Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
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Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4
Author: Adam Oehlenschläger
Release date: March 23, 2015 [eBook #48569]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 4 ***
Meine
Lebens-Erinnerungen.
Ein Nachlaß
von
Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Vierter Band.
Leipzig
Verlag von Carl B. Lorck.
1850.
* * * * *
Vorbemerkung.
Nur wenige Worte erlaube ich mir diesem vierten und letzten Bande der
Erinnerungen vorauszuschicken.
Das eigene Manuscript des Verfassers endigt mit dem Anfang der
Reise im Jahre 1844, Seite 151. Bei der Darstellung seiner spätern
Lebensereignisse habe ich diejenigen seiner Briefe benutzt, die
in meinem Besitze waren, und Auszüge aus denselben gemacht, je
nachdem sie mir passend schienen. In diesen Briefen spiegelt sich
seine Individualität so klar und lebendig in den verschiedensten
Lebensverhältnissen ab, daß der Leser aus denselben ein weit besseres
Bild von ihm erhalten wird, als eine noch so treue Erzählung, selbst
wenn mir eine solche glücken könnte, zu geben vermöchte. Die Auszüge
enthalten hauptsächlich, was das eigene Leben des Dichters, seine
Urtheile und Ansichten über wichtige Zeitverhältnisse und Begebenheiten,
Persönlichkeiten, Kunstwerke u. dgl. betrifft. Sollte man auch finden,
daß einzelne kleine Züge hätten weggelassen werden können, so muß ich
dazu bemerken, daß ich es für meine Pflicht hielt, mich nicht so sehr
von Privatrücksichten leiten zu lassen, und daß ich dies und jenes
beibehalten habe, was, wenngleich für die Gegenwart von wenigerem
Interesse, einem kommenden Geschlechte von Nutzen sein und Aufklärungen
geben kann, die man möglicherweise sonst vermissen würde.
Kopenhagen, im März 1851.
$Johannes Oehlenschläger.$
* * * * *
[Sidenote: Literarische Fehde.]
Ich hätte noch auf ein Jahr mit Bertouch leicht und angenehm nach
Italien reisen können; aber das Heimweh, das mich vor neun Jahren in
Rom ergriff, und mich verhinderte, Neapel zu sehen, ergriff mich nun
wieder, und verhinderte mich Rom noch einmal zu sehen. Obgleich ich
gewissermaßen durch einen freiwilligen Ostracismus aus meinem Vaterlande
geflohen war, um den Haß meiner Feinde zu dämpfen, und ich gewiß klug
gethan hätte, noch länger fortzubleiben, so konnte ich es doch nicht;
ich sehnte mich nach meinem Hause, meinen Kindern; ich konnte nicht
länger ohne sie sein. Ich schlug deßhalb Herrn Hjort (jetzt Professor
in Sorde) vor, an meiner Statt zu reisen, und da er und Bertouch damit
zufrieden waren, zog ich das häusliche Glück im Kreise meiner Lieben
vor; aber es zog wieder von mehreren Seiten ein Ungewitter am Horizonte
meines Glückes auf.
Baggesen hatte, während ich fort war, ein Singspiel, =die Zauberharfe=,
geschrieben, welche Kuhlau componirte. Aus »Holger Danske« und »Erik
dem Guten« hatte man bereits gesehen, wie wenig er sich zu dramatischer
Dichtung eignete; nun da er »Ludlam's Höhle« und »die Räuberburg« als
die elendesten Pfuscherarbeiten heruntergerissen hatte, verlangte man
natürlich mehr von ihm, und es wurde doch noch weniger. Und hierzu kam
noch das Gerücht, daß das Stück nicht Original von ihm sei, sondern
daß er es nach einem ihm von einem Andern anvertrauten Manuscripte
umgearbeitet habe. Baggesen bewies juridisch sein Recht an dem Stücke;
und wenn man es ihm ästethisch absprechen wollte, so konnte dies meiner
Ansicht nach nur geschehen, weil es zu mittelmäßig war. Da er nun
mehrere Jahre hindurch fast ausschließlich meine dramatischen Werke als
der Bühne unwürdig heruntergerissen hatte, so war es ganz natürlich, daß
man mit seinem Benehmen unzufrieden war, und wenn es für das Auspfeifen
überhaupt eine Entschuldigung giebt, so fand sie sich gewiß hier. Das
Schlimmste war, daß Kuhlau's schöne Musik dabei ein gleiches Schicksal
leiden mußte; und besser wäre es freilich gewesen, wenn man -- was man
auch Kuhlau's Genie schuldete -- das Auspfeifen unterlassen hätte; um so
mehr, als es über Den ausging, den man rächen wollte. Kurz nach meiner
Rückkehr sollte Herr Violoncellist Funk ein Benefiz haben. Bei solchen
Gelegenheiten wird ein beliebtes Stück gewählt, das Zulauf hat. Da dies
nun mit Ludlam's Höhle der Fall war, so wählte er es. Aber das war ein
gefundenes Fressen, für meine Feinde. Nun pfiffen sie auch hier; und so
ging es mir wie Lars in Freia's Altar, dem Bilbo eine Ohrfeige giebt,
weil Clotilde ihm einen Korb gegeben hat. Dergleichen geschieht oft im
menschlichen Leben. Das Beste war, daß die Ohrfeige, die mir bestimmt
war, weil Thalia Baggesen einen Korb gegeben hatte, mich nicht traf.
* * * * *
[Sidenote: Todesfälle.]
Aber bald sollte ich einen wirklichen Kummer erleiden. Meine geliebte
Schwester Sophia, deren Munterkeit und Lebenskraft so lange gegen den
Stoß angekämpft hatte, den sie in dem unglückseligen Scharlachfieber
bekommen, mußte endlich unterliegen. Bis zur letzten Zeit war sie die
Seele ihres Kreises. Nun kam ein hitziges Fieber und riß sie fort. Das
letzte Mal, wo ich sie besuchte, saß sie aufrecht im Bette und sprach
irre. »Gott segne Dich, meine gute Schwester,« sagte ich beim Abschiede.
»Ja,« sagte sie, indem sie auf mich hinstarrte, »das wäre nicht so
übel!« -- Ich glaubte doch noch nicht, daß sie sterben würde. O. H.
Mynster, ihr Arzt, meinte auch, daß nicht alle Hoffnung verloren sei.
Ich ging zwar betrübt, aber doch ruhig nach Hause; es ist nicht meine
Art, die Hoffnung aufzugeben, ehe sie mich ganz entschieden verläßt.
Ich wollte nach meiner Gewohnheit ein Wenig ins Theater gehen, um mich
zu zerstreuen, als mich in demselben Augenblicke eine erschütternde
Traurigkeit befiel. Ich ging in mein kleines Zimmer, warf mich auf die
Knie und rief weinend: »Ach, meine geliebte Schwester! Nun stirbst
Du gewiß in diesem Augenblicke! Habe Dank für alle Deine Liebe und
schwesterliche Hingebung! Gott erfreue Dich in seinem Himmel!« Eine
Stunde darauf kam die Nachricht ihres Todes. Sie war gerade in jenem
Augenblicke entschlummert.
* * * * *
Im October desselben Jahres verlor ich zwei meiner besten Freunde,
=Ole Hieronymus Mynster= und =Michael Rosing=. Rosing war viele Jahre
hindurch körperlich gelähmt gewesen. Ich besuchte ihn oft und las ihm
die Tragödien vor, in denen er leider nicht mehr spielen konnte, die er
aber, wie es seine bald funkelnden, bald thränenvollen Augen bezeugten,
gut verstand. Wenn ich meine Visiten hübsch regelmäßig wiederholte,
sagte er beim Eintreten: »Guten Tag, mein Sohn!« wenn ich aber zu lange
fort blieb, sagte er: »Guten Tag, Herr Professor!« Bei seiner Beerdigung
begegnete ich Rahbek auf der Treppe allein. Wir hatten seit der fatalen
Freia's-Altars-Fehde nicht wieder mit einander gesprochen. Ich fiel
ihm um den Hals, und nun waren wir die alten Freunde. Mynster wurde an
demselben Tage, wie Rosing beerdigt und ich folgte ihnen Beiden zu ihrer
letzten Ruhestätte.
Mein William hatte einen braunen Fleck auf dem Kinn, den ich gern
beseitigt gesehen hätte. Ich hatte gehört, daß es hälfe, wenn man ihn
mit dem Finger einer Leiche berührte, und wollte dieses Experiment
versuchen. Ich fragte den kleinen vierjährigen Knaben, ob wir Mynster
besuchen wollten. Das Kind wußte nicht, daß Mynster todt sei und konnte
sich überhaupt noch keinen Begriff vom Tode machen. Mit Erlaubniß der
Familie traten wir in die Leichenkammer. Es war dasselbe Haus, in dem
der Verstorbene und ich so oft lustig mit einander gescherzt hatten.
Nun lag er still und ernst da, als ich das Tuch zurückschlug: »Der
gute Mynster schläft!« sagte ich leise, »komm, William, willst Du ihn
sehen?« -- Der Knabe näherte sich furchtsam, ich berührte sein Kinn mit
dem kalten Finger der Leiche, und wir eilten fort. Erst auf der Straße
fragte William: »Vater: warum war Professor Mynster so weiß im Gesicht?«
Ich gab ihm eine beruhigende Antwort. Die Kur half nicht; erst ein paar
Jahr später verschwand der braune Fleck durch Hülfe des Professors
Jakobsen, und hinterließ nur eine unbedeutende Narbe.
* * * * *
[Sidenote: Der kleine Hirtenknabe.]
Wenn die lieben Todten uns verlassen, knüpft uns das Band fester an die
Lebenden. Das Jahr vorher hatte ich meine Tragödie =die Blutbrüder=,
schön gebunden von Paris, ebenso wie mehrere Jahre vorher =Hakon=
und andere nach Hause geschickt. Meine Frau hatte mir von der Freude
geschrieben, die sie, Karl Heger, Boye und Hauch durch die plötzliche
Ueberraschung gehabt haben, und ich beschloß selbst ein Mal, Zeuge einer
solchen zu sein. Auf Friedrichsberg, wo Madame Voigt, die Wittwe des
Schloßverwalters die Güte hatte, mir einige Jahre hindurch Zimmer für
den Sommer zu überlassen, schrieb ich den =kleinen Hirtenknaben=, ließ
ihn hübsch einbinden, und packte ihn mit einem Briefe ein, als ob er mit
der Post von Paris käme. Eines Freitags nach Tisch, als die Leute beim
Kaffee saßen, kam das Mädchen herein und brachte der Frau vom Hause das
Paket. -- Sie machte große Augen, wurde angenehm überrascht, und nun
konnte ich, nachdem ich mich an der Verwunderung Aller geweidet hatte,
mich selbst hinsetzen und ihnen das Stück vorlesen. -- In demselben
Jahre, am 3. September, schenkte mir Gott als Ersatz für so viele
Verluste, meine jüngste Tochter Maria Louise.
Eine neue Bekanntschaft, die ich in der letzten Zeit gemacht hatte, und
die zu einer wahren Freundschaft wurde, war die der liebenswürdigen
Generalin =Hegermann-Lindenkrone=, vielleicht das poetischeste weibliche
Gemüth, das Dänemark besessen hat; und in ihrem Familienkreise fand ich
durchaus das Gepräge des freundlichen Geistes, der ihre Gedichte beseelt.
Im Jahre 1818 schrieb ich noch das Lustspiel =Robinson in England=. Ich
hatte auch die Freude, unsern großen Landsmann Thorwaldsen wieder im
Vaterlande zu sehen. Wir wetteiferten Alle, ihm zu huldigen, und bei dem
Feste auf der Schießbahn, hielt ich eine Rede, und dichtete ein Lied,
welches bei Tisch gesungen wurde, und sich in meinen Werken abgedruckt
findet.
* * * * *
[Sidenote: Die Götter des Nordens.]
=Die Götter des Nordens=, eins meiner Hauptwerke, wurde im Jahre 1819
gedichtet. Ich wandte hier ebenso wie in Helge verschiedene Versarten
zu diesen zwar zusammenhängenden, aber im Charakter und Wesen sehr
abweichenden Fabeln an. Thor's Reise nach Jothunheim (bereits im Jahre
1805 gedichtet) diente dem Ganzen als Einleitung.
Am 28. November starb mein Waulundur, Christiane's Vater, mein alter
Freund der Conferenzrath Hans Heger, mit dem ich mehrere Jahre hindurch
in kindlichster Vertraulichkeit gelebt hatte. Er liebte mich wie ein
Vater, und jedes Lorbeerblatt, das ich gewann, war, als ob er es selbst
gewonnen. Der, welcher meine Gefühle für ihn näher kennen zu lernen
wünscht, den verweise ich auf das Gedicht, welches ich bei seinem Tode,
und auf ein anderes, welches ich kurz vorher zu seinem Jubelfeste
schrieb. Beide befinden sich in meinen Werken.
* * * * *
[Sidenote: Tordenskjold. Erik und Abel.]
Meine folgenden Arbeiten (1820) war das Singspiel =Tordenskjold= und
die Tragödie =Erik und Abel=. -- Tordenskjold wurde angenommen und
honorirt, aber nicht aufgeführt. Es hieß: »daß dieses Stück nicht
aufgeführt werden könne, weil König Friedrich IV. darin auftrete.« Die
Erlaubniß, dänische Könige auf die Bühne zu bringen, ging nicht weiter,
als bis zur Souverainetät. Christian IV. konnte folglich auftreten,
aber Friedrich IV. nicht. Außerdem =sang= er im Stücke. Mir wäre Nichts
leichter gewesen, als dieses Lied zu streichen; ja mit geringer Mühe
hätte ich auch das Stück so umarbeiten können, daß der König nicht darin
auftrat; aber dadurch hätte die Scene mit Tordenskjold an dramatischer
Wirkung verloren; außerdem wußte ich, daß nicht =deßhalb= das Stück
verworfen wurde, und als nun mein Freund Collin als Theaterdirector an
betreffender Stelle darauf aufmerksam machte, daß das Stück angenommen
sei, und daß es nicht anginge, mir meine Einnahme zu entziehen, so
erhielt ich vierhundert Thaler, und war froh, da ich gern allen Chikanen
ausweichen mochte, denen ich ausgesetzt war, wenn meine Stücke gespielt
wurden, aber nicht das Geld entbehren konnte. Außerdem wußte ich, daß
eigentlich nicht der angeführten Gründe wegen das Stück verworfen
wurde; aber Rahbek vertraute mir, daß es folgendermaßen zusammenhänge:
Ich hatte das Stück bei Schimmelmann's in einer großen Gesellschaft
vorgelesen, wo Hofdamen und Hofherren zuhörten, und diesen gefielen die
Scenen mit dem Matrosen nicht, der von Tordenskjold's Extraction von dem
Kutscher der vornehmen Frau, u. s. w. spricht.
»Hättest du Ihnen wenigstens Namen als _species_ gegeben,« sagte
Rahbek, »so hätten sie es vielleicht gehen lassen; aber nun wurde der
vernünftige und der unvernünftige Hofmann als Genus genannt, und das
konnte man nicht leiden.« Das Stück wurde also nicht gegeben, und harrt
noch eines guten Componisten, um vielleicht zu einer Zeit zu gefallen,
wo dergleichen Einwendungen nicht mehr gemacht werden.
[Sidenote: Tod Thaarup's.]
Man las das Stück mit Vergnügen; ich hatte es Thaarup dedicirt, und
hatte die Freude, diesen edlen Dichtergreis ganz zu gewinnen, der sich
eine Zeitlang zur Partei meiner Gegner geschlagen hatte. In seinem
letzten Lebensjahre besuchte er mich oft. Schon früher hatte sein gutes
Herz und seine poetische Natur das Widerstreben oft besiegt, welches
der Aeltere zuweilen empfindet, den Jüngern anzuerkennen. -- Als ich
das erste Mal ins Ausland reiste, sagte er zu Steffen Heger: »Wenn die
Deutschen ihn nur nicht verderben!« Heger las ihm als Antwort Etwas aus
meinem Aladdin vor, und als Thaarup es gehört hatte, strich er sich
auf seine gewöhnliche humoristische Weise das Kinn und sagte: »Laß ihn
nur gehen! er wird sich schon hüten!« -- Ich hatte stets den Dichter
des Erntefestes geliebt, und als er kurz darauf starb, schrieb ich aus
vollem Herzen:
So lang noch Fischerdörfer stehn
Am dän'schen Strand beim Meerestang,
So lang noch Wellen rauschend gehn,
Stirbt, =Ewald=, nimmer dein Gesang.
Doch, =Thaarup=! auch =dein= Bildniß lebt,
Dein Lied klingt immer frisch und neu,
So lang noch wer die Sense hebt,
Und mäht das reiche, duft'ge Heu.
Und weht die Fahne stolz und frei,
Das weiße Kreuz auf rothem Grund,
So denkt, der Dän' des Lieds dabei
Das ihr zu Ehren sang dein Mund.
* * * * *
Ungefähr zu derselben Zeit gewann das Theater und besonders meine Stücke
sehr viel durch das Erscheinen der beiden großen Talente Fräulein
=Brenöe= und Herrn =Nielsen= auf dem Theater. =Foersom= war vor drei
Jahren gestorben; in Ryge hatten wir den Mann, den charakteristischen
Helden, den Greis für die Tragödie, aber es fehlte uns noch der Held als
Liebhaber und die Liebhaberin. -- Diesen Mangel füllten Herr Nielsen und
Fräulein Brenöe aus. -- Nielsen trat als =Axel= auf, zeigte was wir von
ihm erwarten konnten und hatte unsere Erwartungen nicht getäuscht. Unter
Fräulein Brenöe's ersten Rollen war Sophia in Erik und Abel, in der sie
gleich die anmuthige und gefühlvolle Natur an den Tag legte, durch die
wir später immer gerührt wurden. Ihr Genie für die Bühne zeigte sich
bald in großem Umfange.
* * * * *
[Sidenote: Erik und Abel.]
Der kleine Hirtenknabe hatte Glück gemacht. Erik und Abel machte es auch
(1821). =Feindliche Brüder= tragisch darzustellen, ist ein alter Stoff,
an dem sich auch Neuere versucht haben. Wenn aber La Harpe von _Racine's
frères ennemis_ sagt: _Sujet, qui ne pouvait guère réussir sur notre
théâtre; ni l'un, ni l'autre des deux frères ne peut inspirer d'interet;
tous deux sont à peu près également coupables, également odieux etc._
-- so paßt das nicht auf Erik und Abel. Der Erstere kommt seinem Bruder
versöhnlich entgegen und rührt uns, da er in einem frommen Augenblicke
ohne es zu ahnen von der Hand des Meuchelmörders fällt. An dem
unglücklichen Abel rächt sich später, eben so rührend, das erwachende
Gewissen. Der bloße =Haß= kann nie tragisch sein, ebensowenig, wie
irgend ein anderes Laster; aber der Kampf des Hasses, des Lasters mit
den edlern Eigenschaften in der Brust des Menschen, der Sieg oder die
Niederlage desselben, dichterisch dargestellt, interessirt, begeistert
und rührt.
* * * * *
[Sidenote: Ich falle durch.]
In dieser Zeit war ich zwei Mal in Lebensgefahr, und das
merkwürdigerweise auf der Bühne in meinen eigenen Stücken. Eines
Abends, als der kleine Hirtenknabe aufgeführt wurde, und ich gegen meine
Gewohnheit auf die Bühne gegangen war, um mit Ryge zu sprechen, stürzte
eine der größten Coulissen dicht an meinem Kopfe nieder. Wäre sie zwei
Zoll näher gekommen, so hätte sie mich getödtet, und man hätte dann bei
dem Aufgange des Vorhangs die Blutspur dem Publikum zeigen können; wo
der Dichter des kleinen Hirtenknaben sein Leben beschlossen hat. -- Das
zweite Mal war es auf einem Privattheater. Ich war wieder in Borup's
Gesellschaft eingetreten, und spielte zuweilen, wenn auch selten mit.
Nun wollte man daselbst einmal Correggio aufführen, und wünschte, daß
ich Michel Angelo's Rolle spielen solle. Ich that es; aber obgleich
mein Spiel nicht mißfiel, so fiel ich doch in meinem eigenen Stücke
durch. Ich ging nämlich beim Schluß des dritten Actes zur linken Seite
hinaus, wo ich vorher nicht gewesen war. Einen einzigen Schritt weit
von der Coulisse war eine Oeffnung nach dem Keller mit einer schmalen
Treppe auf der entgegengesetzten Seite. Ich ahnte eine solche Fallgrube
nicht, stürzte die Treppe hinab, und kam glücklicherweise davon, indem
ich mir nur Haut und Fleisch am Schienbein verletzte. Es war doch
ziemlich schlimm; denn ich konnte drei Wochen lang nicht gehen. Wenn
ich einen Schritt mehr seitwärts getreten wäre, so wäre ich in den
Keller gestürzt, und hätte wahrscheinlich den Hals gebrochen. -- Als
ich nach überstandener Gefahr und glücklich hergestellt, meinem Freunde
J. P. Mynster dies Ereigniß und den ähnlichen Unfall erzählte, den
ich vor zwölf Jahren in Italien zwischen dem vierten und fünften Acte
Correggio's, den ich damals schrieb, in der Cascade in Tivoli gehabt
hatte, sagte er: »Nun ja! das nächste Mal kommt es also zwischen dem
zweiten und dritten Acte!«
In diesem Jahre verließ uns mein Freund Hauch, um ins Ausland zu reisen.
* * * * *
[Sidenote: Holberg's Jubelfest.]
Im Jahre 1822 sollte Holbergs Jubelfest begangen werden. Es war 100
Jahre, seitdem der große Dichter Dänemark durch seine erste Komödie, den
politischen Kannegießer, erfreut hatte; und dieser =Dichter= Holberg
war derselbe =Professor= Holberg, der Dänemark seine historischen Werke
geschenkt hatte; und dieser =Professor= Holberg war derselbe =Baron=
Holberg, der Dänemark seine Baronie Soröe verehrt hatte. Ursachen genug,
sich seiner mit Dankbarkeit zu erinnern. Und doch war der Enthusiasmus
nicht sonderlich groß. Die =Damen= können Holberg nicht leiden, weil
er plump ist, weil keine Liebe in seinen Lustspielen vorkommt, und
die Damen haben in Sachen des Geschmackes einen entschiedenen Einfluß
auf die =Männer=. Was die Plumpheiten betrifft, so ist es leicht, die
schlimmsten bei der Aufführung fortzulassen; und von der Liebe ist
eigentlich auch nicht die Rede; aber Holberg's Stücken fehlt eine
gewisse galante Plaisanterie; es wird nicht die Cour in ihnen gemacht,
und das ist das Unglück! Wollten doch unsere Modedamen, die sich sonst
soviel nach den Pariserinnen richten, von ihnen unsern Holberg so achten
lernen, wie jene ihren Moliere schätzen; und wo die Dame, die Molière's
muntern Witz und gesunde Satyre nicht zu schätzen weiß, für eine Gans
gehalten wird.
Doch waren Leute genug von Geschmack und Verstand beiderlei Geschlechts
in Kopenhagen, um das Fest zu feiern. Es wurde mir übertragen, ein
dramatisches Vorspiel zu schreiben, und ich hatte die Freude, vier
Abende kurz hinter einander die Anwesenden für unsern unsterblichen
Dichter zu begeistern.
* * * * *
[Sidenote: Robinson in England.]
Da dieses Jubelfest so die Herzen im Tempel Apollo's verschmolzen hatte,
schien es mir, daß es einmal Zeit sei, =Robinson in England= spielen
zu lassen. Freilich hatte ich gehört, daß Mehrere unzufrieden mit der
Theescene im Stück seien, weil sie darin Beziehungen auf sich zu finden
glaubten. Ein Dichter kann nicht aus dem Nichts schaffen, und eine
Satyre, die nicht die Mißbräuche der Zeit trifft, ist ohne Salz; aber
ich war mir bewußt, daß sich keine Persönlichkeiten im Stücke fanden,
und viele, die es gelesen, wünschten es aufgeführt zu sehen.
Rahbek, mit dem ich bei der Beerdigung unseres gemeinsamen Freundes O.
H. Mynster wieder ganz versöhnt worden war, schrieb mir folgenden Brief
darüber:
»Ich danke Dir für Dein Lustspiel, das ich gleich zu lesen anfing,
das ich nicht von mir legen konnte, bis ich es ausgelesen hatte, und
ich beeile mich es Dir zu senden, damit es gedruckt, angenommen und
aufgeführt werden könne, da wir so lange keine gute Originalcomödie
gehabt haben.
Ich habe Dir, wie Du siehst, bereits gesagt, daß Deine Komödie =gut=
ist, und trage kein Bedenken, hinzuzufügen, daß der ganze Theil, der
zwischen Selkirk, William, Betty, Defoe und Sir Robert Edgarson,
außerordentlich schön ist; nur möchte ich Du wolltest Peter, wie die
Gärtner es nennen, =strafen=, d. h. etwas beschneiden. -- Ich muß
übrigens bei dieser Gelegenheit bemerken, daß, wie ich stets die
drei ersten Acte Deines Correggio's für einen Nathan der Weise über
=Kunst= gehalten habe, so finde ich, daß die Scene im Gelehrtenklub
ein lucianischer Dialog über sogenannte =Kritik=, oder ein lehrreicher
Commentar über Lessing's Worte sei, daß der, welcher eine Art von
Kunstschönheiten schätzen könne, sei es als Dichter oder in andern
Künsten, sich darum nicht einbilden darf, daß er alle zu beurtheilen
verstehe; da es keine schlechtere aber auch keine gewöhnlichere Kritik
giebt als die, welche incommensurable Größen mit derselben Elle mißt.
Also -- »_Courage, mon ami! Voilà la bonne comédie, et peut-être
quelque-chose de mieux!_«
Ich ließ also das Stück aufführen, und es gewann großen Beifall.
Ein ausgezeichnetes Talent wurde erst bei dieser Gelegenheit erkannt und
geschätzt. Unser witziger komischer =Rosenkilde= erwarb sich als Peter
reichen Applaus.
Aber -- es war ganz richtig -- die =Theescene= konnte man nicht leiden,
und obgleich sie ganz ohne Persönlichkeiten war, so wollte man doch
Persönlichkeiten darin finden. Dies genügte einer gewissen Partei, mich
zu kränken und Lärm im Stücke zu machen. Die unsinnigste Einrichtung,
welche der Unverschämtheit und Ungerechtigkeit eine Hinterthür im
Tempel der Musen öffnet, von der aus sie, ohne das geringste Risiko,
ihres Sieges sicher, Geschmack und Genie verhöhnen können, fand früher
im Theater und findet leider noch jetzt darin statt. Aus alten Zeiten
her, wo man das Theater wie eine Bretterbude betrachtete, in welcher
Menschen, die nicht auf qualificirte Achtung rechnen durften, sich dazu
hergaben, die Leute wie andere Gaukler zu amüsiren, und wo die Stücke,
welche man spielte, als eine Art Spaß betrachtet wurden, die nur hierzu
daseien, und also von den Launen der hohen Herrscher (des Publikums)
abhingen, nahm man an, daß das tyrannische Recht, das Urtheil über
Leben und Tod eines Stückes zu fällen, mit den paar Groschen bezahlt
sei, die man für ein Billet gegeben hatte. Dieses Recht wird noch jetzt
geachtet. Jeder hat das Recht, sein Urtheil zu fällen. Das mag nun
sein, und obgleich das Pfeifen im Theater eine alte Unsitte ist, die
abgeschafft werden sollte, so könnte man sich doch wohl hierein finden,
wenn es so eingerichtet wäre, daß das Publikum selbst das Urtheil
fällen dürfte. Und aus Achtung für das Publikum ist ja diese Erlaubniß
gegeben, sodaß die öffentliche Meinung den Ausschlag geben kann. Aber
in der Art der Erlaubniß, die hier herrscht, liegt eine ebenso große
Beleidigung gegen das Publikum, wie gegen den Dichter, der das Stück
geschrieben hat. In Paris (von wo wir doch, was die Theatereinrichtung
betrifft, unsere ganze Weisheit geholt haben) ist es ganz anders. Dort
ist dieser Streit zwischen den Meinungen so gestattet, daß es ein
wirklicher Streit wird, der sich mehr oder weniger auf ein ästethisches
Urtheil stützt. Dort pfeift man in einem Stücke gleich an den Stellen,
von denen man glaubt, daß sie es verdienen. Wenn diese Stellen nun von
einer andern Partei in Schutz genommen werden, so kommt es darauf an,
welche von beiden die siegende ist. Es trifft sich äußerst selten, daß
die Meinungen gerade gleich getheilt sind. Die stärkere Partei siegt,
die schwächere muß schweigen, und wenn das nicht geschieht, so heißt es:
»_A la porte!_« und die Spectakelmacher müssen hinaus, wenn sie nicht
ruhig sein wollen. So vermag das Stück zu siegen, und das Publikum das
Stück bis zu Ende zu sehen. Hier ist keins von beiden möglich; erst wenn
der Vorhang fällt, ist es zu pfeifen erlaubt, früher zehn, jetzt fünf
Minuten, bis das Gongon ertönt, dann kommt die Polizei und bringt die
noch Pfeifenden fort. Aber in fünf Minuten können zwei, drei Menschen
mit gellenden Pfeifen in größter Ruhe und unter dem Schutze der Polizei
dem ganzen Publikum opponiren; und da das Schrillen der Pfeifen viel
stärker ist als das Händeklatschen, so kann es dem Ohre so erscheinen
als wenn der Kampf fast gleich wäre. Dies kann so oft wiederholt werden
als Jemand Lust dazu hat, und das Pfeifen gilt nur den Dichtern, nie
den Schauspielern; denn da erst gepfiffen werden darf, wenn der Vorhang
gefallen ist, so kann der Tadel nie diese treffen.
