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Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

by Franz von Seeburg · German · Gutenberg #48476 · 367,401 chars · public domain (US)

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Title: Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

Author: Franz von Seeburg


        
Release date: March 12, 2015 [eBook #48476]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48476

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEXENRICHTER VON WÜRZBURG: HISTORISCHE NOVELLE ***

  Die Hexenrichter von Würzburg




  Die Hexenrichter
  von Würzburg

  Historische Novelle von
  Franz von Seeburg

  Siebte Auflage

  [Illustration: Dekoration]

  ^Druck und Verlag von Friedrich Pustet^
  Regensburg, Köln, Rom, Wien 1920




1. Kapitel: Fahrendes Volk


Rings düsterer Wald. Alte Buchen, mächtige Föhren und Tannen
beschatten einen Boden, den nur selten eines Wanderers Fuß betritt.
Ungestört äst dort der Hirsch, weidet das Reh und krächzt die Eule.
Die geheimnisvolle Weihe von Jahrhunderten liegt über diesem Meere
von Bäumen, über das wilde Stürme hinweggebraust und über dem so
oft des herrlichen Frankenlandes Sonne aufgegangen. Neben der in
sich zusammenbrechenden Eiche keimt und sproßt neues junges Leben in
saftweichem Grün, unter dem Schatten weitästiger Buchen glüht unbegehrt
und ungepflückt im schwellenden Moosgrunde die Erdbeere. Dem Schiffe
gleich, das stolz die Wellen durchschneidet, fliegt in majestätischem
Flügelschlage der Geier über das wogende Meer grünender Kronen, während
in dem dichten Geäste die Sänger des Frühlings aus frischen Kehlen
singen.

Dort, wo der Wald sich lichtet und von sanfter Anhöhe nach dem Tale
niedersteigt, steht im Tannenschatten ein einsames Haus. Fest, massiv
sind seine Mauern, aus regellosem Gesteine gefügt. Rings an den Wänden
kriecht der schwarzgrüne Efeu träge hinauf und verschleiert mit seinen
Blättern die kleinen Fensterbogen mit ihren sonnenblinden, runden
Glasscheiben. Die Haustüre steht offen und gewährt freien Einblick
in einen gewölbten, halbdunklen Hausflur, an dessen Ende ein roh
gezimmerter alter Eichentisch auf weit gespreizten Beinen steht. Über
diesem an der graufarbigen Wand hängt ein Kruzifix, schwarz, schmutzig,
von Spinnengeweben umzogen, vom Holzwurme angefressen.

's ist Frühlingsabend. Die scheidende Sonne hat ihren Glanz in
ungezählte Lichter gebrochen, welche auf dem jungen zarten Grün der
Buchen und auf dem dunkeln Boden des Waldes ihren Abendreigen in
feenhaftem Tanze feiern. Auch an dem alten Hause zieht scheidend ein
rosiger Strahl vorüber, ein warmer Kuß, auf Leichenlippen gehaucht, und
stirbt dann in dem Schatten der Waldesnacht.

Kein Vogelsang mehr! Die kleinen Flöten sind müde geworden und träumen
von neuen Liedern für den morgigen Tag. Nur die Eule ächzt wie das
Gewissen eines schlaflosen Sünders durch die tiefe Stille des Abends.

Gott grüß euch, ihr Sterne! Warum soll ich euch denken als riesige
Körper in endlos weiten Fernen, an denen des Menschen forschender Geist
Zirkel und Zahl versucht? Nein, ihr seid mir liebe Engelsaugen, die
freundlich auf Flur und Wald und in fromme Menschenherzen niedergrüßen.

Ein greller Pfiff, darauf ein rohes Lachen. Dort teilt sich des
Niederwaldes dichtes Geäste und wilde, verwetterte Gestalten treten
heraus. Sie schreiten dem alten Hause zu und lagern sich vor demselben
ins schwellende Gras.

»Heda, Zuckerwastl!« ruft ein kleiner, dicker Geselle, den breiten
Schlapphut fest auf den Kopf gedrückt; »heda, wirf deinen
zusammengestohlenen Kram ins Gras! Bist nicht halb mehr der Spitzbube,
wenn du die Ware vom Rücken nimmst.«

Der Angeredete streifte stechenden Auges den Dickwanst. Erst löste
er die Lederbänder seiner Kraxe, stellte diese beiseite und reckte
Arme und Beine; dann fuhr er mit dem Ärmel über sein wettergebräuntes
Gesicht, um sich den Schweiß abzutrocknen, und strich endlich mit
stolzem Selbstbewußtsein über das abgeschlissene Sammetwams, über dem
um den dürren Hals eine Messingkette hing.

»Bist der schmuckste Junker im Frankenlande,« spottete der Dicke
weiter; »gehst in Sammet und Seide gleich einem Grafen. Nur schade, daß
der ganze Plunder sowenig wert ist als der, der ihn trägt.«

»Pappenheimer,« gab trocken der Zuckerwastl zurück, »stecke deine rote
Nase nicht zu tief in meinen Topf, es möchte dir sonst übel ergehen!«

Mit diesen Worten wandte er sich von dem Dicken ab und seinen anderen
Gesellen zu.

»Du mein Gott!« lachte er, einem mürrischen Alten vertraulich auf die
Schultern schlagend, »wie wirst du grau und schwach, zerbrochener
Paulus! Hab' dich auch einst in besseren Zeiten gesehen, ehe sie
dir in München im Falkenturme die Glieder gestreckt haben. Ja, ja,
Spitzbubenleben macht noch schneller alt als Herrenleben; es geht eben
gar zuviel Ungewitter über einen richtigen Schelmenkopf!«

»Dir hat es doch nicht übel bekommen,« gab der zerbrochene Paulus, ein
hinkender Alter, halb verdrossen, halb neidig zurück.

»Glaub's wohl,« lachte der Neunaugen, ein widerlicher Kerl mit dünner
Stimme und schielenden Augen; »es versteht sich nicht jeder so gut auf
sein edles Handwerk wie der Junker Zuckerwastl! So einer solch weisen
Kopf zwischen seinen Schultern sitzen hat, mögen ihm die hochgelahrten
Herren mit den hänfenen Halskrausen und dem peinlichen Rechte nicht
beikommen.«

Der Zuckerwastl nickte dankend für das gespendete Lob, pfiff ein Lied
und schritt nach dem Hausflure, um dort den Schenkwirt aufzusuchen. --

Wir haben hier eine Gesellschaft vor uns, wie sie sich in einem alten
Gerichtsakte gezeichnet findet, Gauner vom reinsten Wasser, echte
Erzeugnisse jener wilden Zeit des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts,
wo die unteren Volksschichten fast ohne Bildung waren und eine ganz
erbärmliche Justiz den letzten Rechtsbegriff in der Menge zerstörte.

Der Zuckerwastl war eine lange, hagere Gestalt mit stechenden Augen
und dünnen schwarzen Haaren; jenen Namen trug er, weil er stets einen
kleinen Kram mit sich trug, der aus Zucker, Gewürz, Hutschnüren,
Schamlot und Hosenbändern bestand; diese Gegenstände aber sollten ihm
nicht zu redlichem Erwerbe dienen, sondern vielmehr ein Mittel sein,
sich als fahrender Händler in die Häuser einzuführen, die Gelegenheit
zum Stehlen auszukundschaften und dann mit seinen Gesellen nach Lust
und Möglichkeit zu rauben, oder, wenn es nicht anders ging, wohl auch
zu morden. Er gehörte zu jenen Landfahrern, welche von wandernden
Eltern stammen, ohne Heim und bleibende Stätte, dem Wandertriebe
folgend von der Wiege bis zum Galgen oder, wenn er unter einem guten
Sterne geboren war, bis zu einer Grube draußen im Walde; ohne Aufblick
nach oben, ohne Verständnis des Diesseits, ohne Hoffen und Sehnen
nach einem besseren Jenseits. Die wenigen Begriffe von Gott und
Religion fanden sich in solchen Menschen nur im Zustande greulichster
Verzerrung, daher auch jene mehr dämonische als bloß abergläubische
Auffassung vom Wesen und der Gewalt des Satans. Ja, diese Gattung Leute
betrachtete sich im Bewußtsein der eigenen Verworfenheit und in dem
Gefühle der Verachtung, mit der ihnen jede über ihnen stehende Schichte
der Gesellschaft begegnete, als bereits bei lebendigem Leibe dem Teufel
zu eigen verfallen und fand, dadurch mit dem Gifte des Hasses erfüllt,
eine satte Befriedigung darin, wenn möglich durch Hilfe des Satans
Rache an jenen zu üben, die, sei es durch Tugend oder Geistesbildung
oder Glücksgüter, hoch über ihnen standen.

Wie die Neuzeit trotz ihrer teils wirklichen, teils vermeintlichen
Aufklärung sich einem epidemischen Wahnsinne im Tischklopfen,
Somnambulismus und Magnetismus hingegeben und damit, bewußt oder
unbewußt, einen Dämonenkult getrieben hat, und wie diese Abirrung ihren
Grund in einer verrückten Anschauung aller göttlichen und irdischen
Ordnung und in einer krankhaften sozialen Auffassung hatte: so auch
jene Erscheinungen voll beschämender Verirrungen, die uns im Hexen-
und Zauberwahne entgegentreten. Sie waren nichts anderes als eine
häßliche soziale Krankheit, großgezogen durch religiöse Unbildung und
unverstanden von jenen, deren heiligste Pflicht und schönste Aufgabe
es gewesen wäre, hier rettend, heilend, versöhnend dazwischenzutreten.
Die rohe Gewalt des Scheiterhaufens war dem geistig kranken Volke
kein Gegenbeweis seines Irrtums, sondern vielmehr eine unumstößliche
Bestätigung seines Wahnglaubens. --

Der Zuckerwastl war so ganz ein Produkt seiner Zeit: keck, verwegen,
auf einen Gott nicht hoffend, aber dem Teufel vertrauend, ein Fremdling
auf der weiten Welt und doch überall zu Hause, wo Gelegenheit oder
Verbrechen ihm den Tisch deckten, jeden hassend und sich selbst nicht
liebend, dagegen Rad und Galgen als sicheren Schlußstein eines trost-
und friedelosen Lebens stets vor Augen.

Eine dunkle, gestaltlose Ahnung erzählte ihm noch von Eltern. Als Bube
streunte er bettelnd und stehlend Land auf und ab, sah keine Schule,
hörte kein Gotteswort, kniete in keinem Beichtstuhle, verstand kein
Gebet, ward Jüngling und Mann und Verbrecher, und berechnete als
solcher sein Leben nicht nach Tagen und guten Werken, sondern nur mehr
nach Übeltaten und rohen Genüssen.

Die Gesellschaft, die sich in buntem Wechsel um ihn als ihren Kernpunkt
kristallisierte, war nicht besser als er selbst. Dort sehen wir unter
dem langen Abendschatten des einsamen Waldhauses den ^Pappenheimer^ und
den ^zerbrochenen Paulus^, beide Kesselflicker aus der Passauer Gegend,
Meister in der Zunft der Diebe, Räuber und Brandstifter. Dann noch den
^Neunaugen^, einen ehemaligen Dorfschmied, der sich wegen eines Mordes
aus seiner Heimat geflüchtet hatte, unterwegs eine sechzehnjährige,
ihren Eltern entlaufene, umherstreunende Dirne aufgriff und zum
Weibe nahm, obwohl er zu Hause Weib und Kinder im tiefsten Elende
zurückgelassen. --

       *       *       *       *       *

Der zerbrochene Paulus hatte sich neben dem Neunaugen ins Gras gelegt
und stierte unverwandten Blickes nach dem abendlichen Himmel empor, an
dem ein Stern nach dem andern in mildem Lichte aufleuchtete.

»Bist gewaltig ernst und nachdenklich,« brach der Neunaugen das
Schweigen; »willst vielleicht in den Sternen lesen, wann für dich
Galgen und Rad gezimmert werden?«

»Nein!«

»Nun, was guckst du denn dann?«

»Verstehst es doch nicht, wenn ich es dir auch sagen wollte, windischer
Kopf!«

»Meinst du? Käme erst auf eine Probe an. Wollt' ich doch meine
Seligkeit an einen Krug Wein verwetten, ich wäre klüger geworden als
mancher Ratsherr, wenn ich nicht zwischen den Stauden der Heide
aufgewachsen wäre.«

»Mag sein! Weil dein Verstand nicht ganz gestorben zu sein scheint, so
will ich dir also sagen, was ich gucke und mir dabei denke. Siehst du
die Sterne?«

»Ei wohl!«

»Denkst du dir auch etwas ^über^ diesen Sternen?«

»Man sagt gewöhnlich, der Herrgott wohne dort.«

»Gut. Ich denke mir das auch. Nun sage mir, alter Sünder, hoffest du
dort auch einmal hinaufzukommen?«

Der Neunaugen richtete sich in hellem Erstaunen aus dem taufeuchten
Grase auf und schaute seinen Nachbar mit einem langen, fragenden Blicke
an.

»Ich -- in den Himmel? Nein!«

Das stieß er heftig, fast schmerzlich heraus.

»Und warum nicht?« fragte der andere mit steigendem Ernste.

»Das will ich dir sagen, denn ich weiß es. Ein Teil Menschen gehört
unserem Herrgott, der andere dem Teufel. Und wir armen Teufel -- nun,
wir gehören eben dem Teufel.«

Dazu stieß er ein häßliches, heiseres Lachen aus.

»Ich will dir etwas sagen,« fuhr der Neunaugen ruhiger fort und rückte
näher an die Seite des zerbrochenen Paulus. »Ich weiß eigentlich gar
nicht, wozu unsereiner auf der Welt ist. In einem Stadel oder unter
einem Waldbaume zur Welt gekommen, sind wir gleich dem Wilde, das aus
einem Jagdbogen in den andern läuft, bis ihm der Jäger das tötende Blei
ins arme Herz schießt. Ja,« fuhr er fort und ballte die Rechte, »die
drinnen in den Städten, die sattgemästeten Bürger und die stolzen,
übermütigen Junker, die dicken Ratsherren und erst gar die Priester und
Mönche, diese alle können leicht auf unseren Herrgott hoffen, ihnen ist
Zeit und Ewigkeit wie auf das Butterbrot gestrichen -- aber wir? Was
fangen wir an? Weißt du,« flüsterte er und stieß seinen Nachbar mit dem
Ellenbogen an, »für uns ist es immerhin das beste, wir verschreiben uns
kurzweg dem Satan!«

»Was nützt uns ^der^?« gab der zerbrochene Paulus verdrossen zurück.
»Ist er doch ein Schelm gleich uns!«

»Magst nur zu sehr recht haben. Aber er kann uns armen Tropfen doch
manchen Nutzen schaffen. Du, glaube ich, wärest der letzte, der es
verschmähte, wenn ihm der Teufel die Gewalt gäbe, aus glühenden Kohlen
Gold zu machen, verborgene Schätze zu heben und unterschiedlichen
Zauberspuk zu treiben.«

»Ja, wenn es nur so wäre!« seufzte Paulus auf und schaute wieder nach
den Sternen. --

-- Drinnen im Hause sitzt der Zuckerwastl in einer dunkeln Ecke und
führt mit dem Wirte flüsterndes Zwiegespräch.

»Nun, alter Diebsvater, weißt du nirgend einen fetten Bissen, der auf
unsere langen hungerigen Finger wartet?«

Der Schenkwirt, ein alter Mann, dessen linkes Auge ausgeronnen ist, und
über dessen kahlen Scheitel sich eine breite Schramme zieht, scheint
diese Frage nicht zu beachten. Er sitzt mit überschlagenen Beinen auf
seiner Holzbank und heftet den Blick auf den roten, ausgetretenen
Ziegelboden.

»Ich war jüngst in Würzburg unten,« begann er in halblautem
Selbstgespräche. »Die herrliche Stadt ist häßlich geworden; wohin
immer du gehst, riecht es nach Blut. Da drinnen reitet der Satan die
Herren bei lebendigem Leibe! Du glaubst nicht, alter Freund, wie sie
da drunten morden und brennen! Lauter echtes Hexenfleisch! Jetzt ist
dort alles und jegliches Hexe und verhext! Möchte nicht wetten, ob sich
die klugen Herren am Gerichte in ihrer großen Weisheit nicht selbst
zuletzt noch für Zauberer und vom Teufel Besessene halten. Wenn die
Herren nicht so dumm wären, so wäre dies ein gar kluger Gedanke für
sie. Denn wenn doch einmal alles des Teufels sein muß, dann sind sie
wahrlich dazu die besten. Aber höre, Alter, dazwischen klingt etwas wie
Wundermäre! Bei den Jesuitern ist ein junger Pater, ich habe ihn selbst
gesehen, dieser nimmt sich mit brennender Liebe der armen Hexen an, als
wären es seine eigenen Schwestern. Er schwört bei allem Heiligen, es
geschehe den Ärmsten allen unrecht, denn es gebe keine Hexen --«

»Was?« fuhr der Zuckerwastl dazwischen. »Solches sagt er?«

»Jawohl, das sagt er!« bestätigte der Wirt mit großem Ernste. »Und noch
mehr! Er tut das mit eigener großer Gefahr, denn alle die Hochweisen
am Gerichte behaupten steif und fest, solches sei helle Ketzerei,
und man dürfe sowenig Hexen und Unholde leugnen als unseren Herrgott
selbst, und es liefen der Hexen wohl hundert und tausend durch das
Land und suchten Menschen und Vieh und alle Erdenfrucht zu verderben.
Die Gestrengen sind dem Pater schon hart angelegen, er solle doch
endlich Vernunft annehmen und auch wie jeder klar denkende Mensch an
Hexen glauben; hätten ihn doch seine Ordensobern ebendarum vom Rheine
herauf nach Würzburg gesendet, um den armen Wesen, die ganz vom Teufel
besessen sind, in der letzten Stunde tröstend und erlösend beizustehen;
aber der Spee ist wie aus Eisen, er biegt und beugt sich nicht; es gibt
keine Hexen -- das ist sein tägliches Wort, und das sagt er so sicher
und fest, als sagte er einen Ausspruch aus Gottes Mund, und mit alledem
steht der Pater ganz allein, niemand hilft ihm, niemand steht auf
seiner Seite!«

Der Zuckerwastl machte große Augen und wiegte nachdenklich das Haupt.

»Es soll dem Manne keine Schande sein, wenn ein Kerl, wie ich einer
bin, ihn lobt. Aber meinst du auch, er setzt seinen Kopf durch?«

»Ich kann es schier nicht glauben; es sind zu viele gegen ihn, und
darunter alle Großen. Und diese können und wollen das Rädern, Martern
und Verbrennen nicht mehr lassen. Sie sind es gewohnt, wie du das
Stehlen; und sowenig du dich deines Schelmenhandwerks schämst, sowenig
schämen sich die Herren ihrer Grausamkeit. Weißt du, sie haben für ihre
Dummheit ein gar heiliges Pflaster, sie sagen: sie dienen Gott!«

»Sei mir stille, alter Schwätzer, und lasse mich denken! Ich bin nur
ein armer, windflüchtiger Geselle, den es Mühe kostet, an einen Gott zu
glauben, den er nicht schaut, den es aber noch mehr Überwindung kostet,
an die Liebe der Menschen zu glauben, die er nicht sieht. Der Spee ist
ein seltener Mensch; er setzt sich aller Gefahr und Feindschaft aus,
nur um solcher willen, denen jeder andere aus dem Wege geht, die alle
hassen und verachten. Das kann ihm nicht Geld und nicht Ehre und auch
nicht Frieden einbringen; sag' mir, alter Zigeuner, warum tut er das
wohl?«

»Ich weiß es nicht,« versetzte der Wirt. »Mir ist der Mann ein heiliges
Rätsel. Drunten in der Stadt sagen die einen, Spee tue dies alles aus
fester Überzeugung und reiner Menschenliebe; andere nennen ihn einen
verrückten Kopf, und wieder andere flüstern sich in die Ohren, er stehe
selbst mit dem Satan im Bunde und nehme sich der Hexen und Unholde
nur darum an, damit diese desto ungestörter Land und Leute verderben
könnten.«[A]

»Dumme Menschen!« lachte der Zuckerwastl. »Der Pater selbst ein Unhold
-- ^der^ Blödsinn sieht der Ratsherrnweisheit so ähnlich, wie ein Ei
dem andern. Aber,« fuhr er, plötzlich ernster werdend, weiter, »meinst
du wirklich, der Jesuit ergreife wohl aus reiner Menschenliebe für
die Hexen Partei? Sieh, ich verstehe das nicht, aber es kommt mir wie
Sonnenschein über meine alte schmutzige Seele, wenn ich denke, daß es
doch noch ein Menschenherz gibt, das auch die Verdammten liebt; denn
verdammt sind sie ja doch alle, die Hexen und Zauberer.«

»Habe mir auch schon oft so meine eigenen Gedanken darüber gemacht,«
antwortete der Schenkwirt; »klar bin ich mir aber über den Mann nicht
geworden. Aber was ich seit meinen jungen Jahren nicht mehr verspürt
habe, das habe ich gegen den Pater empfunden: Liebe, ehrliche,
aufrichtige Liebe. Schau, Alter, wenn der Spee recht hätte und machte
mit seinem hellen Verstande und mit seiner scharfen Zunge und noch
mehr mit seiner großen Menschenliebe dem Morden ein Ende: ich glaube,
ich gäbe selbst noch in meinen alten Tagen mein längstgewohntes
Schelmenleben auf und ginge unter die ehrlichen Leute!« --

-- Treten wir in einen niedern, gewölbten Raum. Auf dem Herde brennt
ein knatterndes Feuer und wirft seinen rötlichen Schein auf die rußigen
Mauern der Küche. Auf dem Fenstergesimse sitzt ein dicker, schwarzer
Kater und schnurrt; dort am Herde steht die Schenkwirtin, eine dürre
Alte; die grauen, ungekämmten Haare hängen ihr unter der Haube hervor,
die Augen sind unruhig und stechend, Nase und Kinn langgezogen und
spitzig; dünne, schmale Lippen bedecken den zahnlosen Mund. Der
Widerschein des Feuers gibt dem aschfahlen Gesichte eine eigene,
unheimliche Färbung.

In ihrer Nähe kauert auf einem Schemel ein junges Weib, das des
Neunaugen. Ihre Züge wären hübsch, wenn sie nicht in einer widerlichen
Roheit erstarrt zu sein schienen. Die Kleidung ist zigeunerhaft;
buntfarbige Fetzen und Lappen, schmutzig und zerrissen. Die Miene ist
zornig und trotzschwer.

»Nun, so laufe ihm davon, Helena,« meinte die Alte, »wenn dein Mann
dich gar so hart und schlecht hält! Solche Gauner, wie der deine einer
ist, wachsen an jedem Baume; brauchst nur zu schütteln; am billigsten
sind sie draußen am Galgen zu haben.«

»Mag nicht!« gab die Angeredete kurz zurück. »Nach den Schlägen, die er
mir gibt, frage ich wenig; bin das Prügeln ja von Kindheit auf gewöhnt.
Aber daß er schwelgt und das ergaunerte Geld verspielt, indes ich
darben und hungern muß, das verzeihe ich ihm nicht! Oder meint er, weil
er mich auf der Straße aufgelesen hat, sei ich nicht besser als ein
Hund?«

»Mach' dir selbst Geld, windische Hopfin!« warf die Alte achselzuckend
hin. »Die Dummheit der Menschen ist nicht ausgestorben, brauchst sie
nur zu Silber zu machen.«

»Was meint Ihr damit?«

»Wie du einfältig bist!« höhnte die Alte. »Mache den Leuten ein bißchen
Hokuspokus vor, tue dergleichen, als könntest du mehr denn Suppe essen
und Äpfel von den Bäumen brocken, nimm ein geheimnisvolles Wesen an,
und hundert gegen eins, die Bauernweiber geben dir Staupet und Pezen
genug und machen noch dazu den Reuport weit auf.«

»Was ist das?«

»Ah, du verstehst nicht rotwelsch!« lachte die Wirtin. »Staupet und
Pezen sind Mehl und Eier, und der Reuport ist der Geldsäckel. Nun gib
acht! Du nimmst ein junges Birkenreis; das hängst du denen, die an den
Augen leiden -- gleichviel, ist's Vieh oder Mensch -- um; dazu murmelst
du einen Spruch, den niemand versteht, auch du selbst nicht, und du
wirst sehen, immer hilft es -- dir. Dann nimm ein Büchslein voll Salbe;
kann Schweinefett oder sonst Talg sein; tue aber gar geheimnisvoll
damit und sage, es sei Fett von ausgegrabenen Leichen, und mit dieser
Salbe könnest du alle Schäden heilen. Die Esel zahlen es dir mit
schwerem Gelde, wenn du ihnen ihre kranke Haut damit einschmierst.
Aber vergiß auch dabei auf den Spruch nicht, denn dieser ist hier die
Hauptsache! Dann, wenn du in ein Haus kommst, wo die Leute mit dem
Nachbar in Feindschaft leben, so gib ihnen Stup und sage, sie sollten
ihn dem andern nur getrost unter die Füße streuen, dann sterbe dieser
in kurzer Zeit eines schnellen Todes; oder das Pulver kann auch dem
Vieh untergestreut werden, dann fällt es davon um und verendet.«

Helena hatte der Rede der Alten aufmerksam zugehört. »Dank' Euch,«
sprach sie, »Euer Rat gefällt mir gar wohl!«

»Und groß Unrecht ist auch nicht dabei,« fiel die Wirtin dazwischen.

»Ei was, Recht oder Unrecht, danach frage ich just gar nichts; das gilt
mir alles gleich!«

»So gefällst du mir,« lobte die Alte, und aus ihren Augen zuckten
blitzende Lichter. »Recht hast du, hilf, was helfen mag, und wäre es
der Teufel selber!«

Die flüsternd geführte Unterhaltung stockte eine Weile. Das junge Weib
sah nachdenklich vor sich nieder und schielte zuweilen mit fragendem
Blicke nach der Alten, die sich mit Bereitung des Hirsebreies zu
schaffen machte.

»Wirtin, ich möchte Euch was fragen.«

»Und das wäre?«

»'s ist wegen der Hexen. Ihr könnt doch schweigen? Ich tat zuvor
dergleichen, als wüßte ich nichts von Zauberei; aber da Ihr mich selbst
darauf verwiesen habt, mag ich wohl offen reden.«

»Ei, sieh einer das junge Ding an!« grinste die Alte, »also auch schon
von der Zunft?«

»Meine Mutter hat mir gar verschiedenes von Zaubereien und Hexenkünsten
erzählt, so daß mir oft mein junger, dummer Kopf darüber ganz heiß und
wirr geworden ist. Wenn ich nun so hinter meinem Manne Land auf und
ab gezogen bin und habe mir jene Reden überlegt, da hatte ich gar oft
das Verlangen, auch eine Hexe zu werden; aber dann packte mich wieder
eisigkalte Furcht, und ich suchte den Gedanken wieder loszuwerden.
^Bin^ auch keine Hexe,« fuhr sie aufgeregten Tones fort; »aber eines
möchte ich doch wissen --«

»Und was denn?«

»Nun ja, wegen des Bündnisses mit dem Satan!« gab Helena kurz zur
Antwort.

Die Alte sah dem Weibe scharf ins Auge. »Warum fragst du mich das?«
fuhr sie zornig heraus. »Meinst du, ich wisse alles? Und wenn ich es
wüßte, meinst du, ich wollte es dir sagen? Ich weiß gar nichts, ich
schwör's bei meiner Seele, gar nichts! Wenn du aber ein Hexlein werden
willst, so weiß ich dir guten Rat. Geh' du nur nach Würzburg hinein und
frage nach der schielenden Ammfrau, die alte Bernin heißt sie, die kann
dir mehr sagen, als deinem Kopfe gut ist. Ich aber weiß nichts.«

»Dank' Euch! Geh' nicht zu ihr,« warf Helena entschieden hin; »aber
warum seid Ihr auf einmal so böse?«

»Bin nicht böse, bei Gott, nein! Hast mich nur mit der dummen Frage
erschreckt. Ich warne dich, die Wände haben Ohren! Rede nicht laut vom
Bündnis mit dem Bösen! Die Herren in Würzburg drinnen haben ein gar
fein Gehör. Möchte deinetwegen nicht mit dem Henker noch Scheiterhaufen
Bekanntschaft machen.«

»Ei, wo denkt Ihr hin?« lachte Helena und ging aus der Küche. Die Alte
aber sah ihr mit giftigem Auge nach. »Das Weibsbild wäre dumm genug,
dich aufs Hexengericht zu plaudern!« murmelte sie, und bange Angst
starrte aus ihren Zügen. -- --

Die Männer hatten sich unterdessen um den Tisch in dem Hausflur
gelagert und spielten. Gierig folgten die dunklen, glänzenden Augen
dem Rollen der Würfel, und mancher derbe Fluch begleitete das Klappern
derselben.

»Doppelter Satz!« polterte der Zuckerwastl, einen kleinen Taler aus dem
ledernen Zugbeutel herausholend und auf den Tisch werfend.

»Vielleicht Kirchengeld?« fragte nicht ohne scharfe Betonung der
zerbrochene Paulus.

Der Zuckerwastl sah ihn grimmig an. »Und wenn, was geht's dich an?«

»Hab' nur gemeint,« gab jener trocken zurück. »Weiß auch den
Opferstock, den du um diesen Taler und anderes Geld leichter gemacht
hast. Ja, ja, der Junker Zuckerwastl geht gerne zur Kirche. Ist ein gar
frommer Geselle!«

»Nun ist's genug!« brüllte der Gehöhnte und schlug den Spötter mit
kräftigem Arme über die Bank hinunter.

Der zerbrochene Paulus erhob sich mühsam vom Boden. Das rechte Auge war
blutunterlaufen und stierte wie tot aus der verschwollenen Höhlung. Das
linke aber warf einen Blick unversöhnlichen Hasses nach dem Gegner.
Eine Weile standen sich beide gegenüber, sich zornig messend, dann
drückte der zerbrochene Paulus seinen Hut fester auf den Kopf und
hinkte hastig aus dem Hause.




2. Kapitel: ^In stiller Zelle^


Es war ein frischer Sonntagsmorgen. Vom wolkenlosen Himmel flutete
weiches, mildes Sonnenlicht herab auf die herrliche Frankenstadt am
Main und vergoldete all die Zacken und Zinnen, die Türme und Türmlein
mit goldenem Glanze. Und wie das Lichtmeer den feingegliederten Turm
der herrlichen Marienkapelle umfloß und dann die alten gemalten Fenster
mit den frommen Schildereien durchglühte, daß die Farben wie Smaragde
und Rubinen brannten! Und dort der Dom in seiner stillen Majestät, ein
zu Stein gewordenes Gebet voll heiliger Gedanken!

