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Reden an die deutsche Nation

by Johann Gottlieb Fichte · German · Gutenberg #48340 · 517,395 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Reden an die deutsche Nation
    
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Title: Reden an die deutsche Nation

Author: Johann Gottlieb Fichte


        
Release date: February 22, 2015 [eBook #48340]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48340

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, G. Decknatel and the Online
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REDEN AN DIE DEUTSCHE NATION ***

Anmerkungen zur Transkription:

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       *       *       *       *       *




  Reden
  an die deutsche Nation

  Von

  Johann Gottlieb Fichte

  Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig




  Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig




Inhalt.


                                                                  Seite

  Erste Rede: Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen               3

  Zweite Rede: Vom Wesen der neuen Erziehung im allgemeinen          20

  Dritte Rede: Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung       37

  Vierte Rede: Hauptverschiedenheit zwischen den deutschen und
  den übrigen Völkern germanischer Abkunft                           54

  Fünfte Rede: Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit          72

  Sechste Rede: Darlegung der deutschen Grundzüge in der
  Geschichte                                                         89

  Siebente Rede: Noch tiefere Erfassung der Ursprünglichkeit
  und Deutschheit eines Volkes                                      104

  Achte Rede: Was ein Volk sei, in der höhern Bedeutung des
  Worts, und was Vaterlandsliebe                                    124

  Neunte Rede: An welchen in der Wirklichkeit vorhandenen
  Punkt die neue Nationalerziehung der Deutschen anzuknüpfen
  sei                                                               144

  Zehnte Rede: Zur nähern Bestimmung der deutschen
  Nationalerziehung                                                 160

  Elfte Rede: Wem die Ausführung dieses Erziehungsplanes
  anheimfallen werde                                                178

  Zwölfte Rede: Ueber die Mittel, uns bis zur Erreichung
  unsers Hauptzwecks aufrecht zu erhalten                           196

  Dreizehnte Rede: Fortsetzung der angefangenen Betrachtung         212

  Vierzehnte Rede: Beschluß des Ganzen                              234




Erste Rede.

Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen.


Als eine Fortsetzung der Vorlesungen, die ich im Winter vor drei
Jahren allhier an derselben Stätte gehalten, und welche unter dem
Titel: »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« gedruckt sind,
habe ich die Reden,[1] die ich hiermit beginne, angekündigt.
Ich hatte in jenen Vorlesungen gezeigt, daß unsre Zeit in dem
dritten Hauptabschnitte der gesamten Weltzeit stehe, welcher
Abschnitt den bloßen sinnlichen Eigennutz zum Antriebe aller
seiner lebendigen Regungen und Bewegungen habe; daß diese Zeit in
der einzigen Möglichkeit des genannten Antriebes sich selbst auch
vollkommen verstehe und begreife; und daß sie durch diese klare
Einsicht ihres Wesens in diesem ihren lebendigen Wesen, tief
begründet und unerschütterlich befestigt werde.

  [1] Diese Reden sind im Jahre 1808 zum erstenmal im Druck
      erschienen.

Mit uns gehet, mehr als mit irgendeinem Zeitalter, seitdem es
eine Weltgeschichte gab, die Zeit Riesenschritte. Innerhalb der
drei Jahre, welche seit dieser meiner Deutung des laufenden
Zeitabschnittes verflossen sind, ist irgendwo dieser Abschnitt
vollkommen abgelaufen und beschlossen. Irgendwo hat die Selbstsucht
durch ihre vollständige Entwicklung sich selbst vernichtet, indem
sie darüber ihr Selbst, und dessen Selbständigkeit, verloren;
und ihr, da sie gutwillig keinen andern Zweck, denn sich selbst,
sich setzen wollte, durch äußerliche Gewalt ein solcher andrer
und fremder Zweck aufgedrungen worden. Wer es einmal unternommen
hat, seine Zeit zu deuten, der muß mit seiner Deutung auch ihren
Fortgang begleiten, falls sie einen solchen Fortgang gewinnt;
und so wird es mir denn zur Pflicht, vor demselben Publikum, vor
welchem ich etwas als Gegenwart bezeichnete, dasselbe als vergangen
anzuerkennen, nachdem es aufgehört hat, die Gegenwart zu sein.

Was seine Selbständigkeit verloren hat, hat zugleich verloren das
Vermögen einzugreifen in den Zeitfluß, und den Inhalt desselben
frei zu bestimmen; es wird ihm, wenn es in diesem Zustande
verharret, seine Zeit, und es selber mit dieser seiner Zeit,
abgewickelt durch die fremde Gewalt, die über sein Schicksal
gebietet; es hat von nun an gar keine eigne Zeit mehr, sondern
zählt seine Jahre nach den Begebenheiten und Abschnitten
fremder Völkerschaften und Reiche. Es könnte sich erheben aus
diesem Zustande, in welchem die ganze bisherige Welt seinem
selbsttätigen Eingreifen entrückt ist, und in dieser ihm nur der
Ruhm des Gehorchens übrigbleibt, lediglich unter der Bedingung,
daß ihm eine neue Welt aufginge, mit deren Erschaffung es einen
neuen und ihm eignen Abschnitt in der Zeit begönne, und mit ihrer
Fortbildung ihn ausfüllte; doch müßte, da es einmal unterworfen
ist fremder Gewalt, diese neue Welt also beschaffen sein, daß
sie unvernommen bliebe jener Gewalt, und ihre Eifersucht auf
keine Weise erregte, ja, daß diese durch ihren eignen Vorteil
bewegt würde, der Gestaltung einer solchen kein Hindernis in
den Weg zu legen. Falls es nun eine also beschaffene Welt als
Erzeugungsmittel eines neuen Selbst und einer neuen Zeit, geben
sollte, für ein Geschlecht, daß sein bisheriges Selbst und
seine bisherige Zeit und Welt verloren hat, so käme es einer
allseitigen Deutung selbst der möglichen Zeit zu, diese also
beschaffene Welt anzugeben.

Nun halte ich meines Orts dafür, daß es eine solche Welt gebe,
und es ist der Zweck dieser Reden, Ihnen das Dasein und den
wahren Eigentümer derselben nachzuweisen, ein lebendiges Bild
derselben vor ihre Augen zu bringen, und die Mittel ihrer
Erzeugung anzugeben. In dieser Weise demnach werden diese Reden
eine Fortsetzung der ehemals gehaltenen Vorlesungen über die
damals gegenwärtige Zeit sein, indem sie enthüllen werden das
neue Zeitalter, das der Zerstörung des Reichs der Selbstsucht
durch fremde Gewalt unmittelbar folgen kann und soll.

Bevor ich jedoch dieses Geschäft beginne, muß ich Sie ersuchen
vorauszusetzen, also daß es Ihnen niemals entfalle, und einverstanden
zu sein mit mir, wo und inwiefern dies nötig ist, über die folgenden
Punkte:

1. Ich rede für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg,
nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend und
wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige
Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben.
Sie, E. V., sind zwar meinem leiblichen Auge die ersten und
unmittelbaren Stellvertreter, welche die geliebten Nationalzüge
mir vergegenwärtigen, und der sichtbare Brennpunkt, in welchem
die Flamme meiner Rede sich entzündet; aber mein Geist versammelt
den gebildeten Teil der ganzen deutschen Nation, aus allen den
Ländern, über welche er verbreitet ist, um sich her, bedenkt
und beachtet unser aller gemeinsame Lage und Verhältnisse,
und wünscht, daß ein Teil der lebendigen Kraft, mit welcher
diese Reden vielleicht Sie ergreifen, auch in dem stummen
Abdrucke, welcher allein unter die Augen der Abwesenden kommen
wird, verbleibe, und aus ihm atme, und an allen Orten deutsche
Gemüter zu Entschluß und Tat entzünde. Bloß von Deutschen und
für Deutsche schlechtweg, sagte ich. Wir werden zu seiner Zeit
zeigen, daß jedwede andre Einheitsbezeichnung oder Nationalband
entweder niemals Wahrheit und Bedeutung hatte, oder, falls es
sie gehabt hätte, daß diese Vereinigungspunkte durch unsre
dermalige Lage vernichtet, und uns entrissen sind, und niemals
wiederkehren können; und daß es lediglich der gemeinsame Grundzug
der Deutschheit ist, wodurch wir den Untergang unsrer Nation im
Zusammenfließen derselben mit dem Auslande, abwehren, und worin
wir ein auf ihm selber ruhendes, und aller Abhängigkeit durchaus
unfähiges Selbst, wiederum gewinnen können. Es wird, sowie
wir dieses letztere einsehen werden, zugleich der scheinbare
Widerspruch dieser Behauptung mit anderweitigen Pflichten, und
für heilig gehaltenen Angelegenheiten, den vielleicht dermalen
mancher fürchtet, vollkommen verschwinden.

Ich werde darum, da ich ja nur von Deutschen überhaupt rede,
manches, das von den allhier Versammelten nicht zunächst gilt,
aussprechen, als dennoch von uns geltend, so wie ich andres,
das zunächst nur von uns gilt, aussprechen werde, als für alle
Deutsche geltend. Ich erblicke in dem Geiste, dessen Ausfluß
diese Reden sind, die durcheinander verwachsene Einheit, in der
kein Glied irgendeines andern Gliedes Schicksal, für ein ihm
fremdes Schicksal hält, die da entstehen soll und muß, wenn wir
nicht ganz zugrunde gehen sollen -- ich erblicke diese Einheit
schon als entstanden, vollendet, und gegenwärtig dastehend.

2. Ich setze voraus solche deutsche Zuhörer, welche nicht
etwa mit allem was sie sind, rein aufgehen in dem Gefühle des
Schmerzes über den erlittenen Verlust, und in diesem Schmerze
sich wohlgefallen, und an ihrer Untröstlichkeit sich weiden,
und durch dieses Gefühl sich abzufinden gedenken mit der an sie
ergehenden Anforderung zur Tat; sondern solche, die selbst über
diesen gerechten Schmerz zu klarer Besonnenheit und Betrachtung
sich schon erhoben haben, oder wenigstens fähig sind, sich dazu
zu erheben. Ich kenne jenen Schmerz, ich habe ihn gefühlt wie
einer, ich ehre ihn; die Dumpfheit, welche zufrieden ist, wenn
sie Speise und Trank findet, und kein körperlicher Schmerz ihr
zugefügt wird, und für welche Ehre, Freiheit, Selbständigkeit
leere Namen sind, ist seiner unfähig: aber auch er ist lediglich
dazu da, um zu Besinnung, Entschluß und Tat uns anzuspornen;
dieses Endzwecks verfehlend, beraubt er uns der Besinnung, und
aller uns noch übriggebliebenen Kräfte, und vollendet so unser
Elend, indem er noch überdies, als Zeugnis von unsrer Trägheit
und Feigheit, den sichtbaren Beweis gibt, daß wir unser Elend
verdienen. Keineswegs aber gedenke ich Sie zu erheben über
diesen Schmerz, durch Vertröstungen auf eine Hilfe, die von
außen her kommen solle, und durch Verweisungen auf allerlei
mögliche Ereignisse, und Veränderungen, die etwa die Zeit
herbeiführen könne; denn, falls auch nicht diese Denkart, die
lieber in der wankenden Welt der Möglichkeiten schweift, als
auf das Notwendige sich heften mag, und die ihre Rettung lieber
dem blinden Ohngefähr, als sich selber, verdanken will, schon
an sich von dem sträflichsten Leichtsinne, und der tiefsten
Verachtung seiner selbst zeugte, so wie sie es tut, so haben auch
noch überdies alle Vertröstungen und Verweisungen dieser Art
durchaus keine Anwendung auf unsre Lage. Es läßt sich der strenge
Beweis führen, und wir werden ihn zu seiner Zeit führen, daß
kein Mensch, und kein Gott, und keines von allen im Gebiete der
Möglichkeit liegenden Ereignissen uns helfen kann, sondern daß
allein wir selber uns helfen müssen, falls uns geholfen werden
soll. Vielmehr werde ich Sie zu erheben suchen über den Schmerz,
durch klare Einsicht in unsre Lage, in unsre noch übriggebliebene
Kraft, in die Mittel unsrer Rettung. Ich werde darum allerdings
einen gewissen Grad der Besinnung, eine gewisse Selbsttätigkeit,
und einige Aufopferung anmuten, und rechne darum auf Zuhörer,
denen sich soviel anmuten läßt. Uebrigens sind die Gegenstände
dieser Anmutung insgesamt leicht, und setzen kein größeres Maß
von Kraft voraus, als man, wie ich glaube, unserm Zeitalter
zutrauen kann; was aber die Gefahr betrifft, so ist dabei
durchaus keine.

3. Indem ich eine klare Einsicht der Deutschen, als solcher,
in ihre gegenwärtige Lage hervorzubringen gedenke: setze ich
voraus Zuhörer, die da geneigt sind, mit eignen Augen die Dinge
dieser Art zu sehen, keineswegs aber solche, die es bequemer
finden, ein fremdes und ausländisches Sehwerkzeug, das entweder
absichtlich auf Täuschung berechnet ist, oder das auch natürlich,
durch seinen andern Standpunkt, und durch das geringere Maß von
Schärfe, niemals auf ein deutsches Auge paßt, bei Betrachtung
dieser Gegenstände sich unterschieben zu lassen. Ferner setze
ich voraus, daß diese Zuhörer in dieser Betrachtung mit eignen
Augen den Mut haben, redlich hinzusehen auf das, was da ist, und
redlich sich zu gestehen, was sie sehen, und daß sie jene häufig
sich zeigende Neigung, über die eignen Angelegenheiten sich zu
täuschen, und ein weniger unerfreuliches Bild von denselben,
als mit der Wahrheit bestehen kann, sich vorzuhalten, entweder
schon besiegt haben, oder doch fähig sind, sie zu besiegen. Jene
Neigung ist ein feiges Entfliehen vor seinen eignen Gedanken, und
kindischer Sinn, der da zu glauben scheint, wenn er nur nicht
sehe sein Elend, oder wenigstens sich nicht gestehe, daß er es
sehe, so werde dieses Elend dadurch auch in der Wirklichkeit
aufgehoben, wie es aufgehoben ist in seinem Denken. Dagegen ist
es mannhafte Kühnheit, das Uebel fest ins Auge zu fassen, es zu
nötigen standzuhalten, es ruhig, kalt und frei zu durchdringen,
und es aufzulösen in seine Bestandteile. Auch wird man nur
durch diese klare Einsicht des Uebels Meister, und geht in der
Bekämpfung desselben einher mit sicherem Schritte, indem man,
in jedem Teile das Ganze übersehend, immer weiß, wo man sich
befinde, und durch die einmal erlangte Klarheit seiner Sache
gewiß ist, dagegen der andre, ohne festen Leitfaden, und ohne
sichere Gewißheit blind und träumend herumtappt.

Warum sollten wir denn auch uns scheuen vor dieser Klarheit?
Das Uebel wird durch die Unbekanntschaft damit nicht kleiner,
noch durch die Erkenntnis größer; es wird nur heilbar durch die
letztere; die Schuld aber soll hier gar nicht vorgerückt werden.
Züchtige man durch bittere Strafrede, durch beißenden Spott,
durch schneidende Verachtung die Trägheit und die Selbstsucht,
und reize sie, wenn auch zu nichts Besserem, doch wenigstens zum
Hasse und zur Erbitterung gegen den Erinnerer selbst, als doch
auch einer kräftigen Regung, an -- solange die notwendige Folge,
das Uebel, noch nicht vollendet ist, und von der Besserung noch
Rettung oder Milderung sich erwarten läßt. Nachdem aber dieses
Uebel also vollendet ist, daß es uns auch die Möglichkeit auf
diese Weise fortzusündigen benimmt, wird es zwecklos, und sieht
aus wie Schadenfreude, gegen die nicht mehr zu begehende Sünde
noch ferner zu schelten; und die Betrachtung fällt sodann aus
dem Gebiete der Sittenlehre in das der Geschichte, für welche
die Freiheit vorüber ist, und die das Geschehene als notwendigen
Erfolg aus dem Vorhergegangenen ansieht. Es bleibt für unsre
Reden keine andre Ansicht der Gegenwart übrig, als diese letzte,
und wir werden darum niemals eine andre nehmen.

Diese Denkart also, daß man sich als Deutschen schlechtweg denke,
daß man nicht gefesselt sei durch den Schmerz, daß man die
Wahrheit sehen wolle, und den Mut habe ihr ins Auge zu blicken,
setze ich voraus, und rechne auf sie bei jedem Worte, das ich
sagen werde, und so jemand eine andre in diese Versammlung
mitbrächte, so würde derselbe die unangenehmen Empfindungen,
die ihm hier gemacht werden könnten, lediglich sich selbst
zuzuschreiben haben. Dies sei hiermit gesagt für immer, und
abgetan: und ich gehe nun an das andre Geschäft, Ihnen den
Grundinhalt aller folgenden Reden in einer allgemeinen Uebersicht
vorzulegen.

Irgendwo, sagte ich im Eingange meiner Rede, habe die Selbstsucht
durch ihre vollständige Entwicklung sich selbst vernichtet,
indem sie darüber ihr Selbst, und das Vermögen, sich selbständig
ihre Zwecke zu setzen, verloren habe. Diese nunmehr erfolgte
Vernichtung der Selbstsucht war der von mir angegebene Fortgang
der Zeit, und das durchaus neue Ereignis in derselben, das nach
mir eine Fortsetzung meiner ehemaligen Schilderung der Zeit so
möglich wie notwendig machte; diese Vernichtung wäre somit unsre
eigentliche Gegenwart, an welche unser neues Leben in einer
neuen Welt, deren Dasein ich gleichfalls behauptete, unmittelbar
angeknüpft werden müßte, sie wäre daher auch der eigentliche
Ausgangspunkt meiner Reden; und ich hätte vor allen Dingen zu
zeigen, wie und warum eine solche Vernichtung der Selbstsucht aus
ihrer höchsten Entwicklung notwendig erfolge.

Bis zu ihrem höchsten Grade entwickelt ist die Selbstsucht,
wenn, nachdem sie erst mit unbedeutender Ausnahme die Gesamtheit
der Regierten ergriffen, sie von diesen aus sich auch der
Regierenden bemächtigt, und deren alleiniger Lebenstrieb wird.
Es entsteht einer solchen Regierung zuförderst nach außen die
Vernachlässigung aller Bande, durch welche ihre eigne Sicherheit
an die Sicherheit andrer Staaten geknüpft ist, das Aufgeben
des Ganzen, dessen Glied sie ist, lediglich darum, damit sie
nicht aus ihrer trägen Ruhe aufgestört werde, und die traurige
Täuschung der Selbstsucht, daß sie Frieden habe, solange nur die
eignen Grenzen nicht angegriffen sind; sodann nach innen jene
weichliche Führung der Zügel des Staats, die mit ausländischen
Worten sich Humanität, Liberalität und Popularität nennt, die
aber richtiger in deutscher Sprache Schlaffheit und ein Betragen
ohne Würde zu nennen ist.

Wenn sie auch der Regierenden sich bemächtigt, habe ich gesagt.
Ein Volk kann durchaus verdorben sein, d. i. selbstsüchtig, denn
die Selbstsucht ist die Wurzel aller andern Verderbtheit --
und dennoch dabei nicht nur bestehen, sondern sogar äußerlich
glänzende Taten verrichten, wenn nur nicht seine Regierung
eben also verdirbt; ja die letztere sogar kann auch nach außen
treulos und pflicht- und ehrvergessen handeln, wenn sie nur nach
innen den Mut hat, die Zügel des Regiments mit straffer Hand
anzuhalten, und die größere Furcht für sich zu gewinnen. Wo aber
alles eben genannte sich vereinigt, da geht das gemeine Wesen
bei dem ersten ernstlichen Angriffe, der auf dasselbe geschieht,
zugrunde, und so, wie es selbst erst treulos sich ablöste von
dem Körper, dessen Glied es war, so lösen jetzt seine Glieder,
die keine Furcht vor ihm hält, und die die größere Furcht vor
dem Fremden treibt, mit derselben Treulosigkeit sich ab von ihm,
und gehen hin, ein jeder in das Seine. Hier ergreift die nun
vereinzelt stehenden abermals die größere Furcht, und sie geben
in reichlicher Spende, und mit erzwungen fröhlichem Gesichte dem
Feinde, was sie kärglich und äußerst unwillig dem Verteidiger
des Vaterlandes geben; bis späterhin auch die von allen Seiten
verlassenen und verratenen Regierenden genötigt werden, durch
Unterwerfung und Folgsamkeit gegen fremde Pläne ihre Fortdauer
zu erkaufen; und so nun auch diejenigen, die im Kampfe für das
Vaterland die Waffen wegwarfen, unter fremden Panieren lernen,
dieselben gegen das Vaterland tapfer zu führen. So geschieht es,
daß die Selbstsucht durch ihre höchste Entwicklung vernichtet,
und denen, die gutwillig keinen andern Zweck, denn sich selbst,
sich setzen wollten, durch fremde Gewalt ein solcher andrer Zweck
aufgedrungen wird.

Keine Nation, die in diesen Zustand der Abhängigkeit
herabgesunken, kann durch die gewöhnlichen und bisher gebrauchten
Mittel sich aus demselben erheben. War ihr Widerstand fruchtlos,
als sie noch im Besitze aller ihrer Kräfte war, was kann derselbe
sodann fruchten, nachdem sie des größten Teils derselben beraubt
ist? Was vorher hätte helfen können, nämlich wenn die Regierung
derselben die Zügel kräftig und straff angehalten hätte, ist nun
nicht mehr anwendbar, nachdem diese Zügel nur noch zum Scheine
in ihrer Hand ruhen, und diese ihre Hand selbst durch eine
fremde Hand gelenkt und geleitet wird. Auf sich selbst kann eine
solche Nation nicht länger rechnen; und ebensowenig sie auf den
Sieger rechnen. Dieser müßte ebenso unbesonnen, und ebenso feige
und verzagt sein, als jene Nation selbst erst war, wenn er die
errungenen Vorteile nicht festhielte, und sie nicht auf alle
Weise verfolgte. Oder wenn er einst im Verlauf der Zeiten doch
so unbesonnen und feige würde, so würde er zwar ebenso zugrunde
gehen, wie wir, aber nicht zu unserm Vorteile, sondern er würde
die Beute eines neuen Siegers und wir würden die sich von selbst
verstehende, wenig bedeutende Zugabe zu dieser Beute. Sollte eine
so gesunkene Nation dennoch sich retten können, so müßte dies
durch ein ganz neues, bisher noch niemals gebrauchtes Mittel,
vermittelst der Erschaffung einer ganz neuen Ordnung der Dinge,
geschehen. Lassen Sie uns also sehen, welches in der bisherigen
Ordnung der Dinge der Grund war, warum es mit dieser Ordnung
irgend einmal notwendig ein Ende nehmen mußte, damit wir an dem
Gegenteile dieses Grundes des Untergangs das neue Glied finden,
welches in die Zeit eingefügt werden müßte, damit an ihm die
gesunkene Nation sich aufrichte zu einem neuen Leben.

Man wird in Erforschung jenes Grundes finden, daß in allen
bisherigen Verfassungen die Teilnahme am Ganzen geknüpft war
an die Teilnahme des Einzelnen an sich selbst, vermittelst
solcher Bande, die irgendwo so gänzlich zerrissen, daß es gar
keine Teilnahme für das Ganze mehr gab -- durch die Bande der
Furcht und Hoffnung für die Angelegenheiten des Einzelnen aus
dem Schicksale des Ganzen, in einem künftigen, und in dem
gegenwärtigen Leben. Aufklärung des nur sinnlich berechnenden
Verstandes war die Kraft, welche die Verbindung eines künftigen
Lebens mit dem gegenwärtigen durch Religion aufhob, zugleich auch
andre Ergänzungs- und stellvertretende Mittel der sittlichen
Denkart, als da sind Liebe zum Ruhm, und Nationalehre, als
täuschende Trugbilder begriff; die Schwäche der Regierungen war
es, welche die Furcht für die Angelegenheiten des einzelnen aus
seinem Betragen gegen das Ganze, selbst für das gegenwärtige
Leben, durch häufige Straflosigkeit der Pflichtvergessenheit
aufhob, und ebenso auch die Hoffnung unwirksam machte, indem
sie dieselbe gar oft, ohne alle Rücksicht auf Verdienste um
das Ganze, nach ganz andern Regeln und Bewegungsgründen,
befriedigte. Bande solcher Art waren es, die irgendwo gänzlich
zerrissen, und durch deren Zerreißung das gemeine Wesen sich
auflöste.

Immerhin mag von nun an der Sieger das, was allein auch er kann,
emsiglich tun, nämlich den letzten Teil des Bindungsmittels,
die Furcht und Hoffnung für das gegenwärtige Leben, wiederum
anknüpfen und verstärken; damit ist nur ihm geholfen, keineswegs
aber uns, denn so gewiß er seinen Vorteil versteht, knüpft er an
dieses erneute Band zu allererst nur seine Angelegenheit, die
unsrige aber nur insoweit, inwiefern die Erhaltung unsrer, als
Mittel für seine Zwecke, ihm selbst zur Angelegenheit wird. Für
eine so verfallene Nation ist von nun an Furcht und Hoffnung
völlig aufgehoben, indem deren Leitung ihrer Hand entfallen ist,
und sie zwar selber zu fürchten hat und zu hoffen, vor ihr aber
von nun an kein Mensch sich weiter fürchtet, oder von ihr etwas
hofft; und es bleibt ihr nichts übrig, als ein ganz andres und
neues, über Furcht und Hoffnung erhabenes Bindungsmittel zu
finden, um die Angelegenheiten ihrer Gesamtheit an die Teilnahme
eines jeden aus ihr für sich selber anzuknüpfen.

Ueber den sinnlichen Antrieb der Furcht oder Hoffnung hinaus,
und zunächst an ihn angrenzend, liegt der geistige Antrieb
der sittlichen Billigung oder Mißbilligung, und der höhere
Affekt des Wohlgefallens oder Mißfallens an unserm und andrer
Zustände. So wie das an Reinlichkeit und Ordnung gewöhnte äußere
Auge durch einen Flecken, der ja unmittelbar dem Leibe keinen
Schmerz zufügt, oder durch den Anblick verworren durcheinander
liegender Gegenstände dennoch gepeinigt und geängstigt wird,
wie vom unmittelbaren Schmerze, indes der des Schmutzes und der
Unordnung Gewohnte sich in demselben recht wohl befindet: eben
also kann auch das innere geistige Auge des Menschen so gewöhnt
und gebildet werden, daß der bloße Anblick eines verworrenen
und unordentlichen, eines unwürdigen und ehrlosen Daseins
seiner selbst und seines verbrüderten Stammes, ohne Rücksicht
auf das, was davon für sein sinnliches Wohlsein zu fürchten
oder zu hoffen sei, ihm innig wehe tue, und daß dieser Schmerz
dem Besitzer eines solchen Auges, abermals ganz unabhängig von
sinnlicher Furcht oder Hoffnung, keine Ruhe lasse, bis er,
soviel an ihm ist, den ihm mißfälligen Zustand aufgehoben, und
den, der ihm allein gefallen kann, an seine Stelle gesetzt habe.
Im Besitzer eines solchen Auges ist die Angelegenheit des ihn
umgebenden Ganzen, durch das treibende Gefühl der Billigung oder
Mißbilligung, an die Angelegenheit seines eignen erweiterten
Selbst, das nur als Teil des Ganzen sich fühlt, und nur im
gefälligen Ganzen sich ertragen kann, unabtrennbar angeknüpft;
die Sichbildung zu einem solchen Auge wäre somit ein sicheres und
das einzige Mittel, das einer Nation, die ihre Selbständigkeit,
und mit ihr allen Einfluß auf die öffentliche Furcht und Hoffnung
verloren hat, übrigbliebe, um aus der erduldeten Vernichtung
sich wieder ins Dasein zu erheben, und dem entstandenen neuen
und höheren Gefühle ihre Nationalangelegenheiten, die seit ihrem
Untergange kein Mensch und kein Gott weiter bedenkt, sicher
anzuvertrauen. So ergibt sich denn also, daß das Rettungsmittel,
dessen Anzeige ich versprochen, bestehe in der Bildung zu einem
durchaus neuen, und bisher vielleicht als Ausnahme bei einzelnen,
niemals aber als allgemeines und nationales Selbst, dagewesenen
Selbst, und in der Erziehung der Nation, deren bisheriges Leben
erloschen, und Zugabe eines fremden Lebens geworden, zu einem
ganz neuen Leben, das entweder ihr ausschließendes Besitztum
bleibt, oder, falls es auch von ihr aus an andre kommen sollte,
ganz und unverringert bleibt bei unendlicher Teilung; mit einem
Worte, eine gänzliche Veränderung des bisherigen Erziehungswesens
ist es, was ich, als das einzige Mittel die deutsche Nation im
Dasein zu erhalten, in Vorschlag bringe.

