Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen

by Clementine Helm · German · Gutenberg #48064 · 433,068 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen

Author: Clementine Helm


        
Release date: January 24, 2015 [eBook #48064]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48064

Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
        http://www.pgdp.net (This file was produced from images
        generously made available by The Internet Archive)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BACKFISCHCHEN'S LEIDEN UND FREUDEN: EINE ERZÄHLUNG FÜR JUNGE MÄDCHEN ***

[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]




  Backfischchen's
  Leiden und Freuden.

  Eine Erzählung für junge Mädchen
  von
  Clementine Helm.

  Zweiundzwanzigste Auflage.

  Leipzig,
  Georg Wigand's Verlag.
  1882.




[Illustration]




Inhalt.


                                        Seite
   1. Die Abreise                           1
   2. Am Morgen                             7
   3. Visiten                              17
   4. Freundschaft                         25
   5. Mittagessen                          34
   6. Verschiedenes                        40
   7. In Gesellschaft                      47
   8. Folgen                               60
   9. Noch eine Neuigkeit                  78
  10. Eugenie                              93
  11. Noch einmal Eugenie                 105
  12. Allerlei                            119
  13. Der Ball                            128
  14. Begegnung                           139
  15. Allerlei Neues                      149
  16. Die Braut                           162
  17. Der Mensch denkt -- Gott lenkt      174
  18. Ein froher Tag                      184
  19. Die Reise                           191
  20. Ein Abenteuer                       205
  21. Wieder im Vaterhause                212
  22. Nachtrag                            220




Backfischchen's Leiden und Freuden.




1.

Die Abreise.


Der Wagen war vorgefahren, Friedrich knallte mit der Peitsche und die
Braunen stampften ungeduldig den Fußboden. Noch einmal lag ich Vater
und Mutter weinend in den Armen, küßte noch einmal alle meine lieben
Geschwister und reichte dem versammelten Gesinde die Hand zum Abschied;
dann drückte ich mich schluchzend in die Ecke des Wagens, beugte
mich jedoch sogleich wieder zum Fenster desselben hinaus, um mit dem
feuchtgeweinten Taschentuche unzählige Abschiedsgrüße zurück zu winken. Nun
fuhr der Wagen durch das Dorf, und aus allen Fenstern, von allen Thüren
her tönten freundliche Grüße und Wünsche zu mir herüber, denn ich kannte
ja alle Bewohner dieser friedlich kleinen Bauerhäuser, war allen mehr oder
weniger nahe getreten während der glücklichen Kindheitstage, die ich hier
in der Heimath verlebte. Und nun sollte ich fort von allem, was meinem
Herzen bis jetzt das Liebste gewesen, fort von meinem Vaterhause und von
dem schönsten Orte der Welt, meinem lieben Heimathsdorfe! Neben mir im
Wagen saß eine sanfte, feine Frau von mittleren Jahren, deren mildes
Gesicht graue Löckchen umgaben, unter denen zwei kluge dunkle Augen
hervorblickten. Sie war es, die mich aus der Heimath hinweg führte nach
ihrem stillen Hause in Berlin. Dorthin sollte das junge Backfischchen
sie begleiten, um unter ihrem Schutze etwas von Welt und Leben kennen
zu lernen. Diese milde Frau hieß Tante Ulrike und war die verwittwete
Schwester meines Vaters, verehrt und geliebt von allen, die sie kannten.

Sie streichelte sanft meine Hand, die ich in meinem Schmerz in die ihre
legte, und sprach so liebe Trostesworte zu mir, daß ich mich bald etwas
beruhigte, denn an der Seite einer so lieben Gefährtin war ich gewiß nicht
so verlassen, als es mir bisher erscheinen wollte.

Jetzt fuhr der Wagen einem Gehölz zu, das auf der Höhe sich weit hinzog,
und noch einen letzten Blick sandte ich zurück nach meinem lieben Dorfe.
Der Kirchthurm und die kleinen Bauerhäuser alle blickten mich so freundlich
an, die grünen Fensterladen am Giebel unseres Hauses konnte ich noch ganz
deutlich erkennen, mir war, als wehte von dort ein weißes Tuch herüber, und
wehmüthig erwiderte ich den Gruß. Dann entzogen mir die Bäume neidisch alle
weitere Aussicht, und ich hing still meinen Gedanken nach, in denen mich
die Tante auch wenig störte.

Nach einigen Stunden waren wir in Magdeburg, von wo die Eisenbahn uns
der Residenz zuführen sollte. Hier trennte sich der letzte Bote aus dem
Vaterhause von mir, der alte treue Kutscher Friedrich, mit den lieben
beiden Braunen, die ich so oft selbst an der Leine gehabt, wenn wir auf das
Feld hinaus fuhren, Getreide oder Heu einzuholen. Tausend, tausend Grüße
trug ich ihm noch auf für jeden Einzelnen in Schreibersdorf, immer wieder
streichelte ich die Pferde und gab ihnen noch ihre Leckerbissen, Weißbrod
und Zucker, strich zärtlich über die blauen Sitzkissen der lieben weichen
Chaise und verfolgte dann mit Thränen im Auge lange noch die Staubwolke,
die hinter dem fortrollenden Wagen dahinzog.

Ein Spaziergang, den ich mit der Tante durch die Stadt und deren Umgebung
machte, zog mich endlich von meinen trüben Gedanken etwas ab, und die Fahrt
auf der Eisenbahn durch Gegenden, die mir noch fremd waren, zerstreute mich
sehr wohlthätig. Die Tante verstand es gar zu gut, die Aufmerksamkeit
rege zu erhalten für alles, was an uns vorüberzog, und auch die
Reisegesellschaft beschäftigte meine Gedanken vielfältig. Endlich öffnete
die Tante sogar eine Schachtel mit allerlei leckern Früchten und Kuchen,
die Mama ihr heimlich für mich mitgegeben, und der reiche Inhalt derselben
zeigte mir so ganz das liebe, sorgliche Mutterherz, das ihrem Kinde auch in
der Ferne noch Freude machen wollte. Ich war wirklich noch Kind genug,
um mit diesen köstlichen Leckerbissen meine letzten Thränen hinab zu
schlucken, und so hatte meine beste Mama den Zweck erreicht, den sie damit
im Sinne gehabt.

Hellen Auges zog ich endlich der großen Stadt entgegen, die sich jetzt
vor uns ausbreitete, und mit neugierigen Blicken schaute ich mich in den
Straßen um, durch welche wir dann fuhren. Die schönen Häuser und glänzenden
Kaufläden erregten meine volle Bewunderung, hohe Statuen sahen hier und da
ernst zwischen grünen Bäumen hervor, breite Brücken führten über den Fluß,
der die Stadt durchschnitt, und stattliche Kirchen und Paläste blickten
stolz und würdig auf mich armes Landmädchen hernieder. Alles verkündete die
Hauptstadt, die Residenz eines großen Fürsten.

Endlich hielt der Wagen in einer der breiten Straßen vor einem freundlich
aussehenden Hause, das nicht so hoch in den Himmel hinein ragte als seine
Nachbarn, die mir ordentlich das Herz bedrückten durch ihre unzähligen
Fenster. Hier in der gewaltig großen Stadt, wo so zahllose Menschen Platz
finden wollten, mußte man freilich hoch in die Luft hinein bauen; selbst
die Keller der Häuser, in welchen bei uns kein Mensch sich aufhalten
möchte, sah ich von unzählig viel Familien bewohnt, und kein Plätzchen
schien unbenutzt gelassen. Das hübsche Haus der Tante hatte nur wenig
Mitbewohner und sprach durch sein zierliches sauberes Ansehn von Wohlstand
und Behaglichkeit. Ein kleiner schattiger Garten umschloß seine Rückseite,
und da an denselben keine Straßen, sondern wieder andere Gärten anstießen,
so konnte man beim Blick über diese grünen Bäume ganz vergessen, daß man
sich in der geräuschvollen Residenz befand.

Hier also sollte ich nun die nächste Zeit verleben, hier in dem fremden
Hause, der fremden Stadt, den neuen Verhältnissen! O wie bang klopfte mir
mein Herz, als ich die Stufen der Treppe hinauf stieg, hinter Tante Ulrike
und der saubern Dienerin her, welche sich mit den unzähligen Packeten und
Schachteln bepackt hatte, die mich auf der Reise begleiteten. Schüchtern
blieb ich an der Thürschwelle des schönen Zimmers stehen, in das wir
eintraten, und wagte nicht, meine Sachen abzulegen. Da aber kam Tante
Ulrike freundlich auf mich zu, zog mich liebevoll an ihr Herz und sagte:
»Nun sei mir willkommen in meinem Hause, mein liebes Kind! Gott gebe, daß
du dich wohl und glücklich hier fühlen mögest, und meine Liebe dir die
Heimath ersetze!« Mit welcher Innigkeit schmiegte ich mich an die Brust
dieser lieben, lieben Tante! O wie allein, wie schrecklich allein und
verlassen hätte ich in dieser großen, fremden Stadt dagestanden ohne diese
treue, mütterliche Freundin! Aber an ihrer Seite, unter ihrem Schutz konnte
ich getrost all dem Neuen und Fremdartigen entgegen gehen, das mich hier
erwartete.

Nun führte mich die Tante in ihrer ganzen Wohnung umher, die für eine
einzelne Frau sehr groß und geräumig war. Ueberall herrschte die größte
Sauberkeit, sowohl in den Zimmern, als in Küche und Wirthschaftsräumen,
alles war reich und gut eingerichtet, überall erkannte man behagliche
Fülle, aber nirgends blendende üppige Pracht oder modernen Luxus. Einfach
und gediegen, das war der Eindruck, den alles umher auf mich machte, und
ebenso war ja auch die ganze Erscheinung der Bewohnerin dieser Räume. Es
lag etwas in dem Wesen der Tante, das mir immer wieder geheime Bewunderung
erweckte, und doch war durchaus nichts Auffallendes in der Art und Weise
dieser stillen, feinen Frau, im Gegentheil, alles erschien so einfach, so
natürlich, man hätte meinen sollen, gerade so und nicht anders müsse
man auch sprechen, gehen und sich bewegen. Aber das war ja eben das
Ausgezeichnete an ihr, nirgends ein Mangel, nirgends etwas, das man anders
gewünscht hätte. Damals wußte ich mir nicht Rechenschaft zu geben, worin
das Harmonische eigentlich bestand, das sie umgab, jetzt aber weiß ich es,
-- es war eben die gute Erziehung!

