Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder
by Amalie Schoppe · German · Gutenberg #48541 · 407,200 chars · public domain (US)
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Title: Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder
Author: Amalie Schoppe
Release date: March 21, 2015 [eBook #48541]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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Robinson
in
Australien.
Ein Lehr- und Lesebuch
für gute Kinder.
von
Amalia Schoppe,
geborne Weise.
Heidelberg.
Verlagshandlung von _Joseph Engelmann_.
1843.
An meine jungen Leser und Leserinnen.
Hoffentlich, meine Geliebten, erzeuge ich Euch einen Gefallen mit diesem
neuen _Robinson_; einmal, weil mir fortwährend von vielen lieben Kindern
die Versicherung gegeben wird, daß sie meine Jugendschriften gerne lesen;
dann aber auch, weil der Titel viel Lockendes für Euch haben wird, indem
gewiß Euer junges Herz bei dem Namen _Robinson_ höher schlägt. Ihr werdet
also dieses neue Buch Eurer Freundin mit gespannter Erwartung in die Hände
nehmen und Euch hoffentlich nicht in derselben getäuscht sehen.
Mein Zweck war, als ich diesen neuen Robinson verfaßte, und in ihm die
Schicksale eines zwar armen, aber sinnigen und wackern Knaben mittheilte,
Euch zugleich mit einem Welttheile bekannt zu machen, von dem selbst viele
gebildete Erwachsene noch wenig wissen: Ihr sollt Australien, den zuletzt
entdeckten, nur noch mangelhaft erforschten Welttheil, in seinem Clima,
seinem Boden und Pflanzen- und Thierreiche näher kennen lernen; und somit
bitte ich Euch, mein Buch nicht bloß zur flüchtigen Unterhaltung, gleichsam
um die Zeit, unser Kostbarstes zu tödten, in die Hand zu nehmen, sondern
zugleich auch Belehrung, Bereicherung Eures Wissens, daraus zu schöpfen.
Daß der _Robinson_ Euch nebenbei auf eine angenehme Weise unterhalten soll,
glaube ich Euch versprechen zu dürfen.
Zu dem doppelten Zwecke: zu _bilden_, zu _belehren_ und Euch _frohe Stunden
zu bereiten_, schrieb ich bisher alle meine Bücher, und da Euch die frühern
immer willkommen waren, hoffe ich, wird es auch dieses sein.
Ich grüße Euch sämmtlich mit dem Gruße inniger Liebe. Nicht mehr in dem
großen, prächtigen Hamburg, nicht zwischen den Trümmerhaufen dieser mir
ewig theuren Stadt, sondern in _Jena_, dem freundlichen Orte zwischen den
Bergen, die das reizende Saalthal rings wie ein Rahmen umfassen, schrieb
ich den _Robinson_ für Euch.
Der Geber alles Guten sei mit Euch Allen, meine geliebten Kinder.
_Jena_, im October 1842.
_Eure treugesinnte_
#Amalia#.
Der neue Robinson.
Erstes Kapitel.
Viele von Euch, meine geliebten Kinder, werden schon einmal von der großen
Handelsstadt Hamburg gehört haben. Sie liegt an einem herrlichen Flusse,
der Elbe, die hier schon eine Meile breit und ihrem Einflusse in die nur
zwölf Meilen von Hamburg entfernte Nordsee nahe ist.
In dieser großen Welt- und Handelsstadt giebt es viele prächtige Paläste,
dagegen aber auch eine Menge enger Gassen und kleiner Häuser; ja, ein Theil
der Bevölkerung wohnt sogar unter der Erde in sogenannten Kellern, trüben,
feuchten Wohnungen, in die das goldene Tageslicht nur spärlich fällt,
weßhalb auch die Bewohner derselben in der Regel bleich und kränklich
aussehen. Denn eben die Sonne, welche den duftigen Kelch der Rose färbt,
färbt auch die Wangen der Menschen.
In einem dieser Keller wohnte eine arme Wittwe mit ihrem einzigen Kinde,
einem Sohne von etwa zwölf bis dreizehn Jahren. Sie hatte, seit dem Tode
ihres Mannes, der ein Schiffscapitän gewesen war, einen kleinen Handel
angefangen, um sich und ihren _William_ -- so hieß der Knabe -- nothdürftig
zu ernähren. Allein das Geschäft ging seit einiger Zeit schlecht, da sich
in einem benachbarten Hause eine ähnliche Handlung, wie die der Wittwe
_Robinson_, etablirt hatte und diese ihr die Nahrung schmälerte. So sah die
arme Frau sorgenvollen Tagen und schlaflosen Nächten entgegen, besonders da
es bereits gegen den Winter ging, wo der Mensch zu seinem Unterhalte mehr
bedarf, als im Sommer.
Die Hülfe Anderer anzusprechen, davor würde sich Frau Robinson geschämt
und weit lieber den bittersten Hunger, als das demüthigende Gefühl ertragen
haben, von der Gnade anderer Menschen abhängig zu sein. Denn sie hatte
einst bessere Tage gesehen und gehörte durch ihre Geburt einer Nation an,
die sich in der Regel durch einen edlen Stolz auszeichnet: Der englischen
nämlich.
Ihr Vater war, wie ihr verstorbener Mann, ein Schiffscapitain gewesen und
zwar ein so erfahrener, geschickter, daß ein bedeutendes Handlungshaus,
das Rhederei trieb, ihn von England berief und ihm sein bestes Schiff,
die _Fortuna_, zur Führung anvertraute. Damit segelte dann der Capitain
_Elliot_ -- so hieß Frau Robinsons Vater -- durch alle Meere und führte von
allen Welttheilen die kostbarsten Waaren in den Hafen von Hamburg. Er galt
nicht nur für einen streng rechtlichen Mann, sondern er war es in der
That: denn statt sich selbst zu bereichern, wie so Manche es in seiner Lage
gethan haben würden, dachte er nur an den Vortheil seiner Rheder, das will
sagen, der Kaufleute, deren Schiff er führte, und so kam es, daß, als
er starb, er seiner einzigen, bereits mit einem ihm befreundeten
Schiffscapitain verheiratheten Tochter kaum mehr hinterließ, als einen
unbefleckten Namen und den Ruf eines durchaus redlichen und geschickten
Mannes.
Mit diesem Erbtheile war aber sowohl seine Tochter _Anna_, als auch deren
Mann, der wackere Schiffscapitain _Robinson_, völlig zufrieden; mit Recht
sagten Beide, daß ein guter Leumund das erste und köstlichste aller Güter
sei.
Der Ruf von strenger Redlichkeit, den sich Capitain Elliot erworben hatte,
kam auch seinem Schwiegersohne Robinson zu Gute; denn kaum hatte Elliot, in
Folge einer langwierigen Krankheit, seine Augen geschlossen, so trugen die
Rheder der Fortuna seinem Schwiegersohn die Führung des herrlichen Schiffes
an. Mit Recht schloß man, daß der ein Biedermann sein müsse, dem Capitain
Elliot seinen besten Schatz, die einzige geliebte Tochter, zum Eigenthume
gegeben hatte.
So stand also Capitain Robinson nach dem Tode seines Schwiegervaters als
Befehlshaber und Führer auf dem Verdeck der Fortuna und zwar unter noch
günstigeren Aussichten, als der wackere Elliot: die Rheder hatten ihm einen
Antheil an dem Gewinne zugesagt und wenn die Geschäfte nur einigermaßen
gingen, so konnte der junge Capitain in einigen Jahren ein wohlhabender
Mann sein.
Daß er das werden würde, dazu hatte es den besten Anschein. Er brachte zu
einer sehr gelegenen Zeit eine Ladung Gewürze von den molukkischen Inseln
bei Asien und der Gewinn war für die Rheder so bedeutend, daß eine
Summe von 10,000 Mark, etwa 4000 Thaler preußisch für den thätigen und
umsichtigen Robinson abfiel. Dieses Vermögen vermehrte sich noch im Laufe
einiger Jahre und man durfte glauben, daß unser Capitain binnen Kurzem ein
reicher Mann sein würde.
Wenn ihm diese Aussicht eine erfreuliche war, so war dies mehr um seine
liebe Frau und sein einziges Söhnchen William, als weil er den Reichthum an
und für sich schätzte. Diesen beiden Geliebten eine angenehme, sorgenlose
Existenz verschaffen zu können, der Gedanke war es, der seine Seele mit
Freude erfüllte und ihn ohne Murren den größesten Gefahren trotzen ließ.
So hatte Robinson schon fünf bis sechs Reisen mit der Fortuna gemacht und
auf jeder derselben bedeutende Vortheile für die Rheder und sich selbst
erzielt, als der Vorsteher des Hauses, ein eben so braver als geschickter
und vorsichtiger Kaufmann, starb. Zwei Söhne, die zum Kaufmannsstande
erzogen worden waren, erbten sein Vermögen und seine weltberühmte Handlung.
Allein des Vaters Geist ruhte nicht auf ihnen: sie wollten noch reicher
werden, als sie ohnehin schon waren, ließen sich auf große Speculationen
ein und, da diese mißglückten, sahen sie sich nach Verlauf einiger Jahre
um all ihr Erbgut gebracht. Ihnen blieb fast nichts mehr übrig, als die
Fortuna, das seither vom Capitain Robinson geführte Schiff.
Aber auch dieses Besitzthum war im Grunde nur noch ein eingebildetes; denn
die Fortuna war durch die Reihe von Jahren, die sie See gehalten hatte, so
morsch und schadhaft geworden, daß Capitain Robinson erklärte: es hieße
das Leben seiner Matrosen und sein eigenes auf's Spiel setzen, wenn er noch
eine Reise damit machte, und aus diesem Grunde verweigerte er es geradehin.
Man kann sich vorstellen, wie ungelegen eine solche Erklärung den beiden
jungen Rhedern kam, besonders in diesem Augenblick, wo sie fast ihre letzte
Hoffnung auf die Fortuna gesetzt hatten. Sie ließen auch nicht mit Bitten
und Vorstellungen nach, bis sie Robinson dahin vermocht hatten, noch eine
Reise mit der Fortuna zu machen, nachdem diese nothdürftig ausgebessert
worden war.
Es war ein sehr trüber Abend, als der Capitain Abschied von seiner lieben
Anna und seinem Söhnchen William nahm, um sich an den Bord der Fortuna zu
begeben. Zum ersten Male in seinem Leben empfand er eine Anwandlung von
Furcht; zum ersten Male, seitdem er in das Mannesalter getreten, drängte
sich ihm eine Thräne zwischen die Wimpern, als er seine Frau und sein Kind
umarmte, indem er Abschied von ihnen nahm. Auch sie konnten sich diesmal
nicht von ihm losreißen; auch sie hingen laut schluchzend an seinem Halse
und bedeckten ihn mit ihren Thränen und Küssen: allen dreien war, als gälte
es einen Abschied auf immer.
Aber es mußte doch geschieden sein und früh am andern Morgen, mit Anbruch
des Tages, segelte die Fortuna die Elbe hinab. Ein frischer Ostwind
schwellte ihre weißen Segel und da sich die Ebbe mit dem günstigen Winde
vereinte, erreichte die Fortuna schon nach wenigen Stunden die Nordsee bei
Cuxhafen. An diesem Orte nahm Capitain Robinson, wie es gebräuchlich ist,
Lootsen an Bord, die ihn durch die gefährlichen Stellen bis in die offene
See führen mußten, wo er selbst sein Schiff zu lenken verstand.
Da es unter meinen lieben jungen Lesern und Leserinnen gewiß viele gibt,
die nicht wissen, was _Lootsen_ für Leute sind, will ich es ihnen erklären.
Man benennt Männer mit diesem Namen, die eine so vollkommene Kenntniß
des Fahrwassers haben, daß sie die Tiefen, Klippen und Sandbänke auf das
Genaueste kennen. Solcher Hindernisse für die Schifffahrt gibt es nun am
meisten an der Mündung der Flüsse, weßhalb man an solchen Orten gewöhnlich
Lootsen annimmt, um keinen Schaden zu leiden. Ist man aber über die
gefährlichen Stellen hinaus, so besteigen die Lootsen ihr an das große
Seeschiff angehängtes kleineres Fahrzeug und kehren in den Hafen zurück.
Das thaten auch die Lootsen der Fortuna. Beim Scheiden händigte Capitain
Robinson denselben noch einen Brief an seine liebe Frau mit dem Befehl ein,
ihn in Cuxhafen auf die Post zu geben, und er kam der Madame Robinson auch
richtig zu Händen. Ach! er sollte das letzte Lebenszeichen sein, das die
arme Frau von ihrem geliebten Manne erhielt!
Zwar war die Fortuna noch in dem Hafen von Vera Cruz eingelaufen und
hatte daselbst eine Ladung an Bord genommen, mit der Robinson nach Hamburg
zurückkehren wollte; allein seit dem Augenblick, wo man die Fortuna von
diesem Hafen aus dem Gesichte verlor, wurde nichts weiter von ihr gesehen
noch gehört. Aller Wahrscheinlichkeit nach war also das Schiff gesunken,
indem es, alt und morsch wie es war, zu viel Wasser geschöpft hatte.
So vergingen sechs Monate, ohne daß Frau Robinson etwas von ihrem lieben
Manne, die Rheder etwas von der Fortuna hörten und jetzt fing man an, sich
erst leisen, dann immer heftigeren Besorgnissen hinzugeben. Endlich waren
neun Monate, dann ein rundes Jahr verstrichen und die Fortuna war noch
immer nicht in den Hafen eingelaufen. Da konnte die arme Frau nicht länger
an ihrem Unglück zweifeln: ihr geliebter Mann war auf der See geblieben und
sie sollte ihn nie wieder sehen!
Ihr Schmerz war grenzenlos und sie brachte Tag und Nacht fast nur mit
Weinen zu. Ihr einziger Trost war der kleine William, der ganz das Ebenbild
seines guten Vaters und ein schöner, freundlicher Knabe war. Wenn er die
Mutter weinen sah, umschlang er ihren Hals mit seinen beiden Aermchen und
bat: »Gute Mutter, weine doch nicht! Ich will auch ganz artig sein und Dir
und dem lieben Vater keinen Kummer machen!« Wenn er aber das sagte, dann
weinte die Mutter noch heftiger und er endlich mit ihr.
In einem alten Sprichwort heißt es: »Ein Unglück kommt selten allein.«
Dieser Spruch schien sich auch an Frau Robinson bewähren zu wollen.
Ein Jahr war kaum seit dem Verschwinden ihres Gatten dahingeflossen, so
erklärten die jungen Kaufleute, denen die Fortuna zugehört hatte, daß
sie ihren Gläubigern nicht gerecht werden, das heißt, ihre Schulden nicht
bezahlen könnten. Eine solche Erklärung heißt man _bancerott_ machen. Das
Wort stammt aus dem Italienischen von =Banca rotta= -- zerbrochenen Bank
-- her, indem es in Genua Gebrauch war, den Kaufleuten, die nicht bezahlen
konnten, zum Schimpfe die Zahlbank zu zerschlagen oder zu zerbrechen.
Einen solchen Bancerott machten nun die jungen Kaufleute und da der
Kapitain Robinson ihnen all sein erworbenes Geld anvertraut hatte, ging es
mit verloren. Frau Robinson erhielt von dem Vielen, das man ihr schuldete,
nur eine sehr geringe Summe ausbezahlt und von dieser war schon nach einem
Jahre kein Heller mehr übrig, da die Arme durch den erlittenen großen
Kummer in eine schwere Krankheit verfallen war, die ihre letzten
Hülfsmittel aufzehrte.
Endlich durch die Hülfe der Aerzte von dieser Krankheit wieder genesen,
sah sich die arme Frau aller Hülfsmittel für ihre eigene und ihres
Kindes Existenz beraubt. Sie mußte also darauf denken, durch Arbeit ihren
Unterhalt zu verdienen und so suchte sie eine ihren Kräften und Fähigkeiten
angemessene Beschäftigung. Man kam ihren Wünschen freundlich entgegen und
gab ihr feine Wäsche zum Nähen. Sie verrichtete diese Arbeit eine Zeitlang
mit großem Fleiße und der ihr eigenthümlichen Pünktlichkeit; allein zu
ihrem nicht geringen Erschrecken entdeckte sie, daß ihre Augen nicht mehr
recht dienen wollten und sie sie theils durch das viele Weinen, theils
durch die feine die Sehkraft allzusehr anstrengende Arbeit gänzlich
verdorben hatte. Sie befragte jetzt einen Arzt und dieser erklärte ihr,
daß, wenn sie nicht gänzlich erblinden wolle, sie die feine Arbeit ganz
aufgeben und eine andere Lebensweise ergreifen müsse.
»Wovon soll ich aber?« rief die arme Frau bei dieser Erklärung im höchsten
Grade erschrocken aus, »mich und mein armes Kind in Zukunft ernähren? Sie
werden wissen, lieber Herr Doktor,« fügte sie mit einem schweren Seufzer
hinzu, »daß ich meinen geliebten Mann und zu gleicher Zeit auch das von
ihm erworbene Vermögen verloren habe, folglich durch Arbeiten Brod für mein
Kind und mich erwerben muß.«
»Wohl weiß ich das, liebe Madame Robinson,« erwiederte ihr der Arzt, der
ein vortrefflicher Mann und ein wahrer Menschenfreund war; »aber ich muß
trotz dem bei meinem Ausspruche beharren und Sie dringend ermahnen, für
die Folge ihres Lebens allen feinen, die Augen anstrengenden Arbeiten zu
entsagen.«
»So würde mir nichts weiter übrig bleiben, als mein Kind an die Hand zu
nehmen und von Haus zu Haus betteln zu gehen,« sagte sie, indem ein Strom
von Thränen ihr über die bleichen Wangen schoß, »und das Herr Doktor,
vermöchte ich nicht. Lieber sterben, als betteln!«
»Kommen Sie morgen um dieselbe Stunde wieder zu mir,« sagte der Arzt nach
einem kurzen Nachdenken. »Ich will die Sache mit meiner Frau überlegen; sie
ist wohlmeinend und verständig; ich hoffe, sie wird uns irgend einen Ausweg
zeigen können, und was an mir liegt, so können Sie auf mich rechnen; so
weit es meine Kräfte erlauben, will ich Ihnen beistehen. Ich bin leider
noch ein junger Arzt und besitze kein eigenes Vermögen; auch ist meine
Praxis noch klein, sonst würde ich gewiß mehr thun, als ich jetzt werde
thun können. Sorgen Sie indeß weder für die Bezahlung meiner ärztlichen
Bemühungen, noch für die Medicin und wenden Sie die Ihnen von mir
verschriebenen Medicamente sorgfältig an.«
Er reichte ihr bei diesen Worten zum Abschiede die Hand und die arme,
grambeladene Frau kehrte in ihre bescheidene Wohnung zurück. Am andern
Morgen war sie wieder bei ihrem zur Hülfe willigen Freunde. Dieser schien
sie schon erwartet zu haben und führte sie zu seiner Frau, die sie zu sich
auf den Sopha lud und sie auf das Liebevollste und Zuvorkommendste empfing.
Gute und gefühlvolle Menschen sind stets am höflichsten gegen Unglückliche;
niedere Seelen dagegen kriechen vor Reichthum, Ansehen und Macht. Wenn
ich Personen hart und unhöflich mit Leidenden, in ihrem Vermögen
Heruntergekommenen umgehen sehe, dann habe ich gleich keine gute Meinung
weder von ihrem Herzen, noch von ihrem Verstande.
»Meine liebe Madame Robinson,« sagte die treffliche Frau, indem sie ihr die
Hand reichte, mit jener herzgewinnenden Freundlichkeit, die Leidenden so
wohl thut, »mein guter Mann hat mir von Ihnen und Ihrem unverschuldeten
Leiden erzählt, indem er mich zugleich aufforderte, Ihnen nach Kräften
mit Rath und That zu Hülfe zu kommen. Nach längerem Nachsinnen ist mir
ein Ausweg eingefallen. Da drüben,« -- sie wies auf ein gegenüberliegendes
Häuschen -- »wohnte eine Frau, die sich lange Zeit hindurch anständig durch
den Verkauf von Südfrüchten und allerlei Eingemachtem ernährte. Es war
freilich bei dem kleinen Handel nicht viel übrig; allein er schützte die
Frau gegen Mangel und Sorge. Seit wenigen Tagen ist sie gestorben und das
Häuschen steht zur Miethe. Wenn Sie wollen, miethen _wir_ es für Sie --
der sehr geizige Hauswirth würde es wohl schwerlich ohne eine genügende
Bürgschaft an _Sie_ vermiethen -- und strecken Ihnen ein Sümmchen zum
Ankaufe der nöthigen Artikel vor. Auf diese Weise, so scheint es mir,
würden Sie das Nothwendige erwerben können, ohne Ihre armen Augen noch
ferner anzustrengen. Was sagen Sie zu diesem Vorschlage?«
Die gute Frau Robinson glaubte die Stimme eines Engels zu hören, als sie
diese Worte vernahm. Es fehlte nicht viel, so wäre sie der trefflichen Frau
zu Füßen gefallen, um ihr zu danken, wie es ihr Herz ihr gebot; sie hatte
kaum Worte, nur Thränen.
»Nicht wahr,« fragte ihre Wohlthäterin gerührt, »nicht wahr, Sie gehen
auf meinen Vorschlag ein und mein Mann macht noch heute die Sache mit dem
Hauswirthe richtig, damit uns kein Anderer zuvorkomme?«
»O, wenn Sie die Güte haben wollten!« stammelte Frau Robinson, indem sie
die Hände der Trefflichen ergriff. Sie wollte mehr sagen, vermochte es aber
vor Rührung nicht.
»Die Sache ist so gut wie abgemacht,« entgegnete ihr diese, »und jetzt, ich
bitte Sie, beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht zu sehr auf,« fügte
sie liebevoll hinzu; »mein Mann behauptet, daß Sie solche Gemüthsbewegungen
nicht gut ertragen können, und namentlich Ihren Augen dadurch schaden
würden.«
Frau Robinson ging jetzt und schon nach acht Tagen bezog sie mit ihrem
lieben William die neue Wohnung und trat ihr neues Geschäft an.
Zweites Kapitel.
Drei Jahre hindurch verlebte Frau Robinson, wenn auch nicht in Glück und
Freude -- denn noch immer konnte sie sich nicht über den Verlust ihres
Mannes trösten -- doch in Friede und ohne allzuschwere Sorge in dem ihr von
dem wackern Arzte gemietheten Hause. Das Geschäft war leicht und nicht eben
unangenehm und William, der jetzt zwölf Jahre alt geworden war, ging ihr in
seinen Musestunden so wacker dabei zur Hand, als wäre er noch einmal so alt
gewesen. Er war ein überaus sinniger und verständiger Knabe, der auf Alles
Acht gab und schnell diesen und jenen ihm gezeigten Handgriff begriff.
In der Schule, die er fast unausgesetzt besuchte -- so wollte es seine
verständige Mutter -- liebten ihn die Lehrer und seine Mitschüler, weil
er gegen erstere stets ehrerbietig, gegen die letzteren hülfreich und
freundlich war. Man konnte ihn freilich nicht eben einen großen Kopf
nennen, und ein Licht der Gelehrsamkeit würde wohl schwerlich, selbst
bei dem besten Unterrichte, aus ihm geworden sein; allein er war fleißig,
sinnig und ein höchst verständiger Knabe, der zu mechanischen Arbeiten eine
große Neigung hatte; auch wollte er, wie er sagte, entweder ein Tischler
oder Drechsler werden und die Mutter hatte nichts dagegen, daß er ein
Handwerk ergriffe.
Die edle Familie, welche sich der Frau Robinson in der Zeit ihrer Noth so
menschenfreundlich angenommen, hatte indeß seit länger denn einem Jahre
Hamburg verlassen, indem der junge Arzt einem ehrenvollen Rufe nach Rußland
folgte, wo er bei der Armee als Stabsarzt angestellt wurde. Er hatte
nämlich das Glück gehabt, einem reisenden, sehr reichen und vornehmen
Russen, einem Prinzen, durch seine große Geschicklichkeit und Sorgfalt das
Leben zu retten. Als dieser heimgekehrt war, empfahl er dem Kaiser seinen
Erretter so dringend, daß man den geschickten Mann unter den glänzendsten
Bedingungen nach Rußland berief, wo er in der Folge eben so reich als
angesehen wurde.
Durch diesen Zufall hatte Frau Robinson ihre großmüthigen Beschützer
verloren, und so glücklich es für diese war, so unglücklich war er für die
arme Frau. Kurz nach der Abreise der Beiden fiel es einem Speculanten ein,
die kleinen Häuser, wovon Frau Robinson das eine bewohnte, zu kaufen,
sie bis auf den Grund niederreißen und an deren Stelle große, prachtvolle
Häuser erbauen zu lassen, und da er dem Besitzer der kleinen Wohnungen eine
ansehnliche Summe bot, war man des Handels bald einig. Frau Robinson mußte
also ihre bisherige Wohnung, in der es ihr so wohl ergangen war, verlassen
und sich nach einer andern umsehen. Da sie in der Gegend als eine redliche
und zuverlässige Frau bekannt war und fürchten mußte, ihre Kundschaft zu
verlieren, wenn sie in einen andern Theil der sehr großen Stadt zöge, sah
sie sich in der Nähe ihrer bisherigen Wohnung nach einer andern um. Allein
die Häuser waren zum Theil so groß und die Miethe so theuer, daß ihr
endlich nichts weiter übrig blieb, als einen eben frei werdenden Keller zu
miethen.
Dies war ein enger, trauriger und düsterer Aufenthalt; nur auf wenige
Augenblicke fiel ein Sonnenstrahl in das kleine, dumpfe Stübchen und die
noch kleinere Schlafstätte entbehrte sogar gänzlich des lieben Tageslichts.
Indeß mußte man sich doch noch glücklich schätzen, diese Wohnung um einen
mäßigen Preis erstanden zu haben und Williams Umsicht und Liebe wußte sie
zu verschönern.
An Sparsamkeit von Jugend auf gewöhnt, hatte er alle seine Schulhefte
aufgehoben und beklebte mit dem dadurch gewonnenen Papier die nur mit Kalk
beworfenen Wände. Als er damit fertig und alles gehörig getrocknet war,
verschaffte er sich Farbe und einen Malerpinsel und strich die Papierwände
so eben und gut mit einer hellen Farbe an, daß das Ganze wirklich ein recht
freundliches Ansehen gewann. Dann zog er auch vor dem kleinen Fenster des
Stübchens eine Menge Blumen, die er sich zu verschaffen gewußt hatte. Da
er bei Allen beliebt war, gab ihm bald dieser, bald jener seiner Mitschüler
ein hübsches Pflänzchen oder auch nur einen Absenker und er verstand es
so zu hegen und zu pflegen, daß es in kurzer Zeit freudig emporwuchs
und Stengel, Blüthen und Blumen trieb. So oft er eine Stunde Zeit hatte,
beschäftigte er sich mit seinen Blumen, trug sie ins Freie hinaus, begoß
und putzte sie und hatte seine herzinnige Freude daran, wenn die Blicke
seiner lieben Mutter mit Wohlgefallen darauf ruhten.
An diesem Orte verlebte man so noch ein Jahr und es schien, als ob das
Schicksal müde geworden sei, die arme Frau Robinson zu verfolgen. Die
alten Kunden blieben ihr getreu und der kleine Handel ging ganz so gut,
wie vorher. Da, als man sich dessen nicht versah, miethete einer der ersten
Fruchthändler der Stadt, ein Mann, der bereits durch diesen Handel reich
geworden war, eins der neu erbauten Häuser und etablirte sich in demselben,
indem er einen Gehülfen hineinsetzte. Alle nur erdenklichen Früchte und
die Leckereien aller Zonen und Welttheile wurden hinter Spiegelfenstern
zur Schau ausgestellt; in krystallenen Gefäßen schwammen Forellen und
Goldfische; hier glühten Orangen, Citronen und Apfelsinen; dort dufteten
Ananasse, Melonen und Granatäpfel; von den köstlichsten Trauben waren
Guirlanden gebildet, Käse standen da in Ananasform; Kastanien, Rosienen,
Mandeln u. s. w. bildeten den Hintergrund; kurz, Alles was nur Auge und
Gaumen reizen konnte, war da und in der größesten Fülle.
Wie armselig nahm sich dagegen der Keller der Frau Robinson aus! Auch sah
Keiner mehr auf denselben nieder, sondern die Blicke aller Vorübergehenden
wendeten sich auf das großartige Etablissement in dem schönen Hause; Alles
strömte dahin, während der Keller fast gänzlich verödete.