Daß man den Kindern eine gute Erziehung geben müsse, ist auch
in unserm Zeitalter oft genug gesagt, und bis zum Ueberdrusse
wiederholt worden, und es wäre ein Geringes, wenn auch wir unsres
Ortes dies gleichfalls einmal sagen wollten. Vielmehr wird uns,
so wir ein andres zu vermögen glauben, obliegen, genau und
bestimmt zu untersuchen, was eigentlich der bisherigen Erziehung
gefehlt habe, und anzugeben, welches durchaus neue Glied die
veränderte Erziehung der bisherigen Menschenbildung hinzufügen
müsse.

Man muß, nach einer solchen Untersuchung, der bisherigen
Erziehung zugestehen, daß sie nicht ermangelt, irgendein Bild
von religiöser, sittlicher, gesetzlicher Denkart, und von
allerhand Ordnung und guter Sitte vor das Auge ihrer Zöglinge
zu bringen, auch daß sie hier und da dieselben getreulich
ermahnt habe, jenen Bildern in ihrem Leben einen Abdruck zu
geben; aber mit höchst seltenen Ausnahmen, die somit nicht durch
diese Erziehung begründet waren, indem sie sodann an allen
durch diese Bildung hindurchgegangenen, und als die Regel,
hätten eintreten müssen, sondern die durch andre Ursachen
herbeigeführt worden -- mit diesen höchstseltenen Ausnahmen,
sage ich, sind die Zöglinge dieser Erziehung insgesamt nicht
jenen sittlichen Vorstellungen und Ermahnungen, sondern sie sind
den Antrieben ihrer, ihnen natürlich, und ohne alle Beihilfe
der Erziehungskunst, erwachsenden Selbstsucht, gefolgt; zum
unwidersprechlichen Beweise, daß diese Erziehungskunst zwar
wohl das Gedächtnis mit einigen Worten und Redensarten, und die
kalte und teilnehmungslose Phantasie mit einigen matten und
blassen Bildern anzufüllen vermocht, daß es ihr aber niemals
gelungen, ihr Gemälde einer sittlichen Weltordnung bis zu der
Lebhaftigkeit zu steigern, daß ihr Zögling von der heißen Liebe
und Sehnsucht dafür, und von dem glühenden Affekte, der zur
Darstellung im Leben treibt, und vor welchem die Selbstsucht
abfällt wie welkes Laub, ergriffen worden; daß somit diese
Erziehung weit davon entfernt gewesen sei, bis zur Wurzel der
wirklichen Lebensregung und Bewegung durchzugreifen, und diese
zu bilden, indem diese vielmehr, unbeachtet von der blinden und
ohnmächtigen, allenthalben wild aufgewachsen sei, wie sie gekonnt
habe, zu guter Frucht bei wenigen durch Gott begeisterten,
zu schlechter bei der großen Mehrzahl. Auch ist es dermalen
vollkommen hinlänglich, diese Erziehung durch diesen ihren Erfolg
zu zeichnen, und kann man für unsern Behuf sich des mühsamen
Geschäfts überheben, die innern Säfte und Adern eines Baumes zu
zergliedern, dessen Frucht dermalen vollständig reif ist, und
abgefallen, und vor aller Welt Augen liegt, und höchst deutlich
und verständlich ausspricht die innere Natur ihres Erzeugers. Der
Strenge nach wäre dieser Ansicht zufolge, die bisherige Erziehung
auf keine Weise die Kunst der Bildung zum Menschen gewesen,
wie sie sich denn dessen auch eben nicht gerühmt, sondern gar
oft ihre Ohnmacht, durch die Forderung, ihr ein natürliches
Talent, oder Genie, als Bedingung ihres Erfolgs voraus zu geben,
freimütig gestanden; sondern es wäre eine solche Kunst erst
zu erfinden, und die Erfindung derselben wäre die eigentliche
Aufgabe der neuen Erziehung. Das ermangelnde Durchgreifen bis
in die Wurzel der Lebensregung und -bewegung hätte diese neue
Erziehung der bisherigen hinzuzufügen, und wie die bisherige
höchstens etwas am Menschen, so hätte diese den Menschen selbst
zu bilden, und ihre Bildung keineswegs, wie bisher, zu einem
Besitztume, sondern vielmehr zu einem persönlichen Bestandteile
des Zöglings zu machen.

Ferner wurde bisher diese also beschränkte Bildung nur an die
sehr geringe Minderzahl der ebendaher gebildet genannten Stände
gebracht, die große Mehrzahl aber, auf welcher das gemeine Wesen
recht eigentlich ruht, das Volk, wurde von der Erziehungskunst
fast ganz vernachlässigt, und dem blinden Ohngefähr übergeben.
Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer
Gesamtheit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern
getrieben und belebt sei durch dieselbe eine Angelegenheit; so
wir aber etwa hierbei abermals einen gebildeten Stand, der etwa
durch den neu entwickelten Antrieb der sittlichen Billigung
belebt würde, absondern wollten von einem ungebildeten, so würde
dieser letzte, da Hoffnung und Furcht, durch welche allein noch
auf ihn gewirkt werden könnte, nicht mehr für uns, sondern gegen
uns dienen, von uns abfallen, und uns verloren gehen. Es bleibt
sonach uns nichts übrig, als schlechthin an alles ohne Ausnahme,
was deutsch ist, die neue Bildung zu bringen, so daß dieselbe
nicht Bildung eines besondern Standes, sondern daß sie Bildung
der Nation schlechthin als solcher, und ohne alle Ausnahme
einzelner Glieder derselben, werde, in welcher, in der Bildung
zum innigen Wohlgefallen am Rechten nämlich, aller Unterschied
der Stände, der in andern Zweigen der Entwicklung auch fernerhin
stattfinden mag, völlig aufgehoben sei, und verschwinde; und daß
auf diese Weise unter uns keineswegs Volkserziehung, sondern
eigentümliche deutsche Nationalerziehung entstehe.

Ich werde Ihnen dartun, daß eine solche Erziehungskunst, wie
wir sie begehren, wirklich schon erfunden ist und ausgeübt
wird, so daß wir nichts mehr zu tun haben, als das sich uns
Darbietende anzunehmen, welches, so wie ich dies oben von dem
vorzuschlagenden Rettungsmittel versprach, ohne Zweifel kein
größeres Maß von Kraft erfordert, als man bei unserm Zeitalter
billig voraussetzen kann. Ich fügte diesem Versprechen noch ein
andres bei, daß nämlich, was die Gefahr anbelange, bei unserm
Vorschlage durchaus keine sei, indem es der eigne Vorteil
der über uns gebietenden Gewalt erfordere, die Ausführung
jenes Vorschlags eher zu befördern, als zu hindern. Ich finde
zweckmäßig, sogleich in dieser ersten Rede über diesen Punkt mich
deutlich auszusprechen.

Zwar sind so in alter wie in neuer Zeit gar häufig die Künste der
Verführung und der sittlichen Herabwürdigung der Unterworfenen,
als ein Mittel der Herrschaft mit Erfolg gebraucht worden;
man hat durch lügenhafte Erdichtungen, und durch künstliche
Verwirrung der Begriffe und der Sprache, die Fürsten vor den
Völkern, und diese vor jenen verleumdet, um die entzweiten
sicherer zu beherrschen, man hat alle Antriebe der Eitelkeit
und des Eigennutzes listig aufgereizt und entwickelt, um die
Unterworfenen verächtlich zu machen, und so mit einer Art von
gutem Gewissen sie zu zertreten: aber man würde einen sicher zum
Verderben führenden Irrtum begehen, wenn man mit uns Deutschen
diesen Weg einschlagen wollte. Das Band der Furcht und der
Hoffnung abgerechnet, beruht der Zusammenhang desjenigen Teils
des Auslandes, mit dem wir dermalen in Berührung kommen, auf
den Antrieben der Ehre und des Nationalruhms; aber die deutsche
Klarheit hat vorlängst bis zur unerschütterlichen Ueberzeugung
eingesehen, daß dieses leere Trugbilder sind, und daß keine
Wunde und keine Verstümmelung des Einzelnen durch den Ruhm der
ganzen Nation geheilt wird; und wir dürften wohl, so nicht eine
höhere Ansicht des Lebens an uns gebracht wird, gefährliche
Prediger dieser sehr begreiflichen und manchen Reiz bei sich
führenden Lehre werden. Ohne darum noch neues Verderben an uns zu
nehmen, sind wir schon in unsrer natürlichen Beschaffenheit eine
unheilbringende Beute; nur durch die Ausführung des gemachten
Vorschlages können wir eine heilbringende werden: und so wird
denn, so gewiß das Ausland seinen Vorteil versteht, dasselbe
durch diesen selbst bewegt, uns lieber auf die letzte Weise haben
wollen, denn auf die erste.

Insbesondere nun wendet mit diesem Vorschlage meine Rede sich an
die gebildeten Stände Deutschlands, indem sie diesen noch am ersten
verständlich zu werden hofft, und trägt zu allernächst ihnen an, sich
zu den Urhebern dieser neuen Schöpfung zu machen, und dadurch teils
mit ihrer bisherigen Wirksamkeit die Welt auszusöhnen, teils ihre
Fortdauer in der Zukunft zu verdienen. Wir werden im Fortgange dieser
Reden ersehen, daß bis hierher alle Fortentwicklung der Menschheit
in der deutschen Nation vom Volke ausgegangen, und daß an dieses
immer zuerst die großen Nationalangelegenheiten gebracht, und von ihm
besorgt und weiterbefördert worden; daß es somit jetzt zum erstenmal
geschieht, daß den gebildeten Ständen die ursprüngliche Fortbildung
der Nation angetragen wird, und daß, wenn sie diesen Antrag wirklich
ergriffen, auch dies das erstemal geschehen würde. Wir werden
ersehen, daß diese Stände nicht berechnen können, auf wie lange Zeit
es noch in ihrer Gewalt stehen werde, sich an die Spitze dieser
Angelegenheit zu stellen, indem dieselbe bis zum Vortrage an das Volk
schon beinahe vorbereitet und reif sei, und an Gliedern aus dem Volke
geübt werde, und dieses nach kurzer Zeit ohne alle unsre Beihilfe
sich selbst werde helfen können, woraus für uns bloß das erfolgen
werde, daß die jetzigen Gebildeten und ihre Nachkommen zum Volke
werden, aus dem bisherigen Volke aber ein andrer höherer gebildeter
Stand emporkomme.

Nach allem ist es der allgemeine Zweck dieser Reden, Mut und
Hoffnung zu bringen in die Zerschlagenen, Freude zu verkündigen
in die tiefe Trauer, über die Stunde der größten Bedrängnis
leicht und sanft hinüber zu leiten. Die Zeit erscheint mir wie
ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein
Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert,
und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so
geliebten Hülle, und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder
hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon
die belebenden Lüfte der andern Welt, in die die abgeschiedene
eingetreten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit warmem
Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freudig heimliche Stimmen
der Schwestern, und heißen sie willkommen, zwar regt es sich
schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen
hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll,
zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte,
oder Gehör für diese Stimmen, oder wenn sie es hätte, so ist
sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie
zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt. Was ist mit ihr zu
tun? Auch die Morgenröte der neuen Welt ist schon angebrochen,
und vergoldet schon die Spitzen der Berge, und bildet vor den
Tag, der da kommen soll. Ich will, so ich es kann, die Strahlen
dieser Morgenröte fassen, und sie verdichten zu einem Spiegel, in
welchem die trostlose Zeit sich erblicke, damit sie glaube, daß
sie noch da ist, und in ihm ihr wahrer Kern sich ihr darstelle,
und die Entfaltungen und Gestaltungen desselben in einem
weissagenden Gesichte vor ihr vorüber gehen. In diese Anschauung
hinein wird ihr denn ohne Zweifel auch das Bild ihres bisherigen
Lebens versinken, und verschwinden, und der Tote wird ohne
übermäßiges Wehklagen zu seiner Ruhestätte gebracht werden können.




Zweite Rede.

Vom Wesen der neuen Erziehung im allgemeinen.


Das von mir vorgeschlagene Erhaltungsmittel einer deutschen Nation
überhaupt, zu dessen klarer Einsicht diese Reden zunächst Sie, und
nebst Ihnen die ganze Nation führen möchten, geht als ein solches
Mittel hervor aus der Beschaffenheit der Zeit, sowie der deutschen
Nationaleigentümlichkeiten, so wie dieses Mittel wiederum eingreifen
soll in Zeit und Bildung der Nationaleigentümlichkeiten. Es ist somit
dieses Mittel nicht eher vollkommen klar und verständlich gemacht,
als bis es mit diesen, und diese mit ihm zusammen gehalten, und beide
in vollkommener gegenseitiger Durchdringung dargestellt sind, welche
Geschäfte einige Zeit erfordern, und so die vollkommene Klarheit nur
am Ende unsrer Reden zu erwarten ist. Da wir jedoch bei irgendeinem
einzelnen Teile anfangen müssen, so wird es am zweckmäßigsten sein,
zuförderst jenes Mittel selbst, abgesondert von seinen Umgebungen in
Zeit und Raum, für sich in seinem innern Wesen zu betrachten, und
so soll denn diesem Geschäfte unsre heutige und nächstfolgende Rede
gewidmet sein.

Das angegebene Mittel war eine durchaus neue, und vorher noch
nie also bei irgendeiner Nation dagewesene Nationalerziehung
der Deutschen. Diese neue Erziehung wurde schon in der vorigen
Rede zur Unterscheidung von der bisher üblichen also bezeichnet:
die bisherige Erziehung habe zu guter Ordnung und Sittlichkeit
höchstens nur ermahnt, aber diese Ermahnungen seien unfruchtbar
gewesen für das wirkliche Leben, welches nach ganz andern, dieser
Erziehung durchaus unzugänglichen Gründen sich gebildet habe.
Im Gegensatze mit dieser müsse die neue Erziehung die wirkliche
Lebensregung und -bewegung ihrer Zöglinge, nach Regeln sicher und
unfehlbar bilden, und bestimmen können.

So nun etwa hierauf jemand also gesagt hätte, wie denn auch
wirklich diejenigen, welche die bisherige Erziehung leiten, fast
ohne Ausnahme also sagen: Wie könnte man denn auch irgendeiner
Erziehung mehr anmuten, als daß sie dem Zöglinge das Recht
zeige, und ihn getreulich zu denselben anmahne; ob er diesen
Ermahnungen folgen wolle, das sei seine eigne Sache, und wenn
er es nicht tue, seine eigne Schuld; er habe freien Willen,
den keine Erziehung ihm nehmen könne: so würde ich hierauf, um
die von mir gedachte Erziehung noch schärfer zu bezeichnen,
antworten: daß gerade in diesem Anerkennen, und in diesem
Rechnen auf einen freien Willen des Zöglings der erste Irrtum
der bisherigen Erziehung, und das deutliche Bekenntnis ihrer
Ohnmacht und Nichtigkeit liege. Denn indem sie bekennt, daß nach
aller ihrer kräftigsten Wirksamkeit der Wille dennoch frei, d.
i. unentschieden schwankend zwischen Gutem und Bösem bleibe,
bekennt sie, daß sie den Willen, und da dieser die eigentliche
Grundwurzel des Menschen selbst ist, den Menschen selbst zu
bilden durchaus weder vermöge, noch wolle oder begehre, und
daß sie dies überhaupt für unmöglich halte. Dagegen würde die
neue Erziehung gerade darin bestehen müssen, daß sie auf dem
Boden, dessen Bearbeitung sie übernehme, die Freiheit des Willens
gänzlich vernichtete, und dagegen strenge Notwendigkeit der
Entschließungen, um die Unmöglichkeit des entgegengesetzten in
dem Willen hervorbrächte, auf welchem Willen man nunmehr sicher
rechnen und auf ihn sich verlassen könnte.

Alle Bildung strebt an, die Hervorbringung eines festen
bestimmten und beharrlichen Seins, das nun nicht mehr wird,
sondern ist, und nicht anders sein kann, denn so wie es ist.
Strebte sie nicht an ein solches Sein, so wäre sie nicht Bildung,
sondern irgendein zweckloses Spiel; hätte sie ein solches Sein
nicht hervorgebracht, so wäre sie eben noch nicht vollendet.
Wer sich noch ermahnen muß, und ermahnt werden, das Gute zu
wollen, der hat noch kein bestimmtes und stets bereitstehendes
Wollen, sondern er will sich dieses erst jedesmal im Falle des
Gebrauches machen; wer ein solches festes Wollen hat, der will,
was er will, für alle Ewigkeit, und er kann in keinem möglichen
Falle anders wollen, denn also, wie er eben immer will; für
ihn ist die Freiheit des Willens vernichtet und aufgegangen
in der Notwendigkeit. Dadurch eben hat die bisherige Zeit
gezeigt, daß sie von Bildung zum Menschen weder einen rechten
Begriff, noch die Kraft hatte, diesen Begriff darzustellen, daß
sie durch ermahnende Predigten die Menschen bessern wollte,
und verdrießlich ward und schalt, wenn diese Predigten nichts
fruchteten. Wie konnten sie doch fruchten? Der Wille des
Menschen hat schon vor der Ermahnung vorher, und unabhängig von
ihr, seine feste Richtung; stimmt diese zusammen mit deiner
Ermahnung, so kommt die Ermahnung zu spät, und der Mensch hätte
auch ohne dieselbe getan, wozu du ihn ermahntest, steht sie mit
derselben im Widerspruche, so magst du ihn höchstens einige
Augenblicke betäuben; wie die Gelegenheit kommt, vergißt er
sich selbst und deine Ermahnung, und folgt seinem natürlichen
Hange. Willst du etwas über ihn vermögen, so mußt du mehr tun,
als ihn bloß anreden, du mußt ihn machen, ihn also machen, daß
er gar nicht anders wollen könne, als du willst, daß er wolle.
Es ist vergebens zu sagen, fliege -- dem der keine Flügel hat,
und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte über
den Boden empor kommen; aber entwickle, wenn du kannst, seine
geistigen Schwungfedern, und lasse ihn dieselben üben und kräftig
machen, und er wird ohne alle dein Ermahnen gar nicht anders mehr
wollen oder können, denn fliegen.

Diesen festen und nicht weiter schwankenden Willen muß die neue
Erziehung hervorbringen nach einer sichern, und ohne Ausnahme
wirksamen Regel; sie muß selber mit Notwendigkeit erzeugen die
Notwendigkeit, die sie beabsichtiget. Was bisher gut geworden
ist, ist gut geworden durch seine natürliche Anlage, durch
welche die Einwirkung der schlechten Umgebung überwogen wurde;
keineswegs aber durch die Erziehung, denn sonst hätte alles durch
dieselbe hindurch gegangene gut werden müssen: was da verdarb,
verdarb ebensowenig durch die Erziehung, denn sonst hätte alles
durch sie hindurchgehende verderben müssen, sondern durch sich
selber und seine natürliche Anlage; die Erziehung war in dieser
Rücksicht nur nichtig, keineswegs verderblich, das eigentliche
bildende Mittel war die geistige Natur. Aus den Händen dieser
dunklen, und nicht zu berechnenden Kraft nun soll hinfür die
Bildung zum Menschen unter die Botmäßigkeit einer besonnenen
Kunst gebracht werden, die an allem ohne Ausnahme, was ihr
anvertraut wird, ihren Zweck sicher erreiche, oder, wo sie ihn
etwa nicht erreichte, wenigstens weiß, daß sie ihn nicht erreicht
hat, und daß somit die Erziehung noch nicht geschlossen ist.
Eine sichere und besonnene Kunst, einen festen und unfehlbaren
guten Willen im Menschen zu bilden, soll also die von mir
vorgeschlagene Erziehung sein, und dieses ist ihr erstes Merkmal.

Weiter -- der Mensch kann nur dasjenige wollen, was er liebt;
seine Liebe ist der einzige, zugleich auch der unfehlbare Antrieb
seines Wollens und aller seiner Lebensregung und -bewegung. Die
bisherige Staatskunst, als die Erziehung des gesellschaftlichen
Menschen, setzte als sichere und ohne Ausnahme geltende Regel
voraus, daß jedermann sein eignes sinnliches Wohlsein liebe und
wolle, und sie knüpfte an diese natürliche Liebe durch Furcht
und Hoffnung künstlich den guten Willen, den sie wollte, das
Interesse für das gemeine Wesen. Abgerechnet, daß bei dieser
Erziehungsweise der äußerlich zum unschädlichen oder brauchbaren
Bürger gewordene dennoch innerlich ein schlechter Mensch bleibt,
denn darin eben besteht die Schlechtigkeit, daß man nur sein
sinnliches Wohlsein liebe, und nur durch Furcht oder Hoffnung
für dieses, sei es nun im gegenwärtigen, oder in einem künftigen
Leben bewegt werden könne; -- dieses abgerechnet, haben wir schon
oben ersehen, daß diese Maßregel für uns nicht mehr anwendbar
ist, indem Furcht und Hoffnung nicht mehr für uns, sondern
gegen uns dienen, und die sinnliche Selbstliebe auf keine Weise
in unsern Vorteil gezogen werden kann. Wir sind daher sogar
durch die Not gedrungen, innerlich und im Grunde gute Menschen
bilden zu wollen, indem nur in solchen die deutsche Nation noch
fortdauern kann, durch schlechte aber notwendig mit dem Auslande
zusammenfließt. Wir müssen darum an die Stelle jener Selbstliebe,
an welche nichts Gutes für uns sich länger knüpfen läßt, eine
andre Liebe, die unmittelbar auf das Gute, schlechtweg als
solches, und um sein selbst willen gehe, in den Gemütern aller,
die wir zu unsrer Nation rechnen, setzen und begründen.

Die Liebe für das Gute schlechtweg als solches, und nicht etwa um
seiner Nützlichkeit willen für uns selber, trägt, wie wir schon
ersehen haben, die Gestalt des Wohlgefallens an demselben: eines
so innigen Wohlgefallens, daß man dadurch getrieben werde, es
in seinem Leben darzustellen. Dieses innige Wohlgefallen also
wäre es, was die neue Erziehung als festes und unwandelbares
Sein ihres Zöglings hervorbringen müßte; worauf denn dieses
Wohlgefallen durch sich selbst den unwandelbar guten Willen
desselben Zöglings als notwendig begründen würde.

Ein Wohlgefallen, das da treibt einen gewissen Zustand der Dinge,
der in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist, hervorzubringen in
derselben, setzt voraus ein Bild dieses Zustandes, das vor dem
wirklichen Sein desselben vorher dem Geiste vorschwebt, und jenes
zur Ausführung treibende Wohlgefallen auf sich zieht. Somit setzt
dieses Wohlgefallen in der Person, die von ihm ergriffen werden
soll, voraus das Vermögen, selbsttätig dergleichen Bilder, die
unabhängig seien von der Wirklichkeit, und keineswegs Nachbilder
derselben, sondern vielmehr Vorbilder, zu entwerfen. Ich habe
jetzt zu allernächst von diesem Vermögen zu sprechen, und ich
bitte, während dieser Betrachtung ja nicht zu vergessen, daß
ein durch dieses Vermögen hervorgebrachtes Bild eben als bloßes
Bild, und als dasjenige, worin wir unsre bildende Kraft fühlen,
gefallen könne, ohne doch darum genommen zu werden als Vorbild
einer Wirklichkeit, und ohne in dem Grade zu gefallen, daß es
zur Ausführung treibe; daß dies letztere ein ganz andres, und
unser eigentlicher Zweck ist, von dem wir später zu reden nicht
unterlassen werden, jenes nächste aber lediglich die vorläufige
Bedingung enthält zur Erreichung des wahren letzten Zwecks der
Erziehung.

Jenes Vermögen, Bilder, die keineswegs bloße Nachbilder der
Wirklichkeit seien, sondern die da fähig sind, Vorbilder
derselben zu werden, selbsttätig zu entwerfen, wäre das erste,
wovon die Bildung des Geschlechts durch die neue Erziehung
ausgehen müßte. Selbsttätig zu entwerfen, habe ich gesagt,
und also, daß der Zögling durch eigne Kraft sie sich erzeuge,
keineswegs etwa, daß er nur fähig werde, das durch die Erziehung
ihm hingegebene Bild, leidend aufzufassen, es hinlänglich zu
verstehen, und es, also wie es ihm gegeben ist, zu wiederholen,
als ob es nur um das Vorhandensein eines solchen Bildes zu tun
wäre. Der Grund dieser Forderung der eignen Selbsttätigkeit in
diesem Bilden ist folgender: nur unter dieser Bedingung kann das
entworfene Bild das tätige Wohlgefallen des Zöglings an sich
ziehen. Es ist nämlich ganz etwas andres, sich etwas nur gefallen
zu lassen, und nichts dagegen zu haben, dergleichen leidendes
Gefallenlassen allein höchstens aus einem leidenden Hingeben
entstehen kann; wiederum aber etwas andres, von dem Wohlgefallen
an etwas also ergriffen werden, daß dasselbe schöpferisch werde,
und alle unsre Kraft zum Bilden anrege. Von dem ersten, das in
allewege in der bisherigen Erziehung wohl auch vorkam, sprechen
wir nicht, sondern von dem letzten. Dieses letzte Wohlgefallen
aber wird allein dadurch angezündet, daß die Selbsttätigkeit des
Zöglings zugleich angereizt, und an dem gegebenen Gegenstande
ihm offenbar werde, und so dieser Gegenstand nicht bloß für
sich, sondern zugleich auch als ein Gegenstand der geistigen
Kraftäußerung gefalle, welche letztere unmittelbar, notwendig,
und ohne alle Ausnahme wohlgefällt.

Diese im Zöglinge zu entwickelnde Tätigkeit des geistigen
Bildens ist ohne Zweifel eine Tätigkeit nach Regeln, welche
Regeln dem Tätigen kundwerden, bis zur Einsicht ihrer einzigen
Möglichkeit in unmittelbarer Erfahrung an sich selber; also,
diese Tätigkeit bringt hervor Erkenntnis, und zwar allgemeiner
und ohne Ausnahme geltender Gesetze. Auch in dem von diesem
Punkte aus sich anhebenden freien Fortbilden ist unmöglich, was
gegen das Gesetz unternommen wird, und es erfolgt keine Tat, bis
das Gesetz befolgt ist; wenn daher auch diese freie Fortbildung
anfangs von blinden Versuchen ausginge, so müßte sie doch enden
mit erweiterter Erkenntnis des Gesetzes. Diese Bildung ist
daher in ihrem letzten Erfolge Bildung des Erkenntnisvermögens
des Zöglings, und zwar keineswegs die historische an den
stehenden Beschaffenheiten der Dinge, sondern die höhere und
philosophische, an den Gesetzen, nach denen eine solche stehende
Beschaffenheit der Dinge notwendig wird. Der Zögling lernt.

Ich setze hinzu: der Zögling lernt gern und mit Lust, und er
mag, solange die Spannung der Kraft vorhält, gar nichts lieber
tun, denn lernen, denn er ist selbsttätig, indem er lernt,
und dazu hat er unmittelbar die allerhöchste Lust. Wir haben
hieran ein äußeres, teils unmittelbar ins Auge fallendes, teils
untrügliches Kennzeichen der wahren Erziehung gefunden, dies,
daß ohne alle Rücksicht auf die Verschiedenheit der natürlichen
Anlagen und ohne alle Ausnahme jedweder Zögling, an den diese
Erziehung gebracht wird, rein um des Lernens selbst willen, und
aus keinem andern Grunde, mit Lust und Liebe lerne. Wir haben das
Mittel gefunden, diese reine Liebe zum Lernen anzuzünden, dies,
die unmittelbare Selbsttätigkeit des Zöglings anzuregen, und
diese zur Grundlage aller Erkenntnis zu machen, also, daß an ihr
gelernt werde, was gelernt wird.

