Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3
by Adam Oehlenschläger · German · Gutenberg #48559 · 457,971 chars · public domain (US)
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Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3
Author: Adam Oehlenschläger
Release date: March 22, 2015 [eBook #48559]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48559
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 3 ***
Meine
Lebens-Erinnerungen.
Ein Nachlaß
von
Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Dritter Band.
Leipzig
Verlag von Carl B. Lorck.
1850.
* * * * *
Bei meiner Heimkehr traf ich meine Christiane und ihren Vater nicht mehr
in dem großen Hause und dem schönen Garten auf der Norderstraße; dieses
war durch das Bombardement in Asche gelegt worden. Sie hatten nun eine
beschränkte Wohnung an der Ecke der Büngaard-Gasse; aber der Alte hatte
sein Bestes, seine Gemüthsruhe und die stille Munterkeit, gerettet. Er
liebte wie früher Sprachstudien, Musik und mechanische Beschäftigungen.
Mit Christiane besuchte ich die Gräfin Schimmelmann, die sie lieb
gewonnen hatte und beständig bei sich sah. Auch mit dem Herzoge von
Augustenburg hatte Christiane auf eine sonderbare Weise Bekanntschaft
gemacht. Sie war gerade eines Tages mit der Gräfin in deren
Schlafkammer, als der Herzog sich melden ließ. Die Gräfin Schimmelmann,
die oft gute Einfälle hatte, bat nun Christiane -- sie hatte gerade
ihren reichen Haarwuchs bewundert -- die Flechten aufzulösen, und sie
von dem Kammermädchen so zurichten zu lassen, daß sie in den Haaren
verborgen wie in einer Glocke stand. Darauf ging die Gräfin zum Herzog,
und bat ihn, eine junge Dame mitbringen zu dürfen, welche wünschte, die
Bekanntschaft seiner Durchlaucht zu machen. Und nun trat eine Gestalt
ins Zimmer, von der man bis auf die Füße nichts weiter sah, als das
reiche glänzende blonde Haar. -- Auch die Bekanntschaft König Friedrichs
VI. hatte Christiane auf eine eigenthümliche Art gemacht. Als die zwei
Jahre von der Zeit meines Reisestipendiums verflossen waren, wollten
Schimmelmann und Reventlow mir die sechshundert Thaler gern noch auf
ein Jahr verschaffen; um aber eines guten Ausfalles gewiß zu sein,
da die Poesie nicht in besonderer Gunst bei diesem guten, auf alles
Nützliche väterlich bedachten Könige stand, wurde es bei Schimmelmann's
folgendermaßen abgemacht: Christiane hatte sich in der letzten Zeit mit
einer Freundin im Schönschreiben geübt und es darin weit gebracht. Nun
mußte =sie= das Gesuch so schön, als möglich, schreiben und Schimmelmann
brachte es zum Könige, dessen gutes Herz dadurch gerührt wurde, daß eine
Braut auf diese Weise ihrem Bräutigam helfe; er bewilligte die Bitte,
bewunderte die schöne Handschrift, und fragte, indem er mit dem Gesuch
in das Cabinetsecretariat hineinging: »Kann Einer von Euch so hübsch
schreiben?«
[Sidenote: Meine Heimkehr und Professur.]
Nach meiner Heimkehr machte ich dem Könige gleich meine Aufwartung.
Es demüthigte mich Etwas, daß er, als ich ihm meinen Namen nannte,
sagte: »So, so, Sie sind Oehlenschlägers Sohn!« Meinen Vater kannte er
natürlich vom königlichen Schloß her viel besser, als mich. Aber als das
Gespräch gleich auf Axel und Valborg kam und er sagte: »Das Stück ist
vortrefflich!« fühlte ich mich wieder getröstet. Durch Schimmelmann's
Einfluß auf den Herzog von Augustenburg und nach dessen Vorschlage,
wurde ich kurz darauf als Professor der Aesthetik bei der Universität
angestellt, ohne daß ich darum nachsuchte. Nach den geltenden Regeln
hatte ich eigentlich keine Berechtigung, denn ich hatte nur das
lateinisch-juridische Vorbereitungsexamen gemacht, wenn auch bereits
vor 10 Jahren eine akademische Abhandlung geschrieben, die der Prämie
würdig erkannt worden war, und dies hat vermuthlich zu meiner Anstellung
beigetragen. Als ich dem Könige dafür dankte, sagte ich: »Ich muß die
Gnade Ew. Majestät als einen Dichterlohn betrachten; aber dann muß ich
auch glauben, Sie wollen, daß ich Dichter bleiben soll. Die Dichter
gehören zu den Vögeln, welche in einem Bauer schlecht singen; ich glaube
wohl, daß ich im Winter Professor sein könne, wenn ich im Sommer Poet
sein darf, d. h.: wenn ich von den Sommervorlesungen entbunden werde.«
Dies fand er billig, und so hielt ich 22 Jahre lang, _venia regis_,
keine Sommervorlesungen, bis ich mich ein Mal darein fand, um dadurch um
so leichter eine kleine Gehaltserhöhung zu erlangen.
[Sidenote: Dichter-Honorare.]
Jetzt hatte ich 1200 Rbthlr., davon 600 von der Universität, 600 von der
Finanzcasse. Daraufhin wollte ich mich nun verheirathen; man meinte,
das müsse vortrefflich gehen, wenn ich Alles dazu legen wollte, was
Aladdin's Lampe (die Poesie) einbringen würde. Ich glaubte es selbst;
bis jetzt hatte ich mich nicht sehr viel mit der Oeconomie abgegeben,
hatte mich mit meinen Ausgaben nach der Decke gestreckt, hatte keinen
Schilling Schulden, sollte Honorar für Axel und Valborg bekommen, der
bald aufgeführt wurde und hatte außerdem Correggio für die Einnahme des
nächsten Jahres mitgebracht. Leider hatte ich mich aber nicht auf den
Buchhandel verstanden, und litt deshalb einen unersetzlichen Verlust und
verlor Einkünfte, die meinen Wohlstand hätten begründen können. Vieles
konnte man aber auch nicht voraus wissen. Für meine =ersten Gedichte=
gab Brummer mir 100 Rbthlr.; für die =poetischen Schriften= erhielt ich
von Schubothe 6 Rbthlr. per Bogen, und mußte noch Vorwürfe hören, daß
das Buch so groß geworden sei. Die =nordischen Gedichte= bekam ich etwas
besser bezahlt, vielleicht das Doppelte; für =Axel und Valborg= erhielt
ich endlich 300 Rbthlr.; aber 3000 Exemplare dieses beliebten Stückes
sind gewiß im ersten Jahre verkauft worden. Für die folgenden Auflagen
erhielt ich nicht einen Schilling. Nun war mir noch Correggio übrig, den
mein früherer Verleger auch gern haben wollte. Als ich ihm erzählte, daß
ich das Stück selbst verlegen würde, sagte er ganz betrübt: »Ach Herr
Professor, das werden Sie doch nicht thun?« -- »Ja gewiß,« antwortete
ich, »es kann mir Keiner verdenken, daß ich mir selbst erwerben will,
was ich nothwendig selbst brauche.« Ich behielt es also, und ohne dieses
Reiben der Lampe hätte mein Geist mir seine Gaben nicht gebracht. Aber
er brachte nicht Gold und Edelsteine. Der größte Vortheil war in fremde
Hände gekommen. Meine Schriften gingen wohl noch gut; aber nicht so
reißend, wie in der ersten Frühlingszeit meines Auftretens, wo Alles
neu und ungewöhnlich war. Ich verstand mich auch später nicht auf den
Buchhandel, das wußte ich; Christiane verstand es auch nicht; aber sie
wußte =es nicht=. Viel ging verloren; aber es kam doch so viel ein, daß
ich in den ersten Jahren vor Nahrungssorgen sicher war.
* * * * *
[Sidenote: Die Professur in Gefahr.]
Ich muß bei Gelegenheit meiner Anstellung als Professor eines
Mißverständnisses von Seiten meines Gönners, des Herzogs, gedenken, das
mich fast um das Amt gebracht hätte, ehe ich es erhielt. Als ich ihn
besuchte, um ihm zu danken, glaubte ich, daß ich ihm aus Dankbarkeit
Etwas von meinen Plänen über meine bevorstehenden poetischen Arbeiten
mittheilen müsse. Ich sagte ihm also, daß ich einen Roman schreiben
wolle (aus dem nie Etwas geworden ist), in dem ich den Character der
vier Religionen: des Christenthums, des griechischen und nordischen
Heidenthums und des Muhamedanismus, darzustellen beabsichtige. Kurz
darauf rief mich Schimmelmann zu sich, und sagte mir ganz betrübt,
daß der Herzog befürchte mich zum Professor zu machen, weil ich meine
Vorlesungen in einen Roman einkleiden wolle; daß ich durchaus zu ihm
hineilen müsse, um dieses Mißverständniß zu heben, das das Schiff meiner
Hoffnungen leicht stranden machen könne. Ich eilte also zum Patron,
und erklärte ihm, daß das, was ich erzählt hatte, durchaus nicht meine
Vorlesungen berühre: daß das der Plan zu einem Gedicht sei, welches ich
im Kopfe hätte. Dies beruhigte ihn wieder; »denn,« sagte er, »wenn =das=
wäre! --« Hierin lag gewissermaßen noch eine Warnung. Und als ich ihn
verließ, mußte ich an den Kutscher denken, der auf die Polizei beordert
war, weil er einen Menschen übergefahren habe, daselbst aber bewies,
daß er es nicht gewesen sei; worauf der Actuarius, der doch meinte, daß
er ihn nicht so ganz frei durchschlüpfen lassen könne, sagte: »Da Du
es nicht gewesen bist, so mag es diesmal so hingehen; daß es aber nicht
öfter geschieht!« Uebrigens war der Herzog von Augustenburg mir stets
geneigt, erwies mir Achtung und schrieb mir einen freundlichen Brief,
als er sein Universitätspatronat niedergelegt hatte, in welchem er mir
für den Correggio, den ich ihm gesandt hatte, dankte.
* * * * *
[Sidenote: Eine Genugthuung.]
Bei Schimmelmann's wurde eine Abendgesellschaft nach der andern gegeben,
in denen ich Axel und Valborg, das in Kurzem aufgeführt werden sollte,
und Correggio Deutsch vorlas; dieser letztere war noch nicht übersetzt.
Alles Vornehme und zum Hof Gehörige (bis auf den König und die Königin)
war zugegen. Eines Abends nach beendigter Vorlesung kam der Graf
Baudissin, der einer der Zuhörer gewesen war, auf mich zu. Ich hatte ihn
seit dem kurzen Besuch vor fünf Jahren in Berlin, wo er Minister war,
nicht gesehen. Er begrüßte mich mit vieler Achtung, und manövrirte um
mich her, indem er mir auf eine höfliche Weise zu Leibe rückte, bis er
mich in einen Winkel des Saales gedrängt hatte. Er stellte sich fest
und steif vor mich hin; ich merkte deutlich, daß Etwas in ihm gähre,
womit er kämpfte, konnte aber nicht begreifen, was es sei; endlich
zwang er sich, rasch und bestimmt zu sagen: »Ich habe Ihnen Unrecht
gethan, ich bitte Sie um Verzeihung!« Nun verstand ich ihn, und es
rührte mich, diesen adelstolzen, strengen, militärischen Mann (er war
damals Gouverneur von Kopenhagen) seiner Humanität (wegen deren er
ebenso bekannt war, wie wegen seines Stolzes) dieses ihm gewiß nicht
leichte Opfer bringen zu sehen. »Ew. Excellenz haben mir kein Unrecht
gethan,« sagte ich, »aber ich Ihnen, weil ich als ein junger Mann, der
die herkömmlichen Formen nicht beachtete, es vergaß, Ihnen in Berlin
meine Aufwartung zu machen, wo Sie Gesandter waren. Ich muß also Sie um
Vergebung bitten!« -- Damit war der Frieden geschlossen; und nun hätte
ich ihm freilich den Besuch machen sollen, den ich in Berlin vergaß,
und von dem ich ihm selbst zugestanden, daß ich ihn ihm schulde, -- aber
-- ich unterließ es wieder, und wir kamen wieder auf einen gespannten
und fremden Fuß mit einander. Warum unterließ ich es denn? War es
Hochmuth von mir oder Undankbarkeit? Nein, gewiß nicht; aber ich fühlte,
daß dieser Mann und ich nicht sympathisirten, daß das aristokratische
Vorurtheil ihn so sehr beherrschte, obgleich er ein sehr rechtschaffener
Mann war, daß es früh oder spät mich wieder verletzen würde; und daher
fand ich es für besser, gleich abzubrechen. An dieser stolzen Schwäche,
die aus Eigenliebe und Eitelkeit entspringt, leiden viele Menschen;
alle Stände sind davon geplagt. Zu einer Zeit, wo der Adel noch Etwas
zu sagen hatte, war es natürlich, daß dieses Gefühl des Geburtsstolzes
-- eigentlich ein Unding -- oft selbst edle Seelen beherrschte. So hat
selbst der Sohn dieses braven Mannes, ein genialer, kenntnißreicher
und höchst gebildeter Jüngling, der einem spätern, mehr aufgeklärten
Zeitalter angehörte, Shakespeare's Uebersetzer, Tieck's Freund, u. s.
w., einmal eine Abhandlung darüber geschrieben: daß kein Unadliger
eigentlich das Gefühl der Ehre haben könne; worin er ganz Recht hatte,
wenn er hiemit die falsche Don Quixottische Ehre meinte, welche das
Mittelalter beherrschte.
[Sidenote: Adelshochmuth und Pöbelplumpheit.]
Obgleich ich als Dichter zu allen Ständen gehörte und mit ihnen umging,
habe ich mich doch stets ebenso wenig in den Adelshochmuth, wie in die
Pöbelplumpheit finden können; ich suchte das schön Menschliche im Palast
wie in der Hütte, d. h. das Poetische; die höflichen Uebertreibungen
gingen mich Nichts an; doch entschuldigte ich stets leichter die
Plumpheit des Armen, als den Hochmuth des Vornehmen, weil der Mangel
an Erziehung, der Beides hervorruft, bei jenem, nicht aber bei diesem
verziehen werden könne. Das Rohe kann außerdem auch reif werden, nie
aber das Verweste; selbst Barbarei kann sich zur Schönheit erheben,
Luxus aber ist die ausgeartete, verirrte Schönheit; und im schlimmsten
Falle ist es weniger gefährlich für die Gesundheit, in der Nähe eines
Wagens zu stehen, der voller Dünger ist, als in einem Treibhause voll
blühender stark riechender Blumen zu sitzen; der Gestank kann trotz des
Widerlichen gesund sein; aber der übertrieben starke, feine Wohlgeruch
ist tödtend.
Als einen Beweis, wie ich trotz meines freundlichen Umganges mit
den Großen, stets Lust hatte, dem Adelsstolze, wo er sich geltend
machte, mit dem meiner Ansicht nach nothwendigen Trotze des gesunden
Menschenverstandes zu begegnen, will ich hier eine kleine Geschichte
erzählen. Unter Denen, welche mir in diesen Kreisen ganz besondere
Freundlichkeit erwiesen, befand sich der Kanzleipräsident Friedrich
Moltke. Er war einer der Menschen, die selbst im Greisesalter Jünglinge
bleiben. Für die Poesie hatte er eine ungeschwächte Liebe. Ewald war
sein Lehrer gewesen und hatte ihm die schöne Ode: »Des Schwertes Sausen
und der Lärm der Schilde« gewidmet, welche so endet:
»Deshalb lächelnder Tugenden, reichen
Wissens glühender Freund, der die Erde
Liebet! Deshalb, mein edelster Moltke!
Füllst Du mir mächtig die Brust und der Harfe
Zitterndes Gold!«
In Ewald's letzten schwachen Tagen war Moltke Kammerjunker, ich glaube
bei der Königin Witwe, und hatte ihm eine kleine Pension verschafft,
indem er mit Begeisterung von ihm sprach. Bei alle Dem war Moltke
Aristokrat, und man sagte, daß er sich nie mit dem kräftigen Demokraten
Christian Colbiörnsen vertragen konnte, der Deputirter in der Kanzlei
war, welcher Moltke als Präsident vorstand, und die Folge davon war,
daß Moltke endlich aus der Kanzlei austrat und Stiftsamtmann in Aalborg
wurde.
[Sidenote: Der gefeierte Dichter.]
Kurz nach meiner Heimkehr wetteiferten Viele der Großen, ebenso wie
Schimmelmann's, mir Gesellschaften zu geben, z. B. der Staatsminister
Graf =Christian Reventlow=, Graf =Christian Bernstorff=, Geheimrath
=Moltke= und die Hofdamen Fräulein v. d. =Maase=, Gräfin Mynster und
Fräulein =Levetzau=. Eines Abends war auch Moltke auf Friedrichsberg
bei einer dieser Damen; er hatte dem König und der Königin seine
Aufwartung machen wollen; diese aber waren bei dem Geheimrath Rosenkrone
in der Friedrichsberger Allee. Rosenkrone's waren die Einzigen, welche
der König und die Königin besuchten; das weckte vielleicht Moltke's
Eifersucht ein Wenig und er machte nun seine Bemerkungen darüber, daß
Rosenkrone's nicht aus alter Familie seien. Dies reichte hin, um mich
den Bogen spannen zu lassen, und ich sagte: »Ew. Excellenz meinen, daß
Rosenkrone ein Londemann ist! Ganz gewiß; sein Vater war Bruder des
Schauspielers Londemann, der die dänische Bühne verherrlichte, und
das Zwergfell der guten Kopenhagener unablässig erschütterte; aber
vielleicht wissen Ew. Excellenz nicht, daß der vortreffliche Darsteller
des Holberg'schen Henrik ein viel älterer Adelsmann war, als Sie selbst
sind, obwohl ich weiß, daß Ihr Adel alt ist, und daß bereits zu Erik
Menved's Zeit von einem Moltke gesprochen wird.« -- Moltke sah mich
verwundert an und gestand: »Nein, das wisse er nicht.« -- »Das ist
leicht zu beweisen,« sagte ich, »Sie brauchen nur in der Vorrede zu der
Folioausgabe des Snorro Sturleson nachzuschlagen, wo Sie sehen werden,
daß Londemann gerade vom Snorro Sturleson abstammte; Snorro Sturleson
stammt von Harald Schönhaar, und dieser von Regnar Lodbrok.« -- »Ja das
ist sehr möglich!« sagte Moltke artig und lenkte das Gespräch auf einen
andern Gegenstand. Moltke war ein hübscher Mann, leicht und schlank,
sehr rasch in seinen Bewegungen und trotz seines schneeweißen Haares
glühten seine braunen Augen doch in jugendlichem Feuer.
[Sidenote: Eine Anekdote von Thorwaldsen.]
Das Schlimmste, was man dem Geburtsstolze anthun kann, ist, daß man auf
Länder hinweist, wo es von Adligen wimmelt, wie Island, Schottland,
Corsica, Ungarn, Polen. -- Als Thorwaldsen mehrere Jahre nach diesem
Gespräche heimkehrte, wollten ihm gern Alle, Jeder auf seine Weise,
huldigen. Ich war eines Vormittags gerade bei ihm, als er auf ein
Paar Stiefel wartete, mit denen der Schuhmacher ihn im Stiche ließ.
Da trat der brave Finn Magnussen sehr ernst und feierlich ins Zimmer
herein und legte Thorwaldsen eine Stammtafel vor, auf welcher bewiesen
wurde, daß er (ebenso wie wahrscheinlich Finn Magnussen selbst) von dem
norwegischen Könige Magnus Barfuß abstamme. »Das will ich glauben,«
sagte Thorwaldsen lächelnd zu mir, »darum bekomme ich heut auch keine
Stiefeln!«
[Sidenote: Reventlow. Bernstorff. Die Gräfin Mynster.]
Um Thorwaldsen's willen gerieth ich doch etwas mit dem alten, feurigen
Minister, Grafen Christian Reventlow ins Unklare, wie die Seeleute
sagen. Ich war auch bei ihm eines Abends, saß an seiner Seite, und
er machte mir das Compliment, daß ich für den Correggio verdiente
Mitglied der Akademie der Künste zu werden. Aber als wir später von
Thorwaldsen sprachen und Reventlow Canova weit über ihn stellte, nahm
ich mir die Freiheit, durchaus der entgegengesetzten Ansicht zu sein.
Reventlow glaubte, dies sei Parteilichkeit für einen Landsmann; aber
ich antwortete: »Ew. Excellenz! in zehn Jahren wird Das, was ich jetzt
sage, für eine Trivialität angesehen werden.« -- Der vortreffliche
Bauernfreund Reventlow hatte viel mehr Sinn für das Oeconomische und
Nützliche, als für das Schöne, und er bewunderte deshalb auch Rumford
als einen der größten Männer der Zeit. Christian Bernstorff war durchaus
entgegengesetzter Art, und das Aeußere dieser Herren entsprach ihrem
Wesen. Reventlow groß, beweglich und stark, sah trotz seiner Sterne
und Bänder wie ein sinnreicher, tüchtiger Handwerksmeister aus. Der
rasche, feine Bernstorff war edel in allen seinen Bewegungen, wie ein
englischer Lord. Er war nicht enthusiastisch wie seine Vetter, die
Stolberg's, nicht schwärmerisch, aber ebenso poetisch in Bezug aus den
Eindruck, und in seiner Ruhe billiger und vielseitiger. Sein Herz war
vortrefflich. Es bildete sich zwischen uns eine auf geistige Sympathie
gegründete Vertraulichkeit. Als ich einmal in einem solchen Augenblicke
zu ihm sagte: »es sei doch ein schöner Beruf, Staatsminister zu sein,«
entgegnete er: »Ich habe nie Lust dazu gehabt; die Umstände haben mich
dazu gemacht.« Man hat ihm später vorgeworfen, daß er den Engländern
zu viel getraut habe, und daß er ein Aristokrat gewesen sei. Dies
letztere war gewiß stets auf eine sehr edle Weise, mit Bewunderung und
Anerkennung alles Großen und Guten, der Fall. Er hat auch Gedichte
hinterlassen, in denen seine edle Seele sich ausspricht. Seine schöne
junge Gattin war seiner würdig und durchaus liebenswürdig. Ich besuchte
sie oft auf Schloß Bernstorff.
* * * * *
Unter meinen neuen Freundinnen zeichnete sich die Gräfin Mynster,
geborne Ompteda, Hofdame der Königin, aus. Sie war in ihrer Jugend sehr
schön gewesen und sah noch gut aus. Sie war selbst deutsche Dichterin
und übersetzte einige meiner Gedichte, unter andern »Die heimliche
Stimme.« Ich habe es mit einigen Veränderungen in der Ausgabe meiner
deutschen Gedichte benutzt. Sie litt an einem schlimmen Uebel: einer
überspannten Sentimentalität. Oft besuchte sie uns, und dann lasen wir
gewöhnlich Gedichte mit einander. Sie strebte stets nach dem Hohen und
ich versuchte oft, theils um sie wieder in's Gleichgewicht zu bringen,
theils aus schelmischer Neckerei, sie in das Alltägliche herabzuziehen.
Als wir einmal Schiller's »Lied an die Freude« gelesen hatten, und sie
zwischen den Sternen und den Millionen umherschwärmte, sagte ich: »Nun
zur Veränderung ein anderes kleines Lied,« und recitirte das Göthesche:
»Mich ergreift, ich weiß nicht wie,
Himmlisches Behagen.
Will mich's etwa gar hinauf
Zu den Sternen tragen?
Doch ich bleibe lieber hier,
Kann ich redlich sagen,
Beim Gesang und Glase Wein,
Auf den Tisch zu schlagen!«
Die letzte Zeile begleitete ich wirklich mit einem tüchtigen Schlage auf
den Tisch, um sie von dem Firmament wieder in's Zimmer herabzuziehen;
aber sie grollte mir sehr anmuthig wegen dieses burschikosen Wesens, das
sie aus dem schönen Traume geweckt hatte.
* * * * *
[Sidenote: Eine Vorlesung am Hofe.]
Ich laß nun bald Correggio, bald Axel und Valborg so oft in diesen
Gesellschaften vor, daß ich ihrer zuletzt ganz müde wurde; und Christian
Colbiörnsen hatte gewiß vollständig Recht, daß er ein Mal bei Prinz
Christian nach der Vorlesung von Axel und Valborg, sein Compliment
über das Stück mit der Bemerkung begleitete, daß er meine, es müsse
etwas wärmer vorgetragen werden. _Variatio delectat_. Ich hatte so oft
meinen Vortrag loben gehört, daß es mir nun gefiel, von einem Manne
kritisirt zu werden, der, wie man sagt, selbst Beredsamkeit besaß. Es
war das erste und letzte Mal, daß wir zusammen sprachen; ich konnte ihm
den wahren Grund des Mangels an Wärme nicht angeben, und begnügte mich
damit, ihm höflich für seine richtige Bemerkung zu danken, indem ich die
Hoffnung aussprach, daß ich es ein anderes Mal besser lesen werde.
Dieses andere Mal strengte ich mich auch wirklich an; denn da fand
die Vorlesung bei dem König und der Königin selbst statt, welche
auch den Correggio hören wollten und deshalb eine Assemblée in dem
großen Palaissaale veranstalten ließen. Hier hatte ich einen kleinen
amüsanten Prolog mit dem Oberceremonienmeister _Charles Louis Bouz de la
Calmette_, der, um mir das Vorlesen leichter zu machen, mir vorschlug,
ein Pult zu besorgen, an dem ich stehen könne, um mir die Brust nicht zu
drücken. Aber da ich diesen alten französisch-holländischen Cavalier,
der mit seinen gepuderten Locken und dem Haarbeutel im Nacken durchaus
der _vieux bon-temps_ angehörte, in Verdacht hatte, daß er mich wie
einen andern Virtuosen behandeln wolle, der im Stehen spielte, während
die Herrschaften saßen, so versicherte ich ihm, daß das Sitzen meiner
Gesundheit durchaus nicht schaden, daß es mich vielmehr ermüden würde,
fünf lange Acte hindurch zu stehen, und daß ich mir daher einen Stuhl
ausbäte. Einige Jahre später dachte ich an diese Scene, als ich die
Väringer schrieb, in der Scene mit Harald Haarderaade, wo der Kaiser dem
Harald befiehlt zu knieen, dieser aber stehen bleiben will.
[Sidenote: Das Brun'sche Haus.]
Man hatte befürchtet, daß die Lectüre des langen Stückes seine Majestät
ermüden würde; aber er hörte sehr aufmerksam vom Anfang bis zum Ende zu
und schien zufrieden zu sein.
* * * * *
Das angenehmste große Haus in Kopenhagen war damals das Brun'sche.
Hier war ein Sammelplatz für den Hof, für die _beau monde_ und für die
Künstler. Die anmuthige Ida sang vortrefflich, und die Musik war der
Genius, welcher hier das Ganze verband und verschmolz.
Meine Heimat hatte ich außer bei mir selbst noch an vier Orten: bei
meinem Vater, meinem Schwiegervater, bei Oersteds und Rahbeks. Bei dem
Alten speisten wir gewöhnlich jeden Sonntag, wenn wir nicht auf dem
Lande waren, und er ein Mal die Woche bei uns.
Rahbek empfing mich sehr liebevoll, und mir war es eine große Freude,
die liebenswürdige Karen Margrete wieder auf dem Hügelhause zu sehen;
aber Rahbek's Freundlichkeit für mich fing doch bald an, sich aus
folgenden Gründen abzukühlen. Zuerst hatte er die Absicht, eine neue
Zeitschrift herauszugeben, an deren Herausgabe ich mich betheiligen
sollte; aber ich hatte durchaus keine Lust dazu, theils weil es mich
im Dichten gehindert haben würde, wenn ich zu gleicher Zeit eine
Zeitschrift und die Vorlesungen hatte besorgen sollen, theils weil
Rahbek gerade damals durch eine zu flüchtige Behandlung seiner Arbeiten
und dadurch, daß er sich in Federkriege einließ, einen Theil seines
literarischen Ansehens eingebüßt hatte. Diese abschlägige Antwort
sagte ihm nicht zu, und als eine junge Schauspielerin, auf die er
außerordentlich viel hielt und von der er geglaubt hatte, daß sie die
Hauptrollen in meinen Tragödien spielen würde, mir nicht gefiel, so trug
auch dies etwas dazu bei, die Freundschaft abzukühlen. Doch war er an
dem Tage sehr liebevoll, wo er zum Ritter des Dannebrogordens ernannt
wurde, welche Ehre ich erst mehrere Jahre später erlangte. Er bat mich
an dem Tage, wo er Ritter geworden war, die Nacht über bei mir bleiben
zu dürfen, da es zu spät sei, nach dem Hügelhause zu gehen. Dies war
das einzige Mal, wo er mein Schlafkamerad und zwar in einem sehr engen
Bette war, und ich dachte dabei an die Nacht in Paris, wo Baggesen auf
ähnliche Weise mein Gast wurde.