Ein herrliches, farbenprächtiges Bild! Die langgedehnte Domstraße
mit ihren alten stolzen Häusern, dran gar trauliche Erker, aus deren
Fenstern frische Rosen auf all das frohe Leben niedergrüßen, das da
unten wogt. Um so finsterer schaut das Rathaus: wuchtig, ohne Schmuck
und ohne Zier, hart und kalt wie ein Richterspruch auf Rad und Tod.
Man sieht's ihm an, nicht froher Bürgermut hat dieses Haus gebaut und
seinen Reichtum dem Steinmetz und Künstler anvertraut; mürrisch, wie
ein lebensmüder Alter, lehnt es sich an den Grafeneckartsturm, nur hie
und da zeigt ein zartgewundenes Säulchen, daß auch Kunst im Rathaus
gerne eingezogen wäre, wenn nicht die kecke Bürgerschaft Zeit und Geld
zu Meutereien gegen ihre Bischöfe verbraucht hätte. Dort ist der grüne
Baum angemalt -- ein lustig Wahrzeichen, das dem jungen Volk vom
Kilanstanze und Adauktusjubel frohe Märe flüstert.

Und nun zur Brücke! Da unten der milde, mächtige Main, belebt von
Hunderten von Schiffen mit schwerer Fracht und leichtem Volke. Und
rings die Ufer! Hier noch finsteres Mauerwerk, sich keck und trotzig
an die kühle Wasserstraße drängend, dort weiter hinaus der Reben grüne
Flut, von sanften Hügeln nach dem Strome fließend und mit ihm kosend
wie ein eitel Kind mit seinem goldenen Spiegel. Und drüber schmucke
Dörfer, Burgen und Kapellen.

Doch wieder zurück zur Stadt. Am Brückenkopfe steht ein altes, niederes
Haus. Aus dem halbgeöffneten Fenster grinst ein häßliches altes Weib.
's ist wahrlich schade um den Sonnenschein, der auf diesem starren
Menschenantlitz zittert!

Rechts hinein in enge Gassen, wo das Leben ruhiger ist und die Schatten
länger sind. Hei, welche Mauern, tot und kalt wie Grabeswände! Und wie
die Menschen hier so nüchtern schauen und so schlicht gewandet sind,
nicht Gold und Sammet und strahlendes Geschmeide.

Dort um die Ecke steht ein mächtiger Bau in hochgereckten,
langgestreckten Massen. 's ist eigener Glast, der aus diesen Fenstern
strahlt; 's ist eigene Luft, die um diese Mauern streicht. Alles still!
Doch nein, dort singen frische Knabenstimmen:

    _O Jesu! ego amo te,
    Non quia tu amasti me...._

Ein Kloster!

Ja, gottlob ein Kloster! 's ist wie ein frommes Feldkreuz, das zum
Beten mahnt, wenn mitten in der Städte hastendem Gewirre ein Kloster
aufsteigt, dem Monde gleich über giftigen Nebeln, den Sternen gleich
über Erdennacht.

Am Ende eines langen, kühlen Korridors ist eine Türe und an ihr ein
Schild mit der einfachen Aufschrift: _P. Fridericus de Spee S. J._

Treten wir ein.

Die Zelle ist geräumig, weiß getüncht und mit einem ganz einfachen
Hausrate versehen. Nichts, wohin unser Auge schaut, was auch nur
eine Linie über den notwendigsten Bedarf des Lebens hinausginge,
nichts, was der Annehmlichkeit oder dem Überflusse diente. Durch das
geöffnete Fenster zieht die Frühlingssonne ihre goldenen Fäden über
das Bild klösterlicher Armut und küßt mit glücklichen Lippen dieses
Heim des Friedens. An einem Tische, auf dem sich ein großes Kruzifix
und einige Bücher befinden, sitzt ein Priester, angetan mit dem
Kleide der Jesuiten. Sein Antlitz zeigt neben unendlicher Milde einen
unverkennbaren Zug tiefen Seelenleidens. Der kurze Bart sowie das
Haupthaar sind fast ganz gebleicht, ein rätselhafter Gegensatz zu dem
frischen, blühenden Aussehen des Paters und dessen hochaufgerichteter
Gestalt.

An seiner Seite sehen wir einen andern jungen Mann von etwa
zweiundzwanzig Jahren mit einem schön geschnittenen Angesichte, aus dem
eine große Seele leuchtet. Das sanftglühende Auge schaut mit liebender
Begeisterung auf den Pater, im jungen Manne paart sich edles Blut mit
edlem Geiste. Es ist der Kanonikus Johann Philipp von Schönborn, der
sich als nachmaliger Bischof von Würzburg und späterer Kurfürst von
Mainz ein goldenes Blatt in der Geschichte als Wohltäter der Menschheit
und ^wahrer^ Aufklärer erworben hat. Von ihm sagt eine alte Inschrift:
»Er streute das lautere göttliche Wort aus, und was in diesem Worte
gesagt wird, ^das tut er selbst^.«

Ein schönes Lob für einen Kirchenfürsten, so schlicht die Sprache auch
ist, in die es gekleidet ist.

Während draußen auf dem bunten Markte des Lebens sich große Pläne und
Torheiten um die Zukunft stritten; während die Gerichtshöfe, wie die
Schenken und innersten Räume des Familienlebens -- nun verurteilend,
erbarmungslos, von blutigem Wahne angestachelt, nun zitternd und bange
flüsternd -- nur von Hexen widerhallen, und der Sturmflut gleich, die
alles mit sich reißt, sich all die Kerker mit den Opfern jenes Wahnes
füllten; und während Vogt und Räte um so stolzer durch die Gassen
gingen, je mehr sie Henker und den Scheiterhaufen in Bewegung setzten:
ist's eine einsame Klosterzelle, wo in einem Priesterherzen das Mitleid
mit den armen Hexen zur Morgenröte einer besseren Zukunft wird.

P. Spee ließ die Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten
und schaute lächelnd zu seinem Freunde hinüber.

»Nicht doch, mein lieber Schönborn. Ich möchte dich gar nicht in
unserem Kloster wissen. Nicht, daß ich dich nicht mit freudigem Herzen
Bruder nennte, nicht, daß ich dir den Frieden vorenthalten wollte,
der in diesen Mauern lebt; dein Platz ist da, wo du bist. Dorthin hat
dich Gott gestellt, und damit sei du zufrieden. Und was das innere
Glück betrifft, so findet das mein teurer Philipp auch, umrauscht vom
Weltgetümmel, in seinem guten Herzen und seiner edlen Gesinnung.«

»Immer zu gut, immer zu nachsichtig,« antwortete kopfschüttelnd der
Kanonikus. »Der Schönborn möchte gerne gut sein; aber er ist es nicht.«

»Er ist es,« entgegnete Spee mit fester Stimme. »Er ist es; und
ich sage das mit heißem Danke gegen Gott. Denn je mehr die Geister
der Menschen einer unheilvollen Verblendung anheimfallen; je mehr
die dreifache Lust an Glaube, Zucht und Sitte rüttelt; je dichtere
Nebel eitler Menschenwahn vor Gottes wahres Bildnis breitet: desto
notwendiger sind in dem großen Wirrsale Menschen von hellem Kopf und
treuem, goldigreinem Herzen, wie mein Schönborn ist.«

»Mein teurer Spee, heute bist du böse. Du solltest mich die Demut
lehren und machtest mich so leicht hochmütig, wenn ich nicht wüßte, daß
deine Worte mehr gut gemeint, als auf mich passend wären.«

Spee antwortete nicht. Seine erst so milden Züge sanken plötzlich
wieder in jene tiefschmerzlichen Linien, die seit einiger Zeit fast
beständig auf seinem Antlitze lagen. »Hier ist wieder ein großes Stück
Sorge,« sprach er, auf einen Stoß Papiere zeigend. »Wahn, schrecklicher
Wahn -- und Blut.«

»Schon wieder ein Hexenprozeß?« fragte schüchtern Schönborn und
streifte mit bangem Blicke die verhängnisvollen Blätter.

»Ja, immer das alte, schreckliche Thema,« bestätigte der Jesuit.

»Aber, mein lieber Pater,« wendete Schönborn ein, »du nimmst dir diese
Angelegenheit auch gar zu tief zu Herzen. Können wir wenden und ändern,
was wir schmerzlich beklagen? Ist's ^unsere^ Schuld, daß solches Elend
an dem Herzen der Christenheit frißt?«

»Ja, wenigstens zum Teile!« gab der Jesuit mit steigender Wärme zurück.
»Auch ^wir^ tragen einen Teil der Schuld an diesen Greueln, die zum
Himmel schreien. Warum sind wir keine Paulus, die mit des Wortes
zündender Gewalt gegen dieses Brennen, Rädern und Morden eifern;
warum sind wir keine Johannes, die mutig vor Thron und Richterstuhl
hintreten und sagen: Es ist dir nicht erlaubt! Warum gehen wir nicht
durch die Gassen und über alle Wege, warum nicht in die entlegensten
Schlupfwinkel und predigen wieder und wieder Christum den Gekreuzigten,
^der die Sünde und den Satan besiegt hat^? Freilich, man würde uns
an vielen Orten mit halbem Ohre anhören, mit halbem Herzen glauben.
Wie der Löwe, nachdem er Blut gerochen, mit heißen Nüstern nach neuer
Beute spürt, nicht Rast und Ruhe kennend, bis die lechzende Zunge sich
wieder am Blute satt geleckt hat, so spürt auch das, was man jetzt
Gerechtigkeit nennt, nach neuen Opfern, deren eines die Gier nach
einem andern weckt. Ist nicht die Welt zum großen Irrenhause geworden,
wo Wut und Wahn die Geister rastlos peitschen und die Vernunft zum
Aschenbrödel erniedrigt ist? Philipp, diesen Scheitel deckten jüngst
noch dunkle Haare. Nun sind sie greisenhaft geworden. Das hat das Leid
getan, das tiefe Leid um jene armen Wesen, die unter unfaßbaren Qualen
den Hexenstempel sich auf die Seele drücken lassen müssen, stumpf
geworden unter Henkers Hand, im Geist umnachtet durch des Kerkers
Nacht, nur einen Gedanken noch mit heilen Sinnen denkend, den der
Unschuld, nur eine Sehnsucht in dem todgehetzten Herzen tragend --
Erlösung!«

»Schrecklich, schrecklich, lieber Pater!« rief mit bebender Stimme der
junge Kanonikus. »Das Bild, das du entwirfst, erfaßt die Seele mit
namenlosem Grauen und tränkt sie mit unnennbarem Schmerze.«

»Dich faßt eisigkalt mein armes Wort,« sprach der Jesuit; »wie erst,
wenn dein Auge in den Kerkern jenen Jammer schauen müßte, den dort
die wahnwitzig gewordene Gerechtigkeit aufhäuft! Wahrlich, man müßte
ein Herz von Stein in seinem Busen tragen, um nicht aufzubranden in
wildem Schmerze gleich der sturmgepeitschten See. Und doch, so tiefe
Nacht, der Greuel voll, auch jetzt sich auf der Menschheit niederläßt,
du, Herr am Kreuz, du Gott im Himmel droben, siegst auch hier! O sei
gegrüßt, _spes unica_!«

Bei diesen Worten nahm Spee das Kruzifix von seinem Tische und küßte es
mit heiliger Inbrunst.

Und wie wenn plötzlich sich die Wetterwolken teilen und zwischen ihrem
unheilvollen Dunkel milde Sonnenstrahlen leuchten, so ward auch unseres
Paters Antlitz immer weicher -- milder, je länger er den Blick dem
Kreuze zugewendet hielt.

»Mein lieber Schönborn,« fuhr er fort, dem jungen Manne die Rechte
reichend, »in dir schlägt ein Herz, das stets der Wahrheit dient.
Mag dich Gott hohe Wege führen, mag dein Leben still und unbemerkt
verfließen, das eine sei dein Vorsatz -- mit Wort und Tat gegen den
Wahn Krieg zu führen und ein wahrer Freund aller derer zu sein, die,
sei's aus Schuld, sei's ohne Schuld, mit Leiden ringen. Das Gute, das
wir tun im Alltagsleben, reicht nicht zum Himmel aus, wenn nicht der
Armen gestillter Schmerz, ihre in Trost gekehrten Tränen, wenn nicht
das goldene Werk der Nächstenliebe die schönsten Stufen baut.«

»Es sei! Solch einem Worte kann ein Schönborn nicht sein Herz
verschließen,« rief begeistert der junge Priester aus. »Es ist ein
beneidenswerter Weg, der meinem Geistesauge sich erschließt. Schmal,
steil, voll spitziger Dornen zwar für das spröde Körperauge, doch voll
des Friedens für die Seele. Gleich dem guten Hirten heilt der Mensch,
was rechts und links an seinem Lebenswege krank und bittend die Hände
hilfesuchend breitet, und wo die Macht zu helfen und zu heilen fehlt,
da mag ein Wort der Liebe die Dornen in Rosen verwandeln und dem Leide
die Ergebung als Trösterin beigesellen.«

»Und welche Zeit wäre geeigneter,« sprach Spee mit einem dankbaren
Blick nach dem jungen Priester, »als die unsere? Was ist es, was die
Scheiterhaufen aufrichtet und ihre mordenden Flammen durch das Land
verbreitet? Ist es nicht des Volkes Unwissenheit und Aberglaube, was
die Hexen schafft? Ziehen dunkle Wetterwolken übers Firmament und
senden Wolkenbrüche, Verderben nieder, verwüstet Hagelschlag des Feldes
Segen, unterwühlen Mäuse rings die Äcker, bricht ein Sterben unter
Menschen oder Tieren aus, ja, weicht eine Krankheit der Kunst des
Arztes nicht: so ist's dem Volke nicht des Himmels Strafe, nicht ein
Werk der zürnenden Gottheit, -- nein, die Hexen und der Satan sind es,
welche die Natur auf böse Bahnen gezwungen. Mit der Unwissenheit ist
gepaart der Neid. Dem Nachbar geht es wohl, ein reicher Gottessegen
füllt sein Haus. Da neigt der Neid sein grinsendes, giftiges Angesicht
zum Menschenherzen und flüstert ihm zu: Warum dort Glück und Wohlstand
und warum nicht bei dir? Weißt du warum? Jener dankt es dem Bösen, dem
er seine Seele verkaufte für irdisches Glück. -- Er betet doch und
ist fromm? -- Gerade dieses ist ein sicheres Zeichen, daß er es mit
dem Bösen hält. -- Mußt' ich doch kürzlich von angesehenen Männern
den Ausspruch hören, daß, wenn sich einer als frommer Sohn der Kirche
zeigt, sich öfters mit Weihwasser besprengt, in den Kirchen fleißig
betet und besonderer Andacht pflegt, er sogleich dem Verdachte der
Zauberei verfalle. Denn, so urteilen die verblendeten Menschen: jene
müssen einer besonderen Frömmigkeit sich befleißen, sonst haben sie
vor dem Satan keine Ruhe. Welch ein Urteil! Und so gräßlich töricht
und vermessen auch dasselbe ist, so übte es doch bereits solche Macht
über die Menschen aus, daß jedermann sich scheut, seine Frömmigkeit
nach außen kundzugeben, ja, daß selbst Priester, die sonst täglich
Messe lasen, dies nun schon lange unterlassen, oder wenn sie das
heilige Opfer darbringen, es im geheimen tun, damit das Volk nicht
ihre Namen mit dem Verdachte der Zauberei befleckt.[B] Wohin, um der
Barmherzigkeit Gottes willen, soll es führen, wenn das, was heute Recht
und Gerechtigkeit genannt wird, solche Früchte zeitigt! Müssen wir
nicht immer mehr der Gottlosigkeit, ja dem nackten Unglauben verfallen,
wenn Gottesliebe und Gottesdienst die Zeichen frevler Zauberei sind und
über Schmach und Qual und Schande nach dem Scheiterhaufen führen! Steht
nicht die Welt an ihrer Neige, wenn das Herz nicht mehr sich frei zum
Schöpfer erheben darf, ohne daß ein frommes Gebet den Richter zürnen
macht und ihn in blindem Wahne Gott mit dem Satan, Gottesdienst mit
Gottesmord verwechseln heißt!«

Schönborn sah dem Pater mit wehmütiger Bewunderung ins flammende
Gesicht.

»Dem Wahne Krieg und Haß,« sprach er, seinen Arm auf Spees Schulter
legend. »Es ist Wind und Sonne nicht gleich geteilt unter den
Kämpfenden, wenn wir beide gegen eine Welt in Waffen stehen. Aber Gott
ist mit uns, die Wahrheit unser Schild, die Gerechtigkeit unsere Liebe
und die Liebe unsere Macht!«

Die Freunde schieden.

Spee trat an das Fenster seiner Zelle und lauschte dem kunstlosen
Gesange eines Vögleins, das sich im Schatten einer Fliederstaude
wiegte. Die Züge des Mönches gewannen wieder jene schmerzliche
Weichheit, die ein Widerschein einer in rastloser Liebe ringenden,
schaffenden Seele war.

Ein Lächeln glitt, einem flüchtigen Sonnenblicke gleich, über sein
Antlitz. »Hab' Dank, du kleiner, gefiederter Gottessänger! Du hast mir
Friede gesungen.«

Dann kehrte er an seinen Tisch zurück, betete mit Inbrunst, zog ein
Heft Papiere aus dem Schiebfache und schrieb eifrig, mit dem Herzblute
seiner Liebe, jenes unsterbliche Werk: Die _Cautio criminalis_.[C]




3. Kapitel: Jahrmarkt


Es ist Sonntag und Jahrmarkt in Heidingsfeld, einem gewerbsamen Orte,
eine Stunde oberhalb Würzburg gelegen. Der Weg dahin führt zwischen
Weinbergen, die sich eben mit dem ersten Laube schmücken, und dem
Maine, der sich hier hart an die staubige Straße drängt.

Rings buntes, fröhliches Leben, das sich auf Straße und Fluß singend
und lachend fortwälzt. Lustiges Studentenvolk, Arm in Arm und
kecken Lebensmut im frischen, klaren Auge. Dralle Dirnen, stolz im
Sonntagsrocke, flüsternd, kichernd, nach den Jungen schielend und dann
wieder züchtig schmollend. Handwerksgesellen, derb in Wort und Lied,
das Wams vorne aufgenestelt, um mit der ganzen Brust zu atmen; ihr
Sang ist keck, ihr Lachen kräftig, wie die Faust, die sonst den Hammer
oder Hobel führt. Nun ehrenfeste Meister mit bärtigen Gesichtern,
die zufrieden schauen, wuchtig schreitend, jede Linie Bürgerstolz.
Das Tuch ist fein und tadellos die Krause, echt das Geschmeide wie
der Stein im Ringe. Und erst die Frauen, die an ihrer Seite gehen,
züchtig, freundlich, reich geschmückt in Sammet und Spitzen! Und gar
die minnereichen Töchterlein, des Vaters und der Mutter Stolz! Wie
sie die Augen senken und heben, je nachdem sie von Jünglingen gegrüßt
werden oder in Neugier da und dorthin schauen! Dann ehrentapfere
Herren vom Rate, gnädig grüßend, langsam schreitend, alles helle
Würde und Erhabenheit. Nun Junker, tänzelnd, fein vom Bärtchen
bis zur Degenspitze, jeder Dirne dreist ins Antlitz schauend, den
Bürgergruß kaum gnädig achtend, blitzend in Geschmeide -- und endlich
Landsknechte, in festem, gleichem Schritte die Straße stampfend,
brüllend, lachend, mit den Dirnen schäkernd.

Und über all dem bunten Wogen und Drängen helle Sonnenflut und von den
Bäumen her und rings aus allen Büschen Vogelsang und Frühlingsgruß.

Am Marktplatze von Heidingsfeld floß all dies wogende Leben, wie im
Meere die Ströme, zusammen und staute sich. Rings um die wetterschwarze
Kirche standen schlechte Buden, aus Brettern leicht gezimmert. Dort
pries der Krämer wie der Jude seine Ware feil und lockte die Dirnen und
die Frauen, daß sie lüstern nach dem Taffet und den Ringlein schielten.
»Zum Brautschmuck,« schmeichelt süß der Jude und fängt mit solchem
Worte ein Maidlein um das andere in seinem Netze. Und wie sie glücklich
sind, die guten Dirnen, daß ein goldener Ring nun an ihrem Finger
glänzt! 's ist helle Pracht!

Die Bürger schreiten stolz vorüber. »Ist schlechte Ware; und wollt ihr
gute, kauft bei mir. Das Judenpack und das fahrende Krämervolk betrügen
euch nur!« Und ob die Hausfrau auch zuweilen meint, 's ist gute Ware,
und just dies und das tät' dem Haushalt not -- der Alte brummet: »Nein;
's ist Lumpenware.«

Doch sieht der Meister den Schild zum »grünen Drachen«, so blickt er
minder strenge. 's ist gute Herberg, die dort winkt, der Wein so
goldig blinkend und so blumig duftend.

In der großen Stube mit den schweren Eichentischen herrscht lautes
Leben! Becherklirren, froher Sang und ernstes Wort. Das Naß ist wonnig
gut. Siehst du, wie oben auf dem flüssigen Golde der Kobold froher
Laune, heitern Scherzes sich schaukelt; und weiter unten sitzt der
Minnebub und spitzt die Pfeile, und auf dem Grunde liegt ein wüster
Geselle, das ist der Rausch!

»He, Meister Rimphold, tapfern Gruß und Trunk! Ich bring' es Euch und
Euerer werten Hausfrau!« ruft ein dicker Zecher, neue Ankömmlinge mit
dem Becher grüßend.

»Dank' Euch, Meister Brinhard. Euer Wohl!«

»Ei, nehmt hier Platz; viel Schaf' in einem Schafstall,« lachte er,
gegen die Ecke rückend.

»Wie wohl es tut, die frische Luft zu trinken, statt der Stadtluft,«
sprach Meister Rimphold.

»Trink lieber Wein!«

»Ist auch nicht schlechte Wahl!«

»Was wißt Ihr neue Zeitung?«

»Just nichts Gutes. Das arme Würzburg!«

»Was meint Ihr damit?«

»Nun, was denn sonst, als jenes leidige Hexenverbrennen.«

»Ah,« rief Brinhard und stemmte seine Arme auf den Tisch, »das nennt
Ihr leidig? Bei Gott, ich nicht! Seht, Rimphold, wenn ich Vogt oder
Ratsherr wäre, ich ginge noch viel schärfer drein. 's ist ausgemacht
und so gewiß, als über uns die Sonne scheint, daß Hexen, Zauberer und
Unholde in ganz schrecklicher Menge Luft und Brunnen, Mensch und Vieh
und Feld und Frucht verderben. Da ist's doch wahrlich gute Pflicht,
dies Satansvolk zu verbrennen.«

»Woher wißt Ihr, daß es Hexen gibt?«

»Sagen's nicht die Richter und die weisen Räte?« gab dieser stolz
zurück. »Also muß es wahr sein. Erlaubt, daß ich Euch das Ding genau
erkläre. So ist die Sache. So eine eine Hexe werden will, ruft sie den
Teufel. Der kommt, als Jäger meistens, macht den Handel ab, verlangt
die Seele und einen Pakt, mit Blut geschrieben, und gibt dafür Gewalt,
an Mensch und Vieh zu schaden. So ist's.«

»Glaub's nicht. Wo bliebe da unser Herrgott?«

»Was schiert ihn das? Will er es nicht hindern, daß ich ihn durch die
Sünde verleugne, warum soll er mich hindern, daß ich des Teufels werde?«

»Hört, werter Meister, tut mir den Gefallen, und lasset den
Gottseibeiuns aus unserer Rede! Mir ist's, als röch' ich Schwefel und
atmete siedendheiße Luft.«

»Wir Ihr wollt. Aber das müßt Ihr mir zugeben, daß in unserer schönen
Stadt schon lange kein so verdienstliches Werk geschehen als nun in
unseren Tagen, da die Herren mit dem Hexenvolke kurzen Handel machen.«

Meister Rimphold schüttelte den Kopf und schaute trüben Blickes in
seinen Weinbecher.

»Begreif' Euch wohl,« fuhr Brinhard eifrig fort. »Ihr seid gar weich
gemütet, da tut Euch solches Morden weh. Aber gut und recht ist's doch,
ich kann's Euch sagen. Es muß das schlimme Volk mit Stumpf und Stiel
ausgerottet werden, sonst ist die ganze Welt verloren. So ist's!« Und
trank den Becher leer.

»Hört mal die Kunde, die aus dem Bambergischen kam!« fuhr er wieder
fort. »Da haben sie in Zeil in kurzer Zeit mehr denn hundert Menschen,
darunter acht vom Rate, wegen Hexerei verbrannt. Item: Zwei Metzger --
denkt euch solche Bosheit! -- haben die Weide um Bamberg vergiftet, daß
das Vieh elendiglich umkam. Dann haben sie der Leute Augen verblendet,
daß sie das tot in die Stadt geschleppte Vieh für lebend hielten, haben
das Fleisch verkauft und nicht wenig Menschen dadurch um Leben und
Gesundheit gebracht. Was sagt Ihr jetzt zu solcher Kunde?«

»Erklärt mir erst, wie jene die Weide vergiftet haben und wie sie der
Leute Augen blenden konnten?« warf Rimphold zweifelnd ein.

»Das ist ganz klar,« gab jener schnell zurück, »das taten sie durch
Satanskunst.«

»Das ist, verzeiht mir, fades Gerede!«

»Sind aber doch justifiziert worden!«

»Das ist erst gar kein Beweis für solche Schuld.«

»Hört, Meister Rimphold, Ihr seid ganz schrecklich ungläubig!«

»Ich halte es mit dem Pater Spee.«

»Weiß schon, weiß schon,« eiferte Brinhard, »der junge Jesuiter meint,
er wüßte allein, was Wahrheit ist. Will Euch was sagen. Mag sie alle
nicht, sind ein gar stolzes Volk, die Jesuiter! Die hätten wohl aus
unserem Würzburg wegbleiben können.«

»Wie mögt Ihr solches reden!« tadelte Rimphold.

»Sag's ich allein? Gewiß nicht! Ihr wißt nicht, was ich weiß. Die
Räte und die Herren am Gerichte maulen schon ziemlich laut, man soll
die Jesuiten weiterjagen. Stecken ihre Nase in alles, was sie nichts
angeht, sogar ins Hexenwesen. Als ob sie davon nur ein Tüpfelchen
verstünden! Gott steh' mir bei! Hätten wir nicht so kluge Räte und
Richter, es wäre längst um uns geschehen.« -- --

-- -- Hinter den Häusern ist eine große Wiese, deren östliche Seite von
einem sanft ansteigenden Hügel begrenzt wird. Hier hat der Jahrmarkt
seine Genüsse für das tanzlustige und gaffende Volk ausgebreitet.

Einige zigeunerhafte Gestalten vollbringen eine schrille, quiekende
Musik, zu der die Dirnen und die Burschen sich in wildem Tanze drehen.
Dort raufen stramme Handwerksgesellen mit übermütigen Soldaten, bis der
Büttel Ordnung schafft. In einem Winkel, überschattet von dem jungen
Grün einer Buche, sitzt ein altes Weib. Vor ihr steht ein kleiner
Tisch, und auf diesem liegt ein Pack grober Zettel.

»Kommt, Jungferchen,« ruft sie mit kreischender Stimme, »kauft Euch
einen Zettel! So Ihr ^den^ im Hause habt, geschieht Euch alles, was
Ihr wünscht, wär's noch so viel.«

Die Dirne schaut verlegen bald auf die Alte, bald auf die Zettel.

»Zeigt mir 'mal!«

Die Alte breitete ein Stück Papier aus. Auf demselben stehen folgende
Buchstaben:

  _I. C. H. G.
       D.
       W.
       S.
    M. S. P._

»Und was soll dies heißen?« fragte das Mädchen.

»Das heißt, merk' fein auf,« mahnte die Alte und fingerte an den
Buchstaben, »das heißt also: _I_ch _C_hristus _H_eiße _G_eschehen
_D_ies _W_under _S_ei _S_ehend. Und hier _M. P._ das bedeutet, daß
unser Herr den Zettel selbst geschrieben hat. Wird also wohl ein
wertvolles Schreiben sein!«[D]

»Ei freilich!« stammelte die Dirne. »Ist aber der Zettel auch geweiht?«

»Dummes Ding,« schmähte die Alte; »was braucht es hier noch Weihe!
Untersteh' dich nicht, den Zettel einem Priester zu zeigen! Hast du
gehört?«

»Hab' schon gehört! Und was kostet denn dies kostbare Papier?«

»Einen Batzen.« -- -- --

       *       *       *       *       *

»He, Alte,« ruft ein Landsknecht, »kannst du auch wahrsagen?«

»Vielleicht mehr als Euch lieb ist,« gab diese kurz zurück.

»Hoho, wüste Krähe,« lachte der Soldat, »nur nicht so patzig! Laß 'mal
hören!«

»Was wollt Ihr wissen?«

»Ja, was denn nur? Sag' meinetwegen, ob's nicht bald ein lustig
Krieglein gibt? Aber so du mich anlügest, klopf' ich dir dein altes
Fell!«

»Ihr Herren seid doch immer ungeschlacht!« zürnte die Alte, ein Brett
mit bunten Zeichen auf den Tisch legend. »Ihr könnt leicht übermütig
sein; euch ist fürs Tagedieben ein besserer Tisch gedeckt als dem
Bürger für die Arbeit.«

»Nimm guten Rat an und schweige!« mahnte der Landsknecht.
»Soldatengeduld reißt leichter als dünner Zwirn.«

»Seht hier das Horoskopium. Die Frage ist, ob Krieg. Nun hört: Weil
[Symbol: Mars] als der Herr des Horoskopes des Fragenden Bedeuter und
das Gefragte ist, und [Symbol: Konjunktion?] darüber steht und zwar quer
von [Symbol: Venus], so wird's bald großen Krieg geben, absonderlich,
da [Symbol: Mond] das _VII._ Haus über sich hat, selbes mit einem
[Symbol: Trigon] ansieht und damit in glücklichem Fortgange steht, in
[Symbol: Konjunktion?] [Symbol: Sonne] sich befindet und wachsend ist,
und dabei [Symbol: Jupiter] im _VIII._ Hause die [Symbol: Konjunktion?]
[Symbol: Mars] [Symbol: Venus] mit einem [Symbol: Trigon] aus
[Symbol: Merkur] günstig anschaut.«[E]

»So,« sagte der Landsknecht, spreizte die Beine und stemmte die Arme in
die Hüften. »Wo hast du denn den unsinnigen Hokuspokus gelernt? Hahaha,
das Ding ist dir wie Rotwelsch aus dem Maul gegangen!«

Und lachend wandte er sich zum Gehen.

