die
vielleicht kleinbürgerliche Frage, was all diese Herrlichkeit wohl
kosten mochte. Sie war ja zu sehr an enge Sparsamkeit gewöhnt, als daß
sie sich von heut auf morgen an große Verhältnisse und Ziffern hätte
gewöhnen können, und vorsichtig fragte sie Ettore immer wieder nach den
Rechnungen. Er lachte sie aus.

»Die werden wir später schon sehen, verlaß Dich darauf! Und erschrick
nicht, wenn die Lieferanten phantastische Summen aufgerechnet haben!
Davon handeln wir natürlich mindestens die Hälfte, wenn nicht drei
Viertel ab!«

Elisabeth machte große Augen. Sie wußte wohl, daß man in den kleinen
Ramschbasaren und Läden der Merceria die Preise nach Belieben
herunterdrücken konnte, aber bei großen Geschäftsleuten, die so
wertvolle Arbeit lieferten wie im Palazzo Priuli, kam ihr das
unwahrscheinlich vor.

»Es muß doch ein Voranschlag gemacht worden sein?«

»Voranschlag hin, Voranschlag her, -- darum kümmert sich hier kein
Mensch! Das mußt Du nicht mit deutschen Verhältnissen messen! Die Leute
verlangen hundert Prozent mehr als sie verdienen und sind zufrieden,
wenn man ihnen nur fünfundsiebzig davon abstreicht. Zerbrich Dir
darüber den Kopf nicht und überlasse das mir! ~L'Italia farà da sè!~«

Sie zerbrach sich auch wirklich nicht den Kopf darüber, zudem es für
sie im Haushalt viel Ungewohntes und allerlei Schwierigkeiten gab.
Sie mußte sich mit der neuen Dienerschaft einleben, deren Dialekt sie
schlecht verstand und deren große Zahl sie erschreckte. Ettore hatte
auch in dieser Hinsicht aus dem vollen gewirtschaftet, und Elisabeth
konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, noch einen kleinen Neger zu
engagieren, der sich eben in diesen Tagen als Boy anbot. Sie war
nun wirklich ganz froh, daß sie vorläufig mit den Damen Priuli im
gemeinsamen Haushalt lebte, denn die alte Gräfin verstand sich doch
auf die Sprache, die Gewohnheiten und die Ansprüche der Dienerschaft
und konnte der jungen Frau da in vieler Hinsicht nützlich sein. Dabei
brauchte Elisabeth noch nicht einmal zu fürchten, daß die Gräfin,
die Unerfahrenheit der Schwiegertochter mißbrauchend, darauf bedacht
sein würde, das Regiment im Hause an sich zu reißen. Die alte Gräfin
war weder herrschsüchtig noch bösartig und besaß keine der deutschen
Schwiegermuttertücken, die ihr der Oberst zugetraut hatte. Sie war
geistig indolent, dazu müde vom Leben und von dem freilich nur passiven
Widerstand, den sie dem immer weiterschreitenden Verfall ihres Hauses
entgegengesetzt hatte. Vom Klagen und von den Jahren war ihre Stimme
allmählich so jammernd geworden, daß in ihrem Munde selbst Heiteres
sich betrüblich anhörte und Elisabeth das Herz schwer wurde, wenn diese
Stimme zu sprechen begann.

Seit damals der Brief der Gräfin eingetroffen war, hatten sich Ettore
und Elisabeth natürlich auch lebhaft mit der Frage beschäftigt, wie
es wohl um die Heirat Eleonorens stünde, von der die ~mamma~ damals
schrieb. Weder die Gräfin noch Eleonore waren bis jetzt mit einem Wort
über diese Angelegenheit herausgekommen, und Elisabeth, der doch seit
dem Brief ein kleines, ein ganz kleines Mißtrauen geblieben war, dachte
schon, daß die ganze Geschichte wohl nur eine Finte gewesen sei, um ihr
unversehens den gemeinsamen Haushalt aufzudrängen. Als die ersten Tage
in Venedig mit all ihrer Unruhe und ermüdenden Geschäftigkeit vorüber
waren, fragte sie Ettore einmal, ob seine Mutter oder seine Schwester
denn auch zu ihm gar nichts äußerten. Er zuckte die Achseln.

»Nein, kein Wort! Ich glaube überhaupt, daß die ganze Geschichte nur
eine Einbildung oder ähnliches war! Eleonore hat immer von Zeit zu Zeit
die Idee, daß ein Freier für sie da ist! ~Poverina~, sie möchte doch so
gerne heiraten!«

Nun wurde Elisabeth neugierig, ob Ettores Worte und ihr eigenes Gefühl
recht behielten, und sie versuchte, Eleonore vorsichtig auszuhören. Das
Mädchen aber blieb verschlossen, schien Elisabeth nicht zu verstehen
oder gab lachend ausweichende Antworten, so daß die junge Frau dachte,
es müsse doch seine Richtigkeit, wenn auch ein besonderes Bewenden mit
dem Freier haben.

Jeden Nachmittag zwischen drei bis vier Uhr besuchte Elisabeth die
alte Gräfin in deren eigenen Gemächern, die ebenfalls renoviert und
geschmackvoll eingerichtet worden waren, nur daß hier, auf den Wunsch
der Gräfin, die Zentralheizung fehlte. Die alte Dame wollte sich an
solche Neuheiten nicht mehr gewöhnen, ihr genügte das Kohlenbecken,
an dem sie sich die Hände wärmte, und an sehr kalten Tagen der
Marmorkamin. Aber ehe sie sich entschloß, ihn zu heizen, wickelte sie
sich lieber in alle möglichen Tücher, Mäntel und Pelze, und Elisabeth
mußte anfangs immer lachen, wenn sie ins Zimmer trat und die beiden
Damen unförmlich vermummt, wie Pelzmäntel Patiencen legen oder lesen
sah. Fröstelnd oder ebenfalls in einen Pelz gehüllt, verplauderten
sie dann eine halbe Stunde, und Elisabeth freute sich immer wieder,
in die gleichmäßige Wärme des oberen Stockwerks zurückzukehren. Eines
Tages aber, da Eleonore zu einer weitläufigen Verwandten gegangen
war, richtete sich Elisabeth bei ihrer Schwiegermutter zu einem
längeren Gespräch ein und fragte, wie es denn mit Eleonorens Heirat
stehe. Die alte Gräfin wiegte verneinend den Kopf. Nein, nein, damit
war nicht mehr zu rechnen. Es war nur ein Hoffnungsschimmer gewesen,
eine trügerische Lockung, wie die Gräfin sie mit den Töchtern so oft
erlebt hatte. Eleonore hatte einen jungen, erst kürzlich nach Venedig
versetzten Offizier kennen gelernt, der auf großem Fuße lebte, sehr
wohlhabend zu sein schien und sich in Eleonore verliebt hatte. Auch
Eleonore war gleich Feuer und Flamme für ihn, aber als es ans Freien
ging, stellte sich heraus, daß er nichts hatte als Schulden und nicht
daran denken konnte, ein armes Mädchen zu heiraten.

Wie die Gräfin diese ganz alltägliche und doch so traurige Geschichte
zweier junger Menschen mit ihrer jammernden Stimme erzählte,
traten Elisabeth Tränen in die Augen. Sie ergriff die Hand ihrer
Schwiegermutter, streichelte sie und meinte, daß solch ein Freier
leicht zu verschmerzen sei und Eleonore gewiß zu etwas Besserem
aufgespart sei. Die Gräfin sah über die junge Frau weg und schüttelte
wieder den Kopf.

»~No, no!~ Für uns gibt es nichts mehr! Die Priuli haben kein Glück
mehr, sie mögen anfangen, was sie wollen!«

»Sag' solche Sachen nicht, Mutter! Das Glück kommt doch immer wieder,
wenn man es nur erwarten kann! Siehst Du, auch zu mir ist es ja noch
gekommen, und ich war genau so verzweifelt, wie Eleonore jetzt wohl
ist!«

Aber die Gräfin ließ sich nicht zureden.

