Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
by Adam Oehlenschläger · German · Gutenberg #48558 · 476,870 chars · public domain (US)
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Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Author: Adam Oehlenschläger
Release date: March 22, 2015 [eBook #48558]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48558
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 2 ***
Meine Lebens-Erinnerungen.
Ein Nachlaß von Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Zweiter Band.
Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1850.
* * * * *
[Sidenote: Fahrt nach Kiel.]
Hamburg, den 12. August 1805.
Endlich, liebe Christiane! sitze ich nun im römischen Kaiser in der
Stadt Hamburg, und ergreife die Feder, um rasch zu erzählen, was
ich langsam ausgestanden habe. Montag vor acht Tagen bestieg ich
das Packetboot, das mich ans feste Land bringen sollte. Wir mußten
den ganzen Tag still liegen, da nur ungünstige Winde wehten. Meine
Reisegesellschaft bestand aus einem jungen Kaufmanne aus Amsterdam,
einem Officier aus Schlesien, einem alten Branntweinbrenner, einem
jungen zukünftigen dito von 20 Jahren mit einem Gemüth von 70, und dem
lustigen Sohne des lustigen Kanalinspektors Schjott, der nicht den
Mund aufmachen konnte, ohne etwas Lustiges zu sagen. Die französischen
Schauspieler Theodor und Caleis und Theodor's kleiner, wilder,
verzogener, zwölfjähriger Sohn, der schwedisch reden konnte, und kleine
Figuren aus Papier mit Geschmack und Fertigkeit ausschnitt, deren er
mir eine zum Souvenir gab, waren auch dabei. Außerdem war noch ein
fader Hamburger Commis da, ein Engländer, ein Pole und eine kranke
verdrießliche Madame. Da hast Du die Bewohner der Cajüte. Außerdem
war das Deck voll von jüdischen und christlichen Landstreichern; im
Ganzen mochten wir Summa Summarum etwa 70 Seelen sein. Den nächsten
Tag hatten wir auch keinen Wind, sondern mußten langsam kreuzen. Nun
zeigte sich bereits Mangel an Proviant und der Schiffer mußte die
Nothflagge aufziehen, worauf zwei Boote von Kastrup auf Amager kamen,
die einen Theil unserer Passagiere ans Land brachten. Die Kähne hatten
volle Ladung und ein großer Theil der Passagiere nicht minder. --
Erst Sonnabend Vormittag erreichten wir Kiel, nachdem wir 5-1/2 Tage
unterwegs gewesen waren. Das Wetter war schön; der Mond schien in der
stillen Sommernacht über die große Wasserfläche dahin, während ich
auf dem Verdecke mit den Franzosen Lieder sang. Am Tage unterhielten
wir uns, spielten Karten und dann las ich in Peder Paars. In Kiel
verabredete ich mit meiner Reisegesellschaft, eine Tour nach dem
neugegrabenen Kanal zu machen. Aber ich verspätete mich; die Andern
waren fort, als ich kam. Ich ließ mich nach Dorfgarten übersetzen,
wo ich Thee trank und Herrn German traf, der mit den beiden jungen
Grafen Ahlefeld, welche mir sehr freundlich alle Spaziergänge der Stadt
zeigten, die Universität bezogen hatte. Von meinem kleinen Theodor
nahm ich in Kiel Abschied und schenkte ihm eine kleine Brieftasche zum
Souvenir. Nun reiste ich durch den schönen Theil von Holstein und kam
an ein hübsches Städtchen. Als ich den Wirth nach dem Namen fragte,
sagte er: »Unser Fleckchen wird Preetz genannt,« also der Geburtsort der
lieben Tante Drewsen, eben so freundlich und lieb, wie sie selbst ist.
Sonntag Vormittag kamen wir nach Lübeck, frühstückten etwas und reisten
gleich weiter, um noch vor Abend in Hamburg zu sein.
[Sidenote: Brief aus Halle.]
Halle, den 17. September 1805.
Beste Christiane!
Der Augenblick ist gekommen, wo ich Dir mittheilen muß, was ich bisher
verschweigen zu müssen glaubte. Wozu ein langes Präludium zwischen uns,
die wir uns kennen und verstehen? Gutes Mädchen! bei aller Liebe und
allem Eifer für meine Kunst hat mein Herz doch niemals vergessen, was es
Dir schuldet. Den Dichter aufzugeben, um Ehemann zu werden -- keiner von
uns wollte, daß ich das thäte; Beides zu vereinen betrachteten sowohl
Freunde wie Feinde als einen schönen Traum, aber zuweilen steckt doch
Etwas in den Träumen. Ich weiß nun mit Bestimmtheit, daß die Regierung
Etwas für mich, als Dichter, thun will. Ich hatte meine poetischen
Schriften dem Kronprinzen dedicirt, hatte einen vortheilhaften Eindruck
auf Schimmelmann gemacht; nun mußte das Eisen geschmiedet werden, so
lange es warm war. Aber was war zu thun? um eine Stelle anzuhalten?
welche? Ich wollte ja unterstützt, als Dichter belohnt sein, und dieses
konnte nur auf =eine= Art geschehen, indem ich um ein Reisestipendium
nachsuchte. Das that ich denn auch; aber beim Abschiede konnte ich es
Dir nicht sagen, weil ich fürchtete, es würde einen zu heftigen Eindruck
auf Dich machen. Dazu kam, daß ich ja nicht wußte, ob meine Bitte
erfüllt werden würde. Geschah es nicht, wozu Dir dann einen doppelten
Kummer bereiten; erst durch den Abschied, dann wegen eines verunglückten
Plans? Alle unsere Freunde und Freundinnen wußten es, nur Du nicht,
nun weißt Du es. Vor einigen Tagen erhielt ich folgenden Brief von der
Direction des Fonds _ad usus publicos_:
»Se. Königl. Hoheit der Kronprinz, dessen Aufmerksamkeit Nichts von
einiger Bedeutung entgeht, das in einer oder der andern Beziehung zur
Ehre und zum Ruhme des Vaterlandes und seiner Literatur beiträgt,
hat sich durch das Schreiben, mit welchem Sie Höchstdemselben ein
Exemplar der Gedichte zustellten, mit denen Sie vor Kurzem unsere
poetische Literatur bereichert haben, veranlaßt gefunden, der Direction
aufzutragen, sie möge Sie auffordern, daß Sie ihr eine bestimmtere
Angabe der Reise einsenden, die Sie nach fremden Ländern zu unternehmen
wünschen. Eine solche Reise ist für das wahre poetische Genie, welches
das wichtige Studium des Menschen, der Natur und der schönen Kunst nicht
aus den Augen verliert, von nicht geringerer Bedeutung als für den
Gelehrten im Allgemeinen, und man darf hoffen, daß Herr Oehlenschläger
daraus wahren Vortheil für die Literatur des Vaterlandes zu schöpfen
wissen wird.
_Schimmelmann. Reventlow._«
Ich kenne Deine uneigennützige und reine Liebe, meine gute Christiane,
so genau, daß ich überzeugt bin, dieser Brief wird Dich freuen, obgleich
der Gedanke an eine längere Abwesenheit Deinen Augen Thränen entlocken
wird.
Springforbi[1], den 13. September 1805.
Vor Allem, was ich Dir zu sagen habe, liegt mir Nichts so sehr auf dem
Herzen, als Dir zu versichern, wie unendlich lieb mir die Nachricht war:
»Oehlenschläger hat ein Reisestipendium bekommen.« Ehe ich weiter gehe,
muß ich Dir recht innig für die Vorsicht danken, mit der Du die längere
Reise vor mir geheim gehalten hast, bis ich den ersten Kummer überwunden
hatte. Alle Deine Freunde haben Dir hierin auch treu beigestanden,
außer ***, welcher fürchtet, daß Du Dir unterwegs den Hals brechen
werdest, was, wie er meint, auf solchen Reisen leicht möglich ist. Du
weißt, er liebt es oft, an verkehrte traurige Möglichkeiten zu denken.
Die Ueberzeugung, daß Deine Reise Dir ebenso angenehm wie nützlich
sein wird, und die Hoffnung, daß sie Deine Gesinnung gegen Deine
Christiane nicht ändern werde, soll mich während Deiner Abwesenheit
aufrecht erhalten und trösten. Gesegnet sei der Augenblick, wo Du Deinen
Entschluß faßtest, gesegnet sei Jeder, der zu dessen Ausführung
beitrug. -- --
=Deine Christiane.=
[1] Ein Gut zwei Meilen nördlich von Kopenhagen am Oeresund.
[Sidenote: Braunschweig.]
Auf dem Wege von Hamburg nach Halle wohnte ich in =Braunschweig=
einigen Akten von Cherubini's herrlichem »=Wasserträger=« bei, welcher
daselbst französisch aufgeführt wurde. In =Halberstadt= sah ich zum
ersten Mal in meinem Leben ein katholisches Kloster. Ein freundlicher
Mönch führte mich umher und meine lebendige Theilnahme erfreute ihn. Das
Interesse, welches die katholischen Kirchen durch die Werke der neuern
Schule für mich bekommen hatten, fand hier reichlich Nahrung. Ich hatte
mich bisher damit begnügen müssen, mich in dem Roeskilder Dome in eine
längst verschwundene Zeit zu versetzen; hier lebte diese Zeit noch.
Ich vergaß den Postwagen vollständig. Glücklicherweise hörte ich das
Posthorn vor der Kirche schallen und mußte die kühlen Hallen verlassen,
die hübschen Bilder und den freundlichen Mönch, um wieder in der heißen
Sonnengluth auf der staubigen Landstraße dahinzufahren.
[Sidenote: Ein Universalgenie.]
Ein Reisegefährte in der Diligence amüsirte mich. Seiner eigenen
Versicherung nach hatte der tausend Vollkommenheiten. Er war Officier
gewesen, hatte Reisen nach Smyrna und Sibirien gemacht; er war Poet,
und hatte Göthe, Schiller und Wieland zu Lehrmeistern gehabt. Göthe
hatte seine Romanze in Wilhelm Meister »der Sänger« gedichtet, als
er ihn einmal auf der Mandoline spielen gehört hatte. Er war auch
Philosoph und lieferte Recensionen in mehrere Journale. Aber sein
eigentliches Fach war die Philologie, doch componirte er auch. Jetzt
war er im Begriff seine Familie zu besuchen, die er seit vielen Jahren
nicht gesehen hatte. Dies Letztere schien wahr zu sein; und je näher er
seinem Geburtsorte kam, destomehr verdrängten Wahrheit und natürliches
Gefühl alle eingebildeten Vollkommenheiten. Als er endlich zur Stadt
hineinfuhr, war er ein ganz bescheidener, gemüthlicher Mensch. Ich
reiste nach =Quedlinburg= mit einer ganzen Familie, Vater, Mutter
und einigen reizenden Kindern. Ich glaube der Mann war Postmeister
dort in der Stadt. Keins der Kinder war noch bisher da gewesen, wo
sie nun ihre Wohnung aufschlagen sollten. Sie hatten vor Kurzem den
Heerd verlassen, wo sie geboren waren und die ersten Tage der Kindheit
verlebt hatten. Wo aber eine glückliche Familie auf Zufriedenheit und
ein hinlängliches Auskommen innerhalb ihrer vier Wände hoffen darf, da
fühlt sie sich bald zu Hause. Es schien, als ob der Vater bei dieser
Beförderung sehr gewonnen habe, und Alle waren munter und zufrieden.
Es war ein schöner Abend. »Sieh Vater,« rief der kleine Junge, als wir
uns der Stadt näherten, »das sind die Thürme von Quedlinburg!« Für
mich, der ich die häuslichen Freuden liebe, der ich wie ein armer Vogel
mein Nest verlassen hatte und auf fremdem Zweige saß, war es natürlich
sehr angenehm, ein liebliches Stilllebenidyll auf dem Postwagen mitten
auf der staubigen Landstraße zu finden. Es wird es mir also Keiner
verdenken, daß ich in Quedlinburg, mit der Freude Anderer beschäftigt,
nicht nur meinen eigenen Kummer, sondern auch meinen eigenen Koffer
vergaß; welchen Verlust ich erst am nächsten Sonntag Morgen in Halle
entdeckte.
[Sidenote: Giebichenstein.]
[Sidenote: Stillleben bei Reichardt's.]
Ein alter Diener sagte mir, daß Steffens und seine Frau in
Giebichenstein bei Reichardts seien, und daß man mich daselbst erwarte.
Ich schrieb gleich einen Brief nach Quedlinburg, um meinen Koffer
wiederzuerhalten. Der Diener lieh mir ein reines Halstuch, und so mußte
ich in den Reisekleidern, in denen ich Tag und Nacht im Postwagen
gesessen hatte, meinen Einzug bei Reichardts halten.
Sie empfingen mich Alle sehr freundlich. Nach Giebichenstein, das
von Halle ungefähr so weit liegt, wie Friedrichsberg von Kopenhagen,
kamen Steffens und seine Frau an jedem Sonntage. Mit =Schleiermacher=
machte ich hier auch Bekanntschaft. Reichardt selbst war etwas kalt
und zurückhaltend, aber sehr höflich; seine Töchter kamen mir ebenso
wie Hanne mit schwesterlicher Freundschaft entgegen. Frau Reichardt
war still und sanft; sie schien sehr hübsch in ihrer Jugend gewesen zu
sein. Ich fühlte mich in dem schönen Giebichenstein bald heimisch, wo
Reichardt mit Geschmack einen hübschen Garten angelegt und ein nettes
Gartenhaus gebaut hatte. Hier gab ich bald den Mädchen Gelegenheit
mich auszulachen. Denn mitten in der besten Unterhaltung schlug ich
mit der Hand nach Etwas: »Was ist das,« fragte die Eine. »Ach --«
antwortete ich, -- das ist eine =Gemse=, die mich stechen will.« --
Ich wollte sagen: »Bremse!« -- Später neckten sie mich oft damit,
indem sie sagten: »Oehlenschläger! wehren Sie sich, da ist wieder eine
=Gemse=!« Ich sprach noch sehr schlecht deutsch; sagte oft zu den Damen:
»will Sie« statt: »wollen Sie«, und machte Peer's Worte in Jakob von
Tyboe wahr, daß der Teufel in dem =Der, Die, Das= stecke; das konnte
man fast in vierzehn Tagen nicht lernen. Reichardt führte mich selbst
in seinem großen Garten umher; er hatte seinen Kutscher und seinen
Diener aus dem Waldhorn blasen lehren lassen und Abends bliesen sie
oft im Gebüsch einige seiner Compositionen. Besonders gefiel mir die
schöne einfache Melodie zu Göthe's: »Im Felde schleich ich still und
wild.« Oft musicirte der Vater am Pianoforte mit seinen Töchtern. Dann
wurden mehrere Gesänge von Göthe mit Reichardt's Compositionen, und
alte italienische Kirchengesänge von Lenardo Leo gesungen. Louise, die
älteste Tochter, war wehmüthig und schwärmerisch; ihr Bräutigam, ein
talentvoller, junger Maler, war in Rom gestorben; Alles was sie noch von
ihm besaß, war eine kleine Copie von Raphael's Transfiguration; diese
hing über dem Pianoforte, und sie ließ oft ihre großen braunen Augen
(das einzige Schöne, das ihr neben einer schönen Gestalt die Pocken
gelassen hatten) darauf ruhen, wenn sie mit schöner Stimme die alten
katholischen Messen sang. Ihre Schwester Friederike, ein Mädchen mit
Rosenwangen, blonden Haaren und blauen Augen, wurde während ich da war,
mit Karl von Raumer, dem Bruder des Historikers, verlobt, und dieser
kenntnißreiche, feurige Jüngling wurde bald mein Freund. Sophie war noch
immer ein kleines, schelmisches Kind und der kleine vierjährige Fritz,
der auf seinem Steckenpferd nach Lauchstädt ritt, war eigentlich der
freundliche Hausgeist des Ortes.
Nach Lauchstädt fuhr ich ein paar Tage nach meiner Ankunft in Halle mit
Steffens und hatte die Freude, zum ersten Male hier die Schauspieler von
Weimar zu sehen. Ich merkte bald, daß Göthe's und Schillers Geister über
ihnen schwebten. Sie spielten Picard's Parasit, von Schiller übersetzt,
und der vortreffliche Becker gab diesen Character bis zur Vollkommenheit
gut.
[Sidenote: Erstes Zusammentreffen mit Göthe.]
Wir besuchten an einem frühen Vormittage Göthe, der sich einige Tage
in Lauchstädt aufhielt. Sein schönes, kräftiges Gesicht erfreute mich
und flößte mir Ehrerbietung ein. Die braunen Augen erquickten mich, in
denen ich zu gleicher Zeit Werther's Gefühl, Götz's gutherzige Kraft,
Faust's Tiefsinn, Iphigenia's Seelenadel und Reinecke's Schalkhaftigkeit
zu lesen glaubte. Er kannte Etwas von meinem Aladdin. Wilhelmine Wolf,
eine Tochter des großen Philologen, hatte von dem nun verstorbenen
Etatsrath Gjerlew, als er in Halle war, dänisch gelernt; sie hatte
Göthe Noureddin's ersten Monolog übersetzt. »Wenn ich einen Dichter
rasch kennen lernen will,« sagte er zu mir, »so lese ich einen seiner
Monologe, darin spricht sich sein Geist sogleich aus.« Er lobte das
Motiv des Noureddin, welchen Aladdin als einen Lotteriejungen gebrauchen
will, der ihm mit verbundenen Augen das große Loos ziehen soll. Wie
gern hätte ich länger mit diesem großen Manne gesprochen, aber die
Höflichkeit gebot uns abzubrechen; er bat mich, ihn in Weimar zu
besuchen.
Als wir zur Thür hinaustraten und wieder in der freien Luft standen,
waren Steffens' und meine Gefühle sehr verschieden. Ich war entzückt,
Göthe zum ersten Male gesehen zu haben, darüber, daß er mich als Dichter
gelobt hatte; Steffens aber war entrüstet, daß er uns nicht zu Mittag
eingeladen hatte, da wir doch nur seinetwegen nach Lauchstädt gekommen
waren. Ich leugnete nicht, daß mir dies eine unendliche Freude bereitet
haben würde; aber gerade weil sie so groß gewesen wäre, fand ich mich
mit der Geduld in mein Schicksal, mit der wir Sterbliche uns allmälig
daran gewöhnen, der irdischen Glückseligkeit zu entbehren. Aber Steffens
schalt auf Göthe's Vornehmthuerei und Egoisterei. Ich leugnete nicht,
daß trotz all' des Einnehmenden, das ich bei ihm gefunden hatte, etwas
Stolzes, Abgemessenes und Kaltes da war -- das nicht der Dichternatur
anzugehören schien. Es versteht sich von selbst, daß das Gefühl
der Gastfreundschaft etwas abgestumpft werden muß, wenn ein großer
Mann an einem Orte lebt, an dem er häufig von Fremden heimgesucht
wird. Die Bequemlichkeit verlangt -- und die Oekonomie gebietet oft
Einschränkung, aber Steffens war ein ausgezeichneter Mann, Göthe hatte
selbst den jungen Dichter gelobt, den er zum ersten Male sah, und der
aus einem fremden und unbekannten Lande kam; -- er brachte seinen Tag in
Lauchstädt ganz allein zu, stand sich gut, und konnte wohl den einen Tag
zwei geistig Verwandte speisen, die sich nur nach dem Mannabrote seines
Mundes sehnten. Nun mußten wir uns mit einer kurzen Ministeraudienz
begnügen und wieder gehen. Glücklicherweise hatte er mich gebeten, ihn
in Weimar zu besuchen. Dieß tröstete mich, aber die Höflichkeit kam
nicht Steffens zu gut. -- Merkwürdig ist es übrigens als ein Zug in der
Göthe'schen Characteristik, daß er mir einige Monate darauf, als ich das
Glück hatte, ihn auf eine kurze Zeit zu gewinnen und ihm zu gefallen,
gestand, er hätte uns damals gern eingeladen -- und er wisse selbst
nicht, warum er es nicht gethan habe; aber ich weiß es jetzt: es war
eine Art =Geiz=, nicht auf Geld, sondern auf Freundlichkeit; es war eine
geistige Knauserei in der geheimen Furcht: daß zu Viel drauf gehen und
daß ich zu Viel von -- dem großen Göthe auf einmal bekommen würde.
* * * * *
[Sidenote: »Jesus in der Natur.«]
Während meines Aufenthaltes in Halle ging ich täglich an den Ufern
der Saale entlang. Es ist eine wunderliche Natur in der Gegend; keine
eigentlich steilen Berge, außer einigen jenseits des Flusses; aber der
Boden selbst ist lauter Stein, so daß man auf einer Granitebene geht,
während man sich auf hügelichem Felde zu befinden glaubt. Die alte Ruine
jenseits des Flusses auf dem Berge versetzte mich in das Mittelalter
zurück; man zeigte mir das Loch hoch oben auf der Mauer, von dem aus
Ludwig der Springer mit außerordentlicher Kühnheit sein Leben gerettet
haben soll. Auf diesen einsamen Wanderungen dachte ich oft mit Wehmuth
an mein Vaterland und meine Freunde und schrieb mein =Heimweh=.
Meine »poetischen Schriften« wurden ziemlich stark gelesen, obgleich
ich von meinem Freunde H. C. Oersted, der es übernommen hatte mein
Commissionär zu sein, hörte, daß sie nicht so stark gekauft wurden.
Aladdin machte viel Glück; das allegorische Gedicht: »Jesus in der
Natur«, brachte verschiedenartige Wirkungen auf die Gemüther hervor.
Christiane schrieb mir:
Den 4. October 1805.
Karen Margrete (Rahbek) hat eine Einweihungsrede von Balle (damals
Bischof in Seeland) in die Hände bekommen, in der sich ein
achselzuckender Ausfall gegen Dich befindet. Ich will Dir die Stelle
abschreiben:
»Aber man will wissen, daß die Geschichte Jesu zur Malerei über
die verschiedenen Aenderungen der Natur bestimmt sei. Sie soll nur
abbilden aber nicht erzählen: eine Goldgrube für Dichter, aber keine
Quelle, um die Begriffe über wahre Religion aufzulösen. O Gott! welche
Verwirrungen! Mit gleichem Rechte verwende ich jede andere Erzählung,
sowohl aus den Begebenheiten des Alterthums, wie den Ereignissen der
Gegenwart und all' unser Wissen verschwindet gleich dem Rauch und Dampf
am sternlosen Lufthimmel.«
In einem: »Zuschauer« mit einem Lobgedicht an Dich von Jens Müller, der,
wie Du Dich entsinnen wirst, zugleich mit Dir eine Abhandlung über die
nordische und griechische Mythologie schrieb, hat Rahbek in einer Note
»einem der eifrigsten Freunde des Christenthums« versichert, daß er den
Dichter auf das Vollständigste mißdeute, wenn er glaube, daß dieser in
der Geschichte Jesu nur eine Goldgrube für die Poesie finde, und daß es
Dich tief schmerzen würde, Dich von einem Manne verkannt zu wissen, vor
dessen Eifer für das Christenthum Du eine bis an Enthusiasmus grenzende
Hochachtung habest.
In dem erwähnten Zuschauer hat Rahbek Beschuldigungen zurückgewiesen,
die man ihm über das Schweigen machte, mit dem er vorher an
Deinen Gedichten vorübergegangen ist; daß dies nämlich nicht für
Gleichgültigkeit und Furcht, seine Meinung zu sagen oder dergleichen
Aehnliches angesehen werden müsse. Er hat sich lange bei Aladdin, den er
sehr hoch zu stellen scheint, aufgehalten, und viele Stellen abgedruckt;
doch größtentheils um Deine Fertigkeit zu zeigen, mit der Du die Sprache
nach Deinem Willen zwingst, und hat für ein anderes Mal mehr versprochen.
* * * * *
Hatte »Jesus in der Natur« dem damaligen Bischof Seelands mißfallen, so
fand er einen kräftigen Fürsprecher in dem zukünftigen Bischof J. P.
Mynster. Dieser hatte mir versprochen, meine »poetischen Schriften« zu
recensiren; in einem Briefe von ihm, den 19. Juli 1805 schreibt er:
Habe Dank für Deine Gedichte, die mich sehr erfreuten. Daß Etwas
darin nicht ganz nach meinem Sinne ist, wird Dich nicht wundern; wie
mir aber sehr viel darin zusagt, wirst Du, so Gott will, erfahren, wenn
ich darüber Etwas schreiben sollte. Das ist nicht so leicht und rasch
gethan; denn die erste Begeisterung die ein Gedicht erweckt, ist nicht
kritischer Natur, und es ist nicht so leicht zu sagen, warum das Gute
gut ist. Besonders wird es mir schwer werden, gute und verständige Worte
über das Gedicht »Jesus« zu sagen, da ich hierzu nicht die Philosophie
des Christenthums, ja kaum Fragmente derselben liefern kann. -- Was
Du über unsere Pflicht, nicht zu schweigen sagst, ist gerade dieselbe
Stimme, die in meinem Innern spricht. Ich habe daher auch die Absicht,
so Gott will, meinen Mund aufzuthun, und zwar auf verschiedene Arten,
aber erst zu versuchen, welch' ein Echo meiner Stimme antworten wird;
aber ganz vergebens soll es doch nicht sein; denn ich weiß, daß ich zu
den Berufenen gehöre, und ich strebe Tag und Nacht unter Wachen und
Gebet, auf daß ich auch einer der Auserwählten werde. Gott zum Gruß! --
Aus dieser Recension wurde nun freilich nichts. Mein edler Freund fühlte
sich später mehr gestimmt, das, was er von meinen Werken, namentlich von
»Jesus in der Natur« hielt, in einem Gedicht auszusprechen, worin sein
Geist sich von dem Dichter zu dem Himmlischen emporschwingt.
* * * * *
[Sidenote: Guter Humor meiner Umgebungen.]
An der Munterkeit und Ausgelassenheit, mit der ich im Gespräch und
in den Briefen mit meinen Lieben gern den ernsten Ton unterbrach,
nahmen sie auch oft Theil. Frau Rahbek hatte einen natürlichen Hang
zu Dergleichen und selbst unser lieber Prediger würzte das tägliche
Gespräch mit satyrischer Schelmerei. In einem Briefe von Frau Rahbek,
den ich in Halle bekam, schildert sie mir eine Reise, die sie und ihr
Bruder zu Mynster nach Spiellrup vorhaben. Ihren Bruder Carl Heger
nennt sie »Hufe« nach Hufeland, dessen Buch über die Verlängerung des
menschlichen Lebens, Carl Heger, der immer eingebildet krank war, sehr
gründlich studirt hatte. Er fürchtete stets von all' den Krankheiten
angesteckt zu werden, die ihm nahe kamen. Wir neckten ihn damit, daß
er einmal geglaubt habe, er habe das Kindbettfieber, als es grassirte.
Dr. Professor Mynster, der Bruder des Predigers, war der innige Freund
dieses herrlichen Menschen und hatte sehr viel Nachsicht und Geduld
mit Carl's Wunderlichkeiten, denen er doch selbst gewöhnlich einen so
komischen Anstrich gab, daß sie durchaus nicht ermüdend waren. Einmal
sagte er zum Professor Mynster: »Ich befinde mich wirklich nicht wohl;
willst Du mir nicht Etwas aufschreiben.« »»Ja«« -- sagte Mynster und
schrieb ihm ein Recept. Carl sah es an und sagte mit saurer Miene
und etwas bedenklich: »Ja, ist das nun aber auch gut?« -- »»Ja«« --
entgegnete Mynster, mit dem ihm eigenen süffisanten Humor -- »»das ist
das =Beste=; willst Du lieber das Nächstbeste haben, so kann ich Dir das
auch aufschreiben.««
[Sidenote: Briefe aus der Heimath.]
