Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band.
by Julius von Voss · German · Gutenberg #48918 · 432,785 chars · public domain (US)
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Title: Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band.
Author: Julius von Voss
Release date: May 10, 2015 [eBook #48918]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FLORENS ABENTHEUER IN AFRIKA, UND IHRE HEIMKEHR NACH PARIS. ZWEITER BAND. ***
Florens Abentheuer
in Afrika,
und ihre Heimkehr nach Paris.
Romantisches Seitenstück
zu den
Begebenheiten des Herrn von Jalonsky,
von
Julius von Voß.
Zweiter Band.
Mit Kupfern und Vignetten.
Berlin, 1809.
Bei Johann Wilhelm Schmidt.
Fünftes Buch.
Erstes Kapitel.
Blick nach dem Heere.
Wir wissen, daß Kuku und Tata geschlagen wurden, aber in einem Gebirge
eine neue gute Stellung bezogen. Daran thaten sie besser als wären sie
vorübergeflohen, und hätten dem Feinde eine große Landesstrecke zum
beliebigen Nießbrauch überliefert. Nun wurde das Heer wieder ermuthigt,
die Verstärkungen aus den Provinzen beeilt, und vor allen Dingen die
Fechtart in Gigis Heer, und die Bewegungen, wodurch das diesseitige bei
den schwachen Punkten angegriffen worden war, fleißig geübt. Kuku war
die Thätigkeit selbst, er hielt sogar Reden. Darkullaner, hieß es unter
andern darin, ihr seid ein Volk von Löwenkraft, von Tygergrimm, von
Felsenhärte, am Feinde erblickt man nur die Stärke des Schakal, die Wuth
der Zibethkatze, die Dauer der Cocosnuß. Dennoch erschlug er unsre
Brüder, und zwang uns zur Flucht. Das macht, ein Geist stand ihm bei.
Können wir den Geist auch beschwören, dann sind wir Ueberwinder. Und
eine Zauberin hat mir schon den Kreis gezeigt, worin er zu bannen ist.
Uebt nur recht fleissig die neue Kampfart, dadurch wird uns der Geist
zugethan, und hört unser Rufen.
Die Darkullaner glaubten, es sei ein Gespenstergeist gemeint, Kuku
verstand aber blos den im Kreise des Schädels. Flore war die Zauberin.
Liebe hatte ihn gelehrig für ihre Winke gemacht, denn sie gebietet der
rohesten Barbarei, und zwar in einer Regel mit wenigern Ausnahmen, wie
bei der zartesten Verfeinerung. Nur noch ein Paar muthige fröhliche
Schritte weiter, und dieser Sultan konnte der Manco Capac seines Volkes
werden, und zum Erzieher einer wilden Menge eignete er sich darum schon,
weil er von selbst darauf fiel, einigen moralischen Hokuspokus
anzubringen, und dennoch nicht dabei Gefahr lief, von der Weisheit
verlacht zu werden. So lernte Jetros Schäfer Gutes und Wahres in
Egypten, wollte es einem Haufen verächtlicher Sklaven mittheilen,
zündete bald einen Busch an, bald stieg er, ein majestätisch Ungewitter
merkend, auf den Sinai. Manches Jahrtausend nachher hielten die Genies
Rousseau und Schiller diesen edlen Betrügereien noch Lobreden. So wurde
Romulus von einer heftigen Tendenz des Willens getrieben, ein großes
Reich zu stiften, bei der Nachwelt vergöttert zu sein, und nur ein
Häuflein Lumpengesindel konnte er um sich sammeln. Er log ihnen die
Inspiration der Nymphe Egeria vor, (wobei, wenn man Lust fühlt, poetisch
zu ahnen, sich immer eine begeisternde Geliebte denken läßt) und noch
steht das Quiritenvolk als das Maaß des Größten da, wenn wir die
Erscheinungen der Geschichte prüfen. So spürte ein morgenländischer
Kameeltreiber dasjenige Krafttalent in seinem Innern, das das Große
leicht fühlt, und die Zeit, die einen Völkerverein wollte, da
anarchische Gräuel wütheten:
Die ungestüme Presserin, die Noth,
Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten
Gedient ist, die die That will, nicht das _Zeichen_,
Den Größten immer aufsucht und den Besten,
Ihn an das Ruder stellt, und müßte sie ihn
Aufgreifen aus dem Pöbel selbst -- die setzte ihn
In dieses Amt und schrieb ihm die Bestallung.
Er fütterte Tauben aus dem Ohr, und ließ den Brunnen zuwerfen, in
welchem ein versteckter Sklave Gottes Stimme nachahmte. Gleichwohl wird,
wenn einst die turcomannische Aufklärung hereinbricht, (unter Sultan
Selim wollte ihr Morgen schon ein wenig dämmern) und Spötter lange genug
den Witz eines voltairischen Stachels an dem Araber übten, doch
späterhin ein Fichte im Turban auftreten, welcher beweist: nur in
solcher Form hätte einst der Islamismus auftreten können, und daß besser
wie alles Wissen sey, die _Tauben_ auf _Glauben_ für den heiligen Geist
zu nehmen.
Doch unser Kuku sollte bald fallen.
Wenn aber bei aller Gelenkigkeit zum moralischen Fortschreiten, noch
dann und wann ein Bleiklumpen seinen Fuß zurückhielt, darf uns das nicht
befremden. So konnte er auch den Gedanken an Osmanns Kopf nicht tilgen.
Gesetzt auch, er hätte es über sich vermogt, die trotzige Rache wider
Gigi aufzugeben, so ging die Prophezeiung ihm zu nahe an, und daran noch
nicht zu glauben, war für Kuku zu früh. Man kann also einen Strauß von
Blumen, die der Geliebten Hand pflanzte, oder eine Locke ihres seidnen
Haares, nicht sehnsüchtiger erwarten, wie Kuku das von der Sultanin
erflehte Geschenk. Daß sie es ihm verweigern würde, glaubte er nicht.
Es muß hier nachgeholt werden, daß vor einiger Zeit Lolo, der die
auswärtigen Angelegenheiten besorgende Minister, ins Lager gerufen ward.
Er sollte wo möglich, mit Habesch (in unsern Geographien meistens
Abyssinien genannt) einen Schirm- und Angriffsbund schließen. Er hatte
in einer geheimen Unterredung aber dem Sultan gesagt, das Verfahren der
Nene könnte viele Uebel über das Land bringen, selbst den Zunder innerer
Kriege in Brand stecken. Viel reine Wahrheit lag darin wohl. Allein
reine Wahrheit von geliebten Personen berichten, heißt bei den Liebenden
sie anschwärzen. Kuku verstand, wo Nene im Spiele war, keinen Spas, und
ließ seinen Minister entzungen. Daß er nun so leicht keinen
Wahrheitsager wieder fand, versteht sich. Uebrigens sollte auch dabei an
Lolo ein Exempel von Belang gelten, denn schon zuvor hatte sich eine
Stimme gegen Nene vernehmen lassen, wenn die, welche sie erhoben, schon
nicht so kühn waren, wie der Minister, und mehr zu errathen
aufforderten, als sie selbst aussprachen.
Endlich wurde der langeersehnte Kürbis überbracht. Diese ausgehohlte
Frucht vertrat nämlich in Darkulla die Stelle der Kisten.
Der Bote, welcher den Kürbis trug, hub an: Esel aller Esel, Sohn --
Weg mit dem Titel, unterbrach ihn Kuku, Nene liebt ihn nicht, er mag
wegfallen. Nenne mich Sultan Kuku.
Wohlan, Sultan Kuku, ich bringe dir des Caffern Osmanns Kopf.
Kuku sprang so lustig umher, bei der Nachricht, wie einst der Feldherr
Suwarow, wenn er ein Belobungsschreiben seiner Kaiserinn empfing. Dann
riß (grelle Wildheit, die noch in dem Barbaren hauste) er den Kürbis
auf, nahm den Kopf heraus, tanzte wieder und küßte ihn sogar. Woher die
Hiebe auf dem Gesichte, fragte er den Mann. Der Caffer wollte sich nicht
geben, setzte sich kräftig zur Wehr, und konnte nur von Wunden
zerfleischt, niedergeworfen werden, hieß die Antwort.
Wenn schon, rief Kuku, ist der Kopf nun doch in meiner Gewalt. Und
gleich will ich ihn auch der tückischen Feindinn hinübersenden. Ein
Offizier wurde auch sogleich befehligt, ihn an die nächste Vorpost der
Beduinen abzuliefern.
Als der Offizier bald seinen Weg vollendet hatte, sahe er die Königinn
mit einem zahlreichen Gefolge daher reiten. Sie untersuchte die Ordnung
der Wachenkette. Da für das gegenwärtige Geschenk eben keine goldene
Dose, oder Diamantenaigrette zu erwarten stand, so eilte der Darkullaner
um so mehr, den nächsten Soldaten zu erreichen, warf den Kopf in den
Sand, und rief ihm blos zu: das deiner Königin vom Sultan Kuku. Sie darf
der Geschenke mehrere hoffen. Nun wendete er sein Pferd, und trieb es
schnell davon.
Gigi hatte aber den Offizier bemerkt, und da sie ohnehin an Kuku etwas
sagen lassen wollte, so schickte sie einige Adjudanten ab, wie sie ihn
umkehren sah, ihn wieder zu rufen. Jener spornte desto mehr, hatte aber
den Unfall, mit dem Pferde über eine Vertiefung zu stürzen. Nun hielt
man ihn an, sagte aber: er hätte nichts zu fürchten, solle nur eine
Bothschaft an seinen Herrn mitnehmen.
Der Darkullaner fürchtete nur zu viel, denn in dem Augenblicke ging
jener Soldat auch zu Gigi heran, den Kopf zu überbringen.
Gigi war so von Ahnung, Entsetzen und Abscheu durchdrungen, daß sie bei
dem Anblick unvermögend war, im Sattel zu bleiben. Ohne Unterstützung
wäre sie zu Boden gesunken. Sie winkte stumm gegen den Soldaten hin,
noch zurückzubleiben, sie wollte erst Fassung sammeln, denn ihren ganzen
zerrissenen Zustand im Gemüthe, sollte das Gefolge nicht sehn.
Doch wenn der große Charakter im Kampf mit seinem Schmerz unterläge,
wäre ihm ja der gewöhnliche ganz gleich. Wenigstens muß er die harte
Kunst verstehn, den Schein zu verbergen. Nach einigen Sekunden schon,
fragte Gigi: wessen Kopf brachtest du, Darkullaner? -- Des Caffern
Osmann, gab er bebend zur Antwort.
Ein Ausruf des Schreckens, ein neues Wanken, Gigi wandte das Auge hinweg
-- doch auch das wollte die Königin sich nur zwei Augenblicke gestatten.
Dann rief sie: es ist geschehn! Edelstein an Edelstein fügt zu einem
Becher. Darin setzt ihn in meinem neuen Marmortempel bei. Ich gebe dir
den Tod nicht, Bote, aber melde deinem Herrn, noch könne er der Rache
entfliehn, wenn mir wenigstens Mustapha lebend gesandt würde.
Der Darkullaner schwang sich eilig wieder auf sein Roß. Kaum glaubte er
dem eignen Munde der Sultanin, Gnade.
Diese blickte hin auf das Haupt, schauderte, rief aber plötzlich wieder:
holt den Darkullaner zurück!
Der arme Teufel spornte aus Leibeskraft, war aber dennoch bald
eingehohlt, und mußte abermals vor Gigi. Aber statt er Widerruf der
Milde, und unerhörte Foltern erwartete, hatte sich das Antlitz der
Siegerin freundlich geröthet. Dein Sultan, rief sie, wollte mir nur
einen Schrecken bereiten. Es ist Osmanns Haupt nicht. Wunden sollten es
entstellen, daß ich getäuscht würde. Kuku ist nicht so grausam, seine
Drohung zu vollziehen. Entbiete ihm tausend Dank. Entbiete ihm aufs Neue
Friede, und Erstattung aller Uebel, die dieser Krieg über seine Länder
brachte.
Mit diesem Bescheid mußte der Bote zurück, dem die Brust mächtig leicht
wurde, als er das Lager der Beduinen nicht mehr sah.
Der Becher aus Juwelen wurde nicht verfertigt, und der Kopf fand ein
einfaches Grab im Sande.
Wenn sich der ästhetische Sinn des Lesers, zu sehr daran stößt, daß hier
so viel von einem Kopfe geredet wird, so hat der Verfasser zwei
Entschuldigungen. Einmal ist die Szene Afrika, und der Verstoß gegen das
Kostüm könnte vom Kunstrichter mit Fug gerügt werden, wenn nur Köpfe auf
Rümpfen hier die Bühne zierten. Ferner ist man immer noch gegen das
Wiener Theater der Kaiserstadt Deutschlands diskret. Denn dort wird gar
eine Oper, _Lisaura_ betitelt, dargestellt, worin ein Kopf Cavatinen
singt.
Zweites Kapitel.
Kukus zorniger Eifer.
Ein Europäer ist gar keiner Vorstellung von der Freude fähig, welche
Kuku empfand, nachdem ihm jener Kopf übergeben und dann an Gigi
gefördert ward, selbst nicht einer aus den Geringeren, wo man sich noch
in der Lust und im starken Getränk berauschen kann. Von vornehmen
Männern aus diesem Welttheil ist nun gar nicht die Rede. Die wissen nur
zu lächeln, zu versichern, sie waren _enchantirt_, bei frohen
Ereignissen, und im Champagner trinken sie bloß sich krank. Kuku ließ
nicht nur alle Vorräthe von dem berauschenden Thau ausspenden,
unbekümmert, ob man hernach Mangel leiden würde, sondern auch
Lustgefechte im Heere anstellen, wobei wohl tausend Mann blieben. Seine
Klugheit rechtfertigte noch dazu diese Ergötzlichkeiten, wie eine
bewährte Uebung der Tapferkeit. So hatte ein preußischer (alt-)Oberst
ein Freibataillon geworben, und stand zum erstenmale damit gegen den
Feind. Man hatte ihm hinter einer Anhöhe seinen Posten angewiesen, oben
wurden nur beobachtende Wachen hinbefehligt, die hinter Sträuchern auf
dem Bauche lagen, um zu sehn, ohne gesehen zu sein. Allein der Oberst
änderte die Weisung des Feldherrn, und stellte seine Leute am Rande der
Anhöhe frei auf. Der Feind, welcher Kanonen in der Nähe hatte, wußte gar
nicht, warum er die gute Gelegenheit, seine Artilleristen zu üben,
ungenützt lassen sollte? Sie zeigten auch gar bald, daß ihre Schulen
gemacht wären, und das Freibataillon bekam manche Lücke. Nun schickte
der General, der das seltsame Schauspiel von ferne gewahrte, im vollen
Sprung einen Adjudanten ab, der anfragen mußte: was denn das bedeute?
Nichts, gab der Oberst zur Antwort, ich gewöhne sie nur ein wenig ans
Feuer. --
Genug, Kuku feierte Lustschlachten und Bankette, hatte sich selbst kaum
wieder von einem der wildesten Jubelräusche, die jemals getrunken worden
sind, ernüchtert, als sein Bote zurückkam.
Die Erzählung befremdete ihn, daß Jener die Sultanin selbst gesprochen
habe, das Ende des Berichtes setzte ihn in eine desto heftigere Wuth,
als erst seine Genugthuung ungemessen war.
Wie, Nene hätte mich betrogen? Soll ichs glauben? Könnte die liebliche
Schlange -- -- und Gigi spricht: ich wäre zu gut, einen Caffernkopf
abzuschneiden? O den Hohn soll sie mir bezahlen, diese Beschimpfung,
dieses Vergessen, was sie dem Sultan von Darkulla schuldig ist. O meine
Truppen mehren sich täglich, und lernen die neue Kriegerkunst. Habesch
nährt meine Hoffnung auf einen Bund. Bald werde ich das Felsennest
meiden, und im freien Gefilde den Kampf erneuen. Vielleicht tanz ich am
Siegestage mit Gigis Kopf in der Hand, -- -- -- --
Er vollendete nicht. Tata trat eben in sein Zelt. Schon hatte dieser des
Boten Meldung gehört. Wirklich Bruder, hub er an, schien es mir Osmanns
Kopf gleich nicht zu sein. Ich sah den Caffern zu oft, um die Gestalt
nicht in der Erinnerung aufzubewahren. Heller ist die Farbe des
Gesichtes und schwärzer der Bart. Dich nicht zu kränken, schwieg ich.
O Mahomed! O ihr goldnen Esel des Paradieses! Was soll ich beginnen?
rief Kuku.
Tata erwiederte: Ritze dir vor allen Dingen mit deinem Dolche eine Ader
auf, daß der Zorn dir ausströmt.
Kuku that es auf der Stelle, denn er fand den Rath gut, und er ist es
auch wirklich bei Wilden, bei deren Constitution es ohnehin auf ein
zwölf Unzen Blut mehr oder weniger nicht ankommt.
Während der Lebensquell im Fließen war, fuhr Tata fort: Nun glaub ich
auch, du wirst einem Sultan anständig von der treulosen Cafferin reden
können. Sonst müßte selbst dein Bruder für seine Zunge fürchten.
Wie, und du erfrechest dich, die Cafferin treulos zu nennen? rief Kuku
noch sehr empört.
Tata zog sich etwas zurück, und erwiederte: Es floß noch zu wenig, nur
noch einer Kokosnuß voll, du wirst einsehn, daß die treulos sein müsse,
die den nicht enthaupten mag, von welchem geweissagt ist, er würde, wenn
er lebte, deinen Thron besteigen.
Kuku rief weinend: Freilich, freilich, freilich scheint es so, aber ist
es nicht, diese Sonne sendet nur reinen Strahl nieder. --
Tata sagte manches was zur Sache gehörte, wich dabei dem Sultan aus, und
nahm den Dolch vom Boden, fürchtend, jener nähme ihn auf, ihn nach des
Bruders Herzen zu werfen.
Der Fußteppich des Zeltes war schon ziemlich gefärbt, da rief Kuku:
diesen Mond kann keine Finsterniß verdunkeln.
Tata schöpfte Hoffnungen, und raffte seine Beredsamkeit zusammen.
Schon waren alle Tygerhäute, woraus der Teppich verfertigt war, roth, da
rief Kuku: dieser Stern kann sich nicht in die frostige Erde tauchen.
Tata war sehr froh und antwortete: Die Sonne sengt oft die Blüthen des
Mandelbaums, wird bisweilen finster, wie es der Mond auch wird, in jeder
Nacht fahren Gestirne zur Grube.
Ach das ist wahr, gab ihm Kuku zu.
Und jener erneute fest seinen Ausspruch: Die Cafferin ist eine Treulose.
Verbinde mir die Ader, ächzte der Sultan, ich werde schwach.
Tata riß ein Stück von der Eselshaut des Thrones, und wand es um Kukus
Arm.
Der Sultan begehrte Wasser.
Reichlich tränkte ihn der Bruder und legte ihn auf ein erhöhtes Kissen
nieder.
Was soll ich thun? fragte der Sultan.
Dreister antwortete der Bruder: Sultan von Darkulla, einst gebotest du,
alle deine Weiber, selbst die geliebte Gigi zu morden, damit sie denen
von Habesch nicht in die Hände geriethen. Jetzt gilt es mehr. Deinen
Thron, dein Leben. Argwohnt deine Klugheit nicht, was im festen Lande
geschehen soll? O ich hörte viel, fürchtete mehr, und nun erst reicht
mein Verdacht bis in die Hölle. Dieser Osmann hat das Herz der Sultanin
zu beschleichen gefrevelt.
»Das ist nicht wahr, Verläumder! Ein Sklave, ein Sklave! Kann er meinen,
daß die Sultanin ein Weib ist?«
O diese Caffern meinen frech! Gutwilliger, unvorsichtiger König! Warum
hat die Weisheit der Väter die Eunuchen bestellt, aus deren Mitte die
Weiber der Gebieter nicht weichen sollten, in deren Mitte keinem andern
Mann zu dringen vergönnt war? Du gabst Nene das oberste Regiment, und
alle Schranken der Freiheit, nach der dem glühenden Herzen dürstete,
konnte sie sich eröffnen. Warum würde sie einen elenden Kopf verweigern,
wenn nicht -- --
»Höre auf, höre auf! nur einen Dolch senkte ich in meine Ader, du bohrst
Tausende in mein Leben.«
Treue, Bruderliebe, Pflicht gebieten, dir alles zu sagen. Es ist darauf
angesehn, dich beim Volke gehaßt zu machen, empören will sie sich mit
gewaffneter Hand, dich vom Thron werfen, und den Caffern hinaufsetzen.
Folgst du nicht Bruderrath, bist du verloren.
»Mahomed, Mahomed! zu welchem Leiden bin ich gespart! O der Thron ist
nichts, Alles Nene! Meine Länder mag mir der Caffer rauben, nur nicht
Nene.«
O schon ist sie dir geraubt!
»Ist sie, ist sie? Klagt dein Mund sie auch nicht fälschlich an?«
Zeugen sollen beschwören, daß Osmann allein in ihrem Zimmer war. Wache,
Frauen, alles mußte sich entfernen.
»In die Hölle, in die Hölle mit Nene.« --
Endlich fühlst du, wie es dem Sultan ziemt. Gern schont ich deiner
Liebe, und rieth, noch einmal Osmanns Kopf fordern zu lassen. Aber die
schändlich dich betrog, wird neue Ausflüchte finden. Es ist zu spät.
Eine Botschaft an den Senat ist nöthig, gemessener Befehl, Nene den
Gehorsam aufzusagen, und Osmann zu ergreifen.
»O Nene -- Nene!«
Immer noch?
»Aber wer wird den Befehl überbringen, wenn ich ihn erlasse? -- Freilich
muß ich ihn erlassen!«
Ich würde sagen, du selbst, wenn du nicht an Heeres Spitze ständest. So
laß mich ziehn. Ich nehme einige Truppen auf den Nothfall mit.
»Du hast mich überredet. Aber was soll aus Nene werden?«
Giebt sie sich in Gutem, führe ich sie unversehrt in dein Lager; sonst
muß der Sultan aber auch nicht zürnen, wenn ich ihren -- -- --
»Kopf bringe, willst du sagen!«
Das ist nicht des Sultans Stimme, der brausende Jüngling fuhr auf: Rufe
den Stolz der Väter! Laß den Sultan reden.
»Bringe ihren Kopf, so bin ich all der Verwirrung frei!«
Es lebe der edle weise Sultan von Darkulla!
Drittes Kapitel.
Coutances und Nene.
Welch gehässig Unrecht der armen Sultanin in Tatas Anklage widerfuhr,
liegt am Tage; aber die Anklagen übertreiben meistens, und wer hoch
steht, folglich viel gesehen wird, muß auch herberen Tadel dulden; wie
auf der anderen Seite, das süße erhabene Lob, was ihn trifft, sich
vervielfältigt. Nicht auf die entfernteste Weise ließ sich an die
Entspinnung eines Liebeshandels unter Coutances und Floren denken. Er,
ob ihm schon ein Theil seiner alten Munterkeit zurückgekommen war,
fühlte immer noch für Isabellen (und zwar seit einiger Zeit wieder mehr
wie sonst,) und ihr war Rings Andenken heißer aufgeregt worden, seitdem
sein Freund ihr Nachrichten von ihm überbracht hatte. Auch stellte sie
manche, gar nicht unmoralische, Betrachtung über die Dankbarkeit an,
welche dem Sultan von Darkulla für so viel Liebe, Güte und Vertrauen
gebührte, und wenn sie Ring vergessen mußte, so hatte Kuku die
allergegründeten Ansprüche auf Gegenliebe, er mogte schwarz sein oder
nicht.
Zudem waren Beide von bedenklichen Umständen angefeindet, mußten gegen
die Fremdheit, gegen das Vorurtheil und andere Hindernisse kämpfen,
wobei man denn nicht leicht an Etwas denkt, woran man sich sonst
allenfalls würde erinnert haben. --
Daß die Sultanin beim Volke eine Mehrheit für sich gewann, daß der
Franzos und der Spanier werkthätig für die Landeskultur waren,
berichtete das Ende des ersten Theils. Flore hoffte um so mehr Gutes,
als Kuku zeither so viel Billigung geäußert so viel Empfänglichkeit für
den Geist des Weiterstrebens in stummen Zeichen an den Tag gelegt hatte.
Endlich dachte sie, erleuchte ich des Schwarzen innere Dunkelheit ganz,
und dann muß das Licht nothwendig schon mit Edelsinn und Zartgefühl in
Bund treten. Dann läßt mich Kuku ziehn, und giebt mir eine Bedeckung
nach Egypten. Mein Name wird dann in Darkulla von Enkel zu Enkel
gefeiert werden. Wäre aber Ring todt, dann blieb ich wohl, ob es schon
meine Muhme in Paris[1] sehr bekümmern würde.
Vollkommen unschuldig standen die Sachen zwar, als schon jener Befehl,
welcher am Ende des ersten Theils gemeldet wurde, eintraf; gleichwohl
hatten der Antheil, den Flore schon früher an Coutances nahm, die
Freundschaft desselben mit Ring, der Nutzen, welchen er ihr schon in
Darkulla leistete, und fernerhin leisten konnte, ihn ihr theuer gemacht.
Nun sollte sie, so lautete Kukus Flehen, (denn damals flehte er noch)
sein Haupt einschicken. Fürchterlicher Auftrag!
Es nicht thun, Kukus Flehn verspotten, reizte den Zorn des Mächtigen,
und an die Erfüllung seiner Bitte konnte sie gar nicht denken. Was ihr
vollends die Möglichkeit einer solchen Einwilligung raubte, war der
Umstand, daß Coutances, von allem unterrichtet, in ihr Zimmer trat, und
sie beschwor, Folge zu leisten. Ihre Herrschaft, ihr Leben vielleicht
stehn auf dem Spiel, das bin ich nicht werth, theure Landsmännin, rief
er, mein Kopf mag ihre Sicherheit erkaufen. Schweigen sie, gab sie zur
Antwort, und kommen sie nie wieder zu mir, wenn sie einer solchen
Anmuthung fähig sind.
[Fußnote 1: Siehe Begebenheiten des Ignaz von Jalonsky. Berlin, bei
Schmidt 1806, wo der Leser überhaupt Ring und Floren näher kennen lernen
wird.]
Coutances eilte zum Spanier. Diesem war eben angezeigt worden, einer der
Caffern liege außerhalb der Stadt erschlagen. Dem Franzosen stieg ein
verschlagener Gedanke auf. Er eilte hinaus, den Leichnam zu sehen. Haar
und Bart waren den seinigen ähnlich. Starke Wunden entstellten das
Gesicht. Es wurde aus der Noth eine Tugend gemacht, und des Erschlagenen
Haupt ins Geheim dem Spanier überliefert. Coutances sagte ihm: Bringen
sie es der Sultanin, geben sie vor, ich sei der Getödtete, so ist der
Sultan zu befriedigen. Es muß etwas für die Sicherheit Florens geschehn.
Ich verberge mich einstweilen.
Alonzo fand den Anschlag gut ersonnen, und richtete ihn ins Werk. Flore
sank fast ohnmächtig nieder. Sie hatte eben ein Schreiben an Kuku
angefangen, als der Spanier erschien, und nach einigen vorsichtigen
Umschweifen berichtete, Coutances sei ein Opfer der öffentlichen Rache
geworden. Kein Wunder, setzte er hinzu, im Volke wußte man Kukus
Begehren, man konnte unsern Freund als geächtet ansehn. Wehmüthig traure
ich um ihn, da das Schreckliche aber nun geschehen ist, so darf sie auch
nichts abhalten, das Haupt zu übersenden. Schicken sie keinen Brief mit,
so mag der Sultan einstweilen glauben, seine Bitte sei durch sie selbst
erfüllt worden; was sie um so mehr in seiner Gunst befestigt, und den
Verläumdungen ein Ziel setzt, wovon sein Brief meldete. Erfährt er ja
auf anderm Wege, unser Freund sei durch den Pöbel umgebracht, so bleibt
die Behauptung immer übrig, man sei ihnen zuvorgekommen. In andrer Zeit
mögen sie allenfalls die Wahrheit offen bekennen, so stehn sie um so
reiner von einer Uebelthat da.
Sie konnte sich nicht beruhigen, nicht entschließen, Alonzos Vorschlag
einzugehn. Nein, ich will meine Getreuen aufrufen, ihre Zahl ist nicht
mehr klein, die Thäter des Frevels ausmitteln, fürchterlich bestrafen,
und dann Coutances mit dem Leichenpomp eines Sultans bestatten. Der
grausame Kuku soll mindestens seinen Blick nicht am Gräßlichen weiden.
Es gab eine Menge Gründe wider alles das, und Alonzo bot sie auf. Erst
gab es Vorwürfe, er habe den Freund nicht geliebt daß er so schauderhaft
kalter Besonnenheit fähig sei, daß er die ehrwürdigen Reste entweihen
wollte. Alonzo konnte sich leicht mit Geduld waffnen, schwieg endlich am
ersten Tage, nachdem er wenigstens Floren das Versprechen abgefleht
hatte, noch nichts weiter zu thun. Auch am folgenden blieb alles ein
Geheimniß. Am dritten drang er so weit durch, daß Flore ihm überließ,
nach seinem Gutdünken zu handeln. Nun empfing der Bote sogleich den mit
Specereien verpackten Caffernkopf, und Alonzo sagte einem Kammerherrn
leise: Die Sultanin habe in der Stille ihrer innern Kammern, Osmann
tödten lassen. Zugleich bat er ihn, gegen Niemand davon zu reden.
