Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
by Armand · German · Gutenberg #48322 · 665,743 chars · public domain (US)
The Project Gutenberg eBook of Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Author: Armand
Illustrator: August Hengst
Release date: February 20, 2015 [eBook #48322]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48322
Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net (This file was produced from images
generously made available by The Internet Archive)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK CARL SCHARNHORST. ABENTEUER EINES DEUTSCHEN KNABEN IN AMERIKA. ***
[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= : #fett# ]
Carl Scharnhorst.
Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Von
Armand.
[Illustration]
Mit 6 Bildern in Farbendruck, nach Zeichnungen von August Hengst.
Der Verfasser behält sich das Recht der Uebersetzung vor.
Hannover.
Carl Rümpler.
1863.
Druck von August Grimpe in Hannover.
Inhalt.
Seite
#Abschnitt 1.# In Deutschland. -- Das Frühjahr. -- Die Fahrt
mit dem Hunde. -- Der Sonnenaufgang. -- Carl Scharnhorst an dem
Felsabhang. -- Die Gesellschaft. -- Die Schreckensbotschaft. --
Freude im Glück 1
#Abschnitt 2.# Abzug vom Gute. -- Der Brief von Amerika. -- Der
Beschluß zur Auswanderung -- Vorbereitungen. -- Weihnachten. --
Der Neger. -- Die Nordsee. -- Die Seeschweine. -- Die Inseln. --
Der Sonnenuntergang. -- Der Eisberg. -- Amerika. -- Der Adler.
-- Todesnachricht. -- Der Verlust 34
#Abschnitt 3.# Der schwarze Freund. -- Reise nach dem Westen. --
Der Hirsch. -- Die Nacht im Freien. -- Die Ueberschwemmung. --
Die wilden Pferde. -- Die Prairie. -- An der Frontier. -- Der
Büffel. -- Die wilden Truthähne 79
#Abschnitt 4.# Das Land zur Niederlassung. -- Die Wölfe. -- Die
Pferdediebe. -- Die hölzerne Festung. -- Das Kanoe. -- Das Feld.
-- Fischfang. -- Die Bärenjagd. -- Die Felle. -- Der Jaguar. --
Der vermoderte Baum 120
#Abschnitt 5.# Lederbereitung. -- Die Poolkatze. -- Büffeljagd.
-- Der Lasso. -- Die wilden Bienen. -- Weihnachtsabend. --
Vorsichtsmaßregeln. -- Der Mais. -- Die Biber. -- Der Alligator.
-- Der Wacoindianer 159
#Abschnitt 6.# Biberfang. -- Die Bärin. -- Der graue Bär. -- Der
Prairiebrand. -- Der wilde Rappenhengst 198
#Abschnitt 7.# Ritt durch die Wildniß. -- Wasser. --
Die Antilopen. -- Die Grenze des Prairiebrandes. -- Die
Klapperschlangen. -- Der Delawaren-Häuptling. -- Das Lager der
Indianer. -- Der schwarze Panther. -- Rückkehr in das Fort. --
Indianerfreundschaft. -- Der Frühling. -- Die Bestürmung. --
Letztes Mittel. -- Die nahende Rache 239
#Abschnitt 8.# Aufopferung. -- Stummer Abschied. -- Der Falbe.
-- Das Rennen wider Willen. -- Das Handelshaus. -- Großer
Büffelfang. -- Der Panther. -- Dankbarkeit. -- Das Wiedersehen 278
Abschnitt 1.
In Deutschland. -- Das Frühjahr. -- Die Fahrt mit dem Hunde. --
Der Sonnenaufgang. -- Carl Scharnhorst an dem Felsabhang. -- Die
Gesellschaft. -- Die Schreckensbotschaft. -- Freunde im Glück.
In dem schönen gesegneten Werrathale lebte eine Familie, Namens Turner,
die aus den beiden Eltern, zwei Söhnen und einer Tochter bestand. Herr Max
Turner war Oeconom und hatte ein kleines Gut, die Kluse genannt, in Pacht,
welches einer alten Adelsfamilie als Eigenthum angehörte. Schon sein
Urgroßvater hatte dieses Gut pachtweise besessen, die Pacht war immer vom
Vater auf den Sohn übertragen worden, und so war auch Herr Max Turner in
dieselbe eingetreten. Ueber hundert Jahre befand sich die Kluse nun schon
in den Händen der Familie Turner, so daß diese das Gut als ihr Eigenthum
betrachtete, von welchem sie jährlich eine gewisse Summe Geldes an jene
adelige Herrschaft abzugeben hatte. Es war niemals von einer anderweitigen
Verpachtung die Rede gewesen, und als vor mehreren Jahren die Güter in
Deutschland bedeutend im Werthe stiegen, hatte sich Herr Turner auch gern
dazu verstanden, seiner Herrschaft eine angemessen höhere Pacht zu zahlen.
Die Kluse lag kaum eine Viertelstunde von der Werra entfernt in einem
engen, reich bewässerten Thale, welches sich nach dem Strome hin öffnete
und zu beiden Seiten von hohen Bergen eingeschlossen war. Großes Vermögen
hatten die Turners nie erworben, dazu bot das kleine Gut die Mittel nicht;
doch hatten sie ihre Pacht immer pünktlich entrichtet, hatten ohne große
Sorgen gelebt, ihren Kindern stets eine gute Erziehung geben lassen und
dabei eine kleine Summe baaren Geldes zurückgelegt, wie man zu sagen pflegt
für böse Tage, die da kommen könnten. Ebenso stand es nun mit Herrn Max
Turner. Auch er besaß kleine Capitalien, die er in dem nahen Städtchen auf
Grundstücke ausgeliehen hatte; er lebte zufrieden und ohne Sorgen und bot
Alles auf, um seine Kinder so viel als möglich lernen zu lassen; denn er
war der Ansicht, daß eine gute Erziehung bei reichen Kenntnissen mehr werth
sei, als alles Vermögen. »Wer etwas Tüchtiges gelernt hat,« sagte er oft,
»der führt ein Capital mit sich, das ihn in jeder Lage seines Lebens und
unter allen Verhältnissen ernährt und welches ihm Niemand nehmen kann.«
Seine vierzehnjährige Tochter Julie war sein ältestes Kind; darauf folgte
ein Sohn, Arnold, im Alter von elf Jahren, und Wilhelm, der zweite Sohn,
hatte sein neuntes Jahr erreicht. Außerdem befand sich noch ein Knabe
in der Familie, welcher gleichfalls zu derselben gezählt wurde und Carl
Scharnhorst hieß. Seine Mutter, die Schwester des Herrn Turner, war an
einen Doctor Scharnhorst verheirathet gewesen; Beide waren vor mehren
Jahren gestorben, und Carl Scharnhorst wurde als Waise von seinem Onkel in
die Familie aufgenommen und als eigenes Kind betrachtet und behandelt. Carl
war vierzehn Jahre alt und ein Knabe von ungewöhnlichen körperlichen
wie geistigen Anlagen. Er war ein schöner, kräftiger, gesunder Junge
mit braunem lockigen Haar, großen, blauen lebendigen Augen und offenem,
ehrlichen, edel geformten Gesicht. Schnell und gewandt in seinen
Bewegungen, war er auch rasch und entschlossen in seinen Handlungen und
verrieth bei Allem, was er that, ein Herz voll Liebe, Freundschaft und
Dankbarkeit. Mit leidenschaftlicher Anhänglichkeit hing er an den
Kindern seines Onkels, die er Schwester und Brüder nannte, und seine
Schulkameraden, denen er seine Freundschaft einmal zugesagt hatte, konnten
sich bei jeder Gelegenheit unbedingt auf ihn verlassen. Die dankbare
Verehrung und kindliche, herzinnige Liebe aber gegen seine Pflegeeltern
kannte gar keine Grenzen, er schien nach ihren Gedanken zu haschen, um
ihren Wünschen zuvorkommen zu können.
Herr Turner war ein ernster, verständiger Mann im Alter von noch nicht
ganz vierzig Jahren, er war groß und stark gebaut, hatte glänzend schwarzes
Haar, dunkele beredte Augen, aus denen Biederkeit und Entschlossenheit
sprachen, und seine hohe offene Stirn zeugte von gründlichem tiefen Denken.
Seine Frau Marie dagegen war eine helle Blondine mit himmelblauen,
so freundlichen, liebreichen Augen, daß Jedermann, der ihren Blicken
begegnete, sie lieb gewinnen mußte. Sie war eine schöne gesunde Frau, der
man es ansah, daß sie die Hände nicht oft in den Schooß legte, und daß sie
nur für ihre Familie und für ihre Wirthschaft lebte. Von früh Morgens bis
Abends spät war sie in ihrem Haushalte beschäftigt, und da ihre Tochter
Julie seit einigen Wochen die Schule verlassen hatte und confirmirt worden
war, so mußte sie ihr bei den häuslichen Arbeiten zur Hand gehen.
Julie versprach ganz das Ebenbild ihrer Mutter zu werden, sie hatte
dieselben blonden Haare und blauen Augen, und dieselbe Anmuth und
Lieblichkeit lag in ihrem ganzen Wesen. Arnold, ihr jüngerer Bruder
dagegen, mit schwarzem Haar und dunkeln Augen, glich mehr seinem Vater,
während Wilhelm, der jüngste, wieder blond war und auf die Mutter artete.
Wahres Glück und wahrer Segen ruhte auf dieser Familie; mit unbegrenzter
Liebe und unermüdlicher rastloser Fürsorge wachten die Eltern über das
Wohl der Kinder, und mit gleicher Liebe und Dankbarkeit hingen diese an
den Eltern. Zutrauen und Einigkeit verbanden sie innig, und kein Opfer war
ihnen zu groß, um einander gefällig zu werden und sich gegenseitig
Freude zu bereiten. In wahrer Frömmigkeit waren sie alle Gott ergeben und
bekannten mit dankbarem demüthigen Herzen in ihm den alleinigen Spender
des vielen Glücks, dessen sie sich erfreuten. Sorgen und Kummer waren ihnen
fremd, sie hatten Alles, was ihre bescheidenen Wünsche orderten, und
eine ungestörte kräftige Gesundheit ließ ihnen jede Freude, die ihnen ihr
einfaches Leben bot, im vollsten Maße genießen.
Nach einem anhaltenden strengen Winter, der noch bis in den Monat März
hinein die Werra mit einer starren Eisdecke überzogen und die hohen,
steilen Berge und die Kluse mit hohem Schnee bedeckt hielt, war das
Frühjahr mild und segnend erschienen, und der Mai hatte Berg und Thal mit
frischem jungen Grün geschmückt. Die Wälder prangten im zarten neuen Laube,
die Saaten schossen üppig empor, die Wiesen zierten ihre saftig grünen
Flächen mit Blumen, und die Obstbäume sahen, mit Blüthen übersäet, wie
weiße und rothe Wolken aus den Gärten hervor. Klar und durchsichtig
rauschten die leichten Wogen der Werra zwischen den frisch grünen Ufern hin
und folgten spielend ihren Schlangenwindungen durch die mächtigen Gebirge,
deren schroffe Basaltkuppen im hellen Sonnenlichte unter dem blauen
wolkenlosen Aether glänzten. Alle Zugvögel waren von ihrer Winterreise aus
fernen Landen zurückgekehrt, die Schwalben schwärmten in lustigen Zügen
schwirrend von Berg zu Berg, die Lerche hob sich singend und trillernd
zum Himmel auf, der Kukuk ließ seinen Ruf durchs Thal ertönen und die
Nachtigall flötete ihre süßen melancholischen Lieder im Düster des Forstes
und im schattigen Dunkel der Gärten.
Es war Pfingstsonnabend Nachmittag, und Carl Scharnhorst hatte die
Feierstunden benutzt, um seinen Brüdern, wie er Arnold und Wilhelm Turner
nannte, eine Freude zu bereiten. Für den großen schwarzen Hofhund, Pluto,
hatte er ein Geschirr angefertigt, denselben in einen kleinen Wagen
gespannt, und nun rief er seine Brüder herbei, das Fuhrwerk nach dem nahen
Städtchen zu lenken, um für die Mutter allerlei Haushaltsbedürfnisse nach
der Kluse zu schaffen; denn für die Feiertage mußten Küche und Keller
gut versorgt werden. Die Freude der beiden Jungen war groß, als sie ihren
lieben Pluto mit dem weißen Ledergeschirr im Wagen eingespannt erblickten,
und Carl mußte das mächtige Thier mit Gewalt am Halsbande halten, damit es
bei den Liebkosungen, die es den Knaben mit Ungestüm erwiedern wollte, das
Fuhrwerk nicht umwarf. Der laute Jubel brachte auch Madame Turner und Julie
vor die Hofthür, auch sie brachen in ein lautes freudiges Lachen aus, als
sie den großen Hund eingespannt sahen, und Madame Turner, die in Carls
Bemühung nur dessen Liebe zu ihren Kindern erkannte, strich ihm liebevoll
die braunen Locken und küßte ihn zärtlich. Dann gab sie ihm die bereits
geschriebene Liste über die verschiedenen Gegenstände, welche sie durch
einen der Knechte hatte auf einem Schiebkarren aus der Stadt holen lassen
wollen. Wilhelm setzte sich in den Wagen hinein, Arnold ging mit dem
Lenkseil in der Hand nebenher, und von Carl gefolgt, trabte Pluto mit dem
Wagen durch das Hofthor die Straße hinunter.
»Nur langsam, langsam, Ihr Jungen!« rief ihnen Madame Turner lachend nach;
kaum hatten sie aber die offene Straße erreicht, als sie Pluto zum Laufen
aufforderten, und nun davon sausten, so schnell sie ihre Füße nur tragen
konnten.
Die Sonne sank zu den fernen blauen Gebirgen hinab, die vielen einzelnen
Basaltkuppen, die sich hier und dort aus dem Werrathale erhoben, dehnten
ihre Schatten weiter aus, der Himmel im Westen wurde immer feuriger, immer
glühender, und eine heilige Ruhe legte sich auf das schöne Thal, die
nur durch den friedlichen Ton der Abendglocken und zuweilen durch einen
verspäteten Grasmäher unterbrochen wurde. Herr Turner kam auf einem
prächtigen Rappen auf der Straße hergetrabt, die von dem Städtchen nach
der Kluse führte, und holte auf halbem Wege seine drei Buben ein, von
denen Arnold und Wilhelm neben dem großen Hunde hinschritten, während Carl
Scharnhorst hinter dem beladenen Wagen ging und denselben vorwärts schob,
damit die Last dem Thiere nicht zu schwer werden sollte.
»Ist es möglich, seid Ihr es?« rief Turner lachend und verwundert aus.
»Habe ich mich doch besonnen, was für ein Fuhrwerk dies sein könnte! Aber
wer hat Euch denn das Geschirr für Pluto und die ganze Einrichtung gemacht?
es ist ja allerliebst!«
»Carl hat Alles heimlich hergestellt, und als er Pluto eingespannt hatte,
rief er uns herbei, damit wir fahren könnten,« antworteten die beiden Söhne
Turners vergnügt und sahen mit dankbaren freudigen Blicken nach Carl hin.
»Ei, Du bist ja ein Prachtbursche, Carl! Dafür sollst Du nun aber auch
wahrlich Deinen Spaß haben,« sagte Turner, indem er vom Pferde sprang und
Carl den Zügel hinreichte. »Komm her, mein Junge, sollst den Rappen nach
Hause reiten, ich weiß, es macht Dir Freude. Wart nur, ich will die Bügel
etwas kürzer schnallen.«
»Nein, bester Onkel, ich danke, ich muß bei dem Wagen bleiben, es wird
Pluto zu sauer!« antwortete Carl und sah mit glänzendem Blicke nach dem
Sattel hinauf, in welchem er so gern Platz genommen hätte.
»Nein, nein, Carl, eine Ehre ist der andern werth; Du hast Deinen Brüdern
eine Freude gemacht, und es ist nun an mir, auch Dir eine solche zu
bereiten. Steig auf, flink, ich bleibe beim Wagen und werde ihn statt
Deiner schieben.«
»Aber, bester Onkel, wenn das Jemand sähe -- ich zu Pferde und Du hinter
dem Wagen -- das geht ja nicht!«
»Eine jede Arbeit ehrt den Mann, Carl; wer mich nicht hinter dem Wagen
sehen mag, der muß einen andern Weg blicken. Schnell auf das Pferd, darfst
es einmal tüchtig laufen lassen, nimm Dich aber in Acht, schiebe die Füße
nicht zu weit in die Steigbügel, damit Du mir nicht darin hängen bleibst,
wenn Du herunterfallen solltest.«
»Hat nichts zu sagen, Onkel, ich habe den Rappen schon zu oft in das Wasser
geritten, ich falle nicht herunter,« erwiederte Carl und sprang behend in
den Sattel.
»So, nun sage der Mutter, daß ich Fuhrmann geworden sei und bald mit der
reichen Ladung nachfolgen würde,« sagte Turner, worauf Carl den Rappen in
Galopp setzte und davon jagte.
Die flüchtigen Tritte des Rosses, als Carl in den Hof sprengte, lockten
Madame Turner in die Hausthür, wo ihr der Knabe lachend zurief, was ihm
sein Onkel zu bestellen aufgetragen hatte. Dann übergab er das Pferd
einem Knecht und lief nun rasch wieder nach der Straße hinunter, dem Wagen
entgegen zu eilen und Herrn Turner dort abzulösen.
Der Mond stieg glühend roth über den dunkeln Bergen auf und blickte in das
Thal herab, in welchem die Kluse lag, als der Wagen vor dem Hause anlangte
und Pluto sich ermüdet niederlegte.
»Hier, Mutter, wir haben Alles glücklich hergebracht, es ist Nichts entzwei
gegangen,« rief Arnold seiner Mutter triumphirend zu, als diese aus dem
Hause hervorsprang, um ihre Lieben zu bewillkommnen.
»Und wie schön war die Fahrt, ich sage Dir, Mutter, ganz prächtig,« fiel
Wilhelm ein.
»Und die Freude habt Ihr Carl zu verdanken,« erwiederte Madame Turner.
»O ich habe aber einen noch weit größern Spaß gehabt, weil Onkel so gut
war und mich den Rappen reiten ließ; wie hat der aber laufen müssen!«
unterbrach Carl schnell seine Tante; doch diese fuhr, zu ihren Söhnen
gewandt, fort:
»Nun, bedankt Euch hübsch bei Carl, der Euch so lieb hat,« worauf die
beiden Buben Carl um den Hals fielen, ihn küßten und ihm für die Freude
dankten, die er ihnen bereitet hatte.
»Hast Du uns Fuhrleuten denn aber nun auch etwas Gutes gekocht, Mutter? wir
haben uns tüchtig für Dich abgearbeitet,« nahm jetzt Herr Turner das Wort,
indem er seinen Arm um die Schulter der geliebten Gattin legte und von ihr
den gewohnten Kuß zum Willkommen empfing.
»Ihr sollt zufrieden sein. Julie hat Puffer gebacken, und wenn ich mich
nicht irre, so sind sie ihr gut gerathen,« entgegnete Madame lächelnd.
»So laß uns das Abendbrod im Garten in der Laube verzehren; ich meine
immer, im Freien könnten wir dem gütigen Gott besser für seine Wohlthat
danken, als in dem Zimmer, dort sehen seine Wolken so freundlich auf uns
hernieder, seine Größe und Allmacht tritt uns lebendiger vor die Seele.
Es ist eine so herrliche Nacht, daß es schade wäre, uns in das Zimmer
einzusperren,« entgegnete Turner.
»Sehr gern, es ist mir leichte Mühe, die Speisen hinauszubringen, und dort
werden sie uns noch viel besser schmecken,« antwortete Madame Turner, und
eilte in das Haus, um die nöthigen Anordnungen zu treffen, während ihr
Gatte mit den Knaben die Ladung von dem Wagen hinein beförderte. Carl hatte
Pluto das Geschirr bereits abgenommen, und der Hund folgte ihm nun auf
Schritt und Tritt nach.
Eine halbe Stunde später saß die ganze Familie im Garten in der
Geisblattlaube um den großen steinernen Tisch, auf dem das einfache
Abendbrod aufgetragen war und auf dessen Mitte eine Lampe mit heller
Glaskuppel brannte.
Herr Turner erhob sich zum Dankgebete und die Seinigen folgten seinem
Beispiele. Mit wenigen klaren, aus tiefem Herzen kommenden und zum Herzen
dringenden Worten dankte er Gott für die unendlich vielen Wohlthaten, die
er ihm und seiner Familie hatte angedeihen lassen, und flehte um seinen
ferneren Segen. Mit demüthiger Andacht folgten Mutter und Kinder dem Gebet,
und nach dessen Beendigung wünschten sich Alle gegenseitig guten Appetit.
»Daran wird es uns Allen gottlob nicht fehlen, denn wir haben ja sämmtlich
unsere Schuldigkeit gethan und unsere Herzen drückt keine Schuld und
kein Kummer,« sagte Turner, indem er die Schüssel mit Speisen nahm, sich
derselben bediente, und sie dann weiter reichte.
»Ich hätte Euch nun wohl einen Vorschlag zu machen, das heißt, wenn Ihr
früh aufstehen könntet,« fuhr er nach einer Weile fort. »Wie wäre es, wenn
wir morgen früh auf der Wichtelkuppe die Sonne aufgehen sähen?«
»Ach ja, lieber Vater!« fielen die Kinder jubelnd ein, und auch die Mutter
stimmte freudig dafür.
Die Mahlzeit war bald gehalten und Madame Turner rückte auf der Bank näher
zu ihrem inniggeliebten Gatten, um sich in treuer Liebe an seine Seite zu
schmiegen. Der Mond blickte silberhell in die Laube, der Maiwurm glühte im
Grase und die Nachtigall flötete ihre süßen Lieder im nahen Gesträuche.
Die laue Nachtluft trug den tausendfältigen Duft der Frühlingsflur hin
und wieder, und der nahe Bach rauschte und murmelte in dem Gestein, über
welches seine krystallklaren Wellen spielten.
»Der allmächtige gütige Gott hat uns doch überreich gesegnet, Marie,« sagte
Turner im Gefühle seines großen Glückes zu seiner Gattin, und sah nach
den Kindern hin, die in den krummen Wegen des Gartens spielten und sich
jauchzend und lärmend auf denselben hin- und herjagten. »Sieh unsere Kinder
an, wie sie geistig und körperlich gedeihen, wie sie gut und ehrlich denken
und fühlen, wie jede Unwahrheit, jedes Unrecht ihnen verhaßt ist, und wie
sie kräftig und übermüthig emporwachsen.«
»Gott der Gütige erhalte uns unser Glück, Max, wir sind vor Tausenden von
ihm bevorzugt. Unsere Kinder sind gut, wir haben keine Sorgen, und unsere
Liebe hat uns den Himmel auf Erden gegeben. Mag unsere Bitte um Erhaltung
unseres Glücks dem Allmächtigen nicht unbescheiden klingen; fast ist es zu
groß für diese Welt,« sagte Madame Turner, zum Himmel aufblickend, und
das Mondlicht spiegelte sich in den Freudenthränen, die unter ihren langen
Wimpern glänzten.
Es war schon spät, als die Familie den Garten verließ und sich zu ihrer
Ruhestätte begab, um noch einige Stunden sich in sorglosem glücklichen
Schlafe zu stärken; aber lange vor dem ersten Grauen des Tages schon weckte
Herr Turner die Schläfer, und Alle schossen schnell in die Kleider, um zum
Aufbruch nach der Wichtelkuppe bereit zu sein.
Noch war der Mond nicht versunken und er warf sein Licht über den rohen
Fahrweg, der sich, steil hinansteigend, zwischen den Bergen nach dem
erwählten Ziele der frühen Wanderung hinaufwand. Herr Turner, mit einem
schweren Stocke bewaffnet, schritt mit seiner Gattin voran, dann folgten
ihre drei Kinder, und Carl Scharnhorst beschloß mit Pluto den Zug. Ein
Jedes von ihnen hatte Etwas zu tragen, denn es waren Milch, zwei Bouteillen
Wein und ein tüchtiger Vorrath von frischem Kuchen, so wie einige Gläser
mitgenommen, und Alles war unter die Gesellschaft zum Tragen vertheilt
worden.
»Warum heißt denn der Berg die Wichtelkuppe, Vater?« fragte Arnold.
»Es ist eine alte Sage, die dem Berge diesen Namen gegeben hat. Man
erzählte sich vor langen Jahren, daß in den Kohlenbergwerken am Meißner,
dort drüben an der andern Seite der Werra, gute Geister in der Gestalt von
ganz kleinen Menschen leben sollten, die man Wichtelmänner nannte. Diese
Geister, sagte man, hielten in mondhellen Nächten ihre Zusammenkünfte und
ihre Tänze auf jenem Berge, und darum nannte man ihn die Wichtelkuppe. In
früheren Jahren gab es noch viele sehr unwissende Menschen, die an solche
Geistergeschichten glaubten; heutzutage aber lacht man darüber, da man
weiß, daß es nur _ein_ Geist, _ein_ großer allmächtiger gütiger Geist ist,
der allenthalben unsichtbar gegenwärtig und der uns und diese Erde, so wie
alle die Welten geschaffen hat, die wir am Himmel über uns sehen. Dieser
einzige Geist ist der gütige Gott, den Niemand zu fürchten hat, wenn er
recht thut. Andere Geister giebt es nicht, und wem einmal ein angeblicher
Geist begegnen sollte, der fasse ihn nur gleich beim Kragen, und er wird
sogleich finden, daß er einen Menschen, oder sonst einen Gegenstand vor
sich hat. Nur dumme Furcht, oder ein böses Gewissen können Gespenster
sehen. Nehmt Euch hier in Acht, Ihr Jungen, daß Ihr nicht fallt, es ist
dunkel in diesem Hohlweg, und es liegen viele Steine darin,« sagte Turner,
sich nach den Knaben umsehend. »Wer trägt denn die zweite Flasche Wein?«.
»Ich habe sie, Onkel, ich werde sie nicht zerbrechen,« rief Carl, der etwas
zurückgeblieben war.
Der dunkle Hohlweg war bald durchschritten und eine steinige Höhe erreicht,
von der man auf die Kluse hinabsehen konnte. Hier wurde für einige Minuten
Halt gemacht, weil der Weg bis hierher sehr steil gewesen war. Bald aber
ging es wieder vorwärts, und immer noch gab der Mond Licht genug, um den
Weg erkennen zu können. Ueber eine Stunde lang waren die Wanderer in der
fröhlichsten Laune scherzend und lachend, beinahe fortwährend bergauf
gestiegen, als sie plötzlich die höchste Spitze der Wichtelkuppe erreicht
hatten, und wie von einem Thurme herab in das tiefe Werrathal hinunter
schauten. Der Mond hatte den Saum der Gebirge erreicht und warf seinen
letzten Blick auf den ruhigen Spiegel des Stromes, der sich wie eine
glänzende silberne Schlange durch das tiefe dunkele Thal hinwand. Bald
aber versank die helle Mondscheibe hinter dem Berge, die Nacht breitete ihr
Dunkel über die Erde, und die Sterne blitzten und funkelten lebendiger. Nur
im Osten zeigte der Himmel über den Gebirgssäumen einen bleichen Streif,
der den nahenden Tag verkündete. Von Minute zu Minute wuchs dieser
Lichtschein und seine bleichgelbe Farbe ging in ein zartes Rosenroth über.
Zugleich zitterte die Morgendämmerung über die Berge, und die einzelnen
Basaltkuppen und Waldstriche wurden im Thale sichtbar. Der Himmel färbte
sich immer feuriger, immer prächtiger, bis seine ganze östliche Hälfte mit
einem glühenden Roth bedeckt war.
Turner, dessen Gattin, und um sie herum die Kinder hatten sich auf
Felsstücke niedergesetzt, und hielten erwartungsvoll und von heiligen
Schauern durchbebt, die Blicke auf den Fleck über dem dunkeln Gebirgsrücken
geheftet, von wo aus die Gluth am Himmel aufzusteigen schien. Plötzlich
wurde dort ein glänzender heller Lichtpunkt sichtbar, die goldene Scheibe
der Sonne stieg empor, und ihr Strahlenlicht ergoß sich über die Erde.
»Erkennt die Größe des allmächtigen Gottes in diesem seinen Werke!« sagte
Turner zu den Kindern, indem er die Hand nach dem aufsteigenden Gestirn
erhob. »Wie Alles in der ganzen Schöpfung Gottes Gnade bekundet, so sendet
auch dieses göttliche Werk Leben, Segen und Gedeihen über unsern Erdball.
Seht nur, wie die Natur erwacht und wie Alles neu belebt wird!«
Kein Wölkchen war am Himmel zu erblicken, blau und durchsichtig spannte
er seinen hohen Bogen über die weite, im goldenen Morgenlicht glänzende
Berglandschaft, frisch und erquickend zog die Luft durch das Thal, und
rollte den leichten Nebel, der die Werra wie mit einem weißen Schleier
bedeckte, in kleinem Gewölk nach den Höhen hinauf, und Alles schien für den
ersten Pfingsttag geschmückt.