Frau Rahbek schrieb mir im October nach Halle:
»Ich kann mir denken, wie angenehm Sie leben, und muß es daher um so
liebenswürdiger von Ihnen finden, daß Sie trotzdem Heimweh fühlen,
und besonders gefällt es mir, daß Sie uns das in so schönen Versen
gesagt haben. Aber da wir gerade vom Reisen sprechen, kann ich Ihnen
erzählen, daß Hufe und ich einen großen Reiseplan im Kopfe haben. Hier
steht nämlich ein kleines Pferd und ein kleiner Wagen, die einem guten
Freunde gehören, und da wir Erlaubniß haben, diese Equipage zu benutzen,
so beabsichtigen wir, in 14 Tagen zu Job[2] hinauszureisen. Aber nun
ist der kleine Umstand dabei, daß nur zwei Menschen auf dem Wagen
sitzen können, und daß also einer von uns kutschiren muß. Das wird nun
natürlich Hufe thun; aber er hat früher nie kutschirt, und obgleich er
sich in diesen Tagen sehr darin übt, indem er an einem Bindfaden zieht,
den er an ein Fenster gebunden hat, und der den Zügel vorstellen soll,
so glaube ich doch, daß er ein kleines Schreckfieber bekommen wird, wenn
es im Ernst ans Fahren geht. Wir wollen nicht weiter, als bis nach Kiöge
fahren; dort werden wir Postpferde nehmen, und unser Rößlein stehen
lassen, bis wir zurückkommen. Hier glaubt Keiner daran, daß wir zwei
Cujone so Etwas unternehmen werden, und ich kann nicht leugnen, daß
selbst ich es etwas gewagt finde; doch ist mir vor mir selbst nicht so
bange, wie vor ihm. Wenn wir nach Spielderup kommen, so haben wir die
Absicht, uns als zwei Schlächter zu melden, die von Kopenhagen gereist
sind, um sich Rindvieh anzusehen. Könnte man so leicht nach Halle
kommen, so sollte es gewiß nicht lange dauern, ehe ich da wäre.«
[2] Job, d. h. Jakob Mynster, damals Prediger im seeländischen Dorfe
Spielderup.
* * * * *
Von meinem Vater erhielt ich kurz bevor ich von Halle abreiste, als
Antwort auf einen Brief, den ich ihm lange schuldig gewesen war,
folgende Zeilen:
Liebster, bester Sohn!
Als ich Deinen lieben Brief bekam, erwachte der böse Gedanke in mir,
Dich eben so lange warten zu lassen, wie ich hatte warten müssen; aber
leider trat das Vaterherz gleich dazwischen, und so schwand auch dieser
Vorsatz. Wie unendlich es mich freut, daß es Dir gut geht, brauche
ich Dir wohl nicht zu versichern. Wenn Du nur ebenso zufrieden mit
Deinem Stipendium sein könntest; aber guter Adam! Du weißt ja wohl,
daß viele der hohen Herren Vorsteher in dieser Gemeinde wollen, daß
die Natur sich mit Wenigem begnügen soll, und sie mögen ihre triftigen
Gründe haben; denn, wo Nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.
Von mir sollst Du bekommen, was ich Dir versprochen habe, nämlich 100
Thaler jährlich. Ich wollte, ich könnte mehr thun, aber in diesen
theuren Zeiten, wo ich doch auch eine Haushaltung führen muß, ist es
mir ohne einen Glückszufall, der mich doch noch nie betroffen hat,
unmöglich[3]. Uebrigens mußt Du, bester Junge! zuweilen an Deiner Lampe
reiben, und, wie ich höre, hast Du es bereits gethan. Wenn nur nicht
die Theaterdirection hinten ausschlägt, und Du einen Schlag vor die
Stirn bekommst, wie weit Du auch entfernt sein magst. Daß Du Dich nach
Deiner Heimath sehnst, ist natürlich, und, guter Adam! das natürliche
Liebesband zerreißt erst im Tode. Wenn ich zuweilen allein dasitze, zum
Fenster hinausschaue und des Morgens die Sonne aus dem Meere aufsteigen
sehe, da bete ich mit gerührtem Herzen zu dem Allgütigen, und danke
ihm, daß ich noch Dich und Sophie habe; und dann rollt oft eine Thräne
der Liebe für Euch über meine Wangen, und besonders für Dich, Du Armer!
der so allein, fern von mir dahin ziehen muß. -- Gleich nachdem ich
Deinen Brief erhielt war ich bei dem guten alten Etatsrath Heger und
der kleinen Christiane und las ihnen denselben vor, was große Freude
verursachte. Als ich fortging, liebkoste sie mich; ich drückte sie an
mich, und sie sagte: »Du bist jetzt der einzige Oehlenschläger, den ich
noch habe.« -- Das liebe Mädchen! aber Du, mein guter Sohn, darfst nicht
eifersüchtig werden; das würde Dir Nichts helfen. Karen Margrete ist
noch immer der Schelm, der sie stets war; wir kommen zusammen und machen
uns gegenseitig zum Narren. -- Ich lebe hier, wie ein altes Uhrwerk,
einen Tag wie den andern, außer wenn die verwünschten Bêtes im l'Hombre
bei alten Freunden des Abends etwas lange dauern. Daß ich viel zärtliche
Grüße für Dich von Deinem leiblichen Vater, Deiner Schwester und allen
Verwandten und Freunden habe, kannst Du Dir wohl denken. Aber vor allen
Dingen sage Professor Steffens und seiner Frau meinen Dank für ihre
Güte gegen Dich und sage Ihnen, daß ich wünschte, ihrem Sohne, wenn er
herkommt, dieselbe Freundschaft bezeugen zu können; was nicht unmöglich
ist, da ich noch zwanzig Jahre zu leben hoffe[4]. Na, guter Adam! habe
ich nun nicht genug mit Dir geplaudert? Aber ich höre Dich sagen: man
spricht gern mit alten Freunden; und darin hast Du Recht; denn wir Zwei
kennen uns doch am längsten. Lebe wohl, guter Junge! Der Allmächtige
bewahre und erhalte Dich, das wünscht Dein Vater
J. C. =Oehlenschläger=.
[3] Er war damals noch nicht Schloßverwalter, sondern nur
Bevollmächtigter.
[4] Er lebte noch zweiundzwanzig Jahre.
* * * * *
[Sidenote: Achim von Arnim.]
=Achim von Arnim= besuchte Reichardts auch in diesem Herbst. Er
hatte kurz vorher mit =Brentano= sein =Wunderhorn= herausgegeben, aus
welcher Sammlung Reichardt uns Abends oft Etwas vorlas. Er las gut,
besonders trug er die Fischpredigt des heiligen Antonius vortrefflich
vor. Achim's edle Gestalt und sein schönes Gesicht, seine Liebe zum
Mittelalter und sein Vertrautsein mit demselben machten ihn mir lieb,
obgleich seine eigenen Arbeiten mir nicht schmecken wollten; sie waren
mir noch zu inhaltlos. In seinem reifern Alter hat er in mehreren
Erzählungen ein schönes Talent an den Tag gelegt. Ich entsinne mich
noch eines herrlichen Herbstabends, wo wir in Giebichenstein zusammen
auf den Kirchhof gingen und die alten Grabsteine betrachteten, und als
wir zum Thee nach Hause kamen, Reichhardt mich erfreute, indem er mir
Klopstocks: »Willkommen, o silberner Mond!« zu dem er eine seiner besten
Melodien geschrieben hatte, vorsang.
Nun sing ich aber auch wieder an, mehr in der gegenwärtigen und in der
jüngstvergangenen Zeit zu leben. Ich sah nicht ein, warum die Phantasie
nur bei dem Mittelalter weilen sollte. Jetzt liebte ich auch wieder
die Lessing'sche Verstandes- und die darauf folgende Gefühlsperiode.
Denn hatte man damals auch viele verknöcherte Vorurtheile Verstand, und
später viel Fades Gefühl genannt, so lebten wir nun wieder in einer
Zeit, in der jede elende Phantasterei, wenn sie nur einen Rittermantel
über die schwachen Schultern warf, für Poesie gelten wollte, und in
der man, ziemlich barbarisch, jedes weiche Gefühl als eine moderne
Affectation auszuschelten und zu verachten begann.
* * * * *
[Sidenote: Lafontaine.]
Eines Tages war ich mit Steffens bei einem andern Professor, ich weiß
nicht mehr, welchem, in Gesellschaft. Dort war ein dicker, lustiger
Mann, der eigentlich den Mittelpunkt für die gesellschaftliche
Unterhaltung bildete; er erzählte viele Anecdoten sehr gut (doch
nicht so gut, wie Rahbek), war überhaupt sehr gesprächig und fidel
mit den Meisten der Gesellschaft. Aber Steffens verhielt sich
ziemlich schweigend, obgleich er zuweilen lachte, wenn dieser Mann
etwas Schnurriges sagte. Ich konnte es demselben auch ansehen, daß
er sich vor Steffens verlegen fühlte, daß dieser ihm nicht behagte
und er sich deshalb auch nicht an mich als Steffens' Freund wandte.
Ich nahm Steffens bei Seite und fragte: »Wer ist der Mann?« »Das ist
=Lafontaine=«, war die Antwort. Lafontaine! der Romandichter, der mir
in meiner frühesten Jugend so viele Thränen gekostet hatte! in dessen
Erzählungen ich in jenem Alter ebenso verliebt war, wie viele Jahre
darauf in Walter Scott's! der meine sentimentalen, erotischen Gefühle
entwickelt, gepflegt, genährt und übertrieben hatte! -- Dieser Mann,
den ich vergöttert -- und später nach echter Jünglingsart verachtet
hatte, als ich einen andern poetischen Glauben annahm und zur Fahne
der romantischen Schule schwor! dieser Mann saß hier als ein lustiger,
lauter Gesellschaftsbruder, aß gut, trank gut, ohne daß man die
leiseste Spur jener Geistesrichtung fand, die in seinen Erzählungen
so monoton hervortritt! -- Aber wie sollte sie auch hervortreten? für
wen sollte der altmodische, dicke, rothwangige Prediger seufzen, in
wen verliebt sein, mitten in einer Herrengesellschaft? Doch machte er
keinen vortheilhaften Eindruck auf mich, obgleich ich, wie bereits
bemerkt, kein so eifriger Romantiker und Anhänger der neuen Schule war,
wie einige Jahre vorher. Dieses Doppelwesen gefiel mir nicht, und die
Unmöglichkeit, im wirklichen Leben den Ton fortzusetzen, der in seinen
Schriften so vorherrschend war, zeigte handgreiflich, wie unnatürlich
und überspannt er sei. Denn wenn gleich das Ideale und das wirkliche
Leben sehr verschieden von einander sind, so braucht sich ein schöner
und großer Geist doch niemals in der Gesellschaft der Menschen so zu
verleugnen und zu verwandeln, wenn das Ideale, was er sucht, nicht aus
der Luft geholt ist.
In spätern Jahren habe ich es wieder versucht, einige von Lafontaine's
Romanen zu lesen, aber sie waren mir zu sehr Milch und Wasser. Nicht
das Gefühlvolle darin mißfiel mir, sondern gerade das Laue, Schlaffe,
das Alltägliche im Gefühl. Es ist ein prosaisch knabenhaftes, kein
poetisch männliches Gefühl. Später habe ich seine Lebensbeschreibung
gelesen und diese schien mir eben so matt und schlecht erzählt wie die
Iffland's. Ich besuchte ihn also nicht, obwohl sein hübsches Haus recht
anmuthig auf einer Höhe vor Halle lag. Aber oft ging ich hinaus und
setzte mich in Hölty's Stuhl, einen Steinsitz im Felsen an der Saale
und dachte an die schönen Lieder: »Wer wollte sich mit Grillen plagen«
und »Ihr Freunde hängt, wenn ich gestorben bin, die kleine Harfe hinter
dem Altare auf,« in denen sich tiefe Wehmuth mit einem liebenswürdigen
Streben nach Munterkeit und einer schönen Seelentiefe vereinigt.
Halle selbst war mir nur ein schwacher Ersatz für Kopenhagen. Die
schmalen, schlecht gepflasterten Straßen, die vielen Braunkohlen gaben
dem Ganzen ein trauriges, finsteres Colorit, und ich konnte das blaue
Meer und die seeländischen Buchenhaine nicht vergessen.
Oft betrachtete ich im Vorübergehen dass große Rolandsbild aus Carl's
des Großen Zeit, das auf dem Markte wie ein steinernes Gespenst aus dem
dunklen Alterthume dastand und menschlicher Größe spottete. Hätte ich
damals daran gedacht, daß der unglückliche Struensee in Halle geboren
und erzogen war, so würde auch dies seine Wirkung gethan haben.
* * * * *
[Sidenote: Schleiermacher.]
Zuweilen machte ich lange Wanderungen. Mit Steffens, Schleiermacher und
den beiden Raumers ging ich an einem heißen Sommertage auf den =hohen
Petersberg=. Als wir uns der Ruine oben näherten, wunderte ich mich über
einen seltsamen Laut; es war mir, als hörte ich viele Menschen einen
Kirchenpsalm in der Burgruine singen. Und es war wirklich so. Mitten in
der Ruine stand eine Kirche, die voll von Menschen war, da es gerade
Sonntag war und Gottesdienst abgehalten wurde. Ich hörte einen mir aus
meiner Kindheit wohlbekannten Psalm, den sie über die alten Marmorsärge
der entschlummerten Landgrafen dahin sangen; und diese Verbindung
der Vergangenheit und Gegenwart rührte mich außerordentlich. Mit dem
verständigen =Schleiermacher= verlebte ich angenehme Tage. Er bekam Lust
Etwas von meinen dänischen Gedichten kennen und Dänisch zu lernen. Ich
fing an, ihm Vaulundurs Sage und Freia's Altar zu übersetzen und er war
der Erste, der mich aufmunterte, ein deutscher Dichter zu werden. Er
wiederum las etwas Griechisch mit mir; er las mir den ganzen Oedipus in
Kolonos vor, um mich mit dem characteristischen Wohlklang der Sprache
vertraut zu machen; er übersetzte mir das Stück Wort für Wort und lehrte
mich das griechische Silbenmaß recht kennen und verstehen; wovon ich
später, als ich Solger's Sophokles fleißig studirt hatte, in meinem:
Balder der Gute, Gebrauch machte.
Diese Strenge der Uebersetzung in der Form, die oft an Pedanterie
streift, welche dem gewöhnlichen Leser mißfällt, nützt gerade dem
Dichter, der der griechischen Sprache nicht mächtig ist, und doch gern
so viel als möglich ihren Klang, Tact und ihre Formen kennen lernen
will. Für den wahren Dichter ist es leicht, sich alles dieses in einer
lebhafteren und schöneren Natürlichkeit zu denken. Solger war gewiß ein
besserer Philolog als Philosoph. Seinen Erwin, in dem er der Ironie als
dem Höchsten der Poesie huldigt, habe ich nie verstehen können, und ich
sehe nun aus Hegel's Aesthetik, daß dieser ihn angreift und tadelt.
Ich hörte in Halle Steffens' Vorlesungen über Naturphilosophie,
Schleiermacher über Ethik und den berühmten Wolff über Archäologie. Mit
Schleiermacher ging ich oft spazieren.
Es amüsirte ihn zuweilen, meinen allzukühnen Behauptungen mit
schelmischer Ironie zu begegnen; er übersetzte gerade damals an seinem
Plato. Er war mein Sokrates und ich beschuldigte ihn im Scherz, er wolle
mich zu seinem Alcibiades machen; obgleich ich diesem weder in dem
Heroischen noch in dem Schlechten glich. Schleiermacher war ein kleiner,
hagerer Mann. Ein jugendliches Wesen fand man bei ihm nicht; aber er
war edel. Als er mir auf seinem alten Klaviere einmal den Herrenhuter
Psalm vorspielte: »Mach' uns unschuldig, wie die kleinen Blumen in des
Frühlings Heiligthum«, gewann er mein Herz und behielt es seitdem immer.
Die Tochter des gelehrten Professors Wolff, Wilhelmine, eine schöne,
große, blühende Blondine, hatte ein freundliches Wesen; sie konnte, wie
gesagt, etwas Dänisch, und da sie eine Freundin der Frau Steffens war,
sah ich sie oft im Hause bei uns. Mit ihrem Vater entsinne ich mich
nur einziges Mal gesprochen zu haben. Merkwürdig ist's, daß er, der
große Philolog, der es so weit in fremden Sprachen gebracht hatte, der
einzige war, der mir davon abrieth, Deutsch zu schreiben; er meinte, man
könne nur in =einer= Sprache Dichter sein. Abstract genommen, werden
die Meisten ihm gewiß Recht geben, und Wolff, bei dem doch eigentlich
das Griechische und Lateinische stets im Gegensatze zu seiner deutschen
Muttersprache war, und der vom Dänischen gar nichts verstand, mochte
sich wohl zu einer solchen Meinung befugt fühlen. Er wußte, daß er mit
all' seiner Gelehrsamkeit und seinem philosophischen Genie doch niemals
Grieche oder Römer werden könne. Er wußte, daß ein großer Unterschied
zwischen einem Deutschen aus dem 19. Jahrhundert und einem Griechen aus
Perikles', einem Römer aus Augustus' Zeit stattfand. Aber er vergaß,
daß der Däne und Deutsche Germanen, sie beide Brüder eines Hauptstammes
sind, mit fast gleichen Characteren, Neigungen, Gefühlen und Ansichten,
daß sie in demselben Zeitalter, einander nahe und in steter, geistiger
Verbindung leben.
[Sidenote: Erwachende Lust Deutsch zu dichten.]
Noch hatte ich außer einigen Kleinigkeiten nichts Deutsches geschrieben;
aber ich fühlte doch bald, daß es nicht lange dauern würde, bis ich in
den Besitz einer Sprache käme, die meinen Leserkreis auf 40 Millionen
Menschen mehr ausdehnte und mir die Freude bereitete, ausgezeichneten
Männern wieder Etwas von den Producten meines Geistes mitzutheilen,
um einigermaßen all' das Herrliche zu vergelten, das ich von ihnen
empfangen hatte. Ja, ich fühlte mich bald so begeistert, auch Deutsch,
das zwar nicht meine Muttersprache, aber doch meiner Mutter Sprache und
die meiner Väter war, zu schreiben, -- daß ich zwei Jahre darauf meinen
Aladdin übersetzte.
* * * * *
[Sidenote: Hakon Jarl.]
Darüber vergaß ich aber doch nicht das Vaterländische. Der stille
Herbst und der Anfang des Winters in dem einsamen Halle trieb mich im
Gegentheil mit dem Gefühle, welches ich in meinem Heimweh ausgesprochen
hatte, wieder nach dem Norden hoch hinauf. Glücklicherweise fand ich
in der Universitätsbibliothek von Halle ein Exemplar von Schiönning's
Folio-Ausgabe von Snorro Sturleson's Heimskringla! Ich fing gleich
an, sie mit so großem Eifer zu lesen, wie man aufbewahrte Briefe von
einem lieben Jugendfreunde, den man verlassen hat, liest; und kaum war
ich etwas über Harald Schönhaar's Geschichte gekommen (an der ich ein
paar Jahre früher hängen geblieben war), so fand ich in Hakon Jarl's
Sage einen Stoff, der sich mir vortrefflich zur Bearbeitung zu eignen
schien. Ich hatte diesen Stoff bereits einmal als Romanze behandelt,
aber es schien mir als verdiene er mehr. Steffens und ich saßen in einem
Zimmer bei einem Ofen. Er arbeitete in dem einen Winkel bei seinem
Schreibtische an einem philosophischen Werke, -- ich hatte mir einen
kleinen Tisch ans Fenster hingeschoben, wo ich schrieb. Jedes Mal wenn
wir, er einen Paragraphen seiner Abhandlung, und ich eine Scene fertig
hatten, lasen wir uns das Ausgearbeitete gegenseitig vor. Auf diese
Weise wurde Hakon Jarl in sechs Wochen gedichtet. Er gefiel Steffens
sehr.
[Sidenote: Schiller's Jungfrau von Orleans.]
[Sidenote: Schiller's Braut von Messina.]
Ich hatte zum Theil gefürchtet, daß Steffens nicht mit meiner
Tragödie zufrieden sein würde, da er damals Schiller verwarf. Als
tragischer Verfasser war es mir Pflicht, Nothwendigkeit, Bedürfniß
geworden, diesen großen Tragiker von Neuem zu studiren. Die eine
Zeitlang stark glänzende Autorität der neuern Schule hatte mich -- gegen
die Stimme meines Herzens -- dahin gebracht, Schiller zu verlassen.
Es ist bekannt, daß weder Tieck, Novalis, noch beide Schlegel ihn für
einen wahren großen Dichter gelten ließen, -- obgleich er -- als Göthe's
und Wilhelm von Humboldt's Freund und als Schriftsteller von so großer
Popularität -- stets mit einer gewissen Achtung behandelt wurde, die
doch hauptsächlich darin bestand, daß man ihn nicht tadelte, sondern
größtentheils ganz still von ihm schwieg, während man jeden Augenblick
Göthe vergötterte und Tieck lobte. Zum Theil war wohl Schiller selbst
Schuld daran, indem er sich zu sehr von den Neueren entfernte. Und
doch, obgleich er die romantische Richtung in der Poesie verwarf,
hatte diese, ohne daß er es merkte, Einfluß auf ihn; er schrieb eine
Tragödie, die er selbst romantisch nannte: »Die Jungfrau von Orleans«,
und noch mehr -- er brachte in seiner »Maria Stuart« im Mortimer eine
mißglückte Copie von Tieck's Golo in der Genovefa. Das Romantische
konnte Schiller nicht glücken. Die Mischung von Naivetät, Schwärmerei,
Ausgelassenheit, Sinnlichkeit, in der das Erotische und die Phantasie
das Triebrad ist -- lag außerhalb seines Wesens. Große Charactere konnte
er schildern, tiefen Ernst, hohes Gefühl vermochte er darzustellen,
originale Situationen und dramatische Handlungen zu erfinden, herrliche
Gedanken entstanden in seinem Kopfe und sein edles Menschenherz konnte
sie mit hinreißender Begeisterung ausdrücken; ruhiger, männlicher
Tiefsinn erfüllte seine Werke; aber -- es ging ihm eben so wie Michel
Angelo im Verhältniß zu Correggio -- in den romantischen Farbentopf
konnte er seinen Pinsel nicht tauchen. Wollte er sich auf diese Weise
bewegen, so war es als ob der Ritter im Harnisch Jäger werden, vom
Pferde springen und mit schweren Stiefeln auf Abenteuer durch den Wald
streifen wollte. Das Lustige, das eigentlich Erotische, Geschmeidige
fehlte Schiller. Die Tragödie, die Jungfrau von Orleans ist nicht
romantisch; daß sie auch keinen Anstrich von französischem Colorit
hat, mußte die Folge davon sein, daß ein Deutscher mit Schiller's
tief-ernstem Character den Gegenstand behandelte. Und doch wurde sie von
allen geistvollen, poetischen Lesern und Zuschauern -- die nicht durch
die Vorurtheile einer Schule verblendet waren -- für ein Meisterstück
erklärt und ist auch ein solches. Die Jungfrau von Orleans selbst,
Jeanne d'Arc, ist mit ihrer idyllischen Umgebung in ihrer prächtigen
Heldennatur unvergleichlich gezeichnet. Schiller hat die Ehre der edlen
Jungfrau gerettet, hat dem Bilde in der Geschichte den Geistesadel
wieder gegeben, den Voltaire -- einem frechen Satyr gleich -- sich
nicht entblödete, in seinem hohen Alter mit leichtfertigem Spotte zu
besudeln. Und doch schämte A. W. Schlegel sich auch nicht, Shakespeare's
Schilderungen der pucelle in Heinrich VI., wo er den schmählichen Lügen
englischer Chronikenschreiber blind folgt, über Schiller's Raphael'sche
Heldenmadonna zu stellen. -- Die neuere Schule nannte also die Jungfrau
von Orleans einen mißglückten romantischen Versuch, ohne die großen
Schönheiten zu achten, die weder Tieck, Novalis, noch selbst Göthe
im Stande gewesen wären hervorzubringen. Wahrscheinlich durch dieses
Verkennen zu einer entgegengesetzten Richtung geführt, schrieb Schiller
später eine Tragödie in theils griechischen Formen: »Die Braut von
Messina«, wobei er sich in eine schiefe Theorie verirrte, wie der
Dichter stets thut, wenn er die Reflexionen und den kalten Begriff über
dem Genie und dem natürlichen Gefühle herrschen läßt. Hätte er einen
Heldenstoff aus dem germanischen Alterthume auf diese Weise behandelt,
so würden der griechische Chor und die einfache Anordnung in der
Handlung ihre Wirkung gethan haben; es wäre natürlich erschienen; denn
die alten griechischen, germanischen und skandinavischen Heldenzeiten
gleichen einander. Aber hier verband jene Form sich mit einer modernen
Intrigue; es wurde eine unnatürliche Vermischung von Alterthum und
Gegenwart (sowie in der Jungfrau von Orleans der Aberglaube des
Mittelalters sich mit dem Verstandselement der Gegenwart auch nicht
recht amalgamirte) -- und dies genügte der herrschenden Schule, dieses
Werk als verunglückt zu verwerfen, -- obgleich es in der Nation seine
Wirkung durch unvergleichliche Characterschilderung und einen Dialog
hervorbrachte, der dem Dichter den Rang eines großen Dichters gegeben
haben würde, wenn er nie etwas Anderes als die Braut von Messina
geschrieben hätte. Glücklicherweise schrieb Schiller vor seinem Tode
sein Meisterstück: »Wilhelm Tell«, in dem weder das Romantische noch
das Antike ihn verlockte -- sondern wo er einen =vaterländischen= Stoff
auf die historisch gründliche und doch poetische Weise behandelte,
mit der er in seinem Wallenstein begonnen hatte. Daß auch Wilhelm
Tell von Vielen getadelt wurde, weil man meinte, der fünfte Akt sei
ein _hors d'oeuvre_, da er nicht die Handlung fortsetzte, sondern
(was hier gerade von höchster Wichtigkeit war) den Gegensatz zwischen
einem verbrecherischen Meuchelmörder (Parricida) und Einem, der einen
Todtschlag aus edlem Beweggrunde begeht, (Tell) -- in einem herrlichen
dramatischen Verhältniß zu einander zeigte -- das war ganz in der
Ordnung, und gehörte mit zur Tadelsucht der damaligen Zeit gegen so
vieles Schöne, die einer Periode folgte, in der man so vieles Unschöne
bewundert hatte.
[Sidenote: Steffens als Gegner Schiller's.]
Auch mein lieber, höchst poetischer Steffens theilte damals noch die
Vorurtheile der poetischen Schule gegen Schiller, was mir sehr leid
that; besonders als er einmal anfing Wilhelm Tell in der Gegenwart eines
jungen Schweizers, eines seiner Zuhörer, vorzulesen, das Buch aber
mitten während der Vorlesung, so daß es auf den Boden hinfiel, mit den
Worten fortwarf: »Das kann ich nicht länger aushalten.« Ich konnte es
auch nicht länger aushalten und ging auf mein Zimmer. Steffens folgte
mir auf dem Fuße. Sein Zorn gegen Schiller galt eigentlich mir, weil
er wußte, daß ich großen Werth auf Wilhelm Tell legte, und da er sich
noch nicht von der alten Gewohnheit losreißen konnte, meinen Geschmack
beherrschen zu wollen, so betrachtete er meine stumme Mißbilligung als
einen vermessenen Aufruhr und verfolgte mich. Ich hatte vorausgesehen,
daß dieß geschehen würde, und um eine heftige Scene zu verhüten, schloß
ich die Thüre ab; aber unglücklicherweise war es eine Glasthür. Als er
nicht gleich herein kommen konnte, schlug er die Scheiben ein, öffnete
die Thür von innen und fragte mich nun erbittert, ob ich ihn aus seinem
eigenen Hause ausschließen wollte? Dies war der Culminationspunkt des
Zornes; denn kaum hatte ich ihm einige freundliche Worte gesagt und
ihn daran erinnert, er möge sich hüten, seine Frau zu erschrecken, die
hochschwanger war, so umarmte er mich brüderlich, schwamm in Thränen und
küßte mich. Eine so wunderbare, leichtbewegliche Natur war Steffens,
aber höchst liebenswürdig, poetisch, gedankenreich, originell. Ich habe
keine ähnliche Natur gekannt. In Manchem glichen wir uns; ich war auch
hitzig, hatte aber doch mehr von dem, was die Franzosen _gros bon-sens_
nennen. Die augenblickliche Inspiration strömte stets über seine Lippen,
ich verschloß meine Begeisterung mehr für meine Werke; in muntern
Einfällen und poetischen Phantasieen begegneten wir uns unablässig, und
dies gab unserm Zusammenleben einen großen Genuß und eine sehr angenehme
Erquickung. Aber in seine Einseitigkeit konnte ich mich nicht länger
finden. Auch Lessing's Nathan und Voß' Louise vertheidigte ich aufs
Neue mit vielem Eifer, Lessing hatte ich niemals aufgegeben und gegen
den Tadel der romantischen Schule, daß man ihn zu kalt verständig fand,
hatte ich bereits in meiner Langelands Reise Etwas an Lessing mit den
Worten geschrieben:
»Sag' wer lehrte Dich selbst den Verstand romantisch zu machen?«
Bei diesem Verhältniß war es um so merkwürdiger, daß Steffens nicht
verstimmt gegen mich wurde und mich etwa durch Lauheit gegen meinen
Hakon Jarl bestrafte. Im Gegentheil, er legte großen Werth darauf und
dies war ein Zug seines guten Herzens; denn ein Anderer von seiner
Klugheit, ohne sein Herz, würde genug zu tadeln gefunden haben, wenn er
einmal Den tadeln =wollte=, der ihm oft genug schroff widersprach.
