Briefe, die ihn nicht erreichten
by Elisabeth von Heyking · German · Gutenberg #48543 · 332,754 chars · public domain (US)
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Title: Briefe, die ihn nicht erreichten
Author: Elisabeth von Heyking
Release date: March 21, 2015 [eBook #48543]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48543
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, DIE IHN NICHT ERREICHTEN ***
Anmerkungen zur Transkription.
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der
vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
BRIEFE, DIE IHN NICHT ERREICHTEN.
BRIEFE,
DIE IHN NICHT
ERREICHTEN.
= Fünfzigste Auflage. =
[Illustration]
Berlin.
Verlag von Gebrüder Paetel.
1903.
Alle Rechte, vornehmlich das der Übersetzung vorbehalten.
1.
_Vancouver_, August 1899.
Ihr Brief hat mich unendlich erfreut – vor allem, weil er weniger
traurig klingt, als ich gefürchtet hatte. Es wäre mir ja beinahe
beschämend, wenn Ihnen Peking ohne mich nicht ein bißchen grauer und
öder erschiene, und ich möchte etwas von Ihnen vermißt werden – aber
nicht zu sehr. Es ist alles eine Frage von Nüancen, und Sie haben,
vielleicht durch das jahrelange Studium alter chinesischer Brokate und
Porzellane, ein merkwürdig feines Verständnis für Nüancen, und haben
genau diejenige getroffen, die mir wohltuend sein mußte.
Haben Sie also Dank für Ihren Brief, wie für so manches andere!
Unsere kurzen Ferien in Japan sind mit jener erschreckenden
Geschwindigkeit vergangen, die den guten Zeiten nun einmal eigen ist.
Ich will Ihnen keine nachträgliche Reisebeschreibung schicken, kennen
Sie doch Madame Chrysanthêmes Heimat so viel besser als ich; ich will
Ihnen nur sagen, daß ich dort viel an Sie gedacht habe, denn durch
alles, was Sie mir erzählt, und durch die Bücher, die Sie mir darüber
geliehen, kannte ich Japan schon, als ich hinkam. Es war mir, als fände
ich dort lauter alte Bekannte wieder; in den Teehausmädchen, die unsern
Rickshaw-Kulis mit derselben Grazie und Höflichkeit wie uns selbst Tee
servierten, wie in den Landarbeitern, welche, hoch aufgeschürzt, oft
bis an die Kniee in den sumpfigen Reisfeldern versanken und sich bei
Regenwetter Strohdecken überbanden, deren abstehende Halmenden ihnen
das Aussehen riesiger, emsiger Igel verliehen. Sie alle erschienen mir
wie Gestalten aus einem wohlbekannten Bilderbuch, denen man zunickt:
sieh da, sieh da, da seid ihr ja alle.
Das erfreulichste Wiedersehen feierte ich aber in Japan mit den vielen
Blumen, die ich daheim und anderswo als japonica oder japonicum kennen
gelernt hatte, und die ich nun in ihrer Heimat wiedersah, nur viel
schöner und duftender; wie ja auch wahrhaft nette Menschen meist am
nettesten in ihrem eigenen Hause sind.
Japan ist das erste und einzige außereuropäische Land, in dem ich mich
ankaufen und »for good« bleiben möchte; oder vielmehr »for better
for worse«, was ja ein so viel größeres Versprechen und Zeichen von
Vertrauen enthält.
An unserem letzten Morgen in Yokohama hatten wir noch zwei Erlebnisse,
ohne die Japan nicht recht Japan gewesen wäre: wir wurden früh durch
ein Erdbeben geweckt, und wir sahen den Fusiyama. Der hohe weiße Herr
hatte sich bis dahin übellaunig hinter einer Wolkenkappe verborgen, was
ich den hohen, einsamen Bergesgipfeln nie verdenke, denn auch jüngeren,
geringeren Wesen ist der Anblick der Welt ja oft verdrießlich genug.
Als wir schon im Boot saßen, um hinaus an unseren Dampfer zu fahren,
ward es plötzlich lichter, und wir sahen die schneeweiße Kuppe, die
in Wirklichkeit ganz ebenso unwahrscheinlich aussieht wie auf ihren
zahllosen Abbildungen. Es war mir gesagt worden, daß wer am Tage der
Abfahrt den großen Herrn Fusi sieht, sicher nach Japan zurückkehrt.
Sie wissen, daß ich, faute de mieux, ziemlich abergläubisch bin – nun
wollen wir sehen, ob mich mein Nomaden-Schicksal noch einmal nach dem
Lande des Lächelns und der Blumen zurückführen wird.
Der erste Mensch, den wir auf dem Dampfer trafen, war Bartolo, der
große Konzessionenjäger, der so viele Monate im Hotel de Pékin saß,
während Sie gerade eine Ihrer geheimnisvollen Reisen in das Innere
Chinas unternommen hatten. Damals wollte Bartolo zuerst die nicht
vorhandene chinesische Armee mit einem von ihm selbst erfundenen Gewehr
versehen, später versuchte er dann einen Plan zur Bewässerung der Wüste
Gobi an die chinesische Regierung zu verkaufen. – Wer alle Projekte
gehört, die Bartolo und außer ihm so viele andere zur Beglückung der
Chinesen ersannen, der kann das tiefe Mitleid begreifen, mit dem
Sie »pauvre, pauvre Chine« zu sagen pflegten. Viel weniger Mitleid
hatten Sie für die armen Gesandten, die alle einige Bartolos besaßen,
von denen sie gedrängt wurden, ihre Wünsche nach phantastischen
Konzessionen mit politischer Pression zu unterstützen und nach
deren Ansicht die Gesandten nie genug taten, was sich bisweilen in
Zeitungsangriffen oder parlamentarischen Interpellationen äußerte.
Bartolo erzählte uns gleich strahlend, er hätte seine letzte Konzession
erlangt, nicht die von der Wüste Gobi, sondern eine allerletzte,
zur Ausbeutung von Rubinminen. Anfänglich sei er nicht recht sicher
gewesen, für welche Provinz er die Konzession erbitten solle, ob
Kwangsü oder Kwangtung, da er ja beide nicht persönlich kannte und
nicht wisse, ob es dort Rubinen gäbe. Schließlich habe er sich für
Kwangtung entschieden, nachdem er etwas im Richthofen nachgeschlagen,
diesem Evangelium aller Jünger des neuen Glaubens »Heil durch China«.
Mein Bruder und ich waren etwas erstaunt, daß Bartolo diese Konzession
so rasch erlangt haben will, um so mehr als die Chinesen ja gerade eine
Minenbehörde ernannt haben, deren Hauptaufgabe darin besteht, derartige
Angelegenheiten zu verschleppen. Bartolo erzählte uns aber, in dieser
Behörde säßen als einflußreichste Mitglieder der alte Tsü und der junge
Tsi – dem jungen Tsi habe er in Tientsin die Bekanntschaft einer ebenso
gefälligen wie schönen Amerikanerin vermittelt, und der »Nebenfrau« des
alten Tsü habe er nächtlicherweile ein goldenes Teeservice zugesandt.
Von da ab seien seinem Anliegen in der Kommission von den Chinesen nur
noch pro forma ein paar kleine Schwierigkeiten gemacht worden.
Bartolo ist nun auf dem Wege nach London, um eine Aktiengesellschaft zu
gründen zur Ausbeutung seiner Rubinminen, von denen er sich Millionen
verspricht. Er hatte sich für die Überfahrt mit einer Menge Konserven
und Delikatessen versehen, von denen er all seinen Bekannten auf
dem Schiffe bei jeder Mahlzeit reichliche Portionen zusandte. Da er
eigentlich ein sehr gutmütiger Mensch ist, wollte er hierdurch schon
jetzt alle gewissermaßen an seinen Zukunftsschätzen teilnehmen lassen.
Ich werde immer ganz traurig über die schönen Illusionen, wenn ich
Menschen so reden höre von all den Reichtümern, die sie in China
erwerben wollen, und mich dabei der unendlichen, herzbeklemmenden Armut
erinnere, die ich dort, ärger als irgend sonst wo, gesehen habe. Wo
sollen nur die Reichtümer herkommen? Ich mag mich aber irren, denn
ich kenne ja nur den trostlosen Norden Chinas, und vielleicht liegen
wirklich Rubinen auf den Straßen in Kwangtung, wo ich so wenig wie
Bartolo je gewesen bin.
Ich muß meinen heutigen Brief schließen, denn wir wollen hinaus in
den Wald, aber ich werde Ihnen noch von hier weiter schreiben, da wir
einige Tage hier bleiben wollen, um uns von der bisherigen für die
weitere Reise zu erholen. Dieser erste Gruß soll Ihnen nur sagen, daß
ich jenseits des großen Wassers gut angelangt bin. Nun schlage ich in
Gedanken eine große Brücke darüber, deren eines Ende hier ruht, während
das andere in der Gegend von Pei-ta-ho die Erde berührt, und über diese
Brücke eilen tausend herzliche Gedanken freundschaftlichen Erinnerns zu
Ihnen.
2.
_Vancouver_, August 1899.
Mein gestriger Brief, lieber Freund, handelte so sehr von Bartolo, daß
ich fürchte, er wird den Eindruck bei Ihnen erwecken, als seien wir mit
ihm die einzigen Passagiere auf dieser langen Fahrt gewesen. Drum sende
ich gleich diesen zweiten Brief nach, der Ihnen von unserer übrigen
Reisegesellschaft erzählen soll.
Am interessantesten waren mir zwei Japaner, die sich ein Stückchen
Heimat mitnahmen, in Gestalt einer zwei Quadratfuß großen, erdgefüllten
Kiste, in der mit Steinen und verkrüppelten Zwergbäumchen eine
japanische Miniaturlandschaft dargestellt war. Sie hüteten dies
Gärtchen mit rührender Sorgfalt. Beide litten offenbar sehr an
Seekrankheit und ihre gelbliche Haut hatte allmählich seltsam grüne und
violette Schattierungen angenommen, aber, mochten sie noch so elend
sein, sobald ein Sonnenstrahl durch das dicke, schwere Gewölk drang,
krochen sie aus der Kajüte und trugen ihr Kästchen auf das Deck in
die Sonne, und sobald sich der Wind dann erhob und es kälter wurde,
schwankten sie wieder hinunter, ihr Stückchen Japan in den Armen. Sie
reisten nach Amerika zu Studienzwecken, und schon auf der Fahrt diente
ihnen alles und jeder als Beobachtungsobjekt. Sie hatten offenbar ein
großes Gefühl der Verantwortlichkeit, besonders für die ihnen gegebene
Zeit, eine Verantwortung, mit der es die meisten Menschen nicht so
genau nehmen, und die doch vielleicht die ernsteste von allen ist.
Jeder unserer beiden reisenden Japaner hätte vor Jahren einmal das
kleine japanische Schulkind sein können, von dem erzählt wird, daß man
es nach einem starken Erdbeben zwischen den Trümmern des Hauses fand,
wie es auf einen herabgefallenen Ziegel die Zahlen des letzten ihm
aufgegebenen Rechenexempels eifrig weiter schrieb.
Auf unserem Schiff waren auch ein paar russische Reisende, sowie
englische und belgische Ingenieure, die aus Peking zurückkamen.
Sie hatten sich dort um Konzessionen für Eisenbahnen beworben, die
möglicherweise erst in Jahrzehnten, vielleicht auch nie gebaut werden
dürften. Ich erinnere mich sehr gut, wie Sie mir oftmals sagten,
gerade dies Drängen um Eisenbahnen erbittere die Chinesen besonders.
Und dabei waren die meisten dieser nur mit Drohungen errungenen
Zugeständnisse für lange hinaus ganz zwecklos, und wurden nur verlangt,
um etwaigen anderen Bewerbern zuvorzukommen. Man prahlte in Peking mit
den erlangten Konzessionen, wie die Indianer mit erbeuteten Skalps.
Nirgends habe ich so sehr die Empfindung unendlichen Raumes gehabt, wie
gerade in China, und doch schien es nirgends so sehr wie in Peking,
als ob die weite Welt für die Ansprüche der Menschen nicht ausreichte.
Der Kampf wurde dort mit jener neidischen Eifersucht geführt, die
ein Gebiet lieber wüst und leer sieht, als daß sie es fremden Händen
überließe. Der Schwächere wird, so reich und ausgedehnt die Welt auch
ist, stets leer ausgehen, denn die Gier der Starken ist größer als der
größte Raum.
Auf dem Schiff hörte man endlose Debatten über die Zukunft Chinas,
über »offene Tür« und »Interessensphären«, über Aufteilung und die
Ansprüche der einzelnen Länder. Was aber in Pekinger Kreisen nur
leicht angedeutet wurde, das sprachen diese Reisenden mit brutaler
Offenheit aus. Man sah sich da plötzlich der bête humaine gegenüber,
wie sie wirklich ist: stets erscheint ihr der eigene Anteil zu klein,
der des anderen zu groß. Mit harmloser Naivität wurde da enthüllt,
was jedes einzelnen Herzenswunsch war: für sich selbst abgeschlossene
und möglichst grosse Interessensphären, bei dem Nachbar dagegen ein
möglichst offenes Scheunentor. Mich stimmten diese Debatten oft
unendlich traurig, denn sie eröffneten für die Zukunft weite häßliche
Aussichten auf Kampf und Unterdrückung. Es waren ja nur einzelne
Leute, die da redeten, zumeist einflußlose, unbedeutende Menschen,
aber aus ihren Worten konnte man doch auf den allgemeinen Geist der
Zeit schließen, mit seiner Skrupellosigkeit, seiner Abhängigkeit vom
Erfolg, seiner Grausamkeit gegen alles auf Erden, was sich nicht
wehren kann. Die beiden Japaner hörten dem allen zu, und wenn sie
auch selbst wenig sagten, so merkte man ihnen doch an, daß für sie
Buddha und seine Lehren in ebenso weiter vergessener Ferne liegen,
wie für die anderen Christus und sein Wort, und daß auch sie sich den
europäisch-amerikanischen Grundsatz zu eigen gemacht haben: »Friß, auf
daß du nicht gefressen werdest.«
Draußen war es sehr neblig, sehr grau und eisig kalt geworden.
Ein oder der andere Passagier fragte wohl mal, ob keine
Kollisionsgefahr sei. Dann wurde geantwortet: »In diesen nördlichen
Breitengraden fahren gar keine anderen Dampfer, und sollten wir
unwahrscheinlicher Weise einem Segelschiff begegnen, so sind wir eben
die Wuchtigeren.«
So ging es im dicken Nebel weiter, und in langen gleichmäßigen
Zwischenräumen ertönte das schauerliche Nebelhorn.
Die übrigen Reisenden hatten das Rauchzimmer oder ihre Kajüten
aufgesucht; ich war allein auf Deck, in meinen dicksten Pelz gewickelt.
Der Nebel war dichter als je zuvor, die sichtbare Welt schien auf ein
paar Fuß zusammengeschrumpft zu sein, drüber hinaus war alles ein
unheimliches Grau, das lautlos hin und her wogte. Zentnerschwer fühlte
ich eine Last, die sich mir aufs Herz legte, so daß ich kaum zu atmen
wagte – und diese Last war eine namenlose Angst vor dem grauen Etwas,
das die ganze Welt um mich her erfüllte. Ich kam mir so einsam vor wie
noch nie im Leben, als sei ich ganz allein, als letztes Lebewesen, und
als schwebte ich angstvoll suchend durch den endlos leeren Weltenraum.
Und wie ich so hinausstarrte, begann es in dem Grau zu wogen, zu
steigen und sinken; es war, als wehe der Wind dicke, schwere Schleier
hinweg, und plötzlich lag klar und dicht vor mir ein Stück kalte,
dunkle, nordische See. Ein Felsen erhob sich daraus, schneebedeckt
und an all seinen Zacken Eiszapfen tragend, die bis zu dem schaurigen
Wasser herabhingen. Oben aber auf dem Felsen saß ein riesiger Eisbär,
in den Tatzen das Gerippe des letzten Tieres haltend, das er in der
Einöde gefunden. Er schaute sich um, als wollte er sagen, »nun bin ich
Alleinherrscher der Welt«. – Aber da tat sich das schwarze Wasser auf,
und heraus tauchte ein Ungeheuer mit Schlangenleib, Fischflossen und
rot bemähntem Walroßhaupt; Seetang hing ihm am nassen Maule und Reste
kleiner Fische – die letzten, die es noch in der See gefunden; auch
seine grünlich glasigen Augen schienen zu sagen: »Nun bin ich ganz
allein Herr der Welt.« Da aber erblickten sich die beiden, der riesige
Eisbär und das Seeungetüm. Die Flossen peitschten die Wogen, die Tatzen
umkrallten den Felsen. Noch waren beide gesättigt, aber schon maßen
sie sich mit den feindlichen Blicken künftiger Gegner. Sie hatten die
ganze Welt entvölkert und trafen sich nun hier in der Einöde zu letztem
Kampfe. Der würde entscheiden, wer Herr der Welt blieb! –
»Wir waren heute den Aleuten ganz nah,« sagte der Kapitän beim
Abendbrot, »einen Augenblick konnte man eine der kleinen Inseln durch
den Nebel sehen.«
Ich aber hatte die Empfindung, als hätten sich die Wolken, die uns
umgeben, einen Augenblick geteilt, und ich hätte einen Blick getan in
die Geschichte der Welt, die ja oft eine Geschichte wilder Tiere ist. –
3.
_Vancouver_, August 1899.
Wir sind noch immer hier, ohne besonderen Grund. Aber es ist herbstlich
kühl und schattig, und die kleine Ruhepause gibt uns die kurze
Illusion, wie andere Menschen seßhafte Wesen zu sein.
In den meisten Straßen sind hier Alleen grüner Bäume gepflanzt, unter
denen rotbäckige Kinder morgens zur Schule radeln. Überall sieht man
Gärten voll später Rosen, Rittersporn und Astern; die Mauern sind mit
Kapuzinerblumen bedeckt, und an den kleinen Kieswegen blühen Reihen
von Georginen und Malven. Gärten in so nordischen Ländern wie hier
haben mir immer etwas Rührendes; es ist, als wollten die Pflanzen in
der kurzen Sommerzeit möglichst viel leisten, und die Blumen, die es
so eilig haben, zu erblühen, mahnen, daß wir ja alle nicht wissen, wie
kurz uns die Spanne Zeit bemessen sein mag, da für uns noch die Sonne
scheint.
Inmitten der wohlgepflegten Gärtchen stehen kleine Landhäuser;
sie alle sehen behaglich und behäbig aus. Bei ihrem Anblick denkt
man unwillkürlich an jene Gattung englischer Romane, die junge
Mädchen lesen dürfen, und in denen alle Menschen täglich nicht nur
drei tüchtige Mahlzeiten einnehmen, sondern auch noch gemütliche
Nachmittagstees mit Kuchen und Sahne.
Die Leute, denen wir an diesem fichtenumwachsenen, bergumgebenen Hafen
begegnen, sehen alle tüchtig und tätig aus; man merkt ihnen gleich
an, daß es freie, kräftige Persönlichkeiten sind, die sich hier,
unabhängig von obrigkeitlicher Hilfe, wie von Bevormundung, eine Heimat
gegründet haben. Sie sind stolz auf das, was sie schon jetzt aus dieser
entlegenen Bucht gemacht haben, und voll Zuversicht auf das, was die
eigene, selbständige Expansions- und Betätigungskraft noch schaffen
wird.
Wir sind hier weit von jenen künstlich gezüchteten Kanzlei-Kolonien,
denen durch einen Geheimrat aus der Hauptstadt des Mutterlandes als
wichtigste Grundlage eines beginnenden Gemeinwesens das Schema eines
heimatlichen Grundbuches, sowie Polizeivorschriften für die Stunde des
Lichtauslöschens und für das Maulkorbtragen der Hunde gesandt werden.
Maulkörbe trägt hier niemand.
Es wird auch wenig regiert. Die Gesetze, die sich allmählich als
notwendig herausbilden, entspringen den örtlichen Bedürfnissen und
Erfahrungen – sie werden nicht »ready made« importiert.
Im Gegensatz zu so manchen anderen, beruhen die englischen Kolonien
auf der einzig gesunden Grundlage, auf einem tüchtigen Mittelstand,
der sich hier frei und ungehindert entfaltet. In den Ländern, wo
die demokratische Partei in kurzsichtiger Opposition sich gegen
koloniale Bewegungen stellt, beraubt sie sich selbst eines fruchtbaren
Tätigkeitsfeldes, wo sie viel mehr Aussicht als daheim hätte, ihre
politischen Ideale zu verwirklichen. Diejenigen Kolonien, die von
oben herab geschaffen werden, erinnern mich immer an ein künstliches
Homunculuschen in der Flasche, das mit chemischen Pillen gepäppelt wird
und seine Nahrung nie an der Brust der großen Volksmutter gesogen hat.
Ich entbehre es sehr, mich über diese und tausend andere Fragen nicht
mehr mit Ihnen, lieber Freund, aussprechen zu können. Wer weiß, wann
ich eine Antwort von Ihnen erhalten werde, denn in Ihrem Briefe, den
ich hier vorfand, schreiben Sie ja, daß Sie nächstens wieder eine große
Reise in das Innere Chinas unternehmen müßten. All meine Briefe werden
Sie wohl lange erwarten und Sie erst nach Ihrer Rückkehr erreichen.
Könnte ich den kleinen weißen Bogen doch Flügel geben, um Ihnen wie
Brieftauben auf Ihrer Expedition nachzufliegen – dann fänden Sie jeden
Abend, wenn Sie müde in einem elenden chinesischen Gasthause oder
einem mongolischen Zeltlager anlangen, solch einen Boten von mir vor,
der Ihnen erzählte, wie viel ich an Sie denke und wie sehr ich wünsche,
daß Sie nicht mehr in die Wildnis zu ziehen brauchten, weil ich mich
dann immer so sehr um Sie sorge.
4.
_Vancouver_, August 1899.
Meine große Freude hier in Vancouver ist es, endlich einmal wieder
lange Spaziergänge im Schatten schöner Bäume machen zu können. Wer,
wie ich, in einem Waldland aufgewachsen, sehnt sich immer danach
zurück. Bäume sind mir wie lebende Wesen und jeder hat seine eigene
Physiognomie, seinen Ausdruck, den er, wie wir Menschen auch, durch
besondere Erfahrungen und Erlebnisse allmählich gewonnen hat. Ich
begreife so gut, daß die alten Germanen sich die Bäume als Sitz
besonderer Gottheiten dachten, und schon als Kind hatte ich einen
wahren Abscheu vor Sankt Bonifatius, der den heiligen Baum fällte.
Sie erinnern sich gewiß noch, wie oft ich Ihnen von meiner Sehnsucht
nach schattigen Waldespfaden sprach, wenn wir zusammen nach der Hitze
des Tages auf die Pekinger Stadtmauer stiegen und auf diesem einzigen
reinlichen Weg der chinesischen Kaiserstadt auf und ab gingen. Die
Stadt lag tief unter uns, all die einstöckigen Häuser eintönig grau
mit aufwärts geschweiften Dächern, auf deren Kanten Reihen kleiner
Steinhunde sitzen. In die Höfe der nächstgelegenen Häuser konnten
wir von oben hinein schauen und was wir sahen, waren immer dieselben
uns unverständlichen Wesen, die dasselbe Dasein führten, das seit
Jahrtausenden ihnen ähnliche Wesen genau ebenso geführt haben. In den
Straßen war immer dasselbe Gewühl zahlloser Menschen, die unseren
Augen so rätselhaft in ihrer Gleichheit und Einförmigkeit erschienen,
deren elfenbeinerne Stirnen wie geschlossene Tore waren, von Welten,
in die wir nie eindringen werden. Jahr aus, Jahr ein zog dies Gewühl
von Menschen durch die Straßen, die monatelang voll dicken, schwarzen,
klebrigen Schlamms lagen, und die übrige Zeit des Jahres in dichten,
grauen Staubwolken verschwanden. Und niemand rührte die Hand, etwas
zu ändern, etwas zu verschönern. Denn es war ja von jeher so gewesen;
niemand hatte es je anders und besser gekannt; niemanden störte
es – vor allem niemanden von denen, die hinter den roten Mauern,
unter den goldig schimmernden Dächern der Kaiserpaläste ein noch
geheimnisvolleres, noch rätselhafteres Dasein als all die anderen
führten.
Erinnern Sie sich, wie oft wir dort oben auf der Mauer standen und
hinüberschauten auf die verbotene Stadt mit ihren verfallenden Mauern?
Stets hatte ich das Gefühl, als läge ein Alp auf der Stadt, wie der
Schatten kommenden Unheils! Mit welcher Sehnsucht habe ich von dort
oben weit hinaus geschaut, über die unendliche Ebene und dabei anderer
Länder gedacht, wo uns nicht alles unverständlich ist, wo die Menschen
sich grüßen, freuen und küssen, sprechen, lachen und trauern wie wir.
Am Vorabend meiner Abreise haben wir noch einmal dort oben zusammen
gestanden, und Sie wiederholten die Worte, die Sie in den letzten
Wochen so oft gesagt hatten: »Ja, Sie müssen fort von hier – es ist
besser so.«
Als wir dann nach Hause gingen über die Kanalbrücke und an dem kleinen
Tempel vorbeikamen, in dessen Hof ein Kuriositätenhändler seinen
kleinen Laden alter Vasen und seltsamen Gerümpels eröffnet hatte, da
sagten Sie mir: »Ihr nächster Spaziergang wird Sie unter alte schattige
Bäume führen, wie Sie es sich hier so oft gewünscht haben.«
Sie schienen so traurig, als Sie das sagten, lieber Freund, und doch
haben Sie uns selbst zur Abreise gedrängt und sie beeilt – warum?
Und jetzt bin ich in einem Lande schattiger, grüner Bäume und täglich
seit wir hier sind, gehe ich stundenlang tief in den Wald hinein. Das
Schönste hier ist der Viktoria-Park, mit seinen uralten Bäumen und
den herrlichen Blicken auf die See, vor allem mit seiner Ruhe, seinem
Schweigen und Frieden. Wie würde ein Böcklin diesen Wald genießen, der
dem unberührten Naturzustand noch so nahe scheint, daß man sich gar
nicht wundern würde, über das dicke, weiche Moos Faune und Einhorne
schreiten zu sehen.
Gestern bin ich besonders lange im Park gewesen. Ich ging träumend
immer weiter, bis ich an sein äußerstes Ende kam, wo er zur schmalsten
Stelle einer Meerenge führt. Das felsige Ufer fällt dort steil ab, und
tief unten strömt das Wasser reißend vorbei. Ich setzte mich nieder
zwischen Farnen und allerhand Ranken und schaute in die Tiefe auf die
Meeresstraße, durch die alle Schiffe fahren, die vom fernen Osten nach
Vancouver kommen. Und ich träumte, wie hübsch es sein müßte, hier
irgendwo ein waldverborgenes Häuschen zu besitzen; dann würde ich alle
Tage bis zu dieser äußersten Spitze gehen, setzte mich dort unter die
alten Bäume und schaute aus, ob Schiffe aus Far-away Cathay kommen.
Und an einem Tage würde endlich ein Schiff kommen, auf dem ständen Sie,
und ich würde Ihnen von meinem Felsen aus einen großen Strauß frischer
Waldblumen herabwerfen.
Denn nicht wahr, Sie bleiben doch nur gerade so lange in China, als es
durchaus nötig ist? Ich mache ja schon so viel schöne Pläne für die
Zeit, wo wir uns wiedersehen werden. Wann, wo wird das sein?
5.
_Banff_, September 1899.
Die Frühsonne scheint in mein Zimmer, lieber Freund, draußen zwitschern
Spatzen, die sich in der Jahreszeit irren und jetzt beim nahenden
Herbst noch an Frühlingsidyllen denken, und ich will den Tag beginnen,
indem ich Ihnen guten Morgen zurufe, hinaus in die unergründliche
Weite. Möge Ihnen ein freundlicher Lufthauch meinen Gruß bringen – wo
Sie auch sein mögen. Ich fürchte, es kann dort nicht so schön sein wie
hier.
Das hiesige Hotel liegt auf waldigem Bergrücken, in größter Einsamkeit,
und erinnert an manche Tiroler Burgen. Von unseren Fenstern aus haben
wir einen weiten Blick auf ein Gebirgstal, in dessen Tiefe, zwischen
hohen Fichten, ein Bach fließt, der, zur Zeit da Eis und Schnee
schmelzen, zum reißenden Strome wird. Im Hintergrund erheben sich
steile, schneebedeckte Felsen.
Nach der langen Reise ist die hiesige Behaglichkeit an sich ein Genuß.
Es ist herrlich, wieder mal in einem Bett zu schlafen, das weder
schwankt noch schüttelt, und Mahlzeiten einzunehmen, ohne Sorge, daß
der Zug abfährt, oder daß der gegenübersitzende Reisende seekrank wird.
