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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

by Adam Oehlenschläger · German · Gutenberg #48557 · 512,821 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1
    
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Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Author: Adam Oehlenschläger


        
Release date: March 22, 2015 [eBook #48557]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48557

Credits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La Monte
        H.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 1 ***

[Illustration: A Oehlenschläger]




                       Meine Lebens-Erinnerungen.

                               Ein Nachlaß
                                   von
                          Adam Oehlenschläger.

                        Deutsche Originalausgabe.

                              Erster Band.


                                 Leipzig
                        Verlag von Carl B. Lorck.
                                  1850.

                    *       *       *       *       *




                                Vorwort.


Als ich das erste Mal mein Leben niederschrieb, geschah es in Folge
einer Aufforderung des Buchhändlers Max in Breslau, des Verlegers
meiner deutschen Schriften. Ich mußte mich beeilen; und obgleich dies
natürlich eine genaue Aufzeichnung vieler characteristischen Züge
unmöglich machte; wie es mich auch zwingen mußte Vieles zu übergehen,
das theils vergessen wurde, theils nicht ausgeführt werden konnte, --
so dachte ich doch: Etwas ist besser als Nichts. Ich erinnerte mich so
vieler Verfasser, die Nichts über ihre Erlebnisse hinterlassen hatten,
weil sie es während ihres Lebens von einem Tage zum andern aufschoben.
Damit dies nun nicht mit mir geschehen solle (theils wußte ich, daß
Viele meine Biographie wünschten, theils fühlte ich mich dazu durch den
dem Menschen eingegebenen Selbsterhaltungstrieb gedrängt), so schrieb
ich sie rasch nieder und übersetzte sie später in das Dänische. Sie ist
mit vieler Aufmerksamkeit und Theilnahme gelesen worden. Aber wenn ich
diese Biographie jetzt lese, so finde ich sie so fragmentarisch und
unvollständig, daß sie mich selbst auf keine Weise zufrieden stellen
kann. Oft ist Das, was dort steht, nur die Ueberschrift zu Kapiteln, die
nicht geschrieben sind. Da nun das philosophische Gesetz: »Kenne Dich
selbst!« nicht anders befolgt werden kann, als indem man sich selbst
recht genau betrachtet, und sich in der Reihe aller seiner Handlungen,
Meinungen, Gefühle und Verhältnisse verfolgt; -- so ist ja eine solche
Aufzeichnung eine Pflicht für Den, welcher sie zu geben vermag, und sie
zu einem Nutzen und Vergnügen für Andere machen kann. Ich bin selbst
ein großer Liebhaber von Biographien, wenn sie gut geschrieben sind;
das heißt: wenn der Verfasser Das, was er erlebte, mit Geist und Herz
aufgefaßt hat, und Phantasie genug besitzt, um all' die kleinen Züge
darzustellen, die an und für sich unbedeutend erscheinen, aber zusammen
genommen die Linien und das Colorit hervorbringen, welche eine bestimmte
Physiognomie darstellen und den beachtenswerthen Menschen von der
einförmigen Menge unterscheiden.

Aber während wir nun also mit Lust und Offenherzigkeit ans Werk gehen,
begegnen wir auf dieser Rückreise des Lebens, ebenso wie auf der
Hinreise, manche Klippen, die umschifft werden müssen, und Berge, die
nicht überstiegen werden können, sondern die man umgehen muß.

Das Zartgefühl, die Bescheidenheit, die Schonung gebieten uns oft,
Verhältnisse mit Anderen nicht zu berühren, über deren Offenherzigkeit
wir kein Verfügungsrecht haben. In solchen Augenblicken fühlt man den
Nutzen des Romans, in welchem der Dichter viel Wahres, Geschehenes und
Erlebtes darstellen kann, das er sonst nicht mitzutheilen vermöchte,
weil persönliche Verhältnisse oder Schonung ihn dazu zwingen, die
Begebenheiten in den Schleier der Erfindung einzuhüllen. Wir sprechen
hier nicht von dem höhern Gewinne: die einzelnen Züge zu etwas Besserem,
zu etwas Zusammenhängendem und Vollkommenem zu idealisiren. Im Romane
muß die Göthe'sche Form: »Wahrheit und Dichtung«, befolgt werden. Hier
kann der Dichter die arme Wirklichkeit mit allen Reichthümern der
Einbildungskraft, des Gefühls und Gedankens verschönern oder ausmalen.
Aber in der Biographie selbst, scheint mir, darf dies nicht Statt
finden. Das höchste Verdienst und größte Interesse der Biographie
besteht gerade darin, daß sie eine wirkliche Lebensbeschreibung ist.
Das Geschehene gewinnt, je mehr der Verfasser im Stande ist, es mit dem
Gedanken, dem Gefühle und der Phantasie aufzufassen; aber hierin besteht
das Ideale; nicht darin, Erfindungen mit Ereignissen zu vermischen,
wodurch es weder das Eine noch das Andere wird, obgleich diese Mischung
wohl, wenn der Verfasser Genie besitzt, auch sehr interessant werden
kann. Und spricht man es, wie Göthe, offen auf dem Titelblatte aus, so
hat man ja Keinen hinters Licht geführt. Göthe meint, es sei unmöglich,
Etwas zu erzählen, ohne zu idealisiren. Sobald das Idealisiren in der
Darstellung und nicht in der Composition liegt, huldige ich ihm; dann
wird es zur »Wahrheit und Dichtung«, und so hat der große Dichter gewiß
auch -- bis auf einzelne Episoden -- sein Leben erzählt.

Für mich hat die arme ehrliche Wahrheit, und die Gabe, das Leben in
seiner Beschränktheit mit klarer Wahrheitsliebe auffassen zu können,
auch einen eigenen Reiz; sie gehört der Biographie, sowie der Geschichte
selbst an, und ich habe mich stets befleißigt, an ihr festzuhalten:
sollte dies in einzelnen Kleinigkeiten nicht geschehen sein, so ist mir
mein Gedächtniß untreu geworden.

Viele Bedenklichkeiten fallen hinweg, wenn die Menschen, mit denen man
gelebt hat, gestorben sind, deßhalb sind die Lebensbeschreibungen am
vertraulichsten und am wenigsten zurückhaltend in den Jugendjahren des
Erzählers und werden verschwiegener und vorsichtiger, je mehr sich die
Zeit seiner letzterlebten Periode nähert. Was nun das betrifft, so sind
Viele heimgegangen, seitdem meine erste Lebensbeschreibung erschienen;
ich habe freiere Hand bekommen, ich habe auch Manches seitdem erlebt,
das sich erzählen läßt, und so bin ich also im Stande, meinen Lesern
jetzt eine weit vollständigere Selbstbiographie, als das erste Mal
mitzutheilen.

Aus einem Stammbuche, das von meinem Großvater und Vater deutsch
geschrieben ist, ziehe ich folgende Aufzeichnungen als Einleitung aus.
Erst die meines Großvaters August Henrich Oehlenschläger.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aufzeichnungen meines Großvaters.]

Anno 1672 -- sagt er -- wurde mein seliger Vater Christoffer
Oehlenschläger geboren, und nach seines Vaters, Henrich Oehlenschläger's
Tode, bekam er nach ihm, von Seiner hochfürstlichen Durchlaucht, dem
Bischof von Eutin, den Organistenposten in Rensfeld. Anno 1696 starb
mein Großvater. 1705 ging mein seliger Vater ein christliches Ehebündniß
mit meiner Mutter Elisabeth Gerdes, in Schlutop geboren, ein. Anno 1715
den 2. Februar Abends zwischen 10 und 11 kam ich ans Licht und empfing
durch Gottes Gnade den 6. dito die heilige Taufe. 1718 wurde mein
jüngerer Bruder, Peter Christoffer, geboren. Anno 1729 den 11. December
Morgens 10 Uhr schlief mein lieber Vater sanft und selig ein, und am 21.
dito wurde er zu seiner Ruhestätte gebracht. Sein Leichentext war der
11. Vers des 84. Psalms: »Denn ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser,
denn sonst tausend. Ich will lieber der Thür hüten in meines Gottes
Hause, denn lange wohnen in der Gottlosen Hütten.«

Der Großvater meiner Mutter väterlicherseits hieß Marcus Gerdes, wohnte
in Schlutop und war ein Fischer. Ihr Großvater mütterlicherseits, Peter
Hofemann, war auch Fischer. -- Anno 1737 ging mein Bruder Christoffer
von Lübeck fort, und ich bekam einen Brief von ihm aus Bremen, in dem
er schrieb, daß er beabsichtige, nach Holland zu reisen. Von Amsterdam
meldete er mir, daß er Willens sei, entweder nach Ost- oder Westindien
zu gehen, daß er nach Middelburg in Zeeland reisen und bei Einem wohnen
wolle, der Ludwig Korn op de Kay hieß. In Amsterdam hat er einen
Kaufmann gekannt, der Conrad Spiek hieß. Ein späterer Brief meldete,
daß er in Ostindien employirt werden solle, wohin er mit dem Schiffe
»Wickenburg« gegangen war, und daß er keinen unserer Briefe erhalten
hätte, weil sie alle von Jochum Havemann aufgeschnappt wären. Aus
Batavia erhielten wir 1739 den 30. Januar einen Brief von ihm, worin
er meldete, daß er »op de Guarnisoncammer« angestellt sei, daß er die
Kinder des ersten Buchhalters informire, und daß er Hoffnung habe,
Buchhalter zu werden. Unsere Briefe an ihn mußten die Aufschrift haben:
»Batavia in het Casteel op de Guarnisoncammer to behandigen: Pieter
Christoffel Keulensläger«. Mehre Jahre darauf in meiner Kindheit suchte
mein Vater Nachrichten über diesen Oheim mit dem veränderten Namen zu
erhalten, von dem das Gerücht ging, daß er ein reicher Mann in Batavia
geworden sei; aber wir hörten nie Etwas von ihm.

Mein Großvater verheirathete sich zum ersten Mal 1743 mit Anna
Margaretha Faasch. Mit ihr hatte er einen Sohn Joachim Joseas; die
Mutter starb 1746 und das Kind ein Jahr nachher. Darauf erzählt mein
Großvater: »Anno 1747 den 12. Mai ließ ich mich mit meiner herzliebsten
Gattin Tolstrup kopuliren. Gott, der das Herz des Menschen beherrscht,
führe uns stets auf den rechten Weg, und vermehre unsere innige Liebe
von Tag zu Tage, und füge es auch so mit uns, daß wir ihm allezeit
danken, und seinen heiligen Namen loben und preisen müssen, Amen! Dazu
helfe uns der Herr Jesus! Amen!«

In diesem frommen Ton sind alle Aufzeichnungen abgefaßt. Anno 1748
den 31. Juli wurde mein Vater =Joachim Conrad= geboren. Der geheime
Conferenzrath =Joachim Brockdorf= auf Nöer war sein Pathe, und nach ihm
ist mein Vater vermuthlich genannt worden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aufzeichnungen meines Vaters.]

Nun kommen die Aufzeichnungen meines Vaters. Aus diesen ersehe ich, daß
mein Großvater 1753 als Organist in Krusendorf starb, nachdem er sein
Amt zehn Jahre lang »lobenswerth und als ein guter Christ« verrichtet
hatte. Das Jahr darauf verheirathete meine Großmutter sich wieder mit
=Marquard Bolt=, der das Amt meines seligen Großvaters bekam. 1765 kam
mein Vater nach Rendsburg zum Organisten =Rosenbaum=, blieb bei ihm
zwei Jahre, und machte dort Fortschritte in der Musik. Und nun wurde
der siebenzehnjährige Schleswiger von seinem Stiefvater nach Kopenhagen
zu dem damals in Dänemark allmächtigen Grafen Adam Gottlob Moltke
geschickt, der wahrscheinlich bei irgend einer Gelegenheit versprochen
hatte, sich des Jungen anzunehmen, und ihn seiner Zeit zu befördern.

[Sidenote: Meine Mutter.]

Daß mein Vater ein tauglicher Clavierspieler gewesen sein muß, kann ich
daraus wissen, daß er, wie er selbst erzählt hat, bei seiner Ankunft in
Kopenhagen gleich den jungen Comtessen Unterricht auf dem Clavier gab.
Auch habe ich noch ein Attest von dem Pastor Lorch an der deutschen
Friedrichskirche auf Christianshafen, worin dieser meinen Vater nach
abgelegter Probe wegen der Kenntnisse und der Fertigkeit lobt, deren
es bedarf, um ein guter Schullehrer auf dem Lande in den deutschen
Provinzen zu werden. Aber sowie Jacob dem Laban mehrere Jahre dienen,
und erst die häßliche Lea nehmen mußte, ehe er die schöne Rahel bekam,
so mußten in jenen Tagen auch die Bürgerlichen oft im buchstäblichen
Sinne den Großen dienen, wenn sie von diesen befördert werden wollten.
Dies war ein Schicksal, dem sich zuweilen selbst theologische Candidaten
unterwarfen. Mein Vater, ein halber Bauerjunge aus den Hütten in
Krusendorf, hat wahrscheinlich durchaus nichts dagegen gehabt, den
Winkel im Dorfe mit dem Palais auf Amalienburg zu vertauschen, und
Theilnehmer an allen großen Festen, Lustbarkeiten und Genüssen zu sein;
gleichviel ob dies sitzend oder stehend, früher oder später geschah.
-- Hier lernte er meine Mutter Martha Maria Hansen kennen. Ihr Vater,
ein Deutscher, war königlicher Bevollmächtigter. Meine Großmutter
mütterlicherseits, Anna Maria, war die Tochter eines Bäckers Severin
in Kopenhagen. Mein Großvater mütterlicherseits hinterließ bei seinem
frühen Tode eine Wittwe mit drei Kindern. Die Eltern meiner Mutter waren
also Deutsche, und sie, ebenso wie mein Vater, wurde deutsch erzogen.
Mir ist, als ob mein Vater mir erzählt hätte, daß meine Großmutter nach
dem Tode ihres Mannes mit ihren Kindern eine Reise nach Deutschland
machte; aber in der äußersten Noth zurückkehrte. Meine Mutter war in
ihrer frühesten Jugend auf dem Lande bei einem Verwandten: dem Verwalter
=Bruun= aus Herlufsholm, im südlichen Seeland. Ich habe sie im Scherz
erzählen hören, daß, wenn nicht Altersverschiedenheit zwischen ihnen
Statt gefunden hätte, aus ihr und dem Sohne, der in die herlufsholmer
Schule ging, und später der bekannte Dichter =Thomas Christopher
Bruun= wurde, ein Paar hätte werden können. Von Bruun's kam sie als
Wirthschafterin zum Prokanzler Cramer in Kopenhagen, der sie mit
außerordentlicher Güte und Achtung behandelte, und ihr Bücher, unter
andern seine eigenen Predigten verehrte, die ich noch besitze. Cramer's
Haus war ein Sammelplatz für ausgezeichnete Deutsche, und dies hat gewiß
viel zu der mehr als gewöhnlichen Bildung meiner Mutter beigetragen.
Auch =Klopstock= kam dort ins Haus. Ich entsinne mich, daß meine Mutter
mir erzählt hat, wie sie ihm einmal ihre silbernen Schuhschnallen lieh,
als er zur Maskerade wollte. Sie liebte ihn übrigens nicht sehr, er
war ihr zu überspannt; =Gellert= sagte ihrem Herzen viel mehr zu. Von
Cramer's aus wurde sie Kammerjungfer bei der Gräfin =Moltke=; und das
war in der damaligen Zeit für ein armes Bürgermädchen eben so viel, als
ob sie zur Königin käme und ihr Glück machte. Meine Mutter soll in ihrer
Jugend sehr schön gewesen sein. Mein Vater hat erzählt, daß mehre junge
vornehme Damen sie beneideten, weil sie weißere Hände, als sie hatte,
obgleich diese die ihrigen doch täglich mit Mandelkleie wuschen, und sie
nur mit grüner Seife. --

[Sidenote: Abstammung.]

Man sieht also, daß ich von väterlicher Seite durch mehrere Glieder von
angelsächsischen Musikanten und Fischern abstamme. Der Vater meiner
Großmutter, von väterlicher Seite, =Tolstrup= war ein Jütländer, mein
Großvater mütterlicherseits, =Hansen= ein Hochdeutscher, und der Vater
meiner Großmutter mütterlicherseits, =Severin=, ein Kopenhagener. Weiter
weiß ich nichts Zuverlässiges von meinem Geschlechte zu sagen. Daß der
berühmte =Adam Olearius= oder Oehlenschläger, der die morgenländische
Reise mit =Paul Flemming= machte und ein seiner Zeit klassisches Werk
darüber herausgab, zu unserer Familie gehörte, ist wahrscheinlich. Sein
Vater war Schneider und indem ich mit ihm in Verwandtschaft komme,
könnte ich, sowie Göthe, Schneiderahnen haben. Er war nicht nur Lehrer,
sondern auch Schöngeist, konnte gut persisch und übersetzte Saadi's
Rosengarten und Lockman's Fabeln ins Deutsche. Da er Bibliothekar und
Hofmathematiker des Herzogs von Holstein-Gottorp war, und nach seiner
Reise wieder nach Holstein zurückkam, ist es um so wahrscheinlicher,
daß er zu unserer Familie gehört. Zu den Patriciern Olenschlager in
Frankfurt wage ich mich nicht zu rechnen, obgleich ich mich erinnere,
daß mein Vater zuweilen von Frankfurt als einem Orte sprach, wo
Verwandte leben sollten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Stellung meines Vaters.]

Von 1767 bis 1778 war mein Vater beim Grafen Moltke; darauf heirathete
er meine Mutter und wurde Organist in dem eine Viertelmeile von
Kopenhagen gelegenen Friedrichsberg. Meine Eltern wohnten zuerst in
der nach Friedrichsberg führenden Vorstadt »Westerbrücke« im Hause Nr.
53, gleich rechter Hand, wenn man aus der Friedrichsberger Allee kommt.
Dieses kleine, mit Fachwerk gebaute Haus, steht zufällig noch jetzt
so wie vor 70 Jahren. Das Jahr darauf 1779 wurde ich am 14. November
geboren.

Ein älterer Bruder desselben Namens, wie ich, der ein Jahr früher
geboren war, wurde nur 24 Stunden alt. Ein Jahr nach meiner Geburt
erhielt mein Vater die Stelle als Bevollmächtigter auf dem Schloß
Friedrichsberg bei dem Generalinspector Schmidt, einem sehr
tüchtigen Manne und gutem Kopfe. Mein Vater hatte Hoffnung, nach ihm
Schloßverwalter zu werden, wenn Schmidt seinen Abschied nahm und nach
Jütland zog, denn er war ein vermögender Mann. Aber als ein Verwandter
von Schmidt, ein junger Mann, Voigt, der die neue Gärtnerkunst in
England gelernt hatte, nach Hause kam, erhielt er das Amt. Erst viele
Jahre später wurde mein bei weitem älterer Vater, nach dem Tode des
Jüngern, Schloßverwalter. Voigt gestaltete den in der Zeit Friedrich's
V. angelegten Park »Söndermarken« (das Südfeld) nach neuestem Geschmack
um. Er war Gärtner mit Leib und Seele, zog bei den Gutsbesitzern in
Seeland umher, half ihnen Gärten anlegen, und überließ meinem Vater das
Schloß. Er erwies ihm all' die Achtung, die der Jüngere dem Aelteren
erweisen kann, obgleich er über ihm stand. Er hatte ein freundliches
Gesicht; wenn er mir in meinen Kinderjahren begegnete, so nannte er
mich stets »Master Adam!« Ich konnte nicht begreifen, wie ich schon
Meister geworden sei; erst viele Jahre später begriff ich, daß dies eine
Redensart war, die er von England mitgebracht hatte.

                    *       *       *       *       *

Schmidt wurde sehr alt, ich glaube gegen 90 Jahre. Ich besitze einen
Brief von ihm, den er in hohem Alter an meinen Vater mit kräftiger Hand
geschrieben hat, -- in welchem er ihm zu seinen Kindern Glück wünscht,
und aus dem ich sehe, daß dieser Greis Sinn für Poesie hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine Geburt.]

Bei meiner Geburt war ein berühmter Arzt Culpin, ein Deutscher, meiner
Mutter behülflich. Kaum war ich zur Welt gebracht, als Culpin, ein
flinker lustiger Mann, um meine Mutter, die ein Jahr vorher ein Kind
verloren hatte, zu trösten und zu erfreuen, mich bei den Beinen nahm,
ihr entgegenhielt und ausrief: »Meiner Seel' ein großer Junge!« --

                    *       *       *       *       *

Man hatte damals die üble Gewohnheit, welche vielen Menschen an Gliedern
und Gesundheit geschadet hat, die Kinder mit den Armen einzuwickeln.
Ein kleiner Junge, der uns gegenüber am Eingange zur Allee wohnte, kam
einmal herüber, um mich in der Wiege zu sehen, lief aber gleich wieder
erschreckt nach Hause, und rief seiner Mutter zu, die ihn fragte, warum
er so schnell zurückkomme: »Mutter! das Kind hat keine Arme.« Dies war
der jetzige Herr Justizrath =Hvalsöe=. Ich hatte viel vornehme Pathen
in der Friedrichsberger Kirche; die Gräfin Moltke hielt mich über die
Taufe. Als sie meine Mutter fragte: »Wie soll das Kind heißen,« und
meine Mutter geantwortet hatte: »Adam Gottlob,« sagte sie: »Das will ich
hoffen.«

Der Sohn, den meine Eltern ein Jahr vorher gehabt hatten, hieß auch
Adam Gottlob. Er wurde, wie gesagt, nur 24 Stunden alt. Mein Vater, ein
munterer, launiger Mann, pflegte oft, wenn er von seinen Kindern sprach,
zu sagen: »Ja, mein ältester Sohn, der war ein ganz anderer Kerl, als
dieser Poet.«

                    *       *       *       *       *

Ich entsinne mich noch deutlich des Morgens, wo das Mädchen hereinkam,
und meinem Vater und mir sagte, die wir in einem Bett mit grünen,
wollenen Gardinen im Comptoir, dicht neben dem sogenannten Ostthore im
Schlosse, schliefen, daß meine Schwester Sophie geboren sei. Ich war
damals dritthalb Jahr alt. Ich lag im Bett und sah einen großen Nagel
in der Wand an, der mit Papier umwickelt war, und der Wind heulte im
Schornstein und Ofen, wo man kurz vorher eine große Eule gefunden hatte,
die herabgefallen war. Ich sehe meinen Vater noch den Kamin und das
Fenster öffnen und die Eule über die Bäume auf dem Schloßberg wegfliegen.

[Sidenote: Erste Jugendthat.]

Die erste That, deren ich mich entsinne, in der Welt ausgeführt zu
haben, war ein Mord in aller Unschuld an einem kleinen Hunde, den ich
sehr lieb hatte. In dem gewölbten unterirdischen Gange, der vom Schloß
zur Küche führt, sind zwei Luft- und Lichtlöcher, beide jetzt bedeckt,
und das eine im Garten der Königin verborgen; aber damals waren beide
zugänglich, unbedeckt und nur von einem Geländer umgeben. -- Zu dieser
Zeit war im Schloßgarten ein Handlanger, der Schulz hieß, mit einem
großen schwarzen Bart, welcher mir Angst vor ihm einflößte. Vielleicht
um mich vor den Löchern in dem geheimen Gange einzuschüchtern, hatte man
mir gesagt, daß dieses unterirdische Gewölbe »Schulze's Kirche« sei.
Einmal, als ich im besten Spiele mit dem kleinen Hunde begriffen war,
bekam ich den tollen Einfall, -- nicht um dem Hunde zu schaden, oder
weil ich böse auf ihn war; ich streichelte und küßte ihn im Gegentheil;
-- ihn in Schulze's Kirche hinabzuwerfen. Obgleich mir selbst davor
bange war, dort hinunter zu gehen, so glaubte ich doch, daß der Hund
daselbst gut aufgehoben sei. Vielleicht hoffte ich auch, daß er bald
zurückkommen und mir Etwas von der wunderbaren Kirche erzählen könne.
Ich eilte also aus allen Kräften, obgleich mein Vater mir auf den Fersen
war, und warf ihn hinab. »Was hast Du gethan, Junge? wo ist der Hund?«
»Ich habe ihn in Schulze's Kirche hinuntergeworfen.« -- »Folge mir!« --
ich mußte mit in die schreckliche Kirche hinabgehen, und als ich dort
meinen Liebling jämmerlich zerschmettert und todt fand, erfüllte ich
das Gewölbe mit meinem Geschrei, und mein Vater hatte alle Mühe, um
mich von der Höhle, von dem kleinen todten Hunde fortzubringen, den ich
wieder lebendig küssen wollte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Leibgarde.]

Als kleiner Junge nahmen meine Eltern mich einmal nach Kopenhagen zu
einigen Bekannten mit, wo ich beinahe das Leben verloren hätte, indem
ich fiel und mir das Kinn zerschlug. Ich trage noch jetzt eine tiefe
Narbe davon. Auf meinen Reisen im Auslande setzte mich dies in Respect,
denn sie sah wie eine Narbe von einem Säbelhiebe aus, den ich in einem
Duell bekommen hätte.

Was ich in dieser frühen Kindheit auf dem Schlosse am meisten liebte,
war die Leibgarde. Ich hatte mir ein kleines Holzgewehr mit Kienruß
überstrichen verschafft; damit stand ich immer in einer gewissen
Entfernung von den Soldaten auf dem Schloßhofe und präsentirte nach dem
Commando der Offiziere. Der Kronprinz, später Friedrich VI., sah mich
daselbst oft von seinem Fenster aus, und soll einmal, als ich nicht
da war, gefragt haben: »Aber wo bleibt denn Adam heute?« -- Wenn ich
mich zuweilen dem Offiziere nähern durfte, und er mir erlaubte, seinen
Säbel herauszuziehen und die Klinge zu betrachten, so fühlte ich mich
von dem feierlichsten Gefühle durchdrungen. Die schöne blanke und blau
angelaufene Stahlwaffe schien mir wie ein Talisman; wer sie in seiner
Hand schwang, glaubte ich, müsse stets siegen und erobern. Wenn die
königliche Familie im Herbst nach der Stadt zurückkehrte, so spielte
die Leibgarde an dem Tage, wo sie fortging, immer einen andern Marsch,
als den gewöhnlichen. Ich ging hinterher, als ob ich einer Leiche
folgte, und am Hügel, wo wir uns trennten, weinte ich meine bitteren
Thränen. Mein einziger Trost bestand darin, mit meiner Schwester Sophie
in die leeren Zimmer hinaufzugehen, und Medicinflaschen zu suchen,
deren dort immer viele standen. Wir wuschen sie aus und spielten mit
ihnen, bis sie entzwei gingen. Zwei Mal wurde ich auf das Angenehmste
durch einen Fund überrascht, den ich nie erwartet hatte: der eine war
ein Kupferschilling, der auf einem Marmorconsoltisch bei einer Hofdame
von Puder bedeckt lag; der andere ein Kuchen auf einem Brett in der
Conditorei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Wintervergnügen.]

Im Winter fuhr ich mit einem kleinen Schlitten, der dem Kronprinzen
gehörte, und den mein Vater unter anderm Gerumpel auf dem Boden gefunden
hatte. Oft bat ich die Bauern vor dem Schloßthore, daß ich meinen
Schlitten an ihren Wagen binden dürfe; und wenn sie es mir erlaubten, so
fuhr ich mit ihnen den Berg hinunter. -- Ein Mal wollte ein schlechter
Kerl mir meinen Schlitten wegnehmen und griff nach dem Stricke, aber ich
schlug seinen Arm so derb mit dem Besenstiel, den ich mit hatte, daß er
los ließ. Mit zwei Besenstielen pflegte ich mich sonst auf dem Schlitten
selbst den Berg hinunter zu schieben, wenn keine Wagen da waren.

Meine Schwester war zuweilen mit dabei. Sie spielte gern mit mir. Der
Kronprinz, der uns im Sommer oft auf dem Schloßhof zusammensah, fragte
mich einmal freundlich, als er an uns vorüberging: »Adam, wie heißt
Deine Schwester?« »Sie heißt Sophie,« antwortete ich. »Sie sollte Eva
heißen,« meinte der Kronprinz.

