Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Novellen

by N. S. Leskov · German · Gutenberg #49159 · 356,793 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Novellen
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Novellen

Author: N. S. Leskov

Translator: S. Mierzinski


        
Release date: June 7, 2015 [eBook #49159]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/49159

Credits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
        http://www.pgdp.net. This book was produced from images
        made available by the HathiTrust Digital Library.


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN ***

                           N. S. LĚSKOV:




                               NOVELLEN


                          AUS DEM RUSSISCHEN
                                 von
                          Dr. S. MIERZINSKI.

                                 PRAG
                   ——— VERLAG VON J. OTTO ———
                                 1906

                       Alle Rechte vorbehalten.

                      Buchdruckerei »Unie« Prag




                   NIKOLAJ SEMENOVIČ LĚSKOV.


Ein Zufall führte N. S. Lěskov der Literatur zu. Da seine Familie
infolge wiederholter großer Feuersbrünste, die nahezu ihren gesamten
Besitz zerstörten, verarmt war, konnte er die bereits begonnenen
Universitätsstudien nicht vollenden und sah sich gezwungen, sich einen
praktischen Beruf zu erwählen. Im Auftrage seines Verwandten, des
Engländers Scott, in dessen Dienste er getreten war, bereiste er in
geschäftlichen Angelegenheiten Rußland und machte auch einige
Auslandsreisen. Die Reiseberichte, die er an seinen Auftraggeber
richtete, gefielen dem Schriftsteller Selivanov, der zufällig von ihnen
Kenntnis erhielt, derart, daß er die literarischen Kreise auf den
begabten jungen Mann aufmerksam machte.

Lěskov war nahe an die Dreißig,[1] als in einer Petersburger
Zeitschrift seine erste Arbeit erschienen, ein Schreiben, in dem er über
die unmäßig hohen Preise Klage führt, zu welchen die Buchhändler in Kiev
das damals soeben zum erstenmale in russischer Sprache erschienene
Evangelium verkaufen. Der warme Ton, in dem das Schreiben gehalten war,
erregte allgemeine Aufmerksamkeit und machte den angehenden Literaten
rasch bekannt. Bereits in den ersten Sechzigerjahren erschienen zumeist
in Petersburger Monatsschriften und Sammelwerken die ersten
novellistischen Arbeiten und Romane dieses Autors, der neben Gogol,
Gončarov, Tolstoj, Dostojevskij, Pisemskij, Saltykov und Ostrovskij
zu den hervorragendsten Repräsentanten des russischen Schrifttums des
neunzehnten Jahrhunderts zählt, wie wohl er selbst in seiner Heimat auch
heute noch nicht nach Gebühr geschätzt wird.

Daß diesem originellen, reichbegabten und seinen Beruf ernst
auffassenden Schriftsteller solange die ihm gebührende Anerkennung
versagt wurde, daran ist in erster Reihe die politische Gesinnung
Lěskovs schuld, der, ursprünglich liberal, sich später (ebenso wie
Pisemskij und Turgeněv) gegen die Auswüchse und Übertreibungen der
radikalen Richtung erklärte und durch Romane, in denen er die neuen
Strömungen karrikierte (»Nekuda«, »Na nožach« und »Obojdennie«), sich
den glühenden Haß der Jugend zuzog. Er wurde auch beschuldigt, in den
Diensten der Polizei zu stehen und ein Verräter und Spion zu sein. Es
braucht wohl nicht erst bemerkt zu werden, daß alle diese
Beschuldigungen im höchsten Grade ungerecht waren und auch nicht ein
Fünkchen Wahrheit enthielten, aber sie genügten, um Lěskov beim
Publikum verhaßt zu machen. Nur nach und nach ist es dem Autor, der sich
in seinen tendenziösen ersten Romanen unstreitig zu Übertreibungen hatte
hinreißen lassen, gelungen, die Gunst eines weiten Leserkreises zu
gewinnen.

[Fußnote 1: Nik. Semenovič Lěskov wurde am 4. Feber 1831 im Dorfe
Gorochov (Gouvernement Orlov) als der Sprosse einer adeligen Familie
geboren, von deren Mitgliedern mehrere Geistliche waren. Nach dem jähen
Abbruch seiner Universitätsstudien trat er zunächst in den Justizdienst
ein, um später einen Posten bei der Finanzdirektion in Kiev anzunehmen.
Dann war er eine Zeitlang als Verwalter der Scottschen Güter tätig,
widmete sich jedoch frühzeitig einzig und allein der Literatur. Er
übersiedelte im Jahre 1861 nach Skt. Petersburg, wo er am 21. Feber 1895
verschied.]

Diesen Erfolg, der umso mehr bedeutet, als, wie gesagt, die gesamte
öffentliche Meinung lange Zeit hindurch gegen ihn voreingenommen war,
erreichte er durch die Wahrheitsliebe, die aus allen seinen Werken
sprach, durch die Originalität und Bodenständigkeit derselben, sowie
durch den Gerechtigkeitssinn und den tiefen sittlichen Ernst, der sich
in seinen Arbeiten äußert. Er ist ein Altruist im besten Sinne des
Wortes und er bringt allen, die da leiden, ein warmes Mitgefühl und
ungeheuchelte Sympathien entgegen. Besonders gelungen sind seine
Schilderungen aus dem Leben der russischen Geistlichkeit, deren
Verhältnisse er eingehend kannte und mit trefflicher Plastik schilderte.
In dieser Beziehung kann es von den russischen Schriftstellern nur noch
_A. Pečerskij-Melnikov_ mit ihm aufnehmen. Mit seltener Meisterschaft
hat er eine ganze Anzahl köstlicher Gestalten aus dieser
gesellschaftlichen Sphäre geschildert. Sein Hauptwerk, der Roman
»Soborjane«, ist gleichfalls dem Leben der Geistlichkeit entnommen.

Aber auch andere Schichten der russischen Gesellschaft liefern ihm
dankbare Vorwürfe für sein Schaffen, so jene der Kaufleute, der
Ökonomen, der Beamtenwelt. Lěskov kannte seine Menschen genau und war
mit allen Einzelheiten ihres Lebens vertraut und daher mag es kommen,
daß wir bei der Lectüre seiner Arbeiten den Eindruck gewinnen, als ob
sich uns eine ganz neue, uns bisher durchaus unbekannte Welt erschließen
würde. Sein psychologischer Scharfblick, sein kerniger origineller Stil
und die flammende Menschenliebe, die aus seinen Werken spricht, machen
ihn zu einem der bedeutendsten und eigenartigsten russischen
Schriftsteller, dem die Zukunft zweifelsohne die gerechte Würdigung, die
ihm die Mitwelt versagte, gewähren wird. Seine Stellung im neueren
russischen Schrifttum präzisiert der treffliche Kenner der Literatur
seiner Heimat, der Kritiker _Vengerov_, wie folgt: »Durch einige Seiten
seiner Begabung Ostrovskij, Pisemskij und Dostojevskij nah verwandt,
steht er keinem dieser großen Meister des russischen Wortes in Bezug auf
rein künstlerische Qualitäten nach. Kein einziger russischer
Schriftsteller verfügt über einen solchen Reichtum der Fabulierungkunst.
Mit diesem Reichtum ist die Koncentrirung der belletristischen Manier
Lěskovs eng verknüpft. Endlich findet man in der russischen Literatur
wenig Autoren, die es mit Lěskov in Bezug auf den Farbenreichtum und
die Originalität der Sprache aufnehmen könnten.«

Außer einigen größeren Romanen hat Lěskov eine große Anzahl Novellen
hinterlassen, die in künstlerischer Beziehung den besten
Hervorbringungen des neueren russischen Schrifttums beizuzählen sind und
wertvolle Beiträge zu einer näheren und tieferen Erkenntnis der
Verhältnisse Rußlands und der Sitten seiner Bewohner in der zweiten
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bilden.




                         DER UNGETAUFTE POPE.




                           Erstes Kapitel.


Über die Vorfälle des Tages uns unterhaltend, saßen wir, eine größere
Zahl guter Freunde und Genossen, beisammen, als einer nachstehende
Zeitungsnotiz zu lesen begann:

»In einem Dorfe fand die Hochzeit der Tochter des Popen statt, wobei es
sehr hoch herging und, wie üblich, recht viel getrunken wurde, so daß
sich alle, ländlich, sittlich, nach dortiger Bauernart sehr gut
unterhielten.

Unter den Gästen befand sich auch der Diakon, der sich als Freund und
Liebhaber choreographischer Künste zeigte, weshalb er es unternahm, den
Festtag mit »festlichen Reimen« zu feiern und schließlich, um auch
seinen Teil zur Unterhaltung der Gäste beizutragen, anfing, den
»Trepak«[2] zu treten, wodurch alle Anwesenden in das höchste Entzücken
gerieten.

[Fußnote 2: Trepak, eine Art Fußblatteltanz.]

Nur der Vikariatsvorstand (Kircheninspektor), welcher als Gast anwesend
war, fand das Vorgehen des Diakons als mit der geistlichen Würde
unvereinbar, höchst unzeitgemäß, und erstattete diensteifrig eine
Anzeige an den Erzbischof.

Erzbischof Ignatius schrieb, nachdem er die Klage des Vikarius gelesen,
unter dieselbe folgende Resolution:

   Diakon N. den Trepak trat.
   Trepak hat aber nicht geklagt.
   Warum der Inspektor klagt?
   Sei er zu rufen und deswegen gefragt.

Die Sache endete damit, daß der Inspektor im Winter, etwa anderthalb
hundert Werst zu fahren und nicht wenig Geld zu verausgaben hatte, um
mit der Bemerkung nach Hause geschickt zu werden, »es wäre jedenfalls
angezeigter gewesen, den Diakonus an Ort und Stelle sofort auf das
unpassende und unanständige seiner Handlungsweise aufmerksam zu machen,
statt Klage zu führen, wegen _eines_ und dabei noch _ausnahmsweise_
vorgekommenen Falles.«

Nach Beendigung der Vorlesung waren alle darüber einig, daß die
Resolution des Erzbischofes nicht nur originell, sondern auch zeitgemäß
war, doch einer unter uns, welcher besonders viel in Verbindung mit
Geistlichen stand, und dem das Leben derselben, sowie viele auf dasselbe
bezughabenden Anekdoten bekannt waren, meinte:

Wahr ist wahr, der Inspektor hatte keinen Grund gehabt zu klagen und
Angeberei zu treiben wegen eines ausnahmsweise vorgekommenen Falles;
aber ein Fall ist nicht gleich dem anderen, und das, was ich eben hörte,
erinnert mich an einen anderen Fall, in welchem der Vikarius seinem
Erzbischof eine viel schwierigere Aufgabe zu lösen gab, die jedoch der
letztere zur Zufriedenheit aller Beteiligten, den Vikarius ausgenommen,
löste.

Wir baten unseren Freund uns diesen Vorfall zu erzählen, wozu er sich
bereit erklärte; er begann:

Die Geschichte, welche ich euerem Wunsche entsprechend erzählen werde,
ereignete sich in den ersten Jahren der Regierung des Kaisers Nikolaus
Pawlovič und endete knapp vor dem Tode desselben, also gerade zu
einer Zeit, wo wir die größten Mißerfolge in der Krim zu überstehen
hatten.

Die zu jener Zeit herrschenden politischen und militärischen Vorfälle
hatten alles andere zurückgedrängt und so ging mancher Fall unbeachtet
verloren, welcher unter anderen Verhältnissen allgemeines Interesse
erregt hätte, aber einer von diesen bewahrt sich doch im Gedächtnisse
einiger weniger Personen, vor deren Augen derselbe vor sich ging oder
die an demselben direkt oder indirekt beteiligt waren.

Mancher dieser Vorfälle gehört bereits der Sage an.

Der Fall jedoch, den ich Euch erzählen werde, ist noch nicht aus dem
Gedächtnisse einzelner Personen verschwunden, denn die meisten in dieser
wahren Geschichte handelnden Personen leben noch heutigen Tages, und ihr
werdet es deshalb für ganz richtig und angezeigt halten, wenn ich den
Orten und Personen, außer der Hauptperson, erdachte Namen gebe.

Im allgemeinen will ich nur soviel sagen, daß diese Geschichte in
Süd-Rußland, unter Klein-Russen, vor sich ging und der »ungetaufte Pope«
Sava, ein seelenherzensguter, allgemein beliebter, ja von seiner
Gemeinde geradezu vergötterter Mann, noch heute frisch und heiter, wenn
auch bereits hochbetagt, lebt und seinen Pfarrbezirk nicht nur zur
Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, sondern auch seiner Pfarrkinder
verwaltet.




                           Zweites Kapitel.


Also: — in einem der Dörfer im südlichen Rußland, welchem wir,
meinetwegen, den Namen Paripsami beilegen wollen, lebte der reiche Kasak
Zacharovič, mit dem Rufnamen Dukač.

Er war zur Zeit, als meine Erzählung beginnt, bereits nicht mehr jung,
aber sehr reich, kinderlos, rauh und hartherzig.

Wucherer, im eigentlichen Sinne des Wortes, war er nicht, auch kein
Schinder, wie man sie unter Altrussen oft findet, denn derartiges kam zu
jener Zeit in Südrussland nicht vor, aber er war, was man so nennt, ein
zänkischer, hochmütiger, grober, rücksichtsloser Mensch, den alle
fürchteten, sich, sowie sie ihn sahen, bekreuzten, und ihm, wenn es
tunlich war, aus dem Wege gingen, denn kamen sie demselben ungelegen,
dann gab es böse Worte, ja nicht selten sogar Prügel.

Sein eigentlicher Name war den wenigsten im Dorfe bekannt, was ja
überhaupt in Dörfern gar nicht so selten vorkommt, aber alle nannten ihn
Dukač, wodurch alle seine unangenehmen Eigenschaften zum Ausdruck
gelangten.

Dieser mehr oder weniger beleidigende Spitzname konnte auf eine
Verweichlichung seines Charakters wenig Einfluß ausüben; im Gegenteil,
er wurde dadurch noch mehr aufgeregt und ärgerlich und nicht selten in
einen solchen Zustand von Aufregung gebracht, daß der sonst von der
Natur aus ganz gescheite Mann, der sich auch sonst zu beherrschen
verstand, alle Überlegung verlor und sich auf die Menschen wie ein
wütender Wolf warf.

Kinder brauchten ihn wohl nur von weitem zu erblicken, als sie unter dem
Rufe: »Der Dukač kommt, der Dukač kommt!« auseinander liefen, wie
die Sperlinge bei einem Schusse: gelang es dem Dukač aber eines der
Kinder unverhofft zu erjagen, dann schlug er dasselbe mit seinem langen
Stocke, ohne welchen kein richtiger Kasak sein Haus verläßt, recht derb
und empfindlich; hatte er aber den Stock nicht gerade zur Hand, dann
brach er einen Ast vom ersten besten Baume, der ihm zu vorerwähntem
Zwecke diente.

Den Dukač fürchteten alle, nicht allein Kinder, sondern auch die
Erwachsenen, weshalb ihm jedermann auswich und trachtete dem Dukač
nicht begegnen zu müssen.

Das war ein Mensch, den niemand liebte, dem niemand gutes wünschte,
weder ins Gesicht noch hinter seinem Rücken, denn alle waren darüber
einig und davon überzeugt, der Himmel zögere nur den streitsüchtigen
Kasaken zu strafen bis zur gelegenen Zeit, sie selbst aber wären alle
bereit diese Strafe mit dem größten Vergnügen zu besorgen, aber gerade
den Leuten wie zum Trotze, verfolgte geradezu das Glück den Dukač.

Es glückte alles, was er unternahm — es lief ihm so zu sagen alles in
die Hände; die schon überhaupt zahlreichen Heerden seiner Schafe
vermehrten sich wie die Heerden Labans unter Jakob, so daß die in der
Nähe liegende Steppe bereits zu klein für sie sich erwies.

Die langgehörnten schweren Zugochsen Dukač's vermehrten sich, wuchsen
und zogen hundert neue, mit Getreide, Wolle und anderen Produkten und
Waren beladene Wagen nach Moskau, Nešin, Odessa oder geradezu noch
weiter in die Krim; die Bienenstöcke im Lindenwald, vor Wind und Wetter
geschützt, zählten nach hunderten.

Mit einem Wort: der Reichtum des Dukač war nach den Begriffen und der
Ansicht der dortigen Kasaken ein — — — unermeßlicher.

Aus welchem Grunde gab ihm das alles Gott?

Die Leute konnten sich dieses nicht erklären, sie wunderten sich,
schüttelten mit den Köpfen und trösteten sich damit, daß all' dieser
Reichtum, all' dieses Glück, dieser Überfluß dem Dukač nicht zum
Vorteile gereiche, daß Gott den Dukač nur in Versuchung führe, damit
dieser noch stolzer werde als er es bereits ist, um ihn dann ungeahnt,
plötzlich von seiner Höhe herabzustürzen mit einem solchen Krach, daß
derselbe weit und breit hörbar sein werde.

Ungeduldig bereits geworden, erwarteten diese guten Leute das
schreckliche Gericht; aber die Jahre folgten eines nach dem anderen,
ohne daß die Strafe Gottes zur Äußerung gekommen wäre.

Der Kasak wurde von Jahr zu Jahr reicher und reicher, hochmütiger,
anmaßender, ja bösartiger, und es gab keine Anzeichen noch Hoffnung, daß
seinem Übermut, seiner Rohheit ein Damm gesetzt werden würde.

Das beunruhigte nicht nur die nächsten Nachbaren Dukač's, sondern
auch die Gemeinde und die ganze Umgebung, und regte dieselbe auf, um so
mehr, als man nicht sagen konnte, daß die Sünden des Vaters sich an den
Kindern desselben rächen würden, denn Dukač war — — kinderlos.

Aber unerwartet zog sich die Dukačin von den Leuten zurück — sie
zeigte sich wenig, wurde schüchtern und zurückhaltend — hörte auf sogar
vor's Haus zu gehen oder Besuche zu machen; — in nicht gar zu langer
Zeit verbreitete sich das Gerücht und wurde weitergetragen, die
Dukačin befände sich in jenem Zustande, den man bei den Frauen den
interessanten zu nennen pflege.

Die guten Leute und Nachbaren erschraken geradezu über diese fast
unglaublich scheinende Neuigkeit; die Zungen lösten sich jedoch bald,
die durch fruchtlose Erwartung bereits ermüdete öffentliche Meinung fing
an sich auf ein großes Ereignis vorzubereiten.

»Was wird das für ein Kind werden? — was wird das für ein Teufelskind
sein? … Es wäre besser, es ginge im Mutterleibe zu Grunde, ehe es das
Licht der Welt erblickt!«

Solche und ähnliche Wünsche hegte die Gemeinde und Umgebung. Alle
erwarteten mit Ungeduld die Zeit der Geburt, bis auch diese eintrat. In
einer bitterböskalten Dezembernacht gebar unter dem Dache des großen
Bauerhauses unter großen Schmerzen die Dukačin ein kleines Kindlein!

Das neugeborene Weltenkind war ein Knabe, keine tierähnliche Mißgeburt,
wie es die guten Leute erwarteten und wünschten, sondern ein ganz
reinliches Kindlein mit weißer weicher Haut, schwarzen Haaren und
schönen, großen, blauen Augen.

Als die Hebamme Kerasivna diese Neuigkeit den vor dem Hause
angesammelten Leuten mitteilte und eidlich bestätigte, der Neugeborene
besäße weder Hörner am Kopfe noch einen Pferdefuß oder gar ein
Schwänzchen, da fehlte es nicht viel und sie wäre durchgeprügelt worden;
angespuckt hat man sie doch.

Und trotz alledem blieb der Knabe was er war, ein schönes Kind, und
dabei außergewöhnlich ruhig: er atmete ganz leise, so daß es kaum
bemerkbar war, als schämte er sich zu schreien.




                           Drittes Kapitel.


Als Gott dieses Knäblein dem Dukač schenkte, stand derselbe bereits
nahe den Fünfzigen.

Bejahrten Leuten, namentlich solchen, welche über einen gewissen
Wohlstand oder Reichtum verfügen, bereitet die Geburt eines Nachfolgers
eine ganz besondere Freude.

Selbst Dukač freute sich sehr der Geburt seines Sohnes, aber seine
Freude äußerte sich, wie es ja bei seinem rauhen Charakter nicht anders
sein konnte, in eigener Art.

Vor allen anderen ließ er den bei ihm lebenden vermögenslosen Verwandten
Agap zu sich rufen und teilte ihm mit, daß er von nun an sich keine
Hoffnung machen dürfe, ihn — den Dukač — beerben zu können, um so
mehr, als ihm Gott einen wirklichen Erben geschenkt habe; dann befahl er
ihm so rasch wie möglich seinen Sonntagsstaat anzuziehen, die neue Mütze
aufzusetzen und so, wie es Tag wird, den hier zu Besuch weilenden jungen
Gerichtsbeamten und die Frau des Popen aufzusuchen und sie als Taufpaten
für das neugeborene Kind einzuladen.

Agap war nicht mehr jung, nahezu an vierzig, furchtsam, er sah mehr
einem Huhn mit beschädigtem Kopfe ähnlich, was davon herrührte, daß ihm
ein großer Flecken Haare am Kopfe fehlte, wodurch eine lächerliche
Kahlheit entstand; ein Zeichen von Dukačs starker Hand.

Agap verlor die Eltern noch im Kindesalter und wurde von Dukač
angenommen; zu der Zeit war Agap ein aufgeweckter lebhafter, fast
übermütig ausgelassener Knabe, der seinem Onkel nur Nutzen brachte, denn
er konnte lesen und schreiben, was Dukač nicht konnte.

In den ersten Jahren pflegte Dukač den Agap mit Fuhren nach Odessa zu
schicken.

Als Agap einmal von einer solchen Odessaer Reise zurückkehrte, die
Abrechnung pflegte und in der Rechnung den Ankauf einer neuen Mütze
auswies, da wurde Dukač darüber, daß Agap, ohne seine Einwilligung
eingeholt zu haben, eine Ausgabe machte, so wild, daß er den Agap über
Kopf und Nacken so heftig schlug, daß dieser sehr lange nicht nur
Schmerzen litt, sondern auch seit dieser Zeit den Kopf nach einer Seite
geneigt trug; die Mütze nahm Dukač dem Agap ab, hängte sie auf einen
Nagel in der Stube auf, bis sie die Motten zerfraßen.

Der schiefhalsig gewordene Agap ging ein ganzes Jahr lang ohne Mütze
herum; alle Leute lachten ihn deswegen aus.

Während des Verlaufes dieses Jahres weinte Agap sehr oft und sehr lange;
er hatte Zeit genug darüber nachzudenken, wie er sich in der Folge in
einem solchen Falle zu benehmen hätte.

Durch die rohe Behandlung seines Onkels ist Agap selbst stumpf geworden;
die Leute rieten ihm seinen Verwandten zu betrügen, aber dieser Betrug
müsse so politisch sein, daß er, Agap, eine Mütze hätte, ohne daß
Dukač dahinter kommen könnte, in welcher Art und Weise er, Agap, sich
das Geld zum Ankauf verschafft habe, dieses sei jedoch nur dann möglich,
wenn er, Agap, das für die Mütze verausgabte Geld in kleinen Beträgen
auf die anderen Ausgaben verteile.

Sodann müsse er, Agap, behufs Sicherung, für alle Fälle, sich Hals und
Nacken recht dick mit Tuch umwickeln, sobald er mit seinem Onkel
Dukač die Abrechnung pflegen wird, denn wenn ihn dann Dukač
schlagen sollte, so wird er, Agap, wenigstens keine Schmerzen empfinden.

Agap hat sich diese und ähnliche Ratschläge recht wohl gemerkt und als
ihn Onkel Dukač das nächste Jahr wiederum nach Nižnij[3] schickte,
da kam Agap, der ohne Mütze vom Hause wegging, mit neuer Mütze zurück,
die jedoch in der Rechnung nicht angeschrieben stand.

Dukač bemerkte gar nicht, daß Agap eine Mütze besitze, ja er belobte
sogar seinen Neffen Agap und bemerkte, daß er diesesmal keine Ursache
habe, ihn durchzuprügeln; die Angelegenheit wäre ganz friedlich
verlaufen, wenn dem Agap der Teufel nicht geraten hätte dem Onkel zu
zeigen, wie er »politisch« sein und der Redlichkeit ein Schnippchen
schlagen könne.

Vorerst jedoch betastete er vorsichtig Hals und Nacken, ob auch die
Handtücher, die er vorsichtshalber umgewickelt hatte, fest säßen, und
erst dann meinte Agap:

[Fußnote 3: Nižnij Novgorod.]

»Ah! Onkel! … gut … gut … für nichts zu schlagen nötig! …
Redlichkeit gibt es doch auf der Welt.«

»Was für Redlichkeit?«

»Was für Redlichkeit? … Schaut her, Onkel,« und er tippte mit dem
Finger auf das Papier, auf welchem die Rechnung geschrieben war, »gibt
es hier eine Mütze?«

»Nein, ist nicht,« gab Dukač zur Antwort.

»Und ist die Mütze drin,« belobte sich Agap selbst und setze diese
schief aufs Ohr.

Dukač sah auf und sagte:

»Wirklich eine schöne Mütze — geb' sie doch 'mal her, ich will sie
anprobieren.«

Er setzte die Mütze auf und ging zu dem Spiegelscherben, welcher in
einen Holzspan eingeklemmt war, schüttelte seinen grauen Kopf und
meinte:

»Gewiß, eine sehr schöne Mütze, die ich selbst tragen werde.«

»Sie steht Euch sehr gut zu Gesichte, Onkel.«

»Ja, wo hast Du, Lump, die Mütze gestohlen?«

»Was Euch nicht einfällt, Onkel, ich stehle nie,« gab Agap zur Antwort,
»Gott soll mich bewahren, ich, und stehlen!«

»Also, woher hast Du die Mütze?«

Agap meinte, gestohlen habe er sie nicht, aber durch Politik sei er in
den Besitz derselben gekommen.

Dem Dukač erschien dies alles so außerordentlich lächerlich und
unglaublich, daß er tatsächlich zu lachen anfing und meinte:

»Ist es Dir nicht schwer vorgekommen Politik zu treiben?«

»Weshalb?«

»Also red', wie hast Du das angestellt?«

»Politisch.«

Dukač drohte dem Agap mit dem Finger; doch dieser blieb bei seiner
Behauptung die Mütze politisch erworben zu haben.

»Welcher Teufel hat Dir eingeredet, politisch zu sein?« frug Dukač
weiter, »wie kann es möglich sein, daß ein so dummer Junge, wie Du es
bist, in Nižnij Politik treiben kann?«

Doch Agap blieb fest bei seiner Behauptung stehen.

Dukač befahl schließlich dem Agap sich zu setzen und ihm haarklein zu
erzählen, in welcher Art und Weise er Politik getrieben habe. Dukač
selbst goß sich einen kleinen Topf Pflaumenbranntwein ein, brannte seine
Pfeife an und richtete sich gemächlich zu längerem Zuhören ein.

Doch die Erzählung war kurz.

Agap las nochmals die sämtlichen Posten der Rechnung vor, und meinte
dann:

»Gibt es hier eine Mütze?«

»Nein, nicht,« gab Dukač zur Antwort.

»Und sie ist doch drin!«

Und nun beichtete er, wo und in welchen Posten und wie viel bei jedem
zugerechnet worden ist, und dieses alles erzählte er mit einer solchen
Offenheit und Freude, als er sicher war, daß ein Überfall seines Onkels
ihm keine großen Schmerzen bereiten könne, denn sein Hals und Nacken
waren ja mit vielen Lagen von Handtüchern dicht umwickelt; aber es
ereignete sich etwas anderes, ganz unerwartetes, unerwünschtes, worauf
Agap ganz unvorbereitet war.

Anstatt seinen Verwandten zu prügeln, meinte Dukač:

»Sieh'! sieh'! wirklich, Du bist sehr politisch vorgegangen und hast die
Ausgabe für die Mütze so gut verheimlicht, daß es mir nicht wehe tuet,
ich aber werde Dich eine andere Politik lehren,« und aufspringend riß er
dem Agap nicht nur eine Handvoll Haare vom Kopfe, sondern auch
gleichzeitig das Stück Haut mit, so daß an dieser Stelle seit dieser
Zeit auch keine Haare mehr gewachsen sind.

In dieser Weise endete das politische Spiel des Neffen mit dem Onkel,
und als dieser Vorfall im Dorfe bekannt wurde, da wuchs das Ansehen des
Dukač noch mehr, als man zu der Überzeugung kam, daß man dem Dukač
weder durch List noch Gradheit beikommen oder ihn betrügen könne.




                           Viertes Kapitel.


Dukač blieb stets allen seinen Nachbaren fremd, er besuchte Niemanden
und Niemand hatte den Wunsch mit ihm bekannt zu werden oder nähere
Freundschaft zu schließen.

Dieses Verhältnis ließ Dukač kalt und völlig gleichgültig, es
berührte ihn viel zu wenig, um sich darüber zu grämen.

Man muß sogar annehmen, daß ihm diese Absonderung sehr angenehm war,
wenigstens hatte er, bei passender Gelegenheit, sich dahin geäußert, daß
er, so lange er lebe, vor Niemandem sich gebeugt oder um etwas gebeten
hätte und er hoffe, daß dies auch weiters der Fall sein werde.

Und weshalb sollte er Jemandes Wohlwollen suchen und wünschen?