Dicht neben dem Hotel ist ein großes, offenes Schwimmbassin, das von
warmen Schwefelquellen gespeist wird. Fichten stehen ringsherum und das
laue Wasser, der Sonnenschein und die köstliche würzige Luft bilden
zusammen einen so wonnigen Aufenthalt, daß man im Sommer sicher gern
Stunden dort verbrächte. Weiter unten, dem Tale zu, sind natürliche
Grotten mit sprudelnden Quellen und tiefen Teichen, die geheimnisvoll
unter den überhängenden Felsen verschwinden. Das Wasser ist so klar,
daß man tief unten auf dem Grund die weißen Sandflächen und die
einzelnen Kieselsteinchen schimmern sieht. Ich muß dort immer an die
schöne Undine denken. In solch tiefen, klaren Wassern ist sie gewiß,
unbewußt glücklich, wie die silbrigen Fischchen, herumgeschwommen,
bis sie hinauf zur Welt stieg und unglücklich ward, weil sie sich
einbildete, daß es nötig sei, eine Seele zu haben. Hätte doch irgend
ein welterfahrenes Wesen der armen Undine erklärt, daß Seelenbesitz
der entbehrlichste von allen ist, und daß die kalten, schlüpfrigen
Fischchen am besten durch die Welt kommen, mit ihren geheimnisvoll
grünlichen Augen, die so tief scheinen und auf deren Grund gar nichts
ist.
Wir haben hier einen Offizier kennen gelernt, der die Mounted Police
des Distriktes befehligt. Im Winter muß das ein recht einsamer Posten
sein, wenn das Hotel geschlossen ist und die ganze Welt weit und
breit unter tiefem Schnee begraben liegt. Im Sommer dagegen und auch
jetzt noch in den schönen Herbsttagen scheint Kapitän White ein ganz
lustiges Leben zu führen. Er ist beständig hier im Hotel und die Damen
sehen ihn alle als eine Art Badedirektor an, der für die Vergnügungen
der ganzen Gesellschaft verantwortlich ist. In der Halle, wo in zwei
großen Kaminen halbe Baumstämme knisternd verbrennen und an den
Wänden und auf dem Boden herrliche dicke Felle liegen, flirtet er mit
schönen blauäugigen Kanadierinnen, die hier mit allerhand Sports die
Saison zubringen; er flirtet mit amerikanischen »Summer Girls«, die
es origineller gefunden haben, sich Kanada statt Europa anzusehen,
und er flirtet mit blassen, verwaschen aussehenden Engländerinnen aus
Hongkong, die alljährlich in immer größerer Zahl hierher kommen, um
sich vom dortigen erschlaffenden Klima zu erholen. Es werden täglich
große Ausflüge unternommen, zu denen die ganze Gesellschaft meist in
Kapitän Whites Coach fährt. Er kutschiert vortrefflich, aber es sieht
ganz abenteuerlich aus, wenn er mit seinem Viergespann die steilen
Korkenzieher-Wege hinauffährt, in so scharfen Windungen, daß das erste
Paar Pferde oft genau eine Etage höher zu stehen kommt, als das zweite
und der Wagen. Gestern saß ich bei solcher Fahrt neben Kapitän White,
und auch bei den halsbrecherischsten Stellen erzählte er lustig weiter,
besonders von den Wintersports und von den hiesigen Indianern. Er
sagte mit dem Brustton englischer Selbstgefälligkeit, die Regierung
sorge für sie mit Geld und Proviant – ich finde das eigentlich das
Mindeste, nachdem man den armen Leuten ihr Land weggenommen und
ihnen als besondere Gastgeschenke Trunksucht und allerhand Epidemien
gebracht hat. Von Zeit zu Zeit sollen die Indianer noch jetzt große
Versammlungen abhalten, bei denen ungeheure Mengen Branntwein getrunken
werden und die alten Krieger sich unter lautem Beifall all ihrer
einstmaligen Morde und Diebstähle rühmen. Um den Alten an Mut nicht
nachzustehen und da Raub und Totschlag im modernen Kulturstaate doch
sehr unangenehme Konsequenzen haben, bringen sich die jungen Männer in
den Versammlungen eigenhändig große Wunden bei und werden dann auch als
Krieger in den Bund aufgenommen.
Wir fuhren gestern nach dem Devil's Lake, einem tiefblauen See klarsten
Wassers, der von hohen Felsen umgeben ist. Warum er gerade mit diesem
Namen bedacht worden ist, konnte ich nicht ergründen. In allen Ländern
kommt aber diese Benennung so häufig vor, daß man unwillkürlich
annehmen muß, der Glaube an die Allgegenwart des Teufels sei weit mehr
als derjenige an eine andere Allgegenwart im tiefinnersten Bewußtsein
der Menschen lebendig.
Der Glaube an Gespenster, an böse Geister, anders auch Teufel genannt,
ist ja sicherlich älter als der eigentliche Gottesglauben, denn aus der
Angst vor bösen, unerklärlichen Mächten ist aller Kultus entstanden; er
diente anfänglich immer dazu, Unheil von den armen Menschen abzuwenden,
die von den bösen Geistern verfolgt wurden: die ursprünglichen
Kultformen sind immer abwehrender Art und vielen, vielleicht den
meisten Menschen, erscheint ihre Gottheit auch heute ja noch als ein
erzürntes Wesen, das versöhnt werden muß.
Dieser kanadische Teufelssee erinnerte mich sehr an einen kleinen See
in den Pyrenäen, den ich vor Jahren einmal sah. Dort steht auf einem
Felsen ein kleines Kreuz, und der baskische Führer zog das breite
wollene Barett ab, bekreuzigte sich und sagte, an der Stelle sei ein
Liebespaar ertrunken. Jung, wie ich damals war, rührte mich das sehr.
Als ich aber bis zu dem Kreuz geklettert war, las ich eine so alte
Jahreszahl, daß das Liebespaar, wenn es statt zu ertrinken, alt und
grau geworden wäre, und Urenkel erlebt hätte, unter allen Umständen
doch längst hätte tot sein müssen. Das dämpfte meine Rührung. So oder
so – ein Kreuzchen wäre doch schon längst das Ende – vielleicht war's
besser so.
6.
_Banff_, September 1899.
Lieber Freund! Die Welt ist hier so schön, daß ich Ihnen gleich wieder
schreiben muß! Ich fürchte, dieser Briefanfang ist nicht sehr logisch –
aber Sie werden ihn doch verstehen, Sie haben ja immer alles verstanden
– Gesprochenes und Unausgesprochenes.
Wir haben uns in einem Lande gekannt, das wohl niemand als besonders
schön bezeichnen würde, im Gegenteil, es war oft recht öde und häßlich,
und über all unseren gemeinsamen Erinnerungen liegt es wie ein Schleier
von Wehmut. Und doch, seitdem ich von dort fort bin, fühle ich mich
Ihnen niemals näher, als gerade, wenn ich etwas wirklich Schönes sehe.
Nach den drei Jahren in Peking, wo mir das Schöne so selten durch
die Natur offenbart wurde, sondern wo ich es nur in eines Menschen
Herz und Seele fand, ist es mir wie eine Offenbarung, zu sehen, wie
köstlich die übrige Welt doch ist. Jetzt beim Anblick dieser herrlichen
Berge, wenn die Sonne auf die Gletscher scheint und die Bäche von den
Felswänden herabstürzen in einen tiefgrünen See, wenn ich die harzige
Luft einatme und an den hohen Stämmen hinauf schaue, die hier standen,
lang ehe der weiße Mann das Land betrat – da frag ich mich oftmals: ist
dies dieselbe Welt? Hat das alles so gerauscht, geleuchtet, gefunkelt,
geduftet, während der drei letzten, grauen Jahre, die ich in jener
fernen Stadt verlebt, wo alles so unendlich fremd war und sich mir
das Herz oft zusammenzog in beklemmender Angst, wie vor unheimlichem,
unabwendbarem Schicksal?
Es ist so schön, wieder etwas schön finden zu können, plötzlich
zu fühlen, daß die Jugend und die Begeisterungsfähigkeit nur
schlummerten, daß sie aber noch da sind und bloß warteten, wieder
aufleben zu dürfen. Es ist so schön, lieber Freund, sich noch einmal
freuen zu können – ohne besonderen Wunsch, ohne irgend welche
eigennützigen Gedanken, die ganz eigene, harmonische Freude zu
empfinden, die die Natur in uns erweckt, die klärt und beruhigt, und
durch die das Sorgen, Fürchten und Trauern für ein Weilchen wie in
fernem Nebel verschwimmen. In solchen Augenblicken kommt es uns zum
Bewußtsein, daß wir selbst eben auch ein Stückchen Natur sind, trotz
alles Künstlichen und Gequälten, das uns die Erbschaft von Hunderten
von Generationen auferlegt hat, und für einen kurzen Augenblick scheint
es uns möglich, zu werden, wie die Lilien auf dem Felde. – Für eine
kleine Spanne Zeit vermag das Schöne uns von der Last des Erlebten, des
Gewollten, des nie Erreichten zu befreien. Wir atmen einmal frei auf,
möchten vergessen und verweilen – aber schon müssen wir wieder hinein
in die Mühe und die Qual, die uns Leben sind. –
Doch auch für die kurze Rast sei diesen Wäldern Dank!
7.
_Banff_, September 1899.
In der hiesigen Waldesstille, die so beruhigend auf uns Weitgewanderte
wirkt, denke ich oft staunend an das Hasten und Ringen zurück, in dem
wir in Peking gelebt haben. Dort schien Streben und Kämpfen, andere
verdrängen und sich selbst einen Platz erobern der einzige Zweck des
Daseins zu sein. Ich glaube, daß Sie, lieber Freund, verstehen werden,
welche Erquickung dieser weltabgeschiedene Frieden mir gewährt. Denn
oft, wenn ich Sie in Peking reden hörte, hatte ich die Empfindung,
daß Sie das ganze dortige Treiben und Drängen wie von einer Höhe aus
betrachteten, zu der all die kleinlichen Motive nicht heranreichten,
daß Sie mit Ihren Gedanken in einer Stadt lebten, die allem Niedrigen
wirklich eine »verbotene« war.
Sie dachten und fühlten ja sogar für die Chinesen, deren Wünsche und
Anschauungen allen anderen als eine quantité négligeable erschienen,
und die nur dazu da waren, um mit Gewalt in sogenannte Fortschritte
getrieben zu werden, die dafür gestraft wurden, daß sie sich von dem
einen hatten berauben lassen, indem der andere sie noch mehr beraubte.
Ein jeder stachelte die Chinesen dazu an, gegen die Forderungen des
anderen scharf aufzutreten und ihm nichts zuzugestehen, aber im
entscheidenden Moment ließ man die Chinesen stets im Stich, es wurde
ihnen nie wirklich geholfen, sondern man überließ sie der Gnade des
anderen und stellte dann das Gleichgewicht wieder her, indem man selbst
mit neuen Forderungen kam.
Ich habe nirgends so sehr wie in Peking den Erfolg verachten gelernt,
weil ich einmal ganz aus der Nähe gesehen habe, womit er erreicht
wurde, von den einen durch Bestechung, von den anderen durch Drohen
mit roher Gewalt. Die armen Chinesen sind nun einmal gegen Geld und
Kanonen, innerlich und äußerlich, widerstandslos. Setzen sie sich
aber einmal zur Wehr, so steckt immer eine andere Macht dahinter, die
eben mehr bestochen, oder mehr gedroht hat, von der mehr zu gewinnen
oder mehr zu fürchten war. Ich erinnere mich sehr gut, wie Ihr Freund
Li Hung Tschang sich ein paarmal fremden Forderungen widersetzte und
auch wirklich nicht nachgab. Das war eben, weil hinter ihm eine andere
fremde Macht stand, vor der er noch mehr Angst hatte als vor den
Fordernden. Und die ganze europäische Erbärmlichkeit kam dann zutage,
indem man wohl über Li Hung Tschang herfiel, die fremde Macht aber
unerwähnt ließ – weil man vor der eben selbst auch Furcht hatte.
Die Pekinger Luft hat nun einmal einen ganz besonderen Einfluß auf
die weißen Männer, entweder sie werden dort chinesischer als die
Chinesen und zu leidenschaftlichen Freunden und Verteidigern Chinas,
wie die meisten Dolmetscher, Zollbeamten und Diplomaten der alten
Schule, oder, und das sind die Jüngeren, sie werden von einem Taumel
des Übermenschtums erfaßt, der in einer grenzenlosen Verachtung alles
Chinesischen wurzelt. Sie predigen, man solle zugreifen, sich nehmen,
was man brauche, einzig das tun, was die eigene Herrenmoral fordere,
denn so allein könnten Nationen und einzelne groß werden. Der Kern
der Sache ist, sie trachten danach, einem anderen unrechtmäßigerweise
etwas fortzunehmen. Dazu werden die großen Worte »Patriotismus,
Expansion, neue Absatzgebiete, Stützpunkte« ausgekramt – und dazu
drapieren sich ganz harmlose Bureaukratenseelen als Cesar Borgias, als
Schüler Macchiavellis und Nietzsches. Aber das Herrentum läßt sich
nur improvisieren, so lange man ausschließlich mit Chinesen zu tun
hat; wird die Lage ernster, stehen hinter dem Chinesen Mächtigere,
dann tritt eine sehr unherrenmäßige Nervosität an die Stelle der
Kraftmenschpose. – Trotz allem, was darüber gesagt wird, sind wir
eben keine Generation der Übermenschen. Wir sind Zweifler, Spötter,
Unzufriedene – zum Übermenschtum fehlt uns das Zeug. Dazu müßten wir
vor allem an uns selbst glauben – und wer tut das heute noch? – Sind
wir ehrlich, so haben wir uns doch alle als armselige Blechgötzen
erkannt – vielleicht imponieren wir noch den Wilden, uns selbst aber
doch sicherlich nicht.
8.
_Im Eisenbahnzuge_,
Oktober 1899.
Lieber Freund, wir haben das reizende Banff verlassen. Die Bergketten,
die tiefen grünen Wälder liegen längst hinter uns. Einen ganzen Tag
schon fahren wir durch die weite Ebene. Wir haben zum Fenster hinaus
geschaut, haben hier und da ein paar Seiten eines Buches gelesen und
die anderen Reisenden beobachtet. Nun wird es Abend, die Schatten
werden länger, und im fernen purpurnen Westen neigt sich die Sonne
anderen Welten zu. Mir ist, als ob graue Wesen aus der Erde aufsteigen,
die mich stumm anblicken und in deren toten Augen ich die Frage lese:
»Was hast Du aus uns gemacht?« Es sind Pläne und Hoffnungen, Träume,
Wünsche und Ideale – lauter Dinge, mit denen wir vor langen Zeiten, am
frühen Morgen des Lebens, die Fahrt begannen, die wir damals hüteten,
als das kostbarste, was wir mit uns nahmen, als unseren höchsten
Besitz. Es war, als gehörten uns seltene, goldige Samenkörner, aus
denen ein märchenhafter Garten erstehen sollte, voll schöner, noch
nie dagewesener Blumen. Aber statt einen Garten anlegen zu können,
haben wir im Laufe der Reise die Samenkörner alle allmählich am Wege
verloren, die einen früh, die anderen spät. Manche sind verschwunden,
ohne daß wir es selbst recht merkten, wie Träume, die beim Erwachen
verweht sind, niemand weiß wohin, die Erinnerung an sie sogar ist tot.
Um andere haben wir gekämpft und wollten sie durchaus festhalten, sie
sollten ja zum stolzesten oder liebsten Schmuck des künftigen Gartens
werden – und wir haben sie doch hingeben müssen, haben auch sie
verloren, in bitterem, alle Freude vernichtendem Schmerz.
In den Mühen und Sorgen des täglichen Lebens, die uns wie Opium
vom Schicksal gegeben werden, um die größeren Leiden zu vergessen,
denken wir kaum all des vielen Verlorenen. Aber an den Abenden langer
Reisetage, wenn das Buch der Hand entgleitet und wir müde aus dem
Fenster hinausstarren, wenn der Zug durch weite Ebenen braust und sein
Schatten, riesengroß verlängert, über der wehenden Grasfläche neben
uns dahineilt, wenn überall um uns die festen Formen sich auflösen
und verschwimmen in dämmerigem Grau – dann greifen uns unsichtbare
Hände kalt ans Herz, unendliche Wehmut, vergebliches Sehnen, bitteres
Erinnern erfüllen uns ganz. Das ist die Stunde, wo Verlorenes, Totes
aufersteht, wo wir plötzlich gewahr werden, wie arm wir geworden.
Der geträumte Märchengarten liegt plötzlich wieder vor uns, so schön,
so beglückend, wie wir ihn einst geplant, in jener Zeit, da wir das
felsenfeste Bewußtsein hatten, zu ganz Besonderem berufen zu sein; aber
statt der damaligen Zuversicht, statt des Glaubens an uns und unsere
Bestimmung, erfüllt uns heute nur bitteres Weh; wir wissen ja, daß wir
all die goldigen Blumensaaten verloren haben, die einen erstarrten in
Eis und Schnee, die anderen verbrannten in sengender Glut – nimmer
werden sie keimen und blühen. Mit Nichtigkeiten und Eitelkeiten sind
die Jahre verstrichen, wir haben sie vergeudet in der Jagd nach dem
Unwesentlichen und vertrauert in den Sümpfen der Entmutigung – und
darüber ist das Höchste und Beste in uns gestorben, das Kostbarste ist
verloren gegangen.
Und nun ist es zu spät! –
Wir möchten die Zeit anhalten, zurückeilen, nochmals anfangen und alles
so ganz anders und besser beginnen! Aber nie können die Räder der
Zeit sich für uns rückwärts drehen, und der Zug braust unaufhaltsam
über die Ebene weiter; wie ein Ungeheuer breitet sich sein Schatten
über die Fläche, wie ein Ungeheuer führt uns das Schicksal eilend
weiter. Willenlos müssen wir ihm folgen, die wir nicht stark genug
waren, selbst Schicksal zu werden, die wir die Jahre vergeudet und dann
vertrauert.
Und die ganze Fahrt – wohin? wozu? –
Selig, wer sich aus der Kette der Verluste, als Opium letzter Stunde,
den Glauben an ein Ziel gerettet.
9.
_New York_, Oktober 1899.
Lieber Freund! Nach viertägiger Fahrt sind wir endlich hier
eingetroffen. Müde und verstaubt kamen wir gestern Abend an und
fuhren gleich nach dem Waldorf Astoria. Ich wartete in der großen
Halle des Hotels, während mein Bruder sich nach unseren Zimmern bei
den Direktoren erkundigte, die wie Kronjuwelen oder Verbrecher hinter
Gittern sitzen. Während ich so wartete, bildete sich allmählich ein
Gedränge um mich, das ich mir nicht zu erklären wußte, da ich mich
weder schön noch abschreckend genug fühlte, um ein derartiges Interesse
bei meinen Mitmenschen zu erregen. Das Rätsel löste sich aber bald.
Nicht ich, sondern unser chinesischer Diener Ta-kwan-li war der
Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Während er gleichmütig neben
mir stand, in jeder Hand eine Reisetasche, auf seinem guten runden
Gesicht den Ausdruck vollkommenster Indifferenz, und die kleinen
geschlitzten Augen so zugekniffen hielt, als lohne es sich gar nicht,
sie zu öffnen, um diese ganz neue Welt zu betrachten, standen Herren
und Damen um ihn herum, riefen andere herbei, ihn auch zu begaffen, und
tauschten allerhand Bemerkungen über sein Äußeres aus. Der Orientale,
dem doch alles so gänzlich neu und befremdend sein mußte, war dem
westlichen Menschen mal wieder ganz überlegen durch seine angeborene
und anerzogene Ruhe. Er zeigte weder Erstaunen noch Neugier und sagte
nur: »Wenn sie mich genug betrachtet haben, werden sie wohl aufhören.«
Die unmittelbare Folge von Tas Aufsehen erregender Anwesenheit war,
daß sich sofort Reporter der verschiedensten Zeitungen bei uns melden
ließen. Sie waren voller Neugier, China und besonders die alte Kaiserin
betreffend, über die sich nach dem Staatsstreich offenbar wahre
Sagenkreise gebildet haben. »Ob wir an den Fortbestand Chinas glaubten?
Ob es zu einer Aufteilung kommen würde? Ob Li Hung Tschang wirklich in
russischem Solde stände? Welchen Mächten die Kaiserin zuneige?« Wir
suchten uns aus all den verfänglichen Fragen herauszuziehen, indem wir
wiederholten, daß wir ja keine Diplomaten, sondern einfache Privatleute
seien – aber es war schwer, diese professionellen Frager los zu werden.
Schließlich ließen wir durch Ta jedem neuen Besucher sagen, daß wir von
der Reise sehr müde seien und niemand mehr sehen könnten. Da hörten
wir denn durch die Tür, wie sie nun mit Ta ein Kreuzverhör anstellten.
Besonders wollten sie wissen, wie ihm New York gefalle, was ja immer
die erste Frage ist, die Amerikaner stellen. Ta entwickelte wieder die
größte Ruhe und würdevolle Zurückhaltung, indem er antwortete, er sei
ja eben erst bei Nacht angelangt und habe noch nichts erblicken können,
es schiene ihm aber, daß die Amerikaner noch nicht viel Leute aus
fremden Ländern gesehen hätten.
Heute Morgen stand ich ganz früh auf, setzte mich ans Fenster und sah
die große Stadt erwachen. Wir wohnen im achten Stock, die Menschen
unten in der Avenue sehen wie Ameisen aus, und dabei sind wir noch
nicht auf der halben Höhe des Hotels. Über seinem letzten Stockwerk
ist eine Terrasse angelegt, ein sogenannter Dachgarten, wo man in
den heißen Sommernächten Musik hören, kalte Getränke einnehmen und
ein bißchen kühle Brise einatmen kann. Auf mehreren der höchsten
Gebäude der Stadt, den achtzehn, zwanzig und noch mehr Stockwerke
hohen Himmelskratzern, sind solche Vergnügungslokale errichtet – hell
erleuchtet, scheinen sie nachts wie unbewegliche Ballons im dunkeln
Himmel zu hängen. Von unsern Fenstern aus haben wir einen schönen
weiten Blick auf die Fünfte Avenue und die Dreiunddreißigste Straße,
bis auf das Wasser des East River, auf dem früh noch nächtlicher Nebel
lagert. Das Astorsche Haus, uns unmittelbar gegenüber, das ich vor
Jahren so massiv und prächtig fand, ist längst überflügelt durch die
neuesten Riesenbauten. Aus dem bläulichen Morgendunst tauchen sie auf
wie Werke eines neuen Geschlechts, voll noch ungeahnter Möglichkeiten,
wie die Schlösser künftiger Märchen, gigantisch, himmelstürmend und
schön in ihrer Art, weil sie so vollkommen zweckentsprechend sind.
Das erste, was ich heute tat, war, mich mit der Ausschmückung meines
äußeren Menschen zu beschäftigen, denn ach, im Sonnenlicht westlichster
Zivilisation besehen, erscheint meine chinesische Garderobe doch
nicht ganz up to date. Ich fürchte, ich werde die Werke Tientais,
dieses einzigsten Pekinger Schneiders, der für die Europäer alles
fabrizierte, von Fracks bis zu Maskenkostümen, Ballkleidern und
Layetten, nur noch als Reliquien vergangener Zeiten bewahren. Als
ich heute in die Salons eines großen Schneidergeschäfts trat und
unwahrscheinlich schlanke Damen mit kunstvoll frisiertem rotgoldenem
Haar die letzten Modeschöpfungen anlegten und darin vor mir zwischen
langen Spiegelreihen auf und ab stolzierten, mußte ich lächeln im
Gedanken an das letzte Schneideratelier, in dem ich vor wenigen Wochen
noch gewesen – das Atelier Tientais. – Ein paar Schritte von der
englischen Gesandtschaft lag es, dicht an der Brücke, die über den
Kanal führt. Aus dem Sumpf und den Löchern der Straße konnte man sich
auf die Karikatur eines Trottoirs retten, das auch nur aus ein paar
übereinander geworfenen Steinen bestand. Schaute man durch die offene
Tür in die Schneiderhütte, so sah man ein niedriges Zimmerchen, dessen
Wände mit Modebildern besteckt waren; mehrere Chinesen saßen darin,
eifrig nähend an Herren- und Damenkleidern; in einem Winkel lag ein
Haufen englischer Stoffe, die zu »Nummer-Eins«-Kostümen verarbeitet,
von der Pekinger europäischen jeunesse dorée bei den Frühlings- oder
Herbst-Rennen eingeweiht wurden.
Andre Städtchen! andre Mädchen! Wie würde Tientai staunen, wenn er
hörte, daß die Säle mit den Spiegelscheiben, vor denen die blonden
Houris auf und ab paradieren, die Behausung eines amerikanischen
Tientais sind.
Als ich meinen Namen und meine Adresse angab, ertönten kleine Schreie
freudigen Erstaunens von der Direktrice, den Verkäuferinnen und den
schönen Probiermamsells: »Was, Sie sind die Dame, die gestern aus
Peking angekommen ist?« »Wir haben es alles in den Morgenblättern
gelesen.« »Sie wohnen im Waldorf und haben einen Chinesen mitgebracht.«
Alle wollten mich nun bedienen, und jede hatte eine andere Frage über
China und vor allem über die alte Kaiserin; die Existenz anderer Kunden
schien vergessen. Aber die Direktrice, Madame Blanche, führte mich in
einen kleinen Nebensalon, und während ich die ausgewählten Kleider
anprobierte, schwirrten Fragen an mich und Weisungen an die Rock- und
Taillenarbeiterinnen wirr durcheinander.
»Und ist die alte Kaiserin wirklich eine so böse Frau?«
(»Miß Caroline, bitte die Taille etwas enger.«)
»Wir haben so viel Sympathie für den armen kleinen Kaiser.«
(»Miß Harriet, bitte, straff über den Hüften und von den Knieen an weit
und faltig.«)
»Ist es wahr, daß sie ihn auf einer kleinen Insel gefangen hält?«
(»Recht weit über die Büste, Miß Caroline, das Fichu voll drapiert, du
flou toujours du flou.«)
»Was kann man aber auch von einer Heidin erwarten!«
(»Miß Harriet, den Rock recht lang, das gibt etwas schwebendes.«)
»Und hat der Kaiser wirklich dreihundert Frauen?«
(»Die Ärmel enger, Miß Caroline.«)
»Natürlich haben Sie die Kaiserin gesehen! Wie interessant muß das
gewesen sein! Aber von Toilette haben die Damen des Pekinger Hofes wohl
nur wenig Idee?«
(»Mehr Grazie im Faltenwurf, Miß Harriet, soignez la ligne.«)
»Saß die Kaiserin wirklich auf einem goldenen Drachen?«
(»Miss Caroline, il faut avantager madame.«)
»Nein, es geht doch nichts über reisen und fremde Völker sehen. Aber
man darf sie natürlich nicht wie uns beurteilen – es sind ja nur arme
Heiden!«
(»Miß Harriet, nehmen Sie noch einmal genau die Maße.«)
»Seien Sie versichert, daß wir alles aufs beste für Sie liefern werden.
Wir interessieren uns außerordentlich für Sie. Wir haben noch nie eine
Kundin gehabt, die bei der Kaiserin von China gewesen ist.«
Und so verdanke ich es denn der Kaiserin von China, wenn meine New
Yorker Kleider wirklich ganz besonders schön ausfallen!
10.
_New York_, Oktober 1899.
Lieber Freund! Haben Sie je von Charles William O'Doyle gehört? anders
auch »Chinalack-O'Doyle« genannt? Dieser 50fache Millionär, der heute
an der Spitze der größten Eisenbahnen steht, der Bergwerke, Schiffe und
Ländereien, groß wie ein Königreich, besitzt, hat seine Laufbahn vor
Jahren als Apothekergehilfe in San Francisco begonnen. Wie er dahin
gekommen, wer seine Eltern waren, erzählt er heute wahrscheinlich
niemandem – aber Geduld, die nächste Generation der O'Doyles wird
gewiß entdecken, daß die Vorfahren von Charles W. einst angesehene
Großgrundbesitzer in Irland gewesen, unter Cromwell ihres katholischen
Glaubens halber verfolgt wurden, verarmten und, vom grünen Eiland
vertrieben, nach Amerika auswandern mußten.
In Amerika wird jetzt alles fabriziert, wie in Europa – auch Stammbäume!
Charles W. legte den Grund zu seinem Vermögen durch einen wahrhaft
genialen Einfall. Er hatte in San Francisco Gelegenheit, die Chinesen
zu beobachten, die damals noch massenweise frei nach Kalifornien
einwandern durften und ebenso massenweise nach ihrem Tode in großen
schweren Holzsärgen nach Kanton zurückbefördert wurden. Chinesen
glauben ja nun einmal nur im eigenen Lande regelrecht begraben werden
zu können. Aber die schweren Holzsärge und der teure Transport
verschlangen oft alles, was sich der Tote während Jahren erspart hatte,
zum großen Ärger der bezopften Erben. Da erfand Charles W. einen
eigenen Lack, den er zuerst an allerhand toten Tieren ausprobierte.
