Reise durch den Stillen Ozean
by Max Buchner · German · Gutenberg #48488 · 1,039,850 chars · public domain (US)
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Title: Reise durch den Stillen Ozean
Author: Max Buchner
Release date: March 14, 2015 [eBook #48488]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH DEN STILLEN OZEAN ***
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^
Reise
durch den
Stillen Ozean
von
Max Buchner.
^
BRESLAU.
J. U. KERN's VERLAG (MAX MÜLLER).
1878.
Das Recht der Uebersetzung wird vorbehalten.
INHALT.
Seite
I. Ausfahrt 1
Einschiffung und Abschied. Die Elbe hinab. Zänkereien und trübe
Auspizien. Gefahr einer Kollision. Sturm und Orkan. Todesangst
im Zwischendeck. Alles kaput geschlagen. Hannes, der seekranke
Kajütsjunge. Gefahr zu scheitern. Der Nordsee glücklich
entronnen.
II. Im Nördlichen Atlantischen Ozean 20
Ungünstige Winde und Windstille. An Madera und an den Kapverden
vorbei. Schiffsleben und Zänkereien. Nationale Gegensätze.
Kindstaufen, Geburtshilfe auf See und ein zärtlicher Gatte.
Die Polakei in Aufruhr. Das gestohlene Salzfleisch. Zoologische
Belustigungen. Schleppnetzbeute. Fliegende Fische. Vergebliches
Harpuniren. Haifischfang. Korrespondenz mit anderen Schiffen.
Besuch auf einem Portugiesen. Unsicherheit in der Nautik.
III. Im Südlichen Atlantischen Ozean 46
Andere Sterne. Das Passiren der Linie und Neptunsfest. Aequatoriale
Schwitzkur. Pantomimik. Weihnachten und Neujahr. Fernando Noronha.
Endlich Südostpassat. Typhus, Leichenbestattungen, traurige
Aussichten.
IV. Im Indischen Ozean 57
Um das Kap herum. Segeln vor dem Sturm. Die Crozet Islands. Unsere
Typhusepidemie steigt. Gedrückte Stimmung. Zur Naturgeschichte
der Seeleute. Albatrosse und sonstige Vögel.
Ventilationseigenthümlichkeiten.
V. Ankunft in Neuseeland und Quarantäne 68
Zum ersten mal Grund. Neuseeland erscheint. Die ersten Zeitungen.
Ankunft des Lootsen. Der Anker fällt. Pulverunglück. Die
Hafenbehörde. Sturm und Landungsschwierigkeiten. Bewegtes
Dasein. Aufruhr der Elemente und der Menschen. Mitternächtige
Todtenbestattung. Ruhigere Zeit. Die idyllische Insel. Ueberall
»Billig und schlecht«. Zoologisches. Endlich frei.
VI. Wellington 87
Erste Eindrücke. Lage der Stadt. Sehenswürdigkeiten. Das Museum,
der botanische Garten, das Athenäum, der Gerichtshof. Allgemeines
über Neuseeland. Der Königin Geburtstag. Die Maoris. Mortalität
auf Auswanderersegelschiffen.
VII. Von Wellington nach Ohinemutu 96
Ein Neuseeländischer Urwald. Die Post und ihre
Gefahren. Pahantanui, Otaki und Foxton. Neuseeländische
Eisenbahngemüthlichkeit und ein eisenbahnfiebriger Maori. Die
Manuwatu Gorge und der Seventy Miles Busch. Palmerston, Waipakarao
und Waipawa. Die Repudiation Office von Te Aute. Ein Tag in Napier.
Farnhügellandschaft. Tarawera und seine Soldateska. Kaliban in der
Wildniss. Opipi. Ein Tag in Tapuacharuru. Mister Jack the Guide of
Taupo. Nächtlicher Skandal.
VIII. Ohinemutu und Rotomahana 126
Die heissen Quellen und ihre Verwendung. Ein Badeort in des
Wortes verwegenster Bedeutung. Legende von der schönen Hinemoa.
Maorialterthümer. Ausflug nach Wakarewarewa. Das Labyrinth
der Schmutzvulkane. Die Geyser. Der missglückte Haka. Ein
interessantes liederliches Kleeblatt. Ausflug nach Rotomahana.
Wairoa und seine internationalen Wegelagerer. Stürmische
Kanuufahrt über den Tarawera. Streitigkeiten mit den Maoris.
Ueberall kocht das Verderben. Ungemüthliche Nacht. Tetarata und
Otukapuarangi. Mister Davis und seine Singschule.
IX. Von Ohinemutu nach Auckland 159
Abschied. Pokohorungi und der Oropibusch. Maoriskulpturen. Eine
misstrauische Waldfamilie. Der Sergeant Apro Pioaro und seine
Gattin Mangorewa. Tauranga. Reges Leben und Nasendrücken. Abermals
ein Stück Neuseeländischer Bummelei. Der Dampfer Rowena. Mercury.
Ankunft in Auckland.
X. Auckland und Thames Goldfields 171
Sehenswürdigkeiten. Das Northshore. Die Regenzeit hält ihren
Einzug. Fahrt nach den Thames Goldfields. Goldgewinnungsprozess.
Die Minen und der Schacht der United Pumping Association.
Stürmische Rückkehr. Zwei vornehme Maoridamen vom Lande. Auf den
Mount Eden. Die King Country und die Abolitionists. Reiseprojekte.
XI. Von Auckland nach Kandavu 187
Die Pacific Mail. Auf der City of San Francisco eingeschifft.
Beschreibung des Dampfers und seiner Attribute. Aeusserer Glanz und
innere Dürftigkeit. Die chinesischen Mahlzeiten. Gang der Reise
und Wetter. Der vierte Juli. Reiseplanzweifel.
XII. Wailevu 195
Allgemeines über Viti. Ankunft in Kandavu. Herrn Kleinschmidt
kennen gelernt. Gepäckschwierigkeiten. Meine ersten echten Wilden.
Das Hotel von Wailevu und seine Eigenthümlichkeiten. Drei
junge Flibustier mit trüben Aussichten. Eine interessante
Tischgesellschaft. Besuch beim Doktor. Kawa-Gelage. Zauberhafte
Tropennacht.
XIII. Gavatina und Sanima 214
Der Isthmus Yarambali. Das Sonntagspublikum von Namalatta.
Bootfahrt an der Nordseite Kandavus entlang. Gavatina, unser
idyllisches Thal. Niketi und Ruma. Besuche der Wilden. Der Tui
und die Marama. Ethnologisches. Der Busch, seine Mühen und
seine Thierwelt. Kanuubau hoch oben auf dem Berge. Riffleben und
Fischfang. Spaziergang nach Sanima. Tapa-Bereitung. Doktor Hink und
seine Kopra-Projekte. Gottesdienst in Sanima. Das Missionswesen
auf den Inseln. Kehrseiten der Tropenpracht. Klimatisches
und Kulinarisches. Die Kokospalme und ihre Anwendungen. Enge
Verhältnisse.
XIV. Besuch in Waidule 261
Begegnung mit dem Tui. Ein Mangrovesumpf und seine Freuden. Tauben
und Mimosen. Nachtlager in Wunokene. Fliegende Hunde. Rabuelu.
Entzückende Rundsichten. Taropflanzungen. Kawa-Gelage in Soso.
Nachtlager in Go Kandavu. Ein Meke Meke. Ankunft bei Charly. Rasch
ab nach Wailevu. Ungemüthliche Bootfahrt. Heimkehr.
XV. Besteigung des Bukelevu 281
Landung in Dangai. Mandrai und Arrowroot. Improvisirte
Naturalienhändler. Ausflug nach Dalingele. Tonganer. Festessen und
Kawa-Gelage. Ein schwindsüchtiger Häuptling. Die heissen Quellen.
Unfall und Nothzucht. Mühseligkeiten des Bukelevu. Hungersnoth
und Kälte. Abstieg. Schneckenfrühstück in Lomadsche.
Sonntagstoilette der Insulanerinnen.
XVI. Letzte Tage auf Kandavu 305
Mit dem Kutter nach Namalatta. Ein kleiner Albino. Festgäste von
Tavuki. Wieder im Hotel zu Wailevu. Packerei und Einkäufe.
Der Regierungshäuptling. Ankunft der Zealandia und
Gerichtsverhandlung. Das Inselchen Angaloa.
XVII. Von Kandavu nach Honolulu 312
Gang der Reise. Abermals die schmähliche Knauserei der
Pacific Mail Steam Shipping Company. Der Obersteward und sein
Servirreglement. Die Aequatorkalmen. Die Passagiergesellschaft.
Ausflüsse der Langweile. Zwei Bonzen englischer Rasse.
XVIII. Honolulu 322
Ankunft. Wieder der Reverend Mister Shark. Erste Eindrücke
von Honolulu. Geschichtliches, Ethnologisches und Erotisches.
Sehenswürdigkeiten. Die Regierung, das Parlament, das Militär.
Amerikanerthum und Deutschthum. Die Chinesen. Klima und Sanität.
Die Leprosen. Der Fischmarkt. Die Umgebung. Ritt nach dem Pali.
XIX. Von Honolulu nach Hilo 344
Ihre Königliche Hoheit Ruth Keelikolani. Morgentoilette der
Reisegesellschaft. Lahaina und Kawaihae. Das Hotel zu Hilo. Unser
Vergnügungskommissär Hapai. Brandungschwimmen. Die höhere
weibliche Schuljugend im Bade. Hula Hula und Konzert. Der Rainbow
Fall.
XX. Besteigung des Kilauea 357
Wilder Ausritt. Das Halfway House zu Olaa. Der Krater thut sich
auf. Das Volcano Hotel und seine Vorzüge. Besuch des kochenden
Lavakessels. Mondschein und Hölle. Beschwerlicher Abstieg nach
Puna. Erstarrte Lavaströme und eingestürzte Lavadome. Kapitän
Eldart und sein Gehöft Kapoho. Die warmen Quellen. Awa und
Brotfrucht. Glücklich wieder in Hilo.
XXI. Von Hilo nach Honolulu 376
Eine seltsame Todtenfeier. Kapitän Spencer und seine
Zuckersiederei. Der Kilanea kommt nicht. Ein Hawaiisches Souper und
Abschied von Hilo. Nächtliche Bootfahrt nach Kohala. Konflikt mit
dem Sabath und abermals fort. Landung auf Maui. Ein interessanter
Mann der Presse. Der Bäcker von Lahaina. Stürmisches Wetter.
Endlich in Honolulu.
XXII. Letzte Tage in Honolulu 393
Das Walboot und der Stadtklatsch der Honoluluianer. Audienz beim
König. Festliche Zurüstungen. Bad im Kapena. Tanzvergnügen.
Der Deutsch-englische Klub. Besuch verschiedener Kirchen. Die
Missionäre.
XXIII. Von Honolulu nach San Francisco 400
Abschied von den glücklichen Inseln. Die Zealandia und ihre
Gesellschaft. Unsere schöne Helena, der alte Schiffsdoktor
und eine interessante Geschäftsreisende. Langweile und
Kriegsgerüchte. Ankunft des Lootsen. Das Goldene Thor.
XXIV. San Francisco 408
Allgemeiner Charakter der Stadt. Die Chinesen und ihr Viertel.
Chinesische Hurenhäuser, Opiumbuden und Spielhöllen. Das Yu
Henn Choy Theater und das Dschosshaus. Chinesische Dramaturgie.
Sabathschänderisches Getriebe der San Franciscaner. Sonstige
Sehenswürdigkeiten. Woodwards Garden. Ein gefährlicher
Sonntagsspaziergang. Das Cliff House und seine zoologischen
Genüsse. Ground Squirrels.
XXV. Von San Francisco nach Salt Lake City 429
Auf der Pacific Bahn. Die Sierra Nevada. Ein phänomenales
landschaftliches Scheusal und ein überschwengliches Guidebook.
Indianer. Die Mormonenstadt, das Tabernakel und das Mormonenthum.
Eine Versammlung der Heiligen des jüngsten Tages. Ausflug nach
Lake Point und Bad in dem grossen Salzsee. Camp Douglas.
XXVI. Von Salt Lake City nach New York 448
Frömmigkeit und Prellerei. Emigrantenzüge. Die Prairien. Omaha.
Eine unangenehme Nacht. Präsidentenwahl zum Zeitvertreib.
Niagara Fall und Stadt. Das Amerikanische und das Kanadische Ufer.
Praktischer Sinn der Niagarenser. Herbstliche Färbung.
XXVII. Heimkehr 460
Die Centennial Exhibition in Philadelphia. Abschied von New York.
Ankunft in England und Landung In Liverpool. Sonntagsöde. Auffahrt
des Mayors. Ueber London nach Hamburg.
I.
AUSFAHRT.
Einschiffung und Abschied. Die Elbe hinab. Zänkereien und trübe
Auspizien. Gefahr einer Kollision. Sturm und Orkan. Todesangst
im Zwischendeck. Alles kaput geschlagen. Hannes, der seekranke
Kajütsjunge. Gefahr zu scheitern. Der Nordsee glücklich entronnen.
Aus Reiselust war ich Schiffsarzt geworden. Der Drang in die Ferne hatte
mich veranlasst, auf Postdampfern siebenmal zwischen Europa und Amerika hin
und her zu fahren. Derselbe Drang hatte mich in die emporkeimende deutsche
Marine getrieben, von dieser jedoch mir nur die ganze Misere eines
anderthalbjährigen Aufenthalts in jenem traurigsten Erdenwinkel, so
Jadegebiet heisst, und die Freuden und Leiden eines dreimonatlichen
Uebungsgeschwaders zu Theil werden lassen.
Ich konnte allerdings gewiss sein, mit meinen Seereisen manchem
Binnenländer, der Zeit seines Lebens von einer Spritztour nach Helgoland
bramarbasirt, imponiren zu können, ich war aber noch nicht befriedigt und
verlangte nach mehr.
Es gereichte mir somit zur grössten Freude, als sich Gelegenheit bot, auf
einem Segelschiff mit Auswanderern nach Neuseeland zu gehen. Viele meiner
Freunde erschraken zwar vor dem Wort Segelschiff, in welchem sich
ihnen nicht ganz unrichtig der Inbegriff von Widerwärtigkeiten und
Lebensgefahren, von Seemannsrohheit und Passagiergesindel, von Zwieback und
Salzfleisch konzentrirte. Mir war es jedoch gerade darum zu thun, einmal
eine richtige Reise übers Meer zu unternehmen, nur den Winden als
fortbewegenden Kräften mich anvertrauend, und ohne das lästige Gepolter
der Dampfmaschinen von schwellenden Segeln gezogen dahin zu schweben.
Am Morgen eines 15. Novembers bestieg ich zu Hamburg die Euphrosyne, ein
grosses und schweres Vollschiff von über 1000 Registertonnen. Nachmittags
kamen die 397 Passagiere an Bord, und in der Nacht sollten wir mit Eintritt
des Hochwassers die Elbe hinabgehen.
Das ganze bunte Tohuwabohu des Einschiffungsprozesses von Auswanderern
zog wieder an mir vorüber. Mächtige Kisten und Bündel von Bettzeug,
Proviantmassen und klapperndes Blechgeschirr, schreiende Männer und
kreischende Weiber, ungezogene Jungen und winselnde Säuglinge füllten
das mit herbstlichem Strassenschmutz überzogene Deck. Unter dem
unerlässlichen heulenden Gesang der Matrosen, auf den diese ungraziöse
Menschensorte um so stolzer ist, je abscheulicher er klingt, flog das
Gepäck hinab in den Lastraum, Befehle brüllende Offiziere und die Plätze
vertheilende Agenten rannten hin und her. Takler arbeiteten noch eifrig in
den Wanten und auf den Raaen an der Vollendung des Tauwerks, ein Brahm
lag längsseits und pumpte geschäftig Wasser in die im Bauch des Schiffes
ruhenden Wasserfässer.
Nachdem ich mich vorschriftsmässig überzeugt, dass keine Krankheiten
eingeschmuggelt worden waren, eilte ich, diesem unerquicklichen
Durcheinander zu entrinnen und flüchtete an Land, zum letzten mal für
lange Zeit feste Erde zu treten, meine Freunde nochmal zu sehen und
von ihnen Abschied zu nehmen. Erst spät kehrte ich an Bord zurück,
wo mittlerweile eine wohlthätige Stille eingetreten war. Friedliche
Schnarchtöne drangen durch die offenen Lucken des Zwischendecks herauf,
und nur der schwere Tritt des wachehabenden Matrosen unterbrach störend
die nächtliche Ruhe. Gott Morpheus umfing mich, und als ich erwachte,
glitten wir, von einem kleinen vorgespannten Dampfer gezogen, die Elbe
hinab.
Düstere graue Nebelmassen verhüllten die alte Hansestadt hinter uns und
liessen kaum die Umrisse der Thürme erkennen, ein feiner Regen bedeckte
die Landschaft und erleichterte nicht unwesentlich die Trennung von den
auch bei schönerem Wetter nur bescheidenen Ansprüchen genügenden Ufern
des Vaterlandes. Uebernächtige Gestalten trieben sich missmuthig und
sehnsüchtig den Morgenkaffe erwartend auf dem nassen und schmutzigen Deck
umher. Hinten auf der Kajüte stand der Lootse, griesgrämig den steuernden
Matrosen scheltend, vorne spie der kleine Dampfer übellaunig schwarzen
Kohlenqualm aus dem Schornstein und über das Schiff, welches er schleppen
musste. So gings langsam dahin an ankernden Schiffen und Fischerkähnen
vorbei. Möven zankten sich auf dem Wasser um den von der Ebbe
weggeführten Schmutz des Hamburger Hafens, und vom flachen Gestade her
blökte ärgerlich hie und da ein gelangweiltes Schaf.
Wir hatten, wie schon erwähnt, 397 Passagiere an Bord, welche in drei
gesonderten Abtheilungen, nämlich die der einzelnen Männer, die der
Familien und die der einzelnen Mädchen untergebracht waren. Unsere ganze
Expedition ging auf Kosten des jungen Kolonialstaates Neuseeland, der
seinen Einwanderern freie Ueberfahrt gewährt, wenn sie ausser Leumunds-
und Gesundheitsattesten den Nachweis zu führen im Stande sind, dass sie
Acker- oder Bergbau getrieben haben. Deutsche und Polen, Dänen, Norweger
und Schweden bildeten die Mehrzahl. Die Mannigfaltigkeit der Idiome zu
erhöhen, waren auch einige Böhmen und Italiener vorhanden. Ich war nicht
nur Arzt -- »Surgeon« dieser anmuthigen europamüden Schaar, sondern noch
viel mehr -- »Surgeon Superintendent.« Nicht nur die Krankenpflege war
meine Aufgabe, sondern auch die Last der Regierung unserer Miniaturrepublik
ruhte zum grössten Theil auf meinen verantwortlichen Schultern. Die
Rechtspflege theilte ich mit dem Kapitän, die Sanitätspolizei, die
Ueberwachung der Proviantvertheilung und die Ernennung von Subalternorganen
gehörten zu meinen Obliegenheiten. Ein Schulmeister für die
schulpflichtige Jugend, eine Matrone zur Beaufsichtigung der einzelnen
Mädchen, vier Konstabler, welche bei den einzelnen Männern und bei den
Familien für Ordnung und Reinlichkeit zu sorgen hatten, sämmtlich aus
den Reihen der Passagiere gewählt und mit Bezahlung angestellt, waren die
Werkzeuge meines Amtes. Die Passagiere auf den Auswandererschiffen nicht
nur Neuseelands, sondern sämmtlicher sieben australischen Kolonien stehen
hauptsächlich unter der Aufsicht der Aerzte, welche, von den Regierungen
angestellt, die Interessen dieser und ihrer neuen Bürger gegen jene der
Rheder und der Kapitäne, die manchmal nicht übereinstimmen, zu vertreten
haben.
Das erste Ereigniss, welches mich in Anspruch nahm, war, dass die
unverheiratheten Frauenzimmer sich in die Haare geriethen. Nationale
Gegensätze, hie Dänemark, hie Deutschland nebst Annexen, bildeten die
prädisponirenden Ursachen und die Vertheilung, respektive Aneignung der
Lebensmittel das auslösende Moment des Kampfes. Dänemark, zwar in
der Minderzahl aber desto resoluter vertreten, glaubte das empfangene
Mittagsmahl, welches für alle zwanzig jungen Damen berechnet war, für
sich allein behaupten zu dürfen, Deutschland, Böhmen und die Polakei
remonstrirten dagegen, das kleine starrköpfige Dänemark blieb Sieger,
Deutschland weinte, Böhmen und die Polakei kreischten.
So standen die Dinge, als ich um Intervention angegangen wurde. Mein
Vermittlungsversuch hatte keinen Erfolg und fand nirgends Anklang. Die
Däninnen verstanden mich nicht, und ich verstand jene nicht, die Deutschen
aber ärgerten sich, dass ich nur mit Worten und nicht mit der Peitsche
einschreiten wollte. Ich musste den Proviantmeister requiriren, welcher ein
kurzes Ende machte, indem er Fleisch und Brot wegnahm, auseinander schnitt
und beiden Parteien einzeln verabreichte. Dieser Modus blieb für die
Folge beibehalten, und es kam im Jungfernzwinger -- so heisst in der rauhen
Seemannssprache für gewöhnlich das betreffende Kompartment -- selten
mehr zu ernsteren Konflikten wegen des Essens, wenn auch die Däninnen
fortfuhren, über die anderen Völkerschaften die Nase zu rümpfen, die
Deutschen noch oft weinten und die Polakinnen noch öfter kreischten.
Von allen Seiten kamen unaufhörlich Klagen an jenem ersten Tage der Reise.
Es herrschte noch lange nicht die wünschenswerthe Ordnung, überall
fehlte noch etwas, und Missverständnisse in Folge des Sprachen- und
Dialektgewirres führten zu endlosen Streitigkeiten.
Ich konnte es dem Kapitän wahrlich nicht verdenken, dass er sehr schlecht
aufgelegt war und schliesslich die Geduld verlierend jeden Passagier, der
sich an ihn wandte, im Besonderen und die ganze Gesellschaft im Allgemeinen
zu tausend Teufeln fluchte. Er hatte wichtigere Dinge im Kopf als
die Unzufriedenheit des Familienvaters Krapülinski, welcher zu wenig
Sauerkraut erhalten zu haben glaubte, oder die Wuth der schönen Amanda
Christensen, die in Kopenhagen Modistin und eine sehr feine Dame gewesen
war und jetzt mit einer ehemaligen Tändstickorfabrikarbeiterin in
derselben Koje zusammenschlafen sollte. Er wusste nur zu gut, in welch
unfertigem Zustand das Schiff in See ging. Man hatte zu spät mit der
Ausrüstung desselben begonnen, und die Arbeiten waren in Folge dessen
übereilt worden und unsolide ausgefallen.
Das Chronometer war zwar zur richtigen Zeit an Bord gekommen, aber der
Uhrmacher hatte vergessen, die Gangkorrektion desselben mitzuschicken, eine
Nachlässigkeit, die erst in Kuxhaven durch Telegramme gutgemacht werden
konnte. Das Schiff musste zur bestimmten Zeit Hamburg verlassen. Denn jeder
Tag des Aufschubs kostete dem Expedienten den Unterhalt der Passagiere. Die
durch die Sparsamkeit des Rheders äusserst knapp bemessene, nur zwanzig
Köpfe zählende Mannschaft war erst seit wenigen Tagen angemustert, aber
schon jetzt zeigte sich, dass genug faule Subjekte sich in ihr befanden.
Der Steuermann debutirte mit einem kolossalen Rausch, unter dessen Einfluss
er so viel dummes Zeug beging, dass der Kapitän genöthigt war, ihn bis
zur Wiederkehr der Nüchternheit einzusperren. Zwei Matrosen versuchten
Krankheit zu schwindeln, einer war in Folge von Verletzung beim Ankerhieven
wirklich arbeitsunfähig, und die meisten anderen arbeiteten so träge,
dass man sich ärgern musste, wenn man ihnen zusah.
Solcher Art waren die Auspizien, welche den Beginn einer langen,
gefährlichen und verantwortungsschweren Reise bezeichneten, der ersten,
die der Kapitän selbständig unternahm, nachdem er bis vor Kurzem
Steuermann der Euphrosyne gewesen war. Alles hing für ihn von einer
glücklichen und schnellen Fahrt ab. Passirte ein Unglück, dauerte
die Reise zu lang, oder kostete er seinem Rheder mehr Geld, als dieser
wünschte, so war ihm nach der Rückkunft in Hamburg die Entlassung gewiss,
und er selbst mit Weib und Kindern dem Elend preisgegeben, ein Schicksal,
dem in der gegenwärtigen traurigen Zeit des Stillstandes von Handel und
Verkehr und bei dem herrschenden grossen Missverhältniss zwischen Angebot
und Nachfrage so viele unserer tüchtigsten Seeleute anheimgefallen sind.
Als wir die Nacht über bei Kuxhaven vor Anker gelegen und die
telegraphisch requirirte Chronometerkorrektion erhalten hatten, gingen wir
am Morgen des 17. Novembers endlich in See. Der kleine Dampfer schleppte
uns noch bis zum inneren Feuerschiff. Dann aber riss er sich los, um nach
Hamburg zurückzukehren. Die Segel wurden entfaltet, und von einem sanften
Südwind leicht gebläht, begannen sie, uns leise nordwestwärts zu
führen. Bald erschien das äussere Feuerschiff, und hier verliess, mit den
letzten Abschiedsgrüssen an die Zuhausegebliebenen reichlich beladen, der
Lootse die Euphrosyne, die nun gänzlich auf sich selbst angewiesen war.
Nordsee -- Mordsee, unwirsches, tückisches Gewässer, von dessen Launen
ich schon gar manche Probe erfahren, wieder lag sie vor mir und that so
sanft und unschuldig, als ob sie keinem Menschen böse sein könnte.
Kaum dass sich die grüne Fläche des Wassers kräuselte und mit kleinen
plätschernden Wellen den Bug des Schiffes umspielte. Die Luft des
Horizonts war trübe, aber nur dünnes Gewölk verschleierte die Sonne
und gestattete ihr, mit einem hellen, kalten, unheimlichen Schimmer den
weitgedehnten Rücken der Salzfluth zu übergiessen. Die Jahreszeit war
ungünstig, und das Barometer fiel langsam und stetig. Man musste sich
auf einen Sturm gefasst machen. Es galt jetzt, so viel als möglich See zu
gewinnen und so weit als möglich vom Lande sich fern zu halten.
Die grauen Umrisse der beiden Thürme auf Neuwerk, das letzte Stückchen
Deutschland, verschwanden hinter uns unter den Horizont, und vor uns
tauchte der einsame Thonfelsen von Helgoland empor. Als es Abend wurde,
blinkte sein Feuer zu unserer Rechten, wich zurück und war nach einigen
Stunden ausser Sicht. Die See begann höher zu gehen, dünende Wogen hoben
und senkten das Schiff. Die Jammertöne der Seekrankheit regten sich
im Zwischendeck, das Volk der Passagiere, bisher ausgelassen lustig und
lärmend, wurde still und in sich gekehrt.
Der folgende Tag brachte uns flauen Wind und die Gefahr einer Kollision.
Eine Bark, welche kurz vor uns von Kuxhaven abgegangen war, lag in
Lee unfern auf dem Wasser, ebenso wie wir mit schlaff an den Raaen
herabhängenden, klappernden Segeln. Nur hie und da versuchte ein sanfter
Zephyr die Leinwand zu blähen, jedesmal frohe Hoffnung erweckend, aber nur
um nach einigen Minuten höhnisch wieder abzulassen und sich schadenfroh an
unserer Hilflosigkeit zu weiden.
So lange wir guten Wind von hinten hatten, waren wir mit jener Bark um die
Wette gesegelt. Sie war tief geladen, die Euphrosyne jedoch, nur Ballast
und wenig Ladung sowie Passagiere, die leichteste Waare, tragend, ragte mit
ihrem Körper weit aus dem Wasser und segelte deshalb vor dem Winde um so
besser und um so schlechter beim Winde. Gerade als unser Gegner eingeholt
und wir in gleicher Höhe mit ihm waren, sprang der Wind nach der Seite um,
wurde flauer und hörte endlich ganz auf. Immer näher rückten einander
die beiden Schiffe. Wir konnten bereits deutlich mit blossem Auge den Namen
und Heimathshafen der Bark »Alartus Hamburg« an ihrem Heck lesen, und
noch immer kein Wind, der uns aus der drohenden Lage befreite. Die kleinen
Lüftchen, die sich zuweilen regten, genügten vielleicht, den Alartus,
wenn er von seinem Kurse abfiel, wegzutreiben, während wir keinen Raum
zu vergeben hatten. Auf dem Alartus aber schien man sich wenig um unsere
Nachbarschaft zu kümmern. Umsonst flehte unser Kapitän wiederholt durch
das Sprachrohr hinüber, auf die Gefahr zu achten, es erfolgte keine
Antwort.
