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Briefe an Ludwig Tieck (1/4)

by Ludwig Tieck · German · Gutenberg #49083 · 713,742 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Briefe an Ludwig Tieck (1/4)
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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Title: Briefe an Ludwig Tieck (1/4)

Author: Ludwig Tieck

Editor: Karl von Holtei


        
Release date: May 30, 2015 [eBook #49083]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/49083

Credits: Produced by Karl Eichwalder, Reiner Ruf and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
        book was produced from scanned images of public domain
        material from the Google Print project.)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE AN LUDWIG TIECK (1/4) ***

  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1864 erschienenen Buchausgabe
möglichst originalgetreu wiedergegeben. Die Zeichensetzung wurde
stillschweigend korrigiert. Aufgrund der Vielfalt der persönlichern
Schreibstile der verschiedenen Autoren wurden ungewöhnliche und
inkonsistente Schreibweisen aber beibehalten, jedoch wurden
offensichtliche Druckfehler korrigiert:

    S. XVI,: ‚Hagen, Friedrich Heinrich van der‘ → ‚Hagen, Friedrich
    Heinrich von der‘
    S. 24,: ‚quittter‘ → ‚quitter‘
    S. 33,: ‚von der‘ → ‚von dem‘
    S. 52,: doppeltes ‚sich‘; eines entfernt
    S. 98,: ‚Sie als äußerst‘ → ‚sie als äußerst‘
    S. 142,: ‚Friedrichs des Streibaren‘ → ‚Friedrich des Streitbaren‘
    S. 159,: ‚zu ersten Male‘ → ‚zum ersten Male‘
    S. 161,: ‚lettre d’intorduction‘ → ‘lettre d’introduction‘
    S. 174: Briefnummer ‚VI‘ → ‚IV‘
    S. 200,: ‚zu zuzurufen‘ → ‚zuzurufen‘
    S. 203,: ‚Liebeshoffnungenn‘ → ‚Liebeshoffnungen‘
    S. 216,: ‚Bedenkliches dabe‘ → ‚Bedenkliches dabei‘
    S. 229,: doppeltes ‚zu‘; eines entfernt
    S. 251,: ‚würden Sie‘ → ‚würden sie‘
    S. 270,: doppeltes ‚er‘; eines entfernt
    S. 289,: ‚bei denen, dei‘ → ‚bei denen, die‘
    S. 293,: ‚kannte sie weniger‘ → ‚konnte sie weniger‘
    S. 304: ‚Dich und Sie‘ → ‚Dich und sie‘
    S. 329,: ‚Vergeben sie‘ → ‚Vergeben Sie‘
    S. 367: ‚Im empfehle‘ → ‚Ich empfehle‘
    S. 369,3: doppeltes ‚und‘; eines entfernt
    S. 375,: ‚Or i shall live yours epitaph to make‘ → ‚Or I shall live
      your epitaph to make‘

Die Nummerierung der Briefe auf S. 127/128 von K. G. Carus (Nr. V bzw.
VI) ist im Original vertauscht wiedergegeben; die korrekte
Zahlenreihenfolge wurde wiederhergestellt.

Der Text in der Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt; dies
wird hier durch normale Schrift dargestellt; _Unterstriche_ stehen für
gesperrten Text, ~Tilden~ für Antiquaschrift. Fettgedruckte Passagen
werden durch =Gleichheitszeichen= hervorgehoben.

  ####################################################################




                                Briefe
                                  an
                             Ludwig Tieck.


                             Erster Band.




                Verlag von Eduard Trewendt in Breslau.


    =Armand, Bis in die Wildniß.= Reise-Roman. 2. Aufl.
      4 Bände. 8.                                                4 Thlr.

    =Bach, Dr. Theodor, Theodor Gottlieb von Hippel=, der
      Verfasser des Aufrufs: „An mein Volk.“ Ein
      Gedenkblatt &c. 8.                                        1½ Thlr.

    =Eberth, Dr. Felix, Walter Scott.= Ein Lebensbild.
      2 Bände.  8.                                               3 Thlr.

    =Frenzel, Karl, Die drei Grazien.= Roman. 3 Bände.  8.      4½ Thlr.

    =Giseke, H. L. Robert, Käthchen.= Roman. 4 Bände.  8.        4 Thlr.

    =Godin, A., Eine Catastrophe und ihre Folgen.=
      Roman.  8.                                                1½ Thlr.

    =Gottschall, Rud., Reisebilder aus Italien.=  8.            1½ Thlr.

    =Habicht, Ludw., Kriminal-Novellen.=  8.                    1½ Thlr.

    =Holtei, Karl von, Kleine Erzählungen.= Volks-Ausgabe.
      5 Bde. 16.                                                1½ Thlr.

    =-- -- Die Eselsfresser.= Roman. Volks-Ausg. 3 Bde.  16.     1 Thlr.

    =-- -- Vierzig Jahre.= Volks-Ausgabe. 6 Bände.  16.          4 Thlr.

    =-- -- Der letzte Komödiant.= Roman. 3 Bde.  8.              5 Thlr.

    =-- -- Kriminalgeschichten.= Volks-Ausgabe. 6 Bde.  16.      2 Thlr.

    =-- -- Christian Lammfell.= Roman. Volks-Ausg. 5 Bde.  16.  1½ Thlr.

    =-- -- Noblesse oblige.= Roman. Volks-Ausg. 3 Bde.  16.      1 Thlr.

    =-- -- Ein Schneider.= Roman. Volks-Ausgabe. 3 Bde.  16.     1 Thlr.

    =-- -- Die Vagabunden.= Roman. Volks-Ausgabe. 3 Bde.  16.    1 Thlr.

          _Illustrierte Ausgabe._ 3 Theile in einem Bande.  8.  1½ Thlr.

    =-- -- Noch ein Jahr in Schlesien.= Anhang zu „Vierzig
      Jahre.“ 2 Bde.                                             20 Sgr.

    =Mügge, Theodor, Nordisches Bilderbuch.= Reisebilder.
      3. Aufl.  8.                                               24 Sgr.

    =-- -- Romane.= Dritte (letzte) Folge. 6 Bände.  8.          9 Thlr.

    =-- -- Der Chevalier.= Roman. 2. Auflage. 3 Bde.  8.        1½ Thlr.

    =-- -- Toussaint.= Roman. 2. Auflage. 5 Bde.  8.            2½ Thlr.

    =-- -- Erich Randal.= Roman. 2. Aufl. 4 Bde. 8.              2 Thlr.

    =-- -- Afraja.= Roman. 2. Aufl. 3 Bde. 8.                   1½ Thlr.

    =-- -- Tänzerin und Gräfin.= Roman. 2. Aufl. 3 Bde. 8.      1½ Thlr.

    =-- -- Die Vendéerin.= Roman. 2. Aufl. 2 Bde. 8.             1 Thlr.

    =-- -- Weihnachtsabend.= Roman. 2. Aufl. 8.                  15 Sgr.

    =Rosen, Ludwig, Vier Freunde.= Roman. 3 Bände.  8            5 Thlr.

    =-- -- Damals.= Novellen aus den Befreiungskriegen. 8.
      Eleg. brosch.                                             1½ Thlr.

    =Salma, Bernhard von, Graf Mocenigo= Social-polit.
      Rom. 3 Bde. 8.                                            4½ Thlr.

    =See, Gustav vom, Erzählungen eines alten Herrn.= 8.        1½ Thlr.

    =-- -- Erzählungen eines alten Herrn.= Neue Folge. 8.       1½ Thlr.

    =-- -- Zwei gnädige Frauen.= Roman. 3 Bände. 8.             3½ Thlr.

    =-- -- Herz und Welt.= Roman. 3 Bände. 8.                   4½ Thlr.

    =-- -- Wogen des Lebens.= Roman. 3 Bände. 8.                 4 Thlr.

    =Wehl, Feodor, Allerweltsgeschichten.= Ein
      Novellenbuch. 8.                                          1½ Thlr.




                                Briefe

                                  an

                             Ludwig Tieck.

                     Ausgewählt und herausgegeben

                                  von

                           Karl von Holtei.

                             Erster Band.

                 Breslau, Verlag von Eduard Trewendt.

                                 1864




                                  Der

                    durchlauchtigen Frau Wilhelmine

                           Fürstin Auersperg

                   geb. Fürstin Colloredo-Mannsfeldt

  widmet voll Verehrung für Geist, Seele, Anmuth und Schönheit diese
                                Bücher

                                  der


                                                           Herausgeber.




                               Vorwort.


~Dr~. Rudolph Köpke sagt im Vorworte zu seinem Buche: =Ludwig
Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters etc. etc. = (Leipzig,
F. A. Brockhaus 1855.):

„Lange beschäftigte ihn der Gedanke, eine Auswahl des reichhaltigen
Briefwechsels herauszugeben, in dem er während eines langen
litterarischen Lebens mit den verschiedensten Männern gestanden hatte.
Diese Sammlung, so weit sie ihn persönlich betrifft, beginnt mit dem
Jahre 1792 und enthält der großen Mehrzahl nach Briefe die an ihn
gerichtet sind. In chronologischer Reihenfolge theilte er mir die
einzelnen Bände mit zur Durchsicht und vorläufigen Bezeichnung des etwa
Auszuwählenden. An jeden wichtigen Brief knüpften sich Erläuterungen
und häufig neue Erzählungen &c. &c. &c. So ist es zu verstehen, wenn
ich dieses Buch „„Erinnerungen a. d. L. d. Dichters nach dessen
mündlichen und _schriftlichen_ Mittheilungen““ genannt habe.“

Daß unsere jetzt gedruckte Briefsammlung eigentlich als Anhang,
Nachtrag zu Köpke’s vortrefflicher Lebensbeschreibung betrachtet werden
will, unterliegt keiner Frage.

Desto drohender tritt die andere Frage hervor: Wie ist die Auswahl
gerathen? in wie fern erfüllt ihre Zusammenstellung des Verstorbenen
Absicht? in wie fern wird sie den Anforderungen genügen, welche
unterrichtete Leser daran machen wollen?

Darauf muss ich erwiedern: _Nur_ Herr Professor Köpke, und gerade
Er wäre im Stande gewesen, diese Aufgabe, des Gegenstandes würdig,
im Sinne Tiecks zu lösen, wie ja schon aus der hier zum Eingange
abgedruckten Stelle seines Vorwortes sich zeigt. Deshalb habe ich,
bevor ich mich anschickte, dem _mir_ gegönnten Vertrauen durch
die That zu entsprechen, _ihn_ dringend schriftlich ersucht:
sämmtliche Papiere ihm zusenden, und die schwierige Redaktion ihm
überlassen zu dürfen? Er hat darauf bestimmt und wiederholentlich
erklärt: „_seine Zeit sey jetzt durch andere Arbeiten zu sehr
in Anspruch genommen, und er könne zu dieser Verpflichtung
gegenwärtig nicht mehr zurückkehren_!“ -- Erst darauf habe ich
mich entschlossen, wirklich zu beginnen; doch hab’ ich mir’s keinen
Augenblick während eines halben Jahres verhehlt, daß es mir an gar
vielem dazu gebricht; daß mein langjähriges Verhältniß zu Tieck, mag
es immer ein vertrauliches, mag ich in seinem Hause heimisch gewesen
sein, doch kaum Ersatz gewährt für mancherlei sonstige mir fehlende
Kenntnisse wie Eigenschaften; daß ich’s, mit einem Worte, beim besten
Willen vielleicht Wenigen zu Danke machen werde; hab’ aber dennoch
die Arbeit auf mich geladen, weil schwerlich ein Anderer da war, der
sie williger übernommen, der sie besser gemacht hätte; weil ich es für
Schuldigkeit halte, einer guten Sache ohne Eitelkeit zu dienen.

Welche Massen von Papieren müßten sich im Laufe so langen Lebens,
und bei Tiecks Stellung in der Welt aufgesammelt haben, wäre nicht
doch Vieles verloren gegangen! Ordnung zu halten wurde ihm schwer.
Dessen selbst bewußt, hat er, was früher glücklich gerettet war,
späterhin vor künftiger Verzettelung sichern wollen; hat es in
dicke Quartanten zusammen _binden_ lassen, -- für’s Gefühl des
Handschriftensammlers ein unseeliger Gedanke! Wie es damit bestellt
gewesen, das kann nur wissen, wer sich genöthiget sah, wiederum zu
trennen und auseinander zu fasern, was des Buchbinders Kleister,
ohne Achtung für morsches Papier und halbverwitterte Schrift dick
verklebt hatte. Da ist manch’ ein Riß in’s Lebendige geschehen;
da war beim „Beschneiden“ (!) des Convolutes manche Nach- manche
Namensunter-Schrift glatt weggesäbelt worden; da hatten sich Bogen,
deren Format nicht willig paßte, unerbittlicher Gewalt fügen, und
biegen oder brechen müssen, daß sie in Fetzen hingen. Und da sind
Lücken entstanden, welche weder des Kopisten[1] Umsicht, noch des
Redakteurs Konjekturen auszufüllen vermochten.

Bald zeigte sich, daß eine chronologische Eintheilung mißlich,
-- nach meinem Dafürhalten unmöglich sey. Ich gerathe dadurch in
Widerspruch mit dem von mir so hochverehrten Biographen, der (siehe
Oben) von einer solchen Reihenfolge spricht. Wahrscheinlich, daß
Tieck in der _Anlage_ so etwas beabsichtigt hat. Durchgeführt
ward es keinesweges. Ich fand (mit Ausnahme der Schlegel’schen und
Wackenroder’schen Briefe, welche zwei selbstständige Bände bildeten)
die meisten übrigen in _alphabetischer_ Folge -- außer wo der
Buchbinder Konfusion gemacht hatte. Diese Folge habe ich denn auch
beibehalten, wo sie mangelhaft war, gründlich hergestellt, so daß
sich bald gesammter Vorrath nominell übersehen ließ; wobei jedoch
immer noch Noth und Sorge blieben, wegen der Zeitfolge in den Briefen
der einzelnen Korrespondenten, denen häufig die Daten fehlten, und
bisweilen nicht aus dem Inhalt errathen werden konnten. Eben so blieben
Abbreviaturen, Citate, Eigen- und Orts-Namen u. dergl. bei fast
unlesbarer Handschrift nicht selten räthselhaft.

Nachdem denn endlich der _Vorrath_ gut oder übel in’s Reine
gebracht vor Augen lag, begann erst die strengere _Auswahl_.

Ausgeschlossen mussten werden

Erstens -- sollte nicht der Umfang des Buches über alle Berechnung sich
ausdehnen, und es ungebührlich vertheuern -- diejenigen Briefe, die
_nicht an Tieck_ gerichtet, durch dritte Hand in seinen Besitz
gelangt sind.

Zweitens _sämmtliche_ Familienbriefe, aus denen ~Dr~. Köpke
unschätzbare Aufschlüsse für seine psychologische Entwickelung des
reichen Dichterlebens schöpfen, die ich aber, ausdrücklich ertheilter
Anweisung gemäß, nicht abdrucken lassen durfte.

Drittens wurde, meinen Ansichten getreu, im Ganzen unterdrückt, oder
wo möglich theilweise herausgestrichen, was Anstoß erregen -- was noch
Lebende persönlich verletzen -- was sie um ihrer lieben Todten willen
kränken -- was endlich den Schreibern Verdrießlichkeiten, und sind
sie begraben, üble Nachrede zuziehen könnte. Ich gestehe aufrichtig,
daß mir diese Censur einigemale recht schwer wurde; daß ich bei
pikanten Stellen die Feder oft in der Schwebe hielt, noch zögernd,
ob ich streichen sollte? Doch unser Verleger war mit mir und mit der
Erbin dieses Nachlasses einverstanden: ein auf litterarischen Skandal
berechneter Effekt sei unstatthaft, und Ludwig Tiecks Angedenken dürfe
durch Spekulationskniffe nicht entweiht werden.

Zählen wir noch dazu den Ausfall vertraulicher Zuschriften von Freunden
und Gönnerinnen, welche vor oder nach Seinem Tode zurückverlangt, oder
welche, wie Friedr. von Raumer’s und Solger’s, bereits anderweitig
veröffentlicht sind, so wurde eine befriedigende _Vollständigkeit_
der Sammlung unerreichbar. Wir mußten uns begnügen an dem Gedanken
festzuhalten und ihn lebendig zu machen:

All’ diese, mitunter völlig vereinzelten, auch die an sich scheinbar
unbedeutenden Blätter, bilden trotzdem _ein Ganzes_, stehen
in innerem Zusammenhange, weil sie, jedes auf seine Weise, der
_Nachwelt_ darthun, in welchem Lichte Ludwig Tieck, seit Beginn
eines poetischen Jugendlebens bis zum Abschluß hohen Alters, als
Dichter -- als Gelehrter -- als Kritiker -- als Vorleser -- als
Dramaturg -- als Mensch, Freund, Rather, Förderer, Wohlthäter....
nicht minder als saumseeliger Briefschreiber, bei _drei_ sich
folgenden Generationen seiner _Mitwelt_ gestanden hat.

Wir leugnen’s nicht: es sind hier und da recht schwache Vertreter
besagter Mitwelt zugelassen worden.

Nicht ohne reifliche Ueberlegung.

Zu einem umfangreichen historischen Bilde gehören außer den
Hauptpersonen viele, vielerlei Nebenfiguren. Auch die geringsten
sind zulässig, wofern ihre charakteristische Eigenthümlichkeit in
die Hauptidee der Konception gehört. Wie die Sammlung mit einem
Franzosen beginnt; wie sie, durch Engländer, Amerikaner, Schweden,
Dänen, Deutsche fortgesetzt, dem Leser Weise, Thoren, Staatsmänner,
Dichter, Krieger, Naturforscher, Aerzte, Politiker, Frauen, Mädchen und
verlorene Söhne vorführt; wie sie mit einem Schauspieler schließt, der
des historischen Feldherrn Urenkelneffe war.... so umfaßt sie Tieck’s
Dasein.

_Er ist es selbst_ in unwillkürlichen Zeugnissen von zweihundert
Menschen, die untereinander getrennt in ihm einen Vereinigungspunkt
gewinnen.

Unsere kurzen, leider oft sehr unvollständigen[2] Einleitungen hegen
nicht etwa die eitle Absicht, urtheilen zu wollen. Sie sollen nur dem
weniger mit der Litteratur Vertrauten bescheidene Andeutungen geben.

Und solcher Leser wünschen wir der Sammlung eine recht umfassende
Anzahl. Sie sind nicht selten die theilnehmendsten -- vielleicht weil
sie die unbefangensten sind.

Allen aber, Laien wie Kennern, legen wir die Bitte an’s Herz, diese
Bücher nicht zu durchblättern, bevor sie nicht _Rudolph Köpke’s_
oben genanntes Werk aufmerksam gelesen haben. Es ist kaum eine zweite
Lebensbeschreibung vorhanden, in welcher sich, so offenbar wie in
dieser, Pietät, begeisterte Verehrung, gänzliche Hingebung an den
Gegenstand mit unparteiischer Wahrheitsliebe verbinden. Wer Tieck noch
nicht aus seinen Dichtungen kannte, der mag ihn an Köpke’s Führerhand
kennen, mag Beide lieben lernen!

Und nun genug!

_Unsere_ Arbeit unterscheidet sich von den meisten Erzeugnissen
anstrengenden geistigen Fleißes dadurch, daß diese die Resultate
desselben der Lesewelt vorlegen dürfen, während wir die meiste Bemühung
auf dasjenige zu verwenden hatten, was _wegbleiben_ sollte. Darum,
wie wir keinerlei Anspruch auf irdischen Lohn und Erwerb dabei machten,
hoffen wir auch keinesweges auf Dank und Lob; sind jedes Tadels in
Demuth gewärtig. Auch der bitterste wäre nicht im Stande, Werth und
Bedeutung Büchern zu rauben, aus denen hervorragende Geister zu Geist
und Herz reden; er könnte immer nur den Herausgeber treffen; und dieser
fühlt sich im Voraus beruhiget durch das Bewußtsein strengerfüllter
Pflicht, die er geübt so weit seine Kräfte reichen. Darüber hinaus
kann kein Sterblicher.

Noch einen zweiten Trost bietet die Zuversicht, daß es an edlen
Menschen nicht fehlt, die sich gern eine Stunde stiller Weihe gönnen,
um sich aus dem Lärm und Streit der Gegenwart in entschwundene Zeiten
zu versenken; um sich in litterarische Zustände und Verbindungen,
wie sie uns heut zu Tage fremd erscheinen, hinüber zu träumen. Diese
werden billigen, daß ich nicht unterschlagen habe, was streng genommen
wegfallen konnte. Und ihre Befriedigung mag mich trösten über Vorwürfe,
welche von entgegengesetzter Seite nicht ausbleiben dürften.

Der Verleger denkt bei diesem seinen Unternehmen nicht an Gewinn....
doch ja! Die Erinnerung an den Dichter des Phantasus ehrenvoll
aufzufrischen gilt ihm dafür!

_Breslau_ im Mai 1864.

                                                            =Holtei.=




                       Inhalt des ersten Bandes

                                                                   Seite

    Ampère, Jean Jacques Antoine                                       1

    Andersen, Hanns Christian                                          4

    Armansperg, Joseph Ludwig, Graf                                    7

    Arnim, Ludwig Achim von                                            9

    Arnim, Bettina von, geb. Brentano                                 16

    Atterbom, Peter Daniel Amadeus                                    20

    Aubin, St.                                                        22

    Auguste. ?                                                        27

    Bacherer, ~Dr~. G.                                           29

    Baudissin, Wolf Heinr. Friedr. Karl, Graf                         30

    Baudissin, Karl, Graf                                             34

    Bauer, Caroline                                                   35

    Bauernfeld, Eduard von                                            37

    Beskow, Bernh. von                                                41

    Böttiger, Karl August                                             68

    Boisserée, Sulpice                                                69

    Bothe, Friedrich Heinrich                                         85

    Braniß, Christlieb Julius                                         89

    Brentano, Clemens                                                 94

    Brockhaus, Friedrich Arnold                                      107

    Brühl, Karl Friedrich Moriz Paul, Graf                           109

    Bürger, Elisa                                                    114

    Büsching, Johann Gustav Gottlieb                                 115

    C.                                                               119

    Carové, Friedr. Wilh.                                            120

    Carus, Karl Gustav                                               122

    Chezy, Wilhelmine Christine von, geb. von Klencke                129

    Collier, John Payne                                              138

    Collin, Matthäus von                                             142

    Creuzer, Georg Friedrich                                         157

    David, Pierre Jean                                               159

    Deinhardstein, Johann Ludwig                                     161

    Devrient, Eduard                                                 163

    Devrient, Karl                                                   190

    Eschenburg, Joh. Joachim                                         193

    Förster, Karl                                                    195

    Förster, Luise, geb. Förster                                     196

    Förster, Friedr.                                                 205

    Follen, August                                                   207

    Freytag, Gustav                                                  214

    Genast, Eduard                                                   219

    Gerle, W. A.                                                     222

    Gerstenbergk, Friedrich von                                      228

    Gmelin, Leopold                                                  231

    Görres, Jacob Joseph von                                         236

    Goethe                                                           239

    Grabbe, Christian Dietrich                                       242

    Gries, Johann Dietrich                                           253

    Haering, Wilhelm (Willibald Alexis)                              262

    Hagen, Friedrich Heinrich von der                                265

    Hagen, Ernst August                                              282

    Hagn, Charlotte von                                              284

    Halling, Karl                                                    287

    Hallwachs                                                        300

    Hardenberg, Friedrich Freiherr von (Novalis)                     304

    Hardenberg, Karl                                                 312

    Hauch, Johann Carsten von                                        326

    Hauff, Wilhelm                                                   329

    Hebbel, Friedrich                                                332

    Hegner, Ulrich                                                   334

    Heiberg, Johann Ludwig                                           339

    Hensel, Wilhelm                                                  342

    Hermann, F. R.                                                   344

    Heumann, Georg                                                   352

    Heydrich, Moritz                                                 359

    Hirzel, S.                                                       365

    Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus                                  366

    Holtei, Karl Eduard von                                          368




                    Ampère, Jean Jacques Antoine,


    Sohn des berühmten Mathematikers und Naturforschers A. M. Ampère,
    geboren zu Lyon den 12. August 1800, gestorben am 27. März 1864 zu
    Pau. Er bereiste Italien, Deutschland, Skandinavien, den Orient.
    Lehrer am ~collège de France~ in Paris. Unfehlbar gehörte er
    zu den wenigen, seltne Ausnahmen bildenden Franzosen, die doch
    einigermaßen, mindestens so weit es französischem Wesen irgend
    möglich, in den inneren Geist deutscher Poesie eingedrungen
    sind. Deren tiefere Bedeutung, hauptsächlich im Verhältnisse zu
    jenen Ansprüchen, welche seine Landsleute an schöne Litteratur
    machen, unbefangen zu erfassen, scheint allerdings auch diesem
    ernsten und männlichen Streben nicht gelungen zu sein; sonst
    könnten er und sein Freund F. unmöglich an die Spitze der (im
    ersten Briefe erwähnten) projektirten Uebertragung Tieck’scher
    Dichtungen jenen von schon veralteten, kaum noch _deutscher_ jetzt
    lebender Generation verständlichen Anspielungen strotzenden,
    polemisch-parodischen Scherz „der gestiefelte Kater“ zu stellen
    beabsichtiget haben. Nichts war minder geeignet Tieck’s Muse
    in Paris einzubürgern. Vielleicht hat Ampère auf seinen allzu
    umfassenden Wegen durch die _Welt_ den ursprünglich klaren Blick
    für _deutsche_ Zustände verloren, der ihm eigen war, als er
    sich (1827) bei Göthe in Weimar aufhielt, und der ihn befähigt
    hatte, sich sogar an Hebel’s alemanischen Gedichten wahrhaft zu
    entzücken. Wie weit sein Forscherdrang ihn trieb, zeigen schon
    folgende Büchertitel an: ~La Grèce, Rome et Dante~ (Paris 1850.)
    -- ~Litterature et voyages~ (2 ~vol. Paris~ 1834.) -- ~De la
    litterature française dans ses rapports avec les litteratures
    étrangères au moyen age (Paris~ 1833.) -- Vieler anderer nicht zu
    gedenken.

    Eines seiner gediegensten Werke dürfte jedenfalls die drei Bände
    starke Schilderung einer Reise durch Amerika sein, welche reich
    ist an lehrreichen Wahrnehmungen und Aussprüchen. In diesem Buche
    sagt er einmal: „Die Regierung der Vereinigten Staaten gleicht
    einer Lokomotive auf der Schienenbahn. Sie begann ihren Lauf mit
    weiser Besonnenheit; bald fing man die Maschine zu überheizen an;
    die Schnelligkeit der Bewegung hat sehr zugenommen; es geht mit
    vollem Dampfe, und große Strecken werden rasch zurückgelegt. Doch
    in diesem Lande geschieht es oft, daß der Kessel platzt und die
    Lokomotive in die Luft fliegt. -- ~Avis aux Américains~!“ --

    Ampère’s bedeutender Verdiensten unbeschadet soll nicht
    verschwiegen bleiben, daß er eine kaum zu entziffernde von
    Nachlässigskeitsfehlern wimmelnde Handschrift führte, und daß für
    nachstehende Briefe nichts geschehen konnte, als sie buchstäblich
    zu kopieren,... so weit dies menschenmöglich war.


                                  I.

    ~Paris, le decembre 1823.~

    ~_Monsieur_,~

~Un de mes plus vifs desirs, en quittant l’allemagne, était de faire
profiter mon pays de mon voyage, en contribuant à lui faire connaître
les productions des Vôtres. L’attrait particulier qu’ont en vos
ouvrages pour mon imagination, depuis le premier moment ou je les ai
connus, m’inspirait surtout l’envie d’en voir passer quelque chose~
dans notre langue. -- À essayer de le faire moi même était un espoir
dont je me berçais, c’était un plaisir que je me reservais après des
travaux longs et pénibles dans les quels je suis plongé maintenant,
mais je n’ai plus besoin de l’attendre le plaisir; et heureusement pour
mon impatience et pour Vos ouvrages, Monsieur, j’ai été devancé par un
de mes amis, qu’une plume élégante et déjà exercée rend moins indigne
de Vous traduire. Comme notre public a beaucoup à faire encore, malgré
sa bonne volonté et nos efforts pour saisir tout l’agrément de la
poésie etrangère et pour goûter un genre de composition aussi original
et aussi nouveau pour lui que le sont les Votres, nous commencerons
par un choix, qui nous Vous soumettons. Notre pensée était de débuter
par le _chat botté_ et quelques nouvelles; mon ami M. E. Fresnel
(?), frère d’un de nos plus illustres academiciens enlevé récemment aux
(illigible), a déjà traduit le _chat botté_ et „Liebeszauber;“
il va commencer le _blond Egbert_, il Vous envoye quelques
questions aux quelles il (?) Vous prie de répondre, dans l’intérêt de
la traduction. En effet il faut bien mettre notre public au courant et
nous ne pouvons nous mêmes y être mis que par Vous.~

~Si ce n’était pas trop abuser de Votre complaisance qui m’est connue,
je Vous demanderais de nous envoyer une liste de tout ce que Vous avez
publié -- si Vous trouviez un moyen de nous faire parvenir quelqu’une
de ces nouvelles de Vous qui se trouvent dans des almanachs poétiques
et qui sont difficiles à trouver, ce serait pour nous un bonne fortune,
entre autres, le Pietro Aponi que je Vous ai entendu lire, avec tant de
plaisir.~

~Veuillez me pardonner, Monsieur, cette importunité, et s’il se peut,
accorder à mon ami sa demande, nous vous en remercierons pour nous et
pour les lecteurs.~

~M. Eckermann de Weimar m’a donné de Vos nouvelles. Il a eu le plaisir
de Vous voir chez Goethe, il était bien heureux de diner entre Vous
deux.~

~J’ai eu aussi des nouvelles de Mlle. Kraukeln (?) et de M. Weihrauch
(?) soyez assez bon pour leurs présenter tous mes souvenirs.~

~Enfin veuillez bien Monsieur transmettre mes hommages à Madame et à
Mademoiselle Tieck et agréer l’assurance de ma profonde admiration et
de mon sincere attachement,~

    ~Votre devoué Serviteur
    _J. J. Ampère._
    rue de (?) St. Victor No. 19.~




                                  II.