»Du hast gut reden, erwarten! Meinst Du, meine anderen Töchter haben
nicht auch gewartet, Tag um Tag und Jahr auf Jahr? ~Misericordia~, was
haben die armen Dinger geweint und zum Himmel gebetet, daß er ihnen
einen Mann schicken soll! Sie haben's nicht erwarten können und haben
ins Kloster müssen. Nein, nein, die Priuli haben kein Glück mehr!«

Eigensinnig beharrte sie mit ihrer jammernden Stimme bei dem
Vernichtungsspruch, den sie ihrem eigenen Blut sprach, und Elisabeth
war so bewegt, daß sie überhörte, wie wenig schmeichelhaft er für sie
selbst war. Sie sah, daß hier mit Worten nichts getan war, sagte darum
nur noch:

»Liebe Mutter, Eleonore wird und soll ganz gewiß heiraten, und
zwar glücklich heiraten. Und wenn es nur am Geld hängt, dann laß
das meine und Ettores Sorge sein. Wir können natürlich Eleonore
nicht so ausstatten, daß sie eine glänzende Partie wird, aber eine
Offizierskaution bringen wir schon auf. Und wenn's sein muß, schränken
wir uns lieber ein wenig ein -- mir ist ohnehin alles zu großartig
angelegt --, aber Deine letzte Tochter soll das Los haben, das ihr
gehört, soll einen Mann nehmen, den sie liebt, nur freilich nicht einen
Schuldenmacher oder Abenteurer!«

Sie wartete, daß die Miene der Gräfin sich ein wenig aufhellen, daß
sie zuversichtlicher werden und wieder an eine Glücksmöglichkeit
glauben sollte, aber das Gesicht der alten Dame blieb sorgenvoll wie
es war, und sie dankte Elisabeth nur so nebenhin, als ob doch alles
ganz zwecklos und unfähig sei, dem geschlagenen Hause der Priuli wieder
Glanz und Glück zu verleihen.

Elisabeth ließ einige Tage verstreichen, dann trat sie einmal, ehe sie
zu dem Nachmittagsbesuch bei der Schwiegermutter ging, zu Eleonorens
Zimmer hin. Wie sie die Türe öffnen wollte, ließ sie die Hand plötzlich
untätig auf der Klinke ruhen, lauschte und zögerte einzutreten. Denn
aus dem Zimmer ertönte halblauter Gesang, die Stimme Eleonorens, die
irgendein kleines Volkslied vor sich hin sang. Weder der Text noch die
Melodie waren irgendwie bedeutsam, aber in dieser Mädchenstimme klang
so viel Süße, verhaltener Schmerz und verhaltene Lust, daß Elisabeth
ganz vergaß, warum sie eigentlich gekommen war, und immer noch vor der
Türe stehen blieb, bis der Gesang drinnen verstummte.

Eleonore sprang auf, als sie die Schwägerin sah, schob ihr einen
bequemen Stuhl herbei, stopfte ihr Kissen in den Rücken und unter die
Füße, tat völlig unbefangen und war auch heute nicht bereit, ihr Herz
zu erschließen. Elisabeth erzählte ihr von dem Gespräch, das sie mit
der Gräfin gehabt hatte, wiederholte ihr Anerbieten und bat Eleonore,
die Geschichte mit dem Offizier genau zu überlegen und sie dann mit ihr
und Ettore zu besprechen. Eleonore aber schüttelte lächelnd den Kopf.

»O, Liebe, das ist alles ganz anders als Du denkst. Wir können nicht
heiraten, nein, wir können nicht. Er ist ein eleganter, verwöhnter und
luxusbedürftiger Mensch und wäre steinunglücklich, wenn er sich in arme
Verhältnisse schicken sollte. Und wenn +er+ unglücklich wäre, dann
wär' +ich's+ doch auch, nicht wahr? Wir wissen auch schon, daß wir nie
heiraten können, und man findet sich ab ... Ich habe mich sogar schon
ganz leidlich abgefunden und bin eigentlich ärgerlich auf die Mama,
daß sie der Geschichte immer noch nachhängt und Dir den Kopf davon
vollredet!«

Elisabeth drang nicht weiter in Eleonore. Sie merkte wohl, daß das
Mädchen mit seinem Herzenserlebnis keineswegs so fertig war, wie es
behauptete. Sie merkte es an Eleonorens Wesen und mehr noch aus den
abgerissenen Klängen, die sie jetzt fast immer vernahm, so oft sie
die Wohnung der Gräfin betrat. Es war, als ob das Mädchen in der Brust
eine Nachtigall trüge, die süß und berückend sang, was Eleonorens Mund
verschwieg.

Bei einem andern Nachmittagsbesuch fragte darum Elisabeth die alte
Gräfin, ob sie nie daran gedacht habe, Eleonorens Stimme ausbilden zu
lassen. Die Gräfin schien sehr erstaunt. Ausbilden? Nein, daran hatten
sie nie gedacht, wozu auch? Das hätte doch nur Geld gekostet und hätte
zu nichts genützt. Wenn Eleonore nicht mit ihrer Schönheit ihr Glück
machte, so kam es auf ihre Stimme erst recht nicht an. Kein Mann würde
danach fragen, ob sie musikalisch sei oder nicht ...

»So meine ich es auch nicht, aber die Stimme Eleonorens ist so schön,
und sie selbst ist eine so prachtvolle Erscheinung, daß sie, nach
meiner Ansicht, bei der Bühne sicher ihren Weg machen würde.«

Die Gräfin schlug die Hände zusammen, sah die Schwiegertochter
entgeistert an.

»~Misericordia~, was für eine abscheuliche Idee! Eine Priuli
Komödiantin!«

Es war so absurd, so ungeheuerlich, daß die Gräfin sich in gar keine
Auseinandersetzung über den Vorschlag einlassen wollte. Vergeblich
versuchte Elisabeth ihr klarzumachen, daß in Deutschland junge Leute
aus den besten Familien zur Bühne drängten, daß eine schöne Stimme
unter Umständen ein Millionenkapital sei, das man nicht brachliegen
lassen dürfe, und daß mit einem Schlag Eleonorens Los sich wenden
könne, sobald sie ein großes Engagement habe.

»Wenn sie sich jetzt ernsthaft ans Studium macht, käme sie auch
leichter über die dumme Liebesgeschichte mit dem Leutnant weg! Man
könnte sie fortgeben von hier nach Mailand oder Paris, und in einem
halben Jahr dächte sie nicht mehr an ihren kleinen Abenteurer!«

Die Gräfin aber hörte kaum auf das, was die Schwiegertochter sprach.
Mochten sie in Deutschland denken und tun was sie wollten, -- eine
Priuli konnte nicht zur Bühne gehen, konnte überhaupt nicht in der
Oeffentlichkeit für Geld arbeiten! Elisabeth sah, daß mit der alten
Dame nichts zu machen war, und beschloß, gelegentlich mit Eleonore zu
sprechen. Das Mädchen hörte ihr mit ungläubigem Lächeln zu, als ob
sie irgendeine Fabelgeschichte erzählte, entgegnete nicht so entsetzt
wie die Mutter, aber mit leisem Hochmut in der Stimme ungefähr genau
dasselbe: »Eine Priuli geht nicht zur Bühne!«

»Nun, dann wenigstens für den Konzertsaal! Denk' Dir doch, was für
Chancen sich Dir erschließen! Du hast eine Stimme, hast den Nimbus
Deiner Schönheit und Deines Namens, -- sei überzeugt, die Freier werden
sich um Dich drängen. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn Du endlich
einmal draußen stehst in der Welt und in großen Städten, als immerfort
hier sitzest, in demselben Kreis, in dem jeder jeden kennt.«

Eleonore sagte nicht direkt nein, machte aber alle möglichen
Ausflüchte. Die Stimme sei gar nicht so schön, wie Elisabeth meine. Sie
sei auch sehr von Zufälligkeiten abhängig, könne oft wochenlang keinen
Ton aus der Kehle bringen. Eigentlich könne sie überhaupt nur singen,
wenn's ihr gerade einfiel, und das Lernen, planmäßiges, strenges Lernen
sei ihr von jeher schwer gefallen. Und die ~mamma~, die arme ~mamma~
könne sie doch auch nicht allein lassen ...

