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Der schmale Weg zum Glück

by Paul Ernst · German · Gutenberg #49199 · 634,685 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Der schmale Weg zum Glück
    
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Title: Der schmale Weg zum Glück

Author: Paul Ernst


        
Release date: June 12, 2015 [eBook #49199]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/49199

Credits: Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHMALE WEG ZUM GLÜCK ***

                Paul Ernst / Der schmale Weg zum Glück




                           Der schmale Weg
                              zum Glück


                                Roman
                                 von
                              Paul Ernst

                      Einmalige Ausgabe für die
                        Deutsche Hausbücherei
                               Hamburg

    Der Roman ist einzeln nur in der Originalausgabe des Verlages
        Georg Müller Aktiengesellschaft München zu haben / Die
       Hausbüchereiausgabe wurde gedruckt bei der Hanseatischen
   Verlagsanstalt A.-G., Hamburg 30 und Wandsbek / ^Printed in Germany^
        / Copyright 1921 by Georg Müller Verlag A.-G., München




                             Erstes Buch


Es war in den ersten Wintertagen, wo um sieben Uhr schon Dunkelheit in
den Stuben ist. Die Großmutter saß still in ihrem Lehnstuhl am Ofen und
träumte im Halbschlummer von ganz alten Zeiten, als sie ein junges
Mädchen war und einen ungeschickten Freier auslachte. Pollux lag auf der
Seite vor dem warmen Ofen und schnarchte plötzlich, wachte davon auf,
klopfte mit dem Schwanz auf die Dielen und legte sich wieder um. Ganz
laut tickte die Wanduhr, wie sie es am Tage nicht wagt. Der kleine Hans
saß mäuschenstill unter dem Tisch und stellte sich vor, dieser Tisch sei
eine Stube, die von allen Seiten verschlossen wäre, und da säße er in
der Mitte, und dann müßte nichts weiter auf der Welt sein wie diese
Stube.

Dorrel ging in den Stall, und die Laterne warf schnell einen Schein über
die Decke und dann die Wand entlang über die Spitzen der Rehgeweihe und
über die Gewehrläufe. Dann hörte man, wie der Melkeimer klirrte und wie
sie mit der Kuh zankte, die Elsbeth hieß, und zuletzt hörte man das
Melken.

Die Tür ging auf, und die Mutter trat mit der Lampe herein. Die
Großmutter nahm schnell ihr Strickzeug in die Höhe und sagte, daß sie
gar nichts mehr habe sehen können, denn sie wollte es nicht Wort haben,
daß sie geschlafen. Dann deckte die Mutter mit dem leinenen Tischtuch,
das aus selbstgesponnenem Flachs gewebt war und in der Mitte eine Naht
hatte, und der kleine Hans unter dem Tisch saß jetzt viel heimlicher,
sah auf die raschen Füße der Mutter und betrachtete, wie der Rock sich
bewegte. Und so klapperten die Teller, braune, irdene Teller, und die
Schüssel mit dem Haferbrei wurde auf den Tisch gesetzt; sie war auch ein
irdenes Geschirr und war inwendig das Vaterunser mit Grün und Rot
hineingeschrieben, dann kamen die blanken zinnernen Löffel und die
Messer und Gabeln mit Hirschhorngriff, und ein Stück Schinken und ein
Schinkenbrett für jeden, nur nicht für den kleinen Hans, denn dem wurde
sein Teil zugeschnitten, und er kriegte es in ganz kleinen Würfeln, aber
die Großen aßen ihren Teil in Streifen.

Die Uhr hob aus zum Schlagen, und der kleine Hans kroch unterm Tisch
hervor, um die Zeiger zu betrachten, wie sie zitterten während des
Schlagens. Da waren mit einem Male laute und schnelle Schritte des
Vaters vor dem Haus; Pollux sprang auf und stellte sich winselnd vor die
Tür, der Vater kam eilig herein und langte nach der Schrotflinte; Pollux
sprang an ihm hoch; die Mutter warf sich ihm entgegen und rief: »Bleib,
bleib, ich habe eine Ahnung, sie bringen dich tot nach Hause!« Er aber
schob sie von sich, pfiff dem Hund und ging wieder eilig hinaus; seine
Wange blutete stark von einem langen Riß. Die Mutter warf sich laut
weinend auf einen Stuhl, der kleine Hans trat vor sie, legte ihr die
Händchen in den Schoß und blickte zu ihr auf. Die Großmutter aber in der
Ecke mit ihrer alten Stimme sprach tadelnde Worte und erzählte, wie ihr
selbst vor vierzig Jahren die Arbeiter ihren Mann auf zwei jungen Tannen
tot nach Hause gebracht, mitten durch die Brust geschossen, aber sie
habe nicht geweint, obwohl sie ein junges Weib gewesen damals und erst
ein halbes Jahr verheiratet, und Hansens Vater sei nach ihres Mannes
Tode geboren; denn wer in seiner Pflicht stirbt, der hat einen guten
Tod, und Gott verläßt nicht seine Hinterbliebenen; und wenn ein Förster
sein richtiges Geld kriege, so müsse er auch sein Leben einsetzen gegen
die Wilddiebe. Da weinte die Mutter noch stärker, der kleine Hans aber
faßte ihren Arm und versuchte ihr ins Gesicht zu sehen, denn er wollte
sie trösten.

Zuletzt wischte sie sich die Tränen von den Backen, damit die Magd
nichts merken sollte von ihren Sorgen, und ging in die Milchkammer, die
Milch in Satten zu tun, indessen Dorrel der Kuh Futter aufsteckte. Und
wie beide ihre Arbeit beendet, kamen sie zurück in die Stube, und alle
setzten sich an den Tisch zum Abendbrot; nur des Vaters Platz blieb
leer, und die Mutter sah nicht hin nach der Stelle, denn sie hatte
Furcht, die Tränen möchten ihr wieder in die Augen steigen. Jedem tat
sie auf seinen Teller von dem Haferbrei und auf sein Brettchen ein Stück
Schinken; dann betete sie mit lauter Stimme das Tischgebet.

Der Mond war draußen aufgegangen über den schwarzen Tannen, und es
schien heller durch die Spitzen der dick beschlagenen Fensterscheiben.
Dorrel sprach davon, daß in der Nacht ein scharfer Frost kommen werde;
die andern schwiegen; plötzlich sagte Hans mit seiner hellen Stimme:
»Die Großmutter hat doch recht, wenn ich das Geld nehme, so muß ich auch
alles dafür tun, sonst darf ich das Geld nicht nehmen.« Aber niemand
antwortete auf seine Rede, bloß die Magd verwies ihm, er solle nicht
sprechen, wenn die Erwachsenen unter sich Dinge zu ordnen hätten. Dann
beredete sie mit der Mutter, was am andern Tag getan werden mußte.

Nach dem Essen räumte die Mutter das gebrauchte Geschirr ab; nur das
Gedeck für den Vater ließ sie liegen, hob ihm auch in der Ofenröhre
seinen Haferbrei auf. Dann war Hans wieder allein mit der Großmutter in
der Stube.

Da hatte sich die Katze hereingeschlichen, ging leise vor den Ofen,
putzte sich mit Sorgfalt, und dann setzte sie sich mit rechter
Behaglichkeit, schloß die Augen halb und spann; Hans lag vor ihr auf der
Erde und sah ihr ins Gesicht, so daß sie verlegen wurde; er hätte gern
gewußt, wie sie das Spinnen machte. Dann betrachtete er die beiden
großen Bilder über dem Sofa; das waren der Beerdigungszug des Jägers und
der Beerdigungszug des Fischers. Dem Sarg des Jägers folgten alle Tiere
auf der Erde, der Hirsch, das Reh, die Sau, der Fuchs, und alle Vögel,
und ein kleines Eichhörnchen; und bei dem Fischer folgten die Fische,
denn es floß da ein Wasser. Er dachte sich immer, wie das sein müßte,
wenn er auch ein Tier wäre und folgte da mit in dem Bilde; man sah recht
tief in einen schönen und saubern Wald hinein, in dem mußte es sich ganz
gut lustwandeln lassen, und die Bäume waren ganz andrer Art, wie man sie
sonst sah. Allgemach kam der Sandmann, und er rieb sich die Augen. Da
ging er zur Großmutter, die sich die Lampe ganz nahe gerückt hatte und
ihr Strickzeug ganz dicht vors Gesicht hielt, und bettelte, daß sie ihm
die Geschichte von der weißen Schlange erzählen sollte.

Da erzählte die Großmutter, wie ein Vorfahr der Grafen, denen die Wälder
hier gehörten, ein Prasser und Schlemmer gewesen sei und ein böser Mann;
der habe einen guten und frommen Diener gehabt, der ihn oftmals zum
Bessern ermahnt, aber niemals zur Umkehr habe bewegen können. Eines
Tages habe der Diener dem Grafen eine verdeckte Schüssel müssen auf sein
verschlossenes Zimmer bringen, und wie er, von besonderer Neugierde
bewegt (das zwar nicht ehrbar von ihm gewesen), die Schüssel aufgedeckt
habe, sei eine gekochte weiße Schlange darin gelegen, in viele Stücke
zerschnitten. Da habe er sich nicht mehr bezwingen können und sei ihm
gewesen, als werde ihm befohlen, daß er eins der Stückchen heimlich habe
nehmen müssen. Der Graf aber habe alles andere gegessen und nichts
gemerkt. Wie nun der Diener am Fenster steht und in den Schloßgraben
hinuntersieht, schwimmen da zwei weiße Enten, und er merkt, daß er ihre
Sprache versteht, und sie erzählen sich, daß das Schloß noch diese Nacht
untergehen soll; der Herr aber stand auch am Fenster und lachte. Daraus
merkte der treue Diener, daß der Graf etwas Falsches verstanden hatte
für seine Sünden, verfiel rasch auf eine List und sprach, er habe sich
eine lustige Jagd ausgedacht für diesen Abend; nämlich alles
Schloßgesinde solle mit Fackeln kommen, und der Herr mit seinem einzigen
Töchterchen, denn seine Gemahlin war schon seit langem verstorben, solle
auch kommen, und dann wollten sie Krebse fangen in einem Waldbach, den
er wisse, weil es jetzt Zeit sei zum Krebsen. Dies gefiel dem Grafen und
wurde so gemacht. Und wie alle aus dem Schloß gezogen waren und sich
erlustigten und fröhlich waren, kamen Blitze und Donnerschläge und ein
Erdbeben, und das Schloß versank, und an der Stelle ist jetzt die
Elsgrube. Da wurde der Graf ganz blaß und ging in sich und ging in ein
Kloster; vorher aber verheiratete er seine Tochter mit dem frommen
Diener und gab dem sein ganzes Gut, und von dem stammen in männlicher
Reihenfolge die jetzigen Grafen ab, wiewohl der Name nicht gewechselt
und noch der alte ist.

Unter dem Erzählen war Hans fast eingeschlafen. Jetzt kam die Mutter, um
ihn zu Bett zu bringen. In der schrägen Dachkammer, unter den
kalkverputzten Ziegeln zog er sich aus, dann faltete er die Hände und
betete mit der Mutter zusammen sein Kindergebet:

   Abends, wenn ich schlafen geh,
   Vierzehn Engel bei mir stehn,
   Zwei zu meiner Rechten,
   Zwei zu meiner Linken,
   Zwei zu meinen Häupten,
   Zwei zu meinen Füßen,
   Zwei, die mich decken,
   Zwei, die mich wecken,
   Zwei, die mich weisen
   In das himmlische Paradeischen.

Dann schlief er ein, und der Mond zog langsam weiter hinauf über den
stillen Wald; die Kuh klirrte einmal mit ihrer Kette und brüllte leise
und behaglich, und dann legte sie sich schwer nieder zum Wiederkäuen;
kein Geräusch war im Haus wie zuweilen ein Klappern mit dem Geschirr aus
der Küche, wo Dorrel abwusch.

Wie die Mutter wieder in die Stube trat, hatte die Großmutter den Kopf
auf den Tisch gelegt und schluchzte, daß das Licht der Lampe sich
bewegte durch die Erschütterung. Die Mutter setzte sich still ans
Fenster; und so warteten die beiden Frauen in der Nacht, ob sie
vielleicht einen Schuß hörten. Lange warteten sie so allein; denn Dorrel
kam nicht in die Stube, wie sonst immer nach der Abendarbeit, sondern
sie tat, als habe sie heute mehr in der Küche zu verrichten wie
gewöhnlich; sie wußte, daß die beiden Frauen in Sorge saßen und wollte
sie schonen; sie selbst aber dachte immer hin und her: >Was soll mit dem
Kind werden, die Mutter kann den Jungen nicht erziehen, der braucht
einen Vater<; und über ihrer nassen Planenschürze faltete sie ihre
schwieligen Hände zu einem wortlosen Gebet für ihren Herrn. Es mochte
gegen Mitternacht sein, da hörte man den schweren Tritt des Vaters vor
dem Hause. Die Mutter eilte, die Haustür aufzuschließen. Er trat ein,
bot die Zeit, hängte die Flinte an die Wand und setzte sich an den
Tisch. Sie brachte ihm das Essen; der Hund ging still zu seinem Lager,
denn nur in Abwesenheit seines Herrn wagte er vor dem Ofen zu liegen,
drehte sich im Kreis, legte sich und schlief scheinbar ein, indem er
doch aufmerksam das Gespräch verfolgte.

Es war ein Schreiben von der gräflichen Güterverwaltung gekommen, in dem
ihm mitgeteilt wurde, daß der Bocksklee abgetrieben werden solle. Der
Förster wurde tief erregt und sprang auf. Er hatte immer verlangt, daß
der Bocksklee ungestört bliebe, weil er den Westwind abfing und dadurch
ein großes Gebiet vor Windbruch schützte. Aber der Herr hatte Geld
nötig, und da war es ihm gleichgültig, was geschehen mochte.

Der Graf war ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Herr; er gab dem
Förster die Hand und sagte zu ihm: »Guten Tag, mein lieber Werther«; er
fragte nach seiner Frau und dem Jungen und lobte ihn wegen seines
Eifers. Aber der Förster hatte keine Achtung vor ihm, weil er
leichtfertig war in Worten und Werken und sein Gut vertat, anstatt zu
sparen und zu wirtschaften. Deshalb wollte er den kleinen Hans später
auch nicht in Herrendienst geben, wiewohl ihm das Herz blutete, wenn er
dachte, daß sein Junge einmal nicht das grüne Tuch tragen sollte, in dem
Großvater und Urgroßvater stolz gewesen waren; aber er sollte einmal ein
freier Mann werden, daß er seinem Gewissen folgen durfte und nicht
gehorsamen mußte, wenn ihm unkluge Befehle gegeben wurden; deshalb
wollte er ihn studieren lassen, denn er dachte, ein Studierter brauche
niemandem zu dienen und könne immer tun, was recht ist. Abends, wenn er
einmal ein Halbstündchen Zeit hatte, nahm er das Kind zuweilen auf den
Schoß und sprach mit ihm, daß er fleißig sein müsse und lernen, dann
müsse er einmal nicht mit krummem Rücken dastehen in der Welt, sondern
könne seinen geraden Weg gehen als ein aufrechter Mann. Der Graf war
nicht böse, aber er hatte keine langen Gedanken. Auf der Jagd war er so
einfach wie einer von seinen Leuten; aber wenn er in der Stadt lebte, so
hätte er sich geschämt, wenn er es nicht andern hätte gleich tun sollen,
die reicher waren wie er. Einmal hatte er im Försterhause eingesprochen
und mit der Frau Werther geredet über Haushalt, Wirtschaft und
Kindererziehung; da schienen seine Meinungen so verständig und
ordentlich, daß die Frau sich immer noch wunderte, wie so ein Herr
solche Einsichten haben konnte in Dinge, die ihm doch ganz fern lagen;
aber in seinem Hause bekümmerte er sich nicht um Einteilung, Ordnung und
Einrichtung. Er nahm nur aus den Kassen das Geld, das er brauchte, ohne
sich zu überlegen, ob er Einnahmen verzehrte oder Vermögen. Seine Kinder
wuchsen auf, ohne daß er sich klar machte, zu welchem Ende und unter
welchen Einflüssen, denn auch seine Frau hatte keine Hausgedanken.
Deshalb trieben sich die beiden Söhne am liebsten in den Ställen und
Küchen herum und lernten wenig trotz teurer Hofmeister; und die Tochter,
die einen besonderen Trieb zum Lernen hatte und ganz unpassende Lehrer
bekam, wie sie eben für ein ganz gewöhnliches Mädchen geeignet gewesen
wären, suchte verstohlen in der vernachlässigten Bibliothek Bücher für
sich und bat den alten Pfarrer, bis er sie im Lateinischen
unterrichtete. Einmal nahmen ihr die Brüder heimlich ihre lateinischen
Bücher fort und bauten sie auf ihrem Platz am Kaffeetisch auf; da hörte
der Vater zuerst von ihren Studien, schüttelte den Kopf und sagte, daß
ihm ihre Wege nicht gefielen. Sie preßte die Lippen zusammen und fuhr
fort in ihrer Weise, und bekümmerte sich niemand darum. Es ging dem
Grafen, wie es heute vielen reichen und vornehmen Leuten geht; er hatte
weder Amt noch Dienst, sorgte nicht für seine Angelegenheiten, noch für
seine Familie, fand kaum einmal ein wirkliches Vergnügen, und doch hatte
er nie Zeit; sein Leben zerfloß ihm zwischen den Fingern, wie wenn ein
Kind eine Handvoll Sand vom Boden hebt.

Die Söhne kamen schon frühzeitig auf schlimme Wege. Da war ein Bursche
im Stall, an den hingen sich die Jungen, der war ein tüchtiger Knecht;
machte seine Arbeit sauber und ordentlich und hielt sein Geschirr gut,
aber war ein Schürzenjäger; durch den lernten sie frühzeitig viel, und
weil ihnen das Gegengewicht der harten Arbeit wie sauren und einfachen
Pflicht fehlte, so wurde das Unkraut in ihrer Seele üppiger, wie es bei
dem Verführer gewesen, der später ein ordentliches Weib kriegte, das ihn
gehörig in die Kandare nahm und zu einem braven Manne machte. Noch ärger
war es, daß die Knechte zum Scherz ihnen von ihrem Branntwein gaben und
lachten, wenn sich die Jungen schüttelten nach dem Trunk und doch wieder
von neuem begehrten; und wie sich einmal die Leute untereinander
rühmten, welcher den schärfsten Schnaps getrunken habe, und allerhand
beizende Mittel erzählten, gestoßenen Pfeffer, Schwefelsäure, die den
Branntwein perlen macht, und Tabaksbrühe, krähten die Jungen auch
dazwischen und verredeten sich, daß ihnen das Schärfste das
Wohlschmeckendste sei, tranken auch von dem gepfefferten Branntwein.
Endlich fand sich ein uralter Mann, der früher Taglöhner gewesen war und
nun aus Gnaden auf dem Hofe erhalten wurde, wofür er die Gänse hüten
mußte, der war schon in jungen Jahren ein schlechter und liederlicher
Bursche, und nun, in seinem Hochalter, verwirrten sich ihm vollständig
alle Begriffe von gut und böse, daß er in seinen Begierden schlimmer
wurde wie das Vieh, nämlich nicht bloß schamlos, sondern rühmerisch und
frech. Wohl suchten die ehrbaren und ordentlichen Leute unter dem
Gesinde dem Übel Einhalt zu tun, indem sie den Böswilligen verboten und
die Jungen zu sich ziehen wollten; aber wo keine Zucht ist, da gewinnen
die Schlechten und Liederlichen die Oberhand, auch wenn sie in der
Minderzahl sind, und ungezogene Jugend geht lieber zu der übeln Seite,
wo geprahlt und geschmeichelt wird, wie zu ruhigen und sittsamen
Menschen und bescheidenen und strengen Worten; denn nicht das Laster ist
verführend, das ja meistens mehr mit Unbehagen und Schmerz verbunden ist
wie mit Freude und Wollust, sondern die lasterhafte Gesellschaft
verführt durch freche und unbotmäßige Reden, übertreibende und
lügnerische Erzählungen und falsche Scham.

Viele Leute sehen auf ein Haus wie des Grafen; und kaum eine geringe
Kleinigkeit kann in ihm geschehen, die nicht in einem großen Kreise
besprochen würde und weite Wirkung ausübte; das Wesen der Vornehmen wird
genau erkannt und beurteilt, und mancher Taglöhner wußte von Art und
Schlag des Grafen, seiner Gemahlin und seiner Söhne mehr wie er selbst.
In unserer Zeit ist die Gesellschaft bis in ihre letzten Tiefen
aufgerüttelt, und alle alten Bande sind gesprengt, die bewirkten, daß es
ein Unten und Oben gibt. Manche Menschen meinen, daß dieser Zustände
Ende eine völlige Gleichheit aller Menschen sein werde; wer aber genau
zusieht, der wird merken, daß diese allgemeine Ungebundenheit im
Gegenteil eine neue und tiefere Scheidung der Gesellschaft bewirkt,
indem die Tüchtigen sich zu den Tüchtigen scharen und die Schlechten zu
den Schlechten; viele sinken so und viele steigen; viele der Gestiegenen
sinken wieder, denn sie können sich nicht oben halten; manche aber
bleiben oben, und auch einer gesunkenen Familie gelingt es wieder, zu
steigen, wenn sie sich doch als tüchtig erweist. In solchem Vorgang übt
der Anblick einer Familie wie des Grafen eine außerordentliche Wirkung,
denn die Schlechten werden bestärkt im Leichtsinn oder in
aufrührerischer Gesinnung, die Guten aber werden desto trotziger und
stolzer; und bei beiden wird der Freiheitssinn gemehrt, bei den einen
der Sinn für die Freiheit der Zuchtlosigkeit, die sie und ihre Kinder in
das wohlverdiente und notwendige Verderben treibt; bei den andern der
Sinn für die Freiheit der Zucht und Ehre, die sie tüchtig machen, sich
zuoberst zu setzen in die verlassenen Stühle; denn nachdem sie gelernt,
in Ehre zu gehorchen, vermögen sie auch in Ehre zu befehlen.

Der Förster hatte seinen Abscheu vor der Wirtschaft auf dem Schlosse
immer mehr vertieft. Zwar durfte er seinem Herrn nichts sagen von seiner
Meinung; aber wenn die beiden zusammenkamen, so äußerte sich in ihrem
Wesen dennoch deutlich ihre wahre Beziehung, die seelische, die
wichtiger ist wie die äußerliche der zufälligen Verhältnisse. Der
Förster war ehrerbietig, aber wortkarg, und schritt als ein großer,
magerer Mann in weiter und fester Gangart, der Graf, der klein und durch
sein fröhliches Leben fett war, ging flüchtiger und schneller, indem er
ein wenig zurückblieb, und sprach oft Sätze, mit denen er seinen Förster
zum Lächeln bringen wollte. Der Förster behielt wohl, was sein Herr
sagte, aber er bezog sich später nie wieder auf seine Worte, wenn sie
nichts Dienstliches betrafen; der Graf aber erinnerte den Förster oft an
frühere Aussprüche. Doch je liebenswürdiger der Graf war, desto bitterer
wurden des Försters Gedanken, denn er gedachte des alten Herrn, der ein
rauher und fester Mann gewesen war, der von jedem seine gebührende
Ehrenbezeigung verlangte; der hatte ihm einmal ein Trinkgeld gegeben,
als er noch Jägerbursche war, und dazu gesagt: »Bleib ein ordentlicher
Kerl«; wie er tot war und aufgebahrt lag, war er in Uniform und hatte
den Helm auf dem Kopf; aber wie sie ihn einsargten, mußten sie ihm den
Helm unter den Arm geben, das hatte er so angeordnet vor seinem Ende.
Dann mußte er auch immer den Bocksklee bedenken; das war ein Vorwerk
gewesen mit schlechtem Boden, das sein Urgroßvater aufgeforstet hatte,
und von seiner Hand war noch der Plan da, wie es mit dem Umtrieb
gehalten werden sollte, des Windbruches wegen; und wenn er sich die
viele Mühe und Sorge, die durchwachten Nächte und arbeitsreichen Tage
vorstellte, die seine Vorfahren verbracht hatten, bis der Wald so stolz
und wertvoll war, so kam ihm der Groll bis an die Kehle und hinderte ihn
zu sprechen. Keinen Stand gibt es, der so mit der Arbeit der
Vergangenheit zusammenhängt und so mit der Hoffnung auf die Zukunft
verwachsen ist wie der Försterstand; denn was ein Förster erntet, das
haben die Toten gepflanzt, deren Gräber längst eingesunken sind auf dem
Kirchhof; und was er pflanzt, das wird man ernten, wenn die Söhne seiner
Urenkel als Männer im grünen Rock durch den Wald gehen. Deshalb ist
etwas Adeliges in einem rechten Förster, denn er weiß, daß der Mensch
nicht ein haltloses Gesindlein ist, das morgen lebt mit dem Taglohn von
heute und sich dick tut mit seinem Elend und lumpigen Verdienst, sondern
der Mensch lebt durch die Liebe der Vorfahren in Pflicht für die
Nachkommen, nicht von seinem Verdienst, sondern nach seinem Gewissen.

Ein Kind, das in solchen Lebensumständen aufwächst, bekommt etwas
Besonderes mit. Es lernt früh die Beziehung seines eignen Lebens als
eines fast zufälligen zu Vergangenheit und Zukunft seines Geschlechtes;
aber doch nicht in der Form des harten Erwerbsinns und des Stolzes auf
den Besitz, wie im Bauernstand, sondern in der Form des Gefühls für
reine Ehre und strenge Pflicht; denn nicht für sich und seine Kinder
pflegt der Förster sein Gut, sondern für andere.

Kein Mensch weiß, wie sich das Wesen eines Kindes bildet und wie
Erbschaft und Einfluß einander bestimmen. Ganz kleine Kinder haben in
viel höherem Maße wie Erwachsene die Fähigkeit, aus Miene und Haltung zu
erfahren, was in einem andern ist; und in viel höherem Maße haben sie
auch den Trieb, nachzuahmen, Äußerliches wie Innerliches. Kaum hatte der
kleine Hans gehen können, da legte er schon die Hände über den Rücken
und ging ernsthaft in der Stube auf und ab mit steifen Schultern, wie
sein Vater tat am Sonntagnachmittag, sagte er sein Nein oder sein Ja mit
derselben Betonung wie der Vater; und da seine gesamte Umgebung dieselbe
war, in der sein Vater und Großvater aufgewachsen waren, so nahmen alle
seine angeborenen Triebe dieselbe Richtung, wie sie bei Vater und
Großvater genommen hatten, und seine Art wurde noch stärker, wie die
seiner Vorfahren gewesen.

Und was erzog ihn alles. Da erwachte er des Morgens, und sein Hauch war
sichtbar in der kalten Luft unter dem kalkverputzten Ziegeldach, und die
kleinen Fensterscheiben waren dick gefroren. Und unten in der Stube saß
er dann am Fenster, sah, wie die Schneeflocken niedertanzten und sich
sanft auf Zweige legten und auf Bretter und auf den Erdboden, der mit
kleinen Steinchen bedeckt gewesen; aber wenn die großen Flocken ans
Fenster wehten, so vergingen sie schnell, indem sie niederglitten. An
manchen Tagen, wenn es nicht schneite und sehr kalt war, taute auch in
der Stube das Fenster nicht ab; dann hauchte er an die Scheibe und
schmolz sich ein rundes Loch zum Ausschauen; im Augenblick war es wieder
mit einer dünnen Eishaut bedeckt, die war aber nicht weiß. Im Walde war
ein Krachen, Tönen und Donnern; und der Wald stand doch ruhig und
unbewegt mit seinen schneebedeckten Zweigen in der hellen Sonne. Wenn
die Kälte so groß war, so wurde das Herz leicht und lustig und verlangte
nach Gefahren; dann dachte er an den letzten Luchs, den sein Großvater
hier geschossen, und seine Fäuste ballten sich; und an die Franzosenzeit
dachte er, wie da das ganze Dorf in den Wald gezogen war, und er schämte
sich, daß alle solche Furcht gehabt hatten. Denn wer recht hat und Gott
fürchtet, der muß ausharren, wie im Buch der Makkabäer erzählt ist von
den sieben Brüdern und ihrer Mutter; wie die Mörder sechs zu Tode
gemartert hatten, da sprach der letzte, der noch ein Kind war: »Worauf
harrt ihr? Gedenket nur nicht, daß ich dem Tyrannen hierin gehorsam sein
will«, und ließ sich auch martern, trotzdem er noch klein war.