Diese eigne Tätigkeit des Zöglings in irgendeinem uns bekannten
Punkte nur erst anzuregen, ist das erste Hauptstück der Kunst.
Ist dieses gelungen, so kommt es nur noch darauf an, die
angeregte von diesem Punkte aus immer im frischen Leben zu
erhalten, welches allein durch regelmäßiges Fortschreiten möglich
ist, und wo jeder Fehlgriff der Erziehung auf der Stelle durch
Mißlingen des Beabsichtigten sich entdeckt. Wir haben also auch
das Band gefunden, wodurch der beabsichtigte Erfolg unabtrennlich
angeknüpft wird an die angegebene Wirkungsweise, das ewige und
ohne alle Ausnahme waltende Grundgesetz der geistigen Natur des
Menschen, daß er geistige Tätigkeit unmittelbar anstrebe.

Sollte jemand, durch die gewöhnliche Erfahrung unsrer Tage
irregeleitet, sogar gegen das Vorhandensein eines solchen
Grundgesetzes Zweifel hegen, so merken wir für einen solchen zum
Ueberflusse an, daß der Mensch von Natur allerdings bloß sinnlich
und selbstsüchtig ist, solange die unmittelbare Not und das
gegenwärtige sinnliche Bedürfnis ihn treibt, und daß er durch
kein geistiges Bedürfnis, oder irgendeine schonende Rücksicht
sich abhalten läßt, dieses zu befriedigen; daß er aber, nachdem
nur diesem abgeholfen ist, wenig Neigung hat, das schmerzhafte
Bild desselben in seiner Phantasie zu bearbeiten, und es sich
gegenwärtig zu erhalten, sondern daß er es weit mehr liebt,
den losgebundenen Gedanken auf die freie Betrachtung dessen,
was die Aufmerksamkeit seiner Sinne reizt, zu richten, ja daß
er auch einen dichterischen Ausflug in ideale Welten gar nicht
verschmäht, indem ihm von Natur ein leichter Sinn beiwohnt für
das Zeitliche, damit sein Sinn für das Ewige einigen Spielraum
zur Entwicklung erhalte. Das letzte wird bewiesen durch die
Geschichte aller alten Völker, und die mancherlei Beobachtungen
und Entdeckungen, die von ihnen auf uns gekommen sind; es wird
bewiesen bis auf unsre Tage durch die Beobachtung der noch
übrigen wilden Völker, falls nämlich sie von ihrem Klima nur
nicht gar zu stiefmütterlich behandelt werden, und durch die
unsrer eignen Kinder; es wird sogar bewiesen durch das freimütige
Geständnis unsrer Eiferer gegen Ideale, welche sich beklagen, daß
es ein weit verdrießlicheres Geschäft sei, Namen und Jahreszahlen
zu lernen, denn aufzufliegen in das, wie es ihnen vorkommt, leere
Feld der Ideen, welche sonach selber, wie es scheint, lieber
das zweite täten, wenn sie sich's erlauben dürften, denn das
erste. Daß an die Stelle dieses naturgemäßen Leichtsinns der
schwere Sinn trete, wo auch dem Gesättigten der künftige Hunger,
und die ganzen langen Reihen alles möglichen künftigen Hungers,
als das einzige seine Seele füllende, vorschweben, und ihn
immerfort stacheln und treiben, wird in unserm Zeitalter durch
Kunst bewirkt, beim Knaben durch Züchtigung seines natürlichen
Leichtsinns, beim Manne durch das Bestreben für einen klugen Mann
zu gelten, welcher Ruhm nur demjenigen zuteil wird, der jenen
Gesichtspunkt keinen Augenblick aus den Augen läßt; es ist daher
dies keineswegs Natur, auf die wir zu rechnen hätten, sondern ein
der widerstrebenden Natur mit Mühe aufgedrungenes Verderben, das
da wegfällt, sowie nur jene Mühe nicht mehr angewendet wird.

Diese unmittelbar die geistige Selbsttätigkeit des Zöglings
anregende Erziehung erzeugt Erkenntnis, sagten wir oben; und
dies gibt uns Gelegenheit, die neue Erziehung im Gegensatze mit
der bisherigen, noch tiefer zu bezeichnen. Eigentlich nämlich,
und unmittelbar geht die neue Erziehung nur auf Anregung
regelmäßig fortschreitender Geistestätigkeit. Die Erkenntnis
ergibt sich, wie wir schon oben gesehen haben, nur nebenbei, und
als nicht außenbleibende Folge. Ob es daher nun zwar wohl diese
Erkenntnis ist, in welcher allein das Bild für das wirkliche
Leben, das die künftige ernstliche Tätigkeit unsers zum Manne
gewordenen Zöglings anregen soll, erfaßt werden kann; die
Erkenntnis daher allerdings ein wesentlicher Bestandteil der zu
erlangenden Bildung ist, so kann man dennoch nicht sagen, daß
die neue Erziehung diese Erkenntnis unmittelbar beabsichtige,
sondern die Erkenntnis fällt derselben nur zu. Im Gegenteile
beabsichtigte die bisherige Erziehung geradezu Erkenntnis,
und ein gewisses Maß eines Erkenntnisstoffes. Ferner ist ein
großer Unterschied zwischen der Art der Erkenntnis, welche der
neuen Erziehung nebenbei entsteht, und derjenigen, welche die
bisherige Erziehung beabsichtigte. Jener entsteht die Erkenntnis
der die Möglichkeit aller geistigen Tätigkeit bedingenden
Gesetze dieser Tätigkeit. Zum Beispiel wenn der Zögling in
freier Phantasie durch gerade Linien einen Raum zu begrenzen
versucht, so ist dies die zuerst angeregte geistige Tätigkeit
desselben. Wenn er in diesen Versuchen findet, daß er mit
weniger denn drei geraden Linien keinen Raum begrenzen könne, so
ist dieses letztere die nebenbei entstehende Erkenntnis einer
zweiten ganz andern Tätigkeit des, das zuerst angeregte freie
Vermögen beschränkenden Erkenntnisvermögens. Dieser Erziehung
entsteht sonach gleich bei ihrem Beginnen eine wahrhaft über
alle Erfahrung erhabene, übersinnliche, streng notwendige und
allgemeine Erkenntnis, die alle nachher mögliche Erfahrung
schon im voraus unter sich befaßt. Dagegen ging der bisherige
Unterricht in der Regel nur auf die stehenden Beschaffenheiten
der Dinge, wie sie eben, ohne daß man dafür einen Grund angeben
könne, seien, und geglaubt, und gemerkt werden müßten; also auf
ein bloß leitendes Auffassen durch das lediglich im Dienste der
Dinge stehende Vermögen des Gedächtnisses, wodurch es überhaupt
gar nicht zur Ahnung des Geistes, als eines selbständigen und
uranfänglichen Prinzips der Dinge selber kommen konnte. Es
vermeine die neuere Pädagogik ja nicht durch die Berufung auf
ihren oft bezeugten Abscheu gegen mechanisches Auswendiglernen,
und auf ihre bekannten Meisterstücke in sokratischer Manier,
gegen diesen Vorwurf sich zu decken; denn hierauf hat sie
schon längst wo anders den gründlichen Bescheid erhalten, daß
diese sokratischen Räsonnements gleichfalls nur mechanisch
auswendig gelernt werden, und daß dies ein um so gefährlicheres
Auswendiglernen ist, da es dem Zöglinge, der nicht denkt, dennoch
den Schein gibt, daß er denken könne; daß dies bei dem Stoffe,
den sie zur Entwicklung des Selbstdenkens anwenden wollte, nicht
anders erfolgen konnte, und daß man für diesen Zweck mit einem
ganz andern Stoffe anheben müsse. Aus dieser Beschaffenheit des
bisherigen Unterrichts erhellet, teils warum in der Regel der
Zögling bisher ungern, und darum langsam und spärlich lernte,
und in Ermangelung des Reizes aus dem Lernen selber, fremdartige
Antriebe untergelegt werden mußten, teils geht daraus hervor der
Grund von bisherigen Ausnahmen von der Regel. Das Gedächtnis,
wenn es allein, und ohne irgendeinem andern geistigen Zwecke
dienen zu sollen, in Anspruch genommen wird, ist vielmehr ein
Leiden des Gemüts, als eine Tätigkeit desselben, und es läßt
sich einsehen, daß der Zögling dieses Leiden höchst ungern
übernehmen werde. Auch ist die Bekanntschaft mit ganz fremden,
und nicht das mindeste Interesse für ihn habenden Dingen, und
mit ihren Eigenschaften, ein schlechter Ersatz für jenes ihm
zugefügte Leiden; deswegen mußte seine Abneigung durch die
Vertröstung auf die künftige Nützlichkeit dieser Erkenntnisse,
und daß man nur vermittelst ihrer Brot und Ehre finden könne,
und sogar durch unmittelbar gegenwärtige Strafe und Belohnung
überwunden werden; -- daß somit die Erkenntnis gleich von
vornherein als Dienerin des sinnlichen Wohlseins aufgestellt
wurde, und diese Erziehung, welche in Absicht ihres Inhalts oben
als bloß unkräftig für Entwicklung einer sittlichen Denkart
aufgestellt wurde, um nur an den Zögling zu gelangen, das
moralische Verderben desselben sogar pflanzen und entwickeln,
und ihr Interesse an das Interesse dieses Verderbens anknüpfen
mußte. Man wird ferner finden, daß das natürliche Talent, welches
als Ausnahme von der Regel, in der Schule dieser bisherigen
Erziehung gern lernte, und deswegen gut, und durch diese in ihm
waltende höhere Liebe das moralische Verderben der Umgebung
überwand, und seinen Sinn rein erhielt, durch seinen natürlichen
Hang, jenen Gegenständen ein praktisches Interesse abgewann,
und daß es, von seinem glücklichen Instinkte geleitet, vielmehr
darauf ausging, dergleichen Erkenntnisse selbst hervorzubringen,
denn darauf, sie bloß aufzufassen; sodann, daß in Absicht der
Lehrgegenstände, mit denen, als Ausnahme von der Regel, es dieser
Erziehung noch am allgemeinsten und glücklichsten gelang, dieses
insgesamt solche sind, die sie tätig ausüben ließ, so wie zum
Beispiel diejenige gelehrte Sprache, in der bis aufs Schreiben
und Reden derselben ausgegangen wurde, beinahe allgemein
ziemlich gut, dagegen diejenige andre, in der die Schreib- und
Redeübungen vernachlässigt wurden, in der Regel sehr schlecht
und oberflächlich gelernt, und in reiferen Jahren vergessen
worden. Daß daher auch aus der bisherigen Erfahrung hervorgeht,
daß es allein die Entwicklung der geistigen Tätigkeit durch
den Unterricht sei, die da Lust an der Erkenntnis, rein als
solcher, hervorbringe, und so auch das Gemüt der sittlichen
Bildung offen erhalte, dagegen das bloß leidende Empfangen ebenso
die Erkenntnis lähme und töte, wie es ihr Bedürfnis sei, den
sittlichen Sinn in Grund und Boden hinein zu verderben.

Um wieder zurückzukehren zum Zöglinge der neuen Erziehung: es ist
klar, daß derselbe, von seiner Liebe getrieben, viel, und da er
alles in seinem Zusammenhange faßt, und das Gefaßte unmittelbar
durch ein Tun übt, dieses viele richtig und unvergeßlich lernen
werde. Doch ist dieses nur Nebensache. Bedeutender ist, daß durch
diese Liebe sein Selbst erhöhet, und in eine ganz neue Ordnung
der Dinge, in welche bisher nur wenige von Gott Begünstigte
von ungefähr kamen, besonnen, und nach einer Regel eingeführt
wird. Ihn treibt eine Liebe, die durchaus nicht auf irgendeinen
sinnlichen Genuß ausgeht, indem dieser, als Antrieb, für ihn
gänzlich schweigt, sondern auf die geistige Tätigkeit, um der
Tätigkeit willen, und auf das Gesetz derselben, um des Gesetzes
willen. Ob nun zwar nicht diese geistige Tätigkeit überhaupt es
ist, auf welche die Sittlichkeit geht, sondern dazu noch eine
besondere Richtung jener Tätigkeit kommen muß, so ist dennoch
jene Liebe die allgemeine Beschaffenheit und Form des sittlichen
Willens; und so ist denn diese Weise der geistigen Bildung die
unmittelbare Vorbereitung zu der sittlichen; die Wurzel der
Unsittlichkeit aber rottet sie, indem sie den sinnlichen Genuß
durchaus niemals Antrieb werden läßt, gänzlich aus. Bisher
war dieser Antrieb der erste, der da angeregt und ausgebildet
wurde, weil man außerdem den Zögling gar nicht bearbeiten und
einigen Einfluß auf denselben gewinnen zu können glaubte;
sollte hinterher der sittliche Antrieb entwickelt werden, so
kam derselbe zu spät, und fand das Herz schon eingenommen und
angefüllt von einer andern Liebe. Durch die neue Erziehung soll
umgekehrt die Bildung zum reinen Wollen das erste werden, damit,
wenn späterhin doch die Selbstsucht innerlich erwachen, oder von
außen angeregt werden sollte, diese zu spät komme, und in dem
schon von etwas anderm eingenommenen Gemüte keinen Platz für sich
finde.

Wesentlich ist schon für diesen ersten, sowie für den demnächst
anzugebenden zweiten Zweck, daß der Zögling von Anbeginn an
ununterbrochen, und ganz unter dem Einflusse dieser Erziehung
stehe, und daß er von dem Gemeinen gänzlich abgesondert, und
vor aller Berührung damit verwahrt werde. Daß man um seiner
Erhaltung und seines Wohlseins willen im Leben sich regen und
bewegen könne, muß er gar nicht hören, und ebensowenig, daß
man um deswillen lerne, oder daß das Lernen dazu etwas helfen
könne. Es folgt daraus, daß die geistige Entwicklung in der oben
angegebenen Weise, die einzige sein müsse, die an ihn gebracht
werde, und daß er mit derselben ohne Unterlaß beschäftigt werden
müsse, daß er aber keineswegs diese Weise des Unterrichts mit
demjenigen, der des entgegengesetzten sinnlichen Antriebs bedarf,
abwechseln dürfe.

Ob nun aber wohl diese geistige Entwicklung die Selbstsucht nicht
zum Leben kommen läßt, und die Form eines sittlichen Willens
gibt, so ist dies doch darum noch nicht der sittliche Wille
selbst; und falls die von uns vorgeschlagene neue Erziehung
nicht weiter ginge, so würde sie höchstens treffliche Bearbeiter
der Wissenschaften erziehen, deren es auch bisher gegeben hat,
und deren es nur wenige bedarf, und die für unsern eigentlichen
menschlichen und nationalen Zweck nicht mehr vermögen würden,
als dergleichen Männer auch bisher vermocht haben; ermahnen und
wieder ermahnen, und sich anstaunen und nach Gelegenheit schmähen
zu lassen. Aber es ist klar, und ist auch schon oben gesagt,
daß diese freie Tätigkeit des Geistes in der Absicht entwickelt
worden, damit der Zögling mit derselben frei das Bild einer
sittlichen Ordnung des wirklich vorhandenen Lebens entwerfe,
dieses Bild mit der in ihm gleichfalls schon entwickelten Liebe
fasse, und durch diese Liebe getrieben werde, dasselbe in und
durch sein Leben wirklich darzustellen. Es fragt sich, wie die
neue Erziehung sich den Beweis führen könne, daß sie diesen ihren
eigentlichen und letzten Zweck an ihrem Zöglinge erreicht habe?

Zuvörderst ist klar, daß die schon früher an andern Gegenständen
geübte geistige Tätigkeit des Zöglings angeregt werden müsse,
ein Bild von der gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, so
wie dieselbe nach dem Vernunftgesetze schlechthin sein soll,
zu entwerfen. Ob dieses vom Zöglinge entworfene Bild richtig
sei, ist von einer Erziehung, die nur selbst im Besitze dieses
richtigen Bildes sich befindet, am leichtesten zu beurteilen; ob
dasselbe durch die eigne Selbsttätigkeit des Zöglings entworfen,
keineswegs aber nur leidend aufgefaßt, und der Schule gläubig
nachgesagt werde, ferner ob es zur gehörigen Klarheit und
Lebhaftigkeit gesteigert sei, wird die Erziehung auf dieselbe
Weise beurteilen können, wie sie früher in derselben Rücksicht
bei andern Gegenständen ein treffendes Urteil gefällt hat. Alles
dies ist noch Sache der bloßen Erkenntnis, und verbleibt auf dem
in dieser Beziehung sehr zugänglichen Gebiete derselben. Eine
ganz andre aber und höhere Frage ist die, ob der Zögling also von
brennender Liebe für eine solche Ordnung der Dinge ergriffen sei,
daß es ihm, der Leitung der Erziehung entlassen und selbständig
hingestellt, schlechterdings unmöglich sein werde, diese Ordnung
nicht zu wollen, und nicht aus allen seinen Kräften für die
Beförderung derselben zu arbeiten; über welche Frage ohne Zweifel
nicht Worte und in Worten anzustellende Prüfungen, sondern allein
der Anblick von Taten entscheiden können.

Ich löse die durch diese letzte Betrachtung uns gestellte
Aufgabe also: ohne Zweifel werden doch die Zöglinge dieser
neuen Erziehung, obwohl abgesondert von der schon erwachsenen
Gemeinheit, dennoch untereinander selbst in Gemeinschaft leben,
und so ein abgesondertes und für sich selbst bestehendes
Gemeinwesen bilden, das seine genau bestimmte, in der Natur
der Dinge gegründete, und von der Vernunft durchaus geforderte
Verfassung habe. Das allererste Bild einer geselligen Ordnung,
zu dessen Entwerfung der Geist des Zöglings angeregt werde,
sei das der Gemeinde, in der er selber lebt, also, daß er
innerlich gezwungen sei, diese Ordnung Punkt für Punkt gerade
also sich zu bilden, wie sie wirklich vorgezeichnet ist, und
daß er dieselbe in allen ihren Teilen als durchaus notwendig
aus ihren Gründen verstehe. Dies ist nun abermals bloßes Werk
der Erkenntnis. In dieser gesellschaftlichen Ordnung muß nun im
wirklichen Leben jeder einzelne um des Ganzen willen immerfort
gar vieles unterlassen, was er, wenn er sich allein befände,
unbedenklich tun könnte; und es wird zweckmäßig sein, daß in
der Gesetzgebung, und in dem darauf zu bauenden Unterrichte
über die Verfassung, jedem einzelnen alle die übrigen mit einer
zum Ideal gesteigerten Ordnungsliebe vorgestellt werden, welche
also vielleicht kein einziger wirklich hat, die aber alle haben
sollten; und daß somit diese Gesetzgebung einen hohen Grad von
Strenge erhalte, und der Unterlassungen gar viele auflege. Diese,
als etwas das schlechthin sein muß, und auf welchem das Bestehen
der Gesellschaft beruht, sind auf den Notfall sogar durch Furcht
vor gegenwärtiger Strafe zu erzwingen; und muß dieses Strafgesetz
schlechthin ohne Schonung oder Ausnahme vollzogen werden. Der
Sittlichkeit des Zöglings geschieht durch diese Anwendung der
Furcht, als eines Triebes, gar kein Eintrag, indem hier ja
nicht zum Tun des Guten, sondern nur zur Unterlassung des in
dieser Verfassung Bösen getrieben werden soll; überdies muß im
Unterrichte über die Verfassung vollkommen verständlich gemacht
werden, daß der, welcher der Vorstellung von der Strafe, oder
wohl gar der Anfrischung dieser Vorstellung durch die Erduldung
der Strafe selbst noch bedürfe, auf einer sehr niedrigen Stufe
der Bildung stehe. Jedennoch ist bei allem diesen klar, daß, da
man niemals wissen kann, ob da wo gehorcht wird, aus Liebe zur
Ordnung oder aus Furcht vor der Strafe gehorcht werde, in diesem
Umkreise der Zögling seinen guten Willen nicht äußerlich dartun,
noch die Erziehung ihn ermessen könne.

Dagegen ist der Umkreis, wo ein solches Ermessen möglich ist, der
folgende. Die Verfassung muß nämlich ferner also eingerichtet
sein, daß der einzelne für das Ganze nicht bloß unterlassen
müsse, sondern daß er für dasselbe auch tun und handelnd leisten
könne. Außer der geistigen Entwicklung im Lernen finden in
diesem Gemeinwesen der Zöglinge auch noch körperliche Uebungen,
und die mechanischen aber hier zum Ideale veredelten Arbeiten
des Ackerbaues, und die von mancherlei Handwerken statt. Es
sei Grundregel der Verfassung, daß jedem, der in irgendeinem
dieser Zweige sich hervortut, zugemutet werde, die andern
darin unterrichten zu helfen, und mancherlei Aufsichten und
Verantwortlichkeiten zu übernehmen; jedem, der irgendeine
Verbesserung findet, oder die von einem Lehrer vorgeschlagene
zuerst und am klarsten begreift, dieselbe mit eigner Mühe
auszuführen, ohne daß er doch darum von seinen ohnedies sich
verstehenden persönlichen Aufgaben des Lernens und Arbeitens
losgesprochen sei; daß jeder dieser Anmutung freiwillig genüge,
und nicht aus Zwang, indem es dem Nichtwollenden auch freisteht,
sie abzulehnen; daß er dafür keine Belohnung zu erwarten habe,
indem in dieser Verfassung alle in Beziehung auf Arbeit und
Genuß ganz gleich gesetzt sind, nicht einmal Lob, indem es die
herrschende Denkart ist in der Gemeinde, daß daran jeder eben nur
seine Schuldigkeit tue, sondern daß er allein genieße die Freude
an seinem Tun und Wirken für das Ganze, und an dem Gelingen
desselben, falls ihm dieses zuteil wird. In dieser Verfassung
wird sonach aus erworbener größerer Geschicklichkeit, und aus
der hierauf verwendeten Mühe, nur neue Mühe und Arbeit folgen,
und gerade der Tüchtigere wird oft wachen müssen, wenn andre
schlafen, und nachdenken müssen, wenn andre spielen.

Die Zöglinge, welche, ohnerachtet ihnen dieses alles vollkommen
klar und verständlich ist, dennoch fortgesetzt, und also, daß
man mit Sicherheit auf sie rechnen könne, jene erste Mühe und
die aus ihr folgenden weitern Mühen freudig übernehmen, und in
dem Gefühle ihrer Kraft und Tätigkeit stark bleiben und stärker
werden -- diese kann die Erziehung ruhig entlassen in die Welt;
an ihnen hat sie diesen ihren Zweck erreicht; in ihnen ist die
Liebe angezündet und brennt bis in die Wurzel ihrer lebendigen
Regung hinein, und sie wird von nun an weiter alles ohne
Ausnahme ergreifen, was an diese Lebensregung gelangen wird; und
sie werden in dem größeren Gemeinwesen, in das sie von nun an
eintreten, niemals etwas andres zu sein vermögen, denn dasjenige,
was sie in dem kleinen Gemeinwesen, das sie jetzt verlassen,
unverrückt und unwandelbar waren.

Auf diese Weise ist der Zögling vollendet für die nächsten und
ohne Ausnahme eintretenden Anforderungen der Welt an ihn, und es
ist geschehen, was die Erziehung im Namen dieser Welt von ihm
verlangt. Noch aber ist er nicht in sich und für sich selber
vollendet, und es ist noch nicht geschehen, was er selbst von der
Erziehung fordern kann. Sowie auch diese Forderung erfüllt wird,
wird er zugleich tüchtig, den Anforderungen, die eine höhere Welt
im Namen der gegenwärtigen in besondern Fällen an ihn machen
dürfte, zu genügen.




Dritte Rede.

Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung.


Das eigentliche Wesen der in Vorschlag gebrachten neuen
Erziehung, inwiefern dieselbe in der vorigen Rede beschrieben
worden, bestand darin, daß sie die besonnene und sichere Kunst
sei, den Zögling zu reiner Sittlichkeit zu bilden. Zu reiner
Sittlichkeit, sagte ich; die Sittlichkeit, zu der sie erziehet,
steht als ein Erstes, Unabhängiges und Selbständiges da, das
aus sich selber lebet sein eignes Leben: keineswegs aber, so
wie die bisher oft beabsichtigte Gesetzmäßigkeit, angeknüpft
ist und eingeimpft einem andern nicht sittlichen Triebe, dessen
Befriedigung es diene. Sie ist die besonnene und sichere Kunst
dieser sittlichen Erziehung, sagte ich. Sie schreitet nicht
planlos und auf gutes Glück, sondern nach einer festen und ihr
wohlbekannten Regel einher, und ist ihres Erfolges gewiß. Ihr
Zögling geht zu rechter Zeit als ein festes und unwandelbares
Kunstwerk dieser ihrer Kunst hervor, das nicht etwa auch anders
gehen könne, denn also, wie es durch sie gestellt worden, und das
nicht etwa einer Nachhilfe bedürfe, sondern das durch sich selbst
nach seinem eignen Gesetze fortgeht.

Zwar bildet diese Erziehung auch den Geist ihres Zöglings; und
diese geistige Bildung ist sogar ihr Erstes, mit welchem sie ihr
Geschäft anhebt. Doch ist diese geistige Entwicklung nicht erster
und selbständiger Zweck, sondern nur das bedingende Mittel, um
sittliche Bildung an den Zögling zu bringen. Inzwischen bleibt
auch diese nur gelegentlich erworbene geistige Bildung ein aus
dem Leben des Zöglings unaustilgbarer Besitz, und die ewig
fortbrennende Leuchte seiner sittlichen Liebe. Wie groß auch,
oder wie geringfügig die Summe der Erkenntnisse sein möge, die
er aus der Erziehung mitgebracht; einen Geist, der sein ganzes
Leben hindurch jedwede Wahrheit, deren Erkenntnis ihm notwendig
wird, zu fassen vermag, und welcher ebenso der Belehrung durch
andre empfänglich, als des eignen Nachdenkens fähig ohne Unterlaß
bleibt, hat er von derselben sicherlich mit davon gebracht.

So weit waren wir in der Beschreibung dieser neuen Erziehung in
der vorigen Rede gekommen. Wir bemerkten am Schlusse derselben,
daß durch dieses alles sie dennoch noch nicht vollendet sei,
sondern noch eine andre, von den bis jetzt aufgestellten
verschiedene Aufgabe zu lösen habe; und wir gehen jetzt an das
Geschäft, diese Aufgabe näher zu bezeichnen.

Der Zögling dieser Erziehung ist ja nicht bloß Mitglied der
menschlichen Gesellschaft hier auf dieser Erde und für die kurze
Spanne Lebens, die ihm auf derselben vergönnt ist, sondern er
ist auch, und wird ohne Zweifel von der Erziehung anerkannt für
ein Glied in der ewigen Kette eines geistigen Lebens überhaupt,
unter einer höhern gesellschaftlichen Ordnung. Ohne Zweifel muß
auch zur Einsicht in diese höhere Ordnung eine Bildung, die sein
ganzes Wesen zu umfassen sich vorgenommen hat, ihn anführen, und
so wie sie ihn leitete, ein Bild jener sittlichen Weltordnung,
die da niemals ist, sondern ewig werden soll, durch eigne
Selbsttätigkeit sich vorzuzeichnen, ebenso muß sie ihn leiten,
ein Bild jener übersinnlichen Weltordnung, in der nichts wird,
und die auch niemals geworden ist, sondern die da ewig nur ist,
in dem Gedanken zu entwerfen, mit gleicher Selbsttätigkeit und
also, daß er innigst verstehe und einsehe, daß es nicht anders
sein könne. Er wird, richtig geleitet, mit den Versuchen eines
solchen Bildes zu Ende kommen, und an diesem Ende finden, daß
nichts wahrhaftig da sei, außer das Leben, und zwar das geistige
Leben, das da lebet in dem Gedanken; und daß alles übrige
nicht wahrhaftig da sei, sondern nur dazusein scheine, welches
Scheines aus dem Gedanken hervorgehenden Grund er gleichfalls,
sei es auch nur im allgemeinen, begreifen wird. Er wird ferner
einsehen, daß jenes allein wahrhaft daseiende geistige Leben,
in den mannigfaltigen Gestaltungen, die es nicht durch ein
Ohngefähr, sondern durch ein in Gott selber gegründetes Gesetz
erhielt, wiederum eins sei, das göttliche Leben selber, welches
göttliche Leben allein in dem lebendigen Gedanken da ist und
sich offenbarmacht. So wird er sein Leben, als ein ewiges Glied
in der Kette der Offenbarung des göttlichen Lebens und jedwedes
andre geistige Leben, als eben ein solches Glied erkennen und
heilig halten lernen; und nur in der unmittelbaren Berührung mit
Gott und dem nicht vermittelten Ausströmen seines Lebens aus
jenem Leben, Licht und Seligkeit; in jeder Entfernung aber aus
der Unmittelbarkeit Tod, Finsternis und Elend finden. Mit einem
Worte: diese Entwicklung wird ihn zur Religion bilden; und diese
Religion des Einwohnens unsers Lebens in Gott soll allerdings
auch in der neuen Zeit herrschen und in derselben sorgfältig
gebildet werden. Dagegen soll die Religion der alten Zeit, die
das geistige Leben von dem göttlichen abtrennte, und dem erstern
nur vermittelst eines Abfalls von dem zweiten das absolute Dasein
zu verschaffen wußte, das sie ihm zugedacht hatte, und welche
Gott als Faden brauchte, um die Selbstsucht noch über den Tod
des sterblichen Leibes hinaus in andre Welten einzuführen, und
durch Furcht und Hoffnung in diesen die für die gegenwärtige Welt
schwach gebliebene, zu verstärken -- diese Religion, die offenbar
eine Dienerin der Selbstsucht war, soll allerdings mit der alten
Zeit zugleich zu Grabe getragen werden; denn in der neuen Zeit
bricht die Ewigkeit nicht erst jenseit des Grabes an, sondern sie
kommt ihr mitten in ihre Gegenwart hinein, die Selbstsucht ist
aber sowohl des Regiments, als des Dienstes entlassen, und zieht
demnach auch ihre Dienerschaft mit ihr ab.