Erst jetzt neben dieser ausgezeichneten Frau fühlte ich mehr und mehr, wie
sehr mir armen Landmädchen die feinere Erziehung noch fehlen möchte. Zu
Haus auf dem Dorfe, in einfachen Verhältnissen, und mitten unter den vielen
kleinen wilden Geschwistern war mir nie dieser Gedanke gekommen. Aber
meine liebe Mama, welche durch die vielen Kinder und große Kränklichkeit
abgehalten wurde, sich mehr mit meiner Erziehung zu beschäftigen, und die
ihre eigene Jugend nur auf dem Dorfe verlebt hatte, fern von den feineren
Sitten und Gewohnheiten der Städte, sie wünschte sicher lange schon, daß
ihr ältestes Töchterchen in anderen Verhältnissen lernen möchte, was das
Vaterhaus ihr nicht bieten konnte. In den stillen, häuslichen Tugenden, mit
denen meine geliebte Mutter das Glück ihres Hauses begründete, hatte sie
mich mit Sorgfalt und Treue unterwiesen, und nie in meinem Leben kann ich
ihr dafür genug danken. Ihre Lehren bildeten die Grundlage alles dessen,
was das spätere Leben mir zuführte, und wodurch Herz und Verstand seine
fernere Entwicklung erhielt. Daß ich diese weitere Ausbildung aber nirgends
besser finden konnte, als an der Hand unsrer lieben Tante Ulrike, das
wußte meine Mama recht wohl, da sie selbst die treffliche, feingebildete
Schwägerin so aufrichtig verehrte. Wie gern überließen meine Eltern
mich ihr deshalb für einige Zeit, als sie sich erbot, für meine weitere
Ausbildung Sorge zu tragen. Welchen treuen, liebevollen Händen ich
anvertraut worden, das fühlte ich selbst gar bald.

In der ersten Zeit meines Aufenthaltes aber bei der Tante war ich
unaussprechlich bedrückt und unglücklich, denn neben dieser fein gebildeten
Frau fühlte ich jeden Augenblick, wie hölzern ich mich bewegte, und meine
angeborene Schüchternheit vermehrte die Aengstlichkeit meines Benehmens.
Wie ein steifer Perückenstock stand ich an Tantes Seite, und so oft sie mit
mir sprach, wurde ich bis unter das Haar hinauf feuerroth und wagte nicht
zu antworten, denn ich kam mir gar zu albern und kindisch vor. Die sanfte
Freundlichkeit der Tante wirkte aber bald ungemein wohlthätig; meine
Schüchternheit schmolz davon wie Schnee vor der Sonne, und ich gewann
nach und nach meine kindliche Heiterkeit wieder, trotz aller Fehler und
Verstöße, die ich immer von Neuem beging. Die Tante sagte mir schon
am ersten Tage sehr liebevoll, sie werde mich gleich von vorn herein
erbarmungslos auf alles aufmerksam machen, was sie anders wünsche, nur
müsse ich dabei nicht ungeduldig werden, böse sei es nie gemeint. Natürlich
versprach ich dies aus vollem Herzen, und hielt es tapfer und standhaft, so
schwer es mir oft genug wurde.

Was mir nun von diesem meinem Aufenthalte im Hause der Tante noch im
Gedächtniß geblieben, das erzähle ich euch, meine lieben Freundinnen, jetzt
mit offenem Herzen, es sind gar liebe Erinnerungen für mich. Und da das
Geschlecht der Backfischchen noch bis auf den heutigen Tag grünt und blüht,
so ist unter ihnen gewiß eins oder das andre, das sich in seiner 15jährigen
Haut ebenso unbehaglich fühlt, als es bei mir der Fall war, und ihnen mögen
denn diese Zeilen zum Troste und zur Unterhaltung dienen.




2.

Am Morgen.


»Du sollst mit in meinem Zimmer schlafen, Gretchen!« sagte Tante Ulrike,
als sie mich in ihrer Wohnung umher führte, und dabei öffnete sie ein
nettes, behagliches Stübchen. Mit ängstlicher Scheu blickte ich nach dem
zierlichen Himmelbett, unter dessen schneeweißen Gardinen ich von jetzt
an träumen sollte. Mein einfaches Bettchen zu Haus entbehrte jeglichen
Schmuckes, und doch, wie himmlisch hatte ich darin geschlafen! Das Bett der
Tante war auch von langen, weißen Vorhängen umgeben, deren Schnüre von dem
Schnabel eines Adlers gehalten wurden. Das Thier sah mich so böse an, als
ärgere ihn der neue Ankömmling, mir wurde ganz unheimlich zu Muthe. Zum
Glück schien es mir bald, als blicke er von Tag zu Tage freundlicher auf
mich armes Kind hernieder, er mochte wohl einsehen, daß ich den besten
Willen mitbrachte, es jedem recht zu machen.

Neben meinem Bett stand ein niedliches Waschtischchen, ebenfalls von
Gardinen umwallt, und alle möglichen Toilettengegenstände schmückten
dasselbe. Ein weicher Teppich bedeckte den Fußboden, grüne Vorhänge
harmonirten mit der grünen Tapete der Wände, und machten das Zimmer
ungemein behaglich. Das Beste darin aber war der Platz meines Bettes
unmittelbar neben dem Fenster, das nach dem Garten hinaus führte. Von
hier aus fielen meine Blicke ja gleich beim Erwachen auf Himmel und Bäume,
gerade wie es zu Hause gewesen in der großen Unterstube, in welcher wir
Kinder schliefen.

Mit welch' unbeschreiblich schwerem Herzen drückte ich am ersten Abend
meinen Kopf in die weichen Kissen meines Himmelbettes! Ach es war die
erste Nacht, die ich außer dem Vaterhause zubrachte, die erste Trennung
von meinen Lieben in der Heimath! Thräne auf Thräne rollte auf die weißen
Kissen, und unnennbares Heimweh bedrückte mein Herz. Endlich aber faltete
ich still meine Hände und suchte Trost und Ruhe bei Dem, der ja auch hier
über mir wachte, und dessen Hand mich auch hier gütig und väterlich leiten
würde, wie sie es bisher gethan. Ein süßer Friede kam während des Gebetes
in mein Herz, und ruhig schloß ich endlich die Augen, um im Traume wieder
dorthin zu fliegen, wo mein Herz und meine Gedanken weilten, nach dem
lieben, theuren Vaterhause!

Wie erstaunt war ich, als ich am andern Morgen erwachte, und halb noch im
Geiste unter meinen lärmenden Geschwistern, mich nun hier in dem stillen,
grünen Zimmerchen fand. Mit einem leisen Seufzer besann ich mich endlich
auf alles und blickte nun spähend nach dem anderen Himmelbett hinüber,
ob dessen Bewohnerin schon erwacht sei. Sie nickte mir einen freundlichen
Morgengruß zu und fragte, wie ich geschlafen.

»Sehr gut, liebe Tante,« sagte ich fröhlich. »Ich habe die ganze Nacht
von Schreibersdorf geträumt und von all meinen Geschwistern. Sie sind heut
gewiß rechte Langschläfer, da ich sie nicht aus den Federn treibe.«

»Du scheinst mir auch noch nicht ausgeschlafen zu haben, Kleine!« sagte die
Tante lächelnd, als ich jetzt den Mund zu einem lauten Gähnen öffnete, und
ohne die Hand vorzuhalten, die Tante anblickte. »Hu, verschling mich nicht,
Mädchen!« rief diese, sich die Augen zuhaltend, und beschämt steckte ich
meinen Kopf wieder unter die Decke. Es war die erste Unmanier, mit der ich
den Tag begann, und sie machte so tiefen Eindruck auf mich, daß ich mein
Gähnen seitdem außerordentlich cultivirte.

Die Tante mahnte jetzt zum Aufstehen, und so fuhr ich denn schleunigst, wie
ich all mein Lebtag gethan, mit beiden Beinen unter dem Deckbett hervor und
kauerte mich im allerleichtesten Nachtkostüm auf den Fußboden, um mir dort
die Strümpfe anzuziehen.

Ein herzliches Gelächter der Tante brachte wieder dunkle Gluth auf
mein Gesicht. »O,« rief sie lustig, »wie alt ist denn das liebe kleine
Hemdenmätzchen dort an der Erde, das fünf Fuß preußisch in der Länge mißt?«

Wie der Blitz flog ich bei diesen Worten der Tante hinter die Bettgardine,
und jetzt lernte ich erst deren Tugenden schätzen, denn bis ich mein gar
zu natürliches Nachtkostüm mit andern Kleidern vertauschte, schützte mich
diese gar trefflich. Beschämt kam ich hinter derselben wieder zum Vorschein
und eilte an das Bett der Tante, um derselben meinen Morgengruß zu bringen.

Den Gruß erwiderte sie freundlich, als ich ihr jedoch meine Lippen zum Kuß
darbot, schob sie mich sanft zurück und sagte:

»Erst waschen und den Mund reinigen, ehe man damit küßt, liebes Gretchen!«

Das war schon Dummheit Nummer drei, die ich beging, und ich war kaum aus
den Federn; zu welcher Summe würden Tante's Ermahnungen wohl angewachsen
sein, wenn ich am Abend mich wieder hinter den weißen Gardinen meines
Himmelbettes niederlegte!

