Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Erziehung zur Mannhaftigkeit

by Ludwig Gurlitt · German · Gutenberg #49085 · 563,530 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Erziehung zur Mannhaftigkeit
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Erziehung zur Mannhaftigkeit

Author: Ludwig Gurlitt


        
Release date: May 30, 2015 [eBook #49085]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/49085

Credits: Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZIEHUNG ZUR MANNHAFTIGKEIT ***

    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

    Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.




Erziehung zur Mannhaftigkeit




    Ludwig Gurlitt

    Erziehung zur
    Mannhaftigkeit

    [Illustration]

    Berlin W. 50

    Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock

    1906.




    Alle Rechte vorbehalten




    MEINEN LIEBEN SÖHNEN

    Erwin, Helmut, Winfried

    gewidmet,

    auf daß sie

    aufrechte deutsche Männer =werden=.




Vorwort.


»Erziehung zur Mannhaftigkeit«, keine psychologisch-theoretische
Abhandlung und kein Lehrbuch in paragraphos wohl eingeteilt. Lehren
kann man nur, was man selbst weiß, kann, hat und beherrscht.
Mannhaftigkeit sollten unsere Erzieher sich erst erwerben. Daß das als
wünschenswert, ja notwendig, als möglich und allgemein verbindlich
erkannt werde, deshalb diese Schrift! Daß sie mangelhaft disponiert,
nicht frei von Wiederholungen ist und noch manche andere Kunstfehler
hat, das weiß niemand besser als ich: Aber all das schadet nichts,
wenn sie nur wirkt, was sie wirken soll: ein +Selbstbesinnen+, ein
+Erwachen+, ein +Sichaufraffen+, einen +Willen zur Tat+ aller derer,
die +Volkserzieher+ im +weitesten Sinne+ sind.

Ich bemerke ausdrücklich, daß ich diese Schrift in den Bergen
geschrieben habe, deshalb fast nur auf meinen eigenen Kopf, nicht auf
eine starke Bücherei angewiesen war. Wo ich aber nur immer konnte,
zwang mich doch meine verwünschte Ehrlichkeit, die Gewährsleute
(Männer darf man nicht mehr sagen, da auch Frauen mitarbeiten) selbst
sprechend einzuführen. Ich muß mir diese Tugend nun aber doch endlich
abgewöhnen. Sie zerstört mir jedesmal den einheitlichen Stil meiner
Arbeiten. Es werden gewiß allerlei sachliche Fehler, falsche Zitate u.
dgl. zu finden sein. Ich bitte diese zu entschuldigen, sich darob nicht
allzusehr zu entsetzen. Wo man mir Fehler derart nachweist, werde ich
sie ausmerzen, falls eine zweite Auflage gebraucht wird.

+Ton+ und +Form+ werden manchen Lesern mißfallen; man wird besonders
in Fachkreisen oft den »sittlichen Ernst« vermissen. Zwar kennt und
schätzt jeder Philologe das Wort von Horaz, daß man die Wahrheit auch
lachend sagen dürfe, aber das besteht, wie so vieles, nur im gelehrten
Wissen; das darf man beileibe heute nicht wahr machen wollen!

Plato und Cicero liebten auch den +Dialog+. Man findet ihn dort anmutig
und liebenswürdig, selbst wenn er zur Behandlung wissenschaftlicher,
auch philosophisch-ethischer Stoffe verwendet wird; wenn ich dieselbe
Form hier zuweilen einflechte, nicht aus Vorsatz und gelehrter
Nachahmung, sondern -- ita supercilium salit -- weil mich der Teufel
zwickte, so möge man sich getrost darüber entrüsten.

Ich gebe mich bewußt und mit kühner Ablehnung herkömmlicher
Schulmeisternüchternheit genau so, wie ich nun einmal bin. Weshalb sich
verleugnen? Zudem gibt es viele verwandt gestimmte Seelen, die mich
schon verstehen werden. Auch glaube man ja nicht, daß _die Erzieher
aus solchen Schriften nichts lernen könnten._ Fast täglich laufen bei
mir Briefe von Lehrern ein, die mich durch Zustimmung und Zuspruch
erfreuen. So schrieb mir dieser Tage einer, der selbst ein achtbarer
Schriftsteller ist, als Widmung in sein neuestes Werk: »Dem Verfasser
von ›Der Deutsche und seine Schule‹ als meinem am höchsten verehrten
Lehrer in Dankbarkeit und Treue gewidmet. Keinem anderen Buche schuldet
der Lehrer in mir soviel wie _diesem!_« -- _Nutzlos_ ist also meine
Schriftstellerei nicht, so gern man das auch im Lager meiner Gegner
behauptet.

Mir ist hier angesichts der Dachsteingletscher so froh, so frisch, so
frei, so stolz zumute, daß ich aller Spötter spotte.

Möchte doch von meinem eigenen Behagen und von meinem Lebensmute auch
in dieses Buch ein frischer Hauch eindringen! Nichts tut unserer müden
und kranken Zeit mehr not, als Zuversicht und froher Kampfesmut.

Ich habe viele alte Schlacken aus Kopf und Brust weggeräumt. Jetzt
fühle ich mich nicht, sage ich, »wie neugeboren«; denn Neugeborene sind
weinerlich und machen einen traurigen, hilflosen Eindruck, aber rein,
wie _innerlich frisch_ gewaschen.

Ich komme mir selbst wieder komplet vor und könnte mich endlich ohne
jedes Unbehagen auch wieder im Spiegel besehen, nicht weil ich »schön«
wäre, aber weil ich mich innerlich endlich wieder ganz selbst gefunden
habe und weil ich mich für einen halbwegs anständigen Kerl halte.

Es geht doch nichts über dieses Kraft- und Glücksgefühl.

    Sommerfrische in Altaussee i. Steiermark,
      den 10. September 1906.

        Ludwig Gurlitt,

      Steglitz b. Berlin, Arndtstr. 35, I.




I.

Begriffsbestimmung.

        »Mit Worten läßt sich wacker
        streiten.«

          (Goethe.)


Vorauf muß ich schleunigst eine genaue Begriffsbestimmung der
+Mannhaftigkeit+ geben, sonst ergeht es mir, wie voriges Jahr (1905) in
Hamburg auf dem Philologentag, wo ich über Pflege der Persönlichkeit
sprach. Da fielen gleich ein Gymnasialdirektor und zwei Geheime -- oder
waren es gar Wirkliche Geheime? -- über mich her und sagten: ich hätte
meine Sache schlecht gemacht. Erst hätte ich eine +Definition+ der
Persönlichkeit geben müssen. Aha! -- Was nämlich eine Persönlichkeit
ist, das weiß in Deutschland kaum einer, da muß man, wie mir der Herr
Direktor sagte, entweder in Leipzig bei Wundt, dem Professor der
Philosophie, studiert oder doch dessen dicke Bücher gelesen haben. Da
steht alles drin.

Um diesen Herrn zufrieden zu stellen, würde ich also zu untersuchen
haben:

  a) Was ist Erziehung? -- Erziehung ist die bewußte Beeinflussung
    älterer Leute auf -- -- usw.

  b) Was ist Mannhaftigkeit? -- Mannhaftigkeit ist -- --

  c) Was heißt Erziehung zu etwas?

usw. das Alphabet durch. Vielleicht gelänge es mir auch, aber ich
fürchte, ich würde wenige Leser finden und nichts damit ausrichten.

Vielleicht steht auch schon alles über die Mannhaftigkeit bei Wundt.
Da mag man also nachschlagen. Ich kenne die Bücher dieses Herrn, der
allen Ernstes ein sehr gelehrter und bedeutender Psychologe sein soll,
noch nicht. Sie sind mir auch hier unerreichbar. Ich sitze nämlich in
einem steirischen Bauernstübl, rings umgeben von hohem felsigen Gebirg.
Im weiten Umkreis keine philosophischen Bücher. Schulferien sind
vorbei, also auch nirgends ein Mensch, den ich um Rat fragen könnte.
Nirgends, soweit ich die Stimme, die rufende, schicke, ein preußischer
Gymnasialdirektor, nirgends ein Geheimer oder Wirklicher Geheimer Rat.
Eher, glaube ich, könnte ich jetzt hier in den Bergen einen alten
Gemsbock greifen.

Und doch soll und will ich weiterleben, weiterdenken, weiterschreiben
-- sogar über Erziehung zur Mannhaftigkeit schreiben! Versuchen wir
es also auf gut Glück, wenn's einmal sein muß, mit unserer eigenen
Begriffsbestimmung!

Erst muß ich bemerken, daß mir das Wort Mannhaftigkeit in der Regel zu
eng gefaßt zu werden scheint, nämlich fast ausschließlich in Beziehung
auf kriegerische und dem verwandte Betätigungen.

Unser Thema hat, was man so zu nennen beliebt, ein »aktuelles
Interesse«, denn es hat unseren +Kaiser+ und folglich auch unsere
Presse in letzter Zeit beschäftigt.

Anläßlich eines vom Norddeutschen Regattenvereine diesen Sommer (1906)
in Cuxhaven veranstalteten Festes sagte nämlich unser Kaiser wörtlich
wie folgt:

»Der Sport, den wir betreiben, hat auch einen ernsten Hintergrund,
und das ist das zweite, was zu unserer Entwicklung notwendig ist,
daß +wir Männer+, daß +wir Charaktere haben+, daß unsere Männer sich
bewußt sind der +Wichtigkeit der deutschen Männlichkeit+. Der deutsche
Manneswert kann sich bewähren auf verschiedenen Gebieten, im Heere, im
Zivildienst, auf der Flotte, im Dienst in den Einzelstaaten, in den
Gemeinden, aber am besten wird er ausgebildet, am besten und klarsten
wird unseren Deutschen das Auge gemacht, wenn sie auf das +Salzwasser+
kommen. Daher begrüße ich in jedem von Ihnen einen meiner Mitkämpfer
und Mitarbeiter an dem Werke, unsere deutschen Männer zu erziehen,
damit sie in der Lage sind, mit offenem Blick ihr ganzes Sinnen
und Trachten in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Daß unserem
Vaterlande eine solche schöne Entwicklung beschieden sein möge, daß
unser Segelsport gewinnen und blühen möge, daß Sie ein fröhliches und
lustiges Segeln auch in diesem Jahre haben mögen, darauf leere ich mein
Glas. Es leben die Segler! Hurra, hurra, hurra!«

Männer setzen Knaben voraus. Wenn wir Männer und Charaktere haben
wollen, müssen wir sie heranbilden oder wenigstens wachsen lassen. Das
ist also eine Sache der Erziehung. Da haben alle Eltern und Lehrer
nicht bloß mitzusprechen, sondern auch mitzuhandeln. Das gibt uns ein
Recht, die Ratschläge des Kaisers zu prüfen.

Wir unterschätzen gewiß alle weder unser Heer, unsere Marine, noch
den Segelsport, erkennen alle sehr wohl die stählende Kraft, die in
dem Umgang und Kampfe mit dem Meere liegt, halten aber doch die Frage
für berechtigt, ob sich denn wirklich der deutsche Manneswert nur im
Heere, im Zivildienst, auf der Flotte, im Dienst der Einzelstaaten, in
den Gemeinden bekunden und bewähren kann? Wenn es sich nur um +diese+
Richtung und Ausbildung des Manneswertes handelte, so bedürfte es kaum
erneuter und besonderer Anstrengungen. Das deutsche Volk hat sich
vor dem Feinde, in Gefahr und Not noch stets bewährt. Auf der weiten
Erde steht unser Volksheer in dem Rufe der Unbesieglichkeit. Die
staunenswerten Kriegstaten von 1864, 66, 70--71 rechtfertigen dieses
Urteil. Nicht minder ruhmeswert ist das, was seit drei Jahren unsere
Truppen unter unsagbaren Schwierigkeiten des tropischen Klimas in
Afrika leisten.

Ultra posse nemo obligatur -- lautet ein alter Rechtssatz. Ȇber sein
Vermögen wird niemand verpflichtet«. Diese Männer aber überbieten fast
das menschliche Vermögen und bestehen Heldentaten, während ihr Leib in
der Dürre der Wüste schon zu Tode verschmachtet. Ihre Leistungen an
Willenskraft sind noch nie übertroffen worden.

Und wahrlich, nicht umsonst versiegt all das kostbare deutsche Blut,
fließt all der saure Schweiß unserer Brüder in Afrikas Wüstensand: Mag
der volle äußere Erfolg auch noch ausstehen: das +eine+ lehren diese
Helden uns und vor allem auch unsere Feinde, daß der Deutsche heute
so gut wie jemals für seine Ehre und für seine Pflicht ohne Klagen
mannhaft zu leben und zu sterben weiß.

So werden ihre Taten uns den kostbaren Frieden in Europa bewahren
helfen, der bedroht war, weil unsere Neider den Wahn verbreiteten,
die deutsche Einheit und Kraft gehe in die Brüche, zumal im Heere,
das man durch politische Verhetzung und durch moralischen Verfall des
Offizierstandes +wurmstichig und im innersten Kern krank+ glaubte.

So schnell sinkt ein Volk von seiner Höhe nicht herab, so schnell
läßt Art nicht von Art. Was ist denn geschehen im Bösen und
Niedrigen, daß wir berechtigt wären, die Söhne der Sieger von Wörth
und Sedan für minderwertig zu halten? Kein einziger ernster Vorfall
in Heer und Marine, der zu wahrer Besorgnis Anlaß gäbe. Höchstens
die Soldatenschinderei; aber die ist unbestreitbar im Abnehmen.
Liebeshändel aber und dann und wann ein Jeuchen hat es gewiß nicht
minder in dem Musterheere des Großen Fritz gegeben. Auch unsere Sieger
von 1870/71 waren in dieser Hinsicht keine Tugendbolde.

Was geschehen könnte, um bei uns die kriegerische Tüchtigkeit von
Offizieren und Mannschaften noch zu steigern, darüber müssen wir die
Herren vom Fach entscheiden lassen.

Unser Heer, einschließlich natürlich die Marine, ist jedenfalls eine so
bewährte Schule zur Mannhaftigkeit, daß es neu erfunden werden müßte,
wenn es noch nicht bestände. Es ist die großartigste organisatorische
Schöpfung der neuen Welt. Das alte Rom hatte in seiner Glanzzeit etwas
Ähnliches, blieb aber doch mit seinem Heere hinter dem zurück, was wir
vor Augen haben. Etwas anderes ist es natürlich, ob dieses nach wie vor
tapfere Volk in Waffen gewillt sein und bleiben wird, dem Geiste und
der politischen Richtung zu dienen, die zurzeit in Deutschland beliebt
sind. Auch der russische Soldat ist tapfer und hingebend. Er hat es
besonders im letzten Türkenkriege bewiesen. Schlecht regiert, konnte
er aber seine Tapferkeit sogar gegen die eigenen Offiziere wenden.
Mannhaft sind die Revolutionäre auch, die jetzt Heeresrevolten machen
und mit Aufopferung ihres eigenen Lebens Bomben werfen -- aber +diese+
Art von Mannhaftigkeit wollen wir uns doch sorgsam vom deutschen
Volksleibe halten! Das ist Sache der Regierung und der gesetzgebenden
Körperschaften. Und da liegt auch der Schwerpunkt der Frage.
Ebensowenig wie an eine bestimmte Regierungsform ist die Tugend der
Mannhaftigkeit an irgendeinen Stand oder an irgendein Alter gebunden.
Sie ist dem besseren Menschen angeboren, kommt nur in bestimmten
Berufen, wie im Heere, am besten zur Ausbildung und am sichtbarsten zum
Ausdruck.

Die zahlreichen Beweise von Heldentum, die auch im zivilen Leben
vorfallen und wie sie uns die Zeitungen berichten, werden leider nicht
gesammelt. Eine solche Statistik würde geeignet sein, unser nationales
Selbstgefühl stark zu heben.

Wie viele Medaillen für Errettung aus Todesnot und mit eigener
Lebensgefahr werden jährlich in Deutschland verteilt? Wie viele
Feuerwehrmänner, See- und Bergleute, wie viele Bergführer finden in
treuer Ausübung ihres Berufes und aus edelster Hingabe für andere den
Tod?

Wir lasen von Knaben, die Heldentaten begingen, um ihre Geschwister
oder Freunde zu erretten. Wir lasen vor einigen Jahren, daß bei dem
Untergang eines Vergnügungsdampfers in der Elbemündung ein junger
Kellner, der dem sinkenden Schiff entronnen war, trotz aller Bitten
seiner Braut +fünfmal+ in die Fluten zurückkehrte, um kleine Kinder vor
dem Tode zu erretten, bis er selbst in den Wellen den Tod fand. Hätte
das vor 3000 Jahren ein junger Spartaner oder Athener geleistet, sein
Name lebte noch heute im Munde aller deutschen Kinder. Wir sind nicht
umsonst ein »+klassisch+« gebildetes Volk!

Wenn wir die sozialistischen Blätter lesen, so wird uns darin erzählt,
daß nur der Proletarier, der Mann der arbeitenden Klasse, zu so
selbstloser Hingabe fähig sei. Richtig ist, daß man dort ein größeres
Verständnis für die menschliche Not und einen stärkeren Willen findet,
sie zu teilen und mit zu bekämpfen. Werktätige Nächstenliebe ist in
den unteren Gesellschaftsschichten, die uns von reaktionslüsternen
Nichtkennern als verroht und verkommen gezeichnet werden, gegenwärtig
sehr stark entwickelt. Aber nur Partei- und Klassenhaß kann behaupten,
daß die oberen kirchlich korrekten Gesellschaftskreise von solcher
Gesinnung ganz ausgeschlossen wären. Was Ärzte, barmherzige Schwestern
und Pflegerinnen aus vornehmen Häusern auf den Schlachtfeldern, in den
Baracken von Cholera- und Typhuskranken allezeit geleistet haben, darf
nicht verschwiegen bleiben. Häufig auch lasen wir, daß junge Offiziere
Ertrinkende mit eigner Lebensgefahr errettet haben; und daß jeder
Offizier, wie Bismarck ihm nachrühmte, seinen Mann aus dem dichtesten
Kugelregen herausholt, daran hat sich seitdem auch nichts geändert. Den
deutschen Offizier macht uns auch heute noch niemand nach.

Mit den Tätigkeiten, die unser Kaiser besonders erwähnte, sind also
die Gelegenheiten, deutschen Manneswert zu bewähren, keineswegs
erschöpft. Auch auf dem Gebiete der Forschung, der Wissenschaften,
Literatur und Kunst werden Heldentaten begangen, die oft unbekannt,
aber bewundernswerter sind als der Ansturm eines Offiziers auf eine
feindliche Schanze. Der Ritter +Frundsberg+ hatte wohl recht, als er in
Worms dem Pfäfflein +Martinus Luther+ sagte, er gehe einen schwereren
Gang als er oder sonst ein Kriegsmann je gegangen wäre. Die Frage des
Berliner Tageblattes war deshalb berechtigt: »Bedeutet schließlich die
Ausbildung der menschlichen Individualität gar nichts mehr gegenüber
den Anforderungen, die das staatliche oder kommunale Gemeinwesen an
die Fähigkeiten der Menschen stellt?« Und sehr mit Recht wurde auch
gesagt: »Unbeschadet des hohen Wertes jener in den öffentlichen Dienst
gestellten Tugenden und Fähigkeiten darf man es getrost behaupten, daß
in der einseitigen und übertriebenen Wertschätzung jener Betätigungen,
die lediglich auf die Entwicklung der materiellen Kräfte in Staat
und Gesellschaft abzielen, eine nicht zu unterschätzende Gefahr
für die Entwicklung der Kultur im allgemeinen und der deutschen
idealgerichteten Geistesbildung im besonderen liegt. Nur in einer
harmonischen Ausgleichung der ideellen und materiellen Interessen
eines Volkes liegt die sichere Gewähr für seine gedeihliche zukünftige
Entwicklung.«

Wie also soll nun unsere Definition lauten?

Unter Mannhaftigkeit verstehen wir den Inbegriff all der Tugenden, die
das Wesen eines echten Mannes ausmachen, als da sind: Wahrhaftigkeit,
Tapferkeit, Ausdauer, Treue, Edelmut -- ach nein, ich sehe, so
geht es doch nicht. Was ist lächerlicher, als in dieser Weise das
Herrlichste, was Gott erschaffen kann -- einen wahren Mann --, auf
gelbem Konzeptpapier frei konstruieren wollen? Es geht nicht, geht auch
nicht auf dem von den Behörden vorgeschriebenen halbbrüchigen weißen
Aktenpapier Nr. F. Es ist mit einer solchen papiernen Tugendsammlung
wie mit der Abbildung des Pferdes, das mit allen Pferdekrankheiten
behaftet ist: Hahnentritt, Spat, Rotz und grauem Star. So wenig ein
solches Pferd je gelebt hat, so wenig gab und gibt es den Mann, der mit
allen wahrhaftig männlichen Tugenden behaftet war. Auch der tugendhafte
Schüler lebt nicht, der, den zahllosen ihm vorgestellten Mustern
gemäß, mild und sanft wie Christus, stark und trotzig wie Bismarck,
begeisterungsfähig wie Schiller, ruhig und besonnen wie Moltke ist.
Man darf unserm Herrgott nicht ins Handwerk pfuschen wollen. Er läßt
sich keine Vorschriften machen, das Konzept nicht korrigieren. Mannhaft
waren Walther, Luther, Ulrich von Hutten, Lessing, Goethe, Schiller,
Bismarck, aber auch Richard Wagner, Beethoven, Moritz von Schwind und
der körperlich kleine Menzel -- jeder aber mannhaft auf seine Art,
keiner ein Komplex bestimmter abstrakter Tugenden.

+Ludwig Richter+ hat uns ein entzückendes Bildchen hinterlassen mit den
Versen:

    »Marthens Fleiß,
    Mariens Glut,
    Schön wie Rahel,
    Klug wie Ruth,
    Mägdlein bestes Heiratsgut.«

Das glaub' ich! Daraus macht eine umsichtige Mama nicht eine, sondern
vier gute Partien!

Da wird wohl Unmögliches gefordert: Wer Mariens religiöse Glut hat, dem
fehlt Marthens wirtschaftlicher Sinn, wer schön wie Rahel ist, pflegt
nicht klug wie Ruth zu sein. -- Auch bei den Frauen finden wir selten
solch wandelnde Ideale, und wenn sie erscheinen, so sind sie mehr
Naturwunder als Erziehungsprodukt. Allzu ideal wünscht man sie auch
gar nicht, es würde ihnen damit wohl das Beste, die Individualität,
oder -- um dieses wahrhaft abscheuliche Wort nicht zu gebrauchen -- die
schlichte Natürlichkeit und Menschlichkeit verloren gehen. Damit sage
ich nichts Ungalantes. Das liegt mir ganz fern, denn ich bin durchaus
eines Sinnes mit dem jungen Kommis, der behauptete, daß die Frauen
jedenfalls in dieser Branche das Beste sind, was wir haben.

Doch zurück zum Mann. Ich erinnere mich einiger Verse von +W. H. Riehl+:

    »Wer weiß, was er will,
    Und will, was er kann,
    Und kann, was er soll,
    Der ist ein ganzer Mann.«

Das mag man gelten lassen.

Fassen wir das Gemeinsame in den Lebensäußerungen all jener bedeutenden
Männer zusammen, so ergibt sich als Merkmal ihrer Mannhaftigkeit
das Einsetzen ihrer ganzen Kraft für das, was ihnen als edel und
erstrebenswert erschien. Aber nein, auch das befriedigt mich noch
nicht! Wir müssen noch eine Stufe höher steigen. Das Tun dessen, was
edel erscheint, ist ein »Edel-sein-wollen«, also ein Umweg über das
Ideal, dem man nachstrebt, wodurch man seine Selbstachtung befriedigen
will, nicht der unmittelbare Weg zur eigenen Natur selbst. Mannhaft ist
+das furchtlose Tun des Notwendigen+, ist einfach +das Leben, wie man
seiner Natur nach leben muß+.

Für das Erstrebenswerte hat man bei uns die vage Bezeichnung: +ideal+.
Ich gebrauche dieses Wort nicht gern, weil es durch Mißbrauch um
seinen guten Ruf gekommen ist. Die meisten Menschen denken sich heute
unter Idealismus irgendeine feine, zarte, duftige, in den Wolken
schwebende Sache, die nur für die »ganz Gebildeten« ist. Die Ästheten
und altklassisch Humanen haben uns dieses an sich schon undeutsche
Wort arg heruntergebracht, indem sie es gar so hoch bringen und dem
täglichen Gebrauche entrücken wollten. »Ideal« sind angeblich der junge
Poet, der Gymnasialdirektor und seine mit Plato- und Cicerogeist leicht
angehauchten Primaner. Den idealen Jüngling denkt man sich blondgelockt
und mit schmachtenden, wasserblauen Augen. Den altklassischen
Idealismus, mit dem man noch so viel Wesens macht, hat es in der Form,
die in unseren Gymnasien ihr Scheinleben führt, selbst niemals gegeben.
Die Griechen und nun gar die Römer waren derbreale Völker. Was man aber
mit Recht als »ideal« bezeichnen könnte, das ist recht eigentlich eine
germanische Kulturfrucht. »Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer
selbst willen treiben.« Also heißt deutsch sein, auch ideal sein. Wer
eine Sache um ihrer selbst willen treibt, ist von ihrer Notwendigkeit
so überzeugt, daß er ihr jedes Opfer zu bringen vermag. Ihr dienen, ist
ihm nicht einmal ein Opfer, sondern wahrer Lebensberuf, Befriedigung
des innersten Triebes, ist ihm Notwendigkeit und so selbstverständlich,
wie dem Baume das Blühen und Früchtetragen selbstverständlich sein mag.
Kein Mensch rechnet es dem Apfelbaum als Idealismus an, daß ihm die
Äste vor Fruchtbarkeit brechen wollen, auch nicht der Häsin, daß sie
jährlich zwei Dutzend Junge wirft, nicht der Henne, daß sie für ihre
Küken mit dem Raben auf Tod und Leben kämpft.

Ebensowenig will sich ein Künstler anstaunen lassen, weil er für seine
Kunst auch hungert, das versteht sich ihm ganz von selbst, -- oder ein
Offizier, weil er für seine Ehre und sein Vaterland in den Tod geht,
oder ein schlichter Lotse, weil er Ertrinkenden Rettung bringt.

Idealismus ist gerade die derbste, handfesteste Sache, ist schweres
Hausbackenbrot, nicht Konfekt für Leckermäuler. Bei jedem wahren
Idealismus geht es auf Leben und Tod. Mit sentimentalem Gesäusel kommt
man ihm nicht nahe; mit all dem beliebten Ei, ei, ei, und Ach, ach,
ach trifft man sein Wesen nicht. Wer auf große Kunstwerke in dieser
schwächlichen Weise reagiert, der beweist damit nur, daß ihm das
Wesen der Kunst überhaupt noch gar nicht aufgegangen ist. Nicht bloß
die Schlachten, jede Kulturtat wird mit Blut erkauft. In jedem Werke
gibt der wahre Arbeiter und Künstler ein Stück und immer gerade das
beste Stück seines Lebens hin. Es ist damit wie mit dem Eierlegen des
Schmetterlings. Er lebt dafür und stirbt daran, und daß er beides kann
und darf, das macht ihm das Leben lebenswert und den Gedanken an den
Tod erträglich. Wer dieserart seine Natur und damit seinen Lebenszweck
gefunden hat, der wird in jeder Lebenslage mannhaft sein, er müßte
sonst seine Natur geradezu verleugnen.

Auch diese Begriffsbestimmung wird die Theoretiker nicht befriedigen.
Am besten wohl, wir bescheiden uns mit diesem Mißerfolg.

Was ein Mann ist, dafür brauchen und haben wir keine vollgültige
Definition.

Was ein ganzer Mann ist, das merken wir gleich, wenn er uns einmal
entgegentritt. Wenn es Philosophen und Stubengelehrte nicht wissen
sollten, so mögen sie ihre Frauen fragen. Die wissen's, wenn vielleicht
auch nur e contrario. Vielleicht wissen es sogar auch die Töchterchen
schon. Ein junger unverdorbener Bursch weiß es auch. Was nun vollends
ein echter deutscher Mann ist, das brauchen wir wirklich nicht erst aus
den Büchern zusammenzulesen. Wir tragen es im Herzen, und wir haben
es mit eigenem Auge gesehen, jedenfalls wir Älteren. Es ist uns zum
freudigen und zugleich tief erschütternden Erlebnis geworden, als wir
vor dem greisen Bismarck standen und seine Worte hörten, die uns wie
eherne Pfeile ins Herz drangen: jeder Satz ein Glaubensbekenntnis,
hinter jedem Gedanken die Lebensüberzeugung eines Aufrechten, der sich
seine innere Welt selbst erstritten und erbaut hat. An ihm sahen wir
lebendig, was uns +Ernst Moritz Arndt+ in seiner für unser Gefühl etwas
theatralischen Sprache als das wahre Wesen des Mannes, des deutschen
Mannes, vorgezeichnet hat: »Wollt ihr das irdische Paradies wissen?« so
fragte er seine deutschen Brüder und gab ihnen die Antwort: »Es heißt
Arbeit und Mühe, und Freude und Genuß nach Arbeit und Mühe. Anders
wird auf Erden kein glückliches Leben, keine Freude des Herzens, kein
Götterstolz der schwellenden Brust gewonnen. Es heißt arbeiten und
wirken, streiten und ringen, Mut frisch zu leben und tapfer zu sterben.
Weg mit euren Mondgesichtern, eurem seligen Schlaraffenlande, mit allen
euren weinerlichen Tugenden und tugendhaften Weinerlichkeiten! Freies
Auge, festen Arm, kühnes Wort, freudiges Leben und frischen Tod, +das
will ich an Männern+; die Würde des Geschlechts, den Verstand der Welt,
das hohe Ideal der Ewigkeit in Wort und Tat sollen sie aufrechthalten;
darum sollen sie gerüstet sein zu Zorn und Tod, zu jedem hohen Gefühl
und jedem hohen Opfer.«

Mag uns also mit dieser Erklärung genug sein. Sie ist keine
Begriffsbestimmung, aber sie trifft das Wesen der Sache, von der wir
handeln.