                    *       *       *       *       *

Ich entsinne mich eines Winterscherzes, der nicht so munter ablief,
wie die Schlittenfahrt. Es war ein schneeiger Tag, es begann zu thauen
und ich machte einen meiner gewöhnlichen Schneemänner auf dem Hofe;
die Augen von Kohlen und die Lippen von rothem Ziegelstein. Nun kam
mir aber die Lust, in diesem Fache weiter zu arbeiten, und ich bekam
einen -- meiner Ansicht nach -- köstlichen Einfall. Das eiserne Gitter
des Schlosses stand an diesem Tage gerade nicht offen. Es fuhren viele
Bauern von Kopenhagen nach Hause. Die Wachstube der Leibgarde war neben
dem eisernen Thore, das Fenster lag nach der Landstraße hinaus und im
Zimmer stand ein großer Tisch. Was hatte ich zu thun? Ich bedecke den
Tisch mit Schneebällen, sowie ein Bäcker seine Fächer mit Pfannenkuchen,
mache das Fenster auf und bombardire nun von meiner sichern Festung
aus die Bauern, während sie vorüber fuhren, mit Schnee in den Nacken.
Von ihnen hatte ich Nichts zu fürchten, denn erstens konnten sie nicht
herein kommen und zweitens konnten und wollten sie nicht Pferde und
Wagen verlassen. Aber ich hatte nicht an einen mächtigen Bundesgenossen
gedacht, der sich der unschuldig Angegriffenen annahm, und mir
unerwartet in den Rücken fiel. Dies war mein eigener, leiblicher Herr
Vater, der die Thür der Festung öffnete, und meinen Rücken mit einem
Endchen Tau verarbeitete, das er zu diesem Gebrauche mitgenommen hatte,
ohne sich im Geringsten durch das Inventiöse der Ausführung und das
Lustige der Situation bestechen zu lassen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Schule.]

Sie brachten mich zu einer verdrießlichen alten Frau in die Schule, wo
ich der Gelehrsamkeit zu Liebe sehr Viel ausstehen mußte. Wir mußten
stets auf den Bänken still sitzen, und unser einziges Vergnügen bestand
darin, die Wolle aus unsern Jacken zu zupfen und kleine Kugeln daraus zu
machen. Wenn sie es bemerkte, so schlug sie uns mit dem Fingerhut auf
den Kopf. Zuweilen bekam man einen Schlag mit einem Stücke Brennholz,
wenn gerade nichts Anderes bei der Hand war. Ich weiß noch, wie ich die
Hühner und Enten auf dem Hofe beneidete, die da draußen in freier Luft
umherlaufen und gakeln und schnattern konnten ohne bestraft zu werden.
Unsere Lehrerin hieß =Madame Bergau=, ihr Mann war Maler gewesen; in dem
Zimmer hing ein Portrait von ihm, wo er mit Palette und Pinsel saß;
dies betrachtete ich häufig aufmerksam. Er sah so fromm und freundlich
aus, während seine Wittwe uns schlug, wenn wir nicht unsere Lectionen
konnten. Eines komischen Ereignisses entsinne ich mich aus jener Zeit.
Eines Tages, als ich in die Schule gehen sollte, und etwas später
kam, wollte ich quer über den offenen Platz, welcher sich damals vor
dem Schulhause befand, gehen. Quer über diesen Platz lief ein Graben,
den ich ganz vergessen hatte. Die Sonne schien mir in die Augen; das
konnte ich nicht vertragen, ich machte die Augen fast ganz zu, lief
vorwärts, und ehe ich mich's versah, stand ich bis an die Hüften im
Graben im Schlamm. So kam ich in die Schule, wo ich ausgekleidet wurde
und den Unterrock der Hausmamsell anbekam, während meine Beinkleider
gewaschen, getrocknet und geplättet wurden, und mußte so den ganzen
Vormittag sitzen zum Spott und Hohn für Knaben und Mädchen, die es nicht
unterlassen konnten, mich auszulachen. Bald lachte ich mit ihnen, bald
weinte ich, und so verging die Zeit, bis die Hosen trocken waren.

                    *       *       *       *       *

Mein Trost war Hübner's biblische Geschichte. Wenn wir unsere Lectionen
gelernt hatten, bekamen wir Erlaubniß, ein Stück daraus zu lesen. Jeder
hatte sein Lesezeichen von mehr oder weniger vortrefflichem Stoffe,
von Kattun an bis zum Gold- und Silberbrocat. Meine Mutter hatte mir
Zeichen letzter Art gegeben, die wohl auch Zeichen der verschwundenen
Herrlichkeit der Zeit sein mochten, wo sie bei der Gräfin Moltke war. --
Mit all' diesen Zeichen zwischen den Blättern konnte Hübner's Geschichte
gar nicht zugemacht werden, sondern lag immer gähnend auf dem Rücken,
und streckte die unzähligen Zungen bei Moses, Joseph, David, Salomon
u. s. w., u. s. w. heraus.

                    *       *       *       *       *

Madame Bergau hatte einen Schwiegersohn, Herrn Kinderlein, der ein
Kinderfreund war. Wenn er sie besuchte, war es ein Fest; denn erstens
bekamen wir frei, und zweitens schnitt er unsere Federn, was Madame
Bergau selbst nicht konnte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Tragische Geschichte.]

Zu dieser Zeit ungefähr muß folgende tragische Begebenheit eingetroffen
sein, die einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machte.
Ich hatte einen Vetter, einen jungen Menschen, der meine Eltern
besuchte. Er spielte einmal mit mir, ich ritt eben auf seinem Kniee,
und war seelenvergnügt, als es mir einfiel ihn zu fragen: »Was ist Dein
Vater?« -- »»Landrichter!«« -- »Landrichter!« rief ich, »pfui!« und
sprang von seinem Kniee. Der Vetter machte große Augen und konnte nicht
begreifen, woher diese Furcht und dieser Ekel vor dem Landrichter komme.
Die Sache war die: Kurz vorher hatte sich ein Höker an einem Weidenbaume
in der Friedrichsberger Allee gehängt. Mein Vater nahm mich mit, damit
ich ihn sähe. Der Höker hing ganz niedrig, so daß die Füße fast den
Erdboden berührten. Sein spanisches Rohr hatte er neben dem Graben
eingesteckt, darauf hing sein dreieckiger Hut und die Zopfperrücke.
Gerade gegenüber an einem Lindenbaume in der Allee war ein kleines Buch
mit feinen Nägeln angeschlagen, in welchem berichtet stand, daß er sich
aufgehängt habe, weil seine Frau ihn zum Hahnrei gemacht habe. Zwei
Ruthen hatte er gebunden und unter den Baum gelegt, die eine war eine
Birkenruthe, damit sollte die Frau gestraft werden, die andere war ein
Dornenreis, und für ihren Buhlen bestimmt. -- Von all' Dem verstand ich
nicht das Geringste, sondern starrte nur mit Entsetzen auf den Gehängten
hin. Er sollte abgeschnitten werden, aber Keiner wollte ihn anrühren,
bevor der Landrichter angekommen sei und Hand an ihn gelegt hätte, um
die Arbeit ehrlich zu machen. Ich sah ihn mit seinen Leuten kommen; er
berührte die Schulter des Gehenkten, der nun abgeschnitten wurde. --
Daher kam mein Entsetzen und mein Widerwillen gegen den Vater meines
Vetters. Ich hatte keinen andern Begriff von einem Landrichter, als daß
er ein Mann sei, der Leute abschneiden müsse, die sich selbst aufgehängt
hätten.

                    *       *       *       *       *

Ich hatte Einen bei jedem zweiten Worte schwören hören und fand, daß
es ihm gut stehe. Nun bekam ich auch Lust, und sagte eines Tages jeden
Augenblick zu meiner Mutter: »Nein, das thut Adam weiß es Gott nicht.«
Statt mich zu strafen, sagte sie jedesmal ganz ruhig: »Nein, das thut
Adam gewiß nicht.« Auf diese Weise brachte sie mich bald dahin, das
Schwören zu unterlassen.

                    *       *       *       *       *

Mein Vater pflegte zuweilen, wenn er mit mir spielte, mich in's Ohr zu
kneipen und zu sagen: »Bist Du nicht meine Canaille?« -- Eines Tages,
als Fremde bei uns waren, stellte ich mich mitten in's Zimmer, stützte
beide Hände in die Seiten, sah meinen Vater starr an, und rief laut:
»Bist Du nicht meine Canaille?« Zuerst bekreuzte man sich über den
kleinen, schon so früh verlorenen Sohn; aber als man hörte, daß es eine
Liebesbezeigung sei, die mein Vater mich selbst gelehrt habe, lachte man
um so mehr.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Schule des Küsters.]

Aus der Schule der Madame Bergau avancirte ich in die des Küsters, wo
=Bernt Winckler=, Sohn eines wohlhabenden Grundeigenthümers und Gärtners
in der Stadt und ich Kameraden mit den Straßenjungen wurden. Wenn wir
dazu kommen konnten, so spielten wir gern mit ihnen nach der Schulzeit
Anschlagens, am häufigsten bei den Steinpfeilern des Thores, welches den
Eingang zum Schloßgarten bildete. Hier saß ein alter Mann, der Brot, Aal
und Branntwein verkaufte. Wenn ich ein paar Schillinge hatte, kaufte
ich wohl ein Brot und ein Stück gebratenen Aal mit Salz und vielen Staub
darauf. Das schmeckte mit besser als das leckerste Gericht zu Hause.
Einmal wollte einer meiner Schulkameraden mich dazu verführen, auch
einen Schnaps zu trinken. Ich hatte bereits das Branntweinglas in der
Hand, als mein guter Engel in der Gestalt meines Vaters zum Gartenthor
hereinkam. Vor Schreck verschüttete ich den Branntwein: glücklicher
Weise sah er mich nicht und ging in der Ferne vorüber; aber die Furcht
hatte mich davon curirt, dieses gefährliche Experiment zu wiederholen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Naturgenüsse.]

In dem von Voigt angelegten Südfelde hatte ich täglich ein Bild von
englischer Natürlichkeit vor Augen, sowie in dem alten Garten von
französischer Regelmäßigkeit und zwischen Beiden das italienische Schloß
voll schöner Zimmer und Gemäldegalerien. Meine Umgebung war im Sommer
und Winter so verschieden, wie die Natur. Im Sommer wimmelte es draußen
von Menschen, von schönen geputzten Damen; der ganze Hof war dort,
schöne Tafel- und Janitscharenmusik konnten wir Kinder jeden Sonntag
hören. Von einer Galerie aus konnten wir die königlichen Herrschaften
bei Tische sitzen sehen. -- Das Südfeld dagegen war meist unbesucht, da
es nur für den Hof bestimmt war. Aber mein Vater hatte den Schlüssel,
und ich und meine Schwester machten viele Bekannte glücklich, wenn
wir dort mit ihnen spazieren gingen. Da war es still und einsam, wie
zehn Meilen von der Stadt. Wir besuchten das sogenannte Norwegische
Haus, wo die große Natur im Kleinen täuschend nachgeahmt war; den
Eremit in seiner Hütte, die Grotte mit den Crystallen und Erzstufen,
einer Zauberhöhle gleich; das chinesische Lusthaus mit seinen großen
Conchilienspiegeln, seinen bunten Bildern von Mandarinen und Damen mit
Klumpfüßen; und den Glöckchen auf dem Dache, die sich im Winde bewegten
und erklangen.

Einmal im Sommer machten wir gewöhnlich eine Wallfahrt nach dem
Thiergarten, den schönen Strandweg entlang, oder über Ordrup, wo dann
die uralten Buchen uns einluden, in ihrem Schatten die Erfrischungen
zu genießen, die wir selbst mitgenommen hatten. Wir sahen dort den
Seiltänzer und Kasperle, aßen im Grase und schnitten unsere Namen in
eine dicke Buche, die sie noch trägt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Leben im Winter.]

Kam nun der späte Herbst, und zog die königliche Familie zur Stadt, so
wurde auch der Schauplatz ein ganz anderer. Keine Musik mehr, keine
Spaziergänger; aber Alles voll von Handwerkern und Arbeitsleuten auf
dem Schloß und im Garten. Nun ging ich zwischen Maurern, Zimmerleuten,
Tapezirern und Malern einher, zuweilen wagte ich mich sogar mit
den Bleideckern aufs Dach hinauf. Und wie ich im Sommer die feine
Lebensweise der großen schönen Welt bewunderte, so lauschte ich jetzt
den Handwerksleuten ihr Wesen und ihre Eigenthümlichkeiten ab, und sah
zu, wenn die Gärtner säeten, pflanzten oder Bäume pfropften. -- Mit
Eintritt des eigentlichen Winters waren wir auf dem großen Schlosse
mit zwei Wächtern und zwei großen gelben Hunden ganz allein. Das ganze
Schloß gehörte dann uns, und ich ging in die königlichen Zimmer,
betrachtete die Gemälde und baute Luftschlösser. Wenn gutes Wetter
war, so erlaubte mein Vater mir zuweilen in die Stadt zu gehen, um
Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Mit sechs Büchern in ein blaues
Taschentuch gebunden, auf meinen kleinen Stock gesteckt und so auf dem
Rücken getragen, kam ich dann in der Dämmerung wieder nach Hause. Wenn
wir Thee getrunken hatten, und das Licht auf den Tisch gesetzt war, so
kümmerten wir uns nicht um Sturm, Regen oder Schnee. Mein Vater saß dann
im Lehnstuhl mit dem kleinen Hund im Schlafrocke und las laut vor; oder
ich selbst las leise und folgte Albert Julius und Robinson Crusoë nach
ihren Inseln, schwärmte im Feenlande mit Aladdin umher, oder amüsirte
mich mit Tom Jones und lachte über Siegfried von Lindenberg. Die meisten
von Holberg's Comödien wußte ich halb auswendig.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine Hundegeschichte.]

Ich habe eine Hundegeschichte erwähnt und muß noch zwei erzählen. Wir
hatten ein Dienstmädchen die nicht viel taugte, die aber doch den
kleinen Present sehr liebte. Als sie nun fortzog und in Kopenhagen
in Dienst trat, verschwand der Hund eines Tages, alles Suchen war
vergebens, er war nicht zu finden; das rief große Trauer in der Familie
hervor. Ich und meine Schwester beweinten den kleinen verschwundenen
Freund, und glaubten, er sei todt. Die schmerzliche Wunde fing bereits
an zu verharrschen, als ich vierzehn Tage darauf mit meinem Vater nach
Kopenhagen ging. Zufälligerweise begegneten wir dem Mädchen mit dem
Hunde unter dem Arm. Kaum sieht sie mein Vater, so geht er ihr gerade
auf den Leib, und mit den Worten: »Ei du Canaille! hast Du meinen Hund
da?« faßt er den kleinen Present ganz ruhig in den Nacken und reicht
mir die Beute. Mehr Worte wurden nicht gewechselt. Aber mit welchem
Entzücken ich den Hund nach Hause trug, und mit welcher Freude wir
empfangen wurden, läßt sich nicht beschreiben.

                    *       *       *       *       *

Ernster, aber doch nicht so schlimm, wie sie hätte werden können, ist
die zweite Geschichte: Ich kam eines Tages den beiden großen Doggen,
die im Hofe angekettet waren, zu nahe. Der eine biß mir ein Stück aus
dem Aermel und die Spur seiner Zähne saß in meinem Arm. Kaum sah meine
Mutter dies, als sie die Wunde sorgfältig auswusch; darauf ging sie zum
Wächter und sagte: »Er schießt mir gleich den Hund todt!« -- »»Gott
bewahre, Madame, das ist ein königlicher Hund, von großer Seltenheit,
ein Geschenk von einem vornehmen Herrn für das Schloß, das wage ich
nicht.«« »Er schießt mir gleich den Hund todt,« fuhr meine Mutter
fort, »jetzt fehlt ihm Nichts, aber er könnte vielleicht toll werden;
er hat meinen Sohn gebissen und ich muß für die Rettung meines Kindes
sorgen. Das Kind einer Mutter ist mehr werth, als ein Hund. Ich nehme
Alles auf mich!« -- Der Hund wurde erschossen, und die Eigenmächtigkeit
nicht gemißbilligt, obgleich die mütterliche Sorge ohne Zweifel eine
übertriebene Vorsicht veranlaßt hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Meteor.]

Wenn mein Vater die guten Freunde im Städtchen Friedrichsberg besuchte,
so spielten sie Quadrille, bis wir Kinder in Schlaf fielen, und wir
wurden erst dann wieder geweckt, wenn wir nach Hause gehen sollten. Ich
mußte gewöhnlich die Laterne tragen, und entsinne mich noch eines sehr
kalten dunkeln Winterabends, wo wir durch den Garten zum Schloß gingen.
Plötzlich wurde es ganz hell, ein schöner Mond schwebte langsam über den
Himmel dahin und verschwand. Meine Kniee zitterten, ich glaubte der Mond
sei herabgefallen und ich wunderte mich darüber, daß mein kleines Licht
in der Laterne noch brenne. Nun erzählte mein Vater mir allerlei von
Sternschnuppen und Nordlichtern, was er in »Gottsched's Weltweisheit«
gelesen hatte. Ich habe später nie ein so großes und schönes Meteor
gesehen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kunsteindrücke.]

Im Winter 1789 wurde unsere einförmige Lebensart eines Nachmittags
unterbrochen, indem mein Vater und ich mit dem besten Freunde meines
Vaters Winckler im Schlitten nach Kopenhagen fuhren, um die Illumination
zu sehen, welche auf Veranlassung der Rückkehr des Kronprinzen aus
Norwegen veranstaltet war. Ich wunderte mich über all' die Lichter in
der großen Stadt und glaubte mich in die Feenmährchen Tausend und einer
Nacht hin versetzt. Ich bildete mir sogar ein, daß der Schnee auf den
Straßen, dem die vielen Lichter einen gelben Schimmer gaben, Sand sei,
der auf das Pflaster gestreut war, um das Fest zu schmücken. Noch mehr
wunderte ich mich im nächsten Jahre beim Einzuge über all' die schönen
Sinnbilder und Ehrenpforten.

                    *       *       *       *       *

Ich ging übrigens nicht auf Rosen in meiner Kindheit, denn meine
Eltern waren arm und litten an Nahrungssorgen. Dazu kam, daß meine
jüngste Schwester Christine Marie mit einem Wasserkopf geboren wurde,
und fünf Jahre in der Wiege lag, ehe sie starb, mit einem Körper
wie ein Säugling, und einem Kopfe, größer als der eines erwachsenen
Menschen. Ueber dieses große Unglück verfiel meine Mutter in eine
tiefe Melancholie und war endlich für uns Alle und für sich selbst
verloren. Aber der kindlich leichte Sinn tröstete mich, ich eilte
rasch von dem Drückenden hinweg zu dem Schönen, wo ich mich meinen
Träumereien hingab, die als Dichterknospen in der Phantasie des Knaben
keimten. Das herrliche Schloß mit seiner gesunden frischen Luft, mit
seiner schönen Aussicht vom Berge, seinem lustigen Menschengewühl im
freundlichen Garten, seiner romantischen Einsamkeit in dem stillen,
dunkeln, hüglichen Südfeld, Architectur und Malerei entzückten mich. Ich
studirte die Bilder aus dem Schlosse täglich. In der kleinen Galerie
machten die schönen Italienerinnen einen tiefen Eindruck auf mein Herz.
Die Römerin in Bauerntracht, welche sitzt und näht; die Schöne, welche
von der Maskerade mit der Maske unter dem niedlichen dreieckigen Hute
kommt; die Blondine mit dem purpurfarbenen Mieder; die Schöne mit dem
Tuche über dem Haar, und der schlanken Gestalt in dem grünen geschnürten
Seidenkleide u. s. w. Als Gegensatz hing dort der starke Gustav Adolph
mit seinem ehrlichen derben Rittergesicht. Auf den Plafonds sah ich die
griechischen Götter; hier saßen sie alle bei der Tafel, dort fuhr
Juno mit ihren Tauben, hier kamen Venus, Thetis, Neptun, Merkur zum
Jupiter. Dort floh der finstere Haß mit den Fackeln in den Händen vor
dem Frieden. Die herrliche Copie von =Lorenzen= nach einem von Rubens
Meisterstücken, wo sie das Weib zu Jesus bringen, welcher sagt: »Wer
sich ohne Schuld unter Euch fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie,«
machte besonders einen außerordentlichen Eindruck auf mich, und macht
ihn noch jetzt. Nie habe ich seitdem ein Gesicht von Jesus gesehen,
das mir ihm so sehr gleichen zu müssen schien, wie dieses. Dies Gefühl
kommt wohl daher, daß ich ihn so zum ersten Male gemalt sah; aber der
Kopf Jesu in diesem Rubens'schen Gemälde ist auch voll großer Schönheit,
Adel, Klarheit, Milde, Verstand und Gefühl. Das kastanienbraune Haar
ist vielleicht etwas zu röthlich, das Gesicht etwas zu sanguinisch
blühend; es fehlt das tief Mystische, das eigentlich Göttliche! aber
=wer= könnte das auch wiedergeben? könnte es wohl selbst =Raphael=?
könnte es =Thorwaldsen=? -- Ich stelle diesen Jesuskopf von =Rubens=
über den strafenden Jesus des =Giovanni Bellini= in der Dresdner
Galerie, von =Carlo Dolci's= süß sentimentalem Christus nicht zu reden.
Der Pharisäer und Saducäer Rubens, sind im höchsten Grade meisterhaft;
welche vortreffliche Composition ist das Ganze! Der Pharisäer in der
goldbrokatenen Kopfbedeckung mit dem prächtigen Bart, ein höchst
merkwürdiges Gesicht! Man sieht, daß es ein Mann ist, der es vermag, die
Ansichten seiner Zeit mit Energie zu beherrschen, und ihre Vorurtheile
zu befördern. Man liest Bosheit, Strenge, Grausamkeit, Frechheit in dem
verzogenen Lächeln, in den starrenden, tückischen Augen! Und nun der
Saducäer -- der nicht an die Unsterblichkeit glaubt, und deshalb seinen
Körper recht gemästet hat, bevor die Würmer ihn verzehren; mit gemeiner
phlegmatischer Ruhe blickt er auf Jesus; aber heimtückischer Zorn über
das Ideale, das Göttliche, das sich geltend zu machen wagt, schwebt auch
auf seinem feisten Antlitz. Auch die Sünderin ist gut; die Lust, welche
Rubens hatte, blühende Weiber zu malen, war hier an ihrem Platze. Sie
schämt sich; ihr Gesicht ist halb verborgen; schöne Züge, welche die
Fülle bereits zu verwischen beginnt, zeugen von einem Weibe, das mehr
Körper als Seele ist. Es ist nicht Reue, sondern nur Verschämtheit, die
sich bei ihr äußert. Der Vater, der ihr gleicht und neben ihr steht,
hat ihr bereits vergeben. Der Erlöser zeigt ihr auch keine besondere
Aufmerksamkeit, sondern nimmt nur von ihren Verhältnissen Veranlassung,
eine allgemeine Lehre für den Menschen zu entwickeln, indem er sie von
einem entsetzlichen Tode rettet. -- Was Wunder, daß ein solches Bild
einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machen mußte? Ich
machte durch dieses zuerst Bekanntschaft mit der religiös-historischen
Malerei, und nach Allem, was ich später Herrliches und Großes in fremden
Galerien gesehen habe, kehrt die Erinnerung doch oft dankbar zu Dem
zurück, welches mir den ersten Eindruck gab.

                    *       *       *       *       *

Die herrlichen Landschaften von =Poulsen=, welche in demselben Saale
hängen, wirkten auch stark auf mich ein. Ich lernte aus ihnen zuerst
=Norwegen= kennen. Besonders stand ich immer staunend und betrachtete
den schäumenden Sarp. Der Weg an den jähen engen Felsenklüften entlang,
wo ein Pferd die Cariole hinunterzieht, indem es mit den bis zur Erde
eingebogenen Hinterbeinen hinabgleitet, gefiel mir ganz besonders. --
Fügte ich nun die Vorstellungen, welche mir diese Gemälde erweckten
mit dem norwegischen Hause im Südfelde zusammen, das ich täglich
besuchte, so bekam ich keinen ganz schlechten Begriff von Norwegen,
wovon ich mich viele Jahre später überzeugte, indem ich das Original mit
meiner kindlichen Vorstellung verglich. -- Ein Bild in dem sogenannten
Rosen- oder Maskeradensaal beschäftigte mich auch sehr. Dort sitzt ein
berauschter junger Herr, mit weißseidenen Pantalons, einem Ritterhute,
und einem Lächeln im Gesichte, das der Rausch fast zur Maske verwandelt,
obgleich er die Maske abgenommen hat. Er hat ein großes Glas Rheinwein
in der Hand, das er im Begriff ist zu verschütten. Ihm zur Seite stehen
nüchterne Musikanten, die für's Brod arbeiten, während er trinkt. Der
Türke (wahrscheinlich Friedrich IV.) lüftet die Maske der schönen Türkin
etwas, mit der er neben mehreren anderen Schönen spricht. Wenn ich in
meiner stillen Winterruhe ein Mal ein recht munteres Freudenfest mit
glänzendem Gewimmel aller Stände haben wollte; -- so ging ich blos in
den Maskeradensaal hinauf, und stand und starrte dort empor, bis mir der
Nacken steif wurde; -- dann hatte ich mir ohne die geringsten Kosten das
prächtigste Fest angerichtet.

                    *       *       *       *       *

Malerei und Musik trugen früher, als die Poesie dazu bei, meinen
Dichtergeist zu wecken. Das Altarbild in der Schloßkirche und die
Gemälde in der Friedrichsberger Kirche versetzten mich in die heilige
Geschichte. Ich sah Christus als schönes, reines Kind vor den heiligen
drei Königen und sah den entseelten Körper des Erlösers, vom Kreuz
herabnehmen und einwickeln von den treuen Hinterbliebenen. Oben in den
vergoldeten Wolken lag phantastisch das Lamm mit der Fahne auf dem Buche
mit den sieben Siegeln. Durch ein kleines Schiff, welches in der Kirche
zum Andenken an einen dort begrabenen Seemann hing, bekam ich den ersten
Begriff von der Einrichtung eines Schiffes.

                    *       *       *       *       *

Die Musik wirkt mächtig auf das kindliche Gefühl ein, und ich hatte
Musik von jeder Art; von Pfeifen und Trommeln der Leibgarde an, bis
zu den frommen heiligen Tönen der zwei Orgeln. Die Tafelmusik konnte
ich jedesmal hören. Die Blaseinstrumente waren höchst unterhaltend,
aber wenn zuweilen Concert war, und das Saitenspiel dazu kam, so
wurde es erst ein rechter Genuß. So hörte ich zeitig schon viele gute
Compositionen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Unser Prediger.]

Und die Töne vermischten sich dann auch mit der Poesie. Unsere Mädchen
sangen altnordische Heldenlieder; in der Kirche sang ich selbst Psalmen.
Manches lustige Gesellschaftslied hörte ich, wenn Fremde bei meinen
Eltern waren. Bei solchen Gelegenheiten kam zuweilen ein Canalinspector
zu uns, der =Schiött= hieß, ein lustiger, aufgeweckter Mann, der
im Stande war, einen ganzen Kreis zu beleben. Ein Mann, der meine
Aufmerksamkeit auch sehr auf sich zog, war unser Prediger, Dr. später
Prof. =Schmidt=. Sein Buch über die »Bestimmung der Thiere« las ich mit
großer Freude, als ich es später einmal als Prämie in der Schule bekam.
Wir hatten vorher einen sehr ernsten und stillen Prediger, Herrn =Bruun=
gehabt; gegen ihn stach Schmidt sehr durch sein geniales Wesen ab. Er
predigte vortrefflich und begeisterte die Gemeinde; aber er scheute
sich auch nicht, in gesellschaftlichen Stunden der Freude, ja sogar der
unschuldigen Ausgelassenheit zu huldigen. So mußte mein Vater, wenn er
Schmidt recht amüsiren wollte, ihm folgende deutsche Weise vorsingen:

                   Ich wollt' um tausend Thaler nicht,
                   Daß mir der Kopf ab wär';
                   So lief ich mit dem Rumpf herum,
                   Säh' Niemand, wer ich wär'.
                   Wenn ich kein Geld zum Saufen hab',
                   So geh ich und schneid' Besen ab;
                   Und lauf' die Straße auf und ab,
                   Und rufe, kauft mir Besen ab!
                   Damit ich Geld zum Saufen hab'.

                    *       *       *       *       *

Von den lustigen Einfällen des Canalinspectors Schiött entsinne ich mich
nur eines; aber er konnte fast nicht den Mund aufmachen, ohne etwas
Possirliches zu sagen. -- Er suchte ein Mal um eine Zulage zu seiner
Gage beim Kronprinzen nach. Dieser sagte im Scherz zu ihm: »Ei was,
Schiött, Sie haben keine Noth, Sie gehen ja mit seidenen Strümpfen in
den Halbstiefeln.« »»Nehmen Sie sich in Acht, Ew. königl. Hoheit,«« --
rief Schiött -- »»es sind, hol' mich der Teufel, keine Socken an den
Schäften.««

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Sommergenüsse.]

