Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert
by Ludwig Ganghofer · German · Gutenberg #48618 · 635,139 chars · public domain (US)
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Title: Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert
Author: Ludwig Ganghofer
Illustrator: Hugo Engl
Release date: April 1, 2015 [eBook #48618]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48618
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KLOSTERJAEGER: ROMAN AUS DEM XIV. JAHRHUNDERT ***
Buchschmuck von Hugo Engl
86.--108. Auflage.
Aller Ausgaben 184.--206. Tausend.
Stuttgart, A. Bonz & Comp. 1920
Der
Klosterjäger
Roman
aus dem XIV. Jahrhundert
von
Ludwig Ganghofer
Copyright 1917 by Adolf Bonz & Comp.,
Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten; insbesondere das
Recht der Übersetzung in fremde Sprachen.
Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.
Dem Angedenken meines
heimgegangenen Kindes
Sie stieg hernieder auf die Erde,
Wie von der Sonne fällt ein Strahl ...
Und schwand hinweg von dieser Erde,
Wie er verglüht im dunklen Tal.
Der Blume gleich im Frühlingshage,
An Leib und Seele sonder Fehl,
War sie die Freude meiner Tage,
Mein Sorgentrost und mein Juwel.
Kein Wölklein, das sich nicht zerteilte
Vor ihrem sonnigen Gesicht,
Und wo sie ging und wo sie weilte,
Da war die Wärme, war das Licht.
Sie lächelte: man mußte lieben.
Ein Blick: und sie gewann ein Herz ...
Und ach, was ist von ihr geblieben?
Ein kleines Grab, ein großer Schmerz.
L. G.
1.
Frühling im Bergwald! Er kennt die Blumen nicht, die der Lenz über die
Wiesen des Tales streut, kennt nicht die linden Lüfte, die spielend
durch blühende Hecken streichen, und nicht das liebliche Gezwitscher der
heimgekehrten Schwalben, die unter gastlichem Dach ihre Nester bauen.
Frühling im Bergwald! Das ist Brausen und Sausen, Toben und Donnern,
Sturm und Tod. Über dem Bergwald liegt der Winter wie ein grauenhafter
Riese, und der Frühling, der ihn scheuchen will, muß kommen als ein
gewaltiger Held, muß töten und zerstören, bevor er bauen kann und neues
Leben wecken aus eisigem Schlaf.
Hoch in den steilen Felsen krachen ohne Unterlaß die stürzenden Lawinen,
über die Halden fährt der stürmende Föhn mit dumpfem Sausen, mit seinem
heißen Atem schnaubt er über den schwindenden Schnee, im Walde packt er
die alten mächtigen Fichten und rüttelt sie, daß sie erbeben in ihrem
Mark. Und was sie tragen an morschem Gezweig, das bricht er ab von ihnen
und führt es davon in jagendem Wirbel. Ein Rieseln und Gurgeln, immer
und überall, auf jedem Hange bildet sich ein springender Bach, über alle
Felsen plätschern die Wasser, zu denen der Schnee zerschmolzen, alle
Wurzeln umspülen sie und sammeln sich zum tobenden Gießbach, der den
Bergwald säubert von allem Unrat, jeden kranken, schwachen Baum
zerschmettert und nur bestehen läßt, was stark ist und gesund. Die
Felsklötze, die der Winterfrost von der Steinwand sprengte, kommen ins
Wandern, wenn der Schnee zerrinnt; sie stürzen und sausen nieder durch
den Bergwald in dröhnenden Sprüngen, mit Krachen und Schmettern, und wo
sie im Sturz die Erde treffen, da pflügen sie den Grund, damit der
überwinterte Same, den der Lenzwind ausweht, im Boden die frische Narbe
fände.
In diesem Rauschen und Brausen, inmitten dieses Frühlingskampfes gegen
den Winter, wandert ein einsamer Mensch.
Rüstigen Ganges, mit halblauter Stimme ein Lied singend, schreitet er
über den vom Schnee schon halb entblößten Almenhang: eine schlanke,
knochenfeste Gestalt; ein junges Antlitz mit blitzenden Augen und einem
lachenden Mund, den der Flaum des blonden Bartes umkräuselt. In
eisenbeschlagenen Bundschuhen stecken die nackten Füße; Strümpfe aus
ungegerbtem Rehfell, die Haare nach innen gewendet, umschließen die
Waden; aus der kurzen, verwitterten Lederhose ragen die nackten Knie
hervor, die aus braunem Erz gegossen scheinen. Ein grobes Hemd und ein
aus zottigem Loden geschnittenes Wams umhüllen den straffen Körper. Über
dem krausen Blondhaar trägt er die pelzverbrämte Lederkappe mit der
Adlerfeder, am Gürtel ein kurzes Weidmesser und den kleinen
Bolzenköcher, hinter dem Rücken die plumpe Armbrust mit fingerdicker
Sehne, und in den Händen führt er das lange, >Griesbeil<: den mit
scharfem Stachel und eisernem Haken versehenen Bergstock. Es ist Haymo,
der Klosterjäger, der dem Propste Heinrich von Berchtesgaden die
Hirsche, Gemsen und Steinböcke hütet.
Vor Wochen schon, da der Schnee noch tief lag und im Marsche kaum zu
überwinden war, hatte Haymo die Jägerhütte bezogen, hoch über dem grünen
Königssee, in einem weiten Felstal, dem die roten Marmorwände, die es
rings umschließen, den Namen gaben: >In der Röt<.
Vom Morgen bis zum Abend, täglich, machte Haymo seinen Hegergang; das
war für ihn eine harte Zeit; er durfte keine Stunde rasten, mußte die
Augen offen halten den ganzen langen Tag. Der strenge Winter hat das
Wild vertraut und zahm gemacht, und die Raubschützen haben leichte
Arbeit; in großen Rudeln ziehen die Hirsche schon früh am Abend auf die
offenen Almen und erst am späten Morgen wieder zu Holz; die Gemsen
stehen tief im Bergwald, und sogar die scheuen Steinböcke trieb der
Winter aus ihren unwegsamen Felsrevieren in die Nähe der verlassenen
Almhütten. Da galt es, unermüdlich Wache zu halten, denn gerade dieses
seltene, edelste Wild war von den Raubschützen am meisten bedroht.
Ein >Stainpokh< ist wie eine wandelnde Apotheke; die gerippten Hörner,
die Hornschalen der Läufe, das getrocknete Blut, das im Volksmund
>Schweißbluh< genannt wurde, und besonders die >Herzkhreizl<, jene
kleinen knochenähnlichen Gebilde, die im Herzen des erlegten Tieres
gefunden werden, alles an ihm ist wunderbare, heilsam wirkende Arznei,
die von Herren und Bauern mit teurem Gelde bezahlt wird. Wohl standen
schwere Strafen auf der Erlegung solch eines Wildes: Kerker und
Peitsche, Verlust der rechten Hand, sogar der Tod -- doch der hohe
Gewinn verlockte zum Raub, und so kam es, daß Haymo schon in der ersten
Woche seiner Hegezeit den Abgang zweier Steinböcke vermerken mußte. Als
unwiderlegbare Zeugen des geschehenen Raubes hatte er im Schnee die
Schweißfährten der erlegten Tiere und die Fußspuren des Räubers
gefunden, die sich im tieferen, schneefreien Bergwald verloren. Als zu
Ende der Woche ein Laufbube des Klosters dem Jäger frischen Mundvorrat
gebracht hatte, schickte Haymo mit dem Buben diese schlimme Nachricht
hinunter ins Tal, in banger Sorge, wie Propst Heinrich, der an seinem
Weidgehege und besonders an dem edlen Steinwild eine ritterliche Freude
hatte, diese Botschaft aufnehmen würde.
Und die ganze folgende Woche gönnte Haymo sich keine Ruhe mehr, in der
Nacht kaum einen kurzen Schlaf, und es war ihm nicht zu verdenken, daß
ein zornflammendes Wort von seinen Lippen fuhr, so oft er in seinem öden
Bergrevier die Fährte eines menschlichen Fußes spürte. Nur eine
Gesundheit, so eisern wie die seine, konnte diese aufreibenden Strapazen
überdauern. Wenn er nach tagelangem Marsche heimkehrte in seine
Blockhütte, lag ihm die bleierne Müdigkeit in allen Gliedern; er
brauchte sich nur auf sein Lager zu werfen, und es fiel über seine
jungen Augen ein traumloser, fester Schlaf, der ihn erquickte, obwohl er
nur wenige Stunden währte.
Haymo hatte sich, um in diesem schweren Schlummer das erste Grau des
Morgens nicht zu verschlafen, einen Wecker erfunden. Er band sich mit
einer Lederschnur einen schweren Stein an den Arm und legte, wenn er
sich auf die Wolfsdecke streckte, dieses Steinstück so lose auf die
Holzkante seines Lagers, daß es bei der leisesten Erschütterung zu Boden
fiel. So oft dann Haymo im Schlummer sich bewegte, weckte ihn der
fallende Stein. Lag in der Hütte, wenn er erwachte, noch die finstere
Nacht, dann richtete Haymo den Wecker wieder und schlummerte weiter.
Doch wenn er sah, daß draußen vor dem kleinen Fenster die Sterne zu
erblassen begannen, sprang er auf, wusch sich am rinnenden Quell, dessen
eiskaltes Wasser vor der Hütte gurgelte, nahm sein karges Frühmahl ein
und wanderte hinaus in den vom Föhn durchschütterten Frühlingsmorgen.
Noch waren die Nächte kalt, und es währte immer eine Weile, bis Haymo
das Frösteln aus seinen Gliedern brachte. Der rasche Gang auf
beschwerlichem Wege machte sein Blut lebendig, frische Röte färbte
wieder seine jungen Wangen, und seine Augen blitzten hell wie Wasser, in
das die Sonne scheint.
Je wilder ihn die Frühlingsstürme umrauschten, desto freier und wohler
wurde ihm zu Mut. Und wenn sich der Morgen, an dem er das zu Holze
ziehende Wild nicht stören und scheuchen durfte, zum vollen Tage
wandelte, sang der Jäger, um der in seinem Innern treibenden Lebenskraft
einen Ausweg zu schaffen, mit hallender Stimme ein Lied in den
Frühlingsbraus und der steigenden Sonne entgegen, die mit ihrem
funkelnden Gold die schneebedeckten Kuppen der Berge überschmolz. Doch
wenn die Sorge, die ihn seit Tagen bedrückte, wieder sein Herz
beschlich, wurde er schweigsam, stieg lautlos empor von Höhe zu Höhe und
schickte die spähenden Augen in die Runde.
Da hatte er nun wieder einen schweren Tag hinter sich. Auf dem Heimweg
zur Hütte begann er die Ermüdung hart zu spüren; in diesem tobenden
Sturm, in diesem Schnee und rinnenden Gewässer war es kein Marsch zu
nennen, den er gemacht, vielmehr ein Kampf um jeden Schritt. Wohl
dämmerte schon der Abend, aber solange noch ein Schimmer von Licht über
den Halden schwebte, durfte er nicht an die Heimkehr in seine Hütte
denken. Auf hoher Bergrippe wollte er den Anbruch der Nacht erwarten.
Als er die Höhe betrat, winkte ihm, scharf abgehoben vom rotglühenden
Abendhimmel, ein mächtiges Kreuz entgegen; ein Dächlein war darüber
gespannt, in den Querhölzern staken die Nägel, aber das Bild des
gekreuzigten Erlösers fehlte; die frommen Almbauern hatten es im Herbste
vom Kreuz genommen, damit es nicht leiden möchte von der Unbill des
Winters, von Schneedruck und Lawinen.
Haymo zog die Kappe und sprach ein Gebet. Dann ließ er sich zu Füßen des
Kreuzes nieder, lehnte sich an den Stamm, verschlang die Hände hinter
dem Nacken und blickte still umher mit müden Augen, die sich schon dem
Schlummer entgegensehnten. In kurzen Stößen, bald sich dämpfend, bald
wieder aufbrausend mit verstärkter Macht, sauste der Föhn über ihn weg.
Gegen die steilen Felswände zog sich ein mehr als hundertjähriger, von
Stürmen und Lawinen stark gelichteter Lärchenwald empor, dem die Nähe
des Kreuzes seinen Namen gegeben; er hieß der >Kreuzwald<. An manchem
Morgen war Haymo schon zu diesem Wald hinaufgestiegen, um den ersten
Balzruf des Auerhahns zu erlauschen. Aber der stolze, einsiedlerische
Vogel, dieser gefiederte Liebessänger der Berge, mochte den
Frühlingsmorgen noch zu frostig finden, um den Sang seiner heißen Liebe
zu beginnen. Zur Linken der Kreuzhöhe breitete sich das weite Felstal,
an dessen jenseitiger Grenze, von einzeln stehenden Fichten
überschattet, die Blockhütte des Jägers stand und daneben das größere
Balkenhaus, in welchem Herr Heinrich und der Klostervogt zu nächtigen
pflegten, wenn sie pirschen kamen. Und diesem Tal zu Füßen dehnte sich
der mächtige Bergwald, der das vom Schnee schon völlig entblößte
Almenland umschloß und sich niedersenkte in die Tiefe, in welcher der
See gebettet lag.
Haymo konnte den See nicht gewahren, auch nicht das weite Klosterland im
Tal. Die tiefer liegenden Bergrücken wehrten seinem Auge den
Niederblick. Aber ringsumher in weiter Runde bot sich ihm ein Bild von
wundervoller Schönheit. Übergossen von der roten Glut der sinkenden
Sonne, ragten die gewaltigen Schneeberge empor über das dunkle Meer der
Wälder: dem Jäger zur Linken die wilden Tauern, die beiden Riesenzacken
des Wazmann und die Schrofen der Wazmann-Kinder, zur Rechten der stolze,
unwegsame Göhl, und in der Ferne, von bläulichem Schattenduft umwoben,
stiegen die scharfgezahnten Lattenwände und die plumpen Massen des
Untersberges in den golddurchleuchteten Abendhimmel. Wenn auch der Föhn
mit Brausen alle Lüfte füllte, so trübte doch kein Wölklein den
frühlingsklaren Himmel; um die Zinnen der Berge flatterte keine
Nebelflocke, und ohne Dunst und Schleier lag das tiefere Geländ.
Unter langen Atemzügen hob sich Haymos Brust; bei dem stillen Schauen,
mitten in Sturm und Wehen, befiel es ihn wie träumender Halbschlummer.
Dann jäh erwachte er und fuhr betroffen auf, beinahe berührt von
abergläubischem Schreck.
Ein junges Mädchen stand vor ihm, mit großen, staunenden Augen.
Er hatte den Hall ihres Schrittes nicht vernommen, hatte sie nicht
emportauchen sehen über den Rand der Höhe. Sie stand vor ihm wie aus den
Lüften getreten. In ihrem zarten Wuchs, mit dem blassen, fein
geschnittenen Gesicht und mit den tiefen Rätselaugen, umflattert von den
schwarzen Strähnen des gelösten Haars, und in dem dünnen roten Rock, den
der Sturmwind peitschte, war sie einer jener Elfen zu vergleichen, die
in den Tiefen der Berge hausen und zuweilen an das Licht der Erde
steigen, um ein Menschenkind zu beglücken mit ihren Gaben.
Und sie trug auch ein Körbchen in der kleinen Hand. Was es wohl bergen
mochte? Funkelndes Geschmeide, Perlen, edle Steine?
Haymo fühlte, wie ein leiser Schauer ihn durchrann. Nun aber mußte er
lächeln. Denn des Mädchens plumpe Schuhe und die ärmlichen Lappen des
Gewandes hatten wenig Elfenhaftes. Haymo erhob sich. »Dirn? Was willst
du hier?«
Sie schwieg und betrachtete ihn noch immer mit einem halb scheuen, halb
traulichen Blick.
»Dirn! Woher kommst du?«
»Von dort!« sagte sie mit einer leisen, weichen Stimme und deutete nach
der steilen Schneehalde, die sich hoch über dem Wald gegen die starre
Felswand emporzog.
»Von dort?« wiederholte Haymo und überflog mit ungläubigem Blick die
zarte Gestalt des Mädchens. Dort oben war es ein mühsames und
gefährliches Gehen. Ein falscher Tritt auf dem von Tauwasser und
Föhnwind glattgewaschenen Schnee, und es ging bergab in sausender Fahrt.
Wohin? Das blutige Bild, das Haymo auf diese stumme Frage vor seinen
Augen auftauchen sah, weckte ein bedrückendes Gefühl in seiner Brust,
und er sagte: »Dirn! Das war ein böser Weg. Sei froh, daß du heil zurück
bist.«
Sie schüttelte den Kopf und lachte -- ein hell klingendes Kinderlachen.
»Aber was hast du nur da droben gesucht?«
»Schneerosen,« sagte sie und lüftete den Deckel an ihrem Körbchen, das
zur Hälfte angefüllt war mit jenen zarten, weißen Blüten, die so schön
und auch so kalt sind wie ein Wintermorgen. Dann wieder blickte das
Mädchen lächelnd zu dem Jäger auf. »Es war eine rechte Plag! Seit dem
Morgen bin ich auf den Füßen und hab doch kaum so viele Blumen gefunden,
daß sie reichen für ein kleines Kränzl. Wir sind schon spät im Jahr, die
meisten Stöck haben schon verblüht.«
»Für wen gehören die Rosen?«
»Für das Grab unseres lieben Herrn. Übermorgen ist Charfreitag.«
Eine Weile schwiegen die beiden. Haymo blickte zu dem leeren Kreuz
empor; dann wieder sah er in die Augen des Mädchens und fragte: »Wer
bist du?«
»Ich bin die Gittli![1] Und du?«
»Der Klosterjäger.«
»Der neue?«
»Ja! Und wo bist du zu Hause, Dirn?«
»Drunten im Klosterdorf.«
Haymo erschrak. »Aber Dirn! Wie willst du den Heimweg finden? Heut noch?
Das ist ein Weg, den du nit wanderst in fünf Stunden. Und es wird eine
finstere Nacht.«
»Ich weiß eine Sennhütt, von hier eine halbe Stund, dort will ich
nächten.«
»Du wirst frieren. Die Nacht wird kalt.«
»Frieren?« lachte sie. »Das Heu macht warm!« Und da sie sich schon zum
Gehen wenden wollte, nahm sie rasch ein paar Schneerosen aus dem
Körbchen und schob sie zwischen die beiden eisernen Nägel, die im
Fußbalken des Kreuzes staken. Einen stummen Gruß nickte sie dem Jäger
noch zu, dann fing sie mit der Hand das flatternde Haar, wand es um den
Hals und huschte davon. Ein paar Schritte nur, und sie war in die
Senkung des Tales hinuntergetaucht.
[Fußnote 1: Brigitte.]
Haymo stand und wartete; es währte lang; dann sah er sie weit drüben im
Steintal zwischen den Büschen wieder zum Vorschein kommen; ihr Rotrock
schimmerte noch hell aus dem sinkenden Dunkel. Nun blieb sie stehen und
schaute zurück; so glaubte Haymo. Aber es dämmerte schon zu sehr, als
daß er auf die weite Strecke ihr Tun noch hätte genau unterscheiden
können. Jetzt war sie schon so klein wie ein roter Käfer in dunklem
Buschwerk, und nun verschwand sie.
Noch immer spähte Haymo den Weg entlang, den sie gegangen. Dann atmete
er tief, und sein Blick fiel auf die weißschimmernden Blüten am Kreuz.
Schneerose! Du echte Blume der Berge! Nicht minder schön und lieblich,
als die rotglühende Almenrose des Sommers, und noch geheimnisvoller als
der Sammetstern des Edelweiß. Schneerose! Wenn der Winter seinen weißen
Mantel über alle Berge wirft, wenn alles Blühen erstirbt und alles
Wachstum entschlummert, dann regt sich die keimende Kraft in den tief
gesenkten Wurzeln dieser einzigen Pflanze, als wäre sie bestellt zur
Hüterin des Lebens, damit es nicht ganz erlösche in der toten Zeit
zwischen Herbst und Frühling. In frostiger Öde sprossen ihre Blätter,
und zwischen Schnee und Eis entfalten sich ihre weißen Blüten. Und
wandert zur Winterszeit der Tod durch die verschneiten Hochlandstäler,
und berührt er ein unschuldig Kind mit seiner kalten Hand, dann klimmt
die weinende Mutter empor zu den schimmernden Schneehalden und windet
ihrem entschlafenen Liebling die weißen Rosen zum Kranz, als Sinnbild
des ewigen Lebens.
Schneerose! Das ist Leben und Tod zugleich! Denn die Wurzeln dieser
Pflanze bergen einen geheimnisvollen Saft, der kranke Herzen gesunden
läßt und bleiche Wangen wieder färbt. Für jenen aber, der diese Arznei
zu gierig genießt, wird sie zum tödlich wirkenden Gifte.
»Zwei Tröpflen machen rot,
Zehn Tropfen machen tot!«
So sagt der Volksmund -- und während das sinkende Dunkel den weißen
Rosenschimmer am Kreuze zu verschleiern begann, murmelte Haymo diesen
Spruch vor sich hin, als überkäme ihn die Ahnung, daß die Zeit nicht
fern wäre, in der ihm >zwei Tröpflen< nötig würden.
Über allen Bergen war der rote Schein erloschen; ein grauvioletter Duft
ließ Himmel und Erde ineinanderschwimmen. Zu Haymos Häupten dunkelte
schon die Nacht; nur fern im Westen zog sich über den Horizont noch ein
grünlichgelber Lichtstreif, in den der gezackte Grat der Lattenwand sich
schwarz hineinzeichnete.
Der Bergwald und die Gießbäche rauschten, dumpf sauste der Föhn, und
unruhig fingen die erwachenden Sterne zu funkeln an.
2.
Eine Stunde hatte Haymo in der Nacht zu wandern, um seine Hütte zu
erreichen. Als er dem Blockhaus näher kam, gewahrte er staunend, daß
durch die halboffene Tür der rötliche Schein eines Herdfeuers leuchtete.
Wer war zu Gast gekommen? Er beschleunigte den Schritt und trat in das
Blockhaus.
Ein kleiner Raum. Die Balkenmauern des Hauses waren auch die Wände der
Stube; mit dürrem Moos waren die Ritzen zwischen den Balken verstopft.
Neben der Tür durchbrach ein winziges Fenster die Blockwand. Der
niedere, aus Felsbrocken rohgemauerte Feuerherd nahm fast den vierten
Teil des Raumes ein; an der Wand neben dem Herde stand das plump
gezimmerte Bett, angefüllt mit Heu, darüber eine Wolfsdecke, ein Kissen
aus Rehfell und ein großes, rauhhaariges Stück Loden; rings um die
freien Wände lief eine Balkenbank, und in der Ecke neben dem Fenster
stand der klotzige Tisch. An der Wand noch ein kleiner Schrein zur
Aufbewahrung des Mundvorrates, über dem Herd zwei gekreuzte Stangen zum
Trocknen der durchnäßten Kleider, neben der Tür zwei Holzzapfen für die
Armbrust und das Wehrgehäng, ein Brett mit mancherlei Geschirr, und in
der Ecke über dem Tisch ein Kreuz, dessen welker Blumenschmuck ebenso
gebräunt war wie alles Gebälk; denn der Rauch des Herdfeuers hatte immer
ein langes Weilen in der Stube, bis er durch die Ritzen der Blockwand
und des Daches seinen Weg ins Freie fand.
Vor dem Herd, auf dem ein knisterndes Feuer flackerte, stand, mit der
dampfenden Pfanne beschäftigt, der Laufbube des Klosters, ein etwa
fünfzehnjähriger Bursch, hager, mit einem verschmitzten stulpnasigen
Gesicht, die braunen Haare kurz geschoren; er war mit einem rauhhaarigen
Wams bekleidet, das in Schnitt und Länge fast einer Kutte glich.
Als Haymo unter die Tür trat, grüßte ihn der Bub mit einem Kopfnicken
und einem blinzelnden Blick. Vom Heubett erhob sich eine rundliche
Gestalt, ein Mönch in der weißen Brudertracht der Augustiner, das
wohlgenährte Bäuchl umschlungen von breitem Ledergurt; die genagelten
Bundschuhe, die schon am Feuer zum Trocknen standen, hatte er durch
Strohpantoffeln ersetzt. Er trat auf Haymo zu, die Fäuste in die Hüften
gestemmt; seine kleinen Augen zwinkerten, der Mund bewegte sich kauend,
und über der knopfigen Nase und den kugeligen Backen lag eine
Purpurglut, wie sie der Widerschein des Herdfeuers allein nicht erzeugen
konnte.
»Willkommen, ehrwürdiger Pater!« grüßte Haymo und zog die Kappe.
Walti, der Laufbub, kicherte zu diesem Gruß; der Mönch aber lachte:
»Also du bist der Haymo, unser neuer Jäger?«
»Ja!«
»Glaub ich nit! Du? Was? Du willst ein Jäger sein? Ui jei![2] Mit dir
hat Herr Heinrich was Schönes aufgegabelt. Ein Jäger muß Augen haben!
Verstehst du? Aber du hast Augen wie eine Blindmaus. Sonst tätst du mich
nit für einen Pater halten.«
[Fußnote 2: Dialektische Verstümmelung des Ausrufes: »O Jesus!«]
Und Walti, den fettglänzenden Eisenlöffel schwingend, schrie dem Jäger
ins Ohr, als hätte er einen Tauben vor sich: »Das ist ja nur der Frater
Severin, unser Gärtner!«
O Spott des Namens! Severinus, das heißt zu deutsch der >Strenge<, der
>Ernsthafte< -- und dieses Gesicht dazu und dieses Bäuchl, das vor
Lachen wackelte, daß Frater Severin sich auf die Holzbank niederlassen
mußte, um Atem zu finden!
»So? So? Ihr seid ein Frater?« sagte Haymo, sein Wehrgehäng von den
Hüften schnallend. »Nun, dann seid mir doppelt willkommen!« Lächelnd
streckte er seine Rechte hin.
Severin faßte sie mit der einen Hand, während er die andere drohend
erhob: »Du! Du! Wenn ich das dem Dekan verrate, daß dir ein Pater die
halbe und ein Frater die doppelte Freud macht, dann setzt es was!« Er
wollte weiter sprechen; doch aus der Pfanne, die über dem Feuer hing,
stieg plötzlich ein zischender Dampf. »Walti, du Rabenvieh!« rief der
Bruder erschrocken und sprang zum Herd. »Richtig! Läßt der Kerl uns das
Futter anbrennen, als wär's eine Seel, die der Teufel schmort! Her mit
dem Löffel!« Er riß dem Buben den eisernen Zinken aus der Hand und
begann die rauchende Speise mit einem Eifer durcheinander zu stoßen, daß
ihm die Schweißtropfen über die dicken Backen rannen.
Haymo sah ihm eine Weile zu, dann nahm er die Armbrust von der Schulter
und rieb mit einem Lederlappen die von der feuchten Luft erweichte Sehne
so lang, bis sie warm und trocken wurde. Als er die Waffe über den
Holznagel hängte, trug Frater Severin die dampfende Pfanne zum Tisch.
»So, ihr Knospen, her zum Futter!«
Sie reihten sich um den Tisch, dem das Herdfeuer genügende Helle gab,
sprachen ein kurzes Gebet, und Frater Severins Schmunzelgesicht wurde
ernst für eine Minute. Kaum aber hatte er das Amen von den Lippen, da
war sein Löffel der erste in der Schüssel.
Einige Bissen hatten sie gegessen, da legte Severin den Löffel nieder
und hielt den beiden anderen die Hände fest. »Halt! Wir haben das Beste
vergessen. Walti! Her mit der Güte Gottes!«
Der Bub sprang auf und holte flink aus dem Zwerchsack eine bauchige
Tonflasche. Bedächtig löste Frater Severin den Rindenpfropf und schob
dem Jäger die Flasche hin. »Sollst den ersten Schluck haben.
Klosterbier!« Er schnalzte mit der Zunge.
Haymo tat einen langen Zug. »Ja, Frater, da merkt man die Güte Gottes!«
Walti kicherte. Und Frater Severin lachte. »Hörst du, was er gesagt hat?
Güte Gottes!« Er gab dem Buben einen Puff in die Seite und vertiefte
sich in die Flasche. Dann wieder zu Haymo gewendet, lachte er: »Ich will
dir's verraten! Weißt du, ich bin kein böser Mensch. Wenn ich in meinem
Chorstuhl knie, dann schlag ich an meine Brust und spüre, daß ich ein
armer Sünder bin. Aber in Garten, Keller und Küche, da redet man auch
gern wieder von irdischen Dingen. Dem Pater Dekan gefällt das nit. Drum
haben wir uns eine Sprach erfunden, weißt du: ein fester Brotlaib, der
heißt bei uns >eine gute Seel<, solch ein Krug, das ist die >Güte
Gottes<, und eine alte Flasche, das ist >des Himmels höchste Gnad<. Und
weißt du, was die >wahre Andacht< ist? Eine gebackene Forelle! Und das
>Labsal der Betrübten<? Ein gesulzter Hecht! Ui jei! Du solltest den
Pater Dekan sehen, wie zufrieden er lächelt, wenn er uns von so frommen
Dingen reden hört. Wenn ich etwa sag: >Heut wurde mir des Himmels
höchste Gnade zuteil<! Oder: >Ach, wie bin ich erfüllt von wahrer
Andacht<!«
So plauderten sie weiter, ließen die Flasche kreisen und taten sich
gütlich an ihrem bescheidenen Mahl. Als Walti den Tisch räumte, sagte
Frater Severin zu Haymo: »Neugierig bist du aber gar nit. Fragst nit
einmal, weshalb wir gekommen sind!«
»Ich freu mich, daß ihr da seid!«
»Du sollst morgen hinunter ins Kloster und deiner Christenpflicht
genügen.«
»Das tät ich gern. Wer aber hütet, bis ich wieder komm, meine Gemsen und
Steinböck?«
»Ich!«
»Ihr?« lachte Haymo.
»Ja, ich, was sagst du?« jammerte Frater Severin. »Herr Heinrich meint,
der faule Winter hätt mir zu wohl angeschlagen. Nun soll ich mir ein
paar gute Pfündlen aus der Kutt laufen. Das wird eine böse Sache!« In
banger Sorge befühlte er den Umfang seines Gurtes. »Aber du, du kannst
dich auch freuen, wenn du morgen hinunter kommst. Neulich, als der Walti
mit deiner Botschaft kam, da gab es ein Donnerwetter, ui jei! Weißt du,
Herr Heinrich ist ein frommer, guter Mann, aber wenn es sich um
verlorene Seelen und Steinböck handelt, kann er schelten wie ein Türk!