So wurde auch einige Abende hintereinander von einigen Wenigen nach der
Vorstellung von =Robinson in England= gepfiffen, während ein stürmischer
Beifall des ganzen Hauses vergebens suchte, sie zu unterdrücken. Ich war
selbst im Parket zugegen und blickte mit Gleichmuth auf die Pfeifenden,
bis Collin mich einmal bat, fortzubleiben, um sie nicht zu irritiren.
Das that ich denn auch, und so hörten sie endlich zu pfeifen auf, und
das Stück wurde in aller Ruhe gespielt.
* * * * *
Ich hatte bisher fast alle meine dänischen Dramen und Erzählungen in
das Deutsche übersetzt, auch einige lyrische; an das Epische wagte ich
mich nicht. Nun bekam ich Lust, das neuere deutsche Publikum mit unserm
großen Holberg bekannt zu machen. Herr Brockhaus in Leipzig übernahm
den Verlag.
[Sidenote: Die Inseln im Südmeer.]
Und als ich wieder in die Uebung gekommen war, soviel Deutsch zu
schreiben, bekam ich Lust, wieder einmal Etwas von vorn herein in
dieser Sprache zu dichten, was, seit dem Correggio, nicht geschehen
war. Ich bearbeitete mein altes Lieblingsbuch =Albertus Julius= ganz
frei, und benutzte nur seine guten Hauptsituationen. Der Stoff gab mir
Gelegenheit, eine Menge Charaktere zu schildern; poetische Begebenheiten
zu erfinden und sie in natürliche Verbindung zu bringen. Man muß die
=Inseln im Südmeer= nicht wie einen einzelnen Roman, sondern wie einen
Cyklus von Erzählungen betrachten; nicht in einer losen Verbindung (wie
in Tausend und einer Nacht oder wie in Boccaccio's Decameron), sondern
im innern poetischen Zusammenhang und in einem Vereinigungspunkt von
gemeinsamem Interesse. -- Ueber dieses Werk erschienen in Deutschland
drei für mich ehrenvolle Recensionen; einige andere rissen es herunter.
In Dänemark wollten die Inseln im Südmeer lange Zeit nicht schmecken.
Ich hatte die dänische Uebersetzung auf Subscription erscheinen lassen;
glaubte man vielleicht, es koste zu viel und sei zu viel auf ein Mal zu
lesen? ich weiß es nicht; genug, man war mit dem Buche unzufrieden, und
ich glaube ganz besonders die, welche es nicht gelesen hatten.
Uebrigens will ich gern gestehen, daß die Inseln im Südmeer einen
üblichen Fehler von Romandichtungen hatten, das Werk war zu weitläufig.
Ein Drittheil hätte zum Vortheil des Werkes fortgelassen werden können.
Dies ist bei den neuen Auflagen sowohl im Dänischen wie im Deutschen
geschehen.
[Sidenote: Brief an Walter Scott.]
Obgleich ich nun in diesen größtentheils erotischen Erzählungen
keineswegs Walter Scott nachzuahmen suchte, der fast gar nicht erotisch
ist, so wird doch das folgende Fragment eines Briefes, den ich diesem
großen Mann mit meinen Schriften ungefähr zu derselben Zeit sandte,
da ich meinen Roman dichtete, den Leser überzeugen, wie sehr ich ihn
bewunderte und liebte.
»Dem herrlichen Dichter, mit dem ich in vertrauter Bekanntschaft
gelebt habe, danke ich einen mehrjährigen Genuß, ohne ihn jemals mit
meinen irdischen Augen gesehen, ohne jemals seine Stimme gehört oder
einen Druck seiner Hand empfangen zu haben. Ich kenne ihn nicht, aber
ich kenne seinen rothhaarigen Campbell mit den langen Armen und der
ausgedehnten Wirksamkeit; seine holde Diana Vernon, die in ihrer Kälte,
wie der Mond leuchtet; seinen kräftig-schrecklichen Mac Merilles; seinen
in seiner Unbedeutendheit höchst poetischen Simson mit den schiefen
Beinen; seinen königlichen Bettler in dem zerfetzten Gewande. Ich sehe
seine entsetzlichen Schwärmer in der dunkeln Hütte, wie sie auf die Uhr
blicken und sie auf Zwölf stellen, damit sie ihre Opfer tödten können.
Ich sehe Allen Mac Auley in seinen Plaid gehüllt mit stolzem, gerührtem
Seherblick, einen wunderbaren Gegensatz, wie ein Funke in der Asche
zu der fast erloschenen Flamme des Alterthums, zu dem sanguinischen,
launischen Egoisten Dalgetty bilden. Ich sehe Maria Stuart, frei selbst
als Gefangene, in ihrer Anmuth, und Elisabeth in ihrem eifersüchtigen
Geistesgefängniß auf dem Throne. Ich finde dem Herzog von Argyle in
dem schönsten Verhältniß zu der heroisch anmuthigen Jenny Deans. Die
jüdische Madonna Rebecca erweicht mein Herz; und in der Schilderung
ihres Vaters und des Narren Wamba, finde ich -- wie in Allem --
Shakespeare's Landsmann und Nachkommen. Der stolze Fergus rührt mich auf
dem Wagen zur Richtstätte. Ich bin heimisch in Schottland, ohne dort
gewesen zu sein; ich kenne die einsamen Wege über die Moräste des Landes
hin nach den fernen Bergen; die Hütten mit ihren Rauchsäulen, die Felsen
mit ihren Höhlen, den Bach mit seinen Elfen, das Kloster mit seinen
Mönchen, die Burg mit ihren Rittern. Ja selbst in Glasgow habe ich einen
vertrauten Freund in dem liebenswürdigen, thätigen Spießbürger Jarwin.«
»In allen diesen Gestalten treffe ich stets einen in den verschiedensten
Gesichten sich offenbarenden Genius, den großen Dichter selbst; und
diesem schreibe ich diese Zeilen, um ihm meine Gefühle an den Tag zu
legen.«
[Sidenote: Walter Scott.]
Walter Scott gestand bekanntlich damals noch nicht, daß er der Verfasser
der Romane sei; von seinen andern Poesien hatte ich in meinem Briefe
nicht viel gesprochen. Er konnte mir also nur durch dritte Hand als
Anonymus danken; das that er denn auch auf das Freundlichste und sagte
mir viel Verbindliches, indem er mir auch seine Werke, sowohl die
Gedichte, wie die Romane sandte.
Wir schrieben uns später einige Male. Sir Walter Scott wollte mir
einen englischen Verleger für die Inseln im Südmeere verschaffen,
die Herr Gillies nach dem deutschen Manuscripte, das ich ihm sandte,
zu übersetzen versprochen hatte. Aber obgleich ich oft ehrenvoll im
Edinburgh Magazine besprochen und stückweise übersetzt war, und obgleich
Sir Walter Scott eine Vorrede zu meinem Romane schreiben wollte, gelang
es ihm doch nicht, einen Verleger zu finden, der soviel bezahlen wollte,
daß Herr Gillies und ich Vortheil davon haben konnten, wenn wir das
Honorar theilten. Walter Scott, dem es leid that, nicht durchführen
zu können, was er gehofft und wozu er mich selbst aufgemuntert hatte,
schrieb an Feldborg, der damals in London war und meine Commission
übernommen hatte: »_Mr. Cadel says, =no German Work= has ever stood
the expence of translating; and we know how very small that is. In
short, I had the mortification to see, that he is not in humour with
the undertaking. I wish, you would look into Constables shop, and talk
with Cadel on the subject. He will tell you, that I offered to do any
thing in my power, to make the British public acquainted with Mr.
Oehlenschlaegers merit, and I will turn your evidence, that the matter
does not miscarry for lack of zeal on my part._«
Uebrigens war für meinen Antheil nur die Rede von hundert Pfund. Kurze
Zeit darauf hatte Sir Walter Scott selbst das Unglück, durch den
Bankerott des Herrn Constable ein bedeutendes Vermögen zu verlieren,
aber er verschmerzte seinen Verlust und hat uns später mit mehreren
Werken erfreut, unter denen z. B. Quentin Durward und das schöne
Mädchen von Perth sich mit jedem seiner besten Werke aus früherer Zelt
sicherlich messen können.
* * * * *
[Sidenote: Johann Ludwig Heiberg.]
Indessen versahen andere Dichter die dänische Literatur und Bühne
reichlich mit ihren Werken.
=Ludwig Heiberg= hatte bereits im Jahre 1814 sein Marionettentheater
herausgegeben. Ein paar Jahr, bevor es gedruckt wurde, sah ich eins
dieser Stücke, ich glaube Don Juan, bei seiner Mutter, Frau Gyllembourg,
aufführen, und der poetische Geist und Ton darin, überraschte mich
und gefiel mir ganz besonders. Das Stück wurde gut gespielt, woran
ohne Zweifel der Dichter selbst Theil nahm. Es war auch wirklich etwas
Kindliches darin, das mich rührte. Dies kam vielleicht zum Theil von
der Erinnerung vergangener Jahre, wo der Dichter selbst Kind bei seiner
Mutter gewesen war, deren Weihnachtsfeier, mit ihren Geschenken und
Spielen sich diesem Marionettenspiele näherten, theils rührte mich
das =Kunstkindliche= im Marionettenspiele selbst, die Erinnerungen
an Kasperle im Thiergarten u. s. w. Vor mehreren Jahren hatte ich in
Halle die Marionettentragödie Faust gesehen, in der sehr viel Gutes
ist, besonders in den tragikomischen Scenen, und die Lessing in
seiner Dramaturgie lobt. Und so mangelhaft es auch ist, könnte man
doch wünschen, tragische Werke öfter so aufführen zu sehen; man müßte
dann aber auch selbst soviel Phantasie mitbringen, daß sie die sonst
unaufhörlich gestörte Illusion ersetzen kann.
Um ein großes tragisches Drama mit vielen Personen aufzuführen, wird
ein großes Personal von so poetisch gebildeten Menschen erfordert, wie
man sie selten findet. Im Marionettenspiele kann man sich die Diction
von =wenigen= unsichtbar Spielenden meisterlich gesprochen denken, die
mehrere Rollen ausführen. So wurde es ein Zwischending von Vorlesung
und einem Bilde fürs Auge, mit dem man doch nicht zu scharf sehen, oder
es bewaffnen durfte, wenn man nicht den Mangel der Pantomime entdecken
wollte.
Als Heiberg diese Stücke: =Don Juan= und =Töpfer Walter=, drucken
ließ, nannte er sie noch: Marionettentheater, weil er meinte, »daß der
kindliche Geist der der eigentliche Charakter des Marionettentheaters
ist, sich mehr oder weniger sichtbar durch dasselbe ziehe«. Aber hierin
kann ich doch nicht mit ihm einig sein. Erstens liegt kein kindlicher
Geist in irgend einem der Stücke des alten Marionettentheaters
selbst; es war die =Kunst= in der Kindheit, die etwas Naives in ihren
gestrandeten Versuchen und ihrer kecken Unwissenheit hatte. Diese
Heiberg'schen Stücke sind, wenn man sie =liest=, durchaus nicht
kindlich. Das erste: =Don Juan=, ist eine sehr gute freie Behandlung
von Molière's Drama, besonders in den komischen Partieen. Aber ein
Schauspiel, das Laster, Verbrechen, Ausschweifungen, Leichtfertigkeit
und Spott, Scherz, Abscheu und Entsetzen darüber darstellt, kann doch
nicht kindlich genannt werden. Der =Töpfer Walter= ist ohne Zweifel
eine der poetischsten Dichtungen Heiberg's; besonders ist die Scene mit
Walter und Ulf, wo der erste Gott und der Natur eine ewige Freundschaft
schwört, sublim und tragisch erschütternd. Aber wenn man die Stellen
ausnimmt, wo Doctor Pancreas Prügel bekommt, ist doch Nichts darin,
das an das Marionettenspiel erinnert. Das Verhältniß zwischen Rosa
und Walter ist anmuthig und rührend; aber merkwürdig ist es, wie der
junge Dichter bereits hier fürchtet sentimental zu sein, sodaß er sich
(mit der später so sehr gepriesenen Ironie) beeilt, den Eindruck auf
den Leser zu vernichten, den seine Begeisterung geweckt hat, indem er
Harlekin mit einer Plattitüde das Stück beschließen läßt.
Ein paar Jahr später erschien Heiberg's =Weihnachtsscherz und
Neujahrsspiele=, eine Fortsetzung meines Sct. Hansspieles. Dieses Stück
steht ohne Zweifel den frühern um Vieles nach. Es ist in seiner ganzen
Composition eine Nachahmung von Tieck's »gestiefeltem Kater«, »Zerbino«
und der »verkehrten Welt«. Der ganze Spaß, die Illusion aufzuheben,
und die Zuschauer selbst mit in die Handlung zu verwickeln, ist nach
Tieck. Doch fehlt es mehreren Scenen nicht an Witz und Humor. Die kleine
Nanine tritt schön und ergreifend auf; doch verschwindet dies, wenn
sie in den Himmel kommt, und die Engel das irdische Weihnachtsspiel
nur fortsetzen, das doch wohl eine Ahnung von etwas viel Höherm
jenseits sein soll. Die Satyre über den Mangel an Fleisch und Blut in
der =Ingemann'schen Blanca= ist treffend. In einem Dialoge, der sich
nicht genügend in Kraft und Begeisterung erhebt, entwickelt sich ein
dem Gil Blas entnommener Stoff der auf die Menge durch schöne lyrische
Stellen wirkte, in dem aber der Haupteindruck doch peinlich wird,
weil es ein Unglück ist, das durch Intrigue oder Mißverständnis ohne
Entwickelung großer und interessanter Charaktere geschieht. Dem milden,
ruhigen Ingemann, der die Literatur durch so viele schöne, besonders
elegische Gedichte bereichert, und viele Leser dadurch erfreut hat, daß
er in seinen dichterischen Erzählungen den Volkston zu treffen wußte,
fehlt das Feuer, der Pathos, den die Tragödie nicht entbehren kann.
Bei dem Norweger =Boye=, der kurz darauf mehrere Dramen für die Bühne
dichtete, finden wir Feuer und Pathos; dagegen wieder zu wenig Milde und
schaffende Phantasie.
* * * * *
[Sidenote: Zeuthen und Rahbek.]
[Sidenote: Schrödersee.]
In diese Jahre fiel meine Bekanntschaft mit der =Zeuthen'schen= Familie,
welche später als unsere Kinder aufwuchsen, durch das ganze Leben
fortgesetzt und zur Freundschaft wurde. Den alten Etatsrath Zeuthen
hatte ich bereits in meiner Kindheit gekannt, als er, ein eifriger
Freund der Schule für die Nachwelt sich derselben eifrig annahm und ich
oft beim Examen den muntern, imposanten Mann mit dem klugen Gesichte und
den feurigen braunen Augen als Director sah. Später in meiner Jugend,
als ich Rahbek's Freund wurde, hörte ich diesen und Andere oft Gutes
von Zeuthen reden; obwohl sie nicht miteinander umgingen. Zeuthen und
Rahbek waren beide Jütländer, aus den Dörfern, nach denen sie genannt
wurden. Sie waren beide mit dem reichen =Knud Lyne= verwandt, nach dem
Rahbek seine Vornamen empfing, und von dem er viel erbte; Zeuthen zwar
am meisten, aber Rahbek, soviel ich weiß, doch 12,000 Reichsbankthaler,
für damalige Zeit eine nicht unbedeutende Summe. Zeuthen, der Jurist,
später Assessor am Hof- und Stadtgericht und Geldmann war, schlug Rahbek
vor, sein Vermögen so zu verwalten, daß er gute Zinsen erhalten und
mit der Zeit durch Ankauf von Grundstücken gleich Zeuthen reich werden
sollte. Aber das wollte Rahbek durchaus nicht, er trug das Geld in der
Tasche; nach Rousseau'schen Ideen meinte er, Geld müsse ein gemeinsames
Eigenthum für Alle sein; mit diesen communistischen Grundsätzen lieh
er, oder richtiger gesagt, gab er seinen Freunden, was sie brauchten;
er selbst machte eine Reise ins Ausland auf eigene Kosten, ohne Buch
zu führen, oder auch nur etwas aufzuschreiben, und so währte es nicht
lange, bis der gute Rahbek nicht einen Schilling mehr besaß, und oft
in Verlegenheit gerieth, wenn die guten Freunde, an die er sich nun in
der Noth wenden mußte, seine communistischen Grundsätze nicht theilten.
Es währte dagegen nicht lange, als sich Zeuthen ein schönes Gut kaufen
konnte. Dergleichen mochte Rahbek aber nicht, das war ihm zu vornehm.
Daß zwei Menschen von so durchaus verschiedenem Character nicht Neigung
empfanden zusammen zu leben, ist begreiflich, doch achteten sie
gegenseitig ihre guten Eigenschaften und Zeuthen hatte auch Sinn für
die schönen Wissenschaften; obgleich man eigentlich nicht sagen konnte,
daß er ein Schöngeist war. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft
hatte er ein prächtiges Fest veranstaltet, was er häufig that. Hier fand
ich einen Mann bei Tisch, den ich oft in meiner Kindheit, in steifer
Uniform als Gardecapitain im Friedrichsberger Schloßhofe herumstiefeln
gesehen, und von dem ich damals nicht ahnte, daß ich jemals sein
Tischnachbar werden würde; er war der Kammerherr =Schrödersee=. Obgleich
ich glaube, daß er von einem gelehrten Großvater abstammte, hatte
Schrödersee in seiner Jugend doch dem Studentenwesen einen tödtlichen
Haß geschworen; er war ein sehr eleganter, steifer, gepuderter Officier;
an der Fehde, die zu Ewald's Zeit zwischen jungen Officieren und
Studenten, veranlaßt durch Bredal's dramatisches Journal, stattfand,
soll Schrödersee kräftig Theil genommen haben, und man glaubt, daß Ewald
eine Tirade in seinen brutalen Claqueurs auf ihn bezogen habe. Es war
recht merkwürdig mit diesen Lieutenants- und Studentenfehden, die sich
damals oft wiederholten; aber sie trugen doch alle nach und nach dazu
bei, die häßliche feindliche Trennung zwischen Kriegern und Gelehrten
aufzuheben, bis endlich die Jünglinge der militairischen Hochschule und
der Universität einander wie Brüder herzlich umarmten. Hierfür können
wir bereits Holberg danken, der in seinem Jakob v. Tyboe das _us_ und
das =von= verspottete. In Deutschland hielt sich diese Trennung bis in
die neuesten Zeiten aufrecht, aber aus einem ganz andern Grunde, hier
standen Adel und Bürgerschaft sich gegenüber; und hier ging es nicht wie
im Norden, wo dieses Vorurtheil sich niemals eingewurzelt hatte, wo das
deutsche »Von«, das uns von Holstein hergekommen war, sich nicht in die
Marine eingenistet hat, und wo der Adel seinen Todesstoß im Jahre 1660
erhielt. Aber um auf Schrödersee zurückzukommen, so beschuldigte man
ihn, in seiner Jugend zu jenen Bramarbasirern gehört zu haben. Wenn er
im Parquet mit seinem gepuderten Kopfe und seiner großen Nase dastand,
so blickte er oft auf eine Weise ins Parterre, welche die demokratischen
Köpfe daselbst verdroß. Aber Schrödersee war in der Periode, wo ich
ihn kannte, älter, zahmer und billigdenkender geworden. Wenn er auch
keine Kenntnisse hatte, so war er doch ein witziger Kopf. Als der
Danebrog-Orden auf mehrere Grade erweitert und er Ritter wurde, und man
ihm gratulirte, antwortete er: »Er ist noch sehr =jung=!« womit er
meinte, daß er, als ein alter Cavalier, auf einen höhern Grad gehofft
hatte. Als Graf Yoldy, früherer spanischer Minister, Oberkammerjunker
wurde, auf welchen Posten Schrödersee gehofft hatte, scherzte der König
einmal mit ihm und sagte: »Schrödersee! Ihr scheint mir in der letzten
Zeit so steif geworden zu sein«. »»Ew. Maj.««, antwortete Schrödersee,
»»das kommt daher, weil ich eine spanische Fliege im Nacken habe««. --
Hier bei Zeuthens richtete er eine Replik an mich, die sehr gutmüthig
und entschieden den Gegensatz von stolzer Eitelkeit war. Denn als der
Wirth, wie ich zum ersten Male bei ihm speiste, nach alter Sitte einen
Toast proponirte, »Denen zu Ehren, die die Kunst und Kultur im Lande
befördert hatten«, rief Schrödersee laut über den Tisch mir zu: »Der
Toast gilt uns Beiden«!
Einige Jahre darauf begegnete ich ihm wieder auf der Marmorbrücke beim
Christiansburger Schloß. »Wie befindet sich der Herr Kammerherr«? fragte
ich. »»Ach was, schlecht geht's mir««, antwortete er; »»ich bin ein
altes Pferd; den man eine Kugel durch den Kopf jagen muß««! Damit zeigte
er auf das Ohr, wo die Kugel hineingehen sollte, und verließ mich.
Wenige Tage darauf begegnete ich auf derselben Stelle dem Oberhofmeister
der Königin, Brockenhuus. Wir waren sehr gute Freunde vom Theater her,
wo er mir einmal gesagt hatte, als er von seinen Vorfahren sprach:
»Wir kamen mit Erik von Pommern hieher«. Bei dieser Begegnung auf
der Marmorbrücke wandte er sich nun wehmüthig nach dem Schloß zu und
sagte: »Sie können glauben, da habe ich viel Plaisir gehabt«! »»Nun««,
antwortete ich, »»Ew. Excellenz können noch viel Plaisir auf der Welt
haben««. »Ach«, seufzte er, »ich werde nie wieder soviel Plaisir
haben«. Er ging; ich stand einen Augenblick im Nachdenken versunken,
und gedachte der Zeit, wo ich als kleiner Knabe 1796 auf dieser Brücke
stand, in der finstern Nacht das Schloß mit den gelben, rothen und
blauen Flammen und mit der dunkeln Rauchwolke brennen und den Thurm
wanken und mit starkem Geräusche mit drei Donnerschlägen durch alle drei
Stockwerke hindurchstürzen sah. _Sic transit gloria mundi!_
[Sidenote: Die Familie Zeuthen.]
Der Leser verzeihe mir diese und ähnliche Ideenassociationen, welche
einige Gleichheit mit der lange gestatteten =lyrischen Unordnung= in der
Ode haben, und welche zu erwähnen zuläßt, was sonst nicht berührt werden
könnte, und das doch nicht ohne Interesse ist und dazu beiträgt, ein
Zeitgemälde zu vervollständigen.
Mehr als mit dem alten Zeuthen lebte ich mit seinem Sohne Wilhelm,
Assessor im Hof- und Stadtgericht, später im höchsten Gericht, und mit
dessen Frau und Schwester, die beide geistvolle und begabte Naturen
waren. Wilhelm Zeuthen wurde mein Freund; wir brachten mehrere Jahre
in traulichem Zusammenleben zu, und besuchten einander oft. Als seine
und meine Kinder aufwuchsen, dehnte sich die Freundschaft auch auf sie
aus, und wir brachten jeden Sommer mehrere Wochen bei ihm zu. Sein
jüngerer Bruder lebte im Auslande, und ich lernte ihn nie kennen.
Wilhelm Zeuthen war seinen Grundsätzen nach liberal; er liebte die
Poesie und zeigte mir große Zuneigung. Dieser schöne, starke, feurige,
junge Mann hatte dasselbe Unglück wie Bentzon: er hinkte etwas in
Folge eines unglücklichen Zufalls in der Kindheit. Dadurch fehlte ihm
die nothwendige Bewegung und das wurde ein Nagel zu seinem Sarge. Da
er nicht genug gehen konnte, so versuchte er zum Ersatz auf einem
kleinen Wagen ohne Federn zu fahren, der unmenschlich stieß. Einmal
lud er mich schelmisch ein, solch eine Spazierfahrt mitzumachen, ich
kannte den Wagen nicht, setzte mich hinauf, und wurde ganz entsetzlich
durchgeschüttelt, ohne sein Mitleiden zu erwecken, da er meinte, daß
mir, der etwas bequem sei, so etwas ganz gut bekommen würde. Er hatte
eine ganz herrliche Tenorstimme und erfreute mich oft durch seinen
Gesang. So lebten wir mehrere Sommer zusammen. Da starb er an einer
plötzlichen Krankheit in Kopenhagen. Er sollte auf dem Kirchhofe seines
Guts begraben werden, und seine Freunde zogen einen Tag vorher hinaus
um ihn zu Grabe zu geleiten. Welch' trauriges Gefühl, als wir hier als
Gäste zum letzten Male in seinem Hause schliefen. Wir saßen in der
Dämmerung noch beim Mittagstische -- da hörten wir einen Wagen auf dem
Hofe rollen. Es war der geschlossene Wagen mit der Leiche. Unser lieber
Wirth, unser lebensfroher, gastfreier Zeuthen saß nicht mehr unter uns
-- rothwangig mit den funkelnden, schönen, braunen Augen. Nun brachten
sie seinen entseelten Körper. Wir erhoben uns Alle schweigend, drückten
einander die Hände, und ich dachte: »Das ist das Loos des Schönen auf
der Erde«.
* * * * *
[Sidenote: Ich studire wieder Latein.]
Im Jahre 1820 lag es mir als Professor ob, das Universitätsprogramm zu
schreiben, und die lateinische Rede am Reformationsfeste zu halten. Ich
hatte eine Zeit lang vorher wieder die Römersprache vorgenommen, die
ich seit meiner juristischen Studienzeit versäumt hatte. Nun las ich
fleißig, besonders Cicero's Schriften, doch auch die Dichter, von denen
mich besonders Ovid interessirte, und ich gab Holberg fast Recht, daß
er der beste der römischen Poeten sei. Er hat nicht Virgil's Reinheit
und Klarheit, aber er ist origineller. Unter den Alten näherte er
sich am meisten den modernen Dichtern, weil er der Einzige ist, der
das Herz rührt. Das hat ihm eine gewisse Schule zur Last gelegt, und
ihm weiche Sentimentalität vorgeworfen. Daß diese ihn oft, besonders
in seinen Tristien hingerissen hatte, will ich gern zugestehen. Aber
es waren auch nicht solche Klagen, die mich rührten. Seinen schönen,
epischen Dichtungen Daphne, Philemon und Baucis, und besonders Pyramus
und Thisbe, diese antike Romeo und Julie waren es, die im Vortrage und
in der Schilderung der Göthe'schen Poesie gleichen. Da ich Dichtung und
Studium nicht gut von einander trennen konnte, so übersetzte ich diese
Sachen, ebenso wie ich vor einigen Jahren Horaz, Properz und Catull
übersetzt hatte.