Elisabeth hörte ihr zu und begriff sie nicht. Wieder dachte sie an ihre
eigene Mädchenzeit, an ihre einsamen, verschwiegenen Herzenskämpfe und
an das harte Ringen ihres kleinen Talentes um ein bißchen Verdienst
und ein bißchen Tagesinhalt. Wenn einer ihr und ihrem armen Bewerber
damals eine Summe zur Verfügung gestellt hätte, wie sie neulich der
Schwiegermutter für Eleonorens Heirat, -- sie wären sich vorgekommen
wie rechte Glückskinder und hätten voll Hoffnung und Seligkeit auf die
Offizierskaution ihr Leben aufgebaut. Und wenn einer ihr später, als
der Jugendtraum begraben war, gesagt hätte, daß ihr Talent groß genug
sei, um ihr Stellung und Glanz in der Welt zu geben, -- sie hätte
gehungert oder gebettelt, um sich die Möglichkeiten zur Ausbildung zu
verschaffen, und hätte im Bewußtsein ihres Besitzes und ihres künftigen
Könnens mit keinem König getauscht. Wie anders war dies Mädchen! So
eingeengt in Herkommen und Äußerlichkeiten, daß sie's begreiflich
fand, wenn der Mann die Heirat verweigerte, weil er sich nicht genug
Vorteile davon versprach, und ihn obendrein noch liebte. So trägen
Geistes, so unfähig, aus sich selbst heraus den kühnen Sprung ins
Ungewisse zu tun, daß sie lieber ein köstliches Leben verschwendete,
ehe sie sich aufraffte, um dem Los zu entgehen, das die Schwestern
hatten wählen müssen. Ob Elisabeth sich's auch nicht eingestehen
wollte, so konnte sie sich doch nicht verhehlen, daß es dieselbe
Trägheit war, kraft deren Ettore halbe Tage lang im heißen Sand liegen
und mit so viel Genuß das müßige Leben des Reisebummels führen konnte.
Vielleicht war diese Trägheit nur ein Familienfehler, eine Schwäche der
alten Rasse, die keines Aufstiegs mehr fähig war, vielleicht aber hatte
sie überall ringsum Wurzel geschlagen in allen Palästen, in der ganzen
Stadt, im ganzen Lande. -- Wie Elisabeth das dachte, fühlte sie, daß
ihr das Herz schwer werde und sich gleich darauf wieder aufbäumte, daß
sie nun am Ende für alle Zeit an die Trägen, Ueberjährten gebunden sein
würde ...

Bis sich das junge Paar im Palazzo völlig eingerichtet und eingewöhnt
hatte, war der Winter fast zu Ende. Elisabeth, die nichts mehr von den
Vergnügungen der Saison hatte mitmachen können, freute sich auf das
Frühjahr und drängte vom ersten warmen Tag an, daß Ettore mit ihr nach
Udine fahren sollte, um von dort aus mit einer Wagenfahrt die Güter zu
erreichen, die künftighin sein Arbeitsfeld bilden würden. Ettore hörte
solche Vorschläge nicht gern, verschob die Reise von einer Woche zur
andern und fand schließlich, als Elisabeths Eigensinn doch immer wieder
auf die Güter zurückkam, daß es sehr unzweckmäßig sei, wenn sie jetzt,
in ihrem schonungsbedürftigen Zustand, sich zuerst einer Eisenbahn- und
dann noch einer längeren Wagenfahrt aussetzen würde. Elisabeth aber
lachte vergnügt.

»Ettore, ich bitte Dich, ich bin doch keine Prinzessin! Denk' einmal,
wie viele Frauen in der gleichen Lage genau so arbeiten müssen wie
sonst, und sie bringen doch gesunde Kinder zur Welt! Ich würde mich
schämen, wenn ich da nicht einmal mehr eine kleine Reise ertragen
könnte!«

Ettore schnitt ein Gesicht. Er sah, daß er nachgeben mußte, und er
fand sich selbst jetzt töricht und unvorsichtig, daß er damals, vor
der Hochzeit, mit den Gütern geflunkert hatte, nur um den deutschen
Schwägern zu imponieren und ihren lästigen Fragen zu entgehen.

Weder die Bahnstrecke noch die Wagenfahrt boten Reize. Die Gegend
war eintönig, flach, zum größten Teil von Oliven und Mais bestanden,
zwischen die sich immer wieder schwarze, in der Sonne blauschillernde
Sumpfflecken drängten. Die Straßen waren von dürftigen Laubbäumen
eingefaßt, deren Stämme miteinander durch schwere Girlanden von Wein
verbunden waren, so daß die Straße festlich aussah, wie eine ~Via
triumphalis~, durch die aber nie mehr ein Sieger schreiten wird,
weil alles ringsum versunken ist in Verlotterung, Vergessenheit und
Sumpf. Da und dort tauchten halbzerfallene Häuser auf, Frauen mit
struppigen Haaren standen am Weg, glotzten den Wagen an, streckten
gewohnheitsmäßig die Hand zur Bettlergeste aus, während braune,
zerlumpte Kinder sich spielend im fußhohen Staub wälzten, der die
ärmlichen Wiesen mit einem grauen Schleier überdeckte.

Elisabeth sprach eifrig, lachte, versuchte aufgeräumt zu erscheinen,
damit Ettore nicht merken sollte, wie sich ihr die melancholische
Einförmigkeit der Gegend auf die Brust legte. Er merkte es auch gar
nicht, denn er hatte keinen Sinn für Unterströmungen der Gefühle, war
auch im Augenblick zu sehr mit dem Eindruck beschäftigt, den seine Frau
wohl von den Gütern empfangen mußte, die so ganz verschieden von dem
waren, was ihre Phantasie geträumt und erzählt hatte. Schließlich hielt
der Wagen vor einem abgegrenzten, weiten Plan, um den stückweise eine
grüne Hecke lief, während an andern Stellen Mais, Oliven und Weinstöcke
wild durcheinander standen, nur da und dort einer Korkeiche gerade so
viel Raum gewährend, daß sie ihre breiten Wurzeln ins trockene Erdreich
krallen konnte. Im Hintergrund eines Feldes erhob sich ein Haus,
das ein wenig größer war als die andern, die bisher am Weg sichtbar
geworden, aber genau ebenso brüchig, unsauber und trostlos aussehend
wie sie.

»~Ecco~, wir sind am Ziel!«

Ettore half seiner Frau aus dem Wagen, bot ihr den Arm und führte sie
mit einer pompösen Geste, die sehr schlecht zu der dürftigen Umgebung
paßte, auf das zerfallene Haus zu. -- --

