Der Sinn und Wert des Lebens
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Title: Der Sinn und Wert des Lebens
Author: Rudolf Eucken
Release date: April 22, 2015 [eBook #48765]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48765
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SINN UND WERT DES LEBENS ***
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| Ende des Buchs. |
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[Illustration: Rudolf Eucken.]
Der Sinn und Wert
des Lebens
Von Rudolf Eucken
Fünfte,
völlig umgearbeitete Auflage
Achtzehntes bis zwanzigstes Tausend
Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig 1917
Satzanordnung und Einbandzeichnung
von Professor Georg Belwe.
Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co., Altenburg, S.-A.
Die Wohnung des Lebens
sind viel weiter denn die
Wohnungen des Todes.
Luther.
Vorwort zur ersten Auflage.
Mit einer Behandlung der Frage nach dem Sinn und Wert des Lebens suche
ich die inneren Probleme der Gegenwart jedem einzelnen möglichst nahe
zu bringen und ihn zur Teilnahme daran zu gewinnen. Solche Fassung
der Aufgabe zog der philosophischen Erörterung bestimmte Grenzen:
daß es aber innerhalb dieser Grenzen genug zu klären gibt, das hofft
die Untersuchung selbst zu zeigen. Dem einen oder anderen Leser wird
vielleicht der erste kritische Teil zu weit ausgesponnen scheinen.
Aber es konnte die entscheidende Hauptthese, an der die Möglichkeit
einer Wiederbefestigung des Lebens und einer Verjüngung der Kultur
hängt, ihre volle Überzeugungskraft nur erlangen, wenn sie als der
einzig mögliche Weg zum Ziele erwiesen war; dafür aber war jene Kritik
unentbehrlich, sie steht nicht neben, sondern in der Sache.
_Jena_, Dezember 1907.
Vorwort zur fünften Auflage.
Zwischen der vierten und der fünften Auflage liegt der Beginn und
der Verlauf des Weltkriegs; notwendig mußten seine Eindrücke und
Erfahrungen auch auf das Gesamtbild des menschlichen Lebens wirken,
und solche Wirkung mußte sich auch auf eine Untersuchung erstrecken,
welche sich mit dem Sinn und Wert des Lebens befaßt. So ist denn diese
neue Auflage aufs gründlichste umgestaltet, ja völlig erneuert worden,
ganze Abschnitte sind stark verkürzt, andere neu hinzugefügt worden,
das Ganze ward straffer zusammengefaßt und mehr in den Dienst eines
einzigen Hauptgedankens gestellt. So wenig ich meine Grundanschauungen
zu verändern brauchte -- die Erfahrungen des Krieges haben sie nur
bestätigt --, ihre Darstellung mußte kräftiger werden, die Gegensätze
waren schärfer zu scheiden, die Forderungen deutlicher herauszuheben.
So hoffe ich, daß das Buch an innerem Leben gewonnen hat, und daß
zugleich sein Verhältnis zur Gegenwart in Ja und Nein enger geworden
ist. Mein Hauptwunsch geht dahin, in unserer wirren Zeit möchte es
suchenden und kämpfenden Seelen irgendwelche Förderung bringen.
_Jena_, im Juli 1917. ~Rudolf Eucken.~
Inhaltsübersicht.
Seite
_Einleitung_ 1
~Die Antworten der Zeit.~
Die älteren Lebensordnungen.
Die religiöse Lebensordnung 4
Die Lebensordnung des weltlichen Idealismus 10
Die neueren Lebensordnungen.
Die gemeinsame Grundlage 17
Die Lebensordnung des Naturalismus 19
Die Wendung des Menschen zu sich selbst.
Die Sozial- und die Individualkultur 28
Erwägungen und Vorbereitungen 40
~Versuch eines Aufbaues.~
Die Eröffnung eines neuen Lebens.
Der Aufstieg zur Hauptthese 50
Die Entwicklung der Hauptthese 60
Hauptzüge des neuen Lebens 73
Geistiges Leben und menschliche Lage 86
~Auseinandersetzung mit der Welt und der Lage des Menschen.~
Die Übermacht der Natur 96
Die Unsicherheit des menschlichen Geisteslebens 105
Die moralische Verwicklung des Menschenlebens 113
Auseinandersetzung mit dem Zweifel 134
~Folgerungen aus der Gesamtbilde des Lebens.~
Folgerungen für das Leben des Einzelnen 144
Folgerungen für die Aufgaben der Gegenwart 156
Folgerungen für die Ausbildung eines deutschen Lebensstiles 161
_Sachregister_ 170
_Namenregister_ 172
Einleitung.
Die Frage nach einem Sinn und Wert des Lebens macht ruhigen
Zeiten wenig Sorge, da dann die Umwelt dem Einzelnen einen festen
Lebenszusammenhang zuführt, ihm darin einen sicheren Halt und eine
Antwort auf etwaige Zweifel gibt; sie wird erst dringend, wenn über
den Grundstock des Lebens eine Unsicherheit entsteht, wenn sich in
ihm Spaltungen bilden und das Handeln nach verschiedenen Richtungen
ziehen. Dann müssen wir wohl oder übel unsere Zuflucht zum eigenen
Denken nehmen, dann müssen wir suchen, mit seiner Hilfe wieder eine
Hauptrichtung des Lebens zu gewinnen und in der Arbeit dafür eine
Wehr und Waffe gegen all das Dunkle und Feindliche, das unaufhörlich
auf uns eindringt. So erweist das Fragen und Mühen um einen Sinn und
Wert des Lebens immer einen geistigen Notstand, einen solchen erweist
es auch heute. Dieser Notstand ist keineswegs eine bloße Folge des
Krieges, er reicht weit hinter ihn zurück und ist aus dem Ganzen des
modernen Lebens mit Notwendigkeit hervorgegangen. Dieses Ganze hat
sich in verschiedenartige Ströme gespalten, die auseinandergehende
Richtungen verfolgen und abweichende Wertschätzungen enthalten.
Namentlich stehen hier gegeneinander eine unsichtbare und die sichtbare
Welt. Der früheren Zeit galt jene als der Kern der Wirklichkeit und
als der Hauptstandort echten Lebens, während die Neuzeit mehr und mehr
die sichtbare Welt auch zur geistigen Heimat des Menschen macht und
alle seine Ziele von ihr erhofft. Innerhalb der Hauptrichtungen aber
erschienen weitere Unterschiede und trieben das Leben auseinander,
das freudige Ja der einen wurde den anderen zum herben Nein, eine
peinliche Unsicherheit griff um sich und mußte zur Schwächung
alles Strebens wirken, das die Notwendigkeit des Lebens und die
selbstischen Zwecke überschreitet. So mußte die Menschheit bei aller
Fülle äußerer Berührungen sich innerlich mehr und mehr zerwerfen und
ein gegenseitiges Verständnis verlieren. Ernsteren Seelen waren diese
Gefahren schon vor dem Kriege deutlich geworden, und an Bemühungen, sie
zu überwinden, hatte es nicht gefehlt. Aber die Breite der Zeit fühlte
sich viel zu sehr in reichem Kulturbesitz und wurde durch die Befassung
mit ihm viel zu sehr festgehalten, um diesen Fragen viel Aufmerksamkeit
zu schenken; so blieb das Mühen um sie im Hintergrunde und erlangte
nicht die nötige Kraft. Der Krieg hat die Lage weiter verschärft, er
stempelt die willenlose Ergebung in die Widersprüche des Daseins zu
flacher und niedriger Art. Er zeigt uns handgreiflich die völlige
Abhängigkeit unseres Lebens und Strebens von dunklen Geschicken, er
zeigt die Menschheit bei sich selbst gespalten und bis zu wildem Haß
verfeindet, er zeigt im Völkerleben eine häßliche Mischung moralischer
Unlauterkeit und intellektueller Schwäche, er zeigt freilich auch viel
Kraft in den Völkern und viel Aufopferungsfähigkeit für gemeinsame
Zwecke, aber im Gesamteindruck stellt er die Lage der Menschheit
als höchst verworren und ihr Streben als eines deutlichen Zieles
entbehrend dar, er erschüttert aufs stärkste den Glauben an das
Walten einer Vernunft bei ihr. Einer so verworrenen Lage gegenüber
versagt alles bloße Grübeln und Deuten, Scharfsinn und menschlicher
Witz werden uns nicht von ihr befreien; die einzige Hoffnung einer
Rettung besteht darin, daß durch alles menschliche Meinen und Suchen
hindurch eine tiefer gegründete Tatsächlichkeit im Leben waltet, auch
uns sich eröffnet und unser Handeln zu sicheren Zielen leitet. Dieser
Tatsächlichkeit den Weg zu bahnen, zunächst der Richtung inne zu
werden, in der sie zu suchen ist, das muß einer Selbstbesinnung zur
Aufgabe werden. Sie kann das aber nicht tun ohne vorherige Orientierung
über den heutigen Lebensstand mit all seinem Durcheinander. Denn was
an vermiedenen Strömen wirkt und sich gegenseitig zu hemmen droht,
das sind keineswegs bloße Lehren, die sich behaupten und zurücknehmen
lassen, sondern das enthält tatsächliche Leistungen, Bewegungen des
Lebens selbst, Konzentrationen, welche ihrem ganzen Bereich eine
eigentümliche Beschaffenheit verleihen; wir kämpfen daher nicht um
bloße Deutungen eines gegebenen Lebensstandes, sondern wir kämpfen
um den Lebensstand selbst, wir kämpfen nicht um Bilder, sondern um
Wirklichkeiten. Die Verwicklung aber stellt sich nun dahin, daß jede
einzelne dieser Lebensentfaltungen Berechtigtes und Wertvolles enthält,
das, einmal belebt, sich nicht wieder aufgeben läßt, daß sie aber,
anscheinend untrennbar, mit diesem anderes verquickt, was wir unmöglich
festhalten können, wovon wir uns befreien müssen. Daß so Notwendiges
und Unmögliches bei uns zusammentrifft und vielfach ineinander
verfließt, das versetzt uns in ein peinliches Schwanken zwischen dem
Ja und dem Nein; wir sehen nicht, wo das eine sich gegen das andere
abgrenzt, wir werden nach dem Wechsel der Stimmung bald hierher,
bald dorthin gezogen. Um so mehr bedürfen wir einer überlegenen
Tatsächlichkeit, die uns Wahres und Falsches scheiden, das Wahre aber
miteinander verbinden und mutig in den Kampf führen lehrt. Ohne den
Glauben an das Bestehen und das Wirken einer solchen Tatsächlichkeit
wäre alles Streben nach Rettung vergeblich, auch unsere Untersuchung
ruht auf einem solchen Glauben, sie wird getragen von der Überzeugung,
daß in der Tiefe des Lebens Notwendigkeiten walten, die nicht an
menschlicher Meinung hängen. Im Vertrauen auf solche Notwendigkeiten
beginnen wir unser Werk.
Die Antworten der Zeit.
Die älteren Lebensordnungen.
Die religiöse Lebensordnung.
Von den verschiedenen Lebensordnungen, die den Menschen der Gegenwart
umwerben, wirkt am stärksten auf das Ganze noch immer die der Religion.
Ein Erbe uralter Zeiten hat die Religion durch besondere Erfahrungen
des ausgehenden Altertums eine herrschende Stellung erlangt; jene
Zeiten ließen den Menschen sowohl die Nichtigkeit des gewöhnlichen
Lebens als das eigene Unvermögen mit peinlicher Schärfe empfinden und
erfüllten ihn zugleich mit einer tiefen Sehnsucht nach einem neuen
Leben, ja einer neuen Welt. Ein solches Leben hat in unserem westlichen
Kulturkreise das Christentum ausgebildet, es hat, nachdem das
leidenschaftliche Verlangen nach Rettung der Seele sich später geklärt
und gemildert hatte, ein religiöses Lebenssystem geschaffen und ihm
alle Kulturarbeit angefügt; dies Lebenssystem hat durch die Kette der
Jahrhunderte hindurch seine Macht bis zur Gegenwart behauptet und hält
auch heute den Anspruch auf Beherrschung der Seelen noch aufrecht.
Diese religiöse Lebensordnung setzt mit einer heroischen Kraft
die Welt, die uns umgibt, zu einer niederen herab und macht eine
unsichtbare Welt des Glaubens und des Gemütes zur geistigen Heimat
des Menschen; zugleich vollzieht sie eine energische Konzentration,
indem sie zum alleinigen Ziel des Lebens und Strebens die Einigung
mit dem Geist vollkommener Macht, Weisheit und Güte erhebt. Mit ihrer
Einführung absoluter Maße wird sie der Quell aller Erhabenheit, die
das menschliche Leben kennt, zugleich aber läßt sie, und sie allein,
das Leben eine reine Innerlichkeit, ein volles Beisichselbstsein,
gewinnen, indem es hier an erster Stelle ein Verhältnis von endlichem
und unendlichem Geiste wird. Aus solcher Innerlichkeit vermag es den
Menschen unvergleichlich mehr sich selbst zu erschließen, und lehrt es
zugleich die Menschen sich gegenseitig besser verstehen und inniger
miteinander fühlen. Das hier entwickelte Leben hat bei seinem Wurzeln
in göttlicher Liebe eine große Weichheit und Zartheit, aber der Liebe
verbindet sich eng die Heiligkeit einer sittlichen Ordnung und gibt dem
Leben bei aller Innigkeit einen unermeßlichen Ernst.
In diesem Zusammenhange durfte der Mensch von sich und seinem Tun
aufs Höchste denken. Als Ebenbild Gottes bedeutete er den Mittelpunkt
der Wirklichkeit, um den sich das All bewegte, und dessen Tun über
seine Geschicke entschied. Wohl hatte der Einzelne sich dem Ganzen des
Gottesreiches gliedmäßig einzufügen, aber zugleich bildete er einen
eigenen Kreis und wurde als ein Selbstzweck behandelt; zur Vollendung
des Ganzen, das kein Glied missen durfte, gehörte auch seine Rettung.
Diesem Leben fehlte es nicht an Sorgen, Nöten und Schmerzen, die Höhe
der Forderung und der weite Abstand des Menschen verhinderten alles
bequeme Behagen und alles spielende Glück, ja das Gewicht von Leid und
Schuld schien mehr zu wachsen als abzunehmen. Aber die Grunderfahrung
der Religion, die Befreiung von drückender Schuld und die Schöpfung
eines neuen Lebens durch göttliche Liebe und Gnade, hob den Menschen
über den ganzen Bereich von Kampf und Not hinaus; die Einigung mit
Gott ließ ihn ein vollkommenes Leben und hohe Seligkeit teilen, in
die freilich für den Menschen immerfort der überwundene Schmerz
hineinklingt. Wohl verblieb der Widerstand einer gleichgültigen, ja
feindseligen Welt, aber in Zweifel versetzen und das Streben lähmen
konnte er nicht. So war es kein leichtes Leben, das hier entstand, aber
es war ein Leben voller Bewegung und in sicheren Zusammenhängen, es war
kein leeres, kein sinnloses Leben.
So hat die religiöse Lebensordnung lange Jahrhunderte beherrscht, sie
hat Individuen und ganze Völker verbunden, sie hat unzähligen Seelen
sowohl eine kräftige Aufrüttelung als seligen Frieden gebracht. Ihr
eigentümlich sind besonders die schroffen Kontraste, worin sie das
menschliche Leben versetzt: die Gottheit zugleich in weltüberlegener
Hoheit und in nächster seelischer Nähe (»Gott ist mir näher als ich mir
selber bin«, Meister Eckhart), der Mensch verschwindend klein und doch
zur Gemeinschaft mit dem Höchsten berufen, Liebe und Ehrfurcht, Milde
und Ernst eng miteinander verflochten, tiefes Dunkel und strahlendes
Licht, Elend und Seligkeit sich gegenseitig steigernd, ein Aufstieg
zum Ja durch ein Nein hindurch, eine volle Anerkennung, aber zugleich
auch Heiligung des Leides, in dem allen eine starke Bewegung, die
allererst der Seele des Einzelnen wie dem Leben der Menschheit eine
wahrhaftige Geschichte eröffnet und diese zum Kern aller Wirklichkeit
macht, ein unablässiges Hinausstreben über alle Gegenwart bloßer Zeit,
aber zugleich ein sicheres Ruhen in einer gegenwärtigen Ewigkeit. Eine
so heroische Größe und zugleich eine solche Innigkeit hat das Leben an
keiner anderen Stelle erreicht.
Trotzdem haben sich gegen dieses Leben starke Zweifel erhoben, Zweifel
nicht bloß aus eitler Widerspruchslust flacher Seelen, sondern auch
aus dem heiligen Ernst eines Ringens um lautere Wahrheit. Bedenken
entstanden zunächst aus der eingreifenden Veränderung, welche seit
Beginn der Neuzeit das Bild der Natur und bald auch das der Geschichte
empfing, es ergab das wachsenden Widerspruch nicht nur an einzelnen
Stellen, wie bei der Frage der Wunder, sondern die ganze Welt der
Religion konnte von hier aus als zu eng und mit viel menschlicher Zutat
behaftet erscheinen. Dieser Widerspruch der Weltbetrachtung läßt sich
überschätzen, er läßt sich aber auch unterschätzen. Sicherlich ist
Religion etwas anderes als bloße Weltanschauung, aber einen Widerspruch
mit gesicherten Zügen des Weltbildes kann auch die Religion nicht ohne
schweren Schaden ertragen; ihre Wahrhaftigkeit leidet darunter, wenn
sie einer Auseinandersetzung mit ihm aus dem Wege geht. Tiefer freilich
geht die schärfere Scheidung der geistigen Arbeit vom menschlichen
Seelenstande, wie das moderne Denken sie vollzogen hat. Der Mensch
konnte danach als ein Sonderwesen erscheinen, das ganz unfähig ist,
die Welt in seine Begriffe zu fassen und ihre Tiefen zu ergründen;
die Religion erschien von da aus leicht als ein bloßes Hineintragen
menschlicher Bilder und Wünsche in das All, sie konnte diesem
Gedankengange schließlich als ein bloßes Wahnbild erscheinen. Aber
gegen das alles hätte sich kämpfen und die Grundwahrheit der Religion
auch gegen den schroffsten Widerspruch durchsetzen lassen, wäre das
Ganze des Lebens in der Verfassung geblieben, aus der die Wendung
zur Religion hervorging. Hier aber war ein Umschlag erfolgt, der den
Gesamtstand völlig verschob. Jene Wendung war in einem Bruch mit der
nächsten Welt entstanden, zu einer Zeit, wo die Menschheit den Glauben
an sich selbst und ihr Vermögen verloren hatte, wo sie im besonderen
einen schweren moralischen Zwiespalt empfand, und wo nur das Ergreifen
einer neuen Welt ihre geistige Vernichtung schien verhüten zu können.
Nun aber hatten neue Völker in langen Jahrhunderten der Erziehung neue
Kraft gesammelt, und diese Kraft strebte mit dem Beginn der Neuzeit
nach voller Betätigung, die nächste Welt wurde ihr zum willkommenen
Vorwurf, und das Wirken in ihr drängte die moralischen Probleme,
drängte im besonderen den moralischen Zwiespalt der Seele weit in den
Hintergrund. Wenn aber solche Wandlung des Lebensgefühls kein starkes
Verlangen nach einer Erlösung und völligen Umwandlung aufkommen ließ,
so verlor die Religion ihre seelische Nähe und ihre Überzeugungskraft;
die Gefahr entstand, daß sie mehr als ein Erbstück der Vergangenheit
fortgeführt wurde, als aus eigener Erfahrung hervorging, ja daß sie
als eine bloß gesellschaftliche Einrichtung erschien und als solche
aus Gründen der Wahrhaftigkeit hart angefochten wurde. Eine derartige
Bewegung hat sich von der Höhe der Gesellschaft, wo sie entstand,
immer mehr in die breiten Massen gesenkt; wie weit sie auch bei uns
Deutschen um sich gegriffen hat, das würde noch deutlicher zutage
treten, wenn nicht die sehr problematische Hilfe, welche bei uns der
Staat der Religion noch immer zukommen läßt, den wirklichen Stand der
Dinge schonend verdeckte. Auch dürfen wir nicht erwarten, daß der
gegenwärtige Weltkrieg diese Lage wesentlich ändert. Gewiß bringt er
mit seinen ungeheuren Gefahren und schweren Verlusten einen großen
Ernst in die Stimmung und lenkt zwingend die Gedanken auf die Fragen
des Geschicks und der Bestimmung des Menschen, auf die Fragen von
Zeit und Ewigkeit. Aber einer einfachen Beantwortung dieser Fragen
im Sinne der überkommenen Religion widerspricht der unabweisbare
Eindruck des Wirkens eines dunklen Schicksals, das unbekümmert um
menschliches Wohl und Wehe nur die blinde Notwendigkeit walten läßt,
den einen opfert, den anderen rettet, wie es sich eben trifft. Auch das
gewaltigste äußere Ereignis kann ohne ein inneres Entgegenkommen keine
seelische Wandlung erzeugen; so dürfte auch dieser Krieg auf die Seelen
verschieden wirken, je nachdem was sie an ihn bringen: er wird die
Gläubigen gläubiger und die Ungläubigen ungläubiger machen; er wird die
Religion wieder mehr als eine unabweisbare Frage empfinden lassen, aber
eine Frage ist keine Antwort.
So kann es scheinen, als sei die Zeit der religiösen Lebensordnung
abgelaufen, und als müsse die Religion als ein irreleitender Wahn aus
dem menschlichen Leben verschwinden. Aber so einfach, wie ihre Gegner
sich die Sache denken, ist diese nicht. Denn die Religion hat weit
über alle Lehren und Einrichtungen hinaus in den Grundbestand des
menschlichen Lebens eingegriffen und ihm Weiterbildungen gebracht,
deren Preisgebung es einer kläglichen Verarmung ausliefern würde. Von
ihr kam eine Befreiung von dem schweren Druck des Daseins, das uns
sonst unbarmherzig umklammert; sie eröffnete mit ihrer Erhebung über
dieses und ihrer Erschließung einer neuen Welt die einzige Möglichkeit,
alles Unzulängliche und Verfehlte des menschlichen Lebensstandes
vollauf anzuerkennen, ohne darüber die Festigkeit des Glaubens und den
Mut des Handelns einzubüßen; mit ihrer Umkehrung des Lebens wurde sie
ein Quell heroischer Größe und mit ihrer Vorhaltung absoluter Maße eine
gewaltige Kraft der Aufrüttelung und nimmer fertigen Bewegung; die
einzigartige Stellung, welche gemeinsame Schätzung der Menschheit der
moralischen Aufgabe zuerkennt, rechtfertigt sich vollauf nur in der
Welt der Religion; dazu ihre Entfaltung reiner Innerlichkeit -- auch
die eigentümlich deutsche Färbung des Ausdrucks Gemüt ist der Religion
zu verdanken --, sowie ihr Vermögen, den Menschen wie der Menschheit
der kaum erträglichen Vereinsamung in einem seelenlosen Weltall zu
entziehen, der sie sonst verfallen sind; -- wahrlich, wir können die
flachen Seelen nur bedauern, die ohne Schaden und Schmerz glauben das
alles aufgeben zu können; jedenfalls sind sie mit ihrer Flachheit nicht
die berufenen Vertreter der Menschheit, und bringt ihre leichtherzige
Verneinung die Sache nicht schon zum Abschluß. Aber zugleich bleibt
alles bestehen, was sich gegen die Religion an Bedenken und Zweifeln
erhob; so steht das Geistesleben der Gegenwart zwischen dem Ja und dem
Nein in haltloser Mitte, und es ist uns die Religion, mit ihr auch die
religiöse Lebensordnung, aus einem festen Besitz zu einem schweren
Problem geworden; auch das Ewige, was sie enthalten mag, hat sich der
Gegenwart neu zu bewähren, es ist zu einer offenen Frage geworden.
Die Lebensordnung des weltlichen Idealismus.
Die Verwicklungen der Religion zu vermeiden, ohne die Tiefe des Lebens
zu mindern, glaubt ein der Welt zugekehrter, sie umfassender und
durchdringender Idealismus, ein Idealismus, der mit seiner Entfaltung
einer Geisteskultur seit Jahrtausenden eine selbständige Art neben der
Religion entwickelt, bald sie freundlich ergänzend, bald ihr als Feind
begegnend. Die Lebensordnung des Mittelalters hatte diesen Idealismus
ihren eigenen Überzeugungen angegliedert, die Neuzeit gab ihm eine
wachsende Selbständigkeit, so daß er sich schließlich der Religion
überlegen fühlte und ihr die Beherrschung des Lebens bestreiten konnte.
Auch dieser Idealismus nimmt seinen Standort in einer unsichtbaren
Welt, aber ihm bedeutet diese nicht ein neben dem sinnlichen Dasein
befindliches, von ihr abgelöstes Reich, sondern seinen eigenen Grund,
seine belebende Seele; daß das All nicht in das Nebeneinander der
einzelnen Erscheinungen aufgeht, sondern eine dem äußeren Auge
verborgene Tiefe besitzt, daß es ein Ganzes bildet und ein inneres
Leben führt, das ist die Grundüberzeugung, mit der diese Lebensordnung
steht und fällt. Aus solcher Überzeugung verbindet dieser Idealismus
den Menschen eng mit dem All und läßt ihn sein Leben aus diesem
schöpfen, aber zugleich gewährt er ihm eine einzigartige Stellung und
ein ausgezeichnetes Werk. Denn alles Untermenschliche scheint das
Leben bewußtlos und aus dunklem Zwange zu führen, es verwandelt das
Vermögen des Ganzen nicht in den Besitz der einzelnen Stelle; dies aber
geschieht beim Menschen, der den Gedanken des Ganzen denkt und dieses
selbst damit weiterführt. Erst bei ihm erhebt sich die Welt zu voller
Klarheit und Freiheit und erlangt damit ihre Vollendung; der Mensch
darf groß von sich denken, indem sein Wirken so viel für das Ganze
bedeutet.
Diese Lebensordnung bewegt sich vornehmlich um den Gegensatz von
Innerem und Äußerem, von unsichtbarer und sichtbarer Welt. Das Innere
hat als der Hauptträger des Lebens das Äußere zu ergreifen und zu
beseelen, es tut das namentlich in Kunst und Wissenschaft, aber auch
durch Entwicklung einer in der menschlichen Natur angelegten Moral; das
Äußere aber ist unentbehrlich, um das Innere von mattem Umriß zu voller
Durchbildung zu bringen. So entsteht ein geistiges Schaffen, das,
getragen von einer Weltvernunft, gegenüber der gebundenen Natur, auch
gegenüber der äußeren Ordnung des Menschenlebens, wie die Zivilisation
sie vertritt, ein höheres Leben schafft, eine Geisteskultur, deren
Wahres, Schönes, Gutes den Menschen den reichsten Gehalt gewinnen und
den ganzen Umkreis des Daseins veredeln läßt. Dieses Leben bedarf
keines außer ihm gelegenen Lohnes und ist nicht auf einen Nutzen
gerichtet, es findet vollste Befriedigung in seiner eigenen Entfaltung
und freudigen Selbstanschauung; bei unablässigem Wirken ruht es
sicher im eigenen Wesen und bewahrt bei allem Streben ins Weite einen
beherrschenden Mittelpunkt.
Dies Leben ist verschiedener Färbungen fähig, je nachdem Wissenschaft,
Kunst oder Moral den leitenden Grundton geben, und an Kämpfen im
eigenen Bereich hat es ihm nicht gefehlt. Aber alle Mannigfaltigkeit
beläßt ihm der Religion gegenüber eine eigentümliche Art. Die Religion
ist mehr auf die Schärfung, die Weltkultur mehr auf die Ausgleichung
der Gegensätze bedacht; jene richtet das Leben auf einen Punkt, diese
gibt ihm mehr Weite; jene sieht mehr Schwäche und Kleinheit, diese
mehr Kraft und Größe am Menschen; ist sie es doch, die vor allem
das Menschsein zu einem hohen Wertbegriff erhoben und Achtung vor
allem geweckt hat, was menschliches Angesicht trägt; jene findet den
Weg zur Lebensbejahung erst durch schwere Erschütterung und herbe
Verneinung hindurch, diese glaubt sie durch vollste Anspannung eigener
Kraft unmittelbar vollziehen zu können; jener gilt das Böse mehr als
eine Verderbtheit, dieser dagegen als eine Schwäche und Mattheit
des Wollens. Vielleicht mag ein Leben weiterer Art den Gegensatz
umspannen und zu einer Ausgleichung führen, zunächst ist ein weites
Auseinandergehen nicht zu verkennen.