Ochsen und anderen Gutes besaß er im Überflusse, und wenn ihn Gott
dadurch strafen sollte, daß alle seine Ochsen verseuchen oder sein Haus
abbrennen würde — so besaß er noch Land, Feld, Wiesen und Steppe —
mehr als ihm nötig, die stets, wie es sich für einen tüchtigen Landwirt
gebührt, in Ordnung gehalten und bearbeitet wurden, so daß sie, wenn
nicht dieses, so doch die nächsten Jahre einen guten Ertrag geben
würden, er war deshalb gegen alle Verluste gesichert.

Aber nicht genug daran, denn selbst dann, wenn sein Haus abbrennen, sein
Vieh fallen, seine Felder nichts tragen sollten, so gab es im Walde eine
Eiche, die dem Dukač nur allein bekannt war, unter deren Wurzeln, in
der Erde vergraben ein nicht zu kleines Töpfchen sich befand, daß bis
oben voll mit schönen gelben, großen runden Goldfüchsen gefüllt war,
hinreichend genug, lange ein völlig sorgenloses Leben führen zu können.

Was waren ihm deshalb alle anderen Leute?

Um daß er deren Kinder aus der Taufe hebe?

Er selbst war kinderlos — oder sollte er seiner Frau zu Liebe
Bekanntschaften und Freundschaften schließen, deshalb, weil sie ihm,
nach Frauen Art, täglich die Frage stellte:

»Warum meiden uns die Leute? — warum ziehen sie sich von uns zurück und
weichen uns aus? Warum tuen sie uns alles mißgönnen? — Glaubst Du
nicht, daß es notwendig wäre, etwas zu tun, damit uns die Leute ein
klein wenig entgegen und näher kommen?«

Doch ein richtiger Kasak nimmt auf derartige Äußerungen und Wünsche
einer Frau gar keine Rücksicht und schenkt ihnen keine Beachtung.

Und so verlief ein Jahr nach dem anderen; Dukač lebte sorgenlos, ohne
jede Unannehmlichkeit, ohne jedes Unglück oder einen jener unangenehmen
Vorfälle, welche selbst die reichsten, unabhängigsten und stolzesten
Menschen nicht selten zwingen, unwillkürlich die Hilfe oder
Gefälligkeiten anderer Menschen in Anspruch nehmen zu müssen, sie sogar
zu bitten, sich vor ihnen zu beugen, ja sogar zu demütigen.

Jetzt trat ein derartiger Zeitpunkt ein, denn Leute waren dem Dukač
nötig, welche sein Kind aus der Taufe heben sollten.

Jedem anderen Menschen hätte ein derartiger Fall keine Schwierigkeiten
bereitet. Dukač war aber stolz und es war ihm unbequem und
unangenehm, selbst zu gehen und jemanden um die Gefälligkeit zu bitten,
Pate bei seinem Sohne sein zu wollen.

Die Personen, welche Dukač nötig waren, zählten nicht zu den ersten
besten im Dorfe, im Gegenteil es war dies die junge, putzsüchtige Frau
des Dorfgeistlichen, welche sich Hüte stets aus Poltava verschrieb, und
ein junger Gerichtsbeamte aus der Stadt, welcher gerade beim Diakon zu
Gaste war.

Das waren unbestritten die ersten Personen, die Intelligenz im Dorfe,
aber was zu befürchten war: daß diese Personen ablehnen, was dann?

Erst jetzt leuchtete dem Dukač ein, daß er übel daran getan habe,
sich nicht nur mit dem Volke, sondern auch mit der Intelligenz zu
verfeinden, und daß es noch nicht lange her ist, wo er mit Vater Jakob
und dem Diakon auf dem Damm nicht gerade ein freundschaftliches Gespräch
in gewählten Worten führte, als ihm diese, und er ihnen, nicht
ausweichen wollten.

Und weder der Pop noch der Diakon vergaßen die Rücksichtslosigkeit und
Grobheit des Dukač, namentlich jetzt, zu einer Zeit, wo sie dem
stolzen Kasaken sehr nötig waren.

Dukač blieb nichts andres übrig, als in den saueren Apfel zu beißen.

Aber er stellte dies schlau an; um einer persönlichen Absage zu
entgehen, ließ er die Frau des Popen und den Gerichtsbeamten durch
seinen Verwandten einladen.

Und damit diese Einladung einen Erfolg hätte, versorgte er den Agap mit
Geschenken, wie es im Dorfe bei solchen Gelegenheiten üblich zu sein
pflegt.

Aus der alten Erbkiste holte er für die junge Frau des Popen einen
breiten Kamm aus Elfenbein; für den Beamten ein Trinkglas mit
eingeschliffenem Hahn und einer deutschen Inschrift.

Aber dieses alles hatte keinen Erfolg gehabt.

Sowohl die Frau des Popen als der Beamte lehnten die Ehre Paten zu
stehen bei Dukačs Kind ab, und nahmen die Geschenke nicht an, ja sie
lachten sogar Agap aus, indem sie meinten, warum sich Dukač gar so
viel Mühe nehme sie gerade zu Paten haben zu wollen, jedenfalls deshalb,
weil sich wohl niemand anderer gefunden habe das Kind eines Betrügers
und Wucherers aus der Taufe heben zu wollen.

Und als Agap sich erkühnte die Frage zu stellen, ob es wohl angeht, daß
ein Kind eine Woche lang ungetauft bleiben könnte, da prophezeite Vater
Jakob, daß das Kind nicht bloß eine Woche, sondern sein Leben lang
ungetauft bleiben wird.

Als der alte Dukač diesen Bericht zur Kenntnis nahm, da ballte er
seine Rechte zu einer Faust, hielt sie dem Agap unter die Nase und
beauftragte ihn dem Popen ein gleiches für seine Prophezeihung zu
zeigen; und um den Agap rasch aus der Stube zu entfernen, packte er ihn
beim Kragen und warf ihn einfach zur Tür hinaus.




                           Fünftes Kapitel.


Dieses Hinauswerfen betrachtete Agap als einen ziemlich guten Ausgang
seiner schwierigen Mission, und um seinem Onkel nicht unter die Augen
oder einfacher gesagt, unter die Hände zu geraten, ging er ins
Wirtshaus, wo er alles ausführlich erzählte, was vorgefallen ist, so daß
im Verlaufe einer halben Stunde alle Bewohner des Dorfes wußten und sich
auch darüber freuten, Vater Jakob hätte aus den Büchern herausgelesen,
der Sohn des Dukač bleibe sein Leben lang — ungetauft.

Und wenn nun Dukač seinen Stolz überwunden hätte, und wenn er
demütigst bittend von einem Nachbaren zum anderen gegangen wäre, alle
würden ihm abgesagt haben.

Davon war Dukač vollständig überzeugt, es war ihm klar, daß er sich
im Zustande des Wolfes befinde, welcher es mit allen verdarb, so daß er
sich vor niemanden sehen lassen dürfte, und er auf keine Hilfe rechnen
konnte, wo sie ihm am nötigsten gewesen wäre.

Doch er beschloß auch ohne Vater Jakob und ohne seine Nachbaren fertig
zu werden.

Zum Ärger des ganzen Dorfes und möglicherweise zum allergrößten der
Dorfgeistlichkeit beschloß Dukač das Kind in der Nachbargemeinde
Peregudi, welche acht Werst von Paripsami entfernt lag, taufen zu
lassen, und um die Sache bald zu beenden, sollte die Taufe sofort vor
sich gehen, denn morgen schon sollte allen bekannt sein, der alte
Dukač lasse als echter Kasak nicht über sich lachen, verstehe keinen
Spaß und werde auch ohne Hilfe der Dorfbewohner fertig.

Taufpaten hatte er bereits gefunden und zwar den Agap und die Hebamme
Kerasivna, Personen, auf die niemand auch in Gedanken verfiel.

Über diese Wahl konnten sich manche wundern oder auch nicht, wie man es
eben nahm, denn Dukač lud »arme Leute als Paten«, begegnende,
zufällige, wie sie Gott schickt — und der Aberglaube behauptet.

Agap war tatsächlich der erste, den der alte Kasak nach der Geburt
seines Sohnes sprach, und Kerasivna die erste, die das Kind ansah, als
es zur Welt kam, denn sie versah die Dienste einer Hebamme.

Es schien zwar etwas gewagt, die Kerasivna als Patin zu besitzen, sie
besaß nicht den besten Ruf, denn sie galt für eine bekannte,
ausgesprochene — Hexe — und daß sie ja eine echte wahre Hexe sei,
davon waren nicht nur die Bewohner des Dorfes, sondern auch deren
eigener Mann fest überzeugt, denn er widersprach dem Gerüchte nicht,
noch verteidigte er seine Frau gegenüber solchen Anklagen.

Der Mann der Kerasivna, der Kasak Kerasenko, war ein energischer, sogar
kühner Mann, der keine Furcht kannte, aber im höchsten Grade
eifersüchtig war, und doch verschwand Energie, Kühnheit, Eifersucht
unter dem Einflusse, welchen Kerasivna auf ihren Mann ausübte — er
selbst wurde der ruhigste, stillste — Dummkopf, seiner Frau völlig
untertan und nach ihrem Willen und Wunsche lebend, — wogegen sie sich
der größten Freiheiten erfreute.

Kerasivna handelte mit Branntwein, Leinwand, mit verschiedenen
Nahrungsmitteln, ja verkaufte sogar Heilmittel und Kräuter, aber das
größte Einkommen zog sie aus ihrer Eigenschaft als Hebamme.




                          Sechstes Kapitel.


Wie ich schon sagte, im ganzen Dorfe und den Nachbargemeinden war Groß
und Klein davon überzeugt, daß die Kerasivna eine Hexe sei, denn das
wurde deutlich sichtbar aus einem eigentümlichen, ein wenig skandalösen
Falle.

Solange Kerasivna noch nicht verheiratet war, da kannte sie jedermann
als ein eigenwilliges, starrköpfiges Mädchen; sie wohnte in der Stadt
und in ihrem Besitze befand sich ein Glas, in welchem ein kleines
Teufelchen mit roten Hörnern und Zunge eingeschmolzen war.

Dieses Teufelchen erhielt die Kerasivna von einem adeligen Herrn aus
Pokota, Rohačover Bezirkes, welcher solche in einer benachbarten
Glashütte herstellte, zum Geschenke.

Kerasivna benützte das Glas zum Trinken und befand sich dabei sehr wohl.

Aber nicht genug daran, sie besaß den außergewöhnlich großen Mut den
Kerasenko zu heiraten.

Das zu tun, vermochte nur ein Frauenzimmer, das selbst den Teufel nicht
fürchtet, da es ja allgemein bekannt war, daß Kerasenko nicht nur durch
seine Eifersucht, sondern auch durch seine Rohheit bereits zwei Frauen
ins Grab brachte.

Als Kerasenko zum drittenmale heiraten wollte, da konnte er keine Frau
finden, bis sich ihm diese verteufelte Kerasivna sogar selbst antrug,
und ihn schließlich heiratete, jedoch nur unter der ausdrücklichen
Bedingung, daß er ihr stets alles glauben müsse, was sie ihm sage.

Darauf ging Kerasenko ein, aber in Gedanken meinte er, die Christa wäre
ein viel zu dummes Frauenzimmer, wenn sie meint, daß er ihr alles
glauben solle!

»Warte nur, bis du nur meine Frau werdest, ich werde dir auch den Mann
zeigen, nach dessen Pfeife du tanzen solltest!

Keinen Schritt lasse ich dich allein machen.«

Jede andere als Christa hätte schon im voraus gewußt, was nach der
Hochzeit folgen werde, doch dieses flinke und auch sonst ganz gescheite
Frauenzimmer verdummte gerade zu: sie äußerte gar keine Furcht vor
diesem rohesten und eifersüchtigsten der Männer, sie heiratete ihn, aber
sie wandelte in kurzer Zeit ihren Mann so, daß er aufhörte roh und
eifersüchtig zu sein und die Christa nach ihrem Willen und Wollen leben
ließ.

Daß eine solche Charakterumwandlung nur mittels Hexerei vor sich gehen
konnte, daß dabei sogar der leibhaftige Teufel selbst mithelfen mußte,
davon war jedermann überzeugt, namentlich sah die Pidnebesnaja, eine
Nachbarin der Kerasivna, den Teufel in menschlicher Gestalt selbst, wahr
und wahrhaftig.

Und dies war nicht lange nach der Hochzeit des Kerasenko mit der
tapferen Christy.

Seit dieser Zeit sind zehn Jahre verflossen, aber Kerasenko sind noch
alle Einzelheiten des Vorfalles bis ins Kleinste bekannt und
unvergessen, so genau, als wenn diese Teufelei sich erst gestern
zugetragen hätte.

Es war im Winter, vor Weihnachten, an einem Feiertage, an welchem selbst
der eifersüchtigste aller Kasaken zu Hause nicht sitzen geblieben wäre.

Kerasenko pflegte sonst nicht auszugehen, erlaubte auch nicht, daß seine
junge Frau weibliche oder männliche Besuche empfange oder sonstige
Bekanntschaften schließe, aus welchem Anlasse bereits ein heftiger
Streit unter den Jungvermählten entstand, im Verlaufe dessen Christy
ihrem Manne zurief:

»Nachdem Du Dein gegebenes Wort im Frieden und Guten nicht halten
willst, werde ich es Dir schon im Bösen heimzahlen.«

»Und was wohl könntest Du mir übles antun?« meinte lachend Kerasenko.

»Dich tot machen und in Stücke hauen.«

»Und wenn ich Dich stets bewachen werde?«

»Dann werde ich Dich krank machen.«

»Ei! ei! Du willst mich krank machen? — Du kannst wohl hexen?«

»Das wirst Du schon erfahren, ob ich hexen kann oder nicht: — ich sage
Dir einfach — ja, ich bin eine Hexe.«

»Schön!«

»Ich werde es Dir schon beweisen; den ganzen Tag kannst Du um mich sein,
mich bewachen, nicht einen Augenblick allein lassen, ich werde Dich doch
klein bekommen.«

Ja, sie bestimmte sogar die Zeit, zu welcher dieses alles geschehen
solle.

»Keine drei Tage werden vorübergehen und alles, was ich Dir gesagt, wird
sich ereignen.«

Der Kasak sitzt einen Tag zu Hause ohne sich zu rühren, auch den
zweiten, der dritte Tag geht zu Ende; es wird Abends, und der Kasak ist
der festen Ansicht und Meinung, daß die Frist nun abgelaufen ist; — es
ist — denkt er — doch gar zu langweilig zu Hause zu sitzen … die
Schenke der Pidnebesnaja steht gerade vor meiner Nase und meine Augen
können von dort aus ganz genau sehen, ob jemand in meine Hütte geht …
Ich setze mich dort zum Fenster und kann in aller Ruhe zwei, auch drei
Viertel Wodky trinken … und hören, was die anderen erzählen und was es
neues in der Stadt gibt … ja sogar tanzen kann ich … lustig sein …

Und er ging … ging, setzte sich am Fenster so zurecht, daß er ganz
genau sehen konnte, was vor, ja sogar in seinem Hause geschieht; er sah
das Feuer am Kamin hell brennen, sah, wie seine Frau hin und her gehe
und sich in der Wirtschaft beschäftige.

Wunderbar! — Kerasenko sitzt im Wirtshaus, trinkt und schaut unverwandt
auf seine Hütte; Witwe Pidnebesnaja bemerkt seine Aufregung, ja sie
fängt an ihn zu hänseln:

»Eh! Du … so und so … dummer Kasak … was Du sehen willst, werdest
Du in Deinem ganzen Leben nicht sehen!«

»Schon gut … ich aber will weiter schauen!«

»Hier gibts nichts zu schauen … denn je mehr man nach uns, Frauen,
schaut, je mehr man uns hüten will, um so ärger wird es, und um so
früher hilft uns der Teufel.«

»Red' Du nur für Dich selbst …« gab der Kasak zur Antwort, »meine Frau
will ich selbst so behüten, daß ihr auch kein Teufel wird helfen
können.«

Da fingen nun die anderen Kasaken an mit den Köpfen zu schütteln.

»Kerasenko, Kerasenko! das ist nicht schön von Dir, daß Du so sprichst,
nicht schön! … entweder bist Du nicht getauft oder selbst ein Teufel,
weil Du nicht mehr an den Teufel glaubst.«

Und die Anwesenden regten sich über Kerasenko und seine Reden so sehr
auf, daß eine Stimme aus der Menge sich vernehmen ließ.

»Was sollen wir mit ihm tun? … am besten wäre es ihm eine solche Lehre
zu geben, daß er wieder rechtgläubig wird.«

Und es war nahe daran, daß sie ihm die Rechtgläubigkeit handgreiflich
beigebracht hätten, woran sich sehr gerne ein ganz fremder Mann
beteiligt hätte, in welchem Kerasenko jenen Adeligen aus Rogačev zu
erkennen meinte, welcher seiner Frau das Teufelsglas schenkte, und wegen
dessen, noch vor der Hochzeit, ein zweiter Vertrag geschlossen worden
war, dahin lautend, daß von dem Fremden nie irgend eine Erwähnung
gemacht werde.

Diesen Vertrag beschwor Kerasenko mit einem schrecklichen Eide dahin
lautend, daß, wenn Kerasenko sich auch nur des Adeligen aus Rogačev
erinnern sollte, er sofort dem Teufel verfallen wird, der ihn dann nicht
mehr aus seinen Klauen frei läßt.

Kerasenko fiel dieser Schwur beim Anblick des Fremden ein.

Kerasenko ist aber bereits betrunken und er kann seinen Unmut darüber
nicht unterdrücken, warum und weshalb gerade jetzt der Adelige aus
Rogačev hier erscheine und was er überhaupt im Dorfe zu tun habe.

Kerasenko beeilte sich nach Hause zu gehen; aber dort angekommen, fand
er sein Weib nicht in der Stube, was ihm höchst unerklärlich und
unfaßbar erschien.

»Ich soll ihn vergessen, mich seiner nicht erinnern,« dachte er, »das
kommt mir gerade so vor, als wenn wir einen Vertrag geschlossen hätten
zu vergessen, daß wir uns geheiratet haben … warum und weswegen ist
der Mann gerade jetzt hier … was hat er hier im Dorfe zu tun … warum
und weswegen ist meine Frau nicht zu Hause?«

Und während dem Kerasenko solche und ähnliche Gedanken durch den Kopf
flogen, schien es ihm, als wenn sich hinter der Tür zwei küssen würden.

Es wurde geradezu vom Schüttelfrost gepackt; er fing an aufmerksamer und
schärfer zu horchen … richtig … er hört es ganz deutlich … ein Kuß
… noch einer … leises Wispern … wieder ein Kuß … und das alles
gerade hinter der Tür, vor der er steht.

»Eh! tausend Teufel,« sagt sich Kerasenko selbst, »entweder habe ich bei
der Pidnebesinaja zu viel Branntwein getrunken und träume nun alles
mögliche … oder hat es mein Weib richtig herausbekommen, daß der
Rogačever Adelige hier ist, und daß es ihm gelang mich zu verhexen
… Die Leute haben mich darauf aufmerksam gemacht, daß meine Frau eine
Hexe sei … doch ich glaubte dies nicht … jetzt aber … jetzt küssen
sie sich wieder … oh! … oh! … und wieder … wieder … Wartet
doch nur, ich will euch schon …«

Der Kasak glitt leise von der Bank, kroch zur Tür und sein Ohr dicht an
die Türspalte legend, strengte er sich an zu hören, was hinter der Tür
vorgeht: … sie küssen sich … daran läßt sich nicht zweifeln … sie
küssen sich … wie sie mit den Lippen schnalzen … ja sie reden …
so, jetzt spricht mein Weib … und er hörte, wie sie laut sagte:

»Was? mein Mann, dieser Heide: den werde ich einfach aus dem Hause jagen
und Dich zu mir nehmen.«

»Oho!« dachte Kerasenko, »was bildet sich das Frauenzimmer ein, mich
wegjagen und einen zweiten, fremden, ins Haus nehmen, an meine Stelle
setzen … Nu! das wollen wir 'mal abwarten, so leicht wird es doch
nicht gehen können …«

Er richtete sich plötzlich auf, stemmte sich mit aller Gewalt gegen die
Tür, um solche aufzubrechen, obwohl es sich erwies, daß dieselbe gar
nicht versperrt war; an der Türschwelle stand Kerasivna, sein Weib, so
schön … so ruhig wie stets vordem, nur mit ein klein wenig mehr
geröteten Wangen — aber mit einemmale fing sie an zu schimpfen, wie es
nur eine Kleinrussin zu Wege bringen kann.

Sie nannte ihren Mann einen Heiden, Säufer, Schwein, Hund und fügte noch
andere derartige schöne Titulaturen bei; schließlich erinnerte sie ihn
auf die von ihm geschworenen Eide und Verträge, nach denen er es sich
gar nicht einfallen lassen darf, eifersüchtig zu sein, und um ihr den
Beweis zu liefern, daß er seine Eide einzuhalten Willens sei, soll er
ihr erlauben heute Abends die Spinnstube besuchen zu können, sollte er
dies nicht tun, so wird sie etwas ausführen, woran er sein Leben lang
denken wird.

Doch Kerasenko war ein gewiegter Junge.

Seine Frau in die Spinnstube zu schicken, jetzt, wo der Adelige aus
Rogačev im Dorfe sich befindet — er hatte ihn doch mit eigenen Augen
bei der Pidnebesinaja gesehen und vor wenigen Augenblicken mit eigenen
Ohren gehört, wie seine Frau jemanden küßte und ihm versprach ihn in die
Hütte zu nehmen … — das schien ihm gar zu dumm.

»Nein, nein!« sagte er, »da suche Dir nur einen anderen Dummkopf aus,
nur nicht mich; es wird jedenfalls besser sein, ich sperre Dich ein und
Du legst Dich schlafen … das wird Dir zuträglicher sein und ich werde
unterdessen über Deine Hexerei ruhig nachdenken können.«

Als Kerasivna diese Antwort vernahm, da wurde sie vor Zorn blaß, denn
zum erstenmale nach ihrer Verheiratung sprach ihr Mann mit ihr in einem
eigenartigen Tone und sofort wurde es ihr klar, daß in ihrem ehelichen
Leben ein Wendepunkt eingetreten ist, welcher zu ihren Gunsten
entscheiden müsse, wenn sie nicht alles, was sie bis jetzt mit viel
Scharfsinn, Geschicklichkeit, Stetigkeit, Festigkeit und Erfindungsgabe
gewonnen, für immer verlieren solle.

Sie richtete sich in ihrer vollen Größe auf, gab dem Kasaken einen
Schlag ins Gesicht und wollte auf die Gasse herausspringen, aber der
Kasak erriet ihre Absicht, machte einen Sprung, schlug ihr die Tür vor
der Nase zu, legte die Kette und das Vorhängeschloß an und sperrte
dieses zu, den Schlüssel ließ er in seine unendlich tiefe Tasche
verschwinden.

Er meinte nun ruhig:

»So, jetzt ist Dein Weg angewiesen, vom Ofen zur Tür und zurück …«

Durch diesen unerwarteten und unerwünschten Vorfall überrascht, wurde
die Kerasivna so wütend, daß selbst Kerasenko darüber erschrak.

Christa stand ziemlich lange an einer und derselben Stelle, mitten in
der Stube, sie zitterte wie im Fieber, wandte sich hin und her wie eine
Schlange, ihre Hände schlossen sich krampfhaft, sie drohte mit ihnen dem
Kasaken, in ihrem Gesichte zuckte es heftig, weiße und rote Flecken
wurden abwechselnd sichtbar, ihre Augen erweiterten sich, glühten auf,
wurden blutrot!

Da fing der Kasak sich doch zu fürchten an und rief:

»Daß Dich, Du verfluchte Hexe! …«

Unerwartet blies sie die Kerze aus, stampfte heftig mit dem Fuß und
zischte:

»So! … jetzt sollst Du aber die Hexe kennen lernen!«

Mit einem Sprung, wie eine Katze, war sie oben auf dem Ofen, öffnete die
Kamintür und schrie in den Schornstein hinein mit einer ganz
eigenartigen Stimme:

»Uhu! — huhuhu! — Komm! erdrossele das Schwein!«




                          Siebentes Kapitel.


Durch diesen Vorfall, sowie durch die Kühnheit, Unerschrockenheit, Mut,
ja Hartnäckigkeit und Eigensinn seiner Frau wurde der Kasak so
überrascht, daß er sein Weib, von der er jetzt überzeugt war, daß sie
eine Hexe sei, ergriff, in die Höhe hob, ins Bett trug, sie dort
niederlegte, selbst sich neben ihr niederlassend.

Zum allergrößten Erstaunen des Mannes leistete Christy keinen Widerstand
— im Gegenteil, sie blieb vollständig ruhig wie ein kleines Kind, ja,
was noch merkwürdiger war, sie schimpfte gar nicht.

Dieser Zustand seines Weibes war dem Kasaken sogar sehr genehm und
erwünscht; mit der einen Hand, den Schlüssel in der Hosentasche
festhaltend, hielt er mit der zweiten den Hemdärmel seiner Frau fest und
— schlief ein.

Lange dauerte jedoch dieser glückselige Zustand nicht, denn kaum daß er
in den Schlaf verfiel und überhaupt ganz und gar vergaß, was vorgefallen
ist, ja sogar, daß er lebe, da spürte er plötzlich einen schmerzhaften
Rippenstoß.

»Was soll das?« fing der Kasak an zu denken, aber schon folgte ein
zweiter, noch stärkerer Stoß, worauf er brummend meinte:

»Warum tust Du mich stoßen?«

»Warum? Hörst Du denn nicht, was auf dem Hofe vorgeht?«

»Und was geht dort vor?«

»So höre doch!«

Kerasenko hob den Kopf ein wenig in die Höhe und hörte ein
fürchterliches Grunzen.

»Ehe! es scheint, als wenn ein Fremder auf dem Hofe wäre.«

»Das kann schon möglich sein! Lass' mich schnell heraus, damit ich
nachsehen kann, was dort geschieht, und ob das Tor geschlossen ist.«

»Dich soll ich gehen lassen? Hm … hm …«

»Nu, so gib doch rasch den Schlüssel her, sonst stehlen sie uns noch das
Schwein und wir bleiben auf die Feiertage ohne Fleisch und Fett … Alle
guten Leute werden Wurst und Speck essen und wir werden bloß zusehen …
Oh! oh! oh! … so höre doch, es kommt mir gerade so vor, als wenn sie
das Schwein schon aus dem Stalle ziehen würden … wie mir das arme Tier
leid tut … das arme Schwein … wie es grunzt … Nu, so laß mich doch
rasch heraus, damit ich den Dieben das Schwein abjagen kann …«

»Nu, ja! Dich werde ich wohl nicht schicken … Wer hat es je gesehen,
daß sich ein Weib mit solchen Dingen befaßt hätte … ein Schwein den
Dieben abjagen?« antwortete der Kasak, »es wird wohl besser sein, ich
stehe auf und schaue selbst nach, was vorgeht.«

Und obzwar er nicht gerade viel Lust verspürte, die warme Stube mit dem
kalten Hofe zu vertauschen, so ermunterte er sich doch, um so mehr, als
es ihm schwer fiel, ein Schwein zu verlieren.

Er stand also auf, zog den langen Rock an und verließ die Stube.

Jetzt aber geschah etwas, was er nicht vorbedacht hatte und was
unzweifelhaft bewies, daß sein Weib, die Christy, eine wirkliche, wahre
und wahrhaftige Hexe sei; von dieser Zeit an fürchteten sie alle, das
Dorf und die Umgebung; es hütete sich jeder sie im eigenen Hause zu
empfangen, um so weniger sie zur Taufpatin zu nehmen, wie dies Dukač
sich vornahm zu tun.




                           Achtes Kapitel.


Leise und vorsichtig schlich sich Kerasenko zum Stall, in welchem das
beunruhigte Schwein fürchterlich grunzte und schrie, rasch riß er die
Tür auf, aber plötzlich fiel, in der undurchdringlichen Finsternis der
Nacht, etwas, ein einer Wagenplache ähnliches, aber dabei weiches Stück
Leinwand über seinen Kopf, wobei er gleichzeitig einen so derben Stoß in
den Rücken erhielt, daß er zu Boden fiel und sich nur äußerst schwierig
von dem ihn bedeckenden Zeug befreien konnte.

Nachdem er sich von seinem Schrecken und der Überraschung etwas beruhigt
und sich davon überzeugt hatte, daß das Schwein auf seiner gewohnten
Stelle liege, schloß er den Stall fester als gewöhnlich und kehrte zur
Hütte zurück.

Nun ereignete sich etwas ganz ungewöhnliches und unerwartetes: die
Stubentür war fest zugesperrt.

Kerasenko drehte an der Klinke hin und her … wirklich zugesperrt.

Was ist das für eine Teufelei?

Er klopft … er trommelt mit der Faust auf die Tür … alles umsonst
… er schreit …

»Weib! … Christy! … mach' doch auf … mach' schnell auf …«

Doch die Kerasivna gibt keinen Laut von sich.

»Daß Dich, Du Hexe … was ist Dir denn eingefallen, die Tür zuzusperren
und einzuschlafen! … Christy … so höre doch … ei! … Weib! …
mach' auf …«

Aber Christy tat nichts dergleichen; es schien, als wenn das ganze Haus
eingefroren wäre; sogar das Schwein ist still geworden und schlief.