* * * * *
[Sidenote: Aufnahme Hakon Jarl's.]
Ehe ich weiter reise wird es meine Leser vielleicht interessiren,
Etwas über die Wirkung, welche Hakon Jarl in der Heimath hervorbrachte,
und über die Annahme des Stückes zu hören. Ich war im hohen Grade
gespannt, ehe ich Etwas von dem Schicksal des Stückes wußte und
fürchtete, daß es ebenso, wie Freia's Altar verworfen werden würde.
Schleiermacher tröstete mich an dem Abend, wo Steffens uns das Stück
vorlas und sagte, daß er, obgleich er sich nicht große Begriffe von der
Theaterdirection mache, doch 4 Groschen gegen 10 Louisd'or wetten wolle,
daß das Stück angenommen werde. Dies war mir um so wichtiger, als mein
Reisestipendium, 500 Thaler, forderte, daß ich mir durchaus Etwas dazu
verdienen müsse, wenn es genügen sollte. Ich hatte durch H. C. Oersted
zwei Exemplare an die Gräfin Schimmelmann geschickt und hoffte, daß sie
es für mich einreichen würde; die Gräfin aber, welche wahrscheinlich
fühlte, wie komisch es sei, wenn Hakon Jarl einer Dame seine Einführung
auf der Bühne verdanke, sandte Oersted das eine Exemplar zurück; er ließ
es mich wissen und ich schrieb nun gleich einen Brief an die Direction.
Hierauf erhielt ich die Antwort, daß sie das Stück zur Aufführung
angenommen habe, selbst wenn der Verfasser dieselbe unbedingt ohne
Veränderung fordere; da das Stück aber viel zu lang sei, so wolle sie
mir sagen, was sie weggelassen wünsche, ohne, wie sie glaube, dadurch
dem Ganzen zu schaden. Hierunter war nun: »Die Scene, in der Grib König
spielt«, die Nichts mit der Haupthandlung zu thun habe, und eines so
langen Zwischenraumes bedürfe es nicht, damit Bergthor seine Tochter
einschließen könne. Eine Scene mit Karker brauche auch nicht so lang zu
sein, »um Karker's Dummheit zu schildern, die ja so schon deutlich genug
sei.« »Einar's und Hakon's Scene würde Schwierigkeit bei der Aufführung
finden, wenn der sichere Schuß gesehen werden solle, wo nicht, so
würde die Scene ohne Effekt auf der Bühne sein.« Auden's Offenbarung
wünschte man auch weggelassen, die große Masse der Zuschauer würde sie
uninteressant finden. Es würde dem Theater auch höchlich conveniren,
und das Interesse des Publikums für den Helden nicht verringern, wenn
Thora's letzte sentimentale Scene fortbliebe. Endlich ließ man mich
wissen, daß vor Hakon Jarl ein anderes Originalstück (Die Danen-Frauen,
von Möller) eingeliefert sei, welches gleich diesem einen Theil Unkosten
erfordere; daher müsse die Aufführung des Hakon Jarl ausgesetzt bleiben,
bis die Theatercasse im Stande sei, so viele Ausgaben zu machen.
So kam ich doch noch ziemlich gnädig davon. Der Geist, -- wenn ich
mich dieses Ausdrucks bedienen soll -- in diesem Schreiben der
Theaterdirection war Prof. Kierulf, ein sehr braver, gelehrter, in
vielen bürgerlichen Dingen vernünftiger Mann, aber kein Schöngeist. Er
konnte es wohl nicht vergessen, daß ich vor 10 Jahren als Knabe auf der
Schulbank saß, wo er mich in der Geschichte examinirte. Daß er damals
sehr zufrieden mit mir war, hatte er dagegen wahrscheinlich über den
tollen Verfasser des tollen Freia's Altar vergessen. Ich fand es sehr
natürlich, und habe in viel spätern Jahren ähnliche Schulmeistereien
und Zurechtsetzungen von einem jüngern ähnlichen Kritiker geduldet, der
später =selbst= zugestand, daß meine Schriften viel zu seiner Bildung
beigetragen hätten.
Daß Hakon Jarl in meinem Familien- und Freundeskreise Freude und
Begeisterung hervorrief, kann man sich denken. Christiane schrieb mir:
»Donnerstag kamen alle Deine Herrlichkeiten an; am Abend war ich bei
Oersted, um Sophie Deinen Brief zu zeigen. Wir beschlossen gleich,
daß Hakon Jarl am Sonntag Abend vorgelesen werden solle. Ich übernahm
es sofort, nach dem Hügelhause hinauszuschreiben, um zu hören, ob es
Rahbek Recht sei, und bekam die Antwort, die ich längst geahnt hatte:
daß Rahbek auf eine so lange Reihe von Abenden keine Zeit habe, daß
wir uns den Gedanken aus dem Kopf schlagen müßten, das Stück von ihm
lesen zu hören. Karl schwor Stein und Bein, daß er es nicht lesen
könne; aber nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte er, daß er es
verteufelt gern möchte. Ich bereitete ihn darauf vor, daß Vater mit
zu Oersteds kommen wolle; da erschrak er sehr und meinte, daß Vater
sagen würde, er lese jämmerlich vor; da aber Karen Margrete und ich ihn
trösteten, so faßte er Muth. Er ging gleich zu Doctor Oersted hin, um
das Stück durchzusehen um so bekannt damit zu werden, daß er wenigstens
die Handschrift ohne Stockung lesen könne; Du kannst Dir aber leicht
denken, daß, je mehr er las, ihm umsomehr angst und bange wurde, und er
an demselben Abende ganz den Muth verlor. Von dem Augenblicke an, wo er
versprochen, es uns vorzulesen, hatte er nichts Anderes im Kopfe, als
die schwere Arbeit, die er übernommen hatte. Jeden Augenblick schlug er
einen andern Menschen vor, von dem er schwur, daß er das Stück tausend
Mal besser lesen könne als er selbst. Rosing lag ihm immer im Kopfe.«
Hier will ich Carl Heger's eigenen Brief mittheilen:
»In einem beständig steigenden Freudenrausch über Alles, was ich nun
seit drei Tagen über Dich und von Dir gehört habe, Du herrlicher Junge!
habe ich gelebt, und lebe ich, so zu sagen, noch jetzt. In solcher
Verfassung kannst Du Dir leicht meine Unfähigkeit vorstellen, Dir Etwas
mitzutheilen und zu schreiben, in dem Verstand wäre. Einen kleinen
Anfang aber, um mich Dir ein Wenig zu zeigen, will ich diesmal doch mit
Karen Margrete's Brief folgen lassen. Sie bittet mich auch so dringend
darum. Und wenn es Dir lieb ist, daß ich zuweilen fortfahre, so soll es
geschehen. Gott weiß, wie gern ich es thue.
[Sidenote: Hakon Jarl.]
Dein »Hakon Jarl« wurde uns also, wie Du nun schon weißt, von
Rosing vorgelesen. Ich glaube es wird Dich unterhalten, wenn ich Dir
erzähle wie es zuging, und wie liebenswürdig und zuweilen komisch er
sich bei der ganzen Geschichte benahm. Zugleich erfährst Du, was mir
zur Entschuldigung dienen muß, wenn Du, was mich sehr schmerzen würde,
unzufrieden damit sein solltest. Da wir es nicht aufschieben konnten
bis Rahbek Zeit hatte, so hattest Du mich ja in Ermangelung seiner zum
Vorlesen ausersehen. Du kannst Dir selbst denken, wie lieb mir das
war. Aber, liebster Oehlenschläger! Du dachtest natürlich nicht daran,
daß ein Fremder in dem Kreise sein könne, in dem es vorgelesen werden
sollte, und Deine Freundlichkeit und gute Meinung über mich, die besser
ist, als ich sie verdiene, täuschen Dich, so daß Du glauben konntest,
ich sei im Stande, einer solchen Aufgabe auch nur einigermaßen zu
genügen. Es wurde indessen bestimmt, daß ich es lesen sollte. Aber je
länger ich darüber nachdachte, desto schwerer wurde mir die Aufgabe. Die
erste Nacht schlief ich nicht. Ich habe mich nie profaner gefühlt. Den
Abend vorher fand ich mich bei Hans Christian ein, um erst das Stück für
mich selbst durchzulesen. Ich las ihm den ersten Act vor, überzeugte
mich aber nun, daß ich meine Aufgabe ganz bestialisch lösen würde, wenn
aus keinem andern Grunde, so doch, weil meine Furcht unüberwindlich
sein würde. Auf dem Heimwege beschloß ich, den nächsten Morgen früh zu
Rosing hinauf zu gehen und ihn zu bitten, daß er mich erlösen möchte.
Er und seine Frau hatten mir vor langer Zeit eine Artigkeit erwiesen,
für die ich versprochen hatte, mich mündlich zu bedanken, was aber doch
vielleicht nie geschehen wäre, wenn mich dieses nicht veranlaßt hätte,
obgleich ich ihm seit langer Zeit nicht das Geringste mehr nachtrug.
Ich wußte, welch' einen enthusiastischen Freund und Bewunderer Du in
ihm hast, und daß Du ihm »Freia's Altar« vorgelesen hattest, ehe es
eingereicht wurde; ich war überzeugt, daß Du ihm auch »Hakon Jarl«
vorgelesen haben würdest, wenn Du hier gewesen wärest; ich kannte
ihn als einen Mann, der Geheimnisse zu bewahren weiß; kurz und gut,
ich fand nicht die geringste Bedenklichkeit. Ich kam hinauf, und im
Augenblick war die alte Bekanntschaft erneuert. Er war ganz so, wie ich
es wünschte, und mir war gleich so zu Muthe, als ob ich den Tag vorher
dort gewesen wäre. Ich benahm ihm gleich den einzigen Vorwand, den er
hätte benutzen können, wenn er aus gleicher Furcht, wie ich, mir eine
abschlägige Antwort geben wollte, indem ich nämlich innig seine stete
Unpäßlichkeit beklagte, worauf er mir natürlich versicherte, daß er
sich an diesem Tage sehr wohl befände. Ich rückte nun gleich mit meiner
eigentlichen Bitte vor, und ersuchte ihn um ein Gespräch unter vier
Augen. »Geht hinaus Kinder! und Du auch, Mutter!« Nun fing ich an, und
war eine Zeitlang sehr beredt. Als ich fertig war, strömte er von Deinem
Lobe über und sagte zuletzt: »Ich bin so froh, so froh, Dich bei mir
zu sehen, mein guter, guter Carl, daß ich wahrhaftig nicht weiß, was
ich Dir abschlagen könnte, wenn Du mich darum bätest.« Doch wünschte
er einen Aufschub; da ich ihm aber versicherte, daß es unmöglich sei,
ließ er seinen Schülern absagen und wir setzten uns gleich hin, um es
zu lesen, wobei sie zuhören durfte. Als der erste Act gelesen war, rief
er aus: »Das ist ein vortreffliches Stück! o, das ist ein göttliches
Stück!!« -- »»Wird's angenommen?«« fragte ich. -- »Ja, freilich wird's
angenommen.« Wir lasen weiter, aber als er mit Olaf näher bekannt wurde,
brach bisweilen, wenn wir unterbrochen wurden, in den Pausen, eine etwas
stürmische Aufregung los, er bekam nämlich Lust, den Olaf zu spielen.
Wo Grib sagt: »Er segelt auf Elivaga's Wogen nach Niffelheim«, rief er
aus: »Gott, welche Verse! Nein, die sind zu schön! Ich sehe ihn, weiß
Gott, segeln!!« Von Auden sagte er: »O, was ist das für eine schwierige
Rolle.« Einmal sagte ich ihm vom Hakon: »Das ist ein nordischer Heide,
Rosing!« -- »Ja, ein schrecklicher -- entsetzlicher Götzendiener!«
-- Glaube nicht, guter Oehlenschläger, daß ich, der oft zur Unzeit
scherzt, dies Alles schreibe, über das Du auch lachen wirst, etwa weil
das Komische, das während der Lectüre vorfiel, mein Inneres jetzt mehr
erfüllt, als Dein Stück. Nein: ich habe nichts Anderes im Kopfe und
werde wahrscheinlich lange an nichts Anderes denken, als an Dein Stück.
Welchen Eindruck die Scene in der Höhle, der sublime Epilog, kurz jeder
einzelne Theil und das Ganze auf uns machte, als wir fertig waren -- das
kann ich Dir unmöglich ausdrücken. Was er gesagt hat, als wir den ersten
Act gelesen hatten, wiederholte er mit noch erhöhterer Extase, als er
das ganze Stück beendigt hatte. Sie war nicht weniger davon entzückt
als er. Wie froh wir uns Alle am Nachmittage bei Oersteds versammelten,
wie wir überhaupt Dein Fest begingen, dass muß Karen Margrete und
Christiane Dir sagen und haben es Dir bereits gesagt. Ich will jetzt
nur noch hinzufügen, daß er meinem Urtheile nach das Stück im Ganzen
gut, und Hakon und vieles Andere, was Du Dir selbst sagen kannst, ganz
vortrefflich gelesen hat. Ich wollte wünschen, Du hättest ihn sagen
hören: »Goldharald, Graufell! -- Was wollt Ihr, Mädchen! u. s. w.« Ich
sagte endlich zu ihm: »Nun Rosing! wird ein anderer Sterblicher als Sie,
den Hakon spielen?« -- »»Nein,«« sagte er, »»ich glaub's bei Gott
nicht!««
Und nun guter, theurer Oehlenschläger! ich war der Unbedeutendste
von allen Denen, die Deinen Hakon hörten, aber doch weiß ich, daß Du
meinen Dank nicht verschmähst. Habe also tausend Dank! Ich war der
Unbedeutendste, und doch schien es mir bei der Lektüre, als ob ich viel
besser geworden wäre. Ich weiß nicht, welche Talente, oder, wie viel
ich besitzen könnte, und nicht bereitwillig eilen würde, Dir den Kranz
um die Schläfe zu winden. Ich muß doch wohl auch etwas Kunstsinn haben,
ob ich gleich, wenn ich mich auszudrücken versuche, gewöhnlich etwas
Ungeschicktes sage.
Karen Margrete treibt mich an, ich muß also schließen. Habe Dank für
die schönen Verse, in dem Briefe an meine Schwester, für das Lebewohl
an Giebichenstein! Lebewohl! Habe Dank, daß Du meiner so liebevoll
gedenkst, und behalte mich immer lieb, wie vorher!
Dein
C. =Heger=.«
Es war sehr hübsch von ihm, daß er Rosing veranlaßt hatte, den Hakon
Jarl zu lesen. So konnte dieser große Künstler, an den ich, als ich das
Stück dichtete, gedacht, und ihm die Rolle bestimmt hatte, den Hakon
Jarl doch wenigstens im Kreise meiner Freunde vorlesen, wenn gleich
Krankheit und darauf folgende Schwäche ihn verhinderten, jemals in
dieser Rolle vor dem Publikum aufzutreten. Ein alter Zwiespalt, der zehn
Jahre lang Carl Heger von Rosing getrennt hatte, mit dem er in seiner
Jugend in innigster Freundschaft lebte, hörte bei dieser Gelegenheit
auch auf.
Christiane setzt ihren Brief fort:
»Solch' einen Abend habe ich nie gehabt, mein guter Oehlenschläger; so
ist mir noch nie zu Muthe gewesen! Rosing bat uns, Nachsicht mit ihm
zu haben, da ihm Deine Handschrift ganz fremd sei. Er wurde zwischen
Carl und mich placirt, damit wir ihm im Nothfalle helfen konnten, was
doch selten nöthig war. Er las uns den Hakon Jarl meisterhaft, mit
unglaublichem Enthusiasmus vor; jedes Wort that seine Wirkung; und ich
mußte ihn küssen und umarmen, da ich Dich nicht hatte. Als ich allein
war, äußerten sich meine Freude und mein Erstaunen in Thränen!«
[Sidenote: Brief von Frau Rahbek.]
Ich bekam auch einen Brief von Frau Rahbek, in dem sie schrieb:
Ehe ich weiter gehe, muß ich Ihnen doch sagen, wie sehr die schönen
Verse, in denen Sie der Heimath gedenken, mich gerührt haben. Wie freut
es mich, daß ich Sie gekannt habe, als -- um Polekums (meines Vaters)
Worte zu gebrauchen -- »Ihre Geisteskraft sich noch nicht losgerissen
hatte, sondern noch durch Ihr Alter und mehr dergleichen gefesselt
war.« Es hat mich dies unendlich bei jedem Riesenschritte erfreut, den
ich Sie auf Ihrer Bahn machen sah, und wenn es mir noch eine Zeitlang
vergönnt ist, zu leben, um mich über Sie zu freuen, über Alles was Sie
sind und noch ferner werden, so wird mir dies gewiß Grund zu vieler
Freude geben. Es ist unbestreitbar viel interessanter, etwas Großes
und Bedeutendes =entstehen= zu sehen, als es zu sehen, wenn es bereits
ist. Sie werden mich nicht mißverstehen, guter Oehlenschläger, und
mich etwa für eine Schmeichlerin halten; ich sage, was mir einfällt,
ohne meine Worte abzuwägen, und ich weiß, Sie rechnen es mir nicht so
genau an, wenn ich zuweilen etwas Dummes sage. Ich habe Hufe beredet,
Ihnen zu schreiben, da ich überzeugt bin, daß sein Besuch bei Rosings
Sie amüsiren wird. Ich hatte wirklich nicht geglaubt, daß Rosing
das Stück so gut vorlesen würde, wie er es that; ich halte es viel
leichter, eine Rolle, die man auswendig gelernt hat, auf der Bühne
zu spielen, als im Zimmer Etwas vorzulesen, das man gar nicht kennt.
Aber Alles, was dies betrifft überlasse ich Hufe und Christiane, und
will nur hinzufügen, daß Polekum froher und stolzer war, als er hätte
sein können, wenn er selbst der Verfasser gewesen wäre, was Rahbek
sehr geistreich so erklärt hat, daß er sich als der =Verfasser des
Verfassers= fühlte. Für den Fall, daß Hufe es vergessen sollte, will ich
Ihnen doch sagen, daß Polekum's Rührung über Ihren Hakon Jarl gestern
damit endigte, daß er wollte, Sie sollten, sobald Sie nach Hause kämen,
gleich wieder als Legationssecretair fortgehen. _A propos_, wenn Sie
mich ein andermal bitten, Ihnen Etwas sorgfältig aufzubewahren, so
vergessen Sie doch nicht den kleinen Umstand, mir Das zu schicken, was
ich Ihnen aufbewahren soll. -- Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß
Sie so gut zeichnen könnten, wie es der Fall ist. Ich habe E*** niemals
gesehen, aber Alle sagen, daß das Portrait vortrefflich ähnlich sei
und jedenfalls ist es gut gezeichnet, wenn es auch nicht im Geringsten
ähnlich wäre. Ihr Vater hätte zu Ihnen hinreisen, und sich malen lassen
sollen, Sie würden es gewiß besser gemacht haben, als der Kerl, der ihn
vor Kurzem so schmählich zugerichtet hat. Können Sie auch begreifen, wie
es Polekum einfallen konnte, sich von H*** einen Miniaturmaler empfehlen
zu lassen. Jetzt ist er das schlechte Machwerk losgeworden und hat sein
Geld wiederbekommen. Polekum war im Anfange unschuldig genug, das Bild
für gute Waare zu nehmen, und wenn Hufe und ich ihm versicherten, daß es
nicht im Geringsten gleiche, sagte er vom Maler: »Er sagt doch, daß es
ähnlich sei!«
[Sidenote: Kritik über Hakon Jarl.]
Obgleich nun Hakon Jarl viel Glück machte, so fehlte ihm doch
ebensowenig, wie jedem meiner andern Werke, eine tadelnde Kritik. Einer
meiner Freunde, ein tüchtiger Kopf, der viel Geistesbildung besaß, und
mir sehr ergeben war, schrieb mir unter Anderem Folgendes:
»Eine Scene, von der ich bemerken konnte, daß sie großes Interesse für
die Andern habe: Olaf's Zusammentreffen mit Hakon in der Bauernhütte,
hatte es nicht für mich; sie macht Hakon so klein und er ist doch
wirklich so groß. Er ist ebenso tapfer wie Olaf und gottesfürchtiger.«
-- In einem spätern Briefe als Antwort auf einen, welchen ich gesandt
hatte, fährt derselbe Correspondent fort: »Du hast Recht, Hakon ist
auch groß; aber so groß, daß ich Lust haben könnte, Olaf, der über den
unglücklichen Hakon triumphiren will, mit all' seiner Moral zur Thüre
hinauszuwerfen u. s. w.« In einer folgenden Antwort hatte ich meinen
Freund wahrscheinlich darauf aufmerksam gemacht, wie natürlich es sei,
wenn Olaf darüber zürne, daß Hakon ihm vor Kurzem meuchelmörderisch
tödten lassen wollte, und daß es doch edel von ihm sei, sich in diesem
Augenblicke nicht seiner Jugendkraft dem alten Hakon gegenüber zu
bedienen, sondern seinen Vortheil aufzugeben und ihm wieder auf offenem
Felde zu begegnen. -- Ein anderer meiner Jugendfreunde, auch ein
vortrefflicher Kopf und ein gebildeter Mann, der später etwas philiströs
und böse auf mich geworden war, weil die neue romantische Schule
mich begeistert hatte, hatte auch, wie verschiedene Andere später,
Freia's Altar schlecht gefunden (ich rechne es noch zu meinen besten
Stücken); von Aladdin und Vaulundur hatte er Nichts gesprochen, aber
über den Hakon Jarl sagte er: »Ich nahm es mit der festen Ueberzeugung
in die Hand, daß ich nicht eine Seite lesen würde, ohne auf eine von
Oehlenschlägers gewöhnlichen Lapsereien zu stoßen; aber ich gestehe, daß
ich's bis zu Ende las, ohne eine einzige zu treffen!« -- Ein großes Lob
für Hakon Jarl. Später wurde dieser Mann wieder mein wahrer Freund, ich
liebte ihn, denn er war ein vortrefflicher Mensch. Aber -- so sind die
Menschen, selbst die besten! auf diese Weise werden die Werke der Kunst
immer beurtheilt; die wahre kräftige Stimme dringt aber selbst durch.
Wehe dem wahren Künstler, der nicht Festigkeit genug hat, sich nicht
erschüttern, sich von Dem nicht ablenken zu lassen, was seine Muse ihm
in den besten Augenblicken lehrt; ohne dieses Selbstvertrauen, daß auch
von Vielen für einen großen Fehler angesehen wird, wäre er verloren.
Auch Göthe hat dies gefühlt, wo er sagt:
»Solcher Fehler, die Du, o Muse, so emsig gepflogen,
Zeihet der Pöbel mich, Pöbel nur steht er in mir.
Ja sogar der Bessere selbst, gutmüthig und bieder,
Will mich anders, doch Du, Muse befiehlst mir allein.«
[Sidenote: Brief von Sophie Oehlenschläger.]
Einen Tag bevor Hakon Jarl bei A. S. Oersted vorgelesen wurde, schrieb
meine Schwester mir, der ich freundliche Vorwürfe gemacht hatte, weil
sie mir noch die Antwort auf einen Brief schuldig war, Folgendes:
Kopenhagen, den 8. März 1806.
»Gott segne Dich, lieber Adam, daß Du so gut gegen mich bist. Ja
Du hast Recht, Du sammelst glühende Kohlen auf mein Haupt; aber Du
hast Unrecht, wenn Du sagst, daß ich Dir aus Gleichgültigkeit nicht
geschrieben hätte; nun sollte ich Dir eigentlich beweisen, daß es nicht
Gleichgültigkeit gewesen ist; aber das thue ich nicht. Du hast das doch
wohl nie von mir geglaubt, nicht wahr? O nein, Du glaubtest nur, es
zu glauben. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft ich Dir schreiben
wollte, wie oft ich angefangen habe, aber dann immer meinte, es sei
doch zu elend, was ich geschrieben hatte, so daß ich stets hoffte, daß
mir etwas Neues, um nicht zu sagen Amüsantes begegnen würde; aber es
blieb doch immer beim Alten. Wir haben, seitdem Du fort gereist bist,
so so gelebt, Anders ist nie recht gesund, er arbeitet und leidet mit
der ihm eignen milden Geduld. Gott im Himmel gebe ihm bessere Tage, er
verdient sie gewiß. Ich war in der letzten Zeit ziemlich wohl und soll
wie in meinen gesunden Tagen aussehen. Ich habe angefangen Clavier zu
spielen. Es geht langsam, aber ich verliere den Muth nicht; denn meine
Lust dazu ist zu groß; ich bedarf der Musik so sehr, sie thut mir so
wohl. Mein guter Oersted wußte auch meine Lust zu erhöhen, er hat mir
ein herrliches Pianoforte geschenkt. Etatsrath Heger war so gut es zu
kaufen, und wenn ich Dir sage, daß er es ausgezeichnet gut findet, so
kannst Du es gewiß glauben. Du hast keinen Begriff davon wie gut Heger
gegen mich ist; er interessirt sich so sehr für mein Spiel, bringt mir
seine Musik, schreibt Choräle für mich aus, stimmt mein Instrument und
erzählt mit viel Nützliches, kurz wir sind die besten Freunde und ich
habe den alten Mann recht lieb. Wenn er spielt, singe ich zuweilen
mit; seitdem Du fortreistest, habe ich nicht viel gesungen; es war so
wunderlich mit mir, ich fing so oft an, hörte aber stets mitten im
Stücke auf, ohne es selbst zu bemerken; aber nun geht's besser, doch
recht gut wird es nicht gehen, ehe Du wieder nach Hause kommst, und
ich wieder singen kann: »Kennst Du das Land«, und Du sagen kannst: »Ja
Sophie, ich kenne es«, und dann von dem schönen Lande erzählst. Wenn
Gott mich so lange leben läßt, werde ich recht viele Freude haben. Ich
habe im Winter meine Zeit auf eine herrliche Weise ausgefüllt; wir lesen
Winkelmann's Geschichte der Kunst. Christian und Gierlew haben Beide
gesucht, mir all' den Kunstgenuß zu verschaffen, den man hier haben
kann. Ich habe die Sammlungen gesehen, die hier zu sehen sind. Das ist
nun nichts gegen Das, was Du siehst; aber ich danke Gott dafür ebenso
wie die Finnen für ihre Tannenbäume, wenn die Sonne sie bescheint; ist
es doch ein freundliches Grün, das das suchende Auge stärkt und das
sehnende Herz mit Hoffnung tröstet. Gierlew brachte mir einen Gruß von
Dir. Du kannst nicht glauben, wie es mich freute, mit einem Menschen
zu sprechen, der Dich gesehen und mit Dir gesprochen hatte; ich hatte
ihn so viel zu fragen, ich hätte beinahe gefragt was für einen Rock Du
anhattest, als er Dich sahe.«
»Mein kleiner lieber Schwager lehrt mich im Winter Astronomie. Es
geht ihm gut; es ist ein Trost, den Menschen zu sehen, er ist mit der
Gegenwart zufrieden, freut sich auf die Zukunft, ist stets in Activität
und die schönste Harmonie, die man sich wünschen kann, herrscht in
seiner Seele. Oft, wenn ich traurig war, hat es mich gestärkt, ihn
anzuschauen; noch häufiger, wenn ich betrübt war, wußte er mir Kraft und
Hoffnung einzuflößen.«
»Engelke, des seligen Möller's Wittwe wäre vor Kurzem beinahe selig
geworden, nun erholt sich die Frau aber von Tag zu Tag. Sie hat immer
sehr eifrig nach Dir gefragt; als ich ihr vor Kurzem erzählte, daß wir
seit langer Zeit Nichts von Dir gehört hätten, sagte sie: Oellensläger
ist meiner Seele ein rechtschaffener Mensch; daß er nicht schreibt, kann
man ihm nicht anrechnen; er hat jetzt nur so viel damit zu thun, all'
Das aufzuschreiben, was er sieht, um es später zu gebrauchen. Ja er ist
wahrhaftig ein fleißiger Mensch, das weiß ich; als er in meinem Hause
war, schrieb er oft halbe Nächte. Ja, ich kenne ihn, er hat fünf Jahre
hindurch in meinem Hause gegessen und getrunken (die gehörigen Knixe und
Complimente kannst Du Dir selbst hinzudenken).«
»Mir ist doch, als ob ich Dir etwas Neues von den Leuten erzählen
sollte. Nun habe ich Etwas. Siehst Du, man sprach im Winter davon, daß
Don Juan hier gegeben werden solle; aber es wurde aus einem prächtigen
Grunde Nichts daraus. Kierulf fand, daß es dem Publikum schaden, und den
Glauben an Gespenster befördern könne, wenn sich ein Geist sehen ließe,
ihn aber ganz zu beseitigen, ginge auch nicht, meinte er; er schlug
deßhalb vor es so einzurichten, daß einer von Don Juan's Freunden,
um ihn zu erschrecken, den Geist spielen solle, doch so, daß es dem
Publikum ein Geheimniß wäre. Kuntzen sagte zu der Veränderung geradezu
nein; das Stück wurde aber auch nicht gegeben; denn Kierulf blieb bei
seiner Behauptung, daß Alles, worin Geist sei, dem Publikum schade.«
* * * * *
[Sidenote: Abschied von Halle.]