Eine halbe Stunde später war Elisabeth um eine große Enttäuschung
reicher. Sie verstand zwar gar nichts von Landwirtschaft, Bodenreichtum
und seiner Kultur, aber das begriff sie doch gleich, daß diese
sogenannten Güter nichts waren als ein Komplex, der vielleicht einem
einfachen Landmann, niemals aber einem wirklichen Gutsherrn Arbeit
und Zweck bedeuten konnte. Wohl dehnten sich die Felder unabsehbar
weit aus, aber es war eben immer wieder Mais und nochmals Mais,
und, ganz abgesehen von der Arbeitskraft und der Energie, hätte es
einer Unsumme bedurft, um diese wildsprossende Erde zu richtigem
landwirtschaftlichen Ertrag zu zwingen. Auch war alles, was an
Baulichkeiten, Einrichtungen und Werkzeugen vorhanden war, so primitiv,
daß an eine richtige Ausnutzung vorhandener Erdschätze oder gar an
eine Übersiedlung hierher nicht zu denken war. Mit diesem Haus, so
wie es war, hätte der kleinste deutsche Bauer nicht vorliebgenommen,
und selbst die italienische Genügsamkeit des Pächters jammerte Ettore
etliches darüber vor, daß ihnen wohl demnächst das Dach in die Stube
fallen würde. Jedes Gerät, das man zur Hand nahm, war fast noch genau
ebenso, wie die Geschlechter, die hier vor tausend Jahren gesessen
hatten, es geschnitzt oder gehämmert hatten, und im Herbst stampften
hier die Burschen den Wein noch mit den nackten Füßen in die Kelter,
wie sie es seit Urzeiten getan. Die Zeit mit all ihren Errungenschaften
schien keine Macht über diese Gegend und diese Menschen zu haben,
und vielleicht hätte Elisabeth an einem andern Tage den großen und
seltsamen Reiz dieser Zeitlosigkeit empfunden, hätte gemerkt, daß
hier, so dicht bei einer modernen Stadt, noch ein verschollenes
Stück Altertum unter blauem Himmel lag. Aber sie war ja nicht
hierhergekommen, um Kulturschichten zu beobachten, sondern um ein Stück
Erde zu finden, das ihrem Mann gehörte, und dem er gehören wollte,
mit aller Liebe und allem Fleiß, die ein Mann an seine Lebensaufgabe
setzt. Denn durch alle Zeit war es ihr beklemmend gewesen, daß Ettore
an keinen Beruf, an keine regelmäßige Arbeit gebunden war, und daß es
ihm so leicht wurde, untätig durch die Tage hinzustreichen. Als er um
Elisabeth freite, hatte sie wohl gewußt, daß er keinem eigentlichen
Beruf nachging, aber wie solche Untätigkeit in der Nähe aussah und in
Einzelheiten wirkte, hatte sie nicht gewußt, hatte sich auch in der
ersten Verliebtheit nicht darum bekümmert. Schon auf der Hochzeitsreise
hatte sie dann mit Staunen bemerkt, wie gelassen und gewandt ihr Mann
die Zeit vertrödelte, wie er gar nie Sehnsucht spürte, sich in irgend
etwas zu vertiefen oder sein Leben nützlich auszufüllen. Sie hatte aber
schnell begriffen, daß er darin wohl keine Ausnahme darstellte, daß er
nur geradeso lebte, wie er einen großen Kreis Gleichgestellter leben
sah, für den man ihn erzogen hatte. Schon damals hatte sie sich fest
vorgenommen, daß sie einen andern Menschen aus ihm machen wollte als
nur den schönen, leichtfertigen Priuli, der von jedem Tag den Schaum
abschlürfte, und den man gelehrt hatte, daß Arbeit nur für die Armen
und Niedriggeborenen sei. Weil sie's daheim oft mitangesehen, daß junge
Männer, die sich in keinem Beruf recht gefielen, in der Landwirtschaft,
in der Hebung von Grundbesitz Freude und Kraft fanden, so dachte sie,
daß es auch hier ebenso gehen, daß aus dem Besitz der heimatlichen
Erde ihrem Mann der Sinn für ein neues Leben aufgehen sollte. Arglos,
wie sie ihm gegenüber war, hatte sie die leichte Verlegenheit, die
ihn überfiel, wenn sie von den Gütern sprach, sein Zögern, sie ihr zu
zeigen, übersehen oder mißdeutet, denn niemals wäre es ihr eingefallen,
daß er lächerlich flunkern oder gar geflissentlich lügen konnte. Nun
spürte sie, wie damals, als der Brief seiner Mutter eintraf, Unwahrheit
neben sich, und das Herz wurde ihr so schwer, daß sie am liebsten
geweint hätte.

Langsam, mit gesenktem Kopf, ging sie durch die verlotterten Vignen,
durch die wilde Einförmigkeit der Maisfelder hin. Zu ihrer Rechten
schritt Ettore, elegant wie immer, den Hut ins Genick zurückgeschoben.
Man merkte ihm an, wie überflüssig er sich hier vorkam, und wie es
ihn drängte, dies verwahrloste Stück Land zu verlassen, das doch sein
eigen war. Zu ihrer Linken ging der Pächter, redete mit pathetischem
Tonfall und großen Gesten auf Ettore ein, daß dieser die größten
Risse im Hause ausbessern und auch diese oder jene Neuanschaffung von
Ackergeräten bezahlen sollte. Es war zwischen den Männern ein wildes
Feilschen und Streiten, hörte sich vielleicht auch wilder an, als es
in Wirklichkeit war, weil sie beide die Stimmen dröhnen ließen und mit
den Händen genau so redselig waren wie mit dem Mund. Elisabeths wirrer
Kopf verstand kaum mehr, was sie sagten oder wollten, zudem sie beide
Dialekt sprachen, aber wie sie jetzt in der südlichen Sonne unter dem
tiefblauen Himmel mit ihnen dahinging, fiel brennendes Heimweh sie
an nach einem Weizenfeld, das langsam im Wind wogte, nach dem süßen
Juniduft der Linden, nach der klotzigen Wortknappheit bayerischer
Bauern, nach dem müden Gesicht, mit dem ihr Vater vom Dienst heimkam. --

Ettore sah sie verstohlen von der Seite her an. Sie hatte jetzt wieder
das herbe, bittere Gesicht, das er schon einmal an ihr gesehen hatte,
und das einer Frau zu gehören schien, die ihm fremd war. Er machte sich
aber weiter keine Gedanken, stritt leidenschaftlich mit seinem Pächter
weiter und dachte nur, daß er vermutlich heute abend oder morgen früh
eine unangenehme Szene mit seiner Frau haben würde. Er beschleunigte
den Schlendergang durch die Vignen und Felder und war froh, als sie
endlich wieder im Wagen saßen, der Pächter sich mit einer Fülle von
Worten und Wünschen verabschiedete und das zerfallene Haus samt Garten
und Feldern hinter der staubigen Landstraße wie ein unerfreuliches
Traumbild verschwand.

Sie fuhren schweigend dahin. Elisabeth nahm alle ihre Beherrschung
zusammen, um ihre Bitterkeit in sich zu verschließen, um nicht durch
heftige Worte, die sie später reuen mussten, zu verraten, daß dieser
Tag ihr so vieles genommen hatte. Auch Ettore schwieg und hoffte, daß
die schlechte Laune seiner Frau sich geben würde, wenn er sie gar nicht
anredete und sie in Ruhe den üblen Eindruck verwinden konnte, den sie
von dem Priulischen Grundbesitz empfangen hatte. Erst als sie wieder im
Zug saßen, fragte er so nebenher:

»Nicht wahr, mein Besitz hat Dir nicht gefallen?«

Sie lachte bitter auf. Ob sie wollte oder nicht, sie mußte ihm nun
sagen, was sie von diesem Tage geglaubt und was er ihr zerstört hatte.
Sie sprach leidenschaftlich, mit geröteten Wangen und bebender Stimme,
die ihr zuweilen versagte, denn sie, die es gewöhnt gewesen, immerfort
tätige Männer um sich zu sehen, empfand es nun wie Schmach, daß sie
einen Müßiggänger geheiratet hatte. Ettore hörte ihr zu und verstand
sie gar nicht.

»Ich weiß wirklich nicht, was Du willst! Ich habe den ganzen Tag zu tun
und langweile mich nicht einen Augenblick!«

»Das ist es ja eben. Du bist so sehr gewöhnt, nichts zu tun, daß Du Dir
gar nicht vorstellen kannst, wie das ist, wenn man arbeitet, arbeitet
von früh bis spät.«

Ettore schüttelte lächelnd den Kopf.

»Nein, Gott sei Dank, das kenn' ich nicht. Das kennen vornehme Leute
überhaupt nicht.«

»Bei Euch nicht! Aber bei uns arbeitet jeder, gleichviel, ob er vornehm
ist oder nicht, ob er Millionen reich ist oder nicht.«

»Aber wenn er die Arbeit nicht nötig hat, wozu arbeitet er dann?«

»Um der Arbeit willen!«

Ettore lachte.

»Nun, dann arbeitet er eben zu seinem Vergnügen, genau so wie ich mich
zu meinem Vergnügen amüsiere. Ich sehe den Unterschied nicht ein.
Oder doch, ich sehe ihn ein, und ich muß Dir sagen, ~carissima~, daß
der Unterschied für Euch nicht gar so schmeichelhaft ist. Euch merkt
man immerfort noch die arme Rasse an, die schuften musste und jetzt
gewohnheitsmäßig weiterschuftet. Und wir, wir sind eben Aristokraten,
die's schon lange nicht mehr nötig haben, sich zu quälen und durch
ihrer Hände Arbeit das Nötige herzuschaffen.«

»Darum war eben auch das Nötige meist nicht da!«

Elisabeth hatte es fast wider ihren Willen gesagt, aber es wäre ihr
nicht möglich gewesen, die naive Anmaßung Ettores ohne Entgegnung
hinzunehmen. Sie war gefaßt auf eine zornige Antwort, aber er zuckte
nur die Achseln und sagte gleichgültig:

»Du wirst nicht behaupten können, daß es bei uns je an irgend etwas
gefehlt hat.«