In die Herzen der Familie Turner war der Festtag schon mit dem Erwachen der
Natur eingezogen, und so wie die Vögel hoch in der Luft und unten im Thale
sich unter fröhlichem Gesange des Morgens erfreuten, so gaben auch
Turners sich der beglückenden Heiterkeit hin, die ihnen von allen Seiten
entgegenlachte. Noch über eine Stunde verweilten sie im Genusse des
herrlichen Morgens auf der luftigen Höhe, ehe sie an den Heimweg dachten.
Als aber Madame Turner daran erinnerte, daß man aufbrechen müsse, um zur
rechten Zeit in der Kirche erscheinen zu können, schlug ihr Gatte vor, auf
dem kürzeren Fußpfad, der an den Werra-Abhängen hinführte, zurückzugehen.
Alle stimmten freudig ein, weil dieser Weg beinahe fortwährend einen
Blick in das tiefe Thal gestattete, und so traten sie dann abermals ihre
Wanderung an. Der Pfad aber war schmal, so daß nur _eine_ Person darauf
Platz hatte, und von Herrn Turner geführt, folgte Einer dem Andern. Oft
blieben sie stehen, um die steilen Felswände zu beiden Seiten des Flusses
zu bewundern, oder den kleinen Fischernachen nachzublicken, die wie
schwarze Punkte auf der Werra hinglitten. Wohl die Hälfte des Heimweges
hatten sie bereits zurückgelegt, als sie auf dem hohen Bergsaum einen
Platz erreichten, wo der Pfad an einer Felswand hinführte, und wo an dessen
anderer Seite der, mit losem Gestein bedeckte Boden sehr steil abschüssig
wurde, und in einer Entfernung von etwa hundert Fuß in einem senkrechten
schwindelnden Abhang nach dem Ufer des Stromes hinuntersank. Herr Turner
blieb stehen und rief den Kindern zu, voran zu gehen, damit er sie im Auge
behalten könne, und als sie bei ihm vorüber kamen, ermahnte er sie zur
Vorsicht auf diesem gefährlichen Wege. Carl Scharnhorst schritt voran,
indem er dem Hund pfiff, der soeben einen Hasen aufgejagt hatte und, ohne
auf den Pfiff zu hören, denselben verfolgte. Hinter Carl ging Julie, dann
kam Arnold, darauf Wilhelm, und Herr Turner, mit seiner Gattin vor sich,
beschloß den Zug. Die schmalste Stelle des Pfades war erreicht, als
plötzlich Pluto, um zu Carl zu gelangen, in vollem Lauf bei Herrn und
Madame Turner vorübersauste, und im Vorbeirennen an Arnold, diesen so
heftig zur Seite stieß, daß der Knabe von dem Pfade herabstürzte und an
dem steilen Berge hinunterrollte. Mit einem Schrei des Entsetzens sahen die
Eltern, wie der Knabe sich vergebens bemühte, seinem Hinabrollen Einhalt zu
thun; es war umsonst, das lose Gestein rollte mit ihm, und schon hatte er
die Hälfte des Abhanges, der zu dem senkrechten Abgrunde führte, erreicht,
als Carl sich pfeilschnell hinter ihm herstürzte, ihn mit seinen Armen
umklammerte, und alle seine Kräfte aufbot, ihn in dem furchtbaren Lauf
aufzuhalten. Umsonst -- Beide rollten weiter dem unvermeidlichen Tode
entgegen. Carl hielt aber seinen Kameraden fest umschlossen, und lenkte nur
mit den Füßen seinen Weg einem einzelnen Baume zu, der am Ende des Abhanges
stand und über die gähnende Tiefe hinabhing. Wie vom Tode erfaßt und in
Verzweiflung erstarrt, sahen die Eltern händeringend den beiden Knaben
nach, wie dieselben dem äußersten Rande des Abgrundes immer näher kamen und
das lose Gestein um sie her ihnen voran in die bodenlose Tiefe rollte. Noch
lagen nur wenige Schritte zwischen den Knaben und dem äußersten Felsrand,
als Carl, seinen Kameraden im Arm, sich mit den letzten Kräften nochmals
dem Baume zustieß, und an dessen Stamm über dem Abgrunde hängen blieb. Mit
einem Arm hielt er den ohnmächtigen Arnold umschlossen, und mit dem andern
stützte er sich an den Baumstamm, der ihn von dem Sturz in die Tiefe
zurückhielt.
»Halt fest, Carl, halt fest, Gott der Allmächtige wird Dir Kräfte
verleihen!« schrie Turner, indem er seine Gattin aus seinen Armen sinken
ließ und seine bebenden Hände den Knaben entgegenstreckte.
»Halt fest, Carl, um Gotteswillen, halt fest, ich hole Hülfe, ich bin bald
zurück!« schrie Turner noch einmal mit verzweifelter, mit rasender Angst,
und stürzte dann in fliegendem Laufe an den Felsen hin, um von der Kluse
her Hülfe zu holen.
[Illustration]
Madame Turner lag händeringend auf ihren Knieen und flehte laut zum Himmel
auf, daß Gott Barmherzigkeit haben und Rettung senden möge, und Julie und
Wilhelm klammerten sich weinend und jammernd an die bebende Mutter und
hielten zitternd ihre Blicke auf die beiden Knaben geheftet. Carl hielt den
geliebten Halbbruder fest an sein Herz gepreßt, und suchte vorsichtig nach
und nach seinen Sitz zu verbessern, um länger darin aushalten zu
können; denn seitwärts von dem Stamme, an dem er saß, blickte er in die
schwindelnde Tiefe hinunter, wo sein Auge keinen Gegenstand mehr erkennen
konnte. Seine Kräfte, die er bei der übernatürlichen Anstrengung während
des Rollens bis an den Baum aufgewandt hatte, kehrten zurück, und er fühlte
sich stark genug, sich hier zu erhalten, bis sein Onkel ihm Hülfe bringen
würde. Alle seine Besorgniß richtete sich jetzt nur noch auf das Erwachen
Arnolds und auf dessen Bewegungen; denn die mindeste Biegung aus dem
Gleichgewicht mußte sie beide in den Abgrund stürzen. Jetzt regte sich
Arnold, er strich sich mit der Hand über das Gesicht, und wollte sich
erheben.
»Rühre Dich nicht, Arnold, oder wir sind Beide verloren, bewege Dich nicht
und sieh Dich nicht um, verlaß Dich auf mich, ich halte Dich!« rief ihm
Carl in die Ohren, und zog seinen Arm fester um ihn.
»Carl, wo sind wir denn?« fragte Arnold jetzt, indem er die Augen aufschlug
und in den Abgrund blickte. »Ach Gott, wir fallen hinunter!« setzte er
halblaut hinzu, und begann am ganzen Körper zu zittern. »Bewege Dich nur
nicht, Arnold, ich halte Dich, der Vater wird gleich zurückkommen und uns
helfen. Schließe die Augen und bleibe ruhig so liegen, ich kann Dich so
ganz gut halten und wenn es noch so lange dauern sollte!«
Von drehendem Schwindel ergriffen, schloß Arnold bebend und zitternd
die Augen, und klammerte sich krampfhaft an Carl fest, der jetzt selbst
vermied, seitwärts in die Tiefe zu schauen, da er fühlte, wie ihn dabei
eine unüberwindliche Machtlosigkeit durchrieselte. Er hielt seinen Blick
hinauf nach der jammernden Mutter Arnolds gerichtet, und wandte sich mit
seiner Seele vertrauungsvoll zu Gott, der ihm ja beigestanden hatte, den
Baum zu erreichen.
Unbeweglich saß er über der bodenlosen Tiefe, doch konnte er sich des
Gefühls nicht erwehren, daß der Baum seinem Druck nachgeben, und mit ihm
und Arnold hinunterstürzen würde. Mit krampfhafter Spannung horchte er
auf jeden Ton, um die nahenden, Rettung bringenden Fußtritte Turners zu
erkennen; eine Ewigkeit schien an ihm vorüberzuziehen, er fühlte, wie seine
Füße in der gezwungenen Lage erstarrten, und doch durfte er diese nicht
wechseln, wollte er nicht das Gleichgewicht verlieren. Ueber eine halbe
Stunde war schon verstrichen und noch war keine Hülfe erschienen. »Liege
ganz ruhig, Arnold,« sagte Carl jetzt zu diesem mit entschlossener Stimme,
»ich muß meinen Fuß unter Dir hervorziehen, ich kann es unmöglich länger
in dieser Lage aushalten.« Dabei befreite er seinen linken Arm von seinem
Halbbruder, faßte mit beiden Händen den Stamm hinter sich, und hob sich
vorsichtig mit aller Kraft langsam etwas empor, indem er seinen Fuß unter
Arnold herauszog und über den Abhang hinunterhängen ließ.
»So, Gottlob, nun ist es gut, nun kann ich es wieder aushalten!« sagte er,
und legte seinen Arm abermals um Arnold. Da schallte die Stimme Turners von
weit her durch die Berge, als fordere sie Carl zur letzten Kraftanstrengung
auf.
»Der Vater kommt,« sagte dieser zu dem bebenden Gefährten, »nun werden wir
gerettet. Rühre Dich nur nicht, Arnold!«
Wenige Minuten später erschien Turner auch wirklich auf dem Pfade, und
stürmte mit einer Steinhacke auf der Schulter zu dem verhängnißvollen
Platze heran. Er kam aber nicht allein, sämmtliche Knechte waren ihm von
der Kluse hierher gefolgt, und trugen schwere Taue herbei, die zur Rettung
der Knaben gebraucht werden sollten. In aller Eile wurden diese einzelnen
sehr langen Stricke aneinander gebunden, Turner ließ sich das eine Ende um
die Brust befestigen, und stieg nun, mit der Steinhacke in der Hand, an dem
Abhang hinunter, indem die Knechte auf der Höhe zurückblieben und das Seil
hielten. Sie ließen dasselbe nur langsam nachfolgen, während Turner auf
seinem abschüssigen Wege mit der Hacke Stufen in das lose Gestein hieb und
eine Art von Treppe erzeugte, die ihm den Rückweg nach der Höhe erleichtern
sollte. Dabei redete er mit erzwungen ruhiger Stimme, bald zu Carl, bald zu
Arnold, ermahnte sie, nur still und unbeweglich zu sitzen, und nicht in die
Tiefe zu blicken. Schritt für Schritt stieg er weiter hinab, während das
Gestein, welches er vor sich loshieb, über den Abhang hinunter rollte, und
so erreichte er endlich schweißtriefend und erschöpft die beiden Knaben.
»Der Allmächtige sei gelobt und gepriesen!« rief er in höchster Seligkeit
mit bebender Stimme aus, als er Arnold mit beiden Händen krampfhaft
erfaßte, ihn Carl aus den Armen nahm und ihn auf die nächste Stufe über
sich hob.
»Sitze ruhig, Carl, bester Carl, gleich kehre ich zu Dir zurück; rühre Dich
nicht,« sagte er zu diesem, und ließ Arnold nun die steile Höhe vor sich
erklimmen, wobei er ihn von Stufe zu Stufe hob, und die Diener auf der Höhe
das Tau wieder an sich ziehen mußten. In ihren zitternden Armen empfing die
Mutter ihr Kind an ihrem Herzen, und Turner eilte, ohne einen Augenblick zu
verlieren, abermals auf den Stufen hinab, um nun auch Carl dem furchtbaren
Abgrunde zu entreißen.
»Mein Carl, Du Retter meines Lebensglücks, komm an mein Herz, an das Herz
Deines dankbaren zweiten Vaters!« rief der überglückliche Mann, indem er
den Knaben von dem Baume wegzog und ihn vor sich auf die Stufe hob.
Bald hatten sie die Höhe erstiegen und Madame Turner zog den Knaben mit
freudigem Beben von der letzten Stufe zu sich herauf.
»Carl, mein geliebter Carl, Du Retter meines Kindes, wie soll ich es Dir
im Leben danken!« stammelte sie in ihrem Glück, indem sie Carl mit ihren
Liebkosungen überhäufte. Von ihr aber ging er aus einer Umarmung in die
andere, bis Turner auf seine Kniee sank, um dem Allmächtigen für die Gnade,
für die Barmherzigkeit zu danken, die er ihm in so wunderbarer Weise hatte
angedeihen lassen. Alle Gegenwärtigen wandten, tief ergriffen, ihre Herzen
zu Gott und stimmten in das laute Dankgebet Turners mit ein. Dann aber
eilten sie von dem Schreckensplatze hinweg, ohne sich nochmals nach dem
Abgrunde umzusehen.
Als Turners nach der Kluse zurückkamen, war es zu spät geworden, um noch
in die Kirche zu gehen, aber in dem Tischgebete sandten sie nochmals ihren
herzinnigen, heißen Dank für die wunderbare Rettung der beiden Knaben zum
Himmel auf. Die Liebe, welcher sich Carl Scharnhorst bisher in der Familie
Turner zu erfreuen gehabt hatte, war eine noch viel innigere geworden, sie
hatte in der Dankbarkeit noch eine neue Grundlage gefunden, und die Eltern
sowohl, wie die Kinder fühlten sich mit unlöslichen Herzensbanden an den
braven Knaben gefesselt. Aber noch ein anderes Gefühl war in ihnen für Carl
erwacht, welches seine aufopfernde Anhänglichkeit, seine Unerschrockenheit,
seine Entschlossenheit hervorgerufen hatte; es war das Gefühl der Achtung.
Während man bisher nur den liebevollen, treuherzigen, dankbaren Knaben
in ihm gesehen, erkannte man jetzt in ihm ein Glied der Familie, dessen
Persönlichkeit noch eine andere Bedeutung hatte, als die eines geliebten
Kindes.
Von dem Augenblick an, wo der erste Freudenrausch über die Rettung Arnolds
verwogt war, behandelte Turner sowohl, wie seine Gattin, Carl Scharnhorst
unwillkürlich anders, als früher: in Wort und Handlung gebrauchten sie,
ohne es zu wollen, mehr die Rücksichten, die man einem Freunde zollt, als
die, welche man dem Pflegekinde angedeihen läßt; er war mit einem Worte in
ihrem Gefühle plötzlich nicht mehr der Knabe, sondern der befreundete, edle
Jüngling, wenn auch seine ganze Erscheinung noch die des Kindes war. Auch
die Dienerschaft, die Knechte und Mägde aus der Kluse, begegneten ihm mit
einer Ehrerbietung, mit einer Achtung, die man einem Knaben sonst nicht
zollt, und wo er sich sehen ließ, kam man ihm mit ehrender Auszeichnung
entgegen und pries und rühmte seine edle That. Carl sah nichts weiter in
der Aufmerksamkeit, als die Freude über die Rettung Arnolds, an der er ja
selbst von ganzem Herzen Theil nahm; doch kam es ihm gar nicht dabei in
den Sinn, daß er etwas so Ungewöhnliches gethan habe. Er glaubte, nur so
gehandelt zu haben, wie es jeder Mensch zu thun verpflichtet sei und wie er
selbst gar nicht anders gekonnt hätte.
Am folgenden Morgen rüstete man sich auf der Kluse zeitig, um sich nach
dem Städtchen zur Kirche zu begeben. Der leichte, mit drei Sitzen versehene
Korbwagen hielt vor der Hausthür, so wie auch der gesattelte Rappe, den
Herr Turner bei solchen Gelegenheiten stets zu reiten pflegte. Madame
Turner trat mit ihren Kindern und mit Carl aus dem Hause, um den Wagen zu
besteigen, als Herr Turner, der bei dem Rappen stand, Carl zu sich winkte
und sagte:
»Carl, Du sollst heute den Rappen reiten, und ich will statt Deiner fahren;
ich weiß, es macht Dir Freude, und bei der ersten Gelegenheit, die sich nur
bietet, werde ich Dir ein Pferd kaufen, welches ganz Dein Eigenthum sein
soll. Komm, ich habe die Bügel schon für Dich verkürzt.«
Carls Blick strahlte vor Wonne; denn wenn er auch schon oft den Rappen in
der Nähe der Kluse geritten hatte, so war er doch niemals zu Pferde in der
Stadt erschienen, und dies zu thun, machte ihm eine besonders große Freude.
»Aber, bester Onkel, reitest Du nicht lieber, als Du Dich in den Wagen
setzest? Du zogest es sonst doch immer vor,« sagte Carl bescheiden und
zögernd.
»Nein, nein, heute fahre ich lieber; steige nur auf. Wenn Du in die
Stadt kommst, so reite nach dem Gasthofe und lasse das Pferd in den Stall
bringen, der Stallbursch weiß schon, was er für dasselbe zu thun hat. Sage
ihm nur, daß Du nach der Kirche wiederkommen würdest, um nach Hause zu
reiten.«
Bei diesen Worten gab Turner die Zügel an Carl, dieser schwang sich mit
hochschlagendem Herzen in den Sattel, winkte Allen noch einen Gruß zu, und
trabte in höchster Lust davon, während Turner sich zu seiner Gattin und
seinen Kindern in den Wagen setzte. Der Weg war bald zurückgelegt, und als
in der Nähe der Kirche der Wagen anhielt und Turners ausstiegen, kamen von
allen Seiten Freunde und Bekannte herbeigeeilt, um ihnen ihre Glückwünsche
zu der wunderbaren Rettung des Knaben darzubringen; denn die Nachricht
davon hatte sich bereits durch das Städtchen verbreitet. Es war noch nicht
volle Zeit, sich in das Gotteshaus zu begeben, und der mit hohen Linden
umstandene Platz vor demselben füllte sich immer mehr mit Kirchgängern, als
Carl dort erschien und sich nach den Seinigen umschaute. Während er durch
die Menge hinschritt, wurde er von allen Seiten angehalten. Jedermann
wollte dem braven Knaben die Hand reichen und ihn begrüßen, und unter
warmen Liebesbezeugungen und lauter Anerkennung seiner edlen hochherzigen
That gelangte er zu Turners. Hier waren nun viele von deren näheren
Freunden versammelt, und abermals wurde Carl reiches Lob gespendet. Diese
Liebe, diese Beweise von Zuneigung erfüllten sein junges Herz mit Freude,
doch blieb er weit davon entfernt, sich etwas auf seine That einzubilden,
da er nicht anders wußte, als daß Jedermann ebenso handeln müsse, wie er es
gethan hatte.
Nach beendigtem Gottesdienste begleiteten viele Bekannte Turners diese nach
dem Wagen, welcher im Schatten der alten Lindenbäume gehalten hatte, und
eine große Anzahl der Freunde kündigten ihren Besuch auf der Kluse für den
Nachmittag an. Auf halbem Heimwege holte Carl die Seinigen wieder ein, und
blieb nun in der Nähe des Fuhrwerks, indem er bald im Schritt zurückblieb,
und bald wieder im Trabe oder im Galopp bei ihm vorübereilte. Wohlbehalten
und in der glücklich heitern Stimmung, wie sie das Herz des Menschen nach
Beseitigung einer großen Gefahr noch lange Zeit erfüllt, langte die Familie
zu Hause an; es wurde schnell zu Mittag gespeist, und dann begab sich
Madame Turner mit Julie in die Vorrathskammern und in die Küche, um die
nöthigen Vorbereitungen zur Bewirthung der zu erwartenden lieben Gäste zu
treffen.
Gastfreundschaft und Freigebigkeit hatten von jeher auf der Kluse
geherrscht, und auch die gegenwärtigen Bewohner derselben waren weit und
breit dafür bekannt, daß Freunde ihnen jederzeit willkommen waren. Arme
Leute fanden dort immer Arbeit, und oftmals gab Turner ihnen Beschäftigung,
wenn ihr Dienst ihm auch in keiner Weise einen Vortheil bot, und Kranke und
Altersschwache meldeten sich niemals in diesem Hause, ohne Unterstützung,
Pflege und Trost zu erhalten. Der Freunde aber, welche von Turners
Gastfreundschaft Gebrauch machten, waren unzählige; es verging fast kein
Tag, wo nicht einige derselben sich auf der Kluse einfanden, und selten
waren die Mittagstafeln, der Kaffeetisch oder die Abendmahlzeit ohne
Gäste. Madame Turner machte ihretwegen durchaus keine Aenderungen in den
häuslichen Einrichtungen, sie wurden herzlich willkommen geheißen und
mußten mit dem vorlieb nehmen, was die Hausordnung mit sich brachte. Alles
aber, was man ihnen reichte, wurde freudig gegeben und war gut, ja, man
sagte allgemein, besser als irgendwo anders. Der Spaziergang von dem
Städtchen nach der Kluse war ein nicht gar weiter, der Weg trocken und
eben und die Gegend malerisch schön. Das Gut selbst lag reizend, hatte eine
zauberisch liebliche, von fernen blauen Gebirgen begrenzte Aussicht in das
Werrathal, und seine Gärten waren wegen ihrem Blumenflor sowohl, als wegen
ihres herrlichen Obstes berühmt.
Heute, am zweiten Pfingsttage, wurde nun allerdings der Kaffeetisch, der
in der Laube des Gartens gedeckt war, mit größerer Sorgfalt besetzt, als
gewöhnlich: das gute Porzellan- und Silbergeschirr war aufgetragen, und ein
reichlicher Vorrath von verschiedenen Festkuchen erhob sich auf der Mitte
des Tisches. Madame Turner selbst erschien in einem schwarzen seidenen
Gewande, trug aber zum Schutze für dasselbe eine blendend weiße Schürze
darüber, und Julie, die der Mutter beim Anordnen des Tisches zur Hand ging,
war weiß gekleidet, und glich mit dem blaßrothen seidenen Bande, welches
sie umgab, den zarten Blüthen, womit der Frühling die Bäume des Gartens
geschmückt hatte.
Die Gäste stellten sich bald in großer Zahl ein, sie wurden herzlich und
freudig bewillkommnet, es wurde Alles aufgeboten, ihnen den Aufenthalt
angenehm zu machen, ihre Erwartungen und Wünsche auf das vollkommenste zu
befriedigen, und der allgemeine Frohsinn, die unbegrenzte Heiterkeit, unter
welchen der Nachmittag hingebracht wurde, zeigten deutlich, wie sehr das
Bestreben Turners sein Ziel erreicht hatte.
Der Tag neigte sich, die Sonne versank, und der Abendstern begann zu
funkeln. Es war ein zauberisch schöner milder Abend, die Bewegung der Luft
hatte nicht Macht genug, die fallenden schneeigen Blüthen der Bäume mit
sich fortzutragen, nur den Duft derselben nahm sie mit sich und mischte
ihn mit dem der Wälder, der Wiesen und der Felder. Von allen Seiten des
Berggartens her ertönte der schmelzende melodische Gesang der Nachtigallen,
als wetteiferten sie, der Familie Turner und deren Gästen ihre schönsten
Lieder darzubringen, als forderten sie dieselben auf, näher zu ihren
dunkeln Verstecken heranzutreten. Die ganze Gesellschaft erhob sich, um
sich in der erfrischenden Abendluft zu ergehen und den höher gelegenen
Theil des Gartens zu besuchen, von wo sie die Aussicht auf das Thal noch
freier und ungehinderter genießen konnte. Noch hatten sie die Höhe nicht
erreicht, als der Mond glänzend am Himmel aufstieg und sein mildes helles
Licht über die Erde breitete.
Madame Turner und Julie stahlen sich aber dort von der Gesellschaft hinweg,
um ein einfaches Abendbrod für dieselbe zu bereiten, und als nach einer
halben Stunde Herr Turner mit den Gästen nach der Laube zurückkehrte, war
der Tisch bereits gedeckt. Der Mond stand schon hoch am Himmel, als die
Gäste den Heimweg antraten und ihren freundlichen Wirthen einen neuen
Beitrag zu dem Glauben hinterließen, daß sie mehr aufrichtige wahre Freunde
besäßen, als andere Menschen.
Der folgende Tag war für die Arbeiter noch ein Festtag, Herr Turner war
aber seiner Gewohnheit nach schon am frühen Morgen davongeritten, um die
Felder und Wiesen in Augenschein zu nehmen. Auch Madame Turner hatte sich,
wie an Werktagen, vor Aufgang der Sonne in ihrer Wirthschaft eingefunden,
um mit Julie beim Melken, beim Buttern und beim Bereiten des Frühstücks
zugegen zu sein. Die Knaben waren, weil sie heute die Schule noch nicht
zu besuchen brauchten, frühzeitig nach dem Flusse gegangen und hatten eine
tüchtige Tracht Fische gefangen, wozu Carl die Angeln angefertigt hatte. Im
Triumph trugen sie die reiche Beute in die Küche, damit Madame Turner die
kleineren Fische noch zum Frühstück in der Pfanne backen möge, während die
größeren für das Mittagsessen aufgehoben werden sollten. Dann nahm Carl
seine beiden Halbbrüder mit sich hinaus, um Herrn Turner entgegen zu gehen,
da sie genau den Weg kannten, auf welchem derselbe zurückzukehren pflegte.
Pluto natürlich mußte sie begleiten, und jubelnd sausten sie durch
das bethaute Gras der nahen Wiese, um an deren anderen Seite den Pfad
einzuschlagen, der zwischen den Feldern hinführte. Kaum hatten sie
denselben aber erreicht, als Herr Turner schon herangetrabt kam und die
junge Gesellschaft nach dem Hause zurückführte.
Bald darauf trat Julie in ihres Vaters Zimmer, um ihn zum Frühstückstisch
zu rufen, bei welchem sich die Familie schnell sammelte; denn Alle waren
schon seit mehren Stunden thätig gewesen, und erfreuten sich eines gesunden
Appetits. Als nach dem üblichen Tischgebet der Teller mit rohem Schinken
und das Brod und die Butter herumgereicht wurden, und Julie den Kaffee und
die frische Milch darbot, nahm Herr Turner das Wort, und rühmte den Segen,
der weit und breit auf den Fluren ausgebreitet läge.
»Alles steht ungewöhnlich gut und im Ueberfluß, und wenn der Himmel uns
ferner gnädig ist, so machen wir eine außerordentlich reiche Ernte. Die
Kluse ist und bleibt doch eine Goldgrube, und --«
In diesem Augenblick trat das Hausmädchen mit einem Briefe in der Hand
in das Zimmer, und meldete, daß ein Bote der adeligen Herrschaft, deren
Eigenthum die Kluse war, das Schreiben abgegeben habe.
»Sage ihm, er solle warten, vielleicht bekommt er Antwort mit,« rief Turner
dem Mädchen zu, indem er aufstand und den Brief erbrach.
»Er ist schon fort, und sagte, daß er nicht auf Antwort zu warten brauche,«
entgegnete die Dienerin und verließ das Zimmer, während Turner mit den
Worten: »was mögen die wollen?« nach dem Fenster trat und das Papier
entfaltete.
Madame Turner war unwillkürlich mit dem Blick ihrem Gatten gefolgt;
dieser wurde plötzlich bleich, das Papier bebte in seiner Hand, er las das
Schreiben noch einmal durch, und faltete es dann schnell zusammen, um es
in der Rocktasche zu verbergen. Da begegneten seine Augen dem ängstlich
fragenden Blick seiner Gattin.
Er sagte nichts, und Madame Turner fragte nicht; es war aber ein Schweigen,
wie wenn ein Gespenst in die Stube getreten wäre und hätte ihnen die Worte
auf den Lippen erstarrt. Turner legte seine Serviette neben seinem Teller
nieder und verließ das Zimmer.
Carl war aufgesprungen und wollte seinem Onkel nacheilen, doch Madame
Turner hielt ihn mit den Worten zurück: »geh mit Arnold und Wilhelm in den
Garten, bist auch ein guter Carl. Der Vater hat jetzt Geschäfte.«
Dann sandte sie Julie mit dem Tischgeräth fort und blieb allein in dem
Zimmer zurück.
Mit angsterfüllter Brust stand sie einige Augenblicke, unschlüssig, was sie
thun solle. Es war etwas Ernstes, etwas Schreckliches geschehen, das hatte
ihr der Blick ihres Gatten gesagt -- was aber konnte es sein -- was in
der Welt gab es, dessen Verlust einen solchen erschütternden Eindruck auf
Turner machen konnte? Sie mußte es wissen -- sie mußte das Unglück mit dem
Gatten tragen, wie sie das viele Glück mit ihm getheilt hatte!
Schnell glitt sie aus der Stube durch den langen Corridor nach dem Zimmer
ihres Gemahls und öffnete leise die Thür.
Turner saß in dem Lehnstuhl, seine Arme stützten sich auf seine Kniee, sein
Kopf war auf seine Hand gesunken, und der Schreckensbrief lag vor ihm auf
dem Fußboden. Er hatte es nicht gehört, als seine Gattin in das Zimmer
und zu ihm an den Stuhl trat. Sanft neigte sich diese zu ihm nieder, legte
leise ihren Arm um seine Schultern und weckte ihn aus seiner
Erstarrung. Einen Augenblick sah er der geliebten Lebensgefährtin in die
thränenschweren Augen und sagte dann mit dumpfer Stimme: »ja, ja, Marie,
das Glück ist auch bei uns wandelbar geworden; wir müssen in diesem Herbst
die Kluse verlassen!«
»Großer Gott! und warum denn?« fragte Madame Turner mit bebender Stimme und
drückte ihre gefalteten Hände gegen die Brust.