Allerdings erzählten es nun bald Stadt und Land. Coutances verbarg sich
eine Zeitlang bei Alonzo, dann bräunte er sich das Gesicht, um den
Egyptern ähnlich zu sein, von welchen viele unter den Künstlern und
Werkleuten waren, und ging aufs Land. Es rührte ihn innig, wenn er hier
durch Alonzos Briefe erfuhr, daß Flore ihn täglich beweinte. Dies ist
die Lösung der Räthsel in den vorigen Kapiteln.
Viertes Kapitel.
Ein alter Bekannter tritt wieder auf.
Flore weinte also, aber denn doch mit Philosophie, das heißt, sie hörte
nach einiger Zeit auf. Die Genugthuung behielt sie sich vor, einst dem
Sultan zu erklären, sie habe keinen Theil an dem, was mit Osmann
vorgegangen sei, und darauf zu bestehn, daß dem Unglücklichen ein
stolzes Monument errichtet werde.
So vergingen mehrere Wochen, in deren Verlauf sich die Zeichen der
Volksgunst abermals erweiterten. Von dem Ungewitter, das ihr vom Lager
her drohte, fürchtete die arme Unwissende nichts.
Sie sollte zuvor aber noch mannichfach überrascht werden. Früher als sie
es hatte erwarten können, wurde ihr ein schwarzer Sklavenhändler
gemeldet. Sie ließ ihn vor, und es war der ehrliche Musa. Er hatte
treulich Florens Auftrag vollzogen, und in Cairo Ring gesucht. Doch war
dieser schon seit einiger Zeit von dort entfernt, denn er hatte nach
seinem Beruf, den Truppen, die Syrien besuchten, folgen müssen. Und die
Nachrichten, welche den Verlust bei dieser Gelegenheit aufzählten, waren
noch bei Musas Anwesenheit in Cairo bekannt geworden -- dort hatte er
das Unglück gehabt, von den Türken gefangen zu werden. Durch einen
Griechen, der im Umgang mit vielen Franzosen stand, war es dem Neger
möglich geworden, über das alles Kundschaft einzuziehn.
Flore erschrack gar sehr, da die Gefangenschaft bei den Türken, wie man
erfuhr, drückend genug sein sollte, indessen tröstete sie Musa, und
sagte: Es findet sich doch auch mancher wackere Muselmann, und wenn man
sich auf weitere Kundschaft legt, und Nachricht einzieht, wo er
hingekommen ist, so wird er wohl loszukaufen sein. Ich verspreche meiner
Bekannten Beistand, denn für mich selbst ist Syrien zu entlegen.
Jetzt zog der Neger noch einen Brief aus der Tasche. Diesen, sagte er,
hat dein Frank in seiner Wohnung zurückgelassen. Er war für dich
bestimmt, wenn du etwa nach Cairo zurückkämest, und weil ich davon
hörte, mußte ihn mir der Grieche verschaffen.
Flore griff hastig zu, und ihr Herz erbebte, da sie die wohlbekannte
Hand der Aufschrift sah. Mit frohem Zittern erbrach sie das Siegel. Ring
schrieb:
Ich folge den Truppen, welche nach Syrien gehn, und theile ihre
vielseitige Gefahr. Sollte das Glück wollen, daß du Verlorne während
meiner Abwesenheit in Cairo einträfest, so wäre es dir lieb und
nützlich, einen Brief von mir zu finden. Darum schreibe ich diese Zeilen
nieder, so geringe auch die Hoffnung ist, daß sie in deine Hand
gelangen. Den Schmerz dir zu malen, den ich empfand, da ich von den
Pyramiden heimkehrte, und erfahren mußte, dich hätten Mamelukken
geraubt, erlasse mir, ich würde nur meine Wunden aufreißen. Glaube auch,
daß ich nichts unversucht ließ, deinen Aufenthalt zu erspähn. Doch
Kosten, Briefe, da und dorthin, gefährliche Reisen, alles blieb
unbelohnt. Kömmst du bei dem allen aber nach der Hauptstadt Egyptens, so
erwarte mich aus Syrien. Hörst du von meinem Tode, so weine nach Gebühr,
versage aber einem braven Franzosen, der um die Wittwe wirbt, deine Hand
nicht, daß dir kein Beschützer mangle, dich ins Vaterland zu führen.
Erfährst du etwa, ich sei gefangen, wird wohl nur Paris der Ort sein, wo
wir uns wieder treffen. Sorge dann nicht um die Härte meines Schicksals,
du weißt, ich habe den Kampf gegen das Leben bestehen gelernt, und es
giebt keine Lage, in die ich mich nicht muthig und heiter zu fügen
wüßte. Ich werde schon meine Masregeln treffen, daß es mir gelingt,
Frankreich wieder zu erreichen. Schließe dich dann an meine Freunde, und
suche mit dem ersten Schiffe, das nach Europa segelt, abzugehn. Hier
hast du also Weisungen für mehr als einen Fall. Doch ist noch ein
anderer übrig. Du könntest, niedlich, angenehm und verständig, Glück in
eines vornehmen Muselmannes Harem finden, und dies Glück dir durch die
Vorwürfe des Pflichtgefühls, die Erinnerungen der Treue gestört werden.
Nein, dringt etwa dennoch dieser Brief zu dir, so glaube, daß ich dich
um jeden Preis beruhigt wissen mögte. Der Nothwendigkeit muß man
gehorchen. Bist du in einen Harem gesperrt, so verseufze das Leben
nicht. Genieße, und denke nicht weiter an mich als an einen Freund, den
man doch nie hoffen darf, wieder zu sehen. Ich dagegen liebe sicher
keine andre, wenn ich dich nicht wieder finde. Das ist keine Tugend,
kein Heroismus von Liebe und Treue, sondern beruht auf einer winzigen
Kleinigkeit, mir gefällt keine wie du. Es ist weniger ein Wollen, wie
ein Müssen, daß ich, sei es in Afrika, Asia oder Europa, ewig bin
der Deine.
Ring.
Groß-Cairo.
Flore war von diesem Briefe innig gerührt, noch stärker ward der Zug des
Herzens nach ihm, noch lebendiger erwachte Rings Andenken in ihrer
Brust. Weit entfernt, aus der einen Wendung des Briefes, eine Befugniß
in Darkulla zu bleiben, für ihre Ueberzeugungen zu schmieden, sah sie in
der Liebe, von welcher die Wendung ausging, nur ein heiliges Gebot, nach
Befreiung zu streben. Wie wenig stand aber da in ihrer Macht? Sie
herrschte in dem Inneren von Darkulla. Aber hätte sie es zu fliehen, zu
verlassen gesucht, würde der erste Schritt aus dem engen Passe sie
entdeckt haben, denn vor demselben lagerten Truppen, die auf alles was
aus und einging, genaue Obacht führten. Zu einem solchen Vorhaben,
hätten es auch die anderweitigen Schwierigkeiten und Gefahren ausführbar
gemacht, konnte immer die gegenwärtige Zeit nicht gewählt werden.
Sie belohnte unterdessen Musa reichlich, und fragte gleich: in wie fern
er würde ausmitteln können, wo Ring gefangen säße? Er antwortete: Schon
dachte ich diesen Auftrag zu bekommen, und ließ meine Bekannten in Cairo
nach Aleppo Damaskus und Smirna schreiben, denn die Sklaven werden
bisweilen weit verführt. Ich denke, wenn ich mit der Caravane nach
Fezzan komme, wohin ich bald abgehe, einen Brief dort vorzufinden, der
mich benachrichtiget, was die Bekannten erfahren haben.
»Thue alles was du kannst, ihn loszukaufen, ich gebe dir das nöthige
Gold gleich mit, und mehr wie du bedarfst, denn ich kann deiner
Redlichkeit trauen.«
Musa nahm wieder das Wort: Sultanin, auch meine Knechte waren in dieser
Zeit nicht müßig, ja noch glücklicher wie ich! Sie haben Mehemeds Fährte
so rastlos verfolgt, bis sie ihn selbst erreichten. Eben da er über den
Niger kam, denn er ist auch jenseit dieses Stromes gewesen, fingen sie
ihn, und trafen mich auf der Reise hieher, da sie ihn zu mir brachten.
Noch alle deine Kostbarkeiten fand ich auf seinen Kameelen, diese aber,
gehören mir, wie du wohl einsiehst. Nichts veruntreue ich, doch das
meinige lasse ich auch nicht gern fahren.
Behalte alles, rief Flore, ich bedarf dessen jetzt nicht, und kann ich
einst Darkulla meiden, gebührt mir für das seinem Volke erwiesene Gute,
auch nicht mit leerer Hand zu ziehn. Aber wo ist der betrügerische
Mehemed?
Musa rief nach außerhalb, und zwei Neger brachten Perotti geführt. Hier,
redete ihn Musa an, ist die Sultanin, sie wird die Strafe über dich
verhängen.
Perotti blickte auf Floren, ließ einen Ausruf der Verwunderung hören,
faßte sich aber schnell, und stimmte Frohlocken an. So hab ichs
gewünscht, vorausgesehn, den Plan legte ich an, schrie er, und warf sich
vor der Sultanin nieder.
Sie war sehr befremdet über diese unverschämte Herzhaftigkeit, der
Italiener ließ sich aber nicht irre machen, sondern fuhr fort: Bei
deiner Liebenswürdigkeit mußte dir in Afrika hohes Glück lächeln, darum
kauft ich dich nicht los. Dein Vermögen wollt' ich dir bewahren, da es
ja doch der Sklavenhändler genommen hätte; sieh so ein redlicher Mann
bin ich! Auch ist kein Rubin, kein Smaragd abhänden gekommen, was willst
du mehr? Daß mich des Musa Knechte festhielten, dafür konnt ich nicht,
aber ich wollte eben nach Darkulla kommen, dir deine Schätze
auszuhändigen, denn so gebot es meine Gewissenhaftigkeit. Du darfst sie
dem Neger nur abnehmen, und kömmst zu deinem Eigenthum. Hast du je eine
bewährtere Treue gefunden?
Flore fiel ein: Buben fehlt es selten an Gegenwart des Verstandes. Du
meinst doch nicht, ich soll deinen Worten glauben?
Perotti betheuerte von Neuem, und setzte noch hinzu: Wäre auch meine
fürwahr engelreine Absicht, schwarz wie die Hölle gewesen, jetzt hättest
du Grund, sie zu lieben, sie erhob dich auf den Thron von Darkulla.
»O dieser unglückliche Thron! Hättest du mich von Musa erstanden,
vielleicht wäre es mir gelungen, nach Cairo zu kommen!«
Nimmer, nimmer, erhabene Sultanin! Zu keiner Zeit waren die Gegenden
mehr mit Räubervolk überschwemmt!
»Mein Freund, dein Feind, fand hier schmähligen Tod. Das macht mir dies
Negerland, so reizend es die Natur ausstattete, doppelt verhaßt.«
Dein Freund? mein Feind? Wer wäre das? Ich kenne Niemand, der mein Feind
wäre. Ich zum wenigsten liebe die ganze Welt.
»Kennst du den Franzosen Coutances?«
Coutances, er war in Darkulla? Ohne Zweifel Isabellen zu suchen? Und den
nennst du meinen Feind? Wir wetteiferten blos um den Besitz der
Schönheit. Nie konnt ich ihn hassen. Mich freute vielmehr sein Witz,
mich entzückte der verschlagene Sinn, und indem er ihn übte, erhöhte er
auch mein Talent!
»Du bist ein Meister der Verstellung.«
Und dieser brave feurige Coutances wäre dahin? Verzeihe meiner Thräne!
Sie muß ihm fließen.
Perotti weinte so natürlich, daß Flore beinahe getäuscht wurde.
Wenigstens freuten sie die Thränen, welche Coutances geweiht waren. Der
Augenblick ihrer Bewegung traf ein, und sie sprach: Sey ein Verräther,
ein Heuchler, oder nicht, es ist dir verziehn! Was frommte mir deine
Bestrafung? Geh frei aus!
Perotti warf sich von Neuem auf die Erde. Ich bin nicht strafwürdig,
dabei blieb er, also kannst du mich auch nicht strafen. Aber was soll
mir jetzt die Freiheit? Die Schwarzen raubten mir alles. Nimm mich in
deinen Dienst, große Sultanin!
»Dich? ha ha ha!«
Keinen ergebneren, keinen treueren Knecht findest du.
»Ha ha ha!«
Fürwahr, ich kann dir brauchbar seyn. Auf meiner Reise habe ich die
Sitten der Völker dieses Welttheils geprüft, und da ich tiefer in den
Süden drang, wie noch nie ein Europäer, lernt ich auch klüger mich in
den Menschen finden.
»O daran zweifelt bei Signor Perotti Niemand. Und wie fingst du es an,
überall ungestört durchdringen zu können, da so mancher Andere früh
umkehren mußte, oder seinen Tod fand?«
Auch ich machte den Arzt, wie es andre gethan haben, bediente mich aber
lauter kräftiger flüchtiger Reize, die allenfalls im Stande waren, die
Lebenskraft des Hinscheidenden noch für eine Stunde zurückzurufen. So
machte meine Heilkunde oft Glück, so lange ich anwesend war, was nach
meiner Abreise geschah, kümmerte mich nicht!
»O pfui!«
Was thut der Europäer nicht um die Weisheit! Nächstdem hatte ich einige
chemische Apparate, einige Instrumente der Naturkundigen auf meinen
Thieren. Ich hatte vorausgesehn, daß ich mir so den Ruf eines großen
Zauberers und Furcht erwerben könne. Und es gelang mir damit.
Wirklich mögte man glauben, daß wenn ins Große getrieben würde, was
Perotti wohl nur mit weniger Bedeutung that, die Naturwissenschaften
einen unternehmenden Abentheurer gar wohl in Stand setzten, sich unter
den Völkern in Afrika, vielleicht selbst in Asien, zum Religionsstifter
zu erheben; das höchste was bis jetzt unter den Menschen erreicht worden
ist, da die Namen Moses, Confutsee, Zoroaster, Fot, Mahomed u. s. w. die
der großen Eroberer überdauern. Welche für solche Menschen
unbegreifliche Erscheinungen könnte sie nicht hervorbringen, die ihnen
unfehlbar Himmelswunder gölten, und göttliche Sendung urkundeten.
Chemische Prozesse, Elektrizität, Luftschifferei, welche Hülfsmittel zu
diesem Zweck. Vielleicht fällt noch ein ruhmsüchtiger Wagehals darauf.
Noch interessanter ist aber der Gedanke an eine so hohe Stufe der
Naturkunde, die selbst Völkern, wie die gegenwärtig gelehrtesten,
Wunderglauben auferlegen könnte. Und doch wird sie gewiß einst erreicht,
und muß wieder winzig dastehn, gegen das, was die von ihr weiter gehende
Entwicklung offenbaren kann.
O, fuhr Perotti fort, wenn einige ruhige Stunden dazu günstig sind, dann
werde ich erzählen, was ich alles unter diesen Völkern sah, und that.
Aber am meisten werden meine Hörer staunen, wenn ich berichte, was mir
jenseits der Gebürge zu Gesicht kam, die das Auge erst in blauer Ferne
entdeckt, wenn der Pilger hundert Meilen über den Niger hinausdrang.
Wisse, daß hier Nationen hausen, bei denen tiefe Wissenschaft und Künste
mancher Art gar nicht fremde sind. Weiße wohlgebildete Nationen.
Nachkommen der von den Römern vertriebenen Carthager, der vor Belisarius
fliehenden Vandalen und Andere.
Darauf wäre ich wohl begierig, versetzte Flore.
Es wird sich Zeit dazu finden. Wohlan, bleibe in meinem Dienst, wenn du
schon mein Vertrauen nimmer gewinnen kannst.
Jetzt trat auch Alonzo ins Zimmer, der sich nicht wenig über den
Ankömmling verwunderte. Es erhub sich gleich ein Streit unter den
Beiden. Des Spaniers alter Kummer erwachte, und er maaß dem Italiener
Isabellens Verlust bei. Dieser erwiederte: Deine Schuld, daß du mich dem
Franzosen nachsetztest. Flore sagte: Dem sei wie ihm wolle, jetzt müßt
ihr euch versöhnen. Und wie steht es denn um die Nachrichten von
Isabellen, Perotti?
Auf meinem Wege fand ich keine weitere Spur.
Ach sie ist längst hinüber, seufzte Alonzo.
Wir hörten, nahm Flore wieder das Wort, sie sei umgekommen.
Das glaube ich demungeachtet nicht, erwiederte Perotti.
Auch ich nicht, war Florens Bemerkung.
Fünftes Kapitel.
Die schlimme Gefahr naht.
Eben wollte man weiter reden, als ein Darkullaner athemlos
hereingestürzt kam. Sultanin, rief er, ich bin dir treu, und will, wie
Tausend andere, mein Leben in deiner Vertheidigung opfern. -- Du sollst
deiner Macht entsetzt, getödtet werden. So will es der Sultan.
Alles rief bestürzt: der Sultan?
Ja, fuhr der Darkullaner fort, und schon ist sein Bruder Tata zum
Felsenweg herein. Allen die in den Dörfern wohnen, verkündigt er Kukus
Befehl. Hoher Lohn erwartet den, der dich lebend oder todt liefert.
Viele Mächtigen jubeln, aber die Knechte weinen, und berathen, ob sie
sich dir zur Seite stellen sollen? Denn du warst ihnen mild, und sahen
sie es nicht gleich ein, daß sie in dir ihre Beschützerin lieben mußten,
so sind sie nun von ihrem Irrthum zurückgekommen. Viele haben sich im
großen Dattelwald gesammelt. Schicke ihnen einen Anführer, und ihr
Entschluß wird genommen sein. Noch weiß Niemand in der Stadt davon, denn
ich ritt das schnellfüßigste Dromedar todt, um dir noch zu guter Zeit
die Kunde zu bringen.
Mir ziemt Ergebung, sprach Flore gefaßt, der Sultan gab mir diese Macht,
er nehme sie wieder hin, er ist Herr über mein Leben, mir bleibt nichts,
als mit Ruhe zu sterben. Schändliche Verläumdung hat seinen Zorn
entflammt, vielleicht werde ich gehört, kann meine Unschuld darthun.
Hören wird man dich nicht, rief der Darkullaner.
Dies fordert das Recht, versetzte die Sultanin, und ich kenne Kuku.
Aufbrausen kann er, aber leicht erwacht neue Großmuth in seinem Busen.
Perotti wimmerte: Gewiß läßt der Sultan erst deinen Kopf holen, der
verwünschte Gebrauch in Afrika, dann wird man einen Prozeß anstellen.
Sinne auf List, auf Trug, auf Ränke, hintergehe die Gegner.
Greife zum Schwerdt mit deinen Getreuen, rief Alonzo.
Wie, ich sollte das Schwerdt gegen meinen Wohlthäter erheben?
»Ist er es denn auch noch, wenn er elender Afterrede Gehör giebt, und
dich, die Unschuldige, zu verderben denkt. Unter den Waffen laß die
Gründe gegen deine Anklage hören, sonst bist du verloren.«
Flore war tief erschüttert. Wohl bin ichs mir schuldig, sprach sie, auf
meine Rettung zu sinnen, aber wie viele werden mir beistehn, wenn sie
des Sultans Gebot hören?
Durch Gaukelkünste muß das Volk an dich gekettet werden, fiel Perotti
ein.
»Freilich ist alles hier recht, was die Klugheit empfiehlt, doch wollen
wir edle Mittel gebrauchen. Der Sultanin Schönheit, die Anmuth ihrer
Rede, werden, müssen ihr die Herzen gewinnen, wenn sie sich öffentlich
zeigt.«
Perotti billigte diesen Ausspruch, doch setzte er hinzu, ich werde dann
sorgen, daß ihr Eindruck alle Gegenpartheien zermalmet.
Musa wurde gefragt, was er meinte, daß jetzt anzufangen sei? Er gab zur
Antwort: Ich trete nicht auf eine, noch auf die andere Seite, und
entfernte sich.
Flore rief den Obersten der Leibwache. Einen Eid, sprach sie, fordre ich
von dir und deinen Leuten, daß ihr in einer nahen Gefahr, die mich
bedrohen wird, mir beisteht, ohne zu fragen von wannen sie naht.
Was ist da ein Eid nöthig, sagte der Offizier. Das müssen wir ja so, da
wir schon schwuren, dich mit unserm Leben zu vertheidigen.
Wohlan, versetzte Flore, befiehl, daß alles Volk der Stadt sich vor dem
Pallaste sammle. -- Der Eunuche ging ab.
Alonzo entfernte sich einige Minuten. Während dessen trug Perotti einen
Plan nach dem andern vor. Die Soldaten werden dir nicht ergeben bleiben,
sprach er unter andern, wenn des Sultans Gebot ihnen zu Ohren kömmt;
wäre ich wie du, ich ließ ihre Gehörwerkzeuge mit erhitzten Eisen
zerstören, so vernähmen sie nicht, was ausgerufen oder vorgelesen wird.
Die Kammerherrn erschienen. Sie hatten erfahren, daß Nene Sorge
umschwebe. Welche? wußten sie aber nicht, und waren doch unsäglich
neugierig. Zugleich versicherten sie, wie sie außer sich vor Verdruß
wären, nicht jeder Zehntausend Leben und Zwanzigtausend Arme zu
besitzen, um sie in Nenes Vertheidigung lächelnd hinzuopfern. Gleich
aber folgte die Frage wieder: welche Gefahr doch die Sultanin umschwebe?
Da sie mit der Antwort zauderte, fiel Perotti darauf, ihnen gleichsam im
Vertrauen zu eröffnen, daß Sultan Kuku mit der Ergebung, welche das Volk
der Sultanin bezeigte, nicht zufrieden genug sei. Er wolle durchaus, ihr
solle unterwürfiger wie ihm selbst gehorcht werden, sogar gegen sein
Gebot solle man ihr treu bleiben. Um zu prüfen, ob auch dieser strenge
Wille befolgt sei, würde Tata mit Kriegern erscheinen, und das Volk
aufrufen, der Sultanin nicht mehr gehorsam zu sein, ja sie gefangen
auszuliefern; wer nun gehorchte, dessen Kopf würde in Kukus Lager
gebracht.
Die Kammerherren eilten was sie konnten, das auszustreuen, und von Mund
zu Mund lief die Warnung, ja nicht nach Tata zu hören.
Alonzo kam zurück. Heitrer wie zuvor suchte er Nene Muth einzusprechen,
und setzte hinzu: Es wird jemand, von dem du es gar nicht hoffest, zu
deiner Hülfe eilen.
Das Volk fing jetzt an, sich in dem Pallasthofe zu sammeln. Man hörte
sein dumpfes Murmeln, sahe die Bewegungen, welche den lebendigsten
Antheil, und verschiedne Partheinahme ausdrückten. Der treue Schwarze
mußte hinunter, und die Gespräche näher hören. Er kam bald zurück, und
berichtete: wie das listige Vorgeben wenig Glauben gewinne, vielmehr
sagte man sich: wenn Kuku seinen Bruder schicke, die Sultanin
abzusetzen, geschehe es, weil sie so manche ehrwürdige Einrichtung über
den Haufen geworfen habe.
So weiß ich noch eine andere List, rief Perotti, und diese wird
gelingen. Er rannte bei diesen Worten hinaus.
Welche List steht uns zu Gebote? sprach Alonzo. Ja, hätten wir
mancherlei Gegenstände aus Europa, so sollte sich Nene wie eine
Wunderthäterin, wie eine Gottgesandte zeigen. Eine große
Elektrisirmaschiene im Pallast verborgen, einen Draht unbemerkt
hinausgeführt, und so dem ganzen zusammengedrängten Volke einen Schlag
versetzt, während auch noch ein künstlicher Donner ertönte; eine
Engelgestalt aus Wachstaffent mit ärostatischem Gas gefüllt, in der
Nacht an einem dünnen Faden zur Höhe gelassen, und dann vor dem
Angesichte des Volks majestätisch in den Pallast herabgezogen, daß jeder
wähnte, ein Himmelsbote brächte der Sultanin Gottes Befehl, das könnte
mächtig wirken. Aber woher nähmen wir das alles?
Man sieht, daß ihr ein Spanier seid, versetzte Flore, auch eure List
trägt den poetischen Stempel. Mag es seyn wie es wolle, ich muß
versuchen, was mein Anblick, meine Rede auf den rohen Haufen wirken.
Sie trat nach diesen Worten auf eine Art Balkon hinaus, machte eine
grüßende Bewegung, und hub dann an mit Würde zu sprechen.
Doch ein geringer Theil empfing sie nur mit Freudengeschrei, ein anderer
mißbilligte das Stille gebietend, so entstand ein unordentliches
doppeltes Geräusch, das Florens Rede ungehört machte. Die unzufriedene
Parthei unterhielt den Lärmen absichtlich, und verletzte die
Ehrerbietung mit Frechheit. Flore eilte endlich zurück in den Saal, rief
erzürnt ihre Wache, und befahl ihr, muthig die Unverschämtheit zu
strafen.
Indem hörte man die Ankunft eines Herolds, der sich auf einem
darkullanischen Instrumente hören ließ. Vielleicht kömmt er zu mir,
dachte Flore, allein er hielt im Hofe, gebot Aufmerksamkeit, und rief
das Volk auf.
Die eben hinausgestürzten Eunuchen hörten auch auf den Herold, der nun
in Tatas Namen verkündigte: das Volk solle der Cafferin Nene Kopf, die
nicht mehr Eselin der Eselinnen sey, an Tata liefern. Weigerte man sich,
so würde er, schon nach zwei Tagen hier, die Stadt in Brand setzen, und
alles ermorden lassen.
Unentschlossen zauderte das Volk, doch einige Glieder des Divan, die
sonst immer noch treulich auf Nenes Seite gestanden hatten, riefen
furchtbar: Wir müssen gehorsamen!
Sogleich wälzte sich der rebellische Haufe dem Pallaste zu, selbst die
Eunuchen widerstanden nicht.
Jetzt war Perotti wieder ins Zimmer der Sultanin gekommen, die in der
That an ihrer Sache verzweifelte. Hinaus, rief er, noch einmal hinaus,
in diesem Augenblicke wird es gelten. Dabei änderte er einiges an ihrem
Haarschmuck, was sie kaum bemerkte.
Sie trat wieder auf den Balkon, und mußte den letzten Rest ihres Muthes
aufrufen, um nicht vor Schrecken über die unbändige auf ihr Leben
herandringende Masse niederzusinken.
Aber o Wunder! Plötzlich stand die Menge, das Wuthgeheul schwieg, die
mordlustigen Blicke waren erheitert. Ein kurzer Freudenruf, dann
allgemeines Verstummen.
Flore begriff diese schnelle Veränderung durchaus nicht, nützte sie aber
mit voller Geistesgegenwart, und hielt eine Rede voll Hoheit und
Rührung. Jedes Wort drang ein, alles rief: wir haben unsere Eselin
wieder! Heil der Eselin aller Eselinnen!
Der Divan rief am lautesten, die Eunuchen der Wache drohten
niederzubohren, was noch einen Schritt gegen den Pallast wagte.
Schwört mir, rief Flore, bei dem Propheten, neue Treue! -- Sie schwuren
alle. So nur könnt ihr eurem Sultan gefallen, setzte sie hinzu. Ich weiß
besser wie ich mit ihm stehe, wie selbst sein Bruder. Und nun
auseinander, zu euren Wohnungen!
Alles zerstreute sich sogleich, und Flore kehrte zurück.
Seht ihr, rief Perotti aus, indem er den Angstschweis von der Stirn
tilgte, seht ihr, es war wohlgethan, mich in euren Dienst zu nehmen.
Euer Leben rettete ich. Er faßte hierauf wieder nach ihrem Haupte, und
nahm die zwei Ohren der Leibeselin herunter, die er vorhin ihr unbemerkt
aufgesteckt hatte.
Nicht wahr, ein gescheuter Einfall, daß ich vorhin in den Marstall
schlich, und die Ohren holte? Sie haben das ganze Wunderwerk vollbracht.
Floren mischte sich Verdruß in die Freude, doch hatte sie einmal mit den
Eselsohren dagestanden.
Ich rathe, sprach nun Alonzo, die Stadt in Vertheidigungsstand zu
setzen. Tata und seine Krieger dürften nicht so bald zu umwandeln seyn.
Flore war das zufrieden. Das Volk mußte einen Wall und einen Graben
aufwerfen, spitze Pfähle erschwerten den Zugang. Alonzo leitete diese
Arbeiten, und als Tata erschien, war man schon zu einer Belagerung
vorbereitet.
Der treue Schwarze war auch thätig, und versicherte Floren, nun die
Städter ihr bei Mahomeds Namen Treue geschworen hätten, könne sie auch
darauf bauen, daß sie ihr Leben für sie wagten, und nichts sie
erschüttere.
Wohin soll das aber führen? rief Flore. Ich will keinen inneren Krieg,
Blut soll um mich nicht strömen. Alonzo entgegnete: und doch wird es
nicht mehr zu vermeiden seyn, es wäre denn, Tata ließe mit sich
unterhandeln, und berichtete an den Sultan zurück. Unter den Waffen aber
unterhandelt es sich am nachdrücklichsten.
Flore erließ Proklamationen an das Volk, die Alonzo aufgesetzt hatte,
und prächtig klangen. Neben aller Würde, vergaß man doch nicht, der
Menge darin zu schmeicheln. So gering auch die Portion ist, die bei
solcher Gelegenheit auf den Einzelnen fällt, so wachsen doch die kleinen
Theile von Erkenntlichkeit wieder zu einem namhaften Ganzen an.
Tata dagegen, wie er mit seinen Kriegern, und dem an sich gezogenen
Landvolk die Verschanzung umzingelt hatte, sprach in wüthenden
Manifesten, die bei furchtsamen Nationen vortrefflich seyn mögen, bei
andern aber, wohin hier unsre Darkullaner gezählt werden können, ganz an
der unrechten Stelle sind.