Rahbek hatte viel Eigenthümlichkeiten, und einer von dieser verdankte
ich meine gute Stellung im bürgerlichen Leben. Er war nämlich mehrere
Jahre lang Professor der Aesthetik an der Universität gewesen, als es
ihm plötzlich einfiel, seinen Abschied aus einem höchst sonderbaren
Grunde zu nehmen: weil man ihm vorgeworfen hatte, daß er die Kant'sche
Philosophie nicht studirt habe. Nun lebte er davon, daß er schrieb und
übersetzte und Lehrer der Geschichte und des Lateinischen in einer
Privatschule war. Wäre dies nicht geschehen, so würde ich wahrscheinlich
nie Professor geworden sein, und Gott weiß, was ich dann geworden wäre.
Vielleicht wäre ich dann nach Deutschland zurückgegangen (wo Correggio
viel Glück gemacht hatte) und wäre ebenso wie Steffens nach und nach ein
Deutscher geworden.
[Sidenote: Vorlesungen über Ewald und Schiller.]
Aber das war nun, Gott sei Dank, nicht der Wille der Vorsehung. Ich
wurde hier Professor und wenn ich auch kein Kantianer war, so hatte
ich doch ein volles Haus im Ehlers'schen Collegium. Im ersten Winter
las ich über Ewald, im zweiten über Schiller. Ich wiederholte diese
Vorlesungen im Local der harmonischen Gesellschaft vor Herren und Damen,
hatte viele Zuhörer und zählte unter diesen Schimmelmann, Bernstorff,
Admiral Bille, Geheimrath Moltke, Oersteds, Professor Mynster, Etatsrath
Kirstein u. s. w.
* * * * *
[Sidenote: Aufnahme meiner Tragödien in der Heimat.]
Ich war fünftehalb Jahre fortgewesen und hatte die Eitelkeit
keines Menschen durch meine Anwesenheit verletzt; man hatte meine
heimgesandten Schriften nur gelesen, wie man die hinterlassenen Werke
eines todten Mannes liest, und so kam es denn mit mir, wie es oft viel
Schlechteren begegnet, daß ich zur =Mode= geworden war. =Hakon Jarl=
hatte außerordentliches Glück gemacht. Es war dies die erste auf die
Geschichte begründete poetische Schilderung aus dem Heldenleben des
heidnischen Alterthums, welche auf der Bühne dargestellt wurde. Dies
allein hätte doch nicht soviel Wirkung auf das größere Publikum ausüben
können, wenn nicht auch Hakon's Verhältniß zur Thora, oder richtiger
gesagt: ihres zu ihm, die Herzen der Weiber gerührt hätte. Beim
=Palnatoke= war dies nicht der Fall; da war gar keine Liebe und deshalb
war das Schauspielhaus bei den ersten Vorstellungen auch ziemlich leer;
aber =Axel und Valborg= machte Alles wieder gut; da gab's Liebe von
Anfang bis zu Ende. Obgleich das Stück noch nicht gedruckt war, so war
es doch überall bekannt, man hatte gewußt sich Abschriften davon zu
verschaffen; diese wurden zu theuren Preisen verkauft, und so hatte man
das Vergnügen, sich in die Mönchzeit vor Erfindung der Buchdruckerkunst
zurückzuversetzen, wo ein schön abgeschriebenes Exemplar den Genuß
erhöhte, weil es seltener war, und weil man etwas genoß, das Andern
nicht zu Gebote stand. Reiche Engländer amüsiren sich ja noch oft damit,
einige wenige prächtige Exemplare als Manuscript drucken zu lassen.
-- =Correggio= wirkte nun wieder auf eine andere Weise, während darin
doch zugleich wieder Stoff genug für fühlende Herzen war. Sowie Hakon
Jarl den Sinn für das Altnordische geweckt hatte, weckte Correggio den
Sinn für die Kunst, und war vielleicht eine der ersten Triebfedern zu
ihrem fleißigen Studium in Dänemark, das später reiche Früchte trug.
Was die damalige Aufführung dieser Stücke betraf, so läßt dieselbe sich
auf keine Weise mit der Aufführung späterer Zeiten vergleichen. --
Meine Hauptstütze war gefallen; der Künstler, auf den ich am meisten
gerechnet hatte, der herrliche =Rosing= war lebend todt. Seitdem
habe ich selten an einen bestimmten Schauspieler gedacht, wenn ich
meine Dramen schrieb, was ihnen oft geschadet hat. Denn man kommt
hauptsächlich ins Schauspielhaus, um die Schauspieler zu sehen; sie
können ein mittelmäßiges Stück interessant machen, und ein gutes Stück,
das im Ganzen schlecht gespielt wird, wird langweilig. Aber es war
mir unmöglich, die idealen und neuen Charactere, die ich darzustellen
suchte, nach gewissen bekannten Menschen zu formen. Mit Rosing als Hakon
Jarl war es doch etwas Anderes! Alles in dieser Rolle paßte für ihn.
Er war voller Feuer und pathetisch, konnte kalt und klug sein, war ein
Bewunderer des weiblichen Geschlechts und ein kräftiger Norweger von
Nidaros. -- So =war= er, als ich ihn kannte; jetzt bei meiner Heimkehr
saß er, von einer schrecklichen Gicht darniedergebeugt und konnte
weder Hand noch Fuß rühren. -- =Schwarz=, früher in komischen Rollen
vortrefflich, war später als würdiger Vater in bürgerlichen Dramen
ausgezeichnet; =Frydendahl=, Thalia's auserwählter Liebling, konnte in
mißglückten Versuchen unter Melpomene's Fahne Rosing nicht ersetzen.
[Sidenote: Deren Darstellung auf der Bühne.]
Aber ein ehrenwerthes Künstlerkleeblatt, ohne dessen Hülfe es mir
unmöglich gewesen wäre, durch die Bühne zu wirken, darf ich nicht
vergessen. Ich hatte die Freude, Diejenige, die mich vor 16 Jahren als
Dyveke und Kathinka entzückt hatte, =Heger's= Gattin, früher =Marie
Smith=, als eine edle Thora, als Valborg, als Marie im Correggio zu
sehen. -- =Stephan Heger=, der in der letzten Zeit ganz die Lust zu
spielen verloren hatte, lebte durch meine Stücke gleichsam wieder für
die Kunst auf. Der hübsche, gebildete, geistreiche Mann mit dem schönen
Organ erfreute Alle als Einar Tambeskjälver, als Thorwald und als Giulio
Romano.
[Sidenote: Mein Freund der Schauspieler Foersom.]
Der dritte im Kleeblatt war mein lieber =Foersom=. Er hatte =sehr
viel mehr=, als was er auf dem Theater gebrauchte, aber Etwas, was er
dort nothwendig haben mußte, fehlte ihm: ein starker Körper und ein
deutliches Organ. Dies mußte er durch Anstrengung zu ersetzen suchen und
die sichtbare Anstrengung in der Kunst schwächt stets den Eindruck. Aber
Foersom war ein Mann von Genie. Er hätte ein vortrefflicher Philologe
werden können, und er war Dichter; Dichter mehr als Schauspieler.
Einige seiner lyrischen Stücke tragen unverkennbar das Gepräge der
Originalität; als Shakspeare's Uebersetzer machte er Epoche. Seine
Uebersetzungen bedürfen vielleicht der Berichtigung und es fehlt ihnen
zuweilen die Feile; aber Shakspeare hat auch keine Feile gebraucht, und
in Foersom's feuriger Uebertragung tritt der eigentliche Shakspeare
oft stärker, als in A. W. Schlegel's oft allzu correcter und glatter
Bearbeitung hervor, so gut diese auch übrigens ist.
Der Shakspeare'sche Humor war Foersom's eigentliches Element, und
deshalb war auch der tiefsinnige, mit seiner Schwäche kämpfende =Hamlet=
seine beste Rolle. -- Friede sei mit Deinem Staube, guter Foersom!
Ich bewahre noch das Exemplar Deines Lear's und Romeo's, in das Du
geschrieben hast: »Dem Zwillingsbruder William Shakspeare's.« Ich bin
stolz darauf, daß =Du= mir das gesagt hast. -- Geist und Gefühl des
kräftigen Helden vermochte er darzustellen; aber das Erotische schien
nicht gerade das zu sein, womit der tiefsinnige, launige Foersom am
meisten sympathisirte.
* * * * *
[Sidenote: Madame Schirmer als Thora.]
Axel und Valborg machte Glück; doch entging es nicht dem Tadel der
Mitglieder der ältern Schule. Der verstorbene Professor Kierulf fand
es unnatürlich, daß Axel ein =Schwanenlied= sang, ehe er starb. Ich
hatte nämlich »Schwanengesang« über Axel's letzten Monolog geschrieben,
worunter ich nichts Anderes, als seinen Herzensseufzer im Tode meinte.
Es wäre vielleicht besser gewesen, jene Ueberschrift auszulassen.
Als man Thaarup einmal während der Aufführung fragte: »Woran stirbt
Valborg?« antwortete er: »An einem Liede!« Valborg's Tod mag etwas
Auffallendes und für Viele etwas Unnatürliches haben; aber ich glaube
doch nicht, daß es unmöglich ist, und das ist für den Dichter genug. Ich
habe später einmal in Dresden eine Madame =Schirmer= gesehen, welche
den Tod der Valborg dadurch motiviren wollte, daß sie vom 3. Acte an
ein gewisses schmachtendes Dahinschwinden andeutete, welches Valborg zu
verbergen sucht; aber dies verdirbt das Ganze, ohne die Einzelnheiten zu
retten. Valborg's Herz muß plötzlich durch einen Nervenschlag brechen,
den ihr überspannter Zustand herbeiführt. Sie stirbt also stark bewegt
und entschlummert nicht elegisch. Es würde leicht sein, ihren Tod ohne
Nachtheil für das Stück zu verändern; aber davor werde ich mich wohl
in der Ausgabe der Tragödien selbst hüten. Die Leser sind nun einmal
an die alte Form gewöhnt und mit ihr zufrieden, und würden eine solche
Veränderung für einen Eingriff in das öffentliche Eigenthum ansehen.
Wenn indessen Etwas an der sogenannten Künstlerunsterblichkeit ist,
so muß sie doch wenigstens einige Menschengeschlechter überleben.
Es wird also eine Zeit kommen, wo man sich auch von Jugend auf an
die Veränderungen in einem Dichterwerke ohne Verlust persönlicher
Gefühle und Erinnerungen gewöhnen kann. Für diese -- und für die
Leser der Jetztzeit, die sich, wenigstens in einer Biographie für die
verschiedenen Ideen eines Verfassers interessiren dürften, will ich hier
einen Monolog anführen, den ich in späteren Jahren gedichtet habe, und
mit dem Valborg das Stück beendigen könnte, wenn Wilhelm seine letzte
Replik gesagt hat, und sie todt glaubt.
[Sidenote: Neue Schlußscene zu Axel und Valborg.]
Valborg
(erhebt sich von Axel's Leiche und nähert sich Wilhelm):
Nein Herr! Ihr habt nicht recht gesprochen!
Hoch Euer Lied ich preise,
Doch Valborg's Herz ist nicht gebrochen.
Durch Aage's und Else's Weise.
Der Tod wird langsam mich bezwingen
Bis dann in's Grab ich steige.
Doch kann ich leicht dies Opfer bringen,
Daß meine Treu' ich zeige!
Kommt nun, Herr Bischof! zu Gottes Ruhm
Woll't mir den Segen ertheilen!
In jenem dunkeln Heiligthum
Will bis zum Tod ich weilen.
Kommt Jungfrau'n nun, und Ritter werth,
Es schaff't Euch keinen Harm!
Kommt, weih't mich, und werfet die dunkle Erd'
Ueber jung Valborgs Arm.
Nun gehet Valborg mit Nonnen daher
Und betet die frommen Messen.
Versäumen wird sie's nimmermehr
Und Axel nie vergessen.
Besser doch nimmer geboren sein,
Als nur sich in Leid zu versenken;
Wenn die Sonne taucht in das Meer hinein
Verlor'ner Freuden zu denken.
Gott denen verzeihe, die Ursach' sind
Daß die nicht zusammen geblieben,
Die einander so treu von Herzen geminnt
Und in Zucht und Ehren sich lieben!
So würde die Tragödie sich fromm und recht an das alte Lied anschließen,
von dem sie ausging, und Valborg's Tod, wenngleich im Grund derselbe,
würde natürlicher erscheinen.
* * * * *
[Sidenote: Das Mißgeschick.]
Ich hatte mir im ersten Winter nach meiner Rückkehr ein großes Zimmer
gemiethet, in dem auch mein Bett stand. Hier empfing ich fleißig Besuch.
Mein alter Freund Weyse kam auch zu mir, und wollte durchaus haben, daß
ich ihm gleich ein Singspiel schreiben solle, welches er componiren
könne. Hier fing nun mein Mißgeschick an; in dem sichern Vertrauen
auf mein poetisches Ansehen und den Beifall, den ich unbedingt genoß,
beeilte ich mich, mitten in dem Schwarm von Besuchen und Unterbrechungen
eine Skizze, =Faruk=, zu entwerfen, die zwar nicht ohne Poesie war, aber
doch keine strenge Kritik aushalten konnte. Weyse war sehr zufrieden
damit und ging gleich an die Arbeit. Als er fertig war, mußte ich
zum Könige hinauf gehen, und um ein Benefiz auch für den Componisten
bitten; denn es war nur eins für den Verfasser bestimmt, das wir dann
hätten theilen müssen, und damit war Weyse nicht zufrieden. Der König
war im Anfange dagegen, und machte es mir zum Vorwurf, daß ich das
Stück nicht Kuntzen, der Kapellmeister war, gegeben hatte; als ich aber
seiner Majestät vorstellte, daß ein so großes Genie, wie Weyse, doch
auch Gelegenheit haben müsse, sich zu zeigen, fand er sich darein, und
bewilligte Jedem von uns ein Benefiz. Das erste kam mir zu; aber ich
überließ es Weyse. Dasselbe mußte ich ein paar Jahr später mit =Ludlams
Höhle= thun. Bei Faruk aber, das auch nicht gut gegeben wurde, begannen
nun allmälig sich die Wolken des Tadels gegen mich zusammenzuziehen.
Von Deutschland aus hatte ich weiter keine Hülfe, obgleich Correggio
auf allen Bühnen gespielt wurde und eine Reihe von Jahren hindurch
außerordentliches Glück machte. Aber -- ich hatte nun Göthe gegen mich,
ich hatte die sogenannte romantische Schule verlassen, und dadurch Tieck
und Steffens gegen mich lau gemacht. Meine Gegner und Neider in Dänemark
fingen an, die Köpfe zusammenzustecken. =Sander= war immer feindlich
gegen mich; er hatte zwei Stücke: »das Hospital« und »Knut Lavard«
geschrieben, die ausgepfiffen wurden; nicht von einer einzelnen kleinen
Partei der Menge gegenüber, sondern die Menge selbst verurtheilte sie.
Daran sollte ich nun Schuld sein, obgleich ich während der Execution
nicht zugegen gewesen war und die Stücke vor meiner Heimkehr nicht
kannte.
[Sidenote: Sander und seine »Alphabete«.]
Sander hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, ehe er herkam und
rühmte sich oft aller der »Alphabete,« die er herausgegeben hatte.
Das Glück, welches sein Niels Ebbesen machte, der Dänisch geschrieben
war, nachdem er die Fertigkeit der Sprache erlangt hatte, übte einen
schädlichen Einfluß auf seinen moralischen Character aus. Ein paar Jahre
lang ging er in dem Glauben umher (in dem auch Rahbek ihn bestärkte),
daß er ein sehr großer Dichter sei, und -- wenn er so fortführe --
Dänemarks erster Tragiker werden könne. Das Alles fiel nun zu »Hospital«
und »Knut Lavard« hinab, und die Verachtung, die diesen matten Arbeiten
gezeigt wurde, machte ihn ganz verdreht im Kopf. Ich habe erzählt, daß
er eine kurze Zeit in der Schule für die Nachwelt, als ich noch Zögling
daselbst war, Unterricht im Deutschen gab. Daß dieser Zögling vier Jahre
darauf ihn verdunkeln würde, hielt er der Natur nach für ganz unmöglich
und betrachtete es als eine abscheuliche Kabale. Ich erstaunte im
hohen Grade, als ich den Mann, der in der Schule unablässig Tugend und
Humanität im Munde führte, so schwach sah, daß er sich zu schamlosen
Angriffen meines moralischen Characters herabließ. Es ging so weit, daß
einer meiner Freunde ihm mit dem Gerichte drohte. Vor diesem Freunde
that er privatim Abbitte, und entschuldigte sich damit, daß er krank
geworden wäre, wenn er seiner Galle gegen mich nicht Luft gemacht hätte.
* * * * *
[Sidenote: Die Dichtung und das Strenghistorische.]
Aber Sander war nicht mehr gefährlich; dagegen traf ich bei meiner
Heimkehr einen gewissen historischen Eifer an, der der Poesie mit dem
Untergange drohte. Durch Dichterwerke angeregt, hatte man gelernt,
die alten Heldensagen zu schätzen; man legte sich gründlich auf
dieses Studium, und das war gut und recht; aber nun fand man, daß
die Dichter die Geschichte allzu oberflächlich behandelt hätten;
man meinte viel weiter in der Kunst zu kommen, wenn man sich nur an
das Strenghistorische hielte. Die Dichter sollten treue Bilder des
Alterthums zeichnen, durchaus ihre eigne Natur, die eigne Zeit, ihre
Denkungsart verleugnen und sich in eine barbarische Zeit versetzen; erst
dann erhielten ihre Werke tiefere Bedeutung, Wahrheit und Schönheit. --
Ich glaubte und glaube noch, daß die Poesie sowohl Vergangenheit, wie
Gegenwart, und weder das eine oder das andere =allein= sein sollte. Ich
unterschrieb Schiller's Worte:
»Alles wiederholt sich hier im Leben,
Ewig jung ist nur die Phantasie;
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie.«
Der Dichter muß dem Ideale nachstreben; das menschlich Schöne
besteht in einer harmonischen Verbindung geistiger und körperlicher
Vollkommenheiten. Zu verschiedenen Zeiten hat bald das Geistige, bald
das Körperliche geherrscht; der Dichter muß Etwas von Beiden aufgeben,
um sie Beide vereinigen zu können. Seine Helden dürfen weder Barbaren
noch Philosophen sein, sondern kräftige Menschen mit Verstand und Herz.
Er muß also Etwas von der Bildung und Milde seiner Zeit über die allzu
wilde Kraft der alten Heldenzeiten ausbreiten. Diese giebt die Handlung
und die Charactere, aber er muß zu großem Theile die Barbarei entfernen.
Kurz, er muß im Geiste Palnatoke's handeln, wenn dieser sagt:
»Ihr Brüder! =Kraft= und =Frömmigkeit=, das sind
Die beiden Flammen, die ins Leben strahlen.
Es scheint die Kraft der Sonne gleich am Tage,
Und weckt mit ihren starken Sommerstrahlen
Die schönen Blumen aus dem todten Grunde;
Es leuchtet Frömmigkeit ein bleicher Mond,
Verleiht den Blumen ihren schönsten Reiz.
Doch diese beiden Flammen müssen =wechseln=!
Denn wenn der Sonne Gluthen ewig brennen,
So wird der Garten einer Wüste gleich,
Der Held ein Irrlicht; strahlt der Mond
Beständig seine frommen matten Flammen,
So schwindet bald des Lebens Macht, der Mensch
Wird zum Gespenste, das vor seinem Tode
Umherirrt in der Nacht verschwiegnen Gräbern.«
[Sidenote: Die Grundtvig'sche Schule.]
In diesem Geiste habe ich meine Tragödien gedichtet. -- Aber bei meiner
Rückkehr fand ich einen neuen Absenker der neueren Schule mit einiger
Variation der vorigen, aber doch in demselben Geiste, dessen Anführer
=Grundtvig= war. Dieser geniale, aber -- meiner Ueberzeugung nach --
allzu einseitige und schwärmerische Mann hatte mit zwar seine »Scenen
aus dem Untergang des Heldenlebens« dedicirt, aber ich bemerkte doch
bald, daß er zugleich gegen mich kämpfte.
Trotz all' der Huldigungen und des Lobes, das ich von ihm bekommen
hatte, konnte ich doch nicht sonderlich zufrieden sein; seine Ansicht
war, daß ich den ersten -- halb geglückten, halb mißglückten -- Versuch
gemacht, und so eigentlich nur Anderen den Weg gebahnt habe. Ich las
Grundtvig's Heldenscenen, und obgleich diese, wie er selbst sie nennt,
nur Gespräche ohne dramatische Handlung und Kunst sind, so staunte ich
doch über das Feuer und die Kraft in der Sprache, über die Vertrautheit
mit den alten Sagen, welche ihn mit Wörtern und Ausdrücken und mit
vielen characteristischen Zügen in den Schilderungen bereichert hatten,
die dieses Buch zu einem merkwürdigen Produkte der dänischen Literatur
machen. Er war in einer gewissen Richtung der Geschichte um einige
Linien auf dem poetischen Compaß näher gekommen, als ich; aber alle
seine Helden waren doch nur lyrisch begeisterte Wortführer der rohen
Kraft; und dies geht sogar so weit, daß Vagn Akison ohne Mißbilligung
der Anderen damit prahlt, einem Sklaven ein Auge ausgeschossen zu haben,
als er es versuchen wollte, Palnatoke's Schuß nach dem Apfel auf des
Sohnes Haupte nachzumachen. In der ältesten nordischen Geschichte finden
sich doch nur wenige Züge solchen aristokratischen Hochmuths und solcher
Grausamkeit, an denen die Geschichte des Mittelalters so reich ist. Was
die objectiven Darstellungen betraf, so wagte ich stets zu glauben, daß
ich mehr altnordisch sei, als Grundtvig, bei dem das subjective Streben
sich stets vorherrschend äußerte.
[Sidenote: Mein Briefwechsel mit Grundtvig.]
Er ging bald einen ganz entgegengesetzten Weg. -- Er bewunderte nicht
mehr Thor's Hammer; nicht das Christenthum, wie ich es fühlte, stellte
ihn zufrieden; er schrieb mir ein Mal einen Brief, und ich beantwortete
ihn. Da wir später unsere Ansichten nie unterdrückt haben und diese in
der langen Zwischenzeit wohl kaum viel verändert worden sind, will ich
hier diese Briefe auszugsweise mittheilen. Grundtvig schrieb:
»Wie ich über Sie und Ihre Werke urtheile, wissen Sie vielleicht;
aber ich will es Ihnen doch sagen; denn ich will mich nicht bei Ihnen
einschmeicheln, unser Verhältniß aufklären will ich, damit es dann von
unsern Herzen und nicht von Mißverständnissen abhängt, welche Stellung
wir einander gegenüber einnehmen sollen.«
»Wenn Sie einst in der Erinnerung die Stimmung bei sich wiedergebären
wollen, in der Sie Ihre poetischen Schriften dichteten, und sich
diese Stimmung als eine feste, ruhige Ueberzeugung denken, von der
Alles getrennt ist, was nicht im Christenthume wurzelt, so werden Sie
besser, als es Worte auszudrücken vermögen, fühlen, wie ich Ihre neue
Dichterlaufbahn beurtheilen muß; denn daß Sie, nachdem Sie Hakon Jarl's
Denkmal beendigt hatten, eine neue einschlugen, ist Ihnen sicherlich
bewußt. Daß ich nicht blind bin für die Schönheit Ihrer späteren
Gedichte sowie für die bei Weitem größere Abrundung und Proportion
derselben, werden Sie mir auf mein Wort glauben; aber es versteht sich
von selbst, daß es mich innig betrüben muß, daß der religiöse Ernst Ihre
Gedichte mehr und mehr verlassen hat, und in Ihren letzten Arbeiten
durch ein gewisses Spielen mit dem Geistigen verdrängt wird, wie auch,
daß ich diese Gedichte im Grunde viel weniger poetisch (begeistert)
nennen muß. Am meisten schmerzt mich dies, weil eine solche Umwandlung
ihren Grund im innersten Wesen des Dichters findet. Daraus folgt, daß er
das ernste Nachdenken über sein eigenes geistiges Verhältniß zu Gott als
dessen Diener auf Erden aufgiebt; daß er mehr Gewicht darauf legt, zu
glänzen und Ehre und Beifall zu gewinnen, als seine Brüder zur Anbetung
Gottes im Geist und in der Wahrheit zu erheben.«
»Ich weiß, daß Sie und viele Andere in mir einen Schwärmer und Fanatiker
sehen, aber glauben Sie mir, ich bin es nicht. Wenn das Leben eine Farce
ist, welche endigt, sobald der Vorhang des Todes fällt, so habe ich
entschieden Unrecht; aber das ist nicht zu befürchten; ich bin meiner
Sache gewiß. Gäbe Gott, daß es mit Ihnen ebenso wäre! dann würde Ihr
Herz eine reinere und stetigere Freude erfüllen, ein höherer Geist Ihren
Gesang beseelen und Sie wieder mit ihren seltenen Gaben ein strahlendes
Licht für tausend Ihrer Brüder werden, die in dem Schatten des Todes
schlummern und unstet auf Irrwegen umherwandeln.«
[Sidenote: Die Dichtung in ihrem Verhältniß zur christlichen Religion.]
Ich antwortete:
»Wodurch verdiene ich die kränkenden Anschuldigungen, die Sie gegen
meine höhere Menschlichkeit, das ewig Heilige, das sich mit der Gottheit
und Ewigkeit verbindet, aussprechen. Worin habe ich in meinen späteren
Werken eine Abweichung von meinem höhern Ziele gezeigt. Wahrlich, ich
würde sehr betrübt sein, wenn ich nicht fühlte, daß meine Seele sich
entwickelt und veredelt hat. Ich behaupte auch, daß mein Palnatoke,
Axel und Valborg, Correggio und Stärkodder den Beweis dafür liefern. In
Hakon Jarl zeigt sich noch der polemische Gegensatz zwischen der Form
des Christenthums und der des Heidenthums. Hiermit sympathisirt Ihr
polemischer Character am Meisten. Das Christliche äußert sich daselbst
auch mehr in hervortretenden lyrischen Sentenzen Olaf's, der übrigens
noch ein sehr mäßiger Christ war. In den anderen Stücken ist nicht
vom Christenthum die Rede; aber ich glaube, es findet sich mehr wahres
Christenthum darin. Denn die Ideen von der Versöhnung, der Liebe,
die unverschuldeten Leiden der liebenswerthen Tugenden und die ewige
Hoffnung werden in der Handlung dieser Stücke dargestellt und müssen
einen Jeden, der nicht absichtlich seine Augen schließt, überzeugen, daß
nicht irdische Eitelkeit ihren Verfasser begeistert hat.«
»Wie wir auch die christliche Offenbarung betrachten mögen, so muß man
sie doch ihrem eigenen Geiste nach für das ewig Göttliche halten, das
in der Zeit auf eine sinnliche Weise anschaulich wurde; Gott war es,
welcher Mensch: der Geist, welcher Fleisch wurde und unter uns wohnte.
Das Göttliche müssen wir als unveränderlich betrachten; aber das
Sinnliche, das Menschliche, gehört der Zeit und wird mit ihr verändert.
Statt sich nur stets an dem Christusbilde, wie die historische
Bibelnachricht es umgiebt, zu halten, sucht der Dichter den Geist
Christi mit mehreren Bildern zu vereinigen. Dies ist sein Wesen, und
ohne dieses giebt es keine Dichtkunst.«
»Die ewige Liebe hat sich sowohl vor, wie nach Christus offenbart; er
selbst steht als das schönste, heiligste Beispiel der Vereinigung des
Göttlichen und Menschlichen da. Aber seine Stellung ist so hoch, daß der
bescheidne Dichter, der daran verzweifelt, ihn so herrlich darstellen zu
können, wie er es verdient, sich lieber in Demuth an etwas Menschliches
wendet, das ihm gleich ist, und einen Schimmer seiner himmlischen
Tugenden hat. Das Licht bricht sich in Farben; mit diesen können wir
malen, nicht mit dem Lichte selbst. Ich habe Nichts dagegen, daß man
dies ein Spiel mit dem Geistigen nennt; es ist ein Spiel, wie Correggio
sagt; aber dieses Spiel schließt den höchsten Ernst in sich. Auch nach
der Abrundung von Schönheit in der Kunst, welches Sie gleichfalls als
etwas sehr Untergeordnetes zu betrachten scheinen, strebt der wahre
Künstler; denn Schönheit ist nichts Anderes, als die vollkommene Form
des Guten, und Abrundung ist Reife und die Herrschaft des Künstlers
über das Werk.«
Damit war der Briefwechsel geendigt, und kurz darauf wiederholte
Grundtvig in seiner Weltchronik, was er mir im Briefe gesagt hatte.
