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Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band

by unknown · German · Gutenberg #49044 · 989,295 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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Title: Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band

Translator: Karl Eugen Neumann


        
Release date: May 24, 2015 [eBook #49044]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/49044

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf, and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REDEN GOTAMO BUDDHOS. MITTLERE SAMMLUNG, DRITTER BAND ***

                     Anmerkungen zur Transkription
                     #############################

In diesem Text werden fortlaufend Seitenzahlen aus einem anderen Werk
angegeben. Diese Verweise werden hier am rechten Rand außerhalb des
laufenden Textes wiedergegeben.

Kursive Passagen im Original werden von Unterstrichen umgeben
(_kursiv_), gesperrter Text dagegen von Tilden (~gesperrt~).
Hochgestellte Symbole werden durch ein vorangehendes Caret-Zeichen (^)
repräsentiert; mehrere Zeichen werden dabei in geschweiften Klammern
gruppiert. Tiefgestellte Zeichen werden in geschweifte Klammern gesetzt
und mit Hilfe eines vorangestellten Unterstriches versinnbildlicht.

Die Wortformen, die in einigen Fußnoten einem Wurzelzeichen folgen,
stellen die Wortwurzel der erklärten Begriffe dar. Diese wurden im
Original kursiv gesetzt, in dieser Version werden diese jedoch in
normalem Schriftschnitt beispielhaft folgendermaßen wiedergegeben:
√(ruh).

Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
erstellt; Interpunktionsfehler wurden dabei stillschweigend korrigiert.
Die Rechtschreibung des Originals wurde beibehalten, sofern es sich
nicht um offensichtliche Fehler handelt. Der Seitenverweis ‚332‘ wurde
zu ‚233‘ korrigiert; die anderen in den Corrigenda aufgeführten Punkte
wurden aber wie im Original belassen.

Die folgenden Stellen wurden korrigiert:

    S. 20: ‚ihr Mönch,‘ → ‚ihr Mönche,‘
    S. 55: ‚Sunakkhato‘ → ‚Sunakkhatto‘
    S. 253 (Anmerkung): ‚[217]‘ → ‚[127]‘
    S. 287 (Anmerkung): ‚[136]‘ → ‚[138]‘
    S. 492: ‚Die Nase‘ → ‚die Nase‘
    S. 617: ‚.... H‘ → ‚.... = H‘
    S. 618: ‚^{13-19}‘ → ‚p. 117 ^{13-19}‘; ‚^{21}‘ → ‚p. 117 ^{21}‘;
      ‚p. 221 ^7‘ → ‚p. 229 ^7‘; ‚125. ERSTAUNLICHE‘ → ‚123.
      ERSTAUNLICHE‘
    S. 619: ‚p. 248‘ → ‚p. 248 ^1‘; ‚{18-18}‘ → ‚{18-19}‘
    S. 620: ‚7 ^{2-3}‘ → ‚59 ^{2-3}‘; die Anmerkungen ‚195 ^{26-28}‘
      und ‚219 ^{23-26}‘ konnten nicht zugeordnet werden.
    Anmerkung 171: ‚Simplissimus‘ → ‚Simplicissimus‘
    Corrigenda: ‚letzte Zeile‘ → ‚viertletzte Zeile‘

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                               DIE REDEN
                            GOTAMO BUDDHOS

                           AUS DER MITTLEREN
                        SAMMLUNG MAJJHIMANIKĀYO
                            DES PĀLI-KANONS

                       ZUM ERSTEN MAL ÜBERSETZT
                                  VON

                          KARL EUGEN NEUMANN


                            ZWEITE AUFLAGE


                             DRITTER BAND
                          OBERES HALBHUNDERT


                    MÜNCHEN 1921 *  R. PIPER & CO.




                        ALLE RECHTE VORBEHALTEN
                            COPYRIGHT 1921
               BY R. PIPER & CO. / G. M. B. H. / MÜNCHEN




INHALT


                                                                   Seite

    VORREDE                                                           IX


                       DIE MITTLERE SAMMLUNG DER
                         REDEN GOTAMO BUDDHOS


                             DRITTER BAND
                          OBERES HALBHUNDERT


                             ELFTER THEIL

                         BUCH DER GÖTTERLACHE

    101. Rede: Vor der Götterlache                                     3

    102.   „   Die Fünf und die Drei                                  23

    103.   „   Vielleicht                                             34

    104.   „   Vor Sāmagāmo                                           41

    105.   „   Sunakkhatto                                            54

    106.   „   Zur Unverstörung                                       68

    107.   „   Rechner Moggallāno                                     74

    108.   „   Meier Moggallāno                                       83

    109.   „   Vollmond (I)                                           95

    110.   „   Vollmond (II)                                         102


                            ZWÖLFTER THEIL

                            BUCH DER REIHE


    111. Rede: Die Reihe                                             111

    112.   „   Sechs erläutern                                       118

    113.   „   Ein guter Mensch                                      129

    114.   „   Zu betreiben und nicht zu betreiben                   145

    115.   „   Viel der Artungen                                     161

    116.   „   Am Seherschlunde                                      170

    117.   „   Vierzigmächtig                                        173

    118.   „   Bedachtsame Ein- und Ausathmung                       182

    119.   „   Einsicht in den Körper                                195

    120.   „   Unterschiedliche Wiederkehr                           209


                           DREIZEHNTER THEIL

                            BUCH DER ARMUTH

    121. Rede: Armuth (I)                                            219

    122.   „   Armuth (II)                                           227

    123.   „   Erstaunliche, außerordentliche Eigenschaften          239

    124.   „   Bakkulo                                               251

    125.   „   Rang der Gebändigten                                  256

    126.   „   Bhūmijo                                               271

    127.   „   Anuruddho                                             279

    128.   „   Verschlackung                                         290

    129.   „   Der Thor und der Weise                                308

    130.   „   Die Götterboten                                       324


                           VIERZEHNTER THEIL

                          BUCH DER ABZEICHEN


    131. Rede: Glücksäligeinsam                                      341

    132.   „   Glücksäligeinsam -- Ānando --                         345

    133.   „   Glücksäligeinsam -- Kaccāno --                        350

    134.   „   Lomasakaṉgiyo                                         359

    135.   „   Kennzeichnung der Werke (I)                           362

    136.   „   Kennzeichnung der Werke (II)                          372

    137.   „   Sechsfachen Gebietes Abzeichen                        384

    138.   „   Des Stämpels Abzeichen                                395

    139.   „   Streitlose Abzeichen                                  407

    140.   „   Sechsfacher Artung Abzeichen                          418

    141.   „   Der Wahrheit Abzeichen                                433

    142.   „   Lautere Spende                                        440


                           FÜNFZEHNTER THEIL

                     BUCH DES SECHSFACHEN GEBIETES

    143. Rede: Anāthapiṇḍiko                                         449

    144.   „   Channo                                                459

    145.   „   Puṇṇo                                                 464

    146.   „   Nandako                                               469

    147.   „   Rāhulo                                                480

    148.   „   Sechsfache Sechsheit                                  485

    149.   „   Mächtige Abzeichen                                    497

    150.   „   Die Nagaravinder                                      503

    151.   „   Almosenläuterung                                      509

    152.   „   Sinnesgewalt                                          516


    ANMERKUNGEN                                                      525

    NACHWEISE. Vom Herausgeber                                       615

    REGISTER                                                         621


             Zur Aussprache Seite VIII des ersten Bandes.


Die Zahlen am Rande geben die Seiten des siamesischen Textes an.




                                VORREDE


Der dritte Band der Mittleren Sammlung ergänzt in mehrfacher Hinsicht
die ersten beiden, und diese ihn. Er bestätigt zunächst noch genauer
was in den früheren Vorreden über die Ordenszucht gesagt worden:
dass nämlich eine solche ursprünglich nicht als eigener Kanon
zusammengefasst sondern in den Reden inbegriffen war; Ansprachen wie
z. B. die hundertdritte und hundertvierte lösen wohl jeden billigen
Zweifel. Freilich wird man eine Aufzählung der einzelnen Punkte
vermissen: aber die war, etwa nach dem Muster der siebenundzwanzigsten
oder einundfünfzigsten Rede u. a. m., als _ekantaparipuṇṇam
ekantaparisuddhaṃ saṉkhalikhitam brahmacariyam_ längst gegeben und
allbekannte Basis, bedurfte keiner weiteren Entwickelung.

Ferner mag bemerkt sein, wie gerade in das Obere Halbhundert manche
feinere geistige Beobachtungen und Erläuterungen aufgenommen wurden,
namentlich in die letzten beiden Dekaden: als ob die alten Ordner der
Texte das Zartere und zugleich gern Schwierigere erst gegen Ende hätten
darbieten wollen, nachdem man eine gute Vorschule bereits durchgemacht
hatte. In diesem Sinne könnte man vielleicht mit einiger Berechtigung
sagen, die drei Bände der Mittleren Sammlung stellten der Reihe nach
_vinayo_, _suttam_ und _abhidhammo_ dar: indem das Untere Halbhundert
_Mūlapaṇṇāsam_ gleichsam den Grund legt, das Mittlere Halbhundert
_Majjhimapaṇṇāsam_, meist in Zwiegesprächen, die Säulen emporführt, das
Obere Halbhundert _Uparipaṇṇāsam_ endlich die Kuppel aufsetzt. Doch
darf man so eine mehr bildlich und schematisch geplante Eintheilung
nicht zu ernst nehmen: weil, wie oft betont, jede der Reden als für
sich bestehendes Ganze sich giebt; was die Ordner sehr wohl erkannt und
daher einen systematischen Aufbau nicht beabsichtigt haben.

Es wäre lohnend nun auf wichtigere Einzelheiten von Form und Gehalt
auch dieser letzten fünf Bücher näher einzugehn: etwa auf die
vedischen Grundlagen, wie sie z. B. in der hundertzwanzigsten und
hundertvierzigsten Rede offen zutage treten; oder auf die unverkennbare
geistige Verwandtschaft mit dem ewigen Griechenthume; oder auf die
zahlreichen Urbilder zu unseren eigenen Kunstwerken aus tüchtiger
Zeit, dann zur transscendentalen Philosophie, also recht eigentlich
zu Schopenhauer, dessen Gedanken in den Hauptzügen wirklich erst
die letzte Vollendung erfahren, e. g. in der Lehre vom vollkommenen
Wohlbefinden bei Lebzeiten, und wieder über den klassischen Selbstmord,
hundertvierzigste Rede, passim, bez. hundertvierundvierzigste
in fine; oder auf die so tiefe Einmüthigkeit mit unseren besten
Illuministen, die keine Mystiker sind, insbesondere mit San Francesco
und Meister Eckhart, wie etwa im hundertfünfundvierzigsten Gespräch;
oder auf den donquijoteschen Humor gar mancher Gleichnisse,
wie zumal im hundertsechsundzwanzigsten Bericht; oder auch auf
nebensächliche Ergebnisse, wie z. Th. die geschichtliche Ableitung der
Christologie aus dem hundertdreiundzwanzigsten, der Thebais aus dem
hundertvierundzwanzigsten Stücke, ferner auf beiläufig entdeckbare
_̀Sruti_-Spuren im Lao: alles Dinge von ziemlichem Gewichte zwar,
deren Fächsung aber dem bloßen Uebersetzer kaum zukommen, vielmehr den
Berufenen als reiche Mahd hinterlassen bleiben kann. Sind doch über die
Blüthe und Frucht einiger Jahrzehnte nahezu dritthalb Jahrtausende
des Verfalls, der Zerstörung und üppig aufschießender Verwilderung
dahingegangen bis aus dem Schutte die verborgen fortkeimenden
ungewöhnlichen Gedanken unserer Texte nach und nach wieder dem
entgegenreifenden Verständnisse erschlossen werden. Dieses Verständniss
leise fördern und anbauen und nur gelegentlich obenhin, wie von den
Trümmern der Zinne, auch auf historische Kuriositäten, Paritäten,
Quidditäten etc. herabdeuten wird noch lange Zeiten hindurch der
bescheidene Zweck philologischer Arbeit sein.

Nicht als ob es gälte späterhin Sendboten heranzubilden, den Erdball
rings zu bekehren und, wenn es hoch kommt, noch ein paar Planeten dazu.
Es müsste ja für die meisten empfindsamen Gemüther eine arge Aussicht
sein, wenn this goodly frame, the earth, wie Hamlet bewundernd sagt,
veröden und -- o Graus -- aussterben, etwa in ein far niente der
Ewigkeit, um einen Ausdruck Jean Pauls zu gebrauchen, einmünden sollte,
so da alle Menschen veritable Buddhisten, d. h. leibhaftige Heilige
würden: ein schnackischer Angstschrei, den man hin und wieder, nicht
in Indien, vernimmt; oder wie unser Poeta poetarum mit lächelndem Auge
spricht:

    If all were minded so, the times should cease,
    And threescore years would make the world away.

Davor brauchen wir, verehrte Anwesende, keine Furcht zu haben. Die
buddhistische Lehre wird ihrer außerordentlichen Dichte wegen in
Wirklichkeit immer doch nur einer kleinen Schaar, immer nur einem oder
dem anderen abseit gegründeten, ungeselligen, beharrlichen Erzgrübler
nicht undurchdringlich erscheinen, nicht lästig und beschwerlich
fallen. Die Hunderte und die Tausende werden sich nach wie vor zu
eigener und fremder Aufklärung mit den astralen Weltproblemen
weiter beschäftigen, die himmlischen Progressionen zu berechnen
suchen, das Ewige und das Zeitliche trennen und versöhnen, Freiheit
und Nothwendigkeit scheiden und verbinden, Geheimwissenschaft und
Gemeinnützigkeit enträthseln und verhäkeln, ganze Realität und halbe
Evolution oder umgekehrte Ethik und Aesthetik sowie Kulturpragmatik
und Religionsphilosophie sub specie professoritatis und verwandte
allerangelegentlichste Fragen, _sabbasāmukkaṃsikā pañhā_, behandeln
und festzustellen hoffen »Dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes«,
wie eben die gewöhnlichen Meister und Altmeister, Büßer und Pilger,
Asketen und Priester schon zu Gotamos Zeiten je nach ihrer Art
behauptet, gelehrt, bewiesen, erläutert und ausgelegt haben; von den
Hunderttausenden nicht zu reden, denen die heiligen Fußspuren, Knochen,
Zähne, Nägel, Hostien, Fetische, Inkarnationen, Folklorisierungen u.
s. w. ungekränkt überlassen seien: und auch nicht von den Dutzenden,
denen Abrakadabrahuitzilopochtligelehrsamkeit und Beckmesserpoesie,
oder blaublumige Düfte und faselnde Flöten schon genügen. An einzelne
Wenige aber, die mit den mehr oder minder spröden oder mürben Allotria
nicht recht umzugehn wissen, denen unsere eigenartige Dichte allmälig
ohne Beschwer vertrauter wird, sogar anziehend, einladend, wie beim
gediegenen Golde von selbst verständlich erscheint, oder wie dem Grafen
Russel seine dreißig Jahre inniger Lauterkeit an den höchsten Gipfeln
der Pyrenæen, ist heute wie einst ein oft wiederholter Nachhall im
vorletzten Buche, der Spruch vom »Stillen Denker« gerichtet.

  ~Wien~, Anfang April 1901.

                                                KARL EUGEN NEUMANN.




                             ELFTER THEIL

                         BUCH DER GÖTTERLACHE




                                 101.

                  Elfter Theil            Erste Rede

                          VOR DER GÖTTERLACHE


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande        1
der Sakker, bei der Götterlache[1], wie eine Burg im Gebiete
der Sakker heißt. Dort nun wandte sich der Erhabene an die
Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene
Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Es giebt, ihr Mönche, manche Asketen und Priester, die
sagen und lehren: ›Was immer auch ein Mensch empfindet,
sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe noch Wohl, all das
ist vorhergewirkt[2]: so findet durch Büßung und Tilgung
alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss
mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles
Leid überstanden sein.‹ Das behaupten, ihr Mönche, die Freien
Brüder. Auf diese Behauptung, ihr Mönche, trat ich zu den              2
Freien Brüdern heran und sprach also: ›Wirklich denn, liebe
Freie Brüder, habt ihr die Meinung, habt ihr die Ansicht:
‚Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe,
oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so
findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer
Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein
Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung,
durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch
die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der
Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein‘?‹ Da
mir nun, Mönche, die Freien Brüder diese Frage mit ›Ja‹
beantworteten, sagt’ ich ferner zu ihnen: ›So wisset ihr wohl,
liebe Freie Brüder: ‚Wir sind schon ehedem gewesen, nicht sind
wir nicht gewesen‘?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Wir haben schon
ehedem Böses gethan, wir sind nicht schuldlos geblieben‘?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Diese und jene böse
That haben wir begangen‘?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›Oder wisset ihr etwa, liebe Freie Brüder: ‚Ein Stück Leiden
ist überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein
Stück Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden
werden‘?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›Oder wisset ihr vielleicht, liebe Freie Brüder, wie man noch
bei Lebzeiten das Falsche verleugnen und das Rechte gewinnen
kann?‹

›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹

›So gesteht ihr, liebe Freie Brüder, ihr wisst nicht ‚Wir              3
sind schon ehedem gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘,
wisst nicht ‚Wir haben schon ehedem Böses gethan, wir sind
nicht schuldlos geblieben‘, wisst nicht ‚Diese und jene böse
That haben wir begangen‘, wisst nicht ‚Ein Stück Leiden ist
überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein
Stück Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden
werden‘, wisst nicht, wie man noch bei Lebzeiten das Falsche
verleugnen und das Rechte gewinnen kann: ist es also, kann
es den ehrwürdigen Freien Brüdern nicht geziemen zu erklären
‚Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe,
oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so
findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer
Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein
Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung,
durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch
die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der
Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein‘. Wenn
ihr freilich, liebe Freie Brüder, wüsstet ‚Wir sind schon
ehedem gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘, wüsstet ‚Wir
haben schon ehedem Böses gethan, wir sind nicht schuldlos
geblieben‘, wüsstet ‚Diese und jene böse That haben wir
begangen‘, wüsstet ‚Ein Stück Leiden ist überstanden,
ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein Stück Leiden
überstanden, so wird alles Leid überstanden werden‘, wüsstet,
wie man noch bei Lebzeiten das Falsche verleugnen und das
Rechte gewinnen kann: wär’ es also, könnt’ es den ehrwürdigen
Freien Brüdern geziemen zu erklären ‚Was immer auch ein                4
Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe
noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so findet durch Büßung
und Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein
Zufluss mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein‘.

›Gleichwie etwa, liebe Freie Brüder, wenn ein Mann von einem
Pfeile getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen
wurde[3]: da empfände er durch die Schärfe des Pfeiles
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Und seine
Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern bestellten ihm einen
heilkundigen Arzt, und der heilkundige Arzt schnitte ihm
mit einem Messer die Mündung der Wunde auf: da empfände er
durch das Aufschneiden der Mündung der Wunde mit dem Messer
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Und der heilkundige
Arzt suchte mit einer Sonde bei ihm nach der Spitze: da
empfände er durch das Suchen der Spitze mit der Sonde
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Und der heilkundige
Arzt zöge ihm die Spitze heraus: da empfände er durch das
Herausziehn der Spitze schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle. Und der heilkundige Arzt senkte ihm Gegengift und
einen glühenden Stahl in die Wunde: da empfände er durch das
Gegengift und den glühenden Stahl in der Wunde schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle. Und nach einiger Zeit wüchse
die Wunde zu und vernarbte, und er wäre genesen, fühlte sich
wohl, unabhängig, selbständig, könnte gehn wohin er wollte.
Da gedächte er: ‚Ich war früher von einem Pfeile getroffen             5
worden, dessen Spitze mit Gift bestrichen: da empfand ich durch
die Schärfe des Pfeiles schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle. Und meine Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern
bestellten mir einen heilkundigen Arzt, und der heilkundige
Arzt schnitt mir mit einem Messer die Mündung der Wunde auf:
da empfand ich durch das Aufschneiden der Mündung der Wunde
mit dem Messer schmerzliche, brennende, stechende Gefühle.
Und der heilkundige Arzt suchte mit einer Sonde bei mir nach
der Spitze: da empfand ich durch das Suchen der Spitze mit
der Sonde schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Und der
heilkundige Arzt zog mir die Spitze heraus: da empfand ich
durch das Herausziehn der Spitze schmerzliche, brennende,
stechende Gefühle. Und der heilkundige Arzt senkte mir
Gegengift und einen glühenden Stahl in die Wunde: da empfand
ich durch das Gegengift und den glühenden Stahl in der Wunde
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Jetzt aber ist die
Wunde zugewachsen und vernarbt, und ich bin genesen, fühle mich
wohl, unabhängig, selbständig, kann gehn wohin ich will‘:

›Ebenso nun auch, liebe Freie Brüder, wenn ihr wüsstet ‚Wir
sind schon ehedem gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘,
wüsstet ‚Wir haben schon ehedem Böses gethan, wir sind nicht
schuldlos geblieben‘, wüsstet ‚Diese und jene böse That haben
wir begangen‘, wüsstet ‚Ein Stück Leiden ist überstanden,
ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein Stück Leiden
überstanden, so wird alles Leid überstanden werden‘, wüsstet,
wie man noch bei Lebzeiten das Falsche verleugnen und das
Rechte gewinnen kann: wär’ es also, könnt’ es den ehrwürdigen
Freien Brüdern geziemen zu erklären ‚Was immer auch ein Mensch
empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe noch
Wohl, all das ist vorhergewirkt: so findet durch Büßung und            6
Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss
mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein.‘ Weil ihr nun aber, liebe Freie Brüder, nicht
wisst ‚Wir sind schon ehedem gewesen, nicht sind wir nicht
gewesen‘, nicht wisst ‚Wir haben schon ehedem Böses gethan,
wir sind nicht schuldlos geblieben‘, nicht wisst ‚Diese und
jene böse That haben wir begangen‘, nicht wisst ‚Ein Stück
Leiden ist überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber
ein Stück Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden
werden‘, nicht wisst, wie man noch bei Lebzeiten das Falsche
verleugnen und das Rechte gewinnen kann: darum kann es den
ehrwürdigen Freien Brüdern nicht geziemen zu erklären ‚Was
immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe,
oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so
findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer
Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein
Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung,
durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch
die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der
Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein‘.‹

»Also angeredet, ihr Mönche, sprachen die Freien Brüder zu mir:

›Der Freie Bruder Nāthaputto, Lieber, weiß alles, versteht
alles, bekennt unbeschränkte Wissensklarheit: ‚Ob ich geh’
oder stehe, schlaf’ oder wache, jederzeit hab’ ich die gesammte
Wissensklarheit gegenwärtig.‘ Und er sagt: ‚Ihr habt da,
Freie Brüder, ehedem Böses gethan; das büßt ihr durch diese
bittere Schmerzensaskese ab. Denn weil ihr jetzt in dieser
Zeit Thaten, Worte und Gedanken bezwinget, lasset ihr Böses
ferner nicht mehr aufkommen. So findet durch Büßung und
Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss
mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet, kommt es        7
zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung zur
Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein.‘ Das aber leuchtet uns ein, und wir billigen
es und geben uns damit zufrieden.‹

»Auf diese Worte, ihr Mönche, sagte ich zu den Freien Brüdern:

›Fünf Dinge giebt es, liebe Freie Brüder, die schon im Leben
zweierlei Ausgang haben: welche fünf? Vertrauen, Hingabe,
Hörensagen, prüfendes Urtheil, geduldig Einsicht nehmen. Das
sind, liebe Freie Brüder, fünf Dinge, die schon im Leben
zweierlei Ausgang haben. Was haben nun die ehrwürdigen Freien
Brüder bisher für Vertrauen zum Meister gehabt, was für
Hingabe, was haben sie gehört, was prüfend beurtheilt, wie
geduldig Einsicht genommen?‹

»Auf diese Frage, ihr Mönche, konnte ich von den Freien Brüdern
keinerlei entsprechende Antwort erhalten, und ferner nun sprach
ich, ihr Mönche, zu den Freien Brüdern also:

›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: zu einer Zeit wo ihr
euch heftig anstrengt, heftig abmüht, kommen euch zu einer
solchen Zeit heftige, schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle an? Und wieder zu einer Zeit wo ihr euch nicht heftig
anstrengt, nicht heftig abmüht, kommen euch zu einer solchen
Zeit keine heftigen, schmerzlichen, brennenden, stechenden
Gefühle an?‹

›Zu einer Zeit, Bruder Gotamo, wo wir uns heftig anstrengen,
heftig abmühen, zu einer solchen Zeit kommen uns heftige,
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle an: und wieder zu
einer Zeit wo wir uns nicht heftig anstrengen, nicht heftig
abmühen, zu einer solchen Zeit kommen uns keine heftigen,
schmerzlichen, brennenden, stechenden Gefühle an.‹

›So gesteht ihr, liebe Freie Brüder: zu einer Zeit wo ihr
euch heftig anstrengt, heftig abmüht, zu einer solchen Zeit
kommen euch heftige, schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle an: und wieder zu einer Zeit wo ihr euch nicht heftig
anstrengt, nicht heftig abmüht, zu einer solchen Zeit kommen
euch keine heftigen, schmerzlichen, brennenden, stechenden
Gefühle an; ist es also, kann es da den ehrwürdigen Freien
Brüdern geziemen zu erklären ‚Was immer auch ein Mensch
empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe noch
Wohl, all das ist vorhergewirkt: so findet durch Büßung und
Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss
mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles
Leid überstanden sein‘? Wenn da, liebe Freie Brüder, zu
einer Zeit wo ihr euch heftig anstrengt, heftig abmüht, zu
einer solchen Zeit die heftigen, schmerzlichen, brennenden,
stechenden Gefühle eben aufhörten: und wieder zu einer Zeit
wo ihr euch nicht heftig anstrengt, nicht heftig abmüht, zu
einer solchen Zeit die heftigen, schmerzlichen, brennenden,
stechenden Gefühle eben nicht aufhörten; wär’ es also, könnt’
es den ehrwürdigen Freien Brüdern geziemen zu erklären ‚Was
immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe,
oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so
findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer
Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein
Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung,
durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch
die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der                 9
Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein.‘ Weil nun
aber, liebe Freie Brüder, zu einer Zeit wo ihr euch heftig
anstrengt, heftig abmüht, zu einer solchen Zeit euch heftige,
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle ankommen: und
wieder zu einer Zeit wo ihr euch nicht heftig anstrengt, nicht
heftig abmüht, zu einer solchen Zeit euch keine heftigen,
schmerzlichen, brennenden, stechenden Gefühle ankommen, so
bringt ihr da, während euch eben heftige, schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle ankommen, ohne es zu wissen, ohne
es einzusehn, unsinnig die Behauptung vor ‚Was immer auch ein
Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe
noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so findet durch Büßung
und Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein
Zufluss mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein.‘‹

»Auch auf diese Worte, ihr Mönche, konnte ich von den Freien
Brüdern keinerlei entsprechende Antwort erhalten, und ferner
nun sprach ich, ihr Mönche, zu den Freien Brüdern also:

›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That, die
als diesseitig empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als
jenseitig empfunden werden soll, kann so etwas gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›Und wieder, dass da eine That, die als jenseitig empfunden
wird, durch eifrige Anstrengung als diesseitig empfunden werden
soll, kann so etwas gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That, die       10
als Wohl empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als Wehe
empfunden werden soll, kann so etwas gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›Und wieder, dass da eine That, die als Wehe empfunden wird,
durch eifrige Anstrengung als Wohl empfunden werden soll, kann
so etwas gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That, die
als ausgereift empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als
unausgereift empfunden werden soll, kann so etwas gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›Und wieder, dass da eine That, die als unausgereift empfunden
wird, durch eifrige Anstrengung als ausgereift empfunden werden
soll, kann so etwas gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That, die
als sehr schmerzlich empfunden wird, durch eifrige Anstrengung
als wenig schmerzlich empfunden werden soll, kann so etwas
gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›Und wieder, dass da eine That, die als wenig schmerzlich
empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als sehr schmerzlich
empfunden werden soll, kann so etwas gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That,
die empfunden wird, durch eifrige Anstrengung nicht empfunden
werden soll, kann so etwas gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›Und wieder, dass da eine That, die nicht empfunden wird,
durch eifrige Anstrengung empfunden werden soll, kann so etwas
gelingen?‹

›Das nicht, o Bruder!‹

›So gesteht ihr, liebe Freie Brüder, dass da eine That, die
als diesseitig empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als
jenseitig empfunden werden soll, das kann nicht gelingen; und
dass da eine That, die als jenseitig empfunden wird, durch
eifrige Anstrengung als diesseitig empfunden werden soll,
das kann nicht gelingen; dass da eine That, die als Wohl
empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als Wehe empfunden          11
werden soll, das kann nicht gelingen; und dass da eine That,
die als Wehe empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als
Wohl empfunden werden soll, das kann nicht gelingen; dass da
eine That, die als ausgereift empfunden wird, durch eifrige
Anstrengung als unausgereift empfunden werden soll, das kann
nicht gelingen; und dass da eine That, die als unausgereift
empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als ausgereift
empfunden werden soll, das kann nicht gelingen; dass da
eine That, die als sehr schmerzlich empfunden wird, durch
eifrige Anstrengung als wenig schmerzlich empfunden werden
soll, das kann nicht gelingen; und dass da eine That, die als
wenig schmerzlich empfunden wird, durch eifrige Anstrengung
als sehr schmerzlich empfunden werden soll, das kann nicht
gelingen; dass da eine That, die empfunden wird, durch eifrige
Anstrengung nicht empfunden werden soll, das kann nicht
gelingen; und dass da eine That, die nicht empfunden wird,
durch eifrige Anstrengung empfunden werden soll, das kann
nicht gelingen. Ist es also, ist der ehrwürdigen Freien Brüder
Anstrengung fruchtlos, fruchtlos die Mühe.‹

»Solche Sprache führen, ihr Mönche, die Freien Brüder. Bei
solcher Sprache der Freien Brüder, ihr Mönche, erweisen sich
zehn entsprechende Begriffe ihrer Annahme nach als unrecht.

»Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch vorhergewirktes Werk
Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, haben die Freien
Brüder ehedem Missethat gethan, da sie jetzt so schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle erfahren. Wenn, ihr Mönche, die
Wesen durch die Schaffung eines Schöpfers Wohl und Wehe
erfahren, dann, ihr Mönche, sind die Freien Brüder von einem
bösen Schöpfer geschaffen, da sie jetzt so schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle erfahren. Wenn, ihr Mönche, die
Wesen durch Fügung des Zufalls Wohl und Wehe erfahren, dann,          12
ihr Mönche, haben die Freien Brüder einen schlimmen Zufall
getroffen, da sie jetzt so schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle erfahren. Wenn, ihr Mönche, die Wesen ihrer Geburt
nach Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, sind die
Freien Brüder von übler Geburt, da sie jetzt so schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle erfahren. Wenn, ihr Mönche, die
Wesen durch ihre Anstrengung hier im Leben Wohl und Wehe
erfahren, dann, ihr Mönche, ist die Anstrengung der Freien
Brüder hier im Leben misslungen, da sie jetzt so schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle erfahren. Ob nun, ihr Mönche, die
Wesen durch vorhergewirktes Werk Wohl und Wehe erfahren oder
nicht: die Freien Brüder haben unrecht. Ob nun, ihr Mönche,
die Wesen durch die Schaffung eines Schöpfers Wohl und Wehe
erfahren oder nicht: die Freien Brüder haben unrecht. Ob nun,
ihr Mönche, die Wesen durch Fügung des Zufalls Wohl und Wehe
erfahren oder nicht: die Freien Brüder haben unrecht. Ob nun,
ihr Mönche, die Wesen ihrer Geburt nach Wohl und Wehe erfahren
oder nicht: die Freien Brüder haben unrecht. Ob nun, ihr
Mönche, die Wesen durch ihre Anstrengung hier im Leben Wohl und
Wehe erfahren oder nicht: die Freien Brüder haben unrecht.

»Solche Sprache führen, ihr Mönche, die Freien Brüder. Bei
solcher Sprache der Freien Brüder, ihr Mönche, erweisen sich
diese zehn entsprechenden Begriffe ihrer Annahme nach als
unrecht. So aber ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtlos,
fruchtlos die Mühe.

»Wie aber ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar, fruchtbar
die Mühe? Da lässt, ihr Mönche, ein Mönch sein unüberwältigtes        13
Gemüth eben nicht von Leiden überwältigen, und ein wahrhaftes
Wohlbefinden verleugnet er nicht, und er bleibt bei diesem
Wohlbefinden unverstört. Er gedenkt bei sich: ›Indem ich mir
jener Leidensursache Vorstellung gegenwärtig halte, wird durch
der Vorstellung Gegenwart die Liebe verwunden; indem ich wieder
betrachtend die Betrachtung über jene Leidensursache in mir
vollende, wird die Liebe verwunden.‹ So hält er sich denn, wo
er beim Gegenwärtighalten der Vorstellung einer Leidensursache
durch der Vorstellung Gegenwart die Liebe verwindet, die
Vorstellung da gegenwärtig; und wo er wieder betrachtend, die
Betrachtung über eine Leidensursache vollendend die Liebe
verwindet, da vollendet er die Betrachtung. Weil er dieser und
jener Leidensursache Vorstellung sich gegenwärtig hält und
durch der Vorstellung Gegenwart die Liebe verwindet, hat er
erst also dieses Leiden überstanden; weil er betrachtend, die
Betrachtung über diese und jene Leidensursache vollendend die
Liebe verwindet, hat er dann also dieses Leiden überstanden.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann in eine Frau
verliebt, ihr innig zugethan wäre, sie heftig verlangte, heftig
ersehnte. Und er sähe die Frau mit einem anderen Manne stehn
und reden und scherzen und lachen. Was meint ihr wohl, Mönche:
würde da etwa dem Manne, der jene Frau mit einem anderen Manne
stehn und reden und scherzen und lachen sehn hätte, Wehe und
Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung aufsteigen?«

»Freilich, o Herr!«

»Und warum das?«

»Der Mann, o Herr, ist ja in jene Frau verliebt, ihr innig
zugethan, verlangt sie heftig, ersehnt sie heftig: hat er nun
die Frau mit einem anderen Manne stehn und reden und scherzen
und lachen sehn, so steigt ihm darüber Wehe und Jammer,               14
Schmerz, Gram und Verzweiflung auf.«

»Aber der Mann, ihr Mönche, gedächte bei sich: ›Ich bin in
jene Frau verliebt, ihr innig zugethan, verlange sie heftig,
ersehne sie heftig. Und weil ich jene Frau mit einem anderen
Manne stehn und reden und scherzen und lachen sehn habe, steigt
mir Wehe und Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung auf. Wie,
wenn ich nun was da in mir Verlangen und Liebe zu jener Frau
ist verleugnete?‹ Und was da Verlangen und Liebe zu jener Frau
ist, das verleugnete er. Und er sähe die Frau nach einiger
Zeit mit einem anderen Manne stehn und reden und scherzen und
lachen. Was meint ihr wohl, Mönche: würde da etwa dem Manne,
der jene Frau mit einem anderen Manne stehn und reden und
scherzen und lachen sehn hätte, Wehe und Jammer, Schmerz, Gram
und Verzweiflung aufsteigen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Der Mann, o Herr, ist ja in jene Frau nicht mehr verliebt: hat
er nun die Frau mit einem anderen Manne stehn und reden und
scherzen und lachen sehn, so steigt ihm darüber nicht mehr
Wehe und Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung auf.«

»Ebenso nun auch, ihr Mönche, lässt ein Mönch sein
unüberwältigtes Gemüth eben nicht von Leiden überwältigen,
und ein wahrhaftes Wohlbefinden verleugnet er nicht, und
er bleibt bei diesem Wohlbefinden unverstört. Er gedenkt
bei sich: ›Indem ich mir jener Leidensursache Vorstellung
gegenwärtig halte, wird durch der Vorstellung Gegenwart die
Liebe verwunden; indem ich wieder betrachtend die Betrachtung
über jene Leidensursache in mir vollende, wird die Liebe              15
verwunden.‹ So hält er sich denn, wo er beim Gegenwärtighalten
der Vorstellung einer Leidensursache durch der Vorstellung
Gegenwart die Liebe verwindet, die Vorstellung da gegenwärtig;
und wo er wieder betrachtend, die Betrachtung über eine
Leidensursache vollendend die Liebe verwindet, da vollendet
er die Betrachtung. Weil er dieser und jener Leidensursache
Vorstellung sich gegenwärtig hält und durch der Vorstellung
Gegenwart die Liebe verwindet, hat er erst also dieses Leiden
überstanden; weil er betrachtend, die Betrachtung über diese
und jene Leidensursache vollendend die Liebe verwindet, hat er
dann also dieses Leiden überstanden. Und so ist, ihr Mönche,
die Anstrengung fruchtbar, fruchtbar die Mühe.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der Mönch also: ›Bin ich
da froh zufrieden, so mehren sich mir die unheilsamen Dinge
und mindern sich die heilsamen; halt’ ich mir aber das Leiden
gegenwärtig, so mindern sich mir die unheilsamen Dinge und
mehren sich die heilsamen. Wie, wenn ich mir nun das Leiden
gegenwärtig hielte?‹ Und er hält sich das Leiden gegenwärtig.
Und indem er sich das Leiden gegenwärtig hält, mindern sich
ihm die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen. Und
späterhin hält er sich das Leiden nicht mehr gegenwärtig. Und
warum nicht? Warum da, ihr Mönche, der Mönch sich das Leiden
gegenwärtig halten mochte, diesen Zweck hat er erreicht: darum
hält er sich späterhin das Leiden nicht mehr gegenwärtig.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Pfeilschmidt die Pfeilspitze
zwischen zwei Flammen anglühen und durchglühen lässt und
gerade macht zum Gebrauche; nachdem nun, ihr Mönche, der
Pfeilschmidt die Pfeilspitze zwischen zwei Flammen hat anglühen       16
und durchglühen lassen und zum Gebrauche gerade gemacht, so
thut er es späterhin nicht mehr: und warum nicht? Warum da, ihr
Mönche, der Pfeilschmidt die Pfeilspitze zwischen zwei Flammen
mochte anglühen und durchglühen lassen und gerade machen zum
Gebrauche, diesen Zweck hat er erreicht: darum thut er es
späterhin nicht mehr. Ebenso nun auch, ihr Mönche, überlegt
der Mönch also: ›Bin ich da froh zufrieden, so mehren sich mir
die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen; halt’
ich mir aber das Leiden gegenwärtig, so mindern sich mir die
unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen. Wie, wenn ich
mir nun das Leiden gegenwärtig hielte?‹ Und er hält sich das
Leiden gegenwärtig. Und indem er sich das Leiden gegenwärtig
hält, mindern sich ihm die unheilsamen Dinge und mehren sich
die heilsamen. Und späterhin hält er sich das Leiden nicht mehr
gegenwärtig. Und warum nicht? Warum da, ihr Mönche, der Mönch
sich das Leiden gegenwärtig halten mochte, diesen Zweck hat er
erreicht: darum hält er sich späterhin das Leiden nicht mehr
gegenwärtig. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar,
fruchtbar die Mühe.

»Weiter sodann, ihr Mönche[4]: der Mönch weilt, gar fern von          21
Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten
Schauung. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar,
fruchtbar die Mühe.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens gewinnt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar,
fruchtbar die Mühe.

»Weiter sodann, ihr Mönche: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹;[5] so gewinnt er die Weihe der
dritten Schauung. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung
fruchtbar, fruchtbar die Mühe.

»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erreicht der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar,
fruchtbar die Mühe.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. So kann er sich an manche verschiedene frühere         22
Daseinsform erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben,
und so weiter, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je
den eigenartigen Beziehungen. Und so ist, ihr Mönche, die
Anstrengung fruchtbar, fruchtbar die Mühe.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des
Verschwindens-Erscheinens der Wesen. So kann er mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen
sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und
unglückliche, er kann erkennen, wie die Wesen je nach den
Thaten wiederkehren. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung          23
fruchtbar, fruchtbar die Mühe.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der
Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt
er der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend wird da
sein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,
erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,
diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet       24
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da. So aber ist, ihr Mönche, die Anstrengung
fruchtbar, fruchtbar die Mühe.

»Solche Sprache führt, ihr Mönche, der Vollendete. Bei solcher
Sprache des Vollendeten, ihr Mönche, erweisen sich zehn
entsprechende Begriffe als recht.

»Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch vorhergewirktes Werk Wohl
und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, hat der Vollendete ehedem
gute That gethan, da er jetzt so wahnlose Wohlgefühle erfährt.
Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch die Schaffung eines Schöpfers
Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, ist der Vollendete
von einem gütigen Schöpfer geschaffen, da er jetzt so wahnlose
Wohlgefühle erfährt. Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch Fügung
des Zufalls Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, hat der
Vollendete einen glücklichen Zufall getroffen, da er jetzt
so wahnlose Wohlgefühle erfährt. Wenn, ihr Mönche, die Wesen
ihrer Geburt nach Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, ist
der Vollendete von günstiger Geburt, da er jetzt so wahnlose
Wohlgefühle erfährt. Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch ihre
Anstrengung hier im Leben Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr
Mönche, ist die Anstrengung des Vollendeten hier im Leben
gelungen, da er jetzt so wahnlose Wohlgefühle erfährt. Ob nun,
ihr Mönche, die Wesen durch vorhergewirktes Werk Wohl und Wehe
erfahren oder nicht: der Vollendete hat recht. Ob nun, ihr
Mönche, die Wesen durch die Schaffung eines Schöpfers Wohl und
Wehe erfahren oder nicht: der Vollendete hat recht. Ob nun,
ihr Mönche, die Wesen durch Fügung des Zufalls Wohl und Wehe
erfahren oder nicht: der Vollendete hat recht. Ob nun, ihr            25
Mönche, die Wesen ihrer Geburt nach Wohl und Wehe erfahren oder
nicht: der Vollendete hat recht. Ob nun, ihr Mönche, die Wesen
durch ihre Anstrengung hier im Leben Wohl und Wehe erfahren
oder nicht: der Vollendete hat recht.

»Solche Sprache führt, ihr Mönche, der Vollendete. Bei solcher
Sprache des Vollendeten, ihr Mönche, erweisen sich diese zehn
entsprechenden Begriffe als recht.«

               *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.[5]




                             102.

              Elfter Theil            Zweite Rede

                     DIE FÜNF UND DIE DREI


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Es giebt, ihr Mönche, einige Asketen und Priester, die der
Zukunft anhängen, der Zukunft nachsinnen, über die Zukunft            26
mancherlei Glaubenslehren verkünden. ›Bewusst ist die Seele,
genesen nach dem Tode‹: das verkünden die einen. ›Unbewusst
ist die Seele, genesen nach dem Tode‹: das verkünden die
anderen. ›Weder bewusst noch unbewusst ist die Seele, genesen
nach dem Tode‹: das verkünden die einen. Des lebendigen Leibes
Auflösung, Zerstörung, Vernichtung verkünden wiederum andere
und das höchste Glück bei Lebzeiten. Dass die Seele zwar
beharre, genesen nach dem Tode, der lebendige Leib aber der
Auflösung, Zerstörung, Vernichtung erliege, verkünden wiederum
andere und das höchste Glück bei Lebzeiten. So verhalten sich
hier die Fünf zu den Dreien wie sich die Drei zu den Fünfen
verhalten: das ist die Darstellung der Fünf und der Drei.

»Die Asketen und Priester nun, ihr Mönche, welche die Seele
als bewusst darstellen, genesen nach dem Tode, diese lieben
Asketen und Priester sagen von ihr aus, dass sie formhaft
sei, oder formlos; dass sie formhaft und formlos sei, oder
weder formhaft noch formlos; dass ihr Bewusstsein einfach sei,
oder manigfach; dass ihr Bewusstsein beschränkt sei, oder             27
unermesslich, genesen nach dem Tode. Da gehn denn ihrer einige
über alle Bewusstbarkeit hinaus und verkünden unermessliche
Unverstörung. Aber es erkennt, ihr Mönche, der Vollendete:
›Wenn diese lieben Asketen und Priester die Seele also als
bewusst darstellen, genesen nach dem Tode, und ihnen nun ein
Bewusstsein dabei als geläutert, als das beste, herrlichste und
höchste gilt, sei es formhaft oder formlos, sei es einfach oder
manigfach: ‚Nichts ist da‘ so verkünden dann andere das Reich
des Nichtdaseins als unermessliche Unverstörung. Aber das ist         28
unterschiedlich, schwerfällig; und es giebt doch eine Auflösung
der Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher Gewissheit,
eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete darüber hinaus.

»Die Asketen und Priester nun, ihr Mönche, welche die Seele
als unbewusst darstellen, genesen nach dem Tode, diese lieben
Asketen und Priester sagen von ihr aus, dass sie formhaft sei,
oder formlos; dass sie formhaft und formlos sei, oder weder
formhaft noch formlos, genesen nach dem Tode. Den Asketen
und Priestern nun, ihr Mönche, welche die Seele als bewusst
darstellen, genesen nach dem Tode, denen widersprechen diese:
und warum das? ‚Bewusst sein ist siech sein, bewusst sein ist
bresthaft sein, bewusst sein ist schmerzhaft sein: das ist
die Ruhe, das ist das Ziel, jenes unbewusst sein.‘ Aber es
erkennt, ihr Mönche, der Vollendete: ›Wenn diese lieben Asketen       29
und Priester die Seele also als unbewusst darstellen, genesen
nach dem Tode, und es wollte da nun, ihr Mönche, irgend einer
von ihnen behaupten, ‚Ich werde jenseit der Form, jenseit des
Gefühls, jenseit der Wahrnehmung, jenseit der Unterscheidungen,
jenseit des Bewusstseins ein Kommen und Gehn, ein Verschwinden
und Erscheinen, ein Wachsthum, eine Entwickelung, eine
Entfaltung beweisen‘, so ist das unmöglich. Aber das ist
unterschiedlich, schwerfällig; und es giebt doch eine Auflösung
der Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher Gewissheit,
eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete darüber hinaus.

»Die Asketen und Priester nun, ihr Mönche, welche die Seele
als weder bewusst noch unbewusst darstellen, genesen nach dem
Tode, diese lieben Asketen und Priester sagen von ihr aus,
dass sie formhaft sei, oder formlos; dass sie formhaft und
formlos sei, oder weder formhaft noch formlos, genesen nach
dem Tode. Den Asketen und Priestern nun, ihr Mönche, welche
die Seele als bewusst darstellen, genesen nach dem Tode, denen
widersprechen diese; und auch den lieben Asketen und Priestern,
welche die Seele als unbewusst darstellen, genesen nach dem
Tode, widersprechen sie: und warum das? ‚Bewusst sein ist             30
siech sein, bewusst sein ist bresthaft sein, bewusst sein ist
schmerzhaft sein; unbewusst sein ist unsinnig sein: das ist
die Ruhe, das ist das Ziel, jenes weder bewusst noch unbewusst
sein.‘ Aber es erkennt, ihr Mönche, der Vollendete: ›Wenn diese
lieben Asketen und Priester die Seele also als weder bewusst
noch unbewusst darstellen, genesen nach dem Tode, und es sagen
nun, ihr Mönche, dergleichen Asketen und Priester, dass man
da irgend noch durch Unterscheidung des Sichtbaren, Hörbaren,
Denkbaren, Bewusstbaren jenes Ziel erreichen könne, so muss das
eben, ihr Mönche, als eine Vereitelung gelten um jenes Ziel
zu erreichen: denn es erscheint nun, ihr Mönche, jenes Ziel
nicht sowohl durch Eingehn in Unterscheidung erreichbar als
vielmehr durch Eingehn in Ueberunterscheidung. Aber das ist
unterschiedlich, schwerfällig; und es giebt doch eine Auflösung
der Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher Gewissheit,
eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete darüber hinaus.