Doch nahm beinahe ein gewisser Umstand eine günstige Wendung für Kukus
Bruder. Die Eselin nämlich, welche durch Perotti um ihre wohlgeformte
Ohren gekommen war, die Leibeselin in den Hofmarställen, hatte in
Darkulla eine gewisse Weihe, einen Mysticismus aus den Zeiten der
Abgötterei her, und noch hatte der Islamismus, wie wir schon oben
bemerkten, diese Spuren nicht verdrängen können. Ueberhaupt ist die
Ideenmengung bei den Religionen so gar ungewöhnlich nicht, und es dürfte
keine einzige geben, die nicht mehrere Grundzüge einer anderen in sich
aufnähme. Darüber ließe sich hier der Schein tiefer Gelehrsamkeit
annehmen, wenn man berühmte aber dennoch nicht sehr gekannte
Schriftsteller ausschreiben wollte. Ohne aber mit einem Bailli oder
Volnei zu untersuchen: ob der Esel von Darkulla, mit einem äthiopischen
Mythos zusammenhängen mögte, sei es genug, zu melden, daß sein Stall
eine Art Tempel war, und daß dieser nach Ahnen, Tugend und Anmuth
gewählte Erzesel, sogar Priester zu seinem Cultus hatte. Nur an hohen
Festen durfte ihn der Sultan besteigen. Krankheit und Tod dieses Thieres
galten unglückliche Zeichen dem Lande; sein Wohlsein, muntrer Appetit,
sein muthiges Hintenausschlagen frohe Verkündigung.
Wenn nun unser Italiener im Augenblicke der Noth auf den Einfall kam,
der Sultanin des Landes edles Simbol in das Haar zu pflanzen, so
enthielt er die Genialität glücklicher Erfindung, denn der Gradsinn sah
reuiges Hinwenden zu dem Ehrwürdigen, der Aberglaube vielleicht gar den
Arm des Himmels in dieser Erscheinung. Allein Florens Unstern führte den
Italiener grade zu dem heiligen Thiere, ein unerhört schrecklicher
Umstand. Der Stall war eben ledig, und so wurden die Ohren schnell genug
und unbemerkt abgelöst. Nach einer Stunde etwa sprach Perotti mit dem
Spanier über die vollbrachte List, und dieser fragte: wie er doch so
geschwind zu den Ohren gekommen sei? Jener zeigte auf den Stall.
Alonzo schlug die Hände über dem Haupte zusammen. Wir sind alle
verloren, wenn das kein Geheimniß bleibt, rief er aus, und erklärte dem
Italiener, was er, bei längerem Aufenthalt in Darkulla, genauer, wie
dieser kannte.
Dieser lief in der Angst mit den Ohren wieder hinunter, bediente sich
eines Baumharzes aus dem Pallastgarten, und klebte sie so gut wieder an,
als es sich im ersten Augenblicke thun ließ. Zum Glück waren die
Priester und Knechte, des Auflaufs wegen, nicht in der Nähe.
Unentdeckt konnte aber die Sache nicht bleiben, und es war höchst
gefährlich, irgend jemand in die Mitwissenschaft zu ziehn. Es wurden
daher die gewöhnlichen Knechte des Esels entfernt und Perotti fütterte
und putzte ihn an ihrer Stelle, wodurch man der Entdeckung auswich. Auch
mußte Flore vorgeben, ein besonderes Gefühl der Verehrung des heiligen
Esels sei über sie gekommen, und sie wollte ihn huldigend mit einer
köstlichen Krone schmücken. Diese wurde in Eile aus Gefieder und
Juweelen gemacht, und sie bedeckte den Oberkopf so, daß weder ein Organ
daran vermißt wurde, noch sein defekter Zustand in die Augen fiel.
Perotti ließ sich sogar die priesterliche Würde geben, um bei Aufzügen
das Thier zu führen. So wurde jedermann davon entfernt.
Das alles aber reizte die Neugier eines andern Priesters, der gleich
vermuthete, es müsse hier eine Heimlichkeit verborgen sein, die man zu
offenbaren fürchtete. Er versteckte sich also eine Nacht hindurch in dem
Tempel, untersuchte das Thier, und fand die Verstümmlung auf.
Er war außer sich vor Freude, und das aus folgenden Gründen: Die
Eselspriester hatten ewige Controversen mit den Mahomedspriestern zu
bestehn, denn diese wollten jene, wie die ganze Eselsverehrung, als
unrein und unerlaubt austilgen. Bei den Controversen übt sich der
Verstand und nimmt einen ungewöhnlichen Flug, während die Vorurtheile
sinken. Der Mann, von welchem wir gegenwärtig reden, war jung, feurig,
der Priesterschaft gram, und hatte sich in Floren, die er oft sah,
heftig verliebt. Augenblicklich durchschaute er den Plan mit jenen
Ohren, und baute darauf einen Plan für das Glück seiner Liebe, oder noch
wohl höherer Wünsche. Er ließ sich kurz nach seinem Auffund bei Floren
melden.
Sie nahm ihn, umringt von einigen Staatsbeamten, an. Er bat um Gehör
unter vier Augen. Dem Priester versagte sich das nicht wohl. Nun warf er
sich nieder, und bekannte unverschämt und ohne Hehl seine Leidenschaft.
Flore fühlte sich heftig entrüstet. Schon der Akt an und für sich mußte
sie empören, und ihr war auch bekannt, daß die Eselspriester zum
ehelosen Stand, zur strengsten Enthaltsamkeit der Liebe verbunden waren.
Und du erfrechst dich -- hub sie mit strafendem Eifer an, aber der Neger
ließ sie nicht weiter reden, sondern fiel ein:
Erhabne weise Sultanin, oder vielmehr schönste der Weiber im
Menschengeschlecht, du herrschest hier durch die Kraft der Gesetze, auch
meine Macht ist nicht geringe, sie ward auf die Gewalt des Wahnes
gegründet, und diese überbietet oft sogar jene.
»Und du erdreistest dich, die Religion Wahn zu nennen?«
Schöne Königin, du glaubst an die Göttlichkeit der Esel nicht, nur das
Volk sichrer zu lenken, erzeigst du ihnen Verehrung. Noch mehr wie du,
lache ich, der Priester, über die Gaukelei. Aber wenn wir uns im
Zutrauen begegneten, welche Ketten, dauernd, und fest, würde unser
Verein den vornehmen und niederen Sklaven schmieden können. Die, woran
du das Volk lenkest, droht zu brechen, weil du die meinige zertrümmern
willst. Ich kann dir ersprießlicher als irgend ein Darkullaner oder
Caffer sein. Ich will die Herzen gewinnen, die Ueberzeugung fesseln.
Nicht nur gemeinschaftlicher Vortheil, auch Liebe, die heißeste, die je
im heißen Afrika einen Busen durchglühte, Liebe, Liebe betet dich an.
Verwirf sie nicht, und ich lehre dir, dem Zorn des Sultans Trotz zu
bieten.
Verruchter, rief Flore, ich höre auf, deinen Stand zu achten, und strafe
nur den Frevel.
Stolz erwiederte jener: Das würdest du vor dem Volke verantworten
müssen.
»Für niemand wird es sich einlegen, der seine hohe Würde entheiligte.
Ich rede schon zuviel mit dir. Wache!«
Noch Eins! Ich kann dich verderben. Das Geheimniß ist mir bekannt, wie
neulich die wüthende Menge beruhigt wurde.
Flore erschrack.
Der Priester bemerkte es schadenfroh, und setzte hinzu: Verwirfst du
mich, schreie ich der mich verhaftenden Wache zu: die heilige Eselin ist
der Ohren beraubt, geschändet, Weh über Darkulla, wenn sie nicht gerächt
wird! Preise dein Geschick, daß ich über die Eselin lache, daß Liebe mir
höher gilt, wie Possen, sonst wärst du schon verloren.
Flore sah den Abgrund, der vor ihr gähnte, sie dachte: Besonnenheit
allein kann mich retten, zog einen unter dem Kleide verborgenen Dolch
hervor, und stieß ihn dem Priester in die Brust. Eine That, welche die
grausam dringende Nothwendigkeit, und das nichtswürdige Betragen des
Bonzen ihr erleichterten.
Er sank hin, sagte aber sterbend: Es wird dich reuen, schöne Tyrannin.
Kein Eingeborner durfte ins Zimmer. Alonzo und Perotti wurden schnell
gerufen. Verbergt den Leichnam, schnell, schnell!
Die Beiden erschracken heftig.
»Es mußte sein, das Weitere ein Andermal.«
Sechstes Kapitel.
Fortsetzung.
Wo man den Meister spielt, läßt sich viel ins Werk setzen, darum wurde
die heimliche Beerdigung des Priesters bald zu Stande gebracht. Alonzo
sagte aber: Wir müssen mehr als je mit dem Volke auf unsrer Hut sein.
Perottis Einfall rettete für den Augenblick, aber späterhin kann er uns
verderben.
Ei, rief Perotti, ich machte schon ein ander Thier ausfindig, das dem
vorigen ähnlich ist. Bei Nacht schaff ich es in den Tempel, und das
verstümmelte wird in einen Teich versenkt.
Wie gefährlich aber ist das alles, versetzte der Spanier. Laßt uns auf
Mittel sinnen, dem Volke ein Blendwerk im höheren Styl zu bereiten.
Selbsterhaltung legt es uns auf. Wir sind Europäer. Unsre
Naturwissenschaft muß uns dazu in Stand setzen. Laßt uns einige der
geschicktesten Caffern gebrauchen. Auch über sie schwebt die Gefahr.
Feuergewehr ist selten in diesem Reiche, wenn es schon nicht den
Schrecken verbreitet, wie bei ganz wilden neuentdeckten Völkern. Wir
wollen aber dennoch Salpeter suchen und Pulver in so großer Menge
verfertigen, als es immer möglich ist.
Gut, gut, rief Perotti, fehlt es uns an Flinten oder Stücken, so machen
wir Feuerwerke, hier ein ungesehen Schauspiel, mit dem manches
auszurichten ist. Das Volk muß uns schon der Kurzweil halber lieben.
»Auch denke ich Minen unter den Wall zu legen, oder -- noch etwas anders
fällt mir bei, wovon ich nachher reden werde.«
Mir auch, warlich in dem nämlichen Augenblick, sprach der Italiener, und
ich wette, wir fielen auf einen Gedanken.
»Sollte es uns nicht möglich werden, eine elektrische Vorrichtung zu
erbauen. Es fehlt uns zwar manches dazu, aber Noth ist erfinderisch.«
Wohl! Die Theorie davon ist mir wenigstens bekannt. Doch vor allen
Dingen mögte ich leichtes Gas und einen Wachstaffent bereiten können.
Ich glaube, einer unserer geschickten Zeugmacher hat einen feinen
dichten seidenen Stoff fertig.
»Mit Wachs überzieh ich ihn.«
Vitriol, Eisen, besitzen wir. Warum sollte sich nicht ein leichtes Gas
bereiten lassen.
»Unter dem Pallast sind tiefe Kellergewölbe. Da leg ich eine Werkstatt
an. Die Caffern, welche mir helfen, kommen nicht mehr ans Tageslicht,
bis das Volk von Darkulla uns unbedingt huldigt.«
Flore rief: Ihr Herren denkt auf alles. Beim Ausführen des Wunderbaren
will ich schon an meiner Stelle stehn. Warlich, nichts Geringes lastet
auf uns. Eigentlich müssen wir ja gegen das innere Volk der Stadt, und
wider das Belagerungsheer zugleich kämpfen. Fast ist unser Sieg nicht
abzusehn. Doch fallen wir, kann es die Feinde nicht ehren.
Doch unser Triumph wird unerhört sein. Und die hohe Stufe europäischer
Kultur muß gebieten! schwärmte der Spanier, der viel Elastizität hatte,
welche nur des äußern Drucks bedurfte, um wirksam zu sein. Daneben
fehlte es ihm gar nicht an dem poetischen Schwung, der ja nach
Isabellens Zeiten, wie neuere deutsche Autoren behaupten, ein Grundzug
des hispanischen Charakters geworden sein soll.
Genug, sechs Arbeiter wurden im Geheim angestellt, Perotti leitete die
Technik, die Ideen gab Alonzo, Flore übte die Rollen des Ausführens ein.
Weiter unten wird das Warum, Wie und Wo, näher berichtet.
Wenden wir den Blick zu Tata hin. Er stand vor der Stadt, und
besichtigte die Vertheidigungslinie. Anfangs glaubte er, seine Befehle
würden ohne Weiteres Unterwürfigkeit erzielen, da er aber die Hauptstadt
Nene anhängen, und sich zur Wehre stellen sah, wurde er heftig
erbittert. Zwar meinte er gleich, das Volk sei durch Verführungskünste
geblendet worden, und zauderte deshalb, um nicht Blut von Darkulla durch
Darkullaner zu vergießen, allein fest stand auch der Beschluß: wenn man
nicht bald sich gäbe, die ausgesprochenen Schreckensdrohungen nach ihrem
ganzen Umfange zu erfüllen.
Während er nun auf Aenderung des Sinnes hoffte, und die schwächste
Stelle der Verschanzung ausgesucht ward, um sie, wenn es sein müsse, zu
erstürmen, langte ein Knabe bei ihm an, der in der Nacht über den Wall
gestiegen war, und den Graben durchschwommen hatte. Er brachte ein
Palmblatt, auf welchem diese Worte standen:
Ruchlose Gaukelei hat das Volk der Stadt betrogen. Kein Zeichen vom
Himmel war es, daß die Sultanin der Menge mit den Ohren der heiligen
Eselin erschien, tempelräuberisch haben ihre Caffern das Thier
verstümmelt, und frech hat Nene die Ohren entweiht. Daß nicht Tausend
Donner den Frevel straften, ist des Himmels Langmuth, und seine Gnade
gegen dich, o Tata, weil er dir die Rache übergiebt. Ich sterbe für
meine Aussage, und bin nicht mehr, wenn der Bote deinem Lager naht.
Der Großpriester der heiligen Eselin.
* * * * *
Diesem im Tempel dienenden Knaben, der des Lesens unkundig war, hatte
der Verräther das Blatt überliefert, ehe er zu Nene ging. Niemand, bei
Strafe des Feuertodes, lautete seine Weisung, zeige das Blatt. Warte
drei Tage auf mich, bin ich dann nicht wieder bei dir, so lebe ich nicht
mehr, und die Esel des Paradieses wollen, daß du in Tatas Lager
schleichest, ihm das Blatt in seine Hände zu liefern.
Der Knabe hatte am Altar schwören müssen. Allein nicht gleich war es ihm
möglich geworden, das Gebot zu erfüllen. Zu genau wachten die Krieger
auf dem Walle. So waren acht Tage vergangen, endlich aber doch die
Aufsicht betrogen worden.
Tata schauderte, da ihm doch noch einige Landesvorurtheile anhingen,
schäumte vor Wuth gegen die Sultanin, war aber bei dem allen auch froh,
nun ein Mittel gefunden zu haben, wodurch die Feindin unfehlbar zu
verderben sei.
Das Blatt wurde sogleich vervielfältigt, und rund um die Stadt durch
angestellte Getreuen laut abgelesen. Die Darkullaner auf dem Walle
vernahmen jedes Wort, Fanatismus, Jähzorn und Rachsucht loderten
furchtbar in allen Busen auf.
Ein Strom von Empörern brauste in zügelloser Erbitterung auf den Pallast
los. Schon sind sie an seiner Eisenpforte, wollen sie aufreissen, das
Haupt, das Herz der Sultanin holen, um das beleidigte Göttliche zu
sühnen -- da trifft den vordersten Mann, der das Thor berührt hat, ein
Schlag von unsichtbarer Hand, und diesen nämlichen Schlag fühlt die
ganze gedrängt nachstürzende Menge. Alle Nerven wurden den Männern durch
den entsetzlichen Schlag erschüttert. Kaum konnten sie über das Ereigniß
nachsinnen, als die Sultanin auf dem Balkon erschien, und ausrief:
Unverletzlich ist das Thor der Sultanin. Der Himmel beschützt sie, und
wer das geringe Zeichen seines Unwillens noch nicht achtet, dem wird es
sich wiederholen, bis er todt zu Boden stürzt, und die Seele der
Verdammniß sendet. Fort auf den Wall, die Stadt zu vertheidigen!
Starr weilte die Menge. Niemand wagte sich mehr vorwärts, Niemand wagte
auch den Befehl zu erfüllen. Plötzlich fühlte jeder einen neuen Schlag,
viel stärker als der vorige. Alles stürzte zu Boden.
Erfüllt das Gebot, oder des Himmels neues Zeichen stürzt euch alle ins
Grab.
Behend sprang hier Jeder auf, nach seinem Platze auf der Verschanzung zu
eilen. Tata hatte doppelt sicher gehen wollen, und während der Zeit, wo
der Wall von seinen Vertheidigern leer war, einen Sturm anbefohlen. An
vielen Stellen hatte man den Graben bereits durchschwommen, und
beträchtliche Haufen kletterten schon an dem Walle hinauf, doch nun
stürzte die erschrockene, durch eine höhere Furcht, als die vor dem
feindlichen Angriff, entflamme Menge hinzu, ein wüthend Gemetzel
entstand, die Stürmer wurden in den Graben zurückgeworfen, und die
Felsstücke, welche Alonzo an seinem Rande hinreihen ließ, auf sie
niedergerollt, daß fast keiner zurück ins Lager kam.
Nach dem vorhin Angedeuteten begreift der Leser wohl, wie elektrische
Vorrichtungen das hervorgebracht hatten, was Unkunde und Empfänglichkeit
für Aberglauben, Wunder nennen mußten. Den ersten Schlag empfingen die
Aufrührer durch das eiserne Thor selbst, den andern durch einen aus dem
Keller emporgeleiteten Draht, womit Perotti einen in der Menge berührte.
Bald sahe Flore Abgesendete aus dem Volke, welche im Staube flehten, den
tapferen Kampf gegen Tatas Sturm, der Unbesonnenheit des verführten
Volkes, zur Entschuldigung gelten zu lassen. Sie verzieh auf die
Bedingung künftiger Unerschütterlichkeit.
Sie zeigte sich oft den Kriegern, sorgte reichlich für sie, munterte
durch Belohnungen auf und gewann sich die Herzen aufs Neue.
Dem Tata schickte sie eine Botschaft hinaus, welche ihm sagen sollte:
Ihr sey es nicht zu verargen, wenn sie sich gegen Schande und
schmachvollen Tod zur Wehr setzte. Er mögte abziehn, damit kein Blut
mehr flösse, und Kuku melden, was er gesehn hätte. Wenn Kuku aber selbst
käme, dann wolle sie unbewaffnet ihm entgegen gehn, sein Herz würde sie
dann hören.
Tata ließ aber den Darkullaner, welcher die Botschaft brachte, sogleich
aufknüpfen, und erfuhr sogar nicht, was die Sultanin ihm wollte. Zu
ergrimmt war er ohnehin über den Verlust beim Sturm und sein Mißlingen,
und willigte auch bei andern Versuchen in keine Unterhandlung. Dagegen
ließ er immer wieder des Großpriesters Bericht ablesen, und immer wurde
hinzugesetzt: Darkullaner, eine höllische Gaukelei betrog euch, laßt
euch die heilige Eselin zeigen, und ihr werdet sehn, welche Missethat
die Cafferin verübte.
Das verfehlte denn doch nicht allen Eindruck, nachdem der erste
Schrecken über die Elektrizität gewichen war. Wo ist der Großpriester?
diese Frage wurde öfters gehört, man wünschte allgemeine Gebete um
Waffenglück, wo die heilige Eselin in Prozession umhergeführt, und in
die Mitte gestellt wurde.
Es erschien dieserhalb eine Bittschrift bei der Sultanin. Sie
erwiederte: Wie schon Tag und Nacht im Tempel gebetet würde, und deshalb
auch kein Priester ihn verlassen dürfe, (sie waren aber in Gewahrsam,
denn sie hatten nun doch den Zustand des Thieres gesehn, und konnten dem
Volke schlimme Dinge ins Ohr sagen) da aber die öffentliche Andacht
gewünscht werde, so könnte sie in einigen Tagen statt haben.
Bald darauf mußten die Herolde ankündigen: Die Hälfte der Bewaffneten
sollte sich einfinden, die andere auf dem Walle bleiben. Flore hatte
rund um den Eselstempel die nahen Gebäude wegreissen, und in der
Entfernung von einigen hundert Schritten einen Verschlag anbringen
lassen. Gegen Abend sammelte sich die Hälfte der Krieger, strömten alle
Weiber und Kinder aus der Stadt zu. Ein langes stummes Gebet machte den
Anfang der Feierlichkeit, dann trat Flore auf und hielt eine noch
längere Rede, indem sie bald nach dieser, bald nach jener Seite der
Schranken ging, überall ihre Worte zu wiederholen. Hauptsächlich trug
sie vor: Darkullaner, die Würde der Religion Mahomeds hat eure Herzen
gerührt, doch noch ruht des Propheten Zorn auf euch, da ihr das Joch
alter Abgötterei noch nicht abzuwerfen vermögt. Zweierlei Andacht ist
frevelhaft. Eine tadelt die Andere. Manche Noth, die seit kurzem dies
reizende Land heimsuchte, mag eine Strafe der Untreue seyn, die immer
einer Gottheit widerfahren muß. Weit entfernt sey es von mir,
entscheiden zu wollen, welche die allein wahre ist, die ältere oder die
neuere? Aber die Zeit ist gekommen, wo sich die allein wahre, durch ein
Wunder der Allmacht offenbaren will. Das sagte mir ein heiliger Traum.
Wohlan, so vereint denn eure Gebete brünstig mit dem meinigen. Wie eure
Sultanin, sinkt aufs Knie, und fleht, daß dies Wunder heute vor euren
staunenden Blicken erscheinen möge. Seht, hier steht der Tempel der
heiligen Eselin! Aus seinem Fenster glänzt der Opferlampe Schein durch
die Nacht. Dort auf der andern Seite prangt die Moschee, stattlich
aufgeführt, durch die Gefühle der Gläubigen geweiht, um dort den
Gottesdienst zu feiern, den des Propheten Coran auferlegt. Fleht, daß an
den Tempeln noch in dieser Nacht kund werde, welcher von ihnen dem
Himmel der gefälligste ist!
Alles warf sich nieder. Die feierliche Erwartung, der Fanatismus aufs
höchste gespannt. Leises Beten der Einzelnen, halblautes Seufzen, aber
in der Vielheit in der nächtlichen andächtigen Stille, schon ein
wesentliches Geräusch. Einige Zeit vergeht, dumpfe Pause folgt der auf
den Lippen und von den Busen hörbaren Inbrunst, dann tönt Florens Stimme
wieder, und die andern fallen neuerdings ein. Dicke Nacht umgiebt die
Knieenden und der Himmel ist umwölkt. Selbst die Opferflamme im Tempel
glimmt düster.
Plötzlich wird ein dumpfer unterirdischer Donner vernommen, und die
Erde, worauf die Andacht sich niederschmiegte, bebt. Dieser Donner löst
sich in ein hohles Knarren, ein gellendes Krachen, zuletzt in einen
orkanhaften Knall auf, bei dem alles aus Schrecken aufs Antlitz sinkt.
Ein helles Umleuchten. Ueberraschung mahnt aber in demselben Momente,
alle Blicke, sich wieder emporzurichten. Halbgeblendet, staunen, starren
sie nach dem Götzentempel hin, der in Trümmern zerschellt in einer hohen
Feuersäule in die Wolken steigt. Dampf, Rauch und dicker Staub
verschlingen bald wieder die Blitzeshelle, die zerrissenen Mauern sinken
aber brennend und rauchend auf den Boden zurück, Erde fällt weit
umhergeschleudert auf die Beter nieder.
_Mahomed ist Gottes Prophet!_ tönt nun eine Stimme aus der Höhe, nach
der Moschee richten sich alle Augen. Sie ist von lauter feurigen
Lichtern umgeben, kleine Flammen, Sternen gleich, steigen aus den
Minarets empor, und oben zeichnet Feuerschrift mit großen Charakteren
den Namen des arabischen Religionsstifters. Die Empfindungen der Menge
ergeben sich von selbst.
Siebentes Kapitel.
Tatas Unglaube.
Daß eine Mine den Götzentempel in die Luft gesprengt hatte, sieht
jedermann ein. Wo so leicht gebaut wird, wie in Darkulla, ließ sich in
ihrer Nähe aushalten, bei dicken Steinmauern wären wohl manche der Beter
zertrümmert worden.
Die Priester machten die Reise mit, obgleich Flore gewollt hatte, man
sollte sie retten, und irgendwo verbergen. Perotti meinte: besser sey
besser, und erklärte, als er Florens Vorwürfe hörte, er wolle alle die
Priesterseelen auf sein Gewissen nehmen.
Auch die heilige Eselin ohne Ohren ward bei dieser Gelegenheit
zerrissen, und man war der schlimmen Untersuchung überhoben. Alonzo und
Perotti tappten noch in der Nacht mit kleinen Blendlaternen umher, und
brachten die Stücke der Körper zusammen, die etwa oben auf den Trümmern
lagen, um sie zu verscharren. Der Glaube sollte meinen, alles Leben sei
hier völlig vernichtet worden.
Die Moschee erleuchtete ein Feuerwerk, von dem alle verrätherische
Ueberbleibsel auch weggenommen wurden, und damit das alles destomehr
ohne Beobachtung geschehen konnte, ließ Flore beim Sonnenaufgang, diesen
Tag dem Fasten und Gebeten widmen, denen, mit Ausnahme der Krieger auf
der Verschanzung, Jedermann daheim im Hause obliegen sollte.
Vielleicht wundert man sich, wie es Alonzo und Perotti möglich wurde, so
mancherlei Geheimes ins Werk zu richten, und die Arbeiter in der
Werkstatt zu bewachen. Aber es ist auch oben erinnert worden, wie
letztere dabei mit Leben und Wohlfahrt interessirt waren. Bei dem allen
hatte Perotti von den entlassenen stummen Kammerherrn gehört, meinte,
hier ständen sie an ihrem Platz, und berief sie ein. Sie mußten Aufsicht
über die Künstler führen, Neugierige abhalten, und wo es sonst nöthig
wurde, Hülfe leisten.
Zum Unglück aber konnte einer von ihnen schreiben, sogar etwas denken.
Er sah von den Arbeiten ab, was ihm möglich war, und überlegte, daß er
dem Bruder des Sultans mit Nachrichten über diese Gegenstände,
willkommen sein dürfte. Wenigstens lächelte er ihn an, und versicherte
ihn seiner Gnade, ein Genuß, welcher ihn, so lange er vom Hofe entfernt
war, nicht gelabt hatte.
In Tatas Lager sah man den Aufflug der Mine und die Verklärung des
islamitischen Tempels gar wohl, und die Krieger fanden sich wunderbar
durch die Erscheinungen bewegt. Ein Wispern und Flistern durchlief die
Reihen: man führe schlimmen Krieg, Gott stände dem Feinde bei. Tata
erschrack darüber nicht wenig, und wußte doch nicht, wie er den bösen
Eindruck bei seinen, und den guten bei Nenes Kriegern, den diese
unerhörte Dinge ins Leben gerufen hatten, tilgen sollte.
Da kam in der Nacht jener stumme Höfling, dem es gelungen war, aus der
Stadt zu schleichen. Die widerrechtlich eingeschlummerten Schildwachen
mußten dazu einen Todtenschlaf gehabt haben, da der Parfüm des
Vorüberschleichenden sie nicht weckte. Genug der Höfling war da.
Man reichte ihm einige Palmblätter, darauf niederzuschreiben, was er
anzubringen hatte. Einige wurden mit Artigkeiten angefüllt, dann ging es
zur Sache über, wo dem Fürsten Tata versichert wurde, wenn es ihm
Vergnügen mache, werde er, der Ankömmling, die Ehre haben, auch feurige
Erscheinungen und entsetzliche Donnerwetter hervorzubringen.
Ich dachte es, rief Tata, ich dachte es, Gaukelei liege zum Grunde, oft
habe ich gehört, daß die Caffern im Ländchen Europa mit ihrem schwarzen
Staub, Blitz und Donner machten; den Feuerschlund, welchen unsere
Krieger einst eroberten, würden wir auch laden und losbrennen können,
wenn uns der Staub nicht fehlte.
Jener klopfte der weisen Rede mit seinen Händen Beifall, und schrieb
wieder: er habe das Geheimniß abgemerkt.
Sogleich wurden ihm Handlanger in Menge zugesellt, die Gegend war an
Salpeter und Schwefel reich, man half sich mit den Kohlen so gut es gehn
wollte, und nach einigen Wochen besaß Tata einen großen Vorrath an
Schießpulver. Stand es gleich um die Mischung und Körnung desselben
fehlerhaft, war es immer geeignet, Staunen und Schreckniß unter die
Darkullaner zu verbreiten, und Florens Triumph zu stören.
In der Stadt vermuthete man gar wohl, daß den Belagerern eine solche
Kunde zugekommen sei. Denn es wurde der Flüchtling vermißt und Tata ließ
auch vor den Wällen ausrufen: er werde nächstens auch solche feurige
Erscheinungen hervorbringen, wie die Gauklerin Nene, welche die
Darkullaner schändlich betröge, und sich frevelhaft rühme, der Gottheit
Wunder erfleht zu haben. Das machte allerdings, daß die erste Stimmung
nach jener Nacht, die Floren vollkommen günstig gewesen wäre, wie eine
neue Religionsstifterin in Darkulla aufzutreten, in eine gewisse Kälte,
eine mißtrauische Bedenklichkeit, und eine gespannte Erwartung, was im
Lager vorgehn werde, überging.