Kleinlaut schlich ich zum Waschtisch, meine Morgentoilette zu machen, die
bisher zu Hause sehr wenig Zeit gekostet hatte. Ein wenig Wasser, eben
genug, um die Hände naß zu machen, genügte mir vollkommen zum Waschen,
und ohne mein weißes Nachtjäckchen abzulegen, fuhr ich mit dem nassen
Handtuchzipfel ein paar Mal über das Gesicht und den Nacken, ebenso schnell
ging es mit den Händen, und fertig war ich.

Die Tante war indessen aufgestanden und trat nun zu mir an den Waschtisch.

»Ist bei Euch auf dem Lande das Wasser so theuer, daß du so sparsam damit
bist?« fragte sie, auf die paar Tröpfchen im Waschbecken deutend.

»Ich brauche nicht mehr, Tantchen!« sagte ich verwundert.

»Ich wünschte, daß du diesem Geschäft etwas mehr Sorge zuwendest, es ist
gut sowohl für die Reinlichkeit als für die Gesundheit!« sprach die Tante
freundlich, und begann nun selbst ihre Toilette, der ich erstaunt zusah.

Zuerst goß sie eine große Menge Wasser in das Waschbecken, entblößte dann
Nacken und Arme von ihrer Umhüllung, und badete nun Kopf und Hals immer
und immer wieder mit einem großen weichen Schwamme, den sie im Nacken
ausdrückte. Dann rieb sie Arme und Hände mit schäumender Seife ab und rief
munter: »Wasser und Seife kannst du mir nie zu viel verschwenden! Nach
dem Verbrauche der Seife taxirt man die Cultur der Staaten, je mehr Seife
derselbe consumirt, je weiter ist er im Fortschritt.« Dabei überreichte sie
mir einen ebenso schönen, weichen Schwamm, als der ihrige war, und forderte
mich auf, nun ihrem Beispiele zu folgen. Verlegen machte ich mich an das
ungewohnte Werk und benahm mich dann auch dabei so geschickt, daß bald
alles um mich herum schwamm. Zum Ueberfluß stieß ich auch noch den
Wasserkrug um, und nun triefte alles rings umher, sowohl der zierliche
Waschtisch, als auch der Fußboden und meine Bettgardine, ja sogar die
Kleider auf meinem Stuhle.

»Himmel, wir ertrinken! Das nenne ich Wasser consumiren!« lachte die
Tante, nach mir umschauend, und rettete die noch trockne Umgebung vor
den strömenden Wogen. »Du bist ja riesenhaft cultivirt, meiner Theorie zu
Folge!«

»Ach der dicke Schwamm ist dran Schuld, Tantchen!« rief ich fast weinend
und blickte trostlos auf die Sündfluth um mich her.

»Alles will gelernt sein, Kind!« tröstete die Tante freundlich. »Mache
jetzt, daß du wieder trocken wirst, sonst bezahlst du meine Lehren mit
einem tüchtigen Schnupfen.«

»Wäre dies Anziehen doch nur erst überstanden!« seufzte ich im Herzen,
während ich mir das Wasser zur Reinigung des Mundes zurecht machte. »Was
wird dabei nun wieder falsch sein!« Aber das ging besser ab, als ich
gefürchtet. Die Bürste war köstlich fein, das Pulver von angenehmen Geruch,
und das half mir trefflich.

»Ich hoffe, du wiederholst dies Geschäft auch stets nach dem Mittagessen,
Kind?« sagte die Tante, als ich fertig war.

»Nach dem Mittagessen, Tantchen? Nein, bis jetzt that ich das nie!«

»So thue es ja von heut an, es ist vortrefflich für die Conservirung der
Zähne!«

»Ja wohl, liebe Tante!«

Ach wie oft habe ich in jener Zeit »Ja wohl, liebe Tante!« gesagt! Hätte
ich für jedes Mal einen Thaler bekommen, ich wäre als Millionärin nach Haus
zurück gekehrt!

»Ich habe es gern, wenn junge Mädchen sich gleich am Morgen das Haar
flechten!« sagte die Tante, als ich mir eben meine braunen Zöpfe unter das
Morgenmützchen stecken wollte.

»Ja wohl, liebe Tante!« entgegnete ich demüthig und riß mein Häubchen
schnell wieder vom Kopfe und die Flechten herunter, daß die Nadeln umher
flogen.

»Ich lese dir indeß aus der Zeitung vor, Gretchen, nimm dir Zeit, daß du
ordentlich aussiehst, darauf halte ich etwas!« fuhr die Tante fort, indem
sie sich in einen Lehnstuhl setzte und mir aus der Zeitung allerlei vorlas,
wobei sie aber fortwährend über dieselbe hinaus und zu mir hin blickte, ob
ich auch alles regelrecht mache. Da hieß es denn bald: »Löse die Haare aus
dem Kamme, ehe du wieder damit kämmst! Lege das Haar nicht auf den Tisch,
sondern auf Papier! Nicht so fest flechten, hübsch gleichmäßig! Reinige
Kämme und Bürsten, ehe du sie fortlegst!« und was dergleichen kleine
Mahnungen mehr waren.

Endlich war das Werk vollbracht, und ich griff nach dem Morgenrock, um
mich, wie ich gewöhnt, bequem hinein zu hüllen.

»Nein Kind, ein junges Mädchen zieht sich gleich fertig an, nur keine
Verwöhnung!« sagte die Tante mir zusehend, und erstaunt legte ich das
verschmähte Kleidungsstück wieder auf die Seite. »Das ist vortrefflich,
wenn du krank bist, aber nicht in gesunden Tagen, mein Töchterchen!« fügte
sie freundlich hinzu. »Nur immer schmuck und =à quatre épeingles=! Ein
saloppes Mädchen ist etwas Widerwärtiges, und der Schlafrock verleitet nur
gar zu gern hierzu. Komm, ich will dir helfen, mein Kind!«

Dabei griff sie nach meinen Kleidern und befestigte mir freundlich alle
Bänder und Haken und Knöpfe, die zu meinem Anzuge gehörten.

»Ei ei! da sehe ich allerlei Dinge, die mir nicht gefallen!« tönte es aber
während ihrer Hülfsleistungen hinter mir, und dabei schwebte eines meiner
Rockbänder, das ich gestern in der Eile zusammen geknotet, als es tückisch
aus einander riß, verhängnißvoll in der Luft.

»Dergleichen darf nun und nimmer bei mir vorkommen, Gretchen!« sagte die
Tante streng. »Und hier, die Haken deines Kleides sind sämmtlich so lose,
daß sie sich von oben bis unten in ihrer ganzen Fülle an das Licht drängen!
Das geht nicht, geschwind hole ein andres Kleid, und das Rockband nähe
augenblicklich.«

Wie ein begossener Pudel schlich ich zum Kleiderschranke und that, wie mir
geheißen.

»Hat deine gute Mutter denn dergleichen Unordnung gelitten?« sagte die
Tante, während ich das Band annähte.

»Ach nein, Tantchen, niemals! Sie hält sehr auf Ordnung!« entgegnete ich
leise und fast weinend. »Ich bin auch nicht immer so nachlässig, es ging
gestern bei der Abreise nur so schnell, daß ich keine Zeit zum Ausbessern
hatte.«

»Ich will dir einen guten Rath geben, damit dergleichen nicht öfter
vorkommt, mein Kind!« sagte die Tante liebevoll. »Jeden Abend vor
Schlafengehen sieh regelmäßig all deine Sachen nach, die du andern Tages
anziehen willst, und bringe das Fehlende daran in Ordnung. So viel Zeit hat
man da immer, und entbricht man sich dadurch etwas am Schlafe, so hat das
nicht viel zu bedeuten. Wie man Herz und Seele vor dem Einschlafen prüfen,
und wie man sich vornehmen soll, alles das besser zu machen, was an diesem
Tage nicht recht war, ebenso muß man auch den äußeren Menschen in Ordnung
halten, und am Schlusse des Tages nachhelfen, wo etwas fehlt. Solche kleine
gute Angewöhnungen tragen gute Früchte, das sollte man immer bedenken.
Vernachlässigte kleine Schäden wachsen schnell zu großen an, sowohl im
Kleid als im Herzen, und dann macht jede Reparatur zehnfache Arbeit.«

Ich küßte der guten Tante still die Hand, mit der sie mir die Wange
streichelte. Da bemerkte ich, wie sie plötzlich ein halb ernstes, halb
komisches Gesicht machte und auf meine Hände blickend sagte: »Du hast ja
Hoftrauer, Gretchen!«

»Hoftrauer, liebe Tante? Was meinst du damit? Ist jemand von der
königlichen Familie gestorben?« fragte ich verwundert.

»Wie? den Ausdruck kennst du nicht?« lachte die Tante und hielt meine
beiden Hände mir vor das Gesicht. »Das hier nennt man Hoftrauer, Kind,
deine zehn schwarzen Fingernägel, denen keine Nagelbürste zu Hülfe gekommen
ist! Geschwind, lege die Trauer ab, ich habe auf deinem Waschtische
reichlich für die Mittel dazu gesorgt, geh und bürste deine Nägel!«

»Geh und bürste deine Nägel!« Ich ging und versuchte mein Heil, das erste
Mal in meinem Leben, zu Haus hatte nie jemand meine Finger dieser Procedur
unterworfen. Tantchen kam bald zu meiner Hülfe herbei, und das war gut, nun
erfuhr ich doch, wozu die netten kleinen Bürsten und Haken da waren, die
meinen Waschtisch schmückten. Es ist wahr, als zum ersten Male in meinem
Leben so schöne weiße Nägel an meinen Fingerspitzen prangten, sahen die
Hände noch einmal so hübsch aus.

»Gretchen, die Morgenschuh gehören auch in das Bereich der Dinge, welche
junge Mädchen außerhalb des Schlafzimmers nicht an den Füßen dulden
sollen!« wandte sich die Tante noch einmal zu mir, indem sie meinen Füßen
verdächtige Blicke zuwarf. »Auch blitzt es noch gewaltig, mein Herz.«

»Es blitzt?« rief ich erstaunt und blickte nach dem Fenster. Die Tante
lachte abermals herzlich über meine Einfalt und sagte: »Bist du denn eben
vom Baume herunter gefallen, Mädchen, daß du die Redensart auch noch nicht
kennst? Der Schlitz deines Kleides steht offen, das nennt man blitzen, du
kleines Närrchen! Gewiß hast du ihn nicht zugesteckt!«

»Nein, das thue ich nie, Tantchen!« erwiderte ich verwundert.