Dieser weltliche Idealismus gewann eine besondere Höhe im
altgriechischen Leben; im Mittelalter ein bloßer Nebenstrom, brach er
in der Neuzeit mit frischer Kraft hervor, aus ihm entsprang bei uns
Deutschen die Epoche geistigen Schaffens, welche wir unsere klassische
nennen, und die uns den Ruf eines Volkes der Dichter und Denker
eintrug.
Von den reichen Schätzen, welche die Gesamtbewegung des weltlichen
Idealismus mit ihrer Geisteskultur erzeugte, zehren wir heute alle, und
können uns gar nicht denken, wie sie zu entbehren wären. Aber mit dem
Anspruch, das Leben zu führen, ist es dem weltlichen Idealismus nicht
anders ergangen als der Religion: die Grundlage wurde erschüttert, das
Grunderlebnis verdunkelt; so erhielten feindliche Mächte die Oberhand
und vertrieben diese Gestaltung aus dem Mittelpunkte des Lebens. Daß
die Welt eine Tiefe habe, und daß diese dem Menschen zugänglich sei,
das ist jetzt dem vorwiegenden Zuge des Lebens nicht minder zweifelhaft
geworden als die Grundwahrheiten der Religion. Der weltliche Idealismus
hatte stets Mühe, seine Behauptung in vollem Sinne zu erhärten. Eine
sichere Überzeugungskraft gaben ihm nur besondere Höhepunkte geistigen
Schaffens, seltene Sonn- und Festtage der Menschheit, wo eine Gunst
des Schicksals mit hohen Aufgaben der weltgeschichtlichen Lage
selbstwüchsige Persönlichkeiten großen Stils zusammenführte; dann wurde
allerdings eine unsichtbare Tiefe der Welt zu allergewissester Nähe und
zum sicheren Standort des Handelns. Aber solche schaffenden Zeiten sind
Ausnahmezeiten, und der Alltag übt sein Recht, jenes hohe Leben sinkt
und zugleich sein Vermögen, den ganzen Menschen an sich zu ziehen und
einzunehmen; aus der eigenen Betätigung wird dann ein bloßes Aneignen
und Genießen überkommener Schätze, es verflacht damit das geistige
Schaffen unvermeidlich zu einer bloßen Bildung, einer geschmackvollen
Formung des Lebens; gewiß hat auch eine solche ihren Wert, aber sie
bewegt nicht die letzten Tiefen des Lebens, und sie ist dem Dunklen,
ja Dämonischen in der Menschennatur bei weitem nicht gewachsen; sie
befreit nicht genügend von innerer Leere, und sie erleidet leicht
dadurch Schaden an ihrer Wahrhaftigkeit, daß sie oft weniger aus einer
Notwendigkeit eigenen Verlangens als der sozialen Umgebung halber
gesucht wird. Alles in allem erscheint die Bildung mehr als ein Leben
aus zweiter Hand, ein solches aber kann schwer den Angriffen Widerstand
leisten, welche der Grundbehauptung erwachsen.
Der Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts hat diese Angriffe mächtig
anschwellen lassen. Zunächst wirkt die Erschütterung der Religion auch
zu einer Schwächung des weltlichen Idealismus. Denn seine Überzeugung
von einer Tiefe des Alls und von dem Walten eines unsichtbaren Ganzen
hat die Menschheit meist nur im Anschluß an eine religiöse Überzeugung
gewonnen, nur eine solche machte den Bruch mit der sichtbaren Welt
auch dem Einzelnen zur zwingenden Notwendigkeit, und die Veredlung,
welche jener Idealismus an der Welt vollzieht, ist kaum denkbar ohne
das verklärende Licht, das die Überwelt der Religion auf diese wirft;
je mehr die Zurückdrängung der Religion dieses Licht verblassen läßt,
desto mehr verliert auch jener seine leitende Stellung im Leben,
wird er aus dessen Mittelpunkte an die Außenseite gedrängt. Sodann
aber hat die neueste Zeit der sichtbaren Welt eine Selbständigkeit
gegeben, welche sie nie zuvor für uns hatte; immer energischer hat
die wissenschaftliche Arbeit aus ihr alles Seelenleben vertrieben,
dafür aber ein neues Reich reiner Tatsächlichkeit eröffnet und aus ihm
eine überströmende Fülle neuer Aufgaben abgeleitet, deren Lösung das
menschliche Wohlsein aufs erheblichste zu steigern verspricht. Zugleich
hat die Forschung die Besonderheit und Gebundenheit des menschlichen
Lebens und Strebens aufs stärkste hervorgekehrt, es scheint ihr in enge
Schranken gebannt und dadurch gänzlich verhindert, jene Welt starrer
Tatsächlichkeit sich innerlich anzueignen und ihre Unermeßlichkeit als
ein Ganzes zu erleben; sie wird bei aller äußeren Annäherung unserer
Seele immer fremder. Kann ein solcher Gedankengang im Menschen den
Vollender des Weltalls sehen? Aber mehr als alles das widersprechen
dem weltlichen Idealismus im modernen Leben die Erfahrungen innerhalb
der Menschheit selbst. Es erschien hier so viel wilde Leidenschaft
und unbegrenzte Selbstsucht, so viel Kleinheit der Gesinnung, so viel
moralische Unlauterkeit, so viel Mangel an geistiger Größe und an Kraft
der Persönlichkeit, es stellte sich das menschliche Dasein so sehr
als ein wirres Chaos dar, daß alle Hoffnung verflog, in ihm ein Reich
der Vernunft entdecken oder es in ein solches verwandeln zu können.
Wie vermöchte sich aber bei solcher Lage geistiges Schaffen und edle
Bildung als der Kern des Lebens zu behaupten? Auch der gegenwärtige
Krieg muß den Eindruck ihrer Ohnmacht über die menschliche Seele
verstärken. Wäre eine gemeinsame Vernunft die Grundkraft menschlichen
Lebens, so müßte sie die Menschheit zusammenhalten und einen etwaigen
Zwiespalt rasch überwinden, sie müßte allem Rohen und Gemeinen
siegreich widerstehen, das an einzelnen Stellen erscheinen möchte.
Deutlich genug aber sehen wir, daß das keineswegs geschieht. Was hilft
uns dann aber jene Geisteskultur mit ihrer gepriesenen Bildung? Ist
sie nicht bloß ein gefälliger Schein, mit dem sich das menschliche
Leben umkleidet, um seine nackte Gestalt zu verhüllen? Und lohnt es
sich dann, so viel Muße und Arbeit an diesen Schein zu verwenden? So
ist es kaum zu verhüten, daß viel Geringschätzung dieses weltlichen
Idealismus aufkommt und um sich greift. Und doch haben wir uns zu
hüten, solcher Stimmung nachzugeben und die Güter geringzuschätzen, die
er mit Behauptung und Leistung vertritt. Denn sie berühren keineswegs
die bloße Oberfläche des Lebens, sie wirken weit über die Stimmung und
Neigung der Individuen hinaus zu seiner Durchbildung von innen her,
sie haben eine Klärung, Vertiefung, Veredlung an ihm vollzogen, deren
Preisgebung uns in den Stand der Barbarei zurückschleudern würde;
mag einer besonderen Zeit unter besonderen Geschicken sich ihr Bild
verzerren, sie hören darum nicht auf, im Grunde des Lebens tätig zu
sein und mehr aus dem Menschen zu machen, als sein eigenes Bewußtsein
ihm zeigt. Das Reich der geistigen Güter verbleibt, auch wenn sich dem
Menschen der Zugang zu ihm durch manche Hemmung zeitweilig versperrt.
Immerhin verbleibt solche Hemmung und will vollauf gewürdigt sein;
die führende Stellung des weltlichen Idealismus wird jedenfalls durch
die Erfahrungen der Gegenwart schwer erschüttert. Und zugleich machen
sie zweifelhaft, wieviel wir an ihm überhaupt besitzen, und wo sein
Recht innerhalb eines weiteren Lebensganzen liegt. So verwandelt
sich uns auch hier in eine unsichere Frage, was früheren Zeiten eine
zuversichtliche Antwort gab.
* * * * *
Demnach ist die Lebensordnung des weltlichen Idealismus heute
nicht weniger erschüttert als die der Religion, wir verspüren die
Erschütterung nur nicht so stark, weil sie weniger durch einen direkten
Angriff als durch ein allmähliches Verblassen und Ermatten erfolgte;
wie der weltliche Idealismus nicht die Kühnheit der Religion besitzt,
so entzündet der Streit um ihn auch nicht so gewaltige Leidenschaft.
Aber hier wie da kommen wir zu demselben Endergebnis: Lebensmächte,
welche Jahrtausende lang die Menschheit beherrschten, ihrem Leben Ziele
gaben und ihm dadurch einen Sinn verliehen, haben eine feste Wurzel
im Bewußtsein des heutigen Geschlechts verloren und erhalten sich mehr
durch träge Gewohnheit als durch eigene Erfahrung. Nur die Verstrickung
in die Geschäfte des Alltags und das Überwiegen von Einzelfragen läßt
uns übersehen, wie Ungeheures bei uns vorgeht. Oder ist es nicht etwas
Ungeheures, wenn Ziele, an die Jahrtausende ihre beste Kraft gesetzt
haben, und im Glauben an die sie lebten und starben, nunmehr eine bloße
Einbildung scheinen und damit der bisherige Hauptzug des Strebens als
ein leerer Wahn befunden wird? Ist es nicht etwas Ungeheures, wenn
die unsichtbare Welt, früher als eine sichere Zuflucht ergriffen und
als ein Quell der Liebe und Wahrheit gepriesen, nunmehr sich völlig
auflösen muß? Wir müßten die Umwälzung anerkennen, wenn das Gebot
der Wahrheit sie forderte; aber nur flache Denkart kann leicht und
vergnüglich alles hinter sich werfen, was bisher als heilig galt. Zum
mindesten dürfte sie nicht übersehen, daß das Durchschauen eines so
langen Irregehens der ganzen Menschheit allen Glauben an ihr Vermögen
zur Wahrheit aufs tiefste erschüttern müßte.
Die neueren Lebensordnungen.
Die gemeinsame Grundlage.
So schwer wir die Erschütterung der Gegenwart durch das Verblassen
der unsichtbaren Welt nehmen mögen, es sei nicht vergessen, daß zu
ihrem Ersatz ein vielverheißender Aufbau im Werke ist, und daß einem
neuen Leben die sichtbare Welt unvergleichlich mehr geworden ist, als
sie früheren Zeiten war. Diese Welt hat sich nicht nur in der Natur
um uns wie in der eigenen Geschichte der Menschheit der Erkenntnis
in ungeahnter Weise erschlossen, sie hat auch dem menschlichen Wirken
immer mehr Angriffspunkte gezeigt; der Befund der Dinge, sonst wie
ein unentrinnbares Schicksal hingenommen, zeigt sich jetzt sehr wohl
einer Veränderung und Verbesserung fähig: Elend und Roheit werden
angegriffen, das Leben durchgängig in rascheren Fluß versetzt und zu
mehr Fülle und Freude gebracht. Den Kern des neuen Lebens bildet aber
die Arbeit, das heißt die Tätigkeit, welche den Gegenstand ergreift
und ihn für den Menschen bereitet; was von altersher davon vorlag,
das hat die Neuzeit erheblich dadurch gesteigert, daß ihr die Arbeit
weit mehr über die Kräfte und Zwecke der Individuen hinauswächst, ja
durch Bildung eigener Zusammenhänge eine Selbständigkeit gegen den
Menschen erlangt. So zeigen es Wissenschaft und Technik, so zeigen es
auch politisches und soziales Wirken; sie alle machen den Menschen
zum Gliede eines Arbeitsganzen, dessen Forderungen er unbedingt
nachkommen muß. In solcher Unterordnung der Einzelnen gewinnt das Ganze
eine gewaltige Macht, es faßt das Nebeneinander der Kräfte und das
Nacheinander der Zeiten zu gemeinsamem Wirken zusammen, das in sicherem
Zuge vordringt und keine Grenze als endgültig anerkennt. So gewinnt
die Menschheit einen frischen Mut und ein stolzes Selbstvertrauen,
sie entwickelt in ihrem eigenen Bereich ein mannhaftes, klares,
zielbewußtes Leben, das auch zu entsagen vermag, aber durch das
Entsagen keineswegs niedergedrückt wird. Denn für alles, worauf zu
verzichten ist, scheint der Gewinn an Sicherheit und an Wahrhaftigkeit
vollen Ersatz zu bieten. Unerschütterlich fest scheint der Boden, der
hier die Arbeit trägt, alle Einbildungen und Vorurteile, die gleich
trübem Nebel die Dinge umhüllten, sind gewichen und machen hellem
Sonnenlicht Platz, die Tätigkeit findet nach allen Seiten ein offenes
und unbegrenztes Feld; so scheint erst hier das Leben sich selbst und
seine Kraft zu finden, von einem Schlummerstand in volle Wachheit
überzugehen. Alles Wirken hat dabei den Reiz eines frischen Sehens und
selbständigen Entdeckens. Dürfen wir uns wundern, daß dieses Leben eine
starke Anziehungskraft ausübt, und daß ihm das Goethewort zugute kam.
»Er stehe fest und sehe hier sich um,
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm«?
Die Wendung vom allgemeinen Gedanken zur näheren Durchführung ließ
jedoch ersehen, daß das hier gebotene Leben keineswegs einfach ist.
In zwei Bereichen liegt uns das Dasein vor: in der Natur und im
Menschheitsleben. Jeder dieser Bereiche läßt sich zur Hauptsache
machen, jeder kann von sich aus eine allumfassende Lebensordnung
zu bilden suchen. So entspringen aus dem gemeinsamen Grunde zwei
verschiedene Lebensströme und wollen gesondert behandelt sein. Es sei
zunächst als der einfachere derjenige behandelt, dem das Verhältnis des
Menschen zur Natur als das Grundverhältnis seines Lebens gilt.
Die Lebensordnung des Naturalismus.
Eine Lebensordnung des Naturalismus konnte nicht entstehen, bevor
das Bild der Natur alles Fremdartige ausgeschieden und seine
Eigentümlichkeit deutlich ausgeprägt hatte; das aber ist zuerst seit
Beginn der Neuzeit geschehen. In Abweisung aller religiösen und
spekulativen Deutung wird hier zum Ziel der Forschung die Erfassung
der Natur in ihrer reinen und bloßen Tatsächlichkeit; hier entsagt
jene aller inneren Eigenschaft und allem seelenartigen Streben und
verwandelt sich in ein Reich unbeseelter Massen und Bewegungen, das
sich in festen Zusammenhängen und unwandelbaren Ordnungen darstellt,
ohne dem Menschen eine besondere Stellung einzuräumen und ihn zum
Gegenstand besonderer Sorge zu machen. Von Anfang an bestand viel
Neigung, dies Reich der Natur für das Ganze der Wirklichkeit auszugeben
und zugleich alle Wissenschaft nach Art der Naturwissenschaft zu
gestalten; schon Bacon (1561 bis 1626) nannte die Naturwissenschaft
»die große Mutter und die Wurzel alles Erkennens«, diese Neigung hat
immer mehr Boden gewonnen und Naturbegriffe immer tiefer in alle
Gebiete eindringen lassen, so daß heute »naturwissenschaftliche
Weltanschauung« vielen als Weltanschauung überhaupt gilt. Um sich so
zum All zu erweitern, mußte die Natur auch den Menschen an sich zu
ziehen und ganz und gar in sich aufzunehmen suchen. Das konnte so lange
nicht gelingen, als eine unübersteigbare Kluft Ursprung und Wesen
des Menschen von der Natur zu trennen schien; aber der Anerkennung
einer solchen Kluft hat die Naturwissenschaft immer entschiedener
widersprochen, sie hat immer mehr verbindende Fäden aufgewiesen, bis
die moderne Entwicklungslehre eine völlige Verkettung herzustellen
schien.
Gehört aber der Mensch ganz und gar zur Natur, so muß auch sein Leben
ganz dem der Natur entsprechen, so hat alles auszuscheiden, was im
überkommenen Befunde dem widerspricht. Die Natur aber erscheint hier
als ein Nebeneinander einzelner Elemente, die in vielfachste Beziehung
treten und auch manche Verwebung bilden, deren Verbindung aber nie
mehr als eine Anhäufung und Zusammensetzung ist; es gibt hier keinen
inneren Zusammenhang und daher auch kein Wirken aus einem Ganzen, auch
kein Selbständigwerden eines Inneren. Wie die Natur in reiner und
bloßer Tatsächlichkeit verläuft, so kann auch das Menschenleben, das
zu ihr gehört, keine die natürliche Selbsterhaltung überschreitende
Wertschätzung, kein Gut und Böse anerkennen; nur die Entfaltung der
Kraft und die sie begleitende Lust kann dem Leben einen Antrieb geben,
und, soweit hier überhaupt von Zielen die Rede sein kann, haben sie in
die Kraftsteigerung einzumünden.
Die Übertragung dieser Maße auf das menschliche Leben erwies ein gutes
Recht dadurch, daß sie Tatsachen zur vollen Anerkennung brachte und
untereinander zusammenschloß, die früher vereinzelt geblieben und als
Nebensachen behandelt waren. So die Gebundenheit aller seelischen
Betätigung an körperliche Bedingungen, so die elementare Macht der
Naturtriebe und der natürlichen Selbsterhaltung, so die überwiegende
Macht der materiellen Faktoren im Menschenleben, so das aufrüttelnde
und vorwärtstreibende Wirken des Kampfes ums Dasein, so die weite
Ausdehnung der blinden und sinnlosen Tatsächlichkeit auch im Bereich
des Menschen. Alles zusammen ergibt einen eigentümlichen Lebenstypus,
der sich auch der geistigen Arbeit, die er an sich zieht, mitteilen muß.
Da diese Lebensordnung dem geschichtlich überkommenen Stande schroff
widerspricht, so muß sie mit einer entschiedenen Verneinung beginnen,
mit einer Verneinung alles dessen, was die Natur überschreitet und
damit die Wirklichkeit auseinanderzureißen scheint. So geschah es nach
ihrer Überzeugung in Religion und Metaphysik, gemeinsam war ihnen
der Fehler, das menschliche Subjekt von seiner Umgebung abzulösen
und seiner ungezügelten Phantasie eigene Wege zu gestatten. Dadurch
entstanden erdichtete Bildungen, die, so meint man, einen vielfachen
Druck auf den Menschen üben und mit ihren Satzungen und Vorurteilen
das Leben verengen und entstellen. Es scheint ein großer Gewinn an
Freiheit, wenn das aus dem Leben verschwindet. Zugleich ein Gewinn an
Einheit, indem die verhängnisvolle Spaltung aufhört, die aus jener
Überhebung des Subjekts hervorging. Im eigenen Aufbau aber verheißt
dies Leben eine gewaltige Steigerung der Kraft, der anschaulichen
Nähe, ja der Wahrhaftigkeit. Denn nur in Berührung mit dem Gegenstande
draußen scheint das menschliche Vermögen sich vollauf zu entfalten,
ja erst Leben in vollem Sinne zu werden. In endloser Weite und Fülle
breitet sich dabei vor dem Menschen das Reich der Arbeit aus, und was
in ihr das Erkennen erringt, das findet hier, wo sich der Tätigkeit
deutliche Angriffspunkte bieten, ohne viel Mühe den Weg zum Handeln;
wie aus der modernen Naturwissenschaft unmittelbar die moderne
Technik entsprang, so scheint diese Denkweise überhaupt der gegebene
Weg, die menschlichen Verhältnisse zu verbessern und den Gesamtstand
menschlichen Wohlseins zu heben.
Auch die einzelnen Gebiete bringt diese Lebensordnung in eine starke
Bewegung nach eigentümlicher Richtung. Überall ein ausgeprägter
Realismus, der von erträumten Höhen abruft, alle Ziele, der Kunst wie
der Wissenschaft, der Erziehung wie der Moral, des politischen wie
des sozialen Lebens, innerhalb der sinnlichen Erfahrung findet und
ihren Gehalt damit eigentümlich gestaltet. Durchgängig gilt es, die
sinnlichen und materiellen Faktoren als die Wurzeln aller Kraft voll
zur Wirkung zu bringen, das Leben dadurch zu sättigen, es in frischen
Fluß und sicheren Fortgang zu bringen. So inmitten alles Realismus
ein Leben mit so viel Spannung, Leistung und Hoffnung, daß es auf die
weltüberfliegenden Ausblicke früherer Zeiten ohne Schmerz scheint
verzichten zu können. Ein neuer Tag scheint hier anzubrechen, dessen
helles Licht alle frühere Zeit zu einer trüben Dämmerung herabsetzt.
Dieser Lebensstrom hat viel zu viel Kräfte in Bewegung gesetzt, viel
zu viel Leistungen hervorgebracht, ja den Gesamtstand des menschlichen
Daseins viel zu sehr umgewandelt, als daß sich seine Macht verkennen
und seine Bedeutung angreifen ließe. Was in Frage kommen kann, ist
lediglich dieses, ob er das ganze Leben zu erfüllen und seinen
Gesamtstand zu beherrschen vermöge. Denn dagegen erheben sie freilich
schwere Bedenken, sie gehen von einem Punkte aus, der bei flüchtigem
Anblick nebensächlich scheinen mag, der sich aber bei näherer Prüfung
als so bedeutend herausstellt, daß jener ganze Lebensstrom mit all
seiner Tatsächlichkeit dadurch an die zweite Stelle gedrängt wird
und sich damit bescheiden muß, ein Stück eines weiteren Lebens zu
bilden. Jener behandelt den Menschen als ein bloßes Stück der Natur
und verlegt in sie sein ganzes Leben. Aber woher kennen wir die Natur,
wie wissen wir überhaupt von ihr? Wir kennen sie nur als ein Erlebnis
der menschlichen Seele, wir kennen sie nur in ihrer Wirkung auf die
Seele, und nur von der Seele aus wird das Bild entworfen, mit dem
sie uns vor Augen steht. Diesen Aufbau der Natur von der Seele her
hat eben die neuere Philosophie mit besonderer Klarheit aufgewiesen,
sie hat gezeigt, daß sowohl was in ihm an festen Elementen als an
Zusammenhängen vorliegt, uns nicht von außen zugeführt, sondern von
der Seele aufgebracht und von ihr in das auf uns eindringende Chaos
zu seiner Bewältigung hineingelegt wird; die Seele ist es, welche die
Natur erst im wissenschaftlichen Sinne entdeckt und aus der Flut der
Eindrücke herausarbeitet; dabei ist völlig klar, daß das nicht von
der sinnlichen Empfindung aus, sondern aus der Arbeit des Denkens
geschieht; das kann verkennen nur, wer wissenschaftliche und naive
Stellung des Menschen zur Umgebung in eins zusammenwirft. Mit der
Anerkennung des Unterschiedes tritt vor die sinnliche Empfindung die
Denkarbeit, also eine geistige Tätigkeit, und es zeigt sich zugleich,
daß im Bilde der Natur die Eindrücke auf ein Gerüst von Gedankengrößen,
von Begriffen aufgetragen und nur dadurch in ein Ganzes verwandelt
worden sind. In Wahrheit ist die Welt des Forschers mit ihrer Umsetzung
der Natur in Kräfte, Beziehungen, Gesetze etwas wesentlich anderes als
das, was die Sinne uns übermitteln. Diese Überlegenheit des geistigen
Wirkens bekundet aber eine Selbständigkeit des Seelenlebens gegen die
Natur und läßt uns zugleich verstehen, daß es seelische Antriebe sind,
welche über den Zwang der Selbsterhaltung hinaus der Befassung mit der
Natur einen Wert verleihen. Der Anhänger des Naturalismus legt, wenn
auch unwillkürlich, selbst dafür Zeugnis ab. Denn was ihn bewegt, ist
nicht bloß der Trieb, seine Kraft in Bewegung zu setzen, sondern ein
Streben nach Befreiung von irreleitendem Wahn, nach mehr Einheit und
nach mehr Wahrhaftigkeit der Weltanschauung; sind aber solche Ziele von
der bloßen Natur aus irgendwie zu begreifen, bekunden sie nicht ein
aller Natur überlegenes Leben und Streben? Kurz, es hat der Naturalist,
indem er die ganze Weite der Welt überdachte, leider etwas vergessen,
was im Grunde das Allernächste ist, er hat sich selbst, die eigene
Seele, vergessen. Aber die Seele ist nun einmal da und läßt sich nicht
wegdisputieren; selbst wer sie leugnet, tut es aus einem Drange nach
Wahrheit, damit aber aus einem Antriebe seelischer Art. Und die Seele
ist nicht bloß da, sondern sie zeigt auch eine eigentümliche Art und
stellt aus ihr Forderungen, denen die naturalistische Lebensordnung
nicht zu entsprechen vermag. Das seelische Leben ist kein bloßes
Nebeneinander, es umfaßt alle Mannigfaltigkeit und bezieht sie auf
einen Mittelpunkt, es geht nicht in die Beziehungen nach außen hin
auf, sondern es bildet sich einen eigenen Kreis und gewinnt damit ein
Beisichselbstsein; es erschöpft sich nicht in bloße Tatsächlichkeit,
sondern es entwickelt Maße und Ziele aus sich selbst heraus und prüft
danach alles, was bei ihm vorgeht, kurz es ist ein wesentlich anderes
Leben, was hier entsteht, als das der sinnlichen Natur. Auch ist
dieses Leben nicht ohne ein gemeinsames Werk großen Stiles geblieben,
welches das menschliche Dasein wesentlich umgewandelt hat, in nichts
anderem liegt dies vor als in der Hervorbringung eines Kulturstandes,
womit der Mensch sich über die Natur hinaushob und ihr gegenüber ein
neues Reich mit eigentümlichen Größen und Gütern erzeugte. Das ergibt
allerdings eine Zweiheit, aber sollen wir den Aufstieg bekämpfen und
zugleich alle Kultur verwerfen, weil sie das Leben minder einfach
macht? Sehr wohl kann bei dieser Bewegung der Mensch die Natur zu weit
zurückgeschoben und sich in seiner Meinung zu sehr von ihr abgelöst
haben, -- die Bekämpfung dessen ist ein unbestreitbares Verdienst des
Naturalismus --, aber wenn der Kulturmensch zur Natur zurückkehrt und
ihr eine höhere Schätzung für das Ganze des Lebens verleiht, so wird er
dadurch nicht im mindesten ein bloßes Stück der Natur, seine geistige
Überlegenheit bleibt dabei unangetastet.
Von solcher Überlegenheit aus muß ihm aber die naturalistische
Lebensordnung als durchaus unzulänglich erscheinen. Denn folgerichtig
durchgedacht muß sie alles Bestehen einer Innerlichkeit und allen Wert
von inneren Gütern, muß sie zum Beispiel Größen wie Gesinnung, Pflicht,
Ehre, Persönlichkeit, Charakter als völlige Einbildungen verwerfen,
als ebenso verderbliche Einbildungen, wie es nach ihrer Meinung die
Ideen von Gott und Weltvernunft sind. Das will jene Lebensordnung
nicht, gewiß nicht; auch sie hält an jenen Größen fest, auch sie will
Moral, auch sie will eine Veredlung des Menschen, aber sie kann das
nur in Widerspruch mit den eigenen Grundgedanken. Selbst den Begriff
der Wahrheit kann sie nur in solchem Widerspruch beibehalten. Denn wie
kann von einer gemeinsamen und zwingenden Wahrheit die Rede sein, wenn
nur einzelne Individuen mit ihren verschiedenen, unablässig wechselnden
Meinungen nebeneinanderstehen, und wenn aus ihrem Zusammensein
höchstens ein gewisser Durchschnitt hervorgeht? Auch für echte Kultur
ist hier kein Platz. So sehr jene Ordnung die Lebensbedingungen nach
allen Richtungen hin zu verbessern vermag, sie gibt damit dem Leben
weder eine innere Bildung noch irgendwelchen Gehalt, sie überliefert es
geistiger Leere; über die bloß äußere Ordnung der Lebensverhältnisse,
die Zivilisation, kommt sie mit eigenen Mitteln nun und nimmer hinaus.
So kann die naturalistische Lebensordnung die höheren Forderungen des
Menschenwesens nur in Widerspruch mit sich selbst festhalten; daß
bei solchem inneren Widerspruch zur Erfüllung jener viel geschehen
kann, ist schwerlich zu erwarten. Die Leere und Sinnlosigkeit, in die
hier das Leben gerät, muß augenscheinlich und zugleich unerträglich
werden, sobald die Frage aufs Ganze gerichtet wird, was der zum Denken
erwachte Mensch schließlich doch nicht unterlassen kann. Was wird hier
aus dem Ganzen des Lebens, was aus dem Lebensstand der Menschheit?