»Da finden sich nun, ihr Mönche, Asketen und Priester, die            31
des lebendigen Leibes Auflösung, Zerstörung, Vernichtung
darstellen, und denen, ihr Mönche, widersprechen nun die
Asketen und Priester, die da behaupten, die Seele sei bewusst,
genesen nach dem Tode; und auch manche liebe Asketen und
Priester, die da behaupten, die Seele sei unbewusst, genesen
nach dem Tode, widersprechen ihnen; und auch manche liebe
Asketen und Priester, die da behaupten, die Seele sei weder
bewusst noch unbewusst, genesen nach dem Tode, widersprechen
ihnen: und warum das? Alle diese lieben Asketen und Priester
halten sich an ein Drüben, hängen eben dem Glauben an: ‚So
werden wir nach dem Tode sein, so werden wir nach dem Tode
sein!‘ Gleichwie etwa ein Händler auf Handel ausgeht: ‚Dort
werd’ ich das erlangen, dafür werd’ ich dies bekommen!‘: ebenso
erscheinen mir da diese lieben Asketen und Priester wie die
Händler: ‚So werden wir nach dem Tode sein, so werden wir nach
dem Tode sein!‘[6] Aber es erkennt, ihr Mönche, der Vollendete:
›Wenn jene lieben Asketen und Priester des lebendigen Leibes
Auflösung, Zerstörung, Vernichtung darstellen, so laufen sie
aus Angst vor dem Dasein, aus Abscheu vor dem Dasein eben
um das Dasein herum, drehn sich herum. Gleichwie etwa ein
Kettenhund[7], an einen festen Pfahl oder Pfosten gefesselt,
um eben diesen Pfahl oder Pfosten herumläuft, sich herumdreht,
ebenso nun auch laufen jene lieben Asketen und Priester aus
Angst vor dem Dasein, aus Abscheu vor dem Dasein eben um das
Dasein herum, drehn sich herum. Aber das ist unterschiedlich,         32
schwerfällig; und es giebt doch eine Auflösung der
Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher Gewissheit,
eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete darüber hinaus.

»Wenn da, ihr Mönche, Asketen oder Priester der Zukunft
anhängen, der Zukunft nachsinnen, über die Zukunft mancherlei
Glaubenslehren aufstellen, so stellen alle solche eben diese
fünf Bereiche dar, oder eines derselben.

»Es giebt, ihr Mönche, manche Asketen und Priester, die der
Vergangenheit anhängen, der Vergangenheit nachsinnen, über
die Vergangenheit mancherlei Glaubenslehren aufstellen, als
wie ›Ewig ist Seele und Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn
anderes‹: das verkünden die einen. ›Zeitlich ist Seele und
Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden
die anderen. ›Ewig und zeitlich ist Seele und Welt; dies
nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden die einen.
›Weder ewig noch zeitlich ist Seele und Welt; dies nur
ist Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden die anderen.
›Endlich ist Seele und Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn
anderes‹: das verkünden die einen. ›Unendlich ist Seele und
Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden
die anderen. ›Endlich und unendlich ist Seele und Welt; dies
nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden die einen.
›Weder endlich noch unendlich ist Seele und Welt; dies nur
ist Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden die anderen.
›Einfach bewusst ist Seele und Welt; dies nur ist Wahrheit,           33
Unsinn anderes‹: das verkünden die einen. ›Manigfach bewusst
ist Seele und Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹:
das verkünden die anderen. ›Beschränkt bewusst ist Seele und
Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden die
einen. ›Unermesslich bewusst ist Seele und Welt; dies nur ist
Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden die anderen. ›Einzig
freudvoll ist Seele und Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn
anderes‹: das verkünden die einen. ›Einzig leidvoll ist Seele
und Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden
die anderen. ›Freudvoll und leidvoll ist Seele und Welt; dies
nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden die einen.
›Weder freudvoll noch leidvoll ist Seele und Welt; dies nur ist
Wahrheit, Unsinn anderes‹: das verkünden die anderen.

»Dass nun, ihr Mönche, diese Asketen und Priester, die solches
meinen, solches glauben, etwa auch ohne Zutrauen, ohne Hingabe,
ohne Hörensagen, ohne prüfendes Urtheil, ohne geduldig Einsicht
zu nehmen eben selber die Erkenntniss erlangten, die geläuterte,
die geklärte: das ist unmöglich. Ermangeln sie aber selber,
ihr Mönche, der Erkenntniss, der geläuterten, der geklärten,
so kann diesen lieben Asketen und Priestern was sie auch hier
an einiger Erkenntniss etwa irgend erringen mögen doch nur als
Anhangen gelten. ›Aber das ist unterschiedlich, schwerfällig;
und es giebt doch eine Auflösung der Unterscheidungen, das
giebt es‹: in solcher Gewissheit, eingedenk dieser Entrinnung,        34
geht der Vollendete darüber hinaus.

»Da hat, ihr Mönche, irgend ein Asket oder Priester das               35
Erforschen der Vergangenheit aufgegeben, das Erforschen der
Zukunft aufgegeben, hat gänzlich die Bande des Begehrens
abgestreift und weilt in der Weihe einsamer Freude: ‚Das
ist die Ruhe, das ist das Ziel, dass ich da in der Weihe
einsamer Freude weile.‘ Und diese einsame Freude vergeht ihm,
und wann ihm die einsame Freude vergeht erhebt sich Trübsinn,
und wann ihm der Trübsinn vergeht erhebt sich einsame Freude.
Gleichwie etwa einen, ihr Mönche, den der Schatten verlässt
die Sonne ankommt, und den die Sonne verlässt der Schatten
ankommt: ebenso nun auch, ihr Mönche, erhebt sich wann die
einsame Freude vergeht Trübsinn, und erhebt sich wann der
Trübsinn vergeht einsame Freude. Aber es erkennt, ihr Mönche,
der Vollendete: ›Dieser liebe Asket oder Priester hat das
Erforschen der Vergangenheit aufgegeben, hat das Erforschen
der Zukunft aufgegeben, hat gänzlich die Bande des Begehrens
abgestreift und weilt in der Weihe einsamer Freude: ‚Das ist
die Ruhe, das ist das Ziel, dass ich da in der Weihe einsamer
Freude weile.‘ Und diese einsame Freude vergeht ihm, und wann
ihm die einsame Freude vergeht erhebt sich Trübsinn, und wann
ihm der Trübsinn vergeht erhebt sich einsame Freude. Aber das
ist unterschiedlich, schwerfällig; und es giebt doch eine
Auflösung der Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher
Gewissheit, eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete
darüber hinaus.

»Da hat nun, ihr Mönche, irgend ein Asket oder Priester das
Erforschen der Vergangenheit aufgegeben, das Erforschen der
Zukunft aufgegeben, hat gänzlich die Bande des Begehrens
abgestreift, hat die einsame Freude überwunden und weilt in der
Weihe überweltlichen Wohles: ‚Das ist die Ruhe, das ist das           36
Ziel, dass ich da in der Weihe überweltlichen Wohles weile.‘
Und dieses überweltliche Wohl vergeht ihm, und wann ihm das
überweltliche Wohl vergeht erhebt sich einsame Freude, und wann
ihm die einsame Freude vergeht erhebt sich überweltliches Wohl.
Gleichwie etwa einen, ihr Mönche, den der Schatten verlässt die
Sonne ankommt, und den die Sonne verlässt der Schatten ankommt:
ebenso nun auch, ihr Mönche, erhebt sich wann das überweltliche
Wohl vergeht einsame Freude, und erhebt sich wann die einsame
Freude vergeht überweltliches Wohl. Aber es erkennt, ihr
Mönche, der Vollendete: ›Dieser liebe Asket oder Priester hat
das Erforschen der Vergangenheit aufgegeben, hat das Erforschen
der Zukunft aufgegeben, hat gänzlich die Bande des Begehrens
abgestreift, hat die einsame Freude überwunden und weilt in der
Weihe überweltlichen Wohles: ‚Das ist die Ruhe, das ist das
Ziel, dass ich da in der Weihe überweltlichen Wohles weile.‘
Und dieses überweltliche Wohl vergeht ihm, und wann ihm das
überweltliche Wohl vergeht erhebt sich einsame Freude, und wann
ihm die einsame Freude vergeht erhebt sich überweltliches Wohl.
Aber das ist unterschiedlich, schwerfällig; und es giebt doch
eine Auflösung der Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher
Gewissheit, eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete
darüber hinaus.

»Da hat, ihr Mönche, irgend ein Asket oder Priester das
Erforschen der Vergangenheit aufgegeben, das Erforschen der
Zukunft aufgegeben, hat gänzlich die Bande des Begehrens
abgestreift, hat die einsame Freude überwunden, hat das
überweltliche Wohl überwunden und weilt in der Weihe leidlosen,
freudlosen Gefühles: ‚Das ist die Ruhe, das ist das Ziel, dass        37
ich da in der Weihe leidlosen, freudlosen Gefühles weile.‘ Und
dieses leidlose, freudlose Gefühl vergeht ihm, und wann ihm das
leidlose, freudlose Gefühl vergeht erhebt sich überweltliches
Wohl, und wann ihm das überweltliche Wohl vergeht erhebt
sich leidloses, freudloses Gefühl. Gleichwie etwa einen, ihr
Mönche, den der Schatten verlässt die Sonne ankommt, und den
die Sonne verlässt der Schatten ankommt: ebenso nun auch, ihr
Mönche, erhebt sich wann das leidlose, freudlose Gefühl vergeht
überweltliches Wohl, und erhebt sich wann das überweltliche
Wohl vergeht leidloses, freudloses Gefühl. Aber es erkennt,
ihr Mönche, der Vollendete: ›Dieser liebe Asket oder Priester
hat das Erforschen der Vergangenheit aufgegeben, hat das
Erforschen der Zukunft aufgegeben, hat gänzlich die Bande des
Begehrens abgestreift, hat die einsame Freude überwunden,
hat das überweltliche Wohl überwunden und weilt in der Weihe
leidlosen, freudlosen Gefühles: ‚Das ist die Ruhe, das ist das
Ziel, dass ich da in der Weihe leidlosen, freudlosen Gefühles
weile.‘ Und dieses leidlose, freudlose Gefühl vergeht ihm,
und wann ihm das leidlose, freudlose Gefühl vergeht erhebt
sich überweltliches Wohl, und wann ihm das überweltliche Wohl
vergeht erhebt sich leidloses, freudloses Gefühl. Aber das ist
unterschiedlich, schwerfällig; und es giebt doch eine Auflösung
der Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher Gewissheit,
eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete darüber hinaus.

»Da hat nun, ihr Mönche, irgend ein Asket oder Priester das
Erforschen der Vergangenheit aufgegeben, das Erforschen der
Zukunft aufgegeben, hat gänzlich die Bande des Begehrens
abgestreift, hat die einsame Freude überwunden, hat das               38
überweltliche Wohl überwunden, hat das leidlose, freudlose
Gefühl überwunden und ‚Verglommen bin ich, erloschen bin ich,
ohne Anhangen in mir‘ merkt er bei sich. Aber es erkennt, ihr
Mönche, der Vollendete: ›Dieser liebe Asket oder Priester
hat das Erforschen der Vergangenheit aufgegeben, hat das
Erforschen der Zukunft aufgegeben, hat gänzlich die Bande des
Begehrens abgestreift, hat die einsame Freude überwunden,
hat das überweltliche Wohl überwunden, hat das leidlose,
freudlose Gefühl überwunden und ‚Verglommen bin ich, erloschen
bin ich, ohne Anhangen in mir‘ merkt er bei sich. Freilich
hat dieser Ehrwürdige von dem Pfade gesprochen, der zur
Erlöschung eben hinleitet.[8] Und da ist denn dieser liebe
Asket oder Priester der Erforschung der Vergangenheit doch
etwa anhänglich angehangen, der Erforschung der Zukunft
doch etwa anhänglich angehangen, den Banden des Begehrens
doch etwa anhänglich angehangen, der einsamen Freude doch
etwa anhänglich angehangen, dem überweltlichen Wohle doch
etwa anhänglich angehangen, dem leidlosen, freudlosen
Gefühle doch etwa anhänglich angehangen: und dass nun dieser
Ehrwürdige ‚Verglommen bin ich, erloschen bin ich, ohne
Anhangen in mir‘ bei sich merkt, das eben kann diesem lieben
Asketen oder Priester als Anhangen gelten. Aber das ist
unterschiedlich, schwerfällig; und es giebt doch eine Auflösung
der Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher Gewissheit,
eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete darüber hinaus.

»Da hat nun, ihr Mönche, der Vollendete den unvergleichlichen
höchsten Friedenspfad auferschlossen, das heißt der sechs
Sinnesgebiete Aufgang und Untergang, Labsal und Elend und
Ueberwindung der Wahrheit gemäß verstehn und ohne Anhangen
ledig sein.

»So hat denn, ihr Mönche, der Vollendete den unvergleichlichen        39
höchsten Friedenspfad auferschlossen, das heißt der sechs
Sinnesgebiete Aufgang und Untergang, Labsal und Elend und
Ueberwindung der Wahrheit gemäß verstehn und ohne Anhangen
ledig sein.«

       *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das
Wort des Erhabenen.[9]




                             103.

              Elfter Theil            Dritte Rede

                          VIELLEICHT


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene zu
Kusinārā, bei Gabenhain, im Waldgehölze. Dort nun wandte sich
der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!«
antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der
Erhabene sprach also:

»Vielleicht, ihr Mönche, meint ihr von mir: ›Um der Kleidung
willen legt der Asket Gotamo die Lehre dar, um der Almosenbissen
willen legt der Asket Gotamo die Lehre dar, um des Obdachs
willen legt der Asket Gotamo die Lehre dar, um dieser und
anderer Dinge willen legt der Asket Gotamo die Lehre dar‹?«

»Nicht doch, o Herr, meinen wir vom Erhabenen: ›Um der Kleidung
willen legt der Asket Gotamo die Lehre dar, um der Almosenbissen
willen legt der Asket Gotamo die Lehre dar, um des Obdachs
willen legt der Asket Gotamo die Lehre dar, um dieser und
anderer Dinge willen legt der Asket Gotamo die Lehre dar.‹«

»Wenn ihr denn, Mönche, von mir das nicht meint, was also meint       40
ihr wohl, Mönche, von mir?«

»Das meinen wir, o Herr, vom Erhabenen: mitleidig ist der
Erhabene, wohlwollend, von Mitleid bewogen legt er die Lehre
dar.«

»Meint ihr nun, Mönche, das von mir, dann habt ihr da, Mönche,
was ich euch unterweisend oftmals[10] gezeigt habe, und zwar
die vier Pfeiler der Einsicht, die vier gewaltigen Kämpfe, die
vier Machtgebiete, die fünf Fähigkeiten, die fünf Vermögen, die
sieben Erweckungen, den heiligen achtfältigen Weg eben alle in
Eintracht, verträglich, ohne Hader hier eifrig zu üben.

»Und während ihr euch, Mönche, in Eintracht, verträglich,
ohne Hader eifrig übt, seien zwei Mönche über die Lehre
verschiedener Meinung. Wenn ihr da nun merken solltet, ›Diese
Ehrwürdigen denken anders über den Sinn und anders über das
Wort‹, so hättet ihr einen Mönch, der euch zutraulicher
bedäuchte, aufzusuchen und ihm zu sagen: ›Die Ehrwürdigen
denken anders über den Sinn und anders über das Wort; das
mögt ihr Ehrwürdigen eben daran erkennen, wie es dem Sinne
nach anders ist und dem Worte nach, auf dass ihr Ehrwürdigen
nicht in Hader gerathet.‹ Und auch bei den anderen,
gegenüberstehenden Mönchen hättet ihr einen Mönch, der euch
zutraulicher bedäuchte, aufzusuchen und ihm zu sagen: ›Die
Ehrwürdigen denken anders über den Sinn und anders über das
Wort; das mögt ihr Ehrwürdigen eben daran erkennen, wie es
dem Sinne nach anders ist und dem Worte nach, auf dass ihr
Ehrwürdigen nicht in Hader gerathet.‹ So hat man falsch
Verstandenes als falsch verstanden festzustellen, und hat man
falsch Verstandenes als falsch verstanden festgestellt, was           41
Lehre ist und was Zucht ist vorzutragen.

»Wenn ihr da nun merken solltet, ›Diese Ehrwürdigen denken
wohl dem Sinne nach anders, dem Worte nach sind sie einig‹,
so hättet ihr einen Mönch, der euch zutraulicher bedäuchte,
aufzusuchen und ihm zu sagen: ›Die Ehrwürdigen denken wohl
dem Sinne nach anders, dem Worte nach sind sie einig; das
mögt ihr Ehrwürdigen eben daran erkennen, wie es wohl dem
Sinne nach anders, dem Worte nach das selbe ist, auf dass ihr
Ehrwürdigen nicht in Hader gerathet.‹ Und auch bei den anderen,
gegenüberstehenden Mönchen hättet ihr einen Mönch, der euch
zutraulicher bedäuchte, aufzusuchen und ihm zu sagen: ›Die
Ehrwürdigen denken wohl dem Sinne nach anders, dem Worte nach
sind sie einig; das mögt ihr Ehrwürdigen eben daran erkennen,
wie es wohl dem Sinne nach anders, dem Worte nach das selbe
ist, auf dass ihr Ehrwürdigen nicht in Hader gerathet.‹ So hat
man falsch Verstandenes als falsch verstanden festzustellen,
recht Verstandenes als recht verstanden festzustellen, und hat
man falsch Verstandenes als falsch verstanden festgestellt,
recht Verstandenes als recht verstanden festgestellt, was Lehre
ist und was Zucht ist vorzutragen.

»Wenn ihr da nun merken solltet, ›Diese Ehrwürdigen sind wohl
dem Sinne nach einig, dem Worte nach auseinander‹, so hättet
ihr einen Mönch, der euch zutraulicher bedäuchte, aufzusuchen
und ihm zu sagen: ›Die Ehrwürdigen sind wohl dem Sinne nach
einig, dem Worte nach auseinander; das mögt ihr Ehrwürdigen
eben daran erkennen, wie es wohl dem Sinne nach das selbe, dem
Worte nach anders ist: aber daran ist wenig gelegen, an dem
Worte, auf dass ihr Ehrwürdigen nicht um Kleinlichkeiten in           42
Hader gerathet.‹ Und auch bei den anderen, gegenüberstehenden
Mönchen hättet ihr einen Mönch, der euch zutraulicher
bedäuchte, aufzusuchen und ihm zu sagen: ›Die Ehrwürdigen
sind wohl dem Sinne nach einig, dem Worte nach auseinander;
das mögt ihr Ehrwürdigen eben daran erkennen, wie es wohl dem
Sinne nach das selbe, dem Worte nach anders ist: aber daran
ist wenig gelegen, an dem Worte, auf dass ihr Ehrwürdigen
nicht um Kleinlichkeiten in Hader gerathet.‹ So hat man recht
Verstandenes als recht verstanden festzustellen, falsch
Verstandenes als falsch verstanden festzustellen, und hat man
recht Verstandenes als recht verstanden festgestellt, falsch
Verstandenes als falsch verstanden festgestellt, was Lehre ist
und was Zucht ist vorzutragen.

»Wenn ihr da nun merken solltet, ›Diese Ehrwürdigen sind dem
Sinne nach einig und dem Worte nach einig‹, so hättet ihr einen
Mönch, der euch zutraulicher bedäuchte, aufzusuchen und ihm zu
sagen: ›Die Ehrwürdigen sind dem Sinne nach einig und dem Worte
nach einig; das mögt ihr Ehrwürdigen eben daran erkennen, wie
es dem Sinne nach das selbe ist und dem Worte nach, auf dass
ihr Ehrwürdigen nicht in Hader gerathet.‹ Und auch bei den
anderen, gegenüberstehenden Mönchen hättet ihr einen Mönch, der
euch zutraulicher bedäuchte, aufzusuchen und ihm zu sagen: ›Die
Ehrwürdigen sind dem Sinne nach einig und dem Worte nach einig;
das mögt ihr Ehrwürdigen eben daran erkennen, wie es dem Sinne
nach das selbe ist und dem Worte nach, auf dass ihr Ehrwürdigen
nicht in Hader gerathet.‹ So hat man recht Verstandenes als
recht verstanden festzustellen, und hat man recht Verstandenes        43
als recht verstanden festgestellt, was Lehre ist und was Zucht
ist vorzutragen.

»Und während ihr euch, Mönche, in Eintracht, verträglich,
ohne Hader eifrig übt, habe da ein Mönch gefehlt, habe sich
vergangen. Da soll man, ihr Mönche, mit der Ermahnung nicht
zaudern, soll auf den Mann sein Augenmerk richten: ›Das wird
mir keine Plage bereiten und dem Nächsten keinen Anstoß: denn
dieser Mann ist nicht zornig, nicht feindsälig, nicht schwach
von Begriffen, lässt sich leicht zurechtweisen, und ich kann
ihn vom Unrechten abbringen und im Rechten bestärken‹: verhält
es sich also, ihr Mönche, dann ist Ansprache schicklich.

»Verhält es sich ferner, ihr Mönche, also: ›Das wird zwar mir
keine Plage, aber dem Nächsten Anstoß bereiten: denn dieser
Mann ist zornig, feindsälig, schwach von Begriffen, doch lässt
er sich leicht zurechtweisen, und ich kann ihn vom Unrechten
abbringen und im Rechten bestärken; und so ist wenig daran
gelegen, am Anstoß des Nächsten, sondern vielmehr eben daran,
dass ich ihn vom Unrechten abbringen und im Rechten bestärken
kann‹: verhält es sich also, ihr Mönche, dann ist Ansprache
schicklich.

»Verhält es sich ferner, ihr Mönche, also: ›Das wird mir zwar
Plage bereiten, aber keinen Anstoß dem Nächsten: denn dieser
Mann ist nicht zornig, nicht feindsälig, nicht schwach von
Begriffen, doch lässt er sich schwer zurechtweisen, aber ich
kann ihn vom Unrechten abbringen und im Rechten bestärken; und
so ist wenig daran gelegen, an meiner Plage, sondern vielmehr
eben daran, dass ich ihn vom Unrechten abbringen und im Rechten
bestärken kann‹: verhält es sich also, ihr Mönche, dann ist           44
Ansprache schicklich.

»Verhält es sich ferner, ihr Mönche, also: ›Das wird mir
Plage bereiten und Anstoß dem Nächsten: denn dieser Mann ist
zornig, feindsälig, schwach von Begriffen, lässt sich schwer
zurechtweisen, doch kann ich ihn vom Unrechten abbringen und im
Rechten bestärken; und so ist wenig daran gelegen, an meiner
Plage und am Anstoß des Nächsten, sondern vielmehr eben daran,
dass ich ihn vom Unrechten abbringen und im Rechten bestärken
kann‹: verhält es sich also, ihr Mönche, dann ist Ansprache
schicklich.

»Verhält es sich ferner, ihr Mönche, also: ›Das wird mir
Plage bereiten und Anstoß dem Nächsten: denn dieser Mann ist
zornig, feindsälig, schwach von Begriffen, lässt sich schwer
zurechtweisen, und ich kann ihn vom Unrechten nicht abbringen
und im Rechten bestärken‹: bei einem solchen Manne, ihr Mönche,
darf man den Gleichmuth nicht außeracht lassen.