Weißt du, was er sagte? Er sagte: >Zwei Böck in einer Woche? Wenn das so
fortgeht, steck ich den Burschen unter die Klosterknechte und schick
einen anderen, der wachsamere Augen hat und sich besser versteht auf die
Hut des Gewildes<. Ja, das sagte er.«
Haymo erblaßte. Das hatte ihn ins Herz getroffen. Er hing am Weidwerk
und an den schönen, freien Bergen wie ein Blatt am Baum, das welken und
sterben muß, wenn es der Wind vom Aste reißt. Er brachte kein Wort
hervor; nur die Fäuste stieß er auf den Tisch und biß die Lippen
übereinander.
Als Frater Severin gewahrte, was er angerichtet hatte, streichelte er
dem Jäger die zitternde Faust und sagte begütigend: »Nun, nun, so
schlimm wird's nit gleich werden. Herrn Heinrich brauchst du nit
fürchten. Komm du morgen nur hinunter, schau ihm frei ins Aug, und alles
ist gut! Und wenn Herr Schluttemann, der Klostervogt, ein Hagelwetter
losläßt, so nimm es nit ernst und schüttel den Pelz! Weißt du, der speit
halt Feuer, weil ihm Frau Cäcilia gehörig einheizt. In seiner Vogtstub
hängt ein Bild. Hast du es gesehen? Der heilige Georg, der den Drachen
ersticht! Ich mein', da sollt eher ein Bildnis hängen: der Drache, der
den heiligen Georg ersticht, aber nit mit der Lanze, sondern mit einer
Blutwurst!«
Er wollte weiter sprechen. Aber vom Herde klang die Stimme des Buben:
»Frater Severin!«
»He?«
»Wißt Ihr, wen ich heut gesehen hab in aller Gottesfrüh?«
»Wen?«
»Den Schwarzen! Drunten am See, unter einer Feicht hat er gesessen und
hat an einem Netz geflickt[>>,::SILENT] als wär er nit der Pater
Fischmeister, sondern ein höriger Knecht. Und wie ich vorübergegangen,
hat er Augen auf mich gemacht wie Feuer, richtig zum Fürchten! Das ist
einer!«
»Das ist freilich einer!« wiederholte Frater Severin. Und um den Jäger
von seinen trüben Gedanken loszureißen, fragte er: »Hast du ihn nie
gesehen, drunten am See?«
Haymo schüttelte den Kopf.
»Heuer um die Weihnachtszeit haben sie uns den hergeschickt aus Passau.
Warum? Ich weiß es nit! So was erfährt ja unsereiner nie. Er soll aus
fürstlichem Geblüt sein. Aber da drinnen --« er pochte auf seine Brust,
»da muß es finster ausschauen bei dem! Ganze Tage lang ist er im
verschneiten Klostergarten auf und ab gewandert wie ein Gespenst. Und
jetzt im Frühjahr, da haben sie ihn zum Pater Fischmeister gemacht und
an den See geschickt. Drunten, weißt du, wo es heraufgeht über den
Wildbach, in dem öden Winkel zwischen Felsen und See, da haust er in
seiner Klause. Könnt es so gut haben in seiner Chorherrenstub! Und hockt
da heraußen in der Wüstenei! Mutterseelenallein! Freilich, umsonst heißt
er nit Pater Desertus, der >Einsam<! Meinst du, er duldet einen Knecht
in seiner Näh? Draußen im Seedorf müssen sie sitzen und dürfen nur
kommen, wenn er sie ruft mit seiner Glocke.«
Haymo hörte nur mit halbem Ohr. Als Frater Severin das merkte, rüttelte
er den Jäger am Arm. »Aber so red doch ein Wort! Das ist langweilig, so
stumm zu hocken wie ein Räupl im Kohl. Komm! Trink einen Schluck! Und
dann erzähl! Wo bist du denn eigentlich her?«
»Aus Sankt Benedikt Buren.«
»Wo Herr Heinrich vor Wochen zu Gast war?«
»Ja. Er fand Gefallen an mir und nahm mich mit.«
»Da hat er recht gehabt. Ich hätt es auch so gemacht. Sind deine Eltern
Klosterleut?«
Haymo senkte den Kopf. »Mein Vater war ein freier Mann, ein Falkner; bei
einem bösen Wetter hat ihn der Blitz erschlagen, und meine Mutter ist
darüber gestorben aus Gram.«
»Armer Teufel!« murmelte Frater Severin und wollte des Jägers Hand
fassen.
Haymo erhob sich und verließ die Stube. Draußen umfing ihn die Nacht.
Lange stand er an den Stamm einer Fichte gelehnt, die unter dem
stoßenden Föhn erzitterte bis in die Wurzeln. Er blickte empor zu den
Sternen. Aber er sah ihr Funkeln und Leuchten nicht; die Bilder der
Vergangenheit, traurig und froh, zogen an seinen Augen vorüber: die
stürmische Nacht, da man den Vater brachte als einen stillen Mann; der
Morgen, an dem man die Mutter tot auf ihrem Lager fand; der schöne
Abend, da ein Klosterknecht den zehnjährigen Buben zum Pater Wildmeister
in das Jachental brachte; die erste Bergfahrt, der erste Schuß auf die
Scheibe und der erste in das Herz eines jagdbaren Hirsches; und dann die
schönen Jahre hoch oben im freien Revier der Berge mit ihren Jägersorgen
und Jägerfreuden -- bis zu diesem letzten Abend, an dem das Mädchen mit
den Schneerosen so plötzlich vor seinen Augen stand, selbst einer
Schneerose vergleichbar, schlank wie eine Elfe.
»Gittli?«
Sein Blick bohrte sich in die Nacht. Aber dort unten, wo der rauschende
Bergwald den Almenhang und jene Hütte umschloß, in der das Mädchen
Schutz für die Nacht gesucht, dort unten war Finsternis.
Schlief sie schon? Und fror sie nicht im Schlummer? Sennhütten sind nur
gebaut für den warmen Sommer: handbreite Lücken klaffen in den roh
gefügten Balkenwänden, und es fährt der Sturm hindurch, zudringlich und
kalt. Da wäre der Schläferin ein wärmendes Fell, eine schützende Decke
willkommen.
Haymo sprang in die Hütte. Das Feuer auf dem Herd war fast erloschen;
nur eine dünne Flamme schlug noch aus den zerfallenden Kohlen. Im
Herdwinkel hatte Walti sich auf die warmen Steine gestreckt, und im
Heubett schnarchte Frater Severin auf dem Wolfsfell und hielt die
Lodendecke bis übers Kinn gezogen. Was der gute Frater wohl sagen
möchte, wenn Haymo ihn weckte und zu ihm spräche: »Gib das Fell her und
die Decke, die kleine Gittli friert!«
Haymo, leis, um die beiden anderen nicht zu wecken, ließ sich auf den
Herdrand nieder. Da sah er, daß der Laufbub die Augen noch offen hatte.
»Walti!« sprach er ihn flüsternd an. »Gelt, du kennst alle Leut im
Klosterdorf?«
»Ja!« gähnte der Bub.
»Kennst du eine junge Dirn mit Namen Gittli?«
»Wohl. Das ist die Müllerstochter am Seebach drunt, ein festes Weibsbild
mit blonden Zöpfen, dick wie mein Arm.«
»Die mein' ich nit. Eine andere.«
»Halt! Ja! Die Krämerdirn? Haymo, die hat Moos und kriegt ein Haus. Aber
schielen tut sie und einen Buckel hat sie auch. Pfui Teufel!«
»Die mein' ich auch nit. Eine andere.«
»Eine andere? Gittli? Ich weiß keine mehr.«
»Besinn dich!«
»Wie soll sie denn ausschauen?«
Haymo neigte sich über den Herd; seine Augen leuchteten, und von seinen
Wangen widerstrahlte die Glut der Kohlen: »Schlank und fein wie ein
junges Lärchenstämml, flink wie ein Reh, ein Gesicht, so weiß wie die
Schneerosen, und Augen so schön und so tief wie der See.«
Walti glotzte den Jäger an und schüttelte den Kopf. »Nein, die kenn ich
nit. So eine gibt's gar nit bei uns im Dorf. Die müßt man draußen in der
Salzburg suchen oder im reichen Hall, in den Herrenhäusern.« Er ließ
sich gähnend zurücksinken in den Winkel, richtete sich aber gleich
wieder auf. »Halt! Eine fällt mir noch ein. Ja, die heißt auch Gittli.
Aber das ist noch gar keine Dirn. Die ist mit mir in die Klosterschul
gegangen. Ein kleberes[3] Ding. Hat Augen wie eine Wildkatz und Haar, so
schwarz wie des Teufels Großmutter. Die kannst du nit meinen.«
Haymo lächelte. »Nein, die mein' ich freilich nit! Wer ist denn ihr
Vater?«
»Sie hat keinen. Bei ihrem Bruder haust sie. Das ist einer! Dem geh ich
aus dem Weg. Neulich, wie die Glock zum Essen läutet, hab ich sein Kindl
umgerannt. Da hat er mir die Ohren schier aus dem Kopf gerissen. Der
Teufel, der ungute! Ist ein Auswärtiger. Vor zehn Jahren ist er zu uns
gekommen, weiß nit, woher. Drunten im Salzhaus ist er Sudmann, und sein
Haus ist ein Klosterlehen. Jaaa!« Laut gähnend drehte sich Walti auf die
Seite.
[Fußnote 3: Schwächlich, unscheinbar.]
Haymo saß gegen die Blockwand gelehnt, flocht die Hände um das
aufgezogene Knie und träumte mit offenen Augen.
Auf dem Herd erlosch die Glut, Frater Severin schnarchte, und draußen
stürmte der Föhn um das kleine Balkenhaus, daß es zitterte in allen
Fugen.
3.
Es war nach den schweren Mühen des Tages keine bequeme Rast, die Haymo
auf dem Herdrand hielt. Dennoch schlief er fest. Nach stillen Stunden
weckte ihn ein Windstoß, der gegen die Hütte fuhr, als wollte er sie
wegtragen in die Lüfte. Auch Walti erwachte; sogar Frater Severin
stellte das Schnarchen ein und warf sich auf die Seite.
Haymo verließ die Hütte, um sich an der Quelle zu waschen; der Stand der
Sterne zeigte die zweite Morgenstunde. Als er zurückkehrte, hatte Walti
ein Feuer entzündet. Frater Severin schnurrte schon wieder im Schlaf wie
die Säge in einer dürren Zirbe.
Heute brauchte Haymo kein Frühmahl, denn er mußte nüchtern bleiben für
den Tisch des Herrn. Er schnallte das Wehrgehäng um die Hüfte, warf die
Armbrust hinter den Rücken und drückte die Kappe über das krause Gelock.
Aus dem Schreine nahm er eine ältere Armbrust hervor und einen
Bolzenköcher und reichte beides dem Buben, dessen Augen aufblitzten, als
er nach der Waffe griff.
»Kannst du schießen?«
»Auf hundert Gäng treff ich wohl einen Baum!« sprudelte es über Waltis
Lippen.
»Gut! Laß den Frater schlafen! Du aber geh, wann der Morgen graut, und
übernimm die Hut!«
»Welchen Weg soll ich machen?«
»Hinüber zur Kreuzhöh, dann hinauf durch den Wald bis unter die Wänd und
immer an den Wänden fort. Aber nimm dich in acht vor den Lahnen[4] und
spring nit talwärts, wenn du sie rollen hörst über dir, sondern drück
dich an die Wand! Und wenn du einen Steinbock siehst oder ein Rudel
Gemsen, dann scheuch mir das Wild nit! Hörst du? Und wenn dir einer
begegnet, der nichts hier oben zu schaffen hat, dann zeig, daß du ein
richtiger Bub bist, und ruf ihn an! Es ist Klostergut, das du hütest.«
[Fußnote 4: Lawinen.]
Walti nickte nur; sein Gesicht brannte, und fester schlossen sich seine
Hände um die Armbrust.
»Und nun behüt dich Gott! Und grüß mir den Frater Severin!«
Draußen lag noch die Nacht mit ihrem Sturm und ihren Sternen. Rüstigen
Ganges folgte Haymo durch das rauhe Steinfeld dem talwärts führenden
Jägersteig. Nach einer Stunde erreichte er den rauschenden Almenwald.
Durch die Finsternis, die ihn zwischen den Bäumen umgab, wanderte er so
sicher dahin, als wär' es heller Tag. Manchmal hörte er flüchtendes
Hochwild brechen.
Nun teilte sich der Weg; der eine Pfad führte über die bewaldeten Wände
steil hinunter zum See, der andere quer durch den Wald, auf einem Umweg
bei den Sennhütten vorüber und dann nach weiten Windungen beim Seedorf
in das Klostertal.
Bei den Sennhütten vorüber? Haymo fühlte, wie es ihn zog und zog. Er
hätte gerne gewußt, ob Gittli die stürmische Nacht auch fahrlos
überstanden. Um sich loszureißen, mußte er des Zweckes denken, der ihn
heute hinunter rief ins Kloster.
In doppelter Eile folgte er dem immer abschüssiger werdenden Pfad. Die
Sterne erblaßten, immer lichter wurde der Himmel, und über den Spitzen
der Berge erwachte das Frührot. Ein rosiger Schimmer erfüllte den weiten
Felsenkessel, in dessen Tiefe der See mit weißen Wellen schwankte. Als
Haymo das steile Ufer erreichte, wurde drüben über dem See, in der
Bartholomäusklause, der Morgensegen geläutet. Er zog die Kappe und
sprach ein Gebet. Dann stieß er den Einbaum, der zwischen wirrem
Gestrüpp an das Ufer gezogen lag, in das Wasser, sprang mit raschem Satz
in das schwankende Fahrzeug und griff zum Ruder. Wohl hatte der wehende
Föhn zwischen den tief gesenkten Felswänden nur halbe Macht, Haymo mußte
aber doch seine ganze Kraft zusammennehmen, um bei den häufigen
Wirbelwinden, die ihn überfielen, den plumpen Kahn in gerader Fahrt zu
halten.
Es war heller Tag geworden, als er nahe dem Seedorf in einer vor dem
Sturme geschützten Bucht den Einbaum wieder ans Land zog. Zwischen den
rauschenden Fichten stieg er den sanft geneigten Waldweg empor. Nun
verhielt er betroffen den Schritt. Vor ihm auf einem moosigen Steine saß
ein Mönch. Netzwerk und Angelschnüre lagen zu seinen Füßen; er hielt die
Arme auf die Knie gestützt und das Antlitz in den Händen vergraben. Die
weiße Kapuze war zurückgesunken und enthüllte ein edel geformtes Haupt
mit kurzgeschorenem, tiefschwarzem Haar; dicht und lang quoll der
schwarze Bart unter den Händen hervor bis auf die Brust.
In Haymo erwachte die Erinnerung. Dieser Mönch vor ihm, das war wohl der
>Schwarze<, von welchem Walti geplaudert hatte, der neue >Pater
Fischmeister<, den >sie von Passau hergeschickt<, und von welchem Frater
Severin erzählt hatte, daß er ganze Tage lang stumm und einsam im
beschneiten Klostergarten auf und nieder gewandert wäre >wie ein
Gespenst<?
Einen Schritt trat Haymo näher, sein eisenbeschlagener Schuh streifte an
eine Felsplatte, und da richtete der Mönch sich auf. Diese stolze, edle
Gestalt hätte eher in den Harnisch gepaßt als in die Kutte; das Gesicht
aber, das der schwarze Bart umrahmte, war bleich wie Schnee; Gram und
Seelenpein hatten die Züge verschärft und tiefe Furchen in die weiße
Stirn gegraben; um die schmalen Lippen zuckte der Schmerz, und die
tiefliegenden Augen brannten wie Feuer -- das waren Augen, die lange die
Wohltat der Tränen nicht mehr kannten. Haymo fühlte sein Herz berührt
vom Anblick dieses Priesters; er zog verwirrt die Kappe und stammelte:
»Hochwürdiger Vater! Was fehlt Euch? Seid Ihr krank?«
Der Mönch wandte sich wortlos ab, hob die Fischnetze und Angelschnüre
auf seinen Arm und wollte gehen.
Haymo vertrat ihm den Weg. »Ich bitt Euch, redet ein Wort zu mir!
Vielleicht kann ich Euch was zulieb tun? Sagt mir, was bedrückt Euch?«
»Das Leben!« glitt es leise von den Lippen des Mönches, als hätte er
dieses Wort für sich allein gesprochen, nicht aber als Antwort auf die
herzliche Frage des Jägers. Dann neigte er das Haupt -- es war ein Gruß
und eine Abweisung zugleich -- und ging zu dem Pfade hinüber, der von
den Bergen herunterführte gegen das Seedorf.
Betroffen blickte Haymo ihm nach; nun hob er lauschend den Kopf; eine
klingende Stimme tönte von einer höheren Stelle des Pfades durch den
Wald. Haymo erkannte die Stimme, und heiß schoß ihm das Blut in die
Wangen. Jetzt sah er auch zwischen den Bäumen schon das rote Röckl
schimmern. Gittli war es. Und sie sang:
»Auf steiler Höh,
Tief unterm Schnee,
Da blüht ein Blüml grün und weiß.
Es gräbt in Stein
Die Wurzen ein
Und streckt sein Köpfl aus dem Eis,
Schneeweiß!
Die Winterszeit,
Wenn's eist und schneit,
Das ist sein Lenz auf weißer Hald.
Doch bringt der Föhn
Den Frühling schön,
Dann siecht es hin und welket bald,
Schneekalt!
Im Herzen tief
Ein Blüml schlief,
Gar lieblich und an Schönheit reich;
Es blühte rot,
Da kam der Tod
Und trug's hinunter in sein Reich,
Schneebleich!«
Wie Lerchengesang hob Gittlis Stimme sich über den wehenden Sturm und
das dumpfe Rauschen des Waldes. Und als sie die letzte Strophe gesungen
hatte, sah Haymo, wie Gittli auf dem schmalen Pfad erschrocken stehen
blieb, den scheuen Blick auf den Pater Fischmeister gerichtet. Dieser
stand vor ihr, mit erstarrtem Gesicht und mit Augen so voll Entsetzen,
als wäre das Mädchen vor ihm nicht das lieblichste Bild des Lebens,
sondern ein dem dunkelsten Schoß der Erde entstiegenes Gespenst. Die
Knie drohten ihm zu brechen, Netze und Schnüre fielen von seinem Arm,
taumelnd griff er nach einer Stütze, und von seinen zuckenden Lippen
klang es mit heiserem Laut: »Wer bist du?«
»Ich bin die Gittli,« stammelte das Mädchen mit versagender Stimme.
»Wer ist dein Vater?«
»Mein Vater ist tot, und meine Mutter auch. Ich hause bei meinem Bruder,
der heißt Wolfrat und ist Sudmann im Salzhaus des Klosters.«
Das hatte Gittli scheu hervorgestottert, wie ein Kind die Litanei in der
Schule stammelt, wenn der Kaplan die Haselrute schwingt. Nun stand sie
schweigend, das Körbchen mit den Schneerosen an ihren jungen Busen
drückend, ein Bild, so hold, daß Haymo von diesem Anblick sein Herz zum
Springen schwellen fühlte. Es zuckte in seinen Fäusten, und es war ihm,
als müßt' er auf den unheimlichen Wegelagerer losstürzen und ihm
zuschreien: Was willst du von dem Kind? Laß das Kind in Ruh! Oder du
hast es mit mir zu tun!
In wachsender Verstörtheit war der Blick des Mönches auf das Mädchen
gerichtet. Röte und Blässe wechselten auf seinen Zügen, seine Augen
waren wie zwei Flammen, heiß und verzehrend. »Wer gab dir dieses
Gesicht?« so brach es fast wie ein Schrei von seinen Lippen; nun
streckte er die Arme, als wollte er das Mädchen umschlingen -- und da
wich Gittli erbleichend vor ihm zurück; einen Augenblick stand sie
ratlos, dann schwang sie sich mit einem herzhaften Sprung über den
steilen Rand des Pfades auf den moosigen Waldboden und flog mit
flatterndem Rock an Haymo vorüber, um zwischen den Bäumen zu
verschwinden.
Wie man lange nach der dunklen Stelle des Himmels starrt, an der ein
fallender Stern erloschen ist, so starrte Haymo in den Waldschatten, in
dem die Gestalt des Mädchens sich verloren hatte. Langsam wandte er das
Gesicht und blickte wieder zum Pfad hinauf. Dort oben stand noch immer
der Mönch mit gestreckten Armen, als wollte er die Luft umschlingen, in
der das Mädchen geatmet. Jetzt kam ein Zittern über ihn, seine Arme
fielen, stöhnend sank er auf einen Stein und bedeckte das Gesicht mit
den Händen.
Haymo wußte nicht, wie ihm geschah. Er hätte gern diesem Priester
gezürnt, und dennoch fühlte er, wie das Mitleid sein Herz gefangen nahm.
Eine Weile noch stand er wie gebannt; dann schlich er davon, und je
weiter er sich entfernte, desto rascher wurde sein Schritt.
Vielleicht gelang es ihm noch, das Mädchen einzuholen? In seinem Geleit
wäre Gittli sicher und hätte einen gefahrlosen Heimweg. Er begann zu
laufen. Was war das? Diese zornige Stimme, die von der offenen Seelände
durch die Lichtung der Bäume klang? War das nicht Gittlis Stimme? Ja!
Und nun verstand er auch ihre Worte: »So laßt mich doch! Was wollt ihr
von mir? Was hab ich euch denn getan? So laßt mich doch in Ruh!«
Haymo hatte den Waldsaum erreicht; draußen lag eine breite Wiese, halb
überspült von dem weißen Sand, den der schäumende See über das Ufer
warf; an Stangen hingen Fischnetze zum Trocknen aufgespannt; unter
weitästigen, im Föhnwind rauschenden Ulmen, zu Füßen eines Hügels,
standen die beiden Hütten der dem Kloster hörigen Fischerknechte. Zwei
der struppigen, an Gesicht und Kleidung derb verwitterten Gesellen
hatten inmitten der Wiese das Mädchen mit einem Stück Netz umfangen, und
der eine lachte: »Hilft dir nichts! Wer so ein feines Fischl im Garn
hat, der hält es fest.«
»Aber so laßt mich doch, laßt mich!« flehte Gittli und suchte sich dem
Netz zu entwinden.
»Zappel nur!« lachte der andere. »Weißt du, was einem Ferch geschieht,
wenn er ins Netz gegangen ist? Wir geben ihm eins auf den Schnabel!«
Gittli kreischte, und während sie mit dem einen Arm ihr Körbchen in die
Höhe hielt, schlug sie mit dem andern zornig um sich.
»Geh, hab keine Sorg!« tröstete der jüngere der beiden Knechte. »Wir
machen's bei dir nit gar zu grob! Komm her, wirst sehen, es tut nit
weh!« Er faßte mit derber Hand ihr Kinn und wollte sie küssen. Da flog
er unsanft zur Seite. Haymo hatte ihn beim Kragen gepackt, und der Griff
hatte ausgegeben. Ein Dutzend Schritte von der Stelle saß der Bursch im
Gras und machte ein dummes Gesicht. Dem anderen versetzte Haymo mit dem
Bergstock eins über die Hand, daß er das Netz gutwillig fallen ließ.
Gittli, die sich so plötzlich befreit sah, warf dem Jäger einen
dankbaren Blick zu, streifte hurtig das Netz von den Füßen und huschte
kichernd davon.
Der ins Gras Gesetzte hatte sich inzwischen erhoben. Mit kirschrotem
Gesicht kam er auf den Jäger zugestürmt.
Haymo machte eine Faust und hob sie ein wenig. »Komm nur!« sagte er
lächelnd.
Da war der Zorn des Burschen verraucht. Und der andere, der noch immer
seine Hand rieb, brummte: »So ein Wildling! Gleich zuhauen! Da schau,
ganz blau sind alle Finger!« Und scheltend ging er dem Ufer zu und
steckte die Hand ins kalte Wasser.
Lachend schulterte Haymo den Bergstock und folgte der Straße. Er wäre
gern rascher gegangen; aber das wollte er den beiden Gesellen nicht
zuliebe tun; die hätten ihm sonst wohl nachgerufen: »Schau, wie er sich
tummelt, daß er davon kommt!« Als er um die Ecke lenkte und den Blicken
der beiden entschwand, beschleunigte er seinen Gang; aber von Gittli war
nichts mehr zu sehen und zu hören.
Auf schmaler, von den Rädern der Bauernkarren übel zerrissener Straße
schritt Haymo durch das frühlingsblühende Tal. Wenn auch droben auf den
Bergen der Lenz noch eine harte, zähe Schlacht gegen den Winter schlug,
so hatte doch im Tal der Frühling sich schon häuslich eingerichtet. Auf
den Wiesen lag es schon wie grüner Sammet, in dem sich die zahllos
blühenden Primeln ausnahmen wie goldene Stickerei. Veilchenduft wehte
aus den Hecken, in denen die kleinen Meisen zwitscherten. Aus den
Zweigen der Fichten spitzten schon die jungen Triebe, und über den
Buchen und Ahornbäumen lag's von den sprossenden Blättchen wie
lichtgrüner Schimmer. Die wilde Kraft des Föhns, der droben auf den
Bergen allen Grund der Felsen zittern machte und die donnernden Lawinen
löste, war hier im Tal verwandelt in ein frisches Wehen, das in alle
Büsche griff, in alle Wipfel der Bäume, als wollt' es ihnen sagen: Nur
frisch, nur munter! Jetzt nach dem Winterschlaf kein Gähnen mehr! Jetzt
heißt es wachsen, treiben, blühen, Früchte tragen und für Samen sorgen!
Die schöne Zeit ist kurz. Und eh ihr euch's verseht, ist wieder der
Winter da. Munter! Munter!
Jetzt stieg die Morgensonne hinter den Bergen empor, Wald und Feld
überspinnend mit ihrem Gold. Ein Funkeln und Leuchten überall. Sogar der
Schatten, den Haymo auf die Straße warf, war Schimmer und Farbe.
Blaue Rauchsäulen stiegen aus den hölzernen Bauernhäusern, die zerstreut
lagen zwischen kleinen Gehölzen, zwischen Wiesen und brachen Feldern; in
den umhegten Gärten weidete das Vieh mit läutenden Glocken, und in
steinigem Bette rauschte die dem See entströmende Ache ihr eintöniges
Lied.
Die Straße begann zu steigen; nun trat sie unter den Bäumen hervor, und
Haymo sah zu oberst auf der sonnigen Höhe des Weges das Mädchen
schreiten.
»Gittli! Gittli!« rief er mit hallender Stimme.
Sie hörte ihn, blieb stehen, wandte das Gesicht, schwang wie zum Gruß
ihr Körbchen und lief davon, in der Senkung der Straße verschwindend.
Haymo seufzte zuerst, dann lachte er und wanderte weiter. Eine halbe
Stunde noch, und er hatte das Klosterdorf erreicht. An beiden Ufern der
Ache reihte sich Haus an Haus, und von der Höhe nieder winkte der
schlanke Münsterturm und der mächtige, weit ausgedehnte Bau des Stiftes,
mit hundert funkelnden Fenstern. Haymo überschritt auf hölzerner Brücke
die Ache und gelangte zu einem riesigen Holzgebäude. Es war das
Salzhaus, die Goldschmiede des Klosters, welche die Dukaten in so
schöner Menge lieferte, daß in kaum zweihundert Jahren die arme
Martinsklause zu Berchtesgaden das reichste Kloster weit und breit
geworden war. Alle Fürsten zankten sich um die Hoheitsrechte über die
reiche Propstei, und die Erzbischöfe von Salzburg machten scheele Augen.
In langer Reihe standen die Frachtwagen und Saumpferde aus aller Herren
Länder vor dem Salzhaus, und ein Frater in geschürzter Kutte
verzeichnete auf einem Täfelchen jeden Sack, der von den Knechten zum
Verladen herbeigetragen wurde. Auf einem Seilzug, der über die Ache
gespannt war, kamen die in Rollen laufenden Kufen mit dem Rohsalz
knarrend einhergezogen. Dort drüben lag der Salzberg Tuval, in dessen
Schachten das Steinsalz von den Klosterknappen gefördert wurde. Dann kam
es in die Pochmühle, aus der Mühle in die Solwannen, und aus der
gesättigten Sole wurde das reine Salz in mächtigen Pfannen wieder
ausgekocht. Sogar in der Karwoche durften die Feuer nicht erlöschen. Wie
fleißig der Sud betrieben wurde, das verriet der weiße Dampf, der in
dichten Wolken aus allen Luken des Daches, aus jedem Tor und allen
Fenstern des Sudhauses qualmte.
Da drinnen in der brütenden Hitze mochte kein gutes Weilen sein; das
meinte Haymo dem Sudmann anzusehen, der triefend von Schweiß aus einem
der Tore trat, um frische Luft zu schöpfen; er war nur mit einer blauen
Leinenhose bekleidet, Oberkörper und Arme waren nackt und von der Hitze
gerötet wie ein Krebs, der aus dem siedenden Wasser auf die Tafel kommt.
Eine schwere Gestalt, Muskeln und Arme wie aus Kupfer gegossen, ein
Stiernacken, ein klobiger Schädel mit kurzgeschnittenem, rötlichbraunem
Haar; der struppige Bart hatte die Wangen fast bis zu den Augen
überwachsen; dadurch bekam das Gesicht einen finsteren Ausdruck, der
durch den verdrossenen Blick der grauen Augen noch verschärft wurde.
»Wolfrat!« rief eine herrische Stimme im Innern des Salzhauses, und der
Sudmann verschwand im Tor.
Wolfrat? -- Dieser Mensch sollte Gittlis Bruder sein? Haymo schüttelte
den Kopf; er stellte die beiden im Geiste nebeneinander. Das waren zwei
Geschwister, von denen eins zum andern paßte, wie der Eichbaum zur
Heckenrose, wie der Bär zum Reh, oder -- der Volksmund pflegt zu sagen:
wie die Faust aufs Auge!