Abends las die Großmutter oft lange vor aus der alten Bibel, deren
Blätter braun geworden waren durch die Finger so vieler Vorfahren, die
jetzt lange vergessen lagen in ihren rasenbedeckten Gräbern; aus den
Geschichtsbüchern im Alten Testament las sie und aus den Evangelien und
der Offenbarung Johannis, von dem himmlischen Jerusalem und von der
Schale des Zorns, von den vier Reitern und von dem Tier, das über den
Gewässern sitzt. Wenn Hans dann mit ihr sprach über das Gelesene, so
wunderten sich beide über die Verstocktheit der Juden und freuten sich,
daß wir die Offenbarung haben, und daß unser Herr Jesus für uns
gestorben ist, an den wir glauben müssen, und können nicht irren. Und
wir sehen alle Tage, daß der Gerechte siegt und der Ungerechte vergeht;
denn wenn auch ein schlechter Mensch scheinbares Glück hat, so verrinnt
das doch bald, wie es Klaus Hörgen geschah, der aus der Fremde heimkam
mit einem großen Vermögen, sich ein Haus kaufte und nichts mehr tat; was
geschieht? Nach ein paar Jahren wurde ihm sein Haus wieder verkauft, und
kam in Schimpf und Schande. Daß es aber einem guten Menschen schlecht
ginge, das ist noch nie geschehen; es müßte denn sein wie bei der
frommen Genoveva, weil der Herr sie prüfen wollte und ein Beispiel geben
für andre.

Im Sommer streifte der kleine Hans viele Stunden lang allein im Wald. Da
lagen die Tannennadeln glatt und ungestört auf dem Boden, und die hohen
Stämme standen regungslos; nur wenn er zuweilen auf dem Rücken lag und
in die Wipfel schaute in der tiefen Stille, spürte er ein leises Wiegen
der Stämme und wie die spitzenbehangenen Äste sich kreuzten, hoch oben.
Das war eine andre Welt, hoch oben; wenn man ein andres Wesen wäre, ein
Vogel oder ein Eichhörnchen, so lebte man da, hüpfte von Ast zu Ast, und
alles, was unten ist, sähe ganz klein aus und ginge einen nichts an. In
die Stille kam plötzlich das Klopfen oder das Hämmern eines Spechtes,
ganz von weitem, oder ein unmerklich leises Geräusch von einer kleinen
Meise mit blitzenden Augen. Und Moos war da, das drängte sich dicht, und
eine Art sah aus wie ein Tannenwald im kleinen, der Berg und Tal
überzieht und alles rund macht. Ameisen auf einem solchen Moosberge
kamen sich wohl vor wie wir im Hochwald; vor Gott aber waren wir gleich
den Ameisen und ein Wald von vielen Meilen wie ein Häufchen Moos. Das
war wunderbar, wenn man auf der anderen Seite die Würdigkeit der
Menschen bedachte, denn alle unsre Gedanken kannte ja Gott; dieses war
auch der Grund, weshalb wir um ein reines Herz beten, weil wir uns nicht
gern schämen, wenn Gott in uns hineinsieht. Einmal hatte Hans gemerkt,
wie Gott in ihn hineinsah, aber da hatte er gerade ein reines Herz, und
das machte ihn sehr froh, und es war ihm, als müßte es sich innerlich
ganz ausbreiten vor Gott, wie ein Buch mit der ersten Seite
aufgeschlagen hingelegt wird; er war im Walde und in einer sehr großen
Stille.

Wir haben seltene Augenblicke im Leben, wo uns unser inneres Wesen
symbolisch gezeigt wird, wie wir ja auch im Traum, statt Begriffe zu
denken, Symbole sehen. In einem solchen Augenblick, da er zudem auf der
äußersten Spitze seines Lebens stand und sich in solcher
Schicksalsstunde für immer nach links wenden mußte oder nach rechts,
hatte er in seinem späteren Leben einmal ein schnell vorüberhuschendes
Schattenbild eines hohen und ernsten Tannenwaldes, und sein Gefühl war
wie Glockenklang. Da entschied er sich nach der rechten Seite; und dann
wurde ihm klar, daß der Wald ein treuer Lehrer seiner Jugend gewesen
war; und er wußte genau, daß er ein andrer Mensch geworden wäre, wenn er
unter Buchen oder Eichen aufgewachsen, statt unter Tannen.

Ein treuer Lehrer war ihm auch Dorrel, das Dienstmädchen. Er war bei ihr
im Stall, wo das trübe Licht in der großen alten Laterne brannte, und
Dorrel melkte, gleichmäßig und in langen Zügen, indes die Kuh behaglich
ihr Kleeheu aus der Krippe zupfte; ein ganz besonderer Ton war in dem
Melken, der nach Ordnung, Ehrbarkeit und Fleiß klang; auch die Kuh steht
bei einer faulen und hochmütigen Melkerin nicht so ruhig und behaglich,
denn das liebe Vieh merkt wohl den Unterschied im Wesen der Menschen und
benimmt sich danach.

Dorrel hatte eine besondere Kunst; sie konnte Schutzkrausen aus buntem
Papier für Talglichter machen; die schnitt sie zuerst mit der Schere
zurecht, und dann drehte sie mit der Schürze sie so, daß sie schöne
Falten bekamen. Wenn sie dem kleinen Hans etwas ganz besonders Gutes
antun wollte, so versprach sie ihm, daß sie ihm eine solche Krause
machen wolle, und dann freute er sich sehr. Sehr oft nahm sie ihn mit,
wenn sie aufs Feld ging, und besonders wenn sie im Herbst aus der
Elsgrube Kartoffeln holte. Da zog sie den Schubkarren aus der Scheune,
legte den Sack auf und ließ dann den kleinen Hans sich setzen; der saß
da mit geknickten Beinen und sah glücklich in Dorrels rotes, strahlendes
Gesicht, die den Sielen über die Schulter geworfen hatte und rüstig den
Karren vor sich hinschob. Denn auch für sie war es eine große Freude,
wenn sie Kartoffeln herausholte. Während sie schob, gab sie ihm Rätsel
auf, alte Rätsel, die sie selbst als Kind von ihrer Großmutter gelernt:

   Es ging ein Männchen über die Brücke,
   Es hatt' ein Körbchen auf dem Rücken;
   Hatte drinne Sich sich,
   Hatte drinne Stich stich,
   Hatte drinne Weißgewaschen,
   Ohne Seif' und ohne Wasser.

Das wußte Hans natürlich nicht, was das war, nämlich: Spiegel, Nadeln
und Eier. Sehr merkwürdig war das. Auch das war ein schweres Rätsel:

   Der König von Ägypten,
   Der hatt' ein Ding, das wippte,
   Er konnt' es nicht verkaufen,
   Er mußt' es selber brauchen.

Das war nämlich seine Zunge.

Und in der Elsgrube war in der Mitte ein rundes Wasser, das war ohne
Grund. Vor vielen Jahren hatten die Leute einmal drei Heuseile
aneinandergeknüpft und unten einen schweren Stein angebunden und den
hinabgelassen, aber sie konnten keinen Boden finden. Hier hatte früher
das Schloß des Grafen gestanden, das untergegangen war, als der treue
Diener von der weißen Schlange gegessen; jetzt aber lagen hier die
Äcker, die zum Forsthaus gehörten.

Dorrel machte dem kleinen Hans eine Schleuder, indem sie eine schwibbe
Rute von einer Weide abschnitt und die vorn zuspitzte. Auf die Spitze
steckte Hans die Kartoffeläpfel und schleuderte sie in die Luft; so hoch
flogen sie, daß er sie beinahe nicht mehr sehen konnte. Ein anderer
hätte gedacht, sie flögen in den Himmel, aber Hans wußte aus seinem
Lesebuch, daß der Himmel unendlich hoch über uns ist, denn es gab
Sterne, deren Licht brauchte viele tausend Jahre, ehe es zu uns kam, so
hoch standen die; und der Himmel mußte doch natürlich noch höher sein;
aber das glaubte Dorrel ihm nicht, denn die meinte, es würde viel Unsinn
gedruckt, und man müßte nicht alles glauben, was in den Büchern steht.

Während er spielte, machte Dorrel Kartoffeln aus; und fast über jeden
Busch freute sie sich, daß er so viele Knollen hatte, und meinte immer,
das sei doch ein sichtbares Zeichen von Gottes Güte, daß man eine
einzige Kartoffel steckt, und nachher sind so viele da; wenn sie einen
besonders großen Busch fand, so rief sie den kleinen Hans, und dann
suchten sie zusammen die Knollen aus der Erde und zählten sie. Bei jedem
Busch war sie immer von neuem gespannt, und Hans stand dann wohl neben
ihr, und sie rieten vorher, wieviel Knollen der wohl hätte; dabei
behauptete Hans dann etwa, er müsse hundert haben oder zweihundert, und
wollte nicht glauben, daß das gar nicht möglich war; wenn er dann
ärgerlich wurde, so gab sie ihm ein neues Rätsel auf:

   Ule, Ule,
   Er saß bei mir auf dem Stuhle,
   Er winkte mir, ich wehrte mich,
   Er winkte mir so süße,
   Daß ich vergaß die Augen und die Füße.

Da mußte Hans wieder betteln, denn er wußte nicht, was das war und war
doch recht neugierig. Dorrel aber ließ ihn lange zappeln, bis sie ihm
zuletzt sagte: das ist der Schlaf.

Die fromme und treue Magd sprach nur aus ihrem braven und rechten Gemüt.
Sie wußte, daß es nicht gut ist für ein Kind, wenn man ihm Zeit läßt,
ärgerlich und ungezogen zu werden, auch wenn man es alsdann straft,
sondern es ist besser, wenn man seine Gedanken ablenkt durch etwas
Neues, daß es seinen Ärger vergißt; denn leicht hinterläßt ein häßliches
Benehmen Spuren in der Seele eines jungen Kindes.

                   *       *       *       *       *

Der kleine Hans wachte an einem Morgen auf, weil die Vögel auf den
Ziegeln gerade über seinem Bett ein großes Klabastern und Schreien
anstellten. Ein Stückchen Kalk vom Verputz war ihm auf die Bettdecke
gefallen. Die Morgensonne schien durch das Fenster, und die Blüten des
Spalierapfels waren aufgebrochen. Ein vollbesetzter Zweig zog sich
schräg vor den Scheiben hin. Hans dachte, wenn die alle ansetzten, dann
würde es eine Menge Äpfel geben, und sehr bequem waren sie vom Fenster
aus zu pflücken. Indessen aber lag er in seinem warmen Bett und hielt
die Augen behaglich geschlossen. Auf dem Dach waren jetzt auch Tauben,
das hörte man am Gurren und an dem Trippeln. Die warteten, daß Hans in
die Haustür trat und ihnen das Futter streute; sie kannten ihn ganz
genau und ließen sich nicht irre machen, wenn ein andrer kam und sie
anführen wollte. Von den Äpfeln konnte er übrigens im Herbst, wenn sie
reif waren, immer jeden Abend einen mit ins Bett nehmen; dann zog er die
Decke über die Ohren und aß ihn heimlich für sich. Die Sorte war auch
gut.

Jetzt hörte er Schritte auf der Treppe: ganz geschwind kniff er die
Augen zu, aber sein Gesicht lachte. Die Mutter trat ein, warf ihm ein
Kissen aufs Gesicht, faßte ihn darunter und hielt ihn fest; dazu sang
sie:

   Hab' ein Vögelchen gefangen
   Im Federbett,
   Hab's in'n Arm 'nein genommen,
   Hab's lieb gehätt!

Hans strampelte und lachte, die Mutter aber hob ihn aus dem Bett,
schwenkte ihn und sang:

   ^Quibus, quabus,^
   Die Enten gehen barfuß,
   Die Gäns' haben keine Schuh,
   Was sagen denn die lieben Hühner dazu?

Dann küßte sie ihn recht herzlich, und er wischte sich den Mund ab und
rutschte aus ihrem Arme auf die Erde. Ob er heute den Tauben wohl Erbsen
streuen durfte? Aber es war ein ganz besonderer Tag. Die Mutter kriegte
ihn vor und wusch ihn außergewöhnlich gründlich, daß er mit den Zähnen
klapperte über das nasse Wasser und ganz blankgescheuerte Backen bekam.
Dann kämmte sie ihm das Haar glatt, das ihm sonst borstig und hell in
die Höhe stand; erst bearbeitete sie es mit Wasser, nachher mit Pomade.

Hans fragte mit großer Neugierde, was denn heute geschehen werde; aber
die Mutter lachte nur und antwortete ihm nicht. Sie holte den guten
Anzug aus dem Schrank, und auch seinen Kragen und die Manschetten
kriegte er; die waren zwar recht ausgewaschen, und einem verwöhnten
Stadtkind wären sie nicht mehr ganz anständig erschienen, für Hans aber
waren sie eitel Prunk und Herrlichkeit. Und wie er nun so fein angezogen
war, ermahnte ihn die Mutter, daß er sich fromm in die Stube setzen
sollte und ein Buch vornehmen, damit er den guten Anzug schonte und sich
nicht unordentlich machte. Da holte er seine Lesebücher zusammen: den
Preußischen Kinderfreund, drei Bände Spinnstube und die Bibel, und
begann für sich zu lesen; denn eigentlich war ihm das Lesen doch das
Liebste, und vollends, wenn der Vater nicht da war, der immer wollte,
daß er etwas Nützliches studierte; die Mutter aber meinte, es sei alles
nützlich und gut, was in seinen Büchern stand. So las er im Kinderfreund
seine Lieblingsgeschichten von der gnädigen Frau von Paretz, und das
Gedicht: Als Kaiser Friedrich lobesam ins heil'ge Land gezogen kam (bei
dem er immer meinte, lobesam müsse mit großem Anfangsbuchstaben
geschrieben werden, weil es doch der Nachname Kaiser Friedrichs sei);
und in der Spinnstube las er die Geschichte von Wittington und seiner
Katze, der dreimal Bürgermeister von London wurde, welche
Stadt anderthalb Meilen lang und fast eine Meile breit ist,
achttausendeinhundertundeinundneunzig Straßen hat, hundert freie Plätze
von großer Ausdehnung, zweimalhundertundfünfzigtausend Häuser, und zwei
Millionen Einwohner. Das war einmal eine Stadt!

Zuletzt sagte die Mutter dem Hans, was bevorstand, denn der Herr Graf
mit seiner Gemahlin und den Kindern wollten eine Lustfahrt durch den
Wald machen und dabei im Forsthause einsprechen. Denn es waren noch
nicht die Zeiten, die im vorigen Kapitel geschildert sind, und die bösen
Zustände im gräflichen Hause wurden noch nicht äußerlich bemerkt.

Da kam der erste Wagen, der von stolzen Pferden gezogen wurde, welche
die Beine tänzelnd hoben und den Kopf hochhielten; nachher, wie sie
standen, spielten sie mutwillig mit dem Gebiß; man sah es ihnen wohl an,
daß sie in Herrendienst waren und in Wohlleben. Der Kutscher trug eine
sehr stolze Livree und saß hochmütig auf dem Bock, als gehe ihn die
ganze Welt nichts an; und die Frau Gräfin mit der kleinen Komtesse
lehnten im Wagen und sahen gar nicht so stolz aus wie der Kutscher und
lächelten beide freundlich, indem die Mutter den Schlag aufmachte. Hans
hörte, wie die Frau Gräfin immer lobte und sagte: »Schön, sehr schön,
ausgezeichnet, liebe Frau Werther.« Er mußte eine Verbeugung machen, die
ihm die Mutter vorher eingeübt hatte, und war sehr verlegen; am liebsten
wäre er ganz weit weg gewesen.

Da die Frau Gräfin ihm auftrug, daß er der kleinen Komtesse alles zeigen
sollte, was zu sehen wäre, so faßte er die bei der Hand und ging mit ihr
aus der Stube; sie war wohl ein Jahr jünger wie er, aber er war fest
entschlossen, sie mit »Sie« anzureden; solange es ging, wollte er sich
indessen um die Anrede drücken, weil er doch nicht wußte, ob es nicht
komisch war, wenn er »Sie« sagte. Sie sprach zuerst und erzählte, daß
sie ihr weißes Kleid nicht schmutzig machen dürfe. Sie hatte ein weißes
Kleid, das war ganz aus Spitzen, wie aus Luft, und in der Mitte war ein
blauseidenes Band. Er wußte nicht recht, was er antworten sollte, da
fielen ihm seine Manschetten ein, die zog er von den Händen und zeigte
sie ihr; das war ihr sehr merkwürdig, und sie sagte, daß bei ihren
Brüdern die Manschetten aus einem Stück seien mit den Hemden, aber so,
wie er es habe, sei es gewiß viel vernünftiger, weil man sich dann nicht
so schrecklich viel umzuziehen brauche.

Nun führte er sie in den Stall, die Treppe hinauf, zum Heuboden. Hier
hatte er im Heu sich einen langen Gang gegraben, und am Ende hatte er
eine Höhle, deren Decke war mit Brettern gestützt, daß sie nicht
einstürzte. Eigentlich war das eine Höhle der alten Deutschen, aber man
konnte hier auch Mann und Frau spielen, dann war die Höhle der Raum, wo
die Frau blieb und Mittagessen kochte, oder flickte, und der Mann kam
nach Hause aus dem Wald. Die Komtesse war einverstanden, daß sie so
spielen wollten. Deshalb kroch er erst in den Gang hinein, und wie er
hinten in der Höhle saß, rief er ihr, daß sie nachkommen sollte, damit
er ihr das Innere zeigte, das war freilich ganz dunkel. Sie kroch auch
ganz tapfer nach, wie sie aber in der Mitte des Ganges steckte, hielt
sie plötzlich still und fing ganz jämmerlich an zu weinen, weil sie mit
einem Male Angst kriegte. Er tröstete sie und sagte, die Mädchen hätten
immer Angst, und sie solle nur weiter kriechen, dann käme sie zu ihm;
aber sie weinte immer lauter und rief nach ihrer Mama. Da kroch er
zurück, und sie schob sich auch rückwärts aus dem Gange, und wie sie
draußen standen, sahen sie recht unordentlich aus und waren voller Heu.
Dann wurde beschlossen, sie sollte den Mann vor dem Hause erwarten, denn
es müßte Sommer sein, und in der Stube müßte es heiß sein. Deshalb ging
er fort, die Treppe hinunter, aber mit dem Kopf durfte er nicht
verschwinden, sonst wollte sie wieder weinen, dann kam er wieder,
trampelte laut mit den Füßen, rief: »Kusch, Pollux!« und sagte: »Guten
Tag Frau, was macht der Junge?« Sie antwortete: »Er ist artig gewesen,
darum muß er auch einen Kuß kriegen.« Diese Antwort brachte ihn aus dem
Konzept, weil sie ihm ungewohnt war, deshalb fragte er weiter: »Hast du
auch was Gutes gekocht?« -- »Nein,« sagte sie, »ich habe in der
>^Semaine des Enfants^< gelesen.« Nun wußte er wieder nicht weiter,
deshalb sagte er: »Ach, das ist ein dummes Spiel, wenn du nicht so eine
Heulliese wärst, so könnten wir jetzt durch die Heuluke durchklettern in
die Kuhkrippe.« Da versprach sie ihm, daß sie auch ganz gewiß nicht
wieder weinen wollte, und dann machte er die Heuluke auf, sie legten
sich auf den Boden und sahen, wie unten die Kuh in die Höhe guckte, mit
den Lippen bettelte und durch die Nasenlöcher pustete. Das war so
komisch, daß sie lachen mußte. Hans zeigte ihr, wie man sich durch die
Luke in die Krippe niederlassen konnte; die Kuh pustete neugierig und
leckte mit der Zunge ihn an, weil sie dachte, er sei ein Heubündel; das
war noch komischer wie das andre; aber mit in die Krippe steigen mochte
die Komtesse doch nicht.

Unten bei der Kuh waren Hansens Kaninchen. Die wollte die kleine
Komtesse gern sehen. Sie gingen hinunter, und die Komtesse bewunderte
den langen, kleinen Gang an der Wand, der aus Brettern gezimmert war,
und das Schlupfloch, das ein Arbeiter schön blau und rot bemalt hatte.
Hans fing ein ganz weißes Kaninchen und reichte es ihr an den Ohren hin;
es hielt ganz still, wie sie streichelte, und plötzlich fing es stark an
zu zappeln, daß sie zuerst erschrak; nachher mußte sie aber selber
lachen über ihre Furcht, wie sie die niedlichen roten Augen sah. Dann
nahm Hans das Brett am Ende des Laufganges weg, wo das Nest war; da
lagen sechs kleine Kaninchen bei ihrer Mutter, die waren ganz zahm und
ließen sich auf die Hand nehmen, und ihre Mutter machte ein Männchen und
schnupperte nach oben. Über das alles war sie so entzückt, daß Hans
zuletzt strahlte vor Stolz und Freude; und nachdem er sich lange
überlegt, ob er wohl nicht Zanke bekäme von der Mutter, wenn er ihr ein
Geschenk anböte, fragte er, ob sie ein Pärchen haben wolle. Da war sie
ganz glücklich, und mit immer neuem Vergnügen suchte sie sich zwei von
den kleinen Tieren aus, nahm sie in ihr Kleid und sprang zu ihrer Mutter
in der Stube. Die sagte mehrmals, die Tiere seien sehr schön, aber als
das Kind sie bat, ob es sie mitnehmen dürfe, antwortete sie, daß es doch
zu Hause keinen Raum hätte, wo es sie lassen könne; und die Kleine, die
schon wußte, daß auch noch eine leichtere Ablehnung endgültig war, gab
dem Hans mit Tränen in den Augen und ohne Worte die Tierchen wieder
zurück und setzte sich dann still ans Fenster. Die Frau Gräfin sagte
dann, sie sei wohl recht wild gewesen, und sie müsse jetzt artig sein,
ihre Brüder würden bald kommen. Hans stand da mit den beiden kleinen
Kaninchen, eins in jeder Hand, und wußte nicht, wo er hingehen sollte;
in seiner Verlegenheit bot er sie der Komtesse noch einmal stumm an; die
schüttelte das Köpfchen und sah durchs Fenster. Seine Mutter stand auf,
öffnete die Tür, schob ihn hinaus und sagte ihm, er solle die Kaninchen
wieder in den Stall bringen; das tat er auch; und weil er nicht recht
wußte, wie er wieder in die Stube gehen solle, so blieb er draußen unter
der Toreinfahrt, steckte die Hand in die Hosentaschen und pfiff mit
erkünsteltem Gleichmut ein Lied. Ganz wohl war ihm nicht, denn er hatte
wohl gesehen, wie die Frau Gräfin böse geworden war, nur daß sie es
nicht so zeigte, wie seine Mutter es pflegte.

Nach einer Weile aber kam die kleine Komtesse wieder heraus, trat neben
ihn hin und sagte: »Ich danke dir auch schön, und du mußt nicht böse
sein; wenn wir einen Raum hätten für die Kaninchen, so hätte ich sie
nehmen dürfen.« Dann zog sie ein Albumbildchen hervor, das stellte
Dornröschen dar, wie der Prinz es gerade wachküßt, das schenkte sie ihm.
Er steckte das Bild gleichmütig in die Tasche. Sie sagte dazu: »Ich
hätte es gerne selber behalten, unser Küchenmädchen hat es mir
geschenkt, aber dir will ich es geben.«

Indem sie noch so sprachen, fuhr ein andrer Wagen vor, in dem saß der
Graf und die beiden Jungen, die ungefähr in dem Alter waren wie Hans;
und auch der Förster saß im Wagen. Der Vater sprang schnell heraus und
war der Herrschaft behilflich beim Aussteigen. Der Herr Graf faßte die
kleine Komtesse beim Zöpfchen, sie warf sich ihm in die Arme und hätte
wohl gern noch einmal gebeten wegen der Kaninchen, wenn sie gewagt
hätte.

Nun trat die Frau Gräfin aus dem Haus und gab der Försterin freundlich
die Hand. Die kleine Komtesse umfaßte ihren Rock und bat: der kleine
Hans soll mitfahren. Sie bat so herzlich, daß die Frau Gräfin fragte, ob
die Eltern das erlaubten; die sagten natürlich ja, die Mutter zupfte
Hans noch einmal zurechte, und dann stiegen alle ein. Die Kinder durften
in dem einen Wagen für sich bleiben, nachdem sie dem Kutscher auf die
Seele gebunden waren, der Graf war mit seiner Gemahlin in dem andern,
und nun ging die Fahrt fort in den Wald.

Dem Hans war sehr befangen zumute, denn er hatte das Gefühl, daß er ganz
anders saß und sich bewegte und sprach wie die jungen Grafen; die sahen
so aus, als dachten sie gar nicht an ihre Bewegungen, und er meinte, daß
sie wohl heimlich über ihn lachen möchten. Das Mädchen erzählte von den
Kaninchen, und wie reizend die gewesen seien; da sprachen die beiden
Brüder geringschätzig und meinten, Kaninchen seien gar nichts
Besonderes, und wenn sie nur wollten, so könnten sie Hunderte haben; und
wie die Kleine erzählte, daß sie die beiden geschenkten Jungen nicht
hatte mitnehmen dürfen, da lachten sie und sagten, sie verstehe das
nicht, wie man seinen Willen erreiche; da müsse man so lange heulen, bis
einem erlaubt werde, was man wolle. Hans kriegte runde Augen über diese
Ansichten und sagte zwar nichts; die Brüder aber merkten wohl, daß ihm
ihre Reden unrecht vorkamen, deshalb machten sie sich gefaßt, ihren Spaß
mit ihm zu treiben, denn sie hielten ihn für einen Duckmäuser.

Sie sagten nicht »Vater« und »Mutter«, sondern »der Alte« und »die
Alte«, und rühmten, welche Taten sie mit ihrer Schnappschleuder
begingen, wie sie da den Bauern die Fensterscheiben entzweischossen,
ohne daß jemand merkte, von wem der Schuß kam. Noch nahmen sie scheinbar
keine Notiz von Hans, weil sie keine rechte Anknüpfung hatten, aber sie
knufften sich heimlich, um sich auf ihn aufmerksam zu machen, wie er
dasaß mit seinen hellen Augen in dem blankgescheuerten Gesicht. Wie ihre
Schwester von den Manschetten erzählte, prusteten sie los mit Lachen und
sagten, das seien Sparröllchen, wie sie Herr Müller trägt, der
Hofmeister; gestern hatten sie gehört, wie ihre Mutter zum Vater gesagt
hatte, Herr Müller mit seinen Sparröllchen sei doch zu unterirdisch.

Hans wurde feuerrot und schämte sich sehr und hätte fast angefangen zu
weinen; aber er bezwang sich noch. Der älteste von den Brüdern fragte
ihn: »Kannst du auch schon reiten? Wir haben jeder einen Pony, auf dem
lernen wir reiten, ich darf schon allein.« Hans schüttelte den Kopf;
dann erzählte er, daß ihre Elsbeth einmal wochenlang jeden Tag
zweiundzwanzig Liter Milch gegeben habe. Da prusteten die Brüder wieder
los, das kleine Mädchen aber sagte zu ihm: »Du mußt dich nicht ärgern
über sie, das sind dumme Jungen.« Ihm aber war, als ob sie im
Einverständnis sei mit den beiden, die ihn auslachten, und das kränkte
ihn am meisten; aber er wußte nicht, was er antworten sollte.