Ich fühlte, wie unmöglich es mir werden würde, mit diesem Manne zu
sympathisiren, dessen Feuer, Begeisterung, Beredsamkeit ich bewunderte,
und von dessen gutem Willen ich überzeugt war, dessen Gefühl und
Lebensanschauungen aber in zu starkem Gegensatz zu dem meinigen standen.
Hier, wie so oft, erkannte ich die Wahrheit von Göthe's Worten:
»Ganz vergeblich versuchst Du des Menschen
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;
Aber bestärken kannst Du ihn wohl in seiner Gesinnung,
Oder wär er noch neu, in Dieses ihn tauchen und Jenes.«
* * * * *
[Sidenote: Ein Winter in der Heimat.]
Den größten Theil des ersten Winters nach meiner Rückkehr nach
Kopenhagen brachte ich in großen Gesellschaften zu; um mich wieder zu
erholen und eine alte Freundschaft aufzufrischen, zog ich ein paar
Wochen nach Friedrichsburg hinaus, wo mein Jugendfreund Winckler
Regimentschirurg war. Während dieser Zeit war ich sein Gast. Wir
wanderten in der stillen Winterlandschaft weit umher, sprachen viel mit
einander und frischten alte, liebe Erinnerungen auf. Er machte mich mit
der Familie des Justizraths und Gestütmeisters =Nielsen= bekannt, wo
ich doch nicht den jungen Mann fand, der einige Jahre später so sehr
viel zu dem glücklichen Erfolge meiner Tragödien auf der Bühne beitragen
sollte. Es machte mir vielen Spaß, all' die gewaltigen Hengste ihre
Capriolen machen zu sehen; einer der schönsten und stärksten von ihnen
war Palnatoke genannt. Aber auch kleinere Thiere amüsirten mich in
Friedrichsburg: ich hatte ein Zimmer gemiethet, da Winckler keines übrig
hatte; hier waren Mäuse, und ich zog eine von diesen so, daß sie an
mein Bein hinaufkroch und etwas Brot aß, das ich dort hinlegte, während
ich am Ofen saß und las. Bei der kleinsten Bewegung schlüpfte das
Thierchen wieder in sein Loch. Ich dachte hierbei an Norkroff und viele
andere arme Gefangene, die in solcher Gesellschaft ihren einzigen Trost
und Zeitvertreib gefunden hatten.
* * * * *
[Sidenote: Meine Trauung.]
Am 17. Mai 1810 speiste ich mit meiner Christiane bei ihrem Vater in
Kopenhagen zu Mittag; darauf fuhr ich mit ihr allein nach Gientofte, wo
Herr Pastor =Höegh=, nachdem ich ihm die nöthigen Papiere gezeigt hatte,
mit uns in die Kirche ging und uns traute. Als Mann und Frau setzten
wir uns wieder in den Wagen und fuhren nach dem schönen Christiansholm
bei Seeluft, das uns Graf Schimmelmann freundlich zur Sommerwohnung
angeboten hatte.
Dieser Sommer war schön und angenehm. Die munteren witzigen Fräulein
=Hammeleff=, die Freundinnen meiner Frau, und der derbe, treue Norweger
=Reinhardt= (später Professor der Zoologie und mit der einen Freundin
verheirathet) bildeten damals hauptsächlich unsere Gesellschaft, wenn
wir nicht auf Seeluft waren. -- In diesem Sommer dichtete ich einige
lyrische Gedichte, sowie die Erzählung =Aly und Gulhyndy=. Von den
lyrischen Gedichten war =Sigrid mit dem Schleier= das längste. Da der
Stoff romantisch ist und sich den Ariost'schen Mährchen nähert, schrieb
ich es in Ottaverimen, und die Erinnerung an Italien, das ich vor Kurzem
verlassen hatte, verlieh ihm ein südliches Colorit. Aber um doch Denen,
die da behaupteten, »daß ich nicht mehr nordisch sei,« zu zeigen, wie
wenig ich das Nordische vergessen hätte, schrieb ich zu gleicher Zeit
=Harald Fangzahn=, dessen Form stark nordisch ist, in einem schweren
alten isländischen Ton, sowohl in Reimen, wie in Reimbuchstaben.
Die herausgekommene Sammlung unter dem Namen von =Dichtungen=, welche
kurz darauf durch einen Band =Erzählungen= fortgesetzt wurden, fanden
viele Leser und Liebhaber. Aber es hieß doch in gewissen Kreisen, »daß
dies nur ein matter Abglanz meiner früheren Gedichte sei.« Ueberhaupt
-- mit Ausnahme der Werke, die ich aus der Fremde ins Vaterland sandte,
oder kurz vor meiner Abreise herausgab -- ist das Meiste ziemlich streng
getadelt worden, wenn es erschien, und gewann erst nach und nach Beifall.
So ging es selbst mit Correggio, obgleich Foersom durch seine geistvolle
Darstellung diesem Character auf der Bühne Interesse zu verleihen
verstand. »Um Gottes Willen,« sagte ein Mann, der damals viel beim
Theater zu thun hatte, »wie kann es nur das Publikum amüsiren, einen
armen Maler ein ganzes Stück hindurch ächzen zu hören?« Man hielt damals
eine solche Aeußerung, die von einzelnen Anderen wiederholt wurde, für
eine Einfältigkeit; aber wir haben gesehen, daß sie selbst von einem
Göthe und Tieck unterstützt worden ist.
* * * * *
[Sidenote: Meine Bekanntschaft mit Christian Stolberg.]
Bei Schimmelmanns machte ich die Bekanntschaft mehrerer bedeutender
Personen; unter anderen die des Grafen =Christian Stolberg=, der mir
mit geistvoller Freundlichkeit entgegenkam. Sein genialer Bruder
=Friedrich Stolberg= war nicht zugegen. Es würde mich gefreut haben,
diesen Dichteraar zu sehen und zu sprechen, der Axel und Valborg liebte
-- wenn nicht der katholische Mysticismus bereits seine Flügel gestutzt
hätte. Auch die Schwester des Grafen Stolberg, =Käthchen=, ein alte
Dame, welche umherreiste, und sich bald bei dem einen, bald bei dem
andern ihrer Freunde einquartirte, lernten wir kennen. Sie war immer
entzückt und exaltirt, aber sehr gutmüthig und hatte vielen Verstand und
Bildung. Als sie hörte, daß wir auf Christiansholm wohnten, sagte sie:
»Ach, da muß ich Sie besuchen!« Sie kam auch. Auf Christiansholm waren
zwei große Zimmer mit Glasthüren zu beiden Seiten. Sie trat durch die
eine herein; aber kaum sah sie durch die andere die Bäume, so rief sie:
»Ach, wie schön! da müssen wir hinaus!« worauf sie durch die andere
ging, und wir mußten mit ihr weiter spazieren, ohne daß es ihr einfiel
zurückzukehren. Man erzählte eine komische Geschichte von ihr, wie sie
in Holstein, ich glaube beim Grafen Reventlow, in einem Saal der zweiten
Etage, ohne es Jemand zu sagen, ein Blumenbeet angelegt hatte, indem
sie unbemerkt Erde in ihrer Schürze hinaufschaffte. Diese Rabatte hatte
sie voll Vergißmeinnicht gepflanzt und täglich sorgfältig mit Wasser
begossen. Eines Morgens, als der Graf zur Decke seines Zimmers emporsah,
konnte er nicht begreifen, was das für große, dunkle Flecken seien, die
er daselbst bemerkte. Er ließ seinen Verwalter kommen, und als er ihn
fragte, was das für Flecke seien, antwortete dieser: »Die hat Comtesse
Käthchen gemacht, sie ist verrückt!« Der Graf wurde über diese groben
Aeußerungen böse; aber der Verwalter bat ihn mit hinauf zu kommen, und
zeigte ihm das Blumenbeet, worauf der Graf antwortete: »Sie ist freilich
verrückt; aber Sie sollen es doch nicht sagen.«
* * * * *
[Sidenote: Käthchen Stolberg. -- Characterzüge Schimmelmanns.]
Hier muß ich einen Characterzug von Schimmelmann erzählen. Er hatte
eines Abends ein deutsches Buch politischen Inhalts erhalten, und bat
mich, ihm daraus Etwas vorzulesen. Das Buch gefiel mir nicht, weil
der Ton mir darin affectirt und schwülstig erschien. Ich las deshalb
die übertriebensten Tiraden in einem lächerlichen geschraubten Tone,
worüber Schimmelmann endlich böse wurde, mir das Buch aus der Hand riß
und sagte: »Nein, so könne man auch die Bibel lesen!« Ich schwieg,
obgleich ich heftig bewegt wurde. Er schwieg auch. Die Gräfin knüpfte
ein neues Gespräch an; wir setzten uns zu Tisch. Es ging ziemlich still
zu, und ich ging nach Hause, nachdem ich höflich, aber verlegen gute
Nacht gesagt hatte. Am nächsten Morgen, als wir auf Christiansholm beim
Frühstück saßen, rief Christiane, die zum Fenster hinaus die schöne
Allee vor dem Hause hinunterblickte: »Da kommt wahrhaftig Schimmelmann!«
-- Der herrliche Mann kam, um es wieder gut zu machen, obgleich ich
doch eigentlich erst unartig gegen ihn gewesen war, indem ich ein
Buch lächerlich machte, das er gern hatte, und aus dem er mich bat,
vorzulesen.
Noch einen andern Zug von ihm muß ich erzählen. Es kam einmal in meiner
Gegenwart die Nachricht von seiner Baronie Lindenburg, daß daselbst ein
Schiff gestrandet sei, worauf er das Strandrecht hatte. »Das ist ein
eigner Fall!« rief er, und fuhr fort, indem er auf mich zeigte: »das muß
Aladdin haben!«
Daß es ein falsches Gerücht war, und daß Aladdin also Nichts bekam,
dafür konnte Schimmelmann nicht; er hatte doch den guten Willen gehabt.
* * * * *
[Sidenote: Geburt meiner Tochter Charlotte.]
Im nächsten Frühjahr 1811 am 21. April wurde meine älteste Tochter
geboren; die Gräfin Schimmelmann hielt sie über die Taufe, und sie wurde
nach dieser »Charlotte« genannt.
Wir brachten wieder eine kurze Zeit des Sommers auf Christiansholm zu.
Aber dies war das Kometjahr, und das führte eine abscheuliche Hitze
mit sich, die ich nicht vertragen konnte. Im Anfange hielt ich mich
doch noch tapfer, und um meinen Landsleuten noch ferner zu beweisen,
daß ich das Nordische nicht vergessen hatte, dichtete ich die Tragödie
=Stärkodder=. Aber kurz darauf bekam ich das kalte Fieber und die
Gelbsucht. Christiansholm ist wunderschön beim Thiergarten gelegen; aber
von Sümpfen umgeben; diese hauchten in dem heißen Jahre wahrscheinlich
stärkere Dünste als gewöhnlich aus; es lagerte ein weißer Nebel über
ihnen, wenn ich in der Abendkühle spazieren ging. Der vortreffliche Arzt
=Callisen= besuchte mich. Er hatte mich stets seit der Zeit lieb gehabt,
wo ich ihm bei seinem Rücktritt von der Universität ein Abschiedslied
dichtete. Aber ungeachtet seiner Hülfe kam das kalte Fieber doch immer
wieder.
* * * * *
[Sidenote: Ein seltsamer Besuch.]
Eines seltsamen Nachmittags aus jener Zeit entsinne ich mich noch
deutlich. Meine Frau war in Kopenhagen, es regnete heftig; ich ging in
den großen einsamen Zimmern allein, unbarbirt und gelb, wie ein Zigeuner
umher und fing an, die Fieberkälte zu empfinden. In demselben Augenblick
trat das Mädchen ein und sagte: »Die Gräfin Schimmelmann stehe draußen
mit einer großen Gesellschaft, die mir eine Visite machen wolle.« -- Ich
sah durch das Fenster eine Menge wohlgekleideter, munterer, gesunder
Menschen, die von einem guten Mittagstisch kamen, und nun zum Dessert
den Poeten in der Waldwohnung sehen wollten. Es war mir unmöglich,
sie zu empfangen; das Mädchen mußte der Gräfin sagen, daß ich mich
niedergelegt hätte. Von einem Winkel aus sah ich die große Gesellschaft
wieder durch die Bäume verschwinden, und trotz meines Fiebers athmete
ich einen Augenblick leichter, als ich der drohenden Gefahr entgangen
war, den Schöngeist in einem Augenblicke spielen zu müssen, wo ich
nichts weiter, als ein armer, kranker Mensch war. -- Ich setzte mich
nun in den Lehnstuhl und wollte mich wirklich auskleiden und zu Bette
gehen, als ich in demselben Augenblicke die Augen aufschlug, und einen
fremden Mann vor mir in der Halle stehen sah. Er war ziemlich schlecht
gekleidet, hatte ein sehr blatternarbiges Gesicht und eine sonderbare
Miene. In meinem Fieberzustande fing ich an, an die Möglichkeit eines
Räubers zu denken, als er in demselben Augenblicke sehr freundlich den
Mund öffnete, und sagte, daß er vom Dr. S. gesandt sei, ob ich ihm nicht
die =Schrift= leihen wolle? -- Ich glaubte erst, er wolle die Bibel
haben; aber als es zu näherer Erklärung kam, war es »Bürger Qvist,«
der den Harlequin im Thiergarten spielte und gehört hatte, daß ich
seine Komödie in Verse gebracht hätte (Sct. Johannisabendspiel) und nun
wünschte, sie in dieser Gestalt zu lesen. Ich hatte das Gedicht nicht
zur Hand und mußte ihn unverrichteter Sache fortgehen lassen. -- Als er
fort war, verfiel ich in verschiedene traurige Betrachtungen. »Es waren
andere Zeiten,« dachte ich, »da du noch als Kind dich draußen an dem
Harlequin erfreutest. Nun sitzest du hier, hast Fieber und Gelbsucht
und blickst dem prosaischen Entrepreneur in die Coulissen. Die Illusion
ist aufgehoben, die Kindlichkeit verschwunden; und was ist der Mensch
ohne Kindlichkeit und Illusion?« -- Nun kam das kalte Fieber, und so
denkt ein Fieberpatient. Dem gesunden, frischen Dichter fehlt es nie an
Kindlichkeit, nie an freudiger Illusion. Selbst in seinen Wehmuthszähren
spiegelt sich ein schönfarbiger Regenbogen, der den Himmel mit der Erde
verbindet; und seine begeisterte Kraft erhärtet diesen lustigen Bogen zu
einer Brücke, auf welcher =Thor= mit allen Göttern herabreitet.
Das kalte Fieber kehrte immer wieder; ich wurde immer matter und
gelber, und hätte mich meine Frau nicht, nach Callisen's Rath, in einen
wohlverwahrten Wagen eingepackt, und mich zur Stadt gefahren -- so hätte
ich mich vielleicht niemals erholt.
* * * * *
[Sidenote: Die Tragödie Stärkodder.]
In meiner neuen Tragödie Stärkodder hatte ich die Idee der =Reue= und
der =Besserung= eingeflochten. Wenn diese Worte nicht nur ein hohler
Klang sind, so muß eine solche Veränderung bei dem Menschen möglich
sein. Hier ist nicht die Frage: konnte ein Mann, wie Stärkodder, eine
ehrlose Handlung begehen? sondern die Frage ist: konnte ein Mann, der
jene Handlung begangen hat, ein Mann wie Stärkodder werden? -- Und das
glaube ich zur Ehre der Menschheit. -- Man muß sich in jenes Zeitalter
versetzen. Ein Mensch, der ein solches Verbrechen =jetzt= beginge, wäre
ein Elender, der ohne Zaudern dem Tode überantwortet werden müßte. --
Aber was wünscht Stärkodder? Nur den Tod! Und wie wird er gestraft? mit
dem Leben, das ihm eine drückende Last ist. In den heidnischen Zeiten
war Mord und Todtschlag so allgemein, daß man sich nicht die Bedenken
über dergleichen Handlungen machte, wie in unseren Tagen; Geldgier war
das allgemeine Laster der industrielosen Barbarei, und die Industrie
hat es nicht ausgerottet, obgleich sie sich seltner so plumper Mittel
bedient. -- Er hatte in einem übereilten Augenblicke im Rausche den Mord
begangen. Das Gewissen verfolgt ihn während glänzender Thaten, »jede
einzelne groß genug für einen Mann, um der Unsterblichkeit gewiß zu
sein.«
»Hier steht ein andrer Mann, ein fremdes Wesen;
Ein Name nur: Stärkodder ist geblieben
In der Vergangenheit. Was ist Stärkodder?
Ein Laut, ein Klang, ein Nichts! Und doch muß er
Für jenes jungen Thoren Unrecht büßen!«
Doch endlich werden die Götter versöhnt, -- und diese
nordisch-heidnischen Götter -- die (gleich den griechischen) mehr die
ewigen Naturkräfte, als die moralischen Vollkommenheiten repräsentiren,
bedenken sich nicht, den tapfersten Sterblichen in ihre Zahl aufzunehmen.
Diese dramatische Handlung verband ich mit =Episoden=, indem ich
mich in Bezug auf Solches an die Shakespeare'sche =Historie=, sowie
in den großen Situationen an die lyrisch-pathetische griechische
Tragödie hielt. Ich glaube, daß diese Episoden, die, wie Aristoteles
es verlangt, theils nach Nothwendigkeit, theils mit Wahrscheinlichkeit
der Haupthandlung angeknüpft sind, diese unterstützen und das Stück
=interessant= machen, was heut zu Tage keine Tragödie entbehren kann;
obgleich ich wohl weiß, daß das Pathetische das Interessante überwiegen
muß, und auch hoffe, daß dies im Stärkodder wie in meinen anderen
Tragödien der Fall ist.
=Knudsen= spielte den Stärkodder; und obgleich diese Rolle außerhalb
seines Faches lag, kam ihm doch seine Begeisterung, seine Kraft und
sein nationales Gefühl zu Hülfe und war von Wirkung; doch war es erst
einem =Ryge= vorbehalten, den eigentlichen Stärkodder darzustellen.
* * * * *
[Sidenote: Unbedeutendere Dramen.]
Meine folgenden Dramen waren unbedeutender. Ein Maler kann nicht immer
große historische Gemälde schaffen; er malt auch zur Abwechselung,
während der Geist zu größeren Werken ruht, kleinere Genrebilder. Ich
hatte Lust, den leichten französischen Conversationston in gereimten
Versen zu versuchen, und schrieb den =Canarienvogel=. Ein Scherz mit
einem gutmüthigen, alten Manne, der ohne Ursache aus seine junge, schöne
Frau eifersüchtig ist, und dafür von seinem eignen Bruder durch einen
kleinen Schrecken gestraft wird. Wäre man damals ebenso, wie jetzt, in
dieser leichten gereimten Diction geübt gewesen, so hätte das Stück
vielleicht mehr Wirkung hervorgebracht. Ich habe es später umgearbeitet
und verkürzt und glaube, daß es dadurch gewonnen hat. In »=Ehrlich währt
am längsten=« verlangte ich zu Viel von dem theaterbesuchenden Publikum.
Ich hatte nicht an Göthe's Worte in dem Vorspiel zum Faust gedacht: »Wir
wollen stark Getränke schlürfen.« Ich wagte ein kleines naives Idyll
ohne Musik, ohne Intrigue, aber -- nach dem Urtheil der Kenner -- nicht
ohne poetisches Leben darzustellen. Ein einfältiger, alter Bischof,
übrigens ein gutmüthiger Mensch, der an der Ehrlichkeit zweifelt,
wird durch die natürliche Unschuld eines jungen Hirten beschämt; und
die Rheingegend des südlichen Deutschlands dient dieser Skizze zum
Hintergrunde. Diese kleinen Arbeiten zugleich mit =Faruk= wurden nun von
meinen Gegnern als mißglückte Bagatellen betrachtet, welche deutlich
zeigten, daß ich nicht mehr Der sei, der ich gewesen war.
[Sidenote: Die Tragödie Hugo von Rheinberg.]
Mehr Wirkung machte die Tragödie =Hugo von Rheinberg= (geschrieben
im Jahre 1813), obgleich sie weder vaterländisch noch historisch
ist. Hier ist Alles in der von mir selbst erfundenen, tragischen
Hausscene auf Effect abgesehen. Ritter Hugo und Frau Bertha fliegen wie
Nacht-Schmetterlinge in das Licht, das ein unglückliches Schicksal ihnen
vorhält. Kunigunde und Ritter Walther sind trotz ihrer tugendhaften
Eigenschaften durch Unvorsichtigkeit und Eigensinn selbst Schuld an
ihrem Unglücke. Sie bringt unvorsichtiger Weise Bertha auf die Burg zu
Hugo, nachdem Walther Bertha verlassen hat, um auf Abenteuer auszugehen.
In ihnen Allen geht etwas Gutes zu Grunde, welches Rührung erweckt.
Ein Don Quixote aus dem Mittelalter, Moritz, und sein plumper Vater
Ruprecht, werfen in humoristischen Scenen Lichtpartieen in das dunkle
Gemälde. Auch sie gehen durch eigne Schuld zu Grunde. Der Eine im eitlen
Gezänke, der Andere durch blutigen Rachedurst. Der dänische Harald ist
der vernünftigste. Die Scene, in welcher er im Snorro Sturleson liest,
und wo der Harnisch herabfällt, ist immer von Wirkung, obgleich man im
Voraus weiß, was geschehen wird. Einige werden meinen, daß er leben
bleiben und zum Vaterlande zurückkehren müsse; aber er ist doch auch
einseitig leidenschaftlich in seiner Freundschaft und wünscht selbst
den Tod, um seinem einzigen Freunde zu folgen. So gehen alle heroischen
Personen in diesem Gemälde starker Leidenschaften zu Grunde; nur
idyllisches Glück, auf bescheidene Weise und Genügsamkeit gegründet,
zeigt sich als tröstender Gegensatz bei ihren Dienern.
* * * * *
[Sidenote: Eine Burschenschaft. -- Der Conferenzrath Brandis.]
Während dieser Zeit lernte ich in den vornehmen Zirkeln einen höchst
interessanten Mann, den humoristischen, genialen Etatsrath (spätern
Conferenzrath) =Brandis= kennen. Wenn ich ihn hörte, so war mir's, als
ob Kästner und Lichtenberg wieder auflebten, um mehr Witze zu machen,
aber als ob Göthe ihnen seine geistreichen Beobachtungen für die kleinen
characteristischen Züge des Lebens und seine freundliche Ironie geliehen
hätte.
Brandis und ich bekamen Lust, eine derjenigen ganz entgegengesetzte
Gesellschaft zu gründen, in der wir unsere erste Bekanntschaft gemacht
hatten, wo aber doch auch den Musen gehuldigt werden sollte. Er
hielt medicinische Vorlesungen und es waren mehrere Kieler Studenten
nach Kopenhagen gekommen, um ihn zu hören. Nun stifteten wir eine
=Burschenschaft=; er, um diesen Spaß noch ein Mal in seinem Leben
durchzumachen, ich, um ihn überhaupt ein Mal durchzumachen, da ich ihn
nie vorher gekannt hatte. Sein ältester Sohn, der jetzige Professor
Christian Brandis in Bonn, und unser Freund (späterer Conferenzrath)
=Bech=, der in Deutschland gewesen war, nahmen Theil daran. Die
Gesellschaft war bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, gerade so,
wie ein Collegium politicum. Man saß da an einem langen Tische bei
Butterbrod, Bier, Branntwein und Tabak. -- Ich rauchte nicht mit, ließ
mich aber gern von den Anderen einräuchern. Und nun kamen wieder alle
alten, lustigen Geschichten an den Tag. Man konnte sich mit Rücksicht
auf die Form keinen größern Unterschied zwischen diesem und dem feinen
Damenzirkel denken; aber in der Hauptsache glichen beide Gesellschaften
doch einander, in soweit, als sich geistreiche Menschen darin, zum Theil
poetisch, unterhielten. Daß diese Burschenschaft übrigens von zahmerer
Natur war, als die deutschen, war eine Folge der Ueberpflanzung auf
dänischen Grund, und daß zwei Professoren als Mitglieder an derselben
Theil nahmen.
[Sidenote: Anekdoten von Brandis.]
Von dem merkwürdigen Brandis muß ich etwas mehr erzählen. Er war
von untersetztem, aber starkem Körperbau; sein außerordentlich
ausdruckvolles, blatternarbiges Gesicht mit blauen Augen war voller
Humor; sein großer, dicker Kopf mit buschigem, herabhängendem Haar glich
etwas einem Löwenkopfe, weshalb Camma Rahbek ihn auch den Löwen nannte.
Er war in seinen jüngeren Jahren Badearzt und Gastwirth in Driburg
gewesen. In Hildesheim hatte er sich auch aufgehalten und in Göttingen
studirt. Er wußte eine große Menge Geschichten zu erzählen, die sich
alle mit ihm in diesen Orten ereignet hatten. In Holstein hatte er
der Königin Maria Vertrauen gewonnen und war nun unter sehr günstigen
Bedingungen ihr Leibarzt. In den erwähnten Kreisen war er oft zugegen
gewesen, wenn ich meine Tragödie vorlas; aber er verstand nicht Dänisch
und bemühte sich niemals, es zu erlernen. Doch gebrauchte er einmal
in einem Wortstreit mit einem Dänen, der nicht Deutsch reden wollte,
das Wort »Nidingsfärd« (Bubenstück), und als sich dann seine Familie
wunderte, wo er das Wort herbekommen habe, sagte er: »Hab' ich doch so
viele Tragödien von Oehlenschläger hören müssen, muß ich doch Etwas
davon behalten.« Es war merkwürdig, daß er mich wirklich lieb hatte, und
sich gern in Gespräche und Scherze mit mir einließ, während ihn meine
Poesie, sowie überhaupt dänische Poesie durchaus nicht interessirte.
»=Diese= Helge,« sagte er einmal zu einem meiner Freunde, »mag ich nun
gar nicht leiden.« Und als ich nun später hierüber spottete und ihn
darauf aufmerksam machte, daß er das verurtheilte Gedicht so wenig
kenne, daß er glaube, Helge sei ein Frauenzimmer, lachte er selbst
darüber. Er konnte es recht gut vertragen, wenn man ihn mit gleicher
Münze bezahlte, wie ich es immer that. Einmal sagte er: »Mein Herr, wenn
ich von Tugenden und Moralien hören will, gehe ich in die Kirche.« Ich
antwortete: »So hören Sie es ja gar nicht, denn in die Kirche kommen Sie
nie.« -- Er lachte.
Einmal spielte man Shakespeare's Hamlet, und er kam mitten im ersten
Acte. »Warum haben sie das Stück verstümmelt?« fragte er, »es ist ja
eine Scene vorher mit dem Geiste und dem Sohne.« Ich antwortete: »Die
Scene ist auch gespielt worden, aber =Sie= sind zu spät gekommen!« --
»So, so!« sagte er. Darauf wandte er sich gegen das Parterre hin und
sagte: »Warum sind denn so wenige Leute heute Abend hier? Die Leute
haben keinen Geschmack.« Und nachdem er das gesagt hatte, ging er selbst
fort.
Einer seiner Söhne konnte ein wenig singen, und da er ein sehr
zärtlicher Vater war, so arrangirte er seinetwegen zuweilen
Abendconcerte, und lud Weyse und Kuhlau dazu ein; diese entschuldigten
sich aber. Hierüber wurde Brandis böse. »Diese Musikanten,« sagte
er, »bilden sich so viel ein. In alten Tagen waren die Musikanten
Kammerdiener.« Es fiel mir zu spät ein, ihm darauf zu antworten: »Ja,
und die Aerzte.«
Aus allen diesen Geschichten sieht man, daß Brandis unartig sein
konnte; und wer ihn nicht persönlich kannte, wird nicht einsehen
können, was etwa anziehend bei ihm war. Aber das war sein Witz, sein
reicher Geist, seine Weltkenntniß und Beredsamkeit, obgleich er etwas
stammelte, seine wissenschaftliche Bildung und sein Genie als Arzt.