Aber nun sollte ich selbst Lateinisch schreiben! Es gab freilich einen
bequemen Ausweg, dem es nicht an Beispielen fehlte, es von einem Andern
machen zu lassen. Aber da ich es niemals leiden konnte, eine Fertigkeit
vorzugeben, die ich nicht besaß, so beschloß ich lieber in Gottes Namen
in meinen alten Tagen (ich war damals 40 Jahre alt) wieder in die Schule
zu gehen, einen Lehrer im Lateinischen zu nehmen, und bei ihm täglich
zu arbeiten. Das that ich denn auch und Herr =Repp= half mir ein Jahr
lang treulich. Aber hier zeigte sich nun eine Eigenthümlichkeit, welche
mich verhinderte, die Sache zur Reife zu bringen. Es ist mir stets
unerträglich gewesen, viel Grammatik zu lernen; ohne diese hatte ich
meine Muttersprache, und merkwürdigerweise auch die deutsche gelernt,
in der ich nach dem Urtheil von Sachverständigen mit den Besten
wetteifern konnte, obgleich ich -- aus jenem Grunde -- niemals kleine
Fehler vermeiden konnte, die von Andern leicht geändert wurden. Mit
dem Allernothwendigsten, den Declinationen, den Conjugationen und den
wichtigsten Regeln versehen, begab ich mich auf das Glatteis des Styls,
wobei oft der komische, aber sehr natürliche Fall eintrat, daß ein Satz,
von dem mein Lehrer erklärte, daß er Ciceronianisch sei, mit einem argen
Sprachfehler abwechselte, den ich doch gleich selbst ändern konnte, wenn
ich darauf aufmerksam gemacht wurde. So saß ich also ein paar Jahre
und übte mich, erst mit Herrn Repp, später mit meinem Freunde, dem
Oberlehrer Olsen. Mit Repp fing ich auch an, Lateinisch zu sprechen,
wenn wir nach Friedrichsberg zusammen spazieren gingen. Ich entsinne
mich noch, daß ich ein Mal mit ihm in der Allee vor dem Kirchhofe bei
einem schwierigen Satze stehen blieb, und es hätte mich gar nicht
gewundert, wenn die Todten sich über meine Phrase im Grabe umgewendet
hätten.
Indessen bekam ich im Laufe eines Jahres noch einige Fertigkeit, und
flickte mein Programm und meine Rede zusammen, die von den Betreffenden
durchgesehen und gereinigt, nicht ganz zu verwerfen war, und sogar vom
Bischof Fogtmann der _=copia verborum=_ wegen gelobt ward, die sich
darin befand, was daher kam, weil ich unverdrossen mein Lexicon benutzt
hatte. Außerdem gehen Geschmack und Wahl der Worte aus einer Sprachform
in die andere über, und hierin kam mir meine Fertigkeit im Dänischen und
Deutschen zu Hülfe. Oft, wenn mir ein Wort fehlte, das meine Lehrer mir
gesagt hatten, schüttelte ich so lange mit dem Kopfe, bis das rechte
kam, in dem die feine Nüancirung ausgedrückt war, die ich bezeichnen
wollte. Ich kannte das Wort wohl, aber ich hatte es nicht gleich im
Gedächtniß zur Hand.
[Sidenote: Professorengesellschaften.]
Da ich nun einmal dabei bin, meiner lateinischen Arbeiten zu erwähnen,
und wohl kaum wieder darauf zurückkomme, will ich bemerken, daß ich
mehrere Jahre später, 1828 und 1829 zwei lateinische Reden als Dekan und
Prodekan; 1832 wieder zwei als Rector, 1834 eine als Dekan, und endlich
1847 eine ganz kleine in derselben Eigenschaft hielt; von diesen ließ
ich mir doch zwei von einem guten Freunde übersetzen, da mir schien, daß
ich mich lange genug mit einer Uebung herumgequält hatte, bei der doch
Nichts weiter herauskam.
* * * * *
Da ich hier einmal bei der Universität bin, will ich, ohne mich ängstlich
an die Chronologie zu halten, der =Professorengesellschaften= erwähnen,
die eine Zeitlang fortgesetzt wurden. Diese Professorengesellschaften
waren für mich die langweiligsten Gesellschaften, denen ich in meinem
ganzen Leben beigewohnt habe. Nicht als ob es an vortrefflichen,
geselligen Leuten gefehlt hätte; aber Ton und Einrichtung waren
im Ganzen nicht nach meinem Geschmack. Eigentlich waren lange
Abendgesellschaften, in denen weder musicirt noch Karten gespielt wurde,
nie nach meinem Sinn, selbst wenn Damen daran Theil nahmen. Hier waren
nun keine Damen, mit Ausnahme der Wirthin; es wurde Taback geraucht
und Punsch getrunken. An keinem von Beiden konnte ich Theil nehmen, da
ich in diesem Jahre starke Anfälle von Podagra bekam, welche Krankheit
mich zwar nicht verlassen hat, aber doch in der spätern Periode meines
Lebens viel milder geworden ist. Hierzu kam, daß ich verstimmt und
zurückhaltend in einer Zeit war, wo ich so viele Gegner hatte; meine
Collegen waren auch zum Theil aus Bescheidenheit und Delikatesse
zurückhaltend gegen mich. Aber selbst an und für sich hatte hier, wie
es wohl gewöhnlich der Fall ist, eine Versammlung von Gelehrten kein
besonderes gesellschaftliches Talent. Sie gingen meistens mit ihren
Pfeifen umher und unterhielten sich in einzelnem Gespräch. Sobald der
Anstand es gestattete, zog ich mich zurück und ich glaube, daß Mehrere
meinen Geschmack getheilt haben, weil die Gesellschaft in ein paar
Jahren ganz aufhörte. Junge Studenten, bei denen jeder Gegenstand neu
ist, und Veranlassung zum Gespräch giebt, können sich auf diese Weise
wohl unterhalten; aber wenn der Aeltere sich auf solche Art unterhalten
soll, so kann er auch mit Göthe sagen:
So gieb mir auch die Zeiten wieder,
Da ich noch selbst im Werden war.
Mit meinen Freunden, den Professoren Peter Erasmus Müller, Jens Möller
und dem Arzt, Etatsrath Herholdt, setzte ich den Umgang fort, und wir
spielten oft L'hombre zusammen. An P. E. Müller knüpfte mich besonders
unsere gemeinsame Liebe zu dem Altnordischen. Mein Jugendfreund J.
P. Münster, damals Prediger an der Frauenkirche, war auch in der
Professorengesellschaft gewesen; er heirathete eine Tochter des Bischofs
Münter, wir besuchten einander und sahen uns oft bei Rahbeks und Münters.
* * * * *
[Sidenote: Siboni.]
Ungefähr zu der Zelt kam ein Mann nach Kopenhagen, der Epoche in der
musikalischen Welt machte, der Gesanglehrer =Siboni=. König Christian
VIII. hatte, als Prinz, ihn in Italien kennen gelernt, wo Siboni sich
als Tenorist auszeichnete; später wurde er Singmeister, und fast ebenso
berühmt, wie jetzt Garcia geworden. Was Wunder daß man ihn unter sehr
günstigen Bedingungen nach Kopenhagen rief. Der große, sehr schöne,
kräftige Italiener kam, und machte gleich in der vornehmen Welt und
besonders bei den Damen großes Glück. In den ersten Jahren spielte er
zuweilen auch eine musikalische Heldenrolle auf der Bühne; aber obgleich
er wie ein Held aussah, und sich einen Theil von Talma's Manieren
angeeignet hatte, so ward ihm doch bisweilen die Stimme untreu, und wenn
er gleich den Mangel an Kraft im Tone durch Triller und Rouladen zu
verbergen suchte, so half das doch nicht viel, und er hörte bald selbst
auf, als Sänger zu wirken. Dagegen wurde er nun ein vortrefflicher
Gesanglehrer, dessen unser Theaterpersonal dringend bedurfte, auch
bildete er einige gute Schüler, obgleich sein Umgang mit den Großen, die
ihn Alle zum Privatlehrer für ihre Töchter haben wollten, ihm viele Zeit
raubte.
[Sidenote: Musikalische Zustände.]
Einige Jahre vorher war Rossini aufgetreten und setzte die Welt durch
sein Genie in Erstaunen. In seinen Opern hatte Siboni geglänzt, er
konnte sie auswendig, betete ihren Componisten an; was Wunder, daß er
versuchte, sie auf die dänische Bühne zu verpflanzen? Aber hier traf
er auf Widerstand. Weyse und später Kuhlau hatten auf die dänische
musikalische Welt eingewirkt, wo vorher Naumann, Schulz und Kuntzen
geblüht hatten. Fremde, welche diese nicht kannten, beschuldigten
die Dänen, unmusikalisch zu sein. Viel vortreffliche Stimmen haben
wir nicht gehabt; die rauhe Luft in der Nähe des Meeres, der häufige
Wind und Regen wirken nicht wohlthätig auf die Stimme ein; daß diese
Elemente aber auch auf das Ohr und die Seele in Bezug auf Empfängniß
musikalischer Eindrücke ungünstig einwirke, wäre wohl thöricht zu
behaupten. Das tiefe Gefühl für das Poetische in der Musik hat der
gebildete Däne wohl eben so gut, wie für die Poesie selbst; und
dramatische Musik, welche Leidenschaften, milde Gefühle und Charaktere
ausdrücken soll, muß immer poetisch sein.
Rossini, der schon als kleiner Knabe mit seiner Mutter auf dem Theater
sang, entwickelte früh sein Talent, aber erst später seinen Geschmack
und sein Gefühl. Nach vielen mittelmäßigen Versuchen componirte er die
Oper Tancred, die außerordentliches Glück machte. Es zeigte sich außer
der fruchtbaren Phantasie in der Erfindung von Melodieen, in Rossini's
Compositionen eine Richtung, welche neu war, und also Aufsehen machen,
eine Modesache werden und zur Nachahmung reizen mußte. Sowie Haydn
und Mozart den eigentlichen Gebrauch der Blasinstrumente in die Musik
einführten, so versuchte Rossini die menschliche Stimme selbst zu einem
Blasinstrumente zu machen. Kein Instrument erreicht die Menschenstimme
an Wohlklang; Rossini fand, daß besonders die Frauenstimme ebensogut wie
Oboe, Violine und Clarinette, die schwierigsten Passagen in der Musik
ausführen konnte. Nun componirte er Gesangsnummern, in denen Dieses
stattfand, wo der eigentliche Gesang ganz von Trillern, Rouladen u. s.
w. betäubt und verziert wurde, sodaß derselbe eine untergeordnete Rolle
spielte. In seinem Vaterlande fand er schöne Stimmen, die durch Uebung
vermochten, diese Compositionen mit größter Reinheit, Gewandtheit und
Stärke auszuführen. Was Wunder, daß diese neue Erfindung, dieser bisher
nicht dagewesene Genuß, eine außerordentliche Wirkung auf die Menge
ausübte, die überhaupt stets mehr von dem Sinnlichen als dem Geistigen
hingerissen wird. Ja selbst die tiefer und wahrer Fühlenden erstaunten
über diese neue Erfindung, und die seltene Virtuosität in der Ausführung
sagte ihnen im Anfange zu. Aber bald sahen alle wahren Kenner ein, daß
dieser Luxus, wenn er fortgesetzt und übertrieben würde, zum Untergange
des reinen Geschmackes und der wahren Musik beitragen müsse, weil
dieser sich zu sehr von der Natur entfernte. Die italienische Musik hat
oft an solchen Ausschweifungen und Uebertreibungen gelitten. Schon in
der Mitte des 16. Jahrhunderts wollte Papst Marcellus II. die entartete
Musik, als des Gottesdienstes unwürdig, aus der Kirche vertreiben, als
Palästrina sie rettete.
Der abscheuliche Mißbrauch, Castraten Liebhaber spielen zu lassen,
veränderte sich nun in Rossini's Zeit so weit, daß jetzt Frauenzimmer
mit starken Altstimmen Liebhaber spielten, denn wirkliche Männer
darin auftreten zu lassen -- zu einer solchen Trivialität konnte die
italienische Kunst sich nicht herablassen -- deshalb hatte stets ein
Frauenzimmer den Helden Tancred gespielt und gesungen, und das geschah
auch hier. Diese musikalische »Haupt- und Staatsaction« hat mir, trotz
aller seiner schönen Melodieen und seines brillanten Accompagnements nie
gefallen.
Da nun Siboni durchaus kein Interesse für die deutsche, französische
und dänische Musik hatte, da bei festlichen Gelegenheiten nur
Rossini'sche Opern aufgeführt wurden: so weckte dies das Mißvergnügen
des Nationalgefühls, und gab Veranlassung dazu, daß sich eine Partei
im Theater bildete, die, um sich zu rächen, stets die italienischen
Opern auspfiff, welche den Tag nach dem Feste aufgeführt wurden, was
gewiß sehr ungerecht war. Aber sie entschuldigte sich damit, daß sie
nicht die Musik, sondern die Wahl der Opern auspfiff. Der Hof stand
ganz auf Siboni's Seite; ich hatte gehört, daß der König böse auf mich
sei, weil er glaubte, daß ich Theil daran hätte; ich eilte zu ihm
hinauf, um ihn von meiner Unschuld zu überzeugen. »Ja,« sagte er, »ich
glaube wohl, daß Sie nicht unmittelbar daran Theil genommen haben, aber
doch mittelbar.« »»Weder mittelbar noch unmittelbar, Ew. Majestät!««
antwortete ich; »»ich hasse Spectakel im Tempel der Kunst zu sehr, und
habe selbst zu viel durch Kabalen gelitten, als daß ich sie gegen Andere
ausüben sollte.«« »Ja, ja!« antwortete er und legte die Hand auf meine
Schulter: »ich weiß, Sie sind ein braver Mann.« Damit ging ich.
Ich nannte es unbillig, daß man die Rossini'schen Opern auspfiff, und
das war es gewiß, wenn auch Dinge darin vorkamen, die gegen den guten
Geschmack und den natürlichen Sinn verstießen, und als es erst Mode
war, wurde, wie in der französischen Revolutionszeit, alle Musik, die
den aristokratischen (hier italienischen) Schnitt hatte, zur Guillotine
geschleppt. Es that mir unter Anderm sehr leid, daß wir nicht _La gazza
ladra_ zu hören bekamen, in welcher Oper auch das Sujet schön ist: eine
stehlende Elster, die ein unschuldiges Mädchen auf das Schaffot bringt,
aber sie im Augenblicke des Todes wieder rettet.
Bei Geheimrath Malling's hörte ich oft schöne Melodieen vortragen.
Die älteste Tochter (später Frau Professorin Hohlenberg), hatte eine
herrliche Stimme. In dieses Haus kamen auch Weyse und Siboni. Man
kann sich nicht zwei verschiedenere Menschen denken. Jener bleich,
kränklich, ein Sonderling, größtentheils fremde Musik verschmähend, und
aus der Wieland'schen Schule hervorgegangen, auch die meiste neuere
Poesie verdammend; aber Weyse war ein musikalisches Genie, phantasirte
unvergleichlich schön, war in Sprachen und selbst in Metaphysik
bewandert, witzig, schelmisch und unterhaltend, wenn er bei guter Laune
war. Er ging am liebsten mit ganz jungen Leuten um, hatte eine große
Anzahl von Freunden unter diesen, und spielte ihnen gern etwas vor. Er
war ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Fortepiano gewesen; später gab
er sich nicht mehr damit ab; erst als =Moscheles= uns einmal besuchte,
bekam er Lust, sich wieder zu üben, und Moscheles erstaunte über seine
Fertigkeit, in der er selbst ihm nur wenig nachgab. Weyse war ein armer
Kaufmannslehrling in Altona; hier entdeckte der Professor Cramer in
Kiel sein musikalisches Genie und sandte ihn zum Kapellmeister Schulz
nach Kopenhagen. Weyse hatte sich selbst mit einer gewissen Fertigkeit
Klavierspielen gelehrt, Schulz mußte ihm erst den falschen Fingersatz
abgewöhnen und ihm den richtigen lehren. Uebrigens that er in den
ersten Jahren nicht viel, und Schulz soll einmal, unzufrieden darüber,
gesagt haben: »Wenn ich =sein= Genie hätte, was würde aus =mir= geworden
sein!« Er meinte nämlich, verbunden mit der Charakterstärke und dem
tiefen Gefühl, was er selbst hatte. Der Grundton in Weyse's Wesen war
eine muntere Schelmerei, ein origineller Humor, daher ist gewiß auch der
»Schlaftrunk« als seine beste dramatische Composition zu betrachten;
aber er besaß auch eine reiche träumerische Phantasie und ein fein
elegisch schwärmerisches Gefühl. Das Spukwesen in Ludlam's-Höhle
ist vortrefflich ausgedrückt, und in vielen Nummern zeigt sich auch
tiefes Gefühl und schöne Humanität. Selbst von Denen, welche Weyse als
Theatercomponisten nicht lieben, wurde doch seine Kirchenmusik sehr
geschätzt. In dieser zeigen sich gewiß die erwähnten Eigenschaften oft
mit den herrlichsten Harmonieen verbunden, welche darlegten, daß Weyse's
Compositionen ihre Nahrung ebenso sehr in der gründlichen Bach'schen
Schule, wie in der alten italienischen Kirchenmusik gefunden hatten,
und daß er ein würdiger Schüler von Schulz war; doch fehlte ihm das
warme Herz und die echte christliche Begeisterung desselben. In Weyse's
Kirchenmusik finde ich den religiösen Künstler mehr als den religiösen
Menschen; er ist auch nicht, wenngleich im Besitz viel reicherer
musikalischer Mittel, nicht so originell und melodienreich als Schulz.
Kuhlau war durchaus anders als Weyse. Letzterer, der fast von seiner
Kindheit auf hier gewesen war, war Dänisch geworden; Kuhlau blieb
immer Deutsch. Kuhlau war ein schöner Mann mit rothen Wangen, hatte
aber in seiner Jugend das Unglück gehabt, ein Auge zu verlieren. Er
gab sich weder mit fremden Sprachen noch Wissenschaften ab; er trank
sein Glas Wein, rauchte seine Pfeife Taback, war ein gelehrter Musiker
und componirte schöne Musik. In seiner Musik waren nicht der Duft, die
Schwärmerei, die geistigen Ahnungen, wie in Weyse's; aber mehr Körper,
stärkere Effecte, größerer Melodienreichthum, und mehr lebendige
dramatische Bewegung. Nach Kuntzen's Tod wäre es Weyse leicht geworden,
Kapellmeister zu werden, wenn er es darauf angelegt hätte. Aber er
war zu bequem für dieses Amt und verstand auch nicht, das Ganze mit
Kraft und Bestimmtheit in Ordnung zu erhalten. Kuhlau wurde es auch
nicht. =Schall= dagegen, der Concertmeister war, wurde nun Chef vom
Orchester, wozu er sich vortrefflich eignete; dagegen verachteten Weyse
und Kuhlau ihn als Componisten, woran sie gewiß Unrecht thaten. Kuhlau
sagte von ihm: »Er kann nicht acht Tacte nacheinander richtig setzen.«
Das war sehr übertrieben; aber es ist ganz gewiß, daß Schall von
Kindesbeinen auf beim Theater erst als Figurant, dann als Repetiteur,
endlich als Concertmeister durch practische Uebung einen großen Theil
Dessen ersetzte, was ihm als Theoretiker abging. Er war ein echt
musikalisches Genie; seine erste Arbeit, »=die Chinafahrer=« ist voller
Leben und Humor. Zur Balletcomposition hatte er ein entschiedenes
Talent. Zuerst zeigte er dies in kleinen komischen Balleten. Seine
Compositionen von Lagertha, Rolf Blaubart und Romeo sind vortrefflich;
und ungeachtet aller grammatikalischen Fehler (d. h. Fehler gegen den
Generalbaß; den Kirnberger konnte er nicht verstehen, als mein seliger
Schwiegervater ihm diesen lieh) waren seine Musikstücke voll Effect,
Melodie, Charakter, und einige von ihnen in einem tragischen Fluge und
einer Begeisterung, in der weder Weyse noch Kuhlau ihn erreichten. Aber
Galleotti, der die Ballete zu Schall's Musik componirt hatte, war nun
todt; die Ballete wurden nur selten aufgeführt und Bournonville, der
später Galleotti bedeutend überragte, war noch nicht aufgetreten.
* * * * *
Die vortrefflichen =französischen Singspiele= hatte unser Theater von
Monsigny's Deserteuren bis zu Boyeldieu's Rothkäppchen mit Glück
aufgeführt; nicht die stark pathetische Musik darf man in diesen Stücken
suchen; dagegen werden die Gefühle der Liebe, der Humanität, der
Munterkeit, eines milden Mitleides, echte französische Nationalität,
Anmuth und Naivetät in diesen originellen und schönen Compositionen
ausgedrückt, und das französische Singspiel ist gewiß eine der schönsten
Blumen in der französischen Kunst. Welche Namen begegnen uns hier nicht?
=Monsigny=, =Gretry=, =Daleyrac=, =Isouard=, =Mehul=, =Cherubini= (ganz
französisch in diesem Genre), =Boyeldieu=, sowie auch später =Auber=.
Und die Texte zu diesen Stücken sind oft vortrefflich, wenn auch nicht
von Seiten der Ausführung, so doch des Stoffes und der Situationen: der
Deserteur, der Böttcher, Felix, Zemire und Azor, Richard Löwenherz, die
kleinen Savoyarden, Joconde, der Schatz, Aschenbrödel, Rothkäppchen, die
weiße Dame, der neue Gutsbesitzer u. s. w. Der große =Gluck=, obgleich
ein Deutscher, hatte seine musikalischen Tragödien zu französischen
Texten gedichtet. In Mehul fand er einen großen und würdigen Nachfolger,
denn Joseph in Egypten verbindet die hohe Einfalt und den Pathos
Gluck's mit musikalischem Reichthum und Anwendung von Instrumenten der
neuern Periode. Auch Auber wußte sich dieses Pathos auf eine Weise zu
bedienen, die in die politische Stimmung eingriff, sodaß seine Stumme
von Portici der Vorläufer und Beförderer einer Revolution ward, sowie
eine Comödie, Figaro's Hochzeit, der einer frühern gewesen war. Durch
die schöne, genußreiche Verbindung von Poesie und Musik, von Schauspiel
und Oper, hatte sich die _Opéra comique_ in Paris stets ausgezeichnet,
und, was gute Schauspieler betraf, dem _Théâtre français_ fast stets
die Spitze geboten. Auch bei uns hatte das Talent in diesen Stücken,
von Frau Walters bis zu Madame Frydendahls, Gielstrup's, Knudsen's und
Frydendahl's Zeit geblüht. So war der Zustand auf unserer musikalischen
Bühne, als Siboni mit seinem mächtigen Rossini kam, der ganz Europa
eingenommen hatte, und nun auch uns einnahm.
Der Wessel'sche Vers:
Die theuren Dänen will ich preisen,
Wenn sie bescheiden sich erweisen,
Die Tugend trifft sich selten an.
Doch wenn sie gar zu weit getrieben,
Daß Dänen alles Fremde lieben,
Ich nenn' es keine Tugend dann,
Denn er erniedrigt jeden Mann.
paßte nun hier in Kopenhagen sowohl auf unsere, wie auf seine Zeit; aber
er konnte leicht mißverstanden werden. Es muß ein Unterschied zwischen
den =gebildeten Dänen= (der größte Theil war vom Mittelstande), und
zwischen den Vornehmen (der größte Theil war aus den Herzogthümern),
gemacht werden. Von Königin Margaretha's Zeit an, haben der Hof und
die Vornehmen stets Lust gehabt sich vom Volke durch die Sprache, erst
durch Deutsch, dann durch Französisch und Italienisch zu trennen.
Was mir besonders in Frankreich gefiel, war: daß das ganze Volk Eine
Sprache redete, und daß das Land keine Hofsprache hatte. Aber selbst
in Frankreich war die =italienische Oper=, wo das hohe Entrée den
Mittelstand verhinderte hinzukommen, der Sammelplatz für den Hof und die
_beau monde_. Hier sah man einander; die Oper war ein Sammelplatz, ein
Salon, eine Fortsetzung und Variation der Hofvergnügungen; die Kunst
wurde als etwas Untergeordnetes betrachtet, nur die Virtuosität war es,
mit der man sich die Zeit vertrieb, und die man aus Eitelkeit protegirte.
Aber Eins dürfen wir bei dieser Gelegenheit nicht vergessen: Christian
VIII. und seine holde Gemahlin, Caroline Amalie, waren in ihrer
schönsten Zeit im schönen Italien gewesen, wo Alle sie bewunderten
und darin wetteiferten, ihnen zu huldigen; hier hatten sie mehrere
Monate in dem herrlichen Neapel gelebt, und Rossini's Musik von den
größten Virtuosen vortragen gehört. Wie natürlich, daß sie einige Jahre
nach ihrer Heimkehr sich freuten, diese lieben Jugenderinnerungen zu
erneuern, die schöne Sprache wiederzuhören, mit der sie so vertraut
geworden waren? Hierzu kam, daß immer einige gute Sänger da waren, die
die italienische Kraft im Ton mitbrachten, welche unser Klima selten
zuläßt, und Madame =Forconi= war zu gleicher Zelt eine sehr gute
Schauspielerin voller Feuer und Gefühl.
Siboni war also eine Zeitlang hier der Herrscher über den Geschmack in
der Musik. Es ist natürlich, daß man mehrere komische Anecdoten von dem
feurigen Italiener erzählte, der auch gleichsam das Dänische auf seine
Lippen zwingen wollte, ehe er es konnte. Seine Unwissenheit in der
Sprache gab auch zuweilen Veranlassung zu lächerlichen Mißverständnissen.
Nun lernten wir also recht Rossini kennen, dessen Moses, Othello und
besonders Wilhelm Tell ihn von einer viel größern Seite zeigten, als
wir ihn anfangs gekannt hatten. Auch der herrliche Bellini, dessen
Norma eine unvergleichliche Musiktragödie ist, erfreute uns. Den
außerordentlichen Lärm und die Ausschmückungen durch Fiorituren vergab
man gern dem Genie, wenn nicht die wirkliche Schönheit dadurch übertäubt
und versteckt wurde, sowie später von Donizetti und besonders dem ebenso
lärmenden, wie melodie- und characterlosen Verdi, der Jericho's Mauern
durch Posaunentöne einstürzen läßt, wenn ein Mädchen eine süßliche
Liebesarie singt; dessen tragische und komische Musik ganz in demselben
Styl ist, und der das rothe Meer wie Eulenspiegel (aber ohne Witz) malt,
indem er die ganze Wand mit Zinnober bestreicht; fügt man nun noch
hinzu, daß diese lärmenden Opern nur einigermaßen damit entschuldigt
werden können, daß sie für ungewöhnlich große Schauspielhäuser componirt
sind, so fiel diese Entschuldigung ganz fort, wenn man sie in einem
kleinen eingeschlossenen Raume, wie unser Hoftheater, hören mußte, wo
sie -- was mich betrifft -- wie eine Bremse brummten, die Einem in's Ohr
gekommen war.
* * * * *
[Sidenote: Die Vaudevilles.]
Man erzählt von einem preußischen Prinzen, daß er, als er einmal aus
diesen Stücken herauskam, wo sein Ohr sehr gelitten hatte, sich an der
milden Einwirkung des Zapfenstreichs erquickte, der ihn auf der Straße
entgegenkam. Auf eine viel angenehmere Weise sorgte J. L. =Heiberg=
für unsere musikalische Erfrischung. Er verfaßte eine Reihe burlesker
Comödien, die er Vaudevilles nannte; aber sie standen sowohl im
komischen Humor, wie in musikalischer Beziehung, weit über den meisten
französischen Vaudevillen, von denen sich doch einige in der idyllischen
und historisch-charakteristischen Art auszeichneten; Heiberg's Stücke
waren alle Das, was die Franzosen =Farcen= nennen; aber meine Leser
wissen, daß ich mit dieser Benennung nichts Tadelndes verbinde, da ich,
im Gegentheil, selbst Schauspiele dieser Art gedichtet habe. Daß später
mein Freia's Altar, den ich wohl an die Seite der Heiberg'schen Farcen
zu stellen wage, in seiner fliegenden Post als ein jämmerliches Product
heruntergerissen wurde, darein mußte ich mich, wie in so vieles Andere
fügen. Diese Stücke sind ohne Zweifel im Besitz von Humor und luftigen
Situationen; hierzu kommt, daß sie in musikalischer Beziehung weit die
französischen Vaudevilles überragen, deren Dialog jeden Augenblick von
einem einzelnen Vers unterbrochen wird, welcher einen kleinen witzigen
Einfall (_pointe_) enthält, auf eine bekannte Melodie von Schauspielern
gesungen wird, die gar keine Sänger sind ja größtentheils nicht singen
=können=, und insofern gar keine Prätensionen machen, sodaß der Vortrag
bei ihren Liedern mehr Recitation als Gesang genannt werden kann. Auf
unserm Theater, wo Schauspiel und Singspiel verbunden sind, konnte
Heiberg wirkliche Sänger anwenden. Seine musikalische Bildung und
sein Geschmack gaben ihm Gelegenheit, ganz vortreffliche Musiknummern
zu wählen, die durchaus zum Gegenstande paßten, was nicht wenig zum
Erfolg der Stücke beitrug. Was ihnen aber noch mehr Beifall erwarb,
war die Art, wie sie nach den Talenten der Schauspieler berechnet
waren. So machte »König Salomon und Hutmacher Jürgen«, das in den
Hauptsituationen große Aehnlichkeit mit dem Singspiel: =der Einzug=, vom
Vater des Dichters, hatte, außerordentliches Glück, hauptsächlich durch
Ryge's vortrefflichen Juden. In den »Aprilnarren« stellte der herrliche
=Winslöw= einen ganz eigenthümlichen Charakter in Zierlich dar. In
»Der Recensent und das Thier« und in »die Unzertrennlichen« stand
Rosenkilde als ein würdiger Nebenbuhler Brünet's und Potier's in seinem
unvergleichlichen =Trop und Hummer= da. In »Die Dänen in Paris« und in
»Kjöge's Hauskreuz« bewunderten wir Phister's herrliche, vortreffliche,
dänische Bauerjungen. Was aber in diesen Stücken besonders dazu beitrug,
ihnen die außerordentliche Kraft, mit der sie wirkten, zu verleihen,
war: daß Thalia selbst vom Olymp herniederstieg und darin spielte. Sie
trat zuerst vermummt, wie eine kleine tanzende Terpsichore im Ballet
auf, und Heiberg war scharfblickend genug, um ihren Werth zu entdecken,
sich ihrer anzunehmen, sie erziehen und in seinen Stücken auftreten
zu lassen, wo sie alle Menschen durch ihre unbeschreibliche Grazie,
ihre muntere Schelmerei, ihre Anmuth und ihr Genie hinriß. Später hat
sie sein Leben als seine Gattin beglückt, und uns in vielen Rollen
Gelegenheit gegeben, ihre Reife zu bewundern. Auch meine Stücke hat sie
geehrt und ihnen genützt. Ihr Talent, einen liebenswürdigen Jungen zu
spielen, zeigte sich in dem »kleinen Schachspieler«; in »Gyda« war sie
die tragische, abgelebte Hexe, und in »Dina« und »Gudrun« das anmuthige,
blühende, eigenthümliche Weib.