4.
Als Haymo durch die Pforte des Klostergartens trat, scholl vom
Kirchplatz herab ein lautes Knattern und Gepolter. Das waren die
hölzernen >Ratschen<, die zur Messe riefen; während der Passionstage
dürfen die Glocken nicht geläutet werden; ihre klingenden Seelen, so
geht die Sage, ziehen nach Rom, um vom heiligen Vater gesegnet zu
werden, und erst in der Osternacht kehren sie zurück in ihre ehernen
Leiber, um schwebenden Schalles die Auferstehung des Erlösers zu
verkünden.
Über Felsstufen und gewundene Wege stieg Haymo den Hang des Hügels
empor, auf dessen Kuppe das Kloster stand; das ganze Gehänge, einst mit
Felsklötzen besät und von wirrem Gestrüpp überwuchert, war in einen
freundlichen Garten verwandelt, mit zahlreichen Blumenbeeten,
Baumgruppen und säuberlich gehaltenen Pfaden. Wohl war der Garten um
diese frühe Jahreszeit noch arm an Grün und Blüten. Aber was mußte das
im Sommer für eine Pracht und Freude sein! Frater Severin, der Gärtner,
verstand seine Kunst; das mußte auch der Neid bekennen.
Auf schwankendem Steg überschritt Haymo den tiefen Hirschgraben, in dem
ein Rudel Hochwild friedlich äste. Die Tiere sahen elend und verkümmert
aus; ein Hirsch, auf dessen Haupt schon das neue Geweih zu sprossen
begann, war bis zum Rande des Grabens emporgestiegen und drückte die
Stirn gegen das hölzerne Gitter; er sah durch die Lücken der Stäbe in
der Ferne den freien Bergwald blauen; Haymo wandte sich ab, bewegt von
Erbarmen; es dünkte ihn ein hartes Unrecht, solch ein edles Tier
gefangen zu halten in traurigem Kerker, nur zu müßiger Augenweide.
Als der Jäger an der Klosterpforte den Hammer rührte, sagte ihm der
Pförtner, daß Haymo nach der Messe in der Amtsstube des Klostervogtes
sich einzufinden hätte; doch sollte er neben Dienst und Pflicht auch
seines irdischen Leibes gedenken und den Umweg über die Küche nicht
scheuen. »Freu dich, Junge, heut ist großer Fasttag!« flüsterte der
Pförtner und schmunzelte.
Haymo gab die Armbrust und den Bergstock in Verwahrung und schritt über
den weiten Klosterhof dem Münster zu, durch dessen offenes Tor der
Weihrauch duftete und die brennenden Kerzen flimmerten. Stehend, die
Kappe zwischen den verschlungenen Händen, hörte er die Messe. Im
Beichtstuhl hatte er ein schweres Viertelstündchen; er besann und besann
sich, aber es fiel ihm keine Sünde ein, die er begangen hätte. Das ganze
Jahr hindurch mit sich allein auf den Bergen und im Wald, nichts anderes
im Herzen als die stille Freude an der schönen Gotteswelt, nichts
anderes im Sinn als die Jägersorgen, die der Morgen weckte und der
Schlaf vergessen machte, wie soll man da zu einer Sünde kommen? Kein
Gebet, kein Glaube macht die Menschen frömmer als die Einsamkeit des
rauschenden Waldes, als die freie Himmelsnähe auf den Gipfeln der Berge.
Aber sündigen _muß_ doch der Mensch! Wozu wäre sonst die Beichte da?
Haymo sann und sann. Der Pater im Beichtstuhl wurde ungeduldig. Und
Haymo, dem der Angstschweiß auf die Stirne trat, stotterte:
»Hochwürdiger Vater, ich bitt Euch, habt nur ein Weilchen Geduld, es
wird mir gewiß noch eine Sünd einfallen!« Und richtig -- der heiße Zorn,
der ihm über die Lippen fuhr, so oft er droben in seinem Revier die
verdächtige Spur eines Menschen fand -- das war doch Sünde! Und der
Wunsch, daß er Flügel haben möchte, um die entflohenen Raubschützen
verfolgen und fassen zu können? Wieder eine Sünde! Denn dieser Wunsch
war so viel wie ein versteckter Zweifel an der Weisheit Gottes, der die
Menschen nun einmal _ohne_ Flügel erschaffen hatte. Haymo atmete
erleichtert auf; der Anfang war gemacht, und da ging es prächtig weiter,
so daß er schließlich ein ganz gewichtiges Päckl Sünden zusammenbrachte.
Der Pater lächelte, als er diesem schwer beladenen Beichtkind die
Absolution erteilte; Haymo aber war völlig zerknirscht und hielt die
kleine Buße, die er zu beten bekam, für unverdiente Milde. In tiefer
Andacht genoß er den Leib des Herrn und verließ die Kirche.
Der Pförtner, der ihm das Tor des Stiftes öffnete, zwinkerte ihm
freundlich zu und sagte: »Geh nur! In der Küch wissen sie schon, daß du
kommst!«
Haymos eisenbeschlagene Schuhe klapperten auf den Steinfliesen des
langen Korridors, den er zu durchschreiten hatte. Durch die hohen
Bogenfenster fiel das goldene Sonnenlicht und machte die Farben der
frommen Bildnisse leuchten, mit denen die weißen Wände geziert waren.
Aus einer Türe hörte er summende Stimmen, dazu ein lautes Klappern und
Klirren. Er öffnete und betrat die Klosterküche. Feuchte Hitze umfing
ihn, und angenehme Düfte quollen ihm entgegen. Ein großmächtiger Raum
mit sechs hohen und breiten Fenstern; die Wände schneeweiß getüncht, der
Boden mit roten, spiegelblanken Marmorplatten belegt. Überall
weißgescheuerte Tische, Kasten, Schreine und Truhen; alle Wände
funkelten von kupfernen Pfannen und zinnernen Schüsseln; an den
Fensterpfeilern hingen die aus Blech getriebenen Kuchenformen in Gestalt
von Sternen, Herzen, Blumen und allerlei Getier. In der Mitte des Raumes
stand der riesige Herd, dessen Inneres, nach den vielen Kupfertüren zu
schließen, ein wahres Labyrinth von Feuerhöhlen und Bratröhren enthalten
mußte; die Platte des Herdes war dicht bestellt mit dampfenden Pfannen
und Kesseln, und über offenem Kohlenfeuer wurde an langem Spieß ein
Seeferch gebraten, der wohl an die dreißig Pfund wiegen mochte.
Und welch ein emsiges Leben in diesem Dampf und Duft! Rings um den Herd
und um die Zurichttische standen und gingen die Küchenbrüder, mit
nackten Armen, mit blauen Schürzen über den Kutten, jeder betraut mit
einem hochwichtigen Amt. Hier wurden Hechte, Forellen und Saiblinge
gereinigt, dort walkte einer mit derben Fäusten an einer ellenlangen
Teigstulle, hier wurden Zwiebeln geschnitten und Zitronenschalen
gewürfelt, hier schlug einer mit langer Birkenrute einen ganzen See von
Eiweiß zu schneeigem Schaum, dort wurde Mehl abgewogen und Gewürz
sortiert, und zwischen den Brüdern tummelten sich die Laufbuben, Holz
tragend, das Feuer schürend, die gebrauchten Kessel scheuernd und das
zinnerne Geschirr spülend. Hohe Stöße von Tellern wurden durch einen
Schalter hinausgeschoben, durch den man das weite Refektorium mit seinen
blütenweiß gedeckten Tischen gewahrte. Und in diesem Klappern, Klirren,
Zischen und Brodeln ein ununterbrochenes Rufen, Plaudern und Lachen. Und
alle Gesichter rotbrennend vor Hitze.
Die Fäuste in die Hüften gestemmt, mit gebieterischer Ruhe, wie ein
Feldherr, schritt Frater Friedrich, der Küchenmeister, auf und nieder,
alles überblickend, alles überwachend. Breit lag ihm das Doppelkinn auf
der Brust, die kleinen Augen versanken fast in den Fettpolstern der
Backen, und bei seinem Umfang mochten fünfzehn Ellen Tuch nicht
ausreichen für die Kutte. Ja, das Fasten! Das Fasten!
Als Haymo die Küche betrat, weckte sein Erscheinen einen lauten Aufruhr.
»Der Jäger! Der Jäger!« rief es auf allen Seiten, die Brüder kamen auf
ihn zu, die Laufbuben ließen fallen, was sie in den Händen hatten, und
rannten ihm entgegen. Mit glotzender Neugier umstanden sie ihn; der eine
griff nach Haymos Weidmesser, der andere streichelte die Armbrust, der
dritte griff in den Köcher und prüfte die Schärfe einer Bolzenspitze am
Finger. Und so viele Fragen gab es auf einmal, daß der Jäger sie in
einer Stunde nicht hätte beantworten können. Haymo wurde verlegen, ihm
war zumut wie der Wildtaube im Hühnersteig. Da kam der Frater
Küchenmeister -- herbeigegangen? -- nein, herbeigerollt wie eine Tonne.
»So? Bist du da? Hast du deine Seel gestärkt? Brav, mein Sohn, brav! Das
ist Christenpflicht. Jetzt aber komm und stärke deinen Leib!«
Er nahm den Jäger unter den Arm und führte ihn in eine kleine Stube, die
neben der Küche lag und halb einer Mönchszelle, halb einer Speisekammer
glich. Im Erker war säuberlich ein kleiner Tisch gedeckt, und neben dem
Zinnteller stand eine Holzbitsche, bis zum Rande gefüllt mit schäumender
>Güte Gottes<.
Die beiden setzten sich, und ein Laufbube trug auf; Schüssel um Schüssel
kam, und Haymo machte immer größere Augen. Er hatte noch nie im Leben so
herrenmäßig -- nein, das will zu wenig sagen -- so klosterwürdig
getafelt! Der Frater Küchenmeister schien den schmucken Jäger ins Herz
geschlossen zu haben; er hatte die Arme breit über den Tisch gelegt und
schaute dem Schmausenden mit zufriedenem Lächeln zu.
Da gab es zuerst eine Erbsensuppe mit gerösteten Schnitten, dann kamen
Pastetchen, mit Forellenbacken gefüllt; es folgte ein gesottener Hecht,
der sich, wie der Frater scherzte, aus Freude darüber, daß er gar so
schön blau geraten, in den eigenen Schwanz biß; er trug zwei grüne
Rosmarinzweiglein in den Nasenlöchern und hatte absonderliche Augen: aus
gelber Zitronenschale geschnitten und in der Mitte ein Pfefferkorn; und
rings um den Rand des Tellers lag ein Kranz von Zwiebelscheiben, darin
der geputzte Fisch so prächtig anzusehen war, daß Haymo erst nach langem
Zureden das Herz hatte, diese Pracht zu zerstören. Dann folgten
gedünstete Froschschenkel in köstlicher Tunke mit gebackenen Krapfen.
Und nun kam ein richtiger Braten. Ein Braten am Fasttag? Haymo blickte
verlegen auf den Frater. »Darf ich denn das essen?«
Der Küchenmeister tätschelte die Hand des Jägers. »Iß nur, Bub! Glaubst
du denn, ich möcht deine frischgescheuerte Seel mit einer Sünd
beflecken? Iß nur! Das ist Fastenspeis, wie Fisch und Frosch!«
Zögernd kostete Haymo; aber gleich wieder legte er die Gabel nieder und
schob den Teller kopfschüttelnd von sich. »Nein, Herr, das ist Fleisch!«
»Freilich Fleisch,« lachte der Frater, »aber Fleisch von einem Biber!«
»Biber? Das ist doch ein Tier mit Haar und Füßen?«
»Frißt aber Fische! Verstehst du? Das ist Philosophie der Klosterküche:
Biber, Otter und Wildente, ob Pelz oder Federn, was Fische frißt, wird
wieder als Fisch gegessen. Und ganz mit Recht! Denn die Nahrung macht
das Wachstum und bildet aus ihrem Stoff den Körper. Somit verzehrst du
in diesem Braten kein richtig Fleisch, sondern ein Teilchen von jedem
Hecht und Karpfen, von jeder Grundel und Schleie, die der Biber
schmauste.«
»So?« lächelte Haymo. »Dann aber, Frater Küchenmeister, wundert mich
eines.«
»Was, mein Junge?«
»Daß Ihr am Fasttag nit auch eine Hirschkeule auf die Tafel setzt.«
In Entsetzen klatschte der Frater die Hände zusammen. »Haymo! Du
gottverlorener Mensch!«
»Warum? Die Hirsche äsen Gras und Kräuter. Also muß ihr Fleisch ein
Gemüse sein, wie Kohl und Rüben. Und das ist doch Fastenspeis.«
Der Küchenmeister machte ein verdutztes Gesicht; dann schlug er lachend
die Hand auf den Tisch. »Schade, schade, Haymo, daß du kein Klerikus
geworden! In dir steckt ein Kirchenlicht. Und das soll nit umsonst
geleuchtet haben! Im nächsten Kapitel mache ich den Vorschlag, daß man
alles Wildbret als Fastenspeis erklären soll.« Nachdenklich schwieg er
und schüttelte den Kopf. »Nein! Ich tu's doch lieber nit. Am Ende drehen
sie den Spieß um und sagen: wie der Hirschbraten kein Gemüse ist, so ist
der Biberschwanz kein Fisch, obgleich er Schuppen hat. Und Biberschwanz
ess' ich für mein Leben gern. Gib her ein Bröckl!« Und aus dem >Bröckl<
wurde mit Kosten und Kosten der halbe Braten. »Gelt, du? Das rutscht wie
Butter.«
»Ja, Frater, ein feiner Braten! Der kommt wohl von weither?«
»Von der Donau. Dort leben die Biber zu Hunderten in ihren
Wasserdörfern. Von Straubing bis weithinunter gegen Wels hat der
Passauer Bischof das Jagdrecht. Mit dem letzten Salzkarren hat er uns
ein Dutzend geschickt, wickelfette Kerle!«
»Von Passau? Ist das von dorther, von wo der neue Pater Fischmeister
gekommen ist?«
»Warum fragst du?«
Haymo wurde rot. »Ich mein' nur so. Ich hab ihn gesehen, heut früh am
See.«
Des Fraters Augen leuchteten. »Den soll der liebe Gott unserm Kloster
erhalten! So viel hat noch keiner von See und Fisch verstanden, wie der!
Hast du den Ferch draußen am Spieß gesehen? Den hat er mit eigener Hand
gefangen. Ich laß aber auch nichts auf ihn kommen. Ich halt es mit ihm.
Da mögen sie im Kloster reden, was sie wollen.«
»Was reden sie von ihm?« fragte Haymo, wobei er sich alle Mühe gab,
seine Spannung zu verbergen.
»Ach, dummes Zeug! Bevor er hinauszog in die Seeklause, haben sie ihn in
der Nacht oft schreien hören in seiner Zell, daß es jedem, der es hörte,
durch Mark und Bein ging. Und wenn sie dann zu ihm hineinrannten, fanden
sie ihn am Boden, mit zerrauftem Haar und blutigen Fingernägeln. Nun
sagen sie, daß der Teufel Macht hätte über ihn, weil furchtbare Sünden
auf seinem Gewissen liegen. Und sie sagen, der Teufel käme in der Nacht
und raufe mit ihm um seine Seele.«
Haymo saß mit erblaßtem Gesicht und stammelte: »Soll das wahr sein
können?«
»Glaub mir, Haymo, dem Teufel laufen die Seelen so scharenweis zu, daß
er gemütlich warten kann, bis sie kommen. Der braucht sich nit zu raufen
um das, was sein ist. Und bei einer Seel, die dem lieben Herrgott
gehört, da hilft ihm auch das Raufen nichts.«
»So?« Haymos Stimme klang seltsam gereizt; denn wieder sah er den Pater
Fischmeister vor Gittli stehen, mit verlangend gestreckten Armen, mit
brennenden Augen. »Ihr meint wohl, der Pater hätt so eine fromme Seel,
die nirgends hin will, als nur hinauf in den Himmel?«
»Was weiß ich? Kein Mensch hat ein Guckloch vor dem Herzen, daß man
hineinschauen könnt, wie's aussieht drinnen. Auf jeder Pfanne liegt ein
Deckel. Nun errat's, was drinnen kocht! Mit der Nase riecht man auch nit
alles. Und wer immer auf den Knien rutscht, ist noch lang kein Heiliger.
Es kann auch einer in den Himmel kommen, der steife Beine hat. Und dann,
was geht's mich an? Er ist der beste Fischer. Das ist mir genug.
Freilich, was Besonderes muß es schon gewesen sein, was den ins Kloster
verschlagen hat. Wenn ich zurückdenke die zwanzig Jahr --«
»Ihr habt ihn gekannt?« fiel Haymo hastig ein.
»Gekannt? Nein! Aber gesehen hab ich ihn einmal. Und hab ihn auch nimmer
vergessen. Es war zu Regensburg. König Ludwig -- jetzt ist er lange
schon Kaiser, und Gott mag ihn erhalten, denn er ist ein guter Herr --
der sollte damals zu Gast kommen bei Bischof Adalbert. Und da holten sie
mich aus dem Kloster, damit ich das Mahl rüste. Ja, mein Junge, ich hab
allzeit was gegolten! Ein Koch wie ich! -- Lassen wir's, denn stolz sein
ist eine Sünd. Ich kam also, und ich sag dir, Wunder hab ich gewirkt,
Wunder! Was ein Auerhahn für ein Vieh ist, das weißt du doch?«
»Keine schönere Jagd, Frater!«
»Jagen? Meintwegen! Aber essen? Ich dank! Was aber will ich machen?
>Bruder Küchenmeister<, sagte Herr Adalbert zu mir, >ich will dir kund
und zu wissen tun, daß Herrn Ludwigs Lieblingsgericht der Auerhahn ist.<
Auch ein Geschmack, denk ich mir! Dazu gehört ein gut bayrischer Magen.
Und Zähne! Die hat er freilich. Das haben seine Feinde gespürt, mit
denen er ins Beißen kam. Also, ein Auerhahn! Ja, aber wie? Ich sag dir,
Haymo, die ganze Nacht hab ich kein Auge zugetan. Und der liebe Gott hat
mich erleuchtet. Ich habe damals eine Beize erfunden -- eine Beize! Und
der Auerhahn kam auf die Tafel. Und wie! Butter, Haymo, Butter!«
»Aber der Pater Fischmeister?« drängte Haymo.
»Ja, richtig! Es war ein wunderschöner Maitag, als Herr Ludwig einzog im
Hof der Bischofsburg. Alles glitzerte von Sonne. Der Himmel gut
bayrisch: blau mit silbernen Schäflen. Als sie kamen -- ich sag dir,
Haymo, das war ein Glanz und eine Pracht, von all dem funkelnden Gold
und Eisen! Vom Küchenfenster sah ich's mit an. Und ein Jubel und eine
Freud! Herr Ludwig ritt auf einem schneeweißen Pferd.«
»Die Krone auf dem Haupt und das Zepter in der Hand?«
»Dummer Bub!« lachte der Frater. »Da kennst du unsern Kaiser schlecht.
Nein! Im schlichten Jägerkleid, nit ärmer wohl, aber auch nit besser als
der Kittel, den du am Leib trägst. Sein Gefolg aber! Du, das schaute
sich an, als wären die Schatzkammern der Untersberger Zwerge lebendig
geworden. Und unter den Fürsten und Rittern war einer --«
»Der Pater Fischmeister?«
»Erraten! Freilich, damals hieß er noch nit Pater Desertus, sondern
Dietwald, Burggraf zu Falkenberg.«[5]
»Ein Graf!« staunte der Jäger.
»Hast du schon den heiligen Georg auf seinem Roß gesehen?«
»Ja, auf dem Bild, das im Zimmer des Vogtes hängt.«
»So sah er aus. Stolz und schön! Unter dem blitzenden Helme ringelten
sich die schwarzen Locken hervor. Auf den Lippen sproß ihm der erste
Flaum, ein lachendes Gesicht wie Milch und Blut, aber eine Gestalt und
Glieder, und eine Kraft! Sein Roß schnaufte nur so unter ihm! Und als
wär's ein Birkenblatt, so trug er den schweren Schild, einen weißen Falk
auf blauem Grund. Andern Tages beim Turney, da brauchte er nur so zu
machen --« der Frater Küchenmeister tippte den Zeigefinger auf Haymos
Brust, »und die Herren Ritter purzelten in den Sand und streckten alle
viere in die Luft. Und die Weibsleut! Wie verrückt waren sie. Die Augen
guckten sie sich aus nach ihm. Er aber -- -- Was gibt's?«
[Fußnote 5: Falkenberg in Niederbayern an einem Nebenbach der Vils.]
Ein Laufbursch war in die Stube hereingestürmt; der Klostervogt hätte
nach dem Jäger fragen lassen.
Erschrocken sprang Haymo auf; aber so rasch kam er nicht zur Tür hinaus.
Der Frater Küchenmeister hatte noch allerlei Anliegen; er zählte dem
Jäger an den Fingern die würzigen Wald- und Almenkräuter her, welche
Haymo in die Küche liefern sollte, sobald der Frühling sie erweckt hätte
zum Blühen. Auch die Bärenschinken wären aufgeknappert bis auf den
letzten Knochen. Ob nicht Aussicht wäre auf neuen Vorrat? Nicht nur
wegen der Schinken. »Gesulzte Bärentatzen!« Der Frater verdrehte die
Augen und schlug mit der Zunge einen Triller.
»Vergangene Woch hab ich einen Bär gespürt, hoch oben im Schnee,« sagte
Haymo, »doch die Fährt hat sich im aperen[6] Wald verloren.«
»Pack ihn, Haymo, pack ihn! Und noch eines! Hat die Schneerose schon
verblüht?«
Ein träumerisches Lächeln glitt über die Züge des Jägers. »Ich hoff,
noch lang nit!«
»Ich aber hoffe, bald!« Auf das behäbig freundliche Antlitz des Fraters
legte sich ein wehmütiger Schatten. »Weißt du, Haymo, das viele Kosten
von allen Schüsseln, das tut nit gut auf die Dauer. Manchmal in der
Nacht, da spür ich's hier, am Herzen, daß ich meine, ich muß ersticken.
Dafür hilft die Wurzel der Schneerose, die Nieswurz. Aber sie muß
gegraben werden, wenn das letzte Stöckl verblüht hat. Dann ist ihr Saft
am stärksten. Er macht das dicke Blut wieder flüssig und das schläfrige
Herz wieder lebendig.«
»Ja, Frater, Ihr sollt eine Wurz haben, an die noch kein Wurm gerührt
hat. Aber seid vorsichtig! Ihr wißt:
Zwei Tröpflen machen rot,
Zehn Tropfen machen tot.«
»Sei ohne Sorg!« lächelte der Frater und klopfte dem Jäger herzlich auf
die Schulter. »Bist ein guter Bursch! Schick mir die Wurzel durch den
Walti! Und komm nur wieder einmal! Für dich hab ich immer ein gutes
Bröckl im Kasten. Aber jetzt mach weiter, sonst brummt der Vogt. Gelobt
sei Jesus Christus!«
[Fußnote 6: Schneefrei.]
»Amen!«
5.
Durch lange Korridore, in denen die weißen Chorherren an dem Jäger
vorüberwanderten, lautlos seinem Gruße dankend, und über eine steile
Wendeltreppe gelangte Haymo in die Wartestube des Vogtes. Die Stube
hatte noch ein zweites Treppenhaus und Tor gegen den Marktplatz, damit
die Bauern, die Weiber und Hörigen, die Kaufleute und Kriegsknechte, die
dem Vogt ein Anliegen vorzutragen hatten, die klösterliche Schwelle
nicht überschreiten mußten.
Der einzige Schmuck des großen Raumes war ein mächtiges Kreuz aus
Untersberger Marmor und ein rohes, grellbemaltes Schnitzwerk, den
heiligen Augustinus darstellend. Auf den Steinbänken, die sich rings um
die Wände zogen, saß ein halbes Dutzend Leute, zumeist Salzkäufer aus
der Fremde. Durch die geschlossene Tür der Vogtstube klang eine zankende
Stimme. Herr Anselmus Schluttemann, der Klostervogt, war wieder in übler
Laune. Das heißt, in solcher Laune war Herr Schluttemann jahraus,
jahrein. Das machten aber nicht die Geschäfte des Klosters. Gott
bewahre! Herr Schluttemann brachte diese Laune von Hause mit herein in
die Amtsstube. Wer mit Frau Cäcilia, die der Vogt seine >gestrenge
Hausehre< zu nennen pflegte, nur einmal in seinem Leben zu schaffen
hatte, der begriff, daß Herr Schluttemann zum mindesten fünf geschlagene
Stunden im kühlen Kellerstübl des Klosters sitzen mußte, um sein
Hauskreuz zu vergessen. Das geschah nur, wenn er nach der zehnten
Bitsche in eine Stimmung geriet, die ihn alles vergessen ließ, überhaupt
alles, und ganz besonders das Nachhausegehen. Pünktlich mit sinkender
Nacht schickte Frau Cäcilia die Knechte. Mit dem Herrn Vogt war um diese
späte Stunde nicht mehr zu reden. Das heißt, Frau Cäcilia redete wohl.
Anselmus aber hörte nicht. Doch was der folgende Morgen brachte, das war
so Tag um Tag die Ursache zu Herrn Schluttemanns übler Laune. Zwischen
dem Erwachen und der Morgensuppe war Frau Cäcilia unbesiegbar. Und so
mußten es die Klosterbauern und Salzkäufer in der Amtsstube büßen, daß
des Herrn Vogtes >gestrenge Hausehre< von Haaren einen ganzen Urwald,
nicht auf dem edlen Haupte, wohl aber auf den Zähnen trug.
Kaum eine Stunde war vergangen, seit Herr Schluttemann im Sturmschritt
-- er selbst nannte diese Eile >lobesamen Diensteifer< -- seinem
häuslichen Herd entflohen war, um sich in die Amtsstube zu retten. Da
war in seiner Laune noch die erste Ofenwärme. Die Tür zitterte vom Hall
seiner Stimme wie der Resonanzboden einer Brummgeige.
Haymo lauschte diesem Stubengewitter, und ihm wurde unbehaglich zu Mut.
Er hatte wohl ein reines Gewissen. Aber zwei gestohlene Steinböcke, und
dazu die Laune des Herrn Vogts! Das konnte eine böse Viertelstunde
absetzen. Er legte die Kappe auf die Bank und ließ sich nieder. Doch
gleich wieder sprang er auf, freudig betroffen. Ihm gegenüber,
schüchtern eingedrückt in einen Winkel, saß Gittli, das Körbchen mit den
Schneerosen auf ihrem Schoß. Und wie schmuck sie sich aufgeputzt hatte!
Das war wohl ihr Feiertagsgewand? Ein blauer Rock mit grüner Borte, ein
schwarzes Mieder, ohne Silberschmuck, aber knapp und kleidsam. Wie
frischgefallener Schnee war das Linnen, das die Arme und den Hals
umschloß. Das schwarze Haar war in zwei dicke Zöpfe geflochten und
gleich einer Krone um die Stirn gelegt. Dazu noch der im Mieder
steckende Primelnstrauß, der sie mit seinen goldgelben Blüten lieblicher
schmückte, als es irgend ein blitzendes Geschmeide vermocht hätte.
Haymo ging auf das Mädchen zu. »Grüß dich Gott, Gittli!«
Sie nickte nur und sah lächelnd zu ihm auf.
»So gib mir doch deine Hand! Wir haben uns ewig lang nit gesehen.«
»Ewig lang? Ich weiß nimmer, war's heuer oder voriges Jahr, oder gar
erst heut in der Früh.« Sie legte ihre schmale Hand in seine braune
Jägerfaust.
»Wie hast du denn geschlafen heut nacht?«
»Wie ein Mankerl![7] Aber beim Aufwachen, du, da war's kalt! Ich hab
mich schier kaum zusammenklauben können aus dem Heu. Und dann bin ich
gelaufen wie ein Härml,[8] nur daß ich wieder warm geworden bin. Ja,
drunten erst, am See --« Sie stockte. Ein halb ängstlicher, halb
sinnender Ausdruck war in ihren Zügen. »Gelt, du hast ihn auch gesehen?«
Sie blickte scheu um sich, und ihre Stimme dämpfte sich zum Flüstern.
»Den mit den Feueraugen? Ich bin völlig erschrocken. Nein, ich fürcht
mich nit so leicht. Aber der! Ich glaub, der kommt mir im Traum! Hast du
ihn angeschaut? Gelt, ein Gesicht wie ein Gestorbener!« Ein Gruseln flog
über Gittlis Schultern.
[Fußnote 7: Murmeltier.]
[Fußnote 8: Wiesel.]
»Dirn,« sagte Haymo ernst, »wenn du von mir einen Rat hören willst, dann
geh ihm aus dem Weg! Aber sorgen brauchst du dich nit! Da sei du ganz
ruhig! Ich laß dir nichts geschehen.«
Sie sah zu ihm auf. »Das weiß ich.« Doch als sie den raschen Druck
verspürte, mit dem er ihre Finger umschloß, befreite sie fast
erschrocken ihre Hand.
Haymo wurde rot bis über die Stirn. Nach einer Weile fragte er:
»Weswegen bist du denn da hergekommen?«
Sie saß verlegen, mit gesenkten Augen, und erwiderte leis: »Die
Schneerosen will ich dem Kloster bringen. Und mit dem Vogt soll ich
reden von meines Bruders wegen. Aber ich werd wohl noch lang verweilen
müssen.« Sie überflog mit einem Blick die Reihe der Wartenden. »Und ich
sollt schon wieder daheim sein. Weißt, ich hab ein krankes Bäsl, und
meine Schwährin ist siech und kann nit schaffen.«
»Nein, Gittli, du darfst nimmer warten! Komm nur!« Er nahm sie bei der
Hand, und obwohl sie sich unter stammelnden Worten sträubte, zog er sie
gegen die Tür der Vogtstube. »Leut!« rief er die Wartenden an. »Die Dirn
da hat zwei Kranke daheim und kann nimmer warten. Gelt, ja? Sie darf
zuerst hinein?«
Eine Antwort bekam er nicht. Aber nur deshalb, weil im gleichen
Augenblick die Tür von innen aufgerissen wurde. Drinnen sah man einen
Bauer stehen, der seinen Filzhut zwischen den Fingern drehte; und vor
ihm, mit weitgespreizten Beinen, stand Herr Schluttemann, der Vogt, eine
derb gedrungene Gestalt in einem Koller aus braunem Hirschleder,
eine steife Krause um den Hals. Wie zwei Dolche stachen die
Schnauzbartspitzen aus seinem dunkelroten Gesicht, und die borstigen
Haupthaare starrten wirr durcheinander wie die Stoppeln eines
Ährenfeldes, auf dem eine Herde geweidet hat. War das die Frisur, mit
welcher Frau Cäcilia Herrn Schluttemann aus ihren Händen entlassen
hatte?