Im weiteren Verlaufe dieser Darstellung wird dann noch deutlicher
hervortreten, was wir unter Mannhaftigkeit verstehen.




II.

Begrenzung des Themas.


Die Deutschen zur »Mannhaftigkeit« erziehen, heißt, sie ihrer eignen
Natur zuführen. +Bismarck+, der seine Deutschen wie wenige kannte,
teilte die Völker in männliche und weibliche. Den männlichen zählte er
die Deutschen zu. Dabei handelt es sich, wie schon gesagt, nicht allein
um Tapferkeit vorm Feinde, scheinbar die männlichste aller Tugenden,
sondern um die ganze innere Kraft und Beharrlichkeit, um die ruhige,
sichere Lebensführung. »Tapfer«, sagt derselbe Bismarck, »sind alle
Völker.« Tapfer sind in Wahrheit die Franzosen und nicht minder die
Japaner, tapfer die Türken und die Hereros. Einer unserer Afrikaner
erzählte mir, daß er nach dem Gefechte tote Hereros gefunden habe,
die sich selbst in die Wunden Grasbolzen gestopft hatten, um bis zum
letzten Atemzuge mitzukämpfen. Wer also könnte die Tapferkeit dieser
»Wilden« noch überbieten? Tapfer sind alle die Völker, die für ihre
Freiheit, ihren Glauben, ihren Herd und ihre Heimat kämpfen. Feig sind
nur Sklaven, die nichts zu verteidigen haben, was den Einsatz des
Lebens lohnte. Je mehr unabhängige, freie Männer ein Volk hat, um so
waffengewaltiger und unwiderstehlicher wird es sein. Das wußten die
großen Volkserzieher sehr wohl, die vor jetzt hundert Jahren in Preußen
aus Leibeigenen freie deutsche Bauern machten.

Eine Erziehung zur Tapferkeit gibt es eigentlich nicht. Schon Sokrates
legte sich die Frage zweifelnd vor, ob es möglich sei, aus einem feigen
Menschen einen tapferen zu machen. Er erkannte richtig, daß man ihn
dahin bringen könne, durch Gewandtheit und Kraft die Gefahren und damit
die Furcht zu vermindern. Er war aber der Meinung, daß ein in schwerer
Rüstung erprobter Spartaner seinen Mut verlieren würde, wenn man ihn
plötzlich leichtbewaffnet mit Pfeil und Bogen auf ein wildes Pferd
setzen wollte -- und umgekehrt. Das ist ganz richtig. Ich beobachte
hier die verwegensten Bergsteiger unter den steierischen Bauern, die
durch keine Bitten und Vorstellungen dazu zu bringen wären, bei Sturm
ein Boot zu besteigen.

Tapfer vor dem Feinde oder im Wogendrang sind die Deutschen und werden
es ihrer Natur nach im wesentlichen auch immer bleiben, wenn sie zu
Land und zu Wasser eine tüchtige Ausbildung erhalten und wenn sie
nicht durch eine ungeschickte Regierung und durch eine ungünstige
wirtschaftliche Entwicklung wieder tiefer in eine menschenunwürdige
Abhängigkeit gebracht werden. Die Gefahr ist allerdings vorhanden,
und die Bahn, in der sich unsere sogenannte Kultur entwickelt, führt
unsere Volksmasse eher in die Tiefe, als in die Höhe. Drei starke
Mächte untergraben unbewußt und unbeabsichtigt, aber de facto doch
die Mannhaftigkeit unseres Volkes: +Hierarchie+, +Bureaukratismus+,
+Kapitalismus+.

Mit diesen drei Mächten werden wir uns auch in dieser Schrift
herumschlagen müssen. Das sieht aus wie eine Abweichung vom Thema, ist
es aber nicht. Kein Erzieher, der den allgemeinen Erziehungsfragen
nachgeht, kommt um diese Probleme herum.

Es ist überhaupt ein gar wunderlich Ding mit der Erziehung. Wo immer
man ansetzt, um irgendeiner Erziehungsfrage auf den Grund zu gehen,
da gerät man sofort in die allgemeinen großen und letzten Fragen
der Menschheit, des sozialen und staatlichen Lebens. Man wirft uns
pädagogischen Schriftstellern vor, daß wir anmaßend und geschwätzig
wären. Mag sein, daß wir es sind, aber es ist fast eine Notwendigkeit,
denn unser Studiengebiet ist die gesamte Menschheit, und es hängt darin
wie in einem großen Gewebe eines mit allem zusammen.

Ein besonderes Thema aus der ethischen Erziehung herauszugreifen
ist, wie ich zu spät einsehe, eigentlich etwas Halbes, Einseitiges,
Verkehrtes. Es ist, als wollte einer z. B. über die Gesundheit oder
Pflege der menschlichen Hand ein Lehrbuch schreiben, ohne zugleich
den gesamten übrigen Leib zu behandeln und ohne Kenntnis alles
organischen Lebens und Wachstums. Ist der ganze Leib gesund, so wird
es auch die Hand sein oder werden. Dagegen kann die Hand nie gesund
sein und werden, wenn der übrige Leib krank ist. Ein Leib ist eben ein
geschlossener Organismus. Ebenso ist das menschliche Geistesleben
eine Einheit, ist ein Volk eine Einheit, ist Volkserziehung ein
einheitliches Thema. Wo immer man ansetzt, stets führt die Untersuchung
vom Einzelnen ins Allgemeine, und ehe der Schulmann sich versieht, eilt
sein Geist und seine Feder aus der Schul- und Kinderstube hinaus in die
weite Welt und sucht ringsum, selbst in der alten Geschichte und in
entfernten Gegenden, die notwendigen Ergänzungen und Belehrungen.

So wird sich auch dieses Buch, dem ich enge Grenzen und ausschließliche
Beschränkung auf das Gebiet der Jugenderziehung zugedacht hatte,
auf sein eigenstes Thema nicht beschränken lassen. Vor allem stellt
sich immer wieder heraus, daß Jugenderziehung und allgemeine
Menschenerziehung nicht zu trennen sind. Schon deshalb nicht, weil nur
selbst erzogene Menschen erziehen können, weil jede Erziehungsschrift
sich an die Erwachsenen wenden muß und weil notwendige Voraussetzung
einer jeden guten Erziehung die rechte Organisation von Staat, Haus,
Schule und öffentlichem Leben ist.

Die größten Philosophen und Staatsmänner waren deshalb auch in der
Regel zugleich die besten Erzieher ihres Volkes. +Bismarck+ hat für die
moralische Erziehung unseres Geschlechtes mehr geleistet als zahlreiche
Erzieher von Beruf zusammengenommen. Ebenso Kaiser Wilhelm I. Das
Vorbild gilt mehr als die Lehre, »exempla trahunt« sagten die Römer.

Wenn Plato lehrt, der weiseste Philosoph müsse König sein, so müßte der
Weiseste zugleich Erzieher sein. Stillschweigend wird das auch durch
die Praxis schon anerkannt, denn die Erziehung holt sich ihre geistigen
Hilfstruppen nur aus den Regionen der höchsten menschlichen Kraft. Das
Tiefste, Edelste, Größte und Schönste, was je gebildet, gedacht und
geleistet worden ist, ist uns für unsere Erziehungszwecke eben gut
genug. Nichts liegt uns so fern, nichts so hoch, wonach wir Lehrer
nicht unsere Hände ausstreckten.

Wir haben ein Recht dazu, denn wir walten in Wahrheit eines königlichen
Amtes und unser Reich ist nicht minder groß und schön, als das der
Mächtigsten unter den gekrönten Häuptern. Die Berechtigung aber,
auch an der Erziehung der Eltern zu arbeiten, wird man uns nicht
zugestehen. Dem Prediger ist sie nie bestritten worden. Er hat die
höhere Weihe. So auch der Jurist, der den ererbten, nicht immer
begründeten Ruf allumfassender Kenntnisse und Fähigkeiten genießt,
zumal wenn er sich mit dem Scheine eines +Staatsmannes+ zu umkleiden
weiß. Dahinter wittert der gewöhnliche Sterbliche eine ganz profunde
geistige Kapazität und deutet selbst das Schweigen als ein Siegel
tiefer Gedanken. Dabei ist es oft das ganz natürliche Zeugnis geistiger
Impotenz. Wir wissen, wie geringschätzig +Bismarck+ über diese Zunft
der Völkerlenker dachte. Bauern, Zolleinnehmer und Krämer kamen ihm
mit ihnen verglichen als wahre Leuchten vor. Mir erzählte einmal
Exzellenz +v. Oehlschläger+, Bismarck habe ihn zum Unterstaatssekretär
mit der Begründung gemacht, daß er ein +Jäger+ (!) sei. Jäger hätten
ein gutes Auge und ein gesundes Urteil. Man lese, wie verächtlich auch
+Maximilian Harden+ von der Zunft spricht, die die Welt mit so wenig
Verstand regiert.

Man wird vielleicht, wie nach dem Schmerzenstage von Tilsit, noch
einmal zu der Überzeugung kommen, die +Fichte+ den verzagten Deutschen
predigte, daß alles Heil von der +Erziehung+ kommen müsse. »Unsere
Verfassung wird man uns machen,« sagte er damals in seinen Reden an
die deutsche Nation, »unsere Bündnisse und die Anwendung unserer
Streitkräfte wird man uns anzeigen, ein Gesetzbuch wird man uns leihen,
selbst Gericht und Urteilsspruch und Ausübung desselben wird man uns
bisweilen abnehmen. Mit diesen Sorgen werden wir auf die nächste
Zukunft verschont bleiben. Bloß an die +Erziehung+ hat man nicht
gedacht: suchen wir ein Geschäft, so laßt uns dieses ergreifen! Es
ist zu erwarten, daß man in demselben uns ungestört lassen werde. Ich
hoffe, daß ich einige Deutsche überzeugen und sie zur Einsicht bringen
werde, daß es +allein die Erziehung+ sei, die uns retten könne vor
allen Übeln.«

Wir leben bei allem äußeren Glanze und bei aller Selbstgefälligkeit in
Zeiten, die uns durch die schwüle Stimmung an den Niedergang Preußens,
an die Vorboten von Jena und Auerstedt erinnern. Jedenfalls ist die
Klage +Dr. Heinrich Ilgensteins+ (Blaubuch 1906 Nr. 34) berechtigt,
daß seit den Zeiten des seligen Metternich nie so dunkel, so öde,
so entwicklungsfeindlich, so gegen das Volk und seine vitalsten
Bedürfnisse regiert worden ist. Wo die Staatsinstitute so schmerzlich
versagen und aus den Behörden heraus kein befreiendes Wort zu vernehmen
ist, wird man wohl wieder nach freien »Männern« Ausschau halten.
Vielleicht findet man den einen oder den anderen unter den Lehrern, den
berufensten Kulturträgern, der sich seiner Mission bewußt wird. Schon
der »Rembrandt-Deutsche« sprach die Überzeugung aus, daß wir, um ein
einiges Volk zu werden, noch einen zweiten Bismarck brauchten, und das
müsse ein +pädagogischer+ (oder, wie er unzutreffend sich ausdrückt,
ein philologischer) sein. Vielleicht helfen auch diese Rufe mit, ihn
aufzuwecken und zur Tat zu begeistern. Den Lehrer aber hat man leider
nie nach seiner Bedeutung bewertet. Deshalb vor allem ist er in der
Regel hinter seiner wahren Aufgabe auch weit zurückgeblieben. Jetzt
vielleicht noch mehr als in früheren Zeiten. Denn jetzt ist der Lehrer
mehr als je -- Beamter. Als solcher hat er ein Amt, aber keine Meinung.
Der Mensch wird eben schließlich zu dem, wofür man ihn nimmt.

+Friedrich der Große+, sonst wirklich groß und ehrlich gewillt, ein
+freidenkendes Volk+ zu beherrschen, dachte doch so niedrig über die
geistigen Ansprüche, die au deutsche Jugenderziehung zu stellen seien,
daß er Unteroffiziere dazu glaubte abkommandieren zu können. Das war
vielleicht schon ein Fortschritt. Denn der Unterricht lag damals
noch in den Händen von Handwerkern, die ihn im Nebenamt betrieben.
Der Lehrer rangierte auf dem Lande jahrhundertelang in einer Linie
mit den Kuhhirten und den Totengräbern. Sein Gehalt ist auch jetzt
noch in Preußen das eines Subalternbeamten, obschon +Luther+, der
große Lehrmeister der protestantischen Welt, gesagt hatte: »Einen
fleißigen, frommen Schulmeister oder Magister oder wer es ist, der
Knaben getreulich zeucht und lehret, den kann man nimmermehr genug
lohnen und mit keinem Gelde bezahlen: noch ist's bei uns so schändlich
veracht, als sei es gar nichts, und wollen dennoch Christen sein.
Und ich, wenn ich vom Predigtamt und andern Sachen ablassen könnte
und müßte, so wollte ich kein Amt lieber haben, denn Schulmeister
und Knabenlehrer sein. Denn ich weiß, daß dieses Werk nächst dem
Predigtamte das allernützlichste, größeste und beste ist, und weiß
dazu noch nicht, welches unter beiden das beste ist.« So also sprach
Luther. In unseren Herrscherhäusern aber ist man dem Lehrerstande nicht
aufrichtig gewogen, auch heute noch nicht. Ja, heute vielleicht weniger
als vordem. +Friedrich Wilhelm IV.+ hielt ihn für verantwortlich für
den durch die Aufklärung »verirrten Zeitgeist« und erklärte, daß die
Lehrer nicht auf Bildung, sondern auf Gesinnung ihrer Schüler zu halten
hätten.

Auch unser Kaiser hat die Überzeugung, daß die Sozialdemokratie mit
ihrem mangelnden kirchlichen Sinne und ihrer gegen die Regierung
ablehnenden Haltung zu solcher Macht nicht hätte gelangen können,
wenn die Lehrer ihre »+Pflicht+« getan hätten. Sie haben auch bisher
vom Kaiser kaum noch Beweise der Gnade erhalten. Wir bewegen uns eben
noch in den Bahnen der von Friedrich Wilhelm IV. begonnenen Reaktion.
Ziel des Schulunterrichtes ist nicht sowohl die freie Entfaltung aller
eingeborenen menschlichen Kräfte, als die Heranzüchtung von brauchbaren
Beamten und ruhigen Bürgern oder lieber noch -- »Untertanen«. Denn
daß es bei uns vor dem Gesetze nur noch Bürger, nicht mehr Untertanen
gibt, davon will man in den höchsten Regionen nicht viel wissen. Leider
lassen sich unsere Zeitgenossen die Freiheiten und Rechte, die ihnen
ihre Väter erkämpft haben, in ihrer beschämenden Untertanengesinnung
ohne Widerrede wieder wegnehmen. Daher sprechen unsere Zeitungen
in unseren konstitutionellen Staaten immer noch von Monarchen
und Untertanen und die Leser nehmen es hin ohne Erröten und ohne
Erbitterung.

Es steckt eben dem armen, durch Jahrhunderte hindurch so miserabel
behandelten Deutschen leider die Bedientengesinnung noch zu tief in
den Knochen. Sie lebendig zu erhalten und recht gründlich zu pflegen,
scheint man als Hauptaufgabe des Lehrerstandes anzusehen, dem selbst
vor allem Gehorsam und Bescheidenheit zur Pflicht gemacht wird. Davon
unten mehr! -- Unsere Regierungen geben auch heute noch Gesetze für
die Volksschulen, ohne deren Lehrer selbst zu hören. Die Erzieher der
deutschen Jugend können bis jetzt, wenn sie nur +Volks+schullehrer sind
-- »Volk« bedeutet nämlich bei uns noch etwas Niedriges --, in unserem
Volksheere nicht einmal Reserveoffizier werden. Das sagt alles![1].
Das beweist, wie niedrig man den Bildungsstand und die moralische
Tüchtigkeit dieser Herren einschätzt, die nach meinen Erfahrungen
jetzt in ihren besten Vertretern den Vergleich mit unseren Linien-
und Gardeoffizieren kaum zu scheuen brauchen. Ich bin überzeugt, daß
sie ganz besonders tüchtige Offiziere abgeben würden. Denn sie kennen
das Volk und haben die Jugend gründlich studiert, viel gründlicher
jedenfalls als der adlige Offizier, der vor seiner Dienstzeit mit
dem niederen Volke selten in einem lebendigen Verkehr steht. Sie
haben auch alle sonstigen geistigen und moralischen Qualitäten dazu.
Wer das bezweifelt, der besuche die Verhandlungen dieser Lehrer und
höre ihre Vorträge an. Auf den »Kunsterziehungstagen« wußten wir
Zuhörer, wenn wir nicht das gedruckte Programm einsahen, nicht, ob
da ein Hochschullehrer oder »bloß« ein Volksschullehrer spreche.
Unsere Universitätsprofessoren, die jetzt die Volksschullehrer aus
persönlichen Beziehungen kennen lernen, sprechen mit großer Anerkennung
von ihnen. Prof. +Theobald Ziegler+ aus Straßburg sagte ihnen auf dem
Münchener Lehrertag dieses Jahres offen ins Gesicht, daß heute in dem
Stande der Volksschullehrer ein höherer Bildungsdrang und idealerer
Sinn wohne als in irgendeinem anderen Stande. Das ist auch meine
Erfahrung. Und unter diesen mehr als 150 000 deutschen Männern sollte
keiner sein, -- oder jetzt doch zwei, aber +nur+ zwei -- die sich zum
Reserveoffizier qualifizieren? Unglaublich! Um so unglaublicher, als
unsere von Beamten, Offizieren, Königen und Fürsten mit erhobener Hand
und unter Anrufung Gottes beschworenen Verfassungen anordnen, daß vor
dem Gesetze jeder Bürger gleich sei, daß Ämter und Ehren nur nach
Verdienst und Würdigkeit vergeben werden müssen. Das ist also Gesetz!
Man beruhigt sich aber bei uns -- weil wir ein militärfrommes und
ein doch zu wenig mannhaftes Volk sind -- mit der Tatsache, daß hier
eine Rechtsbeugung vorliegt, und wenn man die Sache einmal ernstlich
zur Sprache bringt, dann fehlt es nie an irgendeiner gesetzwidrigen
und unhaltbaren Ausrede. Dazu gehört in unserem Falle die, daß der
Volksschullehrer keine »gute Kinderstube« hinter sich habe -- und doch
läßt man ihn Kinder erziehen? -- daß er mithin noch nicht ganz -- na
sagen wir mal -- noch nicht ganz »stubenrein« sei. Der wahre Grund
liegt aber wo anders.

Die Lehrer, niedere und selbst höhere, sind eben bei uns noch die
Parias der gebildeten Gesellschaft. Wenn wir für unsere Schulen in
einer sittlich erregten Sprache reden, dann erheitert man sich über
uns. Einen Oberlehrer nimmt man ja schon ernster. Wie aber kann ein
Mensch, der ein kleiner Beamter ist, jährlich kaum mehr als 1000
Mark zu verzehren hat, wie kann ein solcher Mensch sich erlauben,
über allgemeine Kulturfragen, über Politik, Regierungsgeschäfte,
Nationalökonomie, soziale Fragen, über Volksleben und nun vollends über
Kirchenfragen mitreden zu wollen?

Auch den »höheren« Lehrer möchte man ja am liebsten auf seine Klasse
und sein Studierzimmer beschränkt haben. Nur daraus ist die oben schon
erwähnte Zurückhaltung dieses Standes in allen großen öffentlichen
Kulturfragen zu erklären. Beamtengehorsam macht Schweigen erwünscht.
Wer davon abweicht, erregt unangenehmes Aufsehen. Solche Herren
kommen mit ihren sehr unerwünschten, sogenannten »ethischen« Fragen,
stören mit ihrem unfruchtbaren Gerede den ruhigen Geschäftsgang.
(In Deutschland ist jetzt nämlich alles zur bloßen Verwaltungssache
heruntergekommen. Ethische Fragen gibt es nicht mehr!) Dazu sind die
Lehrer anmaßend, nie zufrieden, für sich selbst maßlos begehrlich,
drängen sich in die höheren Stände hinein und wollen vor allem eben
immer über Dinge mitreden, von denen sie nichts verstehen. Da gilt der
Satz: »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« Der Lehrer soll den Kindern
nach Anweisung seiner Behörden und unter Aufsicht eines Geistlichen
den rechten Glauben, Gottesfurcht, Liebe zum Herrscherhause und dann
die verschiedenen Lehrgegenstände beibringen: Schreiben, Lesen,
Rechnen, Deutsch, auch Latein, Griechisch, Französisch, Englisch,
Geschichte, Erdkunde, Mathematik usw. Hat er damit nicht genug zu
tun? Da redet ihm auch niemand hinein. Niemand macht ihm seine Lehren
von den lateinischen und griechischen hypothetischen Sätzen streitig.
Weshalb also bleibt nicht auch +er+ auf seinem eignen Boden, bei seinen
dienstlichen Pflichten?

Nun eben aus dem Grunde, weil es unmöglich ist, über Erziehungsfragen
zu sprechen, ohne zugleich Staat und Gesellschaft auf ihren Zustand
zu prüfen. Wer Rousseau und Pestalozzi nur ein wenig kennt, weiß das
selbst schon.

Ich will aber diese Behauptung doch durch zwei Beispiele noch begründen:

Wir nehmen an, die Lehrer haben sich dahin geeinigt, daß ihre Schüler
allwöchentlich ihren arbeitsfreien Nachmittag haben und unter der
Leitung eines Herrn bei Jugendspielen oder Jugendwandern in der Natur
verbringen sollen. Die Eltern gestatten aber ihren Kindern nicht, daran
teilzunehmen, weil sie ihre Hilfe im Hause brauchen und weil die Wege
aus der Großstadt aufs Land zu weit, zu zeitraubend, zu kostspielig
sind. Da werden sich also die Lehrer mit den Problemen der städtischen
sozialen Not zu beschäftigen haben.

Das zweite Beispiel: Die Schule ordnet bei einem patriotischen Feste
öffentlichen Umzug der Schüler an. Mehrere Eltern reichen ein Gesuch
ein, ihre Kinder davon zu dispensieren, da dieses Fest gegen ihre
politische Überzeugung verstoße. Gleich steckt man mitten drin in den
politischen Streitfragen und in der Untersuchung, wie die Befugnisse
der Schule und die des Hauses gegeneinander abzugrenzen seien.

Die Antwort auf diese Beispiele wird lauten: Darüber hat die
vorgesetzte Behörde zu entscheiden. Gesetzlich -- ja! Aber ist deshalb
der Lehrer die Probleme los? Wird er nicht den Beruf in sich fühlen,
Konflikte, die entstehen, selbst eingehend bis in die Quellen zu prüfen
und sich ein selbständiges Urteil darüber zu bilden? Unterläßt er das,
so wird er bald mit seinem Gewissen in Konflikte kommen oder mehr und
mehr zur willenlosen Staatsmaschine werden. Wer ihm das zumutet, der
entwertet den Lehrerstand und vergeht sich damit am öffentlichen Wohle.
Am deutlichsten tritt das in die Erscheinung auf dem religiösen Gebiet.
Auch da wollen Kirche und Staat dem Lehrer die Gesinnung vorschreiben,
ihm schweigenden Gehorsam zur Pflicht machen. Ein unmögliches
Ansinnen. Daran muß der Lehrerstand innerlich zugrunde gehen. Er
wird daher aus dem Triebe der Selbstachtung, der Selbsterhaltung,
auch aus pflichtgemäßer Fürsorge für die ihm anvertraute Jugend und
damit aus patriotisch-nationalem Gewissen in die kirchenpolitische
Agitation und Schriftstellerei mit eintreten, in der wir jetzt unseren
Volksschullehrerstand tatsächlich finden. Das sind wahrhaftig keine
Übertritte in fremdes Gebiet. Da streitet der Lehrer für sein eigenstes
Feld und auf diesem. Anders denkt freilich die Geistlichkeit, die stets
sehr erregt wird, wenn die Lehrerschaft sich ihrer Gängelung entziehen
will. Aus Pastorenfeder stammt jedenfalls auch der köstliche Ausfall,
den ich hier als Gesinnungs- und Stilprobe wiedergeben muß:

    »+Schulmeisterei und Schulmeister.+ Auf die preußische Kultur, die
    so zart zu sein scheint wie die Blaublümelein, droht wieder einmal
    ein tötlicher Reif zu fallen. Angst und bange muß es einem werden,
    wenn man die Klagetöne über die drohende Konfessionalisierung
    der Volksschulen anhört. Wir entdecken jählings die ungeheuren
    Segnungen der Simultanschule, deren Licht hell durch das
    konfessionelle Duster leuchtet, und ziehen den Kriegsmokassin an,
    um mannhaft für Freiheit des Geistes und Fortschritt einzutreten.
    Eine würdige Sache ist gefunden, in deren Dienst der mannhafte Hase
    seine radikalen Raubtierinstinkte austoben kann. Allen voran aber
    zieht, als Rufer im Streit, der freiheitsdurstige »Schulmann«.
    Seit die Schulmeister die Schlacht bei Sadowa gewonnen haben, ist
    ihnen ein gewaltiger Stolz in die Krone gefahren. Es ist mit der
    Würde des Volkserziehers unvereinbar, die Bälge zu treten oder
    dem Pastor in den Talar zu helfen. Beim Schweineschlachten vermag
    auch die größte Wurst den Pädagogen nicht mehr zu locken, der sich
    sehnt, die Bank des Kollegs zu drücken und Reserveoffizier zu
    sein. Statt den Bakel zu schwingen, erregt er die Aufmerksamkeit
    des Schülers und vertieft dessen Interesse; statt der Fibel, deren
    Titelblatt der stolze Hahn ziert, wälzt er dicke Schmöker, in
    denen die unverdaulichen und zähen Brocken aus philosophischen
    Schüsseln zu einem breiten, leicht eingehenden Brei verkocht
    sind. Er interessiert sich für alles, namentlich wenn es aus
    zweiter Hand kommt. Er betrachtet die Welt und ihre Probleme
    mit arrogant-bescheidenem Verständnis. Er begeistert sich für
    das Wahre, Gute und Schöne und streut mit verschwenderischer
    Hand Keime des Edlen aus. Und er handhabt den Idealismus wie ein
    geschickter Wilddieb die Flinte, um jedem individualistischen
    Bock das Leben auszupusten. Kurz, er wird seinem Kollegen der
    höheren Observanz, dem Gymnasialobermeier, immer ähnlicher. Den
    aber packt der bleiche Schreck, er könne mit dem Volksschulmeister
    verwechselt werden, und darum trachtet er nach faustdicken Titeln:
    Gymnasialreferendar, Gymnasialassessor, Professor -- und begehrt
    Einlaß in die erhabene vierte Ratsklasse. So flüchtet er auf der
    Leiter der Würden immer vor dem Rivalen aus der unteren Schicht
    her -- aufwärts; aber schließlich werden beide auf dem höchsten
    Gipfel der Wertschätzung ankommen, und wenn der Obermeier an die
    Stelle des Erzengels Gabriel einrückt, wird der Meister der Schule
    nicht säumen, die Erbschaft Rafaels anzutreten. Heilig sind die
    Seelen der zu erziehenden Kinder. Heilig, heilig ist die Schule.
    Heilig, heilig, heilig ist der Pauker. Die Welt ist ein Institut,
    in der einer immer den andern erzieht, und der liebe Gott ist der
    Oberschulmeister, obwohl er noch nach veralteten Methoden arbeitet
    und bei Gelegenheit feste zuhaut.« (Die Funken.)

Man sieht, dem Pfäfflein ist es betrübend, daß ihm der Lehrer über den
Kopf zu wachsen droht und sich nicht mehr mit der Ehre begnügt, für ihn
den Balg der Orgel zu treten und ihm mit devotem Eifer in den schwarzen
Talar zu helfen. Daher die Erregung! Nichts erheiternder als so ein
polternder Kapuziner! Ich sehe voraus und hoffe, daß die Geistlichkeit
und die ihr allzu willfährigen Regierungen an den Lehrern, die jetzt
erwacht, organisiert, zum Bewußtsein ihres nationalen und sittlichen
Berufes, zugleich auch zum Bewußtsein ihrer Macht gekommen sind,
noch ihr blaues Wunder erleben werden. Wir stehen im Anfange einer
Entwicklung, die nicht mehr einzuhalten ist. Der Lehrer steigt in
dem Maße, wie der Geistliche sinkt. Dies -- in Parenthese -- meine
Überzeugung!

Welches also wird, um die Frage zu wiederholen und endlich auch zu
beantworten, welches wird die Begrenzung dieses Themas sein? Nun, am
liebsten gar keine. Schulmeisterarroganz weicht, wie wir lasen, vor
keiner Schwierigkeit zurück. Es soll also nichts abgewiesen werden,
was mit unserem Thema in einem inneren lebendigen Zusammenhang steht.
Erschöpfen läßt sich auch bei großer Einschränkung unser Thema nicht,
noch weniger zu allgemeiner Zufriedenheit lösen. Schon jetzt wissen
es alle Klerikalen, alle bureaukratisch und plutokratisch infizierten
Leser, daß es »lauter Unsinn« sein wird, was nun folgt.