»Ja das gehört aber auch zur Ordnung, Kind!« entgegnete die Tante, das
Versäumte nachholend. »Es ist ein häßlicher Anblick, oft bei ganz eleganten
Toiletten diese Nachlässigkeit zu bemerken.«

Während ich nun noch die verpönten Morgenschuh von meinen Füßen streifte,
um sie mit straffen Schnürstiefeln zu vertauschen, verließ die Tante unsere
Schlafstube, und bald folgte auch ich ihr nach dem Wohnzimmer, wo das
Frühstück uns erwartete. Als ich dort eintrat, kam Tante Ulrike freundlich
auf mich zu, nahm meinen Kopf zwischen beide Hände und drückte einen
herzlichen Kuß auf meine Lippen.

»Siehst du, jetzt bekommst du gern, was ich dir vorhin versagte!« sprach
sie heiter. »Es ist eine arge Zumuthung, von unsaubern und unappetitlichen
Lippen geküßt zu werden, und das vergessen gar viele Menschen, nicht blos
meine kleine, liebe Grete! -- Aber nun komm zum Kaffee, mein Töchterchen!«
fuhr die Tante fort, und brachte die zierliche gemalte Kaffeekanne herbei.
»Heut ist er schon fertig, aber von jetzt an übergebe ich dir das Geschäft
des Kaffeekochens, sowie Abends auch die Theebereitung. Ich mache all' das
gern in meinem Zimmer, das Summen des Theekessels ist gar zu behaglich.«

Geschäftig eilte ich, der Tante die Tasse mit Kaffee zu füllen und ihr
denselben mit Sahne und Zucker zu versetzen.

»Erst Zucker, dann Sahne, das ist eine alte Regel, sonst giebt es eine
unglückliche Liebe!« scherzte die Tante, indem sie mir zusah. »Und dann
gieß die Tasse nicht so voll und schütte nichts über!«

»Ach verzeih!« rief ich erröthend und goß schnell aus der Untertasse wieder
in die obere, was beim Hinreichen übergeflossen war. Aber nun kam ich aus
dem Regen in die Traufe, wie man zu sagen pflegt, denn das war ja erst
recht unschicklich.

Endlich setzte auch ich mich zum Frühstück nieder und machte mir ganz
behaglich, wie zu Hause, eine recht schöne »Brockei«, wie wir Kinder es
nannten, das heißt, ich stopfte eine Menge Weißbrod in die Tasse, daß es
vom Kaffee dick aufgeschwemmt wurde und hoch oben hinaus stand.

»Du bist doch noch ein recht ordentliches Kind!« rief die Tante und sah mir
lächelnd zu. »Nun laß es dir gut schmecken! Wenn wir unter uns sind, will
ich dir dein Vergnügen nicht stören, aber in Gesellschaft von Andern mußt
du solchen Kaffeepudding schon dran geben.«

»Wie schade! das schmeckt so gut, Tantchen!« sagte ich kindisch, und
blickte mein süßes Gericht zärtlich an. Die zweite Tasse jedoch versuchte
ich, nach Tante Ulrike's Angabe, ganz manierlich hinunter zu schlürfen; da
er aber sehr heiß war, goß ich ihn in die Untertasse, damit er schneller
abkühlte, und führte dieselbe dann pustend an die Lippen.

»Das schickt sich ja aber wieder nicht, Kind!« lachte die Tante, und
erschrocken setzte ich schnell die Tasse nieder.

»Wir Kinder haben zu Haus immer aus der Untertasse getrunken!« sagte ich
erröthend.

»Das glaube ich gern, Kindern ist eben alles erlaubt!« entgegnete die
Tante. »Aber du bist ja doch bei mir um das zu lernen, was sich für
erwachsene Leute schickt, und die Kinderschuh abzustreifen, und drum quäle
ich dich so ohne Erbarmen, du armer kleiner Backfisch! Nun wollen wir es
aber für heut gut sein lassen, mache jetzt, was du Lust hast, sonst vergißt
du am Ende eins mit dem andern. Heut habe ich dich mit den Pflichten und
Regeln des Morgens gepeinigt, das war Lection Nummer I. Ich denke, wenn wir
alle Tage solch Kapitelchen durchnehmen, so werden wir ja wohl in Jahr und
Tag so ziemlich mit dem fertig sein, was ein Backfischchen zu lernen hat.«

In dieser freundlich heitern Weise verstand es Tante Ulrike, mich
ungehobeltes Dorfmädel nach und nach etwas abzuschleifen, was gewiß keine
leichte Aufgabe war. Die Milde und Geduld, mit welcher sie mich auf alles
aufmerksam machte, ließ in mir jede Aufwallung von Aerger oder Unwillen zur
Unmöglichkeit werden. Wenn ich auch noch so viel Falsches und Thörichtes
that, noch so viel Verweise erhielt, immer war ich nur von Dank erfüllt
gegen die, welche meine Erziehung mit so viel Selbstverleugnung und Liebe
übernommen hatte, und das größte Bestreben, diese Bemühungen mit Eifer und
Aufmerksamkeit zu vergelten, beseelte mich an jedem Morgen von Neuem.

Aber freilich, was hatte ich alles zu merken, was alles anders zu machen,
als ich es bisher gethan hatte! Wie eine Fluth brauste es über mich daher,
denn nur allein der Morgen, wie reich war der an vielfachen Rügen und
Mahnungen gewesen! Welch' langen Herzenserguß sandte ich da gleich am
ersten Tage nach meinem lieben Vaterhause! -- Ach dort war stets alles
recht und gut, was ich that, dort war ich noch ein Kind, für das sich alles
schickte, und wie glücklich und seelensfroh war ich dabei gewesen! Aber
jetzt! Jetzt war ich kein Kind mehr, jetzt sollte ich ein erwachsenes
Mädchen vorstellen, mit neuen Pflichten und neuen Anforderungen! Da kamen
mir immer und immer wieder die Schlußworte jenes schönen Liedes in den
Sinn, die auch ich aus tiefstem Herzen seufzte: »O selig, o selig, ein Kind
noch zu sein!«




3.

Visiten.


So deutlich, wie mir dieser erste Morgen im Hause meiner lieben »Tante
Anstand«, wie ich sie scherzend nannte, im Sinne geblieben, ist es freilich
mit alle den darauf folgenden Tagen und Stunden nicht der Fall. Doch stehen
mir besonders aus der ersten Zeit meines Aufenthaltes noch viele einzelne
Scenen so deutlich in der Erinnerung, als hätten sie sich eben erst
zugetragen, und von diesen will ich denn weiter erzählen.

»Hole dir Hut und Tuch, Gretchen, wir wollen einige Visiten machen!« sagte
die Tante eines Tages, und ich eilte, ihrer Weisung zu folgen, um schnell
fertig zu werden, denn sie liebte es gar nicht, auf mich zu warten. Nun
war ich aber an solch' feierliches Ausgehen gar nicht gewöhnt, denn zu Haus
stülpte ich schnell meinen Hut über und sprang sonst, wie ich war,
hinaus in Garten und Flur; Shawl, Handschuh, Schirme, Aufschürzer und was
dergleichen nöthige Gegenstände mehr waren, die zu einer Stadtpromenade
gehörten, kannte ich wenig. So kam es denn regelmäßig, daß ich jetzt irgend
etwas von diesen Dingen vergaß, was ich erst bemerkte, sobald wir unterwegs
waren, und natürlich wurde die Tante hierüber oft recht verdrießlich.

Heute nun hatte es geregnet, und so schürzte ich mit zwei niedlichen
Klammern, welche die Tante mir zu diesem Behufe geschenkt, mein Kleid
sehr sorgfältig auf, denn oft hatte die Tante mich aufmerksam gemacht, wie
häßlich es aussah, wenn nett gekleidete Damen entweder die guten Kleider im
Schmutze nachschleppten, oder sich dieselben so ungeschickt aufnahmen, daß
man alle Etagen ihrer Unterkleider verfolgen konnte, wobei sich oft nicht
eben das Sauberste den Augen darbot. »Oben hui, unten pfui!« wie Tantchen
sagte. Mit Shawl und Regenschirm wohl ausgerüstet folgte ich eilig meiner
Führerin, welche wie gewöhnlich früher als ich fertig war. Auf der Treppe
aber bemerkte ich erst, daß ich meine Handschuh vergessen, und erschrocken
sprang ich zurück, dies mir recht unangenehme Kleidungsstück zu suchen.
Glücklich holte ich die Tante auch bald ein, bemerkte aber in der Eile
nicht, wie naß die Straße war, und daß ich dünne Zeugstiefeln an den Füßen
hatte, bis die Tante plötzlich stehen blieb und auf mein Fußwerk zeigte.

»Ohne Ueberschuh in solchem Wetter, Mädchen?« rief sie unwillig. »Das geht
nicht! Erstens bekommst du nasse Füße, und zweitens verdirbst du deine
guten Zeugstiefeln. Kehre schnell um, hole dir Gummischuh und komm mir dann
nach, du kannst mich bei Geh. Rath Delius treffen, wohin ich zuerst gehen
werde.«

Auf Windesflügeln lief ich nach unsrer Wohnung zurück und holte die
vergessenen Schuh aus ihrem Kasten. Aber wie ärgerlich! Sie waren von dem
Schmutz des letzten Regenwetters noch völlig überdeckt, und ich mußte nun
warten, bis Dore sie mir gereinigt hatte.

