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Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit

by Johann Wolfgang von Goethe · German · Gutenberg #48919 · 305,032 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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Title: Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit

Author: Johann Wolfgang von Goethe

Contributor: Johann Christian Kestner

Editor: August Kestner


        
Release date: May 10, 2015 [eBook #48919]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48919

Credits: Produced by Karl Eichwalder, Reiner Ruf, and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
        book was produced from scanned images of public domain
        material from the Google Print project.)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GOETHE UND WERTHER: BRIEFE GOETHE'S, MEISTENS AUS SEINER JUGENDZEIT ***

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                     Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1854 erschienenen Buchausgabe
möglichst originalgetreu wiedergegeben. Insbesondere die
Rechtschreibung sowie die Verwendung von Groß- und Kleinbuchstaben
am Wortanfang sind in Goethes Briefen teilweise sehr ungewöhnlich.
Diese Stellen wurden dennoch dem Original entsprechend unverändert
übernommen; lediglich einzelne Satzzeichen wurden dem Textsinn gemäß
stillschweigend angepasst.

Die folgenden Stellen wurden korrigiert:

    S. IV, Nr. 27.: 'Goethes' --> 'Goethe's'
    S. 8: 'Lebensluft'; könnte möglicherweise 'Lebenslust'
        heißen, wurde aber hier so belassen.
    S. 272: doppeltes 'und'; eines entfernt
    S. 287: 'Hanslehrer' --> 'Hauslehrer'

Der Text in der Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt; dies
wird hier durch normale Schrift dargestellt. Passagen in Antiquaschrift
werden zwischen _Unterstriche_ gesetzt; ~Tilden~ stehen für gesperrten
Text.

Caret-Zeichen (^) stehen für hochgestellten Text; mehrere Zeichen
werden dabei durch geschweifte Klammern zusammengefasst: ^{text}.

  ####################################################################




[Illustration]




                          Goethe und Werther.

                           Briefe Goethe's,

                    meistens aus seiner Jugendzeit,

                     mit erläuternden Documenten.

                           Herausgegeben von

                              A. Kestner,

   Königl. Hannov. Legationsrath, Minister-Resident bei dem Päpstl.
                            Stuhle in Rom.

                        Stuttgart und Tübingen.
                       J.G. Cotta'scher Verlag.
                                 1854.




                        Wahrheit ohne Dichtung.




     Buchdruckerei der J.G. Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart.




Inhalt.


                                                                   Seite
    Einleitung                                                         1

    ~Goethesche Briefe, nebst dazu gehörigen erläuternden
    Documenten~                                                       33

    Nr. 1. Fragment eines Brief-Entwurfs aus Kestner's Papieren,
    geschrieben im Anfange seiner Bekanntschaft mit
    Goethe                                                            35

    " 2. Anderes Fragment eines Brief-Entwurfs aus Kestner's
    Papieren. -- Die erste Bekanntschaft Goethe's mit
    Lotte betreffend (9. Juni 1772.)                                  40

    " 3. Goethe an Kestner (Wetzlar den 8. Aug. 1772.)                42

    " 4. Goethe an Kestner (6. Sept. 1772.)                           43

    " 5. Goethe an Kestner (10. Sept. 1772.)                          44

    " 6. Goethe an Lotte. Einschluß des Vorigen. Davon ist
    ein Facsimile beigefügt                                           45

    " 7. Goethe an Lotte. (11. Sept. 1772.) Zu dem Vorigen,
    Einschluß                                                         46

    " 8. Goethe an Kestner. (Aus Frankfurt.)                          47

    " 9. Goethe an Kestner                                            49

    " 10. Aus Kestner's Tagebuche. Dessen Reise nach Frankfurt
    vom 21. bis 24. Sept. 1772 betreffend                             50

    " 11. Goethe an Kestner. Freitags. Frankfurt den 25. Sept.
    1772 und Sonnabends nach Tische                                   52

    " 12. Goethe an Kestner. _prs._ Wetzlar den 4. Oct. 1772          54

    " 13. Goethe an Kestner, Dienstags. Frankfurt den 6. Oct.
    1772. _prs._ Wetzlar den 7. _ejusd._                              56

    " 14. Goethe an Lotte. _prs._ Wetzlar den 9. Oct. 1772            58

    " 15. Goethe an Kestner. Sonnabends. _prs._ Wetzlar den
    11. Oct. 1772                                                     60

    " 16. Goethe an Kestner. _prs._ Wetzlar den 22. Oct. 1772
    von Frankfurt                                                     62

    " 17. Goethe an Kestner. _prs._ Wetzlar den 28. Oct. 1772         63

    " 18. Goethe an Kestner                                           65

    " 19. Aus Kestner's Tagebuche. Goethe's Reise nach Wetzlar
    vom 6. bis 10. Nov. 1772 betreffend                               67

    " 20. Goethe's Schwester an Kestner. _prs._ 7. Nov. 1772          68

    " 21. Goethe an Kestner (Friedberg den 10. Nov. 1772.)
    _acc._ den 12. _ejusd._ in Wetzlar                                69

    " 22. Goethe an Kestner. _acc._ den 14. Nov. 1772 in Wetzlar
    von Frankfurt                                                     72

    " 23. Goethe an Kestner. _acc._ den 15. Nov. 1772 in Wetzlar      73

    " 24. Kestner an v. Hennings. Wetzlar den 18. Nov. 1772           74

    " 25. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 21. Nov. 1772         83

    " 26. Goethe's Schwester an Kestner. Samstag den 21. Nov.
    1772                                                              84

    " 27. Goethe's Schwester an Kestner. Mittwoch den 25. Nov.
    1772                                                              85

    " 28. Kestner's Nachrichten über den Tod Jerusalems vom
    2. Nov. 1772. An Goethe abgesandt in demselben
    Monat. Ein Facsimile des Billets von Jerusalem
    an Kestner vom 29. Oct. 1772 ist beigefügt                        86

    " 29. Nachtrag zur Geschichte von Jerusalems Tode, gefunden
    in Kestner's Papieren                                            100

    " 30. Goethe an Kestner. _acc._ von Darmstadt zu Wetzlar
    den 30. Nov. 1772                                                102

    " 31. Goethe's Schwester an Kestner. Dienstag den 1. Dec.
    1772                                                             104

    " 32. Goethe's Schwester an Kestner. Freitag den 4. Dec.
    1772                                                             105

    " 33. Goethe an Kestner. Am sechsten. _acc._ Wetzlar den
    8. Dec. 1772                                                     106

    " 34. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 13. Dec. 1772        108

    " 35. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 16. Dec. 1772        109

    " 36. Goethe an Kestner                                          111

    " 37. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 26. Dec. 1772        112

    " 38. Goethe's Schwester an Kestner. Montag d. 4. Jan. 1773      117

    " 39. Goethe an Kestner                                          118

    " 40. Goethe an Kestner. Freitag Morgens                         119

    " 41. Goethe an Kestner                                          121

    " 42. Goethe an Kestner                                          124

    " 43. Goethe an Lottens Schwester                                125

    " 44. Goethe's Schwester an Kestner. Dienstag den 12. Jan.
    1773                                                             126

    " 45. Goethe's Schwester an Kestner. Montag den 18. Jan.
    1773                                                             127

    " 46. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 19. Jan. 1773        128

    " 47. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 20. Jan. 1773        129

    " 48. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 27. Jan. 1773        130

    " 49. Goethe an Kestner. Donnerstags Vormittag. _acc._
    den 29. Jan. 1773                                                132

    " 50. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 6. Febr. 1773        134

    " 51. Goethe an Kestner. _acc._ den 7. Febr. 1773                136

    " 52. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 12. Febr. 1773       137

    " 53. Goethe an Kestner (Febr. 1773)                             139

    " 54. Goethe an Kestner. _acc._ den 23. Febr. 1773               140

    " 55. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 26. Febr. 1773       141

    " 56. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 16. März 1773        142

    " 57. Goethe an Hans Buff (Lottens Bruder)                       143

    " 58. Goethe an Kestner                                          144

    " 59. Goethe an Kestner                                          145

    " 60. Goethe an Kestner                                          146

    " 61. Goethe an Lotte. Einschluß des Vorigen                     148

    " 62. Goethe an Kestner                                          149

    " 63. Goethe an Kestner                                          150

    " 64. Goethe an Kestner                                          152

    " 65. Goethe an Kestner. _acc._ den 12. April 1773 in
    Wetzlar                                                          153

    " 66. Goethe an Kestner. _acc._ den 12. April 1773               156

    " 67. Goethe an Kestner. Mittwochs. _acc._ Wetzlar den
    16. April 1773                                                   157

    " 68. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 16. April 1773       159

    " 69. Goethe an Kestner. Darmstadt. _acc._ Wetzlar den
    23. April 1773                                                   162

    " 70. Goethe an Hans                                             163

    " 71. Goethe an Hans                                             164

    " 72. Goethe an Kestner. Darmstadt. Sonntags. _acc._
    30. April 1773                                                   165

    " 73. Goethe an Kestner. _acc._ Wetzlar den 5. Mai 1773          166

    " 74. Goethe an Hans                                             167

    " 75. Goethe an Hans                                             168

    " 76. Goethe an Kestner. _acc._ Hannover den 18. Juni 1773       169

    " 77. Goethe an Hans                                             171

    " 78. Goethe an Kestner. _acc._ Hannover den 21. Juli 1773       173

    " 79. Goethe an Hans                                             176

    " 80. Goethe an Kestner (21. Aug. 1773)                          177

    " 81. Goethe an Kestner, vom 15. Sept. 1773                      179

    " 82. Gedicht an Lotte, im Couvert des vorhergehenden
    Briefes, mit Goethe's Bildniß, welches aber nicht
    erfolgt ist. Ein Duplicat dieses Gedichts mit einigen
    Varianten hat Goethe am 31. August 1774
    (Nr. 101) und dabei seine Silhouette übersandt.
    Beide sind im Facsimile hier nachgefügt                          183

    " 83. Goethe an Kestner                                          185

    " 84. Goethe an Hans                                             187

    " 85. Goethe an Hans                                             188

    " 86. Goethe an Hans                                             189

    " 87. Goethe an Lotte. Frankfurt den 31. Oct. 1773               190

    " 88. Goethe an Kestner, am ersten Christtage Morgens
    nach sechs, den 25. Dec. 1773                                    192

    " 89. Goethe an Hans                                             195

    " 90. Goethe an Hans                                             196

    " 91. Goethe an Hans                                             197

    " 92. Goethe an Hans                                             198

    " 93. Goethe an Hans                                             199

    " 94. Goethe an Hans                                             200

    " 95. Goethe an Hans                                             201

    " 96. Goethe an Lotte (1773 oder 1774)                           202

    " 97. Goethe an Kestner (März 1774)                              203

    " 98. Goethe an Lotte (Mai 1774)                                 206

    " 99. Goethe an Kestner, vom 11. Mai 1774                        207

    " 100. Goethe an Lotte, vom 16. Juni 1774                        209

    " 101. Goethe an Lotte, vom 26. und Nachschrift vom
    31. Aug. 1774 aus Frankfurt. Bei letzterer erfolgte
    das oben (Nr. 82) im Facsimile hinzugefügte Gedicht
    nebst Silhouette                                                 212

    " 102. Goethe an Lotte, vom 27. Aug. 1774 aus Langen,
    zwischen Frankfurt und Darmstadt                                 215

    " 103. Goethe an Hans, vom 31. Aug. 1774                         217

    " 104. Goethe an Kestner, vom 23. Sept. 1774 mit einem
    Exemplar des Werther                                             218

    " 105. Goethe an Lotte. Einschluß des Vorigen                    219

    " 106. Fragment eines Briefconcepts von Kestner an Goethe,
    nach Empfang des Werther. (Aus Hannover vom
    Ende Sept. oder Anfang Oct. 1774)                                220

    " 107. Goethe an Kestner und Lotte (Oct. 1774)                   222

    " 108. Goethe an v. Hennings. Hannover den 7. Nov. 1774          224

    " 109. Goethe an Kestner, vom 21. Nov. 1774                      232

    " 110. Kestner an v. Hennings, vom 30. Nov. 1774, geschlossen
    am 24. Jan. 1775                                                 236

    " 111. Goethe an Hans, vom 9. Jan. 1775                          240

    " 112. Goethe an Lotte, aus der Schweiz, vom 19. Juni 1774       241

    " 113. Goethe's Schwester an Kestner, vom 6. Jan. 1776           242

    " 114. Goethe's Mutter an Hans. Frankfurt d. 2. Febr. 1776       244

    " 115. Goethe an Kestner und Lotte. Weimar den 9. Juli 1776      246

    " 116. Goethe an Kestner. Wartburg den 28. Sept. 1777            248

    " 117. Goethe an Kestner, vom 23. Jan. 1778                      250

    " 118. Goethe an Kestner. Pfingstsonntag 1780                    251

    " 119. Goethe an Kestner. Weimar den 30. Mai 1781.
    _acc._ 22. Juni _e.a._                                           253

    " 120. Goethe an Kestner. Weimar den 15. März 1783.
    _acc._ 22. _ejusd._                                              254

    " 121. Goethe an Kestner. Weimar den 2. Mai 1783                 256

    " 122. Fragment eines Briefconcepts Kestner's an Goethe.
    (Von Hannover 1783)                                              258

    " 123. Goethe an Kestner. Eisenach den 24. Juni 1784             261

    " 124. Goethe an Kestner. Weimar den 11. Jan. 1785               263

    " 125. Goethe an Kestner. Weimar den 25. April 1785              265

    " 126. Goethe an Kestner, vom 1. Sept. 1785                      267

    " 127. Goethe an Kestner. Weimar den 4. Dec. 1785.
    Am 2. April 1786 beantwortet                                     268

    " 128. Goethe an Kestner. Weimar den 16. Juni 1786               269

    " 129. Goethe an Kestner. Weimar den 21. Juli 1786               270

    " 130. Goethe an Kestner. Rom den 19. Febr. 1787                 271

    " 131. Goethe an Kestner. Rom den 24. Oct. 1787                  272

    " 132. Goethe's Mutter an Kestner und Lotte. Frankfurt
    den 23. Oct. 1788                                                274

    " 133. Goethe an Kestner. Weimar den 10. Nov. 1788               277

    " 134. Goethe an Kestner. Weimar den 2. Febr. 1789               279

    " 135. Goethe an Kestner. Weimar den 2. März 1790                280

    " 136. Goethe an Kestner. Weimar den 10. März 1791               281

    " 137. Goethe an Kestner. Weimar den 16. Juli 1798               282

    " 138. Gedicht Goethe's an Kestner, vor ein diesem geschenktes
    Exemplar des »_Deserted village by Dr.
    Goldsmith_« von Goethe geschrieben                               284


    ~Einige ältere Briefe, als fernere erläuternde Dokumente~        285

    Nr. 139. Kestner an seinen früheren Hauslehrer. (Aus Wetzlar,
    am Ende des Jahres 1767 oder Anfangs 1768
    geschrieben.)                                                    287

    " 140. Kestner an v. Hennings. Wetzlar den 2. Nov. 1768          291

    " 141. Kestner an denselben. Wetzlar den 25. Aug. 1770           295

    " 142. Kestner an denselben, aus Wetzlar. (Vermuthlich
    im Herbst 1770 geschrieben.)                                     302




                              Einleitung.[1]


Unser Dichter ist dahingegangen; wir betrachten sein mächtiges Leben;
wir erforschen seine Spuren; wir sammeln was ihn betrifft, um der
Geschichte die verklungenen Töne zu überweisen, aus denen sie die
unvergängliche Sprache bildet, zur Erhebung und Belehrung der Menschen.
Solchen Schätzen fügen wir hiemit eine Reihe eigenhändiger Briefe
~Goethe's~ hinzu, vorzüglich aus der Periode des ~Werther~,
und begleiten sie mit einigen erläuternden Documenten.

In einer lieblichen Erscheinung der Wirklichkeit, in der wir die
Elemente seines großen Gedichtes erkennen, erblicken wir Ihn, der
seitdem ein halbes Jahrhundert die Ideen seiner Nation beherrscht hat,
einem jungen Adler gleich, der seine Flügel zu schwingen beginnt,
kaum ahnend, daß sie Ihn einst zur höchsten Sonne tragen werden, sehen
Ihn, den Jüngling, den Freund, den Liebenden, mit unsern eigenen Augen
im Leben wandelnd. Denn wenn Er uns später das Bild seines Lebens als
»Wahrheit und Dichtung«[2] gab, so bekannte Er selbst seinen Zweifel,
ob im Nebel der Vergangenheit Ihm das Geschehene oder die Idee des
Dichters erscheine, ob seine bejahrten Augen an dem Jünglinge die
Farben der Jugend noch zu erkennen vermöchten.

Goethe's Verehrung einer wirklichen Lotte in Wetzlar war Vielen
bekannt; denn schon als ein glänzender Jüngling war er vielfach von
den Zeitgenossen besprochen und hochgeschätzt. Kurze Zeit, nachdem
er die Stadt auf immer verlassen hatte, erschoß sich daselbst ein
interessanter junger Mann, Wilhelm Jerusalem, Sohn des berühmten
Theologen, des Abts Jerusalem in Braunschweig. Zwei Jahre darauf
erschien der Roman: »Die Leiden des jungen Werther.« Der erdichtete
Selbstmord des erdichteten Werther, und die noch in frischem Andenken
stehende Schreckensthat Jerusalems, die ebenfalls einer unglücklichen
Liebe zugeschrieben und mit Goethe's Aufenthalt in derselben Stadt
fast gleichzeitig war, wirkten zusammen, um die vom Dichter durch
den Roman so heftig bewegten Gemüther aufzuregen, und trieben zur
Erforschung der Thatsachen, in denen man den Gegenstand so lebendiger
Schilderung zu entdecken begierig war. Ein Gewirre von Erzählungen
und Auslegungen überschwemmte Deutschland, in denen bald der todte
Jerusalem, bald der lebende Goethe mit dem Werther vermengt und
verflochten wurde. Solche Beziehungen konnten, wie wir sehen werden,
größtentheils nur Goethe's Seelenzustand treffen, das Faktische
derselben aber war, zumal in so fern es die Katastrophe des Romans
betrifft, schon deßwegen seiner Person fremd, weil er die Lotte schon
in ihrem Brautstande auf immer verlassen hat, und niemals als junge
Frau, sondern erst, als er 70, und sie 60 Jahre alt war, in Weimar,
wo sie ihre Schwester besuchte, wieder gesehen hat, als sie die
ehrwürdige Mutter von zwölf Kindern war, von denen der Verfasser dieser
Einleitung der vierte Sohn ist. Unsere Briefe setzen dieses Alles ins
Licht. Um jedoch das Bild jener Zeit vollständig aufzufassen, ist
es wesentlich, die Personen der Freunde kennen zu lernen, mit denen
Goethe gleichsam aus dem Leben in die Dichtung überging; und hiezu
sind die nachstehenden Seiten bestimmt. Wenn in diesen historischen
Erläuterungen der Sohn über seine Eltern so ausführlich redet, so
glaubt er solches in Beziehung auf Goethe selbst nicht unterlassen zu
dürfen, weil dadurch dessen innige Freundschaft für die Eltern erklärt
und nur dadurch sein ganzes Verhältniß zu ihnen erklärlich wird.

Der nachmalige Hofrath Johann Christian Kestner in Hannover,
in Goethe's »Wahrheit und Dichtung« (_pag._ 114 des 22.
Bandes von Goethe's sämmtl. Werken) mit dem Beinamen: »der
Bräutigam,« bezeichnet, kam, sechs und zwanzig Jahre alt, als
Legationssecretär der kurfürstlich hannöverschen Gesandtschaft bei der
Kammergerichtsvisitation, im Jahre 1767, nach Wetzlar. In Hannover (am
28. Aug. -- auch Goethe's Geburtstage, -- 1741) geboren, hatte er in
einem glücklichen Familienkreise und an der Hand eines Hauslehrers von
ausgebreitetem Wissen und edlem Character eine auserlesene Erziehung
gehabt. (S. Nr. 139 der Documente.) Viele Ehrenmänner, bekannte wie
unbekannte, haben in vieljähriger Freundschaft mit ihm bezeugt, daß er
ein ausgezeichneter Jüngling, später ein trefflicher Mann war: tüchtig,
gerecht und menschenliebend, mit einem Verstande durch das Herz, einem
Herzen durch den Verstand bereichert. Goethe, einer dieser Zeugen,
sagt in einem seiner Briefe: »Ihr wart mir eine Art Ideal eines durch
Genügsamkeit und Ordnung Glücklichen, und euer musterhaftes Leben mit
Frau und Kindern war mir ein fröhliches und beruhigendes Bild.« (S. Nr.
127.)

Um einen Blick auch unmittelbar auf seine Person, als eine der
Haupterscheinungen auf dem Boden, den Goethe in Wetzlar betrat,
zu eröffnen, haben wir die Goethe'schen Briefe ebenfalls mit
einigen Briefen Kestners an andere Freunde, insonderheit an seine
Jugendfreunde, die bekannten Gebrüder v. Hennings, begleitet, welche
zugleich Thatsachen von Erheblichkeit enthalten. Es wird in der
Familie noch ein fernerer, gar liebenswürdiger Briefwechsel aus der
Schulzeit und den Universitätsjahren dieser Freunde aufbewahrt.
Alles darin ist gediegen und rein. Warm, gleich Liebenden, wahr und
arglos wie Kinder, kaum ahnend, daß Schlechtes oder Unschönes in der
Welt sei, durchdrungen von sittlichem Ernst, führen die Jünglinge in
diesen Briefen alles was sie denken auf ihre Freundschaft zurück,
und stärken ihren jugendlichen Sinn für das Gute und Schöne, durch
Wissenschaft, Natur und Dichtkunst. Wenn gleich diese Briefe, einige
wenige ausgenommen, die wir unsern Urkunden anschließen, den Umfang
dieses Buches nicht erweitern sollen, so durfte der Inhalt derselben
nicht unberührt bleiben, da die Seelenschönheit, welche aus denselben
hervorleuchtet, zur Auffassung einer so reinen und hohen Freundschaft
leitet, welche Kestner mit dem Vollgehalt seines dafür empfänglichen
Herzens dem jungen Goethe entgegentrug, von diesem in seinem großen
Seelenvermögen erwiedert wurde, und in beiden einen so seltenen
Edelmuth entwickelte.

Kestner, an reichhaltigen Umgang gewöhnt, litt anfangs an dem Mangel
desselben in der fremden Stadt, und tröstete seine Einsamkeit durch die
Schönheiten des Lahnthales, das er, Inhalts seiner Tagebücher, zu Fuß
und zu Pferde durchstrich. Doch gar bald fand er Ersatz für das, was
er zu Hause verlassen, in der Familie des Deutschordens-Amtmanns Buff,
die von manchen Zeugen als eine der auserlesensten jener Stadt, als ein
Bild heiterer und unschuldiger Häuslichkeit geschildert ist. Der Vater,
ein kräftiger Biedermann, die Mutter von höchster Vortrefflichkeit. Sie
war in der Stadt die Mutter der schönen Kinder genannt.

Nicht lange hatte er diesen reichen Umgang genossen, als die
Zweitgeborne der Töchter, Charlotte, das höchste Ziel seiner Wünsche
wurde. Mit ihrer Liebe zugleich gewann er die besondere Gunst der
Mutter. Die von solcher Mutter erzogene Lotte, verstand, auch voll
Lebhaftigkeit und Muthwillen, wie sie war, ihren sanftmüthigen Bewerber
in der Unschuld seines Gemüths und der Redlichkeit seines Charakters.

In dem Briefe an seinen Jugendlehrer (Nr. 139) und einigen an seinen
Freund (Nr. 140 u. f.) lernen wir Mutter und Tochter näher kennen, und
zugleich ihn selbst, der in seiner Freude an denen, die er schildert,
vor uns steht. Im Werther, im letzten Briefe des ersten Buchs, hat
Goethe dieser seltenen Frau, indem er die Tochter reden läßt, ein
Denkmal der Verehrung gesetzt, eine Scene schildernd, die aus dem Leben
genommen ist.

Im Jahr 1770 ward diese glückliche Familie der edlen Mutter beraubt,
und Lotte, gleich als hätte eine Familienwahl es entschieden, erbte die
mütterlichen Sorgen für zehn Kinder.

Vom Jahr 1768 bis 1772 hatte Kestner, als glücklicher Verlobter, den
Frühling seines Lebens genossen, als er, durch Goethe's Bekanntschaft,
den Werth seiner Geliebten noch höher erkennen mußte. Goethe, der
in Wetzlar den Proceß des Reichskammergerichts studiren sollte, und
Kestner, der bei reichlichen Amtsgeschäften seine Welt in einem
einzigen Hause gefunden, waren einander noch nicht begegnet, als
Gotter, einer seiner Freunde, sie eines Tages in dem Dorfe Garbenheim,
(im Werther Wahlheim genannt,) einem Vergnügungsorte unweit Wetzlar,
zusammenführte. Dieser Begegnung verdanken wir die von Kestner
hingeworfene Charakteristik Goethe's (Nr. 1 unserer Documente).

Kurze Zeit darauf machte Goethe mit Lotten Bekanntschaft auf einem
Ball, (welcher im Werther zur Schilderung der ersten Begegnung Werthers
mit Lotten, im Briefe vom 16. Jun. _pag._ 21 des ersten Buches,
den Stoff gegeben) und schon am andern Tage erfolgte sein erster
Besuch ihrer Familie im deutschen Hause.[3]

In dieser reinen, durch den Segen der unlängst verstorbenen Mutter
geheiligten Atmosphäre, fand Goethe vier Monate lang seine Lebensluft.
Um Lottens willen hatte er zuerst Aufnahme in der Familie gesucht.
Aber hier kamen die blühenden Kinder, eins schöner als das andere,
um ihn her gesprungen, und nahmen ihn mit zwanzig Händen in Besitz,
jubelnd über den schönen neuen Vetter oder Onkel, ihn, der nicht
lieber die Odyssee lesen mochte, als ihnen Märchen erzählen, und
auf dem Boden unter ihnen, von den wilden Buben sich zerzausen
lassen. Von dem Amtmann wie ein Sohn, von den mehr herangewachsenen
Geschwistern wie ein älterer Bruder geliebt, wurde er in kurzer Zeit
Kestnern und Lotten innigst befreundet. Kestner stellte ihn in seinem
Herzen seinem Jugendgefährten v. Hennings zunächst; -- Goethen, dem
Dichter, dessen Beruf das Schöne war, war es natürlich, hier wieder zu
lieben, und beide junge Männer, während sie in jedem Augenblicke die
größten Gefahren, denen die Freundschaft begegnen kann, überwanden,
legten sich gegenseitig das Zeugniß der hohen Eigenschaften ab, die
allein es möglich machten, einer so schweren Stellung sich würdig zu
verhalten. Und hatte wohl Kestner Goethen zunächst nur seinen klaren
Verstand, seine Wärme für das Gute und Schöne, und seine redliche
Liebe zu geben, so waren sie in der glücklichen Jugendzeit, wo selbst
wenigere Seelenbezüge, dafern sie nur wesentlich sind, Freundschaft
und Brüderlichkeit begründen. In Lotten gedieh die jungfräuliche
Würdigkeit, die aus dem Beispiel der Zucht edler Mütter in dem Wesen
der Töchter emporwächst, noch zu höherem Adel durch ihre individuelle
Natur und ihre Lage. Geschaffen für die Wirklichkeit des Lebens, und
zwar dessen heiterste Seite, war durchaus kein sentimentales Element
in ihrem Charakter, und wo die Lotte im Werther mit romanhaften Ideen
beschäftigt, wo sie gar tändelnd dargestellt wird, waren die Züge nicht
aus ihrem Leben genommen. Aber hätte auch, in Empfindungen zu leben, in
ihrem Charakter gelegen, so hätte diese Neigung den mütterlichen Sorgen
weichen müssen, die sie als achtzehnjähriges Mädchen sich auflud; denn
zehn lebhafte Kinder tobten um sie her, den ganzen Tag. Das glückliche
Zusammentreffen ihrer zufälligen Bestimmung mit ihren natürlichen
Anlagen, erhob um so mehr ihre jugendliche Schwungkraft. Die häusliche
Macht einer Mutter handhabend, war sie ein Mädchen an Frohsinn und
Lebendigkeit. Die pflichtmäßige Miene der mütterlichen Strenge hatte
den Schmelz der bräutlichen Heiterkeit. Dieses waren die Eigenschaften
eines weiblichen Wesens, in welchem vom Kopf bis zu den Füßen, Alles
Uebereinstimmung der rechten Maße, Alles Gemüth, Alles arglose Jugend
war; in deren Anschauung Goethe's edle Leidenschaft, zugleich mit
seiner Hochachtung, täglichen Wachsthum erhielt.