»Einen Sechsbätzner!« herrschte die Alte.

Der Landsknecht drehte den Kopf nach ihr. »Einen Sechsbätzner?« höhnte
er. »Den zahle ich nach dem Kriege.«

Die Alte murmelte einen Fluch zwischen den Lippen, nahm das Horoskop
und wickelte es wieder sorgfältig in ein Tuch. -- --

-- -- -- Hinter einer Ecke abseits dem Tummelplatze kauerten drei
Gestalten, zwei Männer und ein Weib. Ihre Rede ist flüsternd, ihr Auge
streift zuweilen forschend, lauernd durch das Dickicht.

»Heute nacht ist's passende Zeit.«

»Du oder ich?«

»Das Feuer leg' ich.«

»Und ich plündere?«

»Ja. Helena muß aber erst auskundschaften.«

»Wo treffen wir uns wieder?«

»Hier!«

»Wann?«

»Um zwölf Uhr.«

»Daß du mir nüchtern bleibst!« mahnte der Zuckerwastl.

»Sei ohne Sorge. Morgen ist bessere Zeit zum Trinken,« gab der
Neunaugen zurück. -- --

-- -- Eine Schaubude. Vier Stämme sind in die Erde gesteckt und mit
Brettern umzogen. Vor dem Eingange steht ein widerlicher Kerl und
schreit mit heiserer Stimme: »Wer das größte Wunder sehen will, der
komme hieher. Ein leibhaftiger Alrunn, vor hundert Jahren schon ganz
ausgewachsen.«

Das Volk gaffte, zögerte und trat ein. Da lag auf einem Tische eine
gespaltene Mandragorawurzel,[F] die Gestalt eines verstümmelten
Menschen im Dämmerlichte einigermaßen wiedergebend.

»Bst!« mahnte der Gaukler die langgestreckten Hälse. »Geht zurück und
seid stille! Ihr seht ja, daß der Alrunn schläft, und wenn er erwacht,
dann ist er so gewaltig böse, daß er alles zerreißt. Nehmt euch in
acht!«

Noch ein schneller, scheuer Blick, und hinaus drängt sich das
verblüffte Volk.

-- -- An einer anderen Stelle steht auf einer Tribüne ein großer,
starker Mann. Er weiß sich mit großer Würde zu tragen und sieht auf die
dichtgedrängte Menge mit unverkennbarer Geringschätzung herab. Er ist
ein sogenannter Wasserspritzer und Feueresser, eine für jene Zeit ganz
unheimliche Erscheinung.

Nachdem er einen Augenblick hinter einen Vorhang, der ihn den Blicken
der Zuschauer entzog, getreten war, kehrte er wieder auf die offene
Bühne zurück, ließ sich acht Gläser frischen Brunnenwassers geben und
trank dieses. Dann gab er es in einzelne Gläser wieder von sich, aber
nicht als Wasser, sondern als Wein von jeder Färbung, vom dunkelsten
schwärzlichen Neapolitaner angefangen bis zum hellgoldigen Würzburger
Landwein herab. Dann ließ er wohlriechende Wasserstrahlen aus seinem
Munde ausgehen, oder er schoß Wasser wie ein Röhrenbrunnen aus seinem
Magen in die Luft.[G]

Die verblüffte Menge ward starr vor Erstaunen, als sie dies alles sah.
»Der hat den Teufel im Leibe,« flüsterten die Leute untereinander; »ein
gewöhnlicher Mensch kann solche Wunder niemals tun.«

Unterdessen hatte sich der Gaukler ein Becken glühender Kohlen bringen
lassen. Davon nahm er etwelche in den Mund, zerkaute und aß sie. Dann
zündete er einen Klumpen Schwefel und Pech an und verschluckte ihn mit
der blau brennenden Lohe. Ein glühendes Eisen leckte er mit der Zunge,
daß es zischte, und ein anderes nahm er zwischen die Zähne und trug es
eine gute Weile im Munde umher.[H]

»Nun sag' mir einer, daß es nicht Zauberei und Hexenkünste gebe,« rief
Meister Brinhard, der unter der Menge stand, händeringend aus. »Wer
von uns begreift solch arge Kunst? Da gibt es nur ^einen^ Schlüssel,
das ist der leidige Satan. Hätte der Mann da aber nicht Gemeinschaft
mit dem Bösen, nimmer könnte er Feuer essen; aber der Teufel hat ihn
fest gemacht. Liebe Leute, 's war großes Unrecht, daß wir ihm zugesehen
haben, und eine richtige Obrigkeit sollte solch ein Höllenspiel gar
nicht dulden. Mich reut der Anblick, verzeih' mir Gott die Sünde!«

»Ja, ja, 's ist Teufelsspuk,« murmelten die Männer kopfnickend nach,
die Weiber aber schlugen Kreuze und liefen weit davon.

-- -- Am nördlichen Ende von Heidingsfeld steht ein großer Hof. Hohe
Mauern umschließen ihn und gewähren nur durch das Tor von der Straße
her den Eingang in das Innere. Rechts im Hofraume stehen lange Ställe,
links Getreidekästen, in der Mitte mehr nach rückwärts befindet sich
das stattliche Wohnhaus.

Die Abendschatten liegen bereits in langen Dämmerstreifen über dem
stillen Gehöfte. Die Bewohner sind alle nach dem Markte gegangen, um
an dem frohen Treiben, muntern Zechen sich die Laune neu zu beleben;
nur in der Küche steht ein junges Weib, damit beschäftigt, über
hellflackerndem Feuer aus brodelndem Schmalze jene starkduftigen
Kücheln zu backen, die auf dem deutschen Bauerntische der willkommene
Markstein festlicher Zeit sind. Der Hausstand muß wohl zahlreich sein;
denn trotz der Berge von goldbraunem Gebäcke fährt die Hausfrau emsig
fort, neuen Teig in das heiße Schmalz zu legen.

Das Anschlagen des Hofhundes stört sie aus ihrer geschäftigen Ruhe.
Durch das nach dem Hofraume gehende Fenster sieht sie ein scheu um sich
blickendes Weib dort eintreten, das bald vor ihr unter der offenen
Küchentüre steht. Die demütige Miene paßt schlecht zu dem rohen
Gesichte, das unter den halbgeöffneten Lidern hervorlauernde Auge
schlecht zu der bittenden Rede.

Die Bäuerin hatte nach etwas Kupfermünze gesucht, um die Bettlerin
damit zu beschenken.

»Vergelt's Euch Gott und Unsere Liebe Frau!« dankte die
Landstreicherin. »Stoßt mich nicht von Eurer Schwelle, bin ein armes
fahrendes Weib, das kein Heim hat. Gönnt mir einen Augenblick Rast in
Euerem Hause; Gott möge es Euch an Eueren Kindern lohnen!«

»Hab' keine Kinder,« gab das Weib kurz zurück. »Kommt in die Küche, da
mögt Ihr rasten, solange es Euch gefällt.«

Helene folgte schüchtern der Einladung und setzte sich in einen Winkel,
wo sie die ihr geschenkten Speisen verzehrte. Dabei ließ sie ihre Augen
bald nach allen Seiten rollen, bald schlug sie dieselben nieder, als
wäre sie ein Bild von Zucht und guter Sitte.

»Ihr sagtet vordem, Ihr hättet keine Kinder. Habt Ihr wohl Feinde, die
Euch solches Leid angetan haben?«

»Kann man denn das?« fragte die Bäuerin nicht ohne Schrecken.

»Ei freilich; durch böse Kunst, durch Hexen, Zauberer wird solches
leicht bewirkt.«

»Wißt Ihr das gewiß?«

»Gott sei's geklagt!« seufzte die Landfahrerin. »Ihr ahnet nicht, was
böse Menschen alles können.«

»Ihr seid wohl reich?« fuhr Helena nach einer Pause weiter. »Da fällt
Euch solch Entbehren doppelt hart. Dem Armen ist's oft Wohltat, wenn
er Not und Hunger nicht mit einem Kinde zu teilen braucht. Aber der
Reiche, der dem Kinde ein sorgloses Dasein schenken könnte, ist
wahrlich arm bei allem Reichtume, wenn ihm der Kindersegen fehlt.«

»Ist wahr; hab' Geld und Gut genug, um zehne zu ernähren. Gäb' all das
Silber im Kasten oben gerne her, hätt' ich ein Kind dafür. Will's aber
unser Herrgott nicht, so murre ich auch nicht.«

»Ich hätte wohl ein sicheres Mittel gegen Euren Kummer. Soll ich Euch
helfen?« fragte Helena nach einer Weile.

Die Bäuerin sah sie lange mit ihren klugen Augen an. »Ich meine, wenn
Ihr hier Rat und Hilfe wüßtet, so brauchet Ihr nicht betteln gehen. Da
gäb' es Gold genug. Dank' Euch für Eueren Willen.«

»Wie's Euch beliebt,« sprach Helena in weniger demütigem Tone. »Laßt
Euch bedankt sein für Speise und für Rast. Behüt' Gott!«

Sie erhob sich und ging, als bände Müdigkeit noch ihre Glieder,
schleppend aus dem Hause, spähend, in alle Winkel lugend. Doch kaum
aus dem Hoftore getreten, ward ihr Wesen wieder keck und fest. Mit
einem trotzigen Blicke schaute sie über die Mauer nach dem Dache des
Gehöftes, über welchem eben die ersten Mondlichter zitterten. --

Der Abend war zur Nacht geworden. Die Fiedeln in den Schenken wurden
stille, das Lärmen, Johlen, Singen war zu Ende. Ein Licht ums andere
erlosch und immer dichter ward die Nacht. Wetterwolken zogen ihren
düsteren Schleier über Mond und Sterne und der Sturmwind heulte
klagend, pfeifend, zürnend durch die Gassen.

Es ist Mitternacht. Zwölf dumpfe Schläge, die der Sturm sich aus den
Glocken bricht und mit sich fortträgt über die nächtige Flur!

Was glüht dort durch die Nacht? -- Nun schwache Röte gleich dem
Dämmerlichte im Nebel, nun plötzlich wachsend bis zur Flammenflut, den
schwarzen Mantel der Nacht mit rotem Glaste überströmend!

Hilf Gott im Himmel, welch ein Feuer! Und wie die Glocken wimmern,
Menschen klagen, Tiere brüllen! -- Ein schreckliches Bild!




4. Kapitel: ^Eine Hexe^


Unterhalb der Mainbrücke in Würzburg steht ein altes, düsteres Haus.
Die Mauern sind schwarz geworden von Ungewitter, Sturm und jeglicher
Unbill der Zeit; regellos starren aus dem kalten Gestein wie Augen aus
dem Totenschädel die Fenster mit teils erblindeten, teils gebrochenen
runden Scheibchen. Ein kleiner Erker, mit Holzwerk durchzogen, hängt
müde gegen die Straße und auf seinem Spitzdache knarrt eine rostige
Wetterfahne.

Der Eingang ist niedrig. Die Pfosten massiv aus Stein, die Türe aus
Eichenholz, in dem der Wurm schon längst sich heimisch fühlt. Eine
enge, unter jedem Fußtritt ächzende Wendeltreppe führt nach dem
ersten Stockwerke und in eine große Stube. Das Getäfel der Decke ist
tiefdunkel und drückt wie ein Alp. Der große grüne Kachelofen mit
seinen unbeholfenen Schildereien auf den morschen Kacheln drängt sich
fast bis zur Mitte des Gemaches.

Die Wände sind grau und schmucklos. Kein Bild, kein Kreuz winkt frommen
Gruß. In der einen Ecke steht ein hohes Bett, daneben ein alter
Schrank mit einer Unzahl von Gläsern und Töpfchen, ferner ein alter
Totenschädel, Büchschen, aus denen Kräuter hängen, ein dickes Buch,
schmutzig und abgegriffen, darauf eine Brille, mächtig groß und schwer.

Die andere Ecke füllt ein breiter Tisch und hochlehnige Stühle. Das
Glas der Fenster ist mit Staub und Schmutz überzogen, ein eigen
Dämmerlicht liegt kalt und frostig über diesem Raume.

Ein altes, häßliches Weib steht am Fenster und starrt mit den
stechenden, schielenden Augen träumend ins Weite. Die große, hagere
Gestalt ist noch ungebeugt von den Jahren, die den Scheitel gebleicht
und die Wangen tief gefurcht haben. Zuweilen zuckt ein Blitz aus diesen
Augen, dann spielt ein höhnisch grinsendes Lächeln um die dünnen
Lippen, und wieder ist's wie Sturm und drohendes Ungewitter, was auf
tiefem rätselhaften Angesichte wetterleuchtet.

Nun geht sie zurück zum Schranke neben dem Bette. »Hm,« brummt sie
verdrießlich, »die Herren machen Ernst. Schütteln sie doch die Hexlein
wie Äpfel von den Bäumen. Puh! die Luft riecht nach Menschenfett,
und nachts heult der Wind klagend, als wären es die Seufzer der
Gemordeten. Haben sie erst gestern wieder so ein armes Geschöpf unter
meinen Fenstern vorbei nach der Richtstätte gefahren, und das Volk hat
gejohlt und geflucht und nur wenige haben geweint. War ein junges Blut
und schier zum Erbarmen, wie ihm die heißen Tränen so brennend übers
Totenhemd rollten und aus den wunden Augen ein gebrochenes Herz schrie.
Habe nun auch den Pater Spee gesehen, von dem sie in der Stadt so
vieles reden. Mag ihn nicht; kann das fromme Volk nicht leiden, nicht
Kutte und nicht Priester. Aber es hat mir doch gefallen, daß er mit auf
den Karren stieg und dem Hexenblut die Höllenfahrt leichter machte.«

»Höllenfahrt?« fuhr sie nach einer Pause fort. »Weiß ich's, wohin der
Weg vom Sterbebett und vom Galgen führt? Hu, es ist ein frostiger
Gedanke -- wenn's zum Teufel ginge!«

»Zum Teufel! Habe soviel Spott mit dummen Menschen in des Teufels Namen
getrieben und nichts von Furcht und böser Ahnung empfunden; und heute
ist's mir, als packte eine Totenhand mich an der Seele, wenn ich an den
Teufel denke. Tolles Zeug! He, Totenschädel dort, gibt's einen bösen
Geist? Du redest nicht! Glaub's wohl, hihi! Aber wie du grinsest, als
zuckten Höllenlichter durch die leeren Augenhöhlen. -- Dummes Gebein!«
knurrte sie und stieß ihn auf den Boden.

»Wen haben sie nun schon verbrannt, diese weisen Herren?« fuhr sie in
ihrem Selbstgespräche weiter. -- »Habe sie mir alle wohlgemerkt! Da
ist die Lieblerin, des Ankers alte Witwe, die Gutbrodin und die dicke
Hökerin. Das war der erste Brand. Gleich darauf die alte Beutlerin,
die Schenkin und zwei fremde Weiber. Dann kam der Tungersleber, der
lustige Spielmann, die Kulerin, die Stierin, die Goldschmiedin und
ihre Nachbarin, die Bürstenbinderin, an die Reihe.[I] Und gestern das
junge Mägdelein! Ob sie nun genug Menschenfleisch geschmort haben, die
Schakale und Hyänen? Ich glaube es nicht! Nein, sie ruhen nicht, bis
nicht die schöne Stadt leer steht und das Land entvölkert ist! Und wenn
sie nun auch mich für eine Hexe hielten?«

Die Alte schnellte bei diesem Gedanken bebend in die Höhe.

»Mich?« keuchte sie, und ihre Brust hob und senkte sich in fliegender
Hast. »Mich? Nein, mich lassen sie in Ruhe. Die alte Ammfrau Bernin
wagt keiner anzugreifen, sonst wehe ihm! Da drinnen in dem alten Herzen
kocht und brandet Leidenschaft genug, und in meinem Hirn, so müde es
seit siebzig Jahren auch geworden ist, ist immerhin noch Witz genug,
um mit den Herren am Gerichte manch scharfes Wort zu reden. Bin kein
junges Gänschen, das nicht Red' noch Antwort weiß, haha! Ob nicht die
Herren alle zuschanden würden, wenn sie an mir ihr Recht und ihren Witz
versuchen wollten!«

Ein Poltern von der Stiege her unterbrach der Alten Selbstgespräch. Sie
horchte auf und ihre Augen starrten in fiebernder Neugierde nach der
Türe.

»Ist's vielleicht der Henker?« flüsterte sie und drückte die Rechte
aufs pochende Herz.

Ein Jüngling trat ein, ein frischer, fröhlicher Student. Sein
Angesicht, von dunkeln Locken beschattet, widerstrahlte Lust und
Schalkheit und sprudelnden Geist. Einen Augenblick blieb er betroffen
stehen, der erste Eindruck des ihm völlig neuen Bildes streifte seine
Seele mit frostigem Erstaunen. Dann nahm er, rasch sich wiederfindend,
seine Mütze ab und grüßte freundlich.

»Verzeiht, liebwerte Frau, daß ich Euere Ruhe störe! So Ihr mir
Gunst erweisen wollet, schenkt mir ein Stündlein Euerer Zeit und
ein Körnlein Eueres tiefen Wissens. 's ist wahr, hab' viel gelernt
auf Schulen und bei weisen Meistern. Bin vieler Sprachen kundig[J]
und gar wohlgerühmt bei allen ob meines lieblichen Gesanges und gar
süßen Lautenspieles. Und doch, was hilft mir all dies tote Wissen, was
Sang und Lautenschlag, wenn hier das Herz in Leid und Trübsal ringt?
Wo aller Menschenwitz ein Ende hat und jeder Weisheit Lehrer seine
Ohnmacht bekennt, da beginnt Euer Reich und Euere Kunst. Seid mir
gewogen und laßt Euch mein Leid erzählen. Dann gebt mir guten Rat und
frohen Trost. Ich will's Euch tapfer danken.«

Die alte Ammfrau hatte dem Jünglinge mit steigendem Vergnügen zugehört.

»Und könnt Ihr schweigen?« fragte sie mit Nachdruck.

»Wie diese ehrwürdigen Wände hier oder, wenn Ihr wollt, wie dieser
Totenschädel,« beteuerte der Student.

»Den laßt in Ruhe,« knurrte die Alte und hob den Schädel auf, um ihn
wieder auf den Kasten zu stellen. »Und nun Euer Begehren?«

»Bin, wie Ihr seht, ein junges, frisches Blut voll Lebensdrang und
keckem Mut. Von armen Eltern stammend, doch mit hellem Geist begabt,
hab' ich, dank edlen Priestern, des Wissens viel errungen. Doch nicht
genug! Mein Geist will weiter forschen, bis er satt geworden, aber --
dies macht mein Glück nicht voll. Zwei Fragen sind es, die mich quälen.
Und diese sollt Ihr lösen durch Euere Kunst.«

»Erstlich sagt mir: Worin und wo ich mein Glück finden werde?«

Der Blick des Jünglings und jener der Alten begegneten sich und
ruhten eine Weile forschend aufeinander. Dann erhob sie sich,
ging nach dem Ofen und kehrte mit einem Stück Kohle zurück. Sie
zeichnete mit demselben einen Kreis auf die Tischplatte und teilte
ihn durch Ellipsen. Die einzelnen Segmente füllte sie mit Zahlen und
kabbalistischen Zeichen, nur die Mitte ließ sie frei.

Der Jüngling sah mit lächelnder Miene ihrem Treiben zu. »Habt Ihr gut
schreiben gelernt!«

»Stille!« mahnte die Alte und schrieb weiter. »So; nun gebt mir Blut,
einen Tropfen.«

Der Student reichte der Alten seine Hand und ließ sich mit einem
scharfen Messer die Haut ritzen. Das aufgefangene Blut ward in die
Mitte der sich kreuzenden Ellipsen gestrichen.

»Setzt Euch!« sprach sie, nach einem Stuhle hinterm Tische zeigend.

»Euer Stern steht hier. Ihr seht dies Zeichen? Es deutet hohes
Lebensglück und stolzes Hoffen. Ehre und Amt winken Euch, und Gold und
Minne.«

»Das klingt ganz gut,« warf der Jüngling zufrieden ein.

»Schweigt!« herrschte die Alte und horchte nach der Straße, von der
herauf verworrene Stimmen drangen. Einen Augenblick starrte Angst aus
ihren Zügen, dann fuhr sie fort: »Dies Zeichen hier sagt Euch nichts
Gutes. Übermut verleitet Euch zu einer Tat, die Euch das Leben kostet,
ehe Ihr noch wißt, wie süß das Leben sei. In langer Kerkernacht wird
Euch ein Trost noch werden, -- das deutet dieses Bild, doch dann --«

Mit einem Stoße flog die Türe auf und Vogt und Schergen traten ein.

Die Alte ward zu Stein, die Augen drangen aus ihren Höhlen und stierten
auf den Richter.

»Was wollt Ihr?« krächzte sie und hielt sich mit der Rechten an dem
Tische fest.

»Dich, Gertrud Bernin, insgemein die schielende Ammfrau genannt,«
entgegnete der Vogt mit hoher Amtsmiene.

»Mich? Und warum?« grinste die Alte.

»Sie ist dringend verdächtig, ja schier schon überwiesen, daß Sie sich
mit höchst verdammlicher Zauberei und Hexenkünsten befaßt hat.«

»Schier schon überwiesen?« wiederholte die Alte höhnisch. »Die Herren
sind schnell.«

Der Vogt blieb in einiger Entfernung von der Alten stehen, indes diese
von den Schergen an den Händen gebunden und ihr überdies noch zu
größerer Sicherheit ein Strick um den Hals gelegt wurde. Die Bernin
ließ dies mit scheinbarer Ruhe an sich geschehen; wer ihr aber tiefer
ins Auge schaute, konnte dort Schrecken und Ingrimm flammen sehen und
an dem konvulsivischen Zucken, das zuweilen ihre Glieder schüttelte,
die furchtbare Erregung, die sie erfaßt hatte, erkennen.

Unterdessen hatte sich der Vogt dem Studenten genähert, der mit
nicht geringer Überraschung den Vorgängen folgte, deren Zeuge er so
unverhofft geworden.

»Ah, also auch hier?« zürnte er. »Wie ist es möglich, daß man, da man
doch in Künsten und Wissenschaften so wohlerfahren ist, auch bisher
sich eines christlichen guten Rufes erfreute, nun in solch höchst
gefährlicher Gesellschaft sich befindet?«

»Herr Vogt,« entgegnete der Studiosus mit schwer verhaltener
Entrüstung, »ich hoffe --«

»Ihr habt hier gar nichts zu hoffen,« eiferte jener. »Mitgefangen,
mitgehangen. Juridischer Grundsatz das. Doch,« fuhr er fort, den Kreis
mit den kabbalistischen Zeichen auf dem Tische erblickend, »was seh'
ich hier? Gott stehe mir bei! Reine Teufelskünste! Und Blut!« rief er
schauernd.

»Blut von mir!« gab der Student mit mürrischem Trotze zurück.

»_Indicium maximum!_ Man binde auch diesen Studenten, da solcher sonder
Zweifel eine höchst gefährliche Malefizperson ist.«

Der Student zog seinen Degen, um die Schmach von sich abzuwenden;
allein die Schergen fielen ihm von rückwärts in die Arme und fesselten
ihn nach kurzer Gegenwehr.

Nun hatte der Gestrenge auch Muße, sich im Zimmer umzusehen, was
unter nicht geringem Kopfschütteln und allen möglichen Ausrufen des
Entsetzens geschah. Und als er seinen Amtsschreiber vorrief, daß
dieser ein kurzes Protokoll aufnehme, weigerte sich dieser ganz
entschieden, auf einem Tische zu schreiben, auf welchem Teufelszeichen
und Menschenblut zu sehen seien, oder auf einem Stuhle zu sitzen, auf
dem gewiß Hexen, wenn nicht gar der leibhafte Gottseibeiuns gesessen.
Lieber wollte er sein kleines Amt und mageres Brot verlieren.

»Kann ihm nicht ganz unrecht geben,« bestätigte der Vogt, mit seinem
tiefroten Kopfe gnädigst nickend. »Aber ein Protokoll muß sein, und
müßte es in der Luft geschrieben werden.«

»Solches wäre doch reine Hexerei!« spottete der Student.

»Ein ganz erschrecklich böses Maul!« polterte der Gestrenge. »Man wird
augenblicklich schweigen. Er aber, Petrus Hänflein, mag sein Protokoll
dort am Fenstergesimse schreiben. _Quod non est in actis, non est in
mundo._ Pah, man weiß, was Rechtens ist. Also, ist Er bereit?«

»...... Nach solchem ging man an Untersuchung des Zimmers und fand, wie
folgt:

1. Auf dem Tische mit Kohle gezeichnete, sonder Zweifel ganz teuflische
Gestalten und böse Zeichen, beinebst einigem Blute.

2. Auf dem Schranke neben dem Bette einen greulichen, wahrhaften
Totenkopf, höchst wahrscheinlich bei einem Hexensabbate vom Bösen zu
zauberischen Zwecken gegeben.

3. Unterschiedliche Büchslein mit ganz verdächtigen Kräutern.

4. Eine nicht geringe Menge von Gläsern und Fläschlein, gefüllt mit
Wassern und Fett, so vermutlich von gebratenen Kindern herrührt.

5. Ist sonderlich auch als ein gar schrecklich Zeichen sicheren
Bündnisses mit dem Satan zu bemerken, daß im ganzen Zimmer nicht Kreuz
noch Weihbronnen zu finden.«

Der Schreiber spritzte die Feder aus, und der Vogt wischte sich den
Schweiß von der Stirne. Als er die Alte ansah, bemerkte er, daß ihr
Blick fest nach einem Winkel des Zimmers gerichtet war. Und als er
dort eine mächtig große Spinne erschaute, die langsam mit ihren
dünnen Beinen an der grauen Wand hinankrabbelte, da drückte er seinen
Hut fester auf den Kopf und eilte mit den Worten: »Das ist der
Teufel selbst!« aus der Stube. Ihm nach folgten die Schergen mit den
beiden Gefangenen und zuletzt Herr Petrus Hänflein, große Kreuze mit
zitternder Hand schlagend.

Unten auf der Straße wogte viel Volk auf und ab und flüsterte sich in
die Ohren. Tiefe Stille herrschte, als der Vogt und die anderen mit
ihm ins Freie traten. Wie sie die Köpfe zusammensteckten, die Vettern
und Basen, und wie sie die Hälse reckten, die Ehrentapfern, und sich
anstießen: -- »'s ist 'ne Hexe, hab's schon längst gesagt.«

Der Zug setzte sich in Bewegung. Voraus ein Scherge, dann die alte
Bernin, am Halsstricke geführt von einem Knechte. Hinter ihr der
Student, die Hände über dem Rücken gebunden, das schöne Antlitz von
Zorn und Schmerz und Beschämung verzerrt. Rings Schergen und zuletzt
stolz aufgerichtet wie ein siegreicher Feldherr der Vogt und ihm zur
Seite schleichend, zitternd der Schreiber mit dem Protokolle.

Die Menge folgte schiebend und drängend und wandte ihre Aufmerksamkeit
immer mehr dem Studenten zu, dem infolge der bis aufs äußerste
gesteigerten Aufregung die hellen Tränen über die zuckenden Wangen
rollten.

»Was es nur mit dem sein mag?« flüsterten sie und bückten sich, um ihm
recht unters Gesicht schauen zu können. »Sieht doch mehr einem frischen
Jungen als einem Hexenmeister und Zauberer gleich!«

»Mein Gott,« schalt ein anderer mit lauter Stimme und schielte dabei
nach dem Vogte, »heutzutage ist alles verhext und verteufelt, am Ende
auch noch die Herren am Gerichte. 's ist ein häßlich Leben in unserer
Zeit!« -- --

Gegenüber dem Grafeneckersturm an der Ecke des Platzes mit dem großen
Brunnen steht ein stolzes Haus. Aus seinen geöffneten Erkerfenstern
schaut hinter lieblichen Rosen ein herrliches Mädchenangesicht auf
die vorüberwogende Menge nieder. Das dunkelblaue Sammetgewand, von
goldgesticktem Gürtel umschlossen, blickt wie nächtiger Himmel hinter
dem blühenden Blumengesträuche hervor, während das engelmilde Antlitz
mit den großen Vergißmeinnichtaugen und mit der goldenen Lockenpracht
dem Monde gleich in sanftem Glanze widerstrahlt.

Der Zug ist vorüber; ein tiefschmerzlicher Blick aus schönen Augen hat
ihn mit einer Träne gegrüßt. Nun schließen sich die Fenster, und es
ist, als sei der Mond untergegangen.

Edeltraut war auf ihre Kniebank vor dem Bilde des Gekreuzigten
niedergesunken. Die zarten Hände bedeckten das glühende Antlitz, die
Seele suchte nach Gebet und fand es nicht und rang sich fruchtlos müde.

»Tochter,« unterbrach der Greis das Schweigen, »Edeltraut, du weinst!«

Das Mädchen erhob sich langsam, strich die Locken aus der Stirne und
küßte den Alten.

»Ja, Vater, ich habe geweint,« sprach sie, mit dem weißen Tuche sich
die Augen trocknend.

»Und warum, Kind? Bist du nicht glücklich? Bist du nicht die schönste
Maid im Frankenlande, hast du nicht einen Vater, der dich innig liebt?
Bist du nicht reich und angesehen, und, was dein höchster Schatz
und Schmuck ist, bist du nicht gut und rein und schuldlos wie ein
Morgensonnenstrahl? Und dennoch Tränen?«

»Ich will's Euch klagen, Vater. Als ich dort am Fenster stand
und auf meine Rosen glücklich niederschaute, und sie mir duftige
Frühlingsmärchen erzählten, drang dumpfes Wogen von der Straße
herauf zu mir. Sie brachten wieder ein armes Opfer des schrecklichen
Hexenwahnes an unserem Hause vorüber. Die alte Bernin war's, du kennst
sie ja! Und hinter ihr ging -- zwischen Schergen -- gebunden -- ach!«

»Um Himmels willen, Tochter, golden Kind!«

Das Mädchen war wie zur Leiche geworden und vor des Vaters Füßen
zusammengebrochen.