Wenn man gefährlich-krank war, so wandte man sich an Brandis, und
die Aerzte selbst riethen dazu; aber gefährlich mußte es sein, sonst
kümmerte er sich nicht darum. Als ich ihn nach dem früher erwähnten
kalten Fieber eines Abends auf seinem Landsitze auf Oesterbro besuchte,
wollte er durchaus spazieren gehen, und mit mir im Garten nach
Sonnenuntergang plaudern. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich ein
Fieberreconvalescent sei. »Ach, sein Sie kein Kind!« sagte er. »»Wenn
unser größter Arzt sagt, daß es keine Gefahr habe,«« fuhr ich fort, »»so
bleibe ich; wenn ich meinem eignen Gefühl folgte, so ginge ich nach
Hause.«« Ich hätte gut gethan, wenn ich diesem Gefühle gefolgt wäre;
denn den Tag darauf bekam ich wieder das Fieber. -- Einige seiner Witze
will ich hier als Probe anführen. Von einem Manne, von dem man glaubte,
daß er sich sehr viel Mühe gäbe, Orden zu bekommen, sagte er: »Er hat
den Bandwurm.« -- Von einer Patientin, deren Verstand verwirrt gewesen
war, und die nun wieder anfing, sich zu erholen, sagte er Einem, der
fragte, ob sie nun bald wieder ganz vernünftig sein würde: »Ja, klüger,
als sie war, ehe die Krankheit kam, kann ich sie nicht liefern.« -- Ein
reicher Mann, der immer auf die finanziellen Zustände des Landes schalt,
rief ein Mal in einem Gespräch mit ihm aus: »Ach, wir sind alle arme
Hunde!« -- »Bitt' um Verzeihung, mein Herr!« entgegnete Brandis, »=Sie=
sind nicht arm, und =ich= bin kein Hund!« -- Als ein alter Mann, der
sich mit einem hübschen jungen Mädchen verheirathet hatte, ihn fragte:
»Darf ich Kinder hoffen?« entgegnete er: »Nein -- aber fürchten!«
* * * * *
[Sidenote: Professor Schielderup.]
Einen andern sehr witzigen Arzt, der noch mehr stammelte, als Brandis,
muß ich bei dieser Gelegenheit nennen: den Norweger Professor
=Schielderup=. Er war übrigens sehr verschieden von Brandis, lang und
mager, mit einem sehr bescheidnen Wesen. Er befaßte sich nicht damit,
Schöngeist zu sein, obgleich er das Schöne sehr achtete. »Ich bin solch'
ein Vieh,« sagte er ein Mal ganz ernst und bescheiden zu mir, »daß ich
keine andern ästhetischen Schriften gelesen habe, als Wilhelm Meister
und Benevenuto Cellini.« Ich antwortete, daß der Anfang gut sei, er
solle so fortfahren. -- Eine Eigenthümlichkeit bei ihm war, daß er
nicht stammelte, wenn er Vorlesungen hielt. Aber als er einmal in der
skandinavischen Gesellschaft eine Abhandlung vorlas, kamen in derselben
zuweilen Worte vor, über die seine Zunge ebenso wenig hinwegkonnte, wie
ein Wagen über große Steine, die auf der Landstraße liegen. Ich brach
beinahe in ein Gelächter aus, wandte mich in meiner Noth an meinen
Freund, den Professor Thorlacius, meinen Nachbar, und sagte: »Ich kann
mich vor Lachen nicht halten, meine Fingerspitzen sind ganz naß vor
Anstrengung.« Mit gutmüthigem Lächeln meinte Thorlacius, man dürfe
keinen Naturfehler verspotten. »Ach, mein lieber Freund,« sagte ich,
»dieser Schonung bedarf ein so ausgezeichneter Geist, wie Schielderup
ist, gar nicht. Eigentlich ist der Trieb, den ich zum Lachen fühle,
nur eine Folge der Bewunderung und Achtung, die ich für ihn hege. Wenn
ein Dummkopf stammelt, so ist das nicht lächerlich: es ist die rechte
Melodie zum Text. Aber wenn es einem begabten Manne schwer wird, seltene
Gedanken auszudrücken, wo ein Dummkopf sich mit größter Leichtigkeit
äußert, so ist das eine Ironie, eine Schelmerei von der Natur, welche
die muntere Fantasie zum Lachen zwingt.« -- Von Schielderup's Einfällen
will ich nur zwei anführen. Er fuhr ein Mal in einer Leichenprocession
nach dem Kirchhofe mit einem Spießbürger, den er nicht weiter kannte,
der aber diese Gelegenheit benutzen wollte, um von Schielderup ohne
Recept und Bezahlung zu erfahren, was er mit all' seinen Leuten zu
Hause, die kränkelten, thun solle. Schielderup ließ ihn schwatzen und
weitläufig Alles erklären, schwieg aber stockstill. Endlich, nachdem
der Mann sich fast eine halbe Stunde expectorirt hatte, ohne Antwort zu
bekommen, wurde er zuletzt ungeduldig und rief: »Aber Herr Gott, hören
Sie denn nicht, was ich sage?« -- »Ja wohl,« sagt Schielderup, »ich
höre es.« -- »Aber warum antworten Sie denn nicht?« -- »Ich ha -- habe
keine Zeit!« -- »Was haben Sie denn zu thun?« -- »Ich fa -- fahre!« --
Ein anderes Mal fragte ihn Einer mit einer rothen Nase, ob er ihm diese
nicht fortschaffen könne? -- »Ja,« antwortete Schielderup, »es kommt nur
darauf an, welche Cou -- Couleur Sie lieber haben wollen?«
* * * * *
[Sidenote: Meine beiden Söhne.]
War ich so nun bald in vornehmer, bald in gelehrter Gesellschaft, so
befand ich mich wiederum zu Hause, in häuslicher Ruhe in einem dritten,
durchaus andern Kreise, in dem meiner Kinder. Lotte lief bereits wie
eine kleine Puppe auf dem Fußboden umher, und unsere Wiegen waren, erst
mit dem einen Knaben und dann mit dem andern in Bewegung. =Johannes
Wolfgang= ist am 7. Februar 1813, =William Conrad= am 19. December 1814
geboren.
* * * * *
In diesem Jahre besuchte ich Frau =Gyllembourg=, frühere Frau =Heiberg=.
Diese geistreiche, muntere Frau versammelte eine angenehme Gesellschaft
um sich. Es kamen H. C. Oersted, Weyse und Pram zu ihr. Der junge
=Johann Ludwig= saß als halb erwachsener Knabe da, und lernte damals
wohl Manches von uns Aelteren. Ich ließ es mir am allerwenigsten
träumen, daß ich wenige Jahre darauf so viel von ihm lernen würde.
* * * * *
[Sidenote: Neue Umgangskreise.]
In dieser Zeit erwarb ich mir ein paar Freunde, deren Verkehr mich viele
Jahre hindurch erfreute, den Chef der Seekadetten, Capitain =Peter
Frederik Wulff= (der als Admiral starb), und seine liebenswürdige
Gattin. Wulff hatte sehr viel Liebe für die Poesie, schrieb selbst,
gleich seinem Vorgänger Sneedorff, hübsche Verse, und übersetzte
später mehrere von Shakspeare's Werken. Er nahm mich zuweilen mit
auf das Kadettenschiff. Ich entsinne mich noch einer Partie, die wir
zusammen nach Helsingör machten, wo ich einen angenehmen Abend in der
Gesellschaft der Fräulein =Tuxen= (späteren Admiralinnen Rothe und
Möller) zubrachte. Durch Wulff wurde ich auch mit dem Olsen'schen Hause
bekannt, wo man stets einen lebendigen, muntern Kreis vieler Gäste fand.
Etatsrath =Olsen=, ein kleiner, magerer, bleicher, leichtbeweglicher,
sehr höflicher Mann, theilte die Gastfreiheit seiner Frau, und sie
selbst hatte das liebenswürdigste Talent, Wirthin zu sein und Munterkeit
und Zufriedenheit rund um sich her zu verbreiten. Ihre Schwägerin,
Rittmeisterin =Balle=, war schön und anmuthig; was Wunder, wenn man gern
dort in das Haus kam. Bei dieser Gelegenheit erneuerte ich eine alte
Bekanntschaft. Ich traf nämlich bei Olsen's den =Bischof Balle=, mit
dem ich nicht gesprochen hatte, seitdem ich als kleiner Junge von sechs
Jahren zwischen seinen Knieen stand und hersagte, was ich auswendig
gelernt hatte. Es war eigenthümlich, diesen alten Mann, der durchaus
einer dahingeschwundenen Zeit angehörte, feierlich still, fast wie ein
Gespenst, im Priesterrock mit steifem Kragen und gepuderter Perücke,
mitten in den lärmenden, modernen, lustigen Cirkel hineintreten zu sehen
und wie er sich an den Abendtisch setzte, wo fast von nichts Anderm als
von dem Schauspiele und den Stücken gesprochen wurde, die kurz vorher
gegeben waren; denn Olsen war Theaterdirector und die Damen hatten jeden
Abend freies Entrée in der Directionsloge. Der alte Bischof kam nie ins
Theater, sprach nie von diesen weltlich eiteln Dingen, und obgleich
er nicht, wie sein Vorgänger Pontoppidan in seiner »Erklärung« über
»Comödien, Wirthshausgehen, die stets an und für sich Sünden sind, an
Feiertagen aber doppelte Sünden,« geklagt hatte, so war der Ton von
Balle's »Lehrbuch« doch nicht sehr verschieden von dem in Pontoppidan's
»Erklärung.« -- Ich gewann übrigens sein Herz dadurch, daß ich ein Mal,
als wir allein im Zimmer waren, ihm am Clavier viele der alten Psalmen,
die ich auswendig wußte, vorsang; woraus er ersah, daß der Zucker, den
ich von ihm am Altare bekommen hatte, doch nicht ganz ohne Wirkung
gewesen war.
* * * * *
[Sidenote: Der Schauspieler Dr. Ryge.]
Bei meiner Schwester, die den Sommer immer in Friedrichsberg wohnte,
bei meinem Vater auf dem Schlosse, und bei Rahbeks auf dem Hügelhause
erneuerte ich das Andenken an liebe, verschwundene Tage, und sang mit
Baggesen: »Ach, nie vergißt das Herz doch der ersten Jugend Kreis!«
Im Uebrigen sangen Baggesen und ich nicht mehr viel zusammen. Er
besuchte mich oft, aber ich bemerkte bald, daß der Wurm des Neides an
seinem Herzen nagte.
Ich hatte ein mächtiges Organ für meine Tragödien in Dr. =Ryge=
gefunden, der Schauspieler geworden war und einen seltenen Beweis dafür
abgab, was Enthusiasmus für die Kunst über weltlichen Vortheil und
Ansehen vermag. Er war Stadtphysikus in Flensburg gewesen und hatte ein
sehr einträgliches Amt, als er es plötzlich niederlegte, -- einzig und
allein, um dem Triebe seines Herzens als Tragiker zu genügen. Er war ein
vortrefflicher Eleve Brandis'. Obgleich nun Brandis, selbst ein Mann
von Geist, Sinn und Interesse für die schönen Wissenschaften hatte,
so konnte er doch, in einer ältern Zeit gebildet, gewisse Vorurtheile
gegen den Schauspielerstand nicht überwinden, und darüber ließ er sich
auf seine gewöhnliche, derbe Art Ryge gegenüber, der hierin natürlich
durchaus nicht mit ihm sympathisirte, aus. »Wissen Sie wohl,« sagte
Brandis einmal zu ihm, »daß Sie ein ausgezeichneter Arzt hätten werden
können, wenn Sie Ihre Wissenschaft ferner gepflegt hätten?« -- »Es giebt
Ihrer genug, die Menschen todt schlagen,« antwortete Ryge; »wissen Sie
wohl, daß ich lieber Statist beim Theater, als der ausgezeichnetste
Arzt sein will?« -- Wie sonderbar geht's doch in der Welt zu! Hätte mir
Jemand im Voraus gesagt, daß ein Stadtphysikus aus Flensburg bald als
ein echter Hakon Jarl, Palnatoke, Wilhelm, Michel Angelo, Stärkodder
u. s. w. auftreten würde -- so hätte ich geglaubt, Holberg's Geert
Westphaler erzählte verrückte Flensburgsgeschichten von seiner großen
Reise von Hadersleben nach Kiel. Und doch war es so! Ryge's Liebe für
die Kunst war außerordentlich. Ich entsinne mich noch, wie wir an einem
herrlichen Frühlingstage zusammen nach Friedrichsberg hinausgingen und
über eine Rolle sprachen, die er in einem meiner Stücke spielen sollte.
Der Frühling war gerade in seinem schönsten Glanze erwacht; obwohl mich
das Gespräch in hohem Grade interessirte, zog doch auch das herrliche
Maigrün meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich wollte, daß Ryge an
meiner Bewunderung Theil nehmen sollte. Aber er würdigte vor lauter
Verliebtheit in Melpomene, die Flora nicht eines Blickes (obgleich er
seine Brille aufhatte); und als ich ihn fragte: »Aber erfreut denn die
Natur nicht auch Sie?« antwortete er auf seine gewöhnliche humoristische
Weise: »Nein, beim Teufel, das thut sie nicht! Sprechen wir nun wieder
von der Kunst.«
* * * * *
[Sidenote: Der Kritiker Baggesen. -- Zwei neue Singspiele.]
Das Glück, welches meine Tragödien besonders durch Ryge's
ausgezeichnetes Spiel machten, verdroß Baggesen. Er, der sich früher
nie mit dramatischer Kunst abgegeben, und in seinen eigenen Versuchen
gezeigt hatte, wie wenig er davon verstand, setzte sich auf das hohe
Pferd und führte das große Wort. Aber in den ersten Kritiken zeigte
er nur Unkenntniß und übertriebenes Selbstvertrauen, ein gewöhnlicher
Fehler bei Recensenten; der Ton in seinem Tadel hatte noch nicht die
Grenzen des Anstandes überschritten, obwohl man es wohl merkte, daß er
es nicht gut mit mir meinte. Ich hatte einige Antikritiken, ohne alle
Persönlichkeiten, nur wissenschaftliche Prüfungen der Baggesen'schen
Sophismen, geschrieben; aber =Benzon=, der von Westindien nach
Kopenhagen gekommen war und meine anderen Freunde riethen mir ab, mich
in eine literarische Fehde einzulassen. Ich unterließ es also, habe dies
aber später bereut; denn es würde Baggesen vielleicht auf seinem Wege
aufgehalten und ihn verhindert haben, sich dann so stark zu verlaufen.
* * * * *
Weyse wünschte damals (1814) wieder ein Singspiel zu componiren und
der herrliche =Kuhlau=, der nur erst durch seine Instrumentalmusik
bekannt war, bat mich gleichfalls, ihm ein solches zu schreiben. Ich
überlegte, was sich für das Genie Beider eignen könne. Kuhlau schien
mir mehr lebendig und effectvoll zu sein; in Weyse's Musik hatte mich
stets eine tiefe ahnungsvolle Phantasie mit ihren holden Träumereien
hingerissen. Ich schrieb die =Räuberburg= für Jenen, =Ludlam's Höhle=
für Diesen. Die Räuberburg hat ein buntes und trotz ihrer Darstellung
von Gefahr und Grausamkeit, munteres Colorit. Die Scene spielt in
der Provence; die provencalische Rose sticht sich in den Kranz der
Liebenden, Töne aus der Zeit der Troubadoure klingen in einzelne Partien
herüber; aus dem nahen Spanien schenkt Calderon ein wohlklingendes
Versmaß um leicht über die Räuberscenen hinwegzueilen, in denen man
mehr über die naive Grausamkeit der Räuber erstaunt, als sich über ihre
Abscheulichkeit entsetzt. Ich wollte nicht die deutsche philosophirende
Leidenschaftlichkeit, das merkwürdige phantastische Zähneknirschen,
die sentimentale, hohe Verzweiflung nachahmen, die wir in Schiller's
Räubern bewundern. In der Räuberburg sehen wir =südliche= Räuber, die
so wenig an Gewissensscrupeln und dem Kampfe mit moralischen Gefühlen
leiden, daß sie im Gegentheile mit Mord und Todtschlag, wie Knaben
mit ihrem Steckenpferde spielen. =Brigitte= und =Camillo= sind die
merkwürdigsten Charactere im Stücke. Das teuflische Element der ersten
ist ganz natürlich; Wollust geht eben so leicht zu Grausamkeit, wie
zu phantastischer Schwärmerei über, und das Leben ist für sie nur ein
nervenerschütterndes Spiel, welches um so genußreicher ist, je stärker
es erschüttert.
In Ludlam's Höhle verschmelzen sich zwei verwandte Mährchen aus den
»Neuen Volksmährchen der Deutschen« mit einander. Die Idee von der
Versöhnung hat der romantischen Mythologie Veranlassung zu solchen
Darstellungen, wie die von Ludlam und der weißen Dame, gegeben. Ein
Sünder konnte sich in seiner letzten Stunde bekehren und Verzeihung
finden; wenn aber der Tod ihn überrumpelte, so fand er keine Ruhe im
Grabe. Nun schauderte das Herz doch bei dem Gedanken an eine ewige
Verdammung, die eine glückliche Reue zu rechter Zeit hätte verhindern
können. Deshalb glaubte man, daß solche Todte als Geister umgingen,
um Errettung zu finden. Und sowie Christus die Sünden der Menschen
gesühnt hatte, so hielt man es für möglich, daß ein lebender, frommer,
christlicher Verwandter durch seine Tugend und seine Unschuld die Sünde
des Verstorbenen sühnen könne. Diese fromme Phantasie, die aus einem
Gefühl der Barmherzigkeit für den Unglücklichen entstand, hat gewiß
nichts Abstoßendes für unser Gefühl, und wenngleich unsere Philosophie
nicht mehr daran glaubt, so können wir uns doch wohl mit poetischer
Illusion auf einige Stunden in den Glauben einer alten Zeit versetzen
und ihre Anschauungsweise theilen. Etwas Aehnliches thun wir ja auch
immer, wenn wir uns in irgend einen andern Character und in Anderer
Denkweise, als unsere eigene versetzen. Ich sehe also nicht ein, warum
ein sinnreiches Gespensterspiel strenger von der Poesie und der Bühne
ausgeschlossen sein soll, als das Zauberspiel. Es ist doch tragisch,
und spricht unsere ernste, moralische Natur, sowohl in der Zeit, wie in
dem nationalen Elemente mehr an. Es währte etwas lange, ehe das Stück
angenommen wurde, und ich schrieb deshalb an Rahbek (der einer der
Censoren war) einen Reimbrief, in Folge dessen es kurz darauf gegeben
wurde.
Weyse's und Kuhlau's Musik entsprach ganz meiner Erwartung, die Stücke
machten Glück auf der Bühne und wurden immer bei vollem Hause gegeben.
Aber Baggesen riß sie herunter, wurde immer gröber und gröber und fand
immer mehr und mehr Anhänger; denn da ich stillschwieg, glaubten Viele,
daß doch wohl Etwas an seinem Tadel wahr sein müsse; obgleich die
Meisten, selbst unter seinen Freunden, fanden, daß derselbe übertrieben
sei.
* * * * *
[Sidenote: Mißhelligkeit mit Rahbek.]
[Sidenote: Madame Händel-Schütz in Kopenhagen.]
Mein Verhältniß zu Rahbek in dieser Zeit war mißlich. Wir konnten in
Sachen des Geschmacks nicht sympathisiren, obgleich ich zu seiner Ehre
sagen muß, daß er der Einzige aus der alten Schule war, der meine
Arbeiten mit Beifall und Achtung aufnahm. Hätte ich seine Bewunderung
für die junge Schauspielerin theilen können, die nicht nach meinem
Geschmacke war, und wenn ich einmal im Theater nicht über einen zwar
unverzeihlichen aber komischen Scherz über seinen Geschmack gelacht
hätte, der von einem Professor =Schütz= gemacht wurde, so hätte sich
wohl auch die Freundschaft nicht abgekühlt. Früher war ein deutscher
Adliger hier gewesen, der die scenische Kunst unter dem angenommenen
bescheidenen Namen =Patrik Peale= pflegte, wahrscheinlich um seiner
Familie nicht Schande zu machen. Er hielt auch ästhetische Vorlesungen,
die Rahbek mit vieler Andacht und großem Wohlbehagen anhörte. Das
misfiel mir; denn Herr Peale war meiner Ansicht nach eine verschrobene
langweilige Person. Kurz darauf kam die berühmte Madame =Händel-Schütz=
mit ihrem Manne, Professor Schütz, nach Kopenhagen und zeigte ihre
Copieen nach Raphael, Correggio, Guido Reni u. s. w., die alle durch
Shawls, Tücher, andere Gewänder und fromme Stellungen ausgeführt wurden.
Alles, was auf diese Weise darzustellen möglich war, stellte Madame
Händel-Schütz wirklich mit vielem Geschmack und Studium dar. Aber da
ihr gesundes, recht hübsches Gesicht durchaus nicht ideal, da ihr
natürlicher Character munter und lebenslustig war, so konnte sie trotz
der äußern, flüchtigen Aehnlichkeit doch vor wahren Kunstkennern niemals
als ein Modell der unsterblichen Werke jener großer Meister gelten.
Indessen amüsirte es die Leute doch eine kurze Zeit und mich auch, da
ich sie von meiner ersten deutschen Reise her kannte. Und als ihr Mann,
der durchaus nicht besser war, als Patrik Peale, über Rahbek wegen eines
abschlägigen Bescheides, den dieser ihm gegeben, entrüstet, ihn auf dem
Theater verspottete, indem er eine kleine ironische Vorlesung in seinem
Geschmacke hielt, so lachte ich und daran that ich Unrecht. -- Kurz
daraus benutzte ich die Gelegenheit, indem ich einige von ihm entliehene
Bücher zurücksandte, mich ihm durch ein freundliches versöhnendes
Gedicht, das ich der Sendung beilegte, wiederum zu nähern.
* * * * *
Nun wurden wir zwar wieder gute Freunde; aber es hatte doch keine Art,
und auf Veranlassung von Freia's Altar wurde die Freundschaft in ein
paar Jahren ganz vernichtet. Aber ich komme hier zu einem Standpunkte,
wo meine ganze literarische Wirksamkeit betrachtet und überschaut werden
muß, um dem Leser einen richtigen Begriff von meiner Stellung und deren
Folgen zu geben.
Mehreres hatte dazu beigetragen, daß ich meine Autorität zu verlieren
begann, und der Autorität kann Niemand entbehren, der in seinem Fache
kräftig wirken und auf die Menge Einfluß ausüben will. Zweifelt man an
dem guten Geschmacke des Dichters, so ist das ebenso viel, als wenn der
Kaufmann seinen Credit verliert. Beim Anfange meiner Dichterlaufbahn
fing ich an, gegen den bestehenden Geschmack zu opponiren; dies war
mir nicht wenig förderlich; denn Viele hatten Lust an Veränderung und
Streit; der Neid sieht gern alte Mächte gestürzt, und kommt dazu nun
noch, daß die Opposition wirklich für etwas Gutes kämpft, so ist es
natürlich, daß sie auch bei den Besseren Unterstützung und Anhänger
findet.
[Sidenote: Rückblick auf meine erste Dichterperiode.]
Wenig über zwanzig Jahre stand ich, fast noch ein Kind, mit wenigen
Kenntnissen da, aber -- man erlaube mir dies ebenso aufrichtig zu sagen
-- mit guten Fähigkeiten für mein Fach, und in dieser Lebensperiode
entwickeln sich die Kräfte mit großer Schnelligkeit. Man fand mich
bald im Besitz einer starken Phantasie, eines tiefen Gefühls, einer
kecken muntern Laune; aber Philosophie, oder richtiger gesagt,
Metaphysik zu studiren, dazu fühlte ich mich ebenso wenig getrieben,
wie zur Mathematik. Indessen hatte sich mein gesunder Verstand doch
auf natürliche Weise in der Schule des Lebens mehr als bei den meisten
jungen Gelehrten entwickelt, welche die Welt nur aus abstracten Theorien
kannten. Es war von den ersten Jünglingsjahren an eine meiner liebsten
Beschäftigungen gewesen, über das Wesen und die Handlungen der Menschen
nachzudenken, die Charactere und die Beweggründe der Handlungen im
menschlichen Herzen zu erfassen, weshalb auch die Geschichte seit der
Zeit, wo Dickmann in der Schule für die Nachwelt mit Geschmack für sie
beibrachte, mir ebenso lieb war, wie die Natur und das Menschenleben.
Im Anfange des Jahrhunderts herrschte die Rahbek'sche Schule. Ich
nenne sie so, weil er es war, der in der Minerva und dem Zuschauer
die Poeten zusammenhielt, und in seinen täglichen Aeußerungen die
geltenden Ansichten allgemein verbreitete. In meiner Anfangszeit war der
Geschmack sehr schlecht. Nicht als ob wir guter und großer Vorbilder
entbehrt hätten. Wir hatten Holberg, Ewald, Wessel, Tullin gehabt;
Thaarup hatte seine reizenden Idyllen, Baggesen seine Jugendarbeiten
geschrieben. Aber, merkwürdigerweise, während die großen Deutschen,
Göthe und Schiller, blühten, war man hier sehr wenig geneigt sie gelten
zu lassen. Eigentlich liebte Rahbek nur den sentimentalen Göthe im
Werther, ja sogar in Stella und Clavigo. Die damals bei uns besonders
hochgeschätzten Dichter waren =Iffland=, =Kotzebue= und =Lafontaine=.
Drei meiner Jugendfreunde, die beiden Mynsters und Benzon, theilten
diesen Geschmack nicht; sie bewunderten Shakspeare, Göthe, Schiller,
Jean Paul, Lessing, welche ich alle durch sie kennen lernte und fleißig
studirte, als gerade Steffens kam. Er gab meinem Geiste einen ganz
eignen Schwung. Der Mysticismus und das Poetische in der romantischen
Träumerei des Mittelalters gefiel mir. Tieck und Novalis wurden meine
Lieblingsschriftsteller, die Polemik der beiden Schlegel's im Athenäum
und der Europa war ganz nach meinem Geschmack.
[Sidenote: Rückblick. Studien ausländischer Dichter.]
Das fromme Gefühl, die Liebe zur Kunst des Mittelalters, die ich in
Tieck's ersten Schriften (er wurde dazu eigentlich durch den zu früh
gestorbenen =Wackenroder= begeistert) und hauptsächlich bei Novalis
(=Hardenberg=) fand, machten einen starken Eindruck auf mich. Göthe's
kleine Abhandlung über den straßburger Münster hatte mich bereits früh
erweckt. Friedrich Schlegel's lange Abhandlung über die romantische
Kunst war aus der Goethe'schen entstanden; doch ging er weiter. Die
Innigkeit, Frömmigkeit, Naivetät und echte Natur, der poetisch tiefe
Sinn, der sich in den Bildern der alten italienischen, deutschen und
niederländischen Schule findet, wurde durch Tieck, Novalis und Friedrich
Schlegel recht einleuchtend und verdrängte die flache Bewunderung für
das affectirt moderne Französisch-Griechische. Daß die griechische und
gothische (oder altdeutsche) Architektur sich zu einander verhalten,
wie die Formen der Mathematik und der Vegetation, wurde recht klar.
Später haben =Moller= in seinem Werke: »Denkmäler der deutschen Kunst,«
und die Gebrüder =Boisserée= in ihrer Beschreibung über den kölner Dom
und durch ihre herrlichen Gemäldesammlungen diese Ideen verbreitet.