Indessen erzählten die andern weiter, wie sie schon geraucht hatten und
sich Geld borgten von den Leuten; und wie den einen der Vater einmal zur
Rede gestellt, hätte er einfach alles abgestritten, und der Vater hätte
gelacht und gesagt, er könne sich gut herauslügen, aber er, der Vater,
merke doch die Wahrheit; aber getan hätte er ihm nichts. Dann fragten
sie Hans, ob sein Vater seiner Mutter auch zuweilen etwas vorlog. Er
schüttelte mit dem Kopf. Sie antworteten, er sei noch zu dumm, da merke
er das nicht. Da kam ihm plötzlich ein neues Gefühl in die Bewunderung
der Ruhmredigkeit der andern, die Stimmung von Zuhause und der Stolz,
den er gegenüber den Tagelöhnerkindern hatte, und er sagte: »So einen
Vater wie ich hat auch keiner.« Der älteste von den beiden antwortete
überlegen: »Das denkt man immer, solange man noch klein ist.« Dann
fragten sie, ob sein Vater ihn schlug, und Hans erzählte, daß er eine
Peitsche hatte mit neun Riemen, das war die neunschwänzige Katze, mit
der kriegte er, wenn er ungezogen gewesen war. Da kam ihm wieder vor,
als sei bei ihm zu Hause alles dumm, und er selbst sei ganz dumm, und
die beiden erschienen ihm wieder hoffnungslos überlegen. Die Wagen
fuhren zu einer Waldblöße, die war von allen Seiten eingeschlossen durch
die hohen Tannen, und war der Boden etwas abhängig und mit braunem Gras
bedeckt von vorigem Jahr; schon kamen die ersten grünen Grasspitzen aber
hervor, und die Primeln blühten. Auf dem untern Teil hatten sich einige
Birken angesiedelt, die etwa mannshoch waren; über denen schwebte eben
ein hellgrüner Hauch. Aber an der trockensten und sonnigsten Stelle lag
ein großer flacher Stein. Auf diesem deckten die Leute, denn die
Herrschaften wollten im Freien vespern. Die Kinder durften im Walde
spielen. Hans war aus Schüchternheit ungeschickt; weil er bei dem
kleinen Mädchen die einzige Zuneigung verspürte, so hielt er sich immer
zu dieser, wiewohl er dadurch das Spiel oft störte. So versteckten sie
sich hinter den Bäumen, und es war in seiner Nähe kein starker Baum, und
er blieb hinter einem ganz dünnen stehen, obwohl er selbst wußte, daß
ihn die andern gleich sehen mußten. Wie er selbst suchen sollte, war er
zu schüchtern, die Jungen zu fangen, die er fand, und ließ sie
entkommen, wiewohl er sich heftig ärgerte über diese Schüchternheit;
hinter dem kleinen Mädchen dagegen lief er sehr eifrig her. Über alles
dieses wurden die Jungen ärgerlich und zankten mit ihm; er aber lächelte
bloß entschuldigend und konnte sich nicht verteidigen, und die beiden
kamen zu dem Schluß, er sei dumm. Daß er sich immer an ihre Schwester
heftete, merkten sie bald, und da verspotteten sie diese, sie habe einen
Verehrer bekommen, der Dumme sei in sie verliebt. Darüber wurde die
ärgerlich und war kurz gegen Hans; und wie der, obgleich er das merkte,
doch nicht abließ von seiner Art, sagte sie ihm endlich ganz grob, er
solle sie in Ruhe lassen, er sei dumm. Da stand er traurig für sich
allein da und sah zu, wie die andern spielten, und mußte mit aller
Gewalt die Tränen zurückhalten. Mit einem Male aber kam es über ihn,
nämlich plötzlich, bei einer ganz geringen Gelegenheit, als es ihm
schien, der ältere Bruder sehe spöttisch nach ihm hin, da lief er wütend
auf den zu, packte ihn bei den Haaren und schlug kräftig auf ihn ein;
der jüngere Bruder eilte herbei und griff Hans an, aber der ließ sich
nicht irre machen: fühlte wohl gar nichts von seinem Angreifer. Endlich
kamen die Kutscher und trennten die drei.

Wie sie vor die Herrschaften gebracht waren, klagten die Brüder mit
geläufigen Worten über Hans, der habe das Spiel schon von Anfang an
gestört, dann sei er brummig zur Seite geblieben, und endlich habe er
ohne Grund sie überfallen. Hans stand niedergeschlagen da, denn das war
alles richtig, was die sagten, und er wußte selbst nicht, weshalb er
plötzlich so wütend geworden war. Der Herr Graf sagte zu seinen Söhnen,
sie würden gewiß schuld haben, aber wenn sie denn nun einmal keinen
Frieden untereinander halten könnten, so solle der Försterjunge nach
Hause gehen. Nun dachte Hans, daß er sich wohl erst bedanken müsse; aber
das konnte er nicht; deshalb drehte er sich um und ging langsam einige
Schritte; und wie er dachte, daß er weit genug sei, lief er aus
Leibeskräften, bis er atemlos nach Hause kam.

Hier fand er nur die Großmutter vor; er ging zu ihr in die Stube und
weinte in ihren Schoß.

Wie der Vater nach Hause zurückkehrte, wußte er schon von dem
Geschehenen, rief den kleinen Hans zu sich und fragte ihn. Der
antwortete, daß alle sehr artig gewesen seien und besonders die kleine
Komtesse, aber ihn habe plötzlich eine Wut gepackt, er wußte nicht
woher, daß er habe den einen schlagen müssen. Mehr konnte er nicht
sagen, und keine weitere Vorhaltung nutzte etwas. Endlich fragte ihn der
Vater, ob er wisse, daß er sehr ungezogen gewesen sei und Hiebe verdient
habe. Da sagte er ja, holte auch die neunschwänzige Katze herbei. Wie
ihn der Vater schlug, bezwang er sich zuerst und muckste nicht, nachher
aber weinte er doch, denn die Katze tat sehr weh.

Am Abend setzte er sich in der Dunkelheit ans Fenster; der Vater saß
still in der Sofaecke. Da stand er leise auf, ging zu seinem Vater,
stieg dem auf den Schoß und weinte an seiner Brust. Der Vater dachte, er
müsse ihn trösten der Schläge wegen und sagte, er sei doch ungezogen
gewesen, und einem Vater tue das selbst weh, wenn er seinen Jungen
schlagen müsse, und das wisse er doch selbst, daß er die Schläge
verdient habe. Da nickte Hans und sagte: »Das ist es nicht, das hat
manchmal schon weher getan.« Wie ihn der Vater nun weiter fragte, faßte
er sich zuletzt ein Herz und sprach: »Nicht wahr, du lügst doch nicht?«
Hierüber wurde der Vater ganz erstaunt, antwortete, daß er allerdings
nicht lüge und fragte dann, wie Hans auf solche Gedanken komme. Hans
schluchzte von neuem und erzählte endlich, was die beiden Jungen auf der
Fahrt und nachher gesprochen hatten. Der Vater wurde recht nachdenklich
und begütigte ihn, indem er ihm sagte, daß die jungen Grafen vorlaute
Jungen seien, die überall zuhörten, auch wo es ihnen verboten sei, und
nun in ihrer Dummheit allerhand falsche Meinungen ausheckten. Damit gab
sich Hans am Ende zufrieden, hörte allmählich auf zu weinen und schlief
zuletzt auf seines Vaters Schoße ein. --

                   *       *       *       *       *

Der Großmutter war es den Winter hindurch schlecht gegangen; sie klagte
über ihre Beine, daß die sie nicht mehr recht tragen wollten und
fürchtete sich vor Zug; abends ging sie früher zu Bett wie sonst, und am
andern Morgen erzählte sie, daß sie nicht habe schlafen können. Dafür
geschah es, daß sie am Tage unversehens einschlief, wenn sie in ihrem
Lehnstuhl am Ofen saß und strickte; das Strickzeug sank ihr in den
Schoß, und sie wachte auch durch lautes Geräusch nicht auf. Man mußte
aber tun, als ob keiner etwas merkte hiervon, sonst wurde sie böse; wenn
sie die Augen wieder aufschlug, so sah sie sich um, ob jemand sie
beobachtete, und dann nahm sie ihr Strickzeug vor das Gesicht.

Gegen den Frühling kam der Tischler, der die Fenster in Ordnung bringen
sollte, denn deren unterer Riegel war faul geworden, und das Wasser lief
auf die Fensterbank. Mit dem sprach die Großmutter über Särge, fragte,
was die verschiedenen Arten kosteten, und wunderte sich, daß alles so
teuer geworden war, und erkundigte sich genau nach der Haltbarkeit. Es
zeigte sich, daß bei Särgen sehr viel Betrug unterlief, denn die
Handwerker hatten keine Furcht vor Gott und keine Scham und glaubten,
bei einem Begräbnis müßten sie mehr verdienen wie bei andern Arbeiten.

Als die Kraft der Sonne zunahm, stand sie oft am Fenster und sah, wie
der Schnee in sich zusammensank, und dann kam Tauwind und Regenwetter,
und in den Schlittenspuren auf der Landstraße schoß das Wasser bergab.
Jetzt sagte die Großmutter oft: »Nun schlagen die Bäume bald aus«; sie
dachte aber bei sich, wenn die Bäume ausschlügen, so würde sie sterben;
auch sagte sie: »Die Schneeglöckchen erlebe ich noch.« Das sprach sie
alles für sich hin, wenn sie allein in der Stube war oder nur der kleine
Hans auf seinem Fußbänkchen still saß. Einmal faltete sie die Hände und
sagte: »Des Menschen Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt,
achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit
gewesen.«

Wie sie noch Kind war, hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse
eingekauft, und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert.
Jetzt las sie viel in dem alten, abgegriffenen Quittungsbuch, in dem
vorn die Satzungen der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren
Blättern so viele Jahre hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt
wurde; sie las und rechnete für sich alle Kosten und Ausgaben zusammen.

Ein schöner Frühlingstag kam. Das Stubenfenster stand lange
auf, und eine Frühlingsluft drang herein, eine frische und
sonnenscheindurchtränkte. Draußen war es schon ganz trocken, und die
kleinen Vögel machten allerhand Zwitschern, Pfeifen und Tirilieren; die
Großmutter saß lange am Fenster und hatte diesmal gar keine Furcht vor
der Erkältung. Dann sprach sie mit der Mutter wegen des Grabes ihres
toten Mannes, das um diese Jahreszeit besorgt werden mußte, und endlich
sagte sie, daß sie sich jetzt zu schwach fühle, um noch aufzubleiben;
sie wolle sich legen; aber auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam; ihr
Bett solle hier in der Stube aufgeschlagen werden, in der Ecke, wo ihr
Lehnstuhl gestanden.

Die Mutter verspürte wohl, was sie meinte, und daß sie wußte, sie werde
von diesem Lager nicht wieder aufstehen; so antwortete sie, daß heute
abend, wenn der Mann zu Hause sei, alles so gemacht werden solle, wie
die Großmutter es wünsche.

Das geschah auch, und nun war die Großmutter unten in der Stube im Bett;
sie hatte viele Kopfkissen im Rücken, so daß sie halb saß; deshalb
vermochte sie auch noch zu stricken wie früher. Wenn der Vater abends
nach Hause kam, ging er erst zu ihr, gab ihr die Hand und sprach ein
paar Worte. Es war, als sei sie jetzt viel wichtiger geworden wie
vorher; die Mutter fragte sie um manches, davon sie ihr sonst nichts
mitgeteilt, und recht oft erhielt sie ein besonderes Leckerbißlein, das
die andern nicht bekamen.

Einmal rief die Großmutter die Mutter zu sich ans Bett. Die kam und
fragte, was sei. Da sagte die Großmutter nach einer Pause: »Ich wollte
dir nur sagen, daß du immer gut zu mir gewesen bist, so sind nicht alle
jungen Frauen. Ich bin gewiß manchmal wunderlich gewesen, aber ich habe
es immer gut gemeint.« Da sah Hans, wie seiner Mutter die Tränen kamen,
daß sie die Schürze vor die Augen nahm und schnell fortging.

Dem kleinen Hans erzählte die Großmutter jetzt viel; und wiewohl er gern
draußen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte, Flüsse leiten und
Dämme bauen, daß sich große Teiche bilden, und dann wieder Kanäle graben
und Wasserfälle machen, so blieb er doch viel lieber in der Stube bei
der Großmutter und hörte ihre Erzählungen aus der alten Zeit.

Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus, das schilderte sie ganz genau von
außen und innen und zählte die Stuben und Fenster und Türen, und die
Öfen beschrieb sie, und die Treppe und die Haustür; und alles wurde
prächtig und märchenhaft in ihrer Erinnerung. Dann sprach sie von der
Wiese, und wie sie alle ins Heu gingen mit großen Hauben aus Kattun, und
vom Garten erzählte sie und von den Obstbäumen; da war ein Apfelbaum,
der trug Borsdorfer, solche Äpfel gab es nicht mehr; und von Kirschen
hatten ihre Eltern alle Sorten, und im Herbst, wenn die Abende länger
wurden, dann holten sie immer eine große Schüssel Pflaumen vom Boden,
die wurde auf den Tisch gesetzt. Der Urgroßvater war Silberbote gewesen,
das war ein Bergmann, auf den man besondere Stücke hielt, der mußte
zweimal in der Woche das ausgebrachte Barrensilber zur Münze bringen. Da
ging er denn abends zum Herrn Bergrat, der packte die Barren in einen
Tornister, den versiegelte er; dann kam er wieder nach Hause und
verschloß den Tornister in seinem Koffer und nahm den Schlüssel in die
Tasche; denn früh am andren Morgen um drei Uhr mußte er sich auf den Weg
machen und acht Stunden weit gehen durch den dicken Wald: zur Winterzeit
war oftmals der Weg verschneit und keine Trappe Bahn; dazu war damals
der Wald noch gefährlich wegen der Wölfe, und in der Franzosenzeit gab
es auch Räuber. Deshalb holte der Vater die Bibel und das Gesangbuch aus
dem Schapp und las vor, ein Stück aus den Evangelien, von dem Mann, der
unter die Räuber fiel, oder ein andres, dann knieten alle nieder und
beteten zum lieben Gott, daß er ihn beschützen möge, und am Ende sangen
sie ein frommes Lied. Wenn die Kinder dann am andern Morgen aufwachten,
so war der Vater schon lange auf dem Wege; und erst am Abend um neun kam
er wieder mit dem leeren Felleisen und der Quittung, das mußte ein Kind
beides gleich zum Herrn Bergrat bringen. Wenn es aber um die Zeit war,
daß der Vater heimkehren mußte, so harrten alle in Angst, und oftmals
gingen sie ihm entgegen, weil sie Furcht hatten, es möchte ihm etwas
geschehen sein. Aber Gott hat ihn immer behütet, und er hat ein hohes
Alter erreicht.

In diese Erzählungen mischte die Großmutter Mahnworte und fromme Reden,
indem sie begann: »Und wenn ich tot bin, so vergiß nicht, was ich dir
jetzt sage.« Sie erzählte aber, sie habe gefunden, daß in heutiger Zeit
die Menschen mehr Angst hätten um ihr tägliches Brot wie früher und sich
viele Sorge machten um Irdisches. Als sie ein Kind gewesen, haben die
Menschen andre Gedanken gehabt; indessen sei es möglich, daß die Ursache
der Sorgen in dem beschlossen sei, daß die Menschen heute nicht mehr so
ordentlich und gut seien wie früher. Es sagt aber der Psalmist: »Ich bin
jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten
verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen.« Diesen Satz gab sie dem
kleinen Hans ganz besonders und schärfte ihn dem Kinde vielmals ein und
fügte hinzu: »Strebet zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird euch dieses
alles zufallen«, und sagte nochmals: »Hieran denke, wenn ich tot bin,
und vergiß nicht meine Worte.«

Weiter erzählte sie von ihrem Großvater, den sie noch gekannt als einen
eisgrauen kleinen Mann, der schon ganz in die Erde gewachsen war. Der
war weit in der Fremde herumgekommen als ein Bergmann, in Ungarn und
Böhmen, aber dann wieder in die Heimat gekehrt mit seinem Ersparten und
hatte das Haus gekauft und die Wiesen. Der las viel in einem alten
Buche, das hieß die »Insel Felsenburg«, darin waren Lebensbeschreibungen
von allerhand Menschen und merkwürdige Schicksale, Reisen und
Schiffbrüche, bis alle endlich zusammenwohnten auf einer einsamen Insel
im Meer, wo sie in Ehrbarkeit und Sitte lebten, sich freiten und Kinder
kriegten und die Insel bevölkerten. Sie, die Großmutter, hatte er am
liebsten, die damals noch ein kleines Mädchen war und zu seinen Füßen
saß auf dem Fußbänklein, »gerade wie du, mein lieber Hans. So vergehen
die Jahre, und die Menschen werden groß, und die Alten sterben, und
junge kommen auf, und ist mir, als sei es gestern gewesen, daß ich
aufhorchte, wie er mir erzählte von den Silbergruben in Ungarn und von
den großen Meerschiffen. Und ist zu denken, daß auch mein Großvater
dereinst als kleines Kind aufgeschaut hat zu seinem Ahn, und geht die
Reihe der Geschlechter fort durch die Jahrhunderte, und auch du, mein
liebes Kind, wirst einst Kinder haben, und Enkel werden zu deinen Füßen
sitzen und du wirst denken: >War es nicht gestern, daß ich hörte, wie
die Großmutter mir erzählte?< Aber dann werde ich schon lange in der
Erde liegen neben deinem Großvater, der so jung hat sterben müssen, daß
er deinen Vater nicht mehr gesehen hat, und habe ich an fünfzig Jahre
die Stelle betrachtet, wo ich einstens neben ihm liegen werde.«

Der kleine Hans saß still und horchte auf der Großmutter Worte. Noch
verstand er nicht, was sie meinte, denn ein Kind kennt nur den Tag und
ist wie ein Schmetterling in der Sonne, der nichts weiß von gestern und
morgen; aber er verschloß ihre Reden treu in seiner Seele, und später
haben die ihn getröstet und beschützt, als er keinen Trost von Menschen
hatte und keinen Schutz. Auch sagte die Großmutter: »Du bist zwar noch
ein Kind, aber du sollst doch schon jetzt wissen, was du sonst später
erfahren hättest, denn du bist ja mein Blut und meines lieben Mannes.
Deshalb will ich dir erzählen, wie ich und dein Großvater uns lieb
gewonnen haben; denn auch du wirst einmal ein Mädchen lieb gewinnen und
heiraten.«

Die alte Großmutter, die jetzt mit ihren achtzig Jahren strack in ihrem
Bette saß, mit schneeweißem und glattem Scheitel, die Augen nach
vorwärts gerichtet in ein neues Land, war einst ein junges Mädchen
gewesen, hochgewachsen und schlank wie ein Tannenbaum, mit gelbem
Ringelhaar und lustigen blauen Augen. Da sie so schön war und ihre
Eltern eingesessene Leute, die ein Stück vor sich gebracht hatten, so
fehlte es ihr nicht an Bewerbern. Nach der Art der jungen und
unerfahrenen Dinger, die nicht wissen, wie das Leben ein gar schweres
Wesen ist, erschien ihr das als ein Scherz und Spiel und vermeinte, sie
dürfe stolz sein auf solche Menge der Freier, und äußerte den Stolz in
allerhand Mutwillen, den sie mit ihnen trieb aus Gedankenlosigkeit; denn
sie hatte noch nicht erfahren, was Liebe ist. Ganz besonders war ihr
aber zugetan der junge Jägerbursche, der später ihr Mann werden sollte,
der war ihr indessen zu ernsthaft, wiewohl ihre Eltern es gern sahen,
daß er sich um sie bewarb. An einem Abend ging er mit ihr zusammen einen
Weg nach dem Dorfe zu, und wie sie auf der Anhöhe standen und unter sich
die Lichter blinken sahen, sprach er zu ihr, daß er sie lieb habe, und
wenn sie wolle, so werde er sie heimführen als seine Frau und sie lieben
und ehren, wenn sie ihn lieben und ihm gehorsamen wolle; aber er sei
noch nicht angestellt, und es sei recht möglich, daß sie ein paar Jahre
warten müßte, bis sie heiraten könnten.

Auf dieses erwiderte sie schnippig, denn sein ernster Ton hatte sie
verdrossen, und daß er sprach von Gehorsamen. Sie sagte aber, daß sie
einen Mann nicht nehmen möge, der schwarzhaarig sei, sondern sie wolle
einen Blonden; und zudem begehrten sie so viele zur Frau, daß sie nicht
nötig habe, zehn Jahre zu warten als Braut, sondern wenn sie wolle, so
könne sie schon übers Jahr heiraten. Da sagte er, sie spreche wie ein
unverständiges Kind, und vielleicht sei sie auch noch zu jung, um schon
eine rechte Meinung in solcher ernsten Sache zu haben. Aber ihre leichte
Art habe ihn sehr gekränkt, und deshalb bitte er, sie wolle denken,
seine Worte seien ungesprochen. Aber wenn er sie nicht zur Frau bekommen
könne, weil sie ja nicht wolle und auch er ein so gedankenloses Wesen
nicht in sein Haus führen möge, so solle sie doch immer auf ihn rechnen,
weil er sie trotz allem lieb habe, denn die Liebe kehrt sich nicht an
die Vernunft, ja sie streitet mit ihr. Es sei aber sehr möglich, daß sie
später einmal seine Hilfe irgendwie gebrauchen könne; und auch einen
Groll wollten sie nicht auf einander behalten. Dieses stieß ihr wieder
an die Krone, so daß sie noch törichter antwortete und ihn gänzlich von
sich abwies.

»Aber merke dir, mein liebes Kind,« sprach sie von ihrem Bett zu dem
kleinen Hans, der vor ihr saß, »wir Frauen sind andern Wesens wie die
Männer; und wenn du nicht vergißt, was ich dir jetzt erzähle, so sparst
du dir später viel Herzeleid und Kummer. Vorher habe ich deinen
Großvater nicht lieb gehabt, aber wie ich ihm so leichtfertig
antwortete, und er war ernst und streng, aber zugleich doch gut zu mir,
da kam plötzlich die Liebe zu ihm in mein Herz. Nur daß mich die
Schamhaftigkeit hinderte, ihm davon zu sagen; ja es war, als triebe es
mich, ihn jetzt gerade zu kränken. Das merke dir, denn wir Frauen sind
ein schwaches Geschlecht, und die Männer sind stärker als wir, und
gerader.«

So geschah es, daß sie einen andern Bewerber offenkundig bevorzugte,
einen Bergmann, der lustig die Zither zu schlagen verstand und Lieder
dazu sang und fröhliche Streiche anzustellen wußte. Mit dem lachte sie
viel, und es war ihr lieb, wie sie sah, daß der andre finster wurde,
wenn er sie mit ihm erblickte. Und einmal ging sie denselben Weg mit
diesem, den sie vorher mit dem andern gegangen, und sprachen ähnliche
Gespräche zusammen, und kamen an dieselbe Stelle auf der Höhe, wo das
Dorf unter ihnen lag mit seinen hellen Fenstern. Da fragte er sie, ob
sie ihn lieb haben wollte, und zugleich umfaßte er sie und wollte sie
küssen. Wie sie aber seinen Arm verspürte, tat sie einen Schrei und lief
fort, hinab ins Dorf und kam unten an in großer Angst, wiewohl sie nicht
kindisch war und schon einmal sich mit einem andern herzhaft abgeküßt
hatte, welches jedoch gewesen war, ehe der Jägerbursche mit ihr
gesprochen.

Von der Zeit an war sie verändert und wurde ernster, tanzte nicht und
lachte nicht mehr mit den jungen Leuten, und kamen wohl mehrere Freier,
aber sie wies alle ab. So ging es drei oder vier Jahre. Da begann sich
Hansens Großvater wieder langsam an sie zu machen; er besuchte ihre
Eltern am Sonntagnachmittag, spielte mit ihren jüngeren Geschwistern und
sprach mit ihr selbst viel. Von seinen damaligen Worten redeten sie
nicht wieder, aber sie wußten beide, auch ohne daß sie es sich sagten,
daß sie jetzt verlobt seien, und daß sie warten wollten mit dem
Heiraten, bis er eine Anstellung habe. »Und siehst du,« sprach die
Großmutter zu dem Enkel, »das danke ich deinem Großvater noch heute, daß
er nie wieder von dem Früheren gesprochen hat, obwohl er hätte über mich
triumphieren können, denn ich hätte schweigen müssen, wenn er gespottet.
Aber dein Großvater war ein Mann, wie er sein muß, er war hart und
ernst, aber er war auch mild und gut. Dein Vater ist auch so geworden,
und du mußt dir Mühe geben, daß du ihnen nachschlägst.« Da sagte Hans:
»Ja, Großmutter, das will ich.«

Und die Großmutter mit ihren Augen, die schon über das Grab hinaus
suchten, schwieg eine lange Weile; sie dachte an ihren Mann, den sie nur
wenige Wochen gehabt und über ein halb Jahrhundert betrauert hatte, und
daß sie ihn bald wiedersehen werde; das machte ihr eine sonderbare
Freude und heftiges Heimweh.

In Hans war eine wunderliche Ernsthaftigkeit, und in sein Wesen kam eine
größere Reife durch diese Gespräche, wie seinem Alter gewöhnlich ist; in
aller sonstigen Erfahrung aber blieb er kindlich und unwissend, und
wurde seine Erziehung gerade entgegengesetzt, wie die Erziehung heute
gewöhnlich ist, da die Kinder viel Fremdes sehen und manches Neue
erfahren, früh Furcht und Achtung verlieren und gewitzt werden; dabei
aber in ihr Wesen keinen Ernst bekommen und oft noch im wesentlichen
kindisch bleiben, wenn sie schon Männer sein sollten.

In der Küche saß Dorrel, Kartoffeln schälend, mit einem bekümmerten
Antlitz. Hans setzte sich ihr gegenüber. Wie sie ihn ansah, stand sie
auf, stellte ihre Schüssel ab und rumorte mit den Herdringen. Sie wollte
aber verbergen, daß sie weinte. Hans fragte: »Weshalb weinst du?« Da
antwortete Dorrel nach langem Zögern und vielem Drängen, sie weine um
die Großmutter, daß die nun im Sterben liege.

Hans wiegte den Kopf, dann sagte er: »Darüber muß man nicht weinen. Wir
müssen alle sterben, und das wissen wir. Die Großmutter aber ist eine
alte Frau, die in ihre Jahre gekommen ist; sie hat keine Sorge hinter
sich, sondern weiß, daß sie meine Eltern in guter Ordnung verläßt; dazu
leidet sie keinerlei Schmerzen, sondern ihr Leben lischt aus wie ein
Licht. Deshalb hat sie selbst auch nicht Kummer über ihren Tod, vielmehr
freut sie sich, weil sie jetzt wieder mit dem Großvater zusammenkommt.«
Dorrel hörte diesen Worten mit großer Verwunderung zu und bekam eine
sonderliche neue Achtung vor Hans, die sie bis dahin noch nicht gespürt.
Deshalb sagte sie nach einer Weile: »Wenn du es so nimmst, so hast du
recht, aber ich weine um meinetwillen, denn sie ist mir immer eine gute
Frau gewesen, und ich habe sie lieb.«

Hiernach war Hans wieder eine Weile nachdenklich, dann sprach er: »Ich
habe sie auch lieb, aber ich bin nicht traurig und will auch nicht
weinen.«

Dorrel mußte auf den Boden gehen, um Räucherware zum Abendbrot aus der
Rauchkammer zu holen. Sie bedachte sich, wie sie es machen sollte, daß
sie nicht allein war. Endlich befahl sie dem kleinen Hans, daß der die
Laterne tragen mußte; sie ging hinter ihm her mit Furcht. Als sie oben
waren, merkte Hans, daß sie Angst hatte; und weil er nicht wußte,
welches der Grund sein konnte, fragte er sie. Sie sagte ihm, sie fürchte
sich, weil ein Sterbendes im Hause sei. Da wurde er wieder nachdenklich
und schüttelte endlich den Kopf über sie, aber er sagte nichts mehr.
Indessen hatte er von nun an das Gefühl verloren, daß Dorrel als eine
Erwachsene über ihm stehe, und empfand sie nur noch als eine
Gleichgestellte, ja als eine solche, die er unter Umständen beschützen
dürfe; und Dorrel ging ohne Klarheit auf dieses veränderte Verhältnis
ein. Ihm selbst war auch nicht bewußt, worin der letzte Grund lag,
nämlich daß Dorrel in Dumpfheit und unwissender Furcht befangen war und
nur nach Trieben lebte, die sie nicht verstand: er selbst aber lebte
schon zu einem Teil in Helligkeit und klarem Denken und Prüfen.

Eine Zeit der Dumpfheit und unwissenden Furcht kam für ihn später, als
in der Großstadt das Fremde und Neue auf ihn einstürmte, das er nicht
fassen und verarbeiten konnte; und wie es gerade schien, daß er in
diesem Meer der Finsternis versinken müsse, da sollte ihm von der armen
Magd ein helles Licht kommen, das ihm das Ufer wies und den Berg, darauf
er zu neuer Helligkeit emporsteigen konnte.

Der Großmutter Zustand wurde immer schlechter; sie schlief des Nachts
sehr unruhig und hatte Atembeschwerden. Daß jemand bei ihr wachte,
wollte sie nicht; aber die Mutter schlich des Nachts mehrmals leise die
Treppe hinunter und horchte an der Stubentür. Der kleine Hans brachte
ihr die ersten Schneeglöckchen an ihr Bett; die sah sie lange mit
glänzenden Augen an, dann stellte sie die Blümchen in ihr Wasserglas,
das neben ihr stand. »Nun geht es bald zu Ende,« sagte sie zur Mutter,
»und für euch ist das auch eine Erlösung.«

In den letzten Tagen sagte der Förster, er wolle nachts auf dem Sofa
schlafen, damit jemand bei ihr sei. Aber sie erwiderte, er müsse früh
aufstehen und in seinen Dienst gehen, da müsse er ordentlich ruhen, und
die Mutter solle bei ihr bleiben, wenn sie es nötig finde; freilich sei
sie eine alte Frau, deren Zeit abgelaufen sei, und halte es nicht für
richtig, daß so großer Umstand um sie gemacht werde.

So brachte die Mutter abends ihre Betten herunter. Und in einer Nacht
richtete sich die Ahne plötzlich strack auf und rief: »Anna, wie ist mir
denn?« Dann begriff sie, daß das der Tod war, der zu ihr kam. Da sagte
sie: »Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist.« Die Mutter war zu
ihr geeilt und hielt sie aufrecht; wie die Ahne diese Worte gesprochen,
fühlte sie plötzlich, daß der Körper ihr schwer wurde in den Armen.
Leise legte sie die Gestorbene zurück auf das Kissen, drückte ihr die
Augen zu und faltete ihr die Hände über der Brust.