Das Kleeblatt, Flore, Alonzo, und Perotti, berathete also, wie, wenn
auch Tata Explosionen mit Schießpulver zu Stande brächte, doch Vorliebe,
Bewunderung und Ehrfurcht auf dieser Seite zu erhalten, und noch
siegender als zuvor dahin zu lenken wären.
Tata ließ unterdessen einen ungeheuren Esel anfertigen. Es geschah in
einem Verschlag, daß die Ansicht der zunehmenden Arbeit nicht dem
Eindruck der Vollendung schaden sollte. Daneben war der Plan sehr klug,
einen Theil des Walles zu untergraben, und in die Luft zu sprengen. Das
sollte in der Nacht geschehen und dann der Esel mit Feuerwerksmaterie
behende auf Rollen durch die Bresche in die Stadt geschoben werden.
Alonzo, der gern etwas Genaueres wissen wollte, redete mit jenem
Darkullaner, der zuerst die treue Nachricht überbracht hatte, und bewog
ihn, im Finstern durch den Graben zu schwimmen und sich einen Tag im
Lager aufzuhalten, wo man, ihn für einen Krieger Tatas haltend, keinen
Verdacht schöpfen würde. Dann sollte er alles erspähn, und zurückkehren.
Der Neger, fest in seiner Anhänglichkeit, richtete den Auftrag zur
Zufriedenheit seiner Sender aus, und diese erfuhren Tatas Absicht
vollkommen, waren mithin auch im Stande, Gegenmittel vorzukehren.
Die Stelle des Walles, an welcher die Kluft ausgehöhlt ward, (eine
Arbeit, welche die Belagerer immer in der Nacht vollzogen, nachdem die
Arbeiter über den Graben geschwommen waren) blieb nun nicht unbekannt,
und es wäre ein leichtes gewesen, die Höhlung wieder auszufüllen, und
keinen Gräber mehr hereinzulassen. Das wollte man aber nicht, der
Triumph wäre nicht glänzend genug gewesen. Es wurde vielmehr hinter
jener Stelle ein neuer Abschnitt von einem Wall und Graben gemacht, weit
genug, daß die Kraft des im Hauptwalle entzündeten Pulvers ihn nicht
treffen konnte. Dazu legte man in der Mitte dieses Abschnittes noch eine
kleine Mine an. Zu welchem Behuf, werden wir hören.
Jetzt gedieh auch die chemische Beschäftigung mit dem Vitriol, und dem
kleingehackten Eisen mehr, und es wurde so viel brennbares Gas gewonnen,
als zu den vorgesetzten Zwecken erforderlich war.
Aus feinem gewächsten Seidenzeuge fertigten die Männer eine Hülle, die
aufgebläht die Gestalt eines Engels mit ausgebreiteten Fittigen
nachahmte. Das brennbare Gas füllte diesen seidenen Körper, und
wohlverschlossen wurde er in der Nacht an einem sehr langen dünnen
seidenen Strange in die Luft gelassen. Das Ende des Stranges war in
einem Zimmer angeknüpft, dem kein Ungeweihter nahen durfte.
Am Tage sahe niemand den Strang, weil er zu dünn war, und in einer
beträchtlichen Höhe aus dem Pallaste stieg; der Cherub hatte sich
vollends allen Augen entzogen, und schwebte hoch im Aether.
Nun kündigte die Sultanin abermals eine öffentliche Gebetfeier an, die
aber diesmal auf den frühen Morgen bestimmt war. Wie neulich mußte sich
das Volk versammeln, aber Flore zeigte sich nur von einer Zinne des
Pallastes, auf welcher sie frei stand. Hier wurde das Volk wieder ernst
aufgerufen. Die Rednerin sprach über die Tücke und Ruchlosigkeit der
Feinde, welche sie verderben wollten, wie sichtbar auch der Schutz
höherer Mächte sei; wie sie sich bemühten, sogar den Glauben wankend zu
machen, ja wie die Sultanin in Erfahrung gebracht, daß sie Teufelskünste
bereiteten, um die hohe Erscheinung verspottend nachzuahmen. So fleht
denn alle, setzte sie hinzu, daß der Herrscherin Geist von Oben
erleuchtet werde, daß sie stark und weise genug sei, des Gegners Bosheit
zu vereiteln.
Sie kniete oben, unten sank die Menge nieder. Ein langes stummes
inbrünstiges Gebet, bald von einzelnen Seufzern unterbrochen, dann ein
gemeinsamer lauter Chorus, der aus tiefen Herzen die Bitte tönen ließ.
Plötzlich vernahm man einige liebliche Akkorde, die aus den himmlischen
Gefilden herabzusteigen schienen. Alles ward still, kein Athem mehr
hörbar, denn jedes Ohr wollte die wundersüßen fremden Wohllaute trinken.
Die Blicke staunten empor in die Region des Liedes, wußten aber nicht,
wie es ins Leben gerufen wurde. Doch ein Pünktlein ward bald darauf in
der Höhe sichtbar. Ein Gestirn im reinen Blau des Morgenschimmers, wenn
schon die Sonne hoch über dem Horizonte prangt -- dies hatte noch keines
Darkullaners Auge gesehn. Doch der Punkt ward heller, größer, schien
sich herzuneigen aus den stillen Lüften. Die andächtigste Erwartung,
frommes wollüstiges Beben in jeder glühenden Brust. Doch bald kein
Punkt, kein Stern, kein Mond mehr. Ein glänzender schöner Knabe, vom
Schimmer der Verklärung umflossen, getragen durch ein leichtes
Goldgefieder, eine Harfe in der Hand. Daher tönten also die entzückenden
Melodien. Auf den Rücken warf sich alles, die Hände zur Anbetung
emporgestreckt. Keinen Augenblick wollte man im Anschauen des
himmlischen Boten versäumen.
Endlich senkt sich die Engelsgestalt auf die Zinne des Pallastes nieder,
wo Flore kniete. Sie berührt den Boden nicht, umschwebt nur der Sultanin
Haupt, und scheint ihr himmlische Kunde zu vertrauen. Bald darauf erhebt
sie sich wieder, unter der alten Göttermusik, verkleinert sich, und dann
bleibt nichts mehr den Sinnen wahrzunehmen, als ein süßer Duft, der,
seitdem die Gestalt näher kam, die Athemzüge mit balsamischem magischen
Hauche labte.
Der Leser weiß, wie die ästhetischen Gaukler verfuhren. Ein Aufrollen
des Fadens, und das Abrollen nachher, bewirkten das ganze Wunder,
nachdem die ärostatische Figur einmal in die Höhe gelassen war. Eine
Aeolsharfe, die die Gestalt trug, und einige andre auf der Zinne
angebracht, sangen mit Zephirs Beistand die wonnigen Harmonien, und
eine, aus den erwähltesten Blumen gezogene Essenz wurde reichlich
verschwendet, um mehr als einen Sinn zu bezaubern.
In der folgenden Nacht mußte aber der Engel herunter, und ward sehr
sorgsam versteckt, denn ein besonders scharfes Auge, das immer auf die
Zinne geblickt hätte, könnte doch wohl den Faden entdeckt haben. Und
_scharfsinnig_ sind die Neger, wobei man das Wort nicht in dem Verstande
zu nehmen braucht, welchen ihm eine verschobene Sprachmanier unter uns
gab.
Achtes Kapitel.
Tatas großer Plan scheitert.
Wir schweigen davon, was Flore nun den Kriegern in der Stadt war, und
wie es ein Spiel wurde, sie überall nach ihrem Willen zu lenken.
In Tatas Lager hatte man übrigens auch die Lichterscheinung
wahrgenommen, und sie dem Heerführer angezeigt. Dieser tritt aus seinem
Zelte, und erblickt im Luftraum den ungewöhnlichen strahlenden
Gegenstand. Begreifen konnte er nicht, was er sah, doch ermangelte ihm
die Fassung nicht, den Schluß zu ziehn: Wer einmal Blendwerkskünste
treibt, ist geneigt, öfter dazu seine Zuflucht zu nehmen, und was man
bei ihm Nicht Erklärbares findet, berechtigt immer, auf neuen Trug der
Art zu schließen. Sogleich ließ er den Befehl rund um die Linie ergehn:
es sollte sich alles platt aufs Gesicht niederwerfen, und nicht wieder
erheben, bis die Trommel ein gewisses Zeichen gäbe. Klüglich wollte er
hierdurch ausweichen, daß seine Leute der Anblick irre machte.
Sein Ueberläufer konnte keine Auskunft geben; nur die Bereitung des
Pulvers, nicht das chemische Laboratorium hatte er gesehn. Doch wurde
gleich beschlossen, er sollte in die Stadt zurückschleichen, um auch die
unbegreifliche Kunst abzusehn, woran er freilich nicht gern wollte.
Doch war auch für die folgende Nacht etwas Anderes vorbereitet, und Tata
hoffte um so mehr davon, als es seit einigen Wochen seine ganze
Anstrengung aufgeboten hatte. Die Höhlung im Walle war fertig, und schon
mit Pulver geladen.
Nun brachte man den mit Feuerwerksmaterien behangenen und entzündeten
Esel aus dem Verschlage. Unter dem Ruf: Mahomed ist der wahre Prophet,
aber auch der Väter Götter thronen im Himmel! ward er gegen den Wall
geschafft. Auf ein vom Feldherrn gegebenes Zeichen ward die Mine
angebrannt, und ein Stück Wall flog krachend zur Höhe, deckte auch, wie
man erwartet hatte mit der niedersinkenden Erde einen Theil des Grabens.
Noch etwas Strauchwerk zur Aushöhung, und der Esel konnte hinüber, und
hielt einen Einzug, dem des Rosses von Ilion ähnlich, wenn schon mit
minderem Glück. Zugleich mußte ein dicker Haufe mit vordringen, um den
Sturm auf die Stadt zu bestehn, während der Esel schon psychologisch
alles überwunden hätte. So hohe Aussichten eröffnete sich die Erwartung
von dem Thierlein, das freilich oft mehr gilt, wie man glauben sollte.
Darf man Kleines mit Großem vergleichen, so ist hier die Anekdote in
Erinnerung zu bringen, wie einst ein berühmter deutscher General sagte:
Meine Regimentsmusikanten taugten nicht, ich ließ sie aber fleißig auf
einem Esel reiten, und nun blasen sie vortrefflich. Ein anwesender
witziger Prinz bemerkte: _Was doch ein Esel vermag!_
Gleichwohl ging es dem Esel Tatas, wie seinen Kriegern überaus schlimm.
Diese fanden im Vordringen einen neuen Graben. Neger durchschwimmen den
wohl bald, aber ein neuer Wall mit spitzen Pfählen ausgesteckt, täuschte
die Hoffnung, weiter zu kommen, grausam. Der Raum füllte sich um so
schneller, als laut dem entworfenen Plan, die Krieger hinten dichte
aufrückten. Da nun der Raum angefüllt war, gab Alonzo das Zeichen,
_seine_ Mine zu sprengen, und es flogen Esel und Mannschaft in die Luft,
wogegen die Belagerten, die zeitig den neuen Wall mieden, nicht einen
Krieger verloren.
Der Morgen enthüllte einen Anblick voll Grausen. Mehr als Tausend von
Tatas Leuten waren dahin, zerrissenes Gebein überall herumverstreut. Der
Abschnitt spottete eines abermaligen Angriffes.
Tata beweinte die Verlornen, doch sein Muth wuchs mit dem Widerstande.
Der Ueberläufer sollte und mußte in die Stadt. Allein die Unfälle folgen
sich gern. Er wurde ergriffen und gehängt, aber an einen Galgen von
Mahagoniholz und einem parfumirten Strick. Man war auch so artig, auf
einer mit einem Pfeil hinübergeschossenen Visitencharte das traurige
Ableben zu melden.
Wohlan, rief Tata, seine Truppen anredend, an loser Kunst ist uns die
rebellische Cafferin überlegen. Laßt uns aber sehn, ob sie auch Mittel
finden wird, samt ihren treubrüchigen Soldaten, dem Hunger zu entgehn.
Wir sind zahlreich genug, jeden Eingang zu bewachen. Auch kein Reiskorn
darf in die Mauern der Stadt. Daß der Mangel bereits wüthet, ist mir
bekannt. Laßt uns hier liegen, entweder die Noth reibt sie auf, oder sie
müssen sich uns ergeben.
Neuntes Kapitel.
Vorkehrungen gegen den Mangel in der
Stadt.
Freilich sahen sowohl Flore, wie ihre Räthe, die ängstliche Lage ein,
worin sie die Entbehrung aller Zufuhr brachte.
Die Niedergeschlagenheit wegen dieses traurigen Umstandes verminderte
die Freude über die letzten Siege gar sehr.
Man hatte zwar schöne Gärten, die neben den trefflichsten anderen
Obstarten, Brotbäume, Sagopalmen, Oelpalmen, Ananas und Pisangpflanzen
trugen; auf den Teichen schwammen der Albatros, der Anhinga, der
Papagoientaucher und Pelikan; aus ihren klaren Wogen fischte man den
Zitteraal, den Paru, den Chätodon, Cephalus, den Cobitis, Polynemus, und
andre leckre Wasserthiere, wie auch die Ufer dieser Teiche, so artig
gestaltete, als fein nahrhafte Schildkröten, Muscheln und Schnecken
lieferten; aber wie mäßig auch verfahren wurde, wie enthaltsam der
Mensch im heissen Erdgürtel an sich ist, die Zahl derer, welche Anspruch
auf die Lebensvorräthe machten, stand mit diesen in keinem Verhältnisse.
Gärten und Teiche zeigten bereits merkliche Abnahme, und es wurde sogar
beschlossen, die Menagerie des Pallastes anzugreifen, die ohnehin aus
Futtermangel nicht mehr zu unterhalten war, aber freilich auch für
einige Zeit noch aushelfen konnte, denn es fanden sich ganze Ställe voll
Giraffen und Heerden von Straußen da.
Der treue Darkullaner aber sagte zur Sultanin: Wie ich zu dir kam,
berichtete ich dir, daß ein Haufe von dir ergebenen Knechten sich im
großen Dattelwalde gesammelt habe.
Alonzo fiel ein: daß ihnen ein Anführer mangele. Der hat sich gefunden.
O fuhr jener fort, dann sind sie auch wohl schon stark genug, etwas im
offenen Felde wider Tata zu unternehmen. Laß mich noch einmal
entschleichen, Sultanin, ich suche die Männer auf, melde die Bedrängniß,
und können sie Tata nicht ganz überwältigen, so wird doch während eines
nächtlichen Kampfes, der von der Stadt unterstützt werden muß, es
möglich werden, Hundert beladene Kameele in ein Thor zu treiben.
Flore rief aus: Ich verdanke der Erfindung Perottis in jenem Aufruhr das
Leben; Alonzos kühne Einfälle haben mich in der Gunst des Volkes
befestigt, und Tatas Angriffe bis jetzt vereitelt; wer nun noch Mittel
erdenkt, diese Schaaren dem Hungertode zu entziehn, hat einen gleichen
Anspruch auf meinen Dank.
Alonzo sprach: So viel der Europäer sonst möglich machen kann, hier will
mir nichts beifallen. Und die Hoffnung, welche der Neger hegt, scheint
sehr unsicher, es wäre denn, der Haufe von Getreuen hätte sich über die
Erwartung beträchtlich gemehrt. Dann steh ich für den Anführer ein.
Aber wer ist denn dieser Anführer? Davon weiß ich ja noch nichts, sagte
Flore.
Alonzo erwiederte lächelnd: Einer unserer Caffern, der viel Talent zum
Kriege offenbarte.
Perotti kratzte den Kopf, und nahm das Wort: Ich habe schon an so
vielerlei gedacht. Wären nur Tauben abzurichten, die in ganzen Schaaren
zu unsern Freunden flögen, und denen diese kleine Fläschchen mit Wein,
oder Ananas an den Hals hingen, oder wenn unsre Anhänger eine Batterie
von großen Mörsern zu errichten wüßten, und uns daraus Melonen,
Pfauenschinken und Korbflaschen mit Maraskinoliqueuren zuwürfen.
Ein kühner Ausfall, nahm Alonzo wieder das Wort, muß uns Proviant
erkämpfen. Wir bemächtigen uns der Vorräthe, welche der Feind häufte,
mit Gewalt.
Flore war in Traurigkeit versunken. Und wohin führte es am Ende, fragte
sie, wenn auch das noch gelänge?
Sei getrost, sprach der Darkullaner. Dieser Mehemed sprach von Tauben.
Es war eine Art Ahnung. Wisse, daß ich schon seit einigen Wochen mit
unsern Freunden durch Tauben Briefe wechsle. Was ich vorhin sagte,
geschah, dich nach und nach auf eine höchst freudige Botschaft
vorzubereiten. Ich brauche nicht von dannen zu schleichen, denn in
dieser Nacht kömmt Hülfe.
Alle schrien froh auf.
Zum Heer ist das Häuflein im Dattelwalde herangewachsen. Alle Caffern
vom Lande und begnadigte Beduinen schlugen sich zu ihm. Besser wurde es
schon eingeübt, wie Tatas Krieger. Auch sie haben sich den schwarzen
Staub bereitet, der im Kampfe so furchtbar ist. Doch fertigten sie auch
Röhre aus Giraffengebeinen mit seidnen Strängen, Leder und Eisenwerk
überzogen, an, und schleudern geglättete Steine. Genug, die Rettung ist
nahe. Wir müssen uns nur bereit halten, einen kräftigen Ausfall durch
das Thor zu thun, während Tatas Krieger von rückwärts angegriffen
werden, und alles wird gut gehn. Sind wir Ueberwinder, fällt auch Tatas
Anhang der Sultanin zu. Alle die noch zaudern, und um der Sicherheit
willen, partheilos gelten wollen, schließen sich dann an unsere Sache,
Nene ist Meisterin des inneren Darkulla und indem sie den Eingang
versperrt, wird Kuku auf immer von der Herrschaft ausgeschlossen.
»Das würde nimmer geschehn, wie mir auch das Waffenglück lächelte. Dem
Sultan darf ich sein Land nicht vorenthalten, nur muß er sich mit mir
verständigen, und einen guten Frieden eingehn, dessen Hauptpunkt mein
Abzug zu den Meinen ist.«
So Flore. Alonzo und Perotti dagegen meinten: wenn die Herrschaft
befestigt wäre, müsse es sich doch ganz artig in Darkulla leben lassen.
Zehntes Kapitel.
Entsatz.
Der Neger hatte keine Unwahrheit gesagt. Gegen die Tiefe der Nacht erhob
sich in Tatas Lager jähling ein wildes Geschrei: Zu den Waffen! Wir sind
verrathen! In demselben Augenblicke vernahm man auch Artillerieschüsse,
Sausen der Wurflanzen, Schwirren der Pfeile, Säbelklang, Wehklage der
Sterbenden und Verwundeten, und was der Ripienstimmen noch mehr sind,
welche ein Schlachtkonzert zusammensetzen, und die nachzuahmen, doch
keinem andern Tondichter gelingen will.
In der Stadt waren Tausend Mann schon am Abend bereit gestellt worden,
um in diesem Fall durch ein Thor auszubrechen, Alonzo bat sich nun die
Ehre aus, sie anführen zu dürfen, und lud Perotti ein, die Rolle seines
Lieutenants dabei zu übernehmen.
Gern, recht gern, rief dieser, und nahm einen langen Spieß in die Hand.
Aber ^Cospetto di baco!^ brach er mit einemmale aus, können wir auch den
Ausfall wohl sicher wagen? Kann Tata nicht den Darkullaner gewonnen
haben, all das Getöse Kriegslist seyn, und man nur eine Falle legen?
Der Darkullaner überlieferte sich sogleich der Leibwache Florens, und
bedeutete sie, ihm den ärgsten Martertod zu geben, falls er gelogen
hätte.
Bei dem allen, meinte Perotti, sei es doch besser, er bliebe innerhalb,
im schlimmen Fall dem Spanier einen gesicherten Rückzug zu bereiten.
Dieser lächelte. Ich merke, Signor Perotti, ihr seid ein besserer
Meister in List, wie in Tapferkeit.
Kann sein, war die Antwort, verschieden theilte die Natur ihre Gaben
aus.
Nun wurden die Balken, womit man die Thore verrammelt hatte, von einem
derselben weggeschafft, mit einem Flosse der Weg über den Graben
gebahnt, und Alonzos Trupp, durchglüht von Kampfgier und Verwegenheit,
trat den Marsch an.
Tatas Krieger waren schon in die übelste Verlegenheit gerathen. Nicht in
den Rücken erwarteten sie einen Angriff, die Wachen standen alle gegen
die Stadt, hinterwärts Zelte, Hütten, Vieh, die Behältnisse der
Vorräthe. Um nun gleich etwas entgegen werfen zu können, mußten die
Wachen, durchs Lager nach hinten eilen. Da Alonzo aber eintraf, fand er
keinen offnen Widerstand, und drang gleich bis ins Lager, wo die aus dem
Schlaf erwachten Krieger erst gestellt wurden, und von der Stadt aus
keinen Anfall ahnend, den Rücken dahin wendeten. Leicht ward es so, im
Gemetzel Herr zu werden, und die Feinde zu Schaaren hinzustrecken.
Bald war eine große Lücke durchbrochen, und die Bündner, durch ein
Loosungswort einander kenntlich, das in des Darkullaners Briefwechsel
verabredet war, stießen zusammen. Alles vom Feinde Uebrige wurde in die
Seite genommen, und das ist bekanntlich die Schaam des Kriegers, die ja
bedeckt gehalten werden muß. Man rollte rund um die Stadt auf. Gnade
nahm keiner der Belagerer an, obgleich das zur Wehr stellen, ganz
zwecklos war, da gegen die überaus schmale Vertheidigung eine so breite
Säule herandrang. Der aufdämmernde Morgen zeigte den Siegern den
freudigen Gräuelanblick erst ganz, die Stadt war gleichsam mit einem
Gürtel von schwarzen Leichnamen umgeben. Tata war gleich anfangs
getödtet worden.
Wie der Seefahrer, den die ganze gewitterschwere Nacht hindurch, die
Furcht vor Klippen und Sandbänken ängstete, am Morgen froh aufathmet,
wenn Titans erste Strahlen die Einfahrt des freundlichen Hafens
beleuchten, so fühlte Nene den Busen erleichtert, da, nachdem die
Finsterniß geendet hatte, ein Bote auf den andern mit Siegesnachrichten
erschien. Endlich kam Alonzo selbst und legte Tatas Schwert vor ihr
nieder. Er war verwundet, doch nicht schwer. Flore umarmte den kühnen
Greis dankbar.
Nun traf ein Caffer ein. Ihm folgten Hundert Kameele mit
Lebensvorräthen, zudem alle dem Feinde abgenommene Waffen und
Kostbarkeiten, welche andere Lastthiere trugen. Der Caffer fragte: wohin
die Sultanin beföhle, daß alles das gebracht würde?
Flore überließ es Alonzo, Sorge zu tragen, riß ihre Diamanten vom Halse,
sie dem Caffer zu schenken, und rief: Aber wo ist der Anführer des
Heeres, dem wir Rettung verdanken? Warum seh ich den Helden nicht, ihm
in meinen Freudenthränen die Fülle der Erkenntlichkeit zu weinen? Jener
antwortete: Schon zieht er mit den Truppen ab, die hier nicht mehr
nöthig sind, da nicht einer von deinen Feinden noch lebt. Er wird den
Felsenpaß besetzen, damit kein neuer Widersacher eindringe.
Und ich soll ihn nicht sehn? Nimmermehr, eile ihn zurückzurufen!
Er wird sich nur zeigen, Sultanin, wenn dein Streit mit Kuku endete.
Nun, fiel Alonzo lächelnd ein, da müssen ihn doch wichtige Gründe
bestimmen. Wärs auch nur die zarte Bescheidenheit, die keinen Dank
ärndten will, gebührt es sich, sie zu ehren.
O, rief Flore in Feuer, hier ist nicht bloß von meinem Dank die Rede.
Die Sultanin muß ihm die Stirn mit einem Lorbeer schmücken. Und den hat
ja, wie ich hörte, Cäsar getragen, und er soll doch auch bescheiden
gewesen seyn.
Cäsar, gab der Spanier zur Antwort, hatte ein kahles Haupt; dies
Gebrechen zu verbergen, diente ihm die Zweigkrone. Laß deinen Helden
ziehn, nöthig ist es, den Felsenpaß zu besetzen.
Flore mußte es sich gefallen lassen, so gern sie auch dem Anführer der
entsetzenden Truppen Dank und Lohn ertheilt hätte. In der Stadt dagegen
ordnete man glänzende Feierlichkeiten an, alle Herzen neigten sich
wärmer zu Nene hin; bald kamen zahlreiche Sendungen vom Lande, die ihr
im Namen des ganzen Volkes den Wunsch darbrachten, ihr allein als
Herrscherin von Darkulla huldigen zu dürfen.
Sie hielt da, wie es sich von selbst versteht, Reden, und wie es sich
gar nicht von selbst versteht, sie machte sie selbst.
Elftes Kapitel.
Erste Gesandtschaft an Kuku.
Machten ihr aber die Triumphe Freude, so schauderte sie bei dem Gedanken
an das vergeudete Blut. Denn nicht nur bei der Hauptstadt, auch in der
Provinz hatte des Krieges Flamme während dessen gelodert, aber ihre
Parthei nach und nach allenthalben die Oberhand behalten. Aber der
Erbitterung wegen, mit welcher afrikanische Krieger fechten, war die
Summe der in all den Gefechten Erschlagenen groß, ja sie hatte einen gar
merklichen Theil der Bevölkerung verschlungen. Sie floh deshalb den
Anblick der Menschen und sann im einsamen Gemach nach, was hier weiter
zu thun sei.
Bald darauf ließ sie Musa zu sich rufen. Er hatte sich immer noch in der
Stadt aufgehalten, und ob Perotti ihm schon übel wollte, und ihn gern
verdächtig gemacht hätte, so gab Flore nichts darauf. Höre, Dschelab,
sagte sie zu ihm, hast du Lust eine Sendung zu übernehmen? Ich
verspreche dir Gewinn.
_Musa._ Und warum nicht, erhabene Sultanin?
_Flore._ An Sultan Kuku?
_Musa._ Hm -- wenn er des Bruders Tod erfährt, wird er übel zu sprechen
sein, und der Kopf des Gesandten die böse Laune erfahren.
_Flore._ Ich hoffe, der Sendung Inhalt soll ihn versöhnen.
_Musa._ Der wäre?
_Flore._ Du magst ihm entbieten: Sultan Kuku! Du gabst Verläumdungen
Gehör, und begehrtest der treuen Nene Leben. Wohl der Wurm erwehrt sich
des Todesstreiches, so auch Nene. Oft ließ sie Tata Unterhandlung
anbieten, er lieh ihr kein Ohr. Endlich fiel er durch das Schwert der
Tapfern, welche unaufgefordert der Stadt zu Hülfe eilten, und Nene
konnte nichts mehr als ihn beweinen, und ihm ein ehrenvolles Grab
erhöhn.
Nene ist jetzt Herrin des innern Darkulla, und mit Mühe wird ein fremdes
Schwert das Land ihr streitig machen. Wohl aber gedenkt sie, wie deine
erste Liebe, dein erstes Vertrauen ihr die Macht in die Hände gaben. Um
dieser schönen Zeit, will sie die traurige Verirrung aus dem
Gedächtnisse tilgen, wo deine Grausamkeit sie zwang, sich kriegend gegen
dich zu vertheidigen. Bereit ist sie, dir dein Land mit allen
Reichthümern zurückzugeben, so du schwörst, sie mit sicherem Geleit nach
Egypten ziehn, und dem Volk, das für sie stritt, alle Rache zu erlassen.
_Musa._ Ein freundlich Anerbieten. Ich richte die Sendung aus.
_Flore._ Und was meinst du, daß der Sultan beschließen werde?
_Musa._ Aufrichtig, daß er dich ziehn läßt, glaube ich nicht. Seine
Liebe --
_Flore._ O die haben Zeit und Abwesenheit getilgt, wie hätte er sonst
meinen Kopf fordern lassen.
_Musa._ Aber kann man denn nicht demungeachtet heiß, recht heiß lieben?
_Flore._ Eine ächt afrikanische Frage! Freilich ließ er seine vorigen
Weiber einst morden. Gigi sollte auch die heisse Liebe empfinden, lehnte
aber die Ehre ab. Es heißt: der Krieg wider Gigi nähme jetzt
glücklichere Wendungen. Ich wollte, Gigi würde Kukus Gefangene, er
versöhnte sich mit ihr, und entbehrte desto lieber mich. Doch was rede
ich. Nicht Liebe, Haß wirst du bekämpfen müssen! Und ich denke, das
schöne Land soll alles gleich machen. Biete alle Kunst der Ueberredung
auf! --
Musa sahe noch das prachtvolle Leichenbegängniß, das Flore dem Bruder
des Sultans hielt, und die Errichtung seines kostbaren Denkmals im
Pallasthofe. Dann reiste er auf der Stelle ab.
Daheim traf Flore nun viele Veränderungen. Der Senat wurde in den
Ruhestand versetzt. Eben so die älteren Minister. Dagegen errichtete sie
drei hohe Rathsstellen, und theilte sie dem treuen Darkullaner, Alonzo
und Perotti zu. Gleichviel verdanke ich euch Dreien, sagte sie, billig,
daß euch mit demselben Danke gelohnt werde.
Jeder bekam einen Zweig in der Landesverwaltung, den er pflegen sollte.