Im Sommer war es immer ein Festtag für mich, wenn mein Vater mich mit
auf den sogenannten =Entenhügel= im Friedrichsberger Garten nahm,
um Stachelbeeren zu pflücken. Wir hatten nur zwei Stachelbeerbüsche
in unserm kleinen Garten, und trotz der jährlich wiederkehrenden
Sehnsucht nach Stachelbeeren, fiel es meinem Vater doch nie ein,
welche zu pflanzen. Aber auf dem Entenhügel wuchsen sie in Menge, da
Keiner hinüberkommen konnte, der nicht den Schlüssel zur fliegenden
Brücke hatte. Hier bekam ich die schönsten Stachelbeeren in Masse.
Schlimm dagegen ging es mir ein ander Mal. Ich hatte von meiner Mutter
nie Erlaubniß, auf eigene Hand weiter, als bis an die Grenze des
Schloßberges zu gehen. Eines Tages, als ich auf einer Bank saß, kam der
Hofgärtner =Petersen= vorbei und sagte: »Adam, willst Du Stachelbeeren
haben?« -- »»Ja, gern.«« -- »Dann komme mit!« Ich folgte ihm den Berg
hinunter in den Fruchtgarten hinein, wo er mir das herrlichste Bouquet
Stachelbeerzweige, voll der schönsten Früchte, abschnitt. Mit diesem
Strauß stürzte ich froh den Berg hinauf und nach Hause, um ihn meiner
Mutter zu zeigen. Aber ach! das Stachelbeerbouquet hätte mich durch
seine Ruthenform warnen sollen! Meine Mutter war in tödtlicher Angst
wegen meiner Entfernung gewesen. Ich bekam die Ruthe! Nach überstandener
Strafe und getrockneten Thränen setzte ich mich ganz getrost auf die
Thürschwelle beim Bogengang hin, und pflückte meine Stachelbeeren von
den Zweigen, so lange noch eine daran war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Vogelschießen.]

Eines lustigen Festes entsinne ich mich aus meiner frühen Kindheit,
wo es mit mir leicht ein trauriges Ende hätte nehmen können. Es war
bei einem Vogelschießen im Südfelde. Diese Schützengesellschaft hatte
ihren Anfang unter den Küchenjungen gefunden, die Erlaubniß bekommen
hatten, auf dem Küchenhofe mit Armbrüsten nach einem an die Planke
befestigten Vogel zu schießen. Nun darf man unter den Jungen in der
königlichen Küche nicht eben kleine Jungen verstehen, sondern dies
waren Männer, die sich mehre Male in der Woche rasiren ließen. Einige
unter ihnen waren verheirathet und hatten selbst Kinder. Die Benennung
stammte aus alten Zeiten her. Diese jüngeren königlichen Köche hatten
also jene Gesellschaft gegründet; die älteren nahmen daran Theil; unter
ihnen waren einige, welche Aide-Köche hießen, Mundköche (die doch
nicht die einzigen waren, welche für den Mund kochten), und auch der
Küchenmeister, der Vornehmste, von dem ich in meiner kindlichen Einfalt
nicht begriff, wie er nicht eben so vornehm, wie der Stallmeister sei,
da er doch für Menschen und dieser nur für Pferde sorgte. Als diese
Honeratioren hinzu kamen, nahmen auch die anderen Hofofficianten daran
Theil: der Conditor, der Kammer- und Hoffourier, der Hofschreiber, der
Silbermeister, der Kammerdiener und der Kammerlakai. Der Schloßverwalter
und mein Vater kamen auch dazu. Nun erhielt die Gesellschaft Erlaubniß,
im Südfelde zu schießen. Aber es währte nicht lange, ehe das in seiner
Entstehung Geringe zu größerer Pracht überging, was leicht begreiflich
ist, wenn man weiß, daß der Hoftapezirer, der auch in der Gesellschaft
war, die Erlaubniß erhielt, auf königliche Rechnung Zelte aufzuschlagen.
Die Köche und der Conditor lieferten kalte Küche und Confect. Beinahe
hätte ich vergessen -- der Mundschenk, der über den Wein verfügte, war
auch dabei. Jeder suchte nach besten Kräften zu den Bedürfnissen der
Gesellschaft beizusteuern. Jeder dachte, so wie der Wachtmeister im
Wallenstein:

                 Ging es nicht aus seinen Kassen,
                 Sein Spruch war leben und leben lassen.

In der glänzenden Periode dieser Gesellschaft waren die Stifter
bescheiden ausgetreten, während die Hofcavaliere sie mit ihrem Besuch
beehrten und einzelne Schüsse thaten, so wie die Mitglieder der
königlichen Familie in der dänischen Brüderschaft im Schützenhause. Zwei
vortreffliche, starke Armbrüste, die mit einer Maschine gespannt werden
mußten, vertraten den Büchsendienst, denn mit Pulver und Blei durfte im
Südfelde nicht geschossen werden. Mit klingendem Spiele zog nun der Zug
aus -- und wenn man hört, daß gerade mein Vater Schützenkönig war, und
mit einem grünen Band über dem Fracke voran ging, so kann man begreifen,
welchen Eindruck dies auf uns Kinder machen mußte; wir waren auch
geputzt und kurz bevor der Zug eröffnet wurde, nahm ich meine Schwester
in einen Winkel und sagte: »Hör' mal, Sophie, weißt Du was, wenn unser
Vater König ist, so müssen wir ja Prinz und Prinzessin sein.« »»Ja««,
sagte sie, »»das ist wohl nicht anders möglich.«« Indessen nahmen wir
uns vor, durchaus nicht hoffährtig zu werden, sondern alle mögliche
Herablassung gegen die anderen Kameraden zu zeigen, die das Schicksal
nicht so hoch, wie uns gestellt hatte. Ob mich nun diese Prinzengedanken
zerstreut machten, oder dies ein paar Blumen im Grase waren, welche ich
pflücken wollte, genug, ich vergaß Alles, kroch unter der Schnur weg und
wollte gerade auf die entgegengesetzte Seite hinüberspazieren, als ein
eisenbeschlagener Bolzen, wie ein Vogel an meinem Kopfe vorübersauste.
»Herr Jesus, mein Kind!« schrie meine Mutter, welche auf einer Bank
in der Nähe bei einem Zelte saß. -- Mich hatte es nicht erschreckt,
ich kam laufend mit Blumen in der Hand, und glaubte nur, ich solle
ausgezankt werden, weil ich unter der Schnur hinweggekrochen war. Ein
theilnehmender Freund brachte mir eine Tasse Eis aus dem Zelt, um
mich meinen Schreck vergessen zu machen, den ich gar nicht empfunden
hatte. Und während meine Mutter ihre Augen trocknete, und sie dankbar
zum Himmel erhob, aß ich ganz gleichgültig mein Eis, und konnte nicht
begreifen, worüber sie so gerührt war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Volksfest.]

Aber von einem wirklich großen Volksfeste war ich Zeuge, ohne doch noch
seine Bedeutung zu verstehen, als der Kronprinz Friedrich den Grundstein
zur Freiheitssäule vor dem Westthore legte. Es war ein ungeheures
Menschengewimmel, und ich konnte nicht begreifen, warum der Prinz an dem
Tage, wie ein Handwerksgeselle mit Kalk und Steinen mauern solle. --
Es erfreute meine kindliche Phantasie, die Säule sich erheben und mit
den schönen Statuen geschmückt werden zu sehen. Ich hatte bereits eine
dunkle Idee von der Kunst.

Ein herrlicher Mann, ein Freund meiner Eltern, besuchte uns häufig und
sprach oft, besonders mit meiner Mutter, von Aehnlichem. Das war der
Baumeister Professor =Harsdorf=. Ich sehe ihn noch, den freundlichen
Greis in seinem grauen Rocke und mit dem dreieckigen Hute, mit dem
spanischen Rohre in der Hand, kleine Locken an den Ohren und einem
kleinen Zopf im Nacken. Ich entsinne mich daß er oft, aber milde und
geduldig, über Schmerzen in der Seite klagte. Er schenkte meinen
Eltern einige Kupferstiche für ihr Zimmer, die vier Jahreszeiten, mit
französischen Versen darunter, und _la bonne femme de Normandie_ von
Ville. Ich habe sie geerbt und besitze sie noch. --

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine Räubergeschichte.]

Nachts schlief ich in dem Bette meines Vaters, wo er mich, ehe wir
einschliefen, oft schalt, weil ich so unruhig lag. Diese Unruhe wuchs,
je älter ich wurde, mein ganzes Leben hindurch. Ich manövrire die ganze
Nacht mit den Decken, wie ein Seemann mit seinen Segeln; bald sind es zu
viele, bald zu wenige. Doch stört dieses häufige Bewegen und Aufwachen
durchaus nicht meine gesunde Ruhe; ich schlummere gleich wieder ein.
In einer Nacht, als ich meinen Vater durch dieses Hin- und Herwerfen
geweckt, meine Schelte bekommen hatte, und nun darauf lauerte, wie ich
mich bald wieder unbemerkt umdrehen könnte -- hörten wir, daß fern im
Schlosse eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Es war eine kalte
Herbstnacht. Die beiden alten Wächter lagen ziemlich fern von uns und
sie waren, nebst zwei Hunden, die ganze Besatzung der Festung. Mein
Vater fühlte nicht die Verpflichtung im bloßen Hemde hinauszulaufen,
um sich mit Räubern herumzuschlagen, wenn dergleichen da wären. Dies
war auch ohne Beispiel, und er glaubte, sein Ohr habe ihn getäuscht. In
diesem Glauben bestärkte ich ihn, obgleich ich selbst es auch gehört
hatte, und -- wir legten uns in Gottes Namen wieder ganz ruhig hin,
um einzuschlafen. -- Am nächsten Morgen entdeckten wir, daß, ganz
richtig, ein Einbruch in die Schloßkirche Statt gefunden habe. Ein Dieb
hatte eine der Fensterstangen ausgebrochen, seine Leiter an die Kirche
gestellt und einen großen, massiv silbernen Altarleuchter gestohlen.
Mein Vater eilte gleich zur Stadt und gab dies vor dem Oberhofmarschall
und dem Polizeidirector an. Allen Goldschmieden in der Stadt wurde es
bei Zeiten mitgetheilt. Es währte nicht lange, so kam ein Soldat und
wollte ein großes Stück Silber an einen Goldschmied verkaufen. Er wurde
festgehalten und gestand gleich, daß er den Leuchter in der Sandgrube im
Südfelde beim Norwegischen Hause verborgen habe. Nur das eine Stück war
abgeschlagen. Der Leuchter wurde wieder in Stand gesetzt, und mit dem
andern in Verwahrung gebracht.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kindlicher Stolz.]

Ungeachtet meine Eltern sehr mäßig lebten, so kamen im Sommer doch viele
Leckerbissen aus der Küche und Conditorei des Königs zu uns. Wir bekamen
oft Eis in kleinen schönen Porzellanschalen. Es vergingen viele Jahre,
ehe ich wußte, daß solches Eis eigentlich kalt sein müsse, da ich es
früher immer zerlaufen wie Brei bekommen hatte. Es ging mir mit diesem
Eis fast wie viele Jahre später mit Schlegel's Shakespeare; die Jamben
wollten mir im Anfange nicht recht munden, weil ich vorher daran gewöhnt
war, den Shakespeare in der Wieland'schen und Eschenburg'schen Prosa zu
lesen.

                    *       *       *       *       *

Die hübsch gekleideten Pagen, welche ihre Schule mir gegenüber in dem
andern Bogengang hatten, und in ihrer prächtig rothen Tracht, mit
gelben Unterkleidern, weißseidenen Strümpfen und Goldtressen jeden Tag
zur Tafel hinaufgingen, interessirten mich sehr; aber sie imponirten
mir nicht. Die stolze Adelsmiene, die sich in meiner Kindheit noch oft
zeigte, entdeckte ich auch in dem Gesicht einiger dieser Knaben, und
sie erbitterte mich. So lange ich denken kann, war es mir unmöglich,
Geringschätzung zu ertragen; sie konnte mich fast rasend machen, bis ich
ihr im reiferen Alter erst mit Spott und dann mit christlicher Geduld zu
begegnen lernte.

Meine Mutter sagte einst, ich könne mit den Pagen wohl auch einmal
spielen, wenn sie es wollten. »Kann ich denn auch =Du= zu ihnen sagen?«
fragte ich. »Nein, das geht nicht.« -- »Dann will ich auch nicht mit
ihnen spielen.« --

Einmal hatte einer dieser Pagen Lust bekommen, meines Vaters Garten zu
besehen und fragte mich, ob er mit hineingehen dürfe. Ich antwortete
gleich Ja; mit vieler Freundlichkeit führte ich ihn umher und erzählte
ihm ein Weites und Breites von dem kleinen Garten. Er maß mich mit einem
vornehmen Blick, und fing an, von den Herrlichkeiten seines Vaters zu
sprechen; ein Wort gab das andere, er wollte seinen Rang geltend machen,
und ich gab ihm einen Hieb über den Rücken, mit dem er seiner Wege ging
und mich bei den Anderen verklagte. Ich ging nach Hause. Es währte nicht
lange, so kam der älteste Page in seinem vollen Staate, bevor er zur
Tafel ging, in unser Zimmer, klagte mich an und bat meinen Vater, den
ungezogenen Jungen im Zaum zu halten, der jungen Adeligen nicht den
schuldigen Respekt erweise. Ich stand im Winkel, schwieg ganz still, und
dachte, was soll daraus werden? Aber wie sehr erleichterte es mein Herz,
als mein Vater sagte: »Ja, mein junger Herr! darauf kann ich mich nicht
einlassen; geben Sie sich mit meinem Sohne ab, so müssen Sie auch mit
in den Kauf nehmen, was daraus folgt. Ich weiß nicht, wer Recht und wer
Unrecht gehabt hat.« Damit ging der Page, und als mein Vater hörte, daß
der Hieb als Strafe für Mangel an schuldiger Achtung vor seiner eigenen
Person gegeben war, so hatte er Nichts weiter dagegen einzuwenden.

                    *       *       *       *       *

Zu den Lehrern der Pagen gehörte auch der Dichter =Samsöe=; aber ich
kann mich durchaus nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Ich
ahnte nicht, daß mir gegenüber der Dichter wohnte, der mich einige Jahre
darauf durch seine Tragödie Dyveke hinreißen würde. Und Samsöe ahnte
eben so wenig, daß der kleine Junge, der da drüben spielte, nach ihm
Tragödien schreiben würde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bernd Winckler.]

Der Spielkamerad, mit dem ich am meisten umging, war =Bernt Winckler=,
aber es war nicht Sympathie, die uns vereinigte; unsere Charactere und
gewöhnlich auch unsere Ansichten waren äußerst verschieden, was auch
die Ursache war, daß wir im Jünglings- und Mannesalter fast ganz aus
einander kamen, obwohl wir gegenseitig stets unsere guten Eigenschaften
achteten, und die Erinnerungen der Kindheit nicht selten unsere Gefühle
verschmolzen. Sein außerordentlicher Witz, sein vorzügliches Gedächtniß
und der bestimmte eigenthümliche Charakter übten ihre Macht auf mich
aus; ich war unendlich gern in seiner Gesellschaft und wir vergnügten
uns immer prächtig, so lange unsere Geister ruhig und friedlich auf
einander einwirken konnten. Aber wenn er mich neckte, und wenn ich
hitzig wurde -- so war die Freundschaft für den Tag unterbrochen. Ich
äußerte meine Gefühle stark, und wurde ungeduldig, wenn ich keine
Sympathie fand; er kritisirte mich immer, und wenn ich Bitterkeit in der
Kritik zu finden glaubte, -- so wurde ich auffahrend und wägte nicht
länger meine Worte ab. Aber ich schrieb ihm gleich Versöhnungsbriefe.
Das Erste, wenn wir uns wieder sahen, war meine Frage: »G. oder F.?«
(Gutfreund oder Feind?) Und wenn er zuweilen kalt antwortete: »F.«, so
ließ ich mich doch nicht abschrecken, sondern ruhte nicht eher, als bis
ich ihn durch Freundlichkeit wieder gewonnen hatte. -- Wir haben gewiß
einen viel größeren Einfluß auf einander gehabt, als wir selbst wissen;
denn indem wir beständig disputirten und mehrere Jahre hindurch uns
unablässig Briefe schrieben, übten wir Mund und Feder.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meines Vaters Umgang.]

Der Umgang meines Vaters in Friedrichsberg bestand aus Winckler's Vater,
dem alten Oberlandsinspector Berner, Hunäus, Dr. genannt, eigentlich
nur Chirurg, und zuweilen dem Bäcker Kamphövener. Der alte Winckler
war ein rüstiger, flinker, großer, hagerer Schwede, ernst in seinem
Benehmen, munter und zufrieden in seinem Gemüth. Er war Gärtner gewesen,
stand sich sehr gut, hatte Feld bei seinem Hause, einen prächtigen, gut
gepflegten Garten, und wirthschaftete immer fleißig als Gärtner und
Landmann. Er war ein großer Oekonom, und so sparsam und ordentlich,
daß er, um ein einziges Beispiel anzuführen, eine Stecknadel in seinem
Hemdkragen trug, die er viele Jahre eben so sorgfältig aufbewahrt
hatte, wie ein Anderer seine Diamantbusennadel. Er bewohnte ein kleines
unansehnliches Haus; aber es erfreute mich sehr, das Friedrichsberger
Schloß mit Winckler's kleinem Zimmer zu vertauschen, wo Norcros und
Drackenberger im Kupferstich über dem Büreau, besonders der Erste mit
seinem langen Bart, im Gefängniß mit seinen Mäusen spielend, stets meine
Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der alte Winckler erzählte gern von
Drackenberger, der ein sehr hohes Alter erreicht hatte, und er ahmte
ihm in sofern nach, als er selbst 92 Jahre alt wurde, und das Jahr vor
seinem Tode eben so schnell von Friedrichsberg nach Kopenhagen ging,
wie 50 Jahre vorher. Er las gern komische Romane, besonders Tom Jones
und Siegfried von Lindenberg waren seine Lieblingslectüre. Mein Vater
war vielseitiger und gebildeter; er war witzig und lärmend lustig, wenn
Winckler ganz ernst dasaß; aber mein Vater liebte auch das Rührende und
Schilderungen aus dem höhern Leben. Diese zwei Männer hatten einander
sehr lieb, und die Freundschaft hielt sich so lange, wie sie zusammen
lebten. Ich entsinne mich eines hübschen Zuges in dieser Beziehung vom
alten Winckler. Mein Vater spielte oft als Organist bei Begräbnissen;
Winckler, der einige Jahre älter, als er war, sagte einmal zu ihm: »Wenn
ich sterbe, sollen Sie nicht für mich spielen; Sie sollen mich dann
zum Grabe geleiten.« Aber es geschah nicht; der Aeltere geleitete den
Jüngeren zum Grabe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ideosynkratie.]

Wenn unsere Eltern zusammen kamen und Quadrille spielten, waren der alte
Berner und Hunäus der dritte und vierte Mann, wenn nicht Madame Winckler
und meine Mutter eine Partie mitmachten; Berner wohnte neben Winckler.
Der alte Oberlandsinspector war ein reicher Mann, ebenso wie letzterer;
er besaß ein großes Haus, einen großen Garten, und wurde, da er auch
der Aelteste war, stets mit einer gewissen Ehrerbietung von den Anderen
behandelt. Er war ein kleiner, stiller, feiner Mann. Ich entsinne mich
nicht, daß er jemals ein Wort mit mir gesprochen hätte. Hunäus war mit
einem Verwandten seiner Frau verheirathet. Dieser war ein lustiger,
humoristischer Mann. In jüngeren Jahren war er Schiffsarzt gewesen und
nach Westindien gefahren. Jetzt hatte er ein Haus auf Friedrichsberg
mit Feld und einem großen schönen Garten, und lebte theils von seinem
Grundstück, theils von seiner Praxis, denn er war Arzt des Städtchens.
Wenn er Einladungen für den alten Berner zu einer Quadrillepartie
schrieb, so nannte er ihn stets Admiral, die Andern Capitains, und
diese wurden dann von ihren Fregatten aus das Admiralschiff geladen. Er
kam selten nach Kopenhagen, aber wenn er's that, so besuchte er gern
einige alte westindische Freunde, wo dann alter Madeira zum Frühstück
aufgetragen wurde; wenn er von da zurückkam, war er noch ein Mal so
lustig, als gewöhnlich, und dann hieß es: der Doctor ist in der Stadt
gewesen.

                    *       *       *       *       *

Ich hatte ihn sehr lieb, obgleich er mir zuweilen Kinderpulver gab. Eine
eigene Geschichte muß ich in Bezug auf dieses Kinderpulver erzählen,
da sie von psychologischem Interesse ist. Mein Vater hatte vom Gärtner
Petersen »Malling's große und gute Handlungen einiger Dänen, Norweger
und Holsteiner« geliehen, theils um das Buch selbst kennen zu lernen,
theils um mich nach all' den Mährchen, Romanen und Schauspielen, die ich
verschlang, etwas Nützliches lesen zu lassen. Aber ein unglückseliger
Umstand machte, daß viele Jahre vergingen, ehe ich an diesem, in
mancher Beziehung vortrefflichen Werke Geschmack finden konnte. Ich
entsinne mich noch, wie gestern, daß es in einem grünen Bande Morgens
auf dem Tisch lag, wo Thee nach der neuen Mode getrunken wurde, nämlich
mit Butterbrot dazu, was Petersen bei uns eingeführt hatte und uns
eine herrliche Erfindung schien. Aber an diesem Morgen bekam ich kein
Butterbrot; denn ich hatte Kinderpulver eingenommen. Das Pulver lag
neben den großen und guten Handlungen; es war Etwas davon aufs Buch
geschüttet worden; als ich dies in die Hand nahm, roch es in seinem
grünen Einbande so stark nach Medicin, wie ein Patient in seinem grünen
Schlafrock im Friedrichshospital; und ich warf es von mir. Es vergingen
mehre Jahre, ehe ich mich dazu zwingen konnte, es zu lesen, und ehe
der innere Geruch des Kinderpulvers aus »Malling's großen und guten
Handlungen« verging.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ewald und Wessel.]

Der Gärtner Petersen lieh uns auch Ewald's und Wessel's Schriften.
Besonders die Kupfer in diesen Werken waren es, die meine
Aufmerksamkeit zuerst anzogen. Mit Bewunderung betrachtete ich Ewald's
Bild. Er sah krank und arm aus und ich erstaunte darüber, daß all' die
schönen Dinge aus der Krankenkammer eines so unglücklichen Schwächlings
gekommen sein sollten. Er sah gefühlvoll, gedankentief und freundlich
aus. Die Haare waren, wie bei einem Bauer, von der schönen Stirn nach
hinten gestrichen. Nun öffnete ich das Buch und fand mich plötzlich
in das Paradies versetzt, das ich aus Madame Bergau's und des Küsters
Schule sehr gut kannte. Es war mir sehr lieb, die nähere Bekanntschaft
der Engel zu machen, denn ich hatte noch keinen rechten Begriff von
ihnen gehabt. Nun sah ich sie, freundlich oder zürnend, mit Blitzen und
Wolken in den Abildgaard'schen Zeichnungen. Ein kleines Versehen fand
Statt, da wo Adam eilends herbeiläuft, um Eva an dem Essen des Apfels
zu hindern; ich glaubte nämlich, weil er so wild und rasend aussah, mit
hoch erhobenen Händen fechtend, daß es der Satan sei, bis ich besser
unterrichtet wurde. Der liebe Harlequin, den ich so gern mochte, und
im Thiergarten neben Kasperle sah, waren auch hier. Die Bataille auf
dem Fußboden mit dem Schreiber war gerade nach meinem Geschmacke. --
Der Herausgeber macht eine Entschuldigung, daß =Chodowiecki= das Stück
mißverstanden, und Harlequin in seiner Harlequinstracht dargestellt
habe; dies konnte ich natürlich nicht verstehen, und habe es auch
später nicht verstanden. Ein Stück wie Ewald's Harlequin der Patriot,
welches keine objective Wahrheit enthält, sondern dessen Werth in der
satyrischen Fiction liegt, wo die Hauptperson eine lyrisch-komische
Mythe, kein natürlicher Charakter ist, -- ein solches Stück gewinnt
gerade dadurch, daß Harlequin seine Maske eben so wie in den alten
italienischen Komödien behält.

In Ewalds Rolf Krage öffnete die nordische Sage zum ersten Mal ihre
Grabhügel vor mir, zeigte mir ihre Aschenkrüge und beschwor ihre
Geister herauf. Auch hier waren es zuerst die Bilder, welche meine
Aufmerksamkeit fesselten. Das eigenthümlich Geheimnißvolle in dem Walde
mit den Lusthäusern und den Lampen; die Schildjungfrauen mit dem Helm
und den langen Haaren; der wunderliche barbarische Trotz verbunden mit
dem Gefühlvollen in den Gesichtern.

Wessel's Portrait war nun wieder ganz verschieden von Ewald's; es sah
höchst launig aus, und der satyrische Spott in den starken Augenbrauen,
die sich wie Bogen wölbten um die Pfeile des Witzes abzuschießen, wurde
durch einen gewissen freundlich melancholischen Ausdruck in dem ganzen
Gesicht gemildert.

                    *       *       *       *       *

Winckler zog Wessel, ich den Ewald vor, und wir stritten oft darüber,
wer von diesen Dichtern der größte sei. Ueber Holberg fiel es uns
niemals ein, zu streiten. Uebrigens hatte Winckler stets mehr Sinn für
das Lustige; das Gefühlvolle wollte ihm nicht recht munden, bis er
Lafontaine's Romane las, wo dann das Erotische sich in ihm zu entwickeln
begann. Es war ihm leicht, Etwas lächerlich zu finden, wo man es am
Allerwenigsten hätte erwartet haben sollen. Wenn ich ihn zuweilen mit
hinauf in die königlichen Zimmer nahm, wo wir von einem dunklen Saale
aus unbemerkt die Abendtafelmusik hören konnten, und ich entzückt
über die schönen Töne dastand, amüsirte ihn nichts Anderes, als die
allertiefsten Töne des Fagotts und des Waldhorns, welche ihn durch die
sonderbarste Ideenassociation von der Welt dahin brachten, die Zunge
halb entzwei zu beißen, um nur nicht vor Lachen zu bersten. Endlich
steckte er mich auch damit an, und wir mußten fortlaufen, um nicht
gehört zu werden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Des Küsters Schule.]