Kein inneres Band verknüpft hier die Menschheit mit dem All, auch kein
solches Band die Menschen untereinander. Wir mühen und hasten uns im
wilden Lebenskampf, damit sich mehr und mehr Kraft entfalte, aber es
gibt nichts, dem diese Kraft zugute komme, es gibt keine Möglichkeit,
sie in ein wahrhaftiges Leben eines Beisichselbstseins überzuführen.
Die der Kraftentfaltung anhangende Lust steht in grellem Mißverhältnis
zu all der Mühe und Arbeit, all der Aufregung und Aufopferung,
welche die Erhaltung des Lebens vom Kulturmenschen fordert. So
viel Verwicklung und Umständlichkeit in Erziehung und Bildung, in
staatlicher Ordnung und sozialem Aufbau, und das alles, damit wir im
wesentlichen dasselbe erreichen, was das Tier so viel leichter erreicht!
Über solche Bedenken sich leicht hinwegsetzen kann nur, wer einem
starken Optimismus gegen den Menschen und die menschliche Lage huldigt,
wer keine inneren Verwicklungen, keine schweren Probleme in ihr
anerkennt. So ging in der Tat der Naturalismus oft mit einem flachen
Optimismus zusammen. Dieser Optimismus hatte schon vor dem Kriege
manche Erschütterung erlitten, es waren im menschlichen Leben manche
Probleme und Widersprüche ersichtlich geworden, denen gegenüber der
Naturalismus vollständig wehrlos ist; so waren seine Flitterwochen
schon vorher abgelaufen. Die Erfahrungen des Weltkrieges müssen das
weiter vertiefen. Denn wären wir in den ungeheuren Erschütterungen, die
er bringt, und den Problemen, die er eröffnet, allein auf die Hilfen
angewiesen, die der Naturalismus zu bieten vermag, so bliebe nichts
anderes als eine völlige Verzweiflung, ein trostloser Pessimismus.
Und einem solchen Abschlusse wird doch die Menschheit mit aller Kraft
widerstehen, selbst in den schweren Verlusten und den durch sie
geweckten Zweifeln wird sie eine Überlegenheit gegen die bloße Natur
empfinden. Das Leid selbst erweist sich als der stärkste Gegner des
Naturalismus, sobald es ins Innere gewandt wird.
So wird dieser seinen Anspruch auf eine führende Stellung nicht
durchzusetzen vermögen. Aber glauben wir deshalb nicht, daß wir schon
mit ihm fertig sind, daß nicht viele offene Fragen verbleiben. Die
naturalistische Lebensordnung hat nicht nur einzelne Daten aufgedeckt
und zur Geltung gebracht, ihr Verdienst ist, in zwingender Weise einer
ganzen Seite unseres Lebens zur Anerkennung verholfen zu haben, die
ihr früher mit Unrecht versagt ward. Diese Anerkennung läßt sich aber
nicht vollziehen, ohne daß schwierige Fragen erwachen, manche Zweifel
entstehen, das Ganze unseres Lebens eine neue Beleuchtung erhält.
Den Naturalismus zu schelten mag der landläufigen Apologetik als ein
billiges Vergnügen überlassen bleiben; die vom Naturalismus vertretene
Tatsächlichkeit im Ganzen des Lebens zu würdigen ist eine Aufgabe, die
noch immer recht viel zu tun gibt. Der Mensch ist nicht bloß Natur,
aber er ist weit mehr Natur, als die älteren Ordnungen ihm zuerkennen,
und dieses Mehr wird nicht eher zur Ruhe kommen, als bis es sein Recht
gefunden hat.
Die Wendung des Menschen zu sich selbst.
Die Sozial- und die Individualkultur.
Wenn das Dasein Gottes dem Menschen ungewiß wird und die Weltvernunft
ihm verblaßt, wenn zugleich die Natur eben bei wachsender äußerer
Annäherung ihm innerlich fremder wird und sein seelisches Leben
leer läßt, so scheint, um unserem Dasein einen Sinn und Wert zu
bewahren, nur noch ein einziger Weg zu verbleiben: die Wendung des
Menschen zu sich selbst, die Ergreifung, Nutzung, Ausbildung alles
dessen, was im eigenen Bereiche vorgeht. Solche Wendung läßt sich
aber in zwiefachem Sinne verstehen. Einmal kann sie bedeuten, daß
der menschliche Kreis die Stätte bildet, wo allein sich uns Tiefen
der Wirklichkeit erschließen, von wo aus alles zu entwickeln ist,
was mehr aus uns machen soll; dann geht der Mensch keineswegs in
das Bild auf, das sein unmittelbarer Anblick zeigt, dann können
große Möglichkeiten in ihm liegen und weitere Zusammenhänge von Welt
und Leben von ihm aus ersichtlich werden. So erfahren wir es heute
in erhebender Weise, wenn uns der Mensch in Staat und Nation weit
über den nächsten Anblick hinauswächst. Dies aber soll uns später
beschäftigen, an dieser Stelle kommt nur in Frage, ob das moderne
Leben eine Bewegung enthält, vom Menschen, wie er in der Erfahrung
vorliegt, vom Menschen, wie er leibt und lebt, eine allumfassende
Lebensordnung als eine reine Menschenkultur aufzubauen. Das würde die
Behauptung schärfer zuspitzen und dem Leben eine engere Bahn abstecken.
Eine derartige Behauptung ist aber in der Tat vorhanden und hat einen
eigentümlichen Anblick vom Leben und Sein hervorgebracht. Während von
früheren Zeiten her und bis in die Gegenwart hinein der Mensch sich
selbst und seinen Kreis im Lichte einer unsichtbaren Welt, sei es des
Gottesreiches, sei es einer Weltvernunft, sieht und versteht, ist
neuerdings auch eine breite Bewegung dahin aufgekommen, ihn ganz und
gar auf das sichtbare Dasein zu stellen, hier alle Ziele zu suchen,
ihn mit seinesgleichen nicht durch irgendwelche Vermittlung eines
Gedankenreiches, sondern nur durch das tatsächliche Zusammentreffen
auf dem Boden des Daseins zu verbinden. Eine solche Wendung darf sich
auf tatsächliche Veränderungen des Lebens berufen. In der Neuzeit sind
auf Grund der modernen Technik und der Beschleunigung des Verkehrs die
Berührungen und Beziehungen von Mensch zu Mensch unermeßlich gewachsen,
die Kräfte haben sich mehr zu fruchtbarer Arbeit zusammengefunden und
dadurch ihr Vermögen gesteigert, auch die Individuen sind weit mehr
in Bewegung versetzt und zu mehr unmittelbarem Empfinden geweckt;
durch alles zusammen ist der Mensch sich selbst und dem Menschen
weit mehr geworden. Solche Erfahrungen lassen es nicht als überkühn
erscheinen, daß der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und
mit emsigem wie zielbewußtem Handeln einen zusagenden Stand des Lebens
herbeiführt, der alle berechtigten Wünsche zu erfüllen verspricht; ist
ein überschwängliches Glück unerreichbar, wie es die Religionen dem
Menschen versprachen, so kann doch recht viel zur Hebung des Daseins
geschehen, in tatkräftigem Wirken dafür kann der Mensch seinem Leben
ganz wohl einen Sinn und Wert verleihen. Ihm mag es bei solchem Zuge
ein nicht geringer Vorteil dünken, wenn die Bindungen und Hemmungen
entfallen, welche von den älteren Lebensordnungen her einen Druck
auf das Handeln üben, wenn der Mensch nunmehr allen Anregungen der
Erfahrungswelt mit voller Unbefangenheit nachgehen kann. Auch die
einzelnen Lebensgebiete müssen sich damit eigentümlich gestalten, sie
müssen an Schlichtheit, an seelischer Nähe und Wärme gewinnen, wenn
sie lediglich daraufhin angesehen und danach bemessen werden, was sie
dem Menschen als Menschen leisten. Aller Verwicklung der Weltprobleme
enthoben, sieht sich hier das Handeln vor erreichbare Ziele gestellt,
die doch keineswegs geringfügig sind und menschliche Kraft ganz
wohl in Bewegung zu setzen vermögen. So ist es sehr begreiflich, daß
ein derartiges Streben vielen Anklang fand und einen eigentümlichen
Lebensstrom erzeugte.
Solche Fassung des menschlichen Daseins muß auch den Gegensatz
eigentümlich gestalten, der von altersher durch die menschliche
Gemeinschaft geht, und dessen Zusammenstoß ein Hauptantrieb der
Bewegung auf diesem Gebiete ist, den Gegensatz des Gesamtstandes und
des Befindens der einzelnen Individuen, den Kampf darum, ob möglichste
Unterordnung unter das Ganze oder freie Bewegung der Einzelnen das
Hauptziel bilde, ob mehr das Gemeinsame oder das Eigentümliche den
Charakter des Lebens zu bestimmen habe, ob mehr eine Organisation oder
eine Emanzipation der Kräfte zu erstreben sei.
Dieser Gegensatz von Gesellschaft und Individuum, von Zusammenstreben
und Auseinandergehen, von Ordnung und Freiheit durchdringt in weitester
Fassung die ganze Weltgeschichte, er wirkt von ihr zur Gegenwart
sowohl aus der Arbeit der Jahrtausende als aus den Erfahrungen des
letzten Jahrhunderts. Nachdem der Verlauf des Altertums mehr und
mehr die überkommenen Ordnungen zersetzt und den Schwerpunkt des
Lebens den Individuen zugewiesen hatte, erfolgt gegen sein Ende ein
immer stärkerer Rückschlag zugunsten einer festeren Verbindung der
Kräfte, philosophische Schulen wie religiöse Kulte schließen die
Individuen enger zusammen und lassen sie einander helfen und stützen;
das Christentum nimmt die Bewegung auf und führt sie bei wachsendem
Verlangen nach einem sicheren Halt und nach Befreiung von eigener
Verantwortung schließlich dahin, daß die religiöse Gemeinschaft, die
Kirche, zur alleinigen Trägerin göttlicher Wahrheit und göttlichen
Lebens wird, der Einzelne einen Anteil daran nur durch ihre Vermittlung
erlangt. Wir wissen, wie das auch in die Gegenwart hinein eine große
Macht erstreckt.
Eine völlig entgegengesetzte Richtung verfolgt die Neuzeit durch alles
ihr eigentümliche Schaffen hindurch, sei es der Aufklärung, sei es des
Humanismus. Aus allen ihren Bildungen spricht der Glaube an den Wert
und das Vermögen der Individuen, so daß auf deren Wirken das Leben
zuversichtlich gestellt wird; nichts unterscheidet die Kulturarbeit der
modernen Völker mehr voneinander als das Gebiet und die Art, worin sie
den Freiheitsgedanken zur Herrschaft brachten; auch für das Leben der
Gegenwart hat jener seine Macht keineswegs eingebüßt, er erzeugt immer
neue Bewegung.
Sodann aber entsteht auf dem Boden des letzten Jahrhunderts von
verschiedenen Seiten her ein starkes Verlangen nach mehr Zusammenschluß
der Einzelnen zu einem Ganzen und nach ihrer Befestigung dadurch,
das aber sowohl aus der inneren Bewegung des geistigen Lebens als
durch neue Aufgaben und Verwicklungen auf dem Boden der Erfahrung.
Die spekulative Philosophie lief in eine Verkündigung eines alles
beherrschenden Gesamtgeistes aus, dem der Einzelne unbedingt dienen
müsse, stärker noch wirkte das Aufkommen einer historischen Denkart
mit ihrer Einfügung des Einzelnen in große Zusammenhänge, am stärksten
aber tat es das Aufkommen schroffer wirtschaftlicher Gegensätze, der
Konflikt von Arbeit und Kapital, der die Menschheit zu zerreiben
drohte und daher ein wachsendes Verlangen nach einer Ordnung ihrer
Verhältnisse durch die überlegene Macht des Staates hervorrief. Alles
miteinander hat manche auf die mittelalterliche Denkart zurückgreifen
lassen, vornehmlich aber hat es auf dem eigenen Boden der Zeit eine
neue Bewegung erzeugt, die Bewegung zu einer lediglich bei sich selbst
befindlichen und befriedigten Sozialkultur. Wieviel in der modernen
Gestaltung des Lebens ihr förderlich ist, daran wurde schon früher
erinnert; eben jene Gestaltung ließ den Menschen deutlich empfinden,
wie sehr er inmitten aller scheinbaren Freiheit am Ganzen hängt, ja
wie die freiere Bewegung selbst stark zur Einschränkung des Einzelnen
wirkt, indem sie ihn in mehr Berührung mit der Umgebung bringt und
deren Einfluß von allen Seiten auf ihn eindringen läßt. Alles derartige
zusammenfassend und die Kräfte zu gemeinsamer Arbeit verbindend,
erstrebt die moderne Sozialkultur eine Ordnung des menschlichen
Daseins, welche den Gesamtstand wesentlich hebt, im besonderen eine
Atmosphäre des Wohlwollens und des Wohlseins schafft, in der sich alle
Kräfte entfalten und alle Zustände bessern können. Es liegt in der
Natur der Sache, daß ein solches Wirken vornehmlich von außen nach
innen geht, daß es mit der Herstellung glücklicher Lebensbedingungen,
sowie zweckmäßiger Einrichtung des Zusammenlebens beginnt, in festem
Vertrauen darauf, daß dem ein Fortgang des Inneren entsprechen werde.
Denn was das Ganze gewinnt, das scheint sich notwendig auch in die
einzelnen Seelen zu senken. So wird hier das Handeln vornehmlich auf
die Umgebung gerichtet, es findet seine Höhe in eifrigem Wirken für
andere und das gesellschaftliche Ganze; damit wird alle Ethik zur
Sozialethik, und statt der Gottheit wird hier die Menschheit zum
Gegenstand der höchsten Verehrung. Demgemäß ist es auch die Leistung
für den gemeinsamen Lebensstand, die über die Bedeutung und die
Gestaltung der einzelnen Lebensgebiete, zum Beispiel der Kunst und der
Wissenschaft, entscheidet. Daß auch der Wahrheitsbegriff sich dieser
Denkweise anpassen kann, das zeigt der Pragmatismus, der, aus Amerika
stammend, auch in Europa zahlreiche Anhänger fand. Der Gefahr, die
von dieser Sozialkultur aus der Selbständigkeit der Individuen droht,
wird dadurch zu begegnen gesucht, daß sich mit jener Bewegung eine
demokratische Tendenz zu verbinden pflegt, das Streben, möglichst alle
zur unmittelbaren Teilnahme und Entscheidung aufzubieten und so einem
jeden die Ordnung des Ganzen auch zur eigenen Tat zu machen oder doch
als eine solche erscheinen zu lassen. Bemerkenswert ist auch, daß eben
auf modernem Boden das freie Zusammenleben und die eigene Bewegung der
Kräfte viel Organisation hervorgebracht hat, wie sie früher nur von
oben herab aus einer überlegenen Gedankenwelt möglich schien; denken
wir nur an die Gewerkschaften und ihr hervorragendes Wirken im Kriege!
Die Leistungen dieser Sozialkultur liegen deutlich zutage. Ihre
Richtung der Arbeit auf die Wohlfahrt aller hat viel Not und Härte
ausgetrieben, mehr Freude und Milde in das Leben gebracht, sie hat
hilfreiche Tätigkeit in alle Verzweigung des Daseins eingeführt,
jedem Menschenwesen ein Recht zuerkannt und es damit auch im eigenen
Bewußtsein gehoben, sie hat zugleich ein Gefühl der Verantwortlichkeit
jedes Einzelnen für den Stand des Ganzen geweckt, sie hat mit dem allen
eine höchst wertvolle Weiterbildung des menschlichen Daseins vollzogen.
Aber das alles berechtigt sie noch keineswegs zur ausschließlichen
Führung des Lebens; sie kann eine solche nicht unternehmen, ohne auch
ihre Schranken erkennen zu lassen. Diese Schranken betreffen aber
sowohl das hier gesteckte Ziel als die Mittel zu seiner Erreichung. Der
Mensch geht in Wahrheit nicht auf in das Verhältnis zum Nebenmenschen,
er hat auch ein Verhältnis zu sich selbst und in engem Zusammenhang
damit eins zum All und muß von daher Maße des Lebens entlehnen; auch
kann er sich unmöglich so in seinen Zustand verschließen und alles nach
der Wirkung dafür bemessen, daß ihm alles Gegenständliche gleichgültig
wird, da erst dessen Aneignung dem Leben eine innere Weite und zugleich
eine reine Freude zu geben vermag. Einem Wesen, das mit seinem Denken
sich zur Unendlichkeit und Ewigkeit zu erheben und von da den eigenen
Stand zu betrachten vermag, wird die bloße Wohlfahrt, ein möglichst
schmerzfreies und genußreiches Leben, und sei es auch das Leben
aller, ein viel zu geringes Ziel; auch dessen Erreichung beließe ihn
in einer völligen inneren Leere, die als endgültiger Stand gedacht
peinvoller ist als aller Schmerz. Wer direkt auf Glück im Sinne der
Wohlfahrt ausgeht, der muß alles Wagnis und Opfer möglichst fern von
sich halten und fein säuberlich gebahnte Heeresstraßen wandern, wo
doch die Erfahrung lehrt, daß der Weg zu hohen Zielen nur durch den
Schmerz von Zweifel und Verneinung geht, und daß bedeutende Kraft nur
das zu wecken vermochte, was nicht wegen des bloßen Glückes, sondern
aus dem Zwange geistiger Selbsterhaltung angestrebt wurde, wie immer
dabei das subjektive Befinden ausfallen mochte. Jenes allein vermag
dem Handeln einen heroischen Charakter zu geben, während das bloße
Glückverlangen es unvermeidlich einem Philistertum gröberer oder
feinerer Art überliefert. So droht das Voranstellen der Sorge um die
Bedingungen und Mittel des Lebens das Leben selbst schwer zu schädigen,
ja tief herabzusetzen. -- Auch die Menschheit böte insofern kein hohes
Ziel, als die Zusammenhänge der Sozialkultur ihr keine innere Einheit
zu geben vermögen und sie statt eines zusammengehörigen Ganzen in ein
bloßes Nebeneinander einzelner Elemente verwandeln; fast unvermeidlich
wird damit der Durchschnitt zur Norm, und die Masse muß die Menschheit
vertreten; so verstanden wird der Menschheitsgedanke auf den Einzelnen
eher niederdrückend als erhöhend wirken, er bedroht ihn mit der
Gefahr einer Verwischung der Unterschiede und einer abschleifenden
Gleichmacherei.
Aber angenommen, das Ziel der Sozialkultur bliebe unangefochten, wie
will sie die Kräfte und die Gesinnungen zu seiner Erreichung finden?
Sie hofft alles von einem Handeln für andere, einem »altruistischen«
Handeln, und sieht nicht, daß ein solches Handeln eine bewegende
Kraft nur erlangen kann, wenn der andere nicht bloß neben mir steht,
sondern mit mir durch eine innere Einheit des Lebens verbunden, in
mein geistiges Selbst aufgenommen wird. Aber ein derartiger Begriff
muß der Sozialkultur als schlechthin unverständlich erscheinen und
die Sache als unerreichbar; jene läßt den anderen neben mir stehen
und verlangt doch, daß ich meine Kraft für ihn einsetzen soll. Nie
aber kann ein Mensch oder ein Ding eine starke Bewegung erzeugen,
solange es nicht ein Bestandteil meines eigenen Lebens wird. Eine
solche Bewegung geht nur aus innerer Notwendigkeit, namentlich aus
unerträglichen Widersprüchen des eigenen Lebens hervor; nur sofern der
Mensch auf sich selber steht und für sich selber schafft, kann er etwas
erreichen, das auch den anderen wertvoll ist; wer vornehmlich an die
Wirkung bei anderen denkt, der hat damit auf das Erstgeburtsrecht des
Schaffens verzichtet. -- In der Gesinnung aber setzt die Sozialkultur
freundliche, wohlwollende, zahme Menschen voraus, Menschen, die
kein radikales Böses kennen, nichts von wilden Leidenschaften und
dunklen Abgründen der Seele wissen, denen alles Dämonische oder
gar Diabolische, zugleich freilich auch alles Heroische, eine
unverständliche Größe ist. Mußten wir schon früher bezweifeln, ob
die Menschen so zahm, so gutartig sind, so hat der gegenwärtige
Krieg solchen Zweifel wohl zu vollem Siege gebracht. Damit aber wird
der Sozialkultur eine Hauptstütze entzogen, dem Bösen gegenüber hat
sie keine Wehr. Bei solchen Bedenken verkennen wir keineswegs die
Bedeutung edler Humanität und rastloser Hilfstätigkeit, die nach jener
Richtung hin entfaltet wird, auch nicht den Wert des Strebens, alles
Menschenbild zu heben und zur Selbsttätigkeit zu berufen; aber das
geschieht nur unter Überschreitung der begrifflichen Schranken jener
Lebensordnung, die Leistung geht hier, wie so oft, weit über die Lehre
hinaus. Im besonderen erhält die Menschheit oft einen tieferen Sinn,
als der eigene Boden der Sozialkultur begründet, sie wird, oft in
Nachwirkung der älteren Lebensordnungen, ein hoher Idealbegriff, der
echte Begeisterung erweckt. Solche Verschiebung der Begriffe macht dem
Herzen der Bekenner alle Ehre, das Problem aber löst sie nicht.
Diese Gefahren und Schranken mußten auch innerhalb der Menschenkultur
zur Empfindung kommen und eine Gegenbewegung erzeugen. Das ergab
die Bildung einer Individualkultur, welche sich ebenfalls ganz und
gar auf den Boden der Erfahrung stellt und jede Abhängigkeit des
menschlichen Daseins von weiteren Zusammenhängen ablehnt, welche aber
innerhalb der Erfahrung einen völlig anderen Ausgangspunkt nimmt,
nämlich das Fürsichsein, den seelischen Zustand des Individuums. Indem
sie die Sozialkultur als eine Mechanisierung und Schablonisierung
des Lebens bekämpft, stellt sie ihr ein Leben entgegen, welches
vornehmlich das Individuum zu stärken, es unter Befreiung von
aller Bindung ganz auf sich selbst zu stellen und zur vollen
Ausprägung seiner Eigentümlichkeit zu bringen verspricht. Indem sie
alle Lebensverhältnisse und alle Lebensgebiete zu Mitteln für die
Entfaltung und den Selbstgenuß des Individuums macht und zugleich
alles, was von der Vergangenheit zu uns wirkt, in lebendige Gegenwart
verwandelt, ergibt sich viel Freiheit und Frische, ein überströmender
Reichtum verschiedener Bildungen, entsteht ein leichtbeschwingtes,
freischwebendes, frohgestimmtes Leben; es wird sich selbst um so
mehr zu verstärken glauben, je mehr es das Unterscheidende pflegt
und den Abstand von anderen hervorkehrt; die Freude, etwas Eigenes,
Unabhängiges, Unvergleichliches zu sein, wird alles Tun durchdringen
und heben; Hauptgehilfen dieses Lebens werden Kunst und Literatur,
natürlich in einem besonderen Sinne verstanden.
Zustimmung hat diesem Leben namentlich sein Widerspruch gegen den
Massencharakter und die Gleichförmigkeit der Sozialkultur gebracht;
daß es mit seiner Auflösung des Daseins in lauter Einzelpunkte und
seinem Mangel alles Kernes unmöglich das Menschenleben ausfüllen und
führen kann, das bedarf keiner näheren Darlegung. Nur das sei bemerkt,
daß die Individualkultur im Kern ihrer Behauptung denselben Fehler
begeht wie die Sozialkultur: wie diese aus der Menschheit unversehens
etwas weit besseres macht als ihre Begriffe gestatten, so muß die
Individualkultur das Individuum idealisieren, um es zum Hauptträger
des Lebens machen und in ihm dessen Hauptzweck finden zu können. Sie
denkt dies Individuum als groß und als Quell einer starken Bewegung,
mit höchsten Problemen befaßt und eine Welt der Wahrheit und Schönheit
in der eigenen Seele erbauend. Aber woher soll das alles innerhalb
des gegebenen Daseins kommen, dem doch einmal das Individuum nur ein
Glied einer weitschichtigen Verkettung bedeutet, nicht eine Stätte
ursprünglichen Lebens, nicht den Durchbruchspunkt einer neuen Welt. Wie
die Individualkultur das Individuum versteht, kann die ihm beigelegte
Selbständigkeit nur eine erträumte und das daraus entstehende Leben nur
ein eingebildetes sein. Schätzbare Anregungen im einzelnen und manche
vollberechtigte Kritik seien dabei dieser Individualkultur bereitwillig
zugestanden.
So scheitert die bloße Menschenkultur in jeder der Richtungen, die
sie einschlagen kann, und zwischen denen sie wählen muß; weder das
Zusammenstreben noch das Auseinandergehen der Menschen gibt dem Leben
einen Sinn und Wert und läßt die Seele ein Beisichselbstsein erreichen.
Denn auch die Individualkultur gelangt nicht zu einem solchen, da sie
die Seele in lauter einzelne Lagen und Stimmungen zersplittert, ohne
ihnen eine Einheit des Wesens und eine Innenwelt entgegenzusetzen.
Wenn die Ausführung beider Arten der Menschenkultur die Oberfläche
überschreitet, so tut sie das in schroffem Widerspruch mit der
Grundbehauptung des Ganzen.
Das empfindet auch die Gegenwart immer stärker, schon vor dem
Kriege war vielfach das Bloßmenschliche als viel zu klein erkannt
und mit dem Überdruß an seinem selbstgefälligen Gebaren eine tiefe
Sehnsucht nach Durchbrechung seiner Schranken und nach Erringung
eines weiteren, reineren, wahreren Leben erwacht. Augenscheinlich
wurde, daß die Ablösung des Menschen von der großen Welt und die
Bildung eines Sonderkreises ihn einer Enge und Kleinheit überliefert,
die er selbst auf die Dauer nicht aushält, die ihm die Tiefe seines
eigenen Wesens verschließt. So hörten wir viel von Übermenschlichem
und von Übermenschen reden. Aber alle echte und innige Sehnsucht,
die aus solchem Streben spricht, führt über ein ungestümes Wogen und
Wallen der Seele nicht hinaus, wenn dieses Übermenschliche innerhalb
der Welt der Erfahrung gesucht wird. Denn viel zu streng binden
hier den Menschen Natur und Schicksal, und zwar mehr noch von innen
als von außen, als daß ein kühner Aufschwung ihn davon befreien und
ein neues Leben schaffen könnte. Es muß das Menschenwesen überhaupt
einer inneren Umwandlung und Erhöhung fähig sein, wenn der Einzelne
wesentlich mehr aus sich machen soll; sonst ist alles Mühen verloren.
Der Krieg hat uns diese Wahrheit noch stärker eingeprägt, er stellt
uns die Unzulänglichkeit des bloßen Menschen und damit aller bloßen
Menschenkultur so deutlich vor Augen, daß nur eine flache Denkweise
sich folgendem Dilemma entziehen kann: entweder steht das Menschenleben
in tieferen Zusammenhängen und schöpft aus ihnen neue Ziele und Kräfte,
welche die bloße Wohlfahrt des Menschen überschreiten, oder das ganze
menschliche Sein ist eine, freilich unbegreifliche, Verirrung des
Weltlaufs, und alles Streben nach einem Sinn und Wert unseres Lebens
ist zu sicherem Scheitern verdammt. Es wäre ein großer Gewinn unserer
harten Zeit, wenn sie uns dieses Entweder -- Oder klar durchschauen
ließe und damit allen verwirrenden und verflachenden Mittelgebilden ein
dauerndes Ende bereitete.
Erwägungen und Vorbereitungen.
Wir sahen, daß es der Gegenwart an Bestrebungen nach kräftiger
Zusammenfassung des Lebens keineswegs fehlt, auch daß diese
Bestrebungen in Vorhaltung beherrschender Ziele den Lebensstand
schärfer beleuchtet und das Handeln vielfach aufgerüttelt haben.