»Wir sind fertig, Eggebauer, fertig miteinander!« schrie der Vogt und
schüttelte den Kopf wie ein Roß, das nimmer ziehen will. »Du siehst, da
warten die Leut. Ich habe noch mehr zu tun, als mit dir zu hecheln.
Weiter! Weiter! Die Tür steht offen und ich kann den Zug nicht leiden.«
»Herr Vogt,« stotterte der Bauer, »wenn ich den Acker schon nimmer haben
soll, dann habt doch Erbarmen mit meinem armen Weib und --«
»Dein Weib hat die Krapfenkrankheit!« donnerte Herr Schluttemann. »Mit
drei Ellen um den Bauch herum hab ich kein Erbarmen. Dein Weib soll die
Schmalznudeln und den Met lassen, soll Schlappermilch essen und
Schwarzbrot, dann braucht sie kein Bibergeil und kein Herzkreuzl vom
Steinbock. Das sind ^medicamenta^ für andere Leute. Punktum!«
Der Eggebauer stand vor der Tür, er wußte nicht wie; es war ihm nur
einen Augenblick so vorgekommen, als hätte ihn Herr Schluttemann beim
Kragen gefaßt. Und während der Bauer wie ein begossener Pudel dem
Ausgang zutrollte, hatte der Vogt schon ein neues Opfer seiner Laune
gefunden: den Jäger.
»Soooo?« grölte Herr Schluttemann und machte, denn er wollte höhnisch
sein, eine tiefe Reverenz. »Belieben schon da zu sein?«
»Ja, Herr Vogt,« sagte Haymo und schob das Mädchen, das an allen
Gliedern zitterte und mit jedem Atemzug die Farbe wechselte, vor sich
hin. »Aber da ist eine Dirn --«
»Natürlich!« Herr Schluttemann machte mit ausgebreiteten Armen eine noch
tiefere Reverenz. »Seine fürstlich Gnaden von der Wildschur belieben
sich in der Klosterküche festzupflanzen. Der Vogt kann warten.
Natürlich! Da muß man erst Pastetlen speisen, Saibling und Forellen!«
»Nein, Herr Vogt,« sagte Haymo, »es war Hecht und Biberschwanz. Aber da
ist eine Dirn --«
Herr Schluttemann stutzte und richtete sich straff in die Höhe.
»Biberschwanz?« wiederholte er, und sein ganzes Wesen war auf einen
Streich verwandelt; im freundlichsten Ton der Neugier fragte er: »Heute
gibt's Biberschwanz?«
»Ja, Herr Vogt! Aber da ist eine Dirn --«
»Dirn! Dirn!« Herr Schluttemann hatte sich wiedergefunden. Er schnaubte
und zeigte das Weiße im Aug. Gittlis lieblicher Anblick rührte ihn
nicht; er hatte in ihr ein Teilchen von jener Hälfte des menschlichen
Geschlechtes vor sich, zu welcher Frau Cäcilia gehörte. Und das war
Ursache genug für den Ton, in dem er Gittli anschnauzte: »Was will das
Weibsbild?«
Gittli bewegte die Lippen, aber sie brachte keinen Laut aus der Kehle.
»Also? Wird's bald? Was will man?«
»So rede doch, Gittli!« mahnte Haymo. »Mußt dich nit fürchten! Der Herr
Vogt ist ein lieber und guter Mann. Rede nur frisch weg!«
»Ich will -- was -- bringen --« stotterte das Mädchen.
»Bringen? Dem Kloster? Herein damit!« Ein Griff des Herrn Schluttemann,
und Gittli stand im Zimmer des Vogtes. Sie wollte noch einen
hilfesuchenden Blick zu Haymo zurückwerfen, aber hinter ihr war schon
die Tür geschlossen. Scheu blickte sie um sich her. Ein großer Raum mit
hohen Schränken an den Wänden. Zwischen den beiden Fenstern ein Bild:
der heilige Georg, der den Drachen ersticht. In der Mitte ein Tisch mit
Lehnstühlen.
In solch einen Stuhl hatte Herr Schluttemann sich geworfen und hielt nun
die Hände verschlungen und die Beine gestreckt.
»Also! Was bringt man?«
Gittli näherte sich zögernd, nahm den Deckel von ihrem Körbchen und
hielt es dem Klostervogte hin.
Herr Schluttemann guckte hinein und rollte die Augen, daß man zweimal
das Weiße sah. Er hatte in dem Korb zum mindesten ein Dutzend frischer
Eier vermutet oder einen Ballen Butter. »Dummes Zeug!« schnauzte er
Gittli an, daß sie erschrocken zusammenfuhr und das Körbchen schier
fallen ließ. »Was soll denn das? Soll ich mir das Gras vielleicht auf
den Hut stecken?«
Gittlis Augen wurden feucht, und mit leiser, kaum noch vernehmlicher
Stimme sagte sie: »Morgen ist Karfreitag!«
»Das weiß ich. Oder glaubt man, ich kenne den Kalender nicht?«
»Und das sind Schneerosen. Ich selber hab sie heruntergeholt von den
Schneehalden in der Röt. Und sie gehören für das heilige Grab unseres
lieben Herrn.«
Herr Schluttemann dämpfte seine Entrüstung. »So? So? Das ist
christlich!« brummte er. »Stell das Körbl nur auf den Tisch! Ich will es
dem Bruder Mesner schicken. So! Und jetzt Gottes Dank! Und Gott
befohlen!«
Er machte einen bezeichnenden Wink nach der Tür; Gittli aber rührte sich
nicht; ihr Gesicht war kreideweiß vor Angst, und mit flehendem Blick
suchte sie Herrn Schluttemanns Augen.
Der Vogt wurde stutzig; er drehte den Kopf auf die Seite und kam auf das
Mädchen zugegangen, mit so drohenden Augen, daß Gittli scheu ein paar
Schritte zurückwich. »Man will vielleicht noch etwas? Hoho! Ich merke
schon! Das also ist die christliche Frömmigkeit? Heeh? Das Kraut da war
nur ein Vorwand, um hereinzukommen?«
»Nein, nein, Herr Vogt!« stammelte Gittli mit versagender Stimme.
»Keine Widerred!« kam es wie ein Donnerkeil unter dem gesträubten
Schnauzbart herausgefahren. »Was will man? Also? Wird's bald oder
nicht?«
Gittli sah mit angstvollen Augen auf. Sie wollte sprechen, aber ehe sie
noch das erste Wort herausbrachte, kamen ihr die Tränen, und schluchzend
bedeckte sie mit den Händen das Gesicht.
»Natürlich! Natürlich! Jetzt wird geheult!« Herr Schluttemann durchmaß
mit langen Schritten die Stube und hob die Arme gegen den Himmel. »Herr
du mein Gott, du hast die Weibsleut auch in deinem Zorn erschaffen!
Heulen! Gleich heulen! So machen sie's alle. Alle! Alle!« Ob er wohl im
stillen hinzufügte: nur Frau Cäcilia nicht? Breitspurig blieb er vor
Gittli stehen und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Also? Hat man bald
ausgeheult? Soll ich bald hören, was man will?«
»Ach, Herr Vogt,« kam es unter Tränen und Schluchzen heraus, »mein
Bruder kann das Lehent[9] nit zahlen.«
»Da haben wir's!« Schmetternd fiel die Faust des Herrn Schluttemann auf
die Tischplatte. »Der saubere Bruder will nicht zahlen, und das feine
Schwesterlein stolziert herum, aufgeputzt wie ein Burgfräulein.«
Gittli warf einen erschrockenen Blick über ihre Gestalt, mit zitternden
Händen zerdrückte sie den Primelnstrauß vor dem Mieder und stammelte in
Tränen: »Nein, nein, Herr Vogt! Ich bin doch ein blutarmes Ding. Seht
doch die Schuh an, die hab ich mir selber genäht! Und das Röckl trag ich
vier Jahr schon, und die Borte da, die ist ja nur angestückelt, und das
Mieder hat mir die Eggebäuerin geschenkt, weil ihre Zenza drausgewachsen
ist. Und das Leinen hab ich mir selber gewaschen.«
[Fußnote 9: Pachtschilling für das Hauslehen.]
Die Augen des Herrn Schluttemann begannen verdächtig zu zwinkern. Das
tat aber der Gewalt seiner Stimme keinen Eintrag: »Natürlich! Und da hat
man wieder ein Pfund Seife verschmiert.«
»Nein, nein, Herr Vogt, ich hab's bleichen lassen in der Sonn.«
»Sooo? Natürlich! Die liebe, gute Sonne muß auch schon herhalten für die
Eitelkeit der Weibsleut. Und ich, der Vogt, muß mich abgeben mit solchen
dummen Geschichten. Warum ist dein Bruder nicht selber gekommen? Warum
will er nicht zahlen?«
»Ach, Herr Vogt, mein Bruder muß ja von früh bis in die sinkende Nacht
im Sudhaus stehen. Und er möcht doch zahlen, wenn er nur könnt. Aber er
hat ein krankes Kind daheim, und sein Weib ist siech geworden, wie der
Winter kam. Dreimal in der Woch muß die Schwährin Fleisch essen, und
neulich haben wir Wein kaufen müssen, weil sie gar so schwach und elend
ist.«
»So? So?« knurrte Herr Schluttemann. »Und warum kommt man nicht zu mir
und holt sich einen Armenzettel? Und warum geht man nicht zum Armenvater
und holt sich Fleisch und Wein und kräftige Süpplen? Das Kloster hat's
doch, und das Kloster gibt. Donnerwetter noch einmal! Warum nicht?«
»Ach, Herr Vogt!« Träne um Träne kollerte über Gittlis zuckende Wangen.
»Ich hätt es ja gern getan. Tät ich doch alles für die Schwährin und das
liebe Bäslein. Aber der Bruder will's nit leiden. Er sagt immer, daß er
ein Mensch ist, der schaffen und verdienen kann. Und ein Kriegsmann ist
er doch auch einmal gewesen. Und er will's nit leiden, daß ich mich
unter die Bettelleut stell. Und er könnt's nit hören, wenn man uns
Hungerleider schimpft oder Schnappsäck.«
»So? So? Natürlich! Not und Elend hint und vorn! Aber stolz! Nur stolz!
Und die Nase hinauf in den Wind! Das wär mir das Richtige! Warte nur,
warte, ich will deinem Bruder den Hochmut austreiben! Sag deinem Bruder:
wenn er nicht zahlt am Ostermontag, dann setzt es ein Donnerwetter. Das
Lehen laß ich ihm wegnehmen und geb's einem andern. Ja, das tu ich! Gott
soll mich strafen!«
Gittli erblaßte, und ihre Knie drohten zu brechen.
Herr Schluttemann wetterte weiter: »Das wär mir das Wahre! Nicht zahlen
wollen! Natürlich! Da käm dann einer um den andern, zuerst die
Lehensleut, und dann die Zinsbauern, und dann die Salzkäufer. Und die
frommen Patres und Fratres, die auch leben müssen, könnten sich den Hals
an den Bindfaden hängen und Luft schnappen. Oho!« Herr Schluttemann
wollte der Tischplatte eins versetzen mit der Faust, aber mitten im
Schwung hielt er inne; auch Gittli erschrak und fuhr mit der Hand an die
Kehle, als ginge ihr der Atem aus. Die beiden hatten zu gleicher Zeit
bemerkt, daß sie nicht mehr zu zweien in der Stube waren.
Vor ihnen stand die hohe Gestalt eines Priesters; über dem weißen Talar,
dessen Skapulier mit violetter Stickerei umsäumt war, hing an goldener
Kette ein funkelndes Kreuz, halb verschleiert durch die dünnen Strähnen
des grauen Bartes; ein violettes Käpplein deckte den Scheitel; unter der
knöchernen, hart modellierten Stirne ragten die buschigen Brauen hervor
wie kleine Dächer über den Augen; aber das Gesicht hatte keinen
finsteren Zug; es war männlich ernst und dennoch milde.
Herr Schluttemann verbeugte sich; denn dieser Priester vor ihm, das war
Herr Heinrich von Inzing, der Propst zu Berchtesgaden.
»^Reverendissime!^« sagte Herr Schluttemann und verbeugte sich abermals.
»Kein Ende, ^Reverendissime^, kein Ende mit Zorn und Ärger! Die Luft
könnte einem ausgehen vor Gift und Galle! Da ist wieder so eine Dirn --«
»Ich habe selbst gehört!« fiel Herr Heinrich ein, winkte den Vogt zu
sich in die Fensternische und sagte in fließendem Latein: »Mich dünkt,
Ihr seid zu rauh mit den Leuten, Herr Vogt. Seht das arme Ding nur an,
es gibt keinen Tropfen Blut und zittert am ganzen Leibe.«
Das rote Gesicht des Herrn Schluttemann schwoll wie der Kamm eines
gereizten Gockels. »Bitte in aller Weisheit zu bedenken,
^Reverendissime^,« sagte er in einem Latein, bei dessen bedenklichem
Klang Herr Heinrich nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückte, »bitte zu
bedenken, daß man den Leuten die Fuchtel zeigen _muß_. Sonst ist man
verloren und betrogen alle Stund.«
»Auch ich liebe die falsche Milde nicht. Aber auch Strenge muß geübt
werden mit Maß und Ziel.« Herr Heinrich musterte Gittli mit ruhigem
Blick. Sie erbebte vor dem Glanz dieser Augen wie Espenlaub, duckte sich
und zog den Kopf zwischen die Schultern, als möchte sie sich so klein
machen wie ein Mäuschen. Herr Schluttemann wollte sprechen, der Propst
aber winkte ihm zu schweigen und sagte, immer noch in lateinischer
Sprache: »Der Bruder dieses Mädchens ist der Sudmann Wolfratus? Ich
kenne den Mann, er hat ein furchtloses, mutiges Herz. Als wir das letzte
Mal unter den Wänden des Wazmann jagten, holte er einen weidwunden
Steinbock aus der schwindelnden Wand herunter, die kein anderer zu
betreten wagte. Forschet nach, Herr Vogt, ob das Mädchen die Wahrheit
gesprochen hat! Trifft den Mann kein Verschulden, dann soll ihm das
Lehent erlassen sein für dieses Jahr. Höret Ihr aber, daß dieser
Wolfratus ein Säufer ist, oder ein Würfelspieler, dann büßet ihn mit
aller Strenge! Und jetzt schicket das Mädchen heim und lasset den Jäger
kommen.« Herr Heinrich wandte sich zum Fenster, von dem aus man einen
herrlichen Blick genoß über Tal und Berge.
Zitternd und bangend war Gittli die ganze Zeit gestanden; der Klang der
fremden Sprache hatte sie noch mehr verwirrt, noch ängstlicher gemacht;
ihr furchtsam lauschendes Ohr hatte unter den ihr unverständlichen
Lauten zweimal den Namen ihres Bruders aufgefangen, und nach den
bärbeißigen Drohungen, die Herr Schluttemann ausgestoßen, glaubte nun
das arme Ding nicht anders, als daß mit der lateinischen Zwiesprach
ihres Bruders Schicksal und Strafe beredet worden und beschlossen wäre:
zahlen, oder das Lehen verlieren und verjagt werden von Haus und Hof.
Ihre Augen wurden heiß, aber sie konnte nicht mehr weinen; an ihrer
Kehle würgte die Angst, und ihr war, als stünde sie versteinert am
ganzen Leib und vermöchte keinen Finger mehr zu rühren. Sie wich auch
keinen Schritt zurück, als Herr Schluttemann blasend, mit dunkelrotem
Gesicht und rollenden Augen auf sie zugeschossen kam; nur ihre
tränenfeuchten Lider öffneten sich noch weiter, und ihre Lippen zuckten.
»Marsch jetzt, fort mit dir!« knurrte der Vogt, der sich trotz der
Vermahnung, die ihm geworden, von seiner Würde nichts vergeben wollte.
»Und sage deinem Bruder, wenn er nicht kommt am Ostermontag, dann schick
ich die Knechte!« Da sich Gittli noch immer nicht rührte, versetzte ihr
Herr Schluttemann einen gelinden, durchaus nicht ernst gemeinten Puff;
sie zuckte aber doch zusammen, als wäre das Richtschwert über ihrem
Scheitel geschwungen worden. Wortlos wandte sie sich und schlich zur
Türe, Schritt um Schritt. Dieser Abschied währte Herrn Schluttemann zu
lang, er faßte Gittli am Arm, schob sie hurtig vor sich her, und da die
lateinische Lektion, die er empfangen, sein Wohlwollen für den Sudmann
Wolfratus gerade nicht gemehrt hatte, so konnte er sich nicht enthalten,
dem Mädchen noch ins Ohr zu brummen: »Und sag ihm nur, daß ich
einstweilen meinen Stecken in Salzwasser legen will, damit er besser
pfeift. Huitt!« Das war nun freilich wieder nicht gar so schreckhaft
gemeint; denn in Wahrheit hatte Herr Schluttemann bis zur Stunde noch
kein lebendiges Wesen geprügelt, nur Tote: nämlich die >Schwarzreiter<,
die geräucherten Saiblinge, die geklopft werden mußten, bevor man ihnen
die rauchgeschwärzte Haut vom rosigen Fleische zog.
Aber Gittli sah und hörte mit den Augen und Ohren eines Kindes, und was
sie sah, war trostlose Finsternis. Noch ein Puff, und sie stand vor der
Tür.
Haymo, der draußen gelauert hatte, wie der Teckel vor dem Dachsbau, trat
ihr hastig entgegen. »Bist du schon fertig, Gittli? Und hast du --« Da
sah er ihr verstörtes, tränennasses Gesicht und ihre kummervollen Augen.
Das ging ihm ins Herz wie ein Messerstich. »Gittli? Was ist dir?«
Sie schüttelte traurig den Kopf und entwand sich seinen Händen.
»Gittli!« stammelte er und wollte ihr nacheilen; aber da klang aus der
Amtsstube die Stimme des Vogtes: »Haymo! Wo steckst du denn? Herr
Heinrich wartet.«
6.
Als Gittli ins Freie kam, tat ihr der helle Glanz der Sonne in den Augen
weh. Und so müde war sie, so zerschlagen an allen Gliedern, daß sie sich
eine Weile an die Mauer lehnen mußte. Dann raffte sie sich auf,
trocknete das nasse Gesicht mit den Armen und floh wie ein gescheuchtes
Reh über den Marktplatz, den Klosterberg hinunter und dem Sudhaus
entgegen. Hier blieb sie stehen und besann sich. Nein! Weshalb es dem
Bruder jetzt schon sagen? Sie wollte ihm den Kummer ersparen bis zum
Abend; er erfuhr noch immer früh genug, was ihm drohte.
Über die Brücke eilte sie zu einem Karrenweg, der bachaufwärts am Ufer
der rauschenden Ache hinführte. Nach kurzer Weile gelangte sie zu einem
umhegten Garten, in dessen Mitte, von kümmerlichen Obstbäumen umgeben,
ein kleines, armseliges Haus stand. Zwei enge Stuben, ein schmaler Raum,
welcher Flur und Küche zugleich war, und ein kleiner Schuppen -- mehr
hatte das bemooste Schindeldach vor Sturm und Regen nicht zu schützen.
Das Haus mit dem Garten war Klostergut, das Wolfrat Polzer, der Sudmann,
seit zehn Jahren zu Lehen hatte. Seine Heimat war ein niederbayrisches
Dorf; als fünfzehnjähriger Bursche war er von Hause weggelaufen, der
eisernen Haube zuliebe. Das Kriegshandwerk hatte ihn tüchtig
umhergeworfen, von Burg zu Burg, von Stadt zu Stadt. Zuletzt hatte er
bei der reisigen Schar des Erzbischofs von Salzburg gestanden und unter
dem Heerbann Friedrichs des Schönen die Schlacht bei Ampfing[10]
mitgeschlagen. Dann war er des Hauens und Stechens müde geworden und in
die Heimat zurückgekehrt. Einige Jahre später hatte er in einer
verheerenden Seuche, die nach allem Brennen und Morden das Land
heimsuchte, den Vater und die Mutter an einem Tag verloren; da führte
ihm der Zufall einen Salzkärrner in den Weg, der im Auftrag des
entlegenen Klosters gesunde und kräftige Leute für das Salzwerk zu
werben hatte. Wolfrat ließ sich bereden, und auf dem Salzkarren traf er
in Berchtesgaden ein; doch kam er nicht allein; er brachte die
fünfjährige Schwester mit, und zumeist um dieses Kindes willen geschah
es, daß Wolfrat das erste freie Lehen erhielt. Unter den Sacknäherinnen
des Salzhauses fand er ein verwaistes Mädchen, das dem finsteren,
verschlossenen Manne gut wurde; er hatte sie einmal vor Mißhandlung
geschützt, als ihr ein fremder Fuhrmann das allzu schlagfertige Nein,
das sie auf eine zudringliche Frage zur Antwort gegeben, mit der
Peitsche vergelten wollte. Ein Jahr später wurden sie Mann und Weib. Sie
fingen zu dreien an, Wolfrat, Sepha und Gittli, hielten fest zusammen
und waren mit ihrem kargen Los zufrieden; erst kam ein Knabe, darauf ein
Mädchen; und dann kamen Krankheit, Sorge und Not. In diesen schlimmen
Zeiten wurde Gittli der gute Geist des kleinen Hauses; ihr sanftes Wesen
milderte den verdrossenen Groll des Bruders, ihr herzlicher Frohsinn
erheiterte das kranke Weib, und bei ihren fünfzehn Jahren schaffte sie
wie eine Alte und betreute die beiden Kleinen mit sorgender Liebe, so
daß die Kinder fast zärtlicher an ihr als an der Mutter hingen.
[Fußnote 10: 28. September 1322.]
Von dem Gang, den sie ins Kloster getan, brachte sie ein schweres Herz
mit heim. Doch als sie am geflochtenen Gartenhag das hölzerne Gatter
öffnete, wurde der große Kummer, der sie bedrückte, gemildert und
verdrängt durch die Sorge im kleinen. Forschend schaute sie umher; hier
schien alles in Ordnung; die sieben Hennen stolzierten über den Rasen,
scharrten glucksend in den Maulwurfshügeln und schüttelten das Gefieder
in der Sonne; friedlich grasten die beiden Ziegen im Bogen um die Bäume,
an die sie mit langen Stricken gebunden waren. Jetzt gewahrte Gittli im
Gras ein ploderndes Hemdlein, aus dem zwei schlenkernde Beinchen
hervorragten; ein fünfjähriger blonder Bub lag bäuchlings auf den Rasen
gestreckt und grub und wühlte mit beiden Händen in der schwarzen Erde,
als gält' es, einen Schatz ans Tageslicht zu fördern.
»Aber Lippele,« rief Gittli, »was machst du denn da?«
»Mausi fangen!« flüsterte der kleine Maulwurfsjäger geheimnisvoll und
wollte sein Graben und Wühlen von neuem beginnen.
Gittli zankte: »Bist du denn gescheit? Da herliegen auf den kalten
Boden! Gleich steh auf!«
Lippele erhob sich schmollend, und da schlug das Mädchen entsetzt die
Hände ineinander.
»Lippele! Aber, aber! Wie schaust du denn aus! Da wird die Dittibas
gleich weinen.« Dittibas -- diesen Namen hatte der lallende Kindermund
erfunden, der es nicht fertig brachte, >Base Gittli< zu sagen.
Die Dittibas wird weinen! Das war für Lippele die wirksamste aller
Drohungen. Er verzog den Schnabel zu einem Pfännlein, streckte die
Ärmchen mit gespreizten Fingern auseinander und schaute mit steifen
Augen an sich hinunter. Dem langen Hemdl, das sein ganzes Gewand war,
hätte es der schärfste Blick nicht mehr angesehen, daß es die Dittibas
am Morgen weiß und frisch aus der Truhe genommen hatte. Und diese Hände!
Und ein Gesicht dazu, als hätte Lippele den Versuch gemacht, die Maus
mit den Zähnen aus der Erde herauszubeißen.
»O mein, o mein Gott!« jammerte Gittli. »Gelt? Jetzt schaust du! Jaaa!
Und die Dittibas kann morgen wieder am Wasser stehen und Pfaidi[11]
waschen! Gleich sagst du jetzt: was bist du für ein Bubi?«
»Suggibubi!« bekannte Lippele mit rühmenswerter Selbsterkenntnis,
während seine Augen sich mit Tränen füllten.
»Gelt, ja!« pflichtete Gittli bei, faßte das Bürschl am Ellbogen und
ging der offenen Haustür zu, so rasch, daß Lippele mit Hopsen und
Stolpern kaum nachkommen konnte.
[Fußnote 11: Hemdchen.]
Es war eine ärmliche Stube, die sie betrat, mit dem dürftigsten,
bäuerlichen Hausrat bestellt, aber alles sauber in Stand gehalten, Tisch
und Bänke blank gescheuert. Hinter dem weißgetünchten Lehmofen stand das
große Doppelbett, und in dem Winkel zwischen Bett und Mauer ruhte Sepha,
das Weib des Sudmanns, in einem aus Weidenruten geflochtenen Lehnstuhl.
Sie schien zu frieren, ein dickes Tuch war um ihre Schultern geschlungen
und eine Lodendecke über den Schoß gebreitet. Das blonde Haar war gelöst
und hing in dünnen, mattschimmernden Strähnen um das bleiche,
verkümmerte Gesicht mit den krankhaft glänzenden Augen. An ihrer Haltung
sah man die Schwäche; ganz zerfallen lag sie zwischen den Lehnen des
Stuhles, den ihr Wolfrat an einem freien Tag geflochten hatte, weil ihr
das Liegen so schlecht bekam.
Eine Kranke als Krankenwärterin! In den mit grober Leinwand bezogenen
Kissen des Bettes lag ein dreijähriges Mädchen; mit üppigen Ringeln floß
das goldblonde Haar um das kleine Gesicht, dessen Wangen in fieberhafter
Röte brannten. Die dünnen, zitternden Finger spielten über der Bettdecke
mit den schon halb verwelkten Primeln und Veilchen, welche Gittli dem
Kinde gebracht hatte, bevor sie das Haus verlassen.
Und als das Mädchen nun die Tür öffnete, leuchteten die Augen des Kindes
freudig auf. »Dittibas!« lispelte es und streckte die Ärmchen.
»Ja, mein Mimmidatzi, ich komm schon!« sagte Gittli mit zärtlichem
Lächeln und Nicken. Sie stellte den kleinen Verbrecher, den sie gefangen
herbeigeführt, mitten in die Stube. »Schau nur, Schwährin, wie das
Bürschl wieder ausschaut.«
Über Sephas Züge flog ein mattes Lächeln. Und als der kleine Schlingel
gewahrte, daß sein Aussehen die Mutter nicht schelten, sondern lachen
machte, schrie er jauchzend auf, als hätte er eine stolze Heldentat zu
verkünden: »Lippele Suggibubi, Suggibubi!« Und wie eine toll gewordene
Hummel surrte er tanzend durch die Stube.
Gittli hatte sich auf das Bett gesetzt; sie hielt das Kind umfangen, das
ihren Hals mit seinen dünnen Ärmchen umklammerte; so umschlungen, Wange
an Wange gelehnt, wiegten sie sich hin und her, und die Kleine sang dazu
in schmeichelnden Lauten.
Durch das niedere Fenster fiel ein leuchtender Sonnenstrahl, der in dem
trüben Raume tausend fliegende Stäubchen flimmern machte. Wollte nach
hartem Winter der Frühling nun auch Einkehr halten unter diesem Dach? An
der Zeit wär' es gewesen!
Gittli machte sich an die Arbeit. In ihrer kleinen Kammer vertauschte
sie das >gute< Gewand mit ihrem abgetragenen roten Röckl. Erst las sie
draußen im Garten die den Hühnern ausgefallenen Federn zusammen, damit
das kranke Kind neue Kurzweil hätte. Dann kam Lippele in die Kur. Gittli
kniete auf den Dielen, neben sich eine kleine Holzwanne mit kaltem
Bachwasser; mit einem linnenen Lappen bearbeitete sie dem kleinen
Burschen Gesicht und Hände, daß ihm die Haut zu glühen begann. Ließ er
nur einen Muckser hören, dann hieß es gleich: »Schön brav sein, Lippele,
oder die Dittibas tut weinen!«
Sepha schaute ihr eine Weile schweigend zu; dann fragte sie: »Hast du
den Vogt daheim gefunden?«
»Ja freilich.«
»Ist er gut mit dir gewesen? Und hat er eine Freud gehabt mit den
Röserln?«
»Das glaub ich!« sagte Gittli, während sie sich tief über die Wanne
beugte, um den Lappen auszuringen. »Ah, ah, hat er gesagt, die sind aber
schön! Ja, du -- so schöne hab ich schon bald nit gesehen, hat er
gesagt. Komm her, Lippele!«
»So? So? Und was hast du sonst noch mit ihm geredt?«
»So halt, wie man redet, von allerhand, ja! Aber weißt du, gar lang hab
ich mich nit verhalten dürfen. Du! Was da die Leut warten, eins am
andern!«
Eine Weile war Stille. Dann sagte Sepha mit scheuem Klang in der Stimme:
»Geh, sag mir's, Gittli!«
»Was denn?«
Sepha atmete schwer. »Sag mir's! Hat der Polzer das Lehent schon
beisammen?«
»Aber freilich!« lachte Gittli, doch mit abgewandtem Gesicht, denn sie
fühlte, daß sie rot wurde bis über die Stirn.
»Gott sei Dank!« Ein befreiender Seufzer löste sich aus Sephas Brust.