    ~(Ohne Datum.)~

                             ~_Monsieur_~.

~Je ne sais si Vous Vous souvenez de moi, mais moi je n’ai pu oublier
les jours que j’ai passé à Dresde il y a quelques années et Dresde
pour moi c’est votre maison, je crois m’aquiter un peu envers Vous
en Vous addressant M. le comte de Montalembert, l’un des hommes les
plus distingués de notre jeune generation; grand et digne admirateur
de Vous Monsieur et de Vos illustres amis F. Schlegel et Novalis. La
poésie de l’allemagne du Moyen age est un des principaux objets du plan
d’étude qu’il se propose d’entreprendre en allemagne. Cette poésie des
„Minne-Singer“ vit en Vous, Monsieur! Permettez à un etranger de rendre
ce temoignage à son dernier representant. J’envie beaucoup à Monsieur
de Montalembert d’aller la puiser près de Vous. Je ne puix me consoler
de son voyage que par l’esperance de l’imiter.~

~Daignez, Monsieur, faire agreer à tout ce qui Vous entoure, l’hommage
des sentiments respectueux que je Vous ai voués avec la plus vive
admiration.~

    ~_J. J. Ampère._~




                      Andersen, Hanns Christian.


    Geboren den 2. April 1805 zu Odense auf Fünen. Ein anerkannter,
    nicht blos in seinem Vaterlande vielgelesener Autor. Seine
    Selbstanklage, daß er „nicht Deutsch schreiben könne“ widerlegen
    die im späteren Fortschritte schriftstellerischer Wirksamkeit von
    ihm gelieferten deutschen Ausgaben, worin er, was Klarheit des
    Ausdrucks betrifft, hinter Oehlenschläger nicht zurücksteht. Er ist
    sehr fruchtbar gewesen vom Jahre 1830 bis auf die neueste Zeit.
    Die _Gesammt_ausgabe seiner Werke (Leipzig 1847-48) enthält in
    fünfunddreißig Bänden viele in unsere National-Literatur gleichsam
    übergegangene Schriften, als z. B. Phantasieen und Skizzen -- Der
    Improvisator -- Nur ein Geiger -- Bilderbuch ohne Bilder -- Eines
    Dichters Bazar -- Märchen u. a. m.


                                  I.

    _Copenhagen_, 8. April 1835.

    _Lieber Herr Hoffrath!_

Ob Sie noch meiner gedenken? Ob Sie noch eines jungen dänischen
Dichters gedenken, der vor einigen Sommern mit einem Brief von Ingemann
bei Ihnen war, und ein kleines Heftchen seiner eigenen Gedichte:
„Phantasien und Skizzen,“ überbrachte. Ich hörte Sie zwei Stücke vom
Shakespeare vorlesen, Sie erzeigten mir eine Freundlichkeit und Güte,
die mein Herz an Sie band. Dies war meine erste Ausflucht in die Welt;
nachher habe ich eine größere Reise gemacht. Unser König gab mir
anfangs 1833 ein Stipendium um Deutschland, Frankreich, Schweiz und
Italien zu bereisen; diese Reise ist jetzt vollbracht, und ich bin
wieder in Dänemark. Als ich vorigen Sommer über Dresden zurückreiste,
war mein erster Besuch bei Ihnen, allein Sie waren im Bade. Ich sprach
Ihre jüngste Tochter, und bat Ihnen meinen Gruß zu überbringen. Ich
sollte das Ausland besuchen, um mein poetisches Talent weiter zu
entwicklen; ob das Ziel erreicht ist, wird die Zeit lehren; für mich
war die Reise jedenfalls besonders anziehend. In Paris wohnte ich dem
Julifeste bei und sah die Napoleons-Statue entschleiern. In der Schweiz
war ich bei der Weinlese, ich bereiste die schöne Küste von Genua nach
Livorno, erreichte Rom eben als Raphael zum zweiten Mal begraben
wurde, sah das Carneval und Girandola und endlich einen glänzenden
Ausbruch des Vesuvs; ich kann wohl sagen, das bunte Leben in Italien,
die großartigen Schönheiten der Natur ergriffen meine Seele, und
den Eindruck davon habe ich in einem Roman; „_Improvisatoren_“
veranschaulicht; der bekannte Novellendichter Cruse, hat ihn
schon deutsch übersetzt, und ich schick Ihnen ein Exemplar seiner
Uebersetzung. Möchte es mir einen vortheilhaftigen Begriff von meiner
poetischen Natur in Ihnen erwecken. Ein liebvoller Händedruck
Ihrerseits wird meine größte Aufmunterung sein.

    Ich wohne in Copenhagen
    Nyharn. Nr. 280.

    Dem Dichter
    _Ludwig Tieck_
    in Dresden.
                                          Ihr herzlich ergebner
                                            _H. C. Andersen._


                                  II.


    _Copenhagen_, 8. April 1842.

Der Buchhändler _Longmann_ aus London, geht zum ersten Mahl nach
Deutschland, und da es sein sehnlichster Wunsch ist, Ihre persönliche
Bekanntschaft zu machen, so erlaube ich mir Ihnen diesen sehr wackeren
Mann vorzustellen; indem ich dabei auch die Gelegenheit ergreife mich
selbst vor Ihr Gedächtniß wieder einzuführen.

Als ich im vorigen Sommer aus dem Orient zurückkam, suchte ich Sie
vergebens in Dresden. Als eine Frucht meiner Reise erscheint jetzt im
Dänischen -- und bald nachher im Deutschen -- eine neue Arbeit von mir:
„_Der Bazar eines Dichters,“_ in sechs Bogengängen: „Deutschland,
Italien, Griechenland, der Orient, die Donau und nach Norden!“ Den
Bazar „Deutschland“ habe _Ihnen_ und dem Mendelsohn-Bartholdy
gewidmet, den Orient, Oehlenschläger und dem österreich. Internuntius
Stürmer in Constantinopel.

Die deutsche Ausgabe wird Ihnen in diesem Sommer geschicht werden. Ich
kann -- wie Sie sehen, -- gar nicht Deutsch schreiben!

    N. S.
    Grüsen Sie Frau von Serre
    und Dahl (?).

    ~An
    den Dichter Deutschlands
    Ludwig Tieck!~
                                             Ihr sehr ergebener
                                              _H. C. Andersen._




                   Armansperg, Joseph Ludwig, Graf.


    Ehemaliger Präsident der Regentschaft in Griechenland. Lebte später
    auf seiner Herrschaft Egg bei Deggendorf, an der bayr. öster.
    Grenze. Die jetzige Inhaberin dieses Besitzes ist seine, des edlen
    Vaters würdige Tochter, die hochgeachtete, von allen weiblichen
    Tugenden geschmückte Fürstin Cantacuzeno.


    _München_, den 25. Oktober 1826.

    Wohlgeborner
    Verehrtester _Herr Hofrath!_


Euer Wohlgeboren sind bereits durch den Vorstand des Obersten Kirchen-
und Schulrathes auf vertraulichem Wege in Kenntniß gesetzt worden,
daß Se. Majestät der König mein allergnädigster Herr in dem hohen
Bestreben, den Glanz der unter Allerhöchst Ihren Auspizien dahier
neu aufblühenden Hochschule zu erhöhen, Ihren großen Talenten und
anerkannten Verdiensten eine vorzügliche Aufmerksamkeit widmen, und
den Wunsch, Sie für Ihre Ludwig Maximilians Universität zu gewinnen,
auszudrücken geruht haben.

Allerhöchstdieselben sind ein zu großer Verehrer Ihrer Verdienste, und
wünschen zu lebhaft, der deutschen Litteratur, deren Zierde Sie sind,
Ihre fernere freie Wirksamkeit zu erhalten, als daß es in Allerhöchst
Ihren Absichten liegen könnte, Euer Wohlgeboren bei diesem Rufe dem
Zwange eines bestimmten Lehrfaches zu unterwerfen.

Euer Wohlgeboren werden daher den ausgedrückten allerhöchsten Absichten
gemäß, bei uns nicht nur durchaus freie Lehrvorträge halten, sondern
auch jene ergiebige Geschäftsruhe finden, ohne welche die glücklichen
Empfängniße genialer Geister nicht zur Reife und Vollkommenheit
gebracht werden können.

Wenn ich hiebei Euer Wohlgeboren Vorlesungen über schöne Litteratur
überhaupt, über Geschichte der Poesie, insbesondere über Shakespeare,
Dante, Calderon als Aufgabe Ihres hierortigen Wirkens andeute, so
geschieht dieses nur beyspielweise, und ohne Beschränkung auf irgend
einen Stoff im weiten Gebiete der Kunst und Poesie, in dem Sie, wie in
Ihrem Eigenthum, zu walten pflegen.

Die Bedingungen, unter welchen Euer Wohlgeboren in die Dienste Sr.
Majestät treten werden, sind ein Gehalt von 2500-2800 f., nebst einigen
Getraidbezügen, welche in Geld reluirt werden, eine angemessene
Aversal-Summe für Herbeibringung Ihrer zahlreichen Büchersammlung und
alle Vortheile, welche die konstitutionelle Dienstespragmatik den
bayerischen Staatsdienern gewährt.

Se. Majestät haben bedauert, daß besondere Verhältniße und Erwägungen
nicht erlauben, den Werth Ihres Anerbietens durch die Zugabe einer
Freiwohnung zu erhöhen.

Indessen glaube ich, daß manche Begünstigungen und Vortheile, welche
der Aufenthalt in südlichen Hauptstädten, in Absicht auf Wohlfeilheit
und bequemeren Lebensgenuß darbietet, die Entbehrung dieses Vortheiles
weniger fühlbar machen werden.

Da ich annehmen darf, daß die Vorträge Euerer Wohlgeboren zu den
besuchtesten auf der Hochschule gehören, da Se. Majestät ernstlich
bemüht sind, die in vieler Hinsicht verderbliche Honorarienfreiheit
in engere Gränzen zurückzuweisen, so eröffnet sich auch hierin, wenn
auch nicht gleich im Anfange, doch gewiß in besserer Zukunft eine nicht
unergiebige Quelle erhöhten Einkommens.

Auch darf ich Ihnen dem kunsterfahrenen Manne nicht erst umständlich
aufzählen, welche reiche Zuflüsse Ihre Studien aus jenen Quellen
sich versprechen dürfen, die sich in trefflichen Kunst und
Gemäldesammlungen, in einer überreichen Bibliothek, in dem Verkehr mit
ausgezeichneten Gelehrten und Künstlern und selbst in der größeren Nähe
des italienischen Himmels dem Kunstsinne öffnen.

Wenn alle diese Erwägungen Euer Wolgeboren bestimmen können, dem Rufe
Sr. Majestät des Königs, den ich hiemit in amtlicher Eröffnung zu
Ihrer Kenntniß bringe, mit entsprechender Erwiederung zu begegnen, so
muß ich den Wunsch ausdrücken, Dieselben wollen mir Ihren Entschluß
baldgefälligst mittheilen, und übrigens die Versicherung meiner eben
so ausgezeichneten als aufrichtigen Hochachtung als einen Tribut der
Verehrung ansehen, welche ich Ihren großen Verdiensten um Litteratur
und Kunst gewiedmet habe.

    Euer Wohlgeboren

    ganz ergebenster

    _Gr. Armansperg_,
    k. b. Staatsminister.




                       Arnim, Ludwig Achim von.


    Geboren den 26. Januar 1781 zu Berlin, gestorben am 21. Januar 1831
    auf seinem Gute Wiepersdorf bei Dahme. Indem wir seiner Werke: des
    Knaben Wunderhorn (1806-8) -- der Novellensammlung „Wintergarten“
    (1809) -- der Gräfin Dolores (1810) -- des Studentenspieles
    und der Pilgerabentheuer „Halle und Jerusalem“ (1811) -- der
    „Schaubühne,“ worin die „Befreiung von Wesel“ ein immer junges,
    kräftig-deutsches Drama glänzt (1813) -- der Kronenwächter (1817)
    gedenken, in Ehren und Liebe, wie diesem hervorragenden Romantiker
    gebührt, finden wir darin doch nur ein schwaches Bild seiner, über
    diesen Erzeugnissen stehenden, unbeschreiblichen Persönlichkeit.
    Selten wohl haben sich in einem Menschen: poetisches Feuer,
    anmuthige Ruhe, würdevolle Haltung, umgängliche Milde, wohlwollende
    Strenge, liebevolle Theilnahme für Anderer Streben, inniger
    verschmolzen, als in Achim Arnim. Es ist sehr zu bedauern, daß
    von seinen Briefen an Tieck nur die drei nachstehenden aufbewahrt
    blieben. Wenn die verloren gegangenen diesen glichen, so wären sie
    geeignet gewesen, uns den ganzen Mann vor’s Auge des Geistes zu
    zaubern.


                                  I.

    _Cassel_, den 3. Dezember 1807.

Ich lege eben Müllers edles Schreiben über Kotzebue aus den Händen,
das Ihrer Vermittelung sein Daseyn für mich dankt, da fällt mir so
manches ein, was ich Ihnen danke und wie ich von mannigfaltigem Jammer
bezwungen, Ihnen davon so gar nichts in Sandow gesagt habe; ich ging
da neben Ihnen und freute mich, daß mir noch etwas Freude am Grünen
geblieben, mit dem ich meiner einsamen Natur nach viel vertraulicher
bin, als ich mit Ihnen in einem Tage werden konnte. Jetzt wünsche ich
die Stunden zurück, erinnere mich, wie Sie Sich so einsam fühlten und
mich ausforderten, Ihnen zu schreiben. Ich hätte Ihnen mancherley zu
schreiben, wie wir, ich meine darin Bettine und Clemens Brentano,
Sie hieher wünschten, das glauben Sie uns ohne weitres; dann wie wir
Ihnen einen angemessenen Wirkungskreis wünschen und planeln, den Sie
nicht blos beleben, der Sie auch wiederbelebt. Den möchten Sie aber
nicht annehmen wollen, denn in der Gewohnheit liegt das Schönste
wie das Schlimmste und das Kunststück der Transfiguration gelingt
immer nur einmal vollständig, also davon kein Wort: Sie hören Ihre
Stunden sicher heller schlagen als ich. Also zu den Nebenwerken, die
mir aber Hauptsachen sind. Ich war bey Dieterich in Göttingen, der
sich schmerzlich beklagt, daß Sie die Niebelungen ihm nicht früher
geschickt haben, der jetzt fürchtet, durch Hagens Arbeit sey aller
Absatz vernichtet, ich glaube das nicht, kann auch nicht wissen,
wie weit er sich beklagen kann, ich beklage mich selbst, daß Ihr
Werk nicht erschienen, denn Hagen gefällt mir nicht in dem baroken
Dialekte, in den langweiligen Anmerkungen und wegen der Auslassung
aller andern Erzählungen, die Sie so pasrecht verbunden hatten. Ernste
Critiker, (hier giebt es einen sehr gelehrten deutschen Sprach und
Literaturkenner, Hr. Kriegssekretär Grimm, er hat die vollständigste
Sammlung über alle alte Poesie) tadeln noch mehr, und sind so wie ich
ganz überzeugt, das Ganze müsse entweder mit neuem Saft durchdrungen
sich selbst neue Wurzeln treiben, oder in seiner Alterthümlichkeit
ruhig trocken, unzerbrochen zwischen Papier von einem Geschlechte dem
andern übergeben werden. Haben Sie in dieser Hinsicht irgend etwas
mit Dietrich zu verhandeln, oder wollen Sie die Herausgabe mit dem
Heldenbuche bey Zimmer verbinden, so entbiete ich meine Vermittelung,
der erste ist mir ganz nahe und den andern denke ich zu Weihnachten zu
sprechen.

Die historische Einleitung über die Niebelungen könnte immer späterer
Zeit bleiben, es sind die Perspectivlinien, wonach der Maler arbeitet,
sie verschwinden, wenn das Gemälde fertig, das allein bewährt, ob sie
richtig; es braucht Sie nicht zu stören, daß andre z. B. Grimm, Hagen
andre historische Entdeckungen gemacht zu haben glauben, die mit Ihren
nicht stimmen. Wer jemals eine historische Begebenheit mit Erhebung
angesehen hat, weiß was das heist, jeder muß es aber treiben, wie man
Füße braucht um beym Schreibpult zu stehen, ungeachtet sehr wenig
Leute mit den Füßen schreiben. Die Kritik ist an den Dichtern eine
nothwendige Absonderung, damit der Geist rein wird, unsre verkehrte
Zeit hat aber oft das Abgesonderte, wie beym Dalailama, für das
Heiligste gehalten, davon alles das Geschwätze über die Dinge, ohne die
Dinge selbst zu geben, alle die elende Wirtschaft mit Geschichten der
Poesie, der Künste, ohne daß diese dadurch selbst verscheucht werden,
während alles was Kunst zugleich Geschichte. Ein solches unnützes Buch
hat Görres über Volksbücher geschrieben statt eins herauszugeben, so
schreibt Docen zwey Bände Miscellaneen, worin fast gar nichts als
literarischer Kram, während das Schöne in Handschriften verrottet;
darum werde ich kein Wort zum zweyten Theile des Wunderhorns sagen, der
sehr viel enthalten wird, aufmerksam sind die Leute darauf gemacht,
wenn sie ihn nicht verstehen, so sollte es nicht seyn und der Teufel
mag sie holen. -- Bei Riepenhausen in Göttingen sah ich zwei zierliche
Bilder von seinen Söhnen zu einem Almanach religiöser Musiklieder
bestimmt, erscheint der bald? Wird er auch die besten lateinischen
Texte enthalten? Haben Sie etwas darüber zu vermitteln? -- Haben Sie
Müllers Schriften geordnet? Alles wartet sehnlich auf die Herausgabe,
die Ihnen keine Mühe machen kann, da in Müller seiner ganzen Anlage
nach, nichts zu ändern sein kann. Soll ich darüber etwas bestellen?
Ueber die Herausgabe Ihrer eignen Poesieen, Volksmährchen? -- -- -- Sie
werden in alle dem keine Zudringlichkeit finden, sondern meine Art,
dankbar zu seyn, indem ich nach mehr verlange! Wer überhaupt etwas
geben kann, dem ist das Geben das Liebste, wer anzunehmen versteht,
dem ist es wie ein Vorwurf; es gehört zu beydem gleichviel. Außer sich
ist man doch nur etwas in sich; der kleinste Kreis kann genügen, aber
er ist doch nicht außer der großen Welt und so ward ich Morgens aus
dem kleinen Winkel, worin ich mein gutes alltägliches Leben führe mit
allen meinen Gedanken fast gewaltsam zu Ihnen gezogen, als wenn es mir
eine Pflicht, Ihnen ein großer Vortheil wäre, wenn ich Ihnen meine
literarische Anerbiethungen machte. Wofür Sie es nehmen, das ist es
und wird es etwas, so wollen wir es ein Schicksal nennen, und wird es
nichts, so kann es darum doch etwas gewesen seyn; treibt mich so ein
Gedanke, so schreibe ich mich von ihm los, ungefähr das Gegentheil vom
Doktor Faust, der sich einem Gedanken verschrieb. Haben Sie mir etwas
darüber zu sagen, so schreiben Sie hieher Cassel in Hessen, abzugeben
an Hrn. Banquier Carl Jardis; meine Freundschaft für Sie bleibt
unverändert, wenn Sie auch schweigen, schweige ich doch meist auch, wo
ich reden könnte.

    _Ludwig Achim v. Arnim._


                                  II.

    _Heidelberg_, den 31. März.

Ich überschicke Ihnen, geehrter Freund, die ersten Bogen meiner
Zeitung; auf _Zimmers_ Verantwortung habe ich ein Stück aus
dem König Rother genommen, das mir gar wohl gefiel, er hat es auch
übernommen den schuldigen Ehrensold dafür zu entrichten: Er wartet
sehnlich auf Briefe von Ihnen. -- Geben Sie mir einen Ueberblick Ihrer
Untersuchungen über die Nibelungen! -- Von Görres folgen in den
nächsten Blättern merkwürdige Resultate über denselben geschichtlichen
Kreis, denken Sie wieviel Vorarbeiten Sie den Freunden alter Literatur
ersparten, wie die dann lustig auf Ihrem Grunde fortbauen könnten;
die schlimmsten Sünden in unsrer Zeit sind die Unterlassungssünden.
-- Meinen Wunsch aus der Fortsetzung des Sternbald, aus dem Faust
eine recht sonnenbeleuchtete Stelle zu besitzen, habe ich, denk ich,
in meinem letzten Briefe ernstlich vorgetragen, ich bitte nicht für
mich allein, ich bitte mit für viele Freunde ihrer Werke und sie haben
hier sehr viele. Es wird manche fromme Erzählung aus alten Chroniken
folgen, ich würde Ihre ernsten musikalischen Gedichte wohl anbringen,
daß der Nachbaren Handwerk Sie nicht störte. So leicht meine Zeitung
aussieht und beginnt, ich wünsche viel Ernsthaftes damit und fühle
mich rein von leerer Sonderbarkeit und parteyischer Begrenztheit, auch
Arbeiten Ihrer Freunde von Mad. Bernhardi von Schütz, Schierstädt u. a.
werden mir willkommen seyn, was Sie billigen ist mir gerecht: Kritik
allein gestatte ich nur als Scherz oder über Zeiten, die vor unseren
Augen durch veränderte Sprache und Seltenheit der Ueberbleibsel fast
verschlossen. Neuigkeiten erscheinen eben so nur als Scherz und sind
mit sympathetischer Tinte geschrieben, die nicht jedem erscheint. --
Brentanos verzweiflungsvoll elende Heiraths und Ehestandsgeschichte
macht mir Kummer und religiöse Zweifel über den Ehestand, sie stecken
da wie im geläbberten Meere und können nicht zu einander und nicht von
einander. -- Der Himmel erhalte Sie.

    _Achim Arnim._


                                 III.

    _Heidelberg_, Ende November 1808.

Lieber herzlich verehrter Tieck! Sie erhalten die beyden ersten
Hefte meiner Zeitung; es würde mir Freude machen, wenn Sie nicht
mißbilligten, was mir nach ruhiger Uebersicht wohlgefällt; wie lange
ich die ganze Sache fortsetze hängt von dem Absatze auf dieser Messe
ab. Pr. L’Epigue gab mir den Müller, der ritterlich thätige Schluß
des Stücks veranlasste mich besonders zur Mittheilung, es perlt darin
wie im siedenden Wasser und er vergleicht sich darin so leicht mit
der ruhigen Erhebung, in welcher ihr Werk schliest. Brentano, der
seit einiger Zeit zu mir gezogen und seine Frau zu einem Prediger
aufs Land geschickt hat, wird ins nächste Heft ein gar lustiges
Werklein, die Geschichte des Bärenhäuter einrücken, er ist fröhlicher
als je und wünscht Sie hieher laden zu können, nur stehen die äusseren
Verhältnisse schwankend und wie lange der alte Großherzog lebt und
wie früh französische Oekonomie eingeführt wird, dem sehn wir wie
der Ratiostatus mit zwey Köpfen entgegen. Ich wohne mit Clemens in
einer Bierkneipe am Schloßberge, Kegelbahn und Vogelgesang, Nachts
singende Waschweiber und fernes Neckarrauschen um uns, und der schöne
Himmel verschlingt uns in Trägheit. Die Zeitungen sagen von einem
Romantischen Journale, das Sie herausgeben, ich freue mich dessen, es
muß den Bienen der Honig genommen werden, daß sie wieder arbeiten und
ich bescheide deswegen meine Bitte um Beyträge von Ihnen noch nicht;
Görres Untersuchungen über die Nibelungen finden Sie fast beendigt, von
Grimm erwarte ich schöne Resultate; es geht so unendlich viel zugrunde,
lassen Sie Ihre Untersuchungen nicht darum schweigen, weil der eine
oder andre vielleicht schon einiges davon berührt hat. -- In wenigen
Tagen bin ich in Winkel bey Brentanos. -- Meine Ergebenheit Ihren
Hausgenossen, hochachtungsvoll

    _Achim Arnim._

Eben erhalte ich einen Brief von Hagen, der mir schreibt, daß er zu den
Nibelungen Ihre Unterstützung erhalten, es freut mich dies glückliche
Verständniß, es scheint jetzt ein allgemeiner Sturm zu werden gegen die
tückische Bosheit falscher Kritik. Sind wir nur erst im Graben, ich
stehe dafür der Wall, der so entsetzlich aussieht ist nichts als der
Unrath der Garnison, den sie so regelmässig aufgestapelt hat.




                  Arnim, Bettina v. geb. Brentano.


    Achims Gemahlin, Enkelin der Sophie La Roche, Clemens Brentano’s
    Schwester, geb. zu Frankfurt a. M. 1785, gest. zu Berlin 1859.

    „Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde“ führte sie zuerst in die
    größeren Kreise der deutschen Lesewelt ein. Vielleicht lassen sich
    in den hier mitgetheilten an Tieck gerichteten Briefen leise Spuren
    entdecken, daß es nur an seiner Schreiblässigkeit lag, wenn wir
    nicht auch _Seinen_ Briefwechsel mit jenem Kinde besitzen? Ein Kind
    ist Sie geblieben, bis in’s Alter, bis in den Tod. Aber gewiß ein
    hochbegabtes, ein Wunderkind. Mögen auch ihre späteren Schriften:
    die Günderode (1840) -- dies Buch gehört dem Könige! (1843) --
    Ilius Pamphilius und die Ambrosia (1848) -- in ihrer Wirkung
    auf’s Publikum jenes ihr erstes Buch bei Weitem nicht erreicht
    haben; merkwürdig sind sie doch, und zwischen Seltsamkeiten und
    Absonderlichkeiten blickt immer ein tiefgewaltiger Geist, ein
    reiches Herz, ein hoher Sinn für alles Große und Wahre daraus
    hervor. Die Sehnsucht zu gestalten beunruhigte sie und lockte sie
    aus den Grenzen, die herkömmliche Ansicht weiblichen Autoren zu
    ziehen pflegt. Sie erscheint bisweilen dem erstaunten Leser gleich
    einer Bildnerin, welche nur den Reichthum des Stoffes nicht zu
    binden, die Form nicht zu beherrschen gelernt. Ihre Phantasie ist
    mächtiger als der ordnende Verstand.

    Ihre größte Dichtung dürfte deshalb im Gebiete der Plastik gesucht
    werden. Wenigstens hat ein Mann, dessen Urtheil über Sculptur
    -- mag er daneben noch so sehr General, Diplomat, Historiker,
    Archäologe, Numismatiker und Poet sein! -- dessen Urtheil, wie
    gesagt entscheidend ist, unverholen seine anerkennende Bewunderung
    ausgesprochen über Bettina’s Goethe-Monument: Prokesch-Osten nennt
    das plastisch entworfene Modell zu dieser grandiosen Idee ein
    erhabenes Vermächtniß. -- Wer wird als Erbe eintreten?


                                  I.

    3. October (ohne Jahreszahl u. Ort).

Schon lange habe ich geglaubt, über all den Schmerz hinaus zu seyn, den
mir Entfernung, Vergessenheit von Freunden, verursachen könnte, und
nun betrübt mich alles, die Karte, von Italien die jezt an der Wand
hängt, überm Sessel, die kömmt mir so lehr vor, Sie sind nicht mehr da,
was brauch ich das Land zu sehen; wahrhaftig meine Neigungen bringen
mir kein Heil, wenn sie so innig ergebend sind, lieben soll ich, aber
nicht dehmüthig, sondern großmüthig. Ich hab an Sie geschrieben vor 14
Tagen, nach Dresden. Sie haben wohl meinem Brief nicht erhalten, er war
vielleicht zu kühn zu freymüthig, weil Sie gar nichts darüber sagen,
wenn ein andrer verstehen könnte wie mich das all quält, ich kenne die
Menschen nicht, ich weiß nicht wie viel sie vertragen von Liebe, ich
kann die meinige nicht eintheilen, damit sie genießbar wird, entweder
alles, oder kein Leben, kein Athemzug der das Herz erweitert.