Dieser Zustand währte den ganzen Nachmittag und bis in die Nacht hinein.
Ich war vollauf beschäftigt, in meiner Kammer und in den Hospitälern
Alles seeklar zu richten, zu ordnen und für den erwarteten Sturm
festzustauen. Die schwebende Angelegenheit draussen machte mir nicht
den Eindruck der grossen Wichtigkeit, die sie in der That hatte, und das
beständige Hin- und Herrennen und Schreien der Offiziere beunruhigte
mich nicht mehr, nachdem es bereits mehrere Stunden ohne greifbaren Grund
gedauert.
Plötzlich jedoch stieg der Lärm auf eine ängstigende Höhe, und ich
eilte nach dem Achterdeck. Die Nacht war so dunkel, dass ich nichts
sogleich unterscheiden konnte. Die Matrosen heulten mit doppelter Kraft,
indem sie an den ächzenden Tauen rissen. Ich bemerkte allmälig, dass
die Raaen back gebrasst wurden, und dass leichte Windstösse in die
Vorderflächen der Segel fielen, die Euphrosyne rückwärts treibend, und
endlich draussen auf dem Wasser dicht zu unserer Rechten ein schwarzes
Ungeheuer, der Alartus. Wir hatten jetzt raumen Wind, die Gefahr war
vorüber.
Nur mühsam brachte ich aus dem wuthschnaubenden Kapitän heraus, was
eigentlich vorgefallen. Erst musste der Alartus mit allem was darauf war
nach allen Dimensionen verflucht werden, und ich bin fest überzeugt, dass
in jenem kritischen Augenblick der Führer desselben sofort erwürgt worden
wäre, falls er die Unvorsichtigkeit begangen hätte, in unserer Kajüte zu
erscheinen. Die beiden Schiffe waren so nahe an einander vorbeigeglitten,
dass man von unserem Klüverbaum auf des anderen Achterdeck hätte
hinabklettern können, und nur durch den glücklichen Zufall einer
aufspringenden Brise und das geschickte Manöver, schnell rückwärts zu
gehen, war der Zusammenstoss vermieden worden, welcher beiden Schiffen wenn
nicht den Untergang so doch sicher schwere Beschädigung gebracht haben
würde. Abermals mein kostbares Leben gerettet, dachte ich, und ging
befriedigt zu Bett.
Das Toben des Sturmes weckte mich, als der Morgen eben trübe
heraufdämmerte. Es war mir keine angenehme Erfahrung, die ich bei dieser
Gelegenheit zum ersten mal machte, dass die Euphrosyne, durchaus abweichend
von der Ruhe und Gelassenheit, die sich für ein so starkes und breites
Vollschiff eigentlich geziemte, die Neigung besass, sich von jeder Welle
hoch emporwerfen zu lassen und in jedes Wellenthal ebenso tief ihre Nase
hineinzustecken, und dass sie fast schlimmer rollte, als ein scharfgebauter
Postdampfer. »Arbeiten« nennt der Seemann euphemistisch dieses Hin-
und Herfackeln, welches bei der Euphrosyne noch mit einem so widerlichen
Stöhnen und Aechzen, Knarren und Winseln sämmtlicher Balken und
Bälkchen, Bretter und Brettchen komplizirt war, wie ich es nie zuvor auf
einem Fahrzeuge weder Seiner Majestät noch zivilen Besitzthums kennen
gelernt hatte. In dieses haarsträubende Konzert mischte sich noch zu allem
Ueberfluss das beständige Auf- und Zuschlagen von mehr als einem Dutzend
Thüren im Bereich meiner Ohren, welche entweder kein Schloss oder ein
unbrauchbares besassen und bei welchen man in der Eile der Ausrüstung
vergessen hatte, Haken zum Befestigen im geöffneten Zustande anzubringen.
Solchem Unfug ein Ende zu machen war meine erste Thätigkeit, und ich
schickte mich an, einen dieser rebellischen Gegenstände nach dem anderen
festzunageln oder festzubinden oder auszuhängen. Nur Derjenige, der
selbst erfahren hat, welche Schwierigkeiten das beständige Hin- und
Hergeworfenwerden, das ewige Auf- und Niederklettern im Innern eines
heftig arbeitenden Schiffes bereitet, und das Gefühl der Betäubung kennt,
welches das Tosen der Winde und der Wogen und der unaufhörliche Lärm
der sich aneinander reibenden Holztheile hervorbringt, und in welchem man
schliesslich nicht mehr weiss, was oben und unten, was horizontal und
was vertikal ist, nur Derjenige wird die Grösse meines Unternehmens zu
würdigen verstehen. Ich war allein und ohne Beihilfe. Denn Jan Maat,
dessen Gehörorgane übrigens auch hocherhaben sind über Kleinigkeiten wie
Lärm auf- und zuschlagender Thüren, hatte draussen zu thun, und fast
alle Anderen waren seekrank oder mit seekranken Weibern und Kindern
beschäftigt.
Der Tag ging langsam vorüber wie alle Sturmtage. Man versucht sich zu
beschäftigen, steht aber bald wieder davon ab, man nimmt etwas Nahrung
zu sich und ist froh, wenn dies ohne sonderlichen Unfall gelungen.
Man klettert auf Deck und klettert nach wenigen Minuten, von See- und
Regenwasser durchnässt, wieder in die Kajüte hinab, man sieht sehr oft
nach dem Barometer und sehnt sich nach besserem Wetter. Die Passagiere
waren heute äusserst artig. Keine Klagen über das Essen kamen, keiner
hatte Appetit. Friedlich und einträchtig lagen sie neben einander in ihren
Kojen und leisteten Neptun wetteifernd die üblichen Opfer.
Wind und See kamen von Norden, wir lagen mit kleinen Segeln bei und
steuerten Westnordwest, so dass wir rechnen konnten, nach West oder
Südwest in der Richtung von Dover abzutreiben und somit nichts zu
verlieren. Gegen Abend klarte der Himmel auf, und der Sturm legte sich
etwas, es wurden mehr Segel gesetzt und Kurs gesteuert.
Eben hatte uns der seekranke, bleiche und knieschlotternde Kajütsjunge,
den der Proviantmeister durch die bei Seeleuten so beliebte Prügelkur zu
heilen beflissen war, den Thee kredenzt, als der wachehabende Bootsmann
eintrat und den Kapitän frug, ob er nicht die Untersegel festmachen
dürfe, da der Wind wieder stärker zu blasen anfing, und noch war der
Bescheid darauf nicht gegeben, als ein Pfeifen und Heulen, ein Brüllen und
Tosen durch das Takelwerk schwirrte, wie wenn ein Heer Dämonen plötzlich
losgelassen wäre auf unser armes Schiff, welches in seinen Grundfesten
erbebte und sich jäh auf die Seite legte. Bootsmann und Kapitän eilten
zur Thüre hinaus, und ich folgte ihnen.
Der Athem versagte mir, als ich, mich anklammernd, draussen stand. Noch
nie hatte ich die Gewalt eines ähnlichen Orkanes empfunden. Es war, als ob
Haare, Nase und Ohren weggeweht werden sollten. Gegen die Windrichtung zu
blicken war unmöglich, fliegender Wasserstaub verletzte stechend
Gesicht und Augen. Nur mit Hilfe der Hände konnte man sich gegen die
heranstürzenden Luftmassen vorwärtsziehen.
Vergebens schrie der Kapitän mit der vollen Kraft seiner höchst
respektablen Lungen, dass alle Segel festgemacht werden sollten. Fünf
Schritte von ihm entfernt war seine Stimme nicht mehr zu hören, und die
Segel zerrissen in Fetzen, donnernd gegen die Masten und Riggen schlagend,
oder flogen mit einem Krach hinaus in die See, platt wie eine Wand, ohne im
Flug ihre gespannte Form zu verlieren. Alle Matrosen, der Steuermann, der
Bootsmann, der Proviantmeister und der Koch gingen nach oben, aber jeder
hatte genug zu thun, sich zu halten und nicht wegschleudern zu lassen.
Ich selbst stellte mich unter das Kommando eines Passagiers, der früher
Seemann gewesen, und zog mit ihm und einigen anderen jungen Männern,
welche die Angst zur Arbeit antrieb, an den Brassen, um die Raaen der
Richtung des Windes parallel zu drehen. Trotz aller Anstrengungen blieben
die Fetzen der Segel lose und peitschten donnernd weiter.
Erschüttert stand ich hinten, betrachtete schaudernd den wüthenden Kampf
der Elemente und überlegte die Möglichkeit des Ertrinkens. Ich hatte
schon oft versucht, meine Phantasie mit diesem Gedanken zu üben. Bei
schönem Wetter und während des Tages war es mir nie gelungen, ihn
schreckhaft zu finden. Jetzt aber, im Geheule des nächtlichen Sturmes,
bei dem ringsum herrschenden Dunkel, in welchem die hoch sich thürmenden
schäumenden Wogen gespenstig leuchtend auf und nieder gaukelten, erfüllte
mich die Vorstellung, über Bord zu fallen und von dem kochenden Gischt
verschlungen zu werden, mit Entsetzen. Wenn jetzt ein anderes Schiff uns
entgegenkam, unter der Gewalt des Orkanes ebenso wenig freier Herr seiner
Bewegungen wie wir, keine Möglichkeit auszuweichen, es wäre unser Aller
Ende gewesen. Ein dröhnender Krach, ein vielhundertstimmiger Todesschrei,
und die tosenden Wogen schlugen über uns zusammen, wie über so viele
andere vor uns.
Der so plötzlich und unvorhergesehen hereingebrochene Orkan schien
womöglich noch heftiger werden zu wollen und nicht eben so rasch wie er
gekommen vorüberzugehen. Die See stieg immer höher, und die Euphrosyne
bäumte sich in einer Besorgniss erregenden Weise. Die neu eingesetzten
Masten fielen, durch die schlechtgespannten Wanten und Pardunen nur locker
gehalten, von einer Seite zur anderen, und man konnte deutlich sehen, wie
jene Riggen abwechselnd rechts und links sich strammten und erschlafften.
Dass wir die Masten behielten, dass sie nicht brachen, war nicht das
Verdienst der liederlichen Arbeit der Takler, sondern ein reines Glück.
Zwei Mann standen am Steuerrad und konnten es kaum bändigen. Mehr als
einmal wurde der eine von ihnen in die Höhe gehoben und war in Gefahr
kopfüber wegzufliegen, vielleicht über das niedrige Geländer in die See
hinab, was schon oft genug geschehen ist.
Sowohl Neugierde als auch die Absicht Trost zu spenden führten mich
ins Familienkompartment des Zwischendecks hinab. Vorsichtig durch die
Finsterniss den heftigen Bewegungen des nassen, schlüpfrigen Bodens
entgegen von einem Stützpunkt zum anderen springend gewann ich die
nächste Lücke, um hinabzusteigen. Aber die Treppe fehlte, sie lag in
Trümmern unten und kollerte im Verein mit sämmtlichen theils noch
ganzen theils zerschlagenen Koffern und Kisten dem Rollen des Schiffes
entsprechend hin und her. Mit Hilfe eines Taues, welches mich pendelförmig
von einer Seite zur anderen schleuderte, gelang es mir, mein Ziel zu
erreichen.
Was ich hier unten sah und hörte, liess Alles hinter sich, was ich bisher
in zahlreichen Sturmnächten auf Postdampfern gesehen und gehört. Nur
wenige Laternen brannten noch, weil die meisten zerschellt waren. Das
Knarren der Balken und der Lärm der hin- und hergeworfenen Gepäckstücke,
das Rauschen der hin- und herfliessenden und zerspritzenden Wasserbäche,
die durch die Lucken heruntergossen, die Gebete und Flüche, das Gejammer
und Gewimmer der Menschen, jedesmal so oft eine grössere Sturzsee
brüllend gegen das Schiff anprallte und auf das Deck schlug, zu einem
grässlichen gemeinsamen Aufschrei sich steigernd, übertäubten den
draussen wüthenden Kampf der Elemente. Sie glaubten hier alle, dass die
Euphrosyne untergehen müsse, und dass das letzte Stündlein geschlagen
habe. Die Schrecken des Todes hatten den Stumpfsinn der Seekrankheit
durchbrochen, und statt der allgemeinen Gedrücktheit des vorhergegangenen
Nachmittags herrschte wahnsinnige Aufregung. »Vater unser, der du bist«
-- »Oschdschje nasch ktury jeschtem w Niebie« -- »Heilige Maria, bitt
für uns« -- »Fader vor, du, som er i Himmelen« -- »denn Dein ist das
Reich und die Herrlichkeit« tönte es in sinnverrückendem Chaos aus
den höhlenartigen Familienkojen, in welchen Männer, Weiber und Kinder
jeglichen Alters kreuz und quer durcheinander lagen und sich krampfhaft
an einander festkrallten, ohne ein beständiges Auf- und Niederrutschen
vermeiden zu können. Einige waren herausgepurzelt, krümmten sich weinend
auf dem Boden, mit Beinen und Armen die sie attakirenden Kisten abwehrend,
und wagten nicht, wieder aufzustehen.
Da verfluchte laut ein Vater sich und die Auswanderungsagenten, das Schiff
und Neuseeland, und was sonst noch mit der Seereise zusammenhing und
betheuerte wiederholt, dass er gerne sterben würde, weil er es verdient,
wenn nur seine Frau und seine drei Mädchen nicht wären, und sicher würde
er auch die Haare sich ausgerauft haben, wenn er die Hände freigehabt
hätte, mit denen er die Hüften der Gattin umklammert hielt. Dort
schalt und schlug ein Anderer seinen zitternden Jungen, weil er die
unaufhörlichen Vaterunser nicht schnell genug losliess und voller
Verwirrung in das weniger wirksame »Ich glaube an Gott den Vater«
gerieth. Erdfahl und entstellt tauchte ein langes Gesicht aus seiner
Höhle bei meiner Annäherung und schien mich fragen zu wollen. Die Lippen
bewegten sich, aber ich vernahm keine Stimme. Ein krampfhaftes Würgen und
Schluchzen, ein Brecherguss, und die nächste anprallende Woge schleuderte
das Gespenst in die Dunkelheit zurück.
Eines der Familienhäupter machte mir den Eindruck, ganz besonders
tröstenden Zuspruchs zu bedürfen, aber meine theilnehmenden Worte wurden
keiner Antwort gewürdigt. Er hatte nicht Zeit, sich mit irdischen Reden zu
befassen und unterbrach nicht eine Sekunde den Fluss der Thränen und der
Ave Marias, welche er rastlos immer wieder von vorne begann und mit
einer Zungenfertigkeit von sich stiess, dass seine sechs Kinder ihm nur
nothdürftig folgen konnten und über ein Wort nach dem anderen stolperten.
Die Anzahl der ruhigen und besonnenen Passagiere war eine sehr geringe. Am
ernstesten und vernünftigsten betrugen sich die Dänen, am wahnsinnigsten
und verzweifeltsten geberdeten sich die Polen. Erst nach längerem Suchen
fand ich einige Männer, welche mir zu helfen fähig waren, die aus den
Kojen Gefallenen aufzurichten und in Sicherheit zu bringen. Die Kisten
festzumachen war unmöglich und musste bis zum Tageslicht verschoben
werden.
Bei den unverheiratheten Frauenzimmern sah es etwas besser aus als im
Familienkompartment. Die Treppe nach dieser Abtheilung war noch erhalten,
das nicht so zahlreiche Gepäck an seiner Stelle geblieben. Nur die Lampen
waren in Stücke gegangen, und bis auf die trübe schimmernden Spalten der
Bretterwand, jenseits welcher die Familien hausten, herrschte Dunkelheit
in dem Raum. Gleich beim ersten Schritt vorwärts stiess mein Fuss auf ein
weiches Hinderniss. Die Blendlaterne zeigte mir ein weibliches Gewand, dann
ein Paar Beine und in entgegengesetzter Richtung ein bleiches Antlitz, und
zwar das der schönen Amanda aus Kopenhagen. Der ganzen Länge nach lag
sie hingestreckt auf dem Boden und umklammerte einen Stützbalken. Ich
versuchte sie aufzuheben, aber eine schwere Last an ihren Füssen zog sie
immer wieder zurück. Ich beleuchtete nun auch diese Gegend und fand die
verhasste Bettgenossin der eleganten Modistin, welche sich beharrlich
weigerte, die jener gehörenden Knöchel loszulassen. Auch einige andere
Mädchen waren aus ihren Doppelbetten gefallen und schrieen laut als ich
sie beleuchtete, vielleicht aus wahnsinniger Angst, vielleicht um mein
Mitleid zu erregen.
Die aufsichtführende Matrone streikte, sie lag seekrank in ihrer Koje
und stöhnte. Ich konnte deshalb trotz der sittenstrengen englischen
Bestimmungen, die keinem Mann der Besatzung den Zutritt in den
Jungfernzwinger gestatten, nicht anders als einen gerade disponiblen
Matrosen zum Aufräumen hier unten zu requiriren.
Ich kletterte wieder nach der Kajüte zurück, in welcher mittlerweile
unter dem Einfluss des immer fürchterlicher werdenden Stampfens und
Rollens fast alle Gegenstände sich losgerissen hatten. Tische, Stühle und
Ofenschirm, Gläser, Teller und Seekarten, sowie die grosse Medizinkiste
flogen von einer Wand zur anderen. Der kleine Köter des Kapitäns kroch
mir ängstlich winselnd zwischen die Beine und machte mich straucheln. Ich
trat ihm so unglücklich auf eine Pfote, dass er heulend nach der anderen
Ecke entfloh, wo ihm sofort der Ofenschirm auf den Rücken purzelte,
während mir meine Thür auf- und zuschlagend den Finger zerquetschte.
Nirgends war Ruhe zu finden, und ermüdet und schläfrig wanderte ich
beständig hin und her. Zuweilen dachte ich wohl selbst in jener Nacht,
dass wir den Morgen nicht mehr erleben würden.
Kapitän und Mannschaft blieben auf Deck. Es war jetzt nichts zu thun. Wir
trieben ohne Steuerung auf den Wogen, einem gnädigen Schicksal vertrauend.
Von den Segeln peitschten nur mehr etliche kleinere Lappen an den Raaen.
Der Orkan hatte das Uebrige weggeweht und dadurch viel Mühe und Arbeit
erspart.
Doch verging auch diese schreckliche Nacht, zwar langsam und qualvoll, aber
sie verging doch. Endlich, endlich dämmerte der Himmel, und der Morgen
stieg herauf. Je heller es wurde, um so deutlicher zeigten sich die
angerichteten Verwüstungen. Das Deck des Schiffes bot einen tragikomischen
Anblick. Es sah aus wie ein Krautacker, in dem eine Heerde Wildschweine
und ein unwirscher Herbstwind gehaust haben. Der ganze Vorrath an frischen
Kohlköpfen war aus seinem Behälter unter den umgestürzt auf der Kajüte
festgezurrten Rettungsböten entwichen und kollerte oder klebte, von dem
heftigen Rollen und Stampfen hin- und hergeschleudert und an allen Ecken
und Kanten zersplitternd, in kaum mehr verwendbaren Fetzen herum. Die
beiden grossen Wasserfässer auf Deck waren zertrümmert. Sie hatten sich
losgerissen und waren erst, als sie bereits genug Zerstörung angerichtet,
selber in Stücke gegangen. Die Kappen der Zwischendeckslucken, ein
Stützpfosten der Böte, die Thür zum Hospital, das Salzfleischfass, ein
paar Bänke und ein Häuschen zu unaussprechlichen Zwecken waren ihnen zum
Opfer geworden.
Es war kein Raum im ganzen Schiff, in dem sich nicht Gegenstände
losgerissen und im Hin- und Herfallen Unfug verübt hätten. In der Kajüte
purzelten noch immer ohne Unterlass der grosse und der kleine Tisch,
einige Klappstühle, der eiserne Ofenschirm und der Ofen, die zerschellte
Medizinkiste, Salben und Mixturen, überall Theilchen klebrigen Stoffes
zurücklassend, zerbrochene Weinflaschen, einige Löffel und Gabeln sowie
das Thermometer klappernd und klirrend hin und her, und kläglich winselnd
suchte der kleine Ami vergeblich nach einem Winkel, in welchen er sich vor
der Verfolgung durch jene oft sehr unsanften Gegenstände flüchten konnte.
Ganz besonders der Ofenschirm schien es auf ihn abgesehen zu haben, und Ami
zuckt seit jener Schreckensnacht jedesmal nervös zusammen, so oft man
mit dem Fuss an Eisenblech stösst. Auch in der Küche war Alles kaput
geschlagen. Der aus Backsteinen gebaute Heerd für die Passagiere hatte
einige Löcher bekommen und wackelte morsch hin und her. Nur für die
Kinder und Kranken konnte heute gekocht werden. Die Uebrigen mussten kalt
essen, sofern sie überhaupt Appetit hatten.
Es gab jetzt vollauf zu thun, aufzuräumen und zusammenzunageln. Eine
Menge Wunden und Quetschungen kamen, geflickt und verbunden zu werden.
Wunderbarer Weise war keine schwere Verletzung darunter. Einer der
Polen hatte sich den Arm luxirt, und ein kleiner dänischer Junge einen
Schädelbruch erlitten, an dem man das Gehirn deutlich pulsiren sah, der
aber ganz überraschend günstig verlief und heilte. Ich musste allein und
ohne Assistenz arbeiten. Besass ich auch einen förmlichen Stab dienstbarer
Geister, die ich im Namen der Neuseeländischen Regierung aus den Reihen
der Emigranten ernannt hatte, sie waren alle seekrank und unbrauchbar.
Nicht um Millionen wären sie zu bewegen gewesen, mir beizustehen.
Anders war es mit den Neulingen unter der Mannschaft. Für diese gab
es weder Rast noch Ruhe, ob sie gleich zu sterben vermeinten. Unser
Kajütsjunge Hannes zum Beispiel war das reinste Bild des Jammers. Er
machte seine erste Reise. Bis vor wenigen Tagen noch bei der Mutter zu
Hause, hatte er keine Ahnung gehabt, wie es zuginge auf dem Salzwasser.
Und jetzt, kaum dass wir draussen waren, gleich dieser scheussliche Sturm
voller Schrecken und Todesangst, das ganze Weh der Seekrankheit im Inneren
wühlend, und trotzdem keine Schonung, die rohe Faust eines Seemanns
beständig auf dem Nacken, jeden Augenblick Püffe, Fusstritte und
Ohrenkniffe. Der arme Junge dauerte mich. Bleich, verstört und ungekämmt,
die Augen stier geöffnet, mit bebenden Lippen, wankte er halbtodt, hin-
und hergestossen von den Bewegungen des Schiffes, zwischen Kajüte und
Pantry und zwischen Pantry und Kajüte auf und ab, ohne zu wissen, was er
that, und häufig rann ihm eine Thräne über die fahlen Wangen.
Hinter der Thür der Pantry stand der Proviantmeister, ein griesgrämiger
Tyrann, wie die meisten alten Seeleute, die es zu nichts gebracht haben,
und zählte die zerbrochenen Teller, Gläser und Schüsseln, und für jeden
Scherben, den er fand, gab er dem Jungen einen neuen Fusstritt. Was
nützte es, wenn ich intervenirte und um Mässigung bat. Solches war alte
angestammte rechtmässige Seemannsart. Auch der Proviantmeister hatte
einst seine Fusstritte und Püffe erhalten. Jetzt war für ihn die Zeit
der Vergeltung gekommen, er rächte sich an der jüngeren Generation. Und
konnte ich den Jungen immer beschützen, musste er nicht, sobald ich den
Rücken drehte, doppelt leiden? In der Kajüte herrschte ihn der Kapitän
an und zerrte ihn an den Ohren. Hier sollte er aufwischen, dort sollte er
Glasscherben zusammensuchen. An seiner Hose hingen Butter und Salbenreste,
der Aermel war mit Rhabarbertinktur getränkt, seine Hände bluteten aus
Glasschnitten, und Blut war im Gesicht herumgeschmiert. In seinen Schuhen
quatschte das Wasser. Er war die ganze Nacht nicht zur Ruhe gewesen, so
krank und elend er sich auch fühlte.
Ein anderer, ein Decksjunge hatte es schlauer gemacht. Er war gleich beim
ersten Beginn des Sturmes verschwunden, um nicht zur Arbeit gezwungen oder
gar nach oben auf die Raaen geschickt zu werden. Wir glaubten zuerst, er
sei über Bord gespült worden. Am nächsten Abend jedoch, als wir bereits
Dover uns näherten, tauchte er plötzlich aus seinem Versteck, dem
Proviantraum, in den er sich zurückgezogen hatte, um mit seiner
Seekrankheit allein zu sein. Er fiel sofort den Erziehungskünsten des
Bootsmanns anheim. Die Hiebe klatschten, der Junge heulte. Aber noch oft
versteckte er sich, wenn die Wellen höher zu gehen begannen.
Das Barometer stieg ein wenig, und wir athmeten erleichtert auf. Der Sturm
legte sich und erlaubte wieder, ein paar neue Segel zu setzen und Kurs zu
steuern. Die schlecht befestigten Masten hatten jetzt unter dem Druck der
Leinwand mehr Halt, wodurch unsere Hauptgefahr, sie zu verlieren, wenn
nicht vorüber, so doch gemildert war. Was jedoch den grössten Trost
gewährte, die unheimliche schwarze Nacht, die alle Schrecken verdoppelte,
war hinter uns, man durfte wieder frei um sich schauen.
Winzig kleine Fischerböte erschienen und gaukelten so waghalsig und so
malerisch mit ihren rothbraunen Segeln auf und nieder über die hellgrünen
Wogen der Nordsee, hinter denen sie jeden Augenblick verschwanden, als ob
sie von ihnen verschlungen wären. Schiffstrümmer, gebrochene Masten mit
Segeln und Takelage daran trieben vorüber. Gar mancher mochte innerhalb
der letzten zwölf Stunden sein nasses Grab gefunden haben. Die Luft war so
durchsichtig, und die Farben blinkten alle so lebhaft und frisch, dass man
meilenweit jeden schwimmenden Balken erkannte. Nur der Himmel über uns war
noch düster und dunkel.
Das Barometer stieg langsam und stetig. Auch die See nahm ab, und die
Wolkendecke wurde dünner und gleichmässiger. Am Nachmittag fühlten wir
uns ausser Gefahr, und gegen Abend konnten wir Dover in Sicht bekommen. Wir
hatten allerdings keine Observation und wussten nicht genau, wo wir waren.
Aber so ganz glatt sollten wir dennoch nicht der tückischen Nordsee
entrinnen. Es dunkelte bereits, als vorne ein Licht gemeldet wurde.
Es rückte näher und nahm einen grünlichen Schimmer an. Ein grünes,
stehendes, sich nicht veränderndes Licht, das ist Goodwins Sand, eine
Sandbank, welche schon viele Schiffe auf dem Gewissen hat. Wir waren also
noch nicht so nahe dem Kanal, als wir dachten, und der Kapitän liess nach
Süden steuern. Eine Stunde lang steuerten wir Süd, und eine Reihe
von vier gewöhnlichen gelben Lichtern tauchte vor uns auf. »Das sind
Fischerböte« sagte mir der Kapitän, als ich ihn darüber frug, ich
merkte aber wohl, dass er dieser Behauptung nicht sicher war. Für
Fischerböte standen die Lichter zu ruhig und waren auffallend gross und
hell. Fischerböte mussten bei solcher See auf und nieder schwanken.
Der Kapitän wurde unruhig und nervös. Unten in der Kajüte lag die Karte
ausgebreitet auf dem Tisch, hastig mass und visirte er mit Zirkel und
Lineal herum, stürzte auf Deck hinaus und sah mit dem Fernglas nach
den immer näher kommenden Lichtern, stürzte wieder hinab und mass und
visirte. Er murmelte Flüche, und der Schweiss tropfte ihm von der Stirn
auf die Karte. Wir waren abermals in einer schlimmen Lage. Auf der einen
Seite ein Licht wie von Goodwins Sand, auf der anderen mehrere Lichter, die
der Küste des Kontinents angehören mussten, ringsum Riffe und Bänke
auf der Karte verzeichnet. Jeden Augenblick konnten wir auffahren und
scheitern.
Wir kehrten wieder um und steuerten dahin, woher wir gekommen. Ein grosses
Glück, dass wir raumen Wind hatten. Das Räthsel löste sich endlich. Das
grüne Licht spaltete sich in zwei, es waren die beiden Lichter von Dover,
die wir in einer Linie, eines vom anderen verdeckt, gesehen hatten. Jetzt
wussten wir wieder, wo wir waren.
Welcher schwere Stein fiel dem Kapitän vom Herzen. Er hatte seine Pflicht
gethan und keinen Fehler begangen, der ihm zur Last gelegt werden durfte.
Nur der Mangel einer Observation und die entschuldbare Verwechselung der
beiden grünen Feuer hatte uns irregeführt. Wir brauchten uns nicht mehr
vor Goodwins Sand zu fürchten und steuerten geradewegs auf Dover zu. Die
vier Lichter waren die französische Küste bei Calais gewesen.