Damit bestrichen, konserviert sich jeder Tote monate-, ja jahrelang;
er dörrt vollkommen aus, wird hart wie Stein und erscheint, als sei
er mit einer gelben Lederhaut überzogen. Charles W. nahm ein Patent
auf seinen »Chinalack« und damit bestrichen legten nun Tausende toter
Chinesen den Weg nach Kanton zurück. Die teuren, nach chinesischem
Muster in San Francisco verfertigten Holzsärge waren erspart und der
Preis der Überfahrt bedeutend verringert, denn man konnte nunmehr
die toten Chinesen wie Sardinen in irgend einen Schiffswinkel fest
aufeinander pressen und unterstauen, und sie kamen vollkommen
unversehrt daheim an, den hart gedörrten gelben Enten ähnlich, die als
große Delikatesse im San Franciscoer Chinesenviertel feilgeboten werden.
Dies war die Grundlage der O'Doyleschen Millionen!
Seitdem macht Charles W. Geschäfte in allen Ländern der Welt, er ist
längst aus San Francisco fortgezogen und nach New York übergesiedelt,
aber er ist mit China stets in besonderen Beziehungen geblieben. Es
wird gemunkelt, daß er, abgesehen von seinen großen chinesischen Bank-
und Bahninteressen, durch die Dankbarkeit seiner ersten chinesischen
Klienten, denen sein Chinalack manch kleine Erbschaft erhalten, Anteile
an kantonesischen Pfandinstituten, Teehäusern und Blumenbooten erworben
hat. Mein Bruder kannte ihn schon lange, hat auch von Peking aus
Geschäfte mit ihm gemacht, und so war denn Charles W. O'Doyle einer
unserer ersten Besucher im Waldorf-Astoria, und gestern Abend waren wir
zum Diner bei ihm.
Sein Haus liegt dicht am Central-Park. Es hat hohe Türme und eine
breite Bogen-Loggia, von der aus man in die herbstlich gefärbten
Bäume des Parks und auf den fortwährenden Strom der vorbeifahrenden
Equipagen blickt. Auf dem mit blitzenden Kupferplatten belegten Dach
stehen zwei große Bronzereiter, ähnlich wie die auf dem deutschen
Reichstagsgebäude, bei denen man sich auch immer staunend fragt, wie
sie wohl da hinaufgeraten sind. Die Haustür ist massiv geschnitzt
und entstammt einem alten befestigten Hause bei Golconda; sie ist
mit weit vorspringenden eisernen Spitzen versehen, die einst dazu
dienten, den Anprall feindlicher Elefantenreiterei aufzuhalten. Durch
diese Tür tritt man in eine weite, weißgoldene Halle. Zwei ägyptische
Mumienkasten, reich bemalt und vergoldet, mit Deckeln, deren obere
Enden Sperberköpfe darstellen, stehen aufrecht, wie Schildwachen zu
beiden Seiten einer wunderbaren Malachittreppe, die zu den oberen
Stockwerken führt.
Es ist eine weltbekannte Treppe, über die die Lebemänner zweier
Kontinente geschritten; führten ihre Stufen doch einst zu jener
berühmten Aspasia des zweiten Kaiserreiches, der sie ein russischer
Großfürst geschenkt. In der großen débacle, die das Kaiserreich
verschlang, verschwand auch jene Dame. Ihr mit Schätzen gefülltes
Haus ward während der Belagerung von Paris durch feindliche Kugeln
zerlöchert und dann von Kommunarden geplündert. Ein armenischer
Antiquar, der mit richtiger Witterung guter Gelegenheiten in Paris in
einem Keller versteckt geblieben war, erwarb in jenen Tagen für ein
Spottgeld die Malachittreppe, und von ihm hat sie der jetzige Besitzer
erstanden.
Gepuderte Diener mit respektablen englischen Gesichtern standen sich
auf den Treppenabsätzen stumm gegenüber.
»Als der Herzog von Hardup neulich verkrachte«, erklärte mir Charles
W. O'Doyle, »habe ich nach London telegraphiert und seine ganze
Dienerschaft rüberkommen lassen – so war ich doch sicher, Leute zu
haben, die in einem anständigen Hause trainiert worden sind.«
O'Doyle ist ein breitschultriger, stämmiger Mann. Sein rotes
glattrasiertes Gesicht ist unter dem Kinn bis zu den Ohren von einem
kurzen Bart umgeben, der einer Halskrause ähnlich sieht. Große Perlen
prangen auf dem Hemde, eine Kette mit allerhand seltenen Berlocks hängt
ihm quer über dem Magen. Mit dem spitzen vorspringenden Bauche, über
dem sich die breiten haarigen Hände von kostbaren Ringen funkelnd
kreuzen, mit dem gutmütigen, halb irischen, halb Yankeedialekt, in
dem er fortwährend von seinen verschiedenen Kunstschätzen und ihrem
Ursprung spricht, hält man ihn zuerst für einen eingebildeten, aber
harmlosen Narren, bis sich unter den buschigen Augenbrauen einmal
die schläfrig gesenkten Lider heben und man eine Sekunde lang in die
seltsamen Augen blickt; kalt und lauernd sind sie, wassergrün mit
kleinen dunkeln Flecken, wie die gesprenkelte Schale von Kiebitzeiern
–; hat man einmal in sie hineingeschaut, so glaubt man gern eine
jede der vielen Geschichten, die über O'Doyles Skrupellosigkeit im
Gelderwerb kursieren.
Mrs. O'Doyle merkt man es auf den ersten Blick an, daß sie aus der
früheren Lebensepoche ihres Mannes stammt, und daß sie sich unter ihrer
Perlenlast und zwischen den gepuderten Dienern nicht recht wohl fühlt.
Von Zeit zu Zeit schaut sie ängstlich nach ihrem Mann, wenn sie sich
einer besonderen gesellschaftlichen Schwierigkeit gegenüber sieht, oder
wenn sie fürchtet, eine Dummheit gesagt zu haben. Ihr ängstliches,
um Vergebung flehendes Benehmen und die kalten, lauernden Augen von
O'Doyle – welche Faktoren für eine jener häuslichen Tragödien, die sich
täglich neben uns abspielen, ohne daß wir es ahnen!
Die arme Frau hat es nicht einmal fertig gebracht, dem Hause O'Doyle
Erben zu schenken – und Charles W. hat deshalb einen Neffen und eine
Nichte an Kindesstatt angenommen. Der Sohn war nicht anwesend, dagegen
die Tochter, Prinzessin von Armenfelde, die zur Zeit mit ihrem Manne
in Scheidung liegt, weil Charles W. den stets von neuem verschuldeten
Schwiegersohn nicht zum viertenmal von seinen Gläubigern retten will.
So muß sich denn die Prinzessin scheiden lassen, ob sie selbst will
oder nicht. Sie wird den Namen ihres Mannes behalten, und Charles W.
findet, daß er ihn allmählich teuer genug bezahlt hat. Es war übrigens
amüsant zu beobachten, wie sehr die »Prinzeß« der ganzen Familie
imponiert, obschon sie doch vor ein paar Jahren auch noch eine einfache
Miß O'Doyle war, die aus einer Anzahl armer Verwandten zur Adoption
ausgesucht wurde.
Zwei entfernte junge Vettern von Mrs. O'Doyle waren auch anwesend.
Der eine erfreut sich der klangvollen Vornamen Washington Montgomery.
Ich war ganz gespannt, welcher Familienname für solchen Anfang
hochtrabend genug sein würde, und denken Sie sich, er heißt Baggs.
Washington Montgomery – Baggs! Es ist ein Sprung wie von einem Palais
am Central-Park in eine Mietskaserne der neunten Avenue!
Während die Gäste sich versammelten, zeigte mir Washington Montgomery
einige der wundervollen Bilder, die in den Salons hängen, und die in
seinen Augen hauptsächlich deshalb Wert haben, weil sie meistens aus
historischen Sammlungen fürstlicher Häuser stammen, die unter dem
Hammer endigten.
Der zweite Vetter, dessen Name ich mich nicht entsinne, ist offenbar
erst ganz kürzlich in das O'Doylesche Millionenreich verpflanzt worden.
Als Champagner serviert wurde, ward er ganz aufgeregt und rief laut
über den Tisch: »Drink, drink, gentlemen, whilst it's fizzing!«
Der Speisetisch war übrigens ein wahres Entzücken! Ich habe noch nie
eine solche Fülle von Orchideen gesehen, außer vielleicht in dem
Botanischen Garten von Kalkutta. Ich hätte sie gern alle einzeln
bewundert: die langen weißen Dolden, die vom Kronleuchter herabhingen,
die grünlichen, braungeäderten, die wie kleine samtige Schuhe aussehen,
in denen Feen nachts im Mondschein tanzen; die großen blaßlila, die auf
ihren hohen Stengeln so stolz und abwehrend erscheinen, bis daß man
ihre verlangend geöffneten purpurnen Lippen gewahrt. Orchideen kommen
mir immer vor wie manche schöne Frauen, in deren Nähe man gleich fühlt,
daß sie wunderbare geheimnisvolle Dinge erlebt haben müssen. Ich
wünschte, ich verstände die Orchideensprache! Es werden darin gewiß die
seltsamsten Geschichten erzählt.
Bei diesem New Yorker Diner fehlte es übrigens auch nicht an
Geschichten. Beim Öffnen der Servietten fiel jedem Gast ein Etui
in die Hand, das irgendein Geschenk enthielt: Manschettenknöpfe,
Portebonheurs, Nadeln, Schnallen. Alles im modernsten art
nouveau-Geschmack! Kolonel Patterson, der bisherige amerikanische
Vertreter in Kairo, rief seinem alten Freund O'Doyle über den Tisch zu:
»Aber Charles, wozu hast du denn das gemacht? Hier ist doch niemand,
der bestochen werden soll?«
Darauf stürzte sich der Kolonel in eine Flut türkischer
Bestechungsgeschichten, die mir aber ziemlich zahm erschienen, weil ich
drei Jahre lang chinesische Bestechungsgeschichten gehört habe und der
fernste Osten darin dem näheren Orient doch noch über ist. Der Prinzeß,
die nie die Gegenwart der herzoglich Hardupschen Diener vergißt, war
diese Konversation offenbar unangenehm, sie suchte den Kolonel davon
abzulenken und fragte ihn, welche bedeutenden Leute er in Kairo gekannt
habe, worauf sie die Antwort erhielt: »Well, Mrs. Princess, da ist ein
Mann, der Cromer heißt, who bosses the show, und außer ihm war ich da!«
Und nun, liebster Freund, genug aus diesem Vanity Fair!
Möchte mein Brief Sie wohl antreffen, wo Sie auch sein mögen, und
möchten Sie nicht gar zu lang dort bleiben, wo »dort« auch sein möge,
da es doch auf alle Fälle von mir sehr weit fort ist!
11.
_New York_, November 1899.
Lieber Freund! Heute besuchten mich der alte Mr. Bridgewater und seine
Töchter. Er hat lange Jahre in Europa zugebracht und war amerikanischer
Gesandter in Petersburg, woher mein Bruder und ich ihn kennen. Jetzt
lebt er mit seinen Töchtern ganz in New York und in Tuxedo Park.
Er steht hier an der Spitze großer, wohltätiger Institutionen,
schriftstellert und reist häufig nach Europa, mit jener amerikanischen
Leichtigkeit, die eine Art Gottähnlichkeit an sich hat, da sie über
Raum, Zeit und Geld erhaben zu sein scheint.
Mr. Bridgewater erzählte mir von der großen Veränderung, die sich in
Amerika seit dem Kriege gegen Spanien in der öffentlichen Meinung und
in den politischen Anschauungen vollzogen habe. Diese Veränderung
drückt sich in einem enorm gesteigerten Selbstgefühl aus. Die ganze
Nation ist vom Glauben, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein, erfüllt,
ein Glaube, durch den schon soviel Großes auf der Welt erreicht worden
ist. Sie fühlt sich als politische Erwählte des Herrn. Und es ist eine
ganz amüsante Mischung der Gefühle, vor denen man als Zuschauer steht:
ganz trocken prosaische Berechnungen von künftigen Handelsvorteilen,
die errungen werden sollen, und daneben eine beinah religiöse
Begeisterung für den Beruf, andern Licht und Freiheit zu bringen, aber
nicht etwa nur den wilden Völkern – da haben wir ja alle dieselbe
Pretension, Händler und politisch-religiöse Apostel zu sein –, sondern
gerade auch uns armen, umnachteten Europäern. Amerika fängt an, nach
allen Seiten seine Fühlfäden auszustrecken – kann wahrscheinlich gar
nicht anders, denn man empfängt hier den Eindruck einer angesammelten
Kraftfülle, die ungeduldig auf den Moment wartet, sich zu betätigen,
der dabei gar keine Wahl bleibt, sondern die durch die Logik der Dinge
getrieben werden wird, sich weitere Grenzen zu suchen, sich in immer
neuen Weltfragen geltend zu machen.
Wie der einzelne Amerikaner sich schon seit jeher stets den Besten
jedes anderen Landes gleichgefühlt hat, und sein persönlicher
Unternehmungsgeist keine Schranken kannte, so hält sich Amerika
jetzt als Nation auch für fähig und berechtigt, alles zu erringen,
was es will. Und was Amerika will, ist die Welt. Die Welt will ja
jeder, der auch nur die geringsten Chancen hat, sie je zu besitzen
– und die Chancen Amerikas sind unheimlich gut! Schon deshalb haben
die Amerikaner soviel Aussichten, ihre Ziele zu erreichen, weil
sie alles mit ihrem großen Sinn fürs Praktische, ihrer angeborenen
Organisationsgabe anfassen; weil es eine Nation selbständiger
Menschen ist, die individuell genommen, dem Europäer überlegen sind.
Ursprünglich stammen sie ja gerade von jenen ab, denen es in Europa zu
eng und unfrei war, von Leuten, die durch ihr Unabhängigkeitsgefühl in
neue Welten getrieben wurden, wo sich ihre Persönlichkeit ungehemmt
entfalten konnte. Diese ererbte Eigenschaft bildet den Grundzug der
neuen Rasse, und es hat sich in ihr eine ganz andere Initiative und
persönliches Verantwortungsgefühl ausgebildet, als im alten Europa. Vor
allem anderen lernen die Amerikaner für sich selbst zu sorgen und sich
nicht auf die Führung anderer zu verlassen.
Eine Folge ihrer kräftigen Jugendlichkeit ist es, daß sie die
politische Nervosität, an der man in Europa so oft leidet, noch
nicht kennen. Die in manchen europäischen Ländern so beliebte
Beschwichtigungsformel: »Laßt nur die anderen koloniale Gebiete
erobern, sie werden schon dran verbluten«, ist den Amerikanern ganz
fremd. Eine Auffassung, die ungefähr so klingt, als ob ein Eunuche
sich damit trösten wolle, daß man durch Liebesaffairen mitunter in
Unannehmlichkeiten geraten kann. Die Nordamerikaner dagegen haben
vorläufig durch Verkündigung der Monroe-Doktrin ihren ganzen Erdteil
für Tabu erklärt, sie möchten aber am liebsten diese Doktrin auf die
ganze Welt ausdehnen, wobei sie besonders den fernen Osten im Sinn
haben, seitdem sie dort Fuß gefaßt haben. – Vorläufig spricht man
in Amerika freilich nur von friedlicher, kommerzieller Expansion,
aber Überraschungen kann es auf diesem Wege leicht geben, denn seit
dem spanischen Krieg gibt es in Amerika eine Partei, die keine Scheu
mehr vor europäischen Mächten kennt und sich allen ebenbürtig glaubt.
Diese Leute würden bereit sein, es mit jedem aufzunehmen und, wie Mr.
Bridgewater durchblicken ließ, am liebsten mit dem, den sie für den
gefährlichsten Konkurrenten halten. Mr. Bridgewater warf die Bemerkung
hin, daß an England als möglichen Feind am wenigsten gedacht werde. Mit
ihrer einstmaligen Mutter würden die Amerikaner am liebsten gemeinsame
Sache machen, um eine Art politischen Riesentrust zu schließen, zur
endgültigen Regelung der Welt.
Das ist das Weltzukunftsbild, wie es mir ein Amerikaner entwarf.
Ich sende es Ihnen in jenes ferne Land, dessen urprosaische,
enthusiasmuslose Söhne nur in den Sorgen der täglichen Gegenwart
aufgehen und nie Spekulationen über die Zukunft anzustellen scheinen.
Und doch könnten vielleicht gerade diese, allen Zukunftsgedanken so
abgewandten Leute in der Weltzukunft ein großer Faktor werden – –
denn über uns allen steht das Schicksal, und es läßt Handlungen und
Gedankenströmungen, einzelne Menschen und Völker oftmals genau den
entgegengesetzten Zwecken nützen, denen sie ursprünglich dienen wollten.
12.
_New York_, November 1899.
Lieber Freund!
Wir haben einen sehr angenehmen Abend bei Bridgewaters verbracht.
Schon ihr Haus zu sehen, ist eine wahre Freude. Alle Räume sind mit
individuellem Geschmack eingerichtet und mit viel schönen Dingen
geschmückt, die Mr. Bridgewater und seine kunstsinnigen Töchter auf
ihren Reisen gesammelt haben. Das Haus hat seine eigene Physiognomie,
viel Erlebtes liegt darin und es bleibt uns in der Erinnerung, wie eine
ausgeprägte Persönlichkeit. Der alte Mr. Bridgewater ist in diesem
Hause geboren und bewohnt es jetzt mit Kindern und Enkeln – das ist in
New York an sich schon eine Merkwürdigkeit.
Nach dem O'Doyleschen Fest war dieses Diner wie die Offenbarung
einer anderen amerikanischen Welt – und beide Häuser liegen doch nur
ein paar Blocks von einander entfernt! Wir hören aber so viel von
der amerikanischen Gleichheit reden, davon, daß der Präsident aller
Welt die Hände schüttelt, daß wir leicht auf den Gedanken kommen
könnten, die amerikanische Gesellschaft sei eine einzige gleiche
Brühsuppe, aus der, als Klöße, nur etliche Vanderbilts herausragen.
Aber ganz im Gegenteil. Die hiesige Gesellschaft zerfällt in zahllose
verschiedene Koterien, die himmelweit von einander entfernt sind.
Es sind ja alles Amerikaner, und gewisse Rasseneigenschaften werden
sie wohl gemeinsam haben, aber zwischen der O'Doyleschen und der
Bridgewaterschen Koterie z. B. ist ein Unterschied, wie zwischen einem
rohen Stück Rindfleisch und einem im Café Anglais servierten Tournedos
à la Rossini. Und die Tournedos achten strengstens darauf, daß
niemand von den Rindfleischens sich bei ihnen einschmuggele. Im Sinn
für aristokratische Exklusivität, haben die Amerikaner uns Europäer
vielleicht schon überflügelt. Ein jeder, der etwas auf sich hält, muß
hier in der Wahl seines Umgangs auch deshalb selbst so streng sein,
weil die Amerikaner niemand haben, der die nötige erhabene Stellung
einnimmt, um einem anderen den allgemein gültigen sozialen Segen
erteilen zu können. Ich hörte kürzlich eine Amerikanerin sagen, das
sei in europäischen Städten, wo es Höfe gibt, so bequem, da könne
man ruhig all die Leute kennen, die zu den kleinen, auserlesenen
Hofgesellschaften befohlen würden (nicht etwa zu den großen
Aufwaschefesten, da liefe zu vieles mit durch); aber von denen, die auf
der kleinen Liste ständen, könne man mit Sicherheit annehmen, daß sie
sozial wünschenswert seien. Aber in Amerika gibt es kein offizielles
soziales Haarsieb.
Bei Mr. Bridgewater wird offenbar sehr fein gesiebt, und ich habe
da angenehme Menschen getroffen. Ich glaube, die Gäste waren alle
reich. Ich habe aber für diese Annahme nur den einen Anhaltspunkt,
daß sie vieles als durchaus selbstverständlich ansahen, von dem ich
weiß, wie schrecklich teuer es hier ist. Keiner von ihnen erwähnte
Geld oder Geschäfte. Ich glaube, man könnte ihren »set« den der
Geistesaristokratie nennen. Nur darf man in diesem Fall den Begriff
Geistesaristokratie nicht mit Schlapphüten, übergeknöpften Manschetten
und Smoking-Jacken am Vormittag in Verbindung bringen.
Ich saß bei Tisch neben einem Mr. Anstruther, der zum Klub der
vierzig amüsantesten Männer New Yorks gehört. Er war recht nett und
unterhaltend, äußerte aber leider nichts so erstaunlich Amüsantes, daß
es nicht auch außerhalb dieses Klubs hätte erdacht werden können. Ich
wartete den ganzen Abend darauf, wie auf das Bukett beim Feuerwerk.
Aber es stiegen nur einzelne Raketen auf.
Es gehört doch Selbstvertrauen dazu, sich um die Mitgliedschaft
dieses Klubs zu bewerben! Ich fragte, was man denn täte, wenn man
blackballiert würde, und ob man dann sein Lebenlang die Etikette trüge,
ein langweiliger Mensch zu sein? Mr. Anstruther antwortete: »Dann geht
man nach Hause und schreibt ein gescheites Buch und nennt es: a clever
book by a bore.«
»Das ist möglicher, als es zuerst klingt,« meinte Bridgewater, »denn es
ist leichter, ein gescheites Buch zu schreiben, als im täglichen Leben
amüsant zu sein – Bücher werden mit dem esprit d'escalier geschrieben,
der häufig vorkommt, amüsant ist man durch die viel seltenere Gabe der
repartie, und vor allem durch Sinn für Humor.«
»Und wegen dieses Sinns für Humor sind amüsante Menschen eigentlich nie
lustige Menschen,« sagte Anstruther, »denn der Humor sieht die traurige
Komik des Lebens, den Widerspruch zwischen Aspirationen und Leistungen,
zwischen dem, was man sich einbildet, und dem, was wirklich ist. Humor
existiert deshalb auch selten bei jungen Menschen, er kommt mit den
Jahren, und in gleichem Maße, wie er wächst, schwindet die Fähigkeit
eigentlicher Lustigkeit.«
Da Mr. Bridgewater soviel im Ausland gelebt hat, sind Fremde häufig
bei ihm zu Gaste, und wir trafen dort eine russische Witwe, Madame
Baltykoff, eine Schriftstellerin, die Mr. Bridgewater in Petersburg
gekannt hat und die nach New York gekommen ist, um das amerikanische
Leben zu studieren und dann das unvermeidliche Buch darüber zu
schreiben. Madame Baltykoff ist jung und hübsch, voller Interesse und
Begeisterung für amerikanische Einrichtungen; natürlich erwidern das
die Amerikaner, indem sie ihrerseits von Madame Baltykoff begeistert
sind. Anstruther scheint besonders für sie zu schwärmen. Mir gefällt
an ihr, wie sie aus dem Enthusiasmus leicht in Witz und Spott
überspringt, alles plötzlich wieder in Frage stellend. Heiliger Ernst
und Blague, ungefähr zu gleichen Teilen – eine echt slawische Mischung.
Die Amerikaner, die bei dem Diner zugegen waren, sind alle weitgereiste
und gebildete Leute, besonders auch die Frauen. Aber keiner von ihnen
scheint tätigen Anteil am amerikanischen politischen Leben zu nehmen.
Sie waren offenbar stolz auf ihr Land, aber sie schienen es als
einen Eilzug anzusehen, mit dem sie gern zu reisen bereit sind, aber
dessen Führung sie lieber andern überlassen. Denn in Amerika zeigen
gerade die Besten eine gewisse Scheu davor, sich an den öffentlichen
Angelegenheiten handelnd zu beteiligen – na, um so besser, denn es ist
auch so schon ein genügend gefährlicher Konkurrent.
Der alte Mr. Bridgewater schien am meisten Interesse an
Regierungsgeschäften zu nehmen; vielleicht ist es eine Folge seines
langen Aufenthalts in Ländern, wo die geringste Verbindung mit der
offiziellen Welt denjenigen Glanz verleiht, den hier eine noch so
entfernte Verwandtschaft mit den Vanderbilts oder Astors gewährt.
Von Mr. Bridgewater geleitet, langte die Konversation bald beim
Imperialismus und der wachsenden Wichtigkeit der Vereinigten Staaten
an. Mr. Bridgewater sagte: »Ich möchte ein Buch schreiben über den
Eintritt Nordamerikas in das Konzert der Mächte, denn das ist die
wichtigste Tatsache am Schluß des Jahrhunderts, und sie bedeutet nicht
nur eine Verschiebung der realen Machtverhältnisse, sondern sie wird
weittragende geistige Konsequenzen haben. Durch den zunehmenden Verkehr
mit uns werden die Europäer von den amerikanischen Gedankengängen und
von unsern Geschäftsmethoden beeinflußt werden. Wir sind daran gewöhnt,
über alle Dinge, die uns angehen, informiert zu werden und sie frei
zu diskutieren, und es ist schon jetzt bemerkbar, daß, sobald Amerika
an einer Weltfrage beteiligt ist, diese Frage ganz anders ungeniert
von den Zeitungen erörtert wird, als wenn es sich um rein europäische
Angelegenheiten handelt. Je mehr aber die Zahl der Fragen zunimmt, in
denen Amerika eine Rolle spielt, um so mehr wird auch diese Methode
angewandt werden. Das ist ein erster Schritt, um die Europäer zu einem
stärkeren Wunsch nach Selbstbestimmung und einem höheren persönlichen
Verantwortlichkeitsgefühl zu erwecken; so werden sie lernen die
Volksrechte höher zu schätzen und werden verlangen, über ihre eigenen
Angelegenheiten auch selbst gehört zu werden; sie werden sich nicht
mehr damit begnügen, blind geführt zu werden, wie es heute noch
in allen auswärtigen Fragen geschieht. Nichts ist ansteckender als
gewisse Ideen. Früher waren wir es, die alles aus Europa entnahmen,
aber das ist längst anders geworden; heute sind wir schon beinah
völlig unabhängig von der alten Welt und wir senden ihr Korn, Fleisch,
Konserven und eine stetig zunehmende Zahl anderer Artikel – aber viel
wichtiger als all das ist, daß die amerikanischen politischen Ideen
Europa überfluten werden.«
»Halten Sie es wirklich für denkbar, daß amerikanische Anschauungen
über Verfassungen sich in Europa verbreiten werden?« fragte Madame
Baltykoff eifrig.
»Im letzten Ende ganz sicherlich ja«, antwortete Mr. Bridgewater.
»Da bin ich doch anderer Ansicht«, sagte mein Bruder, »denn das
Wachsen der imperialistischen Tendenz in den Vereinigten Staaten,
die Sie uns eben als wichtigste Tatsache dieses Jahrhundertsendes
geschildert haben, ist ein speziell europäischer und monarchischer Zug.
Je mehr Gewicht der äußern Expansion und einer starken auswärtigen
Politik beigemessen wird, um so mehr werden die Volksvertreter, die
sich notwendigerweise mehr mit inneren Fragen beschäftigen müssen,
an Bedeutung verlieren. Eine große imperialistische Politik bedingt
die Herrschaft einzelner großer Führer, und da haben die Länder den
Vorteil, wo ein einzelner Mann an der Spitze des Staates steht.«
»Sehen Sie, Bridgewater«, sagte Anstruther lachend, »dieser Fremde
prophezeit uns einen Kaiser, wenn wir auf dem Pfade der Intervention,
Protektion, Expansion, der Kriege und des Inselschluckens verharren.«
»So wollen wir ihn aus dem Klub der Vierzig wählen«, antwortete unser
Wirt, »dann werden wir sicher sein, daß er gescheit ist.«
»Ja, gescheit und voll moderner Ideen sollte Sam I. von Amerika
freilich sein – sonst müßte er sich ja vor den europäischen Kollegen
schämen.«
Auf dem Heimweg sprachen mein Bruder und ich davon, wie oft man
hier die Empfindung bekommt, daß die Amerikaner uns Europäer als
bemitleidenswert zurückgeblieben ansehen. Nachdem sie uns moderne
Geschäftsmethoden gelehrt haben, wollen sie uns jetzt mit modernen
Prinzipien im allgemeinen versehen und mit allem, was uns sonst auf
geistigem Gebiet fehlen mag. Klingt das nicht sonderbar? Und sie haben
doch eigentlich alles von uns, stehen auf unseren Schultern. Mein
Bruder sagt, er erinnere sich noch sehr gut der Zeit, wo man nach
Amerika kam und für alles so ein gewisses elterliches Wohlwollen hatte;
die Amerikaner fragten damals begierig, ob man wirklich alles bei
ihnen »sehr groß« fände, und freuten sich, wenn man was lobte. Jetzt
sind sie überzeugt, uns überflügelt zu haben.
Na, es muß ja vorkommen, daß Kinder ihren Eltern _über_ sind – wie wäre
sonst das erste Genie entstanden?
13.
_New York_, Dezember 1899.