»Das ist eine schöne Geschichte,« meinte Kerasenko, »merkwürdig, wie sie
so fest einschlafen konnte! — Es bleibt mir nichts anderes übrig, als
unter dem Hoftor unterzukriechen und von der Straße aus auf das Fenster
zu klopfen, das wird sie wohl hören.«

Gesagt, getan! — Kerasenko kroch unter das Hoftor, gelangte an die
Straße, ging zum Fenster, mit der Absicht an dasselbe zu klopfen; aber
was mußte er hören? Sein Weib spricht:

»Schlaf, Mann, schlaf! — hör' doch nicht darauf, was da draußen vor
sich geht, lasse sie doch klopfen — es scheint mir aber, als wenn
jemand am Boden herum gehen würde.«

Kerasenko fing an zu klopfen, mit den Fäusten auf dem Fensterrahmen
herum zu trommeln und zu schreien:

»Mach' auf, sage ich, mach' sofort auf, oder ich schlage das Fenster ein
…«

Aber jetzt wurde auch Christy wild und schrie:

»Wer untersteht sich denn zu so später Stunde ehrliche Leute zu
beunruhigen.«

»Ich, Dein Mann.«

»Wer, mein Mann?«

»Ja, ich, Dein Mann, der Kerasenko.«

»Geh' nur, geh', mein Mann ist zu Hause und liegt bereits lange im
Bette.«

»Was?« dachte Kerasenko, »wie ist es möglich, daß ich im Bette schlafe
und auch auf der Gasse bin, träume ich dies alles oder ist es
Wirklichkeit?«

Er fing von neuem an zu klopfen und zu schreien:

»Christy … ach! … Christy … so mach' doch auf … um Gottes
willen, mach' auf …«

Er klopft und schreit längere Zeit bereits, ohne etwas erreicht zu
haben, er mag klopfen und schreien so viel er will, drinnen, in der
Stube, bleibt alles ruhig, endlich läßt sich Christy wiederum vernehmen:

»Willst Du endlich mit dem Klopfen aufhören — ich habe schon einmal
gesagt, mein Mann ist zu Hause und schläft …«

»Das träumt Dir wohl, Christy.«

»Eh! … danke für einen solchen Traum … na, so 'was! — Ich bin doch
nicht auf den Kopf gefallen, und auch nicht so dumm, um nicht das zu
wissen, was ich sehe … Nein! … das muß ich schon besser wissen als
Du, den ich weder sehe noch kenne, während ich meinen Mann im Bette
liegen sehe … ich bekreuzige ihn … so Herr Jesus … so, und nun
küsse ich ihn … so, hast es gehört … jetzt nochmals … dabei ist
bei uns recht warm und gemütlich … Du aber, Lüderjahn, schau, daß Du
weiter kommst nach Hause, zu Deinem Weibe … uns aber lasse in Ruhe und
störe uns nicht … Geh' mit Gott … Gute Nacht … so und nun
belästige uns nicht mehr …«

»Tfu! … Du … tausend Teufel … was ist denn das? … na, das ist
eine schöne Geschichte …« dachte Kerasenko …, »bin ich vielleicht an
eine andere Hütte in der Finsternis geraten? … aber ich irre mich doch
nicht … das ist ja doch meine Hütte.«

Er ging auf die andere Seite der Straße, und fing vom Brunnen ab die
Hütten zu zählen an.

»Erste … zweite … dritte … fünfte … siebente … neunte … und
die zehnte ist doch die meine.«

Er geht wieder zum Fenster, klopft wieder an und schreit … und es
wiederholt sich dieselbe Geschichte wie vordem; die Frauenstimme
wiederholt dasselbe wie vorher, jetzt aber bereits im ärgerlichen Tone
und meint:

»Schau, daß Du weiterkommst! ich sagte schon einmal, mein Mann liegt im
Bett.«

Die Stimme ist unzweifelhaft jene der Christy.

»Und wenn Dein Mann im Bette liegt, warum spricht er nicht?«

»Warum soll er auch noch reden, nachdem ich genug geredet habe?«

»Aber ich will mit eigenen Ohren hören, ob das seine Stimme ist und ob
überhaupt jemand bei Dir ist.«

»Gewiß ist er hier … denn wir küssen uns … hörst Du? …«

»Tfu! … Der Teufel soll sie holen … es ist wahr … sie küssen sich
… mir wollen sie einreden, ich sei nicht ich! … wollen mich bloß
wegschicken … Aber, wartet nur, so dumm bin ich nicht … jetzt werde
ich gehen, Nachbaren holen, damit sie Zeugnis abgeben, ob das meine
Hütte ist oder nicht, und ob ich der Kerasenko, der Mann der Christy sei
oder jemand anderer …«

»Ich sage Dir nochmals« — ließ sich die Stimme aus dem Inneren der
Hütte vernehmen — »geh' nach Hause und beunruhige uns nicht … Lass'
uns in Ruh' … wir haben uns genug geküßt, liegen im warmen Bett und
fühlen uns behaglich und wohl … andere Leute gehen uns überhaupt gar
nichts an …«

Und eine männliche Stimme ergänzt die Rede der Christy.

»Wir haben uns genug geküßt und liegen friedlich im Bette … Du draußen
kannst zum Teufel gehen …«

Nun war Kerasenko davon überzeugt, daß jemand anderer bei der Christy
sei, und er entschloß sich die Nachbaren zu wecken und herbei zu holen.




                           Neuntes Kapitel.


Ob es kurz oder lange dauerte, ehe er die Nachbaren geweckt und vor
seine Hütte geführt hatte, darüber spricht die Überlieferung nichts,
wohl aber, daß es endlich Kerasenko gelang, etwa zwanzig Kasaken,
gefolgt von ihren neugierigen Frauen, vor seine Hütte zu bringen.

Auf alles Klopfen, Reden, Schreien hatte die Kerasivna nur eine einzige
Antwort, dahin lautend, daß sie wohl alle träumen, denn ihr Mann sei zu
Hause, liege im Bette, und damit sie ihnen dieses beweise, küsse sie
nochmals ihren Mann so laut, daß es alle hören könnten.

Alle Kasaken und ihre Weiber waren davon überzeugt, daß alles das, was
im Inneren der Hütte vor sich gehe, wirklich wahr sei, denn die Küsse
waren natürlich, und es ließ sich ja auch eine männliche Stimme
vernehmen, wenn auch nicht sehr deutlich, doch so, daß dieselbe von der
Kerasivna für die ihres Mannes ausgegeben wurde.

Und die Stimme kam immer näher und näher zum Fenster, und am Fenster
stehen bleibend rief sie so, daß alle erschrocken zurückfuhren.

»Was wollt Ihr, Dummköpfe? … Geister sehen? … Ich bin zu Hause,
liege ruhig im Bett, aber der, der Euch hierher geführt, das ist ein
böser Geist! — Gebt ihm doch lieber jeder von Euch einen Puff, damit er
zusammenstürze …«

Die Kasaken bekreuzten sich und der dem Kerasenko am nächsten stehende,
gab ihm einen recht tüchtigen Schlag ins Genick, sprang aber sofort weit
ab vom Kerasenko.

Diesem Beispiele folgten nun auch die anderen, so daß in sehr kurzer
Zeit Kerasenko so schmerzlich geschlagen wurde, daß er auf der Schwelle
seiner eigenen Hütte zusammenstürzte und liegen blieb im Schnee und
Frost, während darinnen, in seinem Bett, ein zweiter sich es recht
behaglich machte.

Und um seinen Schmerz und Kummer zu mildern, setzte sich Kerasenko in
der Nähe seiner Hütte auf einen Schneehaufen und — weinte bitterlich,
was eigentlich einem Kasaken nicht ansteht; sein geistiger und
körperlicher Zustand, verschlimmerte sich, als er hören mußte, wie da
drinnen geküßt wird.

Zum Glück für jeden Menschen nehmen alle geistigen und physischen
Schmerzen und Qualen ein Ende und so auch die des Kerasenko … er
schlief ein und es träumte ihm: sein Weib sei gekommen, habe ihn
aufgehoben und in sein, ihm wohlbekanntes, behaglich durchgewärmtes Bett
gelegt … und in der Tat, als er erwachte, fand er sich dort, wo ihm
träumte, in seinem Bette, in seiner Hütte, nicht weit vom Ofen … er
sah, wie Christy sich am Kamin beschäftige, hin und her gehe, und einen
großen Käseklotz bereite.

Mit einem Wort — es ging alles vor sich, genau so, wie es täglich sich
wiederholt, nichts auffallendes, außergewöhnliches; vom Schwein und dem
Gespenst auch keine Silbe Erwähnung.

Der Kasak frug nicht und machte auch von dem, was in der
verhängnisvollen Nacht vorgefallen war, keine Erwähnung.

Von der Zeit an lebte der Kasak mit seinem Weibe friedlich, ließ sie
schalten und walten wie sie wollte, wobei sein häusliches Glück
und Wohlstand keinen Schaden litten, im Gegenteil, ihre
Vermögensverhältnisse besserten sich augenscheinlich von Tag zu Tag.

Dagegen verlor seit jener Nacht die Kerasivna vollständig in der
öffentlichen Meinung; es stand für alle fest, klar und deutlich, daß sie
eine — Hexe sei.

Die gescheite Kerasivna widersprach diesem nicht, denn sie gewann
dadurch Übergewicht über die anderen; alle fürchteten sie und ehrten sie
doch, alle kamen zu ihr um sich mit ihr zu beraten, und brachten ihr
dafür zum Danke die eine ein Schock Eier, die andere Speck, die dritte,
vierte … sonst etwas taugliches oder nützliches für die Wirtschaft.




                           Zehntes Kapitel.


Selbstverständlich war die Kerasivna dem Dukač sehr wohl bekannt, er
war aber ein zu gescheiter Mann, um daran zu glauben, daß Christy eine
Hexe sei, im Gegenteil er fand, daß sie eine gescheite, erfahrene Frau
sei, mit der man sich beraten kann.

Und da Dukač ein ebenfalls unbeliebter Mann war, so schlossen sich
diese beiden in Freundschaft aneinander.

Man erzählte sich zwar im Dorfe, man hätte den Dukač mit der Christy
unter der alten Weide stehen gesehen, die in den Zaun eingeflochten war,
welcher die Gärten des Dukač von jenem der Kerasivna trennte.

Andere behaupteten sogar, es bestehe ein sehr intimes Verhältnis
zwischen beiden — doch das alles war bloßes Gerede und Klatscherei, wie
solches, hauptsächlich in den Dörfern, so oft vorzukommen pflegt.

Die Sache verhielt sich einfach so, daß Dukač und Kerasivna, deren
Reputation eine und dieselbe war, sich näher an einander schlossen als
an die anderen Nachbaren, daß so oft sie sich begegneten, sie stets
Gelegenheit fanden, ihre Ansichten über dieses und jenes auszutauschen.

Jetzt erinnerte sich Dukač der Kerasivna, namentlich als die
Einladung an die Intelligenz im Dorfe zu seinem Mißvergnügen ausfiel und
ließ dieselbe holen, um sich mit ihr zu beraten.

Dukač erzählte ihr genau den Fall und die ihm dadurch angetane
Beleidigung.

Kerasivna hörte dies ruhig an, dachte ein wenig nach, warf plötzlich den
Kopf in die Höhe und sagte gerade zu:

»Wie denn, Herr Dukač, wenn Sie mich zur Patin nehmen möchten?«

»Dich? … zur Gevatterin haben?« … wiederholte Dukač.

»Ja, mich … oder glauben Sie auch daran, wie die anderen, ich sei eine
Hexe?«

»Hm … ja wohl, so sagen es alle, Du wärest eine Hexe, aber ich sehe
keine Hörner auf Deinem Kopf, noch einen Pferdefuß.«

»Und das werden Sie auch niemals sehen.«

»Hm … Gevatterin … ja, was werden die Leute dazu sagen?«

»Was für Leute? … sie wollen ja auf euer Haus gar nicht spucken, wie
so erst in dasselbe gehen.«

»Das ist wahr … aber, was wird meine Frau dazu sagen? … Siehst Du,
die ist ebenso wie die übrigen fest davon überzeugt, Du wärest eine
Hexe.«

»Und Sie fürchten sich wohl vor Ihrer Frau?«

»Ich? … fürchten … so dumm bin ich nicht wie Dein Mann … ich
fürchte mich vor Weibern nie … überhaupt vor Niemanden … aber sag'
aufrichtig … bist Du wirklich keine Hexe?«

»Eh! Herr Dukač … schaue ich denn gar so darnach aus? … übrigens,
laden Sie zum Paten, wen Sie wollen.«

»Hm! … so warte ein wenig, ärgere Dich nicht gleich … gut, also sei
Du die Patin … aber glaubst Du, daß Dich der Pope in Peregudi als
Patin zuläßt?«

»Und weshalb sollte er nicht?«

»Weiß Gott … er ist so sehr gelehrt … fängt stets mit der Bibel an
… er kann sagen: gehört nicht in meinen Pfarrbezirk.«

»Seien Sie ohne Sorgen … das wird er nicht sagen … obzwar er ein
sehr studierter Herr ist, muß er doch das tun, was seine Frau will …
Er beruft sich stets auf die Bibel, muß aber schließlich doch alles tun,
was alle Männer tuen … der Frau folgen … Ich kenne ihn sehr wohl,
und war schon einigemal in seiner Gesellschaft … Einmal nahm er sich
vor keinen Branntwein zu trinken und berief sich auf die Bibel, wo es
stehen soll: trinkt euch mit Wein nicht voll, denn das ist Sünde … ich
aber antwortete ihm: wenn es auch Sünde sei Branntwein zu trinken, so
trinken sie doch ein Gläschen, und er … trank.«

»Hat er wirklich getrunken?«

»Gewiß … getrunken.«

»Nun gut … schau jedoch, daß er sich nicht früher betrinkt und unser
kleines Kind nicht beschädigt und ihn nicht etwa auf die Namen Ivan oder
Nikolaus tauft.«

»Das soll er wohl bleiben lassen, ein christliches Kind Nikolai zu
taufen … Weiß ich denn nicht, daß dies ein Moskauer Name ist.«

»So ist's … Nikolai ist ein Moskauer.«

Es stellte sich jedoch ein Hindernis ein, nämlich: Kerasivna besaß
keinen so großen und warmen Pelz, um das Kind nach Peregudi fahren zu
können und der Tag war frostig, bitterkalt … es herrschte geradezu
eine »barbarische Kälte«; dafür besaß die Dukačin einen prächtigen
Pelz mit blauem Tuche benäht.

Dukač holte denselben aus dem Hause und gab ihn der Kerasivna, ohne
ein Wort zu sprechen.

»Jetzt,« meinte er, »zieh rasch den Pelz an, oder besser, behalte ihn
für immer, doch mach', daß das Kind bald nach Peregudi kommt, damit die
Leute nicht sagen, des Dukač Kind sei schon drei Tage ungetauft.«

Kerasivna sträubte sich zwar im Anfang gegen das Geschenk, doch gab sie
bald nach.

Sie wendete die mit Hasenfellen ausgefütterten Ärmel recht weit heraus,
zog den großen Kragen hoch über den Kopf hinaus, und das ganze Dorf sah
ihr neidisch nach, als sie in dem mit einem paar starker Pferde
bespannten Schlitten neben Agap sitzend, durch das Dorf auf der Straße
nach Peregudi, zum Popen Jeremij, fuhr.

Alle waren davon überzeugt, daß Agap und Kerasivna bei der Abfahrt
nüchtern waren.

Es ist richtig, zwischen den Knieen des Agap, welcher die Pferde lenkte,
lag ein nicht geradezu kleines rundes Fäßchen mit Pflaumenbranntwein;
doch dasselbe war gewiß für den Popen bestimmt.

Das Kind lag unter dem großen und breiten Pelz, gut eingewickelt, warm,
obwohl alle, ohne Ausnahme, davon überzeugt waren, es wird sich bei der
Taufe des Kindes etwas Schreckliches ereignen.

Alle waren der Überzeugung, Gott lasse es nicht zu, daß der Sohn eines
so großen Sünders und schlechten Menschen, wie es Dukač ist, getauft
werde, schon deshalb nicht, weil als Patin eine — Hexe fungiere.

Was wäre das für ein Glaube, wo so etwas vorkommen könnte; Gott ist
gerecht, er kann etwas derartiges nicht dulden, nicht zulassen.

Dieser Ansicht und dieses Glaubens war die Mutter des Kindes; sie weinte
bittere Tränen über den Eigensinn ihres eigenen Mannes, welcher seinem
einzigen, lange erwünschten und ersehnten Kinde und Erben eine
anerkannte Hexe als Patin auswählte.

Unter solchen Verhältnissen fand die Abfahrt der Kerasivna, des Agap und
des kleinen Sohnes des Dukač statt.

Dieses alles, was ich eben erzählte, ereignete sich zwei Tage vor
Nikolai, im Wintermonat Dezember, um zehn Uhr Vormittag; das Wetter war
rauh, frostig, der Wind wehte von der Moskauer Seite und verstärkte sich
gerade zu jener Zeit, als Agap, Kerasivna und das Kind wegfuhren, und es
hatte den Anschein, als wenn aus demselben ein richtiger Sturm
herauswachsen würde.

Tatsächlich fing der Himmel an sich mit bleigrauen schweren Wolken zu
überziehen; der Wind wirbelte den gefrorenen Schnee auf und gleichzeitig
fing es an stark zu schneien.

Alle Leute, welche dem Kinde des Dukač alles böse wünschten,
bekreuzten sich beim Anblick des sich bildenden Wetters andächtig und
waren ganz zufrieden, denn es zeigte sich deutlich und sichtbar, daß
Gott an ihrer Seite stehe.




                           Elftes Kapitel.


Wie ruhig und gelassen sonst Dukač zu sein pflegte, heute empfand er
eine gewisse Unruhe, Vorahnung oder ähnliches, denn er war doch nicht
vollends befreit von dem herrschenden Aberglauben, und er fing an sich
zu fürchten.

Bei dem Sturm, der sich immer mehr und mehr steigerte, konnte es
vorkommen, daß etwas Ungeahntes, Unangenehmes, Unerwartetes sich
ereignen könne; es konnten ja doch der Pate mit der Patin und dem Kinde
in dem eingetretenen Schneesturme, der sich plötzlich erhob, sich
verirren, was böse Folgen nach sich ziehen konnte; und der Schneesturm
fing an zu wüten gerade zu jener Zeit, als der Schlitten in die
Talschlucht einbog, die gegen Peregudi führte.

Dazu war es ihm noch unangenehmer die Vorwürfe seiner Frau hören zu
müssen; aus dem Munde eines Weibes, die stets alle Launen ihres Mannes
still, ohne Murren hinnahm, ihm geradezu sklavisch diente, und deren
Lippen stets geschlossen waren, es war ihm unangenehm hören zu müssen,
als ihm seine Frau sagte:

»Auf unsere alten Tage und zu unserer Freude hat uns Gott ein Kind
geschenkt und Du hast Dir vorgenommen, es zu töten.«

»Was sagst Du,« antwortete Dukač, »ich hätte das Kind getötet?«

»Ja wohl, deshalb, weil Du es der Hexe anvertraut hast. — Wo hat man je
gehört, daß ein Kasak sein Kind einer Hexe anvertraut, damit es diese
taufen lasse?«

»Sicher und gewiß wird sie es taufen lassen.«

»Noch niemals ist etwas derartiges vorgefallen und wird auch nicht
vorfallen, Gott wird es nicht zulassen, daß eine so ausgesprochene Hexe
ein Kind aus der Taufe hebe.«

»Ja, wer sagte es Dir, daß die Kerasivna überhaupt eine Hexe sei?«

»Alle sagen es.«

»Blech, was die Leute reden; es hat doch Niemand von ihnen Hörner am
Kopfe der Kerasivna noch den Pferdefuß bei ihr gesehen.«

»Hörner auf ihrem Kopfe hat wohl Niemand gesehen, aber gesehen haben sie
es alle, wie sie ihren Mann verhexte.«

»Warum sollte sie nicht einen solchen Dummkopf verhexen?«

»Der Pidnebesinaja hat sie alle ihre Kunden, welche bei ihr früher Brot
kauften, verhext, so daß sie kein Brot mehr bei ihr kaufen.«

»Das ist leicht erklärlich; die Pidnebesinaja schläft den Schlaf der
Gerechten, versäumt die Zeit, arbeitet den Teig dann nicht ordentlich
durch, wie es sich gebührt, deshalb ist ihr Brot schlechter, als das der
Kerasivna.«

»Mit Euch, Männern, wird man nie fertig … Du kannst fragen, wen Du
willst, alle werden Dir sagen, daß die Kerasivna eine Hexe sei.«

»Warum brauche ich andere zu fragen, ich selbst bin ebenso gut ein
Mensch und Mann wie die anderen.«

»So Du bist auch ein Mensch, vielleicht ein guter Mensch?«

»So … ich bin also kein guter Mensch?«

»Natürlich nicht.«

»Und wer redete Dir das ein?«

»Und wer sagte euch je, ihr wäret ein guter Mensch?«

»Und wer sagte mir, ich wäre ein schlechter Mensch?«

»Habt ihr, so lange ihr lebet, Jemanden je etwas gutes erwiesen?«

»Und wem hätte ich gutes erweisen sollen?«

»Wem immer …«

»Das ist schon wahr,« meinte Dukač in Gedanken, »gutes habe ich
Niemanden je getan, aber weshalb?« … und um mit seinem Weibe das
unangenehme Gespräch nicht fortsetzen zu müssen, sagte er:

»Das würde mir noch fehlen mich mit Dir, Du dummes Weib, in weitere
Gespräche und in einen Streit einzulassen.«

Sprach's, drehte sich um, ging zur Wand, nahm die seiner Zeit dem Agap
abgenommene Mütze vom Hacken, setzte sie auf und verließ das Haus.




                          Zwölftes Kapitel.


Jedenfalls mußte den Dukač etwas sehr bedrücken, ihn sehr unruhig
machen, wenn er es in einem solchen Sturm, einem so wilden Schneetreiben
zwei Stunden lang außer dem Hause aushalten konnte.

Der schon früher heftige Sturm wuchs zu einem Orkan an, der Schnee fiel
in großen Flocken so dicht, daß man kaum atmen noch weniger sehen
konnte.

Wenn das Wetter schon so böse war zwischen Gebäuden, wie mußte es erst
in der Steppe wüten, wo dasselbe kein Hindernis fand!

War in der Steppe ein erwachsener, kaltblütiger, erfahrener Mann in
einem solchen Wetter völlig dem Verderben und Untergange geweiht, was
sollte dann aus dem Kinde, der Patin und Agap werden?

Dukač begriff das alles klar und deutlich; seine Gedanken flogen im
Kopfe herum und verwirrten sich, denn ihm waren aus eigener Erfahrung
alle Schrecknisse eines Schneewehens in der Steppe bekannt; er mühte
sich deshalb nicht aus Vergnügen den Schnee, welchen der Sturm an die
Zäune der Gärten in hohen Halden anwehte, durchzutreten, im Gegenteil,
ihn jagte die Ungeduld, die Ungewißheit, Sorge und Angst dem Schlitten
mit dessen Insassen entgegenzugehen, oder wenigstens zu sehen, daß sie
zurückkehren.

Schließlich blieb Dukač am Damme stehen, der sich hinter dem Dorfe
erhob; ihn bemerkte hier Niemand, konnte ihn deshalb auch Niemand
belästigen; er sah nichts vor sich als nur fabelhafte Gestalten, die ihm
seine aufgeregte Fantasie vorgaukelte.

Auch dieses Stehen, dieses Harren ist ihm schließlich langweilig
geworden, er schrie vor Zorn, Angst, Wut, Ungeduld hell auf, befreite
seine Füße aus dem Schnee, in den er versunken, und kehrte nach Hause
zurück.

Dämmerung ist während dieser Zeit eingetreten, und man konnte fast gar
nichts in ganz kleiner Entfernung vor sich sehen und erkennen; er konnte
deshalb gar nicht rasch ausschreiten, mußte oft stehen bleiben, verlor
nicht selten den Weg, verirrte sich, und mußte erst den richtigen Weg
suchen; schließlich stieß er auf etwas hartes, das sich bei näherer
Untersuchung als ein Kreuz erwies — ein sehr hohes Kreuz aus Holz, wie
man solche in Süd-Rußland, namentlich an Kreuzwegen, sehr oft findet.

»Eh!« dachte er, »ich glaube, ich bin viel zu weit vom Dorfe weggekommen
und muß wohl umkehren« — er richtete deshalb seine Schritte nach einer
anderen Richtung, aber nach drei bis vier Schritten, die er gemacht,
stieß er wieder auf etwas hartes, wieder auf ein Kreuz.

Der Kasak blieb einen Augenblick stehen, atmete tief auf, und nachdem er
sich wiederum etwas erholt, schlug er eine entgegengesetzte Richtung
ein, aber auch hier stieß er auf Kreuze, und nur auf Kreuze.

»Geht hier etwas vor oder bewege ich mich um das Kreuz herum?« — und er
fing an mit den Händen herumzutasten, welche immer und immer wieder
nichts als Kreuze und wieder Kreuze betasteten.

»Aha! jetzt ist mir klar, wo ich mich befinde … das ist der Kirchhof,
wohin ich mich verirrte … richtig … dort sehe ich das Licht aus des
Popen Hause … Der Teufelskerl, wollte nicht zugeben, daß sein Weib die
Patin meines Kindes werde … auch gut … nicht nötig … doch das Haus
des Totengräbers müßte ja auch nicht weit sein.«

Und der Dukač unternahm es das Haus zu suchen, wobei er unverhofft in
ein Loch fiel, in dem sich etwas hartes befand, auf das er mit dem Kopfe
anstieß so heftig, daß er ziemlich lange ohne Besinnung liegen blieb.

Als er wieder zu sich kam, da sah er über sich einen wolkenlosen, mit
hellflimmernden Sternen besäten Himmel und es herrschte völlige
Windstille.

Dukač wußte nicht im ersten Augenblicke, wohin er gefallen; er mühte
sich fast eine Stunde lang mit Händen und Füßen arbeitend ab, um aus der
Grube herauszukommen, welche sich später als ein Grab erwies.

Endlich gelang es dem Dukač das Dorf und seine Hütte zu erreichen;
was ihn aber am meisten wunderte, war, daß weder bei seinen Nachbaren
noch in seinem Hause Licht brannte, daß alles finster war; es mußte
deshalb schon spät sein, wenn schon alle schlafen gegangen sind.

Wenn aber Agap und die Kerasivna mit dem Kinde noch nicht zurückgekehrt
wären?

Es gab ihm einen ordentlichen Stich unterm Herzen, als dieser Gedanke
sein Gehirn durchzuckte, ein eigenes Gefühl, Angst, überfiel ihn, so daß
er mit unsicherer Hand, nur zagend, die Stubentüre öffnete.

In der Stube selbst war es ziemlich dunkel, nur aus der einen Ecke
derselben ließ sich ein leises Weinen und Schluchzen vernehmen.

Die Dukačin weinte.

Der Kasak begriff es, warum sein Weib weint; doch er konnte es nur
schwer übers Herz bringen zu fragen:

»Ist es denn möglich, daß sie noch nicht …«

»Ja, die Hexe ißt jetzt mein Kind auf …« unterbrach die Dukačin
ihren Mann.

»Für so dumm hätte ich Dich doch nie gehalten« — schnitt mit diesen
Worten Dukač die weitere Rede seiner Frau ab.

»Ihr hab't mich so dumm gemacht … und wenn ich auch dumm wäre, ich
hätte mein Kind doch nie einer Hexe anvertraut.«

»So versinke Du selbst mit Deiner Hexe … ich hätte das Genick brechen
können, als ich in das Grab fiel.«

»Ah! … in ein Grab seid ihr gefallen … daran ist sie auch schuld …
Ihr könnet gehen und lieber gleich jemanden totschlagen …«

»Wen soll ich totschlagen … was plapperst Du? …«

»Wenigstens einen Hammel … denn nicht umsonst seid ihr in ein Grab
gefallen … ihr werdet bald sterben und selbst im Grabe liegen … Ja,
Gott gebe es … was sollen wir noch weiter unter Menschen leben, die
über uns nichts anderes reden können, als daß wir unser einziges Kind
einer Hexe geschenkt haben.«

In diesem Tone redete die Dukačin weiter; er selbst dachte an nichts
anderes als daran, wo sich Agap zur Zeit befinden möge? wohin derselbe
geraten?

Gelang es ihm früher nach Peregudi zu kommen, ehe das Schneewehen und
der Sturm losging, dann warteten sie wohl das Ende desselben dort ab, in
diesem Falle konnten sie von dort erst abfahren, sobald sich der Sturm
gelegt und der Himmel aufgeheitert hatte; aber deswegen konnten sie doch
zu dieser Zeit zu Hause sein; vorausgesetzt, Agap hätte nicht zuviel des
Guten dort genossen.

Dieser Gedanke schien dem Dukač annehmbar zu sein, er beeilte sich
denselben seinem Weibe mitzuteilen, welche jedoch noch stärker zu
seufzen und zu weinen anfing.

»Was ist da anzunehmen: wir werden unser Kind nie mehr sehen; gefressen
hat sie es, diese Hexe, die Kerasivna; sie selber hat das Unwetter
heraufgehext, um mit ihm besser über Berg und Tal fliegen und dort sein
Blut aussaugen zu können.«

Durch solche Reden brachte sie ihren Mann so auf, daß er sie vorerst
auszankte, später sogar beschimpfte, dann mit der einen Hand die Mütze
vom Nagel reißend, mit der zweiten das Gewehr nehmend, eilte er aus dem
Hause mit dem Vorsatze einen Hasen zu schießen, ihn dann in das Grab zu
werfen, aus welchem er vor wenigen Stunden mit schwerer Mühe
herauskroch.