* * * * *
Als ich eine Zeitlang Deutsch geschrieben hatte, gab ich meine dänischen
Gedichte in drei Bänden heraus und schrieb einige Singspiele, ehe ich
wieder größere Werke anfing. Es geht dem Dichter wie dem Maler; die
Einförmigkeit ermüdet, die Abwechselung stärkt. Ein thätiger Geist kann
nicht ganz ruhen. Aber es giebt eine leichtere Arbeit, die doch mehr
erquickt, als die bloße Ruhe. Diese Arbeit kann auch ein angenehmer
Genuß für den Leser und Zuschauer sein, dessen Geist nicht stets auf das
Höchste gespannt sein will. Wenn man den Strom tragisch herabstürzen,
die Quelle lyrisch durch Blumen dahin hüpfen gesehen, so kann man wohl
zuweilen dem ruhigen muntern Bache folgen, wie er mit kleinen Steinen
in seinem Bette spielt, oder im Schilfrohre schäumt. -- Aber diese
Freiheit versagte man mir. Ich durfte nicht komisch und lustig sein.
Ich sei nicht komisch, sagten meine Tadler. Aber sie sagten es zu
derselben Zeit, als sie behaupteten, daß ich auch nicht recht lyrisch,
oder episch, oder tragisch, oder überhaupt echt dramatisch sei, daß
all' meine Werke, bis auf die Romanzen, mehr oder weniger mißglückte
Versuche seien, denen es an Charakter, Composition, Gedankenreichthum
und Witz fehlte. Aber -- _mirabile dictu_ -- doch sei ich ein wahres
Genie und ein großer Dichter! -- Also nur die Phantasie und das Gefühl
sollten zuweilen unbewußt und wie im Traume über mich kommen und mich
den Parnaß, wie einen Nachtwandler das Dach, im Mondenscheine ersteigen
machen. Uebrigens war es merkwürdig, daß größtentheils Poeten, oder
Leute, die selbst Verse machten, mich so streng tadelten.
* * * * *
[Sidenote: Die Flucht aus dem Kloster.]
Ein Stück, welches mir wirklich mißglückte, war »Die Flucht aus dem
Kloster.« Eine kühne Idee verführte mich, es zu schreiben. Ich wollte
das Meiste von den Tönen in Mozart's _Cosi fan tutte_ mit menschlichem
Stoff verbinden, denn der Text, zu dem er die Musik componirt hatte,
war wirklich unter aller Kritik. Hier ist nicht die Rede von der
Ausführung oder von der poetischen Behandlung des Stoffes, sonst würde
auch die Zauberflöte unter aller Kritik sein. Aber all' die poetischen
Elemente: das Uebernatürliche, das Erhabene, das Erotische, das
Anmuthige, das Luftige und Naive bewegen sich in der Zauberflöte wie
in einem Traume, deutlich gemacht und poetisch ausgemalt durch die
Musik, und wenn man nicht Schikaneder's Unsinn liest, und dem Dialoge
nicht aufmerksam folgt, so genießt man durch Mozart, der hier zugleich
Dichter und Componist ist, die schönsten Märchen. Aber _Cosi fan
tutte_ ist lauter schwache Unnatur. Zwei Liebhaber kommen nach einer
fingirten Reise verkleidet zurück, um ihre Geliebten zu prüfen, ohne
daß diese sie kennen, und hierdurch entstehen buhlerische Coquetterien
(eine echte Wiener Torte), die nur den Wienern schmecken konnten. Aber
Mozart's Musik schmeckte Allen; denn wenn man sie hörte, waren diese
schönen Töne, in denen besonders das Adagio vorherrscht, voller Gefühl
und Wahrheit. Aber ein neues Stück zu einer großen fremden Musik mit
combinirten Nummern zu schreiben, wurde stets für eine Unmöglichkeit
gehalten; und ich überzeugte mich davon, obgleich ein großer Theil recht
gut ging und nur der letzte Act und der Schluß des Stückes sich nicht
fügen wollte. Es wurde doch vier Mal kurz hintereinander aufgeführt.
* * * * *
[Sidenote: Die Wäringer in Constantinopel.]
Im Jahre 1826 schrieb ich die =Wäringer in Constantinopel=, in denen das
herrliche Kleeblatt, Madame Werschall (jetzt Nielsen) als Maria, Ryge
als Eremit und Nielsen als Harald mich kräftig unterstützte. Das Stück
erwarb sich großen Beifall. Die folgende Tragödie: =Karl der Große= fand
auch Beifall, aber kein so volles Haus. Ryge war hier wieder herrlich
als Karl, nicht minder waren es Madame Werschall und Fräulein Pätges
(jetzt Frau Heiberg), als seine Töchter Imma und Bertha. Ich habe dieses
Stück vielfach umgearbeitet. Die Scene zwischen Karl und Wittekind
endigt jetzt die Tragödie. Die Episode mit Gottfried und dem Bilde des
Holger Danske ist aus dem Stücke herausgenommen und zu einem Nachspiel
gemacht.
Von den =Drillingsbrüdern von Damask=, wozu Kuhlau herrliche Musikpieçen
geschrieben hat, kann ich wohl sagen, daß sie nicht das Glück
machten, welches sie verdienten. Dies entsprang hauptsächlich aus der
Schwierigkeit, drei Schauspieler zu finden, die einander so glichen,
daß es natürlich war, wenn man den einen für den andern hielt. Man
wollte und konnte keine Masken gebrauchen; an die Leichtigkeit hingegen,
durch aufgeklebte Augenbrauen, Nasen und Bärte, die Aehnlichkeit
hervorzubringen, dachte man nicht. Winslöw war als Babekan und Madame
Werschall als Lyra vortrefflich. Ich übersetzte später dieses Stück ins
Deutsche; es erwarb sich Tieck's Beifall (ich hatte es ihm vorgelesen),
und er las es selbst häufig in seinen Abendgesellschaften vor.
In den =Longobarden=, einem Stücke in Einem Akte, das darauf folgte,
suchte ich Sophokles noch um einige Grade näher zu kommen, wie in Baldur
und Yrsa, obgleich der Stoff in Baldur großartiger und in Yrsa rührender
ist.
* * * * *
[Sidenote: Hrolf Krake.]
Im Jahre 1827 schrieb ich das Heldengedicht =Hrolf Krake=, der sich
von meinen beiden andern epischen Gedichten: Helge und die Götter des
Nordens, in Charakter und Colorit durchaus absondert, sowie auch diese
beiden untereinander verschieden sind. Die Romanzen in Helge sind kecke,
leicht hingeworfene Skizzen, starke Conturen der nordischen Natur und
äußerer Thaten, wobei wohl auch mit einzelnen deutlichen Zügen der
geistige Zustand angedeutet ist. Die Götter des Nordens sind große,
sorgfältig ausgeführte Phantasie- und Naturbilder für religiöse und
philosophische Ideen. Hrolf Krake nähert sich der Tragödie und ist mehr
ein eigentliches Epos. Hier wird zwar auch das alte Heldenleben in
epischer Vollständigkeit dargestellt; aber das Charakteristische, das
innere Menschliche ist die Hauptsache. Tugend und Laster, Charaktere,
milde Sitten und Barbarei kämpfen tragisch und rühren wie in der
Tragödie zu Schrecken und Mitleid.
Vor vielen Jahren war von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften
ein Preis für eine gute Epopöe ausgesetzt. Der Pastor =Jens Michael
Hertz= gab im Jahre 1804 sein in Hexametern geschriebenes =befreites
Israel= heraus. Obgleich nun die Richter meinten, sie dürften dem
Verfasser für das eingereichte Preisgedicht der epischen Poesie nicht
das ganze Honorar geben, so bekam er doch 600 Reichsthaler; 400 Thaler
waren also übrig geblieben, und erwarteten nach einem Verlauf von
23 Jahren den Würdigen, der sie verdienen könne. Ich hatte freilich
bereits die Götter des Nordens und Helge gedichtet; da diese Gedichte
aber nicht in Einem Versmaße zusammenhängen, sondern Cyklen mehrerer
(freilich zusammenhängender) Gedichte waren, so wagte ich nicht, um
die 400 Thaler zu bitten, da ich mich der Möglichkeit auszusetzen
befürchtete, daß man sagen könnte, es seien keine ordentlichen Epopöen.
Der Gebrauch, den Dichtern Honorar zu geben, die nicht darum ansuchten,
war in der Gesellschaft noch nicht eingeführt, und ich erhielt also
Nichts. Indessen lief mir doch das Wasser nach den 400 Thalern im Munde
zusammen, und obgleich Hrolf Krake kein wirklich =klassisches= Epopöe
war, da ich weder die Muse des Gesanges angerufen, noch Homer und
Virgil nachzuahmen, sondern im Gegentheil so originell und national,
als möglich zu sein versucht hatte, so dachte ich, daß es vielleicht
doch anginge, und reichte der Gesellschaft durch Rahbek, welcher ihr
Secretair war, das Gedicht ein.
Später hörte ich, daß Geheimrath Malling, der Präsident der
Gesellschaft, Mühe gehabt hatte, mit dem Metrum zurechtzukommen, das ich
im Hrolf Krake gewählt hatte; aber Hohlenberg, Professor der Theologie,
sein Schwiegersohn, war dem Gedichte zu Hülfe gekommen, hatte es ihm
vorgelesen; und hierdurch war er auf die Wirkung aufmerksam geworden,
die ich durch das Versmaaß hervorzubringen gesucht hatte. Helge und die
Götter des Nordens waren Verbindungen von mehr getrennten Gedichten,
deren Verschiedenheit in Inhalt und Wesen auch Verschiedenartigkeit
in Ton und Ausdruck erfordert. Hier kamen mir also die wechselnden
Versformen (und bei Helge sogar die Tragödienform) sehr zu Hülfe. Aber
Hrolf Krake war ein zusammenhängendes Ganze, bei dem der Grundton
nicht verändert werden durfte. Ich hatte mich also nach einer Versart
umgesehen, die durchweg gebraucht werden konnte; aber wie nun eine
solche finden? Den Hexameter wollte ich nicht wählen, um in meinem
Gedicht nicht das griechische Colorit vorwalten zu lassen. Man könnte
sagen: Warum gebrauchtest Du denn den Trimeter in vielen Deiner
nordischen Tragödien? ich antworte: Eine edle, große Sprachform =mußte=
ich haben; die alte, nordische Poesie besitzt keine solche dramatische
Form; der Trimeter hat eine hohe Einfalt, und das alte nordische
Heldenleben zeigt in seinen großen Thaten eine gewisse Aehnlichkeit mit
dem Altgriechischen; deßhalb ließ sich der Trimeter mit seiner kräftigen
Würde sehr gut in das Nordische überführen ohne dessen Eigenthümlichkeit
zu verwischen. Wenn ich nichts Anderes gehabt hätte, würde ich den
Hexameter auch hier gebraucht haben; aber wir hatten, wenn auch nicht
von der Edda und den Skalden her, so doch von den Kämpenweisen des
Mittelalters einen epischen Grundton, der weder verschmäht noch verkannt
werden durfte. Aber in den Kämpenweisen gehen die vier kurzen Zeilen zu
sehr in das Lyrische über, und ermüden das Ohr durch die Wiederholung.
In dem deutschen Nibelungenliede sind die Zeilen doppelt so lang und
nehmen doppelt so viel Stoff in sich auf; aber auch so schien mir
für ein großes Gedicht der Klang zu monoton wiederzukehren. Darin
besteht der Vorzug des Hexameters, daß er den Wohlklang des Verses der
Abwechselung der Prosa in Takt und Wortwendungen verbindet. Ich beschloß
nun in dem Hrolf Krake selbst ein ganz episches Versmaaß zu bilden,
indem ich die Verse, wie sie sich im Nibelungenliede finden, bald in
größeren, bald in kleineren Perioden verband; mit einem Aufenthalt in
den Zeilen, bald hier bald da, bald am Ende mit einem Reim; auf diese
Weise schaffte ich mir selbst einen Vers, der noch nicht gebraucht war,
und glaube dadurch auch die Versmonotonie vermieden zu haben, die sich
in den schönen Dichtungen Ariost's und Tasso's findet.
Hrolf Krake wurde von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften gut
aufgenommen, und ich bekam die 400 Thaler.
* * * * *
[Sidenote: Baggesen's Tod.]
In dem Jahre wo ich Hrolf Krake schrieb, starb Baggesen in Deutschland.
In den späteren Jahren nach meiner =Erklärung an das Publikum= hatte er
aufgehört mich zu verfolgen. Der Tod versöhnt, und das ist das Schöne
am Tode, daß er die ganze Schattenseite des Menschen im Dunkel des
Grabes verschwinden läßt; die Lichtseite bleibt wie ein Lichtgenius
zurück, wie das Unsterbliche, das, wenn der Mensch sich ausgezeichnet
hat, nicht allein dem Himmel angehört, sondern auch etwas Himmlisches
auf der Erde zurückläßt. Und das war mit Baggesen gewiß der Fall.
Seine muntere Laune, sein Witz, seine augenblicklich aufflackernde
Begeisterung, seine Beredsamkeit, sein durch viele Reisen und geistige
Beschäftigung erworbenes Wissen und seine Menschenkenntniß, seine
unendliche Freundlichkeit und Ergebenheit, wenn er gut gegen Jemand
gestimmt war: alles Das mußte ihm Freunde und Bewunderer erwerben. Aber
was ihm leider fehlte, war Ausdauer in Gefühl, Ansichten und Handlungen,
und dieses Wanken störte die meisten schönen Verhältnisse in seinem
Leben, wenn sie eine Zelt lang gewährt hatten. Er hatte nicht männliche
Kraft genug, um seine Bestimmung recht zu erkennen und die Eitelkeit
trieb ihn zu sehr nach dem Scheine zu haschen, und sich selbst und
Andere durch Spitzfindigkeiten und Halbwahrheiten zu täuschen, die in
einem fieberhaft erregten Zustande zu Unwahrheiten und Sünden gegen
Recht und Billigkeit übergingen. Wenige Andere sind mehr von seinen
glänzenden guten Eigenschaften eingenommen gewesen, als ich. In Paris
lebten wir in brüderlichem Verhältnisse, erst in Kopenhagen wandte sich
das Blatt ganz. Wenn ich im Anfange etwas geduldig und vorsichtig gegen
ihn gewesen wäre, so würde er wohl nicht soweit gegangen sein. Eine
gewisse Heftigkeit und Stolz in meinem Wesen fachte damals das Feuer an.
Ich achtete vielleicht auch sein Genie zu wenig; erst mit den Jahren
kommt man zu der besonnenen Billigkeit, die Jedem sein Recht widerfahren
läßt und nicht von gewissen Vorurtheilen der Zeit beherrscht wird. Gegen
Ende unsers Zusammenlebens war der Bruch so gewaltig stark geworden,
daß erst der Tod eine Brücke über diesen Abgrund schlagen mußte. Das
war nun geschehen; der Eindruck der milden friedlichen Tage kehrte
zurück; die schöne Erinnerung rührte mich, und in diesem Gefühle schrieb
ich folgenden Prolog, der auf dem Theater bei seiner Gedächtnißfeier
gesprochen wurde.
Von wehmuthsvollem Schweigen tief durchdrungen
Stehn wir bei dieses Festes trübem Glanz;
Wer hat: »Als ich noch klein war« je gesungen,
Und gönnt der Dichterurne nicht den Kranz?
Wer ging zur Schul' in seiner Kindheit Tagen,
Den Kallundborg'sches Lied nicht froh gemacht?
Wer hat den schwarzen Schülerrock getragen,
Und über Jeppe's Scherze nicht gelacht?
Wer, dem die Liebe einst geflochten hätte
Den Kranz, als sie im Herzen ihm erwacht --
Wer sang mit =Baggesen= nicht Henriette,
Und von Lyciliens, von Selinens Macht?
Wer saß mit Freunden bei dem heitern Mahle,
Und hat sich mit dem Dichter nicht vereint:
»Daß stets das Weib in holder Anmuth strahle,
Daß Bacchus Freude bringt, wo er erscheint?«
Wer fühlt' die Wangen bei der Heimkehr glühen
Und stimmt' nicht jubelnd mit dem Sänger ein:
»Daß nirgends so die Rosen roth erblühen,
Und daß die Dornen nirgends gar so klein?«
Von Stadt zu Stadt wirst Du nicht weiter wallen,
Du muntrer Sänger mit dem heitern Sinn;
Die stumme Harfe trauert in den Hallen
Ihr Leben schwand mit Deinem Leben hin.
Wohl bist Du todt! Doch in dem sel'gen Schlummer
Ward Deinem Herzen Ruh', es blutet nicht.
Gleich Wolkenschatten schwand des Lebens Kummer,
Und herrlich strahlt Dir jetzt das ew'ge Licht.
Es schwindet mit dem Tod des Lebens Grauen.
Es schweigt der Sturm -- der Himmel strahlt im Glanz --
Und wenn wir weinend auf Dein Grab gleich schauen,
So tröstet uns darauf der Lorbeerkranz.
* * * * *
[Sidenote: Tod meines Vaters.]
Kurz darauf verlor ich meinen Vater. Dieser Greis zeichnete sich noch in
einem Alter von 79 Jahren durch Kraft und Munterkeit aus. Seine blauen
Augen strahlten, seine rothen Wangen glühten wie bei einem Jüngling. Wir
nannten ihn den Alten vom Berge. Mehrere Jahre hindurch war es meine
größte Freude, ihn am Sonntag mit Weib und Kindern zu besuchen, und die
Kleinen da spielen zu lassen, wo ich als Kind selbst gespielt. Er war
hitzig und aufbrausend, hatte aber das beste Herz, war versöhnlich,
zuvorkommend, wohlthätig und von Allen die ihn kannten, wegen seiner
Gutmüthigkeit und seines Humors geliebt. Er war eitel auf seinen Sohn;
aber als vernünftiger Vater, der seinen Sohn nicht verziehen wollte,
ließ er mich Nichts davon merken. Nur zuweilen überrumpelte ich sein
Gefühl, wenn er meine Gedichte gelesen hatte. Er unterhielt sich gern
mit Spaziergängern auf dem Schloßberge und besonders gern mit Studenten;
dann leitete er die Rede auf mich, und wenn sie etwas Gutes von mir
sagten, that es ihm wohl, da er sein Incognito noch unentdeckt glaubte.
Das wußten viele gute Menschen und machten dem Alten oft die unschuldige
Freude. Unser Freund Professor Sibbern schrieb vor einigen Jahren zu
seinem Geburtstage ein Gedicht, in dem folgende ehrende Worte standen.
Vor manchem andern schönen Loos',
Das aus der Götter reichem Schooß'
Dem Menschen fällt, erheb' ich Eins,
Das ist, verehrter Alter! Deins.
Dir ward ein ewig wahres Gut:
Die rege Lust, der leichte Muth,
Und zu dem losen, heitern Scherz
Der rechte Quell, das edle Herz!
Der Jugend frischer Lebenssaft,
Des Mannes starke, rasche Kraft,
Dazu des Alters Ehrentracht:
Der weißen Haare Silberpracht.
Er hatte viel natürlichen Witz, von dem ich einige Züge anführen
will. Als er einmal in der Stadt bei einer reichen Freundin zu Mittag
gespeist hatte, wo aber der Ueberfluß nicht stets mit Geschmack und
Ordnung vereinigt war, und wir nach der Rückkehr ihn fragten, wie es ihm
gegangen sei, antwortete er: »Vortrefflich, ich lebte grade so gut wie
Christus am Kreuze, ich bekam Essig und Myrrhen.« Der König kam einmal
hinaus, um eine Fuchsjagd im Südfelde zu halten. Die Treiber umringten
es klappernd. Am Eingange zum Südfelde stand mein Vater und machte als
Schloßverwalter die Honneurs. Der König ging voran und die Hofherren
folgten in geringem Abstande nach. »Guten Morgen, Oehlenschläger,«
rief der König, »sind viel Füchse im Südfelde?« -- »»Noch nicht, Euer
Majestät!«« antwortete mein Vater sich tief verbeugend, mit einem Blicke
auf die Hofherren, »»aber sie werden gleich kommen.«« Das Gelächter, das
Friedrich der Sechste aufschlug, zeigte, daß er ihn verstanden hatte.
-- Aber nicht immer gefielen dem Könige die Antworten des Alten. Als er
einmal mit ihm über einige Zimmer im Schlosse zur weiteren Benutzung
sprach, sagte mein Vater: »Euer Majestät! s' ist kein Loch mehr da,
groß genug, daß ein deutscher Prinz darin liegen könnte.« Mit ernster
Miene aber schonendem Tone, sagte der König zum Oberhofmarschall: »S'
ist Oehlenschläger!« Er meinte also, »dem man Etwas zu Gute halten
muß.« Als mein Vater einmal den König um freies Holz bat, fragte dieser
scherzend: »Sind Sie nicht Holzverwalter?« -- »»Ja, Euer Majestät!««
-- »Und Sie wollen mich glauben machen, Sie hätten nicht freies Holz?«
-- »»Vielen Dank, Euer Majestät!«« antwortete mein Vater, indem er
sich wegen der in scherzendem Tone gegebenen Erlaubniß tief verbeugte.
Mit seiner alten Magd hatte er, wenn er allein saß, viel komische
Gespräche. Als Organist an der Friedrichsberger Kirche war er gewohnt,
Begräbnisse mit derselben Munterkeit zu betrachten wie Hochzeiten
und Kindtaufen; denn bei solchen Gelegenheiten ertönte die Orgel
und war Etwas zu verdienen. Eine stille Beerdigung war früher eine
Strafe, die nur Selbstmörder und andere große Verbrecher traf. Eines
Winterabends sagte er zu dem Mädchen, die in demselben Zimmer spann,
wo er im Lehnstuhle las: »Hast Du Aeltern?« -- »»Nein!«« -- »Verwandte
und Freunde?« -- »»Nein!«« -- »Na, das hat nichts zu sagen, Du sollst
doch ehrlich begraben werden, wenn Du einmal stirbst, Du sollst einen
großen, festen Sarg von gutem Fichtenholz bekommen, und für ein hübsches
Leichenhemde will ich auch sorgen.« Das Mädchen dankte sehr, konnte
aber nicht begreifen, woher diese Güte käme, da ihr nicht das Geringste
fehlte, und sie zwanzig Jahre jünger war, als er. Aber es war, als er
da saß und las, ihm eingefallen, daß sich so etwas ereignen könne, und
so wollte er aus lauter Sorge für das arme Mädchen, da er fürchtete daß
die bevorstehenden Ausgaben bei der Beerdigung sie ängstigen könnten,
ihr den Stein vom Herzen nehmen. Auf diese Weise konnte er ihr nun nicht
helfen, da er früher als sie starb, aber er half ihr doch wirklich
während seiner Lebenszeit, und das auf eigene Weise. Er spielte in der
Lotterie. Der Collecteur wohnte in der Friedrichsberger Allee und
besuchte ihn mitunter des Vormittags. Als mein Vater sich einmal darüber
beklagte, daß er nie Etwas gewonnen hätte, rieth ihm der Andere, weiter
zu spielen, »man könne ja nicht wissen, ob das Glück sich nicht wenden
würde.« Mein Vater nahm also ein Loos, schenkte es aber dem Mädchen,
und diese gewann wirklich 500 Thaler. Einige Zeit darauf wurde derselbe
Collecteur ergriffen als Betrüger, der durch Taschenspielerkünste alle
Nummern ziehen konnte, die er wollte, und sich dadurch große Summen
angeeignet hatte, die er nachher wieder mit Dirnen und vornehmen Gästen
vergeudete. Zuweilen hatte er gute Freunde gewinnen lassen; es mußte
also meinem Vater lieb sein, daß er nicht gewonnen hatte, aber das
Mädchen nahm es nicht so genau und bekam auf diese Weise mehr als sie
zur anständigen Beerdigung brauchte.
Gegen das Ende seines letzten Lebensjahres begann mein Vater zu kränkeln
und litt oft an Erkältungen. Im Frühjahr 1827 bekam er das kalte
Fieber, das oft wiederkehrte, und in der Hitze desselben starb er in
einer frühen Morgenstunde. Als ich hinaus kam und seine freundliche
Leiche in der kleinen Kammer sah, wo ich als Knabe so viele Jahre neben
ihm geschlafen hatte, sang eine Nachtigall draußen im Baum. Und --
sonderbar -- ich habe nie, weder früher noch später, eine Nachtigall
daselbst gehört. Einige Tage später fuhr er den Hügel hinab, den er
so oft betreten hatte, und in der Kirche, in der er 46 Jahre lang die
Orgel gespielt und Psalmen gesungen hatte, wurde sein Sarg vor dem Altar
hingestellt, und sein würdiger Freund, Herr Hofprediger Schiödte, der,
obgleich ein jüngerer Mann, viele Jahre mit ihm umgegangen war, sprach
ehrende Worte an seiner Leiche.
* * * * *
Nun wurde mir also das Friedrichsberger Schloß, das mir während meines
ganzen Lebens meine eigentliche Heimath gewesen war, eine fremde
Stätte, und der liebe Heerd von einer andern Familie eingenommen.
Zufälligerweise geschahen gleich nach dem Tode meines Vaters viele
Veränderungen an dem Schlosse, dem Garten und der Landstraße, welche
viel dazu beitrugen, mir das Wohlbekannte fremd zu machen. Der kleine
Garten meines Vaters, den er aus einem Steinhaufen in ein fruchtbares
Plätzchen umgewandelt hatte, lag neben dem der Kronprinzessin. So
lange der Greis lebte, konnte sie es nicht über sich gewinnen, ihm
denselben zu entziehen, aber, als er nun todt war, wurde das Plankenwerk
fortgenommen, dieser Platz verändert und mit den übrigen Anlagen
verbunden. Einige Fruchtbäume blieben stehen, und hier muß ich einen
schönen Zug vom Herzen der Kronprinzessin anführen. -- Im nächsten Jahre
in der Kirschenzeit schickte sie meinen Kindern einen Korb mit Kirschen,
in welchem ein kleiner Zettel lag auf dem von ihrer Hand geschrieben
stand:
»Von des Großvaters Baum
=Caroline=«.
Ich habe diesen Zettel in mein Stammbuch geklebt.
* * * * *
[Sidenote: Carsten Hauch.]
Kurz nach dem Tode meines Vaters kam mein Freund =Carsten Hauch= von
seiner Reise ins Ausland zurück. Das Wiedersehen erfreute mich, denn ich
hatte lange den Umgang dieses herrlichen Freundes entbehrt. Seine Reise
hatte seine Kenntnisse vermehrt und erweitert, und ihn mit vielseitiger
Bildung bereichert; auch den Musen hatte er gehuldigt und brachte mehre
Dichtungen heim, die er in Italien geschrieben hatte. Von diesen gefiel
mir =Die Hamadryade= am Wenigsten; aber da Ludwig Tieck besonders dieses
Gedicht (das auch Deutsch geschrieben war) gelobt und sich erboten
hatte, es mit einer Vorrede herauszugeben -- was übrigens unterblieb, --
so wollte ich nicht widersprechen.