»Und während ihr euch, Mönche, in Eintracht, verträglich, ohne
Hader eifrig übt, habe sich unter euch unterschiedliche Rede
erhoben, eigensinniges Behaupten[11], geistiges Erstarren,
Misstrauen, Verdrossenheit. Da hättet ihr bei den einen
gegenüberstehenden Mönchen einen Mönch, der euch zutraulicher
bedäuchte, aufzusuchen und ihm zu sagen: ›Während wir, Bruder,
in Eintracht, verträglich, ohne Hader eifrig uns übten, hat
sich unter uns unterschiedliche Rede erhoben, eigensinniges
Behaupten, geistiges Erstarren, Misstrauen, Verdrossenheit:
das prüfe der Asket, um es abzuweisen.‹ Rechten Bescheid, ihr
Mönche, würde der Mönch also geben: ›Wenn wir, Brüder, in             45
Eintracht, verträglich, ohne Hader eifrig uns übten, und es hat
sich unter uns unterschiedliche Rede erhoben, eigensinniges
Behaupten, geistiges Erstarren, Misstrauen, Verdrossenheit,
so prüfe das der Asket, um es abzuweisen.‹ -- ›Doch kann man,
Bruder, ohne davon zu lassen, die Erlöschung verwirklichen?‹
Rechten Bescheid, ihr Mönche, würde der Mönch also geben:
›Man kann, Brüder, ohne davon zu lassen, nicht die Erlöschung
verwirklichen.‹ Und auch bei den anderen gegenüberstehenden
Mönchen hättet ihr einen Mönch, der euch zutraulicher
bedäuchte, aufzusuchen und ihm zu sagen: ›Während wir, Bruder,
in Eintracht, verträglich, ohne Hader eifrig uns übten, hat
sich unter uns unterschiedliche Rede erhoben, eigensinniges
Behaupten, geistiges Erstarren, Misstrauen, Verdrossenheit:
das prüfe der Asket, um es abzuweisen.‹ Rechten Bescheid, ihr
Mönche, würde der Mönch also geben: ›Wenn wir, Brüder, in
Eintracht, verträglich, ohne Hader eifrig uns übten, und es hat
sich unter uns unterschiedliche Rede erhoben, eigensinniges
Behaupten, geistiges Erstarren, Misstrauen, Verdrossenheit, so
prüfe das der Asket, um es abzuweisen.‹ -- ›Doch kann man,
Bruder, ohne davon zu lassen, die Erlöschung verwirklichen?‹
Rechten Bescheid, ihr Mönche, würde der Mönch also geben:
›Man kann, Brüder, ohne davon zu lassen, nicht die Erlöschung
verwirklichen.‹

»Wenn nun, ihr Mönche, die anderen diesen Mönch fragten: ›Hat
wohl der Ehrwürdige jene Mönche vom Unrechten abgebracht und
im Rechten bestärkt?‹, so würde, ihr Mönche, der Mönch rechten
Bescheid also geben: ›Ich war da, Brüder, zum Erhabenen               46
gegangen, und der Erhabene hat mir die Lehre dargelegt; und
da ich nun die Lehre vernommen, hab’ ich sie jenen Mönchen
vorgetragen: auf diese Lehre haben die Mönche gehorcht und
sind vom Unrechten abgekommen, im Rechten erstarkt.‹ Also
bescheidend, ihr Mönche, hebt ein Mönch weder sich selber
hervor, noch setzt er den Nächsten herab, und er redet der
Lehre gemäß, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als
ungehörig erweisen kann.«

               *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.[12]




                             104.

              Elfter Theil            Vierte Rede

                         VOR SĀMAGĀMO


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande
der Sakker, bei Sāmagāmo.[13]

Um diese Zeit nun war der Freie Bruder Nāthaputto zu Pāvā
eben erst gestorben. Nach dessen Tode zerfielen die Freien
Brüder, entzweiten sich, Zank und Streit brach aus unter
ihnen, sie haderten mit einander und scharfe Wortgefechte
fanden statt: ›Nicht du kennst diese Lehre und Ordnung: ich
kenne diese Lehre und Ordnung! Was wirst du diese Lehre und
Ordnung verstehn? Auf falscher Fährte bist du: ich bin auf
rechter Fährte. Mir ist’s gelungen: dir misslungen. Was vorher
zu sagen ist hast du nachher gesagt: was nachher zu sagen
ist hast du vorher gesagt. Deine Behauptung ist umgestürzt,
dein Wort dir entwunden worden: gebändigt bist du, gieb deine
Rede verloren, oder widersteh’ wenn du kannst!‹: so trat
einer dem anderen entgegen. Wie ein Mörder schien sich fast           47
jeder von den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,
zu gebärden. Die aber da dem Freien Bruder Nāthaputto als
Anhänger zugethan waren, im Hause lebend, weiß gekleidet, die
schienen vor den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,
Unbehagen, Missfallen, Widerwillen zu empfinden, wie das
eintritt bei einer schlechtverkündeten Heilsordnung, bei einer
schlechtdargelegten, abstoßenden, Unruhe schaffenden, die kein
vollkommen Erwachter kundgethan hat, deren Kuppel geborsten
ist, die keine Zuflucht gewährt.[14]

Da nun begab sich Cundo, ein Asketenlehrling, der die Regenzeit
in Pāvā zugebracht hatte, nach Sāmagāmo, dorthin wo der
ehrwürdige Ānando weilte. Dort angelangt begrüßte er den
ehrwürdigen Ānando höflich und setzte sich zur Seite nieder.
Zur Seite sitzend sprach nun Cundo der Asketenlehrling zum
ehrwürdigen Ānando also:

»Der Freie Bruder, o Herr, Nāthaputto ist zu Pāvā vor
kurzem gestorben. Nach dessen Tode sind die Freien Brüder
zerfallen, haben sich entzweit, Zank und Streit ist unter
ihnen ausgebrochen, sie hadern mit einander und scharfe
Wortgefechte finden statt. Wie ein Mörder scheint sich fast
jeder von den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,
zu gebärden. Die aber da dem Freien Bruder Nāthaputto als
Anhänger zugethan sind, im Hause lebend, weiß gekleidet, die
scheinen vor den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,
Unbehagen, Missfallen, Widerwillen zu empfinden, wie das
eintritt bei einer schlechtverkündeten Heilsordnung, bei einer
schlechtdargelegten, abstoßenden, Unruhe schaffenden, die kein
vollkommen Erwachter kundgethan hat, deren Kuppel geborsten
ist, die keine Zuflucht gewährt.«

Auf diese Worte wandte sich der ehrwürdige Ānando also an Cundo
den Asketenlehrling:

»Es ist, Bruder Cundo, dieser Mittheilung halber gerathen, den
Erhabenen aufzusuchen. Wir wollen, Bruder Cundo, zum Erhabenen
hingehn und davon berichten.«

»Gern, o Herr!« sagte da Cundo der Asketenlehrling, dem
ehrwürdigen Ānando zustimmend.

Und der ehrwürdige Ānando begab sich nun mit Cundo dem
Asketenlehrling zum Erhabenen hin. Dort angelangt begrüßten sie
den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder.
Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Ānando also zum
Erhabenen:

»Dieser Cundo, der Asketenlehrling, o Herr, hat erzählt:
›Der Freie Bruder, o Herr, Nāthaputto ist zu Pāvā vor                 48
kurzem gestorben. Nach dessen Tode sind die Freien Brüder
zerfallen, haben sich entzweit, Zank und Streit ist unter
ihnen ausgebrochen, sie hadern mit einander und scharfe
Wortgefechte finden statt. Wie ein Mörder scheint sich fast
jeder von den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,
zu gebärden. Die aber da dem Freien Bruder Nāthaputto als
Anhänger zugethan sind, im Hause lebend, weiß gekleidet, die
scheinen vor den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,
Unbehagen, Missfallen, Widerwillen zu empfinden, wie das
eintritt bei einer schlechtverkündeten Heilsordnung, bei einer
schlechtdargelegten, abstoßenden, Unruhe schaffenden, die kein
vollkommen Erwachter kundgethan hat, deren Kuppel geborsten
ist, die keine Zuflucht gewährt.‹ Da ist mir, o Herr, der
Gedanke gekommen: ›O dass nicht etwa nach des Erhabenen Hingang
unter den Jüngern Hader entstehe: dieser Hader gereichte gar
vielen zum Unheil und Unglücke, gar vielen zum Verderben, zum
Unheil und Leiden für Götter und Menschen‹.«

»Was bedünkt dich, Ānando: was ich euch unterweisend oftmals
gezeigt habe, und zwar die vier Pfeiler der Einsicht, die vier
gewaltigen Kämpfe, die vier Machtgebiete, die fünf Fähigkeiten,
die fünf Vermögen, die sieben Erweckungen, den heiligen
achtfältigen Weg, kennst du da wohl, Ānando, auch nur zwei
Mönche, die verschiedener Meinung sind?«

»Was da, o Herr, der Erhabene unterweisend oftmals gezeigt hat,
und zwar die vier Pfeiler der Einsicht, die vier gewaltigen
Kämpfe, die vier Machtgebiete, die fünf Fähigkeiten, die fünf
Vermögen, die sieben Erweckungen, den heiligen achtfältigen
Weg, da kenne ich auch nicht zwei Mönche, die verschiedener
Meinung sind. Es giebt aber etliche, o Herr, die sich so
stellen, als ob sie dem Erhabenen ergeben wären[15], und
die nach des Erhabenen Hingang unter den Jüngern Hader
anstiften möchten, sei es um der Lebensnothdurft, sei es um
der Ordensregel willen: dieser Hader gereichte gar vielen zum
Unheil und Unglücke, gar vielen zum Verderben, zum Unheil und
Leiden für Götter und Menschen.«

»Wenig läge daran, Ānando, am Hader um die Lebensnothdurft            49
oder um die Ordensregel: doch um den Weg, Ānando, oder den
Pfad, wenn darum unter den Jüngern Hader entstehn sollte, so
gereichte solcher Hader gar vielen zum Unheil und Unglücke,
gar vielen zum Verderben, zum Unheil und Leiden für Götter und
Menschen.

               *       *       *       *       *

»Sechs giebt es, Ānando, der Wurzeln des Haders: und welche
sechs? Da ist, Ānando, ein Mönch zornig und feindsälig. Ein
Mönch, Ānando, der zornig und feindsälig ist, der hat vor dem
Meister keine Achtung, keine Ergebung, hat vor der Lehre keine
Achtung, keine Ergebung, hat vor den Jüngern keine Achtung,
keine Ergebung, und der Regel kommt er nicht vollkommen nach.
Ein Mönch, Ānando, der vor dem Meister, vor der Lehre, vor
den Jüngern keine Achtung hat, keine Ergebung, und der Regel
nicht vollkommen nachkommt, der stiftet unter den Jüngern
Hader an. Gereicht dieser Hader gar vielen zum Unheil und
Unglücke, gar vielen zum Verderben, zum Unheil und Leiden für
Götter und Menschen, und ihr nehmt nun, Ānando, eines solchen
Haders Wurzel in euch oder außer euch wahr, so mögt ihr,
Ānando, darauf hinarbeiten, die Wurzel eben dieses üblen Haders
auszujäten. Nehmt ihr nun, Ānando, eines solchen Haders Wurzel
in euch oder außer euch nicht wahr, so mögt ihr, Ānando, darauf
bedacht sein, die Wurzel eben dieses üblen Haders künftighin
nicht erwachsen zu lassen. Also jätet man die Wurzel dieses
üblen Haders aus, also lässt man die Wurzel dieses üblen Haders       50
künftighin nicht erwachsen.

»Weiter sodann, Ānando: ein Mönch ist häuchlerisch und
neidisch, er ist eifernd und selbstsüchtig, er ist listig und
gleißnerisch, er ist boshaft und falsch, er hat nur für das vor
Augen Liegende Sinn, greift mit beiden Händen zu, lässt sich
schwer abweisen. Ein solcher Mönch, Ānando, der hat vor dem
Meister keine Achtung, keine Ergebung, hat vor der Lehre keine
Achtung, keine Ergebung, hat vor den Jüngern keine Achtung,
keine Ergebung, und der Regel kommt er nicht vollkommen nach.
Ein Mönch, Ānando, der vor dem Meister, vor der Lehre, vor
den Jüngern keine Achtung hat, keine Ergebung, und der Regel
nicht vollkommen nachkommt, der stiftet unter den Jüngern
Hader an. Gereicht dieser Hader gar vielen zum Unheil und
Unglücke, gar vielen zum Verderben, zum Unheil und Leiden für
Götter und Menschen, und ihr nehmt nun, Ānando, eines solchen
Haders Wurzel in euch oder außer euch wahr, so mögt ihr,
Ānando, darauf hinarbeiten, die Wurzel eben dieses üblen Haders
auszujäten. Nehmt ihr nun, Ānando, eines solchen Haders Wurzel
in euch oder außer euch nicht wahr, so mögt ihr, Ānando, darauf
bedacht sein, die Wurzel eben dieses üblen Haders künftighin
nicht erwachsen zu lassen. Also jätet man die Wurzel dieses
üblen Haders aus, also lässt man die Wurzel dieses üblen Haders
künftighin nicht erwachsen. Das sind, Ānando, die sechs Wurzeln
des Haders.

               *       *       *       *       *

»Vier Arten giebt es, Ānando, der Streitigkeiten: und welche          51
vier? Wegen Haders, wegen Tadels, wegen Schuld, wegen Sühne.
Das sind, Ānando, vier Arten von Streitigkeiten. Und sieben der
Mittel giebt es, Ānando, um Streitigkeiten aufzulösen, um da
manche aufgestiegenen Streitigkeiten aufzulösen, zu schlichten:
Abweisung durch Gegenüberstellen, die Mehrheit, Abweisung durch
Erinnern, Abweisung durch Entblöden, Annahme des Geständnisses,
die schlimmere Weise, Gras darüber streuen.

»Wie aber wird, Ānando, durch Gegenüberstellen abgewiesen? Da
hadern, Ānando, die Mönche: ›So ist die Lehre‹, ›So ist die
Lehre nicht‹, ›So ist die Zucht‹, ›So ist die Zucht nicht‹.
Da haben denn, Ānando, eben alle diese Mönche in Eintracht
zusammenzukommen und, zusammengekommen, die Richtschnur der
Lehre gemeinsam zu ziehn: und haben sie die Richtschnur der
Lehre gemeinsam gezogen, wie sie da übereinstimmt, danach
diese Streitigkeit zu schlichten. Also wird, Ānando, durch
Gegenüberstellen abgewiesen, und also werden da gar manche
Streitigkeiten geschlichtet, eben durch Gegenüberstellen.

»Wie aber kommt, Ānando, die Mehrheit zustande? Wenn nun,
Ānando, diese Mönche die Streitigkeit an ihrem Orte nicht zu
schlichten vermögen, so haben, Ānando, diese Mönche einen
Ort aufzusuchen wo mehr der Mönche verweilen, und dort eben
alle in Eintracht zusammenzukommen und, zusammengekommen,
die Richtschnur der Lehre gemeinsam zu ziehn: und haben sie
die Richtschnur der Lehre gemeinsam gezogen, wie sie da
übereinstimmt, danach diese Streitigkeit zu schlichten. Also
kommt, Ānando, die Mehrheit zustande, und also werden da gar
manche Streitigkeiten geschlichtet, eben durch die Mehrheit.

»Wie aber wird, Ānando, durch Erinnern abgewiesen? Da ermahnen,       52
Ānando, die Mönche einen Mönch einer so gewichtigen Schuld
wegen, dass Ausschließung folgen oder drohen muss: ›Erinnert
sich der Ehrwürdige, eine so gewichtige Schuld begangen
zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹ Er
aber sagt: ›Nein, Brüder, ich erinnere mich nicht, eine so
gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung folgen
oder drohen muss.‹ Einen solchen Mönch, Ānando, hat man also
durch Erinnern abzuweisen. Also wird, Ānando, durch Erinnern
abgewiesen, und also werden da gar manche Streitigkeiten
geschlichtet, eben durch Erinnern.

»Wie aber wird, Ānando, durch Entblöden abgewiesen? Da
ermahnen, Ānando, die Mönche einen Mönch einer so gewichtigen
Schuld wegen, dass Ausschließung folgen oder drohen muss:
›Erinnert sich der Ehrwürdige, eine so gewichtige Schuld
begangen zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹
Er aber sagt: ›Nein, Brüder, ich erinnere mich nicht, eine
so gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung
folgen oder drohen muss.‹ Und da er es nicht zugiebt, wird er
überführt: ›Sieh’ doch, Ehrwürdiger, besinne dich nur genau,
ob du dich nicht erinnerst, eine so gewichtige Schuld begangen
zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹ Und er
sagt: ›Ich war, Brüder, in Irrsinn gerathen, hatte den Verstand
verloren, als Irrsinniger hab’ ich viel begangen, was Asketen
nicht ziemt, habe wirr gesprochen: ich erinnere mich dessen
nicht, blöde hab’ ich es gethan.‹ Einen solchen Mönch, Ānando,
hat man also durch Entblöden abzuweisen. Also wird, Ānando,
durch Entblöden abgewiesen, und also werden da gar manche
Streitigkeiten geschlichtet, eben durch Entblöden.                    53

»Wie aber wird, Ānando, das Geständniss angenommen? Da erinnert
sich, Ānando, ein Mönch, ermahnt oder nicht ermahnt, einer
Schuld, er deckt sie auf, legt sie dar. Ein solcher Mönch,
Ānando, hat einen älteren Mönch aufzusuchen, den Mantel um die
eine Schulter zu schlagen, sich zu verneigen, auf der Erde
niederzusitzen, die Hände zu falten und also zu reden: ›Ich
habe, o Herr, eine derartige Schuld begangen: das geb’ ich zu
erkennen.‹ Und jener sagt: ›Siehst du es ein?‹ -- ›Ich seh’ es
ein.‹ -- ›Willst du künftighin dich hüten?‹ -- ›Ich werde mich
hüten.‹ Also wird, Ānando, das Geständniss angenommen, und also
werden da gar manche Streitigkeiten geschlichtet, eben durch
Annahme des Geständnisses.

»Was aber ist, Ānando, die schlimmere Weise? Da ermahnen,
Ānando, die Mönche einen Mönch einer so gewichtigen Schuld
wegen, dass Ausschließung folgen oder drohen muss: ›Erinnert
sich der Ehrwürdige, eine so gewichtige Schuld begangen
zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹ Er
aber sagt: ›Nein, Brüder, ich erinnere mich nicht, eine so
gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung
folgen oder drohen muss.‹ Und da er es nicht zugiebt, wird
er überführt: ›Sieh’ doch, Ehrwürdiger, besinne dich nur
genau, ob du dich nicht erinnerst, eine so gewichtige Schuld
begangen zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹
Er aber sagt: ›Nein, Brüder, ich erinnere mich nicht, eine
so gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung
folgen oder drohen muss: doch erinnere ich mich, Brüder,
eine ganz belanglose Schuld begangen zu haben.‹ Und da er es          54
nicht zugiebt, wird er überführt: ›Sieh’ doch, Ehrwürdiger,
besinne dich nur genau, ob du dich nicht erinnerst, eine so
gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung folgen
oder drohen muss?‹ Er aber sagt: ›Ich mochte ja doch, Brüder,
diese belanglose Schuld, die ich begangen, ohne gefragt zu
sein bekennen: wie werd’ ich da eine so gewichtige Schuld,
deren Begehn von Ausschließung gefolgt oder bedroht sein
muss, wo man mich fragt, nicht bekennen?‹ Und jener sagt: ›Du
würdest wohl, Bruder, die Begehung dieser belanglosen Schuld
ohne gefragt zu sein nicht bekannt haben: wie hättest du erst
die Begehung einer so gewichtigen Schuld, dass Ausschließung
folgen oder drohen muss, ohne gefragt zu sein bekennen mögen?
Sieh’ doch, Ehrwürdiger, besinne dich nur genau, ob du dich
nicht erinnerst, eine solche Schuld begangen zu haben?‹ Und
er sagt: ›Ich erinnere mich, Brüder, eine so gewichtige
Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung folgen oder
drohen muss: zum Spaaße hab’ ich gesagt, zum Spotte hab’ ich
gesagt ‚Ich erinnere mich nicht daran‘.‹ Das ist, Ānando, die
schlimmere Weise, und also werden da gar manche Streitigkeiten
geschlichtet, eben auf die schlimmere Weise.

»Wie aber wird, Ānando, Gras darüber gestreut? Da ist, Ānando,
unter den Mönchen Zank und Streit ausgebrochen, sie sind in
Hader gerathen und haben viel begangen, was Asketen nicht
ziemt, haben wirr gesprochen. Da haben denn, Ānando, eben
alle die Mönche in Eintracht zusammenzukommen; und sind sie
zusammengekommen, so soll auf der einen Seite der Mönche ein
erfahrenerer Mönch aufstehn, den Mantel um die eine Schulter
schlagen, die Hände emporheben und die Jünger einladen: ›Hören        55
möge mich die werthe Jüngerschaft: es ist da unter uns Zank
und Streit ausgebrochen, wir sind in Hader gerathen und haben
viel begangen, was Asketen nicht ziemt, haben wirr gesprochen.
Wenn es der Jüngerschaft angemessen erscheint, so will ich eben
dieser Ehrwürdigen Schuld wie auch meine eigene Schuld, eben
diesen Ehrwürdigen zum Heile wie auch mir zum Heile, inmitten
der Jünger bekanntgeben, um Gras darüber zu streuen; doch ist
es kein grobes Vergehn, ist kein häuslicher Vorgang.‹[16] Und
auch auf der anderen Seite der Mönche soll ein erfahrenerer
Mönch aufstehn, den Mantel um die eine Schulter schlagen,
die Hände emporheben und die Jünger einladen: ›Hören möge
mich die werthe Jüngerschaft: es ist da unter uns Zank und
Streit ausgebrochen, wir sind in Hader gerathen und haben viel
begangen, was Asketen nicht ziemt, haben wirr gesprochen. Wenn
es der Jüngerschaft angemessen erscheint, so will ich eben
dieser Ehrwürdigen Schuld wie auch meine eigene Schuld, eben
diesen Ehrwürdigen zum Heile wie auch mir zum Heile, inmitten
der Jünger bekanntgeben, um Gras darüber zu streuen; doch ist
es kein grobes Vergehn, ist kein häuslicher Vorgang.‹ Also
wird, Ānando, Gras darüber gestreut, und also werden da gar
manche Streitigkeiten geschlichtet, eben durch Gras darüber
streuen.

»Sechs Dinge giebt es, Ānando, nicht zu vergessende, hoch und
hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden,
zur Eintracht führen: und welche sind das? Da dient, Ānando,
ein Mönch seinen Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen
als verborgen. Das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch          56
und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum
Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: der Mönch
dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Worte, so offen als
verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch
und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum
Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: der Mönch
dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Herzen, so offen als
verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch
und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss,
zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: wenn
der Mönch Gaben empfängt, Ordenspenden, so theilt er sie
nicht nach Belieben, sondern bis auf die Brocken in meiner
Almosenschaale nach dem Maaße der bewährten Brüder des Ordens.
Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr
gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden,
zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: der Mönch bewahrt
die Ordenspflichten, ungebrochen, unverletzt, ungemustert,
ungesprenkelt, aus freiem Entschlusse, als von Verständigen
gepriesen, nicht angetastet, zur Vertiefung tauglich, er übt
diese Pflichten gleich seinen Ordensbrüdern, so offen als
verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch
und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum
Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: der Mönch
hat jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler
zur gänzlichen Leidensversiegung ausreicht, jene Ansicht hat
er mit seinen Ordensbrüdern gemeinsam bewahrt, so offen als
verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch
und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum
Frieden, zur Eintracht führt. Das aber sind, Ānando, die sechs        57
Dinge, nicht zu vergessende, hoch und hehr gehaltene, die zum
allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führen.

»Und wenn ihr, Ānando, diese sechs nicht zu vergessenden Dinge
treulich bewahren wollt, wisst ihr dann, Ānando, von einer
Redeweise, ob fein oder gemein, die ihr nicht zu ertragen
vermöchtet?«.

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Darum also, Ānando, mögt ihr diese sechs nicht zu vergessenden
Dinge treulich bewahren: das wird euch lange zum Wohle, zum
Heile gereichen.«

               *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Ānando über das Wort des Erhabenen.[17]




                             105.

              Elfter Theil            Fünfte Rede

                          SUNAKKHATTO


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei.