Die Erziehung zur wahren Religion ist somit das letzte Geschäft der
neuen Erziehung. Ob in der Entwerfung eines hierzu erforderlichen
Bildes der übersinnlichen Weltordnung der Zögling wahrhaft
selbsttätig verfahren sei; und ob das entworfene Bild allenthalben
richtig und durchaus klar und verständlich sei, wird die Erziehung
leicht, auf dieselbe Weise wie bei den übrigen Gegenständen der
Erkenntnis, beurteilen können; denn auch dies bleibt auf dem
Gebiete der Erkenntnis.

Bedeutender aber ist auch hier die Frage, wie die Erziehung
ermessen, und sich die Gewährschaft leisten könne, daß diese
Religionskenntnisse nicht tot und kalt bleiben, sondern daß sie
sich ausdrücken werden im wirklichen Leben ihres Zöglings; welcher
Frage die Beantwortung einer andern Frage vorauszuschicken ist, der
folgenden: wie und auf welche Weise zeigt sich die Religion überhaupt
im Leben?

Unmittelbar, im gewöhnlichen Leben und in einer wohlgeordneten
Gesellschaft, bedarf es der Religion durchaus nicht, um das
Leben zu bilden, sondern es reicht für diese Zwecke die wahre
Sittlichkeit vollkommen hin. In dieser Rücksicht ist also die
Religion nicht praktisch und kann und soll gar nicht praktisch
werden, sondern sie ist lediglich Erkenntnis: sie macht bloß
den Menschen sich selber vollkommen klar und verständlich,
beantwortet die höchste Frage, die er aufwerfen kann, löset ihm
den letzten Widerspruch auf, und bringt so vollkommene Einigkeit
mit sich selbst, und durchgeführte Klarheit in seinen Verstand.
Sie ist seine vollständige Erlösung und Befreiung von allem
fremden Bande; und so ist sie ihm denn die Erziehung, als etwas,
das ihm schlechtweg und ohne weitern Zweck gebührt, schuldig.
Ein Gebiet, um als Antrieb zu wirken, erhält die Religion
nur entweder in einer höchst unsittlichen und verdorbenen
Gesellschaft, oder wenn die Wirkungssphäre des Menschen nicht
innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung, sondern über dieselbe
hinaus liegt, und dieselbe vielmehr immerfort neu zu erschaffen
und zu erhalten hat, wie beim Regenten, welcher in vielen
Fällen ohne Religion sein Amt gar nicht mit gutem Gewissen
führen könnte. Von dem letztern Falle ist in einer auf alle
und auf die ganze Nation berechneten Erziehung nicht die Rede.
Wo in der ersten Rücksicht bei klarer Einsicht des Verstandes
in die Unverbesserlichkeit des Zeitalters dennoch unablässig
fortgearbeitet wird an demselben; wo mutig der Schweiß des Säens
erduldet wird, ohne einige Aussicht auf eine Ernte; wo wohlgetan
wird auch den Undankbaren, und gesegnet werden mit Taten und
Gütern diejenigen, die da fluchen, und in der klaren Vorhersicht,
daß sie abermals fluchen werden; wo nach hundertfältigem
Mißlingen dennoch ausgeharrt wird im Glauben und in der Liebe: da
ist es nicht die bloße Sittlichkeit, die da treibt, denn diese
will einen Zweck, sondern es ist die Religion, die Ergebung in
ein höheres und unbekanntes Gesetz, das demütige Verstummen vor
Gott, die innige Liebe zu seinem in uns ausgebrochenen Leben,
welches allein und um sein selbst willen gerettet werden soll, wo
das Auge nichts anders zu retten sieht.

Auf diese Weise kann die erlangte Religionseinsicht der Zöglinge
der neuen Erziehung in ihrem kleinen Gemeinwesen, in dem sie
zunächst aufwachsen, nicht praktisch werden, noch soll sie es
auch. Dieses Gemeinwesen ist wohlgeordnet, und in ihm gelingt das
geschickt Unternommene immer; auch soll das noch zarte Alter des
Menschen erhalten werden in der Unbefangenheit und im ruhigen
Glauben an sein Geschlecht. Die Erkenntnis seiner Tücken bleibe
vorbehalten der eignen Erfahrung des gereiften und befestigten
Alters.

Nur in diesem gereifteren Alter sonach und in dem ernstlich
gemeinten Leben, nachdem die Erziehung längst ihn sich selber
überlassen hat, könnte der Zögling derselben, falls seine
gesellschaftlichen Verhältnisse aus der Einfachheit zu höhern
Stufen fortschreiten sollten, seiner Religionskenntnis, als eines
Antriebes bedürfen. Wie soll nun die Erziehung, welche über
diesen Punkt den Zögling, solange er unter ihren Händen ist,
nicht prüfen kann, dennoch sicher sein können, daß, wenn nur
dieses Bedürfnis eintreten werde, auch dieser Antrieb unfehlbar
wirken werde? Ich antworte: dadurch, daß ihr Zögling überhaupt
so gebildet ist, daß keine Erkenntnis, die er hat, in ihm tot
und kalt bleibt, wenn die Möglichkeit eintritt, daß sie ein
Leben bekomme, sondern jedwede notwendig sogleich eingreift in
das Leben, sowie das Leben derselben bedarf. Ich werde diese
Behauptung sogleich noch tiefer begründen, und dadurch den ganzen
in dieser und der vorigen Rede behandelten Begriff erheben und
einfügen in ein größeres Ganzes der Erkenntnis, welchem größeren
Ganzen selber ich aus diesem Begriffe ein neues Licht und eine
höhere Klarheit geben werde, nachdem ich nur vorher das wahre
Wesen der neuen Erziehung, deren allgemeine Beschreibung ich
soeben geschlossen habe, bestimmt werde angegeben haben.

Diese Erziehung erscheint nun nicht mehr, so wie im Anfange
unsrer heutigen Rede, bloß als die Kunst den Zögling zu reiner
Sittlichkeit zu bilden, sondern sie leuchtet vielmehr ein als
die Kunst, den ganzen Menschen durchaus und vollständig zum
Menschen zu bilden. Hierzu gehören zwei Hauptstücke, zuerst in
Absicht der Form, daß der wirkliche lebendige Mensch, bis in die
Wurzel seines Lebens hinein, keineswegs aber der bloße Schatten
und Schemen eines Menschen gebildet werde, sodann in Absicht des
Inhalts, daß alle notwendigen Bestandteile des Menschen ohne
Ausnahme und gleichmäßig ausgebildet werden. Diese Bestandteile
sind Verstand und Wille, und die Erziehung hat zu beabsichtigen
die Klarheit des ersten, und die Reinheit des zweiten. Zur
Klarheit des ersten aber sind zu erheben zwei Hauptfragen: zuerst
was es sei, das der reine Wille eigentlich wolle, und durch
welche Mittel dieses Gewollte zu erreichen sei, durch welches
Hauptstück die übrigen dem Zöglinge beizubringenden Erkenntnisse
befaßt werden; sodann, was dieser reine Wille in seinem Grunde
und Wesen selber sei, wodurch die Religionserkenntnis befaßt
wird. Die genannten Stücke nun, entwickelt bis zum Eingreifen ins
Leben, fordert die Erziehung schlechtweg, und gedenkt keinem das
mindeste davon zu erlassen, denn jeder soll eben ein Mensch sein;
was jemand nun noch weiter werde, und welche besondere Gestalt
die allgemeine Menschheit in ihm annehme oder erhalte, geht
die allgemeine Erziehung nichts an, und liegt außerhalb ihres
Kreises. -- Ich gehe jetzt fort zu der versprochenen tieferen
Begründung des Satzes, daß im Zöglinge der neuen Erziehung gar
keine Erkenntnis tot bleiben könne, und zu dem Zusammenhange, in
den ich alles Gesagte erheben will, vermittelst folgender Sätze.

1. Es gibt zufolge des Gesagten zwei durchaus verschiedene und
völlig entgegengesetzte Klassen unter den Menschen in Absicht
ihrer Bildung. Gleich zuvörderst ist alles, was Mensch ist,
und so auch diese beiden Klassen darin, daß den mannigfaltigen
Aeußerungen ihres Lebens ein Trieb zugrunde liegt, der in allem
Wechsel unverändert beharret, und sich selbst gleich bleibt.
-- Im Vorbeigehen: das Sichverstehen dieses Triebes und die
Uebersetzung desselben in Begriffe erzeugt die Welt, und es
gibt keine andre Welt, als diese auf diese Weise in dem, jedoch
keineswegs freien, sondern notwendigen Gedanken sich erzeugende
Welt. Dieser, immer in ein Bewußtsein zu übersetzende Trieb,
worin somit abermals die beiden Klassen einander gleich sind,
kann nun auf eine doppelte Weise, nach den zwei verschiedenen
Grundarten des Bewußtseins, in dasselbe übersetzt werden, und in
dieser Weise der Uebersetzung und des sich Selbstverstehens sind
die beiden Klassen verschieden.

Die erste, zu allererst der Zeit nach sich entwickelnde Grundart
des Bewußtseins ist die des dunklen Gefühls. Mit diesem Gefühle
wird am gewöhnlichsten und in der Regel der Grundtrieb erfaßt
als Liebe des einzelnen zu sich selbst, und zwar gibt das dunkle
Gefühl dieses Selbst zunächst nur als ein solches, das da leben
will und wohl sein. Hieraus entsteht die sinnliche Selbstsucht,
als wirklicher Grundtrieb und entwickelnde Kraft eines solchen,
in dieser Uebersetzung seines ursprünglichen Grundtriebes
befangenen Lebens. Solange der Mensch fortfährt, also sich zu
verstehen, solange muß er selbstsüchtig handeln, und kann nicht
anders; und diese Selbstsucht ist das einzig beharrende, sich
gleichbleibende und sicher zu erwartende in dem unaufhörlichen
Wandel seines Lebens. Als außergewöhnliche Ausnahme von der
Regel kann dieses dunkle Gefühl auch das persönliche Selbst
überspringen und den Grundtrieb erfassen, als ein Verlangen
nach einer dunkel gefühlten andern Ordnung der Dinge. Hieraus
entspringt das, an andern Orten von uns sattsam beschriebene
Leben, das da, erhaben über die Selbstsucht, durch Ideen, die
zwar dunkel sind, aber dennoch Ideen, getrieben wird, und in
welchem die Vernunft als Instinkt waltet. Dieses Erfassen
des Grundtriebes, überhaupt nur im dunklen Gefühle, ist der
Grundzug der ersten Klasse unter den Menschen, die nicht durch
Erziehung, sondern durch sich selbst gebildet wird, und welche
Klasse wiederum zwei Unterarten in sich faßt, die durch einen
unbegreiflichen, der menschlichen Kunst durchaus unzugänglichen
Grund geschieden werden.

Die zweite Grundart des Bewußtseins, welche in der Regel sich
nicht von selbst entwickelt, sondern in der Gesellschaft
sorgfältig gepflegt werden muß, ist die klare Erkenntnis. Würde
der Grundtrieb der Menschheit in diesem Elemente erfaßt, so würde
dies eine zweite, von der ersten ganz verschiedene Klasse von
Menschen geben. Eine solche, die Grundliebe selbst erfassende
Erkenntnis läßt nun nicht, wie eine andre Erkenntnis dies wohl
kann, kalt und unteilnehmend, sondern der Gegenstand derselben
wird geliebt über alles, da dieser Gegenstand ja nur die Deutung
und Uebersetzung unsrer ursprünglichen Liebe selbst ist. Andre
Erkenntnis erfaßt Fremdes, und dieses bleibt fremd, und läßt
kalt; diese erfaßt den Erkennenden selbst und seine Liebe, und
diese liebt er. Unerachtet es nun bei beiden Klassen dieselbe
ursprüngliche nur in andrer Gestalt erscheinende Liebe ist, die
sie treibt, so kann man dennoch, von jenem Umstande absehend,
sagen, daß dort der Mensch durch dunkle Gefühle, hier durch klare
Erkenntnis getrieben werde.

Daß nun eine solche klare Erkenntnis unmittelbar antreibend werde
im Leben, und man hierauf sicher zählen könne, hängt, wie gesagt,
davon ab, daß es die wirkliche und wahre Liebe des Menschen sei,
die durch dieselbe gedeutet werde; auch daß ihm unmittelbar
klar werde, daß es also sei, und mit der Deutung zugleich das
Gefühl jener Liebe in ihm angeregt und von ihm empfunden werde;
daß daher niemals die Erkenntnis in ihm entwickelt werde, ohne
daß zugleich die Liebe es werde, indem im entgegengesetzten
Falle er kalt bleiben würde, und niemals die Liebe, ohne daß die
Erkenntnis zugleich es werde, indem im Gegenteile sein Antrieb
ein dunkles Gefühl werden würde; daß daher mit jedem Schritte
seiner Bildung der ganze vereinigte Mensch gebildet werde. Ein
von der Erziehung also als ein unteilbares Ganzes immerfort
behandelter Mensch wird es auch fernerhin bleiben, und jede
Erkenntnis wird ihm notwendig Lebensantrieb werden.

2. Indem auf diese Weise statt des dunkeln Gefühls die klare
Erkenntnis zu dem allerersten, und zu der wahren Grundlage und
Ausgangspunkte des Lebens gemacht wird, wird die Selbstsucht ganz
übergangen, und um ihre Entwicklung betrogen. Denn nur das dunkle
Gefühl gibt dem Menschen sein Selbst als ein genußbedürftiges und
schmerzscheuendes; keineswegs aber gibt es ihm also der klare
Begriff, sondern dieser zeigt es als Glied einer sittlichen
Ordnung, und es gibt eine Liebe zu dieser Ordnung, welche bei der
Entwicklung des Begriffs zugleich mit angezündet und entwickelt
wird. Mit der Selbstsucht bekommt diese Erziehung gar nichts zu
tun, weil sie die Wurzel derselben, das dunkle Gefühl, durch
Klarheit erstickt; sie bestreitet sie nicht, ebensowenig als sie
dieselbe entwickelt, sie weiß gar nicht von ihr. Wäre es möglich,
daß diese Sucht später dennoch sich regen sollte, so würde sie
das Herz schon angefüllt finden von einer höhern Liebe, die ihr
den Platz versagt.

3. Dieser Grundtrieb des Menschen nun, wenn er in klare
Erkenntnis übersetzt wird, geht nicht auf eine schon gegebene
und vorhandene Welt, welche ja nur leidend genommen werden kann,
wie sie eben ist, und in der eine zu ursprünglich schöpferischer
Tätigkeit treibende Liebe keinen Wirkungskreis für sich fände;
sondern er geht, zur Erkenntnis gesteigert auf eine Welt, die
da werden soll, eine apriorische, eine solche, die da zukünftig
ist, und ewig fort zukünftig bleibt. Das aller Erscheinung
zugrunde liegende göttliche Leben tritt darum niemals ein als ein
bestehendes und gegebenes Sein, sondern als etwas, das da werden
soll, und nachdem ein solches, das da werden sollte, geworden
ist, wird es abermals eintreten als ein werden sollendes in alle
Ewigkeit, daß daher jenes göttliche Leben niemals eintritt in
den Tod des stehenden Seins, sondern immerfort bleibt in der
Form des fortfließenden Lebens. Die unmittelbare Erscheinung und
Offenbarung Gottes ist die Liebe; erst die Deutung dieser Liebe
durch die Erkenntnis setzt ein Sein, und zwar ein solches, das
ewig fort nur werden soll, und dieses, als die einzige wahre
Welt, inwiefern an einer Welt überhaupt Wahrheit ist. Dagegen
ist die zweite gegebene und von uns als vorhanden vorgefundene
Welt nur der Schatten und Schemen, aus welchem die Erkenntnis
ihrer Deutung der Liebe eine feste Gestalt und einen sichtbaren
Leib erbaut; diese zweite Welt das Mittel und die Bedingung
der Anschaulichkeit der für sich selbst unsichtbaren höhern
Welt. Nicht einmal in diese letztere höhere Welt tritt Gott
unmittelbar ein, sondern auch hier nur vermittelt durch die eine,
reine, unwandelbare und gestaltlose Liebe, in welcher Liebe
allein er unmittelbar erscheint. Zu dieser Liebe tritt hinzu
die anschauende Erkenntnis, welche aus sich selber ein Bild
mitbringt, in das sie den an sich unsichtbaren Gegenstand der
Liebe kleidet; widersprochen jedoch jedesmal von der Liebe, und
darum fortgetrieben zu neuer Gestaltung, welcher abermals eben
also widersprochen wird; wodurch allein nun die Liebe, welche
rein für sich eins ist, des Fortfließens, der Unendlichkeit und
der Ewigkeit durchaus unfähig, in dieser Verschmelzung mit der
Anschauung auch ein Ewiges und Unendliches wird so wie diese.
Das soeben erwähnte aus der Erkenntnis selbst hergegebene Bild
-- für sich allein und noch ohne Anwendung auf die deutlich
erkannte Liebe dasselbe genommen -- ist die stehende und gegebene
Welt, oder die Natur. Der Wahn, daß in diese Natur Gottes Wesen
auf irgendeine Weise unmittelbar, und anders, als durch die
angegebenen Zwischenglieder vermittelt, eintrete, stammt aus
Finsternis im Geiste und aus Unheiligkeit im Willen.

4. Daß nun das dunkle Gefühl, als Auflösungsmittel der Liebe
in der Regel ganz übersprungen und an die Stelle desselben die
klare Erkenntnis als das gewöhnliche Auflösungsmittel gesetzt
werde, kann, wie schon erinnert, nur durch eine besonnene Kunst
der Erziehung des Menschen geschehen, und ist bisher nicht
also geschehen. Da nun, wie wir gleichfalls ersehen haben,
auf die letzte Weise eine von den bisherigen gewöhnlichen
Menschen durchaus verschiedene Menschenart eingeführt und als
die Regel gesetzt wird, so würde durch eine solche Erziehung
allerdings eine ganz neue Ordnung der Dinge, und eine neue
Schöpfung beginnen. Zu dieser neuen Gestalt würde nun die
Menschheit sich selber durch sich selbst, eben indem sie als
gegenwärtiges Geschlecht sich selbst als zukünftiges Geschlecht
erzieht, erschaffen; auf die Weise, wie sie allein dies kann,
durch die Erkenntnis, als das einzige gemeinschaftliche und
frei mitzuteilende, und das wahre, die Geisterwelt zur Einheit
verbindende Licht und Luft dieser Welt. Bisher wurde die
Menschheit, was sie eben wurde und werden konnte; mit diesem
Werden durch das Ohngefähr ist es vorbei; denn da, wo sie am
allerweitesten sich entwickelt hat, ist sie zu Nichts geworden.
Soll sie nicht bleiben in diesem Nichts, so muß sie von nun an
zu allem, was sie noch weiter werden soll, sich selbst machen.
Dies sei die eigentliche Bestimmung des Menschengeschlechts auf
der Erde, sagte ich in den Vorlesungen, deren Fortsetzung diese
sind, daß es mit Freiheit sich zu dem mache, was es eigentlich
ursprünglich ist. Dieses Sichselbstmachen, im allgemeinen
mit Besonnenheit und nach einer Regel, muß nun irgendwo und
irgendwann im Raum und in der Zeit einmal anheben, wodurch ein
zweiter Hauptabschnitt der freien und besonnenen Entwicklung des
Menschengeschlechts an die Stelle des ersten Abschnitts einer
nicht freien Entwicklung treten würde. Wir sind der Meinung, daß,
in Absicht der Zeit, diese Zeit eben jetzt sei, und daß dermalen
das Geschlecht in der wahren Mitte seines Lebens auf der Erde
zwischen seinen beiden Hauptepochen stehe; in Absicht des Raums
aber glauben wir, daß zu allernächst den Deutschen es anzumuten
sei, die neue Zeit, vorangehend und vorbildend für die übrigen,
zu beginnen.

5. Dennoch wird auch sogar diese ganz neue Schöpfung nicht durch
einen Sprung erfolgen aus dem Vorhergehenden, sondern sie ist
die wahre natürliche Fortsetzung und Folge der bisherigen Zeit,
ganz besonders unter den Deutschen. Sichtbar, und wie ich glaube,
allgemein zugestanden, ging ja alles Regen und Streben der Zeit
darauf, die dunklen Gefühle zu verbannen und allein der Klarheit
und der Erkenntnis die Herrschaft zu verschaffen. Dieses Streben
ist auch insofern vollkommen gelungen, daß das bisherige Nichts
vollkommen enthüllt ist. Keineswegs soll nun dieser Trieb nach
Klarheit ausgerottet, oder das dumpfe Beruhen beim dunkeln Gefühle
wieder herrschend werden; jener Trieb soll nur noch weiter entwickelt
und in höhere Kreise eingeführt werden, also, daß nach der Enthüllung
des Nichts auch das Etwas, die bejahende und wirklich etwas setzende
Wahrheit, ebenfalls offenbar werde. Die aus dem dunklen Gefühle
stammende Welt des gegebenen und sich durch sich selbst machenden
Seins ist versunken, und sie soll versunken bleiben; dagegen soll
die aus der ursprünglichen Klarheit stammende Welt des ewig fort aus
dem Geiste zu entbindenden Seins aufstrahlen und anbrechen in ihrem
ganzen Glanze.

Zwar dürfte die Weissagung eines neuen Lebens in solchen Formen
der Zeit sonderbar dünken, und es dürfte diese kaum den Mut
haben, diese Verheißung sich zuzueignen; wenn sie lediglich
auf den ungeheuern Abstand ihrer herrschenden Meinungen über
die soeben zur Sprache gebrachten Gegenstände von dem, was
als Grundsätze der neuen Zeit ausgesprochen worden, sehen
wollte. Ich will von der Bildung, welche jedoch, als ein nicht
gemein zu machendes Vorrecht, bisher in der Regel nur die
höhern Stände erhielten, die von einer übersinnlichen Welt
ganz schwieg, und lediglich einige Geschicklichkeit für die
Geschäfte der sinnlichen zu bewirken strebte, als von der
offenbar schlechteren, nicht reden, sondern nur auf diejenige
sehen, welche Volksbildung war und in einem gewissen sehr
beschränkten Sinne auch Nationalerziehung genannt werden könnte,
die über eine übersinnliche Welt nicht durchaus Stillschweigen
beobachtete. Welches waren die Lehren dieser Erziehung? Wenn wir
als allererste Voraussetzung der neuen Erziehung aufstellen, daß
in der Wurzel des Menschen ein reines Wohlgefallen am Guten sei
und daß dieses Wohlgefallen so sehr entwickelt werden könne,
daß es dem Menschen unmöglich werde, das für gut Erkannte zu
unterlassen, und statt dessen das für bös Erkannte zu tun; so
hat dagegen die bisherige Erziehung nicht bloß angenommen,
sondern auch ihre Zöglinge von früher Jugend an belehrt, teils,
daß dem Menschen eine natürliche Abneigung gegen Gottes Gebote
beiwohne, teils, daß es ihm schlechthin unmöglich sei, dieselben
zu erfüllen. Was läßt von einer solchen Belehrung, wenn sie für
ernst genommen wird und Glauben findet, andres sich erwarten, als
daß jeder einzelne sich in seine nun einmal nicht abzuändernde
Natur ergebe, nicht versuche zu leisten, was ihm nun als einmal
unmöglich vorgestellt ist, und nicht besser zu sein begehre, denn
er und alle übrigen zu sein vermögen; ja, daß er sich sogar die
ihm angemutete Niederträchtigkeit gefallen lasse, sich selbst in
seiner radikalen Sündhaftigkeit und Schlechtigkeit anzuerkennen;
indem diese Niederträchtigkeit vor Gott ihm als das einzige
Mittel vorgestellt wird, mit demselben sich abzufinden; und daß
er, falls etwa eine solche Behauptung, wie die unsrige, an sein
Ohr trifft, nicht anders denken könne, als daß man bloß einen
schlechten Scherz mit ihm treiben wolle, indem er allgegenwärtig
fühlt in seinem Innern, und mit den Händen greift, daß dieses
nicht wahr, sondern das Gegenteil davon allein wahr sei? Wenn
wir eine von allem gegebenen Sein ganz unabhängige und vielmehr
diesem Sein selbst das Gesetz gebende Erkenntnis annehmen, und in
diese gleich vom Anbeginn jedes menschliche Kind eintauchen, und
es von nun an in dem Gebiete derselben immerfort erhalten wollen,
wogegen wir die nur historisch zu erlernende Beschaffenheit der
Dinge als eine geringfügige Nebensache, die von selbst sich
ergibt, betrachten: so treten die reifsten Früchte der bisherigen
Bildung uns entgegen und erinnern uns, daß es ja bekanntermaßen
gar keine apriorische Erkenntnis gebe, und daß sie wohl wissen
möchten, wie man erkennen könne, außer durch Erfahrung. Und damit
diese übersinnliche und apriorische Welt auch sogar an derjenigen
Stelle sich nicht verrate, wo es gar nicht zu vermeiden schien
-- an der Möglichkeit einer Erkenntnis von Gott, und selbst an
Gott nicht die geistige Selbsttätigkeit sich erhebe, sondern das
leidende Hingeben alles in allem bliebe, hat gegen diese Gefahr
die bisherige Menschenbildung das kühne Mittel gefunden, das
Dasein Gottes zu einem historischen Faktum zu machen, dessen
Wahrheit durch ein Zeugenverhör ausgemittelt wird.

So verhält es sich wohl freilich; dennoch aber wolle das
Zeitalter darum nicht an sich selber verzagen. Denn diese
und alle andre ähnliche Erscheinungen sind selber nichts
Selbständiges, sondern nur Blüten und Früchte der wilden Wurzel
der alten Zeit. Gebe nur das Zeitalter sich ruhig hin der
Einimpfung einer neuen edlern und kräftigern Wurzel, so wird die
alte ersticken, und die Blüten und Früchte derselben, denen aus
jener keine weitere Nahrung zugefügt wird, werden von selbst
verwelken und abfallen. Jetzt vermag es das Zeitalter noch gar
nicht, unsern Worten zu glauben, und es ist notwendig, daß ihm
dieselben vorkommen wie Märchen. Wir wollen auch diesen Glauben
nicht; wir wollen nur Raum zum Schaffen und Handeln. Nachmals
wird es sehen, und es wird glauben seinen eignen Augen.