Es ging aber dabei so erwünscht nicht, wie die Sultanin hoffte. Der
Spanier, im Drange der Noth einst so thätig, war jetzt abgespannt, und
überließ sich seinem alten Gram um Isabellen wieder. Was zu seiner
Erheiterung geschah, war fruchtlos.
Der Darkullaner, so treu, wie er sich immer schon bewiesen hatte, war
aber unfähig, Geschäften vorzustehn. Leidenschaften mußten bei ihm die
Stelle der Vernunft einnehmen. Dazu ward er sehr stolz, und prunkte
unmäßig.
Perotti hingegen, nahm nicht nur seiner zugetheilten Arbeit wahr,
sondern riß auch die fremde an sich, daß Flore über seine Thätigkeit
staunte. Immer wußte er ihr etwas Angenehmes zu berichten. Allein sie
wurde meistens getäuscht. Der Schein, nicht die That. Perotti ladete die
Arbeit Unterbeamten auf, und verfuhr selbst mit Oberflächlichkeit, und
einer Kürze, welche eigentlich den Zeitgeitz zum Grunde hatte, den
Zeitgeitz, der den Vergnügungen keine Frist rauben will. Bestechen ließ
er sich unerhört, doch mußte es mit Dekoration geschehn. Da aber die
Unterdiener denn doch hinter die Koulissen blickten, so machten sie es
ihrerseits kein Haar besser, und der Italiener sah ihnen großmuthsvoll
nach, ausgenommen es hatte einer es zu arg gemacht. Dann mußte er die
Kunst verstehn, die Hälfte des Raubes der Exzellenz zuzuwenden, wenn er
nicht verfolgt seyn wollte. Die Forderung erfüllte ein solcher getrost,
denn um so offner und sicherer waren nun die Wege, die geopferte Hälfte
doppelt zu gewinnen. Genug, Perotti hätte wohl in andern Ländern
Minister seyn können, als in Darkulla.
Die drei Minister fingen auch bald an, gegen einander zu kabaliren.
Jeder wollte die vorzüglichste Aufmerksamkeit der Monarchin für sich,
jeder erinnerte an das, was er geleistet hatte, mit dem erheblichsten
Anspruch.
Alonzo, der trotz seiner düstern Stimmung doch den Stolz nicht
aufgegeben hatte, gab zu verstehen: Nur Volksgunst erhielt die Sultanin.
Und wer hat diese durch erhabene, ja poetische Politik, wieder geweckt,
höher entflammt, mächtig erhalten?
Der Darkullaner äußerte unverhohlen: Ohne ihn würde die Parthei in der
Provinz nicht so angewachsen, Hunger endlich eine alles zu Boden
werfende Empörung aufgereitzt haben, wenn er nicht durch seine
Verbindungen es dahin gebracht hätte, daß das Heer zum Entsatz
herangenaht sei.
Perotti hingegen spielte oft, als geschähe es aus aufgeklärtem Spott
über das Alterthum, auf Eselsohren an, im Grunde aber wollte er immer
mahnen: _Mein_ damaliger Einfall rettete im Aufruhr Nenes Leben.
Sie sagte ihnen bisweilen: Ihr Herren, ich verdanke euch alles, aber ihr
mir doch auch. Und wieder eben so viel bin ich dem Manne schuldig, der
Tata schlug, und der bescheidener als wir Viere sich gar nicht einmal
zeigt.
Ende des fünften Buches.
Potpourri.
Basil, Sohn des Boguslav.
Beliebte altrussische Legende.
Boguslav, Fürst von Novogrod, starb im achtzigsten Jahre. Sechzig davon
waren unter seiner glücklichen Regierung verstrichen. Sein einziger
Sohn, ein Jüngling, kaum dem Knabenalter entflohn, fürchtete nun keine
Vaterstrenge mehr. Die Vormundschaft einer zärtlichen Mutter hielt ihn
nicht ab, seinem wilden Ungestüm Raum zu geben, und die Stadt erfuhr
davon viel Unheil. Bewundernswerth konnte man die Leibeskraft des jungen
Prinzen nennen. Tage lang ergötzte er sich in den Straßen mit Jung und
Alt bei gymnastischen Spielen. Wehe aber den Theilnehmern. Wen Prinz
Basil an der Hand ergriff, der war um die Hand, wessen Kopf er packte,
der war um den Kopf.
Den Bewohnern Novogrods mißbehagte der Fürstensohn, mit seiner seltsamen
Knabenlust. Die _Posadniks_ (Herren vom Rath) versammelten sich,
beriethen. Dann erschienen sie vor des Prinzen Mutter, und redeten also:
_Amelpha, Timophejewna!_ Edle Fürstin! Wir flehen um strengere Obhut
über dein geliebtes Kind, Basil, Sohn des Boguslav. Untersage ihm die
wilde Kurzweil, denn unsere große Stadt ermangelt der Bevölkerung.
Die gute Dame ward gerührt, sagte den Posadniks die Gewährung ihrer
Bitte zu, verneigte sich dann, und entließ sie freundlich. Gleich ließ
sie den Prinzen rufen, und ermahnte ihn mütterlich: »Um Gottes Willen,
mein lieber Sohn, treib es nicht mehr mit Alt und Jung auf den Gassen
von Novogrod. Dir ward die Kraft eines Ritters, aber nicht guten Brauch
weißt du davon zu machen, denn der, dem du die Hand angreifest, ist um
seine Hand, der, dessen Kopf du erpackest, ist um seinen Kopf. Das Volk
murrt, und die Posadniks kamen zu mir, Klage zu führen. Empörten sie
sich wider uns, was vermögten wir doch? Du hast keinen Vater mehr, ich
bin eine schwache Wittwe. Würde deine Leibeskraft es mit Tausenden
wagen? Wer zählte die Bürger in Novogrod? Darum mein lieber Sohn,
empfange treuen Rath, und gehorche der liebenden Mutter!«
Basil, Sohn des Boguslav, horchte unterwürfig, und da Amelpha
Timophejewna geendet hatte, beugte er sich tief und antwortete
bescheidentlich: »Meine gute Mutter! Wenig kümmern mich die Posadniks,
wenig die Bürger von Novogrod, aber viel deine wackre Ermahnung, und
dein mütterlicher Rath. Ich verheisse dir, nimmer in den Straßen
Kurzweil zu pflegen; wie aber üb' ich künftig meinen starken Arm? Hast
du mich geboren, daß ich nur am Ofen mich wärme? Wozu empfing ich diese
ritterliche Mannhaftigkeit? O die Zeit wird kommen, wo die Posadniks
erbeben, das ganze Land der Reussen mir das Knie beugen soll. Doch jetzt
leiste ich dir noch Gehorsam. Vergönne nur, daß ich mir einige Kameraden
auswähle, mit denen ich mich herumtummeln, und Ritterspiel üben mag.
Gieb mir Hypokras[2] und Bier, daß ich die Stärksten und Kräftigsten
lade, und Kampfgenossen finde, die meiner werth sind.«
Die Bitte fand Gehör. Amelpha Timophejewna ließ vor die Burgpforte
Tonnen mit Hypokras und Bier stellen. Humpen aus gediegnem Gold,
befanden sich daneben, und Herolde riefen durch Novogrod: »So jemand in
Lust und Ueberfluß zu leben gedenkt, und sich schmücken mag mit reichen
Kleidern, der zeige sich vor dem Pallaste Basils, Sohn des Boguslav.
Doch zuvor prüfe er der Gebeine festen Bau, denn nur die Kühnen und
Markigten liebt Basil, Sohn des Boguslav.« So riefen die Herolde vom
Morgen zum Abend, doch niemand erschien. Auch blickte der Prinz
neugierig durch sein Gitterfenster nach Ankömmlingen aus, aber Niemand
wagte die Tonnen zu berühren.
[Fußnote 2: Ein Getränk, mit Würzen und Süßigkeiten zubereitet.]
Endlich gegen die Nacht ließ _Fomuschka der Lange_ sich an der Pforte
sehn. Er nahte einem der eichenen Gefäße, ergriff einen gewaltigen
goldenen Humpen, füllte ihn mit Hipokras bis zum Rand und schlürfte ihn
in einem Athemzuge. Wie Basil dies gewahrte, stieg er eilig in den Hof
nieder, wo _Fomuschka der Lange_ sich befand, und versetzte ihm mit
seiner schweren Keule einen tölpischen Schlag hinter das rechte Ohr.
Fomuschka bemerkte den Schlag wenig, kaum wich die struppigte Locke
seines schwarzen stieren Haares der Keule. Da hüpfte dem jungen Prinzen
das Herz freudig. Er nahm Fomuschka bei der Hand, zog ihn die Treppe
hinauf, brachte ihn in sein vergoldet Gemach. Hier umhalsete er ihn, und
beide schwuren sich den Rittereid, als Brüder und Waffengefährten treu
an einander zu halten, zusammen zu leben und zu sterben, zu trinken aus
einem Humpen, zu speisen von einem Gericht. Endlich mußte sich Fomuschka
an die eichene Tafel setzen, Zuckerwerk und Wein wurden aufgetragen, und
man ließ sichs wohl seyn, in Jubel und Lust.
Zur andern Frühe, da Basil wieder durch das Gitterfenster spähte, ob
niemand käme, an seinen Tonnen zu trinken, erschien _Bogdanuschka der
Kleine_. Dieser trat an das Bier, warf den goldnen Humpen zur Erde, hob
eine große Tonne an den Mund, und leerte sie, ohne daß er einhielt, bis
zum letzten Tröpflein. Basil rief den Gefährten. Sie nahmen zwei starke
eiserne Lanzen der Rüstkammer, eilten hinab, und schlugen mit
Leibeskraft auf des kleinen Trinkers Schädel. Doch Sieheda! in tausend
Splittern brachen die Spieße, Bogdanuschka ward es kaum gewahr. Diese
Probe entzückte Jene, sie nahmen ihn in die Mitte, geleiteten ihn durch
den weiten Hof, über die schöne Treppe hinauf in das vergoldete Gemach.
Hier Umarmung und Schwur der Treue und Bruderschaft bis zum Tod.
Bald verkündete ein Gerücht: Basil, Sohn des Boguslav wählte die
riesenstärksten Jünglinge zu Gefährten, und schloß mit ihnen
brüderlichen Verein. Die Posadniks schöpften Besorgniß, und beratheten
wieder. Nachdem jeder seinen Platz eingenommen, trat _Tschoudin_ der
erfahrne Greis, in des Saales Mitte, neigte sich nach allen vier Seiten,
zog wiederholt den weißen langen Bart durch die Hand, und sprach also:
»Höret mich, Posadniks von Novogrod, und ihr alle, Männer des Volkes der
Slaven die hier versammelt sind, höret mich! Bekannt ist es euch, wie
unser Reich des Herrschers ermangelt, denn minderjährig ist der Sohn des
Boguslav, und bis er das Mannesalter wird erreichen, sind wir Herren von
Novogrod, und von den Landen im Umkreis.
Doch der fürstliche Jüngling, bestimmt, einst über uns zu gebieten,
verheisset keine freundliche Hoffnung. Kaum den Knabenspielen entflohn,
zeiget er bösartigen hochfahrenden Sinn, Grausamkeit ist seine Kurzweil.
Waisen und Wittwen rufen schon in großer Zahl Wehe über seine
Ergötzungen. Nun treibt er es mit den wildartigsten Burschen des Landes.
Und warum? In guter Absicht? Dies lasset uns erforschen. Geben wir ein
festlich Mahl, den jungen Prinzen zu laden. Hier mag sich enthüllen,
welche Gesinnungen für das Oeffentliche seine Brust verschließt. Einen
großen Humpen starken Weines wollen wir ihm darreichen. Schlägt er ihn
aus, sehn wir ein übel Zeichen, Bedenkliches führt dann der Sohn des
Boguslav im Schilde. Trinkt er, wird die Verstellung aus dem
muthwilligen Geiste weichen, wir entdecken, was er in Herzens Tiefen
birgt, denn _Wahrheit ist im Wein_! Gewahren wir nun tückisches
Vorhaben, schlagen wir ihm ohne Zaudern sein Haupt ab, denn wohl leben
andre Fürsten in Rußland, unter denen die Auswahl zu treffen ist, und
gäbe es deren nicht, nun so könnten wir ihrer auch entrathen.«
Hier erhuben sich alle Posadniks, und machten dem weisen Tschoudin ihre
Verbeugung; dann rief es rund umher, wie von einer Stimme: »Ehre deiner
Weisheit! Es geschehe was du willst!«
Schon mit dem Anbruch des folgenden Tages begannen die Vorbereitungen
zum Feste. Im großen Saale des Rathhauses wurden lange Tafeln von
Eichenholz hingereiht, bedeckt mit weißen Tüchern. Reichlich trug man
Backwerk und Confekt auf, sauber geordnet in den Schüsseln. An den
Wänden entlang prangten stattliche Tonnen mit Wein und Bier, über ihnen
hing köstliches Trinkgeschirr aus Gold, Silber und theurem Holz. Da
alles bereit stand, wurden etliche Posadniks nach der Burg entsendet,
die Fürstin zu laden, und den Sohn. Nachdem sie ihren Auftrag
ehrerbietig vollendet hatten, gab die gute Amelpha Timophejewna ihnen
diesen Bescheid: »Spiele und Tänze sind für mich dahin, die Tage der
Freude vorüber. Wie meines Lebens Sonnenstrahl noch glänzte, da mir der
Gemahl, euer Gebieter, noch zur Seite stand, hab auch ich des Frohsinns
Wonne gekostet, aber nun, da meines Lebens Sonnenstrahl entfloh, weil'
ich traurig im einsamen Gemache. Geht indessen zu meinem Sohne Basil,
vielleicht schmückt seine Jugend eure Feier, so ihr ihn bittend
begrüßt.« Nach diesen Worten eilten die Posadniks, den jungen Prinzen zu
sehn, und baten unterwürfig: zu schmücken ihr Fest durch seine Jugend.
Basil verhieß zu erscheinen, wenn anders Amelpha Timophejewna
einwilligte, und begab sich zu ihr. Darf ich dem Mahle der Bürger von
Novogrod beiwohnen? fragte er. Die gute Mutter war es zufrieden, und
ertheilte dem Sohne manchen belehrenden Wink, über das Betragen, welches
er unter den heuchelnden Posadniks anzunehmen hätte, die sie gar wohl
kannte. Trinke, mein Sohn, warnte sie, aber trinke nicht zu viel, listig
sind die Posadniks, durchblicken wollen sie dich. Sei wacker auf deiner
Hut, und so sie prahlen mit ihrer Kraft, ihrer Weisheit, ihren
Reichthümern, so mögen sie prahlen. Schweige, und prahle nicht. Vor
allen Dingen sei artig und herablassend, kränke Niemand durch unhöfliche
Manier! -- Nach dieser Rede schloß sie den Prinzen in ihre Arme, und
dieser begab sich in den festlichen Kreis.
Die Posadniks empfingen ihn an den untersten Stufen der Treppe, und
geleiteten den Prinzen in den Festsaal. Sie wiesen ihm gebückt den
Ehrenplatz an, doch Basil verbat ihn, und ließ sich am Ende der Tafel
nieder. Nun faßten sie ihn artig unter den Arm, führten ihn oben hin und
sprachen: »Hier gebührt es dir, dich zu setzen, Sohn des Boguslav, dies
ist dein Platz! Oft hat ihn der Fürst, dein Vater, eingenommen.« Hierauf
reichten sie ihm einen Humpen süßen Weins, und Basil trank, aß auch von
dem Backwerk und Confekt, womit er bewirthet wurde. Doch trinkend und
speisend saß er da, wie eine züchtige Jungfrau, und kein Wort entfloh
seiner Lippe.
Indessen begannen die Posadniks zu scherzen und zu plaudern, bald ließ
sich auch eitle Prahlsucht vernehmen. Einer rühmte sich dies, der andre
das. Der lobte sein schönes Pferd, jener seine junge Frau. Hier wurde
mit Reichthum, dort mit Leibesstärke groß gethan. Wieder einer prunkte
mit Klugheit. Sie schrien alle auf Einmal. Doch Basil, Sohn des
Boguslav, ließ sich durch solch Beispiel nicht anlocken. Er brach sein
Schweigen nicht, mogten sie prahlen nach Herzenslust. Endlich redeten
der weise Tschoudin, und der reiche Satka ihn also an: »Warum bleibst du
allein stumm, fürstlicher Jüngling? Wohl könntest du deine Vorzüge
rühmen!« Und der junge Prinz gab bescheidentlich zur Antwort:
»Posadniks, ihr seid Männer hoher Achtung werth. Euch ziemt es frei und
kühn zu reden. Wie aber sollte ich mich vor euch preisen, ich ein
Jüngling noch, und verwaist? Wohl besitze ich einiges Gold, Silber,
Edelgestein, doch bin ich es nicht, der die Schätze zu erwerben wußte.
Auch ich werde einst zur Reife gedeihen, und dann sei es mir auch
vergönnt, mich den andern gleich zu stellen.« Die Posadniks waren
verwundert, ob der bescheidnen und verständigen Rede, flüsterten
einander zu, und pflogen ferneren heimlichen Rath. Da ihr Entschluß
genommen war, füllte Tschoudin einen großen Humpen mit starkem Wein, und
brachte ihn dem Prinzen mit den Worten: »Wer liebt der Slaven Lande, und
das große Novogrod, leeret den Humpen!« Nun konnte Basil sich nicht
weigern, er faßte das Geschirr, und trank bis zum letzten Tropfen. Aber
da nun die Posadniks in der vorigen Weise fortfuhren, erhitzte der Geist
des Trankes des jungen Prinzen Gehirn, und nicht weiter vermogte er an
sich zu halten.
»Ihr Gecken, rief er aus, wisset wer Basil ist, der Sohn des Boguslav,
und schweigt! Basil ist Herr über Reussen, alle Lande der Slaven sind
ihm unterthan. Novogrod soll ihm Tribut zahlen, und die Posadniks in
seiner Gegenwart knien.«
Bei diesen Worten fuhren die Posadniks zornig auf. Sie erhoben sich von
den Sitzen und schrien allzumal: »Nein, nicht gebieten wirst du über der
Slaven Lande, nicht beugen wollen wir uns vor dir. Tirannensinn brütet
dein bösartig wildes Gemüth, und es thut uns kein Herrscher Noth. Darum
räume unsere Stadt, das Reich, und das morgen wie der Tag beginnt. Und
wirst du nicht im Guten dich fügen, soll Gewalt dich zwingen.«
»Ich fürchte weder euch noch jemand auf Erden,« antwortete der Prinz.
»Waffnet ganz Novogrod gegen mich, ich werde euch die Spitze bieten, und
fragen, wer mich zwingen will, mein Reich zu meiden? Denn Novogrod
gehört mir, ihr alle seid meine Unterthanen.« Hier stand er auf, schritt
durch den erboßten Haufen, der ihm Platz öffnete, und verließ den
Festsaal und das Rathhaus.
Da er entfernt war, lachten die Posadniks seiner Drohungen. Was will
dies Kind, riefen sie, denn so hieß man den Prinzen in der Versammlung.
Demungeachtet beschloß man zur Stelle alle Truppen von Novogrod unter
die Waffen zu sammeln, daß man den Prinzen zur Entfernung zwänge.
»Sein junges Gebein, rief Satka, soll auf der Haide bleichen, blos dem
Regen und Schnee, denn wie leistet der Knabe uns Widerstand?«
Von allen Thürmen brüllte die Sturmglocke, wer das Schwert führen
konnte, traf eilig auf dem Sammelplatze ein. Wie die gute Dame Amelpha
Timophejewna es vernahm, forschte sie nach der Ursache, und da sie
erfuhr, des Sohnes verwegene Rede habe der Posadniks Wuth entflammt,
eilte sie in sein Gemach, ihn ernst zu schelten. Da ihr aber sein
Zustand sichtbar ward, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in ein
Kellergewölbe, wo er weilen sollte, bis die Dünste der Trunkenheit durch
den Schlaf zerstreut wären.
Hierauf begab sich Amelpha Timophejewna in die Kammern, welche ihre
Schätze bewahrten. Sie ersah einen goldenen Kelch, den sie mit
mancherlei edlen Steinen füllte, mit Rubinen, Smaragden, und Diamanten.
Nun erschien sie, von ihren Frauen begleitet, im Rathhause, wo die
Posadniks anwesend waren. Indem sie den Saal betrat, neigte sie sich
tief, dann wurde der reiche Kelch auf die Tafel gestellt, und süße Worte
schmeichelten den Männern. »Verzeihet seinem Leichtsinn, flehte sie,
verzeiht der unbesonnenen Drohung in der Lust des Weins entflohn.
Gedenkt seiner Jugend, und wollt ihr das nicht, vergesset aus Liebe für
den verstorbenen Fürsten Boguslav, der sich verdient machte, um euch und
Novogrod die große!«
Doch Bitte und Herablassung vermehrten nur der Posadniks Stolz, und
frech antworteten sie ihrer Fürstin: »Hinweg von hier, betagte Frau!
Nichts haben wir mit dir zu schaffen, und nicht thun uns Noth deine
Steine und dein Gold. Wir wollen nur den Kopf deines verwegenen Kindes.«
So schrien sie allzumal.
Bittre Thränen vergießend, kehrte die gute Dame nach ihrer Burg zurück.
Sie befahl alle Pforten zu schließen, und harrte ungeduldig auf den
Ausgang der widrigen Begebenheit.
Am andern Tage, mit dem Erwachen der Sonne, griffen die Posadniks mit
der ganzen Macht von Novogrod die Burg an. Die Pforten wurden erstürmt,
und in den weiten Hof stürzten Soldaten, den Wogen gleich auf dem Bette
des empörten Stroms.
Vom Waffenlärm, vom Geschrei der Menge auf den Gassen von Novogrod,
erwachte in seinem Gewölbe, Basil, Sohn des Boguslav. Leicht raffte er
sich auf, eilte nach der Thür, sprengte das feste Schloß mit einem
Handschlag, und stand nach zwei Sprüngen mitten im Hofe. Die von
Novogrod warfen sich auf ihn. Doch er gewahrte zu seinen Füßen einen
Balken aus Eichenholz, den die Axt der Zimmerer noch nicht beschält
hatte. Diesen packt er eilig, und wirft ihn nun wieder auf die von
Novogrod. Bald nehmen diese Reißaus, Basil treibt sie vom Hofe weg,
folgt ihnen auf der Ferse, und erlegt sie hundertweis. Die entsetzliche
Waffe in der Faust, läßt er sie bald rechts bald links niederprasseln,
und macht die dicken Haufen der Flüchtigen licht. Umsonst schreien sie
Erbarmung, umsonst verheißen sie Gehorsam, Treue. Das junge Blut des
Prinzen siedet, sein Grimm ist nicht zu erweichen, er treibt die Empörer
der ungestümen Wolchova zu.
Nun meiden die Posadniks die Wahlstatt, rennen zum Rathhause, füllen
einen großen Goldpokal mit Juwelen, und bringen ihn angstvoll der guten
Dame Amelpha Timophejewna. Vor ihre Fenster, auf der Gasse stellen sie
sich hin, denn sie wagten sich nimmer in den Hof, und ihre stolzen
Schädel an den Boden drückend, wimmern sie kläglich: »Ach Fürstin! Ach
Mutter! Dein Mitleid wende sich nicht von uns! Wir erzürnten deinen
Sohn, unsern Herrn, Basil, Sohn des Boguslav, und sein Grimm macht eine
Wüste aus Novogrod. Verlasse unser Schrecken nicht, lege dich ein für
die Bangen, daß sein gewaltiger Zorn ende!« Wohl vernahm die gute Dame
das Geschrei, doch zeigte sie sich nicht, sondern ließ durch eine
Dienerin herabsagen: »Ihr begannt, ihr mögt enden. Was gehn die betagte
Frau eure Händel an?«
Mit gesenktem Ohr schlichen die Posadniks zurück, unterwarfen in einer
Urkunde, sich, Novogrod und das Land dem jungen Fürsten, und boten ihm
unbeschränkte Gewalt über Leben und Tod, Gut und Blut, in ganz Rußland.
Mit dieser Schrift nahten sie demüthig _Fomuschka dem Langen_, und
_Bogdanuschka dem Kleinen_. »Wir sind sein, hier unsre Unterwerfung«
sprachen sie.
Die Ritter wurden erweicht, und warfen die zum kräftigen Beistand des
Waffenbruders erhobenen gewaltigen Keulen nieder, hielten das Blatt
empor, und riefen: »Heil Basil, Sohn des Boguslav! Morde nicht länger
den Unterthan, denn alles ward dir gegeben. Heil dir Fürst von Novogrod
und Rußland!« Hier warfen sie sich mit den Posadniks nieder, die Menge
folgte.
Nun hielt der junge kräftige Prinz ein, empfing Urkunde und Huldigung,
und vergaß, was geschehen war. Froh kehrte alles zur Burg. Glücklich
herrschte Basil, Sohn des Boguslav. Kein innrer Zwiespalt, kein Krieg
von außen, störten seine Regierung, denn alle Welt fürchtete Basil, Sohn
des Boguslav, Fomuschka den Langen, und Bogdanuschka den Kleinen.
Die ^Archives litteraires de l'Europe^ erheben diese Legende, wegen
mancher Züge von Einfalt, doch giebt sie auch einen Maasstab, wie rohe
Einbildungskraft Monarchenwerth in Anschlag bringt. Unserm Roman wurde
sie als Beilage verliehn, um den Leser zu der Betrachtung aufzufordern:
Es ist im Nord und Süd sich manches ähnlich, Bös und Gut überall gleich
gemengt, Demokrit und Heraklit vermissen nirgend ihren Stoff, und nach
Belieben, oder Lebensalter und Gemüthsstimmung ist Schillers Wort
anzuwenden:
Thor, wo du siehst die Noth und die Plag,
Erblick ich des Lebens hellen Tag.
Sechstes Buch.
Erstes Kapitel.
Flore und ihre Räthe.
Wir sahen, daß die Räthe der Sultanin in Darkulla fleißig einander den
Platz streitig machten, woraus für das Ganze nicht viel Segen zu keimen
pflegt. Man kann die Staatsführung allenfalls mit einem Wagen
vergleichen. Die vorgespannten Rosse sind die oberen Diener, der
Souverain lenkt ihre Zügel, achtet auf des rechten Weges Geleis. Gut,
wenn die Rosse stark sind, muthig schnaubend vorwärts dringen, daß es
eher nöthig wird, den Zaum aufzuhalten, als ihn bei anderweitiger
Antreibung zu lockern; mögen sie auch ein wenig eigenwillig, wiewohl dem
obern Willen gehorchend, lenkbar seyn, denn Shakespear sagt sinnreich
genug: verdrießlich ein Roß, das nicht in den Zügel beißt. Herrlich geht
alles von Statten, wenn die ausgreifenden Kräfte vorne _Talent_, und die
Lenkenden hinten _Genie_ genannt werden können. Es mangelte sogar nicht
an Beispielen eines gar lobenswerthen Fortgangs unter so angethanen
Umständen. Auch darf man nur in den bunten Gukkasten der Geschichte
blicken, wo die Tragikomödie der Vergangenheit aufgeführt wird, und man
wird da manchen Zügler gewahr, dem das Lenken unbequem wird, und der
sich also einen Stellvertreter anordnet, dem er nur bisweilen auf die
Hände sieht. Auch kann es gedeihlich ergehn, ermangelt diesem nur nicht
Kunde des Wegs und Kraft der Fäuste, schlimm aber wenn der Zügel
nachgelassen wird, eines der Thiere springt im wilden Gallop an, das
Zweite will sich im trägen Trott schonen, auch gelegentlich Gras an der
Seite des Weges rupfen. Am Kreuzpfad biegt eins rechts, das andre links.
Oder dem eigentlichen Bilde, worauf es hier angesehen ist, näher zu
kommen: ein Hochbeamter will rüstig fort ins Gebiet der Neuerung, wird
entzückt von den Phrasen der Projektenmacher, freuet sich der Zahlen
eines Law, hofft für jede papierne Saat Goldärndten, und der andre
gleichet solchen, wovon Herr von Held ein meisterhaft possierliches
Gemälde lieferte:
Wohl mancher läßt an der Geschäfte Spitze,
Von dem erhabenen Ministersitze,
Die Staatsmaschine leiernd gehn,
Das Schnarrwerk tanzt, und endlich lohnen
Den invaliden Leirer, Pensionen,
Dann mag ein Andrer weiter drehn.
Wie geht es da? Man gelangt auf Irrwege. Bald bricht etwas am Wagen,
bald kömmt er nicht von der Stelle, man wirft um u. s. w. u. s. w.
Floren machte es gewaltigen Verdruß, da sie sah, daß Alonzo, Perotti und
der Darkullaner ungleich und gegen einander wirkten. Und das Lenken
selbst nun so schwieriger, gewährte ihr um so weniger Vergnügen, als die
Blutszene ihr das sonst reitzende Land verhaßt gemacht hatten, und die
Sehnsucht den Blick nur ins Vaterland rief. Mit heißer Ungeduld
erwartete sie Musa zurück, und schöneren Traum konnte sie nicht träumen,
als Kukus Einwilligung in ihre Vorschläge.
Unterdessen kam Alonzo öfters, und stellte ihr vor: für die Arme einer
Dame wären die Zügel des Regiments zu beschwerlich. Ein Premierminister
würde ihre Sorge am freundlichsten erleichtern. Dann hatte er diesen
oder jenen glänzenden ausschweifenden Entwurf, welchen er zur Stelle
vollzogen wissen wollte. Denn obschon unthätig im Tagewerk, lebte ihm
doch eine rege Phantasie, er hielt den Charakter des Hispaniers fest.
Allein Flore fand die Entwürfe selten nach ihrem Geschmack, und der Alte
ward dann murrlaunig.