Um diese Zeit nun war von gar manchem Mönche vor dem Erhabenen
die Gewissheit verkündet worden: ‚›Versiegt ist die Geburt,
vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist
diese Welt‹ versteh’ ich da.‘

Es hörte aber Sunakkhatto, der junge Licchavier, reden: »Gar
mancher Mönch soll vor dem Erhabenen die Gewissheit kundgethan
haben: ‚›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum,
gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteh’ ich da.‘«

Da begab sich denn Sunakkhatto der junge Licchavier dorthin wo
der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und
setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun            58
Sunakkhatto der junge Licchavier zum Erhabenen also:

»Reden hab’ ich hören, o Herr: »Gar mancher Mönch, sagt man,
hat vor dem Erhabenen die Gewissheit kundgethan: ‚›Versiegt ist
die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht
mehr ist diese Welt‹ versteh’ ich da.‘« Die Mönche, o Herr, die
da solches vor dem Erhabenen ausgesagt, haben wohl diese, o
Herr, nur eben die Gewissheit kundgemacht, oder giebt es auch
einige Mönche, die es mit Dünkel gethan?«

»Die Mönche, Sunakkhatto, die vor mir die Gewissheit verkündet
haben: ‚›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum,
gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteh’ ich da‘:
unter diesen sind manche Mönche, die eben nur die Gewissheit
kundgemacht, und sind wieder manche Mönche, die es auch mit
Dünkel gethan. Wenn da, Sunakkhatto, Mönche eben nur die
Gewissheit kundgemacht haben, so gilt ihnen das eben dafür;
und wiederum wenn da Mönche es mit Dünkel gethan, so gedenkt,
Sunakkhatto, der Vollendete: ›Wahrheit will ich sie weisen.‹
Und wenn da nun, Sunakkhatto, der Vollendete also gedenkt
›Wahrheit will ich sie weisen‹, so kommen da wieder gar manche
eitle Menschen heran und richten sich Fragen zurecht und
legen sie dem Vollendeten vor. Und weil nun, Sunakkhatto, der
Vollendete also gedenkt ›Wahrheit will ich sie weisen‹, so ist
das gar manchem ungelegen.«

»Da ist es, Erhabener, Zeit, da ist es, Willkommener, Zeit,
dass der Erhabene die Wahrheit weise: des Erhabenen Wort werden       59
die Mönche bewahren.«

»Wohlan denn, Sunakkhatto, so höre und achte wohl auf meine
Rede.«

»Gewiss, o Herr!« erwiderte da aufmerksam Sunakkhatto der junge
Licchavier dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Fünf Begehrungen, Sunakkhatto, giebt es: welche fünf? Die durch
das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen, die ersehnten,
geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch das Gehör ins Bewusstsein tretenden Töne,
die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren
entsprechenden, reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein
tretenden Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden,
angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch
den Geschmack ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten,
geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden
Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Sunakkhatto,
die fünf Begehrungen.

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein
Mensch vom Köder der Welt angezogen sei. Einem Menschen,
Sunakkhatto, der vom Köder der Welt angezogen ist, kommt eben
ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht
überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich
mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über Unverstörung geführt,
so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz
der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet
sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn da ein
Mann von seinem Dorfe oder seiner Stadt seit langem verreist
wäre; und er träfe einen anderen Mann, von dort vor kurzem
fortgegangen, und fragte ihn um den Zustand, um die Wohlfahrt
und das Gedeihen jenes Dorfes oder jener Stadt, und der Mann
rühmte ihm den Zustand, die Wohlfahrt und das Gedeihen jenes
Dorfes oder jener Stadt; was bedünkt dich nun, Sunakkhatto:
würde da wohl jener Mann auf ihn horchen, ihm Gehör leihen, der       60
Kunde sein Herz zuwenden, mit dem Manne umgehn, mit ihm sich
befreunden?«

»Gewiss, o Herr!«

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall,
dass da irgend ein Mensch vom Köder der Welt angezogen sei.
Einem Menschen, Sunakkhatto, der vom Köder der Welt angezogen
ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich
darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne
um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über
Unverstörung geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör,
wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht
um, befreundet sich nicht mit ihm. Bei dem wäre zu merken: Ein
Mensch, vom Köder der Welt angezogen.

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend
ein Mensch von Unverstörung angezogen sei. Einem Menschen,
Sunakkhatto, der von Unverstörung angezogen ist, kommt eben
ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht
überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich
mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über weltlichen Köder
geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet
sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um,
befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, ein
welkes Blatt, vom Stängel abgefallen, nicht mehr ergrünen kann,
ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist von einem Menschen, angezogen
von Unverstörung, was Fessel weltlichen Köders war abgefallen.        61
Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von
der Fessel weltlichen Köders, von Unverstörung angezogen.

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend
ein Mensch vom Reiche des Nichtdaseins angezogen sei. Einem
Menschen, Sunakkhatto, der vom Reich des Nichtdaseins angezogen
ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich
darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne
um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über
Unverstörung geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein
Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne
nicht um, befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa,
Sunakkhatto, ein Steinblock, entzwei gespalten, sich nicht
mehr zusammenfügen lässt, ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist
bei einem Menschen, angezogen vom Reich des Nichtdaseins,
was Fessel der Unverstörung war gespalten. Bei dem wäre zu
merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel der
Unverstörung, vom Reich des Nichtdaseins angezogen.[18]

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein
Mensch von der Gränze möglicher Wahrnehmung angezogen sei.
Einem Menschen, Sunakkhatto, der von der Gränze möglicher
Wahrnehmung angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch
gelegen, und was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er,
geht mit dem Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa
ein Gespräch über das Reich des Nichtdaseins geführt, so horcht
er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde
nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht
mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann, an einer         62
einladenden Schüssel gesättigt, diese von sich schöbe; was
bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl dem Manne wiederum
Esslust nach dem Gerichte kommen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Jenes Gericht, o Herr, würde ihm ja nunmehr widerstehn.«

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist von einem Menschen,
angezogen von der Gränze möglicher Wahrnehmung, was Fessel vom
Reiche des Nichtdaseins war abgethan. Bei dem wäre zu merken:
Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel vom Reiche des
Nichtdaseins, von der Gränze möglicher Wahrnehmung angezogen.

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein
Mensch von vollkommener Wahnerlöschung angezogen sei. Einem
Menschen, Sunakkhatto, der von vollkommener Wahnerlöschung
angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und
was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem
Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch
über die Gränze möglicher Wahrnehmung geführt, so horcht er
nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht
zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht mit ihm.
Gleichwie etwa, Sunakkhatto, eine Palme, der man die Krone
abgeschnitten hat, nicht wieder emporwachsen kann, ebenso
nun auch, Sunakkhatto, ist bei einem Menschen, angezogen von
vollkommener Wahnerlöschung, was Fessel der Gränze möglicher
Wahrnehmung war abgehauen, an der Wurzel abgeschnitten, einem
Palmstumpf gleichgemacht, so dass es nicht mehr keimen, nicht
mehr sich entwickeln kann. Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch,
der da losgelöst ist von der Fessel der Gränze möglicher
Wahrnehmung, von vollkommener Wahnerlöschung angezogen.

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend              63
ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt,
‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und
-hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt,
weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene
Wahnerlöschung hat mich angezogen‹: also bedünke ihn dünkendes
Heil. Und was einem vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen
nicht bekommt, das erlaubte er sich: erlaubte sich mit dem
Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem
Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem
Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit
dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte
sich mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte
sich mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und
weil er sich erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm
nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was
ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen
was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geschmacke
zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem
Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit
dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein
Herz anschwellen lassen, kann er mit giergeschwelltem Herzen
dem Tode entgegengehn oder tödtlichem Schmerze.

»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann von einem Pfeile
getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, und
seine Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern bestellten ihm
einen heilkundigen Arzt, und der heilkundige Arzt schnitte ihm
mit einem Messer die Mündung der Wunde auf, dann suchte er mit
einer Sonde nach der Spitze, und nachdem er diese gefunden,
zöge er sie heraus, brächte die Giftsalbe weg, nicht ohne
Ueberrest, wohl wissend[19], es sei noch ein Rest geblieben,
und er spräche also: ›Lieber Mann, herausgezogen ist dir der          64
Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, nicht ohne Ueberrest,
und da kann dir noch Gefahr drohen. Nur was dir bekommt an
Nahrung darfst du genießen, auf dass nicht durch den Genuss von
Nahrung, die dir nicht bekommt, die Wunde eiterig werde. Von
Zeit zu Zeit magst du die Wunde waschen, von Zeit zu Zeit die
Mündung der Wunde salben, auf dass nicht, so du es versäumst,
die Mündung der Wunde mit Blut und Eiter sich anfülle. Wolle
nicht bei Wind und Sonnengluth ausgehn, auf dass dir dabei
nicht Staub und Hitze die Mündung der Wunde entzünden. Gieb
wohl acht, lieber Mann, auf die Wunde, behandle sie recht.‹ Er
aber gedächte: ›Herausgezogen ist mir der Pfeil, weggebracht
die giftige Salbe, nicht ohne Ueberrest, aber da kann mir
keine Gefahr mehr drohen.‹ Und was ihm eben nicht bekommt an
Nahrung genösse er, und durch den Genuss von Nahrung, die ihm
nicht bekommt, würde die Wunde eiterig. Nicht wüsche er von
Zeit zu Zeit die Wunde, nicht salbte er von Zeit zu Zeit ihre
Mündung, so dass sie sich mit Blut und Eiter anfüllte. Bei
Wind und Sonnengluth ginge er aus, so dass ihm dabei Staub und
Hitze die Mündung der Wunde entzündeten. Er gäbe nicht acht
auf die Wunde, behandelte sie nicht recht. Und weil er eben
solches gethan, was ihm nicht bekommt, mit dem unlauteren,
nicht weggebrachten Ueberreste von der Giftsalbe, würde die
Wunde doppelt sich weiterentwickeln, und mit ihrer weiteren
Entwickelung ginge er dem Tode entgegen oder tödtlichem               65
Schmerze:

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall,
dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der
Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe,
Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil
hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen,
vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen‹: also bedünke
ihn dünkendes Heil. Und was einem vollkommener Wahnerlöschung
Ergebenen nicht bekommt, das erlaubte er sich: erlaubte sich
mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich
mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich
mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte
sich mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt,
erlaubte sich mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt,
erlaubte sich mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt.
Und weil er sich erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm
nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was
ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen
was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geschmacke
zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem
Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit
dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein
Herz anschwellen lassen, kann er mit giergeschwelltem Herzen
dem Tode entgegengehn oder tödtlichem Schmerze. Tod aber heißt
es, Sunakkhatto, im Orden des Heiligen, wenn einer die Askese
aufgiebt und zur Gewohnheit zurückkehrt: tödtlicher Schmerz
aber, Sunakkhatto, heißt es, wenn einer irgend ein unsauberes
Vergehn verübt.[20]

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend
ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt,
‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und            66
-hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt,
weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene
Wahnerlöschung hat mich angezogen.‹ Vollkommener Wahnerlöschung
einzig ergeben erlaubte er sich nicht was einem vollkommener
Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt, erlaubte sich nicht
mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich
nicht mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte
sich nicht mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt,
erlaubte sich nicht mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm
nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Getaste zu tasten
was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gedenken zu
denken was ihm nicht bekommt. Und weil er sich nicht erlaubt
hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, sich nicht
erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, sich
nicht erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht
bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geschmacke zu schmecken
was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Getaste
zu tasten was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem
Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein Herz
nicht anschwellen lassen, braucht er nicht mit giergeschwelltem
Herzen dem Tode entgegenzugehn oder tödtlichem Schmerze.

»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann von einem Pfeile
getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, und
seine Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern bestellten ihm
einen heilkundigen Arzt, und der heilkundige Arzt schnitte
ihm mit einem Messer die Mündung der Wunde auf, dann suchte
er mit einer Sonde nach der Spitze, und nachdem er diese
gefunden, zöge er sie heraus, brächte die Giftsalbe weg, ohne
Ueberrest, wohl wissend, es sei kein Rest mehr geblieben,
und er spräche also: ›Lieber Mann, herausgezogen ist dir der
Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, ohne Ueberrest, und da
kann dir keine Gefahr mehr drohen. Doch magst du eben was             67
dir bekommt an Nahrung genießen, auf dass nicht durch den
Genuss von Nahrung, die dir nicht bekommt, die Wunde eiterig
werde. Von Zeit zu Zeit magst du die Wunde waschen, von Zeit
zu Zeit die Mündung der Wunde salben, auf dass nicht, so
du es versäumst, die Mündung der Wunde mit Blut und Eiter
sich anfülle. Wolle nicht bei Wind und Sonnengluth ausgehn,
auf dass dir dabei nicht Staub und Hitze die Mündung der
Wunde entzünden. Gieb wohl acht, lieber Mann, auf die Wunde,
behandle sie recht.‹ Und er gedächte: ›Herausgezogen ist mir
der Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, ohne Ueberrest, aber
es kann mir noch Gefahr drohen.‹[21] Und was ihm eben bekommt
an Nahrung genösse er, und weil er Nahrung genösse, die ihm
bekommt, würde die Wunde nicht eiterig. Von Zeit zu Zeit wüsche
er die Wunde, von Zeit zu Zeit salbte er ihre Mündung, so
dass sie sich nicht mit Blut und Eiter anfüllte. Bei Wind und
Sonnengluth ging’ er nicht aus, so dass ihm Staub und Hitze
die Wunde nicht entzündeten. Er gäbe acht auf die Wunde,
behandelte sie recht. Und weil er eben solches gethan, was ihm
bekommt, ohne unlauteren, ohne irgendwelchen Ueberrest von der
Giftsalbe, würde die Wunde doppelt schnell heilen, wüchse zu
und vernarbte, so dass er weder dem Tode entgegenginge noch
tödtlichem Schmerze:

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall,
dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der
Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe,              68
Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil
hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen,
vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen.‹ Vollkommener
Wahnerlöschung einzig ergeben erlaubte er sich nicht was einem
vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt: erlaubte
sich nicht mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt,
erlaubte sich nicht mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht
bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geruche zu riechen was
ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geschmacke zu
schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem
Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht
mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und weil er
sich nicht erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht
bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was
ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geruche zu
riechen was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem
Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich nicht
erlaubt hat mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt,
sich nicht erlaubt hat mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht
bekommt, kann Gier sein Herz nicht anschwellen lassen, braucht
er nicht mit giergeschwelltem Herzen dem Tode entgegenzugehn
oder tödtlichem Schmerze.

»Ein Gleichniss habe ich da, Sunakkhatto, gegeben, um den Sinn
zu erklären. Das aber ist nun der Sinn. Die Wunde: das ist,
Sunakkhatto, eine Bezeichnung der sechs inneren Gebiete.[22]
Die Giftsalbe: das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung
des Nichtwissens. Der Pfeil: das ist, Sunakkhatto, eine
Bezeichnung des Durstes. Die Sonde: das ist, Sunakkhatto, eine
Bezeichnung der Einsicht. Das Messer: das ist, Sunakkhatto,
eine Bezeichnung der heiligen Weisheit. Der heilkundige Arzt:
das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung des Vollendeten, des
Heiligen, vollkommen Erwachten.

»Dass nun, Sunakkhatto, ein Mönch, der vor den sechs                  69
Sinnesgebieten sich hütet und ›Anhaften ist des Leidens Wurzel‹
entdeckt hat, der ohne anzuhaften im Zergehn des Anhaftens
erlöst ist, den Körper etwa dem Anhaften annähern, das Herz
etwa anhangen ließe: ein solcher Fall findet sich nicht.

»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn man eine Trinkschaale da
hätte, mit schönem, duftendem, wohlschmeckendem Inhalte,
aber mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei, der
leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe
verabscheut; was bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl
der Mann den Trinkbecher leeren, von dem er wüsste: ›Hab’ ich
das getrunken, so muss ich sterben oder tödtlichen Schmerz
erleiden‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto: dass da ein Mönch, der vor den
sechs Sinnesgebieten sich hütet und ›Anhaften ist des Leidens
Wurzel‹ entdeckt hat, der ohne anzuhaften im Zergehn des
Anhaftens erlöst ist, den Körper etwa dem Anhaften annähern,
das Herz etwa anhangen ließe: ein solcher Fall findet sich
nicht.

»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn da eine Giftschlange wäre,
giftig fauchend, und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht
sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut; was
bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl der Mann nach
der Giftschlange, der giftig fauchenden, Hand oder Daumen
ausstrecken, wo er wüsste: ›Hat mich diese gebissen, so muss
ich sterben oder tödtlichen Schmerz erleiden‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto: dass da ein Mönch, der vor den
sechs Sinnesgebieten sich hütet und ›Anhaften ist des Leidens
Wurzel‹ entdeckt hat, der ohne anzuhaften im Zergehn des
Anhaftens erlöst ist, den Körper etwa dem Anhaften annähern,
das Herz etwa anhangen ließe: ein solcher Fall findet sich
nicht.«

               *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Sunakkhatto der
junge Licchavier über das Wort des Erhabenen.[23]




                             106.

             Elfter Theil            Sechste Rede

                       ZUR UNVERSTÖRUNG


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene                70
im Kurū-Lande, bei einer Stadt der Kurūner Namens
Kammāsadammam.[24] Dort nun wandte sich der Erhabene an die
Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene
Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»‚Vergänglich, ihr Mönche, sind die Begierden, leer und falsch
und eitel‘: trügerisch ist, ihr Mönche, solche Rede aus
Thorenmund. Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach
jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden
im Jenseit ersehnt: beides ist es Todesgebiet, ist des Todes
Bereich, ist des Todes Futterplatz, ist des Todes Weideland. Da
gehn denn diese schlechten, unheilsamen Gesinnungen, als wie
Verlangen, als wie Verabscheuen, als wie Verwünschen, hervor;
und diese gereichen dem heiligen Jünger, der hier eifrig sich
übt, zur Gefahr.

»Aber, ihr Mönche, der heilige Jünger überlegt bei sich:
›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit
gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit
ersehnt: beides ist es Todesgebiet, ist des Todes Bereich, ist
des Todes Futterplatz, ist des Todes Weideland. Da gehn denn
diese schlechten, unheilsamen Gesinnungen, als wie Verlangen,
als wie Verabscheuen, als wie Verwünschen, hervor; und diese
gereichen dem heiligen Jünger, der hier eifrig sich übt, zur
Gefahr. Wie, wenn ich nun mit weitem, tiefem Gemüthe verweilte
und hätte die Welt überwunden, über ihr stehend im Geiste?
Denn verweil’ ich mit weitem, tiefem Gemüthe und habe die             71
Welt überwunden, über ihr stehend im Geiste, so können die
schlechten, unheilsamen Gesinnungen, als wie Verlangen, als
wie Verabscheuen, als wie Verwünschen, nicht mehr bestehn; und
weil sie fehlen, wird mein Herz unbegränzt sein, unbeschränkt,
wohl ausgebildet.‹ Und wie er da weiter vorschreitet, emsig
also ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille
geworden, so erlangt er in dieser Zeit die Unverstörung,
oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung
des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das
vorwiegende Bewusstsein der Unverstörung zukehre. Das wird, ihr
Mönche, die erste Stufe zur Unverstörung genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach
jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im
Jenseit ersehnt: was irgend Form hat, die vier Hauptstoffe und
was durch die vier Hauptstoffe besteht, es ist alles Form.‹[25]
Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in
der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so
erlangt er in dieser Zeit die Unverstörung, oder er wird von
der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem
Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein
der Unverstörung zukehre. Das wird, ihr Mönche, die zweite
Stufe zur Unverstörung genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach
jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden
im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen
nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen im
Jenseit ersehnt: beides ist es vergänglich. Was vergänglich           72
ist lohnt nicht der Liebe, lohnt nicht der Freude, lohnt nicht
der Neigung.‹ Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also
ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille
geworden, so erlangt er in dieser Zeit die Unverstörung,
oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung
des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das
vorwiegende Bewusstsein der Unverstörung zukehre. Das wird, ihr
Mönche, die dritte Stufe zur Unverstörung genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach
jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden
im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen
nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen
im Jenseit ersehnt, und Unverstörung ersehnen: es ist alles
Ersehnen. Wo dieses ohne Ueberrest aufgeht: das ist die Ruhe,
das ist das Ziel, jenes Reich des Nichtdaseins.‹ Und wie er da
weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird
das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser
Zeit das Reich des Nichtdaseins, oder er wird von der Weisheit
angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag es
wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein dem Reich des
Nichtdaseins zukehre. Das wird, ihr Mönche, die erste Stufe zum
Reich des Nichtdaseins genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, begiebt sich der heilige Jünger in
den Wald oder unter einen großen Baum oder in eine leere Klause
und überlegt bei sich: ›Leer ist es an sich und in sich.‹ Und         73
wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der
Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt
er in dieser Zeit das Reich des Nichtdaseins, oder er wird von
der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem
Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein
dem Reich des Nichtdaseins zukehre. Das wird, ihr Mönche, die
zweite Stufe zum Reich des Nichtdaseins genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Nicht gehör’ ich irgend wo irgend wem irgend zu, noch
gehört mir irgend wo irgend was an: da giebt es nichts.‹[26]
Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der
Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt
er in dieser Zeit das Reich des Nichtdaseins, oder er wird von
der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem
Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein
dem Reich des Nichtdaseins zukehre. Das wird, ihr Mönche, die
dritte Stufe zum Reich des Nichtdaseins genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach
jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden
im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen
nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen
im Jenseit ersehnt, und Unverstörung ersehnen, und das Reich
des Nichtdaseins ersehnen: es ist alles Ersehnen. Wo dieses
ohne Ueberrest aufgeht: das ist die Ruhe, das ist das Ziel,
jene Gränze möglicher Wahrnehmung.‹ Und wie er da weiter              74
vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird das Herz
gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser Zeit die
Gränze möglicher Wahrnehmung, oder er wird von der Weisheit
angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag
es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein der Gränze
möglicher Wahrnehmung zukehre. Das wird, ihr Mönche, Stufe zur
Gränze möglicher Wahrnehmung genannt.«

Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Ānando also an
den Erhabenen:

»Da ist, o Herr, ein Mönch also vorgeschritten: ›Nicht sein und
nicht mir sein, nicht werden, nicht mir werden soll was ist,
was war: ich lasse es fahren‹: also gewinnt er Gleichmuth. Kann
nun wohl ein solcher Mönch, o Herr, vom Wahne erlöschen, oder
kann er es nicht?«

»Gar mancher Mönch, Ānando, kann da vom Wahne erlöschen, gar
mancher Mönch kann es da nicht.«

»Was ist nun, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass da
gar mancher Mönch vom Wahne erlöschen kann, gar mancher Mönch
es da nicht kann?«

»Da ist, Ānando, ein Mönch also vorgeschritten: ›Nicht sein
und nicht mir sein, nicht werden, nicht mir werden soll was
ist, was war: ich lasse es fahren‹: also gewinnt er Gleichmuth.
Diesem Gleichmuth ist er in Liebe und Freude und Neigung
zugethan. Weil er diesem Gleichmuth in Liebe und Freude und
Neigung zugethan ist, wird das Bewusstsein daran gewohnt,
hangt daran. Hangt er an, Ānando, kann der Mönch nicht vom
Wahne erlöschen.«

»Wo aber ist, o Herr, ein solcher Mönch anhänglich angehangen?«

»An der Gränze, Ānando, möglicher Wahrnehmung.«

»Das beste Anhangen, sagt man, o Herr, sei es, wo ein solcher         75
Mönch anhänglich anhangt.«

»Das beste Anhangen ist es, Ānando, wo ein solcher Mönch
anhänglich anhangt. Bestes Anhangen ist ja geheißen, Ānando,
jene Gränze möglicher Wahrnehmung. -- Da ist, Ānando, ein Mönch
also vorgeschritten: ›Nicht sein und nicht mir sein, nicht
werden, nicht mir werden soll was ist, was war: ich lasse es
fahren‹: also gewinnt er Gleichmuth. Diesem Gleichmuth ist er
in keiner Liebe, keiner Freude, keiner Neigung zugethan. Weil
er diesem Gleichmuth in keiner Liebe, keiner Freude, keiner
Neigung zugethan ist, wird das Bewusstsein nicht daran gewohnt,
hangt nicht daran. Hangt er nicht an, Ānando, kann der Mönch
vom Wahne erlöschen.«

»Erstaunlich, o Herr, außerordentlich ist es, o Herr: von
Staffel zu Staffel, merkt man, hat uns, o Herr, der Erhabene
das Entkommen aus dem Fluthbereiche dargestellt. -- Was aber
ist, o Herr, die heilige Freiheit?«

»Da überlegt, Ānando, der heilige Jünger bei sich: ›Begierden
nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit gerichtet,
Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit ersehnt,
Formen nach diesseit gerichtet, Formen nach jenseit gerichtet,
Formen im Diesseit ersehnt, Formen im Jenseit ersehnt, und
Unverstörung ersehnen, und das Reich des Nichtdaseins ersehnen,
und die Gränze möglicher Wahrnehmung ersehnen: das ist
Dasein; so weit Dasein reicht ist ewige Art jene hanglose
Herzensfreiheit.