Des Küsters Schule war eine Schule für Straßenjungen, deren es in
meiner Kindheit viele auf Friedrichsberg gab; denn es wohnten daselbst
eine Masse armer Leute, welche in der Fabrik des Meister Collin (der
Vater des noch jetzt lebenden Conferenzrathes) den Spinnrocken traten.
In Flicken und Lumpen mit hölzernen Schuhen kamen diese Jungen in die
Schule, die wie ein Schweinestall aussah, mit ausgetretenem Steinboden
und Tischen und Bänken, wie in dem schlechtesten Krug. Winckler's
älterer Bruder, Henrik, der auch dort hinging, und unser Primus war,
weil er alle Anderen an Jahren und Kräften überragte, schnitt tiefe
Rinnen in die Tische, mit Ausläufen an den Seiten; zuweilen nahm er
dann Bier mit, goß es in die Hauptrinne und nun saßen die armen Jungen
mit dem Munde an den Ausläufen, um etwas von dem Bier zu bekommen,
das er ihnen in dem Troge schenkte. Ich saß oft im Winter auf einer
alten Lade, die in der Nähe des großen Kachelofens stand, und amüsirte
mich damit, den Schnee auf der Platte schmelzen zu lassen, den ich
in der Tasche von der Straße mit hereingebracht hatte. In der Schule
ging unser Präceptor, =Lassen=, oder wenn er abwesend war, der Küster,
Herr =Wiebe= selbst, Beide dick, in Schlafröcken, mit Nachtmützen auf
dem Kopf und langen thönernen Pfeifen im Munde einher. Jeden Sonntag
schrie Herr Wiebe, wie ein Kiebitz, die Psalmen in der Kirche, so daß
mein Vater oft alle Register, bis zum lärmendsten hinauf, welches zur
Ueberschrift Mixtur hatte, ausziehen mußte, um ihn durch die Orgel
zu übertönen. Seiner Gemeinde machte der Küster Besuche in einem
hellgelben Fracke, mit schwarzen Knöpfen. -- Die Evangelien, Psalmen,
Pontoppidan's Erklärung, Schreiben und Cramer's Rechnenbuch waren die
Wissenschaften, die gepflegt wurden; doch lernten Winckler und ich auch
etwas lateinische Grammatik, aber blutwenig. Herr Wiebe schrieb ein Mal
in mein Schreibebuch: _ora et labora_, was beweist, daß sowohl er wie
ich Latein verstand. Wenn der Bischof =Balle= oder der Probst =Bast= zur
Visitation kamen, so wurde die Schule so gut, als möglich geschmückt.
Hier bekam ich zuerst eine Idee davon, was ein Souffleur sei, wenn
unsere Mentors, die außerhalb des Kreises saßen, dessen Centrum durch
den Bischof oder den Probst gebildet wurde, hier und da durch ein
leises In's-Ohr-Flüstern dem schwachen Gedächtniß oder der starken
Unwissenheit zu Hülfe kamen. So entsinne ich mich deutlich, daß, als
der Probst mich einmal lächelnd fragte, was =trockenes Wasser= sei und
ich ihm die Antwort schuldig blieb (Oersted bliebe sie ihm vielleicht
noch heute schuldig) der Küster flüsterte: »die Wolken.« Ich wiederholte
dies ins Blaue hinein, und der Probst bewunderte meinen kindlichen
Scharfsinn. Ich kann nie den Schulmeister in Holberg's »Weihnachtsstube«
fragen hören: »Gevatter, wollen Sie Sprüchwörter oder Sentenzen?« ohne
mich an jene Scene zu erinnern. Solche Verstandesübungen waren damals
sehr üblich. Auch die Art, dieselbe Sache dreimal mit denselben Worten
zu wiederholen, um sie recht deutlich zu machen, die man in allen alten
Documenten findet, und über die Holberg sich in Else David Schulmeisters
Rede lustig macht, war noch in meiner Kindheit in Gebrauch, und ich
entsinne mich einer oratorischen Wendung in einer Leichenpredigt sehr
gut, die folgendermaßen lautete: »Drei Tugenden zeichneten diese hohe
Prinzessin aus: hohe Geburt, fürstliche Abstammung und königliche
Schwägerschaft.«

Bischof Balle war ein liebenswürdiger Mann, den wir bald wie eine
Gottheit anbeteten, die uns vom Himmel herniederkam. Seine große Gestalt
imponirte, sein Gesicht war voller Würde, Milde und Begeisterung. Die
Perücke, die Krause und der lange Priesterrock unterstützten diese
Eigenschaften. Es hätte mir einige Jahre früher leicht eben so gehen
können, wie dem Jungen, der als er zum ersten Male in der Kirche war,
in dem Glauben, daß der Priester der Herrgott sei, die Mutter beim
Hinausgehen fragte: »Mutter, warum schlug denn der liebe Gott so stark
auf die Kanzel?«

Als ich noch in Madame Bergau's Schule ging, und der Bischof ein Mal in
der Kirche visitirte, lernte ich zum ersten Mal, was Kabale sei, denn
ich, der auch dabei sein wollte, um mir ein Buch als Belohnung meines
Fleißes zu erwerben, erfuhr es erst zu spät, und mußte mich daher mit
einem Stück Zuckerkant begnügen, welches er, in einem Stuhle vor dem
Altar sitzend, mir in den Mund steckte. Die Bauernkinder von Walby kamen
auch zur Visitation. Ich entsinne mich, daß er ein Bauermädchen fragte:
»Christus sagte: =Weib=, was habe ich mit Dir zu schaffen? -- War das
ein Schimpfwort? Sagte Christus im Zorn =Weib= zu ihr? Nein keineswegs!
=Weib= war ein Ehrenname und ist es auch noch heute.«

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erste poetische Versuche.]

Bereits in meinem neunten Jahre hatte ich einen Morgenpsalm geschrieben,
welchen Herr Lassen erwischte. Gegen den Inhalt hatte er Nichts
einzuwenden, aber er tadelte, daß die Verse nicht die genügende Anzahl
Füße hätten, um gehen zu können. Ich wagte, das Gegentheil zu behaupten;
ein Psalmenbuch wurde als Schiedsrichter vorgenommen, und nun hatte ich
den Triumph, daß der Küster zugestehen mußte, gegen die Füße sei Nichts
einzuwenden.

                    *       *       *       *       *

Mit Wincklers war ich oft draußen im Felde bei der Ernte; ihre Felder
lagen jenseits des Friedrichsberger Gartens. Ich erstaunte darüber,
verschiedene Pfosten an den Gitterthüren von Wallfischzähnen verfertigt
zu sehen, und bekam hierdurch zuerst eine Vorstellung von der Größe
dieser Thiere. Hie und da stehen diese Zähne noch.

Einer ganz sonderbaren Jagd entsinne ich mich aus jener Zeit. --
Wincklers hatten einen großen Schober auf dem Hof, in dem viele
Feldmäuse steckten. Bernt machte mir den Vorschlag, ob wir nicht Katze
spielen und die Mäuse fangen sollten. Hierzu war ich gleich bereit.
Wir nahmen Jeder einen Eimer auf den Schober hinauf, und indem wir
nun die Garben den Leuten zuwarfen, die sie in die Scheune schaffen
sollten, ergriffen wir die Mäuse, schlugen sie auf den Hacken unserer
eisenbeschlagenen Stiefeln todt, und warfen sie in die Eimer, die bald
gefüllt waren. Das Merkwürdigste war, daß ich, sonst mitleidig und
ängstlich vor Mäusen, bei dieser Jagd, sowie die Großen bei den Kessel-
und Parforcejagden, jedes andere Gefühl verloren hatte, so daß ich nur
daran dachte, die Mäuse zu ergreifen und sie zu vernichten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Wintervergnügen.]

Eine meiner größten Freuden bestand darin, im Winter Schlittschuh
zu laufen. Als ich die armen Jungen auf Holzschuhen auf dem Eise
hinrutschen sah, dachte ich, es müsse auch ganz hübsch sein. Ich bewog
meinen Vater, mir ein Paar Holzschuhe zu kaufen; aber sie waren mir zu
klein und drückten mich an den Zehen. Ich wollte es nicht sagen, um sie
nicht wieder hergeben zu müssen; ich hatte oft gehört, daß man Schuhzeug
austreten könne und hoffte, daß sie sich schon nach dem Fuße dehnen
würden, wenn ich im Schnee mit ihnen umherginge. Aber als ich mich eine
Stunde lang auf dem Eise umhergetrieben hatte, mußte ich nach Haus
hinken und ein Vergnügen aufgeben, das mit so vielen Schmerzen erkauft
war.

                    *       *       *       *       *

Es amüsirte Winckler und mich, mit Beginn des Frühjahrs, wenn es
zu thauen anfing, auf großen Stücken Eis auf dem Gemeindeteiche
umherzufahren. Ein Mal, als wir bei Berner's waren, fiel ich ins Wasser
und wäre beinahe in den Schlamm gesunken, aber ich kam doch glücklich
heraus und in die Gesindestube, wo ich mit einigen anderen Kleidern
versehen wurde, so daß die Aeltern, die darinnen saßen und Quadrille
spielten, Nichts davon erfuhren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Freuden in der Stadt.]

Wie der Mensch sich nach Veränderung sehnt, und oft das Schlechtere
dem Bessern vorzieht, wenn es nur neu und ungewöhnlich ist, habe ich
mit mir selbst in meiner frühern Kindheit erfahren. Da war eine alte
Nähmamsell, die meiner Mutter half und zuweilen auf einige Tage zu uns
kam; sie hieß Mamsell =Kjöbel=. Sie hatte eine Freundin, die mit einem
Herrn Hegelund verheirathet war, der auf Ulfeldt's Platz in Kopenhagen
wohnte. Dieser Mann besuchte auch zuweilen meine Eltern. Er hatte in
seiner Jugend studirt; ob er von dem alten dänischen Dichter Hegelund
abstammte, weiß ich nicht; aber er sprach einmal mit meinem Vater über
Holberg, was das für ein großer Dichter sei, und führte zum Beweis dafür
die Zeilen aus Peder Paars an: Aurora öffnete ihr purpurfarb'nes Thor,
zum Frühstück holt sie Brot, in Fett =getaucht= hervor. Besonders dieses
»=getaucht=« bewunderte er so sehr. Ein schlechterer Dichter, meinte er,
würde gesagt haben: »mit Fett =belegt=, oder mit Fett =beschmiert=.«
Aber der geniale Holberg hatte es unvergleichlich schön ausgedrückt: »in
Fett =getaucht=.« Ich hörte auf diese ersten ästhetischen Vorlesungen
mit großer Andacht, und habe später oft ähnlichen beigewohnt, wenngleich
in ganz anderer Einkleidung und nach höchstverschiedenen Theorieen.
Diesen Herrn Hegelund besuchten meine Schwester und ich mit der
Nähmamsell ein Mal im Jahre, mitten im heißesten Sommer. Und was waren
alle Rosen, Levkojen, Goldlack und Ambra Friedrichsbergs gegen den
Geruch von Theer, Klipp- und Stock-Fischen, der mir aus dem Laden des
Seilers entgegenströmte, während das Auge auf den glänzenden Messern,
Scheeren und dem bunten Spielzeug des Kurzwaarenhändlers ruhte? Selbst
der Rinnstein schien mir etwas aromatisch Anziehendes zu haben, an das
ich in der freien Luft auf Friedrichsberg nicht gewöhnt war. Nun kamen
wir nach Ulfeldt's Platz! Darauf erstiegen wir eine steile Treppe bis in
die vierte Etage eines kleinen engen Hauses. O Gott! welche Aussicht!
das war etwas ganz Anderes, als das ewige tägliche Bild von der Ostsee,
Amager, Schweden und der Hauptstadt mit ihren Thürmen, den Schiffen,
dem Südfeld, von den Mühlen und dem Vieh auf dem Felde. In einem engen
Kreise von Fleischbänken, wo das Fleisch in prächtigen Stücken mit der
reichen Blume und mit künstlichen Würfelschnitten hing, erhob sich
höchst romantisch die wunderliche Säule mit der Inschrift: »Zu ewiger
Schmach, Spott und Schande für den Landesverräther Corfitz Ulfeldt.«
Es setzte mich auf eine eigenthümliche Weise in das Mittelalter
zurück, ja sogar nach Mexiko, wovon ich vor Kurzem gelesen hatte, und
meine kindliche Phantasie spiegelte sich vor, daß rund um die Säule
Menschenfleisch hing, welches dem Vizlipuzli geopfert sei. Warf ich nun
einen Blick zurück in das Zimmer, so weilte er bei einer Commode, voll
der schönsten Gypsfiguren, an denen sich die Bildhauer- und Malerkunst
in ihrer liebenswürdigen Kindheit vor der Zeit Cimabue's zeigte. Zwerge
konnten die Augen verdrehen und die Zungen herausstrecken. Zu einem
grünen Papagey hatte ich besonders Lust, und wer schildert meine Freude,
als die Madame ihn mir verehrte, und ich ihn auf Friedrichsberg als den
einzigen Ueberrest einer lieben verschwundenen Welt bringen konnte, die
sich mir erst in den Hundstagen nächsten Jahres wieder öffnen sollte,
»wenn wir so lange lebten,« wie die alte Nähmamsell sehr vorsichtig
hinzufügte, wenn sie uns diese Hoffnung machte.

                    *       *       *       *       *

Wir wollten also gern nach Kopenhagen, und es war ein Fest, wenn unsere
Eltern zuweilen mit uns zu ihren Freunden, zu den Weinhändlern Colstrup
und Böhling und zu Herrn Leppert, dem vornehmsten Schneider der Stadt
gingen. Ein Kamerad von Colstrup und Böhling, der Weinhändler Bolten,
hatte sich vor Kurzem zum Baron hinaufgeschwungen, und man sprach davon,
daß es vielleicht auch ihnen glücken könne. Der Handel war in jenen
französischen Revolutionsjahren außerordentlich vortheilhaft. Mein Vater
hatte dem Böhling ein paar Hundert zusammengesparte Reichsthaler mit in
sein Geschäft gegeben, von denen er großen Gewinn hoffte; aber es ging
unglücklich, die kleine Summe wurde verloren; doch wir Kinder gewannen
dabei, denn lange wurden uns als Zinsen einige Flaschen Kirschwein
geschickt, der vortrefflich schmeckte. In diesen Gesellschaften
herrschte viel Munterkeit, Böhling war ein lustiger Mann, aber der
früher erwähnte Canalinspector Schiött machte besonders viel Scherze und
leuchtete als erster Stern. Wenn ich nicht irre, so kam auch zuweilen
ein Bildhauer oder Bildschnitzer Köpke dorthin, welcher den Eremiten im
Südfeld gemacht hatte, der sich von seinem Lager in der Hütte erhob,
wenn man auf ein Brett an der Thüre trat. Er sowie der verstorbene
Schauspieler Knudsen trugen viel zur geselligen Heiterkeit in dieser
Zeit bei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Reinecke Fuchs.]

Madame Leppert war eine muntere Frau, die, wenn wir Kinder die ihrigen
besuchten, ihren zweiten Sohn bat, uns aus dem Eulenspiegel vorzulesen.
Wir selbst besaßen die dänische Thura'sche Ausgabe vom Reinecke Fuchs.
Einmal tauschten wir: wir bekamen Eulenspiegel und die Anderen Reinecke
Fuchs. Aber dies reuete mich doch später, der Holzschnitte wegen, wo der
Löwenkönig und die Königin mit Kronen auf dem Haupte sitzen, und die
Zunge weit zum Halse herausstrecken, wo der Kater Hinze mit dem Bären
Braun spricht, und wo Reinecke als Kapuziner kommt, auf der Leiter steht
und sich vom Galgen losschwatzt; die herrlichen Kaulbach'schen Bilder
machten in den Greisesjahren kaum den Eindruck auf meine Phantasie, wie
jene schlechten Holzschnitte in meiner Kindheit.

                    *       *       *       *       *

Der älteste Sohn Leppert's war Student, ein freundlicher, stiller
Mensch, der an der Brust litt. Er gewann mich lieb, es that ihm leid,
daß ich so lange umherlief, ohne etwas zu lernen, deßhalb nahm er mich
zu sich nach Hause; ich schlief oft in der Nacht auf seinem Zimmer, er
fing an, mich etwas Geographie zu lehren, und schenkte mir einen Atlas,
den ich noch viele Jahre nach seinem Tode benutzte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Schule in der Stadt.]

Ich war zwölf Jahre alt geworden, und noch hatte man nicht daran
gedacht, mich etwas Ordentliches lernen zu lassen. Bernt Winckler,
dessen Vater reich war, kam in die Schule für »Bürgertugend« in
Kopenhagen und hatte freie Wohnung. Mein Vater war arm, es war ihm
unmöglich, das Schulgeld und zugleich eine Wohnung für mich in
Kopenhagen zu bezahlen. An meine Zukunft wurde durchaus nicht weiter
gedacht; es hieß, daß ich Kaufmann werden solle. Meine Mutter hatte eine
Schwester, die mit einem wohlhabenden Kaufmanne Gjerlew verheirathet
war, und sie machte uns zuweilen Vormittagsbesuche und wir ihr; aber
ihren Mann sahen wir niemals. Als sie einmal hörte, daß ich Kaufmann
werden sollte, sagte sie spöttisch: »Ein Kaufmann ohne Geld, ist eine
Violine ohne Saiten.« Dies war der einzige Trost, den ich von ihr bekam.
-- Glücklicherweise traf mich der Dichter =Eduard Storm= einmal im
Friedrichsberger Garten. Er unterhielt sich mit mir, ich gefiel ihm, und
er verschaffte mir einen Freiplatz in der Efterslägtsskole (»Schule für
die Nachwelt«). Gleich während seines ersten Besuchs bei meinen Eltern
gewann er mein ganzes Herz. Er war ein kleiner Mann mit einem hellblauen
Frack und einem breitkrämpigen runden Hut. Das Haar hielt er mit einem
runden Kamme, so wie Ewald aus dem Portrait, nach hinten. Die großen
blauen Augen strahlten voll Kraft und Laune, er war ein Norweger aus dem
Guldbrands-Thale und ein ächter sokratischer Charakter. Nur über dummen
Hochmuth vermochte er zu spotten, sonst war er die Freundlichkeit und
Humanität selbst. Als er meine Mutter am Spinnrade fand, lobte er ihren
Fleiß und erzählte auf seine launige Weise gleich von einem vornehmen
Fräulein, das er einmal auf dem Lande getroffen, wo sie ein Spinnrad
gesehen und ihn gefragt hatte, was das für ein Ding sei, worauf er
geantwortet hätte: »Ein Bratenwender, meine Gnädigste!« So kam ich also
in die Schule, und ein Packhausverwalter Gosch nahm mich gegen sehr
billige Bedingungen in Kost.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Krankheit meiner Mutter.]

Aber außer Storm hatte ich gewiß noch einem andern Manne mein Glück zu
verdanken; denn wenn er nicht Storm zuerst auf mich aufmerksam gemacht
und mich als Eleve der Schule vorgeschlagen hätte, so wäre es kaum
geschehen. Dieser Mann war der Maurermeister =Lange=, Major und Chef der
Bürgerartillerie. Er war ein großer, starker, wohlgewachsener Mann, mit
einem schönen Gesicht, einem vortrefflichen Organ und all' der Bildung,
welche vorzügliche Naturanlagen ohne wissenschaftliche Erziehung, durch
den Umgang mit Menschen sich selbst zu geben vermögen. Er hatte meine
Eltern lieb, denn er war ein vertrauter Freund vom Bruder meiner Mutter
gewesen. Ich habe bereits von der Familie meines Vaters gesprochen,
ich muß noch hinzufügen, daß seine Mutter, nach ihres zweiten Mannes,
Bolt, Tode von Schleswig herüber und in das Haus zu uns kam. Es war
eine stille bejahrte Bauerfrau; die neue Welt, in die sie kam, kannte
sie nicht, und lernte sie auch nie kennen. Es währte lange, ehe wir
Kinder sie verstanden, und sie verstand uns gar nicht, denn sie sprach
nur plattdeutsch. Ich entsinne mich nichts Anderes von ihr, als daß
sie großen Respect vor der Noblesse hatte, und meinen Vater einmal mit
gedämpfter Stimme und tiefer Ehrerbietung von Einem fragte: »Hat er die
Slötel?« Sie meinte den Kammerherrnschlüssel. Sie war ungefähr fünf Jahr
bei uns im Hause, ehe sie starb; eine stille, weiche Seele, dankbar
gegen ihren Sohn und sein Weib, weil sie ihr ein sorgenfreies Alter
schenkten. In demselben Jahre lag die kleine Christine in der Wiege,
wie ich bereits erwähnte, mit einem Wasserkopf, wie ein Kind, welches
erst zu begreifen anfängt, und mußte also in der ganzen Zelt gepflegt
werden. Dies und manches Andere versetzte meine arme Mutter in einen
kummervollen, schwermüthigen Zustand, -- es schwächte ihre Kräfte, die
sie vergebens durch augenblickliche Reizmittel zu stärken suchte, --
und diese herrliche Natur ging allmälig für uns verloren. In lichten
Augenblicken gab sie noch stets Beweise von dem Geiste, dem Herzen und
der Tüchtigkeit, mit der die Natur sie so reich bedacht hatte. Man sah
noch die Ueberreste der frühern Schönheit. Mein Vater sagte oft in
Augenblicken der übertriebenen Bescheidenheit, welche stets den heftigen
Aeußerungen der Ungeduld folgten: »Sie hat mehr Verstand in ihrem
kleinen Finger, als ich im ganzen Körper.«

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meiner Mutter Verwandtschaft.]

Es hatten übrigens manche Verhältnisse zu ihrer Betrübniß und zur
Schwächung ihrer Gesundheit beigetragen. Sie hatte einen Bruder gehabt,
einen sehr hübschen jungen Mann, voll von Geist und Herz. Er erlernte
die Maurerprofession, wurde Geselle, und war, wie ich kürzlich berührte,
des Majors Lange Jugendfreund. Lange versicherte oft, daß, wenn das
folgende Unglück nicht eingetroffen wäre, Hansen es eben so weit
gebracht haben würde, wie er. Aber der junge Mann fiel einmal in einem
Wirthshause in die Hände von Werbern, wurde Soldat und später war es
keine Möglichkeit, ihn frei zu machen, da mein Vater nicht das Lösegeld
für ihn zu zahlen vermochte. Ich hatte ihn vor Augen, als ich die Scenen
mit Rudolf in »=Dina=« dichtete. Die älteste Schwester, meine Tante,
die wohlhabende Kaufmannsfrau, muß wohl nicht im Stande gewesen sein,
etwas für ihre Familie zu thun, da ihr Bruder Soldat blieb und ihre
Mutter in einer öffentlichen Versorgungsanstalt starb. Aus Verzweiflung
verheirathete der junge Mann sich mit einem Dienstmädchen, bekam zwei
Kinder -- und hatte, dem Himmel sei Dank! bereits ausgekämpft und war
gestorben, als ich zu denken begann. Mein Vater besuchte die Witwe
einmal mit mir in ihrer Dachwohnung; und es ist mir, als ob ich nie,
weder früher noch später, eine solch' unendliche Noth gesehen hätte. Es
war ein harter Winter, und sie lag mit den Kindern im Bett, um nicht zu
erfrieren. Mein Vater half, so gut er konnte. Von meiner Schwester weiß
ich einen schönen und edeln Zug, der viele Jahre später eintraf, und den
ich bei dieser Gelegenheit erzählen will, um ihn nicht zu vergessen.
Eine der Töchter, Friederike, ein liebes und sehr gutes Mädchen, sollte
einen Dienst suchen, als sie erwachsen war; meine Schwester hatte
sich kurz vorher mit Oersted verheirathet, der Assessor im Hof- und
Staatsgericht war, jedoch nichts übrig hatte, weshalb er in den ersten
Jahren den Studirenden täglich noch viele Stunden Repetitorien gab. Um
Friederiken so viel als möglich Gutes zu thun, nahm meine Schwester sie
in Dienst, denn anders konnte sie ihr nicht helfen; aber man kann sich
nicht vorstellen, welch ein schönes Verhältniß zwischen der Frau und der
Dienerin, und doch zwischen zwei Cousinen, die Du zu einander sagten,
herrschte. Nie überschritt Friederike die Ehrerbietung gegen ihre
Herrschaft, nie war sie undankbar oder neidisch; und Sophie behandelte
sie mit der edelmüthigsten Liebenswürdigkeit, und trug durch Gespräche
und Bücher zu ihrer Bildung bei, ohne ihr darum ihren Stand zuwider zu
machen. Später verheirathete sie sich auch gut, ist aber jetzt todt.

Da nun das unglückliche Schicksal meines Onkels den guten Major Lange
schmerzte, und er durch Maurerarbeit auf dem Friedrichsberger Schloß
die Bekanntschaft meiner Eltern gemacht und oft herzlich mit meiner
Mutter von ihrem unglücklichen Bruder gesprochen hatte -- so gewann
er wohl auch mich armen Jungen lieb, und um doch wenigstens mich zu
retten, sprach er mit Storm und verschaffte mir die Freistelle in der
obengenannten Schule.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ich werde Pensionair.]

Nun ging eine große Veränderung in meinem Leben vor; als ich nach
Kopenhagen zum Packhausverwalter =Gosch= kam. Dieser Mann war in
seiner Jugend mit einem reichen Herrn als Kammerdiener mehrere Jahre in
Europa umhergereist, er besaß mehr als gewöhnliche Bildung und einen
vortrefflichen Charakter. Alles in seinem Hause war sehr ordentlich; er
hielt Blätter und Journale, die, wenn sie gelesen waren, sauber in die
Presse unter hübsche Marmorsteine gelegt wurden. An seiner Wand hing
eine kleine Naturaliensammlung, von der ich mich noch des Schwertes
eines Schwertfisches entsinne, das ich mit großer Aufmerksamkeit
betrachtete. Kurz nach meiner Ankunft bekam er einige Kokosnüsse von
Westindien. Ich hatte diese Frucht aus Robinson Crusoë kennen gelernt,
und war sehr begierig auf ihre süße Milch; aber sie entsprachen nicht
der Erwartung. -- Da ich nicht gleich in die Schule eintreten konnte,
sondern warten mußte, bis das Examen vorüber war, that Herr Gosch Alles,
was er konnte, um mich vorzubereiten. Mit einigen anderen Knaben,
Verwandten von Gosch, mußte ich mich im Schreiben üben. Einmal, wie wir
so da saßen, kam Bruder Drees, wie wir ihn nannten, ein Student Werliin,
der uns sehr lieb hatte und ein Vetter der anderen Jungen war, mit einem
seiner Freunde durch das Zimmer. »Können Sie meinen Namen schreiben?«
fragte Letzterer mich freundlich. Ich schrieb Mango. »Das ist ganz
richtig«, sagte er, »wenn Sie nur ein R hinzusetzen.« Es war dies der
verstorbene Major Mangor. Herr Gosch nahm mich eines Nachmittags mit,
um Professor Vahl's Vorlesungen im Prinzenpalais hinter dem Schloß zu
hören. Sie amüsirten mich sehr. Ich betrachtete die Klapperschlange und
die Brillenschlange in dem mit Spiritus gefüllten Glase mit Neugier und
Schauder. Aber wie groß damals schon die Lust bei mit war, das Theater
zu besuchen, entsinne ich mich, indem ich eines Abends gedenke, als
ich mit Herrn Gosch und einem Schiffscapitain aus Vahl's Vorlesungen
über den Königsneumarkt ging. Als wir uns dem Theatergebäude näherten,
sagte der Schiffscapitain ganz phlegmatisch: »Ich glaube, ich gehe heute
in die Komödie, Adieu!« Er ging. Mit schmachtenden, sehnsuchtsvollen
Blicken schaute ich ihm nach, so lange meine Augen ihm folgen konnten;
er öffnete die Thür, durch welche ich das Licht aus dem Vorsaale
schimmern sah. »Gott, der Glückliche! und eine solch' himmlische Freude
mußt du entbehren.« -- Ganz betrübt und muthlos folgte ich Herrn Gosch
an der Reiterstatue auf Königsneumarkt vorüber in dem dunkeln Abend nach
Hause.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eintritt in die Schule.]

Auch Storm bat mich, ihn im Schulgebäude in seinem hübschen Zimmer, vor
welchem sich die Schlafkammer befand, zu besuchen. Hier sah ich die
Jungen im Garten spielen, und freute mich sehr darauf, in eine Schule
zu kommen, wo auch Spielen und Laufen gewissermaßen mit zum Unterricht
gehörten. Was dies anbetraf, so war ich ziemlich vorbereitet darauf
und hoffte, daß keiner meiner Kameraden mich überflügeln würde. Storm
gab mir Unterricht in der Geographie. Als wir Dänemark durchgegangen
waren, und er die Karte von Norwegen vornahm, sagte er mit seiner
eigenthümlichen, herzergreifenden Stimme: »Nun kommen wir zu =meinem=
Vaterland, mein Kind!« Es währte nun nicht lange, so kam ich in die
Schule, als Storm fand, daß ich genug wisse, um gleich in die dritte
Klasse zu kommen. Vielleicht fand er mich auch zu groß und zu alt, um
mich unter die kleinen Jungen zu setzen. Schon in der dritten Klasse
ragte ich wie ein Riese hervor. Da ich in einem groben dunkelgrünen Rock
ging, mit den schwarzen Haaren im Nacken, nannte man mich den Kutscher.
Ich habe meinen guten Freund, jetzt verstorbenen Oberstlieutenant
und Postmeister Schwarz, in Verdacht gehabt, diesen und mehrere
Ehrennamen verbreitet zu haben, denn es amüsirte ihn mit seiner lustigen
Eulenspiegelnatur, mir Spottnamen zu geben, um mich böse und auffahrend
zu machen. Doch entsinne ich mich nicht, ihn jemals geprügelt zu haben,
was doch wohl der Fall mit mehreren anderen Größern war; denn Schwarz
war nur klein von Natur und schwach; ich besuchte ihn sogar und lernte
dadurch seinen Vater kennen, vor dem ich eine an Adoration grenzende
Ehrfurcht hatte, weil er ein sehr ausgezeichneter Schauspieler war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Naschlust.]