Daß sie von dem pecus imitatorum übertrieben und gemißbraucht wurden,
darin mußten sie sich, wie alle andere Ideen fügen. Novalis, der in
der tiefsten Bedeutung des Wortes eine »schöne Seele« genannt werden
kann, riß mich hin. Die Frömmigkeit in seinen herrlichen Psalmen, die
sich meinem, von Kindheit auf bewahrten, religiösen Gefühl verband,
begeisterte mich, das Gedicht: =Jesus in der Natur= zu schreiben. Dieses
Gedicht ist nicht mystisch, aber mythisch; indessen entzückte mich eine
Zeitlang das Mystische. Ich begann zu glauben, daß der menschliche Geist
den ewigen Geheimnissen, die wir in unseren begeisterten Augenblicken
fühlen und ahnen, auf dem speculativen Wege ein gut Theil näher kommen
könne. Ich versuchte Schelling's Bruno zu lesen; aber ich konnte ihn
nicht überwältigen; dagegen amüsirte es mich, hie und da, in =Jakob
Böhme's= Aurora zu blättern, wo die wunderliche Mischung von seltenem
Tiefsinne, hoher Begeisterung, der kühnste Flug, um auf seine Weise das
Universum zu überschauen, die innigste Gottesfurcht, das ehrlichste
Streben, sich mit Schwärmerei und ermüdender weitläufiger Wiederholung
des Gesagten verbanden. Seine Engel erscheinen mir zuletzt doch, gleich
den Posaunenengeln in einer alten Kirche, auf staubigen, vergoldeten
Holzstrahlen zu sitzen, die von dem Triangel ausgingen, welcher den
Namen Jehova, mit hebräischen Buchstaben geschrieben, einfaßt. In dieser
Zeit machte ich die Bekanntschaft des Norwegers Nicolai Möller, der in
Deutschland in Münster wohnte, ein Freund von Friedrich Stolberg und
ganz befangen in der mystischen Philosophie und exaltirter Frömmigkeit
war. Er besuchte uns in Kopenhagen. Meinen »Jesus in der Natur« hatte
er gelesen, und er gefiel ihm, aber nur als der erste Schritt des noch
eiteln Weltkindes. Er wollte mich bekehren. Ich besuchte ihn und fand
ihn Märtyrlegenden in einem großen französischen Folianten lesend.
Als er mich dringend aufforderte, mich zu verbessern, und in mich zu
gehen, um rechtgläubig zu werden, fragte ich ihn ganz naiv: wie ich das
denn anfangen solle? -- »Bete!« sagte er, »Du sollst zu Gott beten, daß
er Dich erleuchte!« -- »Leb' wohl Möller!« antwortete ich freundlich,
drückte ihm die Hand und ging. Ich sah ihn seitdem nicht wieder. Er war
ein edler, geistvoller, schöner Mensch mit vielen Kenntnissen, sehr
blond und von schwacher Gesundheit. Er starb, glaube ich, wenige Jahre
darauf.
Also Novalis riß mich hin. Ich entsinne mich noch deutlich des
Sommertages, als ich von dem Rundtheile in der Allee, wo ich wohnte,
nach dem Schneckenberge im Friedrichsberger Garten ging, mich auf einen
abgehauenen Baumstamm setzte, der wie ein Sopha zwischen zwei Bäumen
lag, den Rücken auf einen Baum stützte, =Heinrich von Ofterdingen=
las und von den naiven Schilderungen im ersten Theile und von der
=blauen Blume= im zweiten hingerissen wurde, obgleich dies mir bereits
damals etwas zu neblich zu werden anfing. Jetzt, wo ich dies auf dem
Fasanenhofe 46 Jahre später schreibe, nahm ich auch ein Mal im Sommer
Heinrich von Ofterdingen, ging auf den Schneckenberg, der gerade vor dem
Hause liegt, setzte mich wieder auf den Baumstamm, der noch dalag, aber
alt und verfault, und begann zu lesen. Aber es schmeckte mir nicht wie
damals, obwohl ich glaube, daß mein Alter noch jugendfrisch war. Vieles
in Novalis erfreut mich jetzt noch wie früher; die naiven häuslichen
Schilderungen, das Bergmannsleben, die herrlichen Lieder, die ich
übersetzt habe, viele seiner Psalmen, das liebliche Gedicht an Tieck
auf Jakob Böhme. Aber der naive Roman (der auch nichts Altdeutsches
hat) schwillt bald, besonders im zweiten Theil, zu metaphysischem
und mystischem Nebel auf. Novalis trug den Wurm des Todes in seinem
Herzen; dies stimmte ihn zu milden, rührenden, religiösen Gefühlen,
und brachte ihn dahin, den Freuden des Lebens zu entsagen; doch liebte
er und verlobte sich zum zweiten Male kurz nach dem Tode seiner ersten
Geliebten. Aristokratische Launen hatte der gute Hardenberg nicht;
doch war er nicht ohne geistigen Hochmuth; er sprach von Göthe, wie von
einem englischen Mechaniker, der elegante Möbel macht; er selbst hatte
die Absicht, außer Heinrich von Ofterdingen sechs Romane zu schreiben,
welche seine Ideen über Physik, das bürgerliche Leben, den Handel,
die Geschichte und die Liebe umfassen sollten. Er war polemisch, wie
Schlegels, und glaubte eine neue Poesie zu erfinden.
* * * * *
[Sidenote: Rückblick. Beziehungen zu deutschen Dichtern.]
Von Deutschland aus hatte ich bei meiner Heimkehr keine Stütze mehr
in Steffens, Tieck und Göthe. Von dem Ersten hatte ich mich selbst
getrennt, nicht als Freund und Bewunderer seiner ausgezeichneten
Eigenschaften, sondern ich war nicht länger sein ästhetischer Anhänger
und Schüler. Obwohl mir sein Geist, seine persönliche Liebenswürdigkeit,
seine Beredsamkeit, seine Begeisterung und unzählige poetische Funken
stets unverändert lieb blieben, so wich ich doch nun so stark in
meinen Ansichten von ihm ab, und war doch selbst so sicher in meiner
Kunst geworden, daß ich mich in meinem Urtheile nicht mehr einem Manne
unterordnen konnte, der ja eigentlich nur Dilettant darin war. Was
Steffens als Naturforscher und Philosoph war, kann und will ich nicht
beurtheilen. In der Poesie war er Dilettant. Auf Verse verstand er
sich sehr wenig und machte selbst nur einige kleine Versuche. In den
Novellen, die er später schrieb, waren wohl schöne poetische Stellen,
aber sie waren doch zu weitläufig, zu sehr mit allgemeinen Reflexionen
angefüllt. Daß sie Aufmerksamkeit erweckten, als sie erschienen, war
natürlich, denn man fand Steffens' Geist darin; aber es fehlten ihnen
Composition, Erfindung und originale Charactere. Als Geschmacksrichter
war er ein vollständiger Anbeter Tieck's und glaubte fast blind an
diesen. Tieck hat mir selbst erzählt, daß Steffens, als sie bei ihrer
ersten Zusammenkunft von Wieland sprachen, die gewöhnliche allgemeine
Hochachtung für diesen Dichter äußerte. Tieck hatte ihm in Vielem
widersprochen, ohne darum doch Wieland ein dichterisches Verdienst
abzusprechen. Von Tieck ging Steffens in eine Restauration und ließ
sich in einen heftigen Streit mit einem Bewunderer Wielands ein, wobei
Steffens, den Dichter herunterriß und viel strenger gegen ihn war, als
Tieck kurz vorher. Durch diesen polemischen Enthusiasmus, der mehr
aus persönlicher Gereiztheit, als aus klarem Verständniß der Dinge
entsprang, litt ich in meinem spätern Zusammenleben mit Steffens oft,
und war gewiß nicht der Einzige, dem es so erging.
[Sidenote: Rückblick. Steffens.]
Ein echter Richter des Geschmacks konnte er also nicht sein, er
hatte nicht die Ruhe, die Besonnenheit, die Liebe zu dem vielseitig
Objectiven, welche dazu gehört, um sich dieses als sein Eigenthum zu
erwerben. Steffens brachte seine Abstractionen hinüber in das Reich
der Kunst, gewisse Ideen, d. h.: Ansichten, eine gewisse Art zu denken
und zu fühlen, wollte er überall wiederfinden; hiervon hing sein Lob
oder Tadel ab. Mit einzelnen Zügen, aus der Geschichte und Poesie
herausgerissen, construirte er sich beide nach seinem Kopfe, aber er
irrte sich oft in historischen Daten, und viele poetische Werke be- und
verurtheilte er, ohne sie recht zu kennen. Begeisterung für mich hatte
er nur so lange, wie ich sein Schüler war; doch muß ich hierbei eine
Ausnahme machen. Als Max in Breslau, wo Steffens Professor war, später
meine deutschen Schriften herausgab, schenkte er ihm ein Exemplar und
er las sie. Dadurch erwachte die alte Liebe für den dänischen Dichter,
zu dessen Bildung er selbst beigetragen hatte. Er schrieb mit einen
sehr freundlichen Brief und einen sehr schmeichelhaften Artikel in den
Blättern für literarische Unterhaltung, worin er mit der Aeußerung
endigte, daß es Deutschland noch obliege, ein gründliches und klares
Urtheil über meine Werke zu fällen. Aber von diesem klaren Urtheile
gab er selbst nur mittelmäßige Proben, als er mehrere Jahre darauf in
seinem: »Was ich erlebte« Tieck's alte, von mir gestochenen Trümpfe
gegen meinen Correggio wieder ausspielte und die Scene, in der Cölestine
den Correggio krönt, als meiner durchaus unwürdig erklärt. Ich selbst
glaube, daß sie eine der hübschesten ist, die ich gedichtet habe. -- Als
ein Characterzug von Steffens' Auffassung des Objectiven kann angeführt
werden, daß er an derselben Stelle in dem Buche, wo er dem Leser ein
Bild von mir, seinem mehrjährigen, täglichen Umgangsfreund geben will,
von meinen kleinen, »schwarzen« Augen spricht.
[Sidenote: Rückblick. Tieck.]
Tieck, mit mehr Genialität und Originalität als Steffens, genirte
trotz der großen Einseitigkeit in seinem Geschmacke nicht im täglichen
Umgange. Er hatte Nichts von nordischer Gereiztheit, wie Steffens und
ich; er imponirte im Gegentheile durch eine persönliche Ruhe, welche
mit einer großen Beredsamkeit und einer gewissen Vornehmheit, die
ihre Wirkung that, verbunden war. Aber seine Urtheile und Ansichten
waren oft sehr übertrieben. Es ging uns umgekehrt: ich vertheidigte
das Billige und Milde mit Leidenschaft, er das Bittere und Strenge
mit Besonnenheit. Die Deutschen haben oft diesen Character, den ein
gewisser Buchhändler, als man von einem gewissen Dichter sprach, die
»stille Wuth« nannte. Ich darf sagen, daß ich all' das echt Geniale und
Dichterische bei dem herrlichen Tieck bewunderte und noch bewundere.
In meinen Uebersetzungen seiner Werke habe ich das gezeigt, obgleich
ich wagte, sie zusammenzuziehen und zu verkürzen. Aber Tieck wollte
eigentlich Nichts von mir wissen. Wenn ich bei ihm war, ihm selbst
Etwas vorlas, gewann ich ihn; aber was sonst von mir herausgegeben
wurde, las er nicht. Es ist merkwürdig: die Verachtung und der Mangel
an Sympathie, der sich in der neuesten Zeit in Deutschland im Großen
gegen Skandinavien gezeigt hat, äußerte sich regelmäßig im Voraus in
der Literatur. Die Deutschen konnten es nicht leiden, daß wir eine
Literatur hatten, die es wagte, mit der ihrigen zu wetteifern, daß wir
eine Geschmacksbildung und eine poetisch-entwickelte Sprache ebenso früh
besaßen, wie sie. In der spätern Zeit schlug Tieck's Geistesrichtung
eine sonderbare Volte. Anstatt romantisch-phantastisch und witzig
ausgelassen zu sein, wurde er kalt verständig. Er schrieb eine Reihe
von Novellen, in denen sich schöne Stellen vorfinden, und der »Aufruhr
in den Sevennen« ist der vortreffliche Anfang zu einem unvollendeten
Werke; aber im Ganzen genommen wurden diese Novellen doch das Organ
für ziemlich einseitige ästhetische Betrachtungen und eine etwas an
Pedanterie grenzende Lebensphilosophie, welche eine Zeitlang sehr gelobt
wurde. In einem von Tieck's letzten Werken, Vittoria Accorombona,
ist mehr Geist und Kraft, als in den meisten früheren Novellen; es
herrscht Leidenschaft darin; aber auf merkwürdige Weise werden in ihnen
abscheuliche Verbrechen als Ausschweifungen großer Geister mit einer Art
Bewunderung und Entschuldigung _à la_ Victor Hugo und mit einer zwar
nicht geradezu ausgesprochenen aber doch deutlichen Verachtung gegen den
gewöhnlich prosaisch-moralischen Abscheu vor Lastern, die mit großen
Eigenschaften verbunden sind, geschildert. Dies stand nun wieder in
einem wunderbaren Gegensatze zu der Liebe, welche =Iffland=, im Anfang
eine Zielscheibe des Tieck'schen Spottes, in dessen späteren Tagen fand,
wo er als Theaterdirector in Dresden unablässig die Iffland'schen Stücke
aufführen ließ.
[Sidenote: Rückblick. Göthe und Schiller.]
Von Göthe schied mich nun die unglückliche Geschichte mit Correggio.
Aber wenn dies auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte Göthe, wie
er jetzt war, mir doch kaum noch in der dramatischen Kunst zu Nutz und
Frommen sein können. Ich habe nie recht erfahren, weshalb Correggio
ihm so sehr misfiel. Wenn er ihm zu weich und gefühlvoll war, so lag
das im Stoffe. Ich habe vor und nach diesem Stücke in einer langen
Reihe nordischer Tragödien Heldenkraft geschildert, aber um diese
Stücke kümmerte er sich auch nicht, und hat -- außer Hakon Jarl --
wahrscheinlich kein einziges recht gekannt. Ich konnte Göthe nicht mehr
als Lehrer in meiner Kunst betrachten. Ich war nach eigenen Grundsätzen,
eigenem Gefühle fortgeschritten und suchte in meinen Dramen auf keine
Weise, ihm oder Schiller nachzuahmen; so sehr ich ihr Genie in ihren
vorzüglichsten Werken liebte und bewunderte, so war doch die Richtung,
welche sie am Schluß ihrer dramatischen Dichterperiode einschlugen,
meiner Ansicht nach eine Abweichung vom Rechten. Das Rhetorische, das
Raisonnirende, die Lust, sinnreiche Sentenzen aufzustellen, hatte zu
sehr überhand genommen. Es ist gewiß, daß der Vers in der Tragödie
bedeutend zur Kraft und Würde des Werks beiträgt; aber man muß sich
in jeder Kunst, sowie im Leben selbst, vor Vornehmheit und Pedanterie
hüten. Indem man die Sprache allzu abstract nur mit Rücksicht auf
Ausdruck, Gedanken und Bilder betrachtet, verliert sie die Naivetät, die
Einfalt, welche das Große und Schöne nicht entbehren können.
Schiller und Göthe bewunderten mit Recht die Griechen, und glaubten in
ihnen die wahren Vorbilder für ihre Kunst zu finden. Schiller beklagte
sich bei Humboldt, daß er nicht Griechisch könne, und wollte es auf
seine alten Tage lernen; aber Humboldt rieth ihm davon ab und meinte,
das sei nicht nöthig. Wahrlich es muß ein großer Genuß für einen
Schöngeist sein, den Aeschylos und Sophokles mit Leichtigkeit in der
Ursprache lesen zu können. Zwei Dinge habe ich besonders in meinem Leben
entbehrt: Griechisch zu können und gut vom Blatt auf dem Fortepiano zu
spielen. Dies würde nicht schwierig gewesen sein, wenn es zur rechten
Zeit gelernt worden wäre. Aber man hilft sich, so gut man kann; durch
Hülfe guter Uebersetzungen eignet man sich den Geist und das Wesen des
Dichters an; Compositionen, Characterzeichnungen, Gedanken, Bilder, all'
dieses kann die Uebersetzung geben, das Einzige, welches fehlt, ist
die Diction; aber die Sprache ist gerade des Dichters eigenes Element,
und den Mangel des Fremden erstattet ihm die Natur. Merkwürdig! Weder
Thorwaldsen noch ich konnten Griechisch; aber wenn ich meinen »Baldur,«
»Yrsa,« »Die Longobarden,« »Das Land gefunden und verschwunden« in
=sein= Museum lege, so wage ich zu fragen, ob Viele, die Griechisch
verstehen, es viel besser, als wir hätten machen können. Es ging dem
Dichter hier mit dem Griechischen, wie Peter in Jakob von Tyboe mit dem
Deutschen: »er könnte es wohl schreiben, aber nicht lesen.« -- Göthe
wußte etwas Griechisch, und was ihm fehlte, das wußte Dr. Riemer, sein
Secretair und seine rechte Hand.
Aber nun die Griechen! Finden wir nicht Einfalt und Naivetät in ihren
Dialogen? Ganz gewiß! In den Chören finden sich zusammengedrängte
Wortwendungen, Gedanken und Betrachtungen; aber die Gespräche sind
viel weniger geschmückt, fallen viel mehr in den gewöhnlichen
Unterhaltungston. Wo das Pathetische herrscht, tritt das Lyrische
besonders in den Chören hervor. Schiller verliebte sich so sehr in
diese Chöre, daß er sie an unpassendem Orte in seiner »Braut von
Messina« anbrachte, wie ich bereits im zweiten Theile dieses Buches
erwähnt habe. Schiller beging einen noch größern Fehler: er wollte in
dem Vorworte zu seinem Stücke beweisen, daß es so sein müsse, daß die
dramatische Kunst erst ihre rechte Bedeutung erlangte, wenn der Chor
wieder eingeführt würde. Wie würde =Jodelle=, der erste Franzose, der
französische Tragödien nach griechischem Zuschnitte zusammenflickte,
sich gefreut haben, wenn er solche Aeußerungen von einem großen
Dichter einer Nachbarnation erlebt hätte, die später so lange für das
Natürliche kämpfte. Aber Schiller bedachte sich und ging in sich. Er
schrieb glücklicherweise seinen meisterhaften »Wilhelm Tell«, ehe er
starb, und damit machte der Dichter alles Das wieder gut, was der
Philosoph verbrochen hatte. Jene abstracte Dictionsvergötterung, diese
Vornehmheit im Style, daß die dramatische Bewegung sich dem Menuette
nähert, und die einförmige Ausdrucksweise, welche das Characteristische
verwischt, liebte Göthe auch sehr und sie kam zum Ausbruch in seiner
»=Natürlichen Tochter=,« die so vornehm und kalt ist, als ob sie von
Stein wäre; noch mehr in seinem »=Elpenor=« und »=Epimenides=.« Obgleich
Göthe als Jüngling oft das Burschikose mit dem schönen Derb-Natürlichen
verwechselte, scheint er mir doch mehr Sinn für das echt Heroische in
seinem »Götter, Helden und Wieland,« als in seiner »Natürlichen Tochter«
zu haben, wenn er den Herkules munter von Wieland sagen läßt: »Der kann
nicht begreifen, wie ein Gott ein Flegel sein kann, und sich betrinken,
seiner Gottheit unbeschädigt.«
Die neue Schule verwarf Schiller und erkannte ihn nicht für einen großen
Dichter; aber das Volk trug ihn auf den Händen, und Göthe, den die
neuere Schule vergötterte, fühlte doch, was Schiller war. Glückliche
Umstände hatten eine -- wenn auch nicht gerade warme Freundschaft (denn
sie wurden nie Kameraden, wie Göthe später mit =Zelter=) -- so doch ein
auf Wissenschaftlichkeit, Kunst, persönliche Achtung und Wohlwollen
schön gegründetes Verhältniß zwischen ihnen gestiftet. Schiller und
Göthe hatten die Xenien geschrieben, in denen sie muthwilliger, als
es sich für ihr Alter geziemte, manche Persönlichkeit unvorsichtig
angegriffen und Veranlassung zu einem Tone gegeben hatten, den sie
selbst später haßten. Sie glaubten gegen ein wildes, rohes Wesen
ankämpfen zu müssen, welches in seiner Plumpheit die deutsche Tragödie
verderben könnte. Was sie hiermit meinten, ist nicht leicht zu sagen;
denn es gab ja damals keine anderen Dichter von irgend einigem Einfluß,
als Tieck, der seine »heilige Genoveva« und »Octavian« (Letzterer mehr
Komödie als Tragödie) geschrieben hatte; aber keines von diesen beiden
Stücken war für das Theater; daß sie trotz vieler Ausschweifungen
viel Genie und Natur zeigten, ist gewiß. Schlegels schrieben »Ion«
und »Alarkos,« worin sie sich mehr als Philologen und Stylisten, denn
als Poeten zeigten, und für sie war keine Gefahr; denn Göthe brachte
selbst Ion auf die Bühne. Aber Tieck trat, von Schlegels unterstützt,
auf eine sonderbare Weise als Shakespeare's Apostel auf. Nun genügte
nicht die Bewunderung und Liebe für die besten Werke des großen
Dichters, welche Garrik, Lessing, Schröder und Göthe gelehrt hatten;
sondern man sollte Alles bewundern, und selbst Das, was bisher für
verfehlt und geschmacklos, der Zeit angehörend betrachtet wurde, in
der Shakespeare lebte, sollte nun für Schönheiten und Muster gehalten
werden, die man bisher aus Mangel an Fähigkeit, recht in Shakespeare's
Geist einzudringen, übersehen und lächerlicher Weise verkannt habe.
Diese Kritik, welche Tieck sehr vornehm aussprach, wobei er sich
zugleich selbst zu einem Theil von Shakespeare's geistigem Ich machte,
war nun freilich tadelnswerth. Aber es half Nichts, daß Schiller,
als er den Macbeth übersetzte, die Hexenscenen modernisirte und sie
zu philosophischen Reflexionen machte; er verwischte dadurch das
Romantische, Volksthümliche, Poetische, tragisch-Grauenhafte, obgleich
seine eigne herrliche Dichternatur sich nicht verleugnete, da er in
seiner Umarbeitung das herrliche Lied vom Fischer hineindichtete.
Noch weniger half es, daß Göthe und er auf den wunderlichen Einfall
geriethen, Voltaire's »Mahomed« und »Tancred« und Racine's »Phädra« zu
übersetzen. Das Beste in diesen Stücken ist ohne Zweifel die lebendige
und rasche Leidenschaftlichkeit und Begeisterung, die sich in den
anapästischen, französischen Alexandrinern ausspricht. Indem man diese
in ehrbare, gravitätische deutsche Jamben verwandelte, stutzte man den
französischen Adlern die Flügel, ohne Löwen aus ihnen zu machen. Das
Gedicht, welches Schiller bei dieser Gelegenheit an Göthe schrieb, ist
sehr merkwürdig.
»Nicht in alte Fesseln uns zu schlagen
Erneuerst Du dies Spiel der alten Zeit,
Nicht uns zurückzuführen zu den Tagen
Characterloser Minderjährigkeit. --
Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,
In seinem Raume drängt sich eine Welt.
Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge,
Nur der Natur getreues Bild gefällt;
Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,
Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held.
Die Leidenschaft erhebt die freien Töne
Und in der Wahrheit findet man das Schöne.
Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,
Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn:
Nur Schatten und Idole kann er tragen;
Und drängt das rohe Leben sich heran,
So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.
Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,
Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.
Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,
Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist:
Ein Führer nur zum Bessern soll er werden.
Er komme wie ein abgeschied'ner Geist,
Zu reinigen die oft entweihte Scene,
Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.«
In diesem Gedicht hat der oft so tief denkende, philosophische Schiller
sich wirklich der größten Widersprüche schuldig gemacht.
»Du führst uns nicht zurück zu den Tagen characterloser
Minderjährigkeit« (d. h. zu Ludwig's XIV. verschrobener sclavischer
Zeit); das würde nun auch nichts helfen, »da nicht mehr der Worte
rednerisch Gepränge, nur der Natur getreues Bild gefällt;« da »der
Mensch fühlt und handelt menschlich, und man in der Wahrheit nur
das Schöne findet.« Mehr Lob kann man der Zeit nicht geben, die man
tadelt, mehr die Zeit nicht tadeln, die man loben will. Aber was sollte
denn nun geschehen? Das Gespenst der Kunst, »woraus kein lebendiger
Geist spricht,« sollte wiederkehren, um die Bühne zu reinigen, um
mit seinem conventionellen Besen die Apfelsinenschalen und faulen
Aepfel wegzukehren, die von der Galerie der Gegenwart auf das Theater
herabgeworfen sind. Das bessere Theater wird mit dem Karren der Thespis
verglichen, wo die ersten rohen, tragischen Versuche gemacht wurden, und
wo die Schauspieler sich das Gesicht mit Hefe beschmierten. Das gute
Theater wurde einem schwachen, schwankenden Boote verglichen, auf dem
Charon die Todten zur Unterwelt führt. Eben erst war davon die Rede, daß
»nur der Natur getreues Bild gefällt;« nun heißt es: »siegt Natur, so
muß die Kunst entweichen.« Ich glaubte immer, daß die Natur gerade ihren
schönsten Sieg in der Kunst fände; denn die Kunst ist ja nichts Anderes,
als die verschönerte Natur, kein todtes Schattenbild, welches fürchten
muß, daß das Boot umwerfe, so daß also die Todten in Gefahr schweben zu
ertrinken, und aufs Neue zu sterben.
Aber wie gesagt, bei Schiller war diese schiefe Richtung nur die Frucht
eines übrigens zu billigenden Grolls, als er sich verschmäht und
verkannt fühlte. Sein herrlicher »Wilhelm Tell«, der allen folgenden
Zeiten zum Muster dienen kann, ist ein Meisterstück und in der »Braut
von Messina« finden sich, ungeachtet der erwähnten Fehlgriffe, herrliche
Dinge und Scenen, die des großen Meisters vollkommen würdig sind.
Schiller hatte seine Dichterkraft nicht verloren, als er starb; sein
Körper, nicht sein Geist unterlag. Obgleich zuweilen etwas zu streng
(z. B. gegen Bürger), war er doch der edelste Mensch, der liebevollste
Mann und Vater. Sein schöner Tod ist äußerst rührend; das Menschliche,
das Humane beseelte ihn; selbst den eine Zeit lang zu großen Hang zur
speculativen Philosophie bekämpfte er, um naiv zu bleiben. Er beklagt
sich selbst oft in seinem Briefwechsel mit Humboldt darüber, daß sie
seinen freien Dichtergeist zu sehr in spitzfindige Labyrinthe gebracht
habe. Hätte Schiller länger gelebt, so bin ich gewiß, daß ich in ihm
einen Freund, einen Vater gefunden haben würde; dessen versicherte mich
seine edle Gattin so oft.
Aber mit Göthe? Aus den Augen, aus dem Sinn! Er ergriff jeden
Gegenstand, der ihm begegnete, mit aufmerksamer Genialität. So gefiel
ihm auch mein Wesen, -- der junge, fremde, ihn bewundernde Lehrling.
Aber als ich, auch als deutscher Dichter, auf meinen eigenen Füßen stand
-- als Deutschland anfing, aufmerksam auf mich zu werden, war es vorbei.
Ueber meinen Palnatoke, den ich ihm früher gesandt hatte, sprach er kein
Wort. Correggio konnte er nicht leiden, der war zu sentimental. War
Palnatoke auch zu sentimental? Nein! Göthe konnte nun das Heroische
ebenso wenig, wie das Gefühlvolle, leiden. Helden hat er eigentlich nie
geschildert. Der kräftigste, liebenswürdigste Mann, den er gezeichnet
hat, ist Götz von Berlichingen, der doch auch meist in idyllischen
Verhältnissen auftritt und an rathloser Unbestimmtheit zu Grunde geht.
Göthe's Frauen sind stets die genialsten, frischesten, naivesten,
hinreißendsten Personen in seinen Dramen, die weit über seinen Männern
stehen: Clärchen, Gretchen, Philine, Mignon, Iphigenia, die Prinzessin
in Tasso, Dorothea! Man hat so viel von Göthe's Vollkommenheit in der
Form gesprochen. Keiner kann sein göttliches Genie mehr bewundern, als
ich -- aber -- Vollkommenheit in der Form? Ja, die deutsche Sprache
brachte er in seinen besten Werken dahin; aber er übertrieb die Art,
Worte zusammenzudrängen und umzubilden, zuletzt so, daß die Sprache mit
der Natur und Klarheit zugleich ihre Ehrlichkeit verlor und er bewegte
sich endlich dergestalt in vornehmen oft verschrobenen Redensarten,
daß man nicht weiß, was er sagen will. Vieles trug dazu bei, seine
Dichterkräfte zu zersplittern. Ich zweifle nicht daran, daß er auch
als Physiker Proben seines seltenen Talents gegeben hat; aber -- wäre
es vielleicht doch nicht besser gewesen, wenn er uns mehrere gute
Dichterwerke statt der weitläufigen Farbenlehre u. s. w. gegeben hätte?