Die Dukačin saß zu Hause auf der Ofenbank und weinte bitterlich!




                         Vierzehntes Kapitel.


Der verbitterte, gekränkte und durch den ungewöhnlichen Vorfall im
höchsten Grade aufgereizte Mann wußte tatsächlich nicht, was er tun,
wohin er sich wenden solle; er schritt maschinenmäßig durchs Dorf, auf
die Scheunen zu, wohin die Hasen zu kommen pflegten, um sich das Futter
zu suchen; er erreichte die Heuschober, setzte sich auf einen derselben
und verfiel in Gedanken.

Böse Ahnungen quälten ihn, Kummer und Schmerz erfüllten sein Herz und
unangenehme Erinnerungen wurden in seinen Gedanken wach.

Unangenehm waren die Worte seines Weibes; aber er mußte zugestehen, daß
sie zum größten Teile im Rechte sei und wahr gesprochen habe.

Es ist wahr, so lange er sich zu erinnern weiß, hat er nie Jemandem
etwas gutes erwiesen, wohl aber vielen Leides zugefügt; und dieser
seiner vielen Sünden wegen leidet nun sein einziges, lang ersehntes und
erwartetes Kind; er selbst fällt in ein Grab, was nach dem Aberglauben
des Volkes ein großes Unglück bedeutet.

Morgen werden alle davon wissen und das ganze Dorf, in welchem er auch
nicht einen einzigen Freund besitzt, wird davon reden.

Es kann möglich sein, das Kind wird gefunden und gesund heimgebracht;
aber die Nacht ist lang, und damit er sich nicht langweile und ängstige,
will er einem Hasen auflauern, ihn schießen, dann in das Grab werfen,
wodurch die bösen Vorhersagungen abgewendet werden.

Dukač seufzte tief auf; er schaute, ob sich nicht von einer Seite ein
Hase blicken lasse.

Das war auch der Fall; der Hase wartete geradezu auf ihn, wie Abraham
auf den Bock; beim letzten Schober, dort an dem mit Schnee verwehten
Zaun saß der Langohr.

Er äugte augenscheinlich in die Gegend hinaus und stand in einer für den
Schuß äußerst günstigen Position.

Dukač war ein erfahrener alter Jäger; in seiner Jägerlaufbahn stießen
ihm verschiedene Jagdabenteuer und verschiedenes außergewöhnliche zu,
aber eine solche außerordentlich günstige Schußstellung ist ihm doch
noch nie vorgekommen, und um die Gelegenheit nicht fahren zu lassen,
zögerte er nicht lange, legte das Gewehr an die Backe, zielte, feuerte
…

Der Schuß fiel, aber gleich darauf wurde ein eigentümlicher Klagelaut
hörbar.

Dukač nahm darauf keine Rücksicht, auch blieb ihm nicht die Zeit
darüber nachzudenken, da er sich beeilen mußte den brennenden
Papierpfropfen mit Füßen niederzutreten.

Während er dieses tat, bemerkte er zu seinem größten Erstaunen, daß der
Hase, dem er schon einige Schritte näher gekommen, seine Stellung gar
nicht ändere.

Dem Dukač wurde unheimlich und ängstlich zu Mute; er mußte annehmen,
der Teufel treibe sein Spiel mit ihm; oder wäre es vielleicht der Teufel
selbst in Hasengestalt?

Dukač machte einen Schneeballen und warf ihn auf den Hasen.

Der Ballen traf das Ziel, zerstob, aber der Hase rührt sich nicht … in
der Luft hört man nur leises Ächzen.

»Was ist das für eine Teufelei? was geht hier vor?« dachte Dukač,
bekreuzte sich und näherte sich vorsichtig jenem Gegenstande, den er für
einen Hasen gehalten hatte; aber wie wurde er enttäuscht, als er an
Stelle des Hasens nur eine alte Pelzmütze auf dem Schnee liegend fand.

Dukač beugte sich nieder, um die Mütze aufzuheben, blickte jedoch in
das vom Sternenlicht schwach beleuchtete blasse Gesicht seines
Verwandten Agap, das mit einer dunklen klebrigen, eigentümlich
riechenden Flüssigkeit bedeckt war.

Es war Blut! — — —

Dukač erschrak, warf das Gewehr weit von sich fort, lief ins Dorf,
weckte Leute auf — und erzählte allen, was er gesehen und getan, er
beichtete vor der ganzen Gemeinde und schloß seine Rede mit den Worten:
»Gott ist gerecht, er straft mich — geht — schaufelt sie aus dem
Schnee heraus, mich aber bindet und überliefert dem Gerichte.«

Die Bitte des Dukač wurde erfüllt; ihn banden sie und bewachten in
einer fremden Stube; draußen aber, hinter den Scheunen, da schaufelten
sie den Agap, die Kerasivna und das Kind aus dem Schnee heraus.




                         Fünfzehntes Kapitel.


Unter einer Schneewehe, welche den Schlitten vollständig zudeckte, fand
man den schwer verwundeten Agap, die fast erfrorene Kerasivna, an deren
Brust, unter dem Pelze völlig unbeschädigt, das Kind ruhig schlief.

Die Pferde standen bis über den Bauch im Schnee, die Köpfe über den Zaun
hängend.

Sowie man sie vom Schnee befreite, zogen sie freiwillig an und fuhren
den Schlitten mit der erstarrten Patin, dem schwerverwundeten Agap und
dem schlafenden Kinde auf ihren Bauernhof.

Die Dukačin wußte nicht, was sie machen solle, weinen vor Freude über
die Rettung ihres Kindes, oder vor Schmerz über das Unglück ihres
Mannes.

Das Kind in die Hand nehmend, bemerkte sie um dessen Hals ein Kreuzchen
an einer Kette, worüber sie aus Freude wiederum zu weinen begann, da sie
davon überzeugt war, daß dasselbe tatsächlich getauft sei; sie hob
dasselbe vor dem heiligen Bilde hoch auf und rief mit freudiger Stimme
und heißem, innigen Entzücken:

»Herr! dafür, daß Du mein Kind von dem Tode errettet, ihn in Deine
Gemeinde und unter Dein Kreuz aufgenommen, werde ich Deine Güte und
Gnade solange ich lebe nie vergessen, ihn aber werde ich erziehen zu
Deinem Diener, damit er verkündige Dein Wort und mehre Dein Reich,
Deinen Glauben!«

So wurde ein Gelöbnis geleistet, welches den Grundstein meiner wahren
Geschichte bildet, denn in dem, was ich Euch bis jetzt erzählte, fandet
ihr nichts, was auf den »ungetauften Popen« Bezug hätte, und dennoch ist
derselbe bereits in der Geschichte vorhanden, jedoch so versteckt, wie
Agaps Mütze in der Rechnung, sie war hier, aber darinnen stand sie
nicht.

Doch ich fahre fort Euch mit der Geschichte bekannt zu machen.

Das Kind blieb gesund, mit den nicht gerade sehr gescheiten Mitteln,
welche die Weiber an der Kerasivna probierten, wurde dieselbe zum
Bewußtsein gebracht; sie war jedoch so leidend, daß sie das, was um sie
vorging, nicht zu bemerken schien, sondern nur stets ein und dasselbe
wiederholte:

»Das Kind ist auf den Namen Sava getauft.«

Das genügte vollkommen und alle waren damit zufrieden und einverstanden,
selbst der alte Dukač, den man davon unterrichtete, nickte zustimmend
und sagte:

»Den Popen in Peregudi saget von mir besten Dank, daß er den Knaben
nicht unglücklich machte und ihn nicht Nikolai taufte.«

Als sich die Kerasivna erholte, erzählte sie: »Der Pope von Peregudi
hätte das Kind auf den Namen Nikolaus taufen wollen, was, wie er sagte,
in der heiligen Schrift vorgeschrieben stehe, sie hätte jedoch dagegen
protestiert und mit ihm lange gestritten, wobei sie ihm schließlich
sagte: Gott mit Dir und Deiner Bibel, Väterchen! später hätte er klein
wenig beigegeben, und schließlich auf den Namen Sava das Kind getauft,
nachdem sie ihm deutlich und klar bewies, das Kind eines Kasaken könne
nie auf den Namen Nikolaus getauft werden.«

»Du bist in der Tat eine echte rechte Kasakin,« sagte der Dukač und
befahl ihr eine Kuh zum Geschenk zu geben, er versprach ihr noch, sobald
er wiederum nach Hause zurückkehre, sich ihr noch anderweitig dankbar zu
bezeugen; vergessen werde er die Dienste, die sie ihm erwiesen, nie.

Mit diesem Unglücksfalle endete die Taufe des Kindes; darauf folgte das
Begräbnis des Agap und eine lange, lange Trauerzeit.

Denn Agap ist nicht mehr zum Bewußtsein gekommen, trotz aller Eis- und
Schneeumschläge konnte die durch eine starke Ladung mit grobem Schrott
erzeugte Wunde am Kopfe nicht geheilt werden, und gegen Abend des
anderen Tages hauchte der Unglückliche seine Seele aus. Denselben Abend
brachten drei mit großen dicken Stöcken bewaffnete Dorfinsassen den
Dukač in die Stadt und übergaben ihn dem Gerichtsprokuror, welcher
ihn gleich einem Verbrecher in das Gefängnis überführen ließ.

Den Agap beerdigte man; der Dukač befand sich in der
Untersuchungshaft, das Kind wuchs zur Freude seiner Mutter, doch die
Kerasivna, obzwar sie nicht zu Bette lag, kränkelte und was noch
auffallender war, sie änderte vollständig ihren Charakter — es war
nicht mehr jene Christy, jene energische, eigenwillige Kerasivna; im
Gegenteil, sie wurde still, nachgiebig, schwermütig, fast einsilbig; sie
zankte nie mehr mit ihrem Manne, noch mit den Nachbaren, so daß
Kerasenko es sich gar nicht zu enträtseln vermochte, was denn eigentlich
mit seiner Frau vorgefallen sei.

Sein Leben, sonst so stark beeinflußt von dem Starrsinn und Eigenwillen
und der Herrschsucht seines Weibes, verlief jetzt auffallend still und
ruhig: er hörte kein böses Wort mehr von seiner Frau, keinen
Widerspruch, keine Vorwürfe, es gab keine Szenen mehr weder bei Tag noch
bei Nacht, auch der Rogačever Adelige verschwand unbekannt wohin, so
daß Kerasenko gar nicht wußte, wie er sich über sein häusliches Glück
freuen und gegen wen und wodurch er diese Freude äußern könnte.

Diese merkwürdige Charakteränderung der Kerasivna bildete lange Zeit das
Tagesgespräch im Orte und wurde von allen Frauen nach allen Seiten
besprochen, ja selbst ihre größten Feindinnen, die Marktweiber, denen
sie früher empfindliche und starke Konkurrenz bereitete, sind darüber
einig geworden, daß die Kerasivna eine brave Frau sei.

Und wenn sie ihr jetzt nicht einen, sondern sogar zwei Käufer von ihrem
Stand, auf welchem sie Kuchen und Brot verkaufte, weglockten, so ließ
sie es ruhig geschehen, ohne jede Äußerung, während sie früher alle
Teufel auf ihren Hals gehetzt hätte.

Was den Rogačever Adeligen anbelangt, so erzählte man sich, er wäre
zweimal in Paripsami gewesen, doch die Kerasivna weigerte sich mit ihm
zu sprechen.

Selbst ihre größte Feindin und Konkurrentin, die Pidnebesnaja, erzählte
und wollte es sogar beeiden, sie hätte mit eigenen Ohren gehört, daß als
einmal der Rogačever Adelige an den Stand der Kerasivna trat, um
Kuchen zu kaufen, die Christy zu ihm sagte:

»Geh' weg von mir, damit Dich meine Augen nie mehr sehen, für Dich ist
bei mir nichts zu haben, weder zum Kaufen noch zum Schenken.«

Und als er sie frug, was vorgefallen sei? da gab sie ihm zur Antwort:

»Ein großes Geheimnis liegt schwer auf meiner Seele und drückt mich und
macht mich unglücklich.«

Nicht allein an der Kerasivna, auch am alten Dukač machte sich eine
Änderung des Charakters auffallend bemerkbar.

Nach der Gewohnheit der so sehr von allen Seiten gelobten »alten Zeit«
zog sich die Untersuchungshaft des Dukač drei Jahre lang, während
welcher Zeit man ihn unter dem Verdachte des vorbedachten Mordes an
seinem Verwandten Agap in Haft behielt; aber nicht genug daran, er
konnte sogar von seiner Gemeinde nach Sibirien geschickt werden.

Die unglückselige Angelegenheit endete im allgemeinen noch ganz günstig
für Dukač; die Gemeinde erklärte, sie sei einverstanden, daß er
wieder im Orte lebe, sobald er die ihm von Gerichtswegen zugesprochene
Kirchenstrafe in einem Kloster abgebüßt habe.

Die fürchterlichste und erniedrigendste Strafe für Dukač war die
Erlaubnis der Dorfinsassen, daß er wieder im Orte leben könne, denn
diese Erlaubnis war geradezu eine Gefälligkeit, eine Gnade, erteilt von
Leuten, welche Dukač in früherer Zeit völlig übersah und —
verachtete.

Fünf Jahre waren verflossen seit der Zeit, als das Kind getauft und Agap
begraben wurde; Dukač büßte die Kirchenstrafe ab und kam aus dem
Kloster heim, völlig verändert, äußerlich und innerlich, gealtert über
die Jahre hinaus.

Er blieb jedoch nicht lange im eigenen Heim, sondern kehrte in jenes
Kloster zurück, in welchem er Buße getan, nahm jedoch den nicht zu
kleinen Topf mit Goldfüchsen gefüllt, die lange, lange Jahre vergraben
waren, mit zu dem Zwecke, daß für dessen Inhalt Gebete abgehalten werden
für drei lebende und tote Seelen.

Wer diese drei lebenden und toten Seelen sein sollten, war selbst dem
alten Dukač nicht ganz klar, aber Kerasivna meinte, er — Dukač —
habe durch seinen fürchterlichen Charakter, seinen Hochmut und Eigensinn
nicht allein den Agap getötet, sondern noch zwei andere Seelen zu Grunde
gerichtet, und zwar Seelen, die nur Gott und ihr — Kerasivna — bekannt
seien, die sie aber, so lange sie lebe, Niemandem verraten werde.

So blieb auch dieses ein Rätsel, das selbst die Goldfüchse des Topfes
nicht zu lösen vermochten.

Das Kind, mit dessen Erscheinen auf die Welt so großartige Umwälzungen
und Vorfälle verknüpft waren, wuchs indessen gesund heran.

Von der Mutter, einer einfachen, frommen, herzensguten, zartfühlenden
Frau erzogen, freute es sich dieser Güte und Liebe, welche sie ihm
täglich, ja stündlich entgegenbrachte.

Ich erinnere daran, daß als die Dukačin das Kind wieder in ihren
Händen haben und an ihre Brust drücken konnte, sie ein Gelübde tat, den
Knaben dem Dienste Gottes zu widmen, ihn also zum Geistlichen erziehen
zu lassen.

Derartige Gelübde und Opferungen waren und sind auch heutigen Tages
nichts seltenes unter den Kleinrussen und werden strengstens
eingehalten, besonders wenn die Kinder selbst keinen Widerstand leisten,
was in den seltensten Fällen vorzukommen pflegt, denn schon von ihrer
Jugend an erhalten sie nach der Richtung hin entsprechende Erziehung.

Hat das Kind ein gewisses Alter erreicht und wurde es in dem Geiste und
dem Charakter des gemachten Gelübdes erzogen, so bildet das Gelöbnis für
das Kind kein Opfer, sondern es hat sich selbst in die Überzeugung
eingelebt, daß dieses Gelöbnis der Eltern ausgeführt werden müsse, wozu
auch das anerzogene Gefühl des Gehorsams gegen seine Eltern viel
beiträgt, und das nur dort zu finden ist, wo wahrer Glaube und Liebe zu
Gott noch vorhanden ist und herrscht.

Sava Dukač wurde von seiner Mutter in dem wahren Glauben und Liebe zu
Gott erzogen, und schon als Kind stand in ihm fest, und war er sich
darüber klar und bewußt, daß das Gelöbnis seiner Mutter erfüllt werden
müsse.

Zart und schwach an Körper, besaß Sava große Geistesgaben und namentlich
was Gottesfurcht und Religiosität anbelangt, da unterschied er sich
vorteilhaft von allen seinen Altersgenossen.

Er nahm nie Vogelnester aus, erdrosselte nie junge Katzen oder warf
junge Hunde ins Wasser, damit sie ersaufen, er warf nie nach Kröten
Steine oder suchte sie mit Stöcken totzuschlagen, im Gegenteil, er war
und blieb stets der Beschützer und Behüter lebender Wesen, ob sie der
Tier- oder Vogelwelt angehörten.

Jedes Wort seiner Mutter war ein Befehl für ihn — schon deshalb, weil
diese stets auch seinem zartfühlenden, liebevollen Herzen entsprachen.

Gott zu lieben war für ihn nicht nur Vergnügen, sondern ein Bedürfnis;
er liebte Gott in allem, was ihn umgab; er liebte Ihn aus sich selbst,
denn alles, was er um sich sah, machte ihm deutlich und begreiflich, daß
Gott bei Jedermann einkehrt, der Ihn liebt und sich in dessen Herzen
seine Hütte baut.

Die Erziehung des Kindes war eine religiöse: seine Mutter war eine
fromme, gottesfürchtige und Gott liebende Frau; sein Vater lebte sogar
im Kloster; warum und weswegen, darüber war er sich nicht im Klaren.

Aus hie und da fallenden Andeutungen bildete er sich eine Art
Schlußfolgerung, daß bei seiner Geburt etwas außergewöhnliches
vorgefallen sein mußte, wodurch das ganze Leben im Hause eine Änderung
erfuhr — — doch dieses alles war für ihn etwas unerklärliches,
sagenhaftes, mystisches.

So wuchs denn Sava unter dem Schutze Gottes und seiner frommen Mutter
und war davon überzeugt, daß ihn niemand abwendig machen könne von der
Erfüllung des von seiner Mutter gemachten Gelöbnisses.

Acht Jahre alt geworden, wurde er dem Bruder der Pidnebesnaja zur
weiteren Erziehung anvertraut.

Ochrim Pidnebesnij lebte in Paripsami in einem Hinterstübchen im Hause
seiner Schwester, welche eine Schenke hielt; doch er hatte nichts
gemeinschaftliches mit diesem Unternehmen.

Er selbst führte ein eigenartiges Leben.




                         Siebzehntes Kapitel.


Ochrim Pidnebesnij gehörte zu jenem neuen, sehr interessanten Typus
jener Kleinrussen, welcher in dem ersten Viertel des neunzehnten
Jahrhundertes in hinter dem Dneper gelegenen Ortschaften aufzutreten
begann, doch gegenwärtig einen starken Einfluß auf die religiöse
Richtung der dort lebenden Bevölkerung besitzt.

Es ist merkwürdig, daß alle jene, welche sich mit dem Studium der
Eigentümlichkeiten und der Sitten der Völker beschäftigen und sonst die
unbedeutendsten Kleinlichkeiten für wichtig halten, es vollends
unterließen sich mit den Kleinrussen zu beschäftigen und es überhaupt
vollständig übersahen, daß unter denselben eine nicht zu unterschätzende
religiöse Strömung sich rege.

Die dort lebenden Russen fanden ein Bedürfnis in sich ihre Religiosität
in anderer Art ausdrücken und offenbaren zu müssen.

Es ist hier weder der Ort noch bin ich unterrichtet genug, um es zu
erklären, warum die Kleinrussen veranlaßt worden sind, ihre religiösen
Ansichten durch andere zu ersetzen, ich kann nur soviel sagen, daß die
Führer dieser Strömung sogenannte _Einsiedler_ waren, Leute, welche in
ihren Hütten eine kleine Stube oder gar nur eine Ecke in der großen
allgemeinen Stube für sich reservierten, diese peinlich rein hielten und
in dieser ebenso äußerlich wie innerlich und geistig rein lebten.

Sie zogen sich von ihren Angehörigen oder Nachbaren nicht zurück, ebenso
entfremdeten sie sich oder wichen sie anderen nicht aus, nein — sie
arbeiteten nach wie vor mit den anderen zusammen, verkehrten mit ihnen,
dienten als Muster von Arbeitsamkeit, Häuslichkeit, guter Sitte für alle
anderen, sie sprachen sehr gerne über Religion, aber immer und überall
hatte ihr Tun und Lassen etwas Puritanisches in sich.

Sie schätzten die Intelligenz und Bildung sehr hoch; jeder von ihnen
konnte lesen und schreiben, und diese Kenntnis wurde hauptsächlich dazu
benützt, sich mit den Evangelien und dem neuen Testamente bekannt zu
machen.

Sie lasen die heiligen Bücher mit religiösem Eifer und zogen daraus den
Schluß, daß der wahre Glaube in aller seiner Reinheit und Vollkommenheit
nur im neuen Testamente zum Ausdruck komme, und daß alles andere,
Überlieferungen und ähnliches sei, dem die Geistlichkeit ebensoviel
Kraft beimißt wie dem neuen Testamente, und daß diese Überlieferungen
nichts anderes als Unglauben bedeuten.

Man erzählt sich, diese Ansichten wären ihnen durch deutsche Kolonisten
beigebracht worden; doch wer immer daran Schuld tragen mag, eines bleibt
sicher und gewiß, daß daraus die Sekte »der Stundisten« hervorging und
herauswuchs.

Kasak Ochrim, ein unverheirateter Bruder der Pidnebesnaja, gehörte
ebenfalls zu den Stundisten; ohne Lehrer und ohne Anleitung lernte er
lesen und schreiben und hielt es für seine Pflicht andere lesen und
schreiben zu lehren.

Er unterrichtete jedermann, der ihn darum ansprach, stets umsonst, denn
er war davon fest überzeugt, daß er belohnt sein wird von Jenem, der
befahl zu lernen und zu lehren.

Dieses Unterrichten ging im Winter regelmäßiger vor sich wie im Sommer,
ganz schwach während der Erntezeit, im Herbst fanden sich schon mehr
Schüler ein, deren Zahl sich in den Wintermonaten mehr und mehr
steigerte, um gegen das Frühjahr und den Sommer schwächer und schwächer
zu werden.

Den Kindern gab Ochrim Unterricht am Tage, die anderen, Erwachsenen,
unterrichtete er Abends in seiner Stube, wobei die Weiber ihre
Spinnräder schnurren ließen.

Doch bei Oheim Ochrim wurden keine weltlichen Lieder gesungen und leeres
Geschwätze und Klatsch geführt; die Mädchen spannen ihren Lein, Hanf
oder Wolle, Ochrim selbst — nachdem er auf den Tisch einen Teller mit
Honig und eine Schüssel mit Nüssen gestellt, um seine Gäste zu bewirten
— bat ihm zu gestatten, ihnen etwas von unserem Erlöser, Jesus
Christus, erzählen zu dürfen.

Gewöhnlich war man mit seinem Antrage einverstanden und Ochrim erquickte
durch seine Erzählungen die Seelen der Anwesenden geistig und durch
Honig und Nüsse leiblich, so daß alle mit diesen Zusammenkünften völlig
zufrieden waren und in keine andere Hütte zum Spinnabend gehen wollten
als zu Ochrim.

Diese halb weltlichen, halb geistlichen Zusammenkünfte fanden später
auch ohne Honig und Nüsse statt.

An den Spinnabenden bei Ochrim fanden auch andere Annäherungen statt,
die gewöhnlich mit einer Heirat endeten, was nicht wenig zu Gunsten von
Ochrims Abenden sprach.

Alle jungen Paare, welche sich bei Ochrim fanden, führten nach ihrer
Heirat stets ein ruhiges, glückliches Leben.

Wahrscheinlich lag die Ursache darin, daß sich die jungen Leute in einer
friedlichen und friedfertigen Atmosphäre und unter dem Einflusse einer
religiösen Strömung und nicht im Sturme von Leidenschaften, wo das heiße
Blut und nicht das Herz und der Verstand leitend auftreten, kennen
lernten und sich näher traten.

So wuchs Pidnebesnijs Ruf als gottesfürchtiger und frommer Mann von Tag
zu Tag, von Stunde zu Stunde.

Zu Ochrim kam niemand, um gerichtet zu werden, weil er niemanden
richtete, aber alle kamen um zu lernen, und Ochrim lehrte die Liebe zu
Christus, dem Erlöser!




                         Siebzehntes Kapitel.


Solcher Leute, wie Ochrim, gab es zu jener Zeit in Kleinrussland
mehrere, alle lebten ohne viel von sich reden zu machen, sie blieben
unbekannt der sogenannten Intelligenz, aber waren sehr geachtet und
verehrt von den Bauern und Kasaken.

Es mußte aber ein viertel Jahrhundert verstreichen, ehe man zu der
Überzeugung gelangte, daß unter den Augen der Lebenden, unbeachtet, eine
große nach Tausenden zählende Sekte erstanden ist, die wir unter dem
Namen _Stundisten_ kennen.

Ich selbst habe einen der Gründer dieser Sekte persönlich gekannt; es
war ein herzensguter, gegen jeden freundlicher, zuvorkommender
Junggeselle — Kasak.

Wie die Mehrzahl seiner Glaubensgenossen lernte er mit Überwindung
vieler Schwierigkeiten das Lesen und Schreiben, und lehrte sodann die
Knaben und Mädchen der Gemeinde und Umgebung.

Wie Ochrim, so auch mein Bekannter lehrte bereits erwachsene Mädchen
Lesen und Schreiben, erzählte ihnen an den Spinnabenden die
Lebensgeschichte Jesu, seine Lehren und seine Leiden, wobei die Weiber
spannen oder nähten.

Seine Redeweise war die denkbar einfachste, gänzlich ohne jede Dogmatik
und theologische Findigkeiten; seine Reden hatten hauptsächlich den
Zweck, die Menschen im Sinne der Lehren des Christentums zu erziehen.

Mein Bekannter — Prediger Kasak — lebte jedoch auf dem linken Ufer des
Dneper, in einem Orte, wo es, außer ihm, keine weiteren Stundisten gab.

Übrigens bestand zur Zeit meiner Erzählung weder hüben noch drüben des
Dnester eine regelrechte Organisation des Stundismus.




                         Achtzehntes Kapitel.


Wie ich schon früher erwähnte, wurde der kleine Sava Dukač dem Ochrim
Pidnebesnij übergeben, damit ihn dieser lesen und schreiben lehre;
dieser erkannte die rasche Auffassungsgabe und die tiefe Religiosität
des Knaben und übertrug auf ihn seine volle warme Seele.

Sava zahlte seinem Lehrer mit gleicher Münze und so entwickelte sich
zwischen ihnen ein Verhältnis und ein Bund, so zart und doch so stark,
daß, als der alte Dukač den Knaben nach dem Kloster, in dem er selbst
lebte, bringen ließ, um ihn, dem gemachten Gelöbnisse der Mutter gemäß,
dem Dienste der Kirche zu weihen, dieser dort schwermütig wurde, Heimweh
nach der Mutter und Ochrim bekam und zu kränkeln anfing.

Dieses Heimweh, dieses Unwohlsein steigerte sich so, daß Sava, der
überhaupt zart gebaut war, diesem erlag, bettlägerig wurde und gewiß
gestorben wäre, wenn nicht Ochrim sich beeilt hätte, ihn zu besuchen.

Er begriff und erriet die Krankheit des Knaben und nach Paripsami
zurückgekehrt, wußte er es der Dukačin klar zu machen, daß das Gott
gemachte Gelöbnis nicht darin bestehe, Kindermord zu treiben; er riet
ihr, den Knaben aus dem Kloster zu nehmen, ihn dort nicht quälen zu
lassen und aus ihm kein »lebendiges« Opfer zu machen.

Ochrim wies ihr einen, den Kleinrussen nicht gänzlich unbekannten Weg
behufs Ausführung und Ableistung des Gelöbnisses; er riet ihr den Knaben
in einer geistlichen Lehranstalt, einem Seminar, studieren zu lassen,
damit derselbe ein Dorfgeistlicher, ein Pope werde, welcher den Armen
und Elenden seiner Gemeinde viel gutes erweisen könne.

Die Dukačin ließ sich von den Ausführungen des Ochrim überzeugen und
der kleine Sava wurde aus dem Kloster abgeholt und dem Seminar
übergeben.

Dieses Vorgehen der Dukačin haben alle gebilligt, nur die Kerasivna
nicht, in welcher sich überhaupt ein Geist des Widerspruches breit
machte, sobald es sich um irgend eine Angelegenheit ihres Patenkindes
handelte.

Man war sich darüber nicht völlig klar, ob sie denselben liebe oder
hasse.

Ihr eigentümliches Verhalten gegenüber ihrem Täufling äußerte sich vom
Tage seiner Geburt, namentlich dann, wenn das Kind in die Kirche
gebracht wurde, um das heilige Abendmahl zu empfangen.