Auf weitere Auseinandersetzungen ließ er sich nicht mehr ein. Er
verstand nicht, was seine Frau meinte und gab sich auch keine Mühe, es
zu verstehen. Das waren deutsche Torheiten und Abgeschmacktheiten, an
denen sie zeitweise litt, die man augenblicklich auch mit ihrem Zustand
entschuldigen konnte, die aber für ihn, den Grafen Ettore Priuli,
nicht die geringste Bedeutung hatten. Er rekelte sich behaglich in
seinen Sitz hinein, drückte den Kopf fest an die samtene Kopfstütze
und schloß die Augen. Fern und immer ferner hörte er, daß Elisabeth
von daheim sprach, von ihrem Vater und den Brüdern, denen nichts über
den Dienst ging. Dann schlief er fest ein. Elisabeth sah es und war
beinahe froh, daß sie nicht mehr mit ihm reden konnte. Hier gab es ja
doch keine Verständigung, denn hier redeten nicht nur zwei Menschen,
sondern zwei Welten gegeneinander, und es schien unmöglich, daß sie
sich je verstehen sollten. Wieder überkam sie das Gefühl grenzenloser
Einsamkeit, das sie vorhin beim Gang durch die Vignen und Maisfelder
gespürt hatte, und jäh wie ein Funke aus Qualm und Nacht sprang die
Vorstellung in ihr auf, wie schön es wäre, wenn sie jetzt leise von
diesem schlafenden Mann wegtreten, in einen der Züge springen, die nach
Norden fuhren, und heim könnte in das Land, das ihre Sprache redete,
ihre Gedanken dachte und mit ihrem Herzen empfand ...

Sie sah durchs Fenster hinaus, ohne die Gegend mit dem Blick wirklich
zu erfassen, hörte das gleichmäßige Rattern der Räder auf den
Schienen, mußte den holprigen Rhythmus der eisernen Melodie mitdenken,
bekam eine unerklärliche Furcht, sobald der Zug langsamer rollte, um
in eine Station einzufahren, und atmete auf, als hätte ihr einer etwas
Köstliches geschenkt, wenn er fauchend und dröhnend wieder mit voller
Kraft dahinstampfte. Sie begriff sich selbst nicht recht, aber als sie
in den Bahnhof von Venedig einfuhren, wußte sie's: sie hatte Angst und
Abscheu vor dieser Stadt, in der ihre Träume einst mit tausend Gallonen
gelandet waren.




8.


Als der Herbst aus seiner weinumkränzten Kelter die letzten
Sonnenstrahlen über Venedig hingoß, daß es anzusehen war, als ob
eines der flimmernden, naiven Mosaikbilder aus San Marco zum Leben
niedergestiegen wäre, wurde der kleine Priuli getauft. Es war nur
ein Familienfest, aber erfüllt von Feierlichkeit und durchwoben von
Fäden, die weit zurückliefen zu alten Dingen und Gebräuchen. Die Taufe
fand weder in einer Kirche, ja nicht einmal in einem Prunksaal des
Palazzo Priuli statt, sondern in einem kleinen, winkeligen Zimmer des
oberen Stockwerks, -- denn hier war der große Vorfahre der Priuli
zur Welt gekommen, und seitdem hatte jede Taufe des Geschlechts
hier stattgefunden. Das Taufwasser lag in einer schweren, alten
Kristallschale, die von zwei Goldfiguren getragen wurde, es hieß, daß
die Goldschmiedearbeit von Benvenuto Cellini herstamme. Eine verblaßte
und leicht zerschlissene Brokatdecke, die über den Täufling gebreitet
wurde, sollte noch von Lola Manin, der berühmten Dogaressa, die sich
einst um Venedigs Webeindustrie hochverdient gemacht, herstammen. Und
als der Taufakt zu Ende war, nahm Ettore das Kind von den Armen seiner
Mutter und sprach über es die alte Formel hin, die seit Jahrhunderten
jeder Priuli sprach, wenn sie inzwischen auch ihren Sinn verloren
hatte: »Ich schenke diesen Sohn der Republik Venedig, ihr zum Dienste
und sich zum Ruhm!«

Elisabeth sah erstaunt und auch ein wenig verständnislos auf all diese
Aeußerlichkeiten und auf den Ernst, mit dem sowohl ihr Mann wie die
Damen Priuli dies alles betrachteten und behandelten. Seitdem sie in
täglicher Gemeinschaft mit den Traditionen lebte, die ihr noch vor
einem Jahr so überwältigend und bedeutungsvoll erschienen waren, kamen
sie ihr nicht mehr gar so wertvoll vor, wollten sie mitunter sinnlos
und altersschwach bedünken. Bei dieser Taufe freilich erhöhten sie
die Feierlichkeit, liehen dem kleinen Priuli eine Wichtigkeit, daß er
schon jetzt mehr zu sein schien als andere Kinder, und Elisabeth freute
sich in ihrem jungen Mutterstolz, daß um ihr Kind so viel Erinnerungen
herstanden und so viel Aufhebens von ihm gemacht wurde. Nur als Ettore
den Spruch sagte, der dies Kind Venedig zum Geschenk machte, zuckte sie
erschreckt zusammen, denn ihr war's, als habe er mit diesen Worten ihr
Kind und in ihm sie selbst einem fremden Wesen vermählt ...

Alles Schöne und alles Seltsame dieses Tages aber war vergessen,
wenn sie in das Gesicht ihres Vaters sah, der zur Taufe seines
Enkels gekommen war. Seitdem sie damals mit Ettore von seinen Gütern
heimgekehrt, war die Sehnsucht nach ihrem Vater und nach allem, was er
bedeutete, immer stärker in ihr geworden, so daß sie zuweilen dachte,
das Heimweh müsse ihr das Herz zersprengen. So fremd, so armselig war
sie sich in ihrem Palast vorgekommen, daß sie heimreisen wollte, um
das Kind in irgendeiner deutschen Klinik zur Welt zu bringen. Ettore
und seine Mutter waren natürlich verwundert und bestürzt über diesen
Entschluß, den sie unter keiner Bedingung zur Ausführung kommen lassen
wollten. Ettore sagte entschlossen:

»Unmöglich! Ein Priuli kommt nicht in einer Klinik auf die Welt! Ein
Priuli wird hier, in seinem Palazzo geboren.«

Die alte Gräfin klagte mit ihrer jammernden Stimme:

»~Dio mio~, was das nun wieder für Ideen sind! Als ob Du's hier nicht
gut hättest, und als ob wir Dich nicht hegen und pflegen wollten wie
eine Königin!«

Elisabeth wurde verwirrt. Alles, was die beiden sagten und einwendeten,
war ja vollkommen richtig, und wenn sie ihnen sagte, daß sie es vor
Heimweh fast nicht mehr aushielt, würden sie mit Recht verletzt sein
und fordern, daß die junge Frau sich beherrsche und nicht einen Schritt
unternehme, der rundum Aufsehen und Gerede hervorrufen konnte. Sie
versuchte also nur geltend zu machen, daß sie doch einen deutschen
Arzt und deutsche Pflege haben wollte, ein Einwand, den Ettore gleich
lachend umwarf:

»Als ob Du die nicht hier auch haben könntest! Selbstverständlich wirst
Du einen deutschen Arzt und eine deutsche Pflegerin haben, aber mit
der Reise nach München wird's nichts. Du mußt Dich schon entschließen,
~carina~, hier bei uns zu bleiben, zu denen Du gehörst!«