Lippeles Kur war beendigt. Er wurde noch in sein starrendes Lederhösl
gesteckt, wie die Grille in ihr Häuschen. Und dann hieß es: »So,
Lippele, brav, jetzt bist du wieder schön!« Er bekam einen Kuß, als
Draufgabe noch einen Klaps, und sprang zur Tür hinaus, um die
Verwandlung in den bei ihm natürlichen Suggizustand mit frischem Eifer
zu zu beginnen.
Gittli trug die Wanne aus der Stube. Draußen blieb sie schwer atmend
stehen und schüttelte in ratloser Sorge den Kopf.
Nun mußte sie die bescheidene Mahlzeit richten. Hinter dem Haus lag ein
mächtiger Stoß dürren Holzes; den hatte Gittli während des Winters
zusammengetragen; hier stand sie und zerbrach über dem Knie die morschen
Äste; immer wieder ließ sie die Hände sinken und starrte vor sich hin.
Wie sollte sie es dem Bruder sagen, wenn er heimkam nach Feierabend? Und
wenn er es wußte -- wo sollte er Hilfe finden? Da schoß ihr eine heiße
Welle zum Herzen. Einen wußte sie. Der würde helfen, das hätte sie
beschwören mögen. Haymo, der Klosterjäger! Weshalb ihr gerade dieser
Eine in den Sinn kam? Sie wußte keine Antwort auf diese Frage. Aber das
Herz war ihr leicht geworden. Und wie glatt und einfach dieser Weg war!
Ein einziges Wort zu Haymo, und Haymo sprach ein paar Worte mit Herrn
Heinrich. Und Herr Heinrich konnte doch dem Haymo nichts abschlagen. Ihr
war, als sähe sie den Jäger schon daherkommen, lachend: »Gittli! Ich hab
mit ihm geredet, und er hat gesagt, dein Bruder soll sich Zeit lassen
mit dem Lehent und soll zahlen, wann er kann. Sorg dich nimmer! Ich hab
alles gerichtet. Gelt, du weißt schon, ich laß dir nichts geschehen!«
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. War sie denn wach oder
träumte sie? Nur gedacht hatte sie an ihn. Und dort kam er schon! Als
hätten ihre Gedanken ihn gerufen! Raschen Ganges wanderte er den
Karrenweg einher, der am Hag vorüberführte. Wohl verschwand er immer
wieder zwischen Büschen und hinter Bäumen. Aber sie hatte ihn von weitem
schon erkannt. Jetzt trat er auf den freien Weg heraus, und nun mußte
das Wort gesprochen werden. Sie preßte die Hände auf die beklommene
Brust, faßte sich ein Herz und versteckte sich hinter dem Holzstoß. Hier
stand sie, zitternd an allen Gliedern, lugte nur ein wenig zwischen den
Ästen hindurch und sah, wie Haymo langsam den Hag entlang ging; jetzt
blieb er stehen und spähte nach jedem Fenster, in alle Winkel des
Gartens. Und da kam es Gittli vor, als wäre sein Gesicht bekümmert und
ernst. Sie sah noch, wie er verdrossen den Kopf schüttelte; dann kehrte
er sich ab, schulterte den Bergstock und wanderte weiter. Hinter den
Stämmen der Linden und Ulmen, welche die Straße geleiteten, verschwand
er.
Zögernd trat Gittli hinter dem Holzstoß hervor. Ihr war, sie wußte nicht
wie -- ähnlich vielleicht, wie dem Lippele zu Mut gewesen war, als
Gittli zu ihm gesagt hatte: >Lippele, wie schaust du aus!< Was hatte sie
nur getan! Den Bruder verkauft und verraten, wo es sie nur ein Wort
gekostet hätte, ihn zu retten! Sie hatte die gute Stunde verpaßt.
Weshalb nur, weshalb? Der Atem versagte ihr, und sie meinte fast zu
ersticken. Wer sollte dem Bruder jetzt noch helfen? Haymo stieg zu
Berge. Wann würde sie ihn wieder sehen? Lange, lange nicht! Es sei denn,
daß sie selbst zu ihm hinaufstiege in die Röt. Am Ostersonntag! Weshalb
aber so lange warten? Jetzt gleich! Haymo war noch nicht gar so weit,
sie hätte ihn bald mit ihren flinken Füßen eingeholt! Ein paar Schritte
flog sie dahin, dann wieder blieb sie stehen, zitternd, schlug die Hände
vor das Gesicht und warf sich schluchzend über das dürre Holz.
Gar weit konnte Haymo noch nicht sein; so hatte Gittli gedacht. Wie nah
er war, das ahnte sie doch nicht. Denn als er am Hag des benachbarten
Gartens vorüberschritt, mit sinnenden Augen vor sich hinblickend, flog
ihm ein kleiner Strauß von Primeln mitten auf die Brust. Betroffen blieb
er stehen, schaute verdutzt auf die zur Erde gefallenen Blumen nieder
und sandte einen spähenden Blick in die Hecke, aus der sie
hervorgeflogen waren. Hinter den mit zarten, blaßgrünen Blättern
bedeckten Zweigen schimmerte es rot und ein leises Kichern schlug an das
Ohr des Jägers.
Haymos Augen blitzten freudig auf, rasch hob er den Strauß von der Erde,
steckte ihn neben der Adlerfeder auf die Kappe, sprang auf die Hecke zu
und teilte lachend mit beiden Armen das Gezweig.
Vor ihm auf der Erde kauerte ein junges, dralles Mädel, das hübsche,
aber ländlich derbe Gesicht umrahmt von dicken, blonden Flechten.
Kichernd und mit zutunlichen Augen blickte sie zu Haymo auf, streckte
aber abwehrend die Hände gegen ihn, als wäre sie eines lustigen
Überfalles gewärtig.
Haymo schien für die Gunst der Gelegenheit kein Auge zu haben. Die
Wahrnehmung, daß der rote Schimmer von einem mit silbernem Kettchen
umschnürten Mieder herrühre und nicht von einem gewissen Röckl, mochte
ihm nicht sonderlich willkommen sein. Die ratlose Miene, die er zeigte,
schien das Mädel halb zu ärgern, halb zu ergötzen. Sie richtete sich
auf, verschränkte die Arme und lachte ihm ins Gesicht.
»Hast _du_ den Buschen geworfen?« fragte er.
Sie lachte nur und zeigte die weißen Zähne; doch als er sich ohne Gruß
von ihr wenden wollte, sagte sie hastig: »So eine Frag! Wenn der Buschen
nit fliegen kann von selber, wird ihn wohl eine geworfen haben, die nit
weit ist.«
»So weit vielleicht, wie du von mir?«
Sie zuckte die Schultern und trat dicht an die Hecke heran.
Haymo maß das Mädel mit verwunderten Augen. »Du mußt aber nit viel
Arbeit haben!«
»Warum?«
»Ich mein' halt, daß du den ganzen Tag dazu brauchen mußt, bis du so
viel Blümlen findest, daß du jedem, der da vorbeigeht, einen Buschen an
den Kopf werfen kannst.«
»An den Kopf?« lächelte sie. »Ich mein', er wär ein bißl tiefer
geflogen. Und es könnt auch sein, daß ich nit für jeden einen Buschen
hab.«
»So?«
»Ja!« Sie streckte den Arm über die Hecke und faßte wie in Neugier den
Kolben der Armbrust. »Ein schönes Schießzeug hast du! Bist wohl auch ein
guter Schütz?«
»Kann schon sein!« meinte er und trat einen Schritt zurück.
»Aber manchmal trifft auch eine Dirn mitten hin auf den richtigen Fleck
und braucht keinen Bolzen dazu.«
»So?«
»Sooo? Sooo?« spottete sie, während unverhehlter Ärger um ihre Brauen
zuckte. »Sind bei dir die Wörtlen allweil so kostspielig?«
Jetzt mußte Haymo lachen. »Gott bewahr! Nur in der Karwoch, weißt, in
der größten Fasten.«
»Sparst sie dir halt auf für den Feiertag, gelt? Freilich, beim
Ostertanz kann sie einer brauchen, die vielen Wörtlen. Und die lang
aufgehobenen, das sind die besten.« Sie blitzte ihn mit ihren kecken
Augen an. »Kommst du auch gewiß zum Tanz?«
»Wenn ich wissen tät, daß die richtige Tänzerin kommt.« Haymos Blicke
spähten seitwärts durch die Bäume.
»Sie kommt schon, brauchst dich nit sorgen drum!«
»Meinst?« fragte Haymo rasch; dann schüttelte er den Kopf. »Wie kannst
du denn wissen --«
»Sie hat mir's selber gesagt,« erwiderte das Mädel mit scherzender
Wichtigkeit, »sie hat ja nit gar so weit zu mir!«
Das stimmte; denn wenn ihn der Bub, den er auf der Achenbrücke mit der
Frage nach dem Haus des Sudmanns angehalten, nicht irrgewiesen hatte,
dann wohnte Gittli dort drüben unter dem nachbarlichen Dach.
In freudiger Bewegung faßte Haymo die Hand des Mädels. »Sie hat es dir
selber gesagt? Dann sag ihr wieder, daß ich komm! Ganz gewiß! Und dank
schön für die Botschaft!«
»Zenza! Zenza!« rief von dem stattlichen Bauernhause her eine
ungeduldige Stimme.
»Ich komm schon!« Und flüsternd wandte sich das Mädel wieder zu Haymo.
»Mußt ihr aber auch einen Buschen bringen zum Feiertag!«
»Den schönsten, den ich find. Schneerosen!«
Sie schüttelte lachend den Kopf. »Die mag ich nit. Die sind mir alles zu
kalt. Mußt schon wärmere suchen für mich! Und steck mir den Buschen vor
Tag an das Kammerfenster! Dann trag ich ihn auf dem Kirchgang. Schau
hinüber, das zweite Fenster neben der Tür!«
»Zenza! Zenza!« rief's wieder vom Hause her.
»Ich komm schon!« Kichernd sprang sie davon, auf halbem Wege noch einmal
zurückwinkend mit der Hand.
Haymo machte ein paar Augen, als wäre das Blaue vom Himmel gefallen und
ihm gerade auf den Kopf. »So? So meinst du's?« brummte er. Dann lachte
er auf und ging mit eiligen Schritten seines Weges weiter. Als die
Straße zwischen Bäumen und Strauchwerk an das Ufer der Ache lenkte,
hörte Haymo hinter sich die singende Stimme des Mädels:
»Ich weiß mir ein' hübschen grünen Wald,
Dort laufen drei Hirschlen wohlgestalt,
Dort laufen drei Hirschlen hübsch und fein,
Die freuen dem Jäger sein Herzelein.«
Lauschend blieb Haymo stehen, und die Stimme sang weiter:
»Ich weiß mir ein' hübschen grünen Wald,
Dort laufen drei Rehlen wohlgestalt,
Eins schwarz und eins braun, eins geel wie Gold,
Möcht wissen, welches der Jäger wollt!«
»Ich könnt's dir schon sagen. Wenn ich nur möcht!« lachte Haymo vor sich
hin und wollte sich zum Gehen wenden. »Jetzt hätt ich aber bald
vergessen --«
Er nahm die Kappe vom Kopf, riß den Primelnstrauß herunter und warf ihn
flink in den Seebach, dessen tanzende Wellen ihn verschlangen, wie ein
springender Ferch die schillernde Mücke schnappt.
7.
Der Nachmittag verging, und mit dem Feierabend kam Wolfrat nach Hause.
Es war der Sudmann, den Haymo unter dem Tor des Salzhauses gesehen; nun
trug er zu der Leinenhose noch ein grobes Hemd und einen mürben Janker.
Vor der Tür legte er die Holzschuhe ab und trat barfüßig in die Stube,
in der es schon dunkel war.
»Bist du's, Polzer?« klang die leise Stimme des Weibes.
»Ja, Seph!« erwiderte er, seine Stimme zum Flüstern dämpfend; dann trat
er zu Sepha und strich ihr mit der schweren Hand über den Scheitel. »Wie
geht's denn, Hascherl?«
»Es muß halt gehen!«
»Bist in der Sonnzeit ein lützel draußen gesessen?«
»Wohl.«
Er beugte sich über das Bett. »Schlaft 's Kindl schon?« Sie nickte nur.
Sachte ließ er sich auf den Bettrand nieder und fühlte mit dem Rücken
der Hand an die Wange des schlummernden Kindes. »Völlig brennen tut's!«
Noch tiefer neigte er sich und trank den heißen Atem, der ihm
entgegenströmte. Dann richtete er sich auf und fragte: »Wo schafft die
Dirn?«
»Sie feuert.«
Er erhob sich und verließ die Stube. Draußen in der Küche fand er Gittli
beim flackernden Herdfeuer.
»Warst du bei ihm?« fragte er.
Gittli nickte, und die Tränen kamen ihr in die Augen.
»So red doch! Will er mir Zeit lassen?«
Sie schüttelte den Kopf; sprechen konnte sie nicht. Und ihr Schweigen
sagte ihm mehr, als er aus hundert Worten hätte hören können. Er wurde
bleich, griff nach einem dürren Ast und stocherte im Feuer umher. »Der
Fitzmeier,« sagte er nach einer Weile mit schwankender Stimme, »der hat
an Michaeli das Lehent auch nit zahlen können, und am andern Tag haben
sie ihn ausgekehrt aus der Stub.«
»Geh, wie magst du dich auf gleich stellen mit so einem!« sagte Gittli
fast zornig. »So ein schlechter Mensch!«
»Gut oder schlecht, nur scheppern muß es, scheppern!« Er stieß mit
heiserem Lachen die Fäuste in die Hosensäcke und beutelte die leeren
Taschen. »Jetzt hat der Simmerauer dem Fitzmeier sein Lehen. Und der
Sutter-Franzl wartet auch schon, bis eins ledig wird.« Er wandte sich ab
und verließ die Küche. Auf der Schwelle fragte er über die Schulter
zurück: »Wo ist der Bub?«
Im gleichen Augenblick kam Lippele zur Haustür hereingestürmt. Mit
beiden Armen griff Wolfrat zu und riß das Bürschl an seine Brust empor.
Lippele sträubte sich greinend gegen diese rauhe Zärtlichkeit; er hatte
auch eine wichtige Botschaft zu bringen: der Eggebauer hätt' nach dem
Vater gefragt, und der Vater soll heut noch hinüberkommen.
»Der auch?« murmelte Wolfrat. »Freilich, einschichtig ist noch nie eine
Sorg gekommen. Schockweis, schockweis! So wird's wohl sein müssen.« Er
stellte den Knaben auf die Erde, schob ihn zur Stubentür hinein und
verließ das Haus.
Wolfrat brauchte sich nur über den Gartenhag zu schwingen; denn der
Eggebauer war sein Nachbar, und ein schwerer dazu: er hatte volle Truhen
und Kasten, vier Rosse im Stall und über die zwanzig Kühe. Freilich, für
den Klostervogt war das noch lang keine Ursach zum Respekt; das hatte
Herr Schluttemann heut bewiesen.
Der Bauer schien den Sudmann schon erwartet zu haben; er stand unter der
Haustür, die Daumen in den breiten Ledergurt eingehängt.
»Grüß Gott, Eggebauer!«
»Grüß Gott auch, Polzer!«
»Mußt nit harb sein, Bauer,« sagte Wolfrat, jedes Wort hervorwürgend,
»es ist unrecht von mir, daß ich mich erst hab rufen lassen. Ich hätt
von selber kommen sollen, denn ich weiß, ich hab dir in die Hand
versprochen, das Geld in der Palmwoch heimzuzahlen.«
»Was willst?« brummte der Bauer. »Hab ich drum gefragt?«
Wolfrat schaute freudig betroffen auf.
»Behalt das Geld, solang du willst. Ich brauch's nit. Bist ein armer
Teufel, aber eine ehrliche Haut. Bei dir ist's gut aufgehoben. Und ich
bin eine mitleidige Seel und hab mich gefreut, daß ich dir helfen hab
können.«
Eine Hoffnung schoß in Wolfrat heiß empor. »Bauer, wenn du so mit mir
redest,« sagte er, »nachher möcht ich gleich statt einem Vergeltsgott
ein >Bitt schön< sagen. Eggebauer! Ich kann das Lehent nit zahlen. Wenn
du mir helfen möchtest?«
Der Eggebauer spitzte die Ohren; was er hörte, schien er nicht ungern zu
vernehmen. »Ich könnt schon, wenn ich möcht,« sagte er schmunzelnd, »und
wer weiß, vielleicht mag ich.«
»Bauer!« Wolfrat hatte mit zitterndem Druck des Bauern Hände gefaßt.
»Laß aus! Laß aus!« wehrte der Bauer lachend. »Wir reden noch drüber.
Damit du aber siehst, was ich für einer bin und wie gut ich dir's mein':
ich weiß ein paar schöne Heller zu verdienen, und da bist gleich du mir
eingefallen.«
»Verdienen! Mein Gott, Bauer, ich möcht ja schaffen wie ein Narr. Aber
ich muß von früh bis auf den Abend im Sudhaus werken.«
»Was ich mein', das kannst du schaffen in der Nacht. Es ist
sternscheinige Zeit. Nach Feierabend packst du es an, zehn Stund
brauchst du dazu und kannst fertig sein, vor das Glöckl im Sudhaus
läutet. Und wenn du's machst in der Samstagnacht, da kannst du auch
länger brauchen. Am Ostersonntag brennt kein Feuer im Sudhaus.«
»Und was wär das, was ich schaffen soll?«
»Zenza!« rief der Bauer in den Flur zurück. »Bring die Latern!«
Nach einer Weile erschien die Tochter des Bauern unter der Haustür, in
der Hand die Laterne mit brennendem Licht. Der Bauer nahm sie. »Komm!«
sagte er und ging dem Sudmann voran einer Scheune zu.
In dem großen, fensterlosen Raum herrschte schon tiefes Dunkel. Wolfrat
staunte: so spät im Frühjahr, und die Scheune strotzte noch von Heu und
Garben.
»Da schau!« sagte der Bauer und hob die Laterne.
Wolfrat stand betroffen; scheu griff er nach dem Hut und entblößte den
Kopf. Über einem Haufen Heu lag ein lebensgroßes Schnitzwerk: das Bild
des Erlösers mit ausgebreiteten Armen. Es fehlte nur das Kreuz. Das
Schnitzwerk war mit frischen Farben bemalt: die Locken braun, die Augen
blau, die Glieder bleich wie Schnee, und aus allen Wunden, unter jedem
Stachel der Dornenkrone, rannen die roten Tropfen. Der flackernde Schein
der Kerze warf über das Bildnis ein Gezitter von Licht und Schatten, daß
es zu leben und sich zu bewegen schien.
»Den sollst du hinauftragen auf meine Alm in der Röt und sollst ihn ans
Kreuz schlagen!« sagte der Bauer. »Ich hab ihn bei mir überwintert,
damit er nit zugrund geht im Schnee. Aber jetzt fangt das Gras zu
wachsen an, jetzt muß er hinauf und auf mein Sach schauen. Schwer tragen
mußt du freilich an ihm, aber schau, ich hab dir da eine Krax
hergestellt, die liegt dir gut auf dem Buckel. Da spürst du ihn nur
halber. Und jetzt red! -- Willst du?«
»Ja, Bauer, in der Samstagnacht,« sagte Wolfrat, »und aufpacken will ich
ihn gleich.«
»Brav, brav!« nickte der Eggebauer.
Wolfrat hob zur Probe die Kraxe auf den Rücken, um abzumessen, wie hoch
er das Schnitzwerk hinaufschnüren müsse, damit es ihn mit den Füßen
nicht im Gehen behindere. Dann legte er die Stricke zurecht und kleine
Heubüschel, mit denen er das Schnitzwerk unterlegen mußte, damit die
frische Farbe von den Kanten der Kraxe nicht abgeschürft würde.
»Gelt,« sagte der Eggebauer, »hast ein rechtes Kreuz bei dir daheim?«
Wolfrat nickte nur.
»Mein Gott, mein Gott, schaut bei mir auch nit besser aus!«
»Wie geht's der Bäuerin?«
Der Bauer seufzte. »Schlecht, schlecht! Wär mir schon lieb, wenn sie
bald wieder gesunden tät! Das Weib ist so viel ungut und zuwider. Und
jagt mir die Seel aus dem Leib.«
»Ist halt ein Krankes, Bauer, da muß man Geduld haben.«
»Ja, ja, metzenweis! Aber jeden Wehdam von ihr, den krieg ich zehnfach
zu spüren. Und Salben! Und Trankln! Und Geschichten! Mein Gott, ja, mir
wär doch alles recht, wenn's nur was helfen tät. Und jetzt meint der
Bader, daß gar nichts anders mehr die Bäuerin auf die Füß bringt als nur
ein Herzkreuzl von einem Steinbock. Aber wo soll ich's denn hernehmen?
Jetzt war ich heut beim Klostervogt, hab geglaubt, er verkauft mir eins.
Aber der hat mich schön gestampert. So was wär nur für die Herrenleut,
sagt er. Als ob eine Bäuerin nit grad so gern leben tät wie eine
Ritterin! Und das Weib zieht mir schiergar die Haut vom Leib. Gleich
zehn Schilling tät ich zahlen für ein Herzkreuzl! Aber wo soll ich denn
eins hernehmen?«
Wolfrat schaute auf, und die Blicke der beiden trafen sich. Nun wußte
der Sudmann, wie es der Bauer meinte. Schweigend machte er sich wieder
an seine Arbeit; die Hände zitterten ihm. Zehn Schilling. Und mit acht
Schilling wäre das Lehent bezahlt. Und dazu noch ein paar Flaschen roten
Tiroler für die Seph und Fleisch zur Suppe, und vom feinsten Kälbernen
einen tüchtigen Schnitz, der ausgab auf fünf Mahlzeiten für das Kind.
Und ein paar Heller blieben immer noch übrig für eine weitere Woche. Ach
du lieber Gott, was hatte der Teufel, der den Wolfrat zu versuchen kam,
ein gutes, gutes Herz!
Aus dem Hause klang die fröhlich singende Stimme der Zenza. »Hehehehe!«
lachte der Eggebauer. »Die kann's auch schier nimmer erwarten, bis
Sonntag ist. Die spürt den Feiertag heut schon in den Füßen. Gehst du
auch zum Ostertanz, Polzer?«
»So eine Frag, Bauer! Wenn einmal getanzt wird an vierzehn Nothelfer,
dann geh ich vielleicht.«
»Hehehehe! Das Mädel ist völlig närrisch vor Freud. Meintwegen! Soll
sich einen aussuchen unter den jungen Mannsleuten! Hehehehe! Vielleicht
taugt ihr der neue Klosterjäger. Der kommt auch. Grad jetzt, wie er
draußen vorbeigegangen ist, hat er es ihr versprochen: daß er ganz gewiß
kommt am Sonntag, in aller Früh schon!« Es schien dem Eggebauer viel
daran gelegen, daß seiner Zenza zum mindesten dieser eine Tänzer sicher
war; jedem Wort, das er sprach, gab er einen Druck, als wär's ein
Schilling, den man auf den Tisch zählt. Und genau so, wie man die
letzten Münzen, um seiner Sache sicher zu sein, noch einmal nachzählt,
so wiederholte er die letzten Worte: »Ja! In aller Früh schon!«
Wolfrat hatte sich aufgerichtet und sah den Bauer, der ihm lustig
zuzwinkerte, mit funkelnden Augen an; dann wischte er sich den kalten
Schweiß von der Stirn und schaffte weiter. Mit beiden Armen hob er das
schwere Christusbild empor, um es auf die mit weichen Heubüscheln
gepolsterte Kraxe zu legen. Aber wie unsicher seine Hände waren! Fast
wäre das schwere Schnitzwerk seinen Armen entglitten; dabei riß ihm ein
Stachel der Dornenkrone eine blutige Schrunde in die Wange. Er wischte
das Blut weg und besah seine Hand. Und da war ihm, als hätte jemand zu
ihm gesprochen, ganz leise und dicht am Ohr -- nicht der Eggebauer,
sondern ein dritter. Aber sie waren doch nur zu zweien! Er schüttelte
den Kopf und griff nach den Stricken, aber durch das Herz ging es ihm
wie ein kalter Schauer.
»Sei so gut! Und laß mir den Herrgott fallen!« lachte der Eggebauer.
»Der tät mir kein Halmerl Gras nimmer wachsen lassen auf meiner Alm!
Hehehehe!«
Wolfrat gab keine Antwort. In fester Spannung schnürte er die Stricke
über das hölzerne Bild, daß es auf der Kraxe keinen Ruck mehr tat.
Der Eggebauer schaute nicht auf Wolfrats Hände, nur immer in sein
Gesicht. »Deinem Weib geht's besser, wie ich von der Zenza hör?« sagte
er nach einer Weile. »Ja, ja, gut Essen und Trinken mußt du ihr geben,
nachher klaubt sie sich schon wieder zusammen, wenn das Frühjahr wärmer
wird. Aber was macht denn das kleine Katzerl, das liebe? Da schaut's
schlecht aus, hör ich!«
Wolfrat nickte nur; seine Brust hob sich, als wollte sie springen.
»So ein festes und gesundes Kind! Wie über so ein Kind nur so was kommen
kann?« sagte der Eggebauer und schüttelte den Kopf. »Wie hat's denn
angefangen?«
Mit stockenden Worten schilderte Wolfrat den Beginn und die Zeichen der
Krankheit.
»Du, Polzer, das ist heilig dieselbige Krankheit, an der im vorigen
Winter das Jüngste vom Klostervogt schier draufgegangen wär. Der
Totengraber hat schon gewartet, ja!«
»Ich bin fertig, Bauer!« unterbrach Wolfrat mit heiserer Stimme.
»Brav, brav!« Der Eggebauer ging auf die Kraxe zu, rüttelte an dem
Schnitzwerk und fühlte überall hin, wo es auflag. »Ich mein', es tut's.
Aber hohl liegen tut er, schau! Geh, nimm einen festen Buschen Heu und
stopf drunter hinein, was geht! Ja, Polzer, völlig im Verlöschen war das
Kindl schon, und kein Mensch hätt sich mehr gedacht, daß der arme Wurm
noch einmal aufkommt! -- Was hast du denn?«
Wolfrat war auf den Heuhaufen zugegangen, um aufzunehmen, was seine Arme
fassen konnten. Da hatte er etwas Hartes im Heu gegriffen und
hervorgezogen. Eine Armbrust! Über Wolfrats Züge flog ein irres Lächeln.
»Bauer? Wie kommt das Schießzeug da her?«
»Wie wird's herkommen?« lächelte der andere. »Füß hat's keine. So wird's
wohl einer hergelegt haben. Ja, Polzer, daß ich sag -- und wie die Leut
schon geglaubt haben, jetzt und jetzt hat das letzte Stündl geschlagen
für das arme Kind, da haben sie ihm zur Letzt noch was eingegeben. Und
geholfen hat's! Wie ein Wunder! Ja! Und heut springt das Kindl wieder
umeinander, frisch und fest wie ein Huiserl![12] Wär schad drum gewesen,
wenn es hätt verfaulen müssen!«
Wolfrat stand mit aschfahlem Gesicht und hielt die Armbrust umklammert,
als wollte er ihren Schaft zerquetschen unter seinen eisernen Fingern.
»Und was war's, Bauer, was dem Kind geholfen hat?«
»Schweißbluh von einem Steinbock.«
Wolfrat wandte sich ab. Mit ruhiger Hand prüfte er die Sehne und das
Schloß der Armbrust, nickte befriedigt, umwickelte die Waffe dicht mit
Heu und schob sie auf der Kraxe in den hohlen Raum unter dem
Schnitzwerk. Nun erhob er sich, schüttelte die Heufäden von seinem
Gewand und sagte: »In der Samstagnacht, Bauer! Um Feierabend komm ich
und hol den Herrgott.«
[Fußnote 12: Füllen]
»Brav, lieber Polzer, hilf mir, und du hilfst dir selber!«
»Und wenn ich komm -- und bring's?«
»Was ich gesagt hab! Ich bin der Eggebauer.« Er streckte die Hand, und
Wolfrat schlug ein mit festem Druck.
Als der Sudmann sein Haus erreichte, stand Gittli wartend in der
finsteren Tür.
»Aber geh, wie kannst du so lang ausbleiben?« schmollte sie. »Die Seph
hat sich schon gelegt. Komm! Ich hab dein Essen heraußen auf dem Herd
stehen, weißt, drin in der Stub könnt das Kindl wieder wach werden.«
Er ging in die Küche und setzte sich an den Herd, auf dem die letzten
Kohlen schon zu erlöschen begannen; nur noch ein roter Schimmer füllte
den Raum. Gittli wollte sich an seine Seite setzen; er schob sie von
sich und sagte: »Geh schlafen.«
Sie schüttelte den Kopf, denn sie wollte mit ihm von der Hilfe sprechen,
die sie sich ausgesonnen. Aber kaum begann sie vom Lehent zu reden, da
sagte er: »Sorg dich nimmer! Ich hab das Lehent. Der Eggebauer leiht mir
das Geld.«
Gittli war sprachlos vor Freude; nur die Hände schlug sie ineinander;
dann rannte sie davon, huschte in die Stube, tappte zum Bett und fiel
der Seph um den Hals. »Er hat's! Er hat's!«
Das Weib verstand sofort, was Gittli meinte. »Gelt, daß er's noch nit
gehabt hat?«
»Ich hab dir nur die Sorg ersparen wollen!«
»Woher hat er's denn?«
»Der Eggebauer hat's ihm geliehen.«
»Ist das ein guter Mensch!« weinte Seph und faltete die Hände. So
kräftig ist für den Eggebauer wohl noch nie gebetet worden, außer von
ihm selbst vielleicht.
Gittli hauchte einen Kuß auf die heiße Stirn des schlummernden Kindes
und schlüpfte in ihre Kammer. Als sie in den Kissen lag, weinte und
kicherte sie, immer eins ums andere. Dazu sprach sie das Vaterunser, und
noch ein zweites als Dreingabe; das hatte der liebe Herrgott heut
verdient, der diese zwei guten, guten Menschen erschaffen hatte, den
Eggebauer und den Haymo. Und von den beiden war Haymo gewiß noch der
bessere; daß es bei ihm gar nicht zum Helfen kam, das war nicht seine
Schuld. Sie wollte dem Eggebauer gewiß nichts abzwacken von seinen
Verdiensten. Aber der Haymo! Der hätte dem Bruder das Geld nicht nur
geliehen, nein, geschenkt! Hätt er's denn aber auch gehabt?