Wie wenige wissen, den echten Sinn des Lebens zu verstehen, und dieser
wenigen ist keiner mir nah, und wer denn so recht die unergründliche
Tiefe erkennt in der Liebe, und keinen hat um den er diese Tiefe
ermessen darf, Ach das könnte einen zur Verzweiflung bringen. ich
war so ruhig, so kalt wie Sie weg gingen, meine Liebe ist wie das
Senfkörnlein, das in kurzem ein hoher Baum ward, in dessen Schatten
Völker ruhn, und doch ein einzig freundlich Wort von Ihnen könnte mich
so ruhig machen.

Lieber Tieck, wenn Sie mir gut sind, so verkennen Sie all dieß nicht,
jemand der so lebhaft, alles fühlt wie ich, der kann sich nicht weniger
lebhaft ausdrücken, es ist keine Frage, daß mir Gott mehr gewähren muß
wie andern, er muß mir alles gewähren, (denn er hat mir das Entbehren
nicht anerschaffen) mithin auch Ihre Liebe, und desswegen bin ich auch
wieder getröstet.

Gestern war ich wieder zum erstenmal auf demselben Plaz im Garten, Sie
waren auch da, einen Augenblick, Ihre Füsse sah ich deutlich auf der
Treppe stehen, ich ging weg, mag auch in meinem Leben nicht wieder hin,
ich mögte Sie wohl nie wieder dort finden, das könnte mich schmerzlich
beleidigen. Ich bin so glücklich, Gott meint es so gut mit mir, er
will mich erhöhen, er will mich bessern, durch das gröste auf Erden,
durch die Liebe, und ich sollte wiederstehen wollen? Nein gewiß nicht,
mit allem Leben was in mir ist, will ich mich ihm ergeben, es entstehe
daraus was will, mir kann es keinen Schaden bringen, nur dem Zaghaften
können irdische Verhältnisse was anhaben, was schadet es denn daß
ich nicht bey Dir bin, ist mein Vertrauen so klein, daß es nicht bis
Ziebingen reichen sollte, ich bin recht dumm daß ich mich betrübe, was
schadet es endlich, wenn Sie selbst, dieß alle nicht annehmen, es ist
als ob der Strom die Lieblichkeit der Gegend nicht annimmt durch die
er fließt, die Gegend bleibt doch lieblich durch ihn, Troz ihm, die
_Bettine_ bleibt doch liebend Troz _ihm, Ein Strohm ist übrigens auch
nicht so wiedernatürlich, unnatürlich_.

Der Winter ist nah, es wird sehr kalt werden, lieber Tieck, wenn Sie
mir nicht gut sind so erstarre ich, keine Heimath habe ich, wo Feuer
mir zum Wärmen brennte, denn ich hab wohl emfunden, wer sich niederläst
in Eigennuz, seinem eignen Leib aufopfernd die Welt, dem entflieht das
Leben, kein freundlich Gespräch, kein Gesang, keine Fantasie und Farbe
mehr, alles wird nach und nach stumme verlassne Einsamkeit, was wir uns
selbst erschaffen wollen, kömmt uns nicht zugut, es muß aus der Liebe
entstehen, was wir genießen sollen, drum will ich auch nie um mich
selbst etwas thun, auch nicht ein Licht will ich mir anzünden, wenn es
mir Nacht ist, denn irdisch Licht hat keinen Bestand und unsichtbares
ewiges, daß muß durch Gottes Hand in Deinem Herzen mir zum Trost
entzündet werden.

Ich sage da viel Durcheinander, und wer diesen Brief in Händen hielte
und ihn so sinnlich läse, wie er dasteht, dem würde er keinen Bestand
haben, wer aber heimlich lauscht und aufmerkt, und mir gut ist, der
wird einen einzigen Ton darin hören der alle andre Töne zur Melodie
verbindet.

    _Bettine._


                                  II.

    Ohne Datum.

Das Schicksal hat mirs heute gefügt, daß ich an Tieck schreibe, mein
Herz hat an nichts weniger gedacht seit Jahren, doch hat vor Jahren
mein Herz sich gefreut wenn ich dachte ich könnte ihm schreiben, doch
hab ich ihm nie geschrieben weil ich dachte ich könnte ihm nichts
schreiben was ihm werth wäre; und heute wo mein Brief nicht meine
eigne sondern eine fremde Emfehlung enthält hab ich das Herz was ich
vor Jahren da ichs noch deutlich fühlte daß ich eins habe, nicht hatte
ihm einen Mann zu emfehlen der mir zwar nicht so am Herzen liegt, wie
damals mein eignes Interesse mir am Herzen lag, welches Interesse Tieck
selbst war, und ich nicht das Herz hatte Ihm selbst, ihm selbst zu
emfehlen.

Dieser von mir herzhaft emfohlene Mann der gewiß ein Interesse verdient
und hat, was mir mangelt, und nie gewährt wurde heist _de Barante_
ist Gouverneur des Herzogs, reist um die Gesundheit herzustellen, um
deutsche Städte und herrliche große Dichter kennen zu lernen, er ist
hier im Schoos der Familie Savigny mit großer Theilnahme emfangen
worden, wär ich hellsehend so würde ich alle Tugenden die mich
instinktmässig dazu bewogen es zu wagen ihn einem Tieck dem ich mich
nie selbst emfehlen konnte aufs dringendste zu emfehlen hersetzen.

    _Bettine von Arnim._

Ich bitte Dich guter freundlicher Freund sey wie ein Kind, gegen diesen
Mann, dann brauchst Du keine Toilette zu machen und bist doch mit allen
Reitzen versehen, die eine gediegne Coquetterie Dir nur gewähren kann.




                   =Atterbom, Peter Daniel Amadeus.=


    Schwedischer Dichter, gedanken- und phantasiereich, geb. d. 19.
    Jan. 1790 im Kirchsprengel Asbo in Ostgothland, Hauptvertreter der
    idealistischen gegen die alternde Akademie kämpfenden Richtung.
    Eine von ihm redigirte Zeitschrift Phosphorus (1810-1813) galt
    gewissermaßen für das Organ dieser Bestrebungen. Im Jahre 1822
    ernannte man ihn zum Docenten und Professor an der Universität
    Upsala, und 1839 nahm man ihn gar als Mitglied in die Akademie auf,
    gegen die er so lange gestritten.

    Der poetische Kalender (1812-1822) -- die Insel der Glückseligkeit
    (1831-1833) -- Samla de Dikter (1836-1837) -- und andere
    historische und philosophische Schriften.

    Die drei hier von ihm vorgefundenen Briefchen, so kurz und
    unbedeutend sie sein mögen, wurden abgedruckt, wie Alles abgedruckt
    werden soll, was Zeugniß giebt von Ludwig Tieck’s Bedeutung im
    Auslande. Wen die Guten und Edlen fremder Nationen huldigend
    anerkennen, den dürfen wir mit zweifacher Berechtigung zu den
    Besten der unsrigen zählen.


                                  I.

    _Upsala_, den 25. Jun. 1835.

    _Verehrter Meister!_

Der Ueberbringer dieser Zeilen ist ein junger mir sehr theurer Freund,
Docens in der Ethik und Amanuens bei der hiesigen Bibliothek, Magister
_Böttiger_; unter den jüngeren Dichtern meines Vaterlandes einer
der vorzüglichsten. Wenn mein Nahme nicht Ihrem Gedächtniß entschwunden
ist, wage ich den reisenden Freund, der nach Italien geht, hiemit Ihrem
Wohlwollen zu empfehlen. Und da er, was mich und meine Unternehmungen
betrifft, den Dienst eines _lebendigen_ Briefes leisten kann:
so hab’ ich für jetzt nichts mehr hinzuzusetzen, als mich mit der
innigsten Bewunderung und Liebe zu unterzeichnen

    Ihr treu ergebenster
    _P. D. A. Atterbom_.


                                  II.

    _Upsala_, d. 20. Mai 1838.

Gewiß entschuldigen Sie, mein hochverehrter Meister, die Dreistigkeit,
mit der ich die jetzt sich darbietende Gelegenheit ergreife, nicht nur
einen jungen Freund, ~Dr.~ _Sredbom_ v. Upsala, zu gütiger Aufnahme,
sondern auch mich selbst zu gütiger Erinnerung zu empfehlen. In
Ihren Schriften seit meiner frühesten Jugend, beinahe täglich lebend
und webend, wie glücklich wäre ich, wenn zu diesem Band geistiger
Vereinigung auch das Zusammenseyn, die räumliche Nähe _persönlicher_
Gegenwart sich gesellen dürfte! Da mir aber dies versagt ist, und ich
Sie nur mit meinem Dankgefühl, meiner Sehnsucht, meiner Liebe, meiner
Ehrfurcht umfassen kann, so muß ich freilich mich damit begnügen,
daß hin und wieder ein reisender Freund, als mein Stellvertreter,
ausführlicher dasjenige ausspricht, was diese armen Zeilen nur dürftig
und scheu andeuten. --

Daß Sie die schwedische Sprache kennen und schwedische Dichter lesen,
haben mir mehrere, z. B. der Buchhändler _Bonnier_, erzählt; ich
werde Ihnen also, wenn Gott Leben und Gesundheit giebt, im künftigen
Frühjahr mit ein paar größeren Dichtungen, die mich jetzt beschäftigen,
aufwarten. Die zwei herausgegebnen Bände meiner gesammelten Gedichte
(die _meisten_ meiner _lyrischen_ Versuche enthaltend) haben
Sie vielleicht schon durch den Bonnier. Im dritten, vierten und fünften
werden die größeren Compositionen folgen. So ist mein Plan; aber
_~homo proponit, Deus disponit~_. -- Mehreres von mir, von
der schwed. Litteratur, und von dem aufblühenden trefflichen Finnischen
Dichter _Runeberg_, wird Ihnen Sredbom erzählen. -- Gott mit Ihnen.

    Ihr treuster
    _Atterbom_.


                                 III.

    _Ballstad_ (in der Nähe von Upsala),
    d. 15. Juny 1844.

    _Hochverehrter Meister und Freund!_

Der Ueberbringer dieser Zeilen, _Josephson_, Doctor der
Philosophie, wünscht sehnlich, Ihnen sich vorstellen zu dürfen. Er ist
ein junger Mann von dichterischem Gemüth und ästhetischer Bildung;
ein talentvoller Musiker und genialer Componist, der auch selbst die
Worte zu seinen Liedern setzt; übrigens mein Freund, dem ich vom Herzen
gern bei Ihnen, wenn mein Nahme nicht schon längst Ihrem Gedächtniß
entfallen ist eine gütige Aufnahme erbitte.

    Ihr
    treu-ergebenster
    _Atterbom_.




                             =Aubin, St.=


    Näheres weiß die Redaktion über diesen Mann nichts zu berichten,
    als daß er längere Zeit hindurch Mitglied der französischen
    Schauspielergesellschaft in Berlin gewesen und von Tieck auf
    jede Weise ausgezeichnet worden ist. In wie fern seine Bedeutung
    auf der Bühne solche Gunst verdiente, darüber mögen Alle Zeugniß
    ablegen, die sich an seinen Darstellungen ergötzten. Daß er aber
    auch als Mensch Achtung einflößen mußte, bekunden diese Briefe.
    Und wer irgend Gelegenheit fand, die geistige Ausbildung namhafter
    französischer Akteurs, besonders ihr Verhältniß zu deutscher
    Literatur und Poesie zu ergründen, der wird den Werth eines Mannes
    erkennen und schätzen, welcher sich _so_ über Ludwig Tieck’s
    „Hexensabbat“ ausspricht!!


                                  I.

    ~_Dresde_ 11. août 1840.~

    ~_Monsieur_,~

~J’ai l’honneur de vous renvoyer le _Sabbat_ que vous avez bien voulu
me prêter. Hélas! forcé de partir ce soir, c’est un pied, déjà dans ma
chaise-de-poste, et au grand galop de mes yeux fatigués, mais toujours
avides que j’ai pu parcourir ce tableau vivant et parlant du XV siècle.
Oui, c’est bien là notre France du Nord; c’est bien là la vieille
Flandre. Ce sont les superstitions, la foi et les moeurs du moyen-âge;
avec ses habitudes, son langage et ses vieux haut-de-chausses. On croit
voir; on croit entendre!~

~Walter Scott a peint les traditions, les usages, les lois antiques de
l’Angleterre, et surtout de l’Ecosse; Victor Hugo, dans Notre-Dame-de
Paris celles de l’ancienne Lutèce; tous deux ont écrit de leur patrie,
dans leur patrie; Vous, Monsieur, vous avez écrit sur un pays qui n’est
pas le vôtre; mais réalisant la maxime: „_que l’Univers entier est la
patrie du Génie_,“ vous avez dépeint de vieilles moeurs étrangères,
mortes depuis longtems, comme si elles posaient vivantes et agissantes
devant vous; et vous surpassez souvent ces hommes de génie, par la
simplicité du style, la franchise des narrations; et Vos inventions
deviennent des vérités!~

~Oui, et ce n’est ici que l’expression franche et sincère de ma
pensée et de mes sentimens, l’original était si vrai, si simple et
si vigoureux, à la fois; que malgré le _lavage_ des épreuves, et les
_dangers de la traduction_, les couleurs sont restées brillantes, les
nuances vives et les teintes chaudes!~

~Combien je regrette de ne pouvoir savourer, à mon aise, tout se que
font et disent tous ces personnages que vous savez nous rendre si
intéressants! J’éspère y revenir.~

~Veuillez agréer l’hommage de ma gratitude et de ma bien vive et
sincère admiration.~

    ~Votre très humble et
    très-dévoué serviteur,
    _Ad. St. Aubin_.~

~P. S. C. Quant au projet théâtral...... j’attendrai que vous daigniez
me faire connaître s’il y a possibilité de le mettre à exécution, et si
je dois me rendre à Dresde pour cela. Je sais qu’ une solution prompte
et positive doit être difficile à obtenir dans une affaire de cette
importance; cependant ce serait le cas de profiter de la crise dans
laquelle je me trouve placé. Si j’avais quelque garantie je romprais
mon contrat; je le pourrais peut-être, en ce moment. Le pourrais-je
plus tard?.... je vais attendre.~

    ~Behren Strasse 57 à Berlin.~


                                  II.

    ~_Berlin_, 24. Août 1840.~

    ~_Monsieur_,~

~Mr. de Villers qui a bien voulu se charger de s’informer auprès de
vous, des dispositions premières de Monsieur de Lüttichau, m’écrit, en
ce moment, que „le projet obtiendrait l’assentiment de Mr. le Comte, si
la base et les conditions en étaient différentes.“~

~J’écris aujourd’ hui même à Mr. de Lüttichau; et je le prie
de me faire connaître bientôt les diverses modifications, et les
conditions auxquelles, il lui conviendrait d’avoir à Dresde, un bon
théâtre-français.~

~Je suis si désireux de quitter le triste séjour de Berlin, ainsi
que mon gracieux Directeur; que je ferai tous mes efforts pour
concilier mon désir à cet égard, avec les charges très-onereuses, mais
inexorables, d’une troupe à l’etranger.~

~Si, d’aprés la communication de Monsieur de Lüttichau, j’entrevois
une possibilité d’éxécution; je partirai, de suite, pour Dresde; afin
d’arriver plus promptement, et plus sûrement au but. Vous seul pouvez y
conduire. C’est à vous seul que Dresde devra son théâtre-français; s’il
y a lieu ainsi donc, et pour Dieu! prenez-moi par la main, et ne me
quittez pas.~

~Je voudrais finir cette lettre sans vous parler de ma vive gratitude
pour toutes vos bontés; mais elle est trop sincère, et trop sentie,
pour la passer sous silence.~

~Bien que Mr. de Villers ne me donne aucun détail spécial dans sa
lettre; je crois cependant y démêler, que les bonnes dispositions de
Mr. de Lüttichau auraient pour base: _trois mois seulement_ de
service français. Hélas! Ce serait alors une chose impossible; car, que
m’offrirait-il d’indemnité pour trois mois, et comment employer les
neuf autres? C’était déjà trop des quatre mois que je m’étais réservés.
_Privilèges, permissions, recettes_, tout est éventuel dans les
villes voisines. La _moitié_ de la recette est souvent peu de
chose; et les permissions de jouer peuvent même manquer complétement.
Je veux bien courir la chance de ne pas gagner; mais non celle de tout
perdre. A ce propos, je joins ici une note detaillée du personnel et
des frais indispensables d’une troupe à l’Etranger. Elle vous fixera su
la dépense approximative, et vous donnera la mesure du possible et de
l’impossible. Ce dernier mot me chagrinerait beaucoup, mais enfin, Dieu
et Tieck aidants, j’éspère encore et j’attends!~

~Veuillez agréer, et ma haute considération, et es sentiments
empressés et affectueux.~

    ~_Ad. St. Aubin_,
    Behren Strasse _Berlin_.~


                                 III.

    ~_Berlin_, den 6. 8bre 1842.~

    ~_Monsieur_,~

~L’année dernière je m’étais rendu à Potsdam pour avoir l’honneur de
vous y faire ma visite. Malheureusement vous étiez malade, vous ne
receviez point; et, plus tard, vous aviez quitté cette résidence.
J’apprends maintenant que vous y êtes revenu; et comme il n’est jamais
trop tard pour acquitter la dette de la reconnaissance, mon coeur cède
au besoin qu’il éprouve depuis longtemps, de vous remercier, avec
éffusion, de toutes les choses bienveillantes que mon faible talent
a inspirées à votre indulgence. Vos suffrages sont si glorieux, ils
honorent, et ils élèvent tellement celui qui en est l’objet, que le
bienheureux artiste les inscrit au premier rang de ses plus beaux
succès, et de ses plus chers souvenirs!~

~Je dis: souvenirs, Monsieur; et ce mot est l’expression de ma pensée
intime; car bientôt, je pense, je quitterai Berlin: j’abandonnerai
cette belle et tranquille capitale, pour laquelle j’avais renoncé aux
succès de Paris, à son fracas, à sa vie dévorante. Oui, bien que la
durée de mon contrat soit encore d’environ trois années, j’en sollicite
en ce moment la résiliation. Je l’obtiendrai facilement puisque
depuis deux ans, depuis la cessation forcée du procès qui m’avait été
intenté, on n’a pas cessé de me pousser à cette pénible résolution
par les passe-droits, et les vexations de toute espèce. On cherche à
m’effacer, on veut m’annihiler en me forçant à jouer sans-cesse des
rôles nuls et mauvais; et en écartant, sous divers prétextes, les
pièces, qui m’offriraient des rôles profonds, ou brillants. On saisit,
on fait naître même toutes les occasions possibles pour me blesser
et m’abreuver de dégoûts. Je n’y puis plus tenir. Ma santé, déjà
mauvaise au printemps dernier, s’est gravement altérée par ces piqûres
de tous les instants. C’est au point que les médecins me conseillent
sérieusement un séjour de quelques mois en Italie. Mais renoncer à
mon contrat dont les appointements font vivre nos familles! C’est là
un parti cruel, désastreux!.. Qu’il faut prendre pourtant; car ma
patience, si longtemps à l’épreuve, est à bout. Je cède; je me retire.
-- Mais pardon, je ne voulais vous parler que de la reconnaissance de
l’artiste, et je m’apperçois que je vous entretiens de ses chagrins.
Hélas! le coeur le l’homme est fait ainsi, ses joies, ou ses douleurs
le débordent toujours.~

~Adieu, Monsieur. Agréez, je vous prie, le voeux que je forme pour
votre chère et précieuse santé. C’est aussi là, sans-doute, votre
ardent et unique souhait. Que pourriez-vous ambitionner de plus?
N’avez-vous pas la bienveillance d’un Roi qui honore tout ce qui est
noble, et grand; qui recherche et récompense le Génie. C’est tout
simple. Il s’y connaît; il est, dit-on, de la famille.~

~Adieu, Monsieur. Adieu encore, car je ne sais si quelques mois du
doux ciel d’Italie me rendront la santé. J’ignore si je pourrai jamais
revenir à Berlin! Je garderais donc le regret que j’emporte: celui de
n’avoir pû me montrer à un juge têl que vous, dans un de ces grands
rôles, un de ces caractères vigoureusement tracés que j’aime tant; et
qu’il ne m’a pas été possible de jouer.~

~Je suis, avec une très-haute, et très-affectueuse considération,~

    ~_Monsieur_,
    Votre très-humble, et
    dévoué serviteur,
    _Ad. Saint-Aubin_.~




                             =?Auguste.?=


    Brief an Fritz und Tieck.

    Ohne Datum.

    Du wirst wohl etwas tolle sein,
    Und Deine Vernunft ganz klumperklein
    Wegen der fatalen Geschichte
    Von unserm weltberühmten Fichte.
    Darum will ich Dich dispensiren,
    Mir vor’s erste wieder ein Briefchen zu schmieren.
    Doch sobald Du wieder Vernünftich bist,
    (Bis dahin ists wohl noch ’ne ziemliche Frist)
    Mußt Du mir wieder einen schreiben,
    Und Mein Diener stets treu verbleiben.
    Auch ich bin ganz des Giftes voll,
    Und auf den alten Kaufmann toll,
    Der mir mein Schwesterchen entführt,
    Eh’ ich es orntlich lernte kennen,
    Ich möchte den häßlichen Menschen verbrennen!
    Doch was ist weiter da zu thun?
    Man muß in der süßen Erwartung ruhn,
    Daß alles sich noch recht glücklich ende,
    Und sie, und Du, und Deine Veit
    Bei uns bleiben bis in Ewigkeit.
    Für’s erste ist es doch noch gut,
    Daß Tieck und Du im Sommer kommen.
    Daß der Gedank’ euch nur nicht wird benommen,
    Sonst würd’ ich Euch entsetzlich schelten,
    Und euch auch gleiches mit gleichem vergelten,
    Und im Herbst nicht kommen nach Berlin,
    Und läse aus Rache auch nicht Tiecks Zerbin!
    Drum laßt euch rathen und kommt wie der Wind,
    Damit ihr dem Unglück vorbeugt geschwind.

    Das muß ich Euch nun betheuern sehr,
    Die Unger’n trüg’ ich gleich ins Meer,
    Wenn ich an Eurer Stelle wär;
    Und wenn ihr meinen Rath befolgt,
    So hängt ihr einen Mühlstein an,
    Damit sie nicht an’s Ufer kann;
    Denn unkraut geht so leicht nicht unter.
    Ihr seht, ich bin entzezlich toll
    Und ganz des dummen Zeuges voll,
    Das macht ich habe Faust gelesen,
    Da fuhr in mich sein tolles Wesen.
    Nun gute Nacht! es brummt zehn Uhr,
    Daß es mir durch alle Glieder fuhr.

    Nehmt mir’s nur nicht schief,
    Daß ich nicht eher einschlief
    Und euch noch erst so ennuyirte;
    Es ist gewiß nicht gern geschehn,
    Denn eigentlich war’s auf amusement für euch abgesehn.
    Und wenn ihr just nicht in der Laune
    Seid, das heute zu lesen so laßt’s liegen.
    Der Geist davon wird nicht verfliegen.
    Nun grüß’ ich euch ins gesammt recht schön
    Und werde bald zu Bette gehn.

    An                                          _Auguste._
    _Friedrich Schlegel_            ich habe würklich sehr geschmiert,
    und seinen Busenfreund              doch das Blättchen bedarf keiner
    _Ludwig Tieck_.                                     äußeren Zierd.




                          =Bacherer, Dr. G.=


    Wäre auch dieser Herr B. der, theils in Wien, theils an andern
    Orten als „Publizist“ thätige, Verfasser eines unter dem Titel
    „Portefoglio“ erschienenen Buches voll politischer, diplomatischer,
    litterarischer und anderer Anekdoten -- oder Unwahrheiten, so
    würde dessen Autorruhm schwerlich Veranlassung geben, seinen Namen
    unserer Briefsammlung einzureihen. Nachstehende Zeilen sind jedoch
    immer ein hübscher Beitrag zur Entstehungsgeschichte gewisser
    anonymer Feindseligkeiten gegen Männer wie Tieck. „Ah, Du warst
    beschäftiget, Du warst unwohl, und Du hast mich, _Mich,_ der ich
    mir einige pikante Notizen für einen höhnischen Journalbericht aus
    Dresden bei Dir holen wollte, nicht angenommen? Du hast mir die
    Gelegenheit geraubt, Dich in Deiner Häuslichkeit zu belauern, und
    dann Witze darüber zu machen? -- Na, warte! Dessen „„werd’ ich
    eingedenk seyn!““


    Ew. _Wohlgeboren_

hatten im Verlaufe dreier Wochen zweimal die Gefälligkeit, meine
beabsichtigten Besuche bei Ihnen abweisen zu laßen. Diese waren zu
keinem andern Zwecke als zu dem einer einfachen Begrüssung intendirt.
Da Sie nun dieser leztern sich zu begeben so entschieden gesonnen sind,
bleibt mir blos noch die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß ich mit derselben
Entschiedenheit Ihres Willens und des darin sich characteristisch
spiegelnden Benehmens gegen mich, eingedenk sein werde.

    _Dresden_, 12. Januar 1840.

    ~Dr.~ G. _Bacherer_.




             =Baudissin, Wolf Heinr. Friedr. Carl, Graf.=


    Geboren den 30. Januar 1789 zu Rantzau. --

    Es gehört mit zu den landläufigsten Ungerechtigkeiten der
    mystischen sogen. „moralischen Person“ _Publikum_ geheißen, daß
    allzuhäufig, wenn vom verdeutschten Shakespeare die Rede ist, wie
    er unter der Firma „Schlegel-Tieck“ kursirt, der Name dieses Mannes
    verschwiegen bleibt. Ja, sieht man doch Theateranzeigen genug,
    auf denen zu lesen steht: „Othello -- oder Lear, übersetzt von
    Tieck.“ Gerade diese Dichtungen, so wie noch mindestens zehn andere
    in der Sammlung enthaltene Uebertragungen, hat der vortreffliche
    Graf geliefert, der nach zurückgelegter diplomatischer Wirksamkeit
    in Stockholm, Wien, Paris, sich 1827 zu _Dresden_ niederließ.
    Weshalb dort? Das künden uns die schönen Worte im ersten der
    nachstehenden Briefe -- (leider haben sich in T.’s Nachlaß nur
    deren drei vorgefunden!) -- welche lauten: „_Ich weiß kaum wie ich
    vorher gelebt habe, ehe ich Sie lesen und reden hörte?_“ - Drei
    feste Bänder: persönliche Freundschaft, poetische Begeisterung,
    wissenschaftliches Streben fesselten ihn an Tieck. Er gehörte zu
    den Auserwählten, welche von Meister Ludwig nicht mehr _empfingen_,
    als sie ihm zu _geben_ im Stande waren. Er hat dem geliebten
    Freunde unermüdlich treu, thätig, fördernd und aufopfernd zur Seite
    gestanden. Aus dem Schüler ward bald ein selbstständiger Meister.
    Nachdem er schon lange vorher (1819) Sh’s K. Heinrich VIII.
    in eigner Verdeutschung erscheinen lassen, gab er später (1836)
    Ben Johnson und dessen Schule, ein bedeutendes Werk, heraus.
    Außerdem rührt von ihm die, durch Tieck eingeführte, Sammlung
    Shakspeare’scher (?) Jugendarbeiten: Eduard III. -- Thomas
    Cooxwell -- Oldcastle -- Londoner Verschwender in musterhafter
    Uebertragung her. Im Jahre 1848 edirte er aus mittelhochdeutscher
    Litteratur: Iwein mit dem Löwen und Wigalois.


                                  I.

    Dienstag Morgen.

Wollen Sie uns die Freude machen, mein verehrtester Gönner, Morgen
Mittag um halb 3 mit uns zu essen? Sie würden Frau v. Hardenberg hier
finden, u. außer ihr die beyden Extremen des menschlichen Alters ihren
Bruder Cay u. Dahl’s.

Ich wünsche fast daß Fr. v. Rehberg den Heinrich VIII. noch
verschiebe damit es uns heut wieder so gut werde wie gestern. Wenn Sie
den jungen Hauch um seines Enthusiasmus willen geliebt haben so hoffe
ich von Ihnen für mein Zuhören gebilligt zu werden; ich weiß kaum wie
ich vorher gelebt habe ehe ich Sie lesen und reden hörte, u. kann mir
das Paradies ohne die Sonnabende bey Ihnen, u. die Pirnaische Gasse,
gar nicht mehr vorstellen.

    Ganz der Ihrige

    _W. Baudissin_.


                                  II.

    Mittwoch Morgen.

    _Theuerster Freund!_

Wenn ich nicht allen Glauben an poetische Gerechtigkeit, Nemesis und
Vorsehung aufgeben soll, so erfüllen Sie die Bitte, die ich Ihnen
halb verzweifelt und erschöpft an’s Herz lege: lassen Sie Herrn von
Bülow die zweite Hälfte der Abschrift Ihrer Novelle zur Strafe dafür
collationiren, daß er Ihnen einen solchen heillosen Abschreiber
empfohlen! Wäre ich der -- -- -- oder sonst ein Tyrann, ich ließe ihn
stäupen. Hier in diesem constitutionellen gebildeten Lande sollte
man ihn in die Kleinkinderschule schicken, oder in’s Hospital thun.
Mitunter sind seine Confusionen höchst ergötzlich; er schreibt ganz
getrost: Mineralog statt Monolog, Kaffe statt Kuß, die Dummen statt die
Damen, Fußweg statt Kunst, Signalisten-Corps statt Diplomatisches, u. s.
w. Aber dergleichen Redeblumen können doch zuletzt für die unzähligen
Verwünschungen und Seufzer nicht trösten, die seine incurable
Stupidität uns erpreßt.