Der Greis zog mit stürmischer Hand die Glocke, und bald hatten helfende
Hände die Bewußtlose auf ein Ruhebett gebracht. Das Leben kehrte
allmählich in den schönen Leib zurück, schwach zitterte der Atem aus
der Brust herauf und durch die blassen Lippen, und dann drang zwischen
den Lidern eine große, volle Träne hervor und erstarrte wie ein Demant
auf den blassen Wangen. Und nun schlug sie langsam die schönen Augen
auf, Vergißmeinnichte ohne anderen Glanz als den des Schmerzes.

Sie suchte nach des Vaters Hand. »Nun ist's besser.«

Der Greis sah mit tiefem Kummer auf sein Kleinod nieder, das ein ihm
unbekanntes Leid zum Tode verwundet hatte.

»Setzt Euch, Vater, nahe zu mir und laßt mich reden! Das macht das Herz
mir leichter und das Leid wohl weniger hart. Hinter ihr,« fuhr sie in
ihrer Erzählung flüsternd fort, indes ihr geistiges Auge alles noch
einmal schaute, -- »führten sie gebunden, schmerzzerrissen unseren
Heinrich.«

»Nicht möglich!« rief der alte Göbel händeringend aus. »Heinrich, der
goldene Junge?«

»Es ist so. Nun sollt' ich Euch ein ernst Geständnis machen; doch
versagt die Seele und die Zunge ihre Kraft. So Ihr mich liebt, mein
teurer Vater, schickt nach dem Pater Spee. Sagt ihm, es gelte einer
wunden Seele Trost und Labung zu bringen und, wenn es möglich ist, auch
Heilung tiefem Schmerze.« --

Die Schatten des Abends wurden länger und tiefer und der Hauch der
Lüfte kühler. Die Rosen an dem Erker des alten Ratsherrn Göbel senkten
müde das Haupt und schlossen ihre Kelche mit zartem Blattwerk, damit
nicht Mondlicht zu tief ins kleine Blumenherz sich drängte.

Ein letzter Sonnenstrahl flog grüßend über Edeltraut -- vielleicht hat
er ihr Licht ins dunkle Herz geschienen.

-- »Gott segne es Euch, mein Pater, daß Ihr gekommen seid,« grüßte
der Ratsherr, den eintretenden Jesuiten in seinem Gemache empfangend.
»Meine Tochter verlangt nach Euch. Das Kind drückt tiefes Leid, das Ihr
ihm lindern sollt. Doch erst noch eine Frage. Kennt Ihr den Heinrich
Schmauß, den prächtigen Studenten? Ihr kennt ihn also! Der Junge kam
gar oft in unser Haus, weil mich sein Lautenspiel und Sang, sowie sein
reines, frisches Herz erfreute. Ich liebte ihn wie ein zweiter Vater
und er hing einem guten Sohne gleich an mir. Nun haben sie ihn heute
eingefangen, zugleich mit dem alten, bösen Weibe, der Ammfrau Bernin.«

»Ich weiß darum,« entgegnete der Pater. »Ich komme eben aus Heinrichs
Kerker, da er sogleich nach seiner Gefangennahme nach mir verlangte.
Er ist rein und schuldlos, dies Wort mag Euch zum Troste dienen; aber
töricht war es von ihm, jetzt, da die Welt in Finsternis sich badet,
auch nur den Schein des Bösen auf sich zu laden. Nennt es Keckheit,
Übermut, vielleicht auch Frevel, was er tat. Er hatte längst von
jener Alten gehört, die mit ihrem abergläubischen Treiben aus reinem
Eigennutz so vieles Unheil stiftete. Er stritt und kämpfte mutig
überall mit seinem klaren Geiste gegen Wahn und Aberglauben, und um
dies noch besser tun zu können, suchte er die Alte selbst auf und ließ
sich zeigen, worin denn ihre Kunst und ihr Geheimnis bestünde. Und
eben, als die Ammfrau Bernin ihm ihr gottlos albernes Handwerk zeigte,
traten Vogt und Schergen bei ihr ein.«

»Glaubt Ihr, mein Pater, es könnte für den Jungen von übeln Folgen
sein?« fragte bekümmert der Ratsherr.

»Ich fürchte alles, hoffe wenig,« antwortete Spee. »Ja,« fuhr er fort,
»wenn Vernunft und Gerechtigkeit zu Gerichte säßen, dann könnte die
Unschuld wieder frei aus Kerker und Banden hervorgehen. Solange aber
eine verblendete Justiz die Mordfackel schwingt, Scheiterhaufen baut
und Verbrecher ^macht^, ist jede Hoffnung Torheit. Doch, überlassen
wir die Zukunft Gottes weiser Fügung! Er wird auch hier stets und
überall der Sieger sein.«

Der Pater trat mit dem Ratsherrn Göbel in Edeltrauts Gemach, das von
einer Lampe schwach erleuchtet war.

»Gott segne dich, mein Kind!« sprach Spee zum Gruße.

»Dank, ehrwürdiger Vater,« entgegnete das Mädchen, die Augen
niederschlagend. »Ich hab' Euch zu mir gebeten, damit Ihr Ruhe in mir
schafft. Ihr kennt mich, wie ich bin. Seit Ihr meine Seele leitet, habe
ich Licht und Schatten Euch vertraut. Und doch -- es ist -- wie soll
ich's nennen nur -- ein Fühlen in der Seele mir erwacht, das --«

»Sprich, Edeltraut! dein Leid will einen Namen und dann guten Rat.«

»Ich war ein Kind, als sie die Mutter für ewig schlafen legten. Am
Schmerz, den ich um sie getragen, maß ich meine Liebe. Mein ganzes
Herz trug ich vom Grabe weg in meines Vaters Liebe über, ein großes,
heiliges Glück! Sonst liebte ich wenig mehr auf dieser Erde. Meine
Blumen, diese Gottesaugen, hatte ich freilich innig lieb; doch war's
ein kindlich reines Minnen. Nun ist es anders geworden. Gnade, Pater,
-- habt Erbarmen, Ihr, mein alter Vater, wenn ein Geständnis über
meine Lippen kommt, das Euch erschreckt. Als sie den Heinrich heute
einem Verbrecher gleich an meinem Fenster vorüberführten, da stach ein
Schmerz durch meine Seele, der nicht Mitleid war -- 's war Liebe! Wie
oft, wenn er zur Laute Euch die schönsten Lieder sang, schaute ich
begeistert in dies reine Auge! Wie oft hatte ich einem Kinde gleich
seinem Worte gelauscht, wenn er von Herrlichem so herrlich sprach --
ich ahnte es nicht -- er wollte es nicht -- und doch, es ist geschehen!«

Die letzten Worte sprach das Mädchen mit immer leiserem Geflüster. Ein
tiefes Rot lag über ihrem Antlitze -- ein Engel hatte es wohl über sie
gehaucht.

»Ist's Sünde, Vater, was ich fühle, so sagt es, ist es auch hart -- ich
kann vergessen; denn Sünde will ich nicht! Ist es aber gut vor Gott,
vielleicht selbst Gottes liebendes Werk, dann laßt mich es wissen, laßt
mich glücklich sein!«

»Es ist nicht Sünde,« sprach der Jesuit in mildem Ernste, »wenn reinen
Herzens sich der Mensch zum Menschen kehrt. Doch ist's ein Weg voll
bunter Blumen, die viel Gift enthalten und Schlangen bedecken. Da
bedarf es treuen Betens und steter Wachsamkeit.«

»Und was sagt Ihr, mein teurer Vater?« fragte schüchtern das Mädchen.

»Gott segne dich und deine Liebe, wenn sie sein Wille ist!« sprach
feierlich der Greis.

»Nun bin ich ruhig. Doch eine Bitte, guter Pater! Ich weiß es und mein
Herz sagt mir das gleiche, sie haben Heinrich unschuldig ins Gefängnis
geworfen. Sorgt für ihn und sprecht für ihn und macht ihn wieder frei.
Sagt selbst, ist es möglich, daß Schuld auf diesem Herzen lastet?
-- Ihr saget nein -- habt Dank! Und ist er frei geworden, dann will
ich mit der Lerche Dankeslieder jubeln. Dann soll mein Herz der Rose
gleichen, die dem Himmel Lust und Schönheit dankt und, wenn auch in der
Erde wurzelnd, doch dem Himmel angehört!«




5. Kapitel: ^Ein blindes Kind -- ein blinder Richter^


In einer Gasse, nahe der Marienkapelle, ragt unter den hochgiebeligen,
schmalen Häuschen, an denen mehr die Laune als der Zirkel und
das Winkeleisen maßgebend war, ein stattlicher Bau hervor. Die
Fenster gucken nicht in bunter Regellosigkeit aus dem Mauerwerke,
sondern teilen sich gleichmäßig in die hohe, breite Wandfläche. Das
Eingangstor ist niedrig und von Säulen getragen, Larven grinsen vom
Torbogen hernieder, nun Zorn, nun Mut, Trotz und Verachtung im Steine
widerspiegelnd. Ein schönes Stiegenhaus führt nach dem ersten Stocke,
der Wohnung des gestrengen Rates Gering.

Ein mürrischer alter Herr. Der Körper ist noch wuchtig, das Alter hat
ihn noch nicht angefressen, es hat ihn nur etwas außer Rand gebracht.
Die Haare sind kurz geschnitten und stark ins Graue spielend. Die Augen
groß und stechend, das Gesicht fleischig und hochgerötet, der Mund
trotzig aufgeworfen.

Die Arme über die Brust verschränkt, geht er mit festen Schritten
in der großen Familienstube auf und ab. Ein tiefer Unmut scheint
sein Herz zu quälen und seine Gedanken zu peitschen; denn zuweilen
stampft er zornig auf den Estrich oder trommelt Sturm an den kleinen
Fensterscheiben, daß sie klagend klirren.

In einer Ecke sitzt ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren. Die dunkeln
Locken fallen in lieblicher Unordnung über die weiße Stirne und an den
blassen Wangen herab. Die ganze Gestalt ist unendlich fein gegliedert;
mehr ätherisch als der Körperwelt verwandt. Das glanzlose Auge stiert
tot bald nach der Decke, bald nach der Stelle hin, wo der Ratsherr sich
hörbar macht. Stille Ergebung ist über das bleiche Antlitz gehaucht,
jener eigentümliche Zug, der wie lächelnder Schmerz, wie ein blumiges
Grab anmutet.

Ein Schwesterchen von sechs Jahren sitzt neben dem blinden Mädchen und
schmiegt sich furchtsam an dasselbe, indes die großen, klugen Augen
unverwandt auf den Vater gerichtet sind, der so unwirsch tut und, seit
er aus der Gerichtsstube heimgekehrt ist, noch kein freundliches Wort
für seine Kinder gefunden hatte.

Nun bleibt der Rat vor den beiden Mädchen stehen. Der Anblick der
blinden Tochter stimmt ihn weich. Und je länger er auf seinen Liebling
schaut, um so milder wird sein Ausdruck, um so friedlicher sein Auge.
Er beugt sich nieder und drückt einen stummen Kuß auf den lockigen
Scheitel.

»Vater!« ruft Elsa und breitet die Arme.

»Hier bin ich, mein Kind!«

»Dank für den Kuß, tausend Dank!«

»Elsa!«

»Was willst du, Vater?«

»Hast du heute für mich gebetet?«

»Ja. Ich tat's aus ganzer Seele. Als du am Morgen von uns schiedest, da
botest du mir auf, dich ganz besonders in mein Gebet zu schließen. Ich
ließ mich in die Marienkapelle führen, und dort gedachte ich deiner
und der Sorge, die dich drückt. Wir Blinde,« fuhr sie lächelnd fort,
»können, ich glaube es wenigstens, viel besser beten als die anderen
Menschen. Uns stört kein äußerer Eindruck, wir sind mit Gott allein.
Uns decket Nacht und Finsternis, kein Sonnenlicht grüßt freundlich
durch das Auge in das Herz, und was ihr Glückliche von Blumenpracht
und Frühlingsherrlichkeit erzählt, ist uns ein Rätsel, dem wir nicht
Gestalt noch Farbe geben können. Gilt es aber ein Leiden mitzufühlen,
des Nächsten Schmerz zu fassen, dann sind wir nicht mehr blind, dann
sehen wir gleich anderen, weil wir doppelt fühlen. Und erst, wenn
eines Blinden Seele betet, Vater, da wird es Licht, so hell und klar
und fleckenlos, daß euere Sonne wohl nicht schöner leuchtet. Da gibt
uns Gott ein Glück, das ihr nicht ahnt, da schauen wir, was ihr nicht
sehet, und fühlen uns so nahe Gottes Herzen, weil wir so ganz von der
Welt geschieden sind.«

»Das nennst du Glück!« sprach der Ratsherr in weichem Tone. »Gott
erhalt' es dir! Denn ohne Trost ist Blindheit wie ein Grab, in dem man
lebend seines Todes harrt.«

Er nahm seine Tochter und führte sie nach seinem Sorgenstuhle.

»Setz' dich hieher und laß mich mit dir reden. Gerade weil dein
leibliches Auge nie die Welt geschaut hat und alles, was du sprichst,
ein reiner Widerhall deines Herzens ist, lege ich so gerne, was mich
drückt, in deine Seele nieder. Sieh', diese Hand, die hier auf deinem
Scheitel ruht, hat heute wieder ein Todesurteil unterzeichnet.«

Das Mädchen schrak zusammen. Zitternd entzog es sich der Berührung und
streckte die Hände abwehrend aus.

»Verzeih', Vater, ich fürchte dich! O rühre mich nicht an, nur heute
nicht, ich bitte dich!«

»Elsa, sei vernünftig,« mahnte der Alte etwas verdrossen. »Wie magst du
so hart gegen deinen Vater sein?«

»Laß mich,« sprach das Mädchen. »Ich kann meiner Seele nicht gebieten,
wenn sie in kalten Schauern liegt. Mich friert's im Herzen, als wäre
Tod und Nacht dort eingekehrt.«

»Weißt du nicht, törichtes Kind, daß Gott dem Richter jenes Schwert
gab, das zwischen Recht und Unrecht, Tod und Leben, Schmach und Ehre
strenge scheidet? Wie magst du in der Seele Schrecken fühlen, wenn ich
dieses Schwert in Gottes Namen richten ließ?«

»Du hättest recht, wenn es nicht jenen armen Wesen gälte, die ihr
Gestrenge als Hexen an den Henker liefert. Vater,« -- des Mädchens
Stimme ward nicht bittend, ward befehlend -- »Vater, sage mir vor Gott,
gibt es Hexen?«

»Törichtes Ding, das du bist, ja!« stieß der Alte hastig heraus.

»Und glaubst du und kannst du es mir, deinem armen blinden Lieblinge,
auf Hand und Wort und treue Vaterliebe versichern, daß alle jene
wirklich Hexen waren, die dein und der anderen Räte Spruch dem Tode
weihte? -- -- Vater, du antwortest nicht? -- Habe ich mit meiner Frage
zu tief ins Herz, wohl gar in dein Gewissen mich gedrängt? -- -- Vater,
sprich, ich bitte dich!«

Der Alte sah mit einer Mischung von Zorn und Schmerz und Liebe auf
seine Tochter nieder.

»Was soll dies alles?« zankte er mißmutig. »Habt ihr Frauen euch in
unser ernstes Amt zu mengen?«

»Nein, Vater. Ich weiß, des Weibes und der Tochter Heim ist Haus und
Familie. Darüber hinaus soll sie nicht ihr Denken und Begehren richten.
Aber gerade darum, weil der Kreis so enge, noch mehr, weil er so heilig
ist, will auch das Frauenherz, daß alles, was mit ihm die Luft des
Hauses und der Liebe atmet, rein sei, ohne Fehl und Makel.«

»Das ist ganz schön und recht und gut. Ihr Frauen seid, so hart man
euch entbehren würde, mit eueren Herzen und Gefühlen eine wahre Last.«

»Sag' das nicht, Vater! Das spricht der Unmut nur aus dir. Hab' ich
dich lieb?«

»Weiß Gott,« rief der Alte feuchten Auges, »du bist durch deine Liebe
all mein Reichtum!«

»Und glaubst du, daß nur ^ein^ Wort über meine Lippen käme, das nicht
die Liebe zu dir spricht?«

»Gewiß, mein golden Kind, gewiß!«

»So laß mich reden. Du weißt, Vater, wie arm ich bin. Nichts -- nichts
ist die Welt für mich. Was euch, wenn ihr gestorben seid, die Erde ist,
ein gähnendes Grab in schwarze Nacht gehüllt, das ist das Leben mir.
Ihr pflückt mit euerem Auge tausend Lebensfreuden, ich kann das nicht!
Wo das Herz allein nach Freuden sucht, da ist die Beute arm, doch soll
sie dann doppelt wertvoll sein. Was habe ich Gutes hier als dich, mein
Vaterherz? Doch dich -- dich möchte ich mit all dem Reichtume meiner
Liebe überschütten können, den ich -- ich möchte sagen, Gott sei Dank,
der Welt nicht schenken kann! Ich vermag dich nicht zu sehen, Vater,
wie du bist. Dein Wort, dein Kuß, dein liebendes Walten zeichnet mir
dein Bild. Und sieh, dies Bild ist mir so unantastbar heilig, daß
niemand es entweihen darf, auch du nicht, -- du am wenigsten!«

Der alte Gering ließ die Tränen, die ihm aus den treuen Augen flossen,
ungehindert über die Wangen gleiten. Waren es doch Tränen, mehr vom
Glücke als vom Leide geweint.

»Sei zufrieden, Elsa! dein Vater sucht sein Glück in deiner Liebe und
Trost aus deinem Munde. Laß mich dir klagen, was mich heute so tief
erregt, daß ich nicht Ruhe finden mag, es wäre denn, du, Else, löstest
mit dem Kampfe mir auch das Leid. Du weißt, daß jüngst die alte Ammfrau
Bernin als Hexe gefänglich eingezogen wurde. Im ersten Verhöre blieb
sie kalt und trotzig und kein Geständnis irgendwelcher Schuld kam über
ihre Lippen. Da ward die Marter an ihr versucht, und nicht geringe. Sie
stöhnte, ächzte, fluchte -- endlich als die Kraft zu brechen schien,
versprach sie ein Bekenntnis ihrer Schuld. Das sollte heute abend vor
sich gehen. Ich weiß, was die andern Räte von solchen Bekenntnissen
halten, sie sind ihnen allen bare Wahrheit, auf die sie dann Erkenntnis
und Richterspruch aufbauen. Du weißt, wie oft ich zu Gericht gesessen,
mit Gott und guter Ehre; so schwer, so ahnungsdüster aber wie heute war
mir nie zumute. Da drinnen wühlt ein nagender Gedanke, mir ist's, als
hinge schweres Unheil über dir und mir.«

»Ist Gottes Hand nicht gnädig über uns?«

»Ich weiß es nicht!«

»Doch, Vater! Gott schützt uns. Und willst du dieses Schutzes sicher
sein, so sei barmherzig mit den Armen, die ihr Herren Hexen nennt.
O, folge nicht dem dunkeln Wahne, daß überall des Teufels List und
Macht sich finde. Nicht jene Armen, ihr, ihr Richter seid es, die den
Hexenglauben und den Teufelsspuk nicht sterben lassen. Tritt nicht,
mein Vaterherz, in jene falschen Spuren, sei stärker, weiser als die
Welt um dich, gib du Gott und deinem Glauben allein die Ehre, und auch
in ^deinem^ Herzen werden dann Friede und Gerechtigkeit sich küssen.«

Der Alte stand mit verschränkten Armen vor seinem Kinde, das sinnende
Haupt tief auf die Brust geneigt. Friede und Gerechtigkeit -- ein
goldenes Wort, wenn diese im Menschenherzen sich begegnen, küssen! -- --

Die Turmuhr vom Dome her schlug die vierte Abendstunde. Der alte Gering
warf seinen Mantel um, drückte den Hut sich auf den Kopf und schied mit
stummem Kusse von seiner Tochter. -- --

Durch die hohen Fenster, geziert mit buntgemalten Schilden und
Wappenbildern, fällt der abendliche Sonnenstrahl in einen großen,
niedern Saal. Die Wölbung der Decke ruht auf kurzen, dicken Säulen,
der Boden ist mit rotem Sandsteine in großen Quadern eingelegt, nach
oben steht ein langer Tisch mit Kreuz und Evangelium darauf, um ihn
hochlehnige Stühle mit gepreßten Lederpolstern.

In einer Ecke stehen die Räte des Malefizamtes, teils miteinander gar
geheimnisvoll flüsternd, teils mit hochgezogenen Brauen in den Akten
blätternd. Auch Gering befindet sich unter ihnen, mißmutig, schweigsam,
nur hie und da mit stummem Nicken oder Achselzucken eine an ihn
gerichtete Bemerkung erwidernd.

Der Eintritt des Oberschultheißen, begleitet von zwei Sekretären und
dem Malefizschreiber Petrus Hänflein, macht die Räte verstummen.

Der Oberschultheiß, ein kleiner, hagerer Mann, grüßt gnädig nach
rechts und links und nimmt seinen Platz ein, zu beiden Seiten reihen
sich die Räte an. Auf seinen Wink wird durch eine Seitentüre die alte
Bernin hereingeführt. Die Hände sind mit Ketten belastet, der Gang ist
schleppend, zögernd, als stäche bei jedem Schritte ein tiefer Schmerz
durch den bebenden Leib.

Sie steht den Richtern gegenüber, zornig -- trotzig blickend, die
Ketten schüttelnd, daß sie klirren und rasseln.

»Sie, Gertraud Bernin,« hob der Oberschultheiß an, »sonst auch die
Ammfrau genannt, ist angeklagt der bösen Zauberei. Man hat Sie heute
erst in Güte, dann in strengem Ernste gefragt, was Sie zu bekennen
habe, und ist endlich zur Tortur geschritten, worauf Sie flehentlich
bat, man möge Ihrer schonen, Sie wolle alles getreulich bekennen.«

»Ich habe nichts versprochen,« entgegnen kurz die Alte und schüttelte
den Kopf mit den losen weißen Haaren.

»Sie scheint dem alten Trotze zu verfallen? Gedenkt Sie noch der
Marter, unter der Sie heute morgen ächzte?«

»Ja. Die Herren ließen die Sache deutlich genug machen, daß man sie so
leicht nicht vergißt.«

»Will Sie nun bekennen?«

»Was denn?«

»Daß Sie eine Unholdin ist und eine Hexe!«

»Nein.«

»Wenn Sie auch nicht bekennen wollte, so ist solch großer Trotz schon
sicherer Beweis, daß Sie im Bunde mit dem Bösen steht.«

»Meint Ihr?« grinste die Bernin. »Und wenn ich nichts zu bekennen
hätte? Wenn all euere Weisheit, ihr Herren, sich vergebens an mir
abmüht, um jene Schuld zu finden, von der ihr träumt, die ich aber
nicht auf mir habe? Ich bin nicht Unhold, bin nicht Hexe -- ich schwöre
es euch, so wahr ein Gott im Himmel lebt!«

»'s ist schrecklich, wie Sie lästert! Hat Sie denn nicht geheimnisvolle
Kräuter in Menge in ihrer Stube aufbewahrt?«

»Geheimnisvolle Kräuter!« höhnte die Alte. »Kennt Ihr denn nicht die
Springwurz?«

»Springwurz!« wiederholte der Oberschultheiß nachdenklich. »Was sagte
doch die dicke Hökerin, die wir verbrannt, von diesem Kraute aus?«

»Ist mir sehr wohl erinnerlich,« sprach Hans Offterdach, der zweite
Rat. »Die Springwurz, bekannte jene Malefizperson, muß, wenn sie
anfängt in die Blume zu schießen, in des Bösen Namen gepflückt werden.
Hält man solch ein Kraut ans beste Schloß, so springt es auf, als würde
es mit dem Schlüssel geöffnet.«

»_Bene, optime_,« bestätigte der Oberschultheiß; »sieht Sie nun, welch
böses Kraut die Springwurz ist, und wie es sonnenklar am Tage liegt,
daß sie es mit dem Teufel hält?«

»Wie klug ihr Herren seid! Wenn doch die Springwurz solche Kraft
besitzt, wie kommt es dann, daß nicht die Türen, Tore und Kisten und
Kasten von ganz Würzburg damit aufgesperrt und ausgeplündert werden?
Oder macht die Probe! Gebt mir meine Springwurz zurück und laßt es mich
versuchen, die Schlösser hier an meinen Ketten und das Eisenschloß an
meiner Kerkertüre aufzusprengen; gelingt es mir, dann mögt ihr mit mir
tun nach euerem Belieben; wenn nicht, ist's euere Pflicht, mich wieder
freizugeben.«

»Da sei Gott vor!« rief der Oberschultheiß aus; »Sie will die schwere
Schuld, so auf Ihr lastet, mit losem Spotte von sich wälzen? Nein,
solchem Frevel leiht ein frommes Gericht nicht Ohr noch Hand. Item.
Man fraget Sie, was in den Fläschlein allen enthalten, so sich bei Ihr
gefunden?«

»Läusewasser für die dummen Bauern,« gab die Ammfrau fest zurück.

»Nicht möglich.«

»So, warum denn nicht? Wohl weil es Euch nicht in das Kredo paßt. Ist
doch so!«

»Und der Totenschädel?«

»Das dacht' ich wohl, daß Euch der bange mache. Der Totenschädel ist
vom Hochgerichte. Dort fand ich ihn unterm Galgen. Die Raben hatten ihn
vom Fleische freigemacht, wohl auch die Ameisen. Mir gefiel er, ich
nahm ihn mit nach Hause. Was geht das Euch an?«

»Zu welchem Zwecke?«

»Ich wollte Gimpel damit schrecken.«

Der Oberschultheiß fuhr des Zornes voll in die Höhe. »Weiß Sie, daß
Sie eine ganz unnatürlich boshafte _Persona_ ist? Solch lose Rede käme
nicht aus Ihrem Munde, wenn nicht der Satan aus Ihr spräche. Ein neuer,
deutlicher Beweis, daß Sie im Bunde mit dem Bösen steht.«

Die alte Bernin sah den Richter mit unverkennbarer Verachtung an.

»Dann,« fuhr der Schultheiß fort, »ist Sie auf frischer Tat angetroffen
worden, wie Sie einem _Studioso_ aus geheimen Zeichen wahrgesagt.«

»Ja, das kann ein jeder, der es will; er braucht nur einen, der ihm
glaubt.«

»Und Blut war auch dabei?«

»Ei freilich! Ohne diesen Saft glaubt ja kein Mensch an Wunderbares.
Ihr Herren selbst habt ja das Blut so gerne. Nur zapft ihr alles ab;
mir war ein Tropfen Blutes genug.«

»In Ihrem ganzen Losament war weder Kreuz noch frommes Bildwerk, noch
ein Weihbronnen zu sehen. Das hat Ihr wohl der Teufel anbefohlen, als
Sie ihm Leib und Seele verschrieb?«

»Was Ihr nicht alles wißt! Nein, nicht der Teufel, ich selbst hab'
Kreuz und Weihwasser von meiner Stube ferngehalten. Ich mag beides
nicht. Das ist der Grund!«

Der Oberschultheiß und die Räte rückten vor Entsetzen mit den Stühlen
und wischten sich den Angstschweiß von der Stirne.

»Hab' euch erschreckt, ihr Herren. Tut mir leid. Ich glaub' an einen
Herrgott, ja. Doch mehreres? -- Da lasset mich in Ruhe! Wenn wahr wäre,
was ihr Gott und Gottesliebe nennt, dann wäre nicht die Welt in Glück
und Elend auseinandergerissen, dann säße nicht die Schuld auf dem
Richterstuhle und verdammte die Unschuld.«

»_Horribile!_ -- Ihr werten Herren Räte, beachtet wohl das Übermaß
von Trotz und Bosheit, so aus diesem Weibe spricht,« mahnte der
Oberschultheiß, sich an seine Beisitzenden wendend.

»Endlich hat man beobachtet,« fuhr er fort, »daß sich in Ihrem Zimmer
eine ganz unnatürlich große Spinne gezeigt hat, mit der Sie höchst
verdächtige Blicke gewechselt hat. Das war doch wohl der leidige
Gottseibeiuns?«

»Herr, Ihr werdet lustig. Wer hat die Spinne gemessen? Und bin ich's
allein, an deren Wänden Spinnen laufen? Ei, geht doch durch die Stadt
und forscht und spürt nach Spinnen; ich wette, 's wird Euch bange, die
ganze Stadt ist dann des Teufels, und Ihr auch.«

»Sie verharret also hartnäckig in Ihrem frechen Leugnen?«

»Hab' nichts zu bekennen.«

»Der Henker trete ein!«

Die Alte zuckte zusammen. Angst, Haß und wilder Zorn blitzten aus ihren
Augen, ein Schauer schüttelte ihren Leib, daß die Ketten klirrend
aneinanderschlugen. Einen Augenblick schien sie zu wanken; dann reckte
sie den Leib in wildem Grimme, warf stolz das Haupt empor und maß den
eintretenden Henker mit glühenden Blicken.

»Bekennt Sie nicht?« fragte der Oberschultheiß zum letzten Male, sich
erhebend.

Die Ammfrau stieß ein grelles »Nein« heraus.

Der Richter winkte.

Die Alte ward an Brust und Rücken entblößt. Ein Jammerbild von einem
Leibe, dem Tode gleich, der sich in welke Haut gekleidet.

Der Henker band sie auf einen Stuhl und sah fragend nach dem
Oberschultheißen hinüber. Dieser gab das Zeichen, und Streich um
Streich fiel auf den knochigen Rücken.

Streng und kalt sahen sie dem Schauspiele zu, die weisen Herren; sahen,
wie ein alter Menschenleib sich unter wilden Schmerzen krümmte, wie
Blut die Stellen bezeichnete, wo sich die Rute in das welke Fleisch
gegraben; sie hörten, wie die Brust dem Schmerze durch Stöhnen, Ächzen,
schrille Schreie Ausdruck gab: -- sie sahen's alle mit ruhigem Auge an,
nur einer wandte den Blick und zuckte bei jeglichem Streiche, bei jedem
Schmerzensrufe -- es war der Ratsherr Gering. Ein gräßliches Bild stieg
da vor seiner Seele aus. Ihm war's, als quälten sie dort die blinde
Elsa, seinen Liebling; und jeder Streich, der schwirrend, pfeifend
niederfiel, und jedes Ach, das durch die dumpfe Stille drang, schrie:
Elsa! --

»Genug!« befahl der Oberschultheiß nach dem sechzehnten Rutenstreiche.