In =Tiberius= bewunderte ich das vortreffliche historische Portrait und
fand, daß Hauch den Tacitus meisterhaft in Poesie übertragen habe. In
diesem sowie in den übrigen Stücken herrscht eine edle Indignation über
die empörenden Laster der Erde, die sich in beißender, tragischer Satire
ausspricht. Die vielen schönen pathetischen Stellen, die originellen
Bilder, z. B. Gregor's Beschreibung der Kirche, Tiber's Monologe, zeugen
von wahrem Dichtergenie. Nur scheint es mir, als ob in diesen Tragödien
und später besonders in =Don Juan= zuviel Grau in Grau gemalt sei.
Daß er in seinem =babylonischen Thurmbau= (in dem übrigens viel
=Aristophanisches= ist) zu weit ging, muß mit der Heftigkeit
entschuldigt werden zu der man leicht verleitet wird, wenn man lange
vergebens gegen Unbilligkeit und Spott ankämpft.
* * * * *
[Sidenote: Meine gesammelten Werke.]
Im Mai 1828 erhielt ich vom Buchhändler Max in Breslau einen Brief,
der mich auf angenehme Weise überraschte. Als deutscher Verfasser
hatte ich in oft wechselnden Verhältnissen zu deutschen Buchhändlern
gestanden. Cotta kam mir liberal entgegen, bezahlte gut, that aber
nichts, meinen Büchern Absatz zu verschaffen. Er druckte sie, wie der
alte Brockhaus sagte, auf Löschpapier, ließ sie auf dem Boden liegen,
ohne recht für den Absatz zu sorgen, und sie dann in seinen eigenen
Blättern herunterreißen. Das Manuscript zum Palnatoke war ihm abhanden
gekommen, doch fand er es aber nach Jahren wieder. Meinen Correggio ließ
er auch mehrere Jahre liegen, ehe er ihn druckte. Kein ästhetisches Werk
in Deutschland hat größeres Glück gemacht. Correggio wurde auf allen
Theatern 30 Jahre lang gespielt, und Cotta, der keinen Contract mit
mir geschlossen, hat gewiß mehrere Auflagen davon gemacht. Uebrigens
glaube ich, daß er an den meisten meiner Arbeiten verloren hat; das
Altnordische schmeckte den Deutschen nicht. Zuletzt hatte weder er, noch
der jüngere Brockhaus Lust, meine Gedichte zu verlegen. Als ein Beispiel
hierfür mag dienen, daß mir Brockhaus die Uebersetzung meines Helge
zurücksandte, ohne das Werk verlegen zu wollen. Helge hatte ich nicht
ganz allein übersetzt; ein Herr Voß in der deutschen Kanzlei hatte
erst das Gedicht übersetzt und mir dann erlaubt, es ganz nach meinem
Sinne zu bearbeiten. Das hatte ich dann auch gethan. So ist Helge in der
Sammlung gedruckt, die später bei Max erschien, und so las Brockhaus das
Gedicht, wie er mir versicherte, mit großem Vergnügen. Aber er wagte
nicht, es zu verlegen, aus Furcht vor Mangel an Absatz. Die Uebersetzung
von Tegnér's Frithiof war in Aller Mund und erlebte eine Auflage nach
der andern; -- aber Helge wurde nie besprochen und stets nur von Wenigen
gelesen. Weshalb? theils wohl, weil die Kraft der Originalsprache
nicht darin war; das war aber auch bei den Uebersetzungen des Frithiof
nicht der Fall. Die Hauptursache war, daß Frithiof mit seiner
=sentimental-erotischen= Lyrik den Damen gefiel; dagegen hatten nur
wenige deutsche Männer Interesse für das =Episch-Heroische= in Helge.
Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, als Schriftsteller in
Deutschland ferner noch aufzutreten, als Max mir schrieb:
»Euer Wohlgeboren wollen mir vergönnen einige Zeilen an Sie richten zu
dürfen. Es betrifft Ihre Werke, welche vor vielen andern es verdienen,
vollständig gesammelt in einer neuen Ausgabe zu erscheinen. Erlauben
es Zeit und Verhältnisse an eine Gesammtausgabe Ihrer vortrefflichen
Schriften zu denken, so wage ich es mich als Verleger anzubieten, --
indem ich und meine Firma dadurch geehrt werden. Die Autoren sind einmal
die Sonnen der Buchhändler, diese erhalten nur Licht und Glanz durch
jene, und todt ist ihr Wirken, wird es nicht durch jene belebt«.
Das war nun eine erfreuliche Nachricht, und wir wurden bald einig.
* * * * *
[Sidenote: Camma Rahbek's Tod.]
Noch ein paar Jahre nach dem Tode meines Vaters blieb mir das Hügelhaus
in jeder Beziehung ungestört. Rahbeks hatten keine Kinder, sie lebten
in denselben Zimmern, auf dieselbe Weise, wie vor dreißig Jahren, wo
ich ihre Bekanntschaft machte. Eines Abends, im Jahre 1828, als ich
bei ihnen am Tische saß, schien es mir selbst so höchst wunderbar, daß
ich kein rechtes Vertrauen zur irdischen Beständigkeit fassen wollte,
sie erschien mir wie ein Blendwerk. Und das war es, denn kurz darauf
verschwand die schöne Seifenblase. Camma Rahbek's Husten nahm immer mehr
zu; sie hatte einige Jahre hindurch gekränkelt, und man gewöhnt sich
endlich an so Etwas, daß man sich nicht mehr darüber beunruhigt, weil
man immer hofft, daß es wenigstens beim Alten bleiben werde; aber der
Lampe fehlt es endlich an Oel und sie geht aus. Rahbek hat im letzten
Theil seiner Erinnerungen ihren Tod so anziehend und schön beschrieben,
daß ich nichts Besseres thun kann, als den Leser, der mehr von ihr
wissen will, darauf zu verweisen. Mein Freund, Bischof Mynster, hat uns
eine vortreffliche Charakteristik von Beiden gegeben.
Als in den letzten Tagen ihr Husten sich sehr verschlimmerte, schenkte
ihr Frau Brun eine hübsche Ziege, deren Milch sie trank, und die sie
zu ihrem Vergnügen im Zimmer hatte. Ich pflegte ihr sonst selten Etwas
von dem, was ich schrieb, vorzulesen, aber nun fühlte ich gleichsam
einen Drang dazu in der Ahnung, daß es das letzte Mal sei. Ich hatte
grade Karl den Großen vollendet, und Camma lag auf ihrem Sopha und
hörte zu, während Rahbek an ihrer Seite saß. Ich entsinne mich noch,
wie sie bei der Stelle zusammenschreckte, wo Wittekind Karl, der ihn
bittet, die Axt liegen zu lassen, mit einem donnernden: »Nein, Karl«!
antwortet. Sie folgte der Lectüre mit Theilnahme und Aufmerksamkeit.
Dies war aber auch unser letzter geistiger Verkehr hier auf Erden. In
der strengen Winterkälte bekam ich einen Podagraanfall; der starke Frost
hat vielleicht auch ihr Ende beschleunigt; sie starb und ich konnte
ihrem Sarge nicht folgen, aber ich schrieb ein Lied, das sich in meinen
Gedichten findet.
[Sidenote: Rahbek's Tod.]
Rahbek folgte seiner Camma ein Jahr darauf. Dieser merkwürdige Mann
hat viel zur Verbreitung der ästhetischen Kultur in seinem Vaterlande
beigetragen, obgleich er oft verkannt wurde, und, wie dies häufig der
Fall ist, viel von der Undankbarkeit einer jüngern Zeit litt. Rahbek's
Geist war nicht tief, seine Phantasie nicht feurig, sein Verstand
nicht scharf, aber mit einer außerordentlichen Liebe für den Theil
der Poesie, für den er sympathisirte, hatte er seine Empfänglichkeit
dafür, seine Einsicht darin durch unablässiges Studium und wiederholte
Lektüre ausgebildet. Mit feinem Scharfblicke, Witz und Beobachtungsgabe
ging er auf das Psychologische in den dichterischen Motiven ein; aber
obgleich Ewald ihn erst geweckt hatte, und er diesen Dichter stets
als unerreichbar groß ansah, so hatte doch Rahbek's eigene Natur ihm
besonders die Schilderungen des Lebens lieb gemacht, die sich in den
Iffland'schen Stücken finden, von denen wir nach seiner Zeit herrliche
Früchte in den von Heiberg herausgegebenen Alltagsgeschichten, kurz, in
dem poetischen Genrebild erhalten haben. In den besseren Iffland'schen
Stücken spielte Madame Rosing in Rahbek's jüngern Jahren ganz
vortrefflich; diese herrliche Künstlerin hatte einen tiefen Eindruck
auf Rahbek gemacht, er liebte sie mit platonischer Liebe, und das trug
gewiß nicht wenig dazu bei, ihn diese häuslichen Scenen lieb gewinnen
zu lassen, die sein erstes sentimentales Entzücken über Rousseau's neue
Heloise und Göthe's Werk verdrängte. Für das Pathetische hat er von
Natur weniger Interesse, obgleich das Große und Patriotische stets einen
tiefen Eindruck auf ihn machte. Aber in seiner witzigen kalten Stimmung
konnte er auch oft das Schwülstige und Uebertriebene auffinden, das er
ebenso sehr wie den Luxus und die Vornehmheit haßte.
Als Ryge einmal von Deutschland nach Hause kam, wo er Eßlair gesehen
hatte, und nun Hakon Jarl wieder spielte, meinte Rahbek, daß er wider
seine Gewohnheit ein Bischen zu stark auftrüge, und sagte, indem er ihn
fortwährend durch sein Perspectiv ansah: »Ja, das ist ganz gut, aber
die Natur ist nicht Deutsch«. Daß Rahbek witzig war, und daß seine
Trinklieder mit das Beste sind, was wir in dieser Art besitzen, darüber
sind Alle einig. Und ihm selbst lag doch nichts am Trinken, obgleich
er sich in seiner Jugend in Dreyer's Klub und in der Norwegischen
Gesellschaft aus Freundlichkeit und Nachgiebigkeit gegen die Anderen
bisweilen einen Rausch getrunken hatte. »Der Wein schmeckt mir
eigentlich wie Essig«, sagte er. Und darin hatte er Recht; denn =der=
Wein, den er in einzelnen Flaschen täglich nach dem Hügelhause aus der
Stadt holen ließ, hatte wirklich viel gemein mit dieser Säure. -- Rahbek
fehlte es an Charakterfestigkeit, so eigensinnig er auch war; eine
gewisse Schwäche des Geistes verhinderte ihn zuweilen ganz aufrichtig
zu sein; aber im Grunde war er ein sehr guter und sanfter Mensch. Er
hatte nicht nur Witz, sondern auch echtes Gefühl als Dichter in seiner
Bearbeitung von =Der Todten Wiederkehr=, seinem =Marienhügel= u. a. m.
an dem Tag gelegt. In seiner Persönlichkeit war sehr viel Komisches.
Zwei Dinge, zu denen die Natur ihm jede Fähigkeit versagt hatte, hatte
er am liebsten werden wollen, und beklagte immer, daß ihm die Umstände
dies versagt hätten, nämlich Soldat und Schauspieler. Im Studentencorps
war er stets ein eifriger Krieger; obgleich er nicht das Exercitium
lernen konnte, und selbst einmal gestand, »daß sie ihn zum Lieutenant
_à la Suite_ gemacht hätten, weil er nicht zum Gemeinen taugte«, trug
er doch noch beständig die Uniform, nachdem sie die Andern schon längst
abgelegt hatten. Comödie wollte er ungeheuer gern spielen. Einmal
sollte Robinson in England in Borups Gesellschaft aufgeführt werden.
Ich begegnete Rahbek sehr vergnügt auf der Straße. »Wo willst Du hin«?
fragte ich -- »»Ich will meine eigene Rolle spielen««. Es war die des
Magister Romanus. Rahbek meinte, daß ich in der Replik, wo von diesem
Magister gesagt wird, daß er für jede Meinung, die er sagte, wenn sie
noch so alltäglich sei, eine classische Autorität anführen müsse, auf
ihn gestichelt hätte.
[Sidenote: Zur Charakteristik Rahbek's.]
Rahbek war ein Cyniker; seiner Frau schenkte er oft schöne Kleider
und Putz; er selbst aber ging in einem groben dunkelblauen Rock und
kaufte sich erst einen neuen, wenn der alte ganz abgetragen war. Ich
sah ihn einmal, wie er auf offener Straße, vor einem Kleiderladen,
einen Rock anprobirte, den er kaufen wollte. Einen Regenschirm brauchte
er niemals; oft kam er durch und durch naß vom Hügelhause zur Stadt,
um Vorlesungen zu halten. Einmal wollte ihm der Pedell einen Rock
leihen, da er wie eine gebadete Maus aussah, aber er nahm ihn nicht an;
naß, wie er war, bestieg er das Katheder. Es wäre gewiß kein Wunder
gewesen, wenn er in diesem Zustande eine ziemlich trockene Vorlesung
gehalten hatte. Gastfrei empfing er seine Freunde bei seinen kleinen
Abendgesellschaften; aber wenn man den ganzen Weg gekommen war, ohne
beschmutzt worden zu sein, so konnte man dies doch unmöglich vermeiden,
wenn man dicht an seine Hausthür kam, die durch einen Tümpel verschanzt
war. Bischof Mynster schenkte Rahbek einmal etwas, das er selbst finden
sollte, zu seinem Geburtstage; wenn es aber Andere nicht gesagt hätten,
so würde er selbst es nicht entdeckt haben: es war nämlich ein eiserner
Abstreicher, den Mynster draußen vor der Thüre hatte anbringen lassen.
Als Rahbek todt war, that es den Leuten leid, zu hören, daß das liebe
Hügelhaus, welches so reich an schönen Erinnerungen war, eingerissen
und umgebaut werden sollte! Aber dies war wirklich durchaus nothwendig,
denn das Hügelhaus war eine elende Baracke, die nicht länger stehen
konnte. Bereits vor dreißig Jahren war es ein schlechtes Gebäude; aber
es lag anmuthig bei dem Südfelde (wohin Rahbek übrigens niemals einen
Fuß setzte) und er liebte die schöne Aussicht von dort. Eigentlich hatte
Pram diesen hübschen Landsitz gefunden und Rahbek vorgeschlagen, dort
mit ihm zu wohnen; denn von selbst wäre Dieser nicht darauf gefallen.
Eines komischen Scherzes von Pram entsinne ich mich, den Rahbek mir
erzählte. Als sie die Wohnung gemiethet hatten, ging Rahbek umher,
die Zimmer anzusehen, und als er zu dem Zimmer zurückkehrte, wo er
Pram verlassen hatte, lag dieser auf dem Rücken, alle Viere von sich
gestreckt, auf den Dielen. Rahbek wurde ängstlich und glaubte, Pram
hätte einen Anfall bekommen; dieser aber beruhigte ihn und sagte: »Mir
fehlt Nichts; ich habe mich nur so hingelegt, damit das Zimmer ein
Bischen höher wird«.
* * * * *
[Sidenote: Besuch in Schweden.]
Im Sommer 1829 bekam ich eines Tags einen Brief vom Literaten Ove
Thomsen, in dem er mir vorschlug, mit ihm eine Lustfahrt auf dem
Dampfschiffe nach Malmöe und Lund zu machen. -- Eine solche Aufforderung
war nöthig, denn sonst wäre es mir nicht eingefallen und ich hätte mich
mit meiner gewöhnlichen Abendpromenade nach Friedrichsberg begnügt.
Mit meinem jüngsten Sohne William machte ich nun diese schwedische
Reise, und als ich auf dem Schiffe stand und mich der fremden Küste
näherte, konnte ich selbst nicht begreifen, warum es mir nie eingefallen
war, öfter hinüber zu fahren. Von meiner frühesten Kindheit an hatte
vom Friedrichsberger Hügel aus stets die Schoonen'sche Landstrecke den
Horizont für mein Auge gebildet. Durch das Telescop meines Vaters hatte
ich oft nach Malmöe hinüber gesehen, wenn der Sonnenschein daselbst auf
den Kirchthurm fiel.
In dem Bade =Ramlöse= bei Helsingborg, war ich freilich schon gewesen.
Um einmal an einer gesellschaftlichen Unterhaltung an diesem Orte
Theil zu nehmen, und um das Gewimmel der Nachbarnation zu sehen, von
der ich nur Einzelne kannte, fuhr ich eines Tags hinüber, als ein Ball
stattfinden sollte. A. S. Oersted, Spieß, Winckler und noch viele Dänen
fuhren mit. Man hatte nicht den König =Karl Johann= zum Feste erwartet;
er kam, und dies veränderte die Situation etwas. Man hatte geglaubt, daß
der Ballsaal zu öffentlichem Gebrauche sei, nun kam der schwedische Hof,
aber die Fremden wurden sehr artig empfangen. Im Saal konnte freilich
Keiner in des Königs Quadrille tanzen, der ihm nicht vorgestellt
war, weshalb der Hofmarschall mit vieler Höflichkeit mehrere sich
eindrängende Gäste darauf aufmerksam machen mußte. Ich drängte mich
durch das Gewimmel, um in das Vorgemach zu kommen, das auch voller
Menschen war. Hier wollte ich an der Thüre stehen bleiben, um den König
zu sehen, wenn er vorbeiginge, weil ich doch diesen großen Helden und
ausgezeichneten Menschen einmal in meinem Leben zu sehen wünschte. Ich
hatte noch nicht lange gestanden, als sich ein Adjutant den Weg zu mir
bahnte, und mich fragte: »ob ich Oehlenschläger sei!« Ich antwortete:
»»Ja.«« »Dann habe ich den Befehl, Sie zu Se. Majestät zu bringen.«
Ich folgte ihm und stand vor Karl Johann's ausgezeichnetem Antlitz. Er
sprach sehr gnädig mit mir, und fragte mich unter Anderm, ob ich einige
schöne schwedische Damen gesehen habe. Als ich es bejahte, lud er mich
ein, da zu bleiben und mit zu Abend zu speisen. Ich saß lange und sprach
mit dem alten Grafen de la Gardie, später aber, als ich in den Pavillon
gehen wollte, um zu speisen, war dieser schon ganz besetzt, zum Theil
von Dänen, die wohl kaum eingeladen worden waren. Ich bekam nichts. Dies
gab mir Veranlassung, viele Jahre darauf den König Oskar zum Lachen
zu bringen, als ich ihm erzählte, daß ich einmal von einem Souper mit
trocknem Munde gehen mußte, obgleich sein hochseliger Vater mich selbst
eingeladen hätte.
* * * * *
[Sidenote: Lund.]
Wir reisten also nach Malmöe. Der gegen alle Dänen so freundliche und
äußerst gastfreie Landrichter Hoffmann näherte sich in einem Boote dem
Dampfschiff, um uns zu empfangen. Im Wagen des Landrichters fuhr ich mit
meiner Reisegesellschaft in die Stadt. Wie wohlgestimmt fühlte ich mich
gleich bei diesem heitern Mann! Die fremde Küste übte, in der schönsten
Jahreszeit vor uns ausgebreitet, ihre Zaubermacht auf uns aus. Wir waren
von lauter zuvorkommenden Schweden umgeben; der früher dem dänischen Ohr
so feindlich klingende Dialekt schmeichelte sich mit allem Wohlklange
ein. Mein lustiger, herzlicher Wirth bewohnt ein Haus, das, wenn auch
nicht regelmäßig, doch behaglich ist. Eine Menge Zimmer hängen voll
von Kupferstichen und Gemälden; gute Möbel standen überall, und ein
mechanischer Canarienvogel in einem Bauer wurde gleich in Bewegung
gesetzt und mußte uns etwas vorpfeifen. Kleine Tannenzweige waren auf
die Dielen gestreut. Dies ist ein allgemeiner Brauch in Schweden, und
ich möchte ihn um Vieles nicht entbehren; es versetzte meine Einbildung
ganz in das Land der Tannen- und Fichtenwälder.
Später gingen wir mit dem Probst =Gullander= in die Kirche, die
ich so oft vom Friedrichsberger Hügel gesehen hatte. Hier traf ich
Leichensteine und Tafeln voll von dänischen Grabschriften. Die Bauern
in Schoonen haben noch sehr viel von unserer Sprache, und die andern
Schweden sagen von ihnen, daß sie Dänisch sprechen. Der Knudsaal auf dem
Stadthause, groß und schön gebaut, erinnerte gleichfalls an Dänemark;
in der Vorhalle hängen die Bilder der Königin Margaretha und aller
dänischen Unionskönige, und im Saale selbst ist der Hintergrund mit
einem Bild geschmückt, das den König Knud den Heiligen in Lebensgröße
darstellt. Ich sah auch die Portraits Karl XII. und Gustav III., beides
schöne junge Köpfe; aber man kann sich keinen größern Gegensatz denken,
von trotziger Ehrlichkeit und feiner List, die sich unter der Maske der
Höflichkeit verbirgt.
Unser guter Landrichter fuhr uns darauf nach Lund, wo wir in dem Hause
des verstorbenen Professors =Lidbeck= abstiegen, und wo der Adjunct
=Wieselgren= mich bewirthete. Nach der Mahlzeit kam eine Deputation
Lunder Studenten, schwarz gekleidet, mit Degen an der Seite, und luden
mich ein, in nächster Woche dem Rectorwechsel und der Magisterpromotion
beizuwohnen. Professor =Engeström= führte mich darauf in die Bibliothek,
in das Museum und endlich in den botanischen Garten, wo die Studenten
in einem Pavillon sich versammelt hatten. -- Engeström sagte mir hier
einige ehrende Worte; alsdann wurde ein vierstimmiges Lied gesungen.
Darauf ging ich mit Engeström zu Professor =Lindfors=, der Kindtaufe
hatte und mich bei dieser Gelegenheit bei sich zu sehen wünschte.
Wenn ich kurz zuvor in dem Pavillon die begeisterte akademische
Jugend kennen gelernt hatte, so erfreute es mich hier, bei einem
kleinen Feste, fast alle Professoren zusammen zu sehen und mit einigen
Bekanntschaft zu machen, unter Anderen mit einem alten ehrwürdigen
Juristen, der mir sagte: »Ich kenne auch Kopenhagen, aber nur aus dem
vorigen Jahrhundert.« Die idyllische Weise, wie solche Feste gefeiert
werden in dem mit Blumen geschmückten Zimmer, wo der Wirth selbst mit
dem Präsentirteller umhergeht und den Gästen Wein anbietet, erinnerte
mich an meine Jugend, als ähnliche alte Gebräuche auch noch bei uns
stattfanden und die Herzlichkeit und Festlichkeit noch nicht ganz und
gar durch das galante und vornehme Element verdrängt waren.
Nun fuhr ich mit meiner Gesellschaft wieder nach Malmöe und glaubte
Alles sei vorbei; aber wie ward ich überrascht, als ich eine weite
Strecke von der Stadt entfernt alle Studenten wiedersah; als der Adjunct
der theologischen Facultät =Thestrup= an den Wagen trat und in einer
begeisterten Rede im Namen der Schweden für den Genuß dankte, den
ihnen meine Schriften bereitet hätten. Unter einem oft wiederholten
Hurrah fuhr ich tief bewegt davon, es erschien mir wie ein Traum.
Ich, der zu Hause soviel Verfolgungen hatte erleiden müssen, der
unaufhörlich in öffentlichen Blättern getadelt, der jeden Augenblick
auf der Bühne angegriffen wurde, der nicht mehr in der galanten Welt
Mode war, ich ward hier so aufgenommen! -- Aber ich wurde deshalb
nicht undankbar gegen mein geliebtes Dänemark. Die schöne Flamme eines
begeisterten Augenblickes ergriff mich, aber ich vergaß nicht, daß es
ein begeisterter Augenblick war; ich wußte, daß ich auch daheim Freunde
hatte.
[Sidenote: Der Dichter und die Eitelkeit.]
Wenn man einander doch recht verstehen wollte! Viele glauben, daß wir
Dichter, als höchst eitle Wesen stets Weihrauch verlangen; daß wir nicht
glücklich seien, wenn nicht von uns gesprochen wird. Durchaus nicht!
das allzugroße Lob ängstigt im Gegentheil, weil wir fürchten, daß die
Tadelsucht auf den Augenblick, sich zu rächen harre. Wären wir doch
so glücklich, eine ruhige, unerschütterliche Achtung, wie ein anderer
ehrlicher Bürger im Staate zu genießen, der sich durch die Handlungen
seines Lebens Zutrauen erworben hat. Aber nein! Erst zweifelt man, daß
wir Dichter =seien=, und kaum haben wir dies bewiesen, so zweifelt man,
daß wir es =bleiben= werden. Mit jedem neuen Werke müssen wir, wie vom
Anfang an, Alles beweisen. Und gefällt ein Werk nicht, so übertäubt der
Tadel eine Zeit lang alles frühere Lob. Alle Halbgebildeten wollen uns
unsere Kunst lehren; eine Menge Leser trauen sich zu uns als Richter
=übersehen= zu können. Also sind wir in unserer eignen Kunst die am
Verstande Aermsten! Jean Paul sagt: »Wer sich, wie Adelung das Genie
ohne Verstand denkt, der denkt es wirklich ohne Verstand! -- Aber das
geschieht doch oft. Die Reife und Menschenkenntniß, der Scharfsinn und
die Urtheilskraft, die dazu gehören ein großes Dichterwerk zu beginnen
und zu vollenden, kommen nicht in Betracht. »Es =glückt uns= zuweilen,«
heißt es, -- »und häufiger =mißglückt= es.« »Wir sind große Kinder, die
mit verbundenen Augen in das Glücksspiel des Genie's hineingreifen;
Fruchtbäume, die reife oder unreife Früchte, gerade wie es sich trifft,
den vernünftigen, gebildeten, geschmackvollen Essern darbieten!« --
Und mit dieser Achtung, die fast an Verachtung grenzt, sollten wir uns
begnügen lassen! -- denn was ist ein Künstler, wenn er nicht einmal ein
Mann ist? Und was ist ein Mann, ohne Vernunft, ohne Geschmack, ohne
Sicherheit in seiner Kunst? Ich will nicht ausführlicher erinnern, was
ich durch unbilliges Herunterreißen gelitten habe; ich will nur noch
erzählen, daß auch meine Kinder von anderen Kindern Hohn und Spott
ertragen mußten, weil sie einen solchen Vater hatten. Das war auch ganz
natürlich, denn Kinder sprechen nach, was sie von den Aeltern hören.
Aber diese Stimmung war, Gott sei Dank, schon ziemlich vorüber. Heute
hatte mein Sohn Freude an seinem Vater, und meine guten Landsleute
hatten sich auch gefreut, was sie bei der Heimkehr mir durch ein Vivat
kundgaben; auch das Jahr darauf ehrten mich dänische Studenten an meinem
Geburtstage durch ein Hoch.
* * * * *
Nach oben gethaner Aeußerung hoffe ich, daß man mich weder der Eitelkeit
noch des Hochmuthes beschuldigen wird, wenn ich mich künftig öfter bei
der Güte und Ehre aufhalte, die mir daheim und in der Fremde erwiesen
worden, ebenso wie ich früher oft bei der Feindseligkeit und dem Undank
weilte, die ich ertragen mußte. Man hat mich zuweilen der Eitelkeit und
Eigenliebe angeklagt. Es dürfte bei dieser Gelegenheit wohl der Ort
sein, von diesen Fehlern und der Anwendung auf mich zu sprechen. Daß ich
ehrlich und aufrichtig bin, glaube ich durch mein ganzes Leben bewiesen
zu haben. Wir wollen erst die Eitelkeit vornehmen. Die eigentliche
Eitelkeit besteht darin, daß man sich mit Kleinigkeiten brüstet, oder
scheinen will, was man nicht ist. Diese Eitelkeit trifft mich nicht: ich
hatte stets einen Abscheu davor, mich mit fremden Federn zu schmücken.