Bei einer solchen Gelegenheit schrie die Kerasivna in der Kirche mit
lauter Stimme:

»Was tut ihr denn! … nicht nötig … trägt ihn nicht … es ist ein
solches Kind, daß man zum heiligen Abendmahl nicht zulassen kann …«

Die Leute beachteten jedoch ihr Geschrei nicht … deshalb wurde sie
grün und gelb vor Wut und Galle, lachte hell auf und bat:

»Laßt mich rasch heraus, daß meine Augen nicht sehen, wie Christi Blut
einem unwürdigen Geschöpfe gegeben wird.«

Gefragt, weswegen sie sich so aufrege, gab sie zur Antwort:

»Mir ist gar so schwer ums Herz!«

Daraus zogen die Leute den Schluß, daß von dem Augenblicke an, als sie
ihr Leben zum besseren änderte und zu hexen aufhörte, der Teufel dennoch
ein kleines Kämmerchen in ihrem Herzen bewohne, in welchem er sich in
Gesellschaft mit noch kleineren Teufelchen recht behaglich einnistete,
die die Kerasivna stets beunruhigen und namentlich sie gegen den kleinen
Sava aufregen, damit sie ihren Täufling nicht liebe.

Und tatsächlich haben die Teufel die Kerasivna so aufgeregt, daß sie,
als der Sava ins Kloster gebracht werden sollte, drei Werst dem
Schlitten nachlief, ohne Unterlaß schreiend:

»Fahrt ihn nicht ins Kloster … dort gehört er nicht hin … er ist
nicht dazu bestimmt … ihr fahrt euere Seele in die Hölle … ihr
nehmet eine große Sünde auf Euch …«

Selbstverständlich nahm Niemand Rücksicht auf ihr Schreien, Schelten,
Schimpfen, ja man achtete gar nicht darauf und vergaß bald diesen
eigentümlichen, unerklärlichen Vorfall; als aber der kleine Sava aus dem
Kloster zurückgeholt worden ist, und in jene Schule, welche ihn zum
Geistlichen, Popen oder Mönch hätte ausbilden sollen, gebracht wurde, da
fing erst das Elend mit der Kerasivna an; sie wurde dadurch so
aufgeregt, daß sie sogar einen leichten Schlaganfall erlitt und lange
Zeit nicht sprechen konnte, die Sprache gewann sie erst dann, als Sava
bereits längere Zeit im geistlichen Seminar sich befand, wieder.

Bei der Aufnahme des Sava ereignete sich auch etwas eigentümliches …
es fehlte nämlich der Matrikelauszug, der Taufschein, welcher nicht
beigebracht werden konnte, denn trotz allem Suchen und Nachforschen
konnte die Eintragung, wann das Kind in Peregudi getauft worden sei, im
Kirchenbuche nicht gefunden werden.

Doch dieses Fehlen von Taufscheinen, welches bei Aufnahme in die Stadt-
und Dorfschulen ein großes Hindernis bietet, besitzt für die
Kirchenschulen und Seminarien keine oder nur geringe Bedeutung, denn den
Leitern dieser Schulen ist sehr wohl bekannt, daß die Popen nicht selten
sogar ihre eigenen Kinder in die Matrikelbücher einzuschreiben
vergessen.

Denn nach der Taufe pflegt man während des Schmauses recht brav zu
trinken, so daß schließlich die Hände zittern und nicht im Stande sind
ein Glas, geschweige denn eine Feder zu halten, man verschiebt deshalb
die Eintragung auf den anderen Tag, an dem sich jedoch das wiederholt,
was sich gestern ereignete, denn es muß der Rest aller trinkbaren
Flüssigkeiten vertilgt werden, daraus resultiert am dritten Tage ein so
schwerer Kopf, daß es dem Besitzer desselben absolut unmöglich ist, sich
an etwas zu erinnern, was an den vorhergehenden zwei Tagen vor sich
gegangen ist — und so vergehen einige Tage, ehe der Kopf sich aufhellt;
während dieser Zeit ist auch die Eintragung — vergessen.

Da solche Fälle nicht zu den Seltenheiten gehören, betrachtete man auch
diesen Fall als solchen und ließ selben gerade sein.

Der Vikarius schimpfte zwar und nannte den Popen von Peregudi einen
Säufer, nahm aber den kleinen Sava, auf Grundlage der ihm vom dortigen
Geistlichen mitgegebenen Ausweise über Kirchenbesuch und namentlich
besonders schönen Bemerkungen über dessen Religiosität und Aufführung
auf.

So nahm die ganze Angelegenheit ein Ende zu allseitiger Zufriedenheit.

Sava lernte gut, beendete die Schule und das Seminar und wurde dazu
bestimmt auf die Akademie geschickt zu werden, als er für alle
unerwartet die Bitte aussprach, ihn als einfachen Dorfgeistlichen wirken
zu lassen.

Während der Zeit, als Sava die Schule besuchte starb der alte Dukač
im Kloster; seine Mutter jedoch lebte nach wie vor in Paripsami und es
traf sich ganz eigenartig, daß gerade zur Zeit, als Sava seine
Ausbildung beendete, der alte Pope in seinem Geburtsorte starb.

Sava bewarb sich um diese Stelle und erhielt sie auch.

Über diese unerwartete Nachricht war das ganze Dorf höchlichst erfreut,
nur die Kerasivna allein, die stark gealtert erschien, hätte über diese
Neuigkeit fast den Verstand verloren.

Sowie man ihr mitteilte, ihr Täufling, der Sava, werde Seelsorger von
Paripsami, seinem Geburtsorte, da zerriß sie ihr Kleid, schlug sich
heftig auf die Brust, fiel auf einen Haufen von Streu und Reisig und
rief:

»Oh! Erde! Erde! tue dich auf und verschlinge uns beide!«

Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, stand sie auf, bekreuzte sich
mehrmals und begab sich nach Hause.

Eine Stunde später sah man die Kerasivna, in schwarzem Kleide mit einem
großen Stock in der Hand mit langen Schritten auf der Straße in der
Richtung nach der Gouvernementsstadt eilen, wo der Sava in seiner
Stellung als Dorfgeistlicher eingeweiht werden mußte.

Leute, welche der Kerasivna auf der Straße begegneten, waren nicht wenig
darüber erstaunt, die Kerasivna so raschen Schrittes der Stadt zueilen
zu sehen; sie ruhte nirgends aus, setzte sich am Wege nicht nieder,
brummte ohne Unterlaß etwas leise vor sich hin und sah im allgemeinen so
aus, als wenn sie zum Tode geführt werden würde: sie betrachtete nur den
Himmel und bewegte ihre Lippen, was die Begegnenden dahin auslegten, daß
sie bete.

Auch diesmal blieb ihr Flehen und Bitten unerhört; alle ihre Gebete
halfen nichts!

Obzwar sie genau zu jenem Akte in die Kirche kam, als der Diakonus,
welcher den Neophyten einkleidete, das in der Kirche angesammelte Volk
frug, ob Jemand gegen die Einweihung irgend eine Einsprache zu erheben
habe, und sie zu schreien anfing — »ich will nicht! ich will nicht!« —
so hatte ihr Protest nicht nur keine Beachtung gefunden und Sava wurde
zum Geistlichen eingeweiht, sondern sie selbst wurde aus der Kirche vom
Volke selbst hinausgedrängt und der außerhalb der Kirche stehenden
Polizei übergeben.

Das Ende ihrer schnellen Reise bestand in zehn Tagen Arrest, während
welchen sie nicht nur die sämtliche schmutzige Wäsche des
Polizeikommissärs rein waschen, sondern noch außerdem zwei Faß Kraut
einstampfen mußte.

Die Kerasivna glaubte aber immer noch nicht daran, daß Sava tatsächlich
zum Geistlichen, Popen, eingeweiht worden wäre, als sie aber die volle
Wahrheit erfuhr, da fiel sie auf die Knie und rutschte auf diesen den
ganzen Weg aus der Gouvernementsstadt bis zu ihrer Hütte, eine Strecke
von achtzig Werst, um den Sava, ihren Täufling, bereits in voller
Tätigkeit als Popen in seinem Geburtsorte zu finden.




                         Neunzehntes Kapitel.


Wie ich bereits erwähnte, waren die Einwohner von Paripsami ganz
glücklich darüber einen Popen zu besitzen, der im Orte geboren worden
war, den Sohn eines Kasaken, weshalb Sava bei seinem Einzug mit großem
Enthusiasmus empfangen worden ist.

Dazu hatte nicht wenig beigetragen, daß Savas Mutter noch lebte, und der
Pope selbst seine Mutter liebte, hochachtete, ehrte und schätzte und daß
er sofort nach seiner Ankunft nach seiner Patin, der Kerasivna, frug und
sie zu sehen und zu begrüßen wünschte.

Dadurch, daß sie eine Hexe sei, ließ sich Sava nicht stören.

Alle waren sofort davon überzeugt, es werde keinen besseren und
ausgezeichneteren Seelsorger geben als den Sava.

Und tatsächlich ist dies auch der Fall geworden, wie es in der Folge
sich erwies.

Alle ohne Ausnahme hatten ihn liebgewonnen, sogar die Kerasivna hatte
nichts an ihm aussetzen oder gegen ihn einwenden können; aber dennoch
zog sie von Zeit zu Zeit ihre Augenbrauen zusammen, seufzte und meinte:

»Das wäre ja alles recht schön, wenn nur der Fisch in der Suppe wäre.«

Nach ihrer Ansicht gab es keine Fischsuppe ohne Fisch.

Es hatte den Anschein, daß nach Ansicht der Kerasivna der Pope doch
nichts wert ist, und sich dieses in kurzer Zeit offenbaren werde, obzwar
Sava sonst ein sehr guter und braver Mensch sei.

Und so war es auch; man fing an zu bemerken, daß er, Sava, nicht so
vorgehe wie die übrigen Popen; er war nicht reich, und dennoch hatte das
Geld für ihn keinen Wert; dann, als seine Frau starb, da heulte er nicht
und nahm auch keine junge Wirtschafterin auf; — als dann einmal einige
Frauen zu ihm kamen um sich mit ihm zu beraten, ob sie nicht nach Kiev
wallfahren gehen sollten, da riet er ihnen davon ab und meinte, daß es
Gott gefälliger sei, wenn sie sich der Armen und Elenden annehmen und
vor allem anderen in ihren eigenen Hütten ein stilles, ruhiges,
arbeitsames, Gott ergebenes Leben führen; was gegebene Gelöbnisse
anbelangt, so zeigte nach dieser Richtung hin Sava eine besonders große
Kühnheit, in dem er Frauen von denselben absolvierte und die Sünde auf
sich selbst nahm.

Jemanden von einem Gott gegebenen Gelöbnisse oder Opfer zu absolvieren
und loszusprechen … das erschien vielen fast eine Gotteslästerung zu
sein, die man von einem getauften Menschen kaum, von einem Priester
schon gar nicht erwarten konnte.

Doch dabei blieb es nicht; das Wundern und Kopfschütteln nahm kein Ende,
ja man regte sich geradezu auf, als während der großen Fasten Sava
Niemanden verbat Fleisch zu essen und darauf hinwies, alles das zu
essen, was ihm Gott bescheret hat, auch Niemanden öffentliche
Kirchenbuße auferlegte; fand er Ursache, eine Strafe aufzuerlegen, dann
war diese Strafe so eigener Art, daß alle darüber ihr Staunen nicht
unterdrücken konnten.

So belehrte er, um ein Beispiel anzuführen, den Müller Gawrila, welcher,
wie bekannt, mit einem falschen Maße denjenigen Anteil des Getreides
abmaß, der ihm als Mahllohn gebührte, dahin, ja befahl ihm sogar, sofort
von diesem Maße soviel abzuschneiden, als es nötig ist, und seinen
Kunden fürderhin nicht mehr am Getreide abzumessen, als es das Gesetz
erlaubt.

Unter keinen anderen Umständen erteilte er ihm den Ablaß der Sünden und
bewies ihm aus der heiligen Schrift klar und deutlich, daß unrecht Gut
nicht wohl tut, und daß Gott ihn nicht nur auf der Erde schon, sondern
auch im Himmel strafen werde dafür, daß er sich fremdes Gut
widerrechtlich angeeignet habe.

Der Müller folgte dem Befehle; in der Folge hatte Niemand mehr Grund und
Ursache sich über ihn zu beklagen, im Gegenteil, sein Kundenkreis
erweiterte sich sichtlich und seine Vermögensverhältnisse besserten
sich.

Er erklärte sehr oft öffentlich, daß er für alles dieses nur dem Vater
Sava zu danken habe, der ihn auf den guten Weg wies.

Ein junges, heftig aufbrausendes, fast jähzorniges Weib, das einen
Witwer heiratete, war eine wahre Stiefmutter der Kinder der verstorbenen
Frau.

Vater Sava hatte sich auch hier eingemischt.

Nachdem das Weib zum erstenmale bei Sava gebeichtet, änderte sie zum
allgemeinen Erstaunen ihren Charakter; sie ist nicht mehr Stiefmutter,
sondern eine rechte, wahre Mutter den Kindern geworden.

Wenn schon Jemand ein Opfer bringen wollte, dann nahm es zwar Sava an,
er kaufte aber für dieses Geld keine Kerzen oder Weihrauch, sondern
verwendete dasselbe zu Gunsten und für die Bedürfnisse der vater- und
mutterlosen Waisen, Michalek und Potapka, welche im Halbgeschoß des
Kirchturmes ihre Wohnung angewiesen erhielten.

Sagte 'mal Vater Sava einem Weibe oder Mädchen:

»Ich vergebe Dir im Namen Gottes Deine Sünden, gehe hin und sündige
nicht mehr, sondern bete und arbeite und diene dem Herrn.«

»Ratet mir, Väterchen, wie soll ich dem Herrn dienen … soll ich etwa
nach Kiev wallfahren gehen?«

»Nein, das ist nicht nötig. — Bleibe zu Hause und arbeite, tue aber
nicht mehr das, was Du getan. — Jetzt aber gehe, nehme den Kindern
Gottes, dem Michalek und Potapka, Maß, nähe jedem ein paar Höschen, sie
brauchen nicht sehr lang zu sein, und ein Hemd. Die Kinder sind schon
groß und schämen sich in Fetzen und halbnackt unter die Leute zu gehen.«

Die Sünderinnen nahmen sehr gerne derartige Strafen an und Michalko
lebte mit Potapka unter der Vormundschaft und Aufsicht des Popen Sava so
glücklich, wie im Schoße Abrahams; sie gingen nicht nur nicht in Fetzen
und halbnackt herum, sondern hatten in allem Überfluß, so daß sie ihren
Waisenstand gar nicht fühlten.

Derartige Kirchenstrafen waren nach dem Herzen der Leute, ja sie fühlten
sich dadurch erhoben, getröstet, beruhigt.

Aber sein Vorgehen brachte ihm dennoch Unannehmlichkeiten ein.

Der Ruf Savas als Seelsorger verbreitete sich weit und breit, so daß
eine große Zahl von Leuten aus den nachbarlichen Kirchensprengeln seine
Kirche aufzusuchen begannen, namentlich viele Einwohner von Peregudi,
dem Orte, wo Sava getauft sein sollte, gingen nach Paripsami zur Kirche.

In Peregudi starb der Pope und ein neuer zog dort ein.

Dadurch, daß viele Einwohner von Peregudi nach Paripsami zur Kirche
gingen, zog sich Sava die Feindschaft des Popen in Peregudi zu, die sich
noch aus einem andern Grunde steigerte.

Der nach Peregudi eingepfarrte Kasak Oseledec starb.

Auf seinem Krankenbette entschloß er sich ein Schock Rubeln auf eine
neue große Kirchenglocke für die Peregudier Kirche zu widmen, änderte
aber seinen Entschluß, nachdem er sich mit Vater Sava darüber beraten
hatte; er ließ die Nachbaren zu sich rufen und teilte ihnen mit, er
vermache dieses Schock Rubeln zu einem guten Zwecke, nach dem Willen des
Popen Sava; auf eine neue Glocke jedoch schenke er nichts.

Kasak Oseledec starb und Vater Sava erhielt das vermachte Geld
ausgezahlt.

Für dieses Geld ließ Sava ein Haus aufbauen mit großen, breiten
Doppelfenstern und fing in diesem zu unterrichten an.

Die Kasaken meinten, eine Schule sei ein gutes Ding, aber der
Peregudiner Pope redete ihnen ein, daß aus dem allen nichts gutes
herauskommen könne und werde.

Er versprach ihnen sogar eine Klage gegen Sava aufzuschreiben und
brachte sein Versprechen tatsächlich in Ausführung. In Folge dessen
wurde Vater Sava zur Verantwortung vor den Bischof geladen, welcher ihn,
nachdem er Sava gesprochen, belobte und aufmunterte, in seinem
gottgefälligen Werke fortzufahren, Schule zu halten und die Kinder zu
lehren, und ihn schließlich in Frieden entließ.

Und Sava lehrte jeden und alle, die kamen, in der Schule, in seinem
Hause, im Wald und Flur, auf Stegen und Wegen und in seiner kleinen
Dorfkirche.

Jahre vergingen; der Pope in Peregudi, eifersüchtig und unserem
gutmütigen Sava feindlich gesinnt, baute in dieser Zeit eine neue große
Kirche in seinem Amtsorte auf, größer und schöner als die in Peripsami,
bekam außerdem für dieselbe ein großes Heiligenbild geschenkt, von
dessen Wundertätigkeit er nicht genug zu erzählen und zu verkündigen
hatte.

Aber dieses alles ließ unseren Vater Sava völlig kalt, machte ihn gar
nicht neidisch, denn er wirkte und lebte still und ruhig in seiner
Gemeinde, ohne sich durch äußere Eindrücke stören zu lassen.

Nach wie vor hielt er den Gottesdienst in der kleinen hölzernen
Dorfkirche seines Geburtsortes, predigte das Gotteswort in derselben in
einfacher, seinen Zuhörern verständlichen Sprache und lehrte sie nach
den Gottesgeboten leben und arbeiten.

Während aber die Zahl seiner Zuhörer von Jahr zu Jahr wuchs, so daß sich
die Kirche als zu klein erwies und er nicht selten genötigt war auf dem
freien Platze vor der Kirche seine Rede zu halten, gab es in der Kirche
zu Peregudi reichlich Platz für die wenigen Beter in derselben, ja, es
war keine Seltenheit, daß sich in derselben Niemand anderer befand als
der Pope mit seinem Küster, welche in derselben promenieren und zusehen
konnten, wie die Mäuse keck und frei auf dem Ambon sich herumtummeln und
versteckens spielen.

Der Pereguder Pope unterließ es wohlweislich bei seiner vorgesetzten
Behörde über Vater Sava Klage zu führen; aber er unterließ es nicht über
denselben bei jeder nur einigermaßen günstig sich darbietenden
Gelegenheit zu schimpfen, wodurch jedoch dem Vater Sava kein Schaden
zugefügt werden konnte, und dieser gab keine Gelegenheit gegen ihn beim
Bischof Beschwerde führen zu können, der selbst dem Sava wohlwollte und
ihn, wie ich bereits erwähnte, wegen der Erbschaft jenes Schockes
Rubeln, welche der Kasak ursprünglich zur Anschaffung einer Glocke
bestimmte, Sava jedoch für diese eine Schule baute, nicht nur
freisprach, sondern sogar belobte.

Jahrelang wartete der Peregudiner Pope, bis sich ihm Gelegenheit bieten
wird, gegen den Vater Sava auftreten zu können, den er selbst für einen
Zauberer erklärte, weil er mit einer Hexe, die sogar seine Patin ist, im
freundschaftlichen Verhältnisse stehe, einem Frauenzimmer, das eine
ausgesprochene Landläuferin sei und zu keinem Popen beichten gehe.

Dieses letztere war auch tatsächlich der Fall; seit der Zeit, als sie
mit dem erst zur Welt gekommenen Sava nach Peregudi fuhr, seit der Zeit
hat sie in der Tat bei keinem Popen gebeichtet, was um so auffallender
war, als sie sonst alle von der Kirche vorgeschriebenen Fasten und
sonstige Gebote strengstens einhielt und befolgte.

Aber plötzlich wurde es wiederum allgemein laut, die Kerasivna sei doch
eine richtige wahre Hexe und werde in ihrem teuflischen Tun durch Vater
Sava unterstützt.

Denn unvorgesehen fingen die Kühe im Dorfe an weniger Milch zu geben als
sonst.

Wer war Schuld daran?

Gewiß Niemand anderer als eine Hexe, und da im Dorfe Niemand anderer
hexen konnte als die Kerasivna, so blieb es klar und unzweifelhaft, daß
an diesem ganzen Unglücke Niemand anderer Schuld trage, als die
Kerasivna allein.

Beweisend für diese Annahme war die seinerzeitige Verhexung ihres Mannes
und auch der anderen Dorfbewohner, welche sie alle überlebte. Bereits
mit einem Fuße im Grabe stehend, könne sie sich dennoch nicht
entschließen, zur Beichte zu gehen; auch sterben könne sie nicht.

In einer Beratung, an welcher fast die sämtlichen Einwohner des Dorfes
sich beteiligten, wurde der Beschluß gefaßt, derjenige, welcher der
Kerasivna an irgend einem einsamen entlegenen Orte begegne, sei
verpflichtet, diese kräftig durchzuprügeln, wie es von einem
rechtgläubigen Christen erwartet werden kann, wobei er ohne Unterlaß zu
rufen habe:

»Krepiere auf der Stelle, verende, oder ich werde Dich noch weiter
prügeln.«

Und einem von diesen sonst so gottesfürchtigen Kasaken, die zu dieser
Niederträchtigkeit ihre Zustimmung gaben und dazu bereitwillig ihre
Dienste anboten, glückte es, die Kerasivna außerhalb des Dorfes an einer
abseitsgelegenen einsamen Stelle zu treffen, wo er sie so lange mit dem
Stocke schlug, bis diese anfing zu bitten:

»Ruft den Popen … ich will beichten … ich sterbe.«

Die Kerasivna wußte es, warum sie geschlagen wird.

Mit schwerer Mühe und unter großen Schmerzen schleppte sie sich in ihre
Hütte; und schon war auch Vater Sava da, welcher, als ihm mitgeteilt
worden, was der Kerasivna geschehen, sofort zu ihr eilte, sich um sie
bemühte und alles tat, um ihre Schmerzen zu lindern.

Nach einiger Überlegung sagte die Kerasivna zu ihm:

»Nein, Sava. Dir kann ich nicht beichten … Deine Beichte gilt nicht
… rufe zu mir einen anderen Popen …«

Vater Sava schickte in seiner Gutmütigkeit sofort seinen Wagen nach
Peregudi, zu seinem Feinde und Verleumder und ließ ihn bitten, zur
Kerasivna zu kommen, ist aber während der ganzen Zeit höchst unruhig
darüber gewesen, ob der Pereguder Pope seinem Rufe folgen werde oder
nicht.

Diese Besorgnis erwies sich als unnötig.

Der Pope von Peregudi kam angefahren, ging zu der Sterbenden und blieb
lange, lange mit ihr allein in der Stube; dann aus derselben tretend,
verbarg er unter seinem Kirchengewande das für die Kranke bestimmte
geweihte Brot und fing hell laut an zu lachen, so zu lachen, daß alle
vor der Hütte stehenden Leute ihn verwundert ansahen und nicht begreifen
konnten, was ihm denn so lächerlich vorkomme.

»Worüber lacht Ihr denn, Väterchen, so unbändig, daß uns Angst und Bange
wird?« frugen die Leute, worauf er ihnen antwortete:

»Ja, Angst und Bange muß euch auch werden, das habt ihr reichlich
verdient, denn so etwas, was bei Euch vorgeht, eine solche
Heidenwirtschaft hat die Welt seit dem Tage der Taufe des heiligen
Vladimir nicht gesehen und nicht erlebt.«

»Gott mit Euch, Väterchen, ängstigt uns doch nicht so sehr … geht
doch, seid so gut, zu unserem guten Vater Sava und besprecht Euch mit
ihm … er wird gewiß etwas finden, wie man der christlichen Seele
helfen kann …«

Doch der Peregudiner Pope lachte noch heller auf und wurde vor
Lachkrampf fast grün und blau, riß die Augen weit auf und rief mit
mächtiger Stimme in das Volk hinein:

»Dummköpfe, die ihr alle seid und nichts weiter … ihr alle … seid
dunkle, dumme, unerleuchtete Köpfe trotz euerer Schule … blind seid
ihr, denn ihr sehet und merket nichts …«

»Deswegen baten wir ja Dich, Väterchen, zu unserem Sava zu gehen … er
erwartet Dich ja ohnehin in seinem Hause … geh' doch zu ihm … sage
ihm alles … er weiß und sieht alles …«

»Sieht!« rief der Pope aus Peregudi. »Nichts, gar nichts sieht er: er
weiß nicht einmal, was er ist und nicht sein soll.«

»Wir wissen es aber, daß er unser Pope, unser Vater Sava ist.«

»Nein, er ist es nicht.«

»Ja, er ist unser Pope.«

»Nein, sage ich, er ist es nicht, und ich will es euch beweisen, daß er
kein Pope ist.«

»Was ist er denn dann, wenn kein Pope?«

»Er ist weder Christ noch Pope.«

»Wie so, weder Christ noch Pope … was redet Ihr denn für einen Unsinn
… oder seid Ihr …?«

»Ich spreche keinen Unsinn … ich sage euch nochmals, er ist kein
Christ …«

»Ja, was ist er denn dann?«

»Was er ist?«

»Nun ja?«

»Der Teufel allein weiß, was er ist!«

Auf dieses hin sind die Leute zurückgefahren und bekreuzten sich, der
Pope aus Peregudi setzte sich in Savas Schlitten und sprach:

»Von hier aus fahre ich geradenweges zum Vikarius; ich bringe ihm eine
solche Neuigkeit, worüber nicht nur ihm, sondern auch der gesamten
christlichen Welt die Haare zu Berge steigen und sie die Hände über den
Köpfen zusammenschlagen und sich auch noch dazu schämen werden; die
Schmach aber fällt auf euch allein, denn euer Pope ist kein Pope und
kein Christ, euere Kinder sind keine Christen, alle, die Sava getraut,
sind nicht getraut, die Toten, die er eingesegnet, sind krepiert wie die
Hunde, ohne Vergebung der Sünden, ohne kirchlichen Segen, sie alle
braten in der Hölle, werden dort gemartert und gequält in Ewigkeit, denn
Niemand, auch das innigste Gebet kann sie mehr retten. — Das, was ich
euch eben sagte, ist Wahrheit, lautere Wahrheit … und damit fahre ich
nun zum Vikarius — aber ihr alle, die ihr hier seid und nicht glauben
wollet, gehet hin zu der Kerasivna, fraget sie, solange sie noch lebt,
und leben wird sie nicht lange mehr, und saget ihr, ich hätte befohlen,
daß sie euch sage, was er ist, dieser Mensch, den ihr eueren Popen,
eueren Vater Sava nennet … Ja, ja, jahrelang konnte er Leute ins
Verderben führen, jetzt aber sitzt die Elster auf dem Dache seines
Hauses und ruft ihm zu: »Sava, Sava, zieh' den Priesterrock aus …« Ja,
ja, wir werden uns bald wiedersehen … Nun aber, Junge, fahre rasch zum
Vikarius, Du aber, Elster auf dem Dache, fahre recht kräftig fort zu
schreien: »Sava, ziehe rasch den Priesterrock aus …« So, jetzt fahre
ich, komme aber bald mit dem Vikarius zurück …«

Mit diesen Worten ist der Peregudiner Pope weggefahren.

Das Volk, welches sich vor der Hütte der Kerasivna angesammelt hatte,
wollte im ganzen Haufen in diese eindringen um sie auszufragen, was sie
dem Peregudiner Popen über ihr eigenes Patenkind mitgeteilt habe,
schließlich einigte man sich dahin, zwei Kasaken zu wählen, welche in
Begleitung des Vater Sava diese ausfragen sollten.




                         Zwanzigstes Kapitel.


Vater Sava und die zwei Kasaken traten in die Krankenstube der
Kerasivna, fanden sie im Bette liegen, über welchem Heiligenbilder an
der Wand hingen, bitterlich weinend:

»Verzeihe mir, mein Herzenskind, mein liebes, unseliges, unglückliches
Kind,« wendete sie sich an Sava, »in meinem Herzen verschloß ich länger
als dreißig Jahre meine eigene Schuld, welche auch auf Dir lastet …
ich lebte in dieser ganzen Zeit in beständiger Furcht, daß diese schwere
Schuld im Traume offenbart werden könnte, diese Furcht ist Schuld daran,
daß ich nicht zur Beichte ging, damit ich sie einer zweiten Person nicht
mitteilen müßte, jetzt aber, nachdem es Gottes Wille ist mich von der
Welt abzurufen und ich vor ihm zu erscheinen habe, jetzt muß ich alles
bekennen.«

Möglicherweise riefen derartige Reden eine gewisse Unruhe bei Vater Sava
hervor, weil er durch das so jäh herausgestoßene Geheimnis einer ihm
unbewußten Schuld unangenehm berührt wurde, aber sich überwindend, frug
er äußerlich ruhig:

»Und worin besteht die große Schuld?«

»In der großen Sünde, die ich verübte an Dir.«

»An mir?« frug Sava erstaunt.

»Ja, an Dir! — Dein ganzes Leben habe ich Dir verdorben deshalb, weil,
obzwar Dir die ganze heilige Schrift bekannt ist und Du zum Geistlichen
geweiht wurdest, Du dennoch unwürdig bist das Priesterkleid zu tragen,
denn Du bist — — nicht getauft!«

Es ist schwierig sich vorzustellen, welchen Eindruck der Schluß der Rede
auf die Anwesenden und besonders den friedfertigsten und gütigsten aller
Priester, den Popen Sava machte.