Aber wir sahen auch, daß keine dieser Bestrebungen sich zu sicherer
Herrschaft über die anderen hinaushebt, daß sie nicht nur weit
auseinandergehen, sondern einander schroff widersprechen und das
Leben unter widerstreitende Antriebe stellen. Besonders gilt das von
dem Gegensatz der älteren und der neueren Denkart, der Versuch einer
Ausgleichung verbietet sich bei ihm ganz und gar. Hatte die ältere
Denkart, namentlich die religiöse, alle Hingebung an die sichtbare
Welt als einen Raub an einer höheren Ordnung und als ein Sinken des
Lebens von unerläßlicher Höhe behandelt, so besteht die neuere um so
mehr auf einer vollen Selbständigkeit, ja Ausschließlichkeit dieser
Welt, so gilt ihr alle Befassung mit übersinnlichen Dingen als eine
Verirrung des Strebens und eine Vergeudung der Kraft; des einen Gott
ist dem anderen zum Abgott geworden. Da ein so harter Widerspruch
ein freundliches Sichvertragen unbedingt ausschließt, so müßte eine
der Antworten die Oberhand gewinnen; auch das aber zeigte sich als
unmöglich. Die Lebensordnungen, die auf dem Boden der älteren Denkart
stehen, wie Religion und weltlicher Idealismus, entbehren in der
Kulturarbeit der Gegenwart einer sicheren Begründung und festen
Stellung, die modernen Denkweisen aber entsprechen viel zu wenig
den durch die Gesamtgeschichte der Menschheit eröffneten Tiefen des
Lebens, um einen Abschluß bieten zu können; so finden wir das Alte
erschüttert, auch vielfach in einer für uns zu engen Gestalt, das Neue
aber verbleibt in einer Fläche, über die wir notwendig hinausgehen
müssen. Dazu spalten sich die Hauptströme wieder in verschiedene Äste
mit weit auseinandergehender Richtung. Auf dem Boden der unsichtbaren
Welt sieht die Religion am Menschen die Schwäche, der weltliche
Idealismus die Stärke; jene spaltet die Wirklichkeit, diese verlangt
ihre Einheit. Innerhalb der modernen Daseinskultur aber ziehen die
Versuche einer Einfügung des Menschen in die Natur und einer Ausbildung
seines besonderen Kreises nach verschiedener Richtung, jene wird dieser
leicht zu kalt und seelenlos, diese jener zu eng und dumpf. Und die
Unversöhnlichkeit von Sozial- und Individualkultur trat mit voller
Klarheit vor Augen.
Indem alles dies nicht nur Verschiedenartige, sondern Entgegengesetzte
auf uns eindringt, und dabei gerade das Streben nach Einheit die
Geister auseinanderführt und ihre Zerwerfung steigert, entsteht eine
geistige Anarchie, deren buntes Durcheinander den Augenblick ergötzen
mag, die aber für die Dauer zur Zerstörung wirken muß. Denn sie macht
alles ungewiß, was bisher als sicherer Besitz galt, und läßt Zweifel
und Streit an den tiefsten Wurzeln des Lebens nagen. Die Neuzeit
stritt zuerst über die nähere Fassung und Begründung der Religion,
schließlich wird ihr das Ganze der Religion zur Frage; vor den
Verwicklungen der Metaphysik fliehen wir in das Gebiet der praktischen
Vernunft und suchen in der Moral eine unangreifbare Wahrheit, bald
aber wird auch diese zunächst in ihrer überkommenen Fassung, dann
aber auch im Grundgedanken angegriffen und erschüttert. Gegenüber
solchem Unsicherwerden ganzer Lebensgebiete schien wenigstens der
Mensch als Ganzes, als lebendige Persönlichkeit, zu bleiben und einen
gewissen Halt zu gewähren, aber auch hier zeigt ein genaueres Zusehen
bald, daß der Streit sich auch auf jenen vermeintlich sicheren Träger
erstreckt, und daß im Begriff der Persönlichkeit ganz verschiedene,
ja entgegengesetzte Fassungen durcheinanderlaufen; eben das, was dem
einen an ihr groß erscheint, das erklärt der andere für verwerflich.
Die Ausdehnung und die Tiefe der Erschütterung entgeht uns leicht,
weil der Einzelne sie zunächst nur im Gebiet seiner eigenen Arbeit
empfindet und annimmt, daß es draußen besser steht. Ein Überblick des
Ganzen zeigt aber bald, daß die Unsicherheit eine durchgängige ist, und
daß keinerlei gemeinsames Lebensideal die heutige Menschheit verbindet.
Alles miteinander ergibt eine geistige Krise, wie sie so gewaltig in
der ganzen Vergangenheit nicht war, denn auch die größten Umwälzungen
früherer Zeiten beließen eine gewisse Gemeinsamkeit des geistigen
Lebensraumes, sie veränderten mehr die Wege als die letzten Ziele
selber. Heute gibt es in prinzipiellen Fragen keinen einzigen Punkt,
auf den wir uns aus der Verwirrung als auf ein gemeinsames Bekenntnis
zurückziehen könnten.
Eine derartige Auflösung versetzt eine hochentwickelte Kultur in
eine höchst peinliche Lage. Zahlreiche Kräfte sind da und fordern
Beschäftigung, eine genügende Bindung aber und eine sichere
Zielrichtung fehlt; so suchen sie tastend umher und erzeugen statt
echten Lebens mehr ein bloßes Lebenwollen, ein Sehnen und Haschen
nach Leben. Das ist ein Stand, wo eine freischwebende Reflexion die
Stelle geistigen Schaffens erschleicht, wo eine flache Klugheit eine
ungebührliche Macht erlangt, eine große Gewandtheit oft mit innerer
Leere zusammengeht, wo wir alles sagen können, was wir sagen wollen,
wo wir nur nichts Rechtes zu sagen haben. Ein solches Leben entbehrt
wie eines gehaltvollen Kernes, so auch eines festen Haltes und eines
sicheren Maßes, es läßt den Menschen wehrlos gegen all den Wirbel
von Eindrücken und Anregungen, der unaufhörlich auf ihn eindringt,
zugleich macht es ihn unfähig, Wesenhaftes und Wesenloses, Wahres
und Scheinbares, Bedeutendes und Unbedeutendes im Bestande der Zeit
auseinanderzuhalten, alles fließt ihm durcheinander, und der Wechsel
der Strömungen der Zeitoberfläche wirft ihn bald hierher, bald dahin,
läßt ihm aber dabei den Schein, als ob er selber denke.
Dazu die Zersplitterung der Menschheit, die ein solches
Auseinandergehen des Lebens erzeugt. Indem die Individuen nach der
Besonderheit ihrer Art, ihrer Lage, ihrem Beruf an verschiedenen
Punkten Stellung nehmen und verschiedene Richtungen wählen, entsteht
eine Sonderung in Sekten und Parteien, es droht ein Behandeln
aller Probleme vom Standpunkt der Partei, ein Verschwinden innerer
Gemeinschaft, die Gefahr einer seelischen Vereinsamung inmitten aller
Fülle äußerer Berührung. Unsere Welten spalten sich immer mehr, bis
schließlich jeder nur in seiner Privatwelt lebt. Eine solche innere
Vereinsamung erträgt die Menschheit nicht auf die Dauer. Zugleich muß
auch der Stand des geistigen Schaffens sinken. Und mit dem Schaffen
sinkt auch der Glaube, sein Zwillingsbruder. Vollauf verständlich wird
von hier aus, wie unsere Zeit, im Durchschnitt des Kulturbürgertums
betrachtet, sich als eine Zeit des Unglaubens, des Mäkelns und
Verkleinerns darstellt, des Unglaubens nicht an bloße Dogmen, sondern
an das Leben selbst und an sein Vermögen zur inneren Erhöhung und
Erneuerung. Was daraus an Stockung und Hemmung hervorgeht, das wiegen
alle äußeren Erfolge nicht auf.
Eine derartige Lage mag so lange keinen tiefen Schmerz bereiten und
keine Gegenbewegung erzeugen, solange der Einzelne sie nur wie ein
draußen vorgehendes Schauspiel betrachtet; sie muß unerträglich werden,
sobald sie zur eigenen Erfahrung, zum eigenen Erlebnis wird. Daß sie
das aber wird, dahin wirkt der gegenwärtige Weltkrieg mit elementarer
Gewalt; um den ungeheuren Aufgaben und Schicksalen nicht zu erliegen,
die er uns bringt, bedarf der Mensch eines festen Haltes und eines
sicheren Zieles; eine Kultur, die ihm das nicht bietet, droht zum
bloßen Schein zu werden, zu einem Kulturersatz, wie man das mit einer
heutigen Wendung sagen könnte.
* * * * *
Aber so schwer wir das alles nehmen, vergessen sei nicht, daß
keineswegs unser ganzes Leben in die geschilderten Gegensätze aufgeht,
daß vielmehr manches in ihm von der Verwicklung unberührt bleibt.
Denken wir nur an das kräftige nationale Leben der Gegenwart, an
die moderne Wissenschaft, an die moderne Technik! Unsere Zeit ist
grundverschieden vom ausgehenden Altertum, dem es zu Unrecht oft
gleichgestellt wird; denn während damals eine greisenhafte Ermattung
durch die Gemüter ging und außer der Religion sich alle Lebensgebiete
in trauriger Stockung befanden, sehen wir heute die regste Tätigkeit,
ein gewaltiges Vordringen an manchen Stellen, ein Erwachen immer neuer
Probleme. Darin freilich liegt die Schranke, daß die Bewegung mehr
auf die einzelnen Gebiete als auf das Ganze des Menschen geht, daß
die Expansion die Konzentration weit überwiegt, daß die verschiedenen
Antriebe und Ansätze sich nicht zueinander finden. Hier ist ein
schweres Problem, ja ein gefährlicher Notstand unverkennbar; aber
diese Begrenzung der Frage ist doch eine entschiedene Abweisung eines
völligen Pessimismus.
Auch das wollen wir ja nicht übersehen, daß die Bildung so
verschiedener Lebensströme nicht nur eine Schwäche, sondern auch
eine Stärke der Gegenwart bedeutet. Zeigt dieser Reichtum von
Bildungen doch, daß wir den verschiedenen Anregungen eine große
Offenheit entgegenbringen und die Lebensfragen mit besonderer
Energie ergreifen; so kommt vieles erst jetzt zur deutlichen
Aussprache, was früher verborgen blieb oder doch abgeschwächt wurde.
Die Gegensätze, unter denen wir jetzt leiden, sind wahrlich nicht
von gestern und heute, jede genauere Betrachtung entdeckt sie auch
in früheren Zeiten. Aber zu unversöhnlichen Widersprüchen sind sie
erst uns gewachsen, die wir, schon weil wir geschichtlich denken
und die Zeiten miteinander vergleichen, das Eigentümliche und
Unterschiedliche der Lebensgestaltungen schärfer sehen, zugleich aber
aus einem stärkeren Einheitsverlangen uns nicht wie das Mittelalter
mit einem bloßen Nebeneinander und einer geschickten Abstufung der
verschiedenen Gestalten begnügen können. So ist nicht sowohl unser
Vermögen kleiner als die Aufgabe größer geworden; die Aufgabe aber
hat nicht menschlicher Eigensinn ersonnen, es legt sie uns eine
weltgeschichtliche Notwendigkeit auf. Sie ist uns zunächst ein
Geschick, aber ein Geschick, das wir in Freiheit verwandeln und
zugleich zu einer inneren Erhöhung unseres Lebens wenden können.
Endlich sei auch das erwogen, daß, wenn ein letzter, allumfassender
Abschluß überall auf unüberwindlichen Widerspruch stieß, dieser
Widerspruch selbst auch ein positives Verlangen zu erkennen gab und
dem Streben damit eine gewisse Richtung wies. Die Religion scheint uns
nicht fest genug begründet, nicht weil die ganze Zeit von Zweifelsucht
befallen ist, sondern weil wir höhere Ansprüche an den Erweis ihrer
Wahrheit stellen, sie nach dem Stande des Geisteslebens notwendig
stellen müssen. Ihre Gestaltung erscheint uns als zu eng, nicht weil
uns der Sinn für charaktervolle Geschlossenheit verloren ging, sondern
weil unser Leben durch Erfahrung und Wandlung hindurch eine größere
Weite gewonnen hat, und die Religion ohne schwere eigene Schädigung
sich dieser Erweiterung nicht entziehen darf. Auch der weltliche
Idealismus scheint uns nur deshalb nicht sicher genug begründet und
nicht voll unser Wesen durchdringend, weil neue Erfahrungen neue
Forderungen in dieser Richtung zu stellen zwangen. Daß der Naturalismus
unsere Seele nicht befriedigt, und daß uns die Ziele der Menschenkultur
in ihren beiden Hauptformen als unzulänglich gelten, das bekundet ein
Verlangen nach einem Beisichselbstsein des Lebens und ein Hinausstreben
über alles selbstsatte Menschentum. So steht durchgängig hinter der
Verneinung eine Bejahung, es gilt nur die verschiedenen Bejahungen aus
der Unbestimmtheit und Verworrenheit herauszuarbeiten und zueinander
in Beziehung zu setzen. Gewisse Punkte sind damit festgelegt, gewisse
Aufgaben uns gewiesen. So zweifellos sich daher die Gegenwart als
höchst unfertig und voller Verwicklung darstellt, sie bringt an uns
große Ziele und ruft unsere Kraft zu höchster Anspannung auf.
Hüten wir uns also, von dieser Zeit wegen jener offenen Fragen gering
zu denken! Keine Zeit hat die Möglichkeiten des Lebens in solcher
Fülle ergriffen und mit solchem Eifer behandelt, keine die Probleme
in solchem Umfang aufgenommen und so sehr aus Selbsttätigkeit wie
aus eigener Erfahrung zu lösen versucht. Freilich sind die Probleme
einstweilen größer als unser Vermögen zur Lösung, aber dies Vermögen
ist nicht an eine starre Grenze gebunden; warum sollte es nicht so
gut wie auf den besonderen Gebieten auch bei diesen zentralen Fragen
einer Steigerung fähig sein und uns der Aufgabe mehr und mehr gewachsen
machen? Stellen wir uns also zur gegenwärtigen Lage aktiv, verlieren
wir nicht den Mut, und vertrauen wir darauf, daß in dem Streben über
sie hinaus nicht der Mensch zum gegebenen Lebensstande aus eigener
Klugheit etwas hinzuersinnt, sondern daß das Ganze des Lebens selbst
in einem Streben zu neuem Aufstieg begriffen ist, wir aber im Dienste
dieses Aufstiegs unserem eigenen Streben einen Gehalt, ja eine Größe zu
geben vermögen.
* * * * *
Für die Denkarbeit gilt es vor allem die Richtung des Weges zu
finden, der uns über die gegenwärtige Verwicklung hinausführen
kann; es handelt sich für sie zunächst darum, welches Ziel dem
Streben vorschweben muß, sodann darum, welche Wege zu diesem Ziele
offenstehen. Was das erste betrifft, so bedürfen wir zweifellos einer
Tatsächlichkeit allumfassender Art, näher einer Gesamttat, welche über
die geschilderten Gegensätze hinauszuheben und ein Auseinanderfallen
des Lebens zu verhüten vermag. Ohne das gibt es keine Einheit und auch
keine Festigkeit. Aber zugleich gilt es klarzumachen, wie mit der
überlegenen Einheit einer solchen Gesamttat die Verschiedenheit der
Lebensbahnen vereinbar ist, die wir vorhanden sahen. Es muß in der
Art, wie wir Menschen zu jener Gesamttat stehen, angelegt sein, daß
wir sie nur von verschiedenen Seiten her erfassen können, daß daher,
was als Einheit zugrunde liegen muß, zugleich ein hohes Ziel und
eine schwere Aufgabe bildet. Der Boden aber, von dem aus nach jener
Gesamttat zu streben ist, kann kein anderer sein als das Leben selbst,
nicht irgendwelches draußen befindliche Datum, das Leben im Ganzen
betrachtet, nicht in einzelnen Betätigungen, auch nicht als bloßes
Denken. Wenn irgendwie, so muß sich von jenem aus ein Weg zum Ziel
finden lassen. Denn das Leben ist das Erste und Ursprünglichste, das,
worauf alles zurückkommt, und innerhalb dessen alles vorgeht; das, was
niemand leugnen kann, da das Leugnen selbst einen Erweis des Lebens
bilden würde. Wenn also jene Gesamttat, von der wir einen Zusammenhang
des Lebens hoffen, überhaupt erreichbar ist, so muß sie nicht nur
vom Leben aus, sondern innerhalb des Lebens erreichbar sein. Sehen
wir also, ob eine Durchmusterung seiner in Wahrheit etwas derartiges
aufdeckt. Finden können wir jenes aber nur, wenn wir das Leben nicht
wie etwas Fremdes betrachten, das wie ein Naturprozeß nur an uns
vorgeht, sondern wenn wir uns in seine eigene Bewegung versetzen,
es als eigenes ergreifen, es selbst zu erleben suchen. Es gilt, den
Tatbestand, der hier in Frage steht, das Zusammengehen des Lebens in
eine umfassende und überlegene Gesamttat, in uns selbst zu erwecken und
bei uns zu entwickeln, nur eine Kräftigung und Vertiefung des eigenen
Lebens kann uns das Ganze naherücken. So muß das Streben selbst eine
Lebensbewegung in sich tragen; ohne den Mut und die Kraft zu geistiger
Selbsterhöhung und zur Bezwingung der Widerstände kommen wir hier nicht
weiter. Einem solchen Emporklimmen aber wird alles eine Bereitschaft
entgegenbringen, was in der Menschheit nicht greisenhaft, sondern
jugendlich fühlt; Jugend aber mißt sich bei diesen Dingen nicht nach
der Zahl der Jahre.
Versuch eines Aufbaus.
Die Eröffnung eines neuen Lebens.
Der Aufstieg zur Hauptthese.
Um eine neue Höhe zu erklimmen, gilt es zunächst den Ausgangspunkt
richtig zu wählen; es kann dieser aber für unser Werk kein anderer sein
als das Leben selbst, das Leben zunächst dem bloßen Umrisse nach mit
Vorbehalt aller näheren Bestimmung. Denn was immer uns an Tatsachen
oder an Tätigkeiten begegnet, das setzt das Leben voraus und liegt
innerhalb seines Bereiches; auch seine Beschaffenheit hängt wesentlich
an dem, was sich beim Ganzen des Lebens herausstellt. Wenn demnach von
diesem Ganzen zu beginnen ist, so wird die erste Frage dahin gehen,
ob es einfacher Art ist, oder ob es verschiedene Arten und Stufen
in sich trägt. Nun bildet den ersten Angriffspunkt zur Beantwortung
dieser Frage die Tatsache, daß das Gefüge der uns umgebenden Natur
sich mit seinen Kräften und Gesetzen weit auch in das seelische Gebiet
erstreckt; unverkennbar bilden wir auch innerlich weithin ein Stück
der Natur. Denn wie in der Natur so treffen auch in einer gewissen
Fläche des Seelenlebens lauter einzelne Elemente zusammen, bilden
kleinere oder größere Verkettungen und Zusammenhänge, die sich aller
bewußten Einwirkung entziehen; der gesamte Komplex aber ist in einer
Selbstbehauptung gegenüber der Umgebung begriffen, die unablässig auf
ihn eindringt, aller Antrieb kommt hier von draußen, und nach draußen
hin geht alles Streben; so wird das Leben ein Austausch von Wirkung und
Gegenwirkung, es ist, was es ist, nicht für sich, sondern nur zusammen
mit anderem und in der Beziehung auf anderes. Ein derartiges Geschehen
bildet ein großes Stück unseres menschlichen Lebens, ein weit größeres,
als unser Bewußtsein ihm zuzuerkennen pflegt. Aber zugleich ist
darauf zu bestehen, daß unser Leben sich nicht in diese Art erschöpft,
daß es mit kräftigen Bewegungen ihren Rahmen durchbricht, und daß
diese Bewegungen sich zum Ganzen einer neuen Art verbinden, die eine
Selbständigkeit gegenüber der bloßen Natur erweist. Sehen wir, wie sich
das näher ausnimmt.
Wie auf der Naturstufe alles Leben aus den gegenseitigen Berührungen
einzelner Punkte hervorgeht und zwischen diesen verläuft, so ist
es gebundener und damit sinnlicher Art, es trägt durch und durch
ein sinnliches Gepräge; diese sinnliche Art kann verblassen und
übersehen werden, nie aber kann sie völlig verschwinden; soweit das
Naturgeschehen reicht, kann sich nichts von ihr befreien und ihr
selbständig entgegentreten. Nun aber erscheint beim Menschen eine
derartige Befreiung, und zwar nicht nur in vereinzelten Zügen, sondern
in einer Gesamtentfaltung des Lebens, in der Entfaltung nämlich, die
vom Denken getragen wird. Denn in diesem erscheint eine Kraft der
Selbsttätigkeit und der Selbständigkeit, mit ihrer Hilfe vermag der
Mensch die Bindung an die Umgebung zu zerreißen, dieser gebieterisch
entgegenzutreten und seine Macht an ihr zu erweisen; ein auf Denken
gestelltes Leben bringt eigene Forderungen an die Dinge und zwingt sie,
sich ihnen zu fügen. Solche Selbständigkeit kann aber das Denken nicht
erweisen, ohne mit einer überlegenen Einheit die einzelnen Vorgänge zu
umspannen und sie miteinander zu verbinden, das aber nicht nach ihrer
sinnlichen Nähe, sondern nach einer sachlichen Zusammengehörigkeit,
die vom bloßsinnlichen Dasein aus völlig rätselhaft scheinen muß. Ein
Gesamtentwurf geht hier voran und wirkt im Fortschreiten vom Ganzen
zum Einzelnen zur Gliederung und Abstufung des gesamten Bereiches;
gegenüber der bloßen Anhäufung der sinnlichen Elemente erscheint ein
von Gedanken beherrschtes Ganzes, ein System, das jenes Ganze den
einzelnen Stellen gegenwärtig hält und sie dadurch erhöht. Hand in
Hand damit vollzieht das Denken eine Ablösung des Gegenstandes vom
menschlichen Befinden und die Zuerkennung einer eigenen Art und eines
eigenen Rechtes an ihn; das besagt eine durchgreifende Scheidung,
die Nebel des ersten Anblicks weichen, klar erhebt sich vor uns die
Welt. Aber die Scheidung bildet nicht den letzten Abschluß, der
Mensch hört nicht auf, kraft seines Denkens sich mit dem zeitweilig
ferngerückten Gegenstand zu befassen und ihn möglichst zu sich
zurückzuziehen; indem das gelingt, erfolgt eine innere Erweiterung des
Lebens, und es entsteht ein selbständiger Lebenskreis; diese Bewegung
treibt schließlich zum Gedanken eines bei sich selbst befindlichen
Zusammenhanges, einer allumfassenden Wirklichkeit. Eine solche wird
nicht von draußen dargeboten, sie kann nur von innen her entspringen.
Im Zusammenwirken alles dessen erwächst mehr und mehr gegenüber dem
sinnlichen Dasein eine vom Gedanken getragene, eine unsinnliche
Welt; die Menschengeschichte erweist durch ihren Gesamtverlauf
ein unablässiges Vordringen dieser gegen jenes, eine fortgehende
Verschiebung vom Sinnlichen ins Unsinnliche, damit aber eine Erhebung
des Menschen über die Stufe der bloßen Natur. Mehr und mehr verlegt
sich nämlich das Leben in Gedankengrößen und wird seine Bewegung
ein Kampf dieser Größen. Wie ein vordringendes Leben das Sinnliche
zu bloßen Mitteln und Werkzeugen seines Strebens macht, das zeigt
besonders greifbar die Sprache, nicht minder aber das Recht und die
Religion, auch das Weltbild der Wissenschaft hebt sich immer deutlicher
von dem des naiven Menschen ab und läßt uns damit in zwei Welten
leben. In allen diesen Stücken hat die Neuzeit einen tüchtigen Ruck
vorwärts gemacht, denn wo hat je das Leben so sehr wie hier seinen
Hauptantrieb und seine Hauptkraft aus der Bewegung von Ideen und
Prinzipien gezogen? So dürfen wir wohl von einer Umkehrung des Lebens
reden, die sich in der Gesamtgeschichte bei uns vollzieht; was ein
bloßer Anhang war, das macht sich als die Hauptsache geltend, und was
zunächst die ganze Welt bedeutete, das wird mehr und mehr zu einer
bloßen Umgebung.
Die Folgen solcher Wandlung erstrecken sich aber in alle Verzweigung
des seelischen Lebens hinein und ergeben durchgängig mehr
Selbständigkeit, mehr Wirken aus dem Ganzen, mehr Erhebung über die
bloße Zuständlichkeit durch Ausbildung eines Reiches der Gegenstände.
Aus solchem Selbständigwerden des Lebens baut das Erkennen ein Reich
der Begriffe gegenüber dem sinnlichen Eindruck auf, vermag aber auch
das Fühlen sich dem sinnlichen Reiz zu entwinden und Freude und Schmerz
aus unsinnlichen Größen zu schöpfen. Wie weit hat sich oft das, was
die Menschen als höchstes Gut erstrebten, vom sinnlichen Wohlsein
entfernt, wie oft geriet es mit diesem in schroffen Widerspruch! Ohne
die Kraft, diesen zu ertragen, hätte es schwerlich Helden und Märtyrer
gegeben. Das menschliche Wollen zeigt eine verwandte Bewegungsrichtung,
indem es sich dem dunklen Zwange des Naturtriebs zu entwinden, eine
eigene Entscheidung zu treffen, eine eigene Bahn zu verfolgen vermag.
Was dabei an inneren Kämpfen entsteht, das ist grundverschieden von
allem Zusammenstoß nach draußen hin. -- Solches Selbständigwerden des
Inneren wird begleitet von einer Erhebung aller Lebensbewegung über das
bloße Nebeneinander einzelner Punkte. So im System der Wissenschaft
mit seiner Bewegung vom Ganzen zum Einzelnen, seiner Durchgliederung
des ganzen Bereiches; so im Verlangen eines Gesamtstandes des
Wohlseins, der auf die Schätzung der Einzelerlebnisse zurückwirkt
und wohl gar Freude in Schmerz, Schmerz in Freude verwandeln kann;
so auch in der Unterordnung aller einzelnen Bestrebungen unter ein
beherrschendes Gesamtziel und ihre Bemessung nach der Leistung dafür.
In Wahrheit haben auf religiösem, politischem, sozialem Gebiet nur
solche Bewegungen die Hingebung und die Kraft des ganzen Menschen
gewonnen, welche ihm einen neuen Gesamtstand verhießen; daß alle
Verbesserungen im Einzelnen dagegen nicht aufkommen können, das
haben die Mittelparteien oft zu ihrem Schaden erfahren. -- Endlich
zeigt alle Verzweigung des Lebens eine Bewegung zur Scheidung und
Wiederverbindung, darin aber eine Überwindung der anfänglichen
Verworrenheit und eine Bildung eigener Lebenskreise; so tut es die
Wissenschaft mit ihrer Scheidung von Subjekt und Objekt und ihrem
Erstreben einer gegenständlichen Wahrheit; so konnte das Gefühl Liebe
und Mitleid von der Enge des bloßen Punktes befreien und sie die
innerste Seele großer Weltreligionen werden lassen, so konnte es in
anderer Richtung reine Freude aus dem Recht und dem Fortgang der Sache
schöpfen; das Streben nach dem höchsten Gut aber fand die Befriedigung
des bloßen Subjekts viel zu klein, es wollte ein Weiterkommen im
eigenen Bestande, es wollte nicht dem Menschen, wie er sich unmittelbar
darstellt, genügen, es wollte mehr aus dem Menschen machen, ihm
ein neues Selbst bereiten. In allen diesen Bewegungen erscheint
unverkennbar der Aufstieg eines neuen Lebens.
Denn wir brauchen nur, was im Einzelnen leicht als selbstverständlich
hingenommen wird, ins Ganze zu fassen, um eine durchgreifende Wendung
in ihm zu entdecken, die auch auf das Weltbild wirken muß. Wenn das
Denken nicht bloß eine vorgefundene Welt so oder so zurechtlegt,
sondern das Gefäß eines selbständigen Lebens wird, beginnt damit
nicht eine neue Ordnung? Eine Innerlichkeit entsteht, die mit aller
sinnlichen Gebundenheit bricht und sich auf sich selber stellt;
verkündet das nicht eine andere Welt? Und ist das geschilderte Leben
aus dem Ganzen, ist ferner das Sichselbersuchen des Lebens durch ein
Auseinandertreten und Wiederzusammengehen hindurch nicht ein Zeugnis
für einen von Grund aus neuen Aufbau?