Niemals betrachtete ich Dover mit seinen zwei elektrischen grünen Feuern
oben auf dem Felsen und der Gasbeleuchtung unten am Hafen und in den
amphitheatralisch ansteigenden Strassen mit grösserem Wohlgefallen, als
in jener Nacht, da wir langsam vorübersegelten, in den Kanal und in
den freundlicheren Atlantischen Ozean hinaus, hinter uns die verhasste,
unwirsche Nordsee.
Das Wasser war so nahe dem Land glatt geworden, und das Schiff rollte kaum
merklich. Die seekranken Passagiere krochen genesen aus ihren Kojen und auf
Deck. Sie sahen wieder festes Land vor Augen und begrüssten es freudig und
hoffnungsvoll. Die Aermsten waren in einem gewaltigen Irrthum befangen. Sie
glaubten nämlich alle, dass wir anlegen würden, und dann wären sie
alle schleunigst davon gelaufen, bereits vollkommen satt der Reise nach
Neuseeland. So lange wir an der englischen Küste hinfuhren und hie und
da ein vorspringender Hügel zum Vorschein kam, lebten sie in diesem
glücklichen Wahn. Und als wir immer und immer nicht anlegten und das
letzte Stückchen Land verschwunden war, und sie endlich doch meiner
Versicherung Glauben schenken mussten, dass wir gar nicht daran dächten,
anzulegen, welches Wehklagen und welche Verwünschungen. Mit aufgehobenen
Händen baten sie mich, ich möchte den Kapitän veranlassen, sie
auszusetzen. In allen Sprachen schworen sie, sie würden die Seereise
niemals überstehen, sie wären jetzt schon halb todt von dem einzigen
Sturm, das Schiff könnte unmöglich mehr zusammenhalten, es sei schon ganz
lose gerüttelt. Und wenn sie auf den Knieen nach Hause rutschen müssten
mit allen ihren Kindern und zeitlebens betteln gehn, sie wollten nie und
nimmermehr an Neuseeland denken. Alles umsonst.
Unserer Fahrt stellte sich kein Hinderniss mehr in den Weg. Wir
schlängelten uns langsam und sicher durch die Menge der kreuzenden
Dampfer, Segelschiffe und Böte, und nach drei Tagen waren wir im
Atlantischen Ozean. Ein schöner Nordostwind blähte die vierkant
gestellten Segel, die Zahl der in Sicht befindlichen Fahrzeuge verringerte
sich, die Sonne schien mild und warm auf uns herab. Am 26. November
zeigten sich die ersten Quallen im Wasser, wir waren auf der Höhe von
Biscaya.
Von jetzt ab hatten wir bis Neuseeland kein nennenswerthes Unwetter mehr
zu bestehen. Wir waren sehr glücklich gewesen, so rasch wenn auch etwas
stürmisch und rauh aus der Nordsee zu kommen. Wir konnten eben so gut vier
Wochen darin herumkreuzen.
II.
IM NÖRDLICHEN ATLANTISCHEN OZEAN.
Ungünstige Winde und Windstille. An Madera und an den Kapverden
vorbei. Schiffsleben und Zänkereien. Nationale Gegensätze.
Kindstaufen, Geburtshilfe auf See und ein zärtlicher Gatte.
Die Polakei in Aufruhr. Das gestohlene Salzfleisch. Zoologische
Belustigungen. Schleppnetzbeute. Fliegende Fische. Vergebliches
Harpuniren. Haifischfang. Korrespondenz mit anderen Schiffen. Besuch
auf einem Portugiesen. Unsicherheit in der Nautik.
Am 27. November warfen wir den Ofen aus der Kajüte. Es war bereits warm
genug, um während des Tages ohne Ueberzieher auf Deck zu sitzen.
Das Wasser begann wieder unruhig zu werden, und die bekannten langen, hohen
Wogen des Ozeans, höher als in der Nordsee, aber auch viel angenehmer weil
länger, hoben und senkten das Schiff. Das Barometer fiel, der Wind wurde
flau. Die Segel klapperten an den Raaen, wir machten keinen Fortgang, doch
rollten wir unter dem Einfluss der zunehmenden hohlen See und des Haltes
der Segel entbehrend wie noch nie. Schwerfällig beugte sich die Euphrosyne
nach rechts und nach links, und bei jeder Neigung stöhnten und krachten
die Balken und Bretter, eigenthümlich die sonstige feierliche Ruhe
unterbrechend. Der Kapitän hatte die guten Tage benutzt, um die Riggen
der Masten fester anzuziehen. Auch im Innern war Alles festgenagelt und
festgestaut worden. Wir waren jetzt vollkommen seetüchtig und konnten es
mit jeglichem Wetter aufnehmen.
Ein kleiner Sturm aus Südwest trieb uns zwei Tage rückwärts. Dann kam
abermals flauer Wind, der in einen kleinen Nordsturm umsprang, mit
dessen Hilfe wir rasch nach Madera hinuntergelangten, welches wir ausser
Sichtweite am 2. Dezember passirten.
Wir hofften jetzt alle Tage auf den Nordostpassat, aber leider vergeblich.
Ganz unvorschriftsmässige West- und Südwestwinde wechselten statt dessen
mit einander, und die Folge davon war, dass wir immer näher gegen Afrika
zu trieben und, beständig mit halbem oder viertels Wind segelnd, knapp
zwischen den Kapverdischen Inseln und Senegambien hindurch fahren mussten.
Kaum hatten wir diese passirt, so sprang der Wind nach Süden um, und wir
steuerten Südsüdwest gegen Brasilien zu. Nur hie und da wehte es auf
kurze Zeit in einer uns günstigeren Richtung, aus Norden oder aus Nordost,
und der Kapitän verfehlte dann nie, mich auf die geballten Passatwolken
rings am Horizont aufmerksam zu machen und sanguinisch eine anhaltende
Besserung unserer Reise in Aussicht zu stellen. Doch immer von Neuem wurde
sein Vertrauen getäuscht, und hatten wir vierundzwanzig Stunden eine
gute Brise von hinten mit sechs Knoten per Stunde gehabt, so schlief sie
regelmässig wieder ein, die Segel begannen wieder zu klappern, und ein
Gegenwind erhob sich.
Oder, was noch schlimmer war, die Stille wollte nicht mehr weichen, drei,
vier Tage lagen wir regungslos auf dem Wasser, der Abfall des Schiffes
trennte sich nicht mehr von unserer Nähe, und was wir des Morgens
über Bord geworfen hatten, konnten wir am Abend noch immer draussen
herumschwimmen sehen. Die Sonne brannte glühend herab, und eine
träumerische Stimmung lag über dem Deck, auf dem die Passagiere in
hellen Gruppen faul herumlungerten. Selbstverständlich war unter solchen
Umständen die Laune des Kapitäns nicht die rosenfarbigste. Tag und Nacht
wurde geschimpft und geflucht, am Barometer geklopft, ob es nicht ein
bischen fallen möchte, der Kajütsjunge in die Ohren gekniffen, zwecklos
und nur vielleicht zur Aufmunterung für den Wind Leesegel gesetzt und
wieder weggenommen.
Für mich waren solche Zeiten der Windstille im Anfang nicht ohne Reiz. Es
herrschte, namentlich Nachts, eine wohlthätige Ruhe. Allerdings hörte
das Schiff fast niemals auf, langweilig hin und her zu schaukeln, und das
Holzwerk, ebenso langweilig zu knarren. Dies war aber auch meistens das
einzige vernehmbare Geräusch, und ich konnte relativ ungestört mich
meinen Lieblingsbeschäftigungen hingeben.
Unsere Tagesordnung ging ihren stetigen Gang. Wir lebten zu dritt in der
Kajüte zusammen, nämlich ein Kajütspassagier, der Kapitän und ich --
grösstentheils einträchtig, wir beide letzteren hie und da in gespanntem
Verhältniss.
Der Kajütspassagier, ein harmloser, junger Mann des Handelsstandes,
Mister Ross genannt, besass glücklich genug nicht die geringste Anlage zur
Grimmigkeit, und schimpfte der Kapitän auch Tage lang unausstehlich,
oder versuchte er gar in guter Laune Witze zu machen, was noch viel
unausstehlicher war, Mister Ross blieb ungerührt. Er spielte gehorsam
Tag für Tag seine Partie Sechsundsechzig mit ihm, wenn er dazu kommandirt
wurde, liess ihn pflichtschuldigst gewinnen, kam pünktlich zu Tisch, legte
sich pünktlich zweimal täglich zu Bett, und lungerte die übrige Zeit,
wenn es schön Wetter war, auf Deck herum, friedlich seine Thonpfeife
rauchend. Ich selbst huldigte dem Prinzip vollkommenster Neutralität und
Isolirtheit, und meine Bücher und die Thiere des Meeres waren mir viel
interessanter als Alles, was der Kapitän und Mister Ross zu sagen wussten.
Die Verpflegung, welche wir genossen, unterschied sich vortheilhaft von
jener auf Postdampfern nach Amerika üblichen dadurch, dass man nie in
Versuchung kam, aus Mangel besserer Beschäftigung den Magen zu überladen.
Von der Ablösung der ersten Wache des Morgens um 4 Uhr an war schwarzer
Kaffe zu haben. Um 8 Uhr wurde das Frühstück, Kaffe mit kondensirter
Milch nebst Zwieback und Butter sowie die kalten Fleischüberreste des
vorigen Tages servirt. Um 1 Uhr folgte, nachdem die Mittagsobservation
genommen und der Ort des Schiffes berechnet war, das Dinner. Salzfleisch
und Büchsenfleisch, Reis und Kartoffel, Erbsen und Bohnen, Pflaumen und
Sauerkraut waren die wechselnden Hauptfaktoren desselben. Um 3 Uhr
gabs abermals Kaffe, manchmal mit einem frischgebackenen Kuchen von sehr
zweifelhafter Qualität, und um 7 Uhr den Abendthee, einschliesslich
Butter und Salz- oder Büchsenfleisch. Dazu wurde jedesmal harter Zwieback
geknabbert, nachdem der Vorrath an heimischem Schwarzbrot in den ersten
vierzehn Tagen aufgezehrt war. Ein schmieriger Wachstuchüberzug bedeckte
den Tisch, schmierig waren Gabel und Messer und schmierig der vielgeprüfte
Kajütsjunge Hannes, der uns bediente.
Besonders heilige Festtage auszuzeichnen, hatte man uns einige Käslaibe,
Schinken und Würste mitgegeben. Wir, die Honoratioren der Kajüte,
erfreuten uns jedoch nur zwei- oder dreimal dieser Kostbarkeiten. Eines
schönen Tages waren sie verschwunden, es hiess, die Matrosen hätten sie
gestohlen und aufgefressen.
In Bezug auf Spirituosen lebten wir äusserst mässig. Eine Flasche Bier
zu dritt war die tägliche Ration. Ich hatte zwar kontraktlich Anspruch
auf eine halbe Flasche Rothwein pro Tag, es war aber nichts davon an Bord
aufzufinden. Der in Seegeschichten eine so wichtige Rolle spielende steife
Grog existirte auf der Euphrosyne nicht, existirt überhaupt wohl nur auf
den Schiffen der Seegeschichten. In der Wirklichkeit sind die Seeleute
zu arm und die Rheder nicht splendid genug, um einen solchen Luxus zu
gestatten. Wenn ein Kapitän auf zwei Jahre hinaussegelt, so kriegt er
vielleicht ein paar Dutzend Flaschen Kognac und Wein für sich und ein
kleines Fässchen Rum für die Mannschaft mit. Erstere sind bestimmt zur
Repräsentation, wenn das Schiff im fremden Hafen liegt und Besuche an Bord
kommen, letzteres reicht gerade, um zwei- oder dreimal ein Fest zu feiern.
Die Euphrosyne besass eine sehr hübsche, helle und luftige Kajüte frei
auf Deck stehend, zu beiden Seiten schmale Gänge zwischen ihr und den
Borden. Ein roh getünchter Tisch, ein Sopha, etliche Klappstühle, zwei
grosse Medizinkisten, ein Spiegel, ein Barometer, ein Thermometer und ein
Kompass bildeten das Mobiliar des kleinen Salons derselben. Rechts hatte
der Kapitän seine Kammer, links ich die meinige. Gleich vor dem Salon
wohnte Mister Ross. Dann kamen die Badezimmer und das Frauenhospital, und
in dem vordersten Theil der Kajüte hausten die Offiziere des Schiffs,
der Steuermann, der Proviantmeister und der Bootsmann. In einem anderen
Häuschen über Deck zwischen Gross- und Fockmast waren die Küche, das
Männerhospital und das »Logis« für die Mannschaft.[1] Meine Kammer
liess an Gemüthlichkeit nichts zu wünschen. Sie war zwar eng und klein,
und wenn ich eine Schublade aufmachen wollte, musste ich erst meinen Koffer
und den Stuhl in den Salon hinaussetzen, aber sie hatte ein grosses Fenster
und eine Menge Licht. Leider ging es gerade vor dem Fenster über eine
Treppe hinauf nach dem Achterdeck, auf welches die einzelnen Mädchen
gebannt waren, und mit Vorliebe setzten sich diese, meine Kammer
verdunkelnd, auf jene Treppe, bis ich mit dem Stock hinauslangte und sie
von dannen stupfte.
[1]: Seeleute sagen »Logies«, nicht »Loschie«.
Unser Zwischendeck war das schönste, welches ich jemals gesehen habe. Es
hatte die ungewöhnliche Höhe von 2,7 Meter und war sehr gut ventilirt. Es
war jedoch keine Stätte des Friedens, sondern der Schauplatz beständiger
Kämpfe. In den Verschlägen der einzelnen Männer vorne und der einzelnen
Mädchen hinten ging es noch leidlich. In der Mitte aber bei den Familien
mit ihrem Kindersegen hörten die Reibereien nie auf. Fast immer waren es
natürlich die Weiber, welche anfingen und ihre respektiven Ehegatten auf
einander hetzten.
Zwei feindliche Parteien standen sich voll Hass gegenüber, die
Skandinavier und die Polen. Erstere waren musterhaft reinlich und hatten
viel Sinn für Ordnung. Bei den letzteren galt mit wenigen Ausnahmen
ungefähr das Gegentheil. Man konnte sich kein schmutzigeres und
armseligeres Volk denken als jene unglücklichen Abkömmlinge der
Weichselgegend. Alle Tage kamen Klagen über ihre Unsauberkeit, die selten
grundlos waren, alle Tage musste ich über acquirirte Pediculi vestium
jammern hören. Die Dänen erklärten mit Ueberzeugung, dass jene Thierchen
nichts Geringeres beabsichtigten als sie alle aufzufressen. Ich bestimmte
eine Frist, bis zu welcher die Polen dieselben abgeschafft haben mussten,
vertheilte Sabadillaessig, Petroleum und Perubalsam, und bei wem ich
nach zwei Wochen noch Spuren davon fand, bekam nichts zu essen. Dies half
einigermassen. Die Betten wurden, so oft es das Wetter erlaubte, gesonnt,
die Kleider gebrüht und die Kinder mit der bisher unbekannten Gewohnheit
einer täglichen Reinigung vertraut gemacht.
Die nationalen Gegensätze übertrugen sich auch auf das religiöse Gebiet.
Wir hatten vier deutsche protestantische Missionäre an Bord, die theils
für Neuseeland, theils für Australien bestimmt waren, und denen ich den
vorgeschriebenen Gottesdienst und die Schule übertrug. Sie bildeten unsere
offizielle Staatskirche, und im Anfang kam Alles einträchtig bei ihnen
zum Sonntagsgebet zusammen. Auf einmal fiel es den skandinavischen
Völkerschaften ein, dass sie ihren eigenen Gottesdienst in dänischer
Sprache haben wollten. Sie wählten einen alten Mann aus ihrer Mitte zum
Vorbeter und blieben weg. Dieses Beispiel wirkte ansteckend, und sofort
wurden auch die katholischen Polen schismatisch und bildeten eine dritte
Religionsgemeinde, so dass die Missionäre mit ihren salbungsvollen Worten
nur mehr auf ein sehr kleines Häuflein beschränkt waren.
Diese Dreiheit führte zu wahrhaft österreichischen Zuständen, und
fast jeden Sonntag gab es Reibereien. Fingen die Einen hier ein deutsches
Kirchenlied an, so erhob sich dort ein polnischer Gesang, und daneben
begann wieder eine andere Gruppe, dänisch zu singen. Gerade so gings
mit der Schule. Mit dieser wollten sich die Polen niemals befreunden.
Sie schickten ihre Kinder nicht regelmässig, oder ihre Kinder waren
widerspänstig und wollten nichts lernen. Recht gerne würde ich ihnen
ebenso wie den Dänen eine eigene Schule eingeräumt haben, wenn unter den
Polen ein einziger Mann fähig gewesen wäre, Unterricht zu ertheilen. Die
ausgezeichneten englischen Vorschriften, nach denen ich regieren musste,
waren eben für Auswanderer englischer Nation, nicht für das Sprachen-
und Nationalitätengewirr, welches auf deutschen Schiffen zu sein pflegt,
gemacht.
Nur bei den Kindstaufen herrschte merkwürdiger Weise eine vollkommene
Parität der Konfessionen. Fünfmal war es uns vergönnt, dieses Fest zu
feiern. Und zwar geschah es jedesmal, da wir nöthigenfalls damit warteten,
bis gutes Wetter eintrat, unter dem grössten uns möglichen Pomp, um
keine Gelegenheit zu einer die Stimmung auffrischenden Volksbelustigung
vorübergehen zu lassen. Unsere feinste Suppenschüssel wurde als
Taufbecken mit rothen Bändern auf das Gangspill vor der Kajüte befestigt.
Sämmtliche vierundzwanzig Signal- und etliche alte Nationalflaggen mussten
herhalten, eine Art Presbyterium zu formiren. Die Missionäre zogen ihren
besten Ornat an, predigten und beteten fast eine Stunde lang, und die
Schuljugend sang fromme Lieder dazwischen.
Gleich bei dem ersten kleinen Weltbürger, der protestantischer Abkunft
war, machten die Missionäre ihre Sache so schön und so erhebend, dass
selbst die religiösen Vorurtheile der Polen nicht mehr Stand hielten und
alle vier im Mutterwerden folgenden Polinnen sich steif und fest in den
Kopf setzten, dass auch ihre Sprösslinge von den Missionären getauft
werden sollten. Die Stammesgenossen remonstrirten zwar dagegen und machten
Vorwürfe, während die gestrengen Diener des Herrn betheuerten nur unter
der Bedingung taufen zu können, dass dann die Kinder auch protestantisch
werden müssten. Die Eitelkeit der Weiber überwand alle Bedenken und
bekannte sich auf einmal zu den freiesten Grundsätzen, wohl unter dem
geistlichen Vorbehalt, dass später der Katholizismus wieder in seine
Rechte treten sollte.
Die erste Geburt an Bord werde ich nie vergessen. Dieser Fall war
komplizirt mit Schwierigkeiten, die in keinem Lehrbuch der Geburtshilfe
vorhergesehen sein dürften, und auch später knüpften sich an ihn einige
Thatsachen, die in Bezug auf Psychologie und Kulturgeschichte nicht
ohne Interesse sind. Es war eine vorzeitige Greisin von vierzig Jahren,
Erstgebärende und Gattin eines Wittwers mit acht Kindern, die den Reigen
unserer Volksvermehrung eröffnete, und die ich in einer unwirschen
Sturmnacht kurz vor Madera ins Hospital schaffen musste.
Nicht nur die süsse Frucht unterm Herzen der pommerschen Hekuba äusserte
ein intensives Widerstreben die schnöde Welt zu erblicken, auch die
Elemente schienen sich verschworen zu haben, ihren Austritt aus dem holden
mütterlichen Organismus zu hintertreiben. Das Rollen und Stampfen des
Schiffs war so heftig, dass ich die chloroformirte Wöchnerin im Bett
anbinden und mich selbst durch den Kapitän festhalten lassen musste,
während der erste Offizier mit einer trüben Laterne leuchtete und
zugleich das Chloroform handhabte. Mehr als drei Mann hatten nicht Platz
vor der Koje. Ungefähr eine Viertelstunde lang wurden wir vier
oder vielmehr fünf betheiligten Personen von dem Sturm hin- und
hergeschleudert, wie ein Rattenkönig hartnäckig aneinanderhängend --
da siegte endlich die Zange. Abgesehen von einer auch auf dem festen
Lande ziemlich häufigen Beschädigung, die durch die Nähnadel wieder gut
gemacht werden konnte, war die Operation ganz ausgezeichnet gelungen. Nicht
blos der Vater wurde gerettet, womit so oft in schwierigen Fällen das
Bewusstsein des Arztes sich trösten muss, auch die Mutter und der kleine
Junge erfreuten sich des besten bis zum Schluss der Reise andauernden
Wohlbefindens.
Dieser Triumph meiner Kunst zog mir indess den Hass des zärtlichen Gatten
und Vaters zu. Er war nämlich in der angenehmen Hoffnung befangen gewesen,
dass jene beiden zu Grunde gehen möchten, und sah sich nun getäuscht.
Die Zeit stimmte nicht mit seiner Berechnung. Er hatte sich schon zu Hause
scheiden lassen wollen, aber die Agenten hatten ihm gesagt, dass dies in
Neuseeland viel leichter sei und viel weniger Umstände mache. Nachdem
er vergebens mich zu bewegen versucht, ihm hierin bei seiner zukünftigen
Regierung behilflich zu sein, wurde er mein erbitterter Feind, und
später, als wir auf einer einsamen Insel in Quarantäne lagen, war er der
Rädelsführer einer kleinen gegen mich gerichteten Rebellion. In solcher
Art waren die Gemüther besaitet, mit denen ich zu wirthschaften hatte.
Aber auch von dem Lenker und Befehlshaber des Schiffes blühten mir
Schwierigkeiten.
Die Anschauungen der Passagiere über Quantität und Qualität des ihnen
verabreichten Proviants gaben zuweilen zu Meinungsverschiedenheiten
zwischen dem Kapitän und mir Veranlassung. Jene glaubten fast alle
Tage, dass sie zu wenig zu essen bekämen, der Kapitän war stets der
entgegengesetzten Ansicht. Wenngleich jene fast nie zufrieden zu stellen
und ganz unglaubliche Massen zu vertilgen im Stande waren, auch zweifellos
die Mehrzahl hier an Bord besser genährt wurde, als jemals früher in
ihrem Dorf zu Hause, so konnte ich doch nicht jedesmal ihnen Unrecht geben.
Meine antagonistische Pflicht, dem Schiff und seinem Führer gegenüber
die Interessen der Neuseeländischen Regierung und ihrer Immigranten zu
vertreten, gebot mir, vom Kapitän die genaue Befolgung der Instruktionen
zu verlangen. Dies war ihm unangenehm, er schimpfte und schlug mit der
Faust auf den Tisch, ich drohte, die Angelegenheit in meinem Journal
niederzulegen, er schimpfte noch ärger und schlug zweimal auf den Tisch
-- aber die Passagiere erhielten was ich verlangt hatte. So trieben wirs
beinahe die ganze viermonatliche Reise hindurch, nur dass später in
der zweiten Hälfte derselben die Umstände etwas unangenehmer und die
Wuthausbrüche heftiger wurden. Ein- bis dreimal wöchentlich dieselbe
Komödie. In mein Journal ist niemals eine Klage gekommen, die blosse
Drohung damit genügte.
Andrerseits war es jedoch nicht minder geboten, den Beschwerden gegenüber
möglichst vorsichtig zu sein. Kaum war ich dem einen gerecht geworden, und
kaum hatten andere gesehen, dass man sich nur an mich zu wenden brauchte,
um ein Stück Fleisch oder Speck mehr zu erlangen, als auch gleich Alle
kamen und klagten. Da kamen nicht nur Krapülinski und Waschlapski,
Schubiakski und Schmieriumski mit Weib und Kind an Backbordseite im
Gänsemarsch zu mir aufs Achterdeck anmarschirt, auch die Skandinavier
wollten nicht zurückbleiben, und an Steuerbordseite erschien eine
Prozession von lauter Nielsen, Christensen, Andresen und Johannsen, und
jeder brachte seine Schüssel Salzfleisch, Sauerkraut und Bohnen mit, um
sie mir zu zeigen.
Wenn es nun nicht blosse Unverschämtheit und Gefrässigkeit war, der die
reichlich zugemessenen Rationen nicht genügten, und die ich energisch
zurückweisen oder selbst strafen musste, so stellte sich bei näherer
Untersuchung nicht selten heraus, dass man bereits einen Theil verzehrt
oder bei Seite gelegt hatte, um mich zu täuschen. Die Skandinavier
trollten sich in solchen Fällen beschämt von dannen und nahmen ihre
Strafe als etwas Selbstverständliches hin. Die Polen aber, wenn ertappt,
geriethen in Verzweiflung. Lautes Zetergeschrei und Schwüre der Unschuld
erfüllten die Luft. Die Männer rauften sich in den Haaren, die Weiber
rutschten mit ihren blärrenden Kindern auf den Knieen herbei, suchten mir
Hände und Rockschoss zu küssen, Erbarmen flehend, obwohl es sich nur um
die Entziehung der Bohnen oder des Sauerkrautes für einen Tag handelte.
Wir besassen leider kein Arrestlokal und überhaupt keinen hierzu
verwendbaren Raum im ganzen Schiff, und so willigte ich denn einmal mit
Widerstreben ein, dass der Kapitän einem Polen, der sich eine grobe
Widerspänstigkeit gegen ihn hatte zu Schulden kommen lassen, Handschellen
anlegte, um ihn so zum warnenden Beispiel auf zwei Stunden vor dem
Grossmast an den Pranger zu stellen. Der Mann geberdete sich wie ein
Wahnsinniger in seiner Wuth darüber, versuchte erst mit einem Messer sich
in den Hals zu schneiden, und rannte dann voller Verzweiflung nach der
Verschanzung, um über Bord zu springen, heftig mit den zwei Matrosen
kämpfend, die ihn zu bewachen hatten. Die ganze Polakei bis zu den
Säuglingen herab wurde rebellisch, kreischte und heulte, und das Deck bot
einen Anblick, als ob ein ernstlicher Aufruhr ausgebrochen sei.
Täglich um 10 Uhr war Proviantausgabe. Die Passagiere waren in
Tischgesellschaften von ungefähr je einem Dutzend Köpfen eingetheilt,
jede solche Tischgesellschaft, »Back« genannt, hatte ihre Nummer, und
der Proviantmeister wog vor Aller Augen die Rationen ab. Das konservirte
Fleisch wurde in den Büchsen von bestimmtem Gehalt verabreicht, die
Salzfleischportionen wurden mit Blechnummern versehen und über Nacht in
einen grossen Bottich zum Auswässern gelegt.
Dieser Bottich machte uns viel Kummer. Bald fanden sich regelmässig Diebe
ein und bestahlen seinen Inhalt. Ich entwarf nun eine Wachliste und stellte
Posten davor hin. Aber die Posten schliefen ein, und am Morgen fehlten
wieder etliche Fleischstücke, wie zuvor. Ich liess nun ein entbehrliches
Schloss von einer Thür wegnehmen und an den Bottich befestigen. Nach
zwei Tagen hatte der Proviantmeister den Schlüssel verloren, und als ein
anderes Schloss angebracht war, wurde der Deckel aufgebrochen.
Diebstähle jeglicher Art gehörten überhaupt zur Tagesordnung. Es war,
als ob bei der Beschäftigungslosigkeit unseres Gesindels das Bedürfniss
nach Thätigkeit und Unterhaltung sich nur in dieser einen Richtung geltend
machen wollte. Sie stahlen aus reinem Sport.
Trotz all dieser fast unaufhörlichen Widerwärtigkeiten meines Amtes boten
mir die ersten zwei Monate der Reise doch viel Genuss, und ich habe
mich während dieser Zeit nicht ein einziges mal gelangweilt. Eine der
Hauptabsichten, die ich ins Auge gefasst, war, die Thiere des Meeres zu
studiren, insbesondere jene Unzahl kleinerer Lebensformen, an denen die
Salzfluth so reich ist, die zwar dem oberflächlichen Beobachter,
weil unscheinbar, meistens entgehen, die aber gerade deshalb nur um so
interessanter sind. Auf Dampfern, die rasch hindurch fahren, lernt man die
See und ihren Reichthum nicht kennen. Nur auf Segelschiffen bietet sich
hiezu Gelegenheit. Hauptsächlich aus diesem Grunde war ich auf die
Euphrosyne gegangen.
Schon bei Biscaya hatte ich meine Schleppnetze ausgepackt. Aber lange
wollte kein passendes Wetter zum Fischen kommen. Ich verlor die Geduld, und
als wir eines Tages kaum eine Meile per Stunde machten, während die See
noch ziemlich hoch ging, wagte ich den ersten Versuch.