Der Henker trat zur Seite, seine Rute prüfend.

Die Ammfrau warf einen Blick nach dem Gestrengen, aus dem einen
Augenblick ein Strahl von Dankbarkeit leuchtete; sogleich aber ging
dieser wehmilde Zug wieder in Grimm und Haß über, welche ihre Seele
quälten, wie der grausame Schmerz den Leib.

»Wird Sie nun wohl bereit sein, Ihre Schuld zu gestehen?« fragte tonlos
der Oberschultheiß.

Die Alte starrte vor sich nieder. Ihre Glieder zuckten, die Lippen aber
blieben fest geschlossen.

»Ich warne Sie vor dem nächsten Grade peinlicher Tortur!«

Sie schlug die Augen auf und sah die Richter der Reihe nach mit
trockenem, glühendem Blicke an. Und als sie dem Ratsherrn Gering ins
Antlitz schaute, da war es erst wie Frage, wie Bitte um Erbarmen, dann
wieder wie Rache, blutige Rache, was ihr Auge sprach.

»Ich habe nichts zu bekennen.«

Ein neuer Wink an den Henker.

Dieser löste die angstvoll schauende Alte vom Stuhle los, legte sie
auf den Boden und band ihr Hände und Füße. Dann zog er durch die Bande
einen Strick, der durch einen Ring laufend von der Decke hing, erfaßte
das Ende desselben und zog, seine Füße fest gegen den Boden stemmend,
die Ammfrau ruckweise in die Höhe.

-- Und sie schauten auf, wie die Alte zwischen Decke und Estrich
hing, ein Knäuel, ächzend, stöhnend, röchelnd, die Schergen der
Gerechtigkeit, nicht ahnend, daß ihr Andenken in Ewigkeit der Schmach,
der tiefsten Schmach, anheimgefallen! --

»Noch kein Geständnis?«

Ob wohl die Arme diese Frage hörte? Ob nicht der Schmerz die Sinne band
und sie in seinen dunkeln Wellen begrub?

Keine Antwort.

»_Ad tertium torturae gradum!_«

»Ich denke, 's ist genug, mehr als genug,« platzte nun in hellem Eifer
Gering heraus. »Was soll das heißen -- Gericht oder Mord? Wißt Ihr denn
überhaupt, ob nicht der Tod sie schon erlöste von Euerer Weisheit!
Herrgott im Himmel, hängt Euch daran, Gestrenger, und Ihr gesteht, daß
Ihr den Teufel zum Vater hattet. _Dixi._«

»Hm,« näselte der Oberschultheiß und zog die Brauen hoch. »Vermessene
Rede das, liebwerter Herr, fürwahr, sehr vermessen! Hier liegt das
peinliche Recht, hab' ich's gemacht? Nein! Hab' ich danach zu richten?
Ja! _Ergo -- fiat justitia!_ Henker, vorwärts!«

Gering erhob sich rasch, daß der Stuhl hinter ihm zu Boden fiel, und
verließ den Saal.

Der Henker aber nahm ein Gewicht von mehr als einem Viertelzentner. Das
hing er, den Strick um die Hüften geschlungen, der Schwebenden unter.

Ein markdurchbohrender Schrei, so namenlos wehklagend, daß er dem
Henker selbst einen Blick des Mitleids abrang.

Die Glieder krachten, immer länger sich dehnend und streckend, die
Sehnen bis zum Zerreißen spannend. Nun fiel der Kopf nach rückwärts,
die Haare hingen fast zum Boden, mit Totenglast überzogen starrten die
Augen. Und nun drang Blut hervor zwischen den regungslos geöffneten
Lippen und träufelte auf den Boden.

-- Auch eine Schrift in Stein, und was für eine! --

»Genug.«

Der Henker atmete auf, mit einem Rucke war die Alte zur Erde gelassen
und schnell von dem Steine befreit.

»-- Wehe -- o wie wehe -- das haben nicht Menschen getan -- nicht wilde
Tiere -- es ist ^Höllenqual^! -- O -- sie haben mir alles zerrissen --
ha, Blut hier -- 's ist Herzblut!«

Die Ärmste richtete sich mühsam auf, das Haupt auf den rechten Arm
stützend.

»Bekennen soll ich! -- Was denn? -- Ja, wenn ich es nur wüßte! -- O,
wie es brennt und schneidet in allen Gliedern! -- Rache! Ja, ich will
bekennen!«

»Gebt mir Wein!« sprach sie, aus dem Geflüster ihre Stimme zu lauterem
Tone erhebend. »Gebt mir Wein, dann will ich alles -- alles bekennen.«

»Gott sei Dank!« rief der Oberschultheiß. »Man bringe der Malefizperson
guten Wein -- auf meine Rechnung -- weiß Gott, ich hab' ein weiches
Herz, -- und dann mag sie die schwere Schuld, die auf ihr lastet, von
sich wälzen durch offenes Bekenntnis.«

Die Ammfrau nippte erst, dann trank sie in langen, gierigen Zügen den
großen Becher leer.

»'s ist gut -- das letzte Gute wohl in dieser Welt. Habt Dank! -- Und
nun -- nun sollt Ihr alles wissen, -- was ich weiß. -- 's ist kein
Bekenntnis, -- 's ist Schmerz und Wahnsinn, was mich sprechen lehrt. --«

»Es war vor Jahren -- ich weiß nicht mehr, um welche Zeit, -- da saß
ich auf meiner Stube. -- Der Abend war zur Nacht geworden. Wilder Sturm
heulte durch die Gassen und rüttelte an meinen Fenstern. -- Mein Herz
war traurig -- bittere Not, wohin ich sah -- und nirgend Trost! Da
faßte mich ein wilder Grimm -- ein langes Leben hinter mir und keine
Freude drin -- ich fluchte Gott und rief den Satan. -- Er kam -- ich
kann euch die Gestalt nicht gut beschreiben -- ich sah ihn wie in einem
Feuernebel. -- Hast du mich gerufen, sprach er; sag', was willst du?
-- Was kannst du geben? -- Alles, nur nicht den Himmel. -- Den brauch'
ich nicht! -- -- Er lachte, daß mir die Seele zu Eis wurde und die
Pulse stockten. -- Verleugne Gott! -- Ich verleugne. -- Und die, die
ihn geboren. -- Auch sie. -- Und alle, die im Himmel sind. -- Alle.
-- Wohlan, nun gebe ich dir Gewalt über Mensch und Tier, du sollst
gebieten über Wind und Wetter, und willst du mehr -- so rufe mich aufs
neue -- ich werde kommen. -- Drauf ward es wieder finster um mich her
-- ich --«

Die Alte sank zurück.

       *       *       *       *       *

»Laß Ruhe dir in deine Seele beten, Herzensvater! Dein Kind weiß keinen
andern Trost.«

»O Elsa, bete, bete!«

»Gedenke, Mutter der Barmherzigkeit, daß unerhört kein Bittender von
deinem Throne ging. Du, die du über Sternen thronest, des Himmels
schönster Stern -- gib Friede -- Friede -- Friede!«

»Amen,« sprach tiefbewegt der alte Gering und küßte seines blinden
Lieblings Wangen. --




6. Kapitel: ^Richterweisheit^


Durch das Burkharder Tor drängte eine bunt zusammengewürfelte Menge.
Wie der Sturzbach, was er in seinem wilden Laufe zu erreichen
vermag, erfaßt und mit sich fortträgt, so ergriff der durch das
Tor hereinflutende Menschenstrom alles, was ihm auf seiner Bahn
entgegenkam, und riß es mit sich fort, ein Wildbach, der schnell zum
Strome anschwoll.

Ein Fähnlein Knechte, deren Hellebarden aus dem Menschenknäuel
herausragten, führte in seiner Mitte eine gar abenteuerliche
Gesellschaft. Wilde Gesellen, Gift aus den Lippen und Dolche in den
Augen. Ihre Hände sind auf den Rücken gebunden, das phantastische
Gewand hängt zerfetzt vom Leibe, das Auge des Kleineren ist
ausgeschlagen und sind noch die frischen Blutspuren auf dem dicken
Gesichte bemerkbar. Hinter ihnen, gleichfalls gefesselt, geht ein
altes und ein jüngeres Weib, die eine trotzig den Blick auf den Boden
heftend, die andere keck nach der Menge schauend und höhnisch Fratzen
schneidend, sooft ein derbes Wort, eine Verwünschung zu ihren Ohren
dringt.

»Zuckerwastl,« flüsterte der Pappenheimer, »wir gestehen nichts; sie
mögen uns drinnen fragen, wie sie wollen.«

»Keine Silbe sollen sie erfahren,« gab dieser fest zurück.

»Wenn nur das Weibsvolk schweigen kann,« warf der Neunaugen leise hin.

»Sag' ihnen, sie sind des Todes, wenn sie auch nur einen Laut --«

»Verstehe,« unterbrach der Neunaugen. Er wandte sich nach den Frauen
und rief: »_Penopel_!«

»_Pendl spendl_,« flüsterte Helena, sich vorbeugend.

»_Penopel!_« wiederholte ihr Mann zornig.

»_Schienglei!_« antwortete die alte Diebesmutter aus dem Wirtshause und
stieß Helena mit dem Arme.[K]

Der Rottenführer hatte kaum das heimliche Gespräch bemerkt, als er
mit seinem Lanzenschaft Helena in den Rücken stieß. »Ich will euch
rotwelsch plaudern, Gaunervolk! Hab' euch wohl verstanden. Hilft euch
doch nichts, wenn ihr tausendmal _Penopel_ sagt; deswegen werdet ihr
doch _gestranzt_ und _genabist_.«[L]

»Ah, auch schon Spitzbube gewesen?« spottete Helena.

»Da!« rief der Soldat und schlug ihr ins Gesicht, daß es hoch anschwoll.

Nun ging der Zug über die steinerne Brücke.

»Hei, was für Gesindel führen sie da in unsere Stadt!« rief der
Torbäck und kreuzte die fleischigen Hände auf dem stattlichen
Bäuchlein. »Sieht doch aus, als wäre es frisch vom Galgen gepflückt.
He, Freund,« und faßte einen Vorübergehenden am Wamse, »was ist das für
ein Volk?«

»Haben den Großhof außer Heidingsfeld angezündet und die Bäuerin
ermordet!« antwortete dieser flüchtig und eilte dem Zuge nach.

»Mordbrenner!« stammelte der dicke Bäck. »Ja, ja, das sieht den Kerlen
gleich. Nun, die Herren am Gericht wissen schon das rechte Mittel gegen
solches Ungeziefer.«

Dabei fuhr er sich mit der Hand um den Hals.

»Na, das muß man sagen, wir haben doch eine Justiz. Es wird zwar ganz
schrecklich geplündert und gemordet, aber so die Herren der Spitzbuben
habhaft werden, machen sie kurzen Prozeß. Und erst mit den Hexlein!
Puh, da geht das Geschäft dutzendweis. Recht so, brav; 's ist doch eine
Prachtstadt, unser Würzburg!«

»He,« rief der Rottenführer, am Schneidturm angelangt und mit seiner
Bande unter den finstern Torbogen eintretend, »he, Meister Ruprecht,
neue Gäste!«

»Hm,« brummte dieser und musterte mit scharfem Blicke die Ankömmlinge,
»schöne Ware das! Wohin damit,« polterte er und rasselte mit dem
Schlüsselbunde, »wohin damit? Ist alles übersetzt, alle Kerker voll!«

»Also heuer ein ganz gesegnetes Spitzbubenjahr?« lachte der andere.

»Ja!« gab der Alte kurz zurück. »Du,« fuhr er nach einer Pause fort,
mit seinem klugen Auge die Gefangenen stets wieder prüfend, »du, das
scheint mir besonderes Korn zu sein?«

»Mordbrenner!«

»Ah! Für die braucht es gute Mauern. Kommt nur mit!«

Er ging über einen engen Hof voraus. Links in der Ecke war ein niedrig
Türlein in gewaltigem Mauerwerke. Das erschloß er mühsam. Die Angeln
knarrten, und dumpfe Nacht gähnte von innen heraus. Dann zündete er
eine Laterne an und stieg behutsam die steinerne Treppe hinab in ein
Verließ, das wahrlich alle Schrecken eines Gefängnisses aus alter Zeit
in sich zu vereinigen schien. Das trübe Lampenlicht reichte mit seinem
matten Strahle nicht bis zur gewölbten Decke, sondern leuchtete nur
schwach von den feuchten Quaderwänden wider, von welchen dämmeriges
Naß herunterträufelte. Auf dem Boden lag halbverfaultes Stroh, von den
Steinquadern hingen schwere Ketten herab, mit denen die Gefangenen
festgeschlossen wurden.

»Ein schändliches Quartier!« rief der kleine, dicke Neunaugen, sich
rings umsehend. »Ich denke, daß wir bald ein besseres bekommen werden.«

»Am Galgen, ja,« antwortete trocken der Kerkermeister.

»Soweit sind wir noch nicht,« warf Zuckerwastl übermütig hin. »Ich
hoffe noch viel fröhliche Zeit zu verleben.«

»Wird sich zeigen!«

Die Gefangenen waren in Ketten gelegt, der Eisenmeister warf noch einen
prüfenden Blick nach allen Seiten, dann trat er seinen Rückweg an.
Immer düsterer ward es unten, -- und nun ist's tiefe -- tiefe Nacht.

Und draußen heller, froher Sonnenschein mit Vogelsang und Lerchenjubel!
-- --

-- Oben im Saale, wo gestern die Ammfrau Bernin den Anfang eines
Bekenntnisses gewimmert, an dessen Vollendung sie eine Ohnmacht
gehindert hatte, gehen in eifrigem Zwiegespräche zwei Männer auf und ab.

Der kleine Hagere mit seinen unruhigen Augen und beweglichen, kurzen
Armen ist der Oberschultheiß, der andere im langen, schwarzen Talar der
Jesuit Spee.

»Ich habe Euch bitten lassen, Pater, heute Zeuge der Vernehmung der
alten Ammfrau zu sein. Ihr habt ja ein so außerordentliches Interesse
an unsern Hexen,« fuhr er mit leichtem Hohne fort, »daß Ihr mir für
solches Anerbieten nur dankbar sein werdet.«

»Ganz gewiß,« entgegnete ruhig Spee; »denn um die Ärmsten in ihrem
Kerker zu verstehen, ist es geradezu unerläßlich, zu sehen und zu
wissen, wie mit ihnen hier verfahren wird.«

»Ich verstehe. Man ist nicht sehr begeistert vom peinlichen Rechte; ich
kenne das. Allein,« -- und er blieb stehen und tippte lebhaft mit dem
Zeigefinger der rechten Hand auf den Arm des Paters -- »allein man sage
mir, was würde aus uns, wenn uns nicht dieses peinliche Recht helfend
zur Seite stünde? Was? ich frage Euch, hochwürdiger Herr!«

»Vernünftige, gerechte Richter,« antwortete Spee in dem Tone fester
Überzeugung.

»Ah, das klingt ja, als ob wir Richter jetzt nicht vernünftig, nicht
gerecht urteilten!« rief der Oberschultheiß heftig aus. »Wißt Ihr,
Pater, daß das ein kühnes Wort ist?«

»Und wenn es wahr wäre? Wenn ich Euch hier vor Gott und meinem
Gewissen sagen muß, daß jedes arme Menschenleben, das Ihr bisher dem
Hexenwahn zum Opfer gebracht, nicht ein gerecht gerichtetes, nein, ein
gemordetes war? Stellt Euch vor, wie durch die ganze Welt viele arme,
gefangene Sünder und Sünderinnen, Schuldige und Unschuldige in Kerkern
und Banden liegen. Gar viele werden unschuldig gefoltert, gepeinigt,
gegeißelt, geschraubt und mit neuen unmenschlichen, grausamen Martern
ihnen so hart zugesetzt, daß sie, der Wucht der Qualen unterliegend,
sich selbst und andere dessen schuldig bekennen, was sie nie getan, ja
nicht gedacht haben. Und sind sie auch vor Gott frei von jeder Schuld,
sie finden bei euch Richtern keinen Glauben, sie müssen durch Gewalt
und Zwang -- es gehe, wie es wolle -- schuldig sein, und erst, wenn
sie sich schuldig lügen, finden sie Gehör. Nicht Wort, nicht Schwur,
nicht Tränen, ja das gebrochene Herz selbst nicht -- nichts kann sie
retten -- ^sie müssen^ schuldig sein! Man peinigt sie so lange, bis
sie bekennen oder sterben. Ertragen sie die Martern, ohne zu bekennen,
so saget ihr, der Satan stärke sie und binde ihre Zunge, und darum
müssen sie erst recht, als mit dem Bösen eng verbündet, hingerichtet
werden; bricht aber die Qual und der Schmerz des Widerstandes letzte
Kraft, sehnt sich der arme Mensch hinaus aus den Martern nach dem
Scheiterhaufen, der ja doch seines Schicksals sicherer Markstein
ist, kommt ein Bekenntnis, das man nur Lüge heißen kann, über die
todesdurstigen Lippen, dann -- dann hat der Ärmste sich dem sicheren
Tod geweiht, und ihr frohlockt und sagt, das ^Recht^ hat gesiegt.
Das Recht? O wenn ihr, die ihr hier oben strenge richtet, gleich mir
hinabgestiegen wäret in die tiefe Nacht des Kerkers und hättet dort
geschaut, was ich gesehen, und hättet hören können, was mir die Seele
zerrissen, ihr sprächet nicht von einem Rechte, das durch euch gesiegt.
Oder wollt ihr euer Herz mit eurem vermeintlichen Rechte waffnen,
wenn euch gräßlichste Verzweiflung entgegengrinst? Denkt euch eine
Seele, die sich rein und schuldlos weiß. Ihr quält und quält und kennt
kein Erbarmen! Wie gerne kaufte sich die Todesmüde durch Bekennen die
Erlösung, aber wie? Wenn du bekennst, was gräßlich ist und nie an dir
einen Teil gehabt hat, bist du dann nicht für ewig, unrettbar verloren?
-- So kämpft und ringt die Seele, bis die Kraft des Widerstandes
schwindet, die des Schmerzes, der Verzweiflung siegt. Endlich --
es ist wie schauriges Totengeläute -- endlich sagt die Ärmste >Ja<
auf alle euere Fragen, -- und ihr jubelt, indessen eine Seele in
Betrübnis, Schmerz, Verzweiflung untergeht! Ich habe das geschaut und
bebend mitempfunden und konnte nichts, als meinem namenlosen Wehe des
Predigers Worte leihen: >Ich wendete mich zu anderem, und ich sah die
Gewalttaten, welche unter der Sonne geschehen, ich sah die Tränen der
Schuldlosen und keinen Tröster; sie können der Gewalt nicht widerstehen
und sind allerseits der Hilfe beraubt. Da pries ich die Toten
glücklicher als die Lebenden und hielt für glücklicher als beide den,
der noch nicht geboren und die Übeltaten nicht geschaut hat, welche
unter der Sonne geschehen.<«

Der Oberschultheiß schaute finster. »Ihr predigt gut, sehr gut, mein
werter Pater; nur schade, daß Ihr von Dingen redet, die Ihr nicht
versteht. Glaubt Ihr, wir ^zwingen^ einem Angeklagten ein Bekenntnis
ab? Wir fragen, fragen peinlich, ja, 's ist wahr! Im übrigen aber
halten wir uns strenge an das Recht und an die vorhandenen Indizien.«

»Ihr schlagt euch selbst,« sprach Spee. »Denn nichts ist armseliger,
nichts ist himmelschreiender, als was ihr sichere Anzeichen für die
Rechtmäßigkeit der Anklage nennet. Ist eine Angeklagte schlechten
Rufes, so ist euch dies Beweis genug fürs Hexentum; denn eine
Schlechtigkeit erzeugt die andere, sagt ihr. Ist aber ihr Ruf so rein
wie Sonnenstrahlen, so ist euch dies erst recht ein Beweis für das, was
ihr behauptet; denn also, sagt ihr, pflegen sich die Hexen zu verhüllen
und streben jederzeit nach äußerm guten Scheine. Man führt sie in den
Kerker. Zeigt sie keine Furcht, da sie doch weiß, welch großen Martern
sie entgegengeht, so zeugt das davon, daß sie auf des Satans Hilfe
hofft und ihrem eigenen Trotz vertraut. Quält aber Furcht und Angst die
Seele, dann ist das ein stilles Bekenntnis ihrer Schuld, ihr eigenes
Gewissen klagt sie an. Noch mehr! Ihr schreitet zum Verhöre. Bekenntnis
besiegelt euch die Schuld als eine unfehlbare. Beteuerung der Unschuld
ist euch nichts als Trotz, den nur der Satan in die Seele blasen kann.
Und findet ihr kein Ja und Amen auf das grausame Fragespiel, so greift
ihr zur Marter. Beugt sich der Schmerz, so habt ihr, was ihr wollt; und
widersteht die Zunge und das Herz dem Zwang des Henkers, so ist's der
Satan, der die Kraft zum Widerstande leiht.«

»Ihr laßt nicht gelten,« zürnte der Oberschultheiß, »was dem Rechte
feste Stütze ist. Ich hätte nie geglaubt, daß ein Gottesdiener mit dem
Rechte so verfährt; freilich --« und seine Stimme nahm eine ganz eigene
Färbung an -- »freilich, die Herren sind auch ganz eigene Leute.«

»Wie meint Ihr das?« fragte mit größter Ruhe Pater Spee.

»Weil Ihr mich fragt, mag ich es Euch wohl sagen,« gab rasch der andere
zurück, mit seinen Armen um sich fahrend. »Ihr Herren nennt alles
schlecht und unbrauchbar, was nicht von euch gemacht und gutgeheißen
ist. Ihr wollt die Welt regieren, ihr wollt Gewalt über alles haben,
alles wollt ^ihr^ ordnen und regeln, alles soll euch dienen, euch
untertänig sein. Daß ich es Euch nur frei gestehe, es ist mir gar nicht
lieb, daß überhaupt ein Jesuiter mit den Hexen zu verkehren hat, und
daß gerade Ihr es seid, das ist mir mehr als leid.«

Es trat eine Pause im Gespräche ein. Der Oberschultheiß sah in hellem
Zorne auf den Boden. Eigentümlich; so keck die Rede war, er wagte doch
nicht, dem Angegriffenen ins Auge zu schauen. Er fühlte wohl, er hatte
seiner Zunge freieren Lauf gestattet, als es klug gewesen, und zu laut
wohl das gesagt, was bisher nur als leises Geflüster von Ohr zu Ohr
ging.

»Ihr redet gut,« sprach Spee mit sanftem Lächeln; »nur schade, daß auch
Ihr von solchem redet, was Ihr nicht gut versteht. Euch geht es wie
so vielen: Ihr fürchtet das, was Ihr nicht kennt, und gebt schmähend
wieder, was Euch die Verleumdung ins Herz geblasen. Wir Jesuiten sind
die Männer nicht, vor denen Ihr zu zittern braucht. Wir wollen keine
Herrschaft, wir wollen nicht regieren und dort nicht dazwischentreten,
wohin unsere Pflicht uns nicht ruft. Aber wo es sich um Recht und
Wahrheit handelt, wo Gottes Ehre auf dem Kampfplatz steht, wo es die
Liebe Gottes und des Nächsten gilt: da werdet Ihr uns Jesuiten allzeit
kampfgerüstet finden; da kennen wir kein kleinliches Wägen, ob es
der Welt gefällt, ob nicht, ob man uns lobt oder nicht: hie Recht und
Pflicht und Jesuit -- so ist's, so muß es bleiben.«

»Nun ja,« entgegnete der Oberschultheiß höhnisch, »ihr Herren seid die
Lämmlein, wir die Wölfe. Wir kennen das! Nur müßt ihr dafür sorgen,
daß man euch auch alles glaubt, was ihr von euch behauptet. Kann euch
versichern, ihr habt große Gegner hier!«

»Das bringt der Name Jesuit mit sich,« scherzte Spee. »Seid überzeugt,
wir fürchten keinen Gegner, wie wir keinen hassen. Das Maß der Liebe
ist für alle gleich.«

-- -- Der Eintritt der beisitzenden Räte unterbrach das Zwiegespräch.
Spee verfügte sich in eine Ecke des Saales, um dort dem Gange der
Verhandlung folgen zu können, indes die Herren ihre Plätze einnahmen
und die Angeklagte, begleitet von zwei Schergen, eintrat.

Der Stuhl des Rates Gering blieb unbesetzt; ein leichtes Unwohlsein
hinderte den Ehrenwerten an Erfüllung seiner Richterpflicht.

Die alte Ammfrau stand zitternd vor dem Gerichtshofe. Die Folgen der
ausgestandenen Torturen zeigten sich noch deutlich an den geschwollenen
Gelenken, das Antlitz deckte eine geisterhafte Blässe.

»Die Angeklagte soll in dem Bekenntnis weiterfahren!« befahl der
Oberschultheiß.

Die Alte schüttelte den Kopf und sah mit schmerzlicher Miene zu Boden.

»Ich kann nicht!« seufzte sie.

»Gedenke Sie der Peinen!« mahnte der Richter.

Sie zuckte zusammen und ein glühender Blick traf den Quäler.

»Gibt's keine Gnade?« fragte sie zögernd.

»Nein.«

»Und wenn ich nichts mehr sage? Wenn ich all Euerem Drängen
beharrliches Schweigen entgegensetze?«

»Umsonst! Hat Sie denn nicht bereits bekannt daß Sie mit dem Satan
einen Bund geschlossen, daß Sie Gott verleugnet hat? Hat Sie nicht
damit schon den Tod verdient?«

»Den Tod!« wiederholte tonlos die Ammfrau. »Ein eisigkaltes Wort --
der Tod! Ist's nicht schon Schrecken genug, wenn er am Lebensabend
sich allmählich in die welken Glieder schleicht und Mark und Kraft mit
wachsender Begierde frißt, bis sich die Augen brechend schließen und
das kleine Ding da drinnen in der Brust sein Hämmern und sein Pochen
endet? -- Muß denn der Tod als Flamme, Rad und Schwert das Leben
morden? Wohlan,« -- und ihre Stimme wuchs an Kraft und schneidender
Schärfe -- »wohlan, ihr Herren, ich frage euch, wollt ihr mich zwingen,
eueren Fragen Rede zu stehen, auch dann zwingen, wenn über diese welken
Lippen ein Strom von Jammer fließt, der euere ganze Stadt erzittern
macht? Sagt, bebt ihr nicht zurück vor dem Gedanken, daß, wenn mein
Mund sein letztes Wort gesprochen, des Klagens und der Tränen unter
euch kein Ende sein wird? Ihr könnt mich quälen, foltern, unter euere
Füße treten, ich kann es nicht verhindern. Aber ^eine^ Macht ist mir
geblieben, die, wie der Fels hoch übers Meer, so über mein Elend weit
hinausragt -- meine Zunge!«

Ein kalter Schauer bemächtigte sich der Richter, als sie des Weibes
Worte hörten und in das Antlitz schauten, aus dem die Rache und der
Wahnsinn grinsten.

»Hier steht das Kreuz,« sprach der Oberschultheiß mit leicht bebender
Stimme. »Gott die Ehre -- uns die Wahrheit! Rede Sie!«

Die Alte warf einen schnellen Blick nach dem Kruzifixe. »Laßt unsern
Herrgott aus dem Spiele, er hat mit euch und mit mir nichts gemein.
Gebt acht auf jegliches Wort, das ich zu euch nun rede, 's ist Blut
und Mord. Und wenn es euch das Herz im Leibe erstarren macht, wenn
hoch und immer höher des Elendes Fluten steigen, bis Ungezählte sie
verschlungen, dann flucht nicht mir, flucht euch!«

»In einer Erchtagnacht war's und um Andreastag, da führte mich der
Satan in seinem Gespenste an die Wegscheid auf dem Kreidenberg. Die
Nacht war grimmig kalt und rabenschwarz. Da sah ich, wie von allen
Seiten rote Flämmchen niederzuckten; ein Licht, wie ich noch keines
gesehen, warf seinen Schein rings auf den Plan. Ein Sausen und ein
Schwirren zog durch die Luft, und ehe ich mich versah, füllte sich der
Kreidenberg mit Hexen an. Es mögen an dreitausend dort gewesen sein.
Der Teufel ließ zum Tanze spielen und alles drehte sich, wie wenn
der Sturmwind, ist es Herbst geworden, mit dem Laube sein wirbelndes
Spiel treibt. Dann ward gezecht. Es war Kinderfleisch, das uns gegeben
wurde, doch ohne Salz. Der Wein war gut. Wir stahlen sieben Fuder aus
des Fürstbischofs Keller. Darauf hielten wir geheimen Rat, wie wir die
Frucht des Feldes verderben, Mensch und Vieh verzaubern und selbst der
Kinder nicht verschonen wollten.«

»Schrecklich,« stöhnte der Oberschultheiß.

Das Weib sah ihn durchbohrend an. »Das Schrecklichste kommt erst.
Ich soll euch auch wohl sagen, wer mit auf jenem Hexensabbat war? --
Daß ihr so schüchtern nickt, seid doch sonst so fest und hart! --
Nun hört! Ich habe dort gesehen über zwanzig Mädchen unter dreizehn
Jahren. Die haben gräßlich Wehe über ihre Mütter ausgerufen. Dann das
Göbel Babelin, die schöne, stolze Dirne, des Ratsherrn Gering blinde
Elsa, den dicken Baunach, Batsch, den Gerber, meine Nachbarin, die
Hüterin auf der Brücke, den Spittlmeister vom Dietricher Spital und
des Dompropstes Vögtin.[M] Habt ihr genug gehört? -- Was sitzt ihr da,
ihr harten Herren, als wäret ihr zu Stein geworden? -- Ich habe euch
gewarnt, ihr sollet mich nicht zu reden zwingen. Ihr habt's gewollt --
nun sterb' ich nicht allein.«

Die Richter saßen wie gelähmt vor Schrecken und Angst. Selbst der
Oberschultheiß war in seinen Stuhl zurückgesunken und glich fast einer
Leiche. Die Alte aber ließ einen triumphierenden Blick über alle
gleiten, ihr Auge trank mit Wollust die ersten Tropfen eines Wehe, das
nur zu bald zum Strome werden sollte.