Mit diesen Seelenzuständen der trefflichsten Art, in welche Goethe
sich hineinlebte, übereinstimmend, sahen die Verlobten in seinem stets
offenen Herzen, daß es edel war. In solchem, von ihnen Allen getheilten
Selbstgefühl konnte es unter solchen Menschen geschehen, daß er das
Bekenntniß jeder seiner Empfindungen zum Gegenstand des freiesten
Verkehres mit beiden Verlobten machte. Unter ihnen gab es keine
argwöhnische Eifersucht, die den Nebenbuhler ängstlich bewacht, und ihm
die Thür der Geliebten versperrt; unter ihnen keinen Stolz des Siegers,
keinen Groll des minder Begünstigten, keine Eitelkeit der Angebeteten,
die in ihrem Triumphe sich gefiele. Denn kein Gedanke war von einem
dieser drei redlichen Freunde gedacht, keine Empfindung gefühlt, die
nicht das gemeinschaftliche Eigenthum aller drei war, eine Harmonie,
zuvor von zweien, jetzt von dreien gebildet, ein Verhältniß, wovon
wohl selten ein ähnliches Beispiel in der Geschichte der Menschheit
erscheinen mögte. Was wir hier entwickelten, ist die ~Auslegung~
des in Goethe's »Wahrheit und Dichtung« S. 115 und 117 des 22. Bandes
seiner sämmtl. Werke, mit anmuthiger Ausführlichkeit entworfenen Bildes
von Lotten und von seinen Verhältnissen mit den beiden Verlobten.
»Leicht aufgebaut, nett gebildet« nennt er Lottens Gestalt, »rein und
gesund ihre Natur.« Sein Leben mit ihnen nennt er »eine ächt deutsche
Idylle, wozu das fruchtbare Land die Prosa, und eine reine Neigung die
Poesie gab;« indem alle drei, in wechselseitig inniger Zuneigung und
Großmuth, »sich an einander gewöhnt hatten, ohne es zu wollen, und
nicht wußten, wie sie dazu kamen, sich nicht entbehren zu können.«

War auch jene Zeit, von welcher er hier schrieb, weit zurück, so daß
in seinen Erzählungen von Einzelheiten manche Erinnerung verloschen,
auch das Frühere und Spätere oft vermengt ist; so sehen wir doch
sein Herz liebesjung sich lebhaft der Vergangenheit erinnern, wenn
er, in dem Rückblick darauf, mit dem wehmüthigen Gefühl, sie jetzt
nicht mehr genügend darstellen zu können, sagt: »Es würde der Dichter
jetzt die verdüsterten Seelenkräfte vergebens anrufen, umsonst von
ihnen fordern, daß sie jene lieblichen Verhältnisse vergegenwärtigen
mögten, welche ihm den Aufenthalt im Lahnthale so hoch verschönten«;
sich aber tröstend hinzufügt: »Glücklicherweise hatte der Genius schon
früher dafür gesorgt, und ihn angetrieben, in vermögender Jugendzeit
das nächst Vergangene festzuhalten, zu schildern und kühn genug zur
günstigen Stunde öffentlich aufzustellen. Daß hier das Büchlein Werther
gemeint sei, bedarf wohl keiner nähern Bezeichnung.« -- (S. 114 des
22. Bandes von Goethe's sämmtl. Werken.) Wenn er dann das allbelebende
Jugendvermögen der Geliebten beschreibt, so versichert er kindlich,
daß damals »alle seine Tage Festtage zu sein schienen, und der ganze
Kalender hätte müssen roth gedruckt werden.«

So wie nun seine Leidenschaft, so wuchs der Freunde auf Bewunderung
gegründete Freundschaft für den, der bald wie ein Riese neben ihnen
stand, bald ihr jugendliches Treiben in harmloser Kindlichkeit mit
ihnen theilte, und den sie den größten Theil seines Selbst der
Ehrfurcht vor ihrem Glücke opfern sahen. Auch der Schmerz, der ihn
niederdrückte, wurde, so wie alles unter ihnen gemeinschaftlich war,
ein von drei Freunden gemeinschaftlich getragener Schmerz.

Aber Goethe litt zu sehr, und nachdem er einige Zeit umsonst gekämpft
hatte, faßte er den schweren und schönen Entschluß, von Wetzlar nach
Frankfurt zurückzukehren. Am 11. September 1772 reiste er ab. Wie tief
die Trennung die Freunde betrübte, erscheint mit den lebhaftesten
Farben, in drei zusammentreffenden schriftlichen Denkmälern jener Zeit.
Diese hier zusammenzustellen ist uns ein anziehendes Geschäft, bei
welchem wir einen Augenblick verweilen.

Goethe hat seinen Trennungsschmerz in den Blättern niedergelegt, die
er den beiden Verlobten am 11. September 1772 zurückließ, und die von
den untenstehenden Briefen des abwesenden Goethe den Anfang machen.
Dem Roman »Werther« alsdann, hat er, wie wir sogleich zeigen werden,
von diesem bedeutenden Lebensmoment, ein dauerndes Denkmal in einem
der schönsten Briefe eingedrückt. In welcher Betrübniß er die beiden
Verlobten und das ganze väterliche Haus Lottens zurückließ, sehen wir
endlich aus einem Tagebuchsblatte Kestners, dessen getreuer Inhalt
folgender ist:

    September 10. 1772.

.... »Mittags aß _Dr._ Goethe bey mir im Garten; ich wußte nicht,
daß es das letzte Mal war..... Abends kam _Dr._ Goethe nach dem
deutschen Hause. Er, Lottchen und ich hatten ein merkwürdiges Gespräch
von dem Zustande nach diesem Leben, vom Weggehen und Wiederkommen
&c. &c., welches nicht er, sondern Lottchen anfing. Wir machten mit
einander aus, wer zuerst von uns stürbe, sollte, wenn er könnte, den
Lebenden Nachricht von dem Zustande jenes Lebens geben; Goethe wurde
ganz niedergeschlagen, denn er wußte, daß er am andern Morgen weggehen
wollte.«

    September 11. 1772.

»Morgens um 7 Uhr ist Goethe weggereiset, ohne Abschied zu nehmen. Er
schickte mir ein Billet nebst Büchern. Er hatte es längst gesagt,
daß er um diese Zeit nach Coblenz, wo der Kriegszahlmeister Merk ihn
erwarte, eine Reise machen, und er keinen Abschied nehmen, sondern
plötzlich abreisen würde. Ich hatte es also erwartet. Aber, daß ich
dennoch nicht darauf vorbereitet war, das habe ich gefühlt, tief in
meiner Seele gefühlt. Ich kam den Morgen von der Dictatur zu Hause.
»»Herr Doctor Goethe hat dieses um 10 Uhr geschickt.«« -- Ich sah
die Bücher und das Billet, und dachte was dieses mir sagte: »»Er ist
fort!«« und war ganz niedergeschlagen. Bald hernach kam Hans zu mir,
mich zu fragen ob er gewiß weg sey? Die Geheime Räthin Langen hatte
bei Gelegenheit durch eine Magd sagen lassen: »»Es wäre doch sehr
ungezogen, daß Doctor Goethe so ohne Abschied zu nehmen, weggereist
sey.«« Lottchen ließ wieder sagen: »»Warum sie ihren Neveu nicht besser
erzogen hätte?«« Lottchen schickte, um gewiß zu seyn, einen Kasten,
den sie von Goethen hatte, nach seinem Hause. Er war nicht mehr da. Um
Mittag hatte die Geheime Räthin Langen wieder sagen lassen: »»Aber sie
wolle es des Doctor Goethe Mutter schreiben, wie er sich aufgeführt
hätte.«« -- Unter den Kindern im deutschen Hause, sagte jedes: »»Doctor
Goethe ist fort!«« -- Mittags sprach ich mit Herrn v. Born, der ihn zu
Pferde bis gegen Braunfels begleitet hatte. Goethe hatte von unserm
gestrigen Abendgespräch ihm erzählt. Goethe war sehr niedergeschlagen
weggereist. Nachmittags brachte ich die Billets von Goethe an Lottchen.
Sie war betrübt über seine Abreise; es kamen ihr die Thränen beim
Lesen in die Augen. Doch war es ihr lieb, daß er fort war, da sie ihm
das nicht geben konnte, was er wünschte. Wir sprachen nur von ihm;
ich konnte auch nichts anders als an ihn denken, vertheidigte die Art
seiner Abreise, welche von einem Unverständigen getadelt wurde; ich
that es mit vieler Heftigkeit. Nachher schrieb ich ihm, was seit seiner
Abreise vorgegangen war.«[4]

Der 10. September also war, wie wir hieraus sehen, der Vorabend dieser
merkwürdigen Trennung. Schlagen wir nun den »Werther« auf, und wir
sehen, daß der 10. September ebenfalls das Datum des Briefes ist,
der am Ende des ersten Buchs dieses Romans den Vorabend eben dieser
Trennung darstellt. Kestners Tagebuch, dessen Thatbestand des verlebten
Tages dieser Brief zu einem Bilde erhebt, erläutert uns, warum aus
jedem Worte desselben die Wärme einer wirklich empfundenen Freundschaft
und die Gluth einer wirklich empfundenen Liebe spricht; denn es war der
von dem Dichter selbst erlebte, entscheidende Moment, den im Gemälde
seiner Liebe zu verewigen, ihm so sehr am Herzen lag, daß er selbst
das Datum dieses in seinem Jugendleben entscheidenden Tages heilig
gehalten hat.

Dieser Moment, womit das erste Buch des »Werther« schließt, ist
denn auch ~der~, wo in dem Roman Wahrheit und Dichtung sich
gänzlich scheiden. Im zweiten Buche borgt Goethe von Jerusalem einige
Begebenheiten, besonders die schließliche Katastrophe; an Lottens und
Kestners Stellen erscheinen neue Personen, jenen eben so fern stehend,
wie ihre erdichteten Erlebnisse. Die Wirklichkeit beschränkt sich
allein auf den nunmehr eintretenden Briefwechsel mit den entfernten
Freunden.

Der Flucht Goethe's, welche ihn an jenem Tage von ihnen, einen kurzen
Besuch ausgenommen,[5] auf immer getrennt hat, verdanken wir diese
Briefe, die wie jugendliche Zeugen zu uns reden, über einen Charakter,
über Gesinnungen, die Goethe -- wir erkennen es in seiner Biographie,
-- später kaum noch an sich gekannt hat.

Um so mehr muß uns erfreuen, die Biographie durch diese seine eigenen
Zeugnisse wesentlich ergänzt und von dem Jünglinge wieder gewonnen
zu sehen, was er im Alter bei der Schilderung seiner schönsten
Lebensperiode, obgleich ihr manche Silberblicke nicht fehlen, sich
selbst an Ruhm entzogen hat. Wer aber auch in Goethe's späterer Zeit
den Dichter, den Menschen von dem Weltmanne beeinträchtigt finden
wollte, erkennt doch immer in unsern Eröffnungen den angebornen edlen
Menschenstoff, der durch seine Werke fließt.

Vollständig, so weit die Briefe vorhanden -- denn unverkennbar sind
mehrere Lücken in der Correspondenz -- und, wie sich von selbst
versteht, mit Weglassung des Wenigen, was Lebende verletzen kann, sind
diese Briefe unten abgedruckt. Daß nichts Wesentliches weggelassen,
und bei dem Gegebenen die strengste Wahrhaftigkeit beobachtet sei,
können zahlreiche Freunde und Bekannte bezeugen, denen die Briefe in
ihren Originalen stets bereitwillig vorgelegt sind. So viele Zeichen
der Originalität man aber in einem gedruckten Buche geben mag, ihre
Reliquienanmuth kann nur beim Anblick der Originale empfunden werden:
wie in Goethe's schlanken, oft den Charakter wechselnden Schriftzügen
die ganze Mannigfaltigkeit seiner wechselnden Stimmungen sich
abzuspiegeln scheint. Manche derselben sind unansehnliche Blätter, groß
oder klein, fein oder grob, so wie sie seiner sorglosen Hand auf dem
Schreibtische, unter Entwürfen von Gedichten und Journalartikeln, oder
unter dem Abfall von Briefcouverten begegnen mochten. Mit aller dieser
Nichtachtung des äußerlich Herkömmlichen ermangeln dennoch wenige
dieser Blätter einer gewissen Anmuth der Form, welche seine Hand im
Ebenmaß der Zeilen und Räume unbewußt ihnen mittheilte. Und hatte er
ein herkömmlich regelmäßiges Briefblatt genommen, so war das Couvert
und die Besiegelung stets mit Sorgfalt und Zierlichkeit vollbracht.
Geschlossen waren die meisten der Briefe mit rothem Siegellack. Sein
früheres Siegel war meistens ein _G_ mit Verschlingungen in dem
Style der damaligen Zeit; zuweilen ein offenstehender Käficht, aus
dem ein Vogel entfliegt. Nach seiner Reise in Italien hat er zuweilen
mit Gemmen gesiegelt, mit einem Sokrateskopfe, einer Minerva, einem
Löwen u.a.m. Auffallend sind die Abweichungen von der allgemein
üblichen Orthographie, wie die untenstehenden Briefe, die genau nach
den Originalen abgedruckt sind, uns zeigen. Eigenthümlich, auch in
den geringsten seiner Handlungen, oder, wie er von sich selbst sagte,
»grillenhaft,« gab er nichts darum, den Bau der Worte mit anderen
gemein zu haben. Auch in den grammatischen Formen hat er unbekümmert
sich der im gemeinen Leben üblichen bedient. Manches hierin ist auch
erst nach jener Zeit allgemeine Regel geworden. Nach und nach sehen wir
ihn später dem allgemeinen Gebrauch sich bequemen.

Jene unbefangene Freiheit eines durchlebten Verhältnisses, in welcher
er, nach wechselnder Stimmung des Augenblicks, sich dem wechselnden
Ausdruck hingab, hat auch die Mannigfaltigkeit der Formen erzeugt,
unter denen er in den Briefen sich selbst Kestnern gegenüber stellte;
bald nennt er ihn »Sie,« bald »Du,« bald »Ihr« und den Primaner, Hans,
Lottens jüngeren Bruder, im Style jener Zeit, oft sogar »Er.« Auch hat
Kestner es vollkommen natürlich gefunden, daß Goethe, in den wenigen
an Lotte selbst gerichteten Briefen, sich eine Freiheit erlaubte,
die, nach den damaligen Begriffen der Schicklichkeit, Kestner selbst
sich nicht nehmen konnte, sie zuweilen »Du« zu nennen; daß er, der
ungewöhnlich, seltsam, kühn in allem, was er that und sprach, der Aller
Liebling war, den Namen, der ihm ein Gedicht, den in dem Tone der Natur
zu nennen, er als den einzigen Ersatz für unaussprechlichen Mangel
ergriff, nicht in der absurdesten Form conventionellen Respekts der
Societät aussprach. Und im Schreiben, wissen wir, gibt es kein Erröthen
und keine Verlegenheitsmienen.

So sehr nun Kestner, den Schmerz des Freundes ehrend, sich auch in
seinen überhäuften Geschäften, den Briefwechsel mit ihm aufs eifrigste
angelegen sein ließ, während Lotte, die zum Schreiben damals nicht
Zeit hatte, ihm durch Kestnern erbetene Gedächtnißgaben sandte, waren
diese Mittheilungen doch nie genügend für den Abwesenden. In jedem
Augenblicke wollte er des ununterbrochenen Verkehrs mit der Familie
bewußt sein, und so sehr bedurfte er es zu seiner Ruhe, mit allen
Gliedern der Familie im besten Vernehmen zu bleiben, daß es ihn sogar
drückte, von Lottens jüngerer Schwester, Sophie, einem Kinde, über ein
kleines Mißverständniß, welches eine völlige Kinderei war, noch keine
Verzeihung erhalten zu haben (Nr. 16).

Fast alle diese Briefe würden der Bestimmung des Datums ermangeln,
hätte nicht Kestner, der Geschäftsmann, den Tag des Empfangs meistens
darauf bemerkt. Die Briefe, denen solche Bezeichnungen fehlen, wie
insonderheit die Briefe an Hans, sind nach Wahrscheinlichkeit in die
chronologische Reihe geordnet, und hiezu gab die edle Offenheit des
Schreibenden, nach der Natur einer fortschreitenden Leidenschaft,
den sichersten Maßstab: wie wir ihn anfangs, sich selbst verkennend,
unstät von Ort zu Ort umhergetrieben sehen, so daß er es den Freunden
in Friedberg zum Verdienste anrechnen konnte, ihn, »den Elenden,«
freundlich aufgenommen zu haben; wie ihm das literarische Treiben und
Recensiren nicht hinreichte, und er die Besorgung von Kleinigkeiten
für Freundinnen, zum Ableiter des unabweislich tyrannischen Gedankens,
sich erbittet, und dabei mit kindlicher Sorgsamkeit ins Detail geht;
wie wir den Scherz, der in großen Seelen, um dem Verdrusse Rast zu
geben, nahe dem Unmuth, am nächsten der Verzweiflung ist, in seine
trübste Stimmung zuweilen einen Sonnenstrahl werfen sehen; wie er dann,
erheiternde Zerstreuung suchend, »liebesbedürftig,« wie er es nennt,
nach Träumen hascht, für den, der ihn betrogen hatte, und in jungen
Mädchen seiner Bekanntschaft sich an Aehnlichkeiten mit der Entbehrten
zu erholen sucht; wie ihm endlich, gleich allen tüchtigen Naturen, aus
eigenen Mitteln die Arznei seiner Krankheit wird, und sein Genie nicht
litt, daß die Leidenschaft, wenn gleich seine Existenz bedrohend, ihm
zerstörend werden konnte, da er stets von neuen Schöpfungen von Innen
sich bestürmt sah, bis er in dem großen Gedichte von seiner schönen
Last sich vollends befreite.

In diesem allgemeinen, wie es uns scheint nothwendigen Gange seiner
Stimmungen, haben wir die Briefe geordnet. In den gegen den Sommer 1773
geschriebenen begegnen wir einem wieder wachsenden Unmuth, so daß er,
unter anderen, sich vorwirft »seine Zeit zu verderben,« und hatte doch
den Götz von Berlichingen schon geschrieben, und ging ohne Zweifel
mit Plänen zum Werther um! Denn die Hochzeit der Freunde nahte heran,
und ihre Abreise in die weite Ferne, die letzte Entwickelung dieser
wichtigen Epoche seines Lebens. Doppelt reizbar in dieser Aufregung,
glaubt er zum erstenmale Eifersucht in einem Briefe Kestners zu
erblicken, und antwortet in einem Zorn, welcher die schönen Eindrücke
unserer Briefe einen Augenblick unterbrechen könnte, wenn nicht die
Beweise wechselseitig treuer Gesinnungen, die wir bei diesen Anlässen
hervorgerufen sehen, uns sogleich wieder beruhigten. Der Zornbrief
(Nr. 68), so feindlich einige Worte desselben lauten, reicht allein
hin, um sowohl Goethe's Verhältniß zu dem Brautpaar, als seine durch
einen vorübergehenden Ausbruch von Unmuth, den die Umstände wohl
entschuldigen konnten, durchscheinenden wahren Gesinnungen zu erkennen.
Er, der dem jungen Gatten mit Bitterkeit vorwarf, nach der Heirath
von der Freundschaft abgefallen zu seyn, zeigt ihm, mitten unter den
heftigsten Ausdrücken des Unwillens, im Tone der Erkenntlichkeit an,
daß er durch Annchen, die Freundin, Lottens Brautstrauß erhalten, und
sich damit geschmückt habe. Tief betrübt bei der letzten Entscheidung,
trägt er so das Pfand seines Verlustes am Hute, für ihn eine Zier
heroischer Tugend, und erläutert diesen Akt durch die noch edleren
Worte: »Ich höre, Lotte soll noch schöner, lieber und besser seyn,
als sonst.« So sehr also erfüllt ihn die reinste Freundschaft, daß er
seinen Schmerz vergißt über die Freude an ihrer Vortrefflichkeit, daß
er ohne Haß seine Augen weidet an ihrem hohen Werthe, in demselben
Moment, wo es zur Gewißheit wird, daß er sie entbehren soll. Gerührt
hierdurch, eilte Kestner in zwei Briefen die Wunden des tobenden
Freundes zu heilen. Diese Freunde konnten ihr gegenseitiges Wohlwollen
nicht entbehren, und Goethe's Erwiederung zeigt, daß das Mißverständniß
nur sechs Tage gewährt hat.

Liebenswürdiger waren zwei andere Momente seines Unwillens (Nr. 59
und 67), welche in diese Zeit fallen: das einemal betrübt es ihn,
daß die Brautleute einen Anderen als ihn mit der Besorgung der
Trauringe beauftragt, das anderemal, daß die Neuvermählten nicht auf
seine Einladung nach Frankfurt kamen. Er traute sich zu, den Freund
im Vollgenusse des Glücks sehen zu können, das er bitter entbehrte,
während diesem sein Triumph, der den Freund schmerzte, nicht lieb war.

Am Palmsonntage 1773 ist die Hochzeit gewesen, und von dem Briefe
Nr. 76, und weiter, gehen die Briefe an Kestner nach Hannover. Die
Schlußzeilen dieses Briefes scheinen die psychologische Erfahrung zu
bestätigen, daß die Einbildungskraft von dem geliebtesten Abwesenden
nur vereinzelte Theile gibt, während sie von weniger theuren Menschen,
und besonders von den Gleichgültigen, freigebig das ganze Bild
vollendet vor die Augen führt.

Ueber ein Jahr später als diese Periode war es, als ein ernstlicheres
Mißverständniß über den Werther entstand, welches den Gegenstand
mehrerer Briefe ausmacht. Ein wunderbarer Zufall wollte, daß Kestner,
den es drückte, sich und seine Lotte durch einen Anschein ihrer
Personen in dieses Gedicht verflochten zu finden, gleichwohl selbst,
ohne etwas zu ahnen, an dem Roman mit hat schreiben müssen. Jerusalem
hatte bei einem der wenigen Besuche, die er jemals Kestner gemacht,
ein Paar Pistolen an der Wand hängen sehen und diese zu seinem
Selbstmorde von ihm geliehen, wovon die Folge war, daß Kestner, doppelt
bestürzt durch die schreckliche That, als das Gerücht durch die Stadt
lief, zu Jerusalems Hause hineilte, und nicht allein Zeuge der letzten
Qualen des Unglücklichen war, sondern auch angeregt wurde, alle
Thatsachen, die denselben betrafen, zu sammeln, und niedergeschrieben
an Goethe zu schicken, wie die Freunde es wechselseitig gewohnt waren,
seit Goethe's Flucht sich die Vorfälle des Tages in ununterbrochenem
Briefwechsel mitzutheilen. Das Billet Jerusalems, fast wörtlich im
Werther copirt, ist noch eben so urschriftlich vorhanden, wie es bei
Nr. 28 als _Fac simile_ sich in unsern Documenten befindet,
und zwar, wie in der Abschrift durch eine Linie angedeutet, in zwei
Theile gerissen, vermuthlich weil es im Augenblick des Empfangs den
weggeworfenen Papieren hinzugefügt, erst nach dem schrecklichen
Ereigniß, dem Empfänger merkwürdig geworden war. Gleichfalls noch
jetzt in Urschrift vorhanden, sind Kestners »Nachrichten über den Tod
Jerusalems« (Nr. 28), welche er gegen Ende Novembers 1772 Goethen nach
Frankfurt schickte, und von diesem mit dem Briefe Nr. 47 gegen den
20. Januar 1773 zurückgeschickt wurden. Goethe irrt also, wenn er zu
dieser frühen Zeit seines Lebens zurückblickend (Wahrheit und Dichtung,
_pag._ 168 des 22. Bandes seiner sämmtlichen Werke) glaubt, er
habe die Beschreibung von Jerusalems Tode erst später nach seiner
Trennung von den Freunden erhalten. Seine selbstmörderischen Gedanken
kommen auch nur in den früheren unserer Briefe vor, nicht aber in der
Zeit der Herausgabe des Werther.

Wenn wir in unsern Papieren erkennen, wie hoch Lotte, Kestner und
Goethe über den Personen stehen, die im Werther mit ihnen in Vergleich
kommen, so tritt uns auf eine merkwürdige Weise das Verhältniß des
Dichters zum Menschen vor Augen. Goethe fand, durch seine Stellung
unter ihnen, noch höhern Anlaß, als jene, seinen Werth als Mensch
erkennen zu lassen. Denn, daß ein Mädchen von dem glücklichsten
Naturell und gediegener Erziehung, dem würdigsten Mann die seit Jahren
befestigte Treue bewahrt; daß dieser Mann, mit der Unschuld seines
Charakters, in die Redlichkeit seiner Braut sowohl, als eines Freundes,
dessen Freundschaft er sicher war, unbeschränktes Vertrauen setzt,
sind die gewöhnlichsten Dinge, im Vergleich mit einer Liebe, die so
groß, so stark, und so schön ist, daß sie ihm zur redlichsten und
heldenmäßigsten Entsagung die Kraft gab, und ihn, der Verzweiflung
nahe, vom Liebenden in den reinsten Freund verwandelte. Diese schöne
Erscheinung ist fremd dem Romane. Die Welt hat entschieden, das Gedicht
sey das schönste seiner Art. Noch schöner aber, sehen wir, als die
Dichtung war das Leben; ja in so hohem Grade schöner, daß Goethe,
die unwahrscheinliche Wahrheit zurücklassend, ein Anderes erfinden
mußte, damit die Dichtung als Wahrheit erscheine. Wie räthselhaft
können die Grenzen des Guten und Schönen sich in einander verschlingen!
Der Dichter mußte von der moralischen Höhe herabsteigen, um sich auf
dem poetischen Gipfel zu befinden, der ihn zum höchsten Dichterruhme
geführt hat. Der Gegenstand seiner Liebe wurde in seinem Gedichte
durch die Idee verherrlicht, daß ohne den Besitz der Geliebten zu
leben unmöglich sey. Er aber war zu groß, um in der Verzweiflung
unterzugehen; aus seinem Charakter konnte die zügellose Scene nicht
entwickelt werden, die den Entschluß zum Selbstmorde im Werther zur
Reife brachte; daher mußte er die Züge, welche dem Romane, wie er
gedacht war, die Entwickelung verliehen, aus einem minder starken
Manne borgen. Das Faktische hierzu, wie das Studium zu einem Gemälde,
hat Kestner in seiner Skizze von Jerusalems Tode ihm in die Hand
gearbeitet. Manche Stellen dieses Aufsatzes finden wir wörtlich im
Werther. Mit Goethen mußten auch Lotte und ihr Gemahl, in ihren
erborgten Gestalten, dem Roman zu Gunsten tiefer gestellt werden. Hätte
Werthers Lotte nicht in der Entwicklungsscene gegen den Albert gefehlt,
worauf sie Werther von sich wies, das Motiv zum Selbstmorde würde
gefehlt haben. Und hätte das Schicksal, minder grausam, den Werther um
eines Würdigeren willen, als Albert gedacht ist, untergehen lassen, dem
Untergange des Helden würden weniger Thränen geflossen seyn.

Die jungen Eheleute, noch voll von der reichen Zeit, die sie so eben in
steten Bezügen mit Goethen warm durchlebt hatten, mußte es um so mehr
schmerzen, von eben diesem Freunde eben dieses Verhältniß rücksichtslos
angewandt zu sehen, um daraus Bestandtheile eines Romans zu schöpfen,
der Mißdeutungen erregen und sie persönlich in ein falsches Licht
stellen konnte. Kestner mußte, in dem Gefühl, seine Gattin sich
gleichsam zum Theil entrissen zu sehen, seine Lotte durch die Lotte
des Gedichts, da Goethe's Liebe zu ihr bekannt war, beleidigt fühlen,
sich selbst aber durch seine Entstellung in dem gedichteten Albert.
Nach Empfang des Buchs daher schrieb er an Goethe einen Brief voller
Vorwürfe, von welchem ein Fragment, in seinem Nachlasse gefunden,
unsern Documenten unter Nr. 106 hinzugefügt ist.

Goethe, der Freund, verkannte nicht das Gewicht dieser Vorwürfe. Eine
Lotte hatte er offen gepriesen. Eine Lotte erschien in dem Gedichte, in
welchem zwischen Dichtung und Wahrheit keine Grenze sichtbar ist, und
das in allen seinen Theilen, den erfundenen und wahren, die glühenden
Farben einer zwischen Wunsch und Entbehrung erlebten Wirklichkeit an
sich trägt. Im Gefühl seines Fehls hatte er daher auf die Vorwürfe
nichts anderes zu erwiedern, als in den Briefen Nr. 107 und 109 die
rührendsten Bitten um Verzeihung, wobei er im Rausche des Ruhms,
der ihn selbst überraschte, -- denn ganz Deutschland war schon von
Bewunderung des Werthers entflammt -- dem Freunde die verherrlichenden
Ausdrücke entgegen rief, die von allen Seiten ihm entgegen tönten.