In meiner Jugend suchte ich mein Aeußeres so hübsch als möglich zu
machen; aber das war nicht Eitelkeit, um zu glänzen, sondern um den
Damen zu gefallen, die mir stets außerordentlich gefielen. Diese Lust zu
gefallen, die ja jedem Dichter bei seinen Werken vorschwebt, ist nicht
Eitelkeit, sondern ein ganz natürlicher Trieb. Wozu sollte man sie sonst
veröffentlichen? Ich leugne nicht, daß es Dichter giebt, selbst einige
mit scharfem Verstande und viel Phantasie, die mit Recht eitel genannt
werden können, weil sie mehr an sich selbst als an ihr Werk denken, aber
derjenige, der mit warmem Herzen seine geistigen Erzeugnisse mehr als
sich selbst liebt, wünscht ja nichts Anderes als Sympathie zu finden,
das heißt Liebe und Harmonie in der Gedanken- und Gefühlsweise, und das
ist nicht Eitelkeit: das ist eine der unentbehrlichsten Grundtriebe
der Natur. Diese Lust zu gefallen leitet, mit Tüchtigkeit verbunden,
zu all den liebenswürdigen, erquickenden Verhältnissen im Leben, die
der kalte Egoist, der hochmüthig schweigt und sich selbst genügt, weder
kennt noch zu denen er beiträgt. Er ist der wirkliche Eitle, denn er
strebt nach einem Nichts, das weder Realität noch Idealität hat. -- Was
nun die Selbstliebe betrifft, so ist diese auch natürlich, wenn sie
mit Liebe zu allem Guten außer uns verbunden ist. Als Christus sagte:
»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,« räumte er der Selbstliebe eine
bedeutende Stelle ein. Wer nicht sich selbst und Andere belügt, gesteht
auch, daß er sie hat. Sie ist genau mit dem Selbsterhaltungstriebe
verbunden. Daß die heroische Selbstaufopferung für Andere etwas Großes
und Erhabenes ist, das bei weitem nicht Alle besitzen, leugne ich nicht;
die verschiedenen Tugenden strahlen in verschiedenen Richtungen; der
Künstler ist meist gewöhnt, seine Lebenskraft seinem Werke zu opfern;
doch kann auch er, wenn es die Noth verlangt und die Begeisterung ihn
entflammt, Leben und Blut für Vaterland, Gesundheit, Glück und Freude,
für seine Lieben aufopfern.
Es giebt noch mehrere Gründe das zu besprechen, was ich nun künftig
besprechen werde. Es verschweigen, hieße meiner Biographie ihren halben
Stoff rauben, hieße undankbar sein gegen die vielen Edlen, die dazu
beigetragen haben, mir mein Leben zu versüßen; würde Züge vernichten und
verwischen, die zur Charakteristik des Zeitalters gehören.
* * * * *
[Sidenote: Zweite Fahrt nach Schweden.]
Ich reiste also den Sonntag darauf mit meiner Familie nach Malmöe.
Es war, als ob das Schicksal bestimmt hatte, daß ich die wenigen
Tage, die ich in Schweden zubrachte, Zeuge der verschiedenartigsten
Auftritte menschlicher Zustände, Leidenschaften und Gefühle sein
sollte. Herr Crysander, Vorsteher des Irrenhauses, zeigte uns diese
Anstalt; und hier sahen wir travestirte tragische Masken genug in
einem lustigen Tanze. Einen eingebildeten Gott, eine 70jährige alte
Jungfrau, die noch wie eine Hamlet'sche Ophelia mit Blumen und bunten
Lappen schwärmte, einen verrückten Gelehrten, der täglich einen Bogen
voll Krimskrams schrieb u. s. w. -- Diese Scene wechselte mit einer
durchaus entgegengesetzten Art. Der hochverdiente Landeshauptmann Baron
Klinteberg war gestorben. So wie ich in der vorigen Woche eine Einladung
in Lund zu einer Kindtaufe erhielt, so bekam ich hier eine zu einer
Beerdigung. Eigentlich war es eine Beisetzung, denn die Leiche wurde
Abends in eine Kapelle gebracht, um später beerdigt zu werden. Ich trat
in den dunkeln Saal, wo schwarze Vorhänge das blendende Tageslicht
verdeckten, und schwache Wachskerzen ihren Schimmer über den schwarzen
Sarg warfen. Die angesehenen Männer der Gegend standen stumm in einem
Kreise, der Propst Gullander trat hervor und sprach kräftig und rührend.
Das Gefühl, daß ich hier als Lutheraner unter Lutheranern stand, die
fast meine Sprache redeten, und ungefähr unsere Religionsbräuche hatten,
brachte mich den Schweden noch näher; aber hauptsächlich daß ich mich
als Christ und Mensch unter christlichen Menschen an einem Sarge befand!
-- Der edle Sohn, der durch den Tod seines edlen Vaters vernichtet war,
rührte mein Herz, und ich fand es so schön, daß, als der Sarg auf den
Leichenwagen getragen werden sollte, er selbst, nach dem Gebrauch des
Landes, anfaßte und die Leiche des Vaters hinabtragen half, indem er
sein Haupt über den Deckel hinbeugte und ihn mit Thränen benetzte.
[Sidenote: Ernste und heitere Eindrücke.]
Welch ein Unterschied! als ich später in der herrlichsten Abendröthe,
im Treiben munterer Menschen, nach dem Hafen hinunter zum Dampfschiff
ging, das gepfropft voll unter einem brüderlichen Hurrah von Dänen und
Schweden nach Kopenhagen zurückkehrte.
Den Tag darauf aßen wir bei Kammerrath Qvenzel, wo die besten Männer
Malmö's versammelt waren, und mir wieder ein Lied zu Ehren sangen.
Ich saß neben der anmuthigen Frau Kiellander, einer jungen Dame
voll Talenten und feiner Bildung. Ich ahnte nicht an diesem warmen
Sommertage, daß sie den Winter darauf mit ihrem Manne und ihrem Kinde in
den kalten Wogen unter dem Eise den Tod finden würde! --
* * * * *
[Sidenote: Lund. Tegnér.]
Nachmittags fuhren wir nach Lund, um das Concert von Fräulein =Schoulz=
in dem alten Dom zu hören. Mit welcher Ehrfurcht betrat ich diesen
Tempel! Eines der größten Denkmäler dänischer Geschichte. Absalon's,
Anders Sunesen's und Saxos Heimath, von wo die älteste dänische
Wissenschaftlichkeit ausging. Ich erhob die Augen mit Ehrfurcht zu
der heiligen Wölbung, unter welcher der Staub so vieler dänischer
Ritter und Geistlichen ruht. Ich sah in der Krypta den versteinerten
Zauberer Finn die Säule umklammern, und oben in dem innern Chor stand
der heilige Laurentius aus Erz gegossen, auf einer Säule, seinen Rost
in der Hand haltend. In dem äußern Chor der Kirche war eine Erhöhung
mit reichen Blumengewinden und Kränzen zum heutigen Feste gebaut. Aber
heute Abend benutzte sie das junge schwedische Fräulein, und schlug wie
eine Nachtigall ihre reinen Triller unter der Wölbung in die Abendröthe
hinaus, zur Freude für die vielen Menschen, welche die Kirche anfüllten.
Hier traf ich meinen Freund, den Bischof Tegnér wieder, der mich
verschiedene Male in Kopenhagen besucht hatte.
Wir aßen Abends zusammen bei der Frau Bischof Faxe, und wurden durch
die Studenten vom Tisch in den Lustgarten gerufen, um ein Vivat zu
empfangen, das sich verstärkte, als wir unsern Dank und unsere Gefühle
in einigen herzlichen Worten aussprachen.
* * * * *
[Sidenote: Akademische Feierlichkeit.]
Am nächsten Tage verkündete der tiefe, starke Glockenklang vom Thurme
des ehrwürdigen Doms herab die Feierlichkeit. Man versammelte sich im
Museum; die ganze gelehrte Welt aus den südlichen schwedischen Provinzen
war zugegen und auch ein Theil der Honoratioren aus der Nachbarschaft.
Der Zug ging in folgender Ordnung zur Kirche: erst zwei kleine,
hübsche, weißgekleidete Mädchen mit herabhängenden Locken, welche
Körbe mit Lorbeerkränzen trugen; dann die jungen Gelehrten paarweise,
die zu Magistern creirt werden sollten. -- Nun bahnten die Pedelle,
mit silbernen Sceptern in den Händen einer neuen Abtheilung den Weg,
dessen erstes Paar war: Tegnér, der als Bischof in Wexiö für den
abwesenden Schoonen'schen Bischof Faxe an der Stelle des Patrons Sr.
königlichen Hoheit des Kronprinzen, dem Feste beiwohnte; neben ihm ging
der _Rector magnificus_ Engeström in rothem Sammtmantel und mit einem
goldgallonirten runden Sammthut. Darauf kam der oberste Befehlshaber
Schoonen's, Generallieutenant Baron Cederström, neben dem man mir
einen Platz angewiesen hatte, dann folgte Baron Gustav Gyllenkrok,
Generaladjutant Oberst Clairfeldt und alle Professoren und Adjuncten
paarweise.
Wir gingen Alle, außer dem Bischof und dem Rector, mit entblößtem Haupte
in die Kirche. Es war eine starke Sommerhitze, und ich mußte meinen Hut
oft als Sonnenschirm über meinen Scheitel halten. Auf dem Wege, während
der Zug sich Schritt vor Schritt durch die Stadt bewegte, hatte ich
Gelegenheit die Bekanntschaft meines edlen Nachbars, General Cederströms
zu machen; sein herrliches offenes Antlitz hatte mir gleich Vertrauen
eingeflößt, und ich fand mich nicht getäuscht. Unsere Herzen kamen
sich entgegen und ich merkte, daß es den edlen Kriegsmann erfreute,
den dänischen Dichter durch einen Platz an seiner Seite zu ehren. So
fand ich auch die anderen schwedischen Herren. Unter dem Geläute der
Glocken und dem Donner der Kanonen traten wir in die Domkirche ein, die,
obgleich sie voll Menschen war, doch durch ihre Kühlung erquickte.
[Sidenote: Tegnér krönt mich als Dichter.]
Tegnér hatte mir vorher gesagt, was er beabsichtige. »Zum Doctor kann
ich Dich nicht ohne Wissen des Patrons creiren,« sagte er: »aber er
wird Nichts dagegen haben, wenn ich Dich als =Dichter= kröne«.
Nachdem er das Fest mit einer schwedischen Rede in Hexametern begonnen,
und zum Schluß den Rector gebeten hatte, die Magisterpromotion zu
beginnen, wandte er sich an mich, der zu seiner Seite am Hochaltare
stand und sagte, erst zu Engeström und dann zu mir, mit lauter Stimme
vor der Versammlung;
Aber bevor Du den Lorbeer vertheilst, so schenke mir einen.
Nicht für mich; in dem einen jedoch will adeln ich Alle.
Nordens Sängermonarch ist hier, der =Adam= der Skalden.
Erbe des Throns im Reich des Gesangs, denn der Thron er ist =Göthe's=.
Wüßte doch Oskar darum, im Namen des Theuern geschäh es.
Nun nicht ist's in dem seinen, noch minder in meinem, es ist im
Namen des ew'gen Gesangs, lauttönend in Hakon und Helge,
Daß ich Dir biete den Kranz; er wuchs wo Saxo gelebt hat.
Hin sind die Zeiten der Trennung -- im Reiche des Geistes, dem freien
Sollten ja nimmer sie sein -- und verschwisterte Lieder ertönen
Ueber den Sund und entzücken uns jetzt, und vor allen die Deinen.
Drum beut Svea den Kranz Dir -- ich sprech' im Namen von Svea:
Nimm von dem Bruder ihn an, und trag ihn zur Ehre des Tages.
Mit diesen Worten setzte er unter dem Schall der Pauken, Trompeten und
dem Donner der Kanonen einen Lorbeerkranz auf mein Haupt.
Alle lächelten mir dabei freundlich zu; ich war tief bewegt, faßte mich
aber, und sprach ein Gedicht, das ich aus Dankbarkeit für all' die
Güte und Ehre geschrieben hatte, die man mir bei meinem ersten Besuche
erwiesen hatte; und in dem Dom von Lund ertönte wieder nach Verlauf
von mehrern Hundert Jahren die dänische Sprache mit lauter Stimme von
begeisterten Lippen.
Daß Tegnér sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht hatte, zeigte der
Ausfall, da seine schwedische Majestät einige Monate darauf mich mit dem
Nordsternorden beehrte, und seine königliche Hoheit der Kronprinz seine
Einwilligung dazu gab, daß die Universität Lund mir das philosophische
Doctordiplom sandte.
Mittags nach der Promotion war große Studentengesellschaft in Lund, zu
der die Honoratioren und Professoren eingeladen wurden. Ich ging zuvor
in den Saal, um mir einen kühlen Platz zu suchen, aber es traf sich
so, daß gerade die Ehrenplätze von der Sonne beschienen waren, und es
gab dort keine Rouleaux. Das würde mir nun alle Freude gestört haben;
aber kaum merkte man meine Noth in der Sonnenhitze, als einige rasche
Hände ein paar Rouleaux improvisirten, was eine bedeutende Erleichterung
verursachte, um so mehr, als ich -- nach Tegnér's Beispiel -- gewagt
hatte, mein Halstuch abzubinden.
Hier wurden nun wieder Toaste ausgebracht. Als wir vom Tische aufstehen
wollten, ergriffen mich ein Dutzend Musensöhne bei den Beinen und hoben
mich auf ihre Schultern; das ist hier zu Lande Gebrauch, wenn man Jemand
eine ganz besondere Ehre erweisen will. Dasselbe war wieder unten im
Lusthause im botanischen Garten beim Kaffee der Fall, wo Professor
Agardh mich durch eine kleine Rede ehrte.
Am Abend wagte ich mich, der fürchterlichen Hitze wegen, fast nicht
auf den Ball. Ich ging in den Lustgarten hinab, setzte mich unter die
großen schattigen Bäume und ließ mich mit ein paar stillen, freundlichen
Bürgern in ein Gespräch ein, die auch dorthin gekommen waren, um sich in
der Abendkühle zu erquicken.
[Sidenote: Rückreise.]
Ziemlich spät am nächsten Nachmittage fuhren wir im Wagen des
Landrichters nach Malmöe. Ein kleiner, schelmischer Kobold, der
wahrscheinlich meinte, daß wir Schoonen nicht ohne irgend einen Unfall
verlassen dürften, zerbrach an unserm Wagen die Axe; aber es war nur
eine Viertelstunde Weges von Malmöe. In der schönen Sommernacht genossen
wir nun erst recht die Kühle und hatten einen angenehmen Spaziergang.
Am nächsten Tage segelten wir mit dem Packetboote bei gutem Winde nach
Kopenhagen, und eine Lustreise war damit beendigt, die mir und meiner
Familie unvergeßlich bleiben wird.
* * * * *
Ebenso glaube ich, daß viele Dänen freundlich des Besuchs gedenken
werden, den der Dichter Axel's und Frithiofs mit Agardh, Thestrup
und vielen Einwohnern Schoonen's, uns kurz darauf im Thiergarten bei
Bellevüe machten, wo wir Gelegenheit hatten, unseren Nachbarn für all'
die Gastfreundschaft, die wir bei ihnen genossen hatten, auch einige
Freundlichkeit zu erweisen.
* * * * *
[Sidenote: Der Bischof Münter.]
[Sidenote: Wunderlichkeiten des Bischofs Münter.]
Unsere bisherige Wohnung in der Breiten-Straße war uns zu klein
geworden; der Bischof Münter, der stets freundlich gegen uns gewesen
war, und den ich oft bei seiner Schwester, Frau Brun, sah, überließ
uns gern, unter günstigen Bedingungen, seine Parterre-Etage, die groß
genug für uns war. Dieser feurige, gutmüthige Mann lebte mit seiner
Gelehrsamkeit und Phantasie größtentheils in den südlichen Ländern,
wohin die Theologie und Philosophie ihm winkten. Ich hatte seine
Abhandlungen von den »Karthageniensern« und »der Stellung des Weibes in
den ersten christlichen Jahrhunderten« mit vielem Interesse gelesen.
Nur Schade, daß man so wenig erfahren kann, wo die Geschichte schweigt.
Sollte man es für möglich halten, wenn man es nicht wüßte, daß man die
Sprache eines Volks, welches an Stärke und weltgeschichtlicher Bedeutung
mit den Römern wetteiferte, nur aus einer Replik in einem Lustspiele
jener Zeit kennt? -- Münter's Kirchengeschichte war auch sehr geachtet.
Seine Uebersetzung der Offenbarung Johannis ist von einem guten Vorwort
über die erste christliche Poesie begleitet und in der in Hexametern
geschriebenen Uebersetzung erkennt man den würdigen Schüler Klopstock's.
Münter liebte sehr die historischen Reliquien aus alter Zeit, er
hatte eine Menge Steine mit Hieroglyphen aus Egypten, Mauersteine mit
Verzierungen aus Babylon, Steine mit Fischen von den ersten christlichen
Grabmälern her, Pagoden u. s. w. Dies Alles schenkte er dem Vaterlande
und ließ es in die Wände der Amtswohnung des Bischofs einmauern. Eines
Tages ließ er eine Pagode, die mit gekreuzten Beinen dasaß, in eine
Nische setzen, die über einer Thür angebracht war. Etwas Zerstreutes
hatte Münter immer in seinem Wesen gehabt. Er stand lange da und starrte
die Pagode und die Nische an, endlich rief er dem Maurergesellen, der
neben ihm stand, eifrig zu: »Die Nische ist zu niedrig; die Pagode
hat keinen Platz, wenn sie aufstehen will«! »»Ew. Hochehrwürden««!
antwortete der Maurergeselle ganz ernst, »»das thut sie wohl nicht««.
Mit dieser Zerstreutheit verband Münter eine sanguinische Zuversicht,
daß Alles was geschehen möchte gut ausfallen würde, die ihn selten
verließ. Eines Mittags kam Sophie, seine Tochter, zu uns herunter, und
theilte uns ganz erschreckt mit, daß ihrer Schwester Ida eine Fischgräte
in den Hals gekommen sei. Ich eilte hinauf. Ein Barbier war bereits
geholt und stand mit einem langen Fischbeine da und sondirte Ida's Hals,
wobei ich, so wenig sie auch einer Wölfin glich, doch an die äsopische
Fabel vom Wolfe und Kranich dachte. Ich wollte fragen, wie es gehe, als
der Bischof mir entgegentrat. Er stand mit einer Correktur, die er sehr
aufmerksam las, mitten im Zimmer, und rief in einem Tone, der zeigte,
wie tief er in seiner Arbeit versunken sei: »Oehlenschläger! soll hier
ein Komma stehen, oder nicht«? »»Ew. Hochehrwürden««! antwortete ich
ernst: »»wir wollen uns doch erst nach dem Komma umsehen, das Ihrer
Tochter im Halse steckt««. »O«, antwortete er ganz ruhig, »das wird sich
schon wieder geben«. Und das war auch der Fall; aber das konnte er doch
nicht so bestimmt voraus wissen. Er hatte auch gleich nach dem Barbier
geschickt. Als dieser die Operation zur Zufriedenheit aller Theile
gemacht hatte, schenkte ihm der Bischof ein Glas Wein aus der Flasche
ein, die noch auf dem Mittagstische stand; und als der Barbier es mit
einer tiefen Verbeugung und den Worten leerte: »Ew. Eminenz«! belohnte
Münter ihn mit einem freundlichen väterlichen Lächeln.
Gerade so wie Bittermann im Menschenhaß und Reue und wie Bröndsted,
stand Münter mit der ganzen Welt in Correspondenz; nur mit dem
Unterschiede, daß die erstere erlogen, die beiden letzteren aber
wirkliche waren. Das kam nun Keinem wunderbarer vor als mir, der ich
das entschiedene Extrem davon abgab. Bröndsted hatte mir während unsers
Aufenthalts in Paris einen Widerwillen gegen diese Passion beigebracht.
Oft, wenn ich zu ihm kam, hatte er nicht Zeit mit mir zu sprechen, weil
er Briefe schreiben mußte, sodaß ich, als ich einmal ärgerlich darüber
aus dem Zimmer ging, sagte: »Ich wollte wünschen, ich wäre der abwesende
correspondirende Freund«! Eines Tags begegnete ich Münter mit einem
versiegelten Packet auf der Treppe, das ihm unfrankirt aus Italien
geschickt worden war und einen Louisd'or kostete. »Ich weiß nun, daß
es Nichts werth ist«! rief er verzweifelt. »»So schicken Sie es doch
uneröffnet zurück, Hochehrwürden««! Aber das konnte er nicht über's Herz
bringen. Er war auch neugierig zu wissen, was darin sei, bezahlte seinen
Louisd'or, und fand -- eine langweilige italienische Doctordissertation.
Er hatte mich sehr lieb, als ich aber Ritter vom Nordstern wurde, sagte
er mir in einem Tone, als ob er mir eine Reprimande geben wollte: »Der
König liebt das nicht«! Ich antwortete ihm, daß ich keine Schritte
gethan hätte, um den Orden zu bekommen, und daß Bischof Tegnér mir
geschrieben: »König Karl Johann hat hierdurch nur Schwedens Wunsch
erfüllt«.
[Sidenote: Tod des Bischofs Münter.]
Wenige Jahre darauf kam Ida eines Abends zu uns herunter und sagte, daß
ein apoplectischer Anfall ihren Vater getroffen habe. Ich eilte hinauf,
nahm ihn in meine Arme, er war noch bei Bewußtsein, wurde zu Bett
gebracht, starb aber in der folgenden Nacht.
Er war in der letzten Zeit nicht auf Rosen gewandelt; mit
bewundernswürdiger Geduld aber hatte er ein schweres Hauskreuz getragen.
Seine edle Gattin -- mit ebenso viel Verstand, wie Gemüth begabt --
verfiel in eine tiefe Melancholie, die bis zu ihrem Tode währte.
Nach Münters Tode wurde P. E. Müller Bischof, und ich blieb in dem
Bischofshause wohnen. Man wünschte eine Büste von dem Dahingegangenen
zu besitzen; =Freund= nahm eine Todtenmaske ab, und mußte sich nun mit
einem Portrait von Hornemann und seinem eigenen Gedächtnisse helfen.
Alles ging recht gut, bis auf die Augen. Da gab ihm ein Freund den Rath:
»Die Augen«, sagte er, »sind ja noch da, frisch und klar; Sie brauchen
Sie nur zu kopiren«. Das war ein Räthsel! Die Augen des todten Münter
lebten noch! Aber der Freund hatte ganz recht. Er meinte die Augen von
Frau =Friederike Brun=, die denen ihres seligen Bruders auf ein Haar
glichen. Freund brachte die nach der Schwester modellirten Augen an der
Büste des Bruders an, und Keiner zweifelte, daß es seine eigenen seien.
Die sehr ähnliche in Marmor ausgeführte Büste wurde der Universität
geschenkt, und im Consistorium aufgestellt.
* * * * *
[Sidenote: Ein sonderbarer Besuch.]
Ein Bekannter des Bischofs Münter machte mir in diesen Jahren einmal
einen Besuch. Es war ein großer, stattlicher Schwede, der mir beim
Eintritt seinen Namen nannte, den ich aber nicht verstand. Da ich mich
nun genirte, ihn wieder darnach zu fragen, hoffte ich ihn im Laufe
des Gesprächs nochmals zu hören, oder ihn durch Eins oder das Andere
errathen zu können. Er sagte, daß er gekommen sei, um mich zu fragen,
was ich von dem Stoffe zu einem Vaudeville halte, das er zu schreiben
gedenke. Er erzählte es mir; es war recht hübsch, und ich hielt daran
fest und dachte: es ist also ein Vaudevillendichter. Darauf sprach er
von Münter, als von einem alten Freunde: »ich muß Ihnen sagen«, fuhr
er fort, »daß ich auch Theologie studirt und die Offenbarung Johannis
übersetzt habe«. -- Ein Vaudevillendichter, dachte ich nun, der auch
Theolog ist. »Münter ist auch Freimaurer«, fuhr er fort, »all seine
Freimaurerei hat er von mir gelernt, denn ich bin Meister vom Stuhl«.
Jetzt rechnete ich im Kopfe weiter zusammen: Vaudevillendichter,
Theolog, Meister vom Stuhl. -- Nun sprach er vom König Karl Johann,
den er sehr lobte, und sagte: »Ich kenne ihn gut! Ich habe manches
Glas mit ihm geleert«. Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister
vom Stuhle, und ein Freund von Karl Johann. Er fuhr fort: »Hier in
Dänemark tragen die Leute nicht ihre Orden; morgen gehe ich in die
Kirche, da lege ich die meinigen an«. »»Das können Sie auch sehr gut««,
antwortete ich, und er fuhr fort: »Ich habe sie alle mit«! Ich sagte:
Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl, Karl Johann's intimer
Freund, Seraphimritter. Endlich sprach der Fremde von seinem Sohne, den
er daran erinnert hatte, daß ihr Stammvater zu den Ersten gehört habe,
welche bei der Eroberung Jerusalems die Mauern dieser Stadt bestiegen.
Nun wurde mir klar, daß es der Graf =von Saltza= sein müsse. Und der war
es auch.
Als wir nun bekannt miteinander geworden waren, führte er mich zu seiner
Familie nach dem Hôtel du Nord. Dort traf ich den schönen alten Grafen
de la Gardie, dessen Bekanntschaft ich in Ramlöse gemacht hatte, und
der mir erzählte, daß sein Ururgroßvater bei der Belagerung Kopenhagens
Einer der Ersten auf dem Walle gewesen sei. Es war auch ein Baron
Bannér dort, von dem Saltza scherzend erzählte, daß er von einem Koch
abstamme, der bei einer wichtigen Gelegenheit den Seinigen dadurch den
Sieg verschafft hatte, daß er seine Schürze und den Küchenbesen als
Banner benutzte, und so die Fliehenden zurückrief. Später nahm Saltza
mich in sein Zimmer, zeigte mir verschiedene fromme Bücher, und äußerte
religiöse Ansichten, in die ich mich nicht weiter mit ihm einließ.
* * * * *
[Sidenote: Schwedische Bekanntschaften.]
Da ich hier von Schweden spreche, muß ich noch einige von den lieben
Freunden nennen, die von Zeit zu Zeit über den Sund kamen, um uns
zu besuchen. Schon im Jahre 1819 lernte ich =Beskow= kennen, der
später einer meiner besten Freunde wurde, und auf den ich im Folgenden
zurückkomme. =Tegnér= trat als ein munterer, rothwangiger, goldlockiger
Jüngling bei mir ein, als ich schon ein paar Jahre Professor gewesen
war. Früher hatte ich den noch blonderen =Ling=, Dichter und
Fechtmeister gesehen, der in seiner Gylfe, Phantasie und Sinn für
altnordische Poesie zeigte, ohne doch eigentlich den richtigen Ton in
der Darstellung gefunden zu haben. =Geijer= schenkte mir in späteren
Jahren auch einen kurzen Besuch, aber wir lernten einander doch nicht
recht persönlich kennen. Er hatte meine früheren Arbeiten gelesen,
später, vielleicht durch den häufigen Tadel bewogen den er über mich
gehört hatte, sagte er selbst in einer Schrift, die von ihm erschien,
daß er mir nicht weiter gefolgt sei. Obgleich er die harten Angriffe
mißbilligt, so scheint es doch, als ob sie ihm das Zutrauen zu meiner
Entwickelung geraubt hätten und er mich deßhalb fallen ließ. Ich selbst
lernte diesen ausgezeichneten Mann erst kennen und schätzen, als ich
seine =Chronik des schwedischen Reiches= las; philosophisch-dichterisch
hat er die älteste Mythologie und Sagengeschichte des Nordens aufgefaßt,
wie noch kein Anderer. Der Geschichtsschreiber Geijer war auch Dichter,
hat gute Lieder geschrieben und selbst reizende Melodieen dazu
componirt. Später besuchte mich =Fryxell=, und ich wurde sehr für diesen
liebenswürdigen Mann eingenommen, durch dessen vortrefflich geschriebene
Geschichte ich Schweden erst recht kennen gelernt habe.
* * * * *
[Sidenote: Frederik Classon Horn.]