Göthe hat viel geschrieben; rechnet man aber alle die wissenschaftlichen
Betrachtungen, Abhandlungen und Studien ab, so ist die Anzahl der
Dichterwerke nicht so groß für einen Mann, der in seinem 83sten Jahre
starb, und seine volle Kraft bis zuletzt behielt. Aber nicht allein
die Wissenschaft war es, die ihn von der Kunst abzog; eine sonderbare,
allzugroße Vorliebe für das Fremde: das Altgriechische, das Römische,
das Italienische und endlich das Orientalische zogen ihn fast in dem
Moment von dem Nationalen ab, wo das Schicksal den excellenten Göthe
nach Weimar rief und ihn zur Excellenz machte.
Manche werden vielleicht finden, daß ich hier allzu lieblos und
unehrerbietig über Göthe spreche; aber ich lasse ihm gewiß in Allem
Recht widerfahren, was Recht ist; ich spreche hier nicht aus Rache als
der von ihm Verschmähte; über das Geschehene sind bereits 40 Jahre
dahingegangen. Ich bin nun selbst ein Greis von 70 Jahren, nur wenige
Jahre vom Grabe entfernt, in welchem er bereits ruht. Hier kann also
nicht die Rede von eitlem Grolle sein; ich liebe ihn beständig, habe
nie aufgehört, ihn zu lieben; und Baggesen's bitterste Feindschaft zog
ich mir kurz nach meiner Heimkehr von Göthe dadurch zu, daß ich ihm
seinen unwürdigen Spott über den großen Mann vorwarf. Aber in einem
Dichterleben ist das Verhältniß, in dem ein Dichter zu irgend welchem
andern von Bedeutung steht, von Wichtigkeit; denn dies ist theils aus
früheren Werken hervorgegangen, theils hat es zu späteren Veranlassung
gegeben und somit auf den Geschmack und die ästhetische Bildung des
Zeitalters eingewirkt, was wichtiger ist, als viele kleine Züge des
täglichen Lebens, in denen die meisten Menschen einander gleichen. Ich
muß mich deshalb bei dieser Gelegenheit aussprechen. Von dem Verfasser
der natürlichen Tochter, des Epimenides, Elpenor; vom Verfasser des
zweiten Theiles des Faust und dem Bewunderer des italienischen Manzoni
konnte ich keine Sympathie für meine nordischen Begeisterungen und
Arbeiten erwarten. Dies fand sich denn nun auch mehrere Jahre darauf,
als Göthe's und Zelter's Briefwechsel erschien, vollkommen bestätigt.
In einem Briefe des Letzteren an den Ersteren beklagt Zelter sich
darüber, daß die Theaterdirection in Berlin ihm ein Stück von mir
gegeben habe, um Musik dazu zu schreiben. Nachdem er zuerst das Stück
wie das elendeste Zeug von der Welt durchgegangen ist, schließt er: »Das
Stück hat auch =barbarische Namen=: Axel und Valborg.« Göthe giebt ihm
vollständig Recht und sagt: »Wenn diese Nordländer ihre Bären auf den
Hinterfüßen zu tanzen gelehrt haben, glauben sie was Rechts gethan zu
haben. Dieser gute Oehlenschläger ist auch einer von diesen Halben, die
sich einbilden, ein Ganzer zu sein, und noch Etwas drüber. Ich habe von
dem Gezücht viel ausstehen müssen.«
[Sidenote: Rückblick. Göthe und Zelter.]
Dieses »Ausstehen« bestand nun darin, daß er sich darein finden mußte,
als ich ihn etwas spät des Abends in der Nachtjacke überraschte, ihm
um den Hals fiel und ihm auf ewig Lebewohl sagte, nachdem er sich
geistig von mir getrennt hatte. Doch darf ich nicht vergessen, daß er
ganz freundlich sagte: »Nun, leben Sie wohl, mein Kind!« worin doch
wieder eine Annäherung lag. Aber ich kannte ihn; Explicationen konnte
er nicht leiden. Hätte ich ihm später geschrieben, ihm einige andere
Arbeiten gesandt, so wären wir vielleicht wieder in ein freundliches
Verhältniß zu einander getreten. Aber -- ich war zu stolz -- nicht den
ersten Schritt zu thun, sondern um mich in seine Gnade hineinzubetteln.
Saumselig im Briefschreiben war ich immer; ich schrieb meinen besten
Freunden nicht, viel weniger nun ihm.
Was übrigens die starken Expressionen zwischen ihm und Zelter in
Bezug auf mich betrifft, so betrachte ich diese gar nicht als eine
Beleidigung; denn weder Göthe noch Zelter haben diese Briefe selbst
herausgegeben, und es ist ein sehr schlimmer Gebrauch, einen jeden
Wisch, den ein ausgezeichneter Mann geschrieben hat, nach seinem Tode
herauszugeben, um Geld zu verdienen. Wenn das immer geschähe, so könnte
man ja kein vertrauliches Wort mehr schreiben. Tritt man öffentlich
auf, so soll man bedenken, was man sagt und seine Ausdrücke abwägen;
aber das Sprüchwort: »Gedanken sind zollfrei« erstreckt sich auch auf
die Vertraulichkeit zwischen Freunden; und man sagt Vieles in der
Verstimmtheit, was man gar nicht so böse meint. Hätte Göthe an Schiller
oder Humboldt geschrieben, so hätte er seine Worte gewiß mehr abgewogen;
aber mit Zelter genirte er sich nicht. Dieser natürlich aufgeweckte
Kopf, aber ohne wahre Bildung, obgleich er Baumeister und Musicus war,
hatte sich vollständig in Göthe vergafft und liebte ihn, wie ein Pudel
seinen Herrn liebt. »Wenn er einen D... macht,« soll er gesagt haben,
»ist es besser, als was alle die Andern machen.« Als sein Sohn starb,
vergaß er bald seinen Kummer darüber, als Göthe ihn Du nannte, und
ferner immer mit ihm auf Du und Du stand. Ein Beweis seiner sonderbaren
Unwissenheit (aus der hervorzugehen scheint, daß der Baumeister nicht
viel mehr war, als Mauermeister) war, daß er Göthe einmal in einem
Briefe fragte: »Was war =Byzanz=? Wo war es? -- Kannst Du mir hierüber
nach Deiner und meiner Art in kurzen und wenigen Worten Aufschluß
geben?« Man sieht hieraus, daß Zelter wenigstens kein Architekt der
byzantinischen Schule gewesen ist. -- Ein Mal, als er Göthe Samson's
Geschichte als ein vortreffliches Süjet zu einer Oper empfiehlt, findet
er sich sehr geduldig darein, daß Göthe Samson den dümmsten Lümmel
nennt, der sich jemals von einer gemeinen Dirne narren ließ. Aber Zelter
componirte schöne Melodien zu einigen göthe'schen Liedern, z. B. zu
»Gott und die Bajadere« und seine Composition zu »Johanna Sebus« ist
herzergreifend schön.
Das Plumpe in Göthe's Aeußerungen über mich in diesen Briefen beleidigte
mich also nicht, aber diese abgerechnet sah ich doch in Allem deutlich,
wie gering er meine Arbeiten achtete, und wie wenig ihm daran lag, sie
zu kennen.
Ein deutsches Gedicht, welches ich vor ein paar Jahren über Göthe
geschrieben habe, in welchem ich ihn in dem Ton zu characterisiren
suche, in dem er selbst dichtete, mag diese Betrachtung über den großen
Mann schließen.
[Sidenote: Ein Gedicht über Göthe.]
=Erstes Bild.=
Da steht der junge Wolfgang schön,
Gar lieblich, treulich anzusehn.
Von Leipzig nach Dresden will er wandern
Aber allein, und nicht mit Andern;
Genießen will er Natur und Kunst
Ohne Geschwätz und falschen Dunst.
Er will sich bei Freunden nicht einquartiren,
Die Freiheit würde dabei verlieren;
Im Gasthof auch nicht gern er steckt,
Davon hat der Vater ihn abgeschreckt.
So kehrt er bei einem Schuster ein,
Als könnt es gar nicht anders sein.
Da ruhet er aus und geht nicht weiter,
Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter.
Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt,
Und als er nach dem Schlaf begehrt,
Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett,
Als wenn's ihm die Musa bereitet hätt'.
Da hängt ein Bild ihm unbekannt,
Dem Bette nah, dort an der Wand.
Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs;
Der Wolfgang freut sich dessen stracks,
Und eingeschlafen ist er kaum,
So hat er einen schönen Traum
Von Hans Sachs und dem Sängerwesen,
Wie Ihr's könnt in seinen Schriften lesen.
Früh nächsten Morgen auf er steht,
Und in die Galerie hingeht.
Zwar stand er da vor den Meisterstücken
Der Italiener, die ihn entzücken,
Doch fühlt er sich gezogen bald
Zu der Deutschen und Holländer Aufenthalt,
Dem heitern Wesen, der frischen Natur,
Die schon er kennt, geht er auf die Spur;
Und was entsprungen aus diesem Geist,
Bei ihm die größte Kraft beweist.
Und als er steht in des Schusters Laden,
Glaubt er noch Schalken und Ostaden
Zu sehn, so lustig und heiter mild
Steht Alles vor ihm als gutes Bild.
Es kommt die Nacht, und schlafend kaum
Entzücket ihn ein schöner Traum.
Es spricht zu ihm im Ton der Geister
Vom Holzschnitt her der alte Meister:
»Es hat Natur Dich auserlesen
Vor Vielen in dem Weltwirrwesen,
Daß Du sollst haben klare Sinnen,
Nichts Ungeschickliches magst beginnen;
Die Welt soll kräftig vor Dir stehn,
Wie Albrecht Dürer sie einst gesehn;
Ihr festes Leben und Männlichkeit,
Ihre innere Kraft und Ständigkeit,
Der Natur Genius an der Hand,
Soll Dich führen durch alle Land.«
Da öffnet sich das Zimmer weit
Und steht gar in hoher Herrlichkeit
Der Straßburg da, der Riesenthurm,
Wobei der Mensch sich fühlt ein Wurm.
Doch auch ein Geist mit seltner Macht,
Weil selbst es seine Hand vollbracht,
Da sieht er Götz mit der Hand von Erz,
Doch mit dem menschlich warmen Herz:
Da sieht er Clärchens, Gretchens Gesicht, --
Correggio, Rafael malen nicht
Gesichter schöner, und doch vollbracht,
Als hätte sie Dürer selbst gemacht.
Da spricht Hans Sachs: »Das sollst Du singen,
Den Eichenkranz wird es Dir bringen.«
Der junge Wolfgang es treu verspricht,
Daraus entstand manch schön' Gedicht.
=Zweites Bild.=
Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter,
Klopft auf dem Rücken der Frau fein des Hexameters Takt,
Klagt, weil er nicht ein Römer, ein Italiener geworden,
Morgenländer und Türk, seufzt, weil er Deutscher und Christ;
Haßt dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch;
Alles aus Norden ist ihm lächerlich, erbärmlich und schlecht;
»Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
»Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah:
»Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglücklicher Dichter!
»Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.«
* * * * *
Ist es denn wahr, was er so in übler Laune gesprochen?
Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Künsteln geschwächt.
Ideal muß auch Natur sein. Nicht unnational sein
Muß der Dichter, sonst hört er auf, ein Dichter zu sein.
Waren denn Iphigenia nicht und die beiden Lenoren
Schön? O ja, recht schön kann die Kreolin sein
Aus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wälsch und griechisch.
Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstand
Dorothea so schön, noch schöner, als Gretchen und Clärchen.
Hätt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Göthe gezapft!
[Sidenote: Rückblick. Jean Paul Friedrich Richter.]
Aber ehe ich diesmal Deutschland verlasse darf ich doch nicht vergessen,
daß ein großer deutscher Dichter, den ich gar nicht persönlich kannte,
und der, was Genie und Intelligenz betrifft, Göthe und Schiller
nicht nachstand, meinen Aladdin auf das Schmeichelhafteste in den
»Heidelberger Jahrbüchern« besprach. Dies war =Jean Paul Friedrich
Richter=! Dieser eigenthümliche Genius, der die schönsten Schilderungen
des Lebens und des Menschenherzens in humoristische Ausschweifungen
kleidet, voller Phantasie, Witz und Weisheit, aber leider auch oft so
eingehüllt in neblige Extravaganzen und ermüdende Weitläufigkeiten,
daß es große Mühe und Anstrengung kostet, sich durch diese Sümpfe,
Dünste und Dornhecken zu den schönsten Waldpartieen und Feenschlössern
durchzuarbeiten. Dieser eigenthümliche Genius, der, obgleich es ihm in
seinen eigenen Werken nicht möglich ist, lange bei einer Vorstellung
zu bleiben, ohne sie gleich durch andere, oft himmelweit verschiedene
zu unterbrechen, doch im Stande ist, mit Tiefe und Gründlichkeit in
die menschlichen Charactere einzudringen, sie bei Anderen aufzufassen,
sie selbst zu zeichnen und zu erfinden und dies Alles durch jene
Engelgutherzigkeit zu verbinden, die ihn zu einem würdigen Bruder von
=Claudius= und =Pestalozzi= macht. In seiner Aesthetik, in seiner
Levana, seinen Recensionen hat er gezeigt, mit welcher Feinheit und
Richtigkeit er im Stande war, in das Wesen der Poesie und fremder
Dichterwerke einzudringen. Ihm fiel es nun auch ein, meinen Aladdin
zu recensiren, und ich will hier einige seiner eigenen Aeußerungen
mittheilen:
»Der Däne Oehlenschläger giebt hier die Wunderlampe, das bekannte
Mährchen aus Tausend und Einer Nacht. Er habe Dank für diese Um- und
Empordichtung eines Gedichts. Gedachte Tausend und Eine Nacht wäre ganz
zu theatralisiren, wenn es mehrere Oehlenschläger gäbe. Ein rührend
schönes Gedicht an Goethe -- eine nach dem Phöbus gewandte Sonnenblume
-- und eine Vorrede voll reiner, heller Aesthetik öffnen, wie eine
Eingangsmusik, dem Leser Ohr und Auge für das schöne Schauspiel. Das
Schauspiel zerfällt in zwei Spiele, Thalia und Melpomene, indeß folgte
jene dieser weit genug auf die Bühne nach. Er durfte sich dies als
ein Schüler und Freund Shakespeare's, Goethe's und Gozzi's erlauben.
Wenn der Schuster Sindbad vor dem Bösewicht Hindbad, dessen ruchlose
Predigt sammt den Predigerkritiken humoristisch genug ist, sich
selber zu einem Hofnarren abzurichten und einzuschulen sucht, und auf
mehrere Einfälle fällt, um damit anzufragen, ob diese einen Narren
versprechen, so besteht, neben diesem Lachen, doch =die= Erhabenheit und
Fürchterlichkeit der nächsten Zukunft. Uebrigens hat dem Verfasser der
Himmel Sinn und Kraft für das Komische bescheert; ein rein komisches
Gedicht von diesem Dänen wäre eine schöne Weinlese für uns. -- Mit
dem glücklichen Ohre für den Wechsel seiner Versgebäude überwindet
er in seinen Terzinen und Stanzen die Schwierigkeiten, welche die
meisten Dichterlinge, ja Dichter der neuern Schule stehen lassen als
Zugabeschönheiten. Das Werk beginnt mit komischen Menschen und Scenen,
spielt sich durch zarte romantische Dichtungen weiter, bis es wie ein
Tag beschließt mit immer mehr hier aufgehenden Sternen des Erhabenen und
Schauerlichen; und man träumt der reichen Farben- und Lichtwelt noch
lange nach«.
[Sidenote: Rückblick. Jean Paul über Aladdin.]
In diesem ehrenden Lobe findet sich doch auch ein gerechter Tadel.
»Allerdings verschwamm sich der Verfasser zuweilen in jene italienische,
ja oft in Tieck'sche Weitschweif- und Weitläufigkeit. Nur die Sache
ergreife den Dichter, nicht das selbstsüchtige Genießen und Ausdehnen
seiner Empfindung derselben. Shakespeare war in die Sache verloren,
und daher bei aller Fülle von Bildern und Kräften, nirgends zum
Verschwender zerflossen«. Hauptsächlich tadelt Jean Paul mit Recht zwei
Gedichte: »Die Verwesung« und ein Gespräch zwischen den beiden Fee'n
»Unschuld und Rache«, die nicht in dem dänischen Aladdin stehen.
Jean Paul endigt seine Recension mit folgender Aeußerung: »Dank
gebührt der Kraft, welche, ohne einen Uebersetzer, gleichsam auf einer
Landesgrenze gepflanzt, über zwei Nationen zugleich den Ueberhang seiner
Blüthen und Früchte ausbreitet. Die Zeit wird ihn noch mehr, gleich
einem Diamant, zugleich verdichten und verdurchsichtigen, und er wird
immer mehr, statt des =Zauberspiegels=, den =Zauberstab= halten lernen.«
* * * * *
[Sidenote: An Jean Paul.]
Und diesem Manne schrieb ich nicht, und dankte ihm nicht aus vollem
Herzen für eine solche Anerkennung. Es ist unverzeihlich! Diese üble
Gewohnheit, meinen Freunden nicht zu schreiben, hat mir in meinem
Leben sehr geschadet, mich manches schönen Genusses beraubt, manch
edles Verhältniß abgekühlt und zerstört. Ich vergaß sie nie, ich
gedachte ihrer oft; aber -- ich mochte keine Briefe schreiben. Einige
Entschuldigung mag darin liegen, daß ein Verfasser, der viel schreibt,
nicht das Bedürfniß, das Vergnügen am Briefschreiben, wie Andere
empfindet. In welcher Stellung auch der gebildete Mensch im Leben sein
mag, treibt es ihn doch zuweilen, seinen Gedanken, seinen Gefühlen Luft
zu machen. Aber diese läßt der Dichter in seinen Werken ausströmen,
und wo die Anderen sich nach Mittheilung sehnen, sucht er Ruhe. So
wird es eine Gewohnheit bei ihm, es zu unterlassen; und wie schwierig
es ist, eingewurzelte Gewohnheiten abzulegen, weiß Jeder. Doch kann
ich mich durchaus nicht ganz entschuldigen. Auch mochte ich niemals
recht gern Visiten machen; doch freute es mich sehr, wenn meine Freunde
zu mir kamen. Ich war von Kindheit, von der Jugend an daran gewöhnt,
größtentheils allein zu sein, und zu schweigen. »Mein Herr,« sagte Frau
Staël-Holstein einmal scherzend in ihrem deutschen Patois zu mir, »Sie
sind gar zu selbständik.« Eine gewisse Verlegenheit überkam mich immer
in Gesellschaften. Mein Gesicht war nicht scharf, mein Gehör nicht fein,
mein Gedächtniß im Augenblick nicht sicher; traf ich Animosität und
einen Ton mir gegenüber, dem es an Freundlichkeit und Zutrauen fehlte,
so verlor meine Geistesruhe das Gleichgewicht; in der Jugend verlief
ich mich dann oft; als ich älter wurde, schwieg ich, um es nicht zu
thun. Aber -- um auf Jean Paul zurückzukommen, that ich denn Nichts für
ihn? Nein! aber ich hatte bereits, ein paar Jahr ehe er jene Recension
schrieb, ein Lied auf ihn gedichtet, das erst acht Jahre, nachdem
Aladdin erschien, in meiner deutschen Gedichtsammlung gedruckt wurde.
Ob Jean Paul es jemals gelesen hat, weiß ich nicht, denn ich hörte
Nichts mehr von ihm. Seine liebenswürdige Tochter, Frau =Förster=, deren
Bekanntschaft ich im Jahre 1844 in München machte, kannte es nicht, und
wurde sehr erfreut als ich es ihr mittheilte. Hier ist es:
* * * * *
=Der Wunderbaum.=
Es stand ein großer Baum im großen Garten;
Ihr glaubt es kaum,
Doch Blumen, Früchte trug von allen Arten
Der Wunderbaum.
So groß wie eine königliche Eiche
Der Stamm erschien;
Im Laub da blühten Rosen, roth und bleiche
Durch's Rosmarin.
Die Blätter wickelten sich mannigfaltig
So grün und dicht;
Die Aeste breiteten sich aus gewaltig
Im Sonnenlicht.
Bald wölbten sie hinunter sich zur Aue,
Wie Lindenzweig';
Bald schossen sie die Flügel weit in's Blaue
Cheruben gleich.
Bald schwarz und dick und knotig war die Rinde
Voll Schwamm und Kraut;
Die zarten Zweiglein waren glatt und linde,
Wie Mädchenhaut.
Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden,
Wo man nur las;
Die Aeste schüttelten in Sommerwinden
Die Frucht in's Gras.
Des Tag's da krochen Affen in den Zweigen
Und neckten sich;
Des Nachts da stand der Baum so still und eigen
Und schauerlich.
Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade.
Erschrak und schied;
Denn in dem Stamm sang zaubernd die Dryade
Ihr Todtenlied.
Von Vielen ward der Baum geliebt; genossen
Von Wen'gen ganz.
Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossen
Im Sonnenglanz.
Wer Früchte liebte, sagte: Ei, da seh' ich
Den Apfelbaum;
Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ich
Zum Frühlingstraum.
Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glühet
Mein Blumenstrauß;
Wer Lieder wünschte, sagte: Sieh da blühet
Mein Vogelhaus.
Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwinge
Dein Plaudermaul!
Wer Alles liebte, sagte: Singe, singe
Noch lang, Jean Paul!
* * * * *
[Sidenote: Die Periode der Opposition.]
Ich wende mich nun zu der Epoche, in der sich die Opposition gegen mich
am stärksten erwies. Die Erfahrung, daß ich nicht mehr zur romantischen
deutschen Schule gehörte, und keine Unterstützung bei deren Führern
fand, daß Göthe den Correggio getadelt und mir den Rücken gekehrt hatte,
trug gewiß nicht wenig dazu bei, meinen Gegnern und Neidern Muth zum
Tadeln zu geben. Hierzu kam, daß auch Grundtvig mich mit seinen vielen
Anhängern verlassen, und daß ich selbst mir geschadet hatte, indem ich
einige Kleinigkeiten schrieb, die freilich an Werth weit unter den
Hauptwerken standen.
[Sidenote: Die Baggesen'schen Angriffe.]
Baggesen griff mich an. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er hierzu
von Anderen angetrieben wurde; denn seine Umgebung hatte immer großen
Einfluß auf seine Handlungen.
Baggesen's Betragen war wirklich so kindisch, daß das Ganze jetzt, wo es
vorbei ist, mehr wie eine Comödie, als eine Tragödie zu betrachten sein
würde, wenn es nicht so weit gegangen wäre, daß er selbst dadurch um
alle Achtung kam.
Alles, was Baggesen bisher unternommen hatte, war in einer Art
geistigen Spieles geschehen, das ihn und die Andern amüsirte, so lange
es dauerte. Seine besten Gedichte, die Frucht einiger Vormittage,
waren Kleinigkeiten, die er später in der Tasche umhertrug und seinen
Freunden vorlas. So lange er nicht beißend und erbittert wurde, war
er eine höchst interessante angenehme Persönlichkeit. Er konnte einen
großen Theil des Geistes der großen Männer, mit denen er umging,
nachahmen und sich aneignen; wie ein Chamäleon empfing er die Farbe;
sie verschwand aber bald wieder vor einer andern. Mit Wieland war
er Wieland, mit Fichte Fichte, mit Jakobi Jakobi, mit Reinhardt
Reinhardt, mit Jean Paul Jean Paul, mit Voß Voß. Aber gründlich hatte
er sich Nichts erworben und mit eigener Originalität gestempelt. Das,
was er am Allerwenigsten verstand, worauf er sich am Allerwenigsten
gelegt und wozu die Natur ihm das geringste Talent verliehen hatte,
war das Dramatische, und nun beschloß er doch, dramatischer Recensent
und Geschmacksrichter für die Bühne zu werden. Ich war nicht der
Einzige, den er herunterriß; es ging auch über Holberg her, dessen
plumpe Sprache er tadelte und dessen Schilderungen der Sitten und
Verhältnisse er modernisirt haben wollte. Hier trat ein Anonymus auf,
=Peter Wegner= (Adolf Boye), der ein gefährlicher Feind für Baggesen
wurde. Das Einzige, was den hohlen Kritiken dieses Letztern noch etwas
Salz verlieh, war der witzige Ton der ungerechten Angriffe. Man sagte:
»Baggesen habe die Lacher auf seiner Seite.« Nun bekämpfte Peter Wegner
ihn von einem vernünftigen und wahrheitsliebenden Standpunkte aus mit
gleichen Waffen, aber mit viel größerer Kraft, welche das Bewußtsein
der guten Sache giebt, und mit seiner satyrischen Fregatte schoß er das
Baggesen'sche Seeräuberschiff in den Grund.
In allen Literaturen findet man Beispiele genug, daß ausgezeichnete
Schriftsteller aus Neid von weniger Begabten, ja selbst von Pfuschern
angegriffen wurden. So sehen wir in der Vorrede zur zweiten Hälfte des
Don Quixote, daß Cervantes über einen Anonymus klagt, welcher behaupte,
einen andern bessern Don Quixote, als der Dichter selbst, herausgegeben
zu haben. Was hat Shakspeare nicht verdauen müssen, ehe er zu Ehre und
Würden gelangte? Lessing wurde von Klotz und Götze; Göthe von Kotzebue
von Menzel und Pustkuchen als ein schlechter Poet heruntergerissen.
So hatte ein gewisser =Paulli= in Holberg's Zeit den politischen
Kannegießer umschrieben. An und über diesen Paulli und Consorten schrieb
Holberg witzige Vorreden unter dem Namen von Hans Mikkelsen und Just
Justesen. Peter Wegner versetzte sich ganz in den Holberg'schen Ton
und schrieb: »Ein kleines nützliches Unterhaltungsbuch« an Baggesen, in
welchem Holberg selbst die Baggesen'schen Angriffe mit der Geißel der
Satyre widerlegt.
Auch Thaarup und Rahbek wurden plump von Baggesen angegriffen. In
der sogenannten =Judenfehde=, welche darin bestand, daß man, durch
das Beispiel fremder Nationen dazu aufgemuntert, ein paar Abende
hindurch mehreren Juden die Fenster einschlug, übersetzte Thaarup eine
mittelmäßige Farce: »Unser Verkehr« gegen die Juden. Das hätte er
unterlassen sollen. Aber in Folge dessen warf Baggesen ihm vor, daß er
nicht Dänisch schreiben könne. In seinen besten Werken hatte Thaarup
stets ein sehr reines und gutes Dänisch ohne Einmischung von Germanismen
geschrieben, was man nicht von Baggesen und während meines Aufenthalts
in Deutschland auch nicht von mir sagen konnte, weil es fast unmöglich
ist, sich bei längerem Aufenthalt in einem fremden Lande vor jeder
Einmischung einzelner fremder Worte zu hüten. Baggesen gebrauchte immer
deutsche Redensarten. -- Das Lob, welches Rahbek seinen Reimbriefen
gespendet hatte, mußte ihm zu bitteren Angriffen gegen Rahbek dienen.
Er kehrt stets zu diesem Lobe zurück, als ob es nie früher so gehört
worden wäre, und thut, als ob er aus Groll über so übertriebenen Ruhm,
das Bedürfniß fühlte, Rahbek zu verhöhnen. Das Wunderlichste war, daß
er mitten unter diesen unbefugten und bitteren Angriffen gegen Andere
sich selbst mit Mitleid, wie ein armer verfolgter Mann betrachtete.
Er schrieb unter Anderm hierüber eine Elegie, welche Peter Wegner
gleichfalls in seinem Unterhaltungsbuch unter dem Namen von Just
Justesen verspottete; er nannte es ein weinerliches Stück, das gut zu
allen Instrumenten paßt, besonders zur Sackpfeife und Drehorgel.