Er schloß sie bei diesen Worten in die Arme, streichelte und küßte
sie zärtlich, und sie fühlte, daß er recht hatte, und daß sie ihm
darum gehorchen mußte. Sie hatte aber trotzdem eine Sekunde lang den
Wunsch, aufzuschreien: »Nein, nein, ich gehöre nicht zu Euch!« und
war froh, als Ettore und seine Mutter gegangen waren und sie allein
ließen mit ihren Gedanken und ihrer Verwirrung. Denn verwirrt war sie
in sich und über sich, konnte selbst nicht recht verstehen, warum sie
sich im Innern gegen Ettore und die Seinen auflehnte, warum sie mit
einemmal nicht zu ihnen gehören wollte. Sie schloß die Augen und atmete
tief auf. Ach, wenn erst das Kind da wäre, dann würde alles anders
werden! Das Kind würde sie ganz ausfüllen, würde sie entschädigen
für alles, was sie in ihrer Ehe oder auch sonst enttäuscht hatte,
würde die Leere ausfüllen, die jetzt, trotz aller Zärtlichkeit und
Leidenschaftlichkeit, so oft zwischen ihr und Ettore lag. Sie hatte
daheim ja so oft gehört, daß es in jeder Ehe Enttäuschungen gäbe,
ja, daß die Ehe vor allem in kluger Resignation bestünde, warum also
sollte gerade ihr das Los anders gefallen sein? Wenn sie's genau
bedachte, hatte sie ja nicht einmal einen wirklichen Grund zu Klage
oder Enttäuschung. Sie war umgeben von Liebe, von Wohlleben, von
Hoffnungsfreude, und wenn sie zu irgend jemand gesagt hätte, daß sie
trotz alledem nicht glücklich war, daß sie etwas vermißte, für das sie
keinen Namen fand, und für das sie doch allen Reichtum und Nimbus ihrer
Existenz willig hergeben wollte, dann hätte niemand sie verstanden, und
jeder hätte ihr wohl lachend gesagt, daß sie Grillen fange, weil es ihr
eben gar zu gut ging. Vielleicht war es so. Vielleicht verlor sie sich
in fruchtlose Grübeleien, weil ihrem Dasein, das einst tätig gewesen,
jetzt jeder tiefere Inhalt fehlte. Vielleicht ... Nein, sie wollte sich
nicht weiter mit »vielleicht« und »wer weiß« peinigen. Wenn das Kind
erst da war, würde alles gut werden, denn auch das hatte sie daheim
gehört, daß Kinder das Allheilmittel für jedes Frauenleid sind ...

Als die Gondel, die den Obersten vom Bahnhof zum Palazzo brachte, in
den kleinen Kanal einbog, stand Elisabeth schon an einem Fenster des
oberen Stockwerks, winkte mit der Hand und pochte ungeduldig gegen die
Scheiben. Sie war erst vor ein paar Tagen aufgestanden, und der Arzt
hatte ihr streng verboten, nach dem Bahnhof zu fahren, weil er sie
keiner Zugluft aussetzen wollte: so mußte sie wohl oder übel zu Hause
bleiben und voll Ungeduld die Minuten zählen, bis der Vater da sein
konnte. Als die Gondel unten, an den bekrönten Pfählen angebunden war,
war kein Halten mehr. Elisabeth lief, so rasch sie konnte, die Treppe
hinunter, warf sich lachend und weinend dem Obersten an die Brust,
der ob dieser Ueberschwenglichkeit etwas verdutzt und fast verlegen
dreinschaute. Dann kamen auch schon die Pflegerin und die alte Gräfin
herbei, schalten und jammerten über den Ungehorsam der jungen Frau, die
doch noch keine Treppen steigen sollte, und Ettore, der hinter seinem
Schwiegervater stand, nahm ohne weiteres Elisabeth wie ein Kind auf
den Arm und trug sie hinauf in ihr Zimmer, wo das Bettchen des kleinen
Priuli stand. Der Oberst war außerordentlich zufrieden. Er besah den
Enkel und fand natürlich, daß er ein ungewöhnlich schönes und kräftiges
Kind sei, dann wandte er sich zu seiner Tochter:

»Na, Liesel, Du schaust aber gut aus! Scheint Dir nicht schlecht zu
gehen bei Deinem Mann!«

»Mir geht's ja auch ausgezeichnet, hauptsächlich jetzt, wo ich Dich
wieder habe!« entgegnete Elisabeth strahlenden Gesichts. Sie ergriff
die Hand ihres Vaters, drückte sie an ihr Gesicht und küßte sie. Eine
Mutter hätte vielleicht aus ihrer übergroßen Freude, aus der ganzen
Art, wie die junge Frau sich gab und betrug, gemerkt, daß irgend etwas
nicht ganz stimmte, hätte vielleicht gesehen, daß in diesem Antlitz
trotz seiner rosigen Fülle ein paar Linien auf der Stirne standen, die
nicht vom Glück gezogen waren, daß um den Mund ein kleiner, fremder Zug
lag, der vor einem Jahr nach nicht da gewesen war. Der Oberst aber war
ein Mann und sah nur, daß die Tochter stärker geworden war, daß sie
in diesem Augenblick vor Freude leuchtete, und es fiel ihm mit keinem
Gedanken ein, daß eine Frau, die gar so stürmisch nach dem Vater
verlangt, wohl in dem Mann nicht alles gefunden hat, was sie in ihm zu
finden hoffte. Während seines ganzen Aufenthalts, der sich über mehrere
Wochen erstreckte, blieb er arglos, ohne Frage, freute sich über die
Tochter und das Enkelkind, über Venedig und all seine Schönheiten,
denen er jetzt ja beinahe verschwägert war.

»Weißt Du, Liesel, das ist so schön, daß man in Venedig quasi auch zu
Hause ist. Wenn ich jetzt herfahre, habe ich immer das Gefühl, als
fahre ich auch ein bissel heim! In meinem Leben hätt' ich mir's nicht
träumen lassen, daß ich doch noch einmal in Italien verwurzeln soll.
Spät ist's ja gekommen, für mich eigentlich zu spät, aber schön ist's
doch!«

Elisabeth sah ihn mit großen Augen an.

»Hast Du wirklich das Gefühl, daß Du hier zu Hause bist?«

»Aber natürlich! Wo mein Kind zu Hause ist, bin ich auch zu Hause. Oder
geht's Dir nicht etwa ebenso?«

Elisabeth nickte und erwiderte nichts. Wozu den Vater beunruhigen,
wozu Fragen, Antworten und Erklärungen heraufbeschwören, für die
sie weder Erklärung noch Gegenrede gefunden, denen sie nichts
entgegenzusetzen hätte als das dumpfe Gefühl, daß ihr Herz sich hier
nimmer eingewöhnen konnte. -- Eins nur hatte den Oberst peinlich
berührt, die Hausgenossenschaft der Damen Priuli, gegen die er doch
schon früher energisch protestiert hatte. Nicht als ob sie ihn durch
Indiskretion oder aufdringliches Vorhandensein gestört hätten, nein,
solange er da war, bekam er sie kaum zu Gesicht, aber er wunderte sich
doch ein wenig, daß Elisabeth nicht über sie klagte, sondern sie als
selbstverständlich hinnahm.

»Weißt Du, Liesel, allerhand Hochachtung vor Dir! Aber den
Schwiegerdrachen beständig im Hause zu haben, wäre nicht mein Geschmack
gewesen! Wäre auch nicht nach dem Geschmack der meisten Frauen!«

Elisabeth lächelte.

»O, die Mama ist gar kein Drache ...«

»Und wenn auch nicht, ich weiß nicht, junge Eheleute sollten doch
allein sein! Ewig und immerfort mit dritten am Tisch zu sitzen! Ihr
habt doch kaum Zeit, Euch über alle möglichen Dinge miteinander
auszusprechen ...«

»Wir haben so viel Zeit, Papa, so viel Zeit, wie Du Dir gar nicht
denken kannst! Und es gibt auch gar nicht so viel Dinge, über die man
sich aussprechen muß!«

»So? Ich meine aber doch --«

Der Oberst brach ab. Nicht etwa, weil ihm das Thema heikel vorkam oder
weil er in der Stimme seiner Tochter leise Bitterkeit spürte, sondern
bloß weil er auf seine eigene Ehe hatte Bezug nahmen wollen und weil
ihm dann einfiel, daß jede Aehnlichkeit zwischen seiner Ehe und der
seiner Tochter fehlte. Er meinte also gutmütig:

»Ja, freilich, Ihr habt's gut. Deine arme Mutter hat's nicht so gut
gehabt! Das war ein ewiges Rechnen und Sorgen und Erschrecktsein vor
unerwarteten Ausgaben, und die gute Frau hat dann immer gemeint, es
wird leichter, wenn sie's mit mir bespricht. Und ich -- na, Du weißt
ja, wie wenig Zeit unsereins hat und wie zuwider man ist, wenn man
müd' und verärgert vom Dienst heimkommt! Du hast's besser, Gott sei
Dank, und Du kannst wirklich als kleines Reugeld für Dein Glück den
Schwiegerdrachen in Kauf nehmen, zudem er sich ja zivil benimmt, wie Du
sagst!«