»Der zweite Sohn unserer Gutsherrschaft soll die Kluse als Erbtheil
erhalten, und will sie selbst bewirthschaften. Er ist verlobt, wird im
Herbst heirathen, und dann hierher ziehen. Unsere Pacht läuft um diese Zeit
ab, und die Bedingungen in dem Pachtbriefe sind der Art, daß wir nichts
gegen diesen harten Beschluß einwenden können.«
»Die Leute werden doch unmöglich so an uns handeln, sie können uns nicht so
ohne Weiteres davonjagen, ehe wir eine andere Pachtung haben,« sagte Madame
Turner, nach Trost haschend.
»Sie können es, Marie, und sie wollen es.«
»Es wäre ja eine unerhörte Rücksichtslosigkeit, eine Grausamkeit sonder
Gleichen. Das Gut ist schon über hundert Jahre in den Händen Deiner Familie
gewesen, Du hast mit Freuden die verlangte höhere Pacht bezahlt und Alles
in so guten Stand gesetzt, wie es niemals früher gewesen ist -- es wäre
unerhört, ja sündlich, so gegen uns zu verfahren!« fuhr Madame Turner
fort, und suchte gefaßt zu erscheinen, während die Thränen über ihre Wangen
rollten.
»Und doch wird es geschehen,« entgegnete Turner; »sie schreiben, daß eine
Aenderung in dem Beschlusse unmöglich sei. Wir kommen in eine verzweifelte
Lage. Großes Vermögen besitzen wir nicht, wenn wir unser Inventar verkaufen
müssen, werden wir bedeutend dabei verlieren, und dann, wo wollen wir so
schnell wieder eine Pachtung finden? Eine zweite Kluse giebt es für uns
nicht; _der_ Goldbaum hat uns seine letzten Früchte getragen; das Glück
will uns verlassen, Marie!«
»Gott hat uns ja noch nie verlassen, Max, und er wird es auch jetzt nicht
thun! Auf einem andern Gute können wir ebenso glücklich sein, wenn wir uns
auch etwas mehr einschränken müssen,« entgegnete Madame Turner, indem sie
unbemerkt sich die Thränen von den Augen wischte.
»Ein anderes Gut, das ist leicht gesagt; wenn uns aber die Mittel nun nicht
ausreichen sollten!« erwiederte Turner vor sich hinblickend.
»Turner -- wir haben viele reiche und gute Freunde,« nahm die Frau wieder
das Wort, indem sie die Hand ihres Gatten ergriff und ihm, wie mit einem
Trost in die Augen sah.
»Du hast Recht, Marie,« sagte Turner nach kurzem Schweigen, »ich habe nicht
an sie gedacht; sie werden, wenn es nöthig sein sollte, uns gern helfen,
da sie wissen, daß sie es mit rechtlichen Leuten zu thun haben. Ich will
übrigens gleich nach Tisch zu meiner Gutsherrschaft reiten, und sie zu
bereden suchen, daß sie mir die Kluse wenigstens noch auf ein Jahr in Pacht
läßt. Dann kann ich mich nach einem anderen Gute umsehen und Vorbereitungen
zu unserem Umzuge treffen. Die Leute werden ja billig sein.«
Mit diesen Worten ergriff Turner, leichter aufathmend, den Brief und legte
ihn auf den Tisch, während seine Gattin ihren Arm in den seinigen schlang
und nun mit ihm im Zimmer auf und nieder schritt.
»Ich habe seit vergangenem Jahre wiederholt auf Erneuerung meines
Pachtcontracts gedrungen, es wurde aber immer hinausgeschoben und ich hielt
es wahrlich kaum noch für nöthig, einen Contract mit den Leuten zu machen,
weil die Kluse ja die langen Jahre in meiner Familie geblieben ist. Wer
hätte so etwas denken können!« sagte Turner im Auf- und Niedergehen.
»Die Kluse können uns die Menschen nehmen, unser Glück aber nicht, Max, wir
nehmen es mit uns, wohin wir auch ziehen, wenn Gott nur uns Allen unsere
Gesundheit erhält. An Arbeit sind wir gewöhnt und thun sie gern. Sprich
einmal mit den Leuten, und versuche es, sie zur Billigkeit zu stimmen.
Uebrigens ist die Kluse ja nicht das einzige Gut in der Welt, wenn wir
auch unser liebes Werrathal lange Zeit vermissen werden,« versetzte Madame
Turner, und die Herzen der zum ersten Male in ihrem Leben vom Unglück
Bedrängten erleichterten sich nach und nach durch die tröstenden Worte, die
sie mit einander wechselten.
Madame Turner verließ ihren Gatten in einer viel gefaßteren Stimmung, als
der, in welcher sie zu ihm gekommen war. Auch die erschreckten Gemüther der
Kinder beruhigten sich, als die Eltern, wenn auch ernster, als sonst, doch
weniger bekümmert beim Mittagsessen erschienen, welches heute sehr zeitig
eingenommen wurde. Gleich nach Tisch reichte Madame Turner ihrem Gatten
den Kaffee, Julie brachte die Wachskerze zum Anzünden der Cigarre, und Carl
Scharnhorst führte den Rappen vor das Haus. Herr Turner ließ nicht lange
auf sich warten, schwang sich in den Sattel und reichte seiner Frau zum
Abschied die Hand mit den Worten: »Gott wird uns helfen!«
»Gewiß wird er es thun,« entgegnete Madame Turner mit vollster Zuversicht,
und winkte ihrem Gatten noch einen Gruß nach.
Der Ritt war vergebens; denn Turner brachte bei seiner Rückkehr die
Nachricht mit, daß alle seine Bitten, seine Vorstellungen umsonst gewesen
seien, und daß die Gutsherrschaft unabänderlich auf seinen Abzug von der
Kluse im kommenden Herbst bestehe.
Die Kunde von diesem Beschluß verbreitete sich bald in dem Städtchen, und
mit ihr wurden vielerlei Vermuthungen über die eigentliche Ursache der
Kündigung Seitens der Gutsherrschaft laut. Namentlich sagte man sich im
Vertrauen, daß es mit den Vermögensverhältnissen Turners sehr schlecht
stehe. Obgleich aber diese Gerüchte von Mund zu Mund gingen, so waren sie
doch nicht bis auf die Kluse gedrungen, und beinahe eine Woche verstrich,
ohne daß Turners etwas Anderes aus dem Städtchen erfuhren, als was die
Knaben, wenn sie Abends aus der Schule kamen, ihnen erzählten.
»Unbegreiflich ist es mir, daß sich noch keiner unserer Freunde hier hat
blicken lassen,« sagte Turner eines Abends, als er mit seiner Familie nach
dem Abendessen in traulichem Kreise im Garten saß. »Ich will morgen doch
einmal in die Stadt reiten und hören, was unsere Bekannten sagen. Sie
werden sicher den innigsten Antheil an unserem Geschick nehmen. Vielleicht
weiß auch der Eine, oder der Andere von einem Gute, welches pachtlos wird;
jedenfalls ist mir der Rath eines Freundes willkommen.«
Am folgenden Tage gleich nach dem Mittagsessen bestieg Turner sein Pferd,
um nach der Stadt zu reiten, und Madame Turner rief ihm beim Abschied nach:
»grüße nur Alle recht herzlich von mir.«
Von dem Gasthause aus, wo Turner sein Pferd abgab, leitete er seine
Schritte zuerst zu der Wohnung des Kreisraths, und erkundigte sich dort in
der Hausflur, ob derselbe zu sprechen sei.
»Ja wohl, Herr Turner, der Herr ist in seinem Arbeitszimmer, er wird sich
freuen, Sie zu sehen,« entgegnete ihm die Magd mit einem freundlichen Gruß
und öffnete eine Thür, indem sie den Herrn Turner anmeldete.
Der Kreisrath, den Turner als einen seiner wärmsten Freunde betrachtete,
empfing ihn mit großer Höflichkeit, doch nannte er ihn nicht, wie früher,
»mein verehrter Freund,« sondern nur Herr Turner. Er führte ihn durch
das Zimmer nach einer Thür, indem er sagte: »meine Damen werden sich sehr
freuen, Sie zu sehen.«
Turner aber hielt ihn mit den Worten zurück: »ich möchte Sie gern einige
Augenblicke allein sprechen, denn es ist eine wichtige Angelegenheit, in
der ich mir Ihren Rath erbitten wollte.«
»Gern, gern, mit Freuden stehe ich zu Ihren Diensten; wahrscheinlich einer
Klage wegen. Haben Sie einen schlechten Schuldner, sind Sie schon, oder
_sollen_ Sie noch betrogen werden? Auf meine Hülfe können Sie rechnen.
Sagen Sie mir gefälligst nur, was ich für Sie thun kann?« erwiederte der
Kreisrath, indem er Turner nach dem Sopha führte und neben ihm Platz nahm.
»Sie haben oft mein Glück hoch gepriesen, Herr Kreisrath, es will mir
untreu werden,« begann Turner nach einer kurzen Pause.
»Wie so? Sie erschrecken mich!« sagte der Kreisrath mit erzwungenem
Ausdruck der Ueberraschung, um Turner nicht zu verrathen, daß ihm dessen
Mißgeschick bereits bekannt sei.
»Denken Sie sich, die Pacht ist mir gekündigt, ich muß im Herbst die Kluse
verlassen,« fuhr Turner mit beklommener Stimme fort.
»Es ist wohl nicht möglich! Was ist denn der Grund?«
»Der zweite Sohn meiner Gutsherrschaft hat die Besitzung als Erbtheil
erhalten, und will sie selbst bewirthschaften.«
»Das ist ja schrecklich -- will man Ihnen denn keine Zeit geben, sich nach
einer anderen Pachtung umzusehen? Das geht doch nicht so Hals über Kopf, da
hat das Gesetz auch noch ein Wort mitzusprechen; haben Sie Ihren Pachtbrief
bei sich?«
»Derselbe hätte schon im vorigen Jahre erneuert werden müssen, und ich
habe wiederholt darauf gedrungen, man verschob es aber von einem Monat zum
andern, und so ist es denn bis auf den heutigen Tag unterblieben. Die Pacht
läuft in diesem Herbste ab, und ich habe nach den Bestimmungen in dem alten
Contract gesetzlich kein Recht zu einer Beschwerde. Nennen Sie es
nicht Nachlässigkeit, wenn ich nicht ernster auf zeitige Erneuerung des
Pachtbriefes drang. Das Gut war seit so langen Jahren in den Händen meiner
Familie, daß ich den schriftlichen Contract nur als eine Form betrachtete,
der zu irgend einer Zeit nachgekommen werden konnte. Wie hätte ich
denken können, daß die Verzögerung Seitens meiner Gutsherrschaft eine
beabsichtigte gewesen wäre?« sagte Turner mit einem schweren Athemzug.
»Ja, ja, verehrter Herr Turner, nehmen Sie es mir nicht übel, aber
allermindestens trifft Sie doch der Vorwurf leichtsinnigen Vertrauens in
die Rechtlichkeit anderer Leute; solchem blinden Vertrauen darf man sich
heutzutage nicht mehr hingeben; wo es sich um Mein und Dein handelt, da
halte ich einen Jeden im Voraus für einen Spitzbuben, dann weiß ich, daß
ich nicht hintergangen werde,« entgegnete der Kreisrath mit entschiedener
Betonung.
»Dazu würde ich mich nie überreden können, Herr Kreisrath, und ich für
meine Person ziehe es vor, gelegentlich betrogen zu werden, ehe ich den
Glauben an Rechtlichkeit unter meinen Nebenmenschen aufgeben und in ihnen
nur Spitzbuben sehen sollte. Ich habe gottlob noch die Ueberzeugung, viele
ehrliche Freunde zu besitzen, die mich auch, selbst wenn es sich um Mein
und Dein handelt, nicht für einen Schurken halten,« sagte Turner mit mehr
als ihm gewohnter Heftigkeit.
»Ganz recht, da bin ich vollkommen Ihrer Ansicht, aber Freundschaft und
Geschäft sind zwei ganz verschiedene Dinge; wo das persönliche Interesse
redet, da muß die Freundschaft aufhören. Nun sagen Sie mir, soll ich
vielleicht einmal mit Ihrem Gutsherrn reden und ihm ins Gewissen greifen?
Ich scheue keine Mühe, wenn ich Etwas für Sie thun kann, und mein Rath
steht Ihnen jederzeit zu Dienste.«
»Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Bereitwilligkeit, mir zu helfen, muß aber
darauf verzichten, da ich diesen Versuch bereits selbst vergebens gemacht
habe. Man will von einer Aenderung in dem Beschluß Nichts hören,« versetzte
Turner, kalt berührt von den Grundsätzen des Mannes, den er immer für einen
warmfühlenden Freund gehalten hatte. Die Unterhaltung wurde wortkarger und
gezwungener, und Turner erhob sich bald darauf, um sich zu entfernen. Der
Kreisrath nöthigte ihn auch nicht, länger zu verweilen und sagte, indem er
ihn bis an die Thür begleitete, mit einer höflichen Verbeugung: »mein Rath
steht Ihnen jederzeit zu Gebote, Herr Turner.«
Dieser erwiederte die Zusicherung mit einer stummen Verneigung, und eilte
zusammengepreßten Herzens in die Straße hinaus.
Der Kreisrath war gerade derjenige unter seinen Freunden gewesen, von dem
er die wärmste Theilnahme an seinem Schicksal erwartet hatte, und welche
Gefühle, welche Grundsätze hatte dieser Mann jetzt gegen ihn ausgesprochen!
Unentschlossen, ob er geraden Wegs wieder zu seinem Pferde zurückkehren und
nach Hause reiten, oder ob er noch andere seiner Freunde aufsuchen sollte,
schritt Turner, in düstere Gedanken versunken, langsam in der Straße hin.
Das Gefühl drängte sich ihm unwiderstehlich auf, daß er überall dieselbe
herbe Erfahrung machen würde, wie bei dem Kreisrath, wenn auch sein Herz
sich dagegen sträubte und an dem Glauben an wirklich wahre Freundschaft
festhielt. An der Ecke, wo die Straßen sich theilten, blieb er einen
Augenblick zögernd stehen, dann schritt er aber schnell nach dem Gasthause
hin, entschlossen, es abzuwarten, welche Theilnahme ihm seine anderen
Freunde, ohne von ihm dazu aufgefordert zu sein, zeigen würden; denn die
Kunde von seinem Mißgeschick mußte sich bereits in dem Städtchen verbreitet
haben.
Madame Turner hatte sich gleich nach ihres Gatten Entfernung in ihre
Wirthschaft begeben, um in den häuslichen Arbeiten sich zu zerstreuen
und ihre Gedanken von dem schweren Schlag abzulenken, der ihr bisher
ungetrübtes Glück getroffen hatte. Was sie aber auch unternahm, sie konnte
nirgend Ruhe finden, und mit jeder Stunde wuchs ihr Verlangen nach der
Rückkehr ihres Gatten. Wieder und immer wieder begab sie sich in das
Wohnzimmer, aus dessen Fenstern sie weit auf der Straße, die nach dem
Städtchen führte, hinblicken konnte, um zu sehen, ob sie Turner noch nicht
erspähen könne. Als aber nun die Sonne versank, da setzte sie sich an dem
Fenster nieder und hielt ihre Augen auf den fernsten sichtbaren Punkt der
Straße geheftet. Endlich erkannte sie ihren zurückkehrenden Gatten, er kam
aber nicht, wie sonst, im schnellen Trabe, das Pferd ging nur im Schritt,
und sie meinte, so langsam sei Turner niemals nach Hause geritten. Sie
konnte ihn nicht im Zimmer erwarten, sie warf ihr Tuch um und eilte hinaus
ihm entgegen.
»Du bringst keine frohe Nachricht mit Dir, Turner,« sagte sie, als sie mit
ihm auf der Straße zusammen traf und ihm die Hand zum Willkommen reichte.
»Nein, Marie, wir haben uns in einem unserer Freunde sehr verrechnet, und
zwar in dem Kreisrath. Die Nachricht, daß wir die Kluse verlassen müßten,
schien mehr sein Bedenken, als seine Theilnahme zu erwecken, und statt
warmer herzlicher tröstender Worte erhielt ich Nichts bezweckende kalte
Rathschläge und steife Höflichkeiten. Er war ein Freund im Glück, ist aber
kein Freund in der Noth!« entgegnete Turner, indem er abstieg, das Pferd
leitete, und Arm in Arm mit der Gattin der Wohnung zuschritt.
»Der Kreisrath?« sagte Madame Turner überrascht mit halblauter Stimme, »er
war doch immer so herzlich und liebevoll gegen uns!«
»Ja, der Kreisrath, er machte mir nur Vorwürfe und rieth mir, wo es sich um
Mein und Dein handele, alle Menschen für Spitzbuben zu halten, so wie er es
thue, um sich vor Betrug zu schützen.«
»Der Himmel bewahre Dich vor solchem Glauben, Turner, lieber mag man uns
betrügen. Nein, es giebt noch gute Menschen, und grade im Unglück werden
wir sie erkennen. Was sagten denn Apothekers?«
»Ich bin nicht bei ihnen gewesen. Es war mir unmöglich, mich einer zweiten
solchen Täuschung auszusetzen. Wir wollen abwarten, welchen Trost uns
unsere Freunde bringen; suchen werde ich denselben nicht bei ihnen. Ich
ging vom Kreisrath wieder in das Gasthaus zurück. Dort fand ich viele
Bürger versammelt, die mir immer herzlich zugethan waren, wenn sie mir
sonst auch nie näher gestanden haben. Die Leute waren außer sich, sprachen
sich heftig gegen die Gutsherrschaft aus, und erklärten schließlich, daß
ich unter keiner Bedingung diese Gegend verlassen dürfe. Es müsse Rath
geschafft werden, auf irgend eine Weise ein Gut für mich in der Nähe
auszumitteln, weil ich immer den Armen und Bedürftigen eine Stütze gewesen
sei. Sieh, Marie, das hat mir wohlgethan, und mich tausendfach für den
Verlust eines reichen vornehmen Freundes entschädigt.«
»Dessen Hülfe wir auch nicht nöthig haben werden, wenn uns der _eine_ treue
barmherzige Freund, der uns bis jetzt so väterlich beigestanden hat, seine
Gnade auch fernerhin angedeihen läßt,« sagte Madame Turner, indem sie zum
Himmel aufblickte.
»Ja, Marie, Gott ist immer unser treuster Freund gewesen, und wir wollen
fest auf seine fernere liebevolle Hülfe bauen. Was uns im Augenblick als
Mißgeschick erscheint, wird sich sicher zu unserm Besten wenden; es sei uns
willkommen, wie es sich auch gestalten mag!« Mit diesen Worten legten die
beiden Gatten ihre Hände ineinander, als wollten sie sich gegenseitig das
Versprechen geben, in diesem Glauben niemals zu wanken.
Am nächsten Morgen setzte Turner mehrere Anzeigen für verschiedene
Zeitungen auf, worin er bekannt machte, daß er ein Gut zu pachten suche,
und schrieb zugleich eine Menge Briefe an auswärtige Freunde, welche er
aufforderte, sich für ihn zu bemühen und ihm mitzutheilen, wenn sie von
einer offenen Pachtung hören sollten. Er brachte die Schreiben selbst nach
der Stadt zur Post, und wurde dabei allenthalben in den Straßen von den
Einwohnern angehalten, da ein Jeder aus seinem Munde hören wollte, ob das
Gerücht von der Pachtkündigung wahr sei. Es herrschte nur _eine_ Stimme
unter den Leuten, die der Entrüstung gegen die Gutsherrschaft und die der
wärmsten liebevollsten Theilnahme für Turner. Von seinen Freunden aber
bekam er Keinen zu sehen. Mochte es nun Zufall sein, daß Keiner derselben
ihn beim Vorübergehn vor deren Wohnung bemerkt hatte; bis jetzt aber war
er kaum jemals durch das Städtchen gegangen, ohne daß der eine, oder andere
Freund ihn aus dem Fenster angerufen, oder ihn in der Straße, oder im
Gasthaus aufgesucht hatte. Vor der Apotheke sogar blieb er eine geraume
Zeit stehen, weil mehrere Bürger ihn dort anredeten, um ihm ihr Bedauern
über das ihn betroffene Mißgeschick auszusprechen; er erkannte hinter dem
Fenster die Frau und die Töchter des Apothekers, sah, wie dieselben sich
schnell von den Fenstern entfernten, und erwartete nun von Augenblick zu
Augenblick, daß sein Freund, der Apotheker, zu ihm heraus in die Straße
kommen würde, -- allein, er hatte sich getäuscht, es ließ sich Niemand aus
dem Hause sehen.
Auf der Kluse wurde es jetzt sehr still, denn die vielen angesehenen,
reichen Freunde, von denen sich Jahr aus, Jahr ein fast täglich eine Anzahl
dort eingefunden hatte, blieben aus; Tage und Wochen eilten dahin, ohne daß
Einer derselben sich hätte sehen lassen, obgleich das Wetter ungewöhnlich
schön und einladend war, und die Gärten im reichsten üppigsten Schmuck ihre
ersten Früchte darboten. So schmerzlich sich Turners nun auch durch diese
Theilnahmlosigkeit und Vernachlässigung berührt fühlten, so würde doch
ihr unbedingter guter Glaube an die Biederkeit ihrer Nebenmenschen nicht
dadurch beeinträchtigt worden sein, wären nicht die nachtheiligen Gerüchte
zu ihren Ohren gekommen, welche man über sie in dem Städtchen verbreitet
hatte. Tief gekränkt und entrüstet darüber, bemühte sich Turner, die Quelle
zu entdecken, aus welcher diese Verläumdungen entsprungen waren; doch
umsonst, alle seine Nachforschungen dieserhalb blieben vergebens.
Zum ersten Male in ihrem Leben fühlten sich Turners von den Menschen
zurückgestoßen, und ihr Glaube an dieselben begann zu wanken. Um so
enger und um so inniger aber schlossen sie sich in ihrem Familienkreise
aneinander, und kamen bald zu der Ueberzeugung, daß ihr wahres Glück
niemals durch die Menschen vermehrt worden war, daß es immer nur in ihnen
selbst, in ihrer Liebe für einander bestanden hatte. Mit doppeltem Eifer,
mit doppelter Thätigkeit widmeten sie sich ihren Geschäften und machten, wo
sie konnten, schon jetzt Vorbereitungen für ihren Abzug von der Kluse.
Sie wurden nun nicht mehr durch viele Besuche von ihren Arbeiten
zurückgehalten, und die Ersparnisse in Folge von deren Ausbleiben stellten
sich als nicht unbedeutend heraus. Bald waren die sogenannten Freunde, die
Schmarotzer, vergessen, und Turners befreundeten sich täglich mehr mit dem
Gedanken, das ihnen unentbehrlich geglaubte schöne Werrathal zu verlassen.
Abschnitt 2.
Abzug vom Gute. -- Der Brief von Amerika. -- Der Beschluß zur
Auswanderung. -- Vorbereitungen. -- Weihnachten. -- Der Neger. -- Die
Nordsee. -- Die Seeschweine. -- Die Inseln. -- Der Sonnenuntergang.
-- Der Eisberg. -- Amerika. -- Der Adler. -- Todesnachricht. -- Der
Verlust.
Auf Carl Scharnhorst übten die Veränderungen in Turners Verhältnissen einen
auffallenden Einfluß aus; es schien, als fühle er, daß er die Kinderschuhe
ausziehen, daß er seinen Lieben bald seine Kräfte leihen und ihnen
bald eine thätige Hülfe werden müsse. Er war ernster als sonst, mit
unermüdlichem Fleiße besuchte er die Schule, empfing noch bis spät Abends
Privatunterricht, und das erste Licht des Morgens fand ihn schon bei seinen
Büchern.
So segenreich und vielversprechend das Frühjahr auch erschienen war, so
verminderten sich doch die Hoffnungen auf eine ergiebige Ernte von Tag zu
Tag mehr, da eine anhaltende Dürre sich eingestellt hatte. Die Heuernte war
schon vollständig mißrathen, weil das Gras wegen Mangels an Regen durch die
Sonnengluth verbrannt wurde, und aus gleichem Grunde darbten die Früchte
auf den Feldern; denn der ausgetrocknete Boden konnte ihnen keine Nahrung
zum Wachsen und Gedeihen geben. Die Kornernte kam heran, und begann vier
Wochen früher als gewöhnlich, sie lieferte nur kleine leichte Körner und
kurzes gehaltloses Stroh. Auch das Grünfutter konnte nicht gedeihen, es
vertrocknete auf dem Lande, der Weizen lieferte schlechtes Gewicht, und den
Hafer lohnte es kaum der Mühe zu mähen. Diese Ergebnisse drückten schwer
auf die schon bedrängten Herzen der Turners, denn grade diese Ernte sollte
ihnen ja baares Geld in die Hand liefern, und ihnen helfen, anderswo eine
neue Heimath zu gründen. Dennoch verließ sie die Hoffnung und der Glaube
nicht, daß Alles sich zu ihrem Besten gestalten würde, und unverdrossen
boten sie alle ihre Kräfte, alle ihre Thätigkeit auf, die Ernten um so
sorgfältiger einzubringen. Turner hatte schon viele Güter in Augenschein
genommen, wobei er wiederholt wochenlang von der Kluse abwesend geblieben
war, doch keines von allen hatte ihm zugesagt, theils, weil sie werthlos,
theils, weil sie zu bedeutend waren, als daß er sie mit eigenen Mitteln
hätte übernehmen können. In der Nähe war überhaupt kein Gut zu pachten,
welches nur einigermaßen seinen Anforderungen entsprochen hätte, wodurch
sich die Nothwendigkeit für ihn herausstellte, sein Inventar, das heißt
seine Geräthschaften, Vieh und Pferde und alle seine Vorräthe zu verkaufen,
die er weithin nicht mit sich nehmen konnte. Die Zeit, wo Turner die Kluse
verlassen sollte, rückte immer näher, wieder und wieder begab er sich
auf Reisen, um pachtfreie Güter zu besehen, aber immer kehrte er ohne den
gewünschten, ersehnten Erfolg nach Hause zurück.
Die letzten vier Wochen waren nun angetreten, welche Turners noch auf der
Kluse zubringen konnten, und da sie immer noch kein anderes Gut gepachtet
hatten, so blieb ihnen Nichts übrig, als Alles zu verkaufen, nach der
Stadt zu ziehen, und sich dann von dort aus in Ruhe nach einer Pachtung
umzusehen. Die gegen frühere Jahre nicht bedeutenden Vorräthe waren bereits
nach und nach zu ziemlich guten Preisen verwerthet, und um sich nun auch
des Inventars zu entledigen, wurde eine Auktion angesetzt und die Anzeige
davon in mehreren Zeitungen, so wie in den nicht weit entfernten Städten
und Ortschaften durch Anschlagzettel bekannt gemacht. Die Zahl der
Kauflustigen, die sich dazu einfanden, war keine große, und der Verkauf
stellte sich als ein sehr mittelmäßiger heraus. Namentlich brachte das Vieh
sehr niedrige Preise auf, weil fast Niemand nur für den eigenen Viehbestand
Futter genug geerntet hatte.
Wenige Tage nach der abgehaltenen Auktion standen des Morgens zwei aus der
Stadt gemiethete vierspännige Frachtwagen, mit dem Hausgeräth der Familie
Turner beladen, auf dem Hofe der Kluse; Madame Turner trat, einen frischen
Blumenstrauß in der Hand, mit Thränen in den Augen aus dem Wohngebäude und
nahm den Arm ihres Gatten. Schweigend und durch ihre Thränen blickte sie
die alte freundliche Wohnung an, die ihr bisheriges großes unermeßliches
Glück beherbergt hatte; stumm, aber schluchzend sagte sie ihr das letzte
Lebewohl, mit blutendem Herzen riß sie sich von dieser theuren Heimath los,
um, wer wußte wo, eine andere zu finden. Auch Turner waren die Augen feucht
geworden; das alte Haus war die Wiege seiner Vorfahren, seine eigene
und die seiner Kinder gewesen, es hatte seit hundert Jahren das stille
anspruchslose Glück der Turnerschen Familie gesehen, und nun sollte ihr
Name in seinen Mauern vergessen werden! Er hatte keine Worte für den
herzzerreißenden Abschied, für das letzte Lebewohl, er gab den Fuhrleuten
einen Wink fortzufahren, drückte den Arm seiner Gattin fest an seine Brust,
und schritt mit ihr und mit den Kindern durch das Hofthor nach der Straße
hinunter. Langsam und ohne ein Wort zu sagen, folgten sie den knarrenden,
wankenden Wagen, und erst, als sie den letzten Punkt auf der Straße, von
wo man noch die Kluse sehen konnte, erreicht hatten, blieben sie stehen und
blickten zurück.
»Die alte Heimath haben wir verlassen, wir sind unterwegs, Marie, wer weiß,
wohin dieser Weg uns führen wird!« sagte Turner, indem er seinen Arm um die
Schulter der Gattin legte, und seinen Blick auf die Kluse geheftet hielt.
»Wohin er uns auch führen mag, unsere Heimath nehmen wir mit uns; denn
wo wir vereint sind, da ist unsere Heimath!« antwortete Madame Turner mit
einem innigen liebevollen Blick, und streckte ihre Hand nach den Kindern
aus, die sich an sie schmiegten und gleichfalls betrübten Herzens von der
Kluse Abschied nahmen.