In dem Briefe Nr. 107 spricht er beruhigend zu den Herzen der Freunde:
»Und, meine Lieben, wenn Euch der Unmuth übermannt, denkt nur, denkt,
daß der alte, Euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr,
als jemals, der Eurige ist.« Auf ihre Theilnahme an seinem Triumph
vertrauend, sucht er sie in dem Briefe Nr. 109 zu trösten, indem er
schreibt: »Könntet Ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther
tausend Herzen ist, Ihr würdet die Unkosten nicht berechnen, die
Ihr dazu hergebt.« An Kestner besonders richtet er die gewichtigen
Trostesworte: »~Wenn ich noch lebe, so bist Du's, dem ichs danke,
bist also nicht Albert -- Und also --~«. Zwar sprach er in demselben
Briefe unter den Beruhigungsgründen auch die Zusage aus, binnen einem
Jahre alle etwaigen Mißdeutungen des Publikums »auf die lieblichste,
einzigste, innigste Weise auszulöschen.« Allein dieses, wenigstens
in der Maße, wie es in der ersten Aufregung ertheilt war, übereilte
Versprechen, ist, bis auf verschiedene in den folgenden Ausgaben des
Werther vorgenommene Abänderungen, unerfüllt geblieben. Später kamen
beide Freunde, laut der Documente Nr. 121 und 122, noch einmal auf
diesen Gegenstand zurück; aber weiter reichende Aenderungen zeigten
sich als unmöglich, je mehr das bewunderte Gedicht die Gemüther
ergriff, und zuerst von der deutschen, dann von den andern Nationen
Besitz nahm: jeder Gedanke war Eigenthum der Völker geworden, das der
Geber selbst nicht zurückfordern konnte. Auch Kestner wird dieses
erkannt haben und hat sich um so eher dabei beruhigen können, als das
Geheimniß des Romans in dem weiten Kreise seiner Freunde und Bekannten
bald hinreichend aufgeklärt war, und schon die Persönlichkeit der
Ehegatten sie vor jeder falschen Beurtheilung schützte.

Das schöne Verhältniß der Freunde überhaupt, und insbesondere Kestners
zugleich würdige und liebevolle Stellung zu dem minder besonnenen
Jüngling, kann treffender nicht hervortreten, als durch die Lösung
des von Goethe verschuldeten Mißverständnisses selbst. Seine große
Indiscretion würde unverzeihlich gewesen sein, wenn er deren Gewicht
hätte beurtheilen und die Wirkungen auf die davon betroffenen Freunde
voraussehen können. Allein ihm waren die Schranken des gewöhnlichen
Lebens gänzlich unbekannt und eben so unbekannt die Rücksichten
darauf, welche den Freunden gebührt hätten. Weit entfernt daher
von aller Besorgniß deßhalb, hat er vielmehr in den Briefen Nr. 97
bis 100, welche mehr oder weniger dunkle Andeutungen der künftigen
Erscheinung enthalten, so wie noch zuletzt in den das übersandte
Exemplar des Romans begleitenden Zetteln, Nr. 104 und 105, mit
arglosester Unbefangenheit vorausgesetzt, daß die Empfänger ebenfalls
sich daran erfreuen würden. Nur in dem einen Briefe Nr. 98 denkt er an
die Möglichkeit eines Anstoßes und warnt sie scherzend davor. Kestner,
obgleich schwer gekränkt, auch anfänglich nicht ohne Besorgniß vor
den möglichen Nachtheilen für ihn und seine Gattin, spricht seinen
Tadel gegen Goethe offen und kräftig, doch fern von Erbitterung aus
(Nr. 106). Mit welcher Milde und Nachsicht er aber im Innern seines
wohlwollenden Herzens Goethe's, des feurigen Dichters, Verfahren
betrachtet, entschuldigt und verzeiht, sprechen seine Briefe Nr.
108 und 110 an v. Hennings vertraulich auf eine Weise aus, die den
tiefsten Blick in seinen Charakter eröffnet. Diese Briefe, die zugleich
interessante Aufschlüsse über das Verhältniß der Ehegatten zu Goethe
und seinem Roman enthalten, bedürfen keines Commentars.

Damit war denn das Mißverständniß schon sogleich bei seiner Entstehung,
ohne Unterbrechung des gegenseitigen Wohlwollens, gehoben, und der
gewohnte Briefwechsel zwischen Goethe und Kestner dauerte bis zu
des Letzteren am 24. Mai 1800 erfolgten Tode fort. Goethe's letzter
vorhandener Brief an Kestner, Nr. 137, ist vom 16. Juli 1798.
Wahrscheinlich sind einige andere Briefe, durch Kestners in seinen
letzten Lebensjahren eingetretene große Kränklichkeit, verloren
gegangen. Eben diese Kränklichkeit, neben überhäuften Dienstgeschäften,
hat auch die Correspondenz von Kestners Seite in späterer Zeit
beschränkt, wie Goethe in seinen Briefen ihm verschiedentlich
freundlich vorgeworfen hat.

                   *       *       *       *       *

Um die gegenwärtigen Mittheilungen zu vervollständigen, wäre zu
wünschen gewesen, daß ihnen Kestners Briefe an Goethe, worauf mehrere
von Goethe's Briefen sich beziehen, hätten hinzugefügt werden können.
Allein der verstorbene Geheime Rath Kanzler v. Müller in Weimar,
Goethe's Testamentsvollstrecker, hat sie nicht in dessen Nachlaß
gefunden, wahrscheinlich weil Goethe sie mit einer großen Masse
älterer Briefschaften einst cassirt hat. Dagegen hatte der Geheime
Rath die Gefälligkeit einen Brief Lottens an Goethe aus Wetzlar, wohin
sie sich auf Veranlassung der französischen Occupation Hannovers auf
einige Zeit zurückgezogen, von 1803, und einige Billets von ihr an
Goethe, während eines Besuchs ihrer Schwester in Weimar, von 1816,
abschriftlich mitzutheilen. Diese, nebst verschiedenen dazu gehörigen
Briefen Goethe's an Lotte und an einen ihrer Söhne, liegen aber außer
dem Kreise der Documente, welchen der Titel dieser Mittheilungen
bezeichnet. Wir glauben daher nur folgende Zeilen aus einem Schreiben
Goethe's vom 23. November 1803, weil sie dieselben Erinnerungen aus
seiner Jugendzeit mit ähnlichen Worten, wie in »Wahrheit und Dichtung«
aussprechen, anführen zu dürfen: »Wie gern versetze ich mich wieder an
Ihre Seite zur schönen Lahn und wie sehr bedaure ich zugleich, daß Sie
durch eine so harte Nothwendigkeit dahin versetzt worden; doch richtet
mich Ihr eigenes Schreiben wieder auf, aus dem Ihr thätiger Geist
lebhaft hervorblickt.«




                          Goethe'sche Briefe,

             und diese betreffende erläuternde Documente.




1.

Fragment eines Brief-Entwurfs,

aus Kestners Papieren,

geschrieben im Anfang seiner Bekanntschaft mit Goethe.


Im Frühjahr kam hier ein gewisser Goethe aus Franckfurt, seiner
Handthierung nach _Dr. Juris_, 23 Jahr alt, einziger Sohn eines
sehr reichen Vaters, um sich hier -- dieß war seines Vaters Absicht --
in _Praxi_ umzusehen, der seinigen nach aber, den Homer, Pindar
&c. zu studiren, und was sein Genie, seine Denkungsart und sein Herz
ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden.

Gleich Anfangs kündigten ihn die hiesigen schönen Geister als einen
ihrer Mitbrüder und als Mitarbeiter an der neuen Franckfurter Gelehrten
Zeitung, beyläufig auch als Philosophen im Publico an, und gaben sich
Mühe mit ihm in Verbindung zu stehen. Da ich unter diese Classe von
Leuten nicht gehöre, oder vielmehr im Publico nicht so gänge bin,
so lernte ich Goethen erst später und ganz von ohngefähr kennen.
Einer der vornehmsten unserer schönen Geister, Legationssecretär
Gotter, beredete mich einst nach Garbenheim, einem Dorf, gewöhnlichem
Spaziergang, mit ihm zu gehen. Daselbst fand ich ihn im Grase
unter einem Baume auf dem Rücken liegen, indem er sich mit einigen
Umstehenden, einem Epicuräischen Philosophen (v. Goué, großes Genie),
einem stoischen Philosophen (v. Kielmansegge) und einem Mitteldinge von
beyden (_Dr._ König) unterhielt, und ihm recht wohl war. Er hat
sich nachher darüber gefreuet, daß ich ihn in einer solchen Stellung
kennen gelernt. Es ward von mancherley, zum Theil interessanten Dingen
gesprochen. Für dieses Mal urtheilte ich aber nichts weiter von ihm,
als: er ist kein unbeträchtlicher Mensch. Sie wissen, daß ich nicht
eilig urtheile. Ich fand schon, daß er Genie hatte und eine lebhafte
Einbildungskraft; aber dieses war mir doch noch nicht genug, ihn
hochzuschätzen.

Ehe ich weiter gehe, muß ich eine Schilderung von ihm versuchen, da ich
ihn nachher genau kennen gelernt habe.

Er hat sehr viel Talente, ist ein wahres Genie, und ein Mensch von
Charakter; besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft,
daher er sich meistens in Bildern und Gleichnissen ausdrückt. Er pflegt
auch selbst zu sagen, daß er sich immer uneigentlich ausdrücke,
niemals eigentlich ausdrücken könne: wenn er aber älter werde, hoffe er
die Gedanken selbst, wie sie wären, zu denken und zu sagen.

Er ist in allen seinen Affecten heftig, hat jedoch oft viel Gewalt
über sich. Seine Denkungsart ist edel; von Vorurtheilen so viel frey,
handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es
Andern gefällt, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller
Zwang ist ihm verhaßt.

Er liebt die Kinder und kann sich mit ihnen sehr beschäftigen. Er
ist _bizarre_ und hat in seinem Betragen, seinem Aeußerlichen
verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte. Aber bey Kindern, bey
Frauenzimmern und vielen Andern ist er doch wohl angeschrieben.

Für das weibliche Geschlecht hat er sehr viele Hochachtung.

_In principiis_ ist er noch nicht fest, und strebt noch erst nach
einem gewißen System.

Um etwas davon zu sagen, so hält er viel von _Rousseau_, ist
jedoch nicht ein blinder Anbeter von demselben.

Er ist nicht was man orthodox nennt. Jedoch nicht aus Stolz oder
_Caprice_ oder um etwas vorstellen zu wollen. Er äussert sich auch
über gewisse Hauptmaterien gegen Wenige; stört Andere nicht gern in
ihren ruhigen Vorstellungen.

Er haßt zwar den _Scepticismum_, strebt nach Wahrheit und nach
Determinirung über gewisse Hauptmaterien, glaubt auch schon über die
wichtigsten determinirt zu seyn; so viel ich aber gemerckt, ist er es
noch nicht. Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl,
betet auch selten. Denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lügner.

Zuweilen ist er über gewisse Materien ruhig, zuweilen aber nichts
weniger wie das.

Vor der Christlichen Religion hat er Hochachtung, nicht aber in der
Gestalt, wie sie unsere Theologen vorstellen.

Er ~glaubt~ ein künftiges Leben, einen bessern Zustand.

Er strebt nach Wahrheit, hält jedoch mehr vom Gefühl derselben, als von
ihrer Demonstration.

Er hat schon viel gethan und viele Kenntnisse, viel Lectüre; aber doch
noch mehr gedacht und _raisonnirt_. Aus den schönen Wissenschaften
und Künsten hat er sein Hauptwerck gemacht, oder vielmehr aus allen
Wissenschaften, nur nicht den sogenannten Brodwissenschaften.

                   *       *       *       *       *

Am Rande dieses flüchtig hingeworfenen Brouillons fügt Kestner noch
hinzu:

»Ich wollte ihn schildern, aber es würde zu weitläuftig werden, denn
es läßt sich gar viel von ihm sagen. Er ist ~mit einem Worte ein sehr
merkwürdiger Mensch~.«

Weiter unten ferner:

»Ich würde nicht fertig werden, wenn ich ihn ganz schildern wollte.«


2.

Fragment eines Brief-Entwurfs,

aus Kestners Papieren.

~Anfang der Bekanntschaft Goethe's mit Lotte.~


.... d. 9. Juni 1772 fügte es sich, daß Goethe mit bey einem Ball auf
dem Lande war, wo mein Mädchen und ich auch waren. Ich konnte erst
nachkommen und ritt dahin. Mein Mädchen fuhr also in einer andern
Gesellschaft hin; der _Dr._ Goethe war mit im Wagen und lernte
Lottchen hier zuerst kennen. Er hat sehr viele Kenntniße, und die
Natur, im physikalischen und moralischen Verstande genommen, zu seinem
Haupt-Studium gemacht, und von beyden die wahre Schönheit studirt.
Noch kein Frauenzimmer hier hatte ihm ein Genügen geleistet. Lottchen
zog gleich seine ganze Aufmerksamkeit an sich. Sie ist noch jung, sie
hat, wenn sie gleich keine ganz regelmäßige Schönheit ist, (ich rede
hier nach dem gemeinen Sprachgebrauch und weiß wohl, daß die Schönheit
eigentlich keine Regeln hat,) eine sehr vortheilhafte, einnehmende
Gesichtsbildung; ihr Blick ist wie ein heiterer Frühlings-Morgen,
zumal den Tag, weil sie den Tanz liebt; sie war lustig; sie war in ganz
ungekünsteltem Putz. Er bemerkte bey ihr Gefühl für das Schöne der
Natur und einen ungezwungenen Witz, mehr Laune, als Witz.

Er wußte nicht, daß sie nicht mehr frey war; ich kam ein paar
Stunden später; und es ist nie unsere Gewohnheit, an öffentlichen
Orten mehr als Freundschaft gegen einander zu äusern. Er war den Tag
ausgelassen lustig, (dieses ist er manchmal, dagegen zur andern Zeit
melancholisch,) Lottchen eroberte ihn ganz, um destomehr, da sie sich
keine Mühe darum gab, sondern sich nur dem Vergnügen überließ. Andern
Tags konnte es nicht fehlen, daß Goethe sich nach Lottchens Befinden
auf den Ball erkundigte. Vorhin hatte er in ihr ein fröhliches Mädchen
kennen gelernt, das den Tanz und das ungetrübte Vergnügen liebt; nun
lernte er sie auch erst von der Seite, wo sie ihre Stärke hat, von der
Häuslichen Seite, kennen.


3.

Goethe an Kestner.


    W. d. 8. Aug. 72.

Morgen nach fünf erwart ich sie, und heute -- sie könnten's vermuthen,
so viel sollten Sie mich schon kennen -- heute war ich in Atspach.
Und morgen gehen wir zusammen, da hoff ich freundlichere Gesichter zu
kriegen. Inzwischen war ich da, hab Ihnen zu sagen dass Lotte heut
Nacht sich am Mondbeschienenen Tahl innig ergötzt, und Ihnen eine gute
Nacht sagen wird. Das wollt ich Ihnen selbst sagen war an ihrem Haus,
in ihrem Zimmer war kein Licht, da wollt ich nicht Lärm machen. Morgen
früh trinken wir Caffee unterm Baum in Garbenheim wo ich heute zu Nacht
im Monschein ass. Allein -- doch nicht allein. Schlafen Sie wohl. Soll
ein schöner Morgen seyn.


4.

Goethe an Kestner.


    (v. 6. Sept. 1772.)

Ich habe gestern den ganzen Nachmittag gemurrt dass Lotte nicht nach
Atspach gangen ist, und heute früh hab ichs fortgesetzt. Der Morgen
ist so herrlich und meine Seele so ruhig, daß ich nicht in der Stadt
bleiben kann, ich will nach Garbenheim gehn. Lotte sagte gestern, sie
wollte heut etwas weiter als gewöhnlich spazieren -- Nicht dass ich
euch draußen erwarte, -- aber wünsche? Von ganzem Herzen und hoffe --
zwar etwas weniger, doch just so viel dass es die Ungewissheit des
Wunsches so halb und halb balanzirt. In der Ungewissheit denn will ich
meinen Tag zubringen, und hoffen und hoffen. Und wenn ich den Abend
allein hereingehn muß -- so wissen Sie wies einem Weisen geziemt -- und
wie weise ich binn.


5.

Goethe an Kestner.


    (v. 10. Sept. 1772.)

Er ist fort Kestner wenn Sie diesen Zettel kriegen, er ist fort.
Geben Sie Lottchen innliegenden Zettel. Ich war sehr gefasst aber
euer Gespräch hat mich aus einander gerissen. Ich kann Ihnen in
dem Augenblicke nichts sagen, als Leben Sie wohl. Wäre ich einen
Augenblick länger bey euch geblieben, ich hätte nicht gehalten. Nun bin
ich allein, und morgen geh ich. O mein armer Kopf.

[Illustration: Durchgezeichnet.]


6.

Goethe an Lotte.

Einschluß des Vorigen.


Wohl hoff ich wiederzukommen, aber Gott weis wann. Lotte wie war mirs
bey deinem reden ums Herz, da ich wusste es ist das letztemal dass ich
Sie sehe. Nicht das letztemal, und doch geh ich morgen fort. Fort ist
er. Welcher Geist brachte euch auf den Diskurs. Da ich alles sagen
durfte was ich fühlte, ach mir wars um Hienieden zu thun, um ihre Hand
die ich zum letztenmal küsste. Das Zimmer in das ich nicht wiederkehren
werde, und der liebe Vater der mich zum letztenmal begleitete. Ich binn
nun allein, und darf weinen, ich lasse euch glücklich, und gehe nicht
aus euren Herzen. Und sehe euch wieder, aber nicht morgen ist nimmer.
Sagen Sie meinen Buben er ist fort. Ich mag nicht weiter.

                   *       *       *       *       *

    Von diesem Billet ist ein _Fac simile_ beigefügt.


7.

Goethe an Lotte.

Zu dem Vorigen, Einschluß.


    (v. 11. Sept. 1772.)

Gepackt ists Lotte, und der Tag bricht an, noch eine Viertelstunde so
binn ich weg. Die Bilder die ich vergessen habe und die Sie den Kindern
austeilen werden, mögen entschuldigung seyn, dass ich schreibe, Lotte
da ich nichts zu schreiben habe. Denn sie wissen alles, wissen wie
glücklich ich diese Tage war. und ich gehe, zu den liebsten besten
Menschen, aber warum von Ihnen. Das ist nun so, und mein Schicksal,
dass ich zu heute, morgen und übermorgen nicht hinzusetzen kann -- Was
ich wohl offt im Scherz dazusetzte. Immer fröliges Muths liebe Lotte,
sie sind glücklicher als hundert, nur nicht gleichgültig, und ich liebe
Lotte, binn glücklich dass ich in Ihren Augen lese, sie glauben ich
werde mich nie verändern. Adieu tausendmal adieu!

    Goethe.


8.

Goethe an Kestner.


    (Aus Frankfurt.)

Für alle das gute seegne euch Gott, und tausendfache Freude für die
Errinnerung meiner. Grüsst mir die lieben Mädchen.

Ich kam gestern mit Schweizern zusammen und spottete seines Wetzlarer
Wesens. Wo habt Ihr euch denn hingehalten? -- Ins teutsche Haus, sagt
ich. -- Doch nicht zu Brands, sagt er. -- Freylich zu Brands, sagt ich.
-- Warum denn nicht? -- Ihr kennt also auch Amtmanns? -- Ja wohl. --
Die Lotte ist ein sehr angenehmes Mädgen. -- Sie geht so mit sagt ich
&c. &c.

Das war trostreich und mir doch lieb. Wenn ich nur von ihr reden kann
wenns auch das Gegentheil ist was ich denke.

                   *       *       *       *       *

Nach Coblenz hab ich keine Bekanntschafft. Und hüben im Thal wisst Ihr
wies ist.

Ich bedaure euren braven Kerl. Erkundigt Euch ia, ists halbweg nicht
iust so rettet den armen Jungen. Ein Mädgen hat nicht so schweer auf
die Art an einem Kind als ein ehrlicher Kerl an einem Weib. Adieu.


9.

Goethe an Kestner.


Gott segne euch, lieber Kestner, und sagt Lotten, dass ich manch mal
mir einbilde ich könne sie vergessen, daß mir aber dann ein Recitiv
über den Hals kommt und es schlimmer mit mir wird als iemals.


10.

Aus Kestners Tagebuche.


1772 den 21. Sept. begleite ich, nebst Hr. v. Born, die Herrn v.
Hardenberg[6] und Freytag nach Frankfurt.....

d. 22..... Um 4 Uhr ging ich zu Schlosser, und siehe da der Goethe und
Merck waren da. Es war mir eine unbeschreibliche Freude; er fiel mir um
den Hals und erdrückte mich fast..... Wir gingen auf den Römer, wo die
Mercken, nebst der Dlle. Goethe, auch war. Wir gingen vors Thor auf dem
Walle &c. spatzieren. Unvermuthet begegnete uns ein Frauenzimmer. Wie
sie den Goethe sah, leuchtete ihr die Freude aus dem Gesicht, plötzlich
lief sie auf ihn zu, und in seine Arme. Sie küßten sich herzlich; es
war die Schwester der Antoinette. Die Zeit ging unterm Spatzierengehen
und sprechen, bald der Mercken, bald dem Merck, bald dem Goethe,
unvermerckt hin. Wir gingen in Goethe's Haus; die Mutter war nur zu
Haus und empfing uns, auch mich auf das bey ihr alles geltende Wort des
Sohnes. Der Vater bald hernach, damit war es eben so; ich unterhielt
mich mit ihm. Die Frauenzimmer entfernten sich zum Auskleiden. Der
Merck proponirte die Dlle. spielen zu hören. Wir fanden sie oben am
Clavier. Sie spielt vortrefflich; außerordentlich fertig. -- Nach einer
Pause bat sie, die Lottchen doch hieher zu bringen, recht inständig bat
sie und äußerte, daß sie sie schon in der Ferne sehr lieb hätte. -- Um
8 Uhr gingen der Hr. Rath Schlosser und ich nach Haus....

1772 d. 23. früh war Hardenberg bey mir und ich bey ihm. Ich ging um 9
Uhr zu _Dr._ Schlossern. Wir darauf zu Goethe. Ich besah das Haus.
Wir gingen nebst Merck auf die Stadt-Bibliothek; gegen 12 Uhr auf den
Römer. Ich aß bey _Dr._ Dietz. Nachmittags um 3 Uhr zu Goethe.
Wir gingen auf die Messe, vor einige Kaufmanns-Häuser; zur Antoinette,
Tochter des Kaufmann Gerock. Nachher zu Haus nach Goethe. Ich holte
Schlossern in die Comödie, wo Goethe, seine Schwester und die Mercken
auch waren, nachher aß ich bey Goethes's und kam um 11 Uhr zu Haus.

                   *       *       *       *       *

    Am 24. Sept. kehrte Kestner nach Wetzlar zurück.


11.

Goethe an Kestner.


    (Frft.) Freytag (25. Sept. 72).

Lotte hat nicht von mir geträumt. Das nehm ich sehr übel, und will dass
sie diese Nacht von mir träumen soll, diese Nacht, und solls Ihnen
noch dazu nicht sagen. Die Stelle hat mich in Ihrem Briefe geärgert
als ich ihn wiederlas. Nicht einmal von mir geträumt, eine Ehre die
wir den gleichgültigsten Dingen widerfahren lassen, die des Tags uns
umgeben. Und -- ob ich um sie gewesen binn mit Leib und Seel! und von
ihr geträumt habe Tag und Nacht.

Bey Gott ich binn ein Narr wenn ich am gescheutesten binn, und mein
Genius ein böser Genius der mich nach Wolpertshausen[7] kutschirte.
und doch ein guter Genius. Meine Tage in W. wollt ich nicht besser
zugebracht haben, und doch geben mir die Götter keine solche Tage mehr,
sie verstehen sich aufs strafen und den Tantalus -- Gute Nacht. Das
sagt ich auch eben an Lottens Schattenbild.

    Sonnabends nach Tische.

Das war sonst die Zeit, dass ich zu ihr ging, War das Stündgen wo ich
Sie antraff, und ietzt habe ich volle Zeit zu schreiben. Wenn Sie
nur sehen sollten wie fleissig ich binn. So auf einmal das alles zu
verlassen, das alles wo meine Glückseligkeit von vier Monaten lag.

Ich fürchte nicht dass ihr mich vergeßt, und doch sinn ich auf
Wiedersehen. Hier mags denn gehn wie's kann, und ich will Lotten nicht
eher wiedersehen als bis ich ihr _Confidence_ machen kann, daß ich
verliebt binn, recht ernstlich verliebt.

Was machen meine lieben Bubens, was macht der Ernst. Es wäre besser ich
schriebe euch nicht, und liesse meine Imagination in Ruhe, -- doch da
hängt die Silhouette das ist schlimmer als alles. Leben Sie wohl.


12.

Goethe an Kestner.


    _prs._ W. d. 4. Oct. 72.

Ich habs ja gesagt, wenn das Zeug Lotten so gut gefällt, als es ihr
steht, so wird unser Geschmack gelobt. Noch schick ichs nicht, denn
gegen den blauen Ausschlag hab ich einzuwenden, dass er zu hart ist
dass er gar nicht steht. Entweder das grüne das hier beyliegt oder
Paille -- und das letzte wäre mir am liebsten weil ich schon geweissagt
habe Lotte wird einmal das gelbe lieben wie sies Rothe ietzt liebt.
und da wär mirs angenehm es introduzirt zu haben. Schreiben Sie mir
die Entschliessung. Nur kein Blau. Wenn sie zwischen zärtlichen
Abschiedsträhnen, auch an mich denken kann so sagen Sie ihr ich
sey noch hundertmal bey ihr. Dorthel Brandt ist fleissig erwähnt
worden, auch Merkens Frau hat davon hören müssen. Sie sollen nur bald
nach Friedberg kommen oder ich komme nach W. Grüßen Sie mir die
schwarz-Augige. Uebrigens ist Wetzlar ganz ausgestorben für mich.
Meinen lieben Bubens viel Grüsse. Viel Glück Hansen, und Ernsten gute
Besserung. Dem Hrn. Amtmann empfelen Sie mich.

    Goethe.


13.

Goethe an Kestner.


    _prs._ W. 7. Oct. 72. (Frfrt.) Dienstags (6. Oct. 72.)

Morgen früh geht ab Cattun und gelehrte Zeitung, und für die Bubens
Bilder, dass iedes was habe. Unsere Spektakels mit den Pfaffen
werden täglich grösser. Sie prostituiren sich immer mehr und wir
rencheriren drauf. Wollte ich sässe noch zu Lottens Füssen, und die
Jungen krabbelten auf mir herum. Wie stehts im teutschen Haus, ist
noch fried und einigkeit unter den Leuten. Lebt die Dorthel noch
immer so fort. Wär ich jetzt in Wetzlar ich hätte der Lotte was zu
vertrauen, wovon Sie nichts wissen dürfen. Adieu lieber Kestner,
grüßen sie mir die Dorthel -- den braven Kielmannsegg auch. Ists denn
wahr daß ihr noch hundert Jahr in Wetzlar bleibt man sagt im Publiko,
die Vis. (Visitation) ginge wieder bald zusammen endigte mit denen
_Suspensis_, drauf rückte die zweyte Klasse ein, und Hannover
bleibt da! -- Es ist nicht des Reichs dass michs kümmert. Geben Sie die
4 fl. für Zeitung Bornen. Er soll auf Ordre sie bewahren.

    Goethe.


14.

Goethe an Lotte.


    _prs._ W. 9. Oct. 72.

Dank Ihrem guten Geist goldne Lotte, der sie trieb mir eine unerwartete
Freude zu machen, und wenn er so schwarz wäre wie das Schicksaal, Danck
ihm. heut eh ich zu Tisch ging, grüsst ich ihr bild herzlich, und bey
Tisch -- ich wunderte mich über den seltsamen Brief, brach ihn auf
und steckt ihn weg. O liebe Lotte seit ich sie das erstemal sah, wie
ist das alles so anders, es ist noch eben diese Blütenfarbe am Band,
doch verschossner kommt mirs vor, als im Wagen, ist auch natürlich.
Danck ihrem Herzen dass Sie mir noch so ein Geschenck machen können,
ich wollt aber auch in die finstersten Hölen meines Verdrusses -- Nein
Lotte Sie bleiben mir, dafür geb ihnen der reiche im Himmel seiner
schönsten früchte, und wem er sie auf Erden versagt dem lass er droben
im Paradiese wo kühle Bäche fliessen zwischen Palmbäumen und Früchte
drüber hängen wie Gold -- indessen wollt ich wäre auf eine Stunde bey
Ihnen.

                   *       *       *       *       *

Noch was, eh ich zu Bette gehe, unsre beyden Verliebten,[8] sind auf
dem Gipfel der Glückseeligkeit. Der Vater ist unter höchst billigen
Bedingungen zufrieden, und es hängt nun von Nebenbestimmungen ab.
Gleichfalls liebe Lotte! Gute Nacht.


15.

Goethe an Kestner.


    _prs._ W. d. 11. Oct. 72. Sonnabends.

Schreiben sie mir doch gleich wie sich die Nachrichten von Goué
konfirmiren.[9] Ich ehre auch solche Taht, und bejammere die Menschheit
und lass alle --kerle von Philistern Tobacksrauchs Betrachtungen drüber
machen, und sagen: ~Da habt ihr's~. Ich hoffe nie meinen Freunden
mit einer solchen Nachricht beschweerlich zu werden.

Unser Kattun, (sintemal auch der ins große Rad der Dinge gehört) Ist
noch nicht ankommen. das wundert mich. Er ist gestern vor acht Tage,
oder Dienstags vor acht Tage von hier abgangen. Es ist eine Rolle
Cattun, Bilder und Zeitungen. Mein Bedienter ist eben auf die Post zu
fragen ob er etwa hier liegen blieben ist.

Es war noch ein Zufall dabey. In benanndter Rolle sind nur zwey Ellen
-- Die dritte Kriegen Sie durch Bornen.