Ich brachte ein nicht unbedeutendes Vermögen von Friedrichsberg mit,
welches ich, da ich nie mehr als zwei, oder höchstens vier Schilling
besessen hatte, auszugeben eilte. Wir hatten nämlich zu Hause die
Einrichtung getroffen, daß wenn wir Kinder eine kleine Büchse voll von
dem Zucker sparten, den wir des Morgens zu unserm Thee erhielten, wir
zwei Schilling bekamen. Ich gewöhnte mich nun daran, den Thee fast ohne
Zucker zu trinken (obgleich ich ein großes Leckermaul war), und dadurch
brachte ich es so weit, daß ich die kleine Zuckerbüchse voll schöner
blanker neuer Zweischillingstücke bei meiner Ankunft in Kopenhagen
hatte. Nun sollte man doch glauben, daß ich mit großer Sorgfalt bewahren
würde, was ich so mühsam und mit so großer Selbstverleugnung gespart
hatte, denn ich war keiner jener Milchbärte, die im Schlaf zu ihrem
Vermögen kommen und sich deßhalb auch mit aller Macht befleißigen, es
zu vergeuden, sobald sie mündig werden; ich hatte mir, wenn auch nicht
mit saurem Schweiß, so doch mit süßem Mangel mein Eigenthum, wie der
Geizige seinen lieben Schatz erworben. Und doch half es Nichts! In den
ersten acht Tagen hatte ich, indem ich beim Spielwaarenhändler Violinen
für meine neuen Kameraden, dagegen Macronen und Feigen beim Italiener
für mich selbst kaufte, meine Schachtel gänzlich geleert. -- Ich war
besonders ein außerordentlicher Liebhaber von Feigen; wenn ich mir eine
große Tüte davon gekauft hatte, pflegte ich gewöhnlich, indem ich die
erste in den Mund steckte, im vollen Carriere die Straße entlang zu
laufen, und ziemlich laut zu rufen: »O, glücklich' Land, das solche
Feigen hat!«

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Geheilte Verwegenheit.]

Herr Gosch warf mir meine Verschwendung vor, als er sie erfuhr; doch --
damit hatte es bald ein Ende, denn als ich nichts mehr besaß, gab ich
nichts mehr aus. Aber ein anderes Spiel übte ich, das mir leicht theuer
hätte zu stehen kommen können. Einmal, wie sie soeben in der vierten
Etage oben im Zimmer saßen, sahen sie einen wunderlichen Gegenstand an
dem Strick hängen, der vom Giebel bis auf die Erde herunterging; ich
war es, der mit dem einen Fuß in dem eisernen Haken stand, und mit dem
andern gegen die Wand parirte, wenn ich hin- und herschwankte, um nicht
die Fensterscheiben entzwei zu schlagen. Es sah nur etwas gefährlich
aus. »Ja, das will noch gar nichts heißen«, -- sagte einer der Jungen
zur Tante, wie wir die Frau im Hause nannten; -- »aber er geht nie die
Treppen hinunter, sondern rutscht immer reitend im vollen Carriere das
Geländer hinab.«

Den Abend, nachdem das geschehen war, saßen wir Jungen mit Bruder Drees
am Tische. Wir baten ihn, uns etwas vorzuzeichnen, denn er zeichnete
hübsch. Er nahm ein Stück Papier, zeichnete eine Treppe mit einem
Geländer und einen Knaben der hinabgefallen war und todt da lag. Die
Eltern standen um die Leiche und rangen ihre Hände vor Verzweiflung. Er
reichte mir das Bild, ohne ein Wort zu sagen. Ich betrachtete es, brach
in Thränen aus, fiel ihm um den Hals und ritt seitdem nie wieder auf dem
Geländer.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Sonderbare Garderobe.]

Mein Vater mußte auf alle mögliche Weise sparen, und sehen, wie er
mir billig Kleider verschaffen konnte. Nun hatte der königliche
Garderobemeister ihm mehrere alte Kleidungsstücke verkauft, und so
ging ich lange in dem hochrothen gewendeten Rock des Kronprinzen, den
steifen Stiefeln des Königs, und aus einem cassirten Billardtuch hatte
man mir grüne Hosen gemacht. Dies sonderbare Costüm reizte nun meine
Schulkameraden, mich zu necken. Wegen der Schimpfworte, die ich hören
mußte, setzte es oft Püffe; man klagte mich bei Storm an, aber er,
im Vertrauen auf das fromme Gemüth, das er bei mir entdeckt zu haben
glaubte, antwortete ihnen barsch: »Das ist gelogen!« Ich erröthete,
denn ich wußte, daß es nur allzu wahr sei, ließ ihn aber doch in seinem
Glauben, weil ich es zu weitläufig und schwierig fand, ihm die Motive
zu dieser scheinbar bösen Handlung zu erklären. Aber endlich überzeugte
er sich eines Tages, da er mich und einen großen Jungen aus einer
höhern Klasse im Garten sah, wie wir einander in den Haaren lagen.
Gerade mitten in der Schlacht fiel die Richtung meiner Augen unter
meinem linken Arm nach Storm's Fenster hinauf, und als ich daselbst
ihn, als ruhigen Zuschauer mit den großen Augen entdeckte, ging es mit
wie Aeneas, und ich konnte gleich dem betrunkenen Gärtner im Figaro,
weder Hand noch Fuß von dem Finger rühren, der in Koch's Haaren steckte.
Ich bekam ein »_clamamus_«, wie wir es nannten, in mein Censurbuch und
war so unglücklich, es zu verlieren; zugleich aber doch so glücklich,
daß mein Vater es erst sah und seinen Namen dazu setzte. Hätte ich es
früher verloren, so würde Storm vielleicht geglaubt haben, daß ich das
Buch fortgeworfen hätte, um der Strafe zu entgehen, und dann würde ich
seine Freundschaft verloren haben, so aber kam ich mit einer Bemerkung
in meinem neuen Buche davon, »ich solle es besser in Acht nehmen«. --
Ich entsinne mich noch, in welcher Angst ich war, daß Storm mich in dem
Verdacht der Unredlichkeit haben könne.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Lehrer Dickmann.]

In der dritten Klasse war nur ein Lehrer, =Spleth=, ein ausgezeichneter
Mann; er unterrichtete uns in der Geschichte, aber er war krankhaft
still, ein Kantianer und nicht mit dem lebendigen Vortrage begabt, der
den Kindern Lust zum Lernen giebt. Diesen besaß dagegen =Dickmann=
in hohem Grade; aber zu ihm kamen wir erst in der zweiten Klasse.
Die erste und zweite Klasse waren durch ein Vorzimmer getrennt, und
geistig genommen, waren sie auch so verschieden von der unsrigen,
daß man mit Recht sagen konnte, sie seien eine neue Schule, denn sie
hatten lauter andere Lehrer. Dickmann hat einen großen Einfluß auf
meine geistige Entwickelung gehabt; in den Jünglings- und Mannesjahren
habe ich ihm zwei Gedichte gewidmet, und mit liebevollem Gefühle kehrt
die Erinnerung wieder zu ihm zurück. Er war nicht groß von Wuchs,
aber wohl gebaut, mit einem interessanten, schönen Gesicht, voller
Feuer, Gefühl und Beweglichkeit. Er sah stolz, gutmüthig und ernst
aus. -- Mit Ehrerbietung trat ich in die Klasse ein, als ich dorthin
avancirt war und Storm die Neuangekommenen dem ersten Lehrer der
Schule vorstellte. Storm und Dickmann hatten gegenseitig große Achtung
vor ihrer Tüchtigkeit und ihren Talenten; aber -- obgleich sie Beide
Norweger, tüchtige Köpfe und gute Menschen waren, so waren sie doch
Beide grundverschieden. Dickmann stach schon gleich auf eine wunderliche
Weise mit seinem Toupé und seinem kecken Zopf im Nacken gegen Storm
ab, der mit seinen zurückgestrichenen Haaren, wie ein Sokrates oder
Franklin dastand. Dickmann erinnerte mich immer, obgleich er kein Held
war, an Heinrich IV. von Frankreich, weil dieser Dickmann's Held war.
Das Chevalereske; das in manchen Beziehungen schwache und dann wieder
kräftige Herz; das Ritterstolze und Leichtbewegliche; das beredte, tiefe
Menschengefühl; die Begeisterung für die Liebe und den Wein; -- all'
dieses theilte Dickmann mit Heinrich IV. In Bezug auf sittliche Kraft
stand Storm weit über Dickmann, der in Ewald's und Wessel's Schule
gegangen war, sich an gewisse Freiheiten und Genüsse und daran gewöhnt
hatte, sie wie eine _licentia poetica_ zu betrachten, die sich nicht
allein auf Poeten, sondern auf alle Schöngeister erstreckte. -- Aber
sie sympathisirten auch nicht in Schulangelegenheiten. Storm wollte,
daß die Lehrer durchaus nicht schlagen sollten, sondern daß Alles durch
Zeugnisse abgemacht und dann den Eltern überlassen werden müsse. Dies
war Dickmann mit seinem raschen Charakter zuweilen zu weitläufig. Als
wir zum ersten Mal eintraten, hielt er uns folgende Rede, die gerade
nicht von der Art war, daß sie uns die Zukunft rosenfarben malte: »Es
ist eine Bestimmung hier in der Schule, daß die Zöglinge keine Schläge,
sondern nur schlechte Zeugnisse bekommen sollen, wenn sie ihr Pensum
nicht können. Hiernach werde auch ich mich streng richten, und für
Faulheit und Nachlässigkeit werde ich Euch niemals prügeln. Es ist
Euer eigener Schaden und davon müssen Eure Eltern Euch curiren. Aber
ich habe gehört, daß einige ungezogene Jungen unter Euch sein sollen,
die zuweilen naseweis gegen die Lehrer sind. Seid Ihr es gegen mich,
so bekommt Ihr Prügel! Dann ist es nämlich nicht der Lehrer, der den
Schüler schlägt, sondern der erwachsene Mann, der sich von einem Jungen
nicht beleidigen läßt.« -- »Habt Ihr's gehört«, sagte Dickmann -- und
wir hörten Alle sehr gut.

Was mich betraf, so war mir in diesem Punkte nicht bange, denn so lange
ich gelebt habe, war es mir unmöglich, Dem Geringschätzung zu zeigen,
dem ich Ehrerbietung schuldete. Ich und die Meisten waren auch nicht
damit gemeint. -- Dickmann machte auch, so viel ich mich entsinne, nur
ein einziges Mal Gebrauch von seinem Vorbehalte. -- Er kam einmal in
übler Laune in die Schule: »Setzt Euch auf Eure Plätze«, sagte er zu
den Jungen, welche in der Klasse spielten. Ein Einziger kroch unter
einen Tisch, statt sich auf die Bank zu setzen und bekam ein paar
wohlverdiente Ohrfeigen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Knabenstreiche.]

Uebrigens war in der ersten Klasse ein so guter Spectakelmacher, wie
man ihn sich nur wünschen kann: der geschichtlich bekannte =Jürgensen=,
der später das Königthum Island zu gründen versuchte. Er war ein ächter
Eulenspiegel -- und in diesem Eulenspiegelcharakter waren seine Streiche
zuweilen recht witzig. So kam in der Zeichnenstunde, wenn Dinesen
selbst nicht kam, ein gewisser Herr M. statt seiner. Dieser Mann, ohne
besondere Bildung, erzählte uns oft alles Mögliche von den langen
Reisen, die er gemacht haben wollte. Jürgensen wollte gern wissen, wo
er in der Welt umher gewesen sei. »Ja«, sagte er, »hole mir eine Karte,
dann werde ich es Dir zeigen.« Nun eilte Jürgensen fort, holte eine
Karte von Seeland und sagte: »»Ach, Herr M., nun seien Sie doch so gut,
und zeigen Sie uns, wie weit Sie gereist sind.««

                    *       *       *       *       *

Wir hatten einen Lehrer in der Physik und in der deutschen Sprache,
der =Svendsen= hieß. Er war ein vortrefflicher, guter Mensch, voller
Feuer und Herzlichkeit, der uns wie ein Vater seine verzogenen Kinder
liebte; aber deshalb konnten wir in seinen Stunden auch machen, was
wir wollten. Deutsch lernten wir recht gut, aber von der Physik fast
Nichts. Er hielt sich immer bei den ersten Definitionen auf. Ein Mal
sollte er bei der halbjährigen Prüfung examiniren, kam zu spät -- war
ganz verlegen deshalb und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, rief
er gleich, indem er sich setzte, dem ersten Schüler zu: »Was ist das?«
Hiermit stieß er so stark an ein Dintenfaß, daß er es umwarf. »O, ich
bitte um Verzeihung!« rief er zu den anwesenden Mitgliedern und Censoren
und wischte die Tinte in demselben Augenblick mit dem Aermel seines
hellgelben Sonntagsfracks ab. Er hatte nämlich den Schüler nach dem
Unterschiede in der Physik zwischen =Druck= und =Stoß= fragen wollen.
In den Stunden dieses Lehrers ging der Uebermuth so weit, daß ein Mal,
während zwei Schüler sich aufopferten, sich an ihn zu drängen, ihm in
die Augen zu sehen und auf Alles »Ja« zu sagen, was er ihnen erzählte,
die anderen sich wie die Furien in den Ballets mit alten Schreibebüchern
schlugen, die zu Fackeln gedreht und mit Talg eingeschmiert waren.
Mitten in diesem Teufelstanz trat Storm ein. Und was meint man, daß er
that? Mit seinen großen funkelnden Augen starrte er, ohne ein Wort zu
sagen, mit der größten Verwunderung, ob dieser Unverschämtheit auf
uns Alle und ging darauf wieder langsam fort. Alle setzten sich voller
Angst auf ihre Plätze; Alle liebten, achteten, fürchteten Storm, und
waren bange, sich seine anhaltende Unzufriedenheit zugezogen zu haben.
Aber als er uns wiedersah, that er, als ob Nichts vorgefallen sei. Er
griff nicht in die Pflicht des Lehrers ein, dessen Aufgabe es war, sich
selbst geachtet zu machen. Aber die Furcht vor einem solchen erneuerten
Besuch machte, daß es von der Zeit an ordentlicher in Herrn Svendsen's
Stunden wurde. Von diesem Svendsen erzählte man, daß er ein Mal vor
meiner Zeit den Schülern hatte zeigen wollen, wie ein Floh auf dem
Wasser ein kleines Schiff ziehen könne. Zu dem Ende hatte er eine große
Wanne in das Schulzimmer bringen lassen; aber während die Andern auf das
Schiff und den Floh hinstierten, der nicht recht ziehen wollte, weil
Svendsen ihn nicht ordentlich vorgespannt hatte, amüsirte sich Jürgensen
auf eigene Hand, indem er sich bückte und so lange am Spunde der Wanne
wackelte und zerrte, bis er herausging und das Zimmer unter Wasser
gesetzt wurde.

                    *       *       *       *       *

Daß diese Tollheiten, über die man fast immer lachen mußte, Storm nicht
sonderlich zusagten, der ein intimer Freund von Jürgensen's Vater,
einem vortrefflichen Uhrmacher, und einem der Stifter der Schule war,
ist leicht zu begreifen. Wegen dieser Freundschaft wich Storm auch
in Bezug auf den jungen Tollkopf von der Regel ab, und regalirte ihn
zuweilen mit eigenhändigen Schlägen, um dem Vater die Mühe zu sparen. --
Mehrere Mitglieder der Gesellschaft hielten in den zwei ersten Klassen
Vorlesungen, unter Anderen der verstorbene Conferenzrath, damaliger
Lector Saxtorph über Anatomie. Der Kammersecretair Rosenstand-Goiske
las über Oeconomie und Bergwissenschaft, Storm selbst über nordische
Mythologie und dänische Grammatik. Ich schrieb alle diese Vorlesungen,
ebenso wie Dickmann's nach, und machte mehrere Jahre hindurch meine
Excerpte, die ich später verloren habe. Ein Mal vor Rosenstand's Stunde
hatte der Sohn des Materialhändlers Thomsen eine seiner gewöhnlichen
Ladungen Citronats, eingemachten Ingwers u. s. w. mitgebracht, die er
mit seltener Freigebigkeit besonders unter Die von uns vertheilte,
welche ihm dann wieder bei gewissen Gelegenheiten Souffleurdienste
leisten sollten. Diese Collation ward vom Katheder aus vertheilt. Als
nun Rosenstand kam und den Tisch etwas von dem eingemachten Ingwer
klebrig fand, sagte er mit Ekel: »Ach da ist Saxtorph wieder mit seinen
Leichen gewesen.« (Saxtorph hatte nämlich eine Woche vorher eine kleine
Kinderleiche vor uns anatomirt). Wir ließen Rosenstand natürlich in
seinem Glauben, da wir ihm nicht die Wahrheit sagen durften, und nun
mußte der Diener hereinkommen und den Tisch abwischen.

                    *       *       *       *       *

Als Saxtorph uns zum ersten Male examinirte, war Storm zugegen. Die
Reihe kam an Jürgensen. Saxtorph fragte: »Wo sondert sich der Speichel
ab?« »»In den Nieren,«« antwortete Jürgensen. Storm, welcher wußte, daß
Jürgensen dies aus Muthwillen gesagt hatte, ging ganz ruhig hin und gab
ihm eine tüchtige Ohrfeige. Um nicht mehr zu bekommen, fiel er unter
den Tisch. Storm setzte sich wieder hin. Jürgensen kroch wieder auf die
Bank mit einem ganz rothen Backen und Saxtorph setzte das Examen mit
Jürgensen's Nebenmann in ungestörter Gravität fort, ohne durch irgend
eine Mienenveränderung ein Erstaunen über das Geschehene an den Tag zu
legen.

                    *       *       *       *       *

Als Jürgensen ein Mal aus der Schule ging, nahm er einem kleinen
Mädchen, die auf der Straße saß und Obst verkaufte, einen Apfel weg. Als
sie zu weinen und zu schimpfen begann, kehrte er sich, den Apfel essend
nach ihr um, und sagte ganz ernst: »Pfui, Du unartiges Mädchen, wirst
Du wohl ruhig sein, ich sage es gleich Deiner Mutter.« Dadurch imponirte
er der kleinen Fruchthändlerin so, daß sie still schwieg, und er ging
mit seinem Apfel von dannen.

                    *       *       *       *       *

Endlich machte er es doch zu arg und der Vater nahm ihn aus der Schule.
Wenn er nun in der Thür von seines Vaters Hause stand, so winkte er den
kleinen Knaben, die aus der Schule kamen, als ob er ihnen Etwas zu sagen
hätte. Wenn sie dann in den Flur kamen, schlug er sie mit einem Endchen
Tau, das er hinter dem Rücken verborgen hatte, und lief in's Zimmer.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der König von Island.]

Diese Eulenspiegeleien setzte er in seinem spätern Leben fort und sein
Königthum auf Island war eine Fortsetzung seiner Schulstreiche, nur nach
einem größeren Maßstabe, der ihm indessen leicht den Kopf hätte kosten
können.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Poetische Versuche.]

Obwohl ich nie daran dachte, Dichter zu werden, so machte ich doch
schon als Knabe Verse zu meinem eigenen Vergnügen. In Storm's dänischer
Sprachstunde wurde ich bald der Beste, und ich gab Wochenschriften
heraus, die »Mittwochspost« in der dritten, und »Balder« in der zweiten
Klasse, welche meine Schulkameraden mit Schieferstiften bezahlten.

Ich fing auch an Komödien zu schreiben, und sie mit meiner Schwester
und Winckler im Frühjahr und Herbst, wenn es noch nicht zu kalt
war, im königlichen Speisesaale auf Friedrichsberg aufzuführen.
Gewöhnlich hatten wir keine Zuschauer. Winckler, der in die Schule »für
Bürgertugend« ging, brachte zuweilen einen Kameraden von dort mit, der
nicht viel Sinn für solche dramatische Uebungen zu haben schien und
gewöhnlich einschlief. Winckler hatte eine außerordentliche Fertigkeit
im Werfen und Treffen. Einmal als unser Zuschauer am entgegengesetzten
äußersten Ende des Saales sitzend, auf seinem Stuhle eingeschlafen war,
-- wir spielten ein Stück von mir: Die belohnte Gastfreundschaft (worin
ein fremder Herr incognito als Nothleidender ein paar arme Leute besucht
um ihre Mildthätigkeit zu prüfen und sie dann belohnt) sagte Winckler,
um die Illusion nicht zu stören: »Ach entschuldigen Sie, ich habe noch
einen kleinen Hund mit, der auch Etwas bekommen muß.« Damit nahm er
einen halbfaulen Apfel vom Teller und traf den eingeschlafenen Zuschauer
mitten auf die Stirn, so daß er erwachte und das Stück mit größter
Aufmerksamkeit bis zu Ende anhörte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Theaterspiel.]

So wußte Winckler, obgleich eigentlich das negative, widerstrebende
Princip meiner ersten Bestrebungen, indem er mit dem Spiele nur spielte,
mir oft durch einen glücklichen Handgriff in der Noth beizustehen.

Eines Tags führten wir zum Beispiel ein großes Stück von mir auf, an
dem mehrere Kameraden von mir Theil nahmen. Der Junge, welcher den
Vater spielte, hatte eine der alten Perücken meines Vaters auf, und
sah ganz verzweifelt aus, da er auch seine Rolle nicht konnte. Meine
Schwester spielte die Tochter, die in Ohnmacht fiel, da sie nicht
gleich ihren heimlichen Geliebten heirathen durfte. Der verzweifelte
Vater, der seine Rolle nicht wußte, konnte dagegen alle Parenthesen und
Anmerkungen an den Fingern hersagen. Indem nun die Tochter hinfällt,
sagt er ganz ruhig: »Indessen sind sie ihr behülflich und bringen sie
wieder zu sich.« Und damit wollte er gehen, weil er nicht mehr wußte.
Aber glücklicher Weise stand Winckler in der Thüre und warf ihn mit
einem äußerst gewandten Stoße in den Rücken wieder mitten auf die
Bühne, so daß das Stück von Neuem in Gang kam; denn der Stoß hatte eine
magnetische Wirkung auf den Schauspieler, und die vergessenen Repliken
erwachten alle wieder in seinem Gedächtniß.

Auch Storm sah uns ein Mal eine solche Komödie spielen und sagte
scherzend zu mir: »Ei mein liebes Kind, Du bist ja ein größerer Dichter
als Molière! Man hielt es für etwas Außerordentliches, daß er in acht
Tagen ein Stück schrieb und aufführte, aber Du machst das Alles zusammen
in einem.« -- Weder Storm noch ich glaubte damals, daß ich wirklich
Dichter werden würde. Doch hatte ich eine gewisse geheime Ahnung davon.
Auch Dickmann glaubte es nicht; er hatte überhaupt keine hohe Meinung
von mir, mochte mich aber doch gern, und ich liebte ihn. »Bilden Sie
Sich nicht ein, lieber Oehlenschläger,« sagte er ein Mal in übler Laune,
»daß Sie Genie haben, weil Sie diese Verse machen! Sie können ein
tüchtiger Gelehrter, ein gewandter Geschäftsmann werden,« (hier nannte
er mir einen vornehmen Mann, der jährlich 3000 Thaler Einkünfte hatte
und sehr elegant wohnte.) »Solch Einer,« sagte er, »können Sie werden,
aber Sie werden niemals ein Eduard Storm.« -- »»Es ist möglich,«« sagte
ich mit verbissenem Zorn und die Hand in der Rocktasche geballt. Ich sah
dies für eine ungeheure Beleidigung an, und doch hatte Storm nur 200
Thaler jährlich und bewohnte zwei kleine Zimmer eines Hinterhauses.

                    *       *       *       *       *

Da mein Geist mich doch stets zu dem Wissenschaftlichen hintrieb, so
hatte ich in der letzten Zeit mit einigen Schulkameraden angefangen,
Privatunterricht im Lateinischen bei Dickmann zu nehmen.

Meiner Schwester auf Friedrichsberg gab ich wieder in Verschiedenem
Unterricht, wenn ich sie dort besuchte. Sie bedurfte nur wenig
Anleitung, um Alles, was sie wollte, mit größter Leichtigkeit zu
erlernen.

                    *       *       *       *       *

Ich hatte von Kindesbeinen an Lust, Anderen das zu lehren, was ich
selbst lernte, und mochte gern Vorlesungen halten. Auch in der Kirche,
wenn ich mich allein glaubte, bestieg ich die Kanzel und predigte laut.
Der Prediger, Herr Bruun, war einmal in der Sakristei, ohne daß ich es
wußte, mein Zuhörer gewesen, und rieth meinem Vater, mich Theologie
studiren zu lassen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Anatomische Studien.]

Im Sommer ging ich jeden Abend nach Friedrichsberg; nur im Winter
blieb ich in der Stadt. Einmal hatte ich einem meiner Kameraden
(dem verzweifelten Vater) versprochen, ihm Anatomie zu lehren; ein
Kinderskelett hatte ich mit hinausgenommen. Es stand auf dem Tisch, und
ich schlief diese Nacht bei meinem Freunde, um den nächsten Morgen früh
in das Südfeld zu gehen und Nüsse zu pflücken, was eigentlich nicht
erlaubt war. Kaum waren wir ins Bett gegangen und hatten das Licht
ausgelöscht, als wir Jemand an die Thür klopfen hörten. Wir schwiegen
erschreckt und ich dachte an das Skelett, welches uns vermuthlich wegen
des projectirten Nußdiebstahls strafen wollte. Wie leicht wurde mir aber
wieder ums Herz, als unser Dienstmädchen mit einem Licht und meiner
Nachtjacke hereintrat, die ich vergessen hatte.

                    *       *       *       *       *

In diesen Jahren gab mein Vater sich nicht viel mit mir ab und überließ
mich meinen Lehrern. Ich entsinne mich, wie ich ihm zwei Mal, aus der
Stadt kommend, erschreckt im Garten begegnete. Das erste Mal hatte ich
mich bewegen lassen, die Schule zu schwänzen und einen guten Freund auf
ein großes Linienschiff, den Elephanten, zu begleiten, das auf der Rhede
lag. Damals fühlte ich mich zum ersten Male von den Geistern unserer
unsterblichen Seehelden, Christian's IV., Tordenskjold's, Juel's,
Adeler's und Hvidtfeldt's umweht. Das Tauwerk, die Segel, die schöne
Kajüte, die Kanonen, die lustigen Matrosen, die hübsch gekleideten
Offiziere, die gute Mahlzeit: Alles verwandelte den Elephanten für mich
in ein Zauberschloß. -- Aber als ich nun nach Hause mußte, fing mir das
Herz zu klopfen an; ich war den ganzen Tag ohne Erlaubniß weggewesen.
So begegnete mir mein Vater im Garten, wie Adam dem lieben Herrgott
nach dem Sündenfalle. Aber nachdem er Alles gehört hatte, schalt er
mich nicht. Es sei nicht Zeit gewesen, erst darum zu fragen, und ohne
es darauf ankommen zu lassen, hätte ich einen seltenen Genuß und eine
nützliche Erfahrung entbehren müssen. Ein anderes Mal begegnete ich ihm
auch, als ich aus dem Wasser kam, aber triefend naß, denn ich war mit
den Kleidern hineingefallen, und mußte so nach Hause gehen. Da aber all'
meine Kleider durchnäßt waren, und mithin alle gleichmäßig eine dunklere
Farbe bekommen hatten, bemerkte mein Vater, der mit einem Fremden ging,
die Veränderung nicht. Ich zog meinen Hut sehr ehrerbietig ab, und
glücklicher Weise hielt er mich nicht auf; ich lief zu meiner Mutter
und sie half mir aus dieser, wie aus vielen anderen Verlegenheiten mit
mütterlicher Liebe, und dankte Gott, daß ich nicht ertrunken war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Besuch der Kunstakademie.]

Eine andere Schule, in die ich auch gekommen war, mußte ich bald wieder
verlassen, weil man mich nicht in Frieden ließ und der Feind mir zu
stark war. Ich liebte das Zeichnen sehr; der Zeichnenlehrer in der
»Schule für die Nachwelt«, Herr Dinesen, fand, daß ich Talent hatte,
und da er zugleich Lehrer auf der Kunstakademie war, so schlug er mir
vor, dorthin zu gehen. Ich kam in die erste Freihandzeichnenschule. Mit
welcher Ehrfurcht betrachtete ich nicht die Gypsabgüsse der griechischen
Meisterwerke, im Gefühl und der Ahnung einer Schönheit, die ich noch
nicht verstand. Von Thorwaldsen wußten wir damals nichts weiter, als daß
er ein ausgezeichneter Schüler gewesen und nun in Rom war. Ich sollte
gerade in die nächste Klasse kommen, als ich die Zeichnenkunst aufgab.
Wie sollte ich auch dazu die Zeit bekommen, wenn ich den Tag über in
die Schule gehen, Abends bei Dickmann sein und dann noch meine Arbeiten
machen sollte? Aber es war noch ein Grund vorhanden. Zu einer gewissen
Jahreszeit besuchten die Malerburschen die Akademie. Diese großen Jungen
schlugen sich immer, wenn sie kamen, und gingen auf Königs-Neumarkt
und ließen uns Andere nicht in Frieden. Diesen Angriffen wollten meine
Eltern mich nicht aussetzen; außerdem verstand ich nicht mit dem
Rothstift umzugehen und war in der ganzen Zeit, wo ich die Akademie
besuchte, von einem strahlenden Heiligenschein umgeben. Ich gab deßhalb
das Zeichnen auf.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Privatstunden.]