Ich hätte während ich Ihnen diese Zeilen schreibe, noch eine halbe
Seite mehr nachsehen können; aber ohne Scherz und Uebertreibung, ich
habe in diesen Tagen besonders viel zu thun, und kann, wenn die
Correktur eilt, sie nicht wohl übernehmen. Sie selbst sollen sich auf
keine Weise damit befassen. Aber finden Sie nicht vielleicht Jemand
Anders? Ihre Handschrift lieset sich vortrefflich -- (!!) -- und macht
gar keine Schwierigkeit. -- (??) --

Dann habe ich Ihnen noch einen Wunsch vorzutragen. Es hieß gestern,
Frau von Savigny werde Donnerstag abreisen. Wenn das, wie ich noch
nicht recht glaube, wirklich der Fall ist, müßte ich wohl heute Abend
zu ihr gehn, und würde dann inständigst bitten, mir für den ~Every Man
in his humour~ irgend einen andern Abend bestimmen zu wollen. Bleibt
sie aber, so komme ich auf jeden Fall. Mein Diener soll Ihnen darüber
mündlichen Bescheid ertheilen.

    Ganz der Ihrige

    _W. Baudissin_.


                                 III.

    _Dresden_, den 7. November.

Ich sende Ihnen, theurer verehrtester Freund, anliegend einen Brief
den mir ~Dr~. Minckwitz für Sie eingehändigt, um Ihnen ans Herz
zu legen, Sie möchten seiner Uebersetzungen gedenken, falls nach der
Antigone noch andre Sophocleische Trgödien zur Aufführung kommen
sollten. Fast war mir’s leid als ich den Auftrag übernahm, denn er
kam mir vor wie ein böses Omen: ich will mich immer noch nicht an den
Gedanken gewöhnen daß Sie, dem zu Liebe ich recht eigentlich mich
entschieden hatte manchen andern Rücksichten entgegen wieder nach
Dresden zurückzukehren, vielleicht nun ganz in Berlin zu bleiben
entschloßen sind. Wenn’s aber denn wirklich so wäre, so sollen Sie
mein erster, u. Ihre hiesigen Freunde u. ich selbst mein zweyter
Gedanke seyn, u. ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem gewiß sehr schönen u.
erweiterten Wirkungs-Kreise.

Ich habe Ihnen von meiner Sommerreise her noch angelegentliche Grüße
zu bestellen von Loebell, von dem vortrefflichen, Sophien u. mir sehr
lieb gewordnen Immermann, u. von Herrn v. Uechtritz. Eben so trägt mir
meine Frau das allerherzlichste für Sie auf, u. wird sich sehr oft mit
mir nach Ihnen sehnen: wir beyde bitten uns der Gräfin, so wie Herrn v.
Raumer, bestens zu empfehlen, u. Agnes zu grüßen. -- Auf eine Antwort
von Ihnen dürfen weder Minckwitz noch ich hoffen: sollten Sie aber
Notiz von seinem Anerbieten nehmen, so schriebe vielleicht Agnes ein
paar Zeilen? --

Mit treuster Freundschaft und Verehrung

    der Ihrige

    _W. Baudissin_.




                       =Baudissin, Karl, Graf.=


    Der Schreiber nachstehenden Schreibens ist des edlen Grafen Wolf
    naher Verwandter, dessen Töchter bei ihrem Oheim längere Zeit
    in Dresden verweilten. Die älteste, von der ebenfalls im Briefe
    Erwähnung geschieht, lebt gegenwärtig als Gemahlin des K. H.
    Gesandten in Wien, und wird als kunstsinnige, hochgebildete Dame
    allgemein verehrt.

    Graf _Karl_, ihr Vater, ist Verfasser des Buches „der Geist in der
    Natur.“

    Sein Sohn _Adalbert_, eben so bekannt durch die wechselvollen
    Schicksale reich-bewegten Lebens, als beliebt im Fache
    humoristisch-romantischer Erzählungen, entwickelt ein fruchtbares
    auf vielfache Erfahrungen gestütztes, und durch diese gefördertes
    Talent.


    _Horsens,_ den 14. December 1830.

    _Verehrtester Herr Hofrath!_

Selbst auf die Gefahr hin, Ihnen lästig zu fallen stehe ich nicht
länger an, einige Zeilen an Sie zu richten. Die Erzählungen meiner
Tochter Bella enthalten unzählige Beweise, wie viel Freundlichkeit und
Güte Sie ihr erweisen, und meine älteste Tochter hat neulich, gleich
nach ihrer Ankunft in Dresden, die zuvorkommendste Aufnahme in Ihrem
Hause erfahren. Erlauben Sie mir, Ihnen und den Ihrigen meinen Dank
für so viele Güte abzustatten, welches zu thun mir eine um so größere
Freude gewährt, als ich dadurch Gelegenheit erhalte, gegen einen Mann,
dessen Schriften mir so theuer sind, meine Verehrung auszusprechen.
Wären Sie Herr Hofrath nicht gewohnt, in weit treffenderen Worten als
ich es vermag, den Eindruck geschildert zu sehen den Ihre Schriften
in der Seele des Lesers zurücklassen, so würde ich es versuchen, und
Ihnen erzählen, wie ich noch jetzt keine gewirkte Tapete ohne Schauder
betrachten kann, weil ich vor 20 Jahren Ihren Karl von Berneck gelesen
habe; wie ich meinen Kindern, wenn sie Abends um mich versammelt
sind, Ihre Märchen erzähle, und mich im blonden Eckbert und den
Haimondskindern fast nie der Thränen erwehre; und wie Franz Sternbald
und die Herzensergießungen eines Klosterbruders in meinem Innern einen
Frühling der Gefühle, ein tönendes sonniges Leben hervorriefen, wie
noch keine Musik, kein plastisches Kunstwerk dieß an mir vermogt haben.

Keine Prosa spricht mich so an, reißt mich so mit sich fort, wie die
Ihrige. Denn während mir Goethe’s Prosa incorrekt und eckig (!?)
vorkömmt; Schiller hochtrabend, und die mehrsten Schriftsteller matt;
fühle ich mich bey der Ihrigen von Empfindungen durchglüht, die ich
nicht beschreiben kann. Wie sehr beneide ich meine Kinder, die das
Glück haben Sie selbst Ihre Schriften vorlesen zu hören, und deren
Genuß durch solchen Vortrag noch erhöht wird. Ich schmeichle mir oft
mit der Hoffnung, daß es mir, dem Bewohner der ~ultima Thule~ noch
möglich seyn wird Dresden zu besuchen, wo sich jetzt so Vieles meinem
Herzen Theures aufhält. Auf diesen Fall erlauben Sie Herr Hofrath daß
ich mich zu einer Vorlesung bei Ihnen anmelde, wo es mich zugleich
freuen wird, Ihnen mündlich sagen zu können, mit welcher Verehrung und
Hochachtung ich bin

    _Ihr_

    ergebenster _C. Baudissin._




                          =Bauer, Caroline.=


    Diese Schauspielerin, welche auf der Bühne -- wie im Leben
    die ersten Rollen sehr wohl zu behaupten verstand, und dann
    plötzlich, unter noch immer räthselhaften Verhältnissen von beiden
    Schauplätzen verschwand, ohne daß es Einem ihrer ehemaligen
    Verehrer gelungen wäre, etwas bestimmtes über ihre späteren
    Schicksale zu erforschen, war bei Tieck sehr beliebt und geachtet.
    Sie wußte ihn zu behandeln, gab sich in seinem Hause nur als
    lernende Hörerin, und deutete seine Schwächen zu ihrem Vortheile
    aus. Er schwor darauf, daß sie auf ihn schwöre -- und wer er
    besser wußte, hütete sich wohl ihn zu enttäuschen. Da nahm er denn
    leicht äußerliche Anmuth und Glätte für innerliches, künstlerisches
    Walten. Sie war eine geschickte, elegante Darstellerin. Mehr nicht.
    Sie galt lange, und an vielen Orten, wo sie triumphirte, für
    eine große Schauspielerin. Aber niemals wären auf sie die Worte
    anzuwenden gewesen: „Hast Du mir Thränen in’s Auge gelockt und Lust
    in die Seele!“


    _Bremen,_ den 24. Mai.

                        _Hochverehrter Freund!_

Beinahe vom Ende der Welt -- sende ich Ihnen die _herzlichsten
Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage_! meine Mutter schließt denselben
die innigsten mit an, und beide hoffen wir Sie gesund und heiter
wiederzusehen.

Während Sie theurer Freund, das schöne Frühjahr in aller Ruhe genießen,
habe ich sehr unruhige, aber auch angenehme Tage verlebt. --

Hamburg hat mir sehr gefallen, das Haus fand ich gar nicht zu groß, das
Publikum sehr freundlich -- aber die Gesellschaft schlechter wie eine
herumziehende Truppe. Die Enghaus ist fort, Schmidt, Lenz zu stumpf,
Hr. Baison ist der einzig helle Punkt, die _Perle_ der Gesellschaft!
Das ist viel gesagt. Wenn Schröder die Vorstellung der ~Donna Diana~
gesehen! Denken Sie Geehrter Freund, daß ~Perin~ nicht im Standte
war _ein_ Lächeln dem Publikum zu entlocken -- _Niemand_ erhielt ein
Zeichen des Beifalls, 4 mal versuchte ich Leben in diese Maße zu
bringen. Dann sagte ich der Direction aufrichtig: mit solcher Umgebung
könnte ich nicht weiter spielen. Die Stumme von ~Portici~ gieng sehr
brillant da brauchte ich nur die Münk zur Unterstützung.

Hier geht unter Rottmayers Leitung alles beßer, und ich athmete
leichter als ich in der „~Stuart~“ auftrat. -- Schwärmerei nach der
Mode macht sich gut, wenn alles so wie hier rasch in einander greift.

Rottmayer ist ein vorzüglicher Künstler, und gebildeter Mann, gewiß
werden Sie ihn, mein Geehrter Herr Hofrath recht lieb gewinnen. Er
empfiehlt sich _ganz ergebenst_, wenn er zu Gastrollen kommt möchte er
den Klingsberg in „der unglücklichen Ehe durch Delicatesse“ spielen, da
würden wir dies schöne Stück geben können, doch ich komme in’s Plaudern
und raube Ihre Zeit, also mündlich hole ich nach, ich habe viel, viel
zu erzählen! --

Nur noch die schönsten Empfehlungen! an Frau Gräfin! so wie Ihren
lieben Fräulein Töchtern viel Herzliches! --

Auf frohes Wiedersehen! Verehrter Freund!

    Hochachtungsvoll und bestens ergebene

    _Caroline Bauer_.




                       =Bauernfeld, Eduard von.=


    Geb. zu Wien 1804, dort angestellt in einem kaiserl. Amte.
    Lustspieldichter von großem Rufe, dessen „Bürgerlich und
    Romantisch“ -- „Bekenntnisse“ -- „Tagebuch“ -- „Großjährig“ -- und
    viele andere, mit verdientem Glücke über alle deutschen Bühnen
    gingen und zum Theil noch lebendig sind. Auf ernsterem Gebiete
    zeichnete ihn „Ein deutscher Krieger“ aus. Sein Dialog ist eben so
    reich an guten Gedanken wie an sinnvollen und feinen Wendungen.
    Gesammelt sind seine dramatischen Arbeiten in den „Lustspielen“
    (1833) -- und dem „Theater“ (1836-37). Er hat Mehreres aus dem
    Englischen übersetzt, und zwar meisterhaft. Z. B. den Coriolanus,
    der in einer Gesammt-Edition Shakespeares (Wien, bei Sollinger)
    steht, welche leider, wie es damals üblich, viel Nachdruck, unter
    A., den ganzen Schlegelschen Shakespeare enthält.

    Die zwei hier mitgetheilten Briefe betreffen seinen „Fortunat,“
    einen Versuch hochromantischer Gattung im Drama, der sehr viel
    Schönheiten bietet und der wohl verdient hätte, von anderen
    deutschen Bühnen, außerhalb Oesterreich, wieder aufgenommen zu
    werden. -- Aber wem fällt so etwas ein? Wir haben ja Ueberfluß an
    poetischen Neuigkeiten.


                                  I.

    Wien d. 29. Septemb. 1834.

    _Hochverehrter Herr!_

Das beiliegende Schauspiel „Fortunat“ wage ich Ihnen, hochverehrter
Herr, zur Einsicht vorzulegen, eh’ ich es noch einem Theater zur
Aufführung übergebe. Ich gestehe, daß mich dieser Stoff seit Jahren
beschäftigt, und daß ich mir eigentlichst Mühe gab, dasjenige, was mir
daran poetisch erschien, in dramatischer, wo möglich in theatralischer
Form wieder zu geben. Natürlich konnt’ ich zu diesen Zwecken nur einige
Umrisse der ursprünglichen Fabel beibehalten, und war gewisser Maßen
gezwungen, die dramatische Handlung erst zu erfinden. Bei solchem
Verfahren würde ich mich glücklich preisen, wenn es mir nicht mißlungen
ist, den Sinn und Geist der Fabel auch in dieser veränderten Form
nicht verwischt zu haben. Der erste Akt meines Schauspiels bildet
eine Art Vorspiel: Fortunat als Jüngling im elterlichen Hause; dieser
Theil unterscheidet sich in Ton und Darstellungsweise wesentlich von
den übrigen Akten, worin die Abentheuer behandelt sind, die sich mehr
dem Heroischen nähern. Der Schluß soll mit dem Anfang wieder zusammen
greifen. Um das Theater-Publikum, welches leider ein allzu großer Feind
des Phantastischen ist, auf das Wunderliche des Inhalts vorzubereiten,
hab’ ich noch einen Prolog beschlossen, welchen Fortuna halten soll. --

Ich kann es mir nicht bergen, daß meine bisherigen theatralischen
Arbeiten mir bei Ihnen, hochverehrter Herr, keinesweges das Zutrauen
erwecken werden, daß ich einem Stoff, wie der vorliegende, gewachsen
sei; allein auch bei jenen, mehr im französischen Sinne geschriebenen
Lustspielen leitete mich eine Absicht, welche Sie vielleicht nicht ganz
mißbilligen werden, wenn Sie mir in der Folge etwa gestatten, mich
hierüber näher zu erklären.

Indem ich Ihrem Urtheil über die vorliegende Arbeit mit Verlangen
entgegen sehe, unterzeichne ich mich mit Hochachtung

    Hochverehrter Herr

    Ihren

    ganz ergebensten

    _Eduard v. Bauernfeld_,
    (J. P. Sollingers Buchhandlung in der
    obern Bäckerstraße.)


                                  II.

    Wien d. 28. März 1835.

    _Verehrter Herr!_

Ihre aufmunternden Zeilen über Fortunat kamen eben wenige Tage an
vor der Aufführung dieses Stücks in einem hiesigen Vorstadttheater.
Das Stück -- fiel durch. Das Publikum schien das Volksmährchen gar
nicht zu kennen, wunderte sich über den Sekel u. s. w. Zudem hatten
Saphir mit seinen Anhängern und andere Uebelgesinnte Parthei gebildet;
überdieß besitzen die beiden _Holtei’s_, welche z. 1. M. als engagirte
Mitglieder spielten (Vasko und Rosamunde), keine Freunde unter den
Schreibern der hiesigen Journale, welche, wie fast überall, in den
schlechtesten Händen sind. Am zweiten Abend ging die Sache besser,
u. Holtei’s wurden gerufen. Uebrigens wurde mir bei dieser Sache
klar, daß das Stück auch auf unserm Hoftheater nicht gefallen hätte,
und zwar nicht nur wegen seiner dramatischen Gebrechen, sondern
hauptsächlich deßhalb, weil das Wiener-Publikum für das Freiere und
Phantastische durchaus keinen Sinn mitbringt. So wurde ein Meisterwerk
unserer Literatur „der Prinz v. Homburg“, mit welchem ich meinen
Versuch natürlicher Weise nicht von Ferne zu vergleichen wage, auf den
Hoftheater förmlich ausgelacht. -- Sollten Sie, hochverehrter Herr,
trotz jenes Erfolges dennoch die Aufführung des Fortunat beabsichtigen
(welcher auch vom Berliner Hoftheater angenommen wurde), so werde ich
so frei seyn, Ihnen in der Folge einige Abänderungen und Abkürzungen
vorzuschlagen, welche sich bei der zweiten Darstellung als zweckmäßig
erwiesen. --

Für den übrigen Inhalt Ihres Briefes, welche eine weit bessere Meinung
für mich ausspricht, als ich bisher im Stande war zu verdienen,
danke ich mit aufrichtigem Herzen. Schon in meinen frühesten
Jünglingsjahren hatten, nebst Göthe und Shakespeare, Ihre Werke den
größten Einfluß auf mich ausgeübt. Ich schrieb wohl über ein Dutzend
Stücke beiläufig in den Manieren aller dieser Meister, worin sich
vielleicht ~disjecta membra poëtae~ entdecken lassen; aber das
Ganze blieb stets ungenügend. In der Folge fühlte ich ein brennendes
Bedürfniß, das Theater kennen zu lernen. So kamen denn jene leichten
Lustspiele zum Vorschein, bei denen, ich weiß es wohl, häufig das
Poetische einer gewissen Technik aufgeopfert wurde, die sich aber der
Theater-Schriftsteller durchaus erwerben muß. Dabei erschien mir die
natürliche Auffassung moderner Zustände auch in das Feld der Poesie
zu gehören, u. im bisherigen Deutschen Lustspiel noch wenig bebaut.
-- Schlimm ist’s, daß nun gerade der Versuch, wo ich der Poesie näher
zu kommen dachte, verunglücken soll. Das soll mich jedoch nicht
abhalten, dasjenige, was ich im Gefühl und im Gedanken einmal als das
Richtige erkannt habe, mit Bedacht fortzubilden. Ist meine Kraft zu
gering, dann hilft freilich die gute Absicht zu Nichts. Steht mir nur
der Zeitgeschmack und die Gemeinheit entgegen, dann hoffe ich noch
durchzudringen.

Verzeihen Sie, verehrter Herr, daß ich Sie mit einem so weitläufigen
Schreiben belästige; aber ich fühlte ein wahres Bedürfniß, Ihnen den
Gang meiner poetischen Bildung einiger Maßen darzulegen, da ich Ihnen,
ohne Sie persönlich zu kennen, so Vieles verdanke.

Sollten Sie mir einige billigende Worte entweder selbst schreiben oder
durch Rettich mittheilen wollen, so werden Sie dadurch sehr beglücken

    Ihren

    dankbaren Verehrer
    _Bauernfeld_.
    (J. P. Sollingers Buchhandlung
    in der obern Bäckerstraße.)




                          =Beskow, Bernh. v.=


    Geb. am 19. April 1796 zu Stockholm, Hofmarschall, längere Zeit
    hindurch Theater-Intendant. Seine bedeutendsten dramatischen Werke
    sind: Erich XIV. -- Hildegard -- Torkel Knutson -- Gustav Adolph
    in Deutschland. -- Seine erste Dichtung war (1819) Carl XII.

    Die von ihm vorgefundenen hier mitgetheilten Briefe werden jedweden
    unbefangenen Leser für den ausgezeichneten Menschen einnehmen. Der
    erste, in welchem er das lange, durch Trennung und Zeit verstummte
    Verhältniß zwischen sich und Tieck wieder belebend auffrischt,
    erscheint uns wie ein wichtiges Dokument. So feurig, so wahr,
    so überzeugend hat vielleicht noch kein Deutscher für deutsches
    Verdienst gesprochen, als dieser schwedische Hofmarschall. Was
    er bei Gelegenheit britischer Commentatoren des Shakespeare über
    die unschätzbare Eigenschaft des Deutschen sagt, fremden Werth in
    seiner ganzen Bedeutung anerkennend zu durchdringen, sollte in Erz
    gegraben werden. Welch’ ein Geist in diesem Manne, welche Seele,
    welches Herz! Nun, Tieck muß es tief empfunden haben. Schon nach
    Verlauf einiger Monate, wie das zweite Schreiben beweiset, begrüßen
    sie sich mit dem brüderlichen _Du!_ -- Damit ist Tieck in reiferen
    Jahren nicht freigebig gewesen.


                                  I.

    Stockholm den 28. Februar 1835.

Sie haben mich ein par mal durch Nordische Reisende so freundlich
grüssen lassen, daß ich mir den Genuß nicht länger versagen kann, Ihnen
selbst meinen Dank abzustatten, nicht bloß für diese Gütige Erinnerung
„aus den Tagen, die nicht mehr sind,“ sondern noch für so manche
Wohlthaten, die ich Ihnen, dem herrlichen, vertraulichen Dichter, seit
so vielen, einsamen Jahren noch schuldig bin.

Sie müssen nehmlich wissen, mein edler vortreflicher Freund! daß
ich _nach_ unsrer Trennung noch viel vertrauter _mit Ihnen gelebt_,
gedacht, geschwärmt und das innere schöne Leben genossen habe, als
einst bei der persönlichen Gegenwart, in dem geistreichen, von unserm
guten Burgsdorf gebildeten Gesellschaftskreise.

Bei unsrer ersten Bekanntschaft war _mein_ Geist noch etwas zu
_klassisch_ gestimmt, um sich in _Ihren_ selbständigen freien
Dichtungen überall heimisch zu fühlen. Ich hatte mich in früher Jugend
so tief verirrt im Dickicht trübseliger Schwärmerei, und mich so
mühselig zum Licht emporgearbeitet, daß ich noch lange eine Art von
Scheu behielt, selbst vor jeder _dichterischen_ Dämmerung, wo solche
mir etwa mehr _Abend-_ als _Morgenröthe_ zu verkündigen schien. Dagegen
hatte mir vom Anfange an Ihr geflügelter _Genius_ grosse Ehrfurcht
eingeflößt, und noch anziehender fand ich den _Menschen_ in Ihnen. Es
freut mich noch, daß ich Ihren Werth so zeitig gefühlt hatte; denn als
ich einer sehr geistreichen Freundin aus jener Zeit Ihren _Abdallah
u. Lowell_ geliehen hatte, und sie, etwas kunstrichterisch, anmerkte:
„es schiene ihr immer etwas anmassend, wenn ein „_junger Mensch_“ mit
Werken anfinge, welche die ganze _Reife_ eines Göthe forderten, um
eigenthümlichen Werth zu haben,“ so hatte ich schon den Mut, ihr zu
antworten: „Wenn ich mich nicht sehr irre, so werden _Sie_ noch einmal
die Werke _dieses_ jungen Menschen neben die _Göthischen_ in Ihrer
Büchersamlung aufstellen.“

Seit dieser Zeit nun schmeichle ich mir einer Ihrer _besten Leser_
gewesen zu sein, was überhaupt meine Stärke ausmacht; denn mein
_eigenes_ Schreiben, oder Dichten, hat meinem Geist eigentlich nur zur
_Bewegung_ gedient, wodurch die Gesundheit eines tüchtigen _Lesers_
gehörig befördert wird. Auch besitze ich, Gottlob, Sinn und Gemüt
genug, um bei reich-begabten Schriftstellern alles mitzuentdecken, was
sie nicht selten bloß dem _Weissen_ zwischen den Zeilen anvertraut
haben. Der sel. Schleiermacher bat mich einmal, seine „Kritik
der Sittenlehre“ für eine gelehrte Zeitung zu beurtheilen. Ich
entschuldigte mich aber damit, daß ich das Buch wahrscheinlich nicht
hinlänglich verstanden hätte; denn an mehrern Stellen folgerte ich
aus dem innern Zusammenhang seiner Begriffsentwickelungen etwas viel
Bedenklichers, als was er selbst zu lehren schien. Darauf antwortete
er mir scherzend: „Eben deswegen, weil ich Dich als einen so guten
und gründlichen _Leser_ kenne, wollte ich daß _Du_ gewisse Dinge zur
Sprache bringen solltest, die ich meine Gründe hatte, hier nicht näher
zu erörtern. Die von Dir gerügte Zweideutigkeit ist unverkennbar für
den Selbstdenker, aber _absichtlich_; und Du kannst überzeugt sein, daß
unsre alltäglichen Bücherrichter sich nicht dabei aufhalten werden.“ --

Eben so fromm und aufmerksam glaube ich nun die meisten _Ihrer_
Schriften, gelesen und wieder gelesen zu haben. Nicht _alle_, denn
vieles von den neuern ist mir unbekannt geblieben in diesem Nordischen
Winkel, vorzüglich von dem, was hie u. da in Zeitschriften abgedruckt
worden. Um so sehnsuchtsvoller erwarte ich nun die Sammlung Ihrer
_sämmtlichen Werke_, die ich schon bei meinem Berliner Buchhändler
bestellt habe. Einen _innerlich_ und _äusserlich_ so reichen, durch
seine _Eigenthümlichkeit_ ehrfurchtgebietenden Dichter, wie Tiek,
betrachte ich nehmlich gerne wie den _Strasburger Münster_. Wer
möchte hier _einzeln_ abgebrochene Zierrathen u. Figuren bewundern?
-- Wer den Eindruck dieser andächtigen Begeisterung nicht in sich
aufzunehmen vermag; wer sich dem Genuß des _Ganzen_ nicht unbedingt
hingiebt, -- der mag ja lieber freundliche Gartenhäuser beschauen,
oder zierliche Nachbildungen alterthümlicher Tempel anstaunen! --
Es mag immer bloß ein eigenthümliches Gefühl sein, _Schmeichelei_
ist es wenigstens _nicht_, wenn ich freimütig bekenne, daß mir _Ihr_
Dichtergenius so gar _mehr_ „~_of a piece_~“ scheint, wie Göthes, dem
übrigens wohl niemand eine vielseitigere Bewunderung zollt, als ich.
Aber daß Ihre Muse, seitdem ich inniger mit ihr vertraut worden, die
_gemütlichste_ Lebensgefährtin gewesen, die mein späteres Leben überall
begleitet, überall _frisch u. jugendlich_ erhalten hat, -- _das_ ist
eben der eigentliche Gegenstand dieses _Danksagungs-Schreibens_;
denn bloß als ein _solches_ müssen Sie diese unbedeutenden Blätter
betrachten. Ist doch die Samlung Ihrer kleinen Gedichte schon seit
Jahren mein _Gesangbuch_ gewesen -- _hier_ vorzüglich, wo ich von allen
meinen ehemaligen _Glaubensgenossen_ so entfernt, und so vereinsamt
zurückblicke nach dem gelobten Lande meiner genußreichen Jugend. Mag
es sein, daß _deutsches Blut_, von väterlicher und mütterlicher Seite,
noch immer in meinen Adern siedet, das kein Nordwind zu kühlen vermag,
-- _Deutschland_ ist u. bleibt auf ewig das wahre Vaterland meines
_Geistes_ u. meines _Herzens_, und diese lebendige Anhänglichkeit an
das „_Land der Eichen_“ ist mir nicht _angebildet_ worden durch meine
dortige Erziehung, sondern diese hat jene nur früher u. vollständiger
in mir _entwickelt_. Auch ist jenes _Gefühl_ nicht etwa durch spätes
Entbehren in diesem Augenblick unruhiger geweckt worden. Schon vor
einigen und 20 Jahren durchglühte mich diese Vorliebe so kräftig, daß
Göthe mich einmal im Scherze: „einen ~Allemand enragé~“ nannte, u. mich
rieth nach England zu reisen, wo man mich mit dem Gruß empfangen würde:
„~_No German nonsense swells my British heart._~“ (ein Vers aus einer
damals eben erschienen Satire: ~Pursuits of Literature~.)

Wohl habe ich seitdem einen bedeutenden Theil meines zersplitterten
Lebens in Frankreich u. England zugebracht; aber mich dort nur um so
lebhafter überzeugt, daß der Reichthum des _geistigen Lebens_ sich in
diesen beiden Ländern mit dem _Deutschen_ keinesweges messen kann. Und
doch gehör’ _ich_ zu denjenigen, die sich auch in der Fremde leicht
ansiedeln. Ueberall suchte ich dort mir Sprache, Sitten u. Ansichten
der Einwohner so freisinnig, wie möglich anzueignen, weil man nur
dadurch Nutzen u. Freude hat von seinen Reisen und seinen vielseitigen
Beobachtungen. Aber auch _das_ ist ja ein seltener Vorzug des Deutschen
Genius, daß er das Vortreffliche des _Fremdartigen_ oft treuer u.
reiner in sich aufnimmt, als die Eingebornen selbst. Daß _Sie_ den
Shakespeare unstreitig richtiger fassen u. erklären, als alle die
kunstrichterischen John Bulls, deren ich, während meines Aufenthalts
in London, so _viele_ zusammenbrachte, daß solche jetzt 27! dicke
Oktavbände füllen. -- Aber _mir_ wenigstens hat das _Einseitige_ jener
feingeschliffenen Ausbildung der _Nichtdeutschen_, den _Reichthum_ der
einheimischen nur um so lieber und theurer gemacht. --

„Mit dem ~rost-beef~ u. dem Porter vertrage ich mich schon ganz
einheimisch; den _Kohlendampf liebe_ ich sogar, -- schrieb ich aus
London an eine Freundin in Berlin, -- die _Aussenwelt_ genügt hier
vollkommen, aber mein _inneres Leben_ schnappt überall vergebens nach
_Deutscher Luft_, u. mein _Geist_ vermißt sehnsuchtsvoll _Deutsche
Freiheit_!“ -- Von _Frankreich_ lassen Sie uns nicht sprechen. Die
Pariser _Kinderschuhe_ hatten _wir_ doch wohl schon ausgetreten, lange
ehe _Ludwig Filipps_ „freisinnige“ Unterthanen anfingen, dramatische
Stiefel und lange Beinkleider nach deutschem Schnitt nothdürftig
zusammen zu pfuschern; und ihren Victor Hugo zu einem Shakespeare
aufzustutzen. Uebrigens lieb’ ich die _Franzosen_ sehr, so lange sie
_Kunst und Leben leicht und scherzhaft_ nehmen. Nur der großartige
Ernst scheint ihrer Natur nicht angeboren, weswegen auch ihre
Staatsumwälzung so jämmerlich mißglückte.