So wird z. B. jedermann, der mit den Erzeugungen der letzten
Zeit bekannt ist, schon längst bemerkt haben, daß hier abermals
die Sätze und Ansichten ausgesprochen werden, welche die neuere
deutsche Philosophie seit ihrer Entstehung gepredigt hat, und
wiederum gepredigt, weil sie eben nichts weiter vermochte, denn
zu predigen. Daß diese Predigten fruchtlos verhallt sind in
der leeren Luft, ist nun hinlänglich klar, auch ist der Grund
klar, warum sie also verhallen mußten. Nur auf Lebendiges wirkt
Lebendiges; in dem wirklichen Leben der Zeit aber ist gar keine
Verwandtschaft zu dieser Philosophie, indem diese Philosophie
ihr Wesen treibt in einem Kreise, der für jene noch gar nicht
aufgegangen, und für Sinnenwerkzeuge, die jener noch nicht
erwachsen sind. Sie ist gar nicht zu Hause in diesem Zeitalter,
sondern sie ist ein Vorgriff der Zeit und ein schon im voraus
fertiges Lebenselement eines Geschlechts, das in demselben erst
zum Lichte erwachsen soll. Auf das gegenwärtige Geschlecht
muß sie Verzicht tun; damit sie aber bis dahin nicht müßig
sei, so übernehme sie dermalen die Aufgabe, das Geschlecht, zu
welchem sie gehört, sich zu bilden. Erst wie dies ihr nächstes
Geschäft ihr klar geworden, wird sie friedlich und freundlich
zusammenleben können mit einem Geschlechte, das übrigens ihr
nicht gefällt. Die Erziehung, die wir bisher beschrieben haben,
ist zugleich die Erziehung für sie: wiederum kann in einem
gewissen Sinn nur sie die Erzieherin sein in dieser Erziehung;
und so mußte sie ihrer Verständlichkeit und Annehmbarkeit
zuvoreilen. Aber es wird die Zeit kommen, in der sie verstanden
und mit Freuden angenommen werden wird; und darum wolle das
Zeitalter nicht an sich selbst verzagen.

Höre dieses Zeitalter ein Gesicht eines alten Sehers, das auf eine
wohl nicht weniger beklagenswerte Lage berechnet war. So sagt der
Seher am Wasser Chebar, der Tröster der Gefangenen nicht im eignen
sondern im fremden Lande: »Des Herrn Hand kam über mich und führte
mich hinaus im Geiste des Herrn, und stellte mich auf ein weit Feld,
das voller Gebeine lag, und er führte mich allenthalben herum, und
siehe, des Gebeines lag sehr viel auf dem Felde, und siehe, sie waren
sehr verdorret. Und der Herr sprach zu mir: du Menschenkind, meinest
du wohl, daß diese Gebeine werden wieder lebendig werden? Und ich
sprach: Herr, das weißest nur du wohl. Und er sprach zu mir: Weissage
von diesen Gebeinen, und sprich zu ihnen: ihr verdorrten Gebeine,
höret des Herrn Wort! So spricht der Herr von euch verdorrten
Gebeinen, ich will euch durch Flechsen und Sehnen wieder verbinden,
und Fleisch lassen über euch wachsen; und euch mit Haut überziehen,
und will euch Odem geben, daß ihr wieder lebendig werdet, und ihr
sollet erfahren, daß ich der Herr sei. Und ich weissagte, wie mir
befohlen war, und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und regte
sich, und die Gebeine fügten sich wieder aneinander, ein jegliches an
seinen Ort, und es wuchsen darauf Adern und Fleisch, und er überzog
sie mit Haut; noch aber war kein Odem in ihnen. Und der Herr sprach
zu mir: Weissage zum Winde, du Menschenkind, und sprich zum Winde: so
spricht der Herr: Wind, komm herzu aus den vier Winden, und blase an
diese Getöteten, daß sie wieder lebendig werden. Und ich weissagte,
wie er mir befohlen hatte. Da kam Odem in sie, und sie wurden
wieder lebendig, und richteten sich auf ihre Füße, und ihrer war
ein sehr großes Heer.« Lasset immer die Bestandteile unsres höhern
geistigen Lebens ebenso ausgedorret, und eben darum auch die Bande
unsrer Nationaleinheit ebenso zerrissen, und in wilder Unordnung
durcheinander zerstreut herumliegen, wie die Totengebeine des Sehers;
lasset unter Stürmen, Regengüssen und sengendem Sonnenscheine mehrere
Jahrhunderte dieselben gebleicht und ausgedorrt haben: -- der
belebende Odem der Geisterwelt hat noch nicht aufgehört zu wehen. Er
wird auch unsers Nationalkörpers erstorbene Gebeine ergreifen und sie
aneinanderfügen, daß sie herrlich dastehen in neuem und verklärtem
Leben.




Vierte Rede.

Hauptverschiedenheit zwischen den deutschen und den übrigen
Völkern germanischer Abkunft.


Das in diesen Reden vorgeschlagene Bildungsmittel eines neuen
Menschengeschlechts müsse zu allererst von Deutschen an Deutschen
angewendet werden, und es komme dasselbe ganz eigentlich und
zunächst unsrer Nation zu, ist gesagt worden. Auch dieser Satz
bedarf eines Beweises, und wir werden auch hier, so wie bisher,
anheben von dem höchsten und allgemeinsten, zeigend, was der
Deutsche an und für sich, unabhängig von dem Schicksale, das
ihn dermalen betroffen hat, in seinem Grundzuge sei und von
jeher gewesen sei, seitdem er ist; und darlegend, daß schon in
diesem Grundzuge die Fähigkeit und Empfänglichkeit einer solchen
Bildung, ausschließend vor allen andern europäischen Nationen,
liege.

Der Deutsche ist zuvörderst ein Stamm der Germanier überhaupt,
über welche letztere hier hinreicht die Bestimmung anzugeben, daß
sie da waren, die im alten Europa errichtete gesellschaftliche
Ordnung mit der im alten Asien aufbewahrten wahren Religion zu
vereinigen, und so an und aus sich selbst eine neue Zeit, im
Gegensatze des untergegangenen Altertums, zu entwickeln. Ferner
reicht es hin den Deutschen insbesondere nur im Gegensatze mit
den andern neben ihm entstandenen germanischen Völkerstämmen zu
bezeichnen; indem andre neueuropäische Nationen, als z. B. die
von slawischer Abstammung, sich vor dem übrigen Europa noch
nicht so klar entwickelt zu haben scheinen, daß eine bestimmte
Zeichnung von ihnen möglich sei, andre aber von der gleichen
germanischen Abstammung, von denen der zugleich anzuführende
Hauptunterscheidungsgrund nicht gilt, wie die Skandinavier hier
unbezweifelt für Deutsche genommen werden, und unter allen den
allgemeinen Folgen unsrer Betrachtung mit begriffen sind.

Vor allem voraus aber ist der jetzt insbesondere anzustellenden
Betrachtung folgende Bemerkung voranzusenden. Ich werde als Grund
des erfolgten Unterschiedes in dem ursprünglich einen Grundstamme
eine Begebenheit angeben, die bloß als Begebenheit klar und
unwidersprechlich vor aller Augen liegt; ich werde sodann
einzelne Erscheinungen dieses erfolgten Unterschiedes aufstellen,
welche als bloße Begebenheiten wohl ebenso einleuchtend dürften
gemacht werden können. Was aber die Verknüpfung der letztern,
als Folgen mit dem ersten, als ihrem Grunde, und die Ableitung
der Folge aus dem Grunde betrifft, kann ich im allgemeinen nicht
auf dieselbe Klarheit und überzeugende Kraft für alle rechnen.
Zwar spreche ich auch in dieser Rücksicht nicht eben ganz neue
und bisher unerhörte Sätze aus, sondern es gibt unter uns viele
einzelne, die für eine solche Ansicht der Sache entweder sehr gut
vorbereitet, oder auch wohl mit derselben schon vertraut sind.
Unter der Mehrheit aber sind über den anzuregenden Gegenstand
Begriffe im Umlaufe, die von den unsrigen sehr abweichen, und
welche zu berichtigen, und alle, von solchen die keinen geübten
Sinn für ein Ganzes haben, aus einzelnen Fällen beizubringenden
Einwürfe zu widerlegen, die Grenze unsrer Zeit und unsres
Planes bei weitem überschreiten würde. Den letztern muß ich
mich begnügen das in dieser Rücksicht zu Sagende, das in meinem
gesamten Denken nicht so einzeln und abgerissen und nicht ohne
Begründung bis in die Tiefe des Wissens dastehen dürfte, wie es
hier sich gibt, nur als Gegenstand ihres weitern Nachdenkens
hinzulegen. Ganz übergehen durfte ich es, noch abgerechnet die
für das Ganze nicht zu erlassende Gründlichkeit, auch schon nicht
in Rücksicht der wichtigen Folgen daraus, die sich im spätern
Verlaufe unsrer Reden ergeben werden, und die ganz eigentlich zu
unserm nächsten Vorhaben gehören.

Der zu allererst und unmittelbar der Betrachtung sich darbietende
Unterschied zwischen den Schicksalen der Deutschen und der übrigen
aus derselben Wurzel erzeugten Stämme ist der, daß die ersten in
den ursprünglichen Wohnsitzen des Stammvolks blieben, die letzten
in andre Sitze auswanderten, die ersten die ursprüngliche Sprache
des Stammvolks behielten und fortbildeten, die letzten eine
fremde Sprache annahmen, und dieselbe allmählich nach ihrer Weise
umgestalteten. Aus dieser frühesten Verschiedenheit müssen erst
die spätern erfolgten, z. B. daß im ursprünglichen Vaterlande,
angemessen germanischer Ursitte, ein Staatenbund unter einem
beschränkten Oberhaupte blieb, in den fremden Ländern mehr auf
bisherige römische Weise die Verfassung in Monarchien überging, und
dergleichen erklärt werden, keineswegs aber in umgekehrter Ordnung.

Von den angegebenen Veränderungen ist nun die erste, die Veränderung
der Heimat, ganz unbedeutend. Der Mensch wird leicht unter jedem
Himmelsstriche einheimisch, und die Volkseigentümlichkeit, weit
entfernt durch den Wohnort sehr verändert zu werden, beherrscht
vielmehr diesen, und verändert ihn nach sich. Auch ist die
Verschiedenheit der Natureinflüsse in dem von Germaniern
bewohnten Himmelsstriche nicht sehr groß. Ebensowenig wolle
man auf den Umstand ein Gewicht legen, daß in den eroberten
Ländern die germanische Abstammung mit den frühern Bewohnern
vermischt worden; denn Sieger und Herrscher und Bildner des aus
der Vermischung entstehenden neuen Volkes waren doch nur die
Germanen. Ueberdies erfolgte dieselbe Mischung, die im Auslande
mit Galliern, Kantabriern usw. geschah, im Mutterlande mit Slawen
wohl nicht in geringerer Ausdehnung; so daß es keinem der aus
Germaniern entstandenen Völker heutzutage leicht fallen dürfte,
eine größere Reinheit seiner Abstammung vor den übrigen darzutun.

Bedeutender aber, und wie ich dafürhalte, einen vollkommenen
Gegensatz zwischen den Deutschen und den übrigen Völkern
germanischer Abkunft begründend, ist die zweite Veränderung, die
der Sprache; und kommt es dabei, welches ich gleich zu Anfange
bestimmt aussprechen will, weder auf die besondere Beschaffenheit
derjenigen Sprache an, welche von diesem Stamme beibehalten, noch
auf die der andern, welche von jenem andern Stamme angenommen
wird, sondern allein darauf, daß dort Eignes behalten, hier
Fremdes angenommen wird; noch kommt es an auf die vorige
Abstammung derer, die eine ursprüngliche Sprache fortsprechen,
sondern nur darauf, daß diese Sprache ohne Unterbrechung
fortgesprochen werde, indem weit mehr die Menschen von der
Sprache gebildet werden, denn die Sprache von den Menschen.

Um die Folgen eines solchen Unterschiedes in der Völkererzeugung
und die bestimmte Art des Gegensatzes in den Nationalzügen, die
aus dieser Verschiedenheit notwendig erfolgt, klar zu machen,
soweit es hier möglich und nötig ist, muß ich Sie zu einer
Betrachtung über das Wesen der Sprache überhaupt einladen.

Die Sprache überhaupt, und besonders die Bezeichnung der
Gegenstände in derselben durch das Lautwerden der Sprachwerkzeuge
hängt keineswegs von willkürlichen Beschlüssen und Verabredungen
ab, sondern es gibt zuförderst ein Grundgesetz, nach welchem
jedweder Begriff in den menschlichen Sprachwerkzeugen zu diesem
und keinem andern Laute wird. So wie die Gegenstände sich
in den Sinnenwerkzeugen des einzelnen mit dieser bestimmten
Figur, Farbe usw. abbilden, so bilden sie sich im Werkzeuge
des gesellschaftlichen Menschen, in der Sprache mit diesem
bestimmten Laute ab. Nicht eigentlich redet der Mensch, sondern
in ihm redet die menschliche Natur, und verkündigt sich andern
seinesgleichen. Und so müßte man sagen: die Sprache ist eine
einzige und durchaus notwendige.

Nun mag zwar, welches das zweite ist, die Sprache in dieser ihrer
Einheit für den Menschen schlechtweg als solchen, niemals und
nirgends hervorgebrochen sein, sondern allenthalben weiter geändert
und gebildet durch die Wirkungen, welche der Himmelsstrich, und
häufigerer oder seltenerer Gebrauch, auf die Sprachwerkzeuge und
die Aufeinanderfolge der beobachteten und bezeichneten Gegenstände
auf die Aufeinanderfolge der Bezeichnung hatten. Jedoch findet
auch hierin nicht Willkür oder Ohngefähr, sondern strenges Gesetz
statt; und es ist notwendig, daß in einem durch die erwähnten
Bedingungen also bestimmten Sprachwerkzeuge nicht die eine und reine
Menschensprache, sondern daß eine Abweichung davon, und zwar, daß
gerade diese bestimmte Abweichung davon hervorbreche.

Nenne man die unter denselben äußern Einflüssen auf das
Sprachwerkzeug stehenden, zusammenlebenden und in fortgesetzter
Mitteilung ihre Sprache fortbildenden Menschen ein Volk, so muß
man sagen: die Sprache dieses Volks ist notwendig so wie sie ist,
und nicht eigentlich dieses Volk spricht seine Erkenntnis aus,
sondern seine Erkenntnis selbst spricht sich aus aus demselben.

Bei allen im Fortgange der Sprache durch dieselben oben erwähnten
Umstände erfolgten Veränderungen bleibt, ununterbrochen diese
Gesetzmäßigkeit; und zwar für alle, die in ununterbrochener
Mitteilung bleiben, und wo das von jedem einzelnen ausgesprochene
Neue an das Gehör aller gelangt, dieselbe eine Gesetzmäßigkeit. Nach
Jahrtausenden, und nach allen den Veränderungen, welche in ihnen die
äußere Erscheinung der Sprache dieses Volks erfahren hat, bleibt es
immer dieselbe eine, ursprünglich also ausbrechen müssende lebendige
Sprachkraft der Natur, die ununterbrochen durch alle Bedingungen
herabgeflossen ist und in jeder so werden mußte, wie sie ward, am
Ende derselben so sein mußte, wie sie jetzt ist, und in einiger Zeit
also sein wird, wie sie sodann müssen wird. Die reinmenschliche
Sprache zusammengenommen zuvörderst mit dem Organe des Volks,
als sein erster Laut ertönte, was hieraus sich ergibt, ferner
zusammengenommen mit allen Entwicklungen, die dieser erste Laut
unter den gegebenen Umständen gewinnen mußte, gibt als letzte Folge
die gegenwärtige Sprache des Volks. Darum bleibt auch die Sprache
immer dieselbe Sprache. Lasset immer nach einigen Jahrhunderten die
Nachkommen die damalige Sprache ihrer Vorfahren nicht verstehen, weil
für sie die Uebergänge verloren gegangen sind; dennoch gibt es vom
Anbeginn an einen stetigen Uebergang, ohne Sprung, immer unmerklich
in der Gegenwart, und nur durch Hinzufügung neuer Uebergänge
bemerklich gemacht, und als Sprung erscheinend. Niemals ist ein
Zeitpunkt eingetreten, da die Zeitgenossen aufgehört hätten sich zu
verstehen, indem ihr ewiger Vermittler und Dolmetscher die aus ihnen
allen sprechende gemeinsame Naturkraft immerfort war und blieb. So
verhält es sich mit der Sprache als Bezeichnung der Gegenstände
unmittelbar sinnlicher Wahrnehmung, und dieses ist alle menschliche
Sprache anfangs. Erhebt von dieser das Volk sich zu Erfassung des
Uebersinnlichen, so vermag dieses Uebersinnliche zur beliebigen
Wiederholung und zur Vermeidung der Verwirrung mit dem Sinnlichen
für den ersten einzelnen, und zur Mitteilung und zweckmäßigen
Leitung für andre, zuvörderst nicht anders festgehalten zu werden,
denn also, daß ein Selbst als Werkzeug einer übersinnlichen Welt
bezeichnet, und von demselben Selbst, als Werkzeug der sinnlichen
Welt, genau unterschieden werde -- eine Seele, Gemüt und dergleichen
einem körperlichen Leib entgegengesetzt werde. Ferner könnten
die verschiedenen Gegenstände dieser übersinnlichen Welt, da sie
insgesamt nur in jenem übersinnlichen Werkzeuge erscheinen und für
dasselbe da sind, in der Sprache nur dadurch bezeichnet werden, daß
gesagt werde, ihr besonderes Verhältnis zu ihrem Werkzeuge sei also
wie das Verhältnis der und der bestimmten sinnlichen Gegenstände zum
sinnlichen Werkzeuge, und das in diesem Verhältnis ein besonderes
Uebersinnliches einem besondern Sinnlichen gleichgesetzt, und durch
diese Gleichsetzung sein Ort im übersinnlichen Werkzeuge durch die
Sprache angedeutet werde. Weiter vermag in diesem Umkreise die
Sprache nichts; sie gibt ein sinnliches Bild des Uebersinnlichen
bloß mit der Bemerkung, daß es ein solches Bild sei; wer zur Sache
selbst kommen will, muß nach der durch das Bild ihm angegebenen
Regel sein eignes geistiges Werkzeug in Bewegung setzen. -- Im
allgemeinen erhellet, daß diese sinnbildliche Bezeichnung des
Uebersinnlichen jedesmal nach der Stufe der Entwicklung des
sinnlichen Erkenntnisvermögens unter dem gegebenen Volke sich richten
müsse; daß daher der Anfang und Fortgang dieser sinnbildlichen
Bezeichnung in verschiedenen Sprachen sehr verschieden ausfallen
werde, nach der Verschiedenheit des Verhältnisses, das zwischen der
sinnlichen und geistigen Ausbildung des Volkes, das eine Sprache
redet, stattgefunden und fortwährend stattfindet.

Wir beleben zuvörderst diese in sich klare Bemerkung durch ein
Beispiel. Etwas, das zufolge der in der vorigen Rede erklärten
Erfassung des Grundtriebes nicht erst durch das dunkle Gefühl,
sondern sogleich durch klare Erkenntnis entsteht, dergleichen
jedesmal ein übersinnlicher Gegenstand ist, heißt mit einem
griechischen, auch in der deutschen Sprache häufig gebrauchten
Worte, eine Idee, und dieses Wort gibt genau dasselbe Sinnbild,
was in der deutschen das Wort Gesicht, wie dieses in folgenden
Wendungen der lutherschen Bibelübersetzung: ihr werdet Gesichte
sehen, ihr werdet Träume haben, vorkommt. Idee oder Gesicht
in sinnlicher Bedeutung wäre etwas, das nur durch das Auge
des Leibes, keineswegs aber durch einen andern Sinn, etwa
der Betastung, des Gehörs usw. erfaßt werden könnte, so wie
etwa ein Regenbogen, oder die Gestalten, welche im Traume vor
uns vorübergehen. Dasselbe in übersinnlicher Bedeutung hieße
zuvörderst, zufolge des Umkreises, in dem das Wort gelten
soll, etwas, das gar nicht durch den Leib, sondern nur durch
den Geist erfaßt wird, sodann, das auch nicht durch das dunkle
Gefühl des Geistes, wie manches andre, sondern allein durch
das Auge desselben, die klare Erkenntnis, erfaßt werden kann.
Wollte man nun etwa ferner annehmen, daß den Griechen bei dieser
sinnbildlichen Bezeichnung allerdings der Regenbogen und die
Erscheinungen der Art zum Grunde gelegen, so müßte man gestehen,
daß ihre sinnliche Erkenntnis schon vorher sich zur Bemerkung des
Unterschiedes zwischen den Dingen, daß einige sich allen oder
mehreren Sinnen, einige sich bloß dem Auge offenbaren, erhoben
haben müsse, und daß außerdem sie den entwickelten Begriff,
wenn er ihnen klar geworden wäre, nicht also, sondern anders
hätten bezeichnen müssen. Es würde sodann auch ihr Vorzug in
geistiger Klarheit erhellen etwa vor einem andern Volke, das
den Unterschied zwischen Sinnlichem und Uebersinnlichem nicht
durch ein aus dem besonnenen Zustande des Wachens hergenommenes
Sinnbild habe bezeichnen können, sondern zum Traume seine
Zuflucht genommen, um ein Bild für eine andre Welt zu finden;
zugleich würde einleuchten, daß dieser Unterschied nicht
etwa durch die größere oder geringere Stärke des Sinns fürs
Uebersinnliche in den beiden Völkern, sondern daß er lediglich
durch die Verschiedenheit ihrer sinnlichen Klarheit, damals, als
sie Uebersinnliches bezeichnen wollten, begründet sei.

So richtet alle Bezeichnung des Uebersinnlichen sich nach dem
Umfange und der Klarheit der sinnlichen Erkenntnis desjenigen,
der da bezeichnet. Das Sinnbild ist ihm klar, und drückt ihm das
Verhältnis des Begriffenen zum geistigen Werkzeuge vollkommen
verständlich aus, denn dieses Verhältnis wird ihm erklärt durch
ein andres unmittelbar lebendiges Verhältnis zu seinem sinnlichen
Werkzeuge. Diese also entstandene neue Bezeichnung, mit aller der
neuen Klarheit, die durch diesen erweiterten Gebrauch des Zeichens
die sinnliche Erkenntnis selber bekommt, wird nun niedergelegt in
der Sprache; und die mögliche künftige übersinnliche Erkenntnis
wird nun nach ihrem Verhältnisse zu der ganzen in der gesamten
Sprache niedergelegten übersinnlichen und sinnlichen Erkenntnis
bezeichnet; und so geht es ununterbrochen fort; und so wird denn
die unmittelbare Klarheit und Verständlichkeit der Sinnbilder
niemals abgebrochen, sondern sie bleibt ein stetiger Fluß. --
Ferner, da die Sprache nicht durch Willkür vermittelt, sondern
als unmittelbare Naturkraft aus dem verständigen Leben ausbricht,
so hat eine ohne Abbruch nach diesem Gesetze fortentwickelte
Sprache auch die Kraft, unmittelbar einzugreifen in das Leben
und dasselbe anzuregen. Wie die unmittelbar gegenwärtigen Dinge
den Menschen bewegen, so müssen auch die Worte einer solchen
Sprache den bewegen, der sie versteht, denn auch sie sind Dinge,
keineswegs willkürliches Machwerk. So zunächst im Sinnlichen. Nicht
anders jedoch auch im Uebersinnlichen. Denn obwohl in Beziehung
auf das letztere der stetige Fortgang der Naturbeobachtung durch
freie Besinnung und Nachdenken unterbrochen wird, und hier
gleichsam der unbildliche Gott eintritt, so versetzt dennoch die
Bezeichnung durch die Sprache das Unbildliche auf der Stelle in
den stetigen Zusammenhang des Bildlichen zurück; und so bleibt
auch in dieser Rücksicht der stetige Fortgang der zuerst als
Naturkraft ausgesprochenen Sprache ununterbrochen, und es tritt
in den Fluß der Bezeichnung keine Willkür ein. Es kann darum
auch dem übersinnlichen Teile einer also stetig fortentwickelten
Sprache seine Leben anregende Kraft auf den, der nur sein geistiges
Werkzeug in Bewegung setzt, nicht entgehen. Die Worte einer solchen
Sprache in allen ihren Teilen sind Leben und schaffen Leben. --
Machen wir auch in Rücksicht der Entwicklung der Sprache für das
Uebersinnliche die Voraussetzung, daß das Volk dieser Sprache in
ununterbrochener Mitteilung geblieben, und daß, was einer gedacht
und ausgesprochen, bald an alle gekommen, so gilt, was bisher im
allgemeinen gesagt worden, für alle, die diese Sprache reden.
Allen, die nur denken wollen, ist das in der Sprache niedergelegte
Sinnbild klar; allen, die da wirklich denken, ist es lebendig und
anregend ihr Leben.

So verhält es sich, sage ich, mit einer Sprache, die von dem
ersten Laute an, der in demselben Volke ausbrach, ununterbrochen
aus dem wirklichen gemeinsamen Leben dieses Volkes sich entwickelt
hat, und in die niemals ein Bestandteil gekommen, der nicht eine
wirklich erlebte Anschauung dieses Volks und eine mit allen übrigen
Anschauungen desselben Volks im allseitig eingreifenden Zusammenhange
stehende Anschauung ausdrückte. Lasset dem Stammvolke dieser Sprache
noch so viele einzelne andern Stammes und andrer Sprache einverleibt
werden; wenn es diesen nur nicht verstattet wird, den Umkreis ihrer
Anschauungen zu dem Standpunkte, von welchem von nun an die Sprache
sich fortentwickle, zu erheben, so bleiben diese stumm in der
Gemeinde und ohne Einfluß auf die Sprache, so lange, bis sie selbst
in den Umkreis der Anschauung des Stammvolks hineingekommen sind, und
so bilden nicht sie die Sprache, sondern die Sprache bildet sie.

Ganz das Gegenteil aber von allem bisher Gesagten erfolgt
alsdann, wenn ein Volk mit Aufgebung seiner eignen Sprache eine
fremde, für übersinnliche Bezeichnung schon sehr gebildete
annimmt; und zwar nicht also, daß es sich der Einwirkung dieser
fremden Sprache ganz frei hingebe, und sich bescheide sprachlos
zu bleiben, so lange, bis es in den Kreis der Anschauungen
dieser fremden Sprache hineingekommen; sondern also, daß es
seinen eignen Anschauungskreis der Sprache aufdringe, und diese,
von dem Standpunkte aus, wo sie dieselbe fanden, von nun an in
diesem Anschauungskreise sich fortbewegen müsse. In Absicht des
sinnlichen Teils der Sprache zwar ist diese Begebenheit ohne
Folgen. In jedem Volke müssen ja ohnedies die Kinder diesen
Teil der Sprache, gleich als ob die Zeichen willkürlich wären,
lernen und so die ganze frühere Sprachentwicklung der Nation
hierin nachholen; jedes Zeichen aber in diesem sinnlichen
Umkreise kann durch die unmittelbare Ansicht oder Berührung des
Bezeichneten vollkommen klargemacht werden. Höchstens würde
daraus folgen, daß das erste Geschlecht eines solchen seine
Sprache ändernden Volkes als Männer wieder in die Kinderjahre
zurückzugehen genötigt gewesen; mit den Nachgebornen aber und
an den künftigen Geschlechtern war alles wieder in der alten
Ordnung. Dagegen ist diese Veränderung von den bedeutendsten
Folgen in Rücksicht des übersinnlichen Teils der Sprache. Dieser
hat zwar für die ersten Eigentümer der Sprache sich gemacht
auf die bisher beschriebene Weise; für die spätern Eroberer
derselben aber enthält das Sinnbild eine Vergleichung mit einer
sinnlichen Anschauung, die sie entweder schon längst, ohne die
beiliegende geistige Ausbildung, übersprungen haben, oder die
sie dermalen noch nicht gehabt haben, auch wohl niemals haben
können. Das Höchste, was sie hierbei tun können, ist, daß sie
das Sinnbild und die geistige Bedeutung derselben sich erklären
lassen, wodurch sie die flache und tote Geschichte einer
fremden Bildung, keineswegs aber eigne Bildung erhalten und
Bilder bekommen, die für sie weder unmittelbar klar, noch auch
lebenanregend sind, sondern völlig also willkürlich erscheinen
müssen, wie der sinnliche Teil der Sprache. Für sie ist nun,
durch diesen Eintritt der bloßen Geschichte als Erklärerin, die
Sprache in Absicht des ganzen Umkreises ihrer Sinnbildlichkeit
tot, abgeschlossen und ihr stetiger Fortfluß abgebrochen; und
obwohl über diesen Umkreis hinaus sie nach ihrer Weise, und
inwiefern dies von einem solchen Ausgangspunkte aus möglich ist,
diese Sprache wieder lebendig fortbilden mögen; so bleibt doch
jener Bestandteil die Scheidewand, an welcher der ursprüngliche
Ausgang der Sprache, als eine Naturkraft, aus dem Leben und die
Rückkehr der wirklichen Sprache in das Leben, ohne Ausnahme sich
bricht. Obwohl eine solche Sprache auf der Oberfläche durch den
Wind des Lebens bewegt werden, und so den Schein eines Lebens von
sich geben mag, so hat sie doch tiefer einen toten Bestandteil,
und ist durch den Eintritt des neuen Anschauungskreises und die
Abbrechung des alten abgeschnitten von der lebendigen Wurzel.