»Warum dachte ich auch daran nicht und setzte die dummen Dinger schmutzig
in den Kasten!« brummte ich ärgerlich und trippelte vor Ungeduld mit den
Füßen. »Mach doch nur rasch, Dore,« schalt ich dann heftig, »ich kann
ja sonst Tantchen nicht mehr einholen, und muß dann allein bei Geh. Rath
Delius in das Zimmer treten!« Mir wurde ganz heiß vor Angst bei diesem
Gedanken, und so schnell ich konnte, rannte ich der Tante nach, so daß ich
in tausend Pfützen patschte, alle Menschen umriß, die mir begegneten, oder
denselben meinen aufgespannten Regenschirm vor den Magen stieß.

»Gott bewahre, die hat's eilig! Das fahrige, junge Ding!« hörte ich hinter
mir drein rufen, aber unaufhaltsam stürzte ich vorwärts, um die Tante
noch einzuholen, ehe sie an dem betreffenden Hause angelangt war. Doch
vergebens, ich hatte mich zu sehr verspätet und mußte nun allein in das
Zimmer treten.

Mit hoch klopfendem Herzen folgte ich dem anmeldenden Diener, und trat
dann schüchtern der Dame des Hauses entgegen, welche mich freundlich
bewillkommnete. Tante Ulrike saß schon neben ihr auf dem Sopha, stand
jedoch bei meiner Ankunft ebenfalls auf, um mich der Geheimräthin
vorzustellen. Da kam ein schrecklicher Moment: ich mußte meine Verbeugung
machen! Ach das war ein großer Stein des Anstoßes, und täppisch genug
mochte ich mich bewegt haben, ich fühlte es ordentlich an meinen zitternden
Knieen und der brennenden Gluth, die mein Gesicht bedeckte.

»Kommen Sie näher, liebes Gretchen!« sagte die Geheimräthin herzlich und
bot mir einen weichen Lehnstuhl zum Niedersitzen an.

»Erlauben Sie, liebe Freundin, daß Gretchen zuvor Ueberschuhe und
Regenschirm in den Corridor trägt!« sagte die Tante jetzt, als ich mich
eben ängstlich auf den Lehnstuhl setzen wollte.

Erschrocken fuhr ich schnell wieder von meinem Sitz empor und blickte an
mir hernieder. Da sah ich denn, in welch' erbaulicher Verfassung ich in
meiner Hast und Verlegenheit in dies elegante Zimmer eingetreten war! Nicht
bloß, daß ich vergessen, mein aufgeschürztes Kleid herunter zu lassen,
damit es die Röcke bedeckte, welche bei dem schnellen Sturmlauf arg
besprützt worden, sondern ich hatte auch meine kothigen Ueberschuh an den
Füßen behalten, welche herrliche Spuren auf dem glatten Parquetfußboden,
sowie auf dem köstlichen Teppich zurück ließen. Ebenso umklammerte meine
Hand noch mit krampfhafter Gewalt den Regenschirm, an dessen Spitze die
Gewässer des heutigen Regenhimmels in sanften Strömen herab träufelten und
sich zu einem kleinen See auf dem Fußboden vereinigten.

Eine scheue Entschuldigung stammelnd stürzte ich zum Zimmer hinaus und
entledigte mich in der Vorstube dieser argen Missethäter. Dabei blickte
ich in den Spiegel und sah nun, wie wenig meine Erscheinung für eine feine
Morgenvisite geeignet war. Das Haar hing vom Winde gezaust nach allen
Himmelsrichtungen um meine Stirn, der Hut saß schief und hatte eine
arge Quetschung beim Kampf mit andrer Leute Regenschirmen erhalten, die
Schleifen meines Knüpftuches hingen im Nacken, und der Kragen war eben im
Begriff, auf und davon zu gehen.

»Daß auch Tantchen gerade bei solch' gräßlichem Wetter Visiten macht!«
dachte ich ärgerlich und brachte meine Toilette wieder einigermaßen in
Ordnung. Während ich aber hastig noch damit beschäftigt war, fiel mein
Blick auf meine Handschuh, und neuer Schrecken durchfuhr mein armes Herz!
Ach in der Eile und Hitze hatte ich ein Paar alte ergriffen, und erst jetzt
mußte ich das bemerken! Was würde die Tante sagen, wenn sie das sah,
denn sehen würde sie es, ihrem Auge entging ja nichts! Und was sollte die
vornehme Geheimräthin von mir denken, vor der ich mich schon so schrecklich
blamirt hatte! Anbehalten mußte ich die abscheulichen Dinger, denn ohne
Handschuh, wie ich auf dem Lande ging, das wäre ja ganz unschicklich! So
trat ich denn ängstlich und zaghaft wieder in das Visitenzimmer herein,
meine Hände sorgfältig unter den Enden meines Shawles versteckend, was mir
aber ein noch steiferes, ungelenkeres Benehmen gab.

Die liebe Dame des Hauses war taktvoll genug, meinen Wiedereintritt wenig
zu beachten und sprach eifrig mit der Tante, und so setzte ich mich
still auf einen einfachen Rohrstuhl, denn ohne Aufforderung wagte ich den
schwellenden Polstersessel nicht wieder einzunehmen.

Da saß ich denn schweigend eine lange Zeit und hatte Muße genug mich
zu sammeln. Ich zog und zerrte heimlich an den Fingerspitzen meiner
unglückseligen Handschuh, von denen an einer Hand zwei, an der andern gar
drei Finger aufgeplatzt waren, so daß die Fingerspitzen wie Rosenknospen
aus der Blätterhülle hervorleuchteten. Es half aber nichts, davon wurden
sie nicht wieder ganz.

Endlich hatte ich Verlangen, mein Taschentuch zu gebrauchen und griff
darnach, aber siehe da, mein Tuch fehlte, ich mußte es in der Eile verloren
oder im Vorzimmer liegen gelassen haben. Das war doch gar zu unangenehm!
Wie sehnlich wünschte ich, Tantchen möchte aufbrechen, aber diese schien
nicht daran zu denken und sprach lebhaft immer weiter. Da endlich stand die
Geheimräthin auf, um dem Diener zu klingeln, und diesen Moment benutzte ich
schnell. Mit einem flehenden Blicke neigte ich mich zu Tante Ulrike hinüber
und zog das feine Taschentuch aus ihrer Hand, was sie zwar ruhig duldete,
aber ein mißbilligendes Schütteln ihres Kopfes sagte mir gar wohl, was sie
von ihrer ausgezeichneten Nichte dachte.

»Friedrich, sagen Sie meiner Tochter, daß Besuch bei mir ist!« rief die
Geheimräthin dem eintretenden Diener entgegen! Bald öffnete sich denn auch
die Thür des Nebenzimmers, und eine hohe, schlanke Dame in höchst eleganter
Toilette schwebte zu uns herein. Mit ein Paar ruhigen, schmachtenden
Augen blickte sie um sich, und begrüßte dann die Tante mit einer leichten
Verneigung. Mich schien sie gar nicht zu sehen, obwohl ich in meiner
ganzen Länge neben ihr stand, bis endlich ihre Mutter mich vorstellte.
Das miserable Compliment, das ich der Dame des Hauses bei meinem Eintritt
gemacht hatte, wollte ich jetzt durch ein besseres wieder gut machen, und
so verneigte ich mich vor Fräulein Amanda denn höchst schulgerecht fast bis
zur Erde, und ich war wirklich ganz zufrieden mit mir. Das Fräulein aber
nickte kaum bemerkbar mit dem Kopfe und ließ sich dann langsam in den von
mir leer gelassenen Lehnstuhl niedergleiten, in welchem sie sich nachlässig
zurücklehnte. Das schien ihr aber noch nicht bequem genug zu sein, denn sie
zog sich einen kleinen Fußschemel herbei, auf den sie ihre Füße stützte,
und während sie den Kopf leicht auf die eine Hand lehnte, und mit der
andern einen zierlichen Fächer auf und zu rollte, sah sie mich mit halb
geschlossenen Augen lange schweigend an.

Mir trat bei dieser Prüfung der Angstschweiß auf die Stirn, ich rutschte
unruhig auf meinem Sitz hin und her und blieb endlich auf der äußersten
Stuhlecke hängen, dunkelroth bis zum Wirbel.

»Sie sind wohl vom Lande?« sagte die junge Dame endlich mit gezierter
Stimme.

Neue Gluth färbte mein Gesicht bei dieser einfachen Frage. Bis jetzt war
ich noch immer stolz auf meine Heimath gewesen, und mein Auge leuchtete,
wenn ich jemand davon erzählen konnte, jetzt aber war mir, als müßte ich
mich schämen, daß ich »nur vom Lande« war, denn ich fühlte recht wohl die
Geringschätzung, welche für mich in dieser Frage Amanda's lag.

Die Tante, welche zwar während dieser Zeit mit der Geheimräthin gesprochen
hatte, erlöste mich von meiner peinlichen Situation, indem sie an
meiner Stelle antwortete. Nach einiger Zeit, in welcher ich wieder stumm
dagesessen hatte, denn wie hätte ich gewagt, dieses Fräulein meinerseits
anzureden, wandte sie sich abermals zu mir.

»Wie alt sind Sie denn, Liebe?« fragte sie herablassend, ungefähr so, wie
eine Prinzessin ein armes Mädchen fragen würde, das eine Gnade von ihr
erflehen möchte. Auch mein Alter hatte ich bis jetzt Jedermann offen und
freudig genannt, Amanda Delius gegenüber aber war ich wie ausgetauscht.

»Eben 16 Jahre geworden!« lispelte ich, abermals vor Schaam erglühend, daß
es nicht mehr Jahre waren.

»Also noch ein Backfischchen!« schmachtete Amanda gelangweilt, und wehte
sich mit ihrem Fächer langsam frische Luft zu.