In dem Städtchen wurden sie allenthalben freundlichst begrüßt und von
vielen Bekannten bis zu dem kleinen Hause geleitet, welches Turner
gemiethet hatte. Dasselbe lag an der Außenseite der Stadt auf einer Anhöhe
in einem hübschen Garten, und gewährte einen freien, weiten Blick über das
Werrathal, so daß Turners in ihrer äußern Umgebung wenigstens ein ähnliches
Bild fanden, wie das, welches sie auf der Kluse so viele Jahre hindurch
entzückt hatte. Nach wenigen Tagen waren sie in ihrer neuen Wohnung
eingerichtet; Madame Turner suchte sich in den ihr ungewohnten müssigen
Stunden im Garten zu beschäftigen, obgleich der Herbst ihre Thätigkeit dort
sehr beschränkte; und Herr Turner konnte sich jetzt ungehinderter seinen
Bemühungen um eine neue Pacht hingeben. Der Erlös aus seinen sämmtlichen
Verkäufen belief sich auf ungefähr neuntausend Thaler, welche er in
Werthpapieren angelegt hatte, und seine in der Stadt ausgeliehenen Gelder
betrugen noch tausend Thaler, so daß er über ein baares Capital von
zehntausend Thalern zu verfügen hatte. Er stand nach allen Richtungen hin
in Briefwechsel, und bald nach seiner Uebersiedlung in das Städtchen wurden
ihm mehrere Güter im Preußischen bezeichnet, welche pachtlos geworden
waren. Er schickte sich abermals zur Reise an, um die Güter in Augenschein
zu nehmen, kehrte aber nach mehreren Wochen unverrichteter Sache wieder
zurück, denn keines derselben hatte seinen Bedürfnissen entsprochen.
Die Freude des Wiedersehens überwältigte im Anfange die trübe Stimmung
Turners über den abermaligen ungünstigen Erfolg seiner Reise; als aber die
Lampe auf dem Theetisch angezündet war und die Familie sich um denselben
sammelte, da sprach Turner sich recht ernstlich besorgt darüber aus, daß er
möglicherweise noch ein ganzes Jahr ohne Pachtung bleiben und unthätig Geld
verzehren müsse, ohne Etwas verdienen zu können.
»Gieb mir doch die Zeitungen, vielleicht findet sich Etwas darin,« sagte
er nach einer Weile zu seiner Gattin, und setzte noch, als diese aufstand,
hinzu: »sind auch Briefe angekommen?«
»Ja wohl,« entgegnete diese, »ich wollte sie Dir eben mitbringen. Es ist
auch ein Brief von Amerika dabei; ich glaube, er ist von Deinem Vetter
Victor.«
»Sieh, endlich einmal wieder ein Lebenszeichen von ihm,« sagte Turner,
während seine Gattin das Zimmer verließ.
Bald kehrte dieselbe zurück und legte ein Packet Zeitungen und mehrere
Briefe vor ihren Gatten auf den Tisch.
»Wahrhaftig, ein Brief von Victor! Nun, da bin ich doch neugierig, wie es
dem geht; es sind wohl schon beinahe drei Jahre, daß er Nichts von sich
hören ließ.«
Mit diesen Worten zog Turner die Lampe näher zu sich und öffnete das
Schreiben. Er las den Inhalt mit augenscheinlich sich steigerndem
Interesse, und als er die letzte Seite beendet hatte, legte er den Brief
auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, und sagte mit einem freudigen
Lächeln zu seiner Gattin: »nun, Marie, was meinst Du wohl, was er
schreibt?«
»Hoffentlich, daß es ihm und den Seinigen recht gut geht; was er sonst
schreibt, möchte mir schwer werden zu errathen.«
»Nichts mehr und Nichts weniger, als daß er uns einladet, auch hinüber zu
kommen. Es geht ihm sehr gut; er besitzt eine Farm unterhalb Baltimore
an der Chesapeake-Bay, baut Mais und Taback, und verdient dort dreimal so
viel, als es ihm hier auf dem Gute bei Hannover mit der doppelten Arbeit
möglich war. Dabei ist er so wie seine Familie frisch und wohl, hängt von
Niemandem ab, wird von Niemandem belästigt, und muß in wenigen Jahren ein
reicher Mann sein.«
Madame Turner sah ihren Gatten überrascht und mit großen Augen an, als lese
sie einen Gedanken auf seinen Zügen, von dem sie im Augenblick nicht wisse,
ob sie ihn willkommen heißen solle. Dann aber kam ihre gewohnte Ruhe wieder
über sie, und sie sagte: »im Anfange seines Dortseins ist es ihm aber auch
schlecht genug ergangen. Ich weiß noch recht gut, daß er sich sehr nach dem
alten Deutschland zurücksehnte. Gottlob, daß es ihm nun besser geht!«
Turner schwieg, zog eine Cigarre aus der Tasche hervor und hielt sie
wiederholt, und wie in Gedanken versunken, über die Lampe.
»Wenn man es eigentlich so recht bedenkt,« fuhr er dann nach einer Weile
fort, »so ist es ziemlich einerlei, ob man nach Süddeutschland oder nach
Amerika zieht; die Reise nimmt kaum mehr Zeit in Anspruch, und zu Wasser
ist sie viel bequemer als zu Lande. Daß der Brief gerade in diesem
Augenblick kommen muß -- sonderbar!«
»Aber in einem fremden Lande, unter fremden Menschen, ohne Freunde!«
bemerkte Madame Turner halb erschrocken.
»Ohne Freunde, Marie, -- verlangst Du schon wieder nach Freunden?«
entgegnete Turner bitter.
»Nicht nach solchen schlechten Freunden, Max, wie wir sie auf der Kluse
um uns hatten, aber nach uneigennützigen, ehrlichen, biedern, gemüthlichen
Freunden, solche meine ich, wie Du ja hier unter den Bürgern hunderte
besitzest. Hast Du mir nicht selbst gesagt --«
»Ja, ja, Marie, Du hast Recht, wie immer, Du bist ein prächtiges, gutes,
gescheutes, mein liebes Weib,« fiel ihr Turner in die Rede und zog sie zu
sich heran, um sie zu küssen; »aber beste Frau, man kann doch solche Sachen
überlegen, und braucht nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Sieh,
Victor schreibt, daß man dort in seiner Nähe gutes Land für zehn bis
fünfzehn Thaler den Morgen kaufen kann, und daß weiter im Westen das
Regierungsland nur etwa drei hiesige Thaler kostet. Denke einmal darüber
nach, ob es nicht für drei so tüchtige Buben, wie wir deren haben, besser
ist, wenn der Vater ein gutes Stück Land als Eigenthum besitzt, als daß er
den Pächter auf einem fremden Gute spielt, von dem man ihn beim Ablauf der
Pacht verjagen kann. Und, sage selbst, läge das Wasser nicht zwischen
den beiden Erdtheilen, wer würde sich nur einen Augenblick bedenken, nach
Amerika hinüber zu wandern?«
»Das alte Sprichwort sagt,« bemerkte Madame Turner: »Bleibe im Lande --«
»Und mache es so, wie es die Väter machten, und wenn es auch gar nicht
mehr in die Zeit paßt,« unterbrach sie ihr Gatte, »es ist ja nur, daß man
darüber spricht, Marie; noch wollen wir ja nicht auswandern. Da, nimm den
Brief und lies ihn morgen einmal mit Muße.«
Nun öffnete Turner die übrigen Schreiben, die jedoch nichts von Wichtigkeit
brachten, und dann begann er die während seiner Abwesenheit angekommenen
Zeitungen zu durchsuchen, ob nicht darin eine offene Pachtung angekündigt
sei.
Madame Turner war nachdenkend geworden und blickte, von den Anderen
unbeachtet, bald ihren Gatten, bald ihre Kinder an, denn Alle waren mit
Lesen beschäftigt, sie allein nur strickte. Turner verbrachte den ganzen
Abend mit Durchsehen der Zeitungen, wobei er sich nicht gern stören ließ,
weshalb die Stunden ziemlich schweigsam verliefen.
»Sieh, da habe ich die älteste Zeitung bis zuletzt aufgespart,« sagte
er, indem er das Blatt entfaltete. »Es wird aber wohl ebenso wenig
Interessantes für mich darin sein, als in den andern.« Er überblickte den
Inhalt nur flüchtig, und wollte das Papier zu den anderen legen, als eine
Anzeige, die auf der letzten Seite stand, seine Aufmerksamkeit fesselte.
»Ist es möglich,« sagte er, freudig überrascht, »das Gut Schwaneberg in
Sachsen soll verpachtet werden, der Eigenthümer will es nicht mehr selbst
bewirthschaften. Ja, wenn ich das bekommen könnte, da würde ich mich nicht
einen Augenblick besinnen. Ich kenne es ganz genau, denn ich habe einen
Theil meiner Lehrzeit darauf zugebracht; es ist nicht zu groß, und
vortrefflich in jeder Beziehung, hätte ich nur schon vor meiner Abreise
diese Anzeige gesehen, ich würde die Reise gar nicht gemacht haben.
Sogleich will ich aber an den Besitzer schreiben, damit der Brief morgen
frühzeitig abgeht; wenn mir nur kein Anderer schon zuvorgekommen ist.« Er
stand rasch auf, nahm die Zeitungen und die Briefe und eilte nach seinem
Zimmer.
Am folgenden Morgen, während Turner nach der Post ging, setzte sich Madame
Turner an das Fenster und begann den Brief von Amerika zu lesen. Sie that
es halb mit Widerwillen und mit der Ueberzeugung, daß sie, was auch darin
stehen möge, niemals für eine Auswanderung in das fremde Land stimmen
würde. Während des Lesens aber wurde sie aufmerksamer, sie hielt wiederholt
inne und sah nachdenkend über das Papier hinweg, und als sie mit Lesen zu
Ende war, begann sie das Schreiben abermals durchzublättern. Der Vetter
ihres Mannes hatte die großen Vorzüge Amerika's, namentlich die für
Oeconomen, so klar und deutlich geschildert, und den reichen Ertrag der
Länderei so anschaulich hervorgehoben, daß Madame Turner, trotz ihres
Vorurtheils, Nichts dagegen einzuwenden vermochte. Er hatte aber
insbesondere auf die Kinder Turners hingewiesen und ihm auseinandergesetzt,
daß er, wenn er auf der Kluse bleibe, denselben niemals eine sichere
Zukunft bereiten könne, wenn sie auch sämmtlich auf diesem Gute immer genug
zu leben hätten. In Amerika aber würde er mit Leichtigkeit einem jeden der
Knaben ein eigenes Gut in seiner Nähe einrichten können, so daß sie
für Lebzeiten versorgt sein würden. Dann beschrieb er die unabhängigen
gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse so schön und angenehm, gab
eine so herrliche Schilderung von dem prächtigen Lande und dem reizenden
Klima, daß Madame Turner das Bild Amerika's mit jedem Augenblicke in einem
schönern Lichte sah.
Wieder und immer wieder nahm sie das Schreiben von ihrem Nähtisch auf, um
einzelne Abschnitte desselben noch einmal zu überlesen, und sie hatte
es abermals offen vor sich auf den Tisch gelegt, als Turner von der Post
zurückkehrte und in das Zimmer trat.
»Nun, hast Du den Brief gelesen und was hältst Du davon?« fragte er die
Gattin.
»Der Brief ist ganz vernünftig geschrieben; es muß Deinem Vetter sehr gut
gehen und ihm sehr gefallen,« entgegnete Madame Turner mit einem Ausdruck
der Zufriedenstellung.
»Und Du siehst nun wohl auch ein, daß es nicht geradezu Thorheit ist,
wenn man gelegentlich die Sache überlegte?« bemerkte Turner abermals halb
fragend.
»Max, Dein Urtheil ist freier und richtiger, als das meinige, Deine Ansicht
ist mein Glaube, Dein Wunsch ist mein Wille, und Deine Wohnstätte ist mein
Himmel. Was Du im Leben auch beschließen, wohin Du auch gehen magst, ich
folge Dir, und ginge es an das Ende der Welt. Nur laß uns Nichts übereilt
thun und nicht Gutes weggeben, ehe wir sicher sind, Besseres dafür zu
bekommen. Für unsere Kinder leben wir, und was wir für ihr Wohl thun
können, darf uns kein Opfer sein,« antwortete die Frau mit einem Tone
liebevollster Hingebung und reichte ihrem Gatten die Hand.
»Du bist ein Engelsweib, Marie, und ich verspreche es Dir, Nichts ohne
Deinen Willen, ohne Deines Herzens Zustimmung zu beschließen. Kann ich das
Gut Schwaneberg bekommen, so bleiben wir hier im Vaterlande, wo nicht, so
wollen wir über Amerika sprechen.«
Von diesem Augenblick an war unverkennbar ein frischer Lebensfunke in die
Gemüther der beiden Gatten gefallen; die Ungewißheit über ihre
Zukunft hatte sie plötzlich verlassen, sie hatten außer der einen noch
zweifelhaften Aussicht noch eine zweite in Amerika, und diese erfüllte sie
von Stunde zu Stunde mit schöneren Hoffnungen. Der Brief von dem Vetter
wurde immer wieder hervorgeholt, er wurde Abends beim Thee laut vorgelesen
und besprochen, und die Kinder, namentlich aber Carl, redeten von Nichts
mehr als von Amerika. Ja, der Wunsch Turners, eine günstige Antwort über
das Gut Schwaneberg zu erhalten, wurde täglich weniger dringend, und als
nach mehreren Tagen der erwartete Brief von dem Eigenthümer des Gutes
ankam, öffnete ihn Turner sogar mit einem leisen Hoffnungsgefühl, daß er
eine abschlägige Antwort enthalten möge. So war es denn auch: der Besitzer
des Gutes meldete mit Bedauern, daß er vor nur wenigen Tagen einem Andern
die Pacht zugesagt habe.
»Da ist die Antwort über Schwaneberg, Marie,« sagte Turner zu seiner
Gattin, indem er in ihr Zimmer trat und ihr den Brief hinreichte. »Die
Vorsehung zeigt uns augenscheinlich den Weg, den wir wählen sollen; hier in
Deutschland schlägt uns Alles fehl. Das Gut ist bereits verpachtet.«
Madame Turner nahm ihrem Gatten den Brief halberschrocken ab; denn so
angenehm sie auch der Gedanke an das schöne Amerika umgaukelt hatte, so war
doch die Vorliebe für das traute, alte Deutschland zu fest in ihrem Herzen
eingewurzelt, als daß eine plötzliche Entscheidung, ob in dem Vaterlande
zu bleiben, oder ihm auf ewig Lebewohl zu sagen, sie nicht hätte mit
Zaghaftigkeit ergreifen müssen.
»Also wirklich, es ist schon verpachtet? Das ist mir sehr leid -- Du
hattest Dich so darauf gefreut -- und wir würden dort ein sicheres gutes
Brod gefunden haben,« sagte sie etwas kleinlaut, indem sie den Brief
öffnete und durchblickte.
»Du siehst, Marie, wie sich Alles so wunderbar gefügt hat, um uns hier frei
zu machen und unsere Blicke nach der neuen herrlichen Welt zu richten. Laß
uns ruhig und ohne alle Vorurtheile überlegen, dann aber auch entschlossen
und muthig handeln. Es gilt das Glück unserer Kinder.«
»In Gottes Namen erkläre ich mich zu Allem bereit, was dieses und Dein
eigenes Wohl fördern kann, Max. Laß uns Alles reiflich überlegen und dann
entscheide; der Himmel wird uns dort, so wie hier gnädig sein,« entgegnete
die Frau entschlossen, indem sie ihres Gatten Hand ergriff und dieser sie
an seine Brust drückte. Noch am selbigen Abend ward der Beschluß gefaßt,
nach Amerika auszuwandern.
Frisches Leben und rege Thätigkeit war jetzt in die Familie Turner
gekommen, und alles Denken, alles Streben richtete sich auf das neue Ziel,
auf die neu zu gründende Heimath. Schon am folgenden Tage antwortete
Turner seinem Vetter Victor in Amerika, und zeigte ihm an, daß er sich
entschlossen habe, mit seiner Familie nach dort zu ziehen. Er bat
ihn zugleich, nun so schnell als möglich ihm, nach seinen gemachten
Erfahrungen, mit Rath an die Hand zu gehen und ihm zu sagen, in welcher
Weise er sich zu der Uebersiedelung einrichten solle. Es war ein sehr
langes Schreiben, denn Turner hatte darin seinem Vetter über Alles, was
ihm zu wissen nöthig schien, Fragen gestellt. Einen wichtigeren,
entscheidenderen Brief hatte er nie zur Post getragen; die Zukunft seiner
Familie war darin verschlossen. Mit großem Eifer wurde in Turners Hause
Alles gelesen, was Auskunft über Amerika gab, und anerkannt gute Schriften
über dieses Land, dessen Zustände und Verhältnisse, wurden angeschafft. Das
praktische, selbstständige Leben war in allen vorherrschend geschildert,
und namentlich wurde es dem Farmer darin zur Aufgabe gemacht, sich
möglichst unabhängig von Anderen zu stellen. Er mußte sich in allen Lagen
seines Lebens selbst zu rathen und zu helfen wissen, und zu diesem Ende
mit den verschiedenen Handwerken für den Nothfall vertraut sein. Turner
beschloß daher, sich selbst einige Kenntniß davon zuzueignen, und ebenso
Carl Scharnhorst darin unterweisen zu lassen. Er für seine Person entschied
sich dafür, eine Zeitlang bei einem Schmied und dann auch bei einem
Büchsenmacher in die Lehre zu gehen, und Carl sollte bei einem Stellmacher
und einem Schreiner Unterricht nehmen.
Turner führte nun auch den Beschluß mit der ihm eigenen Willenskraft sofort
aus. Des Morgens, nach zeitigem Frühstück, begab er sich zu dem
besten Schmied in der Stadt, arbeitete dort mit Lust und Liebe bis zur
Mittagszeit, und wieder nach Tisch bis zur einbrechenden Dämmerung, während
Carl in gleicher Weise bis zum Abend bei einem Wagener beschäftigt war, um
dann noch einige Privatstunden im Englischen und im Maschinenbau zu nehmen.
Nach dem Abendbrod saß dann die Familie heiter um den großen Tisch gereiht,
Turner entfaltete vor sich eine Landkarte von Amerika, die Reise nach der
neuen Welt wurde beredet, und tausend Pläne entworfen, wie man sich dort
einrichten wollte.
Die Herbststürme brausten durch das buntgefärbte Laub der Wälder und
trieben die gelben und rothen Blätter wie einen Goldregen vor sich hin
durch das Werrathal, Nachtfröste überzogen Wiesen und Gärten mit Rauhreif,
der in den ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne wie ein Schleier von
Diamanten blitzte und funkelte, die Höhen der Gebirge färbten sich weiß,
und Anfangs December legte der Winter eine dichte Schneedecke über die
Erde.
Um so traulicher saßen Turners Abends in dem gemüthlich warmen Zimmer
beisammen und besprachen ihre hoffnungsreiche Zukunft in einem sonnigeren
Lande. Das Weihnachtsfest nahete sich mit großer Kälte, es sollte das
letzte sein, welches die Familie Turner in der alten Heimath feierte.
Madame Turner hatte in dem größten Zimmer einen prächtigen Tannenbaum
aufgestellt und ihn mit Zuckerwerk und Lichtern reich geschmückt, und als
am Christabend die Dunkelheit hereinbrach, vertheilte sie die Geschenke
für die Kinder auf die verschiedenen, um den Baum stehenden Tische, fügte
Aepfel, Nüsse und Kuchen hinzu, und zündete die Lichter an. Dann ließ sie
die Schelle ertönen, die Thüre des anstoßenden Zimmers öffnete sich,
und jubelnd und mit strahlenden Blicken stürmte die junge Schaar herein.
Turner, den Kindern folgend, breitete seine Hände nach der Gattin aus, und
empfing sie unter Freudethränen an seinem Herzen. Es war ein feierlicher
Augenblick, ein Augenblick zwischen der hochbeglückenden Gegenwart und der
dicht verschleierten Zukunft, -- wo und wie sollten sie wohl das nächste
Weihnachtsfest feiern? Beide sahen auf die fröhlichen, jauchzenden Kinder,
und Beide beantworteten sich gegenseitig schweigend ihre stummen Fragen
durch einen Blick nach Oben, mit welchem sie dem Allmächtigen ihre Zukunft,
ihr Schicksal zu lenken, vertrauungsvoll anheim stellten. Die Fröhlichkeit
der Kinder verscheuchte aber bald den Ernst von den Zügen der Eltern, und
Madame Turner führte mit einem freudigen heitern Antlitz ihren Gatten
nach einem der Tische, auf welchem sie mehrere kleine Geschenke für ihn
niedergelegt hatte. Unter anderen befand sich dort ein schöner schwarzer
Filzhut mit sehr breitem Rande, den Turner als ein nothwendiges
Kleidungsstück in einem heißen Klima genannt hatte. Er ergriff ihn, um ihn
aufzusetzen, und fand darunter einen Brief -- einen Brief von dem Vetter
Viktor in Amerika. Derselbe war schon am Tage vorher eingetroffen, Madame
Turner aber hatte ihn verheimlicht, um ihren Gatten am heutigen Festabend
damit zu überraschen. Die Freude war aber auch eine sehr große und
allgemeine, denn selbst bei den Kindern war für den Augenblick alles
Interesse für die Geschenke verschwunden, und sie drängten sich zu den
Eltern, um die Nachrichten von Amerika zu vernehmen. Turner mußte sich bei
dem Tannenbaume niedersetzen und bei dessen Lichtschein den Brief vorlesen.
Dies geschah nun, wenn auch nur stückweise, doch hinreichend, um etwas
Näheres über die bevorstehende Abreise bestimmen zu können. Das Frühjahr
ward dazu festgesetzt.
Es war der heiterste und doch der ernsteste Weihnachtsabend, der in dieser
Familie jemals gefeiert war. Madame Turner hatte einen vortrefflichen
heißen Punsch angefertigt, und auf eine glückliche Zukunft in der noch
fernen neuen Heimath erklangen und wurden die Gläser bis auf den letzten
Tropfen geleert. Alle am heutigen Abend zwischen Eltern und Kindern
vertheilten Geschenke waren für das Leben in Amerika berechnet, und Keiner
war so reich bedacht worden, als Carl Scharnhorst. Eine prächtige,
sehr werthvolle Doppelbüchse mit allem Zubehör, ein herrliches schweres
Jagdmesser, eine Jagdtasche, ein Compaß, waren die Gaben, die ihn besonders
beglückten, und unter Freudenthränen und mit Küssen dankte er seinen
Pflegeeltern für ihre Güte und ihre Liebe.
Alle gaben sich der seelenvollsten Heiterkeit hin, sie lachten, scherzten
und stießen mit den Gläsern an, während der Sturm draußen die weißen
Schneeflocken gegen die Fensterscheiben trieb, und die Mitternachtsstunde
war schon lange dahingeeilt, als die Glücklichen ihr letztes Weihnachtsfest
in Europa beschlossen und sich mit den glänzendsten Hoffnungen für ihre
Zukunft zur Ruhe begaben.
Der folgende Tag wurde nun ganz dem Briefe des Vetters geweiht. Dieser gab
darin die ausführlichsten Anweisungen zu den Vorbereitungen für die Reise.
Er rieth, dieselbe im Frühjahr zu unternehmen, und sich namentlich mit so
wenig Gepäck zu befassen, als es irgend möglich sei, indem man das Nöthige
in Amerika neu billiger kaufen könne, als die mitgebrachten Sachen dort zu
stehen kämen. Er gab über Alles die genaueste Auskunft, gab hunderte von
Rathschlägen und Anweisungen, und schloß endlich den langen Brief mit
dem Wunsche, sie sämmtlich gesund und froh dort in dem Sonnenlande
bewillkommnen zu können. Wenige Tage später ging eine lange ausführliche
Antwort an den Vetter ab.
Der Winter verstrich unter Vorbereitungen zur Auswanderung; Turner war von
dem Schmied zu einem Büchsenmacher in die Lehre gegangen, und Carl hatte
den Wagenmacher gegen einen Schreinermeister vertauscht.
Unter den Bürgern des Städtchens erregten diese ernsten Anstalten für
einen Abschied auf immer, großes Aufsehen und die wärmste Theilnahme. Mit
allgemeinem Bedauern sah man eine so biedere, so hochgeehrte und beliebte
Familie sich nach einem fernen Lande wenden, und von allen Seiten suchte
man Turners die Verehrung, die sie hier weit und breit genossen, durch
Hülfsleistungen und Liebesdienste aller Art an den Tag zu legen. Die
vornehmen, reichen früheren Freunde aber schämten sich in tiefster Seele
ihrer niedrigen selbstsüchtigen Handlungsweise, und vielfach wurden ihnen
Kundgebungen der Verachtung zu Theil; die öffentliche Meinung hatte sie
gerichtet.
Abermals zog das Frühjahr lächelnd und neu belebend in das freundliche
schöne Werrathal ein, Wald und Flur schmückten sich wieder mit jungem
Grün, die Gärten prangten wieder in reichster Blüthenpracht, die Schwalben
begrüßten schwirrend die heimathlichen Berge und suchten über den Thüren
und in den friedlichen Hausfluren ihre Nester auf, und die Nachtigallen
sangen ihre süßen klagenden Lieder, wie zum Abschied an die reisefertige
Familie Turner.
Der Wonnemonat ging zu Ende, als ein geräumiges Schiff unweit des
Städtchens vom Ufer stieß, und Alt und Jung der Einwohnerschaft den
Passagieren im Boote ein herzinniges Lebewohl zurief. Es war die Familie
Turner, die mit feuchten Augen von dem Schiffe her nach dem Ufer zurück
schaute, und von den vielen wahren Freunden und von der Heimath Abschied
nahm. Lange noch hingen ihre thränenvollen Augen an den geliebten
Mitbürgern, an dem Städtchen, an der Kluse, an den trauten Bergen, bis sie
die klare Fluth der Werra um eine schroffe nahe Basaltkuppe trug, und
sie nun ihre Blicke vorwärts richteten. Sie nahten sich dem Fuße der
Wichtelkuppe, da schlossen Turner, so wie seine Gattin, Carl beim Anblick
des Baumes, der über der Felswand hing, von der furchtbaren Erinnerung
tief ergriffen, an ihre Herzen, und dankten ihm nochmals mit seelenvollster
Innigkeit für die Rettung ihres Kindes.
Carl hatte von Allen das unternehmendste Aussehen: er trug einen grauen
Filz, dessen breiter Rand über seine Schultern hinausragte, einen kurzen
grauen Rock, unter welchem das umgeschnallte Jagdmesser hervorsah, und
über seiner offenen Brust lag der durch Juliens Hand schön gestickte Riemen
seiner Waidtasche. Seine Büchse, mit deren Gebrauch er es bereits zu
einer außerordentlichen Fertigkeit gebracht hatte, hielt er im Arm, um
im Vorüberfahren hier oder dort einen Meisterschuß nach einem Vogel
anzubringen.
Von dem für das Wohl ihrer Kinder gefaßten großen Entschluß beseelt, und
von dem festesten Willen, denselben mit allen Kräften zu einem glücklichen
Ende auszuführen, durchdrungen, saßen Turner und dessen Frau auf
dem vorderen Theile des Schiffes und nahmen schweigend von jedem
zurückgelassenen Dörfchen, von jedem Berge, ja von dem ganzen lieben
Werrathale Abschied -- Abschied auf Nimmerwiedersehen. Niemals war ihnen
das Thal so lieblich, so reizend erschienen, als jetzt, wo sie ihre Blicke
zum letzten Male daran weideten; niemals war ihnen die Werra so klar
smaragdgrün vorgekommen, als jetzt, wo ihre dahineilenden spielenden Wellen
sie den Wogen des Weltmeeres zutrugen. Es war Abend, als das Thal sich
öffnete, und das malerisch schön gelegene Städtchen Münden im Duft der
blauen Ferne sichtbar wurde. Dort war das Ziel dieses ersten Tages
der angetretenen langen Reise. Bald glitt das Boot an dem altergrauen
Herzogsschloß vorüber der Weser zu, und legte sich, wo die Fluthen der
beiden Ströme sich vereinigen, an die Seite eines größern Schiffes, welches
die Reisenden am folgenden Tage aufnahm und sie glücklich nach Bremen
trug. Hier gönnte man ihnen einige Ruhe, weil das Schiff, welches sie nach
Amerika führen sollte und welches unweit der Wesermündung vor Anker lag,
seine Ladung noch nicht vollständig eingenommen hatte. Diese Rasttage
benutzten sie, um sich noch mit vielerlei kleinen Bedürfnissen zur Reise zu
versehen.
Turner zahlte sein Geld an ein großes Banquierhaus, von welchem er dagegen
Wechsel auf Baltimore, dem Ziel der Reise, erhielt, und wohl versorgt mit
allem Nöthigen, begab er sich nebst den Seinigen nach mehreren Tagen an
Bord eines Segelfahrzeugs, welches sie auf das Seeschiff bringen sollte.
Ihr Fuß hatte jetzt zum letztenmale die heimathliche Erde berührt, und mit
tiefer Wehmuth sahen sie Bremen bald hinter sich in der Ferne verschwinden.