Pater Spee war bisher stille in seiner Ecke gestanden und hatte der
Rede der Alten gelauscht. Seine Seele blutete, als er jene Worte hörte,
aus denen die Rache drohend tönte. Dem tiefblickenden Manne war es
klar, daß das, was hier als Geständnis gesprochen wurde, nichts anderes
war als ein Massenmord, erst mit der Zunge begonnen, um dann mit Rad
und Feuer vollbracht zu werden. Sein Herz duldete ihn nicht mehr in dem
verborgenen Winkel, er mußte seinem Schmerze, seiner Entrüstung, wie
seiner brennenden Liebe Worte leihen.

»Bernin,« sprach er, neben die Angeklagte hintretend, »haben Euere
Lippen nichts Böses gesprochen?«

Die Alte fuhr bei seinem Anblicke erschrocken zurück. Dann maß sie ihn
mit einem Blicke tiefen Hasses.

»Was wollt Ihr hier?« grinste sie. »Hab' ich nicht an denen dort genug?
Laßt mich in Ruhe!«

»Seid nicht hart! Ich will Euch ja nicht quälen. Es ist die Liebe, die
mich zu Euch sprechen heißt.«

»Die Liebe?« rief die Ammfrau. »Herr, das Wort ist schön, wunderschön.
Aber was Ihr Liebe nennt, das ist schon längst gestorben und begraben.
Lügt mich nicht an, es gibt keine Liebe mehr, und auch in Euerem
Herzen ist sie tot. Ja,« fuhr sie fort, »wenn die Liebe lebte, dann
wäre es nicht Nacht auf Erden, dann rauchte nicht das Blut der
Gemordeten und gäbe die Luft nicht alle die Seufzer wieder, die das
Unglück ihr vertraut. Es gibt keine Liebe -- nein -- nein, sie ist
gestorben -- tot -- und steht nicht wieder auf!«

»Armes Weib!« klagte Spee; »wahrhaftig arm, weil sie den Glauben an die
Liebe ganz verloren hat. O denket, wenn Ihr an den Menschen zweifelt,
an die Gottesliebe, die nicht gemessen, nicht erschöpft werden kann.
Legt Euer Elend in sie nieder, Ihr findet dort Heilung -- Friede!«

»Zu spät -- zu spät!« sprach die Alte und ließ das Haupt auf die Brust
herabsinken. -- »Ja, es war eine Zeit, da konnte ich glauben, beten und
im Gebete glücklich sein! Da war ich noch ein Kind -- es ist lange her
--, doch die Erinnerung ist in mir nicht gestorben. O schöne Zeit, daß
du entschwinden mußtest! Dann kam es anders. Wild, wie die Jagd den
Wald durchtobt, durchtaumelte ich das Leben -- immer schneller, immer
rasender, berauscht von wermutbitterer Lust. Ein böser Mensch brachte
mich auf böse Wege, nicht der Satan. Das hat ein Mensch getan! -- Er
sei verflucht! -- Nun herrscht der Teufel über mich und tausend andere,
die gleich mir sich ihm ergeben durch das Laster. Hu, wie mich friert,
und doch, wie's drinnen brennt und wie im Kopfe hier sich die Gedanken
drehen! Ja, ja, der Teufel herrscht!«

Sie hatte die letzten Worte im schrillen Tone wachsenden Wahnsinnes
ausgestoßen, dann sank sie auf das Pflaster nieder.

Spee wollte ihr zu Hilfe eilen, doch sie wies ihn mit finsterem Blick
zurück.

»Laßt mich,« sprach sie, »ich bin nur müde. -- He, ihr Herren dort,
setzt euch zu mir, wir wollen Hochzeit halten. Ihr wollt nicht? Was ihr
spröde seid!«

»Bernin!« sprach der Oberschultheiß mit zitternder Stimme.

Die Alte horchte auf.

»Wie ist's denn möglich, daß unschuldige Kinder bei eueren Hexentänzen
sollen gewesen sein? Sie sprach doch von mehr als zwanzig Mädchen, die
mit ihr den Hexentanz am Kreidenberge hielten?«

»Geht mir erst aus den Augen, Pater,« sprach sie, Spee mit dem Arme
von sich drängend. »Ich kann nicht reden, wenn ich Euch in meiner Nähe
weiß.«

»Ihr sollet auch nicht reden,« entgegnete der Jesuit. »Ihr Herren,«
fuhr er, sich an die Richter wendend, fort, »fragt sie nicht mehr, es
ist ja Wahnsinn, was sie redet.«

»Pater,« gab stolz der Oberschultheiß zurück, »ich sollte Euch nicht
erst darauf aufmerksam machen müssen, daß Ihr hier nichts zu sprechen
und zu raten habt. Laßt es Euch belieben und ziehet Euch zurück! Und
nun rede Sie!«

»Es gibt Priester, die taufen im Namen des Vaters und des Sohnes und
des Heiligen Geistes. Dann setzen sie dazu: und in des Teufels Namen!
Dadurch verfallen die Kleinen dem Satan.«[N]

»Es ist nicht möglich!« rief Spee, vom Unwillen überwältigt, und
verbarg das tränenfeuchte Antlitz in seinen Händen.

»Warum nicht möglich?« gab der Oberschultheiß in spitzem Tone zurück.
»Heutzutage ist alles möglich. Die Angeklagte nenne Namen!«

»Die ich weiß, die will ich Euch wohl sagen. Da ist erstlich der
Schwerdt, Vikarius im Dom, dann der Nikodemus Hirsch, Chorherr im
neuen Münster, der Melchior Hammelmann, Vikarius zu Hach, und endlich
Christophorus Barger, Vikarius im neuen Münster.[O] Mehr weiß ich
nicht. Laßt's Euch genügen!«

Die Ammfrau verfiel nach diesen Worten in ein dumpfes Brüten, aus dem
sie nichts zu wecken vermochte. Sie kauerte auf dem Estrich und fuhr
mit dem Zeigefinger der rechten Hand an den Fugen der Steinplatten auf
und ab, schüttelte den Kopf, daß die grauen Haare über das Gesicht
herunterhingen, und brach dann plötzlich in ein lautes Lachen aus, das
grausig vom Gewölbe widerhallte.

Zwei Schergen faßten sie und trugen sie auf des Oberschultheißen Befehl
nach dem Kerker zurück.




7. Kapitel: ^Edle Menschen^


In einem prächtigen Gemache des alten Bischofshofes spielt ein
einsamer, später Sonnenstrahl um reichvergoldete Möbel, seinen Glanz an
ihrem Glanze messend. Dann hüpft er, froh des gewonnenen Sieges, über
die schweren gewirkten Tapeten, tanzt auf den massigen Skulpturen des
Plafonds und springt dann wieder auf den Boden nieder, um das Windspiel
zu necken, das dort auf seidenen Kissen ruht.

In der Mitte des Gemaches steht ein großer, ernster Mann. Der
Sonnenstrahl huscht scheu an ihm vorüber, nur an den Diamanten des
goldenen Pektorales tippt er mit flüchtigen Blitzen. Dann verkriecht er
sich wie ein zu Tod erschrecktes Kind am Himmel hinter einer Wolke und
will sich nicht mehr sehen lassen.

Der Abend dämmert nieder und pflückt die letzten Lichter von der Erde.

Der Fürstbischof Philipp Adolf von Ehrenberg tritt, aus seinen Gedanken
erwachend, an den Schreibtisch, auf dem sich Aktenstücke befinden.
Sein Auge ruht auf einem Blatte mit tiefem Ernste. Es sind nur wenige
Zeilen, die, wie sie leblos ihm entgegenstarren, so ihm auch vom Tode
reden.

»Ein Urteil!« spricht der Kirchenfürst in halblautem Tone....
»Und allda an der Säulen durch den Nachrichter vom Leben zum Tode
strangulieret, auch alsbald darauf der Körper mit dem Feuer zu Pulver
verbrannt werden soll!«... »Mit dem Feuer zu Pulver verbrannt,« fuhr
der Fürstbischof nach einer Pause, die letzten Worte des Urteils
wiederholend, fort. -- »Es ist doch ein schreckliches Amt, zu richten
über Leben und Tod! Gott gab die Gewalt dazu -- 's ist wahr; aber
liegt in der berechtigten Gewalt auch schon die Bürgschaft, daß sie
nicht irrt, ja, daß sie nicht von menschlicher Leidenschaft sich auf
falsche Bahnen drängen läßt und zum gemeinen Mörder wird? Was geschah
nicht alles im Namen des Rechtes und der Macht, daß es sich nicht
getrost neben das Schlechteste stellen darf, das die Erde gesehen?
Was ist Gesetz und Recht und Macht, wenn sie nicht ein reiner Ausfluß
von Gottes Willen sind? Kann nicht auch das Gesetz zur Schmach der
Menschheit werden, zum fluchwürdigen Tyrannen, der nicht das Gute will,
sondern die Guten entehrt und knechtet? Hätte die Menschheit nicht
immer mehr und mehr verlernt, in Gottes Wort Gesetz und Wahrheit zu
erkennen, wir brauchten all den Wust von Menschensatzung nicht.....«

»Ich kann nicht unterzeichnen, wenigstens heute nicht! Die Seele
sträubt sich und der Wille! Wie schön, wie beneidenswert wäre des
Fürsten Los, wenn er nur Liebe zu verteilen hätte, wenn nie die Hand,
der Mund, das Auge strafen müßten! Das ist ein frommer Wunsch, wie
ihrer Tausende im Menschenherzen leben; doch, kann er auch nicht ganz
zur Wahrheit werden, so soll er doch soweit Gestalt und Leben haben,
als es der Liebe möglich ist.«

Zwei Edelknaben mit brennenden Wachskerzen traten ein und blieben
ehrerbietig zu beiden Seiten der Türe stehen.

Philipp Adolf wandte sich wohlwollend zu ihnen.

»Nun, Kurt von Ratzenstein, wie gefällt dir der neue Dienst?«

»Sehr gut, durchlauchtigster Herr,« entgegnete der frische, prächtige
Knabe mit den großen, dunkeln Augen. »'s ist alles gar herrlich hier,
hab' auch dem Heimweh Valet gesagt, nur --«

»Nun, was fehlt?«

»Ein Roß!« platzte der Junge heraus. »Seht, hoher Herr, es ist bei
aller Pracht ein trostloses Leben, so fein demütig auf eigenen Socken
schreiten müssen, sachte Schritt für Schritt und schön bedächtig, wie
der Hofmarschall es will, statt auf einem stolzen Rosse reiten, wie ein
Ritter alter Zeit oder ein kühner Feldhauptmann vor seinem Fähnlein
Soldaten!«

»Bist noch zu klein für Roß und Bügel,« scherzte der Fürstbischof.

»Nein, nein, Durchlaucht! Bin nicht zu jung und klein,« rief der Page
und streckte seine geschmeidige Gestalt. »Seht nur, wie groß ich bin!«

»Und du, mein lieber Fischbaum,« sprach der Fürstbischof, sich zum
andern Pagen wendend, »willst du auch gleich deinem Genossen dich auf
einem Pferde tummeln?«

Der Knabe schüttelte leicht das Haupt mit den langen, blonden Locken.
»Verzeiht die offene Rede, mich lockt nicht Pracht, nicht Saitenspiel,
nicht Schwerterklirren. Mein Sinn steht nach der Einsamkeit. Ich
möchte Priester werden, kein so hoher Herr wie Ihr, auch nicht ein
Domherr oder Propst; ein schlichter Priester ohne Namen und Rang, doch
voll des heiligen Feuereifers für Gottes Ehre und für der Menschen
Heil!«

»Ein großes Wort aus Knabenmunde!« versetzte wohlwollend Philipp Adolf.
»Gott segne dich und gebe deinem Wunsche gnädige Erfüllung! -- Sind die
Herren schon versammelt?«

»Ja, Durchlaucht!«

In einem großen Saale, von dessen reichgeschmückter Decke schwere
Kronleuchter mit brennenden Wachskerzen hingen, bewegte sich eine
flüsternde Gesellschaft: Adelige, Domherren, Prälaten, Professoren,
Gelehrte und Künstler. Das buntfarbige Bild der glänzend geputzten
Menschen, wie der in ihrem einfachen Habite doppelt ehrwürdig
schreitenden Mönche stach gar eigen von den Gobelins der Wände ab,
von denen Saul und Salomon und David in starrer Verwunderung auf
die wogende Menge herabsahen. Rings an den Wänden zogen sich mit
roter Seide bezogene Stühle hin, deren schnörkelreiches Schnitzwerk
und künstlich gebogene Füße in dem hellglänzenden Parkettboden
widerstrahlten. In zwanglosen Gruppen standen die Herren beisammen,
die Neuigkeit des Tages oder ihres Amtes oder eine weise Meinung
bald mit einfacher Würde, bald mit hochgezogenen Augenbrauen und gar
wichtiger Gebärde dem minder weisen oder erfahrenen Zuhörer gnädigst
auseinandersetzend.

»Seht, werte Herren,« sprach einer vom Adel, den Degen wagrecht an der
linken Seite haltend und mit der Rechten, wohl dem goldenen Ringe mit
dem großen Solitär zuliebe, beständig in den Lüften fuchtelnd, »ich
liebe mein Vaterland gewiß aufrichtig, gar kein Zweifel, anerkenne
auch, daß einige Kunst und Wissenschaft in Deutschland blüht, jawohl,
aber fein, elegant, mit Genuß versteht man nur in Frankreich das Leben
sich auszuschmücken. _Mon Dieu_, wir haben Schneider; was können sie?
Einen Bürgerrock zusammenflicken! Sonst nichts! Ich frage, wo wird
in Deutschland eine Leinwand gewoben, die so zart wäre wie die aus
Frankreich? Ah, _messieurs_, ich beziehe seit einiger Zeit alles --
alles aus Frankreich, selbst Rasiermesser und Scheren, auch meine
Hemden; sind sie doch schon darum besser als die deutschen, weil sie
ein wenig von der französischen Luft parfümiert worden sind. Ja. Und
erst unsere deutsche Sprache, ah, _messieurs_, wie barbarisch sie
klingt, man kann wahrlich nur mehr Französisch sprechen, wenn man auf
Anstand Anspruch machen will.[P] Ja. Es ist nur auf das tiefste zu
bedauern, daß Durchlaucht diesen Ideen nicht zugänglich ist, seinen Hof
nicht französisiert und ausländische Gelehrte, Künstler und Musiker
beruft! -- _Voilà, messieurs_, sehen Sie nur unsere ehrenwerten
Professoren da drüben in der Ecke an, sind sie nicht wie Eisbären oder
wie die dicken schweinsledernen Bücher, aus denen sie ihre Weisheit
holen? Wahre Nachteulen -- _n'est-ce pas_?«

Der feine Herr war nicht wenig verblüfft, als ihn seine Zuhörer mit
einer Miene ansahen, die alles eher als Zustimmung oder gar Bewunderung
ausdrückte.

»Laßt das tolle Zeug, Herr Graf,« antwortete ziemlich polternd der
Ratsvogt Hillmann; »was soll das fremde Wesen bei uns? Verdamme mich
Gott -- verzeiht, ihr Herren, ich glaube gar, ich hab' geflucht --, mir
dreht sich immer Seele und Magen um, wenn ich von deutschem Maul auf
deutschen Fleiß und deutsches Wissen schimpfen höre. Tut nicht gut.
Wißt Ihr, was unser Walther von der Vogelweide singt? Ich will's Euch
sagen, wenn's auch barbarisch Euren Ohren klingen mag. Gebt acht!

    Diutsche Mann sind wol gezogen,
    Rehte als Engel sind diu Wib getan,
    S' wer sie schiltet, der 'st betrogen:
    Ich enkan sie anders nicht verstan.
    Tugend und reine Minne,
    S' wer die suochen wil,
    Der soll kommen in unser Land:
    Da ist Wünne viel!

So ist's! Deutsche Zucht geht vor allem, und nicht fremdes Zeug.
Deutscher Mann -- Ehrenmann, deutscher Sinn ist Ehrenpreis, deutsches
Herz Vergißmeinnicht, deutsche Treue Augentrost.«

Der Edelmann wollte eben Antwort stehen, und daß diese nicht so fein
geduftet hätte als sein Batisttaschentuch, dafür bürgten seine
zornglühenden Augen; allein der Eintritt des Fürstbischofs ließ jede
Unterhaltung verstummen, und so begnügte er sich damit, den deutschen
Bären wenigstens mit einem Blicke tiefster Verachtung zu strafen.

Philipp Adolf liebte es, von Zeit zu Zeit die hervorragenden Männer
seiner Residenz um sich zu versammeln, um durch sie mit seinen
Untertanen in steter Berührung und Fühlung zu bleiben, deren Wünsche,
Klagen und Ansichten kennen zu lernen und überall nach Möglichkeit
helfend, aufmunternd oder hemmend dazwischenzutreten.

Die Zeit, zu welcher er über das schöne Frankenland herrschte, war
eine sehr bewegte. Die Greuel des Dreißigjährigen Krieges befleckten
deutschen Boden, Tilly hatte bei Lutter am Barenberge einen glänzenden
Sieg über König Christians Heeresmassen erfochten, unbegreiflicherweise
aber denselben nicht ausgenützt. Und wie die Erfolge der einzelnen
Feldherren wechselten, so auch die Sorge der deutschen Reichsfürsten
und ganz besonders der geistlichen Regenten, welche dem Verlaufe dieser
langen, grausen Kriegszeit mit doppelt lebhaftem Interesse folgten.

Zu dieser Sorge kam nun für Philipp Adolf eine weitere und wohl noch
schwerere. Der Hexenwahn hatte sich im Bambergischen und Würzburgischen
mit einer solchen reißenden Schnelligkeit verbreitet und eine so
gräßliche Gestaltung angenommen, daß ein Ende der Schrecken kaum
abzusehen war. Das arme Volk ward von dem Hexenwahne wie von einer
erblichen Krankheit erfaßt, und das schreckliche Übel griff in immer
weitere Kreise, schlug immer tiefere Wurzeln, trug immer blutigere
Früchte.

Man glaube nicht, daß man es hier mit einer psychischen Erscheinung
zu tun habe, die auf katholischem Boden allein möglich war. Liebt
man es doch, alle möglichen Erscheinungen schlimmer Art als eine
notwendige Folge katholischen Glaubens und Denkens oder -- wie man
noch geistreicher meint -- »Nichtdenkens« hinzustellen. Sowenig wir
leugnen wollen, daß in katholischen Ländern die Verfolgung der Hexen
stattfand, sowenig können wir -- und zwar zur richtigen Zeichnung jener
bald finster dahinschleichenden, bald lawinenartig alles überflutenden
Völkerkrankheit -- es verschweigen, daß auch in protestantischen
Ländern jene Verfolgungen mit größtem Eifer und eiserner Härte geführt
wurden. Der Hexenprozeß blühte so gut unter Calvin in Genf, wie unter
dem hochkirchlichen Heinrich VIII. von England, im protestantischen
Wolfenbüttel und Braunschweig, wie im katholischen Bamberg und
Würzburg. Jakob I. von England sagt in seiner »Dämonologia«: »Es hat
zwar mehr Gespenster im Papsttum gegeben, von denen man nach der
Reformation nichts weiß, aber dafür ist jetzt die teuflische Macht der
Hexen mehr kund geworden.«

So waren denn die im Glauben Gespaltenen in der Hexenverfolgung einig.
Kepler und Gustav Adolf glaubten an Hexen und Zauberer, und Tilly,
der strenggläubige Katholik, ^galt seinen Gegnern^ als gefroren und im
Bunde mit dem Teufel.

Anfangs mag hüben wie drüben dem aufdämmernden Hexenglauben noch ein
grübelnder, rechnender Gedanke gegenübergestanden haben; als aber jenes
über alle Maßen traurige Völkerübel an Maß und Ausdehnung zunahm, gab
sich nur zu bald auch das widerstrebende Denken gefangen, und wie man
zu den Zeiten der Pest jeden mit dem größten Mißtrauen betrachtete
und beim geringsten Anzeichen als der Krankheit verfallen ansah und
ängstlich mied, so war auch in dieser Zeit niemand sicher vor dem
Verdachte der Hexerei und Zauberei, und das Geringste genügte, den
Verdacht zur häßlichen Gewißheit und dann zum Todesurteile zu steigern.
War's doch, als hätte es dortmals keine erbarmende Liebe mehr unter den
Menschen gegeben, sondern nur finstern Wahn und blasse Furcht, die ihre
letzte Rettung in lodernden Scheiterhaufen sah. --

Nachdem der Fürstbischof einige der anwesenden Herren mit besonderem
Gruße geehrt, den übrigen aber gnädig zugewinkt hatte, ließ er sich
auf einen Stuhl nieder und befahl einige von den Gästen zu sich, die
anderen bildeten nach Belieben plaudernde Gruppen oder ließen sich zum
Brettspiele an einem der feingeschnitzten Tischchen nieder, die in den
Ecken des Saales aufgestellt waren.

Philipp Adolf befand sich in Unterhaltung mit einem Domherrn, dem
Oberschultheißen und dem Kanonikus Philipp Schönborn.

»Nun, mein Ehrenwerter,« sprach der Fürstbischof, »was könnt Ihr mir
über den Verlauf der schwebenden Hexenprozesse mitteilen?«

»Fürstbischöfliche Durchlaucht,« antwortete der Oberschultheiß mit
gewichtiger Miene, »ich bin überglücklich, melden zu können, daß diese
Angelegenheit endlich einmal nach meinem Wunsche geht!«

»Ihr meint damit doch wohl,« unterbrach der Fürstbischof, »daß es damit
zu Ende gehe?«

»Zu Ende, gnädigster Herr? Nein, ich denke, wir sind jetzt glücklich
bei einem tüchtigen Anfange angelangt. Ja, ich sage das mit großer
Befriedigung, denn es kann kein ruhmvolleres Werk geschehen, als alle
Hexen mit Schwert und Feuer zu vernichten.«

»Ein schreckliches Wort!« seufzte Philipp Adolf.

»Wie man es nehmen will,« fuhr achselzuckend der Oberschultheiß fort.
»'s ist schrecklich, ja, daß es so arg verkommene Menschen gibt, die
mit dem Satan sich verbinden; daß wir sie ausrotten, das ist Wohltat.«

»Und glaubt Ihr, daß Ihr Euch in solchem Amte niemals irrt?«

»Irren?« rief der Gestrenge und streckte seine schmächtige Gestalt --
»irren? Nein, ich irre nicht! Ich rede nicht zu meinem Lobe, es geziemt
sich nicht in Euerer hohen Gegenwart; allein aus meinen Händen kommt
nicht einer wieder in die Freiheit, denn jedem ringe ich das Geständnis
seiner Schuld ab. Ich habe einen tiefen Blick, mit dem ich in die Tiefe
der Seele schaue; ich habe einen Schlüssel, der mir jegliches Geheimnis
offenbart, das ist unser unvergleichliches peinliches Recht, und
endlich habe ich das rechte Richterherz, das nicht von des Mitleids
Schwäche angekränkelt und zwischen Gerechtigkeit und Erbarmen weibisch
schwankt. Nein -- kalt wie des Todes Hand ist auch mein Herz, wenn es
zu richten hat, und ich wollte ihm nicht folgen, wenn es mir Mitleid
flüsterte, und säße ich auch übers eigene Weib und über meine Kinder zu
Gericht.«

Der Fürstbischof sah mit einem Blicke voll Entsetzen nach dem
Oberschultheiß.

»Ihr, hoher Herr,« fuhr dieser eifrig fort, »Ihr fasset und begreift
das nicht. Ihr seid gewohnt, dem Mitleid volle Herrschaft einzuräumen
und dem Erbarmen Euere Macht zu leihen. Ich kann -- ich darf das
nicht! Für mich ist jeder Mensch, der unterm Schwerte oder auf dem
Scheiterhaufen stirbt, ein gesühnter Paragraph -- sonst nichts. Fragt
der Mensch nicht sein Gefühl nach allen Seiten, ehe er zum Verbrecher
wird, warum soll ich nach dem Gefühle fragen, wenn das Verbrechen seine
Sühne fordert?«

»Was Ihr da sagt, gestrenger Herr,« fiel Schönborn ein, »das hat
nur einen Schein von Recht und Wahrheit. Ihr braucht aus Mitleid
die Gerechtigkeit nicht zu verraten, Ihr sollt aber auch nicht aus
Herzlosigkeit zu unbeugsamen Sklaven Euerer Gesetze werden. Ihr Herren
seid zu hart, ihr seid wie totes Gestein, aus dem nicht eine Blume
sprießt; ihr starrt verderbenbringend in das Leben rings um euch,
und wo ihr glaubt, daß euer Recht verletzt sei, da stürzt ihr euch
zermalmend auf das Opfer. Euch Richtern fehlt die Liebe, und doch
sollte sie mit euch zu Gerichte sitzen, denn wo die Liebe fehlt, da
fehlt auch die Gerechtigkeit.«

»Euere fürstlichen Gnaden werden hoffentlich des jungen Herrn Kanonikus
Ansichten gleich mir sehr kühne nennen?« sprach der Oberschultheiß, mit
lauernder Miene nach Adolf Philipp schauend.

»Immerhin,« antwortete dieser, »denn es gehört Mut dazu, euch Herren zu
widersprechen. Und doch, was Schönborn sagt, versteht mein Herz viel
besser, als mein Verstand, was Ihr gesprochen.«

»Erlaubt,« fuhr Schönborn fort, »eine Frage aufzuwerfen. Gesetzt, es
wären wirklich alle, die Ihr Hexen nennt, auch dieses Lasters schuldig.
Kann man sie denn dann nicht vom Irrwege heim zum wahren Glauben, vom
Satansdienste zur Gottesliebe führen? Warum dem Henker übergeben, was
doch dem Priester angehört? Warum in Elend enden lassen, was doch
vielleicht zu retten ist?«

Der Oberschultheiß blickte hellen Zornes auf den jungen Priester. »Ihr
wolltet wohl die Hexen leben lassen,« höhnte er, »und sie durch Euer
Wort bekehren?«

»Mit Gottes Hilfe, ja!« entgegnete Schönborn.

»Und glaubt Ihr, daß Ihr Macht hättet über alle Teufel?«

»Wenn sie der gottgeweihte Priester nicht besitzt, wer sollte dann in
Gottes Namen noch dem Geist der Finsternis gebieten können? Und erst
müßtet Ihr mir noch beweisen, daß wirklich hier der Teufel im Spiele
ist. Ich glaube es nicht!«

»Hm, und wenn der Priester die Teufel doch ^nicht^ besiegt? Was dann?«

»Ihr zweifelt, weil Euch solcher Zweifel zum Systeme paßt.«

»Hat nicht der Pater Spee, sooft er will, ganz freien Zutritt zu den
Hexen?« fragte triumphierend der Oberschultheiß.

Schönborns Auge leuchtete, als seines Freundes Name genannt wurde.

»Ich glaube, ja. Doch klingt es fast wie Hohn, wenn Ihr verlangt,
er solle unten in der Kerker grauser Nacht, und während die armen
Opfer von Stumpfsinn, Gram, Verzweiflung gefesselt sind, wunde Seelen
heilen! Gebt erst den Kerkern Licht, daß es das Kreuz bescheine, das
der Priester rettend zu den Armen trägt. Gebt Licht, gebt Sonnenlicht,
damit sie aus des Priesters Auge die Hoffnung der Erlösung lesen
können; gebt Licht der schauerlich schwarzen Nacht, in der Ihr Euere
Hexen lebendig begrabt, bis sie der Wahnsinn und die Verzweiflung am
Herzen und am Verstande angefressen haben. Ist's da noch ein Wunder,
wenn der Priester in des Kerkers tiefer Nacht nicht mehr verstanden
wird, wenn dort das Wort der Liebe fruchtlos verhallt und wie vom
fühllosen Gesteine, so auch von den zertretenen Herzen unverstanden
abprallt? Schafft andere Kerker, wo der Mensch nicht dem Gewürme
gleicht, vergeßt auch im Verbrecher nicht das Gottesbild; ist es auch
verzerrt, so seid doch menschlich gegen Menschen, und das Erbarmen wird
die Herzen heilen, es wird die Schuld versöhnen und den Wahnsinn bannen
und das Elend enden.«

»Wo ist Pater Spee?« fragte der Fürstbischof, aus tiefem Nachdenken
erwachend. »Man sende nach ihm! Ich will aus seinem Munde Aufschluß
haben über das, was Schönborn eben berührte.«

Über des Oberschultheißen Angesicht flog dunkle Zornesröte. Er warf
einen Blick unversöhnlichen Hasses auf den mutigen Kanonikus. Dieser
aber hielt den Blick mit aller Ruhe aus, und so sehr ihn auch des
Fürsten Wunsch, mit Spee selbst zu sprechen, mit hoher Freude und
großer Befriedigung erfüllte, so war er doch edel genug, seine Freude
nicht am Zorne seines Gegners zu messen.

Das Erscheinen des Paters Spee am Hofe erregte allgemeines Aufsehen.
Man hatte bisher noch nie einen Jesuiten bei den Abendzirkeln des
Fürstbischofs gesehen; nicht als ob dieser jenen Ordensmännern nicht
mit ganzer Liebe zugetan gewesen wäre, sondern weil diese es sich zum
Grundsatze gemacht hatten, nie unbegehrt am Hofe zu erscheinen. Spee
war keine imposante Gestalt. Die große Weichheit seines Gemüts hatte
sich auch dem Körper mitgeteilt, der von einer Zartheit war, die auch
das lange Habit nicht zu verbergen vermochte. Das einfache, aber edel
geschnittene Gesicht widerstrahlte jene beneidenswerte Ruhe, die der
Stempel einer mit sich und dem Schöpfer fertigen Seele ist. Aus seinem
Auge leuchtete Friede, aber dennoch war ein leiser, schmerzlicher Zug
über dasselbe gehaucht, der ihm einen eigenen Reiz der Liebe lieh.

Philipp Adolf empfing den Jesuiten mit jener Herzlichkeit, mit der
immer ein Priester den andern begrüßen soll. Spee war nicht frei von
einiger Befangenheit, als er sich mitten in dem Prachtgemache als
Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit sah, und dieses Gefühl wuchs
noch, als ihm der Fürstbischof die Ursache mitteilte, um derentwillen
er nach ihm gesendet hatte.