Es war durchaus nichts Neues, Unbekanntes, was das Fräulein mir da sagte,
ich wußte recht gut, ich war noch ein Backfischchen, die Tante und alle
Leute sagten es mir Tag für Tag, und nie war mir der Name unangenehm
oder beleidigend gewesen. Aber jetzt aus dem Munde Amanda's kam er mir
unerträglich vor, und ich hätte weinen können vor Aerger und Verdruß. Zum
Glück stand jetzt die Tante auf und verabschiedete sich von Mutter und
Tochter, und so wurde ich aus der unangenehmen Lage erlöst, in der ich mich
befand, denn mit diesen wenigen Worten schien mich das Fräulein abgefertigt
zu haben und sprach nun entweder gar nicht, oder gab einige Bemerkungen zu
dem Gespräch zwischen ihrer Mutter und Tante Ulrike.

Nun Gott sei Dank, endlich waren wir wieder auf der Straße! Ich ging ganz
stumm und beschämt neben der Tante her, und diese sprach Anfangs auch kein
Wörtchen. Endlich aber sagte sie: »Nun Gretchen, heut' hast du dich mit
Ruhm bedeckt, das muß ich sagen!«

»Ach Tantchen, ich bin ganz außer mir über meine Dummheiten!« rief ich nun
schluchzend, denn jetzt brach meine ganze Haltung zusammen, und trostlos
dachte ich an alles, was so eben vorgegangen war.

»Nun nun, Kind, tröste dich nur, was sollen denn die Leute denken, wenn
du großes Mädchen auf offner Straße so weinst und schluchzest!« sagte die
Tante beruhigend. »Etwas Unrechtes hast du ja nicht gemacht, nur einige
Versehen gegen Anstand und feine Bildung, und das wird schon besser
werden!«

»O ich bin ein zu großer Tölpel, Tantchen, schilt mich nur tüchtig, ich
verdiene es nicht anders!« rief ich noch immer schluchzend.

»Schelten werde ich dich wegen solcher Dinge niemals, Kind, denn du weißt
es noch nicht besser!« entgegnete die Tante liebevoll. »Aber die Erlaubniß,
noch länger mein armes Battisttaschentuch mit deinen Thränen zu tränken,
die entziehe ich dir jetzt!«

Trotz meiner Thränen mußte ich nun lachen, und bald fand sich denn auch
mein Gleichmuth wieder.

»Unsern Besuch bei diesen meinen Freunden betreffend,« fuhr die Tante
freundlich fort, »will ich dir nur das noch sagen, was du dir nebst
den andern Dingen, die zum Anstand gehören, merken magst: Wenn du dich
hinsetzest, es sei auf einen Stuhl oder was sonst, so bleibe nicht auf dem
äußersten Rande oder der einen Ecke hängen, sondern nimm ruhig und sicher
den vollen Sitz ein, du erscheinst sonst linkisch und ängstlich. Ferner
warte, ob man dir die Hand reicht, ehe du die deinige hinhältst, du kannst
nicht wissen, ob man auch gesonnen ist, sie dir zu drücken. Endlich aber
richte dich mit deinen Verbeugungen, in denen ich dich noch ein wenig
zurecht stutzen werde, nach dem Alter und Stande der Personen, vor denen
du sie machst. Heut' bekam die würdige Frau Geheimräthin kaum einen kleinen
unbedeutenden Knix von dir, während du der prätentiösen Fräulein Tochter
ein Compliment setztest, das wenigstens für eine Prinzessin feierlich und
tief genug war.«

»Sie war aber auch so unnahbar wie eine Prinzessin!« seufzte ich leise für
mich hin.

»Da hast du nun zwar so unrecht nicht!« sagte die Tante lachend, »aber um
so weniger huldige ihr nur, die Erlaubniß gebe ich dir. Aber jetzt komm
nach Haus, die andern Besuche machen wir ein andres Mal, wenn besser Wetter
ist und sich ein Taschentuch in deiner Tasche und anständige Handschuh an
deinen Fingern befinden!«

Dachte ich's doch, ihren Augen kann nichts entschlüpfen! Hatte sie doch
richtig die Rosenknospen unter ihrer Hülle entdeckt, so sehr ich auch
bemüht war, diesen Anblick ihren forschenden Augen zu ersparen. O Tante
Anstand!




4.

Freundschaft.


Zum Glück waren nicht alle Besuche, welche die Tante mit mir machte, so
tragischer Natur als dieser eben beschriebene, dennoch aber bekam
ich jedesmal ein kleines Visitenfieber, wenn wir uns zu dergleichen
Unternehmungen rüsteten. So klopfte mir denn das Herz auch gewaltig,
als ich die Tante einige Zeit nach jenem Besuche bei Geh. Rath Delius zu
Professor Dunker begleiten sollte.

»Es ist ein junges Mädchen dort im Hause, mit der du Freundschaft schließen
kannst!« sagte die Tante unterwegs, doch seufzte ich im Stillen bei diesem
Gedanken, denn so sehr mein Herz nach befreundetem Verkehr verlangte, so
schienen mir die jungen Mädchen der Residenz ein so andres Geschlecht zu
sein, als ich und meine Freundinnen auf dem Lande, daß ich starke Zweifel
hegte, hier jemals ein gleichgeschaffnes Wesen kennen zu lernen. Diese
jungen Damen standen für mich armes, ungelenkes Dorfkind alle auf einer
so unerreichbaren Höhe, daß ich mich immer am liebsten wie ein Mäuschen
verkrochen hätte, wenn ich einem solch feinen Fräulein vorgestellt wurde.
-- So trat ich denn auch hier, von Tantchens Flügeln wie ein Küchlein
gedeckt, mit schüchternen Schritten in das Zimmer von Frau Professor
Dunker. Eine sehr lebendige, freundliche Dame kam uns mit herzlichen Worten
entgegen, und kaum hatte sie uns begrüßt, so eilte sie nach der Thür, und
rief: »Mariechen, geschwind komm herein, hier ist lieber Besuch!«

Ein junges Mädchen mit schönem, blondem Haar und freundlichen blauen Augen
erschien auf diesen Ruf in der Thür und trat leicht erröthend und etwas
schüchtern, aber doch frei und anmuthig zu uns herein. Tante Ulrike umarmte
sie herzlich und führte sie dann zu mir, uns mit einander bekannt machend.
Das schöne blaue Auge Marie's blickte freundlich in das meine, und indem
sie meine Hand ergriff, sagte sie lebhaft: »O ich habe von Tante Ulrike
schon so oft von Ihnen gehört, liebes Gretchen, wie freue ich mich, Sie
nun kennen zu lernen!« Dabei zog sie mich auf ein kleines Sopha am Fenster,
während die älteren Damen entfernt von uns Platz genommen hatten, und
redete so herzlich und vertraulich, so frisch und natürlich zu mir, daß mir
das Herz ganz aufging vor Freude und Entzücken. Das war freilich ein andres
Wesen als Fräulein Amanda Delius, die mich kaum dreier Worte gewürdigt und
wie ein Gänschen behandelt, und auch anders als die andern jungen Damen,
deren ich bis jetzt einige bei der Tante kennen gelernt hatte. Neben diesem
lieben, offenherzigen Naturkinde schwand meine Blödigkeit, bald schwatzten
und lachten wir so vertraulich mit einander, als hätten wir uns seit Jahren
schon gekannt. Als die Tante sich endlich verabschiedete, küßte mich Marie
zärtlich und versprach, mich recht bald zu besuchen, denn sie habe mich so
herzlich lieb gewonnen.

»Nun, sagte ich's nicht, ihr werdet gewiß gute Freundinnen!« sprach die
Tante, als wir wieder unterwegs waren. »Mariechen ist ein liebes, herziges
Kind, und es wird mich sehr freuen, wenn ihr Gefallen an einander findet.«

»Ach sie ist einzig lieb und nett, Tantchen!« rief ich begeistert, »und ich
würde glücklich sein, wenn ich ihre Freundin werden könnte.«

»Das sollte auch mich sehr freuen,« entgegnete die Tante, »denn bei all
ihrer kindlichen Natürlichkeit ist Marie ein durchaus gebildetes, kluges
Mädchen, deren Erziehung sehr sorgfältig geleitet wurde, so daß du viel von
ihr lernen kannst.«

Diese neue Bekanntschaft erfüllte mein Herz mit unbeschreiblicher Freude,
denn was ich so sehnlich wünschte, wurde mir nun wirklich in schönerer
Weise, als ich je gedacht und gehofft hatte. Je öfter ich mit der
liebenswürdigen Marie Dunker zusammen traf, je enger schlossen sich unsre
Herzen an einander und knüpften ein Band der Freundschaft, welches bis auf
den heutigen Tag uns innig und fest umschlungen hält.

Meine Freundin war etwas älter als ich und durch ihre gute Erziehung schon
über die schwierige Backfischzeit hinaus, doch hielt sie sich noch immer
lieber zu jüngeren Mädchen, als zu ganz erwachsenen, denn ihrem kindlichen
Sinn widerstand alles Gemachte, Gezierte, Anspruchsvolle, worin sich die
jungen Mädchen hier oft sehr gefielen. Sie war eine allerliebste kleine
Blondine, mit feinen, schlanken Gliedern und zierlichen Bewegungen, so daß
ich hoch aufgeschossenes Ding mit meinen langen Armen und Beinen, mit denen
ich höchst täppisch in der Welt umher telegraphirte, sehr wunderlich gegen
sie abstach. Sie hatte ein unbeschreiblich gutes, weiches Herz, das aus
ihren Vergißmeinnichtaugen so innig heraus schaute, daß man sie lieb
gewinnen mußte, man mochte wollen oder nicht.