Anfänglich war er bereit, derartige Reden als die eines fieberkranken
Menschen, eines Sterbenden, anzusehen, ja er lächelte sanft, indem er
sagte:

»Rede doch nicht so, Patin: wie wäre es denn möglich, ich, ungetauft, da
Du doch meine Patin bist?«

Kerasivna bewies aber, daß sie noch bei vollem Verstande sei, indem sie
zur Antwort gab:

»Ich, Deine Patin? — — Lasse das! — Dich hat Niemand getauft … Auf
wen alle Schuld fällt, weiß ich nicht … und konnte mir auch darüber
mein Lebenlang nicht klar werden … Ob alles das, was geschah, die
Folge war unserer Sünden oder bloßer Zufall, oder ob der heilige
Nikolaus allein der Schuldtragende ist … ich weiß nicht … Doch,
schau, jetzt kommt der Vikarius mit dem Popen aus Peregudi … Setze
Dich neben mir hierher … und ich werde euch, wie es geschah, daß Sava
ungetauft geblieben, erzählen.«

Der Vikarius wollte zwar nicht anfangs zulassen, daß Sava und die
Kasaken bei dieser Beichte zugegen seien, mußte aber nachgeben, nachdem
Kerasivna darauf bestand und erklärte nur in Gegenwart dieser Anwesenden
alles zu sagen, im anderen Falle aber nichts.

Und nun hört zu, was Kerasivna erzählte.




                      Einundzwanzigstes Kapitel.


»Sava,« fing sie an, »Du bist überhaupt weder Sava noch Pope, sondern —
ungetauft, was nur mir allein und Niemandem anderen bekannt ist. — An
dem allen ist allein Dein verstorbener Vater, der Dukač, schuld, der
einen heftigen, reizbaren Charakter besaß, den Niemand liebte, aber alle
mieden und fürchteten, und bei dem Niemand, als ihm ein Sohn geboren
wurde, Gevatter sein wollte. — Der alte Dukač ließ die junge Frau
des Popen und einen Beamten einladen, seinen Sohn aus der Taufe heben zu
wollen, beide sagten ab. — Darüber ist der alte Dukač so wild
geworden und so böse auf alle, sogar den Popen selbst, daß er Niemanden
mehr im Dorfe bitten wollte, seinen Sohn aus der Taufe heben zu wollen.
— Auch ohne euch alle werde ich fertig — meinte er — auch ohne eueren
Kram. — Er rief seinen Verwandten Agap, welcher bei ihm seit seiner
Kindheit, nachdem seine Eltern gestorben, lebte und durch dessen
Behandlung derselbe verblödete, befahl ihm ein paar starke Pferde vor
den Schlitten zu spannen. Mich wählte er zur Patin für sein Kind und
sagte: fahr' mit Agap in das Nachbardorf und lass' das Kind dort taufen
… Er schenkte mir sogar einen Pelz — Gott mit ihm — seit jener Zeit
habe ich ihn nicht mehr angezogen; so hängt er nun mehr als dreißig
Jahre lang an demselben Nagel, auf welchen ich ihn damals aufhängte. —
Mir befahl der alte Dukač darauf zu achten, daß bei der Taufe nichts
ungehöriges vorfalle, namentlich aber, sagte er, bemühe Dich mit dem
dortigen Popen gut auszukommen und darauf zu sehen, daß er nicht,
vielleicht aus Bosheit, dem Kind einen schweren oder gar einen Moskauer
Namen gebe. — Es war um Barbara herum, im Dezember; das Wetter war
höchst unbeständig, ja geradezu gefährlich, denn nach Barbara kommt
Nikolai, das ist der Moskauer Hauptheilige, welcher uns Kasaken
feindlich gesinnt ist, und nur den Moskovitern alles zuschanzt. Wenn
etwas bei uns Kasaken geschieht, mag es sein, was es wolle und selbst
dann, wenn wir im vollsten Rechte wären, wird er zu unserem lieben Herr
Gott gehen, ihm dieses und jenes vorreden, ihm alles das so vorstellen
und ihm einreden, daß alles zum Vorteile der Moskoviter ausfällt, denn
seine Moskauer hebt er stets heraus, selbst wenn sie etwas getan hätten,
was nicht recht ist, er wird sie jedesmal rechtfertigen und jedesmale
alle Schuld auf die Kasaken schieben. — Doch neben dem heiligen
Nikolaus da wohnt gleich in der Nachbarschaft der heilige Sava. Er ist
einer von unseren Kasaken und uns deshalb sehr gewogen. Welche Stellung
er im Himmel einnehmen mag, ist nicht bekannt, aber immerhin dürfte sie
eine hohe und ziemlich einflußreiche sein, denn er nimmt sich stets
seiner Kasaken an und ist stets ihr Verteidiger und Gönner.«

Ich antwortete dem Dukač:

»Das kann schon möglich sein; aber mir scheint, der heilige Sava besitzt
wenig Einfluß im Himmel.«

Der alte Dukač aber meinte:

»Wenn auch der heilige Sava wenig Einfluß im Himmel besitzt, so ist er
dafür schlau und was er nicht durch sein Ansehen und seine Macht
durchsetzen kann, das erzielt er auf Umwegen, aber jedesmal zieht er
seine Kasaken aus der Patsche. Wir werden ihn von hier aus unterstützen
dadurch, daß wir in die Kirche Kerzen stellen, diese anzünden und Gebete
lesen lassen; Gott wird aufmerksam darauf und wird sehen, daß es noch
Leute gibt, welche den heiligen Sava ehren, er wird sich auf ihn
erinnern und ihm wieder freundlich zugetan sein.«

Ich versprach dem Dukač alles, was er haben wollte!

Ich wickelte das Kind warm, barg dasselbe unter meinem Pelz, legte ihm
jedoch noch beim Einwickeln ein Kreuzchen um den Hals, das es eigentlich
erst bei der Taufe erhalten sollte.

Agap aber stellte ein Fäßchen Pflaumenbranntwein zu seinen Füßen, und so
fuhren wir in Gottes Namen ab.

Wir waren noch keine Werst weit vom Dorfe gekommen, als mit einemmale
ein solcher heftiger Sturm mit starkem Schneetreiben sich erhob, daß man
kaum die Köpfe der Pferde noch weniger einen Weg sehen konnte. Ich sagte
zu Agap:

Es ist unmöglich weiter zu fahren in diesem Wetter, kehre lieber um!

Doch Agap fürchtete seinen Onkel mehr wie das Feuer und wollte unter
keinen Umständen umkehren.

Gott wird uns helfen in das nächste Dorf zu kommen — sagte er — mir
ist es übrigens ganz gleichgültig, ob ich hier erfriere oder ob mich der
Onkel totprügelt.

Und er hieb in die Pferde und trieb sie immer und immer an, denn was
sich Agap 'mal in den Kopf setzte, dabei blieb er trotz allem Zureden.

Es wurde immer dunkler und dunkler, so daß überhaupt gar nichts mehr zu
sehen war.

Und so fuhren wir und fuhren, wohin? das wußte weder Agap noch ich. Die
Pferde, sich selbst überlassen, gingen bald nach rechts, bald nach
links, hierher, dorthin — aber wir kamen immer nicht dorthin, wohin wir
wollten.

Uns beiden ist kalt geworden, trotz der Pelze, die wir anhalten, ja wir
fühlten uns halb erstarrt; und um nicht ganz zu erfrieren, tranken wir
aus dem Fäßchen jenen Branntwein, der eigentlich für den Popen in
Peregudi bestimmt war.

Ich sah nach dem Kinde und dachte, Gott behüte, daß es ersticke; doch
dasselbe lag so warm unter dem Pelze, atmete so gleichmäßig und ruhig,
so daß jeder Atemzug sichtbar wurde.

Ich wickelte das Kind noch fester und wärmer ein, ließ ihm jedoch soviel
Öffnung, daß es frische Luft atmen konnte und war völlig glücklich
darüber, daß das Kind so gesund und so ruhig schläft. Wir fuhren weiter,
fuhren, fuhren, schließlich aber merkten wir doch, daß wir nur im Kreise
gefahren sind; kein Licht, kein Baum, keine Hütte ist in der Finsternis
sichtbar; die Pferde gehen wohin sie wollen.

An eine Rückkehr nach Hause, um dort das Wetter abzuwarten, war gar
nicht mehr zu denken, denn es war nicht möglich sich darüber klar zu
werden, wo wir eigentlich uns befinden, ob wir gegen Peregudi oder
Paripsami fahren.

Ich riet dem Agap abzusteigen und die Pferde am Zaume führen, er aber
gab mir zur Antwort, ob ich nicht toll geworden sei, ihm wäre sehr kalt
und er steige unter keiner Bedingung aus.

Ich versprach ihm einen Rubel zu geben, wenn er aussteige, sowie wir
nach Hause kommen, er aber gab zur Antwort:

»Was soll ich mit dem Rubel, wir krepieren sowie so alle hier auf dem
Wege, mitten im Feld. — Wenn ihr mir aber noch etwas gutes erweisen
wollet, so läßt mich noch einen ordentlichen Schluck aus dem Fäßchen
machen.«

Ich sagte ihm: trink, so viel Du willst — und er trank.

Er trank sich voll, stieg dann aus und trachtete an die Köpfe der Pferde
zu kommen, aber kaum hatte er zwei Schritte gemacht, als er eiligst
zurücklief und vor Furcht zitterte.

Was ist denn geschehen? — frug ich — was ist vorgefallen?

»Schau, schau, hin« — gab er zitternd vor Angst zur Antwort — »siehst
Du nicht, und ist Dir nicht klar, daß Du, wenn auch eine gescheite Frau,
doch nichts gegen Nikolaus machen kannst?«

Was redest Du denn für einen Unsinn, Du Dummkopf, wer will denn etwas
gegen den heiligen Nikolaus beginnen?

»Warum steht er dann dort?«

Wo steht er?

»Dort! — siehst Du ihn nicht, ganz nahe an den Pferdeköpfen.«

Daß Dich, Du dummer Kerl! Du bist betrunken!

»Eh! ich und betrunken?« — antwortete er — »Dein Mann war auch nicht
betrunken und hat Geister gesehen und ich sehe sie auch.«

Schau — sage ich — Du hast Dich meines Mannes erinnert; was er
gesehen, das weiß ich besser als Du, aber sage 'mal, was siehst Du?

»Ich sehe dort etwas sehr Großes stehen, eine große goldene moskauer
Mütze hat es auf dem Kopf, es sprühen sogar Funken aus derselben.«

Die Funken sprühen aus Deinen besoffenen Augen.

Ich war der Meinung, daß das, was er zu sehen meint, gar nicht möglich
sei, andererseits ist aber doch der Gedanke bei mir aufgekommen, daß
dies wahr sein und der heilige Nikolaus böse sein könnte darüber, daß
wir das Kind nicht auf seinen Namen, sondern Sava taufen lassen wollen;
ich sagte dem Agap:

Was und wer es auch sein mag, beachte es nicht, jetzt wollen wir tun,
als wenn wir nachgeben und seinen Willen tun möchten, und morgen tuen
wir dann, was wir wollen. — Lass' die Pferde, sie sollen gehen, wohin
sie wollen — die werden uns gewiß nach Hause bringen; meinetwegen
kannst Du alles austrinken, was noch in dem Fäßchen ist.

Agap war darüber ganz erstaunt.

Ja, trinke nur, Agap — sagte ich — trinke nur, aber zu Hause sage bei
Leibe nichts, was vorgefallen ist, ich werde schon eine Geschichte
zusammenstellen, die ich ihnen erzählen, und die sie für wahr halten
werden. — Ich werde sagen, das Kind ist getauft auf den echten
kasakischen Namen Sava, wie es der alte Dukač gewollt hat, auch das
Kreuzchen werde ich ihm zeigen, das ich ihm um den Hals gehängt habe,
dann werde ich sagen, der Pereguder Pope hätte befohlen das Kind am
nächsten Sonntag nochmals in die Kirche zu bringen, damit er es nochmals
segnen könne, deshalb müssen wir nochmals nach Peregudi fahren, wo dann
das Kind getauft wird, wie es sich für einen wahren Christen gebührt. —
Ich schaute wieder nach dem Kinde und fand, daß es lebt und ruhig
schläft, und so warm ist, daß sogar eine auf seine Stirne gefallene
Schneeflocke sofort zerschmolz; mit diesem Wasser bekreuzte ich seine
Stirne und sprach dabei: im Namen Gott des Vaters und des Sohnes und des
heiligen Geistes taufe ich Dich auf den Namen des heiligen Sava.

Wir ließen den Pferden freien Lauf; sie sollen gehen wohin sie wollen.
Die Pferde gingen und gingen — bald blieben sie stehen, bald zogen sie
an; das Wetter gestaltete sich immer ärger und ärger; der Sturm heulte;
die Kälte wuchs.

Agap wurde schließlich voll trunken; anfangs brummte er etwas
unverständliches, schließlich verstummte er, wälzte sich in den
Schlitten und fing an zu schnarchen.

Mir aber wurde immer kälter und kälter, ich fühlte, wie meine Glieder
starr zu werden anfangen, schließlich wurde ich bewußtlos und erwachte
erst in der Hütte des Dukač, wo man mich mit Schnee rieb.

Als ich zum Bewußtsein gekommen, erinnerte ich mich daran, was ich mir
vorgenommen hatte zu sagen und deshalb sagte ich, daß das Kind auf den
Namen Sava getauft sei. —

Alle glaubten es; ich redete darüber nicht weiter, weil ich immer den
Gedanken und Willen in mir trug, die Schuld gut zu machen und das Kind
am nächsten Sonntag taufen zu lassen.

Aber ich wußte nicht, daß Agap angeschossen und in Folge der Verwundung
gestorben sei, auch nicht, daß man den alten Dukač ins Gefängnis
abgeführt, denn ich war krank und als ich später alles dieses erfuhr, da
konnte ich mich nicht mehr dazu entschließen, dieses alles der alten
Dukačin zu beichten, weil ich deren Gram, Schmerz und Unglück, das ja
so groß genug war, nicht vermehren wollte.

Ich nahm mir vor, später alles aufzudecken; je weiter aber die Zeit
verlief, um so schwerer gestaltete es sich für mich, Aufklärung zu
bringen und so verschob ich die Sache von Tag zu Tag.

Die Zeit lief, Jahre sind vergangen; das Kind wuchs zum Knaben heran,
alle riefen ihn Sava, Sava, ja sie schickten ihn studieren.

Und immer nahm ich mir vor, das Geheimnis aufzudecken, immer marterte
mich der Gedanke, ich sei Schuld daran, daß der Knabe ungetauft ist.

Und als ich erfuhr, Sava solle sogar Pope werden, da lief ich in die
Stadt, um dieses zu verhüten und um laut zu rufen, er sei ungetauft,
doch mich hat man nicht beachtet, nicht gehört, ihn aber zum Priester
geweiht.

Weiter über die Sache zu reden hatte dann keinen Zweck mehr. Seit der
Zeit hatte ich keine Ruhe mehr; es war fürchterlich für mich zu wissen,
daß durch meine Schuld die ganze hiesige christliche Gemeinde zum Spott
und Gelächter der Welt sein werde, weil sie einen _ungetauften Popen_
zum Seelsorger habe.

Dann aber, als ich älter wurde, als ich sah, daß alle den Sava lieben
und achten, da steigerte sich noch meine Qual und mein Schmerz, ja ich
fürchtete mich vor dem Tode.

Erst jetzt, auf meinem Sterbebette, bekenne ich dieses alles, es bitter
bereuend.

Möge mir die Christenheit verzeihen, was ich an ihr Böses getan, mögen
mir jene verzeihen, deren Seelen durch den ungetauften Popen in
Verderbnis gerieten; mich aber könnet ihr, wenn ihr wollet, lebendig
begraben, ich werde auch diese Strafe freudig annehmen.«

Der Vikarius und der Pfarrer von Peregudi haben alles dieses zu Papier
gebracht und unterschrieben, dann dem Vater Sava vorgelesen, sind dann
zur Kirche gegangen und haben das Kirchentor versiegelt; hierauf fuhren
sie zum Bischof nach der Gouvernementsstadt und nahmen Sava mit.

Darüber fing nun das Volk an unruhig zu werden und zu besprechen, was es
wohl mit ihrem Väterchen sei, weshalb der Vikarius die Kirche versiegelt
und ihren Sava nach der Stadt mitgenommen habe?

Kann denn so etwas je vorgekommen sein, was die Kerasivna erzählte?

Wäre es denn möglich, daß die Herren in der Stadt etwas derartiges
hätten zulassen können?

Schließlich sind sie darüber einig geworden, daß dies alles der heilige
Nikolaus angezettelt habe, um den heiligen Sava bloß zu stellen, und das
erste, was geschehen müsse, sei, den heiligen Sava beim Gott kräftigst
zu unterstützen und deshalb sei es notwendig, sofort zum Bischof zu
gehen.

Die Kasaken rissen eigenmächtig die Siegel von der Kirche ab, öffneten
sie, zündeten vor dem Altare und den heiligen Bildern so viele Kerzen
an, als sie in der Kirche fanden, wählten sechs Kasaken aus, welche
sofort zum Bischof gehen müssen, um ihm zu sagen, er solle es sich gar
nicht einfallen lassen, den Sava aus ihrer Gemeinde zu entfernen oder
ihm etwas anzutun, denn sie wollen nur den Sava haben und keinen
anderen, wenn er, der Bischof, das, was sie wollen, nicht tut, so treten
sie zu einer anderen Religion über, wenn nicht zur katholischen, so doch
zur türkischen; denn ohne unseren Sava wollen wir nicht leben — sagten
alle.

Dies gab eine schwierigere Aufgabe zu lösen, als jene es war als

   der Diakonus N. den Trepak trat,
   Dieser aber nicht geklagt,
   Während dies der Inspektor tat!

Die Kerasivna starb, nachdem sie allgemeine Buße getan und der
versammelten Gemeinde alles das erzählte, was sie dem Vikarius
mitgeteilt.

Die Kasakendeputation machte sich auf den Weg in die Stadt zum Bischof,
nachdem vorher in allgemeiner Versammlung nochmals beraten und
beschlossen worden ist, was zu geschehen habe, wenn der Bischof ihrem
Wunsche nicht entsprechen und ihnen den Sava nicht zurückgeben sollte.

Es wurde einstimmig beschlossen, daß sie, wenn sie dann nach Hause
gekommen, allen Branntwein, welcher noch in den Schenken gefunden wird,
austrinken werden, damit Niemand nach ihnen denselben trinken könne,
dann werden sie Türken und jeder nimmt sich drei, die reicheren vier
Weiber — denn so lange unser guter lieber Sava lebt, wollen wir keinen
anderen Popen.

Es ist gar nicht denkbar, daß er ungetauft wäre, nachdem er so viele
Leute getauft, getraut, begraben hat und so viele zu ihm zur Beichte
gingen.

Wäre es denn möglich, daß alle diese Leute Ungläubige, Heiden wären?

Die Kasaken sind darin einig geworden, daß, wenn Sava wirklich nicht
getauft sei, ihn der Bischof in der Stille taufen solle, damit er
schließlich doch Pope bleiben könne … denn sonst werden sie alle …
Türken.




                     Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Und wieder war es Winter, wieder gegen Abend, wieder um den Nikolai- und
Sava-Tag, etwa zu jener Zeit als fünf und dreißig Jahre zurück die
Kerasivna aus Paripsami nach Peregudi fuhr, um des alten Dukač
einzigen Sohn taufen zu lassen.

Von Peripsami nach der Gouvernementsstadt, dem Sitze des Bischofs, war
es beiläufig vierzig Werst.

Die zum Bischof behufs Befreiung ihres Sava abgesandte Kasakendeputation
berechnete, daß sie fünfzehn Werst, bis zur Schenke des Jossel, gehen,
dort sich stärken, wärmen, ausruhen werde, um so anderen Tages zeitlich
früh beim Bischof vorsprechen zu können.

Die Sache aber nahm einen anderen Verlauf.

Für die Kasakendeputation gestaltete sich das Wetter ebenso
unfreundlich, wie es gewesen war vor fünf und dreißig Jahren, als die
Kerasivna mit Agap zur Taufe mit dem Kinde fuhren; es entwickelte sich
ein heftiges Schneetreiben, so daß die Kasaken sich in der Steppe zu
verirren begannen; sie verloren alle ihnen sonst wohl bekannten
Merkzeichen, gerieten auf einen Abweg und wußten schließlich nicht, wo
sie sich befinden, bis auf einmal, es konnte wohl eine Stunde vor
Sonnenaufgang sein, sie von jemandem, nicht auf der Straße, sondern auf
dem Eise, angeredet wurden:

»Nu, Jungens, wohin so zeitlich? wo?«

Die Kasaken grüßten.

»Was führt euch bei einem solchen Hundewetter her; seht, es hätte nicht
viel gefehlt und ihr wäret ins Wasser gefallen.«

»So!« gaben sie zur Antwort. »Wir befinden uns in schlimmer Lage, und
gehen zum Bischof; wir möchten dort gerne eher vorsprechen, als unsere
Feinde und ihn fußfällig bitten zu unseren Gunsten zu entscheiden.«

»Und was soll er für euch tun?«

»Uns unseren ungetauften Popen lassen, denn, wenn dies nicht geschieht,
so werden wir aus lauter Gram und Schmerz Türken.«

»Warum wollt ihr gerade Türken werden? Die dürfen doch keinen Schnaps
trinken.«

»Den trinken wir früher allen aus.«

»Ach! ihr Teufelskerle!«

»Ja, was bleibt uns denn anderes übrig zu tun, wenn sie uns so schwer
kränken, daß sie uns unseren Popen nehmen.«

Der Unbekannte meinte:

»Erzählt mir doch die Geschichte von dem ungetauften Popen im
Zusammenhange.«

Und die Kasaken erzählten.

Und so, an der Wuhne stehend, haben sie alles der Ordnung nach recht
ausführlich dem Fremden mitgeteilt und immer und immer dabei
hervorgehoben, daß, wenn der Bischof ihrem Wunsche nicht entspricht und
ihnen den Sava nicht wieder zum Popen gibt, sie Türken werden.

Da meinte der Fremde:

»Seid ruhig, Jungens, seid ruhig und fürchtet nichts, ich glaube, der
Bischof wird schon das richtige treffen.«

»Ja, wir glauben es selbst,« sagten sie, »denn wer eine solche hohe
Würde bekleidet, sollte stets ein rechtes und gerechtes Urteil fällen,
aber wer kennt den Bischof, Gott allein!«

»Seid sicher, daß der Bischof das rechte Urteil geben wird, ich selbst
werde schon dazu beitragen, was möglich ist.«

»Du? … wer bist Du denn eigentlich? … Sag 'mal, wie heißest Du?«

»Ich? … ich heiße Sava.«

Und dieser Sava sagte ihnen weiters, sie wären gerade zur rechten Zeit
gekommen und gerade an die rechte Stelle, wohin sie gehörten und auf den
Berg zeigend, sagte er weiter: Seht, dort ist das Kloster, wo der
Bischof wohnt.

Sie schauten auf und bemerkten auf der anderen Seite, gerade vor sich,
das Kloster.

Die Kasaken waren darüber erstaunt, daß sie bei einem solchen
fürchterlichen Schneetreiben und so heftigem Sturm ohne jede Störung und
ohne jeden Aufenthalt vierzig Werst gegangen wären.

Nachdem sie den Berg erstiegen, setzten sie sich auf die Bank vor dem
Kloster, öffneten ihre Rucksäcke und zogen alles Eßbare heraus, was sich
darin befand und warteten, essend, bis die Glocken zum Frühgottesdienste
anschlagen und das Klostertor sich öffnen würde.

Sie gingen in die Kirche, hörten den Gottesdienst stehend an, worauf sie
zum Hause des Bischofs gingen, um Audienz zu erbitten.

Man kann nicht gerade behaupten, daß unsere hohen geistlichen
Würdenträger große Neigung zum niederen Volke hätten, denn es ist
außerordentlich schwierig vorgelassen zu werden, wenn man dem
sogenannten Volke angehört; diesesmal war das gerade Gegenteil der Fall:
unseren Kasaken wurden keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt, ja es
hatte sogar den Anschein, als wenn sie erwartet worden wären, denn man
führte sie, sowie sie ankamen, sofort in den Wartesaal, wo sie zwar sehr
lange stehen mußten, und wohin sich der Vikarius, der Peregudiner Pope
und Sava, sowie noch viele andere Personen einfanden.

Der Bischof trat später aus seinen Zimmern in den Wartesaal, sprach mit
den Anwesenden, schien jedoch den Vikarius und die Kasaken nicht zu
bemerken, erst nachdem alle anderen sich entfernt hatten, trat er an die
Kasaken heran und meinte:

»Na, Jungens, gekränkt hat man euch und beunruhigt? … den ungetauften
Popen wollt ihr haben?«

Und die Kasaken baten:

»Ja … Euer Gnaden … seien Sie so gut … so gütig … Hochwürdigster
Herr … wie sollen wir nicht gekränkt sein … einen solchen Popen, wie
unseren Popen, gibt es in der ganzen Welt nicht …«

Der Bischof lächelte:

»Recht habt' ihr … einen solchen zweiten gibt es nicht …« und sich
zu dem Vikarius wendend, meinte er:

»Geh' mal in die Sakristei; dort hat Sava ein Buch vorbereitet und
bringe es herein, dann lese uns vor, was auf der aufgeschlagenen Seite
steht.«

Der Bischof setzte sich.

Der Vikarius brachte das Buch und fing an zu lesen:

»Ich will Euch, Brüder, nicht sehen, wie unsere Väter, die immer unter
der Wolke stehend, durch das Meer gegangen und in Moses getauft worden
sind, in der Wolke und dem Meere. Alle haben dieselbe geistige Nahrung
genossen und dasselbe geistige Wasser getrunken aus einer Quelle, und
diese Quelle war Christus.«

An dieser Stelle unterbrach der Bischof den Lesenden:

»Hast Du verstanden, was Du gelesen?«

»Verstanden.«

»Und erst jetzt begriffen?«

Der Vikarius wurde verlegen und wußte nicht, was er zur Antwort geben
solle, deshalb sprach er so oben hin:

»Diese Stelle habe ich auch früher schon gelesen.«

»Wenn dieses der Fall gewesen, wie konntest Du es zulassen, daß diese
Leute in große Aufregung gebracht wurden? warum wurden diese guten
einfachen Leute beunruhigt, denen er ein guter und lieber und genehmer
Seelenhirt gewesen?«

Der Vikarius antwortete:

»Nach den Regeln der heiligen Väter …«

»Halt,« unterbrach ihn der Bischof, »halt! geh' nochmals zum Sava und
lasse Dir ein zweites Buch geben.«

Der Vikarius ging und kam mit einem neuen Buche in der Hand zurück.

»Lese!« befahl der Bischof.

»Wir lesen,« fing der Vikarius an, »beim heiligen Grigorij dem
Gottesgelehrten über den heiligen Vasilij, daß er für die Christen
solange ein Heide gewesen, bis er zum Seelenhirten geweiht wurde.«

»Bis was er wurde?« unterbrach ihn der Bischof.

Der Vikarius entgegnete:

»Ich tat dies alles aus Amtseifer, als es sich gezeigt hat, daß dieser
in einem solchen Amte ungetauft sei.«

Nun aber stieß der Bischof ungeduldig mit dem Fuße auf:

»Du wiederholst immer eines und dasselbe! Es scheint, daß Deiner Ansicht
nach man zum Moses durch die Wolke gelangen kann, um getauft zu werden,
nicht aber zum Christus? — Es ist schon gesagt worden, daß diese, die
Taufe suchten, durch die feuchte Wolke unter Todesfurcht drangen, daß
sie mit dem vom Himmel auf die Stirne des Kindes gefallenem und
aufgetautem Wasser dasselbe mit dem Zeichen des Kreuzes im Namen der
heiligen Dreieinigkeit in den Schoß der Kirche brachten. — Was willst
Du noch mehr? — Du bist ein streitsüchtiger, unduldsamer, zänkischer
Mann und taugst nicht für die Arbeit in Christo: an Deine Stelle setze
ich den Popen Sava; und ihr, Jungens, gehet ruhig nach Hause und
fürchtet euch nicht, der Pope Sava, der euch gut ist, ist auch mir gut
und Gott genehm. Geht mit Gott nach Hause.«

Die Kasaken fielen dem Bischof zu Füßen und dankten für seine Güte.

»Nun, seid ihr zufrieden?«

»Sehr, sehr zufrieden,« gaben sie einstimmig zur Antwort.

»Und werdet ihr auch jetzt noch Türken?«

»Tfu! werden nicht, Väterchen, werden nicht!«

»Und den Schnaps werdet ihr auch nicht allen auf einmal austrinken?«

»Nein, nein, nicht auf einmal, nach und nach; der Teufel soll ihn …«

»Nun, so geht mit Gott und lebt nach christlicher Art und Weise weiter.«

Und als sie schon im Begriffe waren den Wartesaal zu verlassen, da
winkte der eine von ihnen dem Bischof mit dem Finger, um ihn auf sich
aufmerksam zu machen und sagte ihm halblaut:

»Wären Euere Gnaden so gütig mit mir in ein Eckchen zu gehen?«

Der Bischof lächelte und sagte:

»Gut, gehen wir in ein Eckchen.«

Dort fängt nun der Kasake an:

»Erlaubt, Euer Gnaden, Euch zu fragen, wer erzählte Euch das alles, ehe
wir es Euch mitteilen konnten?«

»Geht es Dich 'was an?« meinte der Bischof.