Perotti erschien noch häufiger, immer festlich geschmückt, die ziemlich
greisen Haare mit einer Farbe geschwärzt. Wenn er Floren nun eine Menge
angenehmer Dinge, und süßer Lügen vorgebracht hatte, stellte er ihr vor,
wie nöthig ihr in dem dermaligen Verhältnisse ein Gatte sei, ein Gatte,
nicht zu jung, um noch ein Sklave der Unbesonnenheiten zu sein, nicht zu
alt, um noch das Feuer der Liebe empfinden zu können. Dann gab er die
Rolle des Zerstreuten, Nachsinnenden, Unglücklichen.
Flore lachte in sich, da sie seine Plane ahnte.
Nicht lange, so erschien auch ein Brieflein voll der zärtlichsten
Wendungen. Flore lachte noch mehr, und beantwortete es nicht.
Doch wenige Tage nachher spielten ihre Frauen auf eine Verheirathung der
Sultanin an, die Stadt war plötzlich eines Abends erleuchtet, und Alonzo
erschien noch ganz spät, warf sich Floren zu Füßen, und warnte mit den
dringendsten Gründen, gegen den neuen Vorsatz. Flore war vor Erstaunen
außer sich.
»Nein, ehe du dem arglistigen gauklerischen Italiener die Hand reichst,
weiß ich einen Gemahl für dich, edelmüthig, tapfer, jung, liebenswerth,
und dem du eben so viel verdankest --«
Aber ums Himmels Willen, wurde er unterbrochen, wer hat euch gesagt, daß
mir so ein Gedanke einkam?
»Wer? Jedermann. Die gesammte Stadt ist voll davon. Darum die
Erleuchtung. Morgen werden Abgeordnete dir im Namen des Volkes Glück
wünschen.«
Hieraus ergab sich, daß Perotti die Neuigkeit selbst verbreitet hatte,
Floren desto eher für die Ausführung zu stimmen. So läßt man in den
Zeitungen verkündigen, man habe ein gewisses Geschenk, eine Stelle, eine
Ehrenbezeugung erhalten, und Einigemal hat das die Wirklichkeit zur
Folge gehabt.
Nicht so bei Floren. Sie ließ den Wälschen rufen, und sagte ihm
gemessen: Signor Perotti, war ich euch Dank schuldig, so bedenkt, daß
ich ihn durch Vertrauen, und durch Vergessen eurer ehemaligen Untreue,
entrichtet habe. Spielt ihr jemals auf diese eure thörigte Absicht
wieder an, geht ihr eures Amtes verlustig.
Perotti versetzte: Sultanin, wohin führt Liebe!
»Wie, in eurem Alter?«
Medea verjüngte den Greis Aeson, ihr, eine größere Zauberin, werdet doch
den Mann aus den Mitteljahren ins Jünglingsalter zurückführen --
»O erlaßt mir das! Ich meinte, jene Isabelle sei eure Geliebte. Schlecht
lös't ihr euer Wort, sie bis ans Ende der Welt zu suchen.«
Im Wetteifer mit Coutances gab ich dies Wort. Er ist todt, was brauche
ich es nun zu lösen.
»Also Eitelkeit, elende Eitelkeit, der Listigste gelten zu wollen, nicht
kräftige Leidenschaft spornte euch?«
Flore gab ihm noch manchen ernsthaften Verweis, dann trat auf ein
gegebenes Zeichen der Wachtoffizier herein, und Perotti wurde verhaftet.
Nur auf vier Wochen, sprach Flore. Jener mußte alles Sträubens
ungeachtet mit fort.
Diesen Abend war die Stadt noch weit heller erleuchtet. Das hatte Alonzo
besorgt. Flore, die ihn rufen ließ, erhielt auf ihre Frage folgenden
Bescheid:
»Das Volk ist doppelt froh. Einmal, daß Perottis Sage unwahr ist, ferner
daß ein Minister, der seinen vollen Haß trägt, hat ins Gefängniß wandern
müssen.«
Das sind, erwiederte Flore, alles Dinge, wovon dies gute Volk nichts
wußte, ehe wir die Hand an seine Verfeinerung legten. Ich sehe gar wohl,
daß jede Unze des Guten, die es durch mich empfing, reichlich durch eine
Unze Uebel aufgewogen wird, und das ist es, was mir die ganze
Beherrschung höchst zuwider, mit jedem Tage mehr zuwider macht. An all
das geflossene Blut darf ich vollends nicht denken, oder mich befallen
Gram und Trübsinn.
O, fiel der andre ein, ein Gemahl, ein Gemahl, nur Perotti nicht.
Schweigt, ich besitze schon einen! -- Doch Apropos! Ihr erwähntet vor
Kurzem eines rühmlichen jungen Mannes. -- Faßt ja keinen unrichtigen
Gedanken, wenn ich frage. Es hieß, ich verdankte ihm viel, und das mag
ich nicht schuldig bleiben.
Alonzo fing eben lächelnd an:
Es ist --
Da trat ein Diener ins Zimmer, und meldete Musas Zurückkunft. Dies
unterbrach das Gespräch völlig, denn Florens ganzer Antheil war dem
Neger zugewendet, der auch gleich vorkam.
Zweites Kapitel.
Musas Berichterstattung.
Was sagt Kuku? wackerer Dschelab, rief Flore dem Ankömmling entgegen.
Er erwiederte folgendes:
Da ich zu dem Sultan kam, erhabene Nene, und mich als deinen Gesandten
offenbarte, warf er sich jammernd und winselnd auf den Teppich. Alle
Liebe ist von den Weibern gewichen, rief er, auch diese Nene, die ich
zur Eselin der Eselinnen erhob, wollte nicht sterben.
O der Barbar! fiel Flore ein.
Jener fuhr fort: Nun mußte ich deinen Krieg gegen den Bruder berichten,
und wie Tata fiel. Da zürnte er nicht. Mein Bruder war ein Krieger,
sprach er, rühmlich ist Tata gesunken. Nun erzählte ich, wie du sein
Grab geehrt, sein Denkmal erhöht hast, da weinte er vor Freude.
Edler Rittersinn, rief Flore. Kuku verleugnet sich nicht. Das Gute und
Böse liegt in seiner Seele beieinander. Ich aber mag hier weder tilgen
noch entwickeln. Weiter!
Da ich nun antrug, du wolltest ihm sein Land zurückstellen, wenn er dich
mit sicherem Geleite ziehen ließe, war er halb zufrieden, halb nicht,
doch erklärte er sich endlich: er müsse vor allen Dingen erst Osmanns
Kopf, womit er betrogen worden sei, bekommen, diese Bedingung würde Nene
nicht versagen.
Osmanns Kopf? rief Flore. Osmanns Kopf! Betrogen sagst du? Hat er ihn
nicht? Mit meinem Willen zwar nimmer. Alonzo, was sagt ihr?
Ich weiß nicht anders, stockte dieser.
Musa fuhr fort: Der Sultan behauptet, einen anderen Kopf erhalten zu
haben. Er besteht auf den ächten; dann sollst du ihm auch noch einen
geschickten Caffern zusenden, der ihm das schwarze Pulver bereitet. Er
will es wider Gigi gebrauchen, mit der es immer noch nicht zu der lange
erwarteten entscheidenden Schlacht kam, denn man unterhandelt noch mit
Habesch um die Mittel, jene unfehlbar zu verderben.
Der Caffer soll ihm werden, ich hab ihn schon ersehen. -- Es ist ein
Irrthum. Der Kopf wurde ihr zugeschickt. Doch stände der Franzose auch
lebend vor mir, ich würde nimmer in die Forderung willigen.
Sie ließ hierauf Perotti aus dem Gefängnisse bringen.
Signor, erklärte sie ihm, ihr geht zum Sultan Kuku! Verseht ihn mit
Kunst, mit List, so viel ihr wisset und ihm Noth thut. Wenn ihr das
gehörig ins Werk gerichtet habt, so vollendet meinen Frieden mit ihm.
Der ehrliche Musa wird euch begleiten. Vielleicht ziehen wir am Ende
froh nach Europa.
Nach Europa? rief Perotti. Ich habe es schon vergessen, und darauf
verzichtet.
»Ich nicht, Signor, ich nicht!«
Laßt uns doch in Darkulla bleiben. Zum Paradiese fehlt ihm ja nichts
mehr, als eine Opera buffa, und ein maskirt Carneval. Doch Geduld, ich
richte alles noch ein.
»O meinetwegen künftig bei Sultan Kuku. Genug, ich höre keinen
Widerspruch, keine Bitte.«
Aber mein Amt, mein Amt!
»Werde ich einstweilen schon verwalten lassen, auch mich beim Sultan
einlegen, daß es euch vorbehalten bleibt.«
O keinem Sultan mag ich dienen, einer Monarchin. Wie Essex der
Elisabeth. Das bringt vortrefflich Regiment.
»Dies waren eure Abschiedsworte. Kameele vor. Glück auf die Reise!«
Er mußte gehorchen.
Alonzo wurde wieder allein befragt: Welchen jungen Mann meintet ihr?
Er gerieth in Verlegenheit. Ich bitte um Nachsicht, Sultanin. Ich weiß
keinen. Es war mir nur darum, zu erfahren, wie du einen Antrag der Art
beantworten würdest.
»So? -- Ei! -- Und Osmanns Kopf? Ihr stokt. Ihr bergt mir ein Geheimniß,
auch mag ich es nicht entschleiern. In einem Fall bin ich aber
unzufrieden mit euch. Das sollt ihr einst erfahren. Die Verkettung der
Ereignisse, welche uns treffen, ist sonderbar. Gebe das Schicksal nur
eine endliche freundliche Lösung.«
Alonzo mußte Perottis Geschäfte mit versehn. Flore drängte ihn, da
durfte er seiner Trägheit weniger nachhängen. Ehrlicher wie Perotti,
hing das Volk ihm lebhaft an, wiewohl es bald darauf auch genug an
seinen Einrichtungen zu tadeln fand, denn mit den ersten Eindrücken der
Verfeinerung, hatte sich der Geist des Widerspruchs, der in aller Busen
wohnt, der uns als moralisches Vertheidigungsmittel von der Natur
zugelegt zu sein scheint, auch ziemlich bei den Darkullanern
ausgebreitet. Von ihm sagt Morellet, einer der geistvollsten unter den
neueren französischen Autoren:
^Supposons qu'on appelle au Ministère un génie élevé, d'une probité qui
décourage la calomnie même, plein de la passion du bien public, et de
tous les sentimens qu'on peut desirer et exiger dans un homme en place;
je vais dire ce qui arrivera. S'il regarde autour de lui avant
d'entreprendre; s'il étudie, non pas les principes de l'administration
que l'expérience et de profondes réflexions lui ont rendus familiers,
mais les moyens par lesquels on peut les mettre en pratique et vaincre
les obstacles que la corruption élève de toutes parts; s'il marche avec
cette sage lenteur qui conduit plus sûrement et plus promptement au but,
on dira: _il ne fait rien_; _nous ne voyons rien_; c'est qu'on sera au
desespoir de n'avoir rien à blâmer et à contredire; mais à la première
de ses opérations, des milliers de voix s'élèveront; l'un critiquera la
forme, l'autre le fonds, non pas d'après des principes réfléchis, mais
uniquement par esprit d'opposition. Si le ministre eût fait tout le
contraire, on se fût simplement abstenu de corriger tel abus de faire
telle loi, ces mêmes gens l'auraient désapprouvé avec la même violence.
On eût dit: pourquoi ne réforme-t-il pas ceci ou cela? Pourquoi ne
fait-il ce bien au peuple, cette faveur à l'agriculture? S'il réforme,
s'il change, s'il s'efforce d'améliorer toutes les parties de
l'administration, on s'écriera: pourquoi toucher à ce qui est? Ne
sommes-nous pas bien? L'esprit de système, la constitution de l'Etat,
les privilèges des différens corps, le caractère de la nation, les
dangers d'une liberté, qui deviendrait bientôt licence, seront les mots
de ralliement que se donnera l'esprit de contradiction, et bientôt sera
renversée, la statue au pied de laquelle on avait brûlé quelque encens.^
Dieser Geist des Widerspruchs, tief verfolgt zur Wurzel, und dann wieder
einen vielzweigigen Stamm aus der Tiefe erzogen, lieferte gar wohl den
Stoff einer neuen Erklärung des gesellschaftlichen Lebens. Doch scheint
die Sucht, philosophische Systeme aufzustellen, bei den Deutschen in
Abnahme zu gerathen. Bliebe es dabei! Denn wohin führen sie alle? Den
Mann bis zum Grabe zur Pein des Schülers zu verdammen; denn will er
nicht das sogenannte Hinken nach dem Zeitalter als Vorwurf hören, muß er
immerfort lernen. Und darf man Schätzen einen Werth zuerkennen, von
denen es ausgemacht ist, die Mode wird früher oder später gebieten, sie
wieder wegzuwerfen. Oder soll der Teutone die Weisheit inniger
umschlingen, da die Klugheit sich seinem Arm so viel entwindet?
Drittes Kapitel.
Der Kriegsschauplatz.
Wenden wir den Blick nach dem Kriegesgetümmel.
Immer hatte Gigi Unterhandlungen anknüpfen wollen, doch kein Gehör bei
Kuku gefunden. In seiner festen Stellung trotzte er ihren Angriffen, wie
wir bereits wissen, und übte daneben seine Truppen mit vieler Klugheit.
Eilboten gingen fleißig nach Habesch, und kamen von daher. Der
Entfernung halber, und da es nothwendig war, beträchtliche Umwege zu
nehmen, verliefen aber mehrere Monate, ehe die Unterhandlung am Ziele
stand. Endlich aber sagten die Verbündeten zu, Gigi mit einem großen
Heere in den Rücken zu gehn, und es wurde ein Tag beraumt, wo Kuku seine
Verschanzung meiden, und die Amazone im offenen Felde angreifen sollte.
Der Feldherr der Verbündeten rechnete darauf, um diese Zeit auch nahe zu
sein, so gerieth die Feindin zwischen zwei Angriffe, und um desto eher
hoffte man sie zu verderben.
Eben war man auf das ernsthafteste mit Waffenübungen beschäftigt, da
Perotti in Kukus Lager kam. Aber welche Waffenübungen. Nicht etwa so
bequem wie in Deutschland, wo man die freundliche Jahreszeit, den Tag,
und fein flache Gefilde dazu auswählt, dazu jedermann auf dem Papiere
hat, welche Szenen aufgeführt, welche Truppen vorwärts rücken, und
welche fliehen sollen. Nein, Sturm, Regen, Wolkenbruch, wie sie die
nasse Jahreszeit dort viele im Gebürge gab, tiefe Nacht, hohe Felsen,
Wald und Sümpfe liebte Kuku zu diesem Behuf. Immer wurden zwei Partheien
aufgestellt, deren Führer nach Urtheil handelten. Daß es dabei auf
blutige Köpfe nicht ankam, auf dem Exerzierplatze Todte zu begraben, ins
Spital Verwundete zu bringen waren, versteht sich von selbst.
Perotti kam in der übelsten Laune von der Welt im Lager an. Er hatte so
schöne Träume geträumt, und war so übel davon erwacht. Zwar besaß er
viele Schätze, denn es war ihm vergönnt worden, ein Kameel mit seinen
Habseligkeiten zu beladen, und was er erpreßt, und durch Bestechungen
gewonnen hatte, nahm darauf Platz; gleichwohl aber sah er wenige
Sicherheit für den Reichthum voraus, und dem Kriegsruhm hatte er in
Europa nimmer Geschmack abgewonnen, um wie viel weniger in dieser
Erdgegend. Bei dem allen mußte er der Nothwendigkeit weichen, und es
galt ihm nur, sich in die Gunst des Sultans zu schmeicheln.
Das geschah denn nach aller Kraft, es wurde Pulver verfertigt, auch
Kanonen, ob sie gleich zu nichts taugten, als Schrecken einzujagen, was
freilich schon viel taugen heißt, besonders wenn man schreckhafte Feinde
vor sich hat. Kuku wollte ihm eine Unterbefehlshaberstelle bei den
Truppen anvertrauen, die er aber demüthig verbat, und dafür antrug, die
eines Feldhistoriographen anzuordnen, welche er mit nicht geringem Eifer
zu versehn anfing. Dabei stutzte er Zeitungsschreiber zu, und ließ alle
Tage ein Palmblatt ausgeben, worauf die Kriegsvorfälle geschildert
wurden. Hatte ein Darkullaner einen Fluch oder Schimpf gegen die
Beduinen ausgestoßen, so sprach diese Zeitung von der begeisterten
Stimmung, die das ganze Heer durchglühe. Kriegslieder enthielt sie zu
Dutzenden, sie wurden in der Expedition gut bezahlt, also fand sich
alles damit ein, was nur in der Landessprache reimen konnte. Hatte ein
Krieger in der Nacht _Wer da!_ gerufen, hieß es in Perottis Zeitung: ein
Ueberfall sey mit großem Verlust des Feindes zurückgeschlagen. Eine
ausgeschickte Patroll wurde zum Scharmützel gemacht, und eine größere
Zahl von Beduinen war auf dem Platze geblieben, als ihr Heer stark seyn
konnte. Da sagte Kuku aber: du bist ein Narr mit deiner Zeitung, höre
auf!
Bald darauf fiel des Sultans Geburtstag ein. Perotti machte, daß im
ganzen Lager Gastmahle gehalten wurden, man streute Blumen, Raketen und
Schwärmer stiegen am Abend leuchtend in die Höhe. Ueber dies Fest wurde
eine eigne Schrift herausgegeben, worin man den Patriotismus und die
Unterthanenliebe der Darkullaner bis zu den Wolken erhob. Kuku lachte
aber gar sehr, wie er die Schrift sah, und sagte zu Perotti: also meinst
du, ich soll an dem Darkullaner Tugenden des Unterthans erblicken, wenn
mein Geburtstag ihm einen Anlaß giebt, sich bei Mahl und Fröhligkeit zu
ergötzen? Nein, da will ich andre Beweise, am meisten in der nahen
Schlacht. -- So gescheut war Kuku.
Einmal lag Perotti in seinem Zelte. Schon war es tiefe Nacht. Da nahte
etwas durch die Stränge, womit das Haus von Linnen befestigt war.
Perotti horchte bange, und wollte eben nach der Wache rufen, als eine
Stimme ihm leis zuflisterte: Sei ruhig, es naht ein Freund, der dir
große Schätze nachweisen kann. Dies machte, daß der Italiener die Furcht
überwand. Der Fremde kam ins Zelt. Ich bin von Gigi gesandt, sprach er.
Sie weiß, daß Mehemed beim Sultan gilt. Liefere ihr die beiden Caffern
Mustapha und Osmann lebendig in die Hand.
Mustapha? erwiederte Perotti, das wäre so unmöglich nicht, aber Osmann
ist todt. Der Sultan hat ja sein Haupt abholen lassen.
Glaubst du das Mährchen auch? entgegnete die Stimme. Osmann lebt im
Felsenlande.
Osmann lebt? lebt? fuhr Perotti auf.
»Gewiß.«
Und wie kömmt es, daß Gigi das weiß?
»Man schickte ihr einen Kopf, der Osmann gehören sollte, sie erkannte
ihn aber falsch.«
Falsch? Wenn sah denn diese Gigi Osmann? Fremdling, ist mir doch, als
hätte ich deine Stimme schon einmal gehört.
Das wüßte ich doch nicht, versetzte die Stimme.
Seltsame, seltsame Gedanken stiegen bei Perotti auf. Endlich rief er:
wie weit ist es von hier nach Gigis Lager?
»Nur wenige Tausend Schritt.«
Kannst du mich unbemerkt hinübergeleiten, und wieder zurückbringen?
»Das ginge wohl an, doch aus welchem Grunde?«
Ich muß selbst mit Gigi reden.
»Kannst du mir deinen Willen nicht vertrauen?«
Laß mich zu ihr, dann verständigen wir uns leichter. Verdacht kann sie
nimmer gegen mich bergen, wie wagte ich mich zu ihr, und hier mein
Leben, fühlte ich nicht gegen sie warme Anhänglichkeit. Ich habe so viel
von ihren Thaten gehört, und bin schon lange ihr Bewunderer. Nicht nur
die Caffern sollen ihr werden, sondern wenn sie mir Folge leistet, auch
Sieg über Kuku.
Wohlan, schleiche mir nach, sagte der Fremde. Ich kann unbemerkt durch
die Außenwachen finden.
Nicht ohne Zittern willigte Perotti ein. Aber eine gewisse Ahnung in
seiner Seele bestimmte ihn zur Entschlossenheit.
Man tappte hinaus. Die einzelnen Wächter der Lagerkette sangen, dies
verbarg das leise Rauschen der Fußtritte im Sand. Nicht lange darauf kam
man bei einigen Reutern an, die den unternehmenden Späher erwarteten.
Einer von ihnen mußte sein Pferd an Perotti geben, und so ging es im
schnellen Galopp davon.
Wie man in das fremde Lager angekommen war, mußte Perotti etwas
zurückbleiben, da sein Führer ihn erst anmelden wollte. Jener brauchte
diese Zeit dazu, sich das Gesicht mit Erde zu beschmutzen, und sich
möglich unkenntlich zu machen, denn er meinte: _es sei wohl möglich, daß
er hier gekannt wäre_.
Es währte einige Zeit, bis der Beduin wiederkam. Er trug eine Fackel in
der Hand. Neugierig blickte Perotti nach seinem Gesichte, aber ein tief
in die Stirn gedrückter Turban, und ein bis über die Brust
herabfließender Bart machten, daß nur wenige Züge kenntlich waren.
Die Fürstin ist geweckt, und ihr deine Ankunft berichtet worden, sprach
Jener; folge zu ihrem Zelte.
Er ging mit der Fackel voran. Man kam durch lange Reihen von Pferden,
welche theils schnarchend ausgestreckt lagen, theils wachend ihr Gras
käuten, die Reuter lagen mitten unter ihnen, denn sowohl die Beduinen
wie die Kalmucken halten mit dem edelsten der Hausthiere enge
Freundschaft. Wachen waren in diese Gassen vertheilt, bei denen kleine
Feuer brannten. Die Zelte der Vornehmen erhoben sich geordnet, und
wurden durch Laternen, welche an ihrem Eingang hingen, auch in der Nacht
sichtbar. Endlich gewahrte man der Königin Gezelt. Wie der Dom eines
prachtvollen Tempels, zu einer Festlichkeit erleuchtet, ragte es empor,
denn nicht nur seine Höhe erregte Staunen, sondern überall waren auch
Laternen angebracht, welche rund umher den Platz erhellten, und alle
Schildwachen zu Pferde, welche umhergestellt waren, und die blinkende
Harnische bekleideten, sichtbar machten.
Die Stangen dieses Zeltes waren gerüstartig übereinander gestellt und
gefügt, kunstreich die Thierhäute, welche seine Wände bildeten,
verbunden. Der inwendige Theil bestand aus persischen Tapeten, und
Fußteppiche in Natolien gefertigt, deckten den Boden. Die Anlage eigener
Manufakturen hatte Gigi, wie wir wissen, noch wenig glücken wollen, sie
ließ also die Kostbarkeiten von der Fremde hereinbringen. Einstweilen
aber, bis ihre Städte eine vollendetere Gestalt zeigten, hatte sie
Erfindungsgeist und Geschmack auf die Verfeinerung des nomadischen
Lebens gewendet. Ein wandelnder Pallast war ihr Wohngebäude aus Häuten
und Tapeten; stattlich prangten die ihrer vornehmen Beamten; bequeme und
nette Einrichtung hatten die der Arbeiter; die Soldaten trugen ihre
Kasernen stückweis mit fort, und so die Pferde ihre Stallungen. Nur
jetzt, da man gegen den Feind stand, durfte letztere kein Obdach
enthärten, und auch die Bereitschaft auf Kampf duldete kein Hinderniß.
In der That hat das Nomadisiren für die Einbildungskraft viel
Anziehendes. Wenn man die _Tavernier_, _Niebuhr_, _Savary_, über die
Wanderer in Egypten und Arabien liest, und mehr noch die _Wytsen_,
_Georgi_, _Haygold_, _Reineggs_, _Pallas_ u. s. w. über die am Caucasus,
im kabardinischen und Truchmenen-Lande, Turkestan, der Bucharei, so
gewinnt das Bild einer reisenden Stadt einen wesentlichen Vorzug, gegen
das traurige Einerlei unserer festen dumpfen Wohnplätze. Welch ein
heiteres, gesundes, an mannichfacher Abwechslung reiches Leben, unter
Zelten, auch in der kultivirten Welt! Grade hier könnten die Künste ja
seine Bequemlichkeit so erhöhn. So schützte z. B. das Tränken mit
elastischem Harz die Leinwand gegen Nässe. Im Winter lagerte man
zwischen Bergen, die die rauhe Luft abwehrten, bei Wäldern, um keinen
Mangel an Feuerung zu leiden. Camine lassen sich gar wohl in Zelten
anbringen, oder man gräbt in dieser Jahreszeit sich etwas in die Erde.
Im Frühjahr bezöge man anmuthige Höhen, den Anblick der Naturverjüngung
ins Weite zu genießen, und nicht durch die viele Feuchtigkeit belästigt
zu sein. Der Sommer würde an See- oder Stromufern hingebracht, Kühlung
und Bad in der Nähe zu sehen -- -- doch es tönen so viele Aber entgegen,
daß man gern von dem Traume endet.
Perotti wurde nun in einen Vorsaal des Zeltes geführt, der wohl
erleuchtet war. Die Leibwache der Heldin schimmerte in leuchtenden
Kürassen, denn Gigi hatte zu viel Geschmack, Krieger mit rothen,
weissen, gelben Lappen herauszuputzen, und so unkräftig wenn sie nicht,
wie die Europäer, die feiger gegen die Last einer heilsamen Trutzwaffe
sind, wie gegen den Schuß einer Flinte oder Stich und Hieb der
Seitengewehre.
Nachher gelangte man in das innre Zimmer. Auf einem erhöheten Polster
saß Gigi, angethan mit einem mehr männlichen als weiblichen Nachtkleide,
von ausgewählter Eleganz. Ueber ihr Gesicht hing aber ein dichter
Schleier nieder. Nur ein Helldunkel war verbreitet, also konnte man die
Umrisse der Gestalt nicht deutlich erkennen.
Wie nennest du dich? fragte sie, mit einer Stimme, in der sich eine
erkünstelte Veränderung wahrnahm.
Perotti antwortete mit verstellter Sprache: Ich heiße Mehemed.
»Von welchem Lande der Caffern bist du?«
Von der Halbinsel Morea.
»So -- -- Renegat, oder als Muselmann geboren?«
Als Muselmann geboren.
»Du fandest Gnade bei Sultan Kuku?«
Er vertraut mir Geschäfte.
»Die Sultanin sandte dich zu ihm?«
Sultanin Nene.
»So -- -- werden Kuku und Nene sich versöhnen?«
Sultan Kuku ist grausam und wild, sanft und gut, voll von störrischem
Eigensinn, und gefälliger Nachgiebigkeit. Man kommt ihm schwer und
leicht bei.
»Welche Züge aber wirken hier ein?«
Die freundlicheren. Alles ist ausgeglichen, bis auf ein oder zwei Köpfe
-- --
»Was? -- wie? -- Ein oder zwei -- wie --«
Köpfe von Caffern. Lange hat Nene einen verweigert, und das kostete
Tausend von schwarzen. Nun aber wird sie wohl --
»Wird sie -- was, was?«
Der Klugheit nachgeben, wenigstens einen, wo nicht beide Köpfe senden.
Gigi sank etwas auf ihren Teppich zurück. Der Beduin fuhr heraus: Nein,
nein, das wird sie nicht!
Perotti, der ohne Aufmerksamkeit sichtbar zu machen, alles scharf
wahrnahm, fuhr nachläßig fort: Freilich wird es ihr hart angehen, am
meisten bei Osmann. Dieser liebt sie und liebt beglückt.
Perotti log hier höchst unverschämt, doch hatte er Gründe.
Gigi machte eine abermalige Bewegung des Schreckens; der Beduin rief:
Lüge, Verläumdung! hielt aber bald wieder an, und sagte ruhig und
freundlich: Unsre Sultanin bittet dich, ihr in ihren Absichten
beizustehn. Der Dienst, welchen du ihr leistest, wird das Maas deiner
Belohnungen bestimmen.
Perotti versetzte mit Lebhaftigkeit: Der Thatenruf Gigis hat mir lange
schon Bewunderung auferlegt, ihre Nähe begeistert mich, reißt mein
Gemüth hin in ihre Sklaverei. Sie gebiete.
Ist es dein Ernst, rief die Fürstin, so sinne auf Mittel, Mustapha und
Osmann lebendig in meine Hand zu liefern.
Schnell setzte der Andere hinzu: Gewisse Kunstfertigkeiten, die beide
besitzen, und die sonst in diesen Gegenden nicht zu finden sind, machen
der Sultanin diese Männer so theuer.
Und wo sollen diese Kunstfertigkeiten wuchern? fragte Perotti nach
einigem Bedenken, und fuhr fort: Schon fielen die von Habesch in Gigis
Land. Ein Feind steht hier vor ihr, der sich täglich verstärkt, und die
Kunst der Schlachten übt. Zwischen zwei Angriffe gepreßt, kann sie
leicht Thron und Land einbüßen.
Gigi fiel ein, obgleich nicht ohne Stocken: O dagegen bürgt mein
Schwert.
Der Beduin sagte: Daß du zeitig entdeckest, was uns gefährlich
überraschen soll, beweist Treue an dir. Aber schon sind wir
unterrichtet, daß neue Feinde in unserem Rücken auftreten, und Anstalten
dagegen sind vorgekehrt.