Unsre Freundschaft wurde denn auch bald feierlichst mit allen dazu
gehörigen Attributen abgeschlossen. Das Erste war natürlich, daß wir uns du
nannten, das verstand sich schon beim zweiten Male, wo wir uns sahen, von
selbst. Dann schrieben wir uns gegenseitig den feurigsten Freundschaftsgruß
in unser Album, ich wählte das Gedicht von Geibel: »O kennst du Herz die
beiden Schwesterengel«, in dem Freundschaft und Liebe so schwärmerisch
besungen sind; Marie wählte für mich Göthe's reizendes Gedicht: »An
Lottchen«, das uns beiden wie aus der Seele gedichtet war. Natürlich trugen
wir dann auch bald jede ein goldnes Herzchen, in dessen innerem Heiligthume
die aufgerollte Haarlocke der Freundin ruhte, an einer Gummischnur um den
Hals, und die Tante besiegelte den Bund noch durch allerliebste goldne
Ringe mit blauen Steinen, welche sie uns schenkte. Daß über meinem
Nähtischchen binnen Kurzem das kleine Bild meiner Freundin zwischen zarten
Epheuranken schwebte, wie meines über ihrem Tische, versteht sich ebenso
von selbst, wie die tausend zierlichen Billetchen, welche zwischen uns hin
und her flogen. Was hatten wir uns alles zu sagen, wenn wir uns einige Tage
nicht gesehen hatten, es war, als gäbe es dann kein Ende mit Erzählen und
Fragen.

Von jetzt an begann mein Leben sich unendlich viel angenehmer zu gestalten,
denn wenn ich mich auch immer sehr gern mit der liebenswürdigen Tante
Ulrike unterhielt, und ihr Umgang für mich von unendlichem Nutzen war,
so zählte sie doch so viel Jahre mehr als ich, daß unsre Empfindungen
und Ansichten unmöglich ganz gleichartig sein konnten. Meine liebe
Herzensfreundin aber fühlte und dachte fast ganz wie ich selbst, nur daß
sie mehr erfahren und durchgebildet war und mir dadurch mit gutem Rathe zur
Seite stand. Jetzt war mir nicht mehr fieberhaft ängstlich zu Muthe, wenn
ich die Tante zu ihren Freunden und Bekannten begleiten sollte, wußte ich
ja doch, daß ich meine liebe Marie fast überall traf und an ihr Halt und
Stütze in meinen Verlegenheiten fand. Mein Auge flog suchend durch die
Räume, sobald ich in den Kreis Fremder eintrat, und erst wenn ich Marie's
hellblaues Kleid erblickte, wurde mir froh und sicher zu Muthe, fehlte sie,
so fühlte ich mich unbeschreiblich verlassen und einsam.

Marie trug fast immer himmelblau, und diese Farbe stand dem zarten blonden
Wesen auch so reizend, daß ich sie gar nicht anders gekleidet sehen mochte.
Noch jetzt, wenn ich an die liebe Jugendzeit zurück denke, sehe ich meine
Freundin stets in hellblauen Farben vor meinen Augen, sie war so recht mein
blauer Himmel, und ihr freundliches Gesicht die goldne Sonne an demselben.

Außer unsern Plauder- und Kosestündchen verbrachten wir auch ernstere
Zeiten mit einander, denn Tante Ulrike wünschte, daß ich noch einigen
Unterricht in Sprachen, Musik und Zeichnen nehmen sollte, und zu meiner
unaussprechlichen Freude nahm Marie an einigen dieser Stunden Antheil.
So wurde ich denn auch innerlich noch gehobelt und polirt, und Geist und
Körper um die Wette in die höhere Schule geschickt. Doch wie sehr man auch
ein andres Geschöpfchen aus mir zu machen strebte, so sorgte die gute Tante
doch dafür, daß meine gesunde Natur nicht verbildet und verschoben wurde,
und so ist mir denn glücklicherweise Ziererei und Prätension bis auf den
heutigen Tag ebenso unausstehlich geblieben, als sie es mir damals schon
waren. So wenig als ich konnte auch Marie an unnatürlichem Wesen Gefallen
finden, und daß die rechte Bildung eben nicht in jenen Dingen besteht,
das sah ich ja deutlich an ihr wie an Tante Ulrike, und pries mich doppelt
glücklich, im Umgang mit so trefflichen Wesen leben zu können.

Während die Tante in ihrer liebenswürdigen Weise fortfuhr, mich auf meine
Fehler und Angewohnheiten aufmerksam zu machen, that es Marie ihrerseits
ebenfalls. Eines Tages z. B. sah ich meine liebe Freundin mir auf der
Straße entgegen kommen, und meinen Gefühlen freien Lauf lassend, wie ich es
nie anders kannte, breitete ich weit die Arme aus und flog ihr jubelnd an
den Hals, indem ich sie herzte und küßte. Ihr zartes Gesichtchen bedeckte
sich unter meinen Liebkosungen mit dunkler Gluth, und statt wie sonst mich
ebenfalls zärtlich an sich zu drücken, machte sie sich schnell und nicht
eben sanft aus meinen Armen los und blickte ängstlich rings um sich her.

»Was hast du, Mariechen?« rief ich überrascht, und sah fragend in ihr sonst
so ruhig mildes Gesicht. »Bist du mir nicht mehr gut?«

»O freilich Gretchen, sag' doch so etwas nicht!« entgegnete sie halblaut
und zog mich schnell mit sich fort. »Aber komm, komm, ich will es dir
gleich sagen.«

Abermals blickte sie ängstlich zur Seite, und jetzt erst bemerkte ich, wie
ein junger, eleganter Herr dicht neben uns stand, und, das Augenglas fest
eingekniffen, uns mit spöttischen Blicken betrachtete. Ich fuhr erschrocken
in Marie hinein, starrte aber nichts desto weniger dem jungen Herrn dabei
in das Gesicht. Dieser lächelte mich vertraulich an und schnarrte süßlich,
indem er uns Kußhändchen zuwarf: »Himmlisch! Göttlich! Welch reizende
Kinder!« Marie zog mich so rasch aus der Nähe dieses impertinenten Gecken,
daß ich weiter nichts sehen und denken konnte, aber nach einer Weile wollte
ich in meiner Angst doch wissen, ob wir verfolgt würden, und blickte mich
hastig nach dem abscheulichen Menschen um. Marie's Mahnung: »Um Gottes
willen, Gretchen, sieh dich nicht um!« kam zu spät, es war schon geschehen,
und ich sah denn auch, daß unser Peiniger uns von Weitem noch zärtlich
zunickte, ohne uns zum Glück jedoch zu folgen.

»Wie konntest du mich auch auf offener Straße so stürmisch und laut
begrüßen, liebe Grete!« sagte Marie mit zärtlichem Vorwurf. »Das thue ja
nicht wieder, du siehst, was es für Folgen hat!«

»Aber wir begrüßen uns doch immer so, Mariechen!« rief ich außer mir. »Was
fällt denn diesem Menschen ein, uns so zu beleidigen!«

»Er meinte sich das erlauben zu dürfen, weil du dich gar zu auffallend
benahmst, Herzchen!« entgegnete Marie. »Auf der Straße bewillkommnet
man sich einmal nicht so wie im Hause. Küssen und umarmen ist hier
nicht erlaubt, das mußt du lernen, sonst kannst du noch schlimmere Dinge
erleben.«

»Das ist doch aber schrecklich, daß man unter Gottes freiem Himmel nicht
einmal zeigen soll, wenn man sich lieb hat!« seufzte ich betreten und ließ
den Kopf hängen.

»Ja was das Zeigen der Gefühle betrifft, das ist überhaupt ein ganz
besonderes Kapitel!« sagte Marie lachend. »Man muß unter Andern nur gar
zu oft seinen Gefühlen Zwang anthun und ein ruhig Gesicht machen, es mag
inwendig so fröhlich oder so traurig aussehen, wie es will.«

»Das ist schwer, ich glaube, das werde ich nie lernen!« sagte ich
niedergeschlagen. »Aber thu' mir die Liebe, beste Marie, und sag' mir
noch einiges, was sich auf der Straße nicht schickt. Es ist alles hier so
anders, bei uns brauchte ich mich in keiner Weise zu geniren, denn wenn ich
im Dorfe oder auf den Wiesen umher lief, da war alles recht und gut, was
ich that, und kein Mensch dachte daran, daß sich allerlei nicht schickte.«

»Nun z. B. sprich nicht so laut auf der Straße, liebes Herz, wie du soeben
thust, alle Vorübergehenden sehen uns verwundert und lächelnd nach!« sagte
Marie halblaut und drückte meine Hand. »Und dann thu' mir die Liebe und
renne und stoße nicht an Jedermann an, der uns begegnet, sondern weiche den
Leuten etwas aus!«

»Ja ja, deine =chère amie= ist ein wundervoller Rüpel!« seufzte ich und
ging in weitem Bogen um jeden herum, der mir begegnete. Das war aber wieder
nicht recht, denn dieser Circumflex, den ich um die Leute herum beschrieb,
fiel ebenso sehr auf, und alles was auffällt, ist nun einmal verboten, das
sah ich wohl ein. »Du bist gewiß schrecklich böse auf mich, Marie, denn du
mußt dich ja meiner schämen!« erwiderte ich, ärgerlich über mich und alle
Welt. »Ich blamire dich zu sehr, wenn ich noch länger mit dir gehe, es ist
besser, wir trennen uns. Adieu, auf Wiedersehen, liebes Herz!«

»Aber so sei doch kein Närrchen, Grete!« sagte Marie, mich liebevoll zurück
haltend. »Das wäre eine schöne Freundin, die nicht gern die Schwächen der
andern ertrüge! Du hast meine Fehler ja auch zu tragen!«

»Ach du hast gar keine Fehler!« rief ich verdrießlich.

»Wie? Ich keine Fehler, Gretchen?« lachte Marie. »Da wäre ich ja ein
Wunderkind, und dazu habe ich Gott sei Dank nie große Lust verspürt.
Siehst du, da will ich dir gleich einen Fehler deiner allervortrefflichsten
Freundin sagen,« fuhr sie lustig fort und hielt ihren Fuß in die Höhe. »Der
Anstand erfordert, daß man seine Schuhbänder zu Haus hübsch fest zubindet,
damit sie auf der Straße nicht aufgehen und nachschleppen, wie Figura
zeigt, und man genöthigt ist in einen Hausflur zu treten, um den Schaden zu
repariren.«

Während wir nach Verbesserung dieses kleinen Uebels nach Haus eilten,
begegneten uns einige sehr junge fein gekleidete Mädchen, die ihren
Schulmappen nach zu urtheilen aus der Stunde kamen. Sie hatten sich
gegenseitig untergefaßt und nahmen mehr als die ganze Breite des Trottoirs
ein. Als sie nahe zu uns heran kamen, zeigten sie wenig Lust die Kette
zu lösen, um uns durchzulassen. Marie schritt jedoch so ruhig und ernst
vorwärts, daß die eng Verbündeten es für besser fanden, uns Platz zu
machen, wobei sie jedoch kicherten und sich gegenseitig stießen und
drängten.