Dann war viel Laufen und Besorgen, wie das bei Sterbefällen so ist. Der
Tischler kam wegen des Sarges, und allerhand Umstände mußten gemacht
werden.

Die Gestorbene lag still und ernst da. Sie war sehr schön geworden im
Tode; ein freies, offenes und stolzes Gesicht hatte sie wie eine
Fürstin, und nichts Kleinliches oder Furchtsames war da zu sehen. Denn
der Tod gibt jedem Menschen die Würde, die ihm gebührt; wenn die Muskeln
erschlaffen, die unserm Gesicht den zufälligen Ausdruck verursachen, den
es zwischen den Menschen hat, so treten die Knochen und Sehnen hervor,
die seine Grundlage bilden; wer ein Bettler war, sieht dann aus wie ein
Bettler, und habe er im Leben auch eine königliche Figur gehabt, und ein
tüchtiger und freier Mensch bekommt ein stolzes und vornehmes Aussehen.
Da zeigt es sich, daß alles äußere Geschick nur Zufall ist, unsre Figur
und unser Wandeln unter den Menschen ein täuschender Schein; und unser
wahres Leben, das wir in der unbekannten wahren Welt geführt, gibt hier
ein sonderliches Zeichen von sich.

Wie der Tischler mit seinem Gesellen den Sarg gebracht hatte, legte der
Vater mit dem Meister die Tote hinein und setzte ihr den vertrockneten
Myrtenkranz auf und tat ihr den Brautschleier um, den sie vor fünfzig
Jahren getragen und sorgsam aufbewahrt hatte; denn so wollte sie vor
ihrem lieben Mann erscheinen, an den sie ein halbes Jahrhundert gedacht
hatte, jeden Tag; und für dieses Andenken hatte sie ihren Sohn erzogen,
bis er ein stattlicher Mann geworden, und dann den Enkel, der zwar nach
seinem äußeren Wesen in ihre eigne Art schlug, nach seinem Innern aber
ein Werther war. Wie das geschehen war, bekamen der Tischler und sein
Geselle ein Frühstück, nach alter Sitte, aßen und tranken mit
Bescheidenheit und lobten das Essen. Hierüber empfand Hans einen
heftigen Haß gegen sie, in der Art wie damals gegen den jungen Grafen,
und hätte sich auf sie stürzen mögen.

Ein Junge von den Holzarbeitern, die unweit des Forsthauses wohnten, war
in Hansens Alter, und deshalb hatte der manches mit ihm gemein, wiewohl
keine eigentliche Freundschaft zwischen den beiden bestand. Den fragte
er, ob er solche Gefühle auch habe; denn seinen Vater zu befragen, wagte
er nicht, aus einer gewissen Scheu vor dem Erwachsenen. Der grinste und
schüttelte den Kopf, und wußte nicht, was Hans meinte. Nach längerem
Überlegen kam er auf die Vorstellung, daß er auf diese Geständnisse und
Fragen hin ihn hänseln könne. Aber wie er mit solcher Absicht anfing,
trat ihm Hans gleich mit geballter Faust entgegen, und wiewohl der Junge
viel stärker war wie Hans, wurde er da doch in Angst versetzt und
entschuldigte sich, er habe nichts sagen wollen. Hans ärgerte sich und
drehte ihm den Rücken.

Der Junge lief ihm nach und liebedienerte. Er sprach von einem
Vogelnest, das er gefunden und für Hans aufgehoben habe; Hans erwiderte,
daß er das Nest in Ruhe lassen solle. Dann wies er ihm eine Hand voll
Murmeln, die er ihm schenken wollte; aber Hans schlug alles aus und ging
weg.

Er hatte aber eine Sehnsucht danach, recht fröhlich zu sein, obwohl doch
seine Großmutter gestorben war, die er sehr lieb gehabt; und weil er
niemand fand, mit dem er hätte fröhlich sein können, so ging er traurig,
niedergeschlagen und gereizt umher.

Wenn wir das Leben eines Menschen betrachten, soweit es betrachtenswert
ist, also seine Bildung, so kann es uns einmal so scheinen, als stelle
es eine zusammenhanglose Reihe von Zufällen dar; in andrer
Geistesverfassung erblicken wir in demselben Leben ganz deutlich eine
planmäßige Führung durch Gott; und wiederum mögen wir einen unbeirrbaren
Trieb sehen, der diesen Einzelnen durch die wirre Umwelt mit
untrüglicher Sicherheit vorwärtsstieß, daß er durch diese Kraft sich das
aneignete, das andre zur Seite ließ; endlich ist sogar eine bewußte
Gestaltung des Lebens durch diesen Willen des betreffenden Menschen zu
finden. Wer hätte nicht, wenn er über die Schicksale von Menschen
nachdachte, schon diese merkwürdige Entdeckung gemacht, daß man von
derselben Sache als derselbe Mensch vier so ganz verschiedene Meinungen
haben kann!

Ein solches inneres Erlebnis, wie der Haß gegen manche Menschen und das
unbestimmte Gefühl gegen den andern Jungen, ist gewiß sehr wichtig für
die Bildung. Aber wie soll man es deuten? Es ist wohl am besten, die
Deutung ganz zu lassen.

Zur Schule ging Hans ins Dorf, etwa eine Viertelstunde den Berg
hinunter. Ein Wässerlein rann aus dem Walde hinab auf dem Grunde eines
langen und schmalen Tales; an diesem entlang waren die Häuser gebaut,
und die Felder zogen sich in schmalen Streifen zu beiden Seiten den Berg
in die Höhe. Sehr beschwerlich war das Pflügen auf diesen abhängigen
Feldern, und am schwersten war es, den Dung hinaufzuschaffen; deshalb
sahen die Leute alle verarbeitet aus und waren auch arm, aber sie hatten
einen unverdrossenen Mut. In der Jugend lebte damals ein unruhiger
Geist, denn die, welche gedient hatten und das leichte Leben draußen
gesehen, litt es nicht mehr zu Hause; dadurch kam viel Unfriede in die
Familien, weil die Alten nichts von der Fremde hielten und wollten, daß
die Jungen zu Hause blieben.

Kirche, Pfarrhaus und Schulhaus waren eben solche hölzernen und
unscheinbaren Gebäudlein wie die Bauernhäuser; nur daß in der Pfarre
alle Fenster mit Blumenstöcken besetzt standen und vor der Schule sich
ein schmales Gärtchen mit blühenden Stauden und Sträuchern hinzog. Der
Lehrer war ein alter hagerer Mann mit rasiertem Gesicht und mit straffem
weißem Haar und leuchtenden Augen, und hatte eine aufrechte Haltung.
Wenn er auf dem Katheder saß in seinem schwarzen Rock vor der
weißgetünchten Wand, so sah Hans einen Heiligenschein um seinen Kopf
glänzen, von welchem Gesicht er jedoch zu niemand sprach. Am schönsten
war die Schule in den dämmerigen Winterstunden, wenn biblische
Geschichte erzählt wurde, solche, wie der Engel des Herrn zu Abraham kam
und zu seinem Weibe Sara. Und sprach Abraham: »Herr, habe ich Gnade
gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knechte über. Man
soll Euch ein wenig Wasser bringen und Eure Füße waschen; und lehnet
Euch unter den Baum.« Und eilte in die Hütte zu Sara und sprach: »Eile
und menge drei Maß Semmelmehl, knete und backe Kuchen«, und lief zu den
Rindern und holete ein zart gut Kalb und gab es dem Knaben; der eilete
und bereitete es zu. Und er trug auf Butter und Milch, und von dem
Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor, und traten sie
unter den Baum, und sie aßen. Da sprachen sie zu ihm: »Wo ist dein Weib
Sara?« Er antwortete: »Drinnen in der Hütte.« Da sprach er: »Ich will
wieder zu dir kommen, so ich lebe, siehe, so soll Sara, dein Weib, einen
Sohn haben.« Das hörete Sara hinter ihm, hinter der Tür der Hütte. Und
sie waren beide, Abraham und Sara, alt und wohlbetagt, also, daß es Sara
nicht mehr ging nach der Weiber Weise. Darum lachte sie bei sich selbst.
Da sprach der Herr zu Abraham: »Warum lacht die Sara, und spricht:
>Meinst du, daß es wahr sei, daß ich noch gebären werde, so ich doch alt
bin?< Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich
wieder zu dir kommen, so ich lebe, so soll Sara einen Sohn haben.« Da
leugnete Sara und sprach: »Ich habe nicht gelacht«, denn sie fürchtete
sich. Er aber sprach: »Es ist nicht also, denn du hast gelacht.«

Bei solchen Geschichten hörten alle still zu, wie der Lehrer erzählte,
und keines rührte sich, und die Dämmerung nahm zu in der Schulstube.
Hans wußte alle diese Geschichten auswendig, Wort für Wort, weil er so
viel in der Bibel las, und darüber lobte ihn der Lehrer oft. Auch im
Lesen und Schreiben war er der Erste, nur im Rechnen ging es bei ihm
immer schlecht, und in der Erdkunde.

In des Lehrers Garten stand ein Bienenhaus mit vielen Kasten voll
Bienen, zu denen hatte Hans eine besondere Liebe. Wenn er die Erlaubnis
bekam, so setzte er die Mütze auf, damit nicht ein Bienchen, sich in
seinem Haar verwirrend, böse würde, und hockte auf die Erde nieder neben
den Fluglöchern und sah zu, wie die Bienen eilig herauskamen aus dem
Dunkeln und an den Rand des Flugbrettes liefen und sich in die Lüfte
ließen, und wie die beladenen Arbeiterinnen zurückkehrten und schwer auf
dem Brettchen niederflogen und langsam in den Stock zurückgingen, Honig
und Blütenstaub dort abzulegen. Wenn ein rechter Arbeitstag war und die
Sonne schien warm, und vom Grasgarten her duftete der Klee, so war ein
wunderbares Gesumm in der Luft, dann hätte er stundenlang zuhören mögen;
voll mit fleißigen Bienen waren die Flugbrettchen besetzt, und die
Wachtposten untersuchten eine jede, ehe sie in den Stock durfte, und ein
Lichtstrahl fiel in das Dunkel des Kastens, in dem war gleichfalls ein
Summen und Tosen von fleißiger Arbeit. So saß Hans neben den
Fluglöchern, und mit unbestimmten Träumereien dachte er an das Fliegen
in der funkelnden und blitzenden Luft und stellte sich vor, wie es sein
müßte, wenn er selbst so klein wäre und so flöge, wie unendlich groß und
weit ihm dann alles erschiene, und wie die ganze Welt anders wäre; und
ein sonderliches Behagen überkam ihn durch Sonnenschein, Bienensummen
und Kleeduft.

Der Lehrer hatte ein Buch, darin waren alle Tiere abgebildet. Da war der
Löwe, der Tiger, der Affe, und dann die Meerungeheuer, der Hammerfisch,
der Sägefisch, der Walfisch; da war gezeichnet, wie die Menschen in
einem kleinen Boot zu dem Walfisch heranrudern und die Harpune auf ihn
schleudern; das war grausig anzusehen, wenn man dieses kleine Boot
verglich mit dem ungeheuren Walfisch. Ach, so weit war die Welt, so
weit! Unter den Bergen dehnte sich das flache Land hin mit großen
Städten, Flüsse zogen, und das weite Meer war da und Inseln und andre
Erdteile; hier aber war ein enges Tal, auf dessen Grund ein Wässerlein
plätscherte, in dem wohnten Menschen; und er selbst, Hans Werther,
wohnte oben, im Wald; aber noch höhere Berge gab es, über seines Vaters
Hause, von denen man weit sehen konnte; das Forsthaus aber stand
inmitten der Tannen und hatte keinen Ausblick.

Die Stunden beim Pastor hatte Hans gemeinsam mit Karl Gleichen, des
Pastors Schwestersohn, den der alte Mann zu sich genommen.

Karl Gleichens Eltern waren schon lange tot, nach einem traurigen und
schmerzenreichen Leben.

Der Pastor hatte mit einer Schwester zusammengewohnt, die war dreißig
Jahre jünger wie er, welcher der älteste von den Geschwistern gewesen,
und ein wahres Nesthäkchen, das geboren wurde, als zwei der Geschwister
schon verlobt waren. Von allen der ganzen Familie wurde sie verhätschelt
und verzogen, und sie hatte auch eine schwache Gesundheit; am meisten
aber liebte sie der Älteste, der sie auch zu sich nahm, wie die Eltern
starben, da sie eben aus den Kinderjahren gewachsen; er erzog sie
völlig, wie er es verstand, als ein guter, wunderlicher und unbeweibter
Mann, und sie befahl ihm und führte seine Wirtschaft. Ein reizendes
Mädchen war sie gewesen, immer fröhlich und zwitschernd, wie Milch und
Blut war ihr Gesicht, und die schwere Last ihres Haares leuchtete gelb
wie reifer Roggen. Und am besten stand ihr, daß sie so ein verzogenes
Kind war, dem alles immer nach Wunsch gegangen, und sie wußte das auch,
daß ihr das stand, und daß die Leute sich über sie freuten. Dazu hatte
sie seltene Gaben in ihrem zierlichen Körperchen, das so recht war wie
eine wehende Flocke; zu Weihnachten und zu den Geburtstagen dichtete sie
niedliche und zarte Verschen, welche sie die kleinen Kinder im Dorf
lehrte, daß sie bei einer gemeinsamen Aufführung sie im Pfarrhause
aufzusagen wußten; einmal hatte sie zwei ganz Kleine als Lämmer
verkleidet, die nur mit ihren Schwänzchen wackelten, weil sie noch
nichts sagen konnten. Nun wohnte im Nachbarstädtchen eine
Predigerswitwe, ein beständig klagendes und sich sorgendes armes
Mütterchen. Die hatte einen einzigen Sohn, der ungeraten war und schon
auf der Schule nicht hatte guttun wollen, sondern entlaufen war, und
hatte sich als Schiffsjunge annehmen lassen. Wie es ihm aber auf der See
nicht schmecken wollte, so war er bald in abgerissenem Zustand zu seiner
Mutter zurückgekommen, und da gab sie ihn nach vielen Ratschlägen in ein
Bankgeschäft zur Lehre, aber nach einem halben Jahre mußte sie einen
großen Schaden vergüten, den der Junge angerichtet hatte, und erhielt
den dazu wieder zurück. Nach diesem trieb sich der eine Weile in dem
Städtchen herum, dann war er plötzlich verschwunden; und am Ende, nach
Jahren, kriegte die Mutter einen Brief von ihm aus Amerika, daß er in
einer großen Stadt als Kaufmann lebe und zu guten Verhältnissen gekommen
sei; dann kam er selbst auch zum Besuch seiner Mutter, als ein
hochgewachsener Mann mit blondem Kinnbart, der einen grauen Zylinder
trug. Er sah nicht gerade wohlhabend aus, aber auch nicht armselig, und
wenn er zwar wohl viel log und aufschnitt, so glaubten die Leute doch,
daß er sich gebessert habe und zu derjenigen Ehrbarkeit gekommen sei,
die einem Solchen erreichbar werde. Es stellte sich auch heraus, daß er
drüben Soldat gewesen war und in einem Indianergefecht einen Schuß durch
die Hand bekommen hatte, wofür er jeden Monat eine Pension bezog. Wie es
sich mit seinen eigentlichen Geschäften verhielt, wurde nicht recht
klar, indem er erklärte, die Verhältnisse seien drüben anders, und sein
Geschäftszweig, der eine Art Vertretung auswärtiger Häuser sei, könne
nur Jemandem erklärt werden, der wie er in der Welt herumgekommen sei
und nicht immer zu Hause gesessen habe.

Dieser Mann lernte des Pfarrers Schwester, die Friederike hieß, bei
einem winterlichen Tanzvergnügen in der kleinen Stadt kennen und faßte
gleich eine heftige Zuneigung zu dem Mädchen; und da er selbst auch
etwas ganz Absonderliches war, und vornehmlich weil er einen bösen Ruf
hatte, so erwiderte diese die Zuneigung in kurzer Zeit und ohne daß er
viele Mühe aufwenden mußte. Dem guten Pastor wurde wohl hinterbracht,
daß die Zwei Heimlichkeiten miteinander hatten; aber der lachte bloß und
sagte, die Friederike sei ein Kind, und er kenne sie besser wie alle
andern. Indessen ließ den Amerikaner sein böses Blut nichts auf
ordentlichem Wege betreiben, und deshalb ging er nicht zum Bruder, wie
es sich gehörte, ihm seine Pläne und Verhältnisse mitzuteilen, sondern
er beredete die kleine Friederike, daß sie mit ihm heimlich entfloh, bis
sie beide nach Hamburg kamen; und wie sie inzwischen Besinnung erlangte,
so schrieb sie von da einen traurigen Brief an den Pastor, bat ihn um
Verzeihung für das Leid, das sie ihm zugefügt, und gab als einzige
Entschuldigung an, wie er ihr die Flucht vorgeschlagen habe, da sei es
ihr gewesen, als ob sie ihm folgen müsse, und über nichts habe sie mehr
nachdenken können, was solche Flucht denn bedeute und nach sich ziehe.
Der gute Bruder reiste gleich und traf die beiden auch in der großen
Stadt, wie sie auf ihr Schiff warteten. Da hatte er mit dem Amerikaner
eine Unterredung, wie es nun mit ihm und Friederike werden solle; und
zeigte sich, daß der Mensch gar nichts hatte, wovon er selbst und seine
künftige Frau leben konnten, denn er war als ein Habenichts auf dem
Zwischendeck nach Deutschland zurückgekommen, und jetzt lebte er von
dem, was er von seiner Mutter mitgenommen, die ihm hatte sein geringes
Erbteil auszahlen müssen. Er entschuldigte sich aber, indem er sagte,
nachdem ihn das Schicksal als einen armen Menschen in die Welt geworfen,
dürfte ihm doch niemand Vorwürfe machen, wenn er wenigstens Liebe
begehre, auf die doch jeder Mensch Anspruch habe. Dem frommen und
treuherzigen Pastor war es recht schwer, sich in die Geistesverfassung
des andern hineinzudenken, indessen er fand, daß er selbstsüchtig sei;
wie er aber das Friederike sagte und sie mit Tränen in den Augen bat,
sie solle mit ihm zurückkehren, wurde die gekränkt über den geringen
Vorwurf, den er dem Amerikaner machte, und sagte, wenn ihr Liebster arm
und unglücklich sei, so sei ihr Platz erst recht an seiner Seite, und
sie wolle ihm schon helfen und ihn fördern. Dergestalt erreichte der
treue Bruder nichts, außer daß er sie wenigstens noch vor ihrer Abreise
nach Amerika trauen durfte, nachdem sie sich vor dem Standesamt
zusammengetan hatten.

Es verging nur eine ganz geringe Zeit, da kam aus Amerika ein
schmerzensreicher Brief von der armen Friederike, und machte sich der
Pastor wieder auf, fuhr selbst über das Wasser und holte sein
Schwesterchen nach Hause, denn jetzt folgte sie ihm willig. Sie sah
krank aus, wie sie kam, mit hohlen Backen und ungesund glänzenden Augen;
die Haare trug sie kurz, denn ihre schönen Zöpfe hatte ihr der schlechte
Mensch abgeschnitten und verkauft. Bald gab sie einem Kinde das Leben,
einem gesunden und starken Jungen, der gleich recht unbändig schrie;
aber von dem Kinde erholte sie sich nicht wieder, und nach einigen
Monaten starb sie in gänzlicher Erschöpfung aller Lebenskräfte; wie sie
im Letzten lag, rief sie in Liebe und Sehnsucht immer nach ihrem bösen
Mann und bat, er solle ihr verzeihen, sie habe ihn lieb gehabt. Den
Jungen behielt der Pastor und zog ihn auf, in Liebe nach Spuren von
seiner Mutter Wesen in ihm suchend, und in Furcht, daß seines Vaters Art
auf ihn vererbt sein könne. Dieser Junge war Karl Gleichen, der mit Hans
zusammen in des Pastors Studierstube saß und die Anfänge des Lateins
lernte.

Karl Gleichen wird den Hans Werther eine lange Weile begleiten, deshalb
ist so ausführlich über seine Eltern geredet; denn aus deren Schuld und
Art entstand sein Wesen, das in allem anders war wie Hansens Wesen. Karl
war ein anmutiges und liebenswürdiges Kind, jeder Güte zugänglich und
leicht nachgebend bei scharfem Zureden, offenherzig und gutmütig, und
gern hätte er Allen geschenkt; sein Verstand faßte leicht auf und
behielt schnell, und ohne Mühe zog er Schlüsse: jeder hatte ihn lieb und
war gütig gegen ihn, weil er ein so begabtes, gut geartetes und sonniges
Kind schien; aber er war erzeugt durch Schwäche und Selbstsucht, und ein
ernster Mann hätte in seinen Vorzügen vielmehr Fehler gesehen. Seine
Güte entsprang nicht aus einer Stärke, sondern aus einer Kraftlosigkeit,
weil er sich nicht wehren konnte gegen den Einfluß fremden Willens und
schnell gerührt wurde und mitlitt; seine leichte Auffassung entstand
dadurch, daß in ihm selbst nichts Eigenes und Starkes war, das sich
gegen die fremden Gedanken wehrte, sondern leicht hielten diese fremden
Gedanken bei ihm ihren Einzug, nahmen Besitz von den Kammern seines
Verstandes und zeugten hier Kinder; zwar blieben sie immer nur Fremde,
und wenn eine neue Einwanderung kam, so mußten sie bald weichen. So
geschah es, daß er selbst Auswendiggelerntes nach längerer Zeit, wenn er
es nicht gebraucht, plötzlich spurlos verloren hatte, als habe er es nie
gehabt. Seine Offenheit hatte denselben Grund, denn weil nichts Eigenes
und Unbewegliches in ihm war, so entwickelte sich nicht die Scham des
Gedankens, die oft scheinbar törichte Äußerungen von sich gibt, aber
auch bei der größten Torheit immer Eignes und Starkes anzeigt. Solche
Menschen sind dann leicht anmutig, weil sie so ohne Zwang und Not im
Innern leben, und liebenswürdig sind sie, weil sie sich einem
freundlichen Entgegenkommen sogleich öffnen. Auf solcher Schwäche ruhen
aber zuletzt die Selbstsucht wie die Eitelkeit, denn weil die nötige
Kraft nicht genügend vorhanden ist, muß ein solcher Mensch mit seinem
Wollen haushalten, um nur bestehen zu können; während dagegen ein
starker Mensch überflüssige Kraft hat und daher selbstlos ist, indem er
in Stolz und Freude von seiner Kraft andern mitteilt, mag er in äußeren
Dingen dem Oberflächlichen auch karg scheinen, weil er keine leichte
Hand hat. Aber Liebe bei den Menschen haben mehr die Kinder vom Schlage
Karls; Hans war verschlossen, unliebenswürdig, ängstlich im Verkehr,
hart, hielt seine Sachen fest und spendete nicht, lernte schwer und zog
schwer Schlüsse aus dem Gelernten, und außer seiner Eltern befolgte er
niemandes Ermahnungen.

In des Pastors Studierstube saßen die beiden Jungen. Hans übersetzte,
mit oft stockender Stimme und in großer Anstrengung, die Stirn finster
faltend; Karl dachte träumend an Hansens Kaninchen und bedachte bei
sich, ob der Oheim ihm wohl erlauben werde, daß er sich auch ein Pärchen
halte; denn wenn er nur die erste kleine Erlaubnis hatte, so wollte er
wohl mit der Zeit noch mehr bekommen und einen Stall haben, der viel
schöner wäre wie Hansens.

An den Wänden herum standen auf den Gestellen viele alte Bücher, denn
der Pastor war ein Freund ehrwürdiger Folianten in Schweinsleder und
Pergament; da waren des teuren Gottesmannes Luther sämtliche deutsche
Bücher in acht Foliobänden, des Tabernämontani Kräuterbuch und Gesneri
Tierbuch; daneben Spangenbergs Adelsspiegel und Mansfeldische Chronika,
und noch manche andre alte Chronik. Das war ihm eine Freude, wenn er dem
kleinen Hans diese Bücher zeigte; langsam holte er den Band aus dem
Börd, strich liebkosend über den gepreßten Pergamentdeckel, auf dem etwa
ein sächsischer Kurfürst oder eine menschliche Tugend abkonterfeit war;
dann öffnete er die Schließen und schlug den Band auf vor Hans, dem das
Herz klopfte. Oft wunderte er sich, woher der Junge diese Freude an
Büchern geerbt habe, denn der stammte von Förstern und Bergleuten ab und
nicht wie er, der Pastor, von einer langen Reihe von Gelehrten und
Dienern des Wortes; war doch in den Lutherschriften vorn eine Eintragung
eines Vorfahren, der auch Pfarrer gewesen, und hatte diese Schriften
gekauft und binden lassen, und kam ihn der Band auf einen Karolin zu
stehen nach damaliger Münze, was für einen armen Pfarrherrn mag eine
stattliche Ausgabe gewesen sein. Dafür aber hatten so viel Jahrhunderte
diese Bücher in den Studierstübchen der Nachkommen gestanden und hatten
viele geistliche Moden erlebt, Bärte und Perücken und rasiertes Gesicht
und eignes Haar; und die letzten Pfarrherren waren alle starke Raucher
gewesen, davon die Bücher endlich ganz mit Tabakrauch durchdrungen
waren, also daß er einem in die Augen biß, wenn man sie aufschlug.

Noch andre Freuden hatte der Pastor, die er mit Hansen teilte, weil der
so nachdenklich war. In einem Glasschrank stand ihm ein Straußenei und
eine Kokosnuß und viele fremde Muscheln; dazu Pfeile von wilden Völkern,
ein großer Bergkristall und die Fingernägel eines vornehmen Herrn in
Siam; denn die adeligen Siamesen beschneiden ihre Nägel nicht, aus
Stolz, sondern lassen sie lang wachsen, daß sie wohl fünf Zoll erreichen
und mehr und sich wunderlich krümmen. Zu Winterzeiten hielt der Pastor
allwöchentlich eine Missionsstunde ab, in welcher er vieles erzählte von
dem Leben der Wilden, daß die nackt herumlaufen, wie sie Gott geschaffen
hat, und sich gegenseitig verzehren und Götzen anbeten, die sie selbst
gemacht aus Stein oder Holz; so elend ist der natürliche Mensch. Da
zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum, das Straußenei und die
Kokosnuß, die Pfeile und die grausamen Fingernägel aus Siam; und war um
diese Missionsstunden eine große Liebe für die armen Heiden in der
Gemeinde, und viel wurde geopfert. An Hans hatte der Pastor eine große
Freude, daß er so offenen Herzens war für alle solche Kenntnis, und
deshalb erzählte er ihm vieles, was ihm auf dem Herzen lag. Er erinnerte
ihn aber ganz an seinen Vater, den Förster. Der war zu ihm gekommen, wie
er selbst Student war, als ein armer Junge, der eine Waise war und schon
in den Wald gehen mußte auf Arbeit, um das Brot für sich und seine
Mutter zu verdienen; denn das Gnadengeld, das die Mutter bekam für ihren
toten Mann, betrug nur zehn Silbergroschen die Woche, und das reichte
nicht aus für die beiden; hatte also den Studenten gebeten, er möge ihm
Stunden geben in der Mathematik, des Abends, wenn er aus dem Wald nach
Hause käme, weil er nicht Arbeiter bleiben wollte, sondern wollte einmal
Förster werden, und gestand, daß er nur einen halben Groschen zahlen
könne für die Stunde. So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr
in der Dunkelheit und hatte sich in des Studenten Dachstübchen an den
Tisch gesetzt und gelernt. Aber weil es warm war in dem Studierstübchen,
und er hatte den Tag über fleißig gearbeitet in der Kälte, so wurde er
müde, und die Augen fielen ihm zu wider Willen, mitten während eines
Beweises. Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit dem armen Jungen,
hatte ihn schlafen lassen und derweilen, eine lange Pfeife rauchend, in
Bengels Gnomon studiert, bis der wieder aufwachte, sich besann und
weiterhin aufmerksam folgte, wie sein Meister lehrte. So lange war das
nun her, und jetzt wollte der Sohn dieses armen Jungen selbst einmal
Student werden und später ein Prediger, und das geschah darum, weil der
Junge von damals so fleißig und treu gewesen war. Auch für des Pastors
Blumen hatte Hans viel Liebe und Staunen. Vornehmlich an Topfpflanzen
hatte sich der Pastor gefreut, wenig am Garten, als ein rechter
Stubenhocker, der den lieben Sonnenschein so recht genoß durch die
kleinen Scheiben seiner blumenbestandenen Fenster und zu Winterszeiten
im warmen Schlafrock sein geheiztes Stübchen liebhatte.