»Und so hab’ ich, Ānando, die Stufen zur Unverstörung gezeigt,
die Stufen zum Reich des Nichtdaseins gezeigt, die Stufe zur
Gränze möglicher Wahrnehmung gezeigt, von Staffel zu Staffel
das Entkommen aus dem Fluthbereiche gezeigt, die heilige
Freiheit gezeigt. Was ein Meister, Ānando, den Jüngern aus            76
Liebe und Theilnahme, von Mitleid bewogen, schuldet, das habt
ihr von mir empfangen. Da laden, Ānando, Bäume ein, und dort
leere Klausen. Wirket Schauung, Ānando, auf dass ihr nicht
lässig werdet, später nicht Reue empfindet: das haltet als
unser Gebot.«

               *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Ānando über das Wort des Erhabenen.[27]




                             107.

             Elfter Theil            Siebente Rede

                      RECHNER MOGGALLĀNO


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei            77
Sāvatthī, im Osthaine, auf der Terrasse Mutter Migāros.

Da nun begab sich ein Priester, Rechner Moggallāno, dorthin wo
der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite
nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Rechner Moggallāno der
Priester zum Erhabenen also:

»Gleichwie man da, o Gotamo, bei dieser Terrasse Mutter
Migāros den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den
allmäligen Aufstieg erkennen kann, und zwar von der untersten
Treppenstufe an, kann man gewiss auch, o Gotamo, bei unseren
Priestern den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt,
den allmäligen Aufstieg erkennen, und zwar bei der Andacht;
kann man gewiss auch, o Gotamo, bei unseren Bogenschützen den
allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den allmäligen
Aufstieg erkennen, und zwar beim Schießen; kann man gewiss
auch, o Gotamo, bei uns Rechnern, die wir von der Rechenkunst
leben, den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den
allmäligen Aufstieg erkennen, und zwar beim Zählen. Denn haben
wir, o Gotamo, Schüler angenommen, so lassen wir zuerst zählen:
›Eins, die Einheit, zwei, die Zweiheit, drei, die Dreiheit,
vier, die Vierheit, fünf, die Fünfheit, sechs, die Sechsheit,
sieben, die Siebenheit, acht, die Achtheit, neun, die Neunheit,
zehn, die Zehnheit‹, so lassen wir, o Gotamo, bis hundert
zählen. Ist es nun möglich, o Gotamo, auch in dieser Lehre und
Ordnung etwa ebenso einen allmäligen Ansatz, einen allmäligen
Fortschritt, einen allmäligen Aufstieg nachzuweisen?«

»Es ist möglich, Priester, auch in dieser Lehre und Ordnung
einen allmäligen Ansatz, einen allmäligen Fortschritt, einen
allmäligen Aufstieg nachzuweisen. Gleichwie etwa, Priester,           78
ein gewandter Rossebändiger, wann er ein schönes edles Ross
erhalten hat, eben erst am Gebisse Uebungen ausführen lässt und
es dann weiteren Uebungen zuführt, ebenso nun auch, Priester,
weist der Vollendete, wann er einen Menschen zur Bändigung
erhalten hat, erst also zurecht: ›Willkommen, du Mönch, sei
tugendhaft, in reiner Zucht richtig gezügelt bleibe lauter
im Handel und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpfe
beharrlich weiter, Schritt um Schritt.‹ Sobald nun, Priester,
der Mönch tugendhaft ist, in reiner Zucht richtig gezügelt
lauter im Handel und Wandel bleibt, vor geringstem Fehl auf der
Hut beharrlich weiterkämpft, Schritt um Schritt, dann weist
ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, die
Thore der Sinne lasse dich hüten: hast du mit dem Gesichte
eine Form erblickt, so magst du keine Neigung fassen, keine
Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und schlechte
Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gesichtes
verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte das Gesicht,
wache eifrig über das Gesicht. Hast du mit dem Gehöre einen
Ton gehört -- hast du mit dem Geruche einen Duft gerochen --
hast du mit dem Geschmacke einen Saft geschmeckt -- hast du mit
dem Getaste eine Tastung getastet -- hast du mit dem Gedenken
ein Ding erkannt, so magst du keine Neigung fassen, keine
Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und schlechte
Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gedenkens
verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte das Gedenken,
wache eifrig über das Gedenken.‹ Sobald nun, Priester, der
Mönch die Thore der Sinne behütet hält, dann weist ihn der
Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, beim Essen          79
wisse Maaß zu halten, gründlich besonnen wolle die Nahrung
einnehmen, nicht etwa zur Letzung und Ergetzung, nicht zur
Schmuckheit und Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten,
zu fristen, um Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben
führen zu können: ‚So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten
und ein neues Gefühl nicht aufkommen lassen, und ich werde ein
Fortkommen haben, ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden.‘[28]
Sobald nun, Priester, der Mönch beim Essen Maaß zu halten weiß,
dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du
Mönch, der Wachsamkeit weihe dich: bei Tage sollst du gehend
und sitzend das Gemüth von trübenden Dingen läutern; in den
ersten Stunden der Nacht gehend und sitzend das Gemüth von
trübenden Dingen läutern; in den mittleren Stunden der Nacht
magst du auf die rechte Seite wie der Löwe dich hinlegen,
einen Fuß über dem anderen, gesammelten Sinnes, der Zeit
des Aufstehns gedenkend; sollst in den letzten Stunden der
Nacht, wieder aufgestanden, gehend und sitzend das Gemüth von
trübenden Dingen läutern.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch sich
der Wachsamkeit geweiht hat, dann weist ihn der Vollendete
weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, mit klarem Bewusstsein
wolle dich wappnen: klar bewusst beim Kommen und Gehn, klar
bewusst beim Hinblicken und Wegblicken, klar bewusst beim
Neigen und Erheben, klar bewusst beim Tragen des Gewandes und
der Almosenschaale des Ordens, klar bewusst beim Essen und
Trinken, Kauen und Schmecken, klar bewusst beim Entleeren von
Koth und Harn, klar bewusst beim Gehn und Stehn und Sitzen,
beim Einschlafen und Erwachen, beim Sprechen und Schweigen.‹
Sobald nun, Priester, der Mönch sich mit klarem Bewusstsein
gewappnet hat, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht:
›Willkommen, du Mönch, suche einen abgelegenen Ruheplatz auf,         80
einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine
Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in
der offenen Ebene.‹ Und er sucht einen abgelegenen Ruheplatz
auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine
Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager
in der offenen Ebene. Nach dem Mahle, wenn er vom Almosengange
zurückgekehrt ist, setzt er sich mit verschränkten Beinen
nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der
Einsicht. Er hat weltliche Begierde verworfen und verweilt
begierdelosen Gemüthes, von Begierde läutert er sein Herz.
Gehässigkeit hat er verworfen, hasslosen Gemüthes verweilt er,
voll Liebe und Mitleid zu allen lebenden Wesen läutert er sein
Herz von Gehässigkeit. Matte Müde hat er verworfen, von matter
Müde ist er frei; das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst,
läutert er sein Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er
verworfen, er ist frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes
läutert er sein Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat
er verworfen, der Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt
nicht am Guten, vom Schwanken läutert er sein Herz. Er hat
nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken des
Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar fern von Begierden,
fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten
Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewinnt er
die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von
sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige
Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe
verweilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück
empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der
gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die
Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erreicht er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig
einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. -- Die
da nun, Priester, kämpfende Mönche sind, mit streitendem Busen        81
die unvergleichliche Sicherheit zu erringen trachten, denen
gilt bei mir diese also gegebene Weisung; die aber da als
Mönche heilig geworden sind, Wahnversieger, Endiger, die das
Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die
Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss
erlöst haben, denen taugen diese Dinge um säliger Gegenwart zu
genießen, bei klarem Bewusstsein.«

Nach dieser Rede wandte sich Rechner Moggallāno der Priester
also an den Erhabenen:

»Können nun aber des Herrn Gotamo Jünger, von Herrn Gotamo also
belehrt, also gewiesen, eben alle die unbezweifelbar sichere
Wahnerlöschung gewinnen, oder können es einige nicht?«

»Einige freilich, Priester, meiner Jünger, von mir also
belehrt, also gewiesen, können die unbezweifelbar sichere
Wahnerlöschung gewinnen, andere können es nicht.«

»Was ist wohl, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass,
wo es doch eine Wahnerlöschung giebt, wo ein Weg dahin führt,
wo Herr Gotamo als Lenker da ist, dann einige freilich der
Jünger des Herrn Gotamo, von Herrn Gotamo also belehrt, also
gewiesen, die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen
können, und andere es nicht können?«

»Da will ich dir nun, Priester, eben hierüber eine Frage
stellen: wie es dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was
meinst du wohl, Priester: kennst du den Weg, der nach Rājagaham
führt?«

»Gewiss, Herr, ich kenne den Weg, der nach Rājagaham führt.«

»Was meinst du wohl, Priester: es käme da ein Mann herbei,
der nach Rājagaham gehn wollte, und er träte zu dir heran             82
und spräche also: ›Ich möchte, o Herr, nach Rājagaham gehn,
bezeichne mir doch den Weg dahin.‹ Und du würdest ihm sagen:
›Komm’, lieber Mann, das ist der Weg nach Rājagaham. Da geh’
eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen,
so wirst du ein gewisses Dorf sehn. Da geh’ eine Weile weiter,
und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du eine
gewisse Burg sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da
eine Weile weitergegangen, so wirst du einen schönen Garten,
einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen lichten
Weiher vor Rājagaham erblicken.‹ Und er schlüge, von dir also
belehrt, also gewiesen, einen Seitenweg ein und schritte
umgekehrt weiter. Aber ein anderer Mann käme herbei, der nach
Rājagaham gehn wollte, und er träte zu dir heran und spräche
also: ›Ich möchte, o Herr, nach Rājagaham gehn, bezeichne
mir doch den Weg dahin.‹ Und du würdest ihm sagen: ›Komm’,
lieber Mann, das ist der Weg nach Rājagaham. Da geh’ eine
Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so
wirst du ein gewisses Dorf sehn. Da geh’ eine Weile weiter,
und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du eine
gewisse Burg sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da
eine Weile weitergegangen, so wirst du einen schönen Garten,
einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen
lichten Weiher vor Rājagaham erblicken.‹ Und er langte, von
dir also belehrt, also gewiesen, unversehrt in Rājagaham an.
Was ist nun, Priester, der Anlass, was ist der Grund, dass,
wo es doch ein Rājagaham giebt, wo ein Weg dahin führt, wo
du als Lenker da bist, gleichwohl der eine Mann, von dir
also belehrt, also gewiesen, einen Seitenweg einschlagen und
umgekehrt weiterschreiten mochte, und der andere unversehrt
nach Rājagaham gelangen?«                                             83

»Das kann ich, o Gotamo, hierbei thun: Wegweiser bin ich, o
Gotamo!«

»Ebenso nun auch, Priester, giebt es zwar eine Wahnerlöschung,
führt ein Weg dahin, bin ich als Lenker da, und doch können
einige freilich meiner Jünger, von mir also belehrt, also
gewiesen, die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen,
und können andere es nicht. Das kann ich, Priester, hierbei
thun: Wegweiser ist, Priester, der Vollendete.«

       *       *       *       *       *

Auf diese Worte sagte nun Rechner Moggallāno der Priester zum
Erhabenen:

»Es giebt da, o Gotamo, Leute, die unwillig, aus Nothdurft,
nicht aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit
gezogen sind, Häuchler, Gleißner, Scheinheilige, aufgeblasene
Windbeutel[29], geschäftige Schwätzer und Plauderer, schlechte
Hüter der Sinnesthore, ohne Rückhalt beim Mahle, der
Wachsamkeit abgeneigt, gleichgültig gegen das Asketenthum,
lässig in der Ordenspflicht, anspruchsvoll, aufdringlich,
vor allem Gesellschaft suchend, Einsamkeit als lästige Last
fliehend, matte, schwache Herzen, verworrene, unklare Köpfe,
unbeständige, zerstreute Geister, Beschränkte und Stumpfe:
mit diesen hat Herr Gotamo keine Gemeinschaft. Es giebt aber
auch edle Söhne, die aus Zuversicht vom Hause fort in die
Hauslosigkeit gezogen sind, keine Häuchler, keine Gleißner,
keine Scheinheiligen, keine aufgeblasenen Windbeutel, keine
geschäftigen Schwätzer und Plauderer, strenge Hüter der
Sinnesthore,[30] mäßig beim Mahle, der Wachsamkeit ergeben,
dem Asketenthum zugethan, eifrig in der Ordenspflicht,
anspruchslos, nicht aufdringlich, vor allem Einsamkeit suchend,
Gesellschaft als lästige Last fliehend, muthige, starke Herzen,
einsichtige, klare Köpfe, beständige, einige Geister, Weise und
Witzige: mit diesen hat Herr Gotamo Gemeinschaft. -- Gleichwie        84
etwa, o Gotamo, unter den Wurzeldüften der schwarze Rosenlauch
in seiner Art als vorzüglichster gilt, unter den Kernholzdüften
der rothe Sandel in seiner Art als vorzüglichster gilt,
unter den Blumendüften der weiße Jasmin in seiner Art als
vorzüglichster gilt, ebenso nun auch ist des Herrn Gotamo
Belehrung die beste in heutiger Zeit. -- Vortrefflich, o
Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, wenn
man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder
Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss brächte:
›Wer Augen hat wird die Dinge sehn[31]: ebenso auch hat Herr
Gotamo die Lehre gar vielfach beleuchtet. Und so nehm’ ich bei
Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft:
als Anhänger möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an
zeitlebens getreu.«[32]




                             108.

              Elfter Theil            Achte Rede

                       MEIER MOGGALLĀNO


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige Ānando       85
bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen, nicht
lange nachdem der Erhabene erloschen war.

Um diese Zeit nun ließ der König von Magadhā, Ajātasattu, der
Sohn der Videherin, Rājagaham befestigen, aus Besorgniss vor
König Pajjoto.

Und der ehrwürdige Ānando, zeitig gerüstet, mit Mantel
und Schaale versehn, machte sich auf den Almosengang nach
Rājagaham. Und es gedachte der ehrwürdige Ānando: ›Allzu früh
ist’s noch, in der Stadt um Almosen zu stehn; wie, wenn ich nun
die Wirthschaft Meier Moggallāno des Priesters aufsuchte, mich
zu Meier Moggallāno dem Priester hinbegäbe?‹ Und der ehrwürdige
Ānando suchte die Wirthschaft Meier Moggallāno des Priesters
auf, begab sich zu Meier Moggallāno dem Priester hin. Da sah
Meier Moggallāno der Priester den ehrwürdigen Ānando von ferne
herankommen, und als er den ehrwürdigen Ānando gesehn sprach
er also zu ihm:

»Es komme Herr Ānando, gegrüßt sei Herr Ānando! Lange schon hat
Herr Ānando hoffen lassen, mich einmal hier zu besuchen. Möge
sich Herr Ānando setzen: dieser Sitz ist bereit.«

Es setzte sich der ehrwürdige Ānando auf den angebotenen
Sitz. Meier Moggallāno aber, der Priester, nahm einen von den
niederen Stühlen zur Hand und setzte sich zur Seite. Zur Seite
sitzend wandte sich nun Meier Moggallāno der Priester an den
ehrwürdigen Ānando also:

»Giebt es wohl, Herr Ānando, auch nur einen Mönch ganz und gar        86
überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Herr
Gotamo begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte?«

»Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar
überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der
Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er,
Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker,
des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges
Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige:
auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die Jünger, später
nachgekommen.«

Kaum jedoch hatte diese Unterredung des ehrwürdigen Ānando mit
Meier Moggallāno dem Priester begonnen, da kam Vassakāro der
Priester, ein Māgadher Marschall, der zu Rājagaham Rüstungen
ausgerichtet, zu Meier Moggallāno des Priesters Wirthschaft
heran, dorthin wo der ehrwürdige Ānando weilte. Dort angelangt
wechselte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte
mit dem ehrwürdigen Ānando und setzte sich zur Seite nieder.
Zur Seite sitzend wandte sich nun Vassakāro der Priester, der
Māgadher Marschall, an den ehrwürdigen Ānando also:

»Zu welchem Gespräche, Herr Ānando, seid ihr jetzt hier
zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?«

»Da hat mich, Priester, Meier Moggallāno der Priester gefragt:
›Giebt es wohl, Herr Ānando, auch nur einen Mönch ganz und
gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der
Herr Gotamo begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte?‹ Auf
diese Frage, Priester, hab’ ich Meier Moggallāno dem Priester
geantwortet: ›Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch          87
ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit
welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen
Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten
Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des
unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner,
der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die
Jünger, später nachgekommen.‹ Das war, Priester, das Gespräch
zwischen mir und Meier Moggallāno dem Priester, das wir
unterbrachen als du ankamst.«

»Ist nun wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von Ihm, dem
Herrn Gotamo, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode
euere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt?«

»Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von Ihm, dem
Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen
Erwachten, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere
Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen.«

»Doch ist wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von den
Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt
worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht
sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt?«

»Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von den Brüdern
erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden,
›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den
wir jetzt uns wenden mögen.«

»So aber ohne Zuflucht, Herr Ānando, wie kann da einträchtige
Lehre bestehn?«[33]

»Nicht sind wir, Priester, ohne Zuflucht, wir haben sie,
Priester, die Zuflucht, die Lehre ist unsere Zuflucht.«               88

»Einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der wohl
ausgelegt werden?«[34]

»Es ist, Priester, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem
Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, den Mönchen ein
Regelmaaß angegeben, die reine Zucht dargestellt worden. Nun
kommen wir alle halben Monat, soviel unser, bis auf drei herab,
im Umkreise je eines Dorfes wohnen, ebenda zusammen; und sind
wir zusammengekommen, so fordern wir den, an dem die Reihe ist,
auf. Der hält den Vortrag: und hat ein Mönch gefehlt, hat er
sich vergangen, so wird er von uns der Lehre gemäß, der Weisung
gemäß behandelt. Nicht aber, heißt es, behandeln uns die              89
Brüder: die Lehre behandelt uns.«

»Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch da, den ihr
jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt, und dem ihr
also zugethan seid?«

»Es ist wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt
werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also
zugethan sind.«

»Auf meine Frage ‚Ist nun wohl, Herr Ānando, etwa einer der
Mönche von Ihm, dem Herrn Gotamo, eingesetzt worden, ›Der
soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt
euch wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester,
etwa einer der Mönche von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem
Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, eingesetzt worden,
›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den wir
jetzt uns wenden mögen‘; auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr
Ānando, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der
Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach
des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch
wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester, etwa
einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der
Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen
Tode unsere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen‘;
auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch
da, den ihr jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt,
und dem ihr also zugethan seid‘, hast du geantwortet ‚Es ist          90
wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt werthhalten,
hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also zugethan
sind‘: einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der nun
ausgelegt werden?«

»Es sind, Priester, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem
Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, zehn huldreiche
Eigenschaften angegeben worden; bei wem von uns diese sich
finden, den halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch,
achten und ehren ihn, sind ihm also zugethan: was für zehn
Eigenschaften? Da ist, Priester, ein Mönch tugendhaft, in
reiner Zucht richtig gezügelt bleibt er lauter im Handel
und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpft er
beharrlich weiter, Schritt um Schritt. Viel hat er gehört,
ist Behälter des Wortes, Hort des Wortes der Lehre[35]; und
was da am Anfang begütigt, in der Mitte begütigt, am Ende
begütigt und sinn- und wortgetreu das vollkommen geläuterte,
geklärte Asketenthum überliefert: das kennt er, behält er,
beherrscht er mit der Rede, bewahrt es im Gedächtniss, hat
es von Grund aus verstanden. Zufrieden ist er mit Mantel und
Schaale, Obdach und Arzenei für den Fall einer Krankheit.
Die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben
besäligen, die kann er nach Wunsch gewinnen, in ihrer Fülle
und Weite. Er mag auf manigfaltige Weise Machtentfaltung
an sich erfahren: als nur einer etwa vielfach zu werden,
und vielfach geworden wieder einer zu sein, und so weiter,
sogar bis zu den Brahmawelten den Körper in seiner Gewalt             91
zu haben. Mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über
menschliche Gränzen hinausreichenden, kann er beide Arten der
Töne hören, die himmlischen und die irdischen, die fernen und
die nahen.[36] Der anderen Wesen, der anderen Personen Herz
kann er im Herzen schauen und erkennen, das begehrliche Herz
als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das
gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos,
das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos,
das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz
als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und
das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz
als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz
als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste
Herz als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt.[37]
An manche verschiedene frühere Daseinsform erinnert er sich:
als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei                92
Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn
Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an
vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben,
dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an
die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die
Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten
während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen; ›Dort
war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an,
das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe
ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat
ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen
hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand,
dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so
war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins
Dasein‹: so erinnert er sich mancher verschiedenen früheren
Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je
den eigenartigen Beziehungen. Mit dem himmlischen Auge, dem
geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sieht
er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und
edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er
erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren: ›Diese
lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,
in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten
zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes;
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf
den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere
Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan,
in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan,
tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der
Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute
Fährte, in sälige Welt‹: so sieht er mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die
Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,
schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, erkennt wie
die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.[38] Er hat den Wahn
versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch
bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen.
-- Das sind, Priester, zehn huldreiche Eigenschaften, die Er,
der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen
Erwachte angegeben hat; bei wem von uns diese sich finden, den
halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch, achten und ehren
ihn, sind ihm also zugethan.«

Nach dieser Rede wandte sich Vassakāro der Priester, der
Māgadher Marschall, an Upanando den Feldherrn und sagte:

»Was meinst du wohl, Feldherr: ob da nun diese Würdigen den           93
werthhalten, der werthzuhalten ist, den hochschätzen, der
hochzuschätzen ist, den achten, der zu achten ist, den ehren,
der zu ehren ist?«

»Will’s meinen, dass diese Würdigen den werthhalten, der
werthzuhalten ist, den hochschätzen, der hochzuschätzen ist,
den achten, der zu achten ist, den ehren, der zu ehren ist:
denn so diese Würdigen einen solchen nicht werthhielten,
hochschätzten, achteten und ehrten, wen doch sollten sie dann
werthhalten, hochschätzen, achten und ehren und ihm also
zugethan sein?«

Und nun wandte sich Vassakāro der Priester, der Māgadher
Marschall, also an den ehrwürdigen Ānando:

»Wo hat wohl Herr Ānando gegenwärtig seinen Aufenthalt?«

»Im Bambusparke, Priester, hab’ ich gegenwärtig meinen
Aufenthalt.«

»Und kann einem auch, Herr Ānando, der Bambuspark schon
gefallen, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten
gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag?«