Dies war ein furchtbarer Schlag für die Vielgeprüfte und hätte sie nicht
Gott im Herzen gehabt, nicht ihm vertraut, so würde sie diesem neuen
Unglücke vielleicht erlegen sein. Sie aber wandte Herz und Auge zum Himmel
empor und sagte: »Herr, in Deine Hände lege ich mein Geschick: Du wirst
wissen, wozu mir diese neue Prüfung nütz ist und Dein Kind nicht allzusehr
prüfen. Dein heiliger Wille geschehe im Himmel, wie auf Erden. Amen!«
Trotz dieses frommen, unerschütterlichen Vertrauens zu ihrem himmlischen
Vater trat ihr aber doch eine Thräne in das Auge, wenn sie an die Zukunft
ihres lieben Williams dachte. Denn die Zeit war nahe, wo er zu einem
Meister in die Lehre gethan werden mußte und dazu war vor allen Dingen Geld
erforderlich. Woher aber dieses nehmen, da der Erwerb so schmal geworden,
daß man an manchen Tagen sich kaum an trockenem Brode satt essen konnte?
Wenn man den Keller hätte verlassen und in einem andern Theile der Stadt
eine andere Wohnung miethen können, so wäre vielleicht noch alles gut
gegangen; allein das konnte man nicht, da man, in der Furcht, vielleicht
von dem Hauswirthe in der Miethe aufgetrieben zu werden, den Keller auf
Contract, das heißt, auf mehrere Jahre gemiethet hatte. Man mußte also
bleiben, wo man war und seinem völligen Ruin entgegensehen.
So standen die Sachen, als der Fruchthändler, welcher das große Haus
gemiethet hatte, zur nicht geringen Verwunderung der Frau Robinson an einem
Morgen zu ihr eintrat und sie fragte; ob sie geneigt sei, seinem Geschäfte
vorzustehen? wofür er ihr eine billige Vergütung geben, auch die Miethe für
den Keller auf sich nehmen wolle.
Zu dieser Anfrage wurde er durch den Umstand veranlaßt, daß er entdeckt
hatte, wie der von ihm eingesetzte Gehülfe ihn um bedeutende Summen
betrogen. Er mußte ihn also aus dem Dienste jagen und sich nach einer
redlichen, auch mit dem Geschäfte vertrauten Person umsehen. Man schlug
ihm dazu Frau Robinson vor, deren Charakter man ihm sehr rühmte, und da
sie überdieß diese Art von Handel kannte, stand er nicht an, auf sie zu
reflectiren.
Ein solcher Vorschlag war nicht zu verachten; allein der hinkende Bote kam
nach: Herr _Berger_ -- so hieß der große Fruchthändler -- forderte von Frau
Robinson, daß sie sich schon jetzt von ihrem Sohne trennen und ihn in
die Lehre geben solle, obgleich er noch nicht das gehörige Alter und
die erforderlichen Körperkräfte erlangt hatte. »Denn,« sagte er, »so ein
Bürschchen kann leicht in Verführung gerathen und könnte es mir eben so mit
ihm ergehen, wie mit meinem früheren Gehülfen, der mein Geld verthat und
mich in großen Verlust brachte.«
Vergebens betheuerte ihm Frau Robinson, daß er dergleichen von ihrem
William nicht zu befürchten habe: er blieb bei seiner Meinung und seinen
Ansichten und verließ sie mit den Worten:
»Ueberlegen Sie meinen Vorschlag: ich lasse Ihnen bis Morgen Mittag Zeit.
Gehen Sie dann nicht auf denselben ein, so muß ich mich nach einer andern
Hülfe umsehen.«
»Mutter,« nahm William das Wort, »liebe Mutter, Du solltest den Vorschlag
des Herrn Berger nur annehmen, und Dir keine unnöthige Sorge um mich
machen.«
»Was redest Du mein Kind?« versetzte die Mutter, »bist Du doch mein Ein und
mein Alles, und lebe ich nur noch für Dich!«
»O, ich weiß, welche große Liebe Du mir schenkst,« versetzte William
gerührt; »aber ich dächte, daß ich doch vielleicht schon einen Meister
fände, der mich zu sich nähme, obschon ich noch nicht das gehörige Alter
habe. Ich würde in diesem Falle ein Jahr länger Lehrbursche sein müssen und
das wollte ich gerne, wenn ich Dich nur einer so schweren Sorge überhoben
sähe. Erlaubst Du mir,« fügte er schmeichelnd hinzu, »erlaubst Du, liebes
Mütterchen, mir, zu dem Meister Brandt zu gehen, und ihn zu fragen, ob er
mich schon jetzt zu sich nehmen und mich in seinem Handwerke unterrichten
wolle? Ich denke, daß er es thun werde, da er gut und freundlich ist und
mir versprochen hat, daß er mein Lehrherr werden wolle.«
Die Mutter machte noch einige Einwendungen gegen diesen Vorschlag, dann
aber willigte sie, den dringenden Bitten Williams nachgebend, endlich
doch ein und der gute Knabe sprang die Gasse hinunter, um sich zum
Tischlermeister Brandt zu begeben, der nicht weit von ihnen wohnte.
Er fand den Meister, einen freundlichen und geschickten Mann, in seiner
Werkstatt beschäftigt. Als er unsern William eintreten sah, ließ er die
fleißige und kunstfertige Hand, die den Hobel führte, einen Augenblick
ruhen, um sie ihm zur Bewillkommung entgegen zu strecken.
»Nun,« sagte er, »da bist Du wieder, um zuzusehen? Es gefällt mir an Dir,
daß Du schon jetzt eine so große Neigung für Dein künftiges Geschäft hast
und in Deinen Mußestunden meiner Arbeit zusiehst. Aus Dir wird, so hoffe
ich zu Gott, einmal ein tüchtiger Mann in unserm Fache werden und ich freue
mich schon auf die Zeit, wo Du zu mir ins Haus und in die Lehre treten
wirst.«
»Lieber Meister,« antwortete ihm William etwas schüchtern, wie man es
allemal zu sein pflegt, wenn man eine Bitte vorzutragen hat, von deren
Gewährung viel für uns abhängt. »Lieber Meister Brandt, sollte es nicht
möglich sein, daß Ihr mich schon jetzt gleich, wo möglich schon Morgen, zu
Euch in die Lehre nähmet?«
»Wenn das von mir abhinge,« versetzte der wackere Mann freundlich, »so
nähme ich Dich lieber heute als morgen um so mehr, da ich so eben einen
Lehrburschen habe fortschicken müssen, der träge, unlustig zur Arbeit,
verlogen und mit so vielen andern Fehlern behaftet war, daß ich ihn nicht
bei mir behalten konnte, schon meiner Kinder wegen, die er mir vielleicht
mit verdorben haben würde. Ich muß mich daher nach einem andern
Lehrburschen umsehen und«.....
»Der werde _ich_ sein? nicht wahr?« unterbrach ihn William mit freudig
bewegter Stimme.
»Der würdest Du unfehlbar sein,« versetzte der Meister, »wenn Du zwei Jahre
älter und schon confirmirt wärest.«
»O, confirmirt könnte ich ja später werden,« sagte William, »und was mein
Alter anbetrifft, so könnte es Euch, lieber Meister, wohl gleichgültig
sein, wenn ich nur die erforderlichen Kräfte und Fähigkeiten besäße; ich
gelobe Euch aber, daß ich durch Fleiß und Aufmerksamkeit ersetzen will, was
mir noch an Jahren abgeht.«
»Weßhalb wünschest Du denn aber, sofort bei mir einzutreten?« forschte der
Meister; »Du hast Dich doch nicht etwa gar mit Deiner braven Mutter erzürnt
und wünschest deßhalb, sie auf der Stelle zu verlassen?«
»Gott bewahre!« rief William, dem bei dieser Aeußerung des Meisters das
Blut in die Wangen stieg, und nun erzählte er dem guten Manne mit seiner
gewohnten Offenheit, wie die Sachen standen und was es eigentlich war, das
ihn zu dem Wunsche bewog, die geliebte Mutter schon jetzt zu verlassen.
Brandt hörte ihm mit theilnehmender Aufmerksamkeit zu, dann, als er geendet
hatte, reichte er ihm die Hand und sagte mit gerührter Stimme:
»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich Deinen Wunsch gewähren könnte; das
kann ich aber leider nicht. Wir Handwerker haben unsere eigenen Gesetze
und die verbieten es uns, einen Knaben, der noch nicht das fünfzehnte Jahr
erreicht hat und noch nicht confirmirt ist, in die Lehre zu nehmen. So leid
es mir also auch thut, so muß ich Dir Deine Bitte abschlagen.«
Das war nun für unsern William ein trostloser Bescheid. Er war mit der
größesten Hoffnung hergekommen, da er der Güte Brandt's fest vertraute, und
hoffnungslos sollte er jetzt von ihm scheiden. Der Gedanke, was jetzt aus
seiner guten Mutter werden solle, preßte ihm bittere Thränen aus, deren
Strom Meister Brandt vergebens zu hemmen bemüht war.
In dem Augenblick, wo diese am heftigsten flossen, öffnete sich die
Thür der Werkstatt und ein Mann von mittleren Jahren, von untersetzter,
kräftiger Gestalt, mit einem von der Sonne gebräunten Gesichte, trat zu
den Beiden ein. Seine Kleidung war sehr fein und ganz neu, hing ihm aber
ziemlich weit auf dem Leibe; er hatte einen weißlichen Kastorhut auf dem
Kopfe; um den Hals war ein buntes, seidenes Tuch geknüpft, dessen Zipfel
weit auf die Brust herabfielen; er trug sehr weite Hosen von blauem Tuche,
eine lange, goldene Uhrkette mit einem halben Dutzend goldener Uhrschlüssel
und Pettschaften daran und aus der Tasche seines Rockes guckte ein
hochrothes, seidenes Schnupftuch hervor. Unser William erkannte auf den
ersten Blick einen Schiffskapitain in diesem Manne und im Andenken an
seinen lieben, verschollenen Vater schlug sein Herz mächtig beim Anblick
desselben.
Da er sich, als die Thüre sich öffnete, nach dem Eintretenden umgesehen
hatte, blickte dieser ihm in das von Thränen überströmte Gesicht und mit
seemännischer Freundlichkeit auf ihn zugehend, sagte er:
»Was ist denn dem Jüngelchen, daß es so weint?«
William erröthete über und über bei dieser Frage des fremden Mannes und
Kapitain _Hansen_ -- dies war sein Name -- der es bemerkte, fuhr fort:
»Du brauchst Dich vor mir Deiner Thränen nicht zu schämen, Kleiner;
freilich wenn Du ein großer Kerl wärest und flenntest dann, so würd'
ich 'ne schlechte Idee von Dir bekommen. Sag' mir lieber, was Dir ist,
vielleicht kann ich Dir helfen.«
»Das arme Kind ist übel daran,« nahm jetzt Meister Brandt das Wort, und
nun erzählte er dem Kapitain, wie die Sachen standen. Dieser hörte ihm
mit gespannter Aufmerksamkeit und sichtbarer Theilnahme zu; dann, als er
geendet hatte, nahm er das Wort und sagte:
»Dem armen Jungen und seiner Mutter würde leicht zu helfen sein, wenn beide
keine Abneigung gegen das Seeleben hätten.«
»Die habe ich gewiß nicht,« antwortete ihm William, »waren doch mein Vater
und Großvater eben so gut Schiffscapitaine, als, wie ich glaube, der Herr
es sind.«
»So? Dein Vater und Großvater waren Seeleute?« fragte Kapitain Hansen
überrascht. »Wie hießen sie, mein Jüngelchen?«
»Mein Großvater hieß Elliot und mein Vater Arthur Robinson,« versetzte
William, schon etwas dreister.
»Das sind Namen, die zur See guten Klang halten,« nahm Hansen wieder das
Wort. »Ich hörte oft von ihnen reden, sowohl in Europa, als in andern
Welttheilen, und es freut mich, daß ich die Bekanntschaft des Sohnes
und Enkels so braver Leute gemacht habe,« fügte er liebevoll hinzu.
»Hoffentlich bist Du, mein Kind, nicht aus der Art geschlagen und wenn dem
so sein sollte, würde es eine große Freude für mich sein, erst aus Dir eine
tüchtige Theerjacke,[1] dann aber einen Capitain zu machen, wie es Deine
Vorfahren waren. Hättest Du wohl Lust, mit mir auf die See zu gehen?«
[1]: In der seemännischen Sprache nennt man so die Matrosen.
William erröthete bei diesem Vorschlag über und über. Es war ihm bis jetzt
noch gar nicht eingefallen, daß ein solcher Ausweg ihm übrig bliebe, um
seine gute Mutter von der Sorge um ihn zu befreien und so überraschte er
ihn um so mehr. Hansen, der sein Erröthen falsch deuten, sagte:
»Wenn Du Dich aber fürchtest, so bleib' lieber zu Hause: ein Seemann muß
vor allen Dingen Muth in der Brust haben und sich vor Nichts fürchten.«
»O, ich fürchte mich vor dem Wasser gewiß nicht,« war die Antwort Williams,
»und wenn meine gute Mutter nur wollte, wie ich will, so wäre der Handel
bald geschlossen.«
»So befrage Deine Mutter,« versetzte der Capitain, »und bringe mir Morgen,
zwischen acht und neun Uhr, Deine Antwort. Hier ist meine Adresse,« fügte
er hinzu, indem er ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche riß und seinen
Namen und seine Wohnung darauf bemerkte. »Du mußt Dich aber schnell
entschließen,« fuhr er fort; »mein Schiff liegt segelfertig und ich warte
nur noch auf günstigen Wind, um den Hafen zu verlassen. Bringst Du mir
Morgen früh bis neun Uhr keine Antwort, so suche ich mir einen andern
Jungen, denn ich muß einen haben; Du aber würdest mir der liebste sein, da
Du von so wackern Seeleuten abstammst.«
Der Capitain wandte sich jetzt an Meister Brandt, mit dem er von Geschäften
zu sprechen hatte, und unser William, dem durch den Vorschlag Hansens
eine neue Welt aufgegangen war, eilte mit schnellen Schritten nach seiner
Wohnung zurück, um ihn der Mutter mitzutheilen.
Drittes Kapitel.
Als die Mutter ihn so eilig und mit vor Freude glühenden Wangen bei sich
anlangen sah, glaubte sie schon, daß Meister Brandt auf den Wunsch Williams
eingegangen sei und ihm versprochen habe, ihn schon jetzt zu sich in
das Haus zu nehmen. Diese glückliche Täuschung währte aber nur wenige
Augenblicke, indem William ihr die abschlägige Antwort des Tischlers,
zugleich aber den Vorschlag Hansens, ihn mit auf die See nehmen zu wollen,
mittheilte. Die gute Frau wurde todtenbleich vor Schrecken, als William sie
dringend bat, ihm ihre Erlaubniß zur Mitreise nicht versagen zu wollen und
nach einem kurzen Nachdenken erklärte sie mit Bestimmtheit, daß sie lieber
Alles erdulden, als ihr Liebstes dem unsichern Elemente anvertrauen wolle.
»Ich habe,« sagte sie unter Thränen, »kein anderes Gut auf Erden, als Dich
und der Gedanke, mich von Dir trennen zu sollen, würde völlig unerträglich
für mich sein. Möge daher kommen was da will: ich lasse Dich nicht und
will lieber Hunger und Kummer mit Dir ertragen, als getrennt von Dir im
Wohlleben schwelgen.«
Vergebens bot William seine ganze kindliche Beredsamkeit auf, sie zu einem
andern Entschlusse zu bringen: sie beharrte bei dem einmal gefaßten und
befahl ihm, sofort zu dem Capitain Hansen zu gehen, um diesem zu sagen,
daß er nicht auf ihn rechnen und sich sobald als möglich einen andern
Kajütenwächter suchen möge.
Mit schwerem Herzen und zum ersten Male mit innerm Widerstreben
gehorchte William ihr. Nicht mit schnellen Schritten sondern langsam und
niedergedrückt, wanderte er den Vorsetzen zu, wo sich die Wohnung des
Capitains befand. Er traf diesen nicht zu Hause an, wohl aber seine Frau,
die ihm sagte, daß ihr Mann so eben an Bord gegangen sei, weil der Wind
sich gedreht habe.
»Da es möglich ist,« fügte die Frau Capitainin hinzu, »daß mein Mann noch
heute absegelt, lasse ich mich sogleich an das Schiff fahren, um Abschied
von ihm zu nehmen, und wenn Du willst, kannst Du mit mir gehen, um selbst
Deine Bestellung an ihn auszurichten.«
William, der noch nie, so weit seine Erinnerung reichte, auf einem großen
Schiffe gewesen war, nahm diesen Vorschlag mit Freuden an und ehe noch eine
halbe Stunde vergangen war, befanden Beide sich am Bord der _Hoffnung_, wie
das große, prächtige vom Kapitain Hansen befehligte Kauffarteischiff hieß.
Als der Capitain ihn mit seiner Frau an Bord kommen sah, lächelte er ihm
freundlich zu und sagte:
»Nun, ich sehe, Du bist von ächtem Schrot und Korn und zauderst nicht, Dein
Glück auf dem schönen Elemente zu versuchen. Es ist mir sehr lieb, daß Du
da bist; der Wind ist so günstig als möglich und in einer Stunde geht
es vorwärts. Es würde mich, da ich fest auf Dich gerechnet, in große
Verlegenheit gesetzt haben, wenn Du nicht gekommen wärest.«
»Ach, lieber Herr Capitain,« versetzte William mit unsicherer, fast von
Thränen erstickter Stimme, »ich bin nicht hier, um mit Ihnen in See zu
gehen, sondern um Ihnen zu sagen, daß meine Mutter mir mit Bestimmtheit die
Erlaubniß verweigert hat, ein Seemann zu werden.«
»Ei, da mußt Du, sofern Du wirklich Neigung zum Seeleben hast, es ihr über
den Kopf nehmen,« antwortete ihm Hansen. »Die Mütter sind gar zaghafte,
ängstliche Geschöpfe,« fügte er hinzu. »Mit der meinigen ging es mir nicht
besser; die hätte weit lieber einen Federfuchser aus mir gemacht, als einen
Seemann; ich aber schlug ihr ein Schnippchen und ehe sie es sich versah,
schwamm ich auf dem Meere. Als ich einmal fort war, mußte sie sich schon
trösten und beruhigen, und das wird auch die Deinige thun, wenn die Sache
einmal nicht mehr zu ändern ist. Nicht wahr, Du bleibst bei mir?« schloß er
seine Rede, indem er William die Hand reichte.
»Ach, dürfte ich das doch, ohne eine Sünde zu begehen,« sagte der arme
Knabe, dem die hellen Thränen über die Wangen flossen, »aber der liebe
Gott würde es mir, denke ich, nie vergeben, wenn ich meine gute, liebevolle
Mutter durch solchen Ungehorsam betrübte; es könnte überdieß ihr Tod sein,
wenn sie nicht wüßte, wo ich geblieben wäre.«
»Dafür dürfte leicht Rath geschafft werden,« versetzte der Capitain. »Meine
Frau kehrt an's Land zurück und die könnte Deiner Mutter schon Bescheid
sagen. Wo wohnt sie?«
William nannte ihm die Gasse und die Hausnummer, bestand aber trotz dem
darauf, daß er mit der Frau Capitainin an's Land zurückkehren wolle.
»Du kannst Dir das noch ein Weilchen überlegen,« sagte Hansen nach einem
kurzen Nachdenken: »das Schiff segelt noch nicht ab und Du wirst noch
immer vor Dunkelwerden an's Land kommen können. Komm mit in die Kajüte und
verzehre ein Waizenbrod mit mir; dabei kannst Du überlegen, was Du zu thun
hast.«
William, der wirklich mit sich selbst kämpfte, folgte dieser Einladung und
Capitain Hansen bewirthete seinen jungen Gast auf das Beste. Er bot ihm
auch ein Gläschen Cognac an, das William, der nie dergleichen gekostet
hatte, aber verschmähte. Hansen ließ darauf eine Flasche süßen Weins,
Mallaga, bringen und drang William ein Gläschen davon auf; es mundete
ihm, da der Wein sehr süß und angenehm war. Er kannte die Gefahr eines so
feurigen Getränkes nicht und trank in aller Unschuld, schon halb von dem
ersten Glase berauscht, ein zweites, vielleicht gar ein drittes; denn
schon wußte der arme Knabe nicht mehr, was er that, und bevor noch ein
Viertelstündchen vergangen war, lag er in einem so tiefen Schlafe auf dem
Sopha in der Kajüte des Capitains, daß die Welt hätte untergehen können,
ohne daß er es bemerkt haben würde.
»Du willst ihn also mit Gewalt und wider seinen Willen mitnehmen?« fragte
die Frau des Capitains, einen mitleidigen Blick auf den armen Schlafenden
wendend, ihren Mann.
»Gewiß will ich das,« versetzte Hansen mit einem häßlichen Lachen; »kam er
mir doch eben recht und ist mir völlig unentbehrlich. Du weißt, welche Mühe
ich mir gegeben habe, einen Schiffsjungen zu erhalten, nachdem der frühere,
aus Amerika mitgebrachte, mir hier entlaufen ist, und jetzt sollte ich die
gute Gelegenheit unbenutzt lassen, mir das durchaus nothwendige Subjekt zu
verschaffen?«
»Was wird aber die Mutter des armen Knaben sagen? wie wird sie sich
ängstigen und grämen!« wandte die gute Frau ein. »Ich glaube, daß ich vor
Angst stürbe, wenn mir das begegnete,« fügte sie hinzu; »Du solltest ihn
wecken und mit mir an's Land gehen lassen!«
»Daß ich ein Narr wäre!« rief Hansen unwillig. »Wollte man auf
Weibergeschwätz hören und auf Weiberthränen sehen, so würde man zu Nichts
in der Welt kommen. Laß mich mit Deinen Vorstellungen in Ruhe und kehre Du
in Gottesnamen allein an das Land zurück. In einer Stunde sind wir aus dem
Hafen und, wenn der Wind so bleibt wie er jetzt ist, schon über Nacht in
See. In dieser Jahreszeit hat man keine Stunde zu verlieren; der Dezember
ist nahe und wenn ich mich nicht spute, friert mir die Hoffnung gar noch
hier ein.«
Die Frau, welche ihren Mann genau kannte und recht gut wußte, daß man durch
Vorstellungen nichts über seinen starren, bösen Sinn gewann, wandte ihr
Auge seufzend von dem armen Schläfer ab und schickte sich an, das Schiff
ohne ihn zu verlassen, was sie that, nachdem sie einen kurzen Abschied von
ihrem Manne genommen hatte.
Die Sache war die, daß Capitain Hansen in dem Rufe eines bösen Mannes und
argen Tyrannen stand, weßhalb es ihm allemal schwer fiel, sein Schiff zu
bemannen, am allerschwersten aber, einen Kajütenwächter zu finden,
weil diese armen Unglücklichen, in seiner unmittelbaren Nähe lebend, es
schlimmer als die wirklichen Matrosen hatten, die, da sie bereits Männer
waren, ihm bei vorkommenden Gelegenheiten die Stirn boten.
Sobald er den armen William bei dem Tischlermeister erblickte, fuhr der
Gedanke ihm durch den Kopf: das könnte wohl ein Schiffsjunge für dich sein,
und er nahm die Miene großer Freundlichkeit gegen den armen Getäuschten an,
um ihn desto sicherer ins Netz zu locken. Es war auch nicht an dem, daß er
von dem Vater und Großvater William's etwas gehört hatte; da es ihm aber
auf eine Lüge mehr oder minder nicht ankam, brachte er auch die vor, daß
ihm der Name und Ruf derselben bekannt sei.
Trotz dem wäre ihm sein Vorhaben mißlungen und er hätte ohne Kajütenwächter
absegeln müssen, wenn der Zufall den armen William nicht an Bord und in die
Gewalt des bösen Mannes geführt hätte; so wie der Knabe aber das Verdeck
betreten hatte, gelobte Hansen es sich, daß er nicht wieder von Bord solle,
und wir haben gesehen, durch welches abscheuliche Mittel er seinen bösen
Willen durchzusetzen wußte.
Während nun William im tiefsten Schlafe in der Kajüte des Capitains lag und
die Hoffnung alle ihre Segel entfaltete, um den Hafen noch vor Anbruch der
Nacht zu verlassen, stand Frau Robinson eine unbeschreibliche Angst um ihr
armes Kind aus. Es dämmerte bereits und noch immer war William nicht wieder
da. Der Weg bis zu den Vorsetzen, wo, wie sie wußte, Capitain Hansen seine
Wohnung hatte, war zwar weit; aber trotz dem hätte der Knabe, wenn ihm kein
Unfall zugestoßen, doch schon längst zurück sein müssen. Endlich wurde es
völlig dunkel und das Geräusch in den Gassen nahm bereits ab; mit jeder
dahinschwindenden Minute vermehrte sich die Angst der armen Frau und diese
nahm endlich so sehr überhand, daß sie ihren Keller zuschloß und sich
auf den Weg nach den Vorsetzen machte, wo sie sich nach der Wohnung des
Capitains Hansen erkundigen wollte.
Obgleich sie so schnell ging, als es ihre Kräfte nur irgend erlaubten, war
es ihr doch, als ob sie nicht von der Stelle käme. Endlich hatte sie
die Vorsetzen erreicht und nach langem Fragen auch die gesuchte Wohnung
gefunden. Bevor sie diese betrat, mußte sie erst einige Augenblicke an der
Thüre stehen bleiben, um Athem und Muth zu schöpfen; denn was sollte wohl
aus ihr werden, wenn man ihr auch hier keine Nachricht über ihren William
ertheilen könnte?
Nach einigen Minuten der Erholung drückte sie den Thürklopfer nieder und
trat in das Haus. Es war völlig dunkel auf der Flur und es herrschte
eine Stille in der Wohnung, als wäre sie gänzlich unbewohnt. Erst als sie
mehrere Male und mit immer lauterer Stimme »guten Abend!« gerufen hatte,
öffnete sich im Hintergrunde der Flur eine Thür und eine noch ziemlich
junge Frau trat, mit einem Lichte in der Hand, aus derselben ihr entgegen.
»Bin ich hier recht?« fragte Frau Robinson mit vor Angst und Beklemmung
bebender Stimme; »ich suche den Herrn Schiffskapitain Hansen?«
»Wenn Sie den zu sprechen wünschen,« antwortete ihr die Frau, »so kommen
Sie leider zu spät: mein Mann ist bereits seit einigen Stunden abgesegelt.«
»So habe ich die Ehre, seine Frau zu sprechen,« fragte die arme Mutter.
»Ihnen zu dienen,« war die Antwort; »aber treten Sie gütigst zu mir ein,«
fügte die Capitainsfrau hinzu, indem sie die Stubenthür öffnete.
»Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, liebe Madame,« nahm Frau Robinson
wieder das Wort; »einer armen Mutter, die schier vor Angst vergeht, werden
Sie gewiß einige Nachsicht schenken. Ich suche meinen Sohn, den ich
mit einem Auftrage an Ihren Mann schickte, und der, ganz wider seine
Gewohnheit, nicht wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Mein Name ist
Robinson; vielleicht hörten sie ihn von Ihrem Manne nennen, der so gütig
sein wollte, meinen William mit sich zu nehmen, was ich aber nicht zugeben
konnte.«
»Ach! Sie sind die Mutter des jungen Menschen?« antwortete ihr die
Capitainin nicht ohne Verlegenheit. »Es freut mich,« fuhr sie nach einigem
Zögern fort, denn ihr fiel die Lüge eben so schwer, als sie ihrem Manne
leicht fiel, »es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß er sich in seiner
neuen Lage ganz wohl befindet und wahrscheinlich vollkommen glücklich
fühlt, da er seinen Beruf mit großer Liebe ergriffen hat.«
»Von welchem Berufe reden Sie, Madame?« fragte Frau Robinson erbleichend;
»sollte mein William, der bisher der zärtlichste, gehorsamste und beste
Sohn war, wider meinen ausdrücklichen Willen gehandelt und sich bei Ihrem
Manne als Kajütenwächter verdungen haben?«
»Ich weiß nichts davon, ob es mit oder gegen Ihren Willen geschah,«
versetzte die Gefragte sichtbar verlegen; »nur so viel kann ich Ihnen
sagen, daß ihr Sohn mit meinem Manne gegangen ist und jetzt wahrscheinlich
schon mehrere Meilen von hier auf der Elbe schwimmt.«
Wie ein Donnerschlag traf diese Nachricht die arme Mutter: sie gab in
diesem Augenblick ihr geliebtes Kind, ihr einziges Gut auf Erden, nicht
nur leiblich, sondern auch moralisch verloren; denn was durfte sie noch von
einem Sohne erwarten, der so lieblos gegen sie gehandelt, sie so getäuscht
hatte?
Ihr wurde dunkel vor den Augen; die Knie wankten unter ihr und sie wäre,
von einer Ohnmacht befangen, zu Boden gesunken, wenn die Frau Hansen ihren
Zustand nicht bemerkt hätte und ihr zur Hülfe gekommen wäre. Sie eilte auf
die Schwankende zu, unterstützte sie mit ihren Armen und führte sie zum
Sopha, wo sie dem Anscheine nach ohne Leben niedersank.