Der Wind war stark und günstig, eilig glitt das Fahrzeug auf dem sich rasch
erweiternden Strome dahin, und als die Sonne sich neigte, schaukelte es
sich auf hohen halbsalzigen Wogen bis an die Seite des Schiffes Goliath,
welches in großer Entfernung vom Lande vor Anker lag. Der Kapitain dieses
mächtigen Schiffes, ein kräftiger wettergebräunter Seemann, Namens Bosse,
bewillkommnete die Familie Turner von der hohen Brüstung herab, ließ eine
hölzerne Treppe aushängen, und unterstützte mit seinem Steuermann die
Passagiere, das Fahrzeug zu besteigen. Carl Scharnhorst war der Letzte, der
noch im Boote zurückblieb, weil er erst seinen Liebling, Pluto, sicher an
Bord des Goliath wissen wollte. Er hob ihn in seinen Armen an der Treppe
in die Höhe, wo der Steuermann den Hund an dem Halsband erfaßte und ihn zu
sich hinauf zog, und dann erst folgte Carl nach.
Als Turners glücklich auf dem Verdeck angelangt waren, reichte der Kapitain
ihnen sämmtlich die Hand und versicherte ihnen, daß er Alles aufbieten
werde, um ihnen die Reise so angenehm als möglich zu machen. Er führte sie
dann in die prächtig ausgestattete Kajüte, wo sie zum Willkommen ein Glas
Wein mit ihm trinken sollten. Sie hatten kaum Platz genommen, als die
Kinder und auch Madame Turner plötzlich erschrocken auffuhren, denn ein
Mann, so schwarz wie Ebenholz, trug den Wein und die Gläser herein. Es war
der erste Neger, den sie in ihrem Leben erblickten, und sein plötzliches
Erscheinen hatte sie sehr überrascht. Gleich darauf stimmten sie aber in
das Lachen mit ein, in welches der Neger selbst ausbrach, weil er bemerkte,
daß seine schwarze Farbe den Fremden einen solchen Schreck eingejagt hatte.
Es war ein sehr freundlicher gutmüthiger Mensch, hieß Daniel, oder kurzweg
Dan, und hatte die Aufwartung in der Kajüte zu besorgen. Der Kapitain
füllte die Gläser, stieß mit seinen Gästen an und trank mit ihnen auf eine
recht glückliche schnelle Ueberfahrt nach der neuen Welt. Dann wies er
ihnen drei kleine Zimmer an, deren Thüren in die Kajüte führten, und deren
jedes zwei Betten übereinander enthielt. Madame Turner mit Julie nahmen von
dem einen Besitz, Turner und Wilhelm von dem zweiten, und Carl mit Arnold
bezogen das dritte Gemach. Bald aber fanden sie sich sämmtlich wieder auf
dem Verdeck ein, um bei dem scheidenden Tageslicht ihre neue schwimmende
Wohnung zu überblicken, welche sie durch den Ocean tragen sollte, und
welche ihnen für viele Wochen als Aufenthaltsort bestimmt war. Die Weser
erschien hier schon so breit, daß man das jenseitige Ufer kaum erkennen
konnte, und nach Westen hin ruhte das Auge auf einer endlosen Wasserfläche.
Die Sonne hatte dort den Horizont erreicht und ließ, in die Fluth
hinabtauchend, ihre Abschiedsstrahlen auf den dahin eilenden Wogen tanzen
und blitzen, bis ihr letztes Licht versunken war und nur der Feuerschein
des Himmels sich noch glühend auf der bewegten Fluth spiegelte. Die Schauer
der einbrechenden Nacht zogen über die unabsehbare Fläche, brausend rollten
die Wogen der Nordsee zu, warfen sich ungestüm gegen das an den Ankerketten
auf- und niedersteigende Schiff, und in ihrem dumpfen Rauschen verhallte
der eintönige Gesang der Matrosen, womit dieselben das Aufwinden der Güter
aus dem Segelkahn begleiteten. Auf dem hohen Verdeck über der Kajüte saß
Turner neben seiner Gattin und hielt ihre Hand in der seinigen. Der Ernst
und die Feierlichkeit der sie umgebenden Natur stand mit der Stimmung
ihrer Seelen im Einklang, sie blickten schweigend den unaufhaltsam dahin
fliehenden Wogen nach; welchen Stürmen, welchen Klippen jagten dieselben
wohl zu! Sie dachten an ihre eigene Zukunft, an ihr und ihrer Kinder
Schicksal; welchen Beschwerden, welchen Widerwärtigkeiten zogen sie wohl
entgegen!
»So wie diese Wellen verlassen auch wir unsere friedliche stille Heimath,
Marie, um auf dem großen Lebensmeere heftigern Stürmen, vielleicht auch
höherem Glück zu begegnen,« sagte Turner nach langem Schweigen.
»Die Wellen treibt keine Sorge für Anderer Glück von der Heimath fort, wir
wandern für unsere Lieblinge aus, um ihnen eine segensreichere Zukunft zu
schaffen, als wir selbst beanspruchen. Mit unserer Liebe für sie wollen wir
tragen, was uns das Schicksal auch auferlegen mag, wir haben es in Gottes
Hand gegeben, und er wird es zu unser Aller Besten lenken,« entgegnete die
Frau, mit vertrauungsvollem Herzen zu dem besternten Himmel aufblickend,
während Turner ihre Hand an seine Lippen preßte.
Die Kinder, die auf dem untern Verdeck den Matrosen bei deren Arbeit
zugesehen hatten, kamen jetzt, von Carl geführt, zu den Eltern herauf, und
schmiegten sich an dieselben an; denn Alles war ihnen so neu und fremd, und
die rasch zunehmende Dunkelheit steigerte das unheimliche Gefühl, welches
die ernste öde Umgebung ihnen aufdrängte.
»Morgen früh, mit Gottes Hülfe, werden wir in See gehen,« sagte Turner zu
den Kindern, »die Reise durch den Ocean ist mit vielen Gefahren verbunden,
und man muß alle Vorsicht gebrauchen, sich denselben nicht unnöthig
auszusetzen. Haltet Euch immer in unserer Nähe auf, und wenn wir nicht auf
dem Verdeck sein sollten, so folgt dem, was Carl Euch räth.«
In diesem Augenblicke trat der Kapitain herzu, und bat, ihn zum Abendessen
in die Kajüte zu begleiten.
»Ich denke, diese erste Mahlzeit am Bord des Goliath soll Ihnen sämmtlich
nach Ihrer heutigen Fahrt recht gut munden; morgen, wenn das Schiff im
Segeln ist, möchte sich leicht Appetitlosigkeit einstellen.«
Mit diesen Worten ließ der Kapitain seine Passagiere nach der Kajüte
voranschreiten, und als er mit Carl den Zug beschloß und sah, wie Pluto
demselben auf dem Fuße folgte, bemerkte er noch, zu dem Knaben gewandt:
»Deinem Hunde, mein Sohn, müssen wir morgen auch einen Platz bestimmen, wo
wir ihn an die Kette legen können, damit ihn bei den Arbeiten der Matrosen
kein Unfall trifft. Es ist wirklich ein schöner Hund.«
»Ja und ein so braver treuer Hund, wie es wenige giebt,« entgegnete Carl
stolz, und klopfte den lockigen Nacken des Thieres.
Die Passagiere ruhten am folgenden Morgen noch im tiefsten Schlafe, als sie
plötzlich durch das Rasseln der schweren Ankerkette geweckt wurden und sich
auf ihrem Lager hin- und hergeschaukelt fühlten. Rasch waren sie in den
Kleidern und eilten auf das Verdeck, um von dem Festlande Abschied zu
nehmen; denn das Schiff war bereits in vollem Segeln und stürmte bei
heftigem Südwind der Nordsee zu. Höher und mächtiger hoben sich die Wogen,
sie wurden durchsichtiger und grüner, ihre Häupter bedeckten sich mit
weißem Schaum, und, sich übereinander hinstürzend, warfen sie ihren Gischt
weit um sich her. Das Land war nur noch wie ein Nebelstreif zu erkennen;
doch die Blicke der Auswanderer hingen fest an diesem letzten Zeichen der
theuren Erde, und lange schon bildete nur das Wasser noch den fernsten
Gesichtskreis, als die Scheidenden immer noch Land zu sehen glaubten, und
ihm ihr Lebewohl zuwinkten. Der Goliath hatte die Nordsee erreicht, als
der Wind sich drehte, und immer mehr und heftiger von Westen herblies.
Der Kapitain, in der Hoffnung, daß derselbe ganz nördlich werden würde,
steuerte dem Canal zu, und die Bewegung des Schiffes, welches nun gegen
Wind und Wogen ankämpfen mußte, wurde mit jedem Augenblick unangenehmer.
Die Folge hiervon war, daß sich bei den Passagieren die Seekrankheit
einstellte, daß sie auf alles Frühstück verzichteten und sich in ihre
Betten zurückzogen. Auch die Anzeige Daniels, daß das Mittagsessen
aufgetragen sei, vermochte sie nicht, ihr Lager zu verlassen; denn schon
der Gedanke an Speisen war ihnen zuwider. Nachmittags aber fühlten sie sich
plötzlich weniger unwohl, sie meinten, das Schiff mache nicht mehr solche
gewaltige stoßende Bewegungen, und nach und nach kamen sie aus ihren
Zellen hervor. Der Wind stand so fest und gerade von dem Ocean in den Canal
herein, daß der Goliath nur mit großer Schwierigkeit und vielem Zeitverlust
hätte gegen denselben ansegeln können, weshalb Kapitain Bosse sich
entschlossen hatte, in der Nordsee hinauf und nördlich um England seinen
Weg nach dem Weltmeer zu nehmen. Dadurch, daß der Wind nun mehr seitwärts
in die Segel des Goliath blies, wurden dessen Bewegungen regelmäßiger und
weniger heftig, und in gleichem Maße nahm das Unwohlsein der Passagiere ab.
Herr und Madame Turner erholten sich weniger schnell und waren genöthigt,
sich auf dem Verdeck auf wollenen Decken niederzulegen, die Daniel dort für
sie ausbreitete; aber die Kinder hatten bald die Seekrankheit vergessen und
ergötzten sich an dem neuen prächtig großen Schauspiel, welches sie umgab.
Mit aufgeblähten Segeln bis in die Spitzen seiner Masten überwölkt, stieg
das Schiff an den durchsichtigen smaragdgrünen Wasserbergen hinan, theilte
deren schäumende Höhen und schoß dann wieder in die Tiefe hinab, um sich
abermals auf die nächste Woge zu heben. Die Sonne strahlte aus dem eilenden
Gewölk hervor und warf hier und dort helle Lichtstreifen auf das wogende
Meer, und der Sprühregen, der sich vor dem scharfen Kiel des Goliath
aufthürmte und seitwärts an ihm vorüberstäubte, blitzte in ihrem Schein in
allen Farben des Regenbogens. In der Mitte des obern Verdecks war das große
Boot, mit dem Kiel nach oben gekehrt, auf mehreren Stützen befestigt, so
daß man unter demselben Schutz gegen Regen und Sonnenschein finden konnte.
Diesen Platz hatte Carl für sich und seine Gefährten zum Sammelplatz
erkoren, sobald Matrosen sich auf dem Verdeck zeigten, um Arbeiten zu
verrichten. Jetzt aber, wo das Schiff ruhig und ohne weitere Hülfe beim
Winde segelte, waren Carl und Arnold, so wie Wilhelm oben auf das Boot
gestiegen, weil sie von hieraus über die Brüstung des Schiffes hinaus das
Meer frei überblicken konnten. Der Neger Daniel fand großes Gefallen an den
wackeren Knaben und gesellte sich, sobald er einige Augenblicke Zeit hatte,
zu denselben, um sich mit ihnen zu unterhalten; denn er hatte schon beinahe
zwei Jahre auf diesem Schiffe gedient und recht gut Deutsch reden gelernt.
Die Knaben faßten bald Zutrauen zu dem ehrlichen Schwarzen, und er mußte
ihnen über Alles, was sie nicht kannten, Auskunft geben. Die weißen und
bunten, großen und kleinen Möven, die auf ihren langen sichelförmigen
Schwingen segelnd über das Meer hinschwebten und von Zeit zu Zeit in
den Schaum einer Wellenspitze hineinstießen, nahmen insbesondere die
Aufmerksamkeit der Kinder in Anspruch, und Dan, ihr schwarzer Freund,
erzählte ihnen dabei von den felsigen Inseln, nördlich von Schottland, auf
welchen diese Vögel in unzähligen Schaaren brüteten.
»Fische, Fische, große Fische!« riefen plötzlich die Knaben einstimmig, und
zeigten über die See hinaus.
»Das sind Pourpoises, Braunfische, oder Seeschweine, sie kommen gerade
hierher, und werden bald den Goliath umschwärmen, besonders gern spielen
sie in dem Schaume vor dem Schiffe,« antwortete der Neger, gleichfalls nach
den großen Fischen schauend, deren mehrere hundert von weit her angebraust
kamen, indem sie aus der See emporschossen, einen Bogen durch die Luft
beschrieben, und, mit dem Kopfe voran, wieder in die Fluth hinabtauchten.
In diesem spielenden Laufe jagten sie, den Schaum um sich aufspritzend,
pfeilschnell über die Wogen heran, und sie hatten das Schiff bis auf einige
hundert Schritte erreicht, als Carl nach der Kajüte springen wollte, um
seine Büchse zu holen. Daniel aber hielt ihn zurück und bedeutete ihn, daß
die Büchse nicht die rechte Waffe sei, um diese Fische zu jagen.
»Mit der Harpune kann man einen fangen,« sagte er aufspringend, »soll ich
sie herbeiholen?«
»Ach ja, Dan, geschwind, da sind die Fische schon dicht beim Schiff -- hu
-- wie sie brausen!« riefen die Jungen, und Daniel rannte eiligst hinab
in die Kajüte, um deren Wunsch zu erfüllen. Wenige Augenblicke nachher
erschien er wieder auf dem untern Verdeck mit dem zwei Fuß langen Eisen,
dessen scharfe Spitze mit Widerhaken versehen war, stieß einen langen
schweren Stock in das hohle andere Ende desselben, befestigte eine starke
Leine daran, und winkte nun den Knaben, zu ihm herabzukommen. Diese folgten
jauchzend dem Neger bis an die vordere Spitze des Schiffes, wo derselbe das
Seil der Harpune an der Brüstung befestigte, über welche die Kinder in die
See hinabschauten und den hin- und herschießenden Fischen mit den Blicken
folgten. Daniel hatte sich auf die Brüstung an das starke Tauwerk gestellt,
welches von da nach den Masten hinaufführt, und hielt, in das Meer
hinabspähend, die Harpune zum Wurf bereit in die Höhe. Die Fische schienen
es besonders zu lieben, seitwärts an dem Schiffe vorüberzujagen und
sich dann in den Schaumberg hinein zu stürzen, der sich vor demselben
aufthürmte. Wiederholt zuckte Daniel mit der Lanze, als wolle er sie
hinabschleudern, hielt sie aber immer noch zurück, um seines Wurfes gewiß
zu sein; plötzlich aber fuhr sie sausend hinunter, und ihre Spitze begrub
sich tief in dem Rücken eines der Fische.
»Getroffen, getroffen!« rief Carl jubelnd, doch der Fisch war in die Tiefe
hinunter geschossen und zog das lange Seil schwirrend nach sich. In wenigen
Augenblicken hatte dasselbe jedoch das Ende erreicht, und man konnte sehen,
daß das gespießte Thier mit gewaltiger Kraft an demselben riß und zuckte.
Daniel rief nun einige Matrosen zu Hülfe, um die Beute auf das Verdeck zu
ziehen. Mit großer Anstrengung wurde das Seil eingezogen, bald erschien
der Fisch, dagegen kämpfend und um sich schlagend, über den Wogen, und nun
hoben ihn die Matrosen über die Brüstung und ließen ihn auf das Verdeck
fallen. Es war ein ungeheures, nicht mit Schuppen, sondern mit einer
braunen glatten Haut bedecktes Thier, im Gewicht von mehr als zweihundert
Pfund. Bald hatte es sich verblutet und wurde von den Matrosen seiner Leber
beraubt, dem einzigen genießbaren Theile seines Körpers. Es ward in Stücken
gehauen und seines Thranes wegen ausgebraten.
Durch diese Jagd hatte Daniel seinen jungen Freunden eine große Freude
bereitet und sich in ihrer Gunst nur noch fester gesetzt.
Herr und Madame Turner fühlten sich wieder so viel wohler, daß sie an dem
Abendbrod Theil nahmen, wenn sie sich dabei auch mit einem Stück Zwieback
und einer Tasse Thee begnügten. Dann eilten sie aber auf das Verdeck
zurück, weil ihnen die frische Seeluft besonders wohl that, und der
aufmerksame Daniel richtete ihnen dort abermals aus wollenen Decken
ein Lager her. Julie hatte ihre Mutter während des ganzen Tages nicht
verlassen, bereitete Limonade für sie, reichte ihr zuweilen ein Stück einer
Orange, deren sie von Bremen einen Vorrath mitgenommen hatte, und war jeden
Augenblick ihres Winkes gewärtig, um ihr einen Wunsch zu erfüllen.
Der Kapitain kam wiederholt zu den Passagieren herangetreten, um sich nach
ihrem Befinden zu befragen, und als der Tag sich neigte, setzte er sich in
traulicher Unterhaltung bei ihnen auf dem Verdeck nieder.
»Die Knaben scheinen mit Daniel Freundschaft geschlossen zu haben,« sagte
Turner zu dem Kapitain, »durch den Fang des Fisches hat er sich ihre Herzen
gewonnen. Jetzt sitzen sie alle drei wieder um ihn, und lassen sich von ihm
erzählen.«
»Der Neger ist ein ungewöhnlich guter Bursche, ein ausgezeichneter Diener
und ein Mensch, der sehr viel im Leben durchgemacht hat,« antwortete der
Kapitain. »Seine Eltern waren Sklaven unter einem Indianerstamm im
fernen Westen Amerika's, dort wurde er geboren und dort verlebte er seine
Jugendzeit. Nachdem ihm aber Vater und Mutter durch den Tod entrissen
waren, entfloh er den Wilden, gelangte nach langer Verfolgung durch
dieselben glücklich in die Grenzansiedelungen der Weißen und kam endlich
als freier Schwarzer nach New-York, wo er sich mehrere Jahre durch Arbeiten
ein rechtliches Brod erwarb. Ich lernte ihn kennen, als ich vor einigen
Jahren mein Schiff in jener Stadt ausbesserte, wobei er sich mir als
Arbeiter vermiethete. Ich gewann ihn lieb und machte ihm den Antrag, mit
mir auf See zu gehen, um die Aufwartung in meiner Kajüte zu übernehmen. Er
willigte ein, und so ist er bei mir geblieben, und bis auf den heutigen
Tag haben wir noch nie ein böses Wort mit einander gewechselt. Er ist ein
zuverlässiger, ehrlicher und treuer Mensch.«
»_Den_ Eindruck hat er mir vom ersten Augenblick an gemacht, und es ist
mir lieb, daß er sich der Jungen annimmt, da er über sie wachen wird,«
entgegnete Turner, nach dem Neger hinschauend, der zwischen den drei Knaben
oben auf dem Boote saß, und sie eifrig unterhielt.
Er erzählte ihnen aus seinem Leben unter den Wilden, von den Jagden nach
Büffeln, Bären und wilden Pferden, von den blutigen Kämpfen unter den
verschiedenen Indianerstämmen und von den herrlichen, noch von weißen
Menschen unbewohnten unermeßlichen Ländern, in denen die Wilden ihr
unstätes heimathloses Leben führen. Die Knaben horchten mit großer Spannung
den Mittheilungen des Schwarzen und unterbrachen ihn nur selten durch
einzelne Fragen. Besonders aber war Carl ganz Ohr und sah sich schon im
Geiste auf einem flüchtigen Hengste dem fliehenden Büffel folgen, oder im
wilden Kampfe einen grimmigen Bären erlegen. Die Dunkelheit hatte sich
über das Meer gebreitet und die Nachtluft wurde empfindlich kühl, als Herr
Turner die Knaben in ihrer Andacht störte, mit der sie den Erzählungen des
Negers lauschten, indem er sie daran mahnte, daß es Zeit sei, sich zur Ruhe
zu begeben.
»Onkel, hättest Du doch gehört, was uns Daniel erzählt hat!« sagte Carl,
als sie in der Kajüte angelangt waren. »Er hat uns die Jagden beschrieben;
die Büffel werden zu Pferde gejagt, man sprengt an ihre Seite und schießt
sie vom Pferde herab mit Pistolen. Das muß ein Spaß sein!«
»Aber ein sehr gefährlicher Spaß, mein lieber Carl, bei dem man ganz leicht
Hals und Beine brechen, oder unter den Füßen des Büffels zertreten werden
kann,« antwortete Turner lächelnd. »Wo wir uns niederlassen werden, da
giebt es keine Büffel mehr.«
»Das ist schade, ich hätte doch einmal gern eine solche Jagd mitgemacht,«
bemerkte Carl mit einem Ausdruck vereitelter Hoffnung.
»Nun, wer weiß, ob Du nicht einmal eine Reise nach dem Westen machen wirst,
das ist ja so weit nicht!« sagte Turner tröstend, und setzte noch hinzu:
»wenn wir erst unsere Farm in Ordnung und ein paar gute Ernten gemacht
haben, dann kann man einmal einige Wintermonate daran wenden, um die Länder
im Westen zu sehen; es soll dort herrlicher Boden sein.«
»Der beste Boden in ganz Amerika, sagt Daniel,« antwortete Carl rasch und
begeistert.
»Und Büffel und Bären und wilde Pferde zu Tausenden, nicht wahr?« fiel
Turner lachend ein. »Nun, legt Euch in Gottes Namen zur Ruhe, und träumt
meinetwegen, daß Ihr auf einem Büffel spazieren reitet.«
Die Nacht verstrich ohne alle Störung, die Schläfer ließen sich durch die
wiegende Bewegung des Schiffes in liebliche Träume schaukeln, und am frühen
Morgen fanden sie sich wieder heiter und guter Dinge auf dem Verdeck ein.
Die Sonne tauchte prächtig und klar aus dem Meere empor, der Himmel wölbte
sich wolkenlos und durchsichtig über der wogenden Fluth, und der frische
Wind füllte die Segel des Goliath mit aller Macht und trieb ihn eilig auf
seiner einsamen Bahn dahin.
Madame Turner hatte für sich und für Julie Näharbeiten mit auf das Verdeck
genommen, um die Zeit nicht müssig zu verbringen, und Turner setzte sich
mit einem Buche, welches über Amerika handelte, zu ihnen. Carl aber
mit Arnold und Wilhelm hatte das Boot wieder bestiegen, um die See zu
überspähen und zu wachen, ob sich nicht wieder die Gelegenheit zu einer
Jagd darbieten würde. Daniel fand sich, so oft es seine Zeit erlaubte, bei
den Knaben ein und wurde von ihnen dann mit tausend Fragen bestürmt; mit
weiteren Erzählungen über sein Leben in der Wildniß aber vertröstete er sie
auf den Abend, wo ihn seine Geschäfte nicht dabei unterbrechen würden.
Eine auffallende Ruhe und Stille herrschte auf dem Schiffe. Die Matrosen
saßen auf dem untern Verdeck mit der Ausbesserung von Segeln beschäftigt,
oder hingen hier und dort hoch in der Luft in dem Tauwerk der Masten, um
kleine Schäden auszubessern, und der Kapitain ging ab und zu, indem er
seine Anweisungen bei den Arbeiten gab. Nur von Zeit zu Zeit rief er die
Matrosen herbei, um das eine oder andere Segel etwas straffer anzuziehen;
denn außerdem gebrauchte das Schiff keine besondere Hülfe: es segelte
unverändert während des ganzen Tages in derselben Richtung und dasselbe
Bild, dieselben Erscheinungen umgaben fortwährend das Fahrzeug. Turners
schauten zwar oftmals über die See hinaus und folgten mit den Blicken dem
Laufe der rollenden Wogen; diese boten aber in ihrer regelmäßigen Bewegung
dem Auge durchaus keine Veränderung, und Turner bemerkte dem Kapitain, als
derselbe einmal zu ihnen getreten war, daß auf die Dauer eine Seereise doch
sehr einförmig, ja langweilig werden müsse.
»Wir wollen hoffen, daß die unserige in dieser Beziehung recht langweilig
bleiben möge; denn die Abwechselungen, die sie uns bieten könnte, sind
nicht zu unserm Vortheil. Bei Windstille und glatter ruhiger See würden wir
nicht aus der Stelle kommen, und ein Sturm, so schön und interessant die
Landbewohner ihn sich auch denken mögen, ist und bleibt ein gefährliches
Vergnügen. Wind und Wetter, wie wir es heute haben, ist des Seemanns
höchste Lust; dieser Wind würde uns in einigen zwanzig Tagen nach Baltimore
bringen.«
»Ich verzichte auch gern auf jede Abwechselung,« bemerkte Madame Turner,
»der Himmel mag uns vor Stürmen bewahren!«
»Wir sind jetzt in der günstigen Jahrszeit, wo man sie am wenigsten
zu befürchten hat; hoffentlich werden Sie ihre Bekanntschaft gar nicht
machen,« erwiederte der Kapitain. Der Tag verlief ruhig und heiter und
der Abend wurde von Carl und seinen Gefährten freudig bewillkommnet, denn
gleich nach dem Abendessen setzte sich Daniel wieder zu ihnen und erzählte
von seinem Leben in der Wildniß.
Am folgenden Morgen fühlten die Passagiere schon in ihren Betten an
den heftigen Bewegungen des Schiffes, daß mit der See eine Veränderung
vorgegangen sein müsse. Der erste Blick auf das Verdeck machte ihre
Vermuthung auch wahr: ein sehr heftiger Wind jagte schwere graue Wolken
fliegend über die Wogen, welche sich immer höher und gewaltiger erhoben
und sich ungestüm gegen die Seiten des Goliath warfen. Die Matrosen waren
eifrig beschäftigt, die oberen Segel ganz einzuziehen und die unteren zu
verkleinern, alle Arbeiten auf dem Verdeck waren eingestellt, alle
Taue, die nach den Segeln hinaufführten, lagen für schnellen Gebrauch
zusammengeringelt an der Brüstung hin, und allenthalben auf dem Schiffe
war die größte Ordnung hergestellt. Auf die Frage der Madame Turner an den
Kapitain, ob er Besorgniß über das Wetter hege, erwiederte er, daß dasselbe
weniger günstig zu werden scheine, und daß er alle Vorkehrungen treffen
müsse, ihm zu begegnen. Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit
zu, bis er gegen Abend aus Südwesten in einem Sturm heranzog. Das Düster
der einbrechenden Nacht vermehrte das Schauerliche des Bildes, welches die
Umgebung des Goliath jetzt darbot. In rollenden Wasserbergen thürmte sich
die See um ihn auf, donnernd brachen sich die Wogen unter seinem Kiel und
warfen, hoch vor ihm aufsteigend, ihren weißen Gischt über das Verdeck hin.
Dabei pfiff und stöhnte der Wind in dem rasselnden Tauwerk und drohte
die wenigen kleinen Segel, die das Schiff noch trug, zu zerreißen. Der
Sprühregen der Wogen, der ununterbrochen über das Verdeck peitschte, hatte
die Passagiere von dort verjagt und sie in die Kajüte getrieben. Hier saßen
sie bei dem matten Scheine der Ampel, die sich unter der Decke hin und her
schwang, mit bangen Herzen beisammen, und lauschten dem Brausen und Toben
des Sturmes und der Wogen, so wie dem Aechzen und Stöhnen des Schiffes und
seiner Masten. Es ging schon auf Mitternacht, als der Kapitain durchnäßt
hereintrat, um seinen Rock zu wechseln, und seine Passagiere noch auf fand.
Er versicherte ihnen nun, daß noch durchaus keine Gefahr vorhanden sei, bot
Alles auf, sie zu beruhigen, und bat sie dringend, sich zu Bett zu begeben;
er würde statt ihrer wachen. Turners gaben seinen Vorstellungen nach,
verbrachten jedoch eine sehr unruhige Nacht und hießen mit ganzem Herzen
das neue Tageslicht willkommen.
Kurz vor der Frühstückszeit rief sie der Kapitain auf das Verdeck, um ihnen
die Orkney-Inseln zu zeigen, in deren Nähe sich der Goliath jetzt befinde.
Turner mußte seine Gattin beim Gehen halten und unterstützen, um das obere
Verdeck zu ersteigen; denn das Schiff lag sehr auf der Seite und schwankte
gewaltig auf und nieder. Die Wolken hingen in ihrem schnellen Zuge so
tief auf das Meer herab, daß man nur von Zeit zu Zeit, wenn sie der Sturm
auseinander fegte, einen weiteren Blick von dem Schiffe aus hatte, und eine
geraume Zeit waren die Passagiere mit den Augen der Richtung gefolgt,
in welcher der Kapitain die Inseln andeutete, ehe sie dieselben erkennen
konnten.