»Durchaus zivil, ich kann nicht über sie klagen!«

Sie überlegte einen Augenblick, ob sie ihren Vater in die Intimitäten
der Familie Priuli einweihen, ihm etwa von Eleonorens aussichtsloser
Liebe, ihrer schönen Stimme und ihrer Trägheit sprechen sollte, aber
sie unterließ es. Sie dachte sich, daß in gewissen Dingen ihr Vater,
so verschieden er sonst auch von den Priuli sein mochte, mit der
alten Gräfin übereinstimmen würde, daß er besonders deren Abneigung
gegen ein Heraustreten der Tochter aus dem häuslichen Kreis verstehen
und billigen konnte. War doch auch nach der Beendigung des großen
Erbschaftsstreites beinahe sein erstes Wort so gewesen:

»Liesel, jetzt hört das blödsinnige Kopieren und Sich-ums-Geld-schinden
auf! Jetzt machst Du's wie andere junge Mädchen, suchst Dir einen Mann,
der Dir gefällt, und wirst eine brave Hausfrau und Mutter. Das ist doch
allemal das Beste auf der Welt, da können sie sagen und probieren, was
sie wollen!«

Auch als er jetzt einmal mit ihr in der Galerie vor dem Bild der
›Dogaressa‹ stand, meinte er lachend:

»Wahrhaftig, Du bist jetzt fein heraus! Du mußt doch heilfroh sein, daß
Du Dich nicht mehr mit dem Farbenklecksen quälen mußt, nur um ein paar
Groschen zu verdienen, sondern malen kannst, was Du willst und wann Du
willst und wie Du willst!«

Elisabeth sagte zögernd:

»Ich weiß nicht, Papa, wenn ich jetzt an die Zeit denke, kommt sie mir
eigentlich sehr schön vor!«

Der Oberst lachte.

»Jawohl, in der Erinnerung ist Misere ganz hübsch. Aber wenn man sie
durchlebt -- -- Bei Dir hat sie eben gerade zur rechten Zeit aufgehört,
darum bewahrst Du ihr so ein freundliches Gedenken, aber ich sage Dir,
dank Deinem Schöpfer, daß Du heraus bist, und wenn Du Zeit hast, dann
kannst Du ja für mich einmal das Bild kopieren und mir schicken. Dann
kann ich mir, so oft ich es ansehe, einbilden, daß ich in Venedig und
bei Dir bin!«

Elisabeth war glücklich über diese Idee, die sie freilich selbst schon
gehabt hatte, deren Ausführung aber dem kleinen Priuli zuliebe immer
wieder verschoben worden war.

»Jetzt aber mach' ich mich dann gleich ans Werk. Weißt Du, ich werde
jetzt mein Leben damit zubringen, die ›Dogaressa‹ zu kopieren, denn
jeder von Euch soll sie haben, Du und jeder von den Buben!«

Die Wochen seines Venezianer Aufenthalts vergingen dem Obersten wieder
wie ein ununterbrochenes Fest. Wo immer er hinsah, erblickte er
Schönheit, Stil, Pracht und Glück, und sein altes Künstlerherz schlug
wieder so jung, als hätte er niemals den zweifarbigen Rock getragen und
wäre tagaus, tagein an der surrenden Maschine des Dienstes gestanden.
Ein einziges Mal nur wurde ihm kalt im Palazzo Priuli, das war, als
ihm Elisabeth den ganzen Palast von oben bis unten zeigte, ihm nicht
nur alle baulichen Veränderungen und Neuerungen wies, sondern auch
sein Kennerauge auf jede kostbare Einzelheit der Einrichtung und der
Zimmerausstattung lenkte. Zuerst war er freilich voll Entzücken und
Staunen, dann aber fragte er doch halb lachend, halb ärgerlich:

»Donnerwetter, die Geschichte muß Euch ein schönes Geld gekostet haben!«

Elisabeth sah ihn nicht an, als sie fragte:

»Wie hoch taxierst Du es?«

Der Oberst zuckte die Achseln. Wie sollte er so etwas taxieren, er,
dessen höchste Jahresgage noch nicht die Einrichtung eines einzigen
Prunkraumes dieses Palastes hätte bestreiten können! Elisabeth aber
beharrte:

»So rate doch, Papa, ich bitte Dich, rate einmal!«

Und der Oberst riet, nannte Zahlen, die ihm zuerst hoch, dann
schwindelnd, dann lächerlich vorkamen, aber immer noch schüttelte
Elisabeth verneinend den Kopf, bis sie endlich sagte: »Laß nur,
Papa, Du errätst es doch nicht! Über eine Viertelmillion Lire haben
wir für all diese Anschaffungen und (setzte sie leiser hinzu)
Ueberflüssigkeiten bezahlt!«

Der Oberst prallte zurück.

»Eine Viertel Million! Aber das ist ja ... das ist ...«

Er fand nicht das richtige Wort. Er wollte nichts Kränkendes sagen und
begriff doch nicht, wie die jungen Leute, wie vor allem seine sparsam
erzogene Tochter fast ein Fünftel der Mitgift gleich zu Anfang hatte
weggeben können, nur um ein Haus zu erneuern und zu verschönern, das
doch vorher auch schon bewohnt gewesen war.

»O, Papa, Du weißt nicht, wie verfallen und verlottert alles war! Von
außen sah sich alles sehr schön an, aber im Innern -- --«

»Aber um eine Viertel Million baut man ja einen neuen Palast!«

»Wenn Ettore ihn einrichtet, kostet ein neuer sechsmal soviel. Er hat
ja bei nichts nach dem Preis gefragt, alles nur bestellt, wie es schön
war, ohne Kostenvoranschlag, ohne Garantie ...«

»Aber da soll ja doch das Donnerwetter dreinschlagen! Solche Sachen
darf er doch nicht machen, und Du darfst sie auch nicht erlauben!«

»Jetzt ist es geschehen; ein zweites Mal kommt nicht mehr in Betracht!«

»Sind denn die Rechnungen schon alle bezahlt?«

»Ja, sie waren bezahlt. Ettore hatte tagelang mit allen Lieferanten
gefeilscht und gestritten, denn ihre ursprünglichen Forderungen waren
noch beträchtlich höher gewesen, nur gegen bare Bezahlung hatten sie
zugegeben, daß er ihnen gewichtige Posten von der Rechnung abstrich.

Der Oberst war froh, als er hörte, daß alles beglichen war. Freilich,
das Budget der jungen Ehe schränkte sich dadurch schon um ein gut Teil
ein.

»Und verdienen wird Dein Mann doch auch nichts, oder -- -- Sag mal, was
tut er denn eigentlich den ganzen Tag?«

Elisabeth stieg langsam das Blut vom Hals in die Schläfen. Wieder sah
sie ihren Vater nicht an, sagte leise, als schäme sie sich, das Wort
auszusprechen:

»Nichts.«

Sie schwiegen beide. Es war nichts Neues, nichts Ueberraschendes und
auch nichts Entehrendes, was Elisabeth da offenbarte, und doch hatten
sie beide das Gefühl, als lege sich etwas Bedrückendes auf sie nieder.
In all die Schönheit und das Glück war das kleine Wort hineingeglitten,
wie ein trüber Tropfen in klares Wasser gleitet. Alles, was vorhin so
hell geschienen, sah jetzt verändert aus, undurchsichtig und unfroh.

Der Oberst riß sich aber schnell wieder zusammen. Er wollte nicht
zeigen, daß er erschrocken war, wollte sich's vielleicht selbst nicht
eingestehen.