Die Frau Hansen war im ersten Augenblick so erschrocken, daß sie nicht
wußte, was sie thun, was beginnen solle. Dann lief sie zur Klingel und zog
diese mit Heftigkeit an, um ihre Magd herbei zu rufen, die sie, so wie sie
eingetreten war, zum nächsten Arzt schickte. So wie dieser den Zustand der
Frau Robinson untersucht hatte, erklärte er, daß die Krankheit nicht viel
zu bedeuten habe und gab ihr einige starke Sachen zu riechen, um sie aus
ihrer Ohnmacht zu erwecken. Unter diesen Bemühungen kam die Leidende bald
wieder zu sich und ihr Gefühl machte sich in einem Strome von Thränen Luft.
Frau Hansen weihte ihr die innigste Theilnahme, und hatte sie vorher schon
in ihrem Herzen die Handlungsweise ihres Mannes getadelt, so that sie es
jetzt, wo sie die arme Mutter einer so großen Betrübniß hingegeben sah,
doppelt; aber sie hatte trotz dem nicht den tugendhaften Muth, ihr die
Wahrheit zu sagen, obgleich sie ihren Kummer dadurch um die Hälfte hätte
vermindern können; denn immer und immer wieder rief Frau Robinson mit
schmerzlich bewegter Stimme:
»Das konnte mir ein Kind thun, welches ich mit so vieler Liebe groß gemacht
habe? Auf solche Weise konnte mein William mich hintergehen, er, den ich
für die Redlichkeit und Aufrichtigkeit selbst hielt?«
Weniger betrübte sie die Trennung von dem geliebten Sohne, als der Flecken,
der scheinbar durch dieselbe auf sein Gemüth und seinen Charakter fiel: und
durch ein einziges Wort hätte Frau Hansen sie hierüber beruhigen können.
Mußte sie aber nicht die schändliche Handlungsweise ihres Gatten zugleich
mit enthüllen? Dieser Gedanke verschloß ihr die Lippe und sie ließ die
Mutter mit der ganzen Last ihres Kummers von hinnen gehen. Dies war ein
großes, unverzeihliches Unrecht von der sonst so guten und gefühlvollen
Frau.
Viertes Kapitel.
Indeß schwamm die _Hoffnung_, von einem frischen Ostwinde getrieben,
majestätisch mit geblähten Segeln die Elbe hinunter und nahm bei
Cuxhafen die Lootsen ein. William schlief, von dem starken und ihm völlig
ungewohnten Wein benebelt, als wolle er nie mehr erwachen: hatte er
doch schon sonst einen festen gesunden Schlaf, wie er der lieben Jugend
eigenthümlich ist, und mußte am Morgen stets von der guten Mutter mehrere
Male geweckt werden, um die Schulstunden nicht zu versäumen. Das Geräusch
auf dem Verdecke störte ihn nicht, da er es in seiner Vaterstadt gewohnt
geworden war, bei einem solchen zu schlafen.
Hoch stand bereits, trotz der weit vorgerückten Jahreszeit, die liebe Sonne
am östlichen Himmel, als er endlich erwachte. Er setzte sich über Erde,
rieb sich die Augen, fühlte nach seinem Kopfe, der ihn sehr schmerzte,
wie es nach einem gehabten Rausche der Fall zu sein pflegt, und sah mit
verwirrten Augen umher. Alle ihn umgebenden Gegenstände waren ihm völlig
unbekannt und schon wollte er sich wieder zum Schlafe niederlegen, weil er
zu träumen glaubte, als er den Capitain zu sich eintreten sah.
»Nun, Jüngelchen,« sagte dieser lachend, »das nenne ich geschlafen!«
»Wo bin ich denn?« fragte William, indem er sich die Augen rieb.
»Wo Du bist?« fragte der Capitain gleichfalls. »Weißt Du denn nicht mehr,
daß Du Dich an Bord der _Hoffnung_ und schon mitten im Meere befindest?«
Bei diesen Worten sprang der arme Knabe vollends auf und sein eben noch vom
Schlafe geröthetes Gesicht wurde todtenbleich.
»So habe ich die Zeit verschlafen und das Schiff ist mit mir fortgesegelt?«
rief er mit dem Tone des höchsten Entsetzens aus. »Großer Gott! was soll
jetzt aus mir armen Knaben, was aus meiner unglücklichen Mutter werden? und
wird sie sich nicht gar zu Tode um mich grämen? Setzt mich, Herr Capitain,
ich flehe Euch darum um Gotteswillen an, setzt mich sobald als möglich an's
Land! Wenn es auch noch so weit ist, will ich gerne zu Fuße nach Hamburg
zurücklaufen; gute Menschen werden mir schon den Weg dahin zeigen; denn
es wäre doch gar zu traurig, wenn meine gute Mutter aus Kummer um mich
und meinen vermeinten Ungehorsam stürbe, oder sich ihre lieben, ohnehin so
kranken Augen blind weinte.«
»Närrchen,« versetzte der Capitain, dessen böses Herz sich an der Angst des
armen Knaben ergötzte, »Närrchen, vom Festlande wird nicht eher die Rede
sein, bis wir die Insel Java, bei Asien, erreicht haben: denn dahin steuern
wir, und Du mußt Dich schon auf dem Wasser zufrieden geben. Was aber
Deine Mutter anbetrifft, so wird sie sich schon bei meiner Frau nach Dir
erkundigen und von der hören, wie die Sachen stehen; Du aber denke von nun
an nur darauf, Deine Pflichten am Bord gehörig zu erfüllen, und mir keine
Gelegenheit zur Unzufriedenheit zu geben, denn sonst würde es Dir nicht gut
ergehen.«
Vergebens bat und beschwor William noch ferner den bösen Mann, ihn ans
Land setzen zu lassen, da er nicht wußte, daß dies unter den gegenwärtigen
Umständen völlig unmöglich sei; und wäre es auch möglich gewesen, so würde
Capitain Hansen doch nie darein gewilligt haben, seine Beute wieder fahren
zu lassen. Dem armen William blieb also nichts weiter übrig, als sich in
sein Schicksal zu ergeben, was er nach vielen vergossenen heißen Thränen
that.
Seiner Mutter wurde aber doch am folgenden Tage, als sie ihr Unglück den
theilnehmenden Nachbarn klagte, ein großer Trost. Auf dem Wege zu dem
Capitain war William nämlich einem seiner Schulgefährten, der gleichfalls
in der Nachbarschaft wohnte, begegnet, und diesem hatte er erzählt, daß er
zu dem Capitain Hansen gehe, um ihm im Namen seiner Mutter zu sagen, daß
diese nicht in seine Entfernung willige, und bei dieser Gelegenheit hatte
er gegen den Schulfreund geäußert: »Er würde um keinen Preis wider den
Willen seiner Mutter mit dem Capitain gehen, denn das würde eine große
Sünde sein.«
Diese Mittheilung beruhigte die gute Frau Robinson in Etwas und sie dachte
sich ungefähr den Zusammenhang der Sache. Eine große Last war ihr vom
Herzen genommen, als sie sich sagen mußte, daß ihr William an den ihr
bereiteten Schmerzen gewiß unschuldig sei; ihn schuldig, ungehorsam und
lieblos zu wissen, das war es, was sie so sehr zu Boden gedrückt hatte.
Ihre Thränen flossen also sanfter, und wie immer legte sie voll Vertrauen
ihr eigenes und das Geschick ihres theuren Kindes in die Hände ihres
himmlischen Vaters.
Der Wind blieb indeß günstig; er hatte sich gedreht, als man die Elbe
verließ und wehte jetzt so, daß man gar bald die hohe See und schon
nach einigen Tagen den Kanal erreichte. Man nennt die Meerenge zwischen
Frankreich und England so, wie diejenigen unter Euch Geliebten schon wissen
werden, die sich bereits etwas mit der eben so angenehmen als nützlichen
Wissenschaft der Erdbeschreibung oder Geographie vertraut gemacht haben.
Die Passage durch den Kanal, den die Franzosen =La Manche= nennen, wird
von den Seeleuten für eine gefährliche gehalten, der vielen Klippen und
Felsenriffe wegen, die an beiden Küsten, sowohl an der französischen als an
der englischen angetroffen werden. Indeß mußte man es dem Capitain Hansen
zum Ruhme nachsagen, daß er, wenn auch kein guter, gefühlvoller Mensch,
doch ein tüchtiger Seemann war, und da Wind und Wetter günstig blieben,
hatte man bald den gefährlichen Kanal hinter sich und steuerte in den
großen atlantischen Ocean hinein, der seine ungeheuren Wasserflächen
zwischen den beiden Welttheilen Europa und Amerika ausbreitet. Den großen
Weltmeeren, deren man in der Geographie fünfe zählt, gibt man aber den
Namen _Ocean_.
Ich bitte diejenigen unter Euch, die durch diesen »_neuen Robinson_« nicht
blos unterhalten, sondern zugleich auch belehrt sein wollen, und
deren werden hoffentlich recht viele sein, eine Weltcharte oder ein
_Planiglobium_ zur Hand zu nehmen und unserm jungen Reisenden auf derselben
zu folgen. Es ist eine schöne Fähigkeit, stets das Nützliche mit dem
Angenehmen zu verbinden, und ich ermahne Euch, sie zeitig zu üben. Ihr
werdet dadurch nach und nach eine Menge Kenntnisse erlangen, die Euch sonst
vielleicht fremd blieben. Jetzt aber zurück zu unserm Robinson, der
seinen, in England häufig vorkommenden Namen nicht vergebens führte, da das
Schicksal ihn dazu ausersehen hatte, ähnliche Begebenheiten zu erleben,
wie der, den Vater Campe, zum Ergötzen so vieler Kinder, in seinem
vielgelesenen Buche geschildert hat.
Unser William Robinson war also auf dem hohen Meere und fing bereits an,
sich mit seinem Schicksale auszusöhnen, da er einsehen gelernt hatte, daß
es ein unabänderliches sei. Zwar war Capitain Hansen ein strenger, ja sogar
böser und ungerechter Gebieter, der seine schlimme Laune stets an seiner
Umgebung ausließ; allein William hatte es doch besser bei ihm, als die
frühern Schiffsjungen, weil er sanft, geduldig und stets aufmerksam gegen
seinen Herrn, stets freundlich und dienstfertig gegen seine Mitmannschaft
war. Hatte der Capitain einmal seine böse Laune -- und diese trat allemal
ein, wenn Wind und Wetter der Fahrt nicht günstig waren, weßhalb die
Matrosen ihn unter sich immer nur die _Wetterfahne_ nannten -- so ging
William ihm klug aus dem Wege und verdoppelte seine Aufmerksamkeit gegen
ihn. Er trat dann so leise auf, daß man ihn kaum hören konnte, und sah
immer nach den Augen des See-Tyrannen, um jeden leisen Wunsch desselben
zu errathen, bevor er noch nöthig hatte, ihn auszusprechen. Sein von Natur
gutes Gedächtniß und die große Geschicklichkeit, welche er sich bei allen
Handhabungen durch frühzeitige Uebung erworben hatte, kamen ihm jetzt sehr
zu statten. Er führte pünktlich die ihm ertheilten Befehle aus, ließ weder
Teller, Tassen noch Gläser fallen, wie andere plumpe Schiffsjungen es
häufig gethan hatten, und hielt die Kajüte des Capitains so rein und
ordentlich, daß auch nicht ein Stäubchen darin zu entdecken war. Er dachte,
so lange sein Dienst dauerte, nicht an andere Dinge, sondern nur an seine
Pflichten und Obliegenheiten. Abends aber, wenn er sein hartes Lager
aufsuchen und die ermüdeten Glieder darauf ausstrecken durfte, dann
gedachte er der jetzt so fernen Heimath, der geliebten Mutter und ihrer
Zärtlichkeit für ihn, und manche Thräne floß aus seinen Augen und benetzte
sein hartes Kopfkissen von Seegras.
Es konnte nicht fehlen, daß ein Charakter, wie der unsers William, nicht
eine gewisse Gewalt auf das rohe, unfreundliche Gemüth des Capitains
ausüben mußte. Ohne daß dieser selbst einmal eine Ahnung davon hatte,
liebte er den stillen, freundlichen und behenden Knaben, und weil er
ihn liebte, ging er besser mit ihm um, als mit irgend einem Andern der
Mannschaft; Alle aber gönnten William diesen Vorzug von Herzen, weil er
gegen Jeden gut und gefällig war, auch nie die Vorliebe des Capitains dazu
mißbrauchte, die übrigen Matrosen bei ihm zu verklagen oder ihm von diesen
begangene kleinere oder größere Versehen mitzutheilen.
Die Neigung, welche Capitain Hansen nach und nach für William faßte, gab
sich nicht blos dadurch kund, daß er ihm von Zeit zu Zeit von den bessern
Speißen, die auf seine Tafel kamen, etwas mittheilte, sondern auch dadurch,
daß er in vielen andern Dingen für ihn sorgte. So war unser neuer Robinson
durch seine Kleidung nicht wenig in Verlegenheit gesetzt. War er doch wie
er ging und stand nur mit den Kleidern, die er anhatte, zur See gegangen
und hatte nicht einmal ein zweites Hemd zum Wechseln mitnehmen können. Man
kann sich vorstellen, wie schrecklich eine solche Entbehrung für den an
strenge Reinlichkeit gewöhnten William sein mußte, und seine Noth wurde
noch größer, als er sein schmutziges Hemd nicht mehr unter der Jacke
verbergen konnte, an der bald alle Knopflöcher ausgerissen waren, weil er
sie täglich und bei der schwersten Arbeit auf dem Leibe hatte. Er sah auch
bald einem schmutzigen, zerlumpten Bettler so ähnlich, wie _ein_ Ei dem
andern; nur Gesicht und Hände konnte er rein halten und das that er.
Endlich bemerkte der Capitain seinen üblen Zustand und sagte:
»Du siehst ja aber verteufelt zerlumpt aus! Hast Du denn nichts Anderes
anzuziehen?«
»Ach nein!« versetzte der arme Knabe, und dabei schossen ihm die hellen
Thränen über die Wangen.
Der Capitain, welcher nicht leiden konnte, daß Jemand weinte, wollte schon
auffahren, als er sich plötzlich besann und sagte:
»Daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht! Du bist ja ohne alle weitere
Kleidung, als die, welche Du am Leibe hattest, an Bord gekommen. Nun,«
fügte er freundlicher hinzu, »dem soll abgeholfen werden und zwar gleich.
Für's Erste will ich Dir eins von meinen Hemden geben, damit Du wechseln
und das waschen und ausbessern kannst, was Du bis jetzt getragen, und
Franz, der, wie ich gehört habe, einem Schneider aus der Lehre gelaufen
ist, um ein Seemann zu werden, -- woran er nach meinem Bedünken sehr gut
that -- Franz soll Dir sogleich von meinem abgesetzten Zeuge einen andern
Anzug machen, damit Du nicht länger wie eine Vogelscheuche unter uns umher
gehst.«
Gesagt, gethan! Capitain Hansen war gewohnt, das, was er wollte, schnell
ins Werk gerichtet zu sehen, und so vergingen nicht zwei Tage, als William
schon seinen neuen, netten Anzug hatte. In seinem ganzen Leben hatte er
sich noch nicht so über eine neue Kleidung gefreut, als über diese; er
kam sich so verändert darin vor, daß er sich einige Augenblicke mit
Wohlgefallen in dem sonst sorgfältig mit den Blicken vermiedenen Spiegel
betrachtete. Vor allen Dingen aber erfreute ihn das reine Hemd und er
konnte es nicht genug befühlen und betrachten. So lernen wir erst durch die
Erfahrung den hohen Werth mancher Güter kennen, die wir, eben weil sie
uns bisher nicht gefehlt haben, weil wir glaubten, sie _dürften_ uns nicht
fehlen, nicht gehörig zu schätzen wußten und sie ohne Dank gegen Gott und
Menschen hinnahmen. Auch unser William, so gut und dankbar er im Ganzen
war, hatte nie daran gedacht, seiner guten Mutter dafür zu danken, daß sie
stets für seine Kleidung und Wäsche eine so große Sorgfalt gehabt hatte;
jetzt aber dankte er ihr aus voller Seele dafür und Thränen der Rührung
traten ihm dabei in die Augen.
Fünftes Kapitel.
Um von Europa nach Asien zu kommen, muß man den ganzen atlantischen Ocean
durchschiffen und dann von diesem, indem man um das äußerste südliche
Vorgebirge Afrikas, das sogenannte Cap, biegt, in den großen indischen
Ocean übergehen. Am Cap oder, wie es auch genannt wird, dem _Vorgebirge der
guten Hoffnung_, mußte man anlegen, um Wasser und Lebensmittel einzunehmen,
weil die Vorräthe, die man von Hamburg mitgenommen, nicht weiter reichen
wollten.
Wie wohl that es unserm jungen Seemanne, als er, nachdem er so lange nur
das bewegliche Element des Wassers unter sich gehabt hatte, endlich den
festen Boden wieder betrat! Wie lange hatte er kein grünes Blatt gesehen,
keinen Vogelgesang gehört, in kein anderes Menschen-Antlitz geschaut, als
in das der Matrosen und des Capitains, die die Reise mit ihm gemacht! Wie
ein junges Füllen, das nach langen Wintertagen aus dem Stalle hervorgeholt,
zuerst die grüne Weide wieder betritt, sprang er am Ufer umher und jauchzte
laut auf vor Freude, als er den ersten, grünen Baum wieder erblickte.
Ueberdies bot dieser ihm einen ganz neuen, überraschenden Anblick dar, denn
es war eine Palme, die er zwar bereits in Abbildungen, aber noch nie in der
Natur gesehen hatte. Er lief in vollen Sprüngen auf den herrlichen Baum zu
und umfaßte den knotigen Stamm desselben mit seinen beiden Armen, wie er
sonst in der Freude seines Herzens oft bei seiner lieben Mutter gethan
hatte. Dabei liefen ihm die hellen Thränen über die Wangen; sie flossen
diesmal aber nicht dem Schmerze, sondern dem Entzücken.
Nachdem sich dieses einigermaßen gelegt hatte, sah er sich weiter um
und gewahrte in einiger Entfernung eine Gruppe von Bäumen, deren Kronen
ziemlich rund, wie die der in seiner Vaterstadt gesehenen Kugel-Akazien,
waren. Er eilte darauf zu und wurde schon aus der Ferne durch den
lieblichen, fast betäubenden Duft der schneeweißen Blüten auf die
Vermuthung gebracht, daß er Orangenbäume vor sich habe. Als er näher kam,
sah er an den goldgelben Früchten, womit diese Bäume bedeckt waren, daß er
sich in seiner Meinung nicht geirrt habe. Nicht nur die Zweige waren mit
Blüten und reifen und halbreifen duftigen Früchten bedeckt, sondern sie
lagen auch in Massen abgefallen am Boden, wie bei uns Aepfel und Birnen,
wenn der Sturm die Fruchtbäume im Herbste geschüttelt hat. Viele davon
waren noch frisch und gut, andere aber schon verfault, weil sich Keiner
darum zu bekümmern schien, sie aufzulesen. Unser William hatte zwar großen
Appetit, seinen brennenden Durst durch diese eben so duftigen als saftigen
Früchte zu löschen; da ihm aber seine Mutter die größeste Ehrfurcht vor dem
Eigenthume Anderer eingeflößt hatte, wagte er es doch nicht, sich zu bücken
und einige von den herrlichen, am Boden liegenden Orangen aufzuheben, bis
andere Matrosen von dem Schiffe sich zu ihm gesellten und, indem sie sich
die Taschen und Mützen mit Orangen füllten, ihm sagten: daß es hier Jedem
erlaubt sei, so viele Früchte zu nehmen, als ihm beliebe, indem sie wild
wächsen und Allen gleichsam zugehörten. Sie konnten das wissen, da sie
schon mehrere Male das Vorgebirge der guten Hoffnung besucht hatten und
hier eben so gut Bescheid wußten, wie in ihrer Heimath. Er ließ sich
das nicht zwei Mal sagen und erquickte sich jetzt auch an den duftigen
Früchten.
»Komm nur weiter mit uns,« sagte jetzt _Jakob_, ein bereits ziemlich alter
Matrose, dessen stark gebräuntes Gesicht verrieth, daß er schon lange zur
See gefahren; »komm nur, wir wollen Dir etwas noch Besseres zeigen, als
diese süßen Orangen. In dieser Gegend wächst eine Rebe, deren Früchte nicht
Ihresgleichen in der ganzen übrigen Welt hat. Der davon gewonnene Wein
wird, nach dem Weinberge, von dem man ihn erzielt, _Constanzia_ genannt und
so theuer in Europa verkauft wie kein anderer Wein; die Trauben aber sind
das Köstlichste, was der Mensch nur genießen kann.«
»Gehört denn auch dieser Weinberg Niemanden an und darf man auch von ihm
Trauben pflücken, ohne Jemanden nahe zu treten?« fragte William, als man
bei demselben angelangt war.
»Das nun wohl nicht,« versetzte Jakob, durch diese unerwartete Frage des
Knaben etwas in Verlegenheit gesetzt; »vielmehr würde der Besitzer, ein
Holländer, es sehr übel vermerken, wenn er uns dabei ertappte, daß wir
von seinen Trauben nähmen, aus denen er einen so großen Gewinn zu ziehen
versteht; wer aber würde sich wohl daran kehren, wo es etwas so Gutes zu
erhaschen gibt?« fügte er hinzu.
»Ich werde mich wohl daran kehren,« versetzte William; »fern sei es von
mir, mir das Geringste mit Unrecht anzueignen. So hat meine brave Mutter es
mir gelehrt und dabei will ich, so lange ich lebe, bleiben.«
»Thue das, mein Sohn!« ließ sich jetzt plötzlich eine Stimme vernehmen,
die, Allen ganz unerwartet, hinter einer dichten Hecke hervorkam, und zu
gleicher Zeit erhob sich ein menschliches Antlitz hinter derselben. Die
Andern, welche sich schuldig fühlten -- sie hatten ja stehlen wollen --
ergriffen erschrocken die Flucht; unser William, dessen Gewissen völlig
rein war, blieb aber stehen und sah den alten Mann, der ihr Gespräch
belauscht hatte, furchtlos an.
»Ich habe Alles gehört, mein Sohn,« sagte der Besitzer des Weinbergs --
denn er war es selbst -- »und freue mich, die Bekanntschaft eines so braven
jungen Menschen gemacht zu haben. Bleibe bei Deinen guten Grundsätzen und
es wird Dir stets wohl ergehen. Warte aber einen Augenblick: ich will Dich
für Deine Redlichkeit belohnen, indem ich Dir die sonst fest verschlossen
gehaltene Pforte meines Weinbergs öffne und Dich in denselben führe, damit
Du Dich nach Herzenslust an meinen guten Trauben sättigest; denn für einen
so braven, redlichen Burschen habe ich immer noch einige davon übrig.
Den andern aber würde es schlecht bekommen sein, wenn sie, über den Zaun
steigend, auf anderm Wege in meinen Weinberg gedrungen wären. Ich muß auf
solche ungeladene Gäste gefaßt sein, da Jeder, der hier landet, von meinen
weitberühmten Trauben naschen will, und würde wohl schwerlich eine
einzige davon in die Kelter bringen, wenn ich nicht die gehörige Vorsicht
angewendet hätte. Zu dem Ende ließ ich mir _Fußangeln_ aus Europa
herüberkommen und legte sie dicht an der Hecke rund um den Weinberg.
Von Zeit zu Zeit habe ich Warnungstafeln aufgestellt, auf denen in allen
lebenden Sprachen zu lesen ist, welches Unheil die häßlichen Näscher in
meinem Weinberge erwartet; denn ungewarnt sollten selbst diese nicht in ihr
Unglück gehen.«
Als er diese Worte geendet hatte, öffnete er mit einem schweren Schlüssel,
den er bei sich trug, die große und hohe eiserne Pforte und lud unsern
William zum Eintritt, zugleich aber auch zum Genusse seiner herrlichen
Trauben ein, wobei er ihm seine Lebensschicksale erzählte, die seltsam
genug waren. Als ein armer Knabe war er aus Holland, seinem Geburtslande,
auf einem großen Handelsschiffe nach dem Cap gekommen und Krankheits halber
daselbst zurückgeblieben. Ein Deutscher nahm sich des Verlassenen an,
weßhalb er auch die deutsche Sprache vollkommen gut sprach und verstand.
Durch Fleiß und Redlichkeit erwarb er sich im Laufe der Jahre einiges
Vermögen, kaufte darauf den Weinberg, dessen Werth man damals noch nicht
kannte, für eine geringe Summe an, kultivirte die üppig wachsenden Reben
desselben, grub und düngte den sehr steinigten, trockenen Boden gehörig und
sah sich nach einigen Jahren in dem Besitze eines Weinbergs, um den jeder
ihn beneidete und der ihn nach und nach durch seinen Ertrag zum reichen
Manne machte.
Dieses Alles erzählte der freundliche Greis unserm William, während dieser
sich, auf seine Einladung, an Trauben sättigte, von deren Köstlichkeit und
Würze man in Europa keinen Begriff haben kann. Als William nicht mehr zu
essen vermochte, füllte er ihm Mütze, Taschen und sein Sacktuch auch noch
mit Trauben an, ermahnte ihn dringend, auch ferner stets auf Gottes Wegen
zu gehen, und entließ ihn endlich mit seinem Segen.
Dieses Abentheuer war das angenehmste, das unser junger Freund noch in
seinem, freilich kurzen, Leben erlebt hatte und selbst noch als Greis
erinnerte er sich desselben mit großer Freude, indem er zugleich
behauptete, ihm habe nie wieder etwas so geschmeckt, wie diese ihm mit so
großer Liebe und Freundlichkeit geschenkten Trauben.
Als er endlich zu seinen, ihn in einiger Entfernung erwartenden Genossen
zurückkehrte, erzählte er ihnen, was ihm begegnet war und vertheilte die
ihm mitgegebenen Trauben an sie.
»Wetter!« rief der alte Jakob, als William ihm von den von dem Holländer
gelegten Fußangeln erzählte. »Da hätten wir schön ankommen und uns
vielleicht für unsere ganze Lebenszeit unglücklich machen können; denn mit
den Dingern ist nicht zu spassen und wer zufällig darauf tritt, wird leicht
zum Krüppel, weil sie tief in den Fuß eindringen und oft unheilbare Wunden
zurücklassen.«
Man hatte wirklich Gott für die Abwendung einer so großen Gefahr zu
danken; unser William ging für die Mittheilung seiner auf rechtlichem Wege
erworbenen Trauben auch nicht leer an Dank aus und Alle waren höchlichst
zufrieden.
Es war bereits ziemlich spät, als man von diesem, mit Erlaubniß des
Capitains unternommenen Ausfluge zurückkehrte und Capitain Hansen donnerte
und fluchte schon über das allzulange Ausbleiben. Er besänftigte sich
indessen, als er William, den er schon gar nicht mehr entbehren konnte, mit
zurückkehren sah. Er hatte sich nämlich selbst Vorwürfe darüber gemacht,
daß er diesem erlaubt hatte, mit den Andern ans Land zu gehen, da er
fürchten mußte, daß der auf so hinterlistige Weise Angeworbene ihm
entfliehen und Schutz bei der Behörde gegen ihn suchen würde; er war daher
herzlich froh, als er ihn wiederkommen sah. An dergleichen dachte aber
Williams redliche, arglose Seele nicht einmal; auch hatte er sich jetzt
bereits an das Seeleben gewöhnt, um so mehr, da Capitain Hansen ihn wider
seine sonstige Gewohnheit ziemlich gut behandelte.
Für einen jungen, strebsamen Menschen, der sich gern in der Welt umsieht
und auf Alles merkt, muß eine Reise in so entfernte Gegenden auch immer
einen großen Reiz haben. Jeden Tag, ja jede Stunde, gab es da etwas Neues
und die Quelle der Belehrung versiegte keinen Augenblick. Bald war es ein
Delphin, der neben dem Schiffe herschwamm, bald ein fliegender Fisch,
der sich in seinem silbernen Schuppenkleide aus der grünen Tiefe
emporschnellte; bald ein gräulicher Hayfisch, der seinen gestachelten
Rachen weit öffnete, um seine Beute zu erhaschen, der seine Aufmerksamkeit
und Wißbegierde auf sich zog. Bald sah man in großer Entfernung graue,
gezackte Nebelwölkchen am Horizonte aufsteigen und die erfahrenen Seeleute
erklärten ihm, daß es die Berge der entfernten Küste wären, die er
erblickte, bald ließ sich ein Wandervogel, ermüdet von der weiten Reise
über das unendliche Meer, auf die Spitze des Mastes nieder, um auszuruhen
und wurde mit lautem Jubel von der Mannschaft begrüßt; bald warf man, bei
Windstille, Netze und Angelhacken aus, um die Bewohner der kühlen Tiefe zum
leckern Mahle zu fangen; bald schwammen die Trümmer gescheiterter
Schiffe an ihnen vorüber und gaben reichlichen Stoff zu Erzählungen von
Schiffbrüchen und andern Unfällen zur See; bald endlich theilte der
alte Jakob, der ein lebendiges Magazin von Sagen und Mährchen war, der
aufmerksamen ihm zuhörenden Mannschaft die allerschönsten Sagen mit; kurz,
es fehlte weder an Unterhaltung, noch an Abwechslung an Bord, und so gefiel
sich endlich unser William gar sehr in seinen neuen Verhältnissen; ja,
hätte der Gedanke an den großen Kummer, den seine gute Mutter erdulden
würde, seine Heiterkeit nicht oft getrübt, so würde er sich vielleicht
vollkommen glücklich gefühlt haben.