»Ich soll Euch Rede stehen, gnädigster Herr, über meine Erfahrungen mit
den Armen, die unter der Anklage böser Zauberei den Kerkern verfallen
sind. Ich segne diese Stunde, da mein Mund vor einem edlen Fürsten der
Wahrheit Zeugnis geben darf. Und doch -- ich bange! Glaubt nicht, daß
mir der Mut gebricht, glaubt nicht, daß Menschenfurcht meine Zunge
lähmt und meinen Worten klug berechnend die Spitze bricht. Nein! Gott
und die Wahrheit über alles! Aber mein Wort wird nicht gesprochen
werden können, ohne da und dort zu verwunden. Ich will nicht wehe tun,
ich will nicht verletzen.«

»Der Aberglaube, jener finstere Geist, der wie der Rost am Eisen,
so am wahren Glauben frißt, hat über unser Volk, gleichviel welchen
Glaubens, eine nicht genug zu beklagende Herrschaft gewonnen. Dazu
gesellt sich der Neid, der nicht nur auf das Glück mit scheelem Auge
schaut, sondern auch auf betende Lippen sein fressendes Gift träufelt;
ihm steht zur Seite zischelnde Verleumdung, Ehrabschneidung und die
ganze trübe Flut der Zungensünden, die ein verdorbenes Herz nach
Tausenden erzeugt. Und keine Obrigkeit, kein Gottesmann erkennt hierin
den Samen zum aufkeimenden Verdachte böser Zauberei! Nicht Gott, nicht
die Natur sind die Quellen dessen, was wir sehen -- alles -- alles ist
ein Zauberwerk und ist Hexentat. Und nicht bedenkend, daß in Herzen,
die dem Glauben und der Liebe abgestorben sind, alles Böse keimt, daß
all das wüste Flüstern von des Teufels Macht und seinen Verbündeten nur
in der Menschen bösen Zungen, in ihren arg verworrenen Köpfen wurzelt
und nicht in reiner Wahrheit, befehlen doch die Fürsten gegen Zauberer
und Hexen einzuschreiten, als ob das wirklich lebte, was des Menschen
böses Herz, sein wahnwitzig gewordenes Gehirn und seine schlechte Zunge
schaffen. Da drängt sich alles dann mit Richterspruch und Schwert und
Feuer an das arme Opfer. Der Fürst hat ja befohlen, das Volk hat mit
Fingern da- und dorthin in flüsternder Anklage gedeutet -- das scheint
Grund genug, zu glauben, daß es Hexen gibt, und dem Beklagten ohne
weiteres jenen Stempel aufzudrücken. Da mag die Quelle noch so trüb
und schmutzig sein, der Mund, welcher Kläger ist, von Gift und Neid
geschwollen, der Kopf so wirr, wie der eines Fieberkranken -- was
tut's? Die Hexe ist geschaffen! Und wenn den Richter nicht die reine
Liebe zur Gerechtigkeit bewegt, wenn Ehrgeiz ihm das Auge blendet und
Unerfahrenheit mit stolzem Geist sich paart; ja, wenn selbst gierige
Habsucht mit im Spiele ist:[Q] dann wachsen rings die Hexen gleich dem
Laub an den Bäumen!«

»Und der Beweis, daß alle jene wirklich Hexen sind und Zauberer, die
dem Gerichte verfallen? Dem Mörder gegenüber ist die blutige Tat, die
er begangen, der bindende Beweis. Da liefert der Verbrecher ihn. Ganz
anders bei den Hexen. Hier macht der Richter selbst sich den Beweis.
Guter Ruf und reine Sitten, so sagen sie, sind stets der Deckmantel,
mit dem die Hexen ihre Bosheit verhüllen; ein schlechter Ruf und ein
zügelloses Leben sind nicht minderer Beweis, denn Schlechtigkeit
erzeugt Schlechtes. Starkmut bei der Folter Qualen ist nur des Teufels
Hilfe, der seine Getreuen gefühllos macht; Bekenntnis, das der
Schmerz erpreßt, gilt aber für volle Wahrheit. So wird nicht aus dem
Menschen heraus die Schuld bewiesen, sondern dieselbe um jeden Preis
hineingelogen.«

»Doch nicht genug! Man forscht nach Menschen, seien sie auch noch
so schlecht, die über der Angeklagten Vorleben aussagen sollen. Und
wissen sie eine üble Tat, ein unbesonnenes Wort zu erzählen, so wird
das zum Beweis, ein solcher Mensch sei auch des Bundes mit dem Teufel
fähig. Wie viele tragen Groll und Haß im Herzen! Ihr Feind ist in des
Richters Gewalt; welch eine Gelegenheit, der Rache ungehinderten Lauf
zu lassen! Der Richter aber leiht dem Feindesmunde offenes Ohr, als
spräche dieser die Wahrheit! Es mag der Angeklagte unter der Wucht der
auf ihm lastenden Ungerechtigkeit laut aufschreien, er mag bei Gott
und seiner Seligkeit seine Unschuld beteuern, man glaubt ihm nicht!
Und wenn ein anderer für ihn sprechen wollte, man hört ihn nicht!
Dem Diebe und Mörder ist ein Fürsprecher gestattet, der Hexe nicht!
Freilich wehe dem, der mutig vor die Richter träte als Anwalt jener
Armen, welche die ^Dummheit^ Hexen nennt: er gälte jenen Weisen nur als
Mitschuldiger, der sich selbst dem Tode überliefert. Und so schweigen
jene, welche reden sollten; geschlossen sind die Lippen der Guten und
Einsichtsvollen, und der Wahnwitz und die Bosheit triumphieren!«

»Da möchte ich doch um des Allerbarmers willen wissen, welcher Weg,
mag nun die Angeschuldigte mit oder ohne Bekenntnis sterben, sich hier
zum Entrinnen öffne, ist auch das Herz so rein und schuldlos gleich
dem eines Kindes? Unglückliche, worauf hast du gehofft? Warum hast du
nicht beim ersten Schritte in den Kerker dich als schuldig bekannt?
Armes Weib, warum willst du vielmals sterben, wenn du mit ^einem^ Male
dich des Lebens entledigen kannst? Folge meinem Rate: ehe alle Pein
in deinem Körper wütet, gib dich gefangen, schuldig -- und stirb!
Entrinnen kannst du nicht mehr; du weißt ja, welches das Ziel des
Gerechtigkeitseifers in Deutschland ist.«

»Und die Richter möchte ich fragen: warum habt ihr euch doch erst
umgesehen, warum nach Zauberern und Hexen gesucht? Ich will euch
zeigen, wo sie sind! Wohlan, nehmt den ersten besten Kapuziner oder
Jesuiten, den ersten besten Priester! Schlagt ihn an die Folter,
quält ihn mit eueren Marterwerkzeugen -- sofort wird er bekennen. Und
ist er anfangs stumm und schützt er sich nach euerer Meinung durch
Zaubermittel, so fahrt mit eueren Martern fort: endlich werdet ihr ihn
brechen. Wenn ihr noch mehr wollt, so nehmt die Prälaten, Domherren,
nehmet Gottesgelehrte, und ich versichere euch, sie alle -- alle werden
schnell bekennen.«

Spee schwieg einen Augenblick. Sein Antlitz ging aus dem Feuer heiligen
Eifers wieder in die gewohnte schmerzliche Weichheit über. Er nahm
das Kreuz von seinem Rosenkranze und sprach, dasselbe küssend, mit
milder Stimme: »Du, Herr am Kreuze, du weißt es allein, wie meine Seele
blutet, daß ich dem Leid nicht Hilfe bringen kann. Wie gerne wollte
ich niederknien und mein Haupt zum Opfer geben, könnte ich damit dem
Wahn ein Ende machen und tausend Fesseln lösen! Du Quell der Milde,
süßer Jesus, wie kannst du dulden, daß Unschuldige solche Qualen
leiden? O komme durch dein Blut den tief Bedrängten zu Hilfe! Gib du
Erkenntnis aller Obrigkeit, daß sie wohl sehe, wie sie richte, und
nicht Gerechtigkeit in Grausamkeit und Gottlosigkeit verkehrt werde![R]
Gib Priester, die den Ärmsten wahre Väter sind, und Tröster diesen
Leidenden! Ja, ihr Priester Gottes, hebt die Hände bittend zu jenen
Unglücklichen auf, damit sie euch vertrauen, sagt ihnen, daß ihr sie in
euer Herz schließen wollt.

O lernet Mitleid haben mit dem Jammer, fühlt die Leiden, als wären sie
die eueren. Sagt, ihr wolltet euer Leben für sie opfern, wenn es euch
gestattet wäre; versprechet, daß ihr sie niemals verlassen werdet. Es
wäre schrecklich, könnten jene Opfer klagen, sie hätten selbst aus
Priestermund keinen Trost empfangen. Wenn ihr der Gottesliebe Boten
seid, dann bringt den Armen das, was Heilung jedem Schmerze ist, bringt
Liebe!«[S]

Des Paters Worte verursachten eine große Bewegung. Während der
Fürstbischof sein sinnendes Haupt auf die Rechte stützte und in seinem
Auge eine Träne glänzte, und während Schönborn in heiliger Begeisterung
des Jesuiten Hände küßte, standen die anderen Herren rings mit
finsteren Mienen, aus denen Groll, Zorn und Rache glühte. Spee aber war
gleich dem Fels im brandungswilden Meere und blickte ruhigen Auges nach
dem Fürsten.

»Nun, ihr Herren,« sprach Philipp Adolf, den Blick langsam erhebend,
»was sagt ihr zu des Paters Rede?«

»Erlaubt, mein Herr und Fürst,« nahm, mühevoll nach Fassung ringend,
der Oberschultheiß das Wort, »erlaubt, daß ich Euch Red' und Antwort
stehe. Der Pater Spee hat früher schon in einer Weise sich der Hexen
angenommen, die sehr verdächtig ist. Mit dem, was er vor Euch und uns
gesagt, hat er sich offen auf ihre Seite gestellt. Das ist doch sehr
auffällig. Während alle Welt, gleichviel ob katholisch oder lutherisch,
mit Schwert und Feuer gegen das Hexenwesen zu Felde zieht, nimmt der
fromme Pater die Unholde unter seinen Schutz. Das ist sehr bedenklich,
gnädigster Fürst! Es ist nur eine Wahl: entweder wir bleiben bei
unserer ausgezeichneten Praxis und töten alle Hexen und Zauberer und
retten dadurch die Menschheit, oder wir folgen dem Rate des Paters,
entsagen dem, was er in ^seiner^ Weisheit Hexenwahn nennt, und lassen
uns dafür vom aufrührerischen Volk ermorden, das an Hexen glaubt und
Schutz vor ihnen bei uns sucht. Ist's besser, daß ein junger Jesuiter
recht behält, dafür aber das ganze Volk zugrunde gehe? Soll er allein
die Wahrheit kennen, da doch die ganze Welt an Hexen glaubt? Soll
alles des Satans werden, weil einer anderer Meinung ist? Wenn wir das
Schwert, mein Fürst, aus unseren Händen legen, dann begebt Euch auch
Eueres Zepters und Euerer Lande und laßt, verzeiht das Wort, den Satan
herrschen. Es scheint,« fuhr er mit leisem Spotte fort, »die Herren
Jesuiter haben unseres Heilandes Evangelium nicht gelesen, wo doch
von Besessenen die Rede ist. Wir, die wir nicht jener Gesellschaft
angehören, glauben noch an Teufel und an Hexen und lassen uns darin
auch durch den Pater Spee nicht irremachen.«

»Ganz richtig!« nahm ein Prälat das Wort. »Der junge Pater ist ein
junger Brausekopf und mischt sich ungerufen in den Gang irdischer
Gerechtigkeit. Ich rate ihm, sich seiner klösterlichen Einsamkeit
mehr zu befleißen und mit seiner Zelle sich zu begnügen. Was draußen
geschieht, was für ein Elend in den Kerkern ist, wie schwer die Ketten
lasten, wie sehr die Werkzeuge der Tortur peinigen und wie groß die
Klagen der Gefangenen sind, das überlasse er den Richtern und schweige
über Hexentum; was kann er von solchen Dingen verstehen?«[T]

»Er mehr als jeder andere!« rief Schönborn in hellem Eifer aus.
»Wohlan, ihr Herren, steigt gleich ihm hinab in jene gräßlichen
Gefängnisse, schaut kalten Herzens, wenn ihr's vermögt, das ungeheure
Elend, hört unbewegt die Klagen und die Seufzer, hört, wie sie in
rührenden Gebeten ihre Unschuld Gott befehlen und dann, von Grimm und
Schmerz getrieben, ihren ^Henkern^ fluchen! Stellt euch hinein, ihr
weisen Herren, ins Meer des tiefsten Elendes, laßt seine Wogen über
eueren Häuptern branden, sprecht nicht hier unterm hellen Sonnenlichte
solche kalte Sprache, nein, steigt hinab in rabenfinstere Nacht und
hört den Aufschrei der armen Menschen! Und wenn ihr das getan habt
gleich unserm Pater Spee, wenn ihr gleich ihm dem tiefsten Jammer euer
Ohr und Herz geliehen habt, dann werdet ihr gleich ihm die Sprache der
Erbarmung und Gerechtigkeit reden.«

»Hab' Dank, mein edler Schönborn, für das Zeugnis, das du der Wahrheit
gabst!« sprach Spee, dem jungen Kanonikus mit Innigkeit die Hand
drückend. »Euch aber, hoher Fürst, und euch, ihr werten Herren, gebe
ich ein offenes Geständnis, das so treu und wahr ist, als stünde ich
vor Gott! Wenn ich mit größtem Fleiße untersucht und auch des Ansehens
der Beichte mich bedient hatte, so habe ich doch noch in keinem der
Unglücklichen, die ich zum Feuer begleitet habe, etwas entdeckt, was
mich hätte überzeugen können, daß derselbe mit Recht des Verbrechens
der Zauberei sei angeklagt worden. Alle haben mit herzzerreißendem
Jammergeschrei die Bosheit und Unwissenheit der Richter und ihr Elend
beweint und in ihren letzten Nöten zu Gott als dem Zeugen ihrer
Unschuld gerufen.[U] Ich schwöre es bei Gott, daß ich wenigstens
bis jetzt keine Hexe zum Scheiterhaufen geleitete, von der ich nach
allseitiger Erwägung vernünftigerweise behaupten könnte, sie sei
schuldig gewesen.«[V]

       *       *       *       *       *

Hinter zerrissenem Gewölke glänzt in mildem Scheine die silberne Sichel
des Mondes. Ihr Licht fließt wie Geisterkuß an den Kirchtürmen und
Häusern herab und in manches stille Gemach, wo ein Ruheloser zu ihr
aufschaut. Und da kommt der leise schreitende Wächter der Nacht zu
einem Fürsten, den quälende Zweifel nicht schlafen lassen, zu einem
Richter, der an einem finstern Racheplan gegen den Pater Spee brütet,
und zu diesem selbst, der auf den Knien liegend betet:

    »Zu Gott ich hab' gerufen zwar
    Aus tiefen Todesbanden;
    Dennoch ich bleib' verlassen gar,
    Nicht Hilf' noch Trost vorhanden.

    Der schöne Mon will untergahn,
    Für Leid nicht mehr mag scheinen;
    Die Sterne la'n ihr Glitzen stahn,
    Mit mir sie wollen weinen.

    Kein Vogelsang noch Freudenklang
    Man höret in den Lüften;
    Die wilden Tier' trau'rn auch mit mir
    In Steinen und in Klüften.«[W]




8. Kapitel: ^Spürhunde^


»Und ich sag' Euch, es ist so!«

»Meister Gothart, Euer Wort in allen Ehren und alle Achtung vor Eueren
grauen Haaren, aber was Ihr sagt, ist gar nicht möglich; eher sollen
Mond und Sterne vom Himmel fallen und meine Kühe auf dem Maine grasen,
als daß ich sage, ich glaube Euch!«

»Ihr seid ein Ehrenmann,« sprach Meister Gothart und nahm den Arm
seines Freundes, des Goldschmiedes Winterholder, »jawohl, ein ganzer
Ehrenmann seid Ihr; des ist Zeuge Euer Schmerz, der zu meiner Kunde so
ungläubig das Haupt schüttelt. Ist aber doch so, wie ich gesagt habe.
Wißt Ihr was? Wir gehen nach der Marienkapelle hin, da müssen sie uns
begegnen.«

»Ich habe die Kraft nicht,« entgegnete Winterholder mit halblauter
Stimme, rang die Hände und ließ das Haupt sinken. »Ich kann nicht!
Freund, mir ist's, als gelte das Elend meinem eigenen Kinde! Herrgott
im Himmel,« fuhr er plötzlich auf, und seine Augen flammten, »sind
wir denn wie Hunde geworden, mit denen die Herren am Gerichte machen
können, was sie wollen? Da soll doch --«

»Ruhig, Freund,« fiel Meister Gothart, der Bildschnitzer, seinem
Freunde ins Wort. »Zürnet unserm Herrgott nicht, 's ist Frevel! Er hat
das Ende aller Dinge in seiner Hand, und jedem Leide gibt er das Amen.
Die Zeit ist blutig, und besser wäre es schier, im Grabe zu liegen, als
dem Elend ins Auge zu schauen. Und doch -- ich sage immer wieder, --
unser Herrgott macht das Ende.«

»Meister Gothart, Meister Gothart!« rief ein junger Bursche, der die
Domstraße heruntergelaufen kam.

Der Alte wandte voll banger Ahnung sein Haupt dem Lehrjungen zu, aus
dessen blassen Zügen schlimme Märe sprach.

»Was soll's, Friedrich?«

»Sind gerade vom Schneidturme weg Knechte gezogen,« erzählte, nach Luft
ringend, der Knabe; »sie wollen des alten Ratsherrn Göbel Edeltraut
nach dem Gefängnisse führen.«

»Du schwatzest wohl im Fieber!« zürnte Gothart.

»Meister,« rief verletzt der Junge, »ich sage Euch reine Wahrheit!«

Gothart stand einen Augenblick regungslos wie ein Bild aus Stein.

»Und warum haben sie die Jungfrau gefangen genommen?« fragte er mit
tonloser Stimme.

»Ei, weil sie eine Hexe ist,« gab Friedrich rasch zurück.

Der Alte zuckte zusammen. »Da,« rief er und gab dem Lehrburschen eine
klatschende Ohrfeige, »da, bring' das den gelehrten Richtern und sage
ihnen, sie seien entweder Esel oder Teufel!«

Der Knabe sah mit einer Mischung von Zorn, Scham und Mitgefühl zu
seinem Meister auf. »Warum schlagt Ihr ^mich^?« sprach er, »hab' ich's
verdient?«

»Geh', Friedrich, geh'!« entgegnete der Alte und reichte dem Jungen die
Hand. »Geh' heim! Ich weiß nicht, was ich tue, noch was ich rede. Mir
schwindelt Kopf und Herz. Freund Winterholder, Euren Arm! Wenn ich nur
weinen könnte! -- Aber auch die Träne hat der Zorn mir aufgefressen! --
Göbels Edeltraut als Hexe! -- Freund, sagt mir, brennt Euch nicht der
Boden unter Eueren Füßen, und ist's Euch nicht, als glühte die Luft?
Ich meine just, ich stünde auf der Hölle!«

»Wollt Ihr denn nicht nach Hause gehen?« fragte teilnehmend
Winterholder. »Euch schüttelt Schmerz und Zorn, als läget Ihr im
Fieber.«

»Heim?« rief Gothart mit glühenden Augen; »ich nun heimgehen, indes der
Satan unsere Stadt verwüstet? Geht, geht und schämt Euch dieses Wortes!«

»Aber um des Himmels willen, was wollt Ihr hier auf offener Straße --
halb von Sinnen, schmerzgebeugt?«

»Was ich will? Ich will mein goldenes Patenkind beschützen, daß nicht
Henkershände es berühren. Seht hier diesen Dolch, der, denke ich, kann
spitzig reden.«

Aus der engen, winkeligen Judengasse, welche vom Marienplatze her in
die Domstraße mündet, wälzte sich ein dichter Menschenstrom. Lautlos
zogen dichtgedrängt dahin die Männer und Frauen, die jungen Burschen
und Dirnen, Trauer, Mitleid und Entsetzen in den Mienen. Die alten
Mütterlein, die mit der Menge gingen, und manche frische Maid hielten
sich schluchzend das Tränentüchlein vor das Angesicht, in manchen
Mannes Antlitz zuckte Schmerz und Zorn und Wut.

Nun vier Knechte.

Und zwischen ihnen Vater Gering, an seinem Arme Elsa und mit der Linken
sein junges Ebenbild, die kleine Irma, führend.

»Du zitterst, Vater!« sprach das blinde Mädchen.

Der Alte antwortete nicht.

»Vater, warum gibst du deiner Elsa keine Antwort?« fragte die Maid und
schmiegte sich inniger an den Greis.

»Ich kann nicht!«

»Du weinst, Vater?«

»Weil ich nicht sterben kann!«

»Sterben?« wiederholte Elsa. »Dieser Trost wird uns zuteil werden.«

»Sind wir noch nicht am Dome?« sprach das blinde Mädchen nach einiger
Zeit.

»Ja, mein Kind!«

»Ich möchte beten.«

»Darf nicht sein!« herrschte der den Zug begleitende Vogt.

»Und warum nicht?« gab Elsa ruhig zurück. »Glaubt ihr Herren eure Macht
so groß, daß ihr selbst das Gebet verbieten dürft? Ist's nicht genug,
daß ihr Gewalt habt über Leib und Leben, wollt ihr auch unsere Seelen
knechten? Vater, rede du, daß sie mir meinen Wunsch gewähren.«

»Henker sind stets ohne Herz und Mitgefühl,« versetzte bitteren Tones
der Greis.

»Vorwärts!« rief befehlend der Vogt.

Das Volk blieb vor den Stufen des Domes, die Gefangenen umringend,
stehen.

»Laßt sie beten!« riefen fordernde Männerstimmen, »laßt sie beten,
Henker!« grollte drohend die Menge.

Tiefe Stille rings.

Das Volk liegt auf den Knien.

Elsa, Irma und der Greis steigen die Stufen hinan. Unter dem offenen
Portale sinken auch sie in die Knie. Tief zur Erde beugt das blinde
Kind das lockenreiche Haupt und spricht zu seinem Schöpfer des Herzens
stille Sprache. Nun erhebt Elsa ihr Antlitz, breitet weit die Arme
betend aus und ruft:

»Herr Jesu Christ, du süßer Gottessohn, du heilige Liebe meines ganzen
Herzens! Sieh gnädig nieder auf meinen Schmerz, der zu dir um Hilfe
aufschreit. Du, Gott der Liebe, des Erbarmens, sende einen Gnadenstrahl
in mein Herz, das Leid und Todesangst umnachtet! Schau nieder auf die
Erde! Die blinde Elsa, die dich reinen Herzens liebt, bringt sich
zum Opfer für ihren armen Vater. Nimm mich an und rette ^ihn^, den
Besten! Ein wilder Wahn hat die Welt erfaßt; ^sie^ kennt ^dich^ nicht
mehr, ^sie^ versteht nicht mehr ^dein Wort^ und ^deine Liebe^. Statt
unter dem Schatten deines Kreuzes allem Leide Heil zu holen, zwingt
Aberglaube, Haß und Gottentfremdung den Satan auf die Erde und in
die Herzen. Wie unter dem giftigen Hauche der Pest ungezählte Leben
enden, nun altersmüde, nun zur vollen Knospe erst erblüht, und wie des
Todes Sichel mäht, nicht achtend Kraft und Jugend: so faßt des Wahnes
Wirbeltanz seine Opfer, gleichviel ob schuldig oder nicht, ob fromm, ob
schlecht -- der wilde Wahn hat weder Herz noch Verstand, er mordet, er
mordet Schuld wie Unschuld.«

»Du weißt es, Herr, wie fremd mein Herz dem argen Frevel ist, dessen
sie mich zeihen. Mein Weg führt auf die Richtstätte; denn Recht und
Wahrheit sind der Erde jetzt fremd geworden. Noch bin ich nicht gehört,
und doch bin ich verdammt. Ich weiß es. Aber ich klage nicht für mich.
Ich steige aus dem Grabe, in welchem ich jetzt lichtlos atme, zu
einem anderen Grabe nieder, aus dem die Seele lichtvoll zu dir sich
aufschwingt. Darum zage ich nicht. Mir ist der Tod ein neues Leben.
Aber, o Herr der Liebe, meinen Vater schirme, sein altes, ehrengraues
Haupt, sein Herz voll treuer Liebe!«

»Und dieses Kind -- ein Engel noch an Unschuld, rein wie die Lilien
des Feldes und edel wie die Rosen -- o schütze beide, Herr! Ich aber,
großer Gott, ich will zum Opfer werden -- zur Sühne für den Frevel, den
die Welt mit deinem Namen treibt. Und nun segne mich, Herr, mit deiner
Liebe, mit deiner Allmacht, mit deines Herzens Allerbarmen!«

»Wohlan,« sprach sie, sich erhebend und zum Volk sich wendend, »laßt
uns gehen! Mein Blut, mein junges Leben gebe ich zum Opfer, zur Sühne
-- möge Gott es gnädig nehmen!«

Elsa stand hochaufgerichtet über der knienden Menge, ihr sonst so
seelenloses Auge schien von einem himmlischen Strahle durchleuchtet,
über ihrem Angesichte lagen Friede und Ergebung.

Lautes Schluchzen drang zu ihren Ohren. Ein schmerzlicher Zug lagerte
sich über Elsas Antlitz.

»Ihr weint! -- Ich kann euch mit des Leibes Auge nicht schauen und
euere Tränen nicht sehen. Aber euere Klagen, euer Schmerz spricht laut
zu mir. Ich will, wenn ich vollendet habe, eueren Jammer drüben vor dem
Throne Gottes niederlegen und beten, beten ohne Ende, daß die Schmach,
die auf uns und unserer Stadt lastet, daß der Frevel, der mit Gottes
heiligem Willen hier getrieben wird, zur Rüste gehe und Friede, Freude
wiederkehre.«

»Amen -- Amen!« rief das Volk mit lauter Stimme. Und weiter ging der
Zug durch Gassen, über Plätze, bis dort am Schneidturme des Kerkers
gähnende Nacht ihre Opfer verschlang.

       *       *       *       *       *

Fast zu gleicher Zeit, als Elsa mit ihrem Vater und der Schwester die
Schwelle des Gefängnisses betrat, banden die Schergen die schönen Hände
der Edeltraut Göbel, um die Jungfrau als Hexe gefänglich einzuziehen.

War Elsa Gering bei ihrer Gefangennahme das herrliche Bild edler Ruhe,
unbedingter Hingebung in Gottes herbe Zulassung, so war Edeltraut, so
sanft und milde sonst ihr Wesen war, bei der Ankündigung ihrer Schuld
voll kraftvoller Entrüstung. Das Bewußtsein ihrer Unschuld erhob sich
gegenüber der schmählichen Anklage und dem rohen Wesen der Schergen zu
jenem Zorne, der nicht der Leidenschaft angehört, sondern dem strengen
Rechtsgefühle, das jede Ungerechtigkeit verdammt. Stolz, ungebrochen,
wenn auch das schöne Antlitz Totenblässe deckte, schritt sie, umgeben
von den Schergen, nach dem Gefängnisse.

Das Volk murrte laut und immer lauter. So sehr es sich bei seiner
geistigen Verworrenheit um so sicherer fühlte, je mehr die Herren am
Gerichte gegen Zauberer und Hexen wüteten, so konnte es doch nicht
glauben, Elsa und Edeltraut seien gleich der alten Ammfrau und dem
fahrenden Gesindel in jenes gräßliche Laster verstrickt. Die beiden
Mädchen waren der Stolz der Stadt, Elsa durch ihre unbegrenzte
Liebenswürdigkeit, Edeltraut durch ihre hervorragende Schönheit und
Tugend, die sie damit verband. --

-- Der heutige Tag mit seinen Ereignissen hatte den Bürgern tief ins
Auge und Herz gegriffen, und ein finsterer, banger, ahnungsvoller Geist
durchzog die Stadt. Die Schenken standen leer, auf den Gassen schlichen
die Menschen mit hängenden Köpfen dahin, hie und da stieß man auf
flüsternde Gruppen mit zornglühenden Augen und schneidiger Rede. Jeden
drängte es fort in sein Heim; denn wer war nun noch sicher, daß nicht
im nächsten Augenblicke auch bei ihm die Henker eintreten und Weib und
Kind als Hexen fesseln würden?

Angstvoll scharten sich die Kinder in der Familienstube um die weinende
Mutter, finster und wortlos stand der Vater in seiner Werkstätte und
schaute in eine Zukunft voll banger Sorge. Mancher Geselle vom Rhein
und der Donau schnürte sein Bündel und kehrte der armen, schönen
Frankenstadt den Rücken und trug die traurige Märe von Würzburgs Hexen
hinaus in die weite Welt.

-- -- Und noch mehr Opfer!

Nikodemus Hirsch, Chorherr im neuen Münster, saß mit seinem Freunde
Christophorus Barger, Vikarius an selber Kirche, in trautem
Zwiegespräche.

Es war der Abend leise verdämmernd zur mondenklaren Nacht geworden. Im
Rebgeranke, das sich um die Fenster schlang, schlug vollen Tones die
Nachtigall ihr Lied, und draußen zirpten in den Gärten und den Wiesen
muntere Grillen.

Die beiden Priester sahen schweigend aus dem offenen Fenster, durch das
der blühenden Rebe balsamischer Odem in das Gemach strömte, nach den
dichtbelaubten Hügeln, über denen leichte Nebelwolken tanzend hingen,
einem Schleier gleich, den die schlummernde Erde über ihre Stirne zieht.