In schwarzen steilen Felsmassen, um welche sich das graue Gewölk rollte,
stiegen sie aus der wild tobenden Fluth auf, und die Außenlinien ihrer
schroffen zackigen Wände wurden dem Auge bei Annäherung des Fahrzeuges
immer deutlicher und schärfer. Bald hatte der Goliath die östlichste
Inselgruppe bis auf geringe Entfernung erreicht und stürmte, von Wind und
Wogen gejagt, an ihr vorüber. Die See bäumte sich an den nackten schwarzen
Felsen und warf ihren weißen Schaum hoch an ihnen empor, während Milliarden
von Möven, Enten, Gänsen und Tauchern ihre Höhen wie weiße Wolken krächzend
umschwärmten und sich in großer Zahl auf ihren Spitzen niedergelassen
hatten. Weithin erkannte man von Zeit zu Zeit noch mehrere andere dieser
kahlen felsigen Inseln, die Jahr aus Jahr ein von der See gepeitscht, dem
Zorn der Elemente Trotz bieten und auf denen, abgeschieden von der übrigen
Welt, glückliche Menschen wohnen, die diese ihre Heimath lieben und sie
gegen keine andere vertauschen möchten. Eilig zog der Goliath an den Inseln
vorbei und bald verschwanden dieselben in der schweren grauen Luft, die
der Sturm über das Meer hintrieb. Der Wind war ganz westlich geworden und
nöthigte das Fahrzeug, seine nördliche Richtung beizubehalten. Nur wenige
kleine Segel waren noch entfaltet, genug, um das Schiff steuern zu können,
und doch schoß es mit fliegender Eile Woge auf, Woge ab dahin, während
seine nackten Masten sich weit über die See hinaus neigten. Noch am
selbigen Abend zog es an den Shetland-Inseln vorüber, die ein ähnliches
Bild boten, wie die Orkneys, und am folgenden Tage kamen die Faroer-Inseln
in Sicht. Der Sturm hatte immer noch nicht an Heftigkeit abgenommen, und
immer noch mußte der Kapitain sein Schiff nach Norden steuern lassen,
um dasselbe möglichst vor Schaden durch den Wind und durch die furchtbar
rollende See zu behüten.
Auch die Faroer-Inseln blieben zurück, und der Goliath segelte nun in
gerader Richtung auf Island zu. Jetzt aber schien der Sturm nachzulassen,
er brauste nur noch stoßweise auf, die blauer gefärbten Wogen des Weltmeers
dehnten sich länger, nahmen an Höhe ab, und nach und nach gewann die
See wieder ein freundlicheres Ansehen. Die Temperatur aber hatte eine
bedeutende Veränderung erlitten, es war empfindlich kalt geworden, so daß
die Passagiere Tücher und Mäntel umhängen mußten, und eines Morgens, als
sie auf das Verdeck kamen, war alles Tau- und Segelwerk bis in die Masten
hinauf mit einer Eiskruste überzogen. Am Himmel war kein Wölkchen mehr
zu sehen, und als die Sonne ihre Strahlen über das Meer ausbreitete,
verschwand das Eis und die Kälte, und ein lauer Wind von Süden erinnerte
die Reisenden wieder daran, daß sie sich im Monat Juni befanden. Das Meer
hatte sich geglättet, es wogte nur noch wie in langen Athemzügen auf und
nieder, und nur hier und dort lief eine weiße Schaumwelle spielend über die
glatte glänzende Fluth. Dabei füllte der leichte Wind die Segel des Goliath
bis in die höchsten Spitzen seiner Masten, und trieb ihn fast
regungslos auf der endlosen Wasserfläche hin. Es war Sonntag und für
die Schiffsmannschaft sowohl, wie für die Passagiere, nach einer so
unfreundlichen gefahrvollen Zeit ein wahrer Festtag. Nach einem heißen
Dankgebet, welches Turners dem Allmächtigen für seinen Schutz gebracht
hatten, eilten sie sämmtlich auf das Verdeck, um sich des wunderbar schönen
neu belebenden Morgens zu erfreuen. Der Himmel und die See lächelten ihnen
entgegen, die weit umherkreisenden schreienden Möven schienen ihnen Grüße
zuzurufen, und die lustigen Pourpoises spielten und jagten sich über die
spiegelnde Fläche. Mit Bedauern sahen die Bewohner des Goliath den Tag
seinem Ende nahen, und Turners hatten sich auf dem obern Verdeck zusammen
niedergelassen, um der Sonne bei ihrem Scheiden noch ein dankbares Lebewohl
zuzuwinken.
Je mehr dieselbe sich ihrem Fluthbette näherte, desto lebendiger
färbte sich der Himmel im Westen mit Gold und Purpur, und als sie, eine
durchsichtig glühende Scheibe, über den Rand des Meeres stand und ihr
blitzender funkelnder Schein, wie ein Weg von Brillanten, bis zum Schiffe
über die leicht gekräuselte Fluth tanzte, hatte sich der Himmel über ihr in
ein Feuermeer verwandelt.
An der andern Seite des Oceans aber, im Osten, stieg in diesem Augenblick
der Mond silberhell über der dunkeln Meeresfläche auf, hauchte sein
bleiches Perlenlicht über sich am Himmel empor, und sandte seinen hell
glänzenden Schein, wie ein zitterndes Atlasband, über die Wellen bis zu
dem Goliath hin. Zugleich wurden die erstaunten bewundernden Blicke der
Passagiere nach Norden hingezogen; denn dort erschien ein drittes Licht am
Firmament, welches sich in zarten rosenrothen Strahlen aus dem Meere erhob,
bis zu der Mitte des Himmelsgewölbes hinaufschoß, und sich zugleich bis zu
dem Schiffe her auf der Fluth spiegelte. Es war das Nordlicht, die =Aurora
borealis=, welches, wie in raschen Pulsschlägen, von Secunde zu Secunde an
Kraft und Farbenpracht zunahm, bis es in ein leuchtendes Carmin überging,
und sich zu seinen Seiten mit dem Feuermeer über der sinkenden Sonne und
mit dem Perlenlichte des Mondes vereinigte. Die Sonne schied zuerst
aus diesem zauberischen dreifachen Lichtbunde, sie sank, wie das sich
schließende Auge des Tages in das Meer, auf dessen zitternder Fläche nur
noch der Wiederschein des Himmels spielte; das Nordlicht verblich nach
und nach, wie mit ermattendem Hauche stiegen seine Strahlen schwächer und
schwächer empor, und der Mond zog triumphirend am Himmel auf und breitete,
als Herrscher der Nacht, seinen Atlasschein über die endlose Fluth.
Lange noch saßen die Passagiere, in tiefer stummer Bewunderung versunken,
auf dem Verdeck und hielten das entschwundene Zauberbild vor ihrem
geistigen Auge gefesselt.
»Ach, wie schön ist das Meer, wie prächtig, wie furchtbar groß in seinem
Zorne, wie lieblich, wie bezaubernd in seiner Ruhe!« rief Madame Turner
tiefbewegt aus, als der Kapitain zu ihr trat, der mit einem gewissen Stolze
die Verehrung bemerkte, welche die Familie seiner Heimath, der See, zollte.
»Es muß wohl schön sein; denn was sonst zieht den Seefahrer mit so
unwiderstehlicher Gewalt immer wieder auf seine blauen Wogen hinaus, um
zuletzt unter ihnen sein großes Grab zu finden -- wo bleiben die Matrosen
alle -- wie selten stirbt ein alter Seemann auf dem Lande, und wie noch
viel seltener begegnet man dort einem solchen, der sich Reichthümer
erworben hat? Das Meer ist eine schönere Heimath, als das Land!« sagte der
Kapitain, und schaute mit Wohlgefallen über die, im Mondlicht glänzende
endlose Meeresfläche.
Am folgenden Morgen fanden die Passagiere das Schiff auf seiner andern
Seite liegend durch die See gleiten, denn der Wind war in der Nacht
herumgegangen und blies jetzt frisch von Nord-Ost her in die Segel. Das
herrlichste Wetter begleitete den Goliath nun während einiger Wochen, und
kaum wurde es einmal nöthig, die Segel anders zu stellen.
Zufrieden und beglückt durch den Gedanken, für das Wohl ihrer Kinder ein
ruhiges gefahrloses Leben in dem Vaterlande geopfert zu haben und sich den
Gefahren der See, so wie denen in einem fremden Lande und unter fremden
Menschen preiszugeben, schwanden Turner und seiner Gattin die Tage angenehm
und rasch, und die frohe Hoffnung, nun bald das Ziel ihrer Reise zu
erreichen und ihren Fuß auf die Erde ihrer neu erwählten Heimath zu setzen,
wurde täglich lebendiger in ihrer Brust. Die Kinder aber, denen der Ernst
der verhüllten Zukunft noch keine Sorgen machte, zählten keine Stunden,
keine Tage; sie sehnten nur an jedem neuen Morgen den Abend herbei, wo ihr
Freund Daniel sich zu ihnen setzen und ihnen aus seiner Jugendzeit erzählen
würde. Ehe dann die Knaben sich zur Ruhe begaben, theilten sie den Eltern
gewöhnlich Bruchstücke aus den Erzählungen des Negers mit, so daß Turner
zuletzt selbst neugierig wurde und einige Fragen an den Schwarzen zu
stellen beschloß. An einem stillen Abend, als Daniel wieder seine jungen
Zuhörer um sich versammelt hatte, trat Turner wie zufällig heran und ließ
sich mit den Worten bei ihnen nieder:
»Nun Daniel, ich muß doch auch einmal etwas über Dein früheres Leben hören;
Du bist ja unter den Indianern aufgewachsen.«
»Ja wohl, Herr, meine Eltern waren Sklaven unter einem der Indianerstämme,
welche die fernen westlichen Länder Amerika's Jahr aus Jahr ein
durchwandern und, dem Büffel folgend, im Frühling nach Norden und im Herbst
wieder nach Süden ziehen. Sie leben ausschließlich von der Jagd und führen
große Heerden von Pferden und Maulthieren mit sich, für welche sie stets
die besten Weiden aufsuchen,« entgegnete der Neger.
»Dann hast Du Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Länder Amerika's zu
sehen und mit einander zu vergleichen; wo sind denn Deiner Ansicht nach die
besten für einen Farmer zu finden?«
»Jedenfalls im Südwesten, denn dort sind die reichsten immergrünen Weiden,
wo das Vieh Winter und Sommer im Freien gehen kann, stets reichliche
Nahrung findet und seinem Eigenthümer weder Geld noch Mühe kostet. Wer dort
eine Neigung zur Viehzucht besitzt, muß durch sie zum reichen Manne werden.
Im Norden, wo im Winter Monate lang Schnee liegt und der Frost das Gras
tödtet, kann der Farmer nur so viel Vieh halten, wie er im Winter in dem
Stalle zu ernähren vermag. Dort ist er mehr auf den Ackerbau angewiesen,
und auch damit steht der Norden gegen den Süden sehr zurück, wo man während
des ganzen Jahres säen und ernten kann.«
»Das ist einleuchtend; aber im Süden ist es sehr ungesund, und ein weißer
Mann kann die Arbeit nicht lange aushalten.«
»Darum nannte ich den Südwesten,« entgegnete Daniel; »dort ist es gesund,
in den offenen waldlosen Prairien kann die Luft sich frei bewegen, und
es giebt keine stehenden verdorbenen Gewässer, keine Sümpfe, wie in den
südöstlichen Staaten.«
»Jene westlichen Länder aber sind noch im Besitze der Wilden und ein
Ansiedler ist dort großen Gefahren ausgesetzt,« nahm Turner wieder das
Wort. »Bist Du denn einmal in Baltimore gewesen und kennst Du das Land an
den Ufern der Chesapeake-Bay?«
»Ich habe über ein Jahr dort auf einer Farm gearbeitet. Es ist ein
herrlicher, reicher Landstrich, wenngleich auch dort der oft sehr strenge
Winter die Viehzucht beschränkt. Auch herrschen im Herbste an den Ufern der
Bay die Fieber, wenn sie auch nicht so bösartig sind, wie weiter im Süden.«
»Du hast also auch auf einer Farm gearbeitet, -- was hast Du denn dort
gethan?«
»Nun, Alles, was dem Farmer zu thun obliegt. Ich hatte mich bei einer
Wittwe vermiethet und besorgte mit noch einem Neger, dem Sklaven der
Frau, die ganze kleine Wirthschaft; ich pflügte, säete, pflanzte, machte
Einzäunungen, und brachte die Ernte ein. Wir bauten Mais und Taback, und
verdienten der Wittwe vieles Geld,« sagte der Schwarze.
»Was kostet denn dort das Land?« fragte Turner.
»Das ist sehr verschieden, schlechtes Land kauft man für zehn Dollar und
ganz gutes für hundert Dollar.«
»Also doch so hoch wird es dort bezahlt. Man schrieb mir, daß man das beste
Land für zehn Dollar kaufen könne,« fiel Turner überrascht ein.
»Ja, ja, in Amerika redet ein Jeder in seinem eigenen Interesse. Wer Ihnen
das geschrieben hat, wird auch wohl seinen Vortheil dabei im Auge gehabt
haben.«
»Doch nicht, es war mein eigener Vetter, der es mir schrieb,« antwortete
Turner, halb in Gedanken versunken, und setzte dann schnell hinzu, »aber im
Westen, dort ist das Land noch billig.«
»Regierungsland kostet zwei und einen halben Dollar, gut oder schlecht, wie
man sich es wählen will. Doch in der Nähe der Ansiedelungen ist alles gute
Land schon von Speculanten angekauft, man muß also weiter hinaus in
das Territorium der Indianer gehen. Man kauft aber auch zwischen den
Ansiedelungen bestes Land zu vier bis zehn Dollar den Acker,« versetzte der
Neger.
»Der Unterschied wäre also doch sehr bedeutend,« bemerkte Turner und sagte,
indem er aufstand: »Ich habe Dich aber in Deiner Unterhaltung mit den
Knaben unterbrochen, nun erzähle ihnen noch von den Jagden, denen Du in
jenen schönen Ländern gefolgt bist. Wäre nicht mein künftiger Wohnort schon
bestimmt, wahrhaftig, ich hätte selbst Lust, dort einen Versuch zu machen.«
»Der Sie auf die Dauer wahrscheinlich mehr befriedigen würde, als in den
alten östlichen Staaten,« bemerkte der Schwarze noch, als Turner zu seiner
Gattin und Tochter zurückging.
Einige Tage später änderte sich die Temperatur auffallend schnell, es
wurde kühl und immer kälter, so daß die Passagiere abermals ihre Mäntel
hervorsuchten. Obgleich sich der Kapitain nicht darüber äußerte, so zeigten
doch die verschiedenen Anstalten, die auf dem Schiffe gemacht wurden, daß
er irgend etwas befürchtete. Die Segel wurden trotz dem nicht heftigen
Wind bis auf sehr wenige eingezogen, so daß das Schiff ungewöhnlich langsam
durch das Wasser strich, es wurden zwei Matrosen auf die spitzen Masten
des Goliath gesandt, um fortwährend die See zu überspähen, und mehrere
male stieg der Kapitain selbst in den Mastkorb hinauf. Gegen Mittag zog ein
immer dichter werdender Nebel von Norden her über das Meer und hüllte bald
das Schiff so sehr ein, daß man kaum mehr vom einen Ende desselben bis zum
andern sehen konnte. Dabei nahm die Kälte immer noch zu und, wie es schien,
in gleichem Maße die Besorgniß des Kapitains. Turner fragte ihn um die
Ursache dieses Nebels, worauf Bosse ihm ausweichend erwiederte, daß das
Schiff sich auf der Bank von Neufoundland befinde, wo solche Nebel sehr
häufig einträten. Der Mittag verstrich ohne die mindeste Aenderung in der
Luft, nur auf dem Schiffe wurde die Vorsicht verdoppelt, und sehr oft sahen
die Passagiere, daß der Kapitain ein Thermometer in die See hinab ließ und
dasselbe beim Herausheben aufmerksam betrachtete. Die Dämmerung nahm rasch
zu, als Daniel zum Abendessen rief. Die Passagiere ließen sich stets durch
den Kapitain zu den Mahlzeiten geleiten, diesmal aber bat derselbe nur
vorauszugehen, er würde nachfolgen. Erst nachdem Turners ihr Abendessen
bereits beendigt hatten, erschien Bosse und zwar in großer Eile, um sich
bald wieder auf das Verdeck zu begeben. Turner wandte sich abermals an ihn,
um die Ursache seiner augenscheinlichen Besorgniß zu erfahren, doch wich er
wieder wie früher einer erklärenden Antwort aus. Daniel hatte dem Kapitain
Thee eingeschenkt, und derselbe hob die Tasse an seinen Mund, als ein
furchtbarer Stoß und ein Krach das Schiff erschütterte, wie wenn es in
Trümmer zerschlagen sei.
»Eis, Eis, Gott sei uns gnädig!« schrie der Kapitain und stürzte mit den
Passagieren, den Stühlen und Allem, was auf dem Tische stand, bis an
die hintere Wand der Kajüte; denn deren Eingang hatte sich so sehr empor
gehoben, daß es kaum möglich war, ihn zu erklimmen. Das Zetergeschrei,
womit sich Madame Turner und die Kinder umklammerten, wurde von den
Angstrufen, die auf dem Verdeck erschallten, übertönt, und donnernd und
krachend hörte man Fässer, Kisten und Ballen über das Schiff poltern.
Kapitain Bosse war der Erste, dem es gelang, die Kajüte zu verlassen,
und mit größter Anstrengung und durch die Hülfe des herbeieilenden Daniel
erreichten denn auch Turners das Verdeck.
Ein schrecklicher, entsetzlicher Anblick bot sich hier ihren Augen dar.
Das Schiff stand, wie ein sich bäumendes Roß, mit der Spitze hoch gegen den
Himmel erhoben, und etwas seitwärts vor ihm blickte man gegen die glänzende
Riesengestalt eines vierzig Fuß hohen ungeheuren Eisberges. Unbeweglich,
wie festgemauert stand der Goliath, sein Vordertheil aus dem Wasser
erhoben, auf dem Eise, während sein Ende bis an die Kajütenfenster von der
See bespült wurde. So trieb er langsam mit der kolossalen Eismasse auf den
Wogen hin.
Die Verwirrung, die Bestürzung, die Verzweiflung unter der Mannschaft und
den Passagieren war grenzenlos, Alle rannten, so weit es das abschüssige
Verdeck zuließ, wild durcheinander hin, man schrie, weinte, betete, und
glaubte jeden Augenblick, der Goliath würde in Stücken auseinander brechen;
er aber rührte sich nicht und hatte das Aussehen, als sei er es, der den
Eisberg besiegt habe.
Turners lagen vor der vordern Wand der Kajüte zusammengekauert und hielten
sich umklammert, als wollten sie sich selbst im Tode nicht trennen. Die
erste Viertelstunde war die entsetzlichste, dann gab die Verzweiflung schon
einem Hoffnungsgedanken Raum, und bald fing man an, die Lage zu prüfen und
zu bereden. Der Kapitain war der Gefaßteste und Ruhigste auf dem Schiffe;
er ließ die Luken öffnen und stieg selbst in die unteren Räume, um zu
untersuchen, ob die Wände des Goliath Schaden gelitten hätten. Nirgend aber
zeigte sich eine Spur von einer Beschädigung. Mit hoffender Zuversicht
trat er tröstend zu Turners und versicherte ihnen, er hege die feste
Ueberzeugung, daß das Fahrzeug ohne Gefahr von dem Eise loskommen werde.
»Wir haben wenigstens auf drei Monate Lebensmittel an Bord,« sagte er »und
in wenigen Tagen treiben wir in den Golfstrom hinein, in dessen warmem
Wasser das Eis sehr schnell unter dem Schiffe schmelzen wird. Nur ein Sturm
könnte uns jetzt gefährlich werden; in dieser Jahreszeit aber und in diesem
Breitengrade haben wir solchen nicht zu befürchten.«
Unter Bangen und Zagen verstrich die Nacht, das leiseste Knarren in den
Fugen des Fahrzeuges schreckte die Bewohner desselben auf und klang wie
Todesruf in ihre Ohren. Dabei nahm die Kälte so zu, daß alle Mäntel und
Decken nicht hinreichten, sich zu wärmen, und mit ängstlichem Sehnen wurde
der Morgen erwartet. Bei Anbruch des Tages verstärkte sich der Wind, und
da der Eisberg sich so gedreht hatte, daß das Schiff mit der Spitze dem
Luftstrom entgegen stand, so ließ der Kapitain Segel aufziehen, in der
Hoffnung, daß dieselben den Goliath von dem Eise zurückdrängen würden. Wohl
füllten sie sich kräftig und beugten die Masten und Segelstangen zurück,
aber das Fahrzeug rührte sich nicht. Da kam dem Kapitain der Gedanke, ob er
nicht mit Hülfe der Anker das Schiff in Bewegung setzen könnte; der größte
wurde in ein Boot hinabgelassen, die Kette desselben von der Spitze des
Schiffes unter dessen Bauch hingezogen, und einige zwanzig Schritte hinter
dem Ende des Fahrzeuges ward der schwere Anker in die See hinabgeworfen. Er
sank tief im Wasser über den äußersten Rand des Eisberges, und nun ließ
der Kapitain die mächtige Winde in Bewegung setzen, um die Ankerkette
anzuziehen. Es fragte sich, ob der Anker beim Aufwinden den Eisrand unter
dem Wasser erfaßte, dann war Hoffnung vorhanden, daß er das Schiff zu sich
zurückziehen könne. Die Winde drehte sich geraume Zeit, plötzlich aber
stand sie still, denn der Anker saß fest. Mit vereinten Kräften legten
sich jetzt alle Matrosen gegen die Winde, es waren noch mehrere Segel
aufgezogen, die Masten beugten sich und ächzten, die Ankerketten knarrten,
das Schiff wankte, es neigte sich zur Seite, noch einen Ruck -- und
rauschend glitt es in die See zurück. Ein jauchzendes, jubelndes »Gott
sei gelobt!« schallte von allen Seiten über das Verdeck, denn der Goliath
schaukelte sich wieder leicht auf den Wogen, und der Eisberg zog an ihm
vorüber. Der Anker wurde nun aufgezogen, das Schiff vor den Wind gebracht,
und bald steuerte es abermals ruhig seinem Ziele zu. Von jetzt an
sollten die Reisenden am Bord des Goliath das Meer nur noch in seiner
freundlichsten Laune sehen; die Wogen trugen sie spielend dahin, die Sonne,
von ihrem Auftauchen aus dem Ocean bis zu ihrem Hinabsinken verbarg sich
nicht mehr vor ihren Blicken, und nach Verlauf von einigen Wochen färbte
sich die See plötzlich grün, das sichere Zeichen, daß das Land nicht mehr
fern sei. Mit lauten Freudenrufen wurde bald darauf die Küste Amerika's
begrüßt, und mit frisch gefüllten Segeln zog der Goliath stolz in die
Chesapeake-Bay ein.
Wie strahlten die Blicke der Familie Turner nach den Ufern dieses wunderbar
schönen Gewässers hinüber, wie hingen sie freudig an jedem Farmhause, an
jeder Hütte, die friedlich und anmuthig unter hohen Baummassen hervorsah;
-- sollte doch auf diesem Ufer auch ihre neue Heimath gegründet werden! --
Noch eine Nacht mußten sie auf dem Goliath zubringen, morgen aber hofften
sie die amerikanische Erde zu betreten. Nur wenige Stunden während
dieser Nacht gaben sich die Passagiere der Ruhe hin, denn das Mondlicht
beleuchtete die Küsten der sich immer mehr verengenden Bay mit Tageshelle,
so daß die Blicke der Einwanderer immer noch von dort angezogen wurden,
und die Hunderte von großen und kleinen Schiffen, welche mit ihren weißen
aufgeblähten Segeln an ihnen vorüber schaukelten und nickten, fesselten sie
bis spät in die Nacht hinein auf dem Verdeck. Kaum aber graute der Tag,
als sie sämmtlich aus der Kajüte hervoreilten, um ihre Augen wieder an den
schönen Ufern zu weiden und jeder Farm im Vorübersegeln Grüße zuzusenden;
denn der Vetter Victor wohnte ja unmittelbar an der Bay und war ja schon
lange im Besitze der Nachricht, daß sie mit dem Goliath reisen würden.
Der Name des Schiffes war mit großen schwarzen Buchstaben an dessen Spitze
geschrieben, so daß der Vetter mit Hülfe eines Fernglases denselben lesen
konnte -- vielleicht eilte er dann sofort nach Baltimore, um seine lieben
erwarteten Verwandten bei ihrer Ankunft daselbst zu empfangen. Die Sonne
neigte sich schon, als die Thürme und Kuppeln dieser Stadt aus der blauen
Ferne hervortraten, und die Abenddämmerung strich über die Erde, als der
Goliath die Landspitze erreichte, von welcher aus Baltimore sich bis auf
die ferneren Höhen ausdehnt. Hier, an der Point, wie man diesen äußersten
Theil der Stadt nannte, legten alle aus See kommenden großen Schiffe an,
und bald war der Goliath an einem Werfte befestigt und aller seiner Segel
beraubt.
Mit einem stummen, aus tiefstem Herzen kommenden Dankgebet zum Himmel
traten Turner und seine Gattin mit den Kindern an das Land, um nun sogleich
einen Brief an den Vetter Victor der Post zu übergeben, damit dieser, von
ihrer glücklichen Ankunft benachrichtigt, sobald als möglich in ihre Arme
eilen möchte. Daniel, der in der Stadt bekannt war, mußte sie begleiten,
und Kapitain Bosse versprach mit dem Abendessen auf ihre Rückkehr zu
warten, denn es war zu spät geworden, um noch nach einem Gasthause
übersiedeln zu können. Daniel rieth Turner, einen Wagen zu nehmen, da man
eine halbe Stunde gebrauche, um nach der eigentlichen Stadt zu gehen, und
weil ihm und den Seinigen nach so lange entbehrter Bewegung der Weg sauer
werden würde. Turner folgte dem Rathe des Negers weniger aus Besorgniß vor
dem weiten Spaziergang, als weil er den Kapitain nicht zu lange mit dem
Abendessen auf sich warten lassen wollte. An der nächsten Straßenecke, wo
viele Miethwagen hielten, wurde ein solcher bestiegen, Daniel setzte sich
zu dem schwarzen Kutscher auf den Bock, und im Galopp jagten die Pferde mit
dem leichten Fuhrwerk dahin. Die hohen prächtigen Gebäude, die Kirchen mit
ihren Kuppeln und Thürmen, die Monumente und die wogenden Menschenmassen
auf den Trottoirs, Alles von dem hellen Licht des Mondes beschienen,
machten einen überraschenden, einnehmenden Eindruck auf die Ankömmlinge,
und der Gedanke, in der Nähe einer so schönen belebten Stadt zu wohnen,
that ihnen wohl. Die Post wurde bald erreicht, der Brief abgegeben, und
ohne Aufenthalt lenkte der Kutscher die Pferde nach der Point zurück.
Frühzeitig am folgenden Morgen verließen die Passagiere nun das Schiff und
dessen freundlichen Führer, und bezogen ein Gasthaus zweiten Ranges ganz in
der Nähe des Werftes, wo der Goliath lag. Kapitain Bosse, der mit dem Wirth
des Hauses schon seit Jahren bekannt war, führte Turners bei ihm ein, und
schnell hatten sie sich dort wöhnlich eingerichtet.
Turner stattete nun dem Kaufmann, auf welchen seine Wechsel ausgestellt
waren, einen Besuch ab, um das Geld dafür in Empfang zu nehmen. Man gab
ihm für den Betrag Anweisungen auf zwei verschiedene Banken, welche er
in denselben vorzeigte und wogegen ihm die Summen zur Verfügung gestellt
wurden. Turner empfing von der einen Bank den ganzen Betrag der Anweisung
mit viertausend Dollar in Gold, in der anderen Bank aber ließ er das Geld,
welches nicht ganz drei tausend Dollar betrug, stehen, um nicht sein ganzes
Vermögen einem etwaigen Diebstahl auszusetzen.
»Es ist besser« sagte er zu seiner Gattin, »wenn wir nur einen Theil
unseres Geldes bei uns im Hause haben; in der Bank kann es uns nicht
gestohlen werden.«
Der dritte und vierte Tag verstrich, ohne daß der Vetter Victor selbst,
oder nur eine Antwort von ihm erschienen wäre; denn Turner ging Morgens und
Abends nach der Post und erkundigte sich nach Briefen. Dies Schweigen
war ihm und den Seinigen recht unangenehm, wenn es auch in keiner Weise
Besorgniß erregte, denn die unregelmäßige schlechte Postverbindung im Lande
seitwärts von den großen Straßen machte es erklärlich. Als aber auch der
fünfte Tag verfloß, ohne daß ein Lebenszeichen von dem Vetter eingetroffen
war, entschloß sich Turner, selbst zu ihm hinzureisen und ihn zu
überraschen.