Daß diese Bewegung wie aller bloßen Natur so auch aller menschlichen
Willkür weit überlegen ist, das erhellt besonders deutlich aus dem
Erscheinen neuer Lebensformen, das damit verbunden ist. Solche
Lebensformen erscheinen namentlich in der Arbeit und im geistigen
Schaffen. Beide wollen uns den Gegenstand näher bringen und durch
ihn gewinnen lassen, aber die Arbeit behandelt jenen als uns
gegenüberliegend, während das Schaffen ihn in das eigene Leben
hineinzieht und von hier aus zu entwickeln sucht; so bleibt das
Verhältnis dort ein äußeres, während es sich beim Schaffen ins Innere
zu wenden sucht. Bei der Arbeit ein Messen der menschlichen Kraft
mit der gegenständlichen Welt, eine intellektuelle, technische,
praktische Unterwerfung dieser, damit nicht nur eine unermeßliche
Erweiterung, sondern auch eine Befestigung des Lebens, der Gewinn eines
Weltbewußtseins. Aber bei aller Größe behält die Arbeit eine Schranke,
über die es hinaus zum Schaffen drängt. Denn wie jene die Sache nur
als ein Gegenüber behandelt, so vermag sie nicht sie innerlich an sich
zu ziehen, so setzt sie nicht sowohl das Ganze der Seele als einzelne
Kräfte in Bewegung und fördert mehr diese als jene; das der Stufe der
Arbeit angehörige Forschen führt noch nicht zu einem Gehalt der Dinge,
und alles praktische und soziale Wirken zur Hebung der menschlichen
Lage mag noch so sehr die Kräfte verketten, es verbindet damit
keineswegs schon die Seelen und schützt sie nicht durch eine gemeinsame
Innenwelt vor schmerzlicher Vereinsamung. Mag daher diese Stufe der
Arbeit den Hauptschauplatz unseres Wirkens bilden, sie bringt nicht
unser Streben zum Abschluß; es kann trotz aller Gefahr einer Irrung und
Verirrung nicht umhin, auch eine innere Überwindung des Gegensatzes
von Kraft und Gegenstand, von Mensch und Welt zu fordern; eine solche
aber kann nur einem Schaffen gelingen, das jenen Gegensatz von innen
her umspannt und aus einem überlegenen Wirken seine beiden Seiten
belebt und erhöht. Daß solche Forderung kein müßiger Einfall ist, das
zeigt die Tatsache der Kunst mit ihrer Überwindung des Gegensatzes von
Subjekt und Objekt im Schaffen und Schauen, das zeigt aber auch echte
Liebe mit der Bildung eines inneren Zusammenhanges, der aus seinen
Gliedern weit mehr macht, als sie in der Vereinzelung sind. Wie weit
das menschliche Leben diese Stufe zu erklimmen vermag, das ist eine
Frage für sich, aber schon das Verlangen danach bekundet den Aufstieg
zu einer neuen Höhe; nur in Erfüllung dieses Verlangens ist entstanden,
was in Religion, Philosophie und Kunst dem menschlichen Zusammensein
eine Seele gab und von bloßer Zivilisation eine Geisteskultur abhob.
Alle Aussicht auf diese Höhe versperren, das heißt auf ein tieferes
Verständnis des menschlichen Strebens verzichten; ja es wird sich wohl
zeigen, daß, was hier als die äußerste Höhe erscheint, schon von Anfang
an gewirkt haben muß, um eine Bewegung über die bloße Natur hinaus
überhaupt hervorzubringen; auch der Arbeit muß es schon als Antrieb und
Hoffnung gegenwärtig sein.
Wie haben wir diese Bewegung zu einem neuen Leben zu verstehen, wie
ihren Ursprung zu erklären? Ausgeschlossen ist durch alle bisherige
Betrachtung eine Ableitung von der bloßen Natur her; es kann das nur
unternehmen, wer über den natürlichen Bedingungen auch alles Höheren
den ihm eigentümlichen Gehalt vergißt, der doch schließlich die
Hauptsache bildet. Aber Bedingungen für schaffende Gründe auszugeben,
das ist ja leider ein Fehler, den die heutige Forschung oft begeht.
Scheidet für uns die Natur hier aus, so bleibt als Erzeuger des
neuen Lebens in unserem Erfahrungskreise nur der Mensch. Aber beim
Menschen, wie er leibt und lebt, ist das neue Leben viel zu matt und
schwach, um sich gegen die alte Art durchzusetzen; auch ist es hier
mit dieser viel zu sehr vermengt und an sie gebunden, um sich in ein
Ganzes zusammenzuschließen und sich zu reiner Gestalt auszuprägen.
Dazu würde das neue Leben als Erzeugnis des bloßen Menschen zugleich
ein Werk des einzelnen Menschen sein; die unbegrenzte Mannigfaltigkeit
der individuellen Sorgen und Geschicke würde es dann aber gänzlich
auseinanderfallen lassen, ohne daß sich die mindeste Möglichkeit böte,
solcher Auflösung entgegenzuwirken. So blieben wir im Widerspruch
stecken und müßten allen Antrieb zum Weiterstreben verlieren, wenn
nicht noch eine andere Möglichkeit und damit ein Ausweg bestünde. Diese
Möglichkeit aber kann keine andere sein als die, daß das neue Leben
nicht von uns Menschen erzeugt, sondern uns mitgeteilt wird, daß es in
uns erscheint und zwar als Eröffnung einer neuen Stufe, die wir nicht
von uns aus bereiten, die wir nur aufzunehmen und weiterzuführen
haben. Einen solchen übermenschlichen Ursprung verrät schon der weite
Abstand, ja schroffe Gegensatz der Grundformen des neuen Lebens, wie
sie uns namentlich Arbeit und Schaffen zeigten, und der Beschaffenheit
des menschlichen Daseins. Dieses bietet ein bloßes Nebeneinander und
Durcheinander; Arbeit und Schaffen verlangen einen inneren Zusammenhang
und ein gemeinsames Reich der Wahrheit, nur ein solches macht es
verständlich, daß sie jede Behauptung und Leistung als allgemeingültig
geben. Der natürliche Mensch ist in seinen Zustand eingeschlossen und
berührt den Gegenstand nur von außen; Arbeit und Schaffen überwinden
die Kluft und stellen einen Zusammenhang her, die Arbeit mehr von
außen, das Schaffen rein von innen. Der Mensch steht in der Zeit und
unterliegt einem ständigen Wechsel, sein Leben ist ein Dahingleiten
von Augenblick zu Augenblick; Arbeit und Schaffen fordern für ihre
Erzeugnisse eine Überlegenheit gegen die Zeit, ein Beharren gegenüber
allem Wechsel. Der natürliche Mensch mißt den Wert der Dinge nach der
Wirkung auf sein Befinden, Arbeit und Schaffen geben den Dingen selbst
einen Wert und lassen diesen Wert uns unmittelbar bewegen; so nur kann
sich ein Gutes und Schönes von dem Angenehmen und Nützlichen scheiden.
Kurz, wir gewahren bis in die Grundformen hinein im neuen Leben eine
Bewegung zu einer neuen Welt; eine derartige Bewegung kann nicht von
den bloßen Punkten, sie kann nur von einer Welt selbst aufgebracht
sein. Wir haben daher in dem neuen Leben eine neue Stufe des Weltlebens
anzuerkennen, worin es nicht mehr in die Beziehungen einzelner Elemente
sowie in die Selbsterhaltung von Punkten gegen Punkte aufgeht, sondern
wo es sich in ein Ganzes zusammenfaßt und in der Entfaltung dieses
Ganzen neue Ziele gewinnt. Damit vollzieht sich im Seelenleben eine
durchgreifende Veränderung. Auf der Naturstufe tierischen Lebens steht
alle seelische Leistung im Dienst der natürlichen Selbsterhaltung
des Einzelnen wie der Gattung; was immer jenes Leben an Klugheit und
Geschicklichkeit aufbringen mag, das setzt, soweit unsere Wahrnehmung
reicht, jener Selbsterhaltung gegenüber keine neuen Ziele; auch
sehen wir nicht, daß hier eine Selbsttätigkeit der Gebundenheit der
Triebe und Vorstellungsverkettungen entwüchse und sich neue Wege
bahnte. Ein derart in lauter einzelne Fäden zerlegtes und lediglich
im Nebeneinander verlaufendes Leben käme nie zu irgendwelchem
Beisichselbstsein, nie zu einer selbständigen Innerlichkeit, daher auch
nie zu etwas, was Gehalt heißen könnte; ist nun tatsächlich in der
Menschheit eine derartige Innerlichkeit mit einem Gehalt erschienen,
so muß die Außenwelt bei allem unermeßlichen Getriebe als eine völlige
Leere erscheinen, als ein ungeheurer Widerspruch; welche Fülle von
Kraft und Kampf, welche Mühe der Lebenserhaltung, und das alles in
fortwährender Selbstaufhebung begriffen, das Ergebnis des Ganzen ein
Nichts! Trotzdem müßten wir uns den Widerspruch als letzten Abschluß
gefallen lassen, erschiene nicht im menschlichen Leben, wenn auch
nicht seiner ganzen Ausdehnung nach, so doch mit unbestreitbarer
Tatsächlichkeit eine neue Art des Lebens, ein Leben aus dem Ganzen und
Innern, ein Leben, das ein Beisichselbstsein erreicht und einen Inhalt
zu entwickeln strebt. So haben wir in diesem Leben das Durchbrechen
einer neuen Stufe des Weltlebens anzuerkennen, wir überzeugen uns, daß
das All mehr ist als bloße Natur, daß sich in ihm eine Fortbewegung
vollzieht, indem die Wirklichkeit eine Tiefe entwickelt und in sie den
Menschen hineinzieht. Indem so das Innere selbständig wird, erlangt
der Begriff des Geistes und des Geistigen erst einen deutlichen Sinn;
nun bezeichnet er nicht bloß eine besondere Seite des Seelenlebens,
sondern die selbständig gewordene Innerlichkeit; der Hauptabschnitt der
Welt liegt dann nicht zwischen Äußerem und Innerem, zwischen Natur und
Seele, sondern zwischen gebundener und freier Innerlichkeit, zwischen
einer auch die niedere Stufe der Seele umfassenden Natur und der Stufe
des Geisteslebens.
Die Entwicklung der Hauptthese.
Unsere bisherige Untersuchung führte zu dem Ergebnis, daß, was an
Aufstieg des Lebens bei der Menschheit vorliegt, nicht eigenem
Vermögen des bloßen Menschen entstammen kann, sondern das Wirken eines
überlegenen Lebens erweist. Das aber verändert wesentlich den Anblick
und auch die Aufgabe unseres Lebens. Denn wenn so unser Leben nicht
einen in sich abgeschlossenen Kreis bedeutet, sondern sich als ein
Gesetztsein durch ein überlegenes Leben, als Wirkung einer Ursache
darstellt, so muß es zu einem zwingenden Antriebe werden, uns möglichst
in jene Ursache zu versetzen, damit zu klären, was bei uns vorgeht,
auch seine einzelnen Züge fester zusammenzuschließen, ferner die eigene
Kraft durch die Herstellung einer Verbindung mit den schaffenden
Gründen zu stärken. Es gilt zu den Quellen zurückzugehen, um der
Gebundenheit und Verworrenheit überlegen zu werden, die uns fesselt und
niederdrückt, es gilt von da aus in frischen Fluß zu versetzen, was
sonst träge und matt dahinschleicht. Mit der Ursache wird uns ein Ideal
vorgehalten, das zugleich zur erweckenden Kraft bei uns wird, das mehr
aus uns zu machen und unserem Leben mehr Sinn zu geben verspricht. Was
bei uns als bloßes Streben vorliegt, das muß in der Ursache Volltat
sein, damit es unser Streben erzeugen kann, als solche aber wird es
auch inhaltlich den bei uns erreichten Stand weit überschreiten.
Es erscheint im Bereich des Menschen ein Überschreiten des bloßen
Nebeneinander, ein starkes Verlangen nach inneren Zusammenhängen, ja
nach möglichster Gestaltung des Lebens von einer beherrschenden Einheit
her. Diese Bewegung aber schwebt in der Luft und muß an den harten
Widerständen des natürlichen Daseins scheitern, wenn nicht das Leben
von Grund aus ein Ganzes bildet, wenn nicht ein Gesamtleben, eine
Welteinheit geistiger Art besteht und wirkt; so wenig unser Vorstellen
diese Einheit zu fassen vermag, sie bleibt die Grundvoraussetzung der
Bildung einer neuen Lebensstufe gegenüber der der Natur, einer Welt
ist nur eine Welt, nicht der bloße Mensch gewachsen. Die Anerkennung
solcher Welteinheit muß aber dahin drängen, alles, was an Verzweigung
geistigen Lebens bei uns vorliegt, von einer umfassenden Einheit her zu
verstehen, es dadurch zu beleben und zu erhöhen.
Wie so der Bewegung zur Einheit, so ist auch der zur Innerlichkeit
eine Überlegenheit gegen den bloßen Menschen zuzuerkennen, wenn,
was bei uns in jener Richtung vorgeht, nicht ins Leere fallen soll.
Denn was beim Menschen an eigentümlicher Innerlichkeit erschien, das
wollte kein bloßer Nachklang, auch kein bloßes Abbild bleiben, sondern
das wollte einen selbständigen Lebenskreis bilden, das wollte eine
Innenwelt werden. Wie könnte es aber das unternehmen, wie könnte es
in seinen Bereich die ganze Weite hineinzuziehen suchen, wäre das All
ein seelenloses Nebeneinander, bestünde nicht auch in ihm als einem
Ganzen eine Innerlichkeit, auch das natürlich in voller Überlegenheit
gegen unser Vorstellungsvermögen. Dabei bleibt es: entweder erlangt
bei uns die Innerlichkeit keine Selbständigkeit, oder sie ist in einem
Innenleben der Welt begründet.
Das Selbständigwerden aber, das allein echte Innerlichkeit entstehen
läßt, verlangt eine Stellung des Lebens auf eigene Tat; so gibt es
keine Innerlichkeit der Welt ohne das Entstehen einer Tatwelt gegenüber
dem Dasein, das uns zunächst umfängt; auch die Welt als Ganzes muß
schließlich in einer Gesamttat begründet sein, sonst kann die Tatwelt
nicht dem Dasein gewachsen und überlegen werden.
Die Tatwelt darf aber, um volle Selbständigkeit und Selbstgenugsamkeit
zu besitzen, nichts außer sich liegen lassen, sie muß alles an sich
ziehen und von sich aus zu gestalten suchen; das erklärt auch den Trieb
zur Unendlichkeit, der dem menschlichen Streben innewohnt, es nimmer
ruhen und rasten läßt. Diese Forderung der Selbstgenugsamkeit geht aber
nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, die Tätigkeit darf nicht
an etwas anderem haften und an es gebunden bleiben, sie muß ganz auf
sich selber stehen; das aber kann sie nicht, wenn sie irgendwelches
Sein außer sich duldet und bloß an ihm sich zu schaffen macht; so
muß sie, was sie an Sein anerkennt, aus sich selbst hervorbringen,
zugleich den Begriff des Seins aber gegen die gewöhnliche Fassung
wesentlich umgestalten. Von einem Sein innerhalb des Lebens kann nur
die Rede sein, sofern verlangt wird, daß ein Ganzes des Lebens an jeder
einzelnen Stelle gegenwärtig sei, damit das Leben sich eine Tiefe gebe
und seine Ausbreitung zum Ausdruck dieser Tiefe gestalte. Das macht
erst die Forderung verständlich, daß der Mensch im Handeln etwas sei,
gemäß dem Schillerschen Worte: »Gemeine Naturen zahlen mit dem, was
sie tun, edle mit dem, was sie sind.« Denn offenbar bezeichnet hier das
Sein nicht ein hinter dem Leben befindliches Ding, sondern eine ihm
selbst gegenwärtige Einheit und Tiefe. Mit ihrer Bildung vollzieht sich
eine innere Abstufung des Lebens, und es rechtfertigt sich damit erst
die Bedeutung, welche wir Begriffen wie Gesinnung, Überzeugung, Denkart
usw. zuzuerkennen pflegen. Eine solche Anerkennung eines Seins im Leben
befreit uns auch von der Alleinherrschaft des »Dinges an sich«, das,
unserem Verhältnis zur Außenwelt entsprungen und dafür berechtigt,
bei Übertragung auf die innere Welt alles Wahrheitsstreben lähmen, ja
zerstören müßte. Denn wenn uns auch unsere Seele zur Außenwelt wird, so
besteht keine Möglichkeit einer Wahrheit.
Damit aber das Ganze des Selbst die Ausbreitung des Lebens voll
durchdringe, darf die Mannigfaltigkeit des Tuns nicht ein bloßes
Nebeneinander bleiben, sondern sie muß zu einem festen Zusammenhange
verbunden werden, in dem alles Einzelne einander ergänzt und
sich gegenseitig näher bestimmt, zugleich aber das Ganze einen
eigentümlichen Charakter ausprägt. So entstehen zunächst einzelne
Gebiete geschlossener Art, über sie alle hinaus aber drängt es zum
Schaffen eines Gesamtzusammenhanges, und erst ein solches Gesamtwerk
ergibt etwas, das in vollem Sinne Wirklichkeit genannt werden darf.
Wir erkannten in Arbeit und Schaffen bei uns eine Bewegung zur
Hervorbringung einer Wirklichkeit, da erst mit ihrer Erreichung das
Leben eine Festigkeit und einen bestimmten Gehalt gewinnt, ja erst
vollständiges Leben wird. Da eine derartige Wirklichkeit letzthin aber
nur von innen her, als eine Selbstentfaltung des Lebens entstehen kann,
dieses aber eine Welt in sich tragen muß, so erkennen wir wiederum das
Angewiesensein des Menschen auf ein umfassendes Weltgeschehen; ohne ein
Wurzeln darin und ein Schöpfen daraus ist alles menschliche Streben
nach Herstellung einer Wirklichkeit und damit nach Vollendung des
Lebens verloren. Denn nur so hört der Geist auf, bloß über den Wassern
zu schweben, nur so kommt er in volles Schaffen hinein und findet sich
selbst in solchem Schaffen.
Durchgängig erhellte, daß bei dem Aufstieg, der durch unser Leben geht,
nicht einem vorhandenen Stande nur dieses oder jenes hinzugefügt oder
auch jenem eine besondere Richtung gegeben wird, sondern daß die Frage
viel tiefer geht. Sie geht auf das Ganze des Lebens selbst: dieses hat
sich aus einem bloß anhangenden Halb- und Scheinleben zu selbständigem
und echtem Leben erst zu erheben, alle besonderen Aufgaben sind nur
Stücke und Seiten dieser einen Gesamtaufgabe, und es ist ihre Lösung
letzthin an die Entscheidung über diese gebunden. An solchem Erringen
eines wahrhaftigen Lebens, eines Lebens, das bei sich selber ist und
einen Inhalt besitzt, arbeitet die ganze Menschengeschichte, sofern sie
geistige Züge trägt; sie erhält ihren tiefsten Sinn und zugleich ihre
stärkste Kraft daraus, daß in ihr das Leben in unserem Bereich sich
selber sucht; sie verläuft nicht auf gegebener Grundlage, sondern sie
ist in stetem Mühen um einen sicheren Grund begriffen.
So ist das Leben in seiner neuen Erschließung allem Wunsch und Vermögen
des bloßen Menschen zweifellos überlegen. Aber ebenso will die Tatsache
anerkannt und gewürdigt sein, daß dieses Überlegene zugleich innerhalb
des Menschen als eigene Kraft zu wirken und weiterzutreiben vermag,
daß das »Über dem Menschen« zugleich ein »In dem Menschen« werden
kann, eine Tatsache, die um so wunderbarer scheint, je mehr man sich
in sie vertieft. Und doch ist ein solches Innewohnen des neuen Lebens
unentbehrlich, wenn alles, was sich uns beim Menschen an Aufstieg des
Lebens zeigte, echt, kräftig, ja überhaupt möglich sein soll. Umfinge
den Menschen ganz und gar eine begrenzte Sondernatur, und müßte sie
ihm auch alles vermitteln, was vom Gesamtleben an ihn kommt, so könnte
er nie eine innere Gemeinschaft mit diesem gewinnen, so würde alles an
ihn Herangebrachte durch jene besondere Art verzerrt und verbogen, so
könnte das Neue nie bei ihm die Kraft einer Selbsterhaltung gewinnen,
die doch für alles Vordringen unentbehrlich ist. Daß es in Wahrheit
anders steht, daß unser Leben das Übermenschliche zugleich als ein
Innermenschliches haben kann, das erweist sich durch das Ganze des
Lebens bis in seine Grundformen hinein. Durchgängig besteht die
Möglichkeit, daß etwas die volle Kraft und Hingebung des Menschen
gewinne, was den Zwecken und dem gesamten Glück des bloßen Menschen
schnurstracks widerspricht. Dies allein erklärt zum Beispiel die Macht
und rechtfertigt die übliche Schätzung der Pflichtidee. Hier kommt im
Menschen etwas zur Wirkung, was seinem Handeln feste Schranken zieht
und seinen Naturtrieben schroff widerspricht, und zugleich wird es ihm
zu eignem Entscheiden und Wollen, es gibt ihm eben in der Unterordnung
das Bewußtsein vollster Freiheit. Der Pflichtgedanke ist aber nur ein
besonders reiner Ausdruck einer Bewegung, die durch das ganze Leben
geht. Denn wo immer es die Stufe der bloßen Natur überschreitet, da
tritt es unter bindende Normen, die ihm kein fremdes Gebot, sondern
seine eigene Zuwendung auferlegt, die den Menschen in Wahrheit erhöhen,
indem sie ihn herabzusetzen scheinen. So beim Denken, das mit seiner
Versetzung in die Sache und seiner Vertretung ihrer Forderungen das
Wohl des bloßen Menschen ganz wohl schwer schädigen kann. Wie oft
zwang uns das Denken, namentlich auf politischem und sozialem Gebiet,
Folgerungen zu ziehen, die uns höchst unbequem waren, und wie oft
haben die von ihm herausgestellten Widersprüche das Leben aus seinem
Gleichgewichtsstand unsanft aufgescheucht! Das konnte das Denken nur
als ein eigenes Werk und als eigene Triebkraft des Menschen; hinter
der Selbstverneinung, die es vollzog, stand schließlich notwendig
irgendwelche Selbstbejahung.
Am deutlichsten ist die Bewegung des Menschenlebens über den bloßen
Menschen hinaus bei der Religion, das aber sowohl im Gedankengehalt als
in der Gestaltung des Handelns. Die Religion enthält, wie schon der
Begriff des Heiligen zeigt, einen starken Trieb, einen gewissen Bereich
vom gewöhnlichen Leben abzusondern, ihn darüber hinauszuheben und ihm
Verehrung darzubringen; wo sie mit ursprünglicher Kraft die Gemüter
einnahm, da war sie kein bloßes Hinausstrahlen menschlicher Größen und
Wünsche in das All, wie es fälschlich oft dargestellt wird, sondern ein
Kampf gegen die Festlegung des Strebens bei diesen Größen und Gütern.
Xenophanes Wort, daß die Menschen nach ihrem eigenen Bilde das der
Götter gestaltet hätten, stimmt nicht zur Erfahrung der Geschichte; sie
zeigt vielmehr ein Verlangen, etwas Andersartiges, etwas wesentlich
Höheres gegenüber dem Menschen zu erreichen. In früheren Zeiten hat
sich das Streben dabei oft ins Ungeheuerliche verloren und Gestalten
geschaffen, die uns Späteren fratzenhaft scheinen mögen; bleibt aber
nicht auch in einem weiten Abstand, ja Gegensatz zum menschlichen
Dasein, wer bei der Gottheit etwas Reingeistiges, Ewiges, Unendliches
sucht? Daher hat die Religion, sofern sie nicht bloß das Leben
angenehm umsäumt und damit einer sicheren Auflösung entgegengeht,
einen herben und strengen Charakter; das Wort »Niemand wird Gott
sehen und leben« hat einen guten Sinn. Für das Handeln aber bildet
in ihrem Gebiet den Zentralbegriff der des Opfers. Auch hier hat
sich im Fortgang des Lebens die Sache vom Sinnlichen ins Unsinnliche
verschoben, aber nur eine Verflachung und Verflüchtigung kann das
Beharren, ja das Wachstum des Opfergedankens auf der geistigen Stufe
verkennen. Die Religion hat genau so viel Macht über das menschliche
Seelenleben, als sie zu Opfern zu treiben vermag. Aber -- merkwürdig
genug -- bei allem, was sie an Verneinung und Entsagung fordert, haben
die Menschen in ihr die höchste Seligkeit gesucht und auch zu finden
geglaubt; konnten sie das, wenn sie nicht in ihr die letzte Tiefe ihres
eigenen Wesens zu erreichen glaubten?
Dieses Ja und Nein, dieses Stirb und Werde, was alle Verzweigung der
Lebensgebiete durchdringt, faßt sich insofern auch in ein Ganzes
zusammen, als das Kulturleben der Menschheit für jede eindringende
Betrachtung nicht ein fortlaufendes Gewebe bildet, sondern sich
in den Gegensatz einer durch die Zwecke des Menschen beherrschten
Menschenkultur und einer ihr überlegenen, ja entgegengesetzten
Geisteskultur zerlegt. Die Menschenkultur war und ist unablässig
bemüht, die Geisteskultur zu sich herabzuziehen und in ihre Dienste
zu stellen, die Vorkämpfer dieser haben mit jener stets einen harten
Kampf zu bestehen gehabt, sie sind in ihm oft zu Märtyrern geworden
und mußten durchgängig ein einsames Leben führen, aber nicht nur haben
sie die Kraft dazu und eine Freudigkeit darin gefunden, sondern sie
sind es, welche mit ihrer Belebung der Tiefen allein dem Menschenleben
eine Seele erhalten und ihm einen Sinn und Wert verleihen. Streichen
wir sie und was sie vertreten, und das Menschenleben wird ein
verworrenes Chaos, ein vergebliches Mühen, die Naturstufe wesentlich
zu überschreiten. Auch in das Dasein des Einzelnen erstreckt sich
der Gegensatz. Der naturhaften Individualität tritt gegenüber die
Persönlichkeit mit ihrer Selbsttätigkeit; sie kann sich nicht ausbilden
und dem Menschen ein neues Leben erringen, ohne an jener eine scharfe
Kritik zu üben, zu sondern und auszuscheiden, sie findet dabei
mannigfachen Widerstand, den sie ohne Schmerz und Entsagung nicht
überwinden kann. Aber allem solchen Nein hält ein Ja vollauf die Wage,
und unter vielfacher Aufopferung kann sich das Leben doch zu einem
Gewinn gestalten.
Wie haben wir dies alles zu verstehen? Wie kann im Menschen etwas
Wurzel schlagen und die bewegende Kraft seines Lebens werden, was
seiner besonderen Art so schroff widerspricht? Augenscheinlich kommt
an ihn etwas wesentlich Überlegenes und hält ihm neue Ziele vor. Aber
dies Überlegene mit seinen Zielen wird zugleich zum eigenen Leben des
Menschen, es kann ihm etwas, das sein bisheriges Leben entwertet, zu
wahrem Leben werden. Wie anders klärt sich das auf, und wie anders
kann das neue Leben Kraft gewinnen als dadurch, daß das Gesamtleben
mit seiner Tatwelt unmittelbar in den Menschen als eine ursprüngliche
Lebensquelle gesetzt ist, daß schaffendes Leben ihm unmittelbar als
sein eignes eingepflanzt wird. Eine Welt im Menschen aufbauen und von
ihr der ganzen Umwelt den Kampf ansagen läßt sich nur, wenn in ihm
selbst ein Weltleben von Haus aus angelegt ist; das kann aber nur
durch eine Eröffnung, eine Schöpfung des Gesamt- und Urlebens in ihm
geschehen. Daß er ein selbständiger Mittelpunkt, ein geistiges Selbst,
man könnte sagen, eine geistige Energie ist oder doch werden kann, das
besagt offenbar ein Gesetztsein, eine Tat, die nur aus dem Gesamtleben
stammen kann und daher stets an diesem hängt. Das stimmt zu einer
Erfahrung der Gesamtgeschichte geistigen Lebens. Denn diese zeigt,
daß durchgängig den schaffenden Höhen der Menschheit das Gesetztsein
durch eine überlegene Macht und ein Getragenwerden durch sie mit voller
Klarheit gegenwärtig war. So fühlte sich das künstlerische Schaffen
großen Stiles nicht als ein bloßes Erzeugnis individuellen Vermögens,
sondern als Eingebung einer höheren Macht, als eine zu Ehrfurcht und
Dank verpflichtende Gnade. Auch große Denker mußten unter einer inneren
Notwendigkeit stehen, wenn sie die Forderung einer neuen Denkart -- und
sie forderten alle eine neue Denkart, nicht bloß einzelne Veränderungen
-- zuversichtlich allem entgegenstellen konnten, was von altersher
und allen anderen als sichere Wahrheit galt. Auch die Helden der Tat
pflegten sich als Werkzeuge einer höheren, wenn auch geheimnisvollen
Macht zu fühlen; sonst hätten sie schwerlich den moralischen Mut zu
ihrem Handeln gefunden, das so viel Verantwortlichkeit in sich trug.