Freilich sagte mir _Chenier_ einmal mit großer Selbstgefälligkeit: „Ich
habe wirklich Schillers Don Carlos _durchgeblättert_; man muß auch das
_Mißlungene_ nicht verachten. Das Unglück Deutscher Dichter ist, daß
sie nun einmal _ohne Geschmack geboren_ sind, und von eigentlicher
_Kunst_ u. _Gemütsschilderungen_ nicht einmal von unsern _großen
Meistern_ etwas =gelernt haben=. Ich _gedenke nun_ =selbst=, _einen
Filipp II._ zu _schreiben_!“ --

Dagegen habe ich wohl manchmal auch von den Bessern der _Unsrigen_
hören müssen: „die _deutsche_ Art u. Kunst sei allerdings reich, tief
u. vielseitig, dafür scheine sie aber auch immer nur ein _unendliches
Bruchstück_ bleiben zu wollen.“ Dies liesse sich wohl auch in einem
gewissen Sinne behaupten; erinnert mich aber an ein sinniges Wort der
sel. Varnhagen, als jemand in ihrer kleinen Gesellschaft sagte, „es ist
doch Schade, daß der _Faust_ nur ein _Bruchstück_ wäre.“ -- „_Schade_?!
rief sie aus. Als wäre das nicht gerade das größte Verdienst dieses
unendlichen Gedichts! Gerade dadurch ist es ja eine so treue
Darstellung der ganzen Menschheit; denn was ist _sie_, das Leben u. die
Welt _für uns_ anders, als ein ewig anziehendes, ewig unvollendetes
Bruchstück? Göthe _darf_ das Gedicht nicht fortsetzen, oder gar
vollenden, wenn sein Gemählde noch dem _Urbilde_ gleich bleiben
soll; denn all unser Denken, Träumen u. Ahnen; alle unsre geistige
u. sinnliche Liebe, alles was wir von Gott, oder dem Teufel uns
einbilden; -- Genuß, Sehnsucht, Verzweiflung, Tugend und Verbrechen --
_alles_ enthält schon dieses überreiche Bruchstück eines _unendlichen
Kunstwerks_.“

Und nach dieser Ansicht zweifle ich sehr, ob meine Freundin den _2ten
Theil_ des Faust für eine Vollendung des ursprünglichen Gedichts hätte
gelten lassen. --

_Ich_ würde also auch mit denen nicht streiten, die etwa alle _Ihre_
Dichtungen zusammengenommen, als ein solches _unendliches Bruchstück_
des großen Weltgedichtes betrachten möchten. Bleibt das _Vollendete_
des Lebens nicht in jeder Rücksicht bloß ein Gegenstand der Ahnung und
der Sehnsucht?

    „Warum Schmachten?
    Warum Sehnen?
    Alle Thränen
    ach! sie trachten
    weit nach Ferne,
    wo sie wähnen
    schönre Sterne!“ --

Was gäbe ich nicht darum, mein edler Freund, wenn ich jetzt nur
einige Stündchen mit Ihnen verplaudern könnte, vorzüglich auch über
_Göthe_, den so _sinnlich-klaren_, u. doch in mancher Rücksicht so
unerforschlichen _Proteus_. Wie viele _Fragezeichen_ habe ich nicht
überall an den Rand gezeichnet, worauf Sie mir vielleicht antworten
könnten, auch wo diese Antworten Ihnen nicht erleichtert würden durch
übereinstimmende Gesinnung, sondern bloß durch scharfsinnigeres
Ahnungsvermögen eines so nahverwandten Genius. Wie tief bedauere
ich, daß ich die Zeit unsers Beisammenseins nicht mehr benuzte; denn
verloren war bei mir nie etwas, noch so früh empfangenes, sondern
wucherte gewöhnlich das ganze Leben hindurch, wenn es auch spät erst
zur Frucht reifte. ~O! mihi praeteritos referat si _Jupiter_ annos!~“

Und doch war jene Zeit ein herrlicher, unvergeßlicher Frühling!
Einer mit dem ich damals das geistige Leben am vertraulichsten
durcharbeitete, war _Friedrich Schlegel_, den ich immer den _Dichter_
nannte, während sein Bruder mir bloß _der Dichtende_ hieß. Als
Tiefdenker mir unendlich überlegen, fand er doch bald so viel
Empfänglichkeit in mir, daß er behauptete noch niemand gefunden zu
haben, mit dem er sich so allseitig hätte mittheilen können, ohne in
Streit zu gerathen, auch wo wir noch so entgegengesetzte Grundsätze
verriethen.

Nach seinem Uebertritt zur römischen Kirche, schrieb mir
Schleiermacher: „Kanst Du mir diesen Schritt unsers Freundes wohl näher
erklären? Ich frage _Dich_, weil er mir selbst gesagt, er hätte mit
Keinem so ernst u. so offenmütig, wie mit Dir, das _Christenthum_, nach
allen dessen Richtungen durchgeforscht. Ich kann mir _seine_ =innern=
Gründe unmöglich denken; u. _weltliche_ mag ich bei einem _solchen
Manne_ durchaus nicht annehmen.“

Allein ich hatte damals _Schl._ in mehreren Jahren nicht
gesprochen; wohl aber haben seine spätern Schriften mich mit
=seinem= _Katholizismus_ versöhnt. Es scheint nehmlich, daß,
wenigstens gleichzeitig mit diesem Uebergang, auch eine wirkliche
_Sinnesänderung_ bei ihm vorgegangen; denn wie _mild_, _billig_
und wahrhaft _christlich_ finden wir ihn, selbst in seinen spätern
=Streit=_schriften_, wenn wir solche mit den frühern vergleichen.
_Jacobi_ machte dieselbe =Bemerkung,= u. schrieb mir einmal: „Hätten
Sie wohl je geglaubt, daß Fr. Schlegel u. ich einander bei Gegenständen
der Vernunftforschung so freundlich und _christbrüderlich_ begegnen
würden?“ -- Eine große Hinneigung zur _Neuplatonischen_ Auffassung
des Christenthums hatte ich früh in ihm entdeckt, welche mir nun
durchaus nicht zusagte. Dagegen versicherte ich ihm, man könne dem
Christenthum nicht inniger zugethan sein, wie ich, wenn man nur
nicht forderte, daß ich ein _strengerer Christ_ sein solte, als --
_Christus_ selbst. Ich hätte nehmlich überall gefunden, selbst bei
meinen _Hernhutern_, wiewohl da seltener, daß die eifrigsten Christen
sich in 2 ganz bestimmte Klassen abtheilen ließen. Die einen wären
die _Gelehrten_, oder _Historischen_, denen das sich nach u. nach
entwickelte _Lehrgebäude_ des Glaubens wichtig u. heilig sei -- die
Rechtgläubigen jeder Kirche, -- die andern hingegen empfänden bloß
ein tiefes Bedürfniß, sich die _Gesinnungen_, die ganze _Denk- u.
Empfindungsweise_ des Erlösers kindlich anzueignen. Ihnen ist das
wichtigere, „den Willen desjenigen zu thun, der _Ihn_ gesandt hat,
u._ dadurch inne_ zu _werden_, ob seine Lehre von Gott sei.“ -- Alle
Spizfindigkeiten der Kirchengelehrten scheinen ihnen unwesentlich. Die
_Dreieinigkeit_ macht ihnen keinen Kummer, u. selbst von _Christus_
mögen Sie wohl sagen wie Haller von seiner Geliebten:

    „Ich strebe nicht Dich zu _vergöttern_,
    _die Menschheit_ ziert _Dich allzusehr_.“ --

Zu dieser 2ten Klasse nun bekenne ich mich mit aller Innbrunst des
Herzens, u. aller Freiheit der Seele. -- Dabei leugne ich keinesweges,
daß nicht beide Eigenschaften sehr glücklich vereinigt werden können;
nur _allgemein_ kann dies nicht angenommen werden; u. ohne diese
_christliche Gesinnung_, scheint mir die gelehrte _Rechtgläubigkeit_
von sehr geringem Werth. -- Daher hat auch A. W. Schlegel mich u.
die Frau von Staël schrecklich ermüdet durch seine streitsüchtigen
Anempfehlungen eines solchen gelehrten _Katholizismus_. --

Hier aber müssen Sie mir erlauben, eine ähnliche Bemerkung zu machen
über die verschiedenartigen Schüler u. Anbeter der _Muse_, zumahl dies
Sie selbst etwas näher angeht. Ich theile nehmlich diese ebenfalls in
2 sehr bestimmte Klassen. Die _wirklichen_ Dichter, die Selbstschöpfer
im Reiche des Genius, die Beherrscher der Einbildungskraft und
der Seelenvermögen; -- dann aber die „_poetischen Menschen_“, die
zwar für allen Reichthum der Dichtung die regsamste Empfänglichkeit
besitzen, die aber keine _Kraft_ von der Natur empfingen, selbst
_hervorzubringen_ was sie im Geist so lebhaft anschauen. Sie verwandeln
gewissermassen ihr ganzes Leben, die sie umgebende Wirklichkeit, ihr
Denken u. ihr Gefühl zu einem _Gedicht_; aber _stummgeboren_ vermögen
sie was ihr inneres bewegt, nicht auszuhauchen in Gesang u. Rede.

Daß selbst die _Halbgötter_ der ersten Klasse nicht immer diese
_innerliche Poesie_ der zweiten in einem gleich hohen Grade besitzen,
glaube ich nur zu oft wahrgenommen zu haben, und jene _Stummgeborenen_,
zu denen ich, Leider selbst gehöre, müssen sich nur damit trösten,
daß gerade diese nie zur Flamme auflodernde Glut ihr inneres Leben
gewöhnlich länger warm und jugendlich erhält.

Freilich ist es eine herrliche Erscheinung der Menschheit, wenn ein
hoher Genius diese oft gesonderten Eigenschaften in sich vereinigt,
und dies, liebster Tieck! ist nach meiner Ueberzeugung, _Ihr
glückliches_ Loos. Sie sind doch unstreitig ein _großer Dichter_,
aber welcher Kenner entdeckt nicht zugleich in dem kleinsten Ihrer
Lieder den echt-_poetischen Menschen_, der so freundlich anzieht, u.
Zutrauen einflößt, während man den ersten bewundert? Sie sehen, ich
spreche so offen mit Ihnen, wie mit einem Dritten, ich erkläre nur
_mein_ dankbares Gefühl für Sie -- denn ein plattes _Lob_ wäre von
meiner Seite schon anmaßend. In dieser Rücksicht stehen _Sie_ uns
offenbar näher als _Göthe_ -- dessen Seele, ich möchte sagen nicht
_jungfräulich_ genug ist, um ein so _kindliches Gemüt_ zu besitzen. --

Begreifen Sie also nun, woher ich den Mut genommen habe, mich
so ausführlich mit Ihnen zu unterhalten, als hätten wir uns vor
wenig Tagen gesprochen. -- Ich setze nehmlich voraus, daß der
_poetische Mensch_ in Ihnen noch eben so jugendlich u. umgänglich
ist, wie zu der Zeit, die ich noch so lebhaft in mein Gedächtniß
zurückrufe. Von mir kann ich wenigstens ehrlich versichern, daß ich
den _Jahren_ keine Macht über mein inneres Leben gönne. Schon auf
der Schule kamen Schleiermacher u. ich überein, daß ein früheres,
oder späteres _Altwerden_ des geistigen Menschen, doch eine wahre
_Niederträchtigkeit_ sei, welches immer eine schlechte Erziehung, oder
eine leichtsinnig verschwendete Jugend verriethe. Auch hat er bis
zu seinem Tod diese Wahrheit bestätigt; und als er mich kurz vorher
besuchte, konnten wir an einander nicht die mindeste Veränderung gewahr
werden. Freilich war er ein par Jahr jünger, als ich, dafür aber doch
_älter_ als _Sie_, für den also gar keine Entschuldigung gilt, wenn Sie
schon aufhören wollten, ein _Jüngling_ zu sein.

Ohne allen Scherz: ich wüste nicht, daß ich seit meinem 20. Jahre
irgend eine Verwandlung erlitten hätte. _Ernst_ war schon das Gemüt des
Jünglings, u. eben deswegen, hat bei mir die Heiterkeit u. der Frohsinn
immer auf einem so sichern Grunde geruht. Meine Freude am Leben, u.
selbst an allen Liebhabereien des Geistes, u. der Empfindungen ist
noch ganz die nehmliche. Vorzüglich sind aber Wissenschaften und
Künste noch immer eine unerschöpfliche Quelle eines fortdauernden
Lebensgenusses. Und wie dankbar gedenke ich auch in dieser Hinsicht
meiner gründlichen Erziehung auf einer _Deutschen_ Schule. Alles dort
eingesammelte habe ich das ganze Leben hindurch so treu aufbewahrt,
daß ich es immer mit Sicherheit wieder hervorsuchen kann, wenn es auch
Jahrzehende hindurch völlig geschlummert. Schleiermacher war ganz
verwundert, als er mich jezt viel tiefer eingeweiht fand in allen
Geheimnissen griechischer Schriftsteller, als auf der Universität, wo
wir uns Tag u. Nacht mit ihnen beschäftigten. Dies gab uns Gelegenheit
vor hiesigen Gelehrten mit unsern Herrnhutischen Schulen zu prahlen,
die wir beide nirgends übertroffen gefunden. Zufällig wurde behauptet:
daß die Kunst _Lateinische Verse_ zu machen, heute zu Tage völlig
ausgestorben sei, auch diejenigen, welche in der Jugend sich damit
beschäftigt hätten, würden keinen Versuch mehr darin wagen. -- „Was
meinst _Du_? sagte Schleiermacher, Du galtest ja sonst für einen
geübten Lateinischen Dichter.“ -- „Ich meine, antwortete ich, daß man
_nichts vergißt,_ was man _gründlich gelernt_ hat, und ich nehme noch
eine Wette an, ob ich gleich in beinah 40 Jahren keinen Lateinischen
Vers geschrieben habe.“ -- u. so schickte ich unsern Upsaliensern bald
darauf ein ziemlich langes Gedicht, für welches sie mich auf meine
alten Tage noch zum Magister machen wollten. Auch hatte ich wirkl.
kaum 10 Zeilen geschrieben, als es mir vorkam, als hätte ich eine seit
Jahren verschlossene Schublade geöfnet, in der ich noch alles in der
vollkommensten Ordnung wieder fand. Wer _vergißt_ denn jemals, was
er wirklich treu u. redlich =geliebt= hat. Ein _gutes, vielseitiges
Gedächtniß_ steht immer in Verhältniß zu der Menge von Gegenständen,
die uns einst eine lebendige Theilnahme eingeflößt haben, u. selten
nimmt das Gedächtniß früher ab, als das _Herz_ vertrocknet. --

Uebrigens muß ich mich wohl auf _Gelehrsamkeit_ beschränken, da ich
als „_Stummgeboren_“ nichts besseres thun kan, u. da mir die hiesige
Alltagswelt zu _blaß_ ist, um mich ihr oft hinzugeben. Genußreicher
finde ich freilich mein kleines Museum, wo mir immer noch die _Tage_
zu kurz scheinen, um solche nicht wie sonst durch halbe Nächte zu
verlängern.

_Wie_ wollte ich aber noch mit Ihnen die herrlichen Gegenden um Dresden
durchwandern, wo der Jüngling bisweilen an _einem_ Tage 6 bis 7 Meilen
zu Fuße machte; u. ich hoffe _Sie_ sollten mich da noch so _ungealtert_
finden, wie eine hiesige Freundin, die mich neulich fragte: „Waren Sie
denn in _Ihrer Jugend_ wirklich auch _so jugendlich_ wie _jezt_?“ --
-- Ach! mein _Deutschland_! und mein Knabenfrohes _Sachsen_!

    „Ach! wie sehnt sich für und für
    schönes Land! mein Herz nach Dir!
    Werd’ ich nie Dir näher kommen,
    Da mein Sinn so zu dir steht?
    Kömmt kein Schifchen angeschwommen,
    Das dann unter Segel geht? --
      _Doch mich halten harte Bande!_“

Und nun, mein edler Freund! mit der innigsten brüderlichen Umarmung

    Ganz der Ihrige

    _v. Beskow_.


                                  II.

    _Stockholm_ am 8. Juny 1835.

    _Theuerster Freund!_

Ueberbringer Dieses ist der Hr. Hagberg, der Weltweisheit Doctor, und
Sohn eines unserer vorzüglichsten Kanzelredner und Kirchenväter. Dieser
junge Reisende besitzt ein hübsches poetisches Talent und hat zweymahl
den Preis der Schwedischen Akademie erhalten, nämlich für ein Gedicht
über _Gustav Adolph den Großen_ und für eine Uebersetzung von Tassos
_~Gerusalemme liberata~_. Auch ist er bey der Universität in Upsala
Docens der Griechischen Sprache. Da er auf seiner Reise nach Italien
im vorbeygehen Dresden zu besuchen gedenkt, habe ich mir das Vergnügen
nicht versagen können, mich durch ihn bey Dir in Erinnerung zu bringen,
und ihm überdies, mittelst dieser Zeilen die Freude zu verschaffen,
Deine und der Deinigen Bekanntschaft zu machen, wovon er mich oft,
als von einer der theuersten Rückerinnerungen an meine Wanderungen in
fremden Ländern, hat sprechen hören.

Die letzten Nachrichten die ich aus Dresden gehabt, sind von Baron
v. Lüttichau. Er meldet daß Du, zu unserer großen Freude, frisch und
gesund bist, daß aber, leider, in dem Befinden Deiner Frau keine
verbesserung vorgegangen ist. Dieser letztere Umstand geht uns herzlich
nahe, und wir hoffen und wünschen innig, daß dieses bald einen
Uebergang habe. Was uns betrifft sind wir Gottlob! jetzt beyde gesund
und meine Frau hat sich bey der Diät, die der vortreffliche Carus ihr
vorgeschrieben hat, besonders wohl befunden. Grüß ihn tausendfach und
herzlich!

Diesen Sommer bringen wir auf einem Landgut zwey Meilen von der
Hauptstadt zu; aber nächstes Jahr hoffen wir, geliebt es Gott! wieder
eine Reise südwärts machen zu können, und werden dann gewiß Dresden
besuchen. -- Was hast Du jetzt vor? -- Was geschieht in der Deutschen
Litteratur? -- Wie steht es mit Eurem Theater? -- Wie befinden sich
unsere Freunde? -- Dies sind Fragen, die wir so gern beantwortet
hätten, die aber in die leere Luft verhallen.

Der Doctor Hagberg wird nähere Nachrichten von uns ertheilen können.
Leb’ indessen wohl, theuerster Freund! Empfange die herzlichen Grüße
meiner Frau an Dich, und unsere gemeinschaftliche an Deine ganze
liebenswürdige Umgebung, und an alle unsere Freunde in Dresden -- das
liebe Dresden! -- Noch einmahl, lebe wohl! und vergiß nicht gänzlich

    Deinen

    beständigen Freund

    _Bernh. v. Beskow_.


                                 III.

    _Stockholm_ den 16. Juli 1835.

    _Theuerster Freund!_

Ob ich gleich neulich einem auf Reisen gehenden Landsmanne, dem Hr.
Doct. Hagberg aus Upsala, einige Zeilen an Dich mitgab, so kann ich
doch nicht umhin die Gelegenheit zu benutzen, die sich jetzt mir wieder
darbietet, Deine Schwedischen Freunde, die sich so oft mit Dankbarkeit
und Sehnsucht Dresdens, Deiner und der Deinigen erinnern, Deinem uns so
theuren Andenken zu empfehlen. Gern wäre ich statt des Briefes selbst
gekommen; doch der Erfüllung dieses Wunsches darf ich erst in einem
Jahre vielleicht entgegensehen. Dann hoff ich mich aber auch los und
ledig machen zu können.

Ueberbringer dieses Schreibens ist ein junger, liebenswürdiger Dichter,
Herr Böttiger, der Zweymahl von der Schwedischen Akademie belohnt
worden ist; nähmlich für ein Gedicht über _Gustav Vasa_ und für ein
anderes _Gustav Adolph bey Lützen_ genannt. Außerdem hat er mehrere
lyrische Gedichte herausgegeben wovon eine Samlung in kurzer Zeit drey
Ausgaben erlebt hat -- eine bey uns sehr seltene Erscheinung, zumahl
in einer so antipoetischen Zeit, wie die unsrige, und bey dem wenig
zahlreichen Publicum, worauf ein Schwedischer Schriftsteller zu rechnen
hat. Hr. Böttiger ist Doctor der Weltweisheit und Docens wie auch
Unterbibliothekar bey der Universität in Upsala. Sein anspruchloser,
liebenswürdiger und rechtschaffener Charakter hat ihm in der Heimath
allgemeiner Liebe und Achtung erworben, und ich vermuthe daß er auch
jenseit des Meeres Freunde und gleichsinnige Herzen finden wird.

Die Gesundheit meiner Frau fährt fort sich zusehends zu verbeßern.
Sie läßt Dich und Deine liebe Umgebung tausendfach grüßen. Bestelle
auch meinen herzlichen Gruß an Deine sämtliche Hausgenoßen und alle
unsere Dresdener Freunde. Als ein wohlgemeintes Andenken von Schweden
und Deinen hiesigen Freunden habe ich dem ~Dr.~ Böttiger ein paar
Schaumünzen mitgegeben, um sie Dir zu überbringen. Dieselben stellen
Tegnér und Berzelius vor, und gehören zu einer Samlung deren Herausgabe
ich hieselbst besorge.

Lebe wohl und vergiß nicht

    Deinen

    unveränderlichen Freund

    _Bernh. v. Beskow_.


                                  IV.

    _Stockholm_, den 19. July 1836.

    _Theuerster Freund!_

So lange habe ich die Beantwortung Deines herzlich willkommenen,
freundschaftlichen Briefes verzögert, daß ich fast gewärtig seyn
muß, die Dinte in der Feder vor Scham darüber erröthen zu sehen. Daß
jedoch dieser Verzug nicht von Undankbarkeit oder Vergeßlichkeit
herrührte, davon kanst Du doch völlig überzeugt seyn. Es war aber
mein Wunsch meiner Antwort einen grösern und dauerhaftern Beweis
meiner Erkentlichkeit beyzufügen, und zwar durch das Werk, welches Du
mir erlaubt hast mit Deinem Nahmen zu schmücken. Die Bemühung diesem
Werke eine Abfaßung zu geben, wodurch es nicht gar zu unwürdig werden
möchte Dir zugeignet zu werden, erforderte natürlicher Weise einige
Zeit; und doch wäre das Buch bereits in Deinen Händen wenn mir nicht
unglücklicherweise eine der Amtsverrichtungen, deren ich mehr habe
als ich brauche, ein anderes Geschäft, das keinen Aufschub duldete,
auferlegt hätte. Die Schwedische Akademie sollte nehmlich ihr Jubeljahr
feyern, und als beständiger Sekretär derselben muste ich über alles was
wir in diesen 50 Jahren -- nicht gethan einen ausführlichen Bericht
verfaßen. Dies war in der That ein sauberes Stück Arbeit; doch zog ich
mich zwischen „_Dichtung und Wahrheit_“ so ziemlich aus der Sache, und
die Akademie sagte bey der Auflesung des Aufsatzes wie unser (weiland)
gutmüthiger König Adolph Friederich, als der Hofkanzler den Ständen den
Bericht über die von Seiten der Regierung genommenen Maßregeln vorlaß:
„_Haben Wir das alles gethan?_“

Sobald das Jubelfest vorüber war, und die darüber abgefasten
Verhandlungen gedruckt worden, unternahm ich wieder ~con amore~ die
Bearbeitung der Dramatischen Versuche, die ich Dir zu widmen wünschte.
Allein jetzt ist ein neues Hindernis eingetreten, welches mich auf
längere Zeit jeder litterarischen Beschäftigung zu entreißen droht.
Seine Majestät, mein Allergnädigster König, haben Seine Absicht zu
äusern geruht -- mich zum Ober-Intendenten der öffentlichen Gebäude
und überdieß zum beständigen Präses der Akademie der freyen Künste zu
ernennen. Zwar habe ich mir, mit ehrfurchtvoller Dankbarkeit, jenes
hohe Vertrauen unterthänigst verbeten; aber Seine Majestät haben keinen
andern bisher ernennen wollen und wenn Sr. Majestät Wunsch zum Befehl
übergeht, werde ich demselben natürlich um so mehr Folge leisten
müßen, da ich noch kürzlich ebenso viele als unverdiente Beweise
Seiner königlichen Gnade erhalten habe, -- der große Polar-stern, das
Comthur-Band der Ober-Beamten des Seraphiner-Orden, &c. -- so daß ich
mich jetzt ausstaffiren kann wie jener alte Mann, von dem Du einst
erzähltest, daß er einen ganzen Büschel von Bändern an der Brust trüge.
Sollte ich indeßen nebst der neuen, wovon jetzt die Rede ist, auch
meine bisherigen Amtsgeschäfte versehen, so würde mir schwerlich Zeit
zu litterarischen Beschäftigungen übrig bleiben, welches mir sehr leid
wäre und schwerlich könnte ich Dich auch dann, wie es meine Absicht
gewesen, nächstes Jahr in Dresden besuchen, und vielleicht gar einen
Abstecher nach Italien machen[3]. Doch das Alles steht in Gottes Hand,
und Der lenkt alles zum Besten.

Mit der innigsten Freude haben wir vernommen daß Dein und der
Deinigen Gesundheits Zustand fortwährend Gut gewesen und daß Deine
Feder uns jedes Jahr neue Meisterwerke schenkt. Ein ausschließend
litterarisches Leben, wie das Deinige wäre auch bey dem hundertsten
Theil Deines schöpferischen Geistes beneidenswerth, aber nur als
Schriftsteller zu leben ist bey uns in Norden fast Beyspiellos.
Unsere Litteratoren sind entweder Bischöfe Beamte und Lehrer bey
den Universitäten, oder Reichstagsrepräsentanten und Publicisten.
Außerdem nehmen unsere Akademien viele Zeit weg. Meine Wenigkeit, z.
B. befindet sich Mitglied von 5 solchen hier in Stockholm, die zum
Theil wöchentlich Zusammenkünfte haben. Bisweilen gewähren sie doch
einige Freude, diejenige zum Beispiel die ich jetzt erfahre indem ich
Dir, im Namen der Akademie der Geschichte, der Alterthümer und der
schönen Wißenschaften, beygebendes Diplom übergebe, deßen Einladung
die Akademie Dich ersucht, als einen Beweis ihrer ausgezeichneten und
erfurchtvollen Hochachtung für Deine unsterblichen litterarischen
Verdienste gütigst annehmen zu wollen. Haller, Goethe und Schiller
sind, unter Deinen Landsleuten, früher Mitglieder dieser Akademie
gewesen, und unter den jetzt lebenden auswärtigen Mitgliedern zählen
wir Heeren und Sismondi. Dein vortrefflicher Fürst, Prinz Johann,
geruhte im vorigen Jahr die Einladung zum Ehren-Mitgliede anzunehmen.

Herzlichen Dank für alle Freundschaft und Güte, die Du so vielen meiner
Landsleute erzeigt hast! Du errichtest Dir dadurch auch ein Pantheon
von dankbaren Herzen hier im Norden. Auch ist kein litterarischer
Name hier so geliebt und verehrt als der Deinige. Möchtest Du nur
nicht ermüden die Lappländischen Pilger aufzunehmen! Aber es ist nicht
möglich ihr Verlangen Dich zu sehen und zu hören im Zaum zu halten, und
es giebt keinen Schweden deßen Weg durch Deutschland geht, der sich
nicht ein Wort der Empfehlung an Dich ausbittet. Jetzt sind ihrer drey
im Anzuge, welche Du mir gütigst erlauben wirst bey dieser Gelegenheit
anzumelden, nämlich ein junger Bildhauer Herr Zuarnström (eine ganz
Nordische Natur) der sich nach Rom begiebt, und ein Hr. Arwidson, sein
Reisgefährte, ein sehr litterarisch gebildeter Mann, mit gründlichen
Kenntnißen und einen scharfen, selbständigen Verstande. Sie werden sich
etwa ein Monath in Dresden aufhalten und es wäßert ihnen schon den
Mund nach einer Vorlesung aus den Shakespeare. Mein dritter Landsman,
welcher Dir auf seiner Rückreise aus dem Carlsbade im August seine
Aufwartung zu machen gedenkt, ist mein bester Schul- und Jugendfreund,
der Baron v. Sprengporten, jetzt Oberstadthalter in Stockholm, ein
vortrefflicher und sehr unterrichteter Mann, der ohne Anspruch Dichter
zu seyn recht hübsche Verse schreibt und ein besonderer Freund der
Deutschen und Englischen Litteratur ist.