Noch hatte ich mein Reisestipendium nicht bekommen; der Winter war vor
der Thür und Frau Steffens erwartete ihre Niederkunft. Endlich kam das
Geld. Die letzten vierzehn Tage in Halle wohnte ich im Gasthof zum
Kronprinzen. Dort blieb ich so lange, bis die kleine Clara geboren war.
Den letzten Abend waren Steffens und Schleiermacher bei mir. Steffens
las meinen dänischen Hakon Jarl vor und Schleiermacher verstand fast
jedes Wort davon. Es verursachte mir Schmerz, mich von diesen lieben
Freunden zu trennen; doch hatte ich Hoffnung, Steffens bald in Berlin
wiederzusehen. Schleiermacher schrieb zum Abschied die hübschen Zeilen
von Novalis in mein Stammbuch:
Was paßt, das muß sich ründen,
Was sich versteht, sich finden,
Was gut ist, sich verbinden,
Was liebt, zusammen sein;
Was krumm ist, muß sich gleichen,
Was hindert, muß entweichen,
Was fern ist, sich erreichen,
Was keimt, das muß gedeihn.
* * * * *
[Sidenote: Berlin. Der dänische Minister.]
Als ich nach Berlin gekommen war, ging ich am ersten Abend in die
Redoute, wo ich zum ersten und letzten Male die holde Königin Louise
-- merkwürdig genug -- als Psyche, mit Schmetterlingsflügeln an den
Schultern, sah. War es eine Vorahnung, daß die edle Seele bald dem
Irdischen enteilen würde?
Reichardt war vorher mit Arnim nach Berlin gekommen. Er schlug mir vor,
ein Zimmer neben dem seinigen in der Leipziger Straße zu miethen, und
erwies mir viel Artigkeit; denn drei Wochen lang war ich fast immer mit
ihm zu Mittag und Abend in großen Gesellschaften. Wie er es gemacht hat,
weiß ich nicht. Ich hatte nichts Anderes zu thun, als mich anzukleiden
und ihm zu folgen; ich kannte die Leute nicht zu denen ich kam und
wußte selten ihre rechten Namen; als ein junger, verlegener Mann sprach
ich auch nur wenig mit ihnen. Reichardt präsentirte mich als einen
=dänischen Dichter=; und so kam ich =an= den Tisch wie die Kartoffeln,
als sie zum ersten oder zweiten Male nach Europa kamen, =auf= den Tisch:
als eine Naturseltenheit! Denn mit Ausnahme von Baggesen hatten die
brillanten deutschen Gesellschaften damals noch keinen dänischen Dichter
gesehen; später hat die Race sich bedeutend vermehrt.
Ich war bereits vierzehn Tage in Berlin gewesen, als Reichardt mich
eines Morgens fragte: »Sind Sie bei Ihrem Minister gewesen?« -- »»Mein
Minister?«« -- »Nun ja, den dänischen Minister meine ich.« -- »»Nein,
ich kenne ihn nicht, habe auch keinen Brief an ihn. Soll ich zu ihm
gehen?«« -- »Ja das versteht sich. Sie sehen ihn heut Abend beim
Minister Schröter und müssen ihm nothwendig vorher Ihre Aufwartung
gemacht haben.« -- »»Nun, dann werde ich sie machen.«« -- Ich ging hin,
Graf Baudissin kam mir in seinem Zimmer mit den Worten entgegen: »Womit
kann ich Ihnen dienen?« -- Ich antwortete: »»Damit, daß Ew. Excellenz
mir erlauben, Ihnen als reisender Däne meine Aufwartung zu machen!««
-- Unser Gespräch war bald beendigt, und ich sprach mit ihm erst vier
Jahre später, als ich nach meiner Rückkehr eines Abends beim Grafen
Schimmelmann Correggio vorlas.
So sehr ich nun auch Reichardt verpflichtet war, daß er mich mit der
großen berlinischen Welt bekannt machte, so amüsirte es mich meiner
Natur nach doch nicht lange, eine Art geistigen Pumpernickels oder
nordischen Schwarzbrotes in ihren Theezirkeln zu sein. Ich pflegte
hauptsächlich die Bekanntschaften, wo ich eine Heimath wiederfand,
die mir stets unentbehrlich war. In den Häusern von Reichardt's
Schwiegersöhnen, den Geheimräthen Alberti und Pistor, bei Herrn von
Schock, mit Pistor's Schwester verheirathet, bei Buchhändler Reimer und
Professor Spalding war ich bald wie zu Hause. Diese braven Leute gingen
mit mir, wie mit einem Bruder um und erwiesen mir eine Güte, die ich nie
vergessen werde. Ich brachte fast jeden Abend bei einem von ihnen zu,
und las ihnen oft Holberg's Komödien in der alten deutschen Uebersetzung
zu ihrer Zufriedenheit vor, was eine große Ehre für mich war, da sie
gewohnt waren, Tieck den Holberg bei ihnen vorlesen zu hören, der, wie
bekannt, ein sehr großes Talent dazu hatte. Nun fand man, daß auch ich
es recht gut machen könne, wenn gleich auf eine andere Art. Ich besuchte
die geistreiche Hofräthin Herz; bei ihr nun in mehreren Gesellschaften
las ich meinen Aladdin aus dem dänischen Buche Deutsch vor, freilich
mit vielen Sprachfehlern, aber doch rasch und fließend. Ich ging mit
dem verständigen, treuen Alberti spazieren, bewunderte die mechanischen
Fertigkeiten des lebhaften Pistor; mit ihren Frauen sprach ich von
Giebichenstein und Kopenhagen; und ein hübsches, kleines Kind war auch
da, mit dem ich spielen konnte.
* * * * *
[Sidenote: Die Hofräthin Herz. Fichte.]
Ich besuchte =Fichte=. Er war erst etwas abstoßend gegen mich, aber
wir wurden bald gute Freunde. Ich mußte mich an seinen docirenden Ton
gewöhnen; er pflegte vorauszusetzen, daß man ihn nicht verstand und
nicht begriff. Aber als er merkte, daß ich auf meine Weise menschlich
denken könne, wurde er mir gewogen und sagte: »Oehlenschläger ist
ein wackerer Mann! Er muß meine Wissenschaftslehre studiren.«
Dies schmeichelte mir; denn ich wußte, daß es das größte Lob war,
welches er einem Menschen gab, wenn er ihn befähigt glaubte, seine
Wissenschaftslehre zu verstehen. Bei unsern ersten Gesprächen kamen wir
etwas in Reibung; Pastor =Metger= berief mich zu ihm. Wir sprachen von
Iffland; Rabbek hatte mir einen Brief an Iffland mitgegeben, und, obwohl
dieser eigentlich nichts weiter mit mir, als einem Anhänger der neuen
Schule zu thun haben wollte, so gab er mir doch ein Freibillet fürs
Theater. Dies war mir sehr lieb und verschaffte mit die Gelegenheit, oft
sein großes Talent, besonders für das Komische zu bewundern; denn für
das Tragische hatte die Natur ihm eigentlich keine Anlage gegeben; Alles
war nur Studium und Routine, und deßhalb war er auch, meiner Ansicht
nach, in ernsten, hohen Rollen affectirt und kalt. Dagegen besaß er in
hohem Grade einfache Natürlichkeit und eine schalkhafte Ironie bei der
Darstellung des Lächerlichen und Bizarren; in solchen Rollen war er
unbezahlbar.
[Sidenote: Fichte über Iffland.]
Also -- ich spreche von Iffland und lobe seine Kunst. »Ja,« antwortete
Fichte mit starker, verächtlicher Betonung, »er versteht die
Erbärmlichkeit gar wohl darzustellen.« Ich fühlte mich durch diese Worte
und ganz besonders durch den Ton in dem sie gesagt wurden, gekränkt. Wer
die Erbärmlichkeit bewundert ist selbst erbärmlich. Ich wagte ihm zu
widersprechen und sagte: »Ich glaube, Iffland stellt nicht allein das
Erbärmliche gut dar, sondern Alles, was komisch ist.« -- »»Was stellen
Sie mir da auf?«« rief Fichte hitzig; und nun fing er an, weitläufig
Etwas zu demonstriren, dessen Inhalt sein sollte, daß alles Komische
erbärmlich oder jämmerlich sei. Ich fühlte, daß in seiner Beweisführung
etwas Schiefes sei, konnte es aber nicht gleich herausfinden; ich
wollte mich nicht in einen philosophischen Streit mit ihm einlassen, in
dem ich gewiß zu kurz gekommen wäre, besonders wenn ich =seine= Worte
und Ausdrücke gebrauchen sollte; und ich sagte: »Verzeihen Sie Herr
Professor! im täglichen Gespräche wägt man seine Worte nicht so genau
ab.« -- »»O mein Herr,«« rief er heftig, »»vor unnöthigem Geschwätz
habe ich allen möglichen Respect! Ich überlasse Sie dem Herrn Pastor
Metger!«« -- Ich antwortete stolz: »Wenn zwei vernünftige Männer, wie
Sie und ich, Herr Professor, mit einander reden, so schwatzen sie
nicht, weil der Eine sich nicht der Redeweise des Andern bedient. Wie
in aller Welt,« fuhr ich milder und betrübt fort, weil ich nicht gern
in Feindschaft von diesem ausgezeichneten Manne scheiden wollte --
»können Sie verlangen, daß ich, ein junger Dichter, reden soll, wie Sie,
ein alter Philosoph?« -- »»Darin hat er Recht!«« rief er gutmüthig und
versöhnt zum Prediger, indem er mir die Hand reichte. -- Von der Zeit an
waren wir Freunde.
[Sidenote: Umgang mit Fichte.]
Fichte kam mir bei dieser Gelegenheit, wie ein gewisser alter
General vor, der seine jungen Officiere bei erster Bekanntschaft
stets beleidigte, nur um zu prüfen, ob sie Muth genug hätten, ihn
herauszufordern. Er verehrte mir ein Entreebillet zu seinen »Anweisungen
zum ewigen Leben«. Ich hörte ihn, kann aber nicht gerade sagen, daß es
einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht hätte. Er suchte mit vieler
Umständlichkeit den Begriff von =Sein= und =Dasein= populär zu machen.
Sein Gesicht war stolz und verdrießlich, gleichsam aus Mißvergnügen
darüber, daß seine Rede nicht genug bewundert wurde. Eines Abends beim
Geheimrath Hufeland sprach ich die ganze Zeit über mit Fichte. Ich bat
ihn stets, zu bedenken, daß ich Dichter und nicht Philosoph sei, daß
ich aber, da ich glaubte, der Dichter müsse von Allem Etwas kennen, auf
der Landkarte der Philosophie doch nicht ganz unwissend in Betreff der
Gegenden und Städte sei, die zunächst an das Reich der Poesie grenzten.
Von Steffens sprach ich gar nicht, da ich wußte, daß sie sich nicht
leiden konnten. Wir sprachen von Voß und Jean Paul. Um ihm klar zu
machen, was ich von ihnen hielte, bediente ich mich einiger mir eigenen
Ausdrücke. »Es ist vortrefflich, was Sie da sagen,« rief er aus, »es ist
besser, als was Voß und Jean Paul je in ihrem Leben gesagt haben!« --
»»Ach Herr Professor,«« antwortete ich, »»ich bitte!«« -- »Oh« fuhr er
mit der ihm eigenen Süffisance fort, »ich werde es Ihnen auch eben so
gerade heraus sagen, wenn Etwas kommt, was nicht gut ist.«
Ich las ihm einige Abende darauf meinen dänischen Hakon Jarl Deutsch
vor, und er war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Im fünften Act, wo Olaf
zu Hakon sagt:
»Mit seinem Blut muß er die Sünde büßen!
-- So lang der Heide lebt,
Kann nicht des Christenthumes Rose blühen;«
wurde Fichte aufgebracht und rief in seiner gewöhnlichen verdrießlichen
Art: »Was Teufel, geht ihn das an?« -- Ich schwieg und las weiter. Als
ich fertig war und er das Stück sehr lobte, sagte ich: »Herr Professor,
Sie wurden bei einer Stelle böse, wo Olaf über den Hakon spricht; finden
Sie da vielleicht einen Fehler?« »»Nein,«« entgegnete er ruhig, »»das
galt nicht Ihnen. Als Dichter hatten Sie es ganz recht gemacht; aber der
Kerl der Olaf hatte doch Unrecht!««
[Sidenote: Fichte als Philosoph und Mensch.]
Und doch wollte sein Freund Pastor Metger nicht zugestehen, daß er naiv
sei, als wir später über Naivetät sprachen und Fichte behauptete, er sei
im Besitze dieser Eigenschaft. »Nein, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, Herr
Professor,« sagte der milde, bescheidene, aber auch wahrheitsliebende
characterfeste Mann, »naiv sind Sie nicht!« -- »»Was,«« rief Fichte,
»»ich wäre nicht naiv? Was sagen Sie dazu, Oehlenschläger?«« -- Ich
antwortete: »Wenn Naivetät darin besteht, eine gewisse kindliche Natur
ohne Reflexion, ohne Rücksicht auf Convenienz zu zeigen, so kann man
Ihnen gewiß nicht die Naivetät absprechen. Ich meine, jedes Genie,
selbst ein philosophisches muß etwas Kindliches, Unbewußtes haben, sonst
würde ihm ja die Grazie fehlen.« -- Hiergegen hatte der große Philosoph
Nichts einzuwenden.
Zu gleicher Zeit, wo ich seine Vorlesungen über die Anweisung zum
ewigen Leben hörte, las ich auch einige seiner populären Schriften.
In Allem bewunderte ich den tiefen Denker, den Helden für Wahrheit
und Tugend, den begeisterten Redner, den kräftigen Menschen. Fichte
hatte meiner Ansicht nach nur einen Fehler: er glaubte, daß seine
Denkungsweise die einzigwahre, die absolute sei. Aber es wäre gewiß
schlimm um das menschliche Denken bestellt, wenn die Wahrheit
sich nur auf eine Weise erkennen ließe. Was hätten denn zukünftige
Geschlechter und deren große Männer anders zu thun, als das bereits
Gesagte und Gedachte zu wiederholen? Es giebt nur Eine ewige Wahrheit,
wie Eine ewige Schönheit; aber die Gesichtspunkte für das Wahre können
ebenso verschieden sein, wie für das Schöne und eine ebenso große
Mannigfaltigkeit gestatten. Wir stehen als Lehrlinge um das ewige Ideal
der Wahrheit und Schönheit; Jeder macht von seinem Standpunkte aus seine
Basreliefs; jedes wird anders -- oft fehlerhaft -- und doch können sie
alle wahr und schön sein.
Fichte war ein tugendhafter, ehrlicher, kräftiger, guter Mann, aber
auch stolz auf seine Vorzüge. Selbst in der Poesie hatte er Versuche
gemacht und gezeigt, daß er Talent und Stärke in dem lyrischen Ausdrucke
besaß. Wir sprachen von einigen lateinischen Hymnen, die A. W. Schlegel
übersetzt hat. »Ich habe sie auch übersetzt,« sagte Fichte, »aber ich
will sie nicht drucken lassen; A. W. Schlegel ist mein guter Freund.« --
Zu einem andern guten Freunde hörte ich ihn sagen, als dieser meinte,
daß es kein Verdienst für ihn sei, so geisteskräftig zu sein, da er
auch körperlich stark wäre: »Meint Ihr, ich würde diese Waden und diese
Schultern haben, wenn ich mir nicht jene Maximen angeschnallt hätte?«
[Sidenote: Fichte's Aufenthalt in Kopenhagen.]
Wie sehr freute es mich, als ich einige Zeit darauf hörte, daß Fichte
in Kopenhagen gewesen sei, und daß der edle A. S. Oersted, der ihn
als Jüngling so fleißig studirt hatte, ihn als Mann persönlich kennen
lernte. Meine Schwester schrieb mir mit vieler Freude, daß sie mit
Fichte im Südfelde spazieren gegangen sei, daß er einen Tannenzweig bei
dem norwegischen Hause abgebrochen und ihr gegeben habe »damit sie davon
ihrem Bruder einen Kranz flechten solle.«
Fichte schlief eine Nacht auf dem Friedrichsberger Schloß bei
meinem Vater, und hier zeigte sich wieder ein Zug seiner Naivetät,
indem er sich einen ganzen Abend mit dem Alten, der einen gesunden
Menschenverstand hatte, aber nichts weniger als Philosoph war, über die
verschiedenen philosophischen Ansichten und seine Streitigkeiten mit
Schelling einließ. Er lieh auch meinem Vater eins seiner Bücher zum
Durchlesen. Mit diesem Buche saß er gerade in der Hand, als Frau Rahbek
ihn Tags darauf besuchte. »Was für ein Buch liest Du da?« fragte sie ihn
in ihrem gewöhnlichen scherzenden Ton; und er antwortete in demselben
Ton, aber mit einem gewissen Stolz: »»Laß liegen Kind! es ist Fichte. Er
war gestern Abend bei mir; wir sprachen bis in die späte Nacht zusammen;
Du kannst glauben, da ging's auf die Systeme los!««
* * * * *
[Sidenote: Erste Ereignisse in Berlin.]
Aber ich kehre wieder nach Berlin zurück. Reichardt reiste im März
nach Giebichenstein, und ich wohnte allein. Mein Wirth war ein alter
Friseur, der mir gleich bei meiner Ankunft einen schlechten Streich
gespielt hatte. Meine Haare mußten nämlich geschnitten werden, da sie
seit einem halben Jahre keine Scheere berührt hatte; ich fragte ihn, ob
er das Haar nach Berliner Mode schneiden könne? -- »Das versteht sich,«
sagte er, »lassen Sie mich nur machen.« Nun fing er an zu schneiden;
aber da er ein alter Perückenmacher war, der nur mit todten Haaren
zu thun gehabt hatte, so verstand er sich gar nicht darauf, mit den
lebendigen umzugehen. Er machte einen Fehler nach dem andern, die er
alle damit gut machen wollte, daß er noch mehr wegnahm; und so schor
er mich ganz entsetzlich, so daß ich zuletzt nur einen kleinen Schopf
auf der Stirn hatte. Mit dieser Coiffüre mußte ich alle meine Besuche
mit Reichardt in der großen Welt, als dänischer Dichter machen. Die
Leute glaubten vielleicht, daß das Mode in Kopenhagen sei und das
verdroß mein patriotisches Gefühl. Indessen versöhnte ich mich doch
bald mit dem armen Perückenmacher. Sein Sohn, der ein wirklich guter
Friseur und Reichardts Diener war, wurde kurze Zeit nach Reichardt's
Abreise krank und starb. Eines Abends, als ich spät nach Zwölf nach
hause kam, sagte der Vater, indem er mir die Treppe hinaufleuchtete:
»Sie haben wohl Nichts dagegen, daß ich nur für heute Nacht die Leiche
meines Sohnes in das Zimmer des Herrn Kapellmeisters gestellt habe?« --
»»O nein,«« antwortete ich langsam. Er setzte das Licht auf den Tisch
und ging. Reichardt's Zimmer grenzte dicht an das meinige. Ich fing
an, mich auszukleiden und wollte so thun, als wenn Nichts geschehen
wäre. Seit langer Zeit hatte ich, in dem bunten Treiben bei den vielen
Gesellschaften, keine melancholischen Gedanken gehabt. Nun sollte ich
Thür an Thür mit einer Leiche schlafen; das hatte ich nie gethan; nach
dieser Nachbarschaft sehnte ich mich durchaus nicht.
[Sidenote: Eine unruhige Nacht.]
Die alten halbvergessenen Gespenstergeschichten erwachten wieder in
meiner Erinnerung; und obgleich Hoffmann noch Nichts der Art gedichtet
hatte, so begannen die berliner Theezirkel doch in meinem Gehirne sich
mit dem Uebernatürlichen und Grausigen zu vermischen. Endlich konnte
ich es nicht länger aushalten, kleidete mich wieder an, nahm meinen
Hut, ging zu dem Vater des Verstorbenen hinunter und sagte: »Obgleich
ich nicht abergläubisch sei, müsse ich mich doch davor hüten, meine
Phantasie zu sehr aufzuregen, es sei mir zuwider bei einer Leiche zu
schlafen, daher wolle ich in den goldenen Adler gehen und da bis morgen
bleiben.« Als ich aber dahin kam, war es zu spät und ich konnte kein
Zimmer mehr bekommen. Ich versuchte es noch an ein paar andern Orten,
immer später und vergebens. -- Die Märznacht war sehr kalt. Ich lief
die Straßen auf und ab, bis ich vor Müdigkeit und Schläfrigkeit nicht
länger konnte. Es blieb mir nun nichts Anderes übrig, als wieder nach
dem Leichenhause zurückzukehren. Ich that es, klingelte und der Alte,
der nicht zu Bett gegangen war, leuchtete mir unverdrossen wieder die
Treppe hinauf. Nun war das Gaukelspiel der Phantasie vorüber, wie auf
einer Bühne, wenn die Lichter gelöscht worden sind. Ich sah nur den
alten niedergeschlagenen Vater und ärgerte mich über meine vorherige
egoistische Schwärmerei, die ein leerer Traum im Vergleich zu der
wirklichen Trauer des alten Mannes war. Ich legte mich rasch zu Bett und
schlief gleich ein.
* * * * *
[Sidenote: Bekanntschaft mit Himmel.]
Einige Tage darauf traf ich an der _table d'hôte_ den Kapellmeister
=Himmel=. Wir saßen zufälliger Weise neben einander. Er ließ sich in
ein Gespräch mit mir ein und an einigen Aeußerungen merkte ich, daß er
mich kenne. »Habe ich die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein?« fragte ich.
»»Ja,«« entgegnete er, »»ich weiß, daß Sie ein guter, junger dänischer
Dichter sind; und ich würde bereits früher ihre Bekanntschaft gemacht
haben, wenn Sie nicht stets in der Gesellschaft eines Mannes gewesen
wären, den ich für den Tod nicht leiden kann.«« -- »Nun,« antwortete
ich, »da ich mit ihm umgehe, so zeigt das, daß ich ihn gut leiden kann.«
»»Nun, so wollen wir nicht mehr von ihm sprechen,«« sagte Himmel, indem
er mein Glas füllte! -- Er war sehr aufgeräumt und gesprächig, erzählte
mir von seinen Reisen, und als wir gegessen hatten, fragte er, ob ich
ihn nicht nach Hause begleiten wolle, er wohne gerade in der Nähe.
-- Da ich nun wußte, daß er kurz vorher eine Oper »=Die Sylphiden=«
componirt hatte, von der ich gern etwas hören wollte, so ließ ich mich
nicht zwei Mal bitten. Er wohnte sehr hübsch und in seinem Zimmer
waren elegante Möbel; aber Alles lag in größter Unordnung drüber und
drunter. Die mediceische Venus stand mitten in der Stube. Rund umher
lagen Guitarren, Bücher, Pomadenbüchsen, Eaudecologneflaschen, Stiefel
u. s. w. Kaum traten wir ins Zimmer, so rief er: »Peter, Champagner!«
-- Mit unglaublicher Schnelligkeit kam der Diener mit Wein und Gläsern
auf einem Präsentirteller und öffnete die Flaschen, so daß der
Champagnerschaum der Venus gerade ins Gesicht sprützte. »Herr Gott, Herr
Kapellmeister, wie können wir jetzt trinken,« fragte ich, »wir kommen
ja eben vom Tisch?« -- »»Champagner kann man immer trinken, das ist ein
unschuldiger Saft; thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie
noch ein Glas mit mir!«« -- »Wohlan!« entgegnete ich, »aber dann müssen
Sie mir auch einen Gefallen thun und mir etwas aus Ihren Sylphiden
vorspielen.« »»Sehr gern!«« »»aber erst muß ich etwas still sitzen und
wieder in Ordnung kommen; jetzt kann ich unmöglich spielen. Wollen Sie
einmal sehen!«« -- Er ging ans Pianoforte und seine außerordentliche
Dicke verhinderte ihn wirklich daran die Tasten zu berühren; denn
sein Leib ragte fast weiter hervor, als seine Arme reichen konnten.
»»Das giebt sich Alles,«« sagte er, »»wenn wir nur einen Augenblick
Geduld haben.«« Und kaum war eine Viertelstunde verlaufen, so hatte er
wirklich so viel Raum gewonnen, daß er das Klavier mit den Fingerspitzen
erreichen konnte. Welche Fertigkeit! welcher Vortrag! welche Grazie!
So wie der Elephant seine ganze Geschmeidigkeit im Rüssel hat, so
hatte Himmel sie in seinen Fingerspitzen. Alles, was er spielte, war
schön, melodienreich und originell. Ich hatte bereits früher seine
=Fanchon= gehört, in der sein Character sich treu abgespiegelt: keine
Tiefe, kein wahrer Ernst; aber schöne Sinnlichkeit, anmuthige Liebe,
und behagliches, munteres Wohlleben. Er konnte es doch nicht lassen,
auf Reichardt zu sticheln, den er den Herrn »Salzdirector« nannte,
weil Reichardt die Aufsicht über die halle'schen Salinen hatte. Himmel
meinte (mit Unrecht) daß er hiezu mehr Genie, als zur Musik habe; denn
war Reichardt auch kein eigentlich dramatischer Componist mit kühner
Einbildungskraft und Feuer, so hat er doch in andern Compositionen,
besonders in den herrlichen Melodieen zu Göthe's Gedichten ein schönes
Gefühl, einen feinen Geschmack und Sinn für Poesie gezeigt. Himmel's
Bildung schien nur musikalisch zu sein; doch hatten die Welt und sein
munteres sanguinisches Temperament ihm eine Politur als angenehmer
Gesellschafter gegeben.
* * * * *
[Sidenote: Alexander von Humboldt.]
Mein höchster Genuß in Berlin waren Mozart's Meisterwerke, Figaro
und Don Juan, die ich jetzt erst kennen lernte. Indem ich diese
unvergleichliche Musik hörte, öffnete sich mir eine neue und doch so
bekannte Welt. Ich hörte Sophokles, Shakespeare und Göthe in Tönen, wie
ich sie später bei Raphael in Farben sah.
Steffens kam auch nach Berlin, und ich sah ihn oft bei Alberti's.
Ich sprach zuweilen mit Alexander von Humboldt und hörte ihn oft
in Gesellschaften von seinen Reisen erzählen. In der Akademie der
Wissenschaften las er ein Mal, als ich zugegen war, eine Abhandlung über
die üppigen Vegetationen der Natur vor. Er schloß mit der Bemerkung, daß
dasselbe mannigfache Leben, das physisch in den wärmeren Himmelsgegenden
blüht, sich moralisch und psychisch im Norden in der Phantasie und in
den Werken der Dichter wiederhole.
[Sidenote: Johannes Müller.]
Den berühmten Historiker Johannes Müller sah ich auch mehrere Male.
Reichardt sagte: »er gleiche einer Nachteule.« Die Eule ist der Vogel
der Minerva; in den Gesprächen mit dem großen Manne vergaß ich den Vogel
ganz über die Minerva. Er schlug mir vor, eine Tragödie über einen
gewissen historischen Gegenstand zu schreiben, den ich leider vergessen
habe.
* * * * *
[Sidenote: Abreise nach Weimar.]
Beim Anbruch des Frühjahrs sehnte ich mich sehr darnach, nach Weimar zu
reisen, um Göthe zu besuchen. Ich fuhr mit Steffens und Schleiermacher
von Berlin nach Halle, wo ich drei Tage bei diesen Freunden blieb.
Ich befand mich nun wieder ganz allein in der weiten Welt auf einem
Post- oder eigentlich Frachtwagen, auf dem ich in der Nacht in dem
feuchten, kalten Aprilwetter auf einem Brett ohne Rückenlehne fahren
mußte. Der Schlaf auf einer Bank in einer Bauernschenke stärkte mich
für ein paar Stunden, und so kam ich nach =Naumburg=, wo ich bis zum
nächsten Tage bleiben mußte.