Gittli mußte lachen, als sie in ihrer Gedankenreihe zu diesem Ende kam.
Sie streckte sich vergnügt, verschränkte die Hände unter dem Nacken und
summte das Lied von der Schneerose vor sich hin:
»Auf steiler Höh,
Tief unterm Schnee --«
Als sie zu der Stelle kam, an der es heißt:
»Im Herzen tief
Ein Blüml schlief,
Gar lieblich und an Schönheit reich --«
da verstummte sie. Was für ein Blüml war das? Sie hatte das nur immer so
hingesungen. Jetzt zum erstenmal kam diese Frage. Was für ein Blüml war
das?
So lag sie mit offenen Augen und träumte in die Nacht hinein.
Und draußen in der Küche saß Wolfrat beim neu entfachten Feuer und
schnitzte aus einem Birnbaumzweig den Bolzen für die Armbrust.
Vergangene Zeiten erwachten bei dieser Arbeit: das war nicht der erste
Bolz, der aus seinen Händen kam. Die Bilder und Abenteuer seiner Jugend
und seiner Kriegsjahre zogen an ihm vorüber. Einmal hob er den Kopf und
blickte langsam gegen die Wand, hinter welcher Gittlis Kammer lag. Dabei
spielte ein seltsam verlorenes Lächeln um seinen bärtigen Mund.
Neben dem Herde sah er Federn liegen; mit ihnen fiederte er den Pfeil.
Es waren die Federn, mit denen das >Mimmidatzi< gespielt hatte, bevor es
entschlummert war.
8.
Seit zwei Tagen hauste Haymo wieder einsam in der Röt. Spät abends hatte
er am >grünen Donnerstag< die Jagdhütte erreicht. Walti, den er in der
Nähe der Kreuzhöhe getroffen, hatte den Jäger in der Dämmerung für einen
Raubschützen angesehen und nicht übel Lust gezeigt, die Armbrust auf ihn
abzuschießen. Dann gab es freilich ein lachendes Erkennen. Während des
ganzen Heimwegs hatte der Bub zu erzählen; für ihn war jeder Schritt ein
Abenteuer gewesen.
Als sie zur Hütte kamen, fanden sie den Frater Severin schnarchend auf
dem Heubett. Sie weckten ihn, und da meinte der Frater, es ginge zur
Mette.
»Ui jei!« sagte er lachend, als er sich die Augen gerieben hatte. Aber
aus dem Lachen geriet er gleich wieder in flammende Entrüstung. Haymo,
so meinte er, hätte wohl auf den guten Einfall kommen können, einen Krug
voll >Güte Gottes< oder eine Flasche mit >des Himmels höchster Gnade<
aus dem Kloster heraufzubringen. Haymo sah ein, daß seine Sünde groß
war, zwar nicht vor Gott, aber wohl vor einem seiner >Knechte<. Nun
mußte sich der arme Frater Severin nach dem fetten Sterz, den es zum
Nachtmahl gab, mit einem Trunk Wasser schlafen legen. Brrr! Er liebte
das Wasser nicht einmal in den Schuhen, viel weniger im Magen.
Das >himmelschreiende Unglück< schien ihm aber den Schlaf nicht zu
verkümmern. Er schnarchte gewaltiger als je.
Haymo und Walti hatten wieder auf dem Herd ihr Nachtquartier
aufgeschlagen, die glimmenden Kohlen zwischen ihnen. Draußen das dumpfe
Rauschen des Föhns.
»Walti?« fragte Haymo nach langem Schweigen mit leiser Stimme. »Schlafst
du schon?«
Der Bub richtete sich auf.
»Walti, ich möchte dir was schenken, eh du fortgehst. Was willst du
haben?«
»Die Feder von deiner Kappe!« platzte der Bub heraus.
»Sollst sie haben, nimm sie dir nur morgen früh! Mußt mir aber auch
einen Gefallen tun.«
»Was?«
»Weißt du, wo die Gittli haust?«
»Die Müllerdirn?«
»Nein, die Schwester des Sudmanns.«
»Ach die! Ja. Warum?«
»Dann geh zu ihr, morgen, und frag sie, warum sie geweint hat in der
Vogtstub?«
»Was soll ich fragen?« wiederholte Walti, dem die Sache etwas dunkel
vorkam.
»Du sollst sie fragen, warum sie geweint hat, heut, wie sie bei Herrn
Schluttemann in der Stub war. Sag ihr, daß ich es wissen will. Und wenn
ich zum Ostertanz hinunterkomm, dann sag es mir wieder! Verstehst du?«
»Wohl!« nickte Walti. »Aber ich kann mir schon denken, warum sie geweint
hat. Der Vogt wird halt giftig gewesen sein und hat sie bei den
Ohrwascheln genommen. Das tut er gern, das weiß ich.« Gähnend streckte
er das kluge Haupt auf die zum Kissen geballte Lodendecke. Nach kurzer
Weile richtete er sich wieder auf.
»Haymo!«
»Ja?«
»Jetzt weiß ich, was für eine Gittli die richtige ist!«
»So?« lächelte Haymo.
»Wohl!« Und kichernd streckte sich der Bub wieder aufs Ohr.
Bald darauf schliefen sie alle beide.
Am andern Morgen, eh' der Tag noch graute, verließ Haymo die Hütte, um
seinen Hegergang anzutreten. Er hätte seinen Gästen gern ein Wort zum
Abschied gesagt; aber die beiden schnarchten doppelstimmig so rührend
zusammen, daß ihr gesunder Schlaf einen Stein hätte erbarmen mögen.
Haymo nahm die Adlerfeder von seiner Kappe und steckte sie auf Waltis
Filzhut. Dann ging er.
Als er mit dem Abend in die Hütte zurückkehrte, waren die Klostervögel
lange schon ausgeflogen. Haymo schürte nicht einmal Feuer; so müde war
er. Er spürte die beiden auf den Herdsteinen verbrachten Nächte in allen
Knochen; und er hatte sich heute geplagt wie nie. Keinen der Hut
bedürftigen Platz in seinem weiten Revier hatte er unbesucht gelassen,
jeden Steig und jeden Schneefleck hatte er abgespürt. Er wollte nicht
ein zweites Mal so dastehen wie gestern in der Vogtstube. Herr
Schluttemann war so liebevoll mit ihm umgesprungen, wie die Katze mit
der Maus; nur das Verschlucken hatte noch gefehlt. Aber auch Herr
Heinrich hatte zu den beiden vermißten Steinböcken eine strenge Miene
gemacht; doch er war nicht ungerecht gewesen und hatte auf Haymos
Rechtfertigung gehört, trotz Herrn Schluttemann, der die Tischplatte
gehörig donnern ließ. Schließlich war Haymo vom Propst sogar mit
freundlicher Rede entlassen worden. »Und wenn es dir Freude macht,«
sagte Herr Heinrich, »so magst du am Feiertag nach der Frühpirsche
herunterkommen zum Ostertanz!«
Diese Güte wollte Haymo mit doppeltem Fleiß vergelten. Wenn es das Glück
nur wollte, daß ihm einer der Raubschützen bald in den Weg geriete. Er
ballte die Fäuste bei diesem Gedanken. Aber mitten in seinen flammenden
Zorn hinein hörte er die Geigen und Pfeifen klingen.
Ob Gittli wohl zum Tanz käme? Nun, eine Dirn, die nicht kommt, die kann
man holen. An diesen Gedanken spann Haymo hundert andere, bis sein
Denken und Sinnen unmerklich hinüberfloß in Schlaf und Traum.
Nach dieser Nacht kam ein mühsamer Tag. Der Föhn tobte, als möchte er
das ganze Haus der Berge in Trümmer werfen. Er wehte schwül, wie der
Sturm vor einem Gewitter. Der Schnee auf den steilen Halden schwand vor
seinem Hauch, daß man es mit den Augen sehen konnte, wie er weniger und
weniger wurde. Über allen Felswänden wurde die weiße, starre Decke des
Winters lebendig, und während die Lawinen rollten, führte der Föhn den
fallenden Schnee in lichten Wolken durch die Lüfte.
Haymo mußte sich vorwärts kämpfen Schritt um Schritt. Gegen Abend, auf
dem Heimweg, kam er am Kreuz vorüber. Leer starrten die Fußnägel aus dem
Holz. Wo waren Gittlis Schneerosen hingekommen? Der Föhn hatte sie wohl
entführt? Haymo spähte auf der Erde umher; in einer Steinschrunde sah er
eine der Blüten liegen, zerzaust und welk. Er hob sie auf und wollte sie
auf seine Kappe stecken. Nein. Die Blume gehörte einem andern. Lächelnd
schob er sie am Kreuzbalken zwischen die beiden Nägel; kaum ließ er die
Hand davon, da trug sie der Föhn schon hinweg.
Vor Einbruch der Nacht erreichte Haymo die Hütte. Heute blieb ihm keine
Zeit zum Sinnen und Träumen. Die Augen drohten ihm schon zuzufallen,
während er am flackernden Feuer seinen Imbiß bereitete.
Kaum lag er auf dem Heubett, da schlief er schon. Rings um die Hütte
tobte der Frühlingssturm und sang dem müden Jäger ein brausendes
Schlummerlied.
Als Haymo erwachte, war noch finstere Nacht. Er lauschte verwundert.
Tiefe Stille um die Hütte. Kopfschüttelnd trat er ins Freie; der
Föhnwind hatte sich völlig gelegt, und nur noch leise rauschte der
Bergwald. Blasse, dünne Nebelschleier flogen über den Himmel, an dem in
zahlloser Schar die Sterne funkelten. Der frische, klare Morgen
versprach einen schönen Tag.
»Es wird Osterwetter!« sagte Haymo. Dann blickte er nach dem Stand der
Sterne und meinte, daß die dritte Morgenstunde wohl schon vorüber wäre.
Da war er just zur richtigen Zeit erwacht, um den Auerhahn zu verlusen,
den Herr Heinrich nach den Ostertagen erlegen wollte.
Haymo sperrte die Hütte und wanderte in die Nacht hinaus. Nun plötzlich
blieb er lauschend stehen. Töne waren an sein Ohr gedrungen, wie
Hammerschläge auf klingendes Eisen. Nun wieder die gleichen Töne. Und
noch ein drittes Mal. Kopfschüttelnd lauschte er; er wußte sich diese
Töne nicht zu deuten, aber sie machten ihm keine Sorge; denn wer im
Bergwald auf bösen Wegen schleicht, der tut es in aller Stille. Da war
wohl einer der Almbauern, den die Arbeit am Tage festhielt, während der
Nacht zu Berge gestiegen, um mit dem frühen Morgen nachzuschauen, wie
seine Sennhütte überwintert hätte? Und an der Hüttentür hatte er wohl
mit seinem Hammer die eisernen Klammern losgeschlagen. Es war dem
Lauschenden freilich gewesen, als klängen diese Töne nicht von den Almen
her, sondern von einer höher gelegenen Stelle. Aber Haymo wußte aus
Erfahrung, wie sehr ein Hall in der Nacht zu täuschen vermag.
Eine Weile noch lauschte er; alles blieb still. Nun schritt er weiter,
quer durch das Felstal; auf dem kürzesten Wege stieg er zum Kreuzwald
empor. Es dämmerte, als er sein Ziel erreichte. Lautlos nach allen
Seiten horchend, schlich er von Baum zu Baum. Über den östlichen Bergen,
jenseits der Schneefelder des Steinernen Meeres, zeigte sich noch kaum
ein fahler Schimmer des nahenden Tages, da hörte Haymo schon das leise
Klippen des falzenden Hahnes. Achtsam sprang er ihn an, und endlich sah
er auf einem dürren Aste den stolzen Vogel sitzen, der sich in tiefer
Schwärze scharf abhob vom erblassenden Himmel. Eine Weile schaute Haymo
dem verliebten Sänger zu, der auf seinem Ast sich blähte und drehte, mit
gefächertem >Stoß< und zitternden Schwingen gaukelte; dann, als es so
licht wurde, daß Haymo über den Augen des Vogels schon die glühende
>Rose< zu erkennen vermochte, schlich er leise zurück, um den Hahn nicht
zu vergrämen. Und je weiter es bergabwärts ging durch den schütteren
Wald, desto rascher wurde sein Schritt, desto fröhlicher sein Blick. Nun
ging es hinunter ins Tal zum fröhlichen Fest, zum Ostertanz: Arm in Arm
und Wange an Wange mit Gittli!
Ob er wohl mit jener andern auch einen Reigen tanzen würde? Wie hieß sie
nur? Richtig: Zenza! Nun, vielleicht -- wenn Gittli müde war und nichts
dawider hatte. Müde? Die Gittli?
Er mußte lachen. Aber plötzlich lauschte er. Aus dem Felstal hatte er
einen Laut gehört, wie das Kollern eines gelösten Steines. Ging jemand
dort unten? Aber nein. Äsendes Fahlwild oder eine ziehende Gemse hatte
wohl den Stein gelöst. Fort mit der Sorge! Heute durfte er Wild und
Bergwald beruhigt verlassen, denn so gottverloren war kein Mensch in
allen Tälern rings umher, um Raub zu treiben am heiligsten Tage des
Jahres.
Der Morgen erwachte; ein roter Schimmer fiel über den Wald, und die
Kuppen der Berge leuchteten in der steigenden Sonne wie glühendes Erz.
Als Haymo den Saum des Kreuzwaldes erreichte, ließ er sich zu kurzer
Rast auf einen Felsblock nieder und staunte mit seinen lachenden Augen
in den schimmernden Glanz der schönen Frühe.
Von seinen Lippen wollte sich ein Jauchzer lösen, aber gewaltsam hielt
er den jubelnden Aufschrei zurück; denn im Steintal zu seinen Füßen, auf
etwa dreihundert Gänge, sah er auf schneefreiem Hang einen Steinbock
weiden. Er wollte das Tier, dem die Äsung not tat, nicht verscheuchen.
Ohne Bewegung saß er und sah dem Wilde zu, wie es langsam über die Halde
hinwegzog und seine kärgliche Nahrung suchte. Nun plötzlich hob der
Steinbock das Haupt mit dem mächtigen Gehörn -- er schien Gefahr zu
wittern -- in scheuer Eile suchte er den Schutz der nahen Felswand, doch
ehe die Wand noch erreicht war, tat er mit schlagenden Läufen einen Satz
in die Luft, stürzte nieder, raffte sich wieder auf und verschwand in
einer Mulde.
Haymo fuhr erblassend auf. Das ging nicht zu mit rechten Dingen! Ein
Ruck, und er hielt die Armbrust in Händen -- ein lautloser Sprung, und
er stand geborgen in dem dichten Gestrüpp der Zwergföhren, die den Grat
der Kreuzhöhe bedeckten. Geschmeidig wie eine Schlange glitt er durch
das wirre Gezweig, und als er den Ausblick in die Mulde gewann, schlug
ihm das Herz und zitterten ihm die Hände in Zorn und brennender
Erregung.
Er sah, wie ein Mensch in Bauerntracht, mit schwarz berußtem Gesichte,
den verendeten Steinbock nach einem nahen Dickicht schleifte.
»Hab ich dich endlich, du Dieb!« zischte es durch die Zähne des Jägers.
Alles Zittern wich von ihm, und als er die Sehne der Armbrust spannte
und den Bolzen in die Schiene legte, waren seine Hände wie Stahl und
Eisen. Er hob die Wehr an seine Wange, aber durch die dichten Zweige
hatte er keinen sicheren Schuß. Lautlos erhob er sich, um
hinauszuschleichen an den Rand der Büsche; dort draußen stand das Kreuz;
hinter dem breiten Holze konnte er sich decken und hatte freien Schuß.
Jetzt wand er sich hervor aus den letzten Zweigen, jetzt hob er die
Waffe -- und da rann es ihm durchs Herz wie kalter Schauer. Am
Kreuzbalken hing das lebensgroße Bild des Erlösers.
Gewaltsam wollte Haymo den Blick wenden, aber er brachte ihn nicht los
von dem heiligen Bilde. Mit ernsten, kummervollen Augen sah es auf ihn
nieder, es schien zu leben in seinen frischen Farben, das rote Blut
schien eben jetzt geflossen. Dem Jäger war es, als begännen die großen,
blauen Augen sonnengleich zu leuchten, als öffne sich der
schmerzenbittere Mund und spräche mit sanften Worten: »Haymo! Willst du
morden an meinem Ostertag, der allen Menschen sein soll wie ein Tag des
Glücks und der Versöhnung? Tu's nicht, Haymo, tu's nicht!«
In Haymos Händen neigte sich die Armbrust, und der Bolzen fiel aus der
Schiene. Der Jäger hob ihn auf mit bebender Hand und küßte die Füße des
Gekreuzigten.
Dann stieg er lautlos den Hang hinunter. Der Raubschütz, der im dichten
Gebüsch an dem erlegten Wild hantierte, hörte ihn nicht kommen; auf der
Erde sah Haymo die Armbrust des Räubers liegen; er faßte sie und
schleuderte die Waffe mit mächtigem Schwung hinaus in das Steingeröll;
da fuhr der Raubschütz in die Höhe, und als er den Jäger sah, befiel ihn
ein Wanken, und er griff mit beiden Händen in die Luft.
»Wer bist du?« fragte Haymo mit harter Stimme.
Der andere stand wortlos und starrte vor sich nieder.
Haymo versuchte ihn zu erkennen, aber vergebens. Der Jäger war fremd im
Tal und hatte hier nur wenige Menschen erst gesehen; auch trug der
Räuber den Bart und die Haare mit Asche bestäubt, und das Gesicht war
mit Ruß so dick bestrichen, daß Haymos forschender Blick kaum einen Zug
erfassen konnte.
»Komm!« sagte er und deutete mit dem Arm die Richtung an.
Der Gefangene voran, und Haymo mit gespannter Armbrust hinter ihm, so
schritten sie über den Hang empor; mit blitzenden Augen folgte Haymo
jeder Bewegung des Raubschützen. Auf halber Höhe verhielt der Gefangene
den Schritt; in seinem finsteren Auge glühte die Verzweiflung.
»Jäger! Es war das erstemal. Und ich tat es aus Not.«
»Geh!«
»Jäger! Ich hab Weib und Kind. Sie gehen zugrund.«
»Durch deine Schuld.«
Ein dumpfer Seufzer erschütterte die Brust des Mannes; der Kopf sank
ihm, und mit schweren Schritten stieg er weiter. Nun erreichten sie die
Kreuzhöhe. Wieder wandte sich der Gefangene, unheimliche Glut in den
Augen. »Was geschieht mit mir?«
»Was jedem andern geschieht, wenn er tut, was du getan.«
»Jäger! Erbarm dich meines Weibes und meiner Kinder! Laß mich laufen!«
»Und wenn ich auch wollt -- ich darf nit!« sagte Haymo mit schwankender
Stimme. »Ich steh in Pflicht und Eid. Ich hab geschworen.«
»So laß mich ein Vaterunser beten! Für Weib und Kind.«
»Bete!« sagte Haymo.
Der Raubschütz kniete vor dem Kreuz auf die Erde nieder, faltete die
Hände und begann zu murmeln. Haymo wollte den Kopf entblößen, um dem
heiligen Bild zu danken, das ihn vor Blut bewahrt und alles nach Recht
gewendet hatte. Doch als er den Arm erhob, fuhr der andere blitzschnell
in die Höhe, riß das Weidmesser von Haymos Gürtel, und ehe der Jäger
sich zu decken vermochte, stieß ihm der Wildschütz die blitzende Klinge
in die Schulter.
Aus Haymos Händen fiel die Armbrust, seine Knie brachen, stöhnend sank
er auf das moosige Gestein, das sich färbte von seinem Blut -- mit
letzter Kraft noch richtete er sich halb wieder auf, mit brennendem
Blick suchten seine Augen das starre Bild am Kreuze, dann fiel er
zurück, und seine Sinne erloschen.
Über allen Höhen leuchtete die Sonne, mit lindem Hauche strich, nach
allem Streit und Kampfe des wilden Föhns, der laue Frühlingswind
befruchtend um die Halden, und während auf dem steinernen Hang die
überstürzten Tritte des fliehenden Mörders verhallten, schwoll es sanft
und leise durch die Luft einher, weit her aus dem fernen, tiefen Tal --
der Klang der Osterglocken. Ihre Seelen waren heimgekehrt von Rom, und
durch das weite Land, von Turm zu Turm, erhoben sie ihre hallenden
Stimmen, die Macht und Glorie des Gottes preisend, der vom Grab
erstanden.
9.
Über dem Haus des Sudmanns lag still und sternenhell die Osternacht. Nur
die Ache rauschte; sonst kein Laut in der ganzen Runde; denn der Eine,
der in dieser Nacht zu dem kleinen Hause gegangen kam, wandelte auf
unhörbaren Sohlen; er pochte an die verschlossene Tür -- sie öffnete
sich nicht vor ihm, und dennoch trat er ein.
In der Stube erwachte das Weib; ein leises Stöhnen hatte sie geweckt.
Sie lauschte -- und da hörte sie es wieder. Es war das Kind.
»Katzi, was hast du?« fragte sie. Aber das Kind gab keine Antwort. Sepha
war am Abend so schwach gewesen, daß sie sich nicht auf den Füßen
erhalten konnte. Und jetzt mit einmal hatte sie Kraft. Mit stammelndem
Laut sprang sie aus dem Bett. »Polzer!« rief sie -- in ihrem Schreck
hatte sie ganz vergessen, daß Wolfrat außer Hause war. Mit zitternden
Händen tastete sie in der Finsternis nach dem Feuerzeug; nur matte
Funken brachte sie aus dem Stein, und der Zunder wollte nicht brennen.
»Mein Gott, mein Gott, hätt ich mich doch nit schlafen gelegt!« jammerte
sie. Bis lange vor Mitternacht hatte sie wach gesessen, dann war die
Natur stärker geworden als ihr Wille. Gittli wollte die ganze Nacht bei
dem Kinde bleiben, aber Sepha selbst hatte das Mädchen zur Ruhe
geschickt. Das >Katzi< schien gut und fest zu schlummern. Freilich, es
war ein böser Tag gewesen, der vorausgegangen, und bedrückten Herzens
hatte Seph ihren Mann das Haus für die Nacht verlassen sehen; sie merkte
es ihm auch an, daß er nicht gerne ging. Wär' es nur nicht um die paar
Heller gewesen, die es zu verdienen gab! Als er, schon den Hut auf dem
Kopf, noch einmal die Hand über die Stirn des Kindes strich, da sagte
er: »Gib dich, Seph, morgen soll's besser sein!« Seine Stimme hatte wohl
gezittert, und dennoch hatte sein Wort zuversichtlich geklungen.
Vielleicht wußte er ein stärkendes Kraut oder eine heilsame Wurzel, die
er von der Bergfahrt mit heimbringen wollte -- vielleicht die Nieswurz,
die Wurzel der Schneerose. Von ihr hatte auch Gittli schon gesprochen.
Endlich war es der Seph gelungen, Licht zu machen. Mit der flackernden
Kerze leuchtete sie über das Bett und erschrak bis ins innerste Herz.
Das Gesicht des Kindes kam ihr so verwandelt vor, als wäre das nicht
mehr ihr eigen Kind, sondern ein fremdes. Sie taumelte zur Kammertür und
stieß sie auf. »Gittli! Gittli!«
Das Mädchen antwortete schlaftrunken.
»Ich tu dich bitten, steh auf,« sagte Seph mit tonloser Stimme, »das
Kindl ist so viel ungut!«
Barfuß, das rote Röckl überwerfend, erschien Gittli unter der Tür.
»Da schau: mein Kindl, mein Kindl, mein Kindl!« schluchzte Seph und
hielt die Leuchte über das Bett.
Gittli beugte sich über das Kind und faßte sanft seine Ärmchen, die mit
geballten Fäusten nach aufwärts lagen. »Mimmidatzi,« flüsterte sie mit
süßer Zärtlichkeit, »Mimmidatzi, kennst du mich nimmer? Schau, die
Dittibas ist bei dir!« Eine Weile wartete sie vergebens auf Antwort.
Dann rief sie noch einmal, alle Angst ihres Herzens in der Stimme:
»Mimmidatzi!«
Ein kaum merkliches Zucken ging über das Gesicht des Kindes, ein leises
Stöhnen, nicht wie in Schmerz, sondern wie in weher Sehnsucht quoll aus
dem regungslosen, leicht geöffneten Mund; aber der kleine Körper rührte
sich nicht, das Köpfchen, umringelt von goldblondem Gelock, lag starr
auf die Seite geneigt, und unter den zarten, halbgesunkenen Lidern
blickten die einst so schelmisch leuchtenden Augen unbeweglich hervor,
ohne Glanz und Leben.
»Mein Schatzi, mein liebs, was hast du denn?« stammelte Gittli und
schaute, die Wangen von Tränen überronnen, mit einem hilflosen,
angstvollen Blick in Sephas Gesicht.
»Mein Gott, mein Gott, wär nur der Polzer daheim!« jammerte das Weib und
sank neben dem Bett in die Knie. »Wenn er nur daheim geblieben wär! Mein
Gott! Was tu ich denn? Mein Kindl, mein Kindl! Ich weiß mir keinen Rat,
ich weiß mir nimmer zu helfen! Was tu ich denn?«
»Schwährin, bleib, bleib! Ich lauf und hol den Bader!« schluchzte
Gittli. Und wie sie stand, barfuß, im dünnen Röckl, rannte sie davon.
Sie achtete auf dem Wege nicht der spitzen Steine, die sich schmerzend
in ihre Sohlen drückten, nicht der Frische der Nacht, die sie schauern
machte; sie rannte nur und rannte, bis sie keuchend auf dem Marktplatz
das Haus erreichte, in dem der Bader wohnte. Wie von Sinnen schlug sie
an der Tür den Klöppel, immerfort, so lange, bis im Obergeschoß ein
Fenster geöffnet wurde.
»Wollt Ihr aufhören oder nit! Was ist denn das für ein Lärm in der
Nacht?« rief eine Männerstimme herunter.
»Ach, ich bitt Euch, wir haben ein krankes Kind daheim!« schluchzte
Gittli mit aufgehobenen Händen. »Kommt doch, kommt, ich bitt Euch gar
schön, ich bitt, bitt, bitt!«
»Wer bist du denn?«
»Die Gittli bin ich, die Schwester vom Sudmann Polzer.«
»Sooo?« Der Name, den Gittli genannt, gab dem Bader zu denken. Ja, hätte
sie den guten Einfall gehabt, hinaufzurufen: ich bin Zenza, die Tochter
des reichen Eggebauern -- dann hätte sie was erlebt, wie der Bader
gesprungen wäre! »Sooo? Also ja, geh nur heim, und sag, ich komm schon,
sobald es Tag wird.«
Klirrend schloß sich das Fenster. Gittli stand wie betäubt und griff mit
beiden Händen an ihren Kopf. War es denn möglich? Ein Kind -- solch ein
süßes, herziges Ding! Und es gab einen Menschen, der sich nicht die Seel
aus dem Leibe lief, um zu helfen!
Helfen? Helfen? Wer jetzt? Wer? Pater Eusebius? Der hatte das Bübl des
Klostervogtes wieder gesund gemacht. Gittli rannte, und atemlos
erreichte sie die Klosterpforte. Die Glocke läutete schrill, denn mit
dem ganzen Gewicht des Körpers hatte sich Gittli an den Strang gehängt.
»Pater Eusebius? Wo ist der gute Pater Eusebius?« schluchzte sie, als
sich das vergitterte Fenster öffnete.
»Ein Dirnlein? In der Nacht?« staunte der Pförtner. »Was willst du vom
Pater?«
»Wir haben ein krankes Kind daheim, der Pater Eusebius soll ihm helfen.
Ach, guter Frater Pförtner, ich bitt Euch, bitt Euch --«
»O du mein Gott, Kind, den Pater, den holst du heut nimmer. Der ist seit
zwei Tagen in der Bartholomäer Klause.«
Gittli mußte sich an die Mauer stützen, um nicht umzusinken.
»Aber sag, was fehlt dem Kind?«
»Es rührt sich nimmer und sieht nimmer. Und kennt mich nimmer. Ach,
Frater Pförtner, so ein liebes, gutes Kind!«
»Mußt nit weinen, Mädel, der liebe Gott wird schon helfen! Und -- wart
ein Weil!« Das Gesicht hinter dem Gitter verschwand, dann streckte sich
eine Hand heraus mit einer kleinen Flasche. »Nimm, Dirnlein, nimm! Es
ist das Beste, was ich hab: ^Oleum Sancti Quirini^ vom Kloster
Tegernsee.«
Gittli griff zu mit beiden Händen.
»Reibe dem Kind die Stirn damit ein, und die Schläfe, und die Pulsadern
an den Händen, und die Stelle, wo das Herz schlägt, und bete dazu drei
Vaterunser! Das hilft. Das hat schon vielen Tausenden geholfen. Und
jetzt geh, Dirnlein! Gelobt sei Jesus Christus!«
»Amen!« stammelte Gittli. Es war ein Laut voll heißen Dankes. Und
schluchzend flog sie davon, aber sie weinte nicht mehr in Schmerz, sie
weinte vor Freude. Was sie in Händen hielt und an ihr Herz drückte, war
die sichere Rettung: geweihtes, heiliges Öl! Immer und immer wiederholte
sie Wort um Wort: »Die Stirn, die Schläfe, die Adern, und wo das Herz
schlägt!« Und damit sie nur ja mit dem Beten nicht zu kurz käme, fing
sie jetzt schon an, während sie rannte und rannte: »Vater unser, der du
bist im Himmel --«
Erschöpft, keines Wortes mächtig, erreichte sie das Haus.
Sepha kam ihr entgegen, das Gesicht verstört, kalkweiß und von Zähren
überronnen. »Kommt er? Kommt er?«
Gittli schüttelte den Kopf; sprechen konnte sie noch nicht; doch während
sie die eine Hand auf die fliegende Brust drückte, drängte sie mit der
andern schon die Flasche in Sephas Hände.
»Mein Gott, Gittli, so red doch,« jammerte das Weib, »schau, die Angst
bringt mich um!«
»Nimm -- nimm -- das muß ihm helfen! Das hat schon tausend, tausend Mal
geholfen, hat er gesagt. Vater unser, der du bist im Himmel --« Und
betend sank sie neben dem Bette nieder, in dem das Kind noch lag, wie
sie es verlassen hatte.