Wie hundertmal denck ich und Träum ich von vergangenen Scenen. Lotte,
meine Jungens. Wir sind doch nur zwölf Stunden auseinander.

                   *       *       *       *       *

Sie versichern hier auf der fahrenden Post, daß die Rolle gestern als
freytag acht Tage, nach Wetzlar abgegangen. Seyn Sie so gütig sich
gleich zu erkundigen. Sie kommt im Krachbein an.


16.

Goethe an Kestner.


    _prs._ W. 22. Oct. 72 von Franckfurt.

Hier ein Paar Blätter Goldeswerth. Kielmannseggen grüsst mir, sie
werden ihn freuen. Der iunge Falck war gestern bey mir, ein muntrer
iunger Mensch, wie ich sie liebe. Heute werd ich mit ihm spazieren
gehn, und ihm Schlossern bekanndt machen.

Und Lotte -- wenn ich ans friedberger Tohr komme ist mirs als müsst ich
zu euch. Mir liegt schweer auf der Seele dass ich im Zank mit Sophien
weggangen binn, ich hoffe sie hats vergessen und vergeben, wo nicht so
bitt ich sie drum. Schreiben Sie doch wie ich ihr stehe. Und Ammalgen
wie lebt das. Von Gottern bitt ich sie nähere deutlichere Nachricht,
Ihre Briefstelle von ihm ist zu mystisch. Diese paar herrliche Tage
haben wir Herbst gemacht. Und mehr an Lotten gedacht als sie an mich in
einem Vierteljahr. Doch hoff ich mit der Zeit auch dieser Plage los zu
werden.


17.

Goethe an Kestner.


    _prs._ Wetzl. 28. Oct. 72.

Hier ist abermal Zeitung. Danck Ihnen für alle guten Nachrichten. Und
Lotte oder Sie wer zuerst nach Atspach kommt wird in meinem Nahmen auch
den lieben Leuten Glück wünschen. Wenn ihr wüsstet wie oft ich bey euch
binn und wie noch -- Manchmal steigt mir ein Zweifel auf und ich denke
mir Lotten _en_ Pannier, wie sie all sind -- doch bald fällt sie
mir wieder im blaugestreiften Nachtjack ein, und ihrer _Ingenuen_
Güte die sie allein hat, und dann hoff ich in ihrer Seele nicht unter
der grosen unbedeutenden Anzahl verlohren zu gehn. Falcken hab ich
nicht wieder gesehen. Die Wirbel der Gesellschafftlichkeit hatten
ihn verschlungen. Grüsen Sie mir Kielmannseggen viel. Ich wollte ihn
an seinem Krankenbette besuchen. Der dritte Urteiler ist von denen
Elenden die verdamdt sind in Finsterniss des Eigendünkels ihr leben
zu verschleppen. Adieu Besorgungen sollen gemacht werden. Gotter ist
ein schielender Mensch. Pfuy über die Stelle seines Briefs. Das ist
eckelhafte unbedeutende Zweydeutigkeit. Sein gutes Herz -- Ja die guten
Herzen! Ich kenn das Pack auch.


18.

Goethe an Kestner.


Der unglückliche Jerusalem. Die Nachricht war mir schröcklich und
unerwartet, es war grässlich zum angenehmsten Geschenck der Liebe diese
Nachricht zur Beylage. Der unglückliche. Aber die Teufel, welches
sind die schändlichen Menschen die nichts geniessen denn Spreu der
Eitelkeit, und Götzenlust in ihrem Herzen haben, und Götzendienst
predigen, und hemmen gute Natur, und übertreiben und verderben die
Kräffte, sind schuld an diesem Unglück an unserm Unglück. hohle sie
der Teufel ihr Bruder. Wenn der verfluchte Pfaff.... nicht schuld ist,
so verzeih mirs Gott, dass ich ihm wünsche er möge den Hals brechen
wie Eli. Der arme iunge! wenn ich zurückkam vom Spaziergang und er mir
begegnete hinaus im Mondschein, sagt ich er ist verliebt. Lotte muss
sich noch errinnern daß ich drüber lächelte. Gott weis die Einsamkeit
hat sein Herz untergraben, und -- seit sieben iahren[10] kenn ich die
Gestalt, ich habe wenig mit ihm geredt, bey meiner Abreise nahm ich ihm
ein Buch mit das will ich behalten und sein gedenken so lang ich lebe.

Dank euch ihr Kinder alle, das ist heilsamer herrlicher Trost, wenn ich
euer Andenken seh, und eure Freude. Es war doch gut dass es so zusammen
kam, leben und Todt, Trauer und freud. Wie anders wie anders als wie
sich Goué solte erschossen haben. Lebt wohl Grüsst Lotten tausendmal.
Wie glücklich seyd ihr.


19.

Aus Kestners Tagebuche.

Goethe's Reise nach Wetzlar betr.


d. 6. Nov. 1772. Abends kamen zwey meiner Freunde aus Frankfurt an, der
Rath Schlosser und Doctor Goethe; Ersterer wegen Geschäften, Letzterer
um seine Freunde zu sehen.

d. 10. Nov. 1772. Schlosser und Goethe sind diesen Morgen nach
Frankfurt zurückgereiset. Wir sind fast immer beysammen gewesen,
welches mich etwas in meinen Geschäften zurückgesetzt hat.


20.

Goethe's Schwester an Kestner.


    _prst._ 7. Nov. 72.

Küssen Sie Ihr liebes Lottchen von meinetwegen, und sagen Sie ihr dass
ich sie von ganzem Herzen liebe.

    S. Goethe.


21.

Goethe an Kestner.


    _acc._ 12. Nov. 72. Wetzl. (Friedberg d. 10. Nov. 72.)

Ich binn der rechte. Ausgeschickt auf eine Local Commission, phantasir
ich übers Vergangene und zukünftige. Gestern Abend war ich noch bey
euch und ietzo sitz ich im leidigen Friedberg und harre auf einen
Steindecker, mit dem ich die Reparatur meines verwünschten Schlosses
akkordiren will. Der Weg hierher ward mir sehr kurz, wie ihr denken
könnt, und wie ich heut vom Cronprinzen hinauffuhr, und ich die
Deutschhaus Mauern sah, und den Weeg den ich so hundertmal, und es dann
rechts ein in die Schmidtgasse lenckte. Ich wollte ich hätte gestern
Abend förmlich Abschied genommen, es war eben so viel und ich kam um
einen Kuß zu kurz, den sie mir nicht hätte versagen können. Fast wär
ich heute früh noch hingegangen, S. hielt mich ab, dafür spiel ich ihm
nächstens einen Streich, denn ich will doch nicht allein leiden. Gewiß
Kestner, es war Zeit dass ich gieng. Gestern Abend hatt ich rechte
hängerliche und hängenswerthe Gedanken auf dem Canapee -- --

Der Steindecker war da und ich binn so weit als vorher, und es ist ein
Packet von meinem Vater ankommen darnach ich geschickt habe, das mag
auch erbaulichs Zeug enthalten. Indessen binn ich doch wieder bey euch
gewesen, und meine Seele ist noch bey euch und bey meinen Kleinen. Wenn
der Mensch geboren wäre reine Freuden zu geniessen. --

Der Brief meines Vaters ist da, lieber Gott wenn ich einmal alt werde,
soll ich dann auch so werden. Soll meine Seele nicht mehr hängen an dem
was liebenswerth und gut ist. Sonderbar, dass da man glauben sollte
ie älter der Mensch wird, desto freyer er werden sollte, von dem was
irrdisch und klein ist. Er wird immer irrdischer und kleiner. -- Sie
sehen ich binn schön im Train zu radotiren, aber Gott weis es ist
nichts anders als mich mit Ihnen zu beschäfftigen und zu vergessen,
wer, wo, und was ich binn.

Schlosser kommt eben von einer Ambassade wieder, die Liebe giebt ihm
die Protocolle ein, er _inquirirte_ in die innersten Höllenwinkel,
inzwischen bleibt alles wies ist, und wir richten mit laufen und
treiben grade so viel aus, dass wir einer ansehnlichen Visitations
Deputation nicht den Rang ablaufen.

Und wenn ich wieder denke wie ich von Wetzlar zurückkomme, so ganz
über meine Hoffnung Liebempfangen geworden zu seyn; binn ich viel
ruhig. Ich gestehs Ihnen es war mir halb angst, denn das Unglück ist
mir schon oft wiederfahren. Ich kam mit ganzem, vollem, warmem Herzen,
lieber Kestner da ists ein Höllenschmerz wenn man nicht empfangen wird
wie man kommt. Aber so -- Gott geb euch ein ganzes Leben wie mir die
paar Tage waren.

Das Essen kommt, und Gute Nacht.

Noch einmal gute Nacht. Empfelen sie mich dem alten lieben Papa, und
meinen Buben. Lotten erinnern Sie im Conzert an mich auch Dortelgen.
Noch etwas. Lotte hat ein Meubel das ihr zu gros ist. Ich hab sie
gebeten mir zu erlauben es in ein kleineres zu vertauschen schicken Sie
mirs doch wohl eingepackt auf der fahrenden.[11]


22.

Goethe an Kestner.


    _acc._ 14. Nov. 72. Wetzl. von Frankfurt.

Da ist deutsche Baukunst für Kielmannseggen und Sie.

Habt Ihr im Conzert meiner gedacht und wie gehts euch.

Von Friedberg haben Sie doch den erbaulichen Brief kriegt, ich schrieb
ihn um meine Seele zu beschäfftigen, die sonst ungebärdig werden
wollte. Von da binn ich nach Homburg, und habe wieder das Leben Lieb
gewonnen, da das erscheinen solch eines Elenden, so trefflichen
Geschöpfen Freude machen kann.

Adieu, ich ruhe hier aus, auf den Montag nach Darmstadt, den Mittwoch
nach Mannheim. Wo ich die Freude hoffe mit der Frl. Baschle von Lotten
zu schwäzen.


23.

Goethe an Kestner.


    _acc._ 15. Nov. 72. Wetzl.

Euren lieben Andenkenvollen Brief hab ich heute kriegt, und muss nur
wenigstens euch dagegen sagen wie viel michs freut, und wie lieb ich
euch habe.

Lotte weis wohl dass sie sagen darf was sie will, ich armer Teufel binn
immer im höchsten desavantage, demohngeachtet ist sie Lotte, und es
bleibt beym alten.

Da ist ein Exempl. Baukunst für Falken. Wie stehts mit meinen
Köpfen.[12] Treiben Sies ia. Wollten Sie wohl Wandrern sagen, ich habe
mich nach Zwiefeln erkundigt, da mich die Liebhaber versichert es seye
zu spät, müsse man im September sich drum umthun, die guten seyen all
ausgelesen. Demohngeachtet hab ich zum Italiäner geschickt der mir aber
sagen lassen, es seyn keine mehr vorhanden. denn um diese Zeit, treiben
sie schon.


24.

Kestner an v. Hennings.


    Wetzlar d. 18 November 1772.

Was denken Sie wohl von mir, lieber Hennings, das möchte ich diesen
Augenblick gleich wissen. Ich will zwar keine Entschuldigungen machen,
aber etwas das eben so viel ist, muß ich doch sagen.

Gerade den Abend vorher, als ich Ihren lieben letzten Brief bekam,
sagte mir Lottchen, ich möchte doch wieder einmal an Sie schreiben,
weil ich lange nichts von Ihnen gehört hätte, und ich hatte wirklich
lange vor dieser Erinnerung schon zu einem recht langen Brief
geschritten, und ihn schon angefangen. Da ich Ihnen aber in demselben
einige merkwürdige Begebenheiten, welche seit ein paar Jahren nahe um
mich vorgegangen waren, ausführlich erzählen wollte, und ich darin oft
unterbrochen wurde, so wollte ich nur das Neueste davon erzählen. Dieß
fing ich wiederum so weitläuftig an, daß ich auch damit so bald fertig
zu werden nicht hoffen darf; daher will ich meinen Plan ändern und
Ihnen davon nur das Hauptsächlichste (wie in Summarien) erzählen, um
die Communication zwischen uns einmal wieder zu eröffnen.

Sie wollen mehr von meinem Mädchen hören, und ich schreibe Ihnen nur
gar zu gerne davon, und habe Ihnen so viel davon zu sagen. Mein Mädchen
ist mir von Jahren zu Jahren immer werther geworden. Ich brachte mit
ihr und ihrer Mutter die Stunden, die ich dazu anwenden konnte, bis
vor zwey Jahren recht glücklich und vergnügt zu. Wie und auf was Art,
erzählte ich Ihnen gern, wenn es nicht zu weitläuftig wäre. Diesen
Herbst vor zwey Jahren aber empfing unsere Ruhe einen empfindlichen
Stoß. Die beste Mutter, die je gelebt, und wie sie die Phantasie nur
schildern mag, ward krank und starb. Ich glaube ich habe es Ihnen
noch nicht geschrieben. Aber eines Theils war ich es bisher nicht
im Stande, theils wollte ich es Ihnen mit allen Umständen, die sehr
merkwürdig sind, erzählen. Dießmal bemerke ich nur was dieser Tod auf
Lottchen für einen Einfluß geübt hat. Sie empfand diesen Verlust in
seiner ganzen Schwere. Er milderte auch ihre Munterkeit sehr und mußte
es durch die Folge noch mehr thun; denn auf sie fiel das Loos, ihrer
Mutter Stelle bey den Geschwistern zu ersetzen: natürlicher Weise eine
wichtige Veränderung. Sie war erst 18 Jahre alt, und hat eine ältere
Schwester, die niemals die Rechte der Erstgeburt vergab; allein daß
Lottchen nur ihrer Mutter Stelle vertreten konnte, war so ausgemacht
und so unzweifelhaft, daß nicht nur der Vater, sondern auch die ältere
Schwester, und noch mehr die jüngern Geschwister, auch das Gesinde, ja
die Fremden, stillschweigend und ohne Abrede, durch eine innerliche
Ueberzeugung unbewußt getrieben, darin übereinstimmten. Und sie
selbst fühlte ihre Bestimmung so sehr, daß sie das Amt von dem ersten
Augenblick an übernahm, und mit einer solchen Zuverlässigkeit führte,
als wenn eine förmliche Uebertragung, bey ihr aber ein überlegter
Entschluß vorausgegangen und sie dazu von jeher bestimmt sey. An sie
wandte sich alles, auf ihr Wort geschah alles, und jedes folgte ihrer
Anordnung, ja ihrem Wink; und was das vornehmste war, es schien als
wenn die Weisheit ihrer Mutter ihr zum Erbtheil geworden wäre. Bis
diese Stunde hat sich solches erhalten; Sie ist die Stütze der Familie,
die Liebe, die Achtung derer, die dazu gehören, und das Augenmerk
derer, welche dahin kommen. -- Ich sage Ihnen, es ist ein halbes
Wunderwerk, ohngeachtet weder sie selbst, noch die Familie, es merkt,
und jedes meynt es müßte so seyn.

Sie können denken wie diese Begebenheit bey mir ihren Werth vergrößert
hat; und wenn ich vorher noch ihretwegen unentschlossen gewesen wäre,
so hätte mich dieses, ohne den mindesten Zweifel übrig zu lassen,
völlig entscheiden müssen; denn was vorhin meistens nur Hoffnung, nur
Wahrscheinlichkeit, nur Keim, nur Anlage war, das ist jetzt sichtbare,
unläugbare Gewißheit, das ist jetzt die reife Frucht und vollendete
Vollkommenheit. Sie verstehen mich auch, wenn ich sage, daß diese
Situation ihr nicht nur die Vollendung gegeben, sondern sie auch darin
erhält, und sie vor den Abwegen bewahrt, wohin die Mädchen nur leicht
gerathen, wenn sie Muße genug haben, in dem Putz, in dem zu vielen
Bücherlesen, und in den anderen vermeyntlichen Vollkommenheiten, ihre
Vorzüge zu suchen. Ein Mensch, deßen Urtheil von Erheblichkeit ist,
gestand diesen Sommer, er hätte noch kein Frauenzimmer gefunden, daß so
von den gewöhnlichen weiblichen Schwachheiten frey wäre &c. Wenn ich
vor Ende dieses Briefes die Schilderung bekomme, welche er von Lottchen
gemacht hat, will ich sie noch hersetzen.

Ob nun gleich die Last, welche in dieser Situation auf ihr ruht, wie
leicht zu begreifen ist, leicht hindern könnte, daß ihr Werth dem
nicht scharfsinnigen Auge verborgen bliebe, da sie nicht eigentlich
eine sogenannte glänzende _Beauté_ ist, nach dem gemeinen Sinne;
mir ist sie's; so bleibt sie doch immer das bezaubernde Mädchen, das
Schaaren von Anbetern haben könnte, alte und junge, ernsthafte und
lustige, Kluge und Dumme &c.

Sie weiß aber halb zu überzeugen, daß sie entweder in der Flucht oder
in der Freundschaft ihr einziges Heil suchen müssen. Eines von diesen,
als des merkwürdigsten, will ich doch erwähnen, weil er auf uns einen
Einfluß behalten. Ein junger Mensch an Jahren (23), aber in Kenntnissen
und Entwicklung seiner Seelenkräfte und seines Charakters schon ein
Mann; ein ausserordentliches Genie und ein Mensch von Charakter, war
hier, wie seine Familie glaubte, der Reichs-Praxis wegen, in der That
aber um der Natur und der Wahrheit nachzuschleichen, und den Homer
und Pindar zu studiren. Er hat nicht nöthig des Unterhaltes wegen zu
studiren. Ganz von ohngefähr, nach langer Zeit seines Hierseyns, lernte
er Lottchen kennen, und in ihr sein Ideal von einem vortrefflichen
Mädchen; er sah sie in ihrer fröhlichen Gestalt, ward aber bald
gewahr, daß dieses nicht ihre vorzüglichste Seite war; er lernte sie
auch in ihrer häuslichen Situation kennen, und ward, mit einem Wort,
ihr Verehrer. Es konnte ihm nicht lange unbekannt bleiben, daß sie
ihm nichts als Freundschaft geben konnte, und ihr Betragen gegen ihn
gab wiederum ein Muster ab. Dieser gleiche Geschmack, und da wir uns
näher kennen lernten, knüpfte zwischen ihm und mir das festeste Band
der Freundschaft, so daß er bey mir gleich auf meinen lieben Hennings
folgt. Indessen, ob er gleich in Ansehung Lottchens alle Hoffnung
aufgeben mußte, und auch aufgab, so konnte er, mit aller Philosophie
und seinem natürlichen Stolze, so viel nicht über sich erhalten, daß er
seine Neigung ganz bezwungen hätte. Und hat er solche Eigenschaften,
die ihn einem Frauenzimmer, zumal einem empfindenden und das von
Geschmack ist, gefährlich machen können: Allein Lottchen wußte ihn so
zu behandeln, daß keine Hoffnung bey ihm aufkeimen konnte, und er sie,
in ihrer Art zu verfahren, noch selbst bewundern mußte. Seine Ruhe litt
sehr dabey; es gab mancherley merkwürdige Scenen, wobey Lottchen bey
mir gewann, und er mir als Freund auch werther werden mußte, ich aber
doch manchmal bey mir erstaunen mußte, wie die Liebe so gar wunderliche
Geschöpfe selbst aus den stärcksten und sonst für sich selbstständigen
Menschen machen kann. Meistens dauerte er mich und es entstanden bey
mir innerliche Kämpfe, da ich auf der einen Seite dachte, ich möchte
nicht im Stande seyn, Lottchen so glücklich zu machen, als er, auf
der andern Seite aber den Gedanken nicht ausstehen konnte, sie zu
verlieren. Letzteres gewann die Oberhand, und an Lottchen habe ich
nicht einmal eine Ahndung von dergleichen Betrachtungen bemerken
können. Kurz, er fieng nach einigen Monaten an, einzusehen, daß er zu
seiner Ruhe Gewalt gebrauchen mußte. In einem Augenblicke, da er sich
darüber völlig determinirt hatte, reisete er ohne Abschied davon,
nachdem er schon öfters vergebliche Versuche zur Flucht gemacht hatte.
Er ist zu Franckfurt und wir reden fleissig durch Briefe mit einander.
Bald schrieb er, nunmehr seiner wieder mächtig zu seyn; gleich darauf
fand ich wieder Veränderungen bey ihm. Kürzlich konnte er es doch nicht
lassen, mit einem Freunde, der hier Geschäfte hatte, herüber zu kommen;
er würde vielleicht noch hier seyn, wenn seines Begleiters Geschäfte
nicht in einigen Tagen beendigt worden wären, und dieser gleiche
Bewegungsgründe gehabt hätte, zurückzueilen: denn er folgt seiner
nächsten Idee, und bekümmert sich nicht um die Folgen, und dieses
fließt aus seinem Charakter, der ganz Original ist.

Inzwischen ist auch mein Vater gestorben, welches in seinen Folgen mich
schon mehr mit den traurigen Beschwerden der Menschen bekannt gemacht
hat und vielleicht noch mehr machen wird.

Damit Sie ferner wissen, wie es mit meinen geheimsten Angelegenheiten
steht: Ich bin mit Lottchen in keiner weitern Verbindung, als worin
ein ehrlicher Mann steht, wenn er einem Frauenzimmer den Vorzug vor
allen übrigen giebt, sich mercken lässet, daß er ein gleiches von ihr
wünscht und wenn sie solches thut, dieses nicht nur, sondern auch eine
völlige Resignation von ihr annimmt. Dieses halte ich schon genug, um
einen ehrlichen Mann zu binden, zumal wenn solches einige Jahre durch
dauert. Indessen tritt bey mir noch hinzu, daß Lottchen und ich uns
einander ausdrücklich erklärt haben, und es noch immer mit Vergnügen
thun, ohne jedoch Schwüre oder Betheurungen hinzuzufügen. Auch habe ich
schon längst ihrer seligen Mutter meine Absicht und Wunsch erklärt,
inzwischen nicht verhehlt, daß ich noch Aeltern hätte, und eine
geheime Verbindung nicht meine Absicht sey. Mit dem Vater habe ich
noch nie eine Sylbe darüber gesprochen. Sie verlassen sich auf meine
Ehrlichkeit, desfalls ich in einigem Ruf stehe, und sind ruhig, da
Lottchen bisher noch zu jung und noch zu nöthig war.

Zu Haus habe ich kein Geheimniß aus meinem Umgang, noch aus dem
Vorzuge, den ich Lottchen beylegte, gemacht, und zwar mit solchen
Ausdrücken, daß sie meine Absicht errathen konnten. Man äusserte sich
darüber nicht. Von meinem Vater versprach ich mir keine günstige
Entschliessung und da ohnehin noch nicht Zeit war, ließ ich es dabey
vorerst bewenden. Nachdem ich nun mit der Zeit endlich einmal einen
Ernst daraus machen möchte, und von meiner Mutter mir gutes verspreche,
so habe ich endlich auch meinen Wunsch und Absicht erklärt. Wir stehen
darüber noch in Correspondenz. Es werde mir mancherley Umstände
gemacht, besonders, daß ich zu Hause noch kein bestimmtes _Emploi_
habe, daß Lottchen viele Geschwister und kein Vermögen hat. Ich
habe diese Umstände aber wohl überlegt, und desfalls hinlängliche
Auskunft gegeben; ohnehin wollte ich gegenwärtig nur den Schritt thun,
daß ich Lottchen und ihren Vater wegen meiner Mutter Einwilligung
benachrichtigen könnte. Vor der würklichen Heirath muß ich denn erst
weitere Schritte wegen meines sichern _Emploi_ thun, und was ich
sonst desfalls überlegt habe. Ich hoffe nun bald schriftliche günstige
Erklärung von meiner Mutter; indessen wird sie nicht ganz zufrieden
seyn. Ich habe aber alles wohl überlegt und kann nicht anders. Mit dem
Detail will ich Sie nicht aufhalten. Hätte ich nur erst eine gewisse
Stelle, so sollte sich alles schon geben. Die Visitation scheint noch
einige Zeit fortzudauern, und ich werde aushalten müssen. Man muß
erwarten, was der Himmel fügt.

Leben Sie wohl, mein Bester; Erzählen Sie nur auch bald etwas von Ihnen.

    K.

    d. 28 Nov. 72.


25.

Goethe an Kestner.


    _acc._ Wetzl. 21. Nov. 72.

In Darmstat binn ich, nach Manheim werd ich nicht kommen, eben da wir
abreisen wollten, trat Merken eine Verhinderung dazwischen, wer ein
Amt hat muss leider sein warten. Dass wir nur wieder einmal beysammen
sind, freut uns so, tuht uns so wohl, dass ich allein nicht weiter mag.
Adressiren Sie mir Ihre Briefe grad hierher, und schicken Sie mir doch
die Nachricht von Jerusalems Todte. Ohne Zweifel haben Sie mir schon
nach Frkfurt geschrieben, biss ich das aber her kriege währt so lang.
Ich habe heut früh mit der Flachsland, viel von Lotten und euch geredet
und meinen lieben Bubens. Merck grüsst euch, und sein Weib und Henry.
Grüsst mir sie alle, meine Seele ist oft bey euch, Adieu.

    Goethe.


26.

Goethe's Schwester an Kestner.


    Samstag den 21. Nov. 72.

Ich habe Ihren Brief meinem Bruder nach Darmstadt geschickt, mein Herr,
dencken Sie nur er ist schon seit am Montag weg, und hat noch kein Wort
von sich hören lassen, ist das nicht zu arg. -- aber so macht er's, Sie
werdens auch schon an ihm gewohnt seyn.

Ehe mein Bruder von hier weggieng hat er mir eifrigst aufgetragen
einige Liedgen vor Ihr liebes Lottchen abzuschreiben, weil es aber
nur ein paar sind, so wollte ich fragen, ob ihr nicht seit der Zeit
etwa noch eins eingefallen wäre, das sie gern haben mögte -- Wenn aber
das nicht ist, so schreiben Sie mir ob sie den Marsch aus den zwey
Geizigen hat, sonst will ich den noch mit beyfügen, die Melodie ist
gar angenehm. Wollen Sie so gütig seyn, mein Herr, und mich dem ganzen
Puffischen Haus empfehlen, aber recht freundschaftlich, und wenn Sie
das recht schön ausrichten, so verspreche ich Ihnen, dass ich auf
einandermahl den Herrn weglassen, und Freund an seine Stelle sezen will.

    G.


27.

Goethe's Schwester an Kestner.


    Mittwoch den 25. Nov. (1772.)

Lottchen muß mit meiner schlechten Schreiberey vorlieb nehmen, wie ich
die Noten schrieb, dachte ich nicht an die Worte, die drunter kommen
sollten, und da ists denn so ausgefallen, doch hoffe ich dass es
leserlich seyn wird.

Ich danke Ihnen, lieber Freund, für die Nachricht von meinem Bruder,
biss jetzt ist er noch immer stumm gegen uns -- dass Sie nicht
nach Manheim gehen, hat er die vorige Woche Netten zu meinem Trost
geschrieben, weil er versprochen hatte mich mit zu nehmen. Erinnern Sie
sich noch der guten Mädgen, mein Freund, die wir die vergangene Messe
zusammen besuchten, sie lassen sich alle Lottchen und Ihnen empfehlen,
und bitten sehr, dass Sie beyderseits uns doch bald besuchen mögen;
biss dahin aber dencken Sie so offt an uns, als wir an Sie dencken.

    G.


28.

Kestners Nachrichten über den Tod Jerusalems.

An Goethe abgesandt im November 1772.[13]


Jerusalem ist die ganze Zeit seines hiesigen Aufenthalts mißvergnügt
gewesen, es sey nun überhaupt wegen der Stelle die er hier bekleidete,
und daß ihm gleich Anfangs (bey Graf Bassenheim) der Zutritt in den
großen Gesellschaften auf eine unangenehme Art versagt worden, oder
insbesondere wegen des Braunschweigischen Gesandten, mit dem er bald
nach seiner Ankunft kundbar heftige Streitigkeiten hatte, die ihm
Verweise vom Hofe zuzogen und noch weitere verdrießliche Folgen für
ihn gehabt haben. Er wünschte längst, und arbeitete daran, von hier
wieder wegzukommen; sein hiesiger Aufenthalt war ihm verhaßt, wie er
oft gegen seine Bekannte geäußert hat, und durch meinen Bedienten,
dem es der seinige oft gesagt, wußte ich dieses längst. Bisher hoffte
er, das hiesige Geschäft sollte sich zerschlagen; da nun seit einiger
Zeit mehrerer Anschein zur Wiedervereinigung war, und man im Publiko
solches schon nahe und gewiß glaubte, ist er, etwa vor 8 Tagen, bey
dem Gesandten Falke (dem er bekannt und von dem Vater empfohlen war)
gewesen, und hat diesen darüber auszuforschen gesucht, der denn,
obgleich keine völlige Gewißheit, doch den Anschein und Hoffnung
bezeuget.

Neben dieser Unzufriedenheit war er auch in des pfältz. Sekret. H...
Frau verliebt. Ich glaube nicht, daß diese zu dergleichen Galanterien
aufgelegt ist, mithin, da der Mann noch dazu sehr eifersüchtig war,
mußte diese Liebe vollends seiner Zufriedenheit und Ruhe den Stoß geben.