»Zum Kuckuck, Liesel, wir sind doch beide verrückt! Stehen mit
Leichenbittermienen da, bloß weil Eure Einrichtung ein bissel mehr
gekostet hat, und weil Dein Mann kein Kleinkrämer ist. Ja, wenn
wir das gewollt hätten, dann hättest Du eben keinen venezianischen
Nobile heiraten müssen! Weil Du ihn aber geheiratet hast und im
übrigen glücklich mit ihm bist, wollen wir der Viertel Million
keine überflüssigen Tränen nachweinen. Geschehen ist geschehen, nur
zieh' in Zukunft die Kandare fester an, und eigentlich (er überlegte
einen Augenblick) möchte ich selbst einmal mit Deinem Mann über die
Geschichte sprechen!«

Aber Elisabeth bat, daß ihr Vater das lieber unterlassen sollte. Sie
fürchtete, daß in einer solchen Unterredung Ettore sich in seiner
naiven und leichtfertigen Art mehr bloßstellen würde, als ihr Vater
verstehen und verzeihen konnte. Und gerade jetzt, da der Oberst selbst
eine Entschuldigung für ihn gefunden hatte, da er ihm das Recht
zubilligte, anders zu sein und zu leben, als er selbst stets gewesen
war und gelebt hatte, gerade jetzt fühlte Elisabeth durch die milden
Worte des Vaters sich ihrem Manne neu verbunden und kam sich selbst
lieblos vor, daß sie in ihrem Herzen oft hart und hochmütig über
ihn geurteilt hatte. Wenn es in ihrer Lebensrechnung wirklich einen
Fehler gab, so lag die Schuld daran gewiß nur an ihr, nicht an ihm,
denn ihr Vater hatte wohl recht, wenn er fand, daß ein Priuli nicht
ein deutscher Kleinkrämer sein konnte. Sie mußte Ettore eben nehmen
wie er war und all ihre Liebe zu Hilfe rufen, wenn ihre Geduld oder
ihr Einsehen versagen wollte. Sie war froh, als sie diesen Entschluß
faßte und an ihm merkte, wie sehr sie immer noch an dem Manne hing,
trotz der Leere, die sie so oft neben ihm empfand. Mit einem Mal sah
auch wieder alles klar und schön und glücklich aus, denn sie meinte
jetzt zu wissen, daß es zur Ueberwindung aller Enttäuschungen und
Schwierigkeiten nichts bedurfte, als eine große Liebe, die mit gleicher
Inbrunst den kleinen wie den großen Priuli umfing.

Der Oberst versprach Elisabeth wohl, daß er sich Ettore gegenüber
nichts merken lassen wollte und er hielt sein Versprechen auch so weit,
daß er den Schwiegersohn nicht zu einer direkten Aussprache heranzog.
Er wußte es aber doch einzurichten, daß er mit ihm einmal unter vier
Augen auf die Bedingungen einer Lebenshaltung, eines Budgets usw. zu
reden kam, und nahm die Gelegenheit wahr, um die großen Kosten der
Wohnungseinrichtung mit ein paar scherzenden Worten zu tadeln. Er hatte
eine gütige und liebenswürdige Art, solche Dinge zu sagen, und Ettore
nahm seine Worte, äußerlich wenigstens, ebenso hin, wie sie gesprochen
waren. Er gestand lachend seinen Leichtsinn ein, entschuldigte sich ein
wenig, daß ihm der erste Glücksrausch eben so sehr zu Kopf gestiegen
war, und schloß seine heitere Verteidigung mit der Versicherung, daß
er von Natur aus fügsam und wahrhaftig kein Verschwender sei. Der
Oberst nahm alles, was er sagte, auf Treu und Glauben hin und war
wiederum entzückt von seinem Schwiegersohn. Er merkte den leisen Ton
des Hochmuts nicht, der in Ettores Stimme schwang, sah nicht den
wegwerfenden Zug um die Mundwinkel und nicht den dunklen Blick, der
Ettores Auge verschleierte, als er mit seinem gewohnten scharmanten
Lächeln dem Obersten zum Abschied die Hand drückte, weil er ihn um
einer Klubsitzung willen verlassen mußte. Auch zu Elisabeth sagte
Ettore kein Wort von dem Gespräch, das er mit ihrem Vater gehabt hatte,
sie erriet es aber gleich an einer gewissen Gezwungenheit, mit der
er ihr in den nächsten Tagen begegnete, und deutlicher noch an einer
Bemerkung, welche die alte Gräfin ziemlich zusammenhanglos über eine
sensationelle Ehetrennung hinwarf und die ungefähr so endete:

»~Dio mio~, den Frauen geht's heutzutage viel zu gut! Wenn ich denke,
was man in meiner Zeit vom Mann und der Ehe alles ertrug! Aber
heutzutage haben sie den Kopf voll von dummen Ideen, von Freiheit, von
Gleichberechtigung und, was weiß ich, was sonst noch! Zu meiner Zeit
war man glücklich, wenn der Mann mit einem zufrieden war. Keine von uns
hätte es gewagt, an ihm herumzumäkeln oder gar ihm Vorschriften machen
zu wollen. Heutzutage aber täte es not, daß er über alles und über
jeden Centesime Rechnung ablegt ...«

Elisabeth sagte nichts. Sie begriff, daß die Mutter für ihren Sohn
Partei nahm, ganz ebenso wie ihr Vater es für seine Tochter tat. Sie
gab sich redlich Mühe, die Mißstimmung zu verscheuchen, die unversehens
ins Haus geschlichen war, war zärtlich und vertrauensvoll gegen Ettore,
liebenswürdig und ergeben bei der Schwiegermutter. Sie hörte auch
kein anzügliches Wort mehr, und Ettores Gezwungenheit machte schnell
seiner naiven Liebenswürdigkeit Platz. So schien alles wieder zu dem
früheren, guten Bestand zurückgekehrt, aber Elisabeth wußte doch, daß
es nicht so war. Sie wußte, daß fast zu allen Stunden, die sie mit
ihrem Vater verbrachte, Ettore bei seiner Mutter und seiner Schwester
saß und jedesmal, wenn die scheinbar nur aus Diskretion getrennten
Lager sich bei Tische begegneten und begrüßten, war es, als ob zwei
fremde Welten sich begegneten, die erst eine kalte Luftströmung
überwinden mußten, ehe sie sich zusammenfanden.

       *       *       *       *       *

In diesem Winter sollte Elisabeth endlich die venezianische
Gesellschaft und Geselligkeit kennen lernen, -- das war für sie,
die bisher nur die herkömmlichen Garnisonsbälle und ein oder das
andere Münchener Künstlerfest gesehen hatte, eine große Spannung und
Aufregung. Vor dem ersten Fest der Saison, das im Hause Fabbriani
stattfand, hatte sie richtiges Lampenfieber, denn Ettore sprach schon
seit Tagen kaum von anderem als eben von dieser Wintersaison mit
all ihren Verpflichtungen und Freuden, sprach davon so wichtig und
ausführlich, als ob sie ein wertvoller Bestandteil seines Lebens sei.
Auch Eleonore, die unter der Obhut der Schwägerin alles mitmachen
sollte, war lebendiger und gesprächiger, als Elisabeth sie seit langem
kannte, und schien für nichts Sinn zu haben als für Toiletten, Blumen,
Fächer und kunstvolle Frisuren. Elisabeth dachte bei sich, daß Eleonore
wohl darauf rechnete, auf den bevorstehenden Festen ihren kleinen,
verwöhnten Leutnant zu treffen, aber wenn sie leise Anspielungen
machte, so tat Eleonore, als verstünde sie nicht, und die alte Gräfin
antwortete auf eine direkte Frage der Schwiegertochter nur, indem sie
die Arme zuerst zum Himmel hob, sie dann verzweifelt wieder sinken ließ
und den Kopf schüttelte, als wisse sie selbst nicht, was die Tochter
denke oder plane.

Elisabeth machte mit großer Sorgfalt Toilette. Als sie fertig
angekleidet vor dem großen Spiegel ihres Ankleidezimmers stand, fand
sie sich auch wirklich ganz hübsch und meinte, daß sie überall mit
Ehren bestehen könne. Das weiße, silbergestickte Kleid saß tadellos,
die Rosen an der Brust und im Haarknoten paßten gut zu ihrem zarten,
blonden Typ, und die schönen Diamanten, die ihr der Vater und die
Brüder zur Hochzeit geschenkt hatten, funkelten hier, in dem einsamen
Zimmer, reich, fast königlich. Während die Jungfer lief, um den
Abendmantel und das Spitzentuch zu holen, klopfte es an der Tür,
und Ettores Stimme fragte, ob Elisabeth fertig sei. Sie hatte kaum
»ja« gesagt, da trat er auch schon ein und mit ihm Eleonore, beide
lächelnd, strahlend, wie zwei ganz junge Menschen, die zu ihrem ersten
Ball gehen. Sie sahen beide wieder genau so schön aus wie damals
beim Blumenkorso, und Elisabeth kam sich neben ihnen unscheinbar und
unsicher vor. Das war aber nicht etwa nur, weil diese Geschwister zwei
ungewö

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