»Will’s meinen, Priester, dass einem der Bambuspark schon
gefallen kann, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten
gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag, wie das
eueren Feldhütern und Hirten eignet.«

»Will’s meinen, Herr Ānando, dass einem der Bambuspark schon
gefallen kann, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten
gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag, wie
das euch Schauung liebenden und Schauung übenden eignet: denn
Schauung ja liebt ihr und Schauung übt ihr. -- Eines Tages,
Herr Ānando, weilte Er, der Herr Gotamo, dort bei Vesālī, im
Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Und ich begab mich,
Herr Ānando, nach dem Großen Walde, zur Halle der Einsiedelei,
dorthin wo ich den Herrn Gotamo antraf. Da führte nun Er, der
Herr Gotamo, auf mancherlei Weise Gespräche über die Schauung:
denn Schauung ja liebte Er, der Herr Gotamo, und Schauung übte        94
Er, und eben alle Schauung pflegte Er, der Herr Gotamo, zu
preisen.«

»Nicht hat, Priester, Er, der Erhabene, alle Schauung
gepriesen, und nicht hat Er, der Erhabene, alle Schauung
verwiesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er, der
Erhabene, nicht gepriesen? Da hat einer, Priester, sein Gemüth
von Wunschbegier umspinnen, von Wunschbegier umziehen lassen;
und wie man der aufgestiegenen Wunschbegier entgehn könne,
daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die
Wunschbegier zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut
her und schaut um. Er hat sein Gemüth von Gehässigkeit
umspinnen, von Gehässigkeit umziehen lassen; und wie man der
aufgestiegenen Gehässigkeit entgehn könne, daran denkt er
nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die Gehässigkeit zum
Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um.
Er hat sein Gemüth von matter Müde umspinnen, von matter Müde
umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen matten Müde
entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht
vielmehr die matte Müde zum Wesen und schaut und schaut hin
und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von stolzem
Unmuth umspinnen, von stolzem Unmuth umziehen lassen; und
wie man dem aufgestiegenen stolzen Unmuth entgehn könne,
daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den
stolzen Unmuth zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut
her und schaut um. Er hat sein Gemüth von sorgendem Zweifel
umspinnen, von sorgendem Zweifel umziehen lassen; und wie man
dem aufgestiegenen sorgenden Zweifel entgehn könne, daran denkt
er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den sorgenden
Zweifel zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und
schaut um. Solche Schauung hat, Priester, Er, der Erhabene,           95
nicht gepriesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er,
der Erhabene, gepriesen? Da weilt, Priester, ein Mönch, gar
fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der
ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens
erwirkt er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes,
die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene
sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer
Ruhe weilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein
Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der
gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die
Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig
einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Solche
Schauung hat, Priester, Er, der Erhabene, gepriesen.«

»Verweisliche Schauung hat also, Herr Ānando, Er, der Herr
Gotamo, verwiesen, preisliche gepriesen. -- Wohlan denn, Herr
Ānando, jetzt wollen wir aufbrechen[39]: manche Pflicht wartet
unser, manche Obliegenheit.«

»Wie es dir nun, Priester, belieben mag.«

               *       *       *       *       *

Und Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, durch des
ehrwürdigen Ānando Rede erfreut und befriedigt, stand von
seinem Sitze auf und entfernte sich. Da wandte sich denn Meier
Moggallāno der Priester, bald nachdem Vassakāro der Priester,
der Māgadher Marschall, gegangen, also an den ehrwürdigen
Ānando:

»Was wir aber Herrn Ānando gefragt hatten, das hat uns Herr
Ānando nicht zu Ende erklärt.«

»Haben wir denn, Priester, dir nicht gesagt: ›Nicht giebt es,
Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den
Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der
Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene,
ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges
Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser,
der Wegeskenner, der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie        96
jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen‹.«[40]




                             109.

              Elfter Theil            Neunte Rede

                           VOLLMOND

                            -- I --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei            97
Sāvatthī, im Osthaine, auf Mutter Migāros Terrasse.

Um diese Zeit nun hatte der Erhabene -- es war ein Feiertag, im
halben Monat, in der voll aufgegangenen Mondnacht -- inmitten
der Mönchgemeinde unter freiem Himmel Platz genommen.

Da stand nun einer der Mönche auf, schlug den Mantel um die
eine Schulter, verneigte sich ehrerbietig vor dem Erhabenen und
sprach also:

»Darf ich, o Herr, den Erhabenen über irgend etwas befragen,
wenn mir der Erhabene der Frage Beantwortung gewähren will?«

»Wohlan denn, o Mönch, setze dich auf deinen Platz und frage
nach Belieben.«

Und jener Mönch setzte sich auf seinen Platz und sprach also
zum Erhabenen:

»Sind das, o Herr, die fünf Stücke des Anhangens, als da ist
ein Stück Anhangen an der Form, ein Stück Anhangen am Gefühl,
ein Stück Anhangen an der Wahrnehmung, ein Stück Anhangen an
der Unterscheidung, ein Stück Anhangen am Bewusstsein?«

»Das sind, Mönch, die fünf Stücke des Anhangens.«

»Gut, o Herr!« sagte da jener Mönch, erfreut und befriedigt
durch des Erhabenen Rede, und stellte nun eine fernere Frage:

»Und diese fünf Stücke des Anhangens, o Herr, wo wurzeln die?«

»Diese fünf Stücke des Anhangens, Mönch, wurzeln im Willen.«

»Ist nun, o Herr, Anhangen und die fünf Stücke des Anhangens          98
ein und dasselbe, oder giebt es ein Anhangen außer den fünf
Stücken des Anhangens?«

»Nicht ist, Mönch, Anhangen und die fünf Stücke des Anhangens
ein und dasselbe, doch giebt es kein Anhangen außer den fünf
Stücken des Anhangens: was da, Mönch, bei den fünf Stücken des
Anhangens Willensreiz ist, das ist dabei Anhangen.«

»Und kann, o Herr, bei den fünf Stücken des Anhangens eine
Verschiedenheit des Willensreizes bestehn?«

»Kann sein, Mönch«, sagte der Erhabene. »Da hat einer, Mönch,
den Wunsch: ›So sei meine künftige Form, so sei mein künftiges
Gefühl, so sei meine künftige Wahrnehmung, so sei meine
künftige Unterscheidung, so sei mein künftiges Bewusstsein.‹
So kann, Mönch, bei den fünf Stücken des Anhangens eine
Verschiedenheit des Willensreizes bestehn.«

»Inwiefern aber, o Herr, kommt den Stücken die Bezeichnung
Stücke zu?«

»Was es auch, Mönch, an Form giebt, vergangene, zukünftige,
gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine
oder edle, ferne oder nahe, ist ein Stück Form; was es auch an
Gefühl giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes
oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes
oder nahes, ist ein Stück Gefühl; was es auch an Wahrnehmung
giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder
fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe,
ist ein Stück Wahrnehmung; was es auch an Unterscheidungen
giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder
fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe,
ist ein Stück Unterscheidung; was es auch an Bewusstsein giebt,
vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes,
grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes, ist
ein Stück Bewusstsein. Insofern, Mönch, kommt den Stücken die
Bezeichnung Stücke zu.«

»Was ist nun, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass ein
Stück Form erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der
Grund, dass ein Stück Gefühl erscheinen kann, was ist der
Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Wahrnehmung erscheinen
kann, was ist der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück
Unterscheidung erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der       99
Grund, dass ein Stück Bewusstsein erscheinen kann?«

»Die vier Hauptstoffe, Mönch, sind der Anlass, die vier
Hauptstoffe sind der Grund, dass ein Stück Form erscheinen
kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass
ein Stück Gefühl erscheinen kann, Berührung ist der Anlass,
Berührung ist der Grund, dass ein Stück Wahrnehmung erscheinen
kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass
ein Stück Unterscheidung erscheinen kann, Bild und Begriff ist,
Mönch, der Anlass, Bild und Begriff ist der Grund, dass ein
Stück Bewusstsein erscheinen kann.«

»Wie aber kann, o Herr, der Glaube an Persönlichkeit
aufkommen?«

»Da hat einer, Mönch, nichts erfahren, ist ein gewöhnlicher
Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig,
der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der
Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich
und betrachtet die Form als sich selbst, oder sich selbst
als formähnlich, oder in sich selbst die Form, oder in der
Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung,
die Unterscheidungen, das Bewusstsein als sich selbst, oder
sich selbst als diesen ähnlich, oder in sich selbst diese,
oder in diesen sich selbst. So kann, Mönch, der Glaube an
Persönlichkeit aufkommen.«

»Und wie kann, o Herr, der Glaube an Persönlichkeit nicht
aufkommen?«

»Da hat einer, Mönch, als erfahrener heiliger Jünger das
Heilige gemerkt, ist der heiligen Lehre kundig, der heiligen         100
Lehre wohlzugänglich, hat das Edle gemerkt, ist der Lehre
der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich und
betrachtet die Form nicht als sich selbst, noch sich selbst
als formähnlich, noch in sich selbst die Form, noch in der
Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung,
die Unterscheidungen, das Bewusstsein nicht als sich selbst,
noch sich selbst als diesen ähnlich, noch in sich selbst diese,
noch in diesen sich selbst. So kann, Mönch, der Glaube an
Persönlichkeit nicht aufkommen.«

»Was ist nun, o Herr, bei der Form Labsal, was Elend, und was
Ueberwindung? Was ist beim Gefühl, bei der Wahrnehmung, bei den
Unterscheidungen, beim Bewusstsein Labsal, was Elend, und was
Ueberwindung?«

»Was da, Mönch, Wohl und Erwünschtes der Form gemäß geht,
ist bei der Form Labsal; was als Form vergänglich ist, wehe,
wandelbar, ist bei der Form Elend; was bei der Form Verneinung
des Willensreizes ist, Verleugnung des Willensreizes, ist bei
der Form Ueberwindung. Was da, Mönch, Wohl und Erwünschtes
dem Gefühle, der Wahrnehmung, den Unterscheidungen, dem              101
Bewusstsein gemäß geht, ist dabei Labsal; was als Gefühl,
als Wahrnehmung, als Unterscheidung, als Bewusstsein
vergänglich ist, wehe, wandelbar, ist dabei Elend; was beim
Gefühle, bei der Wahrnehmung, bei den Unterscheidungen, beim
Bewusstsein Verneinung des Willensreizes ist, Verleugnung des
Willensreizes, ist dabei Ueberwindung.«

»Wie aber können, o Herr, einen Wissenden, wie einen Sehenden,
bei allen äußeren Eindrücken auf diesen mit Bewusstsein
behafteten Körper da, der Ichheit und Meinheit
Dünkelanwandlungen nicht ankommen?«

»Was es auch, Mönch, für eine Form sei, vergangene, zukünftige,
gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine
oder edle, ferne oder nahe: alle Form ist, der Wahrheit gemäß,
mit vollkommener Weisheit also angesehn: ›Das gehört mir nicht,
das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch
für ein Gefühl, was es auch für eine Wahrnehmung, was es auch
für eine Unterscheidung, was es auch für ein Bewusstsein sei,
vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes,
grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes:
alles Gefühl, alle Wahrnehmung, alle Unterscheidung, alles           102
Bewusstsein ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit
also angesehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das
ist nicht mein Selbst.‹ So können, Mönch, einen Wissenden, so
einen Sehenden, bei allen äußeren Eindrücken auf diesen mit
Bewusstsein behafteten Körper da, der Ichheit und Meinheit
Dünkelanwandlungen nicht ankommen.«

               *       *       *       *       *

Da stieg nun einem der Mönche folgender Gedanke im Geiste
auf: ›So wäre denn also die Form ohne Selbst, das Gefühl ohne
Selbst, die Wahrnehmung ohne Selbst, die Unterscheidung ohne
Selbst, das Bewusstsein ohne Selbst, und ohne Selbst gethane
Thaten sollten zur Thäterschaft gereichen?‹ Und der Erhabene,
den Gedanken jenes Mönches im Geiste geistig gewahrend, wandte
sich an die Mönche:

»Es mag wohl sein, ihr Mönche, dass da irgend ein eitler Mensch
aus Unwissen, in Unwissenheit gerathen, vom Durst im Geiste
überwältigt, die Weisung des Meisters überbieten zu müssen
vermeine: ›So wäre denn also die Form ohne Selbst, das Gefühl
ohne Selbst, die Wahrnehmung ohne Selbst, die Unterscheidung
ohne Selbst, das Bewusstsein ohne Selbst, und ohne Selbst
gethane Thaten sollten zur Thäterschaft gereichen?‹, fragt er.
Unterwiesen seid ihr, Mönche, von mir bei solchen und ähnlichen
Fragen. Was meint ihr wohl, Mönche: ist die Form unvergänglich
oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meint ihr wohl, Mönche: ist das Gefühl, die Wahrnehmung,
die Unterscheidung, das Bewusstsein unvergänglich oder               103
vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Darum also, ihr Mönche: was es auch für eine Form sei,
vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde,
grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle
Form ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also
anzusehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist
nicht mein Selbst.‹ Was es auch für ein Gefühl, was es auch
für eine Wahrnehmung, was es auch für eine Unterscheidung, was
es auch für ein Bewusstsein sei, vergangenes, zukünftiges,
gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines,
gemeines oder edles, fernes oder nahes: alles Gefühl, alle
Wahrnehmung, alle Unterscheidung, alles Bewusstsein ist, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also anzusehn:
›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst.‹ In solchem Anblick, ihr Mönche, wird der erfahrene
heilige Jünger der Form überdrüssig und wird des Gefühles
überdrüssig und wird der Wahrnehmung überdrüssig und wird
der Unterscheidungen überdrüssig und wird des Bewusstseins
überdrüssig. Ueberdrüssig wendet er sich ab. Abgewandt löst
er sich los. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss
geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum,
gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da.«

               *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.

Während aber diese Darlegung stattgefunden, hatte sich bei etwa
sechzig Mönchen das Herz ohne Hangen vom Wahne abgelöst.[41]




                             110.

              Elfter Theil            Zehnte Rede

                           VOLLMOND

                           -- II --


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           104
Sāvatthī, im Osthaine, auf Mutter Migāros Terrasse.

Um diese Zeit nun hatte der Erhabene -- es war ein Feiertag, im
halben Monat, in der voll aufgegangenen Mondnacht -- inmitten
der Mönchgemeinde unter freiem Himmel Platz genommen. Und der
Erhabene blickte über die lautlose, stille Schaar der Mönche
hin und wandte sich also an sie:

»Kann wohl, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einen schlechten
Menschen erkennen: ›Das ist ein schlechter Mensch‹?«

»Wohl nicht, o Herr!«

»Recht so, ihr Mönche. Unmöglich ist es, ihr Mönche, es kann
nicht sein, dass ein schlechter Mensch einen schlechten
Menschen erkenne: ›Das ist ein schlechter Mensch.‹ Kann
aber, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einen guten Menschen
erkennen: ›Das ist ein guter Mensch‹?«

»Wohl nicht, o Herr!«

»Recht so, ihr Mönche. Auch das ist, ihr Mönche, unmöglich,
es kann nicht sein, dass ein schlechter Mensch einen guten
Menschen erkenne: ›Das ist ein guter Mensch.‹ Ein schlechter
Mensch, ihr Mönche, folgt einer schlechten Weise nach, hat zu
schlechten Menschen Neigung, denkt mit schlechten Menschen,
beräth sich mit schlechten Menschen, bespricht sich mit
schlechten Menschen, verkehrt mit schlechten Menschen, liebt
die Ansichten schlechter Menschen, giebt die Gabe schlechter
Menschen.

»Wie aber folgt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einer
schlechten Weise nach? Da hat, ihr Mönche, ein schlechter
Mensch kein Zutrauen, er ist schaamlos und unbescheiden, er
weiß wenig, es kümmert ihn wenig, trübe sieht er, und er
versteht nichts. Also folgt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch
einer schlechten Weise nach.

»Wie aber hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch zu schlechten       105
Menschen Neigung? Da hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch
jene Asketen und Priester, die da ohne Zutrauen, schaamlos und
unbescheiden sind, die wenig wissen, die wenig kümmert, die
trübe sehn und nichts verstehn, die hat er zu Freunden, hat sie
zu Genossen. Also hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch zu
schlechten Menschen Neigung.

»Wie aber denkt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch mit
schlechten Menschen? Da denkt, ihr Mönche, ein schlechter
Mensch zu eigener Beschwer, und er denkt zu fremder Beschwer,
und er denkt zu beider Beschwer. Also, ihr Mönche, denkt ein
schlechter Mensch mit schlechten Menschen.

»Wie aber beräth sich, ihr Mönche, ein schlechter Mensch
mit schlechten Menschen? Da beräth sich, ihr Mönche, ein
schlechter Mensch zu eigener Beschwer, und er beräth sich zu
fremder Beschwer, und er beräth sich zu beider Beschwer. Also,
ihr Mönche, beräth sich ein schlechter Mensch mit schlechten
Menschen.

»Wie aber bespricht sich, ihr Mönche, ein schlechter Mensch mit
schlechten Menschen? Da spricht, ihr Mönche, ein schlechter
Mensch Lügen, er verleumdet, führt barsche Rede, treibt
geschwätzige Rede. Also, ihr Mönche, bespricht sich ein
schlechter Mensch mit schlechten Menschen.

»Wie aber verkehrt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch mit
schlechten Menschen? Da bringt, ihr Mönche, ein schlechter
Mensch Lebendiges um, er nimmt Nichtgegebenes, er begeht
Ausschweifung. Also, ihr Mönche, verkehrt ein schlechter Mensch
mit schlechten Menschen.

»Wie aber liebt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch die Ansichten
schlechter Menschen? Da bekennt sich, ihr Mönche, ein
schlechter Mensch zu dieser Ansicht: ›Almosengeben,
Verzichtleisten, Spenden -- es ist alles eitel; es giebt keine       106
Saat und Ernte guter und böser Werke; Diesseits und Jenseits
sind leere Worte; Vater und Mutter und auch geistige Geburt
sind hohle Namen; die Welt hat keine Asketen und Priester,
die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser
und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und
erklären können.‹ Also, ihr Mönche, liebt ein schlechter Mensch
die Ansichten schlechter Menschen.

»Wie aber giebt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch die Gabe
schlechter Menschen? Da theilt, ihr Mönche, ein schlechter
Mensch Gaben aus ohne zu würdigen, nicht eigenhändig, unbedacht,
wirft sie weg, er glaubt an kein hülfreiches Wirken. Also,
ihr Mönche, giebt ein schlechter Mensch die Gabe schlechter
Menschen.

»So ein schlechter Mensch nun, ihr Mönche, der also einer
schlechten Weise nachgefolgt, also schlechten Menschen
zugeneigt war, also mit schlechten Menschen gedacht, also mit
schlechten Menschen sich berathen, also mit schlechten Menschen
sich besprochen, also mit schlechten Menschen verkehrt, also
die Ansichten schlechter Menschen geliebt, also die Gabe
schlechter Menschen gegeben hatte, wird bei der Auflösung
des Körpers, nach dem Tode, zur Fährte schlechter Menschen
hingerathen. Was ist aber, ihr Mönche, die Fährte schlechter
Menschen? Hölle oder Thierheit.

               *       *       *       *       *

»Kann wohl, ihr Mönche, ein guter Mensch einen guten Menschen
erkennen: ›Das ist ein guter Mensch‹?«

»Freilich, o Herr!«

»Recht so, ihr Mönche. Es mag schon sein, ihr Mönche, dass
ein guter Mensch einen guten Menschen erkenne: ›Das ist ein
guter Mensch.‹ Kann aber, ihr Mönche, ein guter Mensch einen         107
schlechten Menschen erkennen: ›Das ist ein schlechter Mensch‹?«

»Freilich, o Herr!«

»Recht so, ihr Mönche. Auch das, ihr Mönche, mag schon sein,
dass ein guter Mensch einen schlechten Menschen erkenne: ›Das
ist ein schlechter Mensch.‹ Ein guter Mensch, ihr Mönche, folgt
einer guten Weise nach, hat zu guten Menschen Neigung, denkt
mit guten Menschen, beräth sich mit guten Menschen, bespricht
sich mit guten Menschen, verkehrt mit guten Menschen, liebt die
Ansichten guter Menschen, giebt die Gabe guter Menschen.

»Wie aber folgt, ihr Mönche, ein guter Mensch einer guten Weise
nach? Da hat, ihr Mönche, ein guter Mensch Zutrauen, er ist
schaamhaft, bescheiden, er weiß viel, tapfer harrt er aus, klar
bewusst, witzig erfahren. Also folgt, ihr Mönche, ein guter
Mensch einer guten Weise nach.

»Wie aber hat, ihr Mönche, ein guter Mensch zu guten Menschen
Neigung? Da hat, ihr Mönche, ein guter Mensch jene Asketen
und Priester, die da Zutrauen hegen, schaamhaft, bescheiden
sind, die viel wissen, tapfer ausharren, klar bewusst, witzig
erfahren, die hat er zu Freunden, hat sie zu Genossen. Also
hat, ihr Mönche, ein guter Mensch zu guten Menschen Neigung.

»Wie aber denkt, ihr Mönche, ein guter Mensch mit guten
Menschen? Da denkt, ihr Mönche, ein guter Mensch weder zu
eigener Beschwer, noch denkt er zu fremder Beschwer, noch denkt
er zu beider Beschwer. Also, ihr Mönche, denkt ein guter Mensch
mit guten Menschen.

»Wie aber beräth sich, ihr Mönche, ein guter Mensch mit guten
Menschen? Da beräth sich, ihr Mönche, ein guter Mensch weder zu
eigener Beschwer, noch beräth er sich zu fremder Beschwer, noch
beräth er sich zu beider Beschwer. Also, ihr Mönche, beräth
sich ein guter Mensch mit guten Menschen.

»Wie aber bespricht sich, ihr Mönche, ein guter Mensch mit
guten Menschen? Da hält sich, ihr Mönche, ein guter Mensch vom       108
Lügen zurück, vom Verleumden zurück, er führt keine barsche
Rede, treibt keine geschwätzige Rede. Also, ihr Mönche,
bespricht sich ein guter Mensch mit guten Menschen.

»Wie aber verkehrt, ihr Mönche, ein guter Mensch mit guten
Menschen? Da hält sich, ihr Mönche, ein guter Mensch von
Todtschlag zurück, von Diebstahl zurück, von Ausschweifung
zurück. Also, ihr Mönche, verkehrt ein guter Mensch mit guten
Menschen.

»Wie aber liebt, ihr Mönche, ein guter Mensch die Ansichten
guter Menschen? Da bekennt sich, ihr Mönche, ein guter Mensch
zu dieser Ansicht: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden
ist kein Unsinn; es giebt eine Saat und Ernte guter und böser
Werke; das Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist
vorhanden; Eltern giebt es und geistige Geburt giebt es[42];
die Welt hat Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet
sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich
machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr
Mönche, liebt ein guter Mensch die Ansichten guter Menschen.

»Wie aber giebt, ihr Mönche, ein guter Mensch die Gabe guter
Menschen? Da theilt, ihr Mönche, ein guter Mensch Gaben aus
indem er würdigt, mit eigener Hand, mit Bedacht, in lauterer
Absicht, er glaubt an hülfreiches Wirken. Also, ihr Mönche,
giebt ein guter Mensch die Gabe guter Menschen.

»So ein guter Mensch nun, ihr Mönche, der also einer guten
Weise nachgefolgt, also guten Menschen zugeneigt war, also
mit guten Menschen gedacht, also mit guten Menschen sich
berathen, also mit guten Menschen sich besprochen, also mit
guten Menschen verkehrt, also die Ansichten guter Menschen
geliebt, also die Gabe guter Menschen gegeben hatte, wird bei        109
der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, zur Fährte guter
Menschen hingerathen. Was ist aber, ihr Mönche, die Fährte
guter Menschen? Göttermacht oder Menschenmacht.«

               *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.[43]




                        ZWÖLFTER THEIL

                        BUCH DER REIHE




                             111.