Er entzog sich allezeit der menschlichen Gesellschaft und den übrigen
Zeitvertreiben und Zerstreuungen, liebte einsame Spaziergänge im
Mondenscheine, gieng oft viele Meilen weit und hieng da seinem Verdruß
und seiner Liebe ohne Hoffnung nach. Jedes ist schon im Stande die
erfolgte Würkung hervorzubringen. Er hatte sich einst Nachts in einem
Walde verirrt, fand endlich noch Bauern, die ihn zurechtwiesen, und kam
um 2 Uhr zu Haus.

Dabey behielt er seinen ganzen Kummer bey sich, und entdeckte solchen,
oder vielmehr die Ursachen davon, nicht einmahl seinen Freunden. Selbst
dem Kielmansegge hat er nie von der H.... gesagt, wovon ich aber
zuverläßig unterrichtet bin.

Er las viel Romane, und hat selbst gesagt, daß kaum ein Roman seyn
würde, den er nicht gelesen hätte. Die fürchterlichsten Trauerspiele
waren ihm die liebsten. Er las ferner philosophische Schriftsteller
mit großem Eyfer und grübelte darüber. Er hat auch verschiedene
philosophische Aufsäze gemacht, die Kielmansegge gelesen und sehr
von anderen Meinungen abweichend gefunden hat; unter andern auch
einen besondern Aufsatz, worin er den Selbstmord vertheidigte. Oft
beklagte er sich gegen Kielmansegge über die engen Gränzen, welche
dem menschlichen Verstande gesetzt wären, wenigstens dem Seinigen;
er konnte äußerst betrübt werden, wenn er davon sprach, was er wißen
möchte, was er nicht ergründen könne &c. (Diesen Umstand habe ich erst
kürzlich erfahren und ist, deucht mir, der Schlüssel eines großen
Theils seines Verdrusses, und seiner Melancholie, die man beyde aus
seinen Mienen lesen konnte; ein Umstand der ihm Ehre macht und seine
letzte Handlung bei mir zu veredlen scheint.) Mendelsohns Phädon war
seine liebste Lectüre; in der Materie vom Selbstmorde war er aber immer
mit ihm unzufrieden; wobey zu bemerken ist, daß er denselben auch
bey der Gewißheit von der Unsterblichkeit der Seele, die er glaubte,
erlaubt hielt. Leibnitzen's Werke las er mit großem Fleiße.

[Illustration: Durchgezeichnet.]

Als letzthin das Gerücht vom Goué sich verbreitete, glaubte er diesen
zwar nicht zum Selbstmorde fähig, stritt aber _in Thesi_ eifrig
für diesen, wie mir Kielmansegge, und viele, die um ihn gewesen,
versichert haben. Ein paar Tage vor dem unglücklichen, da die Rede vom
Selbstmorde war, sagte er zu Schleunitz, es müße aber doch eine dumme
Sache seyn, wenn das Erschiessen mißriethe.

Auch einige Tage zuvor sprachen Brandten mit ihm von seinen weiten
einsamen Spaziergängen, daß ihm da leicht einmal ein Unglück zustossen
könnte, wie zum Ex. vor einiger Zeit, da einer beym entstandenen
Gewitter sich unter ein Gemäuer retiriret, und dieses über ihm
eingestürzt wäre. Er antwortete: das würde mir eben recht seyn. Dorthel
verspricht ihm ein Kränzchen zu machen, wenn er hier stürbe. Er hat in
Brandten Hause sehr über N... geklagt, daß dieser gar nicht schriebe,
er schäme sich zu ihnen zu kommen, da er immer nichts von ihm sagen
könne. Mit einiger Hitze zu Annchen: Ja, ich versichere Sie, die Sünden
meiner Freunde schmerzen mich. (N... war Anbeter der Annchen.) Zu
Kielmansegge hat er von N. gesagt, dieser hätte eine Dreckseele; was
man noch in der Welt machen solle, wo man einen abwesenden Freund nicht
einmal conserviren könne.

In diesen Tagen hat er mich, da er im Brandtischen Hause war, ins
Buffische Haus gehen sehen (oder vielmehr es geglaubt, da es eigentlich
ein anderer war,) und gesagt, mit einem besonderen Ton: wie glücklich
ist Kestner! wie ruhig er dahin geht!

Vergangenen Dienstag kommt er zum kranken Kielmansegge, mit einem
mißvergnügten Gesichte. Dieser frägt ihn, wie er sich befände? Er:
Besser als mir lieb ist. Er hat auch den Tag viel von der Liebe
gesprochen, welches er sonst nie gethan; und dann von der Franckfurter
Zeitung, die ihm seit einiger Zeit mehr als sonst gefalle. Nachmittags
(Dienstag) ist er bey Sekr. H... gewesen. Bis Abends 8 Uhr spielen sie
Tarok zusammen. Annchen Brandt war auch da; Jerusalem begleitet diese
nach Haus. Im Gehen schlägt Jerusalem oft unmuthsvoll vor die Stirn
und sagt wiederholt: Wer doch erst todt, -- wer doch erst im Himmel
wäre! -- Annchen spaßt darüber; er bedingt sich bey ihr im Himmel
einen Platz, und beim Abschiednehmen sagt er: Nun es bleibt dabey, ich
bekomme bey Ihnen im Himmel einen Platz.

Am Mittewochen, da im Kronprinz groß Fest war und jeder jemanden zu
Gaste hatte, gieng er, ob er gleich sonst zu Haus aß, zu Tisch und
brachte den Secr. H... mit sich. Er hat sich da nicht anders als sonst,
vielmehr muntrer betragen. Nach dem Essen nimmt ihn Secret. H... mit
nach Haus zu seiner Frau. Sie trinken Kaffee. Jerusalem sagt zu der
H...: Liebe Frau Secretairin, dieß ist der letzte Kaffee, den ich mit
Ihnen trinke. -- Sie hält es für Spaß und antwortet in diesem Tone.
Diesen Nachmittag (Mittwochs) ist Jerusalem allein bei H...s gewesen,
was da vorgefallen, weiß man nicht; vielleicht liegt hierin der Grund
zum folgenden. -- Abends, als es eben dunkel geworden, kommt Jerusalem
nach Garbenheim, ins gewöhnliche Gasthaus, frägt ob niemand oben im
Zimmer wäre? Auf die Antwort: Nein, geht er hinauf, kommt bald wieder
herunter, geht zum Hofe hinaus, zur linken Hand hin, kehrt nach einer
Weile zurück, geht in den Garten; es wird ganz dunkel, er bleibt da
lange, die Wirthin macht ihre Anmerkungen darüber, er kommt wieder
heraus, geht bei ihr, alles ohne ein Wort zu sagen, und mit heftigen
Schritten, vorbey, zum Hofe hinaus, rechts davon springend.

Inzwischen, oder noch später, ist unter H... und seiner Frau etwas
vorgegangen, wovon H... einer Freundin vertrauet, daß sie sich über
Jerusalem etwas entzweyet und die Frau endlich verlangt, daß er ihm
das Haus verbieten solle, worauf er es auch folgenden Tags in einem
_Billet_ gethan.

Nachts vom Mittewoch auf den Donnerstag ist er um 2 Uhr aufgestanden,
hat den Bedienten geweckt, gesagt, er könne nicht schlafen, es sey ihm
nicht wohl, läßt einheitzen, Thee machen, ist aber doch nachher ganz
wohl, dem Ansehen nach.

Donnerstags Morgens schickt _Secret._ H... an Jerusalem ein
_Billet_. Die Magd will keine Antwort abwarten und geht.
Jerusalem hat sich eben rasiren lassen. Um 11 Uhr schickt Jerusalem
wiederum ein _Billet_ an _Secret._ H..., dieser nimmt es
dem Bedienten nicht ab, und sagt, er brauche keine Antwort, er könne
sich in keine Correspondenz einlassen, und sie sähen sich ja alle
Tage auf der Dictatur. Als der Bediente das _Billet_ unerbrochen
wieder zurückbringt, wirft es Jerusalem auf den Tisch und sagt: es ist
auch gut. (Vielleicht den Bedienten glauben zu machen, daß es etwas
gleichgültiges betreffe.)

Mittags isset er zu Haus, aber wenig, etwas Suppe. Schickt um 1 Uhr ein
_Billet_ an mich und zugleich an seinen Gesandten, worin er diesen
ersucht, ihm auf diesen (oder künftigen) Monat sein Geld zu schicken.
Der Bediente kommt zu mir. Ich bin nicht zu Hause, mein Bedienter auch
nicht. Jerusalem ist inzwischen ausgegangen, kommt um 1/4-4 Uhr zu
Haus, der Bediente giebt ihm das _Billet_ wieder. Dieser sagt:
Warum er es nicht in meinem Hause, etwa an eine Magd, abgegeben? Jener:
Weil es offen und unversiegelt gewesen, hätte er es nicht thun mögen.
-- Jerusalem: Das hätte nichts gemacht, jeder könne es lesen, er sollte
es wieder hinbringen. -- Der Bediente hielt sich hierdurch berechtigt,
es auch zu lesen, ließt es und schickt es mir darauf durch einen Buben,
der im Hause aufwartet. Ich war inzwischen zu Haus gekommen, es mogte
1/2-4 Uhr seyn, als ich das Billet bekam:

»Dürfte ich Ew. Wohlgeb. wohl zu einer vorhabenden Reise um ihre
Pistolen gehorsamst ersuchen?

    J.«[14]

Da ich nun von alle dem vorher erzählten und von seinen Grundsätzen
nichts wußte, indem ich nie besondern Umgang mit ihm gehabt -- so hatte
ich nicht den mindesten Anstand ihm die Pistolen sogleich zu schicken.

Nun hatte der Bediente in dem _Billet_ gelesen, daß sein Herr
verreisen wollte, und dieser ihm solches selbst gesagt, auch alles
auf den anderen Morgen um 6 Uhr zur Reise bestellt, sogar den
_Friseur_, ohne daß der Bediente wußte wohin, noch mit wem, noch
auf was Art? Weil Jerusalem aber allezeit seine Unternehmungen vor ihm
geheim tractiret, so schöpfte dieser keinen Argwohn. Er dachte jedoch
bey sich: »Sollte mein Herr etwa heimlich nach Braunschweig reisen
wollen, und dich hier sitzen lassen? &c.« Er mußte die Pistolen zum
Büchsenschäfter tragen und sie mit Kugeln laden lassen.

Den ganzen Nachmittag war Jerusalem für sich allein beschäftiget,
kramte in seinen Papieren, schrieb, ging, wie die Leute unten im
Hause gehört, oft im Zimmer heftig auf und nieder. Er ist auch
verschiedene Mal ausgegangen, hat seine kleinen Schulden, und wo er
nicht auf Rechnung ausgenommen, bezahlt; er hatte ein Paar Manschetten
ausgenommen, er sagt zum Bedienter, sie gefielen ihm nicht, er sollte
sie wieder zum Kaufmann bringen; wenn dieser sie aber nicht gern wieder
nehmen wollte, so wäre da das Geld dafür, welches der Kaufmann auch
lieber genommen.

Etwa um 7 Uhr kam der Italiänische Sprachmeister zu ihm. Dieser fand
ihn unruhig und verdrießlich. Er klagte, daß er seine Hypochondrie
wieder stark habe, und über mancherley; erwähnt auch, daß das Beste
sey, sich aus der Welt zu schicken. Der Italiäner redet ihm sehr zu,
man müsse dergleichen Passionen durch die Philosophie zu unterdrücken
suchen &c. Jerusalem: das ließe sich nicht so thun; er wäre heute
lieber allein, er möchte ihn verlassen. Der Italiäner: er müsse in
Gesellschaft gehen, sich zerstreuen &c. Jerusalem: er gienge auch
noch aus. -- Der Italiener, der auch die Pistolen auf dem Tische
liegen gesehen, besorgt den Erfolg, geht um halb acht Uhr weg und zu
Kielmansegge, da er denn von nichts als von Jerusalem, dessen Unruhe
und Unmuth spricht, ohne jedoch von seiner Besorgniß zu erwähnen, indem
er geglaubt, man möchte ihn deswegen auslachen.

Der Bediente ist zu Jerusalem gekommen, um ihm die Stiefel auszuziehen.
Dieser hat aber gesagt, er gienge noch aus; wie er auch wirklich gethan
hat, vor das Silberthor auf die Starke Weide, und sonst auf die Gasse,
wo er bey Verschiedenen, den Hut tief in die Augen gedrückt, vorbey
gerauscht ist, mit schnellen Schritten, ohne jemand anzusehen. Man hat
ihn auch um diese Zeit eine ganze Weile an dem Fluß stehen sehen, in
einer Stellung, als wenn er sich hineinstürzen wolle (so sagt man).

Vor 9 Uhr kommt er zu Haus, sagt dem Bedienten, es müsse im Ofen noch
etwas nachgelegt werden, weil er so bald nicht zu Bette ginge, auch
solle er auf Morgen früh 6 Uhr alles zurecht machen, läßt sich auch
noch einen Schoppen Wein geben. Der Bediente, um recht früh bey der
Hand zu seyn, da sein Herr immer sehr accurat gewesen, legt sich mit
den Kleidern ins Bette.

Da nun Jerusalem allein war, scheint er alles zu der schrecklichen
Handlung vorbereitet zu haben. Er hat seine Briefschaften alle
zerrissen und unter den Schreibtisch geworfen, wie ich selbst gesehen.
Er hat zwey Briefe, einen an seine Verwandte, den Andern an H...
geschrieben; man meint auch einen an den Gesandten Höffler, den dieser
vielleicht unterdrückt. Sie haben auf dem Schreibtisch gelegen. Erster,
den der Medicus andern Morgens gesehen, hat überhaupt nur folgendes
enthalten, wie _Dr._ Held, der ihn gelesen, mir erzählt:

Lieber Vater, liebe Mutter, liebe Schwestern und Schwager, verzeihen
Sie Ihrem unglücklichen Sohn und Bruder; Gott, Gott, segne euch!

In dem zweyten hat er H... um Verzeihung gebeten, daß er die Ruhe
und das Glück seiner Ehe gestört, und unter diesem theuren Paar
Uneinigkeit gestiftet &c. Anfangs sey seine Neigung gegen seine Frau
nur Tugend gewesen &c. In der Ewigkeit aber hoffe er ihr einen Kuß
geben zu dürfen &c. Er soll drey Blätter groß gewesen seyn, und sich
damit geschlossen haben: »Um 1 Uhr. In jenem Leben sehen wir uns
wieder.« (Vermutlich hat er sich sogleich erschossen, da er diesen
Brief geendigt.)

Diesen ungefähren Inhalt habe ich von jemand, dem der Gesandte
Höffler ihn im Vertrauen gesagt, welcher daraus auf einen würklich
strafbaren Umgang mit der Frau schliessen will. Allein bey H... war
nicht viel erforderlich, um seine Ruhe zu stören und eine Uneinigkeit
zu bewürken. Der Gesandte, deucht mich, sucht auch die Aufmerksamkeit
ganz von sich, auf diese Liebesbegebenheit zu lenken, da der Verdruß
von ihm wohl zugleich Jerusalem determinirt hat; zumal da der Gesandte
verschiedentlich auf die Abberufung des Jerusalem angetragen, und ihm
noch kürzlich starke _reprochen_ vom Hofe verursacht haben soll.
Hingegen hat der Erbprinz von Braunschweig, der ihm gewogen gewesen,
vor Kurzem geschrieben, daß er sich hier noch ein wenig gedulden mögte,
und wenn er Geld bedürfe, es ihm nur schreiben sollte, ohne sich an
seinen Vater, den Herzog, zu wenden.

Nach diesen Vorbereitungen, etwa gegen 1 Uhr, hat er sich denn über
das rechte Auge hinein durch den Kopf geschossen. Man findet die
Kugel nirgends. Niemand im Hause hat den Schuß gehört; sondern der
Franciskaner Pater _Guardian_, der auch den Blick vom Pulver
gesehen, weil es aber stille geworden, nicht darauf geachtet hat. Der
Bediente hatte die vorige Nacht wenig geschlafen und hat sein Zimmer
weit hinten hinaus, wie auch die Leute im Haus, welche unten hinten
hinaus schlafen.

Es scheint sitzend im Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch geschehen zu
seyn. Der Stuhl hinten im Sitz war blutig, auch die Armlehnen. Darauf
ist er vom Stuhle heruntergesunken, auf der Erde war noch viel Blut. Er
muß sich auf der Erde in seinem Blute gewälzt haben; erst beym Stuhle
war eine große Stelle von Blut; die Weste vorn ist auch blutig; er
scheint auf dem Gesichte gelegen zu haben; dann ist er weiter, um den
Stuhl herum, nach ~dem~ Fenster hin gekommen, wo wieder viel Blut
gestanden, und er auf dem Rücken entkräftet gelegen hat. (Er war in
völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Rock mit gelber Weste.)

Morgens vor 6 Uhr geht der Bediente zu seinem Herrn ins Zimmer, ihn zu
wecken; das Licht war ausgebrannt, es war dunkel, er sieht Jerusalem
auf der Erde liegen, bemerkt etwas Nasses, und meynt er möge sich
übergeben haben; wird aber die Pistole auf der Erde, und darauf Blut
gewahr, ruft: Mein Gott, Herr Assessor, was haben Sie angefangen;
schüttelt ihn, er giebt keine Antwort, und röchelt nur noch. Er läuft
zu _Medicis_ und Wundärzten. Sie kommen, es war aber keine
Rettung. _Dr._ Held erzählt mir, als er zu ihm gekommen, habe er
auf der Erde gelegen, der Puls noch geschlagen; doch ohne Hülfe. Die
Glieder alle wie gelähmt, weil das Gehirn lädirt, auch herausgetreten
gewesen; Zum Ueberflusse habe er ihm eine Ader am Arm geöffnet, wobey
er ihm den schlaffen Arm halten müssen, das Blut wäre doch noch
gelaufen. Er habe nichts als Athem geholt, weil das Blut in der Lunge
noch circulirt, und diese daher noch in Bewegung gewesen.

Das Gerücht von dieser Begebenheit verbreitete sich schnell; die ganze
Stadt war in Schrecken und Aufruhr. Ich hörte es erst um 9 Uhr, meine
Pistolen fielen mir ein, und ich weiß nicht, daß ich kurzens so sehr
erschrocken bin. Ich zog mich an und gieng hin. Er war auf das Bette
gelegt, die Stirne bedeckt, sein Gesicht schon wie eines Todten,
er rührte kein Glied mehr, nur die Lunge war noch in Bewegung, und
röchelte fürchterlich, bald schwach, bald stärker, man erwartete sein
Ende.

Von dem Wein hatte er nur ein Glas getrunken. Hin und wieder lagen
Bücher und von seinen eignen schriftlichen Aufsätzen. Emilia Galotti
lag auf einem Pult am Fenster aufgeschlagen; daneben ein Manuscript
ohngefähr Fingerdick in Quart, philosophischen Inhalts, der erste Theil
oder Brief war überschrieben: ~Von der Freyheit~, es war darin
von der moralischen Freyheit die Rede. Ich blätterte zwar darin, um zu
sehen, ob der Inhalt auf seine letzte Handlung einen Bezug habe, fand
es aber nicht; ich war aber so bewegt und consternirt, daß ich mich
nichts daraus besinne, noch die Scene, welche von der Emilia Galotti
aufgeschlagen war, weiß, ohngeachtet ich mit Fleiß darnach sah.

Gegen 12 Uhr starb er. Abends 3/4-11 Uhr ward er auf dem gewöhnlichen
Kirchhof begraben, (ohne daß er seciret ist, weil man von dem
Reichs-Marschall-Amte Eingriffe in die gesandtschaftlichen Rechte
fürchtete) in der Stille mit 12 Laternen und einigen Begleitern;
Barbiergesellen haben ihn getragen; das Kreutz ward voraus getragen;
kein Geistlicher hat ihn begleitet.

Es ist ganz ausserordentlich, was diese Begebenheit für einen Eindruck
auf alle Gemüther gemacht. Leute, die ihn kaum einmahl gesehen, können
sich noch nicht beruhigen; viele können seitdem noch nicht wieder
ruhig schlafen; besonders Frauenzimmer nehmen großen Antheil an seinem
Schicksal; er war gefällig gegen das Frauenzimmer, und seine Gestalt
mag gefallen haben &c.

    Wetzlar d. 2. Nov. 1772.


29.

Nachtrag zur Geschichte von Jerusalems Tode,

gefunden in Kestners Papieren.


Man will geheime Nachrichten aus dem Munde des _Secret._ H...
haben, daß am Mittewochen vor Jerusalems Tode, da dieser beym H...
und seiner Frau zum Kaffee war, der Mann zum Gesandten gehen müssen.
Nachdem der Mann wieder kömmt, bemerckt er an seiner Frau eine
ausserordentliche Ernsthaftigkeit und bey Jerusalem eine Stille,
welche beyde ihm sonderbar und bedencklich geschienen, zumal da er sie
nach seiner Zurückkunft so sehr verändert findet. -- Jerusalem geht
weg. _Secret._ H... macht über obiges seine Betrachtungen; er
faßt Argwohn, ob etwa in seiner Abwesenheit etwas ihm nachtheiliges
vorgegangen sein möchte, denn er ist sehr argwöhnisch und eyfersüchtig.
Er stellt sich jedoch ruhig und lustig; und will seine Frau auf die
Probe stellen. Er sagt: Jerusalem habe ihn doch oft zum Essen gehabt,
was sie meynte, ob sie Jerusalem nicht auch einmal zum Essen bey sich
haben wollten? -- Sie, die Frau, antwortet:

Nein; und sie müßten den Umgang mit Jerusalem ganz abbrechen; er finge
an sich so zu betragen, daß sie seinen Umgang ganz vermeiden müßte.
Und sie hielte sich verbunden ihm, dem Manne, zu erzählen, was in
seiner Abwesenheit vorgegangen sey. Jerusalem habe sich vor ihr auf
die Knie geworfen und ihr eine förmliche Liebeserklärung thun wollen.
Sie sey natürlicher Weise darüber aufgebracht worden und hätte ihm
viele Vorwürfe gemacht &c. &c. Sie verlange nun, daß ihr Mann ihm, dem
Jerusalem, das Haus verbieten solle, denn sie könne und wolle nichts
weiter von ihm hören noch sehen.

Hierauf habe H... andern Morgens das Billet an Jerusalem geschrieben
&c.


30.

Goethe an Kestner.


    _acc._ von Darmstadt zu Wetzl. 30. Nov. 72.

Ich dank euch lieber Kestner für die Nachricht von des armen Jerusalems
Todt, sie hat uns herzlich interessirt. Ihr sollt sie wieder haben wenn
sie abgeschrieben ist.

Merck läßt euch grüssen auch seine Frau, die immer darauf besteht
ihr müsstet ein recht braver Mensch seyn. Henry geht alle Abend in
die Komödie und kümmert sich nichts um die Welt. Euer Grus an die
Flachsland hat mir einen Kuss getragen ich bitte euch grüsst öfter,
so mag ich gern Porteur seyn. Ich soll euch sagen, dass sie euch
tausendfaches Liebesglück wünscht, und alle möchten Lotten kennen. Ich
pflege viel von ihr zu erzählen da denn die Leute lächlen und argwohnen
es möchte meine Geliebte seyn, biss Merck versichert von der Seite sey
ich ganz unschuldig. Grüsse mir Dorteln und Carolinen und alle meine
Bubens. Gestern fiel mir ein an Lotten zu schreiben. Ich dachte aber,
alle ihre Antwort ist doch nur, wir wollens so gut seyn lassen, und
erschiessen mag ich mich vor der Hand noch nicht. An Gottern hab ich
eben geschrieben, und ihm eine Baukunst geschickt.

    Goethe.


31.

Goethes's Schwester an Kestner.


    Dienstag den 1. Dec. (1772.)

Hier schick ich Ihnen die Helffte von dem verlangten Buch, die andere
folgt Morgen, weil es auf einmahl ein wenig zu stark geworden wäre.
Das Exemplar habe ich in meines Bruders Zimmer gefunden, wenn er
wiederkommt mag er sich ein anderes kauffen, und dann kann er Ihnen den
Preis melden. -- Leben Sie wohl, lieber Freund, grüsen Sie Lottchen
recht schön und sagen Sie Ihr, dass ich alle Abend um zehn Uhr den
Marsch auf meiner Zitter spiele, und dabey an sie denke --

Hr. Schlosser grüsst Sie beyderseits von ganzem Herzen.

    Goethe.


32.

Goethes's Schwester an Kestner.


    Freytag d. 4. Dec. (1772.)

Eben erhalte ich Ihren Brief, lieber Freund, die zwey verlangte
Exemplare sollen ehestens erscheinen; schreiben Sie mir nur ob sie wie
das vorige überschickt werden sollen, und ob's die Post nicht übel
aufnimmt. -- Leben Sie wohl.

Mein Bruder hat auch uns geschrieben, er denkt noch nicht ans
wiederkommen.

    G.


33.

Goethe an Kestner.


    _acc._ Wetzl. 8. Dec. 72. -- Am sechsten.

Ich binn noch immer in Darmstadt und -- wie ich immer binn. Gott seegne
euch, und alle Liebe und allen guten Willen auf Erden. Es hat mir viel
Wohl durch meine Glieder gegossen der Aufenthalt hier, doch wirds im
Ganzen nicht besser werden. _Fiat voluntas._ Wie wohl es euch ist,
und nicht erschieserlich, gleich wie es niemanden seyn kann der auf
den drey steinernen Treppen zum Hause des Herren -- Amtmann Buff --
gehet, hab ich aus eurem Briefe ersehen, und geliebt es Gott, also in
_Saecula Saeculorum_. Lottens Wegwerfung, meiner treugesinnten,
Nichtbriefschreibegesinnungen hat mich ein wenig geärgert, das heist
starck, aber nicht lang, wie über alle ihre Unartige Arten mit den
Leuten zu handeln, darüber Dortel Brandt, die Gott bald mit einem
wackern Gemahl versorge, mich mehr als einmal ausgelacht hat. -- Als da
sind Pflückerbsen und Kälberbraten &c.

Hier will man euch vieles Wohl, und ist wohl, und gut, auf Menschen
Art, nicht mehr und weniger, als recht gute Menschen Art.

Adieu. Hört nicht auf so lang ihr mich liebt, mich offt zu euch zu
versezen, das auf ein Blätgen Papier und Federgekrize ankommt das ihr
doch offt um Leidiger Reichs Mängel schwadroniren müsst. Adieu.

Von nun an lieber Freund ihre Briefe nach Franckfurt.


34.

Goethe an Kestner.


    _acc._ Wetzl. 13. Dec. 1772.

Das ist trefflich, ich wollte eben fragen ist Lenchen da, und ihr
schreibt mir sie ists. Wär ich nur drüben, ich wollt eure Discurse zu
nichte machen, und Schneidern das Leben sauer, ich glaube ich würde sie
lieber haben als Lotten. Nach dem Portrait ist sie ein liebenswürdiges
Mädgen, viel besser als Lotte, wenn nicht eben iust das -- Und ich binn
frey, und liebebedürftig. Ich muss sehen zu kommen, doch das wäre auch
nichts.

Da binn ich wieder in Franckfurt gehe mit neuen Plans um und Grillen,
das ich all nicht tuhn würde hätt ich ein Mädgen.

Adieu, schreibt mir bald wieder da habt ihr 3 Baukunst. Gebt doch die
andern guten Leuten, Schneidern z. Ex. und grüsst ihn.


35.

Goethe an Kestner.


    _acc._ Wetzl. d. 16. Dec 72.

Gestern Abend lieber Kestner unterhielt ich mich eine Stunde mit Lotten
und euch in der Dämmerung darüber wards Nacht, ich wollte zur tühr
hinaustappen, und kam einen Schritt zu weit nach rechts, tappte Papier
-- es war Lottens Silhouette, es war doch eine angenehme Empfindung,
ich gab ihr den besten Abend und ging.

Eben fiel mirs auch ein sie soll mir das Meubel nun schicken, lieber
Kestner sorgt mir dafür dass sies euch giebt, und packt mirs wohl in
eine Schachtel, und lasst sie ein Papiergen schneiden, wie gros er
seyn soll, lasst ihr keine Ruhe ich schreib euch keine Sylbe bis ich
den Kamm habe. Denn wir sind arme sinnliche Menschen, ich möchte gern
wieder was für sie, was von ihr in den Händen haben ein sinnliches
Zeichen wodurch die geistliche unsichtbaare Gnadengüter &c. wies im
Cathechismus klingt.

Euer Brief macht mir viel Freude, lieber Kestner schickt mir eine
Silhouette im grosen von Lenchen, ich habe sie recht lieb. Verderbt mir
das Mädgen nicht. Seit ich von Darmstadt wieder hier binn, binn ich
ziemlichen Humors, und arbeite brav. Abenteuerlich wie immer, und mag
herauskommen was kann. _NB._ mit Ende dieses Jahrs hören wir samt
und sonders auf die Zeitung zu schreiben, dann wirds ein recht honettes
Stück Arbeit geben. Macht das bekannt soweit eure Leute an uns teil
nehmen.

Dass Lotte jemand lieber hat als mich ausser euch, das sagt ihr könnte
mir einerley seyn, der Zweyte oder der Zwanzigste ist eins. Der erste
hat immer 99 Theil vom ganzen, und ob dann einer das hundertste Teil
allein hat oder mit zwanzigen Teilt ist ziemlich eins, und dass ich sie
so lieb habe ist von ieher uneigennützig gewesen.