Aber auch bei Dickmann waren mir die Privatstunden zu drückend, wenn der
Sommer kam und ich ganz den schönen Abendfreuden entsagen sollte, die
ich bis dahin in der freien Natur genossen hatte. Hierzu kam noch, daß
der gute Dickmann, der an Nahrungssorgen und häuslichem Kummer litt,
täglich verdrießlicher wurde. Einmal, als er uns eine schwierige Stelle
in einem lateinischen Autor übersetzt hatte, fragte er: »Verstehen Sie
es nun Alle?« -- »Ja!« lautete die Antwort. »Sie auch, Oehlenschläger?«
»Nicht ganz«, entgegnete ich, »wollen Sie vielleicht so gut sein, es mir
noch einmal zu übersetzen?« -- »Ach«, sagte er mit einem verächtlichen
Achselzucken, »ich sehe schon, wo es fehlt.«

[Sidenote: Dickmann's Unterricht.]

Er übersetzte es noch einmal, aber ich hörte kein Wort; ich war blaß,
wie eine Leiche, und zitterte am ganzen Körper. -- Kein Genie, das
ließ ich gelten; aber nun nicht einmal Kopf genug zum Studiren, ein
schlechterer Kopf, als all' die Anderen, das ging zu weit! -- Ich lief
zu meinem Vater und sagte ihm, daß ich keinen Beruf in mir fühlte,
ein gelehrter Mann zu werden; ich hätte mehr Lust zum Kaufmannsstande
und wünschte meine Abendstunden bei Dickmann aufzugeben. -- Mein
Vater ließ mir meinen Willen. Als ich Dickmann das letzte Monatsgeld
gab, war er sehr gutmüthig und bat mich noch auszuharren. »Lieber
Oehlenschläger«, sagte er, »kümmern Sie sich doch nicht um ein Wort,
mit dem ich Nichts meinte. Fragen Sie alle meine Schüler, ob ich ihnen
nicht oft viel schlimmere Dinge gesagt habe.« Er brauchte nicht so viel
zu sprechen, um mich ganz zu versöhnen und meine alte Liebe zu ihm
wieder zu erwecken. Ich suchte nun aus allen Kräften, mich in seinen
historischen Stunden auszuzeichnen. Wenn er uns unser Pensum aus Kall's
Weltgeschichte überhört hatte (ein Buch, das ich auswendig lernte, eben
so wie Pontoppidan's Erklärung in des Küsters-Schule), so hielt er uns
Vorträge über die specielle Geschichte der verschiedenen Länder. Er
hatte zu diesem Zwecke eine große Menge Excerpte aufgeschrieben und
trug vortrefflich vor. In der ersten Klasse schrieben Einige während
des Vortrags das Wichtigste dessen nach, was er sagte. Ich war in der
zweiten Klasse und dort schrieb Keiner, außer mir. Eines Tages sagte
er: »Ich möchte doch hören, was Sie da schreiben; lesen Sie es einmal
vor!« -- Ich las mein Geschriebenes, gut stylisirt, vor, denn ich hatte
die Feder schon früh führen gelernt. -- »Wahrhaftig, das ist mehr als
ich selbst machen könnte«, sagte er, und gab mir: »Ausgezeichnet gut!«
eine große Seltenheit bei ihm, da es sonst Keiner in der zweiten Klasse
bekam. Ich war entzückt vor Freude, stürzte in der Zwischenstunde in
die erste Klasse, mit dem Censurprotokoll in der Hand, rief: ich habe
»ausgezeichnet gut!« bekommen, und zeigte ihnen die Stelle, wo es
stand. Einige schlugen ein lautes Gelächter auf; aber Dickmann setzte
sie ernstlich zurecht, und erwies mir von dem Augenblicke an stets
Achtung. Ich fuhr fort, die Vorträge nachzuschreiben und hatte mein
kleines Schreibepult voller Excerpte über Mythologie, Geschichte,
Oekonomie, Bergwissenschaft und Anatomie. Aber Dickmann wurde immer
melancholischer, von Nahrungssorgen niedergedrückt, und seine Gesundheit
schwächer. Die ganze Richtung, welche mein Geist einschlug, war nicht
nach seinem Sinne. Wie alle Schöngeister der damaligen Zeit, hatte er
einen überwiegend einseitigen Hang zum Sentimentalen. Ich fing nach
der Natur des Knaben lustig und naiv an. Aber es war auch nicht durch
seinen poetischen Geschmack, daß er Einfluß auf mich ausübte. Der war
nicht sehr gut; er war, wie Viele jener Zeit, ein großer Bewunderer von
Kotzebue und setzte ihn beinahe über Shakespeare. Doch Holberg, Ewald,
Wessel bewunderte er, und später besonders Schiller. -- Aber Dickmann's
Vortrag in der Geschichte, die lebendige, begeisterte Art, in der er uns
die Charakteristik der großen Helden und ihrer Thaten gab -- riß mich
hin.

[Sidenote: Geschichts-Unterricht.]

Ueberall, wo die Humanität den Sieg gewann, oder wo das Heroische
sich auf eine edle, ungewöhnliche Weise äußerte -- da war Dickmann
begeistert, da flossen seine Thränen, da zitterte seine Stimme -- da riß
er uns Alle mehr oder weniger hin, besonders mich, der ganz entzückt
war. Die Geschichte war mir stets theuer und mein Lieblingsstudium,
als die Pflanzschule der Poesie, da mein liebstes und höchstes Streben
stets dahin gegangen ist, große Thaten und Charaktere zu idealisiren.
Aber so lieb wie mir die Geschichte war und ist, -- so daß meine Lektüre
fast immer historisch gewesen, -- so fern war dagegen mein Geist der
prosaischen herzlosen Art des Geschichtsstudiums, und diese widerte
mich an, je mehr sie zu einem bloßen Namen- und Jahreszahlenregister,
zu einer diplomatischen Abhandlung ward. Und doch wurde sie von Vielen
nur auf diese Weise geachtet, von Vielen, deren größte Schultüchtigkeit
ein gutes Gedächtniß war. Ich entsinne mich z. B. sehr gut, daß
Professor =Abraham Kall=, dessen mächtiges Gedächtniß ihn, aber
auf Kosten des Gefühls und der Phantasie, sehr gelehrt machte --
Dickmann's Art, die Kinder in der Geschichte zu unterrichten, als
bloßes Anekdotenwesen verwarf. Meiner Ansicht nach ist die lebendige
Darstellung der charakteristischen Züge, welche die Personen bezeichnen
und die Zeit, in der diese leben, gerade die rechte Weise, Kindern
Geschichte vorzutragen; denn diese soll nicht nur ein Vademecum für
den Zeitvertreib werden. Aber die Anekdote ist ja eigentlich nichts
Anderes, als die kurze Erzählung einer einzelnen Handlung und deren
Beweggründe. Das Leben aller Menschen besteht aus solchen. Es kommt nur
darauf an, die wichtigsten, bedeutungsvollsten zu erzählen und sie so
nach einander zu ordnen, daß diese Perlen, auf die Schnur der Zeitfolge
gezogen, das Halsband der historischen Muse bilden. Aber in dem Gewimmel
unbedeutender Namen, einförmiger elender Handlungen sinkt so zu sagen
das Wirkliche, die wichtige Geschichte der Menschheit, unter. Diese
Erinnerungsübungen mögen einem eiteln Gedächtniß schmeicheln und von der
Einfalt bewundert werden -- aber sie haben Nichts für das Herz und die
Vernunft zu bedeuten. Der eigentliche Historiker muß zwar dies Alles
kennen, so wie der Perlenfischer all' die Austern öffnen muß, die er
trifft, um seinen Schatz zu finden; aber er soll uns mit den leeren
Austerschalen verschonen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Mnemotechnische Uebungen.]

Dickmann hatte eine eigene Art, die er von seinem Rector in Bergen
gelernt hatte, uns die Jahreszahlen besser im Gedächtniß behalten
zu lassen, nämlich durch Worte, statt der Zahlen. Wenn dieses Wort
nun in seinem Klange Etwas hatte, welches das Charakteristische bei
einem Helden oder einer Begebenheit andeuten konnte, so war dies
vorzuziehen, meistens aber war es nicht möglich. In wie weit diese Art
der gewöhnlichen vorzuziehen sei, ist eine Frage. Gall hat ja einen
Unterschied in den Organen für Namen- und Zahlengedächtniß gefunden.
Daß man im Allgemeinen keine Erleichterung dadurch gehabt habe, muß
ich voraussetzen, da diese Art, welche doch von Vielen gekannt war,
wieder ganz aufgehört hat. Mir half es unendlich viel, da ich sonst die
Zahlen gleich wieder vergaß. Zum Examen konnte ich dagegen dem Professor
Kjerulf alle Jahreszahlen nennen, nach denen er mich fragte, und wenn
die Anderen sie nicht wußten, so wandte er sich lächelnd an mich,
und ich sagte sie ihm gleich, wenn ich nur erst das Wort mit meinem
Finger aufs Kniee schreiben durfte, und mir Zeit gelassen wurde, es
auszurechnen.

                    *       *       *       *       *

Dickmann hatte, ungeachtet seiner Melancholie, etwas Gutmüthig-Launiges
in seinem Wesen, das uns sehr amüsirte. Er scherzte, ohne sich etwas
an seiner Würde zu vergeben. Einer seiner Scherze war, daß er that,
als ob er sich nicht unserer Namen entsinnen könne, und uns nur
abwechselnd »Christoffersen« oder »Blokkus« nannte. Die Entstehung
dieser Benennungen weiß ich nicht. Aber deßhalb ging es doch gleich
ernsthaft mit den Fragen, und wenn Christoffersen oder Blokkus ihre
Lectionen nicht wußten, so bekamen sie Ng., M. oder S., d. h. Nicht
gut, mittelmäßig oder schlecht. Ich habe in der Schule nie »schlecht«
bekommen, nur zwei Mal »mittelmäßig« und selten »Nicht gut«. --
Dickmann liebte es, das Spießbürgerliche zu persifliren und erzählte
uns, wie ein Innungs-Aeltester der Branntweinbrennerzunft einmal sehr
gravitätisch seine Rede mit den Worten begonnen habe: »Meine Herren und
Branntweinmänner.«

[Sidenote: Der Mensch ein Lichtgießerschild.]

Oft wenn er in Gedanken und seufzend da saß, sagte er scherzend, wenn
er sah, daß wir's bemerkten: »Ach ja! was sind wir Menschen doch
weiter als Lichtgießerschilde und Käse!« Das erste Gleichniß hatte er
von einem Friseur gelernt, der einmal, als er ihn bediente und ihn
seufzen hörte: »Ach ja! was sind wir Menschen«, sagte: »»Ja, was sind
wir wohl anders als Lichtgießerschilde!«« »Lichtgießerschilde?« fragte
Dickmann verwundert. »»Ja, Herr Dickmann, wenn wir's recht überlegen,
so sind wir im Grunde genommen nichts Anderes; wir müssen uns ja nichts
einbilden.«« »Ich bilde mir gar Nichts ein«, sagte Dickmann, »und will
sehr gern gestehen, daß wir ungeheuer wenig sind; aber warum gerade
Lichtgießerschilde?« -- »»'s hilft Nichts, Herr Dickmann, daß man sich
Honig um den Mund schmiert, wir sind, weiß Gott, nichts Anderes!«« Es
dauerte lange, ehe Dickmann den Grund zu diesem wunderlichen Gleichnisse
erfahren konnte. Endlich sagte der Friseur: »»Was sind wir anders?
Lassen wir uns vom Winde nicht hin- und herbewegen, gerade wie ein
Lichtgießerschild?«« Nun verstand Dickmann ihn, und um das Gleichniß
vollständig zu machen, fügte er »Käse« hinzu, weil wir nach unserem
Tode ganz so, wie der Käse, von Würmern verzehrt werden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aufenthalt bei Gosch.]

Storm behandelte uns zuweilen mit einer gewissen launigen Ironie, die
stets sehr gute Wirkung that. Er war weit davon entfernt, den spätern
deutsch-philantropischen, moralischen, frommen Ton zu gebrauchen, der
so leicht zu süßer Sentimentalität und dann zur Heuchelei übergeht.
Wenn einmal Einer in seiner Stunde die Arme, wie ein Bauer, auf den
Tisch gelegt, und den Kopf darauf gestützt hatte, so sagte er trocken zu
seinem Pflegesohn Paul Rasmussen: »Ach Paul, gehe hinein und hole für
N. N. ein Kopfkissen!« Gleich zog N. N. seine Arme zurück. Storm hatte
einmal Einem, der immer naseweis und altklug war, Etwas befohlen, das er
nicht gethan hatte. »Warum hast Du Das nicht gethan?« fragte er nun in
Aller Gegenwart. -- »»Ich meinte«« -- »Du sollst nicht meinen!« -- »»Ich
dachte«« -- »Du sollst nicht denken!« -- »»Ich glaubte!«« -- »Du sollst
nicht glauben, sondern thun, was ich Dir sage.«

Zu Hause bei Gosch war eine Veränderung vorgegangen; wir zogen in ein
anderes Logis, wohnten aber lange nicht so gut, wie früher. Hier bekam
ich das Scharlachfieber in ziemlich hohem Grade. Als ich mich zu erholen
anfing, aber noch sehr matt war, von meinen Eltern, meiner Schwester,
meinem Friedrichsberg und der gesunden Luft getrennt, und außerdem
fühlte, daß ich den Fremden zur Last sei, weil ich mehr Pflege, als
gewöhnlich erforderte, -- lag ich eines Tages im Bette, weinte und
verbarg meine Thränen; da kam ein Junge zu mir, der Peter hieß und nicht
gerade wegen seines brillanten Kopfes bekannt war; er spielte mit dem
Papagey, dessen Bauer nicht fern von meinem Bette stand. Es amüsirte
ihn, das Thier so wüthend zu machen, daß die Federn auf dem Kopfe sich
sträubten. Während dies nun stets mit seinem scharfen Schnabel nach
Peter's Finger hackte, der sich immer zeitig genug von den Stahldrähten
zurückzog, starb dieser beinahe vor Lachen und stammelte (denn er
stammelte immer etwas): »Ach! ha -- ha -- hat Po -- Po -- Polly eine
kleine Perücke! Soll ich Polly die Pe -- Per -- Perücke abreißen!«
Dazwischen schrie der Papagey in seinem wüthenden Rasen; und diese Scene
trug nicht wenig dazu bei, mich aufzuheitern, so daß ich mich bald
erholte. Einige Tage darauf nahm meine Mutter mich nach Friedrichsberg
hinaus.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine neue Heimath.]

Gosch bekam eine Anstellung als Zollverwalter auf Fehmarn, und ich kam
nun in das Haus eines Controleurs bei der westindischen Compagnie, der
Laasbye hieß. Sein gutes sanftes Weib war eine vortreffliche Hausmutter;
er war auch freundlich und erwies mir alles Gute, war aber ganz
unwissend und ohne Bildung. In den ersten Tagen, um mir das Bittere der
Trennung von meinen andern Lieben zu mildern, nahm er mich ein Mal auf
die Zollbude mit hinaus, wo große Zuckerfässer aufgeschlagen wurden.
Bei dieser Gelegenheit schenkte Einer der Leute mir einen ungeheuer
großen Klumpen Zucker. Ich war bisher immer gierig auf Zucker gewesen,
und hatte, da er mir nur in kleinen Quantitäten zugetheilt wurde, nie
meiner Lust genügen können. Ich fing nun an, den Zuckerklumpen aus allen
Kräften zu bearbeiten, aber am Ende schmeckte ich gar nichts mehr, und
ich wurde seiner zuletzt so überdrüssig, daß ich ihn ins Meer warf, was
mir später sehr Leid that, und mit schmachtenden Blicken stand ich oft
am Ufer und starrte an dem Orte in die Wellen, wo der schöne Zucker ohne
Nutzen geschmolzen war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Mein Pflegevater.]

Es war ein großer Abstand von Gosch's, wo ich Spielkameraden hatte, zu
Laasbye's, wo ich mit den beiden stillen Leuten ganz allein war. Sie
hatten nicht mehr als zwei Zimmer, einen sogenannten Saal von vier
kleinen Fenstern und eine kleine einfenstrige Schlafkammer. In dieser
Kammer wurde mein Feldbett aufgeschlagen, und da schliefen wir alle
Drei. Glücklicher Weise war der Mann ein großes Kind; und so wie es oft
zwischen unwissenden Erwachsenen und halb erwachsenen Knaben ergeht,
welche die Schule besuchen -- der Unterschied in der Bildung hebt die
Verschiedenheit des Alters auf, und sie werden einander gleich -- so
ging es auch hier. Wir spielten zusammen. Ich hatte eine sogenannte
_flûte douce_ mitgebracht, auf der ich alle Melodieen spielen konnte,
die ich hörte. Ich lehrte auch Laasbye darauf blasen, und bearbeitete
sie nun jeden Abend im Dunkeln im Saale, während die Betten gemacht
wurden. Des Abends las ich ihm laut aus Unterhaltungsbüchern vor, und
es schickte sich durchaus nicht (die Dankbarkeit verbot es mir ganz
und gar) leise für mich in meinen Schulbüchern zu lesen; doch fand
ich noch immer des Morgens ein Bischen Zeit -- und im Ganzen galt ich
für einen tüchtigen Zögling in der Schule. Nur mit dem Französischen
wollte es nicht recht gehen. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Haslund,
der sehr eifrig war und uns oft schlug; aber das half nicht viel; doch
danke ich es seinen Püffen, daß ich das schwierige Verbum _s'en aller_,
den Schlüssel zu vielem Andern, gründlich lernte. Herr Haslund war ein
Jütländer, kahlköpfig, mit gepuderter Lockenperrücke und mit einem
kleinen Zopf im Nacken. Er verstand nicht die Kunst, sich beliebt zu
machen, und deshalb lernten Viele von uns Nichts. Wen ich nicht liebte,
von dem konnte ich auch Nichts lernen. Es ging mir mit _Marmontel's
Contes moreaux_ und mit _Fénélon's Telemaque_, wie in frühern Jahren mit
»Malling's großen und guten Handlungen.« -- es verging lange Zeit, ehe
ich den bittern Geschmack aus dem Munde bekommen konnte, wenn ich diese
Bücher lesen wollte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Fortschritte in der Schule.]

Indessen war ich in die erste Klasse gekommen und war ein ganzes Jahr
Primus, weil ich in der Schule blieb und keine andere Bestimmung
hatte. Die Anstalt war in vielen Beziehungen vortrefflich und in ihrem
ersten blühenden Zustande eine Art Gymnasium und die erste im Lande,
wo Ordnung und Geschmack in der Einrichtung herrschten, wo für die
Bildung der Sitten und des Herzens gesorgt wurde. Die meisten der
alten Schulen waren noch Pferde- oder Schweineställe, wo Einem zwar
griechisch und lateinisch eingeprügelt wurde, die man aber oft noch
roher verließ, als man hineingekommen war, ja die Knabenstreiche arteten
nicht selten in Niederträchtigkeit und Schurkerei aus. Der einzige
Fehler, welchen unsere Schule hatte, war, daß sie für eine Vorschule
eine zu schöne Einrichtung besaß, und etwas Anderes war sie im Grunde
doch für die Meisten nicht. Wer Militair werden sollte, kam von hier
auf die Akademieen, wer studiren sollte, verließ die Schule, wenn er
sie zur Hälfte durchgemacht hatte, oder nahm Privatstunden, was für
einen muntern Jungen, dessen Phantasie auch der Freiheit und Natur
bedurfte, zu anstrengend war. Ich wenigstens konnte mich noch nicht
darein finden, zwei Stunden zu sitzen, wenn ich schon sechs gesessen
hatte und dann noch zu Hause an meinen Aufgaben zu arbeiten. Die Schule
»für Bürgertugend« war ungefähr zu derselben Zeit, wie die Schule »für
die Nachwelt« gestiftet, es war eine gelehrte Schule, in der der alte
Möller gute Studenten bildete; aber als Erziehungsinstitut hatte unsere
Schule doch gewiß bei Weitem den Vorzug. Indessen fühlte ich doch
selbst bald, daß sich auf diese Weise kein Weg für mich eröffnen würde;
durch Winckler, der in die Schule »für Bürgertugend« ging und starke
Fortschritte machte, bekam ich auch Lust, dorthin zu kommen; ich bat
meinen Vater darum, aber er schlug es mir rund ab. Storm hatte meinen
Plan erfahren; als er ihn hörte, lächelte er und schwieg. Es blieb beim
Alten; noch wußte ich selbst nicht recht, weshalb, endlich erfuhr ich,
was man mir bisher aus einer falschen Schaam verschwiegen, daß ich
einen Freiplatz hätte, und daß mein Vater nicht die Mittel besäße, für
mich zu bezahlen, wenn er mich zugleich in der Stadt in Kost und Logis
geben sollte. Sobald ich dies erfuhr, so fand ich mich geduldig in mein
Schicksal und suchte in den letzten Jahren so viel als möglich von der
Schule zu profitiren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die französische Revolution.]

Es war die Zeit des Directoriums in Frankreich. Die entsetzliche
Revolution war vor sich gegangen, ohne daß wir Kinder viel dabei
empfanden und wir hörten auch von unseren Lehrern nicht viele
Aeußerungen des Mitleids über Ludwig XVI. und die Königin Marie
Antoinette. Das edle Feuer, welches die ersten, herrlichen kräftigen
Männer der Revolution dazu gebracht hatte, die Sklavenbande der
Despotie abzuschütteln, hatte sich der Herzen bemächtigt. In weiter
Entfernung weckt Unglück das Mitleid nicht genügend, man merkte nicht
recht, daß die erste herrliche Zeit der Revolution von dem Kanibalismus
der Jakobiner durchaus verschieden war; man sah in dem König und der
Königin von Frankreich Personen, welche die Constitution gebrochen und
heimlich unter einer Decke mit Frankreichs Feinden gespielt hatten; dies
schwächte das Mitgefühl für das tragische Schicksal des unglücklichen
Königpaars. Darum konnte selbst der edle Storm ruhig an dem Tage
hereinkommen, als die Zeitungen mit der Nachricht von König Ludwigs
Hinrichtung eingetroffen waren, und sagen (doch natürlich ganz ohne
Spott, nur in einem gewissen stillen Humor) -- »Sie nannten ihn Ludwig
Capet, nun ist er Ludwig Caput!«

                    *       *       *       *       *

Kinder machen, wie die Affen, Alles nach. Wir hatten auch ein
Directorium gemacht, wo ich der erste Consul war, sowie Bonaparte,
und ich hatte zwei Mitconsuln, die auch Nichts zu befehlen hatten,
ebensowenig wie Sièyes und Cambacèrés. Das Spaßhafteste war, daß ich
Gesetze für meine Republik entwarf, deren erster Artikel also lautete:
»Da kein Staat ohne einen obersten Anführer bestehen kann, so wollen
wir einen solchen wählen.« Diesem Obersten mußte nun die Republik
unbedingten Gehorsam schwören, und so ahmte ich, ohne es selbst zu
wissen, Bonaparte vollständig nach, und stiftete eine Republik, wie
später Dr. Francia in Paraguay. An der Spitze meiner Republik zog ich
auch ein Mal gegen ein Heer der Schule »für Bürgertugend« aus, und wir
beabsichtigten eine Schlacht zu liefern, aber es wurde Nichts daraus,
sondern blieb nur bei Märschen und Manövern.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Storm's Tod.]

Das Merkwürdigste, das ein Jahr, bevor ich die Schule verließ, eintraf,
war Storm's Tod. Er hatte einen schlimmen Husten, der überhand nahm,
und ihn ins Grab legte; kurz vor seinem Tode war er zum Theaterdirector
ernannt; und, ich hätte beinahe gesagt, es war gut, daß er starb; --
denn es wäre nie gut gegangen. Ich kannte keinen Menschen, weniger zu
diesem Posten geeignet, als den edeln, vortrefflichen Storm, wenn ich
einige Andere aus späterer Zeit ausnehme. Er hatte ein mittelmäßiges
Stück geschrieben, welches »Erast« hieß und allgemein mißfallen
hatte; -- ob er auf Grund dieses Stückes zu dem Posten vorgeschlagen
war, weiß ich nicht. Zur Administration des Theaters war er durchaus
nicht geeignet; Er, der launische, sonderbare Junggeselle ohne
Weltkenntniß, dessen ganzes Streben bisher nur dahin gegangen war, die
Unschuld der Kinder zu bewahren, und mit frommer, stiller Weisheit die
unverdorbenen weichen Herzen zu bilden. -- Dieses Amt würde ihm gewiß
viele Unannehmlichkeiten bereitet haben, vielleicht hätte er dadurch
selbst Etwas von seinem herrlichen Gleichgewicht verloren. Er starb,
da seine Gesundheit doch untergraben war, zu rechter Zeit. Daß er auch
gleich in ein eigenthümliches Verhältniß zu dem ersten Theaterdirector
gekommen wäre, welches sich nicht so leicht zur Befriedigung beider
Parteien hätte ausgleichen lassen, wenn er sich wieder erholt hätte,
erfuhr ich erst einige zwanzig Jahre später, eines Mittags beim
Grafen Schimmelmann, als ich neben dem Oberkammerherrn Hauch saß und
das Gespräch auf Storm kam. Ich lobte ihn, und Hauch sagte in der
gutmüthigen Laune, die ihm eigen war und ihm so gut stand: »Ja, es war
gewiß ein prächtiger Mann; aber mir hat er, trotzdem wir Amtsbrüder
waren, nur ein einziges Wort gesagt, und das war: »Scheußlich!« --
»Wie, Ew. Excellenz?« fragte ich verwundert. -- »Ja!« fuhr Hauch fort,
»ich hatte ihn nie gesehen, noch gesprochen, als er Director wurde. In
denselben Tagen erkrankte er. Ich schickte meinen Läufer hin und ließ
fragen, wie er sich befinde. Er begegnete dem Läufer in der Thüre,
antwortete »Scheußlich!« und warf ihm die Thüre vor der Nase zu. Er
hatte ganz Recht, denn wenige Tage darauf starb er.«

                    *       *       *       *       *

Es herrschte eine außerordentliche Betrübniß in der Schule, als wir
eines Morgens hinkamen und hörten, Storm sei todt! Während er kränkelte,
brachte ich ihm regelmäßig Melonen, Pfirsichen und Weintrauben von
Friedrichsberg, die mein Vater sich für mich vom Hofinspector erbat, da
ich wußte, daß Storm ein großer Liebhaber von feinen Früchten sei, und
dies das Einzige war, was ihn in den letzten Tagen erquickte. Es war
mir ein seliges Gefühl, wenn er meine kleinen Gaben freundlich annahm,
er, der mir so viel geschenkt hatte, und sagte: »Hab' Dank, mein liebes
Kind!« -- Nun aber hatte er mehrere Tage auf dem Friedrichshospital
gelegen, und heute war er gestorben. Fast Alle weinten. Die
Liebevollsten unter uns sehnten sich darnach, ihren entseelten Lehrer
mit dem guten freundlichen Gesicht zu sehen, und ihm das letzte Lebewohl
zu sagen.

In der ersten Stunde kam Lindrup, ein braver, tüchtiger Lehrer der
Mathematik, aber so kalt, wie die Wissenschaft, in der er Unterricht
gab. Er begegnete unserer Betrübniß mit einem unzufriedenen Gesicht,
tadelte unser Gefühl als schwach, und als wir äußerten, daß es uns
unmöglich sei, aufzupassen und um Erlaubniß baten, fortzugehen, um
Storm's Leiche zu sehen, merkte ich deutlich, daß er es für Heuchelei
und einen Deckmantel unserer Faulheit ansah. Er befahl uns, uns zu
setzen, aufzupassen und versicherte, daß wir Storm keine größere Liebe
erweisen könnten, als wenn wir fleißig wären und unsere Arbeiten gut
machten. Wir setzten uns hin; aber ich erglühte und bebte vor Zorn.
Das natürliche Dankbarkeitsgefühl für einen edeln Wohlthäter in einem
jungen Herzen sollte unterdrückt werden, um Etwas ohne Aufmerksamkeit
zu treiben, was wir eben so gut und noch besser morgen lernen konnten.
Mit jedem Triangel und Zirkel, den er an die Tafel schrieb, wuchs mein
Zorn. Ich veranlaßte meinen Nachbar Falch, den Lindrup gern mochte,
um Erlaubniß zu bitten, daß er einen Augenblick hinausgehen könne.
Er erhielt sie. Gleich lief er nach meiner Anweisung zum Etatsrath
Professor Nörregaard hinüber, der im Vordergebäude wohnte und einer der
Schuldirectoren war. Falch schilderte ihm unsere Trauer und bat, uns
heute frei zu lassen, da wir nicht aufmerksam sein könnten. Er gab uns
die Erlaubniß. Falch hatte sich wohl gehütet, von Lindrup's Ansicht zu
sprechen. Er eilte wieder in die Klasse zurück und rief uns Anderen
zu: »Nörregaard hat uns frei gegeben!« -- »Adieu, Herr Lindrup!« rief
ich, riß meinen Hut vom Nagel und stürzte mit den Uebrigen hinaus. --
Obgleich Trotz in Dem lag, was wir thaten, hat Lindrup doch wohl durch
näheres Ueberlegen gefunden, daß es ein verzeihlicher Trotz war, denn er
faßte keinen Groll gegen mich und sprach nicht mehr von der Sache.