Perotti ging einige Schritte auf und nieder, dann brach er aus:
Sultanin, die Zeit ist kurz, du mußt mich vor Anbruch des Morgens
zurückbringen lassen, oder das Verständniß wird offenbar, dein Getreuer
hole mich aber in der folgenden Nacht wieder ab. Bis dahin werde ich
überlegt haben, was zu deinem Nutzen geschehen kann.
Dies war man zufrieden, und entließ den Italiener, den schnelle Rosse
wieder in Kukus Lager brachten, wo Niemand ihn vermißt hatte.
Gegen die Mitte der folgenden Nacht holte ihn der Beduin auf die vorige
Art ab, und die Heimlichkeit der Ausführung gelang vollkommen. Da er nun
wieder im Gezelt erschien, hub er an:
Sultanin, ohne Zweifel hörtest du von dem inneren felsenumschlossenen
Darkulla.
Es soll das schönste Land der Welt sein, versetzte Gigi.
Dort, fuhr Perotti fort, dort müßte Gigi herrschen, und das Paradies der
Natur würden bald die gewähltesten Zaubereien der Kunst schmücken. Die
Bahn der Verfeinerung ist gebrochen, deine Caffern, noch meistens am
Leben, würden unter deiner Leitung das Wundervolle darstellen, wogegen
Nene zwar hohe Entwürfe faßt, aber auch bald wieder in Ueberdruß sinkt,
und nur ein Gefühl noch im Busen trägt, das Heimweh.
Gigi hörte sehr aufmerksam zu.
Perotti fuhr fort: Und welcher unendliche Vortheil in der festen
Sicherheit des Ländchens. Eine geringe Wache am Paß, und inwendig ist
der ewige Friede nimmer zu stören. Sultan Kuku beging die ärgste
Thorheit, nur einen Fuß über die Klippengränze zu setzen. Suche dich zur
Meisterin des kleinen Paradieses zu machen. Kuku hat Schlimmes um dich
verdient. Nicht werth ist er des Köstlichen, sonst hätte er seinen
Entschluß von damals nicht geändert. Den Tod wollte er dir geben, den
Bruder unterstützte er in seinem Hohn gegen dich, er versagt deinen
billigen Anträgen, Frieden, und Entehrung würde dein Loos, so er dich
gefangen nähme. Deine Getreuen haben meistens Weib und Kind daheim. Gar
wohl nimmt das innere Darkulla diese Bevölkerung noch auf, der harte
Krieg von neulich tödtete große Schaaren, und die Fruchtbarkeit ist
ungemessen.
Die Amazonin sprach: Das innere Darkulla gehört Nene, welche durch
Schönheit, Muth und gewandten Sinn es erwarb. Könnt ich auch, wie dürft
ich sie darum bringen!
O, gab Perotti zur Antwort, Nene tritt dir mit Freuden das Reich ab. Um
ein sicher Geleit nach Egypten, will sie ja alles Kuku zurückgeben.
Vergiß deine Steppen, die wilde Nachbarn unsicher machen, die Krieger
von Habesch jetzt überschwemmen, und richte deine Absichten auf das
innre Darkulla.
Ich gestehe unverhohlen, bekam er zur Antwort, daß dein Rath mir
gefällt. Doch alle Hindernisse, die noch zwischen ihm und der Ausführung
liegen --
Besiegt List, fiel der Italiener ein. Vertraue meinen Planen.
Etwas schnell entgegnete Gigi: O viel wäre auf deine List zu bauen,
könnte man deiner Redlichkeit gewiß sein.
Der Beduin sprach: Zwischen unserm Lager und dem schönen Lande steht
Kukus Heer, in dem wohlvertheidigten Felsenneste, das nicht anzugreifen
ist.
Doch nicht lange mehr, erwiederte der Italiener. Bald wird er zum Kampf
hinausstürmen. Schlägt ihn Gigi, dann ist der Weg offen, und durch den
Paß bringe ich sie.
Wie aber, wenn ich geschlagen werde? fragte die weise Heerführerin.
»Das muß nicht geschehn. Kuku muß fallen. Ich werde machen, daß ein
hohes weisses Fähnlein getragen wird, wo er sich beim Kampfe aufhält.
Dahin mögen deine Schützen unverdrossen zielen. Sind sie demungeachtet
nicht glücklich, denke ich selbst -- im Gedränge -- ein behender
Dolchstich macht kein Aufsehn -- und sank der Führer, ist gemeinlich das
Heer verloren.«
Nein, pfui, nein! schrie Gigi heftig. Nur in guter Schlacht will ich
siegen, nicht durch Verrath und Meuchelmord des Feindes.
Du bist ein Ungeheuer! Weg von mir!
Perotti erwiederte kalt: Wenn mich Bewunderung dir so ergeben machte,
daß ich selbst das Zürnen deines Edelmuthes nicht fürchte, so ist es die
Schuld deines Ruhmes. Und wußte ich ein ander Mittel, die Caffern zu
retten --
Die Caffern! die Caffern! rief Gigi mit Bewegung. Höre Mehemed! Meine
Schlacht mit Kuku laß mich kämpfen, und sein Leben sei dir theuer. Kann
deine List mich aber nach gewonnenem Siege in den Paß führen, nehme ich
sie an und lohne sie reichlich. Erobere, denke ich, man durch List, wenn
der Eroberung, des Landes Heil folgen soll. Tödten aber nimmer. Würde
ich aber geschlagen -- geschlagen --
Dann gieb dich getrost an Kuku gefangen.
»Wie, du hast behauptet, mein Loos würde beklagenswerth seyn.«
Doch meinen Einfluß auf ihn nicht genannt. Ich werde ihm rathen, dich
als Sklavin an Nene zu senden, und du wirst dort eine Freundin finden,
die willig dir ihren Thron räumt. Du findest deine Caffern dort --
»Meine Caffern!«
Ich werde ihm vorstellen, nur so könne er Nenes Liebe gewinnen, sie
vermögen, in Darkulla zu bleiben, an seiner Seite, wenn du ihr als
Sklavin -- doch mit zarter Achtung vor aller Welt Blick behandelt -- zur
Stelle abgeschickt -- -- du magst verstehen --
Gigi eine Sklavin! Wie keck der Caffer mit Einbildungen spielt! Der
Gedanke könnte ihm wo anders das Haupt kosten, rief der Beduin.
Gigi lächelte aber, und beschenkte vorerst den Italiener. Käme das
Schlimmste zum Schlimmen, rief sie, bleibt mir mein Ring mit dem
rettenden Tropfen. Sonst mag die Zeit entscheiden, wie ich von Mehemeds
Hülfe Gebrauch machen kann.
Hier wurde er entlassen, und wie in den vorigen Nächten zurückgebracht.
Der Beduin redete noch Zeichenverständigung mit ihm ab, und sagte beim
Abschiede: Nur Verrath lasse dir nicht einkommen, sonst bin ich es, der
ihn straft.
Viertes Kapitel.
Die gelieferte Hauptschlacht.
Perotti lag Kuku mit Vorstellungen an, in jedem Fall Nene ziehn zu
lassen. Dann, sprach er, bist du deines Landes zwischen den Felsen am
sichersten. Wer stände sonst ein, daß sie dir, wenn du zurückgekehrt
wärest, nicht die Herzen wieder entzieht, denn sie ist eine große
Zauberin. Gieb mir einige hundert Mann, und Briefe an die Herrscher,
deren Land zwischen hier und Egypten liegt, daß sie sicher bis zur
Gränze reisen kann. Ich geleite sie und komme dann wieder. Eben jetzt,
da du der eigentlichen Hauptschlacht entgegen siehst, ist der Gedanke
wichtig. Denn träfe dich Unheil, könntest du ohne Sorge Rettung finden.
Der Sultan that, was die Sultane nicht immer pflegen, er gab Gründen
Gehör. Allein im Lager und unter dem fortwährenden Waffengetöse, hatte
seine Leidenschaft, so heißafrikanisch sie auch ursprünglich war, an
Feuer abgenommen. Ziehe sie hin, hieß die Antwort, ich werde dir die
Krieger geben.
Dann, versetzte Perotti, sendet sie dir auch gewiß aus Dankbarkeit die
Köpfe. Es ist ein eigensinnig Gemüth, aus Zwang will sie nichts, alles
mit Freiheit thun.
Er empfing nun dreihundert wohl gewaffnete und berittene Neger, die die
Weisung hatten, ihm unbedingt Gehorsam zu leisten. Auch die Briefe
fehlten nicht. Sein Plan war nun, Gigi zu bewegen, daß sie ihr Heer
verließ, um eine Reise nach dem innern Darkulla zu machen. Die
Sehnsucht, ihre Caffern zu sehn, meinte er, würde sie leicht den
Entschluß ergreifen lassen. Er theilte dem Beduinen, welcher in einer
der folgenden Nächte wieder bei ihm erschien, den Plan mit. Grade da die
Unterredung statt hatte, nahte auch Musa dem Zelte. Er hörte gedämpfte
Stimmen, verhielt sich ruhig, und lauschte. Nichts Zusammenhängendes
konnte er verstehn, doch aber sahe er ein, wie ein Verständniß mit Gigi
angezettelt war, und so viel war ihm wohl deutlich geworden, daß Gigi
nach dem innern Darkulla kommen sollte. Ha, Mehemeds Rache! dachte er.
Leicht konnte er Lärmen erregen, und den Treulosen wie den fremden
Späher verhaften lassen. Doch urtheilte er, das könne vielleicht noch zu
keinem vollen Lichte führen, da beide Theile hartnäckig läugnen würden.
Er nahm sich daher vor, auch in künftigen Nächten aufmerksam zu sein,
und die Unterredungen näher zu behorchen. Gleich aber schickte er am
Morgen einen Eilboten an Nene, mit der Warnung, ja auf ihrer Hut zu
sein, und den Paß noch zu verstärken. Denn Gigi würde sie vielleicht zu
bekriegen suchen.
Es kam aber zu keiner weitern Unterhandlung zwischen Perotti und Gigi,
denn eine Stunde, nachdem Musas Eilbote weggeeilt war, langte auch einer
bei Kuku an, den der Feldherr von Habesch abgefertigt hatte. Er brachte
die Botschaft, daß man eine Abtheilung der Beduinen geschlagen habe, und
nun dichte im Rücken Gigis stehe. Zugleich erfolgte die Einladung,
sofort anzugreifen, und das Versprechen, kraftvoll und nachdrücklich den
Kampf zu unterstützen.
Kuku gab also seine Befehle, und Perotti blieb mit seinen Negern in der
Nähe, um den Ausgang des Tages abzuwarten.
Allgemein war bald die Schlacht, und hartnäckiger wie je eine in Europa
geliefert wurde. Gigi ließ ihre Reuterei einbrechen, ehe noch Kukus
Truppen gehörig entwickelt waren. Bei jener herrschte aber der Gebrauch,
den Pferden die Ohren zu verstopfen, und die Augen zu verbinden, damit
weder das Getöse der Schlacht, noch der Anblick widerstehender Reihen
und gefährlicher Waffen sie schrecke. Nur das Gefühl blieb ihnen, und je
näher an den Feind, je mehr empfanden sie des muthigen Reuters Sporn,
wogegen in einem gewissen andern Welttheil der antreibende Stachel immer
weniger, und der wuthmäßigende Zügel immer mehr gebraucht werden soll.
Vorgestreckte Lanzen, wenn gleich noch einmal so lang, wie die
Bajonetflinte der Europäer, galten diesen Beduinen ein lächerliches
Hinderniß, denn hart an der Spitze, ließ der vorderste Reuter sein
wohlgeübtes Pferd einen mannhohen Satz machen, und zerbrach beim
Niedersenken die Stangen, indem die Träger zu Boden geworfen wurden,
oder es wurde auch das Thier aufgeopfert, und mit seiner durchbohrten
Brust angerannt, um dann einen unfehlbaren Streich zu führen. Dann
sprang sein Hintermann über ihn. Allein die Neger waren auch gegen
solchen kühnen Angriff bereit. Sie schreckte der Anblick der Vermessenen
nicht, noch weniger kehrten sie um, weil das grade der Reuterei den Sieg
in die Hände geben heißt. Jeder trug zwei Lanzen, was ja auch recht wohl
angeht, da die freigebige Natur den Menschen mit zwei Händen versah.
Eine hielt er niedrig, die andre hoch, eine zum beliebigen Aufspießen
des Pferdes beim graden Anrennen, eine beim Sprung. Daß ihn die Gewalt
des Thieres nicht hinwarf, unterstützten ihn die Kameraden. Sonst war
eine Lanze dem Pferde, die andere dem Reuter zugedacht. Auch wenn
demungeachtet die Linie gebrochen wurde, verzagten diese Neger nicht.
Sie wußten, daß es nur einen leichten Griff nach dem Beine des Reuters
kostet, um ihn über das Pferd zu werfen, ein Griff, den der Mangel an
Fassung sonst so selten wagt. Ein gelenker Mann kann auch schneller aus
dem Wege springen, als das Pferd ihn niederwirft. Des Reuters Stiche und
Hiebe sind ungewisser, als die des Fußgängers. Wie bald ist das Thier
hingestreckt. Die Neger krümmten sich gern unter seinen Bauch, wo sie
vor dem Reuter geschützt waren, und stachen es so mit einem Messer
nieder. Andre sprangen über den Schweif desselben, und warfen den
durchbohrten Feind über den Kopf, wodurch sie das Pferd gleich
behielten. Die neuen Stücke des Kuku taugten gar wenig, der Materie und
dem Bau nach, versagten vielfältig den Dienst, sprangen und verletzten
die eignen Leute, waren schwierig von der Stelle zu bringen, das Pulver
hatte schlechte Kraft, statt der Kugeln wurden auch Steine genommen, bei
denen wenig auf sichern Schuß zu zählen war. Demungeachtet leisteten sie
weit mehr, wie da, wo sie ganz vortrefflich sind, die Kanoniere aber in
großer Entfernung zu schießen beginnen, wo nur sehr selten getroffen
wird, und je näher der Feind kömmt, je ungewisser sie zielen, endlich,
wenn sie ihm das Weiße im Auge sehn, davonlaufen. Im letztern Abstand
fingen die Darkullaner erst zu feuern an, aber so kaltblütig, so ihr
Ziel fassend, daß sie nimmer fehlten. Doch hatten die Beduinen sich
wieder darauf eingerichtet. Sie sprengten in schmalen Kolonnen
pfeilschnell daher. Zuvor wurde das Loos gezogen, welche Reuter die
ersten sein sollten. Diese bekamen denn ein Ehrenzeichen, und die
Zusicherung eines hochrühmlichen Grabes. Dies Loosziehen war darum
Nothwendigkeit, weil Jeder der Vordere, Niemand hinten sein wollte.
Ueber die Gefallenen setzte die Schaar unaufgehalten fort, und in wenig
Minuten befanden sich die Uebriggebliebenen zwischen den Stücken. Die
Beduinen suchten gern ihren Feind in die sogenannten Flanken oder Seiten
der Reihen anzufallen. Leicht führten sie auch vermöge des Eilflugs
ihrer Pferde die Bewegungen aus, die zu einem solchen Zweck leiten
konnten. Aber der Sultan von Darkulla, Kriegern mit eisernem Sinn
gebietend, sah gar keine Gefahr, wo Europäer verzweifeln. Die Truppen
standen immer doppelt dick an den Enden. Wie eine Linie sich zeigte,
gingen sie selbst auf diese los, durchbrachen sie als Colonne, und indem
sie sich zu beiden Seiten wandten, bekämpften sie nun zwei Flanken der
Angreifenden.
Wo so geschlagen wird, glänzen schöne Rückzüge nicht, sondern der
Kämpfer Tod endet nur die Schlacht. Gigi führte Ueberall in die
schlimmste Gefahr. Kuku zeigte sich an der Spitze, wo der Streit am
hitzigsten war. Vielleicht hätte man ohne Entscheidung fortgemordet,
allein die Truppen aus Habesch rissen die Schaale nieder. Gigi hatte
sich ihre Zahl nicht so groß vorgestellt und nur eine geringe Abtheilung
entgegen gesandt.
Diese war durch die Menge überwältigt worden, und zugleich so umzingelt,
daß keine Nachricht von dem üblen Erfolg zu der Gebieterin dringen
konnte. Selbst wurden einige Beduinen Verräther, und berichteten
fälschlich einen günstigen Erfolg. So sahe Gigi endlich eine sehr große
Anzahl neuer Feinde in ihrem Rücken, und da sie nun urtheilte, der
ungleiche Kampf könne nicht mit Vortheil geführt werden, so gebot sie
selbst ihren Haufen, sich zu zerstreuen, und nannte einen Ort an der
Wüste, wo man sich wieder sammeln wollte. Sie selbst spornte ihr Roß, um
diesen Ort so bald wie möglich zu erreichen.
Auf diesem Ritte aber ward ihr Pferd tödlich getroffen, sank, und die
Amazonin fiel einem nacheilenden Negerhaufen in die Hände. Schon riß sie
den Ring vom Finger, um das Leben zu enden, doch fiel ihr in diesem
Augenblicke Perotti ein. Wie, wenn er es treu meinte, dachte sie bei
sich, zum Sterben ist es immer noch Zeit. Sie gab also das Vorhaben auf,
und den Negern ihr Schwert zum Zeichen der Ergebung.
Sie wollten ihr den Ring nehmen, sie sagte aber: ihr seht, er ist ohne
Werth, aber das Andenken einer Zauberin. Ich will ihn euch zehnfach
bezahlen. Das wurde geglaubt, und Gigi nach Kukus Zelt gebracht.
Dort ertönten aber Jammer und Klage. Die Siegsgesänge schwiegen traurig,
und alles lief erschrocken und trostlos umher, denn eben zu Ende der
Schlacht hatte Kuku eine tödtliche Wunde empfangen, an der er ohne
Hoffnung auf dem Teppich lag. Die Generale jubelten indeß auf, da sie
Gigi bringen sahn, auch erhob sich der Sultan ein wenig bei dem Anblick
der überwundenen Feindin, allein Freude und Leid hatten mit ihm ihre
Rechnung gemacht. Kaum hörbar, rief er Perotti, der auch zugegen war.
Mehemed, sprach er, bringe diese Gefangene zu Nene, ihr gehört all mein
Land außen und innen der Gebürge, ich bitte sie es nicht zu meiden, sie
beherrscht es weise.
Hier starb der Sultan. Perotti warf sich mit heissen Thränen auf seinen
Leichnam, und dennoch hatte er selbst den Sultan hinterrücks verwundet.
Der Arme kam um, wie es von Gustav Adolph und Carl XII. vermuthet wird.
Desto eher glaubte Perotti seine Absichten durchzusetzen. Er wollte nun
auch über alles beim Heere gebieten, das ließen aber die alten Männer
nicht zu, sondern errichteten einen Rath, der bis auf Weiteres die
Angelegenheiten leiten sollte. Sie zeigten auch schlechte Lust, Nene zu
gehorchen, welche hier viel getadelt ward, und Perotti ließ das Vorhaben
in ihnen erwachen, selbst einen Sultan zu wählen, welches einer in den
anderen bestärkte.
Der Rath beschloß noch, den Rest der Beduinen aufzureiben, und Sultan
Kukus Leichnam in das Felsenland zu schicken, um dort neben Tata
begraben zu werden; denn den Wunsch hatte der Verstorbene einst
geäußert.
Perotti sah noch bei der ihm anvertraut gewesenen Kasse möglichst zu
seinem Vortheil, dann machte er sich mit den zugetheilten Reutern, und
der schönen Gefangenen auf den Weg. Er hatte sie in dem Zelte des
Sultans nun ohne allen Schleier gesehn, und kein Zweifel bestand mehr,
wer sie sey.
Fünftes Kapitel.
Perottis vernichtete Anschläge.
Zwei Tagereisen ging es dem Felsenlande zu. Er ließ Gigi mit aller
Bequemlichkeit reisen, ihr ein prachtvolles Zelt geben, und hohe Ehre
beweisen. Sich selbst zeigte er aber nicht, doch den Sklavinnen, die ihr
auch zur Aufwartung gegeben waren, schärfte er ein, sie kräftig über ihr
Schicksal zu trösten, und sie zu versichern, Nene würde ihr die
Herrschaft abtreten. Eine aber unter den Sklavinnen hatte er auf seine
Seite gebracht.
Gigi wußte nicht, ob sie den Zusicherungen Glauben beimessen sollte,
schwebte in verlegener Unruhe, und wagte die ersten Nächte keinen
Schlaf. Endlich aber behauptete die Natur ihre Rechte, sie streckte sich
ein wenig auf einen Teppich, und gebot den Frauenzimmern, sie, wenn
irgend Jemand nahte, sogleich zu wecken. Die Verrätherin aber nahm den
Augenblick wahr, entfernte unter einem ersonnenen Vorwande die übrigen,
und zog, wie Perotti ihr aufgetragen hatte, Gigi den Ring leise vom
Finger. Vor großer Ermüdung war ihr Schlummer ungewöhnlich fest, und sie
bemerkte den Raub nicht. Am Morgen, da man schon Anstalten zum Aufbruch
machte, stellte die Sklavin ihre Beute dem erwachten Perotti zu.
Sogleich schrieb dieser einen mit Spott und Bitterkeiten erfüllten Brief
an Nene. »In meiner Gewalt stand es,« sagte er in diesem Briefe, »dich
nach Egypten, nach Europa zu bringen, denn ich gebiete Dreihundert
Reutern unbeschränkt, und besitze Sicherheitsbriefe, allein du hast mich
durch Verbannung von meiner Stelle, durch Kaltsinn gegen meine Liebe
gehöhnt, und nun magst du ewig unter den Negern bleiben. Denn kein
Geleit werden dir die Darkullaner außer dem Gebirge geben, die dich
hassen, und die meine Rache selbst aufmunterte, sich einen andern
Gebieter zu wählen.«
Dem sogenannten Osmann schrieb er Worte, welche ihn auch auf das
bitterste verwunden konnten, und schickte einen der Neger mit den
Briefen ab.
Nun wurde aber sogleich sein Weg verändert, und der nach Egypten
eingeschlagen. Die Reuter wußten von Kukus Befehl, Gigi in das innre
Darkulla zu bringen, nichts, sondern hatten nur Weisung, Mehemed zu
gehorchen, was solche Menschen denn blindlings thun.
Gigi saß auf ihrem Dromedare, noch kein Unheil ahnend, da kam Perotti
lachend herangeritten, und rief: »Nach Egypten zieht die Karavane. Die
stolze Königin der Beduinen schläft diese Nacht in Perottis Zelt.
Endlich werden Recht und Klugheit siegen!« Er sprengte weg.
Sie gerieth außer sich vor Schrecken, wollte den Ring vom Finger reissen
-- er war dahin. Sie wollte sich von dem Dromedar hinabstürzen, man
hielt sie ab, und hinderte jeden Ausbruch ihrer Verzweiflung. --
Der Leser lasse sich gefallen, daß die Szene des Romans wieder in das
innre Darkulla verlegt werde, und wende den Blick einstweilen von
Perotti und Gigi.
Flore hatte unterdessen von Perottis Unterhandlungen vieles gehofft. So
wenig sie auf seinen Charakter baute, meinte sie doch, auch er würde
wohl des Lebens unter den Negern müde sein, und gern nach der Heimath
zurückkehren. Das mußte ihn denn bestimmen, alles zur gemeinschaftlichen
Abreise einzuleiten.
Es währte aber lange, ehe eine befriedigende Nachricht einlief, Flore
theilte sich unterdessen mit Alonzo und jenem treuen Neger in die
Regierungsgeschäfte, deren sie aber mit jedem Tage müder ward, denn mit
jedem Tage drangen mehr Bitten und Gesuche auf sie ein, weil des Volkes
Begriffe so erweitert worden waren. Stolz und Habsucht forderten überall
Ehrenstellen und Reichthümer, und wie konnten sie immer befriedigt
werden. So häuften sich auch die Klagen, da der Verbrechen immer mehr
ins Leben gerufen wurden. Oft gedachte Flore der Worte ihrer alten
Räthe, wenn sie sie damals schon verlacht hatte, und sahe ein, daß: wie
einmal die menschliche Natur angethan ist, Monarchengewalt, verbrüdert
mit der heiligsten Religion des edelsten Willens, dennoch _keine
Glückliche zu erschaffen vermag_. Nein, nein, in der Mansarde des Palais
Royal wäre mirs besser, wie in diesem Pallast, dachte sie, denn es ist
unter andern mit dem Glücke auch, wie mit dem Regenbogen, nur wenn er
vor oder hinter uns steht sehen wir ihn, mitten darin nicht.
Es giebt bei dem allen Gemüther, welche in der Volkserziehung große
Ausdauer zeigen, wie z. B. Numa Pompilius, (nachdem Romulus, den die
Sache etwas zu langweilen begann,) den kühnen Entwurf eines neuen
Reiches geboren, und die Riesenschritte eingeleitet hatte. Flattersinn
geht bald in eine gewisse Philosophie über, die zwar weise Wahrheit
genug in sich trägt, allein der anhaltenden Arbeit nicht frommt.
Genug, Flore war des Regierens müde, und harrte ihrer Erlösung. Da kam
der Eilbote Musas an, durch welchen der Dschelab kund thun ließ, Mehemed
übe Verrätherei, und wolle wie es schien, Gigi in das Innre von Darkulla
führen, um Nene zu bekämpfen, und vom Thron zu werfen. Das letztere
klingt auch dem hart, der freiwillig vom Thron zu steigen gewilligt
wäre. Des Thrones Höhe durchglüht mit einem gar empfindlichen Stolz, und
die Lear, oder Carl V würden gleich ihre volle Gewalt entgegnet haben,
wenn Jemand in dem Augenblicke, da sie das Szepter niederlegen wollten,
es ihnen zu entwinden versucht hätte. So empfing Flore auch kaum jenen
Bericht, als sie Alonzo zu sich rufen ließ, und ihm aufgab, zur
Sicherheit des Landes doppelt zu sehn.
Das geschieht ohnehin, gab er zur Antwort, es ist nicht nur der Paß wie
immer besetzt, sondern es steht auch noch ein Heer nahe an demselben
bereit. Der Treue, welcher es anführt, meint: Kuku könne, auch Friede
heuchelnd, Arges im Schilde führen, und man müsse deshalb unter den
Waffen sein.
Von Kuku fürchte ich nichts, versetzte Flore, doch Gigis wegen seid auf
eurer Hut. Sie könnte jenen schlagen, und dann zu uns eindringen wollen,
und ihre Rache wegen der vorenthaltenen Caffern, die Unschuldigen
empfinden lassen.
So verstrich einige Zeit, bis das Gerücht einlief: Kuku habe in einer
großen Schlacht das Leben verloren. Bald darauf erfuhr man, sein
Leichnam würde nach der Hauptstadt gebracht werden, weil der Verstorbene
ein Grab neben Tata gewünscht hätte. Dem Gerücht folgte eine förmliche
Meldung, denn der Offizier, welcher den Leichnam geleitete, sendete zum
Paß voraus, und begehrte Eingang. Es wurde bei Floren angefragt, und
diese beschloß, mit Alonzo selbst dem Zuge entgegen zu reisen, und begab
sich zur Gränze. Diese Ehrenbezeugung geschah, um das Volk noch mehr zu
gewinnen, denn seine Gunst ist bei allem, was man vorhaben mag, wichtig.
Sechstes Kapitel.
Fortsetzung.
Der Zug hatte mit dem Leichnam einige Tage außerhalb warten müssen, da
Flore ankam. Sie wollte ihm zuerst auf der innern Gränze ein Todtenopfer
darbringen.
Schon in einiger Entfernung kam ihr ein wohlgekannter Beamter entgegen,
der ihr von dem letzten Willen des Sultans Nachricht gab. Die Sultanin
konnte nicht anders, wie sich wahrhaft gerührt dabei zeigen. Der Neger
setzte anhänglich hinzu, das Erbe außerhalb der Felsen mögte dir
vielleicht streitig gemacht werden. Vornehme Krieger, von denen einige
durch Heirathen ihrer Väter mit dem Sultansstamme verwandt sind, zeigen
sich schwierig, und der Caffer Mehemed selbst redete ihnen zu, einen
Rath niederzusetzen, der vermuthlich aus ihrer Mitte ein Oberhaupt
wählt. Doch giebt es auch eine Parthei für dich, und nach der dir so
eigenen Kunst, die Herzen zu gewinnen, wirst du auch da wohl
durchdringen. Floren reizte diese Aussicht wenig, doch empörte sie die
Falschheit des treulosen Perotti, welche sie vernommen hatte. Noch
erfuhr sie, daß Gigis Truppen sämmtlich zerstreut wären, und die Feindin
selbst ihr würde gefangen eingeliefert werden. Du hast die Gelegenheit
deiner Rache bald in der Hand, setzte jener Neger hinzu, denn Mehemed
bringt nach einem Auftrage Kukus die Gefangene.
Alles wünschte Floren Glück zu so vielen günstigen Ereignissen, mit
kluger Politik aber erwiederte sie: das alles tröstet meinen Kummer über
des edlen Kuku Hintritt nicht.
In geringer Entfernung vom Felsenpaß sahe sie das Heer, von dem Alonzo
ihr gemeldet hatte. Darf der Führer sich dir nahen? fragte letzterer.
Und warum nicht, erwiederte sie, schon lange wünscht ich ihn zu sehen,
der sich meinem Anblick entzog, und dem ich den Sieg über Tata verdanke.
Ein Wink Alonzos, und der Führer ritt heran. Froh überrascht rief die
Französin: Coutances! Ihr? ihr lebt? Ich glaubte dir manche Unruhe zu
ersparen, sagte Alonzo, wenn du ihn todt, und seinen Kopf dem Sultan
überliefert wähntest.