Grüst mir Carolinen recht viel.

Klinkern hab ich nicht gesehn, aber viel mehr guts davon gehört als
der Frkfurter Rezensent davon sagt. Eure Briefe kommen nicht in fall
verbrannt zu werden. Ich habe schon dran gedacht. Aber zurück kriegt
ihr sie auch nicht. Wenn ich sterbe will ich sie euch vermachen.

Wenn Lotte eine recht gute Stunde hat grüsst sie von mir, der ich euch
von Herzen liebe.

    Goethe

Das Exemplar von der Lettre _sur l'homme_ kostet 30 kr.


36.

Goethe an Kestner.


Lieber Kestner euer Brief traf mich eben als ich eine Rolle versiegelte
die ihr mit Morgen fahrender Post kriegt. Es ist Tamis für meine zween
kleine Buben zu Wamms und Pumphosen, sonst Matelot genanndt. Lassts
ihnen den Abend vor Cristag bescheeren, wie sichs gehört. Stellt ihnen
ein Wachsstöckgen dazu und küsst sie von mir. Und Lotten den Engel.
Adieu lieber Kestner euer Brief hat mir himmlische Freude gemacht. Ich
hab auch heut einen von Versailles vom Bruder Lersen. Grüsst mir sie
alle und habt mich lieb. Adieu.


37.

Goethe an Kestner.


    _acc._ Wetzl. d. 26. Dec. 72.

Cristtag früh. Es ist noch Nacht lieber Kestner, ich binn aufgestanden
um bey Lichte Morgens wieder zu schreiben, das mir angenehme
Erinnerungen voriger Zeiten zurückruft; ich habe mir Coffee machen
lassen den Festtag zu ehren und will euch schreiben biss es Tag ist.
Der Türner hat sein Lied schon geblasen ich wachte drüber auf. Gelobet
seyst du Jesu Crist. Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder
die man singt; und die Kälte die eingefallen ist macht mich vollends
vergnügt. Ich habe gestern einen herrlichen Tag gehabt, ich fürchtete
für den heutigen, aber der ist auch gut begonnen und da ist mir fürs
enden nicht Angst. Gestern Nacht versprach ich schon meinen lieben zwey
Schattengesichtern euch zu schreiben, sie schweben um mein Bett wie
Engel Gottes. Ich hatte gleich bey meiner Ankunft Lottens Silhouette
angesteckt, wie ich in Darmstadt war stellen sie mein Bett herein und
siehe Lottens Bild steht zu Häupten das freute mich sehr, Lenchen
hat jetzt die andere Seite ich dank euch Kestner für das liebe Bild,
es stimmt weit mehr mit dem überein was ihr mir von ihr schreibt als
alles was ich imaginirt hatte; so ist es nichts mit uns die wir rathen
phantasiren und weissagen. Der Türner hat sich wieder zu mir gekehrt,
der Nordwind bring mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster.

Gestern lieber Kestner war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande,
unsre Lustbarkeit war sehr laut und Geschrey und Gelächter von Anfang
zu Ende. Das taugt sonst nichts für die kommende Stunde, doch was
können die heiligen Götter nicht wenden wenns Ihnen beliebt, sie gaben
mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getrunken, mein Aug war
ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend als wir zurückgingen
es ward Nacht. Nun muss ich dir sagen das ist immer eine Sympatie für
meine seele wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen
herauf nach Nord und Süd um sich gegriffen hat, und nur noch ein
dämmernder Kreis vom abend heraufleuchtet. Seht Kestner wo das Land
flach ist ists das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer
Stunden lang so ihr zu gesehn hinab dämmern auf meinen Wandrungen.
Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beyden Seiten,
der Still leuchtende Horizont, der Widerschein im Fluss machte einen
köstlichen Eindruck in meine Seele den ich mit beyden Armen umfasste.
Ich lief zu den Gerocks lies mir Bleystifft geben und Papier, und
zeichnete zu meiner grossen Freude, das ganze Bild so dämmernd warm
als es in meiner Seele stand. Sie hatten alle Freude mit mir darüber
empfanden alles was ich gemacht hatte und da war ichs erst gewiss,
ich bot ihnen an drum zu würfeln, sie schlugens aus und wollen ich
solls Mercken schicken. Nun hängts hier an meiner Wand, und freut mich
heute wie gestern. Wir hatten einen schönen Abend zusammen wie Leute
denen das Glück ein großes Geschenck gemacht hat, und ich schlief ein
den heiligen im Himmel dankend, dass sie uns Kinderfreude zum Crist
bescheeren wollen. Als ich über den Markt ging und die vielen Lichter
und Spielsachen sah dacht ich an euch und meine Bubens wie ihr ihnen
kommen würdet, diesen Augenblick ein Himlischer Bote mit dem blauen
Evangelio, und wie aufgerollt sie das Buch erbauen werde. Hätt ich bey
euch seyn können ich hätte wollen so ein Fest Wachsstöcke illuminiren,
dass es in den kleinen Köpfen ein Wiederschein der Herrlichkeit des
Himmels geglänzt hätte. Die Tohrschließer kommen vom Bürgermeister,
und rasseln mit Schlüsseln. Das erste Grau des Tags kommt mir über
des Nachbaars Haus und die Glocken lauten eine Cristliche Gemeinde
zusammen. Wohl ich binn erbaut hier oben auf meiner Stube, die ich
lang nicht so lieb hatte als ietzt. Sie ist mit den glücklichsten
Bildern ausgeziert die mir freundlichen guten Morgen sagen. Sieben
Köpfe nach Raphael, eingegeben vom lebendigen Geiste, einen davon hab
ich nachgezeichnet und binn zufrieden mit ob gleich nicht so froh. Aber
meine lieben Mädgen. Lotte ist auch da und Lenchen auch. Sagen Sie
Lenchen ich wünschte so sehnlich zu kommen und ihr die Hände zu küssen
als der Musier der so herzinnigliche Briefe schreibt. Das ist gar ein
armseliger Herre. Ich wollte meiner Tochter ein Deckbette mit solchen
Billetdous füttern und füllen, und sie sollte so ruhig drunter schlafen
wie ein Kind. Meine Schwester hat herzlich gelacht, sie hat von ihrer
Jugend her auch noch dergleichen. Was ein mädgen ist von gutem Gefühl
müssen dergleichen Sachen zuwieder seyn wie ein stinckig Ey. Der Kamm
ist vertauscht, nicht so schön an Farb und Gestalt als der erste, hoffe
doch brauchbaarer. Lotte hat ein klein Köpfgen, aber es ist ein Köpfgen.

Der Tag kömmt mit Macht, wenn das Glück so schnell im avanziren ist, so
machen wir balde Hochzeit. Noch eine Seite muss ich schreiben so lang
tuh ich als säh ichs Tageslicht nicht.

Grüst mir Kielmanseg. Er soll mich lieb behalten.

Der ....kerl in Giessen der sich um uns bekümmert wie das Mütterlein im
Evangelio um den verlohrnen Groschen, und überall nach uns leuchtet
und stöbert, dessen Nahme keinen Brief verunzieren müße in dem Lottens
Nahme steht und eurer. Der Kerl ärgert sich dass wir nicht nach ihm
sehn, und sucht uns zu necken dass wir seyn gedenken. Er hat um meine
Baukunst, geschrieben und gefragt so hastig, dass man ihm ansah das ist
gefunden Fressen für seinen Zahn. hat auch flugs in die Frankfurter
Zeitung eine Rezension gesudelt von der man mir erzält hat. Als ein
wahrer Esel frisst er die Disteln die um meinen Garten wachsen nagt an
der Hecke die ihn vor solchen Tieren verzäunt und schreit denn sein
Critisches J! a! ob er nicht etwa dem Herrn in seiner Laube bedeuten
möchte: ich binn auch da.

Nun Adieu, es ist hell Licht. Gott sey bey euch, wie ich bey euch
binn. Der Tag ist festlich angefangen. Leider muss ich nun die schönen
Stunden mit Rezensiren verderben ich tuhs aber mit gutem Muth denn es
ist fürs letzte Blat.

Lebt wohl und denkt an mich das seltsame Mittelding zwischen dem
reichen Mann und dem armen Lazarus.

Grüßt mir die Lieben alle. Und lasst von euch hören.


38.

Goethe's Schwester an Kestner.


    Montag den 4. Jen. 73.

Mein Bruder hat mir aufgetragen Ihnen zu schreiben, dass Sie so gütig
seyn sollen den Herrn v. Kielmanseck zu fragen, ob er jetzt einen Theil
vom Ossian will, er ist heut angekommen. --

Es freut mich recht wenn ich was von euch lieben Leuten höre, manchmal
darf ich ein wenig in Ihre Briefe schielen und wenn ich da nur sehe,
dass Sie alle vergnügt sind, so binn ich schon befriedigt genug. --
Leben Sie wohl, lieber Freund, ich küsse Lottchen und Lenchen, und die
andern lieben Schwestern alle von ganzem Herzen.

    Sophie


39.

Goethe an Kestner.


Da ists denn zu Ende unser kritisches Streifen. In einer
~Nachrede~ hab ich das Publikum und den Verleger turlupinirt lasst
euch aber nichts merken. Sie mögens für Balsam nehmen.

Wollt ihr aufs nechste halbe Jahr noch versuchen, so sinds zwey gewagte
Gulden. Schreibt mirs. Grüsst die liebe Lotte und Lengen. und Adieu.

Der Kamm ist abgangen, und die fehlenden ~Anhang~. Ausser Nr. 6
das kriegt ihr noch.


40.

Goethe an Kestner.


    Freytag Morgens.

Diese Nacht Träumte ich von Lotten, und wie ich aufwachte sass ich
so im Bett und dachte an all unser Wesen, von dem ersten Lager in
Garbenheim,[15] bis zum Mondenmitternachts Gespräch an der Mauer.[16]
und weiter. Es war ein schönes Leben, auf das ich ganz heiter
zurücksehe. Und wie lebt ihr um den Engel? -- Ich binn ietzt ganz
Zeichner, und besonders glücklich im Portrait. Da sagen mir die Mädgen:
Wenn sie das nur in Wetzlar getrieben hätten und hätten uns Lotten
mitgebracht. Da sag ich denn ich wollte ehstens hinüber und euch alle
zeichnen. Da meynen sie das wäre kein sonderlicher Trost. Doch wenns
die Leute drüben auch freut dass ich komme.

Es wird ein sonderbaares Frühjahr geben. Ich sehe nicht wie das
alles auseinander gehen wird was wir angesponnen haben, indess sind
Hoffnungen uns willkommen, und das übrige liegt auf den Knien der
Götter.

Da ist ein Impressum komikum. Ein Exemplar Kielmanseggen und grüst ihn
viel das andere etwa Schneidern.

Werdet ihr nicht einen ~Teutschen Merkur~ halten, dessen Nachricht
ich hier mitteile.


41.

Goethe an Kestner.


Kann nicht unterlassen mit heutiger Post noch an Hochdieselben einige
Zeile zu senden. Sintemalen wir heute mit Blaukraut und Leberwurst
unser Gemüth ergözt. Werden das abenteuerliche Format[17] verzeihen,
wenn denenselben _attestire_, dass es stehenden Fusses in dem
Zimmer der so tugendbelobten Mamsell Gerocks gefertiget wird. Dienet
sodann zur freundlichen Nachricht dass wegen gestern abendigen
unmässiglicher Weisse zu uns genommenem Wein, die Christliche Nachtruhe
durch mancherley so seltsamlich als verdrüssliche Abenteuer genecket
und gestört worden. Versezte uns nähmlich ein guter Geist zuerst nach
Wetzlar in den Cronprinzen zwischen Gesprächige Tischgesellschafft die
der leidige Teufel auf die noch leidigere Philosophey zu diskuriren
brachte, und mich in seinen Schlingen verwickelte, bald darauf fiel
mir schweer aufs Herz ich habe Lotten noch nicht gesehn, eilte zu
meiner Stube, den Hut zu holen, die ich denn nicht finden konnte
sondern durch Kammern, Säle, Gärten, Einöden, Wälder, Bilderkabinets,
Scheuern Schlafzimmer Besuchzimmer Schweineställe, auf eine unglaublich
wunderbaare Weise mit geängstigtem Herzen herumgetrieben wurde, biss
mich endlich ein guter Geist in Gestalt des Kronprinzen _Caspars_
an einer Galanteriebude antraff und über drey Speicher und Kornböden
vor mein Zimmer brachte, wo denn zum Unglück sich kein Schlüssel
fand, dass ich mich resolvirte über ein Dach und Rinne zum Fenster
hineinzusteigen. Gefahr und Schwindel und fallen und was folgt. Genug
ich habe Lotten nicht zu sehn gekriegt. Also dass gegen Morgen erst in
einen süsen Schlaff fiel und gegen halb neun erst mein Bette verlies.

Wenn nun übrigens Hochdieselben an des hl. Römisch Reichs
Gerechtigkeits Purifications Wesen manche Feder verschaben, und von dem
Gekriz und Gekraze in dem Heiligtuhme des deutsch Ordens sich erholen,
wenn meine Buben noch über einander krabeln wie iunge Katzen, Albrecht
bald die _Continuation_ des Cristen in der einsamkeit herausgiebt.
Georg bald versifizirt wie Gotter Und die Grosen sich zu _Phisica_
glücklich hinan _chriisiren_ und _analysiren_

    Wenn dem Papa sein Pfeifgen schmeckt
    Der Doctor Hofrath Grillen heckt
    Und sie Carlingen für Liebe verkauft
    Die Lotte herüber hinüber lauft
    Lenchen treuherzig und wohlgemuth
    In die Welt hinein lugen tuht.
    Mit dreckigen Händen und Honigschnitten
    Mit Löcher im Kopf, nach deutschen Sitten
    Die Buben jauchzen mit hellem Hauf
    Thür ein Thür aus, Hof ab Hof auf
    Und Ihr mit den blauen Augelein
    Gucket so ganz gelassen drein
    Als wäret ihr mänlein von Porzellan,
    Seyd innerlich doch ein wackrer Mann,
    Treuer Liebhaber und warmer Freund,
    So lass des Reichs und Cristen feind
    Und Russ und Preuss und Belial
    Sich teilen in den Erdenball
    Und nur das liebe teutsche Haus
    Nehmt von der grosen Teilung aus
    Und dass der Weeg von hier zu euch
    Wie Jakobs Leiter sey sicher und gleich.
    Und unser Magen verdau gesund.
    So seegnen wir euch mit Herz und Mund
            Gott allein die Ehr
            Mir mein Weib allein
            So kann ich und er
            Wohl zufrieden seyn.


42.

Goethe an Kestner.


Ohngeachtet nicht viel an gegenwärtigem Ding ist hab ichs doch weils
zur Schnurre gehört und nur drei Bazen kost, gekauft für euch und so
geseegnes euch Gott.


43.

Goethe an Lottens Schwester.


Hier liebe Caroline, schick ich Ihnen die Muster vom Atlass, und die
Preise, und das Elen Maas stehn drauf. Wenn Ihnen eins gefällt, so
schreiben Sie nur, so will ichs auch besorgen. Grüssen Sie mir das
ganze teutsche Haus und behalten Sie mich lieb.

    Goethe.


44.

Goethe's Schwester an Kestner.


    Dienstag den 12. Jen. 73.

.... Mein Gesicht wird ehestens auf eine oder die andere Art
erscheinen, sagen Sie aber Lottchen, dass sie sich nicht an der Stirne
scandalisiren soll.

    Sophie


45.

Goethe's Schwester an Kestner.


    Montag den 18. Jen. 73.

Gestern Abend wie ich das Liedchen spielte, fiel mir ein, dass es
vielleicht Lottchen so gut gefallen könnte als mir, und da setzte ich
mich gleich hin und schrieb's --

Wir leben hier ganz einfach und recht vergnügt, wenn wir des Abends
zusammen am Ofen sitzen und schwazen, oder wenn uns mein Bruder etwas
vorliesst, da wünschen wir offt, dass Sie bey uns seyn und unser
Vergnügen theilen könnten. -- Leben Sie wohl, lieber Freund, grüsen Sie
das ganze Puffische Haus sowohl von mir als von meinen Freundinnen. --

    Sophie


46.

Goethe an Kestner.


    _acc._ Wetzl. d. 19. Jenner 73.

Eh ich mich zu Bette lege ist mirs noch so euch eine gute Nacht zu
sagen, und der süsen Lotte, der zwar heut schon viel guten Tag und
guten Abend gesagt worden ist. Vielleicht sizt ihr eben beysammen,
es ist nicht viel über 10. Vielleicht tanzt ihr. Wo ihr auch seyd
glücklich, und geliebt auch von mir mehr als von irgend einem andern
hierunten. Und auch ich binn glücklich, ist in mir selbst wohl, denn
von aussen fehlt mir nie was. Adieu ihr lieben Schreibt mir doch offt
Kestner, ich binn sehr Künstler jetzt, und Künstler wißt ihr schreiben
nicht gern. Ihr sollt auch dann wieder was gezeichnetes sehn.


47.

Goethe an Kestner.


    _acc._ W. 20. Januar 73.

Wir sind eben von Tisch aufgestanden und mir fällt ein euch eine
gesegnete Mahlzeit zu wünschen, und eine Zeitung zu schicken, dass ihr
sehet wie das geworden ist. Das Publikum hier meynt der Ton habe sich
nicht sehr geändert.

Adieu lieber, grüsse mir die liebe Lotte und Lengen. und die Bubens
ich bin immer der eurige. Fragt Lotten ob sie mein Portrait annehmen
wollte, es ist zwar nicht gemacht, aber wenns gemacht wäre. Adieu.
Grüsst mir die Dorthel auch. Da habt ihr euren Jerusalem.[18]


48.

Goethe an Kestner.


    _acc._ Wetzl. d. 27. Jan. 73.

So seegn euch Gott lieber Kestner, wenn ihr auch meiner gedenket, um
meinetwillen. Ich binn so gewohnt Briefe von euch zu haben dass mirs
wohl unfreundlich ist wenn ich von Tische aufsteh und kein Brief da ist.

Lotten sagt: ein gewisses Mädgen hier das ich von Herzen lieb habe und
das ich wenn ich zu heurathen hätte gewiß vor allen andern griffe ist
auch den 11. Januar[19] gebohren. Wäre wohl hübsch so zwey Paare. Wer
weis was Gottes Wille ist.

Die Philosophie solle sie doch ia lesen, sagt ihr. Bey Gott sie wird
ein ganz andres herrlicheres Geschöpf werden; werden ihr von den Augen
fallen wie Schuppen, Irrthum, Vorurteile &c. Und wird seyn wie der
heiligen Götter eine.

Sagt ihr das und gebt ihr das Buch, und wenn sie ein Blatt drinne
herabliest so will ich -- _Carte blanche_ für das scheuslichste
Ragout das der Teufel erfinden mag -- fressen will ichs. Ich glaub
Lotte hält mich und euch fürn Narren. Sie -- in mittem Carneval -- eine
Philosophie. Mach sie sich einen Domino zurecht und lass sie solche
Grillen der Reuters -- die Gott weiss wenn sie alle Gaben hätte, wie
St. Paulus spricht und mit Engel und Menschen Weisheit und Zungen
spräche, fehlt ihr die Liebe doch und ist ein tönend Erz und eine
klingende Schelle.

Sagt der goldnen Lotte ich würds ihr denken dass sie uns den Streich
gespielt.

Nun Adieu. Die Anzeige des ~Visitations-Wesens~ kommt nicht in
unsre Zeitung. Der Verleger fürchtet es möchte der Teufel dahinter
stecken hier ist Titel und Register. Und ein Blat. Verwischts nur und
die andern auch, ich brauchs nicht.


49.

Goethe an Kestner.


    _acc._ 29. Januar 73. Donnerstags Vormittag.

Das waren wunderliche 24 Stunden. Gestern Abend putzt ich meine
Freundinnen auf den Ball, ob ich gleich nicht selbst mitging. Der einen
hat ich aus der Fülle ihres Reichthums eine Egrette von Juwelen und
Federn zusammengestuzt, und sie herrlich geziert. Und einmal fiel mirs
ein wärst du doch bey Lotten und puztest sie so aus. Dann ging ich
mit Antoinetten und Nannen auf die Brücke einen Nachtspaziergang. Das
Wasser ist sehr gross, rauschte stark und die Schiffe alle versammelt
in einander, und der liebe trübe Mond ward freundlich gegrüßt, und
Antoinette fand das alles paradiesisch schön und alle Leute so
glücklich die auf dem Land leben, und auf Schiffen, und unter Gottes
Himmel. Ich lass ihr die lieben Träume gern, macht ihr noch mehr dazu
wenn ich könnte. Wir gingen nach Hause und übersetzt ihnen Homer, das
ietzt gewöhnliche Lieblingslektüre ist. Die andern waren gefahren zu
tanzen.

Heut Nacht weckt mich ein grässlicher Sturm um Mitternacht. Er riss
und heulte, da dacht ich an die Schiffe und Antoinetten und lies mir
wohl seyn in meinem zivilisirten Bette. Kaum eingeschlafen weckt mich
der Trommelschlag und Lerm und Feuerrufen, ich spring ans fenster,
und sehe den Schein starck aber weit. Und binn angezogen. und dort.
Ein großes weites Haus, das Dach in vollen Flammen. Und das glühende
Balkenwerk, Und die fliegenden Funken, und den Sturm in Glut und
Wolken. Es war schweer. Immer herunter brants, und herum. Ich lief zur
Grosmutter die dorthin wohnt. sie war im Ausräumen des Silberzeugs. Wir
brachten alle Kostbaarkeiten in Sicherheit und nun warteten wir des
Schicksaals Weeg ab. Es dauerte von Ein Uhr bis vollen Tag. Das Haus
mit Seiten und hintergebäuden auch Nachbaars Werke liegt. Das Feuer
ist erstickt, nicht gelöscht. Sie sind ihm nun gewachsen es wird nicht
wieder aufkommen. Und so sag ich euch nun geseegnete Mahlzeit. Mit
überwachten Sinnen ein wenig als hätt ich getanzt, und andere Bilder in
der Immagination. Wie werden meine Tänzer nach Hause kommen seyn? Adieu
liebe Lotte, liebr Kestner.


50.

Goethe an Kestner.


    _acc._ W. 6. Febr. 73.

Nichts denn gute Nachrichten lieber Kestner. Eure Perrücken sind
halsstarrige Köpfe, biss ihnen das Wasser übern Kopf geht. Nun denn
zu wisitirt, und predige denen Herren ihr guter Geist fleissig über
~Pred. Sal.~ C. 7. v. 17.[20] Da wird alles wohl seyn: Nun richtet
euch ein Kestner. Zur Hochzeit komm ich nicht, aber nachher solls Leben
angehn. Dass Kielmansegge so glücklich war ist mir von Herzen lieb, und
allen die ihn kennen durch mich, glückwünscht ihm von meinetwegen.

Mit eurem Brief erhielt ich von Mercken dass er kommt. heute Freytags
früh wird er anlangen, und Leuschenring mit, und über das alles
Schlittschuh Bahn herrlich, wo ich die Sonne gestern herauf und hinab
mit Kreistänzen geehret habe. Und noch andere Süjets der Freude die
ich nicht sagen kann. Darüber lasst euch wohl seyn, dass ich fast so
glücklich binn als Leute die sich lieben wie ihr, dass eben so viel
Hoffnung in mir ist als in liebenden, dass ich sogar Zeither einige
Gedichte gefühlt und was mehr ist dergleichen. Es grüsst euch meine
Schwester, es grüsen euch meine Mädgen es grüsen euch meine Götter.
Namentlich der schöne Paris hier zur rechten, die goldne Venus dort und
der Bote Merkurius, der Freude hat an den schnellen, und mir gestern
unter die Füse band seine göttliche Solen die schönen, goldnen, die ihn
tragen über das unfruchtbaare Meer und die unendliche Erde, mit dem
Hauche des Windes. Und so seegnen euch die lieben Dinger im Himmel.


51.

Goethe an Kestner.


    _acc._ 7. Febr. 73.

Merck ist da lieber Kestner, und grüsst euch und Lotten. Hat das
einliegende _novum_ mitgebracht das ich euch sende. Schafft mir
doch die Blätter des Giesser Wochenblatts, da inne der Brief von
Zimmermann über seine Unterredung mit dem König steht, Es werden die
ersten seyn dieses Jahrs. Grüsst lenchen und meine Bubens.


52.

Goethe an Kestner.


    _acc._ W. d. 12. Febr. 73.

hat mich nach so langer Pause euer Brief wohl ergötzt, und ist gut dass
alles so ist.

Die Reuters dauern mich und Lotte mit.

Merck ist fort und hat ein neu Papier unter Lottens Gesicht
veranstaltet so schön blau wie aus dem Himmel herunter geschienen, ich
habe mich gestern lang mit meinem Vater drüber unterhalten das sich
endigte: ob denn Kestner sie nicht bald herüber brächte, meynte er,
dass man sie auch kennen lernte.

Ich bereite ietzo ein stattlich Stück Arbeit zum Druck. wenns fertig
ist, komm ich, es euch vorzulesen.

Ehstertage schick ich euch wieder ein ganz abenteuerlich _novum_.
Das Mädgen grüsst Lotten, im Charackter hat sie viel von Lengen sieht
ihr auch gleich sagt meine Schwester nach der Silhouette. Hätten wir
einander so lieb wie ihr zwey -- ich heisse sie indessen mein liebes
Weibgen, den neulich als sie in Gesellschafft um uns Junggesellen
würfelten, fiel ich ihr zu. Sie sollte 17 abwerfen, hatte schon den
Muth aufgeben und warf glücklich alle 6. Adieu Alter. Erinnere die
Leute fleisig an mich.


53.

Goethe an Kestner.


Ich hab allerley tentirt, aber der Mez blieb steif und fest drauf.
Endlich lies er die Xr. Da sind die _Conti_.

Der Merkur kommt auf den Freytag und das Päckel an Boie.

Seegnen alle gute Geister eure Reise. Ich binn beschäfftigt genug und
vergnügt. Meine Einsamkeit bekommt mir wohl. Wie langs währt. Adieu
lieb Lotte nun einmal im rechten Ernst Adieu.

                   *       *       *       *       *

    Ein hiebey befindliches quitirtes _Conto_ des Papierhändlers
    Metz in Frankfurt vom 11. Febr. 1773 ist, als unerheblich, nicht
    abgedruckt.


54.

Goethe an Kestner.


    _acc._ 23/2 73.

Ihr werdet tanzen. Wohl seys euch. Alles tanzt um mich herum. Die
Darmstadter, hier, überall und ich sitze auf meiner Warte.

Erinnert Lotten auf dem Ball an mich. Wo nicht so soll sies euch zur
Strafe tuhn. Werdet nicht lau und lass im Schreiben. Kielmansegge alles
Gute, Adieu.

    G.


55.

Goethe an Kestner.


    _acc._ W. 26/2 73.

Es war euch gerathen dass ihr schriebt ich hätte euch bey Lotten
verklagt, das gieng mir eben auf meiner Warte im Kopf herum.

Ein Paar Tage her binn ich übel dran. Ein Teufels Ding wenn man alles
in sich selbst sezen muss, und das selbst am Ende _manquirt_. doch
binn ich munter und arbeite fort. An euer Schicksaal und Entfernung mag
ich nicht dencken. Ihr hättet mir nichts davon sagen sollen, es tuht
mir weh. _Fiat voluntas._

Grüsst den Engel und so Gott mit euch.


56.

Goethe an Kestner.


    _acc._ W. 16. _Mart._ 73.

Dank euch lieber Kestner für eure Nachrichten und alles. Hier liegt ein
Brief bey an Hansen der mir von acht zu acht Tagen schreiben soll wies
euch im teutschen Haus geht, denn ihr seyd in einem Zustande in dem man
keine Blumen pflückt, doch kann ich ihrer nicht entbehren, und muß auch
eine _Connexion_ anspinnen mit dem teutschen Haus wenn ihr werdet
den Mittelstein geraubt haben aus dem Ringe. Denn um ihrentwillen werd
ich sie alle lieben mein lebenlang. und ihre Gesichter werden mir alle
seyn wie die Erscheinungen der Götter.

Adieu, wies mit euch ietzt kracht nach Weise des landenden Kahns so
stürmts und krachts in der Flotte in der ich diene. Mein eigen Schiff
kümmert mich am wenigsten. Gegen das Frühjahr und Sommer hangen
mancherley Schicksale über meine liebsten. Und ich verderbe die Zeit,
welches denn auch eine Kunst ist. Adieu.


57.

Goethe an Hans. (Lottens Bruder.)


    Vielgeliebter Herr Hans.

Ihr Brief an die liebe Schwester hat mich so ergötzt, dass ich nicht
länger mich halten kann an Sie zu schreiben, und Sie zu bitten mir
wenigstens wöchentlich einmal Nachrichten von Ihrem Haus und Hof und
was drinnen vorgeht zu geben.

Ich bitte Sie darum bey unsrer alten Freundschaft die auch vor die
Zukunft dauerhaft bleiben wird. Sie wissen wie lieb und herzlich mir
alles ist was aus dem teutschen Haus kommt, Sie haben mich eine gute
Zeit so nahe gehabt als einen Vetter und näher vielleicht. Drum, wie
ich sage, lieber Hans schreiben Sie mir die Woche gewiß einmal was
passirt, damit ich auch wisse wie meine Kleinen sich aufführen. Die Sie
alle recht herzlich grüßen werden. Und empfehlen Sie mich Carlingen und
Lengen und Lotten wenn sie wieder kommt viel hundert mal.