Nach fünf Minuten war mein Netz abgerissen und verloren. Ich hatte den
Fehler begangen, dem fachmännischen Urtheil des Kapitäns mehr zu glauben
als es verdiente. Der Kapitän, gerade in guter Laune und beseelt von
dem Wunsch, mit mir in gutem Einvernehmen zu leben, unterstützte mich in
meinen zoologischen Bemühungen, so sehr sie ihm innerlich auch zuwider
sein mussten. Ich legte ihm mein Netz, einen einfachen Sack aus sehr
starkem Strammin an einem verzinkten eisernen Ring von ein halb Meter
Durchmesser, und die Leine, welche den Ring an drei Strippen hielt, zur
Prüfung vor und frug ihn, ob diese wohl den herrschenden Seegang aushalten
würde. Er lachte über meine Besorgniss, und ich warf das Netz über Bord.
Wie sehr staunte ich, als ich den gewaltigen Zug fühlte, den dieser kleine
Körper dem Wasser entgegensetzte. Das Schiffshintertheil stampfte in
Schwingungen von etwa drei Meter Bogenlänge auf und nieder, und jedesmal
wenn es sich erhob, spannte sich die Leine bis zum Platzen, so dass ich sie
kaum mehr halten konnte und ein gutes Stück auslassen und festschlingen
musste, um rasch wieder einzuziehen sowie wir wieder hinabtauchten.
Ein Dutzend mal hatte ich dieses beschwerliche und ermüdende Manöver
vollzogen, da kam eine etwas gröbere Aufwärtsbewegung, ein leichter
Knall, und ich hatte die leere Leine in der Hand, das Netz, noch etliche
Sekunden hell durch das Dunkelblau der hinten hinwegrollenden Wogen
schimmernd, verschwand in die Tiefe.
Von nun an war ich vorsichtiger, folgte mehr meinem eigenen Urtheil, nahm
eine stärkere, gut fingerdicke Leine, und versuchte nur bei ganz ruhiger
See zu fischen, wenn wir keine schnellere Fahrt als höchstens vier Knoten
machten. Schon bei drei Knoten war Ein Mann allein kaum im Stande, das Netz
wieder einzuziehen, und man musste immer dabei bleiben und loslassen wenn
ein stärkerer Windstoss kam. Es musste dann überhaupt ziemlich viel Leine
ausgesteckt werden, sonst fing das Netz, wenn es zu kurz gehalten war, an,
über die Oberfläche des Wassers hinwegzutanzen, ohne etwas zu fangen. Ein
grosser Missstand war, dass die Baumwollefäden des Strammins aufquollen,
wodurch die Maschen verengt wurden und zu viel Widerstand boten. Ich würde
deshalb in künftigen Fällen ein Geflecht aus anderem Material vorziehen.
Eines der ersten Thiere, welches mir aufstiess und mich im höchsten Grad
überraschte, war ein Insekt, Halobates, ein Wassertreter, ganz ähnlich
dem sehr gemeinen Hydrometra, der in unseren Teichen und Sümpfen
mit gespreizten Beinen ruckweise auf dem Wasser spazieren geht. Ein
Wassertreter, ein so kleines und zartes Wesen, mitten auf dem Ozean über
die Wellen schreitend! Von den Kapverden bis einige Grade südlich vom
Aequator an der brasilianischen Küste fand ich allenthalben dieses
interessante, muthige Thierchen, und es fehlte fast nie im Netz. Noch
weiter südlich wurde das Wetter auf lange Zeit zu unruhig, um das Fischen
zu gestatten, und im Indischen Ozean erschien es nicht wieder.
Ich hatte sogar das Glück, Halobateseier in jedem Stadium, die ganze
Entwickelungsgeschichte des Thierchens, zu erwischen. Im Netz fing sich
häufig aller mögliche Unrath vom Schiffe mit, und einmal fand ich auch
eine Vogelfeder darin, die sehr gebraucht aussah, so dass ich im Anfang
dachte, einer unserer Passagiere habe damit seine Pfeife gereinigt und sie
dann über Bord geworfen. Bei näherer Betrachtung aber entdeckte ich,
dass sie mit einem hellen Schleim überzogen war, in dem röthliche bis
schwärzliche Körperchen steckten. Ich legte einen Theil davon unter das
Mikroskop, und siehe da, die Körperchen waren fötale Halobatesindividuen,
vom nahezu unentwickelten Ei bis zum vollständig ausgebildeten, sich
bereits lebhaft bewegenden Thier von Stecknadelkopfgrösse, das ebenso wie
sein Süsswasserbruder bei uns keine Metamorphose durchmacht. Leider ist
mir gerade jenes Spiritusglas, in welchem ich die kostbare Feder verwahrte,
später in Neuseeland, während ich einige Wochen abwesend war, zerbrochen
worden. Ich habe sie zwar abermals in Spiritus gesetzt und nach Hause
gebracht, aber als einmal vertrocknet wird das Präparat kaum mehr zu
brauchen sein.
Nicht minder merkwürdig, wenn auch minder überraschend, da sie nicht
unerwartet kamen, waren mir die Pteropoden, jene eigenthümlich gestalteten
Schnecken, welche in den frühen Morgenstunden schaarenweise an die
Meeresoberfläche emporzusteigen pflegen, um mit dem Erscheinen des
Tages wieder in die Tiefe zu tauchen. Doch fing ich deren auch an trüben
Nachmittagen und nie mehr als ein Dutzend auf einmal.
Man darf sich unter diesen »Flügelfüssern« keine Schnecken im
gewöhnlichen Sinn des Wortes vorstellen. Ihre Gehäuse, sofern
sie überhaupt eines besitzen und nicht ganz nackt sind, haben die
verschiedensten Formen, nur keine Schneckenform, sie sind bald glashelle,
bald wie Emaille glänzende, braun bis bläulich gefärbte Düten, einfach
oder mit 3 bis 4 Stacheln besetzt, glattgewölbt oder kantig, drehrund
oder plattgedrückt, mit einer freien oder lippenartig zusammengepressten
Oeffnung, aus welcher die Thiere blos ihren zu förmlichen Flügeln oder
Flossen umgebildeten Fuss strecken, um damit im Wasser herumzuflattern
ähnlich eben flügge gewordenen Vögeln. Wenn ich sie aus dem Netz in
einen Glastopf oder in meine weisse Waschschüssel setzte, lagen sie
erst wie betäubt einige Minuten regungslos auf dem Grunde. Viele wurden,
wahrscheinlich durch die im Netz erlittene Quetschung getödtet, nicht
wieder lebendig, andere aber fingen bald an, langsam und allmälig aus
dem Gehäuse ihre Flügel herauszustrecken und leise sie auf und nieder
zu heben. Bei den meisten blieb es bei diesen schwachen Versuchen, in die
Höhe zu fliegen. Einige jedoch, weniger bedeutend verletzt, bewegten
sich immer rascher, stiessen sich ab vom Boden, stiegen, emsig flatternd,
ruckweise immer höher, bis sie zuletzt an der Oberfläche des Gefässes
herumhüpften, nach einigen Sekunden, wie um auszuruhen, wieder
hinabsinkend und dann das Aufwärtsstreben von Neuem beginnend.
Es gewährte mir ein unschätzbares Vergnügen, diese kleinen kaum
zentimeterlangen Geschöpfe zu beobachten, und ganze Nächte fischte ich
oft, durchsuchte mit der Blendlaterne mühselig das Netz und besah meine
Beute drunten auf dem Tisch der Kajüte beim Lampenlicht. Wie paradox
klingt es, von Schnecken zu hören, die im Wasser herumflattern gleich
jungen Vögeln, die ihre ersten Fliegversuche machen. Später auf der
Viti-Insel Kandavu sollte ich noch eine Muschel von 3 Zentimeter Länge
kennen lernen, die ebenfalls im Glase stossweise herumfuhr, so dass ich sie
anfänglich für einen zweischaligen Krebs hielt. Es war eine Lima.
Auch Janthinen fing ich zuweilen, aber immer nur junge, nicht ausgewachsene
Individuen. Es sind dies jene bekannten pelagischen Schnecken mit
zartem blauem Gehäuse, welche sich aus Luftblasen, die sie durch eine
schleimartige Absonderung zusammenkleben, einen Schwimmapparat bereiten.
Dieser Schwimmapparat, der auf den ersten Blick aussieht, wie ein Häufchen
Schaum und an der stets nach oben gerichteten Bauchseite des Thieres
sitzt, ist merkwürdig widerstandsunfähig. Geht er verloren, so sinkt die
Schnecke unter und kann die Meeresoberfläche nicht wieder erreichen. Bei
allen Janthinen, die ich fing, war derselbe durch den Zug des Netzes mehr
oder minder verletzt. Einige fielen in der Schüssel zu Boden und lagen
regungslos und in die Schale zurückgezogen unten, ohne einen Versuch zu
machen, in die Höhe zu kommen. Andere aber, deren Schwimmapparat sie noch
trug, gingen sogleich daran, ihn auszubessern. Mit dem vorderen lappenartig
verlängerten Theil ihres Bauchfusses griffen sie aus dem Wasser heraus
in die Luft, umfassten wie mit einem Schöpflöffel einen Lufttropfen
und drückten ihn an den noch vorhandenen Schaum. Zogen sie den Fuss dann
wieder zurück, um dieselbe Bewegung zu wiederholen, so war eine neue Blase
angefügt. So schöpften sie Blase um Blase aus der Luft, alle 5 oder 10
Sekunden eine.
Ich würde bedenklich scheitern, wollte ich alle die Lebensformen zu
beschreiben versuchen, die oft ein einziger Zug des Netzes mir vor Augen
brachte. Wie wimmelte es oft in der Waschschüssel oder im Glastopf von
Krustern, Salpen und Quallen, kein Thier länger als höchstens drei
Zentimeter. Namentlich erstere lieferten die grösste Anzahl an Individuen
und manchmal auch an Arten. Blaue Zyklops- und Gammarusartige Krebse
schossen kreuz und quer stürmisch herum, kleine röthliche Garneelen mit
grünlich leuchtenden Augen zogen, an einander geklammert, rastlos
ihre Kreise, winzige Krabben von Erbsengrösse mit komisch glotzenden
unverhältnissmässigen Augen krabbelten bedächtig am Boden, und
vollkommen durchsichtig und glashell, nur durch den leichten Schatten, den
sie warfen, erkennbar, schlichen gespensterhaft groteske Phyllosomen, die
Jugend des Palinurus, oder die seltenere Kaprella durch das Gesindel der
gemeinen Verwandten. Man musste rasch nach dem Werthvolleren sich umsehen
und es retten. Denn die Garneelen und Zyklopoiden verschonten nichts, und
kaum lag ein Fischchen oder eine Salpe todt auf dem Grunde, so hingen sie
auch schon dutzendweise daran und frassen. Und hat so ein nichtsnutziger
kleiner Krebs einmal etwas erfasst, so lässt er nicht mehr los, und alles
Herumstossen und Zerren ist vergeblich.
Fast alle diese Thierchen leuchteten. Schon im Netz, oben auf Deck in der
Dunkelheit, verriethen sie sich durch geheimnissvoll phosphoreszirende
grünliche Punkte. Es leuchteten die Augen der kleinen Garneelen,
die Salpen und Quallen, besonders aber die sehr häufigen formlosen
Schleimklümpchen, welche vielleicht Noktiluken waren. Selbst unten in
der Kajüte beim Lampenlicht verloren sie ihre Phosphoreszenz nicht
vollständig, sondern leuchteten etwas schwächer fort.
Sehr unangenehm war die Gegenwart von Physalien. Wir waren zuweilen Tage
lang umgeben von Tausenden junger, kaum wallnussgrosser Individuen dieser
nesselnden Quallen, und auch sie wurden dann regelmässig als unwillkommene
Beigabe gefangen. Das kleinste abgerissene Partikelchen ihrer blauen
Anhängsel, das man kaum sah, genügte, die Hand empfindlich zu stechen,
wenn ich die Falten des Netzes durchsuchte. Unter den Seeleuten plaudert
einer dem anderen nach, dass solche Berührungen äusserst gefährlich,
zuweilen sogar tödtlich seien. Wenn dies auch nicht der Fall ist, so
hinterliessen sie doch auf einige Stunden ein höchst lästiges intensives
Jucken nebst Röthung und quaddelförmiger Schwellung der Haut.
Nur im Anfang fischte ich häufiger während des Tages, später fast nur
mehr bei Nacht. Ich fand bald, dass während des Tages, wenn die Sonne
glühend herabbrannte, ausser Wassertretern und Janthinen, kleinen
Fischchen und Salpen nicht viel zu erwischen war. Bei Tage wurde auch immer
zu viel über Bord geworfen, und Proben von den Abfällen des Schiffes
geriethen ins Netz, wenn man nicht fortwährend Acht gab.
Allerdings waren die Schwierigkeiten bei Nacht um so grösser. Es
war zuweilen nicht leicht, auf dem fast stets langweilig hin und her
schwankenden Achterdeck das Netz zu durchsuchen, in der einen Hand eine
schlechtbrennende Diebslaterne, die man nicht hinstellen durfte, weil sie
sonst umfiel, mit der anderen Hand zugleich den nicht minder gefährlichen
Glastopf beschirmend, in kauernder Stellung und in beständigem Kampf mit
dem Rollen unserer Euphrosyne, welches auch bei der ruhigsten See niemals
ganz aufhörte.
Erst wenn es dunkel und kühl wurde, kamen mehr Thiere an die Oberfläche,
und besonders in der allerersten Frühe vor Sonnenaufgang erhielt ich die
reichste Beute. Gar oft sah mich der roth hinter den Wolkenbänken des
Horizonts heraufdämmernde Morgen noch bei der Arbeit.
In der Stimmung solcher Stunden lag so viel Erfrischendes und Poesievolles.
Träge wälzte die See ihre bleigrauen Wogen und schaukelte leise das
Schiff, über dem noch tiefe Ruhe lag. Allmälig regte sichs in den unteren
Räumen. Der Zimmermann fing an zu arbeiten und feilte an seiner Säge, und
das schrille Geräusch rief Erinnerungen an so manche Ferientage, die ich
zu Hause auf dem Lande verlebt, in mir wach. Die Sonne blitzte über das
Meer. Ich zog meine Netze ein und ging zu Bett.
Die Seeleute hatten von ihrem Standpunkt ganz recht, wenn sie mich
auslachten. Fing ich ja nie etwas was man essen konnte. Gleichwohl
wunderten sie sich, dass es im Meere, auf dem sie schon zwanzig Jahre
herumfuhren, so viel »Ungeziefer« gebe. Thiere, die kleiner sind als
einen Fuss, existiren dem durchschnittlichen Jan Maat, dem schlechtesten
Beobachter in naturhistorischen Dingen, den ich kenne, nicht. Als ich auf
einer meiner ersten Seereisen einmal zwei ganz gewöhnliche Quallen, von
denen im Sommer jeder Hafen wimmelt, in ein Glas geschöpft hatte, fragte
mich mein alter Kapitän, was denn das für komische Dinger wären, die er
niemals gesehen.
Viel weniger glücklich als mit dem Netz war ich mit der Angel. Ich hatte
mich mit Angelhaken jeder Sorte ausgerüstet, und meine ganze Kammer hing
voll von Angelzeug verschiedener Grössen. Aber bis auf drei Haie und
später im Indischen Ozean zwei Dutzend Albatrosse habe ich nie etwas damit
gefangen. Auch hierbei lernte ich den negativen Werth der Rathschläge
unserer Seeleute schätzen. Jeder von ihnen wollte bereits unzählige
Makrelen, Bonitos und Delphine geangelt haben, jeder wollte mir zeigen, wie
man es mache, jeder auf eine andere Methode, und nur der Proviantmeister
schien den richtigen Bescheid zu wissen, indem er schwor, alle Fische, die
ich erwischte, lebendig mit Haut und Haaren zu fressen.
Einmal als wir ganz ruhig lagen, kam ein Rudel fliegender Fische so
nahe ans Schiffshintertheil geschwommen, dass ich sie deutlich von oben
beobachten konnte. Das Meer war spiegelglatt, die Sonne glitzerte blendend
darauf, kein Laut als das Klappern der Segel regte sich weit und breit. Die
Passagiere lagen herum und träumten.
Etwa zehn oder zwölf fliegende Fische schwänzelten zierlich neben dem
Steuer unten heran, dicht neben einander sich haltend, hie und da einer die
langen Flossen spreizend wie ein Kanarienvogel, der im Käfig den Flügel
dehnt, um sich daran zu kratzen. Plötzlich schwirrt der vorderste in die
Luft, und die anderen folgen ihm. Ich höre deutlich das Plätschern des
abtropfenden Wassers und das Geräusch ihres Fluges, welches an fliegende
Heuschrecken erinnert. Nach einiger Zeit kamen sie zurück. Ich warf
ihnen kleine Stückchen Speck zu, die sie, sich zankend und beissend,
verschlangen, endlich versuchte ich es auch mit einer feinen Angel. Der
Köder war ihnen entschieden verführerisch. Wiederholt schnupperten sie
an ihm herum, wandten sich ab, schnupperten wieder, spreizten gereizt die
langen Flossen und streckten sich lüstern vor. Ich befestigte glitzernde
Stanniolblättchen über dem Speck, ich nahm Fleisch, ich nahm Käse --
alles umsonst. Sie schnupperten vorsichtig und lange daran herum, aber
keiner biss. Ich holte nun meine Pilke, einen schweren Nagel an einer
Leine, um den rings Angelhaken gebunden sind, jenes Instrument, mit welchen
die Kabeljaufischer auf den Neufundlandbänken durch Anreissen einzelne
Kabeljaus aus den Schwärmen herauszuhaken pflegen. Kaum liess ich
vorsichtig die Pilke hinab, als die ganze Gesellschaft aus dem Wasser
raschelt und hinwegschwirrt wie ein Heuschreckenschwarm. Fort waren sie und
kamen nicht wieder.
Oft sollen fliegende Fische auf das Deck oder in die Rüsten von Schiffen
fliegen. Unsere Euphrosyne war aber hierzu, weil leicht geladen, zu hoch,
und nie gerieth ein fliegender Fisch auf diese Weise an Bord.
Ebenso vergeblich wie das Angelzeug hatte ich eine Harpune mitgenommen. Es
glückte mir nie, einen Tümmler damit zu erbeuten. Die Euphrosyne ragte
auch hierzu zu weit aus dem Wasser. Selbst einer unserer Matrosen, der im
Harpuniren ziemlich erfahren und geschickt zu sein schien, hatte nicht mehr
Erfolg.
Das Harpuniren dürfte überhaupt zu den schwierigeren Arten des Sports
gehören. Man stellt oder setzt sich auf die beiden untersten Ketten,
welche vorne vom Stampfstock unter dem Bugspriet nach den Krahnbalken
auseinanderlaufen, mit der Brust an den Stampfstock gelehnt, in der
Linken einige schwerwiegende Buchten Tau, in der Rechten den nicht minder
gewichtigen drei Meter langen Schaft der Harpune. Will man nicht riskiren,
ins Wasser zu fallen, so bindet man sich noch eine Tauschlinge um den Leib,
büsst aber dafür diese relative Sicherheit mit einer sehr fühlbaren
Erschwerung der ohnehin schon ziemlich unbequemen und belasteten Situation.
Oben auf Deck stehen einige Mann bereit, das Tau der Harpune einzuziehen,
sobald man geworfen hat. Gewöhnlich erscheinen Tümmler nur bei unruhiger
See. Das Schiff stampft auf und nieder, der Schaum, den der in rascher
Fahrt durchschneidende Kiel aufwühlt, spritzt hoch empor, man balanzirt
mühselig mit seiner Last hin und her.
Nun kommen die Fische. Schon von Weitem haben wir eine lange Schaar von
Hunderten auf uns zusteuern sehen, in mehreren Reihen einer hinter dem
anderen lustig sich über die Wellen vorwärtswälzend. Kaum dass wir unter
das Bugspriet geklettert und mit Harpune und Tau klar zum Gefecht sind,
spielen sie auch schon zu unseren Füssen vor dem Kiel herum. Links
und rechts eilen sie voran, springen im Bogen empor, schiessen deutlich
sichtbar im Wasser fort, kehren zurück, tauchen unter dem Schiff von einer
Seite zur anderen und kreuzen sich vor dessen Steven, nach allen Richtungen
aufschnellend, übereinander purzelnd und plumpsend gerade senkrecht unter
dem Stampfstock, auf dessen Kette ich stehe.
So oft ich auch warf, ich habe nie einen Tümmler getroffen. Meine Harpune
fiel langsamer hinab, als sie vorüber schossen, und jeder vergebliche Wurf
schien ihre Fröhlichkeit zu vermehren. Zu zweit und zu dritt springen sie
manchmal nahe zu mir herauf, dass ich sie fast in der Luft hätte spiessen
können, und deutlich hörte ich oft das tönende Geräusch, mit dem sie
die feuchte Athemluft aus den Nasenlöchern schnaubten. Es klang mir wie
ein höhnisches Johlen.
Bei den Kapverden fing ich meinen ersten Haifisch. Der Mann am Steuer
war instruirt, mir zu melden, sobald sich ein solcher zeigen würde.
Die Haifischangel, ein fusslanger und schwerer Haken von zehn Zentimeter
Bogendurchmesser, mit Kette und einem Wirbel am Ende derselben, an dem
sie sich frei drehen konnte, war bereits seit mehreren Tagen mit einem
kindskopfgrossen festgebundenen Stück Speck versehen und hing fertig
hinten am Bollwerk.
Wir sassen gerade bei unserem kärglichen Mittagsmahl, als der Ruf »Hai
achterut« ertönte. Das langweilige Salzfleisch konnte jetzt warten,
ich eilte hinaus. »Der Hai ist nach vorne gegangen«, sagte der Mann am
Steuer, »er wird aber jedenfalls zurückkommen.« Ich nehme das nächste
Tau, das zu Buchten gerollt in der Nähe liegt, stecke es durch die Oese
des Wirbels der Angelkette, schlinge einen kunstgerechten Knoten, und die
Angel fliegt plumpsend ins Wasser.
Dieser lauten Einladung konnte unser Hai nicht widerstehen. Wir warten
keine Minute und er erscheint. Da rechts taucht seine lange spitze
Rückenflosse aus der blauen Fläche. Er kommt langsam näher. Jetzt ist
auch sein Körper zu erkennen, es ist ein Prachtexemplar, wohl drei Meter
lang. Gemessen und würdevoll, als ob ihn der Köder eigentlich gar nicht
recht interessire, schwimmt er heran, majestätisch sich wendend, kaum
merkbar die gewaltigen Brustflossen bewegend. Er taucht tiefer hinab und je
tiefer er geht, desto herrlicher braun färbt ihn der grünliche Glanz des
Wassers. Er taucht wieder in die Höhe, und siehe, dicht vor seiner spitzen
Schnautze, dicht vor dem unersättlichen Rachen schwimmen geschäftig
und zierlich schwänzelnd vier kleine quergeringelte Lootsenmännchen, je
nachdem der Hai sich wendet, bald ober ihm, bald vor ihm.
Der Köder scheint übrigens doch nicht so ganz verächtlich zu sein. Der
Hai fasst den Speck ins Auge, beschnuppert ihn und wendet sich ab. Er kehrt
in einem langsamen Bogen, ohne seiner Würde durch Eile etwas zu vergeben,
zurück und beschnuppert wieder den Köder, diesmal aufmerksamer. Ich
halte oben das Tau, dessen Ende festgemacht ist, und mir pocht das Herz vor
Freude. Welch aufregendes Vergnügen, ein so riesiges Thier an der Angel zu
fühlen.
Hinter mir stehen ein halb Dutzend Matrosen, um das Tau einzuholen,
sobald der Hai angebissen hat. Plötzlich dreht das Ungeheuer sich auf den
Rücken, die helle Bauchseite zeigend, ein mächtiger Ruck, und mit einem
wilden Halloh ziehen wir ihn in die Höhe, er zappelt an der Angel. Aber
gemach! Leicht kann er abreissen. Nur mit dem Kopf aus dem Wasser gezogen,
krümmt er sich wüthend und schlägt und stampft, und schäumender Gischt,
wie von den Schlägen einer Dampferschraube, wühlt empor. Ein zweites Tau,
in einer Schlinge um das erste gelegt, wird hinabgelassen, stülpt sich ihm
um den Kopf, wir hissen ihn ein wenig höher und suchen die Schlinge über
die gewaltigen Brustflossen hinabzubringen. Sie gleitet drüber weg und
bis zum Schwanze hinab, sie wird angezogen. Jetzt haben wir ihn doppelt
gefasst, er kann uns nicht mehr entgehen, so sehr er sich auch krümmt und
zappelt und sich bäumend um seine Axe dreht. Wir wollen ihn nicht auf
das enge Achterdeck bringen, sondern längsseits schleppen und auf das
Hauptdeck niedersetzen.
Im ganzen Schiff hat sich bereits die Kunde des Ereignisses verbreitet,
und das ganze Zwischendecksgesindel, barfüssige Kinder, säugende Weiber,
pfeifenrauchende Männer, läuft aufgeregt und stürmisch sich vordrängend
durcheinander oder klettert in die Wanten und auf die Deckhäuschen. Noch
ist der grosse Fisch nicht über dem Horizont des Bollwerks erschienen, und
alle strecken erwartungsvoll die Hälse und recken sich auf den Zehen.
Ein paar Offiziere brüllen, Platz zu machen, die Matrosen ziehen heulend
an den Tauen, der grosse Fisch kommt herauf und in Sicht, hoch in der Luft
noch immer sich krümmend und um sich schlagend. Ein allgemeines Ah des
Erstaunens, die Vordersten drängen furchtsam zurück, die Hintersten
neugierig vorwärts. Ein paar halberdrückte Weiber fangen an zu schreien,
und ein paar Männer zu schimpfen. Die Offiziere hören nicht auf zu
brüllen, und das Getümmel vermehrt sich. Nur der Haifisch ist im Stande
Platz zu schaffen. Er wird niedergelassen, und man weicht entsetzt vor
seinen Schlägen zurück.
Der Matrose ist bekanntlich ein erbitterter Feind des Haies. Die
Behandlung, die sich unser Opfer nun gefallen lassen musste, war
dementsprechend grausam genug. Es galt zunächst den gefährlichen Schwanz
abzuhacken. Man schiebt ein Brett unter, um nicht mit dem Beil das Deck zu
verletzen, aber immer wieder schnellt sich das Ungethüm hinweg, sowie
der Bootsmann zum wuchtigen Hieb ausholt. Mit einem Pfahl machte man ihn
endlich gefügig. Er wurde ihm in den gähnenden Rachen gestossen und mit
vereinten Kräften der Länge nach durch den Leib getrieben, um ihn so an
dieser festen Axe zu bändigen. Der Schwanz fällt, lange noch auf eigene
Faust zuckend und hüpfend, und das Volk der Matrosen wirft sich blutgierig
mit Messern über den Wehrlosen, ihn förmlich zu zerfleischen. So scheint
es die richtige Seemannsart vorzuschreiben, und auch unsere Jungen
beeilten sich, ihre messerbewaffneten Hände zum ersten mal in das Blut des
Erbfeindes zu tauchen.
Etwa fünfzig lebende Junge mit frei endigenden Nabelschnüren kamen ans
Tageslicht. Der Magen, den ich mir zur Untersuchung ausbat, enthielt
nichts als mehr oder weniger verdaute Reste von Sepien und deren
papageischnabelartige Gebisse. Der Hai war also durchaus nicht üppig
genährt, wie ich aus seinem Vornehmthun dem Speck gegenüber erwartet
hatte. Ein paar Schmarotzerkrebse, die ich ihm aus der Haut schnitt, waren
die einzige aufhebenswerthe Beute, die er gewährte. Ich versuchte zwar
sein Gebiss zu präpariren, gab es aber auf, nachdem ich zwei Messer daran
verdorben, meine Hände vielfach an den halbversteckten Zähnen verletzt
und mit dem spezifischen widerlichen Geruch des Haifischfleisches
verunreinigt hatte.
Die vier Lootsenmännchen blieben noch den ganzen Tag beim Schiff. Sie
schienen ihren Hai lebhaft zu vermissen und schwammen ängstlich und
aufgeregt um uns herum, eine nach ihnen strebende feine Angel gänzlich
ignorirend. Den nächsten Morgen waren sie verschwunden. Welch bizarres
Räthsel der Natur, diese Anhänglichkeit und Freundschaft zwischen zwei so
verschiedenartigen Wesen.
Der erste Hai von drei Meter Länge war auch der letzte grösseren Kalibers
auf der ganzen Reise, den wir an Bord bekamen. Er hatte die schwere,
eiserne Angel gerade gebogen, es gelang mir nicht, die richtige Krümmung
wieder herzustellen, und der nächste Hai, der bald darauf anbiss, machte
sich los ehe wir ihm eine Schlinge um den Schwanz legen konnten.