Noch muß ich hier des unglücklichen Grafen =Frederik Classon Horn=
erwähnen, der als Theilnehmer an dem Königsmorde Gustavs des Dritten
nach Dänemark floh, wo er unter dem Namen Classon mehrere Jahre ein
armes, kummervolles Leben führte. Ich lernte ihn bei Rahbeks kennen,
und er besuchte mich. Er war auch Dichter, blies vortrefflich die
Flöte und soll ein vorzüglicher Mathematiker gewesen sein. Obgleich
er mir nie recht seine Reue über das Verbrechen eingestehen wollte,
und, wenn man von Gustav III. sprach, sagte: »Das war, hol' mich
der Teufel, ein sakermentscher Ränkemacher«, so konnte man doch die
Gebeugtheit an seinem ganzen Wesen erkennen, denn Horn war weit davon
entfernt, ein grausamer, blutdürstiger Mensch zu sein; phantastische
Freiheitsschwärmerei mit persönlicher Unzufriedenheit verbunden,
hatte ihn, ebenso wie Ribbing, mit Ankarström in Verbindung gebracht,
der Gustavs eigentlicher Feind war. Die alten Aristokraten, Pechlin
und Liljehorn, benutzten diese demokratisch gesinnten Jüngeren als
ihre Handlanger, obgleich beide Parteien von entgegengesetzten
Motiven getrieben wurden. -- Als die Gefangenen im Correctionshause
auf Christianshafen Aufruhr gemacht hatten, und mehrere von ihnen
hingerichtet waren, schlug Steffen Heger, der viel mit Horn umging,
ihm vor, daß sie eines Nachmittags hinausgehen wollten, um die Köpfe
der Hingerichteten auf den Stangen zu sehen. Der phantastische Horn
war gleich dazu bereit. Auf der Richtstätte beobachtete Heger, welchen
Eindruck es auf ihn machte. Er stand lange still da, und starrte auf
die leblosen Köpfe; darauf sagte er leise, indem er fortging: »Ich
bin«, indem er den Zeigefinger in den Mund steckte, »hol' mich der
Teufel! auch nicht weit davon entfernt gewesen«! -- Ich beklagte
oft diesen unglücklichen Mann, wenn ich mit ihm zusammen war und
ihn betrachtete, ohne daß er es merkte. Er war groß und schlank,
hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, Adlernase und feurige Augen,
aus denen Begeisterung und Milde sprach. Ich stellte ihn mir als
Minister mit Ordensband und Sternen vor, eine Stellung, die er in
seinen Verhältnissen leicht hätte erreichen können, wenn nicht die
verbrecherische That ihn in Armuth und Elend gestürzt hätte: ein
Zustand, den er nach Allem, was geschehen war, doch ein Glück nennen
mußte, da er dem Schafote entging. Gewiß muß etwas Schiefes in der Natur
und ein Mangel an höherm Humanitätsgefühl in der Seele sein, die sich
verlocken und verblenden läßt, einen Meuchelmord zu begehen.
Er schenkte mir seine Gedichte, in die er schrieb: »Meine Thränen bei
Deinem Correggio waren ohne Zweifel ein Deiner würdigeres Opfer als
diese Blätter«.
* * * * *
Mit =Berzelius= machte ich keine nähere Bekanntschaft. Er besuchte mich
einmal den Tag vor seiner Abreise, und da er hörte, daß ich im Theater
sei, sagte er: »Ja, ja, das ist nun =sein= Laboratorium«.
* * * * *
[Sidenote: Kammerherr Ries.]
[Sidenote: Anekdoten von Christian VII.]
Eines merkwürdigen Mannes muß ich hier erwähnen, den ich von meiner
frühen Jugend her kannte, und dessen Bekanntschaft jetzt erneuert wurde.
Es war der Kammerherr =Ries=. Er war Christian VII. dienstthuender
Cavalier gewesen, und ich sah ihn täglich mit dem Könige spazieren
gehen. Im Anfange meiner Dichterperiode besuchte ich ihn auf dem
Friedrichsberger Schloß; er hatte meine Arbeiten gern, war selbst
deutscher Dichter, und ich übersetzte ein paar seiner Stücke ins
Dänische. Nun vergingen wohl zwanzig Jahre, ehe wir uns wiedersahen.
Er war nach Christian VII. Tode Zollbeamter auf Fehmarn geworden. Er
war mir stets gefolgt, seine Liebe zu meinen Schriften war gestiegen;
beim Eintreten in mein Zimmer fiel er mir um den Hals und bat mich in
dem kräftigen, herzlichen Tone, den ich von Alters her kannte, ihn Du
zu nennen. Wir wurden bald Freunde und Vertraute, obgleich er um eine
gute Zahl von Jahren älter war als ich. Er war ein großer, starker
Mann, der seine Jugend unter dem Militair zugebracht hatte; sein
ausdrucksvolles Gesicht war derb und ehrlich; ich nannte ihn meinen Götz
von Berlichingen. Er hatte viel mit Christian VII. zusammen gelebt; ich
bat ihn, seine Memoiren zu schreiben, die gewiß viel Interesse gehabt
haben würden, er versprach es, aber es wurde nie Etwas daraus. Es war
wohl auch noch zu früh, damals Etwas zu erzählen, was übrigens Alle
wußten. Die Geistesschwäche des Königs hatte den sonderbaren Charakter,
daß der äußere Anstand aufrecht erhalten werden konnte, ohne daß man
ihn von seinem Hof zu entfernen, oder ihn abzusetzen brauchte; der
Kronprinz, sein Erbe, wurde schon bei seinen Lebzeiten sein Nachfolger.
Er war es, der die Macht in Händen hatte; Alles ging nach ihm, Alles
bestimmte er, nur mußte Christian unterschreiben. Zuweilen hielt dies
ziemlich schwer, wenn man ihn aber das drohende Wort »Absetzung« ins
Ohr flüsterte, so wurde ihm angst, und er that, was man wollte. Kleine
Neckereien, eine Folge seiner Krankheit, suchte man durch Vorsicht zu
verhindern. So waren die Pagen instruirt, bei der Tafel seinen Stuhl
festzuhalten, wenn er zuweilen aufstehen wollte, um die Andern am Essen
zu verhindern. Einen und den andern Pagenstreich dagegen konnte man doch
nicht hintertreiben. Es war am Hofe verboten, mit ihm zu reden, und ihm
zu antworten, wenn er fragte; nichtsdestoweniger hatte ihn ein Page doch
einmal in einen Winkel zu locken gewußt, und ihm gesagt: »Verrückter
_rex_! mach' mich zum Kammerjunker«. -- Bei dieser Gelegenheit will ich
auch erwähnen, wie er einmal einen Kammerherrn creirte. Er war genöthigt
worden, die Kammerherrnbestallung für einen Mann zu unterschreiben, den
er nicht leiden konnte. In demselben Augenblicke kam einer der niedern
Hausofficianten ins Kabinet, in seiner gelben Jacke, die Mütze mit des
Königs Namenszuge auf dem Kopfe, mit einer Tracht Brennholz auf dem
Rücken, das er beim Kamine niederlegte. »Du, höre mal«! rief der König:
»willst Du Kammerherr sein«? Auf die wiederholte Frage antwortete der
Knecht, daß es nicht so übel wäre, wenn er es werden könnte. »Nichts
ist leichter«! antwortete der König, »folge mir«! Es war gerade eine
Versammlung des Hofes in dem großen Saal neben dem Kabinete. Der König
faßte den Hausknecht bei der Hand, öffnete die Thür, trat in die
Mitte der Versammlung ein und rief mit lauter Stimme: »Ich ernenne
diesen Mann zu meinem Kammerherrn«. Der Marschall nahm später den Mann
zu sich hinauf; dieser sah selbst ein, daß er nicht zum Kammerherrn
paßte, und daß ihm mit einer Würde nicht gedient sein könne, zu deren
Aufrechterhaltung ihm die Mittel fehlten; und er war deshalb sehr
erfreut über die Nachricht, daß man, in Betracht der gnädigen Gesinnung,
welche Sr. Majestät gegen ihn gezeigt habe, ihm ein schönes Bauerngut
kaufen wolle. -- Aber Christian hatte auch seine lichten Augenblicke.
Einmal in einer ähnlichen Abendgesellschaft trat er mitten unter den
großen Hofschwarm, machte ein Zeichen mit der Hand und rief: Ruhe!
Und als Alle vor Verwunderung und Bestürzung schwiegen, declamirte er
laut, deutlich, vortrefflich und mit tiefem Ernste Klopstock's Ode an
die Fürsten. Als es geschehen war, lachte er laut und ging wieder. --
In seiner Jugend hatte er (ebenso wie Gustav III. in Schweden, den er
Vetter Don Quixote nannte) viel scenisches Talent gehabt, und soll den
Orosman in Voltaire's Zaïre gut gespielt haben.
Ries versuchte auf alle Weise, ihn zu zerstreuen und zu unterhalten, so
gut er konnte. Er war mitten im Treiben des Hofes sein einziger Umgang.
Sie spielten täglich Billard zusammen; der König wollte immer hoch
spielen. Ries that als ob er sich darin fand, und gewann scheinbar große
Summen. Wenn er dann sagte: »Wollen Ew. Majestät nicht die Gnade haben
mich zu bezahlen, ich brauche Geld«, so antwortete der König schlau:
»Sprecht mit dem Kronprinzen«!
Aber obgleich nun Christian VII. auf seine Art Ries lieb hatte, und
vom Morgen bis zum Abend mit ihm lebte, so war Christian doch so kalt,
gefühllos und feig geworden, daß es ihn gar nicht geschmerzt hätte, wenn
man ihm eines Tages erzählt haben würde: »Ries ist gefangen«! »Und«,
sagte dieser, »hätte er gehört, daß ich hingerichtet werden sollte,
so würde er nicht nach der Ursache gefragt, oder irgend einen Schritt
gethan haben, um mich zu retten«.
Ries starb vor ein paar Jahren; in seinen Gedichten war Phantasie und
Kraft, er hatte etwas »Bürger'sches«, und die Romanze glückte ihm am
besten.
* * * * *
[Sidenote: Commandeur Sölling.]
Ein Mann, dessen ich mich gerade wegen seiner außerordentlichen
Verschiedenheit von Ries bei dieser Gelegenheit erinnere, und der
mich oft besuchte, war Commandeur =Sölling=. Keiner leugnet, daß der
dänische Matrose stets etwas ganz besonderes Charakteristisches gehabt
habe. So lange das deutsche Element hier in Dänemark herrschte, war der
Seeetat fast das Einzige, was das nationale Gefühl repräsentirte. Unsere
alten Wikingszüge, Knud's, Svend Gabelbart's, Waldemar's und Absalon's
Heldenzüge, und (nachdem die unglückselige lübecker Zeit vorüber war,
wo die deutschen Krämer auf ihren Schiffen hersegelten und uns in Zucht
hielten) das Andenken an die Juels Hvidtfeldt, Adeler, und Tordenskjold
frischte das alte nationale Gefühl auf. Diesem Gefühle setzte die
Schlacht am 2. April 1801 die Krone auf, bei welcher Gelegenheit Nelson
sagte: (Siehe: _Southey, Life of Nelson_): »Die Franzosen schlagen sich
gut; aber das Feuer, das die Dänen vier Stunden lang ausgehalten haben,
würden jene nicht eine einzige ertragen haben.«
Das muntere, schnelle, stolze, unerschrockene, launige, oft witzige
Wesen, das sich so vielfach bei dem dänischen Matrosen zeigt, fand
sich auch bei vielen der Officiere. Englisch und Französisch wurde
auf der Seecadettenakademie gelehrt, aber nicht Deutsch. Mit dem
Deutschen hatten die Söhne des Meeres Nichts zu thun; sie trugen kein
Von vor ihrem Namen, und selbst der Adelige legte als Marineofficier
das seinige ab. Ein gewisses Verspotten der Convenienz gehörte mit zu
diesem Tone. Allmälig hörte dieser auf; Sölling aber war noch eines
der Exemplare, die dieses Gepräge behalten hatten, er setzte es fort,
und das stand dem kleinen gewandten, feurigen Seemanne gut, man mußte
es ihm verzeihen, daß er das Wesen bisweilen mit einer Art Coquetterie
übertrieb, und es ein Bischen zu lange als alter Mann fortsetzte. -- Ein
paar Anekdoten von ihm fallen mir ein. Als er ein Mal aus Westindien von
einer mißglückten Speculation heimkehrte (die dänischen Marineofficiere
hatten damals das Recht Handel zu treiben), bei seiner hübschen Frau auf
Fredensburg zum Kaffee war und sie ihm ein paar Henkeltassen vorsetzte,
sagte er: »Nein, liebes Kind, dazu haben wir, hol mich der Teufel, die
Mittel nicht!« Damit brach er die Henkel von der Kaffeetasse ab. -- In
der Operette =Peter's Hochzeit= kommt ein schöner Seemannschor vor,
der vor mehreren Jahren bei der Aufführung auf Verlangen des Publikums
wiederholt wurde; denn obgleich es eigentlich nicht gestattet war,
sich nach dem Dacaporuf zu richten, so fand hier eine Ausnahme statt,
und es wurde nicht als eine Wiederholung aus Kunstgenuß, sondern --
was es auch war -- aus Vaterlandsbegeisterung betrachtet. Es ist sehr
möglich, daß Sölling auch damals Derjenige war, der Dacapo gerufen
hatte. Das war aber schon lange her. Nun sollte wieder Peter's Hochzeit
aufgeführt werden, und er ging hin, um sein Dacapo wieder zu rufen, da
er aber nicht musikalisch war, so hatte er vergessen, daß die Strophen
des Chores mehrere Male wiederholt werden. Kaum waren sie das erste
Mal gesungen, so stand er im Parterre auf (ich war selbst zugegen) und
rief sehr höflich, aber mit durchdringender Donnerstimme: »Dürften
wir Sie wohl bitten, das noch ein Mal zu singen?« Da die Wiederholung
gleich kam, so nahm man weiter keine Rücksicht auf die Aufforderung
und setzte den Chor fort. Sölling aber ließ sich nicht abschrecken,
und als er merkte, daß es wirklich zu Ende sei, bat er noch ein Mal
darum, und sein Wunsch wurde erfüllt. -- Sölling hatte sich dadurch
bei der Marine verdient gemacht, daß er die bedeckten Lootsenboote
in Norwegen einführte, wodurch jährlich viele Menschenleben gerettet
wurden. Hier stiftete er die =Bombenbüchse=, eine Anstalt in der
alte Seeleute Aufnahme fanden. Wegen der Concerte, die jährlich zum
Besten dieser Stiftung gegeben wurden, kam Sölling oft zu mir, um sich
Lieder schreiben zu lassen. Bei solchen Gelegenheiten hatten wir lange
Gespräche, in denen er mir seine Schicksale und Abenteuer erzählte.
Diese Erzählung begleitete er stets sehr lebhaft mit starken Bewegungen
und Ausdrücken. Einmal stand er mit mir am Fenster meines Zimmers, das
nach der Universität zu lag. Hier erzählte er mir eine Geschichte, die
ich vergessen habe, wie er einmal an einer Thüre gelauscht und durch
eine Spalte in der Diele geblickt habe, um Etwas zu erfahren. »Ich zog
den Rock aus, sagte er« (dabei that er es), »warf mich auf die Erde«
(dieselbe Bewegung), »und sah durch die Spalte!« (da legte er das
Gesicht gegen meine Thür). »»Lieber Herr Commandeur!«« sagte ich: »»ich
verstehe Sie auch ohne das. Was sollen die Leute denken, wenn man, von
der Straße aus, sieht, daß Ihr Rock ausgezogen wird und Sie auf den
Boden stürzen, während ich neben Ihnen stehe? Man muß ja glauben, daß
ich Sie in meinem eigenen Hause überfalle und plündere. Und wenn nun
Jemand kommt und die Thüre öffnet, so schlägt er Sie vor die Stirn.««
»O, es ist nicht so gefährlich,« sagte er, und sprang wieder auf.
* * * * *
[Sidenote: Reise nach Leipzig.]
[Sidenote: Dresden. Dr. Carus.]
Im Jahre 1830 machte der Buchhändler Heinrich Brockhaus mit seiner
Frau eine Reise nach Kopenhagen. Er besuchte mich. Frau Brockhaus und
meine Tochter Charlotte wurden bald sehr gute Freundinnen, und da sie
mich baten, diese mit nach Leipzig nehmen zu können, und mich, sie im
nächsten Sommer abzuholen, willigte ich gern ein. Ich traf dort im Juni
1831, wie es verabredet war, ein. Während dieser Zeit hatte Charlotte
Deutsch wie eine Eingeborne gelernt, und corrigirte mich zuweilen,
wenn ich Danismen sagte. Ich hatte auch den =Fischer= übersetzt und
umgearbeitet, den, da er nicht zum Accord mit Max gehörte, Brockhaus
verlegte. Prinz Friedrich von Sachsen war damals in Leipzig und hatte
die Revue über die Communalgarde abgehalten. Friedrich Brockhaus war
hier sein Adjutant. Der Prinz lud mich Abends im Theater in seine Loge
ein, und ich versprach ihm, meine Aufwartung zu machen, wenn ich nach
Dresden kommen würde. Als wir von Leipzig abreisten, begleitete uns
Charlotte's Freundin, Fräulein Ottilie Wagner, eine Schwester der Frau
Brockhaus, nach Kopenhagen. Wir reisten zuerst nach Dresden und dann
nach Berlin; aber ich hatte nicht Zeit, mich an diesen Orten lange
aufzuhalten, da ich nach Hause mußte, um das Rectorat zu übernehmen. In
Dresden war ich einmal bei dem Prinzen Friedrich zu Mittag. Hier traf
ich den berühmten Dr. med. Carus, der in Dresden für eines der größten
ästhetischen Lichter galt, und ein specieller Freund von Tieck war.
Er kam mir nicht sehr freundlich entgegen, opponirte vornehm, und als
die Rede auf Thorwaldsen kam, sagte Herr Carus, daß Thorwaldsen kein
Bildhauer sei; er sei mehr Maler, und deshalb sei auch das Basrelief,
das sich der Malerei mehr nähere, ihm am besten geglückt. Ich erstaunte
höchlichst, und antwortete nur: »Wenn Thorwaldsen nicht Bildhauer ist,
dann weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.« Ich erinnerte mich meines
Gesprächs vor 15 Jahren mit Tieck, als er sagte: »Wenn Canova ein
Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist« und ich dachte:
»Ihr guten Leute; wüßtet Ihr nur was Ihr selbst seid.« Ich konnte leicht
einsehen, daß ich als Dichter nicht viel in Carus' Augen gelten konnte,
da mein großer Landsmann so abgefertigt wurde.
[Sidenote: Zusammentreffen mit Tieck.]
Aber Tieck fand ich sehr liebenswürdig, er kam mir freundlich entgegen
und das rührte mich. Ich las ihm meinen Fischer und die Drillingsbrüder
von Damask vor, die ihm gefielen. Ich dedicirte ihm beide Stücke mit
folgendem Gedicht:
»Zu meinen Kindermärchen kehr ich wieder;
Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus.
Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder,
Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus.
Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert,
Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist;
Hat sich das hübsche Wunder doch erneuert?
Zog er in seinem Netz hinauf den Geist?
Doch -- wie die alten Bilder mich besuchen,
Und bringen wieder manch verschwund'nes Glück,
Kehrt auch lebendig -- unter meinen Buchen --
Des Freund's Erinnerung mir treu zurück.
Dir reich ich gern, was in den letzten Träumen --
Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt,
»Ich habe nie verlangt, daß allen Bäumen
Dieselbe Rinde wachse,« Lessing sagt.
Doch edler =Tieck=! wenn auch in ein'gen Dingen
Verschieden, stehen wir uns gar nicht fern:
Den Hippogryph mit breiten bunten Schwingen
Wir reiten nach dem Wunderlande gern.
Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen Britten
In Sturm und Sommernacht vorher geritten:
Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle Thränen
Stehn mir im Auge; Du bist wieder mein.
Holberg's Apostel und Du Freund der Dänen
Du hast nicht aufgehört mein Freund zu sein!« -- --
Tieck schrieb in mein Stammbuch:
Freud' ist mir jetzt geworden,
Es bringt mir lieben Gruß,
Der Dichter aus dem Norden,
Und seinen Bruderkuß.
Er sprach: Warum denn richten?
Da noch die Kraft gesund?
Weit besser klingt das Dichten
Von einem Sängermund.
So darf der Dichter sprechen,
Dem hold die Muse lacht;
Er wird die Lorbeern brechen,
Die sie ihm zugedacht.
Dein freundliches Gemüthe
Hat sich mir längst bewährt;
Mit Deines Kindes Blüthe
Bist Du zurückgekehrt.
Sie spricht des Vaters Wahrheit,
Sie lächelt seinen Blick;
So bleibt denn Lieb' und Klarheit
Der Zukunft auch zurück.
Und neu mit Dir verbunden
Reich ich die Freundes-Hand,
Wie wir uns früh gefunden,
Hast Du mich nie verkannt.
Wir Sanges-Brüder wallten
Durch manchen schönen Raum,
Lebendig festzuhalten
Des Lebens Wunder-Traum.
Seh' ich einst Deine Auen?
Kehrst Du zu unsern Gauen?
Grüß ich Dich dorten, hie?
Doch, wie sich's mag gestalten,
Wir bleiben stets die Alten!
Entfremdet sind wir nie!!«
Dein treuer Freund und Bruder
=Ludwig Tieck=.
[Sidenote: Burgstorph. Rumohr.]
So verbrachte ich einige schöne Tage mit Tieck; ja eines Abends nahm er
sogar meine deutsche Uebersetzung des Holberg hervor und las uns ein
Stück daraus vor, während er sich gewöhnlich an die alte Uebersetzung
zu halten pflegte, was er auch wohl später wieder that. Die pedantische
Weitläufigkeit im Styl und die Plumpheit in den Ausdrücken, die Holberg
selbst weit übersteigen, waren für ihn, der das Original nicht kannte,
nicht abstoßend. Tieck war als vortrefflicher Vorleser bekannt; dieses
Talent hatte er entwickelt, als er eine Reihe von Jahren, als die Gicht
ihn am Gehen verhinderte, fast jeden Abend in einem Kreise von Freunden
oder Reisenden, die ihn besuchten, eins oder das andere Dichterwerk
vorlas. Die Aerzte hatten ihm diese körperliche Anstrengung gerathen,
die also ebenso nützlich für ihn, wie angenehm für Andere wurde. Es
war für ihn ein doppelter Nutzen; denn er machte sich dadurch eine
große Menge von Freunden verbunden, welche seine Gastfreundschaft,
und jeden Abend eine so schöne Unterhaltung in seinem Hause genossen.
Freilich mußte es ihm viel kosten; oft waren zwanzig und mehr Menschen
jeden Abend zum Thee da. Ob Tieck damals eine Pension hatte, weiß ich
nicht. Er schrieb jedes Jahr eine Novelle für Brockhaus' Urania, die
ihm sehr gut honorirt wurde. Aber er stand in einem andern merkwürdigen
Verhältnisse, das so charakterisch war, daß es hier besprochen zu
werden verdient. Durch seine außerordentliche Persönlichkeit -- er
hatte ein schönes Gesicht, dessen große, braune, feurige, und wenn er
wollte, milde Augen, welche Alle einnahmen, die ihm begegneten -- durch
seine Beredtsamkeit, die oft satyrisch und polemisch war, schuf er
sich eine große Partei. Da er nun ganz sein eigener Herr war, kein Amt
hatte, durchaus nicht von der Zeit abhing, und sehr viel Lust spürte,
umherzureisen, und Kunstwerke und Naturschönheiten zu sehen, so fand er
sehr leicht junge enthusiastische Freunde, die nichts mehr wünschten,
als in dem innigsten Verhältnisse mit ihm zu stehen, und das Leben
mit ihm zu theilen. So fand er früh einen Baron =Burgstorph=, später
den berühmten =Rumohr=, die beide reich waren, und eine Freude daran
fanden, Das herbeizuschaffen, was Tieck fehlte. Auf diese Art reiste
er wahrscheinlich nach Italien. Daß Rumohr später Tieck nicht leiden
konnte, beweist Nichts, da Rumohr ein Sonderling und rechthaberisch
hinsichtlich seiner Kunsturtheile war (wenn auch wirklich ein seltener
Kunstkenner); er wollte auch Poet, wenigstens Novellenschreiber sein,
und hat als solcher wahrscheinlich Tieck nicht gefallen. In spätern
Jahren hatte sich eine Gräfin Finkenstein aus einer der ersten
preußischen Familien der Tieck'schen ganz angeschlossen. Tieck's Frau
war eine Tochter des Predigers Alberti, seine Töchter, Dorothea und
Agnes, waren bereits erwachsen. Nun lebten sie mehrere Jahre zusammen,
und die Einladungen von Tieck geschahen stets im Namen der Gräfin von
Finkenstein. Sie freute sich während der Vorlesungen zugegenzusein, und
ihre Augen beobachteten die der Zuhörer, um zu sehen, welchen Eindruck
der Vortrag ihres Lieblings auf sie machte.
[Sidenote: Gräfin Finkenstein. Böttiger.]
Tieck las den Holberg mit seiner gewöhnlichen Virtuosität und Laune vor;
aber es fehlte ihm natürlich Etwas vom nationalen Elemente. Ich hätte
gern auch einmal ein Stück von Holberg vorgelesen, um Tieck eine Idee
von der Art und Weise zu geben, wie wir Dänen den Dichter auffassen;
auch mir ist zu Hause Beifall beim Vorlesen von Dichterwerken geworden,
obwohl ich nur selten las. Aber -- ich merkte wohl, daß Tieck ein
Bedürfniß hatte, selbst zu lesen, und sprach also nicht davon. Wenn es
Dramen waren, so ging es gut; zuweilen aber las er ganz lange Novellen
vor, und das war zu viel. Auch glückte ihm das Komische viel besser als
das Tragische, wobei er nicht selten in einen trockenen, manirirten Ton
verfiel. Wenn nun hiezu kam, daß die Fenster selbst in den Hundstagen
geschlossen werden mußten, so verursachte mir das eine Betäubung, die
zuweilen in unbezwinglichen Schlummer überging.
In Dresden besuchte ich auch meinen alten Freund =Böttiger=. Seit dem
gestiefelten Kater, in welchem Stücke Böttiger eine persönliche Rolle
spielt, war kein gutes Vernehmen zwischen ihm und Tieck gewesen, wobei
die Schuld wohl mehr an diesem als an jenem liegen mochte. Tieck sprach
stets mit Geringschätzung von Böttiger, der vorsichtige, artige, alte
Mann dagegen wägte stets seine Worte ab. Nur einmal, da es ungeheuer
heiß war, sagte er mit schelmischem Lächeln: »Sie sollen Tieck heute
Abend hören! Sie Glücklicher«!
In mein Stammbuch schrieb er:
»Zweizüngig ward einst Ennius genannt
Auch Du, mein Freund, hast, wie bekannt,
Unsterblichkeit Dir in zwei Schwesterzungen
Mit aller Musen Gunst errungen.
Teutonia und Daniska legt' ein Lorbeerreis
Dir auf die Wiege. Wer möcht' nicht um diesen Preis
Zweizüngler sein in biedrer Männer Kreis?«
* * * * *
In Berlin ging ich gleich zu meinem alten Gönner, dem Grafen Bernstorff,
der nun preußischer Minister war. Er kam mir mit offenen Armen entgegen,
und sagte, indem er auf den Tisch zeigte: »Da liegen Sie! Ich habe mich
gerade in diesen Tagen mit Ihnen beschäftigt«. Es war meine Deutsch
geschriebene Selbstbiographie, mit der meine Werke bei Max anfingen.
* * * * *
[Sidenote: Berlin. Wilhelm von Humboldt.]
Ein paar Tage darauf fuhr ich nach Tegel hinaus, um den Staatsminister
Wilhelm von Humboldt, nicht als Minister, sondern als Gelehrten, als
Aesthethiker, und als Schiller's vieljährigen vertrauten Freund, zu
besuchen. Es hatte sich bisher in meinem Leben noch nicht so gefügt, daß
ich mit diesem seltenen Manne zusammengetroffen war. Seine Frau hatte
ich in Rom 1809 sehr gut gekannt, wo ich sie zuweilen mit Frau Brun und
Thorwaldsen besuchte.
Als ich nach Tegel in den kleinen Lusthain kam, der an das Haus stößt,
wo er wohnte, stand Graf Raczynski da und zeichnete eine Waldpartie. Er
war mehrere Jahre preußischer Minister in Kopenhagen, wo er mich gleich
besuchte und mich zu seinem gastlichen Tische einlud. Er war reich, ein
Pole von Geburt, Kunstkenner, Freund der Poesie, und zeichnete selbst.
-- Als ich ihm erzählte, daß ich Humboldt besuchen wolle, sagte er
mir, daß er bereits dort gewesen, aber nicht angenommen worden sei.
Ich wollte wieder umkehren; aber Raczynski sagte: »Nein, gehen Sie
nur! Sie werden schon vorgelassen«! Er meinte wohl, daß, obgleich der
Minister nicht für den Minister zu Hause sein wollte, um sich nicht mit
Staatsangelegenheiten beschäftigen zu müssen, er doch gerade dadurch
als Gelehrter und Kunstfreund eine Musezeit gewonnen hätte, die er dem
Dichter schenken könne. Und das war auch der Fall. Humboldt kam mir wie
ein alter Freund entgegen, ergriff meine beiden Hände, sah mich lange
und freundlich mit seinen großen geistvollen Augen an, indem er ausrief:
»Oehlenschläger«!