             Zwölfter Theil            Erste Rede

                           DIE REIHE


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Witzig, ihr Mönche, ist Sāriputto, mächtig in Wissen, ihr
Mönche, ist Sāriputto, gewaltig in Wissen, ihr Mönche, ist
Sāriputto, hell in Wissen, ihr Mönche, ist Sāriputto, flink
in Wissen, ihr Mönche, ist Sāriputto, scharf in Wissen, ihr
Mönche, ist Sāriputto, schneidig in Wissen, ihr Mönche, ist
Sāriputto; Sāriputto, ihr Mönche, hat einen halben Monat der
Reihe nach die Dinge mit Klarsicht klar gesehn.

»So aber mag, ihr Mönche, Sāriputto der Reihe nach die Dinge
klar sehn: da weilt, ihr Mönche, Sāriputto, gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten
Schauung. Und die Dinge der ersten Schauung, Ueberlegung und         110
Erwägung, Heiterkeit und Säligkeit und Einigung des Herzens,
Berührung, Gefühl, Wahrnehmung, Denken, Bewusstsein, Wille,
Beschluss, Kraft, Einsicht, Gleichmuth, Achtsamkeit, diese
Dinge hat er der Reihe nach eingeordnet, diese Dinge lässt er
wissentlich aufsteigen, wissentlich standhalten, wissentlich
untergehn. Und er erkennt: ›So kommen denn diese Dinge
ungewesen zum Vorschein, und gewesen verschwinden sie wieder.‹
Und er ist diesen Dingen nicht zugeneigt und nicht abgeneigt,
nicht angeschlossen, nicht angeheftet, ist ihnen entgangen,
ihnen entronnen, ohne das Gemüth umschränken zu lassen. Denn
›Es giebt noch eine höhere Freiheit‹ weiß er. Und indem er sie
entwickelt merkt er eben ›Das giebt es.‹

»Denn ferner noch, ihr Mönche, hat Sāriputto nach Vollendung
des Sinnens und Gedenkens die innere Meeresstille, die Einheit
des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der
Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung gewonnen. Und die Dinge der zweiten Schauung, innere
Meeresstille, Heiterkeit und Säligkeit und Einigung des
Herzens, Berührung, Gefühl, Wahrnehmung, Denken, Bewusstsein,
Wille, Beschluss, Kraft, Einsicht, Gleichmuth, Achtsamkeit,
diese Dinge hat er der Reihe nach eingeordnet, diese Dinge
lässt er wissentlich aufsteigen, wissentlich standhalten,
wissentlich untergehn. Und er erkennt: ›So kommen denn diese
Dinge ungewesen zum Vorschein, und gewesen verschwinden sie
wieder.‹ Und er ist diesen Dingen nicht zugeneigt und nicht
abgeneigt, nicht angeschlossen, nicht angeheftet, ist ihnen
entgangen, ihnen entronnen, ohne das Gemüth umschränken zu
lassen. Denn ›Es giebt noch eine höhere Freiheit‹ weiß er. Und       111
indem er sie entwickelt merkt er eben ›Das giebt es.‹

»Denn ferner noch, ihr Mönche, hat Sāriputto in heiterer
Ruhe, gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück
im Körper empfunden, von dem die Heiligen sagen: ›Der
gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so hat er die Weihe
der dritten Schauung gewonnen. Und die Dinge der dritten
Schauung, Gleichmuth und Säligkeit, Einsicht und Klarheit und
Einigung des Herzens, Berührung, Gefühl, Wahrnehmung, Denken,
Bewusstsein, Wille, Beschluss, Kraft, Einsicht, Gleichmuth,
Achtsamkeit, diese Dinge hat er der Reihe nach eingeordnet,
diese Dinge lässt er wissentlich aufsteigen, wissentlich
standhalten, wissentlich untergehn. Und er erkennt: ›So
kommen denn diese Dinge ungewesen zum Vorschein, und gewesen
verschwinden sie wieder.‹ Und er ist diesen Dingen nicht
zugeneigt und nicht abgeneigt, nicht angeschlossen, nicht
angeheftet, ist ihnen entgangen, ihnen entronnen, ohne das
Gemüth umschränken zu lassen. Denn ›Es giebt noch eine höhere
Freiheit‹ weiß er. Und indem er sie entwickelt merkt er eben
›Das giebt es.‹

»Denn ferner noch, ihr Mönche, hat Sāriputto nach Verwerfung
der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen
Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung gewonnen. Und die Dinge der vierten Schauung,
Gleichmuth, ohne Leid-, ohne Freudengefühl, Reinheit, ohne
geistigen Genuss, lauter Einsicht und Einigung des Herzens,
Berührung, Gefühl, Wahrnehmung, Denken, Bewusstsein, Wille,
Beschluss, Kraft, Einsicht, Gleichmuth, Achtsamkeit, diese
Dinge hat er der Reihe nach eingeordnet, diese Dinge lässt er
wissentlich aufsteigen, wissentlich standhalten, wissentlich         112
untergehn. Und er erkennt: ›So kommen denn diese Dinge
ungewesen zum Vorschein, und gewesen verschwinden sie wieder.‹
Und er ist diesen Dingen nicht zugeneigt und nicht abgeneigt,
nicht angeschlossen, nicht angeheftet, ist ihnen entgangen,
ihnen entronnen, ohne das Gemüth umschränken zu lassen. Denn
›Es giebt noch eine höhere Freiheit‹ weiß er. Und indem er sie
entwickelt merkt er eben ›Das giebt es.‹

»Denn ferner noch, ihr Mönche, hat Sāriputto nach völliger
Ueberwindung der Formwahrnehmungen, Vernichtung der
Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen in dem
Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten
Raumes gewonnen. Und die Dinge der unbegränzten Raumsphäre,
Wahrnehmung der unbegränzten Raumsphäre und Einigung des
Herzens, Berührung, Gefühl, Wahrnehmung, Denken, Bewusstsein,
Wille, Beschluss, Kraft, Einsicht, Gleichmuth, Achtsamkeit,
diese Dinge hat er der Reihe nach eingeordnet, diese Dinge
lässt er wissentlich aufsteigen, wissentlich standhalten,
wissentlich untergehn. Und er erkennt: ›So kommen denn diese
Dinge ungewesen zum Vorschein, und gewesen verschwinden sie
wieder.‹ Und er ist diesen Dingen nicht zugeneigt und nicht
abgeneigt, nicht angeschlossen, nicht angeheftet, ist ihnen
entgangen, ihnen entronnen, ohne das Gemüth umschränken zu
lassen. Denn ›Es giebt noch eine höhere Freiheit‹ weiß er. Und
indem er sie entwickelt merkt er eben ›Das giebt es.‹

»Denn ferner noch, ihr Mönche, hat Sāriputto nach
völliger Ueberwindung der unbegränzten Raumsphäre in dem
Gedanken ›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des
unbegrenzten Bewusstseins gewonnen. Und die Dinge der                113
unbegränzten Bewusstseinsphäre, Wahrnehmung der unbegränzten
Bewusstseinsphäre und Einigung des Herzens, Berührung, Gefühl,
Wahrnehmung, Denken, Bewusstsein, Wille, Beschluss, Kraft,
Einsicht, Gleichmuth, Achtsamkeit, diese Dinge hat er der Reihe
nach eingeordnet, diese Dinge lässt er wissentlich aufsteigen,
wissentlich standhalten, wissentlich untergehn. Und er erkennt:
›So kommen denn diese Dinge ungewesen zum Vorschein, und
gewesen verschwinden sie wieder.‹ Und er ist diesen Dingen
nicht zugeneigt und nicht abgeneigt, nicht angeschlossen, nicht
angeheftet, ist ihnen entgangen, ihnen entronnen, ohne das
Gemüth umschränken zu lassen. Denn ›Es giebt noch eine höhere
Freiheit‹ weiß er. Und indem er sie entwickelt merkt er eben
›Das giebt es.‹

»Denn ferner noch, ihr Mönche, hat Sāriputto nach völliger
Ueberwindung der unbegränzten Bewusstseinsphäre in dem Gedanken
›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins gewonnen. Und die
Dinge der Nichtdaseinsphäre, Wahrnehmung der Nichtdaseinsphäre
und Einigung des Herzens, Berührung, Gefühl, Wahrnehmung,
Denken, Bewusstsein, Wille, Beschluss, Kraft, Einsicht,
Gleichmuth, Achtsamkeit, diese Dinge hat er der Reihe nach
eingeordnet, diese Dinge lässt er wissentlich aufsteigen,
wissentlich standhalten, wissentlich untergehn. Und er erkennt:
›So kommen denn diese Dinge ungewesen zum Vorschein, und
gewesen verschwinden sie wieder.‹ Und er ist diesen Dingen
nicht zugeneigt und nicht abgeneigt, nicht angeschlossen,
nicht angeheftet, ist ihnen entgangen, ihnen entronnen, ohne
das Gemüth umschränken zu lassen. Denn ›Es giebt noch eine
höhere Freiheit‹ weiß er. Und indem er sie entwickelt merkt er
eben ›Das giebt es.‹

»Denn ferner noch, ihr Mönche, hat Sāriputto nach völliger           114
Ueberwindung der Nichtdaseinsphäre die Gränzscheide möglicher
Wahrnehmung gewonnen. Und aus diesem Erfunde kehrt er besonnen
zurück. Und ist er aus diesem Erfunde besonnen zurückgekehrt,
so nimmt er die Dinge, die überstanden, aufgelöst, umgewandelt
sind, wahr: ›So kommen denn diese Dinge ungewesen zum
Vorschein, und gewesen verschwinden sie wieder.‹ Und er ist
diesen Dingen nicht zugeneigt und nicht abgeneigt, nicht
angeschlossen, nicht angeheftet, ist ihnen entgangen, ihnen
entronnen, ohne das Gemüth umschränken zu lassen. Denn ›Es
giebt noch eine höhere Freiheit‹ weiß er. Und indem er sie
entwickelt merkt er eben ›Das giebt es.‹

»Denn ferner noch, ihr Mönche, hat Sāriputto nach völliger
Ueberwindung der Gränzscheide möglicher Wahrnehmung die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit gewonnen, und des weise
Sehenden Wahn ist aufgehoben. Und aus diesem Erfunde kehrt
er besonnen zurück. Und ist er aus diesem Erfunde besonnen
zurückgekehrt, so nimmt er die Dinge, die überstanden,
aufgelöst, umgewandelt sind, wahr: ›So kommen denn diese Dinge
ungewesen zum Vorschein, und gewesen verschwinden sie wieder.‹
Und er ist diesen Dingen nicht zugeneigt und nicht abgeneigt,
nicht angeschlossen, nicht angeheftet, ist ihnen entgangen,
ihnen entronnen, ohne das Gemüth umschränken zu lassen. Denn
›Es giebt keine höhere Freiheit‹ weiß er. Und indem er sie
entwickelt merkt er eben ›Das giebt es nicht.‹

»Wer nun einen solchen, ihr Mönche, beim rechten Namen nennen
mag: ›Waltefürst, Oberfürst in heiliger Sitte, Waltefürst,
Oberfürst in heiliger Vertiefung, Waltefürst, Oberfürst              115
in heiliger Weisheit, Waltefürst, Oberfürst in heiliger
Enthaftung‹, der mag eben einen Sāriputto beim rechten Namen
nennen: ›Waltefürst, Oberfürst in heiliger Sitte, Waltefürst,
Oberfürst in heiliger Vertiefung, Waltefürst, Oberfürst
in heiliger Weisheit, Waltefürst, Oberfürst in heiliger
Enthaftung.‹ Wer nun einen solchen, ihr Mönche, beim rechten
Namen nennen mag: ›Sohn des Erhabenen, von ächter Abstammung,
aus dem Munde geboren, in der Lehre gezeugt, in der Lehre
gebildet, Erbe der Lehre, nicht Erbe der Nothdurft‹, der mag
eben einen Sāriputto beim rechten Namen nennen: ›Sohn des
Erhabenen, von ächter Abstammung, aus dem Munde geboren, in der
Lehre gezeugt, in der Lehre gebildet, Erbe der Lehre, nicht
Erbe der Nothdurft.‹ Sāriputto, ihr Mönche, stellt das höchste
Reich der Wahrheit, nachdem es der Vollendete dargestellt hat,
ganz ebenso dar.«

               *       *       *       *       *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.




                             112.

             Zwölfter Theil            Zweite Rede

                        SECHS ERLÄUTERN


Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei           116
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Da giebt, ihr Mönche, ein Mönch die Gewissheit zu erkennen:
‚›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt
das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteh’ ich da.‘
Die Rede, ihr Mönche, eines solchen Mönches ist weder zu
billigen noch abzuweisen; ohne zu billigen, ohne abzuweisen
ist die Frage zu stellen: ›Vier Arten, Bruder, von Betragen
hat Er, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige,
vollkommen Erwachte, recht gekennzeichnet: und welche vier? Bei
Gesehnem das Gesehne verlautbaren, bei Gehörtem das Gehörte
verlautbaren, bei Gedachtem das Gedachte verlautbaren, bei
Erkanntem das Erkannte verlautbaren: das sind, Bruder, vier
Arten von Betragen, die Er, der Erhabene, der Kenner, der
Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, recht gekennzeichnet
hat; was für Wissen hat nun der Ehrwürdige, was für Schauen bei
diesen vier Arten von Betragen und hat das Herz ohne Hangen
vom Wahne abgelöst?‹ Ein Mönch, ihr Mönche, der Wahnversieger,
Endiger ist, der das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil
sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch
vollkommene Erkenntniss erlöst hat, kann folgende Rechenschaft
ablegen: ›Bei Gesehnem bin ich, Brüder, nicht zugeneigt und
nicht abgeneigt, nicht angeschlossen, nicht angeheftet, bin
ihm entgangen, bin ihm entronnen, ohne das Gemüth umschränken
zu lassen; bei Gehörtem -- bei Gedachtem -- bei Erkanntem            117
bin ich, Brüder, nicht zugeneigt und nicht abgeneigt, nicht
angeschlossen, nicht angeheftet, bin ihm entgangen, bin ihm
entronnen, ohne das Gemüth umschränken zu lassen. So ein Wissen
hab’ ich, Brüder, so ein Schauen bei diesen vier Arten von
Betragen und habe das Herz ohne Hangen vom Wahne abgelöst.‹

»Die Rede, ihr Mönche, eines solchen Mönches ist zu billigen
und gutzuheißen; und hat man sie gebilligt und gutgeheißen, so
ist eine fernere Frage zu stellen: ›Fünf sind es, Bruder, der
Stücke des Anhangens, die Er, der Erhabene, der Kenner, der
Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, recht gekennzeichnet
hat: und welche fünf? Als da ist ein Stück Anhangen an der
Form, ein Stück Anhangen am Gefühl, ein Stück Anhangen an der
Wahrnehmung, ein Stück Anhangen an der Unterscheidung, ein
Stück Anhangen am Bewusstsein: das sind, Bruder, die fünf
Stücke des Anhangens, die Er, der Erhabene, der Kenner, der
Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, recht gekennzeichnet
hat; was für Wissen hat nun der Ehrwürdige, was für Schauen
bei diesen fünf Stücken des Anhangens und hat das Herz
ohne Hangen vom Wahne abgelöst?‹ Ein Mönch, ihr Mönche,
der Wahnversieger, Endiger ist, der das Werk gewirkt, die
Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln
vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst hat,
kann folgende Rechenschaft ablegen: ›Die Form hab’ ich, Brüder,
als ohnmächtig, unergetzlich, unerquicklich erkannt, und was
bei der Form anhänglich Anhangen ist, geistiges Anlehnen,
Anschmiegen, Angewöhnen: weil ich das versiegen und versagen,
aufhören, zergehn, entschwinden habe lassen, ist mein Herz
abgelöst, versteh’ ich da. Das Gefühl, die Wahrnehmung, die
Unterscheidungen, das Bewusstsein hab’ ich, Brüder, als              118
ohnmächtig, unergetzlich, unerquicklich erkannt, und was beim
Gefühl, bei der Wahrnehmung, bei den Unterscheidungen, beim
Bewusstsein anhänglich Anhangen ist, geistiges Anlehnen,
Anschmiegen, Angewöhnen: weil ich das versiegen und versagen,
aufhören, zergehn, entschwinden habe lassen, ist mein Herz
abgelöst, versteh’ ich da. So ein Wissen hab’ ich, Brüder, so
ein Schauen bei diesen fünf Stücken des Anhangens und habe das
Herz ohne Hangen vom Wahne abgelöst.‹

»Die Rede, ihr Mönche, eines solchen Mönches ist zu billigen
und gutzuheißen; und hat man sie gebilligt und gutgeheißen,
so ist eine fernere Frage zu stellen: ›Sechs Artungen sind
es, Bruder, die Er, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der
Heilige, vollkommen Erwachte, recht gekennzeichnet hat: und
welche sechs? Art der Erde, Art des Wassers, Art des Feuers,
Art der Luft, Art des Raumes, Art des Bewusstseins: das sind,
Bruder, sechs Artungen, die Er, der Erhabene, der Kenner, der
Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, recht gekennzeichnet
hat; was für Wissen hat nun der Ehrwürdige, was für Schauen bei
diesen sechs Artungen und hat das Herz ohne Hangen vom Wahne
abgelöst?‹ Ein Mönch, ihr Mönche, der Wahnversieger, Endiger
ist, der das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich
errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene
Erkenntniss erlöst hat, kann folgende Rechenschaft ablegen:
›Die Art der Erde hab’ ich, Brüder, als uneigen begriffen und
mich als nicht in der Art der Erde bestanden, und was in der
Art der Erde bestanden ist, anhänglich Anhangen, geistiges
Anlehnen, Anschmiegen, Angewöhnen: weil ich das versiegen und
versagen, aufhören, zergehn, entschwinden habe lassen, ist mein
Herz abgelöst, versteh’ ich da. Die Art des Wassers -- die Art
des Feuers -- die Art der Luft -- die Art des Raumes -- die Art
des Bewusstseins hab’ ich, Brüder, als uneigen begriffen und         119
mich als nicht in der Art des Bewusstseins bestanden, und was
in der Art des Bewusstseins bestanden ist, anhänglich Anhangen,
geistiges Anlehnen, Anschmiegen, Angewöhnen: weil ich das
versiegen und versagen, aufhören, zergehn, entschwinden habe
lassen, ist mein Herz abgelöst, versteh’ ich da. So ein Wissen
hab’ ich, Brüder, so ein Schauen bei diesen sechs Artungen und
habe das Herz ohne Hangen vom Wahne abgelöst.‹

»Die Rede, ihr Mönche, eines solchen Mönches ist zu billigen
und gutzuheißen; und hat man sie gebilligt und gutgeheißen, so
ist eine fernere Frage zu stellen: ›Sechs sind es wiederum,
Bruder, der Innen- und Außengebiete, die Er, der Erhabene, der
Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, recht
gekennzeichnet hat: und welche sechs? Das Auge und die Formen,
das Ohr und die Töne, die Nase und die Düfte, die Zunge und die
Säfte, der Leib und die Tastungen, das Denken und die Dinge:
das sind, Bruder, die sechs Innen- und Außengebiete, die Er,
der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen
Erwachte recht gekennzeichnet hat; was für Wissen hat nun
der Ehrwürdige, was für Schauen bei diesen sechs Innen- und
Außengebieten und hat das Herz ohne Hangen vom Wahne abgelöst?‹
Ein Mönch, ihr Mönche, der Wahnversieger, Endiger ist, der das
Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die
Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntnis
erlöst hat, kann folgende Rechenschaft ablegen: ›Beim Auge,
Brüder, bei der Form, beim Sehbewusstsein, bei den durch das
Sehbewusstsein bewusstbaren Dingen, was da Wille und Gier,
was da Lust und Durst, was anhänglich Anhangen ist, geistiges
Anlehnen, Anschmiegen, Angewöhnen: weil ich das versiegen und        120
versagen, aufhören, zergehn, entschwinden habe lassen, ist
mein Herz abgelöst, versteh’ ich da. Beim Ohr -- bei der Nase
-- bei der Zunge -- beim Leibe -- beim Denken, Brüder, bei den
Dingen, beim Denkbewusstsein, bei den durch das Denkbewusstsein
bewusstbaren Dingen, was da Wille und Gier, was da Lust und
Durst, was anhänglich Anhangen ist, geistiges Anlehnen,
Anschmiegen, Angewöhnen: weil ich das versiegen und versagen,
aufhören, zergehn, entschwinden habe lassen, ist mein Herz
abgelöst, versteh’ ich da. So ein Wissen hab’ ich, Brüder, so
ein Schauen bei diesen sechs Innen- und Außengebieten und habe
das Herz ohne Hangen vom Wahne abgelöst.‹

»Die Rede, ihr Mönche, eines solchen Mönches ist zu billigen
und gutzuheißen; und hat man sie gebilligt und gutgeheißen, so
ist eine fernere Frage zu stellen: ›Was für Wissen hat nun
der Ehrwürdige, was für Schauen, bei allen äußeren Eindrücken
auf diesen mit Bewusstsein behafteten Körper da, und hat der
Ichheit und Meinheit Dünkelanwandlungen gänzlich ausgetilgt?‹
Ein Mönch, ihr Mönche, der Wahnversieger, Endiger ist, der das
Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die
Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss
erlöst hat, kann folgende Rechenschaft ablegen: ›Früher war
ich, Brüder, in häuslichem Leben erwachsen, ein unwissender
Mensch gewesen. Da hat mir der Vollendete, oder ein Jünger
des Vollendeten, die Lehre gezeigt. Als ich von ihm die Lehre
vernommen, hab’ ich Vertrauen zum Vollendeten gefasst. Von
diesem Vertrauen erfüllt hab’ ich da bei mir erwogen: ‚Ein
Gefängniss ist die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel; der              121
freie Himmelsraum die Pilgerschaft. Nicht wohl geht es, wenn
man im Hause bleibt, das völlig geläuterte, völlig geklärte
Asketenthum Punkt für Punkt zu erfüllen.[44] Wie, wenn ich nun,
mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet,
aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‘ Und ich habe
dann, Brüder, nach einiger Zeit, einen kleinen Besitz oder
einen großen Besitz verlassen, einen kleinen Verwandtenkreis
oder einen großen Verwandtenkreis verlassen, Haar und Bart
abgeschoren, die fahlen Gewänder angelegt und bin aus dem Hause
in die Hauslosigkeit gezogen.

›Ich war nun Pilger geworden und hatte die Ordenspflichten
der Mönche auf mich genommen. Lebendiges umzubringen hatt’
ich verworfen, Lebendiges umzubringen lag mir fern: ohne
Stock, ohne Schwerdt, fühlsam, voll Theilnahme, hegt’ ich
zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid. Nichtgegebenes zu
nehmen hatt’ ich verworfen, vom Nehmen des Nichtgegebenen
hielt ich mich fern: Gegebenes nahm ich, Gegebenes wartete
ich ab, nicht diebisch gesinnt, rein gewordenen Herzens. Die
Unkeuschheit hatt’ ich verworfen, keusch lebt’ ich: fern zog
ich hin, entrathen der Paarung, dem gemeinen Gesetze.[45]
Lüge hatt’ ich verworfen, von Lüge hielt ich mich fern: die
Wahrheit sprach ich, der Wahrheit war ich ergeben, standhaft,
vertrauenswürdig, kein Häuchler und Schmeichler der Welt. Das
Ausrichten hatt’ ich verworfen, vom Ausrichten hielt ich mich
fern: was ich hier gehört hatte erzählt’ ich dort nicht wieder,
um jene zu entzweien, und was ich dort gehört hatte erzählt’
ich hier nicht wieder, um diese zu entzweien; so einigte ich
Entzweite, festigte Verbundene, Eintracht machte mich froh,
Eintracht freute mich, Eintracht beglückte mich, Eintracht           122
fördernde Worte sprach ich. Barsche Worte hatt’ ich verworfen,
von barschen Worten hielt ich mich fern: Worte, die frei von
Schimpf sind, dem Ohre wohlthuend, liebre

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