Diese Persiflage Peter Wegner's darf nicht als der freche Angriff
eines jungen Menschen gegen einen Mann von Renommé und unbezweifelten
Verdiensten betrachtet werden; selbst einem unbedeutenden Schriftsteller
gegenüber ist die Persiflage eine schlechte Waffe; nur Eins giebt es,
das sie mit Recht angreift: das ist die Persiflage selbst; sowie man
Skorpionstiche durch zerdrückte Skorpionen heilt. Daß Baggesen diese
Waffe vorher leider in hohem Grade gebraucht hatte, daß es besonders
über mich herging, ja zuletzt bis zu den gröbsten Beleidigungen,
Unwahrheiten und Schmähworten gesteigert wurde -- es wäre Feigheit von
mir, wenn ich dies verschweigen und in meiner Biographie nicht erwähnen
wollte, jetzt, wo alle Menschen diese Angriffe lesen können und sie
aufbewahrt sind, nicht in den ersten Tagesblättern, denn da würden sie
mit dem Tage verschwunden sein, und dann würde ich ihr Andenken gewiß
nicht auffrischen; aber sie sind neuerdings in Baggesen's gesammelten
Werken erschienen, und, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für eine
lange Zeit aufbewahrt. Doch allzu lange will ich bei dieser unangenehmen
Angelegenheit nicht weilen und nur bemerken, daß Baggesen mich nicht
wie einen übrigens verdienstvollen Dichter behandelte, der nur einige
seiner Ansicht nach mißglückte Arbeiten hervorgebracht hatte, sondern
wie einen dummen und unwissenden Jungen, der unbegreiflicherweise
zu seinem frühern Renommé gelangt war; der nicht richtig über die
gewöhnlichsten Dinge denken konnte und durchaus nicht im Stande war,
seine Muttersprache zusammenhängend zu schreiben. So recensirte er
Ludlam's Höhle, wo er unter Anderm über die Charactere des Stückes sagt,
daß »die in der =Suppenmalerei= angebrachten rothen Krebse des Dichters
nicht allein verzeichnet, sondern grau sind.« Peter Wegner hat ihn auch
in Veranlassung dieser Recension das ganze Uebergewicht seiner gesunden,
ehrlichen, witzigen Kritik fühlen lassen. Auch der kecke, geniale
Carsten Hauch griff Baggesen an und hieb seinen Geierschnabel in Dessen
kritische Leber. =Paul Möller= schrieb die vortreffliche Parodie auf
Baggesen's: »Als ich klein war.« Zwölf ausgezeichnete Studenten glaubten
Baggesen wegen seiner unwürdigen Aufführung gegen ihren Geschmackslehrer
zur Rechenschaft ziehen zu müssen und forderten ihn auf Lateinisch
heraus, um seiner eingebildeten Gelehrsamkeit zu spotten. Obgleich ich
selbst ihm nicht antworten mochte, und es dessen auch nicht bedurfte, da
die Anderen mir die Mühe ersparten, so schien es mir doch eine Pflicht
gegen mich selbst zu sein, ihm öffentlich meine Verachtung gegen seine
tiefe Beleidigung zu zeigen. Ich schrieb im »Fischer« einen Chor, in
dem ich ihn und Consorten auf aristophanische Weise geißelte. Es war
natürlich, daß er also über den Fischer mit verdoppelter Erbitterung
herfiel.
Baggesen's Art, mich zu recensiren war, wie gesagt, ohne alle
ästhetische Bedeutung und befaßte sich nie mit dem Poetischen; dessen
Mangel setzte er als Etwas voraus, das sich von selbst verstand. Seine
Angriffe waren lauter Klagen über den Mangel an Ordnung und Zusammenhang
in dem Materiellen, zu dessen Beobachtung es doch nur des einfachen
Menschenverstandes bedurfte, und bei dessen consequenter Durchführung
das Stück doch ganz unpoetisch sein konnte.
Einen starken Gegner fand Baggesen noch im =Verfasser der zwölf
Paragraphen=. Wenn Peter Wegner Baggesen mit Büchsenkugeln traf, so
schoß dieser ihn mit Kartätschenkugeln nieder; nur Schade, daß er
in seinem Zorn auch das Gute und wirklich Dichterische angriff, das
Baggesen hervorgebracht hatte; denn dadurch schwächte er seinen Angriff
und seinen Sieg, wo er Recht hatte.
* * * * *
[Sidenote: Hagbarth und Signe. -- Helge.]
Ehe ich den =Fischer= schrieb, dichtete ich im Winter 1813-14 =Hagbarth
und Signe=, ein Seitenstück zu Axel und Valborg. Ungeachtet sie einander
darin gleichen, daß Beides nordische Liebestragödien, ziemlich kurz,
ohne Episoden, mit der Einheit der Zeit, des Orts und der Handlung
sind, suchte ich doch im Wesentlichen diese Bilder sehr verschieden
von einander zu zeichnen: Axel und Valborg im Geist des christlichen
Mittelalters und Hagbarth und Signe in dem des nordischen Heidenthums;
beide natürlich idealisirt und mit dem Gepräge von des Dichters eignem
Herzen, seiner Phantasie und seinem Gedanken. Die Leidenschaft der mit
Tapferkeit und Verwegenheit verbundenen Liebe, die sich plötzlich in den
Herzen Hagbarth's und Signe's entzündet und ihnen Muth verleiht, das
Leben zu wagen, und mit Heldentrotz den Tod für einander zu dulden, war
der Gegenstand des einen Stückes; das durch das Christenthum gemilderte
Gefühl, von den Jahren der Kindheit an gestärkt, das die Blume der Treue
und Hingebung in Axel's und Valborg's Herzen zur Reife brachte, ist der
Gegenstand des andern. So gleicht Hagbarth und Signe einem Nachtstücke,
mit Tannen über dem Abgrunde, wo der Mond halb hervorbricht; Axel und
Valborg ist ein mildes Gemälde blühender Natur in der Abendröthe. --
In der Zeit, wo ich kleine Stücke und Singspiele geschrieben hatte,
war =Ingemann= aufgetreten und hatte sich wohlverdienten Beifall durch
seine lyrischen Gedichte erworben; auch bewunderte das Publikum seinen
=Masaniello= und =Blanca=. Letzteres hatte Furore gemacht. Hagbarth
und Signe machte doch auch Glück und nun fühlte ich mich gestärkt und
begeistert, wieder ein großes Bild des Altnordischen zu malen, in dessen
Geist ich mich durch Hagbarth und Signe wieder hineinversetzt hatte.
Um mich dieser Begeisterung recht ungestört zu überlassen, miethete ich
mir ein Zimmer auf Friedrichsberg in der Küsterwohnung, und hier saß
ich, wo nur eine Wand mich von der Schule trennte, in der ich meinen
ersten nothdürftigen Kinderunterricht genossen hatte, und schrieb
=Helge=. Ueber dieses Gedicht ist bei dänischen Lesern nur eine Meinung
gewesen und Baggesen wagte nicht, es anzugreifen; er schwieg stockstill
darüber. So hatte ich nun also, was nordische Heldendichtung betraf,
meine Autorität wieder gewonnen; aber meine Tadler hatten doch viele
Leute zu dem Glauben gebracht, daß die nordische Heldendichtung die
einzige Sphäre sei in der ich mich mit Glück bewegen könne, und daß dem
Verfasser des Sanct Johannisabendspiels, der Langelandsreise, Freia's
Altars und Aladdin's von der Natur kein Beruf für das Komische und
Witzige verliehen sei. Daß dies mich verstimmte, war natürlich. Nach
Allem, was ich in der Kunst gewirkt hatte, noch wie ein Schulknabe
betrachtet zu werden, der in seinen Zeugnissen bald =Mittelmäßig=, bald
=Schlecht= erhielt, war ein trauriger Lorberkranz. Hiezu kam, daß sich
meine ökonomischen Verhältnisse auch verschlechterten, theils durch
Mangel an sicherer Einnahme, denn ich hatte nur 1200 Thaler Gehalt mit
Weib und drei Kindern, theils durch mein schlechtes Buchhändlertalent.
Die ersten meiner Werke, die reißend abgegangen waren, hatte ich den
Buchhändlern fast für Nichts gegeben; nun verlegte ich selbst Werke, die
von Baggesen und seinen Anhängern heruntergerissen wurden, und obwohl
ich an ihnen Etwas hätte gewinnen können, wenn ich sie verkaufte, so
verlor ich nun und gerieth in Schulden, die sich um Vieles steigerten,
als im Jahre 1813 die =Geldreorganisation= eintrat, die nicht allein
mich, sondern viele reichen Leute zu Bettlern machte!
[Sidenote: Verfehlte Buchhändlerspeculation.]
In solchen Stimmungen wird die Begeisterung für das Hohe und Große bei
der Nation und zugleich bei dem Dichter geschwächt. Was dazu beitrug,
diese allgemeine Verstimmung zu vergrößern, war =Napoleon's= Fall. Die
Dänen hatten es stets mit ihm gehalten und theilten nicht die Freude
der heiligen Alliance, als er das unglückliche große L'hombrespiel
mit Blücher und Wellington gespielt, mit Spadille quaskirte, und,
obgleich er beinahe gewonnen hätte -- durch ein dreistes, unvermuthetes
Ausspielen von Blücher, der in der zweiten Hand saß und das erste Mal
gestochen war, es Wellington ermöglichte, Napoleon in der Hinterhand
_bête_ ja sogar _codille_ zu machen.
Man weiß, daß es nicht meine Art ist, viel zu politisiren, das heißt,
mich groß mit den Staatsbewegungen der Zeit und des Augenblickes zu
beschäftigen. Hierzu gehört, daß man dem Journallesen einen so großen
Theil seiner Zeit opfert, daß es dem Künstler und dem Dichter schadet,
dessen Beruf es ist, nicht für den Augenblick, sondern, so gut er kann,
für die Ewigkeit zu wirken, indem er die Erinnerungen der Vergangenheit
und die Ahnungen der Zukunft mit der Zeit verbindet, in der er lebt.
Aber ein Dramatiker, ein historischer Tragiker ist kein Kind, das nur
in seinen eigenen Träumen dahingeht. Jede historische Tragödie ist
politisch und in den Staatsverhältnissen der Zeitalter, der Nationen
begründet. Diese braucht er nur nicht aus ermüdenden, weitläufigen
Verhandlungen, sondern in der Quintessenz zu kennen. Diese Quintessenz
war mir stets von Wichtigkeit, auch in der neuesten Periode meiner
eignen Lebenszeit, und deshalb giebt es wenige historische Hauptwerke,
die ich nicht gelesen.
[Sidenote: Gedanken über Napoleon.]
Es ging mir nicht wie vielen Anderen: ich lernte Napoleon im Anfange
nicht von der brillanten Seite kennen; im Gegentheile von der
Schattenseite. Während der Schlacht bei Jena war ich in Weimar von
dem Haß der Deutschen gegen ihn umgeben. Ich lernte ihn bald als den
herrschsüchtigen Unterdrücker kennen, später aber auch seine großen
Eigenschaften schätzen. Das Große bei Napoleon bestand darin, daß
er ein =Genie= war; und das Schöne seiner Zeit darin, daß das Genie
herrschte. Denn das Mißverhältniß, in dem gewöhnlich die unterdrückten
geistigen Kräfte zu der zufälligen oft kleinlichen Macht stehen, fand
unter ihm nicht Statt; jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, die sich
ihm anschloß, konnte ziemlich gewiß sein, Glück zu machen. Napoleon
war ein mathematisches Genie und ein großer Held. Aber er war auch
Welt- und Menschenkenner, und verband mit seinem Genie in hohem Grade
den unentbehrlichen (und doch so oft fehlenden) praktisch gesunden
Menschenverstand. Kraft, Fleiß, Aufmerksamkeit, Ueberblick waren bei
ihm außerordentlich, und machten ihn zu einem ebenso tüchtigen und
seltenen Fürsten im Frieden, wie Helden im Kriege. Unglücklicherweise
war er, wenn ich es so nennen darf, auf dem einen Ohre taub: das heißt,
ein großer Theil des Lebens sowie auch der Zeit, die er nur halb
verstand, entging ihm. Zwei wichtige Dinge fehlten ihm: er konnte
nicht Deutsch und war kein Schöngeist. Als Repräsentant der neuern
Zeit hätte er auch die letzten Kapitel der vorhergegangnen Zeit lesen
sollen, und das hatte er nicht gethan; den ganzen Fortschritt der
Intelligenz in Deutschland kannte und achtete er nicht. Er hatte Recht,
sich von spitzfindigen, philosophischen Verschrobenheiten abzuwenden;
aber er haßte alle tiefdenkenden, frei fühlenden Schriftsteller; er
sonderte die Spreu nicht vom Weizen, und unter dem ihm verhaßten
Namen von Ideologen verwarf er sie alle. Ehrgeiz hatte ihn stets
hingerissen; nun auf der Höhe seiner Gewalt bekam leider Eitelkeit das
Uebergewicht. Er begann als Vertheidiger der Freiheit, und endigte
damit, Alleinherrscher sein zu wollen. Ganz Europa hätte er gern unter
sein Scepter gebeugt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß er den Ländern
Wohlstand und gute Einrichtungen gebracht und unzählige Mißbräuche
abgeschafft hätte; aber er hätte auch die schöne Verschiedenartigkeit
der Nationen verwischt, deren es, um sie zu begreifen, zu schätzen,
zu beurtheilen, eines =poetischen= Geistes bedarf. Und wenn er auch
in sich =selbst= die Kraft fühlte, ein solcher Herrscher zu sein; was
sollte nach seinem Tode werden? Sein Egoismus war unendlich, und die
Eitelkeit untergrub seine Macht. Er gab Oesterreich nach und benutzte
nach der Schlacht bei Austerlitz seine Vortheile nicht. Er wollte sich
durch Verheirathung einem alten Herrschergeschlechte anschließen. Er
hatte Nichts dagegen, obgleich er darüber lächelte, daß man ihn in die
griechische Kaiserfamilie der Komnenen hineinlügen wollte. Es giebt
ganze Nationen, die fast aus lauter Edelleuten bestehen: Die Isländer,
die Hochschotten, die meisten Polen und Ungarn, und die Corsikaner
wollen auch alle adelig sein. Diese Forderung wurde auf der kleinen
Insel auf 400 Familien eingeschränkt, deren eine Napoleon's war. Aber
es tröstete doch den Kaiser Franz ein Wenig, daß sein Schwiegersohn
kein vollständiger Roturier war. Napoleon's Mangel an poetischem Sinn
veranlaßte ihn, alle Menschen über einen Kamm zu scheeren; auf das
Characteristische, das die Handlungen bestimmt, verstand er sich nicht.
Deshalb täuschte er sich so sehr in den Spaniern, den Russen, und als
die Begeisterung in Deutschland von den Universitäten her und durch
die Dichter geweckt worden war, in den Deutschen. Er hatte kein warmes
Herz; man konnte es nicht klopfen fühlen, wenn man ihm die Hand auf die
Brust legte; aber er war freundlich und oft liebenswürdig im Umgang,
wenn er nicht böse war; er konnte Scherz, selbst Neckerei (z. B. von der
Herzogin von Abrantes) vertragen; er ließ sich, selbst ein Gelehrter,
gern in Gespräche mit ausgezeichneten Gelehrten ein; auch vorzügliche
Künstler und Dichter achtete er, aber es hatte doch keine rechte Art
damit. Er sagte wohl einmal, hingerissen von Corneille's beredter
Schilderung der Heldenkraft, daß er ihn zum Herzog machen würde, wenn
er noch lebte; aber nun war Corneille glücklicherweise todt, und er
wagte also Nichts bei diesem Versprechen. Daß er nicht den Muth hatte,
seinen =Freund= Talma (der ihn so viel schöne Manieren gelehrt, und ihm
in den Jünglingsjahren als armen Lieutnant Geld geliehen hatte) zum
Ritter der Ehrenlegion zu machen, und so das elende Vorurtheil gegen den
Schauspielerstand auszurotten, ist bekannt. Als er dem an den Felsen
gefesselten Prometheus gleich war, liebte ich Napoleon wieder. Ich
sagte wie Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar: »_Joy, for his fortune;
honour for his valour; and death, for his ambition!_« Grausam war er
nicht; denn daß er viele Jahre hintereinander die Menschen tausendweis
auf dem Wahlplatz tödten ließ, kann nicht Grausamkeit genannt werden;
dies war eine Kampflust, welche er mit dem ganzen Heere theilte, und
bei welcher er sein Leben jedes Mal ebenso sehr aussetzte, wie das
jedes Andern. Er entschuldigte sich hier mit Gründen, vor denen das
fühlende Herz Abscheu empfindet, die aber Vernunft und poetisches Gefühl
schwerlich angreifen konnte: »der Krieg stärkt Kraft und Muth des
Mannes, rottet das Kleinliche aus und bietet Gelegenheit, Unzählige zu
beschäftigen, die die Armuth sonst zu Grunde richten oder entsittlichen
würde.« Zu Napoleon's Zeit drohte kein Proletarier; kein Cartouche oder
Mandrin wurde gerädert; unter Bonaparte wären sie vielleicht Generale
geworden. Aber als er gegen das Ende hin seine Aufgabe übertrieb und
Alle merkten, daß er nicht mehr für Frankreich, sondern für sich
kämpfte, da verlor er auch das Zutrauen und die Liebe der meisten seiner
Generale. Napoleon schlug seine Feinde in drei Lebensperioden auf drei
Arten: erstens durch seine eigne und die Begeisterung und den Muth der
französischen Revolutionsmänner; dann durch seine Kriegskunst, wie ein
großer Schachspieler auf dem europäischen Schachbrette; endlich durch
die Masse, durch das Uebergewicht der Truppen. Diese letzte Art war die
am wenigsten ehrenvolle und richtete auch das Land zu Grunde, das er
vertheidigen sollte; es raubte Frauen und Kindern ihre Männer und Väter;
zwang halb erwachsene Knaben, die kaum das Gewehr schleppen konnten,
mit in den Krieg zu ziehen; und die Felder konnten nicht hinreichend
bebaut werden. Wenn der Krieg zu Ende war, fühlte Napoleon Mitleiden
mit den verwundeten Kriegern. Aber das Leiden, welches das Gefühl zu
augenblicklichen Thränen durch die Einwirkung eines sinnlichen Bildes
auf die Phantasie rührt, ist nicht das wahre Mitleiden, das in dem
Herzen und der Liebe wurzelt und dem verwandt ist, welches der Erlöser
für die ganze Menschheit empfand. Dieses höhere Gefühl kannte Napoleon
nicht. Deshalb war er sich auch trotz seines stolzen Ehrgeizes nicht
der höhern Menschenehre bewußt. Mit dieser hätte er nicht angefangen,
sein Heldenglück auf eine demüthigende Weise durch den Einfluß eines
Weibes zu machen; hätte er nicht die Freundin des Revolutionsmannes
Barras geheirathet, um weiter zu kommen; mit diesem Gefühle hätte er
seine Macht nicht durch das gemeine Spioniren von Talleyrand und Fouché,
zweier Elenden, die er selbst verachtete, gestärkt; mit diesem Gefühl
hätte er nicht die unverzeihlichen Justizmorde an Palm und dem Herzog
von Enghien begangen.
Aber ich weiß sehr gut, daß weder Alexander der Große, noch Julius Cäsar
moralisch besser waren, als Napoleon; und wenn wir mit Alexander und
Cäsar gelebt hätten, so würden wir sie trotz all' ihrer Fehler doch sehr
vermißt haben, wenn sie dahingegangen wären und die Mittelmäßigkeit
wieder in ihr altes Recht eingetreten wäre, und ihr einfältiges Haupt
wieder erhoben hätte.
Wie bereitwillig ist das Herz nicht, den großen unglücklichen Mann zu
entschuldigen und ihm zu vergeben, der, indem er außerordentliche Kräfte
an den Tag legte, die Menschennatur zu unsterblicher Ehre führte? »Führe
uns nicht in Versuchung,« beten wir Alle; dem Dichter und Künstler ist
es leicht, das zu entwickeln, was die Natur ihm gegeben hat; er braucht
als Material nur das Bild der Natur, die Geschichte und seine eigne
Phantasie. Aber der Held und der Staatsmann findet seinen Stoff in der
Nation, in den bürgerlichen Institutionen und den Lebensverhältnissen.
Die soll er ausbilden; und hier führt die widerstrebende Natur der
Dinge ihn oft auf Irrwege, oft dahin, Mittel zu wählen, die vor
dem Richterstuhle der Moralität nicht vertheidigt werden können,
und doch die einzig möglichen waren, um das Ziel zu erreichen. Die
Spitzfindigkeit, der Macchiavellismus entschuldigt sie; der Jesuitismus
vertheidigt das Mittel des Zweckes wegen; aber dies ist eine gefährliche
Philosophie, welche zu den größten Lastern und Verbrechen führt.
* * * * *
[Sidenote: Der Gräfin Mynster letzte Tage.]
Ich hatte gerade =Helge=, als eine Frucht meiner stillen Stunden in
der einsamen Küsterstube, beendigt, als eine traurige Begebenheit
mir den Aufenthalt daselbst zuwider machte, und mich veranlaßte,
meine Sommerwohnung nicht mehr in dem schönen Septembermonat zu
benutzen. Meine Freundin, Gräfin Mynster, hatte lange an einer tiefen
Melancholie gelitten, welche anfing gefährlich zu werden, weil sie
sich immer mehr und mehr dem stillen Wahnsinn näherte. Ich hatte sie
lange nicht gesehen, als Frau Brun mich bat, nach Sophienholm auf
Frederiksdal hinauszukommen, wo Gräfin Mynster versprochen hatte, sie
zu besuchen. Frau Brun meinte, daß wenn es Jemanden gäbe, der die
Gräfin Mynster aufmuntern und in eine heitere Laune versetzen könne,
ich dies sein müsse, ich, dem es früher oft durch poetischen Scherz und
freundschaftliche Liebe, zuweilen selbst durch einen etwas dreisten
Spott gelungen war, die allzuweit in den höheren Regionen zwischen
kalten Wolken umherschwebende Seele des edlen Weibes in die tieferen
Thäler herabzuziehen, wo Wärme, Schatten, Blumen und Früchte waren.
Ich kam also hinaus und fand sie im Sopha sitzen; aber kaum hatte ich
sie gegrüßt und mein Auge auf das ihrige gerichtet, als ich sah, daß
-- es vorbei sei; es war nicht mehr die geistreiche, freundliche, nur
allzu gefühlvolle Dichterin; es war das Gespenst der Dahingegangnen,
das mit einem todten, träumenden Nebelblicke auf mich hinstarrte.
Die Unterhaltung war matt und inhaltslos; sie antwortete kaum mit
den nothwendigsten Worten, dann schwieg sie wieder und starrte vor
sich hin. Wir gingen im Garten beim Wasser spazieren und ich achtete
sorgfältig auf sie, doch ohne daß sie es merkte, weil ich fürchtete,
daß sie hineinspringen würde. Als wir wieder ins Haus kamen, nahm ich
mit einem Gefühle Abschied, welches ich unterdrückte, und in der festen
Ueberzeugung, daß sie sich nie wieder erholen würde.
Dies war nur allzuwahr und ich sah sie nie wieder. Als Hofdame der
Königin war sie mit nach Friedrichsberg hinausgefolgt; sie wohnte neben
den anderen Hofdamen, die sie Alle liebten und sorglich beobachteten.
Aber eines Tages hatte sie sich von der Tafel dispensirt, weil ihr nicht
ganz wohl sei. Gleich nach aufgehobner Tafel eilte Fräulein Levetzau
zu ihr -- fand aber die Thür verschlossen. In Angst eilte sie zur
Herrschaft zurück und theilte ihre Befürchtungen mit. Der König ging
selbst zum Zimmer der Unglücklichen, ließ die Thür aufbrechen und fand
sie -- todt!
[Sidenote: Leichenbegängniß der Gräfin Mynster.]
Keine Leiche, welche nicht königlich war, durfte der Etiquette zufolge
auf dem Schlosse bleiben. Man war in Verlegenheit, wohin man die Leiche
bringen solle. Als ich dies hörte, sagte ich: »Bringt sie in meine
kleine Küsterwohnung, dort kann ihr Sarg stehen, bis sie begraben wird
und von da sind es nur wenige Schritte bis zum Kirchhofe.« Damit war man
auch sehr zufrieden und von hier aus ging auch der Zug, dem sich ihre
Verwandten und alle Hofcavaliere anschlossen. Brandis und ich folgten
auch; wir gingen zusammen. Wäre ich abergläubisch gewesen, so hätte ein
eigenthümlicher Zufall mich unruhig machen können; aber ich kümmerte
mich nicht darum und es hatte auch keine Folgen. Als der Sarg in das
Grab hinabgesenkt war, wollte ich ihn noch einmal sehen, strauchelte
aber über einen Erdhaufen, fiel und schlug mir den Nagel am rechten
Daumen, so daß er blau unterlief. Ich zeigte ihn Brandis, der mir
natürlich mit ernster Miene ein Unglück prophezeihte.
Die elendesten und dümmsten Gerüchte haben sich später über die Ursache
des Todes dieses edeln Weibes verbreitet, als ob es Gewissensbisse
gewesen wären. Ich, der ich ihr Freund war, und sie kannte, weiß, daß
sie das edelste, reinste Herz war, dessen ganzes Unglück darin bestand,
daß es sich einer allzu überspannten Sentimentalität hingab. Soviel ich
weiß, ist diese Geisteskrankheit auch erblich gewesen, und sie war nicht
die Einzige in ihrer Familie, die daran litt.
* * * * *
[Sidenote: Vorbereitungen zur Königskrönung.]
Im Sommer 1815 fand die Krönung auf Friedrichsberg statt. Ich schrieb
ein Gedicht und ein Lied zu diesem vaterländischen Feste. In einer
Audienz beim Könige bat ich ihn um die Erlaubniß, ihm das Gedicht
vorlesen zu dürfen. Er gestattete es mir, stellte sich gerade vor mich
hin, stützte sich auf seinen Säbel und blickte mich wie ein General an,
der einen Rapport von seinem Adjutanten erwartet. Ich las, und merkte,
daß es ihn rührte. Als ich an die Stelle kam:
»Wer hielt mit Vaterhand
Die grünen Inseln fest an Jotaland
Als rund Europa bebt'? Wer hat's gethan?
Er that es, Friederich, der echte Sohn von Dan!«
rollte eine Thräne aus seinem Auge herab, aber er verzog keine Miene,
blieb in seiner militärischen Position und schlug mit der Hand nach der
Thräne, als ob es eine Fliege gewesen sei, die sich auf seine Wange
setzen wollte.
Als ich an die Stelle vom wunderbaren Glückswechsel des Geschickes kam,
wie:
Margaretha's Vater
Ward der, der kurz zuvor nur Christophs Sohn gewesen,
schlug er das Auge nachdenkend empor, als ob er im Buche seines
Gedächtnisses nachblättern wollte, wen ich damit meinte. Als ich fertig
war, sagte er in einem fast barschen Tone: »Ich will Ihnen Nichts
sagen; Sie haben selbst gesehen, welchen Eindruck Ihr Gedicht auf mich
gemacht hat.« Ich dankte ihm, erzählte, daß ich noch ein Lied zur
Krönung geschrieben habe, und daß ich den Studenten vorschlagen würde,
es auf Friedrichsburg im Schloßgarten zu singen, wenn er es erlaubte. Er
erlaubte es, ich verbeugte mich und ging.
[Sidenote: Der Oberhofmarschall Hauch.]
Aber der Oberhofmarschall hatte indessen mit vieler Mühe, wie solch'
eine Arbeit sie immer macht, ein weitläufiges Ceremoniel darüber
ausgearbeitet, wie der Aufzug und die Einrichtung beim Krönungsfest
sein sollte. Was das Ganze hier schwieriger machte, war die Lage des
Schlosses mitten in einem See, wodurch der Platz sehr beschränkt wurde,
da der Hof nur sehr enge Eingänge hatte. Wenn nun alle königlichen
Personen, Minister und die Beamten der drei ersten Rangklassen, zugleich
mit der Garde zu Pferde und zu Fuß Platz haben sollten, so blieb
natürlich kein Platz für die Studenten übrig; und es wäre in dem engen
Raume sehr schwierig gewesen, sie hin- und zurückgehen zu lassen. Hierin
hatte nun der Oberhofmarschall vollkommen Recht; er hatte auch Ursache,
ärgerlich zu werden, wenn er sahe, daß man seine mühevolle Arbeit
verderben wolle, und da er heftiger Natur war, so war es natürlich,
daß er böse wurde. Er hatte nur Unrecht, diesem Zorne Luft zu machen,
und ihm einem Manne gegenüber zu äußern, der auch böse werden konnte.
Hätte er freundlich geschrieben, mit ein paar Worten erklärt, weshalb
er den Aufschub wünsche, und mich um denselben gebeten, bis der König
nach Friedrichsberg zurückkehrte, so hätte ich mich gleich mit Vergnügen
darein gefunden. Nun aber bekam ich ein paar schroffe Zeilen, in denen
nur stand, »daß es sich auf keine Weise thun ließe, da kein Platz
sei,« mit der Unterschrift: »=Pflichtschuldigst Hauch=.« Eine halbe
Stunde darauf hatte er eine Antwort von mir, in welcher stand: »Se.