Es war ein trauriger Frühlingstag und ich selbst war betrübt. Alle guten
Freunde in Halle, Giebichenstein und Berlin hatte ich -- vielleicht auf
ewig -- verlassen. Nun sollte ich neue Bekanntschaften schließen, um das
Band bald wieder zu zerreißen, wenn es geknüpft war. Der Frankenau'sche
Vers fiel mir ein:
»Die Freude gleichet dem flüchtigen Freund,
Den leicht wohl auf Reisen man findet;
Und der, indeß er vorüberzieht,
Uns zärtlich küßt -- und verschwindet.«
Ich sah die merkwürdige Domkirche; aber das vermehrte nur meine
melancholische Stimmung. Sie besteht eigentlich aus vier Kirchen, und
eine davon ist unterirdisch. Eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah,
führte mich umher. Mit einem kleinen angezündeten Lichtchen in der Hand,
stieg sie hinunter und führte mich vor den eisernen Kasten, in dem Tezel
sein Ablaßgeld gesammelt und dabei gesungen hatte:
»Sobald das Geld im Kasten klingt,
Sobald die Seel' gen Himmel springt.«
Sie zeigte mir auch die Wand, wo eine Nonne früher eingemauert worden
war, und wo sie Messe hören konnte, bis sie verhungerte. Dies Alles
machte mich nicht munterer. Unglücklicherweise erzählte sie mir auch
von den Hussiten vor Naumburg, da fiel mit das affectirte Kotzebue'sche
Stück ein; ich sah nun Alles Grau in Grau, ging nach Hause und tröstete
mich dadurch, daß ich einen Brief nach Kopenhagen schrieb.
Am nächsten Tage reiste ich nach Weimar; die Luft klärte sich auf, und
der Himmel war blau. =Göthe= empfing mich sehr freundlich, und ich
brachte drittehalb Monate in der fast täglichen Gesellschaft dieses
großen Meisters zu.
[Sidenote: Wieland, Herder, Frau Schiller.]
Wie freute es mich, den klassischen Boden zu betreten, auf dem so viel
große Geister gewirkt hatten. Der einzige, Göthe, stand dort noch,
wenn auch nicht mehr jung, in seiner vollen Kraft. =Wieland= war alt,
doch erquickte es mich, den Geist dieses freundlichen Greises, wie
die Schneeblumen in dem Wintergarten zu finden, wo er so viele Sommer
hindurch als Rose geblüht hatte. Ich hatte mit großem Vergnügen seinen
=Oberon= gelesen. In seinem =Geron der Adlige= hat er gezeigt, daß er
auch ernst und herzlich dichten konnte. In vielen muntern Erzählungen
hat dieser deutsche Ariost Humor und schalkhafte Grazie an den Tag
gelegt. Als Kritiker und Gelehrter haben seine Schriften großen Einfluß
auf den Geschmack in Deutschland ausgeübt. Ich besuchte ihn mit
Ehrfurcht, obgleich es damals nicht Mode war, Wieland zu achten; er war
sehr mittheilend und lobte die dänische Regierung, daß sie den Dichter
ins Ausland reisen ließe. In mein Stammbuch schrieb er:
_Fuimus Troes._
=Herder= war nicht mehr; dieses große =denkende Herz=! das mit
tugendkräftiger Menschenliebe und poetischer Begeisterung die
ganze Erde umfaßte. Seine spätern polemischen Schriften, in denen
Gereiztheit ihn unbillig machte, kannte ich nicht und habe sie später
nicht kennen lernen wollen. Aber wie herrlich sind nicht seine
Abhandlungen über die hebräische Dichtkunst, seine Ideen zur Geschichte
des Menschengeschlechts, seine Sammlungen und Uebersetzungen von
Volksliedern und Legenden, sein Cid und seine Predigten.
Auch =Schiller= fand ich nicht mehr. Aber ich fand seine Frau und Kinder
und die hübsche kleine Wohnung in der Allée dicht beim Schauspielhause,
wo er die unsterblichen Tragödien gedichtet hatte. Ich war dort bald zu
Hause, und es freute mich, daß Frau Schiller fand, ich gleiche ihrem
Mann etwas; nicht im Aeußern, sondern im Wesen und gewissen Bewegungen.
Nicht ohne inniges Mitleid konnte ich auf die lieben Kinder sehen, die
so früh den großen, seltenen Vater verloren hatten. Wie gern hätte er
noch mit ihnen gelebt! Wie wehmüthig betrachtete er die Züge der armen
Kleinen zum letzten Male, als er fühlte, daß sein Herz brechen würde;
dieses himmlische Herz, das hohe Begeisterung mit durchdringendem
Verstande vereinigte.
[Sidenote: Göthe über meine Danismen.]
Auch Göthe war, obgleich er allzu oft Gefallen an einem gewissen
hochmüthigen, zurückhaltenden Wesen fand, im Grunde gut, und wirkt in
seinen vortrefflichen Werken durch die Phantasie hauptsächlich auf das
Herz; in seinen Liedern, in Werthers Schwärmerei, in Götz' Edelmuth,
Faust's Tiefsinn, Gretchen's und Klärchen's Liebe, in Tasso's Feinheit,
in Iphigenie's Seelenadel, in den muntern Naivetäten, in Mignon, im
Harfenspieler; und ganz besonders in Hermann und Dorothea, worin er der
Humanität des achtzehnten Jahrhunderts das schönste Denkmal errichtete.
Deßhalb freute es mich auch, wenn Schleiermacher von ihm sagte: »Der
Göthe ist doch im Grunde eine gute Haut!«
Er empfing mich väterlich, ich war oft zu Mittag bei ihm und mußte ihm
meinen ganzen Aladdin und Hakon Jarl aus dem Dänischen deutsch vorlesen.
Da machte ich mich nun vieler Danismen schuldig; aber er verwarf sie
nicht alle; er meinte, daß beide verwandten Sprachen, einer Wurzel
entsprungen, einander geschwisterliche Geschenke machen dürften. »Hm!
das ist hübsch!« sagte er zuweilen, wenn ich einen gewagten fremden
Ausdruck gebrauchte. »»Sagt man das auf Deutsch?«« fragte ich. --
»Nein,« entgegnete er, »man sagt es nicht, aber man könnte es sagen.«
-- »»Soll ich es wieder ausstreichen?«« -- »Nein, keineswegs.« --
Reichardt, der nach Weimar kam, wurde von Göthe gefragt: »Kennen Sie
Etwas von Oehlenschläger's Gedichten?« -- »»Nein,«« entgegnete dieser,
»»aufrichtig gesprochen, es amüsirt mich nicht, die deutsche Sprache
radebrechen zu hören.«« -- »Und mich,« antwortete Göthe mit imposantem
Feuer, »amüsirt es sehr, die deutsche Sprache in einem poetischen Geiste
entstehen zu sehen.«
[Sidenote: Verkehrte Urtheile über Göthe.]
Doch was rede ich von Göthe's Meinungen über die Sprache? Es giebt ja
Leute, welche glauben, daß er auch nicht Deutsch schreiben könne! Es
gab ja Landsleute von mir, und giebt derer wohl noch, welche behaupten,
daß ich nicht richtig Dänisch zu schreiben verstünde. Aber ich entsinne
mich auch der Anecdote von einem Franzosen, der seinen Landsmann
fragte: »_Les allemands, est ce qu'ils ont une langue?_« -- »»_Non_,««
entgegnete dieser, »_ils parles seulement un =patois=_; _mais ils se
comprennent =entre eux=._«
Die letzte Zuflucht, die eine feindliche Spitzfindigkeit annimmt,
besteht darin, die Sprache eines Verfassers zu tadeln. Man braucht
nur eine Periode aus ihrer Verbindung herauszureißen, um sie zu einem
Gallimathias zu machen. So behandelte Baggesen mich stets mehrere Jahre
darauf in seinen Kritiken. Und Menschen, die nicht halb so gut Deutsch
verstehen, wie Göthe, geschweige denn gleich ihm in der Sprache denken
und fühlen können, haben es gewagt, ihn eingebildet zu tadeln, weil
er -- der echte Dichter -- der die reichen Schätze der Volkssprache
in die Rede der gebildeten Welt hinüber führte, zuweilen aus Laune
oder Eigensinn Ausdrücke gebrauchte, die nicht gang und gäbe im Munde
der feinen Welt waren; oft wohl sogar polemisch, um einer kleinlichen
Aengstlichkeit zu trotzen, und sie zu strafen, die nur Pedanterie
zeigte, indem sie sich den Schein der Correctheit gab. So giebt es
Leute, die in ihrer Thorheit z. B. die Sprache in Sophie's Reise von
Memel nach Sachsen über die Sprache in Werther und Wilhelm Meister
stellen! Aber Göthe ging stets seinen eigenen Weg; und das muß jedes
originelle Genie thun.
Zuweilen können selbst tiefe und schöne Geister einander mißverstehen
und verkennen; und deshalb bleibt für die kräftig Wirkenden nichts
Anderes übrig, als sich mit allem Vermögen nach den Besten zu bilden
und dann selbstständig zu handeln. Jede ungewöhnliche That ist eine
Usurpation, eine Eigenmächtigkeit, die ihre Vertheidigung in ihrer
Wirkung finden muß; und wollte sowohl ein Dichter, wie ein Feldherr
stets zweifelnd erst Andere um Rath fragen, was er im entscheidenden
Augenblicke thun soll; so würde kein Dichterwerk vollendet und keine
Schlacht gewonnen werden. Darum darf man es auch nicht Einbildung
oder übertriebene Eigenliebe nennen, wenn ein tüchtiger Künstler mit
Rücksicht auf sein Werk, das meiste Zutrauen auf seine eigene Meinung
hat. Wie sollte er sonst jemals Meister werden? Und wie sollte er sich
sonst in dem Wirrwarr der literarischen Welt zurecht finden, wo die
Ansichten sich jeden Augenblick auf das Lächerlichste widersprechen?
Als ich meinen Aladdin zu schreiben anfing, und meiner Schwester
und einigen andern guten Freunden die ersten Scenen vorlas, fand er
keinen Beifall. Ich ging mit meinem Manuscript in der Tasche betrübt
nach Hause; und hätte meine eigene Ueberzeugung, daß er gut sei, nicht
gesiegt, so wäre Aladdin nie erschienen und ich hätte nicht den Triumph
gehabt, mit der Zeit selbst bei Denen Beifall zu ernten, die im Anfang
die Arbeit verschmähten. -- So ging es mir auch hier bei Göthe mit dem
Hakon Jarl. Aladdin hatten wir in kleinen Portionen zusammengelesen, und
er hatte ihn aufmerksam gehört und aufgefaßt; Hakon Jarl las ich ihm
auf ein Mal nach Tisch vor. Er verlor den Faden, der Gang des Stückes
verwirrte ihn; und er äußerte nach beendigter Lectüre, daß Einiges
in der Composition des Stückes geändert werden müsse. Ich wurde ganz
niedergeschlagen und wanderte in meinen finstern Gedanken in dem schönen
herzoglichen Lustgarten umher. »Wenn =der=,« dachte ich, »verfehlt ist,
so weiß ich nicht, wie ich richtig dichten soll.« In diesem Gedanken
stand ich vor einem Sculpturwerke im Garten, wo eine Schlange in einen
Knäuel beißt. Ich habe die allegorische Bedeutung desselben vergessen;
aber es schien mir in jenem Momente, als ob es das Unglück sei, das in
mein Herz biß. Da hörte ich in demselben Augenblick Etwas in meiner Nähe
rieseln. Ich ging dahin, von wo der Laut herkam; es war eine Quelle, die
sehr anmuthig aus der Felswand in den Fluß hinabstürzte, und in einem
Steine eingegraben stand der schöne Vers von Göthe:
»Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen!
Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!
Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,
Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:
Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülflich zu sein.«
[Sidenote: Göthe über Hakon Jarl.]
Die schöne Natur, der herrliche Tag und das humane milde Gedicht gaben
mit wieder Muth und ich dachte: »Der Verfasser dieser Strophen kann
Hakon Jarl nicht verwerfen.« -- Göthe hatte mich gebeten, ihm den kurzen
Inhalt des ganzen Stückes aufzuschreiben. Ich brachte ihm das Verlangte,
und nachdem er es gelesen hatte, billigte er durchaus den Gang des
Stückes und fand nichts daran auszusetzen.
[Sidenote: Die Bühne Weimars.]
Ich erzähle dies damit man sehen soll, wie selbst Aladdin und Hakon Jarl
augenblicklich von ausgezeichneten poetischen Männern verkannt wurden.
Die Erinnerung an dieses Verkennen hat mich seitdem oft getröstet, wenn
spätere Werke wieder auf Kosten jener verkannt wurden; und ich habe oft
die Freude gehabt, solche Nebel verschwinden zu sehen. Göthe munterte
mich selbst dazu auf, das Stück schriftlich zu übersetzen (denn ich
hatte es bei ihm nur mündlich übersetzt), damit es in Weimar gespielt
werden könne, was doch nicht geschah, da der Krieg dies verhinderte.
Es erfreute mich oft, das Schauspielhaus zu besuchen, und die
Schauspieler zu sehen, wo und durch welche Göthe und Schiller so viel
gewirkt hatten. Ich lernte das Künstlerpaar =Wolf= kennen und schätzen.
Ich sah eine würdige Vorstellung von Göthe's Egmont; =Becker=, der
den Parasiten in Lauchstädt gespielt hatte, war hier ein vorzüglicher
=Vansen=. Die Transparentscene im letzten Acte wurde jetzt wieder
gegeben. Während Schiller lebte, hatte Göthe gutmüthig sich darein
gefunden, daß sie wegblieb, weil Schiller sie nicht leiden konnte.
Nun ließ er das Stück wieder wie in alten Tagen aufführen und es war
von guter Wirkung. Die Musik und das Bild wirken, nach dem langen
Gespräch zwischen Egmont und Ferdinand, belebend und angenehm auf
die Phantasie ein; und es erfreut den Zuschauer, sich die holde
Clara glücklich, selig als einen Engel, als den Genius der Freiheit
in Egmont's Traum vorzustellen. Doctor Riemer, Göthe's Freund und
Secretair, und Joh. Heinr. Voß, der Jüngere, waren mein täglicher
Umgang in Weimar und wurden mit mir innig vertraut. Göthe konnte den
jungen Voß gut leiden und dieser war sein großer Bewunderer. Voß
erzählte mir einen characteristischen Zug von Göthe. Dieser hatte ihm
einmal, als Hermann und Dorothea in neuer Auflage erscheinen sollte,
das Gedicht zur Durchsicht gegeben; denn alle Voß's hatten es vom
Vater gelernt, Hexameter correct zu schreiben, und selbst »die alte
verständige Hausfrau« hatte ein Mal Göthe in sehr classischen Spondeen
und Dactylen eingeladen, Stahlpunsch bei ihr zu trinken. Göthe schrieb
schönere, leichtere, naivere, kernigere Hexameter, als Voß; aber er
war nicht immer correct und deshalb ließ er sich gern bescheidene
Bemerkungen gefallen. Aber ein Mal kam der gute Heinrich Voß mit einem
gar zu vergnügten Gesicht und sagte mit triumphirender Demuth: »Herr
Geheimerath! da habe ich einen Hexameter mit =sieben= Füßen gefunden.«
-- Göthe betrachtete die Zeile aufmerksamer und rief: »Ja, weiß Gott!«
und Voß wollte ihm bereits den Bleistift reichen, als der Dichter ruhig
das Buch zurückgab und sagte: »Die Bestie soll stehen bleiben!«
[Sidenote: Eigenthümlichkeiten Göthe's.]
Das Niebelungenlied war kurz vorher erschienen, und Göthe las uns einige
Gesänge daraus vor. Da nun das Altdeutsche sehr verwandt mit unserm
Altdänischen ist, so kannte ich viele Worte, die die Andern nicht gleich
verstanden. -- »Sieh' mal,« rief dann Göthe lustig, »da haben wir den
verfluchten Dänen wieder!« -- »Nein, Däne,« sagte er einmal in demselben
Ton, »hier kommt Etwas, was Du doch nicht verstehen kannst:
»Es war der große Siegfried, er aus dem Grase sprang,
Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang,«
Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang!« wiederholte er
erstaunt, indem er die Worte stark in seinem Frankfurter Dialekte
betonte: »das ist capital!«
Ein Mal bei Tisch sprach er so eifrig und mit so viel Achtung und Kraft
für Bürgerrecht und Bürgerehre, einem kalten Herrn gegenüber, der die
Handlungsweise eines wackern Mannes verdrehen und verspotten wollte,
daß ich's nicht lassen konnte, als der Fremde fortgegangen war, ihm um
den Hals zu fallen und ihn zu küssen, was er herzlich erwiderte, indem
er mit Wärme sagte: »Ja, ja, lieber Däne! Ihr meint's auch treu und
gut in der Welt.« -- Er sagte gern »Ihr« in vertrauter Rede zu Leuten,
die er lieb hatte. Joh. Heinr. Voß (der Jüngere) erzählte mir, daß
Göthe, als einmal die Rede auf mich kam, mit ungewöhnlicher Wärme und
Freundlichkeit gesagt habe: »O, das ist mir ein herzlieber Junge!« --
Ich hätte kaum geglaubt, daß er nach der Trennung so bald sein Herz von
mir wenden würde.
[Sidenote: Die weimarische Fürstenfamilie.]
Die alte Herzogin Amalie erwies mir die Ehre, mich zur Tafel zu laden;
Reichardt war nach Weimar gekommen und wir fuhren zusammen nach
Tieffurt. Sie war sehr gnädig, geistreich und trotz ihres Alters lebhaft
und munter. Ich traf daselbst außerdem Wieland, Herrn v. =Knebel=,
Göthe's Jugendfreund, und ihren Marschall, Herrn v. =Einsiedel=, der
eine Uebersetzung des Terenz herausgegeben hat. Göthe hatte eins dieser
römischen Lustspiele, ganz in alter Manier mit Masken, auf die Bühne
gebracht; aber es blieb bei dieser einen Vorstellung, denn die Leute
in Weimar wollten sich nicht um 2000 Jahre in der Zeit zurückversetzen
lassen. -- Nach der Mahlzeit bei der Herzogin ging Wieland in den
Garten hinab und hielt unter einem großen, schattigen Baum sein
Mittagsschläfchen. »Das thut er hier gewöhnlich im Sommer, wenn er bei
mir speist!« sagte die gute Fürstin. Wir gingen im Garten spazieren.
Zur Theezeit kamen der Herzog, der Erbprinz, die Großfürstin und die
Prinzessin von Weimar. Reichardt spielte ihnen vor, und ich mußte der
Aufforderung zufolge einige alte dänische Kämpeweisen singen, die ihnen
gefielen. -- Sie waren Alle sehr freundlich, und Frau Schiller erzählte
mir einige Tage darauf, daß die schöne, edle Großfürstin mit großer
Gewogenheit von mir gesprochen habe. So hatte ich da die Freude, die
Fürstenfamilie zu sehen und mit ihr zu sprechen, die so viele schöne
Talente geehrt und belohnt, und zur Entwickelung der deutschen Literatur
beigetragen hatte.
Frau v. =Wollzogen=, Frau Schiller's Schwester, die Verfasserin des
geistreichen Romanes Agnes v. Lilien, und Frau v. =Schardt=, geb.
=Bernstorf=, erwiesen mir auch viel Freundlichkeit.
Als ich fortreiste schrieb ich dem jungen Göthe meine dänische
Uebersetzung von Göthe's Erlkönig in das Stammbuch und fügte zum Schluß
die deutschen Verse hinzu:
Erinnern Sie sich, wenn längst ich schied,
Bei der Uebersetzung des Vaters Lied,
Des Dichters vom Lande, wo Nacht und Wind,
Und Elf und Schauder zu Hause sind.
In Weimar weht es schon mehr gelind;
Gott segne den Vater mit seinem Kind.
[Sidenote: Denkblätter für mein Stammbuch.]
»Ja, ja,« sagte Göthe, als er es gelesen hatte, indem er mir freundlich
ins Auge sah, und die Hand auf meine Schulter legte: »Ihr seid ein
Poete!« In mein Stammbuch schrieb er:
»Zum Andenken guter Stunden, dem Verfasser des Aladdin.«
Frau Schiller schrieb:
»=Der Sänger.=
Er breitet es lustig und glänzend aus,
Das zusammengefaltete Leben;
Zum Tempel schmückt er das irdische Haus,
Ihm hat es die Muse gegeben.
Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein,
Er führt einen Himmel voll Götter hinein.«
Frau Wollzogen schrieb: (auch nach Schiller)
»Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde,
Was der eine verspricht, leistet die andere gewiß.«
Riemer schrieb die Göthe'schen Zeilen:
»Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt;
Den Gehalt in Deinem Busen,
Und die Form in Deinem Geist.«
Ich komme später in dieser Lebensbeschreibung darauf, von Herrn Riemer
zu sprechen.
Nun verließ ich das deutsche Athen, wo ich so viele Freuden genossen,
und ahnte nicht, daß ich diese Stadt nach wenigen Monaten als den
unglücklichsten Schauplatz des traurigsten Krieges wiedersehen würde.
[Sidenote: Jena. -- Frommann. -- Göthe.]
Um Göthe's Gesellschaft noch acht Tage zu genießen, ging ich nach
Jena, wo er sich etwas aufhielt, ehe er seine gewöhnliche Sommerreise
nach Carlsbad machte. Es war ein schwüler Tag, als ich von Weimar nach
Jena wanderte; ich war warm und löschte meinen Durst rasch an einer
vorüberfließenden eiskalten Quelle. Als ich nach Jena kam, fühlte ich
eine Engbrüstigkeit, die mich im Anfang ängstigte und ich dachte:
»Solltest du dir durch das Trinken des kalten Wassers, als du erhitzt
warst, geschadet haben?« -- Ich war mit Göthe bei dem Buchhändler
Frommann; ich konnte mich aber nicht recht darüber freuen, weil mir
so beengt war. Doch sagte ich es Niemandem. -- Da sah ich zum Fenster
hinaus und entdeckte einen großen strahlenden Regenbogen, in dem
hauptsächlich der grüne Streifen, die Farbe der Hoffnung, vorleuchtete.
Bei diesem Anblick schwand meine Furcht; und ein paar Tage darauf
athmete ich wieder leicht, nachdem mir ein alter Arzt dort in der Stadt
Kampfertropfen gegeben. Aber das Gefühl jenes Tages und das Bild des
Regenbogens schwebte mir vor der Seele, als ich drei Jahre darauf den
fünften Act von Correggio dichtete.
Bei Frommann's war ich wieder wie zu Hause. Sie waren Göthe's
Gastfreunde, besuchten ihn in Weimar, und wenn er nach Jena kam, war er
täglich bei ihnen, das heißt am Abend nach der Arbeit. Er bewohnte mit
Riemer einige alte, kühle Zimmer ganz allein auf dem alten Schlosse.
Hier saß der Poet in Ruhe und ließ indessen den Minister in Weimar
zurück.
Dieses öde Schloß war wirklich ein vortrefflicher Aufenthaltsort
zum Dichten und Schreiben; auch mußte es ja wohl schön sein, einen
gebildeten gelehrten Freund bei sich zu haben. Aber das =Dictiren=,
das Göthe anwandte, ist mir stets ein unbegreiflich Ding gewesen. Es
giebt Augenblicke, meine ich, wo der Mensch mit sich und Gott allein
sein muß, ebenso wie im =Gebete=, und der Augenblick des Dichtens ist
ein solcher. In der Gegenwart eines Andern scheuet man sich doch immer
etwas seine Gefühle zu äußern und sein Herz zu öffnen. Und kann man es
nicht an Göthe's Schriften aus der spätern Periode sehen, daß er solch'
einen Aufpasser im Augenblick der Empfängniß gehabt hat? Die ruhige,
klare Darstellungsweise, Besonnenheit und Billigkeit haben vielleicht
dadurch gewonnen; aber auch Begeisterung, kräftiges Gefühl, aufrichtige,
herzliche Mittheilung? -- Und soll wirklich der Dichter darnach streben,
bei seiner Kunst =kalt= zu bleiben? Ist es eine Vollkommenheit mehr,
daß seine Individualität sich in der Allgemeinheit verliert? In der
Dichtkunst ist und bleibt meiner Ansicht nach das =Subjective= doch
die Hauptsache. Je genialer ein Dichter ist, desto vielseitiger ist er
gewiß auch; desto mehr verschiedene =Objecte= kann er durchdringen und
darstellen. Aber die Poesie besteht gerade in diesem schönen Empfangen
und Darstellen. In den Werken eines Dichters bewundern wir ganz
besonders =seinen= Geist. Wenn wir den Straßburger Münster sehen, oder
das Leben des alten Ritters Berlichingen oder das Mährchen vom Faust
lesen, so wirkt das Alles ganz anders auf unsere Seele ein, als wenn wir
Göthe's Beschreibungen und Bearbeitungen lesen. Deßhalb muß der Dichter,
meine ich, sich ebensowenig allzusehr in dem Gewimmel der Objecte
zerstreuen, als sich zu einseitig bei dem einzelnen Objecte aufhalten;
er darf auch nicht suchen durch Kunst die =Eigenheit= seines Wesens
(Originalität) in =Allgemeinheit= zu verwandeln. Er ist und bleibt
doch eine schöne Ausnahme; das soll er sein und sich davor hüten, ein
=Sonderling= zu werden. -- Daß der große Göthe, obgleich er in späteren
Jahren seine Gedichte dictirte, uns doch noch viel Schönes schenkte,
das danken wir seinem mächtigen, durch keinen Zwang ganz zu fesselnden
Genius. Aber ich bin überzeugt, er würde bis ans Grab noch mehr von
seinem humoristischen Jugendfeuer, von jener schönen Leidenschaft eines
gefühlvollen Herzens ohne Nachtheil für seine Kunst bewahrt haben, wenn
er nicht dictirt hätte. Man brauchte ihn ja nur =reden= zu hören, um
sich hiervon zu überzeugen.
[Sidenote: Bekanntschaft mit Hegel.]
In Jena machte ich die Bekanntschaft des Philosophen Hegel auf eine
schnurrige Weise. Er war damals noch nicht so berühmt und vergöttert,
wie er es viele Jahre später wurde, obgleich er bereits ein Mann in
seinen besten Jahren war. Wir waren zusammen in Gesellschaft, wo ein
Fremder eine sentimentale Arie beim Clavier singen wollte. Hegel und
ich standen hinter dem Stuhle des Sängers; es wollte ihm nicht recht
gelingen und die Verlegenheit, die in jedem Augenblicke das zarte Gefühl
unterbrach, das dann wieder von Neuem angeknüpft werden mußte, war so
komisch, daß weder Hegel noch ich uns des Lachens erwehren konnten. Nun
mußten wir noch höflich sein, und daraus entsprang der komische Zustand,
den man oft bei Kindern sieht, die nicht lachen dürfen und dadurch nur
noch stärker dazu gereizt werden. Es amüsirte mich, mit dem tiefen
Denker in dieser komischen Situation mich zu befinden. Das brachte
uns gleich in eine Art Vertraulichkeit zu einander, und so lange ich
in Jena war, erwies Hegel mir stets Freundschaft. Wir gingen täglich
mit einander um, er war lustig und gutmüthig, ich bewunderte seinen
Scharfsinn, und er achtete meine Ansichten und Gedanken, obgleich ich
kein theoretischer Philosoph war oder sein wollte. Ich disputirte auch
mit ihm, weil er Göthe's Götz von Berlichingen durchaus nicht leiden
konnte.
[Sidenote: Eine Landpartie.]
Mit ihm, mit Major Knebel, Professor Schelfer und Doctor Seebeck
bestieg ich eines Tags den Berg Gensich bei Jena. Knebel erzählte mir
auf dem Wege Viel aus Göthe's Jugend. Es war ein warmer Tag und wir
waren durstig. Am Abhange des Berges lag ein Garten, von wo Schelfer uns
einige Hände voll Kirschen und Johannisbeeren holte. »Was wagen Sie da?«
fragte ich lachend. »»Es ist freilich Diebstahl!«« antwortete er, den
Mund voll von Kirschen. »Ach,« -- sagte Hegel, »Schelfer ist Botaniker!
daraus folgt, daß alle Kräuter und Früchte der Gegend ihm unterthänig
sind. Wenn ihn Jemand mit seinem gestohlenen Gute treffen sollte, so
braucht er nur zu sagen, daß er botanisirt und Alles ist in Ordnung.«
Auf dem Rückwege plagte uns wieder der Durst. Nun fanden wir zwar keine
Johannisbeeren, dagegen aber einen klaren Bach, um den wir uns Alle
niederlegten und Wasser durch Strohhalme einsaugten. Dies muß eine sehr
malerische Gruppe abgegeben haben; aber sie war zugleich allegorisch: so
saugen Helden, Philosophen, Gelehrte und Dichter Erquickung durch das
kleine Saugrohr des Lebens aus der stets vorüberfließenden Lebensquelle
ein, und vergessen nicht die schönen Augenblicke, wo sie es in
brüderlicher Eintracht mit einander thaten.