    Der Ihrige

    Goethe.


58.

Goethe an Kestner.


Merk ist nun fort und Herdern erwart ich und ihr geht auch. Adieu
lieben alle. Der Wieland ist ein besserer Scribler als besorger, Ich
habe noch keine ~Merkurs~ das ärgert mich verflucht. Falkens
~Manuschript~. Die euch fehlenden ~Anhang~ alles sollt ihr
haben. Wolltet ihr mir wohl ein ~Packgen~ an Boje mitnehmen, wenn
ihr auch nicht durch Göttingen Geht. Gott geleit euch. mein Guter Geist
hat mir ein Herz gegeben auch das alles zu tragen. Ich bin gelassener
als iemals.


59.

Goethe an Kestner.


Es ist höchst abscheulich und unartig von euch, mir die
_Comission_ von den Ring nicht aufzutragen. Als wenns nicht
natürlich wär dass ich sie doch übernehmen müsste. Und truz euch und
des Teufels der euch eingab mir das zu vertragen will ich sie bestellen
und sorgen dass sie schön werden wie Kronen der Auserwehlten. Adieu.
Und euren Engel nichts von mir. Hans ist brav, dankt ihm. Adieu.


60.

Goethe an Kestner.


Dass ihrs nicht schon acht Tage habt, die Ringe, ist meine Schuld nicht
hier sind sie und sie sollen euch gefallen. Wenigstens binn ich mit
zufrieden. Es sind die zweyten. heut vor acht tage schickt mir der Kerl
ein Paar so gehudelt und gesudelt. Marsch, er soll neue machen, und
die sind denk ich gut. Lasst nun das die ersten Glieder zur Kette der
Glückseeligkeit seyn die euch an die Erde wie an ein Paradies anbinden
soll, ich binn der eurige, aber von nun an gar nicht neugierig euch zu
sehn noch Lotten. Auch wird ihre Silhouette auf den ersten Ostertag,
wird hoffentlich seyn euer Hochzeittag, oder wohl gar schon übermorgen
aus meiner Stube geschafft und nicht eher wieder hereingehängt biss
ich höre daß sie in den Wochen liegt dann geht eine neue Epoche an und
ich habe sie nicht mehr lieb, sondern ihre Kinder zwar ein bissgen um
ihrentwillen, doch das tuht nichts und wenn ihr mich zu Gevatter bittet
so soll mein Geist zwiefältig auf dem Knaben ruhen, und er soll gar
zum Narren werden über Mädgen die seiner Mutter gleichen.

Gott Hymen findet sich durch einen schönen Zufall auf meinem
_Revers_.[21]

                   *       *       *       *       *

So seyd denn glücklich und geht. Nach Frankfurt kommt ihr doch nicht,
das ist mir lieb, wenn ihr kämt so ging ich. Nach Hannover also und
Adieu. Ich habe Lottens Ring eingesiegelt, wie ihrs hiest. Adieu.

                   *       *       *       *       *

    In diesem Briefe war der folgende eingeschlossen.


61.

Goethe an Lotte.


Möge mein Andenken immer so bey Ihnen seyn wie dieser Ring, in ihrer
Glückseeligkeit. Liebe Lotte, nach viel Zeit wollen wir uns wiedersehn,
Sie den Ring am Finger, und mich noch immer, für Sie

Da weis ich keinen Nahmen, keinen Beynahmen.

Sie kennen mich ja.

    ~Adresse~

    An Charlotte Buff
    sonst genannt die
    liebe Lotte
    abzugeben
    im teutschen Haus.


62.

Goethe an Kestner.


Gott seegn euch denn ihr habt mich überrascht. Auf den Charfreytag
wollt ich heilig Grab machen und Lottens Sillhouette begraben. So hängt
sie noch und soll denn auch hängen biss ich sterbe. Lebt wohl. Grüsst
mir euren Engel und Lengen sie soll die zweyte Lotte werden, und es
soll ihr eben so wohl gehn. Ich wandre in Wüsten da kein Wasser ist,
meine Haare sind mir Schatten und mein Blut mein Brunnen. Und euer
Schiff doch mit bunten Flaggen und Jauchzen zuerst im Hafen freut mich.
Ich gehe nicht in die Schweiz. Und unter und über Gottes Himmel binn
ich euer Freund und Lottens.


63.

Goethe an Kestner.


Ich hatte gleich auf eure Nachricht Kielmansegge sey hier in die
meisten Wirthshäusser geschickt, konnt ihn aber nicht erfragen. Nun
sagt mir Pottozelli er sey wieder fort, und habe gehört ich sey nicht
hier. Sagt ihm er hätte nicht so fortgehen sollen, ich war Montags
schon wieder hier als er Mittwoche wegging, und ich hatte eben um die
Zeit an ihn gedacht, und gewünscht mit ihm zu seyn. Sagt ihm, von
unserm Nachdruck Ossians ist Fingal ausmachend den ersten Teil fertig,
kostet 36 kr., wenn er ihn will, schick ich ihn mit dem übrigen und
bitte mir meinen Ossian zurück. Ich weis nicht ob ich euch schon im
vorigen Briefe gebeten habe was an Boje mitzunehmen. bestimmt mir doch
die Zeit wenn ihr geht. Wie stehts euerm Engel. Ich habe ein groses
Commerz mit ihr. Ihre Silhouette ist mit Nadeln an die Wand befestigt
und ich verliehre meist alle Nadeln und wenn ich beim Anziehen eine
brauche, borg ich meist eine von Lotten, und frage auch erst um
Erlaubniß &c.

Etwas verdrüsst mich. In Wetzlar hatte ich ein Gedicht gemacht, das von
Rechtswegen Niemand besser verstehen sollte als ihr. Ich möcht es euch
so gern schicken, hab aber keine Abschrift mehr davon. Boie hat eine
durch Mercken, und ich glaube, es wird in den Musenalmanach kommen. es
ist überschrieben ~der Wandrer~ und fängt an: Gott seegne dich
iunge Frau. Ihr würdets auch ohne das gleich gekannt haben.

So weit dann lieb K. Lotte weis wie lieb ich sie habe. Adieu.

    G.


64.

Goethe an Kestner.


Ich habe, lieber K. im letzten Pack vergessen euch die Anhänge zu
schicken. Nr. 6 ist nie gedruckt worden aus Versehen. Lebt wohl und
liebt mich und schreibt mir wies euch geht unterwegs und eurem Engel.
Adieu Falkens _Mscpt._ schick ich euch nach, Entschuldigt mich
doch.


65.

Goethe an Kestner.


    _acc._ d. 12. Apr. 73. Wetzl.

Da tuht ihr wohl Kestner dass ihr mich beym Wort nehmt! O den
trefflichen Menschen! »Ihr wollt ia nichts mehr von uns wissen.« Gar
schön! Ich wollte freylich nichts von euch wissen, weil ich wusste ihr
würdet mir nicht schreiben mögen. Sonst feiner Herr war der Tag eurem
Fürsten der Abend, eurer Lotte, und die Nacht für mich und meinen
Bruder Schlaff. Die Nacht fließt nun in den Abend und der arme Goethe
behilft sich wie immer. Es stände euch wohl zu Gesichte -- Doch das
will ich nicht sagen, ich würde mich zum Teufel geben, wenn ich euch
erst darauf bringen sollte. Also Hr. Kestner und Madam Kestner Gute
Nacht.

Ich würde auch hier geschlossen haben wenn ich was besseres im Bett
erwartete als meinen lieben Bruder. Sieh doch mein Bett da, so steril
stehts wie ein Sandfeld. Und ich habe heut einen Schönen Tag gehabt
so schön dass mir Arbeit und Freude und Streben und Geniessen zusammen
flossen. Dass auch am schönen hohen Sternen Abend ganz mein Herz voll
war von wunderbaren Augenblick da ich zu'n Füßen eurer an Lottens
Garnirung spielte, und ach mit einem Herzen, das auch ~das~ nicht
mehr genießen sollte, von drüben sprach, und nicht die Wolken, nur die
Berge meinte. Von der Lotte wegzugehn. Ich begreifs noch nicht wies
möglich war. Denn seht nur seid kein Stock. Wer nun, oder vorher, oder
nachher zu euch sagte geht weg von Lotten -- Nun was würdet ihr --? Das
ist keine Frage -- Nun ich bin auch kein Stock, und binn gegangen, und
sagt ists Heldentaht oder was. Ich binn mit mir zufrieden und nicht. Es
kostete mich wenig, und doch begreif ich nicht wies möglich war. -- Da
liegt der Haas in Pfeffer. --

Wir redeten wies drüben aussäh über den Wolken, das weis ich zwar
nicht, das weis ich aber, dass unser Herr Gott ein sehr kaltblütiger
Mann seyn muss der euch die Lotte lässt. Wenn ich sterbe und habe
droben was zu sagen ich hohl sie euch warrlich. Drum betet fein für
mein Leben und Gesundheit, Waden und Bauch &c. und sterb ich so
versöhnt meine Seele mit Trähnen, Opfer, und dergleichen sonst Kestner
siehts schief aus.

Ich weis nicht darum ich Narr so viel schreibe. eben um die Zeit da
ihr bey eurer Lotte gewiß nicht an mich denkt. Doch bescheid ich mich
gern nach dem Gesez der Antipatie. Da wir die Liebenden, fliehen, und
die Fliehenden lieben.


66.

Goethe an Kestner.


    _acc._ d. 12. Apr. 73.

Den Brief von gestern Abend hab ich gleich zugemacht also auf euer Pro
_Mem._

1) Die Zugabe braucht wie es euch beliebt.[22] Wenn ihr die Zeitungen
wollt binden lassen was soll das Sauzeug Reichswesen dabey. es war
express so eingericht daß man sie wegschmeissen sollt. Auch wird der
Band zu dick. Doch will ich fragen nach den Nummern.

2) Will der Hr. v. Hille einen Merkur für sich allein? und wie stehts
mit Falcken, nimmt der jetzo das Exemplar allein was ihr mit teilen
wolltet?

3) die _Plays_ sind in meinen händen. Heute ists so ein schöner
tag dass ich möchte mit euch spazieren gehn. Adieu grüsst Hansen.


67.

Goethe an Kestner.


    _acc._ W. 16. Apr. 73.

Mittwochs. Ich habe Annchen gestern verfehlt, und will ietzo hingehen,
ich fürchtet halb ihr mögtets seyn und mich anführen. denn ich geh
morgen nach Darmstadt, und da wär überall leid gewesen. Eure Plays
kriegt Anngen mit. Auch an Hansen ein Paquet. Ich habe noch den
~Pränumerations Schein~ auf die Biblischen Kupfer, ich will ihn
behalten, und wenn sie herauskommen disponirt drüber. Anngen bringt
euch auch fl. 2: 30 Kr. von der Karoline wieder. Der grose kostete
einen Dukaten, der kleine 3 fl. 30. Auch euren Ring. Lottens Granatring
will ich behalten ich hab ihr ihn so Tausendmal am Finger gesehn und am
Finger geküsst er soll unter meinen Bijous liegen biss ich ein Mädgen
habe die soll ihn tragen. Grüsst mir euren Engel und Lengen lieb, und
schreibt wegen des Merkurs an meine Schwester, die euch grüsst.

Anngen ist lieb und brav, hat mir Lottens Brautstraus mitgebracht
wohl conservirt, und ich hab ihn heut vorstecken. Ich höre Lotte soll
noch schöner lieber und besser seyn als sonst, und dass ihr nicht mit
kommen seyd, ist auf alle Art nicht hübsch. Grüsst mir Lengen und
ihre Freundinn Dorthel, Anne hat mir alles erzählt, wie sie beysammen
schlafen, und in Alles nur nicht in die Liebhaber teilen, wie der
_quasi_ Hofrath fortfährt ein Esel zu seyn &c. Alles erzählt und
ich mich ergötze zu hören von euch, gleich wie ich Johannistrauben zu
pflücken und Quetschen zu schütteln mir ehedessen wünschte heute morgen
übermorgen und mein ganzes Leben.[23] Grüßt Schneidern wenn er mein
denkt, und Kielmansegg. _Pottocelli_ hat mir gestern in der Messe
einen Grus von ihm bracht. Wir haben einen Teufels Reuter hier, und
Comödien und Schatten und Puppenspiel, das könnt ihr Lotte sagen hätt
ich ihr all gewiesen wenn sie kommen wäre, nun aber -- wärs auch gut --
Schattenspiel Puppenspiel.


68.

Goethe an Kestner.


    _acc._ W. 16. Apr. 73.

Nun will ich nichts weiter lieber Kestner, das wars was ich wünschte,
was ich nicht verlangen wollte, denn den Geschencken der Liebe giebt
die Freywilligkeit all den Werth, ihr solltet mir aus dem Schoose eures
Glücks an der Seite von Eurer Lotte, die ich euch, vor tausend andern
gönne, wie all das Gute was mir die Götter versagen. Aber dass ihr,
weil euch das Glück die Karten gemischt hat, mit der Spadille stecht,
mir ein höhnisch gesicht zieht, und euch zu eurem Weibe legt find
ich unartig, ihr sollt euch darüber bey Lotten verklagen und sie mag
entscheiden.

Mich einen Neider und Nexer zu heissen, und dergleichen mehr, das ist
all nur seit ihr verheurathet seyd. Meine Grillen lieber müssen nun so
drein gehen. Ich war mit Anngen in der Comödie. Es ist gut dass ich
morgen nach Darmstadt gehe, ich verliebte mich warrlich in sie. Ihre
Gegenwart hat alles Andencken an euch wieder aufbrausen gemacht, mein
ganzes Leben unter euch, ihr wollt alles erzählen biss auf die Kleider
und Stellungen so lebhaft, sie mag euch sagen was sie kann. O Kestner,
wenn hab ich euch Lotten missgönnt im menschlichen Sinn, denn um sie
euch nicht zu missgönnen im heiligen Sinn, müsst ich ein Engel seyn
ohne Lung und Leber. Doch muss ich euch ein Geheimniss entdecken. Dass
ihr erkennet und schauet. Wie ich mich an Lotten _attachirte_ und
das war ich wie ihr wisst von Herzen, redete Born mit mir davon, ~wie
man spricht~. »Wenn ich K. wäre, mir gefiels nicht. Worauf kann das
hinausgehn? Du spannst sie ihm wohl gar ab?« und dergleichen. Da sagt
ich ihm, Mit diesen Worten in seiner Stube, es war des Morgens: »Ich
binn nun der Narr das Mädchen für was besonders zu halten, betrügt
sie mich, und wäre so wie ordinair, und hätte den K. zum Fond ihrer
Handlung um desto sicherer mit ihren Reizen zu wuchern, der erste
Augenblick der mir das entdeckte, der erste der sie mir näher brächte,
wäre der letzte unsrer Bekanntschafft,« und das beteuert ich und
schwur. Und unter uns ohne Pralerey ich verstehe mich einigermassen auf
die Mädgen, und ihr wißt wie ich geblieben binn, und bleibe für Sie und
alles was sie gesehen angerührt und wo sie gewesen ist, biss an der
Welt Ende. Und nun seht wie fern ich neidisch binn und es seyn muß.
Denn entweder ich binn ein Narr, das schweer zu glauben fällt, oder
sie ist die feinste Betrügerinn, oder denn -- Lotte, eben die Lotte von
der die Rede ist. --

Ich gehe morgen zu Fuss nach Darmstadt und hab auf meinem Hut die Reste
ihres Brautstrausses. Adieu. Es tuht mir leid von Anngen zu gehen, was
würds von euch seyn es ist besser so, nur dass ich ihr Portrait nicht
gemacht habe, ärgert mich. Aber es ist ein Herz und Sinn lebendig.
Adieu. Ich habe nichts als ein Herz voll Wünsche. Gute Nacht Lotte.
Anngen sagte heut ich hätte den Namen ~Lotte~ immer so schön
ausgesprochen. ~Ausgesprochen~! dacht ich!


69.

Goethe an Kestner.


    _acc._ W. 23. Apr. 73. Darmst.

Dank euch Kestner für eure zwey liebe Briefe lieb wie alles was
von euch kommt, und besonders jezt. Der Todt einer teuer geliebten
Freundinn ist noch um mich. Heut früh ward sie begraben und ich binn
immer an ihrem Grabe, und verweile, da noch meines Lebens Hauch
und Wärme hinzugeben, und eine Stimme zu seyn aus dem Steine dem
Zukünftigen. Aber ach auch ist mir verboten einen Stein zu sezen ihrem
Andencken, und mich verdriesst dass ich nicht streiten mag mit dem
Gewäsch und Geträtsch.

Lieber Kestner, der du hast lebens in deinem Arm ein Füllhorn, lasse
dir Gott dich freuen. Meine arme Existenz starrt zum öden Fels. Diesen
Sommer geht alles. Merck mit dem Hofe nach Berlin, sein Weib in die
Schweiz, meine Schwester, die Flachsland, ihr, alles. Und ich binn
allein. Wenn ich kein Weib nehme oder mich erhänge, so sagt ich habe
das Leben recht lieb, oder was, daß mir mehr Ehre macht, wenn ihr
wollt. Adieu. Eurem Engel tausend Grüsse


70.

Goethe an Hans.


Hier schick ich mein lieber Hr. Hans, aus der Messe was, wird
hoffentlich zu West und Hosen reichen, sollt was abgehn schreiben Sies
ohne Umstände. Wenn Sie es anhaben und herumspringen, auf die Jagd
gehen, oder sonst lustig sind, so gedenken Sie meiner. Küssen Sie
Lotten die Hand und Lenchen von mir, und die Kleine viel hundertmal von
Ihrem Freunde

    Goethe.


71.

Goethe an Hans.


Lieber Herr Hans. Ich danke von Herzen für ihr Andencken, werden Sie
nicht müde mir zu schreiben. Ich binn manchmal sehr allein, und so ein
lieb Brieflein freut mich sehr. Gott vergelts wenn ichs gleich nicht
kann, und mache Sie gros und starck und so glücklich als Sie brav sind.

    Goethe


72.

Goethe an Kestner.


    _acc._ 30. Apr. 73. Darmst. Sonntag.

Lieber Kestner ihr wisst mein Leben läßt sich nie detailliren und
vielleicht heute weniger als jemals, heut wars ein Gewirre, ein recht
toll und wunderbaar Leben. Sonntag! Wie ruhig werdet ihr bey Lotten
gesessen haben.

In 14 Tagen sind wir all auseinander; und es geht so im Hurry dass ich
nicht weiss wo mir der Kopf steht, wie noch Hoffnung und Furcht ist.
Gott verzeihs den Göttern die so mit uns spielen. Auf dem Grabe -- Ich
will nicht davon wissen will alles vergessen. Vergesst alles in Lottens
Armen, und dann arbeitet euer Tagewerk Genießt der Sonne, und wie ich
euch liebe sey euch gegenwärtig in Stunden der Ruh.

Ich hab Hansens Brief kriegt und euer Nachschreiben. Sagt ihm er soll
mehr ins Detail gehn. Er denkt nur er müsste ~Merkwürdigkeiten~
schreiben, ist nicht alles dorten merkwürdig?


73.

Goethe an Kestner.


    _acc._ W. _5. Maii 73_.

Lieber Kestner ich binn wieder in Franckfurt und Gott sey Dank, wir
haben wunderbare Scenen gehabt und bald wird alles ausgerauscht haben.

Wie lebt ihr und wie lang bleibt ihr noch?

Die Flachsland ist verheurathet, an Herdern. Wißt ihr schon was davon.
Vorgestern war ich gegenwärtig der Trauung und gestern ging ich herüber.

Den Merkur in _duplo_ schick ich euch, sorgt doch noch daß ich das
Geld kriege. Die zwey machen iust 9 fl.

Adieu lieber küßt Lotten von meinetwegen auch einmal. Adieu.


74.

Goethe an Hans.


Lotte ist nun fort, und ich nehme so viel teil dran dass sie weg ist
als eins vom Hause. Aber ohngeachtet dessen lieber Hans wollen wir
nicht aufhören einander zu schreiben. Sie hören doch immer eher etwas
von unsrer Lotte und das melden sie mir treulich. Grüsen sie mir das
liebe Lengen und sagen Sie ihr, da nun Lotte weg sey und sie die zweyte
Lotte sey für euch, so sey sies auch für mich, und ich sehne mich sie
zu sehn, wenns möglich ist, so komm ich den Sommer. Adieu lieber Hans.
Empfehlen sie mich dem Papa. Und grüssen mir die Jungens.

Wenn Schwester Caroline sich meiner erinnert so küssen sie ihr die
Hand, und Sophien und Amalgen ein paar Mäulger von mir.

    G.


75.

Goethe an Hans.


Ich dank ihm lieber Hans für den braven Brief. Schick er innliegenden
Hrn. Kestnern grüsse er den Papa u. alle. Und behalt er mich lieb.

    Goethe.


76.

Goethe an Kestner.


    _acc._ Hannover. 18. Jun. 73.

Euer Brief hat mich ergözt, ich wusste durch Hansen schon manches
von euch. Heute Nacht hat mirs von Lotten wunderlich geträumt. Ich
führte sie am Arm durch die Allee, und alle Leute blieben stehn und
sahn sie an, ich kann noch einige nennen die stehen blieben und uns
nachsahen. Auf einmal zog sie eine Calesche über und die Leute waren
sehr betreten. (Das kommt von Hansens Briefe der mir die Geschichte von
Minden schrieb.) Ich bat sie sie mögte sie doch zurückschlagen das that
sie. Und sah mich an mit den Augen, ihr wisst ja wies einem ist wenn
sie einen ansieht. Wir gingen geschwind. Die Leute sahen wie vorher.
O Lotte, sagt ich zu ihr, Lotte, dass sie nur nicht erfahren dass du
eines andern Frau bist. Wir kamen zu einem Tanzplaz &c. &c.

Und so träume ich denn und gängle durchs Leben, führe garstige Prozesse
schreibe Dramata, und Romanen und dergleichen. Zeichne und poussire
und treibe es so geschwind es gehen will. Und ihr seyd geseegnet wie
der Mann der den Herren fürchtet. Von mir sagen die Leute der Fluch
Cains läge auf mir. Keinen Bruder hab ich erschlagen! Und ich denke die
Leute sind Narren. Da hast du lieber Kestner ein Stück Arbeit, das lies
deinem Weiblein vor, wenn ihr euch sammlet in Gott und euch und die
Tühren zuschließt. _NB._ Die Frau Archivarius (ich hoffe das ist
der rechte Titel) wird hoffentlich ihr blau gestreiftes Nachtjäckgen
nicht etwa aus leidigem Hochmuth zurückgelassen, oder es einer kleinen
Schwester geschenkt haben, es sollte mich sehr verdriessen, denn es
scheint ich habe es fast lieber als sie selbst, wenigstens erscheint
mir oft das Jäckgen wenn ihre Gesichtszüge sich aus dem Nebel der
Imagination nicht losmachen können.


77.

Goethe an Hans.


Ich habe, lieber Hans, allerley Angelegenheiten warum ich ihm schreiben
Muss. Erstl. zu fragen wies bey euch aussieht? Ich habe so lang aus dem
teutschen Haus nichts gehört.

Und hernach _Commissionen_, wenn er die Recht ausrichtet so soll
er einmal Agent von Churfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs werden.

Erstl. bestellt er den Brief an Kestnern, wie den Vorigen.

2tens ist er so gut zum Hrn. Hofrath Sachs zu gehen, und zu sagen:
»Hier sey ein Brief an Hrn. von Kielmansegg. Ob sie wohl so gütig seyn
wollten ihn zu bestellen. Der Hr. Baron habe mir geschrieben ich soll
meine Briefe an Hrn. Hofrath adressiren.«

Drittens. Fragt er den Hrn. von Hille ob er habe ~einen ersten Theil
des teutschen Merkurs~ durch Hrn. Kestner bekommen, hat er ihn
bekommen so lass ich ihn um die halbe Louisd'or bitten, und will den
zweyten Theil gleich mit der fahrenden Post nach Wetzlar schicken.

Viertens fragt er den Papa ob er ein neues Schauspiel ~Götz von
Berlichingen~ gelesen habe?

Fünftens grüßt er mir alle im teutschen Haus, Lengen und Carlingen und
Dortlgen und Anngen und fragt sie ob sie sich meiner noch erinnern in
Ehre und Liebe. Und die Kleinen grüss er alle von mir, und schreibe er
mir bald.

    Goethe.


78.

Goethe an Kestner.


    _acc._ H. 21/7 73.

Ihr sollt immer hören wie mirs geht, lieber Kestner. Denn zum Laufe
meines Lebens hoff ich immer auf euch und euer Weib die Gott seegne
und ihr solche Freuden gebe als sie gut ist. Euch kanns an Beförderung
nicht fehlen. Ihr seyd von der Art Menschen die auf der Erde gedeyen
und wachsen, von den gerechten Leuten und die den Herren fürchten,
darob er dir auch hat ein tugendsam Weib gegeben, des lebest du noch
eins so lange.

Ich binn recht fleissig und wenns Glück gut ist kriegt ihr bald wieder
was, auf eine andre Manier. Ich wollt Lotte wäre nicht gleichgültig
gegen mein Drama. Ich hab schon vielerley Beyfalls Kränzlein von
allerley Laub und Blumen, Italiänischen Blumen sogar, die ich
wechselsweise ausprobiret, und mich vorm Spiegel ausgelacht habe.
Die Götter haben mir einen Bildhauer hergesendet, und wenn er hier
Arbeit findet, wie wir hoffen so will ich viel vergessen. Heilige
Musen reicht mir das _Aurum potabile_, _Elixir vitae_ aus
euren Schaalen, ich verschmachte. Was das kostet in Wüsten Brunnen zu
graben und eine Hütte zu zimmern. Und meine Papageyen die ich erzogen
habe, die schwäzen mit mir, wie ich, werden krank lassen die Flügel
hängen. Heut vorm Jahr wars doch anders, ich wollt schwören in dieser
Stunde vorm Jahr sass ich bey Lotten. Ich bearbeite meine Situation
zum Schauspiel zum Truz Gottes und der Menschen. Ich weis was Lotte
sagen wird wenn sies zu sehn kriegt und ich weis was ich ihr antworten
werde. Hört wenn ihr mir wolltet Exemplare vom ~Götz~ verkaufen,
ihr thätet mir einen Gefallen und vielleicht allerley Leuten. Boje hat
ihrer, schreibt ihm wie viel ihr wollt, ich habs ihm geschrieben euch
abfolgen zu lassen so viel ihr wollt. Verkauft sie alsdenn für zwölf
gute groschen und _notirt_ das _porto_ das sie euch kosten.
Der Verlag hört Mercken, der ist aber in Petersburg, ich schicke mich
nicht zum Buchhändler, ich fürchte es bleibt hocken. Denn vielleicht
kommt sonst in einem halben Jahr noch kein Exemplar zu euch. Schreibt
mir doch wo ich die zweyten Stücke des Merkurs hinschaffen, und wo ichs
Geld herkriegen soll. Wenn verschiedene Sachen nach meinem Kopfe gehn
kriegt Lotte bald eine Schachtel von mir wo keine _Confituren_
drinne sind, auch kein Puzwerk, auch keine Bücher, also --

Lassts euch wohl seyn, mich ergözt eure Genüglichkeit und eure
Aussichten. Und wenn euch was dran liegt von mir zu hören, so lasst von
euch offt hören. Adieu.


79.

Goethe an Hans.


Lieber Hans. Bring er Hrn. v. Hille den 2ten Teil des Merkurs den
ersten hat Kestner aus Versehn mit nach Hannover genommen. Hr. v. Falke
wird ihn dem Hrn. v. Hille wieder zurück bringen. Und sodann bitt ich
mir die Bezahlung aus.

Hier das Schauspiel gieb er dem Papa und wenn ders gelesen hat und die
Schwestern es auch etwa gelesen haben, so gib er es Anngen und Dorthel,
und grüss er sie alle von mir. Der ich binn

    Der alte

    Doctor Goethe.

Und ihm viel Prämia wünsche, die er verdient.


80.

Goethe an Kestner.


Viel Glück zu allem was ihr unternehmt, und eurer besten Frau alle
Freuden des Lebens.

Ich kann euch nicht tadlen dass ihr in der Welt lebt, und Bekanntschaft
macht mit Leuten von Stand und Pläzzen. Der Umgang mit Grossen ist
immer dem vorteilhafft der ihrer mit Maas zu brauchen weis. Wie ich
das Schiespulver ehre dessen Gewalt mir einen Vogel aus der Lufft
herunterhohlt, und wenns weiter nichts wäre. Aber auch sie wissen
Edelmuth und Brauchbaarkeit zu schäzzen, und ein iunger Mann wie
ihr muss hoffen, muss auf den besten Platz aspiriren. Sakerment und
wenn ihrs nur eures Weibes willen tähtet. Was die häuslichen Freuden
betrifft, die hat dünkt mich der Canzler so gut als der Sekretarius,
und ich wollte Fürst seyn und mir sie nicht nehmen lassen. Also treibts
in Gottes Nahmen nach eurem Herzen und kümmert euch nicht um Urteile
und verschliesst euer Herz dem Tadler wie dem Schmeichler. Hören mag
ich sie beyde gern hören, biss sie mich ennüiren. Mad. La Roche war
hier, sie hat uns acht glückliche Tage gemacht, es ist ein Ergötzen
mit solchen Geschöpfen zu leben. O Kestner und wie wohl ist mirs, hab
ich sie nicht bey mir so stehen sie doch vor mir immer die Lieben all.
Der Kreis von edlen Menschen ist das wehrteste alles dessen was ich
errungen habe.