Nur eine Beschränkung schließt das Thema leider schon in sich ein: den
Ausschluß der +Mädchenerziehung+. Mir wäre es leid, wenn man daraus
falsche Schlüsse zöge, als ob ich diese für minder wichtig als die
Knabenerziehung hielte. Es ist auch kein gewollter, kein absichtlicher
Ausschluß. Auch Mädchen sollen zu +Persönlichkeiten+ herangezogen
werden, am besten gemeinsam mit den Knaben. Zu Männern aber und
»mannhaft« wünscht man sie doch nicht.

Mir fällt dabei der Pastor ein, der seiner eben ihm angetrauten Gattin,
als sie sich trotz dreimaligen Signales der Bahnglocke den Armen ihrer
Mutter nicht entwinden konnte, das stolze Wort zurief: »Luise, sei ein
Mann!«

Wer, wie ich, +Pestalozzi+ verehrt, der weiß, daß alle Erziehung in der
Kinderstube wurzelt und daß die Mutter die erste und die wirksamste
Erzieherin der Kinder ist.

Haben wir tüchtige Mütter, so wächst auch eine tüchtige Jugend heran.
Das ist eine alte Weisheit und allen Völkern bekannt. Die Mütter
bedürfen keines neuen Ruhmes, sie dürfen stolz sein auf die Ehrennamen,
die ihnen die +Sprichwörter aller Völker+ geben. »Muttertreu', sagt der
Deutsche, wird täglich neu. -- Ist die Mutter noch so arm, gibt sie
doch dem Kinde warm. -- Wer der Mutter nicht folgen will, muß zuletzt
dem Gerichtsdiener folgen. -- Besser einen reichen Vater verlieren,
als eine arme Mutter. -- Was der Mutter ans Herz geht, geht dem Vater
nur ans Knie. -- Im Hindostanschen heißt es: Mutter mein, immer mein,
möge reich oder arm ich sein. -- Der Venetianer sagt: Mutter, Mutter!
Wer sie hat, ruft sie, wer sie nicht hat, vermißt sie. -- Der Russe
sagt: Das Gebet der Mutter holt vom Meeresgrund herauf. -- Tscheche
und Lette sagen: Mutterhand ist weich, auch wenn sie schlägt. -- Fast
alle Völker haben das Sprichwort: Eine Mutter kann eher sieben Kinder
ernähren, als sieben Kinder eine Mutter. -- Über den Verlust der
Mutter sagt ein russisches Sprichwort: Ohne die Mutter sind die Kinder
verloren wie die Bienen ohne Stachel.«

(Ich fand diese schöne Zusammenstellung in irgendeiner Tageszeitung,
kann leider nicht mehr sagen, in welcher.)

Ich maße mir nicht an, einen Prälaten, Generalsuperintendenten oder
Geheimrat irgendeines Kultusministeriums davon zu überzeugen, daß ihre
Tätigkeit die Mannestugenden des deutschen Volkes schädige. Ich erwarte
und finde es selbstverständlich, daß sie sich darob entrüsten oder
wohl lieber mit spöttischem Lächeln daran vorübergehen. Das ist ihr
gutes Recht, ebenso wie es mein gutes, mir verfassungsmäßig zustehendes
Recht ist, solche Behauptungen nach meiner ehrlichen Überzeugung
auszusprechen und zu verfechten.

Als ich mit meinen ersten pädagogischen Schriften hervortrat, hatte ich
noch den naiven Wunsch, anders Gesinnte zu überzeugen, und den noch
naiveren Glauben, von ihnen gerecht beurteilt zu werden. Beides habe
ich seitdem gründlich aufgegeben.

Wenn jetzt einer kommt und sagt mir: »Sie hätten das und das nicht
schreiben dürfen; Sie hätten die Sache so und so darstellen müssen,«
dann habe ich für solchen Fall eine prächtige »Abfuhr« erfunden. Meine
Antwort lautet:

»Mein Herr, Sie befinden sich in einem fundamentalen Irrtum!«

»Na, erlauben Sie mal! Wieso denn?«

»Ja, mein Herr, Sie meinen, daß ich +Ihre+ Ansichten vortragen wollte.
Das lag mir völlig fern. Ich wollte nur sagen, was +mir+ richtig
scheint. Das haben Sie offenbar nicht beachtet.

Auf recht baldiges Wiedersehen! Meine besten Empfehlungen an Ihre
verehrte Frau Gemahlin!«




III.

Pädagogische Vorbilder.


Am liebsten freilich würde ich persönlich auf die Erziehungsweisheit
der Vergangenheit an dieser Stelle verzichten. An lehrreichen
Abhandlungen, an Doktorarbeiten über die Erzieher aller Völker und
Zeiten ist kein Mangel. An historischem Wissen fehlt es uns wahrhaftig
nicht. Daß auch ich die Pädagogik früherer Jahrhunderte, auch die
anderer Völker, einigermaßen kenne, wird man mir glauben. Wenn nicht,
so schadet es auch nichts. Man hat jetzt so vortreffliche Handbücher
über die Geschichte der Pädagogik, daß einer ja mühelos in einem Monate
darin zu einem Kenner werden kann. Verzichten möchte ich, weil wir an
sich schon in Überlieferung und in historischer Bildung ersticken. Was
wir brauchen, ist die Tat.

Was würde wohl Jesus Sirach dafür gegeben haben, wenn er einen
flüchtigen Blick in unsere heutige Erziehungspraxis hätte tun können?
Was Habakuk -- der einzige von allen kleinen Propheten, zu dem ich von
Kindheit an in einem herzlichen Verhältnis stehe; ich sprach freilich
seinen Namen früher etwas unkorrekt als Haferkuck aus und stellte ihn
mir als einen kleinen neckischen Kobold vor, der sich auf der Tenne
und beim Futterkasten im Pferdestall durch Neugier bemerklich machte,
daher das frühe Interesse und Verständnis für ihn --. Was würden dessen
Kollegen von der »kleinen Prophetie«, deren Namen, aber auch +rein
nichts+ als eben diese Namen, seit Luthers Tagen Millionen, nein, ich
glaube Milliarden von blonden Bauernkindern kennen und hersagen lernten
-- Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja,
Haggai, Sacharja, Maleachi -- ein Lautgeklingel, den Kindern weniger
wertvoll als der Spielreim:

    Ene mene mink mank
    Pinkpank
    Use buse packe dich
    Eier beier weg! --

Was würden also wohl diese schwarzgelockten Hebräer, was die ernsten
Griechen, etwa ein Sokrates, ein Plato, Aristoteles, was Cicero,
Seneca, der heilige Augustin, was Luther, Goethe, Fichte und andere
große Erzieher der Vorzeit darum gegeben haben, wenn sie einen
flüchtigen Blick in die heutige Erziehungspraxis hätten tun können?

Wenn man einen dieser Männer gefragt hätte: »Wie sollen die Deutschen
im 20. Jahrhundert ihre Kinder erziehen?« so würden sie gewiß -- da
sie ja eben gescheite Leute waren -- wie aus einem Munde jeder in
seiner Sprache gerufen haben: »Ja, was woas denn i? Des müssen doch de
alloanig wissen!«

Man lege sich einmal selbst die Frage vor: »Wie soll im Jahre 3000 die
deutsche Jugend erzogen werden?« Getraut sich irgend jemand dazu nur
ein einziges Wort von Bedeutung zu sagen?

Wenn ich heute die Ehre hätte, mit +Ernst Moritz Arndt+ zu sprechen, so
würde +er+ fragen, +ich+ antworten, nicht umgekehrt.

»So, ihr habt also endlich ein einiges Deutsches Reich? Famos! Sagen
Sie mir: Besteht denn det olle Gymnasium noch immer? Sollt's nicht
glauben! Ja, ja, so alte Einrichtungen haben ein zähes Leben. Also
geturnt darf jetzt in den deutschen Schulen wieder werden? Na, gottlob!
Das muß ich doch meinem Freunde Jahn erzählen. In unserer Zeit galt es
einmal für staatsgefährlich. Wird das euren Kindern auch in der Schule
erzählt? Denkt man noch an mich, an den großen Befreiungskrieg, an
unser herrliches Leipzig? Gelten unsere Namen der deutschen Jugend noch
etwas? Oder leben da in höherem Ansehen noch der alte Aristides, der so
gerecht war, daß er nicht einmal Staatsgelder defraudierte, Hippias,
der sich bestechen ließ, vom Erbfeinde -- oder der Erzschelm, der
Aristomenes -- nee, nee, wie hieß doch der Athener, der sein Vaterland
mit Hilfe der Spartaner bekämpfte?«

»Herr Professor, Sie meinen den Alcibiades?«

»Ja ja, ganz recht, Alcibiades. An den liederlichen Burschen habe ich
freilich lange nicht mehr gedacht.

Na, und dann die scharmanten +Römer+? Fabricius, der nicht einmal vor
einem Elefanten ausriß, Horatius Cordes, der allein mit einem ganzen
Etruskerheere fertig wurde -- Herrgott, was konnten die alten Römer
schön lügen! Und der eisigkalte Sulla, Marius, der Bluthund, mein alter
Schulfreund Cicero, ›Quosque tandem, Catilina‹! (Sie sehen, es sitzt
noch immer), der lustige und verliebte Ovidius Naso, -- der dann im
südlichen Rußland so elend einging -- seine Amores lasen wir heimlich
deutsch -- auch der Virgilius, der mit so vollen Backen sang, der alte
gemütliche Horatius mit seiner netten Lalage? -- alle noch auf dem
Posten? Ja? Und trotzdem habt ihr also ein großes Deutsches Reich?
Sehen Sie mal an!

Na, Gurlitt, da setzen Sie sich mal her! Sie müssen nun ordentlich
erzählen, wie das alles gekommen ist. Aber, bitte, recht genau, recht
ausführlich! Sie sind ja Lehrer, also auch die Erziehungsgeschichte!
Alles, alles! Es interessiert mich wirklich über die Maßen.«

»Herzlich gerne, aber Sie verzeihen; eigentlich war es meine Absicht
mir bei Ihnen, Herr Professor, Rat zu holen.«

»Bei mir?«

»Ja, eine Belehrung darüber, wie wir die deutsche Jugend erziehen
sollen, besonders in Rücksicht auf die +Mannhaftigkeit+. Ich hoffte,
daß Sie --«

»Ach, Unsinn, Sie oller Schulmeister! Von mir können Sie da nichts
lernen. Jedes Volk, jede Zeit muß eigne Erzieher haben. Oder haben die
Athener jemals danach gefragt, wie man in Sparta die Kinder erzog,
wie bei den Persern? Oder umgekehrt? Haben sich jene Völker, die Sie
immer noch mit Eifer studieren, jemals um fremde oder alte Schulrezepte
gekümmert? Nein? Na, sehen Sie!

Erziehen Sie die deutsche Jugend nach den Bedürfnissen und sittlichen
Anschauungen Ihrer Tage, sonst wird nichts Vernünftiges daraus. So
gut wie jeder einzelne Mensch hat jede Zeitepoche ihr Eigen- und
Einzelleben« --

»Gewiß, mein Herr, das verstehe ich wohl, aber wir müssen doch immer
die +historische Entwicklung+ berücksichtigen.« --

»Historische Entwicklung? Das ist wohl wieder eine von euren neuen
Entdeckungen? Ja, entsprach es denn der historischen Entwicklung, daß
Karl der Große den Sachsen eine Religion mit Glaubenssätzen aufzwang,
die ihnen so fremd waren, wie die Feigen und Datteln, die aus gleicher
Gegend stammen? Entspricht es der historischen Entwicklung, daß ihr
eure Jungen immer mit der Kultur von Palästina, Hellas und Rom abspeist
und dabei sorglos über Jahrhunderte der Geschichte hinwegspringt?
Hat sich mein Freund Napoleon um die historische Entwicklung
gekümmert, als er die deutschen Staaten zertrümmerte? Ist nicht fast
alles wahrhaft Große, ist nicht Luther, ist nicht Christus selbst
eben deshalb zunächst verfolgt worden, weil ihr Streben gegen die
vermeintliche historische Entwicklung verstieß?«

»Ich wage nicht zu widersprechen, mein sehr verehrter Herr
Professor. Es ist in der Tat wohl so, daß alle Neuerungen den
bewußten, tatkräftigen Willen eines Reformators voraussetzen und
die Außenstehenden meist als Gewaltsamkeiten anmuten. Ich las in
diesen Tagen einen pädagogischen Aufsatz über das Thema »Gefahren der
Staatsschule für die Pädagogik«[2]. Da fragt grade auch ein neugieriger
Schulmann höchst respektlos: »Ist denn die heutige deutsche Volksschule
wirklich das Produkt einer Entwicklung, die nie gestört worden ist
und nie gestört werden darf?« Und antwortet sich selbst darauf: »Ich
glaube vielmehr, alle Fortschritte sind mehr oder minder gewaltsam
in sie hineingedrungen. Gerade das letzte Produkt dieser sogenannten
Entwicklung, die Verstaatlichung der Schule und der Schulzwang, sind
Gewaltstreiche, vielleicht notgedrungene Zugeständnisse der Regierungen
gewesen.« Auch haben wir jetzt ein neues Volksschulgesetz erhalten, das
gegen den Willen der Lehrerschaft die Volksschule konfessionalisieren
soll. Mir will das auch nicht wie eine historisch notwendige
Entwicklung vorkommen.«

»Gewiß nicht! Sie sehen, darauf ist nichts zu geben. Historische
Entwicklung! Mit dieser Phrase scheint man den Fortschritt der
Menschheit hemmen zu wollen. +Handelt+ nur, mein Verehrtester, nach
eurer ehrlichen Überzeugung, wie es alle tüchtigen Männer zu allen
Zeiten getan haben! Kein Gedanke, kein Wunsch, keine Handlung fällt nur
so vom Himmel nieder. Es gibt nichts auf Erden, was nicht diese eure
berühmte historische Entwicklung hätte. Alles braucht Zeit zum Keimen,
Wachsen und Reifen, auch die Gedanken und Handlungen der Menschen.
Wir kennen aber oft diese verborgenen Keime nicht, brauchen uns um
sie auch nicht zu kümmern. Beschwert euch doch nicht mit historischen
Erwägungen! Für die Einordnung eurer Taten in den geschichtlichen
Zusammenhang laßt getrost die Historiker der nächsten Generation
sorgen! Die werden euch schon beweisen, daß alles so kommen +mußte+,
werden Ihnen sogar das bißchen Ehre und Stolz rauben, das Sie
wirklich mit eigenem Kopfe gedacht, mit eigenem Herzen gestrebt hätten.
Während Sie sich jetzt vielleicht einbilden, daß Ihre Taten einmal
wie eine stolze Säule hervorragen werden, wird man sie später als ein
notwendiges schlichtes Glied in einer langen Kette der Entwicklung
betrachten lernen.

Ja, ja! daran aber erkenne ich meine lieben Landsleute wieder. Bleiben
sich doch immer gleich! Wenn eine Sache nicht theoretisch entwickelt,
nicht ins System gebracht und gelehrt begründet ist, dann ist sie
für meine Deutschen überhaupt nicht da. Bei ihnen soll alles mit
Gelehrsamkeit geschafft werden. Sind also bei euch die Federfuchser
noch immer so in Flor? Armes Vaterland! Ich habe diese Kerle mein
Lebtag gehaßt. Sie verdarben uns mit ihrer giftigen schwarzen
Galläpfeltinte jedesmal was wir mit frischem roten Blute angeregt und
erstritten hatten.

Aber genug! Ich verfalle in greisenhaftes Gerede und komme vom
Thema ab. -- Also: »Erziehung zur Mannhaftigkeit?« Da kann ich
leider nur wiederholen, was ich schon gesagt habe: Das müssen Sie
besser wissen als ich, denn Sie leben -- ich leider nicht mehr --
der Lebende aber hat recht. Meine Pädagogik lehrte mich die auf uns
lastende Fremdherrschaft: Napoleon war unser Zuchtmeister, unser
Erzieher. Wäre er nicht gewesen, hätte er uns nicht mißhandelt, so
wäre ich nicht zum Volkserzieher geworden, ebensowenig wie Freiherr
vom Stein, wie Scharnhorst, Fichte und die anderen; jedenfalls wäre
auf unsere Worte nicht gehört worden. Was nur damals passend war,
werden Sie wohl nicht brauchen können. Ich meine: Jede Zeit hat eben
ihre besonderen Aufgaben, ihre eigenen politischen und sozialen
Bedürfnisse. Danach wird sich auch ihre Pädagogik richten. Es gibt
ebensowenig eine allgemein giltige praktische Erziehungslehre, als
es eine für alle Zeiten gesetzmäßig festgelegte Wirtschaftslehre,
Staatslehre, Politik oder Kunstlehre gäbe. Das wechselnde Leben schafft
sich seine wechselnden Bedürfnisse und diesen angepaßt seine stets
veränderlichen Kulturformen. Nur die Orthodoxen meinen, eine endgiltig
für alle Christen aller Zeiten und Völker festgesetzte religiöse
Erziehungsweisheit ererbt zu haben. Diesem Wahne opfern sie ihren
Einfluß und ihren wahren Beruf, Dolmetscher, Führer und Erzieher der
tiefsten, ehrlichsten und strebsamsten Geister zu sein und zu bleiben,
wie es seiner Zeit die jüdischen Propheten waren, und leben heute von
dem Weihrauch, den ihnen die Gedankenlosen, Müden, Bequemen und Feigen
spenden. Der Lebende soll nicht immer von dem Toten lernen wollen; denn
-- wie gesagt -- der Lebende hat recht!

Ewige Wahrheiten! Ob es solche wohl überhaupt gibt? Ich bezweifle
es. Nur +eine+ Wahrheit möchte ich für ewig halten, nämlich die, daß
+alles+ im ewigen Wechsel ist. +Alles fließt!+ Selbst +die+ Wahrheiten,
die für alle Ewigkeit begründet schienen. Sie wissen jetzt, weshalb ich
Ihrem Wunsch nicht nachkommen kann. Ich habe viel Dringlicheres zu tun,
nämlich Sie auszufragen.

Doch vorher nur noch ein letztes Wort! Bei Lehrern werden Sie über
Erziehung zur Mannhaftigkeit wenig finden. Denen ist's immer ums
Wissen. Fragen Sie doch lieber bei so alten Haudegen, wie dem Blücher,
an, oder, wenn's schon ein Mann von der Feder sein soll, bei dem alten
Fichte.

Oder zeigen Sie Ihrer Jugend das Lebensbild unseres Freiherrn +vom und
zum Stein+. Sehen Sie, das war ein ganzer Mann, ein Mann nach meinem
Herzen: In seinen Gesinnungen und Grundsätzen immer der Zuverlässige
und Unwandelbare; was gut, tapfer, frei, menschlich und christlich
deutsch war, hat in Rat und Tat in ihm immer den wärmsten Freund,
Verteidiger, Lobredner gefunden; und wenn die Spur seiner äußeren
Wirksamkeit, seiner äußeren Werke und Taten vielleicht schon verwischt
sein wird, so wird und muß doch sein innerer Schatz, die Liebe, Treue,
Hingebung für sein Volk und sein Vaterland, wird das Unsichtbare und
Unbewußte, das unsterbliche, unvergängliche Abbild des geistigen
Wirkens eines edlen und biedern Mannes noch in dem Enkel und Urenkel
des deutschen Volkes fortleben und fortwirken. Oder ist es nicht so?

Gott hatte ein feuriges, gewaltiges, mutiges Herz in seine Brust
gelegt, ihn mit einer raschen, blitzschnellen Auffassung, einem kühnen,
geschwinden Verstande gerüstet: Geschwindigkeit, Kühnheit, Hastigkeit
-- das war er selbst. An Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, Offenheit hat
kein Mensch ihn übertroffen, er sah und wandelte stracks und gerade
vor sich hin. Das war sein Glaube, daß durch Wahrheit, Einfalt und
Redlichkeit alle Dinge allein gewonnen werden sollen und erhalten
werden können und daß kein Weg, der irgend krumm sein muß, Segen
bringe. Das war sein Spruch: Es darf nichts getan werden, was nicht
gerade und offen getan werden kann. Also: +offener Weg, hohe Zwecke und
reine Mittel zu den Zwecken+.

Da haben Sie das lebendige Beispiel, wonach der Erzieher sich richten
soll, wenn er +Männer+ erziehen will. Ewig dauere das Gedächtnis +des+
deutschen Biedermanns! Frisch stehe seine Tugend in jeder ernsten Zeit
vor euch, damit ihr wißt, wie ihr handeln und leiden sollt, wenn das
Vaterland euch aufruft. Ich frage Sie, zeigt man unserer Jugend noch
dieses Vorbild?«

»Gewiß, wir zeigen es ihr, wir geben ihr auch gerne einen Einblick in
Ihre Schriften, Herr Professor. So las ich jüngst in einem ›Lesebuche
für die höheren Schulen Deutschlands‹ von Dr. +Alfred Puls+, in
Gotha bei E. F. Thienemann herausgegeben, Auszüge aus Ihren Werken:
»Erinnerungen aus dem äußeren Leben« und »Schriften für und an seine
lieben Deutschen« und darin gerade auch Ihre Würdigung des Freiherrn
vom Stein.«

»Gut, gut! Das freut mich von Herzen -- aber:

Warum denn überhaupt bei uns Alten anfragen? Haben Sie denn inzwischen
in Deutschland gar keine Männer erlebt, die Ihrer Jugend als Vorbild
dienen könnten? Ich meine eben gerade für die Mannhaftigkeit als
Vorbild? Zeitgenossen, Männer, die Ihre politischen und sozialen, kurz
alle Ihre kulturellen Verhältnisse selbst kannten und umgestalten
halfen? Das wäre doch das Wichtigste!«

»Ach ja, mein Herr, gewiß, Zum Beispiel den Bismarck.«

»Wie heißt der?«

»Fürst Otto von Bismarck, Gründer des neuen Deutschen Reiches und
dessen erster Kanzler.«

»So? O, herrlich! Na, erzählen Sie mal!«

       *       *       *       *       *

Ich möchte nicht dahin verstanden werden, als glaubte ich, wir könnten
ganz auf die Lebenserfahrungen und die pädagogische Weisheit früherer
Geschlechter verzichten. Ich bin im Gegenteil der Meinung, daß es auf
unserem Gebiete der Erziehung kaum möglich ist, Gedanken zu finden,
die nicht vor uns schon gedacht und sorgfältig begründet worden wären.
Es hat bei historischen Rückblicken nur den Übelstand, daß sich jeder
immer nur das aussucht, was ihm gerade in seine Gedankenkreise paßt,
wodurch jetzt alle jene alten Autoritäten kaum noch Gewicht haben.

Es gibt keinen Menschen, der sich nicht auf Goethe als Kronzeugen
beriefe. Da die Erde rund, ein Menschenleben wechselnd und die
Gedanken in stetem Flusse sind, so kann es leicht kommen, daß man
jemanden, der viel geschrieben hat, immer wieder mit seinen eigenen
Worten widerlegt. Ehe eine Zeit für gewisse Gedanken nicht gleichsam
reif geworden ist, bleiben sie unverstanden oder doch unbefolgt.
Sie brauchen oft ihre hundert Jahre, ehe sie zur Tat werden. So ist
es z. B. leicht nachweisbar, daß wir »modernen« Pädagogen zum Teil
unbewußt und unbeabsichtigt ganz in +Herders+ Spuren wandeln, also
auch in +Goethes+, der in paedagogicis Herders gelehriger Schüler war.
Wer das noch nicht weiß, der lese eine kleine Schrift von +Achim von
Winterfeld+ (A. v. Waldberg, »Gesunde Jugenderziehung, Schulreform
und Herder als ihr Vorkämpfer«, Leipzig, Felix Dietrich, 1906). Dieser
Nachweis ist natürlich nicht neu. Schon der große Germanist und
Reformer des deutschen Unterrichts, Dr. +Rudolf Hildebrand+ in Leipzig,
war sich seiner Abhängigkeit von Herder bewußt und sagte: »Ich will
gleich selbst aussprechen, daß ich keineswegs ganz Neues aufzustellen
wähne; doch gewisse Grundgedanken, die in dem wohl noch ziemlich Neuen
stecken, durchkämpfen zu helfen, das möchte ich gern,« und weist uns
dabei selbst auf Herder, als seinen ersten bedeutsamen Vorgänger hin.
Was also Hildebrand und vor ihm Herder für den deutschen Unterricht
anstrebten, das deckt sich fast durchaus mit den allermodernsten
Wünschen und Vorschlägen »unruhiger Neuerer«.

Ich will das kurz mit Stellen aus Herder belegen, die auch schon längst
Rudolf Dietrich (im »Hildebrand-Heft« S. 504) gesammelt hat:

Im Jahre 1769 auf seiner »Fahrt aus Riga in die weite Welt« malte sich
Herder das »Ideal einer Schule« aus, das er in seinem »Reisejournal«
beschrieb. Hier lesen wir über den Sprachunterricht:

»Alles lebendige Übung. Nur spät, und wenig aufschreiben; aber was
aufgeschrieben wird, sei das Lebendigste, Beste, und was am meisten
der Ewigkeit des Gedächtnisses würdig ist. So lernt man Grammatik aus
der Sprache, nicht Sprache aus der Grammatik. So lernt man Stil aus dem
Sprechen, nicht sprechen aus dem künstlichen Stil ... So wird's Gang,
erst sprechen, d. i. denken, sprechen, d. i. erzählen, sprechen, d. i.
bewegen zu lernen ... Die Sprache soll nicht aus Grammatik, sondern
lebendig gelernt werden: nicht fürs Auge und durchs Auge studiert,
sondern fürs Ohr und durchs Ohr gesprochen, ein Gesetz, das nicht zu
übertreten ist.«

Später, 1796, forderte er (in einer Schulrede über die »Ausbildung
der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen«): »die Kunst der
Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen auszubilden müsse ein
Hauptgeschäft der Schulen sein ... Denn nur durch Reden lernen wir
sprechen ... Wahrheit, Wahrheit bilde unsern Ausdruck auch im Ton der
Stimme ... Die Rede hat ein weites Reich von Gegenständen, Gesinnungen,
Leidenschaften, Empfindungen, Zuständen der Seele usf., deren Ausdruck
sie zu schaffen und auf die mächtigste angenehmste Weise darzustellen
hat. Daß sie dieses zu tun vermöge, dazu gehört Übung. Lesen heißt
diese Übung; aber ein Lesen mit Verstand und Herz, ein Lesen im
Vortrage jeder Art, und neben ihm eigene Komposition und ein lauter
lebendiger Vortrag derselben ... Dies laute Lesen, auswendige Vortragen
bildet nicht nur die Schreibart, sondern es prägt Formen der Gedanken
ein und weckt eigene Gedanken; es gibt dem Gemüt Freude, der Phantasie
Nahrung, dem Herzen einen Vorschmack großer Gefühle, und erweckt, wenn
dies bei uns möglich ist, einen Nationalcharakter.«[3] -- Man staunt,
daß es beinahe anderthalbhundert Jahre brauchte, ehe so einleuchtende
Gedanken +anfangen+, Gemeingut der Lehrer zu werden!

Ein zweites Beispiel zum Beweise dafür, daß wir die alten Pädagogen
nicht unterschätzen! Der alte +Pestalozzi+ behauptete, daß er während
30 Jahren kein Buch mehr gelesen habe. Jetzt rechnen ihm zwar Gelehrte
nach, daß das nicht genau stimme: Er habe doch dann und wann noch
gelesen -- mag sein. Jedenfalls war er in seinem Denken so selbständig,
als ob vor ihm außer etwa Rousseau niemals ein Mensch über Erziehung
geschrieben hätte. Er selbst verfuhr also ganz unhistorisch, und
deshalb vielleicht kam er auch so weit. Deshalb aber waren ihm die
Zünftler auch so gram. Schade, daß sie sich ihm nicht mit Haut und
Haar verschrieben. Hätten sie es getan, so wären wir heute mit unserem
Erziehungs- und Schulwesen viel weiter. Wir hätten dann den ganzen
undeutschen Neuhumanismus nicht erlebt, hätten die jetzt vor allen von
Professor +P. Natorp+ in Marburg unter Berufung auf Pestalozzis geniale
pädagogischen Lehren und Taten wissenschaftlich sicher begründete
»Sozialpädagogik« in Deutschland schon durchgeführt; hätten damit
eine einheitliche nationale Schule; brauchten nicht erst wieder da
einzusetzen, wo Pestalozzi aufhörte.

Unser neuester pädagogischer Kurs geht nämlich endlich, endlich unter
der Flagge des »nationalen Humanismus« -- man sollte dafür lieber mit
zwei guten deutschen Worten der »deutschen Bildung« sagen -- Der Weg
zur deutschen Bildung führte bekanntlich über Palästina, Athen, Sparta
und Rom und kehrte dann im großen Bogen wieder zu Pestalozzi zurück
-- aus jenen Bahnen, die man vor 100 Jahren eben auf Anraten meiner
im übrigen auch von mir hochverehrten engeren Herren Kollegen von der
klassischen Philologie betreten hatte, nämlich des großen Latinisten
+Johann August Ernesti+ (1707--1781) -- der Mann soll den ganzen Cicero
auswendig gewußt haben, war deshalb der geborene Erzieher der deutschen
Jugend --, der nicht minder großen Gräzisten +Christian Gottlob Heyne+
(1729--1812), +Friedrich August Wolf+ (1759--1824) und anderer großer
von +Lessing+ und +Winckelmann+ in den sonnigen Süden entführter
Geister. Ach, ja: »Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen.«

Dort suchte man echte Humanität, fand auch so was Ähnliches, es
erwies sich aber trotz aller erdenklichen Mühe schließlich doch als
unbrauchbar für unsern rauhen und grauen Norden. Das einzusehen
bedurfte es leider mehr als dreier Menschenalter. Ein witziger Kopf
hat einmal gesagt: »In Deutschland braucht man hundert Jahre, etwas
Verkehrtes einzuführen; zweihundert Jahre, es wieder abzuschaffen.« Der
Mann scheint recht zu haben. -- Außerdem hatte man ja zu Hause schon
seine bodenständige echte Menschlichkeit und ›Bildung‹ -- Pestalozzi
selbst hatte dieses Wort erst geprägt --, und das ist eben auf gut
deutsch dasselbe, was so gelehrt mit Humanität bezeichnet wird, nur
daß man diese heimische Bildung nicht nach Gebühr achtete und trotz
Pestalozzis eindringlichen Lehren nicht gehörig pflegte.