Lieber Freund! Wir sind seit einigen Tagen aus dem ebenso schönen
wie teuren Waldorf-Astoria fortgezogen und haben sehr nette Zimmer
in einem Boarding House in der Nähe des Central-Parks gefunden, wo
auch Mme. Baltykoff wohnt. Ta ist natürlich bei uns und bildet hier
wie im Waldorf die Freude der weißbemützten Stubenmädchen. Er ist
hier viel weniger reserviert gegen uns als in Peking. Dort erfuhren
wir eigentlich nie etwas über das Leben unserer Boys. Sie waren immer
da, wenn man sie brauchte, verrichteten ihre Arbeit lautlos, kannten
all unsere kleinen Gewohnheiten offenbar ganz genau – aber mit dem
Augenblick, da sie aus unseren Häusern hinaus auf die Straße traten,
verloren sie sich in einer uns unbekannten Welt, und von diesem Teil
ihres Lebens hörten wir nie ein Wort. Nur wenn sie mal einen etwas
längeren Urlaub haben wollten, hieß es, ihr Vater oder ihre Mutter
lägen im Sterben. Anfänglich rührte mich das sehr, ich bewilligte
ihnen immer den Urlaub, bot ihnen auch Arzneien an. Aber sie hatten
wirklich zu viel sterbende Väter und Mütter – mein Vorrat an Mitgefühl
ward so sehr beansprucht, daß er sich schließlich erschöpfte. Hier ist
es ganz anders; Ta ist oft recht mitteilsam gegen mich und erzählt
mir von den Stubenmädchen, die ihn seines langen Zopfes halber gern
als Dame verkleiden und ihn sogar auf einen ihrer Bälle mitgenommen
haben. Hier bin ich ihm offenbar »Vater und Mutter und Beschützer der
Armen«, wie die Inder sagen; ich erscheine ihm als einziges Bindeglied
zwischen seinem früheren und jetzigen Leben. Seitdem er hier so viel
Neger gesehen, hält er, glaube ich, weiße Leute überhaupt für beinahe
stammverwandt. »Das sind keine Menschen, das sind schwarze Teufel«,
sagte er ganz ernsthaft, und will keinesfalls zugeben, daß sie Christen
wie er sein könnten. Auf andere herabzuschauen, ist für Wesen aller
Nüancen nun mal eine freudige Genugtuung.
Ta hat ein paarmal Briefe von seiner Heimat bekommen. Er ist an solchen
Tagen immer sehr still und traurig, und ich fragte ihn, ob er Heimweh
habe. Er antwortete, nein, gar nicht, er sei sehr gern hier, aber seine
alte Mutter ließe ihm immer schreiben, er solle doch wieder kommen,
sie möchte ihn gern bei sich haben. »Ist es nicht eher deine junge
Frau?« fragte ich. »Oh nein!« rief er entrüstet, als habe ich ihn einer
beschämenden Schwäche beschuldigt, »Frau gar nichts, Mutter alles!«
Mein Bruder hat nun für die Mutter Geld nach Peking geschickt, was sie
hoffentlich beruhigen wird.
Mit Tas Hilfe habe ich jetzt ausgepackt und unsere Wohnung
eingerichtet. Es war eine solche Freude, all die lieben gewohnten Dinge
wiederzusehen: die Nephritschalen und Bronzevasen, die Figuren des
Laotse, mit dem langen Kopf, aus Elfenbein geschnitzt, die chinesischen
Sammte, die mit dem Alter einen ganz chinesischen Charakter angenommen
haben, die feinen verblaßten Damaste und Stickereien. Ich habe alles
möglichst so gestellt und drapiert, wie es im Pekinger Häuschen war;
in der Dämmerstunde, wenn Ta lautlos ins Zimmer tritt, glaube ich
manchmal, wieder dort zu sein und würde mich gar nicht wundern, wenn er
Sie anmeldete.
Auch einen Buddha-Altar habe ich über dem Kamin aufgebaut, und
da thronen all die seltsamen Gestalten, die Sie allmählich bei
bestechlichen Bonzen, in verlassenen Tempeln und verstaubten
Antiquarläden für mich aufgestöbert haben. Noch ehe ich Sie in Peking
kannte, hatte ich die Manie, Buddhas zu sammeln. Ich hatte mehrere
von Händlern gekauft, die sie, in ihren weiten Ärmeln versteckt, zu
uns trugen und dabei geheimnisvoll flüsterten, diese Götzen stammten
aus kaiserlichen Tempeln, und es sei ein großes Risiko, sie zu mir
zu bringen. Ich zeigte Ihnen sehr stolz diese Schätze; Sie schauten
sie einen Augenblick prüfend an und sagten dann: »Gar nicht übel für
moderne europäische Imitation«. Das war ein harter Schlag, und ich
war Ihnen zuerst beinah böse, denn nichts tut weher, als liebe Götzen
zu verlieren. Und ich hatte die meinigen so ehrerbietig behandelt und
immer frische Blumen vor sie hingestellt! Aber es sei Ihnen verziehen,
denn Sie haben die falschen Buddhas durch wahre ersetzt, und das tun
die wenigsten Leute, die andern ihre Götter nehmen.
Es ist ja auch nicht eben leicht! –
14.
_New York_, Dezember 1899.
Die letzten Tage, lieber Freund, sind noch ganz der Wohnungseinrichtung
gewidmet gewesen. Sie wissen ja, wie sehr ich von meiner
äußeren Umgebung abhänge. Milde warme Farben, edler Faltenwurf,
schöngeschweifte Linien sind mir physisch wohltuend. Vielleicht
erheben sich die wirklich großen Geister über die äußeren Dinge und
lassen sich nicht von ihnen störend beeinflussen; aber ich bin nur ein
ganz kleines Geistchen, fürchte mich vor dem Meer des Alltäglichen,
Häßlichen, und fühle mich nur behaglich, wenn es mir gelungen, mir
eine eigene kleine Insel zu schaffen und sie meiner persönlichen
Eigenart entsprechend zu gestalten. Ich suche auch immer mich über
das Nomadenhafte meines Lebens hinwegzutäuschen, indem ich unsere
jeweilige Wohnung mit einem Eifer und Ernst dekoriere, als solle sie
ein alles überdauerndes Stammschloß werden – und sie ist doch nie
etwas anderes, als ein Zelt, das immer wieder abgebrochen und von
neuem an anderm fremden Ort aufgeschlagen wird. In manchen der Häuser,
die wir im Lauf der Jahre bewohnten, habe ich sogar Tür und Decken
bemalt; heute neckte mich mein Bruder damit und fragte, ob ich diesem
New Yorker Boarding House auch solche dauernde Erinnerungen meines
vorübergehenden Aufenthaltes hinterlassen wolle. Das habe ich nun zwar
nicht vor, aber, nachdem ich es nun etwas wohnlich um uns gestaltet
habe, will ich wieder meine Malereien aufnehmen. Unser Wohnzimmer hat
ausgezeichnetes Licht, so daß es als Atelier dienen kann, und da mein
Bruder erst nachmittags zurückkommt, habe ich den ganzen Tag dafür
frei. All meine chinesischen Skizzen sind hier, und ich habe manche
an die Wände gehängt, lauter alte Bekannte von Ihnen, zu denen nun
noch japanische und kanadische gekommen sind. Als ich in all den Bogen
blätterte, fiel mir die Pekinger Zeit so besonders lebhaft ein und die
kleine Bilderausstellung, die ich vor unserer Abreise dort arrangierte.
»Premier Salon de Pékin« wurde sie genannt, und ich verkaufte eine
Menge Skizzen! Wenn ich so durch mein Malen ein paar hundert Dollar
verdiene, fühle ich mich so stolz, so self made, als sei ich Charles
William O'Doyle inmitten seiner Millionen! In grauen leeren Tagen, als
die Welt für mich nichts mehr zu enthalten schien, habe ich zuerst
zu malen begonnen, wie eine Zerstreuung, eine Rettung vor den ewig
gleichen, quälenden Gedanken. In den langen Wanderjahren mit meinem
Bruder ist es dann allmählich meine große Lebensfreude geworden, der
befreiende Ausdruck des innerlich Erlebten. Und noch in anderem Sinn
ist das Malen mir zu einer Lebensfreude geworden, denn wenn ich ein
Bild verkaufe, bedeutet das Butter zu meinem täglichen Brot, d. h. die
Möglichkeit, mit solchem kleinen Verdienst andern helfen zu können,
denen es weniger gut geht als mir.
Bei Ihnen fand ich gleich Interesse für mein Malen. Wie viel haben
Sie mir erzählt von Kunst und Künstlern all der Länder, in denen Sie
gelebt, wie oft haben Sie mich zu malerischen Punkten im altersgrauen
Peking geführt, die sonst Fremde wohl nie zu sehen bekommen und deren
völlige Eigenart so manches Motiv bot? Wenn Sie mir so den Zutritt zu
einem sonst stets verschlossenen Tempel verschafften und ich seltsame
Götzen oder stille Klosterhöfe malte, in denen das Licht zwischen den
Zweigen uralter Bäume spielte und über einen gelbgekleideten Priester
glitt, der am Sockel eines riesigen mit Patina überzogenen Bronzelöwen
lehnte und weltentrückt den buddhistischen Rosenkranz durch die Finger
gleiten ließ – wie manchesmal habe ich da Ihre Augen auf mir ruhen
gefühlt und eine neue Arbeitslust, ein größeres Können empfunden durch
die Macht der Freude, die Sie an mir hatten! – Von einem andern in
unseren liebsten Beschäftigungen, in unserer individuellsten Eigenart
verstanden zu werden, ist wie eine geistige Liebkosung. So vieles
erstirbt ja in uns, aus Mangel an etwas Interesse und Pflege. Und jene,
die am meisten in uns getötet und begraben haben, sind oft, die uns am
nächsten standen. Haben Sie Dank, lieber Freund, für alles, was Sie in
mir geweckt und gepflegt haben, für all die Blumen, die geblüht haben,
weil Sie sich daran freuten.
15.
_New York_, 25. Dezember 1899.
Es ist wieder Weihnachten geworden, lieber Freund! Weihnachten in einem
Lande, wo ich das Fest noch nie erlebt habe, wo es mir darum besonders
fremd vorkommt. Warum haben wir nur diesen rührenden und zugleich etwas
komischen Zug, an bestimmten Jahrestagen so besonders zu hängen? Was
wissen wir eigentlich von dem Tag der Geburt Christi und was ist uns
dieser Tag? Und doch, so wenig Bedeutung er für viele unter uns heute
noch in der Hast des Lebens hat, und so wenig wir von Frieden auf Erden
wissen, an diesem Jahrestage scheint es uns, als hätte jeder Mensch
ein besonderes Recht auf Freude, und wir stecken viel Lichtchen an,
um doch ja die Freude sehen zu können, falls sie wirklich mal zu uns
käme. Aber bei uns Einsamen, die wir in fremden Welten leben, pocht
gerade an _dem_ Abend selten die Freude an die Tür. Andere Gäste sind
es, die uns besuchen. Vor allem ist es die alte Frau Erinnerung, deren
Bilderbuch mit jedem Jahr dicker wird. Als ich gestern Nachmittag die
Kerzen am Bäumchen in unserm Wohnzimmer angezündet hatte und meinen
Bruder hereinrief, huschte die alte Frau auch gleich durch die offene
Tür ins Zimmer herein. Den ganzen Tag schon hatte ich gefühlt, daß sie
draußen stand und nur auf den Moment wartete, hereinzuschlüpfen, und
den ganzen Tag hatte ich ihr immer die Tür vor der Nase zugeschlagen,
denn ich fürchte mich ein bißchen vor der alten Frau und ihrem großen
Bilderbuch. Aber nun stand sie neben uns. Ta, dem auch aufgebaut wurde,
hatte sie wohl eingelassen.
Und wie es raschelte und knisterte in den Blättern des großen
Bilderbuchs! wie es darin lebendig ward und längst verstummte Stimmen
wieder klangen in vergessenem Lachen und verhalltem Schluchzen.
Lauter Dinge, die einst gewesen, füllten das Zimmer und umwogten uns;
kleine graue Geisterchen saßen lichtbeschienen in den Zweigen des
Weihnachtsbaumes und flüsterten leise von Vergangenem; und auch all
das, was nie gewesen, was nur gewünscht und ersehnt worden – nun lebte
es für den einen Abend wieder auf.
Am längsten verweilte ich bei den letzten Blättern des Bilderbuches.
Die Weihnachten in Peking standen wieder vor meinen Augen. Erinnern Sie
sich des einen Jahres, als der arme junge Mc Intyre krank war und wir
ihm ein Bäumchen brachten? Ich saß in der Sänfte und hielt die winzig
kleine geschmückte Tanne auf dem Schoß, und Sie gingen nebenher und
ermahnten die Kulis, mich behutsam durch die holprigen, hart gefrorenen
Straßen zu tragen. Erinnern Sie sich der Freude des armen Jungen, als
wir dann bei ihm eintraten und unser glänzendes Bäumchen auf den Tisch
vor ihm aufbauten zwischen den Photographien seiner fern in Schottland
lebenden Eltern und Geschwister, die er sich für _diesen_ Abend recht
nah an sein Bett hatte heranrücken lassen?
Und erinnern Sie sich der Bescherungen in unserem lieben chinesischen
Häuschen, zu denen Sie und ein paar Freunde meines Bruders jedesmal
kamen? Tagelang vorher war große Aufregung, um für jeden eine
Überraschung in den Kuriositätenläden aufzutreiben, und als erst die
Bahn eröffnet war, fuhren unternehmungslustige Leute nach Tientsin, um
zu schauen, was etwa die dortigen europäischen Magazine böten.
Sie, lieber Freund, entdeckten aber immer die reizendsten Dinge! Vor
mir steht heute die kleine altfranzösische Bronzenuhr, die einst
in der Direktoire-Zeit nach China kam, und die Sie von Pekinger
Palastbeamten erstanden und mir unter dem Weihnachtsbaum aufbauten. Das
Piedestal ist noch ganz im Stile Ludwig XVI. mit Delphinen und feinen
Guirlanden geschmückt; darüber erheben sich vier Drachen, die die Uhr
tragen, kuriose Geschöpfe, in denen der französische Künstler möglichst
dem nahe zu kommen suchte, was ihm als chinesisch vorschwebte. Über
der Uhr, auf einer kleinen Weltkugel, steht ein gallischer Hahn, der
offenbar nach Freiheit kräht, aber ein so skeptisches Gesicht macht,
als glaube er schon längst nicht mehr daran.
Als Sie mir diese Uhr schenkten, sagten Sie: »Die paßt so gut zu Ihnen:
ein Fundament altererbten Geschmacks, der von vielen Generationen
herstammt; die Drachen, der Hang zum Absonderlichen, der Zug zum
Unbegreiflichen, Mystischen, der in uns erwacht, je mehr wir sehen,
daß das Exakte, Vernünftige, Realistische doch nichts erklärt und
schließlich immer wieder alles mit einem großen Fragezeichen endet –
und als Spitze des ganzen Gebäudes der kleine tapfere Hahn, der nach
Aufklärung und Freiheit quand même ruft, der viel graue, trübe Tage
erlebt hat und zu sagen scheint, nach all dem Krähen müßte die Sonne
doch endlich aufgehen.«
Ja, das alles und noch so vieles mehr steht auf den letzten Blättern
des großen Bilderbuchs!
Mein Bruder und ich saßen in dem New Yorker Boarding-House-Zimmer unter
dem Weihnachtsbaum, hielten uns schweigend an der Hand und dachten
vergangener Zeiten. Ta löschte eins nach dem andern die Lichtchen
aus, die herabgebrannt waren – ganz wie an anderen Weihnachtsabenden.
Manchmal fingen ein paar grüne Tannennadeln Feuer, knisterten und
glühten, und ein harziger Waldduft zog durchs Zimmer – ja, ganz wie an
allen Weihnachtsabenden! –
16.
_New York_, 26. Dezember 1899.
Gestern, lieber Freund, ward ich unterbrochen und mußte meinen Brief
schließen, ohne Ihnen unsern ganzen Weihnachtsabend geschildert zu
haben. Denn er war mit unserm kleinen Aufbau nicht zu Ende, sondern wir
waren noch zur Bescherung im Hause unseres Konsuls eingeladen.
Mit allerhand Paketen beladen, fuhren wir auf der Hochbahn dorthin.
Nach längerem, vergeblichen Klingeln öffnete uns der Konsul selbst die
Haustür und entschuldigte sich, »der Sam sei wohl beim Tischdecken«.
Dann führte er uns in sein kleines Arbeitszimmer, wo wir einige
deutsche Herren trafen, darunter auch den Generalkonsul mit seinem
herzerfreuenden, ansteckenden Lachen. Der Konsul ist vor einigen
Monaten hierher ernannt worden, und seine Frau ist ihm erst vor ein
paar Tagen aus ihrer Schwarzwaldheimat mit ihren zwei kleinen Kindern
nachgereist. Es ist ein rührend deutscher Zug, daß sie sich, selbst
kaum eingerichtet, zu diesem Abend gleich einige Landsleute eingeladen
haben, die ihn sonst allein mit ihrem Heimweh verlebt hätten.
»Meine Frau baut auf,« sagte der Konsul. Da kam sie schon selbst
herein, sehr jung, mit aschblonden Zöpfen um den Kopf gesteckt,
erstaunten blauen Augen, das ganze Gesichtchen von der Arbeit gerötet.
Auf dem Arm trug sie einen dicken, einjährigen Jungen, mit denselben
erstaunten blauen Augen; und neben ihr trippelte ein kleines,
dreijähriges Mädchen, das mit wichtiger Miene eine Klingel hielt.
»Es ist alles fertig,« rief sie, »Evchen, nun klingle mal schön.«
Und Evchen klingelte, und wir alle folgten in das Wohnzimmer, wo der
Baum strahlte. Mit Ketten, vergoldeten Nüssen, Äpfeln, Pfefferkuchen
war er geschmückt – sicher genau nach dem Vorbild, das die Frau Konsul
bei ihrer Großmutter und Mutter in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen
gesehen hat. Es war sehr heimatlich. Man vergaß dabei die hastende,
neue Stadt da draußen und fühlte sich in eine alte Welt zurückversetzt,
wo der Wechsel so langsam vor sich geht, daß sie eigentlich still zu
stehen scheint.
Der kleine Junge wurde auf den Teppich gesetzt und ein
zusammenlegbares, unzerreißbares Bilderbuch um ihn aufgestellt, und
wir halfen der Frau Konsul die Kiste auspacken, die von ihrer Mutter
gekommen war. Wie sorgfältig war alles gepackt, in Seidenpapier
eingewickelt, mit blauen Bändchen jedes einzelne Paket gebunden und
ein Zettel dran gesteckt, mit ein paar lieben Worten für den Empfänger
in zittriger Handschrift darauf geschrieben. Lauter Dinge waren darin,
die man in New York ganz ebenso bekommen kann. Recht unpraktisch und
doch so rührend deutsch! Selbstgestrickte und gehäkelte Dinge für die
Kinder, selbstgebackener Kuchen und Würste von dem für Weihnachten
geschlachteten Schwein, und auf dem Grund der Kiste ein paar dicke
wissenschaftliche Bücher für den Herrn Konsul und, in modernstem
Rahmen, eine große Photographie von Böcklins geigendem Mönch, dem die
Engelchen lauschen. – Liebes altes Deutschland? Wäre doch Dein Raum
so groß wie Dein Gemüt, daß all Deine fern verstreuten Kinder bei Dir
Platz fänden! –
Evchen hatte sich den Böcklin andächtig betrachtet, nun lief sie ans
Fenster und drückte sich das Näschen an den Scheiben platt.
»Was machst Du denn da,« fragte ich sie.
»Ich gucke, ob da draußen auch Engelchen herumfliegen,« antwortete sie
und setzte dann hinzu: »nein, hier gibt's keine.«
Ich schaute mit dem Kind hinaus in die Straße mit den vielen
gleichmäßigen Häusern, an deren einem Ende, ganz nah von uns, eine
Station der Hochbahn war. Ein hellleuchtender Zug kam herangesaust,
hielt einen Augenblick und brauste dann weiter.
»Der Eisenbahn gefällt es hier nicht,« sagte Evchen, »sie eilt sich so
sehr her zu kommen und dann geht sie immer ganz schnell wieder fort.«
»Liebes Kind,« sagte der Konsul zu seiner Frau, »gibt es nicht bald was
zu essen?«
Sie fuhr aus all den heimatlichen Paketen empor: »Aber ja, es muß alles
schon fertig sein.«
Sie klingelte, aber Ursache und Wirkung folgten nicht aufeinander. Nun
ging sie hinaus, kam aber bald mit bestürztem Gesicht zurück, trat an
ihren Mann und sagte leise: »Willst du nicht lieber mal mit ihm reden?«
Nun ging der Konsul hinaus, und bald hörten wir erregte Stimmen und
darauf etwas Schweres, das die Treppe hinabpolterte. Der Konsul kam
wieder herein, etwas aufgeregt und außer Atem: »Meine Herrschaften, ich
bitte sehr um Entschuldigung – ein kleiner amerikanischer Zwischenfall
– der Neger Sam war schwer betrunken – ich fand ihn, mit dem Eidamer
Käse Ball spielend. – Da habe ich die Rollen umgekehrt und mit ihm
etwas Ball gespielt – und dabei ist er die Treppe hinab und auf die
Straße geflogen.«
»Und als ich vorhin draußen war,« erzählte die Frau Konsul mit
kläglicher Stimme, »aß er die Austern auf und sagte mir, er nähme ja
nur die schlechten, um uns vor Vergiftung zu bewahren.«
Der Generalkonsul lachte in seiner herzhaften Art, und wir alle
stimmten mit ein. Und dann folgte das komischste Weihnachtssouper, das
ich je mitgemacht, denn es stellte sich heraus, daß die irische Köchin
dem schwarzen Sam nachgelaufen war. So gingen wir denn mit der Frau
Konsul in die Küche, retteten, was zu retten war, trugen die Gerichte
hinauf in das Speisezimmer und sprachen außerdem tüchtig den Würsten
zu, die wir aus der Weihnachtskiste ausgepackt hatten.
Als wir Abschied nahmen, sagte unsere Wirtin: »Sie müssen schon
entschuldigen – es ist hier halt alles so anders, als daheim in Baden.«
17.
_New York_, 1. Januar 1900.
Lieber Freund! Möchte das Jahr Sie mit allem Guten beschenken, das ich
Ihnen wünsche! Gleich die ersten Gedanken heute früh flogen hinaus über
die grollenden Wintermeere und die weiten hart gefrorenen Ebenen, in
denen der Sturm heult, flogen aus, Sie zu suchen, und konnten Sie nicht
finden, und flattern nun weiter unstet umher, können nirgends zur Ruhe
kommen, sehnen sich so sehr, Ihnen ein kleines Zeichen zu geben. Alles
Schöne und alles Glückliche möchte ich in Ihr Leben hinein zaubern –
und konnte Ihnen doch am Weihnachtsabend kein Bäumchen schmücken, kann
Ihnen heute zu Neujahr nicht einmal die Hände reichen! Den ganzen Tag
war mir, als müsse heute durchaus ein Wort von Ihnen zu mir dringen,
als müsse Ihre Stimme ganz leise aus der Ferne klingen, wie einstmals
in vergangenen Tagen, als Sie mir sagten: »Und darf es nicht Glück
sein, so sei's doch das Nächstbeste.« Und Ihr »Nächstbestes«, lieber
Freund, war immer noch so viel reicher und zarter, so viel sorgender
als alles, was andere Menschen als höchstes Glück zu geben vermögen;
Sie haben mich so sehr verwöhnt, daß ich mir jetzt oft ganz verlassen
vorkomme.
Auf daß Ihnen aber die Lektüre dieses Briefes nicht schlecht bekomme
und Sie nicht etwa dem Hochmutsteufelchen verfallen, werde ich gleich
hinzusetzen, daß ich immer etwas am großen Heimweh der Vergangenheit
leide, und daß, wenn man mehrere Jahre in einem so eigenartigen Ort wie
Peking gelebt und dort Wurzel gefaßt hat, es schwer fällt, in einer so
absolut entgegengesetzten Welt wie New York heimisch zu werden. Wer
sich in Brüssel wohl fühlt, dem wird auch Paris gefallen, wer sich
in Dresden eingelebt, der wird es auch in München fertig bringen.
– Da sind keine weltentrennende Rassen- und Anschauungsgegensätze
zu überwinden. Wer aber den Osten wirklich mal kennt und liebt, der
passt nicht mehr in diese westliche Welt. Man staunt sie an, sagt
sich wohl auch mit dem Verstand, daß ihr das neue Jahrhundert gehören
wird, aber man wird in ihr nie mehr heimisch, man fühlt sich in stetem
Widerspruch. – Wie mag es nur Kipling, dieser große Orientale, hier
je ausgehalten haben! Wie sehr kann ich ihm das Heimweh nach dem
Osten nachempfinden, das wie ein Moll-Leitmotiv der Sehnsucht durch
seine Werke zittert – unverständlich für die, deren beste Jahre nicht
jenseits Suez gelebt wurden.
Ich muß heute soviel an manche englische Beamte denken, die ich vor
Jahren in Indien gekannt und dann pensioniert und gealtert in irgend
einem Städtchen Englands wiedergesehen habe. Dort in Indien hatten
sie viel räsonniert, über Klima, Natives und Silberkurs, aber trotz
aller Klagen fühlten sie sich doch immer als Götter, wenn auch nur
als Achtel-, Viertel- oder Halbgötter; und es waren doch, ohne daß
sie es recht wußten, ihre glücklichsten Jahre gewesen, die sie dort
verlebt – man ist ja meist glücklich, ohne es zu wissen, und merkt, daß
man es war, daran, daß man aufhört es zu sein. In Bath oder Torquay,
unter grauem Himmel, in engen Zimmern, mit einer ungeschickten,
schlecht kochenden Mary Ann, der sie nie einen hindustanischen Fluch
nachschmettern durften, umgeben von lauter Leuten, die nichts wußten
von der Gottgleichheit, die jedem weißen Sahib in den Städten auf
»abad« oder »epore« zu eigen ist, da verstanden die Armen es erst
ganz, wie schön es einst gewesen; und das große Heimweh nach dem Osten
schlich sich in ihre Herzen und nistete sich fest ein.
Ich komme mir hier so oft vor wie einer jener pensionierten englischen
Beamten! Oder wie eine arme, kleine, vertriebene Königin, der niemand
anmerkt, daß sie einst ein güldenes Krönchen trug! Wenn ich mich in dem
Straßengewühl durchdränge, wo keiner mich kennt, und mir sage, daß,
wenn ich tot umfiele, ich in eine kalte, graue Morgue gebracht würde,
und niemand wüßte, wer ich bin, da sehne ich mich oft nach der Stadt,
wo jeder mich kannte, wo alle am Bahnhof standen, als ich abreiste, und
mir nachwinkten.
Das Bewußtsein der eigenen Kleinheit und Belanglosigkeit lastet auf
uns modernen Menschen allen wie ein schweres Gewicht. Wir leiden unter
der eigenen Winzigkeit, unter den engen Grenzen unseres Wissens und
Lebens, seitdem uns die Endlosigkeit von Raum und Zeit gelehrt ward.
Leute früherer Epochen kannten diesen Gegensatz zwischen menschlicher
Kleinheit und Weltenunendlichkeit nicht; sie müssen zufriedener gewesen
sein, weil sie sich selbst im richtigen Maßstab zu allem übrigen
vorkamen. Diese Menschen, die in alten Häusern mit hohen Giebeln
wohnten, und auch noch heute die Leute, die in ganz kleinen Zentren
leben, wo jeder jeden kennt und der Glaube an die eigene Wichtigkeit
nie getrübt wird, scheinen mir beneidenswerte Wesen; denn es gibt ja
nichts Befriedigenderes, als an sich glauben zu können. In solchen
kleinen Gemeinden floriert dann auch diese höchste Blüte der eigenen
Wichtigkeitsüberzeugung – der Glaube an ein persönliches Fortbestehen.
Es scheint doch ganz unmöglich, daß Herr A, mit dem man alle Samstag
seit dreißig Jahren gekegelt hat, Frau B, mit der man schon auf
der Schule in Rivalität lebte, plötzlich ganz ausgewischt, wie nie
gewesen, sein sollen. Das kann solch bedeutenden Persönlichkeiten
nimmer widerfahren! Sie sind zeitweise unsichtbar, auf der großen
Reise begriffen, die alle mal antreten – aber nachher wird man sich
wieder finden, ganz selbstverständlich. – Wer aber von den Wellen an
zahllose fremde Küsten verschlagen worden ist und gesehen hat, daß
überall und seit unendlichen Zeiten Millionen und Millionen geboren und
begraben werden, ohne daß ihr Kommen und Gehen mehr Bedeutung hätte
als Mückenschwärme, die einen Augenblick durch die Sonnenstrahlen
schweben, der verliert den Glauben an die Wichtigkeit der Erscheinungen
und an die innere Notwendigkeit der ewigen Fortdauer all dieser
ganz gleichgültigen ameisenartigen Existenzen, die in individuell
kaum unterscheidbaren Wiederholungen immer aufs neue entstehen und
vergehen. Wenn einem dann die Erkenntnis aufgeht, daß man selbst auch
nur in die Schar der menschlichen Eintagsfliegen gehört, dann sehnt
man sich nach denen, die durch Freundschaft und liebevolle Pflege uns
zeitweise die Illusion gegeben, als sei man eigentlich doch eine recht
wichtige kleine Fliege, deren Wohl und Wehe für ein anderes Wesen die
allergrößte Bedeutung hat.