Die Gesundheit meiner Frau ist Gottlob, ziemlich gut gewesen; aber
Sie sehnt sich, ebenso wie ich, nach Dresden wo wir uns noch beßer
befanden. Melde ihren und meinen herzlichen Gruß an Deine ganze
liebenswürdige Umgebung. Auch viele Empfehlungen an unsere theuren und
achtungswerthen Freunde v. Lüttichau, Carus, Sternberg, Dahl u. a. --
Lebe wohl, geliebter und vortrefflicher Freund, und vergiß nicht Deinen
bis in den Tod unveränderlich

    ergebenen

    _Bernh. v. Beskow_.


                                  V.

    _Stockholm_, den 18. August 1836.

    _Theuerster Freund_,

der Ueberbringer dieser Zeilen[4] ist der Königl. Bibliothekar
Rydquist, der zugleich in der Schwedischen Akademie mein ~Amanuensis~
ist, ein in der Geschichte der Litteratur sehr bewanderter Mann, deßen
Schrifte von den hiesigen Akademien mehrmals gekrönt worden, und der
besonders durch zwey Werke, nähmlich eine „vergleichende Characteristik
der älteren und neueren Litteratur“ und eine „Untersuchung über die
ältesten Schauspiele des Nordens“ Aufsehen erregt hat. Er hat überdieß
mehrere Jahre hindurch eine Zeitung für die Litteratur und schöne Kunst
herausgegeben, welche sich vor allen andern in diesem Fach hieselbst
erschienenen rühmlich ausgezeichnet hat. Zu der Reise die er jetzt nach
Italien unternimmt, hat er sowohl vom Könige als von der Schwedischen
Akademie Unterstützung erhalten, und da ich ihm keinen größeren
Gefallen thun kann, als wenn ich ihm eine Gelegenheit verschaffe Deine
Bekanntschaft zu machen, so verlaße ich mich auch diesmal auf die Güte
die Du so vielen meiner Landsleute erzeigt hast, diesem, auf welchen
ich einen besonderen Werth setze, zu Deinen Abendgesellschaften den
Zutritt zu verstatten. Er wird sich wahrscheinlich eine oder ein paar
Wochen in Dresden aufhalten.

Bis jetzt bin ich, Gott sey Dank, von der neuen Amtsgeschäften frey
geblieben, womit ich, laut meines letzten Briefes (vom 19. July)
bedroht war, und ich drücke daher fleißig an dem Werke, welches ich Dir
zu widmen wünsche. (Hr. Rydquist kennt es schon und kan davon einigen
Bescheid geben.) Darf ich meine jetzige Freiheit ungestört genießen, so
hoff’ ich zuverläßig künftigen Sommer eine Reise nach Dresden machen
zu können, wohin wir, meine Frau so wohl als ich, uns so innig sehnen.

Meine Frau empfiehlt sich freundschaftlichst Dir und den Deinigen,
womit ich meinen herzlichen Gruß an Deine ganze Umgebung und alle
unsere Freunde in Dresden verbinde. Lebe wohl, theuerster Freund, und
behalte, wie bisher, in wohlwollendem Andenken

    Deinen

    unveränderlichen Freund
    _Bernh. v. Beskow_.


                                  VI.

    _Stockholm_ 22. December 1838.

    _Theuerster Freund!_

Für die frohe Ueberraschung die Du mir durch Deinen letzten
freundschaftsvollen Brief geschenckt hast, kann ich Dir nicht warm
genug danken. Ich erhielt ihn so eben durch den jungen Schauspieler,
der von Deutschland zurückgekommen ist. -- Es ist, wie Du sagst, zu
traurig, daß die Menschen die sich etwas zu sagen haben, getrennt sind
und wie in eine Verbannung leben. Um so viel schätzbarer ist jede
schriftliche Mittheilung von einem in der Ferne lebenden Freunde. Dein
schöner Brief hat mich in Deinen Kreis zurückgeführt und alle frohe,
nur zu bald verfloßene Stunden, die ich in dem gemüthlichen Dresden
verlebte, in mein Gedächtniß zurückgerufen.

Besonders danke ich Dir für alle Güte, die Du meinen Landsleuten
erweißest. Du bist einer der vorzüglichsten Schutzgeister der Schweden
auf Deutscher Erde. Auch bewahren sie als das schönste Andenken ihrer
Wanderung, die Erinnerung Dich gesehen, mit Dir gesprochen, und Dich
lesen gehört zu haben. Deine hiesigen, Dir persöhnlich ergebenen
Bewunderer bilden eine Colonie die mit jedem Jahre zuwächst. Welchen
Einfluß Du seit 30 Jahren auf die Schwedische Litteratur ausübst, ist
Dir bereits bekannt, wie auch daß verschiedene Deiner Werke in unsere
Sprache herübergetragen sind. Wahrscheinlich weist Du auch schon aus
erster Hand, daß Oehlenschläger angefangen hat Deine Novellen zu
übersetzen. Dieser guter Freund hat auch mir die unverdiente Ehre
erzeigt meine (Dir zugeeigneten) Dramatischen Studien ins Dänische
hinüberzutragen. In Deutschland und Dänemark wird die eigentliche
schöne Litteratur noch mit Wärme von dem Publikum umgefast. Hier
hingegen kann sich nunmehr fast gar keine Schriftstellerey ohne Zusatz
von Politik auf allgemeine Theilnahme Rechnung machen. Kannengießerey,
schmähende und gaukelnde Tageblätter, haben beynahe alle andere Lectüre
verdrängt, und es wird Dich wundern zu erfahren, daß ein hiesiger
Publicist, wie man sagt, eine jährliche Einnahme von 40,000 Rtlr.
(Reichstahler) Schwedisch Banco hat, das heist mehr für einen Jahrgang
Tageblätter als alle beßere Schriftsteller Schwedens zusammengenommen
mit allen ihren Werken verdient haben. So lange sich die Kannengießerey
und der Tadel innerhalb der gesetzlichen Schranken halten, ist
davon nichts zu sagen; wenn aber solches zu hemmenden Maßregeln
herausfordert, wenn die hemmenden Maßregeln Mord und Todtschlag nach
sich ziehen und der Streit über das Aeußerungsrecht sich endlich
in einen Kampf um Leben und Eigenthum auflösen kann, dann wird die
Preßfreyheit, anstatt ein Mittel zu Aufklärung und Veredlung zu seyn,
eine Losung zur Anarchie und Pöbelherrschaft. In solchem Fall habet Ihr
in Deutschland nicht viel Ursache über eine beschränktere Preßfreyheit
zu klagen.

Wundere Dich daher nicht, wenn ich Dir unter dergleichen Verhältnißen
nicht Vieles über die Schwedische Litteratur sagen kann. Die Dichter
haben ihre Leyern an die Weidenbäume gehängt, um sie nicht von Steinen
zerschmettert zu sehen. Geyer allein hat mit diesem Jahre eine
litterarische Monatschrift angefangen, die aber gleich zur Politik
übergegangen ist und wahrscheinlich in ihrem Fortgange nur dieses Fach
umfaßen wird. -- --

Meine Frau ist unbeschreiblich dankbar für Dein gütiges Andenken
und bittet mich Dich und Deine liebenswürdige Umgebung herzlichst
zu grüßen. Auch ich bitte um meine ehrerbietige Empfehlung an die
Damen, bey denen ich mich auch durch beygehende kleine Romanze von
meiner Fabrik in Erinnerung zu bringen wünsche. Sie hatte das Glück
bey ihnen und besonders bey der Gräfin Beyfall zu finden, als ich
dieselbe zuletzt in ihrem Salon sang. -- Grüße auch herzlich S. Ex. v.
Lüttichau, Carus, Sternberg und andere Freunde! Mein inniger Wunsch ist
Dich künftiges Jahr in dem lieben Dresden wiederzusehen. Gott schenke
Dir und den Deinigen fortdauernde Gesundheit, Freude und Wohlseyn, dies
wünscht Dein unveränderlich und

    dankbarst ergebener Freund
    _Bernh. v. Beskow_.


                                 VII.

    _Stockholm_ den 20. Nov. 1839.

    _Theuerster Freund!_

Es ist nun so lange her seitdem ich das Vergnügen hatte mich bey Dir
in Erinnerung zu bringen, daß ich nicht umhin kann die Gelegenheit
zu benutzen, die sich jetz darbietet Dir mit einem Freunde dem
Major v. Hazelius, einige Zeilen zu übersenden. Dieser Freund ist
Adjutant bey unserm Kronprinzen, ein ausgezeichneter Verfaßer in den
Kriegs-Wißenschaften, ein Mann von weitumfaßender Bildung und warmem
Gefühl für Poesie und Kunst. Auch ist er mit Atterbom, Geyer, und
Deinen Schwedischen Freunden nahe verbunden.

Durch die Landsleute die in den letzten Zeiten Dresden besuchten,
habe ich mit Freude Dein Wohlbefinden erfahren, wie auch daß Du noch
immer in der ewigen Jugend der Dichtkunst fortlebst. Dies ist schön --
beneidenswerth hätte ich gesagt, wenn Freundschaft und Neid vereinbar
wären. Was mich betrifft, so haben sich die finstern und rauhen Geister
der Amtsprosa meiner immer mehr und mehr bemächtigt und mich aus dem
Lustgarten der Dichtung erbärmlich verjagt. Zwar blicke ich noch
sehnsuchtsvoll und verstohlen dahin zurück; allein ich fürchte daß ich
deßen Luft nicht ahtmen werde ehe ich mich jenseits der Ostsee, in
Dresden oder am Rhein, in der Schweiz oder in Italien befinde. Mit den
ersten Tagen des künftigen Jahres fängt der Reichstag in Stockholm an,
der wahrscheinlich, wie gewöhnlich, 18 Monate dauert. Die poetische
Stimmung, welche Partei-Streitigkeiten, Haß und Neid erzeugen können,
kann man leicht vorhersehen. Wie gerne hätte ich nicht meine Vaterstadt
grade in dem gegenwärtigen Zeitpunkt verlaßen, aber da ich leider
Representant bin, und da alle diejenigen welche der Sache der Ruhe und
der Ordnung angehören in einer Zeit, wie die jetzige ist, auf ihrem
Posten seyn müßen, so halte ich es für Pflicht, der mitbürgerlichen
Obliegenheit meine einzelne Neigung zu opfern. In so fern ich es
vermeiden kann werde ich freylich nicht an den Debatten Theil nehmen;
aber wegen der Ausschüße und der Votirungen muß man doch zugegen seyn.

Mein letztes poetisches Werk ist eine Dramatische historische
Schilderung, Gustav Adolph in Deutschland genannt. Ich bin seitdem mit
einigen Commentaren zu unserm originellen Kunstphilosophen Ehrenswärd
beschäftigt gewesen allein diese Arbeit ist so oft unterbrochen worden
daß ich nicht weiß wann sie beendigt werden kann. Ich erinnere mich
nicht, ob ich in irgend in einem vorhergehenden Briefe erwähnt habe,
daß unser Freund Oehlenschläger vom welchem meine Dramatische Studien
ins Dänische übersetzt worden sind, dieselbe nun auch in _Deutsche_
Tracht gekleidet hat. Dieses freuet mich um so mehr, da sie dadurch
auch meinen Deutschen Freunden bekannt werden können.

Noch immer hoffe ich auf die Verwirklichung eines meiner schönste
Träume für die Zukunft, nämlich Dich wieder in Dresden besuchen und in
Deinem Abendkreise eines poetischen Lebens genießen zu können. Meine
Frau theilt lebhaft diesen Wunsch und bittet um ihren herzlichen Gruß
an Dich und Deine Umgebung, womit ich den meinigen an Deine Damen
verbinde. Empfiehl uns auch unsern übrigen Dresdener-Freunden, besonder
Excellenz Lüttichau, Carus, Sternberg, Dahl u. a. -- Gott erhalte Dich
und die Deinigen; Er gebe Euch Glück und Gesundheit, und laße Euch alle
wohl gehen! Lebe wohl und erfreue gelegentlich mit ein paar Zeilen

    Deinen

    unveränderlich ergebenen Freund
    _Bernh. v. Beskow_.

N. S. Wenn ich das Datum meines Briefes betrachte so finde ich, das es
heute gerade 20 Jahre sind, seitdem ich Deine Bekanntschaft machte,
die meinem Leben so manche schöne und unvergeßliche Stunde gewährt
hat. Wollte Gott, daß ich Dir heute über 20 Jahre wieder schreiben und
Dich daran erinnern, oder, noch lieber, daß ich das Andenken davon in
Dresden mit Dir feyern könnte!


                                 VIII.

    _Stockholm_ den 27. July 1841.

    _Theuerster Freund!_

Es ist wieder jetzt eine geraume Zeit, seitdem ich von mir hören
ließ, und ich kann deswegen nicht umhin des Hr. Hofpredigers ~Dr.~
v. Lagergrens Reise durch Dresden zu benutzen, um mich bei Dir in
Erinnerung zu bringen. Oder bist Du vielleicht jetzt nicht in Deiner
ehemaligen, poetischen, kunstreichen Heimat, in Deutschlands Florenz?
-- Man sagt, Du seyst von dem Könige von Preußen eingeladen worden
jährlich einen Theil des Sommers bey Ihm zuzubringen. Immerhin. --
Wo Du auch seyn magst, ist mein Herz immer bey Dir, und wenn Dich
auch dieser Brief nicht erreicht, so umschweben Dich doch stets meine
wärmsten Wünsche für Dein Wohlgehen!

Ueberbringer dieser Zeilen, der Königl. Hofprediger ~Dr.~ v. Lagergren,
ein Schüler unsers verewigten ausgezeichneten Dichters und Redners
des Erzbischofs Wallin, ist, ohne Rücksicht auf seine geistliche
Gelehrsamkeit, ein Mann von ausgedehnter und feiner Bildung, und in
Litteratur, Kunst und Musik wohl bewandert; auch als Repräsentant
ist er auf unsrem Ritterhause aufgetreten, und Du kanst also von Ihm
manche interessante Aufschlüße über unser Land, unsere Litteratur und
unsere übrige Stellung erhalten. Er reist über Dresden nach München,
Wien, Florens, Rom und Neapel, und zurück über die Rhein-Gegenden, und
Paris. Sollte es Deine Zeit Dir erlauben diesen rechtschaffenen und
achtungswerthen Mann mit einer Eintrittskarte an einen Deiner Freunde
in irgend einer von jenen Städten zu beehren, so würde ich Dir dafür
besonders verbunden seyn. Meine eigenen Verbindungen mit dem Auslande
sind leider fast zergangen.

Mein Schneckenleben dauert noch immer fort wie bisher. Ungeachtet
siebenjähriger Vorsätze, Wünsche und Bemühungen, eine alltägliche
Frohnarbeit los zu werden und den freyen Wanderstab ergreifen zu
können, sitze ich hier in der Bergskluft und habe noch keine nähere
Aussicht auf Befreyung, als die, welche ich während der ganzen
Zeit hatte, nämlich die Hoffnung auf das _nächste Jahr_. Manche
Verhältniße halten mich hier zurück, unter anderen der Wunsch
unseres fast 80-jährigen Königs daß diejenigen, der Er mit dem
Nahmen seiner Ergebenen und Freunde beehrt, hier bleiben möchten.
-- Meine litterarische Laufbahn ist während der letzten Jahre
unterbrochen gewesen. Die Politik reißt Alles mit sich fort. Auch
zählen wir gegenwärtig in unserm wenig bevölkerten Lande 70 bis 80
Kannengießerische Zeitungen (eine jährliche Sündflut von politischen
Flugschriften und Scharteken ungerechnet) und nur _ein einziges_
litterarisches Wochenblatt mit einem höchst beschränkten Publikum. --
~Dii meliora!~ --

Meine Frau bittet um ihren herzlichen Gruß, womit ich meine Empfehlung
an Deine Damen verbinde. Grüße auch von uns alle Dresdener-Freunde und
gedenke Deines bis in den Tod

    ergebenen Freundes
    _Bernh. v. Beskow_.

N. S. Hast Du etwa Oehlenschlägers Uebersetzung von meinen Dramatischen
Studien gesehen? -- Hat sich irgend eine Deutsche Zeitung oder
Zeitschrift darüber ausgesprochen? Aus der litterarischen Welt dringt
keine Kunde mehr zu mir.


                                  IX.

    _Stockholm_ den 25. October 1844.

    _Theuerster Freund!_

Im Januar Monat dieses Jahrs sandte ich Dir von Rom aus einen Brief,
den Du, wie ich vermuthe, richtig empfangen hast. Ich hatte damals die
Hoffnung auf meiner Rückreise den Weg über Berlin nehmen zu können.
Späterhin eingetroffene Umstände, (worunter das Hinscheiden des
damaligen Königes und der bald darauf zusammenberufene Reichstag)
nöthigten mich indessen die Reise nach dem Vaterlande zu beschleunigen
und den Weg über Paris zu nehmen. Die Freude Dich wiederzusehen mußte
daher bis zu meiner nächsten Reise ins Ausland aufgeschoben werden, und
damit, hoffe ich, wird es nicht gar zu lange dauern. Unterdessen ist
es mir ein Vergnügen, Dir zu der Ehrenbezeugung, welche unser jetziger
König Dir bey seiner Krönung durch das Nordstern-Kreuz ertheilt
hat, Glück zu wünschen. Es ist dieselbe Zierde welche Linné und
Haller getragen haben, und welche bey uns die größten Litterarischen
Verdienste auszeichnet, weshalb sie auch nicht unter den vielen
Beweisen von der Achtung der Zeitgenoßen fehlen mußte, welche Dir von
so vielen Ländern aus dargereicht wurden.

Auch ist es mir eine Freude gewesen, durch den berühmten Jakob Grimm,
der uns vor einiger Zeit besuchte, Dein Wohlbefinden zu erfahren.
Wenn Du Grimm siehst so grüße ihn herzlich von mir. Meine Frau, deren
Gesundheit während des Aufenthalts in Italien beträchtlich gewonnen
hat, bittet um ihren freundschaftlichsten Gruß an Dich und an die
Gräfinn, welcher Du auch meine ehrerbietige Empfehlung machen wirst.
Lebewohl, theuerster Freund, und bewahre stets im wohlwollendem Andenken

    Deinen

    ergebensten
    _Bernh. v. Beskow_.




                       =Böttiger, Karl August.=


    Geboren den 8. Juni 1760 zu Reichenbach im sächsischen
    Voigtlande, gestorben den 17. November 1835 zu Dresden, wo er
    von 1804 bis 1821 Studiendirektor des Pagenhauses, späterhin
    der Ritterakademie gewesen. Alle Welt weiß von seiner früheren
    Stellung als Gymnas.-Direktor und Oberkonsist.-Rath zu Weimar;
    von seinem wissenschaftlichen Verkehr mit den größten Geistern;
    von seiner gediegenen Alterthumskunde; von seinen zahlreichen
    und gelehrten Werken in diesem Gebiete; -- aber auch von seinen
    kritisch-theatralischen „Entwickelungen“ und breiten Recensionen
    --. Letztere zogen ihm damals, wo Iffland in W. Gastrollen gegeben,
    den scharfen Ausfall im Gestiefelten Kater zu. Und es ist ein
    wohlthuender Beweis von der Versönlichkeit des Alters, daß zwischen
    ihm und Tieck in Dresden ein unverstellt herzlicher Umgang möglich
    wurde, der allen alten Groll aufhob. Deß’ zum Zeichen stehe dies
    kleine Briefchen (das einzige welches vorlag) hier abgedruckt,
    obgleich es kürzer ist, wie die Vorrede dazu.


    Von Hause den 12. July 1835.

    _Verehrtester Herr Hofrath._

Bis ich mich selbst bedanken komme, empfangen Sie vorläufig meinen
aufrichtigsten Dank für so zuvorkommende Güte in Mittheilung von
Bettina’s Briefen.

Ich fürchte mein litterarischer Optimismus wird an dieser Klippe doch
Schiffbruch leiden und verspreche schnelle Zurücksendung.

Ich bitte um die Erlaubniß, in den nächsten Tagen Ihnen einige Minuten
rauben zu dürfen.

Sie wissen, daß Raupach die ehrenwerthe Struve’sche Trinkgesellschaft
(??) mit einer Menagerie verglichen hatte. Am Morgen nach seiner
Abreise fand man neben der Liste einliegen: Der Bär ist nach Bern
abgereiset.

Mögen Sie wohl seyn! Ich werde mich Ende dieses Monats einige Tage in
Teplitz erfrischen.

    Hochachtungsvoll und treu-
    ergebenst

    _Böttiger_.




                         =Boisserée, Sulpice.=


    Ueber die Verdienste, welche sich dieser außerordentliche Mann,
    im Vereine mit seinen Brüdern: Melchior und Baptiste Bertram um
    Studium und Geschichte altdeutscher Kunst erworben, ist kein Wort
    weiter nöthig. Im Jahre 1831 ging von ihm das große Werk aus,
    welches den Kölner Dom in seiner ganzen erhabenen Gesammtheit
    zur Anschauung brachte, und dadurch gab eigentlich B. den ersten
    entscheidenden Impuls zum Ausbau dieses bewundernswürdigen Denkmals
    aus großer Zeit. -- Die von ihm hier mitgetheilten vier Briefe
    reichen von 1815 (B. ist 1783 zu Köln geboren) bis 1835. Der erste
    derselben möchte in seiner, nur kunsthistorischen Mittheilungen
    gewidmeten, Ausführlichkeit vielen unserer Leser zu lang dünken.
    Doch da er von Tieck ausdrücklich für die Aufnahme bezeichnet
    worden, durfte er nicht zurückgelegt werden.


                                  I.

    _Heidelberg_ am 25. November 1815.

Werther Freund, auf Ihre lieben freundlichen Klagen über mein
Stillschweigen hätte ich ebengleich antworten sollen, und habe es
auch in Gedanken gethan, aber dafür die Feder anzusetzen, war mir
bisher wegen unaufhörlichen Geschäften kleinen Reisen und allerley
Zerstreuungen rein unmöglich.

Daß wir Ihre Freundschaft nicht vergeßen, daß wir Sie lieb behalten,
wird Ihnen Ihr Freund Burgsdorf geschrieben und gesagt haben.

Ihr Andenken an die sterbende Maria und Ihr lebhafter Wunsch, den
Meister dieser Herrlichen Bildes zu kennen, freut uns von ganzem
Herzen; es geschieht uns gar zu selten, daß Sinn und Geistvolle Freunde
unsere Forschungen in der alten Kunstgeschichte mit uns theilen, noch
weniger, daß einer, wie Sie, mehrere Jahre lang seine Aufmerksamkeit
auf einen einzigen und Hauptgegenstand wendet.

Die Frage nach dem Meister unseres Bildes war eine der wichtigsten
und schwierigsten zugleich; sie konnte nicht beantwortet werden, ohne
die ganze altniederländische Kunstgeschichte neu zu beleben, darum
gelang es uns auch erst im vorigen Jahr, nach einer vierten Kunstreise
in Braband, sie mit voller Gewißheit zu entscheiden. -- Ihre Fragen
und Bemerkungen geben uns nun ein angenehmes Wiederspiel unserer
eigenen Forschungen, sie kommen der Wahrheit sehr nahe, ohne sie
erreichen zu können, weil es an Mannichfaltigkeit der vergleichbaren
Werke und an festen Punkten fehlt; dabey aber geben sie uns eine gar
schöne Bestätigung unseres Urtheils über die Dresdener Bilder, welches
natürlich eine bedeutende Stelle in dem Kreise unserer Untersuchung
einnimmt.

Daß die sterbende Maria von einem der bedeutendsten Niederländer und
von einem der späteren mit Lucas von Leyden und Dürer gleichzeitigen,
der Italien -- den Raphael und den Leonardo gekannt -- herrühren
muste, das hatten wir immer gefordert. Aber wer sollte der glückliche
gewesen seyn? Da er sich von den früheren großen Männern von Eyck und
Hemmelinck und auch durchaus von dem Zeitverwandten Lucas von Leyden
unterscheidet!

Sie vermutheten zwar damals schon, als Sie das Bild sahen, es könne von
Meister Lucas seyn, allein Ihre Vermuthung stüzte sich blos auf das
kleine Bildchen: die Anbethung der Könige in Dreßden, welches Sie mit
dem größten Recht _unserem Meister_, die Verfaßer des Catalogs
hingegen mit destomehr Unrecht dem Lucas von Leyden zuschreiben.

Die Bilder von Lucas von Leyden in Paris, andere bey Lieversberg
in Köln, das jüngste Gericht in Leyden selbst, das Altar-Bild mit
Flügelthüren, welches wir von ihm besitzen (welches aber bey Ihrem
Besuch noch in Köln war) -- alle diese Bilder, wenn Sie dieselben ohne
gar zu große Unterbrechung nacheinander betrachten und vergleichen
könnten, wie wir gethan haben, würden Sie überzeugen, daß Lucas von
Leyden ein anderer, und nicht so einfach ruhig anmuthig, nicht so
leicht und frey war, wie unser Mann.

Der Ausdruck bey Lucas ist immer etwas geziert empfindsam oder dunkel
schwermüthig; die Mienen sind häufig was man gekniffen nennt; die
Zeichnung geht bey vieler wahrhaften Großartigkeit doch sehr oft
und besonders an den äußersten Theilen an Händen, Füßen u. s. w. ins
Kleinliche und Rauhe. Dagegen erhebt ihn seine Ausführung Kraft und
Rundung in der Farbe noch über unseren Meister.

Alles dieses gilt auch von der Maria bei Frauenholz in Nürnberg, die
an Glanz und Pracht der Mahlerey das vollkommenste ist, was ich von
Lucas kenne. Die Ihnen scheinende Aehnlichkeit mit unserem Meister hat
ihren Grund blos in der Schule, Gleichzeitigkeit und Landsmannschaft.
Und dies findet sich noch viel mehr bey den in Dresden für Mabuse
angegebenen drey Königen: Die Ruhe, die Anmuth die Zartheit im Ausdruck
und wieder manches einzelne, die Gestaltung der Hände u. s. w stimmt,
wie Sie richtig bemercken, sehr mit unserem Meister überein, jedoch
zeigt sich ein bedeutender Unterschied in der Zeichnung ganz besonders
aber in der Farbe. Dieses ist Ihnen auch nicht entgangen und Sie
glauben daher, das Bild sey früher als jenes Kleine gemahlt und nicht
gehörig gereinigt.

Ich begreife es nur zu gut, daß Sie sich auf diese Weise aus dem
Dunkel zu helfen suchen, denn mich selbst hat das Bild in die gröste
Unruhe und Verwirrung gesezt. -- Ich erkannte die Verwandschaft,
nur konnte ich den Unterschied der Farbe nicht für einen Mangel an
Reinigung halten. Es war das erste Bild, welches mir von der Art
vorgekommen. Ich wuste nicht, wem ich es zuschreiben sollte; eine
andere Behandlungsweise unsers Meisters anzunehmen, hatte viele
Schwierigkeiten, weil es natürlich eine frühere seyn muste, dafür
waren aber einzelne Theile besonders die Köpfe der beyden vorderen
Figuren, des Lukas und Dominikus mit viel zu großer Kunst Fertigkeit
ausgeführt. Und doch hinwieder, wer sollte der andere verwandte Meister
seyn? Die Angabe des Catalogs konnte mir nichts gelten, ich hatte schon
zu viele Erfahrungen gemacht, daß man in der altdeutschen Kunst an
die Taufe der Gallerie Directoren nicht glauben darf. -- Indeßen nach
Carl von Mander’s Geschichte der Nieder Ländischen Mahler waren Johann
Mabuse und Johann Schoorel die einzigen, auf die sich dencken ließ,
und die man kennen lernen mußte, ehe man sich erlaubte, irgend einen
Unbekannten für unseren Meister anzunehmen, welches ohnehin bey dem
Zeitalter, dem er angehört, sehr gewagt gewesen wäre.