Später fing ich noch ein sehr jugendliches Individuum mit einer
gewöhnlichen Lachsangel. An diesem sass ein ebenfalls sehr jugendlicher
Saugefisch. Merkwürdiger Weise kamen uns überhaupt auf der ganzen langen
Reise mit ihren vielen windstillen und heissen Tagen nur etwa sechsmal Haie
in Sicht.
Wir waren in jenen Tagen der Windstille fast immer in Gesellschaft einiger
anderer Segelschiffe, die theils nur eben über dem Horizont sichtbar
wurden, theils aber auch zuweilen so nahe kamen, dass wir mit ihnen
Flaggensignale wechseln konnten. Wir hissten zum Zeichen, dass wir
sprechen wollten, unsere deutsche Flagge, drüben stieg dann die englische,
französische, spanische oder portugiesische Flagge in die Höhe. Hierauf
tauschten wir die Schiffsnamen, Heimathshäfen, Bestimmungsorte aus und die
Länge und Breite, die jeder berechnet hatte. Alles durch die 24 Buchstaben
des internationalen Signalkonversationsbuches.
Wir fuhren auf einer Strasse, die sich in allen möglichen Richtungen
spaltete, und auf der alle möglichen Schiffe passirten. Sie kamen
sämmtlich von Europa oder Nordamerika. Der Rückweg dorthin lag weiter
östlich. Da waren Schiffe von London nach Kapstadt, Kalkutta und
Melbourne, von Lissabon nach Rio-de-Janeiro, von New-York nach Bahia, nach
Montevideo und San Franzisko.
Zum Schluss solcher Unterredungen wünschten wir glückliche Fahrt und
dippten höflich dreimal die Trikolore zum Grusse. Manchmal liessen wir uns
auch auf längere Gespräche ein. Wir suchten alle möglichen Fragen aus
dem Signalbuch zusammen, die für die Gelegenheit passten, so zum Beispiel
des Morgens, wenn wir uns noch immer neben einander sahen, »Haben Sie gut
geschlafen?« »Wie geht es Ihnen?« oder »Haben Sie Kranke an Bord?«
»Ist Ihr Proviant von guter Beschaffenheit?« und ähnliche Dinge,
die zwar an sich nicht besonders interessant, uns doch die angenehme
Unterhaltung gewährten, uns im Signalisiren zu üben und ihre Antworten
oder Gegenfragen im Buch nachzuschlagen und zu erwidern. Einige hatten
nicht immer die Geduld, uns Rede zu stehen. Andere aber waren sehr artig
und gaben uns schmeichelhafte Aeusserungen zurück. So namentlich eine
französische Bark aus Bordeaux, die nach Mauritius wollte. Zwei oder drei
Tage lagen wir mit ihr zusammen und trieben. Da kam am Abend etwas Wind,
und am Morgen darauf war sie verschwunden. Aber den nächsten Tag hatten
wir wieder Stille und ganz nahe lag wieder eine Bark, ganz ähnlich unserm
Franzosen. Wir zweifelten keinen Augenblick, dass er es sei und begrüssten
ihn sofort mit unserer Flagge. Auch er hisste die seine. Wir konnten sie
zwar nicht deutlich erkennen, weil sie bei der regungslosen Luft nicht
auswehte und auch das Konversiren wollte heute nicht recht gehen, da die
Signale schlaff herabhingen.
Ich bat den Kapitän um ein Boot und vier Mann, um hinüberzufahren und
einen Besuch zu machen. Die Jolle wurde hinabgelassen, der Sitz am
Steuer hinten zierlich mit buntem Flaggentuch belegt. Vier Matrosen zogen
frischgewaschene Hemden an, ich selbst schmückte mich wieder zum erstenmal
nach längerer Zeit mit einem gesteiften Hemdkragen, um repräsentabel zu
erscheinen, und wir stiessen ab.
Der Franzose lag etwa drei Seemeilen von der Euphrosyne entfernt. Die vier
Burschen hatten fast eine Stunde zu rudern, die Sonne stach grell herab,
und der Schweiss rieselte ihnen von der Stirne. Das blaue Wasser war
spiegelglatt, und fast trübe von Millionen kleiner Thiere, Krebse, Salpen,
Quallen und Schleimklümpchen. Eine sanfte lange Dünung hob und senkte das
Boot, und unsere Euphrosyne lag, nur leise den Klüverbaum auf und nieder
bewegend, so seltsam starr wie ein Kastell und so einsam und verlassen aus
der Fläche emporragend auf dem Meere, die Zinnen des Bollwerks und die
Wanten gedrängt voll von den neugierigen Köpfen der Passagiere, die uns
mit Taschentüchern nachwinkten. Kleine Sturmvögel flogen lautlos hin und
her, und eine zauberhafte Ruhe schwebte über dem glitzernden Spiegel.
Die Bark wurde grösser und deutlicher, die Flagge wurde erkennbar --
es war kein Franzose, sondern ein Portugiese. Einige Gestalten mit
Ferngläsern beobachteten unsere Annäherung. Wir legen längsseits an, ich
grüsse mit dem Hute hinauf, mein Gruss wird erwidert, man reicht mir eine
Jakobsleiter herab, und ich klimme an Bord.
Der Kapitän, ein noch junger Mann, südlich gebräunt und schwarz
bebartet, in weissen Hosen und weisser Jacke, auf dem Kopf einen Strohhut,
empfängt mich etwas verlegen und überrascht, und wir schütteln Hände.
Ich stelle mich auf Englisch, ich stelle mich auf Französisch vor. Meine
höflichen Geberden werden ebenso höflich zurückgegeben, aber meine Worte
finden kein Verständniss. Die Verlegenheit steigt. Ich habe die Kühnheit,
auf Spanisch zu fragen, ob er Spanisch spreche, ohne zu bedenken, dass mit
dieser Frage, welche er freudig bejaht, mein Spanisch eigentlich bereits
erschöpft ist, und ohne zu merken, dass alle weiteren meinerseits
darangeknüpften Redensarten eigentlich Italienisch sind. Keine
Möglichkeit, mich verständlich zu machen. Ich werde nun selbst verlegen.
Zwei zivilisirte Menschen aus Europa stehen wir einander gegenüber, fern
der Heimath auf dem Atlantischen Ozean, nach den Mienen zu schliessen,
einander äusserst wohlwollend gesinnt, aber wir können uns nichts sagen,
am meisten unangenehm mir, der ich ganz unmotivirt auf das fremde Schiff
gekommen war.
Das Wort »Mediko« schien endlich das Räthsel zu klären, es zuckte wie
ein Lichtstrahl in seinen Augen, er lud mich ein, in die Kajüte zu treten.
Das Innere war vollgestaut von Ladung, von Fässern und Säcken. Mein
Portugiese kramt hastig unter einem alten Segel, auf welchem zwei
Katzen schliefen, die ärgerlich über die Störung davontrollen, eine
staubbedeckte Kiste hervor, schickt nach dem Schlüssel, der Schlüssel
erscheint, er öffnet und zeigt mir den Inhalt, eine Menge durcheinander
geworfener Töpfe, Gläser und Schachteln, Pillen, Salben und Tinkturen,
mit einer Handbewegung, ich möge nehmen, was ich wolle. Es war die nicht
sehr ordentlich gehaltene Medizinkiste des Schiffes. Er glaubte, ich sei um
Medikamente zu ihm gekommen.
Grosses Erstaunen auf meine Geberde dankender Ablehnung. Wir zucken
abermals verlegen die Achseln und lächeln mitleidig über uns selbst
ob unserer Hilflosigkeit. Wir blicken gleichzeitig zu Boden auf unsere
gegenseitigen Füsse -- er hat Hausschuhe aus Glanzleder an -- wir
schweifen mit unseren Blicken über die vollgestaute Kajüte, und treffen
gleichzeitig auf einer Flasche Portwein, die auf dem Tisch steht, zusammen.
Hier kömmt ihm der erste vernünftige Gedanke. Eine Handbewegung seiner-,
ein anerkennendes Neigen des Kopfes meinerseits. Zwei Gläser werden
gebracht, er schenkt ein, wir stossen an und trinken.
Aeusserst froh, noch einen so günstigen Abschluss meines räthselhaften
Besuches gefunden zu haben, hielt ich es jetzt gerathen, mich
zurückzuziehen. Ich dankte ihm, erhob mich, deutete auf meine Uhr, dass es
höchste Zeit sei, und wir traten auf Deck. Als ob der Wein ihm die
Zunge gelöst, fing mein freundlicher Portugiese auf einmal an, mir unter
verbindlichen Geberden eine längere portugiesische Rede zu halten, von der
ich kein Wort verstand, wenn ich auch nicht anders konnte, als ihm geduldig
zuzuhören.
Dies gab mir eine erfreuliche Gelegenheit, sein höchst interessantes
Schiff flüchtig zu mustern. Das Deck trug eine malerische Unreinlichkeit
zur Schau. Ein halbes Dutzend Schweine trieb sich unter einem ganzen
Dutzend halbnackter bräunlicher Matrosen mit phrygischen Mützen auf den
Köpfen herum. Vorne hingen zwei grosse Kochtöpfe über einem offenen
Feuer und in der Takelage sassen vollkommen frei einige hübsche weisse
Tauben, gurrten miteinander und flogen von einem Tau zum anderen, eine
reizende Idylle mitten auf hoher See.
Auf dem Rückweg benutzte ich eine der vielen Pausen, die meine Leute
machten, um vom Rudern auszurasten, entkleidete mich und stürzte ins Meer.
Aber die Furcht vor Haifischen verdarb den Genuss dieses einzigen Bades, es
gruselte mir, und ich schwang mich bald wieder ins schützende Boot.
Als wir einige Tage später Wind bekamen, allerdings keinen günstigen,
sondern Gegenwind, der uns zu kreuzen zwang, erlebte ich ein recht
charakteristisches Symptom der Unsicherheit, die in der Nautik zu herrschen
pflegt. Wir waren noch sehr weit von der brasilianischen Küste entfernt,
das wussten wir, und die mit uns segelnden Schiffe wussten es hoffentlich
ebenfalls. Aber keiner von diesen schien viel Selbstvertrauen auf das
eigene Besteck zu haben. Denn so oft wir wendeten, wendeten auch sie und
segelten gleichen Kurs. Keiner hatte den Muth auf eigene Faust zu
steuern. Mein Kapitän sagte mir, es sei immer so, wenn mehrere Schiffe
zusammenkämen. Wie die Schafe gingen alle einem Leithammel nach, und zwar
gewöhnlich dem grössten Schiff, weil dieses aller Wahrscheinlichkeit nach
am besten ausgerüstet und in den besten Händen sei, und demzufolge den
Weg am besten verstehen müsse.
III.
IM SÜDLICHEN ATLANTISCHEN OZEAN.
Andere Sterne. Das Passiren der Linie und Neptunsfest. Aequatoriale
Schwitzkur. Pantomimik. Weihnachten und Neujahr. Fernando Noronha.
Endlich Südostpassat. Typhus, Leichenbestattungen, traurige
Aussichten.
Einige gute Tage brachten uns schnell vorwärts. Dann kamen wieder einige
schlechte Tage. Der grosse Bär und der Polarstern tauchten immer tiefer
hinab, und vor uns stieg das südliche Kreuz in die Höhe.
Der südliche Sternenhimmel ist öde im Vergleich mit dem unsrigen, und um
sich für die Schönheit des südlichen Kreuzes begeistern zu können,
muss man entweder ein kritikloser Mucker oder ein noch kritikloserer
Reiseenthusiast sein, den schon der Gedanke an die grosse Entfernung von zu
Hause in Ekstase zu setzen vermag. Viel interessanter und merkwürdiger als
jene vier unbedeutenden im Trapezoid gestellten Sterne war mir das schwarze
Loch neben ihnen, welches die Seeleute den Kohlensack nennen.
Am 20. Dezember feierten wir das Fest des Passirens der Linie in der
altherkömmlichen Weise mit Neptun, Barbiererei und Taufe. Wir hatten zwar
seit drei Tagen wieder keine Observation gehabt und wussten nicht bestimmt,
ob wir schon so weit waren. Den Himmel bedeckten dunkle Wolken, echt
tropische Regengüsse stürzten zuweilen herab, bleiern und todesstill
lag der Ozean rings umher, kaum ein Lüftchen regte sich, und wir trieben,
hilflos, ohne Steuer, die Spitze des Schiffes rückwärts nach Norden
gewendet. Als wir zwei Tage später endlich die Sonne und damit Observation
bekamen, stellte sich heraus, dass wir zu früh gefeiert und dass wir noch
nicht den Aequator überschritten hatten. Erst nach weiteren vier Tagen
gelangten wir am 27. Dezember wirklich und zweifellos auf die südliche
Hemisphäre, und zwar ziemlich genau unter dem 29. Grad westlicher Länge
von Greenwich. Aber kein Mensch ausser dem Kapitän, dem Steuermann und mir
erfuhr unseren Irrthum, vielleicht auch das offizielle Journal nicht.
Schon seit einer Woche waren die Matrosen eifrig daran, die Maskerade für
den Neptunszug, einen Dreizack aus Blech und Bärte aus Flachs für ihn und
sein Gefolge, einen Fischschwanz aus Pappe und Locken aus Hobelspänen
für seine Gemahlin, ein grosses meterlanges Rasirmesser aus Holz für den
Barbier und andere derlei Geräthe vorzubereiten.
Einige englische Kolonien haben den äquatorialen Mummenschanz, bei dem
es erfahrungsgemäss fast nie ohne Rohheiten und Zänkereien zwischen
Mannschaft und Passagieren abgeht, auf ihren Emigrantenschiffen verboten.
Neuseeland war damals noch nicht so rigoros, und obwohl ich keinen
sonderlichen Werth auf jenes Ueberbleibsel der sogenannten guten alten
Zeit legte, so liess ich dasselbe doch seinen Lauf nehmen, aus keinem
vernünftigern Grunde, als um einen rothen Strich mehr in den Bädecker
meiner Erlebnisse machen zu dürfen.
Da wir eben trieben, und nichts zu thun war, konnte die ganze Mannschaft
an dem Scherz sich betheiligen. Der Aufzug verlief, wie er schon oft
beschrieben worden ist. Die phantastisch geschmückte Schaar verfügte
sich nach dem Vorderdeck und kletterte vorne am Bugspriet über Bord, um
scheinbar aus dem Wasser heraufzukommen. Hinten über der Kajüte stunden
der Kapitän und die Offiziere. »Schip ahoi!« rief vorne Neptun durch das
Sprachrohr, und der Bootsmann wurde abgesandt, ihn zum Besuch einzuladen.
Neptun und sein Gefolge bewegten sich langsam und gravitätisch heran,
zu beiden Seiten das dichte Gewühl der neugierig sich drängenden
Zwischendecker. Eine zackige Krone aus Goldpapier schmückte das Haupt des
dreizackbewaffneten Fluthenbeherrschers, von dem eine mächtige flächserne
Mähne herab wallte. An seiner Seite trippelte züchtiglich die holde
Amphitrite, unser ältester Schiffsjunge, der nicht ohne Geschmack zu einem
zinnobergeschminkten, hochbusigen und hobelspähnelockigen Frauenzimmer
mit langer Schleppe von Sackleinwand herausstaffirt war. Voran schritt als
Herold der Barbier, ein seemännischer Anachronismus, mit riesiger Brille
und Vatermördern, das gewaltige bretterne Rasirmesser auf der Schulter.
Hinterdrein marschirten die Schergen der maritimen Polizei, mehr oder
minder gelungen phantastisch geputzt, hölzerne Säbel in den Händen
schwingend.
Neptun hielt nun seine Anrede an den Kapitän, und das übliche Frage-
und Antwortspiel, wie das Schiff heisse, woher es käme und wohin es gehe,
entwickelte sich. Nach diesen Präliminarien, die sehr ledern waren und
sowohl dem Neptun nebst Gefolge als auch dem Kapitän so vorkommen mochten,
da sie ziemlich verlegene Gesichter schnitten, nahm ersterer auf einem
improvisirten Throne hinter dem Grossmast Platz und schickte seine Schergen
aus, um die Opfer, diejenigen an Bord, die zum ersten mal die Linie
passirten, vorführen zu lassen. Von den Passagieren durften nur solche
ergriffen werden, die sich freiwillig dazu erboten, und um mit gutem
Beispiel voranzugehen, unterzog ich mich selbst der peinlichen Prozedur der
Aequatortaufe.
Ein grosser Bottich mit Wasser stund vor Neptun, ein darüber gelegtes
Brett war der Sitz für den Täufling. Ein Gehilfe des Barbiers frug nach
Namen und Alter, registrirte solches in ein dickes Buch, profaner Weise
eine alte Bibel, dann kam der Barbier, schmierte aus einem Kübel mit
vollen Händen Seifenschaum über das ganze Gesicht und kratzte ihn wieder
ab mit seiner Rasirkeule. Der ätzende Seifenschaum verbot die Augen zu
öffnen, ein plötzlicher Ruck, das Brett wurde weggezogen, man plumpste
rücklings in das Wasser des Bottichs, die Taufe war vollzogen.
Ich hatte mir ausgebeten, nur mit der besten und reinlichsten Seife bedient
zu werden und als erster zu leiden. Nicht so glimpflich wie ich wurden
diejenigen behandelt, die nach mir kamen. Zunächst Mister Ross und etwa
zwanzig andere junge Männer von den Zwischendeckspassagieren, zuletzt die
Neulinge unter der Mannschaft, unser Ganymed Hannes, der in der Nordsee
so Schreckliches erduldet, mittlerweile jedoch mit dem Meere vertrauter
geworden war, jener Decksjunge, der sich damals versteckt hatte, und ein
Matrose. Diese drei letzteren wurden auf die alte qualvolle Weise barbiert
und getauft. Für sie gab es eine eigens präparirte Seife zweiter
Qualität, die stark mit Theer versetzt war und noch etliche Tage Mund und
Augen verklebte. Beim Rasiren kam es auf einige Stückchen Haut nicht an,
und das Taufen wurde ihnen so gründlich zu Theil, dass sie halberstickt,
heftig spuckend und hustend, dem Bottich entstiegen. Auch auf die frommen
Missionäre hatten es die Matrosen abgesehen und wollten sie vor Neptuns
Thron schleppen, aber sie schrieen so kläglich um Hilfe, dass der Kapitän
sie zu retten eilte. Raketen und Bluelights und eine Ration Schnaps für
die Matrosen verherrlichten den Abend dieses denkwürdigen Tages.
Wir waren in den äquatorialen Kalmen. Unsere höchste Temperatur im Schiff
war damals und überhaupt während der ganzen Reise nicht mehr als 27
Zentigrade, aber die Feuchtigkeit der Luft im Verein mit den lauwarmen
Regengüssen, die ab und zu auf uns niederstürzten, liess sie doppelt
fühlen.
Thau träufelte von den Wänden, alles Lederzeug, die Stiefel und die
Einbände der Bücher überzogen sich mit Schimmel. Die Thüren und
Schubladen schwollen an und waren nur mit grösserer Kraftentfaltung zu
öffnen. Meinen Nachbar Mister Ross hörte man den ganzen Tag drüben in
seiner Kammer an den Schubladen rütteln. Er hatte deren nur zwei, aber
sie machten ihm mehr zu schaffen, als zwanzig zu Hause. Selbst der harte
Zwieback weichte auf -- die einzige Annehmlichkeit dieses dunstigen
Zustands. »Alles ist feucht, es ist als ob die Natur Alles in den
primordialen Urschleim zurückführen wollte. Die Individualität
schwindet, das Denken hört auf, man wird eine willenlose, feuchte,
schwammige, indolent schwitzende Moles«, schrieb ich damals ins Tagebuch.
Nachts sah es manchmal im Dämmerlichte des Zwischendecks aus wie in
mythologischen Sphären. Bunt durcheinander lagen die Passagiere nackt oder
halbnackt vor ihren Kojen auf dem Boden und stöhnten vor Hitze. So oft ich
auch als Sittenpolizei eine sorgfältigere Bedeckung empfahl, der Genius
epidemikus des Schwitzens lähmte jegliche Rücksicht.
Auch bei Tage herrschte jetzt eine wohlthätige Ruhe im Schiff, und
Stumpfsinn lagerte über der ganzen Gesellschaft. Mit halbgeöffneten Augen
und Mäulern und schlotterigen Knieen, Zwiebackreste im Bart und in den
Haaren, lungerten unsere Passagiere halb schlummernd umher, blos zur
Essenszeit machte sich etwas Leben geltend. Eine Periode der Versöhnung
und des Friedens war eingetreten. Alle Regungen der Gehässigkeit
verschwanden. Keine gegenseitigen Verdächtigungen, keine Unzufriedenheit
über das Essen, kein Schimpfen mehr. Selbst das Salzfleischstehlen hatte
seinen Reiz verloren. Nur die zahlreiche Kinderschaar fuhr fort sich
herumzubalgen und amüsirte sich jetzt hauptsächlich damit, aus den
Regenlachen auf Deck Wasser in den Mund zu schlürfen und einander ins
Gesicht zu spritzen.
Meist war das Wetter trübe und der Himmel bedeckt. Zuweilen aber hatten
wir Sonnenschein, und dann boten die vielen isolirten dunklen Wolkenmassen,
welche in allen Richtungen inselförmig und scharfbegrenzt als geschlossene
graue Schleier auf das blaue Meer herabfielen, ein eigenthümliches
anziehendes Schauspiel.
Oft geriethen auch wir in einen solchen Wolkenbruch, dessen Beginn jedesmal
von einer heftigen Böe eingeleitet wurde. Wir sahen lange vorher wie sie
langsam auf uns zukam. Wir hatten alle Segel bei, aber schlaff hingen
sie an den Raaen und klapperten. Plötzlich einige Windstösse, die Segel
blähen sich und neigen das Schiff auf die Seite. Im Wasser rauscht es von
der Fahrt, die wir machen. Nun schlagen die ersten dicken Tropfen aufs Deck
und es rasselt in Strömen herab als ob wir ersäuft werden sollten. Nach
wenigen Minuten wird es wieder still, die Fahrt hört auf, und nur mehr das
Gurgeln der durch die Speigatten abfliessenden Bäche ist vernehmbar.
Wir benutzten diese Fülle meteorischer Niederschläge um unseren
Wasservorrath zu ergänzen. Segel wurden als Trichter an das Dach der
Kajüte befestigt und durch Schläuche mit den Wasserfässern unten
im Lastraum verbunden. Im Nu hatten wir jedesmal wieder einige Fässer
gefüllt.
Zwar besassen wir entsprechend den englischen Vorschriften einen Kondenser
zum Destilliren von Meerwasser, jedoch war dieser so schlecht ausgerüstet,
dass wir mit ihm nur beim allergünstigsten Wetter zu arbeiten vermochten.
Er ersetzte dafür seine geringe Leistungsfähigkeit durch um so grösseren
Lärm. Er stampfte gleich einer mächtigen Dampfmaschine, spie die
herrlichsten Feuergarben aus seinem Schornstein, was in der Nacht
allerdings ziemlich effektvoll aussah, aber zugleich auch der Takelage
Gefahr drohte, und entwickelte so viel russigen Qualm, dass man uns von
ferne für eine stolze Fregatte halten konnte.
Ganz besonders erspriesslich waren die Regengüsse für die Pflege der
Reinlichkeit. Alles musste jetzt waschen, und das ganze Deck schwamm ein
paar Tage lang in Seifenschaum. Die Matrosen bedienten sich hiebei eines
sehr praktischen abgekürzten Verfahrens, indem sie ihre Wäsche einfach
in eine der vielen Lachen warfen und mit blossen Füssen darauf
herumtrampelten.
Ausser der Aequatortaufe fielen in jene Periode der Regengüsse und des
Schwitzens noch zwei andere Feste, nämlich Weihnachten und Neujahr.
Für den Christbaum hatten wir Lichter sowie billiges und schlechtes
Zuckergebäck von Hamburg aus mitbekommen. Den Baum selbst mussten wir
uns künstlich aus einer Stange und Besenreisig herstellen. Es war eine
wunderbare, laue, sternenklare Tropennacht, als er angezündet wurde. Aber
die Lichter wollten nicht brennen in der freien Luft auf Deck, obwohl fast
kein Lüftchen sich regte. Unser materieller angelegtes Publikum zeigte
auch nicht viel Sinn für die Poesie der heimathlichen Sitte, und der
Schwerpunkt der ganzen Feierlichkeit lag für dasselbe mehr in dem grossen,
rosinengespickten und schrecklich unverdaulichen Kuchen, den der Koch
angefertigt hatte.
Am Sylvesterabend gaben die Matrosen auf einer hinter dem Grossmast
improvisirten Bühne eine von ihnen selbst erfundene Pantomime zum
besten. Die Fabel des Stückes war sehr einfach und stylvoll. Mehrere
Handwerksburschen kommen in ein Wirthshaus, betrinken sich, schlafen ein,
müssen aber fortwährend kratzen, sie machen Skandal, der Wirth erscheint
und will Geld, sie haben keines, der Wirth schmeisst sie hinaus, eine
Prügelei, und der Vorhang fällt. Dieses zeitgemässe dramatische Opus
wurde mit viel mimischer Begabung und grossem Erfolg vom Stapel gelassen.
Ein wahrer Sturm von Beifall belohnte die Akteurs nach jeder Szene, und
namentlich das mit höchster Naturwahrheit und Empfindung dargestellte
Kratzen erregte den ausgelassensten Jubel der germanischen Völker,
während die Polen sich etwas betroffen fühlten und theils verlegene,
theils zornige Gesichter machten, als Alles auf sie deutete.
Auf dieses folgte eine Tanzunterhaltung. Während des Theaters war der
Mond aufgegangen. Sein silbernes Licht schimmerte auf den ewig bewegten,
hüpfenden Wellen des Meeres und übergoss mit magischem Glanz die Segel
und das Deck des Schiffes, so dass die wenigen farbigen Lampen kaum zur
Geltung gelangten. Unbekümmert um den draussen gähnenden Wasserschlund,
dessen Oberfläche der Kiel langsam durchfurchte, drehten sich auf engem
Raum die fröhlichen Paare im Kreise. Eine Ziehharmonika spielte ihre
langweilige, misstönende Musik dazu, und eine dichte Zuschauermenge
drängte sich nach dem Tanzplatz oder hing in den Wanten.
Noch oft hatten wir an schönen Abenden solche Tanzunterhaltungen. Auch
die unverheiratheten Frauenzimmer durften daran Theil nehmen. Es war
mir unmöglich, eben so puritanisch zu sein, wie die strengen englischen
Vorschriften, und ich konnte unseren Passagieren dieses harmlose Vergnügen
nicht versagen, wenn sie mich darum baten. Hoffentlich erfährt die
Neuseeländische Regierung nichts davon.
Auf der südlichen Hemisphäre hatten wir im Anfang mit dem Wind nicht mehr
Glück als auf der nördlichen. Immerfort mühselig zu kreuzen gezwungen,
wendeten wir täglich zwei- oder dreimal und steuerten abwechselnd
Westsüdwest und Ostsüdost, ohne wesentlich vorwärts zu kommen, da die
leichtgeladene Euphrosyne zu viel Abtrift machte.
Am 29. Dezember bekamen wir das einsame Eiland Fernando Noronha in Sicht.
Fernando Noronha ist eine brasilianische Verbrecherkolonie. Wir fuhren
Nachts zehn Uhr so nahe daran vorüber, dass wir deutlich die dunklen
Umrisse des Piks und der nächsten Hügel und lebhaft am Strande sich hin
und her bewegende Lichter erkannten. Vielleicht hielt man uns dort für das
von der Regierung gesandte Schiff, welches den auf die Insel Verbannten von
Zeit zu Zeit Lebensmittel und Nachrichten bringt.
Der ewige Gegenwind aus Süd hielt an, und am 31. Dezember sahen wir von
der Mastspitze aus den Pik von Fernando Noronha abermals, jetzt ungefähr
30 Seemeilen entfernt und von der anderen südlichen Seite.
Endlich am 6. Januar kam der langersehnte Südostpassat. Aber wir hatten
die Ostecke Südamerikas noch nicht passirt und waren der Küste so nahe,
dass wir noch mehrere Tage kreuzen mussten. Immer wieder führte unser
Kurs, wenn wir ihn mit dem Lineal auf der Karte absetzten, gegen Land, und
wir mussten wieder wenden und halb rückwärts fahren.
Die dunstige Hitze der Aequatorstillen schwand vor der frischen Brise aus
dem Schiff, und eine angenehme Kühle erquickte die erschlafften Nerven.
Keine hundert Seemeilen zur Rechten lag Parahyba. Wie mochte es dort
drüben im üppigen Dickicht tropischer Vegetation wimmeln von stechenden
Moskitos und schillernden Käfern, von schreienden Papageien und giftigen
Schlangen, von kletternden Affen und schleichenden Raubthieren, wie mochte
die Sonne dort drüben herabglühen auf all das bunte Leben. Und hier auf
dem Wasser hatten wir ungefähr die Temperatur eines deutschen Sommers.