Und weil ich das alles heute so sehr empfinde, hier in der Fremde, wo
es jedem offenbar ganz gleichgültig ist, wie arme, kleine, vertriebene
Königinnen das neue Jahr beginnen – drum habe ich Heimweh nach ...
sagen wir nach Peking!
18.
_New York_, Januar 1900.
Ein kalter, grauer Tag. Zum Malen viel zu dunkel. Ein allgemeines
Gefühl des Unbehagens. Das Buch, das man am Kamin sitzend liest,
langweilt. Der Blick hinaus durch die Fenster langweilt ganz ebenso.
Beinah möchte man die Menschen beneiden, die selbstgefällig sagen, »ich
habe mich noch nie gelangweilt«, und die damit nur den Beweis liefern,
wie grenzenlos langweilig sie selbst sein müssen, wenn sie wirklich
nicht imstande sind, die Langeweile des Meisten zu erkennen, womit das
Leben angefüllt ist.
Ich wünschte – ja, was wünsche ich eigentlich? Ich wünschte, ich wäre
mit Ihnen auf einer weiten, merkwürdigen, gefahrvollen Entdeckungsreise
in irgend ein seltsames Land – womöglich einen unerforschten Stern.
Bitte, werden Sie nun aber nicht gleich eitel! Daß Sie nicht eitel
sind, ist ja gerade eine Ihrer nettesten Eigenschaften, und jede
echte Frau muß einen eitlen Mann unausstehlich finden, denn er
nimmt ihr damit etwas weg, worauf sie ihr spezielles, anerkanntes
Frauenrecht hat. Ich suche Sie ja auch nur deshalb zum Begleiter auf
den unerforschten Stern aus, weil Livingstone, der dort sicher sofort
Bescheid gewußt hätte, nun doch schon tot ist.
Aber wahrhaftig und im Ernst – ich habe manchmal eine so brennende
Sehnsucht, etwas zu werden, zu sein, zu leisten! Ich komme mir zuweilen
vor, als bestände ich aus lauter ungenutzten Fähigkeiten und als gingen
alle Gelegenheiten, sich zu betätigen, die die meinen sein sollten, an
mir vorbei und zu anderen hin, die nicht wissen, was sie damit beginnen
sollen. Wir Menschen bestehen eben aus solchen, von denen nie annähernd
das verlangt wird, was sie zu leisten imstande wären, und aus anderen,
an die Anforderungen gestellt werden, denen sie in keiner Weise
gerecht werden können. – Letztere sind natürlich die glücklicheren,
denn ein Teil ihrer Unfähigkeit besteht gerade darin, gar nicht zu
merken, wie sehr sie es sind.
Das Ergebnis dieser Welteinrichtung ist, daß niemand da steht, wo er
stehen sollte. Wenn jemand plötzlich einen verantwortungsvollen Posten
bekommt, gratuliert man ihm und sagt: »endlich, the right man in the
right place« und denkt dabei: »what a mess he will make of it!« Und
gewöhnlich hat man mit letzterer Vermutung recht.
Und ein großer »mess« der Weltenregierung ist es offenbar, daß ich hier
sitze, abwechselnd in den Kamin oder auf die Straße starre, und daß
alles andere, was ich etwa sonst noch tun könnte, ganz ebenso zwecklos
wäre.
Frauen sitzen eigentlich immer da und warten, ob die Türe aufgeht und
jemand kommt.
19.
_New York_, Januar 1900.
Ich ward gestern unterbrochen, lieber Freund! Weiß nicht, wie lange ich
Ihnen sonst noch grau in graue Weltenbetrachtungen geschrieben hätte!
Seien Sie also dankbar, daß gestern die Tür wirklich aufging und Madame
Baltykoff bei mir eintrat, ein Pelzmützchen auf dem Kopf, das ihr so
natürlich gut stand, wie jeder Katze ihr Fell.
»Nein, wie beneidenswert unbeschäftigt Sie aussehen!« sagte Madame
Baltykoff. »Und ich bin so abgehetzt durch alles, was ich mitmachen und
wobei ich gesehen werden soll. In keinem Lande der Welt habe ich noch
so viel von »sozialen Pflichten« reden hören! Ich glaube, sie ersetzen
alle anderen! Heute war ich schon mit einer New Yorkerin, die mich ins
Schlepptau genommen, auf einem Dejeuner, einem Wohltätigkeitsbazar
und drei Jours. Und jedesmal, wenn ich die gewisse Ankunftslangweile
überwunden hatte und gerade anfing mich etwas zu amüsieren, machte mir
mein sozialer Pilot verzweifelte Aufbruchszeichen, weil wir noch in so
und soviel Häusern gesehen werden müßten. Ich kam mir schließlich wie
eine Verbrecherin vor, die sich Alibis schafft! Nun habe ich noch einen
Besuch vor, bei einer ehemaligen Landsmännin, und da müssen Sie mich
durchaus begleiten. Es ist Ihnen auch gar nicht gut, so vor sich hin zu
brüten, wie ein weiblicher Oblomoff.«
Und da all mein Tätigkeitsdrang von jeher damit geendet hat, mich von
äußeren Mächten treiben zu lassen, ging ich mit Madame Baltykoff
hinaus in die kalte graue Winterwelt und lernte Miß Tatiana de
Gribojedoff kennen.
Wenn Sie den Namen auch dreimal lesen, lieber Freund, sie heißt
wirklich so, und das Miß hat auch seine Berechtigung.
Tatianas Vater war natürlich Russe, ihre Mutter dagegen war die Tochter
eines aus Illinois stammenden amerikanischen Konsuls Carmichael in
Archangel, und in jener kalten Weltecke hat auch die Wiege der kleinen
Tatiana gestanden. Madame de Gribojedoff, née Carmichael, scheint
sich dort aber nie so recht behaglich gefühlt zu haben, woraus ihr
meinerseits kein Vorwurf gemacht werden soll. Ihr Bestreben ging dahin,
Tatiana in der Kritik und Mißachtung alles Russischen zu erziehen und
ihr eine unbedingte Bewunderung für alles Angelsächsische beizubringen.
Als der Vater Tatianas starb, ein bedeutendes Vermögen hinterlassend,
wanderten beide Damen nach Amerika zurück; seit dem Tode ihrer Mutter
lebt Tatiana als unabhängige alte Jungfer in New York.
Ihr Häuschen ist vollgepfropft mit all denjenigen Dingen, die
gewitzigte Leute auf Reisen sorgfältig zu kaufen vermeiden. So hat
sie sich von den Niagarafällen indianische Mokassins mitgebracht, die
an einer Wand hängen, dicht neben einem spanischen Fächer, auf dem
ein Stiergefecht abgebildet ist. In Mexiko hat sie allerhand aus
dortigem Marmor verfertigte Früchte gekauft, rosa Pfirsiche, grüne
Mangoes, braune Feigen liegen auf einer Konsole, zusammen mit den
Ergebnissen eines Ausflugs nach Havanna, großen schillernden Muscheln
und Mustern verschiedener Korallensorten. Der dahinter aufgehängte
Spiegel gestattet auch, die Rückseiten zu bewundern. Von Sorrent hat
Miß Tatiana kleine aus Olivenholz verfertigte Bücherbretter mitgebracht
und auf diesen steht, neben römischen Mosaikschälchen und einer
Miniaturnachbildung des Vestatempels, eine ganze Batterie von Gläsern
aus verschiedenen Badeorten, deren Brunnen Miß Tatiana getrunken
hat. Allerhand Inschriften sind auf diese Gläser geschliffen: »Zur
freundlichen Erinnerung an Schlangenbad«, »Wohl bekomm's«, auch eine
Abbildung der Trinkhalle in Baden-Baden. Vielleicht ist es eine Folge
all dieser gesundheitsfördernden Flüssigkeit, daß Miß Tatiana so lang,
spitz und mager ist.
Sie saß an einer Seite des Kamins, und auf der andern saß ein kleiner,
dicker, älterer Herr, den Madame Baltykoff als Iwan Iwanowitsch
begrüßte und der mir als Herr Baschmakoff vorgestellt wurde. Die Wirtin
und ihr Gast schienen eben eine politische Debatte gehabt zu haben; sie
sah erregt aus, und nachdem wir uns gesetzt hatten, fuhr sie in dem
begonnenen Gespräch fort: »Wahrlich, Mr. Baschmakoff, jeden Tag, wenn
ich von der Unterdrückung der armen Finnen lese, bin ich dankbar, daß
ich auswanderte und eine freie amerikanische Bürgerin geworden bin.«
»Aber liebe Tatiana Feodorowna«, antwortete der kleine, dicke Herr, »es
wäre Ihnen doch nichts in Rußland geschehen – Sie sind ja gar keine
Finnländerin.«
»Das ist eine feige Ausrede. In solchen Fällen muß man sich eins
fühlen mit den Unterdrückten. Da ich all dem Unrecht, das in Rußland
geschieht, nicht abhelfen konnte, habe ich wenigstens durch meine
Auswanderung dagegen protestiert.«
»Immer die gleiche, immer dasselbe Feuer bei unserer lieben Tatiana
Feodorowna,« seufzte der alte Herr.
»Und bei Ihnen immer der gleiche Eigensinn, in jedem Satz wenigstens
einmal diese komische russische Anrede anzubringen – Tatiana
Feodorowna!«
Herr Baschmakoff legte die Hand auf seinen vorspringenden Magen, in der
Gegend, wo hinter all dem Fett das Herz sitzen muß, und erwiderte: »Es
ist mir eben mein Leben lang der liebste Name der Welt gewesen.«
Das alte Fräulein schien hierdurch etwas besänftigt, wandte sich zu
mir und sagte: »Sie werden mir zugeben, daß es bei meinen Ansichten und
als freie Amerikanerin hart ist, den Namen Tatiana de Gribojedoff zu
tragen.«
»Vergessen Sie nicht, liebe Tatiana Feodorowna, wie oft ich Ihnen
angeboten habe, diesen Namen zu vertauschen,« sagte der kleine dicke
Herr und drückte wieder die Hand auf den vorspringenden Magen.
Da lachte die alte Dame laut. »Nein, wissen Sie, Gribojedoff oder
Baschmakoff – das bleibt sich nun schon gleich. Ja, wenn Sie
Washington, Lincoln oder meinethalben auch nur Brown oder Smith hießen,
hätte ich's mir überlegen können – aber so!«
Und beide, der alte Herr und das alte Fräulein, lachten über diese
Neckerei, die immer wieder aufgefrischt wird, wenn Herr Baschmakoff
alljährlich aus Archangel nach New York kommt, um seine Jugendliebe im
Lande ihrer Wahl zu besuchen.
»Die Philippinen machen mir viel Sorge«, erzählte uns die russische
Amerikanerin, indem sie auf eine neben ihr liegende Zeitung wies, »es
ist offenbar notwendig, daß neue Truppen hingeschickt werden. Ich hoffe
nur, daß das State Departement zu äußerster Energie in der Bekämpfung
der Rebellen entschlossen ist. Sicherlich müssen fremde Intrigen und
Aufwiegelungen derjenigen dahinter stecken, denen es ein Greuel ist,
daß wir in dem geknechteten Orient Fuß fassen, sonst hätte jenes arme,
umnachtete Volk doch längst eingesehen, daß wir ihm das Licht der
Freiheit bringen.«
»Vielleicht werden Ihre westlichen Methoden im fernen Osten nicht so
recht gewürdigt und verstanden, liebe Tatiana Feodorowna, vielleicht
passen sie auch nicht so recht dorthin«, warf Herr Baschmakoff
schüchtern ein.
»Die Wahrheit und das Recht passen überall, aber Ihr Russen denkt
immer, daß Ihr allein den Osten versteht. Ich gebe Euch ja gern zu, daß
Ihr jenen Völkern näher steht als wir, aber warum sollen sie erst noch
auf dem weiten Umweg über Knute, Sibirien und Orthodoxie zu endlicher
Freiheit und wahrem Glauben geführt werden?«
»Was ist denn der wahre Glaube?« fragte Madame Baltykoff.
»Der wahre Glaube?« Miß Tatiana stockte einen Augenblick und antwortete
dann rasch entschlossen: »Der wahre Glaube ist, was man in den
Vereinigten Staaten glaubt.«
»So so«, sagte Madame Baltykoff und fuhr dann nachdenklich fort, als
sinne sie über ein schweres Rechenexempel nach, »Methodisten und
Baptisten, Kongregationalisten und Christian Scientists, vereinigte
Brüder und Jünger Christi, Heilige der letzten Tage, Quäker und Shaker
– und gar die Mormonen – die haben also alle den wahren Glauben?«
Miß Tatiana unterhielt uns noch längere Zeit mit der erregten
Diskussion verschiedener politischer Fragen. Der geduldige Baschmakoff
bekam noch viel Schlimmes über Rußland von ihr zu hören und sie gab
ihm zu verstehen, daß, wer nicht angelsächsischer Abstammung ist, nur
schlaue Berechnung und Eigennutz zu Motiven seiner Handlungen haben
könne.
Wenn Madame Baltykoff mir zuweilen als wandelndes Fragezeichen
erscheint, so habe ich in Miß Tatiana eine lebende Assertion kennen
gelernt. Sie erinnert mich an eine pommersche Gutsbesitzerin, die ich
vor Jahren gegen direkte Steuern eifern hörte; in meiner damaligen
Jugend und Unwissenheit fragte ich sie, was das sei, und erhielt die
Antwort: direkte Steuern sind die, die man selbst bezahlt, indirekte
Steuern solche, die andere Leute bezahlen, drum sind die ersteren
schlecht und die anderen gut.
Miß Tatiana besitzt auch diese Gabe anschaulicher Definition und
rascher Schlußfolgerung.
20.
_New York_, Januar 1900.
Lieber Freund, heute Nachmittag wollte ich die Frau unseres Konsuls
besuchen. Ich fuhr mit der Hochbahn zu ihr, denn sie wohnt weit
draußen, in einer der Straßen mit den ganz hohen Nummern, die mich
immer an neuformierte, an den Grenzen aufgestellte Regimenter erinnern.
Die Häuser sehen alle ganz gleich aus, man könnte jedes mit jedem
verwechseln, und darin liegt wohl gerade das Militärische; sagte
mir doch mal mit Begeisterung ein junger Verwandter, der seit ein
paar Wochen Leutnant war: »Vollkommene Gleichmäßigkeit ist das Ziel,
Verwischung der Individualitäten die erste Aufgabe.«
Da ich die Frau Konsul nicht zu Hause traf, ging ich von dort aus noch
etwas auf eigene Faust explorieren, was mir immer viel interessanter
ist, als wenn ich von patriotischen New Yorkern herumgeführt werde, die
erwarten, daß ich mich für irgendein turmartiges Haus begeistere, in
dem eine Zeitung gedruckt, Korn verkauft, oder Geld gewechselt wird.
Ich ging noch durch einige allerletzte Straßen. Weiter hinaus sieht es
sehr bald aus, als sei man im fernen Westen. Weite leere Grundstücke
erstrecken sich dort mit den seltsamsten kleinen Behausungen.
Zelte, aus allen möglichen Fetzen zusammengeflickt, Löcher in die
Erde gebuddelt wie Höhlen der Urzeitmenschen, daneben Hütten, die
aus Latten, Kistendeckeln, verrostetem Wellblech und Stücken von
Petroleumkasten zusammengezimmert sind. Eine ganze Bevölkerung mit
unbestimmten Berufszweigen haust dort und treckt immer mehr hinaus,
je weiter die Straßen mit den hohen Nummern vorgeschoben werden.
Vielleicht prangt solch abenteuerliches Hüttchen auf der ersten Seite
im Erinnerungsbilderbuch manch jetzigen Millionärs! Das wissen auch
die Leute, die heute noch in den exzentrischen Quartieren äußersten
Elends kampieren müssen, und deshalb ertragen sie alles leichter, weil
sie es als ein Übergangsstadium ansehen und Beispiele vor Augen haben,
daß man sich emporarbeiten kann. Das macht Armut in den neuen Ländern
weniger drückend. Auch dem Ärmsten schwebt immer die Möglichkeit des
finanziellen Marschallstabs vor. Darum kommen sie ja auch über das
große Wasser, um die Hoffnungslosigkeit, die alte Resignation hinter
sich zu lassen.
Heute war es aber unendlich melancholisch da draußen. Ein eisiger Wind
wehte über das flache Land. Kältebeladen kam er aus der Richtung der
großen nordamerikanischen Seen angesaust, fegte alles vor sich her und
pfiff unbarmherzig durch alle Spalten und Ritzen in die merkwürdigen
Armeleutewinkelchen hinein. Ob die Bewohner all der wackligen,
klappernden Hüttchen wohl auch der Ansicht waren, daß dem geschorenen
Lamm der Wind bemessen wird? Wenn man eine Sealskin-Jacke trägt,
erscheint solch behaglicher Glaube immer unanfechtbar.
Bei meinem heutigen Spaziergang dachte ich viel an ähnliche in Peking
verlebte Wintertage. Besonders eines Rittes mußte ich gedenken, den wir
jetzt vor einem Jahre dort gemacht. Da war es auch so kalt, wie heute
hier. Der Wind kam von der sibirisch-mongolischen Ebene hergeweht, so
eisig, als könne es nie wieder Frühling werden. Der Weg dehnte sich
endlos an der grauen Stadtmauer entlang. Die Türme mit den verfallenen
grünen Kacheldächern standen dräuend gegen den fahlen Winterhimmel.
Stellenweise lag etwas hart gefrorener Schnee. Krähen flohen krächzend
vor dem Wind.
Im hiesigen Winter habe ich des dortigen gedacht und ich sende Ihnen
dies kleine Gedicht, das mir dabei in den Sinn kam:
An den hohen Mauern der Stadt
Ritten wir beide schweigend,
Sprachen nicht mehr, weil alles gesagt,
Horchten im Schnee auf das Schrei'n
Der schwarzen Vögel.
Längst verließ ich dich, graue Stadt,
Wandre allein nun schweigend,
Habe keinem mein Leiden geklagt,
Nur in der einsamen Seele schrei'n
Die schwarzen Vögel.
Wie so oft in Peking, war mir an jenem Tage, als sei die ganze Welt
erstarrt in Angst, als harre sie atemlos, Unbekanntem, Unheimlichem. –
Stadt des Leidens, Stadt des Verhängnisses habe ich Peking oft genannt
– und doch liebe ich die graue, düstre Stadt. Ich habe jetzt oftmals
ganz deutlich die Empfindung, als gehöre ich ihr, als hielte sie mich
für ewig, so fern ich ihr auch räumlich bin.
Ich fürchte, ich bin wie alle Leute geworden, die in Peking gelebt
haben und es nachher nicht mehr lassen können, immerwährend darüber zu
reden oder zu schreiben.
Das ist die Rache, die China an den weißen Menschen nimmt dafür, daß
sie beinahe alle doch nur deshalb hingehen, um ihm ein Stückchen
seines Bodens oder sonst irgend einen Vorteil und Besitz abzuringen –
schließlich sind _sie_ es, die von China absorbiert werden.
Lassen Sie sich nicht zu sehr absorbieren, lieber Freund!
21.
_New York_, Februar 1900.
Lieber Freund, meine letzte Wanderung im winterlichen New York ist
mir recht schlecht bekommen. Ich bin seitdem krank gewesen an Husten
und Fieber. Husten und Fieber sind ja nun schon seit Jahren die
Meilensteine, die an meinem Lebensweg stehen. Schließlich wird solch
Meilenstein zu einem Kreuzchen werden. Und wohin der Weg dann weiter
geht und ob es überhaupt noch einen gibt, das weiß man nicht.
Es geht mir aber jetzt schon ein bißchen besser. Ich liege auf dem Sofa
am Kamin. Die weiße tibetanische Ziegenfelldecke, die Sie kennen, ist
über mich gebreitet. Ta geht mit bekümmertem Gesicht ein und aus. Ich
weiß nicht, gilt seine Sorge mir, oder den vielen Briefen, die er in
letzter Zeit von zu Hause erhalten hat.
Gestern schenkte mir mein Bruder ein paar Zweige weißen
Treibhausflieders. In Seidenpapier wohl eingewickelt brachte er sie von
draußen mit – so ein armer, winterlicher Flieder – all die Blütchen
schienen zu frösteln und sich zu wundern, warum man sie gezwungen habe,
sich so sehr zu beeilen, in diese unfreundliche Welt hinein zu kommen.
Jetzt stehen die braunen Stengel, an denen oben die spärlichen weißen
Blütentrauben hängen, in einer schlanken, grünen Bronzevase neben
mir. Die Blumen haben sich etwas erholt, als seien sie dankbar, nun
doch noch ein leidliches Plätzchen gefunden zu haben. Ein schwacher,
schüchterner Fliederduft, der beinah etwas Künstliches hat, steigt von
ihnen auf und zieht durch das Zimmer.
Er weckt viel Erinnerungen. Denn Flieder mahnt mich an gar verschiedene
Zeiten und Orte.
In Garzin, dem märkischen Gut, wo ich aufgewachsen, da blühte der
Flieder im Mai. Vier große Büsche standen auf dem Rasen vor dem Schloß,
in ihrer Mitte eine alte Sonnenuhr. Jeden Frühling, wenn der Flieder
blühte, kam derselbe alte Invalide auf einem Stelzfuß angehumpelt; er
stellte sich im Schloßhof auf und spielte uns auf seiner Drehorgel »Die
letzte Rose« und »Lang, lang ist's her«. Ich weiß nicht, wo er Winters
blieb, aber in all meinen frühesten Frühlingserinnerungen steht der
Invalide mit der Drehorgel, und der Flieder duftet, und wir Kinder
suchen fünfblättrige Fliederblüten – denn die sollten Glück bringen wie
vierblättriger Klee. Einmal schenkte ich dem alten Drehorgelmann solch
ein fünfblättriges Blümchen – aber der glaubte nicht recht daran.
An so viele Zeiten und Orte mahnt der Duft!
Sogar im blumenarmen Peking gab es Flieder. In allen
Gesandtschaftsgärten standen eine Menge Büsche. Im April über Nacht
erblühten sie mit einemmal, alle zugleich. In allen Wohnzimmern, auf
allen Speisetischen war dann die gleiche weiß-lila Pracht und Fülle.
Vierzehn Tage dauerte der Blumenzauber. Das war die einzige Zeit des
Jahres, wo es in Peking gut roch.
In den Tagen der Fliederblüte gab Sir Robert Hart regelmäßig eines
seiner Gartenfeste. Die chinesische, uniformierte Kapelle, die er sich
hielt und auf die er sehr stolz war, spielte die paar europäischen
Weisen, die ihr ein portugiesischer Kapellmeister aus Macao beigebracht
hatte. Mit den altbekannten, nur zuweilen unfreiwilligerweise etwas
veränderten Melodien zog durch den Garten der heimatliche Fliederduft.
Männlein und Weiblein der Société de Pékin wandelten in den paar
Alleen auf und ab und zeigten Tientais neueste Modeschöpfungen; sie
gingen paarweise, persönlicher Neigung folgend, oder gruppierten sich
je nach der augenblicklichen politischen Konstellation. Politik ist
eine Würze, die in Peking gern allem beigemischt wird. – Zum Schluß
dieser geselligen Vereinigungen wurde dann immer eine Quadrille auf
dem kleinen holperigen Rasenplatz getanzt. Man tat jedesmal so, als
sei diese Quadrille der spontane Ausdruck überströmender festlicher
Stimmung – aber sie war im Programm immer ganz vorgesehen.
Das war alles ganz stereotyp – denn alle Dinge in China haben die
Neigung, stereotyp zu werden!
Solche Vergnügungen in entlegenen Plätzen haben mir immer etwas
so unendlich Wehmütiges. Sie sind ein offenbarer Versuch der
Selbsttäuschung, zu dem so sehr viel guter Wille gehört. Kleine rührend
traurige Bemühungen, um zu vergessen, wo man ist, was alles fehlt. Der
festgefaßte und ernsthaft durchgeführte Vorsatz, auch einmal »große
Welt« zu sein.
Wie tieftraurig bin ich doch schon oft inmitten solch künstlich
verpflanzter und betriebener Amüsements gewesen – sie erinnern an
kümmerlichen weißen Winterflieder – der ist auch nichts Rechtes!
22.
_New York_, Februar 1900.
Ich bin noch recht elend, möchte Ihnen aber doch ein bißchen schreiben,
um mir dadurch die Illusion zu geben, als seien Sie hier.
Wenn ich krank bin, tue ich mir immer so schrecklich leid – ich
möchte mich dann am liebsten selbst in die Arme nehmen können und
mich trösten. Gute Gesundheit täuscht über so manches hinweg; wir
fühlen uns allem gewachsen und sind daher mit uns selbst zufrieden,
und sobald man das ist, ist ja alles gut. Wenn wir aber oft krank sind
und die Rechnung zwischen Sollen und Können immer mit einem Defizit
für uns schließt, dann erscheint die ganze Welt wie ein Exempel, das
nie stimmt, wo es immer irgendwo hapert. Glauben Sie nun deshalb
nicht, daß ich hier besonders einsam und vernachlässigt wäre; die
kleine Ecke Welt, die im Gesichtskreis meines Sofaplatzes liegt, ist
wahrscheinlich nicht schlimmer und langweiliger wie andere auch, und es
besuchen mich eine ganze Anzahl Menschen. Am häufigsten kommt Madame
Baltykoff, und gewöhnlich findet sich Anstruther zur selben Zeit ein.
Diese unermüdliche Russin hat erstaunliche Vorräte an Wissensdurst; sie
besieht sich New York von allen Seiten: Auswandererherbergen, Fifth
Avenue-Feste, Schulen, Druckereien, Wall Street, Gefängnisse, Klöster
– tout lui est bon. Kürzlich erzählte sie mir von einem Damenlunch,
bei dem sie gewesen. Während nämlich die New Yorker Herren im Geschäft
sind und Geld verdienen, vertreiben sich die Damen die Zeit, indem
sie sich untereinander kleine Feste geben, bei denen sie sich in
neuen, kostspieligen Einfällen zu überbieten suchen. Für einen solchen
Lunch wird eine bestimmte Farbe gewählt. Die neuliche war lila. Alle
Blumendekorationen, auf dem Tisch, an den Wänden und Kronleuchtern,
bestanden aus Parma-Veilchen, das Tischtuch war Spitzen bedeckte lila
Seide, die Tischkarten lila Karton, Wirtin und Gäste trugen Kleider
verschiedener lila Tönungen. Das kleine, sehr verzogene Töchterchen
des Hauses war als Veilchen verkleidet. Madame Baltykoff erzählte,
es sei während der ganzen Mahlzeit unausgesetzt rund um den Tisch
herumgelaufen; die zärtliche Mutter bemerkte schließlich, daß ihre
Gäste hiervon nervös wurden, aber anstatt das Kind hinauszuschicken,
sagte sie ihm nur: »Dodo, darling, renn doch jetzt mal in der andern
Richtung um den Tisch – es wird uns sonst schwindlig.«
Solche kleinen Damenfeste werden, wie alle sonstigen geselligen
Begebenheiten auch, am nächsten Tage in all ihren Einzelheiten von
den Zeitungen beschrieben. Die Öffentlichkeit des Privatlebens in
Amerika ist immer von neuem ein Gegenstand des Staunens für uns Fremde.
Sie erstreckt sich auf die kleinsten Handlungen der oberen 400. Das
gesellschaftliche Debut einer jungen Dame aus diesen Kreisen wird im
voraus bekannt gegeben, mit Beschreibungen ihrer äußeren Erscheinung
und aller Toiletten, die sie in Paris bestellt hat, man kann in den
Zeitungen lesen, wie viel Taschengeld sie zu verausgaben hat, welche
Handschuhnummer sie trägt, welche Blume sie bevorzugt, wer ihre
Hofmacher sind. Verheiratet sie sich, so werden spaltenlange Artikel
ihrer Ausstattung und ihren Hochzeitsgeschenken gewidmet und genaue
Berechnungen aufgestellt, was der Bräutigam wert ist (an Dollars
nämlich). Eine New Yorker Dame ist eigentlich nie allein – sie agiert
beständig vor Reportern, die der neugierigen Menge die wichtige
Kenntnis aller Einzelheiten ihres Lebens vermitteln. Das Bewußtsein,
fortwährend beobachtet, besprochen und beschrieben zu werden, mag
dazu beitragen, daß die modernen Amerikanerinnen der obersten
Gesellschaftsklassen keinen Augenblick vergessen, welchen Eindruck sie
hervorrufen. Sie sind immer darauf bedacht, zu gefallen, und ruhen
nicht eher, bis jeder, der ihnen naht, sich ihrem Charme ganz gefangen
gibt. Sie sind stets liebenswürdig, reizend und faszinierend, aber
gesunden Menschen anderer Weltteile mögen diese nervösen, blutarmen
Wesen oftmals etwas unnatürlich erscheinen. Sie leben hauptsächlich
von Bewunderung, daneben auch noch von Eiswasser und auserlesenen
kleinen Gerichten, an denen sie ein bißchen herumknabbern; die
Beefsteakseite des Lebens ist ihnen ein Greuel; sie möchten am liebsten
alles Physische abschaffen, nennen es roh, höherer Wesen unwürdig, und
denken, daß es abgetan und in untere Gesellschaftssphären verbannt
sei, weil sie es mißachten. Wegen dieser eigenen Temperamentlosigkeit
und weil sie an die beständige Überarbeitung und geschäftliche
Präokkupation der rasch alternden amerikanischen Männer gewöhnt sind,
können sie in ihrem Lieblingszeitvertreib, dem Flirt, auch soweit
gehen. Ein verliebter Europäer, der europäische Folgerungen ziehen
wollte, käme schlimm an; er würde zu hören bekommen, daß er kein
Gentleman sei und Frauen nicht respektiere.