Von Mabuse erzählt Carl van Mander: Er war Zeitgenoß von Lucas von
Leyden, sehr leichtsinnig und ungebunden in seinem Lebens Wandel
hingegen in der Behandlung seiner Werke so verwunderlich geschickt,
sauber und geduldig, als irgend ein Künstler seyn mochte. Er studirte
in der Jugend fließig die Natur, zog dann nach Italien und brachte die
rechte Art zu ordnen, das Mahlen von Geschichten mit Nackten Gestalten
und allerley dichterischen Verzierungen nach Flandern. -- Auch reiste
Albr. Dürer im Jahr 1521, wie dieser in seinem eigenen Tagebuch
bestätigt, nach Middelburg um das Haupt Stück von Mabuse zu sehen, und
bewunderte es sehr. Das Bild wurde nachher mit samt der Kirche vom
Blitz vernichtet. Im Jahr 1527 besuchte Lucas von Leyden den Mabuse zu
Middelburg und gab ihm und den übrigen Mahlern ein prächtiges Gastmahl,
welches ihm 60 Gulden kostete; eben so prächtig gastierte er auch die
Mahler zu Gent, Mecheln und Antwerpen, überall begleitete ihn Mabuse
sehr prunkend in Goldstoff gekleidet, Lucas aber trug gelb seidenen
Kamelot, der in der Sonne wie Gold glänzte. -- Seit dieser Reise war
Lucas immer kränklich und brachte die 6 lezten Jahre seines Lebens
mit Mahlen und Kupferstechen im Bett zu. Einige glaubten, er habe von
neidischen Künstlern Gift bekommen, er starb 39 Jahr Alt im Jahr 1533.
-- Das Sterbejahr von Mabuse wird, jedoch nicht ganz zuverläßig, auf
1562 angegeben.

Ich stelle Ihnen alle diese Umstände so ausführlich zusammen, damit,
wenn der Karl van Mander Ihnen nicht zur Hand seyn sollte, Sie doch
gleich eine bequeme Uebersicht haben und so fahre ich auf dieselbe Weise
von Schoorel fort:

Dieser hat vor allen ein neues Licht aus Italien in die Niederländische
Kunst gebracht, und soll ihn deshalb Franz Floris die Fackel der
Niederländischen Kunst genannt haben. Er wurde im Jahr 1495 in dem
Dorf Schoorel bey Alckmar gebohren und verlohr als Kind seine Eltern.
Von Jugend auf hatte er eine Große Neigung zum Zeichnen, so daß er
in der Schule mit dem Feder Meßer allerley Bildwerk auf die Hörnenen
Tinten Fäßer schnitt und darum von dem Schulmeister sehr lieb gehalten
und gepriesen wurde. Man gab ihn früh nach Harlem zum Meister Willem
Cornelisz in die Lehre. Hier blieb er 3 Jahre, kam dann 1512 zu
Jacob Cornelisz nach Amsterdam, in deßen 12 jährige Tochter er sich
verliebte, wurde durch den Ruhm des Mabuse nach Utrecht gezogen, lernte
bey ihm, konnte aber wegen deßen ausgelaßenem Lebens Wandel nicht lange
bleiben; gieng nach Köln, Speyer, Straßburg, Basel, besuchte überall
die Mahler Stuben und verkaufte seine Bilder, je wie sie fertig wurden.
Nirgend verweilte er lange, denn er arbeitete sehr schnell. In Nürnberg
lernte er einige Zeit bey Dürer, doch konnte er sich über Luthers
Neuerungen nicht mit ihm verstehen, und reiste nach Steyer in Kärnthen,
wo ein Edelmann ihm seine Tochter geben wollte, die Treue gegen die
Geliebte in Amsterdam hinderte Schoorel diesen Antrag anzunehmen; so
zog er nach Venedig und von da nach Jerusalem. Dies geschah im Jahr
1520 und im selbigen Jahr kehrte er aus dem gelobten Lande zurück. Auf
der Rückfarth mahlte er ein Bild für die Geburts Stätte Christi, er
sandte es von Venedig dahin, es wurde seitdem von Reisenden an diesem
heiligen Ort gesehen. In Italien besuchte er nun verschiedene Städte,
kam endlich nach Rom, lernte Pabst Hadrian den VIten, einen
Utrechter, kennen, mahlte ihn und wurde Aufseher über das Belvedere.
Der Pabst aber regierte nur anderthalb Jahre; nach seinem Tod, im
Jahr 1523 oder 1524, zog Schoorel wieder nach Utrecht; hier hörte er,
daß ihm seine Geliebte untreu geworden, und sich mit einem Goldschmidt
vermählt hatte; blieb eine Zeitlang in Utrecht, wohnte dann in Harlem
und nahm später eine geistliche Pfründe in Utrecht an. Er war mild
und fröhlich von Geist, gesellig und angenehm im Umgang, gewandt und
fertig in vielen Sprachen, übte Dichtkunst und Musik. Bey allen diesen
persönlichen Vorzügen verschaffte ihm seine Kunst leicht die Gunst
vieler großen Herren und Fürsten. Er starb im Jahr 1562: Sieben und
Sechszig Jahr alt. Eine Grabschrift unter seinem Bildniß bezeugt es.
Das Bildniß wurde 1560 von dem berühmten Bildniß Mahler Antonio Moro
gemahlt. Dieser Moro (eigentlich Mor) und Martin Hemskirch waren seine
Schüler.

Sie sehen wohl lieber Freund, daß diese beyden Lebens Beschreibungen
vortreflich zu den Bemerkungen paßen, welche wir wechselseitig über
unsere sterbende Maria und über jenen großen drey Könige in Dresden
gemacht haben; die Verwandschaft mit einander und mit Lukas Leyden,
dann die Bekanntschaft mit den Italienischen Meistern und alles
übrige erklärt sich daraus. Indeßen um aufs klare zu kommen, muste
man wenigstens von einem der beyden Meister zuverläßige Bilder kennen
lernen. Dies ist uns nun rücksichtlich des Mabuse gelungen, und ich
kann Ihnen versichern, daß diesmal der Dresdener Katalog recht hat.

In dem Museum zu Brüssel befindet sich ein ächtes Bild aus der ersten
Zeit von Mabuse, wir selbst besitzen jetzt eins aus der mittleren Zeit,
wie das Dresdener, und ein Zweites aus der letzteren Zeit, welches mehr
in italienischer als in Deutscher Art gemahlt, und ganz dem Leonardo
nachgeahmt ist. Ein gründlicher Mahlerey-Kenner in Brüssel, der selbst
eins der besten Gemählde von Mabuse die in seinem Leben angeführte
kleine Kreuz Abnahme, in Händen gehabt hat, bestätigte uns die Aechtheit
dieser Bilder; auch sahen wir diesen Herbst bey einem französischen
Mahlerey Händler noch eine schöne Anbethung der Könige, welche gleich
auf den ersten Blick an die Dresdener erinnerte und mehrere ganz
ähnliche Köpfe hatte. An allen diesen Bildern selbst an dem ganz
dem Leonardo nachgebildeten bemerckt man dieselbe grau-bläuliche
nebelartige Farben-Behandlung wie an dem Dresdener Bild.

Die Folgerung auf den liebenswürdigen Meister Schoorel macht sich nun
von selbst. Es ist uns zwar noch nicht sowohl geworden, anderwärts
ein zuverläßiges Bild von ihm zu Gesicht zu bekommen; was man
unter seinem Namen in Brüssel zeigt, hat weder innere noch äußere
Gründe für sich und kann kaum als Werck eines der mittelmäßigsten
Niederländischen Mahler gelten. Hingegen stimmt mit unserer sterbenden
Maria, mit den kleinen drey Königen in Dresden, und mit noch 3 anderen
kleinen Bildern in unserer Sammlung alles zusammen, was die Lebens
Beschreibung aussagt. Ja zulezt tritt noch ein Aeußerer Umstand dazu,
welcher der Sache fast unumstößliche Gewißheit giebt, und das ist
die Aehnlichkeit mit den ersten Wercken von Martin Hemskerck; denn
von diesem erzählt Carl van Mander, er sey, nachdem er bey mehreren
Meistern gelernt, zuletzt Schüler bey Schoorel gewesen, und habe deßen
Mahlerey so nachzuahmen gewust, daß man seine Wercke schwer von denen
des Meisters habe unterscheiden können; bis er dann freylich nachher
seine eigenthümliche und vollends den Italienern nachgebildete Weise
angenommen. -- Die Bilder von Hemskerck aber sind genau bekannt, und
wir besitzen selbst eine ganze Reihe aus den verschiedenen Zeiten
seines Lebens; wobey man sich zur Genüge überzeugen kann, daß die
ersten würklich dem Schoorel sehr nahe kommen und darum auch alles
übertreffen was Hemskerck nachher gemahlt hat.

Ich hoffe, Sie werden mit dieser Auflösung des Räthsels zufrieden
seyn, um so mehr weil Schoorels Geschichte manches Aehnliche mit Ihrem
Sternbald hat. Zum Theil auch aus diesem Grunde, ich muß es nur
gestehen, habe ich die Lebens Beschreibung so umständlich ausgezogen
und mich lieber der Gefahr ausgesezt, Ihnen längst bekannte Dinge zu
wiederholen, als irgend etwas unberührt zu laßen, was Ihnen neu seyn
und eine Dichterische Veranlaßung werden könnte.

Auf jeden Fall Sehen Sie daraus wenigstens meinen guten Willen, das
lange Stillschweigen abzubüßen. Sie werden es mir überhaupt gern
verzeihen, da Sie das Wesen und Treiben eines Antiquaren, dem es
_Ernst_ ist, so gut kennen; wircklich es scheint, als müste uns selbst
unter der Hand alles zum Alterthum werden, ehe wir es fördern können,
und darum ist das Urtheil der Gesellschaft im Phantasus über den Freund
_Ernst_ so wahr als scharf und witzig.

Indeßen wenn man beharrlich bleibt und der Himmel einem Glück und
Gesundheit schenckt, bringt man trotz aller Schwerfälligkeit, die nun
einmal am Fach haftet, endlich doch das erwünschte und oft mehr als das
erwünschte zu Stande.

Sie sollten uns jetzt nur wieder besuchen und sehen, welche reiche
Vollständigkeit wir in der Sammlung der Niederländischen Meister
erreicht haben. Von Meister Hemmelinck, von dem nach der Vertheilung
des Pariser Museums keine einzige Gallerie ein Bild aufzuweisen hat,
sind seit 3 Jahren -- 6 seiner schönsten Wercke und zwar aus den
drey verschiedenen Zeiten seiner Entwickelung bey uns eingekehrt. --
Dieser Meister würde Ihnen unendlich Gefallen; er war Schüler von
Eyck, von dem Sie bey uns die Darbringung im Tempel gesehen haben; er
übertraf ihn und alle anderen -- Zeitgenoßen sowohl als Nachfolger
in der Farbe und Ausführung, und steht fast höher als Schoorel, mit
dem man ihn jedoch nicht vergleichen kann, weil beyder Art und Wesen
ganz verschieden ist. Nur G. v. Eyck allein kann durchaus über den
Hemmelinck gesezt werden, wegen der Großartigkeit Einfachheit und Tiefe
der Natur Anschauung und Darstellungs Gabe. -- Von ihm besitzen wir zu
jener Darbringung im Tempel das Mittelstück, die Anbethung der Könige,
und das Gegenstück, die Verkündigung, dann seit vorigem Jahre auch
den Heiligen Lukas, der die Maria mahlt, gleichfalls ein Großes und
übermaßen prächtiges Bild.

Ich würde gar nicht zu Ende kommen, wenn ich Ihnen eine Uebersicht und
Beschreibung der ganzen Sammlung geben wollte, überdem werden Sie
solche nächstens von Goethe lesen. In den drey Monathen, welche ich
diesen Sommer und Herbst mit ihm zugebracht habe, ist eine kleine
Schrift über Kunst und Alterthum in den Rhein und Mayn-Gegenden
vorbereitet worden. Köln unsere Sammlung und das Strasburger Münster
werden die Hauptpunkte seyn, zwischen denen sich das andere, auch das
neuere, Kunstwesen samt allen Wünschen und Aussichten anreihen soll. Er
beschäftigt sich jetzt mit der Ausarbeitung, drey Bogen sind bereits
gedruckt.

Sie werden sich gewiß darüber freuen, daß dieser so lange ungläubige
Freund nun so ernsthaft an unserer Liebe für die altdeutsche Kunst
Theil nimmt, deren erste Anregung wir nie aufhören werden, Ihnen und
Friedrich Schlegel zu verdancken.

Mein etwas elephantisches Werck vom Köllner Dom geht seinen langsamen
aber sichern Schritt -- vorwärts -- Die 5 Platten zur ersten Lieferung
werden mit Anfang des neuen Jahrs fertig; die Probedrücke versprechen
sowohl in Rücksicht der Kraft und Würckung als in Rücksicht der
Zierlichkeit und Gründlichkeit eine befriedigende Ausführung. -- Das
andere kleinere Werck altdeutscher Baudenckmahle, von den ältesten
Zeiten bis zur Entstehung der sogenannten gothischen Baukunst, wird
nun auch in Gang gesezt, aber nicht in blosen Umrißen, wie das,
welches vor kurzem mein Freund Moller in Darmstadt herausgegeben
und wozu ich ihn veranlaßt habe. -- Es geschieht einem oft so mit
Freunden, daß sie nur halbweg einen guten Rath befolgen und ihn halb
verderben. -- Meine geschäftlichen Arbeiten sind sehr vorbereitet, und
ich hoffe, diesen Winter in einer Abhandlung die vorläufige Uebersicht
der ganzen Geschichte der christlichen und Deutschen Baukunst, und
in einer Zweiten Abhandlung die Geschichte der Deutschen Bauleute
und Steinmetzen auszuarbeiten -- So werden wir dann endlich dem
_Willibald_ doch etwas auf den Fuß treten.

Nun aber nach so vielem Schwatzen muß ich an den Schluß denken,
und will auch darum, und noch aus anderen Gründen, die Freudens
Bezeugungen, daß wir als Köllner Ihre Landsleute geworden sind, auf
spätere Zeiten versparen. Nur das kann ich nicht verschweigen, daß ich
seit Jahr und Tag bey aller patriotischen Erhebung des Prinzen Zirbin
eingedenk gewesen bin, und mir vorgenommen haben, diesen Unsterblichen
immer im besten Andencken zu behalten.

Alle Ihren hiesigen Freunde sind wohl und grüßen so wie mein Bruder und
Bertram aufs schönste und freundlichste. Laßen Sie mich meine Unart des
Stillschweigens nicht entgelten. -- Laßen Sie bald gutes und angenehmes
von sich hören und sagen Sie mir Ihre Meynung von dem jüngsten Gericht
von Eyck, welches von Paris nach Berlin gekommen, und ein Eigenthum
der Stadt Danzig ist. Einige halten das Bild nicht von Eyck, sondern
von einem Schüler deßelben Ouwater genannt. Es soll die Jahreszahl und
ein ~E~ auf einem Leichenstein stehen, könnten Sie diese zu Ihren
Bemerkungen beifügen, so würden Sie mich sehr verbinden. Ich werde von
nun an gewiß schneller und kürzer antworten.

    Unveränderlich Ihr Freund

    _Sulpitz Boisserée_.

N. S. Die Frau V. der Horst heist seit dem Frühjahr Fr. Professorin
Schelver.


                                  II.

    _Stuttgart_, 18. Decbr. 1819.

    _Wohlgeborener
    Hochzuverehrender Herr!_

Euer Wohlgeboren erlauben mir, Ihnen die Anzeige des mit Anfang
künftigen Jahrs erscheinenden Kunstblatts hierbey zu übersenden und
dasselbe Ihrer gütigen Theilnahme zu empfehlen. Wir wünschen das Beste
der Kunst wesentlich zu fördern, und würden uns desshalb glücklich
schätzen, von einem unsrer ersten Schriftsteller, der so lebendig auch
auf die Kunst gewirkt hat, durch Beyträge unterstützt zu werden. Indem
ich Sie darum angelegentlichst bitte, verharre ich mit vollkommenster
Hochachtung.

    Euer Wohlgeboren

    gehorsamster Diener
    ~Dr.~ _Schorn_.


                        _Verehrtester Freund._

Ich kann mirs nicht versagen, diesem Briefe ein paar flüchtige Zeilen
beizufügen und Ihnen ~Dr.~ S. als einen sinnigen KunstFreund zu
empfehlen, den ich seit mehreren Jahren freundschaftlich kenne, und
nun Hr. v. Cotta zum Redacteur des neuen Kunstblatts vorgeschlagen
habe. Ich weiß wohl, es ist ein gewagter Versuch mit einem periodischen
Blatt über Kunst, wenn man darin einen edelen würdigen Geist erhalten
will. -- Indeß hoffe ich die Zeitungs Form wird durch das Interesse
_historischer_ Notizen von allen Kunst Ergebnissen -- in äußerer
Rücksicht -- sichern, und was das innere und wesentliche betrift, so
bin ich überzeugt, daß dies immer bedeutend und höchst würksam bleiben
wird, wenn man auf die Theilnahme von Männern, wie Sie, rechnen kann.
Denn der Raum, der für beurtheilende Aufsätze und Abhandlungen über
allgemeine Gegenstände übrig bleibt, ist, ohne im einzeln zu sehr
zu beschränken, im Ganzen doch so klein, daß man ohne unbescheidene
Ansprüche an solche Theilnahme zu machen, hoffen darf ihn gröstentheils
von ihnen benuzt zu sehen.

Möchten Sie nicht einzelne Stücke aus dem Neuen Sternbald, oder sonst
einiges aus Ihrem Vorrath über Kunst mittheilen. Es würde im Anfang --
da man sich gern empfehlen mag -- doppelt willkommen seyn. Ich denke
verschiedenes zu den Biographien von Eyck -- Hemmeling und andern, dann
über die alt Cölln. Schule -- und wieder über altdeutsche Architecten
einiges zu geben; aber nur nach und nach. Ich habe gar zu viel mit der
Herausgabe des Doms zu thuen, die ich in Paris veranstalten muß. Ich
bin und bleibe nun einmal der alte Narr, der mit niederländischem Ernst
nicht nachläßt, bis die Ausführung so weit gebracht ist, als _aufs
strengste_ nach den Umständen gefordert werden kann. Im Frühjahr, hoffe
ich, soll endlich dieses Admiral-Schiff vom Stapel gelaßen werden.

Mein Bruder und Bertram empfehlen sich mit mir Ihrem freundschaftlichen
Angedencken.

    _Sulpitz Boisserée_

    ~eiligst.~


                                 III.

                                       München am 30. Septbr. 1832.

Es freut mich Ihnen, mein innigst geliebter Freund, endlich einmal
ein Lebenszeichen geben zu können. ~Dr.~ Braun aus Gotha bietet mir
die Gelegenheit dazu, und ich ergreife sie um so lieber, als ich
Ihnen denselben recht wohl empfehlen kann. Dieser junge Mann hat 2½
Jahre hier zugebracht und ist allen, die ihn näher kennen gelernt,
lieb geworden; er besizt viele philologische Kenntniße besonders auch
von altdeutscher Litteratur, zugleich hat er sich mit dem Studium
der Kunst und der Kunstgeschichte beschäftigt. Er wird Ihnen auf
die mannichfaltigste Weise von dem hiesigen wissenschaftlichen und
artistischen Treiben berichten und erzählen können.

Mein Wunsch, Sie auf der Rückreise von Berlin nochmals zu besuchen,
ist mir leider durch das langweilige Kalte Fieber vereitelt worden,
welches mich Zehn Tage nach meiner Ankunft in der vielgepriesenen Stadt
befallen, dann mit seinen schlimmen Folgen mich Monate lang geplagt und
endlich mich aber und abermals heimgesucht hat. Alle meine Plane sind
mir durch dieses verwünschte Fieber verdorben worden; erst vor einigen
Tagen hat es mich wieder verlaßen, und ich wage noch kaum zu hoffen,
daß es das letzte Mal gewesen sey.

Die kurze Zeit, die ich bei Ihnen zugebracht, gewährt mir immer die
liebste Erinnerung von der ganzen Reise. Könnte ich es möglich machen,
meinen Besuch bald zu wiederholen, oder einstweilen auch nur einen
Briefwechsel mit Ihnen anzuknüpfen, von dem ich hoffen dürfte, daß
Sie ihn gerne unterhalten möchten! Heute kann ich nur diese Wünsche
ausdrücken, ich bin auf alle Weise zu sehr bedrängt. Es wird aber wohl
die gute Stunde kommen, wo mir ein Mehreres gelingt, ich werde sie
nicht vorbeigehen laßen. Das Leben ist so kurz, daß man kein Mittel
vernachläßigen sollte, sich mit denen zu unterhalten, die uns die
liebsten Freunde sind; und es gehört mit zu meinen Leiden, daß ich
durch das Fieber abgehalten worden, gleich im ersten Nachhall unserer
Gespräche Ihnen zu schreiben, wie ich mir es vorgesetzt hatte. Also bis
Nächstens.

Meine Frau, mein Bruder und Bertram grüßen mit mir Sie und die lieben
Ihrigen auf das freundschaftlichste und unter den herzlichsten besten
Wünschen

    ganz

    Der Ihrige
    _Sulpiz Boisserée_.

Auch den gemeinschaftlichen Freunden alles Liebe und Gute.


                                  IV.

    _München_, 14. October 1835.

    _Geliebter Freund._

Ich benutze die Rückreise des Hofr. Hase, um Ihnen die schon seit dem
Juni für Sie bereit liegende Abhandlung über den Tempel des Heil.
Grabes zu senden. Es ist die Frucht einer früh angefangenen, oft wieder
fortgesetzten und erst vor anderthalb Jahren ganz vollendeten Arbeit,
der Sie so Liebe wie Beharrlichkeit ansehen werden. Der Entwurf der
Zeichnungen hat mich gleich in der ersten Zeit beschäftigt und hat mir
zu allen Zeiten, besonders auch später bei der näheren Ausführung viele
Freude gemacht. -- Es ist das erste, was ich seit den Ergäntzungen zum
köln. Dom von meinen Entwürfen architecton. Zeichnungen bekannt mache.
Möchten Sie auch einige Freude daran haben. Möchte Ihnen überhaupt die
ganze Abhandlung gefallen und Veranlaßung geben, mir zu schreiben.
Ich würde Ihnen dafür recht sehr dankbar seyn; an Erwiederung sollte
es nicht fehlen. Ich sehne mich oft von ganzem Herzen nach Ihrer
geistreichen, belebenden Unterhaltung; denn es giebt eine Menge
Dinge und Verhältnisse von dem höchsten Werth, über die ich mich nur
=Wenigen= mittheilen und mit Niemand so gut verständigen kann,
als mit Ihnen, theuerster Freund. Diesen Sommer hoffte ich Sie in
Baden zu finden, aber gerade dieses mal sind Sie nicht gekommen, und
in vorigem Jahr ist mir die Hoffnung, daß Sie uns hier besuchen würden
vereitelt worden. --

Wie es im nächsten Jahr werden wird? wer kann es wissen! Darum
lassen Sie uns, zwar immer das günstigste hoffend, in der Gegenwart
das Gewisse vorziehen und Briefe wechseln, bis uns so wohl wird,
uns des Wiedersehens zu erfreuen. Vorigen Winter habe Ihrer ganz
besonders oft gedacht indem ich die Einleitung zu meinen Beiträgen
zur Geschichte der altdeutschen Malerei geschrieben. Die Berufung zur
General-Inspection der Denkmale des Mittelalters in Bayern und andere
mir ganz unerwartete, keineswegs mit diesem Geschäft zusammenhängende
Arbeiten (-- Vertretung der Akademie der Wissenschaften und des
General-Conservatoriums aller hiesigen wissenschaftlichen Sammlungen
und Anstalten bei dem Ministerium des Innern --) hat mich in der
Redaction jener Beiträge unterbrochen. Auch kamen vielerlei Leiden
dazu, wovon ich mich jedoch in Baden und Heidelberg glücklich erholt
habe. Bleibe ich gesund, so hoffe ich diesen Winter den Faden wieder
aufzunehmen, und so lange fortzuspinnen bis ich fertig bin. Wie steht
es denn mit Ihrem Vorhaben in Betreff des Sternbald? Sagen Sie mir
doch etwas darüber. Ich komme mir, wenn ich in die Zeiten der Jugend
zurückdenke, immer einsamer vor; es sind schon viele dahingegangen,
die wir geliebt, an denen wir uns belehrt, erfreut und erhoben haben;
und nun ist die Welt großentheils so verwirrt abgeschmackt und
niederträchtig geworden, daß ich das Bedürfniß doppelt fühle, mit
den wenigen Bewährten und Verehrten Männern alter Zeit desto fester
zusammen zu halten. Nehmen Sie dieses Geständniß zu Herzen und lassen
Sie mich es nicht vergebens gemacht haben.

Meine Frau, Bruder und Freunde grüßen mit mir Sie, die lieben Ihrigen
und alle gemeinsamen Freunde, von ganzem Herzen alles Gute, Schöne,
Glückliche: Gottes-Seegen wünschend!

    _Sulpiz Boisserée_.




                     =Bothe, Friedrich Heinrich.=


    Seitdem Tieck’s beredeter Mund im Tode verstummte, bei wem wäre
    über die Bedeutung vieler einzelner Blätter in diesem Nachlasse
    bunt durcheinander geworfener Briefschaften Aufschluß zu suchen,
    als bei _Rudolf Köpke_, dem gewissenhaftesten, hingebendsten,
    eingehendsten aller Biographen, die da waren und sein werden.
    Dieser unermüdliche Durchforscher des Tieck’schen Herzens von
    dessen frühesten Lebensjahren bis zum sanften Ende des verklärten
    Greises, sagt uns, daß Bothe Ludwig’s stürmische Bewerbungen um
    erwiedernde Freundschaft nur durch schnöde Kälte vergolten habe.
    Die beiden Mitschüler standen sich als zwei total verschiedene
    Naturen so fern wie möglich, und dennoch kämpfte des Einen feurige
    Liebe immer wieder um Gegenliebe. Ja, man könnte sagen: Tieck hat
    sich förmlich weggeworfen, um nur ein zärtliches Wort zu erbetteln,
    -- und immer vergeblich. Er machte alle Wasser- und Feuerproben
    stolzverschmähter Sehnsucht durch, und es brauchte lange, eh’
    er zu dem Entschlusse kam, sich loszureißen. Dann entließ er
    solch’ gefühllosen Pedanten allerdings mit dem unzweideutigen
    Abschiedsworte: „So geh’ denn, dummer Junge!“

    Daß ihr Wiedersehn in Halle (1792) keine gesegneteren Früchte
    trug, ist leicht begreiflich. Dreiunddreißig Jahre später sind
    sie in Mannheim, von wo aus B. sich als „rühriger Philolog“
    bekannt gemacht hatte, abermals zusammengetroffen, und wie Tieck
    ihn da fand, sah er nun wohl klar, „daß nur schwärmerischer
    Jugend-Enthusiasmus“ von Freundschaft habe träumen können zwischen
    Jenem und ihm selbst.

    Aus dieser Epoche schreibt sich der erste der aufgenommenen Briefe.
    Der zweite, siebzehn Jahre nacher, ist an _den_ Tieck gerichtet,
    der von einem geistreichen Könige geehrt und persönlich geliebt,
    hohe Achtung am Hofe genießt und dessen fördernde Protektion
    erbeten wird.

    Der zum Jüngling erwachsende Knabe hat auf des glühenden Jünglings
    feurige Liebe kalten Hohn gegossen. Der alte Mann wendet sich
    jetzt, kühnen Vertrauens voll, an den einst Verstoßenen, dessen
    Protektion er nachsucht. Wie liebenswürdig muß der alte T. dem
    alten B. in Mannheim entgegengetreten sein, daß der Letztere dazu
    Muth fand!


                                  I.

    _Mannheim_, den 12. Juni 1825.

    _Mein theuerster Freund._

Dein traulicher Besuch neulich war so kurz, daß ich mich hier noch ein
wenig ausplaudern muß.

Daß Du, durch Dein Wort gebunden, an jenem schönen Abend nicht bei uns
bleiben, von unserem Brodt essen, von unserem Wein trinken konntest,
that mir weh: denn wie selten im Leben sind so heitere Augenblicke, wo
alle Repräsentation wegfällt, und wir nach langer Zeit endlich einmal
wieder bloß wir selber sind! Kommst Du wieder hieher, so mache mir doch
ja diese Freude!

Deinen Shakspeare erwarte ich mit Verlangen; so auch Deine Werke. Läse
ich nur nicht so ungern Gutes auf Löschpapier, und wären die bessern
Ausgaben nicht so theuer! Doch _muß_ ich dies Beides haben,
wenn auch nicht auf der Stelle, doch mit der Zeit; denn eine ganze
Wagenladung Berufsschriften, die ich vor Kurzem anschaffen mußte, hat
jetzt meine Kasse erschöpft, über die ohnedis Göttin Abundanzia nicht
waltet. --

Der Hofbuchhändler Götz, der mich eben besucht, und hört, daß ich an
den berühmten Dichter Tieck schreibe, von dem er so Vieles auswendig
weiß, bittet mich, diese Erstlingsgabe seiner Muse Dir mitzusenden. Der
junge, schöne Mann, ein Enkel des anakreontischen Götz, dem Ramler die
Krallen, vielleicht auch etwas die Flügel stutzte, scheint mir etwas zu
versprechen, trotz mancher, meist provinzieller Inkorrektheiten.

Sieh doch zu, was an der Sache ist, und, wenn er Aufmunterung verdient,
so laß doch gelegentlich ein gütiges Wort über ihn in der Abendzeitung,
oder in der Leipzig. Lit. Ztg., oder wo Du sonst willst, fallen. Wie
glücklich würde ihn Das machen, den Bescheidenen!