»Gewiß, geht es uns an; vielleicht hat es Euch der Sava erzählt?«

Dem Bischof, welchem tatsächlich der ihm nahe stehende Sava alles dieses
erzählte, sah den Chochol an und entgegnete:

»Ja, Du hast es erraten — mir hat es der Sava mitgeteilt.«

Damit ging er aus dem Saale.

Jetzt begriffen die Kasaken alles.

Und seit dieser Zeit geht unter ihnen die Überlieferung, daß der
schwache Sava still und ruhig, dafür aber warm für sie eintrat und den
Moskauer Nikolaus, trotz seiner Macht, so hinterging, daß letzterer das
Spiel verlor.

»Was ist doch unser Sava für ein listiger Heiliger,« sagten sie, »was er
nicht alles ausdachte und alles bei Seite schieben mußte, um über den
Stärkeren und Mächtigeren zu siegen: selbst in die heiligen Bücher weiß
er Sachen zu bringen, die Niemand begreifen kann. — Gott allein weiß
es, ob er unseren Popen unter dem Pelze der Kerasivna taufte, oder ob er
alles dieses nur so knotete, damit es selbst der Bischof nicht auflösen
kann? — Daß aber diese Angelegenheit zu unseren Gunsten ausfiel, dafür
sei er bedankt.«

                   *       *       *       *       *

Vater Sava, sagt man, soll noch heute leben; um sein Dorf herum ist
alles zum Stundismus übergetreten; seine Kirche ist jedoch stets
übervoll von andächtigen Menschen …

Man weiß zwar nicht, ob der heilige Sava in Paripsami noch tätig
mithilft, soviel ist aber sicher, daß es in unseres Sava Bezirke keine
nackten Michalki und Potapki gibt.




                      DAS URTEIL SEINER EMINENZ.




                           Erstes Kapitel.


Sehr jung, fast noch ein Kind, trat ich in den Staatsdienst und wurde in
Kiev der Finanzdirektion zugeteilt, welcher Alexander Kirylovič
Klučarev als leitender Direktor vorstand.

Klučarev war im wahren Sinne des Wortes ein »eifriger Beamter, ein
Streber« vom Scheitel bis zur Zehe, welcher von allen ihm Untergebenen
nicht nur gefürchtet, sondern auch gehaßt wurde, sowohl in Kiev, wie
auch in seinem früheren Dienstorte Žitomir; in Petersburg aber, wohin
derselbe als Departements-Vorstand versetzt worden ist, empfand vor ihm
Niemand Furcht, im Gegenteile, man gab diesem außergewöhnlich strengen,
rücksichtslosen, trockenen Formalisten bald deutlich zu verstehen, daß
man seiner Dienste nicht bedürfe, da ja auch andere, jüngere, eben
dasselbe leisten können, wie er, Klučarev.

Er wurde in den Ruhestand versetzt, starb jedoch bald darauf, und es gab
Niemanden, der ihm eine Träne nachgeweint hätte.

Klučarev stammte aus einer Popenfamilie und wurde in einem
geistlichen Seminar erzogen und ausgebildet.

Er war außergewöhnlich kräftig gebaut, unermüdlich tätig, trocken und
kurz im Verkehr, liebte in allem Genauigkeit und Pünktlichkeit und war
— harten Herzens.

Es ist wahr, er liebte seinen Schoßhund mit den braunen hängenden Ohren,
küßte denselben aufs Maul, konnte sehr besorgt und unruhig sein, wenn er
meinte, daß sich derselbe unwohl fühle und vielleicht traurig aussehe;
dann machte er eigenhändig diejenigen nötigen Operationen und
Waschungen, die man dem Tierarzt oder sonst irgend einem Diener
überläßt; aber ich habe selbst gesehen, wie in seinem Gesichte auch
nicht eine Muskel zuckte, in seinen Augen auch nicht ein einziger Strahl
des Mitgefühls sichtbar wurde, wenn er einen altgedienten Beamten mit
zahlreicher Familie — oft ohne jeden Grund und Ursache — aus dem
Dienste jagte oder ein jüdisches Kind unter die Soldaten aufnehmen und
ihm das Haar schneiden ließ.

Das Einstellen jüdischer Kinder in den Militärdienst war eine höchst
grausame gesetzliche Bestimmung.

Das Gesetz bestimmte, daß Kinder unter zwölf Jahren keine Aufnahme
finden sollten; meistenteils wurden doch Kinder unter diesem Alter »dem
äußeren Ansehen nach« aufgenommen, und zwar mit Vorliebe, einmal litt ja
der Dienst nicht darunter, dann zeigte es sich, daß je jünger die Kinder
waren, sie sich desto leichter einlebten, ihre Eltern vergaßen und keine
Schwierigkeiten beim darauffolgenden Taufen machten.

Diesen Umstand benutzten die Juden, welche die Kinder wie jede andere
Ware lieferten; die kleinen Kinder wurden den Müttern aus den Armen
gerissen oder geradezu in der Nacht aus dem Bett gestohlen, geraubt, in
die kleinen Krakauer Britschken gesetzt und zur Stellung geschleppt.

Wie herzzerreißend, wie widerwärtig alles dieses war, ist schwer, ja
geradezu gesagt, unmöglich zu beschreiben.

In allen jüdischen Städten, Städtchen und Dörfern erneuerte sich
tatsächlich das Weinen in Rama: »Rachel weinte bitter um ihre Kinder und
war trostlos.«

War das Gesetz, welches, Gott sei Dank! bereits aufgehoben ist, an und
für sich selbst grausam, es wurde dasselbe für die jüdische Bevölkerung
noch unerträglicher und drückender durch die Niederträchtigkeit und
Gewissenlosigkeit eigener Stammesgenossen.

Dem Gesetze zufolge mußte eine gewisse bestimmte Zahl jüdischer Rekruten
zur Stellung kommen, man war jedoch nie im Stande diese Zahl
aufzustellen unter den gewöhnlichen Verhältnissen; die Rekrutierungen
folgten sich viel zu rasch eine nach der anderen, weshalb jedesmal bei
der Stellung mit außerordentlicher Strenge verfahren werden mußte, um
keinen Ausfall eintreten zu lassen.

Es wurden deshalb stets mehr junge Leute eingestellt, als eigentlich
bestimmt war, wobei stets die Bemerkung gemacht wurde, daß dieses Mehr
bei der nächsten Stellung in Abrechnung komme; doch fand diese
Zusicherung keine weitere Beachtung, wurde einfach — vergessen.

Angenommen, eingeschrieben und von der Hand weg!

Das eingestellte Kind wurde sofort einem Regimente zugeteilt, das sich
weit, weit ab von dem Geburtsorte des Knaben in Garnison befand; die
armen beklagenswerten Judeneltern wußten und erfuhren nie mehr, wo sich
ihre Kinder befinden, oder wo man sie suchen könnte, die Kinder blieben
für die Eltern verloren, waren für sie tot; außerdem wurden fast alle,
ehe sie ihren Bestimmungsort erreichten, getauft.

Nicht wenige taufte man bereits in Kiev, wofür sich besonders die
Gemahlin des damaligen General-Gouverneurs Fürstin Katharina Aleksejevna
Vasilčikov geborene Fürstin Ščerbakov interessierte.

Die schreiendste Ungerechtigkeit bei diesem Rekrutierungsvorgange
bestand darin, daß bei fast allen Geburtsscheine aus den Matriken der
Rabbiner fehlten und daß das Alter, wie ich schon früher erwähnte, nur
nach dem äußeren Ansehen, nach Abschätzung, bestimmt wurde, wobei
Täuschungen und Irrtümer nicht ausgeschlossen waren.

Zumeist wurden »beschworene Aussagen« vorgelegt von sechs oder zwölf
Juden, welche unter Eid bestätigten, ihnen sei sehr genau bekannt, daß
dieser oder jener Schmule, Mordechai oder Wolf bereits zwanzig Jahre alt
sei; auf Grund _solcher_ Dokumente wurden sieben- bis achtjährige Kinder
für zwölf- bis vierzehnjährige ausgegeben.

Solcher Fälle gab es unendlich viele!

Ja, es kam nicht selten vor, daß das eine Dutzend Söhne Israels,
angeworben von dem Lieferanten der lebenden Ware, schworen, Jakob sei
zwölf Jahre alt; ein zweites, von den Eltern des Kindes gemietetes
Dutzend ebenfalls unter Eid aussagten, Jakob zähle nicht mehr wie
höchstens sieben Jahre.

Ja, ein und dasselbe Dutzend Juden schworen sogar sowohl zu Gunsten des
Lieferanten wie gleichzeitig zu Gunsten der Eltern desselben Kindes.

Es bildete sich, geradezu gesagt, eine Zunft, ein Klüngel von
»Schwörern«, bestehend aus dem Abschaum des jüdischen Proletariates und
Pöbels, wie solche sehr eingehend und wahrheitsgetreu der zur
katholischen Kirche übergetretene ehemalige Rabbiner Bravmann
schilderte.

Es waren das Banden ehrloser, gewissensloser, demoralisierter Juden, die
stets einen Haufen von mehreren Mann bildend, die Straßen unsicher
machten, herumvagierten unter dem Vorwande nach »Arbeit« zu suchen, d.
h. Leute zu finden, welche einen falschen Eid, falsche Zeugenschaft oder
ähnliches benötigten.

Und dort, wo es was zu beschwören gab, sei es beim Pristav oder dem
Rabbiner, welche sehr leicht bestochen werden konnten, wurde ohne Furcht
und ohne Zagen der Name Jehovas ungestraft angerufen, mit seinem Namen
manche Untat, manche Lüge und Unrecht zugedeckt.

Dieser Mißbrauch mit dem Namen Gottes war allgemein bekannt, aber …
die einmal von formaler Seite nicht anfechtbare Angelegenheit konnte den
Lauf der Sache nicht aufhalten.

Es hatte Niemand Zeit, Lust noch Mittel sich des Schwachen vor dem
Stärkeren anzunehmen, ihm zu raten, ihn zu verteidigen oder das Urteil
darüber zu fällen, ob das, was vorlag, auch tatsächlich wahr, recht oder
falsch sei.

Ja, ich sage offen: ich spürte in mir keine Lust etwas zu tun, weil ich
in diesem Meere von Tränen und Seufzern, in welchem ich meine jungen
Jahre zu verleben gezwungen war, alles bessere Gefühl verlor.

Wenn sich dann und wann ein schwaches Zeichen von Mitgefühl in meinem
Herzen regte, so wurde dieses Gefühl sofort unterdrückt durch die
Erkenntnis, diesem gräßlichen, herzzerreißenden Jammer der weinenden
Mütter und Väter nicht abhelfen zu können.

Die sich täglich, ja stündlich wiederholenden unbeschreiblichen Szenen
des menschlichen Jammers machten keinen Eindruck mehr auch auf das
feinstfühlige Herz.

Die Gewohnheit ist ein großes Ungeheuer!

Und wie es keine Regel ohne Ausnahme gibt, so erscheint vor meinem
geistigen Auge eine solche Ausnahme, weshalb ich den Fall erzählen will,
welcher meiner Ansicht nach einen weichen und warmen Strahl von Licht
auf eine Persönlichkeit wirft, die sich besonders durch ihre
Weichherzigkeit, Mildtätigkeit Religiosität von allen anderen hohen
Kirchenfürsten der russischen Kirche abhob und zwar den Mitropoliten in
Kiev Filaret Amfiteatrov.

Möglicherweise werdet ihr Euch darüber wundern, was gemeinschaftliches
der Mitropolit mit der Rekrutierung jüdischer Kinder hätte? — Für
gewöhnlich wäre dieses auch leicht der Fall, aber hier liegt ein
Ausnahmsfall vor, und dann ist das, was ich Euch erzählen werde, so
wunderbar, so merkwürdig und bietet soviel Interesse, daß ich annehmen
kann, ihr werdet mir bis zum Ende dieser nicht langen, aber wahren
Geschichte aufmerksame Hörer bleiben.




                           Zweites Kapitel.


Ohne Rücksicht darauf, daß ich noch sehr jung war, hat mich Klučarev
der Stellungskommission zugeteilt, wobei keine große Gesetzkenntnis noch
allgemeine Bildung, aber eine große Arbeitskraft nötig waren.

Von Früh bis Abends, solange es das Tageslicht erlaubte (bei Licht
wurden die Stellungspflichtigen nicht untersucht) zog sich die
Rekrutierung hin und es war absolut unmöglich während dieser Zeit das
Gebäude auch nur für ganz kurze Zeit zu verlassen oder die Klagen und
Proteste gegen die Vorführung entgegen zu nehmen, die vorgeführten Leute
zu klassifizieren, Erläuterungen oder Aufklärungen zu geben und Urteile
zu fällen.

War die Tagesarbeit beendet, dann mußte an die noch weit wichtigere,
dringendere und viel Zeit in Anspruch nehmende Arbeit geschritten
werden, welche darin bestand, die Schriften und Dokumente für den
folgenden Tag vorzubereiten.

Nicht genug daran, es mußten eingelangte Klagen und Beschwerden
durchgesehen, Rechnungen mit den Aufträgen kontrolliert, Anweisungen auf
Montierungen, auf Geld für Provisionen gegeben werden, abgesehen von
unzähligen Quittungen und Bestätigungen auf oft ganz minimale Beträge.

Im höchsten Grade widerwärtig war das Lesen der ganze Berge bildenden
Denuntiationen, Zuträgereien und der nicht selten höchst verwickelten
Beschwerdeschriften.

Das Kanzleipersonal bestand aus Beamten, welche aus den verschiedenen
Abteilungen hierher abkommandiert, nichts weiter, als die mechanische
Arbeit des Abschreibens zu besorgen hatten.

Der Hauptanteil an der ganzen Arbeit, welche eine gewisse Fassungs- und
Beurteilungsgabe verlangte, fiel mir zu als dem bestellten —
Kanzleivorstande.

Für gewöhnlich wurde auf diesen verantwortlichen, schweren und
nervenerschütternden Posten stets eine Person bestimmt, welche bereits
jahrelang im Dienste stand, aber Klučarev wählte, ich weiß nicht aus
welchem Grunde und welcher Berechnung, gerade mich aus, der ich doch
erst einige Monate diente und — 21 Jahre alt war.

Es ist leicht einzusetzen und zu begreifen, welche Mühe es mir machte
ein derartiges Amt in Ordnung zu halten, besonders unter einem viel
verlangenden, strengen, ja sogar harten, rücksichtslosen Vorgesetzten,
wie es eben Klučarev war.

Sein Nachfolger, der seelen- und herzensgute _N. M. Kobilin_, welcher
den Klučarev ablöste, bestätigte mich in meinem Amte.

Schon anderthalb Monate vor Anfang der Rekrutierung fing das hastige und
eilige Arbeiten an, da die Rekrutierungsbezirke und deren Reihenfolge
bestimmt werden mußten; die eigentliche Stellung nahm mehr Zeit weg als
die Vorarbeiten zu derselben, und erst nach Beendigung derselben, der
Abgabe des Schlußberichtes und der Rechnungslegung konnte ich ein wenig
freier aufatmen.

Während dieser Zeit lebte ich eigentlich kein menschliches Dasein; hatte
keinen Augenblick freie Zeit mit alleiniger Ausnahme von anderthalb
Stunden zum Mittagessen und es blieben mir kaum vier Stunden zum
Schlafen, die übrige Zeit verschlang der Dienst.

Es ist daher einleuchtend, daß bei einem solchen Leben wenig Zeit übrig
geblieben ist, um sich für fremdes Leid interessieren zu können und mit
fremden Leuten fremdes Leid zu beweinen. —

Zu jener Zeit an einem Tage, welcher mir nichts Angenehmes brachte, saß
ich Abends hinter dem Schreibtisch in meiner Kanzlei und las die
eingegangenen Aktenstücke, Beschwerden und Klagen.

Es waren ihrer keine geringe Zahl; fast alle enthielten eines und
dasselbe: Klagen und Bitten, ja sie waren fast alle nach einer und
derselben Schablone, fast mit denselben gleichen Worten verfaßt.

Mit einemmale fällt in meine Hand ein Blatt außergewöhnlich schlechten
Papiers, zerknüllt, weshalb ich auf dasselbe aufmerksam wurde.

Von diesem Blatte Papier und dem, was auf demselben geschrieben stand,
wehte eine so große Angst, Qual und Herzensleid, soviel Kummer und
Sorge, daß man dasselbe nicht achtlos aus den Händen legen konnte.

Der Blick auf dieses Papier erinnerte an jene Bettler, bei welchen die
Not und das Elend aus jedem Flicken, jedem Riß an den Kleidern, ja sogar
aus den Augen blickt.

Obzwar ich — aufrichtig gesagt — den Klagen keine große Aufmerksamkeit
für gewöhnlich zu schenken pflegte, fühlte ich hier eine nicht zu
überwindende Notwendigkeit auf den Inhalt des Geschriebenen näher
einzugehen und denselben aufmerksam durchzulesen; ich fand jedoch, daß
dies fast unmöglich sei.

Vorerst war es schwierig zu bestimmen, in welcher Sprache das Bittgesuch
eigentlich geschrieben sei; ja sogar die Buchstaben gehörten nicht einem
und demselben Alphabet an.

Es standen hier russische und polnische Wörter in den betreffenden
Schriftzeichen geschrieben nebeneinander, hie und da stand ein Wort,
nicht selten sogar ganze Sätze in hebräischen Buchstaben unter den
anderen.

Die Bittschrift war etwa in der Art und Weise verfaßt, wie jene der
Gogol'schen Kaufleute an den »Herrn Finanzew Chlestakov«; es fanden sich
hier einzelne Wörter aus dem allerhöchsten Titel, der Name des
Präsidenten, der Bart des General-Gouverneurs, Ober-Hochehrwürden und
»Flügertorčakov«[4] und »wenn Gott errette« — mit einem Worte, aus
dem ganzen war zu ersehen, der Bittsteller klage bei allen weltlichen
und geistlichen Gerichten der ganzen Welt, doch war die Bittschrift
derartig verfaßt, daß man dieselbe, unter anderen Verhältnissen, als
eine Scherz- oder Spotteingabe angesehen und einfach in den Papierkorb
geworfen hätte.

Und dennoch blickte aus allem diesen soviel Elend, Kummer, Sorge,
Herzensleid, Angst heraus, daß der Bittsteller einem leid tat.

Statt dieses Bittgesuch, wie es sich gebührt hätte, wegen
Nichteinhaltung der vorgeschriebenen Form einfach in den Papierkorb zu
werfen, unternahm ich nochmals den Versuch dasselbe aufmerksam zu lesen.

Der Unsinn in der Aufschrift war nichts im Vergleiche zum Unsinn im
Texte, dafür wehte aus diesem Unsinn erkennbar ein Weheruf, ein Schrei
der Verzweiflung.

[Fußnote 4: Flügertorčakov sollte andeuten »Flügeladjutant
_Čertkov_«.]

In schwer begreiflichen Ausdrücken, aus welchen sich der Sinn äußerst
schwierig herauslesen ließ, brachte Bittsteller folgendes zur Anzeige:
Er sei Introligator, d. h. Buchbinder; sein Handwerk bringe es mit sich,
sich mit verschiedenartigen Büchern beschäftigen zu müssen, in folge
dessen habe er verschiedene Lehren und Weisheiten über Gott und Religion
sich angeeignet.

Diese Aneignung, dieses Wissen habe ihn nicht nur bei seinen
Glaubensgenossen, sondern auch bei den »Kahal« selbst in Ungnade und
Mißkredit gebracht, weshalb letztere in einer Nacht in seine Hütte
eindrangen, seinen zehnjährigen Sohn aus dem Bette rissen, ihn raubten,
um ihn auf den Stellungsplatz nach Kiev zu bringen.

Der Introligator war tatsächlich von der Stellungspflicht befreit, sein
Sohn besaß noch nicht das vorgeschriebene Alter; außerdem lag dem
Bittgesuche eine eidlich abgegebene Aussage bei, in welcher bestätigt
wurde, daß der vom »Kahal« geraubte Knabe erst sieben Jahre alt sei.

Andererseits legte der »Kahal« ebenfalls eine unter Eid abgegebene
Aussage vor, in welcher der Knabe des Buchbinders als bereits
zwölfjährig angegeben wurde.

Der Introligator fühlte augenscheinlich, daß die Wahrheit durch die Lüge
erdrückt wird, daß er sich auf Erfolg in diesem ungleichen Kampfe keine
Hoffnung machen könne, weshalb er in zu Herzen gehenden, ergreifenden
Worten bat, wenigstens einen Tag noch zu warten, ehe man seinen Sohn zur
Stellung vorführe, da er einen Ersatzmann, einen zwanzig Jahre alten
Juden, an Stelle seines Knaben stellen werde; er schicke seine
Bittschrift mittels Post voraus, fahre aber mit dem Ersatzmann nach.




                           Drittes Kapitel.


Nach der bei uns bestehenden Gepflogenheit bedeutete diese Eingabe gar
nichts, um so mehr, als der Introligator mit seinem Ersatzmann noch gar
nicht in Kiev war, während der Knabe sich bereits an Ort und Stelle
befand und für morgen schon zur Stellung bestimmt war.

War derselbe gesund und kräftig gebaut, zeigte er sich dem äußeren
Ansehen nach zwölfjährig, so war sein Schicksal besiegelt und klar: er
wurde assentiert, geschoren und in ein Regiment, welches weit, weit im
Norden vielleicht gar in Sibirien garnisoniert, gesteckt.

Deshalb legte ich die Bittschrift des Introligators, nachdem ich an
derselben die nötige Bemerkung machte, bei Seite.

Mehr konnte ich nicht tun.

So verging in voller Tätigkeit eine Stunde, eine zweite, dritte; — mir
ging der arme, belesene Introligator nicht aus dem Sinn.

Ich stellte mir vor: wie er morgen Früh hier anstürmt, sein Kind jedoch
bereits als assentiert in der Kaserne findet, wohin man sehr leicht
hinein-, schwer aber herausgelassen wird.

Mir tat der arme Jude mehr und mehr leid, denn seine Bittschrift zeigte
trotz ihrer Eigentümlichkeit, daß der Buchbinder für die damalige Zeit
eine ziemlich große allgemeine Bildung besitzen müsse, hinter welcher
sich zwar die alte — doch stets neu bleibende — Geschichte von der
Judenverfolgung offenbarte.

Man konnte daraus sehen, daß ein, von der Natur mit klarem Verstande
begabter Mensch, der sich bemühte ein wenig sich zu bilden und seinen
Gesichtskreis zu erweitern, ohne sich seinem Glauben zu entfremden oder
ihn zu verleugnen, sobald er sich seine eigene Ansichten über den Geist
der Gesetze mache und nicht nach dem Buchstaben desselben lebe, von den
Stammesgenossen sofort zu den »gefährlichen Freigeistern«, den
»Abtrünnigen, Neuerern« gezählt und von den phariseischen Talmudisten zu
Grunde gerichtet wird, die sich vornehmen ihn von der Erde verschwinden
zu lassen.

Wäre der Introligator reich, würde er Schweinebraten und Würste essen,
würde er vollständig vergessen, daß es überhaupt einen Jehova und dessen
Gesetze gäbe, aber würde er die Kreise der Talmudisten und deren
Lügenmoral nicht stören — so hätte dieses gar nichts zu bedeuten — man
würde ihn in der Gemeinde nach wie vor dulden, möglicherweise ehren und
verteidigen; aber da zeigt sich auf einmal etwas kleines, unbedeutendes,
eine Art Geistesfreiheit, ein Freisinn, welchen die orthodoxe
Judenschaft nicht dulden will, noch vertragen kann.

Achtzehn Jahrhunderte konnten an dieser Geschichte nichts ändern.

Einem oder dem andern kann es möglicherweise eigentümlich vorkommen,
warum ich den Worten des Introligators eine solche Bedeutung beilege,
der durch das ihn betroffene Unglück leicht den Glauben erwecken konnte,
er werde seiner religiösen Ansichten wegen von den anderen Juden
verfolgt.

Ich sehe dies ein; wenn dieser Fall zu jetziger Zeit sich ereignen
würde, so möchte ich selbst einen derartigen Vorfall für sehr verdächtig
halten und ansehen; aber zu jener Zeit, in welcher meine Geschichte
ihren Anfang und ihr Ende nahm, war an so etwas, als »Freiheit des
Geistes, oder der Meinungen« gar nicht zu denken; darüber hatten sich
damals selbst solche Leute keine Ansichten gemacht, welche in weit
günstigeren und besseren Verhältnissen standen als der Jude, dessen
Knaben man aus dem Bette raubte.

Dem Juden konnte es gar nicht in den Kopf kommen, mit Liberalismus und
Freigeisterei glänzen zu wollen, da ihm diese mehr Schaden wie Nutzen
bringen konnten, was doch seinen Berechnungen nicht entsprechen konnte.

Ich mußte deshalb aus den über Religion im Bittgesuche gebrauchten
Worten und Sätzen den Schluß ziehen, daß dieselben tatsächlich wahrer
und tiefer, überzeugungsvoller Religiosität entstammen und aus reinem
Herzen kommen.

Ich wiederhole: mir tat der arme Jude leid!

Ich fasste den Gedanken, demselben, so weit es in meiner Macht stand und
es meine Kräfte erlaubten, behilflich zu sein.

Ich nahm mir vor, noch spät Abends, nach beendigten täglichen
Geschäften, im »Englischen Hof«, wo der zur Rekrutierung kommandierte
Flügeladjutant wohnte, vorzufahren und ihn zu bitten, dem Juden seine
Hilfe angedeihen zu lassen und die für morgen bestimmte Stellung auf
übermorgen zu verschieben, wodurch ein Tag zu Gunsten des Juden gewonnen
worden wäre.

Obzwar sich die zur Stellungskommission kommandierten Flügeladjutanten
in die Anordnungen der Kommission nicht einzumischen pflegten, so wurden
doch ihre Wünsche stets mehr oder weniger beachtet.

Meine Absicht kam jedoch nicht zur Ausführung, denn früher, ehe es dazu
kam, hatte die unglückselige Angelegenheit eine solche Wendung genommen
und wurde mit einemmale so schwierig, daß der Knabe nur durch ein Wunder
gerettet und seinem Vater zurückgegeben werden konnte.

Und dieses Wunder ereignete sich, es fand statt!

Die scheinbar aufsteigenden Schwierigkeiten wurden auf eine einfache und
leichte Art überwunden, Dank einem »Engel im Menschenkleide«, für
welchen die Mehrzahl der Einwohnerschaft in Kiev den damaligen
Mitropoliten _Filaret_ hielt.

Er wurde in diese Judenangelegenheit ohne seinen Willen einbezogen und
stürzte die ganze jüdische List und Falschheit sowie die ungerechte
buchstäbliche Anwendung des Gesetzes um, einzig und allein durch das
ebenso geistvolle wie menschenfreundliche »Urteil Seiner Eminenz«!




                           Viertes Kapitel.


Es war bereits nahe an Mitternacht, als mich ein ziemlich großes
Geräusch und lautes Gerede in meiner Arbeit zu stören begann; es schien
mir, als wenn in dem neben meinem Arbeitszimmer gelegenen Saale irgend
ein heftiger Streit zwischen den dort befindlichen Beamten entstanden
wäre.

Derartige Ungehörigkeiten waren nichts seltenes; ich als junger Anfänger
in der Beamtenlaufbahn, obzwar Kanzleivorstand, genoß nicht jene Achtung
und besaß nicht das Ansehen wie bereits älter gediente Leute; meine
Untergebenen fürchteten mich nicht und schenkten mir auch wenig
Beachtung und nahmen auf mich keine Rücksichten.

Was die Subordination anbelangt, so konnte man nach dieser Richtung hin
mit den altgedienten, mit Medaillen, Schnallen oder dem Stanislaus-Orden
dekorierten Titularräten besser auskommen, wie mit den jungen Beamten.

Obzwar mich, beziehungsweise meine Kenntnisse, die Altgedienten nicht
gerade sehr hoch schätzten und mir keine große Achtung als einem noch
nicht »flügge gewordenen Jungen«, welchen, ihrer Ansicht nach, der
Präsident ihnen zum Ärger, ohne Rücksicht auf ihr Alter, Dienstzeit,
Solidität auf den Hals hetzte, entgegenbrachten, so machten sie dennoch
die ihnen zugewiesene Arbeit ohne Lärm und Geschrei, Zank und Hader
fertig, während die Jungen ebenfalls ihre Aufgabe fertig brachten, wobei
es jedoch nicht ohne Lärm abging.

Es kam fast täglich vor, daß sie einen oder den anderen der Titularräte
hänselten und sich über ihn lustig machten.

Als fast tägliche Zielscheibe ihres Spottes und fauler Witze diente ein
Titularrat Namens _Gregor Ivanovič Salko_, ein großer Sonderling, der
seine erste Ausbildung von einem Diakon erhielt und seine
Beamtenlaufbahn unter einem ehemaligen Diakon begann, worauf er
außerordentlich stolz war.

Er war für das frühere Kanzleiregiment eingenommen und konnte sich mit
Neuerungen nicht befreunden.

Er gab gewöhnlich ganz seltsame, originelle Ratschläge, welche sehr
stark an des Diakons Weisheit erinnerten.