Sechstes Kapitel.
Nach dem ersten glücklich abgelaufenen Versuche, den der Capitain mit
unserm William gemacht hatte, stand er nicht an, diesem ebensowohl als der
übrigen Mannschaft die Erlaubniß zu ertheilen, die sogenannte Capstadt zu
besuchen. Hier bekam unser junger Freund viel Merkwürdiges zu sehen, unter
andern sah er dort auch die _Hottentotten_, wie die Holländer diese, an der
Südspitze Afrika's lebende Nation nennen, die sich selbst _Quanquis_ nennt.
Die gelbbraune Farbe derselben, ihr der Wolle ähnliches, schwarzes Haar,
ihre großen Mäuler und eingedrückten Nasen, mehr aber noch ihre höchst
seltsame Sprache, die mehr einem Schnalzen, denn einer menschlichen Sprache
glich, waren für unsern Neuling so auffallende Dinge, daß er sich nicht
satt daran sehen konnte und oft vor Verwunderung außer sich war. Von ihrem
Schmutze, der selbst den der Grönländer noch übersteigt, von ihren höchst
seltsamen Sitten und Gebräuchen, wußte man ihm viel zu erzählen und er
hörte dem Erzähler mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu. Dieses Volk ist
übrigens gutmüthig und friedlich, mit Ausnahme eines Stammes, den man die
Buschmänner nennt, weil sie in einer waldigen Gegend wohnen. Diese sind
tückisch, räuberisch und oft sogar grausam; sie machen auf die europäischen
Ansiedler oder Colonisten förmlich Jagd, wie wir auf wilde Thiere, und wehe
dem, der in ihre Hände fällt!
Sie treiben durchaus keinen Ackerbau, sondern leben fast nur von der Jagd
und dem Raube; sie berauben aber nicht blos die Europäer, die sie mit
Recht als ihre Feinde ansehen, sondern die ihnen verwandten Stämme der
Hottentotten und _Kaffern_, wie eine andere, gleichfalls in der Nähe der
Südspitze von Afrika wohnende Nation heißt. Wie die Thiere, denken die
Buschmänner nicht an den folgenden Tag, sorgen auch niemals für die
Vermehrung ihres Viehstandes. So wie sie ein Stück Vieh geraubt und
in Sicherheit gebracht haben, schlachten sie es und verzehren es,
größtentheils roh, auf der Stelle; sie haben so wenig Eckel, daß sie selbst
die Eingeweide zur Nahrung nicht einmal verschmähen. Haben sie sich recht
satt gegessen, so legen sie sich hin und schlafen, bis der Hunger sie
wieder weckt und zu neuen Raubzügen anspornt. Können sie nichts erhaschen
und quält der Hunger sie allzusehr, so schnallen sie sich mit breiten
Lederstreifen den Magen und Unterleib ein und sollen dann sehr lange
hungern können.
Sie sind überaus wild, grausam und rachsüchtig und vergiften die Spitzen
ihrer Pfeile mit dem Safte von nur ihnen bekannten giftigen Pflanzen, so
daß jede Wunde, die sie damit beibringen, sogleich tödtlich wird.
Dieser Buschmänner werden aber immer weniger, da die Colonisten
genöthigt sind, Militär gegen sie auszusenden und gegen sie eine Art von
Vertilgungskrieg zu führen. Wie schrecklich! daß Mensch gegen Mensch auf
diese Weise verfährt.
Von allen diesen, für unsern William fast unglaublichen Dingen hörte er in
der Capstadt erzählen und konnte nicht satt werden, sich davon erzählen zu
lassen. Ja, er trug sogar kein geringes, wenn gleich mit Furcht gemischtes
Verlangen, einmal einen Buschmann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, was
ihm freilich wohl sehr übel bekommen seyn würde.
Endlich hatte Capitain Hansen die nöthigen Vorräthe eingenommen und
wartete nur noch auf einen günstigen Wind, um wieder unter Segel und seinem
Bestimmungsorte, der, wie schon gesagt, die den Holländern gehörige Insel
_Java_ war, entgegen zu gehen.
Dieser mit so großer Sehnsucht erwartete günstige Wind stellte sich endlich
ein und die _Hoffnung_ verließ mit geblähten Segeln den Hafen. Bald schwamm
das Schiff jetzt im großen indischen Weltmeere und steuerte den sogenannten
_Sunda-Inseln_, wovon Java eine ist, zu; die drei andern zu dieser großen
Inselgruppe gehörigen Inseln heißen _Borneo_, _Sumatra_ und _Celebes_;
außer diesen vier großen Sunda-Inseln gibt es noch eine Menge kleinerer,
mit deren Aufzählung ich Euch aber nicht belästigen will.
Die Fruchtbarkeit dieser Inseln ist außerordentlich groß und der Handel
derselben beträchtlich. Die edelsten und von den Europäern am meisten
gesuchten Produkte wachsen dort und werden durch die Handelsschiffe nach
allen bewohnten Theilen der Erde ausgeführt. Aus Java, besonders aus
der Hauptstadt _Batavia_, erhält man Reis, Kaffee, Tabak, etwas Indigo,
Baumwolle und Gewürze. Hier, wo so viele treffliche und nützliche Produkte
wachsen, findet man aber auch den so vielbesprochenen Giftbaum, den
_Bohan-Uzas_, von dem ich Euch, da Ihr wohl schon oft davon gehört haben
werdet, etwas Näheres mittheilen will. Er wächst in waldigen, nicht zu hoch
gelegenen Gegenden auf den Sunda- und _Philippinischen_ Inseln, die in der
Nähe der erstern liegen, besonders aber auf Java. Er wird an hundert Fuß
oder fünfzig Ellen hoch und hat einen geraden Stamm, mit knochenartigen
Auswüchsen. Die Blüten sind gelb mit grüner Blütendecke; die Blätter
oval-länglich mit feinen Härchen besetzt. Man hat diesem, allerdings
überaus giftigen Baum doch weit mehr Böses nachgesagt, als er verdient,
wie z. B. daß darüber hinfliegende Vögel, von den Ausdünstungen des Uzas
berührt, sogleich todt aus der Luft zur Erde niederfielen und Menschen
und andere Säugethiere, die sich in seine Nähe wagten, dasselbe Schicksal
erlitten; ja, man nannte ein Thal auf Java, wo ein solcher Bohan-Uzas
stand, sogar das _Thal des Todes_, weil von den giftigen Ausdünstungen
desselben sogleich alles Leben ersterben sollte. Dieses alles gehört nicht
der Wahrheit, sondern allein der Fabel an. Der Baum ist allerdings sehr
giftig; aber die Wilden gewinnen das Gift für ihre tödtlichen Pfeile allein
dadurch, daß sie den Stamm des Bohan-Uzas mit einem Messer oder scharfen
Steine ritzen, woraus ein milchiger Saft aus der Rinde hervorquillt, der
schnell zu einem Gummi-Harze gerinnt. Diesen Saft vermischen die noch
wilden Javanensen mit andern giftigen Substanzen und tauchen ihre
Pfeilspitzen hinein, worauf jede damit gemachte Wunde auf der Stelle
tödtlich wird. Der giftreiche Uzas hat übrigens ein sehr schönes Ansehen
und ist ein kräftiger Baum mit einer wohlgewachsenen, herrlichen Krone. Er
trägt eine steinigte Frucht. So viel von dem Uzas.
Auf Java, und überhaupt auf den Sunda-Inseln, besonders auf Borneo, findet
man auch das dem Menschen so ähnliche Thier, den _Urang-Utang_, den die
Ureinwohner für einen wirklichen Menschen halten, der aus Trägheit
weder sprechen noch arbeiten wolle; man nennt den Urang-Utang auch den
_Waldmenschen_. Er geht, wie Euch schon bekannt sein wird, aufrecht und
hat oft einen Knittel als Spazierstock oder als Waffe in einer seiner
Vorderhände; denn daß die Affen vier Hände haben, werdet Ihr schon
wissen. Wenn er angegriffen wird, vertheidigt er sich wacker und soll ein
gefährlicher Feind sein, wenn man ihm allein begegnet.
Unser William würde, wenn er nach Java gekommen wäre, dieses Alles und noch
viel Merkwürdiges gesehen haben; allein das Schicksal wollte es anders und
er sah diese Insel nur aus weiter Ferne, ohne sie je zu erreichen, wie ich
Euch nachstehend in dieser wahrhaften Geschichte erzählen werde.
Wind und Wetter blieben zu Anfang der Fahrt vom Cap der guten Hoffnung ins
indische Weltmeer hinein durchaus günstig, und wie ein großer Vogel mit
seinen weitausgebreiteten Schwingen die blaue Luft durchschneidet, so
durchschnitt die mit schönen weißen Segeln bespannte _Hoffnung_ den Ocean.
Stolz und herrlich mußte sich das Schiff ausnehmen, indem es so sicher
durch die bewegte Wasserfläche hinglitt. Wie lustig flatterten nicht die
hochrothen Wimpel, die schöne Flagge mit dem königlichen Wappen im Winde!
Wie glänzte und schimmerte Alles am Bord, wo eine wahrhaft musterhafte
Reinlichkeit und Ordnung herrschte; denn das mußte man dem Capitain Hansen,
trotz seiner sonstigen üblen Eigenschaften, lassen, er war ein ganzer
Seemann und hielt in allen Dingen auf die strengste Ordnung; nicht ein
einziges Endchen Tau durfte am unrechten Orte umherliegen und die erste
Putzdame konnte nicht eifersüchtiger über ihren Staat wachen, als unser
Capitain über die Sauberkeit seiner schönen _Hoffnung_.
Endlich an einem Morgen, als es eben Tag zu werden begann, rief der
Matrose, der oben im Mastkorbe saß, mit lauter und freudiger Stimme »Land!«
aufs Verdeck hinunter. Der Capitain kam auf diesen Ruf schnell aus der
Kajüte hervor und befahl William, der ihm gefolgt war, das prächtige,
weitsehende Fernrohr zu bringen, damit er untersuchen könne, ob der sich
im Nord-Ost am fernen Rande des Horizontes zeigende, graue Nebelstreif
wirklich Land, und, wie er vermuthen durfte, die Küste von Java sei. Er
richtete lange das Fernrohr, das er auf Williams Schulter gelegt hatte, auf
den grauen Streif; denn die Entfernung war noch so groß, daß man nur mit
Mühe unterscheiden konnte, ob man wirklich Land oder nur eine Wolkenschicht
vor sich habe. So wie aber die Sonne etwas höher gestiegen war, unterschied
er mit dem Fernrohr deutlich die hohen Bergspitzen Java's und sagte jetzt
freudig: »Es ist wirklich Land und bald werden wir am Ziele sein.«
Dieser Ausspruch erfreute die Herzen Aller, die ihn hörten. Wenn man so
lange auf der See geschwommen und nichts als Himmel über, als Wasser unter
sich gehabt hat, dann sehnt man sich endlich doch wohl nach einem
festen, grünen Boden unter seinen Füßen, und wenn man so lange nichts als
gepöckeltes Fleisch und trockene Hülsenfrüchte, wenn es hoch kömmt, eine
Mehlspeise oder Fische gegessen hat, nach frischem Fleische und grünem,
saftigem Gemüße.
Es herrschte also über diesen Ausspruch des Capitains große Freude am Bord:
wußte man doch, daß man sich auf ihn verlassen konnte, besonders, da es
nicht das erste Mal war, daß er diese Reise machte. Eine so glückliche,
ungetrübte Fahrt, wie diese, hatte man noch nicht gemacht; so behauptete
selbst der älteste Matrose am Bord, der alte Jakob, der von seinem
fünfzehnten, bis zu seinem fünfzigsten Jahre fast immer auf der See gewesen
war.
Indeß sollte die große Freude der Mannschaft und des Capitains bald getrübt
werden. Die bisher so ruhige, gleichsam spiegelglatte See fing an, sich zu
kräuseln; es tauchten immer größere Wellen, als ob das Meer unten koche,
aus der Tiefe empor; zwar verspürte man auf dem Schiffe noch keinen Wind,
vielmehr schwieg dieser gänzlich, als wolle eine Windstille eintreten;
allein das Meer braus'te hohl und gab ein Getöse von sich, wie wenn in
weiter Ferne der Donner rollt.
Die Mannschaft kannte so etwas und Alles wurde still, als sich diese Boten
eines herannahenden Sturmes kund thaten. Je größer die vorhergehende Stille
gewesen war, je mehr hatte man von jenem zu fürchten. Ein anderes, Allen
wohlbekanntes übles Zeichen waren die über das Schiff hinfliegenden großen
Wandervögel, die ein klägliches Geschrei in der Luft erhoben und statt
sich zum Ausruhen auf die Masten und Segelstangen nieder zu lassen, im
schnellsten Fluge vorüberschossen. Das thaten sie, um wo möglich noch vor
dem ausbrechenden Orkane das Festland zu erreichen.
Die See färbte sich immer dunkler; die Wellen wurden mit jeder Stunde
größer und begränzten sich mit schneeweißen Rändern von Schaum. Der
Capitain verließ das Verdeck nicht und schaute sich mit ernster Miene
und ohne ein Wort zu sagen nach allen Seiten um, ob er nicht noch andere
Zeichen des nahenden Sturmes entdecke. Endlich erblickte er, gerade in
der Richtung, von welcher der Wind herkam, ein kleines dunkles Wölkchen am
Himmel, und sich an den Steuermann wendend, sagte er:
»Jetzt kommt es! Aufgepaßt!«
Er ertheilte dann der Mannschaft die nöthigen Befehle, um auf das Kommende
bereit zu sein, ließ einen Theil der Segel einziehen und befahl die
größeste Vor- und Umsicht.
»Das Wetter wird wahrscheinlich sehr schlimm werden und wir haben uns zu
früh über die glückliche Fahrt gefreut,« sagte er mit bedenklicher Miene.
»Von Glück werden wir zu sagen haben, wenn wir mit leidlichem Schaden davon
kommen. Habt ihr das dunkle Wölkchen da unten,« -- er zeigte gen Westen
mit der Hand -- »wohl gesehen?« wandte er sich an den neben ihm stehenden
Untersteuermann; »das bedeutet nichts Gutes und wird schnell genug, Tod
und Verderben in seinem Schooße tragend, heraufkommen. Dazu wird es bereits
Abend; es darf Keiner diese Nacht zu Bett gehen, denn wenn uns das Unwetter
im Schlafe überraschte, könnte das Unheil groß werden. Daher aufgepaßt!
sage ich nochmals und keiner verlasse seinen Posten!«
William, der neben dem Capitain stand und jedes seiner Worte vernahm, hatte
denn doch ganz seltsame Empfindungen in seiner Brust, als er von Sturm
und Unwetter reden hörte und, wie es sehr wahrscheinlich war, sie selbst
mitbestehen sollte. Er hatte bereits oft von Schiffbrüchen und andern
Unfällen zur See gehört oder gelesen; das aber erfüllte ihn nur mit einem
gewissermaßen angenehmen Grausen und stachelte blos seine Neugierde auf
den Ausgang der Sache; jetzt aber, wo er selbst daran und eine mitspielende
Person in dem großen Drama sein sollte, war ihm ganz anders zu Muthe und
trotz der drückenden Schwüle des Abends rieselte ihm von Zeit zu Zeit ein
kalter Schauder durch die Glieder.
Indeß begriff er doch noch nicht, wie das bezeichnete kleine dunkle
Wölkchen am fernsten Rande des westlichen Horizontes so verderblich für
Schiff und Mannschaft werden könne; war es doch noch so fern und kaum
wenig größer, als daß er es mit seinen beiden ausgebreiteten Händen hätte
bedecken können. Er wagte es mit einiger Schüchternheit, seine bescheidenen
Zweifel nicht gegen den Capitain selbst, wohl aber gegen den ihm
befreundeten Obersteuermann zu äußern; dieser aber belehrte ihn eines
Bessern, indem er zu ihm sagte:
»Die Wolke da drüben _scheint_ nur klein, ist es aber nicht. Nur die
außerordentlich große Entfernung und der große unermeßliche Raum, in dem
sie schwimmt, läßt sie unsern Blicken so unbedeutend erscheinen. Du wirst
schon selbst bemerkt haben, lieber William, wie sehr die Entfernung zur
scheinbaren Verkleinerung der Gegenstände beiträgt. Wenn man z. B. auf
einem Berge, auf einem hohen Thurme oder auch nur auf dem Dache eines
Hauses steht, erscheinen die unten wandelnden Menschen und Thiere uns in
fast zwerghafter Gestalt. Eben so ist es mit den Gegenständen, die wir am
Horizont erblicken. Nimm nur einmal die Sonne oder den Mond, deren Scheibe
man fast mit der Hand bedecken kann, und doch ist die erstere 113 Mal
großer als unsere Erde, obgleich diese eine Masse von 2659 Millionen 310190
kubischen Meilen hat; eine kubische Meile ist aber eine, die eine Meile
lang, breit und hoch ist. Bedenke, wie groß also die um 113 Mal so große
Sonne sein muß und doch macht die außerordentliche Entfernung, daß sie
uns nicht größer _erscheint_, wie der innere Theil eines mäßigen Tellers.
Hiernach wirst Du schließen können, daß auch jene, jetzt so klein
scheinende Wolke sehr groß sei und uns, wenn sie sich über uns ausbreiten
sollte, Gefahr und Verderben bringen könnte. Alles wird für uns davon
abhängen, ob der Wind in seiner jetzigen Richtung bleibt, oder davon
abspringt; ist das letztere der Fall, so dürfte die Gefahr minder groß
werden.«
William, der dem unterrichteten Manne mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
zugehört hatte, dankte für die ihm ertheilte Belehrung und richtete jetzt
auch seine Blicke fast unausgesetzt auf die kleine dunkle Wolke.
Siebentes Kapitel.
Der Wind stand indeß noch immer aus Westen und die Wolke, von ihm
getrieben, kam immer näher und näher; so wie sie aber heraneilte, wurde
sie größer. Noch hohler als früher schon ging die See; die Wellen schlugen
gegen die Seitenwände des Schiffs, als wollten sie sie zerschellen; der
Schaum spritzte, so wie der Kiel die Wogen durchschnitt, so hoch empor, daß
er auf's Verdeck niederfiel. Jetzt ließen sich auch bereits einzelne,
noch in ziemlich großen Pausen kommende Windstöße verspüren; die freien
Zwischenräume wurden immer kürzer, die Stöße selbst anhaltender. Endlich
war der vollständigste Orcan da. Der Himmel hatte sich schwarz bezogen; es
donnerte aus den Wolken; Blitze zuckten, die ganze Natur schien in Aufruhr
zu sein. Die Wellen gingen so hoch, daß sie über das Verdeck stürzten
und von demselben Manches mit sich in die Tiefe hinabrissen. Dazu kam die
Nacht, die das Grausenhafte der Scene noch vermehrte.
Der Capitain war dem Anscheine nach ruhig, aber sehr bleich; ein Beben
seiner Stimme, so oft er einen Befehl ertheilte, verrieth, daß er seine
innere Furcht nur bemeisterte, vielleicht, um die Mannschaft nicht zu
erschrecken: war diese doch ohnehin, trotz ihres Muthes, schon erschrocken
genug, indem sich kaum einer erinnerte, je einen solchen Orkan erlebt zu
haben.
Die ältesten und verwegensten Matrosen, Männer, denen sonst immer, nach
der schlechten Gewohnheit der Soldaten und Seeleute, Flüche auf den Lippen
schwebten, ließen alle Augenblicke ein: »Gott steh' uns bei!« oder:
»Gott sei uns armen Menschen gnädig!« hören. Man vernahm weder mehr ein
fröhliches Singen noch Pfeifen am Bord; Alles verrichtete seine Arbeit
still; nur die Stimme des Capitains wurde von Zeit zu Zeit, Befehle
ertheilend, gehört; oft übertobte der Sturm sie.
Die Gewalt desselben nahm mit jedem Augenblick zu, und obgleich die
meisten Segel eingerefft waren, wurde das Schiff doch pfeilschnell vorwärts
getrieben. Der Steuermann vermochte das Steuer nicht mehr zu regieren,
sondern mußte das Schiff dem Winde und den Wellen fast gänzlich überlassen.
Menschenmacht und Menschenhülfe vermochte nichts mehr: man mußte sich in
Gottes Hand geben und glaubte dem Ende seiner Tage nahe zu sein.
Um das Unheil zu vermehren, brach endlich auch noch das Steuer entzwei,
indem eine Stoßwelle dagegen schlug; jetzt gab es keine Lenkung des
Schiffes mehr, und Luft und Wasser hatten freies Spiel.
Selbst dem Capitain entsank der Muth; bis dahin hatte er einen wirklich
bewunderungswürdigen gezeigt. Sein Ansehen hatte etwas Furchtbares; sein
Gesicht war todtenbleich, und sein krauses Haar sträubte sich auf dem
Haupte empor; in seinen Mienen lagen Furcht und Entsetzen; allein kein
Wort, das Furcht verrathen hätte, entfuhr seinen Lippen. Nur als er an
William vorüberging, der in der Kajüte auf seinen Knieen lag und, wie seine
fromme Mutter es ihm im Glück und Unglück gelehrt hatte, zu Gott um Rettung
emporflehte, sagte Capitain Hansen wie vor sich hin:
»Armer Junge! Dein Leben habe ich auf dem Gewissen! Ich beging ein schweres
Unrecht, das ich vor Gott zu verantworten haben werde, indem ich Dich
Deiner Heimath und einer minder gefahrvollen Beschäftigung entriß.«
Obgleich nun die Gefahr mit jedem Augenblick höher stieg und Alle sich
ihres Lebens begaben, war doch durch das Gebet eine größere Ruhe über das
Herz des armen William gekommen. Wie oft hatte er seine gute Mutter in
Augenblicken der Noth die Worte sagen hören:
»Nicht wie ich, sondern wie mein Vater im Himmel will?« und dieser sich
jetzt erinnernd, sagte er sie auch, wodurch eine wahrhaft himmlische Ruhe
über sein Herz kam. Zwar erfüllte ihn der Gedanke mit Betrübniß, schon so
jung, so fern von der theuren Mutter und der geliebten Heimath sterben zu
sollen, in die grausenvolle Tiefe des Meeres hinabsinken zu müssen; allein
Schrecken oder wohl gar Entsetzen flößte er ihm nicht ein: wußte er doch,
daß es nach diesem Leben noch ein anderes, wie die heilige Schrift verhieß,
_besseres_ geben würde; wie hätte er sich also wohl vor dem Tode fürchten
sollen? Daß er aber zu leben _wünschte_, wie natürlich war das nicht?
So beschämte dieser Knabe in seiner durch wahrhafte Frömmigkeit und
Gottergebenheit hervorgegangenen Ruhe die ältern Männer. Trotz derselben
ließ er aber doch die Hände nicht in den Schoos sinken, sondern verrichtete
mit Kraft und Besonnenheit die ihm aufgetragenen Geschäfte.
Die grauenvolle Nacht ging endlich vorüber und der Himmel klärte sich
etwas auf. Von Zeit zu Zeit fiel ein Sonnenstrahl durch den dunklen
Wolkenschleier, womit er überzogen war; aber der Sturm legte sich nicht
und trieb das Schiff wie ein Spielwerk vor sich her. Wo man war, wußte man
nicht, da eine Sturzwelle den Kompaß über Bord gerissen hatte, folglich
der Capitain seine Beobachtungen nicht anstellen konnte; gelenkt konnte das
Schiff auch nicht mehr werden, weil das Steuer zerbrochen war. Man sah kein
Land mehr, nichts als das Wasser unter, den Himmel über sich.
Dies war, obwohl an sich schrecklich genug, doch gewissermaßen ein Trost
für die armen Schiffbrüchigen, indem die größeste Gefahr ihnen von der Nähe
des Landes kommen mußte. In dieser Nähe ist nämlich das Meer gewöhnlich
mit verborgenen oder offenbaren Klippen und Felsenriffen besät, an denen
steuerlose Schiffe unfehlbar scheitern müssen, wenn der Wind sie gegen
dieselben treibt. Daher war es für unsere Seefahrer tröstlich, daß sie
nirgends Land zu erspähen vermochten. Legte sich der Orcan nur bald,
so durfte man sogar noch auf Rettung hoffen: das Schadhafte konnte
ausgebessert, die zerrissenen Segel konnten geflickt werden und man,
wenn gleich nur nothdürftig und mit großer Anstrengung, doch noch einen
rettenden Hafen erreichen.
So betete jetzt Alles am Bord, ganz im Gegensatze zu früher: »Nur kein
Land! Nur kein Land!« Der Sturm konnte, _mußte_ sich ja endlich doch
legen; wenn aber das Schiff auf Klippen stieß, dann war keine Rettung mehr
möglich.
Allein auch die letzte Hoffnung sollte zu Trümmern gehen. Nachdem das
Schiff noch einige Stunden, vom Sturme gepeitscht, gegen Osten getrieben
worden war, erblickte man ganz deutlich, und bereits mit bloßem Auge, den
bewußten grauen Streif am Himmel, der auf Land deutete, und der Wind trieb
das Schiff in gerader Richtung darauf zu.
Jetzt verstummte Alles vor Schrecken; der Capitain selbst bewahrte seine
äußere Fassung nicht mehr und sagte der erschrockenen Mannschaft geradezu
heraus, daß sie ihre Seele Gott befehlen möchten.
Immer deutlicher trat die Küste hervor -- ob es eine Insel oder ein
Festland sei, vermochte man nicht zu entscheiden, da man nicht wußte, wo
man sich befand -- und um den Schrecken noch zu vermehren, sah man, daß
sie bergig war. Wenn sich aber Berge am Lande befanden, so durfte man
schließen, daß sie bis ins Meer hinein sich erstrecken würden. Die
Erfahrung lehrt nämlich, daß jedes Gebirge drei Abstufungen hat: das
höchste oder Hauptgebirge; das Mittel- und endlich das Vorgebirge, welches
letztere gewöhnlich sich in Klippen und Felsenriffen im Meere endigt.
Letztere hatte man also jetzt auch an der Küste zu erwarten, auf die das
steuerlose Schiff zugetrieben wurde.
Der Capitain ertheilte jetzt keine Befehle mehr; denn wie hätte man sie
ausführen sollen? Die Mannschaft arbeitete nicht mehr; denn wozu konnte die
Arbeit noch nützen? Eine tiefe, lautlose Stille herrschte am Bord; nur
von Zeit zu Zeit stieg der Schiffszimmermann mit einer Laterne in den Raum
hinab, um nachzusehen, ob auch kein Leck entstanden sei und das Schiff
Wasser schöpfe. In dieser Hinsicht brachte er immer tröstliche Nachrichten
mit herauf: der Boden des Schiffes war noch fest und kein Leck zu
entdecken.
Da, als eben der Zimmermann wieder die Leiter hinan stieg, um sich aufs
Verdeck zu begeben, erhielt die _Hoffnung_, Allen unerwartet, einen
furchtbaren Stoß, so daß ihre eichenen Rippen erkrachten und Diejenigen,
welche standen, in Gefahr waren umzufallen.
»Nun ist das Unglück da!« rief der Capitain aufspringend. »Es kann nicht
fehlen, der Stoß muß einen Leck gegeben haben. Schnell hinab, Zimmermann!«
herrschte er diesen an, »schnell hinab und nachgesehen, was es da unten
gibt.«
Er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, so erfolgte ein zweiter, noch
weit heftigerer Stoß; dann stand das eben noch pfeilschnell dahinschießende
Schiff plötzlich still, woraus man schloß, daß es sich zwischen zweien im
Meere verborgenen Felsenriffen festgeklemmt habe.
Achtes Kapitel.
Die Blässe des Todes hatte alle Gesichter überzogen, so wie das Schiff
plötzlich still stand; es war, als wäre das eben noch so lebendige zur
Leiche geworden. Die tiefste Stille herrschte an Bord; dann brachen einige
in laute Klagen aus, die der Capitain dadurch zu beschwichtigen suchte, daß
er zu ihnen sagte:
»Was hilft das Wimmern und Klagen? Es steht nun einmal im Buche des
Schicksals geschrieben, daß wir in der salzigen Fluth unsern Untergang
finden sollen, und dabei ist es denn doch einigermaßen ein Trost, daß wir
auf ächt seemännische Weise umkommen. Der Tod wird hier wahrscheinlich nur
ein Augenblick sein; wären wir am Lande gestorben, so hätte es vielleicht
länger gedauert, bis wir damit durch gewesen wären.«
Dieser Trost wollte aber bei Keinem Eingang finden; mehrere der Matrosen
waren noch jung und liebten das Leben und selbst die älteren unter ihnen
mochten nicht an den Tod denken.