Lebe recht wohl, mein lieber freundlicher Tieck, und behalt lieb

    Deinen

    _Bothe_.


                                  II.

    Leipzig, Blumen- und Kreuzgassenecke im Hause
    des Hrn. von Kötteritz, den 18. Juli 1842.

    _Mein alter Freund._

Längst hätte ich Dir geschrieben und Dir zu der glücklichen Gestaltung
Deiner Verhältnisse gratuliert, wenn ich nicht von Monat zu Monat im
Begriff gewesen wäre, mich nach Leipzig zu übersiedeln wegen des fast
gänzlichen Mangels an litterarischem Verkehr in Süddeutschland. Hier
ist es zwar in dieser Hinsicht auch eben nicht erfreulich, aber doch
weht überhaupt mehr Lebensluft und die Hoffnung verschwindet wenigstens
nicht bis auf den letzten Schimmer. Hier hoffte ich also entweder Dich
selbst zu sehen, oder doch sonst mich in leichtere Verbindung mit Dir
zu setzen, und so erhältst Du jezt diese Zeilen.

Da ich Deine Theilnahme an meinem Schicksal kenne, so versäum’ ich
nicht, Dir einen Plan mitzutheilen, auf den der hiesige Ort gleichsam
hindeutet, und den auch einige meiner Leipziger Bekannten, z. B.
Prof. Westermann, gut finden. Ich habe nämlich vor, ein Pensionat
zu errichten für Studierende aus guten Häusern des Auslandes,
Deutsche oder Nichtdeutsche, die entweder die hiesigen höhern
Gelehrtenschulen, oder (und zwar vornehmlich) die ausgezeichnete
Handelsschule besuchen wollen, sei es, um sich hier von Hause aus zu
bilden, oder wenigstens um ihre Kenntnisse zu vervollkommnen, wozu
kaum ein anderer Ort mehr geeignet ist. Für gehörige Aufsicht, gesunde
Wohnung, nahrhafte Kost, Aufwartung &c. werden ich und meine Frau --
Du kennst sie -- gewissenhafte Sorge tragen, und vor der Hand, bis zu
ihrer bevorstehenden Verheirathung mit einem geschickten Rechtsmann
im Badischen, wird auch meine Tochter uns dabei behülflich sein. So
scheint guter Erfolg zu hoffen, zumal ich das Honorar, über das ich
Näheres auf frankirte Briefe melden will, so billig bestimmen werde,
als die Lokalität erlaubt.

Habe denn die Güte, dies Vorhaben in Deinem großen und angesehenen
Kreise freundlich bekannt zu machen und zu fördern, durch dessen
Realisierung der Abend meines sehr umwölkten Lebenstages erheitert
werden würde. Du weißt, daß ich Dir von Kindheit an aufrichtig
zugethan war, keine Zeile gegen Dich schrieb, (wie mancher schlecht
Unterrichtete wohl meinte wegen meiner Verbindung mit F. Nicolai,) und
oft Dich gegen Hasser und Neider vertheidigte. Kannst Du auch sonst,
vielleicht gar höhern Orts, dazu beitragen, meine Lage zu verbessern
(denn ein langwieriger, von mir ganz unverschuldeter, Prozeß hat
fast mein ganzes, ohnehin nie beträchtliches, Vermögen aufgezehrt),
so sei fest überzeugt, daß Du Dein Wohlwollen an keinen Undankbaren
verschwenden wirst. Da ich einigen Ruf in der Litteratur bis auf die
neueste Zeit behauptet habe, (s. z. B. Wolfs Lexikon deutscher Dichter
und Prosaisten[5]), so würde Deine Empfehlung des Jugendfreundes
zu irgend einer erträglichen Stelle an einer Bibliothek, oder als
Archivar, Sekretär &c. Dir gewiß nicht verdacht werden, vielmehr den
Edelmuth eines Mannes zeigen, der, aus stürmischer Flut gerettet, auch
den noch darin Kämpfenden ans Land ziehen hilft. Auch ein kleines
Wartegeld bis zur Anstellung wäre mir erwünscht, dergleichen man ja
Solchen zu bewilligen pflegt, denen man überhaupt wohlwill; und warum
mich gänzlich hintansetzen wollen, da Magdeburg mein Geburtsort ist,
mein Vater (der Steuerkommissarius Ernst Christoph B. in Magdeburg)
ein anerkannt tüchtiger Staatsdiener war und ich selbst nichts
verschuldete, vielmehr meinen Patriotismus mannichfaltig durch Wort und
Schrift bewährte? -- --

Lebe wohl, verehrter Freund, und gedenke

    Deines

    _Bothe_.




                     =Braniß, Christlieb Julius.=


    Geb. am 18. September 1792 in Breslau, Professor der Philosophie an
    der dortigen Universität.

    Die Hauptwerke, die ihn außerhalb seiner Vaterstadt bekannt
    gemacht, und ihm seine hohe Stellung in der gelehrten Welt sichern,
    sind: Grundriß der Logik (1830) -- System der Methaphysik (1834) --
    Geschichte der Philosophie seit Kant (1842, unvollendet). --

    Ein Gelehrter, wie es wenige giebt; ein Philosoph und Logiker, den
    schönen Künsten vertraut; ein Musiker von höchster Ausbildung;
    ein Komponist reich an sinnigen Melodieen; ein Lebemann von
    heiterem, geselligem Tone; eine unverwüstliche Natur; ein Greis mit
    ungeschwächter Jugendkraft.


                                  I.

    Ludwig Tieck an Braniß.

    _Dresden_ den 24. Jul. 40.

    _Geehrter Herr Professor_,

Ich wünsche, daß Sie das Buch, welches Ihnen Herr Max in meinem
Nahmen überreichen wird, als ein Zeichen meiner wahren Hochachtung
annehmen mögen: eben so ist es mein Wunsch, daß es Ihnen Vergnügen und
Theilnahme geben und erregen möge.

Diese Geschichte, wie ich auch in der Vorrede andeute, habe ich lange
mit mir herum getragen: seit ich den Camoens schrieb, traten mir die
Gestalten immer näher, und forderten mich gleichsam auf, sie aus dem
Gefängnisse meines Gedächtnisses und der Phantasie zu befreien; denn
das Buch ist doch wie ein Pendant zum Cam. und Shakspear-Novellen zu
betrachten.

Erlaubt es Ihre Zeit, oder können Sie die Neigung fassen, ein Urtheil
über das Werk auszusprechen, so freue ich mich schon im Voraus, etwas
Gediegenes und Lehrreiches über eine meiner Lieblings-Arbeiten zu
vernehmen. Nur müssen Sie nicht das Vorurtheil fassen, daß Bedenken
und Tadel eines unpartheiischen und reifen Mannes mich kränken, oder
verletzen könne.

Man hat so viel Unnützes und Freches über die Emancipation der Weiber
geschwatzt. Das Schiksal und der Charakter dieser Vittoria reissen sie
auch aus den herkömmlichen conventionellen Formen; aber, nach meiner
Ansicht, so wie es der ächten Weiblichkeit, einem starken Gemüthe,
erlaubt sein kann. Verhältnisse beugen die grossen Naturen, aber
vernichten sie nicht.

Doch -- der Poet kann und soll nur sein Werk für sich sprechen
lassen. Auch war ich nie der Ansicht, daß es gut sei, wenn zu viel
Kunst-Absicht (oder künstliche, oder philosophische &c.) in das äussere
Bewußtsein tritt: denn Begeisterung sieht doch immer weiter und hat
alles Dergleichen, so viel gut und nöthig ist, in sich.

Doch ich sage alles dis nur einem Wissenden, und schliesse deshalb,
indem ich nur noch den Wunsch ausspreche, daß Sie mir Ihr Wohlwollen
erhalten, Dresden einmal auf längere Zeit besuchen, damit wir uns näher
kommen, und so nenne ich mich mit Hochachtung

    Ihren

    ergebnen Freund
    _L. Tieck_.


                                  II.

    Braniß an L. Tieck.

    _Breslau_ 6. Sept. 40.

    _Mein hochverehrter Herr Hofrath_,

Wenn ich Ihnen erst jetzt für das köstliche Geschenk, das Sie mir mit
Ihrer Vittoria gemacht, meinen herzlichsten Dank sage, so hat dieß
allein darin seinen Grund, daß ich Ihnen nicht eher nahen wollte, als
bis ich Ihrem mich so ehrenden Impulse folgend ein öffentliches Wort
über das liebe Gedicht gesprochen. Dieß ist nunmehr geschehen, und --
wie ein Mensch nur sagen kann: hie bin ich -- so erlaube ich mir Ihnen
in beifolgenden Zeitungsblättern einen Aufsatz zu überreichen, von dem
ich wünschen will, daß damit etwas gethan sei.

Ich habe den in dieser Arbeit ausgedrückten Gedanken lange ernstlich
bebrütet, doch mußten die Resultate dieses Processes meist
unausgesprochen bleiben, damit der Bericht sich in den Grenzen eines
Zeitungsartikels halte. Was ich gab, sollte vornehmlich dem Treiben
einer Ihrer Poesie, somit der Poesie überhaupt abholden Partei
begegnen, deren ästhetisch-philosophisches Geschwätz nur dadurch
Einfluß gewinnt, daß ihm nichts Tüchtiges entgegentritt. Namentlich
wollte ich in Bezug auf die Accorombona diejenigen Einwendungen, von
denen ich recht gut weiß, daß sie gegen das Buch des Breitesten werden
erhoben werden, von vornherein paralysiren und unschädlich machen.

Ob es mir gelungen, ob mir überhaupt in der Arbeit etwas gelungen
ist, weiß ich nicht, kann es auch _hier_ nicht erfahren; denn
außer Epstein (der Ihnen ja wohl bekannt,) weiß ich hier in Sachen der
Poesie keinen wahren Gläubigen; ich selbst bin von lauter Neologen
umgeben. So bin ich denn darüber noch ganz unschlüßig, ob ich dem
Aufsatz, bei dem ich es allerdings nicht auf das Binnenpublicum
schlesischer Zeitungsleser abgesehen habe, durch Wiederabdruck in einer
gelesenen Zeitschrift größere Verbreitung schaffen, oder die Acten als
geschlossen betrachten soll. Sie allein könnten hierüber in letzter
Instanz entscheiden.

Daß ich mich über das Benehmen unsres Königs gegen Sie höchlichst
gefreut habe, versteht sich ganz von selbst.

Mit wahrer Verehrung

    Ihr

    herzlichst ergebener _Braniß_.


                                 III.

    Ludwig Tieck an Braniß.

    _Dresden_ den lezten Octbr. 40.

    _Geehrter Herr Professor_,

Ich fühle mich gedrungen, Ihnen noch einmal ausdrücklich für Ihre
meisterhafte Beurtheilung meines Romans meinen herzlichsten Dank
auszusprechen. Welche Freude, auf diese Art verstanden zu werden!
Immer war es meine Ansicht und Ueberzeugung, daß die ächte Rezension
sich wiederum dem Kunstwerk nähern, selbst eins werden müsse. So ist
es mit solchen Aufsätzen, wie der Ihrige. Alles, was vom Enthusiasmus
ausgeht und diesen verdient, kann nur vom Enthusiasmus gefaßt und
verstanden werden. Was nützen alle die philosophischen (halben)
Schwätzereien, die nur aussagen, der Autor sei nicht, wie sie: ein
sklavischer, unselbstständiger Schüler irgend eines Systems. Seit
meinen männlichen Jahren habe ich mich um alle diese Heroen der
verschiedenartigen Secten nicht mehr gekümmert: kann man doch nur von
verwandten Gemüthern lernen: -- und wahrlich, Lernen ist eine grosse
Wollust.

Auch meine Freunde hier haben sich Ihrer lehrreichen Abhandlung sehr
erfreut. Was könnte das für ein Journal sein, wenn die ächten Menschen,
die wahrhaft Erkennenden sich in Deutschland vereinigten, Sie, und noch
Wenige, die mir gerade bekannt sind, und gewiß manche Geister, welche
schweigen, verborgen sind, und die wir beide nicht kennen.

Könnten Sie doch in Dresden leben! Könnte ich doch Ihren Umgang
geniessen! In meiner Nähe fehlt ein aufregender Geist; mit denen ich
hier in Freundschaft verbunden bin, -- wackre Männer, -- aber sie
empfangen mehr von mir, als ich von Ihnen. Daß man in Gesellschaft
niemals, oder doch nur selten verstanden wird, bin ich freilich seit
vielen Jahren gewohnt und ich bin in der Hinsicht resignirt. Es war
gewiß immer so. Aber Raumer, Solger, Sie, Löbell, -- wir könnten doch,
denke ich, einen ganz artigen Senat bilden. --

Ihre Blätter wandern immerdar hier unter denen herum, die sie zu
lesen verdienen: ich möchte Ihnen noch gern dies und jenes Bestimmte
sagen, oder fragen: -- aber ich habe, wie gesagt, den schönen Aufsatz
selbst lange aus den Augen verlohren. Sprechen möchte ich mit Ihnen
einmal so recht aus dem Herzen: als Sie lezt hier waren, war die
Zeit zu kurtz und die Gesellschaft genirte. Vielleicht wird mir
einmal diese Freude. -- Bis dahin reiche ich Ihnen von fern die Hand
als einem Geistes-Verwandten und Verbündeten und Sie stehn mit Ihrem
Seelen-Reichthum mir als ein alter Freund ganz nahe.

Nehmen Sie diese eiligen unbefriedigenden Worte wohlwollend auf.

    Ihr

    ganz eigner
    _Ludw. Tieck_.




                         =Brentano, Clemens.=


    Geb. zu Frankfurt a. M. 1777, gestorben zu Aschaffenburg 1842.

    Von 1800 bis 1838, von den „Satiren und poetischen
    Spielen“ bis zu „Gokel, Hinkel und Gakeleia“ reichen seine
    wunderlich-phantastischen Erzeugnisse, die entschieden als Geburten
    der hyper-romantischen Schule betrachtet, aber doch wahrlich
    auch nicht unterschätzt werden dürfen. Wie aus dem redlich-
    und ernst-strebenden _deutschen_ Forscher, als welchen ihn die
    Briefe an Tieck (vorzüglich der herrlich-klare aus Wien, 1813)
    bezeichnen, jener späterhin oft so seltsam verschwommene, barocke
    und _un_klare Poet sich entwickeln konnte,... das wäre gewiß einer
    psychologisch-gestaltenden Lebensschilderung würdig. Freilich
    müßte dieselbe nicht von irgend einem Parteistandpunkte ausgehen!
    _Keime_ zum späteren Brentano lassen sich allerdings auch schon in
    einzelnen Briefzeilen des früheren entdecken.


                                  I.

    _Marburg_, den 11ten Jenner 1802.

Ihr gütiges Schreiben traf mich erst in Erfurt auf meiner Rückreiße
hierher, ich würde ihnen schon sicher früher geschrieben haben, hätte
ich etwas Bestimmtes von der Sache gewust, und jezt, ihnen selbst kann
nichts unangenehmer sein, als mir, waß ich drüber weiß, denn ich hatte
wahrlich bisher keine einzige Aussicht und Hoffnung, als sie an unserm
Theater zu wißen, denn Ihnen nahe zu sein, und zu helfen, wo es meine
Kräfte erlaubten, die Bühne von Fr. aus wieder für Deutschland in ihre
Rechte einzusezzen, ja ich wollte mich unter ihrer Leitung ganz der
Sache widmen, und durch diese Kunst mehr im Bürgerlichen gewurzelt,
meinem geringen Talente eingreifendere und festere Bewegungen geben. --
Göthe? hat er sie empfohlen? Es ist nicht alles von Göthe zu erwarten.
O für mich ist die Geschichte so erbärmlich, daß ich ungern davon
spreche, der Kaufmann, dem ihr Brief zum Uebergeben geschickt wurde,
hat ihn grade dem grösten Vieh bei der ganzen Direktion übergeben dem
Doktor G....., das ganze Theater steht nun wie vorher und......, der
unwißendste, dummste, ungeschickteste Schauspieler ist wie ehedem an
der Regie. Die zwei erträglichsten Männer in Fr. auf deren Hülfe ich
rechnen konnte, Geheimrath Willmer, Göthes Jugendfreund, und Moriz
Bethmann schreiben mir beiliegende Briefe -- Sollten sie noch keine
Antwort auf Ihren Brief erhalten haben, so wäre eine satirische Anfrage
im Hamburger Coresp. wo sich die Frankfurter Theater Direktion jezt
aufhalte, eine verdiente Rache. Ob Göthe wohl geschrieben hat, es
wäre das Gegentheil ein großer Unverstand -- und Sie nach Frankfurt
befördern wäre mehr Vorschub für die deutsche Kunst, als Propyläen.
Ich bin so böß, ich weiß nicht wie, mir bricht alles vor den Füßen,
auch dies. Eine erneuerte Anfrage und zwar derb, wenn Sie keine Antwort
erhielten, könnte nüzzlich sein, auch eine Frage an Göthe. Faßen sie
sich, denn ich weiß, es thut ihnen gewiß leid, wie mir, aber diese
Leute verdienen es nicht beßer.

Ich habe mit Ritter, der mit mir bis Gotha reißte, über allerlei
gesprochen, und eine Idee von mir, die auch er lebhaft faßte,
durchdringt mich jezt noch mehr. Wie wäre es, ein Theater von Grund
aus nach eignen Ideen unter ihrer Leitung zu errichten, es zum Voraus
mit einer Anzahl neuer Stükke zu unterstüzzen, etwa im Geschmacke von
Gozzi’s Schooskind, der Sakchischen Truppe doch in Hinsicht auf Zeit
und Ort modifizirt, ich bin sicher es ließe sich eine Zahl tauglicher
Subjekte unter den Laien der Kunst finden, die ihr Talent unter ihrer
Leitung einer von Auswürfen der Bürgerlichen Gesellschaft reinen
Verbindung fürs Theater gerne hingäben. Klingt diese Idee auch bei
Ihnen an? Ließe sich wohl eine Stadt finden, die zusammen träte etwa
Bremen mit Aktien, oder eine Stadt in Schlesien? -- Nach der Lage der
Sachen meine ich es wäre bald Zeit zu so etwas, schreiben Sie mir
doch hierüber einige gütige Worte, ich bin mit allem dem _meinigen_
zur Unterstüzzung in ohngefähr zwei Jahren total fähig, wenn einige
Hofnung ist, daß eine solche Unternehmung sich nicht selbst und mein
kleines Vermögen zerstöre, Sie wißen nicht, wie determinirt ich bin,
und wie gerne ich täglich lieber Cinthio, Trufaldin und Scaramuzz wäre,
als Brentano. -- Ihre gütige Lektüre des Godwi hat mich gerührt, es
ist mir wie ein Vater, der ein krankes krüppelhaftes Kind erzeugte,
das Theils nicht verstanden, und meistens verachtet wird, wenn ein
glücklicher Vater spricht, ich habe mich heute doch an Manchem deines
armen Sohnes gefreut. -- Zur Göthischen Aufgabe hab ich ein Stück
geschickt, das wohl in Vielem mehr ihnen gefallen könnte, als Göthen,
es heist, Last es euch gefallen. Diesen Winter übersezze ich einen
Band unbekanter alter spanischen Novellen, sonst beschäftige ich mich
mit dem theatralischen, und habe mehrere Schauspiele entworfen. Immer
aber noch kann ich mich nicht überzeugen, daß unsre Trauerspiele sein
dürften wie Griechische, auch nicht wie Schillersche, höchstens wie
Schaksspearsche, die doch eigentlich Häußliche sind. Trauerspiele ohne
Vaterland, sind wie Helden ohne Schicksal, die _Seele_ muß Held sein,
und die Reihe der Begebenheit, die Geschichte Schiksal, ich habe die
Idee zu einem Trauerspiel mit 25 Helden die vom Schicksal getödet
werden, den lezten aber kanns aus Müdigkeit nicht hinunter kriegen und
stirbt selbst, er aber wird Schicksalloß von den Göttern davon geführt,
und im 5 Akt im Himmel unter den Göttern als weinendes Kind geboren.
Sein sie mir gut, ich bin ihr treuster, liebendster Schüler, und Diener

    _Clemens Brentano_.

So eben habe ich eine kindische Freude, um des kindischen halber
verzeihen sie mir, daß ich sie äußere. Arnim, den sie kennen, und
sicher lieben, schreibt mir seinen ersten Brief von Regensburg, und
schreibt mir so viel über sein Entzükken über Sie, ich weiß sicher,
daß vielleicht Arnim der einzige Deutsche ist, der Sie ließt, wie sie
es meinen. Sie glauben nicht, wie reich mich Arnims Brief macht, und
verzeihen sie, daß ich wie ein Kind sein Spielzeug ihnen das zeigen
muß, wenn irgend ein Mensch gerne für sie sich regt und opfert, so ist
es sicher Arnim und Brentano, er für den Frohsinn, ich für die Wehmuth
ihrer Muse.

Ich wohne bei H. v. Savigny in Marburg.


                                  II.

    _Marburg_ in Hessen den 22ten April 1804.

Sie wissen gewiß, daß ich Sie liebe, von Herzen liebe, und daß ich
glücklich wäre, Sie irgendwo hingestellt zu sehen, wo es Ihnen wohl
ergieng, ohne daß Sie aus aller Berührung mit den Menschen gebracht
wären; Ich hatte einstens einen nachher verunglückten Plan, wie sie
wißen, mit dem Frankfurter Theater; Ohne zu wissen, ob es gelingt,
oder ob Sie einwilligen würden, wenn es gelänge, habe ich die Idee
gefaßt, ob es nicht möglich sein sollte ihnen eine Professur der
schönen Wißenschaften in Heidelberg zu verschaffen, wo es Ihnen so sehr
gefallen hat. Könnte Ihnen diese Hoffnung sehr angenehm sein, so bitte
ich Sie herzlich, sie als äußerst ungewiß anzusehen, damit Sie durch
das Fehlschlagen nicht betrübt werden mögen. Nun will ich Ihnen kurz
aus einander setzen, wie ich auf die Idee gekommen bin. Sie wissen, daß
Heidelberg durch Baden neu organisirt wird, man geht dabei bescheiden
und würdiger zu Werk, als in Würzburg. Der Minister von Edelsheim, der
das Ganze leitet ist human, voll guten Willens, aber es fehlt dort,
wie überall an Ansicht, Herr Professor Kreuzer von hier ein Philolog,
mein Freund, ein bescheidner geistvoller Mann ist auf die einfachste
Art dorthin berufen worden, er hatte den Ruf nach Wilna, und da er
etwas vor der Fremde scheute, so sendete er vorerst seine Einleitung in
den Herodot an seinen Freund den Professor Daub in Heidelberg mit der
Anfrage, ob sie schon einen Philologen dort hätten? Dieser schickte das
Buch an den organisirenden Minister von Edelsheim nach Karlsruhe, und
wenige Tage hierauf erhielt Kreuzer von dem Minister die Einladung zu
einer Professur. Eben so ist mein Schwager der Professor von Savigny
von hier dahin berufen worden, der aber wegen einer großen gelehrten
Reise, es bis zu seiner Rückkehr abgelehnt hat. Da ich durch diese
Männer nun allen Umgang hier verlohr, so war ich anfangs willens mit
meiner Frau nach Dresden zu ziehen, um in ihrer Nähe zu sein, lieber
Tieck, denn sie wissen es vielleicht nicht, mit welcher kindischen
Sehnsucht ich immer an Sie gedenke, und wie ich in mir selbst fest
überzeugt bin, nur ihre Nähe, ihr Umgang könne eine fürchterliche
Unruhe und unerklärbare Muthlosigkeit, die mich zusichtlich zerrüttet,
auflösen, ich hatte diese große Translokation fest beschloßen, als
ich plötzlich in dieser Idee durch meine Familiengeschäfte, und meine
Vermögungsumstände verhindert ward, welche mir es nicht erlauben mich
weit von Frankfurt zu fixiren. Heidelberg ist mir der einzig taugliche
Ort dazu, und da ich wegen der Ausführung meines Plans an den Dr.
Creuzer nach Heidelberg schrieb, und zugleich meinen Wunsch, sie dort
angestellt zu wißen, ihm mittheilte, weil es mir bekannt ist, daß das
Ministerium sehr auf die Vorschläge der Professoren bei der Besetzung
der Professuren achtet, so hat er mir auf diesen lezten Punkt folgendes
geantwortet, was ich Ihnen abschriftlich mittheile, indem Sie dadurch
am leichtesten ~au fait~ gebracht werden können.

„Mit ihrem frommen Wunsche, Ludwig Tieck betreffend, stimme ich aus
voller Seele zusammen. In der That, wenn ich jezt bei meinen einsamen
Wanderungen in den mächtigen Ruinen des hiesigen Schloßes unsere
neudeutsche Kleinheit fühle, empfinde ich lebhaft, daß hier ein Ort
für Männer sei, die das alte große Deutschland im Herzen tragen, für
Dichter, wie Tieck einer ist, die den alten romantischen Gesang in
seiner Tiefe aufzufassen und auf eine würdige Art wieder zu beleben
vermögen. Urtheilen sie also selbst, wie sehr ihr Wunsch auch der
meinige ist, ohne daß ich die persönlichen Beziehungen kenne, die Ihnen
Tiecks Umgang zum Bedürfniß machen. Aber warum kann ich Ihnen hier
nicht mit so großer Zuversicht entgegenkommen! -- Sehen Sie, das gehört
zu der Seite Heidelbergs, die ich nicht mit dem frohen Muthe schon jezt
anzupreisen wage, als die hiesige Natur, die hiesigen Menschen und
die geselligen Verhältniße. Ich habe mich in Carlsruhe wo ich neulich
war, selbst überzeugt, daß man zwar die besten Absichten für die
Universität, auch recht gute einzelne Ideen hat, daß es aber bis jezt
an einem recht tüchtigen Mittelpunkt aller wißenschaftlichen Ansicht,
und folglich an einer tiefgefaßten Einsicht in die hiesigen gelehrten
Bedürfniße fehlt. -- Ich habe nach Kräften geredet -- aber da viel zu
wirken, dazu gehört ein Mann in einem ganz freien Verhältniß zu dem
hiesigen Land, den sein Stand, sein Vermögen, sein öffentlicher Credit
auf eine gewiße Höhe gestellt hat -- ein solcher Mann ist Savigny,
dessen Besuch der Minister dringend wünscht. Ich habe es Savigny
schon geschrieben, er kann viel dort thun, und auch für Tieck, aber
er muß eilen, denn man empfiehlt hier rechts und links, und es ist
auch bereits schon ein obskurer Mensch als Aestetiker projecktirt, noch
ist es Zeit für Tieck zu wirken. Wie wäre es, wenn er seinen Wunsch
dazu, etwa mit seiner Ausgabe der Minnelieder und der vortreflichen
bescheidnen lehrenden gelehrten Vorrede, an einen der Freunde, die
er sich bei seinem Aufenthalt hier unter den Gelehrten erworben hat,
sendete, wie wären wir alle belohnt, wenn er mit uns sein könnte.“

Dieses sind die Worte meines Freundes, an Savigny habe ich bereits
geschrieben, er liebt sie, wie ich, wenn er überhaubt nach seinen
eigenthümlichen Grundsätzen und Plänen, sein Ansehen bei dem Minister
zu gebrauchen Lust hat, so wird er auch gewiß für sie arbeiten,
lieber, theurer Herr Tieck, o thun sie doch auch irgend Etwas darzu,
ich wäre ewig glücklich, alle meine Hofnungen würden wieder erstehen,
wenn ich dort unter ihrer Leitung, an einer Reproducktion der alten
Heldengedichte arbeiten könnte. Wie herrlich wäre es, nach einem
gewissen Plan arbeitend in einer ganzen Gesellschaft, die verschiedenen
Heldengedichte wieder zu verbinden und hervorzuführen, ich wollte
gern auf alle eigne Arbeiten Verzicht thun, und mein ganzes Leben
für diese Arbeiten anwenden. Bei dieser Gelegenheit sage ich ihnen
mein Herzlichen Dank für die große Belehrung, die sie mir, und allen
ihren gelehrigen Lesern in der Vorrede zu den Minneliedern gegeben
haben, lieber Tieck, wenn sie auf Erden in bürgerlichen Umständen
nie glücklich sein sollten, so muß es auch wahr sein, daß sie ihren
Himmel bereits im Herzen tragen. Ich habe vor einiger Zeit unter
einigen poetischen alten Manuskripten von minderm Wehrt, eine Sammlung
Minnelieder aus dem 14 und 15 ~Saeculo~ gekauft, die Lieder sind
noch nicht edirt, und meist Nahmenlos, und von verschiedenem Wehrt,
folgende Verfasser, die ich nicht kenne kommen unter ihnen vor, der
Brandberger, Heinrich Graff von Würtemberg, H. v. Schromberger, Johann
Sasse. Die Samlung enthält vorzüglich viele sogenante Wächter-Romanzen,
und auch einen vollständigen Gedichtwechsel zwischen einem Edelmann
und einer Fürstinn, von deren Gemahl er des Ehebruchs beschuldigt
hingerichtet wird, doch alles

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