Da standen merkwürdige Pflanzen, besonders viele Kaktuspflanzen; dabei
war auch eine Königin der Nacht, die nur einmal im Jahr blühte, und dann
nur eine Nacht. Wenn diese Nacht war, so lud der Pastor den Förster, den
Lehrer und den Amtmann zu sich ein, die Frau Pastorin setzte Wein und
Torte vor, und dann wurde abgewartet, wie sich die Blume öffnete. Eine
ganz sonderbare Geschichte erzählte der Pastor von einer andern Pflanze,
die er »japanische Rose« nannte. In früheren Jahren hatte er einen
solchen Topf von einem Amtsbruder geschenkt bekommen, der zwei Stücke
besaß, die er selbst aus Stecklingen großgezogen. Lange Jahre wuchs,
grünte und blühte das Gewächs; aber mit einem Male fing es an zu
kränkeln, nahm ab und ging endlich ein; und zu der gleichen Zeit starb
der Amtsbruder, von dem der Pastor den Topf erhalten. Diese Geschichte
durfte Hans nicht weitererzählen wegen der menschlichen Schwachheit,
weil Manche in der Gemeinde sich noch mit abergläubischen Gedanken
trugen.

Der Pastor war ein Letzter einer langen Reihe, und weil er mit seiner
Frau keine Kinder hatte, so schien es, als wolle die Natur nicht, daß er
seine Art fortführte. Was so viele Generationen seit Jahrhunderten in
innerlicher Arbeit erstrebt hatten, das war in ihm ein wirkliches Bild
geworden; er wußte nichts von Schlechtigkeit oder bösem Wesen, und kam
ihm etwas Schlimmes nahe in seiner Gemeinde, so machte er ein
erschrecktes und betrübtes Gesicht, und dann lächelte er ungläubig, und
seine Mienen zeigten an, daß er vor einem Fremden und Unverständlichen
stand und keinen Rat wußte; bald aber fand er sich wieder und meinte,
ein Irrtum sei das und eine falsche Auslegung der Wirklichkeit. Zwar, er
predigte von der Erbsünde und von der natürlichen Bosheit des
Menschengeschlechtes; aber in seinem Herzen wußte er nichts von diesen
Lehren, er sprach da nur Worte, die er nicht verstanden. Mitten unter
einer harten Bevölkerung lebte er, unter kleinen Bauern und
Holzarbeitern, die wohl tüchtige und ordentliche Leute waren, unter
denen keine Liederlichkeit oder Faulheit vorkam; aber ihr Leben floh hin
bei dürrer Berechnung von Besitz und Erwerb, bei zähem Halten am kleinen
Vorteil, der nicht ohne geringe Betrügereien war, wie sie bei solchen
Leuten als ordnungsmäßig betrachtet werden. Die fanden bald heraus, daß
der Pastor vom wirklichen Leben nichts wußte und keine Ahnung hatte von
dem, was in ihnen vorging; deshalb hielten sie ihn für dumm, oder wie
sie sich das vorstellten, für »überstudiert«; und in dem sie nun mit
allem, was sie unmittelbar anging, sich fern von ihm hielten, vermehrten
sie noch seine Täuschung über die Wirklichkeit, die ihn umgab.

Aber auch in der Seele solcher Menschen, die ganz beschränkt auf
Irdisches und Bürgerliches sind, gibt es doch ein höheres Leben. Zwar
gewinnt es scheinbar keinen Einfluß, denn es wird rasch bedeckt durch
das Überwuchern des Wirtschaftlichen; aber vielleicht ist das ganz gut
so, und wenn es anders wäre, würden solche Menschen Schwätzer und
scheinheilige Salbader. Deshalb hatte der Pastor doch eine große und
segensreiche Bedeutung für seine Gemeinde; sie wußten alle, daß er nicht
an sich dachte und das Evangelium vom Rock erfüllt hatte; ja es gab
sogar eine Geschichte über ihn von einem Paar neuer Stiefel und einem
wandernden Handwerksgesellen; sie wußten, daß hier keine Lüge, keine
Gier, kein Betrug war, keine Habsucht und kein unlauteres Wesen, sondern
ein reines und frommes Herz und ein klarer und guter Sinn; und in dem
bedrängten und beladenen Leben, das sie führen mußten, bei harter Arbeit
und schweren Sorgen um das tägliche Brot und Kämpfen um die Ehrbarkeit
des Wandels hatten sie an dem Pastor ein Bild wie das eines glücklichen
und frohen Engels, der auf Erden wohnt, nichts weiß von Sünde und Schuld
und Sorge und mit dem Finger zum Himmel weist, als zu einem freien und
leichten Leben, das als Ziel uns allen vorschweben sollte. Und was
bedeutet das für einen beladenen Menschen, der mühselig dahin geht, den
Blick auf die Erde gerichtet! Aber es ist gut für uns, daß solche
Menschen selten sind.

In ihrer Art ebenso merkwürdig wie der Mann war die Frau Pfarrerin.

Sie war frühzeitig Waise geworden und hatte von ihren Eltern ein
ziemliches Vermögen geerbt; ihres jetzigen Mannes Vater, der alte
Pastor, der ein entfernter Verwandter war, wurde ihr als Vormund
bestellt und nahm sie zu sich ins Haus, sie mit seinen Kindern zusammen
zu erziehen.

Schon als kleines Mädchen faßte sie eine Neigung zu dem ernsten
Ältesten, weil er ein liebes und gutes Wesen hatte und in vielen kleinen
Dingen besorgt werden mußte wegen seiner Zerstreutheit. Das hatte ihm
eine Schwester einmal gesagt, da war er rot geworden und schämte sich,
denn er dachte, sie wolle ihn hänseln. So behielt sie ihre stille
Neigung, wie er von Hause fortkam auf die Schule, und wie er erwachsener
wurde und auf die Universität ging; aber weil sie eine herbe und
verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit, so verspürte niemand
etwas von dem, was sie heimlich bei sich dachte. Und auch der Student
seinerseits, der durch seine Jahre selbstbewußter geworden war, wie er
als Junge gewesen, dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung, nur hatte
er noch so viel Schüchternheit, daß er ihre Begegnung mied, und spann
sich noch mehr in seiner tabaksqualmigen Dachstube ein, wie er es sonst
getan hätte ohne seine liebende Gesinnung.

Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte, daß er in wenigen
Jahren eine Pfarre bekommen werde, da dachte er wohl, daß er nun wagen
dürfe, mit ihr zu sprechen über das, was er im Herzen hatte. So geschah
es, daß er einst an einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr
durch die Felder ging, und auf beiden Seiten stand der hohe Roggen,
untermischt mit Kornblumen und roten Kornrosen. Und wiewohl er ihr nur
ganz alltägliche Dinge erzählte aus Scheu, so spürte sie doch durch ein
geheimes Überfließen seines Herzens, was er sagen wolle; aber da
überfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige Scham,
und das spürte er sofort, und zwar hatte er in seinem Herzen eine
Bewegung, die das richtig deutete, und er hatte Lust, sie in seinen Arm
zu nehmen und an die Brust zu drücken, aber da überkam ihn aus einem
andern Winkel seiner Seele plötzlich ein lähmendes Mißtrauen und eine
Furcht, so daß sich alle Gefühle in ihm zurückzogen als erschreckt und
ihm ganz starr wurde im Herzen.

So redete er mit stockender Aussprache weiter, was er Gleichgültiges
angefangen, und ging neben ihr her; und ihre bebende Hand streifte
einmal über das hohe Korn; da sah er, daß ihre Hand bebte, und es begann
wieder lebendig zu werden in ihm; aber die Erstarrung war bei dem feinen
Menschen zu groß, er wurde ihrer doch nicht wieder Herr, und so blieben
die Worte ungesprochen zwischen den beiden, nach denen ihrer Beider
Herzen sich sehnten, und sie gingen stumm nach Hause.

Da war aber eine Schicksalsstunde versäumt, die in langen Jahren nicht
wiederkam. Sie dachte, daß sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefühl,
daß er zu ihr neige, und er habe überhaupt keine wärmere Liebe für sie,
nur für die andern; und er meinte traurig, für sie, die große, feste und
herbe Jungfrau mit den geschlossenen Lippen sei er zu gering, und sie
könne ihn nicht lieb haben, sondern müsse ihre Liebe auf einen andern
richten. Ohne Eifer dachte er das und mit tiefer Trauer.

So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen, bis jenes Unglück
über ihn kam mit seiner Schwester. Wie er von Hamburg zurückkehrte, da
trieb es ihn, daß er zu ihr gehen mußte, die schon längst für sich
gezogen war und allein hauste; sie waren aber nun beide Menschen weit
über die vierzig; da erzählte er ihr alles, davon er doch manches gar
nicht recht verstand, weder die blinde Leidenschaft der Schwäche seiner
kleinen Schwester, noch die rohe Habgier der Schlechtigkeit bei dem
Manne. Und wie er geendet und sie anblickte, ohne Rat und Trost, da sah
er, daß in ihren Augen Tränen standen, die sie vergeblich zurückhalten
wollte. »Weinst du über sie?« fragte er. »Nein, über dich!« rief sie in
Selbstvergessenheit. Da vergaß auch er alles und fragte, als ob er
träume, und lächelte dabei wie ein Kind: »Hast du mich denn lieb?« Aber
eine Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben, sondern sie kamen
zusammen mit ihren Herzen, und ihr Gesicht, das sonst unbeweglich und
fest war, lag an seiner Brust und wurde von vielen Tränen überströmt.

So hatten sich die beiden gefunden, nachdem sie des Lebens Höhe schon
überschritten und sich seit frühen Jahren nacheinander gesehnt; und als
sie sich dann heirateten, da war es, als ob alles Glück, das für sie
bestimmt gewesen und nicht verbraucht war in den langen Jahren, als ob
das sich angesammelt habe und nun um sie sei, und verging kaum ein Tag,
daß sie nicht darüber staunten, wie glücklich sie waren, und machten
sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in ihrem Leben, und freuten
sich über sich selbst.

Und das war sonderbar, daß, wer die beiden allein sah, hätte gemeint,
diese ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund müsse dem kindlichen
Mann überlegen sein, auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken
zu lesen waren, die ihn bewegten; und sie konnte auch nicht gut mit
Kindern umgehen, während dem Mann alle Kinder anhingen und ganz mit ihm
sprachen wie mit ihresgleichen, welches der stärkste Ausdruck kindlicher
Zuneigung ist. Wenn aber die beiden zusammenstanden, dann kam niemand
mehr auf den Gedanken, der Mann könne schwächer sein wie die Frau,
sondern das natürliche Verhältnis von Mann und Weib war offenkundig
vorhanden, obwohl sie in vielen Dingen für ihn sorgte, daß er hätte ganz
unselbständig scheinen müssen; so schnitt sie ihm bei Tisch das Fleisch
vor.

Das Pfarrhaus hat für die Leute auf dem Lande etwas Festtägliches, durch
die Ruhe, die wenigen Menschen in den vielen Räumen, die blitzenden
Fensterscheiben mit den weißen Gardinen dahinter, die sandbestreute
Diele und die frommen Sprüche, die im Flur angebracht sind. Und die
beiden Leute waren festtägliche Leute dazu, das empfanden die Arbeiter
und Bauern; und noch mehr empfand es der kleine Hans. Wenn sich die
Haustür in der Pfarre hinter ihm geschlossen hatte und die Klingel lange
nachschellte und er auf den Zehenspitzen über die Diele ging mit dem
knirschenden Sand, der ein so lautes Geräusch zu machen schien, so
schlug ihm jedesmal das Herz; und in Freude verwandelte sich die
Ehrfurcht erst dann, wenn er dem freundlichen Pastor die Hand gab. Was
sollen wir viel erfahren von dem, was äußerlich vorging in diesen
Jahren? Auf Hans wirkte das Wesen der Alten, und das Wesen Karls hatte
Einfluß auf ihn, zu den Wirkungen und Einflüssen, die er zu Hause hatte
und im Wald; ganz wenig wirkten auf ihn die Jungen in der Schule und die
Schule überhaupt, obwohl die einen großen Raum in seinen Erlebnissen
einnahm; aber was er hier hatte, war nur ein Kennenlernen der Dinge, die
ein Mensch gebraucht zu seinem äußeren Leben; diese aber sind für unsere
Absichten gleichgültig.

                   *       *       *       *       *

Wie Hans in sein zwölftes Jahr kam, mußte er des Pastors Unterricht
verlassen und in die Stadt gehen, das Gymnasium zu besuchen; mit ihm
ging Karl Gleichen.

Hans wurde auf den Löwenhof gebracht, zu einem Ackerbürger, namens Löwe.
Hier bekam er ein Dachkämmerchen mit einem Bett zum Schlafen, den Tag
über mußte er sich in der Wohnstube der Leute aufhalten, an deren Tisch
aß er auch; nur die Woche über war er hier. Sonnabends, wenn die Schule
beendet war, pilgerte er durch das alte Stadttor hinaus, durch die
Felder hinauf in den Wald nach Hause, und Montag früh ging er wieder
zurück in die Stadt. Seine Mutter hatte abgemacht, daß sie für die Woche
einen Taler bezahlen wollte an die Wirtsleute, den trug er Montags in
der Tasche bei sich.

Diese Löwes waren alteingesessene Leute, deren Voreltern fleißig und
sparsam gewirtschaftet hatten, bei ihnen aber ging alles auf, und es war
wohl zu sehen, daß sie ihrer einzigen Tochter einst nichts hinterlassen
würden. Das geschah aber so, daß sie nicht eigentlich liederlich waren,
auch nicht wirklich verpraßten; nur war der Mann von langsamer Art und
ein Schläfer, und die Frau, wiewohl flink und gewandt, liebte sehr das
Essen, mehr aus Liebe zur Kochkunst wie aus Leckerei, denn es freute sie
am meisten, wenn es andern schmeckte. Sonst aber waren sie ordentliche
und gute Leute.

Um vier Uhr des Morgens weckte die Frau den Mann; der öffnete dann die
Kammerfenster und rief die Knechte und die Magd wach; darauf sagte er,
daß er erst wieder warm werden wolle und ging ins Bett zurück, aus dem
er dann nicht vor sieben Uhr aufstand. Da pflügten die beiden Knechte
schon lange auf dem Acker, und die Magd hatte längst gemolken; wenn aber
des Herrn Auge nicht wacht, so geht der Pflug nicht tief und wird das
Euter nicht leer, und vieles wird vertan und verworfen in der
Wirtschaft. Die Frau ging in die Küche und sagte, sie fühle sich so
schlecht im Magen, ihr sei, als müsse sie etwas Besonderes genießen; und
so briet sie schon am frühen Morgen sich allerhand Leckerbißlein, davon
sie auch, als eine kleine Person, dick und rund wurde, indessen der Mann
mit dem verschlafenen Gesicht mager und lang war.

Wohl sahen sie selbst ein, daß sie auf diese Weise immer mehr
zurückkamen, und namentlich an den Quartalsterminen wurde ihnen das
klar. Aber sie vermochten nichts an ihrem Leben zu ändern; wenigstens
muß man rühmen, daß sie sich nicht gegenseitig Vorwürfe machten. Nur
heimlich klagten sie wohl einem andern ihr Leid, und zu solchem
Vertrauen erwählten sie sich ihren Kostgänger Hans. So rief ihn etwa die
Frau in die Küche, briet eine schmackhafte Gänseleber, schob ihm die zu
und sprach: »Iß, sie ist mit ungesalzener Butter gebraten«, und erzählte
dann von ihrem Leben, daß sie viele Anbeter gehabt habe, die sie zur
Frau gewollt hätten, aber sie habe nun zu ihrem Unglück diesen Mann
genommen; der sei zwar gut zu ihr und trinke auch nicht, aber er sei
träge und schlafe zu viel, und sie könne allein das Wesen nicht halten,
so viel Mühe sie sich auch gebe; dazwischen erzählte sie, daß sie in die
Nudeln, mit denen die Gans gestopft wird, buchene Asche nehme, rühmte
auch wohl die gebratenen Kartoffeln und erzählte, von welchem Landstück
man die Kartoffeln zum Braten nehmen müsse, und von welchem sie als
Salzkartoffeln oder in der Schale am besten schmeckten; und am Ende
weinte sie in die blaue Schürze und sagte, wenn sie noch einmal heiraten
sollte, was ja Gott verhüten möge, denn ihr Mann sei ja gesund und wohl,
aber unmöglich sei doch nichts, so werde sie sich besser in acht nehmen.
Und der Mann rief den Hans zu sich, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund,
tippte ihm damit auf die Brust und erzählte, was er für ein Kerl gewesen
sei in seinen jungen Jahren, und was er für Mädchen hätte heiraten
können, lobte dann seine Frau, daß sie ja gut sei und auch flink, aber
sie sei zu sehr auf das Essen und Trinken, und darüber gehe das Haus
zugrunde. Aber, meinte er, man könne ja nicht wissen, wenn seine Frau
einmal sterben sollte, so werde er sich in seiner zweiten Ehe ganz
besonders vorsehen; und so waren beide schon recht in die Jahre gekommen
und meinten doch, nach unbedachter Leute Art, daß sie ihr Leben immer
noch vor sich hätten und es nach ihrem Gefallen lenken könnten.

Die Tochter der beiden war wenige Jahre älter wie Hans, gutmütig und
still, und hatte der beiden Eltern Eigenschaften in sich vereinigt,
schlief viel und aß gern und war in ihren jungen Jahren auch schon artig
aufgegangen zu einem kugelrunden und zufriedenen Fräulein.

Hans aber hatte es gut in der Familie und wurde rechtschaffen gefüttert
für seinen Taler.

In der Schule war ihm das Einleben recht schwer. Da bestand eine
allgemeine Verschwörung gegen die Lehrer: alle Schüler hielten zusammen,
logen sich gegenüber dem Lehrer heraus, betrogen diese auch,
untereinander aber logen und betrogen sie nicht. Hätte einer sich dieser
Ordnung nicht gefügt, so hätten sie ihn alle verachtet.

Karl fügte sich sehr schnell in die Verhältnisse, sah in seines Nachbars
Hefte und hatte beim Abfragen ein Buch unter der Bank liegen; und wie
der Lehrer einmal eine Aussage von ihm wollte, log er mit offener und
heiterer Miene. Hansen war es nicht möglich, sich so zu geben,
gleichwohl aber sah er wohl ein, daß er nicht gegen die andern auftreten
konnte, und so stritten das alte Pflichtbewußtsein und das neue, das er
hier bekam, eine lange Zeit in ihm miteinander, bis er endlich einen
Ausweg fand, indem er selbst zwar keine Betrügereien mitmachte, aber
willig seine Hefte und Bücher hergab, wenn die andern sie benutzen
wollten. Als einmal sein Nachbar beinahe ertappt wurde und der Lehrer
ihn befragte, wurde er sehr rot und verlegen und sagte ängstlich, er
wisse von nichts.

Die Lehrer hatten allerhand Spitznamen, mit denen die Schüler sie unter
sich nannten; allmählich gewöhnte er sich auch daran, sie so zu nennen,
immer aber behielt er dabei noch eine gewisse Scheu und Unbehaglichkeit.

Zwar nahmen die Schüler im ganzen und großen seine Art ruhig hin ohne
besonderes Nachdenken, einmal aber kamen sie doch auf den Gedanken, sie
möchten ihn hänseln, weil er anders war wie sie, und fiel ihnen ein, sie
wollten ihn auf den Klassenschrank setzen. Da wich er erst zurück und
zog seine Arme fort, an denen sie ihn anfassen wollten, aber wie sie ihn
endlich umringt hatten, und weil er sich aus Verlegenheit nur
ungeschickt und schwach wehrte, da hoben sie ihn bald unter lautem
Geschrei auf den bestimmten Thron. Wie er da saß, standen ihm vor Kummer
die Tränen in den Augen, aber wie er auch Karl unter der Schar seiner
Peiniger erblickte, da faßte ihn ein heftiger Gram, und es überkam ihn
eine besinnungslose Wut, und er ergriff eine zusammengerollte Landkarte
mit Stäben, die da oben lag, und hieb unbarmherzig mit aller Kraft auf
die Köpfe unter ihm ein. Die Jungen schrien auf, und der Schwarm
wickelte sich schnell auseinander, er aber sprang mit seiner Waffe vom
Schrank herunter und verfolgte die andern, die vor ihm flohen, bis sie
zuletzt alle zur Tür hinausliefen und diese von außen zuhielten, damit
er ihnen nicht nachkommen solle, denn sie waren in heftige Furcht
gekommen. Nach diesem Vorkommnis ließen sie ihn in Ruhe, ohne sich
übrigens besondere Gedanken über den Grund zu machen; er aber überlegte
sich das Ganze reiflich und kam zu dem Schluß, daß einer, wenn er sich
nicht fürchtet, gar keine Gefahr läuft und wohl dreißig in die Flucht
schlagen kann.

Fünf Jahre mußte er auf dem Gymnasium verbringen, das waren die fünf
schlimmsten Jahre seines Lebens. Damals fühlte er wohl den Druck und
hatte das unbestimmte Gefühl, als sei er Gefangener in einem Zuchthaus,
aber weil alle um ihn herum in derselben Weise lebten und dieses Leben
ganz natürlich und angenehm fanden, so kam ihm sein Unglück nicht zum
Bewußtsein, und er litt nur dumpf. So hatte er es später leichter, wie
er schwere Zeiten durchmachte, in Gewissenskämpfen und Sorge um das
tägliche Brot, denn da fühlte er sich innerlich doch immer froh, wenn er
dachte, daß das alles, was man als das Schlimmste hinstellt, doch nicht
so schlimm war wie dieses Leben in der Schule, das damals allen
natürlich und angenehm erschien, wenn auch alle litten gleich ihm.

Vieles wurde gelehrt, was ein jugendliches Herz wohl hätte begeistern
können; aber was die Lehrer sagten, und was gelernt werden mußte, war
gleichgültig und eine gemeine Arbeit ohne Sinn, wie sie ein Holzarbeiter
verrichten mag, der denkt: am Sonnabend habe ich meinen Lohn verdient;
und einen andern Sinn hat seine Arbeit nicht für ihn. So war auch in der
Schule alles Arbeiten nur aus dem Zwecke zu verstehen, daß man solche
Dinge wissen mußte, wenn man das Examen bestehen wollte; das mußte man
aber bestehen, sonst durfte man nicht studieren; deshalb freuten sich
auch alle auf die Universität, denn sie hofften, daß sie da das
Zweckvolle und Sinnreiche sehen würden. Aber weil die Arbeit allen
zuwider war, und weil alle das gleiche wissen mußten, Kluge und Dumme,
so kam zu dem noch hinzu, daß die Dinge, die man wissen sollte, so lange
wiederholt wurden und breitgetreten, bis sie auch bei dem Dümmsten und
Gleichgültigsten festsaßen. Traurig und matt saßen die Jungen auf ihren
Bänken, sahen sehnsüchtig aus dem Fenster, wo die Schneeflocken
wirbelten und eine frische Kälte war, oder starrten auf die
tintenfleckigen und zerschnitzten Tische und die beschmierten Bücher,
indessen die gelangweilte Stimme des Lehrers schläfrig an ihr Ohr klang,
der nun schon seit Stunden eine einfache Konstruktion erklärte, die
jeder sofort verstanden hätte, wenn er nur Lust hätte bekommen können,
sie zu verstehen; den einen oder andern ermahnte der Lehrer, er solle
aufpassen und nicht träumen, und wenn er dann einen fragte, ob er jetzt
die Sache wiederholen könne, so zeigte sich der gänzlich verständnislos,
und die Erklärung mußte von neuem angefangen werden. So wurde an einem
einzigen Satz von Cicero eine ganze Stunde übersetzt.

Es ist zu sagen, daß diese Bildung der Schule weder unsern Hans noch
irgend einen andern Jungen gebildet hat, sondern nur die Bedeutung eines
Wissens von allerhand Dingen bekam, das zum Teil sehr schnell wieder
vergessen ward, und so erhielten alle diese Schüler ihre wahre Bildung
neben und außer der Schule, weshalb über diese sowohl wie über die
Lehrer hier weiter nichts zu sagen ist.

Kinder sehen die Dinge nahe, scharf und gewissermaßen in einer einzigen
Fläche; aber wenn ein Junge in die Zeit kommt, die man die Flegeljahre
nennt, so ändert sich unmerklich dieses Sehen, und damit werden auch die
Gefühle verändert, die er in sich hat; denn es legt sich ihm ein
Schleier über alles, daß die Umrisse verschwinden und die Dinge, die
früher allein standen, sich zu einem einheitlichen und untrennbaren Bild
zusammentun, und dieses Bild bekommt dann Tiefe, Vordergrund und
Hintergrund, seine Seele aber erfüllt sich nun mit einer unbestimmten
und undeutlichen Sehnsucht, welche die Bilder immer weiter in den
Hintergrund treibt, damit sie dort goldigere Farben annehmen und
duftigere Umrisse; er kriegt Erinnerung und Hoffnung, und der Gegenwart
vergißt er, und weil so vieles eine neue Bedeutsamkeit erlangt hat, die
er früher nicht geahnt, so geht ihm nun oft bei einer Kleinigkeit das
Herz auf als bei einem tiefsinnigen Symbol, dessen Bedeutung ihm nicht
in Begriffen beifällt, sondern nur in einem dunkeln Gefühl; und kommt
alles das rein und ungestört durch Äußeres aus dem Innern heraus, bei
dem einen so, bei dem andern so. Außerdem, während das Kind noch das
Gefühl hatte, daß alle andern Kinder, ja selbst die Tiere, ihm gleich
seien und deshalb noch keine Scham kannte, überfällt jetzt den Jungen
eine heftige Schamhaftigkeit, weil alles Neue nur ihm allein gehört, und
kann sich diese Schamhaftigkeit aber nicht äußern, wie es ihr
entsprechen würde, weil der Junge sie selbst nicht versteht, deshalb
kommt sie zutage als Trotz, Ungezogenheit und auch als Lüge; so nennt
unsre liebe keusche Muttersprache dieses Alter recht schön die
Flegeljahre.

Welche von den vielen Zügen, in denen sich diese Wandlung äußerte, soll
der Erzähler nun wohl herausheben? Es ist etwa zu erzählen, wie Hans an
einem Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt, wo
hinterm Ofen der Bauer im Halbschlaf träumt, und hat eine alte
Zigarettenschachtel, die er geschenkt bekommen, die klebt er an allen
Seiten sorgsam mit Kleister zu, daß kein Licht hinein kann, und träumt
in der Art wie einst, da er zu Hause unterm Tisch saß, wie heimlich es
wäre, ganz klein zu sein und in solcher verklebten Schachtel zu sitzen.
Wäre ein andrer in der Stube gewesen und nicht bloß der verschlafene
Wirt, so hätte er sich geschämt, solches Spiel zu treiben.

Durch Schule und Umgang werden derartige Neigungen auf bestimmte Wege
gelenkt, und so kam Hans darauf, sich eine Pflanzensammlung anzulegen.
Dazu hatte er den stärksten Trieb im Frühling, denn wenn der Rasen noch
überall vergilbt und schmutzig war, so erschienen die gelben Blumen des
Huflattich, die dann im Sommer die großen Blätter nachtreiben, darauf
kamen die Schneeglöckchen, und endlich begrünten sich die Wiesen, erst
an den feuchten Stellen, wo die Dotterblume ihre dicken Knospen aufbrach
und glänzende Blätter entrollte; und wie es überall grün war, da
beblümte sich die Wiese mit Marienblümchen, Veilchen, Männertreu,
Vergißmeinnicht, Hahnenfuß, Frauenmantel, Löwenzahn, Schaumkraut und
Storchenschnabel, in den Wäldern aber wuchsen die Zankblümchen,
Maiglöckchen und blauen Leberblumen. Das alles war so, daß das Herz weit
wurde, und schien, als könne diese Zeit nie aufhören und müsse die Wiese
immer weiter blühen, und der Fuchsschwanz sich heben und Sauerampfer
stehen und Kälberkropf sich breiten, und es werde niemals gemäht. Alle
diese Blumen kannte Hans schon früher, aber jetzt sagten sie ihm eine
Sehnsucht und eine Freude, die ihm bis dahin unbekannt gewesen, und
einmal, wie er ganz allein war, und niemand ringsum zu sehen inmitten
der blühenden Wiesen, da wagte er es, daß er aufjauchzte; aber der Ton
war ihm so sonderbar, daß er gleich wieder verstummte, aus Schrecken.