Jetzt also macht man in Deutschland zum zweiten Male die überraschende
Entdeckung, daß dem deutschen Volke eine deutsche Erziehung und
deutsche Bildung angemessen sei. Es geht uns wirklich wie dem
Knaben des Märchens, der in die Fremde zog, um das Glück zu suchen.
Die Verirrung liegt aber vielleicht weniger bei den Gründern des
Gymnasiums, als bei dessen Ausgestaltern, eben bei jenen »Provisoren
alles Giftes«. Das Gymnasium hatte es ursprünglich auf ein
Allerweltswissen gar nicht abgesehen, auch nicht auf Gelehrtenkultur,
sondern auf -- +Menschenbildung+, und zwar mittels der lateinischen
Sprache, die eben damals noch als internationale Gelehrtensprache
unentbehrlich war.

Ich berufe mich auch hier auf einen als Gelehrten wie als Erzieher
und kerndeutschen Mann allseits Anerkannten, den verstorbenen Dr.
+Rudolf Hildebrand+, Professor für Germanistik an der Universität
zu Leipzig, den ich schon oben nannte. Dieser drückte vor 20 Jahren
schon sein Bedenken gegen das herrschende deutsche Schulwesen in den
Worten aus: »Was gerade jetzt zu bessern ist, das ist wohl auch im
allgemeinen klar genug, wenn man nur auf die Stimmen hört, die immer
lauter ertönen auch aus den Kreisen unbefangenster und wohlwollendster
Beobachter, von Leuten, die froh und frei genug stehen im Geiste, um
den rechten Weg und das rechte Ziel finden zu helfen. Fast macht das
Ganze den Eindruck, daß man beim höheren Unterricht, auf Gymnasien
wie Realgymnasien und selbst auf höheren Töchterschulen, bewußt
oder unbewußt, gewollt oder ungewollt, und nur vom Zuge der Zeit
mitgetrieben, das als Ziel annimmt, daß es da gelte, kleine +Gelehrte+
zu bilden, nicht -- +Menschen+, was noch in meiner Schulzeit auch für
das Gymnasium eigentlich das Ziel war aus der Überlieferung des vorigen
Jahrhunderts, ja aus dem 16. Jahrhundert her, wie schon in dem alten
Stichwort humaniora trefflich und kräftig ausgesprochen ist: ›+mehr
Mensch+‹ zu werden war das Ziel. Das schöne Wort wird ruhig noch mit
fortgeführt im Hausrat der gelehrten Schulen, gleicht aber nun wirklich
mehr einer alten Kiste, die im Winkel steht mit Sachen aus dem Haushalt
der Großeltern. Die Zeit ist da, eigentlich nicht lange erst, auf
einen verhängnisvollen Irrweg geraten, von dem man wird umkehren
+müssen+, es fragt sich nur, wieviel Schaden der Gesundheit der Nation,
der äußeren und der innern, noch geschehen soll bis zur entschlossenen
Umkehr. +Lasse man die Gelehrsamkeit der Universität, die wahrlich für
ihre schwere Arbeit nichts nötiger braucht, als gesunde ganze Menschen,
wie unsere Zeit überhaupt+, und diese müssen ihr die Gymnasien
liefern.«[4]

Freilich, wenn man so früh sein Vaterhaus verläßt, sich in der Fremde
herumtreibt und dort sein Herz vertändelt, dann wird man mit der Zeit
heimatlos, fremd im eigenen Vaterhause und muß sich nachher bei alten
Leuten erkundigen, wie es in älteren Zeiten eigentlich darin gehalten
wurde.

Aus diesem Grunde wird es auch hier ohne historische Rückblicke leider
nicht ganz abgehen. Es fehlt uns eben eine stetige, ununterbrochene
Tradition im Schul- und Erziehungswesen, wie sie meines Wissens die
glücklicheren Engländer seit den Zeiten Humes haben.

Den wahren, letzten Grund aber, weshalb ich so scheu an die
historischen Vorbilder herangehe, habe ich noch immer nicht verraten.
Nun muß er endlich doch ans Licht: »Die Menschen +lernen+ nichts aus
der Geschichte -- +nichts+, rein +gar+ nichts!«

So wenig ein junger Mann seine Lebenserfahrung vom Vater und Großvater
ererbt, ebensowenig wollen sich ganze Völker von früheren Geschlechtern
das Leben vorleben lassen. Jeder Mensch, jedes Volk will seine eigenen
Dummheiten machen und am eigenen Schaden klug werden.

(Zwischenruf: »Na, erlauben Sie mal!«)

Was ich hier gesagt habe, habe ich im vollen Ernste gesagt und kann es
beweisen:

Vor mehr als 100 Jahren entdeckten Winckelmann, Lessing und Goethe
den harmonischen Menschen, den Normal- und Idealmenschen in den
altklassischen Hellenen. Hier sahen sie alle menschlichen körperlichen
und geistigen Anlagen durch eine gleichmäßige Ausbildung zu herrlicher
Entfaltung gebracht. Nun meinst du, liebwerter Mitbürger, natürlich,
daß diese schöne Erkenntnis zu einer entsprechenden Tat geführt habe.

Ja, das meinst du in deinem törichten Laienverstande. Da kennst du aber
die Menschen schlecht, kennst vor allem die geistigen Oberpriester
nicht, die bei uns Kultur machen!

»Aber, mein Gott! Sie sagten doch eben selbst, daß man die rechten
Vorbilder der Menschheit gefunden habe? Fehlte es vielleicht an einer
Anleitung, wie man eine solche menschliche Vollkommenheit erreichen
könne?«

»I, Jott bewahre! Man hatte ja die Bücher, in denen genau
berichtet wird, wie die Athener, wie die Spartaner ihre Kinder zu
schönen, gesunden, heiteren, kunstsinnigen, glücklichen, tapferen,
vaterlandsliebenden Männern und Frauen heranbildeten.«

»Hatte man diese Bücher? So richtete man sich also nach ihnen? Erzog
die Kinder nach diesen Anweisungen?«

»I, Jott bewahre! Das muß man ganz anders machen. Sehen Sie, mein
Lieber: die Griechen sprachen und schrieben doch Griechisch, nicht
wahr? Also muß man doch vorerst ihre Sprache, Griechisch, lernen, um
diese Anweisungen lesen zu können, nicht wahr? Aber damit nicht genug.
Es muß doch auch aus der alten Geschichte erst der Nachweis erbracht
werden, daß, wo, wann, wie, warum, wie oft, wo nicht, wann nicht, wie
nicht, warum nicht, wie oft nicht diese Tüchtigkeit der altgriechischen
Erziehung sich bewährte -- nicht wahr? Man mußte doch alle die Männer
auf -- ides, -- iades, -- on und -- kles gleichsam von Angesicht zu
Angesicht kennen lernen, mußte ebenso die Orte, Städte und Felder bei
Namen kennen lernen, wo sich ihre Tüchtigkeit bewährte, nicht wahr?
Wir können doch nicht weiter kommen, wenn unsere Knaben von Plataeae,
Aegospotamoi, Kunaxa, von den Arginusen, vom Eurymedon, von Tanagra,
Sphakteria und Kynoskephalae nichts wissen?«

»Ja, aber --«

»Bitte, kein ›ja aber‹! Die Sache ist völlig klar. Es gehört die ganze
Zeit, Kraft und Energie einer Jugend dazu, um die alten Sprachen nach
jeder Richtung hin und ebenso die alte Geschichte so beherrschen zu
lernen, daß man in ihr seine geistige Heimat findet.

Deshalb richtete man ja doch nach griechischem Vorbilde Gymnasien ein.
Sie wissen, γυμνὸς heißt nackt, γυμνάσιον heißt ein Ring- oder Turnplatz
für nackte Knaben; deshalb nannte man diese Schulen +humanistische+
Gymnasien, weil eben in ihnen diese altgriechische allseitige
menschliche Ausbildung, diese Harmonie des Lebens erreicht werden
sollte.«

»Ja, turnen denn da die Kinder wirklich nackt? Ringen, springen, singen
sie darin frisch umher?«

»Nein, das nun eben nicht. Aber die beschäftigen sich doch mit dem
Studium jener alten vorbildlichen Welt und das gibt ihnen eine
+geistige+ Gymnastik von unschätzbarem -- -- --«

»Geistige Gymnastik? Also eine Art geistigen Nacktturnens? -- -- --
Gestatten Sie mir gütigst, das für einen kleinen Blödsinn zu erklären.«

»Eine Stählung des Willens, gleichsam ein geistiges Jungbad, ein
Sichemporrecken nach idealen Vorbildern« -- --

»Bei uns hatte sich mal ein Primaner in der Klasse, wohl nach idealem
Vorbilde oder weil's sehr heiß war, Schuh und Strümpfe ausgezogen.
Himmel, gab das eine Berammelung! Den ›respektlosen, unsittlichen,
verkommenen Burschen‹ hätten sie beinahe ins Zuchthaus gebracht. Und
dabei war's doch in der Homerstunde geschehen! Hihihi!« -- --

»-- Ein unausgesetzter Kampf mit den Schwierigkeiten der Sprachen,
in denen die Weisheit und Schönheit jener alten Welt verschlossen
liegt -- --«

»Und wenn einer heute seine nackte Schönheit zeigen wollte, dann steckt
ihr ihn in Arrest? Müßten mal bei so einem echten Sophokles-Direktor
die Primaner völlig +nackicht+ antreten! Na, Badehose möchte noch
gestattet sein. Hihihi!«

»Bitte, so lassen Sie doch endlich Ihre faden Bierzeitungswitze und
ihr läppisches Gelache! -- -- Die Weisheit, sagte ich, und Schönheit
verschlossen liegt -- -- Und eben durch diesen Kampf endlich ein
siegreiches Gelingen, über das dann in den Abschlußprüfungen, dieser
unersetzlichen Kraftprobe, Zeugnis abgelegt wird.«

»Ja, sind denn die Geprüften dann, die armen Hasen, die aus den
alljährlichen Herbstbürgerjagden zwar noch mit dem Leben davonkommen,
aber mit zahlreichen Schroten im Pelze, mit unvergeßlicher Angst
im Herzen, sind das dann wirklich nun die glücklichen, gesunden
Normalgeschöpfe? Das wäre doch das Entscheidende. Wird man denn
wirklich stark, froh, schön, gesund und mannhaft, wenn man in Büchern
jahrelang nachliest, wie andere dazu gekommen sind? Ich sollte meinen
-- verzeihen Sie einem Laien eine solche, wohl etwas dreiste Bemerkung
-- ich sollte meinen, man müßte lieber die Bücher zuschlagen und die
Kinder einfach auch nackt umherspringen, sich tummeln und in jedem
Wettkampfe üben lassen.«

»Ich bitte Sie, mein Freund, lassen Sie solche törichte und rein
barbarische Ketzereien keinen anderen altklassischen Philologen hören,
sonst --«

»Ja, -- sagen Sie einmal selbst, aber, bitte, ganz ehrlich: habe ich
denn nicht recht?«

»Im Vertrauen und ins Ohr gesagt: Ja, natürlich haben Sie in einer
gewissen Hinsicht recht, vollkommen recht-- gewissermaßen, nur --.«

»Was! Ich habe recht? Ja, zum Donnerwetter noch einmal, weshalb quält
und vermurkst man mir denn dann meine armen Buben so elendiglich mit
dem alten Schulkram? Weshalb dulden denn das die Eltern? -- --«

»Ruhe, Ruhe, mein Lieber! Vergessen Sie nicht, wo wir sind! Wir leben
in Deutschland, in Preußen. Wir sind preußische Untertanen, nicht
athenische Vollbürger. Die Erziehung unserer Kinder liegt in der Hand
des Staates, der mit Umsicht und --«

»Ach was, Umsicht? -- mit Unsinn ...«

»Mein Verehrtester, seien Sie vorsichtig! Bitte, vergessen Sie nie,
daß wir mit Erregung und Leidenschaft in solchen Fragen nicht weiter
kommen. Also Ruhe, mein Lieber, Ruhe, Mäßigung, Besonnenheit! Wenn
unsere weisen Behörden, beraten von den erfahrensten und gelehrtesten
Männern der pädagogischen Wissenschaft, wenn sie, gestützt auf die
Erfahrung einer jahrhundertjährigen Schul- und Erziehungspraxis, mit
Ihren Kindern so verfahren, so werden Sie sich, als ein schlichter Mann
des Volkes, dem doch zu fügen haben, werden nur darauf halten, daß alle
Anordnungen der Schule auch stets pünktlich und gewissenhaft --«

»Ja, mein Gott, bin ich denn der +Büttel+ der Schule? Sind es denn
+meine+ Kinder oder die Kinder des Kgl. Provinzial-Schulkollegiums!?
Wie? Was? -- --«

»Mein Herr! Ich muß Sie doch um Mäßigung bitten, muß Sie auch bitten,
auf meine Standesehre Rücksicht nehmen zu wollen!«

»Auf was für 'n Ding?«

»Auf meine Standesehre! Als staatlich angestellter wissenschaftlicher
Lehrer, auch als Vertreter meiner altphilologischen Kollegen muß ich
Sie bitten, sehr dringend bitten, alle Bemerkungen zu unterlassen,
durch die etwa die Ehre dieses Standes, die auch ich zu vertreten
habe, -- --«

»Mein werter Herr Oberlehrer, vertreten Sie sich doch, was Sie wollen!
Wenn ich aber für meine lieben Buben eintrete, so soll daran kein
Mensch ein Ärgernis nehmen. Liegt darin etwa schon eine Herabsetzung
Ihrer Person oder Ihres Standes? Ich verstehe Sie tatsächlich nicht.
Nichts lag mir ferner, als Sie kränken zu wollen oder nun gar den
angesehenen, mit Recht hochangesehenen Lehrerstand herabzusetzen.
Die Herren tun ja auch nur schlecht und recht ihre Pflicht, wie der
Dienst sie ihnen vorschreibt. An deren Ehre kann doch wohl mein ja
vielleicht etwas übereiltes Wort nicht heranreichen. Ist denn diese
Ihre Standesehre ein gar so gebrechlich Ding, daß sie ein leiser Hauch
aus meinem Munde schon bedrohen kann? Ich denke, Herr Oberlehrer, wir
sprechen uns hier offen und ehrlich aus und wollen uns doch gegenseitig
nichts weis machen, nicht wahr? Wir brauchen, dachte ich, als deutsche
Männer uns gar so zart nicht anzufassen. Die Hauptsache ist doch
wohl, daß wir uns gegenseitig verständigen. Und wenn wir hier über
Erziehungsgrundsätze verhandeln, so hat das mit der Ehre oder Unehre
keines Menschen was zu schaffen, keines einzigen, auch keines Standes.
Das erst recht nicht! Aber, Herr Oberlehrer, Sie widersprechen. --«

»Ich breche ab! Ich sehe, Sie sind nicht zu belehren.«

»Na, Sie aber ooch nich, mein verehrtester Herr Ober -- Ober --
Oberlehrer!! Sie altklassischer Philologe, Sie!«

»Mein Herr, ich verbitte mir alle Injurien!«

»Schon recht, ich gehe ja schon, Sie oller Qu -- --«

»Gut! Ich werde mich beim Königlichen Provinzial-Schulkollegium über
Sie beschweren, verstehen Sie?«

»Wacker! Tun Sie das! Und fahren Sie fort, meine Knaben fleißig zur
+Mannhaftigkeit+ zu erziehen! -- zu echten, wahren, klaren, aufrechten
+deutschen+ Männern zu erziehen! Adieu!«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Empörend! Es wird wirklich alle Tage unerträglicher. Tagsüber macht
man in Tricotagen und frischen Importen und abends hält man einem alten
Gymnasialprofessor pädagogische Vorträge.«

Nun möcht ich blos wissen, weshalb unser einer jahrelang
studiert, seine Examina gemacht hat, ein Probejahr, fünf hungrige
Hilfslehrerjahre und dann zwanzig weitere Jahre unter strenger Aufsicht
geschulmeistert hat, wenn jeder Spießer es besser versteht und einem
belehrende Vorträge halten will! Leiden aber kann uns niemand.

Unglaublich, was man sich als Lehrer bieten lassen muß! -- Was dabei
das Schlimmste ist: die Leute haben nicht einmal so unrecht. Noch
schlimmer ist nur noch +eines+: wenn man nämlich versucht, eigenen
gerechten Wünschen und denen des Volkes in seinen vernünftigen
Vertretern nachzugeben, so bekommt man es mit der Behörde zu tun, die
nicht liebt, daß einer sich Extratouren erlaube. Zwar verkündet man
von oben herab mit feierlichen Worten, daß der Lehrer sich freier
bewegen und nicht eingeengt fühlen solle, zwar haben wir oben Männer
von weitestem Blicke -- ich nenne nur Matthias und den einflußreichen
Wilhelm Münch --, aber, wenn -- -- wenn man einmal wagt, diese schönen
Worte wahr zu machen, dann -- dann -- -- -- ja, Bauer, dann ist das
ganz anders gemeint! -- -- Dann --

    »Doch birst mein Herz, denn schweigen muß der Mund!«

Nun, es kommt hoffentlich auch ein Tag, der das Reden zur Pflicht
machen wird. Ich werde bis dahin mich begnügen, auf +Wilhelm Münchs+
schönes Buch »Eltern, Lehrer und Schüler in der Gegenwart«[5]
hinzuweisen. Das ist einer von den wenigen, die nach allen Seiten hin
gerecht sein wollen. Was er zum Schutze von uns Lehrern schreibt,
das sollte +jeder+ lesen, der überhaupt über uns und unsere Arbeit
zu sprechen wagt. Er wird dann erkennen, daß die Vorwürfe, die den
Lehrern gemacht werden, deshalb zum großen Teil ungerecht sind, weil
diese selbst nur die unfreien Werkzeuge eines höheren Willens sind.
Ich muß hier Münch selbst zu Worte kommen lassen, denn was er Seite
58 sagt, das ist Wort für Wort zutreffend und wert, laut in die Lande
hineingerufen zu werden.

»Es ist nicht bloß die moralische Situation, die dem Lehrer Gefahr
bringt, sondern auch die physische. Was es heißt, eine Reihe von
Unterrichtsstunden in lebendigem Tempo, mit gleichzeitig voller
Aufmerksamkeit auf den Lehrstoff und seine Entwicklung, auf Form und
Sprache, auf das äußere Verhalten aller der zahlreichen Schüler, auf
die angemessene Heranziehung der einzelnen usw. gut zu geben (und
lässig gegebene Stunden werden immer weniger geduldet und seltener
gefunden), was es auch heißt, sich überhaupt mit vielen Menschen
zugleich in einem inneren Rapport zu fühlen, wie das zwar zunächst
anregend, auf die Dauer aber reizend und überreizend wirkt, wer das
weiß, der wird billiger urteilen, als es üblich ist. Noch sind --
gerade in Preußen und den ihm in Schulsachen sich anschließenden
deutschen Staaten -- den Lehrern auf den höheren Schulen so viel
wöchentliche Unterrichtsstunden auferlegt, daß sie in Verbindung mit
der sehr bedeutenden Vor-, Nach- und Nebenarbeit des Amtes und in
Verbindung namentlich mit den gegenwärtigen Anforderungen an Straffheit
des Unterrichts eine ruhig freie Lebensstimmung nicht leicht bestehen
lassen. Die didaktisch tadellosen Stunden, die man nun verlangt, lassen
sich um so eher verwirklichen, je weniger dicht sie aufeinander folgen
sollen.« (Und doch darf es vorkommen, daß ein einzelner älterer,
zudem kranker Lehrer =unausgesetzt drei Stunden hintereinander=
+Probelektionen+ halten muß!?) »Und ebenso kann jene ruhige und
freie Stimmung, das Erhabensein über alle Gereiztheit, Ungeduld,
Unfreudigkeit eigentlich nur bei einem verhältnismäßig freien, einem
nicht allzu unfreien Leben gedeihen.« Vortrefflich!

»Die Ferien sind natürlich der Jugend wegen eingerichtet, die man doch
noch nicht immer anspornen, einengen und zwingen will, die zu Zeiten
noch sich selbst und ihrem Spiel soll leben dürfen; aber wenn die
Ferien nicht da wären, würden die Lehrer alle an nervöser Überreizung
zugrunde gehen. (Sehr richtig!) Im ganzen würden minder belastete
Lehrer nicht bloß den Stand besser vertreten und heben, sondern auch
als um so viel geeignetere Erzieher sich bewähren. Das Erziehen muß man
nicht fabrikmäßig betreiben sollen. Jetzt kommt bei der Schulerziehung
wirklich viel Fabrikware heraus. (Also doch!) Aber daran sind weder
die Werkmeister, noch die einzelnen Arbeiter schuld, sondern die
Organisation.«

Wenn also zugestandenermaßen die Organisation nichts taugt, so ist es
doch wohl Pflicht, diese Organisation zu ändern. Auch sonst erkenne
ich aus Münchs Buch, obschon es hier und da auch gegen mich gerichtete
Spitzen haben mag, daß er die Berechtigungen unserer Reformvorschläge
vielfach zugibt. Er klagt über ›gigantische Einseitigkeiten‹ und über
die Heftigkeit der Polemik. Man kann ihm getrost in beiden recht geben
und doch bei der alten Taktik verbleiben, die sich bewährt hat. Denn
sie hat schon gute Erfolge zu verzeichnen. Wenn die Presse einem so
festgefügten Organismus gegenüber, wie es unsere staatliche Schule ist,
irgend etwas ausrichten will, so muß sie ihren Angriff mit gesammter
Kraft auf deren schwächste Stellen richten. Daß bei einem solchen
Sturme unnütz viel geschossen und Hurra gebrüllt wird, ist auch ein
Stück allgemeiner Lebenserfahrung, die den weltweisen Münch nicht
verwundern sollte.

Zieht man die Summe seiner so ruhig abwägenden Betrachtungen, so
gewinnt man die unleugbare Überzeugung, daß er im wesentlichen die
Berechtigung unserer Beschwerden anerkennt, daß er seine bedeutende
Kraft gerne mit einsetzt, um bessere Zustände herbeizuführen. In
welcher Tonart ein jeder seine Musik machen will, das überlasse man
getrost seiner eigenen Natur. Besonders würde es nutzlos sein, einen
vor Schmerzen Schreienden darüber freundlich belehren zu wollen, daß er
zu laut sei.

Ich halte es für einen großen Gewinn unserer neuen Zeit, daß man in ihr
wieder Naturlaute zu hören bekommt.

Was mich selbst betrifft, so lege ich mir nur den Zwang auf, den Kampf
nicht ins Persönliche hinübergleiten zu lassen, im übrigen bekenne ich
mich möglichst wahr, ehrlich und ohne jegliche Pose und glaube, so
komme ich am weitesten. Die Gründe werden zwar nicht zwingender, wenn
man sie laut vorträgt, aber sie werden dann doch gehört. Und wenn man
es mit Schwerhörigen zu tun hat, bleibt einem nichts anderes übrig, als
sein Organ anzustrengen.




IV.

Befähigungsnachweis.

        »Heiße Doktor und Magister gar
        Und ziehe schon die dreißig Jahr --«


Meine Leser werden aber gemerkt haben, daß mir trotzdem die Frage
Sorge macht, ob ich, da ich eben »nur« Lehrer und Staats+bürger+,
nicht Staats+mann+ bin, auch den Beruf dazu habe, in einer so ernsten
nationalen und politischen Angelegenheit öffentlich zu sprechen und
Kritik zu üben. Daher mein vielleicht vergeblicher Versuch eines
Befähigungsnachweises. Der Deutsche braucht einen solchen, sonst ist
ihm selbst nicht wohl und sicher zumute. Es ist das ein Stück deutscher
Gewissenhaftigkeit, die sich freilich ins Philisterhafte und ins
Chinesentum auswächst. Man empfindet auch das Lächerliche und Hemmende
dieses Zustandes immer deutlicher und gibt ihm lauten Ausdruck.

»Leider ist es ja wahr,« sagt +Heinrich Steinhausen+, »daß immer noch
Menschen unter uns etwas sein und etwas bedeuten wollen, die keine
Berechtigungs- und Abgangszeugnisse aufzuweisen haben, wie das jüngst
von Literaten, Schriftstellern, überhaupt Federherren bekannt geworden
ist. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und die ist und bleibt: Ohne
Schein kein Sein, ohne Schule kein Schein, also ohne Schule kein Sein,
sondern das Nichts. Dieser Schluß ist demantfest.« Immer wieder,
schreibt die »Neue freie Presse« in Wien, wird der Versuch gemacht,
den Spielraum des Talents durch Befähigungsnachweise einzuengen,
durch ein System von Prüfungen, durch einen geregelten Stufengang.
Der Gewerbsmann will durch die Kautelen des Befähigungsnachweises
sich den Konkurrenten vom Halse schaffen, den Lebenskampf, in dem nur
der Tüchtigste besteht, mildern. Der Staat erzieht sich durch ein
kompliziertes System von Prüfungen seine Beamten, schreibt ihnen den
Studiengang vor und läßt sie langsam von Stufe zu Stufe vorrücken. Das
Leben wird reglementiert und in bestimmte Ordnungen gezwängt. Aber es
gibt etwas, was stärker ist als alle diese Beschränkungen: das ist das
Talent. Es braucht einen gewissen Spielraum zu seiner Entwicklung, es
gedeiht am besten in der Freiheit, mitten im vollen Leben. Gerade die
stärksten Talente werden den Drang in sich fühlen, von den markierten
Wegen des Lebens abzuweichen und sich durch Gestrüpp und Wildnis einen
Weg zu bahnen. Dieser Kampf mit dem Leben, dem man Aug ins Aug blickt,
diese Auserprobung aller Kräfte, dieses mutige Ringen erzieht kräftige,
energische, kühne Menschen, und solche sind es, die das moderne Leben
braucht, dessen Schauplatz so weit geworden ist, dessen Aufgaben so
groß und mannigfach sind.

Wir verlangen aber in Deutschland nach wie vor, daß einer erst seine
+Papiere+ vorzeige, ehe wir ihn hören und ihm glauben wollen. Die
Amerikaner tun das nicht und kommen damit schneller voran. Sie sehen
sich den Mann, sehen sich seine Arbeit an und danach urteilen und
entscheiden sie.

Keine Frage, daß unser ganzes Berechtigungswesen veraltet und verzopft
ist. Dabei wuchert es aber gerade jetzt in beispielloser Üppigkeit.
Es werden dadurch eine Menge bester Kräfte lahmgelegt und -- was
vielleicht noch schlimmer ist -- es werden die durch ihre Examen
Privilegierten unmäßig überschätzt und dadurch zu selbstbewußt und viel
zu einflußreich.

Aus allen Berufsklassen bleiben fähige Köpfe allein deshalb
ausgeschlossen, weil sie den üblichen Instanzenweg der Fachbildung
nicht durchgemacht haben. Überall steht ihnen der anspruchsvolle
Fachmann im Wege, der seine Zeugnisse und sonstigen Papiere in Ordnung
hat, dabei aber eine Null sein kann, eine dicke, fette, korrekte,
runde Null, und oft auch ist. Die Abgestempelten sind nicht immer
die wahrhaft Großen. Es läßt sich auf jedem Gebiete des Kulturlebens
nachweisen, daß es in der Regel die Außenstehenden, die Nichtfachmänner
sind, die den Fortschritt bringen. Sieht man z. B. die Geschichte
der Pädagogik durch, so findet man das mit Staunen bestätigt. Die
Bahnbrecher waren fast sämtlich ungeprüfte Leute, ohne Staatsexamina,
ohne »Fakultäten«, überhaupt ohne eine amtliche Lehrberechtigung. Man
denke an Hume, an Rousseau, denke vor allem an Pestalozzi. Dieser
seltene Mann, der Theologe, dann Jurist werden wollte, es später
als Landwirt versuchte, rief erst im vierzigsten Lebensjahre das
entscheidende Wort: »Ich will +Schulmeister+ werden!« -- Keine Behörde
im heutigen Deutschland würde eine solche »gescheiterte Existenz« mit
irgendeinem Lehramte betrauen. Er müßte sein Heil als Literat versuchen
und würde auch da schwer Gehör finden, schon weil er keine Examina
hinter sich hat.

Heute verzeihen es die waschechten Zünftler dem Literaten nicht, daß er
im großen Stile über Erziehung zum deutschen Volke zu sprechen wagt,
wenn er vorher »nur« Volksschullehrer war. Der echte Fachmann belächelt
solchen Übermut und weist den Gedanken weit von sich, als könne er von
einem solchen Menschen etwas lernen. Die Folge ist, daß der selfmademan
-- außer auf dem rein wirtschaftlichen Gebiete -- fast gar nicht
vorkommt. Jammerschade! Denn das sind die Besten! Da kommen wir wieder
auf unsere Mannhaftigkeit. Es ist unmännlich, feig und kurzsichtig,
daß wir stets »Schriftliches« verlangen, um einen Menschen gelten
zu lassen. »Auch noch Geschriebenes forderst du Pedant?« Der beste
Befähigungsnachweis ist die Tat.