Wir beleben das soeben Gesagte durch ein Beispiel; indem wir
zum Behuf dieses Beispiels noch beiläufig die Bemerkung machen,
daß eine solche im Grunde tote und unverständliche Sprache sich
auch sehr leicht verdrehen und zu allen Beschönigungen des
menschlichen Verderbens mißbrauchen läßt, was in einer niemals
erstorbenen nicht also möglich ist. Ich bediene mich als solchen
Beispiels der drei berüchtigten Worte, Humanität, Popularität,
Liberalität. Diese Worte, vor dem Deutschen, der keine andre
Sprache gelernt hat, ausgesprochen, sind ihm ein völlig leerer
Schall, der an nichts ihm schon Bekanntes durch Verwandtschaft
des Lautes erinnert und so aus dem Kreise seiner Anschauung und
aller möglichen Anschauung ihn vollkommen herausreißt. Reizt nun
doch etwa das unbekannte Wort durch seinen fremden vornehmen
und wohltönenden Klang seine Aufmerksamkeit, und denkt er, was
so hoch töne, müsse auch etwas Hohes bedeuten; so muß er sich
diese Bedeutung ganz von vornherein und als etwas ihm ganz
Neues erklären lassen und kann dieser Erklärung eben nur blind
glauben und wird so stillschweigend gewöhnt, etwas für wirklich
daseiend und würdig anzuerkennen, das er, sich selbst überlassen,
vielleicht niemals des Erwähnens wert gefunden hätte. Man glaube
nicht, daß es sich mit den neulateinischen Völkern, welche jene
Worte vermeintlich als Worte ihrer Muttersprache aussprechen,
viel anders verhalte. Ohne gelehrte Ergründung des Altertums und
seiner wirklichen Sprache verstehen sie die Wurzeln dieser Wörter
ebensowenig, als der Deutsche. Hätte man nun etwa dem Deutschen
statt des Wortes Humanität das Wort Menschlichkeit, wie jenes
wörtlich übersetzt werden muß, ausgesprochen, so hätte er uns
ohne weitere historische Erklärung verstanden; aber er hätte
gesagt: da ist man nicht eben viel, wenn man ein Mensch ist und
kein wildes Tier. Also aber, wie wohl nie ein Römer gesagt hätte,
würde der Deutsche sagen, deswegen, weil die Menschheit überhaupt
in seiner Sprache nur ein sinnlicher Begriff geblieben, niemals
aber wie bei den Römern zum Sinnbilde eines übersinnlichen
geworden; indem unsre Vorfahren vielleicht lange vorher die
einzelnen menschlichen Tugenden bemerkt, und sinnbildlich in der
Sprache bezeichnet, ehe sie darauf gefallen, dieselben in einem
Einheitsbegriffe, und zwar als Gegensatz mit der tierischen
Natur, zusammenzufassen, welches denn auch unsern Vorfahren
den Römern gegenüber zu gar keinem Tadel gereicht. Wer nun den
Deutschen dennoch dieses fremde und römische Sinnbild künstlich
in die Sprache spielen wollte, der würde ihre sittliche Denkart
offenbar herunterstimmen, indem er ihnen als etwas Vorzügliches
und Lobenswürdiges hingäbe, was in der fremden Sprache auch wohl
ein solches sein mag, was er aber, nach der austilgbaren Natur
seiner Nationaleinbildungskraft nur faßt, als das Bekannte, das
gar nicht zu erfassen ist. Es ließe sich vielleicht durch eine
nähere Untersuchung dartun, daß dergleichen Herabstimmungen der
frühern sittlichen Denkart durch unpassende und fremde Sinnbilder
den germanischen Stämmen, die die römische Sprache annahmen,
schon zu Anfange begegnet: doch wird hier auf diesen Umstand
nicht gerade das größte Gewicht gelegt.

Würde ich ferner dem Deutschen statt der Wörter Popularität und
Liberalität die Ausdrücke Haschen nach Gunst beim großen Haufen,
und Entfernung vom Sklavensinn, wie jene wörtlich übersetzt
werden müssen, sagen, so bekäme derselbe zuvörderst nicht einmal
ein klares und lebhaftes sinnliches Bild, dergleichen der frühere
Römer allerdings bekam. Dieser sah alle Tage die schmiegsame
Höflichkeit des ehrgeizigen Kandidaten gegen alle Welt, so
wie die Ausbrüche des Sklavensinns vor Augen, und jene Worte
bildeten sie ihm wieder lebendig vor. Durch die Veränderung der
Regierungsform und die Einführung des Christentums waren schon
dem spätern Römer diese Schauspiele entrissen; wie denn überhaupt
diesem, besonders durch das fremdartige Christentum, das er
weder abzuwehren, noch sich einzuverleiben vermochte, die eigne
Sprache guten Teils abzusterben anfing im eignen Munde. Wie hätte
diese, schon in der eignen Heimat halbtote Sprache, lebendig
überliefert werden können an ein fremdes Volk? Wie sollte sie
es jetzt können an uns Deutsche? Was ferner das in jenen beiden
Ausdrücken liegende Sinnbild eines geistigen betrifft, so liegt
in der Popularität schon ursprünglich eine Schlechtigkeit, die
durch das Verderben der Nation und ihrer Verfassung in ihrem
Munde zur Tugend verdreht wurde. Der Deutsche geht in diese
Verdrehung, sowie sie ihm nur in seiner eignen Sprache dargeboten
wird, nimmer ein. Zur Uebersetzung der Liberalität aber dadurch,
daß ein Mensch keine Sklavenseele, oder, wenn es in die neue
Sitte eingeführt wird, keine Lakaiendenkart habe, antwortet er
abermals, daß auch dies sehr wenig gesagt heiße.

Nun hat man aber noch ferner in diese, schon in ihrer reinen Gestalt
bei den Römern auf einer tiefen Stufe der sittlichen Bildung
entstandenen, oder geradezu eine Schlechtigkeit bezeichnenden
Sinnbilder in der Fortentwicklung der neulateinischen Sprachen den
Begriff von Mangel an Ernst über die gesellschaftlichen Verhältnisse,
den des Sichwegwerfens, den der gemütlosen Lockerheit, hineingespielt
und dieselben auch in die deutsche Sprache gebracht, um durch das
Ansehen des Altertums und des Auslandes, ganz in der Stille und
ohne daß jemand so recht deutlich merke, wovon die Rede sei, die
letztgenannten Dinge auch unter uns in Ansehen zu bringen. Dies
ist von jeher der Zweck und der Erfolg aller Einmischung gewesen;
zuvörderst aus der unmittelbaren Verständlichkeit und Bestimmtheit,
die jede ursprüngliche Sprache bei sich führt, den Hörer in Dunkel
und Unverständlichkeit einzuhüllen; darauf an den dadurch erregten
blinden Glauben desselben sich mit der nun nötig gewordenen Erklärung
zu wenden, in dieser endlich Laster und Tugend so durcheinander
zu rühren, daß es kein leichtes Geschäft ist, dieselben wieder
zu sondern. Hätte man das, was jene drei ausländischen Worte
eigentlich wollen müssen, wenn sie überhaupt etwas wollen, dem
Deutschen in seinen Worten, und in seinem sinnbildlichen Kreise also
ausgesprochen: Menschenfreundlichkeit, Leutseligkeit, Edelmut, so
hätte er uns verstanden; die genannten Schlechtigkeiten aber hätten
sich niemals in jene Bezeichnungen einschieben lassen. Im Umfange
deutscher Rede entsteht eine solche Einhüllung in Unverständlichkeit
und Dunkel, entweder aus Ungeschicktheit, oder aus böser Tücke; sie
ist zu vermeiden, und die Uebersetzung in rechtes wahres Deutsch
liegt als stets fertiges Hilfsmittel bereit. In den neulateinischen
Sprachen aber ist diese Unverständlichkeit natürlich und
ursprünglich, und sie ist durch gar kein Mittel zu vermeiden, indem
diese überhaupt nicht im Besitze irgendeiner lebendigen Sprache,
woran sie die tote prüfen könnten, sich befinden, und die Sache genau
genommen, eine Muttersprache gar nicht haben.

Das an diesem einzelnen Beispiele Dargelegte, was gar leicht
durch den ganzen Umkreis der Sprache sich würde hindurch führen
lassen, und allenthalben also sich wieder finden würde, soll
Ihnen das bis hierher Gesagte so klar machen, als es hier
werden kann. Es ist vom übersinnlichen Teile der Sprache die
Rede, vom sinnlichen zunächst und unmittelbar gar nicht. Dieser
übersinnliche Teil ist in einer immerfort lebendig gebliebenen
Sprache sinnbildlich, zusammenfassend bei jedem Schritte das
Ganze des sinnlichen und geistigen, in der Sprache niedergelegten
Lebens der Nation in vollendeter Einheit, um einen, ebenfalls
nicht willkürlichen, sondern aus dem ganzen bisherigen Leben
der Nation notwendig hervorgehenden Begriff zu bezeichnen,
aus welchem, und seiner Bezeichnung, ein scharfes Auge die
ganze Bildungsgeschichte der Nation rückwärtsschreitend wieder
müßte herstellen können. In einer toten Sprache aber, in der
dieser Teil, als sie noch lebte, dasselbige war, wird er durch
die Ertötung zu einer zerrissenen Sammlung willkürlicher, und
durchaus nicht weiter zu erklärender Zeichen ebenso willkürlicher
Begriffe, wo mit beiden sich nichts weiter anfangen läßt, als daß
man sie eben lerne.

Somit ist unsre nächste Aufgabe, den unterscheidenden Grundzug
des Deutschen vor den andern Völkern germanischer Abkunft zu
finden, gelöst. Die Verschiedenheit ist sogleich bei der ersten
Trennung des gemeinschaftlichen Stamms entstanden, und besteht
darin, daß der Deutsche eine bis zu ihrem ersten Ausströmen aus
der Naturkraft lebendige Sprache redet, die übrigen germanischen
Stämme eine nur auf der Oberfläche sich regende, in der Wurzel
aber tote Sprache. Allein in diesen Umstand, in die Lebendigkeit
und in den Tod, setzen wir den Unterschied; keineswegs aber
lassen wir uns ein auf den übrigen innern Wert der deutschen
Sprache. Zwischen Leben und Tod findet gar keine Vergleichung
statt, und das erste hat vor dem letzten unendlichen Wert; darum
sind alle unmittelbare Vergleichungen der deutschen und der
neulateinischen Sprachen durchaus nichtig, und sind gezwungen
von Dingen zu reden, die der Rede nicht wert sind. Sollte
vom innern Werte der deutschen Sprache die Rede entstehen,
so müßte wenigstens eine von gleichem Range, eine ebenfalls
ursprüngliche, als etwa die griechische, den Kampfplatz betreten;
unser gegenwärtiger Zweck aber liegt tief unter einer solchen
Vergleichung.

Welchen unermeßlichen Einfluß auf die ganze menschliche Entwicklung
eines Volks die Beschaffenheit seiner Sprache haben möge, die
Sprache, welche den einzelnen bis in die geheimste Tiefe seines
Gemüts bei Denken und Wollen begleitet, und beschränkt oder
beflügelt, welche die gesamte Menschenmenge, die dieselbe redet, auf
ihrem Gebiete zu einem einzigen gemeinsamen Verstande verknüpft,
welche der wahre gegenseitige Durchströmungspunkt der Sinnenwelt und
der der Geister ist, und die Enden dieser beiden also ineinander
verschmilzt, daß gar nicht zu sagen ist, zu welcher von beiden sie
selber gehöre; wie verschieden die Folge dieses Einflusses ausfallen
möge, da, wo das Verhältnis ist, wie Leben und Tod, läßt sich im
allgemeinen erraten. Zunächst bietet sich dar, daß der Deutsche
ein Mittel hat seine lebendige Sprache durch Vergleichung mit der
abgeschlossenen römischen Sprache, die von der seinigen im Fortgange
der Sinnbildlichkeit gar sehr abweicht, noch tiefer zu ergründen, wie
hinwiederum jene auf demselben Wege klarer zu verstehen, welches dem
Neulateiner, der im Grunde in dem Umkreise derselben _einen_ Sprache
gefangen bleibt, nicht also möglich ist; daß der Deutsche, indem
er die römische Stammsprache lernt, die abgestammten gewissermaßen
zugleich mit erhält, und falls er etwa die erste gründlicher lernen
sollte, denn der Ausländer, welches er aus dem angeführten Grunde gar
wohl vermag, er zugleich auch dieses Ausländers eigne Sprachen weit
gründlicher verstehen und weit eigentümlicher besitzen lernt, denn
jener selbst, der sie redet; daß daher der Deutsche, wenn er sich
nur aller seiner Vorteile bedient, den Ausländer immerfort übersehen
und ihn vollkommen, sogar besser denn er sich selbst, verstehen,
und ihn nach seiner ganzen Ausdehnung übersetzen kann; dagegen der
Ausländer ohne eine höchst mühsame Erlernung der deutschen Sprache
den wahren Deutschen niemals verstehen kann, und das echt Deutsche
ohne Zweifel unübersetzt lassen wird. Was in diesen Sprachen man
nur vom Ausländer selbst lernen kann, sind meistens aus Langeweile
und Grille entstandene neue Moden des Sprechens, und man ist sehr
bescheiden, wenn man auf diese Belehrungen eingeht. Meistens würde
man statt dessen ihnen zeigen können, wie sie der Stammsprache und
ihrem Verwandlungsgesetze gemäßig sprechen sollten, und daß die neue
Mode nichts tauge, und gegen die althergebrachte gute Sitte verstoße.
--

Jener Reichtum an Folgen überhaupt, so wie die besondere zuletzt
erwähnte Folge ergeben sich, wie gesagt, von selbst.

Unsre Absicht aber ist es, diese Folgen insgesamt im ganzen nach
ihrem Einheitsbande und aus der Tiefe zu erfassen, um dadurch
eine gründliche Schilderung des Deutschen im Gegensatze mit den
übrigen germanischen Stämmen zu geben. Ich gebe diese Folgen
vorläufig in der Kürze also an: 1. Beim Volke der lebendigen
Sprache greift die Geistesbildung ein ins Leben; beim Gegenteile
geht geistige Bildung und Leben jedes seinen Gang für sich fort.
2. Aus demselben Grunde ist es einem Volke der ersten Art mit
aller Geistesbildung rechter eigentlicher Ernst, und es will, daß
dieselbe ins Leben eingreife; dagegen einem von der letztern Art
diese vielmehr ein genialisches Spiel ist, mit dem sie nichts
weiter wollen. Die letztern haben Geist; die erstern haben
zum Geiste auch noch Gemüt. 3. Was aus dem zweiten folgt: die
erstern haben redlichen Fleiß und Ernst in allen Dingen und sind
mühsam, dagegen die letztern sich im Geleite ihrer glücklichen
Natur gehen lassen. 4. Was aus allem zusammen folgt: In einer
Nation von der ersten Art ist das große Volk bildsam, und die
Bildner einer solchen erproben ihre Entdeckungen an dem Volke,
und wollen auf dieses einfließen; dagegen in einer Nation von der
zweiten Art die gebildeten Stände vom Volke sich scheiden, und
des letztern nicht weiter, denn als eines blinden Werkzeugs ihrer
Pläne achten. Die weitere Erörterung dieser angegebenen Merkmale
behalte ich der folgenden Rede vor.




Fünfte Rede.

Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit.


Zum Behuf einer Schilderung der Eigentümlichkeit der Deutschen
ist der Grundunterschied zwischen diesen und den andern Völkern
germanischer Abkunft angegeben worden, daß die ersteren in dem
ununterbrochenen Fortflusse einer aus wirklichem Leben sich
fortentwickelnden Sprache geblieben, die letztern aber eine ihnen
fremde Sprache angenommen, die unter ihrem Einflusse ertötet
worden. Wir haben zu Ende der vorigen Rede andre Erscheinungen
an diesen also verschiedenen Volksstämmen angegeben, welche aus
jenem Grundunterschiede notwendig erfolgen mußten; und werden
heute diese Erscheinungen weiter entwickeln und fester auf ihrem
gemeinsamen Boden begründen.

Eine Untersuchung, die sich der Gründlichkeit befleißet, kann
manches Streites und der Erregung von mancherlei Scheelsucht
sich überheben. Wie wir ehemals in der Untersuchung, von der
die gegenwärtige die Fortsetzung ist, taten, so werden wir auch
hier tun. Wir werden Schritt vor Schritt ableiten, was aus dem
aufgestellten Grundunterschiede folgt, und nur darauf sehen,
daß diese Ableitung richtig sei. Ob nun die Verschiedenheit der
Erscheinungen, die dieser Ableitung zufolge sein sollte, in der
wirklichen Erfahrung eintrete oder nicht, dies zu entscheiden,
will ich lediglich Ihnen und jedem Beobachter überlassen. Zwar
werde ich, was insbesondere den Deutschen betrifft, zu seiner
Zeit darlegen, daß er sich wirklich also gezeigt habe, wie er
unsrer Ableitung zufolge sein mußte. Was aber die germanischen
Ausländer betrifft, so werde ich nichts dagegen haben, wenn
einer unter ihnen wirklich versteht, wovon eigentlich hier
die Rede sei, und wenn diesem hernach auch der Beweis gelingt,
daß seine Landsleute eben auch dasselbe gewesen seien, was
die Deutschen, und wenn er sie von den entgegengesetzten
Zügen völlig loszusprechen vermag. Im allgemeinen wird unsre
Beschreibung auch in diesen gegenteiligen Zügen keineswegs in das
Nachteilige und Grelle hin zeichnen, was den Sieg leichter macht
denn ehrenvoll, sondern nur das notwendig Erfolgende angeben, und
dieses so ehrbar ausdrücken, als es mit der Wahrheit bestehen
kann.

Die erste Folge von dem aufgestellten Grundunterschiede, die ich
angab, war die: beim Volke der lebendigen Sprache greife die
Geistesbildung ein in das Leben; beim Gegenteile gehe geistige
Bildung und Leben jedes für sich seinen Gang fort. Es wird nützlich
sein, zuvörderst den Sinn des aufgestellten Satzes tiefer zu
erklären. Zuvörderst, indem hier vom Leben, und von dem Eingreifen
der geistigen Bildung in dasselbe geredet wird, so ist darunter zu
verstehen das ursprüngliche Leben und sein Fortfluß aus dem Quell
alles geistigen Lebens, aus Gott, die Fortbildung der menschlichen
Verhältnisse nach ihrem Urbilde, und so die Erschaffung eines neuen
und vorher nie dagewesenen; keineswegs aber ist die Rede von der
bloßen Erhaltung jener Verhältnisse auf der Stufe, wo sie schon
stehen, gegen Herabsinken, und noch weniger, vom Nachhelfen einzelner
Glieder, die hinter der allgemeinen Ausbildung zurückgeblieben.
Sodann, wenn von geistiger Bildung die Rede ist, so ist darunter
zu allererst die Philosophie -- wie wir dies mit dem ausländischen
Namen bezeichnen müssen, da die Deutschen sich den vorlängst
vorgeschlagenen deutschen Namen nicht haben gefallen lassen -- die
Philosophie, sage ich, ist zu allererst darunter zu verstehen;
denn diese ist es, welche das ewige Urbild alles geistigen Lebens
wissenschaftlich erfaßt. Von dieser und von aller auf sie gegründeten
Wissenschaft wird nun gerühmt, daß beim Volke der lebendigen
Sprache sie einfließe in das Leben. Nun aber ist, in scheinbarem
Widerspruche mit dieser Behauptung, oftmals und auch von den unsern
gesagt worden, daß Philosophie, Wissenschaft, schöne Kunst und
dergleichen Selbstzwecke seien, und dem Leben nicht dienten, und
daß es Herabwürdigung derselben sei, sie nach ihrer Nützlichkeit in
diesem Dienste zu schätzen. Es ist hier der Ort, diese Ausdrücke
näher zu bestimmen und vor aller Mißdeutung zu verwahren. Sie sind
wahr in folgendem doppelten aber beschränkten Sinne: zuvörderst,
daß Wissenschaft oder Kunst dem Leben auf einer gewissen niedern
Stufe, z. B. dem irdischen und sinnlichen Leben oder der gemeinen
Erbaulichkeit, wie einige gedacht haben, nicht müsse dienen wollen;
sodann daß ein einzelner zufolge seiner persönlichen Abgeschiedenheit
vom Ganzen einer Geisterwelt, in diesen besonderen Zweigen des
allgemeinen göttlichen Lebens völlig aufgehen könne, ohne eines
außer ihnen liegenden Antriebes zu bedürfen; und volle Befriedigung
in ihnen finden könne. Keineswegs aber sind sie wahr in strenger
Bedeutung; denn es ist ebenso unmöglich, daß es mehrere Selbstzwecke
gebe, als es unmöglich ist, daß es mehrere Absolute gebe. Der einzige
Selbstzweck, außer welchem es keinen andern geben kann, ist das
geistige Leben. Dieses äußert sich nur zum Teil und erscheint als ein
ewiger Fortfluß aus ihm selber, als Quell, d. i. als ewige Tätigkeit.
Diese Tätigkeit erhält ewig fort ihr Musterbild von der Wissenschaft,
die Geschicklichkeit, nach diesem Bilde sich zu gestalten, von der
Kunst; und insoweit könnte es scheinen, daß Wissenschaft und Kunst
da seien als Mittel für das tätige Leben, als den Zweck. Nun aber
ist in dieser Form der Tätigkeit das Leben selber niemals vollendet
und zur Einheit geschlossen, sondern es geht fort ins Unendliche.
Soll nun doch das Leben als eine solche geschlossene Einheit dasein,
so muß es also dasein in einer andern Form. Diese Form ist nun die
des reinen Gedankens, der die in der dritten Rede beschriebene
Religionseinsicht gibt; eine Form, die als geschlossene Einheit mit
der Unendlichkeit des Tuns schlechthin auseinanderfällt, und in dem
letztern, dem Tun, niemals vollständig ausgedrückt werden kann.
Beide demnach, der Gedanke, sowie die Tätigkeit, sind nur in der
Erscheinung auseinanderfallende Formen, jenseit der Erscheinung aber
sind sie, eine wie die andre, dasselbe _eine_ absolute Leben; und man
kann gar nicht sagen, daß der Gedanke um des Tuns, oder das Tun um
des Gedankens willen sei und also sei, sondern daß beides schlechthin
sein solle, indem auch in der Erscheinung das Leben ein vollendetes
Ganzes sein solle, also, wie es dies ist jenseit aller Erscheinung.
Innerhalb dieses Umkreises demnach und zufolge dieser Betrachtung
ist es noch viel zu wenig gesagt, daß die Wissenschaft einfließe
aufs Leben; sie ist vielmehr selber, und in sich selbständiges
Leben. -- Oder, um dasselbe an eine bekannte Wendung anzuknüpfen.
Was hilft alles Wissen, hört man zuweilen sagen, wenn nicht danach
gehandelt wird? In diesem Ausspruche wird das Wissen als Mittel für
das Handeln, und dieses letztere als der eigentliche Zweck angesehen.
Man könnte umgekehrt sagen, wie kann man doch gut handeln, ohne das
Gute zu kennen? und es würde in diesem Ausspruche das Wissen als
das Bedingende des Handelns betrachtet. Beide Aussprüche aber sind
einseitig; und das Wahre ist, daß beides, Wissen so wie Handeln, auf
dieselbe Weise unabtrennliche Bestandteile des vernünftigen Lebens
sind.

In sich selbstbeständiges Leben aber, wie wir soeben uns
ausdrückten, ist die Wissenschaft nur alsdann, wenn der Gedanke
der wirkliche Sinn und die Gesinnung des Denkenden ist, also daß
er, ohne besondere Mühe, und sogar ohne dessen sich klar bewußt
zu sein, alles andre, was er denkt, ansieht, beurteilt, zufolge
jenes Grundgedankens ansieht und beurteilt, und falls derselbe
aufs Handeln einfließt, nach ihm ebenso notwendig handelt.
Keineswegs aber ist der Gedanke Leben und Gesinnung, wenn er
nur als Gedanke eines fremden Lebens gedacht wird; so klar und
vollständig er auch als ein solcher bloß möglicher Gedanke
begriffen sein mag, und so hell man sich auch denken möge, wie
etwa jemand also denken könne. In diesem letztern Falle liegt
zwischen unserm gedachten Denken und zwischen unserm wirklichen
Denken ein großes Feld von Zufall und Freiheit, welche letzte
wir nicht vollziehen mögen; und so bleibt jenes gedachte Denken
von uns abstehend, und ein bloß mögliches und ein von uns frei
gemachtes und immer fort frei zu wiederholendes Denken. In jenem
ersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durch sich selbst unser
Selbst ergriffen und es zu sich selbst gemacht, und durch diese
also entstandene Wirklichkeit des Gedankens für uns geht unsre
Einsicht hindurch zu dessen Notwendigkeit. Daß nun das letztere
also erfolge, kann, wie eben gesagt, keine Freiheit erzwingen,
sondern es muß eben sich selbst machen, und der Gedanke selber
muß uns ergreifen, und uns nach sich bilden.

Diese lebendige Wirksamkeit des Gedankens wird nun sehr befördert,
ja, wenn das Denken nur von der gehörigen Tiefe und Stärke ist, sogar
notwendig gemacht, durch Denken und Bezeichnen in einer lebendigen
Sprache. Das Zeichen in der letzten ist selbst unmittelbar lebendig
und sinnlich, und wieder darstellend das ganze eigne Leben, und so
dasselbe ergreifend und eingreifend in dasselbe; mit dem Besitze
einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart
sich ihm, wie ein Mann dem Manne. Dagegen regt das Zeichen einer
toten Sprache unmittelbar nichts an; um in den lebendigen Fluß
desselben hineinzukommen, muß man erst historisch erlernte Kenntnisse
aus einer abgestorbenen Welt sich wiederholen, und sich in eine
fremde Denkart hineinversetzen. Wie überschwenglich wohl müßte
der Trieb des eignen Denkens sein, wenn er in diesem langen und
breiten Gebiete der Historie nicht ermattete, und nicht zuletzt
auf dem Felde dieser bescheiden sich begnügte. So eines Besitzers
der lebendigen Sprache Denken nicht lebendig wird, so kann man
einen solchen ohne Bedenken beschuldigen, daß er gar nicht gedacht,
sondern nur geschwärmt habe. Den Besitzer einer toten Sprache kann
man in demselben Falle dessen nicht sofort beschuldigen; gedacht
mag er allerdings haben nach seiner Weise, die in seiner Sprache
niedergelegten Begriffe sorgfältig entwickelt; er hat nur das nicht
getan, was, falls es ihm gelänge, einem Wunder gleich zu achten wäre.

Es erhellt im Vorbeigehen, daß beim Volke einer toten Sprache
im Anfange, wo die Sprache noch nicht allseitig klar genug
ist, der Trieb des Denkens noch am kräftigsten walten und
die scheinbarsten Erzeugnisse hervorbringen werde; daß aber
dieser, sowie die Sprache klarer und bestimmter wird, in den
Fesseln derselben immermehr ersterben müsse, so daß zuletzt
die Philosophie eines solchen Volks mit eignem Bewußtsein sich
bescheiden wird, daß sie nur eine Erklärung des Wörterbuchs, oder
wie undeutscher Geist unter uns dies hochtönender ausgedrückt
hat, eine Metakritik der Sprache sei; zu allerletzt, daß ein
solches Volk etwa ein mittelmäßiges Lehrgedicht über die
Heuchelei in Komödienform für ihr größtes philosophisches Werk
anerkennen wird.

In dieser Weise, sage ich, fließt die geistige Bildung, und hier
insbesondere das Denken in einer Ursache nicht ein in das Leben,
sondern es ist selbst Leben des also Denkenden. Doch strebt es
notwendig, aus diesem also denkenden Leben einzufließen auf
andres Leben außer ihm, und so auf das vorhandene allgemeine
Leben, und dieses nach sich zu gestalten. Denn eben weil jenes
Denken Leben ist, wird es gefühlt von seinem Besitzer mit innigem
Wohlgefallen in seiner belebenden, verklärenden und befreienden
Kraft. Aber jeder, dem Heil aufgegangen ist in seinem Innern,
will notwendig, daß allen andern dasselbe Heil widerfahre, und
er ist so getrieben und muß arbeiten, daß die Quelle, aus der
ihm sein Wohlsein aufging, auch über andre sich verbreite.
Anders derjenige, der bloß ein fremdes Denken als ein mögliches
begriffen hat. So wie ihm selber dessen Inhalt weder Wohl noch
Wehe gibt, sondern es nur seine Muße angenehm beschäftigt und
unterhält, so kann er auch nicht glauben, daß es einem andern
wohl oder wehe machen könne, und hält es zuletzt für einerlei,
woran jemand seinen Scharfsinn übe, und womit er seine müßigen
Stunden ausfülle.