So z. B. erinnere ich mich, daß als ich einmal vor Müdigkeit und
schlaflosen Nächten meine Augen kaum mehr offen halten konnte, er mir
sagte:

»Machen Sie es so, wie es mich mein alter Diakon lehrte; nehmen Sie aus
meiner Dose eine Prise Tabak, der wird ihre Augen öffnen und den Schlaf
verjagen. — Zu jener Zeit, als noch wirklich Dienst gemacht wurde …
Sie waren noch lange nicht auf der Welt … haben wir dieses Mittel
stets alle benützt.«

Dieser und auch die anderen älteren Herren wurden von der übermütigen
Jugend sehr oft geneckt und nicht selten aus ihrer Ruhe und Geduld
gebracht, wobei mitunter aus dem Spaß großer Ernst wurde, der sehr oft
bis zum Handgemenge überging.

Die Zeit, wo derartiges vorkommen konnte, ist noch nicht so ferne, aber
scheint der jetzigen Nachfolge fast unglaublich.

Das Geräusch vernehmend, glaubte ich annehmen zu können, daß die Jugend
wieder einmal einen der Titularräte hänsele und daß es schließlich zu
einem kleinen Handgemenge gekommen, welches gewöhnlich zu allgemeiner
Zufriedenheit unter heftigem, weit schallenden Lachausbruche endete.

Doch diesesmal schien etwas Außergewöhnliches vorgefallen zu sein, denn
ich hörte, daß meine ganze »Bande« auf einmal aus der Kanzlei
verschwand; es wurde darin ganz stille.

Ich stand auf, um nachzusehen, was vorgehe.

Der große Saal war leer; Kerzen brannten auf den Tischen; nur in einer
Ecke saß unbeweglich hinter seinem Tische, wie eine Mumie, der
Senior meiner Titularräte, der Nestor der Kiever Kanzleien —
_Platon Ivanovič Dolinskij_, welcher den Vladimirorden für
fünfunddreißigjährige tadellose Dienstzeit besaß.

Dieser unser Senior war außergewöhnlich groß, mager, weißhaarig, ein
Kleinrusse (Chochol), sehr unnahbar, sich für eine wichtige
Persönlichkeit haltend.

Er stand nie ohne besondere Notwendigkeit oder Veranlassung von seinem
Sitze auf, sprach mit Niemanden und wenn ja — dann nur um diesen
auszuschimpfen, wobei er sich ausschließlich des Chochol-Dialektes
bediente.

Sowie er mich erblickte, sah er über seine in Kupferdraht gefaßten
Augengläser hinweg auf mich, zog seine Stirne kraus und fing an zu
schelten:

»Wie kommt es, daß Sie nicht bemerken, was hier vorgeht? — Sie sehen,
alle sind fortgelaufen, um einen ruppigen Juden in Augenschein zu
nehmen. — Sie wollen Kanzleivorstand sein? Schämen Sie sich! — Gehen
Sie doch hinaus auf den Korridor und jagen Sie alle hierher zu ihrer
Arbeit.«

»Was für ein Jude hat sich hierher verirrt?« frug ich.

»Der Teufel weiß, von wo er gekommen! Er ist noch immer hier und wälzt
sich auf dem Korridor herum.«

Ich nahm den Leuchter von einem Tisch und ging in den Gang.

Hier in dem breiten, nur schwach beleuchteten Gange standen alle meine
Beamten, einen dichten Kreis bildend, und betrachteten, einer dem
anderen über die Achsel schauend, einen in der Mitte des Kreises
stehenden Menschen, der mit verzweiflungsvoller, klagender Stimme im
gemeinsten jüdischen Jargon sich hören ließ:

»Ai! wai! — Lassen sie mich, lassen sie … Ui! ai, ai, ai, wai, lassen
sie! … Ai, lassen sie mich, ich habe keine Zeit, denn, dort — dort
bei der Kirche … lief er weg … Ai! Herr Metropolit, Herr Metropolit
… ai, ai, wai, Herr Metropolit … wann werdet ihr alter Mann … ai,
wai! … wann werdet ihr an Gott glauben … ai! … was wird das
werden! … ai! lassen sie mich … ai! ai!«

»Wohin sollen wir Dich, krätziger Jude, lassen?« unterbrach der
diensttuende Soldat _Aleksejev_ den Jammernden.

»Dorthin … Gewalt … ich weiß nicht, wohin … wer an Gott glaubt …
Lassen sie mich … Oh! ich armer unglücklicher Jude … Was macht es
ihnen für ein Vergnügen mich zu quälen … mich zu ängstigen … ich bin
so genug bereits abgeplagt und abgehetzt … um Gotteswillen, lassen sie
mich …«

»Wohin führt Dich der Teufel, zu wem willst Du denn hin? … wohin
willst Du?«

»Ai! … lassen sie mich bloß … ich gehe … bei Gott! ich gehe …
doch weiß ich nicht, wohin ich gehe … mir ist nötig zum Herrn
Metropoliten selbst …«

»Ach! Du dummer Jude, Du! sitzt denn ein solcher Herr hier!« räsonierte
der Soldat.

»Ach! … wo … wo … ich weiß nicht, wo der Herr Metropolit sitzt, wo
bei ihm anzuklopfen … Mir ist er sehr nötig, mir ist er gewaltig
nötig!« schrie verzweiflungsvoll und dabei sich krümmend der Jude.

»Wenig ist dir 'was nötig; glaubst Du, Du krätziger Jude, daß sie Dich
beim Mitropoliten vorlassen?«

Der Jude heulte noch mehr auf.

»Ach! … mir ist der Metropolit nötig … mich … mich lassen sie
nicht zum Metropoliten … Verfallen, verloren ist mein Kind, mein
armes, unglückliches Kind!«

Er ließ plötzlich einen so herzbrechend traurig-wehmütigen Klagelaut
ertönen, daß alle plötzlich stumm zurückwichen. Der Soldat drückte ihm
mit der Hand den Mund zu, aber der Jude befreite sein Gesicht
von derselben und fing von neuem in der üblichen jüdischen
Synagogenvibration zu flehen an:

»Oi Jeschu! Jeschu Hanozri! Sie wollen dich betrügen … nehme nicht den
Laidak, den Mischiginer, den Lumpen … Oi, Jeschu, zu was ist Dir ein
solcher Heide …«

Sowie ich hörte, daß der Jude den Namen unseres Heilandes anrufe,
zerteilte ich mit der Hand den vor mir stehenden Haufen.

Vor mir sah ich eine Gruppe, welche mich lebhaft an jene mit dem Teufel
des Rafael'schen Gemäldes »Verklärung Christi«, allgemein bekannt durch
den Jordan'schen Stich, erinnerte.

Ein nicht mehr junger Jude, jedoch unbestimmbaren Alters, ganz naß, in
angefrorenen Lumpen, aber mit vom Schweiße feuchtem Gesicht, mit an die
Stirne angeklebten schwarzen Haaren, unstet rollenden Augen, in welchen
Schreck, hoffnungslose Verzweiflung, Schmerz, neben unbegrenzter
leidenschaftlicher Liebe und Selbstentsagung, die keine Grenzen kennt,
zu lesen waren.

Am Kragen seines zerlumpten Rockes und an den Armen wurde er von zwei
kräftigen Soldaten gehalten, unter deren Händen er sich krampfhaft wand,
sich bald wie ein Igel zusammenziehend oder gleich einer Schlange sich
windend, doch immer sich bemühend, sich frei zu machen von den ihn
festhaltenden Eisenfäusten der Soldaten.

Dieser Ausbruch der fürchterlichen Verzweiflung, das stätig sich
wiederholende »wer an Gott glaubt«, das ich einige Minuten vorher in der
Bittschrift las, schienen mir in einigem Zusammenhange zu stehen.

Mir kam in den Sinn, ob ich nicht den Introligator vor mir zu stehen
habe?

Aber wie konnte derselbe so rasch hinter seiner Bittschrift nachkommen
und nicht erfroren sein in diesem schauderhaft zerlumpten leichten
Röckchen; und schließlich, was wünschte er? was ist ihm nötig, daß er in
seiner verzweiflungsvollen Art ohne Unterlaß den Mitropoliten und
Jehoschua Hanozri anruft?

Vielleicht hat er den Verstand verloren?

Um dem häßlichen Auftritte ein Ende zu machen, gab ich den Soldaten mit
der Hand ein Zeichen und bemerkte: »Laßt ihn los!«

Kaum hatten diese ihre Hände von ihm zurückgezogen, als der »närrische
Jude« einen Sprung nach vorwärts machte, wie eine Katze, welche in einem
dunklen Schranke eingesperrt, plötzlich, durch Aufmachen der Türe,
freigelassen wird.

Die Beamten, einige lachend, andere erschrocken, stoben auseinander,
gleich Erbsen, welche man aus einem Sacke auf die Erde schüttet; während
der Jude wie ein junges Zicklein herumsprang.

Er lief von einer Tür zur anderen, wollte in ein verschlossenes Zimmer
eindringen, das zu einer anderen Abteilung gehörte, und alles dieses tat
er unter Wehklagen, Heulen, Seufzen, Schreien ai! ai! und alles mit
einer solchen Geschwindigkeit, daß man ihm gar nicht folgen konnte.

Wie er in unsere Abteilung gelangen und sich in einem Winkel verstecken
konnte, war fast unbegreiflich.

Man sah ihn nicht, doch hörte man sein unregelmäßiges heftiges schweres
Atmen, das Klappern seiner Zähne; ihn selbst sah man nicht; es schien,
als wenn ihn die Erde verschlungen hätte; er zittert, klappert, atmet
unter dem Boden, wie der Schatten Hamlets.




                           Fünftes Kapitel.


Einige Minuten später entdeckte ich ihn; er saß zusammengekauert auf dem
Boden unter meinem Tisch; klammerte sich fest mit den Händen an den Fuß
desselben und zwischen den Zähnen hielt er den Rand des roten Tuches,
mit welchem derselbe bedeckt war, fest.

Er fühlte sich jedenfalls so sicher hier, wie im Schoße Abrahams.

Er war entschlossen unter allen Umständen hier zu bleiben, und er hätte
sich gewiß lieber seine halberfrorenen Finger abhauen lassen, ehe er den
Tischfuß, den dieselben umklammerten, freigegeben hätte.

Der Soldat mühte sich ab ihn unter dem Tische wegzuziehen, umsonst: der
große schwere Tisch zitterte und wurde gehoben, aber der Jude ließ nicht
nach und war nicht wegzubringen, wobei er ohne Unterlaß schrie und
klagte.

Mir war dieses alles höchst widerwärtig und ich befahl schließlich den
Juden in Ruhe zu lassen, schickte jedoch nach einem Arzte, dessen Hilfe
sich indes als unnötig erwies.

Sowie Ruhe eingetreten und ich mich mit ihm allein im Zimmer befand,
wurde der Jude still, fing an sich zu rühren und seine Taschen
durchzusuchen; eine Minute später schlich er sich langsam, wie ein Wolf
im Käfig, zu meinem Tische und legte auf denselben einen Stoß von
Papieren, eingewickelt in starkes weiches Umschlagpapier, das von einer,
abscheulich nach Nelken riechenden eiterartigen Flüssigkeit durchtränkt
war.

Ich muß zu meinem Leidwesen eingestehen, daß ich mich ekelte, diese
Papiere in die Hand zu nehmen und sie aufzumachen.

Dieselben enthielten, wie es sich später ergab, nichts anderes als
Verträge, welche der Introligator für Rechnung seines Sohnes gemacht
hat.

Sohin blieb kein Zweifel übrig, daß dieser Mann Niemand anderer sei, als
jener Jude, dessen Bittschrift noch einige Stunden vorher ein so großes
Interesse bei mir erregte, daß ich sogar entschlossen war, für denselben
einzutreten.

Wir waren uns also bereits näher bekannt.

Ich schickte den Juden nicht weg, sondern ließ ihn ruhig in der Stube
sitzen in einer Lage, die ihm die bequemste schien und die er sich
selbst gewählt hatte; mit gewohntem Blick überlas ich schnell die
übelriechenden Papiere und fand, daß sie alle formgemäß in Ordnung
seien, so daß der gemietete Ersatzmann, ein zweiundzwanzig Jahre alter
Jude, an Stelle seines Sohnes ohne Anstand zur Stellung zugelassen
werden kann, um so eher, als der bedungene Betrag von ein hundert Rubel
demselben bereits voll und ganz zugezählt worden war.

Alle Dokumente waren in Ordnung; worin bestand dann das Unglück dieses
Menschen? weswegen diese fürchterliche, qualvolle Aufregung, Angst und
Verzweiflung, welche ihn fast zum Wahnsinn brachte?

Doch die Not war da, sie war fürchterlich, nicht abwehrbar; der
Introligator begriff sie in ihrer ganzen verhängnisvollen Bedeutung.

Der vom Introligator angeworbene Ersatzmann war ein junger, noch nicht
großjähriger Jude — gesetzmäßig konnten nur großjährige angeworben
werden — aber ein sehr großer Spitzbube.

Er führte mit dem armen Stammesgenossen eine ganz niederträchtig
listige, jedoch den Introligator zu Grunde richtende Geschichte auf, so
genau berechnet und auf den Buchstaben des Gesetzes aufgebaut, daß gegen
dieselbe in formeller Hinsicht nichts gemacht werden konnte.

Weder mir noch dem Introligator kam es in den Sinn eine Persönlichkeit
für diese Angelegenheit zu interessieren, welche in der Lage gewesen
wäre, durch einen Machtspruch den gordischen Knoten dieser Geschichte
durchzuhauen.

Auch ist es mir nicht eingefallen, mich an jene wahrhaft fromme,
herzensgute Persönlichkeit zu wenden, welche einen Rechtsspruch fällen
konnte, »nicht von dieser Welt« — eine Entscheidung, nach welcher den
weltlichen Richtern nichts anderes übrig blieb, als nur das Urteil des
barmherzigen Richters in Ausführung zu bringen, welches derselbe fällte
behufs Beseitigung jener jüdischen ränkevollen Ungerechtigkeit, die
sanktioniert werden sollte durch den Übertritt zum katholischen Glauben.




                          Sechstes Kapitel.


Nach dem Gesetze konnte ein stellungspflichtiger Jude nur wieder durch
einen Juden ersetzt werden; Christen waren in diesen Fällen völlig
ausgeschlossen.

Dadurch erklärt es sich, daß es außerordentlich schwierig war einen
Juden als Ersatzmann zu finden, ja es war fast ausgeschlossen, daß sich
überhaupt ein Jude zu diesem Zwecke selbst angeboten hätte.

Liebten die Rechtgläubigen den Soldatenstand nicht und trachteten sie,
den Dienst nicht ableisten zu müssen, so lief überhaupt der Jude
demselben aus dem Wege und durch gute Worte oder einfaches Mieten lockte
man ihn schon überhaupt gar nicht.

Im übrigen waren die Vorteile, welche der angeworbene Jude für die ihm
angebotene Summe von drei bis vier hundert Rubel gewann, gar zu
unbedeutend, da jedes Jüdchen, wenn es von Natur aus nicht gar zu
stiefmütterlich behandelt ist, einen solchen Betrag leicht und ohne jede
Gefahr und große Mühe auf leichtere Art erwerben kann.

Und die von der Natur stiefmütterlich behandelten eigneten sich
überhaupt zum Militärdienst nicht.

Derjenige, welcher einen Ersatzmann suchte, konnte denselben nur in
jenen Sphären finden, und unter Leuten, welche heimatlos waren, einen
liederlichen Lebenswandel führten und durch ihre Aufnahme beim Militär
einer schweren Strafe entgehen wollten.

Derartige Leute fanden sich unter den Juden äußerst selten, sie waren
geradezu — weiße Raben.

Dem Introligator gelang es jedoch — zu seinem Glück, oder besser sei es
gesagt, Unglück — einen solchen »weißen Raben«, eine Seltenheit zu
finden.

Was war das für ein Mensch?

Es war dies in seiner Art ein großer traditioneller jüdischer
Geschäftsmacher, welcher im Mietsvertrage die Angelegenheit so zu drehen
verstand, daß er nicht nur seinen Nächsten — die ihn mietenden Juden —
vollständig zu Grunde richtete, sondern auch den Glauben profanierte und
dem Gesetze selbst eine Nase drehte.

Und was die Angelegenheit noch interessanter machte war, daß er dieses
alles unter den Augen und Mithilfe einer hochstehenden Persönlichkeit
durchführen und eine neue, bis dahin nicht bekannte, aber
außerordentlich günstige Art, sich über den katholischen Glauben und das
Gesetz lustig zu machen, einführen wollte.

Dieser Lump war ein Damenschneider-Gehilfe des Meisters _Davidek_,
welcher zu jener Zeit für Kiev das war, was Worth für Paris, ein
Schneider für die »elegante Welt«.

Wegen Ungehörigkeiten jagte Davidek den Gesellen davon und die Polizei
wies ihn aus.

Ohne Beschäftigung strolchte und bettelte der Geselle aus einer Stadt
der »goldenen Ukraina« in die andere, fiel schließlich in die Hände des
Introligators zu jener Zeit, als dieser den heftigsten Kampf um sein
geraubtes Kind kämpfte; der Vertrag wurde beschlossen, nicht aber
einfach geschlossen, wie dies bei getauften Leuten der Fall zu sein
pflegt, sondern mit in voraus berechneter böser Absicht, mit
Hintergedanken, welche jedoch der Schneider solange für sich geheim
hielt, bis sich ihm Gelegenheit bot offen zu handeln.

Das Nichteinhalten derartiger Verträge, war nichts seltenes, da diese
gewöhnlich ohne Mitwirkung der Gerichte errichtet, deshalb meistenteils
Formfehler besaßen, die im vorkommenden Falle das Dokument ungültig
machten — derartige Umgehung der Gesetze lag im Blute der Juden, welche
ohne sie nicht leben konnten.

Der Introligator, welcher sich in höchster Aufregung befand, um so mehr
als die Angelegenheit keinen Aufschub erlaubte, sondern ein rasches
Handeln forderte, mußte in alle Forderungen seines Mietlings
einwilligen.

Er verkaufte sofort um zwei hundert Rubel sein Häuschen mit allem
Zubehör und für drei hundert Rubel verpflichtete er sich bei einem
reichen Juden jahrelang zu arbeiten.

Mit einem Wort, er war gebunden an Händen und Füßen, nach allen Seiten
hin, während der angeworbene Schneider drei hundert Rubel in die Hand
ausgezahlt erhielt, ohne einen Gegendienst geleistet zu haben.

In aller Eile wurden die nötigen Dokumente aufgeschrieben und der
Introligator schickte mittels Post jenes Bittgesuch ab, dessen ich
bereits früher erwähnte; er selbst folgte mit dem angeworbenen Manne und
den übrigen Dokumenten nach.

Nun aber brach erst das Unglück über den Mieter herein.

Nur bis zur Unterschrift und Annahme des Geldes konnte es der
Angeworbene kommen lassen, weiter gehen konnte und durfte er nicht, wenn
er seine Freiheit bewahren wollte; er durfte deshalb seine Karten nicht
aufdecken.

In der unmittelbarsten Nähe von Kiev verschwand er plötzlich aus der
jüdischen Herberge.

Als der Jude bis zu dieser Stelle in seiner Erzählung kam, da heulte er
auf und verlor fast völlig die Sprache, so daß er nur mit schwerer
Anstrengung das Ende der Geschichte erzählen konnte.

Während der Zeit, als der Introligator über den Ankauf von Lebensmitteln
handelte, was überhaupt nur wenige Minuten in Anspruch nahm, verlor er
den angeworbenen Ersatzmann aus dem Gesichte, während dem lief der
Schneider zu dem gegenüber der Herberge wohnenden Balagul,[5] mietete,
ohne zu handeln, einen Viererzug junger, leichter Pferde und und fuhr
mit aller Geschwindigkeit nach Kiev um — _sich taufen zu lassen_.

Ein fürchterlicherer Schlag konnte den Introligator nicht treffen, als
das Verschwinden des angeworbenen Schneiders, denn durch dessen Flucht
wurden nicht allein seine Hoffnung, sondern auch seine Pläne zerstört;
er war bestohlen, betrogen, und wie man zu sagen pflegt, ihm wurde die
Gurgel ohne Messer durchgeschnitten.

Sein Kind ging ihm verloren, ebenso wie ihm sein geringes Hab und Gut
verloren gegangen, denn schon die Äußerung des Wunsches sich taufen zu
lassen, hob alle mit dem Introligator abgeschlossenen Verträge auf; der
Schneider wurde seiner übernommenen Verpflichtung, sich an Stelle des
Knaben anwerben zu lassen los und ledig; der Wunsch sich taufen zu
lassen, setzte jeden Juden, so auch den Schneider, unter den besonderen
Schutz orthodoxer Gesetze.

Es war mir klar, daß in dieser Angelegenheit jeder Versuch einer
Einmischung vollständig aussichtslos ist; ich konnte sehr leicht den
grenzlosen Schmerz und die Qualen des Erzählers dieser traurigen
Geschichte begreifen, aber ich sah auch weiter ein, daß hier, wer es
auch sein mag, keine Hilfe bringen und keine Änderung zu Gunsten des
Juden hervorzurufen vermag.

[Fußnote 5: Besitzer von Mietswagen.]

In dieser Angelegenheit gab es noch andere Schwierigkeiten und
Hindernisse zu überwinden und zu entfernen, welche nur jener begreifen
konnte, der den höheren gesellschaftlichen Kreisen nicht ganz ferne
stand.

Der Introligator teilte mir weinend mit — wobei er seinen Lapserdack[6]
zerriß — daß er den Schneider lange in »Weißkirchen« gesucht habe.

In Begleitung von verschiedenen Mischurisamen eine jüdische Herberge
nach der anderen nach seinem Flüchtling absuchend, wobei ihm absichtlich
falsche Angaben gemacht wurden, verlor er unnütz in dieser Weise einen
ganzen Tag.

Erst als der Introligator Kiev erreichte, verfiel er auf die mit dem
Fuchsschwanze weggefegte Wolfspur des Chabar, welcher gemütlich hinter
den Klostermauern saß und sich zur Taufe vorbereitete.

Es lag klar zu Tage, der Spitzbube hatte die Absicht seinen Kontrahenten
ungestraft zu betrügen und zu Grunde zu richten, das Mittel zur
Erreichung des Zweckes sollte die Taufe sein.

Um dem Schneider gegenüber den Beweis zu führen, daß durch den Übertritt
zum Katholizismus der Taufakt der Kirche nur mißbraucht und profaniert
werde, dafür hatte man keine Beweise an der Hand.

[Fußnote 6: Lapserdack ist ein kurzer Rock mit einer genau bestimmten
Anzahl von Bändchen und Fransen benäht. Die Talmudisten tragen diese
»jüdische Montur« unter dem oberen langen Rock.]

Außerdem war Recht und Gesetz an der Seite dieses »Katechumen«, der noch
weiter unterstützt wurde durch mächtige Personen, welche zu jener Zeit
mehr galten als das Gesetz selbst.

Der schlaue Jude, welcher ein Jahr lang bei dem Kiever Wirt arbeitete,
eignete sich einige Kenntnisse über den Einfluß und die Schwächen
einiger hochgestellten Personen in Kiev an, welche in Folge ihrer
amtlichen oder gesellschaftlichen Stellung große Macht besaßen.

Eine solche mächtige und einflußreiche Persönlichkeit war die Gemahlin
des damaligen General-Gouverneurs Fürsten Hilarion Hilarionovič
Vasilčikov, Fürstin Katharina Aleksejevna (geborene Fürstin
Ščerbakov), derer ich bereits früher erwähnte.

Sie war zu jener Zeit für die Ausbreitung des Christentums so sehr
eingenommen daß sie sich viele Mühe gab, dasselbe durch den Übertritt
Andersgläubiger zu mehren.

Wie es aber in der Mehrzahl derartiger Fälle, Vorsätze und Einrichtungen
vorzukommen pflegt, namentlich wenn sie von Damen der hohen Aristokratie
und sonstigen Damen der eleganten Welt begonnen und poussiert werden,
ist das Resultat ein außerordentlich klägliches; es fehlt an dem nötigen
Ernst, praktischer Erfahrung, andauernder Tätigkeit, ohne welche alle
derartigen Unternehmungen stets mehr Schaden als Nutzen bringen.

Es ist dies etwas Verhängnisvolles, eine Art Ironie des Schicksals!

Die Religiosität der Fürstin äußerte sich in anderer Weise als bei den
jetzt lebenden Damen der höheren Gesellschaftskreise, welche den inneren
Glauben nach außen sichtbar machen wollen ohne viel Opfer, Einschränkung
und sonstige Änderungen ihrer Gewohnheiten bringen zu müssen; die
Religiosität der Fürstin Katharina Aleksejevna war anderer Art, sie war
kennbar an ihren Taten, so daß eigentlich der Verfasser des sehr
lehrreichen und interessanten Buches »Versuch über Einkommen und
Eigentum unserer Klöster« jedenfalls verpflichtet gewesen wäre, der
Fürstin, als Förderin des Wohlstandes der Klöster und ihrer Vermehrung,
die erste Stelle anzuweisen.

Es ist Tatsache, daß die Fürstin Vasilčikov mehr Klöster errichtet
und gegründet hat als die Fürstin Anna Aleksejevna Orlov und andere
adelige Damen.

So gründete sie unter anderen ein sehr bekanntes Kloster in der Nähe von
Kiev, welches, Dank der Freigebigkeit und Sorge der Fürstin, über
sechsunddreißig Werst Land außer sonstigen Renten verfügt, worüber
jedoch in dem Buche von Rostislav, dessen ich vorerwähnte, nichts zu
finden ist.

Aber schon früher, vor der Zeit, ehe sich die Fürstin mit der Errichtung
neuer Klöster zu beschäftigen anfing, namentlich noch vor der
Rekonstruierung des Klosters des »alten Jonii«, machte sie sich in Kiev
als große Philanthropin bekannt.

Unter ihrem Protektorate wurden Wohltätigkeits-Bälle, Soiréen, Theater,
Maskeraden, Concerte u. dgl. mehr oder minder angenehme Unternehmungen
veranstaltet; nach dieser Richtung hin entwickelte sie einen
außergewöhnlichen Eifer, dem man jetziger Zeit nicht solche Bedeutung
mehr zuschreibt als dies ehemals der Fall war.

Gleichzeitig mit dem Streben, Sorge, Not und Elend aus den Einkünften
der verschiedenen Lustbarkeiten und Unterhaltungen zu lindern, bemühte
sich auch die Frau Fürstin um Sittenverbesserung und Verbreitung des
Christentums.

Im letzteren Falle war die Fürstin, wie ich anzunehmen guten Grund habe,
origineller und kühner, unternehmender, als der übrige gesamte hohe Adel
in Petersburg, weil sie in Folge der Stellung ihres Gemahls, als
General-Gouverneur, schon an und für sich ein gewisses Ansehen und Macht
besaß, vor welchem sich sehr viele beugten, ja sogar sich fürchteten,
die meisten aber verfolgten das Gebaren »ihrer Fürstin« sehr aufmerksam,
hatten aber oft Ursache über das Treiben derselben und ihres Anhanges
den Kopf zu schütteln.

Nach dem Coelibat, welches zur Zeit des Bibikov'schen Regimentes im
General-Gouvernements Hause herrschte, war der Einfluß einer Frau,
welche sich nach keiner Richtung hin etwas zu versagen brauchte, ein
ganz bedeutender, namentlich unterwarfen sich demselben fast alle Damen
der höheren Stände.

In der ersten Zeit besaß alles einen Anschein und Anstrich von Frische
und Lebhaftigkeit, es schien, daß dadurch wirklich etwas nutzbringendes
erzielt wird, doch diese Ansicht dauerte nicht lange, und man fing alles
dieses von anderer Seite zu betrachten an und darüber sich zu äußern.

Die Fürstin selbst aber war so sehr von der Nützlichkeit und
Wohltätigkeit ihrer Mission überzeugt, daß sie sogar, um die Leute
sittlich zu bessern, die Bewohnerinnen der »Zufluchtstätte der heiligen
Maria Magdalena zur Bekehrung gefallener Mädchen« an Soldaten —
verheiratete.

Dadurch sollte diesen Frauenzimmern die Rückkehr zum unmoralischen
Lebenswandel abgeschnitten werden.

Die Fürstin nahm tätigen Anteil an dem Zustandekommen derartiger Ehen
und interessierte sich sehr für dieselben; die Bräute wurden von ihr so
reichlich ausgestattet, daß eine solche Heirat auf Soldaten eine
besonders große Anziehungskraft besaß, und sie sich beeilten eine
»Magdalenerin« zu ehelichen.

Ein solches Mädchen erhielt nicht nur für ihre Verhältnisse reichlich
Kleider und Wäsche, sondern auch ein hundert Rubeln, welches letztere
für den Soldaten mehr Wert hatte, als die Rückkehr auf die Bahnen der
Tugend seiner Braut und nachmaligen Frau.

Hatten die Neuvermählten die Fürstin durch ihre Hochzeit erfreut,
teilten sie sich gewöhnlich um das erhaltene Heiratsgut, dann schieden
sie in Frieden und Einigkeit von einander und jeder ging danach seines
eigenen Weges.

Darüber kursierten in Kiev verschiedene höchst pikante Anekdoten.

Die »Hunde« suchten ihre früheren Hütten auf, die Sittenlosigkeit und
Liederlichkeit wurde jedoch nicht mehr aus eigenem freien Willen
ausgeübt, sondern im Einverständnis und mit Bewilligung des ehelichen
Gemahles.

Es sind Fälle vorgekommen, daß der Soldat sofort nach der Trauung, noch
vor dem Hochzeitsmahle, seine junge Frau dem Brautführer verkaufte.

Als Brautführer figurierten nicht selten »hochgeborene Herren« und zwar
aus dem G

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/49159