Aus dieser Zeit blieb ihm ein Erlebnis für sein ganzes Leben in der
Erinnerung, das äußerlich zwar nichtig schien: er war ausgegangen,
Pflanzen zu suchen und trat aus dem Wald und sah vor sich ein
Bauernhaus, bei dem ein großes, abgezäuntes Weidestück war; weil aber
der Frühling eben seine ersten Tage schickte, so lag noch in einem
schattigen Winkel etwas schmutziger Schnee, jedoch mitten durch das
Stück floß ein Wässerlein, eilfertig und geschäftig, wie diese
Wässerlein im frühen Frühling dahinplaudern, und an dessen Rändern war
das Gras schon grün und einige Büschel Narzissen standen da, in deren
einem eine Narzisse aufgeblüht war, diese Blume, die für den
Oberflächlichen kalt und leer scheint und in Wahrheit doch eine fast
unheimliche Leidenschaft in sich schließt. Wie Hans diese einsame Blume
sah, war es ihm, als bliebe vor einer sonderbaren Wonne sein Herz
stehen, und erst viel später, wie er schon erwachsen war, wußte er, daß
da damals ein heftiges Glücksgefühl gewesen, und verspürte einen
goldenen und sanften Abglanz davon auch nachher immer noch, wenn er in
seiner Sammlung die gepreßte Blume betrachtete. Mit geringerer Stärke
hatte er solche Gefühle auf andern Gängen, die er einsam machte und für
sich; so, wenn er am Waldrand dahinschritt, wo knorrige Wurzeln
vorragten und die Zweige sich weit überbogen, indessen das Korn ruhig
stand mit Mohn und Kornblumen, oder er wandelte einen schmalen Pfad
zwischen den Kornfeldern, und rechts und links streiften ihn die
schweren Ähren, die überhingen, und eine Lerche stieg schmetternd in die
Höhe aus der Mitte der unbewegten goldenen Frucht und wurde zu einem
kleinen Punkte oben im Blau, von dem es herabjubelte; ja selbst der
Strohduft in seines Vaters dämmernder Scheune vermochte eine Sehnsucht
und glückliche Freude zu erwecken. Der Grund bei allem diesem aber war
wohl, daß es ihm schien, weil seine Brust sich weitete, so fließe er
zusammen mit dem andern und gehöre zu ihm, so daß alles eins sei.

Nur ein dunkles und drohendes Gefühl stand auch in solchen Stunden immer
im Hintergrund, das sich an die Schule knüpfte; da waren unbekannte
Gedanken, daß er eigentlich arbeiten müsse, und daß er nicht seine
Pflicht erfülle, und daß er niemals das schwere Abiturientenexamen werde
bestehen können, denn trotzdem er unter den Ersten saß, war er sich doch
bewußt, daß er lange nicht wußte, was man wissen mußte; und allerhand
Vorwürfe machte er sich dann, wenn er an seinen Vater dachte, wie
fleißig der war und sich keine Freude gönnte, nur damit er selbst lernen
sollte. So schwer war diese Last, welche die Schule auf seine Seele
legte, daß er auch nach vielen, vielen Jahren sie noch spürte, wie er
schon längst erwachsen war und verheiratet und Kinder hatte.

In der Schule hörte er von Lehrern wie von Schülern etwas ganz anderes
über den lieben Gott, wie er bisher gehört. Die Religionsstunde hatten
die Jungen bei einem Lehrer, dem ein langer, blonder Bart gewachsen war,
und der oft einen kleinen, runden Taschenspiegel vorzog, den er auf den
Katheder legte und darin seinen Bart betrachtete; auch putzte er sich
die Nägel so sorgfältig, daß sie glänzten wie poliert, und wenn er sich
setzte, so zog er vorher mit zwei Fingern die Hosenbeine in die Höhe, um
sie zu schonen, weil sich die Knie sonst aus den Hosen herausarbeiten.
Die andern Lehrer sprachen gar nicht vom lieben Gott, sondern sie
redeten so von den Göttern der alten Griechen und Römer, daß es war, als
glaubten sie an die, was natürlich bloß so schien. Und die Jungen
dachten eigentlich gar nicht an Gott; das war so, daß er sich geschämt
hätte, vor ihnen den Namen Gottes zu gebrauchen, denn er hatte das
Gefühl, daß das nicht hierher paßte.

Mit Karl hatte er einmal ein Gespräch über diesen Punkt. Da sagte
dieser, heute glaubten überhaupt die meisten Menschen nicht mehr an
Gott, und die es doch täten, wären entweder Heuchler wie die Pfaffen,
oder sie seien Dumme. Wie Hans ihn fragte, was dann sein Onkel sein
sollte, verstummte er zuerst, und dann erklärte er, der sei »hinter
seiner Zeit zurückgeblieben«. Solche Meinungen schienen Hans ganz
schrecklich, und er hatte großes Mitleid mit Karl; der aber lachte und
sagte, er wolle ihm ein Buch borgen, in dem sei das alles ganz klar
bewiesen. Zuerst wollte Hans das Buch nicht lesen, dann aber meinte er,
daß er Karl vielleicht auf bessere Wege bringen könne, wenn er ihm
solchen Widersinn klar mache, wie in dem Buche geschrieben sein werde,
und deshalb studierte er es durch.

Da war nun aber plötzlich alles anders geworden. Karl hatte recht, in
dem Buch war ganz klar nachgewiesen, daß es keinen Gott gab und daß nur
die Schlechtigkeit der Menschen, insbesondere der Pfaffen, die von der
Dummheit der Menschen ihren Vorteil zögen, noch die falschen Ansichten
aufrecht erhielte. Gar nichts konnte man gegen die Beweise des Buches
vorbringen. Das fiel ihm nun schwer aufs Herz, denn erstlich sollte er
jetzt in einigen Wochen konfirmiert werden und mußte bekennen, daß er an
die christliche Lehre glaubte, und das konnte er nun nicht. Wie er Karl
fragte, was der tun werde, da konnte ihm der auch keinen Trost geben,
sondern meinte, das sei nur eine Formsache mit dem Glaubensbekenntnis
und man könne es nicht Lüge nennen, wenn einer dazu sein »ja« sage, denn
jeder wisse ja doch, was von diesen Dingen zu halten sei. Diese Meinung
schien Hans nicht richtig und er beschloß deshalb, einen Erwachsenen zu
fragen, wiewohl er eine große Scheu hatte, wie wenn er etwas Verbotenes
getan habe; aber weil es sein mußte, so überlegte er sich lange, wen er
angehen solle, seinen Vater oder den guten Pastor, und er entschloß sich
endlich, zu seinem Vater zu gehen. Der aber erwiderte ihm nichts auf
das, was ihn bekümmerte, sondern wurde nur ärgerlich und sprach, er
solle keine törichten Bücher lesen, sondern sich an seine Schulsachen
halten und die ordentlich betreiben, so werde sich alles Weitere später
schon von selber finden. Das war das erstemal, daß ihm auf eine Bitte
keine Gabe wurde von seinem Vater, wiewohl nur deshalb, weil der ihn
nicht verstanden, und von da an verschloß sich das Herz des Kindes vor
dem Erzeuger und kam viel Kummer und schwerer Kampf aus solcher
Entfremdung. So sehr aber hatte die Antwort ihn zurückgetrieben, daß er
nun noch weniger wagte, zu seinem alten guten Pastor zu gehen.

Wohl wußte er, daß der Satan derlei Anfechtungen schickt, daß wir nicht
glauben können, und daß wir dann siegen, wenn wir recht heftig zu Gott
beten und Gott die Hilfe abringen; aber er sah auch ein, wenn es nun
keinen Gott gab, so war ja auch diese Lehre eitel Torheit; und das
schien ihm so klar, daß es keinen Gott gab, daß kein Mensch mehr
zweifeln konnte, nachdem er das Buch gelesen; es hieß aber »Kraft und
Stoff«.

Und die Sorge um die Konfirmation war nur das Nächste. Weiterhin tat
sich ihm dann die Furcht auf, wenn er nun die Schule zu Ende besucht
hatte, so sollte er Theologie studieren nach dem Willen seiner Eltern;
das konnte er aber doch alsdann nicht, denn er wäre doch dann auch einer
von denen geworden, die das Volk betrügen und die Wahrheit verhehlen.
Auch über diesen Punkt urteilte Karl ganz leichtfertig, indem er meinte,
diese Sorge habe noch lange Weile, und vorerst brauche man sich um sie
nicht zu bekümmern.

Für einen jungen Menschen bedeutet der Glaube an Gott noch wenig; er hat
noch so viel andern Glauben an sich und an die Menschen und an die
Zukunft und an die ganze Welt, daß er jenen entbehren kann, ohne daß
etwas in ihm zusammenbricht. So empfand Hans seine Wandlung im Grunde
gar nicht tief, sondern nur als eine Beunruhigung für seine Ehrlichkeit;
erst in seinem späteren Ringen ging ihm wenigstens ein Teil der großen
Fragen auf, um die es sich hier handelt. Diese erste Anfechtung fand ihn
in der Gedankenlosigkeit, die der glücklichen Jugend eigen ist und
geziemt.

Gerade in den Wochen, wo diese Gedanken einander am heftigsten anklagten
und entschuldigten, kam noch eine zweite Angelegenheit zu ihrem
Höhepunkt. Hans hatte nämlich eine Liebe gefaßt, wie das bei Knaben
seines Alters geschieht, und in dieser ereignete sich etwas über alle
Maßen Grausiges.

Das Städtchen war bis zum Deputationshauptschluß reichsunmittelbar
gewesen; dazu führte bis zu dem großen Umschwung im sechzehnten
Jahrhundert hier der Handelsweg vorbei, und die Bürger trieben wichtige
und weite Geschäfte bis tief nach Asien hinein. So waren sie reich und
stolz geworden und hatten ein Rathaus gebaut noch in den romanischen
Zeiten aus den gewaltigen Blöcken des dort vorkommenden Syenitgesteins,
das Funken sprühte, wenn man ihm einen Stahl anschlug, und waren in der
wuchtigen Wand die kleinen Fenster verteilt, die das Licht von hoch
herab in große Säle warfen, und vorn führte eine steile und schwere
Freitreppe zum Stock; am Eingang stand ein uralter und ungefüger
Steinblock, an dem des Kaisers Schwert und Handschuh hingen. Jetzt
spielten Kinder in luftigen Sommerkleidern auf der alten Treppe. Noch
andre alte Häuser erhoben sich am Marktplatz, stolz und trotzig wie
Burgen wehrhafter Ritter, aber mit hohen Dachräumen, in denen einst
reiches Kaufmannsgut gelagert.

Als der Handel damals andere Wege einschlug, hatten die klugen und
vorsichtigen Kaufherren einen verständigen Ersatz gesucht im
Geldgeschäft und Beteiligung am Bergbau, und war eine zweite Blüte der
Stadt gekommen aus diesen Gewinnen, die noch stolzer war wie die erste;
aber die großen Staatsbankerotte, die Wandlungen des Metallwertes und
die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges hatten diesen Wohlstand von
Grund aus vernichtet. Seitdem kamen kleine Bürger auf in den stolzen
Häusern, die in Läden Handwerksgeräte, Kleiderstoffe und allerhand
geringe Kaufmannswaren verkauften an die Leute aus dem Gebirge oder die
Bauern vom Lande, die an den Sonnabenden zur Stadt kamen, hier
einzuhandeln, wessen sie bedurften bei ihrem kleinen Wesen. Und außer
den alten Häusern zeugten nur noch in der Kirche zu Sankt Blasien alte
Wappen in den Fenstern, finstere Familienstühle mit sonderbaren
Schnitzereien und prunkvolle Grabtafeln an den Wänden von den stolzen
Geschlechtern, die einst hier gelebt, ehe die freisinnig gesinnten
Kleinbürger in der Stadt hausten.

Nur eine der alten Familien hatte sich erhalten in sicherem Reichtum an
Grund und Boden in den Dörfern; deren Letzte bewohnten noch das alte
Haus aus schweren Quadern mit kleinen Fenstern und gewaltigem Giebel,
den oben die große eiserne Rolle zierte, mit welcher einst die fremden
Warenballen heraufgewunden wurden. In den reichsstädtischen Zeiten war
aus diesem Hause immer der regierende Bürgermeister gewählt und der
Iktus, aber wie die Freiheit verloren ging, hatten sich die Herrschaften
von allem zurückgezogen, und nun führten sie ein hochmütiges und
abgeschlossenes Leben, die Männer in Verwaltung ihrer Güter und
allerhand verschollener Gelehrsamkeit, die Frauen in Sorge für das Haus,
Wohltun und Frömmigkeit; seit dem dreizehnten Jahrhundert wies die
Hauptkirche Stiftungen von ihnen auf, angefangen mit einem Stück guten
schwarzen Tuches von acht Ellen, für die Armut bei den Beerdigungen als
Sargdecke zu nehmen. Damals nun lebte Herr Jobst Riemenschneider mit
seiner Frau und einem einzigen Töchterchen Johanna in dem alten Hause.
Herr Jobst war ein durchsichtig blasser und feiner Mann mit einem
verzehrten Gesicht, der Scheu hatte vor Menschen und alles Geräusch
fürchtete, und ganz im verborgensten Winkel des Hauses hatte er seine
Studierstube, deren Türen waren gepolstert, damit kein Laut sie
durchdringen sollte. Hier forschte er in allen Akten und Archivstücken
über die frühere Geschichte seiner Stadt; denn seit langen Jahren schon
arbeitete er an einem Werke, das doch nie fertig zu werden schien, weil
ihm immer neue Zweifel kamen, wenn er glaubte, er habe etwas festgelegt,
und dann mußte er immer von neuem untersuchen. Unterdessen wurde in der
allgemeinen Wissenschaft draußen ein heftiger Kampf geführt über die
Anfänge des Städtewesens und die ersten Zeiten der Gilden und Zünfte und
über die frommen Genossenschaften; das alles betraf seine Arbeiten, aber
er verspürte von diesen Kämpfen nichts, denn seit seinen
Universitätsjahren hörte er nichts mehr von heutiger Wissenschaft,
sondern lebte nur seiner beschränkten Aufgabe, die doch von Jahr zu Jahr
luftiger wurde und weniger zu fassen. Die Frau war bei der Heirat ein
fröhliches junges Ding, von der niemand wußte, woher sie stammte, und es
wurde heimlich erzählt, sie sei eine Schauspielerin gewesen. Damals
lebte noch des Herrn Jobst alte Mutter, eine kalte und fromme Frau mit
scharfen, grauen Augen. Die mag das junge Ding wohl sehr in die Zucht
genommen haben, denn man merkte ihr an, wie sie sich veränderte und
traurig aussah und oft verweint. Das einzige Töchterchen, das sie
Johanna nannten, wurde ihnen erst nach Jahren geboren. Damals, als Hans
seine Berührung mit diesen Menschen hatte, war die Frau schon lange
leidend, und es hieß, sie müsse in den Süden gehen. Johanna wuchs auf in
dem alten Hause, in dem es noch ein Zimmer gab, das ganz mit blauweißen
Kacheln ausgelegt war, auf diesen Kacheln sah sie Schiffe und
Windmühlen, Schlösser, Ruinen, Fischer, Kirchtürme, Chinesen und
allerhand sonstige Dinge abgebildet, die man sich denken mochte. Dann
waren da große, geschweifte Schränke, die vier Türen hatten, und
Kommoden mit wunderlichen Griffen, seltsam geschwungene Stühle, uralte
Bilder, die ganz dunkel geworden waren und etwa einmal ein gespenstisch
blasses Antlitz mit blitzenden Augen sehen ließen; Treppenstufen gingen
zu Zimmern in die Höhe; Kronleuchter hingen seit Jahrzehnten eingehüllt,
und vergoldete Stühle hatten festgebundene Bezüge. Und auf den Böden
stand unter Staub vielhundertjähriges Altertum, eingelegte Truhen,
Spinnräder aus Mahagoniholz mit Elfenbein, alte Bücher in Schweinsleder
mit messingenen Beschlägen, Rechnungen der Urahnen in Bündeln,
Medizinflaschen von längst vergessenen Toten und sonstiges Krankengerät,
Wiegen und Kinderspielzeug, darunter ein Puppentheater aus der
Rokokozeit und ein großer Ballen sorgfältig gesammelter alter Leinwand,
von der an arme Wöchnerinnen geschenkt wurde, wie seit Jahrhunderten
schon geschehen in diesem Hause.

Johanna war ein blasses Mädchen mit schwermütigen, dunkeln Augen und
langlockigem Haar; ihr Mund war schweigsam, aber ihre Augen vermochten
ein tiefes und heftiges Gefühl zu erregen. Als sie Hans zum ersten Male
ansah, war es ihm, als überfalle ihn eine ganz schreckliche Angst; über
die dachte er lange nach, und zuletzt wurde es ihm sicher, daß er das
Mädchen liebe. Wie er darüber klar war, beschloß er, mit Karl zu
sprechen; aber kaum hatte er dem den Namen genannt, da machte er ein
glückliches Gesicht und begann zu erzählen, wie sie die Tochter seiner
Wirtsleute besucht habe, mit der sie zusammen zur Schule ging, denn er
wohnte bei einem Oberlehrer, und es sei eines Sonntagnachmittags
gewesen, und sie hätten Pfänderspiele gespielt; da hätte sie ihn
mehrmals angesehen; und er wisse genau ihren Schulweg und habe eine Rose
abgepflückt und sei vor ihr gegangen, daß sie ihn habe sehen müssen, und
dann habe er die Rose für sie in einen stillen Winkel hingelegt, und sie
habe die Rose genommen, und seitdem lege er ihr jeden Morgen eine Rose
hin, und sie nehme und trage die.

Wie Karl das erzählte, schämte sich Hans für ihn, sowohl um die
Frechheit, daß er die Rose hingelegt, wie auch, daß er ihm das erzählte,
und wurde ihm auch sehr traurig im Herzen, in weiter und unbestimmter
Weise. So sprach er nichts mehr und suchte, daß er bald nach Hause kam,
ging auf sein Dachkämmerchen und begann heftig zu weinen; der Wirtsleute
gutherziges Töchterlein aber, das ein, zwei Jahre älter sein mochte wie
er, als sie nebenan das Schluchzen hörte, kam sie zu ihm und wollte ihn
trösten, riet auch gleich, daß er wohl verliebt sei. Da sprach sie recht
verständig und wie eine ganz erwachsene Person, daß er doch noch ganz
jung sei, und verloben könne er sich noch lange nicht, und überhaupt sei
das alles nur Unsinn. Wie aber Hans, obwohl er sich schämte wie ein
Dieb, doch immer heftiger zu schluchzen anfing, da konnte sie in ihrer
Gutmütigkeit sich nicht mehr halten, denn sie hatte nahe ans Wasser
gebaut, und fingen auch ihr an die Tränen über ihre runden Bäckchen zu
rollen in dicken Tropfen. So saßen die beiden auf Hansens Bettkante; und
kam ihr am Ende eine Erinnerung aus einem Buche, das sie gelesen, und
sagte sie Hans, sie wolle seine Schwester sein, küßte ihn auf den nassen
Mund und ging fort.

Nach wenigen Tagen hatte sie sich schon an Johanna heranzumachen gewußt
und wurde mit ihr recht befreundet. Da dachte sie dann, Hansen guten
Trost zu bringen, denn Johanna hatte ihr gesagt, sie möge Karl gar nicht
leiden und habe Hans viel lieber; aber Hans glaubte ihr nicht, sondern
meinte, sie wolle ihn nur trösten durch solche Botschaften. Einmal
jedoch besuchte Johanna seiner Wirtsleute Tochter, und da sprach sie
auch mit ihm einige Worte und sagte ihm zuletzt, weil es schon so dunkel
sei und das Haus so abgelegen, so möge er sie doch eine Strecke
begleiten, und wie er das tat, sagte sie ihm auf dem Wege dasselbe über
Karl.

Da bekam er einen so wilden Haß auf den, daß er darüber erschrak, denn
er hatte ein solches Gefühl noch nicht verspürt, und war es ihm
besonders heftig, wenn er Karl lachen sah, denn da hätte er ihn mögen
umbringen. Und weil er in diesen Tagen keinen Halt mehr fand in seinem
Gebet, so geriet er in Trübsinn und tiefes Unglück, und ihm war, als sei
er in einem Tal, aus dem es keinen Ausweg gibt, weil er vorher gemeint,
es gebe einen Weg nach oben, der in Wahrheit nicht da war. So geschah es
das erstemal, daß er dieses Gefühl hatte, das ja die meisten Menschen
durch ihr ganzes Leben begleitet; sie wissen es sich nur zu verbergen,
daß sie es haben, denn wenn sie das nicht täten, so vermöchten sie ja
nicht zu leben.

Während diese Dinge nun solchergestalt liefen neben den Dingen der
Erwachsenen, die meinten, daß ihre Dinge wichtiger seien, spitzte sich
in der Heimlichkeit eine andre Sache in Beziehung auf Johanna zu.

In Hansens Klasse war ein Schüler, dessen Jahre weit über den
Durchschnitt seiner Mitschüler hinausgingen, und der von diesen nicht
sonderlich geachtet wurde wegen seines törichten Wesens, denn er ahmte
in geckenhafter Weise die Erwachsenen nach in seiner Tracht, Haltung und
Benehmen; so hatte er dem Religionslehrer abgesehen, daß er eine große
Silbermünze an der Uhrkette trug, was damals neu und elegant war, und
hatte sich einen steifen Hut gekauft, wie die jungen Kaufleute haben,
und trug Stege an den Hosen. Sein Vater war ein reicher Gutsbesitzer,
der wenige Stunden von der Stadt entfernt wohnte, und von dem erzählt
wurde, daß er habsüchtig sei und Geld auf hohe Zinsen ausleihe.

Als Hans an einem Morgen in die Klasse kam, sah er, wie dieser Mensch
allein auf seinem Platze saß und scheinbar eifrig in einem Buche
studierte; alle seine Nachbarn waren von ihm gewichen, und in einer Ecke
des Schulzimmers wurde von einigen heftig gestritten und erzählt; von
denen erfuhr Hans, daß Ecker, denn so hieß jener, bei einem Freunde
einen Ring gestohlen habe, der dessen Mutter gehörte; und diese, in der
Meinung, daß ein Dienstbote die Tat begangen, habe der Polizei Nachricht
gegeben, und als Ecker den Ring beim Goldschmied zum Verkauf bringen
wollte, sei er festgehalten und erkannt worden. Wie der Lehrer in die
Klasse trat, gingen alle schnell auf ihre Plätze; der Lehrer aber rief
Ecker an und sagte, es sei bereits Meldung über ihn eingelaufen, und er
solle bis auf weiteres aus der Schule bleiben. Da richtete sich Ecker
auf mit einem blassen und verzerrten Gesicht, daß alle erschraken, denn
sie hatten ihre Blicke auf ihn gewendet, und machte sonderbare
Bewegungen mit den Händen und stieg unbeholfen auf die Bank und den
Tisch; und indem noch alle erstaunt waren, was dieses bedeuten solle, da
zog er ein Terzerol aus der Tasche, wie es wohl Jungen heimlich für ihr
Taschengeld kaufen, setzte sich das auf die Brust, schoß ab und stürzte
vornüber auf die Bänke und Tische hin, wo die andern entsetzt wegstoben,
ehe sie noch wußten, weshalb sie erschrocken waren.

Hans war es, als höre er einen Fall eines schweren Geschirrstückes auf
die Erde, denn er hatte die Handbewegung nicht verstanden, und wie Ecker
fiel, wußte er noch gar nicht, was das bedeute. Als ihm das aber klar
wurde, stieß er einen lauten Schrei aus vor Entsetzen, und nach einer
kurzen Weile schrie er nochmals und anhaltend. Viele versammelten sich
um ihn, und er wurde nach Hause gebracht.

In den nächsten Tagen wurde erzählt, wie alles zusammenhing. Der Tote
hatte allabendliche Zusammenkünfte mit Johanna gehabt in der
schlechtesten Straße des Städtchens, und hatten sie Leute da zusammen
stehen und sprechen sehen. Um diese Liebe hatte der junge Mensch
allerhand Ausgaben gemacht, die an sich wohl gering waren, aber doch
sein Vermögen überstiegen, und so war er zu dem letzten verzweifelten
Streich gekommen.

Für Hans war es, als ob er das alles in einem schweren Traum erlebe, bei
dem man das Bewußtsein hat, daß doch nichts Wirkliches geschieht,
sondern nur Erträumtes, und daß alles wieder in Ordnung ist, wenn man
aufwacht. Und kam ihm zwar nicht zu rechter Klarheit, was innerlich bei
ihm vorging, aber es ward ihm bewußt, daß alle Neigung zu Johanna
plötzlich erloschen war, und ihm geschah, wie wenn ein verschönender
Schleier plötzlich von ihrem Gesicht weggenommen war; so fiel ihm als
häßlich auf, daß sie über dem Nasensattel kleine Sommersprossen hatte,
die sie vorher ihm besonders liebreizend gemacht, und klang ihm auch
ihre Stimme mit einem Male scharf und widerwärtig. Sie besuchte seine
Wirtstochter und sprach wieder mit ihm, daß über sie viel gelogen werde,
und sie sei jetzt nach jenem Todesfall so allein, deshalb dürfe er sie
nicht auch verstoßen. Aber ihm war das alles abscheulich und ganz kalt.

Wie oft die Letzten untergehender Geschlechter zeigte Johanna das
unheimliche Auftauchen längst vergessener Triebe der Urzeiten, denn
nicht gestorben ist ja in uns das Blut unserer Vorväter, die im
Steinalter und in der Bronzezeit düstere Höhlen bewohnten und mit
bodengesenkten Blicken auf Raub und Vernichtung zogen, und es wird immer
wieder regsam in uns selbst zu gewissen Zeiten, wenn die klare
Vernünftigkeit schwach ist, die unsre Vorfahren errungen im
jahrtausendlangen Kampf um das Freie, Hohe und Gute, und manche Menschen
erfüllt es gänzlich; die wissen dann nichts von sittlichen Geboten und
folgen einer Sehnsucht, die wir nicht glauben, geben plötzlich sinnlos
und ohne Gedanken einer auftauchenden Begier nach und machen uns
vielleicht verwundern durch die Schärfe ihrer Sinne und die merkwürdige
Kenntnis der Regungen in andern Menschen, wie durch die Fähigkeit, diese
Kenntnis zu ihrem Nutzen zu verwenden.

Hans war dem geheimnisvollen Zwange der Natur unterlegen, welche die
ehrbaren und braven Menschen treibt, daß sie sich an solche unehrlichen
und schlechten hängen müssen, und scheint in der frühen Jugend, wo die
Liebe noch ganz geistiger Art und dunkle Sehnsucht der Seele ist, dieser
Zwang noch ärger zu sein wie im späteren Alter der zwanziger Jahre.
Deshalb muß man wohl sagen, daß Liebe etwas Furchtbares und Grausiges
ist, und der Mensch ist glücklich zu preisen, den das Geschick davor
behütet, in ihre Tiefen zu sehen. Aber bei Hansen war das nicht ein
Sehen oder ein Verstehen, sondern ein ganz tiefes, heftiges Gefühl, das
stärker war wie alle klare Äußerung des Geistes; und so tief in ihm war
der Kampf vor sich gegangen, daß ihm nichts davon in sein Bewußtsein kam
und er vielmehr erstaunte, daß seine Meinungen, Gedanken, Träume und
Liebe so plötzlich umgeschlagen hatten. Aber mit einem Male überfiel ihn
nun das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit in der Welt. Das war den
Sonntag vor seiner Einsegnung.

Da wurde ihm zum ersten Male klar, daß wir zwischen den Menschen wandeln
wie zwischen den wesenlosen Larven, welche die Wüste erfüllen; sie
weichen zurück, wenn wir auf sie zugehen, und wenn wir ihre Hände
drücken wollen, so fühlen wir bloße Luft; und ist nichts in der großen
Wüste lebendig, denn wir allein.

Es geschah aber in einem Wäldchen, weil er sich sammeln wollte und ohne
Reden der Menschen sein, daß ihm diese Klarheit kam, und geschah, wie er
eine Ameise betrachtete auf dem Wege, die sich abmühte um etwas, das für
ihn selbst ein Nichts war. Da dachte er an sein Losungsbüchlein, welche
Losung ihm das geben müsse für diesen Tag; und siehe, da stand
geschrieben: »Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.«
Über diese Worte kamen ihm die Tränen und stürzten in großen Mengen aus
seinen Augen, und faltete die Hände, und wiewohl er keine Worte zu sagen
wußte oder denken konnte, so betete er doch, und im Bitten schon hatte
er noch Tröstung, Sicherheit und Ruhe.