-- »Nun ist's erst wieder schön auf Erden, nun ruht das wogende,
drängende Leben und des Menschen Seele fühlt aus dem Atem der Natur des
Schöpfers Nähe.«

»Sehr wahr, mein lieber Nikodemus. Der Mensch versteht seinen Gott am
besten in der Einsamkeit. Und eben darum, weil der Mensch sich immer
mehr dem Lärm der Welt vertraut, verliert er auch den Geschmack am
Göttlichen und dessen Verständnis.«

»Und doch, zum Teufel laufen die Menschen, zu Gott aber hinken sie. Es
will sich keiner mehr selbst verlieren, darum findet auch keiner mehr
seinen Gott.«

»Und was man Gott entzieht, fällt dem Teufel zu.«

»Ein traurig wahres Wort, besonders in unserer Zeit, die sich so sehr
dem Aberglauben in seiner schlimmsten Gestalt überläßt. Es ist dem
Menschen ein natürlicher Gedanke, an Hexen und an Wesen, die mit den
Geistern der Finsternis verbündet sind, zu glauben. Das Bewußtsein,
daß der Mensch durch die Sünde unter die Herrschaft der bösen Geister
gekommen sei, ist zur gräßlichsten Entartung verzerrt worden. Und was
nun der von Gott losgerissene Mensch von seinem Schöpfer nicht mehr
erhoffen zu dürfen glaubt, das meint er durch ein Bündnis mit dem Bösen
erreichen zu können. Das Eingreifen der Geisterwelt in die Geschichte
der Menschheit ist unleugbar; aber der Glaube ist zum Aberglauben und
schlimmsten Wahn, zu trauriger Täuschung und teuflischer Vorspiegelung
ausgeartet. Auf der einen Seite tiefe Unwissenheit, auf der andern
ein in Glaube und Sitte verwildertes Volk; Fürsten, die den Glauben
ihrer Untertanen heute so und morgen wieder anders festsetzen, als
gälte es einen Steuerzettel zu bestimmen; dazu der Krieg mit seinen
Lastern und Greueln; die Entfesselung aller Leidenschaften und nirgend
eine dämmende, hemmende Macht; Menschenblut und Menschenleben ohne
Wert; Bosheit, Neid und Mißgunst, giftige Zungen, die an jeder Ehre
lecken: -- wahrhaftig, solche Faktoren lassen allein die gräßliche
Hexenkrankheit, an der die Menschheit leidet, erklärlich machen.«

»Und das Salz der Erde?«

Feste Männertritte, welche von der Stiege her ertönten, unterbrachen
das Gespräch der beiden Freunde. Ihre Verwunderung war keine geringe,
als sie den Vogt, der heute bereits eine so große Tätigkeit entwickelt
hatte, bei sich eintreten sahen. Sein Wesen war etwas befangen,
wenigstens fand er nicht den ihm sonst eigenen harten Ton, den er so
meisterhaft verstand, wenn er im Namen »einer hohen Obrigkeit« seines
Amtes waltete.

Er rieb sich die Hände und machte einige Verbeugungen, die wohl mehr
seine Verlegenheit verbergen, als seine Hochachtung ausdrücken sollten.

»Ich komme in später Stunde,« stammelte er, nach Fassung ringend und
nicht wagend, den beiden Priestern ins Auge zu schauen. »Nehmt es nicht
ungütig, es ist die Pflicht, die mich hieher führt.«

»Dann sollt Ihr uns doppelt bereit finden, Eurem Willen zu gehorchen,«
sprach der Chorherr. »Was verlangt Ihr von uns?«

»Daß die beiden Herren unverzüglich mit mir gehen.«

»Und wohin?«

»Ins Gefängnis.«

»Ins Gefängnis?« wiederholte Nikodemus Hirsch nicht ohne Überraschung.
»Herr Vogt, mir scheint, Ihr irret Euch!«

»Nicht doch! Ich habe strenge Weisung, den Chorherrn Nikodemus Hirsch
und den Vikarius Christoph Barger zu verhaften. Vier andere Priester
sind bereits vor einer Stunde eingezogen worden.«

»Und nun bei finsterer Nacht? Scheut Ihr des Tages Licht für Euer Tun?«
rief Barger unmutig.

»Nein! 's ist Rücksicht nur für eueren Stand, ihr Herren, daß ich zur
Nachtzeit zu euch komme. Es gäbe zu viel Lärm und nutzloses Gerede
unterm Volke, so man euch am hellen Tage nach dem Schneidturm führte.«

»Nach dem Schneidturme?« stieß der Chorherr voll Unwillen aus. »Dort
verwahrt man ja die Hexen!«

»Und die Zauberer,« setzte der Vogt trockenen Tones bei.

»Man wird uns doch nicht --«

»Man weiß,« unterbrach der Vogt, der immer mehr seine Sicherheit
wiederfand, »man weiß, daß ihr dem Teufel dient. Ja, ja, ihr Herren,
das hohe Gericht kennt euere Schuld. Es ist freilich mehr als
himmelschreiend, wenn selbst die Priester, statt das Volk zu lehren und
zu retten, sich dem Dienst des Satans weihen und selbst unschuldige
Kinder ins Verderben ziehen.«

»Spart Euere Worte!« entgegnete der Chorherr mit Würde. »Aus Euerer
Rede läßt das Unheil sich erraten, das über unsern Häuptern hängt.
In Gottes Namen, lieber Freund,« fuhr er zu Barger gewendet fort,
»gehen wir den Weg des Leidens und der Schmach. Du siehst, selbst bis
ins Heiligtum dringt schlimmer Wahn, und auch den Priester schützt
sein Stand nicht gegen böse Zungen. Die Unschuld geht mit uns in das
Gefängnis und vor die Richter, sie wird uns dort zum Retter werden aus
Schmach und Schande, und Gott, der einen Daniel der Susanna sandte,
wird auch uns seine Hilfe nicht entziehen. -- Herr Vogt, wir sind
bereit!«

-- -- Ein trüber Morgen brütet über der Stadt. Der Regen fällt in
schweren Tropfen aus dem grauen Gewölke und ein scharfer Nordwestwind
fegt durch die Gassen. Es ist so frostig draußen, daß die Blumen
die Kelche hängen lassen und ihre bunte Kleiderpracht durchnäßt am
Stiele klebt. Was Wunder auch, wenn leise der Himmel weint und rings
die Blumen trauern, wenn sich die Sonne in der Wolken Trauerschleier
verhüllt und nicht mit klarem Lichte die Stadt begrüßen kann, die eine
Nacht voll Schrecken durchlebt hat!

Im hohen Rate hatte man der Ammfrau Bernin Aussage von den zwanzig
Mädchen, welche dem Hexensabbate am Kreidenberge beigewohnt haben
sollten, sehr ernst genommen. Man forschte nach Namen, und die Alte,
stumpf geworden durch seelischen und körperlichen Schmerz und tief
verbittert durch der Richter Unerbittlichkeit, nannte, was ihr an Namen
eben in den Sinn kam. Möglich auch, daß Haß und Rache mit dabei im
Spiele waren und sie, die ihren Tod gewiß vor Augen sah, ein möglichst
zahlreiches Geleite nach der Richtstätte haben wollte.

Neben dem großen Eifer, der den Gerichtshof ohnedies schon in
Verfolgung der Hexen und Zauberer bis zur äußersten Grenze beseelte,
kam noch eine tiefe Mißstimmung der Herren, die in jenem Abende,
wo Pater Spee in Gegenwart des Fürstbischofs so einschneidende
Worte geredet hatte, ihren Grund fand. Man wollte durch massenhafte
Anhäufung des Hexenmaterials die Rede des Jesuiten Lüge strafen, man
wollte zeigen, daß das schreckliche Laster des Satansdienstes immer
allgemeiner werde und der menschlichen Gesellschaft der Untergang
drohe. Dadurch sollte auf den noch wankenden Fürsten ein Hochdruck
ausgeübt, er mit dem peinlichen Verfahren der Hexenrichter versöhnt und
endlich, was im ganzen Plane nicht das Geringste war, hiebei ein Schlag
gegen die Jesuiten und ganz besonders gegen den Pater Spee geführt
werden. -- So viele Umstände nun der Verwirklichung dieser Absichten
günstig waren, so war es doch geboten, mit äußerster Vorsicht zu Werke
zu gehen; denn trotz all ihrer Macht waren sich die Herren nur zu
wohl bewußt, daß Spee mit seiner apostolischen Unerschrockenheit und
seinem scharfen Verstande ihnen um so gefährlicher werden mußte, je
durchsichtiger ihre Pläne gehalten und je lockerer die Maschen gezogen
waren.

Während nun die Räte und ihre Gesinnungsgenossen in Würzburg selbst
ihre Tätigkeit aufs äußerste anspannten, schickten sie vertraute
Leute aufs Land hinaus, um die Gemüter der Bauern gegen die Hexen
aufzureizen. Die geängstigten Landleute, denen von jenen Sendlingen
die schauerlichsten Bilder vorgemalt wurden, wenn sie nicht mit aller
Macht gegen die Hexen ankämpften, wandten sich an den betreffenden
Inquisitor und flehten um seinen Beistand. Er ließ ihnen dann gnädigst
melden, er werde kommen und diese Pest vertilgen. Hierauf sandte er
Steuereintreiber voraus, die von Haus zu Haus gingen, um eine reiche
Sammlung vorzunehmen, als Handgeld, wie sie sagten. Nach Empfang
dieser Summe erschien der Hexenrichter, regte aufs neue die ohnedies
schon schwer geängstigten Gemüter durch Erzählung der Greueltaten und
Verschwörungen auf, welche die Hingerichteten bekannt hätten, stellte
sich dann, als wollte er wieder abreisen, bis die Frauen flehentlich
baten, der gnädigste Herr Hexenrichter möge doch bleiben, bis alle
Hexen bei ihnen vertilgt seien; sie wollten ja gerne nach besten
Kräften zahlen; man möge ihnen nur um Gottes willen alle Zauberer und
Hexen wegbrennen.[X]

In Würzburg selbst galt es, einen Hauptschlag zu führen. Gerings Elsa,
sowie Göbels Edeltraut, als Hexen angeklagt, mußten nicht nur bei der
öffentlichen Meinung -- und wo und wann gälte diese arge Törin nicht?
-- sondern auch im Urteile des Fürsten schwer ins Gewicht fallen, noch
schwerer die gegen einzelne Priester gerichtete Anklage des Bündnisses
mit dem Satan: und nun erst noch die unschuldigen Kinder!

Der Oberschultheiß hatte einzelne Schulmeister zu sich entboten,
um mit ihnen über etwaige auffallende Erscheinungen an den Kindern
Rücksprache zu nehmen. Und was war damals nicht alles auffallend? Dann
denke man sich einen Schulmeister damaliger Zeit vor einem gestrengen
Oberschultheiß -- die zitternde, ersterbende Demut vor der stolzen,
kalten Macht!

Der Gestrenge hatte schon ziemliche Ausbeute aus den Unterredungen
mit den Schulmeistern gewonnen. Dem einen schien es auffällig, daß
gewisse Kinder beten, und wieder, daß andere fluchen; dem andern, daß
selbst die Kinder schon von Hexen reden. Ein dritter erzählte, er habe
einmal mit hellem Entsetzen gesehen, wie seine Schüler in der freien
Zeit »Scheiterhaufen« spielten; da habe der, welcher den Angeklagten
gemacht, ganz merkwürdige Dinge geredet und ein gar eigenes Wesen zur
Schau getragen. Nun habe er aber gar in Erfahrung gebracht, daß das
Unwetter, welches gestern über der Stadt sich entladen hatte, von
einem Schulknaben gemacht worden sei. Derselbe habe nämlich auf dem
Nachhausewege von der Schule einem Mitschüler gegenüber die höchst
verdächtige Äußerung getan, es werde heute noch ein großes Gewitter
über Würzburg gehen. Und sei zu jener Stunde noch gar kein Gewölke
am Himmel zu sehen gewesen, während in der Nacht wirklich ein ganz
unnatürliches Donnerwetter gehaust habe.

Diese und ähnliche Aussagen waren für den Hexeneifer des
Oberschultheißen vollkommen ausreichend. Er ließ sich sowohl von der
alten Bernin als auch von den einzelnen Schulmeistern jene Kinder
bezeichnen, die im Verdachte des Bündnisses mit dem Teufel standen.
Dann gab er Befehl, die bezeichneten Kinder zur Nachtzeit gefangen zu
nehmen und nach dem Schneidturme zu bringen.

Es war gegen Mitternacht und alles lag in ruhigem Schlafe, als die
Schergen in die einzelnen Häuser eindrangen und die Auslieferung der
armen Kinder von den tödlich erschrockenen Eltern verlangten. Die
Mütter lagen händeringend auf den Knien und schrien und weinten zum
Himmel um Schutz für ihre Kleinen; die Väter fluchten und verwünschten
Richter und Gericht und schwuren Rache, blutige Rache; die Kinder
selbst aber klammerten sich mit der Kraft der Verzweiflung an ihre
Eltern an, bis sie der rohen Gewalt weichen und gar manche aus ihnen
von den heftigsten Krämpfen befallen nach dem Gefängnisse getragen
werden mußten.

Dort hatte man bereits einen eigenen Raum für diese jungen Hexen und
Zauberer bereitgehalten, und noch ehe der Morgen mit trübem Lichte
durch die kleine, vergitterte Maueröffnung, die als Fenster diente,
dämmerte, kauerten zwanzig Kinder in einem Alter von sechs bis elf
Jahren weinend und wehklagend auf dem faulen Stroh, mit welchem der
Boden des Gefängnisses bestreut war.

Die Stadt lag in tiefer Trauer. Die Männer standen finster grollend
zusammen und stritten und schmähten. Die Mütter umringten die Altäre
und bestürmten den Himmel mit glühenden Gebeten. Die Schulen wurden
geschlossen und die Kinder einer strengen Aufsicht unterstellt.

Der Oberschultheiß aber stand in seiner Amtsstube und nahm mit hoher
Befriedigung die Nachricht von der Gefangennahme der Priester und
Kinder entgegen.




9. Kapitel: ^Der Jesuit im Gefängnis^


Pater Spee hatte sogleich, nachdem er Kunde von den neuen Gefangenen
erhalten, sich aufgemacht um dieselben in ihren Kerkern zu besuchen,
sie zu trösten und ihnen jede Hilfe zu bringen, die in seiner Macht
stand. Für ihn, der die Leiden des Kerkerlebens aus täglicher eigener
Anschauung kannte und sich schon glücklich fühlte, wenn er durch seine
unermüdliche Liebe den Gefangenen einige Erleichterung verschaffen
konnte, war der heutige Gang nach dem Schneidturme ein so unendlich
bitterer, daß er zitternd und weinend erst in des Kerkermeisters
Stüblein treten mußte, um sich dort zu fassen und Mut und Kraft zu
sammeln, damit er all dem Elende ins Angesicht schauen konnte, das
seiner heute wartete.

Der Alte empfing den Jesuiten mit ehrerbietiger Vertraulichkeit. »Nehmt
Platz in meinem Sorgenstuhle, lieber Pater! Ist's doch ein echter
Sorgenstuhl geworden!«

Dabei schüttelte er das Haupt und wischte mit dem Rücken der Hand über
die Augen.

»Ich wollte,« fuhr er fort, »ich könnte dem hohen Rate die
Kerkerschlüssel zurückstellen. Meine ich doch, ich könne es nimmer
übers Herz bringen, die da drunten zu besuchen. Pater, Kinder, arme,
unschuldige Kinder haben sie mir heute nacht gebracht, 's ist zum
Herzbrechen! Und Priester und die ehrbarsten Jungfrauen der Stadt haben
bei mir Quartier neben dem schlechtesten Gesindel. Sollen sie alle
Hexen und Zauberer sein? Sagt mir, lieber Pater, glaubt Ihr das?«

»Gewiß nicht eines von ihnen!« antwortete Spee.

»Seht, Pater, da denkt Ihr wie ich. Die armen Kinderlein und die
Edeltraut und die Elsa... es ist zum Rasendwerden!«

»Was machen die Kleinen?« fragte der Jesuit mit bebender Stimme.

»Ach, du mein Gott!« rief der Alte und faltete die Hände, »die armen
Würmlein rufen nach ihren Eltern, daß es einen Stein erbarmen möchte.
Dann knien sie sich wieder zusammen auf den Boden und beten und weinen.
-- Herr, ich konnt' es nicht mit ansehen, die hellen Tränen stürzten
mir aus den Augen. O Pater, da müßt Ihr mit Euerer Liebe helfen,
unsereiner hat für solchen Jammer wohl eine Träne, aber kein tröstendes
Wort.«

Spee erhob sich rasch.

»Gott sei mit mir!« sprach er, einen flehenden Blick nach dem Himmel
sendend. »Kommt, guter Alter, und führt mich zu den Kindern!«

Die beiden Männer gingen über den Hof, dann eine enge Treppe aufwärts
und traten in einen düsteren Raum, in welchem nur ein schwaches
Tageslicht mit der Finsternis rang.

Als der Kerkermeister die schwere Türe öffnete und die Kinder den
Jesuiten erblickten, stürzten sie mit dem Rufe: »der gute Pater Spee!«
auf ihn zu, hingen sich an seinen Talar und weinten und klagten ohne
Ende.

»O führt uns heim zu Vater und zu Mutter, lieber Pater! Hier ist's so
schauerlich, zum Sterben schauerlich! O wir haben's alle dem lieben
Gott so fest versprochen, wir wollen nun gar fromm und folgsam sein,
nur möge er uns aus diesem schrecklichen Gefängnisse befreien!«

Spee setzte sich zu den Kindern auf das Stroh und ließ es gerne
geschehen, daß diese sich von allen Seiten an ihn drängten, ihre
Ärmlein um seinen Hals schlangen, ihn küßten und immer wieder riefen:
»Gelt, lieber, guter Pater, Ihr nehmt uns mit Euch fort, o bitte,
bitte!«

Der Jesuit weinte bitterlich.

»Warum weinst du denn?« fragte ein Mädchen von acht Jahren. »Mußt du
wohl auch hier im Gefängnisse bleiben? Dann bist du freilich so arm wie
wir, guter Pater!«

»Nein, liebes Kind,« antwortete Spee, »ich weine nur aus Mitleid, weil
ich euch, die ich so innig lieb habe, gar so unglücklich sehe. Aber,
Kindlein, ihr sollet nicht verzagen. Der liebe Gott führt euch recht
bald zu eueren Eltern....«

»Ach ja, recht bald, heute noch, gleich jetzt!« schrien die armen
Kleinen.

»Kinder, ihr müßt geduldig sein! Der liebe Gott bestimmt die Zeit, und
so lange müßt ihr warten. Ich glaube gerne, daß ihr alle brav und gut
seid; aber saget mir aufrichtig, habt ihr nicht doch zuweilen eueren
Eltern mit eueren kleinen Fehlern Kummer bereitet?«

»Freilich ja, aber nicht zanken, bitte!«

»Nein, ich zanke nicht. Allein seht, der liebe Gott im Himmel droben
will euch ganz brav wissen und hat euch nun gestraft. Nun müßt ihr ihm
versprechen, nie mehr böse zu sein, und wenn ihr das tut, dann werdet
ihr wieder zu eueren Eltern heimkehren dürfen.«

»O, wir versprechen alles -- alles!«

»Geh' du zum lieben Gott und sag' es ihm, daß die kleine Irma nicht
mehr trotzen will.«

»Schön, mein Kind!« lobte Spee.

»Und Hans will nicht mehr lügen.... Und ich will schneller gehorchen!«

»Gut, gut, ihr lieben Kinder! Nun muß ich euch noch etwas fragen. Sagt
mir, habt ihr nie von Hexen gehört?«

»Ach ja!«

»Und wißt ihr, wie eine Hexe ist?«

»Etwas recht Böses.«

»Seid ihr auch Hexlein und Zauberer?«

»Aber, Pater Spee, wie du nur so fragen kannst!« rief ein kleiner Junge
voll Entrüstung aus.

»Böse Menschen,« sprach der Jesuit mit liebevollem Tone, »haben von
euch ausgesagt, ihr wäret mit dem Satan im Bunde und treibet gar
schlimme Dinge. Ist das wahr, liebe Kinder?«

»Nein, nein, es ist abscheulich, so auf uns zu lügen!« riefen die
größeren, während die kleinen voll Angst sich an den Priester
schmiegten.

»Ich glaub' euch gern, Kinder. Wie solltet ihr denn auch so böse sein?
Seid nur zufrieden! Bald, recht bald führe ich euch wieder zu eueren
Eltern. Bis dahin verhaltet euch ruhig. Es ist so düster hier, daß
euere kleinen Herzchen gar zu leicht der Traurigkeit verfallen. Da
müßt ihr selbst euch helfen. Du, Trine, mußt als die Älteste wie eine
Mutter für die Kleinen sorgen. Du mußt mit ihnen beten, spielen und sie
trösten. Und du, Jörg, sollst der Knaben Vater sein. Ich komme heute
abend wieder, und da soll es mich recht herzlich freuen, wenn ich höre,
daß ihr alle geduldig und brav gewesen seid.«

»Du lieber, guter Pater Spee!« riefen des Dankes voll die Kinder und
umdrängten und küßten ihn von neuem.

»Und nun laßt uns noch zusammen ein frommes Gebet sprechen, liebe
Kinder!«

Die Kleinen knieten sich um den Priester und falteten die zitternden
Hände.

»Ave Maria...«

Spee erhob sich, segnete jedes Kind und schied. Vor der geschlossenen
Kerkertüre blieb er stehen, lehnte das Haupt an die feuchte Wand und
weinte.

Der alte Kerkermeister stand in einer Ecke, auf den Pater wartend. Ihm
gingen Herz und Augen über, als er des Jesuiten Schmerz und Tränen sah.

»Das ist eine Liebe,« sprach er zu sich selbst, indes sein Auge an dem
Priester hing, »die treuen Schrittes mit dem Elend geht. Was zwingt den
Mann, Tag um Tag die Kerker heimzusuchen, als seine große Liebe! Möchte
wissen, welchen reichen Erdenlohn ein anderer heischte, müßte er gleich
unserem Spee solch traurigen Amtes walten! Er ist doch wohl der einzige
und letzte Trost, der unseren Hexen wird; denn hätten sie den Pater
nicht, sie verzweifelten an Gott! Mit diesem Jesuiten leben, wäre wohl
nicht süß, aber mit ihm sterben, müßte herrlich sein. Denn wenn solche
Liebe nicht den ganzen vollen Himmelslohn erkämpft, dann gibt es keinen
Herrgott! -- Ei, was schwatz' ich da an mich selbst hin! -- Pater Spee,
laßt euer Weinen! Ihr werdet sonst noch krank, und dann sind meine
armen Gefangenen erst recht übel daran! Kommt mit mir! Im unteren Loche
sitzt böse Gesellschaft; versucht auch an ihr Euer Wort; ich fürchte
aber, Ihr erntet schlechten Dank!«

Spee folgte dem Alten in ein schauriges Verließ. Der Kerkermeister
stellte seine Öllampe auf einen Stein. Das trübe Licht wollte in der
dumpfen Luft schier erlöschen und warf kaum so viel Schein, um die auf
dem Stroh gelagerten Personen erkennen zu können.

In einem Winkel kauerte Helena und die Schenkwirtin vom Waldhause bei
Hettstadt. Auf der andern Seite saßen, an die Wand gefesselt, der
Zuckerwastl, der Pappenheimer und der Neunaugen. Die drei Gesellen
schauten wilden Auges auf, als sich die Türe ihres Kerkers öffnete;
als sie aber den Priester eintreten sahen, blickten sie voll Trotz zu
Boden und ließen den frommen Gruß des Paters unerwidert. Spee segnete
die Gefangenen, doch keiner bezeichnete sich mit dem Kreuze; höhnisch
lachte dazu der Zuckerwastl und geistlos stierte der Neunaugen.

Der Jesuit fragte teilnahmsvoll nach dem Zustande der Gefangenen, deren
Schuld ihm bekannt war. Er baute auf der Schuld das Glück der Sühne auf
und zeigte, daß auch der bösen Tat die hoffnungsfrohe Zukunft nicht
fehle, wenn die Reue des Menschen Herz vom Bösen abwendet.

»Haha, Ihr macht mich lachen,« spottete der Zuckerwastl, »Ihr plaudert
da von Reue und von Sühne. Mich reut auf Erden gar nichts, als der
Wein, den ich nicht getrunken, und das Geld, das ich nicht gestohlen.«

»Und deine Seele?« fragte Spee mit Nachdruck

»Weiß ich denn, ob ich überhaupt eine solche habe? Ihr Herren, ja, ihr
könnt prächtig predigen! Ihr sitzt in gutem Leben und im Überfluß. Wir
armen Tropfen sollen uns mit einer Seele trösten, die doch am Ende zum
Teufel fährt. Laßt mich in Ruhe! Ich will von euerem frommen Geplauder
nichts wissen. Wenn mich die Raben draußen am Galgen fressen, so ist's
mir einerlei. Denn Seele habe ich doch keine.«

Der Jesuit sah in tiefer Trauer auf den Verstockten.

»Verzeih',« sprach er, »ich wollte dir nicht lästig sein. Laß uns von
anderem reden! Willst du mir wohl aus deinem Leben etwas erzählen? Dir
kürzt das die Zeit, und ich lausche gerne deiner Rede.«

»Meinetwegen,« gab der Zuckerwastl etwas freundlicher zurück, »plaudern
wir eins; nur laßt alles fromme Zeug aus unserer Unterhaltung. Ich will
euch einmal ein volles Gaunerleben schauen lassen. 's ist wahr, es
hat gar oft an Rad und Galgen hart angestreift, aber der Zuckerwastl
war stets klüger als die weisen Herren vom Rate. Wäre es möglich, daß
ein Mensch als wilde Frucht vom Baume fällt, so wäre es wohl bei mir
geschehen. Von Eltern weiß ich nichts. Ich hätte ihnen wahrscheinlich
auch nur wenig Freude gemacht. Ein Bauernweib fand mich eines Morgens
vor der Haustüre und zog mich mit ihren Kindern auf. Gibt es einen
Herrgott und hat sie damit ein gutes Werk getan, so soll sie dafür
gesegnet sein. Gelernt habe ich gar nichts,« fuhr er lachend weiter;
»ich glaube nicht, daß je ein Menschenhirn weniger von Weisheit,
Schulmeisterei und Katechismus heimgesucht worden ist, als das meine.
Ist nicht schade darum; gibt gelehrte Leute genug, die die Welt
verkehren und verderben. Als ich anfing, Kraft in meinen Knochen und
Witz in meinem Gehirne zu verspüren, entlief ich meinen Pflegeeltern
und flog wie ein Vogel in die weite, prächtige Welt. Der Wald war mein
Haus und der Himmel mein Dach. Unter jedem rauchenden Schornsteine ward
für mich gekocht, denn jeder gab mir gerne, um meiner wieder ledig zu
werden. Den Gerichten ging ich scheu aus dem Wege, aber unter dem
Galgen schlief ich so herrlich wie ein König in seinem Seidenbette.
Gestohlen -- ihr reichen Herren nennt das Nehmen bei uns stehlen --
gestohlen habe ich nach guter Gelegenheit, und diese ergab sich schier
alle Tage; zuweilen habe ich auch ein wenig gemordet. Anfangs wollte
es mir so eigen da drinnen werden, wenn ich das fließende Blut und die
brechenden Augen sah. Da schrie es in mir: es gibt einen Gott und eine
Gerechtigkeit, eine Strafe und eine Hölle.«

Der Erzähler machte hier eine Pause, kreuzte die Arme über die Knie und
ließ das Haupt auf die Brust herabsinken. Es mochten wohl schreckliche
Bilder der Vergangenheit in seiner Seele aufgestiegen sein, denn in
seinem Angesichte spiegelten sich Ekel, Schmerz und Entsetzen.

Spee legte leise seine Hand auf den Arm des Verbrechers.

»Du bist so ernst,« sprach er mit dem Ausdrucke teilnehmender Liebe.
»Was ist es, das deine Seele drückt?«

»Also meint Ihr gewiß, ich hätte eine unsterbliche Seele?« fragte der
Zuckerwastl mit einem stechenden Blicke nach dem Pater.

»Ja.«

»Wie bestimmt Ihr das saget!« murmelte er und schüttelte den Kopf. --
»Mit einer unsterblichen Seele müßte ich in eine Ewigkeit hinüber und
vor einen Richter, der Gott ist. Nein, nein, das glaube ich nicht!
-- Ich mag nicht,« grollte er mit leiser Stimme fort, »ich mag nicht
glauben, nein, es darf keinen Herrgott geben! He, was meint ihr
dahinten,« rief er, den Kopf nach seinen Mitgefangenen wendend, »hat
der Pater recht und gibt es einen Herrgott?«

»Wahrscheinlich,« unterbrach der Neunaugen sein dumpfes Brüten.

»Und ich glaube gewiß, daß es einen Herrgott gibt,« sprach Helena und
stützte das Haupt auf die Hand, um den Schmerz, der aus der Tiefe der
Seele auf die Oberfläche des Antlitzes trat, zu verbergen.

Spee hatte den Rosenkranz von seinem Gürtel gelöst und legte ihn mit
dem daran befindlichen Kreuze in die Hand des Zuckerwastl.

Ein leises Zittern durchbebte für einen Augenblick seine Glieder. Sein
Auge aber haftete mit einer durchbohrenden Kraft auf dem Bilde des
Gekreuzigten.

»Es war um Weihnachten,« begann er in halblautem Selbstgespräche, »als
ich mit drei Gesellen durch den Bayerischen Wald zog. Frost und Hunger
quälten uns, und an den Türen der Menschen fanden wir karge Gaben und
feindselige Worte. Ich sah, wie der Hofhund aus voller Schüssel fraß,
und biß mit steigendem Grimme in die gefrorenen Brotrinden, die ich
in meinem Schnappsacke trug. Und mit dem kalten, harten Brote aß ich
heißen Zorn und Haß in mich hinein und ich schwur mir selbst, der
erste Mensch, der mir des Weges käme, sollte sterben. Ich war so voll
des wildesten Grimmes, daß ich schier vor mir selber Furcht empfand.
Dicht fiel der Schnee vom Himmel, eisigkalter Frost schüttelte mir
die starren Glieder, nur im Herzen kochte und brandete es, als säße
der Teufel drinnen. Wir mochten etwa eine Stunde gegangen sein, der
Wald fing an sich zu lichten und Glockengeläute drang zu uns herüber.
Da trat an der Biegung des Weges uns ein junges Weib entgegen, einen
Säugling auf den Armen tragend. In meiner Wut sprang ich mit gezücktem
Messer auf sie zu, um sie zu morden; doch einer meiner Gesellen hielt
mir den Arm. -- Tu's nicht, 's ist eine junge Mutter! -- Ich sah sie
an. Sie lag auf ihren Knien, das Kind verzweiflungsvoll an ihre Brust
gedrückt, und ihre Augen schauten so bittend zu mir auf, daß mir noch
heute alle Sinne schwinden. -- O schone meiner um des Kindes willen!
rief sie flehend -- es war ihr letztes Wort.«

»Hoch auf spritzte da

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