[Sidenote: Gedicht an Charlotte Schiller.]
Göthe reiste bald nach Carlsbad, Frommann nach Gotha, ich wartete nur
auf meinen Wechsel; er blieb vierzehn Tage zu lange aus. Indessen verlor
ich den Muth nicht; ich brachte drei Acte meines Aladdin's in deutsche
Jamben. Frommann wollte den Verlag übernehmen, wenn das Manuscript
fertig sei, welches ihm dann gleich zugesandt werden sollte. Göthe
hatte mir versprochen, den Hakon Jarl auf den besten deutschen Theatern
zur Aufführung zu bringen. Endlich kam der Wechsel und zugleich mit
ihm mein Landsmann, der Probst =Engelbreth=. Ich besuchte erst den
Superintendenten =Marezoll=, dessen Predigten ich in Kopenhagen gern
gehört hatte; ich grüßte ihn von seinen Freundinnen, Frau Rahbek und
Christiane Heger; darauf reiste ich mit Engelbreth nach Dresden. Frau
Schiller hatte mir die lyrischen Gedichte des seligen Schiller zum
Geschenk gesandt; ich schickte ihr dafür folgendes Gedicht, welches an
der Spitze meiner gesammelten deutschen Gedichte steht.
=An Charlotte Schiller.=
Der Sänger geht am schmalen Stege,
Im Schatten blühender Natur;
Verschmäht die gar zu breiten Wege.
Gepflastert durch des Haufens Spur;
Da muß er Vieles überwinden,
Durch manchen Dorn er dringen muß;
Wo er gehofft, den Bach zu finden,
Trifft er den brausend wilden Fluß.
Doch kämpft er gern sich, unverdrossen,
Selbst durch den tiefsten Tannenwald;
Wird er mitunter rund umflossen --
Es muß sich ja doch enden bald!
Wo Dornen stechen, blühen Rosen;
Das Dickicht führt zu einer Au',
Es endigt sich der Wolke Tosen,
Sie flieht und läßt den Himmel blau.
Und steht er endlich dann im Haine,
Im dunkelgrünen Buchenhain,
Röthlich beglänzt im Abendscheine,
Dann ist er länger nicht allein.
Wie durch der Aeolsharfe Töne
Die Lüfte gaukeln, voller Lust,
So zittert auch durch ihn das Schöne,
Und klingt hinaus durch seine Brust.
Und durch die Bäume drängt sich leise
Zum breiten Heerweg der Gesang:
Da kommt das Rad aus seinem Gleise,
Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang';
Zum grünen Tempel der Gesänge
Fühlt er zu lenken sich geneigt;
Besinnt sich aber, folgt der Menge,
Glaubt, daß sich dort die Elfin zeigt.
Der Sänger wandert über Hügel.
Er steigt getrost, und kommt der Fluß,
Dann schwimmt er kühn; mit losem Zügel
Auf Abenteu'r er reiten muß.
Und Alles, was ihm so begegnet,
Dringt in sein Herz gewaltig ein;
Und ob es stürmet oder regnet,
Muß er doch wohl zufrieden sein.
Nichts Endliches kann ihn beglücken,
Nichts Endliches vernichtet ihn.
Und jede Kraft muß ihn entzücken
Und durch sein ganzes Wesen glühn;
Im Schauen muß er sich vertiefen,
Was ihn verhindert, merkt er kaum;
Es ist ihm, als wenn Viele schliefen;
Selbst freut er sich im schönsten Traum.
Doch hat er lange so mit Wonne
Den schönen Weg zurückgelegt,
Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne,
Und kalt sich jedes Blatt bewegt,
Dann ist er Mensch; und er begehret
Nach dem, was wieder ihn belebt;
Was ihm der Augenblick verwehret,
Weil er nicht klug danach gestrebt.
Doch kommen Bauern her im Walde,
Und speisen ihn mit Obst und Brot.
Er ißt, trinkt aus der Quell', und balde
Vergißt er die verschwundne Noth.
Und mit der frühen Morgenröthe
Erwacht er bei dem ersten Schall,
Blickt um sich, greift und bläs't die Flöte,
Wetteifernd mit der Nachtigall.
Es kommen aber viele Tage,
Wo nicht die Sonn' im Walde scheint;
Es tobt kein Sturm; in stummer Klage
Nur Gras und Blatt und Hügel weint;
Es ist nicht Kampf, kein kühnes Ringen,
Ist lebenlose Trauer nur;
Die Harfe selbst kann hell nicht klingen;
Sie ist so schlaff, wie die Natur.
Dann sehnt er sich wohl nach den Mauern
Und in den lichten Saal hinein,
Wo Gäste sitzen ohne Schauern,
Bei schönen Frauen, gutem Wein.
Dann denkt er auch, wenn fern er schauet
Ein schönes, reichbegabtes Haus:
Warum ist es nicht Dir erbauet?
Und warum schließt Dich Alles aus?
Und weil er fühlt im tiefsten Herzen,
Was auf die weiche Seele fällt,
Müßt' ihn auch tief und bitter schmerzen
Die Stumpfheit, Blödigkeit der Welt,
Und die Verschmähung seiner Lieder,
Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth,
Wenn die Natur nicht freundlich wieder
Das Unheil machte immer gut.
Am Wege, dort wo er gesungen,
Neugierig horchten sie, im Flug;
Kaum aber war das Lied verklungen,
So hatten sie daran genug!
Er sang von Ceres Aehrenhaufen,
Die in den goldnen Garben stehn.
Sie gehn das Korn nur zu verkaufen;
Im Gelde nur das Gold sie sehn.
Jetzt singt er laut in ernsten Liedern
Von der verschwundnen Menschen Thun,
Erzählt von den verstorbnen Brüdern,
Die tief im moos'gen Grabe ruhn.
Er singt: Wie durch des Grabes Hügel
Sich hebet frisch der Rosmarin,
So hebt sich auf der Zeiten Flügel
Das Leben auch zum neuen Blühn.
Sie hören's nicht. Doch =Ein'ge= kommen,
Und sie verlassen ihren Weg;
Sie haben gern das Lied vernommen
Und folgen ihm auf seinem Steg.
Und hurtig wird der Bund geschlossen;
Die Seele kennt die Seele bald.
Und öfter folgen unverdrossen
Sie ihrem Freund durch seinen Wald.
Doch =Männer= sind zur That berufen,
Und That verhindert der Verein;
Sie müssen steigen ihre Stufen
Und mit sich selbst beschäftigt sein.
Das Lied giebt ihnen Muth und Leben,
Ermuntert gehn sie wieder fort.
Sie danken ihm, weil er gegeben --
Und -- einsam steht er wieder dort.
Wer sitzet auf der Wolken Rande,
Den Lorbeerzweig in weißer Hand,
In himmelstrahlendem Gewande,
So fremd und doch so wohlbekannt?
Entfernet von dem Erdgetümmel,
Vernimmt sie doch das Lärmen gern;
Vergißt darüber selbst den Himmel;
Es klingt ihr wie ein Lied von fern.
Es ist die =Muse=. Freundlich schauet
Sie ihren vielgeliebten Sohn.
Ihr sanftes Auge sich bethauet;
Sie sinnt auf einen würd'gen Lohn;
Sieht, wie nach ihrem Götterbilde
Er strebt so treu, bei Tag und Nacht;
Und -- eine Jungfrau -- schön und milde,
Begegnet sie ihm auf der Jagd.
Erröthend nähert sich die Schöne
Verschämt dem vielgeliebten Mann;
Und -- wie Telemachos Athene --
So staunet sie der Jüngling an.
Er =kannte= längst das holde Wesen,
=Sieht= sie doch jetzt zum ersten Mal.
Er kann in ihren Blicken lesen
Und fühlt der Göttin Liebestrahl.
Da singt sie: Jede schöne Blume
Hebt sich mit ihrer Blätterschaar
Vom Staub hinauf zum Heiligthume,
Und reichet Gott die Krone dar.
Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde,
Worin der Lebenssaft sich regt;
Daß sie gedeih', daß sie gesunde,
Ist nöthig, daß sie Liebe pflegt.
Ich will die Gärtnerin im Garten
Dir werden, denn Du liebest mich!
Entwickle Blumen aller Arten!
Ich hege, Freund, ich pflege Dich.
Nie sollst Du Dich allein befinden;
Scheint nicht die Sonne länger warm,
Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden,
Dann ruhe süß in meinem Arm. --
Er sieht der Mittlerin des Lebens
Entzückt in's lichte Augenpaar.
Er überredet sich vergebens,
Daß dieß ein irdisch Mädchen war!
Er fühlt sich neubegeistert wieder,
Der Weg ist länger nicht so hart.
Er singt sein Heil, -- und schöne Lieder
Verkünden ihre Gegenwart.
Sie hat mit Lorbeern ihn bekrönet,
Und durch ein wundersam Geschick
Sieht er sich plötzlich ausgesöhnet
Jetzt mit der Zeit, dem Augenblick.
Nun will er nichts von Trennung wissen!
Das Glück steht ihm nicht länger fern.
Was Lieb' erst hatte wild zerrissen,
Vereinigt Liebe wieder gern.
Ein jeder Sänger, dessen Leier
In Waldes Einsamkeit ertönt,
Trifft seine Muse, die ihn, freier,
Bald mit der ganzen Welt versöhnt.
So schmücktest =Du= dem großen Sänger
Den Weg mit lichtem Lebensmai;
Du machtest ihm den Busen enger,
Und dadurch ward der Busen frei.
Du lindertest so hold sein Leiden,
Da war das Leben nicht vergällt;
Beglücktest ihn mit Vaterfreuden
Und zeigtest heiter ihm die Welt.
Da ward er ruhig und geduldig,
Er fühlte sich von Gott bestrahlt.
Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig!
Doch Du hast ihm für uns gezahlt.
Drum nimm auch dieses Lied zum Danke,
Das treu aus meinem Herzen bricht;
Wohin ich in der Welt auch wanke,
Vergeß' ich Deiner Milde nicht.
Ich seh' im heil'gen Abendschauer,
Wenn düster die Cypressen wehn,
Dich, eine Blum', in Liebestrauer
Am Grabe des Geliebten stehn!
[Sidenote: Antwort darauf.]
Als Antwort auf dieses Gedicht erhielt ich folgenden Brief von ihr:
Weimar, den 14. Juli 1806.
»Ich fühle wohl, daß es mir nicht gelingen kann, Ihnen auszusprechen,
was mein Herz bewegt, und doch möchte ich Ihnen sagen, wie tief mich Ihr
Gedicht ergriffen!
Ich danke Ihnen, daß Sie mich verstanden haben, daß es Ihnen klar wurde,
den Wunsch aufzulösen, der mich durch mein Leben begleitete. Ich danke
Ihnen, daß Sie es ausgesprochen, was ich Schiller sein wollte.
Doppelt heilig ist mir dieses Gedicht, es wird mir ein süßes Andenken
meiner Liebe bleiben, und ich werde immer mit Wehmuth bei dem Geiste
verweilen, dessen schöne Phantasie in so reichen Formen die Gefühle
meines Herzens ansprach.
So lange ein Herz fähig ist, sich vor den ungefälligen harten Eindrücken
einer ungleichartigen Welt zu verwahren, so lange wird auch auf jedes
Gemüth alles Große und Schöne, was Sie so tief zu fühlen vermögen, und
mit solcher Wärme aussprechen, tief wirken. Ich hoffe, daß der Genius
der Dichtkunst mir hold bleiben wird bis ans Grab, und mir solche
freundliche Erscheinungen noch schenken, wie mir die Ihrige war.
Ich hoffe auch, wir sehen uns wieder, mein Antheil und meine Dankbarkeit
werden stets Gefühle für Sie bleiben, die ich mir gern im Herzen
aufbewahre. Möge die Welt immer Ihrem Geiste in einem hellen Glanz
erscheinen und die Freude Sie begleiten! Leben Sie wohl und glücklich!«
=Charlotte v. Schiller.=
* * * * *
[Sidenote: Reise nach Dresden.]
Am 12. Juni zogen wir im schönsten Wetter von Jena durch Lützen und
stiegen auf der Landstraße einen Augenblick ab, um den mit Pappeln
umringten Stein in der Nähe zu betrachten, wo der große Gustav Adolph
gefallen war. In Leipzig aßen wir Lerchen, besuchten die schönen
Spaziergänge und das Grab des guten Gellert.
Mit uns waren zwei Juden, die auf dem Wege sehr andächtig beteten.
Wir kamen an einem Galgen vorüber; in Folge dessen äußerte der eine
Jude mit größter Bitterkeit seine Indignation über die übertriebene
Gerechtigkeit. »Sie sind froh« -- sagte er -- »wenn sie Einen zu hängen
kriegen; damit die Gerechtigkeit nicht vergessen werden soll.«
Wir übernachteten in der Stadt Oschatz, welchen Namen August II. der
Stadt gegeben, weil er daselbst ein hübsches Mädchen gesehen hatte.
Durch Meißen kamen wir an den herrlichsten Elbgegenden entlang nach
Dresden, und hier traf ich wieder eine anmuthige Natur, wie ich sie,
seitdem ich Dänemark verließ, nicht gesehen hatte; denn der Garten in
Weimar war wohl schön aber klein; die Gegend bei Halle kann nicht mit
der seeländischen verglichen werden, und Berlin liegt in einer Sandwüste.
[Sidenote: Paßverdrießlichkeit.]
In Dresden verlangte der Wirth meinen Paß. Ich hatte von Kopenhagen
meinen Rathhauspaß mitgenommen, weil ich damals noch nicht wußte, ob
ich das Reisestipendium bekommen würde. Als ich den Brief von der
Direction des Fonds _ad usus publicos_ erhielt, hätte ich gleich
einen ordentlichen Paß von Hause verlangen sollen; aber das hatte ich
vergessen. Ich war von Halle nach Berlin, von Berlin nach Weimar und
Jena gereist, ohne daß Jemand verlangt hätte, meine Legitimation zu
sehen. Ich sagte also dem Wirth in Dresden, daß ich nur einen dänischen
Rathhauspaß hätte, daß ich aber gleich zu unserm Minister gehen, und ihn
um ein paar Zeilen zur Aushülfe so lange bitten wolle, bis ich einen
französischen oder lateinischen Paß von Kopenhagen erhielte.
Ich traf den Minister nicht zu Hause; aber um mich zu legitimiren,
sandte ich ihm einige Briefe, und unter diesen den Brief von der
Direction des Fonds _ad usus publicos_.
Der Minister von Bülow ließ mich rufen. Ich kam. Er trat mir langsam mit
den Papieren in der Hand entgegen und sagte sehr ernst: »Ich sehe, Sie
reisen auf Menschenkenntniß, und Sie haben keinen Paß? Wie soll ich das
verstehen?« Ich antwortete: »»Ew. Excellenz! gerade weil ich noch keine
Menschenkenntniß habe, reise ich, um sie zu erlangen.«« »Ja, mein Herr,«
entgegnete er, »das ist ganz schön! Sie schicken mir Ihre Papiere, um
mir Ihre Persönlichkeit zu beweisen; aber ich will Ihnen Etwas sagen!
lassen Sie uns den Fall setzen: Sie verlieren diese Briefe, ein Anderer
findet sie, und giebt sich für Sie aus (wir haben vor Kurzem einen
solchen Fall gehabt); soll ich ihn deshalb gleich für Sie halten?« --
Ich entgegnete: »»Ich verdenke es Ew. Excellenz nicht, daß Sie an meiner
Ehrlichkeit zweifeln; aber Sie können es mir auch nicht verdenken,
wenn mir dies sehr unangenehm ist. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag
machen«« -- fuhr ich lustiger fort -- »»Sie hören doch, daß ich ein Däne
bin; geben Sie mir ein Thema, welches Sie wollen; geben Sie mir Feder,
Dinte und Papier; dann will ich Ihnen gleich einen Vers darüber machen.
Es wäre doch wunderlich, wenn es sich so träfe, daß der unrechtmäßige
Finder der Briefe auch ein dänischer Dichter wäre. Doch ich weiß ein
besseres Mittel,«« sagte ich ernster, »»unten auf der Straße begegnete
ich dem Herzog von Weimar; er hat mich bei seiner Frau Mutter der
Herzogin Witwe gesehen; ich will Se. Durchlaucht um ein paar Zeilen
bitten, durch die ich mich legitimiren kann, bis mein Paß von Kopenhagen
kommt. Ich habe bereits darum nach Hause geschrieben.«« Nun fragte der
Minister, ob ich mich nicht setzen wolle, es ließe sich wohl noch Alles
in Ordnung bringen; aber ich verbeugte mich und empfahl mich gehorsamst.
[Sidenote: Zusammentreffen mit Landsleuten.]
Mehr Unannehmlichkeiten bereitete mir diese, freilich unverzeihliche
Vergeßlichkeit nicht. Ich brachte dem Appellationsrath Körner einen
Brief von Göthe; meine Landsleute =Bröndsted= und =Koës= kamen kurz
darauf nach Dresden; Engelbreth war bereits mit mir angekommen. Bald
traf auch Bischof =Münter= ein; und so wurde es mir leicht, meine
Persönlichkeit, und daß ihr nichts Ungesetzliches anhafte, zu beweisen.
Der Minister, der durchaus Nichts gegen mein Ich einzuwenden, sondern
nur an dessen wirklicher Existenz gezweifelt hatte, lud mich später zu
sich zu Tisch. Aber ich entschuldigte mich ehrerbietigst. Es war mir
unangenehm, einen Mann wiederzusehen, der einen Augenblick an meiner
Ehrlichkeit gezweifelt hatte. Es nützte Nichts, daß die Andern mir
sagten: »Aber er kannte Dich ja nicht!« -- Mit jugendlichem Uebermuth
antwortete ich: »»Er hätte mir auf mein ehrliches Gesicht hin glauben
müssen.«« -- Seine Töchter traf ich später zuweilen bei Körner's; sie
waren sehr liebenswürdig und geistreich; wir sprachen oft freundlich mit
einander und eines Abends begleitete ich sie bis an ihre Hausthür.
[Sidenote: Komische Scene mit Bischof Münter.]
Mit dem Bischof Münter traf in Dresden eine komische Szene ein, die
ich, so unschuldig sie auch war, während seines Lebens doch nicht
veröffentlichen wollte. Nun kann sie mit als ein Beitrag zu den nicht
wenigen Anekdoten dienen, welche von den Zerstreutheiten dieses
gelehrten gutherzigen Mannes erzählt wurden, deren doch viele erdichtet
sind, oder ihn nicht betrafen.
Er hatte gehört, daß ich meinen »Baldur den Guten« vollendet, und darin
Trimeter, Anapäste und mehrere griechische Versformen angebracht hatte;
als ein großer Freund und Vertrauter der Griechen, als ein Jugendfreund
von Ewald, der auch einen Balder geschrieben hatte, wünschte er nun,
das Stück zu hören. »Besuchen Sie mich morgen Nachmittag!« sagte er,
»und lesen Sie mir Ihren Baldur vor, dann wollen wir eine Tasse guten
Thee zusammen trinken. Hier in Dresden giebt es keinen guten Thee, aber
ich habe solchen von Kopenhagen mitgenommen.« -- Ich kam zur bestimmten
Zeit, doch als ich ins Zimmer trat, fand ich den Bischof von einem Dampf
umgeben, der ihn fast unkenntlich machte, und der mir, der ich aus der
frischen Luft kam, so drückend auf die Brust fiel, daß mein erstes
Wort war: »Um Gottes Willen, Ew. Hochehrwürden! wie können Sie das
aushalten?« worauf ich, ohne um Erlaubniß zu bitten, hineilte und beide
Fenster weit aufriß. -- »»Ja, ich kann es gar nicht begreifen, es raucht
hier drin auch mitten im Sommer, wenn man gar nicht einheizt.«« -- Nun
entdeckte ich mitten im Rauch einen Theekessel auf einem Feuerbecken
mit Kohlen, die noch nicht ausgebrannt waren und einen tödtlichen
Qualm verbreiteten. »Das kommt vom Feuerbecken!« rief ich. -- »»Ja
wahrhaftig,«« sagte der Bischof, »»das glaube ich auch, da hat Johann
wieder (oder wie der Diener hieß) einen dummen Streich begangen. Johann!
Johann! nimm gleich das Feuerbecken hinaus. Wie ungeschickt benimmst Du
Dich?«« -- Johann kam herein, setzte den Theekessel auf die Ofenplatte
und nahm das Becken mit sich hinaus. Nun fing der Bischof an, mich
sehr eifrig über den Baldur zu fragen. Als eine geraume Zeit darüber
vergangen war, nahm ich mir die Freiheit, ihn daran zu erinnern, daß wir
ja guten Thee trinken wollten. »Das ist wahr!« rief er, »das hätte ich
beinahe vergessen.« Darauf warf er eine große Hand voll von dem guten
Thee (es war grüner Thee) in die Kanne, goß sie voll lauwarmen Wassers
(denn das Wasser im Kessel hatte zu kochen aufgehört), und ohne einen
Augenblick zu zögern (da er sich darnach sehnte, das Stück zu hören),
schenkte er die Tassen voll. Die grünen zusammengerollten Blätter hatten
nicht Zeit gehabt, sich zu entfalten, und da die Theekanne eine große
Oeffnung hatte, kamen mehrere Blätter in demselben Zustande in die
Tassen, in dem die Hand sie in die Kanne gebracht hatte. So bekam ich
also »guten Thee« zum ersten Mal in Dresden, so wie man ihn in China
selbst trinkt: mit den Blättern darin; aber wenn meine Dichterblätter
dem Bischof nicht besser geschmeckt haben, als seine Theeblätter mir, so
wäre es schlimm gewesen.
Das ließ ich mir damals nicht träumen, daß ich später zwölf Jahre
im Hause dieses edeln Mannes wohnen, und daß er fast in meinen Armen
sterben würde.
* * * * *
[Sidenote: Theodor Körner.]
Körner war Schiller's Jugendfreund gewesen. Auf seinem Weinberge hatte
der unsterbliche Dichter seinen Don Carlos geschrieben. Die ganze
Familie hatte sehr viel Sinn für Poesie. =Theodor=, der spätere Held und
Tyrtäus war damals, als ich sie besuchte, ein hübscher vierzehnjähriger
Knabe, der sehr fromm und aufmerksam zuhörte, wenn ich meine Gedichte
vorlas. Seine Schwester =Emma= malte schön; ein Fräulein =Kunze=,
welche dort im Hause war, sang vortrefflich. Der muntere, geniale
Italiener =Paër=, den Napoleon später als Kapellmeister nach Paris
berief, kam häufig in Körners Haus und ich hörte ihn oft selbst mit den
Damen aus seinem Sargino singen. Fräulein =Stock=, eine vortreffliche
Pastellmalerin, Frau Körner's Schwester, war munter und witzig und
amüsirte sich zuweilen damit, mich meiner allzugroßen Jugendlichkeit und
Vorliebe für das Blühende wegen zu necken.
* * * * *
[Sidenote: Ansichten über Kirchenmusik.]
Es freute mich, Musik in der katholischen Kirche zu hören, doch war
die Musik hier nicht immer nach meinem Sinn: sie war mir zu sinnlich,
zu lärmend. Ich vermißte die ernste würdige Erhebung, das treue
innige Gefühl; und obgleich ich über die starken Diskantstimmen der
Sänger staunte, konnte ich doch nicht umhin, an das Schicksal dieser
armen Menschen zu denken, und dies störte mein religiöses Gefühl
vollständig. Ich sprach einmal mit einem Landsmanne, der sich in
Dresden niedergelassen hatte, über diese Sänger und äußerte ihm mein
Mißvergnügen. Er war ein sehr tüchtiger Kopf und selbst ein guter
Künstler; aber paradox und scharf in seinen Ansichten. »Sind Sie auch
so ein nordischer Barbar, der der großen Kunst nicht einmal ein kleines
Opfer gönnt?« -- »»Man sollte solche Virtuosen, wie die Baßgeigen, in
Futterale hinstellen, wenn man sie gebraucht hat,«« entgegnete ich;
»»es schneidet mir ins Herz, einen so aufgeschwollenen, schwammigen
Halbmann zu sehen. Es widert mich an, daß ein armes Geschöpf, an dem
die Menschen sich versündigt haben, als Wortführer für die Menschen
auftreten und Bravourarien zu Gottes Ehre krähen soll. Das kann weder
rühren, noch stärken, noch erheben; und was ist Kirchenmusik, wenn sie
das nicht kann?«« -- Der bewundernde Kenner zuckte die Achseln und hatte
wahrscheinlich Mitleiden mit meinen Ansichten. Ein anderes Mal stand
ich mit einem klugen Mann vor einem Portrait von Göthe, welches =Buri=
gemalt hatte, und vor einer Copie von Leonardo da Vinci's Christus, wo
er sagt: Gieb dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.
»Welch ein Unterschied,« sagte ich, »auf diesen beiden Gesichtern!«
-- »»Ja gewiß,«« entgegnete der Andere: »»Hier ist ein Antlitz voller
Hoheit und Unschuld, und dort ein Mensch, der, wenn er in sein eigenes
Herz blickt, lauter schwarze Flecken findet.«« -- »Flecken finden alle
Menschen in ihren Herzen,« antwortete ich. »Das Andere ist ein Ideal;
aber es erscheint mir trotz seiner Schönheit doch zu =weibisch= für
einen Christus.« So mußte ich mich größtentheils durchschlagen; denn ich
hörte oft übertriebene, einseitige Ansichten, nicht der Modeansichten
zu gedenken. Ich habe mich immer über jede =Mode= geärgert, die die
Menschen in eine einseitige Richtung hineinziehen will. Nun sollte Alles
katholisch, altdeutsch oder italienisch sein, und was nicht so war, das
war vom Uebel. Ich fühlte einen Trieb in mir, mich der verschmähten
Gegenwart und ihrer guten Leistungen anzunehmen. In diesem Vorsatz war
ich durch Göthe, der dies =Franz-Sternbaldisiren=, wie er es nannte,
auch nicht leiden konnte, bestärkt worden.
* * * * *
[Sidenote: Ansichten über die Malerkunst.]
Ich besuchte gern die Bildergalerie. Ich habe den Lesern erzählt, daß
ich nicht unbewandert in der Zeichnenkunst war; und Alles, was die
Malerei an Poesie in sich aufnehmen kann, konnte natürlich einem mit
Worten malenden Dichter nicht fremd oder gleichgültig sein. -- Aber das
war bei Weitem nicht genug; das nannte man jetzt etwas Untergeordnetes.
Mit dem religiösen Gefühle sollte man nun die Werke auffassen; nur so
könne man ein Eingeweihter der Kunst werden. Ich dachte: Auch gut!
Alles Poetische gründet sich ja zuletzt auf ein religiöses Gefühl; ich
kann auch fühlen. Aber wieder vorbeigeschossen! Dies wurde trivial
und sentimental genannt! Eine erhitzte Phantasie mußte mit mystischen
Bildern ausgeschmückt werden; wenn diese Bilder auch zuweilen
apocalyptisch sein mochten, so war das um so besser.
Wie leicht es war, einen solchen Kunstsinn, bei geistlosen ungebildeten
jungen Männern zu wecken, ist leicht zu begreifen; und deßhalb traf ich
auch jeden Augenblick Kunstkenner, welche nicht wußten, wie eigentlich
ein Arm oder ein Bein aussehen müsse; die nie in ihrem Leben ein
menschliches Antlitz mit Aufmerksamkeit betrachtet hatten, die kaum blau
von grün unterscheiden konnten, aber doch sehr tief und vornehm über
alte Meisterstücke redeten, und mit Verachtung auf Alles herabblickten,
was während ihrer Lebenszeit geschaffen war, wenn es nicht einen
gewissen Zuschnitt hatte. -- Wenn ich von _pecus imitatorum_ rede,
so meine ich natürlich nicht die geistreichen Männer, die durch ihre
Schriften =Veranlassung= zu dergleichen Uebertreibungen gegeben haben.
Ich habe vor jedem genialen Blicke Achtung, vor jeder originellen Idee,
selbst wenn sie übertrieben ist. Die neuere Schule hatte das Verdienst,
die Welt mehr als früher auf die zu wenig bekannten Kunstwerke des
Mittelalters aufmerksam zu machen; und ich glaube, daß die Gemälde jener
Zeit mehr verdienen, Meisterwerke genannt zu werden, als die Gedichte.