Inmitten dieses verkünstelten Daseins berührt es seltsam, welche
Vergötterung mit Kindern getrieben wird. Es ist das ein ganz
charakteristischer Zug der hiesigen Gesellschaft. Vielleicht stammt
er noch aus der Zeit her, wo es hier so wenig Einwohner für das
riesige Land gab, daß man sich über jeden neuen kleinen amerikanischen
Bürger ganz unsinnig freute; vielleicht ist es im Gegenteil ein
allermodernstes Gefühl, weil in der neuesten Zeit in der elegantesten,
reichsten New Yorker Gesellschaft die Kinderzahl stetig abnimmt und
man daher ein jedes wie ein kleines Wunder anstarrt. – Die schönen New
Yorkerinnen haben gar so viel zu tun!
Auffallend ist, welches Gewicht dem Urteil amerikanischer Damen auf
allen Gebieten zugestanden wird. Literarischer, künstlerischer Ruf wird
von ihnen bestimmt; wer vorwärts kommen will, muß so malen, schreiben
oder musizieren, daß er den leitenden Damen der Gesellschaft gefällt.
In allen schöngeistigen Dingen sind sie ihren gelderwerbenden Männern
sehr überlegen, und niemand weiß das besser, als sie selbst, aber ich
glaube kaum, daß sie sich dadurch unglücklich fühlen, es erscheint
ihnen der weisen Ordnung der Dinge zu entsprechen; und die Pose der
feingebildeten, nur das Zarteste empfindenden Frau, die von einem aus
gröberem Stoff geformten Mann nicht ganz verstanden wird, ist eine
kleidsam geheimnisvolle. Bezaubernde, diaphane Geschöpfe sind es,
für jede Tagesstunde mit andern berückenden Gewändern versehen, und
die große Nutzlosigkeit ihres Daseins verbergen sie vor sich selbst
mit Erfolg hinter einem felsenfesten Glauben an die Wichtigkeit der
tausenderlei Dinge, die sie in steter Eile betreiben.
Aber das ist nur ein ganz bestimmter Typus, den wir Fremde vielleicht
gerade deshalb am raschesten kennen lernen, weil diese Frauen keine
eigentliche Tätigkeit mit unaufschiebbaren Pflichten kennen und mit
aller Geschäftigkeit und Hast doch immer nur nach neuen Dingen suchen,
um die Zeit zu füllen. Die wahrhaften, berufsmäßigen Arbeiter eines
Landes lernt ein Reisender immer am schwersten kennen, denn die haben
keine Zeit für ihn – und wieviel arbeitende, schaffende Frauen muß es
in dieser 70 Millionen-Nation geben!
23.
_New York_, März 1900.
Raten Sie mal, lieber Freund, wer mich heute hier besuchte?
Der Provikar Hofer! Aber ein entchinester, auch im äußern ganz
römisch-katholisch gewordener Hofer. Zum letztenmal hatte ich ihn vor
zwei Jahren in Pei-ta-ho gesehen, wo er seinen Gesandten besuchte. Wie
alle katholischen Priester in China trug er damals den Zopf (ziemlich
spärlicher Natur) und chinesische Kleider, der Hitze halber aus dünner
weißer Waschseide, die er mehrmals des Tags wechselte, so daß er
stets von immakulierter Weiße war und ich ihm dort einmal sagte, er
gliche im äußern den Lilien auf dem Felde, aber das Sorgen überlasse
er nicht nur dem lieben Gott, sondern halte es darin wohl mehr mit
Martha als mit Maria. Heute nun sah ich ihn in gewöhnlicher schwarzer
Priestertracht wieder und erkannte ihn anfänglich gar nicht in dieser
Rückbildung. Er war aber sonst ganz der Alte, derb, heiter und voll
gesunden Menschenverstandes. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie
ich mich freute, jemand zu sehen, der direkt von Peking kam! Beinah
ebenso froh war ich wie Ta, der dem Provikar einen kotau-artigen
Knix machte und ganz strahlend schien, endlich mal wieder chinesisch
sprechen zu können.
Natürlich fragte ich Hofer gleich nach Ihnen. Er sagte mir aber,
nachdem was er in Peking gehört habe, glaube er, daß Sie erst im Juni
dort eintreffen würden. Da wird es also noch lange dauern, bis ich von
Ihnen höre, und während all der Zeit werden auf der Post in Schanghai
meine Briefe liegen, die ich immer in der Illusion schreibe, als
schwatzte ich mit Ihnen, und als könnten meine Gedanken Sie unmittelbar
erreichen. Von den Pekinger Bekannten erzählte mir der Provikar, und
obschon er nur alle paar Jahre aus seiner Provinz mal hinkommt, kennt
er doch sämtliche dortigen, kleinen und großen Intrigen, als hielte
er die Fäden in der Hand. Er ist mir immer ein Beispiel von der
merkwürdigen Wohlunterrichtetheit des höheren katholischen Klerus, der
alle Diplomaten, diese Regierungsnachrichtensammler, als wahre Stümper
weit hinter sich läßt.
Nachdem mir der Provikar die neuesten Begebenheiten von der Société
de Pékin mitgeteilt hatte, fragte ich ihn, was seine jetzige Reise
bedeute. Er antwortete, daß er auf dem Weg nach Europa sei, um dort
darauf aufmerksam zu machen, daß sich in China schlimme Ereignisse
vorbereiteten. Er erzählte mir, in seiner Provinz herrschten seit
Monaten große Unruhen, die von geheimen Gesellschaften ausgingen und
die einen sehr fremdenfeindlichen Charakter trügen. »Daran sind wir
ja gewöhnt,« sagte er, »was mich aber ernstlich besorgt macht, das
ist, daß diese Unruhestifter offen von den provinziellen Mandarinen
in Schutz genommen werden und diese wiederum sich auf die höchsten
Autoritäten in Peking berufen. Es sind Missionare und einheimische
Christen überfallen worden, ohne daß eine Bestrafung der Täter zu
erreichen gewesen wäre; und die in letzter Zeit neu ernannten hohen
Beamten sind ob ihres Christenhasses und Einvernehmens mit den geheimen
Gesellschaften bekannt. In Peking herrscht eben nicht mehr die Furcht
des Herrn, die beim Orientalen ganz besonders aller Weisheit Anfang
ist. Wir Missionare im Innern fühlen die Folgen solch veränderter
Haltung ja immer am ersten. Wir hören auch manches, was für andere
Ohren zu leise gesprochen wird, und durch China geht jetzt das Wort,
»man brauche sich nicht zu fürchten, die Stunde der fremden Teufel
habe geschlagen«. Favier glaubt wie ich an eine große, nahende Gefahr,
denn auch er ist von seinen einheimischen Christen gewarnt worden.
Die Führer der Großmessermänner sprechen es ja offen aus: »zuerst
die chinesischen Christen, dann die Fremden«. Ich habe dies Wort an
die rechte Stelle hinterbracht, da ist mir aber angedeutet worden,
wir Missionare seien durch allzu viel Schutz verwöhnt und anmaßend
geworden, in früheren Jahren hätten wir Verfolgungsgefahren als die
notwendige Begleitung alles Missionierens angesehen und hätten nicht
nach Kriegsschiffen und Soldaten zu unserm Schutz gerufen. Ich habe
denen in Peking die letzte Warnung gegeben: »Die Gefahr betrifft
diesmal die Missionare nicht mehr als die anderen Fremden – vielleicht
geht es Euch hier in Peking schlimmer als uns in unsern Provinzen.«
Ich konnte es gar nicht glauben, was mir der Provikar da erzählte. Ich
erinnerte ihn an die vollkommene Sorglosigkeit und Sicherheit, mit
der alle Fremden, nicht nur in Peking selbst, sondern Sommers in den
einsamen, entlegenen Tempeln der Umgegend lebten.
»Wie hat sich denn das alles so schnell derartig verändern können?«
fragte ich ihn.
»Da kam vieles zusammen,« antwortete er mir. »Seit ein paar Jahren
herrscht in mehreren Provinzen Hungersnot, und es ist dadurch ein Grad
des Elends entstanden, den man in Europa überhaupt nicht kennt. Viele
Arbeiter fürchten auch für ihren kleinen Broterwerb, wegen der Erbauung
von Eisenbahnen und der Befahrung der Flüsse mit Dampfschiffen, wovon
sie dunkel als von etwas Ungeheuerlichem reden hören. Nachrichten
über auswärtige Begebenheiten verbreiten sich in China zwar langsam,
noch 1897 erinnere ich mich, Priester und Mandarine in der Gegend
von Jehol gesprochen zu haben, die nichts von einem japanischen
Kriege ahnten, aber allmählich ist doch die Kunde von den letzten
europäischen Annexionen in weitere Kreise gedrungen und hat Beschämung
und Erbitterung hervorgerufen. Die wachsende Unzufriedenheit richtete
sich anfänglich gegen die Dynastie und Regierung, die all diese
Übergriffe zugelassen hatten. Nun ist es aber der Kaiserin gelungen,
diesen Zorn von sich abzulenken, indem sie seit dem September 1898
alle fremdenfreundlichen Elemente verfolgt und diese anklagt, an allen
Einbußen, die China in den letzten Jahren erlitten, schuld zu sein.
Sie umgibt sich mehr und mehr mit den reaktionären Elementen und gibt
ihnen zu verstehen, daß sie auf ihre Hilfe gerade gegen die Fremden
zählt. Die Kaiserin ist ja eine weit überschätzte Persönlichkeit,
die von den realen Machtverhältnissen der Welt keine Ahnung hat –
aber sie ist, wie viele sogenannte große Leute, eine Meisterin in der
Wahrnehmung ihrer eigenen, augenblicklichen Interessen und fühlt immer
rechtzeitig, welche Partei in ihrem Lande gerade die stärkste ist,
um sich auf diese zu stützen. Jahrelang stand sie an der Spitze der
chinesischen Fortschrittspartei, was allerdings immer eine sehr milde
Dosis Fortschritt bedeutet, zur Zeit der chinesischen Niederlagen durch
die Japaner hat sie ihren Rückhalt an den fremden Mächten gesucht, und
als sie die wachsende Erbitterung im Lande gerade gegen die Fremden
wahrgenommen, ist sie zu den Reaktionären übergeschwenkt. Heute wissen
alle fremdenfeindlichen Mandarine und Geheimbündler, daß die Kaiserin
nur auf ihre Erfolge wartet, um sich offen zu ihnen zu bekennen.«
»Aber es ist doch nicht denkbar, daß man dem ruhig zusehen und nur
abwarten wird, was weiter geschieht?«
»Hoffentlich gelingt es mir in Europa von der nahenden Gefahr zu
überzeugen – in Peking wollte man Favier und mir nicht glauben. Eine
Krise wäre allen unbequem, drum will sie niemand kommen sehen. Es gilt
jetzt eben die Parole, in China herrsche Ruhe und Ordnung und alles
dort angelegte Kapital würde in nächster Zukunft Goldströme einbringen.
Wer an diesem bequemen Optimismus rüttelt, ist natürlich unwillkommen
und am unwillkommensten den Geldleuten, deren Einfluß der unheilvollste
von allen in China gewesen ist. Diesen Herren zu Liebe, die geborgen
in Europa sitzen, und die selbst nie chinesischen Mördern und Boxern,
chinesischem Klima und Kriege zum Opfer fallen können, wurden den
Chinesen Eisenbahn- und Minenkonzessionen abgerungen. Es ging den
Finanzleuten nie schnell genug, sie konnten nie genug bekommen. Mehr
als jede Regierung waren sie von ihrer Allwissenheit überzeugt und
hörten auf keinerlei Vorstellung, die ihnen von Peking aus gemacht
wurde.«
»Ja«, sagte ich, »davon wissen die geschäftlichen Vertreter der
Finanzbarone in Peking einiges zu erzählen. Aber nicht nur diese
konnten ihnen nie genug erwerben, auch die Gesandten klagten darüber,
daß sie getrieben würden, Dinge durchzusetzen, die sie selbst für
unheilvoll hielten.«
Der Provikar fuhr fort: »Ich habe damals in Peking mit Mandarinen
gesprochen, die derartige Verhandlungen zu führen hatten. Es waren
Leute darunter, die den besten Willen hatten, die gerecht waren und
sich innerlich zu den nötigen Konzessionen entschlossen hatten. Aber
sie sind verzweifelt zu mir gekommen und haben mir geklagt, die immer
neuen Forderungen, die an sie gestellt würden, könnten sie unmöglich
dem Throne empfehlen. Man kenne keine Rücksicht auf chinesisches
Empfinden, es sei auch kein Ende abzusehen, immer wieder kämen neue,
weitergehende Verlangen. – Schritt für Schritt mußten sie dann doch
nachgeben. Schließlich sagte mir mal der eine: »Das, wozu ich jetzt
gezwungen werde, meine Regierung zu überreden, wird die reaktionäre,
fremdenfeindliche Partei ans Ruder bringen, und mir wird es noch mal
den Kopf kosten.« Und er hat mit beidem recht gehabt. Die gierige
Unersättlichkeit der Fremden hat die chinesische Regierung der
reaktionären Partei in die Arme getrieben, und jener chinesische
Unterhändler ist eines ihrer ersten Opfer, eine Art Sündenbock
geworden. Nachdem er alle Ehren seines Landes besessen, sitzt er heute
verbannt in Turkestan, falls er überhaupt noch am Leben ist. Er ist
eine tragische Figur der modernen chinesischen Geschichte.«
»Aber was ist jetzt noch zu tun möglich?« fragte ich.
»Vor allem in Peking keine Inkonsequenz, keine Schwäche zeigen. Auch
könnte man der alten Kaiserin einmal ernstlich drohen, daß man gegen
sie für den jungen Kaiser und seine Reformfreunde Partei ergreifen
würde. Das ist eine Karte, die noch gar nicht ausgespielt worden
ist. Und vor allem, auf alle Möglichkeiten gefasst sein, immer
Gesandtschaftswachen in Peking halten und berittene Mannschaften zur
Hand haben, die auf die geringste Gefahr hin in Tientsin ausgeschifft
werden können, um die Bahn zu schützen.«
»Und nun wollen Sie das alles in Europa vortragen?«
»Ja, ich halte es für meine Pflicht, noch einmal zu warnen, denn wenn
man den jetzigen Moment versäumt, und nicht noch Einhalt geboten
wird, so muß gerade das eintreten, was man vermeiden möchte, und wir
können in China eine Katastrophe erleben, wie sie noch nie dagewesen.
Aller Handel, alle dortigen Unternehmungen werden auf Jahre hinaus
unterbrochen werden, und wir müssen notwendigerweise in Verwicklungen,
Opfer und Ausgaben geraten, die sich gar nicht absehen lassen.«
24.
_New York_, März 1900.
Heute früh brachte die Post einen Brief aus China für Ta. Ich gab ihn
ihm. Nach kurzer Zeit kam er wieder zu mir und sagte mir mit einem
Gesicht, hinter dessen orientalischem Gleichmut doch die Bestürzung zu
lesen war, er bäte mich, ihn nach Hause zurückreisen zu lassen, seine
Mutter verlange durchaus nach ihm. Ich konnte es nicht verstehen,
denn wir schicken seiner Mutter jetzt regelmäßig Geld, und sie ist
eigentlich besser daran, als wenn Ta in Peking wäre. Er blieb aber
dabei, der Brief sei so, daß er nicht länger zögern dürfe, er müsse
durchaus nach Hause, wollte er nicht ein ganz schlechter Sohn sein.
Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Zum Glück kam der Provikar zum
Frühstück zu uns. Ihm erzählte ich den Fall und bat ihn um Rat. Ta
wurde hereingerufen. Sie verhandelten lange miteinander auf chinesisch,
der Provikar las den Brief, dann wandte er sich an mich: »Das ist
nun gleich eine Bestätigung dessen, was ich Ihnen vor ein paar Tagen
erzählte. Die chinesischen Konvertiten in und um Peking scheinen zu
wissen, daß sich schlimme Dinge gegen sie vorbereiten. Tas Mutter,
die wie so viele Christen in der Nähe des Petang lebt, fürchtet sich
offenbar sehr. Sie hat Drohungen gehört gegen die Christen, die
Fremden und alle, die zu ihnen halten. Sie ist Witwe und wohnt allein
mit ihren jüngeren Kindern und mit Tas Frau. Den Brief hat sie einem
Schwager von Ta diktiert und auch dieser sagt, er solle möglichst rasch
zurückkommen. Er fügt noch hinzu, daß Ta, da er Tatare und Bannermann
sei, eigentlich gar nicht außerhalb eines bestimmten Umkreises von
Peking hinaus gedurft hätte. Es sei schon mehrmals nach ihm gefragt
worden, sie hätten sich bisher immer herausgeredet, die Frager auch
mit kleinen Geschenken beruhigt. Aber jetzt fingen Leute, die ihnen
übel wollten, an, von Tas Abwesenheit zu reden; um deren Schweigen zu
erkaufen, gehörten Summen, die sie nicht aufzubringen imstande seien.
Würden sie aber denunziert, so würden sie eingekerkert, gemartert und
um alles gebracht werden. Besonders in jetziger Zeit, wo sich Christen
still verhalten und suchen müßten, möglichst unbemerkt zu bleiben.«
»Und halten Sie die ganze Geschichte für wahr?« fragte ich den Provikar.
»O ja,« antwortete er. »Es ist alles daran so echt chinesisch.
Nirgends wie in China hat jeder einzelne so viel Feinde, d. h. Leute,
die auf ihn drücken, die etwas Schlimmes, das sie über ihn wissen,
ausnutzen, um ihn zu schröpfen. Es ist das Land der Denunziationen, der
Erpressungen. Ein jeder hat da Angst vor einem Anderen Mächtigeren.
Das geht durch alle Schichten. Geheime Gesellschaften, große
Spionagesysteme ziehen sich wie Netze durch das ganze Land. Jetzt hat
eine besondere Agitation gegen Christen begonnen, gegen alle, die mit
den Fremden in Zusammenhang stehen. Als Vorspiel vielleicht für größere
Begebenheiten. Mich erinnert es alles sehr an die Zeiten vor den
Tientsiner Fremdenmetzeleien im Jahre 1870.«
»Was raten Sie mir aber wegen Ta zu tun?«
»Ich fürchte, Sie müssen sich entschließen, ihn nach Hause zu schicken.
Er wird aus der Angst um seine Mutter nicht mehr herauskommen und sich
nicht mehr beruhigen lassen, denn er hat offenbar das Gefühl, daß es
seine Pflicht ist, zu ihr zurückzukehren. Wie sehr der Chinese seine
Eltern verehrt, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen – das steht
sogar in den oberflächlichsten Reisebüchern. Ich habe durch jahrelange
Erfahrung freilich meine Zweifel bekommen, ob die Verehrung an sich
wirklich eine so sehr große ist; aber jeder Chinese wird den Schein
wahren wollen, als sei er ein vortrefflicher Sohn, und wird dafür
sogar große Opfer bringen. Ta geht offenbar sehr ungern von Ihnen
fort, er sagt, wenn er keine Mutter hätte, schnitte er sich den Zopf
ab und bliebe immer bei Ihnen, und mehr kann kein Chinese sagen; aber
er ist fest entschlossen, zurückzukehren. Sie hängen nun einmal alle
so merkwürdig an gewissen Dingen, die ihnen zum Anstand als notwendig
erscheinen. Ich habe chinesische Diener gekannt, die ungerechte,
harte Herren durch Blattern- oder Typhuserkrankungen aufs treueste
gepflegt haben – nicht etwa Gefühls und Mitleids halber, sondern des
äußern Anstandes wegen – sie hätten nicht für treulose Diener gelten
wollen. Dies selbe Gefühl zeigt sich uns ja täglich, wenn wir in China
Gäste haben; da wird in unseren Häusern immer alles musterhaft gehen
– darauf halten unsere chinesischen Diener um ihrer selbst willen, wo
sie in Stellung sind, soll es nach außen gut aussehen. Tas Wunsch, nach
Hause zurückzukehren, ist meiner Ansicht nach viel mehr eine Frage des
Scheins als der persönlichen Neigung. Ich wette, dem Gefühl nach bliebe
er lieber bei Ihnen – obschon ich es nach dreißigjährigem Aufenthalt in
China längst aufgegeben habe, Vermutungen anzustellen über die Gefühle
der Chinesen. Sie sind eben die ewig Rätselhaften.«
Wir sprachen dann über Tas Rückreise und kamen überein, daß es zu große
Schwierigkeiten verursachen würde, ihn ganz allein über San Francisco
nach Hause reisen zu lassen. Ich fühle mich doch auch verantwortlich
für dies gelbe Menschenkind, das ich aus seiner Welt herausgerissen
habe. Schließlich bot uns der Provikar Hofer an, Ta mit sich zu nehmen
nach Europa und von da zurück nach China. In wenigen Tagen reist er.
Ta selbst ist offenbar traurig darüber, scheint aber andererseits
befriedigt, einen hohen geistlichen Herrn zu begleiten, der ihm als
Geschäftsreisender der Kirche doch noch viel mehr imponiert, als mein
Bruder, der im Dienst einer simplen irdischen Firma steht! – Aber mir
ist seitdem ganz weh ums Herz.
25.
_New York_, März 1900.
Liebster Freund! Heute ist mir so grau und trübe zu Mute wie draußen
der Himmel, an dem immer neue Wolken vorbeijagen hinaus zur See.
Ich habe heute Ta zum Dampfer gebracht, auf dem er mit dem Provikar
nach Europa abgereist ist. Heute Morgen kam er wie alle Tage, hatte
die Sachen meines Bruders gebürstet und gefaltet, die Stiefel blank
geputzt – das Methodische, Regelmäßige seiner Rasse lag in dieser
kleinen Handlung, noch bis zur letzten Minute seine Arbeit zu tun.
Sein Gesicht aber war ganz verändert, aufgedunsen vom Weinen, daß die
geschlitzten Augen beinah ganz verschwanden. Der Gedanke, ihn gehen
zu lassen, kam mir plötzlich ganz unmöglich vor, ich fühlte, wie mir
selbst die Tränen in die Augen traten, ich sah ja auch, wie schwer
es ihm wurde, und so sagte ich ihm: »Willst du nicht bleiben? Es ist
ja noch Zeit, Ta.« Da verzog sich sein Gesicht zu jenem seltsamen,
orientalischen Lachen, das wir Occidentalen nie ganz verstehen, das
bei Gelegenheiten erscheint, wo es uns als vollkommen unangebracht,
ja verletzend berührt, das in einer gewissen Schüchternheit wurzelt
und dem rührenden Zug entspringt: meine Angelegenheiten sind viel zu
gering, als daß sie dich stören dürften. So grinste denn der arme Ta,
während er dem Weinen nahe war, und auf meine Frage antwortete er,
indem er einen Finger auf den Mund legte, den Kopf schüttelte und ganz
leise sagte: »Nicht sprechen, Taitai.«
Ja, er hatte recht, wozu auch sprechen über das, was nicht zu ändern
ist.
Tas Abreise gestaltete sich zu einer kleinen Ovation. Die Hausmädchen
in den sauberen weißen Mützen umdrängten ihn, mehrere brachten ihm
kleine Andenken, und alle riefen ihm nach: »Glückliche Reise, Ta! Komme
wieder, Ta! Aber bringe keine chinesische Frau mit, Ta!«
Und er grinste über sein armes verweintes Gesicht, wie es nun mal im
fernen Osten die gute Erziehung gebietet, wenn man so recht gerührt und
traurig ist.
Ich fuhr mit Ta zu seinem Schiff, wo ich ihn dem Provikar Hofer
übergeben sollte. Vom Central-Park hinunter zum Hafen, durch die vielen
verschiedenen Straßen, die immer ärmlicher, häßlicher und holpriger
werden. In einer langen Reihe von Stufen irdischen Besitzes geht es
von den Fifth-Avenue-Palästen hinunter zu den Tenement-Häusern, zu den
Schlupfwinkeln für rätselhafte Existenzen und provisorisch aussehenden
kleinen Läden und Kneipen, die man ganz verwundert ist, noch irgendwo
in New York zu sehen. Von höchster Höhe bis zu tiefster Tiefe führt der
lange Weg, von jenen, die vor der Langeweile von Vergnügen zu Vergnügen
flüchten, bis zu denen, die im Kampf gegen Hunger und Kälte von Arbeit
zu Arbeit hasten.
Auf dem Dampfer herrschte die furchtbare Verwirrung, das Rennen,
Hasten, sich Suchen, das aufgeregte Sprechen, das nervöse Lachen,
das Händedrücken, das Küssen und Weinen der letzten Stunde vor der
Abfahrt. Unendlich viel verschiedene Typen, die die neue Welt auf
jedem solchen Dampfer zurück nach Europa schickt! In die drei großen
Kategorien der Vergnügungs-, Geschäfts- und Gesundheitsreisenden
lassen sie sich einteilen. Von einer Menge Freunde werden die meisten
Reisenden noch begleitet, so daß ein entsetzliches Gedränge auf dem
Deck herrscht. Zwischen all dem stehen die Schiffsoffiziere, ebenso
abgestumpft gegen komische wie gegen wehmütige Abschiedsszenen, und
erteilen mit lauter Stimme Befehle, korrekt, vorschriftsmäßig, echt
europäisch. –
Nur mit Mühe fand ich in dem Gewühl der Abreisenden und
Abschiednehmenden den Provikar. Ich übergab ihm Ta, und er versprach
mir nochmals, gut für ihn zu sorgen und ihn sicher bis nach China zu
bringen. Dann tönte auch schon die Glocke, daß die Nichtreisenden das
Schiff zu verlassen hätten. Ich reichte beiden noch einmal die Hand und
sagte zu Ta »Gott behüte dich!« denn in diesem letzten Augenblick hatte
ich das klare Bewußtsein, daß er mit offenen Augen in eine große Gefahr
ging, weil er es für recht hielt – in seiner Art auch ein Held, trotz
Zopf und Schlitzaugen – und ich gab ihm den Wunsch mit auf den Weg, der
so viele Helden schon begleitet hat: »Gott behüte dich!«
Dann kam ich in das Gedränge, und zwischen lauter fremden Menschen,
die alle auch ihre Sorgen hatten und eilten und hasteten, ward ich
vom Schiff auf die Brücke und dann in den großen dunkeln Schuppen
geschoben, an dem der Dampfer noch lag. Ich blieb noch einmal stehen,
durch das große, offene Tor, das man eben schließen wollte, sah ich
noch einmal das Schiff – es war jetzt los vom Lande, ein Zittern ging
durch das Ungeheuer, als ob ein Riese sich seiner Kraft bewußt würde.
Ich suchte noch einmal mit den Blicken nach Ta und dem Provikar – da
schloß sich das Tor.
Vor mir zur Straße zurück ging eine gebeugte, alte Frau, die bitterlich
weinte; ein kleiner Junge führte sie, und ich hörte ihn tröstend sagen:
»Never mind, granny dear, they'll come back!« Aber die alte Frau weinte
weiter, sie hatte wohl oft Menschen gehen und nicht wiederkehren
sehen und wußte wie ich, daß Menschen vielleicht, Zeiten aber nie
wiederkehren.
Das Episodenhafte des Lebens lastet heute so besonders schmerzlich auf
mir, lieber Freund, das Zerrissene, Heimatlose. Der arme Ta war mir
immer noch wie eine Verbindung mit den chinesischen Jahren; sie waren
ja in vielem traurig und enttäuschend, manches haben wir dort erlebt,
manches aus der Heimat dort vernommen, was uns in tiefstem Herzen
geschmerzt hat – aber ich fühle jetzt doch, daß ich dort angefangen
hatte etwas Wurzel zu schlagen – und dann – man trauert ja auch um die
grauen Tage, wenn sie erst vorbei sind, weil sie eben nie wiederkehren
können und mit ihnen ein Stück von uns selbst verstorben ist.
Seit den Gesprächen mit dem Provikar habe ich die Empfindung, als sei
das China, das ich gekannt, auf immer dahin. Bis jetzt dachte ich, ich
brauchte nur umzukehren, dann fände ich dort alles wieder, wie ich es
verlassen habe – aber dem ist nicht so, man findet nie alles wieder,
denn nichts bleibt still stehen, nicht einmal in China. Und nun quält
mich die Angst, was werden wird, wenn der Provikar wirklich recht hat
mit allem, was er prophezeit.