Erst jetzt wurde uns der volle Genuss des Segelns im Passat zu Theil, der
auf der nördlichen Hemisphäre durch abnorme Witterungsverhältnisse uns
so sehr geschmälert worden war. Die See schien ihre ganze Natur verändert
zu haben. Ein ewig blauer Himmel wölbte sich über der blauen Fläche
und die freundlich strahlende Sonne und der gleichmässige köstliche
Wind vereinigten sich zu einer angenehmen, milden Wärme. Nur rings um den
Horizont lag die Kette der geballten Passatwolken.
Grosse rosenrothe Schwimmblasen von Physalien, die »Portuguese Men of
War« der Seeleute, schaukelten sich auf den munter hüpfenden Wellen.
Bläulich schillerten und schossen durch die Fluth vor dem Schaum
aufwühlenden Steven flinke Bonitos und Delphine und spotteten unserer
Angel. Putzköpfe, jene kleinste Art der Walfische, umspielten zuweilen
das Schiff, bliesen ihren Wasserstaub aus den Nasenlöchern, peitschten
mit ihren mächtigen Schwanzflossen das Meer und schnellten ihre ganzen
ungeschlachten Körper gleichsam jauchzend hoch in die Luft.
Nachts aber glimmte es geheimnissvoll in den dunklen Tiefen der Salzfluth.
Unzählige Funken erhellten den schaumigen Streif des Kielwassers, den wir
zurückliessen, und wie Wetterleuchten fuhr es zuweilen glitzernd über
den ganzen Spiegel der See hin. Ein paar mal fuhren wir Stunden lang durch
Schwärme von Pyrosomen. Sie waren nur bei Nacht als feurige Zylinder zu
sehen, namentlich deutlich und zahlreich im sprudelnden Kielwasser, da
sie, erregt, stärker zu phosphoresziren pflegen. Erst kurz vor Neuseeland
gelang es mir, mehrere zu erbeuten.
Alle waren jetzt guter Laune, bis auch das schöne Passatwetter langweilig
wurde. Selbst der Kapitän thaute auf, aber erst, als wir die Höhe von
Pernambuco hinter uns und wieder freies Wasser vor uns hatten, welches
erlaubte, den Kurs beizubehalten. Er mochte sich wohl Gewissensbisse
darüber machen, dass er soweit nach Westen herüber gegangen war. Es galt
nun mit dem Passat so weit als möglich nach Süden hinab zu gelangen, um
erst im Bereich der aus Westen kommenden Strömungen und Winde gegen Ost
abzuschwenken.
Bis Mitte Januar war unser Gesundheitszustand ein sehr günstiger gewesen,
und ich wiegte mich bereits in der Hoffnung, dass wir ohne Todesfall nach
Neuseeland kommen würden. Meine frohe Zuversicht erlitt plötzlich rasch
nacheinander heftige Stösse.
Die beiden Hospitäler füllten sich in wenigen Tagen mit fiebernden
Kranken, und jeden Tag kamen neue. Die Fieber stiegen stetig höher, und
Erscheinungen gesellten sich hinzu, die mir keine andere Diagnose als
Abdominaltyphus, die gefürchtete Schiffspest, gestatteten. Anfänglich
sträubte ich mich gegen die traurige Wahrheit. Ich suchte mich selbst
zu täuschen und anzunehmen, es sei vielleicht doch nur eines jener
räthselhaften, noch wenig bekannten Tropenfieber, die uns von der
afrikanischen oder brasilianischen Küste zugeweht worden. Die grosse
Unregelmässigkeit der meisten Anfangsstadien unterstützte mich in dieser
Annahme. Aber bald mussten auch die letzten Zweifel schwinden, und als am
1. Februar fast gleichzeitig zwei Todesfälle eintraten, verschafften mir
die Sektionsresultate volle handgreifliche Gewissheit.
Die eigenthümliche Thatsache, dass unsere Epidemie so plötzlich ausbrach,
nachdem wir bereits zwei Monate auf See und ohne Berührung von Land
gewesen, liess sich vielleicht dadurch erklären, dass das Krankheitsgift,
welches zweifellos schon bei der Abreise von Hamburg im Schiff gesteckt
haben musste, anfangs zu schwach war, um deutliche Erscheinungen
hervorzurufen, und erst unter dem Einfluss der langen tropischen
Feuchtigkeit und Hitze zu grösserer Wirksamkeit sich entwickelte.
Es waren zwei junge, kräftige, vor Kurzem noch blühende Weiber, eine
Polin und eine Dänin, die als die ersten der tückischen Seuche zum Opfer
fielen. So hatten wir denn am folgenden Morgen das trübselige Schauspiel
einer doppelten Leichenbestattung. Die Flagge wurde zum Zeichen der Trauer
halbstocks gehisst. Eine fremdartige Stille herrschte auf dem Schiff,
Passagiere und Mannschaft waren erschüttert und in gedrückter Stimmung.
Alles fürchtete sich vor dem unheimlichen Gast, der unsichtbar und
unheilschwanger unter uns hauste. Vier Matrosen trugen die in Segeltuch
eingenähten und mit Flaggen bedeckten Leichen aus dem Hospital um den
Grossmast herum nach Steuerbord, welcher eben Leeseite war, voran die
Missionäre, hinterdrein die Angehörigen, der Kapitän und ich und die
ganze Bevölkerung. Die Missionäre sprachen ein Gebet, dann glitten von
dem Bollwerk unter der Flagge hinweg, an kurzen Tauen gehalten, die Leichen
ins Meer und verschwanden, durch Steinkohlen beschwert, gurgelnd in die
Tiefe. Einige Luftblasen stiegen an die Oberfläche zurück, und von den
theuren Körpern war nichts mehr zu sehen. Zerknirscht stund die Menge
herum, und ausser dem Schluchzen und Weinen und ausser dem Rauschen der
Fahrt regte sich kein Laut.
Nach der Reihenfolge des Sterbens wurde zuerst die Polin, dann die Dänin
zur Ruhe gesenkt. Niemals schnitt eine Melodie mir schriller und schärfer
ins Ohr, als der polnische und dann der dänische Grabgesang, welche die
Feier beschlossen. Ruhte ja doch auf mir die Hauptlast unseres Unglücks,
und wusste doch Niemand an Bord besser als ich, wie unzureichend und
ohnmächtig die ganze Medizin einer solchen Epidemie gegenüber ist. Wir
hatten noch ungefähr die Hälfte der Reise vor uns, und es war mir gewiss,
dass die eben ad Akta gelegten zwei Fälle nur den Anfang einer Reihe
anderer bildeten, wenn ich auch gegen Niemand den Namen Typhus aussprach
und stets die tröstlichste Zuversicht heuchelte, dass die Krankheit in den
nun bevorstehenden kälteren Breiten rasch aufhören würde.
Die Erkrankungen nahmen immer mehr zu. Es wurde unmöglich, sämmtliche
Kranke zu isoliren, blos die schwersten konnten im Hospital Unterkunft
finden. Häufig brachen ganz plötzlich furibunde Delirien aus bei solchen,
die bisher nur leicht ergriffen waren. Heute wurde mir vielleicht ein
Frauenzimmer vorgeführt, das auf einmal im Bette herumzuschlagen begonnen
hatte, morgen vielleicht ein junger Bursche, der den Versuch gemacht, ins
Wasser zu springen. Wenn ich sie mit dem Thermometer mass, hatten sie die
höchsten Temperaturen.
Tag und Nacht in Anspruch genommen, ohne geschulte und gewissenhafte
Wärter, hatte ich fast Alles selbst zu thun. War es mir gelungen, gegen
ansehnliche Geldversprechungen ein wenigstens der Zahl nach genügendes
Personal für die Krankenpflege zu engagiren, so liefen sie nach wenigen
Tagen eigenmächtig wieder hinweg oder holten mich Nachts aus dem Bett, um
mir zu erklären, dass sie sich vor den Delirien fürchteten und es nicht
mehr aushalten könnten.
Unter solchen Umständen wurde die Seereise ungemüthlich. Eine mächtige
Sehnsucht nach Land, namentlich nach Ruhe und Alleinsein, nach
Waldesdunkel und Wiesengrün, ergriff mich. Sie sollte erst in sechs Wochen
einigermassen gestillt werden.
IV.
IM INDISCHEN OZEAN.
Um das Kap herum. Segeln vor dem Sturm. Die Krozet Islands. Unsere
Typhusepidemie steigt. Gedrückte Stimmung. Zur Naturgeschichte
der Seeleute. Albatrosse und sonstige Vögel.
Ventilationseigenthümlichkeiten.
Am 31. Januar passirten wir bei gutem Winde das Kap der guten Hoffnung
in 44 Grad südlicher Breite, nachdem wir kurz vorher an Tristan da Kunha
vorübergesegelt waren, ohne den Inselvulkan in Sicht zu bekommen.
Wir gingen bis hart an die Grenze des antarktischen Treibeises, beinahe bis
zum 50. Grad hinab, um erst in der Höhe von Neuamsterdam uns wieder etwas
nördlich zu wenden. Es wurde nun ziemlich kalt, was wir um so bitterer
empfanden, verweichlicht durch das äquatoriale Dampfbad der letzten
Wochen. Das Thermometer sank Nachts bis auf zehn Zentigrade trotz des
Hochsommers der südlichen Hemisphäre.
Mächtige Tangmassen trieben in gleicher Richtung mit uns ostwärts, von
Ferne schwimmenden Inseln oder Schiffstrümmern ähnlich. Selten gelang es
mir, mit dem nachschleppenden Haifischhaken einzelne Aeste derselben, oft
gegen zehn Meter lang, aus dem Meere zu angeln. Eine Menge von Lepadinen
und Balaniden, von höheren Krustern und von Mollusken, von Bryozoen und
von Polypen, die Passagiere dieser natürlichen Fahrzeuge, wurden dann
meine Beute.
In Bezug auf die Windverhältnisse war die Fahrt durch den tiefen Süden
des Indischen Ozeans der günstigste Theil unserer ganzen Reise. Häufig
hatten wir Sturm von hinten, und dann flogen wir förmlich in grandiosen
und langsamen Galoppsprüngen vor den in Kolonnen nachrückenden Wogen her.
Die Masten krachten und bogen sich unter dem Druck der gerefften Marssegel.
Die vollgespannte Fock schien das Schiff aus dem Wasser lüften zu
wollen. Hoch empor spritzte unter dem Steven der Gischt, zu zischenden
Schaumhügeln nach beiden Seiten auseinandergepflügt, und über Berg und
Thal schlängelte sich hinter uns die schäumende Spur des Weges, den wir
im Fluge gemacht. Unwillig rauschte das Meer. Ganze Gebirgsketten wälzten
sich mit uns vorwärts. Aber wir liefen allen voran, eine nach der anderen
wurde geschlagen, und sie hatten das Nachsehen.
Nur die Krozet Islands verdarben uns auf kurze Zeit die Freude. Wir wollten
dicht an ihnen vorüber fahren, aber sie wollten nichts von uns wissen und
umhüllten sich mit einer Nebelkappe. Man konnte keine Schiffsbreite sehen,
und wir mussten umkehren, beim schönsten Wind umkehren und beidrehen.
Wir hatten entschieden Pech. Kaum dass einmal der Wind uns günstig war,
stellte sich so ein unnützes Pack kahler Inseln entgegen. Zum Glück
klarte nach zwei Tagen die Luft wieder auf und erlaubte Kurs zu steuern.
Abgerechnet einige windstille Tage gab es jetzt keine Unterbrechung mehr.
Das Rollen des Schiffes wurde zuweilen wieder so stark, dass ich mich in
meiner Koje feststauen musste, um schlafen zu können. An der einen Seite
den Sack mit Kamillenthee, an der andern den Sack mit Scharpie, gegen die
barbarische Kälte mit allen disponiblen Decken und Mänteln belastet, so
bot ich den Schrecken der nächtlichen Stürme Trotz, fest entschlossen
nothwendigen Falles lieber im Bett als draussen in der ungemüthlichen
freien Natur zu ersaufen, unbekümmert um die Bücher, den Stuhl und
etliche Kistchen, welche von einer Wand der Kammer zur anderen purzelten.
Nur wenn die Gläser oben in ihren Stellen stärker zu rütteln begannen,
machte ich mich los aus meiner Verpackung und klemmte die Papierkeile
fester, welche sie hielten.
Seekrankheit gab es aber jetzt nicht mehr an Bord. Auch der Verzagteste war
seefest geworden. Man freute sich der wilden Fahrt. Ein Liederkranz hatte
sich gebildet und suchte mit dem Toben des Sturmes zu wetteifern, und
mitten durch das Rauschen der See, das Brausen des Windes und das
Stöhnen des Schiffes schallte trotzig und herausfordernd das alte
schöne Kriegslied »Ich bin ein Preusse, kennt ihr meine Farben« in
die aufgeregte Natur hinaus, gesungen von dem ganzen Mischmasch unserer
Nationalitäten.
Wenn nur nicht aus den Hospitälern das Wimmern des Fieberwahnsinns als
schriller Misston dazwischen gedrungen wäre. Unsere Typhusepidemie griff
immer mehr um sich. Mein Journal zeigte am Ende der Reise 94 Nummern, alle,
auch die leichtesten und deshalb zweifelhaften Fälle mitgezählt. Kaum
war die erste Doppelbestattung vorüber, so folgten andere nach, und
wir mussten noch fünf Leichen mehr über Bord werfen. Diese gräuliche
Epidemie, für den Kapitän die Gewissheit, dass wir auch unter den fortan
günstigsten Umständen eine aussergewöhnlich schlechte Reise
machten, für mich die unerfreuliche Aussicht, mit der ganzen
Zwischendecksgesellschaft, die ich schon so satt hatte, in Quarantäne zu
kommen, die immer schlechter werdende Beschaffenheit des Proviants und
des Wassers -- all dies war geeignet, gar oft die schwärzeste Stimmung
heraufzubeschwören. Solange der Wind uns günstig war, und wir rasch
vorwärts segelten, ging es noch leidlich. Als jedoch einmal wieder
Windstille eintrat und zwei, drei Tage nicht weichen wollte, wirkte die
Verzögerung deprimirend wie noch nie. Die Nähe des Frauenhospitals, in
welches ich, weil es am besten eingerichtet war, die schwersten Kranken
ohne Unterschied des Geschlechts zusammenlegte, wurde dann bei der
herrschenden Ruhe doppelt unangenehm, und oft konnte ich nicht schlafen
in der Nacht von dem ewigen Geschrei und Gewimmer, das in meine Kammer
herüberdrang. Es machte mich nervös immer und immer wieder dieselben
quälenden Laute zu hören.
In keiner Lage habe ich die Misere der ärztlichen Unzulänglichkeit
schmerzlicher empfunden als damals. Nicht darin liegt ja die Härte des
ärztlichen Standes, worin der Laie sie meist zu vermuthen pflegt, in
der Aufopferung an Zeit und Mühe, an Schlaf und Erholung, in all den
abscheulichen und ekelhaften Dingen, mit denen man in Berührung kommt,
sondern in der Unvollkommenheit und Ohnmacht der sogenannten Heilkunde.
»Ihr durchstudirt die gross und kleine Welt, um es am Ende gehn zu lassen
wies Gott gefällt.« Das Durchstudiren ist sehr schön, dass Gehen lassen
müssen aber ist unerträglich.
Am unglücklichsten fühlte sich der Kapitän über unser Missgeschick.
Es war nun Alles ganz anders gekommen als er gewünscht hatte. Von
Ersparnissen, mit welchen er bei seinem Rheder sich einzuschmeicheln
gehofft, keine Rede. Wir mussten froh sein, wenn wir mit unserem Wasser
knapp bis Neuseeland reichten, da der Kondenser bei stürmischer Witterung
nicht arbeiten konnte. Ich war fast täglich gezwungen, eine Menge Brot,
welches sich als verdorben erwies, über Bord werfen zu lassen, und hatte
bereits seit längerer Zeit alle Spirituosen und feineren Esswaaren
der Euphrosyne für meine Kranken in Beschlag genommen. In der Kajüte
herrschte jetzt absolutes Teatotalerthum. Dass mir Solches ohne sonderliche
Kämpfe gelang, war dem zerknirschten Zustand des Kapitäns, welcher seine
tobsüchtigen Neigungen gänzlich lähmte, zu verdanken.
Der Kapitän war im Grunde ein guter Kerl, aber eben ein
Kauffahrteischiffer und von dem ganzen Elend dieses bemitleidenswerthen
Standes verbittert und verbost. Er hatte erst kurz vorher geheirathet, und
die Sehnsucht nach seiner jungen Frau zu Hause zehrte fortwährend an ihm.
Wie oft verfluchte er seinen jugendlichen Leichtsinn, der ihn vor zwanzig
Jahren auf das Meer getrieben. Wie oft schwor er, den ersten besten Erwerb
auf dem Lande zu ergreifen, wenn er nur kein Wasser mehr zu sehen brauchte.
Er besass nichts von jener Schwärmerei für die Poesie des Meeres, die
den Seeleuten von Laien manchmal angedichtet wird. Ich habe überhaupt noch
keinen älteren, reiferen Seemann kennen gelernt, der an einer derartigen
Schwärmerei gelitten hätte, und nichts kann lächerlicher klingen, als
was gelegentlich der traurigen Schillerkatastrophe an den Scilly-Inseln
dem unglücklichen, mit den 337 Opfern seines Leichtsinns rühmlich
untergegangenen Kapitän Thomas in irgend einer Zeitung von irgend einem
überspannten Frauenzimmer in den Mund geblaustrumpft worden ist -- »Ich
kenne nur eine einzige Liebe, und das ist mein Schiff, mein Schiff ist mir
meine Braut« oder wie das dumme Zeug gelautet haben mag.[2]
[2]: Das Gehalt des Kapitäns der Euphrosyne, eines Segelschiffes
grössten Kalibers, betrug nicht mehr als hundert Mark pro Monat. Aber
nur so lange das Schiff auf der Reise war. Lag es ohne Mannschaft im
Hafen, so bekam der Kapitän nichts. Ausserdem hatte er 2½ Prozent vom
Reingewinn, in den jetzigen Zeiten, wo Schiffe oft Jahre lang nichts
verdienen, eine sehr problematische Grösse.
Man muss einen Seemann, insbesondere der Kauffahrtei, viel milder
beurtheilen als andere Menschen. Der bösen Einflüsse, die ungünstig auf
seinen Charakter wirken, sind zu viele. Jenes erfahrungsgemäss auf jeder
längeren Seereise eintretende Stadium der üblen Laune, in dem sich Alles
gegenseitig anärgert, bleibt sogar auf Kriegsschiffen mit ihrer strammen
Disziplin nicht aus, und die Marineärzte haben dafür einen eigenen Namen
»Mania navalis« erfunden.
Während der Atlantik wie ausgestorben gewesen war, belebte sich östlich
vom Kap die See wieder mit Möven und Seeschwalben, mit Kaptauben,
Sturmvögeln und Albatrossen.
Den Albatrossen wird bekanntlich von den Schiffern aufs Emsigste
nachgestellt. Leider ist ihre Zahl dadurch schon merklich verringert, und
in hundert Jahren werden sie zu den ausgestorbenen Geschöpfen gehören.
Trotz dieser zur Schonung auffordernden Erwägung konnte auch ich mich
nicht enthalten, ihren Fang zu versuchen.
Schon bei Tristan da Kunha hatten einzelne sich sehen lassen. Der Ruf »O
was für ein grosser Vogel« zog mich hinaus auf Deck, und mein erster
Albatross schwebte majestätisch über die Wogen.
Rastlos über Wellenberg und Wellenthal, kaum merklich hie und da die in
gerader Linie steif ausgespannten Flügel bewegend, senkrecht bald nach
links bald nach rechts geneigt mit den Flügelspitzen die Wellenkämme
ritzend, verfolgte in weit gebogenen und gewundenen Linien das gewaltige
Thier mühelos unsere Fahrt. Andere gesellten sich ihm bei, schon von ferne
erkennbar als geradlinige in der Mitte zu einem Knoten anschwellende
kreuz und quer in der Luft hin und her balanzirende Stäbe. Es lag etwas
Räthselhaftes in ihrer Stetigkeit und Ruhe, mit der sie gegen den
scharfen Wind -- nicht kämpften, sondern gelassen und ohne Anstrengung
dahinglitten.
Von nun an schleppte stets eine Albatrossangel hinten nach, aber fünf
Wochen ohne etwas zu fangen. Die Seeleute hatten zwar jedesmal Gründe zur
Hand, warum sie nicht bissen. Einmal weil die Fahrt zu rasch, das andere
mal weil zu langsam, heute war das Wasser zu durchsichtig, morgen wieder zu
trübe. Ich wusste bereits, was von dieser Weisheit zu halten sei, und es
war mir kein geringer Triumph, mit der Flinte einen Albatross zu erbeuten,
lange ehe jene mit der Angel einen erwischten.
Als wir eines Tages hart beim Winde segelten, flogen sie zuweilen hoch oben
quer über das Schiff, etliche Sekunden schweben bleibend um das Deck zu
rekognosziren. Trotz der spöttischen Zweifel des Kapitäns und trotz der
äusserst störenden Schaukelbewegung des Bodens lud ich eine gewöhnliche
sehr starke Schrotflinte mit doppeltem Pulvermass und der gröbsten
Schrotsorte, und schoss, und ein riesiger Albatross plumpste mit
gebrochenem Flügel neben mich herab. Dies war übrigens nur ein reiner
Zufall. Denn so oft ich auch später das Kunststück zu wiederholen
versuchte, und wenn ich auch öfter noch traf, was an dem wegfliegenden
Flaum zu erkennen war, die Schrote drangen nie wieder durch, sondern
prallten an dem dichten Gefieder ab, und das Ziel meiner erfolglosen
Bestrebung entfernte sich schwänzelnd, als ob es ein Kitzeln und Prickeln
fühlte.
Mehr als zwanzig Albatrosse zu gleicher Zeit waren wohl nie in Sicht, und
an manchen Tagen waren sie ganz verschwunden. Zuweilen flogen sie so nahe
hinter dem Achterdeck vorbei, dass man glaubte sie greifen zu können, für
einen Moment in der Verkürzungslinie der Flügel ein höchst komisches
plumpes Profil zeigend und immer gierig spähenden Blicks. Zuweilen blieben
sie weit zurück und verfolgten uns Tage lang nur von Ferne. Warf man
ihnen ein Stück Fleisch oder Speck über Bord, so setzte sich gleich der
Nächste aufs Wasser nieder und paddelte eifrig darauf zu.
Wenn sie sich setzen wollten, stemmten sie, um die Schnelligkeit ihres
Fluges zu hemmen, ihre beiden Schwimmfüsse ausgebreitet dem Wasser
entgegen, und oft liessen sie schon lange vorher die sonst knapp an den
Schwanz gelegten Füsse herabbaumeln und verriethen so ihre Absicht.
Sassen sie endlich, so wurden die langen Flügel langsam und bedächtig
zusammengefaltet, wobei sie dieselben seltsam ungeschlacht krümmten. Nicht
so ganz leicht schien es ihnen, wieder aufzufliegen. Sie paddelten erst
mit Flügeln und Beinen spritzend eine halbe Schiffslänge über die
Wasserfläche, ehe sie sich in die Luft erhoben. Und auch sonst paddelten
sie zuweilen darüber hin ohne sich zu setzen, wenn sie vielleicht etwas
sahen, von dem sie noch nicht recht wussten ob es sich der Mühe verlohnte.
Setzte sich einer, so kamen auch die anderen und setzten sich neugierig
zu ihm nieder und leisteten ihm Gesellschaft, wahrscheinlich weniger aus
gegenseitiger Zuneigung als vielmehr aus dem höchst egoistischen Instinkt,
dass es beim Kameraden etwas zu fressen gebe. Dann stritten sie sich erst
eine Zeit lang herum, klapperten ärgerlich und neidisch mit den langen
Schnäbeln wie Störche und packten sich auch wohl damit an den Hals, um
nach zehn Minuten die von den Wellen geschaukelte Versammlung aufzuheben
und auseinander zu fliegen.
Unsere ewig nachschleppende Angel mit einem wallnussgrossen Stück
Speck und entsprechendem Haken erregte häufig entschieden ihr lebhaftes
Interesse. Aber nur bei einer Fahrt nicht schneller als vier Seemeilen die
Stunde war für sie die Möglichkeit anzubeissen gegeben. Wir liessen dann
die über zwei Schiffslängen messende Leine in dem Grade ablaufen als das
Schiff sich von dem Köder entfernte.
Wie oft jagten uns ein paar Albatrosse in die grösste Aufregung indem sie
herangeschwommen kamen und nach ihm schnappten. Aber entweder schnappten
sie zu vorsichtig, oder sie pickten uns den Speck von der Angel, so dass
wir den leeren Haken einzogen, oder sie waren gefasst, rissen sich aber
gleich wieder los. Oder es kam vielleicht gerade im kritischen Augenblick
der höchsten Erwartung ein stärkerer Windstoss, wir rauschten schneller
durchs Wasser, und der Albatross konnte mit der besten Absicht der Angel
nicht mehr nachrudern. Einmal postirte sich einer dummdreist schon ziemlich
weit vor ihr hin und wartete auf sie, bis sie herangeschleppt kam, mehrmals
wüthend nach der gespannten Leine beissend, aber er war nicht flink genug
und die Angel entging ihm.
Endlich, endlich bissen sie aber doch, und zwar auf einmal wie verrückt.
Wir hatten das schönste Haifischwetter, das man sich denken kann, kaum
so viel Wind, um noch zu steuern, einen blauen wolkenlosen Himmel, glatte
langsam dünende See und einen aussergewöhnlich hohen Barometerstand, der
den Kapitän in Verzweiflung brachte.
Die Albatrosse strichen träge über die Dünung und setzten sich heute
häufiger aufs Wasser. Eine ganze Flottille von Albatrossen schwamm
schliesslich hinter uns her. Die Angel wurde wieder ausgeworfen und war
sofort der allgemeine Zankapfel. Einer der grössten schnappte zu, und die
Angel sass. Frohlockend, aber behutsam zogen wir ihn ein, während
seine Gefährten verwundert ihm nachguckten. Vergebens stemmte sich der
unglückliche Vogel mit Flügeln und Beinen gegen das Wasser. Es half ihm
nichts, er musste heran, und wir hoben ihn an der Leine zu uns herauf.
Kaum hatten wir den Haken abermals ausgeworfen als auch der zweite
eingezogen wurde. Die dummen Thiere geberdeten sich heute ganz wahnsinnig,
sie stritten sich förmlich um den Vorrang des Geangeltwerdens, klapperten
mit den Schnäbeln und kreischten ärgerlich, so oft wieder einer von
ihnen entführt wurde. In der kürzesten Zeit hockte ein Dutzend friedlich
nebeneinander auf dem Kajütsdach. Zweien gelang es, sich von dem Haken
los zu machen, da wir nicht stetig genug einholten. Der Widerstand, den sie
trotz allen Schlegelns und Stemmens mit Flügeln und Füssen leisteten, war
erstaunlich gering. Das Merkwürdigste aber war mir, dass kein einziger,
auch später nicht, gefangen wurde, indem er die Angel verschluckte, wie
die Fische, und wie ich nach den gehörten Erzählungen erwartet hatte. Sie
hingen alle einfach nur mit der hakenförmig gekrümmten Schnabelspitze an
dem Angelhaken.
Anfänglich sassen sie verdutzt in einer Reihe auf dem Dach der Kajüte,
machten nicht den geringsten Versuch zu entfliehen und staunten die
Volksmenge an, die sich um die Wunderthiere versammelt hatte. Hie und da
kam dann einem plötzlich ein dunkler Bewegungsimpuls, er erhob sich auf
die Beine, ein paar andere folgten seinem Beispiel, aber gleich darauf
klappten sie wieder zusammen, als ob sie zum Stehen zu schwach wären.
Die meisten, nicht alle, spieen sich und entleerten ihren flüssigen
Mageninhalt auf den Boden.
Ich wählte den grössten und schönsten zum Abbalgen aus und vergiftete
ihn mit Zyankalium. Er liess sich ruhig den Schnabel öffnen und die
tödtliche Gabe mit einer Pinzette in den Rachen schieben. Nach einer
Minute neigte er sanft sein Haupt und starb. Zwei andere, die jüngsten,
erschlugen wir, um von ihrem Fleisch uns herrliche Beefsteaks zu bereiten.
Nicht die Spur eines thranigen Beigeschmacks. Nach den drei Monaten
Salzfleisch und Büchsenfleisch gehörten jene Albatrossbeefsteaks zu
den höchsten kulinarischen Genüssen meines Lebens. Sämmtliche drei
Albatrossmagen, die ich untersuchte, enthielten die nämliche Nahrung,
Pyrosomen und Sepien. Diese Sepien scheinen also auf der Meeresoberfläche
ziemlich häufig zu sein. Auch in den zwei Haifischmagen die ich erhielt,
fand ich nur Reste von solchen.