Daß aber das Überlegene sie mit solcher Gewalt ergreifen und der Kern
wie die treibende Kraft ihres eigenen Lebens werden konnte, das hellt
sich erst auf mit der Anerkennung dessen, daß in ihnen selbst das Ganze
des höheren Lebens als eine ursprüngliche Quelle gesetzt war. So nur
konnte ihnen jenes Höchste das Allernächste und Innerlichste werden,
so nur wurde das Gegründetsein in einer höheren Ordnung mit vollster
Freiheit des Handelns vereinbar, ja eine Grundbedingung dieser, so
nur konnte Meister Eckhart sagen: »Gott ist mir näher als ich mir
selber bin«, und Luther bekennen, daß »nichts Gegenwärtigeres und
Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen denn Gott selbst und seine
Gewalt«.
Es erscheint aber das Leben des Menschen mit solcher Anerkennung einer
selbständigen Eröffnung des Gesamtlebens in ihm als ein ungeheurer
Widerspruch. Der Mensch ist seiner Lebensform nach begrenzt, er kann
diese Begrenzung unmöglich überspringen. Aber in dieser begrenzten
Form soll ein unendlicher Gehalt zur Entfaltung kommen. Das muß einmal
das Leben in eine unermüdliche Bewegung versetzen, es läßt es nicht
ruhen und rasten, es treibt über jedes erreichte Ziel immer weiter
zu neuen Zielen. Zugleich aber ruft es ein Streben hervor, durch
Ausbildung einer Gemeinschaft und auch durch ein Zusammenwirken der
Zeiten jene naturgegebene Enge zu überwinden. Das nämlich ist der
tiefste Antrieb zur Ausbildung einer Gesellschaft und einer Geschichte
eigentümlich-menschlicher Art, daß das Individuum hier ein seiner
Besonderheit und seiner Vergänglichkeit überlegenes Leben erstrebt
und damit das dem Einzelnen völlig Unmögliche wenigstens einigermaßen
anzunähern sucht.
Bei allem Aufschwung bleibt aber stets die Gefahr, daß das
Engmenschliche sich einschleiche und mit schillernden, zweideutigen
Formen die Bewegung zu sich zurückziehe. Das geschieht zum Beispiel oft
durch den Begriff der Persönlichkeit und die ihm gezollte Schätzung.
Persönlichkeit gehört zu den Begriffen, bei denen sich alles Mögliche
denken läßt, und bei denen daher leicht gar nichts gedacht, leicht
keine Rechenschaft gegeben wird. In diesem Begriff rinnt heute
Höheres und Niederes vielfach zusammen, man denkt oft dabei an die
Bildung eines geistigen Einzelkreises, der sich möglichst in sich
selbst befestigt und alles Erlebnis auf sich als den beherrschenden
Mittelpunkt und Selbstzweck bezieht. Bei solcher Fassung schützt alle
Weite der Interessen nicht vor einer inneren Absonderung von der großen
Welt, einem selbstischen Sicheinspinnen in einen besonderen Kreis und
schließlich einem verfeinerten Epikureismus. Dem sei die Behauptung und
die Forderung entgegengesetzt, daß das Gesamtleben den Hauptstandort zu
bilden habe, damit das Streben volle Offenheit und Weite behalte; was
an der besonderen Stelle an eigentümlichem Leben entsteht, das ist von
jenem her als seine Individualisierung und Gestaltung zu verstehen. Daß
eine solche eigentümliche Gestaltung des Gesamtlebens an den einzelnen
Stellen möglich ist, und daß sie gewaltige Kraft zu üben vermag, das
zeigen deutlich die großen geschichtlichen Persönlichkeiten, das wird
zur Aufgabe für jedes Einzelleben.
So viel bleibt gewiß, daß das geistige Schaffen beim Menschen durch
jenes Zusammentreffen von unendlichem Gehalt und endlicher Lebensform
nicht nur in rastlose Bewegung versetzt wird, sondern daß es auch
unter einander widerstreitende Richtungen gerät. Einmal zwingt jene
Begrenztheit es nach geschlossenen Gestaltungen zu streben, um
zusammenfassen und übersehen zu können, von der anderen Seite aber
treibt die uns innewohnende Unendlichkeit zur Ablehnung aller Grenzen
und damit in das Gestaltlose, Fließende, die bloße und reine Stimmung
hinein. Daß hier große Lebenswogen gegeneinandergehen, das zeigt
besonders deutlich die Kunst mit ihrem Kampf zwischen klassischem und
romantischem Schaffen, im Grunde aber durchdringt der Gegensatz alle
Weite des Lebens.
So scheinen wir großer Unfertigkeit, ja Unsicherheit ausgeliefert.
Aber wir tun das nur für den ersten Anblick, jede tiefere Erwägung
zeigt, daß inmitten aller Unfertigkeit das Leben einen festen Halt
gewinnt und in sichere Bahnen geleitet wird, auch daß jene Unfertigkeit
selbst eine unvergleichliche Größe bekundet. Jenes neue Leben in uns
kann, so sahen wir, unmöglich vom Menschen selbst hervorgebracht sein;
es als sein Werk verstehen, das heißt es verflachen, verkümmern,
zerstören. Ist es aber vom Gesamtleben in uns gesetzt, so erfahren wir
einmal darin, daß dieses Leben eine dem Gemenge der menschlichen Welt
überlegene Wirklichkeit hat, wir erfahren aber zugleich, daß es bei
dieser Überlegenheit sich uns mitteilt, nicht in einzelnen Wirkungen
oder Stücken, sondern mit seiner ganzen Unendlichkeit; gerade daß das
in so schroffem Gegensatz zur eigenen Lage und zum eigenen Wollen
steht, bezeugt, daß sich damit eine Uroffenbarung in uns vollzieht,
ein neues Leben uns mitgeteilt, ein hohes Ziel eingeprägt wird. Es
ist nicht eigene Kraft, es ist verliehene Kraft, woraus wir streben
und wirken. Mag dabei alle nähere Ausführung noch so unsicher und
fließend bleiben, wir erkennen in jener Schöpfung eines neuen Lebens
eine Grundtatsache, die uns allem Zweifel enthebt und zugleich das
sichere Bewußtsein einer Bedeutung unseres Lebens gewährt. Derartige
Umwälzungen und Erneuerungen liegen über aller bloßen Einbildung. Auch
gewinnen wir hier die Gewißheit, nicht bloß ein Stück einer gegebenen
Welt, ein Stiftchen eines seelenlosen Mechanismus zu sein, sondern
jenes neue Leben mit seiner neuen Welt verlangt unsere Ergreifung und
Aneignung, es versichert uns damit einer Freiheit. So gewiß Freiheit
ein Unding, solange wir nur ein Stück einer natürlichen Ordnung bilden,
sie wird zur unerläßlichen Forderung und felsenfesten Gewißheit,
sofern ein Zusammentreffen und ein Zusammenstoß zweier Welten in
unserem Lebensbereiche ersichtlich wird, in dem uns eine Entscheidung
auferlegt ist. Mit der Sicherheit und der Freiheit gewinnt unser
Leben aber zugleich ein hohes Ziel und eine unvergleichliche Größe.
Denn nun gilt es, an unserer Stelle das Gesamtleben auszubilden und
weiterzuführen, wir werden Mitarbeiter an der Weltbewegung, an einem
Aufstieg des Lebens, und eben darin finden wir zugleich ein echtes
Selbst. Die Tiefen des Lebens eröffnen sich uns damit zu eigenem
Besitz, das Ringen nach Aneignung und Förderung seiner Unendlichkeit
kann uns eine Freudigkeit bereiten, die aller bloßen Lust weitaus
überlegen ist. Gewinnt damit unser Leben in seinem Kern ein helles
Licht, so kann es ganz wohl alle Dunkelheit der Umgebung ertragen; auch
kann dann kein Zweifel darüber bestehen, daß es so verstanden einen
vollen Sinn und einen hohen Wert besitzt.
Hauptzüge des neuen Lebens.
Die Gestaltung des Lebens, die sich für uns ergab, in alle Breite zu
verfolgen, kann nicht unsere Aufgabe sein; wohl aber scheint es zur
Erreichung eines deutlicheren Bildes nötig, einige seiner Hauptzüge
herauszuheben. Zunächst zeigte sich, daß das Leben zum Selbständigsein
nicht gelangen konnte ohne eine Aufrüttelung aus dem vorgefundenen
Gemenge, ohne einen Bruch mit der nächsten Lage und das Erringen
eines neuen Standorts. Es zeigte sich, daß es nicht nur einzelne
Aufgaben, sondern eine Aufgabe auch als Ganzes enthält, es ist nicht
nur hier und da zu verbessern, es ist im Ganzen umzuwandeln. Daher
paßt für sein Grundgefüge nicht der Begriff der Entwicklung als eines
sicheren, ja notwendigen Hervorgehens des Höheren aus dem Niederen,
hier verwandt führt er unvermeidlich unter Naturbegriffe zurück. Jener
Abbruch fordert eine Entscheidung und Tat, und zwar eine Tat, die,
wenn auch bei besonderen Temperamenten als eine plötzliche Erleuchtung
und Bekehrung erscheinend, sich nicht in den Augenblick erschöpft,
sondern fortdauernder Art sein muß; denn das Neue ist dem Alten
gegenüber immerfort aufrechtzuhalten, immerfort durchzusetzen. Mit
solcher Tathaltung, wie man sagen könnte, erhält das ganze Leben einen
Charakter ethischer Art, das Ethische entwächst dabei der Einschränkung
auf ein besonderes Gebiet und dehnt seine erhöhende Kraft über das
gesamte Leben aus, es betrifft dann keineswegs bloß das Verhältnis von
Mensch zu Mensch und das dem zugewandte praktische Handeln, sondern
durch alle Verzweigung des Lebens, so auch durch das Erkennen und das
künstlerische Schaffen geht ein völliger Gegensatz, indem entweder
vom Standort und von den Zwecken des bloßen Menschen aus gehandelt
wird, oder aber darin selbständiges Leben mit seiner neuen Welt zur
Entfaltung strebt. Demnach liegt die ethische Aufgabe nicht in einer
Reihe mit anderen, sondern als eine Wendung des Ganzen geht sie allen
anderen voran und macht ihr Gelingen erst möglich.
So gefaßt kann die ethische Betätigung keine Knechtung und
Herabdrückung, sondern nur eine Befreiung und Erhöhung des Lebens
bedeuten. Denn bei ihr steht in Frage, daß das selbständige Leben
voll zu eigenem werde; dies aber kann nur dadurch geschehen, daß das
Gesamtleben an dieser Stelle eine selbständige Wurzel schlägt und
auch sie zur Bildung eines Selbst, zu einer Selbsterzeugung befähigt.
Diese Erzeugung eines neuen, eines geistigen Selbst ist der Punkt, an
dem das Gelingen des Lebens hängt; denn kein Streben gewinnt rechte
Kraft, das nicht als Ausdruck eines Selbst und zur Erhaltung dieses
Selbst geführt wird; ein Pseudoselbst, einen Selbstersatz bildet im
nächsten Lebensstande das natürliche Ich, das mit unheimlicher Macht
auch das Kulturleben ergreift und entstellt; seine Macht ist nur
dadurch zu erschüttern, daß dem Pseudoselbst ein echtes, ein geistiges
Selbst entgegentritt und der Bewegung die elementare Kraft und Glut
einer Selbstbehauptung verleiht. Das ist die Hauptwaffe gegen das
Scheinwesen und die Stumpfheit der Durchschnittskultur, das allein
macht ein kraftvolles Leben ohne allen Egoismus möglich. Wenn demnach
das Entstehen eines selbständigen Lebenszentrums die Hauptsache beim
Aufstieg des neuen Lebens bildet, so erscheint dabei das Merkwürdige,
ja Wunderbare, daß eben das, was gegenüber der Welt und auch gegenüber
der ihrer Verkettung unterliegenden Seelenlage unser Allereigenstes
und Ursprünglichstes ist und uns allein auf uns selber stellt, der
höheren Ordnung gegenüber sich als ein Geschaffenes und uns Verliehenes
darstellt. So hatte Luther in seinem Gedankenkreise völlig Recht, wenn
er das, was ihm als das Innerlichste und Wesentlichste am Menschen
galt, den Glauben, in keiner Weise als ein Werk des Menschen, sondern
eine göttliche Gabe und Gnade verstand: »das Übrige wirkt Gott mit uns
und durch uns, dies allein wirkt er in uns und ohne uns.« Nur eine
flachere Fassung des Glaubens kann das Leben aus Glauben und Werken
zusammensetzen. Wir brauchen jenen Grundgedanken Luthers nur weiter
zu fassen, um ihn schlechterdings unentbehrlich zu finden. Nur er
gestattet, mit tiefer Bescheidenheit und Demut im Grunde des Lebens
eine volle Selbständigkeit, Unerschrockenheit, ja, wenn es sein muß,
Trotz gegen alles Menschengetriebe zu verbinden.
Zur Vertiefung des Lebens, so sahen wir, muß sich notwendig eine
Gestaltung gesellen: das aufsteigende Leben muß, um volles Leben zu
werden, sich einen festen Zusammenhang, eine eigene Wirklichkeit
bilden. So gilt es durchgängig, vom neuen Leben aus einen
eigentümlichen Kreis zu bereiten unter Führung des Schaffens, unter
Ausführung durch die Arbeit. Sonst bleibt die Umwandlung bei aller
seelischen Wärme leicht ein bloßer Aufschwung, der keine genügende
Kraft gegenüber der Starre und Sinnlosigkeit des gewöhnlichen Lebens
aufbieten kann. So bleibt namentlich auf religiösem Gebiet viel
ehrliche Begeisterung ohne rechte Frucht, weil sie nicht den Weg zur
werktätigen Arbeit fand. Auch diese aber muß sich durch die Verbindung
mit dem geistigen Selbst erhöhen. Denn erst diese läßt sie einen
inneren Zusammenhang und eine durchgehende Beseelung gewinnen und sich
damit deutlich von aller bloßen Nutzung der Kräfte unterscheiden, der
ein geistiger Hintergrund fehlt.
Wie aber die Einzelstelle ihre Kraft letzthin aus dem Ganzen zu
empfangen hat, so muß auch der Fortgang ihres Lebens vom Gesamtleben
umfangen bleiben. Das um so mehr, als das Gesamtleben kein leeres Gefäß
ist, sondern als schaffendes bestimmte Richtungen in sich trägt und
Forderungen stellt, auch besondere Erfahrungen in Auseinandersetzung
mit der menschlichen Lage macht; diese Forderungen und Erfahrungen hat
die Einzelstelle erst herauszuarbeiten und bei sich zur Wirkung zu
bringen; ihr Geschick wie ihre Aufgabe klärt sich ihr nur vom Ganzen
her auf. Indem aber ihr Ziel und Los auf das des Ganzen aufgetragen
wird, gewinnt ihr Leben unmittelbaren Anteil an Weltgeschehnissen und
damit eine Größe; wird jene Verbindung unterbrochen und der Einzelpunkt
lediglich auf sich selbst und sein Verhältnis zur Umgebung gestellt,
so muß das Leben rasch in ein Sinken kommen; denn dann bleibt es
an den kleinmenschlichen Kreis gebannt, und aller Radikalismus,
mag er sich noch so wild geberden, der innerhalb dessen entstehen
mag, befreit nicht von jener inneren Bindung und kleinmenschlichem
Spießbürgertum. Es gibt keine Freiheit und keine Größe ohne ein
Durchdringen zu den ursprünglichen Quellen des Lebens, wie es nur durch
ein selbständiges Aneignen des Gesamtlebens möglich wird. Demgemäß
haben auch die Wirklichkeiten der besonderen Kreise innerhalb der
Bewegung des Gesamtlebens zur Wirklichkeit zu verbleiben, darin ihre
Aufhellung und auch ihr Maß zu finden. Darin allein können sie sich
auch untereinander zu einem Lebensgewebe verbinden. So stellt sich
das Leben als eine unbegrenzte Fülle von Teilwirklichkeiten innerhalb
einer Gesamtwirklichkeit dar; die Beziehung der Einzelenergie zur
Gesamtenergie hat dabei als begründend allen Beziehungen zu den
einzelnen voranzugehen, da diese eine innere Erhöhung, ja Umwandlung
erst von jener zu empfangen haben. Es hatte daher guten Grund, wenn
nicht nur große Religionen, sondern auch philosophische Gedankenwelten
darauf bestanden, daß alle Beziehungen von Mensch zu Mensch, alle
gegenseitige Liebe auf das Verhältnis zu Gott und die in ihm erwiesene
göttliche Liebe gegründet und dadurch veredelt werde. Nur eine
solche Begründung ergibt eine innere Gemeinschaft des Lebens und
ein gegenseitiges seelisches Verständnis, während der dem bloßen
Nebeneinander angehörige Mensch einer seelischen Vereinsamung nicht
entgehen kann.
Wie aber in der Kraft, so müssen auch in ihrer Arbeit die einzelnen
Lebensgebiete vom Ganzen umfangen und von ihm gerichtet bleiben,
um nicht den Zusammenhang mit den ursprünglichen Lebensquellen
zu verlieren. Die verschiedenen Lebensgebiete bedürfen das in
verschiedenem Maße, im besonderen notwendig ist die Wahrung des
Zusammenhanges den Gebieten, die als Träger geistigen Schaffens
nur dadurch eine eigentümliche Aufgabe und eine sichere Stellung
gewinnen wie die Religion, die Kunst und auch die Philosophie. Sie
alle sinken und lassen den geistigen Gehalt zugunsten technischer
Leistung verkümmern, wenn sie jenen Zusammenhang lockern oder wohl
gar verschmähen. Wie wollte zum Beispiel die Philosophie mehr werden
als eine Zusammenstellung der Einzelwissenschaften oder eine nicht
sehr fruchtbare Fachwissenschaft neben anderen, wenn sie nicht ihre
Hauptaufgabe darin fände, die Forderungen, welche der Aufstieg des
Lebens zur Selbständigkeit enthält, deutlich herauszuarbeiten und sie
gegen den Widerspruch der nächsten Welt zu vertreten? Solche Fassung
macht die Einzelgebiete keineswegs zu bloßen Anwendungen einer schon
gesicherten und abgeschlossenen Wahrheit, ihre besonderen Erfahrungen
und Leistungen können auch das Gesamtleben fördern und weiterführen,
aber das nur unter Versetzung auf seinen Boden.
Diese Forderung eines Zusammenhanges der Einzelgebiete mit dem
Ganzen der Lebensentfaltung gibt der weltgeschichtlichen Bewegung
der Menschheit einen hohen Wert auch für das Lebensproblem, sie
drängt zur Ausbildung einer weiteren Gegenwart gegenüber der des
bloßen Augenblicks. Denn den geistigen Kern jener Bewegung bildet das
Sichselbersuchen und Entfalten des Lebens; darin sind eigentümliche
Linien vorgezeichnet, Eröffnungen erfolgt und Erfahrungen gemacht,
welche sich von der Zufälligkeit der Zeitlagen abzulösen vermögen,
alle weitere Bewegung begleiten und Forderungen an sie stellen; so
wenig das der Gegenwart die eigene Arbeit abnimmt, es kann sie in
dieser erheblich fördern, sofern nur im geschichtlichen Befunde eine
gründliche Scheidung von Zeitlichem und Ewigem erfolgt; eine solche
Scheidung läßt sich aber nur vom Ganzen des Lebens aus vollziehen. Denn
nur bei diesem kommen wir auf den letzten Punkt der Entscheidung, nur
von hier aus wird ein endgültiges Urteil darüber möglich, was von den
Erzeugnissen der bloßen Zeit angehört, und was über sie hinaus in eine
ewige Ordnung weist.
Die durch das alles gehende Anerkennung eines Hervorgehens der Welt
und Wirklichkeit aus der eigenen Bewegung des Lebens ist das sicherste
Mittel, den Menschen von der Herrschaft des bloßen Intellekts zu
befreien, wonach gerade unsere Zeit aus ganzer Seele schmachtet,
ohne es genügend erreichen zu können. Denn solange die Welt als eine
gegebene Wirklichkeit uns gegenübersteht, wird es immer der Intellekt
sein, der eine Verbindung mit ihr herstellt und damit die Führung des
Lebens an sich nimmt, erst wenn die Welt als ein Erzeugnis schaffenden
Lebens und innerhalb dieses befindlich erscheint, tritt die Tat an die
erste Stelle. Gewiß wird auch bei ihr als einer geistigen das Denken
eine große Rolle spielen, aber es bildet dann nur die Form, in der sich
das Leben entfaltet, eine Form, die eine Erfüllung und Belebung erst
von dem wirklichkeitschaffenden Selbst erwartet; von diesem Selbst
abgelöst werden die Erzeugnisse des Denkens bloße Schatten und das
aus diesen bestehende Reich ein Scheinersatz echter Wirklichkeit. Die
Welten aller großen Denker waren an erster Stelle Erweisungen ihres
Selbst, Erhaltungen dieses Selbst; nur das gab ihnen ihren Charakter.
Alles miteinander verlegt das Leben mehr in die Innerlichkeit zurück,
aber in eine Innerlichkeit, welche nicht nachbildender, sondern
schaffender Art ist, welche nicht neben den Dingen steht, sondern sie
aus ihrem eigenen Grunde hervorbringt. In einer solchen Innenwelt wird
für die Einzelenergie zum Grundverhältnis des Lebens das Verhältnis zur
Gesamtenergie, nur dann vollzieht sich die gesamte Lebensentfaltung
innerhalb einer bei sich selbst befindlichen Welt, und gehört dieser
Welt alles an, was den Grundbestand des Lebens betrifft. Hier steht in
Frage das, was in der Sprache der Religion Rettung der Seele heißt. Das
besagt zugleich, daß, was hier geschieht, gewonnen oder verloren wird,
an Gehalt und Wert alles andere unvergleichlich überragt, was sonst dem
Menschen zufallen und zur Aufgabe werden kann.
Eine derartige geistige Innerlichkeit kann sich aber nur behaupten
unter steter Abwehr eines Eindringens bloßmenschlicher Elemente und
eines Sinkens unter die Zwecke der bloßen Menschen. Die Geschichte
zeigt hier einen durchgängigen Gegensatz niederer und höherer Art.
Einerseits das Streben, alle Lebensbewegung dem Wohl des bloßen
Menschen dienen zu lassen und ihn in seiner natürlichen Lebenshaltung
dadurch zu stärken, andererseits eine Entfaltung vom Ganzen des
Lebens her und damit eine Emporhebung über den bloßen Menschen; dort
bei aller Geschäftigkeit eine innere Leere und ein Abhängigbleiben
von der menschlichen Vorstellungsweise; hier eine Herausbildung
von Lebensinhalten und das Aufnehmen eines Kampfes gegen jene
Vorstellungsweise; dort bleibt der Mensch bei allem Sichstrecken
nach außen hin im Kerne unverändert, hier heißt es, ihn innerlich
zu erweitern und den Schwerpunkt seines Wesens zu verlegen. Am
deutlichsten ist dieser Gegensatz wohl bei der Religion. Denn alle
Gemeinschaft von Worten, Formeln und Einrichtungen verdeckt nicht den
weiten Abstand zwischen einer Religion, die dem Menschen, ohne ihn
wesentlich umzuwandeln, Glück und Fortbestand verheißt, und einer
Religion, welche ein neues Leben verkündet und in dieses den Menschen
versetzen will. Nur so gefaßt kann sie als lauterer Selbstzweck wirken,
nur so auch den Vorwurf widerlegen, ein Erzeugnis bloßmenschlicher
Begehrung und Meinung zu sein. Denn nun wird sie aus einer
Selbsterhaltung des bloßen Menschen eine Selbsterhaltung des Lebens
beim Menschen; was sie aus einer solchen an neuen Gehalten eröffnet und
mit überlegener Macht an ihn bringt, das kann mit seiner Unendlichkeit,
Ewigkeit, Vollkommenheit kein Machwerk des bloßen Menschen sein, das
bedeutet augenscheinlich die Erschließung eines neuen Lebens. Ähnlich
steht es mit den anderen Lebensgebieten; sie mußten oft genug dem
bloßen Menschen dienen, aber sie verloren damit eine Selbständigkeit,
einen inneren Zusammenhang, einen eigentümlichen Gehalt. Das
ändert sich nicht wesentlich, wenn für den einzelnen Menschen das
Nebeneinander der Menschen, die Masse, eingesetzt wird; denn die
Summierung befreit nicht von der Abhängigkeit gegen bloßmenschliches
Wohl und Wehe, sie ergibt keine höheren Ziele. Hier liegt eine nicht
geringe Gefahr für die an sich so segensreiche soziale Bewegung, sie
kann ein inneres Sinken nicht vermeiden, wenn sie als ein bloßes Mittel
für das menschliche Wohlsein behandelt, was ohne innere Zerstörung
keine solche Unterordnung verträgt. Wo zum Beispiel das Recht in
dieser Weise behandelt wird, da verliert es alle eigentümliche Art, da
steigert es nicht den Lebensgehalt, da hört es auf ein selbständiges
Lebensgebiet zu sein. Das Durchschauen dieses inneren Gegensatzes einer
bloßmenschlichen und einer selbständigen Behandlung der Lebensgebiete
erzeugt aber unmittelbar die Forderung, die Vermengung, die das
Durchschnittsleben beherrscht, mit aller Energie zu bekämpfen und den
Geistesgehalt der Gebiete als Glieder eines großen Lebenszusammenhanges
deutlich herauszuarbeiten.
Was die eigentümliche Art dieser Lebensbewegung an die einzelnen
Lebensträger und Lebensbereiche an Forderungen stellt, das dürfte
besonders deutlich aus der Vergleichung mit der modernen Lebensordnung
erhellen. Diese hat einen eigentümlichen Charakter vornehmlich dadurch
erhalten, daß sie die Kraft zum Kern des Lebens machte und in ihrer
Entfaltung und Steigerung seine Hauptaufgabe fand, an ihre Lösung
vornehmlich Gelingen und Glück des Lebens band. So hieß es beim
Individuum alle Kraft zu entfalten, so wurde in Staat und Gesellschaft
möglichst alle Kraft zur Betätigung aufgerufen und auch das gemeinsame
Wirken vornehmlich auf das Ziel der Befreiung aller Kräfte gelenkt,
so wurden die verschiedenen Kulturgebiete namentlich danach geschätzt
und gestaltet, was sie der Kraftentwicklung leisteten, so bestand
selbst die Neigung, das Weltall als einen großen Kraftkomplex zu
verstehen. Mit solcher Steigerung der Kraft schien auch das Glück ins
Unermeßliche zu wachsen. Die Durchführung dieses Strebens hat unendlich
viel Schlummerndes geweckt, Starres in Fluß gebracht, uns mehr Macht
nicht nur über die Umgebung, sondern auch über uns selbst gegeben,
sie hat damit den Gesamtstand des Lebens beträchtlich gehoben. Aber
diese Lebensordnung der Kraftentfaltung ließ auch manches verloren
gehen, sie hat eine sehr bestimmte Grenze gezeigt. Denn so notwendig
die Entwicklung der Kraft, sie ist mehr ein Mittel für ein höheres
Ziel als ein vollgenügender Selbstzweck; wird sie als ein solcher
betrachtet und behandelt, so entsteht die Gefahr, daß das Leben ein
rastloses Weiter- und Weiterstreben werde, nie zu einem Ruhen in sich
selbst und daher auch nie zur Herausbildung eines Inhalts gelange,
demnach bei aller Aufregung und bei allen Erfolgen im Einzelnen als
Ganzes schließlich ins Leere verlaufe. Die Gegenwart empfindet das
schon deutlich genug, und sie empfindet zugleich die Notwendigkeit,
über diesen Abschluß des Lebens hinauszukommen. Das kann aber nur
geschehen, wenn die Kraftentwicklung einer überlegenen Ordnung des
Beisichselbstseins des Lebens und der Inhaltsbildung eingefügt wird,
es gilt durchgängig von den bloßen Kraftkomplexen zu bei sich selbst
befindlichen Lebensenergien, zu Lebenszentren zu streben, so bei allen
Lebensträgern und in allen Lebensgebieten. Eine solche Lebensenergie
mit einem selbständigen Zentrum muß das Individuum, müssen Staat und
Gesellschaft, müssen die einzelnen Lebensgebiete, muß schließlich
auch das Ganze des Weltalls werden. Die Bildung einer solchen Energie
fordert aber das Erringen einer inneren, der Mannigfaltigkeit
überlegenen und sie durchdringenden Einheit, das kann aber den
einzelnen Stellen nur innerhalb des Ganzen und im Schöpfen aus ihm
gelingen. So gilt es durchgängig eine Wendung des Lebens nach innen,
während die bloße Krafterweisung es unvermeidlich nach außen kehrt und
bei sich selbst zerspaltet. Der Kulturarbeit ergeben sich damit weite
Ausblicke und fruchtbare Aufgaben, die sich hier nur andeuten lassen.