Welcher Mensch mit Geist und Herz sieht nicht ein, daß eine poetische
Composition schöner characteristischer Gesichter, ein lebhaftes
frisches Colorit meisterhaft genannt zu werden verdienen, wenn selbst
das matteste Auge in unserer Zeit einzelne technische Fehler entdecken
kann? Welcher verständige Kenner verachtet nicht eine oberflächliche,
flüchtige, coquette Manier bei vielen neueren französischen und
italienischen Malern, unter der sich eben soviel technische Fehler,
wie in jenen Bildern verbergen; wo aber weder Geist noch Gefühl oder
Phantasie die Fehler ersetzen.
Ich schreibe hier keine Kunstkritik, und werde mich wohl hüten, dieses
Buch, wie die Mode ist oder war; mit weitläufigen Gemäldebeurtheilungen
anzufüllen. Ich habe immer gesucht, Sinn und Auge für malerische und
plastische Gegenstände zu bilden, wie es sich für einen Dichter und
einen Lehrer in den schönen Wissenschaften ziemt; aber um ganz in die
Einzelnheiten solcher Dinge einzudringen, muß man selbst ausübender
Künstler sein. Winkelmann, Lessing und Göthe haben vortrefflich über
Kunstwerke im Allgemeinen gedacht; Wackenroder und Tieck haben Bilder
empfunden und schön darüber phantasirt; und ich habe gern und oft
diese Abhandlungen und Herzensergießungen gelesen. Auch =Fiorillo= und
=Fernow= habe ich gelesen.
[Sidenote: Die Dresdner Bildergalerie.]
O wie gern sah ich 1817 die Galerie in Dresden wieder! Wie bewundernd
denke ich nicht noch der herrlichen Bilder Correggio's, von denen die in
seiner ersten Manier mir doch kräftiger und raphaelischer vorkamen, als
die berühmte =Nacht=. Wie erfreute mich der strenge und unterrichtende
Christus von Giovanni Bellini, ein herrlicher Gegensatz zu dem süßen
Christusantliz von Carlo Dolce, das sich in Harmonikatönen aufzulösen
scheint. Ich sehe noch das schöne, klare Bild von Holbein, wo die fromme
Bürgermeisterfamilie die Mutter Gottes anbetet. Ich entsinne mich sehr
wohl der Gemälde von Raphael's herrlichen Schülern Francesco Penni,
Giulio Romano und Andräa del Sarto. Und nun all' die niederländischen
und flämischen Herrlichkeiten einer muntern und treu aufgefaßten Natur,
deren wir viel ähnliche in Kopenhagen haben.
[Sidenote: Raphael's Madonna.]
Das erste Mal besuchte ich die Galerie in Dresden mit einer Freundin,
einer herzensbraven Dame in mittleren Jahren, einem Fräulein =Alberti=,
die aber im hohen Grade von der neuen Schwärmerei angesteckt war.
Mit ihr trat ich vor Raphael's Madonna hin. Ich erstaunte über die
übernatürliche Schönheit und Wahrheit in diesem Bilde; aber als ich
meine Freundin weinend und fast knieend vor dem Heiligenbilde sah, und
sie mich in einem Bekehrungstone fragte: »Nun, Oehlenschläger, was sagen
Sie jetzt?« antwortete ich kalt: »»Es ist sehr hübsch!«« -- »Gott im
Himmel!« rief sie seufzend, »Sie nennen Raphael's Madonna =hübsch=?« --
»»Liebe Freundin,«« entgegnete ich, »»sagen Sie mir nur Eins: Glauben
Sie, daß Raphael im Stande gewesen wäre, solch ein Bild zu malen, wenn
er =so= dagestanden und geweint hätte?««
Ich trat später allein vor das herrliche Bild hin und begriff nicht, wie
so viel jungfräuliche Geistesruhe, Schönheit und naive Kindlichkeit zu
Zerknirschung und wehmüthigen Betrachtungen Veranlassung geben konnte.
Daß Maria mit dem Jesuskinde von der Erde zum Himmel emporzuschweben
schien, war ja auch lustig; das thut jede reine und unschuldige
Seele. Als ich nach Hause kam schrieb ich ein dänisches Gedicht über
diesen Gegenstand, das ich später in meiner Novelle »die Mönchbrüder«
angebracht habe.
[Sidenote: Polemische Gedichte.]
Noch ein paar andere kleine deutsche Gedichte verfaßte ich in Dresden,
um meinem Herzen Luft zu machen; denn mir war wirklich unter den
Kunstkennern wie einem Manne zu Muthe, der zwischen einem glühenden Ofen
und einem offenem Fenster sitzt, wo es stark zieht, so daß ihm die eine
Seite ganz heiß, die andere ganz kalt wird. Das herzlose Demonstriren
nach spitzfindigen, einseitigen, abstracten Regeln, war mir eben so
zuwider, wie eine kränkliche Schwärmerei.
=Künstlers Morgen- und Abendlied.=
O heiliger Gott, was Dir gehört
Tief in der menschlichen Brust,
Nicht die gesunde Freude stört,
Ist nicht Schmerz, ist Lust;
Aeußert in That sich und frischer Kraft,
In blühender Schönheit Schein,
Nicht die Blüthen weg es rafft,
Liebt nicht Grab und Gebein.
Christus verließ das düstre Grab,
Fuhr zur Hölle nur kurz hinab;
Jetzt des Vaters Rechte ziert,
Dort nun thätig mit ihm regiert.
Weg, Du trüber, papistischer Dunst!
Seufzen und weinen ist keine Kunst,
Wirken und weben,
Nehmen und geben,
Und tüchtig streben,
=Das= ist Leben!
So wollen wir leben
Und etwas leisten!
Mehr, als die Meisten!
Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden,
Wieder bilden muß Gottes Bild.
Das wollen wir führen in unserm Schild'.
Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.
* * * * *
=Krittlers Litanei.=
(Am großen Bußtage zu singen)
Ach, lieber Herr Gott, laß mich nie
Urtheilen, wie ein hölzernes Vieh!
Laß' mich nicht in gemalten Personen
Nur sehn mathematische Dimensionen!
Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott.
Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater!
Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein,
Es soll Dein Schade nicht sein.
Ich will Dich dafür in den Werken erkennen,
Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen.
Amen! --
Aber wenn's nicht anders werden kann,
Ach, so hilf mir armen Mann,
Daß ich einsehe bald und ganz haarklein:
In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein.
Laß' mich die thörichte Lust verlieren,
Treibe fort den eiteln Dunst;
Lehre mich, statt Werke der Kunst,
Tuch oder Leder zu penetriren.
Die Welt wird dadurch nichts verlieren,
Die Kunst wird dadurch nicht krepiren.
Ich bitte darum auf allen Vieren.
Kyrieleison. Amen!
* * * * *
[Sidenote: Die Bedeutsamkeit der Kunst.]
Daß aber diese herrlichen Werke meine Seele nicht allein zu polemischen
Ausbrüchen hinführten, zeigt das Fragment eines Briefes, welchen ich,
gleich nachdem ich in der Bildergalerie gewesen war, meiner Christiane
schrieb:
»Gestern war ich zum ersten Mal in der Bildergalerie. Was soll ich Dir
von den zwei Stunden Aufenthalt unter all diesen Herrlichkeiten sagen?
Es ist wie der erste süße Kuß der Geliebten. Wahrhaftig ich kam
in ein' Galerie
Voll Menschengluth und Geistes;
Mir ward es da, ich weiß nicht wie,
Mein ganzes Herz zerreißt es,
O Maler! Maler! rief ich laut,
Belohn' Dir Gott Dein Malen;
Und nur die allerschönste Braut
Kann Dir für uns bezahlen.«
Und damit sind sie auch bezahlt. Denn das schönste aller Mädchen, die
=Unsterblichkeit=, hat sie in ihren Armen emporgehoben und sie mit
ewigem Lorbeer bekränzt. Wenn man so in wenigen Momenten mit einem
flüchtigen Blicke die concentrirte Kraft der Genialität und des Fleißes
von Jahrhunderten betrachtet, so wird Einem zu Muthe, als ob Gott in
einer Offenbarung die Geschichte zurückgehen und sich vor uns zeigen
ließe. Und das thut er. Die großen Mirakel des Lebens äußern sich
durch die Kraft und das Gebet der Zauberer und diese Zauberer sind die
Künstler. O, wie dankte ich Gott, daß ich auch ein Künstler bin, als ich
mit bebendem Schritte den Tempel der Kunst durchwanderte, daß auch ich
Bilder geschaffen hatte und schaffen sollte, die die Brust kommender
Geschlechter mit Freude und Andacht erfüllen würden, wenn die meinige
längst ihren letzten Saft einer kleinen bald dahinwelkenden Grabesblume
gegeben, und mein Staub sich mit dem Staube meiner Mutter Erde gemischt
hätte. Lebe wohl, meine beste Christiane!«
* * * * *
[Sidenote: Der Maler von Kügelgen.]
Ich machte die Bekanntschaft des Malers =von Kügelgen=, eines tüchtigen
Künstlers und vernünftigen Mannes, der nicht von der neuen Krankheit
angesteckt war. Er malte mein Bild, das wahrscheinlich noch in Dresden
vorhanden ist.
[Sidenote: Kügelgen's Ermordung.]
Er malte auch den Philosophen Adam Müller, dessen Vorlesungen
ich hörte, an denen ich mich aber nicht sonderlich erbaute. --
Merkwürdigerweise hatte Kügelgen, als ich seine Bekanntschaft machte,
ein großes Gemälde vollendet, welches den von einem Discus verwundeten
Hyacinth in Apollo's Armen sterbend vorstellte. War es eine Ahnung
von Deinem Schicksale, armer Kügelgen? Sein Leben war merkwürdig; als
Jüngling verliebte er sich in ein adeliges Fräulein; der Vater erklärte,
daß, wenn er sich ein so großes Vermögen erworben, daß er unabhängig
leben könne, und sich dann adeln lassen wollte, er sie bekommen sollte.
Kügelgen war mit diesem Vorschlage zufrieden, ging nach Rußland, wo
gerade Kaiser Alexander auf den Thron gekommen war und eine Menge
goldener Dosen mit seinem Bilde darauf verschenkte. All' diese Bilder
bekam Kügelgen zu malen, und er hatte sich eine so große Fertigkeit
darin erworben, den Kaiser zu treffen, daß er ihn aus dem Gedächtniß
malen konnte. Hierdurch erwarb er sich ein bedeutendes Vermögen, ließ
sich adeln, reiste nach Deutschland zurück, heirathete seine Braut und
war viele Jahre glücklich. Aber er hatte doch stets einen auffallend
melancholischen Zug in seinem Gesicht. Vor wenigen Jahren, als er sich
einen Weinberg in der Nähe von Dresden gekauft hatte, und den Herbst
und Winter seines Lebens so recht im Schoße seiner Familie genießen
wollte, wurde er eines Abends auf einem Wege, wo sonst nie Jemand
überfallen wurde, von einem Menschen gemordet, der sich nur seiner
Kleider bemächtigen wollte, um sie zu verkaufen. Am nächsten Tage fand
der unglückliche Sohn die Leiche seines Vaters nackt und auf ein abseits
gelegenes Feld hingeschleppt. Welch sonderbarer Uebergang vom Glück zum
Unglücke im Leben eines Menschen!
* * * * *
Während ich in Dresden war, wollten meine Landsleute Bröndsted, Koës und
Engelbreth eine Fußreise in die sächsische Schweiz machen; sie schnürten
ihre Bündel und wollten mich bestimmen mitzureisen. Aber es war mir zu
heiß mitten im Sommer. Ich wußte im Voraus, daß die Sonnenhitze und das
Erkälten mir einen starken Schnupfen verschaffen würde, der gleich das
Vergnügen störte, und ich sagte: »Nein, Kinder, zieht in Frieden dahin!
Ich bin keiner jener Liebenswürdigen, die, wie Nvmphe in Göthe's kleinem
Vorspiel »Was wir bringen« sagt, es sich so sauer werden lassen, überall
die holden Naturscenen aufzusuchen. Nun bin ich in Dresden und hier will
ich in Ruhe und Frieden meine Dresdner Freude genießen. Ich mag lieber
ein gutes einfaches Gericht, als viele kleine Gerichte, nach denen man
seinen Apetit berechnend eintheilen muß.«
[Sidenote: Zacharias Werner. -- Herr von Rumohr.]
Die Freunde stellten mir vor, daß diese Sophismen nur ein schlechter
Ersatz für die Schönheiten der riesigen Gebirge seien; ich aber sagte
ihnen Lebewohl und wünschte, daß =Rübezahl= ihnen nicht allzuviel
Hokuspokus auf dem Wege in die Berge machen möge, und sie gingen. Um
frische Luft zu schöpfen wanderte ich an einem Nachmittag zur Stadt
hinaus nach einem Theater, welches man scherzweise »die =Saloppe=«
nannte, und das nicht viel zu bedeuten hatte. Aber es war ein schöner
Spaziergang, wie von Kopenhagen nach Frederiksborg, und der Ort selbst
war angenehm. Im kühlen, grünen Schatten konnte man draußen sitzen und
Eis essen, wenn man die Komödie nicht sehen wollte. Hier traf ich einmal
=Zacharias Werner=, der sehr freundlich und holdselig gegen mich war,
aber gleich wieder wie eine Sternschnuppe verschwand; erst drei Jahre
darauf machte ich in Coppet seine eigentliche Bekanntschaft.
* * * * *
Ich ging auch an jedem Tage in die Gemäldegalerie, besah die Antiken und
die Mengs'schen Abgüsse. An den Antiken waren viele Theile so schlecht
restaurirt, daß sie wirklich Buddings oder Würsten aus irgend einer
Restauration der Stadt glichen.
[Sidenote: Neues Begegnen Ludwig Tieck's.]
Eines Vormittags, als ich nach Hause kam, erzählte das Mädchen, daß ein
gewisser Herr =Ludwig Tieck= dagewesen sei, der mich besuchen wollte.
Ich lief gleich wieder in die Galerie hinauf, denn ich hoffte ihn dort
zu finden. Ich traf daselbst Herrn =von Rumohr=, seinen Reisegefährten,
der mich in die Bibliothek hinaufführte, wo Tieck über einem alten
Manuscript des Heldenbuches saß. Er eilte mir freundlich entgegen. Wir
sprachen vertraulich mit einander, wie Brüder, die lange von einander
getrennt gewesen waren. -- Sein hübsches characteristisches Gesicht,
sein schönes Organ, seine bewundernswerthe Beredtsamkeit, seine
geistvollen braunen Augen nahmen mich gleich persönlich für ihn ein,
und ich gefiel ihm auch. Ich dachte an das schöne Verhältniß zwischen
Franz und Sebastian, zwischen Albrecht Dürer und Lucas von Leyden, in
seinem Sternbald; und in den wenigen Tagen, die wir hier zusammen waren,
lebten wir auch ganz so wie jene Künstler miteinander. Ich las meinen
Hakon Jarl, einen Theil des Aladdin und das Evangelium des Jahres vor.
Er zollte mir seinen herzlichen Beifall, und beklagte, daß Novalis nicht
lebte, um das Evangelium hören zu können. Ich aß eines Mittags mit ihm
und Rumohr; Tieck und ich tranken Brüderschaft. Er las mir Holberg's
»Hexerei oder blinder Allarm« in der alten deutschen Uebersetzung vor;
ich bewunderte sein Talent zum Vorlesen; es gefiel mir, daß er den
Holberg etwas anders auffaßte, als wir Dänen gewöhnt sind; es klang
mir, wie meine Muttersprache im Munde eines schönen, fremden Mädchens,
anmuthig, obgleich mit einem etwas ausländischen Accent. Wir disputirten
zuweilen auch ein wenig aber freundlich, ohne Bitterkeit. Ich gestand
ihm, daß mir seine Liebe und Bewunderung für die altdeutsche Poesie
etwas übertrieben erscheine; daß die alte Zeit wohl sehr =poetisch=
geworden sei, aber keine großen =Poeten= hervorgebracht habe. Stoff zum
Dichten gäbe sie vollauf; die alten Dichtungen seien merkwürdig, hätten
schöne Stellen und seien voll herrlicher Motive. Auch meinte ich, daß
man nicht allzusehr die Sache der Aristokratie und Hierarchie reden und
nicht zu sehr auf Aufklärung schelten sollte. -- Tieck billigte übrigens
gar nicht die modernen Uebertreibungen, und das dumm andächtige Wesen
ärgerte ihn auch. Wir waren beide beim Abschiede gerührt.
* * * * *
[Sidenote: Bekanntschaft mit der Familie von Zeschwitz.]
Kurz nach Tieck's Abreise fragte mich ein =Herr von Zeschwitz=, dessen
Bekanntschaft ich gemacht hatte, ob ich mit ihm hinauswolle und seinen
Bruder, den Amtshauptmann besuchen, der eine Meile von Dresden wohne.
Ich nahm das Anerbieten gern an, und der joviale Amtshauptmann kam mir
sehr freundlich entgegen. Er war unverheirathet und bewohnte ein großes
Haus mit seinen Leuten. Munter und geradezu fragte er mich gleich, ob
ich mit ihm eine Reise nach Teplitz machen wollte? »Ich habe meinen
eigenen Wagen,« sagte er, »wenn Sie mir das Vergnügen bereiten wollen,
mein Gast zu sein, und mit mir zu reisen, so wird mir die Reise einen
doppelten Genuß bieten.« -- Ohne mich lange zu bedenken, entgegnete ich:
»»Sehr gern, aber ich muß erst nach Dresden, um meine Sachen zu holen.««
-- »So lasse ich gleich anspannen,« rief er, »Sie fahren nach Dresden,
holen Ihre Sachen, kommen zurück, bleiben die Nacht bei mir und Morgen
begeben wir uns auf den Weg.« -- »»Mit Vergnügen!«« entgegnete ich. --
Und als ich kurz darauf nach Dresden hinrollte, dachte ich: »Das ist
etwas Anderes! So will ich die sächsische Schweiz gern sehen! War es nun
nicht gut, daß ich mich von den fußreisenden Landsleuten nicht verführen
ließ?«
Vorher hatte ich von der Gegend rund um Dresden nur das schöne
=Tharand= gesehen, welches von doppeltem Interesse für mich war, weil
Steffens daselbst ein merkwürdiges Jahr seines Lebens zugebracht hatte.
-- Nun fuhr ich mit meinem muntern zuvorkommenden Amtshauptmann nach
Teplitz, und bekam dabei zugleich Etwas von Böhmen zu sehen. Wir kamen
an unzähligen großen Crucifixen und Heiligenbildern vorüber. In Teplitz
war ein hübscher Park voller Herren und Damen, ein nettes Theater, gute
Musik und ein gutes Wirthshaus. In =Außig= gingen wir in die Kirche.
Eine Mutter trat gerade mit ihrer kleinen Tochter zu gleicher Zeit
mit uns ein; sie sprengte dem Kinde etwas Weihwasser aus dem an der
Thür stehenden Becken ins Antlitz. Die Kleine wußte noch nicht, was es
sei, blinzelte mit den Augen und rieb sie mit den kleinen, niedlichen
Händchen: Ein schönes Bild zwischen den Kirchenpfeilern während die
Sonne ihre Strahlen vom Fenster schräg durch die kühle Halle sandte. --
Wir segelten auf der Elbe nach =Schandau=, kamen aber _post festum_; es
waren nur etwa noch ein Dutzend Badegäste dort. Auf =Königstein=, einer
unüberwindlichen Bergveste von der großen Baumeisterin Natur aufgeführt,
erstaunten wir über den tiefen Brunnen, der 900 Ellen senkrecht durch
den Porphyr hinunter geht. Um uns die Tiefe begreiflich zu machen,
senkten die Leute erst einen Kranz mit angezündeten Lichtern hinab. Der
Schein verlor sich mehr und mehr und schien zuletzt ganz zu schwinden;
aber plötzlich fing es wieder von neuem zu leuchten an und dies war
der Widerschein auf der tiefen Wasserfläche des Brunnens; darauf wurde
ein Eimer Wasser heraufgeholt und in einem alten Glase, auf dem Verse
eingegraben waren, überreichte man uns das demantklare Wasser, eine
Gabe von der Unterwelt, das eiskalte Blut des Riesen Ymer. Dann wurde
ein Eimer Wasser hinuntergegossen; ich lauschte vergebens, wandte mich
zu meinem Reisegefährten und sagte: »Ich habe Nichts gehört, hörten Sie
Etwas?« -- »»Still!«« flüsterte er, und in demselben Augenblick fiel das
Wasser erst mit rasselndem Tone hinab. -- In solchen Augenblicken redet
die ewige Naturkraft aus der Ferne mit großen Telegraphenbuchstaben zu
unserer Seele.
[Sidenote: Reise nach der sächsischen und böhmischen Schweiz.]
Auf der Elbe segelten wir nach Dresden zurück und wenn ich die drückende
Mittagshitze ausnehme, so hatten wir eine sehr angenehme Reise und sahen
die herrlichsten Aussichten und Gebirgsgegenden.
Ich saß bereits mehrere Tage wieder ruhig an meinem Schreibtische, als
meine Landsleute von ihrer Fußreise zurückkehrten und sonnenverbrannt,
wie die Zigeuner, eintraten. -- »Ei,« rief ich, »seid Ihr endlich wieder
da? Allmächtiger Gott, wie seht Ihr aus! Rübezahl hat Euch zu Mohren
verwandelt.« -- »»Aber dafür haben wir auch etwas gesehen!«« antwortete
Bröndsted mit stolzem Selbstbewußtsein. -- »Und wenn ich nun eben so
viel gesehen hätte, wie Ihr, obgleich ich bereits seit mehreren Tagen
wieder an meiner Arbeit sitze?« Ich erzählte ihnen meine Abenteuer.
»»Je größer der Schelm, je größer das Glück!«« riefen sie Alle. --
Kurz darauf reiste Engelbreth nach Dänemark, und ich, der ich zuerst
die Absicht gehabt hatte, nach Wien und Italien zu gehen, beschloß,
über Weimar mit Koës und Bröndsted nach Paris zu eilen, um in ihrer
Gesellschaft zu bleiben.
* * * * *
[Sidenote: Briefe aus der Heimath.]
Ehe ich von Dresden fortreiste, erhielt ich einen Brief von meiner
Schwester:
-- -- »Seit meinem letzten Schreiben habe ich zwei Briefe für Dich
angefangen, aber ich war so unzufrieden damit, daß ich sie in Stücke
riß, was ich auch gern mit diesem thäte, denn ich bin nie mit Dem
zufrieden, was ich schreibe; es steht nie da, was stehen sollte -- und
kurz -- ich kann nur schlecht schreiben. -- In diesem Sommer haben wir
keine Zimmer auf Frederiksborg, aber der Vater hat mir dagegen eins von
den seinigen überlassen. Oersted kommt jeden Abend heraus und geht am
Morgen wieder zur Stadt zurück. Mir geht es so sehr gut; ich lebe gerade
so, als da ich zu Hause war; ich sitze in dem kleinen Garten und nähe,
gehe im Südfelde umher und komme nur zwei Mal in der Woche zur Stadt,
wenn ich Klavierunterricht habe. Jeden Sonntag Vormittag ist Anders bei
mir und liest mir aus dem Fichte vor. Wir sitzen dann gern im Garten,
um es recht ruhig um uns her zu haben; er erklärt mir, was ich nicht
verstehe, und ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich bin, wenn ich
es fasse und begreife; dann ist mir so, als ob ich eine Offenbarung
hätte. Ich schrieb Dir das letzte Mal, daß ich Winkelmann las, und daß
das natürlich meine Sehnsucht, Kunstwerke zu sehen, verstärken müsse.
Ich habe eine schwache Copie von Raphael's atheniensischer Schule und
eine Menge Zeichnungen seiner herrlichen Köpfe bei dem Maler =Kabot=,
eine Copie von Christi Grablegung und eine kleine Madonna gesehen, von
der er behauptet, daß sie wirklich von Raphael sei. Bei einem Maler
Hansen, der vor Kurzem von Rom gekommen ist, habe ich eine Copie von
Correggio's schöner Magdalena gesehen, die er selbst gemalt hat[5].
Sie liegt in einem Walde und liest. Ich wurde ganz entzückt über das
bezaubernde Spiel von Licht und Schatten. All' das, lieber Adam, sind
Dinge von großem Werth für mich, aber nichts im Vergleich mit Dem, was
Du sehen kannst.
[5] Diese Copie kaufte die Gräfin Schimmelmann später von Hansen,
schenkte sie mir, und sie hängt -- 37 Jahre nachdem Sophie sie
gesehen hat, über meinem Schreibtisch.
Ich habe Dir noch nicht für Deinen Hakon Jarl gedankt. Wie kann ich
es? Ich habe im Stillen Gott gedankt, daß Du ihn geschrieben hast. Ich
spreche nur mit Einzelnen davon; denn ich meine, die Meisten sollten
sich nicht unterstehen, darüber zu schwatzen; ihr Lob scheint mir seiner
unwürdig; kurz -- ich meine, sie sollten schweigen. Ich habe ihn nun
vier Mal gehört und kann ihn so ziemlich auswendig. In diesem Sommer
habe ich zum ersten Male mehrere von Seelands schönen Gegenden kennen
gelernt. Wir sind in Helsingör, Fredensborg, Frederiksborg, Hirschholm
und Frederiksdal gewesen. Früher kannte ich ja nichts Anderes, als
Frederiksborg; und ob mir dies gleich ebenso schön scheint, wie irgend
ein anderer Ort, so hat die Verschiedenheit der Situationen mich doch
innig erfreut. Es ist wohl herrlich, von unserm Frederiksborg auf
alles Das hinabzuschauen, was uns umgiebt; aber es ist auch unendlich
schön, sich in dem ruhigen Fredensborg gleichsam von der ganzen Natur
umschlungen zu fühlen; und als Frederiksborg plötzlich aus dem Walde
hervortrat, fiel die Stelle mir ein:
»Ein herrlich alter Held ist Hakon Jarl,
Er sieht so hoch u. s. w.«
Ich habe nie so viel Lust und Lebenskraft gefühlt, wie auf dieser Reise;
ich war recht glücklich und dachte oft an Dich. Lebe ich, bis Du nach
Hause kommst, so wollen wir diese Tour zusammen machen. »Lebe wohl! Gott
segne Dich!«
In diesem Brief lag ein kleines Blättchen von meinem Vater in deutscher
Sprache, in der er seit vielen Jahren nicht geschrieben hatte. Es heißt
darin:
»Es freuet mich, daß es Dir so wohl geht, und daß Deutschlands =Apoll=
Dich so liebreich aufgenommen hat. Nun bist Du in Deinen männlichen,
kraftvollen Jahren; fliege mit Adlersflügeln, Deiner Kraft gemäß, damit
Du der Sonne so nahe kommst, wie die Natur der Dinge es erlaubt. Ich
sehe aus Christiane's Brief, daß Du jetzt ein ganzer Deutscher geworden
bist. Darum habe ich dieses Mal diese Sprache gewählt.«
[Sidenote: Paris in Weimar.]
Wie wir aber bereits in Weimar Paris trafen, das wird der Leser in dem
Folgenden erfahren.
Ich las damals noch keine Zeitungen. Es ist unbegreiflich, wie junge
Leute, welche die Geschichte lieben, sich so wenig um die politischen
Begebenheiten bekümmern können, da diese doch die Geschichte des Tages
bilden. Weitläufige diplomatische Tiraden und Reden in Friedenszeiten,
mit denen die Zeitungen oft angefüllt sind, schrecken davon ab, bis
es zur Gewohnheit wird, sich um solche Dinge nicht zu bekümmern; und
geschieht dann eine wichtige That, so weiß der junge Mann im Anfange
sich nicht recht zu orientiren. Dies ist das Extrem von Dem, in das
viele Aeltere verfallen, die vor lauter Zeitungsstudiren oft nicht Zeit
haben, ein vernünftiges Wort zu lesen. Nun wußte ich zwar, daß Preußen
und Frankreich Krieg mit einander führten; daß aber Napoleon seine Heere
zwischen der Elster und Saale zusammenziehen, und so die vereinigten
Armeen von der Elbe abschneiden würde, wußten nicht einmal die deutschen
Generale, wie konnte es da ein junger dänischer Poet wissen. Besser
wäre es freilich gewesen, nach Wien zu reisen, aber Bröndsted und Koës,
die eifrige Zeitungsleser waren, versicherten mir, daß es keine Noth
habe. Ich fügte mich also, um mich nicht von den lieben Landsleuten zu
trennen, und um Göthe noch ein Mal zu sehen. Als wir nach Weimar kamen,
trafen wir ihn im Schauspielhause in seiner Loge. »Nun seid Ihr,« sagte
er, »wo Ihr billig nicht sein solltet; weil Ihr aber hier seid, so seid
willkommen!« Diesen Abend und den nächsten Mittag brachte ich noch in
der Annehmlichkeit des Friedens bei ihm zu. Wir fanden es nicht rathsam,
weiter zu reisen; wir beschlossen in Weimar zu bleiben, um den Ausfall
des Kampfes abzuwarten und sahen ihn denn auch bald in der Nähe.