Die übrigen Albatrosse liessen wir laufen, das heisst, wir warfen sie
über Bord, worauf sie fröhlich von dannen flogen. Seeleute behaupten,
Albatrosse könnten von festem Boden nicht auffliegen. Dies ist nur in
so fern wahr, als das Deck eines Schiffs niemals Raum genug bietet um den
nöthigen Anlauf zu gestatten. Ich fing später einen Albatross, der ganz
abweichend von den Gewohnheiten seiner Art nicht blöde sitzen blieb,
sondern mehrmals aufzufliegen versuchte. Er stiess sich aber immer wieder
am Geländer oder am Kompasshäuschen oder an einem Bündel Tau oder an
einem Poller. Ohne solche Hindernisse auf einem freien Platz würde er
leicht in die Höhe gekommen sein. Alle die Albatrosse, die wir fingen,
waren voll von Läusen. Also auch auf den azurenen Wogen des Ozeans diese
Plage, nicht blos im Zwischendeck bei den Polaken.
Es giebt eine Menge von Albatross-Arten und Varietäten, die vielleicht
noch gar nicht vollständig gesichtet sind. Die grosse und auffälligste
Art, die wir angelten, zeigte allein schon zahllose Abstufungen in der
Farbe des Gefieders vom jungen fast vollständig dunkelbraunen bis zum
alten fast vollständig weissen Individuum. Die Bleichung schien bei allen
am Rücken zwischen den Flügeln in Form eines nach hinten verlängerten
Trapezoids zu beginnen und von dort sich zuerst nach dem Bauch und dem Kopf
zu verbreiten.
Ausser dieser grossen verfolgten uns oft noch zwei andere kleinere Arten,
eine weisse mit schwarzen Flügeln und schön orangefarbenem Schnabel und
eine ganz schwarze mit weissgerändertem Schnabel. Von den letzteren schoss
ich einmal zwei Exemplare aufs Deck herab. An Kaptauben sahen wir niemals
eine beträchtlichere Anzahl. Häufiger waren die niedlichen Sturmvögel,
die uns namentlich bei unruhiger See schaarenweise begleiteten.
Um dieselbe Zeit ungefähr fing ich zum ersten mal Pyrosomen oder
Feuerwalzen mit dem Schleppnetz. Es sind dies sackförmige Thierkolonien
aus der Klasse der Tunikaten, von etwa 20 Zentimeter Länge und 5
Zentimeter Durchmesser. Bei Tage sieht man sie kaum, bei Nacht aber
leuchten sie, so dass man das Netz auf sie dirigiren kann. Brachte ich
die wurstartigen Gebilde in einen Eimer und liess sie ruhig stehen, so
erloschen sie bald und waren unsichtbar, stiess man aber an den Eimer, so
erglühten sie und leuchteten mit grünlichem Schein, hell genug, um bei
dem Licht von drei oder vier Stück ohne sonderliche Anstrengung lesen zu
können. Deshalb sind sie auch fast nur im strudelnden und schäumenden
Kielwasser zu bemerken.
Jetzt da unsere Reise sich ihrem Ende näherte, beschäftigte mich noch ein
anderer Gegenstand, der sich auf die Ventilation von Schiffen bezog.
Schon oft hatte ich von Seeleuten gehört, dass im Innern eines segelnden
Schiffes stets ein Luftstrom in der dem Winde entgegengesetzten Richtung
wehe. Um diese sehr paradox klingende Behauptung, welche sich auf
Erfahrungen über den Weg, den Gerüche aus dem Laderaum nehmen, stützte,
zu untersuchen, benutzte ich, da ich leider kein Anemometer besass, und
ein solches bei den vielen sich kreuzenden lokaleren Luftströmchen auch
vielleicht kein deutliches Bild der Bewegung im Allgemeinen gegeben hätte,
die Temperatur der Luft an verschiedenen Stellen des Zwischendecks, von der
wohl nicht zu bestreitenden Annahme ausgehend, dass sie da wo sie kälter
sei, ein-, und da wo sie wärmer sei, ausströmen müsse.
Einen der Missionäre hatte ich schon bei Madera beauftragt, täglich
dreimal die Stände der vier Thermometer, von welchen einer oben in der
Kajüte und drei im Zwischendeck vertheilt waren, sowie die jeweilige
Richtung des Windes zum Schiff zu notiren. Wenn ich auch hiebei die
Entdeckung machen musste, dass dieser protestantisch orthodoxe Apostel des
Glaubens gleich seinen drei Kollegen weniger ein Mann von Intelligenz und
Bildung als ein zum Predigen und Vorbeten und zum Fanatismus abgerichteter
Bauernkerl war, so gelang es mir doch nach einigen mühseligen Anleitungen,
ihm das Geheimniss des Thermometerablesens beizubringen.
Ich stellte nun die Aufzeichnungen zusammen und fand zu meiner Genugthuung
jene interessante Eigenthümlichkeit theilweise bestätigt. So oft wir mit
vierkant gestellten Raaen vor vollem Winde segelten, war hinten im Schiff
die Luft wärmer als vorne, das heisst, hier kam sie an, nachdem sie
bereits das ganze Zwischendeck durchzogen hatte. Namentlich in den
Weststürmen des südlichen Indischen Ozeans zeigten sich die konstantesten
Unterschiede bis zu zwei Zentigraden. Erklären liess sich dies vielleicht
dadurch, dass beim Segeln vor dem Winde von den Untersegeln meist nur das
vorderste, die Fock, ausgespannt ist, während die beiden anderen aufgegeit
oder festgemacht sind, und dass in Folge dessen der Luftstrom, der über
das Schiff fegt, von der schräge nach vorne geneigten Ebene der Fock nach
unten und in die vorderste Zwischendeckslucke zurückgeworfen wird. Nicht
ganz so deutlich waren die Resultate, wenn wir beim Winde segelten, und
ich werde mir diesen Theil der Angelegenheit künftighin nochmal vornehmen
müssen.
Am 5. März erreichten wir die Länge von Tasmanien unter 49 Grad
südlicher Breite. Gegen Abend bekamen wir wieder flauen Wind, und ich warf
mein Netz über Bord, zum ersten mal ohne etwas Makroskopisches zu fangen.
Als ich Wasser in einem Eimer heraufholte und mit der Hand bewegte,
glitzerte es darin von hundert leuchtenden Punkten wie gewöhnlich.
Es galt die Frage zu entscheiden, sollen wir den näheren aber weniger
sicheren Weg durch die Cooksstrasse nach Wellington einschlagen, oder auf
dem weiteren aber glatteren um die Südspitze der Südinsel Neuseelands
herumgehen. Der Kapitän wählte das Letztere, und wir behielten unseren
Kurs Ost zu Nord bei.
V.
ANKUNFT IN NEUSEELAND UND QUARANTÄNE.
Zum ersten mal Grund. Neuseeland erscheint. Die ersten Zeitungen.
Ankunft des Lootsen. Der Anker fällt. Pulverunglück. Die
Hafenbehörde. Sturm und Landungsschwierigkeiten. Bewegtes
Dasein. Aufruhr der Elemente und der Menschen. Mitternächtige
Todtenbestattung. Ruhigere Zeit. Die idyllische Insel. Ueberall
»Billig und schlecht«. Zoologisches. Endlich frei.
Das Geklirr der Ankerketten verkündete uns die freudige Botschaft, dass
das Ziel nahe sei. Sie waren seit Europa vorne im Zwischendeck begraben
gewesen. Nun wurden sie wieder auf Deck geholt und klar gemacht.
Nach dem Besteck waren wir auf der Höhe von Neuseeland. Ob wir es auch
in Wirklichkeit waren, musste sich jetzt herausstellen. Meine Zweifel in
dieser Hinsicht entbehrten nicht der Begründung. Denn das Chronometer
konnte seinen Gang verändert haben, und eine Kontrole durch Monddistanzen
hatte es niemals erfahren.[3]
[3]: In den nautischen Almanachen sind für das ganze Jahr von je drei
zu drei Stunden Greenwichzeit die Distanzen des Mondes von der Sonne
und anderen gerade brauchbaren grösseren Sternen angegeben. Indem
man nun mit dem Sextanten solche Distanzen misst, lässt sich das
Schiffschronometer, welches Greenwichzeit zeigen soll, darauf prüfen.
Der Horizont war bewölkt, von Land keine Spur zu sehen. Es wurde gelothet,
und mit grosser Spannung erwartete ich das Resultat. Wir bekamen wirklich
und wahrhaftig Grund. Die Leine zeigte 50 Faden Tiefe, an dem Talg in der
unteren Aushöhlung des Lothes klebten Fragmente von kleinen Muscheln
und Korallen. Mit grosser Andacht beguckten wir alle dieses vorläufige
Stückchen Neuseeland. Niemand aber war froher als der Kapitän, dem sein
Chronometer eine seltene Treue bewährt hatte.
Erst vier Tage später, am 17. März, erblickten wir das Land der
Antipoden selbst. Noch vier Tage mussten wir bei kaltem unfreundlichem
Wetter unter der Küste desselben aufkreuzen ohne es in Sicht zu bekommen,
als an jenem Morgen endlich das Gewölk zerriss und, rings gegen den
Horizont hinabsinkend, dicht vor uns schöne hohe Berge mit glitzernden
Schneegipfeln, wunderbar duftig im warmen Sonnenschein enthüllte. Das Ziel
einer viermonatlichen ermüdenden Seereise hätte uns nicht reizender und
überraschender vor Augen treten können. Aber wäre der erste Anblick des
lang und heiss ersehnten Landes auch weit weniger vortheilhaft gewesen, als
das Wahrzeichen der Erlösung von den Widerwärtigkeiten des Schiffslebens,
wäre er gewiss mit ebenso grossem Entzücken begrüsst worden.
Es waren die kahlen Felsenmassen der Banks Peninsula, jenes mächtigen
Gebirgspfeilers an der Ostseite der Südinsel, welche aller Augen gefesselt
hielten, bis sie hinter uns verschwanden. Ein frischer Süd sprang auf und
führte uns rasch nordwärts, Wellington, dem Bestimmungshafen, entgegen.
Doch die ungewohnte Schnelligkeit der Fahrt dauerte nur kurze Zeit. Mittags
schlief der Wind wieder ein, die Segel fingen wieder an, an den Masten
herumzuklappern, und bald lag die See wieder ebenso spiegelglatt und
todesstille unter einer stechenden Sonne da, wie wir sie so oft zu sehen
Gelegenheit gehabt hatten. Albatrosse setzten sich faul aufs Wasser,
paddelten neugierig an das ruhigliegende Schiff heran und stritten sich
schnatternd um die über Bord geworfenen Abfälle oder auch um die Angel,
mit der wir einen dieser dummen Vögel nach dem anderen einzogen.
Etwa fünf Seemeilen entfernt trieb ein kleiner Schuner, wahrscheinlich
ein Küstenfahrer, und unser Kapitän fuhr in der Jolle hinüber, um
Erkundigungen einzuziehen. Nach drei Stunden kam er zurück und brachte
mir ausser einem Albatross, den er mit der Hand gefangen, und einer
vollen Ladung aufgefischten Seetanges, welcher von Mollusken und Krustern
wimmelte, als werthvollste Gabe Zeitungen mit, die, wenn auch bereits
vierzehn Tage alt, für uns nach vier Monaten die ersten Nachrichten aus
der Mitwelt enthielten. »Greymouth Argus« nannte sich das Blatt, welches
sich übrigens zur allgemeinen Enttäuschung wenig um das alte Europa
kümmerte. Nichts von dem theuren Vaterlande, nichts von dem schönen
Frankreich war zu finden, woraus wir schlossen, dass wenigstens kein
ernstlicherer Krieg mittlerweile ausgebrochen sei. Nur die Erklärung des
Don Carlos, im Fall eines Konfliktes zwischen Spanien und Amerika neutral
bleiben zu wollen, gab die einzige Kunde aus der Politik Europas. Dagegen
schienen Kricket und Football in Greymouth eine grosse Rolle zu
spielen. Denn die meisten Kabeltelegramme von Neuseeland und Australien
beschäftigten sich mit Resultaten solcher nationalen Wettkämpfe.
Die Jolle war gerade zur rechten Zeit heimgekehrt. Der Himmel überzog
sich mit dicken Wolken, und einzelne Windstösse aus Osten deuteten auf das
Herannahen eines Sturmes. Als es dunkel geworden, wehte es so heftig, dass
die meisten Segel festgemacht werden mussten, aber die stürmische Brise
war günstig und schob das Schiff ungestüm durch die aufgeregten Wogen,
welche hellleuchtend in der Schwärze der Nacht, zu beiden Seiten des
Kieles hoch emporschäumten.
Der nächste Morgen fand uns an der südöstlichen Ausweitung der
Cooksstrasse. Vor uns lag die Palliser-Bay mit der Lootsenstation und
links davon auf einem hohen Felsen stand der einsame Leuchtthurm von
Penkarrow-Head. Mittags kam der Lootse an Bord, immer näher rückten
die schroffen Ufer, an denen allenthalben die Brandung donnerte, und eine
Lücke öffnete sich, der Eingang zu Port Nicholson, dem geräumigen Hafen
von Wellington.
Von der Stadt war noch nichts zu sehen. Sie lag zur Linken versteckt hinter
einer etwa 200 Meter hohen Felsenkulisse, und nicht früher als wir diese
passirt hatten, kamen die äussersten Häuser ihres linken Flügels zum
Vorschein.
Mitten im Hafen von Wellington liegt Somes Island, die kleine
brandungumtoste Quarantäne-Insel aus einigen 60 bis 80 Meter hohen Hügeln
bestehend, deren einer auf seiner Spitze vier stattliche kasernartige
Gebäude trägt. Dorthin führte uns der Lootse, um auf den Besuch der
Hafenbeamten zu warten. Mit unserer Typhusepidemie durften wir nicht an die
Stadt gehen.
Leider trübte ein schwerer Unglücksfall den frohen Moment der Ankunft.
Jan Maat begnügte sich nicht mit dem kräftigen Hurrah der Passagiere,
welches das Niederrasseln des Ankers begleitete, es musste auch geschossen
werden. Ohne Schiessen kein Vergnügen.
Ein alter verrosteter Böller erfreute sich schon seit mehreren Stunden der
eifrigsten Reinigungsbestrebungen unseres Bootsmanns. Ich war beschäftigt,
meine nicht sehr salonfähigen Reisekleider gegen eine etwas gewähltere
Toilette zu vertauschen, als der erste Salutschuss ertönte und gleich
darauf ein zweiter folgte. Meine Verwunderung wie es möglich sei, aus
einem einzigen Geschütz innerhalb so kurzer Zeit zweimal zu feuern, war
noch nicht zu Ende, als die Passagiere hereinstürzten und mich zu Hilfe
riefen. Auf Deck herrschte grosse Aufregung, und Alles drängte nach
einem Punkte, von welchem ich lautes Jammergeschrei vernahm. Ein
pulvergeschwärztes gräulich entstelltes Gesicht, über welches Blut aus
Augen, Mund und Nase rieselte, und welches ich nur dadurch als das
eines hübschgewesenen jungen Mannes erkannte, dass seine Mutter
verzweiflungsvoll ihn umarmt hielt, erklärte mir was geschehen war.
Ich hatte mich eben überzeugt, dass die Verletzung lange nicht so schlimm
sei, und dass namentlich die Augen nur oberflächlich gelitten hatten, als
ich von dem Steuermann stürmisch nach der Kajüte zurückgerufen wurde,
wohin man mittlerweile den eigentlichen Verunglückten, den Bootsmann
getragen hatte. Brüllend lag er auf dem Boden und krümmte sich in seinen
Schmerzen, ringsum die verstörten Gesichter des Kapitäns und einiger
Passagiere. Dieser Fall war bedeutender als der andere.
Ich musste einen Theil der zerschmetterten Hand amputiren, und noch im
letzten Augenblick der Reise meine Instrumente hervorholen, nachdem ich sie
glücklich fast unbenutzt bis ans Ziel gebracht hatte. Beide Verletzungen
waren dadurch entstanden, dass der Bootsmann die zweite Kartusche, ohne
auszuwischen, in das Geschütz schob, während dieses noch glimmende Reste
der ersten Kartusche enthielt.
Eine kleine Dampfbarkasse bog alsbald um die nächsten Felsen und
legte sich an unsere Seite. Sie enthielt den Immigration-Officer, den
Regierungsarzt und den Hafenmeister sowie einen Maschinisten und einen
Steurer, welcher letztere mir als der erste Maori, den ich sah, am
interessantesten erschien. Doch zu ethnologischen Studien war jetzt keine
Zeit. Ich stieg an der Jakobsleiter in die Barkasse hinab und stellte mich
und unsere Gesundheitsverhältnisse vor. Trotz Allem, was der Lootse mir
von der Strenge der bezüglichen Hafengesetze mitgetheilt hatte, hoffte ich
noch, dass die Beamten uns gnädig sein und von einer längeren Quarantäne
absehen möchten, da ja der Abdominaltyphus eine Krankheit ist, die in
keiner grösseren Stadt fehlt, und die nicht erst durch uns in Neuseeland
importirt zu werden brauchte.
Unser Schicksal wurde kurz entschieden. Die Kommission verhängte
Quarantäne über uns, befahl dem Kapitän, sofort die Böte auszusetzen,
um alle Passagiere, gesunde und kranke, an der Insel zu landen, und fuhr
gleich wieder nach der Stadt zurück, ohne an Bord gewesen zu sein. Ich
selbst wurde beauftragt, die Leitung der Quarantäne zu übernehmen.
Dies war nun ein sehr kühler Empfang, wie wir ihn nicht erwartet
hatten. Und unsere Immigranten paradirten doch alle in ihrem schönsten
Sonntagsstaat, und der Kapitän, der gänzlich ignorirt wurde, hatte doch
alle Räume aufs Sorgfältigste rein machen lassen, viel reiner als sie
jemals während der ganzen Reise gewesen. Alles vergebene Mühe. Und jetzt
sollten auch noch die frischgestrichenen Böte ausgesetzt werden, an denen
die Farbe noch kaum fest haftete, und an denen der Kapitän selbst mit
Liebe herumgekleckst hatte. Dies war keine geringe Aufgabe bei dem eben
herrschenden Unwetter. Wir hatten deren fünf an Bord, aber nur die
kleine Jolle hing an Davids, die vier grossen lagen innen auf den beiden
Deckhäusern.
Unter solchen Umständen konnte es nicht überraschen, dass sehr bittere
Gefühle den Lenker der Euphrosyne durchzuckten, und schliesslich in einem
Wuthausbruch ihre Aeusserung fanden, der hauptsächlich gegen mich als
supponirten Veranlasser der Quarantäne sich richtete, der aber als
etwas schon öfter Dagewesenes keinen besonderen Eindruck mehr zu machen
vermochte und mich nicht abhielt, wiederholt den grimmigen Tiger an seine
Pflicht zu erinnern und um Beschleunigung der lässig betriebenen Arbeit zu
bitten.
Mehr als zwei Stunden verstrichen, bis die Böte zu Wasser waren, und ich
hatte nun Musse, vom Achterdeck aus die neue Umgebung zu betrachten. Dunkle
graue Wolken flogen eilig über den Himmel. Eine Schaar fremdartiger Möven
mit fremdartigem Geschrei kämpfte gegen den Sturm und spähte gierig nach
den vom Ebbestrom weggetriebenen Abfällen des Schiffes. In der nächsten
Nähe vor mir lag die kleine baumlose Insel, welche auf unbestimmte Zeit
meine Domäne werden sollte, mit der Immigrantenkaserne oben und steilen
Felsen unten am Ufer, über die eine hölzerne Treppe vom Landungspier
hinaufführte. Sie schien unbewohnt zu sein, kein Mensch war auf ihr zu
erblicken. Ein immer heftiger werdender Wind peitschte die hüpfenden
Wellen, pfiff durch die Takelage und warf sich zuweilen in orkanartigen
Stössen auf das an den Ankerketten rüttelnde Schiff, über welchem nun
die verdächtige gelbe Flagge wehte. In düsteren Umrissen begrenzten hohe
Bergketten, welche bewaldet zu sein schienen, die Gegend, nach Süden ein
schmales Stück Ozean offen lassend.
Die Böte leckten in allen Fugen und füllten sich, kaum zu Wasser
gebracht, bis zum Rande. Die halbe Mannschaft war krank und die gesunde
Hälfte missmuthig, dass sich die Ankunft in Wellington verzögerte und
dass nun auch noch die Mühe des Hin- und Herruderns winkte. Der Kapitän
tobte und fluchte.
Als ich endlich an die Insel fahren konnte und zum ersten mal nach vier
Monaten wieder festen Boden unter den Füssen fühlte, war mir zu Muthe wie
einem von schwerer Krankheit Genesenen, der seinen ersten Ausgang feiert.
Es that mir leid, dass ich nochmals aufs Schiff zurück musste. Ich lernte
Mister Koral, den Verwalter der Quarantänestation kennen. Der alte Herr
war höchst bestürzt, so viel fremde Völker einquartiert zu bekommen, mit
denen er sich nicht verständigen konnte.
Alle Passagiere an demselben Nachmittage zu landen, erwies sich bei dem
herrschenden Sturm als unmöglich und wir durften froh sein, wenigstens die
ledigen Männer mit Sack und Pack auf die Insel zu bringen. Die Familien
und die einzelnen Frauenzimmer sowie sämmtliche Kranke hatten noch eine
Nacht an Bord zu schlafen. So war unser kleiner Staat in zwei Theile
getrennt. Wir hatten nur einen Koch, der natürlich auch an Bord bleiben
und an Bord kochen musste. Die Passagiere auf der Insel erhielten ihr Essen
deshalb nicht zur gewohnten Zeit und rächten sich dafür an dem frischen
Proviant, der aus der Stadt kam und von den Lieferanten in der irrigen
Meinung, dass wir bereits alle gelandet seien, statt aufs Schiff auf die
Insel dirigirt worden war, so dass nun die Passagiere an Bord sich um
ihr frisches Fleisch, ihr frisches Gemüse und ihr frisches Brot betrogen
sahen, auf das sie sich so sehr gefreut hatten. Eine endlose Reihe von
Missverständnissen entwickelte sich aus diesem Zustand der Zersplitterung
bei der durch das Unwetter erschwerten Kommunikation mit der Insel. Wir
waren ganz allein auf uns selbst und auf unsere lecken Böte angewiesen.
Kein Mensch kam uns zu Hilfe, und wären nicht oben auf Somes Island die
Baracken gewesen, wir hätten uns in einem ganz neuentdeckten, wilden Lande
glauben können. Von da, wo wir lagen, sah man nicht einmal Schiffe.
Die Kommissioners paddelten zwar gegen Abend nochmal aus Wellington herbei,
aber nur, um ihre unzufriedene Verwunderung auszudrücken, dass noch nicht
alle Immigranten gelandet seien, und den Kapitän aufzufordern, eines der
Böte einem Haufen Bettstroh nachzuschicken, welches über Bord gefallen
war und vom Winde in der Richtung nach dem Hauptlande entführt,
Infektionsstoff dorthin verschleppen konnte.
Das Wetter des folgenden Tages war wenn möglich noch schlimmer. Es
stürmte ohne Unterlass. Zum Ueberfluss hatten sich während der Nacht neue
Schwierigkeiten hinzugesellt. Das Schiff war mitsammt seinen beiden Ankern
von den Böen und der See um mehr als eine Meile zurückgetrieben und
dadurch die Distanz vom Landungspier um fast ebenso viel vermehrt worden.
Eines der am Hintertheil befestigten Böte hatte sich losgerissen und war
spurlos verschwunden, und in einem anderen hatten die zwei Matrosen der
Morgenwache, des langweiligen Bordlebens müde, das Weite gesucht.
Doppelt intensives Fluchen und Toben des Kapitäns war die unausbleibliche
Folge. Er unterlag dem Uebermass der auf ihn einstürmenden Zorngefühle
und betrank sich. Er lallte schliesslich nur mehr spanisch zu mir, wenn ich
ihn um etwas bat. In der Vorkajüte brüllte ohne Unterlass der Bootsmann
mit seinem zerschossenen Vorderarm, im Hospital winselten die delirirenden
Typhuskranken und draussen auf Deck schimpften sich die Passagiere um ihre
Bündel.
Wäre nicht die Dampfbarkasse der Kommissioners wieder erschienen, und
hätten nicht diese auf meine dringenden Vorstellungen hin sich unser
erbarmt und uns ins Tau genommen, wir hätten Somes Island niemals
erreicht. Die wenigen Matrosen, welche dienstfähig waren, konnten
die schweren Böte kaum gegen Wind und Wellen halten, viel weniger
vorwärtsrudern.
Wir kamen merkwürdiger Weise alle glücklich und ohne erheblichen Unfall
auf die Insel, trotz des Wirrwarrs und des Geschreis der Frauen und
Kinder, die sich fürchteten, in die auf und nieder fliegenden Fahrzeuge zu
steigen, und trotz der Brandung an den Felsen des Ufers, in die gerade das
Boot mit den Kranken gerieth, so dass wir Gesunde hinausspringen mussten,
um es mit den Händen zu dirigiren und das Umschlagen zu verhindern. Wenn
ich jetzt zurückdenke an jene Szenen der Landung auf Somes Island, an die
lecken Böte, in denen zwei Mann fortwährend mit Eimern auszuschöpfen
hatten, nur damit das Wasser auf einem gewissen Niveau blieb, an das
Angstgeschrei der dicht zusammengedrängt zwischen Bettzeug und Kisten
verpackten Kinder, Weiber und Männer, die alle mit dem Heulen des Sturmes
wetteiferten, die Worte der Kommandirenden unverständlich zu machen, an
die unruhig hüpfende See, welche zu beiden Seiten hineinschlug und
die Menschenknäuel rastlos auf und nieder warf, hier die Böte an der
Falltreppe, dort am Pier oder an den Felsen zu zerschellen drohte, so kommt
es mir ganz wunderbar und kaum glaublich vor, dass wir alle mit heiler Haut
der Todesgefahr entrannen.
Der Sturm hielt noch über eine Woche an und störte wesentlich den
wiedererlangten Genuss des Lebens auf fester Erde und in geräumigeren
Wohnungen. Wir sollten alle Tage Proviant aus Wellington erhalten, aber
einigemale kam keiner, wahrscheinlich weil es dem Lieferanten zu stark
wehte, und wir mussten zu Salz- und Büchsenfleisch zurückgreifen, mit
der unerfreulichen Aussicht auf eine Hungersnoth, falls die vorhandenen
Vorräthe zu Ende gingen, ehe ruhigeres Wetter eintrat.
Die Euphrosyne wurde nach etlichen Tagen durch die Kommissioners von
der Quarantäne freigesprochen und ging an die Stadt, nachdem die
Bettverschläge und sonstigen Einrichtungen für die Immigranten
herausgerissen und auf Somes Island gebracht und das Zwischendeck und die
Hospitäler mit Chlor und Schwefel geräuchert und frisch gekalkt worden
waren. Wir sahen uns dann ganz allein auf der kleinen Insel, die man bequem
in einer halben Stunde hätte umgehen können, wenn die Ufer nicht aus
steilen Felsen bestunden. Ringsum die tosende See, die uns von der übrigen
Welt trennte, uns die Verbannten, Gemiedenen, mit der gelben Flagge
Gebrandmarkten. Die Ankunft des Proviantbootes, welches zuweilen auch
Briefe brachte, bildete das einzige Ereigniss des täglichen Lebens, und
man fühlte sich beunruhigt, wenn es nicht zur gewohnten Stunde kam.
Ich hatte in den ersten zwei Wochen wahrlich keine Zeit, mich zu
langweilen. Sie gehören zu den bewegtesten Perioden meines Lebens.
Ueberall gab es zu organisiren, Unfällen, Missverständnissen,
Streitigkeiten und Klagen abzuhelfen. Mister Koral der Verwalter gerieth
oft in Verzweiflung beim Proviantaustheilen und rannte dann regelmässig zu
mir um mich zu Hilfe zu rufen.
Und während der ganzen Zeit wehte der widerwärtigste Sturm. Gleich am
zweiten Tag deckte er uns das Küchengebäude ab und zertrümmerte den
Schornstein des Heerdes und diesen selbst. Wir mussten nun im Freien
kochen, und zwar unten auf den Geröllblöcken des Ufers, da oben das
dürre Gras hätte Feuer fangen können. Ein anderes mal rüttelten in der
Nacht die Windstösse so eindringlich an den Baracken, dass eine förmliche
Panik die Bewohner der oberen Stockwerke ergriff. Sie flüchteten in
die Erdgeschosse. Die Bewohner dieser, dadurch in ihrer Ruhe gestört,
remonstrirten dagegen. Eine Keilerei entwickelte sich, und die ganze
unwillkommene und unangekleidete Gesellschaft verfügte sich in meine
Wohnung und holte mich aus dem Bett, den Streit zu schlichten. Seit jener
Nacht gab es in jedem der vier grossen Gebäude zwei feindliche Etagen --
eine neue Gruppirung von Gegensätzen, deren wir bereits genug besassen.