Wenn er doch in Europa durchdringen und es ihm gelingen möchte, noch
rechtzeitig zu warnen! – Und dann sage ich mir wieder, ist es denn
je gelungen, Ereignisse abzuwenden, Schicksale zu lenken? Menschen
mühen sich ab, ängstigen und grämen sich, möchten helfen und bessern,
und in allem, was sie tun, zum Nutzen oder Schaden anderer, was sie
sich einbilden, aus freier Wahl zu tun, was ihnen als Versäumnis oder
als Verdienst erscheint – in alledem sind sie vielleicht nur blinde
Werkzeuge eines blinden Verhängnisses. – Wer kann es wissen?
Draußen auf dem weiten Ozean zieht das Schiff dahin, das Ta und den
Provikar trägt, und zahllose andere Schiffe kreuzen die Meere, alle
voller Menschen, die auch zweckerfüllt und verantwortungsbelastet sind.
Und vielleicht ist all das umsonst, vielleicht hat doch das Verschen
recht, das ich in einer Chronik unter dem Bilde eines alten
Segelschiffes fand:
»Wirst du einst alt und weise,
So weißt du, daß die Reise
So zwecklos war wie die Well'n.«
26.
_New York_, März 1900.
Lieber Freund, es gibt doch komische kleine Züge in den Menschen!
Wie ein Kreuzfahrer ist Hofer aus seiner fernen Diözese ausgezogen.
In elendem Boot auf dem großen Kanal und in knarrendem Karren auf
durchlöcherten Wegen ist er zuerst nach Peking gefahren, um vor
kommendem Unheil zu warnen; und als man dort nicht auf ihn hört, zieht
er weiter über Amerika nach Europa, um da seine Stimme zu erheben.
Selbstsüchtige Zwecke sprechen dabei nicht mit, auch nicht Angst um
eigene Sicherheit – er will von vielen Unschuldigen eine große Gefahr
abwenden, verhindern, daß die Stecklinge westlicher Zivilisation, die
so mühsam im fernen Osten gepflanzt wurden, in einer großen Katastrophe
vernichtet werden, er will die »Pekinger Taubblinden« um jeden Preis
retten.
Aber das Triviale wohnt nahe beim Sublimen, und die Beschäftigung mit
der Kirche schärft den Sinn fürs Praktische. Kleine Vorteile soll man
auch auf dem Wege zu den höchsten Aufgaben mitnehmen. Während seiner
New Yorker Rasttage hat Hofer den ihm gänzlich unbekannten Charles
W. O'Doyle besucht und ihn auf Grund des chinesischen Ursprungs
seiner Millionen für die Missionshäuser angebettelt. O'Doyle hat
ihm eine bedeutende Summe gegeben, denn diesem großen Mann ist sein
Katholizismus ein Luxusgegenstand, den er sich etwas kosten läßt. Er
und mehr noch die Prinzeß von Armenfelde schmücken sich mit dieser
Religion, die ihnen wie ein Symbol der Vornehmheit erscheint, und der
sie unter ihren Landsleuten viel Bekanntschaften in höheren sozialen
Kreisen verdanken, die sie ohnedem schwerlich je gemacht hätten. In den
Vereinigten Staaten ist der Katholizismus très-bien porté, wie Madame
Baltykoff neulich sagt.
Das Komischste aber ist, daß Hofers Appell an O'Doyles Wohltätigkeit
und dessen Spürsinn für das Sensationelle in Geschäften mir eine große
Bilderbestellung eingetragen haben!
O'Doyle und seine Tochter waren eben bei mir. Er teilte mir gleich
Hofers Besuch mit und ließ durchblicken, daß die Summe, die er ihm
für die Mission angewiesen habe, allein schon die Reise wert sei.
Dann sagte er, er glaube, Hofer habe recht mit seinen schlimmen
Prophezeiungen; sie stimmten überein mit den Voraussagungen seiner
Hongkonger Geschäftsfreunde.
»Um China wird sich in diesem Sommer alles drehen,« sagte O'Doyle.
»Ich täusche mich selten, wenn ich mal solche Behauptungen aufstelle.
Sollten Sie Geld in China haben, rat ich jetzt zu verkaufen, können
später billig wieder kaufen – ganzes Geschäftsgeheimnis in den paar
Worten: billig kaufen, hoch verkaufen. Zu merkwürdig, daß immer noch
Menschen durchaus umgekehrt operieren wollen.«
Nachdem ich ihm versichert, daß ich weder in China noch anderswo Geld
habe, fuhr er fort: »Gehen diesen Sommer in unser Cottage nach Newport.
Baue dort kleinen Pavillon für Nachmittagstee. Habe chinesischen
Pagodenstil gewählt, ausgeschweifte Dächer, bunte Kacheln, viele
Drachen, kleine Glöckchen; habe mich dazu entschlossen, weil dies
Jahr, wie gesagt, nur von China gesprochen werden wird. Teepagode
wird a great success sein! Brauche zur inneren Dekoration chinesische
Ansichten; wollen Sie sie malen?«
Ich ging auf diesen Vorschlag gern ein und mußte meine Mappen
chinesischer Skizzen bringen, von denen ich so manche gemalt habe,
während Sie zuschauten. Vater und Tochter suchten gleich aus. Die
Prinzeß war für das Malerische: ein Sonnenuntergang auf dem Yangtse,
verwitterte alte Mauern in Hangtschau, ein Gewühl von Booten bei Kanton
gefielen ihr, aber der alte O'Doyle verwarf das alles. »Ich will lauter
Pekinger Bilder haben,« sagte er, »dort liegt die Hauptgefahr, hat
Hofer gesagt, davon wird gesprochen werden.«
Es sind wohl noch nie Bilder nach merkwürdigerem Grundsatz bestellt
worden!
Schließlich entschied er sich für einen Eckturm der Pekinger
Stadtmauer, für eine Ansicht der Kaiserstadt mit den goldgelben Dächern
der Paläste und für ein Stadttor, durch das eine Truppe chinesischer
Soldaten zieht – das behagte ihm besonders, denn er meinte, sie sähen
alle wie Räuber, Aufrührer und Mörder aus und würden daher sehr
typisch sein, wenn es im Sommer wirklich zu Unruhen käme. Er stellte
mir in Aussicht, noch mehr zu bestellen – vielleicht will er abwarten,
ob die weiteren Nachrichten aus China so lauten, daß die Bilder
wirklich ein aktuelles Interesse gewinnen.
Es war komisch, O'Doyles Geschäftsspürsinn auf Bildersujets angewandt
zu sehen, aber es beängstigte mich doch sehr, von Revolten und
Fremdenverfolgungen so ruhig reden zu hören, als von Umständen, die man
im voraus eskomptiert, durch die Aktien steigen oder sinken. Aber die
Erinnerung an den Winter 98 hat mich beruhigt. Da sprach man ja auch
von den stets näher rückenden Kangsu-Truppen, die ihren rückständigen
Sold in Peking bei den Fremden erplündern wollten, und es kam auch
wirklich zu vereinzelten Angriffen, als aber nach wenigen Tagen die
Gesandtschaftswachen einmarschierten, erscholl nicht mal ein Ruf gegen
das Häuflein bewaffneter Fremdlinge, und ihre bloße Gegenwart genügte,
um in der wogenden See gelber Menschenmassen um uns herum Ruhe zu
halten.
Es wird wohl diesmal wieder so werden!
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
27.
_Berlin_, Mai 1900.
Mehr als ein Monat ist verstrichen, ohne daß ich Ihnen geschrieben
habe. Ich bin während dem über den Atlantischen Ozean gefahren, stehe
auf demselben Festland wie Sie – aber doch welch unabsehbare Ferne
zwischen uns – und Sie wissen noch nichts von dem, was sich in dieser
Zeit ereignet hat. Warum habe ich Ihnen so lange nicht geschrieben? Ich
könnte sagen, daß es mir an Zeit gefehlt. Das wäre aber nicht wahr. Ein
dunkles Gefühl hat mich davon zurückgehalten, das ich mir selbst kaum
zu erklären vermag. Eine Scheu. Eine letzte Loyalität, die Schweigen
heißt. Ihnen konnte ich auch keine banalen Phrasen schreiben, wie ich
deren so viele in diesen letzten Wochen gehört und selbst gebraucht.
Denn es gibt Anlässe, wo man sich unwillkürlich ins Banale rettet,
weil es eine Hülle ist, eine breite wohl ausgetretene Straße, an deren
Richtigkeit von andern nie gezweifelt wird. Man bleibt damit dicht an
der gehärteten Oberfläche des eigenen Wesens, enthüllt nichts, was zum
innern Ich gehört. Um aber zu den eigentlichen wahren Empfindungen zu
gelangen, muß man in die Tiefen des Herzens greifen, und davor graut
uns, wissen wir doch nie, was wir in ihnen finden werden.
Es ist alles so plötzlich gekommen. Das Ende scheint uns ja immer
plötzlich. Ich mußte mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich Ihnen
schreiben konnte.
Er, von dem wir nie gesprochen, ist gestorben. – Wir erhielten in
New York ein Telegramm, daß er, dessen Namen ich trage, schwer
erkrankt sei. In der Anstalt, in der er sich seit Jahren befand,
war eine Feuersbrunst ausgebrochen. Er war zwar gerettet worden,
aber infolge der nervösen Erschütterung trat eine schwere akute
Gehirnerkrankung ein. Mein Bruder erbat sich telegraphisch Urlaub
von seinem Geschäftshause, und wir reisten mit dem nächsten Schiff
von New York ab. Als wir eintrafen war alles vorüber. Wir fanden nur
ein frisches Grab. Ich ängstigte mich so sehr vor diesem Augenblick,
wußte nicht, was er mir innerlich an Unerwartetem bringen würde, denn
für das alltägliche Leben und seine kleinen Vorkommnisse glauben wir
uns zu kennen, aber bei plötzlichen Gelegenheiten sind wir uns selbst
immer wieder Überraschungen. – Als wir zum Grabe gingen, hielt ich
mich zuerst fest am Arm meines Bruders, wie um Schutz zu suchen vor
Unbekanntem, und dann allmählich ließ die Spannung der Nerven nach –
nichts Unbekanntes, nichts Neues erschien – nichts war verändert. Ich
ward mir plötzlich bewußt, daß ich ganz ruhig war.
Was habe ich eigentlich empfunden?
Sein Leben war seit Jahren so entsetzlich, daß sein Tod niemandem so
erscheinen konnte. Ist doch vielleicht auch bei anderen Wesen, die
nicht wie er die Grenze überschritten haben, die wir Vernunft nennen,
das Leben der Jammer, nicht der Tod. Wir schätzen es nur so falsch,
weil wir durch Generationen hindurch dazu erzogen sind. Wie sollten
auch Leute regiert, wie sollten Leute zu Gott geführt werden, qui
feraient franchement fi de la vie? Gott? Auch dieses eine spezielle
Leben soll er gegeben haben, und es war ihm vermutlich doch auch so
viel wert wie die Spatzen, die er nicht vom Dache fallen läßt. Und doch
ist dies Leben verkommen, der Geist hat sich hoffnungslos umnachtet.
Einer Kette mit bleierner Kugel gleich, hat sich die eine Existenz
hemmend und lähmend an eine andere gehängt. Diesem anderen Wesen war
die Fähigkeit verliehen, den vollen Schmerz, die ganze Entwürdigung
dieser Last bis in seine innersten Fasern zu fühlen; Hoffen, Streben,
Sehnen waren ihm gegeben, und nichts hat sich erfüllt von all den
Möglichkeiten, die ihm vorschwebten. Nachdem dann das eine Leben
wie eine stumpfe, träge Masse jahrelang hingebrütet und das andere
sich mit dem entsetzlichen Bewußtsein eigener Vergeudetheit und
Zwecklosigkeit Jahre um Jahre müde hingeschleppt hatte, da hat eine
rohe Katastrophe das plumpe Ende gebracht. Nichts ist aufgeklärt,
nichts versöhnt. Man steht vor den unvernünftigen Tatsachen. Wozu
das Ganze? Vorsehung? Nein, der Begriff erklärt mir nichts. In der
Vorstellung einer weltenschaffenden, weltenlenkenden Gewalt, die
trotz ihrer Allmacht aus ein paar einfachen Menschengeschicken ein so
hoffnungsloses Wirrsal werden lässt, in der Vorstellung liegt eine
solche Grausamkeit und Willkür, daß man sie immer anrufen möchte: »So
verantworte dich doch, verantworte dich!« – Während all der letzten
Jahre habe ich immer gesucht, diese Gedanken niederzuhalten, habe
gekämpft, die Bitterkeit zu überwinden – und wie schwer war es doch
oft! Besonders wenn es Frühling wurde, Frühling für andere und sie es
so selbstverständlich fanden, glücklich zu sein – und man selbst war
so allein, wie eine Art Zufallserscheinung, für die sich kein Platz
findet im weiten Weltenplane. Wir finden uns ja leicht ab mit der
großen Verschwendung, die in jeder Sekunde die Natur mit Millionen
treibt, die alle des Daseins Möglichkeiten in sich trugen und doch
ungelebt zurückschwinden müssen in das Unbekannte, aus dem sie hoffend
aufgestiegen. Denn nichts lernt unsere Weisheit leichter einsehen,
als die Unabänderlichkeit der Leiden anderer. – Aber, wenn es uns
selbst trifft, wenn die Unabänderlichkeit gerade uns faßt, alles das
in uns knickt, was werden möchte, wenn jeder Tag mit neuem Hoffen und
Warten beginnt und doch nie anderes bringt, als dieselbe Enttäuschung,
denselben müden Abend – dann erst erkennen wir die Ungeheuerlichkeit
des Weltenleids, weil es unser Leid ist. Ach, das gläubige Hoffen
junger Jahre, das allmählich zu zweifelndem Warten wird! Wenn uns
zuerst im Leben Unglück und Unrecht betreffen, denken wir, daß sie
nur ein vorübergehender Irrtum sind – etwas wie ein Rechenfehler –
der gleich korrigiert und richtig gestellt werden wird. Alles in uns
selbst erscheint uns so wichtig, so sehr der Entfaltung wert, daß
wir den Gedanken unerträglich finden, irgend etwas unserer kostbaren
Gaben könne unentwickelt, ungenutzt verkümmern und zugrunde gehen. –
Samenstäubchen? – ja, für die ist es unabänderliches Weltengesetz. Aber
wir?
Doch es mehren sich täglich die Erfahrungen, sie wachsen zu langer
Kette, und blicken wir zurück, so sehen wir, wie Vieles schon in
uns gestorben, noch ehe es leben durfte, verkümmerte Talente,
schaffensfreudiges Wollen, Sehnsucht zu lieben, Anlagen und Interessen
– alles umsonst in uns gelegt, es sollte sich ja nie entfalten dürfen
– war schon im voraus verdammt. Denn viele sind berufen, aber Wenige
sind auserwählt. Mählich wächst dann die Erkenntnis, gegen die wir uns
zuerst noch sträubten, von der wir im Innersten längst wissen, daß sie
recht hat – auch wir gehören zu den Verschwendeten, zu den Millionen,
deren Erscheinen ganz zwecklos war. Überproduktion. Schaum, der über
den Rand des Bechers fließt.
Wer das vom eigenen Leben erkannt hat, den fröstelt es in Mark und
Blut. Wozu überhaupt noch weiter? An Stelle all des Gewollten tritt ein
einzig großes Sehnen, wie die welken Blätter müde niederzusinken und
unter weißschimmernder Winterdecke aufzugehen im feuchtbraunen Boden,
Nahrung werden für die ewig verschwendende Erde – dazu vielleicht
taugen auch wir.
Wie oft habe ich all das während der letzten Jahre gedacht und darum
gekämpft, ruhig und still zu werden. Denn Bitterkeit und Empörung zu
Wehmut und Mitleid wandeln – das ist des Lebens Aufgabe, die wir lösen
müssen, wollen wir nicht in Verzweiflung enden.
Nun stand ich an einem Grab. Auch ein armer, verschwendeter Mensch,
der da unten ruht. Hat mir nichts Übles gewollt – liebte mich sogar
einstmals auf seine Art – es kursiert ja so viel Verschiedenes unter
diesem Namen. Hat mir nichts Übles gewollt – hat nur mein ganzes Leben
vernichtet – hat dazu gerade lange genug leben müssen – in allem
anderen auch nur ein armes, zweckloses Dasein. Niemand kann darauf
Antwort geben: warum mußte er sein und selbst so viel leiden und so
viel Leiden verursachen? Sicher hat auch er einst die große Empörung
und Bitterkeit empfunden, als er zuerst des Unheils Nahen fühlte,
nicht mehr denken konnte wie er wollte, seltsame Handlungen beging,
deren Motive ihm nachher verschwunden waren. Sicherlich hat auch er
sich aufgelehnt und gekämpft gegen das Unverständliche, Stärkere; hat
sich doch schließlich auch in sein Schicksal fügen müssen, denn das
Schicksal ist immer stärker als unser kleiner Verstand und Wille – auch
wenn Schicksal Wahnsinn heißt.
»Die entsetzlichen Tobsuchtanfälle,« erzählte uns sein Wärter, »hatten
vor der Feuersbrunst, während seiner letzten Lebenszeiten, mehr und
mehr abgenommen; es war, als sinke er allmählich in völlige Stumpfheit;
wir erleben das an vielen Kranken; es ist dann schließlich ganz leicht,
mit ihnen fertig zu werden.«
Und ich dachte, ja, zuerst Auflehnung, dann stumpf und mürbe werden,
das ist so Menschenlos. Der eine findet es hier in einer engen
Irrenzelle, der andere draußen in der weiten Narrenwelt.
»Gottlob, nun hat er ausgelitten, nun ruht der arme Herr,« sagte der
Wärter.
Ich schaute ihn erstaunt an. Der Mann sieht Jahr aus Jahr ein solche
Schicksale vor sich und kann noch Gott loben!
Vielleicht aber hatte er recht. Leiden ist das Übel, Tod nur Ende und
Erlösung.
Immer stiller ward es in mir. Ich war so völlig ruhig, daß es mich
selbst erstaunte. Und konnte doch eigentlich nicht anders sein. Die
Verzweiflung meines Lebens, die Anklagen gegen das Schicksal liegen
weit zurück in vergangenen Jahren. Als es niemand noch wußte, als ich
für eine glückliche Frau galt – das war meine härteste Zeit. Damals
lehnte ich mich innerlich auf. Unerträglich war das Gefühl eigener
Zwecklosigkeit, unerträglich der Jammer um mein junges Leben, das mir
noch so unabsehbar lang vorkam. Jetzt scheint mir das alles überwunden.
In mir ist schon lange eine große Stille – ich gleiche einem jener
ausgestorbenen Häuser, wie die Resignation sie gern bewohnt. Dies Grab
ändert nichts mehr. Ohne neue Trauer stand ich daran. Dem Schicksal
sei's gedankt, daß von dem Grab keine Anklage sich gegen mich erheben
kann, dem Schicksal sei es auch gedankt, daß in mir selbst die
Bitterkeit längst schweigt.
Wehmut und Mitleid allein sind geblieben.
28.
_Berlin_, Mai 1900.
Die Zeit meines Bruders ist kurz bemessen. In einer Woche muß er nach
New York zurück. Jetzt ist er auf ein paar Tage zu seinem Chef gereist.
Ich warte hier in Berlin auf ihn, und dann werden wir uns zusammen
einschiffen, denn natürlich gehe ich wieder mit ihm – wir gehören ja
seit soviel Jahren nun schon zusammen und sind uns gegenseitig ein
Stück Heimat. Sie, lieber Freund, werden das gewiß verstehen. Hier
sagen mir freilich viele Bekannte, ich solle doch nun in Berlin bleiben
und mir ein Heim gründen – als ob dazu nur gehörte, eine Wohnung zu
mieten und Dienstboten zu engagieren. Manch einer näselt dann auch
wohl: »Wäre gerade, was in Berlin fehlt, Haus einer unabhängigen Frau,
geistiges Milieu, neutraler Grund, könnte politisch von Bedeutung
werden.«
Welch einsames, kleines Heim würde das sein, und wie gleichgültig
läßt mich das »geistige Milieu«! Für wen? Für wen? – Mir ist es ganz
einerlei, ob mal bei meinem Begräbnis ein paar »politisch bedeutende«
Leute sagen: »Wieder ein angenehmes Haus weniger – gab doch famose
Diners, die Frau« und dann auf die Uhr schauen und wo anders essen
gehen!
Ja, wenn man jung wäre und die Schwungkraft besäße, die der Glaube an
die Wichtigkeit der Dinge stets verleiht! Aber ich bin müde – nur immer
müde.
Und soziale Ambitionen! – ach, Du lieber Gott!
Wäre mein Bruder nicht bei mir, ich käme mir ganz verloren vor, denn in
Berlin fühle ich mich so fremd – fremder beinahe als in Amerika oder
China!
Ich hatte mir immer den Glauben bewahrt, daß es, wenn ich mal wieder
nach Deutschland käme, gar nicht anders sein könne, als daß mich gleich
ein wonniges Heimatsgefühl umfange – und nun ist alles so ganz anders,
als ich es mir in der Ferne dachte! Es ist ja immer alles im Leben
anders, als man es sich dachte – aber nie schöner!
Seit ich in Deutschland bin, warte ich beständig auf das Erwachen
meines Heimatsgefühls – aber es bleibt immer noch aus. Ich hatte
viel Hoffnungen auf den Anblick des Brandenburger Tores gesetzt. Aber
vergeblich. Daß die Allee mit den Kurfürsten und sonstigen großen
Männern es nicht weckte, ist nicht zu verwundern, denn die war mir
gänzlich neu. Hat mir nur bewiesen, daß mich als Kind ein richtiger
Instinkt leitete, wenn ich mich gegen Geschichtsunterricht wehrte – die
Ansichten und Urteile sind ja offenbar noch immer gar nicht feststehend.
Hier im Hotel Buckingham, Unter den Linden, wo wir wohnen, weil es
Amerikaner meinem Bruder empfohlen haben, werde ich sicher auch nicht
zum Bewußtsein einer Heimat gelangen.
Mit meinem fortwährenden Suchen nach Heimatsgefühl komme ich mir halb
rührend, halb komisch vor, etwa so, wie der im heiligen Lande nach
seinem verlorenen Glauben suchende Pierre Loti. Aber fürchten Sie
nichts, lieber Freund, ich will Ihnen nicht wie er ein ganzes Buch
darüber schreiben! Ich bin nämlich viel schneller als Loti zu einer
Erklärung der Vergeblichkeit unseres Suchens gekommen. Ich fürchte,
er wie ich sind zu lange fortgeblieben, er von den Stätten des
Glaubens, ich von denen der Jugend – für Glauben und für Heimat gibt es
vielleicht auch ein »zu spät«. Ist man Ihnen erst einmal völlig fremd
geworden, so versteht man sie nicht mehr und sie lassen sich nicht
wieder finden.
Aber die Sehnsucht nach der einstmaligen Heimat ist doch so stark in
mir, daß ich die Erinnerungen daran wenigstens auffrischen will, um sie
mit mir zu nehmen, wenn ich wieder hinaus segle. Hier in Berlin ist
alles so neu, fremd und groß geworden, daß ich mich vergeblich darin
nach meiner kleinen Vergangenheit umschaue. Ich will sie suchen draußen
auf dem Lande. Morgen früh will ich nach dem Gute fahren, das einst das
Elternhaus meiner Mutter war, und in dem ich dann später bei Verwandten
als Waise lebte, bis der unerwartete Glücksfall eintrat, daß sich für
mich unbemitteltes Mädchen ein wohlhabender Mann fand!
Als arme Verwandte habe ich dort manch bittere Stunde erlebt und habe
den Bruder beneidet, den ich damals selten sah, von dem ich aber
wußte, daß er sich zu einem nützlichen, ihn unabhängig machenden Beruf
ausbildete. Wie gern hätte auch ich das getan! Aber meine Verwandten
hielten es für ihre Pflicht, mich wie die eigenen Töchter zu erziehen,
d. h. mich moderne Sprachen, Handarbeiten und etwas Zeichnen und Malen
lernen zu lassen und mir die Sorge der Herrichtung der Fremdenzimmer
zu übertragen, wenn Besuche kamen. Es war möglichst unpraktisch, aber
ganz standesgemäß. Ich beneidete die Gutsmamsell, die sich ehrlich
ihr Brot verdiente, und ich suchte von ihr zu lernen. Die Verwandten
lachten mich aus und sagten, ich würde sicher noch mal eine gute Partie
machen. Na, sie haben ja in ihrer Art recht behalten – aber die Mamsell
habe ich später erst recht beneidet!
Trotz aller bittern Stunden ist mir Garzin doch immer in der Erinnerung
geblieben als das eine Fleckchen Erde, an das ich ein Recht habe, das
Recht, das man durch Liebhaben erwirbt. In meinen Gedanken habe ich
es unbewußt immer »zu Hause« genannt, obschon die Verwandten, denen
es damals gehörte, längst tot sind und es jetzt, durch allerhand
unverständliche Lehnsgesetze, Eigentum eines ganz fremden, alten Herrn
geworden ist, der nie hinkommt, und sein bißchen kränkliches Leben von
einem Badeort zum andern schleppt.
Dorthin will ich also morgen früh fahren, und bei dem Gedanken dieses
Wiedersehens klopft mir das Herz – ich denke mir, so muß einem zu Mute
sein, wenn man zu einem Stelldichein geht. Und es ist ja auch ein
Stelldichein – mit der Vergangenheit!
Ich trete immer wieder ans Fenster, von dem man auf den innern, zu
einem Miniaturgärtchen verwandelten Hotelhof blickt, und schaue an den
hohen Wänden hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel über mir, und jede
graue Wolke, die daran vorüberzieht, beängstigt mich, denn ich möchte
mein liebes, altes Garzin nicht im Regen wiedersehen, sondern in seinem
hellsten, sonnenbeschienenen Frühlingsgewand. Das stand ihm immer am
besten!
29.
_Berlin_, Mai 1900.
Und ich habe es im Sonnenschein wiedergesehen!
Ganz früh fuhr ich vom Friedrichstraßen-Bahnhof ab. Zuerst durch
das häßliche Straßengewirr, an hohen Häusern vorbei, in die man von
rückwärts hinein schaut, als wolle man heimlich und hinterrücks all
ihre Geheimnisse ergründen. Staub, Ruß, eine unabsehbare Menge von
Schienensträngen, auf denen Vorortzüge wie um die Wette fahren. An
allen Bahnhöfen ein Gewühl von blassen, ruhelosen Großstadtgesichtern,
lauter Menschen, die irgendwohin zu irgend welcher Arbeit eilen
müssen. Lauter kleine Räder eines einzigen großen Betriebs. Alles grau,
freudlos und schon am frühen Morgen so abgehetzt.
Endlich hinaus aufs flache Land und, einer Überraschung gleich,
wahrgenommen, daß es ja eigentlich Frühling ist! Hellgrüne
Saatenfelder, Gemüsegärten, kleine Fichtenschonungen. Rehfelde,
Strausberg, noch andere, altbekannte Namen. Bald darauf hoher
Fichtenhorst, mit Wacholderbüschen als Unterholz; in den Wäldern
scheint die Nacht noch in großen bläulichen Nebelfetzen zu hängen; der
Rauch der Lokomotive vermischt sich mit ihnen und kriecht zwischen den
ersten Reihen hoher rötlicher Stämme bis hinein ins tiefe Waldesdunkel.
Und nun aus dem Wald heraus und rechts der Torfstich, der schon zum
Garziner Bezirk gehört. Neben den schwarzen, viereckigen Wasserlachen
sind die ausgestochenen Torfstücke in regelmäßigen Pyramiden aufgebaut.
Bläulicher Dunst lagert über dem Moor, weiße Birkenstämme schimmern
hindurch, hellgrüne, herzförmige Birkenblättchen zittern in der
Morgenluft; weiter zurück verschwimmt alles im Frühnebel.
Nun hält der Zug. Ich steige aus. Dies ist die Station, von der aus es
in einstündiger Wagenfahrt nach Garzin geht. Ich bleibe unschlüssig
auf dem Perron stehen. Ein Gepäckträger führt eine Berliner Familie,
die auch ausgestiegen ist, und ich höre ihn sagen: »Hier, über die
Bahnbrücke, zur Kleinbahn nach Garzin.«
Kleinbahn nach Garzin? also auch hier ganz Neues. Ich folge der
Berliner Familie und dem Gepäckträger, der sich mit einem Fahrrad und
etlichen Taschen belastet hat, über die hohe Brücke, unter der wir den
Zug, der uns gebracht hat, schon nach Osten weiter rollen sehen, und
steige in einen spielsachenartigen kleinen Bahnzug.
»Kein Gepäck, Madamken?« fragt mich der Dienstmann. Ich verneine leise
und ziehe den dichten schwarzen Schleier fester um mich, denn ich habe
den Mann sicher schon früher gesehen, und mir ist auf einmal so bang
geworden, als täte ich ein Unrecht, und könne dabei ertappt werden.