»Aber Gittli, so red doch, wie soll's denn helfen, was soll ich denn
machen damit?«
Mehr mit Zeichen als mit Worten wiederholte Gittli den Rat, den ihr der
Frater Pförtner gegeben. Neben dem Bette kniend, mit tränenerstickter
Stimme betend, hielt sie das flackernde Talglicht, während Sepha tat,
was der Mönch geraten. Mit zitternden Händen, unter Weinen und
zärtlichem Stammeln entblößte die Mutter das Kind, das vor ihr lag wie
eine vom Stengel gefallene Blüte. Ein zartes, holdes Körperchen, rund
und weiß, wie aus Wachs gebosselt, aber alle Glieder gefesselt von
starrem Krampf.
Endlich richtete Sepha sich tief atmend auf; alles war geschehen, was
geschehen mußte. Sie legte die Kissen zurecht und breitete sorglich
wieder die warme Decke über das Kind, das unempfindlich schien für
alles, was mit ihm geschah.
»Meinst du, Gittli, es hilft?«
»Ja, ja, es muß helfen!«
»Der liebe Herrgott soll's geben! Wär nur der Polzer daheim!«
Nun saßen sie, Sepha und Gittli, die eine zu Häupten, die andere zu
Füßen des Kindes, Stunde um Stunde, leise betend und des Wunders
harrend, das sie mit Zuversicht erhofften.
Einmal streckte sich das Kind unter leisem Stöhnen, und die verkrampften
Fäustchen schlugen seitwärts.
»Gittli!« stammelte das Weib.
»Tu dich nimmer sorgen! Es hilft, schau, es hilft schon. Weißt, er wehrt
sich halt, der Krank, weil er spürt, daß er fort muß.«
Wieder saßen sie, betend und wartend. Auf leisen Sohlen schlich die
Nacht davon, und durch die Fenster fiel der graue Dämmerschein des
erwachenden Ostermorgens.
Seph atmete auf. »Jetzt wird der Polzer doch bald kommen?«
Gittli nickte; die Hände im Schoß gefaltet, saß sie, keinen Blick vom
Gesicht des Kindes verwendend.
Wieder einmal befühlte Sepha die kleinen, starr geschlossenen Hände. Sie
erschrak. »Gittli! Ich weiß nit -- das Kindl wird so kalt! Da, greif
her! Was meinst du denn?« Ihre Augen waren starr geöffnet, und ihre
Stimme zitterte vor Angst.
Gittli umschloß mit beiden Händen die kalten, wachsbleichen Fäustchen
des Kindes. Sie konnte nicht sprechen. Bang erschrocken schaute sie zu
Sepha auf.
»Was meinst du,« stammelte das Weib, »wenn ich ihm Tücher warmen tät?«
»Ja, ja!«
Sepha zerrte einen Arm voll Leinenzeug aus einer Truhe, stürzte in die
Küche, machte Feuer und preßte das Leinen in eine irdene Schüssel, um es
an der Glut zu wärmen. Schluchzend riß sie die Haustür auf; der helle
Glanz des Ostermorgens leuchtete ihr entgegen. Sie taumelte auf der
Schwelle, raffte sich auf und rannte auf die Straße, um auszuschauen, ob
ihr Mann nicht käme. Nichts, nichts, so weit ihre brennenden Blicke
reichten.
»Mein Gott, mein Gott, wär er nur daheim geblieben!« stammelte sie und
wankte zurück.
In der Stube kniete Gittli vor dem Bett, des Kindes kalte Finger
behauchend, die zwischen ihren Händen lagen. Sie wurden nicht wärmer.
»Seph, Seph!« rief sie in quälender Angst und wollte zur Tür. Doch
während sie sich erhob, schien es ihr, als hätte das Kind sein Köpfchen
bewegt. Sie hatte recht gesehen. Ein leises Zucken ging über die
Augenlider, und der kleine Mund bewegte sich, als wollt' er sprechen.
»Mimmidatzi!« schluchzte Gittli in neu erwachtem, freudigem Hoffen und
warf sich auf die Knie.
Da hob das Kind ein wenig die Ärmchen und tastete mit gespreizten
Fingern in die Luft. Gittli meinte, das Kind suche ihre Hände. »Ja, ja,
mein Schatzi, das Handerl geben, gelt?« flüsterte sie in heißer
Zärtlichkeit, die beiden Hände des Kindes fassend. »Dittibas geht nit
fort, nein, schau, ich bin bei dir! Kennst du mich nimmer, Schatzi?«
Es legte sich auf das bleiche Mündlein wie ein sanftes, müdes Lächeln;
ein seufzender Atemzug, dann streckte sich das Körperchen, und durch die
kalten Finger rann noch ein leises Zittern.
Jetzt kam die Mutter mit den warmen Tüchern gerannt. »Seph, Seph!« rief
ihr Gittli mit stammelnder Freude entgegen. »Besser geht's, besser! Es
kennt mich schon wieder, und wie ich mit ihm geredet hab, da hat es mich
angelacht. Schau nur, Seph, schau nur, es lachet noch allweil!«
»O du lieber, lieber Herrgott!« lallte Sepha. Die Freude benahm ihr fast
die Stimme.
Nun griffen sie alle beide zu mit fliegenden Händen und hüllten das Kind
von den Füßen bis an den Hals in die warmen Tücher; und wenn die Tücher
zu erkühlen begannen, wurden sie wieder ersetzt durch andere, warme.
Und immer lächelte das Kind; nur war das kleine Gesicht so weiß wie
Schnee, und der geschlossene Mund war anzusehen, als hätt' er sich
verwandelt in ein blasses Veilchen.
Stunde um Stunde verging. Und immer lächelte das Kind.
»Ich mein', es schlaft!« flüsterte Gittli. Und dann plötzlich kam ihr
ein Gedanke: »Seph, ich lauf ins Kloster hinauf. Meinst du nit, es wär
gut, wenn ein Pater beten tät?« Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie
in ihre Kammer, schlüpfte in die Schuhe, zog eine Jacke über, streifte
mit flüchtigem Kuß die rote Wange des Buben, der in ihrem Bette schlief
wie ein Murmeltier, und rannte aus dem Hause.
Als sie die Straße erreichte, sah sie zwischen den Bäumen einen
Chorherren des Weges kommen. Den hatte ihr der liebe Gott geschickt, so
meinte sie. »Herr Pater, Herr Pater!« rief sie und winkte ihm zu. Nun
stand er vor ihr -- Pater Desertus, der Fischmeister; er hatte im
Kloster die Frühmesse gelesen und wollte heimkehren in seine Klause.
Gittli erschrak, da sie ihn erkannte. Sie zögerte, nur einen Augenblick,
dann trat sie auf ihn zu, mit bittend erhobenen Händen, die Augen naß
von Tränen.
Dunkle Röte flog über seine bleichen Züge, seine Augen flammten, und wie
in heißer Sorge streckte er die Hände nach ihr und fragte: »Mädchen, was
ist dir? Weshalb weinst du?«
»Ach, Herr Pater, wir haben ein krankes Kind daheim, ich bitt Euch,
kommet mit mir und betet für das arme Würml!«
»Beten?« Über die Lippen des Priesters irrte ein Lächeln, das Gittli
nicht zu deuten vermochte. Scheu wich sie vor ihm zurück. Er faßte ihre
Hand und sagte: »Komm! Wir wollen sehen, was zu helfen ist.«
Sie wollte seine Rechte küssen, doch er wehrte es fast erschrocken.
»Führe mich!« sagte er und folgte ihr mit raschen Schritten; dabei
verwandte er keinen Blick von ihrem Gesicht, immer wieder schüttelte er
den Kopf, als könnte er irgend etwas, das ihn zu bewegen schien in
seinem tiefsten Innern, nicht fassen und begreifen.
Nun erreichten sie die Haustür, und da ließ er die Hand des Mädchens und
fuhr sich über die Stirn, wie um etwas von sich abzustreifen, was er
nicht über die Schwelle tragen wollte.
Gittli bekreuzte sich, als der Chorherr ihr voran in die Stube schritt.
Sepha erhob sich vom Bett und zog sich scheu in einen Winkel zurück;
Gittli blieb mit gefalteten Händen an der Tür stehen, und so folgten die
beiden Frauen mit brennenden Augen jeder Bewegung des Priesters, der
neben dem Bette stand, tief über das regungslose, lächelnde Kind
gebeugt.
Nun richtete er sich auf, schwer atmend, und sein Antlitz schien noch
blässer geworden. Mit wehmutsvollem Blick suchten seine Augen die
Mutter. »Komm her zu deinem Kinde!« sagte er mit leiser, schwankender
Stimme.
Ein Zittern fiel über Sephas Glieder, in ihrem Gesicht erstarrte die
Angst jeden Zug, nur die Arme konnte sie strecken, aber ihre Füße waren
auf der Diele wie festgewurzelt.
»Hier ist keine Hilfe mehr. Es müßte denn sein, daß Herr Jesus in diese
Stube träte und zu deinem holden Kinde spräche wie zur Tochter des
Jairus: Steh auf und lebe!«
Gittli erbleichte. Und Sepha rang nach Atem, aber noch immer wollte sie
nicht fassen, was geschehen.
»Ach, guter Pater,« stammelte das Mädchen, »schauet nur hin, es lachet
ja, es lachet!«
»Das Lächeln der Erlösung!« Und Sephas Hand erfassend, sagte er: »Dein
Kind ist heimgegangen zu seinem Schöpfer.«
»Ach du lieber Gott!« schrie Gittli schluchzend auf. Wie von Sinnen
stürzte sie zum Bett, doch ehe sie es erreichte, brachen ihr schon die
Knie, auf den Knien rutschte sie weiter, schluchzend und schreiend, und
mit Gesicht und Armen warf sie sich über die Füße ihres entschlafenen
Lieblings: »Schatzi, mein Schatzi!« In heißem Weinen erstickten ihre
Worte.
Sepha stand noch immer wie ein steinernes Bild. Nun rang es sich mit
gellendem Schrei von ihren Lippen: »Mein Kind!« Mit beiden Fäusten stieß
sie den Priester von sich, faßte mit zuckenden Händen das Kind, riß es
halb aus den Kissen und rüttelte das zarte, wachsbleiche Körperchen.
Ihre Glieder erlahmten, starr quollen die Augen aus dem von Schmerz
verzerrten Gesicht, und mit stöhnendem Laut, wie das gehetzte Wild ihn
ausstößt, wenn es niederbricht inmitten der Meute, sank sie über das
Bett, das Kind umklammernd: »Kann denn unser Herrgott so was zulassen!
Mein Kind! Mein Kind! So was -- so was muß über mich kommen! Warum denn?
Warum denn? Warum denn?«
»Warum? Du armes Weib!« Pater Desertus legte die Hand auf Sephas
zuckende Schulter. »Tausende und Abertausende vor dir haben diese Frage
schon hinausgeschrien aus brennendem Herzen, und keinem noch ist Antwort
gekommen, nicht aus der Höhe, noch aus der Tiefe. Warum? Auf
frühlingsgrüner Wiese steht eine Blume, hold und lieblich in ihren
reinen Farben, in ihrem süßen Duft, wie ein gütiger Gedanke Gottes, der
zur Erde niederflog und Wurzel schlug, um zu weilen als eine Freude der
Menschen. Da kommt die Nacht mit ihrem tötenden Reif. Und ein Tier zieht
über die Weide und tritt mit fühllosem Huf die erfrorene Blume in den
Kot. Warum? Auf sonniger Halde steht ein Baum, gesund und strotzend von
Kraft. Er hat geblüht in zahllosen Kelchen, und nahe schon ist die Zeit,
da er für treue Pflege danken will mit köstlichen Früchten. Doch vor der
Ernte kommt der Sturm, ein Stoß nur, und der schöne stolze Baum liegt
auf der Erde, verwüstet und gebrochen! Warum? Warum? Im weiten Feld
steht die reifende Saat, getränkt vom Schweiße hoffender Menschen. Der
Hagel vernichtet sie. Warum? In freundlichem Tal steht Hütte an Hütte,
zufriedene, lachende Menschen unter jedem Dach. Da brechen am Bergsee
die steinernen Dämme, eine Stunde nur, und Trümmer und Leichen bedecken
das Tal. Warum? Redlichen Sinnes zieht ein guter Mensch seines Weges,
sein Blick ist Treue, und Liebe jeder Schlag seines Herzens. Da fallen
die Wölfe über ihn her, oder ein Blitz erschlägt ihn, oder eine Brücke
weicht unter seinem Fuß. Warum? Es steht eine herrliche Burg, fest und
stolz --« Die Stimme des Chorherren verwandelte sich, klang dumpf und
heiser. »In ihren Mauern wohnt das Glück, rein und heilig, wie es noch
je hervorgegangen aus Gottes Hand. Aus ihren Toren zieht ein
glückseliger Mann. Und da er wiederkehrt, dürstend nach dem Anblick
seines Weibes, nach den süßen Augen seiner Kinder, findet er nur
rauchenden Schutt und verkohlte Gebeine. Warum? Warum? Warum?«
Sepha richtete sich auf, verschlang die Hände, und zu dem Priester
aufblickend, alle Verzweiflung ihres Herzens im Auge, schluchzte sie:
»Ach Herr, redet doch nit so grausam und hart zu mir, sagt mir doch ein
Wort des Trostes, nur ein einziges Wort!«
»Ich weiß dir keinen Trost, ich sehe dein Kind und finde keinen. Nur
eine Wahrheit kann ich dir sagen, die ich erkannte mit blutendem Herzen:
wer lebt, muß leiden, wer lacht, wird weinen müssen, und verlieren, wer
besitzt!«
Sepha schlug die Hände vor das Gesicht.
Da klang aus der offenen Kammer eine Kinderstimme: »Muetter!« Und
Lippele erschien auf der Schwelle im langen Hemd, die runden Wangen hoch
gerötet vom gesunden Schlaf, in der Hand ein kleines hölzernes Pferd
ohne Kopf und mit halben Beinen.
Sepha sprang auf, stürzte auf den Knaben zu mit schluchzendem Schrei und
riß ihn empor an ihre Brust.
Pater Desertus war zur Tür gegangen; es schien, als wollte er sich noch
einmal zurückwenden; aber schwer aufatmend deckte er die Hand über seine
Augen und verließ das Haus.
Gittli lag noch immer auf den Knien, das Gesicht in die Arme gedrückt.
Erst als Sepha wieder zum Bette trat, hob das Mädchen die brennenden
Augen, sah zu der Schwäherin auf und schlug in hilflosem Schmerz die
Hände ineinander.
Sepha kniete zur Seite des Bettes nieder, stellte den Knaben auf die
Erde, und ihr Schluchzen mühsam bekämpfend, sagte sie: »Schau, Lippele
-- dein Schwesterl, schau nur, schau -- geh, gib ihr noch ein Handl und
sag zu ihr: behüt dich Gott, mein Schwesterl, du mein liebs!«
Lippele schaute auf das stille, wie im Traume lächelnde Kind, dann
wieder auf die Mutter und fragte: »Warum denn?«
»Mußt nit fragen, Lippele, tu's nur, tu's!«
Lippele streckte den Arm; als er die Kälte des starren Händchens fühlte,
erschrak er und brachte kein Wort hervor. Ängstlich schaute er zu der
Mutter auf und hob die beiden Arme nach ihr. Sepha umschlang ihn, der
gewaltsam verhaltene Schmerz brach mit neuer Macht aus ihrem gepreßten
Herzen, und so kauerte sie schluchzend auf der Erde, das Gesicht des
Knaben übergießend mit ihren Tränen.
»Muetter, Muetter!« stammelte das Kind und begann zu weinen, weil es die
Mutter weinen sah. Gittli erhob sich und wankte in die Kammer; drinnen,
am offenen Fenster, stürzte sie schluchzend nieder. Mit breitem Strahl
fiel die Morgensonne auf den gebeugten Mädchenkopf.
Draußen webte der Glanz und Schimmer des Ostertages; die Ache rauschte
und in den Nachbarhöfen krähten die Hähne. Auf den Obstbäumen, deren
Knospen schon zur Blüte drängten, zwitscherten die Meisen und flogen hin
und her, Halme tragend für den Nestbau.
10.
Trotz der hellen Sonne, die der Ostermorgen gebracht, brannte in der
Stube des Eggebauern ein Feuer im Lehmofen, der vor Wärme schwelte. Der
Bauer saß hemdärmelig hinter dem Tisch, vor sich einen großen Napf mit
Milchsuppe, die er gemächlich auslöffelte. Er war soeben, gegen die
neunte Morgenstunde, mit Zenza aus der Messe zurückgekehrt. Das Mädel
stand, mit halblauter Stimme trällernd, vor dem in die Wand
eingemauerten Zinnspiegel und durchflocht die blonden Zöpfe mit roten
Bändern.
»Heut hat es aber der Pater Hadamar scharf gemacht in der Predigt,«
sagte der Eggebauer nach einer stillen Weile.
Zenza lachte.
»Hast du dir gemerkt, was er gescholten hat über den Tanz?«
Wieder lachte das Mädel und warf die Zöpfe über die Schulter zurück.
»Jetzt tanz ich nur desto mehr. Und fest anhalten tu ich mich auch. Daß
ich nit ausrutsch.«
Sprechen konnte der Eggebauer nicht, denn er hatte gerade den Mund voll;
er drohte nur mit dem Löffel; dann schluckte er und lachte. Da klang aus
der Kammer eine weinerlich kreischende Weiberstimme: »Zenzaaa!«
»Jjaa!« rief das Mädel unwillig, trat näher an den Spiegel, nestelte an
dem Veilchenbuschen, der im Mieder steckte, und zupfte das Kraushaar in
die Stirn.
»Hörst, die Mutter ruft!« mahnte der Eggebauer.
»Hab schon gehört!« sagte Zenza; aber sie rührte sich nicht von der
Stelle.
Der Eggebauer seufzte und löffelte weiter.
»Bauer! Aber Bauer! So komm halt du!« klang es mit keifenden Lauten aus
der Kammer.
»Ist _das_ ein Weib!« brummte der Eggebauer. »Nit einmal beim Essen hat
man seine Ruh!« Er schüttelte den Kopf, warf einen Erbarmen heischenden
Blick zur Stubendecke, legte den Löffel nieder und wollte sich erheben.
Da klapperten draußen auf den Steinen die Tritte genagelter Schuhe, und
ein Schatten fiel über das Fenster.
»Zenz!« sagte der Bauer hastig. »Ich tu dich bitten, geh hinein zu ihr
und bleib bei ihr drin eine Weil. Es kommt einer, mit dem ich zu raiten
hab.«
Das Mädel ging, aber nicht gerne; kaum hatte Zenza hinter sich die
Kammertür geschlossen, da stand Wolfrat schon auf der Schwelle; er war
anzusehen, als käm' er geraden Weges von der Sudpfanne; sein brennendes
Gesicht und seine Hände glitzerten von Schweiß; an Hals und Schläfen sah
man, wie es in den geschwollenen Adern hämmerte; sein Atem flog und
keuchte, daß er nicht zu sprechen vermochte; er taumelte zur Bank, fiel
nieder und drückte die Fäuste auf seine Brust.
Dem Eggebauer wurde ängstlich zu Mut; er schielte nach der Kammertür,
dann fragte er mit leiser Stimme: »Polzer, was hast du denn? Ich will
nit hoffen, daß --«
»Schau nach der Zeit, Bauer!« keuchte Wolfrat.
»Da brauch ich nit schauen. Die neunte Stund ist kaum vorbei.«
»Und wie lang braucht einer vom Kreuz über die Almen herunter ins Ort?«
»Fünf Stund.«
»So muß ich droben am Kreuz schon wieder fort gewesen sein, bevor es Tag
worden ist!« sagte Wolfrat mit heiserem Lachen. »Darauf könnt einer
schwören. Du auch!«
Der Eggebauer verfärbte sich. »Meinst du, es wird sein müssen?«
Wolfrat zuckte die Schultern, wischte mit dem Ärmel den Schweiß von der
Stirn und erhob sich; sein Atem war ruhig geworden, sein Gesicht so weiß
wie die Wand. Er trat zum Tisch, griff in die Tasche und reichte dem
Bauer eine hölzerne Büchse: sie war feucht, als hätte man sie in Wasser
getaucht.
»Da nimm!« sagte er. »Das Kreuzl mußt du dir selber herausschneiden. Ich
hab mich tummeln müssen.«
Der Bauer öffnete die Büchse, die ein blutiges Herz enthielt, und schloß
sie wieder. »Hast du die Schweißbluh auch?«
Wolfrat nickte und griff an eine Tasche seines Jankers. »Wenn ich die
nit hätt? Für was hätt ich's denn getan?« Der Kopf fiel ihm auf die
Brust und mit zitternder Hand strich er sich über den Scheitel.
Der Bauer blickte scheu zu ihm auf und kniff die Lippen übereinander;
dann ging er zu einem Wandschrank, verwahrte die Büchse und brachte ein
Säcklein herbei, welches klang und klirrte, als er es auf die
Tischplatte setzte.
»Hast nichts gehört, Bauer, wie es bei mir drüben steht?« fragte
Wolfrat.
»Gehört hab ich nichts. Aber sorg dich nimmer! Hast ja die sichere Hilf
im Sack.«
Wolfrat atmete tief und stand schweigend, während der Eggebauer zehn
Salzburger Schillinge und ein Dutzend Heller auf den Tisch zählte.
»Streich ein! Hast es verdient.«
»Meinst?« Wolfrat, als er die Münzen in der Hand hielt, streckte sie dem
Eggebauer hin und sagte: »Ich weiß nit, mir kommt so für, als hätt das
Geld einen roten Schein?«
»Dummes Zeug!« stotterte der Bauer. »Das Geld hat Silberfarb.«
»So? Dann muß es wohl sein, daß es mir nur im Aug so glitznet. Oder es
schaut sich nur die Hand so an.« Er schob das Geld in die Tasche. »Und
was ich sagen will, Bauer? Gelt, wenn vielleicht eine Frag umgehen sollt
-- du brauchst nit _mehr_ zu wissen, als daß ich gestern nach Feierabend
um die achte Stund fort bin. Sieben Stund hab ich hinaufgebraucht in die
Röt. Lang genug. Aber so ein Herrgott hat sein Gewicht. Dann hab ich ihn
ans Kreuz geschlagen, vor Tag war ich fertig, hab mich wieder auf die
Füß gemacht, und war daheim um die neunte Stund. Daß ich den Weg vom
Kreuz bergab bis zu deinem Haus in dritthalb Stunden gelaufen bin, das
brauchst du nit zu wissen.«
Der Eggebauer riß die Augen auf und schüttelte den Kopf.
»Und schau mich an, wie ich ausschau! Daß du's weißt, wenn dich einer
fragen sollt. Gelt, nein? Ich hab kein Stäubl Ruß im Gesicht, kein
Fleckl Blut an meinem Janker.«
Der Eggebauer, der eine Farbe bekam als hätte man ihm das Gesicht mit
Kalk bestrichen, stotterte: »Lieber Herrgott, Polzer, was hast du
getan?«
»Was ich dutzendmal im Krieg getan hab, wenn mich einer hat fassen
wollen.« Er machte mit der Faust einen Hieb durch die Luft und seine
Augen funkelten in finsterer Glut. »Es hat sein müssen.«
»Polzer, Polzer!« stöhnte der Bauer und schlug die Hände zusammen.
»Halt 's Maul! Wenn's einer hört, der es weiterredet, kommt es zur
Halbscheid über dich. Und wo der Freimann haust, das weißt du! Seit
voriger Woch hat er ein neues Rad, das alte hat er am Mattauser
zuschanden gemacht, der in der letzten Gebnacht[13] den Klosterknecht
gestochen hat. Und somit behüt dich! Ich hab dir und mir geholfen. Jetzt
müssen wir's auch tragen auf zwei Buckeln.« Wolfrat wandte sich zur Tür.
Dem Eggebauer schlotterten die Knie; er wollte dem Sudmann nacheilen,
brachte aber keinen Schritt zuwege. »Polzer!« keuchte er. »Und das
Schießzeug? Das hast du doch um Herrgotts willen nit verloren, wo's ein
Unrechter finden könnt?«
»Nein. Ich hab's wieder geholt, und jetzt liegt es im Kesselbach in der
tiefsten Klamm, mit einem Stein daran, den kein Wasser mehr in die Höhe
treibt. Ich wollt nur, es läg was anderes auch dabei! Aus mir
herausreißen kann ich's nit.« Er schlug mit der Faust auf seine Brust,
nickte noch einen stummen Gruß und verließ die Stube.
Diesmal schwang er sich nicht über den Gartenhag, sondern ging auf die
Straße zurück und betrat sein Lehen durch die Zauntür. In einem Winkel
des Gartens rannte Lippele hinter den gackernden Hennen her. Wolfrat
wollte ihn rufen; doch er schüttelte den Kopf: »Der Bub soll mir heut
nit an die Hand rühren.« Zögernd trat er ins Haus; im offenen Flur lag
die Sonne; als aber Wolfrat über die Schwelle ging, bedeckte sein
schwarzer Schatten den lichten Streif. Und wie still es war! Keines rief
seinen Namen, keines trat ihm grüßend entgegen. Das Kind wird schlafen,
dachte er sich, und sie wollen's nicht wecken. Er stieß die Schuhe von
den Füßen und betrat die Stube.
[Fußnote 13: Die Nächte vor dem Weihnachtsfest, vor dem Neujahrstag und
vor dem Dreikönigstag hießen »Gebnächte«.]
Neben dem Bett saß sein Weib im Weidenstuhl. »Grüß dich Gott, Seph!«
sagte er beklommen. Sie gab ihm keine Antwort, hielt die Hände im Schoß
gefaltet, das zerraufte Haar hing ihr um die Schultern, und mit starren
Augen, deren Tränen erschöpft waren, schaute sie ihm entgegen.
»Aber so red doch ein Wort! Wie geht's ihm denn?«
Sie wollte sprechen, aber nur stumm bewegten sich ihre Lippen; dann
plötzlich schrie sie laut auf.
Er warf einen Blick auf das Kind, und was er sah, machte ihn zittern an
allen Gliedern. »Gib dich, Seph, gib dich!« stammelte er und riß aus der
Tasche einen ledernen Beutel hervor, welcher braune Flecken hatte und
zwischen Wolfrats Händen schlotterte. »Gib dich, Seph! Schau, ich hab
was heimgebracht, das muß helfen. Dem Vogt seinem Kind hat es auch
geholfen. Gib einen Löffel her!«
»Polzer!« schrie sie gellend auf und fuhr sich mit zuckenden Händen in
die Haare. »Unser Kind! Unser liebes Kind! O mein Gott, mein Gott!«
»Seph?«
Er stürzte auf das Bett zu und riß das Laken weg, mit dem das
regungslose Körperchen verhüllt war. Aschfahl wurde sein Gesicht, die
eine Hand fuhr nach seinem Herzen, die andere ließ den Beutel fallen,
aus dem das geronnene Blut, das er enthielt, in dicken Brocken auf die
Diele klatschte. Und lautlos, wie ein Stier, den das Beil auf die Stirn
getroffen, brach er zusammen.
»Polzer!« kreischte Sepha und suchte ihn aufzurichten.
War es ein Schluchzen oder ein heiseres Gelächter, das von seinen Lippen
schütterte und seine wirren Worte halb erstickte? »Und alles umsonst,
alles, alles! Recht so! Ja, so hat's kommen müssen. Jetzt liegt mein
Kindl da. Und droben liegt der ander im Blut.«
»Heiliger Herr Jesus!« stammelte Sepha. »Polzer! Polzer!«
Verstört sah er auf, ein Schauer rüttelte seinen Körper. Er hatte schon
zu viel gesagt. Nun mußte er alles sagen. Mit beiden Armen umschlang er
sie, drückte stöhnend sein Gesicht in ihren Schoß, und in dumpfen,
hastigen Lauten bekannte er seine Tat. Alles sagte er: was ihn zum
Wildraub verführt hatte, wie droben alles gekommen war, und wie ihm nur
die Wahl geblieben zwischen Elend, Kerker, Peitsche -- und dem, was er
getan.
Sepha saß mit weißem Gesicht, wie eine Gestorbene, und ihre Hände
zitterten, die auf seinem Kopfe lagen. Und als er verstummte, griff sie
hinüber in die verwüsteten Kissen und faßte die starre kalte Hand ihres
Kindes. »Dank's deinem Herrgott, mein liebes Kind, weil du das nimmer
hast erleben müssen!«
»Seph!« stöhnte er.
Sie neigte das Gesicht zu ihm hinunter und sagte ganz leise: »Weißt du
es auch, Polzer? Weißt du denn, was du getan hast? Nit bloß den andern
hast du erschlagen. Uns alle, dich und mich und deinen armen Buben und
--«
Er preßte die Hand auf ihren Mund.
»Nein, Seph, nein! Keiner weiß es. Nur ein einziger, der selber das
Reden fürchten muß. Und wenn sie mich auf den Strecker spannen, ich
sag's nit. Und ich hab nichts anderes getan, als den Herrgott ans Kreuz
geschlagen. Und wenn er selber noch leben sollt und wieder aufkommen --«
Er verstummte plötzlich und hob erschrocken den Kopf. Jäh schoß er in
die Höhe, stand mit geballten Fäusten und starrte zur Kammertür.
Gittli stand auf der Schwelle; ihre zitternden Hände suchten eine Stütze
am Pfosten, als wollten ihr die Knie brechen. Ihrem entsetzten Blick,
ihren verstörten Zügen sah man es an -- sie hatte alles gehört.
»Du!« fuhr Wolfrat sie an. »Was willst du?«
Abwehrend streckte sie die Hand gegen ihn, das Grauen schüttelte ihre
schmalen Schultern, und an der Wand sich entlang tastend, wollte sie zur
Tür.
Mit zornigem Fluch sprang er auf und verstellte ihr den Weg. »Wohin?«
Da hob sie flehend die Hände. »Zu ihm! Zu ihm! Ob er tot oder lebig ist.
Laß mich, laß mich! Ich muß zu ihm.«
»Zu ihm? Und warum zu ihm?«
»Weil ich sterb, wenn ich bleiben muß!« Wie von Sinnen faßte sie ihn am
Arm und suchte ihn von der Türe wegzuzerren. Er schleuderte sie zurück,
daß sie zu Boden sank; sie raffte sich auf und stürzte wieder auf ihn
zu.