Majestät haben uns zu kommen erlaubt und wir kommen. =Pflichtschuldigst
Oehlenschläger=.« Mit dieser Antwort ging er zum Könige, der aber
sagte: »Er solle zu mir gehen und die Sache in Güte abmachen.« Ich lag
am nächsten Morgen noch im Bette, als das Mädchen hereinkam und sagte:
»Der Oberhofmarschall sei da, und wünsche mit mir zu sprechen.« Ich
eilte in die Kleider. Die Einleitungsrepliken waren ziemlich warm und
ich sprach endlich mit so lauter Stimme, daß er mich fragte: »ob ich
nicht die Fenster nach der Straße hin öffnen wollte, damit die Leute
uns hören könnten.« Aber was war das Ende des Gesprächs? daß der edle
Hauch mich umarmte, küßte und mir sagte: »Wenn man am Hofe lebt, so legt
sich endlich eine harte Kruste wie eine Schale um das Herz. Wenn wir in
der Zukunft Etwas mit einander abzumachen haben, so wollen wir zusammen
=sprechen=. Die Buchstaben sind schwarz.« -- »Nun können Ew. Excellenz
gewiß sein, in mir stets einen Freund und Bewunderer zu haben,«
antwortete ich. So schieden wir freundlich von einander, und dieses
Verhältniß hat sich bis zum Tode des edeln Mannes viele Jahre darauf
nicht verändert, wo ich ihm einen Grabgesang dichtete, und ihn zu seiner
letzten Ruhestätte begleitete.
[Sidenote: Aussöhnung mit Thaarup.]
Bei dem prächtigen Krönungsfeste war ich auf dem Schlosse Zuschauer,
und sah wie der König und die Königin vom Bischof Münter gesalbt wurden.
Zu Mittag hatte Thaarup mich eingeladen. Wir hatten kurz vorher unsere
alte Bekanntschaft erneuert. Er hatte seit mehrern Jahren Nichts von
Bedeutung geschrieben. An die zwölf Studenten, die Baggesen auf gut
Latein herausforderten, hatte er dagegen kurz vorher auch auf gut
Latein in dem Tageblatt eine Ermahnung zu Mäßigkeit und Bescheidenheit
gerichtet. Die Ermahnung setzte Viele, besonders der Sprache wegen, in
Erstaunen, da Thaarup wahrscheinlich, seitdem er vor einigen dreißig
Jahren seine Examenarbeiten geschrieben, seine lateinische Feder nicht
eingetaucht hatte; und man weiß doch, daß es, -- wie bei den Battemens
im Tanz und den Solfeggien im Gesang, -- steter Uebung bedarf, um gut
Latein zu schreiben. Ich hatte mich mit diesem ehrwürdigen Veteran
ausgesöhnt; sein schneeweißes, dichtes Haar, seine schönen, blauen
Augen, sein römisches Gesicht und sein männlicher Ausdruck, in dem trotz
des satyrischen Lächelns die Freundlichkeit strahlte, ließen mich in
ihm noch den Dichter des »Erntefestes« lieben. Aber was ihn mir bei
dieser Gelegenheit noch lieber machte, war der verletzte Stolz mit dem
er die Einladung zu dem Festessen abgewiesen hatte, das den Sängern und
den Mitgliedern der Kapelle gegeben wurde. Thaarup fühlte, daß er wohl
einen Ehrenplatz verdiene; aber da ihm der Titel des Etatsraths (den
Prahm hatte) fehlte, so hatte er selbst für Proviant gesorgt. Er hatte
auf einem Bauernwagen Schinken, Braten, Kuchen und Wein mitgenommen,
sowie wenn man in früheren Zeiten von Kopenhagen aus in den Wald fuhr.
Eine kleine Bauernstube hatte er gemiethet. Hier gebrauchte er selbst
sehr fleißig den Propfenzieher, als der alte und der junge Dichter nicht
fern von dem Treiben des Hofes auf das Wohl des Königs und der Königin
tranken. Der kräftige Greis rührte mich durch seinen edeln Stolz; die
Gedichte, welche er zum Fest geschrieben hatte, waren ziemlich matt;
hier aber fühlte ich noch die Seele wieder in ihrer vollen Kraft blühen.
Einige Tage darauf wurde es den Studenten gestattet, am Nachmittage
hinauszukommen, und das von mir verfaßte Lied auf dem Platze an der
Steintreppe gerade über den Terassen zu singen. Die Stunde war, glaube
ich, auf sieben Uhr festgestellt. Nun hatte ich die Dreistigkeit, am
selben Tage den Mittag bei meinem Freunde =Bech= auf einem Gute vor dem
Osterthore zuzubringen. Als es Zeit war, fuhr ich nach Friedrichsberg;
der Wagen rollte rasch dahin; aber ich hatte vergessen, daß ich, wenn
ich nach Friedrichsberg kam, erst seidene Strümpfe anziehen und die
Stiefeln gegen Schuhe auswechseln mußte. Ich fürchtete, zu spät zu
kommen, und bat den Kutscher, aus allen Leibeskräften zu fahren. Das
that er denn auch; aber so langsam die Uhr ging, kam mir's doch vor,
als ob sie rascher ginge, als die Pferde. Als wir an das Rondel vor
dem Friedrichsberger Garten kamen, hatten wir Mühe, uns mit dem Wagen
durch den breiten Menschenstrom zu drängen, der sich von der Allee aus
bis in den Garten hinbewegte, um Zuschauer des Festes zu sein. Der
Oberhofmarschall hatte mich mit Ungeduld erwartet, und als er hörte,
daß es noch »Liebe ohne Strümpfe« sei, und daß ich zu meinem Vater
hinuntergehen wolle, um Toilette zu machen, bot er mir gleich ein Zimmer
und seinen Diener zur Hülfe an, indem er mit dem Kopfe schüttelte, als
ob er sagen wollte: »Die Poeten sind doch ein verdammtes Volk.« Nun
beeilte ich mich und kam auch noch zeitig genug zu den Majestäten, die
uns sehr gnädig empfingen. Es war ein ungeheures Menschengewimmel da,
und die Studenten sangen das Lied vortrefflich.
* * * * *
[Sidenote: Ernennung zum Ritter des Dannebrogordens.]
[Sidenote: Der Dichter frühere Geltung.]
Am Krönungsfeste wurde ich Ritter des Dannebrogordens, wofür ich wohl
zum Theil meinen Krönungsgedichten zu danken hatte. König Friedrich VI.
war aus der alten Zeit, und wenn ich von ihm sage, daß er mit allen
seinen übrigen guten und vortrefflichen Eigenschaften sich nicht auf
Poesie verstand und sie nicht genug achtete, so sage ich nur, was auf
viele andere brave, ausgezeichnete Männer seiner Zeit paßt. Das Uebel,
die Poesie gering zu achten, war ein alter Schaden, der sich besonders
in den protestantischen Ländern gleich nach der Reformation zeigte, die
trotz ihres großen Fortschrittes in der menschlichen Kulturgeschichte
den Fehler hatte, das Schöne und die Werke der Phantasie zu wenig zu
schätzen. Bei den Griechen genossen die Dichter die höchsten Ehren; die
Römer ahmten ihnen nach und Augustus und Mäcen ehrten Horaz und Virgil
auf gleiche Weise. In dem alten heidnischen Norden war der Skalde der
Freund und Vertraute des Königs; in Italien, Spanien und Portugal traf
es sich oft, daß Adelige Dichter waren; aber in der Periode, welche der
Reformation voranging, war das Herz erschlafft, es herrschten keine
ausgezeichneten Fürsten, große politische Unruhen hatten vorher Dante
verfolgt; Petrarca schwärmte in seiner Einsamkeit; Ariost und Tasso
waren in unsicherer Stellung; Cervantes lebte von Privatunterstützung;
Camoëns starb fast Hungers. Die Königin Elisabeth von England war trotz
ihrer großen Eigenschaften kein Schöngeist, hatte ein kaltes Herz,
und die Mörderin der Maria Stuart ahnte nicht, welchen Schatz sie
und England im Shakespeare besaß. Walter Scott hat in Kenilworth mit
historischer Wahrheit den großen Dichter dargestellt, der beim Feste
mit den anderen Domestiken in der Speisekammer ißt. Ludwig XIV. liebte
die Poesie als zum höhern Luxus gehörig, und ein gewisses, geistiges
Element, wenn es übrigens sclavisch seiner Allmacht und dem herrschenden
Vorurtheil huldigte, gefiel ihm. Ludwig XV. hatte für nichts Anderes
Sinn, als für Sinnlichkeit. Er hielt Diamanten und Glasperlen in der
Kunst für Eins und Dasselbe. Wenn von Poeten die Rede war, so zählte er
mehrere Dutzend an den Fingern auf, wobei Madame Pompadour ihm half.
»Wie könnte man sie alle ehren und belohnen?« fragte er, und Madame
Pompadour gab ihm vollkommen Recht. Was damals Etwas dazu beitrug, der
Poesie ihren Glanz wiederzuverleihen, war Friedrich's II. Liebe für das
Französische und seine Freundschaft zu =Voltaire=, die, obgleich sie
ein tragisches Ende nahm, doch lange Zeit hindurch Viel dazu beitrug,
die französische Literatur zur Hof- und Toilettenlectüre zu machen.
Merkwürdig ist die allgemeine Hochachtung, welche Klopstock sich erwarb;
aber das konnte er zum großen Theil dem Stoffe seines Gedichts: die
Messiade, danken; er bewegte mehr das religiöse, als das poetische
Gefühl, und mit der Religion war es damals in vielen Herzen Ernst. Aber
obgleich er seine Unterstützung von Dänemark erhielt, so merkte man
doch lange Zeit nichts von einem Interesse für die dänische Kunst. Das
Deutsche hatte bei dem Hof die Ueberhand gewonnen. Holberg, obgleich
er für sein eignes Geld Baron wurde, ward von der vornehmen Welt doch
nicht als Dichter geachtet; seine vortrefflichen Komödien wurden als
Farcen für den Pöbel betrachtet. Unglücklicher Weise hatten Ewald und
Wessel nicht Kraft genug, dieser Geistesrichtung entgegen zu arbeiten;
sie suchten Trost in der Flasche, und ertränkten in derselben nicht nur
ihre Sorgen, sondern zuletzt auch ihr Genie. Ausgezeichnete Gelehrte
und Beamte hatten mit ihrer ästhetischen Bornirtheit dazu beigetragen,
die schönen Künste in Mißcredit zu setzen. Ebenso wie Gram den Holberg
verachtet hatte, so verschmähte Luxdorph den Ewald und fand seinen
Balder unter aller Kritik. Friedrich VI. war kein Schöngeist; aber
kein ausgezeichneter Beamter in seiner Umgebung war es in viel höherm
Grade, als er; und bei den Gelehrten herrschte dasselbe Vorurtheil; sie
achteten die Poesie nur in Nachahmung des Griechischen und Lateinischen.
Was in meiner Jugend doch Etwas dazu beitrug, die Poesie zu ehren, war
das Glück, welches sie in Weimar gemacht hatte, wo ein junger Mann
durch sein Dichtergenie sich zum Minister emporgeschwungen hatte, und
wo die herrliche Herzogin Amalie die Schöngeister rund um sich her
versammelte und Weimar zu einem Athen machte. Aber Weimar war ein
kleines Herzogthum, welches in keiner weitern Berührung mit Dänemark
stand; und Göthe war hier lange Zeit durch nichts Anderes bekannt, als
durch ein Buch, das man auch nicht kannte, weil seine Uebersetzung von
der Polizei, als die Moralität und Sitten verderbend, verboten war.
Kein Wunder also, daß eine schöne Kunst verachtet wurde, die selbst
ein Plato früher aus seinem idealen Staate ausgeschlossen haben würde.
Der armen Poesie ist es immer schwieriger geworden, sich geltend zu
machen, als der Sculptur, Architektur, Malerei und Musik, deren Werke
die Großen theils kaufen und zu Nutzen, Bequemlichkeit und Pracht selbst
behalten, theils sich damit ohne Anstrengung unterhalten konnten. Die
Künste sind aristokratisch, aber die Poesie ist demokratisch; sie gehört
dem ganzen Volke, ihre Werke können Alle lesen, und was das Schlimmste
ist, die Poesie denkt und spricht; sie war stets der Dollmetsch für die
edle wahre Freiheit, der sich das Gute und Schöne unterordnet, und alle
liberalen Ideen sind erst von ihr ausgegangen. Deshalb haben auch die
Alleinherrscher, selbst die guten, welche sich nicht auf sie verstanden,
einen heimlichen Abscheu vor ihr gehabt, als ob ein Instinkt sie vor
einer Frucht warne, in der sich heimliches Gift befinde.
Wenn die alten Skalden zum Preise der Könige sangen, erhielten sie einen
goldnen Armring; als Friedrich VI. vor sieben Jahren den Dannebrogorden
erweiterte, so daß derselbe nicht nur ein vornehmer Hofschmuck, sondern
ein wirkliches Ehrenzeichen sein sollte, gab er gleich Thaarup, der ihn
in dem Erntefest und in Peter's Hochzeit besungen hatte, diesen Orden.
Vor sieben Jahren hatte ich bereits Aladdin und Hakon Jarl geschrieben;
aber dafür bekam ich ihn nicht, nun erhielt ich ihn.
Einer, der ihn nicht bekommen hatte, nicht erhielt und mit Recht meinte,
daß er ihn wohl verdient hätte, war Baggesen. Da Baggesen es nicht an
Weihrauch für den König gespart hatte, und da er ein ausgezeichneter
Dichter und als solcher von Friedrich VI. anerkannt war, so kann man
sich die Zurücksetzung auf keine andere Weise erklären, als daß der
König mit Baggesen's damaligem Benehmen unzufrieden war. Ein Mann, der
in jener Zeit Baggesen's Vertrauen besaß, hat mir erzählt, daß derselbe
deshalb besonders einen tödtlichen Haß auf mich geworfen hätte, und ich
war doch ganz unschuldig.
* * * * *
[Sidenote: Andersen Feldborg.]
Im Sommer 1816 hatte ich die Freude, mit meiner ganzen Familie in
Friedrichsberg bei dem Lieutnant =Bonsach=, dem Bevollmächtigten meines
Vaters, zu wohnen. -- Eines Tages, als ich in meiner Einsamkeit mit
einem englischen Buche dasaß und mich darüber ärgerte, daß ich nicht
besser Englisch verstand, trat ein Fremder ein, um meine Bekanntschaft
zu machen. Er war bleich, von etwas gelber Farbe und blatternarbig;
auch schielte er etwas mit dem einen Auge; aber sein Gesicht hatte
einen gutmüthigen, muntern, etwas schelmischen Ausdruck. Er nannte sich
=Andersen Feldborg= und kam geradeswegs von England, wo er mehrere
Jahre gelebt hatte und ganz zum Engländer geworden war. Er war zu
seiner armen Schwester (wie er sie nannte, obgleich ich glaube, daß ihr
Nichts fehlte) herübergekommen, und, um so lange es ihm hier gefiele,
Sprachlehrer zu sein. Ich zeigte ihm das Buch, in dem ich las, und
sagte: »Nun das ist ja herrlich! da können wir gleich anfangen; ich
bedarf gerade eines englischen Sprachlehrers.« Diese Introduction war
ganz nach seinem Geschmack; er gab mir eine Stunde und aß zu Mittag bei
mir, was er später oft that. Er war ein wunderlicher Gesell. Er erzählte
mir seine Erlebnisse; wie er als ganz junger Mensch die Idee bekommen
hatte, nach London zu reisen, wo er ohne Zweifel in der äußersten Noth
zu Grunde gegangen sein würde, wenn ihn nicht ein guter Mann getroffen
und geholfen hätte, bis er bei einem Buchhändler angestellt wurde. Er
verstand vortrefflich Englisch, wie ein Eingeborner, und verleugnete
doch nicht seine Muttersprache. Er bekam bald so viele Stunden, als er
gebrauchte, um anständig zu leben: aber er war ein großer Freund, halbe
Tage vom Mittage an bei seinen Eleven, die bald seine guten Freunde
wurden, zuzubringen, die ihn im Anfange gern von Sir Walter Scott,
den damals die ganze Welt las und bewunderte, erzählen hörten. Dieser
wunderliche, lustige, lebensfrohe und doch an die größte Dürftigkeit
gewöhnte Mensch hatte zuweilen einen Anfall, der mich sehr beunruhigte,
als ihn derselbe einmal bei mir befiel. Dies war ein Anfall, der früher
eigentlich nur die Damen befiel, aber nun selbst bei diesen nicht mehr
im Gebrauch war, und den man nur noch in den alten Komödien antraf, wenn
die Väter sich zu streng gegen die Töchter zeigten: er fiel in Ohnmacht.
Mir wurde ganz bange, ich hob ihn auf und rief nach Riechwasser, oder,
in Ermangelung dessen, nach Essig. Aber ehe der Essig kam, schlug
Feldborg die Augen auf, und als er sich in meinen Armen fand, rief er:
»Das ist der dritte Dichter, in dessen Armen ich heute liege.« Er hatte
nämlich denselben Anfall bei Ingemann, und bei einem Dritten gehabt,
dessen Namen ich vergessen habe. Als ich merkte, daß er die Sache hier
auch von der muntern Seite auffaßte, hörte meine Furcht auf. Er erholte
sich sehr bald und aß mit dem gewöhnlichen Appetit zu Mittag.
Er kam auch oft zu Rahbeks. Ein Mal blieb er des Abends so lange dort,
daß sie ihm auf ein paar Stühlen ein Bett zurecht machen mußten, weil
es zu spät war, um vor Thoresschluß die Stadt zu erreichen. Später,
wenn dies wieder geschah, schlief er in einem kleinen Wirthshause auf
der Westerbrücke, welches zum »blauen Ochsen« hieß. Als er eines Abends
etwas lange mit dem Fortgehen zögerte, machte Frau Rahbek ihn in ihrem
gewöhnlichen scherzenden Tone darauf aufmerksam, daß das Hügelhaus nicht
der blaue Ochse sei, worauf er schnell forteilte.
* * * * *
Auf Friedrichsberg hatte ich einen Besuch von dem berühmten E. M.
=Arndt=, nicht dem früher erwähnten Sonderling, sondern dem Professor
in Bonn, dem Verfasser vom »Geist der Zeit,« nach seiner Art auch ein
Alterthumsforscher. Er beschäftigte sich nämlich damit, die Spur der
Ausbreitung der alten Volksstämme zu untersuchen, die sich natürlich
nicht nach den gegenwärtigen geographischen Eintheilungen richteten.
Arndt war in Schweden gewesen und hatte sich über die Dalekarlier
gewundert, ein untersetztes schwarzhaariges, heftiges Geschlecht,
von südlicher Natur, nach Arndt's Ansicht durch eine unbekannte
Völkerwanderung zwischen die schlanken, blonden, ruhigen Skandinaven
eingekeilt.
* * * * *
[Sidenote: Bühnen-Conflicte.]
In diesem Jahre bekam ich den unglücklichen Einfall, Freia's Altar
zu einer Komödie umzuarbeiten, in der ich, trotz meiner Tadler, die
Ausgelassenheit noch weiter trieb, die man in Freia's Altar getadelt
hatte. Obgleich Verschiednes in der Umarbeitung wirklich besser wurde,
z. B. Guilielmo's und Clausine's Liebesverhältniß, und obgleich Madame
Geldschlingels Scenen den anderen wohl nicht viel in Heiterkeit
nachgeben, ohne das Decorum zu übertreten (denn es ist, wie einer der
Vertheidiger des Stückes richtig sagte, ein Unterschied zwischen einer
betrunkenen Frau und einer Frau, die trinkt), so leugne ich doch nicht,
daß das Stück durch diese Umarbeitung zu reich an Späßen wurde, und
Etwas von seiner ersten jugendlichen Naivetät verlor. Bilbo, der der
einzige eigentlich übertriebne Character im ersten Stück ist, wurde
es hier noch mehr. Die Grille, das Stück so auf die Bühne zu bringen,
lag wohl theils in einem gewissen Stolz, daß ich, der doch anerkannte
Dichter, durch die ewigen Zurechtsetzungen von Leuten gelangweilt und
geärgert wurde, die meine Kunst weder verstanden, noch den echten
Sinn für sie hatten; theils war ein andres Stück von mir da, das aus
demselben Sauerteiche bestand, wie Freia's Altar, und das viele Jahre
hindurch (und auch lange Zeit nachher) ein Lieblingsstück des Publikums
war und blieb. Dies war =der Schlaftrunk=, in welchem die komischen
Charactere und der lustige Dialog durchaus mir gehörten, weshalb
ich auch später dieses Stück in der Sammlung meiner eigenen Werke
aufgenommen habe.
Freia's Altar ist als burleske Komödie gewiß viel poetischer und
ebenso komisch, wie der Schlaftrunk. Sie hatte lange Zeit mit
zur Lieblingslectüre der Jugend gehört; sie war mehrere Male auf
Privattheatern mit großem Beifall vor Gebildeten und Ungebildeten
gespielt worden. Was Wunder, daß ich (dem von der Gegenpartei nun
alles komische Talent abgesprochen wurde) mein Stück gern einmal von
unseren herrlichen Komikern aufgeführt sehen wollte? Aber dieser lustige
Altar der Freia wurde stets von einem tragischen Geschick verfolgt,
und ich benahm mich ungeschickt, um ihn zur Aufführung zu bringen.
Wie sehr hätte ich mir Etwas von der Schlauheit wünschen können, mit
der =Beaumarchais= in Frankreich, trotz des Verbots des Königs und
der Polizei, seinen Figaro in Versailles zur Aufführung zu bringen
wußte; was La Harpe, der ihm einige Tage nach der Aufführung begegnete,
Veranlassung gab zu sagen: »Ich bewundere den Witz in Ihrem Stücke, und
noch mehr den Scharfsinn, den Sie angewandt haben, um es zur Aufführung
zu bringen.« Ich war nun einmal böse und wollte es erzwingen.
[Sidenote: Die Theatercensoren.]
[Sidenote: Rahbek und Etatsrath Olsen.]
Es waren zwei Theatercensoren da; diese hatten, wie es in der Natur der
Sache liegt, Macht über Leben und Tod der eingereichten Stücke in Bezug
auf die Aufführung derselben, und von ihrem Urtheilsspruche ging es ohne
Appell zur Execution. Rahbek und Etatsrath Olsen waren Censoren. Daß
Rahbek es war, fand man trotz all' seiner Grillen und Einseitigkeiten
in der Ordnung. Etatsrath Olsen war ein geselliger, angenehmer Mann,
sehr sprachkundig und war Notarius publicus. Bei der Concurrenz um
dieses Amt war er P. A. Heiberg vorgezogen, weßhalb dieser ihn in einer
Streitschrift zum Gegenstande seines Spottes machte und versuchte,
ihn, wenn auch in ein komisches Licht, so doch nicht in ein solches zu
stellen, welches ihn zu einem Theatercensor geeignet machte. Olsen
hatte selbst einige sehr unbedeutende Gedichte geschrieben; ich weiß
nicht, ob er auf Grund derselben Censor wurde; wenn es der Fall war,
so geschah dies damals vielleicht weder zum ersten noch zum letzten
Male. Bredahl war schon zu Ewald's Zeiten Theaterdirector gewesen. Mein
persönliches Verhältniß zum Etatsrath Olsen war ein höfliches. In sein
Haus kam ich der Damen und der angenehmen Gesellschaft wegen. Er war
auch einmal mein Gast; aber als Baggesen immer gröber und gröber gegen
mich wurde, und da er zu Olsen's kam, zog ich mich zurück. Baggesen
erwies Olsen große Achtung auch als Kunstrichter und gewann ihn ganz.
Daß Olsen also, wenn es ohne Gefahr und Unannehmlichkeit geschehen
könne, gegen mich sein würde, war im höchsten Grade wahrscheinlich.
Was Rahbek anbetraf, so war, wie bereits gesagt, sein Geschmack
beschränkt; das Burleske und Ausgelassene hielt er als unter der Würde
der Kunst stehend. Die Wirkung, die es hervorbrachte, wenn das Genie,
wie in Molière's und Holberg's Stücken, es schuf, bemerkte er nicht;
übrigens konnte er auch nicht zu außerordentlicher Heiterkeit gestimmt
und begeistert werden. Ich habe ihn nie ordentlich lachen sehen; ein
schallendes Gelächter war Etwas, das ganz außerhalb seiner Natur lag;
er bewunderte das Witzige verständig, ja selbst witzig, schelmisch und
nicht ohne Humor; aber es war der gleichmüthige Humor, der nur in der
Asche glüht und nicht zur Flamme emporschlägt. Das Starkkomische bei
Molière und Holberg betrachtete er als Etwas, das nicht fortgesetzt
werden dürfe, das der geschmacklosen Zeit angehörte, in der diese großen
Männer gelebt hatten, und das diesen, ihrer wahren Verdienste wegen,
verziehen werden müsse; diese bestanden in den Characterschilderungen
und der moralischen Tendenz der Stücke. Für den eigentlich poetischen
Duft dieser Werke hatte der gute Rahbek durchaus keinen Sinn, so wenig
wie körperlichen Sinn für Blumenduft und andere Wohlgerüche, die er so
sehr haßte, daß er ihnen Gestank vorzog.
Aber so eigensinnig er war, so gutmüthig war er, so leicht war er zu
gewinnen, wenn man sich ein klein Wenig nach ihm richtete. Hätte ich
mich zuerst an ihn gewandt und ihm gesagt: »Hör' einmal Rahbek! ich
habe die Absicht, Freia's Altar umzuarbeiten; ich fühle selbst, daß das
Stück zu ausgelassen ist; nimm Du es und mache mir einige Anmerkungen
und Striche, wo Du es verändert wünschtest;« so bin ich überzeugt, er
hätte fast gar keine gemacht. Er, der lange Zeit ruhig zugesehen hatte,
wie der Theaterübersetzer N. T. Brun jeden zweiten Abend die Stücke
mit seinen eigenen unanständigen zweideutigen Späßen anfüllte, würde
auch Freia's Altar mit seinen poetischen Scherzen durch den kritischen
Schlagbaum haben schlüpfen lassen; der Theaterchef wäre dann auf seine
Seite übergetreten, und Olsen war zu schwach, um dann den Schlagbaum
allein niederzuhalten. Aber das that ich nun nicht; ich wollte es,
wie gesagt, erzwingen. Es genügte nicht, daß ich Bilbo noch toller
machte, als er zuerst war; ich schrieb auch eine Vorrede, in der ich
einen schlechten Kritikus mit einem Manne mit belegter Zunge verglich,
der nicht schmecken könne, weil sein Magen verdorben sei. Diesen Mann
bezogen sowohl Rahbek wie Olsen auf sich; und da die Rache ihnen nur
ein »Nein« kostete, so sagten sie Beide: Nein -- waren zum ersten
und letzten Male in ihrem Leben einig -- und das Stück wurde nicht
aufgeführt.
Ich will den Leser nicht durch eine weitläufige Erzählung des
Federkrieges ermüden, der hierdurch entstand. Ich schrieb eine Pieçe an
das Publikum, die vielleicht einmal in einer Sammlung meiner kleinen
Abhandlungen gedruckt werden wird. Rahbek und Olsen antworteten.
Letzterer besonders mit vornehmer Verachtung über meinen schlechten
Geschmack. Mehrere übernahmen meine Vertheidigung, unter Andern
=Sibbern=, der in einer langen Abhandlung das Stück und die Einwendung
der Censoren durchging und trotz ihres Tadels glaubte, daß es durch die
Umarbeitung gewonnen habe.
* * * * *
[Sidenote: Ein Reiseantrag.]
In diesem Herbst, als die Theatersaison schon lange wieder angefangen
hatte, und ich eines Abends auf meinem gewöhnlichen Platze im Parquet
saß, saß auch der Oberpräsident Moltke auf dem seinigen, gerade vor mir.
Im Zwischenacte erzählte er mir, daß der junge (spätere Baron) Bertouch
eine Reise ins Ausland machen solle, daß sein Vater ihm einen ältern
Mann zur Gesellschaft mitzugeben wünsche, der fremde Länder kenne und
dem jungen Manne durch Rath und That nützen könnte. Er fragte mich, ob
=ich= nicht Lust zu dieser Reise hätte, die, wenn ich wollte, nicht über
ein Jahr währen sollte? Ich nahm das Anerbieten gern an.
Aber als sich die Stunde des Abschieds näherte, wurde mir das Herz
schwer, und mich erfüllte eine tiefe Wehmuth, weil ich meine Familie
verlassen sollte. Ich l
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