+Maximilian Harden+ war Schauspieler. Darauf wurde er Literat. Auf
diesem Boden herrscht noch gottlob freie Konkurrenz. Da kann sich
ein Talent seinen Platz noch selbst bestimmen, braucht sich nicht
von irgendeinem breitschultrigen Vordermann Licht und Luft und alle
Entwicklungsmöglichkeiten rauben zu lassen. Von der Kunstkritik ging er
über zur Politik. Heut ist er eine Macht auf beiden Gebieten. Wer hat
ihn dazu gestempelt?

Seine Worte finden Widerhall in ganz Deutschland und darüber hinaus.
Wen er haßt, der sorge dafür, daß er nur bald in Sicherheit komme,
sei er ein Dichter oder ein Minister. Natürlich wurde auch ihm von
den zünftigen Zeitungsschreibern arg zugesetzt, aber sie hatten doch
keine gesetzlichen Mittel, diesen »Eindringling« von einer Tätigkeit
auszuschließen, zu der er -- wenn einer -- den +inneren+ Beruf hat.
Anfangs witzelte man natürlich über den »frechen Preßbengel« --
Mannhaftigkeit gilt bei uns bekanntlich als Frechheit -- jetzt sehen
wir ihn umworben von all den Mächten, die man als »tonangebend,
maßgebend, autoritativ« oder wie sonst ehrend bezeichnet.


+(Große Ursachen -- kleine Wirkungen.)+

Was uns Harden jüngst mitgeteilt hat, das war für mich mitbestimmend,
ja geradezu entscheidend für diese Schrift. Mit Schaudern las ich
nämlich die Enthüllungen über die Amtstätigkeit des Herrn +von
Holstein+. Da erfuhren wir, daß ein dem deutschen Volke unbekannter,
aber amtlich abgestempelter Mann im Ministerium saß und von da aus
das Wetter in Deutschland und Europa machte. Er wünschte auch Krieg
mit Frankreich, meinte, daß die Marokkofrage zum Ausbruch Gelegenheit
bieten müsse und arbeitete höchst gefährlich auf dieses Ziel hin. Ein
dunkler Ehrenmann, nein, ein Giftmischer, der sich

    »in Gesellschaft von Adepten
    In die schwarze Küche schloß,
    Und nach unendlichen Rezepten
    Das Widrige zusammengoß.
    -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
    Hier war die Arzenei --
    Die Patienten starben,
    Und niemand fragte, wer genas.

So hat dieser Mann

    -- -- mit höllischen Latwergen
    In diesen Tälern, diesen Bergen
    Weit schlimmer als die Pest getobt.«

Diesem Manne also hätten wir beinahe einen Krieg mit den verbündeten
Engländern und Franzosen zu danken! So Ungeheuerliches wagt bei uns ein
angeblich dazu »Beamteter«!

Gut, sagte ich mir, wenn es in Deutschland möglich ist, daß ein
einzelner Mann das Leben und Lebensglück von Hunderttausenden, den
Bestand unseres Reiches und unseres ganzen Volkes so leichtfertig
aufs Spiel zu setzen wagt, wenn er sich durch seine Examina und
seine amtliche Tätigkeit den »Befähigungsnachweis« zu einem solchen
Verbrechen glaubt erworben zu haben, dann kann ich wahrhaftig mit gutem
Gewissen einer Entwicklung unseres öffentlichen Lebens entgegentreten,
die solche Gefahren erst möglich macht und aufkommen läßt. Oder muß man
sich seine Vaterlandsliebe und das Recht, sie zu betätigen, auch erst
auf dem Amte bestätigen und abstempeln lassen?




V.

Bedürfnisfrage.

        »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los,
        Wer legt noch die Hände jetzt feig in den Schoß,
        Pfui, über dich Buben hinter dem Ofen,
        Unter den Schranzen, und unter den Zofen --
        Bist doch ein ehrlos, erbärmlicher Wicht!«

          Körner.


Viel wichtiger als der Befähigungsnachweis ist die Bedürfnisfrage.
Als Bismarck ging, war Frankreich isoliert, heute ist es Deutschland.
Der Dreibund hat seine Bedeutung verloren. Darin stimmen alle unsere
Politiker, die ein freies Wort wagen, mit bedauerlicher Einstimmigkeit
überein. Da man mich als Politiker vielleicht nicht anerkennen wird, so
lasse ich andere sprechen, deren Urteil mir am schwersten wiegt, deren
Voraussagen ihr Urteil bisher am besten bestätigt haben. Ein solcher
ist nach meinen Beobachtungen +Carl Peters+. Ich lese regelmäßig
seine wertvollen politischen Aufsätze, die »+Die Finanz-Chronik+«,
Wochenschrift für finanzielle und wirtschaftliche Interessen, in
London erscheinen läßt, und bedauere stets von neuem, daß unserem
Staatsdienste seine bedeutende Kraft entzogen ist.

Er schreibt am 1. September: -- »Der Schwerpunkt der großen
Entscheidungen hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr von
Berlin nach London verlegt. In der europäischen Politik ist die
englisch-französische Entente cordiale jetzt der Rocher de bronze.
-- -- Sie ist heute fester als je. -- -- Die vereinten Westmächte
planen, zurzeit wenigstens, keinen Angriffskrieg gegen uns. Aber
sicherlich ist es unbequem für die deutsche Politik, daß wir gegen
Westen das alte gute ›divide et impera‹ so gar nicht mehr anwenden
können. Die Algeciras-Konferenz ist ein kleines Vorspiel für das, was
wir in der kommenden Zeit von internationalen Kongressen zu erwarten
haben: ›Einer gegen alle‹ ist stets ein gefährliches Spiel. -- -- Eine
Umwandlung der konservativ-slawischen Großmacht in einen liberalen
oder gar republikanischen Staat wäre eine direkte Gefahr für unsere
internationale Stellung. -- -- Erst ein +konstitutionelles+ Rußland
wird Ernst machen mit der französischen Allianz und mit der britischen
Entente. Deshalb war das Wort des britischen Premierministers: ›la
Douma est morte; vive la Douma!‹ kein bloßer Einfall, sondern ein
wohlüberlegter staatsmännischer Akt. -- -- Damit wäre dann die
Isolierung Deutschlands eine vollendete Tatsache; und unsere Feinde
könnten anfangen, von einem Angriffskrieg gegen uns zu träumen. -- --

Diesen Möglichkeiten und Gefahren gegenüber haben wir im wesentlichen
nur unsere eigene Wehrkraft. Fortdauernd bleibt der alte
Friedericianische Grundsatz für uns bestehen: ›toujours en vedette‹;
oder, wie Kaiser Wilhelm es faßte: ›Wir müssen unser Pulver trocken
halten‹. Das Deutsche Reich, solange es sich selbst treu bleibt, ist
so stark, daß selbst das vereinigte Europa es sich zweimal und dreimal
überlegen wird, darüber herzufallen. Und wenn das +Germanentum+ (?)
einer Koalition aller Weltmächte gegenüber treten müßte: unter allen
Umständen würde das Ende stolz und ruhmvoll sein. Und was will eine
Nation schließlich mehr! Das Dasein als solches ist nicht gerade ein
absolutes Gut, für die Völker ebensowenig wie für die einzelnen.«

All dem muß man leider als richtig zustimmen, nur dem Schlußgedanken
nicht, daß Deutschland nicht mehr zu wollen habe, als ein stolzes und
ruhmvolles Ende.

Soviel aber ist gewiß. Unsere Zukunft hängt allein von +unserer
Kraft+ ab. Wir stehen allein, und nur Eintracht und Mannhaftigkeit
können uns beschützen. Damit ist auch die Bedürfnisfrage für eine
Erziehung zur Mannhaftigkeit schon beantwortet. Man könnte höchstens
sagen, es geschähe schon alles Notwendige, es könne sich nur um eine
gewissenhafte Beibehaltung unserer »altbewährten« Praxis handeln.
Darauf ist zu antworten, daß sich diese Praxis eben zu unserem
Herzeleid nicht bewährt, jedenfalls nicht in vollem Umfang bewährt.

Es kommt nicht allein darauf an, daß wir im Kampfe auf Leben und Tod
unseren Mann stehen, sondern viel wünschenswerter ist es, daß wir es
als ein starkes Volk gar nicht so weit, zu einer solchen nationalen
Pferdekur, kommen lassen. Mit dem »rühmlich Untergehen« hat es noch
Zeit, das pressiert nicht. Wir wollen doch lieber rühmlich +leben+. Tun
wir das, dann wird uns und anderen der Gedanke an einen Niedergang oder
Untergang gar nicht kommen. Der Starke will vom Sterben nichts hören.
Erst wenn es einem hier und da zu zwicken anfängt, stellen sich die
Todesgedanken ein.

Weshalb waren wir denn zu +Bismarcks+ Tagen so lebensfroh und
lebenszuversichtlich? Wir hatten damals kein größeres Heer, keine
größere Flotte, keine besseren Waffen, von allem das Gegenteil, aber
wir hatten dafür etwas, was alles andere aufwiegt, wir hatten +große
Männer+ an der Spitze. Jetzt erkennen wir am eigenen Staatsleibe,
was ein Mann vermag, was wahrer Manneswert bedeutet: die Geschichte
enthüllt es immer deutlicher, daß das Deutsche Reich die Schöpfung
fast des +einen+ Bismarck ist und lehrt uns wieder mit eindringlicher
Sprache, daß es nicht die Massen, nicht Konferenzbeschlüsse und
politische Organisationen sind, sondern daß es vor allem der klare
Wille +einzelner+ Männer ist, der die Welt vorwärts bringt.

Wichtiger noch als Anschaffung neuer Gewehre und neuer Kriegsschiffe
ist tatsächlich eine Erziehung der Jugend zur Mannhaftigkeit. Darin
hat unser Kaiser recht. Zur Mannhaftigkeit aber in +dem+ Sinne, daß
sie freidenkende, selbständig handelnde und mutvoll ihre Überzeugung
wagende Männer werden. Wir haben in Deutschland zuviel »Jasager«, zu
viele in ihrer Jugend schon gebrochene Existenzen, zu viele treue
Diener, zu viele »brave« Beamte, zu wenig Männer.

Hätte Bismarck sich mit dem Ruhme begnügt, ein gehorsamer Fürstendiener
zu sein, so hätten wir kein Deutsches Reich. Alle großen Fortschritte
der preußisch-deutschen Entwicklung hat er seinem mit Hingabe geliebten
königlichen Herrn +abtrotzen+ müssen. Wir haben die Überzeugung, daß
heute kein Mann in Deutschland lebt, der ihm in gleicher Stellung einen
solchen Mannesstolz nachleben würde. Das ist der springende Punkt! Im
Felde versagt kaum einer.

Es leben im deutschen Heere »Leonidasse« und »Pelopidasse« zu
Dutzenden, zu Hunderten, ja, ich glaube, zu Tausenden. Sprechen wir
doch nicht weiter von einer Tugend, die auch den Mamelucken ziert! Es
handelt sich um etwas viel Höheres, als um brutale Gewalt, als um den
Mut der Verzweiflung eines in seiner Existenz bedrohten großen Volkes.

Wer in dieser Hinsicht eine Kraftprobe mit unserem Volke wagen will,
der wird sein blaues Wunder erleben. Aber bei Hof, in den »Ämtern« und
in den Parlamenten vermißt man immer schmerzlicher, mit immer lauteren
Klagen die Bismarck-Naturen, ja, selbst solche Leute, die Männer
wachsen lassen.

Er hat leider wenig Schule gemacht. Genie läßt sich freilich nicht
vererben, aber er selbst meinte, daß man in seinem Hause doch
wenigstens ein »bißchen Vornehmheit« hätte lernen müssen. Was er
darunter verstand, ist leicht ersichtlich: vor allem eben doch
Mannhaftigkeit, ein offenes, ehrliches, freimütiges, tapferes Wesen,
nicht etwa jene glatte gesellschaftliche Politur, jenes gleißende
Nichts, das Walther von der Vogelweide sehr treffend als »geliehene
Zucht« bezeichnete.

Man führt uns immer wieder auf den Wahn, als ob sich der Mannhafte
nur mit Flinte und Säbel bewähren könne. Ich habe so manchen Ritter
des Eisernen Kreuzes als Subalternbeamten kennen gelernt, der nichts
mehr von einem Helden an sich hatte, wohl aber jenen Blick und jenes
Benehmen, das uns an einen homerischen Vers erinnert (Il. I, 225). Es
ist viel leichter, einen Befehl ausführen, dem Willen eines anderen
folgen, als sich seine eigenen Gesetze schreiben und mit diesen zur
Not einem höheren Willen auch trotzen. Wir finden viele Tausende, die
ohne Zögern eine feindliche Stellung stürmen helfen, aber nur wenige
darunter, die ihrem Chef offen ihre Überzeugung ins Gesicht sagen. Ja,
was gäbe mancher Subalterne dafür, wenn er seinen Geheimrat einmal vor
die Pistole laden dürfte! -- Ihm aber widersprechen? Lieber nicht. Man
hat Weib und Kind, ein Avancement steht in Aussicht, nächstes Jahr ist
man mit dem Kronenorden an der Reihe, man mag sich doch nicht von allen
Kollegen verachten lassen. Also, -- nieder mit dem Ärger, und wenns
eine Gallenkolik gibt! Lieber nichts merken lassen, still seinen Dienst
tun, Zufriedenheit und Zustimmung heucheln. »Was ich nicht weiß, macht
mich nicht heiß.« Man tut halt seine sog. Pflicht und sieht nicht nach
rechts und links ... Oller tüchtiger Beamter!

Ein Fabrikarbeiter kündigt und geht seiner Wege. Wohin soll der
entlassene Beamte gehen? Es gibt für ihn kaum einen anderen Weg als den
ins Elend.

Derselbe Geist herrscht überall, wo der Staat der dienstgebende Herr
ist. Also auch in der Schule für Lehrer und Schüler.

»Das ist ja eben«, wird man mir zurufen »die hohe, sittliche, bildende,
erziehliche Kraft des Staates! Wehe dem, der daran rüttelt! Das sind
die Säulen, die unser Reich tragen, das ist die hohe Schule der Zucht
und Ordnung. Dadurch ist Preußen und Deutschland groß geworden: das
allein kann uns auch in Zukunft erhalten. Das ist unsere Macht, unser
Stolz, darum beneiden uns alle Nachbarstaaten, das ist der Fels, an dem
alle Bemühungen der Wühler, Nörgler, Aufhetzer, all der gewissenlosen
offenen oder versteckten Vaterlandsfeinde elend scheitern werden.«

Ich kenne all diese Behauptungen so gut, weil ich sie selbst
lange vertreten habe und sie jetzt von den »Stützen von Thron
und Altar« ja täglich wieder hören muß -- in allen Tonarten vom
freundlich-belehrenden Piano bis zum polternden Furioso, selbst in
erregt vibrierendem Prophetentone mit dem Posaunenklang des jüngsten
Gerichtes.

»Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.«

Ob unsere nationale Erziehungspraxis im weitesten Sinne gefaßt
eine Reform braucht, darüber ist allein unser Volk in seiner
Gesamtheit Richter. Und dieses unser Volk spricht immer lauter, immer
vernehmlicher seine Unzufriedenheit über den herrschenden Geist unseres
öffentlichen Lebens aus, fordert immer lebhafter, daß auch die Schule
eine geistige Verjüngung herbeiführen helfe.

Dagegen begnügten sich bisher viele mit der wohlfeilen Auskunft, daß
die Unzufriedenheit nur ein Kunstprodukt sei, erzeugt durch Verhetzung
der urteilslosen Massen von selten gewissenloser Agitatoren. So
denkt vielleicht noch heute der ostelbische Agrarier, so denken
unsere »korrekten« Behörden, so denkt der Adel und die ihm verbündete
orthodox-konservative Partei. Diese lernen auch aus der Geschichte
nichts und wollen aus ihr nichts lernen, selbst wenn sie eine so
eindringliche Sprache spricht wie jetzt in Rußland.

Es wird also gut sein, sie über das aufzuklären, was unser Volk -- und
nicht gerade die Schlechtesten unseres Volkes -- jetzt beunruhigt, und
was zu Reformen an Haupt und Gliedern immer unaufhaltsamer drängt.

Wir beobachten mit steigender Sorge das Anwachsen der Menge von
wirtschaftlich und auch innerlich gebrochenen Menschen, die nicht
mehr die Kraft, den Mut und den Trieb haben, nach eigener Bestimmung,
eigener Überzeugung, eigenen Idealen zu leben. Wir sehen trotz aller
Fortschritte im wirtschaftlichen Leben »eine ungeheure Rückständigkeit,
sehen in Kirche und Schule eine schlimme Geistesverkrüppelung«, im
Rechtswesen das Gegenteil von dem, was Geheimrat Prof. Dr. +Gierke+
unserem Kaiser vortrug, daß nämlich »in der Tiefe des Volksgemütes
ein felsenfestes Vertrauen auf die Gerichte unerschüttert« sei,
wir sehen, daß die aufrechten und wahrhaften Männer immer weniger
zu Wort kommen, daß auch in der Presse Überzeugungstreue und
Mannhaftigkeit immer mehr schwinden, um einer glatten und bequemen
Gesinnungslosigkeit das Feld zu räumen; sehen eine unheilvolle Trennung
des im Formalismus und Bureaukratismus versinkenden amtlichen Lebens
vom Privatleben; sehen eine gerade von den herrschenden Kreisen
ausgehende Verflachung des Daseins, die unsere Offizierkreise und das
feudale Korpsleben zuerst erfaßte und dann immer tiefer auch in die
Beamtenkreise und in das begüterte Bürgertum eindrang, sehen eine
von den Regierungen begünstigte Klassenwirtschaft, eine gefährlich
anwachsende Zersplitterung unseres Volkes nach Konfessionen, Ständen
und Kasten, sehen ein unheilvolles Regiment des Buchstaben und der
Paragraphen eifrig bei der Arbeit, alles geistige Leben zu nivellieren,
alle Persönlichkeit zu erdrücken. Die Menschen werden zu Maschinen
herabgewürdigt, werden als Nummern in zahllosen Akten und Listen
geführt, werden herz- und geistlos nach »Schema F« abgefertigt. Ein
Wald von Vorschriften engt unser Leben ein und wir drohen unter
Aktenpapier und in Tintenfluten zu ersticken. Alles das ertragen wir
mit wachsendem Unwillen.

Wir sehen, um mit Tacitus zu sprechen, unser Volk in die Knechtschaft
hinabgleiten. Byzantinismus, unmännliche Ergebenheit Würden und Titeln
gegenüber, Bewunderung des äußeren Scheines, protzenhaftes Verachten
aller tiefliegenden geistigen und ethischen Schätze und bei allem
großtuerischen Gebahren in entscheidenden Stunden doch Verzagtheit
und Feigheit. Wir haben den Eindruck, daß unsere Kultur krank, zumal
daß jene berühmten »Stützen« innerlich hohl sind, wir sehen, daß dem
Rechtsbewußtsein, dem Wahrheitsbedürfnisse, dem Entwicklungstriebe
unseres Volkes von seiten der Regierungen und Behörden
entgegengearbeitet wird. Wir beklagen es bitter, daß die Regierung das
Volksempfinden unausgesetzt verletzt.

Während unser Volk nach Aufklärung, nach Befreiung aus überlebten
Geistesfesseln ringt, wird ihm von der Regierung und einem
Klassenparlamente ein reaktionäres Schulgesetz aufgenötigt, das
»unsere Lehrer durch die mittelalterlichsten Verordnungen zu besseren
Drahtpuppen macht«. Wir sehen, daß ein Kultusminister, den man ohne
Widerspruch in der Presse »den Feind jeden Fortschrittes, den König
der Dunkelmänner, den unvolkstümlichsten und volksfeindlichsten aller
Minister« (Das Blaubuch 1906 Nr. 34) nennt, von unserem Kaiser sogar in
den Adelstand erhoben wird.

Immer weniger kommt in einem Parlamente, das nur den Großgrundbesitzern
und der Geistlichkeit zu Willen ist, der Wunsch unseres Volkes zum
Ausdruck. Es ist, als triebe man »oben« geflissentlich das, was man
in Österreich als »Justement-Politik« bezeichnet: »Ihr wollt für das
Abgeordnetenhaus eine Wahlreform? Wollt darin auch den Mittelstand, den
Arbeiterstand, die Intelligenz vertreten sehen? An die Gewehre! Laßt
Kanonen auffahren!«

»Die Studenten rufen nach akademischer Freiheit? Gut, aber auch die
katholischen Korporationen sollen die Freiheit haben, den Geist der
Freiheit zu zerstören. »Ihr Lehrer wollt Aufklärung? Nun gerade nicht!
Zurück in eure Seminare und unter geistliche Zucht!«

Nirgends beobachten wir einen Fortschritt unseres Volkes zu politischer
Selbständigkeit. Im Gegenteil, wir entwickeln uns rückwärts auf einer
Bahn, die zum Absolutismus führt. Immer lauter wird deshalb der Ruf
nach Männern, die uns erlösen sollen.

Gibt es in Deutschland denn nur noch Hofschranzen, Ordensjäger,
Karrieremacher, Streber, Gedankenlose und Untertanen? Haben wir
keinen freien +Bürgerstand+ mehr? Aber das Unerträglichste wird
schon schweigend hingenommen. Paraden, Gedächtnisfeiern und anderes
Schaugepränge müssen uns ein Glück vorgaukeln, das unserem Herzen fremd
ist. In den wichtigsten Fragen, die unser Volk im Innersten seines
Wesens treffen, versagt die Mitarbeit der sog. Intelligenz. Man ist
angeblich zu guter Patriot, um der Regierung Schwierigkeiten zu machen,
in Wahrheit fehlt es an Überzeugungen und an Mannhaftigkeit; es fehlt
an dem Willen zur Macht.

Unser gutes deutsches Volk ist schon in Grund und Boden regiert. Das
sind die Früchte unserer sog. guten Erziehung, die man so ehrend gar
nicht benennen dürfte. Nicht Erziehung, sondern Abrichtung! Abrichtung
zu stillen Untertanen und untertänigen Beamten. Von Kindheit an zum
Schweigen erzogen, zum sog. Anstand, der zumeist gleichbedeutend
mit Charakterlosigkeit ist, zur Botmäßigkeit, zur Bewunderung der
»vorgesetzten« Einsicht, zum Gehorsam gegen all die staatlichen
Machthaber in den Schulen, im Heere, auf dem Amte und der Polizei, und
stets geduckt vor Höherstehenden, die den Bestand des Geldbeutels, die
soziale Stellung, die öffentliche Wertschätzung des Mannes durch Gunst
oder Ungunst eigenmächtig bestimmen! Dazu kommt dann die Kirche, die
unter Berufung auf: Römer Kap. 13, 1 (»Eine jegliche Seele sei den
höheren Gewalten untergeben; denn es gibt keine Gewalt, außer die von
Gott. Die es aber gibt, die sind von Gott geordnet. Wer demnach der
Gewalt widersteht, widerstehet Gottes Ordnung.« Vgl. Rußland!) stillen
Gehorsam gegen die »Obrigkeit« predigt und die Feigheit noch mit einem
Glorienschein umstrahlt.

Als Bismarck das stolze Wort sprach: »Wir Deutsche fürchten Gott, sonst
nichts in der Welt«, gab er der Tatsache wahren Ausdruck, daß wir
keinem äußeren Feinde im Felde weichen würden.

Nach seinem Rücktritte aus dem Amt wird er seine Meinung wohl
eingeschränkt haben. Wir Deutschen fürchten außer Gott, ja oft mehr als
Gott, unsere Vorgesetzten und das Urteil unserer Umgebung. Wir fürchten
Konflikte mit den Behörden, mit den Gerichten, mit der Polizei,
fürchten die Ungnade der »Maßgebenden«, fürchten die Kritik unserer
Berufs- und Standesgenossen, fürchten uns sogar vor der Konsequenz
unserer eigenen Gedanken und ziehen uns lieber scheu in das Faulbett
des Herkommens zurück, als daß wir den Kampf in dem Staube der Arena
wagten.

Die notwendigsten Schlachten auf dem Gebiete des Geisteslebens bleiben
deshalb ungeschlagen, weil sich nicht genug Kämpfer dazu bereit finden.
Uns erschreckt die Riesenaufgabe, daß wir uns eine neue Welt der
Gedanken aufrichten müssen. Wir flicken lieber ängstlich an dem alten
Bau, als daß wir beherzt zu einem Abbruch und zu dem Neubau des neuen
Hauses schritten. Uns hält die Scheu vor der Tradition, die Rücksicht
auf alte, zu alte »Ideale« und ihre alten Vertreter, eine unmännliche
Pietät davon ab, das Gestrige abzutun und heute zu leisten, was uns
der Tag gebietet. Wir können eine Scheinkultur nicht sterben lassen,
die nur mit Kunstmitteln noch ihr mattes Dasein fristet.

Wie werden unsere Söhne später über uns urteilen? Ich fürchte, wir
werden schlecht vor ihnen bestehen.

Wir fühlen ja selbst schon mit Beschämung, wie uns der Wille und die
Kraft entschwunden sind, als ein selbstherrliches, mannhaftes Volk
unsere Geschicke selbst zu bestimmen. Wir lassen uns regieren und
benutzen nicht einmal die uns verfassungsmäßig zustehenden Rechte zur
Mitarbeit. Das ist Pflichtversäumnis, denn Rechte +sind+ zugleich
Pflichten.

Bei der neuen preußischen Schulvorlage fielen die höheren Lehrer fast
ganz aus. Höchst achtbarer Beamtengehorsam und das Bewußtsein, was sie
sich als akademisch Gebildete schuldig sind, mag sie zu besonnener
Zurückhaltung begeistert haben. Das wird sich an ihnen vielleicht noch
rächen; denn man wird im Volke aufhören, sie als Vorkämpfer unserer
geistigen Kultur zu schätzen. »Res ad triarios venit!« würde Cäsar
sagen. »Die Volksschule vor!« so lautete auch der Schlachtruf. Kampf
und Ehre wird also den Herren »Elementarlehrern« allein zufallen.

Erst spät, zu spät, um zu wirken, traten Herren der Hochschule noch ins
Feld.

»+Sind denn die Gneist und Mommsen ganz ausgestorben?+« fragte mit
Verwunderung Prof. +Paul Natorp+ (Marburg) in der Frankfurter Zeitung,
»geht die Staatsrechtslehrer, die Geschichtslehrer die Sache etwa
nichts an? Spüren unsere freigesinnten Theologen nicht, wie sehr die
Richtung dieses Entwurfs auch ihrem ganzen Bestreben an den Hals geht?
Kann irgendeiner, dem die ›Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre‹
mehr als eine Phrase ist, gleichgültig zusehen, daß die Mächte, die
von jeher deren ergrimmteste Gegner gewesen sind, mit dem Durchgehen
dieses Entwurfs einen gewaltigen, vielleicht entscheidenden Sieg
erringen würden? Oder ist man so kleinmütig geworden, daß man fürchtet,
unser einmütiges besonnenes, aber unverblümt deutliches Wort werde
im Volke angehört verhallen? +Sind nicht die Lehrer der Volksschulen
unsere Brüder, unsere nächsten Arbeitsgenossen? Können wir vor der
Geschichte die Verantwortung tragen, sie auch jetzt wieder im Stich
gelassen zu haben? Empfinden wir nicht, daß wir durch Schweigen uns
zu Mitschuldigen machen? daß wir die Folgen eines solchen Sieges der
Lichtfeinde zu allererst zu spüren bekommen werden?+ Unsere Hochschulen
haben soeben, in im ganzen löblicher Tendenz und erfreulicher
Einmütigkeit der Lehrenden und Lernenden, um die ›akademische Freiheit‹
gekämpft; soll die Freiheit ein Privileg der Hochschulen sein? und
steht nicht das, worum wir gestritten haben, in höchster Gefahr, wenn
erst die größte Provinz des nationalen Bildungswesens sozusagen ohne
Schwertstreich in die Hand des Gegners gefallen ist, dessen offen
erklärtes, mit zäher Energie und unleugbaren Erfolgen schon längst
verfolgtes Ziel die Konfessionalisierung auch der höheren Schulen und
der Universität ist?«

Lange meinte ich, meine schlechte Stimmung könnte eine persönliche
Schwäche sein: geistige Überanstrengung, dienstlicher Verdruß,
gestörte Verdauung, schlechter Schlaf, heruntergekommene Nerven. Aber
ich empfing, als ich zum ersten Male meine Klagen laut werden ließ,
tausendfach ermutigenden Zuspruch. Ich sehe seitdem, daß selbst meine
Widersacher verstummen, daß selbst die Klarsichtigsten in immer
wachsenden Kreisen meine Mißstimmung und Besorgnis teilen.