Ich ging mit mehrern Anderen nach dem Friedrichshospital. Als wir
eintraten trugen zwei Männer eine Bahre mit einer zugedeckten Leiche
über den Hof. »Können Sie uns nicht sagen, wo Storm's Leiche ist?« --
»Hier!« -- Wir folgten den Leichenträgern und waren somit das erste
Grabgeleite des todten Freundes. Als die Bahre in der Kammer hingesetzt
wurde, enthüllte man sein Gesicht; wir sahen es zum letzten Male,
überließen uns unseren Gefühlen und gingen.

                    *       *       *       *       *

Einige Tage darauf wurde er auf dem Assistenzkirchhofe begraben. Die
Zöglinge der Schule waren alle zugegen. Ueber seinem Grabe wurde später
ein Monument mit einem Basrelief in Marmor, sein Kopf, nach einer sehr
ähnlichen Zeichnung, welche sein Pflegesohn Paul Rasmussen aus dem
Gedächtniß entworfen hatte, errichtet. Besser als in Marmor findet man
dieses Bild in Kupfer gestochen, vor Storm's gesammelten Gedichten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Storm als Dichter.]

Storm war kein großer Dichter, er hatte keine schöpferische Phantasie,
sein Gefühl konnte sich nicht vielseitig bewegen und verschiedene
Eindrücke aufnehmen, er erglühte nicht von dem starken Feuer, dessen es
zur höchsten Begeisterung bedarf, sein Witz und seine Laune waren nicht
glänzend; er hatte sich nicht in sehr verschiedenen Lebensverhältnissen
bewegt, und kannte die Welt mehr aus Büchern, als aus der Erfahrung.
Sein »Erast« ist eine schlechte Komödie, sein »Bräger« ein schlechtes
komisches Heldengedicht, und in den meisten seiner Verse finden sich
nicht viele poetische Funken. Aber er war ein echter Christ, ein echter
Norweger, ein echter Menschen- und Kinderfreund. Er hatte die Sprache
zum Theil in seiner Macht, war von unseren alten Heldenliedern und den
Schönheiten seines Vaterlandes begeistert, darum werden auch =Zinklar's
Weise=, =Jönndalen= und einige seiner religiösen Lieder ihren Werth in
der dänischen Dichtkunst bewahren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Abermaliger Umzug.]

Laasbye zog wieder in eine neue Wohnung, die noch weniger hübsch
war, als die frühere. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß das
berühmte Schauspielerpaar Preisler dort gewohnt hatte, wo ich viele
Tage der Kindheit zugebracht und im Dunkeln mit Laasbye auf der
_flûte douce_ spielte. Nun wohnten wir bei einem Branntweinbrenner in
einem beständigen Treberdampfe und dem schrecklichsten Gesinge der
Straßenausrufer. Aber ich fühlte nichts von all' dem Drückenden um uns
her, wenn ich Robinson auf seiner Insel folgte, oder in den Feenpalästen
von »Tausend und einer Nacht« umherschwärmte. Madame Laasbye's Bruder
hieß Wulf, und war Koch in der königlichen Küche. Zuweilen besuchten wir
Wulfs. Da war eine Dame, die als Mittelpunkt für die Bewunderung der
Gesellschaft strahlte, Madame Obel, eine berühmte Fruchthändlerin. Sie
war sehr dick und fett und mit schweren goldenen Ketten geschmückt, die
sich mehrere Male um Hals und Arme schlangen, so daß sie mir zuweilen
wie ein mexikanisches Götzenbild erschien. Von Wulf entsinne ich mich,
daß er viele Jahre später, als er älter und Pensionair geworden war,
mir oft im Friedrichsberger Garten begegnete, und mich jedesmal fragte,
»ob ich nicht den Kukuk hätte rufen hören? ob ich nicht wüßte, wo der
Kukuk sei?« Ich konnte niemals begreifen, was er damit sagen wolle,
bis ich entdeckte, daß der alte Mann vom Kukuk wissen wollte, wie viel
Jahre er noch zu leben hatte. -- Ich zweifle nicht, daß der Kukuk ihn
genarrt hat. Er war mit seinen Prophezeihungen zufrieden, wollte aber
der Sicherheit wegen sie doch immer wieder hören; bis er aus gewissen
Gründen nicht mehr wiederkehren konnte. Er war nämlich todt, aber der
Kukuk rief lustig fort.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erste und letzte Jagdpartie.]

Es herrschte stets ein munterer Ton zwischen Laasbye's und mir. Ich
mochte gern scherzen und die Frau nannte mich Eulenspiegel. Ein kleiner
Zug unsers gemüthlichen Verhältnisses mag statt mehrerer anderen hier
stehen. Ein Freund des Mannes kam einmal, und schlug uns vor, auf die
Spatzenjagd zu gehen. Es war im Winter. Ich war nie früher auf der
Jagd gewesen, und so viel ich weiß, war dies auch das letzte Mal. Wir
bekamen Jeder eine geladene Büchse und gingen nun die Landstraße nach
Friedrichsberg hin, wo Spatzen genug zu sein pflegten. -- Heute aber war
unglücklicher Weise keiner da, oder mochte es vielleicht daher kommen,
daß wir keinen treffen konnten? Genug, ein einziger Spatz war unsere
ganze Beute. Den bat ich mir aus und ersuchte die Anderen, mich machen
zu lassen, wenn wir zur Frau nach Hause kämen, die eine vortreffliche
Haushälterin war, und uns versichert hatte, sie würde die Spatzen,
die wir schössen, braten, daß sie wie Lerchen schmecken sollten. Aber
zuerst ließ ich mir die Taschentücher der Anderen geben; damit stopfte
ich mir die Taschen aus und ließ unseren einzigen Spatz halb aus der
Tasche heraushängen. Mit vergnügtem Gesicht trat ich ins Zimmer und die
Anderen folgten mir. »Na«, rief die Frau, »wie ist's gegangen, habt Ihr
eine glückliche Jagd gehabt?« Ich sagte kein Wort, sondern zeigte auf
meine Tasche. »Jesus, mein Herzensjunge!« rief sie, »Du hast ja so viel,
daß sie herausfallen.« Sie griff begierig zu, fand sich aber bitter
getäuscht, und ich wurde wieder Eulenspiegel genannt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erster Theaterbesuch.]

Meine größte Freude war's, wenn ich zuweilen ein Parterrebillet bekommen
konnte. Dann spielte ich schon im Voraus damit, schloß die Augen, warf
es in einen Winkel, ohne zu wissen, wohin, da ich mich erst auf der
Hacke umdrehte; darauf suchte ich es, und wenn ich es fand, stürzte ich
wie über einen wirklichen Fund und wunderte mich sehr und jubelte über
das große Glück, gleich dem Bergmanne, der plötzlich im Kupferwerk eine
neue Silberader entdeckt. -- Dieses Spiel, die Augen zu schließen, Etwas
fort zu werfen, um es dann wieder zu finden, wandte ich auch bei anderen
Dingen an; aber es kam mir einmal bei einem neuen Federmesser theuer zu
stehen, mit dem ich so im Friedrichsberger Garten spielte, und es nie
wieder fand, da es sich im Sande verborgen hatte.

Das erste Stück, welches ich in meinem Leben sah -- ich war sieben bis
acht Jahre alt, -- hieß »die verliebten Handwerker«. Mein Vater nahm
mich von Friedrichsberg mit. Es war ein kalter Winterabend, Schnee lag
auf dem Wege, aber es war sternenhell. Mit tiefem Gefühle sehe ich
noch immer, wenn man dieses Stück spielt, dieselbe Decoration, welche
damals meinen kindlichen Augen begegnete. Die kleine Tischlerwerkstatt
im Hintergrunde mit ihrem Gitter und ihrer Hobelbank, die Häuser des
Schuhmachers, des Schmiedes und der Jungfer Engelke, wie bezauberte
mich Das! Und es bezaubert mich noch immer durch seine schöne Musik,
durch seine lustigen und komischen Charaktere und Situationen. Das
Satyrische darin konnte ich als Kind noch nicht verstehen; aber das
eigentliche Poetische, das lustige Leben der Handwerker, wo Musik und
Liebe sich mit der täglichen Beschäftigung vermischen; der Gegensatz des
französischen Friseurs zur Plumpheit des Schmiedes und des Schuhmachers,
wie wenn ein Schmetterling um einen Mistkäfer umherflattert, -- all'
Das bewegte sich in dem bezaubernden unsichtbaren Elemente der Musik,
welches das Plumpste zu etwas Höherem idealisirte. Ich befand mich, wie
im Paradiese. Ich fragte meinen Vater, ob ich auch klatschen dürfe, und
als er mir sagte, daß Jedem, der bezahlt habe, das Recht zustehe, seine
Meinung zu erkennen zu geben, zog ich meine wollenen Handschuhe aus und
schlug in die Hände, bis sie ganz warm wurden. Etwas aber, was ich gar
nicht begreifen konnte, war, wie sie all' die Häuser, Gärten und Straßen
gemalt hätten; denn ich glaubte, das würde immer gleich gemacht. Ich
fragte meinen Vater, aber er hatte, so viel ich mich entsinne, auch
keine deutliche Vorstellung davon.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Schloßbrand.]

In die zwei letzten Jahre meines Schulbesuchs fielen die großen
Feuersbrünste von Christiansburg und Kopenhagen. Die erste 1795 mitten
im Winter, brach eines Nachmittags aus, als ich auf dem Friedrichsberger
Schlosse saß und mit meiner Schwester zeichnete. Wir hatten einen
Farbenkasten bekommen und es amüsirte uns, Papier zusammenzukleben und
uns selbst ein Spiel Karten zu machen. Mein Vater sah in der Dämmerung
zum Fenster hinaus: »Was ist das«, rief er, »steigt der Mond über
Christiansburg hin auf? Wir haben ja nicht Mondschein?« -- Bald erfuhren
wir, was es war, und ich ging mit meinem Vater nach der Stadt, wo wir
von der Marmorbrücke aus Zeugen des fürchterlich schönen Schauspiels
waren. Ich habe nie in meinem Leben ein solches Feuermeer gesehen, weder
früher, noch später. Die Flammen waren erst in den Sälen eingeschlossen,
die kostbaren Gardinen brannten in den Fenstern, wie ein Stückchen
angezündetes Papier. Endlich durchbrach das Flammenmeer das Kupferdach,
schmelzte es, und mit den schönsten Farben stiegen die rothen, blauen
und grünen Flammen in die Luft. Noch stand der Thurm, wie ein dunkler
Riese, mitten im Feuer, lange spottete der ungeheure Riesenkörper den
lüsternen Flammenküssen, mit denen die Salamander an seinem Harnisch
emporleckten. Endlich wankte der Riese, und mit einem entsetzlichen
Krachen stürzte er durch alle Stockwerke hinab. Von diesem Augenblicke
an war Alles Flamme, als ob die Hölle ihren Schlund geöffnet hätte, als
ob Vesuv oder Aetna auf den Schloßplatz hin versetzt wären; und ich bin
überzeugt, daß kaum jene Berge so viel Feuer auf ein Mal ausspeien, wie
die Mauern hier in der rabenschwarzen Nacht. -- Als ich mit meinem Vater
wieder nach Hause kam, war es bis zu Friedrichsberg und gewiß noch eine
Meile weiter ganz hell. Bei uns zu Hause konnte man bei dem Scheine des
Schloßbrandes deutlich lesen. Eine lange lichtgelbe Rauchsäule zog mit
dem Winde über das Südfeld dahin, und einiges verbrannte Papier, das
durch die Luft geführt wurde, fiel dort erst nieder. Man hatte gar
nicht geglaubt, daß das Schloß brennen könnte, und die Mauern brannten
auch nicht; aber die unzähligen Ofenröhre, welche durch das Gebäude
kreuz und quer, oft in der Nähe leicht brennbarer Wände liefen, sollen
die Veranlassung dazu gegeben haben. Man erzählte, daß die Leute im
Schlosse gar nicht hätten räumen wollen, und als die Matrosen kamen, um
zu retten, sagten Einige: »Wir dürfen nicht eher räumen, als bis wir
Ordre haben.« »»Da ist, hol' mich der Teufel, die Ordre««! riefen die
Matrosen und zeigten auf das Feuer, das zu den Fenstern herausschlug.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Große Feuersbrunst.]

Im nächsten Jahre, 1796, wüthete in Kopenhagen eine Feuersbrunst, die
ebenso prosaisch, wie jene poetisch war. Das Gefühl des Verlustes der
königlichen Burg war nicht mit schmerzlichem Mitgefühl über grenzenloses
Unglück verbunden. Es ging damals gerade über den Mann im Lande her,
welcher die besten Mittel hatte, sich ein neues Haus zu bauen. Das
historisch Merkwürdige bei dem alten Schlosse verschwand nicht ganz,
die riesenstarken Mauern blieben stehen; man hoffte, daß die Burg sich
schöner aus der Asche erheben würde, und dies ist auch geschehen,
wenngleich ich aristokratische Seelen darüber habe klagen hören, daß
der Steinkoloß dadurch an seiner Großartigkeit verloren habe, daß er
auf einer Seite nach den Colonnaden zu der frischen Luft geöffnet
worden, und daß der Thurm fort sei. -- Die Feuersbrunst der Stadt brach
mitten im Sommer im blendenden Sonnenlichte aus, das kaum die Flammen
sehen ließ, die sich nach und nach, wie ein verzehrender Krebs immer
weiter über den großen Körper ausbreiteten. Ich wagte mich in eine
solche Straße hinein und bemerkte kaum den flammenden Balken, welcher
nicht weit von mir herabfiel. -- Aber obgleich diese Feuersbrunst weder
poetisch noch malerisch war, so war es doch ein Trost, daß sie im Sommer
in der mildesten Jahreszeit ausbrach, wo die Natur so viele Obdachlose
in ihren freundlichen Schoos aufnahm; wäre das Feuer im strengen Winter
ausgebrochen, so wären Unzählige grenzenlos unglücklich geworden.

Ein einziger, ungeheurer Fensterraum in den Schloßmauern war genügend,
um, ein wenig zugemauert, Zimmer für eine ganze arme Familie zu werden.
Es war, als ob Reichthum und Pracht verschwunden wären, um der Armuth
und der Genügsamkeit zu weichen. Daß die Verschönerung der Stadt eine
natürliche Folge dieses Brandes werden mußte, konnte freilich Diejenigen
nicht trösten, die durch den Brand gelitten hatten. Es ist dies erst
eine Frucht, welche das kommende Geschlecht erntet.

Als diese beiden Feuersbrünste überstanden waren, und die Trauer
sich etwas gelegt hatte, kamen mir Reiser's »fürchterliche
Feuersbrunstgeschichte« in die Hände, die ich mit großem Erstaunen und
Vergnügen las. Reiser spielt in diesen tragischen Verhältnissen die
Rolle des Narren, wie in den alten Marionettspielen. Er war das vom
Schicksal auserwählte Werkzeug, -- wie =Peer Syv= sagt: »zum lustigen
Zeitvertreib in diesem unlustigen Leben«, -- und das Sonderbarste ist,
daß man -- aus Mangel an anderen Aufzeichnungen genöthigt ist, seine
Narrheiten zu lesen, um individuelle Züge aus einer der traurigsten
Begebenheiten zu finden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Thiergarten.]

Ehe ich meine Kindheit verlasse, muß ich noch Etwas erwähnen, das theils
jährlich, theils nur ein Mal eine Unterbrechung meines gewöhnlichen
Lebens herbeiführte. --

Das jährliche war die Fahrt nach dem Thiergarten, die in jedem Sommer
auf einem großen Stuhlwagen von der ganzen Familie und ein paar Freunden
an einem schönen Nachmittage unternommen wurde. Der Speisekorb wurde
voll gepackt, das Flaschenfutter gut versehen; mein Vater zog einen
Nanking-Ueberrock, des Staubes wegen über, und wir fuhren fort. --
Diese Tour riß mich hin, obwohl ich daran gewöhnt war, in der Natur
und den schönen Gärten zu leben -- doch aber zwei Dinge vermißte,
die sich mir nun in ihrer ganzen Herrlichkeit zeigten: das Meer und
der Buchenwald! -- Mit welcher Begeisterung betrachtete ich die
schäumenden Wogen, die, wenn sie gleich in der Ostsee nur Zwerge gegen
die Wellen des Kattegats und der Nordsee sind, doch groß genug für den
armen Knaben waren, der nur daran gewöhnt war, den Wind den Kanal im
Friedrichsberger Garten kräuseln zu sehen. Wohl ging ich zuweilen nach
der Zollbude; aber hier draußen, in den Fischerdörfern war es doch viel
fremdartiger und schöner. Die armen Fischerhütten sah ich durch Ewald's
Zauberglas, und die Armuth erschien mir, mit Muth, Genügsamkeit und
Abenteuern gepaart, viel edler als die faule Ruhe; was auch unstreitig
der Fall ist. Der Fischer am Ufer des Meeres repräsentirt eigentlich
den Dänen. Der Seeheld entspringt aus ihm. Im Walde, umgeben von den
mächtigen breiten Buchen, fühlte ich mich in Frigga's Heiligthum
versetzt, und ahnte ihre tiefsten Geheimnisse. Die heilige Quelle, die
ihr schönes Wasser so freigebig aussprudelt, zauberte mir alle Elfen
aus den Kämpeweisen herbei. Daß sich Scherz, Volksgewimmel und fremde
Gaukler in die große Natur mischten, daß der Tand des Augenblickes dem
Ewigen, Unvergänglichen einen kurzen Besuch machte, und das Ernste,
Erhabene dadurch steigerte, daß es einen Gegensatz zu dem Lustigen,
Uebermüthigen, ja sogar Niedrigen bildete -- wirkte stark auf die
Phantasie des Dichterknaben. -- Aber wenn ich über Casperle und
Harlequin gelacht hatte, ging ich in den tiefen Wald und verirrte mich
ein wenig auf eigene Hand. Einmal auf einer solchen Wanderung war ich
erstaunt, eine Schlange zu finden, die sich durch das Gras schlängelte.
Eine solche hatte ich noch nie gesehen; denn -- sonderbar genug -- auf
Friedrichsberg gab es gar keine Schlangen, wenigstens habe ich sie nie
dort gesehen.

Wenn wir nun, nach all' diesen Bildern, zu dem großen Baume an der
Quelle zurückkehrten, wo unser Wagen hielt und unser Proviant auf einem
Tische uns erwartete -- dann währte der Jubel bis zur späten Nacht, und
in Staub und Gewimmel fuhren wir mit den Anderen wieder nach Hause. --
Sie sind verschwunden, die schönen Jahre der Kindheit! Vater, Mutter,
Schwester, Freunde sind gestorben, -- aber der große Baum steht noch da,
in den Bernt Winckler und ich, vom Jahre 1792 ab viele Jahre hindurch
unsere Zeichen hineinschnitten. In einer späteren Periode bin ich oft
mit meinen eigenen Kindern dort hinausgewallfahrtet, und habe die
Zeichen im Baume fortgesetzt, und meinen Namen hineingeschnitten, der
doch nicht ganz fertig wurde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Beerdigung der Königin.]

Ein andres Ereigniß, das meine gewöhnliche Lebensweise unterbrach, war
die Beerdigung der Königin-Witwe =Juliane Marie= in der Roeskilder
Domkirche. Mein Vater erlaubte mir, mit einigen Leuten aus der
Silberkammer hinzufahren, es war meine erste Reise in strenger Kälte,
und ich schlief in der Nacht auf einer Dachkammer im Palais, wo ich
durch eine Oeffnung die Sterne am Himmel sah; aber ich sah auch den
prächtigen Aufzug mit dem Leichenwagen der Königin; ich sah zum ersten
Male die herrliche Kirche und ihre Grabgewölbe, die ich in späteren
Jahren mehrfach besungen habe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine Konfirmation.]

Ich war nun sechszehn Jahre alt, und sollte confirmirt werden. In der
letzten Schulzeit war mir Alles leicht von der Hand gegangen; ich
erhielt eine Belohnung meines Fleißes und öffentliches Lob, und dennoch
hatte ich noch Zeit genug, um die erwähnten Wochenblätter für meine
Schulkameraden zu schreiben, und Komödie zu spielen. Einmal spielen wir
ein Stück: »Der Sklave in Tunis« bei dem vortrefflichen Schauspieler
und Instructeur Schwartz. Ich spielte die Hauptrolle, den Sklaven, der
in seinen Fesseln seufzt und sich nach seiner Familie sehnt. Es war
eine ganze Gesellschaft erwachsener Leute als Zuschauer zugegen. Ich
spielte den armen Sklaven recht rührend, die Damen weinten, und Herr
Schwartz lobte mich. Das verdroß meine Spielkameraden; in einem großen
Monolog wollten sie mich aus der Fassung bringen, indem sie mir von den
Coulissen aus Fratzen schnitten und mir Spitznamen zuflüsterten. Aber
es half nichts! Ich empfand mein Unglück dadurch nur noch tiefer, und
dies paßte gerade hier sehr gut in meine Rolle. Herr Schwartz lobte mich
auf's Neue, als das Stück zu Ende war, und dieses Lob hat viel zu meinem
einige Jahre später gereiften Entschlusse beigetragen.

                    *       *       *       *       *

Ich wurde mit Winckler in der Friedrichsberger Kirche confirmirt. Uns
gegenüber in der Kirche standen zwei junge Damen, welche wir nicht
kannten, da sie die Stunden bei dem Prediger im Hause gehabt hatten.
Die Eine, mir gegenüber, war sehr hübsch, geschmackvoll und prächtig
gekleidet, und sehr gerührt. Es war damals Gebrauch, daß die Knaben nach
der Confirmation den Mädchen den Arm boten, und sie so Paarweise aus
der Kirche gingen. Aber gerade weil ich so große Lust dazu hatte, wagte
ich es nicht, sondern nahm die Flucht, lief fort, und blieb nicht eher
stehen, als weit draußen auf dem Kirchhofe, auf einem Leichenstein, wo
ich mich über meine Verlegenheit ärgerte. Die Schöne wohnte in der Nähe
und saß oft in einem Lusthause, das nach dem öffentlichen Spaziergang
hinauslag. Da grüßte ich sie denn sehr ehrerbietig, wenn ich vorüber
ging. Erst viele Jahre später sprach ich mit ihr, und machte ihre
Bekanntschaft als die Frau des Hofintendanten Schönberg.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ich soll Kaufmann werden.]

Bei der Confirmation war, außer meinen Eltern, noch eine für uns
merkwürdige Person zugegen, welche viel Aufsehn in der Kirche machte,
und zum Theil die Feierlichkeit störte; aber man mußte inniges Mitleid
mit ihr haben. Es war die Tochter meiner alten Schulmadame. Die alte
Jungfer, die keinen Mann bekommen konnte, hatte endlich den Verstand
verloren, sich in eine hohe Person verliebt, und ging nun seltsam und
lächerlich geschmückt umher, wie eine travestirte Ophelia. Bei Wincklers
und meiner Confirmation war sie mit einem wunderlichen Kopfputze
zugegen, der sehr viel Aehnlichkeit mit einer Mandeltorte hatte.

                    *       *       *       *       *

Als ich confirmirt war, verließ ich die Schule. Was sollte ich nun
vernehmen. Ich kannte Geschichte, Geographie und meine Muttersprache
recht gut; ich schrieb eine hübsche Hand, zeichnete recht nett, und
hatte auch Geometrie und Trigonometrie gelernt. Deutsch verstand
ich gut, konnte aber noch keine Zeile richtig schreiben; mit dem
Französischen ging es mittelmäßig. Mit einigen Wissenschaften, Physik,
Chemie, Anatomie, Oekonomie hatte ich eine oberflächliche Bekanntschaft
gemacht; ich rechnete schlecht. Etwas lateinische Grammatik wußte ich,
und verstand einen leichten Autor.

So ausgerüstet sollte ich =Kaufmann= werden, ohne Geld, ohne ein Wort
Englisch zu wissen, ohne rechnen zu können, und ohne die geringste
Anlage für den Stand zu haben. Aber da ich nicht wußte, was ich sonst
werden sollte, ließ ich meinen Vater bestimmen. Er hatte mit einem
Kaufmann Herrn =Rabe Holm= gesprochen, der mich auf sein Comptoir
nehmen wollte, da der junge Mensch krank geworden war, den er sonst
beschäftigte. Ich ging mit meinem Vater nach Christianshafen, wie zum
Tode; mein einziger Trost war, daß der Kaufmann mich nicht annehmen
würde, wenn er bemerkte, daß ich keine besseren kaufmännischen
Kenntnisse habe; doch empörte sich auch mein Stolz gegen diese
Demüthigung. Glücklicher Weise hatte der junge Mann sich wieder erholt,
und Herr Rabe Holm ließ uns mit einer höflichen Entschuldigung wieder
gehen.

[Sidenote: Wiederaufnahme der Studien.]

Auf dem Heimwege erwachte meine alte Lust zum Studiren wieder. Ich
glaubte, in zwei Jahren mich zum examen artium vorbereiten zu können,
das mein Freund Winckler bereits rühmlich bestanden hatte. Mein Vater
gab seine Einwilligung. Auf Friedrichsberg hatten des Hofgärtners
Petersen's Kinder einen Lehrer, Herrn =Höisgaard=; dieser versprach, mir
täglich eine Stunde von 8 bis 9, der einzigen Zeit, die er übrig hatte,
Unterricht zu geben; und so hoffte ich in zwei Jahren fertig zu werden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Herr Höisgaard.]

Nun wohnte ich also wieder bei meinen Eltern auf Friedrichsberg, in
ununterbrochenem Genusse meiner lieben Jugendstätte vom Morgen bis zum
Abend. Ich hatte nur eine einzige Unterrichtsstunde, aber mir bangte
vor all' diesen Freistunden, denn ich fühlte im Voraus, daß ich nicht
Gewalt genug über mich selbst haben würde, um mich freiwillig in einen
gezwungenen Zustand zu versetzen, wenn durchaus Nichts da war, was
mich nöthigte. Was sollte ich außerdem thun, wenn ich das gearbeitet
hatte, was mir aufgegeben und mich für den nächsten Tag vorbereitet
hatte? Ich sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen, und das konnte
ich mir nicht selbst lehren. Die lateinische Grammatik lernte ich
so ziemlich; aber während ich in Munthes griechischer Grammatik das
Verbum [Greek: tuptô], ich schlage, auswendig lernte, wünschte ich mir
beinahe einige der Schläge, die ich in früheren Jahren in des Küsters
Schule erhalten hatte, weil es mir schien, als ob zu solchen Exercitien
durchaus Fingerklapse gehörten. Es ist keine Frage, daß, wenn Knaben
mit lebhafter Phantasie und Gefühl die sogenannten =guten Fundamente=
bekommen, das heißt: perfect Latein und Griechisch lernen sollen, daß
sie im Allgemeinen jedenfalls Prügel bekommen müssen, so wie die Thiere,
wenn sie Kunststücke lernen sollen. Doch kann auch die Vortrefflichkeit
des Lehrers helfen. Der gute Herr Höisgaard war ein braver und
freundlicher Mann und ohne Zweifel selbst ein guter Student, aber er
war vom Lande, von einer der gelehrten Schulen in der Provinz, wo man
zu jener Zeit vermuthlich Alles auf die obenangeführte Weise lernte.
Das konnte er nun nicht auf den erwachsenen, confirmirten, zum Theil
gebildeten Menschen anwenden. -- Es war hart genug für mich, der ich ein
ganzes Jahr Primus in der Schule und von Eduard Storm geliebt gewesen
war, -- nun zu Höisgaard zu kommen. Er empfing mich in Pantoffeln
und tiefem Negligée, so wie er aus dem Bett aufgestanden war, trank
seinen Thee aus großer henkelloser Tasse, aß sein Butterbrod in meiner
Gegenwart, und nannte mich »Er.« -- Aber dieses Pronomens bediente er
sich doch nur ein Paar Mal; denn trotz all' meines Bestrebens nach
Demuth bemerkte er doch wohl genügend an meinem Blick und meinem ganzen
Wesen, daß ich nicht gern in der dritten Person angeredet wurde. Es
währte übrigens auch nicht lange, bis ich mir seine Achtung dadurch
gewann, daß ich Kenntnisse in mehreren Gegenständen, und einen Sinn für
Poesie zeigte, -- wenn wir die lateinischen Dichter übersetzten, -- den
er selbst nicht besaß. Bald herrschte ein Ton zwischen uns, wie zwischen
Kameraden, und nie wechselten wir ein böses Wort. --

Erst mußte ich den ganzen langen =Justinus= mit ihm lernen, dann aber
ging es an _=Cicero de officiis=_, und wir lasen das 1., 2. und 6. Buch
im =Virgil=.