Das Erkennen einer Grundtatsache des Lebens vor aller näheren
Gestaltung vermag auch der menschlichen Überzeugung einen festeren
Halt zu geben. Die nähere Durchbildung der Bewegung bringt viel
Arbeit und verwickelte Fragen mit sich, welche die Individuen und
ganze Kreise leicht weit auseinanderführen; der Zwiespalt und Streit
läßt dann leicht die Gesamtbewegung als unsicher erscheinen. Suchen
wir dagegen die erste Tatsächlichkeit beim Leben selbst, arbeiten
wir sein Grundgefüge heraus, so läßt sich in der Ausführung das
Auseinandergehen und selbst der Kampf wohl ertragen, ohne daß uns das
Ganze wankend wird. Das gilt zum Beispiel von der Religion. Nach der
Verschiedenheit der Individuen, der Bildungsstufen, der Kulturkreise
wird ihre Gestaltung unvermeidlich recht verschiedener Art sein; aber
wir brauchen uns dieser Spaltung nicht endgültig zu ergeben, wir können
uns bemühen, vom Grundbestande des Lebens her ein gemeinsames Geschehen
herauszuheben, das der Zersplitterung entgegenzuwirken vermag. Zugleich
aber auch dem Zweifel, der über der Unfertigkeit der Durchbildung die
bewegende Kraft übersieht, welche auch den Streit erst möglich macht,
der so den Wald vor Bäumen nicht sieht und eine im Fluß befindliche
Bewegung nach einem starren Maßstabe mißt.
Eben dieses muß dabei zur Befestigung der Überzeugung wirken, daß
die Bewegung nicht an einzelnen Punkten hängt, sondern einen Kampf
von Ganzem zu Ganzem in sich trägt. Einzelne Vorgänge lassen sich je
nach der Fassung des Ganzen verschieden deuten und wenden, wie denn
ein starkes Mißtrauen gegen sogenannte innere Erfahrungen berechtigt
ist, da der eine sie so, der andere anders zu deuten vermag; ja selbst
ganze Komplexe sind verschiedener Deutungen fähig und sehen wohl
ihre Ursprünglichkeit bestritten. Besteht doch selbst darüber in der
Wissenschaft keine Übereinstimmung, ob Größen wie Pflicht und Gewissen
Urphänomene oder abgeleiteter Art sind. Wird aber der Kampf von Ganzem
zu Ganzem geführt und die innerste Seele eingesetzt, so kommen wir auf
das letzte, das ursprüngliche Geschehen; wenn irgendwo, so wird hier
unsere Überzeugung eine elementare Festigkeit gewinnen. Denn hier wird
uns nicht etwas von außen her zugeführt oder auch als ein innerer
Zustand nur wahrgenommen, sondern hier steht die Sache auf unserer
Tat und Entscheidung; es handelt sich dabei um nichts Geringeres als
um unsere geistige Selbsterhaltung, um geistiges Sein oder Nichtsein.
Diese Selbsterhaltung mit ihrer Selbstbejahung ist aber die Wurzel
aller Gewißheit, aus ihr entspringt alles Suchen einer solchen. Dabei
sei stets gegenwärtig, daß, was wir einerseits als eine Grundtatsache
ergreifen, sich andererseits als eine unermeßliche Aufgabe darstellt.
Denn volle Festigkeit kann uns das Leben nicht mit einem Schlage
gewinnen, sondern nur durch ein fortschreitendes Zusammenschließen,
durch ein Wachstum in gegenseitiger Verschränkung und Durchbildung der
Mannigfaltigkeit, das aber innerhalb eines umfassenden Selbst, das
durch alles hindurch sich entfaltet und den ganzen Umkreis beseelt.
Je mehr das Leben das Gewebe einer Wirklichkeit aus sich entwickelt,
zugleich aber ein volles Beisichselbstsein gewinnt, desto stärker wird
die Befestigung; das Einzelne wird um so sicherer werden, je enger es
sich dem Ganzen verkettet, und je mehr das Leben des Ganzen in ihm
gegenwärtig ist. Wenn demnach volle Sicherheit uns Menschen als ein
hohes und fernes Ziel gelten muß, so bleibt die Bewegung zu diesem
Ziele mit ihrer Überlegenheit gegen alle menschliche Willkür eine
Tatsache ursprünglicher und unbestreitbarer Art; wir könnten jenes Ziel
nicht suchen, nicht unsere Seele daran setzen, wirkte es nicht von
vornherein als treibende Kraft in uns; das aber kann es nicht, ohne
irgendwie in uns selbst gegründet zu sein.
Was so vom Ganzen des Lebens gilt, das gilt auch von seinen einzelnen
Trägern: auch die Kulturepochen, die Völker, die Individuen erlangen
eine Festigkeit der Überzeugung und eine Sicherheit des Weges nicht
durch angestrengtes Grübeln, hinter das immer wieder ein neues Grübeln
treten kann, sondern nur durch einen inneren Zusammenschluß ihres
Lebens und seine Lagerung um einen beherrschenden Mittelpunkt; nur das
verscheucht den Zweifel und gibt dem Handeln eine freudige Zuversicht,
nur von hier aus wird uns das Leben aus halber zu voller Wirklichkeit.
Geistiges Leben und menschliche Lage.
Daß ein neues Leben in der Menschheit und auch beim einzelnen Menschen
erwacht, sie über den nächsten Stand hinaustreibt und dafür eine große
Wendung fordert, das spricht zu uns mit zu viel Tatsächlichkeit, um
sich bestreiten zu lassen. Aber zugleich ist nicht zu verkennen, daß
nicht das gesamte Leben in diese Bewegung aufgeht, daß das Dasein mit
seinen eigentümlichen Lebensformen ihr gegenüber beharrt, daß damit
das Ganze des Lebens unter einen Widerspruch gerät. Selbständiges
Leben fordert eine Überlegenheit gegen Raum und Zeit, der Mensch des
Daseins bleibt streng an diese gebunden; jenes entwickelt ein Ganzes
der Gedankenwelt, das menschliche Leben verläuft in der Fläche des
Bewußtseins mit seiner begrenzten Fassungskraft und seiner unablässigen
Veränderung; inmitten alles geistigen Aufschwungs beharren die
Bedürfnisse der natürlichen Selbsterhaltung mit starkem Zwange; eine
Losreißung vom gesellschaftlichen Durchschnitt, ja ein Kampf gegen ihn
erwies sich als unentbehrlich, und doch bleibt der Mensch ein Stück von
jenem und muß hier seine Stellung wahren. So behauptet sich das Dasein,
das von der Tatwelt aus als eine niedere Stufe erschien, mit zäher
Kraft ihr gegenüber und macht eigentümliche Rechte geltend. Ein solcher
Stand der Dinge muß den Menschen in starke Unruhe versetzen, er hat
ihn auf weit abweichende Bahnen getrieben.
Als einfachster Weg zur Lösung der Verwicklung konnte aufstrebenden
Seelen und Zeiten das Unternehmen erscheinen, die niedere Welt völlig
abzustoßen und den ganzen Umfang des Lebens von der in kühnem Sturm
gewonnenen Höhe aus zu entwickeln. So ward es in der Religion, so
in der Moral, so auch in der Philosophie gewagt. Aber überall hat
sich gezeigt, daß solche Ablösung von der Erfahrungswelt, solcher
Versuch, alle Wirklichkeit von innen her zu erzeugen, unüberwindliche
Widerstände fand und das Geistesleben selbst mit Verarmung bedrohte.
So geschah es der Mystik, wenn sie sich nicht damit begnügte, eine
allumfassende Einheit zu verkünden und ihre Gegenwart an jeder
Stelle zu fordern, sondern wenn sie alle Mannigfaltigkeit zu bloßem
Scheine herabsetzen wollte; denn unrettbar verfiel sie dabei in
ein Gefühlsleben völlig gestaltloser Art, und sah sie sich vom
höchsten Aufschwung oft in einen Stand gänzlicher Verlassenheit
zurückgeschleudert. Ähnliches erfuhr die Moral, wenn sie die notwendige
Begründung des Handelns auf das alle Mannigfaltigkeit tragende
Gesamtleben so verstand, daß nun alle Befassung mit menschlichen
Angelegenheiten als ein Raub am Höchsten erschien; denn so kamen
Gottesliebe und Menschenliebe in einen schroffen Widerspruch, und jene
Gottesliebe selbst drohte erzwungen und innerlich leer zu werden.
Auch die Philosophie hat die notwendige Überlegenheit des Denkens
wohl dahin überspannt, aus seiner Bewegung die ganze Wirklichkeit
entspringen zu lassen, sie hat diese aber damit in ein Gewebe formaler
Größen verwandelt; sie hätte das noch mehr getan, wäre ihrer Arbeit
nicht immerfort aus der Erfahrungswelt eine versteckte Ergänzung
zugeflossen. Demnach muß überall die geistige Bewegung allerdings
volle Selbständigkeit erreichen und ihre Überlegenheit wahren, aber
unmittelbar aus eigenem Vermögen kommt sie über Entwürfe und Umrisse
nicht hinaus, auch gewinnt sie damit nicht die erforderliche Kraft,
um die harten Widerstände zu brechen. Das Dasein ist keineswegs bloß
etwas Niederes, über das sich ohne Verlust hinweggehen ließe, sondern
in ihm stecken Tatsachen, deren Ergreifung der geistigen Bewegung
erst eine genauere Richtung gibt, in ihm stecken Kräfte, die gewonnen
sein wollen, damit das geistige Leben die notwendige Stärke erhalte.
Freilich wird sich dabei nicht einfach aufnehmen lassen, die Aneignung
muß zugleich eine Umwandlung sein, aber es bleibt die Forderung
einer Ergänzung des Lebens von dorther. Das bildet eine entschiedene
Wendung und einen erheblichen Fortschritt der Neuzeit, daß sie das
Dasein keineswegs bloß als ein niederes, für das geistige Leben
gleichgültiges, ja gefährliches Gebiet behandelt, daß sie vielmehr auf
die Notwendigkeit dringt, sich unbefangen auch in jenes zu versetzen
und es für das Hauptziel zu verwerten. Vorher hatte das Bestehen auf
einen aller individuellen Willkür überlegenen Gesamtstand die einzelnen
Menschen und auch die einzelnen Lebensgebiete von vornherein als
Glieder eines Ganzen behandelt und jede Selbständigkeit ihm gegenüber
zu einem Unrecht gestempelt, jetzt haben wir uns überzeugt, daß das
Gelingen des Ganzen selbst einer freieren Entwicklung der Elemente
bedarf; früher ging das Streben auf eine zeitüberlegene Ordnung, die
alle Veränderung zu etwas Niederem, ja Verwerflichem herabsetzte und
damit der Geschichte nur eine untergeordnete Stellung zuwies, die
Neuzeit brachte zur Geltung, daß sich uns Menschen viel Wertvolles, ja
Unentbehrliches nur mit Hilfe der Bewegung zu eröffnen vermag, obschon
es selbst der Bewegung überlegen ist, sie erhob damit die Geschichte zu
einer wesentlichen Seite des Lebens; die sinnliche Welt schien vorher
durchaus untergeordnet und das Streben nach sinnlichen Gütern als ein
Ausdruck niedriger Gesinnung, der Neuzeit hat sich herausgestellt, daß
das Leben der Erfahrungen der sinnlichen Welt zur eigenen Weiterbildung
bedarf, und daß die sinnlichen Güter auch die seelische Kraft zu
steigern vermögen. So wird durchgängig dem Dasein ein höherer Wert
zuerkannt und der Tatwelt seine Aneignung geboten.
Solches Angewiesensein der Tatwelt auf das Dasein bringt aber manche
Fragen mit sich und legt Wendungen nahe, die das menschliche Leben
auf eine falsche Bahn verleiten. Vornehmlich diese Wendung, daß, was
das Dasein in der Beleuchtung und der Behandlung von der Tatwelt aus
leistet, als sein eigenes Werk erachtet, der Tatwelt aber damit alle
Selbständigkeit abgesprochen wird. So geschieht es, wenn man glaubt,
aus bloßer Erfahrung ein Ganzes der Erkenntnis gewinnen zu können,
da die Bildung einer Erfahrung selbst das Wirken des Denkens fordert
und damit die Tatwelt voraussetzt; so geschieht es weiter, wenn der
Naturalismus ein wissenschaftliches Bild der Natur, eine Umsetzung der
sinnlichen Eindrücke in Gedankengrößen, aus sich zu gewinnen hofft,
da jenes Bild von der Tatwelt aus entworfen wird; hierher gehört es
auch, wenn eine flachere Fassung der Sozialethik das bloßmenschliche
Zusammensein Moral erzeugen läßt, da ohne eine Ursprünglichkeit
der Moral jenes Zusammensein nun und nimmer eine Wendung zur Moral
vollziehen könnte. Es kann aber solche Verkehrung nicht die zweite
Stelle zur ersten machen, ohne daß der Bestand des Lebens in ein jähes
Sinken gerät; so erklärt sich vollauf der Ernst, ja die Leidenschaft
des um diese Fragen geführten Kampfes.
Minder stark ist die Irrung, aber es bleibt eben bei der Verfeinerung
eine gefährliche Irrung, den Bestand des Lebens aus Tatwelt und Dasein
zusammenzusetzen, etwa das Erkennen aus Denken und Sinnlichkeit.
Denn einmal erzeugt eine solche Zusammensetzung unvermeidlich einen
Streit darüber, welche der beiden Seiten die wichtigere sei und das
Maß zu geben habe, wie das zum Beispiel der Streit des Idealismus
und des Realismus um das Verständnis Kants mit voller Deutlichkeit
zeigt; dann aber erreicht eine bloße Zusammensetzung nie eine innere
Einheit und daher auch kein volles Leben. Von altersher bis in die
Neuzeit hinein ward versucht, das Leben aus einem Zusammenwirken von
Stoff und Form zu erklären, aber das genügt nicht einmal für die
Kunst, die jener Versuch zunächst im Auge hatte. Denn Form und Stoff
ergeben miteinander keineswegs schon ein lebensvolles Kunstwerk; sonst
würde ja die »akademische« Kunst den Gipfel aller Kunst bedeuten.
Noch weniger ergibt die peinlichste Anwendung von Denkgesetzen auf
den Stoff der Erfahrung eine lebendige Wissenschaft, am wenigsten
aber die gewissenhafteste Anwendung moralischer Regeln auf die Fülle
der Lebenslagen die lebendige Selbstentfaltung einer Persönlichkeit.
Freilich muß dem Dasein eine gewisse Selbständigkeit zuerkannt
werden, aber es ist auf den Boden des Höheren zu versetzen und hier
umzugestalten, um das Ganze des Lebens weiterzuführen. So ist, wenn
die Kunst eines Goethe Inneres und Äußeres untrennbar miteinander
verbindet, das keine Zusammensetzung aus gleichwertigen Faktoren,
auch kein bloßer Parallelismus, sondern das Innere bleibt überlegen,
es zieht das Äußere an sich und teilt ihm seine Seele mit, es selbst
aber findet erst in der Darstellung nach außen seine Durchbildung und
Vollendung. Demnach ist die Lebensbewegung anders zu verstehen als eine
Zusammensetzung von Form und Stoff oder auch von Kraft und Gegenstand.
Eine Erhebung über den Gegensatz muß schon in der Tatwelt durch ein
volltätiges Schaffen erfolgen; dieses bleibt nur insofern begrenzt, als
es unmittelbar aus sich selbst nur die Grundlinien festzustellen, nur
den Umriß zu entwerfen vermag; eben darin enthält es auch einen Antrieb
zur Weitergestaltung. Dieser ist aber nur zu befriedigen, indem das
Dasein auf den Boden der Tatwelt gezogen wird und Anhaltspunkte für
die erstrebte Weiterbildung gewährt, aber so gewiß damit die Tatwelt
eine gewisse Bindung erfährt, sie ist es, in deren Bereich der Aufstieg
erfolgt. Zur ersten Aufgabe wird damit, die Wirklichkeitslinien und
Umrisse feststellen, welche die Tatwelt aus sich hervorbringt, erst
das ruft eine Bewegung hervor und stellt Fragen an das Dasein, deren
Beantwortung das Leben weiterzubilden vermag.
Immerhin behält auch bei solcher Unterordnung das Dasein eine gewisse
Selbständigkeit, das Leben aber bekommt zwei Ausgangspunkte, die
sich nicht miteinander vermengen dürfen. Nur wenn das Dasein eine
unbefangene Betrachtung und Würdigung findet, kann es seinen vollen
Beitrag zum Gelingen des Lebens liefern. So wenig damit unser Leben im
Grunde zwiespältig wird, es behält eine Abstufung in sich selbst, und
es kann auf gewisse Fragen keine schlechthin einfache Antwort geben.
Nehmen wir zum Beispiel die Frage des Glücks. Gewiß können wir den Kern
unseres Glückes nur in dem Gewinn eines selbständigen Lebens suchen,
aber auch als Teilhaber einer Geisteswelt bleiben wir Menschen zugleich
Wesen von Fleisch und Blut sowie Bürger eines gesellschaftlichen
Zusammenseins; auch hier steht ein Gelingen oder Mißlingen in Frage,
wir können, wir dürfen, was hier geschieht, nicht als gleichgültig
von uns weisen, wir können das nicht, weil es tatsächlich in den
Gesamtstand des Lebens eingreift, wir dürfen es nicht, weil durch
eine Mißachtung dessen, was hier geschieht, auch der innere Bestand
des Lebens Schaden leidet. Mit einem solchen Auseinanderhalten der
Ausgangspunkte braucht aber das Leben selbst nicht auseinanderzufallen,
es wird das nicht tun, solange die Überlegenheit der Tatwelt
voll gewahrt wird. Freilich liegt hier die Möglichkeit schwerer
Verwicklungen nahe, und daß es nicht bei der bloßen Möglichkeit bleibt,
das wird uns bald zu beschäftigen haben.
Zum Abschluß dieser Betrachtung sei nur noch dieses bemerkt, daß eben
das Auseinanderhalten von Tatwelt und Dasein es möglich macht, den
verschiedenen Lebensordnungen, die heute sich gegeneinander stellen,
ein gewisses Recht zuzuerkennen, ohne sie durch einen flachen Ausgleich
nur aneinanderzukleben, es möglich macht, die Gegensätze vollauf
anzuerkennen und ihnen dabei überlegen zu bleiben. Die Lebensordnungen
der unsichtbaren Welt verfechten das höhere Recht der Tatwelt und sind
darin unangreifbar; sie können aber ins Unrecht geraten und vermögen
ihren Idealismus nicht vollauf durchzubilden, wenn sie das Dasein
mißachten und damit auf die Hilfen verzichten, die sie für ihre eigenen
Zwecke aus ihm gewinnen könnten. Die Lebensordnungen der sichtbaren
Welt sind demgegenüber im Recht mit dem Ausweis, daß sie nicht bloß
einzelne Daten, sondern ganze Seiten des menschlichen Lebens vertreten,
die als Charakterzüge auch in sein Gesamtbild stärker einfließen
müssen, als es in früheren Zeiten geschah. Wir haben innerhalb des
Idealismus realistischer zu denken, ohne damit dem Widersinn eines
»Realidealismus« zu verfallen.
Auch die Verzweigung innerhalb der beiden Hauptrichtungen ist aus
dem Zusammenhange unserer Betrachtung ganz wohl zu verstehen und zu
würdigen. Er macht begreiflich, daß das geistige Leben einerseits alle
Ausbreitung zurückstellen und sich in sich selbst befestigen muß, um
eine sichere Weltüberlegenheit und ein volles Beisichselbstsein zu
finden, daß andererseits aber zu seiner Durchbildung die Entfaltung
zu einer Welt schlechterdings unentbehrlich ist. Ganze Lebensgebiete
folgen mehr der einen oder der anderen Richtung und bekennen damit eine
Überzeugung vom Ganzen; die einen beherrscht der Kontrast, die anderen
der Zusammenhang der Wirklichkeit. Jenes geschieht bei der Religion
und auch bei der Moral, wo sie in strengem Sinne genommen wird, mit
ihrer Schärfung des Gegensatzes rütteln sie auf und treiben sie das
Leben weiter; dieses geschieht bei der Kunst und der Wissenschaft,
sie wirken damit zur Verbindung und zugleich zur Befestigung des
Lebens. Ein Überwiegen jener droht das Leben zu sehr im bloßen Umriß
zu halten und die durchbildende Kraft der Arbeit zu unterschätzen, ein
Überwiegen dieser hemmt leicht die volle Anerkennung der Tiefen und
auch der Abgründe des Lebens. Wie die menschliche Lage einmal ist,
müssen die beiden Ströme eine gewisse Selbständigkeit gegeneinander
bewahren, um ihre Eigentümlichkeit und ihre Kraft voll erweisen zu
können. Wenn demnach alles Ineinanderfließen fernzuhalten ist, so
darf auch die Erhebung über die Welt nicht so verstanden werden, daß
sie nur vorgenommen wird, um der Welt mehr Gehalt bei sich selbst zu
geben. Die Überlegenheit darf kein bloßer Durchgangspunkt sein, sie
ist auch bei kräftiger Erfassung der Welt festzuhalten, damit nicht
ein Pantheismus entstehe, der zugleich verneint und bejaht und daher
nur eine Übergangserscheinung sein kann. Auch die Lebensordnungen
der sichtbaren Welt werden gegenseitig ihre Grenze zu wahren haben;
die Natur mit ihrer reinen Tatsächlichkeit und ihrer durchgehenden
Verkettung, und das Menschenleben mit seinem unablässigen Weiterstreben
und seinen schroffen Gegensätzen dürfen nicht ineinander verfließen.
Das ist es, was den Positivismus eines Comte zu einem durchgehenden
Widerspruch macht, daß er einmal in naturwissenschaftlicher Denkart
eine bloße Schilderung, eine Beschreibung des Tatbestandes sein
will, andererseits aber mit höchstem Eifer eingreifende Wandlungen
des gesellschaftlichen Zusammenseins fordert. An solchem Widerspruch
leidet auch die Soziologie, indem sie das Leben der Gesellschaft unter
Naturgesetze stellt, aber es zugleich wesentlich umbilden will.
So ist es als eine Eigentümlichkeit der menschlichen Lage
anzuerkennen, daß das Leben sich vollauf zu entfalten nur vermag,
indem es verschiedenen Strömen eine gewisse Selbständigkeit gewährt.
Zugleich freilich ist mit größtem Nachdruck zu fordern, daß ein
Ganzes des Lebens den einzelnen Strömen überlegen bleibe und ihre
besonderen Erfahrungen in eine Gesamterfahrung verbinde, die aus
ihnen erwachsenden Lebensbilder an einem Gesamtbilde prüfe und
daraus berichtige. Das kann nur geschehen, wenn ein der Verzweigung
überlegener Standort gewonnen und zugleich das Lebensproblem weiter
zurückverlegt wird. Das wird aber möglich, wenn die Bildung eines
selbständigen schaffenden Lebens im Bereich des Menschen zum Problem
der Probleme wird, wenn die Frage des Lebens überhaupt vor alle Fragen
der besonderen Gestaltung tritt. Zur Aufgabe wird damit, jeden
einzelnen Strom auf den Punkt zurückzuführen, wo er aus dem Ganzen
hervorbricht, und seine Bedeutung danach zu messen, was er für das
Ganze des Lebens leistet. Auch das stellt Aufgaben über Aufgaben, und
es erscheint auch von hier aus unser menschliches Leben als mitten
im Werden begriffen und daher als höchst unfertiger Art. Aber warum
sollte uns das erschrecken und niederdrücken, wenn nur feststeht,
daß Bedeutendes bei uns vorgeht, und daß die Sache hoch über aller
menschlichen Willkür liegt. Und darüber kann nicht wohl ein Zweifel
sein.
Auseinandersetzung mit der Welt und der Lage des Menschen.
Bisher hatten wir ein Gesamtbild des Lebens entworfen, ohne die Frage
zu stellen, wie weit unser menschlicher Bereich es zur Ausführung
bringt, was er an Hemmungen, aber auch an Überwindungen enthält. Nun
aber gilt es sich auch damit zu befassen; wir werden dabei nicht nur
einen eigentümlichen Tatbestand finden, wir werden im Bilde des Lebens
selbst weitere Züge entdecken. Es erwachsen aber Hemmungen vornehmlich
in dreifacher Richtung: aus der Übermacht der Natur, aus der
Unsicherheit des Geisteslebens, aus der Unlauterkeit und dem inneren
Widerspruch des menschlichen Standes. Diese Punkte wollen gesondert
behandelt sein.
Die Übermacht der Natur.
Verhält sich Geistesleben und Natur, wie unser Lebensbild behauptet,
wie eine höhere und niedere Stufe, so wäre zu erwarten, daß die
Natur durchgängig sich unterordnete und einen Zusammenhang mit dem
Geistesleben zeigte. Dem aber widerspricht zunächst die Unermeßlichkeit
der Natur, der gegenüber, was in der Menschheit an geistiger Art
erscheint, zu winziger Kleinheit herabsinkt. Es klingt vermessen, ein
so Verschwindendes für den Kern der Wirklichkeit auszugeben. Weiter
aber scheint der Natur alle Verknüpfung mit dem Geistesleben zu fehlen.
Frühere Zeiten haben wohl gewagt, eine solche aufzuweisen, so glaubte
das Mittelalter in der Pflanzen- und Tierwelt durchgängig Hinweise auf
das Leben, Leiden und Auferstehen Jesu zu entdecken, eine sinnbildliche
Deutung wob ein Band zwischen der Außen- und der Innenwelt. Wie fern
ist uns heute, schon durch die unermeßliche Erweiterung der Natur ins
Große wie ins Kleine hinein, diese Denkart gerückt! Nach dem jetzigen
Bilde scheint die Natur ganz und gar in sich selbst zu ruhen und bei
sich selbst zu verlaufen, scheint auch das Gebiet organischer Bildung
nicht über sich selbst hinauszuweisen. Welche Beziehung könnte zum
Beispiel die wunderbare Lebensfülle und der erstaunliche Formenreichtum
der Tiefseewelt zur Entwicklung des Geisteslebens haben? Wohl führt
in der Natur ein Strang zu der Höhe, wo sich solches Leben entfaltet,
aber dieser Strang ist nur einer neben vielen anderen, die sich an
mannigfachen Stellen abzweigen und ohne irgendwelchen Zusammenhang mit
jenem Leben verlaufen. Wie ein dunkles Rätsel steht vor uns das Ganze
der Natur. Ein Aufstieg der Bildung und des Lebens ist unverkennbar,
aber er erfolgt unter harten Widerständen und so, daß das Höhere streng
an die niederen Stufen gebunden bleibt. Schwerlich wird die Natur sich
letzthin mechanisch erklären lassen, die Anerkennung bildender Kräfte
aber macht es zu einem rätselhaften Widerspruch, daß vielfach die Natur
die Wesen gegen einander hetzt und sie auf gegenseitige Zerstörung
anweist; indem sie die Angriffswaffen des einen, die Schutzwehr
des anderen verstärkt, scheint sie sich selbst entgegenzuwirken.
Zweckmäßigkeit an den einzelnen Stellen, aber kein erkennbarer Zweck
im Ganzen. So bleibt zunächst völlig unklar, wie das Geistesleben eine
innere Verbindung mit diesem Reiche haben könnte; hat es sie aber
nicht, so scheint es vereinsamt in dem unermeßlichen All, dessen Seele
zu sein es behauptet.
Dazu zeigt sich der Lauf der großen Welt, dem auch wir aufs engste
verflochten sind, völlig gleichgültig gegen unser Ergehen; von
altersher hat den Menschen die Wahrnehmung beschäftigt, aufgeregt und
wohl gar zur Verzweiflung getrieben, daß das, was ihm von innen her
als das Höchste gilt und woran er sein Hauptstreben setzt, im Ganzen
der Welt aller Schätzung und Bedeutung zu entbehren scheint; wie im
Spiel zerstört die Natur, sei es in langsamer Verzehrung, sei es in
gewaltigen Umwälzungen, was geistig von höchstem Werte ist, sie kennt
kein gut oder böse, ihr gilt kein Unterschied. Es hat nicht an Bemühung
gefehlt, den Widerspruch wegzudeuten und nachzuweisen, daß mit jenem
Befunde ein Reich der Gerechtigkeit und sittlichen Ordnung, ja der
Liebe und gütigen Vorsehung, wohl vereinbar sei, aber mochten weite
Kreise und lange Epochen in solchen Gedankengängen eine Befriedigung
finden, die Menschheit ist aus einer solchen immer wieder aufgescheucht
und von dem Zweifel befallen, ob jene Ausgleichung nicht eine bloße
Ausrede sei, ein Erzeugnis bloßer Wünsche und Träume.