Ich muß auch hierfür Zeugnisse beibringen, sonst beliebt man
vielleicht, mir diese Tatsache einfach abzuleugnen. Es genügte freilich
auf das +Türmer-Jahrbuch+ zu verweisen, das ein ehrlicher Spiegel der
öffentlichen Meinung ist, oder auf die »+Zukunft+«, die seit Jahren,
eher als alle anderen, den Niedergang angezeigt hat. Am 14. Juli 1906
lesen wir dort:

»Das unbehagliche Gefühl, spottschlecht regiert zu werden, die Furcht,
von schwer erklommener Höhe mählich herabzugleiten, schleicht von Mond
zu Mond schneller durchs Land, und die Presse, die nicht aufhören
möchte, Ausdruck der öffentlichen Meinung zu sein, darf sich nicht
länger sträuben, der Drängnis eine Zunge zu leihen. Ich will«, fährt
Harden fort, »nur +fromme+ Stimmen zitieren; nur aus den letzten
Tagen: »Das Maß, in dem die verantwortlichen Männer ihre Haltung nach
den Wünschen und Anschauungen des Staatsoberhauptes orientieren, geht
gelegentlich über das Notwendige, Richtige und Nützliche hinaus.
Dadurch wird nicht nur die Stellung der Minister, das Ansehen der
Regierung und schließlich die Staatsautorität geschädigt, sondern
direkt gegen den Geist des konstitutionellen Systems verstoßen, +das
selbstbewußte Männer an den verantwortlichen Stellen verlangt. Aus
Männern mit eignen Gedanken, eigenem Wollen werden Handlanger eines
höheren Willens. Das Staatsgefühl geht zurück und mit ihm, trotz aller
hohen und hohlen Worten, die innerliche Achtung vor dem Staat.+«
(Hannoverscher Courier.) »Der Kaiser wird über die Einzelheiten der
innerpreußischen Politik in so mangelhafter Weise unterrichtet, daß
für die Zukunft die ernstesten Besorgnisse berechtigt sind.« (Tägliche
Rundschau.) »Der Kaiser zwei Tage lang in Hamburg, als Taufpate und als
Schiffsprediger, als Kriegsherr und als hoher Gönner des Rennsports,
immer um die Elbhöhe herumgefahren und dem Standbild Bismarcks keinen
Besuch abgestattet! Millionen treuer Söhne ihres Vaterlandes werden
peinlich und schmerzlich empfinden, daß dies möglich werden konnte.«
(Deutsche Stimmen, Wochenblatt für die nationalliberale Partei.)
»Man wird mit Fug erklären dürfen, daß die Bevölkerung der vielen
umfangreichen Mitteilungen über Reisen und Reden der Fürsten allgemach
müde wird. Es wäre daher kein Unglück, wenn politische Fürstenbesuche,
die sich in den letzten Jahren allzu oft wiederholt haben, einmal
geraume Zeit unterblieben. Man ist so ziemlich überall zufrieden, wenn
sie vorüber sind, ohne einen Mißklang erfahren oder zurückgelassen zu
haben.« (Vossische Zeitung.)

»Endlich!« ruft Harden aus und fährt mit der gleichberechtigten
Bemerkung fort: »Wäre vor sechzehn Jahren so gesprochen worden, dann
sähe es im deutschen Land heute besser aus. Jetzt genügen so sanfte, in
Watte gewickelte Andeutungen nicht mehr. Bleiben auch allzu vereinzelt.
Morgen wird da wieder Weihrauch gespendet, wo sich gestern kritisches
Bestreben zeigte. Jetzt muß so ernst, so vernehmlich gesprochen werden,
daß keine Möglichkeit eines Mißverständnisses bleibt. So, wie es bisher
war, kann's nicht weitergehen. Die ganze Methode unserer Politik muß
geändert werden. Schnell; jede Woche häuft neue gefährliche Fehler.«

Stets die gleiche Klage, daß es an +Männern+ fehlt. So schreibt +H.
Ilgenstein+ im »Blaubuch« 1906, Nr. 34:

»Was uns nottut, das ist eine Revolution der Geister, ein Erwachen,
ein Wille, eine Kraft. Man tue sich (in gesetzmäßiger Weise)
allenthalben zusammen! Man verkünde allerorten, daß man sich für einen
Minister bedankt, der bei längerer Tätigkeit denn doch dem Lande eine
ernste Gefahr bedeutet. Herr von Studt kommt in das Haus, in dem neben
einer volksfeindlichen Majorität auch einige Männer sitzen, denen das
Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt. Ist keiner unter diesen Männern,
der diesem Minister für Geistesknechtung einmal auf gut deutsch die
Wahrheit sagt? In den Verwaltungsbehörden unserer Städte herrscht
größtenteils eine liberale, durchaus nicht fortschrittsfeindliche
Gesinnung. Von diesen könnte den merkwürdigen Sondererlassen des
Herrn Ministers doch eine recht gesunde Obstruktion gemacht werden.
Erst neulich (Nr. 32 des »Blaubuch«) machten wir auf den widerlichen
Unteroffizierston aufmerksam, in dem unter der Ära Studt die
Unterrichtsbehörden mit den Lehrern verkehren. Sollte es nicht Pflicht
der Gemeinden sein, in deren Dienst die Lehrer stehen, dem Minister es
einmal recht klar zu machen, daß selbst preußische Volksschullehrer
noch Menschen sind? Wenn alle Faktoren, die sich jetzt nur ›ärgern‹,
nur eine Zeitlang auf ihrem Posten wären, dann bliebe dem Dunkelmanne
nur noch der Rückzug. Aber vorläufig sind wir noch nicht auf dem
Posten.«

Über die Stimmung der deutschen Volksschullehrer, mit der man sich
im sog. gebildeten Publikum besser vertraut machen müßte, belehrt
der »Bund der deutschen Volkserzieher« unter der Leitung +Wilhelm
Schwaners+. Wenige Deutsche, von den Volksschullehrern abgesehen,
lesen dessen »Volkserzieher«, der eine +Macht+ im Volksleben geworden
ist. Die Lehrer lesen ihn nach vielen Tausenden und halten zu ihm in
begeisterter Hingabe zu Schutz und Trutz.

Ich gebe eine Stimmungsprobe aus dem Hefte 17 des X. Jahrganges (1906),
einen Aufruf von +Hans Würtz+ in Altona:

»Der Bund Deutscher Volkserzieher ist eine Gemeinschaft von deutschen
Männern und Frauen, die sich zusammengeschlossen haben zu Rat und
Tat, zu mutigem Kampfe und ewiger Fehde gegen die Giftmischer des
Geistes und der Gesinnung, gegen Tyrannen und gegen Knechtsseelen,
gegen die Orthodoxen der Religion, des Rechts und der Hygiene, gegen
Papst- und Pfaffentum, gegen Feigheit und Reaktion, gegen Anarchie
und Revolution -- zum ernsten Streben und Tun für die höchsten und
herrlichsten Güter unseres Volkes: Wahrung, Erneuerung und Kräftigung
echt germanischer Art in Religion, Sitte und Gesamtkultur gegenüber
der römischen Scheinkultur, Umwandlung der papiernen Gewissensfreiheit
in staatlich anerkannte Freiheit des Wissens und Glaubens, Wertung der
Individualität.

Darum finden sich bei uns auf gemeinsamem Boden des Verstehens: die
Philosophen und Theosophen, die Mystiker und Wirklichkeitsmenschen,
die Abstinenten, Vegetarier und Gemäßigten, die Männer der Tat und die
in der Welt der Kunst und Schönheit träumen. Den neuen Frühling des
Germanentums wollen wir herbeiführen: darum stellen wir naturgemäß
die Tatreligion, die wir in den alten und neuen Schriften unserer
germanischen Rasse niedergelegt finden, höher als die offizielle
jüdisch-christliche Scheinreligion der Kirchen. Die Religion der
+deutschen+ Propheten, der Luther, Lessing, Goethe, Schiller, Kant,
Schopenhauer, Nietzsche, Lagarde, Emerson, Friedrich II., Wagner,
Bismarck u. a. hat unser Führer in der »Germanenbibel« aufgebaut, und
wir Bundesmitglieder haben dieses bahnbrechende Werk zu unserm Hausbuch
erhoben. Freunde, laßt euch von Berlin Prospekte der »Germanenbibel«
schicken und sorgt für Verbreitung des Werkes, damit unsere Ideen auch
auf diesem Wege ins Volk dringen! -- -- --«

Noch deutlicher und deutscher spricht +Wilhelm Schwaner+ selbst, ein
ehemaliger gemaßregelter Lehrer, dem die +rechte+ Kirchengläubigkeit
fehlte, ehedem ein harmloses Wiesenbächlein, das man hätte sollen
gewähren lassen, jetzt zum reißenden Strom angeschwollen.

»Es ist richtig,« schreibt er in einem Aufsatz über »Schulproletarier«
im »Volkserzieher« X, Nr. 17, »daß in Zukunft preußische
Volksschullehrer im Gehalt +hinter+ den Schutzleuten zu rangieren
haben, obgleich ihnen +vor+ den ehemaligen Sergeanten die
Offizierskarriere und der regelrechte Besuch bestimmter Universitäten
und damit die Ministerlaufbahn offensteht.

Aber es ist trotz der hundserbärmlichen Entlohnung, insbesondere der
meisten Landlehrer, +unrichtig+, von Schulproletariern zu reden. Denn
wenn es schon welche gibt, welche jährlich 720 M. Gehalt beziehen --
ich selber habe drei Jahre lang pro anno 600 M. (hört, hört) gehabt,
also weniger als ein Großknecht, weniger als jeder mittelmäßige
Fabrikarbeiter, weniger sogar als eine sechzehnjährige Kontoristin
der Großstadt -- so sind sie doch noch lange keine Proletarier.
Unsere Lehrer haben nämlich, was den unglücklichen Proletariern der
roten Partei absolut fehlt, immerhin eine gewisse wissenschaftliche
Bildung, und sie haben, was sie gegenüber den Millionären des Kapitals
zu Milliardären erhebt, Ideale, unverwüstliche, +hohe und heilige
Ideale+. Gewiß, die stempeln unsere Schulmeister zu Revolutionären
des Geistes -- eine eingehende Geschichte des Lehrerstandes würde zu
überraschenden Entdeckungen führen, wenn es auch den Juristen Studt
wenig interessieren mag, was für »Kerle« gerade auf dem von ihm
beaufsichtigten Felde Bahnbrecher und Führer geworden sind -- aber zu
Revolutionären der Straße werden die deutschen Lehrer niemals werden.
Obgleich es auch unter ihnen gelegentlich einen richtigen Umreißer
geben kann, ähnlich wie die neuere Geschichte einen Anarchisten
Johannes Miquel gekannt hat, den der nachmalige Kaiser Wilhelm II.
›+seinen+ Mann‹ nannte.

Seit der beste Teil der Lehrerschaft angefangen hat, sich auf sich
selbst zu besinnen, Selbsterziehung zu üben durch Alkohol- und
Nikotinabstinenz oder gar durch Fleischenthaltung und vor allem
durch sittenstrengen Lebenswandel; seit die Lehrer durch Selbsthilfe
und energisches Studium sich die Quellen der Wissenschaft und damit
die Tore zum Tempel der Weisheit erschlossen haben; seit wir eine
Volkserzieherbewegung kennen und hinter ihr als Rückgrat und Träger
in die Zukunft einen Bund, der alle deutschen Gaue überspannt:
seitdem, ihr Leute vom ›Vorwärts‹, die ihr als Millionär Paul Singer
und als Schloßbesitzer August Bebel ja selber keine Proletarier
seid, seitdem ist es mit eurer Hoffnung auf eine rote Avantgarde
aus Schulmeisterkreisen ein für allemal vorbei. Es hätte auch noch
schlimmer kommen können, als es ja leider Gottes schon ist, so würden
+wir+ doch +nicht+ unseren Patriotismus ›revidieren‹. Denn +unsere+
Gesinnung hängt nicht wie die eurige oder wie die der Agrarier,
Industriellen, Junker und anderer Sippen vom ›+Brotkorb+‹ ab, sondern
von der Höhe unseres Seelen- und Geisteslebens, das eben lediglich
und allein +durch uns selbst+ bestimmt wird! (Mitläufer, Schmarotzer,
Feiglinge, Mantelträger, Rückenmärker und dergleichen Gelichter
selbstverständlich ausgenommen. Auch die Bierbank-, Schnaps- und
Weinhelden, die als Lehrer regelmäßig dem kirchlichen Abraham im
Schoße sitzen, wie sie als Arbeiter und »Proleten« für die Paule
der roten Partei unentbehrlich bleiben, weshalb man ja auch auf
den sozialdemokratischen Parteitagen niemals die Alkoholfrage zur
Hauptdebatte stellen läßt: zur politischen Revolution haben eben wie
zum Verrat Elende des Alkohols nötig.) Uns ›Schulproletariern‹ wird man
Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, Henrik Ibsen und andere nicht so
leicht entreißen, wie man aus eurem Zentralorgan die Leute der besseren
Feder und des einfachen politischen Anstandes weggebissen hat. Denn bei
uns wird ebensowenig die Knute des Despoten je etwas erreichen wie die
Phrase des Pöbels. Wir bauen uns eben unsere eigene Welt, die deutsch
und pädagogisch ist!«

Ideale, mein lieber Schwaner haben die Sozis auch, nur etwas andere als
wir beide. Ich nenne jeden Menschen einen Idealisten, der sich für
seine Überzeugung einsperren läßt. Aller andere sog. Idealismus beruht
auf Selbsttäuschung.

Und während ich diese Zeilen schreibe -- buchstäblich zu verstehen
-- reicht mir das Sopherl, das mich bedient, einen Brief herein, in
dem ich von einer Redaktion aufgefordert werde, über die »Pflege der
Willenskraft in der Erziehung« zu schreiben, »als Grundlage einer
gesunden deutschen Erziehung, die an die Stelle treten müsse der zur
tatenlosen Träumerei verführenden Drillmethode der alten +Lern+schule«.
Der Briefschreiber ist Schul+direktor+!

Überall die gleiche Sehnsucht nach einer inneren geistigen Reform. Das
Notwendigste aber hat doch wieder +Harden+ gesagt (»Zukunft« 1906 Nr.
38):

»Im Reichstag sitzen gescheite und redliche Männer, die etwas leisten
können. Weshalb finden wir, wenn monatelang gedroschen ist, die Tenne
leer? Weil dieser Reichstag nicht zur Regierung berufen, sondern nur
als Ornament gedacht ist. Weil die Regierenden sich bemühen, ihn
schmeichelnd zu überlisten und er selbst in technischem Kleinkram, in
Paragraphenflickerei, die jeder Geheimrat besser besorgt, seine Aufgabe
sieht. Weil der Wille zur Macht ihm versiegt ist. Die Änderung oder
Ablehnung eines Gesetzes, nach Jahren vielleicht die bundesrätliche
Zustimmung zu einem Initiativantrag: das kann er erreichen; mehr
nicht. Keinen Kanzler noch Staatssekretär stürzen; seiner Majorität
nie die Wirkensmöglichkeit erobern. ›Wenn die Kerle sich ausgeschimpft
haben, sind sie wieder still‹; und die Karre rumpelt, als sei nichts
geschehen, ein Stückchen weiter bergab. Wer mag für solchen Preis
das Leben einsetzen? Wer sich mutwillig die Exzellenten verfeinden,
die er doch nicht vom Thrönchen stoßen kann? Da sie bleiben, solange
es dem Kaiser paßt, stellt man sich mit ihnen lieber auf leidlichen
Fuß und bekümmert sich eifriger um ihre Umgangsformen als um ihre
Leistungsfähigkeit. Dieser Reichstag hat kein Ziel vor, keinen Willen
zur Herrschaft in sich; er ist zum Disputierkränzchen geworden und
drischt in jedem Herbst wieder dasselbe Stroh. In England, Frankreich,
Italien, Spanien, Ungarn, Belgien, Skandinavien, in Österreich und
den Balkanstaaten sogar regiert das Parlament, in Rußland heischt es
Konventsrechte; in Deutschland redet es den Regierenden ins Handwerk
drein und knickert ihnen unklug die Pfennige ab. There's the respect
that makes calamity of so long life. Dieser Zustand darf nicht noch
länger dauern. Das nächste Ziel politischen Trachtens muß die Sicherung
des parliamentary government nach britischem Muster sein.

Übt euch in zähem Widerstand gegen Ungebühr! Warnt das Volk, sein Geld
einer schlechten Regierung anzuvertrauen! Und stählt den Willen zur
Macht!«

Ganz meine Meinung! Wir witzeln über den unfähigen Reichstag, tuen aber
nichts ihn zu stärken. Noch fehlt dem Reichstagsgebäude die Aufschrift.
Erträgt das unser lammfrommes Volk noch weitere Jahrzehnte?

In allen großen Kulturfragen unseres Volkes wollen und werden wir uns
erlauben mitzureden, werden auch die Amtstätigkeit unserer Beamten
öffentlich kritisieren, wenn sie uns gemeingefährlich erscheint. Paul
de Lagarde verlangte schon eindringlichst, daß die Beamten für ihre
Verfehlungen regreßpflichtig gemacht würden. Was sagt man nun zu
folgender ›amtlichen‹ Angelegenheit? Man lese das Buch ›Mein gutes
Recht‹ des deutschen Kaufmanns +Karl Paasch+ (Kommissionsverlag
von Meyer & Hendeß in Zürich, 1906), den man für verrückt erklärt
hat, weil er über deutsches Kolonialwesen die unglaublichsten Dinge
veröffentlicht hat. Nach den jüngsten Erfahrungen wird er auch für
Unglaubliches jetzt Gehör finden.

+Lehmann-Hohenberg+, auch so ein Unbequemer, der in alle dunklen Ecken
unseres Reiches hineinleuchtet, nennt in seinem »Rechtshort« (1906, Nr.
13/16) diesen Paasch einen modernen Michael Kohlhaas und ruft, nachdem
er den wirklich ganz ungeheuerlichen Fall in großen Zügen dargestellt
hat, in Erregung aus: ›Ward je ein Fürst und Volk schändlicher betrogen
und verraten!?‹ -- -- »Hier kann und darf keine Aufklärung gescheut
werden! Stecken wir schon mitten in vollster Korruption? Das deutsche
Volk hat ein Recht darauf, zu erfahren, wie es hiermit steht, und daß
mit stählernem Besen die Stuben unseres Beamtentums ausgefegt werden,
wenn die Angaben von Paasch auch nur zu einem Teil auf Wahrheit
beruhen.«

Um mich etwas verständlicher zu machen, will ich mit seinen eigenen
Worten andeuten, worum es sich handelt, mache dabei auf die Tatsache
aufmerksam, daß verwandte Anschauung und Stimmung hervorleuchten aus
»den Briefen, die ihn nicht erreichten«. Paasch also schreibt:

»Weil meine geschäftlichen Projekte bei den chinesischen Behörden
gute Aufnahme und Beachtung gefunden, weil sie die allerbesten
Aussichten auf Erfolg hatten, eben deshalb, und nur deshalb wurde meine
Beseitigung beschlossen, v. Brandt und v. Ketteler wollten mit einem
Schlage reiche und wenn möglich berühmte Leute werden. Geld, Geld und
wieder Geld war das Hauptmotiv für alle Handlungen dieser Herren. Was
still und ruhig mit den chinesischen Behörden verhandelt war, was ruhig
in den Geheimarchiven der deutschen Gesandtschaft ruhte und bestimmt
war, dem Fürsten Bismarck vorgelegt zu werden zur Ehre und zum Vorteil
Deutschlands, das wurde von diesen beiden Herren verplempert, verraten
und wahrscheinlich einfach verkauft zu ihrem Vorteile ...«

»Nachdem das +Attentat+ (!!) auf mich mißlungen war, verfügte Herr v.
Brandt plötzlich über Geld und wollte mir kürzlich erst abgeborgte
20 000 Mk. zurückgeben; auch Herr v. Ketteler wollte plötzlich eine
›Erbschaft‹ gemacht haben. Merkwürdig, sehr merkwürdig! ...«

»Nachdem bei solcher Lage der Dinge v. Brandt nicht abberufen wurde, da
war das ganze Geschäft natürlich für Deutschland verloren. Die Chinesen
hatten ja die ganze im Interesse der Hochfinanz ins Werk gesetzte
Intrigue durchschaut, ehe ich sie ihnen mündlich und schriftlich
berichtet hatte. Niemand geringeres als der Vizekönig Li-Hung-Chang
hat mir das selbst erzählt. Der Verlust, der für Deutschland daraus
entstanden ist, läßt sich annähernd kaum abschätzen. Ich beziffere
ihn auf +Milliarden+. Man denke nur, China hätte derzeit die von mir
vorgeschlagenen Projekte ausgeführt, was wären dann die Folgen gewesen?
Wir hätten in China auf lange Zeit hinaus festen Fuß gefaßt, nicht auf
Grund kriegerischer Ereignisse, sondern in freundschaftlicher Weise, so
daß die Chinesen ein Interesse daran gehabt hätten, gerade uns Deutsche
im Lande, wenigstens noch für lange Zeit, zu halten. Damals waren wir
Deutschen geradezu eine bevorzugte Nation bei den Chinesen, während
heute das Gegenteil der Fall sein dürfte. Der Gesandtenmord und die
daraus resultierende Chinaexpedition wären uns erspart geblieben, und
was sonst noch für Vorteile für uns in ostasiatischen Angelegenheiten
erwachsen wären, mag sich ein jeder selbst auskalkulieren, der sich für
diese Dinge interessiert.«

Gehen uns diese Dinge wirklich nichts an? Müssen wir Bürger nicht die
hohe Zeche bezahlen, bezahlen sogar mit unserem Blute, mit unserer
nationalen Ehre?

Ich kann nicht beurteilen, ob Paasch im Rechte, ob er normal oder
geistig krank ist, aber ich möchte als Staatsbürger über diese Frage
aufgeklärt werden.

Keines der Preßzeugnisse, die ich hier beigebracht habe, entstammt
einem sozialistischen Blatte. Keiner der genannten Zeugen würde sich
abstreiten lassen, daß es ein guter Patriot sei. Nicht die sind unsere
guten Freunde, die über unsere Schwächen schweigen, sondern die,
welche es wagen, uns freimütig das zu sagen, was man »+die Wahrheit+«
nennt, also ihre ehrliche, wenn auch tadelnde Überzeugung. Noch eins:
Auffallend wie wenig bei uns die aufklärende und fortschrittliche
Arbeit der Männer mit der unserer Frauen Schritt hält. Nichts
ebenbürtiges haben wir der starken Propaganda der Frauenbewegung
innerhalb der letzten zehn Jahre an die Seite zu stellen. Mit dem
Kultureifer unserer jungen Damen verglichen macht der gebildete
Korpsjüngling eine schlechte Figur. Ideenloser und nüchterner, als
diese vermeintliche Blüte der deutschen Nation, deren Umgang jungen
kaiserlichen Prinzen gestattet wird, flacher, unmännlicher kann man
unmöglich sein. Wenn sie noch jugendlich froh und ausgelassen wären!
Aber auch das nicht, sondern nur patent und korrekt, schon in jungen
Jahren auf Karriere spekulierend, auf Protektion, die das eigene Denken
und Arbeiten ersetzen soll. Ihr Mannesmut erschöpft sich auf dem
Paukboden bei der Mensur: einer mittelalterlichen, wohl mutstählenden
Spielerei, die man anerkennen und sogar begünstigen dürfte, wenn
sie nicht mit unseren Staatsgesetzen und mit dem öffentlichen
Rechtsbewußtsein in Widerspruch stände -- für entsprechende Handlungen
kommt nämlich der Arbeiter ins Gefängnis -- und wenn sich dabei
nicht der Mannesmut des jungen Herren ganz zu verausgaben schiene.
Zu diesem zwar blutigen, aber im Grunde doch ungefährlichen Spiele
würden sich für angemessene Bezahlung auch Dienstmänner abrichten
lassen. Was wir vermissen: eigene, mannhafte Überzeugungen, jugendliche
Geistesfrische, den »Zorn der freien Rede«, das begeisterte Eintreten
für alle wahren Menschheitsideale, davon finden wir in dieser vornehmen
jungen Vertretung der herrschenden Kasten nichts. Da waren die alten
Burschenschaften mit ihren Brauseköpfen und dem Überschwang hoher
Gefühle doch ganz andere Kerle!

Als jüngst eine Dame in öffentlicher Versammlung wegen sog.
»Schürzenpolitik« unfreundliche Worte zu hören bekam, sagte sie
entrüstet: »Wir lassen uns von den heutigen Männern Deutschlands nicht
mehr verspotten. Wo wir einmal eine wahrhaft mannhafte Tat brauchen, da
wenden wir uns an eine -- Frau. »Wenn ich«, sagte sie, »auf der Straße
elegante Herren mit Zylinder und schwarzen Aktenmappen darum bat, mir
als Zeugen bei empörender Pferdequälerei zu dienen, so erhielt ich noch
jedesmal die gleiche Antwort: ›Bedaure, gnädige Frau; ich befasse mich
nicht gern mit dergleichen. Man hat nur Schererei davon.‹ Wandte ich
mich an Damen, so fand ich selten eine Ablehnung.«

Ich muß gestehen, daß ich selbst als Vorstand eines Tierschutzvereins
gleiche Erfahrungen nicht selten gemacht habe und der Beifall, der
jener Dame gespendet wurde, sprach für die Allgemeingültigkeit ihres
Urteils.

Die empörendste Pferdeschinderei gehört in und um Berlin zu den
scheinbar unausrottbaren Übeln, die der Mensch als ein Gegebenes
ertragen muß. Wenn ich von den noch brutaleren Griechen und Italienern
absehe, so kenne ich im übrigen Europa keinen Platz, wo sich vor
aller Augen rohe und vielfach versoffene Kutscher dergleichen offene
Verhöhnung aller Menschlichkeit gestatten. Dies wäre ganz unmöglich,
wenn jeder deutsche Mann seine Pflicht täte. Aber da fehlt es eben.
Man wendet den Blick ab, will lieber nichts gesehen haben und macht
sich durch solche Schwäche zum Mitschuldigen. Es müßte doch wunderbar
zugehen, wenn alle gesitteten Leute einer Großstadt unfähig sein
sollten, eine solche öffentliche Schmach auszurotten! Aber man begnügt
sich bestenfalls mit einer Anzeige bei der Polizei und hat davon -- wie
ich selbst immer wieder durchmache -- tatsächlich viel Schererei. Dazu
kommt, daß der bedrohte Kutscher natürlich saugrob wird -- denn er lebt
noch immer des Wahns, Pferdeschinden wäre sein gutes Kutscherrecht --,
das gibt dann noch Beleidigungsklagen und weitere Umständlichkeiten.

Warum ist es denn bei anderen gesitteten Völkern möglich, das Übel
abzustellen? So in England, wo ich +nie+ eine Pferdeschinderei gesehen
habe? Dort würde eben nicht nur +ein+ Mann, sondern gleich 20, 30, 40
Mann dem Kutscher sofort ihre geballten Fäuste (mit und ohne Glaçé)
unter die Nase halten, so daß ihm auch das Schimpfen gleich vergehen
sollte. Ein stolzes, gesittetes, selbstherrliches Volk! -- Wir werden
natürlich auf die Polizei verwiesen, wie Quartaner, die dem Herrn
Ordinarius Anzeige zu machen haben. Und diese Polizei? Man betritt
mit entblößten Haupte das Wachtzimmer, bietet artig seinen »Schönen
guten Morgen« und beginnt schüchtern seinen Vortrag: »Ich wollte mir
gestatten, Ihnen usw. ... wollen Sie so freundlich sein« usw. ...
Keiner von den blauen Bären erhebt sich vom Sitze, über die Achsel
hin wird man mit kritischem Blicke betrachtet und dann kommt, nachdem
anderes Wichtigeres seine gemütliche amtliche Erledigung erfahren, auch
der unbequeme Gast zu Verhör.

Dabei haben die Behörden selbst die Bürgerschaft öffentlich
zur Mithilfe im Kampfe gegen ein Übel aufgerufen, dessen sie
eingestandenermaßen selbst nicht Herr werden. Ein Recht zur Klage haben
wir Deutsche deshalb nicht, weil jedes Volk die Polizei, die Kutscher,
die Pferdeschinderei hat, die es verdient. Man kann daran -- nicht
etwa deutsche Gemütsrohheit -- wohl aber deutsche Untertanenschwäche
studieren.

Wer kennt nicht Prof. +Rudolf von Jerings+ tapferes Schriftchen »Der
Kampf ums Recht«? Für mich bedeutete es eine Entwicklungsstufe in
meinem Leben. Es lehrte mich, daß =jeder= berufen ist, Mitstreiter für
das Recht zu sein. Die meisten gebildeten Deutschen +drücken+ sich
heute von dieser Pflicht. Diese Drückebergerei, das Nichtsehenwollen,
das Ablehnen von jeder Verantwortung, der Mangel an Sozialgefühl,
an anderen als rein selbstischen Wünschen, das sind unzweifelhaft
Anzeichen der Décadence. Dabei bückt sich die bürgerliche Ehrbarkeit
bis tief zum Boden und der Korrekte erfleht sich den kirchlichen Segen
für seine armselige Tugendhaftigkeit.

Wann endlich wird sich das deutsche Volk ermannen? +Friedrich Hebbel+,
einer der Mannhaftesten, den je die Erde trug, litt sein Leben lang
an der deutschen Demut und Unmännlichkeit. »Das Volk wird nicht bloß
geschunden, es ist dahin gebracht, daß es sich selbst schinden muß«
(Tagebuch, 12. Febr. 1841); »Ich weiß im Ernst nicht«, schrieb er am
25. Sept. 1840, »wer eher geköpft zu werden verdient: der, welcher
bei Shakespeare kalt bleibt, oder der leidenschaftliche Mörder. Aber
das Nichts gilt für den Inbegriff aller Tugenden«: -- »Die Menschen
haben viele absonderliche Tugenden erfunden, aber die absonderlichste
von allen ist die Bescheidenheit. Das Nichts glaubt dadurch etwas zu
werden, daß es bekennt: ich bin Nichts« (ebenda 19. Okt. 1843). »Er
nahm einen Fußtritt hin, aber er mußte von einem gewichsten Stiefel
apliziert werden« (13. Okt. 1840).