Wir hatten nun ein langes Gespräch, und ich mußte mit ihm durch den Wald
zum prächtigen Grabmal seiner Frau gehen. Auf dem Wege stand Raczynski
noch immer und zeichnete. Humboldt grüßte ihn freundlich, ohne das
Gespräch zu unterbrechen, und ging weiter. Dies war das erste und letzte
Mal, daß ich diesen ausgezeichneten Mann sah.
* * * * *
[Sidenote: Raczynski. Stieglitz.]
Mit Raczynski war ich im Theater und sah Devrient den Shylok und Madame
Stich die Portia in Shakespeare's Kaufmann von Venedig spielen. Ich
bewunderte hier die letzten Strahlen des großen Künstlergenies, das sich
seinem Ende näherte. Madame Stich war anmuthig und herrlich als Portia.
--
Einen angenehmen Abend brachte ich bei einer Familie zu, die später
durch ihr unglückliches Geschick berühmt geworden. Es war dies beim
Doctor Stieglitz und seiner jungen reizenden Frau. Hier traf ich auch
Theodor Mundt als ganz jungen Mann. Er hat später in einer Schrift das
unglückliche Ereigniß erzählt. Die junge Charlotte Stieglitz liebte
ihren Mann sehr, und er sie; aber doch glaubte sie, von einer stillen,
sonderbaren Schwärmerei ergriffen, daß sie ihn nicht glücklich mache.
Sie sprach nicht darüber, und er hatte keine Ahnung von Dem, was in
ihrem Innern vorging. Einmal, als er in Gesellschaft gehen wollte,
hatte sie sich zu entschuldigen gewußt. Als er nach Hause kam, fand
er das Haus in der gewöhnlichen Ordnung, aber seine Frau hatte sich
zu Bett gelegt. Er näherte sich dem Bette, das auch sehr reinlich mit
feinen, weißen Laken bedeckt war. Sie lag lächelnd in graciösem Negligée
da. Aber einige Blutflecken erschreckten ihn, und als er die Decke
zurückschlug, sah er die schöne Charlotte Stieglitz mit einem Dolche in
der Brust in ihrem Blute schwimmen.
* * * * *
[Sidenote: Prometheus. Tordenskjold.]
Bei meiner Rückkehr in die Heimath wurde ich Rector, und war in den
Jahren 1831, 32 und 33 sehr fleißig. Ich schrieb und hielt zwei
lateinische Reden, gab die Monatsschrift =Prometheus= heraus, wobei ich
nur wenig Hülfe hatte, und in der Vieles Original war; außerdem schrieb
ich die Tragödien =Tordenskjold= und =Königin Margareta=.
Prometheus enthält unter Anderm Novellen vom Herausgeber, Urtheile
über Heiberg's, Overskou's und Hertz's dramatische Arbeiten, die
Vertheidigung Thomas Thaarup's gegen Molbech's Herabsetzung, eine
Widerlegung der Beurtheilung desselben über Balder's Tod von Ewald u.
a. m. Aber hiervon will ich keine Auszüge geben, da ich, wenn diese
ausführlichere Lebensbeschreibung erschienen ist, gedenke, meine
=ästethischen Abhandlungen= in einem besondern Bande herauszugeben.
* * * * *
[Sidenote: Meine Tochter Charlotte.]
Fräulein Ottilie Wagner, welche mit von Leipzig gekommen war, blieb
ein Jahr bei uns und war Charlotte's vertraute Freundin. -- Ich muß
nun Etwas von diesem lieben Kinde, das mich so früh verließ, sprechen.
Alle, die sie kannten, waren von ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten
eingenommen. Auf der Reise hatte sie auf Jeden, dem sie begegnete, einen
angenehmen Eindruck gemacht, unter Anderen auf Tieck, was man aus dem
Gedichte sieht, das er mir schrieb. Sie hatte viele Fertigkeiten, tanzte
hübsch, spielte gut das Piano, sang mit Leichtigkeit und Grazie alle
Mozart'schen und Rossini'schen Arien. Sie sprach Deutsch so gut wie
Dänisch, konnte Französisch und Englisch, wie auch etwas Italienisch;
alle weiblichen Arbeiten gingen ihr leicht von Händen. Sie war witzig,
begeistert und oft beredt; aber eigentlich munter war sie nicht, und
es fehlte ihr die im Leben nöthige Besonnenheit und Ruhe; sie nahm
auch keine Rücksicht auf Verhältnisse; was sie wollte, das wollte sie.
Wenn Alles nach ihrem Wunsche ging, war sie kindlich und sanft; aber
Widerstand konnte sie zu einer Leidenschaftlichkeit bringen, die keine
Vernunftgründe mehr annahm.
Liebe zur Poesie und Schauspielkunst hatte sie von mir geerbt; sie
sah den jungen =Ludwig Phister=, der gerade damals anfing sich
auszuzeichnen; er besuchte uns zuweilen, hörte sie singen und wurde
von ihr eingenommen. Sie gewann ihn lieb, wollte ihr Schicksal mit ihm
theilen, und betrat als seine Gattin selbst auf kurze Zeit die Bühne.
Ich sah ein, daß es damit keinen Bestand haben würde. Obgleich sie das
Hegersche Talent geerbt hatte, Leuten ihre Stimme nachzumachen, sodaß
ihre Freunde und Freundinnen sich gruppenweise um sie versammelten, wenn
sie ihnen dies Vergnügen bereitete, so besaß sie doch wohl kaum ein
eigentliches Talent für die Bühne. Hatte sie auch viele Jahre hindurch
als Dilettantin die größten Arien schön gesungen, so war dies doch für
eine Künstlerin nicht genügend; es fehlte ihr die nöthige Schule, und
=Siboni=, der sie sonst sehr lieb hatte, durfte sie doch nur in der
kleinen Partie der =Fanchon= auftreten lassen. Und selbst hier hätte sie
beinahe nicht ausgereicht; denn als sie eine kleine Arie singen sollte,
vergaß sie gleich einzufallen und verneigte sich bittend gegen den
Concertmeister =Schall=, welcher dirigirte. Aber er konnte nicht noch
einmal anfangen, und schüttelte mit dem Kopfe. Nun faßte sie sich, fiel
rasch im nächsten Tacte ein, und sang ihre Arie so gut, daß sie einen
stürmischen Beifall erhielt, der kaum enden wollte. Aber sowohl sie als
auch wir Anderen fühlten wohl, daß dieser Ausbruch des Publikums nicht
als Beifall für die Sängerin, sondern als Theilnahme für die Tochter des
Dichters betrachtet werden mußte. Sie wurde selbst bald dieser Versuche
müde und trat zurück.
* * * * *
[Sidenote: Plan Norwegen zu besuchen.]
Ich hatte einen so freundlichen Empfang in Schweden gefunden, daß
die Lust, Norwegen einmal zu sehen, natürlich in mir erwachen mußte.
Ich zweifelte nicht daran, daß ich auch dort Freunde finden würde.
Freilich war eine Zeitlang nach Norwegens Vereinigung mit Schweden
eine eigenthümliche Stimmung gegen Dänemark und Alles was Dänisch
war, eingetreten, sodaß dies fast von einem solchen Versuche hätte
abschrecken können. Aber diese Verachtung, die fast in Haß überging,
fand sich nur bei einigen exaltirten jungen Leuten, die freilich in
den ersten Jahren den Ton angaben. Nun hatte der Sturm sich gelegt,
Billigkeit war an seine Stelle getreten, die Stimme der Aelteren wurde
wieder gehört. Von der Zeit an, wo ich denken konnte, bis zum Jahre
1814, d. h. von meinen frühsten Kinderjahren an bis in mein reifes
Mannesalter, war ich gewohnt gewesen, die Norweger als meine Landsleute
und Norwegen halb als mein Vaterland zu betrachten. Deshalb entstand
auch, wenn ich dichtete, niemals in meinem Herzen die Frage, ob die
Scene in Dänemark oder in Norwegen, ob der Held ein Norweger oder
ein Däne sein solle. Und trotz der politischen Trennung ist dieses
Gefühl bei mir nie erstorben, weil die Sprache und Literatur und viele
Familienverhältnisse uns stets geistig verbinden.
Bei Rahbeks war ich als Jüngling gewöhnt begabte junge Norweger zu
sehen. Das rasche, stolze Wesen der Bergbewohner sagte uns zu, weil
es mit inniger Gutmüthigkeit verbunden war. Wenn sie uns recht kennen
gelernt hatten, liebten sie uns. Ueber ihr zuweilen zu weit getriebenes
Selbstgefühl scherzten wir. Eines Abends sagte Camma in dem muntern
Tone, der ihr so gut stand, zu einem jungen norwegischen Maler Kalmeier:
»Ich mag die Norweger sehr gern, wenn sie nur nicht so großmäulig wären;
doch Kalmeier macht eine Ausnahme«. -- »»Ich wär nicht großmäulig««?
fragte Kalmeier in demselben lustigen Tone: »»ich bin es gerade erst
recht««!
Meine Freundschaft zu den vielen Norwegern, mit denen ich in
verschiedenen Zeiten verkehrt hatte, machte, daß ich Norwegen stets
liebte. Baldur der Gute und die Götter des Nordens gehören ja ebenso
sehr Norwegen, wie Dänemark; Hakon Jarl, Axel, Hagbarth, Stärkodder,
Tordenskjold sind norwegische Helden. Ich meinte es sei unvernünftig
und herzlos, wenn man diese Gedichte, als etwas der norwegischen
Literatur Fremdes, von ihr trennen wollte. Aber es gab auch Niemanden,
der das that, und als ich in das liebe Felsenland kam, fand ich die
freundlichste Aufnahme.
In einem Gedichte, =die Reise nach Norwegen=, habe ich poetisch
beschrieben, was mir dort begegnet; in meinen gesammelten Schriften
habe ich diese Gedichte getrennt; einige stehen unter den lyrischen
Gedichten, andere unter den Romanzen.
* * * * *
[Sidenote: Reise nach Norwegen.]
In Christiania traf ich einige alte Bekannte wieder, die hier meine
Freunde wurden, unter Anderen den Staatsrath =Treschow=, die Professoren
=Sverdrup= und =Schjelderup=. Wir waren Alle vor etwa zwanzig Jahren
Collegen an der Kopenhagener Universität gewesen. Treschow war mir
früh dadurch merkwürdig, daß er bereits Rosing's Rector gewesen war,
als dieser in Drontheim die Schule besuchte. Ich machte dem Prinzen
Oskar meine Aufwartung, um ihm für die Gnade zu danken, die er mir
erwiesen hatte. Der schöne junge Fürst kam mir freundlich entgegen,
und ich lernte in ihm bald den vertrauten Freund der Musen kennen. Ich
war zweimal bei ihm zur Tafel. Ryge war nach Christiania gekommen und
Hakon Jarl sollte aufgeführt werden. Prinz Oskar lud mich ein, ihm in
seine Loge zu folgen; aber ich verstand ihn nicht recht und glaubte,
ich sollte mich beim Theater einfinden. Ich stand und wartete, aber
der Wagen des Prinzen kam noch immer nicht. Endlich spazierten seine
Cavaliere nach dem Theater und wunderten sich, mich an der Thür stehen
zu sehen; sie erzählten mir, daß der Prinz mich im Hôtel mit seinem
Wagen erwarte. Nun wurde ich sehr verlegen und bat einen der Cavaliere,
der ohnehin zurückkehren wollte, mich zu entschuldigen und dem Prinzen
zu sagen, daß ich seine Einladung mißverstanden hätte, mich aber
jetzt schäme wieder durch die Stadt zurückzugehen. Der Prinz lachte
und nahm meine Entschuldigung freundlich auf; ich war bei ihm in der
Loge und Ryge spielte seinen Hakon, aber nicht ganz mit dem Leben, wie
gewöhnlich, da es ihm an Unterstützung bei seinen Mitspielern fehlte.
Bei dieser Gelegenheit merkte ich im Laufe des Gesprächs während des
Schauspiels, daß der Prinz Oskar seinen Suorro Sturleson und seine
isländischen Sagen trotz Einem kannte.
* * * * *
[Sidenote: Ehrenvolle Aufnahme.]
Ein paar Tage darauf kamen die Professoren =Sverdrup=, =Hersleb= und
=Hansteen= zu mir ins Hôtel du Nord, um als Deputation der Universität,
der Männer des Storthings und der Stadt mich zu einem Festmahle
einzuladen. Ich habe beschlossen, im Verlauf dieser Biographie, mit
Ausnahme der historisch merkwürdigen Gedichte, alle diejenigen zu
überspringen, welche mich bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten ehrten;
deshalb lasse ich hier auch Welhaven's schönes Lied aus. Was ich aber
nicht über mich gewinnen kann auszulassen, ist Sverdrup's Rede. Dieser
seltene, schöne, kräftige Norweger, von griechischem Geiste gebildet,
einer der ersten Staatsbürger des Landes, der in der Katastrophe von
1814 großen Einfluß auf König Christian gehabt, und ihn unter Anderm
dazu vermocht hatte, als er nach Drontheim zur Krönung reiste, keinen
Anspruch auf die Souverainetät zu machen; -- dieser Mann ehrte mich
bei dem Feste durch eine Rede, welche ich ebenso hoch stelle, wie die
Ordensdecoration eines Fürsten, und sie deshalb nicht entbehren möchte.
Ich besitze sie von seiner eigener Hand; meine Leser sollen sie kennen
lernen, und ich drucke sie deshalb hier ab.
»In seinem Zeitalter ausgezeichnet durch große und seltene Dichtergaben,
und als Lehrer und Meister seiner und aller künftigen Zeiten
dazustehen, ist groß und herrlich, und weckt Aller Bewunderung. Wenn
diese herrlichsten Gaben des menschlichen Geistes sich aus einem
frommen und tiefen Gemüthe entwickelt haben, so strahlen sie in mildem
Glanze der Liebe und gewinnen alle Herzen. Lebhafte Anerkennung von
dem hohen Werthe des großen Dichters unsers Nordens, Dankbarkeit
und Liebe, haben heute diese Gesellschaft norwegischer Männer und
Jünglinge versammelt, welche ihre Dankbarkeit und ihre hohe Achtung
vor dem Dichter Adam Oehlenschläger an den Tag legen möchten, der uns
zuerst die großen, geistigen Schätze kennen lehrte, welche unsere
Vorfahren uns hinterlassen haben, und in unserer eigenen Heimath
unserm Blicke eine neue und große Welt der Poesie, der Wissenschaft
und Kunst öffnete; der mit dem Falkenblicke des Genie's durchschaute,
mit der lebhaftesten Phantasie vereinigte und in den kräftigsten,
anmuthigsten und schmelzendsten Tönen sang, was unsere Vorfahren
geahnt, gedacht, gehandelt und gelitten haben. Empfange, edler Dichter,
den ungeheucheltsten Beweis unserer Hochachtung und Liebe, und sei
willkommen, herzlich willkommen in dem alten Felsenlande unserer Väter«!
[Sidenote: Festmahl.]
Es war mir bei diesem Mahle lieb, als ich dankbar einen Toast auf
Norwegens Wohl ausbringen wollte, denselben mit einem herrlichen,
norwegischen Liede aus älterer Zeit begleiten zu können, das Keiner der
Anwesenden, außer mir, auswendig wußte, weshalb ich es auch vor der
ganzen Gesellschaft allein sang; es war das herrliche Volkslied =Nordahl
Bruun's=: »Wohn' ich auf dem hohen Fels u. s. w.«. Ein schöneres giebt
es nicht, und schon durch dieses allein hat sich der Verfasser einen
verdienten Namen unter den norwegischen Dichtern erworben. Zarine und
Einar Tambeskjälver konnten ihn ihm nicht verschaffen; und seine andern
Gesänge stehen weit unter jenem.
* * * * *
In Opslo besuchte ich den ehrwürdigen Bischof =Sörensen=. Seinen
Fenstern gerade gegenüber hatte die Kirche gestanden, wo Sigurd, der
Jerusalemsfahrer, begraben war. Wir spielten l'Hombre zusammen; ich war
unglücklich gewesen und hatte verloren; es war unbedeutend, denn ich
spiele nie hoch; aber der gute alte Bischof wollte wahrscheinlich, daß
ich auch nicht das Geringste in seinem Hause verlieren sollte, weshalb
er, als das Spiel zu Ende war, alle Marken untereinander warf.
In Opslo begegnete ich einigen so zerlumpten Armen, wie ich sie nie
früher gesehen hatte. Einige taumelten umher und konnten kaum stehen.
Ich glaubte sie wären krank, hörte aber zu meiner Beruhigung, daß sie
nur betrunken seien.
* * * * *
[Sidenote: Reise in das Innere Norwegens.]
Ich beschloß eine Reise ins Land, wenn gleich diesmal nur ins
Christianiastift zu machen. Mein Freund, der Buchhändler =Dahl=, der mir
stets die größte Zuneigung gezeigt hatte (ich kannte ihn von Kindheit
an), übernahm, als Reisegefährte, die nothwendigen Geschäfte.
Ich sah zuerst den herrlichen =Krogklev=, der zwar nicht zu den wilden,
großen Gebirgsgegenden gehört, welche sich im Stift Bergen, besonders
in Telemarken finden; aber er ist schön und malerisch, man kann leicht
von der Hauptstadt dahin gelangen, und er wird in Norwegen, sowie der
Rigi in der Schweiz, von allen Reisenden besucht. Der Krogklev hat vor
den wilden Berggegenden das voraus, daß er eine hohe, kühne Natur mit
ruhiger Thalschönheit vereinigt, denn durch seine Riesenspalten sieht
man (bei Sonnenschein) das ganze, lachende, fruchtbare Ringerike, wo
Halfdan Svarte's Haupt mitten auf dem Felde begraben liegt, und von dort
kamen wir nach dem Predigerhause in Norderhoug, das durch die Sage von
der tapfern Anna Kolbjörnsen verherrlicht ist.
Die Ströme und Wasserfälle, Ringerike und Modun, die zwei
Skjutszwillinge, die mich fuhren, das schöne norwegische Bauermädchen
in der Hütte, Sct. Olaf's alte Sage, die man überall hört, wo ein
Felsstück seltsam hervorspringt, meine Fahrt in die Kongsberger Grube
hinab, wo ich vor Müdigkeit fast nicht wieder hinaufgekommen wäre, mein
Besuch in Drammen bei dem gastfreien Amtmann Blom, wo ich mein Bild
an der Wand, einen alten Jugendfreund Wulfsberg bei Tisch, und in der
Kirche Erinnerungen der Kindheit fand; -- das Alles findet sich zugleich
mit meinem dankbaren Lebewohl in dem Gedichte: »Die Reise nach Norwegen«
besungen.
* * * * *
[Sidenote: Ein Brief des Kronprinzen Oskar.]
Sobald das oben genannte Werk gedruckt war, sandte ich meinem
königlichen Gönner, dem Kronprinzen Oskar, ein Exemplar desselben. Sr.
Majestät wird gewiß nicht zürnen oder es ungnädig aufnehmen, daß ich den
Brief, mit dem er mich beehrte, hier abdrucke; ich kann mir die Freude
nicht versagen, die mir erwiesene Ehre zu veröffentlichen, und die
Nachwelt soll den Ton kennen lernen, in dem ein erhabener Fürst zu einem
Künstler sprach.
Stockholm, den 28. Februar 1830.
»Herr Professor Oehlenschläger! Mit wahrhafter Freude habe ich die mir
übersandte Reise in Norwegen gelesen, welche nicht allein so schöne
Bilder von der Natur und dem Volke des Nordens bringt, wie man sie vom
Verfasser des Hakon Jarl erwarten konnte, sondern welche auch in mir
die Erinnerung an die angenehmen Stunden wiedererweckt hat, welche
ich im vergangenen Sommer in Norwegen zubrachte. Unter die vielen
Veranlassungen zur Freude, welche ich daselbst gefunden, zähle ich auch
die Befriedigung, einen Mann persönlich kennen gelernt zu haben, dessen
allgemein geachtete Schriften mir so lange bekannt waren, und mir so
viele Genüsse bereiteten. Der ungetheilte Beifall, den Ihre Arbeiten,
Herr Professor, hier in Schweden gefunden haben, muß Sie überzeugen,
daß wir mit Freuden den Sänger =Helge's= und der =Götter des Nordens=
bei uns sehen würden; und indem ich Sie an Ihr Versprechen erinnere,
uns einmal zu besuchen, wiederhole ich, was ich mündlich in Norwegen
äußerte, daß Sie uns herzlich willkommen sein werden, wenn die Umstände
es Ihnen gestatten, diese Reise zu unternehmen.
Ich benutze mit Freuden diese Gelegenheit, Sie, Herr Professor, meiner
besondern Hochachtung und aufrichtigen Freundschaft zu versichern.
=Oskar=«.
* * * * *
[Sidenote: Veränderungen in meinem häuslichen Leben.]
In diesem Jahre starb mein Freund, der Bischof =Peter Erasmus Müller=,
der sich durch seine vortreffliche Sagenbibliothek und andere Schriften
so verdient um die nordische Literatur gemacht hat. Nun wurde der
Confessionarius Dr. Jakob Peter Mynster Bischof und mußte seinen
Amtsantritt mit dem traurigen Geschäfte beginnen, einen seiner ältesten
Freunde aus seinem Paradiese oder dem Bischofshause zu jagen. Es war
nicht anders möglich, da die Wittwe des Bischofs in den Zimmern wohnen
sollte, die ich früher inne hatte. Ich zog also nach der Weststraße,
wo es lange nicht so schön war. Aber ich wollte gern in der Nähe des
Westthores wohnen, um leicht nach Friedrichsberg hinauskommen zu können,
wo ich jeden Nachmittag meinen Thee trank. Die Weststraße bot mir
überhaupt liebe Erinnerungen dar; dort hatte ich in meiner Jugend fünf
Jahre gelebt, den Aladdin und mehrere andere Dichtungen geschrieben;
dort hatten Oersteds gewohnt, und mir war im Kreise meiner lieben
Schwester manche frohe Stunde daselbst verstrichen.
Aber es hatte bei dieser Ortsveränderung nicht sein Bewenden, eine
andere viel größere, geistige Veränderung sollte in mein Leben
eingreifen; ich sollte wieder einen Schmerz und eine Wehmuth gleich
denen bei Sophia's und Camma's Tod empfinden; meine =Charlotte= folgte
ihnen.
[Sidenote: Tod meiner Tochter Charlotte.]
Das Jahr vorher hatte sie eine Tochter geboren, die nach ihrer seligen
Tante genannt wurde; nun war sie wieder guter Hoffnung und sehr
schwächlich. Ihre frühere, blühende Gesundheit war dahin. Ich besuchte
sie täglich nach der Entbindung, und hatte doch noch Hoffnung. Ich
hatte gerade kurz vorher meinen Sokrates geschrieben, mußte ihr Viel
davon erzählen, und besonders =Daphne= beschäftigte ihre Phantasie.
Das letzte Mal, als ich sie besuchte, war sie dem Tode nahe. Ich hatte
ihr einmal von Herder erzählt, der, als er seinem Ende nahe war, einen
Freund gebeten hatte: »Sage mir einen großen Gedanken«! Nun flüsterte
sie mir freundlich zu: »Sage mir einen Trost«! Ach, ich konnte in diesem
Augenblicke Nichts sagen. Ich drückte ihre Hand mit einem liebevollen
Vaterblick und ging. Als ich das nächste Mal wieder kam, bedurfte
sie keines Trostes mehr. Das bleiche Antlitz zeigte keinen Zug von
Schmerz oder Kummer. Die hohe, schöne Ruhe lag darauf, die man in den
griechischen Marmorköpfen bewundert, aber es lag noch mehr, es lag etwas
Himmlisches darin.
Am Beerdigungstage, als ihre Leiche fast bedeckt von Hyacinthen
war, welche die Freundinnen reichlich in dem frühen kurzen Lenze
gesandt hatten, beschien die Sonne noch einmal ihre herrliche Stirn,
die ich küßte, ehe der Schreiner den Deckel des Sarges aufnagelte.
Der gute Mynster hielt eine schöne Gedächtnißrede über sie in der
Friedrichsberger Kirche, wobei er auf den Vers von Salis hindeutete:
Das arme Herz hienieden
Von manchem Sturm bewegt,
Erlangt den wahren Frieden
Nur wo es nicht mehr schlägt.
Charlotte's Tod versetzte meine Seele eine Zeitlang wieder in den
wehmüthigen Zustand, der ein starker Zug meines Charakters ist und der
in unglücklichen Augenblicken oft die Ueberhand nahm, mich aber nie
so beherrschte, daß er mir meine Kraft geraubt und meinem Geiste eine
Einseitigkeit gegeben hätte, die ihn unfähig gemacht haben würde, als
echter Dichter das Menschenleben zu fühlen, zu schauen und darzustellen.
Hierdurch unterscheidet das gesunde Gefühl sich von der schwachen,
krankhaften Gerührtheit, die man später, sehr unphilosophisch, mit jenem
vermischt und mit Verachtung Sentimentalität genannt hat; aber nur die
krankhafte Sentimentalität muß verworfen und verachtet werden; die
gesunde ist die Wirkung vom gemüthlichen Theile des Menschenwesens, sie
ist der negative, empfängliche, leidende Theil, dessen Organ wir Seele
nennen, sowie der Geist das Organ für den positiven, handelnden ist.
Es muß in unserm Ich sowohl ein Activum, wie ein Passivum existiren.
Dieses Letztere spricht seine höchste Idealität im Christenthum
aus; ohne das würden wir bei aller Kraft Heiden bleiben, und wenn
diese Kraft nicht durch Liebe, Selbstverleugnung, Hoffnung und Trost
geleitet wird, so werden wir wieder zu wilden Barbaren. Diese Gedanken
sollten einleuchtend scheinen. Christus lehrte sie uns mit himmlischer
Begeisterung. Aber die Menschen haben stets einen dämonischen Hang, das
milde Gefühl zu verachten, und selbst viele Begabte suchen sie aus der
Philosophie, der Religion, der Poesie und also -- wenn es ihnen glückte
-- aus dem Leben selbst zu verdrängen. Aber es glückt ihnen nicht! Die
Vernunft wird doch die Oberhand behalten; und die Vernunft ist die
harmonische Verbindung von Verstand und Herz, von Geist und Seele.
Ich besuchte also nach dem Tode der lieben Dahingeschiedenen den
Kirchhof recht oft, und setzte auf ihren Leichenstein (ohne zu wissen,
oder mich zu erinnern, daß David Dasselbe von seinem Sohne gesagt
hatte): »Sie kommt nicht mehr zu uns, aber wir kommen zu ihr«!
* * * * *
[Sidenote: Besuch beim Prinzen Christian.]
Von diesen allzuhäufigen Kirchhofbesuchen brachte mich nun eine sehr
herzliche und ehrende Einladung des Prinzen Christian ab: ihn in Odensee
auf Fühnen, wo er Gouverneur war, zu besuchen.
Mein Aufenthalt daselbst war sehr angenehm; und ich hatte, indem
ich einen Monat lang vom Morgen bis zum Abend mit ihm umging, recht
Gelegenheit, seinen milden, freundlichen Charakter kennen zu lernen, der
mit Kenntnissen nach allen Richtungen und einer Intelligenz verbunden
war, die unter Fürsten ihres Gleichen sucht.
Eines Morgens -- ich bin nie eigentlich ein Freund der frühen
Morgenstunden gewesen -- erschreckte mich der Lakai, als ich noch in
Morpheus' Arme lag, indem er mich mit den Worten weckte: »Se. königl.
Hoheit, die im Garten spazieren geht, wünscht, daß Sie ein Wenig zu
ihm herunterkommen mögen«. Ich warf mich eilig in die Kleider und kam,
sobald ich konnte, d. h. nach einer Viertelstunde. Der Prinz, der wohl
von meiner Langschläferei gehört haben mochte, kam mir lächelnd in einer
herrlichen Allee entgegen, in der er mit einem Buche auf- und abging,
und mit seinem Stock auf eine Schnecke zeigte, die ich beinahe zertreten
hätte, als ich mich ihm näherte. Ich ging oft mit ihm in diesen kühlen
Alleen im heißen Sommer; aber eines Tages, als es unerträglich heiß
war, sagte er: »Nun wollen wir einmal hinausgehen, und die Wegearbeit
besehen«. Und nun mußte ich ihm in der brennenden Mittagshitze auf die
Landstraße folgen, wo wir vor los umherliegenden Steinen kaum vorwärts
kommen konnten. Als er die Arbeit angesehen, und mit den Steinsetzern
gesprochen hatte, gingen wir wieder in den schattigen Garten zurück. »Es
war draußen heiß«, sagte er lächelnd. -- »»Hier ists freilich besser,
Ew. königliche Hoheit««! antwortete ich.
Er
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