Und nun meinen lieben Götz! Auf seine gute Natur verlaß ich mich, er
wird fortkommen und dauern. Er ist ein Menschenkind mit viel Gebrechen
und doch immer der besten einer. Viele werden sich am Kleid stosen
und einigen rauhen Ecken. doch hab ich schon so viel Beyfall dass
ich erstaune. Ich glaube nicht daß ich so bald was machen werde das
wieder das Publikum findet. Unterdessen arbeit ich so fort, ob etwa dem
Strudel der Dinge belieben mögte was gescheuters mit mir anzufangen.

    am 21 August

Das war lang geschrieben biss einmal die Zeit zu siegeln bey mir kommt.
Da ich euch nichts mehr zu sagen habe als liebt mich immer fort. und
Lotte soll mich lieb behalten und glücklich ist sie. Adieu.


81.

Goethe an Kestner.


Heut Abend des 15. September erhalt ich euern Brief, und habe mir
eine Feder geschnitten um recht viel zu schreiben. Dass meine Geister
biss zu Lotten reichen hoff ich. Wenn sie auch die Taschengelder
ihrer Empfindung, daran der Mann keine Prätension hat, nicht an mich
wenden wollte, der ich sie so liebe. Neulich hatte ich viel Angst in
einem Traum über sie. Die Gefahr war so dringend, meine Anschläge all
keine Aussicht. Wir waren bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den
Fürsten sprechen könnte. Ich stand am Fenster, und überlegte hinunter
zu springen, es war zwey Stock hoch, ein Bein brichst du, dacht ich, da
kannst du dich wieder gefangen geben. Ja dacht ich, wenn nur ein guter
Freund vorbey ging, so spräng ich hinunter und bräch ich ein Bein, so
müsst mich der auf den Schultern zum Fürsten tragen. Siehst du alles
erinnere ich mich noch, biss auf den bunten Teppich des Tisches an
dem sie sas und Filet machte, und ihr strohern Kistgen bey sich stehn
hatte. Ihre Hand habe ich tausendmal geküsst. Ihre Hand wars selbst!
die Hand! so lebhafft ist mirs noch, und sieh wie ich mich noch immer
mit Träumen schleppe.

Meine Schwester ist mit Schlossern vor wie nach. Er sitzt noch in
Carlsruhe wo man ihn herumzieht, Gott weis wie. Ich verstehs nicht.
Meine Schwester ist jetzt in Darmstadt bey ihren Freunden. Ich verliere
viel an ihr, sie versteht und trägt meine Grillen.

Ich lieber Mann, lasse meinen Vater iezt ganz gewähren, der mich
täglich mehr in Stadt CivilVerhältnisse einzuspinnen sucht, und ich
lass es geschehn. So lang meine Kraft noch in mir ist! Ein Riss!
und all die siebenfache Bastseile sind entzwey. Ich binn auch viel
gelassener, und sehe dass man überall den Menschen, überall groses
und kleines schönes und Hässliches finden kann. Auch arbeit ich sonst
brav fort. und denke den Winter allerley zu fördern. Dem alten Amtmann
hab ich einen Göz geschickt der viel Freude dran gehabt hat, es ist
auch gleich (wahrscheinlich durch Brandts) weiter kommen, und der Kam.
Richt.[24] und v. Folz habens begehrt; Das schreibt mir Hans, mit dem
ich viel Correspondenz pflege. Ueber alles das, lieber K. vergess ich
dir zu sagen, dass drunten im Visitenzimmer, diesen Augenblick sitzt --
die liebe Frau Grostante ~Lange~ von Wetzlar, mit der so teuern
ältsten Jungfer Nichte. Die haben nun schon in ihrem Leben mehr,
um Lottens Willen, gesessen wo ich sie nicht hohlte, mögen sie auch
diesmal sich behelfen. Hanngen ist nicht mit da. Sie haben viel Liebs
und Guts von meiner Lotte geredt! Dank Ihnen der Teufel. -- ~Meiner
Lotte!~ Das schrieb ich so recht in Gedanken. Und doch ist sie
gewissermassen mein. Hierin gehts mir wie andern ehrlichen Leuten, ich
bin gescheut -- biss auf diesen Punct. Also nichts mehr davon.

Und zum Merkur um uns abzukühlen. Ich weiß nicht ob viel Grossprecherey
dem Zeug mehr Schaden tuht, oder das Zeug der Großsprecherey. Das ist
ein Wind und ein Gewäsch, dass eine Schand ist. Man ist durchgängig
unzufrieden gewesen, der zweyte Teil ist was besser.

Der Hans und die Hänsgen. Wiel.[25] und die Jackerls haben sich eben
prostituirt! Glück zu! Für mich haben sie ohnedem nicht geschrieben.
Fahr hin. Des Cammerrath Jakobis Frau war hier, eine recht liebe
brave Frau, ich habe recht wohl mit ihr leben können, binn allen
Erklärungen ausgewichen, und habe getahn als hätte sie weder Mann noch
Schwager. Sie würde gesucht haben uns zu vergleichen, und ich mag ihre
Freundschafft nicht. Sie sollen mich zwingen sie zu achten wie ich sie
iezt verachte, und dann will und muss ich sie lieben.

Heut früh hab ich von Falcken einen Brief kriegt, mit dem ersten
Bogen des Musen Alman. Du wirst auf der 15ten S. den ~Wandrer~
antreffen den ich Lotten ans Herz binde. Er ist in meinem Garten, an
einem der besten Tage gemacht. Lotten ganz im Herzen und in einer
ruhigen Genüglichkeit all eure künftige Glückseeligkeit vor meiner
Seele. Du wirst, wenn dus recht ansiehst mehr Individualität in dem
Dinge finden als es scheinen sollte, du wirst unter der Allegorie
~Lotten~ und ~mich~, und was ich so hunderttausendmal bey
ihr gefühlt erkennen. Aber verraths keinem Menschen. Darob solls euch
aber heilig seyn, und ich hab euch auch immer bey mir wenn ich was
schreibe. Jezt arbeit ich einen Roman, es geht aber langsam. Und ein
Drama fürs Aufführen damit die Kerls sehen dass nur an mir liegt Regeln
zu beobachten und Sittlichkeit Empfindsamkeit darzustellen. Adieu. Noch
ein Wort im Vertrauen als Schriftsteller, meine Ideale wachsen täglich
aus an Schönheit und Grösse, und wenn mich meine Lebhafftigkeit nicht
verlässt, und meine Liebe, so solls noch viel geben für meine Lieben,
und das Publikum nimmt auch sein Teil.

Und so gute Nacht liebe Lotte. Im Couvert sind Verse die wollt ich zu
einem Portrait von mir an Lotten legen, da es aber nicht gerathen ist
so hat sie inzwischen das. Biss auf weiters.


82.

Goethe an Lotte.


    Wenn einen seeligen Biedermann
    Pastorn oder Rathsherrn lobesan
    Die Wittib läßt in Kupfer stechen
    Und drunter ein Verslein radebrechen
    Da heißts:

              Seht hier von Kopf und Ohren,
    Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren,
    Seht seine Mienen und seine Stirn
    Aber sein verständig Gehirn,
    So manch Verdienst ums gemeine Wesen
    Könnt ihr ihm nicht an der Nase lesen.

    So liebe Lotte heissts auch hier:
    Ich schicke da mein Bildniss dir!
    Magst wohl die lange Nase sehn,
    Der Augen Blick, der Locken Wehn,
    Es ist ohngefähr das ~garstge Gsicht~
    Aber meine Liebe siehst du nicht.

    G.

                   *       *       *       *       *

    Dasselbe Gedicht, mit einigen Varianten und seiner Silhouette, hat
    Goethe bei dem späteren Briefe Nr. 101 übersandt. Beide sind, des
    Zusammenhangs wegen, im _Fac simile_ ~hier~ nachgefügt.

    Dort ist der im Gedicht hier hervorgehobene Ausdruck: »~garstge
    Gsicht~« erläutert.

[Illustration]

[Illustration]


83.

Goethe an Kestner.


Die liebe Max de la Roche heurathet -- hierher einen angesehnen
Handelsmann. Schön! Gar schön.

Euer Hans schreibt mir immer wies im deutschen Haus hergeht, und so hab
ich eine komplete Chronick aller Löcher, Beulen, und Händel von einigem
Belang seit eurer Abreise.

Obs wahr ist daß Dorthel heurathet?

In unsrer Stadt ist ein unerhörter Stern, seit einem halben Jahre
haben wir wohl zwanzig Heurathen von Bedeutung. Unsre zwo nächsten
Nachbarinnen haben mit meiner Schwester fast in einer Woche sich
vergeben.

Der Türner bläst, die Glocken läuten, die Trommel geht, und dort hinten
fängts an zu tagen.

Ich bin auch zeither fleisig gewest hab viele kleine Sachen gearbeitet,
und ein Lustspiel mit Gesängen ist bald fertig, auch einige
ansehnlichere Stücke in Grund gelegt, und nun wird drüber studirt.

Obiges Lustspiel ist ohne grossen Aufwand von Geist und Gefühl, auf den
Horizont unsrer Akteurs und unsrer Bühne gearbeitet. Und doch sagen die
Leute es wären Stellen drinn die sie nicht prästiren würden. Dafür kann
ich nachher nicht.

Ihr sollts im Msspt. haben.

Hat Lotte den Can. Jacobi gesehn, gesprochen. Er ist auf sie aufmerksam
gewesen, merk ich. Ist er noch da.

Falcke ist ein trefflicher Junge, mich freuts dass er Liebe zu mir hat,
er schreibt mir manchmal. Merck und ich haben eine wunderliche Scene
gehabt, über eine Silhouette die Lavater mir schickte, und die Lotten
viel ähnlich sieht. Es lässt sich nicht sagen wies war. Es war den
Abend seiner Ankunft, und ich habe draus gesehn dass er Lotten noch
recht liebt. Denn wer Lotten kennt und nicht recht liebt, den mag ich
auch nicht recht.

Adieu ihr Kinder es wird Tag.

Wisst ihr schon dass Höpfner die Jungfer Thomä geheurathet hat.

Schreibt mir bald. Und ergözt euch an der Erinnerung meiner, wie ich
mich an euch ergötze.

    G.


84.

Goethe an Hans.


Gratulire lieber Hans zur glücklichen Genesung und wünsche dass mein
Brief euch alle wieder gesund treffen möge. Geben Sie einliegenden
Brief Hrn. Krafft Bremischen Canzellisten der so gut seyn wird ihn
Hrn. Kestner zu übermachen. Empfelen sie mich dem lieben Papa und
Schw. Carlingen. Viele Grüße an Msll Lenchen, Dorthel und Anngen, und
die andern Mädgens und Bubens sollen brav seyn, und Mandeln haben und
Bilder wenn ich komme.

    G.

Sagen Sie doch Lengen sie soll Lotten die Läppgen zum Flicken des
blaugestreiften Nachtjäckgens schicken, die sie vergessen hat. sie
werden sich wohl finden. Oder besser lass er sich sie von Lengen geben
und schick er mir sie mit der fahrenden Post ich will sie Lotten
schicken es muß ihr aber niemand davon was schreiben.


85.

Goethe an Hans.


Mich freuts lieber Hans dass er so brav ist, und sich das _Primat_
nicht nehmen lässt. Wenn nun auch alles wieder hergestellt ist im
Hause so wünsch ich guten bestand. Ich danke für die Läppgen, dass nur
niemand Lotten was davon schreibt. Meld er mir doch baldigst wann der
Fuhrmann nach Hannover geht, ich hab ein Kästgen, allein er müssts
dem Manne wohl rekommandiren, denn es ist zerbrechliche Waar, daß
säuberlich mit umgegangen würde.

Adieu lieber Hans lassts euch das Obst recht schmecken, und grüss er
den Papa und das ganze liebe Wesen im deutschen Haus. Adieu.

    G.


86.

Goethe an Hans.


Lieber Hans ich dank ihm recht sehr für seine Briefe, fahr er ich bitte
so fort.

Hier sind vier Exemplar Iris, die ist er so gut und bestellt sie an die
vier Damen die hier auf dem Zettelgen genannt sind.

Er hat noch, wenn ich mich nicht irre Geld von mir in Verwahrung, das
bitt ich ihn als ein Cristgeschenk anzunehmen, und seinen Geschwistern
auch etwas davon zu Gute zu thun.

Grüss er Papa und die Schwestern und Msll Brand. Will denn noch keine
der Lotte nachfolgen?

    G.


87.

Goethe an Lotte.


    (Frankfurt den 31. Oct. 1773)

Ich weis nicht liebe Lotte ob meine Muthmasung Grund hat, dass Sie
in kurzem ein Negligee brauchen werden, wenigstens kommt mirs so
vor. Und da ich über diesen wichtigen Punct nachdachte, sprach ich
zu mir selbst: Sie geht gerne weis, alles Nesseltuch ist verbannt im
Winter, außer gesteppt und da sieht sie zu altmütterlich drinn aus &c.
hierüber trat die vorsichtige Göttin der Mode zu mir und überreichte
mir beykommendes Zeug, das ausser der Dauer alle Qualitäten hat. Es ist
Nesseltuch, hat also alle dessen Tugenden, die Atlassstreifen machen es
zur Wintertracht; kurz und gut, zum Schneider mit, dass der aber fein
säuberlich verfahre. _NB_ es darf mit keiner andern Farbe als weis
gefüttert werden, die ich gesehen habe, hatten weis Leinwand drunter.
Das Stück gibt iust ein Negligee, über Poschen.

Zugleich überschicke auch, die hinterlassene Läppchen des blau und
weisen Nachtiäckchens, und bitte über die neu angekommene Vornehme
Freundschafft die alte treue nicht zu vergessen.

Adieu liebe Lotte grüssen Sie mir das Männgen, erinnern Sie sich der
alten Zeit wie ich.

    Frankfurt am 31. Octbr. 1773. als am Tage Wolfgang -- -- --

    Goethe.


88.

Goethe an Kestner.


    Am ersten Christtage, morgends nach sechs. (1773.)

Es ist ein Jahr dass ich um eben die Stunde an euch schrieb, meine
lieben, wie manches hat sich verändert seit der Zeit.

Ich hab euch lange nicht geschrieben, das macht dass es bunt um mich
zugeht.

Ich danke dir liebe Lotte dass du mir für meine Spinneweben einen
Brief geschenkt hast. Wenn ich das gehofft hätte, wäre mein Geschenk
eigennützig gewesen. Ich habe ihn wohl hundertmal geküßt. Es giebt
Augenblicke wo man erst merkt wie lieb man seine Freunde hat.

Ich kann euch die Freude nicht beschreiben die ich hatte ~Merken~
wieder zu sehn, er kam acht Tage eh ich's vermuthete, und sas bey
meinem Vater in der Stube, ich kam nach Hause, ohne was zu wissen, tret
ich hinein und höre seine Stimme eher als ich ihn sehe. Du kennst mich
Lotte.

Die Stelle in deinem Brief die einen Wink enthält von möglicher
Näherung zu euch, ist mir durch die Seele gangen. Ach es ist das schon
so lange mein Traum als ihr weg seyd. Aber es wird wohl auch Traum
bleiben. Mein Vater hätte zwar nichts dagegen wenn ich in fremde
Dienste gienge, auch hält mich hier weder Liebe noch Hoffnung eines
Amts -- und so scheint es könnt ich wohl einen Versuch wagen, wieder
einmal wie's draussen aussieht.

Aber Kestner, die Talente und Kräffte die ich habe, brauch ich für
mich selbst gar zu sehr, ich binn von ieher gewohnt nur nach meinem
Instinkt zu handeln, und damit könnte keinem Fürsten gedient seyn. Und
dann biss ich politische Subordination lernte -- Es ist ein verfluchtes
Volk, die Franckfurter, pflegt der Präs. v. Moser zu sagen, man kann
ihre eigensinnigen Köpfe nirgends hin brauchen. Und wenn auch das nicht
wäre, unter all meinen Talenten ist meine Jurisprudenz der geringsten
eins. Das bissgen Theorie und Menschenverstand richtens nicht aus --
Hier geht meine Praxis mit meinen Kenntnissen Hand in Hand, ich lerne
ieden Tag und haudere mich weiter. -- Aber in einem Justiz-Collegio
-- Ich habe mich von ieher gehütet ein Spiel zu spielen da ich der
unerfahrenste am Tisch war -- Also -- doch möcht ich wissen ob deine
Worte etwas mehr als Wunsch und Einfall waren.

Meine Schwester ist brav. Sie lernt leben! und nur bey verwickelten
misslichen Fällen erkennt der Mensch was in ihm stickt. Es geht ihr
wohl und Schl. ist der beste Ehemann wie er der zärtlichste und
unverrückteste Liebhaber war.


89.

Goethe an Hans.


Hier ist ein guter Freund von mir, ich wäre gern mitgekommen lieber
Hans, aber das will nicht gehn. Wenn ihr mich lieb behaltet, so hoff
ich doch einmal zu erleben, dass ich euch wieder sehe. Was er an Hr.
Plitt thut will ich für mich annehmen. Bring er ihn zu Brandts, und
grüs er die Schwestern denen der junge Mann auch ohne mein Empfel
wohlgefallen wird. Meine Buben sollen mich lieb behalten. Ich schick
ihnen was aus der Mess. Sophie und Annel haben mich hoff ich nicht
vergessen. Sey er immer brav. Die ~Franckf. Zeitungen~ kauff er
sich nicht, er kann sie zu nichts brauchen. Wenn ich ein gut Buch für
ihn finde schicke ichs ihm. Adieu und vergiss er nicht zu schreiben.

    Goethe.


90.

Goethe an Hans.


Lieber Hans bitt er Anngen um Verzeihung dass ich nicht ihr meine
Comission ausgerichet. Hr. Schmidt kann keine Muster geben, aber Stücke
will er einige schicken. Nun soll Anngen so gut seyn und schreiben was
für Farben und Art sie verlangen, so will ichs besorgen.

Noch eine Comission: bey Hr. v. Falck hab ich 9 fl. zu gut, hohl er sie
doch ab und schick er sie mit der fahrenden Post.

Grüß er das ganze Haus. Msll Dorthel -- er weis wohl -- und Lengen. Und
was Lotte schreibt und schickt mögt ich gern hören.

    G.


91.

Goethe an Hans.


Lieber Hans ich habe seinen letzten Brief unglücklicher Weise verlegt,
also muss ich ihn bitten: mir Anngens und Carlingens Comission noch
einmal zu melden, was sie für Farben haben wollen. Grüs er alles. Adieu.

    G.


92.

Goethe an Hans.


Lieber Hans es ist da wieder ein Anstos an der Comission. Er schreibt
mir ich soll Anngen von beyliegendem Stückgen 3/4 Ellen schicken. Nun
begreiff ich nicht was sie mit drey Viertel Ellen machen will. Sollens
aber drey Ellen und ein Viertel seyn 3-1/4: so ists was anders weil
aber das ins Geld laufft und über 16 fl. käme, so hab ich noch einmal
anfragen wollen, grüs er sie alle. Und meld er mir was neues mit

    G.


93.

Goethe an Hans.


Da schick ich lieber Hans indessen was für die Kleinen, theil er
die Rosinen Feigen und Bilder unter sie, und das Buch mögen sie in
Gemeinschaft haben, es kommt vom Hr. Kestner.

Behaltet mich lieb. Grüsse den Papa die Schwestern und Brandts. Adieu.

    G.


94.

Goethe an Hans.


Hier schick ich Ihm, lieber Hans, ein _praemium virtutis et
diligentiae_ zum neuen Jahr. Und dass er sieht was wir Franckfurter
für Leute sind, auch einen neuen ~Heller~.

Grüs er mir alle liebe Leute und behalte er mich lieb.

    G.


95.

Goethe an Hans.


Bestell er mir den Brief richtig und bald. Seiner ist auch bestellt.
Wünsche Alberten und Ernst gute Besserung. Empfehl er mich dem Papa,
grüss er die Schwestern und Lengen und Dorthel und schreib er mir
manchmal.

    Goethe.


96.

Goethe an Lotte.


    (1773 oder 1774.)

Liebe Lotte, es fällt mir den Augenblick so ein, dass ich lang einen
Brief von dir habe, auf den ich nicht antwortete. Das macht du bist
diese ganze Zeit, vielleicht mehr als jemals _in, cum et sub_
(lass dir das von deinem gnädigen Herrn erklären) mit mir gewesen. Ich
lasse es dir ehstens drucken -- Es wird gut meine Beste. Denn ist mirs
nicht wohl wenn ich an euch dencke?

Ich bin immer der Alte, und deine Silhouette ist noch in meiner Stube
angesteckt, und ich borge die Nadeln davon wie vor Alters. Dass ich ein
Tohr binn, daran zweifelst du nicht, und ich schäme mich mehr zu sagen.
Denn wenn du nicht fühlst dass ich dich liebe, warum lieb ich dich? --!

    Goethe.


97.

Goethe an Kestner.


    (Märtz 1774.)

Auf einen Brief vom 1^{ten} Weynachtstage erst den 13 Februar Antwort
zu haben, ist nicht schön. Künftig, Kestner, schick mir deine Briefe
mit der Post. Und schreib öfter, sonst wend ich mich an Lotten dass die
mir schreibt.

Die Max La Roche ist hierher verheurathet, und das macht einem das
Leben noch erträglich, wenn anders dran etwas erträglich zu machen ist.
Wie offt ich bey euch binn, heisst das in Zeiten der Vergangenheit,
werdet ihr vielleicht ehestens ein Document zu Gesichte kriegen. Und
wenn ihr nicht oft schreibt, und wenns häusliche Kleinigkeiten wären.
Ihr wisst dass mir daran am meisten gelegen ist.

Der Jakobi hat Lotten in sofern Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Er
hat eine sehr vorteilhafte Schilderung von ihr gemacht, und wie man mir
es schrieb, so wusst ich warrlich nicht dass das all an ihr war, denn
ich hab sie viel zu lieb von jeher gehabt, um auf sie so acht zu haben.
Die ~Iris~ ist eine kindische Entreprise, und soll ihm verziehen
werden, weil er Geld dabey zu schneiden denckt. Eigentlich wollen die
Jackerls den Merkur miniren, seit sie sich mit Wieland überworfen haben.

Was die Kerls von mir dencken ist mir einerley. Ehedessen haben sie auf
mich geschimpft wie auf einen Hundejungen, und nun müssen sie fühlen,
dass man ein braver Kerl seyn kann ohne sie iust leiden zu können. Dass
Lotte in der Reihe der Protectrices steht, kleidet sie gut zu Gesichte.

Von meinen Wünschen und Hoffnungen zu euch zu kommen mag ich nichts
reden. Mir gehts wie euch -- und also wollen wirs unterdessen auf sich
beruhen lassen.

Dass ihr Herdern nicht näher gesehn habt, ist doch fatal. War er denn
alleinn? Oder sein Weib mit? Ich binn wohl fleissich, und meine Lebens
Wirthschaft ist immer die alte. Wenn ich manchmal deine alten Briefe
ansehe, erstaun ich, dass ich nach so mancherley Veränderungen noch
derselbe binn. Und möchte das auch von euch hören. Desswegen schreibt
mir öffter und bittet Lotten, dass sie mir nur manchmal ein Wörtchen
schreibt, wenns ihr ums Herz ist. Das könnte sie wohl thun. Sie soll
mir die Pestel grüssen, das muss auch ein braves Weib seyn.

Die Kunckel hat dem Magistr. viel Schererey gemacht. Sie sas in
Strasburg. Der dortige Magistrat wollte sie nicht ausliefern, und da
der Kurfürst sich an den König gewendet, ist sie auf und davon in die
Schweiz. Das sind die neusten und noch zur Zeit geheimen Nachrichten.

Dass wir sehr Kayserlich sind, ist kein Wunder, da wir des Kaysers sind.

Adieu. Lasst bald wieder was hören. Ich binn der Alte, von Ewigkeit zu
Ewigkeit Amen.

    G.


98.

Goethe an Kestner.


    (May 1774.)

Ist mir auch wieder eine Sorge vom Hals. Küsst mir den Buben, und
die ewige Lotte. Sagt ihr ich kann mir sie nicht als Wöchnerinn
vorstellen. Das ist nun unmöglich. Ich seh sie immer noch wie ich sie
verlassen habe, (daher ich auch weder dich als Ehmann kenne, noch
irgend ein ander Verhältniss als das alte, -- und sodann bey einer
gewissen Gelegenheit, fremde Leidenschaften aufgeflickt und ausgeführt
habe, daran ich euch warne, euch nicht zu stosen) Ich bitte dich
lass das eingeschlossene Radotage biss auf weiteres liegen, die Zeit
wirds erklären. Habt mich lieb, wie ich euch, so hat die Welt keine
vollkommenere Freunde.

    G.

Mein garstig Zeug gegen Wieland macht mehr Lärm als ich dachte. Er
führt sich gut dabey auf wie ich höre, und so binn ich im Tort.


99.

Goethe an Kestner.


    (11. May 1774.)

Es hat mich überrascht, ich erwartete das nicht. Gehofft hatt ichs,
doch da dein Brief nichts davon sagte, beschied ich mich dass die
erstgebornen der Famille gehören. Nun aber -- ich wünsche dass Lotte --
denn getauft ist der Knabe am 11 May da ich das schreibe -- dass Lotte,
alle Ueberlegung möge auffahrend durchgebrochen haben, und gesagt:
~Wolfgang~ heist ~er~! und der Bub soll auch so heisen! -- du
scheinst dahin zu neigen, und ich wünsche dass er diesen Nahmen führe
weil er mein ist. -- Habt ihr ihm den ~andern~ gegeben, so halt
ich mir aus dem nächsten den Nahmen ~Wolfgang~ zu geben, da ihr
doch mehr Gevattern nehmt -- und ich -- wohl all eure Kinder aus der
Taufe heben möchte, weil sie mir all so nah sind wie ihr. -- Schreibt
mir gleich was geschehn ist. -- Ich habe närrische Ahndungen dadrüber,
die ich nicht sage, sondern die Zeit will walten lassen.

Adieu ihr Menschen die ich so liebe (dass ich auch der träumenden
Darstellung des Unglücks unsers Freundes, die Fülle meiner Liebe borgen
und anpassen musste) Die Parenthese bleibt versiegelt bis auf weiters.

    G.


100.

Goethe an Lotte.


    v. 16. Jun. 1774.

Ich komme von Meyers liebe Lotte, habe mit ihnen zu Nacht gessen, und
gestern auch, heute den Tag über waren sie zu Darmstadt. Es sind recht
gute Menschen, ich schwöre sie lieben mich denn ich liebe sie auch.
Wir waren so offen in der ersten Viertelstunde. O Lotte was ich ein
Kind bin! Wie michs gleichsam überraschte da mir die Meyern sagte,
dass du noch an mich denkst. Sagen mir das nicht Kestners Briefe, sagt
mirs nicht mein Herz, und doch war mirs so ganz neu, da mir das liebe
Weibchen, mit der wahren Stimme des Antheils sagte: dass du noch an
mich denkst. O sie fühlte was sie mir sagte, sie ist eine liebe Frau.
Schon gestern Nacht wollt ich dir schreiben, aber es war nicht möglich,
ich ging in meiner Stube auf und ab, und redete mit deinem Schatten,
und selbst ietzt fällt mir's schweer das dahin zu krizzen! -- Soll ich
denn niemals wieder, niemals wieder deine Hand halten Lotte? Ich habe
der Meyern viel erzählt von dir, sie war mit mir im Wald und versprach
mir, dich auf der Ellrie[26] von mir zu unterhalten. Ja Lotte ich hab
lang so keine Freude gehabt -- Ihr Mann ist iust einer der Menschen wie
ich sie haben muss, die Erfahrung des Lebens, die schönen Kentnisse und
Wissenschafften ohne Pedanterey und die gute offne Seele. Wir haben uns
recht gut gefunden. Und so mit gute Nacht. Morgen früh gehn sie und ich
will ihnen noch was schicken. Adieu! Adieu!

                   *       *       *       *       *

Und mein Pathgen ist wohl, und Mamagen wills auch bald wieder werden;
ich schwöre dir Lotte, das ist für meinen sinnlichen Kopf eine Marter,
dich als Mamagen zu dencken und einen Buben der ~Dein~ ist und der
einen seiner Namen durch meinen Willen trägt. Ich komme damit nicht
zurecht, ich kann mir's nicht vorstellen, und bleibe also dabey: Lotte
liebe Lotte, es soll alles seyn wie's war, und ist so, und die Meyern
sagt du habest dich auch nicht verändert. Und so grüse und küsse Papa
Kestnern, und er soll mir hübsch schreiben, und du sollst mir auch
hübsch schreiben, wenns Mamagen nicht zu beschweerlich fällt. Hier ist

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