Denn nicht nur die Nationalitäten und die Familien hassten einander, man
hasste sich ausserdem noch häuserweise, parteienweise, individuenweise,
kurz nach allen Dimensionen des Raumes, nach dem Alter, nach dem
Geschlecht, die Kranken hassten die Gesunden, die Gesunden die Kranken.
Nur in der Opposition gegen mich und meine Organe waren sie Ein Herz
und Eine Seele. Ein Hauptstein des Anstosses war ein Paragraph in den
Vorschriften der Quarantäne, dass die männlichen Immigranten täglich
vier Stunden arbeiten sollten. Nach einem Plane, den ich von der Regierung
erhielt, sollten Wege und Baumalleen auf der Insel angelegt werden, und
dass die Regierung die vielen Arbeitskräfte, die sie ernährte, in höchst
bescheidenem Umfang hiezu in Anspruch nahm, war gewiss eine billige
und weise Massregel, abgesehen von der psychischen Nothwendigkeit einer
Beschäftigung. Aber meine Leute waren durch die lange Seereise so sehr
ans Faullenzen gewöhnt und demoralisirt, dass sie sich hartnäckig
dagegen auflehnten. Sie behaupteten, ungerechter Weise auf der Insel
zurückgehalten zu sein, man schrie Verrath. Die ganze Wuth richtete sich
gegen mich, und eine Rebellion entstund, die mir für einen Tag keine
geringe Verlegenheit bereitete. Ich hielt Reden an das versammelte Volk,
ich versuchte es mit Güte, ich drohte. Zum Glück war man thöricht genug,
meinen Versicherungen, dass ich telegraphisch Militär von Wellington
requiriren würde, dessen Unterhalt den Immigranten zur Last fiele, Glauben
zu schenken. Das Militär allein ohne den Geldpunkt würde sicher keinen
Eindruck gemacht haben. Vor den Unkosten aber fürchteten sich alle. Die
Widerspenstigen gehorchten und fingen an wenigstens zum Schein zu arbeiten.
Diese Leichtgläubigkeit war meine Rettung. Denn die Drohung mit
dem Telegraphen war eitel Wind gewesen. Ich besass zwar Flaggen zum
Signalisiren, aber bei dem herrschenden trüben Wetter würden meine
Signale von keinem Punkt des Festlandes aus bemerkt worden sein.
Ueberall war der Tabak ausgegangen, und unsere Leute verfielen nun auf
ein gräuliches Surrogat. Sie rauchten Theeblätter, indem sie dieselben
trockneten, nachdem bereits Thee daraus gewonnen worden war. So sehr ich
auch vom wirthschaftlichen Standpunkt aus dieser intensiveren Verwerthung
eines Stoffes meinen Beifall zollen musste, so konnte ich doch nicht
gestatten, dass die Wohnräume in solcher Weise verpestet wurden. Ich
verbot das Rauchen im Innern der Häuser und hatte damit leider eine
neue Quelle von Uebertretungen und Unannehmlichkeiten eröffnet. Auf
der Euphrosyne war es viel leichter gewesen die Leute vom Rauchen im
Zwischendeck abzuhalten durch das Schreckgespenst eines Schiffsbrandes.
Jetzt fürchteten sie sich nicht mehr so sehr vor einer Feuersbrunst.
Der Typhus forderte noch zwei Opfer, und diese mussten den
Quarantäne-Vorschriften gemäss so bald als möglich beerdigt werden. Es
war schwer, unter meinen Passagieren die nöthigen Arbeiter zur Herstellung
der Gräber zu gewinnen, und wurde es dunkel, so war keiner beherzt genug,
auf dem Friedhofe zu bleiben, wenn ich nicht selbst blieb und beständig
zur Arbeit anhielt. Beide male traf es sich so, dass die Bestattung erst
spät in der Nacht vorgenommen werden konnte.
Die Unglücklichen, welche jene heimtückische Seuche in der Blüthe der
Jahre hinwegraffte, ein junger Mann und ein junges Mädchen, hatten
wohl nicht geahnt, ein wie frühes Grab und unter welch eigenthümlichen
Umständen sie im Land ihrer Hoffnungen finden sollten, als sie die ferne
Heimath verliessen. Nur wenige Gefährten vermochten die Schauerlichkeit
der mitternächtigen Stunde zu überwinden und folgten als Leidtragende
nach dem Friedhof, auf welchem bereits eine lange Reihe von
Immigrantenschiffen ihre Spuren in Form schmuckloser Grabhügel
hinterlassen hatte. Ringsum die schwärzeste Finsterniss, deren Wirkung das
schwächliche Licht unserer Laternen nur erhöhte. Der Wind fegte über
die Insel und peitschte den Regen uns ins Gesicht und an die klappernden
Laternen. Tief unten brauste und dröhnte die See. So verrichteten wir
schweigend das traurige Geschäft. Ein kurzes Gebet, vom Schulmeister
gesprochen, dann griff Alles zu den Schaufeln und bedeckte schnell den
rohen Brettersarg mit Erde.
Auch auf dem Hauptland richtete der Sturm Verwüstungen an. Waldbrände
verbreiteten sich ringsum an den umgebenden Hügelketten trotz der
häufigen und heftigen Regengüsse, und in einer Nacht schienen an zwei von
einander unabhängigen Stellen ganze Berge in Gluth zu stehen, ein schönes
ergreifend grossartiges Schauspiel.
Fünfundfünfzig Tage dauerte für mich die Verbannung auf Somes Island.
Glücklicher Weise waren jedoch nur die zwei ersten Wochen so reich an
Mühen und Aufregungen, und allmälig trat nicht nur ruhigeres Wetter,
sondern auch Ordnung und Regelmässigkeit in meinem kleinen Staate ein.
Die Gesunden lebten streng von den Kranken gesondert, hatten zu baden, ihre
Kleider zu waschen und zu räuchern und wurden in einzelnen Abtheilungen
nach Wellington abgeholt, sobald ich sie für rein und frei von Krankheit
erklärt hatte. So schmolz die Einwohnerzahl von Somes Island zu meiner
grössten Freude immer mehr zusammen und schliesslich hatte ich nur mehr
ein paar Dutzend Kranker und Rekonvaleszenten mit ihren Angehörigen in den
Baracken. Ich konnte jetzt meine Blicke freier um mich wenden und wieder
Neigungen ausserhalb der Berufssphäre nachgehen.
Meine bisherigen Erfahrungen über Neuseeland hatten sich nur auf
die überraschenden meteorologischen Eigenthümlichkeiten und auf die
Liberalität, mit welcher die Kolonialregierung für ihre Einwanderer
sorgt, bezogen.
Diese letztere verdient in der That die höchste Bewunderung. Es ist kaum
glaublich, welche verhältnissmässig enormen Geldmittel die noch lange
nicht eine halbe Million Köpfe zählende Kolonie aufwendet, um einen
stetigen Zufluss von Einwanderern zu erhalten. Nicht genug, dass Neuseeland
den meisten derselben die Passage bezahlt hatte, wurden diese auch
nach ihrer Landung in Wellington noch so lange verpflegt bis sie Arbeit
erhielten. Es liegt nahe zu glauben, dass die Regierung später hiefür
vielleicht eine Art Abzahlung oder wenigstens das Verbleiben im Lande als
Gegenleistung verlangte. Solches ist aber durchaus nicht der Fall. Jeder
in Wellington angekommene Immigrant ist sofort frei, zu gehen wohin ihm
beliebt -- eine Freiheit, die nicht gar selten dazu benutzt wird, mit der
ersten Gelegenheit nach Australien überzusiedeln. Um derartige vereinzelte
Fälle kümmert sich die Regierung nicht. Sie rechnet nach echt englischer
Weise nur mit grossen Zahlen, ohne kleinlich zu kontroliren. Kostet ja die
Kontrole oft mehr als die Nichtkontrole. Dass trotz dieser vorzüglichen
Einrichtungen viel Gejammer von Auswanderern in den Zeitungen zu hören
ist, kann nicht befremden, wenn man bedenkt, dass erstens auch in
Neuseeland die schlechten Zeiten nicht ausgeblieben sind, und dass
Auswanderer in der Regel einer Bevölkerungsklasse angehören, unter
welcher viel arbeitsscheues Gesindel sich findet. Auswanderung
ist überhaupt eine Sache, bei der es selbst unter den besten
menschenmöglichen Bedingungen nie ohne Härten abgeht.
Das Bewusstsein, die grosse wenig erfreuliche Gesellschaft los zu sein und
nicht mehr Tag für Tag alle die dummen und unzufriedenen Gesichter sehen
zu müssen, an deren jedes sich irgend eine unerquickliche Erinnerung
knüpfte, gehörte entschieden zu den grössten Annehmlichkeiten, die ich
jemals empfunden habe. Ruhe war mein erstes Bedürfniss. Sie wurde mir
jetzt zu Theil, und nur wenn der Wind wieder um unsere exponirten Gebäude
zu heulen und an ihnen zu rütteln begann, wurde sie einigermassen
gestört.
Ich hatte eine reizende Dienstwohnung ganz nach meinem Geschmack. Zwei sehr
geräumige Zimmer, spartanisch einfach und englisch solide möblirt, jedes
mit grossen Fenstern auf zwei Seiten, erlaubten mir, mich mit allen meinen
Sachen gehörig auszubreiten, ein unschätzbares Vergnügen nach den
mühseligen Einschränkungen des Schiffslebens. Alles in der Einrichtung
war zweckmässig und nichts überflüssig. Die weissgetünchten
Bretterwände waren zwar ziemlich undicht, so dass ich an einigen Stellen
kaum mit einem brennenden Lichte vorübergehen konnte, ohne dass es
ausgeblasen wurde, und jeder etwas stärkere Wind drang durch den dünnen
frei auf einigen Balken über der Erde ruhenden Boden und hob den Teppich
stossweise in die Höhe, dass er wogte wie ein stürmisches Theatermeer,
und regnete es, so bildete sich bald vor jedem Fenster ein kleiner See mit
einem Stromsystem bis zum Fusse der gegenüberliegenden Wände.
Die Aussicht aber war ganz unvergleichlich schön. Kurz vor den Fenstern
stürzte der Berg zu der grünen Wasserfläche hinab, auf welcher winzig
kleine Fischerböte mit rothen Segeln schaukelnd ihre Kreise abritten.
Möven flogen in gleicher Höhe auf Schussweite vorüber, erschrocken
abbiegend, sowie sie mich hinter den Glasscheiben erblickten. Die dunklen
Bergketten, welche die Bucht umgrenzten, gewährten noch einige male in
der Nacht das Schauspiel ausgedehnter Waldbrände, und an hellen, sonnigen
Tagen konnte ich zuweilen mich damit unterhalten, mit dem Fernrohr die
Strassen von Wellington zu durchwandern.
Manchmal kreuzten grössere Segelschiffe unten vorbei, entweder vom Ozean
draussen herein in den Hafen oder wieder hinaus. Port Nicholson ist bequem
und geräumig genug, dass man der Schleppdampfer hiezu entbehren kann. Auch
die Euphrosyne sah ich eines Tages wieder in See stechen. Sie ging nach
Peru, um Guano zu nehmen. Ich bemitleidete meine alten Gefährten, die auf
ihr hinwegfuhren, alle, am meisten aber unseren Hannes, an dem sich jetzt
der ganze Grimm des Kapitäns und der Offiziere ungestört entladen mochte.
Grössere Bäume gab es nicht auf der Insel. Man hatte zwar angefangen,
australische Eukalypten und englische Fichten anzupflanzen, aber die
Pflänzchen waren noch klein und schwach. Ein hohes schilfartiges Gras, die
Arundo conspicua beherrschte den Charakter der Vegetation, und überall
auf den Hügeln stunden in mächtigen Büscheln ihre schlanken Halme und
wiegten graziös seidenglänzende fiederige Rispen im Winde. Somes Island
ist berühmt wegen dieses schönen Grases. Häufig kommen, wenn die
Quarantäne leer steht, Lustpartieen hieher und holen sich davon zum
Schmuck der Wohnungen. Ich habe auch nie mehr später auf Neuseeland
die Arundo conspicua so reich und herrlich entwickelt gefunden. Auf
den Felsenkanten der schattigen Südseite wuchs Phormium tenax, der
Neuseeländische Flachs, und in einer Schlucht entdeckte ich einmal zwei
kümmerliche Kohlpalmen, die so charakteristische Cordyline australis,
den Cabbage Tree der Engländer, den ich später noch so oft und so viel
grösser zu sehen bekommen sollte. Damals war er mir neu und merkwürdig.
Es war Spätherbst, und die Sommersonne hatte Alles gelb und welk gebrannt.
Nur in den Felsenklüften der Südseite, wohin die Sonne nicht dringen
konnte, grünte es noch lebhaft von Farnen, welche einige Höhlen zu
feenhaften Gemächern austapezierten. Eine scharfe Ecke springt zwischen
Süd- und Westseite vor, und eben so scharf wie diese Ecke, war damals die
Grenze zwischen Kahlheit und Dürre und üppigstem Grün.
An ungezähmten Säugethieren gab es nur einige verwilderte Katzen und
eine Menge Ratten, welche jenen zur Nahrung dienten. Beide stammten von
europäischen Schiffen her. Mister Koral hielt sich ein paar Ziegen.
Schafe durften nicht gehalten werden, weil ihre losgerissene Wolle
Krankheitsstoffe nach Wellington führen konnte.
Weite Ausflüge waren auf der kleinen Insel allerdings nicht möglich. Doch
boten Spaziergänge den steinigen Strand entlang oder Kletterpartieen über
die Felsblöcke des Ufers stets grossen Genuss und zur Zeit der Ebbe reiche
zoologische Beute.
Das am meisten zerklüftete Südufer wimmelte dann von natürlichen
Aquarien jeder Grösse, welche die weichende Fluth in den Löchern und
Tümpeln zurückgelassen hatte. Aktinien blühten da in allen Farben
zwischen Meerlattich und Tang. Fische aller Art und steifbeinige Garneelen
schossen in ihnen herum und suchten sich vergebens hinter Steine zu retten.
Alles sass voll von Aszidien, Schnecken und Muscheln, in jeder Rille klebte
ein schöner Chiton. Manch werthvolles Mollusk habe ich dort gesammelt.
In den Höhlen und Klüften, die oft senkrecht zum dunklen Grunde
hinabstürzten, überzogen hellviolette Kalkalgen das ganze Gestein, soweit
es im Bereich der Fluth lag, und von oben hingen Farnornamente herunter und
spiegelten sich in den Wellen. Unzählige Seesterne und Seeigel, seltener
auch Holothurien, klammerten sich an die Wände des Grundes, und hie und da
glitt ein mächtiger schwarzer Fisch durch die Tiefe.
Da wo an den äussersten vorgeschobenen Klippen die Wogen sich brachen,
lebten dickschalige Bewohner der Brandung, derbe, faustgrosse Trochen und
Turbonen und eine riesige Haliotis. Letztere saugten sich gewöhnlich
so fest, dass sie nur mit dem Messer loszumachen waren, ebenso wie die
Chitonen. Hie und da gelang es mir, schnell ehe sie sich duckten, die
Fingerspitzen zwischen den Rand ihrer Schale und die sammtenen Fortsätze
des Mantels zu schieben, und dann riss ich stets die blosse Schale vom
Thier ab, während dieses selbst hartnäckig sitzen blieb.
Doch auch zu kulturgeschichtlichen Studien bot ein Spaziergang unten am
Strande Gelegenheit. Von verschiedenen Schiffen, die vor uns auf der
Insel in Quarantäne gewesen waren, lagen hier die Ueberreste ihrer
Einrichtungen, ganze Berge von Kojenbrettern, um allmälig als
Feuerungsmaterial aufgebraucht zu werden, und dazwischen
zerstreut Deckhäuschen und Luckenkappen, Ventilationsröhren und
Klosettbestandtheile. Es berührte mich unangenehm, einen auffallenden
Unterschied zwischen den englischen und deutschen Artikeln dieser Art
konstatiren zu müssen. Von den englischen Schiffen war Alles so solid
und selbst elegant gearbeitet, dass ich mich schämte, unseren lotterigen
deutschen Trödel daneben liegen zu sehen. Wie oft hatte ich von
Engländern Anspielungen und Klagen über die schlechte Ausrüstung unserer
Schiffe zu hören und ruhig hinzunehmen, ohne im Stand zu sein, sie als
unbegründet zurückzuweisen.
Auf der Südkante, dem Eingang von Port Nicholson und dem Ozean zugewendet,
stand oben der Leuchtthurm. Zwei Wächter bewohnten ihn, von denen der
jüngere eine Frau besass. Mit ihnen sowie mit Mister Koral und dessen
Tochter, die von Wellington herübergekommen war, die Verbannung ihres
alten Vaters zu erleichtern, habe ich manchen angenehmen Abend zugebracht.
Waren auch die beiden Leuchtthurmwärter der Einsamkeit ihres Lebens
entsprechend einsilbig genug, und kann ich mich auch nicht erinnern, von
dem älteren derselben mehr als ein stereotypes tägliches »Good Morning
Sir, nice Morning Sir« mit einer Betonung als ob ich das Gegentheil
behauptet, gehört zu haben, so waren sie doch die liebenswürdigsten
Menschen, die mir jeden Gefallen thaten. Wir fuhren zusammen zum Fischen
oder machten Segelpartieen um unser Eiland.
An Gelegenheit zur Wasserjagd fehlte es niemals. Auf den Klippen ringsherum
wimmelte es von Möven verschiedener Arten. Kormorane trieben sich
dazwischen herum, waren aber nur schwer zum Schuss zu bekommen. Um
auszuruhen, wählten sie immer die entferntesten Felsenspitzen, die eine
weite Umschau gestatteten, und seltsam zeichnete sich oft ihre Silhouette
vom Himmel ab, wenn sie regungslos auf einer Kante sassen, ihre nassen
Flügel zum Trocknen ausgebreitet und schlaff herabhängend, nicht
unähnlich einem zerzausten Preussischen Adler. Versuchte man sich ihnen zu
nähern, flugs waren sie weg und verschwunden.
Das interessanteste Wild auf der Insel aber waren die zahlreichen Pinguine
der kleinen blauen Art, die hier eine Hauptstation zu haben schienen.
Einmal in einer schönen Mondnacht schrieen sie so laut vom Strande herauf,
dass ich sie durch die geschlossenen Fenster bis in mein Zimmer hörte.
Es mussten mehrere Dutzend sein. Ich nahm meine Büchse, kletterte die mir
wohlbekannten beschwerlichen Pfade hinab und setzte mich in den Schatten
eines Felsblocks um zu lauern. Aber nichts liess sich blicken, obwohl ich
fast zwei Stunden blieb.
Die Poesie der Umgebung entschädigte mich reichlich für jegliche Beute.
Nur das Anschlagen der glitzernden Wellen gegen die Felsenthore und Klüfte
des Ufers, deren groteske Formen im ungewissen bleichen Lichte des Mondes
schwammen, unterbrach die feierliche Stille der Nacht. Oben strahlte das
südliche Kreuz und weiter nördlich der Skorpion, der zwölf Stunden
später auch auf die ferne Heimath herabsah. Geheimnissvolle Stimmen regten
sich zuweilen draussen über dem Wasser. Schaaren von Möven schliefen dort
auf einsamen Klippen, und häufig stritten sich ein paar von ihnen um die
Plätze. Und plötzlich liessen sich dann auch die Pinguine hören, so
nahe, dass ich sie sehen zu müssen glaubte. Zuerst begann einer allein
sein hässliches Jauchzen und Gurren, andere antworteten ihm, und dann fiel
der ganze Chor ein und gurrte und jauchzte so schauerlich und unnatürlich,
als ob eine Schaar dämonischer Geschöpfe aus der Apokalypse hinter den
nächsten Felsen versteckt war. Dann trat auf einmal wieder Stille ein und
nur die Wellen plätscherten leise.
Erst nach langem Suchen gelang es mir, in einer der vielen Höhlen am
Strande, in welchen sie sich während des Tages aufzuhalten schienen,
drei Pinguine zu fangen. Sie verriethen ihre Anwesenheit durch dieselben
gurrenden Töne, die ich schon öfter in der Nacht gehört, und die
sie wahrscheinlich erschreckt durch das Geräusch, welches ich beim
Herumklettern machte, ausstiessen.
Ich zündete eine Kerze an und kroch auf dem Bauch in die immer enger und
niedriger werdende Höhle bis ich nicht mehr weiter konnte. Da sassen denn
meine Vögel in einem nur fussbreiten Loch, kein Meter von mir entfernt
aber unerreichbar für die Hand, und gurrten und fauchten so giftig,
dass ich fürchtete, sie möchten mir ins Gesicht springen, was in meiner
eingeklemmten Lage sehr unangenehm werden konnte. Ich blieb ruhig liegen
und bohrte mein Licht in den Boden. Das Licht schien die Neugierde der
Pinguine lebhaft zu reizen. Sie beruhigten sich und hörten auf zu gurren,
da sie nur mehr das Licht beguckten.
Langsam kam jetzt einer heraus aus dem Loch, das seltsame Phänomen genauer
zu untersuchen. Auf mich schienen sie ganz vergessen zu haben, da ich mich
nicht regte und kaum zu athmen wagte. Immer näher und näher kam er der
tückisch auf ihn lauernden Hand. Ein rascher Griff und ich hatte ihn beim
Kragen. Er sträubte sich wüthend und biss heftig um sich, seine Kameraden
fauchten und gurrten, ich rutschte zurück und steckte ihn draussen in
einen mitgenommenen Sack. Ganz auf dieselbe Weise fing ich auch die zwei
anderen. Nach zehn Minuten ruhigen Liegens hatten sie mich vergessen und
schlichen hervor, das Licht zu begucken.
Den letzten liess ich frei und ins Wasser laufen, um seine Schwimmkunst zu
beobachten. Eilig hüpfte er gleichbeinig über die Blöcke des Ufers, bis
er das rettende Element erreichte. Dann tauchte er unter und blitzschnell,
seine Vogelgestalt in die eines Fisches verwandelnd, war er verschwunden.
Nach einer Minute tauchte er einen Büchsenschuss weit entfernt wieder auf,
um zu athmen. Ich machte eine Bewegung und abermals war er weg.
Meine zwei Gefangenen brachte ich nach meiner Wohnung, wo ich ihnen eine
helle, luftige Kammer einräumte. Trotz aller Bemühungen, ihnen ihren
Aufenthalt so komfortabel als möglich zu machen, gelang es mir nicht sie
zum Fressen zu bewegen. Ich liess für sie ein grosses Salzwasserbassin
und einen kleinen Garten mit Ufergewächsen anlegen, ich gab ihnen
lebende Fische und Würmer, ich versuchte sie gewaltsam zu füttern -- sie
bestanden hartnäckig auf dem Fasten.
In der Nacht fingen sie einmal, als der Mond zu ihnen hereinschien, zu
fauchen und zu gurren an und versetzten meine Krankenwärterin,
welche neben ihnen schlief, in die grösste Angst und Bestürzung. Das
abergläubische Weib glaubte, es seien böse Geister, die ihren Spuk
trieben. Da ich mittlerweile einsehen musste, dass alle meine Mühe mit
ihnen vergeblich war, so tödtete ich die armen Thiere, um sie nicht
länger leiden zu lassen, nachdem sie zwölf Tage gefastet hatten.
An den schönen warmen und windstillen Tagen, die auf die erste Periode
der Stürme folgten, ruhte über unserer Insel eine idyllische Sabathruhe,
welche, so wohlthuend sie im Anfang war, auf die Dauer langweilig wurde,
und ich begann schliesslich mit dem Köter des Leuchtthurmwächters zu
sympathisiren, dem unser Mangel an Ereignissen gleichfalls nicht zu behagen
schien. Er war ein gutmüthiger struppiger Kerl, der keinem Menschen was
zu Leide that. Aber er litt beständig an der schrecklichsten
Beschäftigungslosigkeit und rannte oft Tage lang vom Leuchtthurm nach den
Baracken und von diesen zum Leuchtthurm hin und her, um zu sehen, ob es
nichts für ihn zu thun gäbe. Selbst mitten in der Nacht liess es ihm
manchmal keine Rast, er konnte nicht schlafen und trabte dann regelmässig
zu mir herauf, um vor meinem Fenster so lange zu heulen, bis ich aus dem
Bett sprang und ihn mit einem Prügel den Berg hinabjagte, was indess
unserer Freundschaft während des Tages keinen Abbruch that.
Bald trat eine zweite Periode der Stürme ein, und es herrschte wieder
ein Wetter, wie es für den neuseeländischen Herbst charakteristisch sein
soll. Dunkle Wolken flohen heftig über den Himmel, durch deren Lücken die
Sonne feine Lichtblicke herabsandte. Ueber Wasser und Land, über Berg und
Thal glitten diese als hellstrahlende Inseln dahin, verfolgt von düsteren
schwarzen Regenschauern, ein nie aufhörender Wechsel in der Beleuchtung.
Dann rüttelte wieder der Wind heulend an unseren leichtgebauten zitternden
Häusern, und man war ins Zimmer gebannt.
Ich sah bereits mit Schmerzen meiner Erlösung entgegen, als mir eines
Morgens gemeldet wurde, es sei ein Schiff mit der gelben Flagge im Grosstop
hereingekommen und liege unten an der Insel vor Anker. Dies war mir
keine sehr angenehme Ueberraschung. Denn ein Zuwachs von Kranken wäre
gleichbedeutend mit einer Verlängerung meines Amtes gewesen. Uebrigens
ging das Schiff am Nachmittag an die Stadt und mir fiel ein Stein vom
Herzen.
Am 12. Mai schlug für mich endlich die ersehnte Stunde. Meine bis auf
fünf Köpfe zusammengeschmolzenen Kranken waren so weit genesen, dass sie
keiner täglichen ärztlichen Beaufsichtigung mehr bedurften. Ich wurde von
der Barkasse der Kommissioners abgeholt und siedelte nach Wellington über.
Ich war frei.
VI.
WELLINGTON.
Erste Eindrücke. Lage der Stadt. Sehenswürdigkeiten. Das Museum, der
botanische Garten, das Athenäum, der Gerichtshof. Allgemeines über
Neuseeland. Der Königin Geburtstag. Die Maoris. Mortalität auf
Auswanderersegelschiffen.
Was mir an Wellington, der Metropole Neuseelands, zuerst auffiel, war, dass
es durchaus nicht amerikanisch aussah, wie ich von einer so jungen Stadt
erwartet hatte. Es fehlte vor Allem jenes Charakteristikum amerikanischer
Städte, welches in der Lotterigkeit und Unreinlichkeit der Strassen, in
einem gewissen Bombast der Architektur und in der bunten Farbenmenge der
Aufschriften besteht. Die Häuser von Wellington sind klein, bescheiden
und anmuthig, die Strassen sauber und zu beiden Seiten mit wohleingefassten
Trottoiren versehen. Das Ganze trägt den Charakter Old Englands.
Eine Hügelkette tritt nahe ans Ufer vor und zwingt einen Theil der Stadt,
sich sowohl terrassenförmig an ihr aufzubauen als auch den seichteren
Partieen des Hafens Land abzugewinnen, womit Geröll herbeischleppende
Eisenbahnzüge auf der nur wenige Kilometer am westlichen Rande der Bai
hin nach einem Dorf namens Hutt River führenden Strecke fortwährend
beschäftigt sind. Mag dieses auch viel Geld kosten, und wird auch deshalb
viel wegen verfehlter Anlage geschimpft -- und wo in der Welt wird
nicht geschimpft -- die Ansicht von Wellington ist durch solche
Terrainschwierigkeiten nur um so hübscher. Der Tourist kümmert sich
bekanntlich egoistischer Weise nicht um die Kosten, die eine schwierige
Landschaft macht, wenn sie nur das Auge befriedigt.
Ein langes und mächtig breites Pier führt hinaus zum tieferen Wasser, wo
die grossen Schiffe liegen. Ihm gegenüber steht das Zollgebäude und
die Post. In Folge eines Erdbebens, welches vor etwa zwölf Jahren die
Bevölkerung in einen noch jetzt nicht ganz verklungenen Schrecken gesetzt
hat, sind alle Häuser von Holz bis auf zwei von Backstein, die deshalb als
Merkwürdigkeiten gezeigt werden. Das Holz als Baumaterial thut übrigens
dem Styl der Bauwerke keinen Eintrag. Das neue Regierungsgebäude ist ein
stattlicher Palast in der gediegensten Renaissance, und die Hauptkirche
täuscht dem Fremdling von ferne eine stolze gothische Kathedrale aus
weissem Marmor vor, bis er näher tritt, und der Marmor in eitel Tünche
sich auflöst. Ueberall sind Gärten zerstreut, in denen der zwar
höchst dankbare und nützliche aber unschöne aus Australien importirte
Eukalyptusbaum vorherrscht.
Die ersten Tage in Wellington vergingen mir wie die meisten ersten Ta
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