Die Berliner Familie besteht aus Vater und Mutter, beide dick und
behäbig, Leute, an denen alles selbstverständlich erscheint, die das
Leben sicher ganz einfach und ohne viel Kopfzerbrechen nehmen, die die
Sozialdemokraten verabscheuen und für Richter stimmen. Dann ist eine
erwachsene Tochter da, eine offenbar höhere Tochter, vielleicht hat
sie sogar das Lehrerinnen-Examen gemacht, und eine kleine, kränkliche
Tochter mit altem, verbittertem Kindergesicht. Außerdem ein Vetter,
ein junger Mann, auf dessen blassem, pickeligem Gesicht die keimenden
blonden Barthaare sich wie spärliche Halme auf magerem Boden ausnehmen.
Er ist im Radelkostüm, wodurch dünne Beine und lange platte Füße
besonders aufdringlich hervortreten. Sein graues Flanellhemd ist vorne
mit roter seidener Kordel zugeschnürt. Er trägt einen weichen weißen
Filzhut mit einem Stutzen und auf die Nase ist ein Zwicker geklemmt.
Alle fünf sprechen sie ganz laut über ihre Angelegenheiten, als
seien sie allein auf der Welt, und ich entnehme, daß sie wegen Rikes
Gesundheit auf ein paar Tage nach Garzin fahren, und daß ihnen das
Hohenzollern-Hotel am Stadtsee von Freunden, die den letzten Sommer
dort verbrachten, sehr gerühmt worden ist.
Mein altes Garzin Luftkurort! Und ein Hohenzollern-Hotel!
In zwanzig Minuten fährt die Kleinbahn durch Kiefernwald, tiefen Sand
und einen niedrigen feuchten Wiesengrund, der früher einmal ein See
gewesen sein muß, bis zum Eingang des Städtchens Garzin. Dort steigen
wir aus. Die Berliner Familie, geführt vom Gepäckträger, schreitet
eifrig auf der Hauptstraße dem Stadtsee zu.
Ich folge langsam. Das Straßenpflaster ist ganz so holprig geblieben
wie es von jeher war. Große und kleine Feldsteine, rundliche,
eckige, spitzige nebeneinander in den Boden gedrückt. Die kleinen
einstöckigen Häuschen erkenne ich wieder, an den Haustüren hochstämmige
Rosen, deren Zweige sich jetzt mit jungen braunen Blättchen bedeckt
haben. Eines der ersten Häuser trägt noch immer das Aushängeschild,
auf das ein Sarg gemalt ist, und daneben steht noch die kleine
Gastwirtschaft, über deren Tor zu lesen ist: »Der alte Brauch wird
nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen.« Aber neben dem
Altbekannten wieviel Fremdes! Eine ganze Reihe neuer Häuser, echte
Vorortsvillen, anspruchsvoll und geschmacklos. Und wahrhaftig, ein
richtiges Hotel, durch Gitter von der Straße getrennt, inmitten eines
Gartens voll junger kümmerlicher Pflanzen. Dahinter erblicke ich den
blauen Stadtsee. Ich erinnere mich seiner als einer stillen Fläche,
schilfumwachsen, eine Heimat wilder Enten und Taucher. Jetzt fahren ein
paar bunte Gondeln darauf, und am jenseitigen Ufer steht ein großes
kastenartiges Gebäude, auf dem in goldenen Lettern die Aufschrift
funkelt »Sanatorium«.
Erschrocken bin ich weiter geeilt und zum Marktplatz gekommen. Da ist
alles noch ziemlich unverändert. Das Geschäft der Witwe Wronkow,
deren bunte Kattune, Knöpfe, Parfümfläschchen uns als Kinder manchen
Groschen entlockt haben; der Eckladen von Rückheim, wo die Honoratioren
des Städtchens sich abends zu einem Glase Bier zusammenfanden; das
Pastorhaus mit seinen zwei alten Linden zu beiden Seiten der Türe.
Damals spielten immer Pastorkinder von allen Altersstufen unter diesen
Linden, und hierin wenigstens ist es heute ganz wie einst: eine ganze
Reihe kleiner Pastorkinder buddeln im Sande unter den Linden, und vom
Fenster aus beaufsichtigt sie die heutige Frau Pastorin und hält das
Allerjüngste im Arm.
Auf dem Marktplatz steht das kleine Siegesmonument vom Kriege 70, ein
Adler mit ausgebreiteten Schwingen, auf einem Steinsockel sitzend.
Dahinter führen Stufen zur Kirche hinauf.
Ich habe da plötzlich eine große Sehnsucht empfunden, in diese
Kirche einzutreten, wo ich oft so viel schöne Vorsätze gefaßt und
zum lieben Gott gebetet habe, er möge mir große heroische Aufgaben
stellen, was dann doch nicht hinderte, daß ich gleich nachher über die
kleinen täglichen Pflichten stolperte. Ich wollte so gerne den Altar
wiedersehen, mit seinen gewundenen Säulen und den dicken, geschnitzten,
zopfigen Engeln, die Erntekränze und die schwarzen Gedächtnistafeln,
auf denen die Namen der Gefallenen von 64, 66 und 70 stehen.
Aber die Kirche war geschlossen, wie das von einer protestantischen
Kirche recht und vorschriftsmäßig ist, denn der Protestantismus
erzieht ruhige, pünktliche Menschen; plötzliche Sehnsuchten und
Gefühlsaufwallungen liebt er nicht. Zum lieben Gott soll man wie zum
Rechtsanwalt und Doktor gehen, in der ordnungsmäßigen Sprechstunde, die
im Kreisblättchen angezeigt wird.
Die Garziner Kirche hat einen neuen Turm bekommen, und die alten
Birken scheinen mir noch gewachsen zu sein; ihre dünnen, fadenartigen
Zweige klopfen ganz leise im Winde gegen die hohen Kirchenfenster,
die in der Sonne glänzen. Der kleine Gottesacker, in dessen Mitte die
Kirche steht, und der längst nicht mehr benutzt wird, sieht genau wie
früher aus, eine Wildnis von altem Efeu und Gräsern, die die grauen,
verwitterten Grabsteine überwuchern. Ich suchte nach einer alten
Gedenktafel, über die ich schon als junges Mädchen oft nachgesonnen
habe, und richtig, sie ist noch da, mit ihrem seltsamen, eingemeißelten
Spruch, den Schnee und Regen und flechtenartiges silbriges Moos noch
mehr verwischt haben:
»Hier ruht der Wüsterdorf Johann.
Er war ein müder Wandersmann,
Gekettet schwer in Sündenbann,
Oh Herrgott, richt mit Mild den Mann,
Denn niemals er den Wunsch ersann,
Des Lebens Fahrt zu treten an.«
Damals kamen mir diese Worte so geheimnisvoll vor, daß ich lange Romane
über die Missetaten des Wüsterdorf Johann ersann; jetzt dünkt mich, sie
passen als Grabschrift für jeden unter uns.
Ich habe lange da oben zwischen den alten Gräbern gestanden. Schaute
den Vögeln zu, wie sie so eifrig Halme und Moos in den Schnäbeln
anschleppen, da sie durch Generationen lange Erfahrung gelernt haben,
daß sich im Schutz der Kirche gut Nester bauen läßt.
Dann ging ich dem Garziner Schloß zu.
Da lag es nun vor mir.
Ganz unverändert, wie damals vor all den Jahren. Nur noch etwas
verlassener; ungehegt und ungepflegt aussehend. Ich blieb stehen.
Tränen traten mir in die Augen. Aus meiner tiefen Einsamkeit heraus
möchte ich dem alten Haus, wie einem Menschen, sagen: »Hab mich lieb!
Hab mich lieb!« Und ich meine, es müsse mir antworten: »Endlich,
endlich, bist du heimgekehrt.«
Der große grüne Rasenplatz mit den vier runden Fliederbüschen, die voll
lila Blütendolden sitzen – die alte Sonnenuhr – die Rampe, die zum
Schlosse führt – und das Schloß selbst, ein großes zweistöckiges Haus,
dessen ganz einfach glatte Fassade zu Schinkels Zeiten mit griechischen
Ornamenten verziert worden ist, die in der märkischen Umgebung noch
immer etwas über sich selbst Erstauntes haben – alles ganz wie damals!
Zu beiden Seiten des Hauses stehen noch die alten Linden, deren Zweige
auf dem Boden schleifen, und die eine Wand ist noch mit dem uralten
Efeu bedeckt, in dem zahllose Spatzen zwitschern.
Ja, das war einst Heimat!
Ich stehe und schaue. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen zu einem
einzigen, unendlichen Wehmutsgefühl, das die ganze Welt zu erfüllen
scheint.
»Wollen Sie nicht auch das Schloß besehen?« fragt mich da plötzlich der
junge Mann im Radelkostüm, und ich gewahre die ganze Berliner Familie,
die von einem jungen Bauernmädchen geführt wird, das Schlüssel trägt.
»Wird es denn gezeigt?« frage ich.
»Na und ob,« antwortete der Sportjüngling. »Für'n Trinkjeld an das
Inspektormädchen können wir uns auch mal so'n Heim von die notleidenden
Ajrarier besehen.«
Ich bin so erstaunt, Garzin als eine Sehenswürdigkeit für Touristen
wiederzufinden, daß ich folge, ohne nachzudenken. Aber wie ich nun in
den alten Räumen stehe, inmitten der fremden Menschen und selbst ganz
so fremd bin wie sie, da fühle ich, daß ich nicht hätte kommen sollen.
Als würden liebe Tote unsanft berührt, so ist mir bei den schnoddrigen
Bemerkungen der Berliner. Ich möchte um keinen Preis erkannt werden
und begreife doch gar nicht, wie es denn möglich ist, daß ich so
unbeachtet dastehe, daß nicht sogar die leblosen Dinge mir zunicken und
zuflüstern: »Sei gegrüßt, sei uns gegrüßt!«
Aus der leeren, weiten Halle treten wir in das Wohnzimmer. Wie
unbewohnt, kalt und kahl nach dem Sonnenschein draußen. Ein paar der
alten, recht schäbig gewordenen Möbel stehen da und sehen aus, als
schämten sie sich, wie arme Kranke, deren Gebrechen von neugierigen
Medizinstudenten betrachtet werden. Den abgenutzten, gestreiften
Teppich erkenne ich, sogar ein gestopftes Loch, dessen ich mich
entsinne, finde ich wieder.
»Du Karl,« sagt die dicke Berlinerin zu ihrem Mann und befühlt einen
Sesselbezug, »da is et ja nobler bei uns in die Köpenicker Straße.«
Und der dicke Karl antwortet: »Ja, wahrhaftig, in diese feudale Jejend
könnte man noch Mitleid mit die Ostelbier bekommen.«
Nur der große gelbe Saal imponiert der Berlinerin. Sie deutet auf die
vielen weißen Gipsköpfe aus der Schinkelschen Epoche: »Du Karl, das
sind wohl die Ahnen von die Besitzer?«
»Jotte doch, Mama,« antwortet die höhere Tochter zurechtweisend, »das
sind doch allens jriechische Jötter und Jöttinnen.«
Wir treten in ein anderes, ganz leeres Zimmer.
»Det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen,« sagt das
führende Bauernmädchen.
Ja, man hat es ihr richtig erzählt, det war det Schlafzimmer von die
jnädigen Komtessen. Ich sehe noch die kleinen weißen Bettchen – jetzt
ist es ganz ausgeräumt. Auf der verschossenen roten Tapete bezeichnen
kräftiger gefärbte Stellen die Plätze, an denen einst Bilder hingen.
An der einen Wand hängt noch ein vereinzeltes altes Gemälde. Es
stellt einen Heiligen dar; ganz unbekleidet, wie durch langes Fasten
abgemagert und verhärmt, sitzt er inmitten einer Felsenlandschaft und
hält einen Bogen Papier, auf den er eifrig schreibt.
»Der olle Herr dort oben schreibt wohl an Wertheim um ein Hemd,« sagt
der Sportjüngling. Und zwischen Tränen muß ich doch lachen, denn
genau dieselbe Bemerkung haben wir damals gemacht, als der Heilige
die Zielscheibe unseres jugendlichen Witzes war, nur daß es zu jenen
Zeiten noch keinen Wertheim gab und wir Hertzog sagten.
Beim Fortgehen bin ich einen Augenblick an der einen Tür stehen
geblieben. Ja, wahrhaftig, da waren sie noch, ganz verblaßt, die
Striche, die der Onkel machte, wenn er unser Maß nahm und unser
jährliches Wachstum an dieser Tür verzeichnete. – Wo sind die kleinen
Mädchen hin, die da vor dem Onkel standen und denen er zurief: »Kinder,
nicht auf den Zehen stehen! nicht mogeln!« – Sie hatten es so eilig mit
dem Wachsen – nun sind sie längst aus der alten Heimat hinausgewachsen.
Vergangenheit, Vergangenheit! –
Ich bin dann noch lange im Park gewesen, wo jetzt Butterbrotpapiere und
leere Flaschen von Berliner Touristen unter die Büsche geworfen werden,
wo das Unkraut in den Wegen und Beeten wächst, wo das Schilf immer mehr
den Schloßteich überwuchert und wo es trotz aller Verwahrlosung doch
noch immer so frühlingsschön ist – wie einst im Mai!
Mit dem letzten Zuge bin ich erst zurückgefahren. Ich blieb so lange
als möglich, denn ich fühlte, daß ich das alles nie wiedersehen werde.
Es war schon spät, als ich auf dem Bahnhof Friedrichstraße ausstieg.
Ich ging zu Fuß bis zum Buckingham-Hotel. Viel Häßliches, viel Elend
streift man auf solch kurzem Abendweg. Ich drückte das Gesicht in
den großen Strauß Garziner Flieders, den ich mir mitgenommen, und es
war mir, als hörte ich leise, durch all den rasselnden, rollenden
Straßenlärm hindurch, die alten Worte, die unser aller Grabspruch sein
könnten:
O Herrgott, richt mit Mild den Mann,
Denn niemals er den Wunsch ersann,
Des Lebens Fahrt zu treten an!
30.
_Berlin_, Mai 1900.
Bei einem entfernten Verwandten meiner Mutter, den ich Onkel nenne, bin
ich gewesen. Ich glaube, er würde Ihnen gefallen, drum will ich Ihnen
von ihm erzählen.
Nach äußerlicher menschlicher Klassifikation gehört er zu den deutschen
Professoren, aber ich glaube, innerlich und eigentlich ist er ein
Wesen aus einer klassischen Periode, vielleicht ein auferstandener
alter Grieche, der in einer Tonne hauste und den Dingen zuschaute,
oder der einstmalige Abt eines berühmten Klosters der italienischen
Renaissance – aber kein Savonarola, der gegen die Verderbnis der
Menschen eiferte und die Welt bessern wollte, sondern ein Mönch von der
beschaulichen Sorte, der in Chroniken mit schön gemalten Buchstaben
seine Beobachtungen niederlegt, der die Schlechtigkeit der Welt wohl
erkennt, aber sich nicht zum eingreifenden Reformator berufen fühlt,
sondern denkt, daß, wer das eigene Herz nur rein hält, auch schon sein
Teil getan hat.
Er wohnt nahe am Tiergarten, in einer Straße, deren eines Ende sich zu
einem kleinen Platz erweitert, auf dem zwischen Fliederbüschen eine
Kirche steht. Es ist kein sehr alter Teil Berlins, aber doch auch
keiner von den ganz neuen, und es ist dort wohltuend geräuschlos. Zu
den ernsten, etwas gleichmäßigen Häusern denkt man sich unwillkürlich
als Bewohner still arbeitende Leute, die ein Menschenalter hindurch in
denselben Zimmern gelesen und geschrieben haben und nichts von hastigen
Umzügen wissen. – Es ist eine Gelehrtengegend.
So lang ich denken kann, wohnt der Onkel im selben Haus im dritten
Stock. Sein Arbeitszimmer ist ein nach rückwärts liegender Saal, von
dessen Balkon aus man auf Gärten blickt, in denen es jetzt grünt und
Frühling wird. Über seinem Schreibtisch hängt ein Marmorrelief an der
Wand. Es stellt die längst verstorbene Frau des Onkels dar, und das
kühne Profil zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit Achim von Arnim
oder Byron. Es ist das ein Menschentypus, dem man in unseren Tagen
selten mehr begegnet, und der früher häufiger gewesen zu sein scheint.
Vielleicht verschwinden Menschentypen mit den Idealen ihrer Epoche. Wer
würde wohl heute wie Byron für die Unabhängigkeit der Griechen kämpfen?
– Wenn man Gesichtszügen vertrauen darf, so muß die verstorbene Tante
ein wahrer Gentleman gewesen sein, der nie aus der Not anderer Kapital
geschlagen hätte.
Der Onkel ist in den Jahren, die ich in der Ferne verlebt, ein ganz
alter Mann geworden. Sein langes Haar ist weiß geblichen, die ganze,
hohe Gestalt ist so abgemagert, als seien die irdischen Bestandteile,
deren wir zum Leben bedürfen, von ihm schon abgefallen. Die Worte
»ein verklärter Leib« fielen mir ein, als ich ihn wieder sah. Die
klaren, schönen Augen sind dieselben geblieben, nur größer sind sie
geworden, und es ist, als übersähen sie vieles, was sich unsern Blicken
aufdrängt, und als gewahrten sie dafür schon Dinge, die uns noch
verborgen sind.
Harmonie und Ruhe strahlten von ihm aus.
Er lebt in seiner besonderen Welt, und ich merkte bald, daß er sich
gegen alles, was ihn daraus reißen könnte, ablehnend verhält, als
fürchte er sich zu zersplittern und mit einer großen Aufgabe nicht
mehr fertig zu werden. Er sprach gleich von seinem Lebenswerk »Florenz
in der Renaissancezeit«, an dem er arbeitete, als ich vor Jahren in
die Fremde gezogen bin und das jetzt in herrlichen illustrierten
Lieferungen erscheint. Er zeigte mir die neuesten Blätter. – Wie
klein und zwecklos erscheinen doch die meisten Existenzen, mit ihren
hastigen, wechselnden, folgelosen Bestrebungen, neben solch einem
Leben, durch das sich ein einziges großes Interesse bestimmend
hindurchzieht!
Ich traf beim Onkel noch einen anderen Gast. Ein kleines, buckliges,
engbrüstiges Männchen, mit gescheitem, scharf geformtem Kopf,
durchdringenden Augen, und bitterem Lächeln um die feinen schmalen
Lippen. Ein alter Bekannter von früher ist mir Hanz-Buckau. In einem
hohen, altersgrauen Gebäude an der Spree, verwaltet er seit Jahren eine
Bibliothek; und in den Mußestunden, die ihm diese Arbeit und häufiges
Kranksein lassen, übersetzt er klassische italienische Dichtungen,
verfaßt selbst formvollendete Sonette satirischen Inhalts und
versammelt abends eine auserwählte Gesellschaft um sich. Hanz-Buckau
ist einer der wenigen Menschen in Berlin, die einen Salon gebildet
haben. Die Leute, die zu ihm kommen, erscheinen in seinen vier Wänden
viel gescheiter, als bei sich zu Hause. Es ist, als locke er den
versteckten Geist aus den verschiedensten Menschen heraus. Vielleicht
auch leiht er ihnen von dem eigenen. Eine grenzenlose Bewunderung hat
Hanz-Buckau für schöne Frauen, und sie müssen wohl fühlen, welchen
Altar dieses arme, verwachsene Männchen ihnen in seinem Herzen
errichtet, denn ich kenne keine, die ihm nicht gut gewesen wäre. Der
arme Hanz-Buckau, der alle Schönheit so intensiv empfindet und darum
unter dem eigenen mißgestalteten Äußern so besonders schwer leidet, der
führt auch in seiner Art einen beständigen Kampf zwischen Geist und
Körper. Er erinnert mich stets an Leopardi, an jenen großen Italiener,
der ewig ungestillte Sehnsucht im Herzen trug, der um die Vergangenheit
trauerte und nie eine Gegenwart besessen hatte. Hanz-Buckau ist solch
eine Leopardi-Natur, mit einem starken Zusatz echt Berliner Schärfe.
Für den Onkel hegt er eine rührende Freundschaft und hat seine
Eigenart des vornehm Maßvollen richtig erkannt. »Professor Lichte Höh«
ist der neckende Spitzname, den er ihm gegeben. Durch seine Abwehr
gegen alles Exzessive und sein inneres Gleichgewicht ist der Onkel
dem leidenschaftlichen Hanz-Buckau wahrscheinlich wohltuend. Dieser
betrachtet alles sehr kritisch, läßt wenig gelten und spottet gern
über die Herdennatur der Menschen, über die Leichtigkeit, mit der sie
sich Götzen aufnötigen lassen, die sich stets als blecherne erweisen.
Auch heute redete er viel davon. Er hat sich noch nicht mit der Welt
abgefunden, und es entrüstet ihn die falsche Bewertung, die er überall
sieht.
»Gegen physische Faulheit wird genug geeifert und gepredigt«, sagte
er, »aber geistige Trägheit wird eher unterstützt. Die eine Hälfte
der Menschheit soll überhaupt prinzipiell darin verharren und von der
anderen Hälfte so viele als irgend möglich. Durch diese künstliche
Beförderung der Unselbständigkeit sind all die vielen falschen Größen
möglich.«
Und später sagte er: »Wir sogenanntes Volk der Denker tun eigentlich
nichts weniger gern, als nachdenken, besonders nicht über Dinge, die
uns doch praktisch angehen. Drum ist man im Ausland auch immer ganz
verwundert, wenn sich in Deutschland mal die öffentliche Meinung
wirklich äußert. Gewöhnlich schläft sie, im Bewußtsein, daß Minister,
Geheimräte, Professoren, die alle etwas vom Gottesgnadentum an sich
haben, für sie wachen. Wir verlassen uns darauf, im gegebenen Moment
immer die nötigen großen Männer zu haben, als hätten wir sie ein für
allemal gepachtet, und wollen nicht sehen, daß wir in dieser Ware doch
oft recht übervorteilt werden. Wir sind unverbesserliche Heroenanbeter
und nehmen fürlieb. Sind die Zeiten schlecht, so werden die Helden
kleiner, ganz wie die Brötchen während der Teuerungen.«
Der Onkel antwortete: »Was Ihnen, lieber Hanz-Buckau, als
charakteristisch erscheint für Land und Epoche, in denen Sie zufällig
geboren sind, hat in Wirklichkeit immer und überall bestanden, denn
alle Zeiten sind stets davon überzeugt gewesen, an großen Männern
reich zu sein. Durch das spätere Urteil der Geschichte entsteht aber
oftmals gerade dort eine Öde, wo die Zeitgenossen ein Gewühl sahen. In
unmittelbarer Nähe sieht alles groß aus, aber wenn die Erscheinungen
erst in eine gewisse Entfernung rücken, die Vergleiche und die Anlegung
eines allgemeinen Maßstabes gestattet, ergibt sich die wahre, dauernde
Bedeutung der Dinge. Die echten Riesen, auf die es allein ankommt,
kommen schließlich immer zum Durchbruch, und Werte ganz zu fälschen,
ist nur auf kurze Zeiten möglich – drum lasset den Eintagsgötzen die
Eintagsanbeter.«
»Ihr Onkel,« wandte sich Hanz-Buckau an mich, »hat zeitliche Begriffe
bereits überwunden. Für ihn sind Luther, Friedrich der Große,
Goethe und Bismarck gegenwärtige Realitäten, Manifestationen ein
und desselben großen germanischen Geistes, die zusammen bestehen.
Geringeres übersieht er. Der Ärger von uns Kleinen über die zeitweilige
falsche Größe anderer ebenso Kleiner ist ihm ganz gleichgültig. Nur
auf die Genies kommt es dem Onkel an. – Ich will Ihnen ganz leise ein
Geheimnis verraten: der Onkel ist eigentlich, ohne es selbst zu wissen,
einer von den ganz schrecklich Modernen!«
Hanz-Buckau hatte das mit der sich selbst verspottenden Zärtlichkeit
gesagt, die immer durch seine Stimme klingt, wenn er vom Onkel spricht.
Es ist, als solle man nicht wissen, wie lieb er ihn hat.
Es war spät geworden und also sprechend hatten mich die beiden bis auf
den Treppenabsatz begleitet vor des Onkels Wohnungstür. Eine schmale
Treppe führt von da noch hinauf zum Boden, und von hoch oben fiel
ein goldener Nachmittags-Sonnenstrahl gerade auf den Onkel, der die
Hand auf das Geländer gestützt hatte, die durchsichtige, feine Hand,
die emsig die Feder geführt hat ein Lebenlang. Ich hatte mich schon
verabschiedet, aber tausend feinste Erinnerungsfäden zogen mich zu ihm
hin und ich kehrte noch einmal zurück und beugte mich über die lieben
Greisenhände. Eine Träne fiel auf sie – – der Onkel ist einer der
allerletzten aus meiner Kinderzeit.
»Mein gutes Kind,« sagte der Onkel, und in seiner Stimme lag das
ganze Mitleid derer, die schon über dem Leben stehen, für diejenigen,
die sich noch mitten drin befinden. Vielleicht ahnte der Onkel, wie
unsäglich verlassen ich mir in dem Augenblick vorkam, denn es klang
auch wie eine Ermahnung in den Worten, ruhig zu sein, alles Exzessive
zu bezwingen und wo es nicht vermieden werden kann, es doch still
im Innern zu verbergen. Wie eine klassische Gestalt von olympischer
Ruhe erschien mir der Onkel, wie ein alter Maharattah-Häuptling, der
mir einst in Indien seinen golddurchwirkten Shawl zeigte und mir
sagte: »Der schützt vor Sonne und Kälte, vor Wind und Staub, und sein
führnehmster Dienst wird einstmals sein, mich im Sterben zu umhüllen,
und so meine letzte Todesnot zu verbergen.« Der Onkel besitzt sicher
solchen golddurchwirkten Maharattah-Shawl. Man sieht von ihm nur, was
man sehen soll – und das ist alles harmonisch verklärt, »lichte Höh«,
wie Hanz-Buckau sagt.
Und ich bezwang die Tränen, die mir schon brennend in den Augen
standen, deutete auf die Treppe, die die drei Stockwerke hinab in
zunehmende Dunkelheit führte und sagte: »Leb wohl, Onkel, jetzt steig
ich wie Rautendelein hinunter in den finsteren Schicksalsbrunnen.«
Hanz-Buckau antwortete: »Ja, in den müssen wir schließlich alle mal
hinab, und das Leben ist ein beständiges Abschiednehmen.«
Langsam schritt ich die vielen Stufen hinunter. Noch einmal schaute
ich hinauf. Nebeneinander standen die Beiden oben, von der Sonne
beschienen – der weißhaarige Mann, der in der Einsamkeit des Alters
milde lächelte, und der arme Verwachsene, dem äußerliches Gebrechen,
Entsagung heischend, Schicksal geworden ist. Sie beugten sich über das
Geländer und winkten mir nach.
31.
_Berlin_, Mai 1900.
Lieber Freund!
Im Bädeker von Italien und der Schweiz gibt es Hotelnamen, neben denen
in Klammern steht »wird viel von Deutschen besucht.« Der erfahrene
Reisende vermeidet solche Hotels. Von dem Buckingham, in dem wir hier
wohnen, könnte man sagen, »wird von Diplomaten, Fürstlichkeiten und
Amerikanern besucht.«
Das Hotel ist hier le dernier cri des Eleganten und gleichzeitig
Bequemen; nur ein paar kleine deutsche Unbequemlichkeiten sind
bei der Einrichtung noch mit untergelaufen; es fehlt an großen
Kleiderschränken, dafür hat man in den Wohnzimmern wacklige Louis
XVI. Etageren, auf denen zerbrechliche Nippes stehen. Das soll
wahrscheinlich gemütlich aussehen. Aber im ganzen will es alles
möglichst amerikanisch sein.
»Sie spielen hier ja Waldorf-Astoria,« sagte ich zum Direktor Specht,
als wir ankamen. Der faßte das als höchstes Kompliment auf, murmelte
etwas von »Pionier der Kultur in Berlin« und ist seitdem voll
herablassender Aufmerksamkeiten gegen mich, beinah als wäre ich ein
Botschafter. Denn nichts auf der Welt geht Herrn Direktor Specht über
einen Botschafter: aber auch für Diplomaten weniger erhabenen Ranges
ist in seinem Herzen ein warmes Plätzchen; sie erscheinen ihm als
Träger vieler Möglichkeiten, mit denen man sich rechtzeitig gut stellen
muß. Im ersten Speisesaal, dem der Privilegierten, sind mehrere Tische
reserviert, an denen immer Diplomaten sitzen. Wenn Herr Direktor Specht
diese Herren an ihre Plätze geleitet, hat er etwas so Feierliches und
so einen Frieden auf Erden-Ausdruck, als vollzöge er eine heilige
Handlung. Neulich stürzte er einem unserer zukunftsreichsten jungen
Diplomaten schmunzelnd und händereibend in der Halle entgegen. »Herr
Graf, ich
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