Der Wirth des Gasthauses, dem Turner den Wohnort seines Vetters
bezeichnete, rieth ihm, einen Wagen zu miethen und sich hinfahren zu
lassen, wenn die Reise auch zu Schiff in kürzerer Zeit gemacht werden
könne. In einem Segelboot sei er mehr von Wind und Wetter abhängig und
habe weniger Bequemlichkeit, während die Kosten ziemlich gleich wären. Am
nächsten Morgen mit Tagesanbruch trat Turner die Reise an und nahm Carl
Scharnhorst mit sich, um nicht ganz allein zu fahren und weil er selbst
weniger gut englisch sprach, als der Knabe, der sich viel bei Daniel darin
geübt hatte. Es war ein herrlicher heiterer Morgen, die Sonne verscheuchte
bald den Nebel, der sich von der Bay aus weit über das Land gelegt hatte,
und freudigen, muthigen, thatkräftigen Herzens begrüßte Turner die waldige
Höhe, über welche die rohe Straße führte. Bunte, in goldigem Sonnenschein
glänzende Vögel schwirrten durch den frischen grünen Wald, oder sangen
ihr Morgenlied auf den himmelhohen Bäumen, graue und schwarze Eichkätzchen
huschten über den Weg und jagten sich spielend an den Baumstämmen hinauf,
und zu Carls großer Freude schwang sich ein mächtiger weißköpfiger Adler in
nicht großer Entfernung von dem vorüberfahrenden Wagen auf eine Eiche. Carl
rief dem Kutscher zu, anzuhalten, sprang mit seiner Büchse in der Hand aus
dem Wagen, und eilte der Höhe zu, auf welcher die Eiche stand. In diesem
Augenblicke erhob über der nahen Bay, auf welche Carl von hier aus einen
Blick hatte, ein Fischadler ein lautes Geschrei, schoß, die Flügel an sich
drückend, pfeilschnell nach dem Wasserspiegel hinunter, verschwand einen
Augenblick unter demselben, und stieg dann mit einem großen Fisch in den
Krallen wieder aus der Fluth empor. Kaum aber hatte er sich mit seinem Fang
erhoben, als der Adler von der Eiche herabschoß und mit Blitzesschnelle
auf ihn Jagd machte. Der Fischadler stieg schreiend gerade gegen den Himmel
auf, der weißköpfige aber folgte ihm mit gewaltigem Flügelschlage, bis
plötzlich sein fliegender Gegner den Fisch fallen ließ und er denselben
noch einholte und ergriff, ehe er das Wasser erreichte. Nun zog der
mächtige Vogel mit seiner Beute nach der Eiche zurück, um sie dort zu
verzehren. Carl hatte, hinter Baumstämmen verborgen, der Jagd zugesehen und
sich nun vorsichtig bis auf Schußweite dem Räuber genähert, der schon emsig
beschäftigt war, den Fisch zu verspeisen. Die Büchse knallte und der Adler,
von der Kugel in die Brust getroffen, stürzte todt mit dem Fisch auf die
Erde herab. Im Triumph trug Carl beide zum Wagen hin, und erzählte nun
seinem Onkel in größter Freude den Hergang der Jagd.
»Das ist der Lauf der Welt, Carl; der Mächtigere unterdrückt und beraubt
den Schwächern,« sagte Turner lächelnd zu dem Knaben.
»Aber Onkel, ich habe ja nur den Räuber bestraft,« entgegnete Carl halb
verlegen.
»Das heißt, weil es Dir überhaupt Spaß machte, den Vogel zu erlegen,«
antwortete Turner scherzend. »Du hast ihn übrigens gut getroffen, und Du
schießest schon sehr sicher mit der Büchse.«
»Sie ist ja auch ein Geschenk von Dir, lieber guter Onkel, da muß ich ihr
doch Ehre machen,« entgegnete Carl, indem er Turners Hand ergriff und sie
zärtlich drückte.
Der Weg bot während des ganzen Tages die reizendste Abwechselung: bald
führte er durch weite üppige Grasflächen, auf denen prächtiges Vieh
in großen Heerden weidete, bald zog er sich durch reiche Mais- und
Tabacksfelder und an lieblichen Pflanzerwohnungen vorüber, bald wurde er
von hohem Urwald überschattet, der sich wie ein Laubgewölbe über ihm schloß
und nur hier und dort einzelnen Sonnenstrahlen gestattete, den mit riesigen
Kräutern bedeckten Boden zu erreichen, und bald wieder streckte er sich
über kahle Höhen, von wo man auf die grüne Fluth der Bay hinabschaute, auf
welcher sich unzählige große und kleine Schiffe unter ihren weißen Segeln
wiegten. Je näher Turner dem Ziele seiner Reise kam, um so stärker wurde
das Verlangen nach dem Augenblick, wo er dem Vetter in die Arme eilen
würde, und wieder und wieder fragte er den Kutscher, wie lange er noch zu
fahren habe. Endlich, als die Sonne sich schon neigte, deutete der Fuhrmann
nach einem seitwärts von der Straße an dem Ufer der Bay gelegenen Gehöft,
und bezeichnete dasselbe als die ersehnte Farm. Kaum eine Viertelstunde war
nöthig, dieselbe zu erreichen, und mit hochschlagendem Herzen sprang Turner
aus dem Wagen und eilte durch den kleinen verwahrlosten Garten dem Hause
zu. Seine Blicke schweiften nach allen Richtungen vor sich, um den Vetter
zu erspähen, als ein Mann in Hemdsärmeln aus der Hausthür unter die Veranda
trat und die Ankommenden verwundert betrachtete. Turner näherte sich ihm,
begrüßte ihn freundlich, und fragte ihn in gebrochenem Englisch, ob Herr
Victor Turner hier wohne, und ob er zu Hause sei.
»Herr Victor Turner ist todt, er ist vor zwei Monaten am Fieber gestorben;
ich habe seiner Wittwe diese Farm abgekauft, und sie ist, so viel ich weiß,
über New-York nach Deutschland zurückgekehrt,« antwortete der Fremde mit
gleichgültigem Tone, und setzte dann noch hinzu: »Wollen Sie nicht näher
treten, Herr?«
Turner stand, wie vom Blitz getroffen, und starrte den Fremden an, als
forsche er, ob er wohl recht gehört habe.
»Mein Vetter todt?« rief er dann plötzlich, die Hände zusammenschlagend,
aus, »es ist wohl nicht möglich!«
»Aber wahr, er ist todt und begraben, dort unter jenem Ahorn liegt er,
wohin er vor seinem Ende noch bestimmte, beerdigt zu werden,« erwiederte
der Fremde, nahm die Schöpfkelle aus dem Eimer mit Trinkwasser neben der
Thür, und reichte sie Turner mit den Worten hin: »Wollen Sie nicht einen
frischen Trunk zu sich nehmen, Herr?«
Turner, ohne Antwort zu geben, sank von Schreck und Schmerz überwältigt,
auf eine Bank nieder, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, während sich
Carl weinend an ihn schmiegte und den Arm um seinen Nacken schlang. Nach
einigen Minuten jedoch sammelte sich Turner wieder, und fragte den
jetzigen Herrn der Farm, ob ein Wirthshaus in der Nähe sei, wo er die Nacht
zubringen könne.
»Trinkhäuser giebt es viele an der Straße, aber keine Wirthshäuser; das
nächste ist zehn Meilen von hier entfernt. Wollen Sie jedoch bei mir
bleiben, so sind Sie willkommen. Sie müssen vorlieb nehmen, ich habe noch
keine Frau,« sagte der Farmer, und rief dann dem Kutscher zu, er solle die
Pferde ausspannen und nach dem Stalle bringen.
Turner nahm nothgedrungen das Anerbieten an, verbrachte aber eine
schreckliche Nacht unter dem Dache, unter welchem er Rath, Hülfe und Liebe
für sich und die Seinigen zu finden gehofft hatte. Jetzt stand er allein,
verlassen und ohne alle Freunde auf dieser fremden Erde; wo und wie sollte
er nun eine Heimath suchen und finden? Trostlos trat er am folgenden Morgen
seine Rückreise nach Baltimore an, und näherte sich bei Sonnenuntergang
der Stadt mit einer tiefen Wehmuth im Herzen, denn er sollte nun auch
den Seinigen die glückliche sorgenlose Ruhe nehmen und ihnen die
Schreckenskunde überbringen.
»Großer Gott, Max, allein?« sagte Madame Turner zu ihm, als er aus dem
Wagen stieg und sie den Ernst auf seinen Zügen las.
Turner schlang liebevoll seinen Arm um die Gattin und führte sie schweigend
nach ihrem Zimmer. Dort theilte er ihr nun die schwere Trauerbotschaft mit,
unter der auch sie im ersten Augenblick erlag. Sie wurde bleich, sie bebte
und warf sich weinend an ihres Gatten Brust, doch bald ermannte sie sich
wieder in dem Gedanken an den Allmächtigen, der ihnen immer so gnädig
in der Noth beigestanden und sie noch kürzlich auf der See vom nahen
Untergange gerettet hatte. Beide sprachen einander Trost ein, Beide sahen
unbedingt und unerschütterlich nur ihr Bestes in Allem, was Gott über
sie verfüge, und sie beschlossen, vorsichtig, aber ohne Zagen den Weg zu
verfolgen, den sie für das Wohl der Kinder eingeschlagen hatten. Turner
wollte sich nicht im Ankauf einer Farm übereilen, er wollte sich mit Ruhe
nach einer solchen umsehen, und namentlich bei der Wahl derselben darauf
bedacht sein, daß sie in einer gesunden Gegend läge. Sein Hauswirth sprach
ihm auch Muth ein, derselbe war fast mit allen Farmern, die unweit der Bay
wohnten, bekannt, da dieselben gewöhnlich zu Schiff ihre Producte nach der
Stadt führten und dann bei ihm abstiegen. Turner besaß noch ungefähr
sieben tausend Dollar baares Geld, und der Wirth hatte ihm schon von vielen
hübschen, sehr einträglichen Farmen erzählt, die mit allem Zubehör für
weniger angekauft waren. Bis zum Herbst hatte er ja Zeit, sich umzusehen,
und da er sehr billig wohnte, so machte ihm der verzögerte Aufenthalt
im Gasthause auch keine Sorgen. Schon nach wenigen Tagen stiegen mehrere
Farmer aus dem Lande in dem Gasthause ab; der Wirth machte Turner mit ihnen
bekannt, und sie luden ihn freundlich ein, mit ihnen nach Hause zu segeln,
da sie ihm in ihrer Gegend verschiedene Pflanzungen zeigen könnten, die
käuflich wären. Turner nahm den Vorschlag an, blieb über eine Woche von der
Stadt entfernt, und kehrte sehr befriedigt zurück, wenn er sich auch noch
nicht zum Kauf entschlossen, sondern vorher noch andere Ländereien in
Augenschein nehmen wollte. Er machte dann mehrere kleine Reisen zu
gleichem Zweck landeinwärts, weil ihm gesagt wurde, daß dort weniger Fieber
herrschten, als an den Ufern der Bay, und seine Zufriedenheit mit dem Lande
wuchs von Tag zu Tag. Kapitain Bosse, der mit Einnehmen einer neuen Ladung
nach Europa beschäftigt war, suchte Turners häufig in den Abendstunden auf,
und freute sich stets, wenn er hörte, daß es ihnen in ihrer neuen Heimath
gefalle.
Eines Morgens saß Turner mit dem Wirthe auf der Bank vor der Thür des
Gasthauses und unterhielt sich mit ihm über die Vorzüge und Nachtheile
einer Farm, die ihm ganz in der Nähe der Stadt angeboten war. Wohl über
eine Stunde hatten sie hier geplaudert und kaum bemerkt, daß die Straße
mehr, als gewöhnlich, von Fußgängern belebt war, die dem obern Theile der
Stadt zueilten. Jetzt aber kam ein Trupp junger Männer bei ihnen vorüber,
von denen einer dem Wirth zurief, daß eine Bank ihre Zahlungen eingestellt
habe und mit Ungestüm von dem Volke bedrängt werde. Turner, der es nicht
deutlich verstanden hatte, ließ sich die Aussage durch den Wirth erklären,
und hörte nun zu seinem furchtbaren Entsetzen, daß es gerade die Bank sei,
in welcher er sein Geld stehen habe. Mit bebenden Lippen theilte er dies
nun dem Wirthe mit, und beschwor ihn, sich seiner anzunehmen und ihm
behülflich zu sein, um sein Eigenthum zu retten. Der Wirth war sogleich
bereit ihn zu begleiten; sie bestiegen ohne Aufenthalt einen Wagen und
eilten der Stadt zu. Je weiter sie fuhren, um so belebter fanden sie die
Straßen, und bald wurde das Gedränge so groß, daß der Wagen nicht mehr
weiter fahren konnte. Turner und der Wirth stiegen aus, und erreichten bald
darauf das geschlossene Bankgebäude, vor welchem sich Tausende von Menschen
versammelt hatten.
»An wen kann ich mich denn wohl wenden, um wenigstens einen Theil meines
baar eingelegten Geldes wieder zu bekommen?« fragte Turner in seinem
Schrecken den Wirth.
»Ja, bester Herr, es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber ich
würde Ihnen keinen Dollar für Ihre ganze Forderung geben. Wie ich höre,
so hat die Bank ungeheure Summen in Papiergeld ausgegeben, der Präsident
derselben und der Cassirer sind mit der Baarschaft durchgegangen, und es
wird Niemand einen Cent herausbekommen. Fügen Sie sich in Ihr Schicksal,
es ist Nichts daran zu ändern. Hätten Sie mich um meinen Rath gefragt, ich
würde Sie davor gewarnt haben, das Geld in dieser Bank stehen zu lassen.«
Mit diesen Trostworten ergriff der Wirth den Arm Turners und zog ihn mit
sich fort aus dem Gedränge, um ihn von dem Orte zu entfernen, der ihm
beinahe die Hälfte seines Vermögens kostete.
Abschnitt 3.
Der schwarze Freund. -- Reise nach dem Westen. -- Der Hirsch. -- Die
Nacht im Freien. -- Die Ueberschwemmung. -- Die wilden Pferde. -- Die
Prairie. -- An der Frontier. -- Der Büffel. -- Die wilden Truthähne.
Dieser neue Schlag war zu schwer für Turners, als daß sie sich sobald
hätten darüber erheben können. Aller Trost, den ihnen der freundliche Wirth
sowohl, als auch Kapitain Bosse einzusprechen suchten, fand kein Gehör
bei ihnen, sie gaben sich ihrem Schmerz, ihrem Unglück hin, und sahen mit
Verzweiflung auf die Kinder. Mehrere Tage verstrichen, ohne daß sie hätten
den mindesten Beschluß fassen, oder auch überhaupt ihre Lage überblicken
können. Sie verließen kaum ihre Zimmer, saßen dort mit den Kindern in
Kummer und Jammer versunken, und dachten an das schöne Werrathal zurück.
Eines Abends, als die Sonne sich neigte und der Abendwind kühlend durch die
Thür und die Fenster des Zimmers strich, saß Turner mit seiner Gattin in
der düstern Ecke des Gemachs und gab seinem Gram Worte: »Es bleiben uns
nicht mehr volle viertausend Dollar übrig, damit kann man hier im Lande
keine Farm kaufen, die uns zu ernähren vermöchte. Arbeitskräfte besitzen
wir nur in meinen und Carls Händen, und wenn wir auch gern das Unsrige thun
wollen, so ist uns die Arbeit, wie sie hier vorkommt, doch noch zu neu und
fremd, als daß wir viel zu schaffen im Stande sein werden. Hätten wir das
Geld nicht verloren, so könnten wir uns einen Neger miethen, oder auch
kaufen; wir würden ihn ja gut und nicht als Sklave behandelt haben. So
aber besitzen wir nicht einmal genug Vermögen mehr, um Land, Vieh und
Geräthschaften zu kaufen. Ich weiß nicht, was aus uns hier werden soll!«
Bei diesen letzten Worten ließ Turner muthlos die gefalteten Hände zwischen
seinen Knieen hinabsinken, und blickte niedergebeugt auf den Fußboden vor
sich. Madame Turner weinte und sah gleichfalls schweigend vor sich nieder;
vergebens suchte sie nach einem Auswege, nach einem Trostwort.
Carl Scharnhorst, welcher schweren Herzens während dieser Tage dem Schmerz
und Gram der geliebten Pflegeeltern gefolgt war, saß ihnen auch jetzt
schweigend gegenüber, und sah ihre Trostlosigkeit, ihre Verzweiflung.
Plötzlich aber erhob er seinen Kopf, seine Augen glänzten und verriethen,
daß ein Hoffnungsgedanke ihn belebe. Er stand schweigend auf, nahm seinen
Hut und Stock, und verließ das Zimmer. Mit raschen Schritten eilte er in
der düster werdenden Straße hinab nach dem Werfte, wo der Goliath lag,
und erstieg wenige Minuten später das Verdeck des Schiffes. Die Matrosen
bewillkommneten ihn aufs Freundlichste, denn alle hatten den Knaben
liebgewonnen, sie theilten ihm aber mit, daß der Kapitain nach der Stadt
gegangen sei. Carl entgegnete ihnen, er komme, um Daniel zu sprechen, von
welchem er wünsche, über Verschiedenes Auskunft zu erhalten. Auf den Ruf
seines Namens kam der Neger herbeigeeilt, und freute sich herzlich, seinen
jungen Freund zu sehen. Carl nahm ihn mit sich auf das obere Verdeck nach
dem Boote, wo sie so manchen Abend in traulicher Unterhaltung beisammen
gesessen hatten, und bat ihn, an seiner Seite Platz zu nehmen.
»Daniel, ich habe Dich Etwas zu fragen, worauf Du mir offen und ehrlich
antworten mußt,« begann Carl, indem er die Hand des Negers ergriff, und ihn
mit seinen großen treuen Augen ansah.
»Gern, junger Herr, will ich dies thun, so wie ich Alles gern thun werde,
um Ihnen dienen zu können. Sie und die Ihrigen sind so freundlich gegen
mich gewesen, wie es ein Amerikaner gegen einen Schwarzen gar nicht sein
kann und wie ich es Ihnen niemals in meinem Leben vergessen werde. Was soll
ich Ihnen denn beantworten?« entgegnete der Neger mit freundlicher Miene.
»Sage mir, warum fährst Du zur See und verdienst Dein Brod nicht lieber
auf dem Lande, wo Du doch nicht immer so großen Gefahren ausgesetzt bist?«
fragte Carl.
»Das will ich Ihnen sagen, weil ich im Dienste des Kapitains Bosse eine
bessere Behandlung genieße und weniger der Verachtung der Weißen ausgesetzt
bin, als in den Vereinigten Staaten. Aber warum wünschen Sie dies zu
wissen, junger Herr?« entgegnete Daniel.
»Du hast wohl gehört, Daniel, daß mein Onkel so viel Geld an der Bank
verloren hat.«
»Ja wohl, und es hat mir sehr leid gethan.«
»Sieh, Daniel, nun kann mein Onkel sich nicht hier ankaufen, wie er es
beabsichtigte, und kann auch nicht, wie er wollte, Arbeiter miethen. Und
doch muß er Jemanden zur Hülfe bei sich haben, der mit dem Landbau hier
bekannt ist. Wir sind in einer schlimmen Lage, und der Onkel weiß gar
nicht, was er anfangen soll,« sagte Carl etwas verlegen und schwieg dann,
als wolle er Daniel das Wort überlassen.
Es trat eine Pause ein, der Neger saß während einiger Minuten sinnend vor
sich niederblickend und nickte wiederholt mit dem Kopfe. Dann, wie zu einem
Entschlusse kommend, sagte er: »Das ist freilich eine schlimme Lage, Sie
sind fremd hier und unbekannt mit dem hiesigen Leben und Treiben, und
leicht können Sie noch um den Rest des Vermögens betrogen werden. Sie haben
mich als Mensch, als Ihres Gleichen behandelt, und würden mir gewiß auch
beigestanden haben, wenn ich Ihrer Hülfe bedurft hätte. Glauben Sie, junger
Herr, daß Ihr Onkel meine Dienste nicht zurückweisen würde? Schon lange
hätte ich gern das Seeleben aufgegeben, hätte mich nicht das Vorurtheil
der Weißen gegen meine Hautfarbe von dem Lande zurückgehalten. Mit Ihnen,
junger Herr, möchte ich all mein Lebelang beisammen sein.«
»Du lieber, guter Dan, der Onkel würde ganz glücklich sein, wenn Du bei uns
leben wolltest, und wir alle würden Dich gewiß immer recht lieb haben; und
ich besonders, Dan, das weißt Du ja,« versetzte Carl, indem er dem Neger
die Hand drückte. »Aber,« fuhr er dann fort, »würde es Kapitain Bosse nicht
leid thun, wenn Du ihn verließest? er ist so gut gegen uns gewesen und wir
dürfen ihm doch nichts Unangenehmes zufügen.«
»Der Kapitain verliert mich allerdings nicht gern, ich habe ihm aber schon
oft gesagt, daß ich das Seefahren müde sei, und lieber auf dem Lande leben
würde, wenn ich dort einen liebevollen guten Herrn wüßte. Er hat auch
nichts dagegen, und hat mir erklärt, daß er meinem Wunsche nicht im Wege
stehe. Wenn Ihr Onkel mich in seinen Dienst nehmen will, so würde ich
sicher Alles thun, um mich ihm nützlich zu machen und mir seine freundliche
Gesinnung zu erhalten.«
»Gut, so gehst Du mit uns, wohin wir auch ziehen werden, bester Daniel,
und Nichts in der Welt soll uns wieder trennen,« sagte Carl, außer sich vor
Freude. »Nun will ich schnell nach Hause eilen und es Onkel sagen, daß Du
mit uns leben willst. Ich habe noch Nichts davon erwähnt, weil ich mit Dir
erst darüber sprechen wollte. Morgen früh komme ich wieder zu Dir.« Hiemit
sprang Carl auf, drückte dem Neger nochmals liebevoll die Hand, und eilte
mit hochschlagendem Herzen nach dem Gasthaus zurück. Als er in das Zimmer
trat, herrschte dort noch immer dieselbe ernste, gedrückte Stimmung.
Turner schritt in Gedanken versunken auf und nieder, und die Andern saßen
schweigend und wie in ihr Schicksal ergeben, umher.
»Nun, Carl, hast Du einen Spaziergang gemacht?« sagte Turner zu ihm, nur
um Etwas zu sagen und strich ihm im Vorüberschreiten mit der Hand über die
reichen Locken.
»Nein, Onkel, ich bin auf dem Goliath gewesen und bringe Dir eine recht
erfreuliche Nachricht.«
»Erfreulich, Carl?« wiederholte Turner mit einem Ausdruck der Wehmuth und
sah den Knaben fragend an.
»Ja, recht erfreulich, Onkel: Daniel will bei uns leben und mit uns
arbeiten. Ich habe ihm gesagt, in welcher Lage wir uns befinden, und weil
wir ihn freundlich behandelt haben, hat er sich entschlossen, uns zu helfen
und beizustehen. Er ist doch recht gut.«
»Ist es möglich, Carl? Das wäre für uns ja mehr werth, als das ganze Geld,
welches wir verloren haben. Und das hätten wir Dir wieder zu verdanken, Du
braver, treuer Junge; wir sind so schon so tief in Deiner Schuld!« sagte
Turner überrascht und bewegt und heftete seinen freudigen Blick auf den
Knaben, indem er ihm beide Hände auf die Schultern legte.
»Du bist unser guter Engel, Carl, bist das Werkzeug Gottes, durch welches
er uns in der Noth seine Barmherzigkeit, seine Hülfe zukommen läßt,« fiel
Madame Turner ein, die bei der unerwarteten frohen Botschaft aufgesprungen
und herangetreten war. In ihrer Freude ergriff sie den Kopf des Knaben mit
beiden Händen, zog ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn.
»Nein, Daniel müssen wir ja dafür danken, er thut es ja, um uns zu
helfen,« sagte Carl verschämt und drückte seinen Mund auf die Hand seiner
Pflegemutter.
»Und ohne Dich würde er nie darauf gekommen sein, mein Carl,« versetzte
Turner, ihm liebevoll die Wange streichelnd. »Hast Du denn wohl daran
gedacht, daß der Kapitain, der uns so viel Freundschaft erzeigt hat, ihn
nicht gern entbehren wird; wir sind Bosse zu Dank verpflichtet, und würden
Unrecht gegen ihn handeln, wenn wir ihm den Neger abtrünnig machten.
Empfangenes Gutes soll man nie vergessen, Dankbarkeit ist eins der edelsten
Gefühle des menschlichen Herzens.«
»Doch, Onkel, ich habe Daniel darauf aufmerksam gemacht; er erwiederte
mir aber, daß er dem Kapitain schon seit längerer Zeit seinen Wunsch
mitgetheilt habe, das Seeleben aufzugeben, sobald er auf dem Lande einen
guten Herrn finden würde. Der Kapitain will ihm auch dabei nicht hinderlich
sein.«
»Nun, dann in Gottes Namen, uns ist die Hülfe Daniels eine Lebensfrage,«
sagte Turner wie neu belebt, und setzte sich, nachdem er noch einige Male
in der Stube mit raschen Schritten auf und abgegangen war, zu seiner Gattin
in das Sopha. Das kleine matte Licht der Lampe, welches bisher mit der
trüben, niedergeschlagenen Stimmung der Familie in Einklang
gestanden hatte, wurde vergrößert, und mit neuem Muthe und frischem
Unternehmungsgeist ward wieder die Zukunft beredet.
Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück, traf Turner den Kapitain
Bosse in der Gaststube und säumte nicht, ihm sofort den Entschluß Daniels
mitzutheilen und ihm zugleich zu versichern, daß er das Anerbieten
des Negers ablehnen werde, wenn es mit dem Wunsche des Kapitains nicht
übereinkomme. Dieser aber erklärte sich vollkommen damit einverstanden
und wünschte Turner von ganzem Herzen Glück, sich einen so braven, treuen
Diener erworben zu haben. Als er sich entfernte, versprach er, Daniel
Abends nach beendigter Arbeit zu Turner zu schicken, damit er selbst
sich weiter mit dem Neger bereden könne. Carl stattete diesem aber noch
Vormittags einen Besuch ab, und bei einbrechender Dämmerung ging er
abermals nach dem Goliath, um Daniel von dort abzuholen. Als er mit
demselben bei Turners im Zimmer erschien und diese dem Neger einen Stuhl
reichten, wollte derselbe sich nicht darauf niederlassen, weil es, wie er
sagte, gegen den Gebrauch des Landes sei, daß ein farbiger Mensch sich in
Gesellschaft von Weißen setze; Turners aber erklärten ihm, daß sie keinen
Unterschied zwischen schwarzen und weißen Menschen kennten, und nöthigten
ihn, den Stuhl anzunehmen.
Diese Begünstigung that Daniel wohl, denn es war das erste Mal in seinem
Leben, daß sie ihm zu Theil ward. Er erklärte sich nun bereit, in Turners
Dienste zu treten und treulich bei ihnen in guten und in bösen Zeiten
auszuhalten, so lange sie mit ihm zufrieden sein würden. Turners dagegen
sprachen sich offen über den großen Nutzen aus, den Daniels Hülfe ihnen
gewähren würde, und versicherten ihm, mit ewigem Dank diesen seinen
Beistand zu lohnen. Nach gegenseitiger Uebereinkunft begann Turner nun mit
dem Neger die zunächst zu thuenden Schritte zur Niederlassung zu bereden.
Die Vortheile und Nachtheile der verschiedenen, Daniel bekannten Länder
wurden reiflich gegen einander erwogen, so wie auch die Mittel und Kräfte
Turners dabei in Anschlag gebracht, und nach stundenlangem Ueberlegen
stellte es sich heraus, daß doch die südwestlichen Landstriche Amerika's
die überwiegendsten Vorzüge vor allen andern besäßen. Daniel rieth
unbedingt dazu, dorthin zu wandern, um sich anzusiedeln, wenn auch Turner
sich im Augenblick noch nicht dazu entschließen konnte, die Seinigen den
Gefahren auszusetzen, die ihrer dort harren würden. Daniel brachte von
nun an einige Stunden an jedem Abend bei Turners zu, und blieb während
der Berathung, die dort über die Zukunft gepflogen wurde, immer bei seiner
zuerst ausgesprochenen Ansicht, daß der Südwesten Amerika's sich für
die Verhältnisse Turners zum Ansiedeln am Besten eigne. Seine genaue
Bekanntschaft mit jenen Ländern und seine anschaulichen, überzeugenden
Schilderungen von deren Fruchtbarkeit und Weidereichthum trugen endlich den
Sieg davon, und Turner entschloß sich, dort seine neue Heimath zu gründen.
Mittlerweile hatte der Goliath seine Ladung vollständig erhalten und wurde
zum Absegeln bereit gemacht. Turners begaben sich eines Morgens an Bord, um
dem Kapitain, mit nochmaligem Dank für seine viele Freundschaft, Lebewohl
zu sagen und ihm zugleich Briefe an Freunde in dem lieben Deutschland zur
Beförderung zu übergeben. Es war ein herzlicher, aber trauriger Abschied;
ein Gefühl bemeisterte sich Turners, als ob mit dem Scheiden des Kapitains
und des Schiffes die letzte Beziehung zwischen ihnen und Europa gelöst
werde, und mit thränenschweren Blicken sahen sie die Segel über dem Goliath
sich füllen und ihn hinaus in die Bay treiben. Lange noch standen sie am
Strande und blickten ihm nach, bis er in der blauen Ferne verschwand; es
war, als wollten sie dem Kapitain noch einen Dank nachwinken dafür, daß er
in Daniel ihnen einen Trost, eine Stütze zurückgelassen habe.