Unter den Mitteln, das Denken, das im einzelnen Leben begonnen,
in das allgemeine Leben einzuführen, ist das vorzüglichste
die Dichtung, und so ist denn diese der zweite Hauptzweig der
geistigen Bildung eines Volkes. Schon unmittelbar der Denker, wie
er seinen Gedanken in der Sprache bezeichnet, welches nach obigem
nicht anders denn sinnbildlich geschehen kann, und zwar über den
bisherigen Umkreis der Sinnbildlichkeit hinaus neu erschaffend,
ist Dichter; und falls er dies nicht ist, wird ihm schon beim
ersten Gedanken die Sprache, und beim Versuche des zweiten
das Denken selber ausgehen. Diese durch den Denker begonnene
Erweiterung und Ergänzung des sinnbildlichen Kreises der Sprache
durch dieses ganze Gebiet der Sinnbilder zu verflößen, also
daß jedwedes an seiner Stelle den ihm gebührenden Anteil von
der neuen geistigen Veredlung erhalte, und so das ganze Leben
bis auf seinen letzten sinnlichen Boden herab in den neuen
Lichtstrahl getaucht erscheine, wohlgefalle, und in bewußtloser
Täuschung wie von selbst sich veredle, dieses ist das Geschäft
der eigentlichen Dichtung. Nur eine lebendige Sprache kann eine
solche Dichtung haben; denn nur in ihr ist der sinnbildliche
Kreis durch erschaffendes Denken zu erweitern, und nur in
ihr bleibt das schon Geschaffene lebendig und dem Einströmen
verschwisterten Lebens offen. Eine solche Sprache führt in sich
Vermögen unendlicher, ewig zu erfrischender und zu verjüngender
Dichtung, denn jede Regung des lebendigen Denkens in ihr eröffnet
eine neue Ader dichterischer Begeisterung; und so ist ihr denn
diese Dichtung das vorzüglichste Verflößungsmittel der erlangten
geistigen Ausbildung in das allgemeine Leben. Eine tote Sprache
kann in diesem höhern Sinne gar keine Dichtung haben, indem
alle die angezeigten Bedingungen der Dichtung in ihr nicht
vorhanden sind. Dagegen kann eine solche auf eine Zeitlang einen
Stellvertreter der Dichtung haben auf folgende Weise. Die in
der Stammsprache vorhandenen Ausflüsse der Dichtkunst werden die
Aufmerksamkeit reizen. Zwar kann die neu entstandene Volksart
nicht fortdichten auf der angehobenen Bahn, denn diese ist
ihrem Leben fremd; aber sie kann ihr eignes Leben und die neuen
Verhältnisse desselben in den sinnbildlichen und dichterischen
Kreis, in welchem ihre Vorwelt ihr eignes Leben aussprach,
einführen, und zum Beispiel ihren Ritter ankleiden als Heros und
umgekehrt, und die alten Götter mit den neuen das Gewand tauschen
lassen. Gerade durch diese fremde Einhüllung des Gewöhnlichen
wird dasselbe einen dem idealisierten ähnlichen Reiz erhalten,
und es werden ganz wohlgefällige Gestalten hervorgehen. Aber
beides, sowohl der sinnbildliche und dichterische Kreis der
Stammsprache, als die neuen Lebensverhältnisse, sind endliche und
beschränkte Größen, ihre gegenseitige Durchdringung ist irgendwo
vollendet; da aber, wo sie vollendet ist, feiert das Volk sein
goldenes Zeitalter, und der Quell seiner Dichtung ist versiegt.
Irgendwo gibt es notwendig einen höchsten Punkt des Anpassens
der geschlossenen Wörter an die geschlossenen Begriffe, und der
geschlossenen Sinnbilder an die geschlossenen Lebensverhältnisse.
Nachdem dieser Punkt erreicht ist, kann das Volk nicht mehr, denn
entweder seine gelungensten Meisterstücke verändert wiederholen,
also, daß sie aussehen, als ob sie etwas Neues seien, da sie
doch nur das wohlbekannte Alte sind; oder, wenn sie durchaus neu
sein wollen, zum Unpassenden und Unschicklichen ihre Zuflucht
nehmen, und ebenso in der Dichtkunst das Häßliche mit dem Schönen
zusammenmischen, und sich auf die Karikatur und das Humoristische
legen, wie sie in der Prosa genötigt sind, die Begriffe zu
verwirren, und Laster und Tugend miteinander zu vermengen, wenn
sie in neuen Weisen reden wollen.

Indem auf diese Weise in einem Volke geistige Bildung und Leben
jedes für sich seinen besonderen Gang fortgehen: so erfolgt von
selbst, daß die Stände, die zu der ersten keinen Zugang haben,
und an die auch nicht einmal, wie in einem lebendigen Volke, die
Folgen dieser Bildung kommen sollen, gegen die gebildeten Stände
zurückgesetzt, und gleichsam für eine andre Menschenart gehalten
werden, die an Geisteskräften ursprünglich, und durch die bloße
Geburt den ersten nicht gleich seien; daß darum die gebildeten
Stände gar keine wahrhaft liebende Teilnahme an ihnen, und keinen
Trieb haben, ihnen gründlich zu helfen, indem sie eben glauben,
daß ihnen, wegen ursprünglicher Ungleichheit, gar nicht zu helfen
sei, und daß die Gebildeten vielmehr gereizt werden, dieselben
zu brauchen, wie sie sind, und sie also brauchen zu lassen.
Auch diese Folge der Ertötung der Sprache kann beim Beginn des
neuen Volkes durch eine menschenfreundliche Religion, und durch
den Mangel an eigner Gewandtheit der höhern Stände gemildert
werden, im Fortgange aber wird diese Verachtung des Volkes immer
unverhohlner und grausamer. Mit diesem allgemeinen Grunde des
Sicherhebens und Vornehmtuns der gebildeten Stände hat noch ein
besonderer sich vereinigt, welcher, da er auch selbst auf die
Deutschen einen sehr verbreiteten Einfluß gehabt, hier nicht
übergangen werden darf. Nämlich die Römer, welche anfangs den
Griechen gegenüber, sehr unbefangen jenen nachsprechend, sich
selbst Barbaren, und ihre eigne Sprache barbarisch nannten,[2]
gaben nachher die auf sich geladene Benennung weiter, und fanden
bei den Germaniern dieselbe gläubige Treuherzigkeit, die erst sie
selbst den Griechen gezeigt hatten. Die Germanier glaubten der
Barbarei nicht anders loswerden zu können, als wenn sie Römer
würden. Die auf ehemaligem römischen Boden Eingewanderten wurden
es nach allem ihrem Vermögen. In ihrer Einbildungskraft bekam
aber barbarisch gar bald die Nebenbedeutung gemein, pöbelhaft,
tölpisch, und so ward das Römische im Gegenteil gleichgeltend mit
vornehm. Bis in das Allgemeine und Besondere ihrer Sprachen geht
dieses hinein, indem, wo Anstalten zur besonnenen und bewußten
Bildung der Sprache getroffen wurden, diese darauf gingen, die
germanischen Wurzeln auszuwerfen und aus römischen Wurzeln die
Wörter zu bilden, und so die Romanze, als die Hof- und gebildete
Sprache zu erzeugen; im besondern aber, indem fast ohne Ausnahme
bei gleicher Bedeutung zweier Worte das aus germanischer Wurzel
das Unedle und Schlechte, das aus römischer Wurzel aber das
Edlere und Vornehmere bedeutet.

  [2] Auch über den größern oder geringern Wohllaut einer
      Sprache sollte, unsers Erachtens, nicht nach dem
      unmittelbaren Eindrucke, der von so vielen Zufälligkeiten
      abhängt, entschieden werden, sondern es müßte sich auch ein
      solches Urteil auf feste Grundsätze zurückführen lassen.
      Das Verdienst einer Sprache in dieser Rücksicht würde ohne
      Zweifel darein zu setzen sein, daß sie zuvörderst das
      Vermögen des menschlichen Sprachwerkzeugs erschöpfte und
      umfassend darstellte, sodann daß sie die einzelnen Laute
      desselben zu einer naturgemäßen und schicklichen Verfließung
      ineinander verbände. Es geht schon hieraus hervor, daß
      Nationen, die ihre Sprachwerkzeuge nur halb und einseitig
      ausbilden und gewisse Laute oder Zusammensetzungen unter
      Vorwand der Schwierigkeit oder des Übelklanges vermeiden,
      und denen leichtlich nur das, was sie zu hören gewohnt sind
      und hervorbringen können, wohlklingen dürfte, bei einer
      solchen Untersuchung keine Stimme haben.

      Wie nun, jene höhern Grundsätze vorausgesetzt, das Urteil
      über die deutsche Sprache in dieser Rücksicht ausfallen
      werde, mag hier unentschieden bleiben. Die römische
      Stammsprache selbst wird von jeder neueuropäischen Nation
      ausgesprochen nach der derselben eigenen Mundart, und ihr
      wahre Aussprache dürfte sich nicht leicht wiederherstellen
      lassen. Es bliebe demnach nur noch die Frage übrig, ob denn
      den neulateinischen Sprachen gegenüber die deutsche so übel,
      hart und rauh töne, wie einige zu glauben geneigt sind.

      Bis einmal diese Frage gründlich entschieden werde, mag
      wenigstens vorläufig erklärt werden, wie es komme, daß
      Ausländern und selbst Deutschen, auch wenn sie unbefangen
      sind und ohne Vorliebe oder Haß, dieses also scheine. Ein
      noch ungebildetes Volk von sehr regsamer Einbildungskraft,
      bei großer Kindlichkeit des Sinnes und Freiheit von
      Nationaleitelkeit (die Germanier scheinen dieses alles
      gewesen zu sein) wird angezogen durch die Ferne und versetzt
      gern in diese, in entlegene Länder und ferne Inseln, die
      Gegenstände seiner Wünsche und die Herrlichkeiten, die es
      ahnt. Es entwickelt sich in ihm ein _romantischer_ Sinn (das
      Wort erklärt sich selbst und könnte nicht passender gebildet
      sein). Laute und Töne aus jenen Gegenden treffen nun auf
      diesen Sinn und regen seine ganze Wunderwelt auf, und darum
      gefallen sie. Daher mag es kommen, daß unsre ausgewanderten
      Landsleute so leicht die eigne Sprache für die fremde
      aufgaben, und daß noch bis jetzt uns, ihren sehr entfernten
      Anverwandten, jene Töne so wunderbar gefallen.

Dieses, gleich als ob es eine Grundseuche des ganzen germanischen
Stammes wäre, fällt auch im Mutterlande den Deutschen an, falls
er nicht durch hohen Ernst dagegen gerüstet ist. Auch unsern
Ohren tönt gar leicht römischer Laut vornehm, auch unsern
Augen erscheint römische Sitte edler, dagegen das Deutsche
gemein; und da wir nicht so glücklich waren, dieses alles aus
der ersten Hand zu erhalten, so lassen wir es uns auch aus der
zweiten, und durch den Zwischenhandel der neuen Römer recht
wohl gefallen. Solange wir deutsch sind, erscheinen wir uns
als Männer, wie andre auch; wenn wir halb oder auch über die
Hälfte undeutsch reden und abstechende Sitten und Kleidung an
uns tragen, die gar weit herzukommen scheinen, so dünken wir
uns vornehm, der Gipfel aber unsers Triumphs ist es, wenn man
uns gar nicht mehr für Deutsche, sondern etwa für Spanier oder
Engländer hält, je nachdem nun einer von diesen gerade am meisten
Mode ist. Wir haben recht. Naturgemäßheit von deutscher Seite,
Willkürlichkeit und Künstelei von der Seite des Auslandes sind
die Grundunterschiede; bleiben wir bei der ersten, so sind wir
eben, wie unser ganzes Volk, dieses begreift uns und nimmt uns
als seinesgleichen; nur wenn wir zur letzten unsre Zuflucht
nehmen, werden wir ihm unverständlich, und es hält uns für andre
Naturen. Dem Auslande kommt diese Unnatur von selbst in sein
Leben, weil es ursprünglich und in einer Hauptsache von der Natur
abgewichen; wir müssen sie erst aufsuchen, und an den Glauben,
daß etwas schön, schicklich und bequem sei, das auf natürliche
Weise uns nicht also erscheint, uns erst gewöhnen. Von diesem
allen ist nun beim Deutschen der Hauptgrund sein Glaube an die
größere Vornehmigkeit des romanisierten Auslandes, nebst der
Sucht, ebenso vornehm zu tun, und auch in Deutschland die Kluft
zwischen den höhern Ständen und dem Volke, die im Auslande
natürlich erwuchs, künstlich aufzubauen. Es sei genug, hier den
Grundquell dieser Ausländerei unter den Deutschen angegeben zu
haben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und daß alle die Uebel, an
denen wir jetzt zugrunde gegangen, ausländischen Ursprungs sind,
welche freilich nur in der Vereinigung mit deutschem Ernste und
Einfluß aufs Leben das Verderben nach sich ziehen mußten, werden
wir zu einer andern Zeit zeigen.

Außer diesen beiden aus dem Grundunterschiede erfolgenden
Erscheinungen, daß geistige Bildung ins Leben eingreife, oder
nicht, und daß zwischen den gebildeten Ständen und dem Volke
eine Scheidewand bestehe, oder nicht, führte ich noch die
folgende an, daß das Volk der lebendigen Sprache Fleiß und
Ernst haben und Mühe anwenden werde in allen Dingen, dagegen
das der toten Sprache die geistige Beschäftigung mehr für ein
genialisches Spiel halte, und im Geleite seiner glücklichen Natur
sich gehen lasse. Dieser Umstand ergibt aus dem oben Gesagten
sich von selbst. Beim Volke der lebendigen Sprache geht die
Untersuchung aus von einem Bedürfnisse des Lebens, welches durch
sie befriedigt werden soll, und erhält so alle die nötigenden
Antriebe, die das Leben selbst bei sich führt. Bei dem der toten
will sie weiter nichts, denn die Zeit auf eine angenehme und
dem Sinne fürs Schöne angemessene Weise hinbringen, und sie hat
ihren Zweck vollständig erreicht, wenn sie dies getan hat. Bei
den Ausländern ist das letzte fast notwendig; beim Deutschen,
wo diese Erscheinung sich einstellt, ist das Pochen auf Genie
und glückliche Natur eine seiner unwürdige Ausländerei, die, so
wie alle Ausländerei aus der Sucht, vornehm zu tun, entsteht.
Zwar wird in keinem Volke der Welt ohne einen ursprünglichen
Antrieb im Menschen, der, als ein Uebersinnliches, mit dem
ausländischen Namen mit Recht Genius genannt wird, irgend etwas
Treffliches entstehen. Aber dieser Antrieb für sich allein
regt nur die Einbildungskraft an, und entwirft in ihr über dem
Boden schwebende, niemals vollkommen bestimmte Gestalten. Daß
diese bis auf den Boden des wirklichen Lebens herab vollendet,
und bis zur Haltbarkeit in diesem bestimmt werden, dazu bedarf
es des fleißigen, besonnenen und nach einer festen Regel
einhergehenden Denkens. Genialität liefert dem Fleiße den Stoff
zur Bearbeitung, und der letzte würde ohne die erste entweder
nur das schon bearbeitete, oder nichts zu bearbeiten haben. Der
Fleiß aber führt diesen Stoff, der ohne ihn ein leeres Spiel
bleiben würde, ins Leben ein; und so vermögen beide nur in
ihrer Vereinigung etwas, getrennt aber sind sie nichtig. Nun
kann überdies im Volke einer toten Sprache gar keine wahrhaft
erschaffende Genialität zum Ausbruche kommen, weil es ihnen am
ursprünglichen Bezeichnungsvermögen fehlt, sondern sie können nur
schon Angehobenes fortbilden, und in die ganze schon vorhandene
und vollendete Bezeichnung verflößen.

Was insbesondere die größere Mühe anbelangt, so ist natürlich,
daß diese auf das Volk der lebendigen Sprache falle. Eine
lebendige Sprache kann in Vergleichung mit einer andern auf
einer hohen Stufe der Bildung stehen, aber sie kann niemals in
sich selber diejenige Vollendung und Ausbildung erhalten, die
eine tote Sprache gar leichtlich erhält. In der letzten ist
der Umfang der Wörter geschlossen, die möglichen schicklichen
Zusammenstellungen derselben werden allmählich auch erschöpft,
und so muß der, der diese Sprache reden will, sie eben reden,
so wie sie ist; nachdem er dieses aber einmal gelernt hat,
redet die Sprache in seinem Munde sich selbst, und denkt und
dichtet für ihn. In einer lebendigen Sprache aber, wenn nur in
ihr wirklich gelebt wird, vermehren und verändern die Worte
und ihre Bedeutungen sich immerfort, und eben dadurch werden
neue Zusammenstellungen möglich und die Sprache, die niemals
ist, sondern ewig fort wird, redet sich nicht selbst, sondern
wer sie gebrauchen will, muß eben selber nach seiner Weise und
schöpferisch für sein Bedürfnis sie reden. Ohne Zweifel erfordert
das letzte weit mehr Fleiß und Uebungen, denn das erste. Ebenso
gehen, wie schon oben gesagt, die Untersuchungen des Volks
einer lebendigen Sprache bis auf die Wurzel der Ausströmung
der Begriffe aus der geistigen Natur selbst; dagegen die einer
toten Sprache nur einen fremden Begriff zu durchdringen und sich
begreiflich zu machen suchen, und so in der Tat nur geschichtlich
und auslegend, jene ersten aber wahrhaft philosophisch sind. Es
begreift sich, daß seine Untersuchung von der letzten Art eher
und leichter abgeschlossen werden möge, denn eine von der ersten.

Nach allem wird der ausländische Genius die betretenen Heerbahnen
des Altertums mit Blumen bestreuen, und der Lebensweisheit, die
leicht ihm für Philosophie gelten wird, ein zierliches Gewand
weben; dagegen wird der deutsche Geist neue Schachte eröffnen,
und Licht und Tag einführen in ihre Abgründe und Felsmassen
von Gedanken schleudern, aus denen die künftigen Zeitalter
sich Wohnungen erbauen. Der ausländische Genius wird sein ein
lieblicher Sylphe, der mit leichtem Fluge über den seinem Boden
von selbst entkeimten Blumen hinschwebt, und sich niederläßt auf
dieselben, ohne sie zu beugen, und ihren erquickenden Tau in sich
zieht; oder eine Biene, die aus denselben Blumen mit geschäftiger
Kunst den Honig sammelt, und ihn in regelmäßig gebauten Zellen
zierlich geordnet niederlegt; der deutsche Geist ein Adler, der
mit Gewalt seinen gewichtigen Leib emporreißt, und mit starkem
und vielgeübtem Flügel viel Luft unter sich bringt, um sich näher
zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzückt.

Um alles bisher Gesagte in einen Hauptgesichtspunkt zusammenzufassen.
In Beziehung auf die Bildungsgeschichte überhaupt eines
Menschengeschlechts, das historisch in ein Altertum und in eine neue
Welt zerfallen ist, werden zur ursprünglichen Fortbildung dieser
neuen Welt im großen und ganzen die beiden beschriebenen Hauptstämme
sich also verhalten. Der ausländisch gewordene Teil der frischen
Nation hat durch seine Annahme der Sprache des Altertums eine weit
größere Verwandtschaft zu diesem erhalten. Es wird diesem Teile
anfangs weit leichter werden, die Sprache desselben auch in ihrer
ersten und unveränderten Gestalt zu erfassen, in die Denkmale ihrer
Bildung einzudringen, und in dieselben ungefähr so viel frisches
Leben zu bringen, daß sie sich an das entstandene neue Leben anfügen
können. Kurz es wird von ihnen das Studium des klassischen Altertums
über das neuere Europa ausgegangen sein. Von den ungelöst gebliebenen
Aufgaben desselben begeistert wird es dieselben fortbearbeiten, aber
freilich nur also, wie man eine, keineswegs durch ein Bedürfnis des
Lebens, sondern durch bloße Wißbegier gegebene Aufgabe bearbeitet,
leicht sie nehmend, nicht mit ganzem Gemüte, sondern nur mit der
Einbildungskraft sie erfassend, und lediglich in dieser zu einem
luftigen Leibe sie gestaltend. Bei dem Reichtume des Stoffs, den
das Altertum hinterlassen, bei der Leichtigkeit, mit der in dieser
Weise sich arbeiten läßt, werden sie eine Fülle solcher Bilder in den
Gesichtskreis der neuen Welt einführen. Diese schon in die neue Form
gestalteten Bilder der Alten Welt, angekommen bei demjenigen Teile
des Urstamms, der durch beibehaltene Sprache im Flusse ursprünglicher
Bildung blieb, werden auch dessen Aufmerksamkeit und Selbsttätigkeit
reizen, sie, welche vielleicht, wenn sie in der alten Form geblieben
wären, unbeachtet und unvernommen vor ihm vorübergegangen wären. Aber
er wird, so gewiß er sie nur wirklich erfaßt und nicht etwa nur sie
weitergibt von Hand in Hand, dieselben erfassen gemäß seiner Natur,
nicht im bloßen Wissen eines fremden, sondern als Bestandteil seines
Lebens; und so sie aus dem Leben der neuen Welt nicht nur ableiten,
sondern sie auch in dasselbe wiederum einführen, verkörpernd die
vorher bloß luftigen Gestalten zu gediegenen, und im wirklichen
Lebenselemente haltbaren Leibern.

In dieser Verwandlung, die das Ausland selbst ihm zu geben
niemals vermocht hätte, erhält nun dieses es von ihnen zurück,
und vermittelst dieses Durchgangs allein wird eine Fortbildung
des Menschengeschlechts auf der Bahn des Altertums, eine
Vereinigung der beiden Haupthälften und ein regelmäßiger Fortfluß
der menschlichen Entwicklung möglich. In dieser neuen Ordnung
der Dinge wird das Mutterland nicht eigentlich erfinden, sondern
im Kleinsten wie im Größten wird es immer bekennen müssen, daß
es durch irgendeinen Wink des Auslandes angeregt worden, welches
Ausland selbst wieder angeregt wurde durch die Alten; aber das
Mutterland wird ernsthaft nehmen und ins Leben einführen, was
dort nur obenhin und flüchtig entworfen wurde. An treffenden und
tiefgreifenden Beispielen dieses Verhältnis darzulegen, ist, wie
schon oben gesagt, hier nicht der Ort, und wir behalten es uns
vor auf die künftige Rede.

Beide Teile der gemeinsamen Nation blieben auf diese Weise eins,
und nur in dieser Trennung und Einheit zugleich sind sie ein
Pfropfreis auf dem Stamme der altertümlichen Bildung, welche
letztere außerdem durch die neue Zeit abgebrochen sein und die
Menschheit ihren Wert von vorn wieder angefangen haben würde.
In diesen ihren beim Ausgangspunkte verschiedenen am Ziele
zusammenlaufenden Bestimmungen müssen nun beide Teile, jeder sich
selbst und den andern, erkennen, und denselben gemäß einander
benutzen; besonders aber jeder den andern zu erhalten und in
seiner Eigentümlichkeit unverfälscht zu lassen sich bequemen;
wenn es mit allseitiger und vollständiger Bildung des Ganzen
einen guten Fortgang haben soll. Was diese Erkenntnis anbelangt,
so dürfte dieselbe wohl vom Mutterlande, als welchem zunächst
der Sinn für die Tiefe verliehen ist, ausgehen müssen. Wenn aber
in seiner Blindheit für solche Verhältnisse und fortgerissen
von oberflächlichem Scheine, das Ausland jemals darauf ausgehen
sollte, sein Mutterland der Selbständigkeit zu berauben, und es
dadurch zu vernichten und aufzunehmen in sich: so würde dasselbe,
wenn ihm dieser Vorsatz gelänge, dadurch für sich selbst die
letzte Ader zerschneiden, durch die es bisher noch zusammenhing
mit der Natur und dem Leben, und es würde gänzlich anheimfallen
dem geistigen Tode, der ohnedies im Fortgange der Zeiten immer
sichtbarer als sein Wesen sich offenbart hat; sodann wäre
der bisher noch stetig fortgegangene Fluß der Bildung unsers
Geschlechts in der Tat beschlossen, und die Barbarei müßte
wieder beginnen und ohne Rettung fortschreiten, so lange, bis
wir insgesamt wieder in Höhlen lebten, wie die wilden Tiere, und
gleich ihnen uns untereinander aufzehrten. Daß dies wirklich
also sei, und notwendig also erfolgen müsse, kann freilich
nur der Deutsche einsehen, und er allein soll es auch; dem
Ausländer, der, da er keine fremde Bildung kennt, unbegrenztes
Feld hat, sich in der seinigen zu bewundern, muß es, und mag es
immer erscheinen als eine abgeschmackte Lästerung der schlecht
unterrichteten Unwissenheit.

Das Ausland ist die Erde, aus welcher fruchtbare Dünste sich
absondern und sich emporheben zu den Wolken und durch welche auch
noch die in den Tartarus verwiesenen alten Götter zusammenhängen mit
dem Umkreise des Lebens. Das Mutterland ist der jene umgebende ewige
Himmel, an welchem die leichten Dünste sich verdichten zu Wolken,
die, durch des Donnerers aus andrer Welt stammenden Blitzstrahl
geschwängert, herabfallen, als befeuchtender Regen, der Himmel und
Erde vereinigt, und die im ersten einheimischen Gaben auch dem
Schoße der letztern entkeimen läßt. Wollen neue Titanen abermals den
Himmel erstürmen? Er wird für sie nicht Himmel sein, denn sie sind
Erdgeborne; es wird ihnen bloß der Anblick und die Einwirkung des
Himmels entrückt werden, und nur ihre Erde als eine kalte finstere
und unfruchtbare Behausung ihnen zurückbleiben. Aber was vermöchte,
sagt ein römischer Dichter, was vermöchte ein Typhoeus, oder der
gewaltige Mimas, oder Porphyrion in drohender Stellung, oder Rhötus,
oder der kühne Schleuderer ausgerissener Baumstämme, Enceladus, wenn
sie sich stürzen gegen Pallas' tönenden Schild. Dieser selbige Schild
ist es, der ohne Zweifel auch uns decken wird, wenn wir es verstehen,
uns unter seinen Schutz zu begeben.




Sechste Rede.

Darlegung der deutschen Grundzüge in der Geschichte.


Welche Hauptunterschiede sein würden zwischen einem Volke,
das in seiner ursprünglichen Sprache sich fortbildet, und
einem solchen, das eine fremde Sprache angenommen, ist in
der vorigen Rede auseinandergesetzt. Wir sagten bei dieser
Gelegenheit: was das Ausland betreffe, so wollten wir dem eignen
Urteile jedweden Beobachters die Entscheidung überlassen, ob
in demselben diejenigen Erscheinungen wirklich einträten, die
zufolge unsrer Behauptungen darin eintreten müßten; was aber
die Deutschen betrifft, machten wir uns anheischig darzulegen,
daß diese sich wirklich also geäußert, wie unsern Behauptungen
zufolge das Volk einer Ursprache sich äußern müsse. Wir gehen
heute an die Erfüllung unsres Versprechens, und zwar legen wir
das zu Erweisende zunächst dar an der letzten großen und in
gewissem Sinne vollendeten Welttat des deutschen Volkes, an der
kirchlichen Reformation.