O meine Ahnung! versetzte Flore, wohl habe ich ihn unter den Lebenden
vermuthet. Es gab eine Szene großer Freude, von allen Seiten.
Wohlan, nahm Flore wieder das Wort, nachdem sie Coutances herzlich
begrüßt und ihm gerührte Dankbarkeit erwiesen hatte, wohlan meine
Freunde, nun mögen diese Krieger auseinander gehn, denn keinen Feind
fürchten wir mehr.
Viele davon zerstreuten sich auch sogleich; doch einen Theil davon,
behielt Coutances noch beisammen, um die Begleitung des Leichnams zu
machen.
Jetzt gab man am Felsenpaß das Zeichen, dem Zuge den Weg zu öffnen, und
die Wache ließ die Brücken nieder. Doch wurde in der großen Sicherheit,
worin man sich befand, die Masregel versäumt, welche sonst in der
Gewohnheit war, nämlich einen Theil der Ankömmlinge zuvörderst über die
erste Brücke zu lassen, und diese sodann wieder aufzuziehn, ehe die
folgende erhoben ward, und so von einer zur andern. Das Gefolge des
Leichenzuges war bekannt und nicht zahlreich genug, um von ihm, hätte es
auch tückische Absichten genährt, etwas zu fürchten; sonst entdeckte
sich außerhalb der Felsen Niemand, die Brücken sanken also alle nieder,
langsam und feierlich ging der zusammenhängende Kondukt fort.
Flore wartete seiner, in tiefer Trauer, von ihren Höflingen umgeben; in
einiger Entfernung standen Truppen mit gesenkten Waffen und rührten ihr
dumpfes Spiel. Feierlich war die Anordnung.
Alonzo gab auf den Zug wenig Acht, sondern hatte sich während der Zeit
zu Coutances begeben. Was meint ihr, sprach er zu diesem, wird eure
Landsmännin noch daran denken, diesen reizenden Aufenthalt zu verlassen,
nachdem sie hier so sicher, und keine Feinde mehr fürchtend, thronen
kann?
»Vermuthlich dennoch. Ein geheimer Zug ins Vaterland zieht sie
unwiderstehlich an. Und vielleicht kann sie ihm nun um so eher folgen.
Denn was hindert sie nun, eine starke Bedeckung auszuwählen, und mit
dieser ihre Reise anzutreten?«
Hm -- wer weiß, wäre das Volk dabei gleichgültig. Es dürfte die
Regierung nicht gern wieder verändert sehen, weil das nicht ohne
Erschütterungen erfolgt.
»O da helfen Erdichtungen.«
Ich gestehe offen, daß ich gern den übrigen Abend meiner Tage hier
verlebte.
»Auch ich. Jemehr die Spuren der Barbarei ausgetilgt werden, jemehr
verdient dies Land den Namen eines Paradieses.«
Bewerbt euch um die Liebe eurer Landsmännin. Großen Anspruch habt ihr
auf ihren Dank. Das Volk wünscht sie vermählt zu sehn. So ist ihr Sein
an Darkulla zu fesseln. Ich deutete schon oft bei ihr dahin.
»Ich? Ihr wißt -- -- nein, nein!«
Ihr denkt immer noch an Isabellen, und das rührt mich innig. Allein sie
schlummert im Grabe. Ihr seid jung. Denkt an die Prophezeihung, ihr
würdet hier den Thron besteigen.
»Wie, an die Prophezeiung?«
Hier wurden sie durch den Anblick eines Getümmels unterbrochen, das sich
da erhob, wo die Sultanin betend kniete, indem grade der Leichnam an ihr
vorüber kam. Dies Getümmel war mit einem wilden unverständlichen
Geschrei begleitet, und Alonzo und Coutances spornten ihre Thiere an, um
dahin zu eilen.
Die Ursache dieser Bewegungen war folgende:
Langsam war der Kondukt durch den Paß gegangen, und wie das Ende
desselben dem innern Ausgang nahe war, sahen die Wachen mit Schrecken
und Befremdung, daß ein Trupp Beduinen vorwärts sprengte, um sich daran
zu schließen. Man wollte abwehren, zu spät, sie hatten sich dieser
Gelegenheit, einzuschleichen, mit vollem Glück bedient, schon waren die
vorderen über alle Brücken, ein zahlreicherer Schwarm drang nach, die
Wachen sahen sich geworfen, und jene dehnten sich im Innern aus.
Alles flüchtete in einen nahen Wald, Coutances flog zu den Truppen, um
sie heran zu führen. Er war aber zu schwach bei der Gegner Menge, mußte
vorerst auch auf einen Rückzug bedacht seyn, um die jüngst Zerstreuten
in einer vortheilhaften Stellung zu sammeln. Unter dieser Zeit wuchs die
Zahl der Beduinen immer stärker an.
Flore berathete mit Alonzo. Ohne Zweifel meinte dieser, sind diese
Reuter von dem geschlagenen Heere Gigis, und sie treibt wilde
Abentheurerei umher. Es ist großer Unfug von ihnen zu fürchten, wenn
hier nicht kräftig widerstanden wird. Man traf also alle Anstalten, ein
zahlreiches Heer in kurzem beisammen zu haben.
Da die Zerstreuten noch keinen weiten Weg zurückgelegt hatten, so fanden
sie sich, nachdem ihnen Boten nachgeschickt waren, bald wieder ein, und
Coutances konnte daran denken, dem Feinde die Spitze zu bieten. Flore
und Alonzo blieben beim Heere, theils, um die Tapferkeit aufzumuntern,
theils weil der Weg zur Hauptstadt durch die herumschwärmenden Feinde
unsicher gemacht war. Von den Anhöhen, auf welchen nun Coutances die
wieder zusammen gebrachten Truppen ordnete, erblickte man bald darauf
die jetzt auch in regelmäßige Schlachtordnung gestellten Feinde, die
durch die Ebene zum Kampf heranzogen. Coutances rückte ihnen entgegen,
und bald standen die Heereslinien in einer geringen Entfernung von
Einander.
Ein Herold erschien vor der Mitte, und gab das Verlangen nach
Unterhandlung kund. Coutances ritt ihm mit Bedeckung entgegen, und
fragte, was den Haufen so vermessen machte, in dies Land zu dringen?
Der Herold erwiederte: Bist du Feldherr?
»Ich bin es!«
Sultanin Gigi fordert dich auf, die Waffen zu strecken!
»Diese Aufforderung darf mir Niemand thun. Aber deine Sendung, Herold,
beginnt auch noch mit einer Lüge. Gefangen ist deine Sultanin.«
Dorthin wende den Blick. Die hohe Gestalt mit der weissen Feder auf dem
Helm ist Gigi. Willst du kämpfen, so sind wir bereit. Aber noch soll ich
dir vorschlagen, von beiden Theilen die Waffen ruhn zu lassen, bis Gigi
Bothschaft an deine Sultanin geschickt hat.
»Nicht fern ist sie von hier. Sie soll durch mich erfahren, was an sie
zu bestellen ist. Doch ihr Räuber wollt nur Zeit gewinnen. Schon zu
lange hauset ihr hier. Von Kuku schon seit ihr geschlagen. Vor mir
streckt das Schwerdt, oder keiner wird lebend davon kommen.«
Nicht mögt ich wagen, dies an Gigi zu bestellen. Mache aber erst deiner
Sultanin kund, was ihr Gigi sagt: »Ich komme in dies Land, Wohnplätze
für mein Heer zu finden. Es giebt deren noch genug hier. Gieb mir meine
mir lange verweigerten Caffern, vor allen Mustapha und Osmann, von denen
ich weiß, daß sie noch leben, dann wollen wir friedlich zusammen wohnen.
Gleich zum Zeichen des freundlichen Willens muß aber das Heer mir die
Waffen liefern, und dann auseinanderziehn.«
Coutances war nicht wenig verwundert. Der Antrag, erwiederte er, ist
Nene nicht zu machen. Wer würde auch mit treulosen Beduinen einen
thörigten Bund eingehn. Die Caffern, wovon du sprichst, befinden sich
wohl unter dem Szepter ihrer edlen Gebieterin.
Indem kam Flore selbst herzu, und vernahm den Antrag des Herolds mit
Verwunderung. Ich begreife nicht, rief sie, wie mir von Gigi eine
Sendung zukommen kann, die ich gefangen weiß; wäre es aber, so sage ihr:
sie soll ihre Krieger die Waffen niederlegen lassen, und sich selbst mir
als Geissel übergeben, dann sage ich Freundschaft und Wohnplätze zu. Wo
nicht, so entscheide das Schwert.
Der Herold eilte kopfschüttelnd hinweg, und kehrte nach einer Stunde
wieder. So entbietet meine Herrin der Sultanin von Darkulla, sprach er:
Mich jammert des Blutes, das in dieser Fehde strömen soll, doch giebt
mein hoher Sinn nicht nach, und räumen kann ich dies Land nicht mehr,
denn das meinige ging verloren, und überlegene Feinde harren draußen
meiner. Es mag aber der Feldherr des Heeres sich gegen mich in tapferem
Zweikampf stellen, ich bin bereit, in Person das Schwert gegen ihn zu
ziehn. Sinkt er, so gebiete ich im innern Darkulla, trifft mich der Tod,
sind meine Beduinen Nenes Sklaven.
Ich nehme die Ausforderung an, schrie Coutances. Flore wollte abmahnen.
Laßt mich, laßt mich, versetzte er, um so unblutiger wird die
Entscheidung nahen. Er wartete nicht erst ab, was die Sultanin aufs Neue
einwenden wollte, sondern spornte den muthigen Barbarhengst, und flog
vor die Linie hinaus.
Gigi von der andern Seite, ersah ihn kaum, als auch ihr Thier
angetrieben wurde. Kaum schien sein Huf den Staub zu berühren. Der
Reiterin Schwerdt glänzte im Schein der heissen Sonne, hoch wallte der
Federbusch an ihrem Helm empor.
Beide kamen sich näher. Gigi trug einen Wurfspieß in der rechten Hand,
und wußte so fertig damit umzugehn, wie ein Beduin. Da sie nun aber auf
funfzig Schritte heran war, rief sie: Wie? kein Neger, ein Weisser führt
dies Heer? Wohlan, Europäerwaffen! Sie schleuderte den Spieß hin, und
zückte einen breiten Degen. Coutances hatte den Griff des seinigen schon
in der Hand, und hob ihn hoch über den Kopf, einen wüthenden Streich
damit auf die Gegnerin zu führen.
Bis auf wenige Sprünge sind sie sich nah, da blicken sie einander an,
und in plötzlicher Erstarrung reißt jede linke Hand den Zügel zurück,
jede rechte läßt die Waffe sinken. Dennoch stehen die Rosse dichte
zusammen, weil der Sprung sich nicht jähling anhalten läßt. Bald darauf
eilen beide, hinab vom Sattel zu kommen, und sinken sich in die Arme.
Die Heere, in deren Angesicht das vorgeht, staunen, Flore, wenig von den
Kämpfern entfernt, sagte zu Alonzo: Coutances umarmt die Feindin, er ist
ein Verräther, oder -- oder --
Kein Verräther! ruft dieser aus, und flieht bestürzt zu dem Paare. Da
sprengt auch von jener Linie ein Beduin herzu. Auch mir eine Umarmung,
ruft Alonzo, die stattliche, mehr herangewachsene schöner gewordene
Heroin erkennend, auch mir Isabelle, und reißt sie Coutances weg. Da
greift der Beduin in des Franzosen Hand. Erinnerst du dich des Mannes,
Frank, dem du in der Wüste das Leben rettetest? Ich sagte dir Lohn zu,
endlich kann ich zahlen. Coutances fiel ihm an die Brust.
Flore, die von fern die umarmende Gruppe sah, eilte auch hinzu, da
stellte Alonzo die Tochter, Coutances die Geliebte, Gigi Vater und
Geliebten vor, daß jeder Funke der Kriegesflamme erstarb. Daß die
Weiber, welche durch das Gerücht schon lange Antheil aneinander genommen
hatten, auch sich in den Arm fielen, ahnet der Leser schon, aber es
sollte die Gruppe noch dichter werden. Denn von der andern Seite kam
Musa, einen Esel führend, worauf ein sehr gebrechlich scheinender
Kranker saß. Es war Perotti.
An dem Fleck, wo der Zweikampf hatte vor sich gehen sollen, wurde ein
prächtig Zelt aufgeschlagen, worin die Gesellschaft Erfrischungen nahm,
und sich ihre Begebenheiten mittheilte. Beide Heere traten zu einander
über, und wurden köstlich bewirthet.
Siebentes Kapitel.
Erläuterungen.
Wie kam aber Gigi, die Gefangene, zu Freiheit und Heeresmacht? Das sind
wir bereit zu erzählen.
Der Leser entsinnt sich, daß der dankbare Imar zugesagt hatte, des
Franken Edelthat zu lohnen. Er sah wohl ein, daß es nur durch Gigi
geschehn konnte, und verlor sie nicht aus dem Gesicht. Ihr
heldenmüthiger Charakter griff kräftig in die Begebenheit, da er sie
durch die Flucht befreit hatte, und ihre alle Beduinen bezaubernde
Schönheit, gab ihr die Gewalt über die Herzen und den Herrscherstab in
die Hand. Denn die wilden unstäten Krieger hatten das Weib nur verhüllt,
schwach und ängstlich gekannt, die alles für sich gewinnenden Reize, die
kühne unternehmende Natur der trefflichen Spanierin, durch die viel
eingewebte Romantik ihres Schicksals entwickelt, kamen ihnen wie etwas
Zauberisches vor, und sie erblickten eine Seherin, eine Prophetin in
ihr. So viel vermögen Schönheit, Kraft, Verstand!
Da sie nun ihre Plane zur Kultur des eroberten Landstrichs entwarf, die
freilich poetischer empfunden, als genau auf die mögliche Ausführbarkeit
berechnet waren, sollte Imar ihr auch den Vater und Geliebten zur Stelle
schaffen. Daher seine Reise nach Egypten. Doch war ihm strenge
untersagt, ihren europäischen Namen kund zu thun, sie wollte eine Szene
des unerwarteten Erkennens vorbereiten, ob sie schon nicht glaubte, die
Verkettung würde dahin gedeihn, daß sie noch einst dem Geliebten im
Zweikampf gegenüberstände. Dies war auch so ein romantischer Sinn. Wir
wissen nun, warum Imar jederzeit ein Geheimniß barg, selbst mußte er
Isabellens Tod behaupten, so prüften sich auch Treue und Anhänglichkeit.
Uebrigens zog er häufige Nachrichten von den beiden Lieben ein, war auch
selbst im innern Darkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer
gelingen wollte, sie zu den Beduinen zu bringen. Imars Vater starb
unterdessen.
Da nun endlich die Unterhandlung mit Perotti angeknüpft, und die
Schlacht verloren war, sollte dieser bekanntlich die Gefangene an Floren
liefern. Imar aber sammelte von den zerstreuten Beduinen einige Tausend
Mann, und zog mit diesen in einiger Entfernung neben Perotti her, der
auf seinem Wege genau beobachtet wurde. Jener hatte sich auch eine
Unterredung mit Musa möglich gemacht, und weil dieser sich unerkannt
unter Perottis Gefolge mischte, gegen den er seinen alten Haß trug, so
empfing Imar von des Italieners Beginnen jede Nacht Kunde. Der
veränderte Weg, und die trotzig rohe Sprache desselben entgingen ihm
also ebenfalls nicht.
Als er nun an jenem Tage, wo er sich seiner ganz werth betragen, den
Marsch vollendet hatte, und die Zelter aufgeschlagen waren, ließ er
Isabellen zu sich bringen, hohnlachte: Du bist, wenn du schon einem
Volke gebotest, meine Sklavin, und endlich will ich afrikanische Rechte
an dir gültig machen. Die Arme wollte verzweifeln, daß sie sich nicht
den Tod geben konnte. Er spottete frech. Eben ging es so weit mit dem
ruchlosen Beginnen, als Waffenlärm und Mordgeschrei draußen ertönten.
Der Himmel erbarmt sich, sendet mir Rettung, rief Isabelle. Rettung
erwiederte Imar, der eben mit Musa ins Zelt stürzte. Die Beduinen hatten
die Neger überfallen, und sich zu Meistern der Dinge gemacht.
Man trug Sorge für die schwer Geängstete, aber Perotti kam diesmal nicht
mit so gelinder Strafe davon, wie er es bei anderen Unthaten gewohnt
war. Der Araber behandelte ihn im Geschmack des Landes. Die böse Lust
soll dir vertilgt werden, rief er. Eine Art Chirurgus begleitete ihn,
der auf dem Fleck, und mit rascher Geschicklichkeit eine Operation an
dem Italiener vollzog, wie man sie in seinem Vaterlande zum Behuf der
Musik, und in den muselmännischen Reichen, der Haremssicherheit wegen
kennt. Es versteht sich aber, daß Isabelle damals das Zelt schon
verlassen hatte.
Ihr alter Muth kehrte ihr bald zurück, und der Rath, sich nach dem
innern Darkulla zu wenden, fand Gehör. Musa wußte, daß Sultan Kukus
Leichnam durch den Felsenweg würde gebracht werden, und Imar baute
darauf den listigen Anschlag, mit hineinzudringen.
Der Bote, den Perotti abgeschickt hatte, war unterwegs von Beduinen
aufgefangen worden, und langte darum nicht bei Floren an, wenn seine
Briefe schon destomehr Licht über des Italieners Vorsatz warfen.
Isabelle hätte nach dem inneren Darkulla eilen müssen, auch, wenn sie
das Herz nicht dahin zog, denn Uebermacht hatte schon die Beduinen
ausgemittelt, und verfolgte sie. Doch einmal durch den Weg, zog man die
Brücken auf, und wachte so sorgsam, daß nichts weiter zu befürchten
stand. Das Uebrige wissen wir.
Achtes Kapitel.
Die neuen Freundinnen.
Isabelle bat Floren jetzt dringend um Vergebung, daß sie mit listiger
Gewalt in ihr Reich gedrungen war.
Diese lehnte die Höflichkeit auf das artigste ab, entschuldigte den
Schritt durch den Zug des Herzens und den Drang der Umstände.
Isabelle machte das Kompliment: Wie Flore nur befehlen sollte, und sie
wäre bereit, gleich wieder hinauszuziehn.
Flore machte das Gegenkompliment: wie sie ihr unendlich vielen Dank zu
sagen hätte, denn ihre Ankunft gewähre ihr das Glück, einer lange
sehnlich gewünschten Bekanntschaft.
Isabelle dankte für ihre Güte, und sprach: wenn ich bleiben darf, werde
ich mich und meine Beduinen ganz unter eure Befehle stellen. Ihr seid
Herrin!
Flore antwortete: Seid es mit mir! Wohnplätze giebt es genug, und die
reizendsten von der Welt. Noch um eine zwiefache Zahl kann das innre
Darkulla bevölkert werden, seitdem die letzten Kriege so viel Leben
raubten. Nun blühe der Oelzweig immer. Tragen wir nur Sorge, daß
Harmonie unter den beiden Nationen besteht. Ist irgendwo der schöne
Traum des Abt St. Pierre zu verwirklichen, so laden die Dinge hier dazu
ein.
Diese sinnigen Gegenartigkeiten führten zum Wechselvertrauen, und dies
bald zu großmüthiger feuriger Freundschaft. Flore redete davon, wie sie
es bald bei den schwarzen Machthabern im äußeren Darkulla dahin bringen
wolle, daß alle Beduinenhaufen, welche noch zerstreut umherschwärmten,
ungehindert in das Felsenland gelassen würden, wie auch die Weiber und
Kinder in den noch übrigen Lägern. Das erweckte allgemeine Freude unter
den Arabern. Dann schlug sie vor, bald nach der anmuthigen Hauptstadt zu
eilen, womit Isabelle sehr zufrieden war. Von dort, sprach Flore, leitet
sich alles wegen der Ansiedlungen am besten, ich kann euch auch
anständiger bewirthen, und dann -- vor allen Dingen -- ein Geschäft, bei
welchem ich auch die Sorge mit Niemand theilen werde -- vor allen Dingen
muß ich Anstalt zu einem hohen zärtlichen Feste treffen, das doch wohl
bald gefeiert werden wird. Nicht wahr, schöne Isabelle?
Isabelle lächelte hoch erröthend. Coutances schlug die Augen nieder,
eine Bewegung, welche ein Franzos nicht leicht macht, er müßte denn
wahrhaft verliebt seyn.
Da das innre schöne Darkulla von vielen Teichen und kleinen Seen
durchschnitten war, die durch Ströme und Kanäle verbunden wurden, so
bediente sich das Sultanshaus zu Reisen, die eben keine Eile hatten,
einer schwimmenden Insel, wie es deren auf den Gewässern viele gab. Sie
waren nicht, wie in China, künstlich verfertigt worden, sondern die
Natur selbst hatte Stücken Torfmoor vom Lande getrennt, durch Winde war
nach und nach mehr Erde hinauf geweht, wie auch Saamenpflanzungen. Wer
sich ein so liebliches Eiland zugeeignet hatte, machte es durch
schattige Bäume, edle Früchte, Lauben von Blumen und Trauben noch
lieblicher. Eine inländische Gattung von Schwänen, sehr empfänglich für
Unterricht, wurde erzogen, diese kleine Inseln, an die man sie mit
Guirlanden von Lotosranken band, gemächlich fortzurudern.
Nichts entzückender wie so eine Reise. Man schifft sich ohne alle Sorge
für Unterhalt ein, von Bäumen aller Farbe, mit Blumenduft jeder Art
bewillkommt. Am Fuße dieser Bäume verflechten sich erquickende Melonen,
Bignonias, saftige Trauben ranken von Zweig zu Zweig hinauf, und bieten
dem Pilger freundliche Labe dar. Grotten, Wölbungen und Hallen, bildeten
Gesträuche mit Blumengewölken überhangen. An den Zweigen, die sich
liebkosend zu den Wellen beugen, zieht man köstliche Meerspinnen,
Austern, und andre buntfarbige Schaalthiere hinauf, in dem dichteren
Geflechte fanden die Reisenden ohne Mühe die erlesensten Gattungen der
Fische. Auf den balsamhauchenden Wipfeln der Bäume setzt sich Geflügel
aller Art, das der Gefahren nicht gewohnt, kaum nachlässig weghüpft,
wenn eine menschliche Hand ihm naht, man würde also auch thierische
Nahrung nach Bedarf finden. Allein die ganze Empfindung ist den
Wanderern zu harmlos gestimmt, als daß sie tödten könnten. Frommen
Braminen gleich, dienen nur Früchte zu ihrer Nahrung, und so gewürzhaft,
so in Fülle des reinsten Nahrungsstoffes, wie diese sind, würde auch ein
Lukull, wenn er von den Schatten wiederkehrte, hier vergnügt sein, für
seine Pfauenzungenragouts entschädigte ihn eine Cocosnuß mit einem
Gemisch aller öhligten balsamischen Fruchtkerne und edler Würzen, das
hier sogleich anzufertigen ist, und seinen Falerner, unter Consul
Torquat gepreßt, würde er vergessen, wenn er hier eine nektarische
Traube in eine Muschel drückte.
Das Eiland, welches Flore hier zur Reise bestimmte, glich ungefähr an
Umfang und Gestalt der Remusinsel in Rheinsberg, nur daß die südlichen
Früchte dort prangten. Wer also zu Rheinsberg war, kann sich ein desto
vollkommneres Bild von jener entwerfen, und urtheile, ob Flore,
Isabelle, Alonzo, Coutances, und die treuen Diener bequemen Platz darauf
fanden. Der Untreue sollte im Anfange nicht mit, fand aber hernach
Milde, wie der Verfolg darthun wird.
Ende des sechsten Buches.
Potpourri.
Glossen über eine Weisung des Jesuiten
Balthasar Gracian.
»Elegante Gelahrtheit, diese vor allen Dingen suche der ächte Weltmann
sich anzueignen. Kunde von den Gegenständen der Zeit, Witz im gültigen
Augenblick, angenehme Wendungen; sie vollenden, zeichnen aus vor der
Menge, Alltagsform. Bisweilen bringt eine hingeworfene Deutung, eine
leichte feine Geberde mehr Eindruck zu Wege, als der tiefe Unterricht
weiser Lehre. Die Kunst der Unterhaltung wucherte Vielen reichlicher,
wie die gesammte Ausbeute der sieben freien Künste.
Alcid errang mehr Triumphe durch sein Betragen, wie durch den
Heldenmuth. Der Kraft, welche seinen Lippen entfloh, wich jene, womit er
die furchtbare Keule schwang. Hier tilgte er rohe Ungeheuer, dort schlug
er edle Geister in Banden. Es giebt eine gewisse freundliche Hofmanier,
eine gewisse trauliche glückliche Kennerschaft, welche allenthalben
beliebt, allenthalben gesucht machen. Doch nicht das Buch, nicht die
Schule erziehen dir diese Bildung. Sie muß im Tempel des guten
Geschmacks, auf der Bühne des höheren verfeinerten Lebens geärndtet
werden. Ihre lieblichen Geistesblüthen sind -- Allgemeine Vertrautheit
mit den Weltereignissen -- mit dem Ton des Tages -- die Gabe fein zu
beobachten, bei den Großthaten der Fürsten, den seltsamen Verkettungen
des Geschicks, dem Unbegreiflichen in der Natur. Ein Register sammelt
sie von der reinsten Poesie in den Dichtungen, des Antheilwürdigsten im
Neuen, des Gedachtesten in der Philosophie, des Treffendsten in der
Satyre. Sie kennt die moralische Angeln, um welche sich das Leben dreht,
die Tiefen der Vernunft, der Leidenschaften Gewalt und Schwäche des
Willens, am gründlichsten aber die Individualität derjenigen, welche
eben in dem Trauerlustspiele der Welt die Hauptrollen geben. Jeden ihrer
Charakterzüge verzeichnet ihr aufmerksamer Fleiß. So unterrichtet sie
sich von der räthselhaften Eigenheit dieses Monarchen, von dem
befremdenden Widerspruch, in welchem jener Große mit sich selbst steht,
von Schwäche des andern; mittelst dieser prüfenden seelenkundigen
Zergliederung, lernt sie den Schleier von der Wahrheit, und ihr Urtheil
über die Dinge heben. Ganz besonders aber halte sie ein Kabinet von
kernhaften Aussprüchen, sinnigen Anekdoten, schneidenden Einfällen,
Witz, Scherz und Laune. Man kann sich das alles, man kann sich die
Sentenzen eines Philipp II, die Apophthegmen eines Carl V, so
haushälterisch einspeichern, daß die Geistesgegenwart jede Unterhaltung
kräftig zu würzen vermag. Doch bei dem Gebrauch des fremden Geistes
wache Vorsicht. Nicht immer gefällt noch, was einst gefiel. Die
Ansichten sind verrückt, oder auch die Grazie ging in der Zeit unter.
Dem Reize der Neuheit seine Huldigung. Wer alt Silber losschlägt, muß
den Arbeitslohn einbüssen. Nicht genug, daß der Diamant strahle, die
Mode darf auch nichts gegen seine Fassung einwenden. Pedanten und Orbile
bemächtigen sich der verjährten Schöngeisterei.«
So weit _Gracian_. Man fühlt wohl, daß er ein Ideal zeichnet, denn
wirklich dürfte ihm kein Künstler im Weltton vorgekommen sein, der diese
Forderungen sämmtlich erfüllt hätte. Ueberhaupt bedienen sie alles oder
nichts. Mehr wie ein Menschenleben, das anhaltendste Zeitopfer,
gänzliche Abgeschiedenheit mögten nöthig sein, ihnen im vollen Sinn
nachzukommen. Und wo bliebe denn die Praktik des Umgangs, wo wäre
anzuwenden, was der Forscher erbeutet hätte. Aber einen, da -- wo die
Kritik nicht fühlbar ist -- glänzenden Schimmer ins Leben zu rufen, wird
hier eher gelehrt. Geschieht alles so obenhin, daß der Glaube für sich
gewonnen wird, so ist die ganze Weisung auch das Reskript zu einem
ächten ^Ex omnibus aliquid, ex toto nihil^.
Und so ist es gewiß von Hundert Weltmännern gebraucht, und mit Erfolg
gebraucht worden. _Gracian_ wurde besonders in Frankreich oft aufgelegt
und beliebt, denn in Spanien mogte die Zeit, für welche solche Regeln
taugen, ziemlich vorüber sein. In Frankreich waren sie aber unter Ludwig
XIV, dem Regenten, und Ludwig XV. recht an ihrer Stelle.
Doch mit Ludwig XVI. veränderte sich die Szene. Das Hofleben, und der
Ton der französischen Residenz, nahmen, bis auf wenigen geheimen
Intriguengeist, einen einfacheren Charakter an. Die ernsthafter
gewordene Literatur trug das ihrige dazu reichlich bei. Wie die
Montesquieu, J. J. Rousseau, Rainal gelesen wurden, galt das _Wissen_
bei Männern, nicht mehr sein Schein, so wie um diese Zeit der
flatterhafte Stutzer in den solideren Elegant überging. Es ist
merkwürdig, daß Mercier in dem _alten_ Gemälde von Paris, über die
letzte Anwesenheit Voltair's in der Hauptstadt sagt: Er hätte während
der dreißig Jahre, wo er Paris nicht gesehn, den Ton der Gesellschaft
verlernt, die Sucht: ^de paroître ingenieux à chaque instant^ habe
Befremdung erregt. Allerdings hatte sich die Würdigung des Menschen
gewaltig verändert, und eine so armselige Weisheit konnte nicht mehr
gefallen. Und Voltaire hatte sie selbst kräftig verdrängt.
In der Revolution schrie d
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