»Dirn!« knirschte er. »Du tust mir keinen Schritt aus dem Haus, oder --«
Er riß ein Beil von der Wand.
»Jesus im Himmel! Polzer!« kreischte Sepha, aber sie hatte nicht die
Kraft, sich aufzurichten.
Mit ausgebreiteten Armen stand Gittli vor dem Bruder. »Schlag zu, schlag
zu! Hast ihn doch auch erschlagen. Tust mir nur eine Freud an, wenn du
zuschlagst, daß ich dalieg und meinen letzten Schnaufer mach. Schlag zu!
Oder traust du dich nit? Meinst du, es wär an einem schon genug? Dann
geh von der Tür und gib meinen Weg frei!«
Sie stand vor ihm mit blitzenden Augen, als wäre sie gewachsen und um
Jahre gealtert in dieser Stunde.
Er ließ das Beil sinken und maß sie mit funkelnden Augen. »Du bleibst!«
Es schien, als wollte sie ihn mit beiden Händen an der Brust fassen;
aber sie besann sich und ging auf das Bett zu. »Schau her, auf dein
armes Kind! Ich hab es lieber gehabt als mich selber, und heut in der
Nacht hab ich gemeint, ich muß mir die Seel herausbeten aus dem Leib.
Und schau, jetzt leg ich die Hand auf sein kaltes Herz: daß ich zu
keinem Menschen ein Sterbenswort von dem sagen will, was ich weiß! Bist
du zufrieden? So gib mir den Weg frei!«
»Du bleibst, sag ich! Und bevor ich nit in aller Ruh mit dir geredet hab
--«
»So halt mich, wenn du kannst!«
Ehe sie noch ausgesprochen hatte, war sie in der Kammer verschwunden; er
merkte ihre Absicht und stürzte ihr nach; bevor er die Schwelle
erreichte, hatte Gittli sich schon auf die Brüstung des Fensters
geschwungen. Mit einem Faustschlag zerfetzte sie den dünnen Schliem, mit
dem der Rahmen verklebt war, sprang ins Freie und flog der Straße zu.
»Gittli, Gittli! Dirn! Ich tu dich bitten um Gottes willen! Gittli!
Gittli!« klang die Stimme des Bruders hinter ihr.
Sie schlug ihre Hände vor die Ohren, um nimmer zu hören. So rannte sie
und rannte.
Es war nur eines in ihr, und dieses eine schrie: zu ihm, zu ihm! Sie
fragte sich nicht, was so plötzlich in ihr erwachte, allen Schmerz der
vergangenen Stunden in ihr erstickte, um ein noch tieferes Weh über sie
zu bringen, und sie losriß von ihrem Bruder, um sie unaufhaltsam zu
jenem andern zu treiben, der vor wenigen Tagen für sie noch ein Fremder
war. Sie fragte sich nicht: ob er tot läge in seinem Blut? Ob er noch
lebe? Wie sie ihm helfen wollte? Ob sie auch helfen könnte, allein, mit
ihrer schwachen Kraft? Sie fragte und sagte sich nichts, als immer nur
das eine: zu ihm, zu ihm!
Was in ihr lebendig geworden, was sie trieb und jagte, ohne Denken und
Besinnen, war entfesselte Natur, die in diesem sechzehnjährigen Kinde
nicht anders wirkte als in einem tausendjährigen Stein, der auf steilem
Berghang liegt, ruhig, bedeckt von Moos; der Tritt eines Wildes, der Fuß
eines Wanderers, das Wasser eines jähen Regens, ein Stoß des Zufalls
setzt ihn in Bewegung, und unaufhaltsam geht seine Reise, nicht zur
Rechten, nicht zur Linken, nur fort und immer fort, dem unbekannten Ziel
entgegen, keine Schranke messend, keine Tiefe scheuend, keinem Halt
gehorchend; nur immer fort und fort, bis sein Weg vollendet ist, bis am
Fuß des Berges ein sonniger Rasen ihn empfängt, oder bis ihn der dunkle
See verschlingt, auf dessen tiefem Grund er den Ort der Ruhe findet, den
die Natur ihm vorbestimmte.
Die Leute, denen Gittli auf der Straße begegnete, blieben stehen,
blickten ihr nach und schüttelten die Köpfe. Ein Mädel, das mit wehenden
Bändern im Haar zum Tanze ging und von Gittli überholt wurde, rief ihren
Namen. Gittli sah und hörte nichts. Sie rannte und rannte. Als sie, nahe
den Bauernhöfen am Unterstein, von der Straße zu einem Fußpfad ablenkte,
vernahm sie plötzlich von der Taferne her das Klingen der Geigen und
Pfeifen. Dort wurde der Ostertanz gehalten. Da mußte sie an die
Botschaft denken, die Walti der Klosterbub ihr gebracht hatte. Tags
zuvor, nach der Auferstehungsfeier, hatte der Bub sie vor dem Tor der
Kirche erwartet: »Du, der Jäger schickt mich. Ich soll dich fragen,
warum du geweint hast, droben beim Vogt. Und morgen, wenn er
herunterkommt zum Ostertanz, soll ich's ihm wieder sagen.«
Er hatte an sie gedacht. Er hatte sich gesorgt um ihren Kummer. Und zum
Tanz hatte er kommen wollen, zum Tanz mit ihr! Und jetzt? Jetzt?
»Haymo! Haymo!« schrie sie und rannte weiter, während drüben in der
Taferne die Stimmen der Geigen und Pfeifen übertönt wurden von einem
wirren Jauchzen und Gejohl.
Ein Tanz war eben zu Ende. Mit brennendem Gesicht, aber wenig fröhlichen
Augen trat Zenza aus der Tür der Taferne. Suchend schaute sie umher,
ging bis in die Mitte der Straße und spähte mit verdrossenem Blick den
leeren Weg entlang.
Von der entgegengesetzten Seite kam ein junger, schmächtiger Bursch
gegangen, mit freundlichem Gesicht und gutmütigen Augen. Seine
leichtgebeugte Haltung und die weißen, schwielenlosen Hände verrieten
den Bildschnitzer. Als er das Mädel gewahrte, leuchtete sein Blick.
Lächelnd schlich er sich an Zenza heran und drückte ihr die Hände über
die Augen. »Rat!« sagte er mit verstellter Stimme. »Wer bin ich?«
Zenza kicherte und griff nach seinen Armen. »Einer, auf den ich gewartet
hab!«
Diese Antwort machte sein Gesicht vor Freude glühen; aber er hielt fest;
nun wollte er auch seinen Namen hören. »Wer bin ich?«
»Einer, den mir der Herrgott in der Röt geschickt hat.«
Er lachte. Den >Herrgott<, der in der Röt am Kreuze hing, den hatte er
geschnitzt. Eine Feine, die Zenza! Die Wörtlein stellen, das verstand
sie wie keine! Aber jetzt sollte sie erst recht den Namen nennen, jetzt
gerade!
»Wer bin ich?«
»Einer, der sich heut nacht an meinem Fenster nit hat klopfen trauen,
wie er den Buschen gebracht hat, den ich am Mieder trag!« Mit jähem Ruck
riß Zenza die Hände des Burschen nieder, zog seine Arme fest um ihren
Hals und blickte über die Schulter lachend zu ihm auf. Als sie sein
Gesicht erblickte, verstummte ihr Lachen. »Ulei[14]? Du?« Und weil er
sie festzuhalten versuchte, stieß sie ihn zornig von sich.
»Aber Zenza? Ich bin's ja doch --« Er deutete auf die Veilchen an ihrer
Brust.
Sie trat mit funkelnden Augen vor ihn hin. »Du? Du hast mir den Buschen
gebracht?« Mit häßlichem Lachen riß sie den Strauß von ihrem Mieder und
warf ihn dem Burschen an den Kopf. »Da hast du mein Vergeltsgott!«
[Fußnote 14: Ulrich.]
Ulei stand mit erblaßtem Gesicht, während Zenza in der Tür der Taferne
verschwand. Sie mußte das Haus und einen Hof durchschreiten, um die
Scheune zu erreichen, in welcher der Ostertanz gehalten wurde. Da ging
es laut und lustig zu; auf dem Heuboden saßen zwei Fiedler und ein
Sackpfeifer, die sich eben anschickten, einen neuen Tanz zu beginnen.
Einzelne Paare traten schon zum Reigen an, die Weibsleute lachend, die
Burschen jauchzend und mit den Füßen stampfend.
Unter dem Tor der Scheune blieb Zenza stehen und rief mit lauter Stimme
in den wilden Lärm hinein. »Buben! Wer ist unter euch der ärmste und der
mindest?«
Es wurde still, alle Gesichter wandten sich ihr entgegen; es wollte
keiner der ärmste sein und keiner der schlechteste. Zenza trat in die
Mitte der Scheune.
»Ist einer da, den gar keine andere mag?«
»Der Kropfenjörgi! Der Kropfenjörgi!« schrien die Mädchen lachend
durcheinander.
Zenza blickte suchend umher und sah in einem Winkel der Scheune einen
Burschen hocken, mit blatternarbigem Gesicht und blöden Augen; wer ihn
ansah, brauchte nicht mehr zu fragen, weshalb man ihn den Kropfenjörgi
nannte. Zenza trat auf ihn zu und faßte seine Hand. »Komm, Jörgi! Heut
tanz ich nur noch einen einzigen. Den tanz ich mit dir. He, Spielleut!
Macht einen auf!«
Jörgi wurde rot und blaß; als er sah, daß Zenza es ernst meinte, stieß
er einen gellenden Jauchzer aus, reckte sich stolz und faßte das Mädel
um die Mitte.
Die Geigen klangen, die Sackpfeife dudelte, aber kein zweites Paar trat
zum Reigen an; die Burschen und Mädchen standen im Kreis umher und
begleiteten den Tanz der Zenza und des Kropfenjörgi mit johlendem
Gelächter.
11.
Als um die Mittagsstunde vom Münsterturm der Hall der Glocken über Berg
und Tal schwebte, hatte Gittli schon die Almen erreicht. Ihre Kräfte
waren fast erschöpft, und doch lag vor ihr noch ein weiter, weiter Weg.
Über das offene Almfeld, von dem sie den Kreuzwald schon erblicken
konnte, eilte sie noch in vollem Lauf hinweg. Doch als sie einen
steilen, brüchigen Hang erreichte, auf dem die Regenstürze des Frühjahrs
jede Spur eines Pfades vertilgt hatten, ging ihr der Atem aus, und die
Glieder versagten. Zu Tod erschöpft sank sie auf einen Rasenfleck;
schluchzen konnte sie nicht, nur stöhnen. Mit der Brust auf der Erde
liegend, drückte sie das glühende Gesicht in das kühle Gras und krampfte
die Hände in den Grund. Sie meinte zu sterben, zu ersticken. Und dennoch
fühlte sie nicht die eigenen Schmerzen, sie dachte nicht an sich selbst,
immer nur an ihn! Jetzt lag sie hier, ein Häuflein Elend und Schwäche --
und er lag hilflos dort oben, verblutend, sterbend. Sie richtete sich
halb empor und schrie mit gellender Stimme in die lautlose Stille der
Berge: »Hoidoooh! Leut! Leut!«
Niemand gab Antwort; nur das Echo ihrer Stimme klang hohl zurück von
Wald und Wänden.
Weshalb nur hatte sie zu seiner Hilfe die Leute nicht gerufen, wo Leute
waren? Drunten im Tal, im Dorf? Hatte sie an den Schwur gedacht, bei dem
sie die Hand auf das erkaltete Herz des Kindes gelegt? »Ach Gott, das
Kindl, das Kindl!« Nun konnte sie wieder schluchzen. Oder hatte sie
gemeint, daß sie allein ihm helfen, allein ihn retten und heilen könnte,
wie durch ein Wunder? Nein, nein! An gar nichts hatte sie gedacht, weder
an das eine, noch an das andere -- sie war gerannt und gerannt, blind
und taub, ohne zu denken, ganz von Sinnen. Und jetzt lag sie hier, so
weit von ihm, noch weiter von den Menschen im Tal. Und wenn er verbluten
mußte, verschmachten in Schmerzen und Not, dann war es ihre Schuld, nur
ihre Schuld allein!
Sie mußte zu ihm, sie mußte, mußte, und wenn ihr die Füße brechen und
alle Glieder vom Leibe fallen sollten. »Haymo! Haymoli! Schau, ich komm
schon!« Mühsam raffte sie sich auf, keuchend überwand sie den steilen
Hang. Droben im dunklen Hochwald, der sie umfing, lehnte sie sich für
kurze Weile an einen Baum, bis sie Atem fand, dann wankte sie weiter.
Die sachte Neigung des Waldes und ein ausgetretener Pfad erleichterten
ihr den Weg.
Plötzlich blieb sie lauschend stehen; hinter einer Biegung des Steiges
hörte sie Steine kollern, hörte tappende Schritte, als käme, schwer
auftretend, einer mit nackten Füßen gegangen. Heiß fuhr ihr die Freude
zum Herzen. Das war Hilfe, die ihr der liebe Herrgott sandte! Sie wollte
rufen, aber der Laut erstarb ihr in der Kehle.
Um die Biegung des Pfades kam ein Bär getrottet, die Nase des dicken
Kopfes spürend zur Erde gesenkt. Ohne recht zu wissen, was sie tat,
raffte Gittli einen Stein auf und hob den Arm zum Wurfe; doch als der
Bär verhoffend den Kopf aufrichtete, machte der Schreck sie erstarren.
Sie rührte wohl die Lippen; aber nicht in Worten, nur in Gedanken sprach
sie den Bärensegen:
»Großvater Zottefell,
Süßfuß, Waldgesell,
Rühr mich nit an,
Birg deinen Zahn,
Hüt deine Tatz,
Weiche vom Platz,
Krumm, krumm,
Um mich herum!«
Regungslos standen der Bär und das Mädchen sich gegenüber; Gittli mit
erhobenem Arm, vom Entsetzen fast versteinert, der Bär betroffen,
beinahe selbst erschrocken über die unerwartete Erscheinung. Eine Weile
betrachtete er mit schiefgehaltenem Kopf das Mädchen, dann schüttelte er
den Pelz, wandte sich seitwärts in den Wald und trollte zwischen den
Bäumen davon. Der Stein fiel aus Gittlis Hand, der Bann ihrer Glieder
löste sich, und von peinigender Furcht getrieben, stürzte sie davon.
Doch nicht für ihr eigenes Leben fürchtete sie. Das Abenteuer war
gefahrlos überstanden. Aber der Bär war von dort gekommen, wohin ihr Weg
ging! Die Angst stellte ihr ein Bild vor die Seele, das sie schaudern
machte bis ins innerste Mark. Sie rannte und rannte; alle Erschöpfung
war von ihr gewichen. Entsetzen, Jammer und Sorge hatten ihre
erlöschenden Kräfte neu belebt.
Jetzt erreichte sie das offene Steintal und sah auf der Höhe schon das
Kreuz in die Lüfte ragen, umflimmert vom Schein der Sonne.
Nun stieg sie über den letzten Hang empor. Immer wieder mußte sie stehen
bleiben. Nicht die Ermüdung, sondern die herzbrechende Angst vor dem
Anblick, der ihrer wartete, benahm ihr den Atem und fesselte ihre
Glieder. Alle Pein, die sie erfüllte, sprach aus dem trostlosen Blick
ihrer Augen.
Wankend erreichte sie die Höhe. »Haymo, Haymo!« Der Platz vor dem Kreuze
war leer. Nur eine halb vertrocknete Blutlache bezeichnete die Stelle,
an der die Tat geschehen war. Und versprengtes Blut klebte auch an dem
Kreuz und seinem Bilde. »Du! Du bist dabei gewesen und hast es geschehen
lassen.« Dann wieder schrie sie: »Haymo! Haymo!« Keine Antwort kam. Da
gewahrte Gittli, daß eine blutige Fährte auf dem Pfad hinwegführte gegen
die Jagdhütte. Ein Schimmer freudiger Hoffnung erwachte in ihr: Haymo
mußte leben, er hatte noch die Kraft besessen, sich aufzurichten, sich
heimzuschleppen. Immer wieder den Namen des Jägers rufend, folgte sie
der Spur, die er gezeichnet mit seinem Blut. Und jeder neue Tropfen, den
sie fand und der sie leitete, war ihr ein neuer brennender Schmerz.
Immer näher kam sie der Hütte, und immer wollte ihr jammernder Ruf noch
keine Antwort finden. An der Hütte, die sie mit einem Steinwurf schon
hätte erreichen können, sah sie die Tür geschlossen. Diese Wahrnehmung
jagte ihr neue Angst in die Seele.
Jetzt lenkte der Pfad aus den dichten Büschen der Krüppelföhren auf eine
Rodung -- und da lag er vor ihr, mitten auf dem Steige, leblos, mit Blut
besudelt, das Haupt versunken in welkem Krautwerk, mit seitwärts
geschlagenen Armen, deren Finger noch den Bergstock und die Armbrust
umklammert hielten.
»Haymo! Haymoli!« rang es sich in Schmerz und doch in Freude von ihren
Lippen, während sie niederstürzte an seiner Seite. Sie faßte seine
Hände, rüttelte seine Arme, hob sein Haupt empor. Kein Zeichen des
Lebens rührte sich in seinen Zügen, kein fühlbarer Hauch entströmte
seinem halb geöffneten Mund, fahle Blässe lag auf den eingefallenen
Wangen, und bläulich schimmerten die Lippen und die geschlossenen Lider.
Dennoch erlosch die Hoffnung nicht in ihrem Herzen; sie konnte das
Schlimmste nicht fürchten, an seinen Tod nicht glauben -- das Undenkbare
denkt man nicht -- und sie hielt ihn in ihren Armen, fühlte die Wärme
seines Körpers! Und zum Jammer blieb ihr keine Zeit, sie mußte helfen,
helfen, helfen!
In einer tiefen Felsschrunde gewahrte sie einen Klumpen Schnee; sie
sprang hinüber, warf sich auf die Erde, griff mit beiden Armen hinunter
und faßte, was ihre Hände fassen konnten. Mit dem Schnee begann sie
Haymos Gesicht zu reiben; wohl färbte eine matte Röte seine Wangen, aber
das schlummernde Leben wollte nicht erwachen. Was tun? Was tun? Da schoß
ihr die Erinnerung an jenen Spruch durch die Sinne:
»Zwei Tropfen machen rot --«
Eine Nieswurz! Mit brennenden Augen spähte sie umher. Auf hundert
Schritte fast, einem hohen Fels zu Füßen, meinte sie eine Staude zu
erkennen; sie rannte hin und hatte sich nicht getäuscht: rings um das
Stöckl hingen noch die verblühten Schneerosen an den welken Stengeln.
Mit den Fingern grub sie die Wurzel aus der Erde, und während sie
zurücklief, säuberte sie Wurzel und Hände an ihrem Rock.
Nun lag sie wieder neben Haymo auf den Knien, brach die Wurzel in zwei
Stücke, hielt sie über seine Lippen und drückte und preßte, bis aus dem
Mark der Wurzelstücke zwei große Tropfen auf Haymos Lippen fielen. Mit
heißpochendem Herzen wartete sie, keinen Blick von seinem Munde
verwendend. Aber seine Lippen wollten sich nicht rühren, und nicht die
leiseste Bewegung zeigte sich an seiner Kehle.
Sie rüttelte seine Schultern und schluchzte dicht an seinem Ohr: »Haymo,
so tu doch schlucken, ich bitt dich um Tausendgottswillen, tu doch
schlucken!« Dann wieder wartete sie -- vergebens. »O Gottele, Gott, was
tu ich denn?«
Sie faßte einen Ballen Schnee, brachte ihn durch die Wärme ihrer Hände
zum Schmelzen und ließ das Wasser über Haymos Lippen träufeln. Seine
Mundhöhle füllte sich, ein Zucken lief über seinen Körper, ein heftig
stoßender Atemzug, ein Gurgeln und Röcheln, dann wieder lag er still;
seine Lippen bewegten sich; er hatte geschluckt, und gleichmäßig strömte
sein Atem.
Schluchzend und lachend in Freude, schlang Gittli die Hände um sein
Gesicht und hob es an ihre Brust. Sie spürte an dem Hauch seiner Lippen,
wie sein Atem sich kräftigte, sie sah, wie seinen Wangen, wenn auch nur
matt, die Farbe des Lebens wiederkehrte. Seine Arme bewegten sich, er
rührte den Kopf, langsam öffneten sich seine Augen und lange, lange sah
er das Mädchen an mit verlorenem Blick. »Kennst du mich, Haymo, kennst
du mich?« stammelte sie und beugte den Kopf zurück, damit ihm nicht ihre
rinnenden Tränen in das Gesicht fielen. »Kennst du mich? Schau, ich
bin's doch, die Gittli!« Nun erkannte er sie. Ein tiefer Atemzug hob
seine Brust, seine Augen schimmerten, und ein Lächeln huschte um seinen
Mund. Er wollte sprechen, aber seine Zunge konnte nur lallen.
»Tu dich nit plagen, mußt nit reden!« stammelte sie, während sie den Arm
unter seinen Nacken legte, um ihn aufzurichten. »Komm, tu dich anhalten
an mir, so! Halt nur recht fest! Schau, es geht schon, es geht!« Ihr
ganzer Körper schwankte unter dem Gewicht, mit dem der Entkräftete an
ihrem Halse hing. Dennoch brachte sie ihn auf die Füße. »So, und jetzt
mach ein Schrittl! Und jetzt noch eines! So, so!« Er wandte halb den
Kopf und tastete mit dem freien Arm gegen die Erde. Sie verstand ihn: er
wollte sich von seiner Waffe nicht trennen, sie war ein Stück seines
Lebens; als er vor dem Kreuz aus tiefer Ohnmacht erwachte, hatte sein
erster Blick der Armbrust gegolten, und bevor er sich von der Stelle
schleppte, hatte er das Weidmesser, noch rot und naß von seinem eigenen
Blut, in der Scheide verwahrt.
Gittli ließ ihn halb in die Knie sinken, und es gelang ihr, die Armbrust
zu erfassen. »Schau, Haymo, schau, ich hab sie schon! Jetzt aber komm
nur, komm! Wir müssen schauen, daß ich dich heimbring. Das Griesbeil hol
ich dir später, jetzt muß ich's liegen lassen. Schau, ich brauch meine
Händ für dich!« Sie hatte das Schießzeug hinter die Schulter gehängt und
umschlang den Wankenden wieder mit beiden Armen; und so schleppte sie
ihn vorwärts, Schritt um Schritt, jeden Fußbreit Weges, den er mit
taumelnden Knien gewann, als ein heiß erkämpftes Gut begrüßend, jeden
zitternden Ruck seiner Füße mit zärtlichen Worten preisend wie eine
Heldentat. Einmal zuckte er stöhnend zusammen.
»Haymo!« flog es in Angst von ihren Lippen.
Der heiße Klang seines Namens schien ihm neue Kraft zu geben; er ballte
die Fäuste, wie um den Schmerz zu bezwingen, hob das Gesicht zu ihr und
schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: »Es tut nit weh!«
Wieder ging es weiter, Schritt um Schritt. Endlich erreichten sie die
Hütte; nur mühsam gelang es dem Mädchen, Haymo zum Lager zu bringen; sie
ließ ihn auf das Wolfsfell sinken und schob das Polster unter seinen
Kopf. Dann wankte sie selbst vor Erschöpfung, ein Schwindel befiel sie,
und schwer atmend, zitternd an Händen und Knien, saß sie eine Weile mit
taumelnden Sinnen auf der Bank. Als sie sich erholte, gewahrte sie, daß
Haymo das Bewußtsein wieder verloren hatte. Sie stürzte zu ihm; als sie
den ruhigen Gang seines Atems spürte und den matten, aber gleichmäßigen
Schlag seines Herzens, da war sie wieder getröstet. Sie richtete sich
auf und nahm ihren Kopf zwischen die Hände: was mußte, was konnte sie
tun? Hier in dieser Öde, auf sich allein gestellt? Sie jammerte und
klagte nimmer. Erst dachte sie, und dann ging sie ans Werk, in
fliegender Hast und dennoch ruhig und besonnen. Wohl faßte und ermaß sie
nicht ganz die Schwere des Ernstes, der auf ihre jungen Schultern gelegt
war. Doch aus dem Kinde war ein Weib geworden, das wohl die jäh erwachte
Sprache seines Herzens noch nicht hörte und verstand, ihrem zwingenden
Geheiß aber unbewußt gehorchte, wie das in Lüften treibende Blatt der
Gewalt des Sturmes. Tapfer und siegesfreudig kämpfte sie für den
todwunden, hilflosen Mann, ohne zu wissen, daß sie rang um das
köstlichste Gut ihres Daseins, um das Leben des Geliebten.
Was Gittli empfand, verhüllte sich vor ihr in dem kindlichen Gedanken:
daß sie mit Leib und Seele diesem Manne dienen und an ihm sühnen müsse,
was die mörderische Hand ihres Bruders verschuldet hatte.
Bei der Armut des Lebens, das sie unter dem Dach des Sudmanns geführt,
hatte Gittli von Kind auf gelernt, manchem Übel mit eigener Hand zu
wehren, ohne fremde Hilfe. Das kam ihr nun zustatten. Bei einer
Musterung der Stube fand sie das Nötigste: Feuerstein und Zunder,
gesalzenes Fleisch, das eine kräftige Suppe gab, Hirschtalg zur
Bereitung einer Wundsalbe und Leinen zum Verband; mit dem letzteren war
es wohl spärlich bestellt; aber da war gleich geholfen; sie riß sich die
weißen, bauschigen Ärmel ihres Hemdes von den Schultern.
Rasch und sicher ging ihr alles, was sie tat, von den kleinen, flinken
Händen. Und bei allem, was sie begann, flog immer wieder ein Blick
hinüber zu dem stillen Mann. Durch Tür und Fenster leuchtete die Sonne,
und würzig strömte die Frühlingsluft der Berge in den kleinen Raum, in
dem das Schicksal zweier Menschen auf der Wage schwebte.
Gittli hatte Feuer gemacht und das sorgsam ausgewaschene Fleisch zum
Sieden gesetzt. Nun eilte sie ins Freie, um eine frische Nieswurz
auszugraben und Harz von den Fichten zu sammeln, die um die Hütte
standen. Am Feuer läuterte sie einen Teil des Harzes, vermischte es mit
geronnenem Hirschtalg und stellte die fertige Salbe an einen schattigen
Ort, damit sie verkühle. Im Fleischtopf brodelte schon die werdende
Suppe. Ach, wenn es doch Sommer wäre, dachte Gittli; sie kannte alle
heilsamen und kräftigen Bergkräuter; welch eine würzige Suppe hätte sie
bereiten können! Aber noch sproßte auf den Berghalden kein Kraut und
blühte keine Blume. Ein Glück nur, meinte sie, daß der liebe Herrgott
die Schneerosen erschaffen hatte!
Sie holte frisches Wasser und trug in einer Pfanne allen Schnee
zusammen, den sie in den Felsschrunden rings um die Hütte fand. Und nun
mußte geschehen, was ihr am schwersten wurde; mit zitternden Händen,
scheu und beklommen, begann sie das Werk. In der Tischlade hatte sie ein
Messer gefunden. Mit ihm trennte sie auf der Seite, auf welcher Haymo
die Wunde trug, den Ärmel von seinem Wams und löste über der Schulter
die Nähte bis zum Hals. Ein Zittern befiel sie, als sie die bloßgelegte
Wunde erblickte, die mit blutigen Rändern klaffte wie ein Mund mit roten
Lippen. Die Blutung schien gestillt, doch rings um die Wunde zog sich
eine breite, brennende Schwellung.
Gittli hatte die Hände vor die Augen geschlagen; rasch fand sie wieder
den in Schmerz und Pein verlorenen Mut. Sie wusch die Wunde, kühlte mit
Schnee die glühende Schwellung und erneuerte immer wieder den
schmelzenden Schnee, bis die Röte der Haut zu schwinden, die Schwellung
sich zu senken begann. Jetzt verteilte sie die Salbe auf einen
Leinwandlappen, legte ihn über die Wunde und verklebte den Rand mit
Harz.
Nun war es getan! »Aaaach Gottele!« seufzte sie aus erleichtertem
Herzen, und beugte sich über Haymo. Regungslos hatte er alles mit sich
geschehen lassen; seine Ohnmacht hatte sich, ohne daß er aus ihr
erwachte, verwandelt in den tiefen Schlummer der Schwäche.
Um die bösen Geister von ihm zu treiben, welche Gewalt über Schlafende
haben, machte sie auf seine Stirn und Brust das Zeichen des Kreuzes,
flocht aus einem langen Heuhalm, den sie aus dem Lager zog, einen
Drudenfuß und legte ihn zu Häupten des Bettes auf die Erde. Dann eilte
sie zum Herd zurück. Die Suppe war kräftig und wohlschmeckend geraten;
das Fleisch schnitt Gittli in kleine Stücke und zerrieb sie auf einer
reinlichen Felsplatte mit einem Kieselstein zu Brei, den sie der Suppe
beimengte; dann setzte sie noch einen Tropfen vom Saft der Nieswurz zu
-- er machte das Herz frischer schlagen und das Blut lebendiger strömen
-- und die Suppe war fertig.
In der einen Hand den hölzernen Löffel, in der andern den Napf mit der
Suppe, setzte sie sich auf den Rand des Bettes.
»Haymo?«
Er rührte sich nicht.
Sie neigte sich zu seinem Ohr. »Haymoli!«
Da streckte er sich mit langem Atemzug und schlug die Augen auf.
Sie nickte ihm lächelnd zu. »Da schau, was ich dir gekocht hab! Oh, du,
das ist gut!« Als hätte sie ein Kind vor sich, führte sie den Löffel an
ihre Lippen und tat, als ob sie koste. »Aaah! Das ist was Feines! Magst
du es essen, ja?« Er versuchte sich aufzurichten, doch kraftlos fiel ihm
der Kopf zurück auf das Polster. »Aber bleib doch, tu dich nur gar nit
plagen, schau, es geht schon!« Sie rückte näher, hielt ihm den Löffel an
den Mund, und während er nahm und mühsam schluckte, an ihr hängend mit
feuchten Au
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