Man liest jetzt oft Vergleiche zwischen unseren Tagen und der Zeit
von Jena und Auerstedt. Ich halte den Vergleich für falsch. Nein, wir
leben in einer neuen +Metternich-Periode+, wieder ist nach glänzender
Waffentat dem guten, opferfreudigen Volke sein Lohn ausgeblieben,
wieder haben wie damals Hierarchie, Staatsanwälte, Polizei und
die ganze schwerlastende Bureaukratie auf den Lebensfrühling ihre
Nachtfröste gesandt, wieder dieselbe Entmündigung, Abrichterei,
Gängelung und Frommacherei des Volkes, das endlich doch der Kinderstube
entwachsen sein dürfte.

Aus der Ära Metternich errettete uns die Revolution von 1848. Wenn
nicht Umkehr in der öffentlichen Politik eintritt, scheint mir eine
ähnliche Katastrophe nicht ausgeschlossen. Die Mißstimmung wächst von
unten auf immer bedrohlicher und ergreift schon Kreise, die noch vor
wenigen Jahren bei keinem Kaiserkommerse vermißt wurden.

Wir wünschen und hoffen, daß es eine rein geistige Revolution sein
möge, diese aber sehnen wir herbei, weil sonst das Volk verkommt,
weil wir sonst unseren Beruf versäumen, Bahnbrecher und Fackelträger
der Menschheit zu sein. Den Ruhm, gehorsame Untertanen und sanfte
Schafe der Kirche zu sein, gönnen wir unseren Brüdern in Rußland und
Spanien. Der Kurs führt von Luther, Kant, Goethe, Schiller, Hebbel,
Nietzsche, de Lagarde, Bismarck auf den Bahnen der Aufklärung zu einer
germanischen Gesittung und Kultur. Der Weg nach Rom ist eine Umkehr ins
dunkelste Mittelalter. Dort ist keine Kultur zu holen, sondern nur ein
cäsarisches Imperium und geistige Entmündigung -- ein Cäsareopapismus
nach russischem Muster.

Im Jahre 1816 sang +Ludwig Uhland+ ein Lied, das heute im Jahre 1906
nicht weniger Gehör verdient, jedermann kennt es, aber wenigen ist es
noch tief ins Herz geschrieben. Wir stehen vor der Gedächtnisfeier von
Jena. Da ist es gut, sich auch daran zu erinnern, was auf Jena und
Leipzig folgte:


Am 18. Oktober 1816.

    1. Wenn heut' ein Geist herniederstiege,
    Zugleich ein Sänger und ein Held,
    Ein solcher, der im heil'gen Kriege
    Gefallen auf dem Siegesfeld,
    Der sänge wohl auf deutscher Erde
    Ein scharfes Lied, wie Schwertesstreich,
    Nicht so, wie ich es künden werde,
    Nein! himmelskräftig, donnergleich.

    2. Man sprach einmal von Festgeläute,
    Man sprach von einem Feuermeer,
    Doch was das große Fest bedeute,
    Weiß es denn jetzt noch irgendwer?
    Wohl müssen Geister niedersteigen,
    Von heil'gem Eifer aufgeregt,
    Und ihre Wundenmale zeigen,
    Daß ihr darein die Finger legt.

    3. Ihr +Fürsten+ seid zuerst befraget:
    Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht,
    An dem ihr auf den Knien laget
    Und huldigtet der höhern Macht?
    Wenn eure Schmach die Völker lösten,
    Wenn ihre Treue sich erprobt,
    So ist's an euch, nicht zu vertrösten,
    Zu leisten jetzt, was ihr gelobt.

    4. Ihr +Völker+, die ihr viel gelitten,
    Vergaßt auch ihr den schwülen Tag?
    Das Herrlichste, was ihr erstritten,
    Wie kommt's, daß es nicht frommen mag?
    Zermalmt habt ihr die fremden Horden,
    Doch innen hat sich 's nicht gehellt,
    Und Freie seid ihr nicht geworden,
    Wenn ihr das Recht nicht festgestellt.

    5. Ihr +Weisen+, muß man euch berichten,
    Die ihr doch alles wissen wollt,
    Wie die Einfältigen und Schlichten
    Für klares Recht ihr Blut gezollt?
    Meint ihr, daß in den heißen Gluten
    Die Zeit, ein Phönix, sich erneut
    Nur um die Eier auszubruten,
    Die ihr geschäftig unterstreut?

    6. Ihr +Fürstenrät'+ und +Hofmarschälle+,
    Mit trübem Stern auf kalter Brust,
    Die ihr vom Kampf um Leipzigs Wälle
    Wohl gar bis heute nichts gewußt:
    Vernehmt! an diesem heut'gen Tage
    Hielt Gott, der Herr, ein groß' Gericht,
    Ihr aber hört nicht, was ich sage,
    Ihr glaubt an Geisterstimmen nicht.

    7. Was ich gesollt, hab' ich gesungen,
    Und wieder schwing' ich mich empor;
    Was meinem Blick sich aufgedrungen,
    Verkünd' ich dort dem sel'gen Chor:
    »Nicht rühmen kann ich, nicht verdammen,
    Untröstlich ist's noch allerwärts,
    Doch sah ich manches Auge flammen,
    Und klopfen hört' ich manches Herz.«

Damit vergleiche man, um sich der Stimmungsgemeinschaft bewußt
zu werden, ein +modernes+ Gedicht des Wiener Palamentariers und
Schriftstellers +Karl Iro+:


Entnervt!

    Viel deutsches Lärmen und Schreien
    Hört man ringsum im Land --
    Doch all' die Schreier halten
    Beim Schlagen niemals Stand.

    Beim Zechen brüllt man sich heiser
    Mit deutschem Sing und Sang --
    Ruft man zu deutschen +Taten+
    Wird all' den Zechern bang.

    Im Geisterkampf der Tage
    Ein marklos schwach Geschlecht --
    Kein männermutig Streiten
    Für Ehr' und deutsches Recht!

    Das Tänzeln und Scharwenzeln
    Ist jetzt die deutsche Art,
    Und Kriechertum und Feigheit,
    Die haben sich gepaart!

    Sie zeugten im Lotterbette
    Den deutschen Volksverrat,
    Der geht nun durch die Straßen
    Frech schamlos früh und spat.

    Wie Stickluft, bleiern und drückend
    Liegt's über dem Jammer all',
    Kein Aufwärtsjauchzen zur Höhe --
    Ein deutscher Sündenfall.

    Bräch' doch ein wildes Wetter
    In diese deutsche Nacht,
    Bis die Gewissen alle
    Zum Mahneramt erwacht.

    Und auf den deutschen Wangen
    Schamröte wieder glüht,
    Wenn die entnervte Masse
    Des Stammes Elend sieht. --

    Ein heiliges großes Ringen
    Tut unserem Volke not,
    Ein Reitersäbelklingen
    Wie einst bei Gravelott'.

    Ein blutig Kämpfen und Streiten
    Für Ehre, Hab und Gut
    Muß durch die Adern treiben
    Das alte Heldenblut!

    Und aus dem schaurigen Sterben
    Ein neu Geschlecht ersteh'n,
    Das seinem deutschen Gotte
    Kann +frei+ ins Auge seh'n.

    Das wieder groß und edel
    Und mannhaft, stolz und stark --
    Ein Hüter und ein Schirmer
    Der freien deutschen Mark.

    +Heuerts+ 1906.  (Unverfälschte deutsche Worte. 5. Heft 1906. Wien.)

Es wäre unmännlich und feig, all die Sorgen und Befürchtungen zu
verschweigen, die uns heute beunruhigen. Deshalb fort mit allen
Bedenken! Es hat jeder Bürger das Recht, »Feuer!« zu rufen und
Löscheimer herbeizuschaffen, wenn er aus dem Dachstuhle Rauch
aufsteigen sieht. Noch schlagen zwar im deutschen Reichsbau die Flammen
nicht empor, aber im Nachbarhause wütet der Brand, und das wissen wir
klassisch Gebildeten ja aus Vergil, daß es um unsere Sache geht, wenn
die nächste Wand brennt. -- Bei uns herrscht jetzt doch auch eine
gar schwüle, drückende Luft. Es ist, als ob es heimlich schon unter
den Dielen schwele. Wie leicht schlägt die Flamme über, wenn sie so
aufgehäuften Zündstoff findet!

Wir alle sind zu Warnern, zu Rettern berufen. -- Wo sich andere das
Recht nehmen, dem Staat von amtswegen zu schaden, wird niemandem das
Recht verwehrt sein, ihm selbst außeramtlich nach seinen Kräften zu
nützen. Dort geht es um Gut und Blut, hier vorerst nur um Papier und
Druckerschwärze.

Nun besteht aber bei uns zu Lande die Meinung, daß ein Beamter nichts
»gegen die Regierung« schreiben dürfe. +Ich+ schreibe nicht +gegen+,
sondern +für+ die Regierung. Wie weit außerdem das gesetzliche Verbot
geht, weiß ich nicht. Wohl aber weiß ich, daß z.B. +Paul de Lagarde+
trotz seines Beamtentums mit der rückhaltlosesten Offenheit die Schäden
der Staatspolitik beleuchtet hat, weiß freilich auch, daß diesen
Mannhaften nicht die Behörden, wohl aber alle Wohlgesinnten mit einem
Haß verfolgten, der ihnen ebenso zur Unehre gereicht, wie dem Gehaßten
zum Nachruhm. Er fragte verwundert, ob es denn ein Unrecht sei, wenn
man den Lokomotivführer darauf aufmerksam macht, daß an seiner Maschine
ein Schaden sei. Er hat es selbst noch erlebt, daß seine trüben
Voraussagen in noch trübere Erfüllung gingen. Jetzt beruft sich jeder
gute Patriot schon gerne auf diesen Volkserzieher, der neben Fichte
seinen Ehrenplatz hat. Jetzt scheinen selbst seine ehemaligen Kollegen
von der Hochschule vergessen zu haben, daß sie ihn zum Einsiedler
machten, ihn wie einen Geächteten mieden und wie durch geheime
Übereinkunft all seine bedeutenden politischen Arbeiten totschwiegen.

Und wie haben die Zünftler einen +Nietzsche+ behandelt! Stets haben
wir das gleiche Bild: »Wenn ein Jagdhund durch die Dorfstraße läuft,
kläffen alle Kettenhunde.« »Die ganze Gesellschaft ist verschworen
gegen die Mannhaftigkeit des einzelnen,« sagt Emerson. Er muß also in
dem angeblich freien Amerika dieselbe trübe Erfahrung gemacht haben.
-- Wenn wirklich allen Beamten eine Kritik der staatlichen Zustände
untersagt wäre, dann wäre die Intelligenz zum großen Teile von einer
einschneidenden Mitwirkung ausgeschlossen: denn auch all unsere
Hochschullehrer sind Beamte. Vielleicht hätte es die weitere Wirkung,
daß die Unsitte, unter Pseudonymen zu schreiben, überhand nähme -- eine
wenig mannhafte Kampfesweise.

Ich bin so wenig rechtskundig, daß ich mich bloß auf mein Gefühl
verlasse. Sollte, was ich in guter Absicht schreibe, in der Meinung,
dem Vaterlande nach meinem schwachen, aber ehrlichen Willen zu dienen,
mit unseren Gesetzen in Widerspruch geraten, so nehme ich die Folgen
auf mich. Ich bilde mir ein, ein gutes Werk zu tun. Von einem dolus --
wonach die Juristen immer suchen -- wird hier nichts zu finden sein,
wohl aber von »Wahrung berechtigter Interessen« eines Jugenderziehers
und Staatsbürgers.

Jedoch ich will den Herren Juristen nicht vorgreifen, mich lieber mit
dem von Herrn Geheimrat Prof. Dr. +Gierke+ proklamierten »felsenfesten
Vertrauen auf unsere Gerichte« ausrüsten.

Ich meine, man darf sich, wenn man seine Überzeugung verfechten will,
um den Beifall oder den Widerspruch aller amtlich Gebundenen nicht
kümmern. Die sind stets für Ruhe und Sachlichkeit, für eine korrekte
Amtsführung, Einhaltung des Instanzenweges, kurz für all das, was
den Fortschritt hemmt. Neue Gedanken und nun gar eine Kritik des
Bestehenden empfinden sie als lästige Ruhestörung, als Übergriff.

Kümmern wir uns also um sie nicht mehr als nötig ist, um ihren
schädlichen Einfluß zu brechen! Ob ich zu dieser Arbeit berechtigt und
befähigt bin, das soll, soweit es davon Kenntnis nimmt, das deutsche
+Volk+ entscheiden, das heißt die, deren Urteil ungebunden ist.




VI.

Das deutsche Mannesideal in der Geschichte.


Wie jede Sache, so hat auch das deutsche Mannesideal seine
geschichtliche Entwicklung. Ohne deren Kenntnis lernt man auch die
Gegenwart nicht verstehen. Wenn wir uns also von unseren Vorfahren auch
nicht belehren lassen wollen, so wollen wir sie und damit uns selbst
doch kennen lernen. Denn unser ganzes Sein und Denken ist aufgebaut auf
ererbte Zustände und Anschauungen. Es ist kein durchaus erfreuliches
Erbe, das wir antreten mußten: Deutschland war ein viel geplagtes,
dürftiges Land. Es galt von ihm, was Herodot von dem athenischen Staate
sagt: »Die Armut war ihm Amme.«

Armut, sagt man, stählt die Lebenskräfte, Armut drückt sie aber auch
nieder und läßt eine freie Mannesgesinnung nicht leicht aufkommen.
Die Armen leben meist in knechtischer Abhängigkeit. Da gilt das alte
homerische Wort: »Der Tag der Knechtschaft nehmen dem Manne seinen
halben Wert.«

In seinem Aufsatze »Der Deutsche der Zukunft« sagt Prof. +A.
Lichtwark+ ganz in diesem Sinne: »Aus den Jahrhunderten der Armut und
Beschränktheit, der Hörigkeit und Knechtschaft nach innen und außen
haften dem Wesen des Deutschen so viele beklagenswerte Züge an, daß wir
als politisch und wirtschaftlich voran gekommenes Geschlecht mit Ruhe
und Entschlossenheit nicht nur an die erbarmungslose Ausrottung alter
Fehler, sondern vor allen an die Entwicklung alter zurückgebliebenen
edlen Kräfte zu gehen haben.«

Um das also zu können, bedürfen wir einer Rückschau und einer Einkehr
in unsrer eignen Natur.

Von den alten Germanen wissen wir zu wenig Verläßliches. Wir wollen
uns auch in so ferne und so dunkle Gegenden lieber nicht verlieren.
Es ist gar zu schwer, entschwundene Zeiten zu verstehen, je ferner
sie liegen, um so schwerer, um so weniger verlohnt es auch, an sie
anzuknüpfen. Bei Wodan und Freia werden wir doch nicht wieder warm.
Jene alte Welt hat uns Rom ein für allemal so zertrümmert und so
entrückt, daß keine Brücke uns dorthin zurückführen, kein Gedenken uns
je dort wieder heimisch machen kann.

Im +Mittelalter+ -- um damit zu beginnen -- hatte man ein Bildungsideal
verkörpert, das vorbildlich erziehliche Kraft hat. Freilich blieb es
beschränkt auf den Ritterstand.

Hier sind die edelsten Mannestugenden vereint, noch bereichert, geadelt
und gemildert durch den Einfluß des Christentums. Mit der himmlischen
Liebe allein wollten aber die lebensfrohen Ritter sich nicht zufrieden
geben, und die besten unter ihnen wurden den Zwiespalt ihrer Seele
nie los, so oft sie sich auch die bange Frage vorlegten, wie man drei
Dinge erwürbe, nämlich Vermögen, Ehre und Gottes Huld, ohne daß eines
davon verdürbe. Vielleicht ist die Höhe echt männlicher und dabei
menschlicher Bildung nie wieder erreicht, geschweige denn übertroffen
worden, wie sie in den besten Vertretern der christlichen Ritterorden
verkörpert war. Noch heute empfinden wir den Zauber, der in dem
Begriffe echter Ritterlichkeit liegt. Uns tritt dabei vor die Seele
das Bild der stattlichen, im Waffenschmuck erglänzenden, körperlich
durchgebildeten, in allen Künsten des Kriegshandwerkes, im Jagen,
Reiten, Fechten und Schießen gewandten Männer, die ihre rüstige Kraft
begeistert in den Dienst der Schwachen stellten, das Gelübde ablegten,
ehrbar zu leben, Treue zu pflegen, mildtätig zu sein, Witwen und Waisen
zu schützen, jedem Unrecht entgegenzutreten und dabei stets in Haltung
und Ton vornehm und bescheiden zu bleiben. Wenn diese Männer zugleich
den Frauen in anmutigen Formen huldigten und ihre Feste mit Gesang und
Saitenspiel, mit ungekünsteltem Frohsinn würzten, dann muß da wirklich
eine Blüte des Mannestums ins Leben getreten sein, mit der wir uns
nicht ohne beschämende Sehnsucht beschäftigen können.

Mit Wissenschaft befaßten sich diese Männer freilich nicht. Es war
schon viel, wenn einer schreiben und lesen konnte. Aber deshalb
waren sie doch nicht ungebildet. Ihre Kenntnisse von Ländern und
Leuten erritten sie sich auf ihren endlosen Zügen in Freundes-
und Feindesland. Die Welt war damals noch eng. Schon der alte
+Hildebrandt+ rühmt sich seiner Weitgereistheit und seiner
Menschenkenntnis. Ebenso +Walther von der Vogelweide+. Diese Männer
waren gut vertraut mit dem Boden, auf dem sie wirkten und mit den
Sitten, Sprachen und Anschauungen der Völker, mit denen sie verkehrten.
Ich glaube nicht, daß sie uns den Eindruck der Unbildung machen würden,
wenn es möglich wäre, plötzlich einmal in ihre Mitte einzutreten. Man
lese nur Walthers Gedichte, um sich mit dem tiefen sittlichen Gehalte
und mit dem Umfange ihrer geistigen Interessen bekannt zu machen.

Jedenfalls hatte der junge Adlige sein klar umschriebenes Mannesideal
vor Augen und wußte, wohin er zu streben und zu wachsen habe. Der
junge Parzival hielt die ersten erzgepanzerten Ritter, die er sah, für
Götter. Wie Götter erschienen sie wohl jedem Kinde. Wenn man ihm dann
sagte, es könne durch rechte +Zucht+ auch einmal so ein stolzes Wesen
werden, dann war dem Leben Ziel und Weg gewiesen.

Deutsche Männer nennt Walther »wolgezogen« und »teutsche zucht«, sagt
er, »gat vor in allem«.

Das ritterliche Mannesideal und die ritterliche Zucht blieb selbst in
der besten Zeit auf den Stand der Ritter beschränkt. Bürgern und gar
Bauern kam es nicht in den Sinn, ein gleiches zu erstreben, auch waren
sie durch die Standesschranken davon ausgeschlossen. In den Kreisen der
Ritterschaft hielten sich noch die äußeren gesellschaftlichen Formen
und das Bewußtsein, durch eine Ahnenreihe den Wert und Adel ererbt zu
haben. Der bloße Name genügte, einem ganzen Leben erhöhte Ansprüche und
ein gesteigertes Selbstbewußtsein zu geben. Wo innerer Wert fehlte, da
mußte oft der Schein aushelfen. Mit der edleren ritterlichen Kultur
sank aber und verblaßte auch das edle Mannesideal.

Man beachte nur, welche Sinneswandlungen der Begriff der höfischen
Zucht erfahren hat! Aus höfisch wurde im Laufe der Jahrhunderte
»höflich« und »hübsch«. Wie eng umgrenzt, wie wenig einem vollen
Manneswert angepaßt ist dieses »höflich«, das allein auf die gefällige
äußere Form geht und einem Lakaien oder einer jungen Magd ebensogut
ansteht wie einem freien Manne! »Hübsch« aber ist noch engeren Umfanges
und schon auf die bloße äußere gefällige Erscheinung beschränkt. Nur
in dem sächsischen Dialekt bezeichnet man als hübsch einen Menschen
von angenehmen gesellschaftlichen Formen. Die Sachsen pflegen sehr mit
Unrecht belächelt zu werden, wenn sie in diesem Sinne sagen: »S'is e
hibscher Mann«. Sie haben sich damit gerade die gute alte Bedeutung
treu bewahrt, die wir anderen Deutschen fallen ließen.

Kein Vater sagt aber heute seinem Sohne mit der vollen Überzeugung,
ihm das Beste zu geben: »Mein Sohn, werde ein hübscher Mann -- oder
ein höflicher Mann!« Dem Worte +Zucht+ ist es nicht viel besser
ergangen: Es ist auch heruntergekommen. Zucht kommt von ziehen. Es
bedeutet also emporziehen, aufziehen, wie man junge Pflanzen, junges
Vieh aufzieht. Das geschieht mehr durch Pflege, als durch Gewalt. Mit
der Zeit aber gewann der gewalttätige Teil der Bedeutung die Oberhand.
Das mag durch die militärische Praxis gekommen sein. Preußen hat daran
gewiß seinen guten Anteil. »Straffe Zucht« war das Ziel, dem der
Vorgesetzte zustrebte. Das hat mit guten gesellschaftlichen Formen und
mit ritterlicher Gesinnung nur noch wenig gemein. Man nennt jetzt Zucht
und Disziplin zumeist in einem Atem. Das Wesentliche ist der blinde
+Gehorsam+. Die Rute wurde zur Zuchtrute, das Verbesserungshaus zum
Zuchthaus. Heute denkt man kaum noch daran, daß jemand im Zuchthause
»erzogen« werden soll. Es ist ausschließlich Strafhaus geworden. Wir
wollen deshalb auch auf unsere Kinder Wort und Wesen der »Zucht« ohne
Einschränkung nicht anwenden. Das wäre uns zu hart und zu lieblos. Nur
im Ausnahmefalle, wenn alle anderen Mittel erschöpft sind, tritt die
Züchtigung ein. Dabei sind heute schon Eltern recht zweifelhaft, ob
man durch Züchtigungen die Entwicklung edler Männlichkeit fördere. Sie
meinen im Gegenteil vielfach mit Walther von der Vogelweide: »Niemand
kann mit Gerten Kinderzucht erhärten.«

Ein einheitliches Mannesideal war deshalb der deutschen Jugend nicht
beschieden, weil Deutschland keine selbständige einheitliche Kultur
hatte.

Die Erziehung lag zumeist in den Händen der +Geistlichkeit+. Die
»Geschorenen« waren aber dem Volke nie ganz geheuer. Man gab sich
ihnen weniger aus Überzeugung hin als geblendet vom äußeren Glanze,
von den unerschöpflichen Gunst- und Gnadenmitteln, von den lockenden
Verheißungen und auch von äußerem Zwange bestimmt. Die großartige
Organisation der römischen Kirche war natürlich mächtiger als das
bürgerliche und kleinstaatliche Leben der Deutschen, die der fremden
Kultur lange nichts Gleichwertiges entgegenstellen konnten. Der
Geistliche hatte seinen Wert und seine Weihe durch sein Amt, er berief
sich auf die höchsten Autoritäten im Himmel und auf Erden. Wer wollte
dagegen an? Versuchte man es, so gab es jedesmal einen Kampf auf Leben
und Tod. Kirchenbann, oft auch Reichsacht, Krieg und Verdammnis drohten
dem Abtrünnigen. Fromme Mütter, nicht aber die Knaben selbst, sahen
in glaubensstarken und glaubenseifrigen Priestern nachahmenswerte
Vorbilder. Dem echten deutschen Burschen war es allzeit wohler im Wams
als in der Kutte und die himmlische Liebe allein genügte auch ihm nicht.

Als Männer aufstanden, die den Kampf gegen die Geschorenen wagten,
fanden sie eine begeisterte Jugend hinter sich. Wir lesen kein
Sterbenswörtchen, daß Walther in Deutschland zu leiden gehabt hätte,
weil er den Pfaffen Lug und Trug vorwarf, die Päpste wegen ihrer
Untreue und Doppelzüngigkeit schmähte und Gott selbst zu Hilfe rief
gegen das Treiben des zu jungen Papstes.

Nicht Frömmigkeit, sondern +Tugend+ ist es, wonach der deutsche
+Bürger+ trachtete. Als das Rittertum zu Grabe gegangen war, da lebte
diese +bürgerliche Tugend+ und Tüchtigkeit so kräftig auf, daß sie den
offenen Kampf gegen die fremden Lehrmeister wagen durfte. Das neue
deutsche Mannesideal hat sich nicht nach den Lehrsätzen der römischen
Kirche, sondern im Kampfe gegen diese herausgebildet.

Nicht auf Adelsbriefen und einer langen Ahnenreihe und nicht auf dem
geweihten Amte, sondern allein auf seiner Kraft und Tüchtigkeit beruht
der Wert des Bürgersmanns. Nur wer etwas taugt, hat Tugend, ist zu
brauchen, genießt Achtung und bringt es zu etwas.

Aus diesen Regionen der harten Arbeiter stammen auch all die Männer
des XVI. Jahrhunderts, die allein uns heut noch etwas zu sagen haben:
Holbein, Dürer, Hans Sachs: harte Arbeiter, Männer der Tat, Bürger von
echtem Bürger- und Handwerkerstolze. Die Kraft dieses Geschlechts lag
in ihrer inneren Wahrhaftigkeit. Bei ihnen deckte sich Sein und Schein.
Sie wollten nichts anderes sein, als Meister auf ihrem Arbeitsfelde
und gaben ihren Wert sich selbst.

+Goethe+, selbst gewiß ein Aufrechter, gewillt, sich seine »Geradheit«
stets ungebrochen zu erhalten, fand an jenen Männern ein herzliches
Wohlgefallen:

    »Ihr festes Leben und Männlichkeit,
    Ihre innere Kraft und Ständigkeit«

hatten es ihm angetan. Wie aus Eichenholz geschnitzt sind ihre
Charakterköpfe, und ebenso fest und sicher war ihre Lebensführung:
ein Siegeszug, der über alle Mühsale und Fährlichkeiten des Lebens
hinweggeht, wie der Ritter, den Dürer bildete, zwischen Tod und Teufel
ohne Bangen und Zagen, Zögern und Klagen, fürbaß reitet. Ihre Bahn ist
nicht durch Blut und Vernichtung bezeichnet, nein, wohin ihr Fuß trat,
wo ihre Hand zufaßte, da blühte es auf, da erstanden Denkmäler der
Kraft, Gesundheit und Schönheit. In ihrem Wesen ist nichts Erborgtes
und Unechtes, nichts Verträumtes und Gekünsteltes.

Diese Männer stellten ihre Kraft wohl auch in den Dienst der Großen
in Staat und Kirche, aber sie wurden nie Hofmaler, verkauften ihre
Arbeiten, nicht aber sich selbst. Sie blieben sich in ihrer Kunst treu,
schlicht und wahr, selbst wenn sie Kaiser malten. Nie gewahren wir
einen Pinselstrich, der uns wie Phrase, wie eine servile Huldigung,
wie eine Selbsterniedrigung anmutet. Wie die Großen der Erde zu diesen
Größeren des Geistes standen, dies veranschaulicht die Szene, als
Kaiser Maximilian dem Dürer seinen niedergefallenen Pinsel aufhob.

Von gleichem Schrot und Korn wie jene Meister der Kunst war auch
+Luther+, der bürgerliche Prediger, dessen Verdienst darin bestand,
daß er den Glauben zu einer mehr bürgerlichen Angelegenheit und
damit die Kirche entbehrlicher machte. Wenn wir lesen, wie viele
Männer damals ihm anhingen und für ihre Überzeugung ins Exil gegangen
sind, wie viele für ihren Glauben gekämpft und gelitten haben, dann
ergreift uns Bewunderung und Staunen. Luthers Wort: »Hier steh' ich,
ich kann nicht anders«, betrachten wir als die größte Mannestat des
ganzen Mittelalters. Daß es ein Germane sprach, das eröffnete den
Kampf und Siegeszug der blonden Rassen gegen die dunklen. Damit
setzt die geistige Befreiung der nordischen Staaten ein. An diesem
Lutherworte haben sich seitdem Millionen germanischer Männer und
Frauen aufgerichtet, dieses Wort wurde ihnen auch zum Leitmotiv ihrer
Erziehung. »Werde ein Mann wie Luther!« Das versteht auch ein Kind.
Das heißt: werde ein Mann, der seine Überzeugung gegen eine Welt von
Widerständen behauptet. Das Trutzlied: »Ein' feste Burg ist unser
Gott«, darin die gewaltigen Worte: »Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr',
Kind und Weib: Laß fahren dahin! Sie haben's kein'n Gewinn: Das Reich
muß uns doch bleiben«, enthalten ein vollständiges Erziehungsprogramm
und können einem ganzen Volke Kraft und Halt geben.