* * * * *
[Sidenote: Die Schlacht bei Jena.]
Das preußische Hauptquartier kam nach Weimar; auch der König und die
Königin. An jedem Tage sahen wir die Straßen voll hübsch gewachsener
preußischer Officiere, die sehr Wichtiges mit einander verhandelten und
in Schriften hinein blickten. Es wurde an jedem Abend Theater gespielt.
Das Lager war außerhalb Weimar aufgeschlagen; ich durchwanderte es mit
Göthe und dachte an Wallensteins Lager in Schiller's Drama. Welch'
wunderbare, große bewegliche Stadt voll kleiner Hütten, woselbst die
wildesten Krieger doch täglich einige Stunden Frieden halten müssen,
während sie essen, trinken und schlafen. Die Marketenderinnen sind ein
eigenthümlicher Menschenschlag. Der Krieger bedarf noch der Pflege des
Weibes und ein Marketender ist Nichts gegen eine Marketenderin. Ich
dachte an die vortrefflich geschilderte in Wallensteins Lager, auch an
den leichtfertigen =Courage= in dem alten Roman von Simplicissimus;
und endlich an die cimbrischen Frauen, die sich verzweifelt an die
Roßschweife hingen, wenn ihre Männer aus der verlorenen Schlacht flohen.
Nun näherte sich der 14. October 1806. Bereits einige Tage im Voraus
hörten wir die Kanonen in weiter Ferne donnern. Jetzt kamen sie näher.
Man hatte im Anfange gar keine Idee, wo die Schlacht sein würde. Ich
lief vom Gasthofe zum Elephanten, wo ich wohnte, nach Göthe's Haus. Da
gab man mir den Trost, daß der Kampf sich von unserer Gegend weggezogen
habe; als ich aber nach Hause ging, stand der Satyriker =Falk= bleich
und unbeweglich, wie eine Bildsäule auf der Straße. Er versicherte
mir, daß Alles verloren sei! -- Kurz vorher hatten wir preußische
Reiter auf dem Markt eroberte französische Pferde verhandeln sehen, nun
flohen Preußen haufenweise aus der Schlacht mit verhängten Zügeln in
gestrecktem Galopp durch die Stadt. »Wo führt der Weg in die Berge?«
riefen sie, indem sie an uns vorübereilten. -- »Hier giebt es keine
Berge!« -- »Wo giebt es dann einen Weg, wo keine Franzosen sind?«
fragten sie und verschwanden wieder, ohne die Antwort abzuwarten, wie
ein Zugwind aus der Stadt.
* * * * *
Es wurde ein junger schlesischer verwundetet Officier in unsern Gasthof
gebracht. Eine Kanonenkugel hatte ihm ein Stück Fleisch aus dem Schenkel
gerissen und er war ausgeplündert. Bröndsted lieh ihm eine nicht
unbedeutende Summe Geldes. Ein Feldscherer, ein närrischer Gesell, der
uns in Friedenszeiten amüsirt haben würde, mißfiel uns nun im höchsten
Grade. Er lief in bloßen Hemdsärmeln, mit einem großen, dreieckigen
Hute umher, und kaum hatte er den armen Menschen verbunden, als er den
Verband wieder auflöste, um es besser, oder -- schlechter zu machen. Der
Verwundete starb ein paar Tage darauf; und es hätte wohl keine Hülfe für
ihn gegeben, selbst wenn er in bessere Hände gefallen wäre. Ein Jahr
darauf bekam Bröndsted sein Geld von Schlesien geschickt, mit großem
Dank von den Eltern, daß er ihren Sohn in der Todesstunde erquickt habe.
* * * * *
[Sidenote: Die neutralen Dänen in Weimar.]
Während der Schlacht las ich Smollet's Peregrine Pickle, der mich
unendlich langweilte; und ich begriff nicht, wie man poetisch so trivial
sein könnte, wenn es in der wirklichen Welt so feierlich zugeht. Nun
fingen die Franzosen an, mit Kanonen in die Stadt zu schießen. Bei dem
ersten Schuß, durch den das Haus zitterte, ging ich unwillkürlich hin,
und schloß das offenstehende Fenster. Ich mußte über meine Vorsicht
lachen, als ich ihrer bewußt wurde. Ich setzte mich auf die Treppe in
den Kellerhals um nicht verwundet zu werden, und als Bröndsted und Koës
sahen, daß ich Muth genug hatte, meine Furcht vor den Kanonenkugeln
einzugestehen, folgten sie meinem Beispiel.
Wir sahen voraus, daß, wenn die Preußen in die Stadt flüchteten, es
hier so gehen würde, wie in Lübeck. Dies war ein entsetzlicher Gedanke.
Ich fing auf der Kellertreppe auch an, einen kleinen Krieg gegen
meine Landsleute zu führen, und ihnen Vorwürfe zu machen, daß sie die
Zeitungen nicht besser gelesen hatten, da sie sich doch damit abgaben,
und da sie mich davon abgehalten hatten, auszuführen, wozu der gesunde
Verstand mir gerathen. Sie vertheidigten sich, so gut sie konnten;
wir fanden es bald rathsam, unter einander Frieden zu schließen und
trösteten uns damit, daß unsere dänische Neutralität uns beschützen
würde. Die Kanonenschüsse hörten nach und nach auf. Das Geld, von dem
wir alle drei den ganzen Winter in Paris leben sollten, hatten wir
gerade aus Leipzig in guten Napoleond'ors geholt. Wir theilten die Summe
in drei gleiche Theile und banden sie in unsere Halstücher, hinten im
Nacken, wo die Franzosen sie leicht gefunden haben würden, wenn wir
nicht mehr Glück als Verstand gehabt hätten.
* * * * *
[Sidenote: Artige Franzosen.]
Plötzlich wurde es in Weimar still, wie in einem Grabe. Alle Läden
waren geschlossen, keinen Menschen sah man auf der Straße, und die
Octobersonne schien durch den Pulverdampf, der die Lust erfüllte,
wie ein bleicher Nachtmond. Nun ritten die Franzosen im Anfange ganz
ordentlich haufenweise in die Stadt und quartirten sich in den Häusern
ein. Unser Wirth war ganz verdreht im Kopf, umarmte einen kleinen
Jungen, der schiefe Beine hatte, und, rief: »Ach mein liebes Kind,
wenn sie Dir nur Nichts zu leide thun!« Ich dachte an den Apotheker
in Aladdin. Wir riethen dem Wirth, alle Schränke aufzumachen, und den
Husaren, die sich näherten, mit Herzensstärkungen entgegen zu kommen.
Acht hübsche, sonnenverbrannte Männer, ganz außer Athem und heiß
vom Kampfe, hielten an der Thür »_Bourgeois!_« riefen sie von ihren
Pferden, »_du vin! de l'eau de vie! du Kirswaser!_« Der Wirth kam
mit Flaschen heraus: sie setzten sie an den Mund und leerten sie mit
langen Zügen. Drauf stiegen sie ab und gingen ins Zimmer; größtentheils
Unterofficiere. Wir zeigten ihnen unsere Pässe und beriefen uns auf
unsere dänische Neutralität. Sie versicherten uns höflich, daß wir
Nichts zu fürchten hätten. Von den Preußen sagten sie: »_Ils se battent
bien, mais ils ne comprennent pas la guerre._« Der eine Unterofficier
wollte sich eine warme, wollene Nachtjacke kaufen. Wir ließen gleich
einen Krämer holen, der Kriegsmann bekam die Jacke und fragte nach dem
Preise. Wir zupften den Krämer am Rock; er verstand uns und versicherte,
daß er nicht einen Pfennig dafür nehmen würde. »_Ah, monsieur! vous êtes
très honnete!_« sagte der Franzose, und der Krämer eilte fort, um nicht
mehrere Jacken auf diese Art zu verkaufen.
Nun setzten die Franzosen sich zu Tisch, und trotz der außerordentlichen
Menge, die in die Stadt eingedrungen war, und alle Häuser füllte,
herrschte in den ersten Stunden doch die vollständigste Stille und Ruhe;
worüber man sich nicht wundern darf: sie kamen Alle aus der Schlacht und
waren müde, hungrig und durstig.
»Aber nachdem die Begierde der Speis' und des Trankes gestillt war«
und als sie sich »im Wechselgespräch mit einander über die gewonnene
Schlacht erfreut hatten,« -- da gingen sie auf Abenteuer aus, um Beute
zu suchen, und da fing das Unglück an.
* * * * *
[Sidenote: Plünderung in Weimar.]
Glücklicherweise hatten wir sehr ordentliche Soldaten in unser Haus
bekommen, die uns halfen, das Thor gegen die Menge zu vertheidigen,
welche eindringen wollte. Ein abscheulicher Marodeur wollte sich gerade
zu uns hinschleichen, als unser braver Unterofficier ihn in den Nacken
faßte und mit den Worten in den Rinnstein hinauswarf: »_Brigand! je
t'écraserai la tête!_« Nun versperrten wir das Thor mit Steinen und
Balken. Draußen auf dem Platze bivouaquirten Soldaten, die in den
Häusern nicht Platz gefunden hatten, zu Hunderten. Ihre Gewehre standen
in Piramiden aufgestellt; sie selbst lagen in ihren Mänteln und es
brannte Feuer, an dem sie sich erwärmen konnten. Müde von der Spannung
und Angst des Tages, warfen Koës und Bröndsted sich auf das Bett und ich
mich auf das Sopha. Wir hatten im obersten Stockwerk ein paar kleine
Zimmer bekommen; die Franzosen schwelgten unten in der Stube und ließen
sich in ihrer Freude nicht durch den jungen schlesischen Officier
stören, der neben ihnen auf einer Bank mit dem Tode kämpfte. -- Ich war
endlich eingeschlummert, als mich ein Laut wieder weckte; es kam mir
vor, als ob ich Katzen miauen hörte. Ich schlage die Augen auf, es ist
ganz hell in der Stube; ich trete ans Fenster: die Stadt brennt! Ich
höre wieder das eigenthümliche Geschrei -- es sind heulende Frauen und
Kinder!
Einen gräßlicheren Augenblick habe ich nicht erlebt. »Gott!« rief ich
und rang meine Hände, »zu welchem Entsetzen sind wir hier leichtsinnig
hergeeilt.« Magdeburgs Zerstörung stand klar vor meiner Phantasie. --
Glücklicherweise wurde das Feuer gleich gedämpft, das einige Schurken
angezündet hatten, um dabei besser plündern zu können. Unser Haus
blieb verschont. Streng genommen wurde doch die Stadt geplündert;
außerdem geschahen keine Verbrechen. Der Vater unsres Wirthes hatte
aus seinem Keller eine eiserne Kiste verloren, in der er 600 Thlr.
hatte. Mochte es nun sein, weil wir in den Bodenkammern wohnten, oder
unsere dänische Neutralität, oder, wie gesagt, das reine Glück, das uns
beschützte, genug: wir verloren Nichts von dem in unsere Halstücher
eingebundenen Golde. Den Tag nach der Schlacht kamen die Generale
Augereau und Berthier in den »Elephanten«; sie nahmen freilich das
ganze Haus in Besitz mit Küche und Keller, ließen uns aber doch unsere
Bodenkammer. Nun mußten wir uns den ganzen Tag mit einer Brotrinde und
einem Glase Wein begnügen, während die französischen Officiere unten
prassten und schwelgten. Aber wir hatten den Trost, eine Schildwache als
_sauve-garde_ vor dem Hause zu sehen. Sobald Napoleon kam, hörte das
Plündern auf; leider aber zu spät. Es war nicht mehr viel zu nehmen. Die
Räuberei wurde streng verboten, und wir hörten täglich sieben, acht Mal
in Garten die Büchsen knallen, wo die Diebe gleich erschossen wurden.
Als der Kaiser kam, soll er der Herzogin, die ihn im Schloßportale
empfing, zugerufen haben: »_Eh bien! Vous avez voulu la guerre! La
voilà!_« Aber bald gewann sie ihn durch ihre Milde und ihren Verstand.
General Schmettau wurde ein paar Tage darauf von den Franzosen mit allen
militärischen Ehren begraben; es war den tief gebeugten Deutschen,
welche zugegen waren, als ob Deutschlands Freiheit und Selbstständigkeit
mit dem Gefallenen zugleich begraben würde.
[Sidenote: Napoleon in Weimar. -- Schmettau's Beerdigung.]
Ein junger, halberwachsener Mensch, Boie, von Voß's Bekanntschaft, war
lustig und guten Muths und da er etwas Französisch konnte, gebrauchte
man ihn als Dolmetscher. Wir gingen eines Tages mit ihm zum Hause
hinaus, wo die Schildwache stand. »_Qui êtes vous?_« fragte der Soldat
stolz. »_Je suis un espion!_« antwortete der Jüngling lustig. --
»_Comment!_« rief der erzürnte Franzose und fällte das Gewehr. Wir baten
ihn um Gotteswillen, die »_mauvaise plaisanterie_« des jungen Mannes
nicht übelzunehmen. Mit Mühe beruhigten wir den Kriegsmann, der den
Spion arretiren wollte; endlich glückte es uns doch, ihn zu befreien.
Wir verbaten uns solch' dreiste Späße für die Zukunft.
* * * * *
[Sidenote: Göthe's Verheirathung.]
Göthe machte während der Schlacht mit Fräulein Vulpius Hochzeit.
Er hatte wohl lange schon an diesen Schritt gedacht, um seinem Sohne
verheirathete Eltern zu geben; aber um dem Komischen zu entgehen,
das darin liegt, daß ein älteres Paar mit dem Anfange endigt (_le
commencement de la fin_, wie Talleyrand es nannte, als Napoleon zu
fallen begann), hatte er es wohl aufgeschoben, und um, wie Tell bei
Schiller, den Apfel vom Haupt des Sohnes abzuschießen, während Geßler
stritt, ging er mit einer alten Haushälterin in die Kirche, während
die Kanonen mit ihren entsetzlichen Glocken auf Jenas Fluren läuteten,
und kehrte mit ihr zurück, ohne daß es die geringste Veränderung in
Etwas machte, außer daß sie nun Frau Geheimräthin von Göthe hieß. Wenn
man sie sah, konnte man nicht begreifen, wie sie Göthe's Geliebte
geworden war. Sie glich weder Lotten, noch Klärchen, noch Gretchen,
weder den Leonoren, noch der Iphigenie; wenn sie überhaupt einer der
Göthe'schen Gestalten glich, so glich sie der Braut von Korinth, aber
in entgegengesetzter Bedeutung, denn nicht der Geist sondern der Körper
spukte. Für Poesie hatte sie durchaus keinen Sinn, und Göthe sagte
einmal selbst im Scherz: »Es ist doch wunderlich, die Kleine kann gar
kein Gedicht verstehen.« In ihrer Jugend war sie frisch gewesen, voll
und rothwangig war sie noch, aber ganz aus der niederländischen Schule;
obgleich, wie gesagt, durchaus kein Klärchen. Sie war eine Schwester
des berühmten Verfassers des Rinaldo Rinaldini und Rinaldo Rinaldini
hatte eine Zeitlang wohl mehr Bewunderer in Deutschland gehabt, als
Wilhelm Meister. Die Neuvermählte erwies ihrem Manne stets Ehrerbietung
und nannte ihn immer »Herr Geheimrath.« Das thaten wir andern auch. Als
ich ihn im Anfange Excellenz nannte, sagte er gutmüthig: »Lassen Sie
es beim Geheimrath bewenden!« und dieser Titel klingt in Deutschland
sehr bürgerlich; Frau Göthe war von einer raschen beweglichen Natur
und hielt nicht viel von dem stillen Leben, das ihr Mann führte. »Der
Herr Geheimerath und ich« -- soll sie einmal gesagt haben -- »wir
sitzen immer und sehen einander an. Das wird am Ende langweilig.« Das
Schauspielerpersonal huldigte ihr übrigens mit vieler Aufmerksamkeit
und setzte so Eins oder das Andere durch. Göthe war nämlich Chef des
Theaters und das merkte man. Obgleich der Herzog nicht die Mittel hatte,
große Talente zu belohnen, so wußte Göthe doch meisterhaft zu benutzen,
was er hatte. Man sah nichts Schlechtes, nichts Geschmackloses; die
Affectation, die in Deutschland so oft verletzt, war hier verbannt; die
Provinzialdialecte verschmolzen zu einer gebildeten Sprache. Schiller's
Wallenstein's Lager und Wallenstein's Tod wurden edel aufgeführt, und
selbst das Lied von der Glocke, das Göthe wunderlicherweise auf die
Bühne brachte, wurde so natürlich, als es möglich ist, gegeben, wenn man
die subjectiven lyrischen Ergüsse eines Dichters als dramatische Scene
verschiedenen Menschen in den Mund legt. Als ein Beweis dafür, daß die
Achtung, in der Göthe stand, selbst stark genug war, um den Uebermuth
der jenensischen Studenten zu zügeln, mag Folgendes dienen: Kurz vorher
waren sie _en masse_ im Schauspielhause in Weimar gewesen und hatten
tüchtig gelärmt. Göthe erhob sich in seiner Loge und rief ihnen laut zu:
»Still! still! bedenkt, wo Ihr seid!« und es wurde still; nicht weil
der Minister sie daran erinnerte, daß sie in einem fürstlichen Theater
seien, sondern weil der große Dichter sie daran erinnerte, daß sie sich
im Tempel der Musen befänden. Man spielte Schiller's Räuber. Wenn auf
andern Theatern das Lied: »Ein freies Leben führen wir,« gesungen wurde,
pflegten die Studenten im Parterre oft mitzusingen. Nun aber sandten
sie zuerst sehr ehrerbietig eine Deputation an Göthe in seine Loge, und
baten um die Erlaubniß dazu, die sie auch erhielten. Aber Göthe mußte
immer lachen, wenn er sich später dieses Liedes erinnerte; denn imponirt
durch seine erste Ermahnung, hatten sie die Courage ganz verloren und
sangen »Ein freies Leben führen wir« so langsam und zahm, wie man beim
Begräbniß singt: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.«
[Sidenote: Göthe und die Jenenser Studenten.]
Ich sah zuweilen Falk bei Göthe. Eines Mittags hielt er uns eine
lange Vorlesung und ich wunderte mich über die Geduld, mit der ihn
Göthe angehört hatte. »Nun,« entgegnete Göthe, »wenn ein Mensch so mit
einer Tafel auf der Brust zu mir kommt, auf die er Alles geschrieben
hat, was in ihm wohnt, so kann ich mich wohl einmal darein finden, zu
lesen, was darauf steht.« -- Er war nicht immer so geduldig; es mußte
auch Etwas auf der Tafel stehen. Ein junger Baron kam ihm einmal mit
erschrecklich großen Lobreden entgegen, aber auch mit sehr eingebildeten
Erklärungen über Göthe's Genie, die kein Ende nahmen. Als er fertig
war, sagte Göthe: »Sie hören sich gerne selbst reden, Herr Baron!« und
kehrte ihm den Rücken zu. Göthe haßte die Affectation. Er saß einmal bei
einer Mittagstafel zwischen zwei Fräulein vom Lande. Das eine war sehr
ästhetisch, das andere geradezu und prosaisch. Das ästhetische hatte
ihn lange mit ihren närrischen Entzückungen und sublimen Affectationen
ermüdet. Als eine Ananas gegessen wurde, rief es: »Ach, ach, Herr
Geheimerath! so eine Ananas riecht doch ganz göttlich!« -- »Hm!« sagte
Göthe, »woher wissen Sie denn eigentlich, wie die Götter riechen?« Drauf
wandte er sich an das andere und fragte: »Wie viel Kühe hat Ihr Vater,
Fräulein?«
* * * * *
[Sidenote: Reise nach Gotha.]
Wir speisten noch einmal bei Göthe zu Tische und verließen darauf
Weimar, das aus einem Musensitze in ein Lazareth verwandelt war, und wo
das hübsche Theater, das so viele Jahre hindurch ein Tempel für Göthe's
und Schiller's Meisterstücke gewesen, nun ein Hospital für sterbende
Krieger und verwundete Krüppel bildete.
Wir reisten nach Gotha, sobald wir Pferde bekommen konnten. Oft fuhr
der Postillon uns über gepflügte Aecker, und wenn wir ihm das vorwarfen,
antwortete er: »Ha! 's ist Krieg!« Wir holten mehrere Colonnen
preußischer Kriegsgefangner ein, die nach Frankreich geschafft wurden.
Wir zeigten unsere Pässe und man erlaubte uns höflich, weiterzufahren.
Nur einmal wollte ein betrunkener Husarenunteroffizier von Darmstadt
es nicht erlauben; er ritt uns auf den Leib, schwang seinen Säbel und
drohte, uns die Köpfe zu spalten, wenn wir einen Schritt an der Colonne
vorüberführen. Andere Unterofficiere kamen hinzu und riefen: »Fahren
Sie nur! er ist betrunken, er thut Ihnen Nichts!« -- Aber gerade weil
er betrunken war, glaubten wir, daß er vielleicht erst recht Lust
bekommen könne, uns Etwas zu thun. Wir fuhren Schritt für Schritt
hinterher und so kamen wir endlich nach Gotha. Hier standen wir nun in
einem friedlichen Lande, denn der Herzog hatte keinen Theil am Kriege
genommen. Wir waren also in vollständiger Sicherheit und nicht mehr
der Willkür der Gewalt ausgesetzt. -- O, wie wohl that es mir, alte
Bücher aus einer Leihbibliothek zu holen, und mich bei dem vertraulichen
sichern Theetische mit meinen Freunden nach so vielen überstandenen
Mühseligkeiten und Gefahren in den idyllisch ruhigen Zustand meiner
Kindheit hinzuzaubern.
* * * * *
[Sidenote: Ankunft in Frankfurt.]
Nun rollte ich also mit meinen Landsleuten davon; wenn ich zuweilen
Heimweh fühlte, so tröstete ich mich damit, ihre lieben nordischen
Gesichter anzusehen. Sie waren sehr verschieden und doch wahre Freunde.
Koës, (der später in Griechenland starb) war ein geistvoller, lebhafter
Jüngling, obwohl bleich und mager; Bröndsted, der später durch sein
gelehrtes Werk über Griechenland berühmt wurde, war damals, was er
bis zu seinem Tode blieb, baumstark, geschmeidig, untersetzt, voller
Jovialität und Vertrauen, freundlich und theilnehmend. Koës war mehr
still, verschwiegen und zurückhaltend; man mußte ihn gut kennen, wenn er
sich aussprechen sollte. Sein mildes, sinniges Wesen war nicht weniger
angenehm.
In Göthe's Geburtsstadt, dem muntern Frankfurt, blieben wir einige Tage.
Den guten Rheinwein genossen wir sowohl in ungepreßtem Zustand als
Trauben sowie in gepreßtem, als vortrefflichen »Dreiundachtziger«; denn
»der Elfter« konnte von uns noch nicht genossen werden, da er erst fünf
Jahre später wuchs.
* * * * *
[Sidenote: P. A. Heiberg.]
In einer kleinen deutschen Grenzstadt mußten wir einige Stunden auf
frische Pferde warten; es war schwierig welche zu bekommen, denn
Talleyrand fuhr gerade durch die Stadt. Er sollte nach Berlin, um das
nördliche Deutschland in Ordnung zu bringen, da es jetzt wie eine
eroberte Provinz behandelt wurde. Ich sehe zum Fenster hinaus und sage
verwundert zu Bröndsted: »Entweder betrügen mich meine Augen, oder P.
A. =Heiberg= steht unten auf der Straße.« So war es. P. A. Heiberg
war im Gefolge Talleyrand's. Ich hatte große Lust, einmal mit diesem
talentvollen Manne zu sprechen; seine komisch dramatische Laune hatte
mich oft amüsirt; als politischen Schriftsteller kannte ich ihn wenig.
Ich ging ihm freundlich entgegen; aber er war kalt, und ich merkte
gleich, daß wir nicht sympathisirten. Er stand sowohl politisch, wie
auch ästhetisch ganz auf der französischen, ich auf der deutschen Seite
des Rheins. Zehn Jahre darauf sprach ich doch zuweilen mit ihm in
Paris. In der _revue encyclopédique_ hat er mich später oft getadelt.
In einer Vorrede zu seinen dänischen Schauspielern sagt er, daß ich
seine dramatischen Verdienste geringgeachtet haben solle, was nie der
Fall war. Ich habe im Gegentheil oft mit ihm selbst darüber disputirt,
daß er ein guter komischer Dichter sei, was er leugnete. Aber das muß
er vergessen haben. Besonders hat er es mir übelgenommen, daß ich in
einem Gedicht: »=Das Gypsbild=« in meiner Langelandsreise (gewiß zu
voltairisch übertrieben) Voltaire angetastet hatte. In einer spätern
Ausgabe wollte Herr Heiberg durchaus keine Veränderung sehen, obgleich
ich die Ausdrücke sehr gemildert hatte.
* * * * *
[Sidenote: Erster Eindruck von Paris.]
Wir kamen über den schönen Rhein, nach der unschönen Champagne, wo die
Natur, wie ich glaube, so viel mit dem lieblichen Wein zu thun hatte,
daß ihr nicht Zeit blieb, an andere Vollkommenheiten zu denken. Nach
=Chalons= kam ich noch an meinem Geburtstage, dem vierzehnten November;
und als die guten Genossen meine Gesundheit bei einer Flasche Champagner
von der besten Sorte getrunken hatten, hielten wir Dänen am nächsten
Tage unsern Einzug in Paris, wo die große steinerne _porte St. Martin_,
wie ein freistehender Triumphbogen, uns zu den schönen Boulevards
hinwinkte.
Als wir durch die Vorstadt kamen, wunderte ich mich fast darüber,
daß diese häßliche armselige Stadt Paris sein sollte; ich glaubte,
der Kutscher hätte sich im Wege geirrt und uns in eine verfallene
Provinzialstadt geführt. Wie verschieden ist der Eindruck von dem, den
viele andere Städte machen, wo schöne Alleen mit herrlichen Lusthäusern
und Gärten die Erwartung spannen und sie zuweilen überspannen, wenn man
die Schale besser findet, als den Kern. Hier geht es entgegengesetzt:
Paris liegt, wie eine Wallnuß in der großen äußern schmutzigen Schale,
die die Finger befleckt, wenn man sie angreift; aber kaum kamen wir
durch die harte Schale -- ich meine die Ehrenpforte, die Ludwig XIV.
sich selbst gebaut hat, so fanden wir den Kern angenehm. Es kam mir vor,
als wenn ich von allen Seiten den Chor aus meinem Sct.-Hans-Abendspiel
hörte:
»Allons, Allons, Courage!
Schöne Raritäten, Scherz und Spiel u. s. w.«
[Sidenote: Deutsches Studium in Paris.]
Paris ist so oft und so gut beschrieben, daß es eine Thorheit wäre,
es von Neuem zu thun. Es giebt Reisende, die aus keinem andern Grunde
reisen, als nur um zu beschreiben. Viele, die bequem sind und sich nicht
rühren mögen, setzen sich gleich, wenn sie nach einem so merkwürdigen
Orte kommen, mit allen Büchern, die sie erwischen können hin und
schreiben nun einen Auszug Dessen, was sie gelesen haben; was ungefähr
so ist, wie die Ragouts, die man in sparsamen Haushaltungen am Sonnabend
von den Ueberresten der ganzen Woche bekommt. Andere -- und besonders
die Engländer -- laufen wie toll mit der Zunge zum Halse heraus, um
Alles zu sehen; nicht, um es zu genießen, zu fühlen, sondern um mit
beruhigtem Gewissen sagen zu können: »Wir haben es selbst gesehen!« was
doch eine Lüge ist; denn was wie ein Blitz vorübereilt, sieht man nicht
mit dem Auge der Seele! -- Ich fing es hier auf eine ganz andere Art an.
Ich hatte beschlossen, eine geraume Zeit in Paris zu bleiben. Zwei Dinge
wollte ich ordentlich lernen: erstens Französisch zu verstehen; denn ich
verstand nicht ein Wort, wenn man rasch sprach, und
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