Zwar bereits auf dem Heimwege kamen ihm wieder die alten Gedanken, daß
es doch keinen Gott gebe, und daß deshalb solche Erfahrungen, wie er
eben gemacht, ein Selbstbetrug seien; aber da half ihm wieder ein Buch,
nämlich er hatte Doktor Martin Luthers Tischreden zu Hause liegen, die
ihm der gute Pastor geliehen, in einer schönen, alten Folioausgabe,
unbekümmert um die Derbheiten und starken Ausdrücke des Buches; denn er
meinte, was aus einem reinen Munde kommt und in ein reines Herz geht,
das kann keinen Schaden tun, und die heutigen Menschen sind übermäßig
verzärtelt in ihren Worten, da sie doch in Gedanken und Taten unreiner
sind wie früher. In diesem teuern und herrlichen Buche schlug Hans auf
den Zufall hin auf, da stieß er auf die Stelle: »M. Antonius Musa,
damals Pfarrherr zu Rochlitz, hat auf eine Zeit ^D.^ Martino herzlich
geklagt, er könne selbst nicht glauben, was er andern predige. Gott sei
Lob und Dank (hat ^D.^ Martinus geantwortet), daß andern Leuten auch so
gehet, ich meinte, mir wäre allein so. Dieses Trostes hat Musa sein
Lebenlang nicht vergessen können.«

Hierüber wurde Hans fröhlich und zufrieden, und schien ihm alles, was er
Gelehrtes gelesen gegen Gott, dummes Zeug zu sein. Und beim frohen
Blättern kam ihm noch eine andere Stelle unter die Augen:

»Als über ^D.^ Martini Lutheri Tische disputieret ward, wie ein lieblich
Ding der Tau wäre, sprach ^D.^ Martinus: >Ich hätte es nimmermehr
gegläubet, daß der Tau so ein herrlich lieblich Ding wäre, wenn nicht
die Heilige Schrift den Tau selbst hoch gelobt hätte, da Gott saget:
^Dabo tibi de rore coeli^, ich will dir vom Tau des Himmels geben. Ach,
^Creatura^ ist ein schön Ding, wenn wir sollen ^Creationem^ glauben,
^tum balbutimus et blaesi sumus^, und sagen ^Cledo^ für ^Credo^, wie ein
Kindlein spricht Lemmel für Semmel. Die Worte sind wohl stark, aber das
Herz spricht ^Cledo; sed per hoc salvamur, quia cupimus credere^. Ach,
unser Herrgott weiß wohl, daß wir arme Kindlein sind, wenn wirs auch nur
erkennen wollten. Sagen doch die Apostel selbst: ^Dominus adauge nobis
fidem^. Aber wir sind alle klüger denn unser Herrgott, wir könnens nicht
verstehen, ^nisi per filium, id est, Christum^. Das ist alle seine
Predigt, daß er spricht: ^per me, per me, per me^, ihr könntet's nicht
tun, wenn ihr euch gleich zerreißet, durch den Sohn werden wir zum Vater
bracht. Darum, wenn wir nur glaubten, daß unser Herrgott klüger wäre, so
wäre uns schon geholfen.<«

                   *       *       *       *       *

Hans wurde mit Karl zusammen eingesegnet, nicht in der Stadt, sondern zu
Hause in dem kleinen Dörfchen bei dem guten und frommen Pastor, der ihn
in den ersten Jahren unterrichtet.

Es saßen zusammen zehn Kinder auf den Bänken der Konfirmanden, sechs
Knaben auf der einen Seite und vier Mädchen auf der andern; und hatten
die Mädchen das alte Dorfkirchlein mit seinen hellen Fenstern und
weißgetünchten Wänden durch Kränze und Blumengewinde verziert, mit den
vollen und farbigen Herbstblumen, vornehmlich Georginen und Astern, und
der Boden war mit Tannengrün bestreut, das die Knaben den Tag vorher aus
dem Walde geholt hatten unter fröhlichen Gesängen und wichtigen Reden
darüber, wie sie sich morgen würden mit der kurzen Pfeife sehen lassen
auf der Dorfstraße, und daß sie zum Erntefeste tanzen durften. Sie
dachten wohl mehr an die Freuden der natürlichen Menschen bei der Feier;
aber der natürliche Mensch und der geistige waren bei ihnen ja nicht so
getrennt, wie wir meinen; und wenn ein Junge, der jetzt zur Seite
ausspuckt, wie er es bei den erwachsenen Burschen gesehen, und vom
Tanzboden spricht mit überlegener Miene, wenn der erst durch sein Leben
gepilgert ist, durch Jugendtorheiten, Verliebtheit, Heiraten,
Kindererziehen, Sorgen, Arbeiten und Kummer und als ein Greis im
Hochalter vor seiner Hütte in der Sonne sitzt, dann denkt er auch wohl
einmal an seine Einsegnung, und da verspürt er, daß er in Wahrheit doch
noch andre Gedanken gehabt wie an die kurze Pfeife und das Tanzen. Es
ist wohl recht lächerlich, daß auch Hans nicht die rechten Gedanken
hatte; ihm fiel immer die Uhr ein, die ihm der Vater geschenkt, nebst
der stählernen Kette, und der schwarze Anzug beengte ihn, und dann
fürchtete er sich, daß er weinen werde. Karl saß neben ihm und war in
sich versunken und hatte schwere Gedanken.

Die Kirche war ganz voll. Da saßen unten die Frauen, voran die
Bäuerinnen mit ihren Töchtern, dann die Frauen der Holzarbeiter, und
hinten die Tagelöhner. Vorn sah man feste, ruhige und glatte Gesichter,
denen man Sicherheit, Ordnung und Fleiß anmerkte und gute Gesundheit.
Dann kamen Gesichter, in denen man viele Mühe und Not las und Sorge um
das tägliche Leben, aber dabei doch Würde und Ehrbarkeit, und zuletzt
sah man Übermut und niedergedrücktes Wesen, fahrigen Sinn,
Unterwürfigkeit und gedankenloses Dahinleben. Auf dem Rang saßen die
Männer, glattrasiert die alten und mit Bärten die andern, und sie hatten
nicht so ihre geordneten Plätze wie die Frauen unten. Hansens Eltern
waren auch zugegen und saßen im Pfarrstuhl, und der Vater trug die grüne
Gala-Uniform mit dem Hirschfänger an der Seite und sah groß und
stattlich aus, und neben ihm die Mutter, die mit der Frau Pfarrerin die
einzigen Frauen in städtischer Tracht waren.

Wie die Gemeinde das Eingangslied gesungen, kam der gute Pastor und las
das Evangelium, und seine Stimme tönte schön und tiefklingend wie eine
wohllautende Glocke; und nach dem zweiten Lied folgte dann die Predigt.

Die wendete sich fast nur an die Kinder und ihre Eltern; der alte Mann
sagte, daß sich nun das Tor auftat zum Leben, und rühmte Gottes Güte,
daß der uns die Gabe verliehen, durch dieses Tor zu gehen nur mit
Hoffnung und Freude; und siehe da, als er diese Worte sprach, wurden
einer harten und strengen Frau die Augen naß, der reichsten Bäuerin, und
zog ihr Taschentuch hervor und weinte still vor sich hin, und die
Tagelöhnerfrauen hinten stießen sich an und sahen nach ihr mit
Erstaunen. Der Prediger fuhr fort und sprach von der Schuld, wie die
sich jetzt anspinnt, in diesen Jahren, wenn sie nicht schon älter ist,
und wie sie größer wird und größer und unversehens so groß, daß sie uns
überragt und uns beherrscht wie einen Sklaven. An dieser Stelle wurde
Karl bleich und schaute verzweifelt vor sich hin, daß Hans erschrak, wie
er durch Zufall zur Seite blickte und in sein verfallenes Gesicht sah.
Vieles verstanden die Leute nicht in der Predigt, so die Worte, daß das
Gute leichter sei wie das Böse, und daß man das Gute tue als ein froher
Herr und das Böse als ein ingrimmiger Knecht; aber es war auch wohl
nicht nötig, daß die Leute alles verstanden, denn für sie konnten die
Worte ja doch nicht Mahnung sein, sondern nur Trost, und den faßten sie
auch so, selbst wenn zu dem andern ihre Gemüter nicht genug licht waren.
Und nahm jeder den Trost in seiner Weise, denn die stolzen und
lebensklugen Bauern hatten doch einen Winkel in ihrer Seele, wo die
Sicherheit nicht war, der wurde nun erhellt, und die bekümmerten
Holzarbeiter, die sich sorgten, wie sie die Ihrigen rechtschaffen durch
das Leben brachten, fanden eine Hoffnung auf ein Leben, da es keine
Sorgen und Kümmernisse gab, aber die oberflächlichen und prahlerischen
Tagelöhner wurden wohl aus ihrer Selbstzufriedenheit erweckt, doch
schwieg gleichzeitig der Stachel des Neides, der sie sonst quälte, und
auch sie wurden fröhlicher.

Wie der Glauben bekannt wurde, sprachen die andern zaghaft und leise,
Hans aber rief sein Ja laut und jubelnd, daß ihn der gute Pastor
freundlich ansah; und unter bangem Herzklopfen folgte dann die
Abendmahlfeier, bei der ein unbegreifliches Geheimnis unsern Glauben mit
den urältesten Hoffnungen, Furchten und Gedanken der Menschen verbindet
und so auch in Leichtfertigen und Gedankenlosen einen Schauer erzeugt,
der ernst macht.

Danach sang die Gemeinde das Ausgangslied, und währenddem gingen die
Eingesegneten einer nach dem andern zu dem Pastor in die Sakristei,
brachten ihm, eingewickelt in Papier, ihren Beichtgroschen, wie es Sitte
war seit undenklichen Zeiten, und niemand nahm daran einen Anstoß, und
erhielten einen Spruch auf ihren Lebensweg; Hansen aber sah der Pastor
mit einem frohen Lächeln an, dann nahm er seine Hand, legte ihm die
Rechte aufs Haupt und sprach: »Halte, was du hast.« Das war in einer
kleinen Sakristei, die getünchte Wände hatte, und stand da ein Tisch aus
gestrichenem Holz, und darauf lag Bibel und Gesangbuch, davor das
Kruzifix und ein Strauß Herbstblumen in einer blauen Glasvase; das
Fenster war geöffnet, und von draußen kam das Murmeln der gehenden
Menschen und herbstlicher Sonnenschein, der in Tropfen durch das Laub
eines Baumes fiel. Wie Hans in die Kirche zurückkam, wartete da eine
Taufgesellschaft, und war die Mutter früher Dienstmädchen bei der
Herrschaft gewesen, die einen Waldwärter geheiratet und hatten das erste
Kind. Die Frau saß in einem Kirchenstuhl, mit verlegenem und glücklichem
Gesicht, und rosig und lächelnd und hielt das Kindchen auf einem Kissen
im Arm und schaukelte es, damit es nicht schreien solle, das Kind aber
wollte gar nicht schreien, sondern sah erstaunt nach dem großen
Hängeleuchter, der mitten in der Kirche von der blauen, goldgesternten
Wölbung herabhing. Der Vater stand aufrecht daneben in straffer Haltung,
als ein früherer Soldat, und trug einen Bart rund ums Gesicht, in dem
Oberlippe und Kinn ausrasiert waren, so daß nur der Kranz blieb; und
auch er blickte glücklich und stolz auf das Kind, doch suchte er
unbeteiligt auszusehen und wollte seine Gefühle verbergen, als unpassend
für einen gräflichen Beamten. Die beiden Großeltern sollten Pate stehen,
denn die Eltern mochten keine Patengeschenke von Fremden betteln. Die
saßen gleichfalls, und ließ der Großvater seine Uhr an der härenen Kette
baumeln, und wunderte sich, daß das Kind gar nicht auf die
Merkwürdigkeit achten wollte, indessen die Großmutter zur Seite
geschäftig in allerhand Linnenzeug kramte.

Wie der Pastor in die Kirche zurücktrat, erhoben sich die Sitzenden und
traten alle zum Taufbecken. Die Mutter sah den alten Pastor an, der auch
sie einst getauft, dann eingesegnet und endlich getraut hatte, und wurde
noch röter, und ihr frisches Gesicht strahlte und wollte gewiß sagen,
daß er das Kind bewundern solle, wie groß es war und verständig, aber
sie besann sich noch zu rechter Zeit, daß das unpassend gewesen wäre,
und in ihrer Verlegenheit schoß ihr eine ganz feurige Welle über das
Gesicht, und machte einen Knicks vor dem geistlichen Herrn, wie es ihr
früher beigebracht war, wenn sie auf dem Schlosse etwas der Herrschaft
zu übergeben hatte, und reichte ihm das Kind. Der alte Mann lächelte
freundlich, nahm es ihr ab, faßte ihm die Bäckchen und gab es der
Großmutter, indem er der ganz verwirrt gewordenen Mutter zunickte.

Indem goß der Kantor das Wasser in das Taufbecken und prüfte mit dem
Finger die Wärme; dann fand die Taufhandlung statt, bei der das Kind
sich artig und ruhig hielt, dank der unermüdlichen Bewegungen der
Großmutter, denn nur wie es die dreimalige Benetzung verspürte, schien
es erstaunt und schlug die Augen über sich, und der Großvater, welcher
der Stolzeste schien, rühmte es durch ein leises Wort dem Vater; am Ende
kniete die Mutter nieder, und der Pfarrer erteilte ihr den Segen. Karl
erwartete Hansen, denn er hatte ihm Wichtiges zu sagen und wollte seine
Seele erleichtern durch Erzählen. Schon seit etlicher Zeit hatten sich
die beiden entfernt, unmerklich und ohne sichtbaren Grund, wie sich zwei
Baumstämme trennen, die, im Meer treibend, einander gefunden hatten und
zusammen dahinschwammen, eine lange Weile. Wenn sie sich trafen, hatten
sie sich nichts zu sagen, trotzdem doch sonst der Jugend das Herz leicht
überfließt von dem vielen Neuen, das durch Auge und Ohr hereinkommt und
gebildet wird durch den schöpferischen Verstand, und deshalb sprachen
sie Gespräche wieder, die sie vorzeiten geführt, wiederholten Worte, die
damals lebten und nun tot waren, und wunderte sich im stillen ein jeder,
wie wenig er zu sagen wußte. Aber heute war in Karl eine alte Liebe
erwacht, und sein Herz sehnte sich nach einem teilnehmenden Gesellen. So
feinfühlig sind wir, ohne daß wir es ahnen, daß das Fremde, das in uns
gekommen, auf beiden Seiten wirkend, uns trennt; erst als seine Reue die
Schuld hinauswarf, waren sie wieder zusammen wie vorher.

Karl erzählte aber von Johanna und seiner Liebe zu ihr, und wie er sich
bisher nicht frei machen konnte, trotzdem er sich selbst verachten
müsse, und er sehe klar, daß er immer niedriger und schlechter werde
durch seine Zuneigung; heute aber habe er einen festen Entschluß gefaßt,
daß er sich befreien wolle aus seiner Untertanschaft. Nicht so sprach
er, wie hier mit abstrakten Worten geschrieben ist, sondern er redete
als ein Halbwüchsling; und ein Mensch, der nicht weiß, welche Bedeutung
die Handlungen des Menschen haben, hätte seine Erzählung für kindisch
gehalten und sein ganzes Erlebnis. Aber das ist eine oberflächliche
Meinung, die durch die äußere Gestaltung, welche einer Handlung Alter
und Bildung und sonstige formgebende Dinge anziehen, sich bewegen läßt
in ihrem Urteil, und einen sittlichen Kampf belächelt, weil er in dem
siegfriedhaften Wesen eines unerfahrenen Gemütes vor sich geht und um
Dinge, die einem Erwachsenen unbedeutend erscheinen; da doch solche
Vorgänge wichtiger sind, weil sie auf die weitere Bildung des Charakters
einwirken, wie scheinbar bedeutsame Ereignisse in späteren Jahren.

Es kann ja kein Mensch trösten, denn es gibt keinen Trost, außer den
einen, den jeder schon weiß, daß wir Vergangenes nicht ändern können;
aber in der bloßen Erzählung war ein Trost für Karl; denn indem er alles
genau seinem Freunde schilderte, wußte er, daß er ein Zeichen von sich
gab dessen, daß er nicht wieder zurückkehren würde zu dem, was zu
verlassen er sich vorgenommen. So gelangte er ans Ende seiner Geschichte
frohen Mutes, und auch Hans war fröhlich, und beide freuten sich einer
neuen Freundschaft, die ihnen leuchtete wie ein Ährenfeld nach einem
erquickenden Sommerregen, wenn die Sonne sich in tausend frischen
Tropfen spiegelt und die Erde einen nahrhaften Geruch ausströmt, denn
die Gedanken junger Leute laufen noch mit eiligen Kinderfüßen, und
besonders laufen sie eilig vom Trüben zum Trostreichen. Aber wer zu
urteilen wüßte über Menschen und Schicksale ahnen könnte aus ihrem
Wesen, der hätte gesehen, daß Karl wohl guten Willen hatte und einer
guten Leitung folgte; aber in seinem Innern war doch Zuchtlosigkeit und
Schwäche, und auf irgendeine Weise mußte Schwäche einmal sein Schicksal
entscheiden. Jetzt war es so, daß einmal und für einen flüchtigen
Augenblick und unverstanden aus den grauenhaften Tiefen, die wir ja alle
haben, in ihm der Gedanke auftauchte: er möchte Hansen töten; das war
ein nichtiger Gedanke, wie uns Tausende durch den Kopf gehen, ohne
Folgen und selbst ohne Möglichkeiten von Folgen; es war nur ein leises
Lebenszeichen des Bösen in ihm, das sich des Vertrauens schämte und Haß
empfand gegen den Mitwisser der Schwäche.

Die beiden waren im Walde gegangen durch raschelndes Buchenlaub; wie sie
zurückkehrten und zwischen den Bäumen hervortraten, standen sie oberhalb
des Dörfchens, das sich lang das Tal in die Höhe dehnte; die
Kirchenglocke läutete zur Beerdigung, und auf dem Kirchhofe predigte der
Pastor vor einem offenen Grabe, an dem die Leidtragenden standen.

Der Verstorbene war ein recht unglücklicher Mensch gewesen; denn schon
seine Eltern hatten im Armenhause gelebt und als leichtfertiges und
träges Volk, und wie er noch ein ganz kleines Kind war, hatte ihn die
Mutter einmal im Zorn auf die Erde geworfen, davon er sich die Hüfte
verrenkt, und war ihm das Bein verdorrt, so daß er sich nur mit
mühseligem Humpeln weiterschleppen konnte; hierdurch erhielt er den
Namen Hinkeding. Wie er etwa sieben Jahre alt sein mochte, starben seine
beiden Eltern, und die Gemeinde gab ihn dem Abdecker in Kost, der
außerhalb des Dorfes lebte; bei dem hatte er es noch übler wie bei den
rohen Eltern, denn er erhielt nur schlechte Nahrung und geringe Pflege
und mußte trotz seines Gebrechens und seiner Jugend doch viel arbeiten,
das er zwar willig tat. Die böse Dorfjugend beschimpfte ihn um diese
Arbeit noch weiter und nannte ihn Wasenmeister, und mochte sich darum
kein andres Kind mit ihm abgeben, auch hätten die Eltern es denen
verboten, wenn sie es getan hätten. So wuchs Hinkeding roh und tückisch
heran, nur mit dem alten Wasenmeister und seiner bösen Frau hatte er zu
sprechen, die in schlechtem Rufe standen, außer ihrem ordentlichen
Geschäft, daß sie allerhand Zauberei und Aberglauben treiben sollten.
Beim Konfirmandenunterricht mußte er allein auf einer Bank sitzen, denn
der damalige Pfarrer war zu schwach und unverständig, um dem Unwesen zu
steuern, und nach den Stunden fielen oft die andern über ihn her und
schlugen ihn, wiewohl er sich wehrte mit allen Mitteln, indem er trat
und kratzte, und einmal zog er selbst ein Messer. Niemals durfte er auf
den Tanzboden kommen, und auch die geringsten Mädchen wendeten sich von
ihm mit Verachtung, denn selbst einer Gutsmagd uneheliche Tochter, die
bei einem Bauern diente und ein Auge verloren durch einen Stich mit der
Heugabel, mochte nicht mit ihm sprechen. In solchen Lebensverhältnissen
hatte sich in ihm eine besondere Bosheit ausgebildet, daß er die Kinder
erschreckte, indem er plötzlich eins faßte und ihm unheimliche Dinge
sagte, die er vielleicht auch ausgeführt hätte, wenn er es gewagt, oder
daß er den Mädchen bösartigen Schabernack antat, um den er dann wieder
von den andern mit Grund gehaßt und verfolgt wurde. Später warf er sich
darauf, allerhand Bücher zu lesen, die er bekommen konnte, denn wiewohl
er in der Schule nichts gelernt hatte, weil in den Zeiten, wo er jung
war, sich um solche Kinder niemand bekümmerte, wußte er sich allerhand
Künste doch aus seinem eignen Geiste zu lehren und hatte auch ohne
Anleitung das Lesen gelernt. Aus diesen Büchern kam ihm nun viel
verwirrtes Zeug in seinen Verstand, denn er verschmähte einfache und
schlichte Schriften, die er hätte verstehen können, sondern wollte
Bescheid wissen, wie die Welt geschaffen, und weshalb das Böse in die
Welt gekommen, und wie weit der Himmel von der Erde entfernt sei und
solche Dinge, denn es hatte wohl seine arme, umdüsterte Seele ein Sehnen
nach Gott und nach Gerechtigkeit; denn wenn auch die Liebe dem
natürlichen Menschen nicht eigen ist, so hat er doch ein Streben nach
Gerechtigkeit. Dergestalt kam er auf eigne Gedanken, daß es keinen Gott
geben könne, weil da ein Stern war, dessen Licht erst nach viertausend
Jahren zu uns kam, weil er so weit entfernt von der Erde war. Und bei
dieser Meinung blieb er; wie er aber nichts weiter hatte, an das er sich
halten konnte, so wurde er hochmütig auf seinen Verstand und verachtete
alle andern Menschen und verhöhnte sie, und diese hinwiederum beharrten
in ihrem alten Spott und Haß und vermehrten nur ihr Lachen, wie sie von
seinen Ansichten merkten; und wenn er auch allen andern Spott fühlte, so
spürte er hier doch nichts davon, daß sich die jungen Burschen über ihn
lustig machten, wo sie ihn fragten, wie lang und breit der Himmel sei
und ähnliches, sondern erklärte ihnen seine Meinungen, achtete gar nicht
ihres Lachens, sondern hielt dieses wohl gar für Anerkennung und
verhöhnte sie wegen ihrer Dummheit und Unbildung. Und so groß war sein
Eifer, wenn er dergestalt lehren und sich rühmen konnte, daß er gar
nicht merkte, wie er Hinkeding Wasenmeister genannt wurde, welche Namen
ihn sonst zu heftigem Zorne bringen konnten.

Wie der jetzige Pfarrer seines Vaters Stelle erhalten, war es schon zu
spät gewesen, noch auf den armen Menschen einzuwirken, denn die Bosheit
war schon ganz unausrottbar in ihm gewurzelt, und seine Meinungen hatten
sich so in ihm befestigt, daß sie nicht mehr vernichtet werden konnten.
So war es mit ihm denn immer schlimmer geworden, daß er am Ende ein
gefährlicher Mensch war, der nur durch ein Wunder noch kein schweres
Unheil angerichtet, vielleicht weil ihn seine Unbehilflichkeit an vielem
hinderte. Denn weil sein eignes Gemüt schlecht war, und weil gegen ihn
alle Menschen sich schlecht gezeigt hatten, so bildete er sich die
Gedanken, es gebe gar keine Güte im Menschen, und sei auch allen alles
erlaubt, nur daß sich immer einer vor dem andern fürchte.

Dieser unglückliche Mann war nun im Hochalter gestorben; und wiewohl die
Leute im Dorf gewollt hatten, daß er beigescharrt werde wie ein Tier,
wegen seiner Lästerungen und Bosheiten, hatte der Pastor doch verlangt,
daß er ehrbar geleitet wurde, und nun hielt er ihm selbst eine Predigt.

Jetzt stand der Mann vor Gottes Thron und wartete auf sein Urteil. Und
sein Ankläger brachte ein großes Buch vor, in dem standen geschrieben
die vielen Schmähungen und Lästerungen, Bosheiten und schamlose und
niederträchtige Handlungen. Denn als eine im tiefsten Innern böse Person
hatte er sich selbst an den unschuldigen Tieren und an jungen Bäumchen
vergriffen. Aus bloßer Lust hatte er viele hundert junger Bäume
abgeschnitten, die in Fröhlichkeit sich in der Frühlingsluft zu strecken
gedachten, und Tiere hatte er nicht nur geworfen und geschlagen, sondern
einmal hatte er einem jungen Hunde, der ihm treuherzig gefolgt war, ein
Auge ausgestochen, und einem Pferd hatte er brennenden Schwamm unter den
Schwanz gebunden. Nichts konnte sein Verteidiger erwidern, wie daß er
erzählte von seiner elenden Kindheit und jämmerlichen Jugend, und daß er
nur Schlechtes gesehen hatte in seinem Leben und nie Gutes ihm erwiesen
war. Aber vor Gott gibt es keine Entschuldigung aus diesen Dingen, denn
er sagt, daß er den Menschen eine reine Sonne an den Himmel gestellt
hat, zu der sollen sie aufschauen. Da erzählte der Verteidiger zuletzt
eine Geschichte, die einzige, die er hatte aufzeichnen können in seinem
Buch.

Vor langen Jahren, der Mann war noch ein Jüngling gewesen, hatte er
einmal an einem Raine unter einem Quitschenbaum gesessen und an einem
hölzernen Löffel geschnitzt, denn er erhielt sich durch Anfertigung und
Verkauf von allerhand Holzwaren. Da kam ein kleiner dreijähriger Junge
zu ihm, dessen Eltern im Feld arbeiteten und durch einen geringen Hügel
verdeckt waren, nannte ihn und bat, er solle ihm eine Pfeife machen; er
konnte aber noch nicht alle Buchstaben sprechen, deshalb sagte er zu ihm
Inkeding. Da sah Hinkeding das Kind an, stieg auf den Baum, der hoch war
und glatt, schnitt ein passendes Reis ab und machte dem Kind eine
Pfeife, indem er beim Klopfen das Liedchen sang, welches er selbst als
Junge oft gehört, aber nie über seine Lippen gebracht hatte, weil er
allein war und keine Pfeife haben mochte.

Er war noch ein Jüngling gewesen damals, und als er älter wurde, schnitt
er die Bäumchen ab und stach dem kleinen Hund ein Auge aus; aber Gott
sieht nicht in der Zeit wie wir, sondern ohne die Zeit; was wir Menschen
auch tun sollten, wenn wir uns herausnehmen, in sittlichen Dingen zu
urteilen; und weil er keine Seele von sich läßt, die auch nur eine
Ahnung des Guten hat, denn er meint, daß durch Güte sich Güte vermehrt,
was freilich nur für den Himmel paßt, und nicht für dieses irdische
Gefängnis unsrer Seele hienieden, so nickte er dem Manne freundlich zu
und nahm ihn auf in sein ewiges Leben.

In dem Augenblicke hatte der Pfarrer seine Rede am Grabe beendet, und
der eine oder andre der Umstehenden nahm sich vor, er wolle künftig
seinen Kindern verbieten, solche Menschen zu verspotten, und wolle ihnen
selbst ein Beispiel geben. Und die beiden Jünglinge oben am Waldesrande,
die auf den Gottesacker niedersahen, dachten, daß sie eben froh gewesen
waren, und daß ein Mensch begraben wurde, der unglücklich gewesen in
seinem ganzen Leben.

                   *       *       *       *       *

Nun hatte Hans die Schule durchgemacht und das Examen bestanden; so
sollte er jetzt die Universität beziehen. Bis dahin war er nie ganz von
Hause weg gewesen, denn wenn er auch in den Wochentagen im Löwenhof in
einem Dachkämmerchen war und in der Schule auf den Bänken saß zwischen
den andern, so pilgerte er doch jeden Sonnabend nach Hause, durch den
hohen Tannenwald, an stillen Holzhauerdörfchen vorbei zu seinem
Vaterhaus, das auf einer umschlossenen Waldwiese stand, in schwarzen
Schiefern, und krausen Rauch schickte es in die helle Luft. Aber nun
sollte er weit fort reisen mit der Eisenbahn, aus den Bergen in das
ebene Land, und erst nach Monaten kam er wieder in die Heimat; und wenn
er dann seine Studien beendet, wer weiß, in welche Ferne er dann gehen
mußte.

Da rief ihn die Mutter zu sich und ging mit ihm in die Schlafkammer
oben, um ihm ungestört ihre Abschiedsworte zu sagen.