In der Seele unsers Williams gingen seltsame Dinge vor, als er den Capitain
also reden hörte und die hellen Thränen schossen ihm aus den Augen,
indem er an die theure Mutter und ihren Schmerz, an die Heimath und seine
Gespielen dachte, die er nun wahrscheinlich nicht wieder sehen sollte.
Dieser Schmerz war so natürlich und er hatte sich seiner nicht zu schämen,
um so weniger, da er noch ein Knabe und kein gereifter Mann war.
Der tiefen Betrübniß und dem thatenlosen Schrecken der Mannschaft folgte
bald ein anderer Zustand und die Hoffnung, daß dennoch vielleicht Rettung
möglich sei, blitzte in vielen Herzen, gleich einem Stern in dunkler Nacht,
auf. Die Thätigkeit erwachte wieder: man sah sich nach Rettungsmitteln
um; das große Boot war noch da; man konnte sich, wenn das Schiff wirklich
sinken oder in Trümmer gehen sollte, zum Theil auf diesem, zum Theil durch
Befestigen an den Schiffstrümmern vielleicht noch retten.
Der in den Raum hinabgestiegene Schiffszimmermann kam wieder herauf; seine
Miene verkündete nichts Gutes; die Blicke Aller richteten sich ängstlich
und erwartungsvoll auf ihn.
»Es sind schon sechs Fuß Wasser im Raume,« sagte er mit fast tonloser
Stimme, »und es wächst mit jeder Minute; ein großes Leck muß da sein: wo
aber? vermag ich nicht zu entdecken, da das Wasser schon so hoch gestiegen
ist.«
»An die Pumpen! An die Pumpen!« erscholl es jetzt aus dem Munde der
Matrosen und Alle stürzten, ohne erst den Befehl des Capitains abzuwarten,
in den Raum hinab, um die Arbeit zu beginnen.
»Arme Jungens!« sagte der Schiffszimmermann mit einem schmerzlichen Lächeln
um den bleichen Mund, »arme Jungens, es wird Euch nichts helfen: das Leck
ist zu groß und Eure Kräfte werden nicht ausreichen, das Wasser im Raume zu
bewältigen.«
»Ist das Eure feste Ueberzeugung, Meister?« fragte ihn der Capitain, der
aus einem dumpfen Dahinbrüten plötzlich zu erwachen schien.
»Ja,« versetzte der Gefragte, »und wenn ihrer zweimal so viele wären, so
würden sie nicht Herr des Wassers werden.«
»So sollen sie die Zeit nicht mit unnützer Arbeit verlieren,« sagte der
Capitain und ließ einen Ruf erschallen, auf den Alle wieder auf's Verdeck
kamen.
»Meister Steffen sagt,« nahm der Capitain das Wort, als die Matrosen ihn
umstanden, »daß es mit dem Pumpen nichts sei und wir eine wahrscheinlich
sehr kostbare Zeit nur damit verlieren würden. Wir dürfen seinem Worte
vertrauen, da er ein geschickter, vielerfahrner Mann ist und sich schon
oft den Wind um die Nase hat wehen lassen. Denken wir also auf eine andere
Rettung. Laßt das Boot ins Meer hinab; vielleicht legt sich der Sturm in
Kurzem und wir können mit dem Boote See halten. Die Küste kann nicht fern
sein! Gott könnte sich unser erbarmen und uns an dieselbe führen. Wendet
also Eure Kräfte darauf, das Boot ins Meer hinabzulassen und sobald sich
der Sturm nur in Etwas legen sollte, wollen wir es besteigen.«
Gehorsam diesem Befehle machten sich die Matrosen an die Arbeit und schon
nach Verlauf weniger Minuten schauckelte sich das Boot auf den bewegten
Wellen. Nur kurz dauerte aber die Freude: eine ungeheure Sturzwelle kam
und riß in ihrem Anprall das Boot mit sich fort; ihre Kraft war so groß
gewesen, daß sie das starke Tau zerrissen hatte, als wäre das Fahrzeug an
einem Zwirnsfaden befestigt gewesen.
Ein Schrei des Entsetzens entfuhr bei diesem Anblick dem Munde Aller; der
Capitain aber sagte, wie vor sich hin, mit dumpfem Tone:
»Nun ist's aus! Gott erbarme sich unser!«
In dem Augenblicke fing das eben noch ganz fest liegende Schiff an, eine
schwankende Bewegung zu machen, ein Krachen, wie vom Einsturz eines großen
Gebäudes, ließ sich vernehmen und zugleich stieg das Wasser von unten
herauf aufs Verdeck. Das Schiff war geborsten und bestand nur noch aus
Trümmern.
Jeder wußte jetzt, was es galt und griff nach einer rettenden Planke. Der
große Mast, der bereits geknickt gewesen war, begrub in seinem Umsturze
zwei Matrosen, die in der Richtung standen, in der er fiel. Ob sie dadurch
getödtet wurden, oder erst in den Wellen ihr Ende fanden, ist nicht zu
bestimmen, denn Jeder dachte in dem Augenblick nur an sich und an die
eigene Rettung.
Unser William, noch ein Neuling auf dem Meere, wußte nicht, was er thun,
was er beginnen sollte. Er stand neben dem Capitain, rang die Hände und
schickte Gebete für seine Rettung zum Himmel empor. Zufällig fiel der Blick
des Capitains auf den armen Knaben und, trotz der eigenen Noth und Gefahr,
jammerte sein Schicksal ihn; es war sein Gewissen, das ihm Theilnahme und
Mitleid für ihn einflößte.
»Komm,« sagte er zu unserm William, indem er ihm die Hand reichte; »komm,
wir wollen zusammen unser Heil versuchen, und sollten wir untergehen, so
vergib mir Deinen Tod, an dem ich schuld bin.«
Er zog ihn mit sich fort, zum großen Maste hin, der bereits auf dem Verdeck
im Wasser schwamm, denn so hoch war dieses bereits gestiegen, ergriff ein
starkes Tau und befestigte mit diesem den halbtodten Knaben an den Mast.
Darauf suchte er ein zweites Tau, umschlang sich damit und befestigte es
gleichfalls daran. Kaum war dies geschehen, so schwamm der Mast von den
Schiffstrümmern ins Meer hinab und die Wogen schossen darüber hin.
Was weiter mit ihm vorging, vermochte unser William nicht zu sagen: die
Sinne hatten ihn verlassen und er hing wie schon todt an dem Maste, der,
der Richtung des Windes folgend, an eine unbekannte Küste trieb, wo er, von
einer ungeheuren Welle hoch aufs Land hinaufgeworfen, am Ufer liegen blieb.
Der Ton einer Stimme erweckte William aus seiner Betäubung; er erkannte die
des Capitains, aber sie war so schwach, daß er sie kaum zu unterscheiden
vermochte.
»Lebst Du noch?« fragte diese Stimme.
William riß die Augen auf und sah sich um.
»Was gibts? und wo sind wir?« fragte er verwundert.
»Am Lande,« versetzte der Capitain, »und vielleicht gerettet,« fügte er
hinzu, »wenn Du nämlich noch so viele Kraft hast, Dein Messer nehmen und
erst Dich, dann mich losschneiden zu können, damit wir uns vor der nächsten
Sturzwelle höher auf das Ufer hinauf retten. Bleiben wir aber hier, so
führt sie uns wohl wieder ins Meer hinab und dann Ade, Leben!«
William hatte jetzt seine volle Besinnung wieder und da seine Arme frei
waren, zog er das große, an einem Bande um seinen Hals hängende Messer
aus seinem Busen hervor, öffnete es mühsam mit seinen vom Wasser ganz
erstarrten Händen, schnitt die ihn an den Mast befestigenden Stricke
entzwei und machte den Versuch, sich zu erheben. Allein er war wie ein
Betrunkener und taumelte gleich wieder zur Erde nieder.
»Mach schnell oder wir sind verloren!« rief der Capitain mit schon
ersterbender Stimme. »Ich kann mich nicht rühren,« fügte er hinzu, »und
habe wahrscheinlich etwas an meinem Leibe zerbrochen, auch strömt mir das
helle Blut über das Gesicht.«
William raffte jetzt den letzten Rest seiner Kräfte zusammen und taumelte
zu seinem Leidensgenossen hin. Der Anblick desselben war ein entsetzlicher.
Das Blut rieselte, wie aus einer Quelle, aus einer großen Kopfwunde hervor
und hatte sowohl sein Gesicht, als seine Kleidung überströmt. Ein Schrei
des Entsetzens entfuhr bei dem Anblick den Lippen des Knaben; aber trotz
dem verließ ihn seine Geistesgegenwart nicht. Er ging zu dem Kapitän,
zerschnitt die Bande womit er an dem Maste befestigt war, und zog ihn, da
er erklärte, nicht gehen zu können, höher auf den Strand hinauf, um ihn
vor den Sturzwellen in Sicherheit zu bringen. Es war die höchste Zeit damit
gewesen, denn keine halbe Minute verging, so riß eine mächtige Welle den
rettenden Mast wieder in das Meer hinab und würde folglich auch unsere
Beiden mit sich fortgerissen haben, wenn sie sich nicht zuvor weiter
entfernt hätten.
Schrecklich war es anzuhören, wie der Capitain ächzte und stöhnte, als
William ihn fortzog; der Unglückliche hatte den Schenkel zerbrochen und war
überdies mit Wunden bedeckt, worunter die große Kopfwunde die gefährlichste
war. Er hatte diese schrecklichen Verwundungen dadurch erlitten, daß das
Ende des Mastes, an das er sich befestigt hatte durch die Gewalt der Wellen
gegen ein Korallenriff getrieben wurde, und der Stoß war so heftig gewesen,
daß er ihm das Bein zerbrach; überdieß hatten die spitzig hervorragenden
Zacken des Riffs ihm mehrere Wunden beigebracht, die alle stark bluteten.
Der Anblick dieses unglücklichen Mannes preßte William heiße Thränen aus
und ließ ihn sein eigenes Unglück vergessen. Wie es uns in Augenblicken
großer Gefahr zu ergehen pflegt, erging es auch unserm William: Gott hatte
ihm größere geistige Kräfte, denn je zuvor verliehen und diese machten es
möglich, daß er mit Besonnenheit handeln und überlegen konnte, was er zu
thun habe, um die Leiden und Schmerzen seines Genossen zu lindern.
Dieser redete schon nicht mehr und lag mit festgeschlossenen Augen da; der
letzte Rest seiner Kräfte hatte ihn verlassen und er schien bereits eine
Beute des Todes zu sein.
Trotz dem gab William den Versuch seiner Rettung nicht auf. Er entkleidete
sich und zog sein Hemd aus, um durch Zerreißen desselben die nöthige
Leinwand zum Verbinden der großen Kopfwunde zu erhalten. Er machte aus
diesem Hemde, das natürlich vom Seewasser ganz durchdrungen war, ein
starkes Polster und eine Binde, legte das erstere auf die Wunde und
befestigte es mit der letztern um den Kopf. Kaum aber berührte das mit
salzigem Wasser getränkte Polster die Wunde, so schrie der arme Verwundete
vor Schmerz laut auf und fuhr mit der Hand nach dem Haupte, um es wieder
abzureißen.
Trotz dem, daß der Schrei und die heftige Bewegung des Leidenden ihn
erschreckten, freute er sich doch über dieses neue Lebenszeichen, denn er
hatte den Capitain schon todt oder doch im Sterben begriffen geglaubt.
»Was machst Du? und weßhalb thust Du mir weh?« rief der Capitain, ihn mit
zornigen Blicken anstarrend.
»Lieber Herr Capitain,« antwortete ihm der zitternde Knabe, »ich wollte
Ihre schwere Wunde verbinden und bin vielleicht nicht vorsichtig genug
gewesen. Ach wie leid thut es mir, Ihnen wider meinen Willen wehe gethan zu
haben,« fügte er, vor Angst und Wehmuth schluchzend, hinzu.
»Laß es gut sein,« sagte der Capitain mit bereits ersterbender Stimme, »laß
es gut sein und mache mir keine Schmerzen mehr. Mit mir ist es aus, und
ich bin ein Mann des Todes,« fügte er mit einem schweren Seufzer hinzu, der
fast wie Aechzen klang.
»Das wolle Gott verhüten!« versetzte William; »sind wir doch am Ufer und
gerettet!«
»Ja, Du bist, dem Himmel sei gedankt! wahrscheinlich gerettet,« erwiederte
ihm der Capitain; »aber ich werde nicht mit dem Leben davon kommen; rieselt
es mir doch schon wie Todesschauer durch Mark und Bein und umflort sich
mein Blick, so daß ich Deine Gesichtszüge kaum mehr unterscheiden kann. Das
ist, wie ich glaube, der Tod,« fügte er mit ersterbender Stimme hinzu.
William, der selbst glaubte, daß es bald mit dem armen Manne aus sein
würde, konnte ihm vor Weinen nicht antworten. Sein Schmerz war so groß, als
aufrichtig, und er dachte in diesem Augenblick nicht mehr daran, wie
dieser Mann gegen ihn gehandelt, und daß er ihm sein trauriges Schicksal zu
verdanken hatte.
Nach einigen Minuten, während welcher William weinend neben ihm kniete,
öffnete der Capitain wieder die Lippen und schien sprechen zu wollen;
allein seine Kraft war dahin, und nur wie ein leiser Hauch ertönte
das Wort: »Wasser!« von seinem blassen Munde. William, der sich zu ihm
niedergebeugt hatte, vernahm es und erhob sich, um das Verlangte zu holen.
Jetzt aber fiel plötzlich der Gedanke seiner Hülflosigkeit und seiner
ganzen schrecklichen Lage auf sein Herz. Großer Gott! woher Wasser nehmen?
und wenn er auch wirklich welches fände, in welchem Gefäße es schöpfen und
zu dem vor Durst Verschmachtenden bringen?
Er stand wie erstarrt da und wußte sich weder zu rathen noch zu helfen.
»Wasser! Wasser! Ich verbrenne!« rief jetzt der Sterbende mit der letzten
Anstrengung seiner Kräfte, und William stürzte, ohne zu wissen, was er
that, von ihm fort, tiefer in das Land hinein.
Bald betrat er einen grünen, mit starkem, in großen einzelnen Büscheln
stehenden Grase bedeckten Boden und schaute umher. Hie und da erhob sich
ein Baum aus dem Erdreiche, dessen seltsam geformtes, unserm Farrenkraute
ähnliches Laub ihm aufgefallen sein würde, wenn seine Gedanken nicht
gänzlich darauf gerichtet gewesen wären, Wasser zu finden. Dieses
aber zeigte sich seinen Blicken nicht, so ängstlich sie auch darnach
umherspähten. Fast eine Viertelstunde war er gelaufen und seine nur noch
so schwachen, vom heißen Sonnenbrande noch mehr aufgezehrten Kräfte drohten
bereits zu erliegen, als er den Boden unter sich weich werden fühlte. Er
bückte sich und faßte mit der Hand darnach, und, o Freude! er war feucht!
Wo sich aber ein feuchter Boden zeigte, da mußte auch Wasser in der Nähe
sein.
Dieser Gedanke stärkte und ermuthigte ihn und er schritt vorwärts. Es
dauerte auch nicht lange, so vernahm sein sorgsam lauschendes Ohr
ein leises Rieseln; er stand still, um zu horchen und vernahm dieses
erfreuliche Geräusch jetzt ganz deutlich in der nächsten Nähe. Ein in
dichteren Büscheln stehendes Gras, dessen Farbe überdies frischer, als die
des übrigen Grases war, fiel ihm auf; er bückte sich darnach nieder, bog es
auseinander und, o Entzücken! ein schmaler Silberstreif des allerhellsten
Wassers zeigte sich zwischen dem saftigeren Grase.
»Worin es aber schöpfen, um es dem armen Verschmachtenden zu bringen?«
werdet Ihr, meine Geliebten, jetzt gewiß fragen.
Unser William, den ich Euch als einen klugen und sinnreichen Knaben
geschildert habe, wußte das bereits: er hatte seine _Tasche_ zum
Wassergefäße ausersehen.
»Seine Tasche?« werdet Ihr wieder rufen; »seine Tasche? Du willst uns wohl
zum Besten haben, liebe Amalie? Wissen wir denn nicht, daß Leinwand eben
so gut wie ein Sieb ist und die Flüssigkeit hindurch laufen läßt? Da würde
also der arme Verwundete keinen Tropfen erhalten und vollends verschmachten
müssen, um so mehr, da der William fast eine halbe Stunde zu laufen hatte,
bevor er wieder zu ihm gelangte.«
Ganz recht, meine lieben Kinder; aber unser William brachte trotz dem das
Wasser in seiner Tasche zu dem armen Sterbenden und erquickte ihn damit.
Diese Tasche war aber nicht von Leinewand, sondern, wie es bei den Matrosen
Sitte ist, von _Leder_, das, wie Ihr wissen werdet, so leicht das Wasser
nicht hindurch läßt. Der gescheidte Knabe hatte sich dieses Umstandes
erinnert, und auf dem Wege bereits diese lederne Tasche aus seiner Hose
geschnitten, um sie, sobald er Wasser fände, als Schlauch zu gebrauchen.
Auf diesen Gedanken war er gekommen, weil er sich erinnerte, in einer
Reisebeschreibung gelesen zu haben, daß die Spanier ihren Wein zum Theil
in Schläuchen von Ziegenleder aufbewahren. Hieraus könnt ihr ersehen, wie
förderlich es ist, wenn man beim Lesen guter Bücher auf Alles merkt und das
Gelesene seinem Gedächtnisse einzuprägen sucht.
William hatte jetzt also nicht nur helles, kühles, köstliches Wasser,
sondern auch, Dank seiner Aufmerksamkeit und Besonnenheit, ein Gefäß, um
es zu schöpfen und fortzutragen. Er schöpfte es aber nicht ohne weiteres in
seinen ledernen Schlauch oder vielmehr Beutel, sondern reinigte die Tasche
erst gehörig von dem salzigen Seewasser, von dem sie fast durchdrungen war;
dann löschte er erst selbst seinen brennenden Durst und als er fand, daß
das Wasser in seinem Beutel völlig geschmacklos war, schöpfte er ihn wieder
voll und kehrte zum Strande zurück, wo der arme Verwundete nach einem
kühlenden Trunke schmachtete. Die Menschenliebe, dieses wahrhaft göttliche
Gefühl, verlieh ihm eine ungewöhnliche Kraft, und schneller als er selbst
gedacht hatte, langte er bei dem Sterbenden an.
Dieser lag mit todtenbleichem Antlitze und festgeschlossenen Augen da;
William glaubte, daß er bereits verschieden sei und wollte sich eben
weinend neben ihn niedersetzen, als ein Seufzer den Lippen des Sterbenden
entfuhr und wieder glaubte William das Flehen um Wasser zu hören.
»Hier ist Wasser, Gott sei gedankt!« rief er laut und mit freudig bewegter
Stimme.
Der Sterbende vermochte ihm nicht zu antworten; aber er öffnete, zum
Zeichen, daß er ihn verstanden habe, die Lippen, als begehre er zu trinken.
William flößte ihm mit der größesten Vorsicht einige Tropfen Wasser ein.
Diese brachten eine so große Wirkung auf den Capitain hervor, daß er schon
nach wenigen Minuten die Augen aufschlug und seinen jungen Wohlthäter mit
dankbaren Blicken ansah.
William, welcher bemerkte, daß der Leidende sehr schlecht und unbequem
mit dem Kopfe lag, was ihm noch mehr Schmerzen verursachen mußte, sann auf
Mittel, ihm eine bequemere Lage zu geben, ohne seinen armen zerschlagenen
Körper zu bewegen. Bald hatte sein erfinderischer Geist das Nöthige
erfunden: er erinnerte sich des hohen Grases, womit der Boden in einiger
Entfernung vom Strande bedeckt war, eilte fort und schnitt mit seinem
Taschenmesser so viel davon ab, als er mit beiden Armen zu fassen
vermochte. Dies gab ein weiches, kühles und köstliches Kopfkissen ab, indem
er es behutsam unter das Haupt des Verwundeten schob.
Dieser schien jetzt, nachdem er sich gehörig an dem köstlichen,
krystallhellen Wasser gelabt, völlig wieder zur Besinnung gekommen zu sein.
Reden konnte er zwar noch nicht; allein er schaute seinen jungen Wohlthäter
mit liebevollen Blicken an und drückte ihm von Zeit zu Zeit die Hand, zum
Zeichen seiner Dankbarkeit; William bemerkte, daß ihm dabei die hellen
Thränen über die Wangen liefen.
Obgleich selbst entkräftet und fast todtmüde, dachte der gute Junge doch
nicht an sich und seine eigenen Leiden und Entbehrungen, sondern allein
an den armen Mann, der tausendmal größere Schmerzen zu erdulden hatte.
Er dachte auch nicht daran, daß eben dieser sein Feind die Ursache seines
gegenwärtigen Mißgeschicks war, sondern allein daran, wie er ihm helfen,
auf welche Weise er seine Leiden lindern könne.
Nur einige wenige Minuten ruhte er aus, nachdem er ihm das weichere Lager
für sein Haupt bereitet hatte, dann erhob er sich wieder, um einen Schutz
gegen die sengenden Sonnenstrahlen für seinen lieben Kranken zu suchen. Auf
diesem Wege fielen ihm die Bäume mit dem farrenkrautartigen Laube auf. Er
eilte auf sie zu und schnitt eine Menge von den über eine Elle langen und
halb so breiten Blättern ab, die er auf einen Haufen legte, bis er eine
gehörige Menge von Stöcken geschnitten haben würde, von denen er eine Art
von Hütte aufbauen und diese mit dem breiten Laube des Farrenkraut-Baumes
bedecken wollte. Denn Ihr müßt wissen, geliebte Kinder, daß die Pflanze,
welche bei uns an feuchten und schattigen Stellen niedrig am Boden wächst
und kaum eine Höhe von einem Fuße erreicht, in Australien zum stattlichen,
überaus schönen Baume gedeiht. Solche Farrenkraut-Bäume hatte nun unser
William vor sich; da er aber von der Pflanzenkunde wenig oder gar nichts
wußte, konnte er diese herrliche Pflanze nicht benennen; nur so viel sagte
er sich, daß sie zu dem beabsichtigten Zwecke ganz vortrefflich passe.
Vermittelst seines starken und zum Glücke sehr scharfen Messers -- es war
ein Geschenk von dem armen alten Jakob, der wohl jetzt tief im Meeresgrunde
lag und den ewigen Schlaf schlief -- schnitt er eine Menge Stecken ab
und trug sie zum Strande, wo er sie ziemlich tief in den sandigen Boden
einsteckte und über dem Körper des Verwundeten eine Art von Gerüst davon
aufbaute. Er hatte zwar weder Hammer, Bohrer noch Nägel, um die Stöcke
aneinander zu befestigen; allein er wußte sich trotz dem zu helfen. Er
hatte nämlich bemerkt, daß die Frucht tragenden Halme des Grases, wovon er
für seinen lieben Kranken ein Lager für das Haupt gemacht hatte, sehr stark
und zäh waren, und so bediente er sich derselben statt der Stricke, um
die Stäbe aneinander zu binden. Dabei kam ihm wieder die Aufmerksamkeit zu
statten, die er von jeher allen ihm begegnenden Dingen und Sachen schenkte.
Seine Mutter war früher mehrere Male um die Erndtezeit mit ihm ins Feld
gegangen und da hatte er bemerkt, daß die Garbenbinderinnen eine Handvoll
Stroh zusammendrehten, um damit die Garben zu binden. Ebenso verfuhr er
mit den ziemlich langen und sehr zähen Grashalmen, die auf solche Weise
behandelt, die ihm fehlenden Stricke vollkommen ersetzten.
Als sein Gerüst aufgebaut war, holte er das Farrenkraut und bedeckte seinen
Bau mit den breiten Blättern desselben. Es nahm sich fast so aus, wie die
Lauberhütten der Israeliten und gewährte nicht nur dem Leidenden
Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen, sondern auch, als die Sonne
untergegangen war, gegen die eintretende Kühle der Nacht.
Unter diesen liebevollen Bemühungen des guten Knaben war es Abend geworden.
Die Sonne hatte bereits ihre Laufbahn vollendet und war am westlichen Rande
des Horizonts ins Meer hinabgesunken. Der Verwundete lag in einer Art von
Halbschlummer, aus dem er aber von Zeit zu Zeit erwachte, um Wasser zu
fordern. Daß er dem Schmachtenden dieses immer geben könne, auch dafür
hatte unser William auf eine sinnreiche Weise gesorgt, indem er an seiner
Ledertasche einen Stiel befestigte; er hatte nämlich oben am Rande zwei
Löcher hineingebohrt, durch die er einen ziemlich langen Stecken schob, und
indem er das untere Ende des Steckens schräg in die Erde steckte, erhielt
sich sein Wassergefäß schwebend, so daß kein Tropfen verloren ging.
Auf diese Weise hatte unser Freund nun freilich für das nächste Bedürfniß
seines lieben Verwundeten gesorgt; allein wer sorgte für das seinige? Es
meldete sich nämlich bald ein böser Gast bei ihm: der Hunger, und er hatte
nichts, um ihn zu befriedigen. An einer reichlich besetzten Tafel ist der
Hunger ein höchst willkommener Genosse, der alle Speisen würzt; allein in
der Einöde, wo es an allen Mitteln fehlt, ihn zu befriedigen, da macht er
sich nicht wenig unangenehm.
Dies empfand unser William jetzt, und er faßte oft an seinen armen Magen,
der anfing, gewaltig zu knurren.
»Ach!« seufzte er, den Blick auf das schöne Gras werfend, welches in
reichster Fülle rund umher stand, »wie glücklich, wer doch hier ein Pferd
wäre!«
Es war indeß schon zu spät, noch auf die Entdeckung eines menschlichen
Nahrungsmittels auszugehen und so legte er sich mit dem frommen Spruche:
»der liebe Vater im Himmel wird schon helfen!« auf den Sand neben seinen
Kranken nieder und schlief bald ein.
[Illustration: ~Seite 71.~]
Neuntes Kapitel.
Nicht lange konnte unser junger Freund schlafen, indem ein immer stärker
werdendes Aechzen des neben ihm ruhenden Capitains ihn weckte. Er fuhr
empor, rieb sich die Augen und sah sich nach allen Seiten um. Die erst
anbrechende Morgendämmerung ließ ihn die ihn umgebenden Gegenstände kaum
noch erkennen und ein angenehmer Traum hatte überdies seine Gedanken
verwirrt. Ihm träumte nämlich, daß er wieder in der geliebten Heimath, im
Arme seiner theuren Mutter sei, die ihn unter Freudenthränen willkommen
hieß, und ihm das Versprechen abnahm, daß er sie nicht wieder verlassen
wolle. Auch er hatte im Traume Thränen der Freude und Rührung vergossen,
und seine Augen waren beim Erwachen noch feucht davon.
Das immer lauter und schmerzlicher werdende Aechzen des armen Leidenden
neben ihm entriß ihn bald seinen angenehmen Vorstellungen und machte ihn
darauf aufmerksam, wo er sich befinde. Er sprang schnell auf und trat zu
der über dem Körper des Capitains gemachten Laubhütte, außerhalb deren er
geschlafen hatte, weil nur Raum für _eine_ Person darin war. Er machte
sich die bittersten Vorwürfe, daß er hatte schlafen können, während
ein menschliches Wesen so entsetzlich neben ihm litt, und doch war es,
besonders bei seinem Alter, so natürlich, daß er nach den gehabten großen
Anstrengungen in Schlaf verfiel.
»Wie ist Ihnen, Herr Capitain?« fragte er mit vor Mitleid bebender Stimme,
»und kann ich Ihnen mit irgend Etwas zu Hülfe kommen?« Er vergaß in dem
Augenblick seine gänzliche Hülfslosigkeit und daß er dem Leidenden nichts
zu bieten habe, als höchstens einen Trunk Wasser aus der entdeckten Quelle.
Er erhielt längere Zeit keine Antwort auf seine Frage; dann sagte der
Capitain mit kaum vernehmbarer Stimme:
»Laß mich in Ruhe sterben! -- Es ist der Tod, mit dem ich kämpfe -- und er
ist bitter -- bitter, wenn man nicht so gelebt hat, wie man gesollt hätte.
O meine arme Frau! -- mein liebes Kind! -- und auch Du, armer Junge!« Er
konnte nicht weiter reden; ein lautes Schluchzen unterbrach seine Worte,
und auch William, dem sich das Herz in der Brust krampfhaft zusammenzog,
vermochte kein Wort hervorzubringen.