Der Neger trat nun in seine Stellung bei Turners ein, und zwar als Diener
und als hülfreicher Freund zugleich. Die Vorbereitungen zu der weiten
Reise nach dem Westen wurden jetzt mit allem Eifer begonnen. Ein großer
Frachtwagen wurde gekauft und dazu eingerichtet, um ihn sowohl mit Pferden
als auch mit Ochsen bespannen zu können, und noch ein zweites sehr leichtes
Fuhrwerk ward angeschafft, welches zur Bequemlichkeit der Madame Turner und
der Kinder dienen sollte. Werkzeuge und Ackergeräthschaften aller Art,
so wie diejenigen nöthigen Gegenstände für den Haushalt, welche nicht von
Deutschland mitgebracht waren, wurden erstanden, und Alles zur
Beförderung mit der Eisenbahn gut verpackt. Namentlich aber vergaß man die
erforderlichen Waffen nicht. Es wurden drei Paar Revolver gekauft, und noch
zwei Doppelbüchsen, welche genau dieselben kleinen Kugeln schossen, wie die
Revolver; denn Daniel nannte es einen wesentlichen Vortheil, kleine Kugeln
zu benutzen, weil man dadurch so viel weniger Gewicht an Blei und auch an
Pulver zu tragen habe.
Der August war erschienen, als Turners ihre sämmtlichen Habseligkeiten auf
die Eisenbahn geschafft hatten, und selbst mit den Kindern und Daniel den
nach Cincinnati abgehenden Zug bestiegen. Mit beklommenem Herzen nahmen sie
von Baltimore Abschied; die Hoffnung, die sie hierher geleitet hatte, war
unter großen Opfern vereitelt worden, abermals waren sie auf langer Reise,
um sich eine Heimath zu suchen -- sollten sie diesmal glücklicher sein
-- sollte der heiße, sehnlichste Wunsch ihres Herzens, den Kindern eine
sichere, sorgenlose Zukunft zu gründen, diesmal in Erfüllung gehen? Fort
brauste der Eisenbahnzug, die Thürme und Monumente Baltimore's entschwanden
den Blicken der Reisenden, wildromantische Felsen, waldbedeckte Höhen
stiegen zu beiden Seiten der im Sturmlauf Vorübereilenden auf, aus reichen,
mit Wiesen und Feldern geschmückten weiten Thälern sahen liebliche einzelne
Farmen und kleine Städtchen hervor, und Turners richteten ihre Blicke mit
neuem zuversichtlichen Vertrauen auf den Beistand des Allmächtigen abermals
nach Westen. Cincinnati wurde glücklich erreicht, und hier begaben sich
Turners nach kurzer Rast mit ihren Effecten an Bord eines Dampfers, der sie
in wenigen Tagen auf den Fluthen des Ohioflusses und des Mississippi nach
Memphis führte. Von dieser großen bedeutenden Handelsstadt aus mußte nun
die Reise zu Lande fortgesetzt werden. Die Wagen wurden aufgestellt, für
den größeren wurden drei Paar mächtige Zugochsen, für den kleineren aber
zwei kräftige Rosse gekauft, und außer drei Reitpferden, welche für Turner,
Carl und Daniel bestimmt waren, noch ein Wagenpferd angeschafft, welches
für den Nothfall, daß Einem oder dem Andern Etwas zustoßen würde, dienen
sollte. Nach Verlauf von einigen Wochen war Alles zur Abreise bereit,
frühzeitig am Morgen wurde die Ueberfahrt über den Mississippi glücklich
ausgeführt, und Daniel, der vorzüglich mit Ochsen zu fahren verstand, trieb
von seinem Pferde herab mit der langen Peitsche die sechs mächtigen
Stiere vor dem schwer bepackten Wagen an. Ihm folgte das leichte, von zwei
stattlichen Schimmeln gezogene offene Fuhrwerk, in welchem Madame Turner
mit ihren Kindern saß und selbst die Pferde lenkte. Den Zug beschloß Herr
Turner zu Roß, während Carl Scharnhorst denselben anführte, indem er, von
Pluto gefolgt, auf einem edeln Falben in einiger Entfernung vor Daniel
auf der rohen Straße hinritt. Sein Pferd war ein vollkommen für die Jagd
abgerichtetes Thier, es stand unbeweglich beim Schießen, ließ Wild aller
Art auf seinen Rücken packen, und entlief niemals seinem Herrn, wenn er
es sich selbst überließ. Dabei war es ein schönes, kräftiges Thier von
gelblicher Farbe mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif, und besaß neben
einer außerordentlichen Schnelligkeit eine große Ausdauer. Mit Verlangen
hatte Carl während der Reise von Baltimore bis Memphis diesen Augenblick
herbeigewünscht, wo er, mit der Büchse bewaffnet, zu Roß die Urwälder des
Westens durchziehen würde, und freudig begrüßte er das heimliche Dunkel
unter dem schattigen Laubdach der Riesenbäume, die ihre ungeheuren
Aeste hoch über ihm zu einer Kuppel verschlangen. Wie ein hochgewölbter
Säulengang, von den Stämmen colossaler Eichen, Cypressen und Platanen
getragen, wand sich die Straße durch den undurchdringlich dichten Wald, und
Carl sandte in der Hoffnung, einem Stück Wild zu begegnen, seinen spähenden
Blick voraus durch die hohen Pflanzen, die von beiden Seiten in den wenig
befahrenen Weg hingen. In seinem Eifer trieb er sein Pferd zu raschen
Schritten an, so daß bald das Knarren und Aechzen des schwer beladenen
Wagens sein Ohr nicht mehr erreichte. Todtenstille herrschte rundum, kein
Luftzug bewegte das Laub oder die leichten, mit bunten Blüthen besetzten
Ranken der Schlingpflanzen, die von den höchsten Aesten bis über den
Weg herabhingen, und eine schwüle, drückend heiße Luft füllte den Wald.
Plötzlich sah Carl an der entfernten Biegung der Straße einen goldrothen
Fleck aus dem frischen Grün hervorglänzen, jetzt bewegte sich derselbe, es
mußte ein Hirsch sein! Im Augenblick war Carl aus dem Sattel gesprungen,
ließ das Pferd zurück, und schlich schnell, aber vorsichtig von Busch zu
Busch, von Baum zu Baum, bis nur etwa hundert Schritt zwischen ihm und dem
Thiere lagen. Dasselbe stand aber, mit dem Kopf an der Erde, hinter hohen
Pflanzen, so daß Carl nur wenig von dessen Körper erkennen konnte. Näher
durfte er nicht gehen, wollte er nicht von ihm bemerkt werden; er stand
hinter dem letzten Busch, der in den Weg hineinhing, und in den Wald
hineinzuschreiten, war hier wegen des Rankengeflechts unmöglich. Carls Herz
schlug so laut, daß es ihm vorkam, als müsse das Thier es hören, es machte
ihm das Athmen schwer, er bebte vor Eifer am ganzen Körper; da hob der
Hirsch den Kopf empor und schlug, indem er hinter dem Busche heraustrat,
mit dem mächtigen Geweih nach den Fliegen. Im Augenblick riß Carl die
Büchse an die Schulter, der Schuß krachte und der Weg war in Pulverdampf
gehüllt. Carl sprang durch den Rauch vorwärts und spähte nach dem Platz,
wo der Hirsch gestanden hatte, doch konnte er Nichts mehr von diesem
erblicken, und als er selbst den Fleck erreichte, suchte er vergebens nach
einer Schweißspur. Es war der erste Hirsch, den er jemals im Freien gesehen
hatte, und untröstlich schaute er mit der Ueberzeugung um sich, daß er ihn
gefehlt habe. Während er nun seine Büchse wieder zu laden begann, war Pluto
in das Dickicht gelaufen und ließ plötzlich seine Stimme in flüchtiger Jagd
ertönen. Carl rannte in gleicher Richtung auf dem Wege hin, war aber nur
einige Augenblicke gelaufen, als der Hund verstummte, der Hirsch dagegen
gellende Klagetöne ausstieß. Carl stellte die Büchse an einen Baum, zog
das Jagdmesser und sprang dem Schreien nach in den Wald hinein. Wiederholt
mußte er sich mit dem Messer durch die Ranken den Weg bahnen, bis er
wirklich den Hirsch vor sich sah, den Pluto niedergerissen hatte. Die
Freude Carls überstieg alle Grenzen, er gab dem Thiere den Todesstich, zog
es dann mit großer Anstrengung und Mühe bis auf den Weg und eilte nun zu
seinem Pferde zurück, welches noch auf demselben Platze, wo er es verlassen
hatte, ruhig graste. Nachdem er die Ladung seiner Büchse wieder vollendet
hatte, führte er sein Roß zu dem Hirsche, und ergötzte sich an dem Anblick
des erlegten Wildes, bis er plötzlich das Knarren des Wagens hörte. Schnell
schwang er sich in den Sattel und eilte davon, damit die Seinigen durch
die Jagdbeute überrascht werden sollten. Bald darauf kamen die Ochsen im
langsamen Schritt heran und die Vordersten stutzten vor dem mitten im Wege
liegenden, todten Thiere, ehe Daniel dasselbe gewahrte. Der Neger jubelte
laut auf, sprang vom Pferde und zog den Hirsch bis hinter den Wagen, damit
Madame Turner und die Kinder ihn sehen sollten, und Turner war gleichfalls
abgestiegen, um ihn zu betrachten und Daniel behülflich zu sein, ihn auf
den Wagen zu heben.
»Carl fängt wahrhaftig an, uns im eigentlichen Sinne des Wortes zu
ernähren,« sagte Turner halb im Scherz, halb im Ernst, »welche Freude wird
es ihm aber gemacht haben, uns so überraschen zu können.«
»Ja, und wie gut hat er den Hirsch geschossen, die Kugel sitzt gerade auf
dem Blatt; er wird einmal ein tüchtiger Jäger werden,« fiel Daniel ein,
indem er das Thier mit abgebrochenen Büschen bedeckte, um es gegen die
Fliegen zu schützen.
Carl war während dieser Zeit wieder vorangeeilt, in der Hoffnung, noch
einen Schuß nach Wild anzubringen; zu seinem Leidwesen aber lichtete sich
bald der Wald, und der Weg führte nun durch offene Grasfluren und Felder
nach dem Städtchen Marion. Carl erwartete in dem Schatten der letzten Bäume
die Wagen, während er sein Pferd grasen ließ, und wurde von den Seinigen
mit Jubel begrüßt und belobt über den Meisterschuß, den er gethan hatte.
Die Sonnenstrahlen fielen jetzt drückend auf die Reisenden nieder, so daß
Madame Turner und die Kinder Regenschirme aufspannen mußten, und auch Herr
Turner bediente sich eines solchen, um sich gegen die Sonne zu schützen;
Carl aber ertrug sie ohne Beschwerde, und meinte, ein Jäger mit einem
Regenschirm müsse ausgelacht werden. Nach einigen Stunden erreichten
die Wanderer zu ihrer großen Erquickung wieder den Wald, der sie ohne
Unterbrechung überschattete, bis sie bei sinkender Sonne an einem kühlen
Wasser ihrer Tagereise ein Ziel setzten. Es war zum ersten Male, daß
Turners eine Nacht unter Gottes freiem Himmel zubringen sollten, und wenn
sie sich dies während ihres ruhigen wohlgeborgenen Lebens auf der Kluse
auch als etwas Schreckliches, kaum Mögliches gedacht haben würden, so hatte
es jetzt etwas Reizendes, Bezauberndes für sie. Zwischen den kolossalen
Stämmen der himmelhohen Bäume, auf welche die Sonne hier und dort ihre
letzten rothen Lichter durch die dunkelgrünen Laubmassen warf, wurde auf
dem üppigen hohen Grase hart an dem Ufer des rauschenden Wassers das Zelt
aufgeschlagen, und vor ihm das Lagerfeuer angefacht, dessen flackerndes
Licht die schnell einbrechende Dunkelheit auf weithin zurückdrängte, und
das hohe Laubdach mit seinem tausendfach verschlungenen Rankengeflecht und
seinem bunten Blumenflor glühend beleuchtete. Während Daniel seinem jungen
Freunde Anweisung gab, wie der Hirsch zerlegt werden müsse, war Madame
Turner mit Julie so recht innig vergnügt beschäftigt, das Abendbrod an dem
Feuer zu bereiten, den Kaffee zu kochen, aus Maismehl das Brod zu backen
und die Pfanne herzurichten, um die zarten feisten Stücke Wildpret, welche
Carl ihr jetzt reichte, zu braten. Turner hatte die Pferde in dem Bache
getränkt und gab ihnen Mais zum Abendfutter in den hölzernen Trog, welcher
zu diesem Behuf hinter dem Wagen befestigt war, nachdem er den Ochsen eben
solche Tröge vorgestellt, und ihnen darin den nöthigen Mais verabreicht
hatte. Der Hirsch war bald zerlegt, die einzelnen Theile in der Nähe des
Zeltes an Aeste aufgehangen und die Haut mit langen Stöcken ausgespannt,
welches Daniel dadurch bewerkstelligte, daß er dieselben an beiden Seiten
zuspitzte und übers Kreuz in den Hautrand einstach. Er hatte sie nahe vor
dem Feuer aufgestellt, damit sie durch dessen Hitze getrocknet und vor
Verderben geschützt werde.
Madame Turner rief jetzt zum Abendessen, welches auf dem Deckel einer
großen Kiste vor dem Zelte aufgetragen war; ihre Lieben ließen sich um
denselben im Grase nieder, und auch Daniel setzte sich auf Turners Wunsch
mit in die Reihe. Es mundete Allen herrlich, denn der lange Tagesmarsch
hatte das Mahl gewürzt, und Alle meinten, so gut hätte es ihnen doch
niemals in Deutschland geschmeckt. Es war eine lauwarme stille Nacht, der
Rauch und die Funken des lustig flackernden Feuers wirbelten sich wie
eine golddurchwirkte Säule gerade zum Himmel auf, und hier und dort in den
Oeffnungen zwischen den unbewegten riesigen Baumkronen blitzten die hellen
Sterne am dunkeln Firmament. In dem weiten Kreise, den das Feuerlicht um
das Lager schuf, zitterten die schwarzen langen Schatten der majestätischen
Baumstämme auf den Laubmassen, und weiter hin in der Finsterniß des Waldes
schwebten Myriaden von leuchtenden Insecten. Spät noch saßen Turners, von
der Schönheit der Nacht entzückt, und lauschten den Erzählungen Daniels. Er
sprach von den unabsehbaren wogenden Grasfluren der westlichen Länder, von
dem wundervollen Blumenflor, womit dieselben Jahr aus Jahr ein geschmückt,
von den kristallhellen brausenden Gewässern mit ihren goldig schimmernden
Fischen, von dem durchsichtig blauen Himmel und von der ewig bewegten
kühlen Luft, die erquickend und stärkend über jene Länder ziehe. Unter den
Indianern geboren, war deren hoher Sinn für die Schönheiten der Natur auf
ihn übertragen, und seine lebendigen gefühlvollen Beschreibungen von den
Fluren, wohin er die Wanderer jetzt führte, begeisterten diese mit den
beglückendsten Hoffnungen. Endlich mahnte Turner an die Nachtruhe und begab
sich mit den Seinigen in das Zelt, während Carl es vorzog, bei Daniel
vor dem Feuer zu schlafen. Dieser machte ihm nach Jägerbrauch ein Lager
zurecht, breitete die wollene Satteldecke für ihn aus, gab ihm den Sattel
als Kopfkissen und hieß ihn seine Büchse als Schlafkameraden neben sich
legen. Ruhig und in wonnigen Träumen, wie sie nur der Schlaf unter heiterem
Sternenhimmel zu geben vermag, schwand den Ruhenden die Nacht, und der
frühe Morgen, als noch das Laub sich unter dem schweren Thau neigte, sah
sie schon wieder auf ihrem Wege nach Westen. Ueber zwei Wochen wanderten
sie in dieser Weise vom Anbrechen bis zum Sinken des Tages durch das
waldbedeckte sumpfige Arkansas, und zwar oftmals halbe Tage lang, ohne auf
ein anderes Zeichen der Cultur zu stoßen, als die rohe, durch das Fällen
von Bäumen geschaffene Straße, auf der sie fuhren, verrieth. In den
einzelnen Farmen, an denen sie vorüber zogen, kauften sie Mais für die
Zug- und Reitthiere, Mehl und Kartoffeln für den eigenen Bedarf, und wurden
mitunter mit Milch, Buttermilch, Eiern und Butter beschenkt. So reich und
üppig der Boden dieser Farmen aber auch war, so kühl und heimisch deren
Wohnhäuser auch in dem Schatten dichtbelaubter uralter Bäume versteckt
lagen, so stand doch unverkennbar auf den bleichen kraftlosen Gestalten
ihrer Bewohner geschrieben, daß ein böser Feind, das Fieber, sich unter
ihnen aufhalte, welches fortwährend aus den endlosen Sümpfen der Wälder
erzeugt wurde. Mit verwunderten, oft neidischen, oft wehmüthigen Blicken
betrachteten die Leute auf diesen Ansiedelungen die frischen rosigen
Gesichter der deutschen Wanderer, und riethen ihnen auch wohl, nicht in
diesem Lande des Todes zu weilen. Das Fieber schien aber keine Gewalt über
die kräftigen gesunden Naturen der Turnerschen Familie zu haben, und frisch
und heiter begrüßten sie die ersten Grasfluren im westlichen Ende von
Arkansas. Der Anblick dieser Prairie, wenn sie auch nur einige Meilen im
Durchmesser hatte, überraschte und entzückte die Herzen unserer Reisenden
sehr. Das hin- und herwogende hohe Gras, die Farbenpracht der Blumen, die
aus demselben hervorsahen, der kühlende Luftstrom, der erfrischend darüber
hinzog, stand so sehr mit dem einförmigen beschränkten Bilde im Gegensatz,
welches der undurchdringliche Urwald mit seiner schweren, schwülen Luft
den Wanderern während einiger Wochen geboten hatte, daß sie wie aus einem
düsteren Gefängniß hervortraten und wieder frei aufathmeten. Noch einmal
sollte sie aber der unheimlich dichte Wald umfangen, und die Sonne stand
schon niedrig, als sie von der hochgelegenen Grasfläche in denselben
hineinfuhren. Die Bewohner einer an dem äußersten Anfange der Prairie
gelegenen Farm, von denen Turners mit Mais versorgt worden waren,
hatten sie aufmerksam darauf gemacht, daß sie in diesem Walde ein böses,
gefährliches Wasser finden würden, welches bei dem leichtesten Regen so
schnell steige und aus seinen Ufern träte, daß es die ganze Gegend zu
seinen Seiten auf viele Meilen weit überschwemme. Als die Wagen in diesen
Wald hinein fuhren, zogen schwere Gewitterwolken am Himmel hin, welche bald
die Sonne verdunkelten und sich immer drohender und schwärzer aufthürmten.
Daniel hielt die Stiere an, und fragte, ob es nicht besser sei, hier den
Regen abzuwarten, doch Turner zog es vor, noch an diesem Abend den Wald zu
durchziehen, da derselbe nur wenige Meilen breit sein sollte. Er fürchtete,
daß das Wasser steige und es ihnen dann vielleicht auf viele Tage, ja auf
Wochen unmöglich machen werde, den waldigen Grund zu passiren. Daniel trieb
nun die Ochsen zu verdoppelter Eile an, und während Turners ihm folgten,
ritt Carl Scharnhorst voran, um den Weg, und namentlich den Fluß in
Augenschein zu nehmen. Die Straße war nur breit genug für _einen_ Wagen und
bot Daniel kaum hinlänglich Raum, zu Pferde neben den Stieren herzureiten.
Dabei wurde der Weg immer sumpfiger und grundloser, so daß die Räder bis an
die Achsen versanken. Der Zuruf Daniels und die Peitsche trieben aber die
Ochsen mit Eile vorwärts, und schon konnte der Neger in einiger Entfernung
Carl erkennen, der sein Pferd in dem seichten Flusse tränkte, als das
Fuhrwerk über einen, im Morast versunkenen Baumstamm fuhr, und der schwere
eiserne Nagel, der den Vorder- und Hinterwagen zusammen hielt, mit einem
lauten Krach zerbrach. Daniel, der sofort erkannte, was geschehen war,
brachte im Augenblick die Zugthiere zum Stehen und theilte mit Bestürzung
Herrn Turner den Unfall mit, indem er zugleich auf das Gewitter hindeutete,
welches schon schwer über dem Walde hing. Turner sah mit Entsetzen den
Wagen an; in diesem Zustande konnte derselbe nicht vom Flecke bewegt
werden. War es wirklich möglich, daß das Wasser in so unglaublich kurzer
Zeit steigen könne, wie die Farmersleute gesagt hatten, so durften Turners
die Fluth schon binnen wenigen Stunden hier um sich erwarten, und dann war
an eine Rettung des Wagens und der Ladung nicht mehr zu denken. Wohin
man nach den Bäumen und Büschen blickte, erkannte man die Spuren früherer
Ueberschwemmungen an dem Schlamm, Schilf und Reisig, welches die Strömung
zehn Fuß hoch von der Erde an ihnen zurückgelassen hatte, so daß ein
solches Wasser die Fuhrwerke bedecken und wahrscheinlich mit sich fort
reißen mußte. Rathlos und ohne zu einem Entschlusse kommen zu können,
hielt Turner mit dem Neger bei dem Wagen, als Carl herangeritten kam, um
zu fragen, was die Ursache des Haltens sei. Unter Angst und Schrecken wurde
ihm der Grund mitgetheilt. Auch Carl war im ersten Augenblick bestürzt und
sah besorgt bald nach dem Wagen, bald nach dem angeschwemmten Reisig in den
Aesten der Bäume; dann aber wandte er sich rasch zu dem Neger und sagte:
»Daniel, Du hast mir ja von einer Holzart erzählt, aus welcher die Indianer
ihre Bogen verfertigen, und welches so hart und so zähe sei, wie Stahl;
sollte dies Holz vielleicht hier im Walde wachsen? dann könnte man ja einen
Nagel daraus machen.«
»An allen den Flüssen, etwas weiter westlich, trifft man dieses Holz an,
es wäre darum nicht unmöglich, daß es sich auch hier vorfände. Die Indianer
nennen es =bois d'arc=, oder Bogenholz. Ich will mich schnell einmal danach
umsehen,« antwortete der Neger, wie von einer Hoffnung belebt, band sein
Pferd mit dem Zügel an einen Baum, und eilte mit der Axt in der Hand in
das Dickicht hinein. Carl war abgestiegen und sprang auf den Wagen, um
die Kiste zu öffnen, in welcher die Werkzeuge sich befanden. Nachdem er
verschiedene derselben auf die Erde hinab geworfen hatte, begab er sich
unter das Fuhrwerk, um den Schaden näher zu untersuchen, und er hatte dort
nur wenige Minuten verbracht, als Daniel in der Ferne einen lauten Jubelruf
erschallen ließ.
»Er hat das Holz gefunden!« rief Carl freudig aus, hob die schwere Winde
dann von dem Wagen und setzte sie unter denselben, um ihn damit in die
Höhe zu heben. Turner war ihm dabei behülflich, indem er ein Stück Holz von
einem umgefallenen Baume des weichen Bodens wegen unter die Winde
legte, und nun begannen Beide mit vereinten Kräften den schweren Wagen
aufzuwinden. Bald war dies so weit geschehen, daß Carl die beiden Stücke
des zerbrochenen eisernen Nagels aus der Oeffnung hervornehmen konnte, und
nun hing Alles davon ab, ob Daniel wirklich das erwünschte Holz mit sich
brachte.
Ein heftiger Donnerschlag erschreckte jetzt die Hoffenden und mahnte sie
von Neuem an die Gefahr, in der sie schwebten. Zugleich fielen schwere
Regentropfen auf sie nieder und wenige Augenblicke später goß es wie ein
Wolkenbruch vom Himmel herab. Durch den dichten Regen wurde aber Daniel
jetzt sichtbar und zwar mit einem starken Ast in der Hand.
»Gottlob, nun sind wir gerettet!« rief Carl, ihm entgegentretend, und nahm
ihm das Holz ab. Schnell ergriff er dann das scharfe Beil, womit er den
Ast, um den Nagel daraus herzustellen, zu behauen begann. Das Holz aber
war so hart, daß die Arbeit nur sehr langsam von Statten ging und mit
jedem Hiebe ertönte der Stahl in hellem Klange. Dabei strömte die Fluth
ununterbrochen so gewaltig auf die Erde nieder, daß bald, so weit man sehen
konnte, die ganze Grundfläche einem See glich, der mit jeder Minute an
Tiefe zunahm, und bereits zu strömen begann. Madame Turner hatte sich mit
den Kindern in ihren Wagen geflüchtet, wo sie das starke darüber gespannte
Leinentuch gegen die Nässe schützte, während die beiden Männer das
Tuch über den großen Wagen strammer anzogen und Carl den Nagel eifriger
bearbeitete. Endlich war derselbe fertig, war passend und sauber abgerundet
und Carl setzte ihn mit Hülfe Turners und des Negers an den Platz des
eisernen Nagels ein. Dann ward der Wagen wieder niedergelassen und Alles
war zur Weiterfahrt bereit. Jetzt war es die Frage, ob das Stück Holz stark
genug sein würde, namentlich während des ersten Anfahrens, um der großen
Gewalt zu widerstehen, die gegen dasselbe wirken mußte; denn die Räder
waren bis an die Achsen versunken. Die Pferde wurden bestiegen, Carl ritt
voran, Daniel rief den Stieren zu und schwang die gefürchtete Peitsche
über deren Köpfen, sie legten sich mit aller Kraft in die Ketten und
unter schwerem Knarren und Aechzen setzte sich nach wiederholten äußersten
Anstrengungen der Thiere der Wagen in Bewegung. Das Wasser wurde mit jedem
Schritt tiefer und die Strömung stärker, und als die Stiere in den Fluß
hinein schritten, reichte ihnen die Fluth bis an die mächtigen Seiten
hinauf. Das Wasser stieg in den großen Wagen, konnte der Ladung aber keinen
Schaden zufügen, weil der untere Theil derselben aus Gegenständen bestand,
auf welche die Nässe nicht nachtheilig wirkte. Die Räder an dem Fuhrwerk
der Madame Turner waren sehr hoch, so daß der Strom kaum über den
Fußteppich in denselben drang, dennoch steigerte dies die Bangigkeit der
Frau und Kinder während der Durchfahrt sehr. Bald aber war das jenseitige
Ufer glücklich erreicht und mit frohen, von Angst befreiten Herzen
erkannten die Wanderer, daß der Grund unter ihnen wieder fester wurde. Der
Weg hob sich allmählig, er wurde steiler und trockener, der Donner
rollte nicht mehr so anhaltend, so fürchterlich, und der Regen verlor an
Heftigkeit. Hier und dort theilte sich bald darauf das eilende Gewölk, der
blaue Himmel schien hindurch und die sinkende Sonne warf noch ihre Strahlen
freundlich und mild auf die krystallhell glänzende Tropfensaat, die der
Regen an jedem Blatt, jedem Halme, jedem Reis zurückgelassen hatte. Jetzt
erreichten Turners am Ende des Waldes einige steile Höhen, von wo sie auf
die so gefahrvoll durchwanderte Niederung zurückblicken konnten. Das ganze
bewaldete Thal war ein reißender Strom, aus dessen weißschäumenden Wogen
die höheren Bäume emporragten und ihre unteren Aeste mit der Fluth spielen
ließen. Nach Westen aber, wo jetzt die Sonne nahe über dem flachen Horizont
stand, lag eine endlose unabsehbare Grasfläche vor den erstaunten Blicken
der Wanderer, und mit frohlockenden Herzen begrüßten sie diese erste offene
Prairie. Das üppige saftige Grün dieser weiten Flur war durch den Regen
erfrischt worden, und die letzten Blicke der Sonne beleuchteten glühend die
feurigen Blüthen der hohen Cactusarten, die sich in Turners Umgebung aus
dem Grase erhoben.
Unter einer Gruppe uralter, undurchdringlicher, dicht belaubter
Lebenseichen hielten die Wagen an und die müden Zugthiere wurden aus
ihrem Zwange erlöst. Heute sollten sie für ihre lange und schwere Arbeit
entschädigt werden, sie sollten sich während der Nacht an dem zarten
frischen Grase laben. Daniel hatte mit unglaublicher Schnelligkeit jedem
der Thiere die beiden vorderen Füße mit einem Streifen roher Ochsenhaut
zusammengefesselt, so daß sie dieselben nur zugleich vorwärts setzen
konnten und dadurch mehr oder weniger an weiterem Fortgehen gehindert
wurden. Dann trieb er sie dem Grase zu und überließ es ihnen, sich die
beste Weide zu suchen. Die Reitpferde wurden dagegen in der Nähe mit langen
Stricken an einzeln stehende Bäume ins Gras gebunden, damit auch sie sich
darin laben möchten, ohne sich weit vom Lager entfernen zu können. Turner
hatte auf einem steinigen Fleck das Zelt aufgeschlagen, Carl und die beiden
anderen Knaben hatten Reisholz herbeigeholt und dasselbe nicht ohne Müh
Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/48322