Auf diese Weise wäre es nun recht gut mit dem Lateinischen gegangen,
wenn er mich auch hätte lateinisch schreiben lassen; -- aber --
sonderbar genug -- daran dachte er nicht. Dagegen fingen wir das
Griechische an, und ich hatte wenig mehr als [Greek: tuptô] gelernt, als
ich gleich Paulus' Briefe an die Römer und Corinther -- in's Lateinische
übersetzen mußte, das heißt: ich mußte täglich die lateinische Version
auswendig lernen. Das war eine Höllenarbeit, -- sie war mir so
überdrüßig und langweilig, daß ich wirklich die Römer und Corinther
lernte, wie der Teufel die Bibel liest, und der Weg zum _examen artium_
schien mir so schwer und holperig, daß ich immer mehr und mehr die
Lust verlor, ihn zu wandeln. Hierzu kam, daß Höisgaard, indem er mir
täglich Anecdoten von Eigenthümlichkeiten der Professoren und von den
Absonderlichheiten Einzelner erzählte, wie man sich benehmen müsse, um
gut durchzukommen ec., die kindliche Ehrerbietung abstumpfte, die ich
vor dem akademischen Institute mitgebracht hatte; so daß das Examen mir
zuletzt wie eine Farce vorkam, die gespielt werden sollte, und in der
ich eine große und langweilige Rolle hatte.

                    *       *       *       *       *

So ging es nun in dieser Morgenstunde von 8 bis 9 Uhr: aber wie ging
es den ganzen übrigen Tag? Den brachte ich im Garten und im Südfelde,
im Gespräche mit meiner Mutter und Schwester und mit sogenannter
Unterhaltungslektüre zu -- d. h. ich machte mich mit der schönen
Literatur vertraut, was gerade meinem Talent und meiner natürlichen
Bestimmung entsprach. Aber ich betrachtete dies doch immer als eine Art
blutiger Sünde, als einen Müßiggang, und weinte oft, weil ich nicht
Kraft genug besaß, Höisgaard's lateinische Versionen von Paulus' Brief
an die Korinther, Ewald's Fischern, Holberg's Komödien und Wessel's
Liebe ohne Strümpfe vorzuziehen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erste Regung der Liebe.]

Nun aber trat eine wichtige Uebergangsperiode ein, welche einen großen
Einfluß auf meinen Zustand, meine Denkungsart und meinen Entschluß
hatte: der Uebergang vom Knaben- zum Jünglingsalter. Sinn und Gefühl
für das schöne =Weibliche= fingen an sich zu entwickeln, und hatte, wie
Alles in der Welt, seine gute und seine schlimme Seite. Es ist keine
Frage, daß, als das Christenthum hier im Norden eingeführt wurde, viel
Gutes von dem Alten mit dem Heidenthume verloren ging, aber es war
dies nöthig, damit allmälig wieder etwas viel Besseres gewonnen werden
konnte. So entwickelte nun mein Herz ein weiches Gefühl, das für eine
Zeitlang den kindlichen Sinn, die ungestörte, kräftige Phantasie für
die Natur und zum Theil den gesunden Menschenverstand verdrängte. Es
ging mir nun eben so, wie Don Quixote, der durchaus eine Dulcinea haben
mußte, wenigstens ein Phantasiebild, für das er seufzen konnte.

Zuerst wandte ich mich an meine schönen Italienerinnen in der
Galerie auf dem Friedrichsberger Schlosse; aber obwohl sie mir alle
entgegenlächelten und sehr schön waren, fand ich es doch zu lächerlich,
sich in das Bild einer Dame zu verlieben, die vor wenigstens einem
halben Jahrhundert und vielleicht an Alterschwäche gestorben war!
Glücklicherweise blühte damals eine junge Schönheit, für welche die
Hälfte der Stadtjugend entbrannte. Ich hörte einmal, daß im Scherz
gesagt wurde: in eine Schauspielerin dürfen sich alle Leute verlieben;
das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, sondern verliebte mich sterblich
in die schöne Marie Smidt, später verehelichte Heger, welche die Rolle
der Dyveke und Kathinka im »Mädchen von Marienburg« spielte.

Man wird es also begreifen, daß all' mein Sehnen und Trachten dahin
ging, so oft als möglich ins Theater zu kommen; und wenn ich mir ein
paar Mark von meiner Mutter erbettelt hatte, lief ich gleich, mit meinem
Operngucker in der Tasche davon; denn das brauchte ich schon damals und
jetzt nicht nothwendiger, als früher.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kotzebue.]

So vereinigten sich also Liebe und Poesie mit den Römern und
Korinthern; aber das Eine gab oft dem Andern eine schiefe Richtung. --
Zuvörderst hielt ich das »Mädchen von Marienburg« von =Kratter= für ein
Meisterstück, da Marie Smidt so vortrefflich darin spielte; und ich
ärgerte mich später, als ich in einem Flugblatt den witzigen Scherz, ein
satyrisches Verzeichniß über einige fingirte Gemälde las, die verkauft
werden sollten: »Czaar Peter der Große giebt dem Tragödienschreiber
Kratter eine Tracht Prügel.« -- Nun gewann ich auch alle Kotzebue'schen
Stücke lieb, in denen gewöhnlich Verliebte abwechselnd mit lustigen
Karrikaturen auftreten. Das oft Unwahre in den Schilderungen, das
Affectirte im Gefühl und das oft Schiefe in der Gedankenfolge übersah
der sechzehnjährige Jüngling, hingerissen von dem lebhaften Colorit,
der lustigen Laune, dem Witz und dem wirklich Rührenden, das sich
nicht selten in den Situationen findet. »Ein Buch kann hundert Fehler
haben«, sagt Goldsmith in seinem Landprediger von Wakefield -- »und
doch gefallen; ein anderes kann ohne Fehler und doch langweilig sein.«
Es ist keine Frage, daß Kotzebue, obwohl er oft gegen den gesunden Sinn
fehlte, mehr Laune, Witz, Phantasie und Gefühl hatte, als Scribe jetzt,
der correct und kalt, mit vieler Kunst größtentheils dasselbe Thema
variirt und, wie die Kunstreiter, mit bewundernswürdiger Dreistigkeit
in einem engen Kreise, mit so vieler Gewandtheit manövrirt, daß er uns
dahin bringt, den beschränkten Raum zu vergessen, in welchem sein Geist
sich bewegt; erst die Wiederholung seiner Stücke zeigt uns das Leere und
Langweilige in denselben.

Was Kotzebue bei seinen Stücken besonders schadet, sind die Motive, die
oft schlecht genannt werden müssen. Nicht selten könnte ein Stück von
Kotzebue gerettet werden, wenn man die Motive veränderte. Ich will hier
nur von dem Stücke reden, welches das meiste Aufsehen erregte und ihm
zuerst einen Namen verschafft hat: =Menschenhaß und Reue=.

Es wurde in Deutschland, im Norden, selbst in Frankreich und Italien
mit großem Beifall aufgeführt. War es lauter Verblendung und
Geschmacklosigkeit in Europa, die zu diesem Beifall Veranlassung gaben?
Es war in einer Zeit, als Goethe und Schiller in Deutschland blühten,
und doch gefiel es; es war in einer Zeit, wo das Vorurtheil gegen die
deutsche Sprache am stärksten in Frankreich war, und doch gefiel es.
Warum? Weil dieses Stück trotz aller seiner Fehler in den Motiven, von
großer Wirkung in der Composition ist und viel gute Scenen hat. Das
Schlechte besteht darin, daß ein Frauenzimmer, die vor nicht langer
Zeit wie ein leichtfertiges Geschöpf gehandelt hat, hier als ein edler,
unglücklicher Charakter dargestellt wird. Das Lächerliche darin, daß
Meinau, mit all' seinem Menschenhaß ihr gleich, von einer schlaffen
Sentimentalität bewegt, vergiebt. Aber war es dem Dichter nicht leicht,
diese Ehepaare auf eine weniger empörende, eine verzeihlichere Art zu
trennen, und wenn wir dies nun annehmen, wie viele schöne Scenen sind
dann nicht in diesem Schauspiele. Eulalia's Verhältniß in dem stillen,
bescheidenen Incognito, nachdem sie Meinau verloren hat; seine Liebe
und sein weiches Herz, das sich unter dem eingebildeten Menschenhaß
verbirgt; und nun der joviale Graf und die vortrefflichen Karrikaturen
Bittermann und Peter.

[Sidenote: Iffland.]

Ich führe dieses einzelne Beispiel an, das auf viele andere, selbst auf
Iffland's Stücke, angewendet werden könnte.

Dieser Dichter galt in meiner Jugend dafür, solider, natürlicher und
wahrheitsliebender, als Kotzebue zu sein; und in einigen der Dramen,
die ihm besonders bei echten Kunstrichtern einen Namen verschafft
haben, ist er es auch. Die »=Jäger=« sind und bleiben zu allen Zeiten
ein vortreffliches dramatisches Idyll; eben so die zwei letzten Acte
der »=Hagestolzen=«, die eines Goethe würdig sind. In dem Charakter des
alten Studenten Waller im »Herbsttag« und an vielen anderen Stellen
zeigt Iffland sich als sehr guter Genremaler. Aber er war zu wenig Poet,
um viel Werke zu schreiben. Es waren dies nicht frische Wellen, die
aus einer reichen Castalia zu geistiger Erquickung strömten; es waren
matte Wiederholungen Eines und Desselben. Dazu kam, daß Iffland bald
ein Philister wurde: der Geist in den meisten seiner Stücke war eine
kleinliche Ehrerbietung vor dem Geschäftsfleiß und ein ewiges Losziehen
auf all' das Blühende und Kühne, das sich über den gewöhnlichen
Schlendrian hinauswagt. Einige seiner Stücke sehen aus, als ob ein
Comptoirchef oder ein Steuereinnehmer, der gegen die Poesie polemisirt,
sie geschrieben hätte. Auch die Liebe greift er gewöhnlich an, und kann
sie nie zahm und vernünftig genug bekommen. -- Er konnte mir also in
jener Periode bei Weitem nicht so, wie Kotzebue, gefallen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Lafontaine.]

Aber ein Mann, der Liebe von Anfang bis zu Ende war, der in Liebe
schwamm und sie gerade so darstellte, wie ich sie damals fühlte, nämlich
die kindliche, sanfte, wenn ich so sagen darf, milchbärtige Liebe --
dieser Mann, =Lafontaine=, war mein Abgott. Von ihm lernte ich auch
zuerst ordentlich deutsch lesen. Er war der erste Verfasser außerhalb
Dänemark, den ich auf eigene Hand rasch in der Ursprache las. Es ging so
leicht, daß es eine Lust war! -- und auch dies schmeichelte und erfreute.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schreckens-Geschichte.]

Zu dieser Zeit schrieb =Spieß= seine Gespenstergeschichten, seine Reisen
durch die Höhlen des Unglücks und Gemächer des Jammers. Ich verschlang
seine Schriften mit unersättlicher Gier, und Nichts entzückte mich in
jener Periode mehr, als ein belle horreur, bei dem die Haare sich auf
dem Haupte sträubten. Auch mochte ich zuweilen eine Kanne Wein mit =Veit
Weber= leeren; aber Spieß war doch der rechte Mann, zu dem ich stets
wieder zurückkehrte.

                    *       *       *       *       *

Auch in dem wirklichen Leben suchte ich dieses Gefühl zu entwickeln
und auszubilden. Es bot sich bald eine Gelegenheit, wie gerufen, dar.
Zwischen Kopenhagen und Friedrichsberg stand damals auf dem Westfelde,
gerade gegenüber dem Wirthshause zum Goldenen Löwen, die Richtstätte.
Pfahl, Rad und einen gemauerten Galgen sah man, an welchem letzteren,
wie man sagte, nur kopenhagener Bürger gehängt werden durften; die
Anderen müßten sich mit einem hölzernen Galgen begnügen.

In meiner Spieß'schen Entsetzensperiode wurde gerade ein Verbrecher
hingerichtet. An einem October-Nachmittag gehe ich mit meiner Schwester
und unserm Dienstmädchen in das Südfeld, um die Wallnüsse von den
höchsten Zweigen herabzuschlagen, die der Gärtner sich beim Einsammeln
nicht die Mühe machen wollte, herunterzuholen. Das Mädchen war still,
verdrießlich und melancholisch. Es war schon spät, die Sonne ging
unter und die Dämmerung brach an. Plötzlich sagte sie nach einem
langen Schweigen: »Wollen wir auf's Feld gehen und den Sünder sehen,
der hingerichtet ist?« -- »»Ja!«« rief ich, und die Wallnuß, die ich
aufgehoben hatte, fiel mir vor Entsetzen aus der Hand. Es wurde kein
Wort weiter gesprochen, und wir gingen.

Als wir auf der Landstraße dem Hochgerichte gerade gegenüber standen,
wagten das Mädchen und meine Schwester sich nicht weiter. Aber eine
unsichtbare Macht trieb mich von dannen, so wie den Vogel in den
geöffneten Rachen der Klapperschlange. Ich war noch nie dort gewesen,
und nun sprang ich über Gräben und Hecken, um mir den Weg zu kürzen.
Auf dem einsamen Felde näherte ich mich dem Hochgericht. Die Sonne war
untergegangen, ein herbstlicher Abendschleier lag über der Natur. Ich
wagte nicht aufzusehen, sondern starrte auf die grüne Erde, und es war
mir, als ob die Erdklumpen unter meinen Füßen gleich Wellen wogten.
Endlich entdeckte ich die schwarzen Pfähle dicht vor mir. Ich schlage
die Augen auf! ein bleiches, blutiges Haupt grinst von der Stange;
darunter war eine abgehauene Hand festgenagelt. Auf dem Rade lag ein
kopfloser Körper mit herabhängenden Armen und wollenen Strümpfen an den
Füßen. Ein panischer Schrecken faßte mich; ich ergriff die Flucht. Es
war mir, als ob der Hingerichtete mir auf den Fersen folge, als ob er
mir in den Nacken greife. Erst als ich weit hinaus auf die Landstraße,
zu meiner Schwester und dem Mädchen, gelangt war, kam ich wieder zu mir
selbst.

[Sidenote: Eine Spuck-Geschichte.]

Mein Vater dagegen hatte keine große Gespensterfurcht, was Folgendes
bezeugen kann: An einem späten und dunkeln Abend, als er von seiner
Quadrillegesellschaft nach Hause gehen wollte, sah er, indem er an
der Kirche vorüberging, ein offenes Fenster im Glockenthurme, das vom
Winde hin und her geschlagen wurde. Als Kirchenältester that es ihm der
Scheiben wegen leid, die jeden Augenblick zerschlagen werden konnten; er
entschloß sich also kurz, hinaufzugehen und das Fenster zu schließen.
Zufälliger Weise kam gerade ein Gärtnergehülfe vorüber, den er in
seinem gewöhnlichen scherzhaften Tone fragte, ob er mitgehen wolle?
-- Der Gehülfe schämte sich wahrscheinlich Nein zu sagen, und folgte
ihm mit beklommenem Herzen. Erst öffnete mein Vater die Kirchhofsthüre
mit dem Hauptschlüssel, dann gingen sie über den Kirchhof und kamen zu
einer kleinen Hinterthüre, der einzigen, welche er mit diesem Schlüssel
öffnen konnte. Es ging doch etwas schwer, und er sagte: »Wir müssen
die Thür offen stehen lassen, denn von Innen kann ich das Schloß nicht
öffnen.« Der Gärtnergehülfe sperrte die Thüre so weit, wie möglich
auf, und sie gingen hinein. Mein Vater stieg muthig die kleine Treppe
hinauf; nun standen sie im Thurme, und er schloß das Fenster. Aber wie
sie nun wieder zurückgehen wollten, hörten sie einen entsetzlichen Lärm
unten in der Kirche. »Herr Jesus!« rief der Gärtnergehülfe, »nun geht's
los!« -- »»Nein!«« antwortete mein Vater verdrießlich, -- »»nun steht's
leider erst recht fest. Der Wind hat die Thür ins Schloß geworfen, und
von Innen kann ich sie nicht aufschließen!«« -- »Ach Du mein Heiland
und Schöpfer!« rief der erschreckte Gehülfe und rang seine Hände, »was
haben wir gethan, wozu haben Sie mich verführt? Sollen wir nun die
ganze Nacht in der Kirche bleiben?« -- »»Das ist freilich unangenehm««,
sagte mein Vater, »»aber fassen Sie nur Muth. Ich höre den Wächter
unten in der Weidenallee; ich werde ihn rufen; die Kirchhofsthüre
steht offen, dann werde ich ihm den Schlüssel hinunterwerfen, und er
kann uns die kleine Thüre von Außen öffnen.«« -- »Ach!« entgegnete der
Gehülfe, »das thut er gewiß nicht. Glauben Sie, daß der Wächter ein
so gutherziger Narr ist, wie ich? Er wird sich besser in Acht nehmen.«
Indessen waren sie Beide wieder in den Thurm hinaufgestiegen, und mein
Vater rief dem Wächter vom Fenster aus zu. Aber kaum hatte dieser um
Mitternacht ein Gesicht in dem kleinen Fenster des Kirchthurms gesehen,
als er in größter Eile Fersengeld zahlte. »Verdammt!« sagte mein
Vater, »nun müssen wir doch versuchen, ob es nicht von Innen aufgeht.«
Sie gingen hinunter; mein Vater steckte den Schlüssel ins Loch und
drehte und drehte lange vergebens, während der kalte Angstschweiß dem
Gärtnergehülfen auf der Stirne stand. Endlich glückte es, und die Thür
ging auf. Aber solch' einen Sprung -- versicherte mein Vater oft später
-- habe er nie gesehen, wie den, welchen der Gehülfe über drei, vier
Gräber von der Schwelle aus machte, als endlich die Thür geöffnet war.

                    *       *       *       *       *

Aber ich kehre zu meinen Theaterbesuchen und meiner ästhetischen Lectüre
zurück. Mit den =Schröder='schen und =Jünger='schen Stücken hatte ich
vertraute Bekanntschaft gemacht. Obgleich Schröder solider als Kotzebue
war, schmeckte er mir doch, wegen seiner Kälte, nicht so gut. Der große
Mann war viel mehr Schauspieler als Poet. =Jünger= fiel mir schon damals
recht leicht. Beaumarchais' Figaros galten für Meisterstücke und ich
ließ sie dafür gelten, obwohl meine Phantasie und mein Gefühl stets
hungrig von dem Tische gingen, wo, wenn auch reichlich, nur kalte Witze
und Intriguen servirt wurden, die bei Weitem nicht so fein waren, wie
sie dafür galten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ewald und Wessel.]

Von =Ewald= spielte man in meiner Jugend ebenso wenig Etwas, wie
jetzt. »Balder's Tod« von Hartmann in Musik gesetzt war jedoch zur
Aufführung gekommen. Die Diction in diesem Stücke kann neben die
in Göthe's Tasso und Iphigenia gestellt werden. Nicht als ob man in
Ewald's Balder die feinen Bemerkungen, die tiefe Menschenkenntniß und
die reife Künstlerbildung, wie in Göthe's Werken fände; ich meine nur
mit Rücksicht auf das schöne begeisternde Gefühl, das sich gedankenvoll
in originalen Bildern ohne rhetorische Weitläufigkeit und Pracht in
einer veredelten Volkssprache bewegt. Von einer hohen Seele, einem
kräftigen Fluge hat der große Lyriker starke Proben abgelegt. Gegen den
dramatischen =Stoff= ließe sich Viel einwenden, wenn hier der Ort zu
einer Kritik über Ewald's Werke wäre.

                    *       *       *       *       *

Wessel's »Liebe ohne Strümpfe« spielte man in jenen Tagen oft. Der
Dialog fließt darin eben so leicht und natürlich, wie unnatürlich und
schwerfällig in: »Harlekin, der Patriot.« Das Stück wurde immer mit
Beifall gegeben, wenn auch die Leute im Allgemeinen die Parodie nicht
begriffen, und -- was merkwürdig ist -- obgleich der italienische
Componist Scalabrini, der eine schöne Musik dazu geschrieben hatte,
kein Wort dänisch verstand. Man hatte ihm nur flüchtig die einzelnen
Musiknummern übersetzt und ihm den Inhalt des Stückes erzählt. Die
schönen italienischen Melodieen, die unter naiver Einfalt schelmische
Ironie verbergen, vereinigen sich recht gut mit der nordischen Satyre;
sowie Oel und Essig, ohne zusammen zu rinnen, einem erfrischenden Salat
doch einen guten Geschmack geben. Das Beste war noch, daß Wessel, in
den Lehren der französischen Schule auferzogen, große Achtung vor den
Meistern hegte, welche er, ohne es selbst zu merken, lächerlich gemacht
hatte, indem er nur glaubte schlechte Nachahmungen zu parodiren. Eine so
durchgreifende Ironie mußte natürlich eine große Wirkung hervorbringen.
Jeder fand dort, was er suchte, und was eigentlich doch nicht darin
war. Aber die Hauptsache war vorhanden: Spott über vornehme Gemeinheit,
welche die Schneidernatur mit Purpurlappen behängt und sich mit
hochtrabendem Unsinn brüstet.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Thaarup.]

Zum Einzuge hatte =Thaarup= »das Erntefest« geschrieben. In einem
schönen Idyll schildert er das dänische Bauern- und Seemannsleben, die
Freude über die Aufhebung der Leibeigenschaft, und die Begeisterung des
Volkes bei der Vermählung des Kronprinzen. Das Stück hat dramatisches
Leben, obgleich die Handlung unbedeutend ist; eine herrliche Musik von
=Schulz= setzt Alles in ein klares und reizendes Licht. Er componirte
kurz darauf auch Thaarup's »Peter's Hochzeit,« eine würdige Fortsetzung
des Erntefestes. Schulz tritt in Monsigny's und Gretry's Fußstapfen; mit
reizenden originellen Melodieen rührt er das Herz, weckt Begeisterung
und ergreift das nationale Gefühl. In seiner Kirchenmusik zeigt er einen
hohen Geist, voll von Andacht und Gefühl; und obgleich er es noch nicht
verstand, die Blaseinstrumente so zu gebrauchen, wie man es später von
Haydn und Mozart gelernt hat, so hört man an seinen Compositionen doch
den gründlichen Contrapunctisten aus der Bach'schen Schule.

Diese lieblichen, in einer schönen Sprache gedichteten Thaarup'schen
Idyllen, voll herrlicher Melodieen, machten auf mich, den Jüngling,
einen starken Eindruck; noch mehr aber die Schulz'schen Melodieen,
welche viel zu meiner Bildung beitrugen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bühnen-Repertoire.]

In dem Komischen und Launigen hatten sich in meiner ersten Jugendzeit
mehrere vaterländische Dichter ausgezeichnet und erquickten meinen
Geist: =Der Virtuos=, =der Einzug=, einige Scenen aus den =Chinafahrern=
und aus =die Herren Von's und die Herren Van's=, von P. A. Heiberg,
das =Findelkind=, von Falsen, die =Golddose=, von Olufsen gehörten zu
den Lieblingsstücken, in denen Knudsen das Herrlichste und Wahrste,
das ein komischer Schauspieler je dargestellt hat, leistete. Welcher
Humor, welche Charakterzeichnungen, welche warme Gutmüthigkeit und
Naivetät! -- Selbst seine Uebertreibungen waren geistvoll, wenngleich
die Kritik sie nicht billigen konnte. Ganz anderer Art war Gjelstrup, er
war kalt, schelmisch und ironisch, -- die echte witzige Satyre, aber er
verstand es doch nicht immer so gut, Natur und Ironie zu verbinden, wie
=Frydendahl= in dem herrlichen Künstlerleben seiner späteren Epoche.

                    *       *       *       *       *

Von englischen Stücken gefielen mir besonders =die Lästerschule=, und
=Goldsmith's Irrthum auf allen Ecken=. An den vornehmen französischen
Conversationsstücken fand ich wenig Geschmack, desto mehr aber an
=Molière's: Kranke in der Einbildung= und seinem =Geizigen=. Ganz
besonders gefielen mir die reizenden Singstücke =Zemire und Azor=,
=der Grobschmied=, =der Faßbinder=, =der König und der Pächter=, =die
beiden Geizigen= (wo Gjelstrup und Knudsen zusammen glänzten), =die
beiden Savoyarden= und vor Allem =der Deserteur=, ein herrlicher Stoff,
von Monsigny eben so schön componirt, wie viele Jahre darauf =der
Wasserträger= von =Cherubini=, wo Knudsen in Michel's Rolle sein ganzes
warmes Herz zeigte.

Ich darf auch nicht die hübschen italienischen Farcen: das
=Bauernmädchen= und die =verliebten Handwerker= vergessen, in denen
südliche Munterkeit in ihrer vollen Glorie strahlt.

[Sidenote: Lessing.]

Von =Lessing= spielte man =Minna von Barnhelm= und =Emilia Galotti=.
In dem ersten Stücke war =Rosing= ein vortrefflicher =Tellheim=, in
Emilia ein eben so guter =Marinelli=. Es war merkwürdig, wie der Mann,
der die reinen und edeln Gefühle eines Dichters wiedergeben konnte,
mit derselben Wahrheit die Geschmeidigkeit und Hinterlist eines
Hofmannes darstellte. Aber ein großer Schauspieler muß, wie ein echter
Dichter ebensowohl die Schattenseite der menschlichen Natur, wie ihre
Lichtseite auffassen, sonst kennt er den Menschen nur halb und kann
ihn nicht gründlich darstellen. Mit der schönen Unwissenheit eines
unschuldigen Mädchens kann der Künstler sich nicht begnügen, wenn er es
in seiner Kunst weit bringen will. Ohne das Lächerliche zu begreifen,
begreife ich nicht das Hohe; ohne die Bosheit zu verstehen, fasse ich
das Edle nicht; ohne mich über Dummheiten zu ärgern, kann ich mich an
Witzen nicht erfreuen. Deshalb werden Schurken schlecht von Schurken,
Dummköpfe schlecht von Dummköpfen dargestellt. In dem Erhabenen muß ein
humoristischer Zug oft dem Dunkeln ein wärmeres Kolorit geben; und wenn
der Komiker gar keinen Sinn für das Edle hat, merken wir ihm diesen
Mangel bald an; und können trotz unserer Bewunderung ein Lächeln über
Molière's und Holberg's prosaisches Phlegma nicht zurückhalten; während
wir erstaunt Aristophanes von seinen Scherzen und Karrikaturen in =die
Wolken= und Shakespeare aus dem Stall in den Rittersaal folgen.

Auch =Lessing= liebte die Vielseitigkeit, und war nicht nur ernst,
sondern auch lustig. Dies, verbunden mit seinem klaren Verstande und
seiner Wahrheitsliebe, giebt seinen Werken einen eigenen Wohlgeschmack,
etwas Tüchtiges und Nährendes; man schmeckt ihnen den Kern, die Quelle
an. Lessing ist liberal; er liebt es, das Hohe und Edle offen und gerade
darzustellen; er haßt Koquetterie und Pracht eben so wie Eitelkeit; und
darin thut er Recht. Aber die Grazie fehlt ihm als Dichter; für das
Erotische hat er keinen Sinn. Dies giebt seinen Schilderungen etwas
Frostiges und Steifes, nur nicht in Nathan dem Weisen, wo das Erotische
keine Hauptrolle spielt, und wo er Grazie als Philosoph zeigen konnte;
denn diese besaß der witzige Denker in hohem Grade.

Seinem Mangel an Sinn für das Erotische konnte man es wohl zuschreiben,
daß er der Katastrophe in der sonst so herrlichen Emilia Galotti kein
besseres Motiv unt

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