»Ja! Ja!« fuhr der Capitain nach einer ziemlich langen Pause fort; »ja, nun
kömmt's! Ich wollte in meinem wüsten Leben immer nicht daran glauben, daß
eine Stunde kommen würde, wo ich mit Abscheu auf mich selbst, mit Zittern
in die Zukunft blicken würde, und nun ist sie doch da! und nun greift die
Furcht vor dem unbestechbaren Richter da oben, vor den Strafen, die mich
Jenseits erwarten, nach meinem Herzen und ich zittere wie ein armer Sünder,
den man zum Hochgerichte führt. -- Ich verspottete früher das Alles -- ich
glaubte weder an Gott, noch an Tugend! ich sprach der letztern Hohn und
fröhnte unbedachtsam meinen wilden Trieben; ich spottete über die, die es
anders, besser machten, und nun ist die Hölle in meinem Herzen, und nun, wo
ich nichts mehr gut machen, mich nicht mehr bessern, reinigen kann, nun
muß ich verzweifeln!« Er verzerrte bei den letztern Worten so grausam die
Mienen seines Gesichts, daß William, der in Thränen zerfließend neben ihm
kniete, entsetzt aufsprang und gern weit, weit weg geflohen wäre.
Der Sterbende wurde jetzt still und William trat ihm schüchtern wieder
näher. Mit andächtig gefalteten Händen stand er neben dem Verzweifelnden
und schickte heiße Gebete für sein Seelenheil zum Himmel empor.
Nach einer ziemlich langen Pause rief der Capitain, indem er die Augen weit
aufriß und William damit anstarrte.
»Wo bist Du? Ich sehe Dich ja nicht mehr? Hast auch Du mich verlassen, und
willst mir in meiner Sterbestunde nicht beistehen?«
»Ich bin hier, Herr Capitain,« antwortete ihm William schluchzend; »ich
habe Sie nicht verlassen und werde nicht von Ihnen weichen. O könnte ich
doch mit meinem armen Leben das Ihrige retten!« fügte er mit dem Tone der
Wahrheit hinzu.
»Guter Knabe!« erwiederte ihm der Sterbende mit einer Stimme, die vor
Rührung brach; »guter Knabe, ich habe so viele Liebe und Treue nicht von
Dir verdient. Ich handelte auch gegen Dich schlecht -- ich war hart, war
grausam gegen Dich; das kleinste Versehen brachte mich in Zorn und zog Dir
Strafe zu -- O!«
»Nein!« rief William, indem er mit seiner heißen Hand nach der bereits
erkaltenden des Capitains griff, »nein, Herr Capitain, Sie sind so hart
nicht gegen mich gewesen, wie Sie selbst sich jetzt anklagen! Erinnern Sie
sich noch, wie Sie mir eins von Ihren Hemden gaben, als Sie entdeckten,
daß ich nur das einzige habe, was ich auf dem Leibe hatte? O, das war eine
große Wohlthat, die Sie mir erwiesen, und so lange ich lebe, werde ich
derselben dankbar gedenken.«
»Das ist ein kleiner Trost,« versetzte der Sterbende; »ich war also doch
nicht allzu hart auch gegen Dich? Ich hinterlasse doch ein Herz, das nicht
in Haß gegen mich schlägt, sondern mir vielmehr dankbare Gefühle weiht? O,
wie süß muß es sein, sich in der Sterbestunde sagen zu können: ich that
so viel Gutes, als ich vermochte; ich entpreßte keinem Auge Schmerzens-,
vielen aber Freudenthränen; ich freute mich mit den Glücklichen, weinte mit
den Kummervollen; ich handelte nach dem Gebot des Evangeliums und war ein
guter Christ und Mensch! -- Könnte ich nur noch einmal von vorne anfangen,
wie ganz anders sollte es werden, welch ein gottgefälliges Leben wollte ich
führen!« fügte er nach einer langen Pause hinzu. »Aber nun ist es aus --
das Ziel, von dem es keine Umkehr mehr gibt, ist erreicht -- ich muß
vor meinen Richter da oben treten und die Handlungen meines Lebens
verantworten! O!« -- --
Seine Stimme brach und Thränen schossen ihm aus den Augen hervor, in denen
die Sehkraft bereits erloschen war. Ein Mitleid, wie William es in seinem
Leben noch nicht empfunden hatte, ergriff sein Herz; er erfaßte die bereits
gänzlich erstarrte Hand des Sterbenden und sagte schluchzend:
»Bedenken Sie, lieber Herr Capitain, daß unsere heilige Religion unsern
Gott nicht blos einen gerechten, sondern auch _gnädigen_ Gott nennt
und sagt, daß der bereuende Sünder Gnade vor seinen Augen finden werde.
Vertrauen Sie diesen tröstenden Worten und sterben Sie in Frieden.«
»Dank! Dank! Dir für diesen tröstlichen Zuspruch,« versetzte der Sterbende;
»und nun reiche mir Deine Hand, die ich noch fühlen werde, wenn schon mein
Auge Dich nicht mehr sehen kann, weil der herannahende Tod seine Sehkraft
gelähmt hat; reiche mir Deine Hand und gib mir auch noch den Trost mit auf
die große Reise, daß Du mir vergeben hast, was ich an Dir frevelte; dies
wird mir den sonst so schweren Tod doch in Etwas erleichtern.«
»Sterben Sie meinetwegen in Frieden,« versetzte William, indem er seine
Hand innig drückte, »und möge Gott Ihnen nicht mehr zürnen, als ich es
thue.«
»Du bist ein guter Knabe;« war die gerührte Antwort des Sterbenden;
»bleibe wie Du bist, werde immer besser und gedenke so lange Du lebst
der Sterbestunde und der Verzweiflung eines sündhaften Menschen. Wenn Du
kannst, so sage mir ein Gebet oder ein frommes Lied her, unter dem meine
Seele hinüberschlummere in das bessere Jenseits.«
William besann sich einige Augenblicke auf ein passendes Gebet oder ein
tröstendes Lied; endlich fiel ihm das herrliche Gedicht von einem großen
deutschen Dichter, _Klopstock_, ein, welches so anfängt:
»Auferstehn, ja auferstehn
»Wirst Du
»Mein Staub nach kurzer Ruh!
»Unsterblich Leben
»Wird der Dich schuf
»Dir geben:
»Gelobt sei Gott!«
und da er es gänzlich auswendig wußte, sagte er es mit gerührter Stimme
her. Die eben noch so schmerzlich verzerrten Züge des Sterbenden nahmen
nach und nach einen mildern, freundlichern Ausdruck an; die bisher starr
vor sich hinsehenden, bereits gebrochenen Augen schlossen sich und die
Lippen bewegten sich leise, indem sie das herrliche Gedicht nachsprachen.
Es war ein großer, feierlicher Augenblick. Die Sonne ging blutroth am
fernsten östlichen Rande des Horizontes auf und bestreute die Meereswellen
mit Gold und Purpur. Die feierlichste Stille herrschte rings umher und
nichts wurde gehört, als das Rauschen der Wellen, die, nachdem sich der
Sturm gelegt, wie spielend an das Ufer kamen und sich an den Steinen und
Muscheln des Strandes brachen.
Endlich war William mit dem Hersagen seines Gedichts und der arme Capitain
mit dem Leben fertig: er hatte ausgelitten und es blieb jetzt nichts mehr
von dem vor Kurzem noch so thatkräftigen Manne übrig, als eine leblose
Hülle. Wohl ihm, wenn der Ruf der Tugend und Frömmigkeit, wenn gute, edle
Thaten ihn überlebt hätten! Wie fröhlich und getrost hätte er dann
eingehen können in das Reich Gottes, wie zuversichtlich vor den Thron des
unbestechlichen Richters treten!
William wußte nicht, daß er todt sei und hielt den Todesschlaf für einen
gewöhnlichen Schlummer. Zwar fiel ihm die große Veränderung auf, die mit
den Gesichtszügen des Sterbenden seit einigen Minuten vorgegangen war;
allein er, der noch niemals einen Todten gesehen hatte, wußte nicht, was
dieses zu bedeuten habe, und da er den vermeintlich Schlafenden nicht
stören wollte, sich auch das Bedürfniß des Hungers wieder mächtig bei ihm
meldete, stand er leise vom Boden auf und entfernte sich von der Leiche,
um, wo möglich, irgend einen Gegenstand zu suchen, durch den er sich
sättigen könnte.
Er schlug den ihm bereits bekannten Weg zur Quelle wieder ein und kam
endlich zu einer Gruppe von Bäumen, die ihm schon aus der Ferne bekannt
vorgekommen waren; als er ihnen näher kam, sah er, daß er sich in seiner
Voraussetzung nicht geirrt habe: es waren _Akazien_, die er erblickte.
»Akazien?« höre ich Euch, meine Geliebten, rufen. »So war das Schiff durch
den Sturm wohl wieder nach Europa verschlagen worden? Denn in unsern Gärten
stehen Akazien und erfüllen im Frühlinge die Luft mit dem Dufte ihrer
herrlichen schneeweißen Blüten.«
»Allerdings,« antworte ich Euch auf Eure Frage, »haben wir die Akazie in
unsern Gärten; allein sie sind nicht heimisch bei uns, sondern aus andern
Welttheilen, namentlich aus Australien, dem fünften Welttheile zu uns
herübergebracht. Wir haben auf diese Weise uns eine Menge von Bäumen
und schönen Zierpflanzen angeeignet, unter andern auch die segensreichen
Fruchtbäume, die größtentheils aus Asien herstammen. Die Akazie verpflanzte
man nun zwar nicht ihrer labenden Früchte wegen auf unsern Boden, sondern
weil sie ein überaus schönes Ansehen, einen hohen, schlanken Wuchs, eine
schön gebildete Krone und ein überaus anmuthig geformtes, hellgrünes,
gefiedertes Laub, vor allen Dingen aber köstlich duftende Blüten hat. Sie
ist eine Zierde unserer Gärten und öffentlichen Plätze, obgleich sie bei
uns die Schönheit und Pracht nicht erreicht, die sie in ihrem heimathlichen
Lande zur Schau trägt.«
William war nicht wenig erfreut, auf so gute Bekannte in einer so
entfernten Gegend zu stoßen und sah die prächtigen Bäume mit wahrem
Entzücken an, obschon er glaubte, daß sie ihm keine Nahrung darbieten
würden. Darin aber hatte er sich geirrt, denn als er die vor ihm
stehenden Bäume genauer betrachtete, sah er, daß fast aus jedem Zweige ein
krystallhelles Gummi hervorgeschwitzt war, das vollkommen dem arabischen
glich, und da er sich erinnerte, gehört zu haben, daß ein solches Gummi
sehr vielen Nahrungsstoff enthalte, bog er einige Zweige zu sich herab und
sammelte eine Handvoll Gummi, das ohne allen Geschmack war und ihm sehr
leicht auf der Zunge verging. Zwar konnte er sich an diesem Nahrungsmittel
nicht vollkommen sättigen; allein schon nach wenigen Minuten ließen die
Schmerzen in seinem völlig ausgehungerten Magen nach und ein Gefühl von
Wohlbehagen trat an die Stelle desselben, das noch vermehrt wurde, als
er vermittelst seines mitgenommenen Beutels einen frischen Trunk aus der
schönen Quelle geschöpft hatte.
Jetzt, wo sein dringendstes Bedürfniß wenigstens einigermaßen gestillt war,
dachte er wieder an seinen lieben Kranken und in der Hoffnung, daß auch
ihm vielleicht beim Erwachen mit einem Nahrungsmittel gedient sein dürfte,
sammelte er noch eine gute Handvoll von dem Gummi, füllte seine Ledertasche
mit Wasser an und wanderte dem Strande wieder zu.
Zehntes Kapitel.
Der Capitain lag noch, als er bei demselben anlangte, ganz in der Stellung,
in der er ihn verlassen hatte. Sein Gesicht war aber wachsbleich geworden
und seine leichtgekrümmten, über der Brust liegenden Finger hatten dieselbe
Farbe angenommen. Einen höchst widerwärtigen Eindruck machte es auf ihn,
daß eine Menge geflügelter Insekten seinen armen Freund umflogen und
sich mit Gier auf die verwundeten Stellen seines Kopfs und Gesichts
niederließen, von denen sie das Blut zu saugen schienen. Er verjagte sie
mit einem breiten und langen Blatte des Farrenkraut-Baumes, das er vom
Dache der Hütte abgenommen hatte; allein sie ließen sich nicht vertreiben
und kamen immer und immer wieder. Der Capitain aber ließ alles mit sich
geschehen, und rührte kein Glied, zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern.
»Ach!« sagte jetzt William, nachdem er ihn lange mit Aufmerksamkeit
betrachtet hatte, mit schmerzlich bewegter Stimme: »ich glaube, er ist
todt!«
Um sich zu überzeugen, ob er es sei, knieete er neben ihm nieder und faßte
nach seiner Hand; sie war eiskalt und steif; die Arme und Finger hatten
ihre Beweglichkeit verloren; die Brust hob sich nicht mehr wie beim Athmen;
die Augen waren fest geschlossen und der Mund stand etwas offen.
»Ja, er hat ausgelitten, er ist todt!« rief jetzt William, dem ein Strom
von Thränen über die Wangen schoß; »er ist wirklich todt und ich bin jetzt
ganz allein auf der großen, weiten Erde!«
Der Gedanke hatte etwas so Entsetzliches für ihn, daß seine Thränen heißer
strömten und er in laute Klagen ausbrach. Niemand trocknete diese Thränen
von seinen Wangen; keine menschliche Stimme redete Worte des Trostes
zu ihm: er war allein, verlassen von aller Welt; Keiner theilte seinen
Schmerz, Keiner würde sich seiner Freude freuen.
Zum ersten Male im Leben begriff er, welche Wohlthat Gott uns Menschen
schon allein dadurch erzeigt hat, daß er uns in der Gesellschaft Anderer
aufwachsen läßt; daß er uns Eltern, Geschwister, Genossen gab. Er hatte
daran nie zuvor gedacht und, wenn gleich Gott für sehr viel Gutes, doch
dafür niemals aus der Fülle der Seele gedankt.
Der Anblick der Leiche erfüllte ihn endlich mit einem Gefühle von Grauen,
über das er nicht Herr zu werden vermochte. Aber wohin mit ihm? wie ihn,
da er kein anderes Geräth, als sein Taschenmesser besaß, ein Grab bereiten?
Sie unbestattet am Strande liegen, sie die Beute habsüchtiger Insekten
werden zu lassen, dagegen sträubte sich sein Gefühl. Er konnte freilich
von dannen, tiefer in das Land hineingehen und für die Folgezeit diesen
traurigen Ort vermeiden; allein das würde ihn nicht beruhigt haben; er
mußte, um sich zufrieden geben zu können, die Leiche dem heiligen Schooße
der Erde anvertrauen, damit sie, wie es in der Schrift heißt, wieder zur
Erde würde.
Bald hatte sein erfinderischer Geist ein Hülfsmittel ersonnen. Es bedurfte
jetzt, da sein armer Genosse todt war, keiner Hütte zu seinem Schutze mehr;
er riß also einen der stärkern Stäbe, die das Laubdach stützten, aus
dem Boden und bediente sich seiner statt einer Schaufel. Die Arbeit war,
besonders bei dem heißen Sonnenbrande -- denn es war in Australien Sommer,
während in Europa noch Schnee und Eis zu sehen war -- sehr mühsam und ging
nur langsam von statten, da der Stecken eine Schaufel oder ein Grabscheit
nur sehr unvollkommen ersetzte, allein seine Ausdauer überwand alle
Schwierigkeiten und der überaus lockere, so nahe am Meere sandige Boden
unterstützte ihn bei der Arbeit, so daß gegen Abend ein Loch bereitet war,
in das er den Körper des Verstorbenen zu senken vermochte. Er bedeckte
diesen dann nothdürftig mit der ausgeworfenen Erde und zum Ueberflusse auch
noch mit den Stäben und Blättern, die seither zur Hütte gedient hatten.
Als das Grab fertig und diese heilige Pflicht von ihm erfüllt war, machte
er, zur Bezeichnung der Stätte, wo die irdischen Uebereste des Capitains
ruhten, aus zwei kreuzweis zusammengebundenen Stäben ein Kreuz und pflanzte
es neben dem Grabe in den Boden.
Seine Kräfte waren völlig erschöpft, als er mit dieser mühsamen Arbeit
endlich fertig war. Zwar hatte er sich dadurch zu stärken und den Hunger
vom Leibe zu halten gesucht, daß er von Zeit zu Zeit ein Stück von dem
mitgenommenen Gummi in den Mund nahm und dazu einen Schluck Wasser trank;
allein dieses leichte Nahrungsmittel reichte für die Länge nicht aus,
besonders bei so schwerer Arbeit nicht, und sein Magen zeigte ein
dringendes Verlangen nach einer nahrhafteren, festeren Speiße. Woher
sie aber nehmen? wo sie aufsuchen? Das wußte er sich nicht zu sagen
und wünschte sich jetzt den ledernen Riemen der Kaffern, von dem er am
Vorgebirge der guten Hoffnung erzählen gehört hatte, um sich den bellenden
Magen damit zusammen zu schnüren. Er verzweifelte zwar nicht daran, daß er
noch so glücklich sein würde, eine consistentere Nahrung, und wenn es auch
nur eine eßbare Wurzel wäre, zu finden; allein seine gänzlich erschöpften
Kräfte und die wenige Zeit, die ihm noch bis zum völligen Anbruche der
Nacht übrig blieb, reichten nicht dazu aus, sie zu suchen: hatte er doch
kaum noch so viele Kraft, den Ort, wo die Leiche ruhte, zu verlassen und
den Platz unter den Akazien zu erreichen, wo er die Nacht zuzubringen
beschlossen hatte.
Der Boden war hier hart, da, wie schon gesagt, das ziemlich hohe Gras nicht
wie bei uns dicht neben einander, sondern in einzelnen Büscheln stand; auch
bedeckten weiche Moose den Boden nicht, wie in Europa an schattigen Orten;
denn bis jetzt hat man, so viel mir bekannt, noch keine Moose in Australien
entdeckt; aber trotz dem verfiel unser Freund bald in einen tiefen Schlaf;
denn dem Müden ist leicht gebettet und hätte der Hunger und die auf sein
Gesicht fallenden Sonnenstrahlen ihn nicht früh geweckt, so würde er wohl
bis zum hellen Mittage auf seinem harten Lager geschlafen haben.
Sein erstes Geschäft nach dem Erwachen war, Gott für den ihm in der Nacht
gewährten Schutz und guten Schlaf zu danken. So hatte seine Mutter es
ihn gelehrt, und obgleich er jetzt durch mehrere tausend Meilen von ihr
getrennt war, so behielt er diesen frommen Gebrauch doch bei. Nachdem er
gebetet hatte, ging er zur Quelle, erfrischte sich durch einen Trunk daraus
und wusch sich dann Gesicht und Hände in der krystallhellen Fluth. Ihm
war so wohl und leicht dadurch geworden, daß er aller schweren Sorgen sich
entschlug und seinem Vater im Himmel gänzlich vertraute.
Der Morgen war so schön, wie man sich ihn nur denken kann. Die Sonne stand
an einem hohen, tiefblauen, völlig wolkenlosen Himmel; die Erde war mit
köstlichem Grün und einer Menge noch nie zuvor gesehener Blumen bedeckt;
die durch die Nachtluft erfrischten Bäume hauchten einen winzigen Duft aus
und bunte Vögel schüttelten ihr Gefieder in den Zweigen derselben, indem
sie zugleich ihr Morgenlied zum Lobe des Schöpfers aller Dinge erschallen
ließen.
William hatte, da ihn nichts an den Platz unter den Akazien fesselte, seine
Wanderung wieder angetreten und ging, in der Hoffnung, irgend etwas Eßbares
zu finden, tiefer ins Land hinein; konnte es ihm doch gleichviel sein,
wohin er wanderte.
Auf dieser Wanderung fiel es ihm nicht wenig auf, daß er die Stämme
mehrerer ihm unbekannten Bäume völlig von ihrer Rinde entblößt erblickte.
Diese lag, wie von der Hand eines Baumschänders abgeschält, unter den
Bäumen. Noch auffallender aber war es ihm, daß trotz dem die Krone der
Bäume so frisch und grün war, als wäre dem Stamme nichts geschehen. Er
wußte, daß bei uns Bäume absterben, deren Stamm man frevelhafter Weise
abgeschält hat, und staunte so nicht wenig, hier das Gegentheil zu finden.
Unser Freund wußte damals noch nicht -- in der Folge erfuhr er es durch
angestellte Beobachtungen -- daß in Australien die meisten Bäume gegen den
dortigen Frühling, der um die Zeit unseres Herbstes fällt, die Rinde von
selbst abstreifen, sich also gleichsam wie unsere Krebse und Schlangen
_häuten_, und daß unter der alten, abgestorbenen Rinde schon eine neue,
zarte, dem Auge kaum bemerkbare sitzt.
Indem seine Blicke nun überall sorgfältig umher spähten, um wo möglich ein
Nahrungsmittel zu entdecken, fiel ihm ein anderer Baum auf, dessen Wuchs
dem unserer Kirsche glich und der bei ganz ähnlichen Blättern auch eine
ähnliche, hochrothe Frucht trug, nur mit dem Unterschiede, daß der Kern,
oder wie wir die holzige Hülle des Kerns nennen, der _Stein_, statt im
Innern der Frucht, an der Seite nach _außen_ saß. Dies fiel ihm so auf,
daß er lange in Betrachtung dieser wunderbaren Erscheinung stehen blieb.
Endlich wagte er es, auf die Gefahr hin, vielleicht eine giftige Frucht
zu genießen, denn das war leicht möglich, da er sie nicht kannte, eine
Handvoll davon zu pflücken und sie zu verzehren. Sie hatte allerdings im
Geschmacke einige Aehnlichkeit mit unserer Kirsche, allein sie war herber
und nicht eben angenehm: trotz dem erfrischte sie ihn und da er, nachdem
er einige Zeit unter dem Baume ausgeruht hatte, keine üble Wirkung davon
verspürte, wagte er es, sich völlig satt an diesen Kirschen zu essen. Der
Baum war allerdings die _australische Kirsche_.
Als er, etwas gestärkt durch die festere Nahrung, seine Wanderung weiter
fortsetzte, nahm er wahr, daß die Stämme vieler Bäume, namentlich ältere,
völlig hohl waren. Man findet zwar auch in andern Welttheilen hohle Bäume,
aber deren lange nicht so viele, als er hier fand. Diese Erscheinung
rührte, wie er späterhin wahrnahm, von zwei Arten in Australien häufig
vorkommenden Ameisen, den weißen und den schwarzen, her. Die weißen werfen
sich zuerst auf einen solchen Baum, den sie sich zum Sitze ausersehen
haben, und bohren ihn von unten bis oben voll Löcher, so daß er fast zum
Siebe wird. Haben Sie ihre Brut gemacht, so folgen ihnen die schwarzen
nach, die die von ihnen gemachten Löcher wieder so genau mit Erde
ausfüllen, daß kein einziges leer bleibt. Aber die so durchbohrten Theile
des Stammes sterben mit der Zeit ab und dies macht, daß man in Australien
so viele hohle Bäume findet. Noch auffallender dürfte es für Euch, meine
Theuren, sein, daß Reisende uns die Mittheilung machten, daß eine Menge
Bäume in Australien ein _unverbrennliches_ Holz liefern. Dies soll
daher rühren, daß das Holz sehr viele Alauntheile enthält, die dem
Verbrennungsprozesse bekanntlich hinderlich sind. Man benutzt diese
unverbrennlichen Bäume daher gern zum Zimmerholze, indem sie dem Brande
eben so gut widerstehen, als Häuser es thun würden, die ganz von Stein
aufgeführt wären.
Auch Mannabäume -- der Botaniker nennt sie in der Kunstsprache =Eucalyptus
mannifera=, welchen Namen Ihr Euch merken mögt -- fand unser William auf
seiner Wanderung; er kannte aber weder ihren Namen, noch wußte er, daß
man dieses, in Flocken an den Bäumen hängende Harz in unsern Apotheken als
Arzneimittel gebraucht. Ein Glück war es für ihn, daß er dießmal nichts
davon genoß, denn es ist ein tüchtiges Abführungsmittel, wie er späterhin
gewahr werden sollte, als er sich in einer Anwandlung von Naschhaftigkeit
zum Genusse dieses süßlichen Saftes verleiten ließ.
Zu seinem nicht geringen Erstaunen fand unser William hier, wo Alles
so ganz anders, als in Europa war, eine gute alte Bekannte, die Nessel
nämlich. Als er sie erblickte, glaubte er, doch vielleicht eine andere, nur
der äußern Form nach ähnliche Pflanze vor sich zu haben, auch war sie hier
viel größer und üppiger; als er sich aber bückte, um sie leise anzurühren,
entdeckte er, daß sie ganz dieselbe Eigenschaft besitze, wie die
europäische: er verbrannte sich nämlich recht derb die Hand, an der gleich
eine Menge von Pusteln aufliefen, die heftig juckten. Hätte er die Nessel
nur recht derbe angegriffen, so würde das nicht geschehen sein, denn dann
würden die feinen Härchen, womit Blatt und Stengel dieser Pflanze übersät
sind und die durch ihr Eindringen in die Haut eben die Pusteln und das
lästige Jucken hervorbringen, von seinen Fingern _niedergedrückt_ worden
und hätten ihm nicht schaden können. Den Versuch könnt Ihr jederzeit in
unsern Gärten und Feldern machen.
Da das Jucken von der unvorsichtig berührten Nessel fast unerträglich war
und William sich erinnerte, daß man es durch Eintauchen in kaltes Wasser
lindern könne, sah er sich nach seiner lieben Quelle um: wo aber war die
jetzt? Vergebens durchsuchte er die Stellen, wo das Gras etwas dichter, als
an den übrigen stand; vergebens durchstreifte er, trotz seiner Müdigkeit,
noch eine große Strecke: die Quelle war wie verschwunden und er entdeckte
auch keine andere, wenigstens für den Augenblick nicht.
Das war denn sehr traurig für unsern armen jungen Freund. Wenn er das
lästige Jucken auch geduldig ertragen hätte, so stellte sich doch ein so
brennender Durst bei ihm ein, daß er ihn mit den Kirschen, deren er noch
einige fand, nicht zu löschen vermochte, um so weniger, da hier diese
Frucht weder so angenehm schmeckend, noch saftig war, wie in Europa.
Zu dieser großen Plage gesellte sich bald eine zweite: eine so große
Ermüdung, daß seine Beine ihn nicht weiter zu tragen vermochten. Dabei
brannten seine Füße wie Feuer, da sie stets auf einem fast glühend heißen
Boden fortgewandelt waren. Zwar war dieser, wie schon gesagt, mit Gras
bedeckt; allein es stand in einzelnen Büscheln ziemlich weit auseinander
und ließ große freie Zwischenräume, auf die William treten mußte, wenn er
nicht alle Augenblicke über die sehr hohen Grasbulte stolpern wollte. Die
Ursache, weßhalb das Gras in Australien, trotz der so außerordentlichen
Fruchtbarkeit des Bodens, nur in einzelnen Büscheln steht, ist die, daß
es hier nur sehr wenige Arten von Futterkräutern gibt, während ein
Naturforscher, _Sainclair_, auf einen Quadratfuß Wiesenland in England zwei
und zwanzig Arten davon entdeckte. Diese große Verschiedenheit der Gräser
bewirkt, daß der Rasen in unserm Welttheile so dicht und schön ist; denn
jedes dieser Kräuter zieht _andere_ Nahrungsstoffe aus der Erde an sich,
folglich können sie sehr gut neben einander bestehen, ohne sich in Hinsicht
der Nahrung zu beeinträchtigen. Ich will Euch, meine Geliebten, dies durch
ein Beispiel zu erläutern suchen. Gesetzt, man sperrte zwei oder
drei verschiedenartige Vögel in einem Käfige ein und gäbe ihnen
verschiedenartiges Futter in hinlänglicher Menge, so würden sie recht gut
neben einander bestehen und sich lange ernähren können, wenn der eine Vogel
diese, der andere jene Körner zu seiner Nahrung erwählte; würden aber alle
nur die _eine_ Sorte von Körnern fressen wollen, so würde der Vorrath bald
aufgezehrt sein und Mangel für alle entstehen. Aus eben dem Grunde gedeiht
der nur mit sehr wenigen Grasarten bedeckte australische Rasen nicht so gut
wie der unsrige.
Nachdem William noch über eine Stunde gelaufen war, um seine geliebte
Quelle oder auch eine andere wieder zu finden, wollten seine Kräfte
zum fernem Umherlaufen nicht mehr ausreichen und er sank in tödtlicher
Ermattung unter einem großen Baume nieder, der ihm wenigstens einigen
Schatten gewährte. Die Plage, welche der brennende Durst ihm verursachte,
war so groß, daß er sich zuerst von seinem bisherigen Muthe verlassen
fühlte und sich hinsetzte und bitterlich zu weinen anfing. Was sollte
auch in der That aus ihm werden, wenn er kein Wasser mehr fände, um seinen
brennenden Durst zu löschen.
Da aber nichts so leicht müde macht, als das Weinen, und er überdies durch
das lange Umherstreifen in der brennenden Sonnenhitze völlig ermattet war,
fiel er bald in einen tiefen Schlaf und vergaß, wenigstens auf einige Zeit,
seine Leiden.