Das aus Asien stammende und durch seine Verderbung erst recht
asiatisch gewordene, nur stumme Ergebung und blinden Glauben
predigende Christentum war schon für die Römer etwas Fremdartiges
und Ausländisches; es wurde niemals von ihnen wahrhaft durchdrungen
und angeeignet, und teilte ihr Wesen in zwei nicht aneinander
passende Hälften; wobei jedoch die Anfügung des fremden Teils durch
den angestammten schwermütigen Aberglauben vermittelt wurde. An
den eingewanderten Germaniern erhielt diese Religion Zöglinge, in
denen keine frühere Verstandesbildung ihr hinderlich war, aber auch
kein angestammter Aberglaube sie begünstigte und so wurde sie denn
an dieselben gebracht, als ein zum Römer, das sie nun einmal sein
wollten, eben auch gehöriges Stück, ohne sonderlichen Einfluß auf ihr
Leben. Daß diese christlichen Erzieher von der altrömischen Bildung
und dem Sprachverständnisse, als dem Behälter derselben, nicht mehr
an diese Neubekehrten kommen ließen, als mit ihren Absichten sich
vertrug, versteht sich von selbst; und auch hierin liegt ein Grund
des Verfalls und der Ertötung der römischen Sprache in ihrem Munde.
Als späterhin die echten und unverfälschten Denkmale der alten
Bildung in die Hände dieser Völker fielen und dadurch der Trieb,
selbsttätig zu denken und zu begreifen, in ihnen angeregt wurde: so
mußte, da ihnen teils dieser Trieb neu und frisch war, teils kein
angestammtes Erschrecken vor den Göttern ihm das Gegengewicht hielt,
der Widerspruch eines blinden Glaubens und der sonderbaren Dinge,
welche im Verlaufe der Zeiten zu Gegenständen desselben geworden
waren, dieselben weit härter treffen, denn sogar die Römer, als
an diese zuerst das Christentum kam. Einleuchten des vollkommenen
Widerspruchs aus demjenigen, woran man bisher treuherzig geglaubt
hat, erregt Lachen; die, welche das Rätsel gelöst hatten, lachten und
spotteten, und die Priester selbst, die es ebenfalls gelöst hatten,
lachten mit, gesichert dadurch, daß nur sehr wenigen der Zugang zur
altertümlichen Bildung, als dem Lösungsmittel des Zaubers, offen
stehe. Ich deute hiermit vorzüglich auf Italien, als den damaligen
Hauptsitz der neurömischen Bildung, hinter welchem die übrigen
neurömischen Stämme in jeder Rücksicht noch sehr weit zurück waren.

Sie lachten des Truges, denn es war kein Ernst in ihnen, den
er erbittert hätte; sie wurden durch diesen ausschließenden
Besitz einer ungemeinen Erkenntnis um so sicherer ein vornehmer
und gebildeter Stand, und mochten es wohl leiden, daß der
große Haufe, für den sie kein Gemüt hatten, dem Truge ferner
preisgegeben und so auch für ihre Zwecke folgsamer erhalten
bliebe. Also nur, daß das Volk betrogen werde, der Vornehmere den
Betrug nütze und sein lache, konnte es fortbestehen; und es würde
wahrscheinlich, wenn in der neuen Zeit nichts vorhanden gewesen
wäre, außer Neurömern, also fortbestanden haben bis ans Ende der
Tage.

Sie sehen hier einen klaren Beleg zu dem, was früher über die
Fortsetzung der alten Bildung durch die neue und über den Anteil,
den die Neurömer daran zu haben vermögen, gesagt wurde. Die
neue Klarheit ging aus von den Alten, sie fiel zuerst in den
Mittelpunkt der neurömischen Bildung, sie wurde daselbst nur zu
einer Verstandeseinsicht ausgebildet, ohne das Leben zu ergreifen
und anders zu gestalten.

Nicht länger aber konnte der bisherige Zustand der Dinge
bestehen, sobald dieses Licht in ein in wahrem Ernste und bis auf
das Leben herab religiöses Gemüt fiel, und, wenn dieses Gemüt
von einem Volke umgeben war, dem es seine ernstere Ansicht der
Sache leicht mitteilen konnte, und dieses Volk Häupter fand,
welche auf sein entschiedenes Bedürfnis etwas gaben. So tief
auch das Christentum herabsinken mochte, so bleibt doch immer
in ihm ein Grundbestandteil, in dem Wahrheit ist und der ein
Leben, das nur wirkliches und selbständiges Leben ist, sicher
anregt; die Frage: was sollen wir tun, damit wir selig werden?
War diese Frage auf einen erstorbenen Boden gefallen, wo es
entweder überhaupt an seinen Ort gestellt blieb, ob wohl so etwas
wie Seligkeit im Ernste möglich sei, oder, wenn auch das erste
angenommen worden wäre, dennoch gar kein fester und entschiedener
Wille, selbst auch selig zu werden, vorhanden war, so hatte auf
diesem Boden die Religion gleich anfangs nicht eingegriffen in
Leben und Willen, sondern sie war nur als ein schwankender und
blasser Schatten im Gedächtnisse und in der Einbildungskraft
behangen geblieben; und so mußten natürlich auch alle ferneren
Aufklärungen über den Zustand der vorhandenen Religionsbegriffe
gleichfalls ohne Einfluß auf das Leben bleiben. War hingegen
jene Frage in einen ursprünglich lebendigen Boden gefallen, so
daß im Ernste geglaubt wurde, es gebe eine Seligkeit und der
feste Wille da war, selig zu werden und die von der bisherigen
Religion angegebenen Mittel zur Seligkeit mit innigem Glauben und
redlichem Ernste in dieser Absicht gebraucht worden waren, so
mußte, wenn in diesen Boden, der gerade durch sein Ernstnehmen
dem Lichte über die Beschaffenheit dieser Mittel sich länger
verschloß, dieses Licht zuletzt dennoch fiel, ein gräßliches
Entsetzen sich erzeugen vor dem Betruge um das Heil der Seele
und die treibende Unruhe, dieses Heil auf andre Weise zu retten
und was als in ewiges Verderben stürzend erschien, konnte nicht
scherzhaft genommen werden. Ferner konnte der einzelne, den
zuerst diese Ansicht ergriffen, keineswegs zufrieden sein, etwa
nur seine eigne Seele zu retten, gleichgültig über das Wohl aller
übrigen unsterblichen Seelen, indem er, seiner tiefern Religion
zufolge, dadurch auch nicht einmal die eigne Seele gerettet
hätte: sondern mit der gleichen Angst, die er um diese fühlte,
mußte er ringen, schlechthin allen Menschen in der Welt das Auge
zu öffnen über die verdammliche Täuschung.

Auf diese Weise nun fiel die Einsicht, die lange vor ihm
sehr viele Ausländer wohl in größerer Verstandesklarheit
gehabt hatten, in das Gemüt des deutschen Mannes, Luther. An
altertümlicher und feiner Bildung, an Gelehrsamkeit, an andern
Vorzügen übertrafen ihn nicht nur Ausländer, sondern sogar viele
in seiner Nation. Aber ihn ergriff ein allmächtiger Antrieb, die
Angst um das ewige Heil und dieser ward das Leben in seinem Leben
und setzte immerfort das letzte in die Wage und gab ihm die Kraft
und die Gaben, die die Nachwelt bewundert. Mögen andre bei der
Reformation irdische Zwecke gehabt haben, sie hätten nie gesiegt,
hätte nicht an ihrer Spitze ein Anführer gestanden, der durch das
Ewige begeistert wurde; daß dieser, der immerfort das Heil aller
unsterblichen Seelen auf dem Spiel stehen sah, allen Ernstes
allen Teufeln in der Hölle furchtlos entgegenging, ist natürlich
und durchaus kein Wunder. Dies nun ist ein Beleg von deutschem
Ernst und Gemüt.

Daß Luther mit diesem rein menschlichen, und nur durch jeden
selbst zu besorgenden Anliegen an alle und zunächst an die
Gesamtheit seiner Nation sich wendete, lag, wie gesagt, in
der Sache. Wie nahm nun sein Volk diesen Antrag auf? Blieb es
in seiner dumpfen Ruhe, gefesselt an den Boden durch irdische
Geschäfte und ungestört fortgehend den gewohnten Gang, oder
erregte die nicht alltägliche Erscheinung gewaltiger Begeisterung
bloß sein Gelächter? Keineswegs, sondern es wurde wie durch ein
fortlaufendes Feuer ergriffen von derselben Sorge für das Heil
der Seele und diese Sorge eröffnete schnell auch ihr Auge der
vollkommenen Klarheit und sie nahmen auf im Fluge das ihnen
Dargebotene. War diese Begeisterung nur eine augenblickliche
Erhebung der Einbildungskraft, die im Leben und gegen dessen
ernsthafte Kämpfe und Gefahren nicht standhielt? Keineswegs,
sie entbehrten alles, und trugen alle Martern und kämpften in
blutigen zweifelhaften Kriegen, lediglich damit sie nicht wieder
unter die Gewalt des verdammlichen Papsttums gerieten, sondern
ihnen und ihren Kindern fort das allein seligmachende Licht des
Evangeliums schiene; und es erneuten sich an ihnen in später Zeit
alle Wunder, die das Christentum bei seinem Beginnen an seinen
Bekennern darlegte. Alle Aeußerungen jener Zeit sind erfüllt
von dieser allgemein verbreiteten Besorgtheit um die Seligkeit.
Sehen Sie hier einen Beleg von der Eigentümlichkeit des deutschen
Volkes. Es ist durch Begeisterung zu jedweder Begeisterung und
jedweder Klarheit leicht zu erheben und seine Begeisterung hält
aus für das Leben und gestaltet dasselbe um.

Auch früher und anderwärts hatten Reformatoren Haufen des Volks
begeistert und sie zu Gemeinden versammelt und gebildet; dennoch
erhielten diese Gemeinden keinen festen und auf dem Boden der
bisherigen Verfassung begründeten Bestand, weil die Volkshäupter
und Fürsten der bisherigen Verfassung nicht auf ihre Seite
traten. Auch der Reformation durch Luther schien anfangs kein
günstigeres Schicksal bestimmt. Der weise Kurfürst, unter dessen
Augen sie begann, schien mehr im Sinne des Auslandes als in dem
deutschen weise zu sein; er schien die eigentliche Streitfrage
nicht sonderlich gefaßt zu haben, einem Streite zwischen zwei
Mönchsorden, wie ihm es schien, nicht viel Gewicht beizulegen
und höchstens bloß um den guten Ruf seiner neu errichteten
Universität besorgt zu sein. Aber er hatte Nachfolger, die weit
weniger weise, denn er, von derselben ernstlichen Sorge für
ihre Seligkeit ergriffen wurden, die in ihren Völkern lebte,
und vermittelst dieser Gleichheit mit ihnen verschmolzen bis zu
gemeinsamem Leben oder Tod, Sieg oder Untergang.

Sehen Sie hieran einen Beleg zu dem oben angegebenen Grundzuge der
Deutschen, als einer Gesamtheit und zu ihrer durch die Natur
begründeten Verfassung. Die großen National- und Weltangelegenheiten
sind bisher durch freiwillig auftretende Redner an das Volk
gebracht worden und bei diesem durchgegangen. Mochten doch ihre
Fürsten anfangs aus Ausländerei und aus Sucht vornehm zu tun und
zu glänzen, wie jene, sich absondern von der Nation und diese
verlassen oder verraten, so wurden sie auch später leicht wieder
fortgerissen zur Einstimmigkeit mit derselben und erbarmten sich
ihrer Völker. Daß das erste stets der Fall gewesen sei, werden
wir tiefer unten noch an andern Belegen dartun; daß das letztere
fortdauernd der Fall bleiben möge, können wir nur mit heißer
Sehnsucht wünschen.

Ohnerachtet man nun bekennen muß, daß in der Angst jenes
Zeitalters um das Heil der Seelen, eine Dunkelheit und Unklarheit
blieb, indem es nicht darum zu tun war, den äußeren Vermittler
zwischen Gott und den Menschen nur zu verändern, sondern
gar keines äußern Mittlers zu bedürfen, und das Band des
Zusammenhanges in sich selber zu finden; so war es doch
vielleicht notwendig, daß die religiöse Ausbildung der Menschen
im ganzen durch diesen Mittelzustand hindurchginge. Luthern
selbst hat sein redlicher Eifer noch mehr gegeben, denn er
suchte, und ihn weit hinausgeführt über sein Lehrgebäude. Nachdem
er nur die ersten Kämpfe der Gewissensangst, die ihm sein
kühnes Losreißen von dem ganzen bisherigen Glauben verursachte,
bestanden hatte, sind alle seine Aeußerungen voll eines Jubels
und Triumphs über die erlangte Freiheit der Kinder Gottes, welche
die Seligkeit gewiß nicht mehr außer sich und jenseit des Grabes
suchten, sondern der Ausbruch des unmittelbaren Gefühls derselben
waren. Er ist hierin das Vorbild aller künftigen Zeitalter
geworden und hat für uns alle vollendet. -- Sehen Sie auch hier
einen Grundzug des deutschen Geistes. Wenn er nur sucht, so
findet er mehr, als er suchte; denn er gerät hinein in den Strom
lebendigen Lebens, das durch sich selbst fortrinnt und ihn mit
sich fortreißt.

Dem Papsttume, dieses nach seiner eignen Gesinnung genommen und
beurteilt, geschah durch die Weise, wie die Reformation dasselbe
nahm, ohne Zweifel unrecht. Die Aeußerungen desselben waren wohl
größtenteils aus der vorliegenden Sprache blind herausgerissen,
asiatisch rednerisch übertreibend, gelten sollend, was sie
könnten, und rechnend, daß mehr als der gebührende Abzug wohl
ohnedies werde gemacht werden, niemals aber ernstlich ermessen,
erwogen oder gemeint. Die Reformation nahm mit deutschem
Ernste sie nach ihrem vollen Gewichte; und sie hatte recht,
daß man alles also nehmen solle, unrecht, wenn sie glaubte,
jene hätten es also genommen und sie noch andrer Dinge, denn
ihrer natürlichen Flachheit und Ungründlichkeit, bezichtigte.
Ueberhaupt ist dies die stets sich gleichbleibende Erscheinung
in jedem Streit des deutschen Ernstes gegen das Ausland, ob
dieses sich nun außer Landes oder im Lande befinde, daß das
letztere gar nicht begreifen kann, wie man über so gleichgültige
Dinge, als Worte und Redensarten sind, ein so großes Wesen
erheben möge und daß sie, aus deutschem Munde es wieder hörend,
nicht gesagt haben wollen, was sie doch gesagt haben und sagen,
und immerfort sagen werden, und über Verleumdung, die sie
Konsequenzmacherei nennen, klagen, wenn man ihre Aeußerungen in
ihrem buchstäblichen Sinne und als ernstlich gemeint, nimmt, und
dieselben betrachtet als Bestandteile einer folgebeständigen
Denkreihe, die man nun rückwärts nach ihren Grundsätzen, und
vorwärts nach ihren Folgen herstellt; indes man doch vielleicht
sehr entfernt ist, ihnen für die Person klares Bewußtsein dessen,
was sie reden, und Folgebeständigkeit, beizumessen. In jener
Anmutung, man müsse eben jedwedes Ding nehmen wie es gemeint sei,
nicht aber etwa noch darüber hinaus das Recht zu meinen und laut
zu meinen, in Frage ziehen, verrät sich immer die noch so tief
versteckte Ausländerei.

Dieser Ernst, mit welchem das alte Religionslehrgebäude genommen
wurde, nötigte dieses selbst zu einem größeren Ernste, als es
bisher gehabt hatte, und zu neuer Prüfung, Umdeutung, Befestigung
der alten Lehre, sowie zu größerer Behutsamkeit in Lehre und
Leben für die Zukunft: und dieses, sowie das zunächstfolgende,
sei Ihnen ein Beleg von der Weise, wie Deutschland auf das
übrige Europa immer zurückgewirkt hat. Hierdurch erhielt für
das Allgemeine die alte Lehre wenigstens diejenige unschädliche
Wirksamkeit, die sie, nachdem sie nun einmal nicht aufgegeben
werden sollte, haben konnte; insbesondere aber ward sie für
die Verteidiger derselben Gelegenheit und Aufforderung zu
einem gründlicheren und folgegemäßeren Nachdenken, als bisher
stattgehabt hatte. Davon, daß die in Deutschland verbesserte
Lehre auch in das neulateinische Ausland sich verbreitet und
daselbst denselben Erfolg höherer Begeisterung hervorgebracht,
wollen wir hier, als von einer vorübergehenden Erscheinung
schweigen: wiewohl es immer merkwürdig ist, daß die neue Lehre
in keinem eigentlich neulateinischen Lande zu einem vom Staate
anerkannten Bestande gekommen; indem es scheint, daß es deutscher
Gründlichkeit bei den Regierenden und deutscher Gutmütigkeit beim
Volke bedurft habe, um diese Lehre verträglich mit der Obergewalt
zu finden, und sie also zu machen.

In einer andern Rücksicht aber, und zwar nicht auf das Volk,
sondern auf die gebildeten Stände, hat Deutschland durch seine
Kirchenverbesserung einen allgemeinen und dauernden Einfluß auf
das Ausland gehabt; und durch diesen Einfluß das Ausland wieder
zum Vorgänger für sich selbst, und zu seinem eignen Anreger zu
neuen Schöpfungen sich zubereitet. Das freie und selbsttätige
Denken, oder die Philosophie, war schon in den vorhergehenden
Jahrhunderten unter der Herrschaft der alten Lehre häufig
angeregt und geübt worden, keineswegs aber, um aus sich selbst
Wahrheit hervorzubringen, sondern nur, um zu zeigen, daß und auf
welche Weise die Lehre der Kirche wahr sei. Dasselbe Geschäft in
Beziehung auf ihre Lehre erhielt zunächst die Philosophie auch
bei den deutschen Protestanten und ward bei diesen Dienerin des
Evangeliums, so wie sie bei den Scholastikern die der Kirche
gewesen war. Im Auslande, das entweder kein Evangelium hatte,
oder das dasselbe nicht mit unvermischt deutscher Andacht und
Tiefe des Gemüts gefaßt hatte, erhob das durch den erhaltenen
glänzenden Triumph angefeuerte freie Denken sich leichter und
höher, ohne die Fessel eines Glaubens an Uebersinnliches;
aber es blieb in der sinnlichen Fessel des Glaubens an den
natürlichen, ohne Bildung und Sitte aufgewachsenen Verstand;
und weit entfernt, daß es in der Vernunft die Quelle auf sich
selbst beruhender Wahrheit entdeckt hätte, wurden für dasselbe
die Aussprüche dieses rohen Verstandes dasjenige, was für
die Scholastiker die Kirche, für die ersten protestantischen
Theologen das Evangelium war; ob sie wahr seien, darüber regte
sich kein Zweifel, die Frage war bloß, wie sie diese Wahrheit
gegen bestreitende Ansprüche behaupten könnten.

Indem nun dieses Denken in das Gebiet der Vernunft, deren
Gegenstreit bedeutender gewesen sein würde, gar nicht hineinkam,
so fand es keinen Gegner, außer der historisch vorhandenen
Religion und wurde mit dieser leicht fertig, indem es sie an
den Maßstab des vorausgesetzten gesunden Verstandes hielt und
sich dabei klar zeigte, daß sie demselben eben widerspräche,
und so kam es denn, daß, so wie dieses alles ins reine gebracht
wurde, im Auslande die Benennung des Philosophen und die des
Irreligiösen und Gottesleugners, gleichbedeutend wurden, und zu
gleicher ehrenvoller Auszeichnung gereichten.

Die versuchte gänzliche Erhebung über allen Glauben an fremdes
Ansehen, welche in diesen Bestrebungen des Auslandes das
richtige war, wurde den Deutschen, von denen sie vermittelst der
Kirchenverbesserung erst ausgegangen war, zu neuer Anregung. Zwar
sagten untergeordnete und unselbständige Köpfe unter uns diese
Lehre des Auslandes eben nach -- lieber die des Auslandes, wie
es scheint, als die ebenso leicht zu habende ihrer Landsleute,
darum, weil ihnen das erste vornehmer dünkte -- und diese Köpfe
suchten, so gut es gehen wollte, sich selber davon zu überzeugen;
wo aber selbständiger deutscher Geist sich regte, da genügte das
Sinnliche nicht, sondern es entstand die Aufgabe, das freilich
nicht auf fremdes Ansehen zu glaubende, Uebersinnliche in der
Vernunft selbst aufzusuchen und so erst eigentliche Philosophie
zu erschaffen, indem man, wie es sein sollte, das freie Denken
zur Quelle unabhängiger Wahrheit machte. Dahin strebte Leibniz im
Kampfe mit jener ausländischen Philosophie; dies erreichte der
eigentliche Stifter der neuen deutschen Philosophie, nicht ohne
das Geständnis durch eine Aeußerung des Auslandes, die inzwischen
tiefer genommen worden, als sie gemeint gewesen, angeregt worden
zu sein. Seitdem ist unter uns die Aufgabe vollständig gelöst
und die Philosophie vollendet worden, welches man indessen sich
begnügen muß, zu sagen, bis ein Zeitalter kommt, das es begreift.
Dies vorausgesetzt, so wäre abermals durch Anregung des durch das
neurömische Ausland hindurchgegangenen Altertums im deutschen
Mutterlande die Schöpfung eines vorher durchaus nicht dagewesenen
Neuen erfolgt.

Unter den Augen der Zeitgenossen hat das Ausland eine andre
Aufgabe der Vernunft und der Philosophie an die neue Welt, die
Errichtung des vollkommenen Staats, leicht und mit feuriger
Kühnheit ergriffen und kurz darauf dieselbe also fallen lassen,
daß es durch seinen jetzigen Zustand genötigt ist, den bloßen
Gedanken der Aufgabe als ein Verbrechen zu verdammen und alles
anwenden mußte, um, wenn es könnte, jene Bestrebungen aus den
Jahrbüchern seiner Geschichte auszutilgen. Der Grund dieses
Erfolgs liegt am Tage: Der vernunftgemäße Staat läßt sich nicht
durch künstliche Vorkehrungen aus jedem vorhandenen Stoffe
aufbauen, sondern die Nation muß zu demselben erst gebildet und
herausgezogen werden. Nur diejenige Nation, welche zuvörderst
die Aufgabe der Erziehung zum vollkommenen Menschen, durch die
wirkliche Ausübung, gelöst haben wird, wird sodann auch jene des
vollkommenen Staates lösen.

Auch die zuletztgenannte Aufgabe der Erziehung ist seit unsrer
Kirchenverbesserung vom Auslande geistvoll, aber im Sinne seiner
Philosophie mehrmals in Anregung gebracht worden, und diese
Anregungen haben unter uns fürs erste Nachtreter und Uebertreiber
gefunden. Bis zu welchem Punkte endlich in unsern Tagen abermals
deutsches Gemüt diese Sache gebracht, werden wir zu seiner Zeit
ausführlicher berichten.

Sie haben an dem Gesagten eine klare Uebersicht der gesamten
Bildungsgeschichte der neuen Welt, und des sich immer gleichbleibenden
Verhältnisses der verschiedenen Bestandteile der letzten zur ersten.
Wahre Religion, in der Form des Christentums, war der Keim der
neuen Welt und ihre Gesamtaufgabe die, diese Religion in die
vorhandene Bildung des Altertums zu verflößen und die letzte
dadurch zu vergeistigen und zu heiligen. Der erste Schritt auf
diesem Wege war, das die Freiheit raubende äußere Ansehen der
Form dieser Religion von ihr abzuscheiden, und auch in sie
das freie Denken des Altertums einzuführen. Es regte an zu
diesem Schritte das Ausland, der Deutsche tat ihn. Der zweite,
der eigentlich die Fortsetzung und Vollendung des ersten ist,
der, diese Religion und mit ihr alle Weisheit in uns selber
aufzufinden. Auch ihn vorbereitete das Ausland, und vollzog der
Deutsche. Der dermalen in der ewigen Zeit an der Tagesordnung
sich befindende Fortschritt ist die vollkommene Erziehung der
Nation zum Menschen. Ohne dies wird die gewonnene Philosophie
nie ausgedehnte Verständlichkeit, vielweniger noch allgemeine
Anwendbarkeit im Leben finden; so wie hinwiederum ohne Philosophie
die Erziehungskunst niemals zu vollständiger Klarheit in sich
selbst gelangen wird. Beide greifen daher ineinander und sind
eins ohne das andre unvollständig und unbrauchbar. Schon allein
darum, weil der Deutsche bisher alle Schritte der Bildung zur
Vollendung gebracht und er eigentlich dazu aufbewahrt worden ist
in der neuen Welt, kommt ihm dasselbe auch mit der Erziehung zu;
wie aber diese einmal in Ordnung gebracht ist, wird es sich mit
den übrigen Angelegenheiten der Menschheit leicht ergeben.

In diesem Verhältnisse also hat wirklich die deutsche Nation zur
Fortbildung des menschlichen Geschlechts in der neuen Zeit bisher
gestanden. Noch ist über eine schon zweimal fallen gelassene
Bemerkung über den naturgemäßen Hergang, den diese Nation hierbei
genommen, daß nämlich in Deutschland alle Bildung vom Volke
ausgegangen, mehr Licht zu verbreiten. Daß die Angelegenheit
der Kirchenverbesserung zuerst an das Volk gebracht worden,
und allein dadurch, daß es desselben Angelegenheit geworden,
gelungen sei, haben wir schon ersehen. Aber es ist ferner
darzutun, daß dieser einzelne Fall nicht Ausnahme, sondern daß er
die Regel gewesen.

Die im Mutterlande zurückgebliebenen Deutschen hatten alle
Tugenden, die ehemals auf ihrem Boden zu Hause waren, beibehalten:
Treue, Biederkeit, Ehre, Einfalt; aber sie hatten von Bildung
zu einem höhern und geistigen Leben nicht mehr erhalten,
als das damalige Christentum und seine Lehrer an zerstreut
wohnende Menschen bringen konnten. Dies war wenig, und sie
standen so gegen ihre ausgewanderten Stammverwandten zurück,
und waren in der Tat zwar brav und bieder, aber dennoch halb
Barbaren. Es entstanden unter ihnen indessen Städte, die durch
Glieder aus dem Volke errichtet wurden. In diesen entwickelte
sich schnell jeder Zweig des gebildeten Lebens zur schönsten
Blüte. In ihnen entstanden, zwar auf Kleines berechnete, dennoch
aber treffliche bürgerliche Verfassungen und Einrichtungen, und
von ihnen aus verbreitete sich ein Bild von Ordnung und eine
Liebe derselben erst über das übrige Land. Ihr ausgebreiteter
Handel half die Welt entdecken. Ihren Bund fürchteten Könige. Die
Denkmäler ihrer Baukunst dauern noch, haben der Zerstörung von
Jahrhunderten getrotzt, die Nachwelt steht bewundernd vor ihnen
und bekennt ihre eigne Unmacht.

Ich will diese Bürger der deutschen Reichsstädte des Mittelalters
nicht vergleichen mit den andern ihnen gleichzeitigen Ständen und
nicht fragen, was indessen der Adel tat und die Fürsten; aber in
Vergleich mit den übrigen germanischen Nationen, einige Striche
Italiens abgerechnet, hinter welchen selbst jedoch in den schönen
Künsten die Deutschen nicht zurückblieben, in den nützlichen
sie übertrafen und ihre Lehrer wurden -- diese abgerechnet
waren nun diese deutschen Bürger die gebildeten und jene die
Barbaren. Die Geschichte Deutschlands, deutscher Macht, deutscher
Unternehmungen, Erfindungen, Denkmale, Geistes, ist in diesem
Zeitraume lediglich die Geschichte dieser Städte, und alles
übrige, als da sind Länderverpfändungen und Wiedereinlösungen
und dergleichen, ist nicht des Erwähnens wert. Auch ist dieser
Zeitpunkt der einzige in der deutschen Geschichte, in der
diese Nation glänzend und ruhmvoll und mit dem Range der ihr
als Stammvolk gebührt, dasteht; so wie ihre Blüte durch die
Habsucht und Herrschsucht der Fürsten zerstört und ihre Freiheit
zertreten wird, sinkt das Ganze allmählich immer tiefer herab und
geht entgegen dem gegenwärtigen Zustand; wie aber Deutschland
herabsinkt, sieht man das übrige Europa eben also sinken, in
Rücksicht dessen, was das Wesen betrifft und nicht den bloßen
äußern Schein.

Der entscheidende Einfluß dieses in der Tat herrschenden Standes
auf die Entwicklung der deutschen Reichsverfassung, auf die
Kirchenverbesserung und auf alles, was jemals die deutsche Nation
bezeichnete und von ihr ausging in das Ausland, ist allenthalben
unverkennbar, und es läßt sich nachweisen, daß alles, was noch
jetzt Ehrwürdiges ist unter den Deutschen, in seiner Mitte
entstanden ist.

Und mit welchem Geiste brachte hervor und genoß dieser deutsche
Stand diese Blüten? Mit dem Geiste der Frömmigkeit, der Ehrbarkeit,
der Bescheidenheit, des Gemeinsinnes. Für sich selbst

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