Und woher schöpften jene Männer diese unverwüstliche Kraft? Aus der
Wahrhaftigkeit ihres Wesens. Sie holten sich ihre Lebensgesetze nicht
aus der Fremde, suchten die Schönheit nicht in Hellas und Rom, die
Wahrheit nicht in der Kurie oder bei den Schriftgelehrten, sondern
suchten und fanden sie in der Natur und in ihrer eigenen Brust.
So schufen sie in ihrer großartig schlichten Natürlichkeit einen
germanischen Glauben und eine deutsche Kunst, eine Heimatkunst.
Und weil alles so ehrlich, schlicht und wahr, so gesund und
selbstverständlich ist, deshalb bleibt es ewig jung und wirkt es auch
so unwiderstehlich. Da findet man die Behauptung bestätigt, daß der
Deutsche nur sich selbst treu zu bleiben braucht, um mannhaft zu sein.
So wie er aber mehr oder etwas anderes sein will, als wozu ihn seine
Natur bestimmt hat, wird er unsicher und kraftlos. Alle Wanderungen
in fremdes Geistesland, zu denen es uns allezeit verleitet hat, sind
auf Kosten der deutschen Mannhaftigkeit gemacht worden. Wir kommen
davon wie Seeräuber mit reicher Beute beladen heim, aber wie mit einem
inneren Knacks, da wir wohl das fremde Klima nicht vertragen konnten.
Selbst wenn wir Bürgersleute uns nur in die »höhere« Gesellschaft
unseres eigenen Volkstums begaben, bekam uns das jedesmal schlecht. Wir
wissen uns da nicht zu benehmen, werden unsicher und unwahr, entweder
demütig und verlegen oder protzenhaft und prahlerisch.

Nicht mit der Flinte oder mit dem Ruder haben diese Männer ihre
Mannhaftigkeit betätigt, sie haben viel Höheres und Größeres geleistet.
Sie haben den Kampf gegen eine Welt von sichtbaren und unsichtbaren
Feinden aufgenommen, gegen die Hölle und den Himmel, gegen Kaiser und
Papst. Als +Luther+ in den Saal zu Worms eintrat, wo ein Kranz von
Würdenträgern der Kirche und des Reiches über ihn richten sollte,
da sagte zu dem »Pfäfflein« der Kais. Feldhauptmann +Frundsberg+
mit Recht, daß er einen schwereren Gang mache, als er und sonst ein
Ritter je gemacht habe. Da sah die staunende Welt einmal wieder,
was ein +Mann+ ist. Gegen eine Schanze anstürmen, einen Seesturm
bestehen, das war dem harten Geschlechte des XVI. Jahrhunderts nichts
Bewunderungswürdiges mehr. Mut im Felde und auf den Wogen setzte man
bei jedem schlichten Bauernburschen und bei dem jüngsten Seemann
voraus. Was +Luther+ tat, war etwas viel Größeres, etwas Unerhörtes an
Wagemut und Mannhaftigkeit. Nicht Gehorsam vor irgendeinem Machthaber,
nicht Unterwürfigkeit unter eine Kirche, die jeden Dienst mit reichstem
Lohne vergelten konnte, sondern Trotz allen anerkannten Mächten, Schutz
und Lohn allein in der eigenen Brust. So lebte Luther seinem Volke den
Mann der unbeugsamen Überzeugung vor, der seinem Gewissen folgt -- »und
wenn die Welt voll Teufel wär«.

Im konfessionellen Hader und unter der einseitigen Ausbeutung durch
herrschsüchtige Geistliche erfuhr aber auch dieses Ideal bald seine
Trübungen. In rein germanisch-protestantischen Ländern, wie in
Schweden, scheint es sich länger erhalten zu haben. Schiller hat im
Wallenstein den Typus des glaubensstarken ritterlichen Protestanten in
der Gestalt des schwedischen Oberst Wrangel festgehalten.

Zu ihm spricht Wallenstein die ehrenden Worte:

    -- -- »Er urteilt wie ein Schwed und wie
    Ein Protestant. Ihr Lutherischen fechtet
    Für eure Bibel, euch ist's um die Sach';
    Mit eurem +Herzen+ folgt ihr eurer Fahne. --
    Wer zu dem Feinde läuft von +euch+, der hat
    Mit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.
    Von all dem ist die Rede nicht bei uns.«

Worauf dann der erstaunte Ausruf Wrangels:

    »Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulande
    Denn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?«

In Deutschland, selbst im protestantischen, verlernte man bald in den
Wirren des unglückseligen Dreißigjährigen Krieges die Hingabe für seine
religiöse Überzeugung, weil die Fürsten mit der Gesinnung ihrer Männer
elenden Schacher treibend, eigenmächtig über das Glaubensbekenntnis
ihrer Untertanen nach dem Grundsatze: cuius regio eius religio
entschieden; weil die Fürsten aus Interessenpolitik ganz nach äußerem
Bedarf ihren Glauben wechselten und dann getreue Gefolgschaft ihrer
Charakterlosigkeit von dem Volke forderten.

Heute noch wechseln auch protestantische fürstliche Damen, um zu
heiraten, ihren Glauben je nach Bedarf und erschüttern durch dieses
Beispiel fort und fort das Erziehungsideal lutherischer Gesinnungstreue
in ihrem Volke, dem sie Vorbild und Erzieher zu sein den an sich
berechtigten Ehrgeiz haben.

Es kommt hinzu, daß sich im Laufe der Jahrhunderte der Inhalt der
lutherischen Überzeugungen für Unzählige verflüchtigt hat. Man ehrt
diese Überzeugungen noch, teilt sie aber nicht mehr. An überlebten
Idealen aber kann man ein Volk, zumal die Jugend nicht aufrichten.
Gedanken und Ziele müssen werbende und hinreißende Kraft haben, wenn
wir dafür die Jugend begeistern wollen, wenn diese sich mit Leib und
Seele in ihren Dienst stellen soll. Gerade sie verlangt das, denn
sie folgt mehr der Stimmung als der Überlegung. Was schert sie aber
heute, ob z. B. Luther oder Zwingli in der Abendmahlslehre recht
hatten? Wer die Probe darauf machen will, wie tief oder wie flach diese
und verwandte theologische Streitfragen in der Volksseele wohnen,
der versuche einmal einen Kongreß über ein solches Thema zustande
zu bringen, einen Kongreß deutscher Männer, Frauen, Jünglinge und
Jungfrauen! Ich zweifle an irgendeinem Erfolge. Und dabei bearbeiten
die Geistlichen beider Konfessionen unser Volk von der Wiege bis zur
Bahre mit allen diesen religiösen Fragen, als ob von ihnen alles Wohl
und Wehe in Zeit und Ewigkeit abhinge.

Nicht Luthers Persönlichkeit also, aber die lutherische Lehre und
der lutherische Katechismus haben abgewirtschaftet und damit sein
Erziehungsideal.

Wir brauchen nur an den Katechismus zu denken, um sofort von einem
Grausen überfallen zu werden vor all dem widerlichen pfäffischen
Gezänke, vor all der blutrünstigen, düstern und so unsagbar elenden
Wirtschaft, die uns daraus in Staat, Schule und Haus erwachsen sind.

Wir werden später der Frage nicht ausweichen können, wie weit heute die
Geistlichkeit noch ihren Beruf als Erzieher zur Mannhaftigkeit erfüllt.

Daß viele Nachfolger Luthers jahrhundertelang als leuchtende Vorbilder
ihrer Gemeinde in diesem Sinne gewirkt haben, ist eine historisch
anerkannte, unerschütterliche Tatsache. Das deutsche Pastorenhaus
in Ehren! Ein wahrer Strom des Segens hat sich von ihm auf unser
Volk ergossen. Es ist die Wiege zahlloser führender Männer auf allen
Gebieten unseres Kulturlebens geworden -- eine wahre +Heldenschule+ für
geistige Kämpfer gewesen. Wenn es heute nicht mehr so ist, so liegt
die Schuld außer an der Geistlichkeit selbst auch an der völligen
Neugestaltung des Geisteslebens, die unsere Kirche ihrer bestimmenden,
führenden Macht beraubt hat. Nicht am wenigsten sind es die bösen
Lehrer, die ihr diese Wunden geschlagen haben -- mehr aus Notwehr als
aus Frevelmut.

Die traurigste Zeit der deutschen Geschichte, die zwischen dem
Westfälischen Frieden und den Befreiungskriegen liegt, ist eine Schule
der Gesinnungsschwäche und aller Lakaientugenden gewesen. Fürsten von
Gottes Gnaden in unabsehbarer Menge forderten sklavischen Gehorsam
und hielten sich ein Heer von Hofbeamten, Eunuchen der Gesinnung,
die wie abgerichtete Hunde nach den Launen Serenissimi spähten und
sich zu jedem niedrigsten Dienst hergaben. Der aufrechte Mann hatte
damals einen schweren Stand. Französischer Einfluß tat das übrige
zur Ertötung jeder männlichen Haltung und Gesinnung. Die Trachten
jener Zeit spiegelten ihren sittlichen Tiefstand. Die Männer mit
ihren Perücken, Wadenstrümpfen, kleinen Schuhen, ihren gestickten
Westen und spitzen Zierdegen suchten in allem französisch à la mode
zu sein: elegant, geschmeidig, geistreich, witzend, gesinnungslos.
Erziehungsideal selbst der männlichen Jugend war die politesse.
Französisch parlieren, die Damen als verliebter Täuberich umgirren,
auf der Gitarre klingeln, sentimentale Verslein schmieden. Der Galante
stand in höherem Ansehen als der Mannhafte. Kichern statt frohen
Lachens, nippen statt herzhaft essen und trinken, stets mit gekrümmtem
Rücken ja sagen, nie einmal mannhaft aufrecht stehend auch mit einem
offenen Nein trotzen. Daß Männer solcher Sitten keine Bärte tragen,
das paßt ganz zum Bilde: Kastraten, Lakeien und allem unmännlichen
Volke kommt diese Manneszier nicht zu. Man muß sich nur Gemälde jener
Zeit betrachten. Auf den Städtebildern fehlt fast nie die stattliche
Hofkarosse mit bunten Lakeien hinten auf dem Tritte, auf der Straße die
Bürger, die Hüte und Nacken bis zum Boden niederbeugen. Man muß die
Huldigungsgedichte lesen, mit denen das Geburtstagsfest Serenissimi
oder die glückliche Niederkunft der Landesmutter gefeiert wurde, muß
die Widmungen gelehrter Bücher sehen, mit denen, in tiefster Demut
ersterbend, selbst die größten Geister jener Zeit ihre Geistesgaben
als gehorsamste Diener ihrem Herrn zu Füßen legen zu dürfen submissest
und untertänigst bitten und muß den ganzen Schnörkelkram des höfischen
Zeremoniells einmal betrachtet haben, mit dem sich diese Halbgötter auf
deutschen Fürstenthronen umgaben. Vieles davon lebt noch heute nach,
so der häßliche Gruß »Gehorsamster Diener!« und der Unfug, der mit den
Titulaturen und Wohlgeboren, Hochwohlgeboren etc. getrieben wird.

»Welche Nation in Europa«, so fragte schon Herder, »hat sich die Anrede
der Menschen und Stände aneinander erschwert und verkünstelt wie die
deutsche? Nicht nur die langweilig abgeschmackten Titulaturen, mit
denen wir ein Spott aller Nationen sind und deren wir dennoch nicht
entraten mögen, sondern der ganze Bau unserer öffentlichen Anreden,
Zuschriften, Verhandlungen usf. zwingen uns in Knechtsfesseln zu
sinnlos heuchelnden Knechtsgebärden. Unsere demütigen Bittschriften
und die gnädigen oder allergnädigsten Resolutionen darauf, wer kann
sie ohne Lachen, ohne Verdruß und Scham lesen? Und die förmlichen
Oppositionen unserer Rechts- und Staatssachen, die Devotion, mit der
wir verharren und ersterben, die krausen Züge, die dabei gemalt, die
Papierballen, die Menschenleben, die mit und zu dieser unseligen
deutschen Kunst verschwendet werden, die kopflose Steifheit, der
Formelstolz, die pedantische Grobheit und Seelenschläferei, die daher
ganzen Ständen, Kollegien und Ämtern zur zweiten Natur werden, wer kann
und darf diesen Wust ausfegen? Und doch ist der gerade Vortrag der
Wahrheit so auffallend leichter und lichter, indes die Verkünstelung
und Verwirrung so viel Zeit, Mühe, Geld und Papier kostet! Länder,
Stände, Städte, Menschen leiden unter dieser langweilig-hochpeinlichen
Verkreiselung; wer kann und mag sie ändern? Im gesellschaftlichen
Umgange sogar ist jemanden bei seinen Namen zu nennen, Schimpf; Titel
und Würden bei Männern und Weibern dürfen allein genannt werden;
dem Ohr wie dem Auge wollen wir nur in der Livree erscheinen. Wie
leicht haben sich andre Nationen dies alte Joch gemacht oder es gar
abgeworfen; der Deutsche trägt's geduldig.

Kriechende Gefälligkeit, ein solches Loben, wo nichts zu loben ist,
sinnlose Titulatur- und Bücklingsschmeicheleien, die alle gerade Anrede
der Menschen und Stände gegeneinander aufheben, die Kanzleien ermüden
und den Geschäftsstil nicht nur, sondern oft die gesunde Vernunft
verderben, jene süßliche Hingabe, die man (man verzeihe der niedrigsten
Sache einen niedrigen Ausdruck) kaum anders als deutsche Hundsfötterei
nennen könnte, legen uns treu-devotest zu Füßen der Majestät Dullneß.
Die meisten Nationen Europas haben sich diesen Wortpraß erleichtert
oder ihn weggeworfen, weil er die Larve knechtischer Falschheit, den
Charakter einer Nation abstumpft, jedem Vortrage seine Richtung und
Schärfe nimmt, und die ganze Rede in ein »Um den Brei gehn« verwandelt,
zu dem wir Deutschen am wenigsten gemacht sind. Und eben wir Deutsche
tanzen nicht nur noch in diesem spanischen Mantel, sondern unsre
Formularisten setzen in diesen Tanz sogar alle Kunst ihres Geschäftes,
so daß sie vor lauter falschen Umschreibungen und Titularbrücken zur
Sache, zur Person und Geschäft nicht kommen mögen.«

Dazu damals ewige Kriegswirren, unerschwingliche Steuern für
Bestreitung monarchischer Großmannssucht, dazu ferner die Enge
des ganzen bürgerlichen und zünftigen Lebens, der Klatsch und die
philisterhafte Überwachung jeder Lebensführung, die strenge Zensur
jeder geistigen Regung, die Umständlichkeit des Verkehres, all die
Schikanen durch Paß-, Zoll- und Grenzzwang. Daß in einer solchen
Stickluft aufrechte Männer nur selten gedeihen wollten -- wen kann das
noch wundern? Man muß sich dieses Bild nur recht anschaulich machen,
um die ragenden Größen des Preußen Friedrichs und die geistigen Taten
der Männer wie Lessing, Herder, Goethe und Schiller gerecht würdigen zu
lernen. Ohne den befreienden Lufthauch, der aus England und Frankreich
herüberwehte, wären diese Erscheinungen fast unerklärlich. Auch das
alte Griechenland, das Winckelmann entdeckte, half uns aus tiefer Not
erlösen. Damals war es wirklich eine Errettung, daß es unserem Volke
zeigte, wie gesunde und unverbildete Menschen einstmal gelebt haben
und glücklich gewesen sind.

Die Sucht nach dem Fremdländischen scheint dem Deutschen im Blute zu
liegen. Immer wieder muß ein Reformator erscheinen, der das mühsam
eingepflanzte Fremde mit verdoppelter Mühe wieder ausgräbt. Gegen
das französische Unkraut kämpfte zuerst und am rücksichtslosesten
der Preußenkönig +Friedrich Wilhelm I.+, nach langer Zeit der erste
wieder echt deutsch empfindende und handelnde deutsche Fürst. Er hat
bekanntlich bei seinem Regierungsantritte als ein junger Mann von
25 Jahren sofort allen kostbaren Prunk der Festlichkeiten, alles
leere Gepränge des höfischen Zeremoniells bis auf das Notwendigste
beschränkt und ein sehr gesundes Erziehungsprogramm für seinen Sohn
aufgestellt mit dem Zwecke: Schaffensfreudigkeit, Kraft, Gesundheit,
Sittlichkeit, Zufriedenheit zu erzielen. Deshalb drang er in der
Erziehung auf Wahrhaftigkeit, Fleiß, Treue, Sparsamkeit, Einfachheit
der Lebensführung, Gewöhnung an Ordnung, Gehorsam und an nützliche
Beschäftigung. Auf den blendenden Schimmer einer hoch gesteigerten
Schulweisheit gab er nichts. Er ist recht eigentlich der Vater des
+preußischen Mannesideales+, der Schöpfer des preußischen Staates, der
sich Schritt für Schritt die Vorherrschaft in Deutschland errungen hat.
Seine hohe erziehliche Wirksamkeit erkannte selbst sein oft von ihm arg
mißhandelter Sohn, der Große Friedrich, völlig an. Er sagte darüber
zu seinem Freunde +de Catt+: »Welch ein schrecklich strenger Mensch!
Aber auch wie gerecht, einsichtig und sorgsam. Sie glauben nicht,
welche Ordnung er in alle Zweige der Regierung brachte! Seiner Sorge,
Arbeit, Gerechtigkeit und Wirtschaftskunst verdanke ich es, daß ich das
habe ausführen können, was ich ausgeführt habe.« -- -- Die Kraft des
strengen und einseitigen Königs lag eben in dieser Einseitigkeit.

Er wagte es, einmal nichts anderes zu sein und scheinen zu wollen, als
ein tüchtiger deutscher Mann. Selbst die lateinischen Studien galten
ihm als Allotria. Köstliches erzählt darüber wieder sein Sohn: »Als
ich noch Kind war und etwas Latein lernte, deklinierte ich eben mensa.
Plötzlich trat mein Vater ins Zimmer. ›Was macht ihr da?‹ sagte er.
›Papa, ich dekliniere‹, sagte ich. ›Latein treibst du mit meinem Sohne,
du Schurke!‹ Damit brachte er den Lehrer mit Stockschlägen aus dem
Zimmer. Ich kroch vor Angst unter den Tisch und glaubte sicher zu sein.
Aber er holte mich vor und bläute mich durch.«

Eine Illustration zu der Behauptung, daß es uns an einheitlicher
Erziehungspraxis allzeit gefehlt hat: der König prügelt Lehrer und Sohn
wegen des Lernens von mensa und Tausende von Kindern werden geprügelt,
weil sie mensa nicht lernen wollen. Wer handelte nun wohl vernünftiger?
Jedenfalls hatte der König seine klaren Grundsätze, die eine bewußte
Abkehr von allem Fremden waren.

Der damals am Berliner Hofe beglaubigte französische Gesandte
Graf +Rottenburg+ berichtet darüber, der König habe gesagt: »Ein
Kind, das einst in einem bestimmten Lande und in einer bestimmten
Zeit +herrschen+ soll, muß in nichts anderen als in den hierzu
erforderlichen Gegenständen unterrichtet werden. Mögen Dauphins,
Prinzen von Wales und Infanten die Weltgeschichte studieren und Latein
lernen, mögen sie Zeit und Eifer auf die nicht leicht zu erwerbende
Geschicklichkeit verwenden, sich beim ›Aufstehen‹ richtig zu benehmen:
in Preußen steht der König allein auf, sobald die Reveille ertönt
und geht auch ohne Zeremoniell zu Bett. Er ist nicht so reich wie
die Könige von England, Frankreich und Spanien, sondern ein armer
König, den das Altertum mit seinen Assyrern, Ägyptern und Römern
nichts angeht.« Und nun folgen Worte, die jeder deutsche Erzieher
kennen sollte. Sie sind von einer verblüffenden Wahrheit, und ihnen
haben wir es in letzter Linie zu danken, daß wir wieder ein starkes,
selbstbewußtes Volk geworden sind: »Herodot, Thucydides, Livius und
Tacitus wissen nichts von Pommern, Jülich und Berg, auf welche die
Hohenzollern Ansprüche haben. Und ihre Sprache! Kann man diese in der
Armee oder in der Landwirtschaft gebrauchen? Die antike Pracht geht
einen preußischen König nichts an. Denn der soll marschieren, reiten,
sich um die Geschäfte kümmern, keine Perücke tragen, sondern deutsch
denken und arbeiten.«[6] Zugleich wurde aber stark in +Frömmigkeit+
gemacht.

Auch +Friedrich der Große+ war mit der Jugenderziehung in den
Lateinschulen keineswegs zufrieden. In ihnen würde nur das
Gedächtnis gefüllt mit unbrauchbaren Kenntnissen, während das eigene
Denken, Bildung des Urteils nicht geweckt und besonders Bildung
einer mannhaften Gesinnung nicht erzielt werde. Mehr als durch
Schulinstruktionen wirkte er, indem er seinen Deutschen den Mann der
Tat vorlebte. Aber die gute Wirkung, die er damit als nationaler
Erzieher gewonnen hatte, wurde wieder stark beeinträchtigt durch
seine Hinneigung und Vorliebe für die französische Sprache und für
französischen Geschmack überhaupt.

Da mußte wieder ein Lessing kommen, um auch diese Fremdpflanze
auszuroden und um nun auf dem gesäuberten Boden freilich wieder eine
andere noch von ferner her importierte Kultur zu pflanzen, so daß
+Schiller+ spotten konnte:

    Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen,
    Bricht in der Gräkomanie gar noch ein hitziges aus.

+Napoleon+, dem grausamen Zuchtmeister, ist es zu danken, daß die
Deutschen sich wieder nach einem deutschen Mannesideal umschauten.
Dichter, Philosophen, Staatsmänner legten sich die Frage vor, wie die
alte germanische Tüchtigkeit wieder erweckt werden könne. Seitdem
arbeiteten die Führer, Schöpfer und Sänger der Freiheitskriege an der
körperlichen und sittlichen Neugeburt des im läppischen Hofgetändel, in
Untertanendemut und in biedermeierischer Philisterseligkeit versunkenen
Volkes. Die deutsche Jugend, lenkbar und hingebend wie stets, wenn man
ihr hohe Ziele zeigt, folgte ihren Führern mit einer Begeisterung und
einer Hingabe, wie sie Deutschland seit den Tagen des Arminius nicht
gesehen hatte.

Hier war es zum ersten Male der Gedanke des großen deutschen
+Vaterlandes+, der Stammes- und Blutsgemeinschaft, der dem Mannesideale
neuen und tiefsten Gehalt gab. Vordem hatte kein deutscher Fürst,
selbst Friedrich der Große nicht an ein deutsches einiges Volk
gedacht. Sie alle trieben Lokalpatriotismus. Vordem hatte selbst der
Offizier als Lehnsmann nur seinem Herrn gedient. Treue knüpfte ihn an
den +einen+ Mann, nicht an seine Landsmänner. In den Glaubenskriegen
entschied eine Zeitlang die religiöse Überzeugung, während das
Vaterland nichts galt. Darauf wurde die Kriegsführung ein Handwerk. Es
galt nicht für ehrenrührig, seinen Kriegsherrn zu wechseln. Franzosen
dienten im Heere des Großen Friedrich. Deutsche Offiziere waren über
die ganze Erde zerstreut. Man konnte nach den Anschauungen jener
Zeit, wie der Major von Tellheim in Lessings Minna von Barnhelm, ein
Ritter ohne Furcht und Tadel sein, ohne Anhängigkeit an ein Vaterland.
Ein deutsches Vaterland also und damit die bewußten vaterländischen
Mannestugenden schuf sich das deutsche Volk erst in und durch die
Befreiungskriege. Es war neu und zündete auch wie ein neues Evangelium,
als Schiller die Worte ins Volk hinausrief:

»Ans Vaterland, ans teure, schließ' dich an!«

Seitdem konnte man sich eine volle Mannespersönlichkeit ohne tiefe
Beziehung zum Vaterland kaum mehr denken. Goethe sogar hatte sich gegen
den ungerechten Vorwurf zu schützen, daß es ihm an vaterländischer
Gesinnung mangele. Wer nicht Patriot war, galt eben nicht als voll, und
wenn er ein Goethe wäre.

»Es war plötzlich«, sagt +Arndt+, »wie durch ein Wunder Gottes ein
großes und würdiges Volk erstanden« -- »Die Preußen sind dem ganzen
deutschen Volke Anführer zur Freiheit gewesen, sie sind ihnen auch
ein Muster der Tapferkeit, Zucht, Bescheidenheit und Menschlichkeit,
sie sind rechte Krieger Gottes geworden. Jene Begeisterung, womit
sie sich dem Tode fürs Vaterland weihten, machte sie auch stark zu
jeder hohen Geduld und zu jeder menschlichen Milde: sie waren in der
Schlacht wie verzehrendes Feuer und wie erquickender Sonnenschein,
wenn die Schwerter ruhten ... Daß wir jetzt (1845) frei atmen, daß
wir fröhlich zu den Sternen blicken und Gott anbeten: das danken wir
nächst Gott diesen Beginnern der deutschen Herrlichkeit. Sie sind uns
übrigen Deutschen, wie verschiedene Namen wir auch führen mögen, die
glorreichen Vertreter und das erste Beispiel der Freiheit und Ehre
geworden« (Schriften für und an seine lieben Deutschen I, Leipzig 1845).

Ich glaube, daß man diese Zeit in ihrer sittlichen Größe trotz Heinrich
von Treitschke noch nicht genügend würdigt. Wieviel idealer Schwung,
wie große Opferfreudigkeit, welch begeisterte Hingabe des Lebens und
aller Lebensgüter flammten in den Jünglingen und Jungfrauen, die sich
an Körners und an Arndts Liedern begeisterten und singend und betend in
Kampf und Tod gingen! Das Mannesideal, das damals geschaffen wurde,
hätte nicht wieder versinken dürfen.

Seit der Niederwerfung Napoleons, als die Bundesakte einen losen
Verband deutscher Staaten geschaffen hatte, trat immer lebhafter der
Wunsch nach Verfassungen hervor, durch die die bürgerlichen Rechte
sicher gestellt werden sollten gegenüber der Regierungsgewalt. Man
hoffte, daß durch die öffentlichen Verhandlungen eines Landtages eine
unendliche Menge von kleinen Interessen in den Kurs des bürgerlichen
Lebens kommen und diesem einen größeren Gehalt und Reiz geben würden.
Das große Interesse des Staates werde so gewissermaßen in Münze
umgesetzt und diese ergieße sich über gewisse Teile der Gesellschaft
und belebe ihren Staatsverkehr. Man erhoffte ein reiches blühendes
Staatsleben und gedachte dabei an die Form in Rom und an Athens
öffentliche Plätze. Gegen eine solche Vorstellung des Bürgerlebens
mußte das stille Besorgen seiner Privatgeschäfte als eine wahre
Stagnation erscheinen, und in diesem Sinne beklagte man sich auch ewig
über den faulen, trägen Zustand der Zeit. »Soll der Untertan«, so sagte
man, »sich seinem Staate im rechten Sinne anpassen, so muß er dessen
Hauptinteressen kennen; diese müßten großartig und dauernd sein und in
dieser bleibenden Richtung muß sich die Teilnahme des Bürgers befinden.
Die Regierung muß so eingerichtet sein, daß er Vertrauen zu ihr hat;
dieses Vertrauen braucht nicht blind und unbedingt zu sein; er kann
mit seinem Urteile ihren Schritten folgen, und sein Herz kann ihr mehr
oder weniger Beifall zollen. In diesem mehr oder weniger einstimmenden
Gefühle und Urteile der Untertanen wird die Regierung die Leitsterne
erkennen und danach steuern können, um so leichter und schneller zu
fahren.« (K. Schwartz, Leben des Generals Carl von Clausewitz. Bd. II.
Berlin 1878.) Ideal der Zeit wurde der tüchtige und rechtschaffene
Bürger, der zugleich warme Teilnahme an den großen Interessen des
Landes zeigt, der +freimütige Politiker+.

Daneben lief eine neue Lehre her, die, von Frankreich ausgehend,
vereinzelte Gemüter in Erregung versetzte, die Lehre von der Freiheit,
Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen. Zu dem Wunsche, selbsttätig
dem Staate, der Gemeinschaft der Brüder zu dienen, gesellte sich der
höhere Wunsch, dieses geliebte Vaterland zur Pflegstätte und Heimat der
neuen Menschheitsideale zu machen. Männer mit freiem vorurteilsfreien
Blicke, die sich über Standes- und Klassenvorurteile hinwegsetzten
und »modern« empfanden, wollten nun auch mit Hand anlegen an der
geistigen und sittlichen Verjüngung ihres Volkes. Aber da kamen sie
übel an. So hatten sich die Fürsten und ihre Staatsmänner die Folgen
des Freiheitskampfes nicht vorgestellt. Nachdem das Volk ihnen den
Feind aus den Landen gejagt hatte, sollte ein jeder Untertan wieder
still an seine Arbeit gehen und die Lenkung der politischen Geschicke
denen überlassen, die von Gott und kraft ihres Amtes dazu da waren. Die
freien deutschen Burschen aber, die sich klüger dünkten und in ihrem
jugendlichen Unverstande von einem einigen, freien deutschen Vaterlande
schwärmten, hatten hinter eisernen Gittern Zeit, darüber nachzudenken,
daß Deutschland für die Verwirklichung ihrer Mannesideale noch nicht
reif war. Als die große Hetze losging gegen die Burschenschaftler,
liberalen Schriftsteller und alle für ein einiges großes Deutschland
begeisterten Schwärmer, hat auch +Laube+, dessen hundertjähriger
Geburtstag soeben in Deutschland festlich begangen wird, neun Monate
im Gefängnis zugebracht, nicht für eine gegen den Staat gerichtete
Tat, nur für seine deutsche Gesinnung. Aber er hat diese tapfere
Gesinnung sein Leben lang bewahrt, ob er sie gleich in jungen Jahren
so schwer büßen mußte. +Feodor Wehl+, der das zutreffendste Bild von
Laube entworfen hat, sagt mit warmen Worten: +Das junge Deutschland
ist ohne Überläufer und Verräter an seiner Sache geblieben. Das ist
auch ein Ruhm, und dieser Ruhm schmückt Laube noch b

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/49085