Sie machte ein Gleichnis und sprach: Wenn du einen Tropfen Essig
schüttest in ein Faß edlen Weines, so wird der Essig zu Wein; und
umgekehrt, wenn du einen Tropfen Wein gießest in ein Faß mit Essig, so
verliert er seine Natur und wird zu Essig. Also ist auch der Menschen
Natur, denn wenn ein guter Mensch kommt in böse Gesellschaft, so
verliert er alsbald seine Art und nimmt schlechte Art an, gleichwie ein
Böser, der in gute Gesellschaft kommt, sich zu guter Art schlägt. Dieses
bedenke und hüte dich vor lockeren Buben, die du viele treffen wirst auf
der hohen Schule und in der großen Stadt. Denn wir, ich, dein Vater,
deine Großmutter und unsre Magd Dorrel haben uns getreulich bemüht, daß
du ein guter Mensch werdest; jetzt aber müssen wir dich ziehen lassen,
mit Furcht und Sorgen, daß du uns nicht verdorben werdest und
zurückkehrest als ein nichtsnutziger und verkommener Mensch. Und laß
dich auch nicht verführen durch Neugierde und Eitelkeit, daß du zu tun
bekommst mit solchen Buben, und du meinst, es soll nur auf kurze Zeit
sein, nachher aber gedenkst du sie zu meiden; sondern denke, daß das
Böse sich an den Menschen hängt wie Kletten, auch durch leise Berührung,
und schwer ist es, daß sich einer wieder befreit von dem Unkrautsamen an
seinem Gewande. Besonders aber warne ich dich vor der Eitelkeit; denn du
weißt wohl, daß die Bösen spotten über die Guten und ihnen vorwerfen,
sie seien unfrei, weil sie nicht tun wie sie und hören auf erfahrene
Leute, dahingegen doch die Bösen selbst unfrei sind, denn wohl tun sie
die ersten Schritte ohne Zwang, alle weiteren aber als Knechte ihrer
früheren Taten; ein Trinker kann nicht mehr lassen vom Trinken und ein
Hurer vom Huren, sondern ihr Teufel zieht sie hinter sich her an ihren
Haaren. Du mußt aber wissen, daß dieses die besondere Verblendung des
Satans ist, daß er macht, daß seine Knechte sich für frei halten; denn
sie lügen nicht, wenn sie der andern spotten, sondern reden aus ihrer
wahren Meinung.

Und wirst du nicht bloß böse Buben finden, sondern auch schlechte
Mädchen, die dich verführen wollen zu Unkeuschheit und Werken der
Wollust. Dazu wird deine eigne Begierde wach werden, denn du bist jetzt
in die Jahre gekommen, da der Mann sich nach dem Weibe sehnt, und
geschieht diese Verführung aus dem natürlichen Menschen und ist deshalb
stärker wie die andre zum Trinken, Spielen und Balgen. Deshalb denke,
daß du keusche und reine Eltern gehabt hast, denn dein Vater ist in das
Ehebett gestiegen als ein unbefleckter Jüngling, gleichwie ich als eine
reine Jungfrau. Und denke ferner, daß du einst ehelichen wirst und
Kinder haben; aber was für Kinder wirst du bekommen, wenn du deine
Kräfte ausgibst in jungen und unfertigen Jahren! Wenn du dich
vergleichst mit deinem Vater, so wirst du finden, daß du einmal größer
und stattlicher sein wirst, wenn du in dein Alter kommst, obwohl du viel
in der Stube und über Büchern hast sitzen müssen; dessen Ursache ist das
ehrbare und ordentliche Leben deines Vaters, der sich zusammengehalten
hat in seiner Jugend, damit sein Sohn einst tüchtig sein solle.

Aber wenn du diese beiden Gefahren vermeidest, so wird dir eine dritte
begegnen. Denn du wirst in der Stadt Mädchen finden, die sind zwar
ehrbaren Wandels und ordentlichen Herkommens, und man kann ihnen nichts
nachsagen; aber sie mögen nicht an sich selbst schaffen, sondern sind
leichten Herzens und denken nicht an die Zukunft, und meinen, alles sei
gut, wenn sie nur einen Mann haben, den sie lieb haben können. Hüte
dich, daß du dich mit solchen Mädchen einläßt und etwa denkst: ich will
mich verloben jetzt, und wenn ich fertig bin mit meinen Arbeiten, so
will ich sie heiraten, und denkst: ich habe sie lieb, und sie hat mich
lieb, und wir werden ein gutes, christliches Ehepaar sein, ehrlich leben
und unsre Kinder gut aufziehen. Dieser Liebe sollst du mißtrauen, obwohl
sie mit großer Schmeichelei deiner Natur und Seele daherkommt. Denn ein
junger Mensch hat keine Erfahrung und weiß nicht, wie schwer es ein
Hausvater hat, und was ein Haus kostet, und wie tüchtig ein Mädchen sein
wird als Hausmutter. Deshalb öffne deine Augen und betrachte die
Menschen, die sich frühzeitig verloben und verheiraten; da wirst du
finden, daß das alles ein leichtes Volk ist, das sich freut ein Jahr
lang, und das andre Leben bringt es hin mit Sorgen und Borgen. Auch ich,
deine Mutter, habe eine Liebe gehabt, wie ich achtzehn Jahre alt war, zu
einem jungen Kaufmann, und wie mein Vater nichts wissen wollte von
dieser Liebe und der Bewerber traurig von ihm ging, da meinte ich, daß
ich sterben müßte vor Kummer, und wäre ins Wasser gegangen, wenn ich
nicht Gottes Wort gehabt hätte. Heute segne ich meinen Vater im Grabe,
daß er hart gegen mich war aus Liebe, denn der Mann ist leichtsinnig
gewesen und hat sein Vermögen vertan durch törichtes Bauen und
übermäßige Erweiterung seines Geschäftes, weil er etwas Besonderes
vorstellen wollte. Dann harrte ich sieben Jahre, und da kam dein Vater;
das war eine andere Liebe, die ich zu dem hatte, denn ich ward ruhig
durch ihn und stark. Er hat mir keine süßen Worte gegeben und mich nicht
gerühmt; aber seit ich seine Ehefrau bin, habe ich keine andre Sorge
gehabt als die, welche Gott jedem Menschen auferlegt, nämlich um ihn in
seinem Beruf, daß ihm nicht ein Unglück geschieht, und um dich, mein
geliebter Sohn, daß du gesund und gut aufwachsest; und ein bös Wort habe
ich nie von ihm gehört.

Darum habe ich dir das erzählt, wiewohl es mir eine schwere Aufgabe war,
weil diese dritte Versuchung die schwerste ist. Denke an meine Worte,
wenn du vermeinst, daß du ein Mädchen getroffen habest, von der du nicht
wieder lassen kannst. Vergiß nicht, daß erst das Weib den Mann zum Manne
macht, deshalb darf der Mann kein Jüngling mehr sein, und deshalb soll
er sein Weib auswählen, nicht bloß nach dem Gefühl der Liebe, wie es von
den heutigen Dichtern beschrieben wird, sondern mit Ernst und Furcht.

So sprach die Mutter zu Hans. An manchen Stellen ihrer Rede färbte die
Scham ihre Wangen; aber sie sprach ruhig und sicher, als eine Mutter zu
ihrem Sohn. Und der Sohn ward bewegt in seinem Herzen und fühlte, wie er
seine Mutter liebte, die stattlich und stolz vor ihm stand mit dem
glatten und blonden Scheitel.

Hans antwortete, daß er ihre Worte behalten wolle. Und er glaube, daß er
keine großen Anfechtungen erleiden werde. Denn es ist wohl ein
unchristliches Gefühl, das ich habe, aber ich glaube doch, daß meine
Meinung richtig ist: ich denke nämlich, daß ich besser bin wie alle
andern jungen Leute, die ich bis jetzt gesehen, und deshalb muß ich mich
zusammennehmen, damit ich später auch etwas leisten kann, wenn ich
ausgelernt habe. Und ich will mich auch hüten, daß ich nicht hochmütig
werde, denn ich kann ja nicht so viel für mich, sondern das meiste habe
ich von Natur, nämlich von euch.

Nach diesem Gespräch war ein neues und andres Leben zwischen Hans und
die Mutter gekommen; er war freier gegen sie und offen, wiewohl er ihr
auch früher nichts Besonderes verheimlicht hatte; aber er hatte das
Gefühl, daß er jetzt zu ihresgleichen herangewachsen sei, gleichwie er
vor Jahren zu Dorrel herangewachsen und ihr gleich, bald dann auch ihr
überlegen geworden war. So blieb jetzt nur noch der Vater über ihm.
Gegen den Vater hatte er noch die alte kindliche Scheu; gegen die Mutter
aber hatte er eine neue Scheu bekommen, wie er sie etwa gegen seine
Braut gehabt hätte, und eine neue Liebe seit jener Bewegung im Herzen,
die mehr zärtlich war wie früher. Solches sind die Ringe unsrer
wachsenden Seele; und wenn unsre Seele in Gesundheit und Kraft zunimmt,
so setzt sie solche Ringe einen nach dem andern an, und unser innerer
Kern wird immer heimlicher und verborgener vor dem Ahnen der andern
Menschen.

Aber wie die Mutter mit Hans gesprochen hatte, da nahm ihn auch Dorrel
mit sich auf ihr sauberes Dachkämmerchen, wo ihr hochaufgetürmtes Bett
stand mit rot und weiß gewürfeltem Bezug, und ein blankgescheuerter
hölzerner Stuhl, und ein großer Koffer, mit bunten Blumen bemalt.

Den Koffer öffnete sie, zeigte ihm, was darinnen war, und sprach, daß er
einst erben solle, was sie besitze, denn sie habe nur einen Bruder
gehabt, der sei nach Amerika gegangen und habe dort eine Bauernstelle
erworben, seit langen Jahren aber habe sie nichts mehr von ihm gehört
und wisse gar nicht, ob er noch lebe und Kinder habe; in fremde Hände
aber solle ihr Gespartes nicht fallen. »Aber wenn du einmal heiratest,
so schenke ich dir dieses Tischtuch und zwölf Servietten; dazu habe ich
den Flachs selbst gesät, gezogen, gebrochen, gehechelt und gesponnen,
und vom Weber habe ich ihn mir weben lassen mit künstlichen Figuren von
Bäumen und Tieren und einem Jäger. Jetzt ist das Leinen zwar noch hart
und sieht grau aus, aber wenn es erst ein Jahr lang im Gebrauch gewesen
ist, so wird es weich, weiß und glänzend. Nur hüte dich vor den faulen
Wäscherinnen, die in der Apotheke fressende Gifte kaufen, die verderben
dir deine gute Leinwand, und du hast am Ende nur Lumpen.« Danach zeigte
sie ihm ihr Sterbehemd, das hatte sie auch selbst gesponnen und mit
schönen Spitzen besetzt und wollte sie mit ins Grab nehmen; ihre übrige
Wäsche aber, die gebraucht ist, welche er nicht behalten wollte, sollte
er verschenken, einem armen und ordentlichen jungen Dienstmädchen, das
sich noch nichts hat anschaffen können, und dem damit geholfen ist;
»aber es muß ein ordentliches und fleißiges Mädchen sein, die meine
Sachen trägt mir zu Ehre und sie sauber hält, nicht so ein faules
Bettlergesindel, das in Lumpen umhergeht.«

Am Ende zog Dorrel noch ihre besonderen Kostbarkeiten hervor, an denen
ihr Herz am meisten hing. Da war erstlich ein gestickter Tabaksbeutel,
den hatte ihre Mutter ihrem Vater einst als Braut geschenkt und hatte
derzeit zwei Taler gekostet, war auch nie gebraucht von ihrem Vater, aus
Ehrfurcht, weil er so teuer gewesen. Den hatte ihr Bruder damals
mitnehmen wollen nach Amerika, aber sie hatte ihn nicht hergegeben, weil
sie dachte, in Amerika könne er in schlechte Hände kommen und zu Leuten,
die nicht verstünden, wie kostbar er ist. Er war aber aus grüner Seide
gehäkelt und waren Rosen, Vergißmeinnicht und Veilchen aus Perlen
darauf, und in der Mitte war ein Wort »Souvenir«, das war auch aus
Perlen, aber aus goldenen; gefüttert war er mit guter Schweinsblase.
Dorrel sagte, wenn Hans erst Pastor sei, dann werde er sich das Rauchen
aus einer langen Pfeife angewöhnen, und natürlich hätte er dann seinen
Tabak in einem Kasten, aber wenn er einmal auf Besuch gehe, dann müsse
er einen Tabaksbeutel haben, da solle er dann diesen nehmen; denn für
einen Pastor schicke sich wohl so ein teures Stück, aber nicht für einen
Tagelöhner, und eigentlich sei es ein rechter Unsinn gewesen von ihrer
Mutter, ein solches Geschenk zu machen. Dann zeigte sie ihm einen
geschnitzten Stockknopf aus Knochen. Der stammte desgleichen von ihrer
Mutter her, welche als Mädchen in einem großen Hause gedient. Der Knopf
hatte auf einem Rohr gesessen, das der Herr zu tragen pflegte, und wie
das Rohr einmal zerbrochen war, wurde der Knopf mit fortgeworfen,
Dorrels Mutter aber hatte sich ihn ausgebeten, abgeschraubt und
sorgfältig aufgehoben. Jetzt sollte ihn nun Hans kriegen, wenn er erst
eine Pfarre hatte, und da sollte er sich ein gutes Meerrohr mit
ordentlicher Zwinge beim Drechsler kaufen und an den Knopf andrehen
lassen; denn der Knopf war zwar altmodisch, aber von guter Arbeit, und
weil die Mode sich immer ändert, so kommt es gewiß auch einmal wieder
auf, daß die Männer von Ansehen solche Art Stöcke tragen.

Zuletzt hatte sie noch einen Hund aus Gußeisen, der für einen
Briefbeschwerer dienen sollte, und hatte noch eine ganz andre
Geschichte.

Auch Dorrel war einmal ein hübsches junges Ding gewesen mit prallen
Backen und lustigen Augen, aber brav und ordentlich war sie auch schon,
wie sie erst ihre achtzehn Jahre hatte. Da war da ein junger Knecht bei
der gräflichen Herrschaft auf dem Hofe, der verliebte sich in sie und
sie in ihn, und wie Kirmes war, tanzten sie viel zusammen, und er
bezahlte für sie Himbeerwasser, und weil sie sich so recht glücklich
fühlten, wollten sie sich etwas schenken, was sie später einmal brauchen
konnten in der Wirtschaft. So kaufte Dorrel ihrem Schatz eine Samtweste,
die mit bunten Blumen bestickt war, und er kaufte ihr den eisernen Hund,
denn er sagte, wenn sie sich später erst etwas gespart hätten, so müßten
sie sich einen Glasschrank kaufen, und in dem würde sich der eiserne
Hund gar prächtig machen. Wie sie aber nach Hause ging, hatte sie schon
Angst vor ihrer Frau, denn sie war damals schon bei Hansens Großmutter
von der mütterlichen Seite, was die zu ihrer Liebschaft sagen würde; und
in Wahrheit bekam sie auch starke Schelte, und die Frau hielt ihr vor,
daß sie selbst nichts habe, und er habe zehn Geschwister, und wenn sie
heirateten, so komme Hunger und Kummer zusammen, vornehmlich, wo sie
sich so läppisch zeigten und sich so einfältige Geschenke aufschwatzen
ließen von den Krämern, denn wenn die Dummen zu Markte gehen, so lösen
die Krämer Geld. Darum solle sie ihr nicht wieder kommen mit einer
Liebschaft, ehe sie nicht fünfundzwanzig Jahre alt wäre. Da seufzte und
weinte Dorrel die Nacht durch, aber bedachte sich doch, daß die Frau
recht hatte, und daß ihr Liebster erst noch zu den Soldaten mußte.
Deshalb sagte sie zu ihm, was die Frau zu ihr gesprochen, und versprach,
daß sie auf ihn warten wolle, und sie müßten ihre Zeit ausharren und
sich erst anschaffen und sparen. Da schimpfte der Mann wohl recht auf
ihre Frau und sagte, die solle ihm nur einmal in den Weg kommen, der
wolle er schon die Wahrheit sagen, aber am Ende mußte er sich geben, sah
auch wohl ein, daß Dorrel recht hatte. Weil er indessen wohl ein guter
Kerl war, aber einen leichten Sinn hatte, ließ er sich mit einer andern
ein; als er in der Stadt bei den Soldaten stand, heiratete die auch, zog
fort und kam nachher in großes Elend. Dorrel aber brauchte lange, bis
sie die Gedanken an ihn verwand; und wie sie wieder so weit war, daß sie
dachte, sie möchte wohl heiraten, da schien ihr keiner recht, denn sie
war inzwischen etwas altjüngferlich geworden, hatte große Besorgnis, daß
dieser liederlich werden möchte und jener krank und der dritte faul;
später hätte sie wohl auch einen Witmann bekommen können, aber da
bedachte sie, daß sie es doch zu lange gut gewohnt war bei ihrer
Herrschaft und fürchtete sich vor den Sorgen und der Not; und so geschah
es, daß sie ledig blieb und die Liebesgeschichte mit dem Knechtlein, wo
sie den eisernen Hund geschenkt kriegte, war ihre einzige.

Diesen Hund nahm sie nun hervor, wickelte ihn sorgfältig aus dem Papier
und reichte ihn dem Hans, indem sie sagte, weil er jetzt als Student so
viel schreiben müsse, so solle er den Briefbeschwerer gleich haben, denn
sie schreibe ja doch nicht, weil sie niemand habe in der Welt. Die
Geschichte erzählte sie ihm zwar nicht, wie sie zu dem Hund gekommen,
aber wie sie an die alte Zeit dachte, da kamen ihr die Tränen in die
verrunzelten Augen; sie war aber auch gerührt, weil sie sich recht
lebhaft vorstellte, wie es erst wäre, wenn Hans nicht mehr am Sonnabend
nach Hause käme, da streichelte sie ihm mit ihrer rauhen Hand seine
Backe, und die Hand zitterte; dem Hans aber stieg das Wasser auch in die
Augen, wiewohl er sich schämte und unwillig war; und so brummte er
etwas, schlug seinen eisernen Hund wieder ins Papier und stolperte die
Treppe hinunter.

Den Koffer nahm ein Holzfuhrmann mit nach der Stadt und gab ihn bei der
Eisenbahn ab, indessen Hans selbst den Weg zur Bahnstation zu Fuß machen
wollte; so verabschiedete er sich von der Mutter und von Dorrel, und der
Vater warf die Büchse über die Schulter und sagte, er wolle ihn eine
Strecke begleiten.

So gingen die beiden. Sie sprachen über die neue Art von Tannen, die der
Graf hatte kommen lassen, welche ein sehr schnelles Wachstum haben
sollten, und der Förster zweifelte, ob das Holz so wertvoll sein werde,
wie die gegenwärtigen Arten, das zu Fußbodendielen zersägt wurde, weil
es besonders fest war durch das langsame Wachsen der Bäume auf dem
felsigen Boden. Hans wunderte sich, daß sein Vater so mit ihm sprach.

An einem Seitenwege machte der Vater Halt, weil er zu seinen Arbeitern
mußte, gab dem Jungen die Hand und sagte: »Sei fleißig und schreibe
bald. Wenn dein Geld nicht reicht, so mußt du schreiben.« Dann wendete
er sich zur Seite, und Hans ging weiter.

Aber der Hund, den der Förster an der Leine führte, hatte aus allen
früheren Anstalten gemerkt, daß etwas Besonderes geschehe und Hans auf
länger fortging wie sonst; so legte er sich auf den Boden, stemmte sich
mit aller Kraft fest und begann zu winseln. Der Förster zog ihm das Ende
der Leine über, aber der Hund winselte nur mehr und ließ sich nicht von
der Stelle ziehen. Da wendete sich der Vater zurück und rief hinter Hans
her: »Der Hund will Abschied nehmen.« Da tanzte der Hund bellend und
winselnd auf den Hinterbeinen, und wie Hans zurückkam, leckte er dem
ungestüm die Hände, heulte und bellte. Hans liebkoste ihm den Kopf und
mußte sich zusammennehmen, daß er nicht weinte. Am Ende sprach der
Vater: »Nun gehe, du versäumst den Zug«, und da wendete sich Hans und
ging; der Hund aber wich auch jetzt nicht von der Stelle, bis Hans durch
eine Biegung des Weges unsichtbar wurde, dann beschnupperte er noch
einmal seine Fußspur und dann erst folgte er seinem Herrn auf den
Nebenweg und war traurig und niedergeschlagen.

So schritt nun Hans seine Straße fürbaß. Das war die alte Straße, die er
so manchen Sonnabend heimwärts gegangen war frohen Mutes und in Trauer
stadtwärts Montags früh, wenn die Vögel ihr Morgenlied sangen. Eine
gute, feste Chaussee war es; zu den Seiten standen Ahornbäume, deren
Laub färbte sich schon herbstlich, und Quitschen mit roten Beeren; im
Winter fressen die Drosseln diese Beeren und bekommen davon ein angenehm
schmeckendes Fleisch. Und auf der Chaussee fuhren Holzwagen; an einem
sehr großen Stamm kam Hans vorbei, den zogen zwei schwere Pferde mit
Mühe und war wohl bestimmt zu einem Mastbaum; der sollte auch in die
weite Welt hinaus. Der Fuhrknecht in manchesternen Kniehosen und blauem
Kittel grüßte.

Nicht weit von der Straße war die Elsgrube, Hans bog ab und ging dahin.
Die kleinen, schiefgeschnittenen Äcker waren abgemäht, und die Stoppeln
sollten noch umgepflügt werden; der Kartoffelacker war umgewühlt, und in
der Mitte war ein runder Aschenfleck, wo das Kartoffelfeuer gebrannt
hatte. Merkwürdig trostlos sah das alles aus. Das stille, kreisrunde
Wasser glänzte grün inmitten des kahlen Wesens; einige geknickte Binsen
hielten sich am Rande. Hans dachte, wie gern er als Kind nahe gegangen
wäre an das Wasser, um vielleicht in der Tiefe den Turm der versunkenen
Burg zu sehen; jetzt hätte ihm niemand verboten, so nahe an den Rand zu
treten, wie er wollte, aber er hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Turm
in der Tiefe. In kindischem Tiefsinn dachte er: »ja, das ist ein Symbol
unsers Strebens«; und er meinte, das sei wahrhaftig seine Ansicht. Aber
seine wirklichen Gedanken waren ganz anders.

Die waren wie die Tannen, die sich den steilen Bergabhang in die Höhe
strecken gleich einem Heer, das eine feindliche Befestigung stürmt;
mannhaft stehen sie in Reih und Glied, klammern sich mit ihren Wurzeln
über Felsen und Steine. Nach oben streben sie, nach Sonne, Freiheit und
Licht; ihre unteren Zweige lassen sie trocken werden, denn sie mögen
nichts mehr zu tun haben mit dem Dunkel, wo Ameisen geschäftig laufen.
Eilfertig plätschert ein kleines Wässerlein den Berg hinab, aufblitzend
in einem verlorenen Sonnenstrahl; das muß ihre Wurzeln tränken. Aber
tiefer dringen ihre Wurzeln, sind nicht zufrieden mit des muntern
Bächleins klarem Wasser; sie gehen bis zu der Tiefe, von wo die
Bergquelle in die Höhe steigt. Die schaut aus der Erde zwischen Moos und
Tannennadeln, wie ein dunkles Auge, und kleine Sandkörnchen tanzen in
dem quellenden, kristallklaren Dunkel. Rührend ist es, wie diese
Sandkörnchen da tanzen, unermüdet. Wenn man ruhig harrt und hört das
leise Rauschen und Plätschern, so spürt man, wie der Wald wächst, im
Herzen spürt man es, und man weiß, daß man zusammengehört mit dem Wald
und aus einem herauswächst mit ihm, und alles ist eins und gehört zu
einem, die leise wankenden Tannenwipfel und das dunkle Auge des
Bergquelles, der moosbewachsene Felsblock und das spritzende Wässerlein
und das heimliche Wesen der Wälder mit seiner starken, gesunden Luft.
Eine Minute nur währt solche Verzückung; aber für den inneren Menschen
bedeutet die Zeit ja nichts, denn Jahre können träge vorübergehen, ohne
daß sie uns einen Eindruck machen, aber der Eindruck jener Minute ist
immer noch in unsrer Seele. Die Straße ging in Windungen bergab bis zum
Städtchen, wo die Bahnstation war; da wartete der Zug, der bestand aus
zwei Personenwagen und vielen Wagen mit Brettern, Wellen, Stempeln und
Balken, denn Holz war die Hauptware, die von hier verschickt wurde. Ein
häßlicher Kohlengeruch lag über dem Bahnhofe und stumpfe und schmutzige
Farbe, aber für einen Augenblick drang der Duft des frischgeschnittenen
Holzes durch, daß Hansen ein heftiges Heimweh ergriff.

Da fuhr der Zug; und er fuhr erst durch Täler, auf deren Grund Wiesen
waren, die in der Mitte, wo Wasser floß, noch Grün zeigten, sonst aber
schon grau und braun schienen, und auf den Höhen standen Wälder, aber
nur noch vereinzelte Tannen, denn nun begann der Buchenbestand; und
schon waren die Blätter farbig, und eine vereinzelte Eiche leuchtete rot
aus dem stumpferen Braun. Bald aber wurde das Tal breiter und die Hügel
flacher, die Wälder verschwanden, und es zogen sich Stoppelfelder in die
Höhe und ab und zu winkte ein Dörfchen mit einem Kirchturm.

Dann tat sich die Ebene auf, die ganz weit war und durch die Trübe des
Himmels begrenzt wurde. Hier war die Station, wo Hans den Zug verlassen
mußte; die Wagen mit den Brettern und Stämmen blieben zurück, das letzte
von der Heimat; und nun wurde alles anders und wurde fremd, denn selbst
die Wagenabteile waren größer wie die früheren, und es schien, als wenn
in den andern noch etwas heimische Luft und Helligkeit gewesen sei; dazu
sprachen die Leute eine andere Sprache, redeten über andere Dinge, und
ihre Gesichter waren Hansen nicht mehr vertrauter Art.

Dahin raste der Zug. Die Telegraphendrähte an der Seite flogen auf und
ab, die Stangen blitzten vorüber, und lange, schmale Felder tanzten, wie
wenn sie sich im Kreise um einen Mittelpunkt bewegten, der in Hansens
Wagen lag. An großen Rübenbreiten kamen sie vorbei, wo eine Herde
Polenmädchen in nackten roten Beinen mitten in der Nässe stand und Rüben
herausholte, und Wagen mit breiten Rädern wurden beladen, schwere Pferde
zogen mit Anstrengung durch den nassen Acker, und der Wagen hinterließ
eine tiefe Spur. Nun kamen wieder ganz andere Menschen in den Wagen,
Leute, die sich breit machten und über Hansen wegsprachen und unhöflich
drängten. Sehnsüchtig blickte er zum Fenster hinaus, dachte bei sich, er
hätte doch lieber mögen zu Hause bleiben, im Wald, und mit der Flinte
auf dem Rücken gehen, und alle Menschen kannte er da und alle Wege, und
in der Fremde war ihm das Herz schwer und wußte auch nicht, was
eigentlich die Universität war, und was er tun sollte, wenn er nun auf
dem Bahnhof stand in Berlin. Immer weiter eilte der Zug und fuhr über
Sandboden, wo häufige Kiefernwälder kamen, die schienen Hans natürlich
zu sein; dann kamen wieder Äcker und große flache Seen, daß es war wie
eine Überschwemmung; solche Art von Wasser kannte er nicht, das war so
glatt und flach. Bald senkte sich auch die Dunkelheit; ein Reisender
zeigte ihm in der Ferne eine schwere Dunstwolke in der Luft, das war
Berlin. Das war Berlin, was unter dieser Dunstwolke lag. Wie er das sah,
war ihm das Heimweh plötzlich vergangen.

Nun hielt der Zug, die Türen der Abteile wurden hastig geöffnet, und
alle Menschen liefen schnell und hastig, eilten, drängten und stießen
sich, und Hansen überholten sie alle, daß er als letzter eine ungeheuer
breite Treppe hinunterschritt, die von einem Stein war, der Hansen
Granit schien, und waren die sehr breiten Stufen immer aus einem Stück
geschlagen, was sehr teuer gewesen sein mußte. An Hans vorbei eilten
andre in die Höhe, hinter ihm kam ein neuer Menschenstrom herab, und
unten in der Vorhalle wimmelte und kribbelte es von eilfertigen
Menschen. Diese Vorhalle war außerordentlich hoch, aber eine häßliche
Luft war da, und schien alles schmutzig, so daß Hansen ein plötzlicher
Ekel ankam, denn ihm war, als sei auch er mit einem Male ganz schmutzig.

So stand er am Ende draußen auf dem Platz, und vor ihm war Berliner
Leben.

Einen Rock trug er, den der Schneider in der kleinen Stadt verschnitten
hatte, denn er war ihm vorn zu eng; auch sahen seine langen und
knochigen Hände weit aus den Ärmeln, und sein Hut war von ganz alter
Mode, denn er hatte ihn sich bei einem kleinen Hutmacher zu Hause
gekauft, und Kragen und Schlips paßten nicht zueinander und verschoben
sich beständig, und seine Füße waren in großen, plu

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