Dazu unterliegt der Mensch nicht nur nach außen hin, sondern auch im
eigenen Bereich der Herrschaft der Natur. Alle Entfaltung seelischen
Lebens bei ihm zeigt eine solche Abhängigkeit von körperlichen
Zuständen und Vorgängen, daß versucht werden konnte, sie ganz und
gar darauf zurückzuführen. Auch in das Handeln reicht solche Bindung
hinein. Denn das Sinnliche nimmt in ihm eine überragende Stellung
ein; statt geistigen Zwecken zu dienen, bemächtigt es sich der
seelischen Kräfte, das aber über den eigenen Entschluß der Menschen
hinaus, aus bitterem Zwange der Notwendigkeit. Wie die Menschheit
sich im Durchschnitt der Erfahrung ausnimmt, wird die natürliche
Selbsterhaltung des Individuums wie der Gesellschaft der beherrschende
Haupttrieb des Lebens. Unablässig haben wir um die Behauptung unseres
Daseins zu kämpfen, und zwar so hart, daß diese Aufgabe oft das ganze
Streben einnimmt, das nicht nur bei den Individuen, sondern auch bei
den Völkern und der gesamten Menschheit. Nicht die Ideen, sondern
die Interessen, und zwar die materiellen Interessen, beherrschen den
Durchschnitt des menschlichen Daseins. Wie sehr sie auch bei großen
geschichtlichen Wendungen, zum Beispiel bei religiösen Umwälzungen,
im Spiele sind, das hat eben die neueste Zeit mit ihrer Hervorkehrung
der ökonomischen Betrachtungsweise anzuerkennen gezwungen. Dabei
müssen wir zugestehen, daß der Kampf mit seiner harten Not und seiner
Aufrüttelung der Kräfte für den Menschen, wie er nun einmal ist,
sich nicht entbehren läßt; bloßgeistige Ziele bewegen ihn viel zu
wenig, ein sorgenfreies Leben würde für die meisten ein träges und
schlaffes werden. Dazu kommt die Selbsterhaltung der Gattung mit ihrer
Voranstellung der geschlechtlichen Seite des Lebens. Mit Unrecht
hat eine ältere Denkart unter dem Einfluß theologischer Dogmen der
Menschheit den Geschlechtstrieb als eine sittliche Schuld aufgebürdet,
da vielmehr der Zwang der Natur ihn ihr eingepflanzt hat und er für ihr
Fortbestehen durchaus unentbehrlich ist. Demnach erscheint durchgängig
die sinnliche Lebenserhaltung als die stärkste Macht im menschlichen
Dasein, und es behält Schiller Recht mit dem Wort, daß Hunger und Liebe
die Welt regieren. Von hier aus mag alles geistige Leben eine bloße
Nebensache scheinen, die anderen Zwecken zu dienen hat.
Solchem Übergewicht des Sinnlichen entspricht die Tatsache, daß die
Formen des natürlichen Daseins in Raum und Zeit, die das schaffende
Leben überwinden wollte, in Wahrheit beharren und unser Streben
beherrschen. Das bloße Nebeneinander des sinnlichen Daseins umfängt
uns mit starrer Tatsächlichkeit und isoliert den einen gegen den
anderen, während alle Entfaltung geistigen Lebens ein Wirken aus dem
Ganzen verlangt; nicht minder befinden wir uns in dem Nacheinander der
Zeit, wo keine Leistung und kein Zustand beharrt, vielmehr alles fließt
und der Wandel der Dinge leicht das heutige Recht morgen in Unrecht
verkehrt. Einen wie raschen Wechsel der Ziele, der Überzeugungen und
des Geschmackes zeigt das menschliche Dasein, während das geistige
Schaffen seinen Gehalt als zeitüberlegen gibt und auf solcher Forderung
bestehen muß, um seine Kraft voll einzusetzen.
Das alles läßt sich nicht leugnen, noch auch beiseite schieben, es
bleibt bei der Tatsache, daß geistiges Leben bei uns Menschen in
starker Abhängigkeit steht und sich oft recht kümmerlich ausnimmt. Das
anerkennen heißt aber keineswegs einem endgültigen Nein unterliegen.
Dem widersteht schon die Tatsache, daß inmitten unseres Daseins weit
über die bewußte Absicht des Menschen hinaus eine Weiterbewegung gegen
die bloße Natur und ihre Maße im Gange ist. Denn vielfache Erfahrung
zeigt, daß, was der Mensch unter dem Zwange der Not und seiner
Selbsterhaltung wegen ergriff, sich ihm durch den eigenen Verlauf des
Lebens verwandelt und veredelt: was zunächst nur äußerlich war, das
wird ins Innere gewandt; was als bloßes Mittel diente, das gewinnt
einen Wert bei sich selbst; auf solchem Wege erfolgt durch die ganze
Weite und Breite des Lebens ein Aufstieg zu geistiger Höhe.
Betrachten wir die persönlichen Verhältnisse von Mensch zu Mensch
in Liebe und Freundschaft. Was Liebe genannt wird, ist zunächst dem
Naturtrieb verwachsen und oft recht flacher Art, es trägt geistige
Züge nur nebenbei, der andere Mensch erscheint vornehmlich als ein
Mittel zur Erhöhung des eigenen Wohlseins. Aber im Zusammensein
vollzieht sich nach und nach eine Wendung dahin, daß jener auch bei
sich selbst einen Wert erhält, und daß der Förderung seines Wohles das
Ich sich unterordnen, ja aufopfern kann, daß unter Durchbrechung der
anfänglichen Enge eine innere Erweiterung des Lebens erfolgt. Nicht
anders steht es mit der Freundschaft. Äußere Gründe der Nützlichkeit
und der Annehmlichkeit pflegen die Menschen zusammenzuführen, es ist
meist eine Gemeinschaft der Zwecke, welche sie zusammenhält. Aber bei
einiger Dauer pflegt das gegenseitige Verhältnis sich ins Innere zu
wenden, und jedes Glied eine innere Teilnahme, ja Freude am anderen
auszubilden. Schon Aristoteles hat geschildert, wie der Verlauf des
Lebens aus dem zunächst bloß Nützlichen und Angenehmen etwas an sich
Wertvolles, etwas Gutes bereitet, und wie damit der Mensch seinen
eigenen Beweggründen entwächst, wie hier nach dem Ausspruch des Denkers
auch in dem Menschen niederer Art etwas Göttliches wirkt, das stärker
ist als er selbst.
Auch unser Verhältnis zu den Gegenständen, mit denen unsere Arbeit zu
tun hat, nimmt teil an solcher Erhöhung. Wir pflegen die Arbeit um der
Selbsterhaltung willen aufzunehmen, in der Not des Kampfes ums Dasein
müssen wir notgedrungen einen Lohn für sie verlangen; die Sache mag uns
dabei zunächst völlig gleichgültig sein. Aber nach und nach wird uns
die Arbeit durch ihren eigenen Gehalt lieb und wert, ihr Fortgang wird
zur Herzenssache, die Sorge um ihr Gelingen läßt uns willig große Mühen
und Opfer ertragen. Das namentlich, wenn sich die Arbeit über einzelne
Leistungen hinaus zur Lebensarbeit steigert, einen eigentümlichen
Beruf erzeugt und damit allem Handeln eine beharrende Richtung gibt.
Das widersteht mit besonderer Stärke einem Beharren bei kleinlicher
Selbstsucht und wirkt zur inneren Erhöhung des Lebens.
Wie so im Verhältnis zu Menschen und Gegenständen das Leben vom Äußeren
ins Innere, vom Natürlichen ins Geistige übergeleitet wird, so trägt
der Einzelne auch in seiner eigenen Seele eine Macht, die ihn vorwärts
treibt. Das ist die Besonderheit seiner Art, seine Individualität.
Sie ist zunächst eine Gabe der Natur, in der Niederes und Höheres
zusammenfließt; diesen Befund zu wahren und durchzusetzen entspricht
dem Naturtrieb der Selbsterhaltung und gewinnt daher leicht die Neigung
des Menschen. Aber die Bewegung, die damit in Fluß kommt, führt
immer mehr und mehr über den Anfang hinaus, es drängt den Menschen
dahin, jenen Kreis enger zusammenzuschließen, einen beherrschenden
Mittelpunkt auszubilden, Haupt- und Nebensachen zu scheiden; je mehr
das gelingt, desto deutlicher wird eine Hauptrichtung ersichtlich und
wird die Wendung von einem niederen Selbst der Natur zu einem höheren
des Geistes gefördert. Die individuelle Art erscheint damit als ein
Pfeiler, an dem sich das Leben in die Höhe rankt.
Auch das menschliche Zusammenleben zeigt einen ähnlichen Aufstieg vom
Niederen zum Höheren, ein Hinauswachsen des Menschen über seine eigenen
Triebe. So in der Verbindung der einzelnen Kräfte. Zunächst ist es
das äußere Nebeneinander und der Zwang der Lebenserhaltung, welche
die Menschen zusammenführen und zu kleineren oder größeren Gruppen
verbinden. Aber nun ergibt die Verbindung gemeinsame Erfahrungen und
Kämpfe, gemeinsame Erfolge und Leiden; sowenig daraus unmittelbar eine
innere Gemeinschaft hervorgeht, eine solche wird durch den gemeinsamen
Besitz doch vorbereitet, es werden Anhaltspunkte gewonnen, die einem
Leben aus dem Ganzen entgegenkommen. So wird, was Volk und Vaterland
auf der Stufe des geistigen Lebens dem Menschen bedeuten können, auch
durch die natürliche Entwicklung angebahnt.
Ähnliches erfahren wir gegenüber der Zeit mit ihrem Nacheinander.
Denn gegenüber dem bloßen Nacheinander bildet das gesellschaftliche
Leben beharrende Züge und Lagen aus, die sich von der geistigen Arbeit
aneignen und einer neuen Stufe zuführen lassen. Es erscheint damit eine
gewisse Vermittlung zwischen der bloßen Zeit, die das nächste Dasein
beherrscht, und der Ewigkeit, die das geistige Schaffen fordert.
Demnach erweist schon im Bereich des Daseins das Leben selbst ein
erziehendes Wirken. Wir verstehen von hier aus, wie Plato von einer
dem Niederen innewohnenden Sehnsucht nach Ewigkeit reden und eine
Stufenleiter des Strebens im Weltall aufsuchen konnte; nur sei das
nicht als ein bloßes Hervorgehen aus der Natur verstanden, sondern als
eine Emporhebung durch die Kraft des Geisteslebens. Die Natur könnte
unmöglich in jenen Aufstieg gelangen, wirkte nicht ein tieferer Grund
in ihr und gäbe ihr den Trieb zur Weiterbewegung.
Uns aber erschöpft sich die Wirkung des geistigen Lebens nicht in
eine solche Emporbildung der Natur, sondern, wie wir sahen, erzeugt
dieses Leben ein selbständiges Reich, das wesentlich anderer Art ist
als das der Natur. Nicht nur in besonderen Richtungen vollziehen
sich erhebliche Wandlungen, nicht nur weichen hier die Güter des
Nützlichen und Angenehmen denen des Guten, Wahren und Schönen, sondern
es verwandelt sich der Grundbegriff der Wirklichkeit, indem diese
nicht mehr ein bloßes Nebeneinander in Raum und Zeit, nicht ein
bloßes Gewebe von Einzelpunkten bildet, sondern alle Mannigfaltigkeit
mit einem Ganzen des Lebens umfaßt und sie sich innerhalb dieses
entfalten läßt. Wie das eine Erhebung über Raum und Zeit vollzieht,
so erweist hier ein Geschehen seine Tatsächlichkeit nicht durch ein
Vorhandensein im zeiträumlichen Nebeneinander, sondern durch die
Zugehörigkeit zum Leben des Ganzen. Hier bildet nicht die Beziehung
von Einzelnem zu Einzelnem, sondern das Verhältnis des Einzelnen zum
Ganzen das Grundverhältnis des Lebens, im Gesamtleben hat jedes seine
Stelle und sein Recht aufzuweisen, was als wahr gelten will. Jenes ist
nach unseren Darlegungen nicht eine Welt neben einer anderen, sondern
es ist die Welt, in der allererst das Leben ein Beisichselbstsein
erreicht; es muß daher als die Grund- und Hauptwelt, als der Kern
alles Geschehens anerkannt werden. Erst von hier aus sahen wir auch
ein wissenschaftliches Bild der Natur entstehen, dies Bild aber
läßt eine überschauende Erwägung manche Züge gewahren, welche bei
aller Rätselhaftigkeit eine größere Tiefe des Ganzen verraten, als
der Mechanismus des bloßen Nebeneinander zu erklären vermag; so die
Wechselwirkung der Elemente, so das Durchgehen einfacher Grundgesetze,
so die Macht der Formbildung in der Natur, so auch der Aufstieg zu
höheren Stufen in ihr. Ja selbst die enge Verkettung unseres geistigen
Vermögens mit der Natur wird einer naturalistischen Deutung entzogen,
sobald anerkannt wird, daß im Beisichselbstsein des Lebens etwas der
Natur wesentlich Überlegenes eintritt. Denn dann wird der Gedanke
unabweisbar, daß die Natur zu einer derartigen Erhöhung nicht führen
könnte, besäße nicht sie selbst einen tieferen Grund, und stellte
sie sich damit nicht als eine bloße Stufe eines weiteren Geschehens
dar. Freilich müssen uns zugleich die Grenzen unseres Erkennens und
die Überlegenheit der Natur über alle menschlichen Maße gegenwärtig
bleiben; daß aber ein innerer Zusammenhang von Natur und Geist besteht
und auch uns sich eröffnet, das erweist die Kunst mit ihrem das Leben
durchwaltenden Wirken. Denn sie läßt das Sinnliche zum Ausdruck des
Geistigen werden und seiner Fortbildung dienen, ihr vermögen Worte,
Töne, Farben innerlichste Seelenlagen zu verkörpern, nicht minder aber
bringt sie zur Anerkennung, daß beim Menschen das Geistesleben solcher
Verkörperung bedarf, um ihm volle Wirklichkeit zu werden. So erweist
die Kunst den Zusammenhang beider Welten und gibt, um mit Goethe zu
reden, »von des Daseins ewiger Harmonie die seligste Versicherung«.
Mag demnach im Gesamtbild des Lebens die Natur eine gewaltige Macht
behaupten und für den äußeren Eindruck weit überlegen bleiben, in
unserer Seele erhebt sich eine neue Welt, deren Tatsächlichkeit alle
Schranken des Menschen nicht aufheben können. Denn diese Welt hat
von Haus aus eine Selbständigkeit und Überlegenheit gegen den Stand
und das Befinden des Menschen, sie aber ist uns das Allernächste und
Allergewisseste, das, von wo aus wir die Natur innerlich erst erleben;
wer daher der Macht der bloßen Natur unterliegt, der bekundet damit nur
die Schwäche seiner eigenen Stellung im Geistesleben.
Die Unsicherheit des menschlichen Geisteslebens.
Gegen die übermächtige Sinnenwelt suchten wir einen festen Halt im
Selbständigwerden des Lebens. Aber mit diesem Selbständigwerden
scheint es beim Menschen schlecht genug bestellt; wer möchte leugnen,
daß das Geistesleben dem ersten Eindruck hier sehr schwankende Umrisse
zeigt: die einzelnen Menschen und Kreise gehen bei seiner Fassung
weit auseinander bis zu völligem Gegensatz; nicht minder tun es die
verschiedenen Zeiten; gegenüber ihren Bewegungen und Wandlungen
erscheint jenes als völlig biegsam und weich, als etwas, das jeder
Forderung nachgibt, sich jeder Lage bereitwillig anpaßt. Solche
Schmiegsamkeit gewährt menschlichem Meinen und Wünschen den weitesten
Spielraum, der Streit der Parteien zieht die Sache an sich, auf Deutung
und Nutzen des bloßen Menschen scheint alles hinauszukommen, damit
aber eben das, was über den Menschen hinausheben sollte, ein Spielball
seines Beliebens, ein Werkzeug seiner Zwecke zu werden.
So das Chaos des ersten Eindrucks. Aber der Zusammenhang unserer
Betrachtung gestattet diesem Eindruck zu widerstehen. Das Leben
entbehrt keineswegs alles festen Tatbestandes, weil die Menschen
sich über seine Fassung streiten, es gilt nur die Tatsächlichkeit an
der rechten Stelle zu suchen, sie nicht gegenüber dem Leben, sondern
innerhalb seiner zu suchen. Denn auch Bewegung und Streben enthüllen
einen eigentümlichen Tatbestand, eröffnen bestimmte Züge, zeigen
eine Richtung des Weges, lassen ein Vermögen des Geistes ersehen. Es
erwacht zum Beispiel in der Menschheit, wie wir sahen, ein Streben
nach einer neuen Art der Geschichte, nach einer Erhebung über das
bloße Vorüberziehen der Zeiten, nach einer inneren Festhaltung
dessen, was äußerlich versank; erweist das darin bekundete Vermögen,
die Zeiten zu überschauen und in ein Gesamtbild zu fassen, ihrem
Wandel Bleibendes abzuringen und in Aneignung dieses Bleibenden eine
zeitüberlegene Gegenwart zu bilden, erweist ein derartiges Vermögen
nicht eine eigentümliche Beschaffenheit des Lebens, und zugleich eine
Tatsächlichkeit, die kein bloßes Deuten hervorbringen könnte? Gegenüber
solcher Zurückverlegung der Tatsächlichkeit in das Grundgewebe des
Lebens erscheint die übliche Behandlung der Sache als viel zu flach
und summarisch. Diese fragt nur nach dem Endergebnis wie der Händler
nach der fertigen Ware, die Arbeit ist ihr gleichgültig; so gewahrt
sie nicht, daß auch diese im Entfalten der Kräfte einen eigentümlichen
Tatbestand enthält. Ja, es kann bei diesen inneren Fragen das Wie der
Arbeit wichtiger sein als ihr Erzeugnis, da jenes neue Fragen stellen,
neue Möglichkeiten eröffnen, den Lebensprozeß vertiefen kann.
Auch sind es nicht bloß einzelne Bewegungen, die einen Tatbestand in
sich tragen, sondern es entstehen auch innerhalb des Lebens größere
Zusammenhänge, geschlossene Gebiete mit eigentümlichen Gesetzen
und Forderungen, wie Kunst und Wissenschaft, Moral und Religion.
Auch bei diesen Lebensgebieten, die im Lauf der Geschichte immer
selbständiger geworden sind und namentlich in der Neuzeit ihre
eigentümliche Art deutlich hervorgekehrt haben, verdeckt leicht der
Streit um die nähere Fassung die Grundtatsache, welche schon ihr
Entstehen und Bestehen enthält; man sieht den Wald nicht vor lauter
Bäumen. Weil zum Beispiel bei der Moral und der Religion die näheren
Fassungen weit auseinandergehen, erscheinen jene leicht als ein
bloßes Machwerk menschlicher Meinung; sie können das nicht mehr,
wenn gegenüber allen besonderen Arten von Moral und Religion eine
überlegene Tatsache darin erkannt und anerkannt wird, daß überhaupt
Religion und Moral im menschlichen Kreise entstehen und nicht bloß
die Einzelnen beschäftigen, sondern das Ganze des Lebens eigentümlich
gestalten. Denn durch alles, was die einzelnen Religionen voneinander
trennt, geht ein gemeinsamer Zug des Lebens, geht die Abhebung einer
höheren Art von seinem sonstigen Stande, geht die Forderung, alles
menschliche Wohlsein gegenüber jener zurückzustellen; das ergibt
eine eigentümliche Welt der Gedanken nicht bloß, sondern auch der
Gefühle, eine Entwicklung von Erhabenheit und Gnade einerseits,
von Ehrfurcht und Glaube andererseits; auch läßt sich das nicht
in seine Geschichte verfolgen, ohne in dieser einen Aufstieg vom
Sinnlichen ins Unsinnliche, vom Einzelnen ins Ganze, von äußerem Werk
zur Gesinnung des Herzens zu erkennen, allen Zweifeln und Irrungen
gegenüber erscheint darin eine eigentümliche Entfaltung des Lebens.
Ähnlich steht es mit der Moral. Allem Unterschied ihrer Gestaltungen
und allem Streit der Moralsysteme bleibt die Tatsache überlegen, daß
die Menschheit sich überhaupt der Herrschaft des bloßen Naturtriebs
entwand und die Wendung zu einer Ordnung vollzog, welche ihr schwere
Gebote auferlegt und doch als ihr zugehörig anerkannt wird. Es lag
darin ein Aufruf zur Befreiung von allen selbstischen Zwecken, auch die
Forderung einer freien Entscheidung und Zuwendung, dabei der Anspruch,
allen anderen Zwecken überlegen zu sein und unbedingten Gehorsam
verlangen zu dürfen. Mag eine solche Bewegung langsam vordringen und
immerfort harten Widerstand finden, sie ist vorgedrungen und hat sich
gegenüber allem Widerstande behauptet. Ist nicht auch das eine aller
Willkür überlegene Tatsächlichkeit? Welche Macht solche Lebenskomplexe
ausüben können, das zeigt besonders deutlich die Wissenschaft mit
ihrer Erhebung des Denkens zu voller Selbständigkeit. Sie fordert eine
sachliche Verkettung, die alle Mannigfaltigkeit zum Ganzen eines
Systems verbindet, jeden Satz streng in seine Konsequenzen entwickelt,
keinerlei Widerspruch der einzelnen Behauptungen duldet; es kann
das seinem Inhalt nach den Interessen des bloßen Menschen geradezu
widersprechen, und doch zwingt es ihn mit unwiderstehlicher Macht zum
Gehorsam, den Einzelnen sowohl als das Ganze des Völkerlebens.
Solche Zurückverlegung der Tatsächlichkeit stellt auch die
Überzeugungen des Menschen vom Ganzen der Welt auf einen festeren
und breiteren Grund, als die übliche Art es tut, die alle Wahrheit
von bloßem Verstande erwartet. Wie die einzelnen Lebensgebiete eine
Bewegung des Gesamtlebens hinter sich haben und sie zum Ausdruck
bringen, so vertritt jedes in der Durchführung seines Unternehmens eine
Überzeugung vom Ganzen; auch innerhalb der einzelnen Gebiete wird keine
Leistung wahrhaft groß, die nicht ein Bekenntnis vom Ganzen enthält.
Dabei erschließt aber die Arbeit der verschiedenen Gebiete verschiedene
Seiten des Ganzen, wie schon vorher beim Gegensatz des Überweltlichen
und Innerweltlichen ersichtlich wurde. Hier sei nur noch hinzugefügt,
daß das Erziehungswerk eine Vermittlung beider Richtungen und ihrer
Bekenntnisse fordert und auf seiner Höhe vollzieht. Denn wenn es
einerseits die Schärfe der Gegensätze voll anerkennen muß, um genügende
Tiefe und Kraft zu erreichen, so könnte es keinen Mut zu seiner Aufgabe
finden, schlummerte nicht in jeder Menschenseele ein geistiger Keim
und bestünde nicht die Möglichkeit, ihn durch treue Arbeit zu wecken.
Solches den Lebensgebieten innewohnende Bekenntnis erklärt es auch, daß
die Überzeugungen der Individuen wie die ganzer Zeiten sich nach den
Lebensgebieten zu richten pflegen, denen ihre Arbeit dient, daß zum
Beispiel die Wege der Naturforscher und die der Geistesforscher meist
auseinandergehen.
Aber eben dies Auseinandergehen zeigt, daß die von den einzelnen
Gebieten gebotene Tatsächlichkeit nicht auslangt, daß wir, um völlig
sicher zu werden, auch eine Gesamtleistung suchen und fordern müssen,
die den Gesamtumfang des Lebens eigentümlich gestalte und aller
Tätigkeit eine deutliche Richtung weise. Nun kommt uns freilich eine
solche Gesamtleistung nicht als eine fertige Tatsache entgegen, wohl
aber zeigt die weltgeschichtliche Arbeit eine unablässige Bewegung nach
diesem Ziele, ja diese Bewegung bildet den Kern und die Hauptspannung
der Weltgeschichte. Das nämlich bezeichnet die Höhepunkte menschlichen
Strebens, daß dort eine aller Mannigfaltigkeit überlegene und sie
durchdringende Art des Schaffens gewonnen wurde, alle Verzweigung der
Lebensarbeit zusammenhielt und dem Gesamtbereich einen ausgeprägten
Charakter verlieh. So schuf die Höhe des Griechentums eine
Lebenseinheit künstlerischer, namentlich plastischer Art, und suchte
ihren Zielen und Forderungen gemäß alle Lebensgebiete zu gestalten.
Solche Behandlung nach der Art eines plastischen Kunstwerks ließ nicht
nur das Weltall eigentümlich als einen herrlichen Kosmos sehen, sie
gab auch der staatlichen Gemeinschaft wie der Seele des Einzelnen ein
festes Gefüge und hielt ihnen ein Gesetz der Anordnung und Abstufung
vor. Was aus solchen Bewegungen hervorging, das hat neue Seiten des
Lebens erschlossen und viel Schlummerndes geweckt; auf seiner Höhe
konnte dieses Schaffen sich als den letzten Abschluß betrachten. Es hat
dann freilich die Erfahrung gezeigt, daß jenes künstlerische Gestalten
den Umfang und die Tiefe des Lebens nicht erschöpft, aber es wird
dadurch keineswegs zu einer Erscheinung vorübergehender Art, sondern
was es an bildendem und veredelndem Vermögen eröffnet hat, das bleibt
als eine Quelle des Lebens allen folgenden Zeiten gegenwärtig und
widersteht mit mächtiger Kraft einer sonst drohenden Barbarei. Jener
künstlerischen Behandlung des Lebensproblems ist die ethisch-religiöse
des Christentums gefolgt und hat die Herrschaft über weite Kreise der
Menschheit gewonnen. Auch sie hat später Widerspruch erfahren, aber
ihre Umwandlung des Lebensbestandes, die von ihr bewirkte Vertiefung,
ihre Aufdeckung schroffer Gegensätze im Menschenwesen, aber auch
einer Erhebung darüber durch göttliche Liebe und Gnade, ist ein
unverlierbarer Besitz der Menschheit; wo das aufgegeben oder auch nur
verdunkelt wurde, da geriet das Leben rasch in ein jähes Sinken. Dem
Christentum widersprach dann eine moderne Lebensordnung, welche das
Wachstum der Macht sowohl nach außen als auch nach innen zum Ziel der
Ziele machte, dabei der intellektuellen Arbeit eine hervorragende
Stellung zuwies und im Fortschreiten um des Fortschreitens willen
das höchste Glück zu finden hoffte; der Lebensbestand geriet dadurch
in einen rascheren Fluß, neue Ziele wurden erreichbar, das Handeln
gewann unermeßlich an bewegender Kraft. Das erhält sich auch in die
Gegenwart hinein und wird aus dem Lebensbestande nicht wieder zu
streichen sein. Aber auch ihm gegenüber steigt unverkennbar wieder eine
neue Woge des Lebens auf, welche mehr Beisichselbstsein und zugleich
mehr Gehalt des Lebens verlangt, die inneren Probleme mit ihren
Verwicklungen stärker hervorkehrt, weitere Tiefen und Zusammenhänge
fordert und in Durchbildung solches Strebens alle Gebiete umwandeln
muß. Demnach überliefert die Geschichte dem Menschen freilich keinen
fertigen Besitz, wohl aber gewährt sie mit ihren Eröffnungen dem
Streben bestimmte Anhaltspunkte und Ziele, sie stellt es damit auf eine
eigentümliche Höhe und entzieht es zugleich der Willkür des Menschen.
Den Forderungen dieser Höhe muß alles entsprechen, was über bloße
Tagesmeinung hinaus in den Lebensbestand eingreifen und dauernd fördern
möchte. Jene Folge der Lebensordnungen bildet demnach kein bloßes Auf-
und Abwogen, es stecken darin Erfahrungen bleibender Art, die freilich
anzueignen und miteinander auszugleichen sind, um voll zum Besitz zu
werden. Denn die Macht, mit der das Ganze zu uns wirkt, ist nicht
mechanischer Art, die vom Leben gebotene Tatsächlichkeit ist nicht
für den vorhanden, der sich von der Bewegung fernhält und das Ergehen
der Menschheit mit stumpfer Gleichgültigkeit betrachtet. Die Schuld
des unsicheren Hin- und Herschwankens liegt dann aber nicht am Leben,
sondern an dem Menschen, der Früchte genießen will, ohne sich mühen
zu wollen. Möge ein solcher des indischen Wortes gedenken: »Wenn die
Fledermaus bei Tage nicht sieht, so ist das nicht Schuld der Sonne.«
Immerhin seien die Verwicklungen gewürdigt, welche das Problem gerade
der Gegenwart bereitet. Zwischen den schöpferischen Höhepunkten liegen
Zeiten, wo das Alte verblaßt und das Neue noch unfertig ist, wo daher
Kri
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