O, welche Wohlthaten der Natur oder vielmehr der Gottheit sind Wasser und
Schlaf, und wie Wenige danken doch ihrem himmlischen Vater für beide
großen Gaben! Nur der Verschmachtende, der plötzlich eine frisch sprudelnde
Quelle, der Kranke, welcher nach langem, den letzten Rest seiner Kräfte
verzehrendem Wachen endlich einen erquickenden Schlaf findet, nur sie
werden vielleicht die Pflicht des Dankes gegen den Schöpfer aller Dinge
erfüllen.
Elftes Kapitel.
William würde, trotz des ihn quälenden Durstes, vielleicht noch länger
geschlafen haben, wenn die Berührung eines eiskalten Gegenstandes, der
über seine am Boden ruhende Hand hinkroch, ihn nicht geweckt hätte. Diese
Berührung weckte ihn auf und er zog die Hand, welche sie erlitten hatte,
eilig an sich. In demselben Augenblick schoß eine wohl 12 bis 14 Fuß lange
Schlange mit der größesten Schnelligkeit und wie erschreckt durch seine
rasche Bewegung durch die hohen Grasbüschel fort. Sein Schrecken bei diesem
Anblicke war, wie Ihr Euch vorstellen könnt, nicht gering, denn er wußte,
daß es viele giftige Schlangen gibt und fürchtete sich so mit Recht vor
der Nähe dieser Thiere. Seine Furcht war dießmal vergeblich gewesen, wie er
späterhin erfahren sollte. Die Schlange, welche über seine Hand gekrochen
war, war die Diamant-Schlange, die einzige _nicht_ giftige dieser Gegend,
weßhalb sie auch von den Eingeborenen als ein Leckerbissen verzehrt wird.
Ihr möchtet wohl nicht darauf zu Gaste gehen? -- Ich auch nicht.
Die Furcht, eine Beute dieses häßlichen Reptils zu werden, trieb William
nicht nur vom Boden empor, sondern sogar zur eiligen Flucht: konnten doch
noch mehrere dieser Thiere an dem Orte sein. Da der Schlaf ihn gestärkt
hatte, eilte er rasch von dannen; nach welcher Richtung? das wußte er
selbst nicht; auch konnte es ihm ja so ziemlich gleichgültig sein, da er
nun aufs Geradewohl fortlaufen mußte, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben.
Ihm war nur darum zu thun, so weit als möglich aus dem Bereiche der
häßlichen Schlangen zu kommen, vor denen er, ihrer giftigen Eigenschaften
wegen, eine große Furcht hatte. Diese war in der That so groß, daß er fast
seines Durstes darüber vergaß und erst wieder daran erinnert wurde, als
plötzlich ein Rauschen, wie von herabfallendem Wasser, an sein Ohr drang.
Er stand still, um zu lauschen; dann rief er plötzlich mit dem Tone des
höchsten Entzückens aus:
»Ja! das ist Wasser!«
Vor ihm lag ein mäßiger Hügel und obgleich, in der Ebene geboren, des
Bergsteigens nicht gewohnt, klomm er ihn so schnell hinan, als wäre er ein
Kind der Alpen. Auf der Spitze des Hügels angelangt, zeigte sich seinen
Blicken ein entzückendes Schauspiel. Zwischen einer Reihe mäßiger Hügel lag
ein schönes, mit dem lieblichsten Grün bekleidetes, den herrlichsten, nie
zuvor gesehenen Blumen besä'tes Thal, durch das sich ein silberheller Bach
murmelnd hinwand. Dieser stürzte sich von der Spitze des Hügels, auf dem er
stand, in das schöne Thal hinab und bildete, indem er von Zeit zu Zeit über
hervorspringende Felsstücke hinrauschte, die anmuthigsten Wasserfälle, von
denen ein schneeweißer Schaum emporspritzte; unten am Fuße des Hügels
aber angelangt, wurde das Wasser hell wie Bergkrystall, so daß sich der
tiefblaue Himmel darin abspiegelte.
Ein Freudenruf, nur von Gott und der schweigenden Natur gehört, entfuhr bei
diesem entzückenden Anblick den Lippen unsers jungen Freundes. Er glaubte
das Paradies vor sich zu haben, denn etwas so Reizendes, wie dieses Thal,
hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Wie ein Vogel flog er den
Hügel hinunter, zu dem schönen Bache hin, legte sich an denselben nieder
und schöpfte seine erquickliche Fluth mit der Hand; er ließ sich in
seiner Freude und seinem großen Durste nicht erst die Zeit, sein ledernes
Trinkgefäß hervorzuziehen, um Wasser darin zu schöpfen, sondern bediente
sich lieber des jedem Menschen angebornen Schöpfgefäßes, der hohlen Hand,
um zu trinken. Als er seinen Durst gelöscht und somit das erste dringendste
Bedürfniß befriedigt hatte, dachte er schon an Luxus, denn so machen es die
Menschen in allen Verhältnissen des Lebens. Schnell warf er seine Kleider
ab und stand mit _einem_ Sprung mitten im Bache. Welche Erquickung, als
die kühle Fluth seine heißen Glieder berührte; aber zugleich auch welche
Unvorsichtigkeit, so erhitzt ins Wasser zu springen. Die Folgen davon
sollte er nur zu bald empfinden.
Zuerst hatte er nichts als Wohlbehagen und Erquickung davon; allein der
hinkende Bote kam nach. Als er sich gehörig erfrischt und längere Zeit im
Wasser geplätschert hatte, verließ er den Bach endlich wieder und fühlte
sich so leicht und frisch, als wäre er neugeboren. Eines Handtuchs, um
sich abzutrocknen, bedurfte er unter diesem Himmelsstriche nicht: die
liebe Sonne verrichtete dieses Geschäft in wenigen Minuten, so daß er seine
Kleider gleich wieder anziehen konnte. Vielleicht wäre selbst jetzt noch
Alles gut gegangen, wenn er sich auf die heftige und plötzliche Abkühlung
im Wasser gleich wieder in starke Bewegung, wo möglich in Schweiß gesetzt
hätte. Daran dachte aber unser Unbesonnener nicht, sondern er legte sich,
etwas ermüdet durch das genommene Bad, neben dem Stamme eines sehr großen
und schönen Gummi-Baumes nieder, dessen breite und blätterreiche Krone ihm
einen vollkommenen Schutz gegen die Strahlen der Sonne gewährten.
Er schlief nicht, denn er war nur etwas ermüdet und fühlte das Bedürfniß
des Schlafes nicht, sondern er ruhte nur und schaute mit aufmerksamem
Auge um sich, schon aus Furcht vor den Schlangen, mit denen er keine
Gemeinschaft pflegen mochte. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah er
zwischen dem Grase Frösche umherhüpfen, die eine schöne, dunkelgrüne Farbe,
hellgelbe Streifen über den Rücken und viele schwarzen Punkte hatten. Da
Niemand sie in dieser Wildniß störte und verfolgte, thaten sie nicht im
geringsten schüchtern, sondern krochen zutraulich heran oder hüpften dicht
neben ihm im Grase.
Noch eine andere alte Bekannte, die Eidechse, traf er hier an; sie
schlüpfte aus einem kleinen Loche in der Erde hervor und sah ihn mit ihren
klugen, glänzenden Augen so verständig an, als wolle sie eine Conversation
mit ihm anknüpfen. Wie zudringlich und wenig scheu diese Thiere, sowie auch
die Frösche waren, sollte er in der Folge in Erfahrung bringen, da sie sich
in Menge in seiner Wohnung einfanden und so bekannt mit ihm thaten, als
wären sie eingeladene liebe Gäste. Sie schliefen oft bei ihm auf seinem
Graslager, thaten ihm aber nie etwas, so daß er ganz vertraut mit ihnen
wurde und sie nicht selten mit gefangenen Fliegen und andern geflügelten
Insekten fütterte, die, wie er aus der Naturgeschichte wußte, ihre
Lieblingsspeise waren. Er sah sie auch auf die Bäume klettern; allein
zu ihrem Verderben; denn hier lauerten einige Raubvögel ihnen auf und
verzehrten sie, ohne viele Complimente zu machen.
Nachdem William allerlei Beobachtungen und Betrachtungen angestellt
hatte, erhob er sich wieder, um weiter zu wandern; denn kaum war das eine
Bedürfniß befriedigt, so meldete sich schon ein anderes, der Hunger.
Indem er so durch das reizende Thal hinstreifte, kam er zu einer Stelle,
wo das hohe Gras sichtbar niedergebrannt war, und als er etwas weiter ging,
zeigte sich ein Haufen Asche, um den einige Knochen umherlagen, seinen
nicht wenig überraschten Blicken; sogar einige halbverbrannte Holzstücke
lagen umher. Hier hatten also Menschen gehaus't; -- welche Entdeckung!
Vor Erstaunen wurzelte sein Fuß am Boden. Er bückte sich, um die Asche zu
befühlen und überzeugte sich auch durch das Gefühl, daß sein Auge ihn
nicht getäuscht habe. Hier waren demnach -- wie hätte er noch länger
daran zweifeln können? -- Menschen gewesen und hatten sich aller
Wahrscheinlichkeit nach Speise bereitet; denn wozu sonst Feuer anzünden? Es
waren vielleicht gar welche ganz in der Nähe, etwa hinter den Hügeln,
die das Thal einschlossen? Welcher Art aber waren sie? und hatte er das
Begegnen nicht viel mehr zu fürchten, als zu wünschen? Hatte er doch von
Menschenfressern unter den Wilden gehört? Er wußte nicht, ob er sich über
eine solche Nähe freuen oder betrüben sollte.
Eine andere Entdeckung, die er machte, erfüllte ihn indeß mit der reinsten
Freude. Er sah an einer Stelle eine Pflanze aus dem Boden hervorgewachsen,
deren Kraut einige Aehnlichkeit mit dem unserer Kartoffel hatte, nur daß
der Stamm höher und dicker und die Blätter etwas anders geformt waren. Um
sich zu überzeugen, ob er sich nicht in seiner Voraussetzung geirrt habe,
grub er mit seinem Taschenmesser ein Loch in die Erde und wühlte bald eine
längliche, ziemlich große Knolle daraus hervor. Der Zufall hatte ihn die
wilde Patate, die unsern Kartoffeln sehr ähnlich ist, entdecken lassen.
Wie glücklich würde ihn dieser Fund gemacht haben, wenn er zugleich Feuer
gehabt hätte, um sie zu braten; das aber fehlte ihm, und wie sich welches
verschaffen?
Die Noth indessen ist die Mutter der Erfindungen. William hatte noch nicht
lange nachgesonnen, so glaubte er es schon zu haben. Er dachte an sein
ziemlich großes, starkes, vom besten Stahl gemachtes Taschenmesser, dessen
Rücken gar füglich die Stelle eines Feuerstahls vertreten konnte. Es kam
also nur noch darauf an, einen Feuerstein und etwas Zunder zu finden,
denn um Holz durfte er nicht verlegen sein und nur zu der Brandstätte
zurückkehren, um es zu finden; auch für Zunder trug er keine Sorge: ein
Eckchen von seinem dünnen baumwollenen Taschentuche konnte gar füglich die
Stelle desselben vertreten.
Der Stein aber machte ihm Sorge und so emsig er auch suchte, so konnte er
doch keinen entdecken, der dem Kieselsteine nur entfernt ähnlich gewesen
wäre. Endlich, als er bereits die Hoffnung aufgeben wollte, das Gewünschte
zu finden, fiel ihm ein, daß er beim Baden in dem Bache auf Steinchen
getreten war und sich an einem derselben den Fuß leicht geritzt hatte: das
konnte möglicherweise ein Kieselstein gewesen sein, und er glaubte dies
um so eher, als er von Europa her wußte, daß die Bäche gern ein Bett von
Kieseln habe.
Er eilte also mit schnellen Schritten zu seinem geliebten Bache zurück,
zog Schuhe und Strümpfe aus und watete mit bloßen Füßen mitten in denselben
hinein. Es dauerte auch nicht lange, so fühlte er seine Fußsohlen wieder
von einem etwas scharfen Gegenstande berührt; er bückte sich, langte auf
den Grund des Baches nieder und brachte mit der Hand eine Menge Steine
herauf, worunter sich ein prächtiger Kieselstein befand, der fast die Form
eines Flintensteines hatte und also zu dem beabsichtigten Zwecke vollkommen
dienen konnte.
Wer war froher als er! Er trocknete den Stein, ging damit zu der
Brandstelle, sammelte die angebrannten Holzstückchen zusammen, raufte
einige Hände voll gänzlich vertrockneten Grases aus, sammelte ein Häufchen
von der abgefallenen Baumrinde, die so trocken wie Stroh war, und riß, als
er dieses Alles vorbereitet hatte, ein Stück von seinem Taschentuche ab,
das die Stelle des Zunders vertreten sollte.
Er hatte die Sache sich aber leichter gedacht, als sie in der That war:
sein Zunder taugte nichts und wenn auch wirklich ein Fünkchen auf das
baumwollene Zeug fiel und zündete, so verlosch es doch sogleich wieder.
Eine halbe Stunde und länger mühte er sich mit dem Feuerschlagen ab und
wollte schon den Gedanken aufgeben, sich Feuer zu verschaffen, als ihm
einfiel, das Stückchen Zeug zwischen zwei Steinen gleichsam zu einer Art
von Pulver zu zerreiben, was nach seiner Meinung besser zünden würde,
als das Läppchen von dem Tuche. Auch diese Arbeit war nicht ohne Mühe und
kostete viele Zeit; endlich siegte er aber doch durch Beharrlichkeit über
alle Hindernisse und siehe da! der Sieg war sein. Kaum waren ein Paar
Fünkchen in den Zunder gefallen, so glimmte das Ganze; er legte schnell
erst von dem trockenen Grase darauf und blies es zur Flamme an, dann
legte er von der Rinde dazu und endlich die gefundenen angebrannten
Holzstückchen, die bald in einer lustigen Flamme emporloderten.
Als er damit zu Stande war, holte er eine gute Hand voll von seinen
herrlichen Pataten, wusch sie an der Quelle rein und legte sie an das
Feuer, wo sie schnell brieten; ein grüner, sehr biegsamer Baumzweig, den er
wie eine Zange zusammenbog, mußte die Stelle der Feuerzange beim Umwenden
der Pataten vertreten; mit der Hand konnte er diese nicht anfassen, da sie
bereits glühend heiß vom Feuer waren.
Sein Appetit war durch den Anblick der kartoffelartigen Frucht so
gestachelt worden, daß er ihn kaum mehr zu zügeln vermochte und
wahrscheinlich -- er selbst hat nichts davon gesagt -- einige davon halbroh
verzehrte, welche Gier ihm unter diesen Umständen schon nachzusehen sein
durfte, so schlecht eine solche sonst auch für uns Menschen läßt, indem sie
uns den Thieren ähnlich macht.
Nie hat wohl dem ärgsten Prasser, dem größesten Leckermaul eine Mahlzeit,
mochte sie auch noch so ausgesucht, noch so trefflich bereitet sein,
so geschmeckt, wie dieses Gericht Pataten unserm ausgehungerten William
mundete. Er hatte weder Butter noch Fett, ja nicht einmal Salz dazu; aber
an solche Leckereien dachte der gute Junge gar nicht; überdies hatten die
Pataten einen etwas süßlichen, mehr dem Obste ähnlichen Geschmack, als
unsere gewöhnlichen Kartoffeln.
Wie schmeckte, nach eingenommenem Mahle, auch ein frischer Trunk aus
dem Bache, und wie lustig sangen buntgefiederte Vögel in den Zweigen des
Gummi-Baumes, unter dem er sich zur Ruhe niederlegte; wie dufteten Blumen
und Kräuter, die ihm zum Lager dienten; O, er wäre vollkommen glücklich
gewesen, und hätte kaum noch einen Wunsch übrig gehabt, wenn er seine
geliebte Mutter bei sich haben und ihr den Reichthum und die Herrlichkeit
dieser Wildniß hätte zeigen können.
Sein erster Gedanke, nachdem er sich unter dem Gummi-Baume zur Ruhe
niedergelegt hatte, war ein Gebet an Gott, ein heißes, inniges Dankgebet;
sein letzter, bevor er einschlief, der an seine Mutter und die theure
Heimath.
Eine empfindliche Kälte erweckte ihn gegen Morgen. Es hatte, wie es in
diesen Gegenden der Fall zu sein pflegt, stark gethaut und Gesicht,
Haare und Kleidung waren ganz naß davon. Schauder, wie von Fieberfrost,
durchströmten sein Gebein; er zitterte vor Kälte und innerem Unbehagen,
obgleich es eben nicht kalt, sondern die Luft nur etwas frischer, als
gewöhnlich war. Er wollte, trotz dem daß der Tag nur erst zu grauen begann,
aufstehen und sich durch Bewegung etwas zu erwärmen suchen; allein es
verursachte ihm große Beschwerde, sich vom Boden zu erheben. Seine Glieder
wurden steif und so wie er Hand, Fuß oder Nacken bewegte, hatte er den
empfindlichsten Schmerz auszustehen.
Trotz dem erhob er sich; allein er wäre bald wieder umgefallen, so
schwindelte ihm der Kopf, der obendrein sehr wehe that; auch wurde ihm das
Schlucken schwer. Dies waren die traurigen Folgen des kalten Badens nach
einer großen Erhitzung. Wenn es nun schon ein großes Ungemach ist, krank
zu sein, wenn uns alle erdenkliche Hülfe geleistet, jegliche mögliche
Erleichterung verschafft wird, ein wie viel größeres mußte es nicht für
unsern William sein, dem Keiner zu Hülfe kommen, den Keiner hegen und
pflegen konnte. Trotz dem raffte er sich auf und taumelte eine Strecke
fort. Alle Gegenstände drehten sich im Kreise um ihn her; das Sehen fiel
ihm schwer; sein Athem war kurz und beengt und Hände und Füße versagten ihm
den Dienst; er fühlte sich so krank, wie er noch nie im Leben sich gefühlt
hatte, selbst damals nicht, als die Masern bei ihm zum Ausbruche kamen, und
er glaubte, daß sein letztes Stündchen gekommen sei, als er in tödtlicher
Ermattung und unter den heftigsten Gliederschmerzen in der Nähe des Baches
zur Erde sank.
Erst jetzt dachte er über die vermuthliche Ursache einer so plötzlichen
Erkrankung nach, und hatte sie bald ausgefunden. Wie oft hatte seine
sorgsame Mutter ihn nicht vor plötzlicher Erkältung nach großer Erhitzung
gewarnt, und ihm die so leicht schädlichen Folgen einer solchen Erkältung
vorgestellt; wie oft hatte sie ihm nicht das Glas vom Munde genommen, wenn
er nach einem raschen Gange trinken wollte! Und jetzt hatte er an alle
diese wohlgemeinten Warnungen nicht gedacht, sondern war, fast triefend von
Schweiß, in das kalte Wasser des Baches gegangen. Mit wie vielen Leiden
und Schmerzen mußte der Arme diese Unvorsichtigkeit und ein Gefühl
augenblicklichen Wohlbehagens nicht bezahlen!
Bald wechselte der Frost, der seine Glieder geschüttelt hatte, mit einer
brennenden Hitze ab. Sein Gesicht, seine Hände, seine Fußsohlen glühten:
dabei schmerzte ihn jedes Glied seines Körpers; seine Zunge klebte vor
Durst am Gaumen fest; seine Augen waren roth und brannten wie Feuer. Er
hatte das größeste Verlangen, aus dem nahen Bache seinen glühenden Durst zu
löschen; allein er vermochte nicht aufzustehen, nicht die wenigen Schritte
bis zu demselben zu machen.
Seine Lage war in der That die schrecklichste und preßte ihm Wehklagen und
Jammern aus. Bedenkt, Kinder, was es sagen will, von aller Welt verlassen,
ohne Erquickung, ohne eine Handreichung, ja, ohne liebevollen Zuspruch, so
in einer Wüste krank da zu liegen, und schenkt unserm armen Freunde Euer
aufrichtiges Bedauern, verargt es ihm auch nicht, daß er wimmerte und
weinte. Thut ihr das doch wohl auch einmal in schweren Krankheiten, trotz
dem daß Alles liebevoll um Euch bemüht ist und die Kunst Alles aufbietet,
Euch Linderung zu verschaffen; ja, klagt und wimmert Ihr vielleicht nicht
blos -- denn das würde Euch im Uebermaße der Schmerzen schon nachzusehen
sein -- sondern werdet sogar ungeduldig und gegen Eure Umgebung undankbar
und ungerecht! Das Letztere aber ist eine Sünde; jeder Kranke sollte
dankbarer sein, als der Gesunde, weil ersterer noch weit mehr Liebe und
Sorgfalt bedarf und findet als letzterer.
Unser William konnte aber weder dankbar noch undankbar sein: es nahm sich
Keiner seiner an; keine Hand schob ihm ein weiches Kopfkissen unter
sein armes, heftig schmerzendes Haupt; keine trocknete ihm die hellen
Schweißperlen von der glühenden Stirn; keine reichte ihm den kühlen Trunk,
nach dem er schmachtete; er war allein, verlassen von aller Welt und selbst
unfähig, irgend Etwas für sich zu thun. Der arme, arme William!
Zwölftes Kapitel.
Trotz der großen Schmerzen, die es ihm verursachte, mußte der Kranke doch
aufstehen, um seinen Durst zu löschen, der endlich zu einer unerträglichen
Qual für ihn wurde, um so mehr, da er die Rolle des Tantalus zu spielen
gezwungen war und ganz in der Nähe des köstlichsten Wassers, das er rieseln
und rauschen hörte, vor Durst verschmachten sollte. Er erhob sich also;
allein seine Beine versagten ihm den Dienst und er sank mehrere Male um;
endlich erreichte er aber doch den Bach und trank nun mit vollen Zügen. Er
konnte sich nicht wieder von dem herrlichen erquicklichen Wasser trennen
und eingedenk der Mühseligkeiten und Schmerzen, die es ihm gemacht hatte,
bis zu demselben zu gelangen, legte er sich ganz in der Nähe des Baches
nieder.
Ein Glück war es für ihn, daß er keinen Hunger verspürte, wie man dies bei
Kranken in der Regel bemerkt, denn wie hätte er, der kaum seine Hände zu
rühren und keine zehn Schritte ohne die entsetzlichsten Schmerzen zu gehen
vermochte, sich Nahrungsmittel suchen sollen?
Dieser schreckliche Zustand dauerte volle drei Tage und der arme William
glaubte sich dem Tode nahe. Er würde in seiner völlig hülflosen Lage,
verlassen von aller Kreatur, völlig haben verzweifeln müssen, wenn er
nicht von seiner Mutter zur Frömmigkeit angehalten worden wäre und ein
unbegrenztes Vertrauen zu seinem himmlischen Vater gehabt hätte. Dieses
Vertrauen und ein inbrünstiges Gebet zu Gott erhielten seinen Muth aufrecht
und wurden vielleicht seine Lebensretter; denn wie sehr würde es seinen
Zustand verschlimmert haben, wenn er, statt sein Leben und Schicksal in die
Hände seines himmlischen Vaters zu legen, sich einer wilden Verzweiflung
überlassen hätte.
Seine größte Plage war die Schlaflosigkeit, die theils durch seine großen
Schmerzen, theils dadurch herbeigeführt wurde, daß er sich gar keine
Bewegung machen konnte. Da war es denn eine gute Sache für ihn, daß er
sich zeitig daran gewöhnt hatte, auf Alles Achtung zu geben, was um ihn her
vorging, denn sonst würde er die tödtlichste Langeweile gehabt haben. Am
Tage schenkte er den ihn umstehenden Gräsern und Blumen, den schöngefärbten
Schmetterlingen und Libellen, die ihn umflatterten, den Käfern und
Würmchen, die sich auf den Spitzen der Grashalme wiegten, oder am Boden
hinkrochen, seine Aufmerksamkeit und jeder Gegenstand gab ihm hinlänglichen
Stoff, Betrachtungen anstellen zu können, da Alles hier ganz anders als
in Europa war. In der Nacht beschäftigte er sich damit, die Gestirne
zu beobachten und mit seinen Blicken ihren Lauf zu verfolgen, sich die
Stellung zu bemerken, in der die einzelnen Gestirne gegeneinander standen.
Zuweilen gewährte das Flattern oder der Ruf eines Nachtvogels ihm eine
angenehme Unterhaltung; selbst das Quacken der Frösche, die am Rande des
Baches ihr eintöniges Nachtlied anstimmten, war für sein Ohr jetzt
kein unangenehmer Ton, so wenig er früher auch dieser Musik der
Sumpf-Nachtigallen Geschmack hatte abgewinnen können: belebte es doch die
sonst so schweigsame Natur!
Nachdem unser William drei volle Tage und Nächte so gelegen, ohne irgend
Etwas zu sich zu nehmen, als das Wasser, das er aus seinem lieben
Bache schöpfte, fing er endlich an, eine leise Anwandlung von Hunger zu
verspüren; dies war das erste Zeichen der wiederkehrenden Genesung und er
dankte Gott dafür, obgleich er nicht wußte, wie er den erwachenden Appetit
stillen solle; war er doch noch zu schwach, um mit seinem Messer sich
Pataten aus der Erde graben zu können, und woher hätte er vollends die
Kraft nehmen sollen, Feuer anzumachen, um sie zu braten? Er mußte sich
also einer neuen Geduldsprobe und Hungerkur unterwerfen, bis er sich wieder
etwas stärker fühlen würde. Dieser Mangel an Nahrung -- so unglaublich
diese Behauptung Euch auch klingen mag -- beförderte seine Genesung
bedeutend. Ein kranker Körper bedarf in der Regel gar keiner Nahrung, ja
sie schadet ihm in den meisten Fällen, und vermöchten alle Kranke es über
sich, die strengste Diät zu halten, so würden sie noch einmal so schnell
genesen. Zu einer solchen Enthaltsamkeit sah sich aber unser William durch
seine Lage gezwungen und erst am fünften Tage, als sein Appetit recht groß
geworden war, zwang ihn dieser, den Versuch zum Aufstehen zu machen, und
jetzt ging es.
Zwar schwankte er noch wie ein vom Winde hin und her bewegtes Rohr; zwar
drehten sich scheinbar alle Gegenstände um ihn her im Kreise, wie es bei
großer Schwäche der Fall zu sein pflegt; zwar mußte er sich nach zehn bis
zwanzig zurückgelegten Schritten erst niedersetzen, um auszuruhen; allein
es ging doch immer besser und besser und in der Zeit von einer Stunde hatte
er eine gute Strecke zurückgelegt, indem er immer dem Laufe des Baches
folgte.
Ein zwar niedriges, aber dem Anscheine nach dichtes Gebüsch zeigte sich in
einiger Entfernung. In der Hoffnung, dort vielleicht irgend etwas Eßbares
zu finden, strengte er den letzten Rest seiner Kräfte an, um es zu
erreichen. Wie belohnte sich aber diese Anstrengung nicht für unsern armen
Hungernden! Als er sich dem Gesträuche bis auf einige wenige Schritte
genähert hatte, sah er fast jeden Zweig desselben mit schwellenden,
dunkelrothen Beeren bedeckt, die traubenweise daran hingen und auf den
ersten Blick von ihm für Himbeeren erkannt wurden. Seine Schwäche gänzlich
vergessend, stürzte er auf diese labenden, duftigen Früchte zu und aß eine
gute Menge davon. Es war ein Glück für ihn, daß er keine festere Nahrung
gefunden hatte, weil er sich mit einer solchen den völlig ausgehungerten
Magen gewiß gänzlich verdorben haben würde. Jetzt aber fühlte er sich nach
dem Genusse der kühlenden und duftigen Frucht außerordentlich erquickt
und so behaglich, wie seit längerer Zeit nicht; ja, er konnte sogar ohne
allzugroße Beschwerde zu seiner geliebten Quelle zurück kehren, denn von
dieser trennte er sich nur ungern.
Es ging von nun an immer besser; ja er konnte sogar seinen Appetit wieder
an den nährenden Pataten stillen, die, nächst dem Wasser, die größeste
Wohlthat für ihn waren.
So wie er nun seine ersten Bedürfnisse befriedigt sah, dachte er bereits
auf andere. Obgleich der Himmelsstrich, unter dem er sich befand, einer
der wärmsten, mildesten der Erde war, so empfand er doch oft, des stark
fallenden Thaues wegen, Nachts ein heftiges Frösteln, besonders gegen
Morgen, wo die Nachtkühle immer am empfindlichsten ist. Er sah sich also,
so wie seine Kräfte es nur erlaubten, nach einem schützenden Obdache um,
das aber nicht allzuweit von seinem geliebten Bache entfernt sein durfte.
Er hatte mehrfach gelesen und gehört, daß manche Berge Höhlen enthielten
und seine Gedanken waren auf eine solche gerichtet. Er umkreißte also
die nächsten Hügel und war bald so glücklich, eine geräumige Höhle
zu entdecken. Der Boden derselben war zwar mit Staub und Schmutz, die
Seitenwände mit Spinnenweben bedeckt; auch zeigten viele Thierspuren,
sowohl von Vögeln als vierfüßigen Thieren, daß die Höhle diesen seither
zum Aufenthalte gedient hatte; allein der Unrath konnte leicht beseitigt
werden, und dann bot sie ihm einen willkommenen, schützenden Aufenthalt.
Ein Besen war sehr leicht gemacht, indem er eine Handvoll von den ziemlich
starken Blättern des Farrenkraut-Baumes vermittelst des zähen und langen
Grases zusammenband und in diesen Bündel einen starken Stock steckte, um
ihn gehörig handhaben zu können. Er war so ämsig bei der Arbeit und vergaß
seine gegenwärtige verlassene Lage so gänzlich, daß er sich mehrere Male
auf das Verdeck des Schiffes versetzt glaubte, wo er Arbeiten der Art zu
verrichten gehabt hatte und bald mit Diesem, bald mit Jenem der Mannschaft
eine Unterhaltung anzuknüpfen im Begriff war. Aber ach! keine Stimme
antwortete ihm, kein Auge blickte wohlwollend auf ihn: er war verlassen von
aller Welt, gleichsam abgetrennt von aller menschlichen Gesellschaft, und
mit einem tiefen Seufzer setzte er bei diesen niederschlagenden Gedanken
sein Reinigungsgeschäft fort.
Bald jedoch kehrte, zugleich mit dem unbegrenztesten Vertrauen zu seinem
himmlischen Vater, seine ihm angeborene Heiterkeit zurück und mit lauter
Stimme sang er demselben ein Dank- und Loblied. Wie angenehm wurde er bei
dieser Gelegenheit nicht überrascht, als eine andere Stimme der seinigen
gleichsam zu antworten schien. Er stand halb erschrocken, halb erfreut,
still und schaute sich nach allen Seiten um; nun aber schwieg die Stimme
und ließ sich erst wieder vernehmen, als er sein Lied fortsetzte. Jetzt
begriff er, was es war: er hatte das nahe Echo durch seine eigene Stimme
geweckt und seine eigenen Laute waren es, die, von einer etwa 60 Schritt
von ihm entfernten Felsenwand zurückgeworfen, ihm antworteten. Er lächelte,
als er diese Entdeckung machte, und diese Laute in der Einöde, dieser Ton
einer menschlichen Stimme, wenn gleich nur seiner eigenen, machten ihm so
viele Freude, daß er mehrere Male den geliebten Namen seiner Mutter, so wie
der frühern Bekannten, rief, um ihn von dem Echo wiedergegeben zu hören.
Daß er keinen menschlichen Laut in dieser ganzen Zeit vernommen, dies
hatte ihn besonders in seiner jetzigen Einsamkeit betrübt und so enthob die
Entdeckung des Echos ihn eines beklemmenden Gefühls, indem es diese Einöde
gleichsam belebte.
Endlich war unser William mit seinem Reinigungs-Geschäfte fertig und jetzt
konnte er auf ein weiches, bequemes Lager für die Nacht denken. Auf die
Entdeckung eines zu diesem Zwecke besonders sich eignenden Mooses glaubte
er verzichten zu müssen, da er auf seiner Wanderung keine Pflanze der
Art erblickt hatte; allein das hohe Gras und mehr noch die Blätter des
Farrenkraut-Baumes versprachen ihm eine erwünschte Aushülfe. Zwar machte es
ihm keine kleine Mühe, mit seinem Taschenmesser so viel Gras abzuschneiden,
als er zu einem Lager bedurfte; zwar vergoß er Ströme von Schweiß bei
dieser in der brennendsten Sonnenhitze verrichteten Arbeit; aber er ließ
doch nicht davon ab: war er doch auf dem Schiffe an eine oft eben so
ermüdende Thätigkeit gewöhnt worden. Auch stärkte ihn der Gedanke, wie süß
es sich im kühlen Schatten der Höhle, auf dem weichen, duftigen Lager ruhen
würde, bei seiner mühevollen Arbeit, und wie schmeckten ihm seine Pataten,
wie der Trunk aus kühler Quelle nach derselben.
Er war jedoch so ermüdet, daß er, als er sich mit Anbruch der Nacht zur
Ruhe niederlegte, keines Schlummerliedes bedurfte, um einzuschlafen. Wie
lange er geschlafen haben mochte, als er sich, noch mitten in der Nacht,
und in der größesten Dunkelheit, durch einen rauhen Gegenstand geweckt
fühlte, der über sein Gesicht hinstrich, vermochte er nicht zu bestimmen.
Er fuhr erschrocken in die Höhe und wußte sich im ersten Augenblick nicht
zu besinnen, wo er sich befände, noch weniger aber sich zu sagen, was es
gewesen war, das ihn so unerwartet geweckt hatte. Er rieb sich die Augen,
als wenn er auch in der ihn umgebenden rabenschwarzen Finsterniß so besser
sehen könne, und schaute sich nach allen Seiten mit lautpochendem Herzen
um.
Lange sah er nichts; endlich aber erblickte er in einiger Entfernung vor
sich zwei glänzende Punkte, die, da sie oft ihre Stelle veränderten, von
einem lebenden Geschöpfe herkommen mußten. Dieser Anblick erfüllte ihn
mit solcher Angst, daß ihm der Schweiß aus allen Poren seines Körpers
hervorbrach und er regungslos nach dem Winkel schaute, wo er die beiden
feurigen Punkte erblickte. Bald vernahm er auch ein erst leises, dann immer
stärker werdendes Schnurren, wie von einer großen Katze. An eine solche
dachte er in seiner Angst nicht, sondern an Löwen und Tiger, die, wie er
aus der Naturgeschichte wußte, gleichfalls zum Katzengeschlechte gehörten
und, wie er meinte, recht gut Bewohner dieses Landes sein könnten. Sein
Wissen reichte nicht so weit, wie ohne Zweifel das eurige, meine geliebten
Kinder! Ihr würdet Euch in Australien nicht vor Löwen und Tigern gefürchtet
haben, weil Euch gewiß bekannt ist, daß dieser Welttheil keine Thiere der
Art besitzt.
Unser William wagte nicht, sich zu bewegen, aus Furcht, die Aufmerksamkeit
seines vermeintlichen Feindes und Verschlingers durch das leiseste Geräusch
auf sich zu ziehen. Starr waren seine Augen auf die beiden beweglichen
leuchtenden Punkte gerichtet und mit immer mehr steigendem Entsetzen
erfüllte ihn das Schnurren, das aus demselben Winkel hervorkam. Jeden
Augenblick glaubte er die Beute des vermeintlichen Ungeheuers zu werden und
seine Angst war so groß, daß er nicht einmal Gott um die Erhaltung seines
Lebens zu bitten vermochte.
Unter welchen Empfindungen er den Rest der Nacht verbrachte, vermöcht Ihr
Euch nicht vorzustellen. Kein Schlaf kam mehr in seine Augen und um die
eben so nöthige als ersehnte Ruhe war es geschehen; ja, er wagte nicht
einmal, sich wieder niederzulegen, aus Furcht, daß er durch irgend ein
Geräusch die Aufmerksamkeit seines Feindes auf sich ziehen möchte.
Endlich brach der so heiß ersehnte Tag an und zu seiner eigenen
Verwunderung lebte er noch. Er sah durch die Oeffnung der Höhle einen
schwachen Lichtschimmer dringen, und nicht lange dauerte es, so fiel selbst
ein Sonnenstrahl auf den Vordergrund des Einganges. Dieser Anblick, den er
nicht mehr zu erleben gehofft hatte, stillte sein Bangen in Etwas und er
wagte es jetzt, sich zu erheben, um wo möglich die Höhle zu verlassen und
auf irgend einem Baume eine Zuflucht gegen seinen vermeintlichen Feind zu
suchen.
So wie er sich aber erhob -- o Schrecken! erhob sich dieser auch; allein
er sprang nicht auf ihn zu, um ihm seine kralligen Tatzen in den Leib zu
schlagen, sondern schlüpfte, schnell und geschmeidig wie ein Aal, zur Höhle
hinaus.
»Wer war denn aber dieser böse nächtliche Störenfried?« höre ich Euch
neugierig fragen.
»Eine Katze.«
»Eine Katze? Du spaßest mit uns! Wie sollte die dorthin gekommen sein?«
Und doch war es eine Katze, geliebte Kinder; zwar keine gezähmte, wie
die, welche wir der Mäuse und Ratten wegen in unsere Wohnungen aufgenommen
haben, sondern eine _wilde_ Katze, ähnlich der, die man auch noch in
einigen Wäldern Europas antrifft. Sie sind in Australien aber kleiner, als
bei uns, braun und schwarz gestreift, lang, dünn und lang geschwänzt;
ihre Krallen sind sehr lang und scharf und ihre Schnauze gleicht der eines
Ferkels. Sie fallen übrigens nie Menschen und größere Thiere an, sondern
begnügen sich mit Vögeln, die sie in ihren Nestern auf den Bäumen im
Schlafe überraschen.
Als unser William dieses winzige Thierchen erblickte, das wahrscheinlich
eine noch weit größere Furcht vor ihm, als er vor dem vermeintlichen Löwen
oder Tiger gehabt hatte, und zugleich seiner ausgestandenen Angst gedachte,
mußte er unwillkührlich lächeln; dies war wohl das erste Lächeln, das seit
seinem Schiffbruche ihm auf den Lippen schwebte.
Bald zog ihn ein leises Wimmern im Innern der Höhle wieder in diese zurück;
er lauschte und vernahm fest deutlich Töne, die nur von jungen Kätzchen
herkommen konnten. In dieser Voraussetzung hatte er sich nicht geirrt;
schon nach kurzem Suchen entdeckte er in einer Felsenspalte ein Nest mit 7
bis 8 jungen Kätzchen, die wahrscheinlich ein solches Klaggeschrei erhoben,
weil ihre Mutter und Ernährerin sie verlassen hatte. Der Anblick dieser
artigen Thierchen erfreute Williams Herz: er kroch auf dem Bauche in die
Felsenspalte und holte sich eins davon heraus, um es zu streicheln; aber es
erhob ein noch lauteres Klaggeschrei, was vermuthlich die draußen ängstlich
harrende Mutter vernahm. Mit _einem_ Satze war diese in der Höhle, mit
einem zweiten auf Williams Schulter und ehe er es sich versah, hatte sie
mit ihrem Maule das schreiende Kätzchen erfaßt und sprang damit zum Neste,
wo sie es zu den andern Thierchen legte; bald sogen alle begierig an ihr,
sie aber sah sehr zornig aus, und sowie sich William nur der Felsenspalte
näherte, erhob sie sich, sträubte das Haar empor, machte einen Katzenbuckel
und schlug mit dem Schwanze um sich. Trotz ihrer Furcht vor dem ihr
völlig unbekannten Geschöpfe, trotz der großen Ueberlegenheit an Größe und
körperlichen Kräften, die dasselbe vor ihr hatte, bereitete sie sich doch
aus mütterlicher Liebe auf einen Kampf mit unserm William vor und würde
wahrscheinlich lieber ihr Leben, als eins ihrer Kätzchen in seinen Händen
gelassen haben. William ehrte ihre Gefühle und erkannte ihre Rechte an.
Er beschloß, die arme, so rührend zärtliche Mutter nicht ferner zu
beunruhigen, sie aber wo möglich durch Wohlthaten für sich zu gewinnen. Er
ließ sie daher in Ruhe; als er aber sein Mittagsessen verzehrte, warf er
ihr einige von seinen gebratenen Pataten in die Felsenspalte und suchte
zu beobachten, welche Wirkung diese Gabe auf seine Nachbarin hervorbringen
würde. Ohne Zweifel hatte unser Freund auf einige Erkenntlichkeit
gerechnet; allein er sah sich in dieser Erwartung getäuscht. Zwar beroch
die Katze die Pataten, dann aber ließ sie sie unangerührt liegen und kehrte
zu ihren Jungen zurück. Dies setzte ihn einigermaßen in Erstaunen: er wußte
nicht, daß diese zu den Raubthieren gehörenden Geschöpfe im wilden Zustande
nur animalische Nahrung zu sich nehmen und Vegetabilien oder Pflanzenkost
gänzlich verschmähen.
Die Katze wollte also von ihm nichts wissen; trotz dem aber war ihm ihre
Gesellschaft sehr angenehm, seit er sich nicht mehr vor ihr fürchtete,
und als die Nacht heran kam, legte er sich völlig unbesorgt vor seiner
Nachbarschaft zur Ruhe nieder; ja, er schlief auf seinem Lager von Gras
und Blättern vollkommen so gut, wie in einem weichen Bette: gesünder,
naturgemäßer aber gewiß.
Dreizehntes Kapitel.
Das Allernothwendigste hatte unser William jetzt: Wasser, um seinen Durst
zu löschen, die Pataten, welche seinen Hunger stillten und endlich gar ein
schützendes Obdach mit einem guten Lager; selbst an Leckereien fehlte es
ihm nicht, da die schönsten Himbeeren, obschon an so niedrigen Sträuchen
wie bei uns die Heidelbeeren, in so großer Fülle vorhanden waren, daß er
sich vom Morgen bis zum Abende daran hätte satt essen können. Trotz dem
aber fehlte ihm nicht nur Etwas, sondern sogar sehr Viel; besonders trug er
ein großes Verlangen nach einer animalischen oder thierischen Kost, an die
er von frühester Jugend auf gewöhnt worden war. Wie sich aber eine solche
verschaffen? Er hatte weder eine Flinte noch Bogen und Pfeile, ja nicht
einmal eine Schlinge vermochte er zu machen, weil er sich nicht darauf
verstand, um irgend ein Thier darin zu fangen. Zwar hätte er Nachts, wo
die wilde Katze oft auf längere Zeit auf Beute ausging, leicht eines der
Kätzchen nehmen und es tödten können, dagegen aber sträubte sich sein
Gefühl, auch vielleicht ein ihm selbst kaum bewußter Eckel gegen eine so
ungewohnte Kost, und so blieben die wilden Kätzchen ungefährdet von ihrem
menschlichen Nachbar.
Da das Verlangen nach einer veränderten Nahrung immer stärker wurde,
beschloß er, den Weg zum Strande zu suchen. Er hegte die Hoffnung, dort
vielleicht eine Schildkröte oder doch Muscheln zu finden, die er dann am
Feuer braten und zur Speise bereiten wollte. Da ihm sehr daran gelegen sein
mußte, den Rückweg zu seiner Höhle nicht zu verfehlen, ging er erst immer
hart am Bache hin, dann aber, als dieser sich nach und nach zwischen dem
immer höher und dichter werdenden Grase verlor, schnitt er mit seinem
Messer ziemlich große Kerben an die zu Seiten seines Weges stehenden Bäume,
wodurch er sich den Rückweg offen erhielt.
Lange wanderte er fort, ohne das Meer zu entdecken; endlich hörte er es,
zu seiner nicht geringen Freude, hinter einem Felsen brausen und rauschen.
Schnell erklomm er den Felsen und hatte jetzt das unermeßliche Meer vor
sich, das an der Stelle, wo er sich befand, einen ziemlich tief in das Land
hineingehenden Meerbusen bildete. Erstaunt und entzückt schaute er auf
das großartige Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot. Durch die lange
Fahrt auf dem Ocean war er so vertraut mit dem Meere und dieses ihm so lieb
geworden, daß ihm beim Anblick desselben die hellen Freudenthränen über die
Wangen schossen. Hatte er doch auch besondere Ursache, es zu lieben, da ihm
allein Rettung durch ein etwa an der Insel landendes Schiff kommen konnte.
Nachdem er sich längere Zeit an Betrachtungen vergnügt hatte, stieg er den
Felsen hinab, um am Strande nach eßbaren Muscheln -- er träumte sogar von
Austern, die man ihm in Hamburg als große Leckerbissen gerühmt hatte -- zu
suchen. Er fand zwar eine Menge der allerschönsten, buntesten Muscheln, die
er unter andern Umständen gewiß begierig aufgelesen haben würde, jetzt
aber unbeachtet liegen ließ, weil sie leer und von ihren frühern Bewohnern
sämmtlich verlassen waren.
Statt des vergebens Gesuchten that er aber einen Fund, dessen Wichtigkeit
ihm bald einleuchten sollte. Eine ziemliche Strecke vom Wasser entfernt,
aber doch an der Grenze des Strandes, sah er einen Stein liegen --
wenigstens hielt er eine Zeitlang den ihm auffallenden Gegenstand dafür
-- dessen regelmäßige Form seine Aufmerksamkeit erregte. Er näherte
sich demselben mit eiligen Schritten und wie ward ihm, als er, statt des
erwarteten Steins, eine braunroth angemalte Kiste fand! Er erkannte sie auf
den ersten Blick für die des Schiffs-Zimmermanns der »Hoffnung«, auch war
der Name dieses Mannes, wenn auch die mit weißer Oelfarbe darauf gemalten
Buchstaben zum Theil abgerieben waren, noch ganz deutlich darauf zu lesen;
über diesem Namen war das ihm so wohlbekannte Hamburger Wappen, die drei
Thürme, mit dem sie haltenden Löwen daneben, in bunten Farben abgebildet.
Die hellen Thränen schossen ihm über die Wangen bei dieser unerwarteten
Erinnerung an die geliebte Vaterstadt, an das Schiff, auf dem er den
weiten Ocean durchschwommen, an die Mannschaft desselben, die jetzt tief
im Meeresgrunde lag oder wohl schon die Beute gefräßiger Hayfische geworden
war. Mit unaussprechlicher Rührung mußte er in diesem Augenblicke jedes
gütigen, freundlichen Worts gedenken, das der Eine oder Andere dieser
Männer während seines langen und steten Beisammenseins mit ihnen zu
ihm gesprochen hatten, der fröhlichen Gesänge, die sie in ihren wenigen
Musestunden erschallen ließen, der Mährchen und Sagen, deren sie eine so
große Menge wußten, und mit anmuthiger Einfachheit zu erzählen verstanden;
der kleinen Neckereien, die sie sich im harmlosen Scherze gegen einander
erlaubten; der Belehrungen, die er von den Aelteren und Ernsteren empfing,
wenn er diese oder jene Sache noch nicht anzugreifen verstand. Und das
Alles war nun todt und hin; die fröhlichen Laute der bekannten Stimmen
waren für immer erstorben; die bald heitern, bald ernsten Blicke erloschen,
die Kraft dieser Muskeln gelähmt -- todt! todt war so viel Leben und
Regsamkeit!
Wer würde in diesem Augenblick wohl ungerührt geblieben sein? wer hätte
in demselben wohl an die, unter den gegenwärtigen Umständen unermeßlichen
Schätze denken können, die eben diese Kiste, welche unserm William
heiße Thränen entlockte, in ihrem Innern barg? Er dachte gewiß im ersten
Augenblick nicht daran, sondern kniete neben derselben nieder, küßte sie
unter Thränen und nannte mit leiser, von Schluchzen unterbrochener Stimme
den Namen des ehemaligen Besitzers. Dieser war, obschon äußerlich ein
ernster, fast rauher Mann, doch im Grunde ein vortrefflicher, wohlmeinender
Mensch gewesen, der besonders unserm jungen Freunde sehr gewogen war und
ihm manchen Liebesdienst erwiesen hatte.
William war so in Schmerz und Erinnerung versunken, daß er nicht bemerkte,
daß es bereits Abend geworden war, und zu dunkeln begann. Als er sich
endlich aufraffte und an die Rückkehr nach seiner Höhle dachte, war es
bereits zu spät dazu und er mußte sich entschließen, die Nacht am Strande
zuzubringen, da er, wenn er den Rückweg angetreten, sich leicht hätte
verirren können, weil er die an den Bäumen gemachten Einschnitte nicht mehr
erkennen konnte. Er bereitete sich daher ein Lager am Strande, indem er
sich gewissermaßen in den warmen Sand einwühlte, und lehnte das müde Haupt
gegen die geliebte Kiste.
Erst spät, als bereits der Vollmond hoch am Himmel stand, schlief er ein
und träumte von der geliebten Heimath, von der theuren, über Alles theuren
Mutter, von seinen Gespielen und Schulgenossen. O, er war noch einmal
vollkommen glücklich; aber ach! der erste im Osten sich zeigende Strahl der
Sonne verscheuchte dieses holde Glück, indem er ihn weckte. Er rieb sich
die Augen, seufzte tief auf, indem er um sich blickte, und erhob sich
schwankend von seinem beweglichen Lager.
Der Gedanke, wie nützlich ihm der Inhalt der Kiste werden könne, konnte
nicht lange ausbleiben; zugleich aber erhoben sich in seiner Seele
Bedenklichkeiten über sein Recht, sich die darin enthaltenen Sachen
aneignen zu dürfen, und lange kämpfte er mit sich selbst darüber.
Endlich sagte er sich, daß einmal der frühere Besitzer dieser Kiste aller
Wahrscheinlichkeit nach todt, dann aber für ihn keine Möglichkeit vorhanden
sei, selbst wenn er lebte, sie ihm wieder zuzustellen. Ferner war die Noth,
in der er sich befand, so groß und er aller sonstigen Hülfe so gänzlich
beraubt, daß er meinte, Gott werde es ihm schon vergeben, daß er sich des
Inhalts der Kiste bemächtige und zu seinem Besten verwende.
Eine andere Frage, nachdem er diese beseitigt hatte, war nun die, wie er
die Kiste öffnen solle? Der Zimmermann hatte sie aller Wahrscheinlichkeit
nach selbst und, da er ein tüchtiger Mann in seinem Geschäfte war, gewiß
sehr fest gebaut. Zwar hätte er trotz dem den Deckel leicht mit einem
großen und kantigen Steine zerschlagen können; allein zu diesem Auswege,
der ihm noch übrig blieb, wenn kein anderer sich erdenken ließ, konnte er
immer noch greifen und der Gedanke, die Kiste ganz zu erhalten, war ihm so
angenehm, daß er lieber erst alles Andere versuchen, als sie zertrümmern
wollte. Er hatte bemerkt, daß die Schlosser mit einem an der Spitze etwas
krumm gebogenen Instrumente von Eisen leicht zugesprungene Schlösser
aufmachten, und da er als ein kluger und aufmerksamer Knabe sich alle dabei
angewandten Handgriffe gemerkt hatte, kam es nur darauf an, daß er einen
gehörig starken Nagel fände, der dann vermittelst eines statt des Hammers
dienenden Steins leicht die gehörige Form erhalten könnte. Er ging also, um
einen Nagel zu suchen, noch etwas weiter den Strand hinauf.
Dieser Weg wurde ihm reichlich belohnt, indem er noch eine Menge
Schiffstrümmer, sogar den ganzen Spiegel des gescheiterten Schiffs,
und einige Tonnen mit Zwieback am Ufer fand. Seine Freude bei diesem
unerwarteten Anblick war nicht gering und er machte sich sogleich ans Werk,
die Trümmer weiter auf den Strand hinauf zu ziehen, damit nicht etwa eine
höher gehende See sie wieder ins Meer zurückführte. Wie vielen Schweiß
vergoß er bei dieser, seine Kräfte fast übersteigenden Arbeit; aber
obgleich ihn Hunger und Durst nicht wenig bei derselben quälten, versagte
er sich doch die Befriedigung dieser dringenden Bedürfnisse, um seinen
Schatz erst in Sicherheit zu bringen. Jedes Stückchen Brett, mochte es
auch schon halb zertrümmert sein, war ein Schatz für ihn, dem es an allem
fehlte. Nur den Spiegel des Schiffs vermochte er, seiner Schwere wegen,
nicht von der Stelle zu bringen, und ihn zu zertrümmern, dazu fehlte es ihm
an den gehörigen Geräthschaften. Was hätte er nicht jetzt darum gegeben,
einen Genossen zu haben, der ihm hülfreiche Hand bei der sauren Arbeit
leistete!
Als er das, was ihm möglich gewesen war zu retten, höher auf den Strand und
somit in Sicherheit gebracht hatte, dachte er zunächst daran, seinen Hunger
und Durst zu stillen und freute sich in seinem Herzen nicht wenig, den
ersteren mit dem in den Tonnen enthaltenen Zwiebacke stillen zu können. Er
zerschlug daher eine derselben und die Zwiebacke kamen zu Tage; aber ach!
sie hatten sich, aufgeweicht durch das Seewasser, in einen Brei verwandelt
und dieser schmeckte so salzig und bitter, daß er nicht einen Mund voll
davon herunter zu würgen vermochte.
Die Hoffnung, die er auf diesen Fund gesetzt hatte, war also eine
vergebliche gewesen, und er mußte sich nach einem andern Nahrungsmittel
umsehen. In der Nähe war dieses nicht zu finden, was ihn sehr betrübte,
da er mit dem Aufsuchen so viele Zeit verlieren mußte; denn auch mit der
Hoffnung, Muscheln am Strande zu finden, war es nichts gewesen. Erst nach
langem, fruchtlosen Umherirren fand er einen Baum, der große Aehnlichkeit
mit unserm Birnbaume und eine Frucht wie dieser hatte.
»Ha! Birnen!« rief er bei diesem willkommenen Anblicke mit freudig bewegter
Stimme aus, und schon nach wenigen Augenblicken hatte er zehn bis zwölf
Stück mit einem Stecken, den er sich geschnitten, heruntergeschlagen.
Jetzt sollte es ans Schmausen gehen; aber o weh! wie bitter sah sich
unser William abermals in seiner Hoffnung getäuscht! Die ihn so lieblich
anlächelnden Birnen waren nichts weiter, als die Saamenkapseln eines
dem Birnbaum ähnlichen Baumes und die Schale war so hart, daß sie seinen
tüchtigen Zähnen Trotz bot. Er ließ sie also liegen und setzte, etwas
entmuthigt, seine Wanderung fort. Die gleichfalls nicht eben einladenden,
aber doch genießbaren Kirschen mußten endlich aushelfen und waren deßhalb
willkommen, weil sie den Hunger und Durst zugleich stillten. Er aß
eine tüchtige Portion davon, legte sich dann unter den Schatten eines
prachtvollen, seine Aeste weit ausstreckenden Gummi-Baumes nieder und
verfiel in einen sanften Schlaf.
Zwar hatte er sich beim Einschlafen vorgenommen, nur ein Stündchen zu ruhen
und dann an den Strand zu gehen, um seine Kiste zu öffnen; allein aus dem
sich gegönnten Stündchen wurden drei bis vier Stunden und als er endlich
wieder erwachte, sank die Sonne bereits in das Meer hinab, so daß er eilen
mußte, wenn er den Strand noch vor Dunkelwerden wieder erreichen wollte. In
der Eile mochte unser Freund aber nicht auf den rechten Weg gemerkt haben,
denn das Meer wollte sich noch immer seinen Blicken nicht zeigen und
doch dunkelte es bereits. Endlich mußte er für diesen Abend die Hoffnung
gänzlich aufgeben, seine Schätze noch zu erreichen und es blieb ihm weiter
nichts übrig, als Schutz und nächtliche Ruhe unter freiem Himmel oder einem
stark belaubten Baume zu suchen. Früh, mit Anbruch des Tages, weckten ihn
aber die empfindliche Morgenkühle und der überaus stark gefallene Thau, der
bereits seine wenigen Kleidungsstücke gänzlich durchnäßt hatte. Da er jetzt
schon die Gefahr einer solchen Durchnässung kannte, sprang er schnell
auf und machte sich eilig auf den Weg, um sein Blut wieder in Bewegung
zu setzen. Er war noch keine halbe Stunde gegangen, so vernahm er aus
der Ferne das Brausen und Rauschen der Wellen, die seinem Ohre wie die
lieblichste Musik erklangen, und nicht lange, so stand er wieder an dem
heißersehnten Meeresstrande, zwar in einiger Entfernung von den geborgenen
Schätzen, aber doch so nahe, daß er sie bereits mit seinen scharfen Blicken
erreichen konnte.
Als er ihnen näher kam, fiel es ihm nicht wenig auf, daß er sich etwas
Lebendiges zwischen den Schiffstrümmern bewegen und hin und hergehen sah.
Sein erster Gedanke war, daß es vermuthlich ein Raubthier sei; denn vor
diesen fürchtete er sich immer noch, da er nicht wußte, daß Australien
keine fleischfressenden Thiere besitzt, die dem Menschen gefährlich werden.
Als er aber, schüchtern und mit großer Vorsicht näher ging, bemerkte er, zu
seiner nicht geringen Ueberraschung, daß sein vermeintlicher Feind auf zwei
Beinen und aufrecht ging.
»Gewiß ein Affe, vielleicht gar ein Urang-Utang!« sagte er bei sich. Er
irrte aber in dieser Voraussetzung, denn auch Thiere dieser Gattung sind in
Australien nicht zu Hause.
Sein Erstaunen erreichte aber den höchsten Grad, als er am Strande,
unfern der von ihm geborgenen Sachen, ein Canot, oder indianisches Boot,
erblickte. Es hatte die Gestalt eines großen Troges und war aus einem
ausgehöhlten Baumstamme gemacht. Aus Vorsicht hatte der Besitzer desselben
es auf den Strand gezogen, was sich seiner Leichtigkeit und Kleinheit wegen
leicht bewerkstelligen ließ.
William, der sich jetzt vor einem vielleicht Menschen fressenden Wilden,
wie zuvor vor Löwen und Tigern, fürchtete, ging nur langsam und mit gr
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