»So ungeschliffen hätte sich die arme dumme Grete nicht einmal benommen,
wie diese jungen Kälberchen!« rief ich sehr verwundert, daß junge
Residenzdämchen sich so aufführen konnten.

»Ja das ist eine der schönen Schulmädchenmanieren,« entgegnete Marie
ärgerlich. »Die jungen Dinger wissen recht gut, daß es nicht passend
ist, gassenbreit zu gehen, aber deshalb lassen sie es doch nicht. Wie
abscheulich solcher Schulton oft unter den jungen Dämchen ist, davon kannst
du dir gar keine Vorstellung machen; man muß gewaltig dagegen ankämpfen,
wenn man darunter steckt. Ausnahmen giebt es darunter natürlich wie
überall; aber das kann ich dir zum Troste sagen, daß solch echtes
Residenzdämchen mit ihrer Ueberbildung und Eitelkeit zehnmal schlimmer dran
ist als du, mein liebes Naturkind, selbst wenn du mich alle Tage auf offner
Straße umarmtest, und eine ganze Legion junger Gecken herbeikäme, sich das
Schauspiel mit anzusehen.«

Ich fiel Marie lachend um den Hals, denn jetzt waren wir zu Haus
angekommen, und in Marie's traulichem Stübchen hatte ich keine Rücksichten
mehr zu nehmen. Lange saßen wir hier noch plaudernd zusammen, bis die
sinkende Sonne mich endlich an den Heimweg mahnte. Da mußte ich fort; denn
es war ja auch eine der lästigen Eigenschaften der großen Stadt, daß man
Abends nicht allein im Freien umher laufen konnte. Zu Haus wurde es erst
recht hübsch, wenn der Abend kam. Wie lustig und harmlos trieb man sich
da vor dem Hause und im Dorfe umher, da hatte man keine Anfechtungen zu
befürchten, wie hier sogar am hellen Tage, nur weil man seine Gefühle der
Welt zeigte. Ja zu Hause!




5.

Mittagessen.


Wie schon beim Frühstück so gab es natürlich auch beim Mittagessen gar
viele Dinge, welche ich nicht nach den Regeln des Anstandes verrichtete;
denn zu Haus nahm die lärmende kleine Kindergesellschaft alle
Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch, und Erhaltung der Ruhe war das erste
und einzige Erforderniß bei Tisch, alles Uebrige blieb so ziemlich dem
eigenen Gutdünken überlassen.

Die Mittagsmahlzeiten im Hause der Tante vergingen in der Regel ziemlich
gleichförmig, dabei aber gemüthlich und heiter, denn die Tante würzte
das Mahl durch angenehme Unterhaltung, in welcher ihre Ermahnungen zur
Wohlanständigkeit wie große Ausrufungszeichen die gleichmäßige Rede
unterbrachen.

»Bediene dich doch deiner Serviette, liebes Kind,« lautete z. B. eins der
Gebote in meinem Anstandskatechismus. »Mit der Hand wischt man sich das
Gesicht wohl nur da ab, wo keine Servietten wachsen.«

Das war auf deutsch bei den Bauern, ich verstand das wohl, und griff hastig
nach dem bis jetzt so arg vernachlässigten Wesen.

»Sieh mal, was du für ein kleiner Gourmand bist!« sagte Tante Ulrike dann
wieder neckend. »Schlürfst deine Suppe mit einer Kennermiene, gerade wie
ein Feinschmecker seinen Wein. Gewiß willst du heraus schmecken, wie viel
Pfund Rindfleisch diese Kraftbrühe hervorbrachten. Auch hast du es dir
dabei recht bequem gemacht; essen bei euch die Ellbogen auch mit?«

»O der Thorweg ist zu klein für das mächtige Fuder Heu,« lachte sie ein
andermal, wenn ich so große Bissen zum Munde führte, daß ich Mühe hatte,
derselben Herr zu werden. Als ich nun gar mit diesem Vorrath zwischen den
Zähnen sprechen wollte, legte die Tante energischen Widerspruch ein, denn:
»mit vollem Munde redet man nicht.« Ebenso durfte ich weder die Finger auf
den Teller, noch das Messer in den Mund führen, worin ich ebenso regellos
handelte wie mit der Placirung von Kartoffelschalen und Knochen, die es nie
merken wollten, daß ihr Platz nicht auf dem Tischtuche war, sondern auf dem
Tellerrande.

»Du könntest dem armen Phylax wohl auch ein Fäserchen Fleisch gönnen, liebe
Grete, und nicht selbst die Knochen so gründlich abnagen,« hieß es dann
wieder, wenn ich mit jugendlichem Appetit Hühnchen oder Tauben verzehrte
und dabei unbarmherzig alle Knochen zerbiß und benagte.

»In den Knochen sitzt das beste Mark, sagt Papa immer,« erwiderte ich
eifrig. Als ich jedoch eines Tages mit meinen fettglänzenden Fingern in der
Welt umher fuhr, indem ich ein zierliches Hühnerkeulchen zum Munde führte,
sagte die Tante lächelnd:

»Mein lieber Schatz, morgen sind wir bei Dunkers zu Tisch, wie du weißt.
Sei so gut und nimm dann kein junges Huhn zwischen die Finger; hier bei
mir will ich es dir nicht wehren, eigentlich aber löst man das Fleisch mit
Messer und Gabel vom Knochen, es schickt sich nicht anders.«

»Ja wohl, liebe Tante,« erwiderte ich überrascht, denn Geflügel hatte ich
bisher immer nur mit Hülfe der Finger verzehrt.

Es war das erste Mal, daß ich mit der Tante zu einem Diner ausging, und
mir klopfte das Herz, denn ich armer Neuling fürchtete überall, mich zu
blamiren. Zum Glück setzte sich Marie neben mich, und so war ich denn im
Falle der Noth gedeckt. Mein andrer Nachbar war ein dicker freundlicher
Herr, der mir aussah, als bestehe sein größtes Vergnügen in Essen und
Trinken. Das war denn allerdings auch wohl der Fall; aber das Behagen, mit
dem er nun schlürfte und schmatzte, die unaussprechlich unappetitliche
Art und Weise, wie er eben so viel neben seine breiten Lippen als zwischen
dieselben führte, und endlich das Schnaufen, das diese gewichtige Arbeit
dem dicken Herrn entlockte, verdarben mir selbst alle Eßlust. Ich dachte
so recht an die Worte, welche Tante Ulrike mir noch gestern sagte, wie
unangenehm es sei, einen Tischnachbar mit schlechten Angewohnheiten zu
haben. Heut lernte ich dies Ungemach aus dem Grunde kennen. Freilich waren
dergleichen Untugenden einem alten Herrn eher zu verzeihen, als einem
jungen Mädchen, das litt keinen Zweifel, und ich begriff nun erst völlig,
wie sehr ich selbst auf gute Manieren zu achten habe, um nicht auch
Aergerniß zu erregen.

Nach der Suppe wurde ein wunderliches Gericht herum gegeben, das ich noch
nie gegessen hatte: es war eine schwärzliche Masse, und seiner körnigen
Gestalt nach hielt ich es für eingemachte Beeren. Da ich hiervon eine große
Freundin war, und der alte Herr neben mir auch wacker zulangte, so nahm ich
mir eine gute Portion auf den Teller und fing an zu schmausen.

Aber wie erschrak ich, als ein salzig schleimiger Geschmack statt des
erwarteten süßen meine Zunge berührte! Ich war nicht im Stande, einen
zweiten Bissen davon zu verzehren, und betrachtete verwundert meinen
Nachbar, der die schwarzen Körner auf geröstete Semmelscheiben strich,
sie dann mit Citronensaft beträufelte, und das Ganze alsbald mit größtem
Behagen verzehrte.

Eben wollte ich Marie fragen, was das eigentlich für ein Produkt der
Kochkunst sei, da wandte der alte Herr sich käuend zu mir, und mit den
dicken glänzenden Lippen schmunzelnd sagte er, indem er auf meinen Teller
zeigte: »Delicater Caviar! Auch Liebhaberin davon, meine Gnädige?«

Also Caviar war das. Ja, dem Namen nach kannte ich diese edle Gottesgabe
wohl, in Person aber hatte sich nie ein Körnchen davon bis zu unserm Dorfe
verirrt und war mir deshalb völlig unbekannt.

»O nein, ich ... ich war zerstreut, als ich mir davon nahm,« stotterte ich
dunkelroth vor Verlegenheit, meine Unwissenheit thörichter Weise hinter
einer Lüge verbergend.

»O, nicht möglich! Versuchen Sie nur einmal, ganz delicat, ich kann es
versichern, und ich ... ich verstehe mich etwas darauf, was gut schmeckt,«
versicherte der Dicke eifrig, und obwohl ich durchaus von der Wahrheit
seiner Behauptung überzeugt war, so lehnte ich die Aufforderung dennoch
dankend ab und sah mit großem Ergötzen, welche sehnsüchtigen Blicke mein
Nachbar der von mir verschmähten Leckerei zuwarf, wovon der Diener mich
endlich befreite.

Einige folgende Gerichte gingen ohne weitere Verlegenheiten vorüber, nur
als ich Marien um Salz bat, und ich bei Ueberreichung desselben, wie ich
gewohnt war, mit den Fingern in das Salzfaß greifen wollte, fuhr Marie
erschrocken zurück und sagte leise: »Mit dem Messer, Gretchen!«

Ich folgte beschämt ihrer Weisung, obwohl ich wirklich sehr verwundert
war; denn bis jetzt hatte ich mich immer meiner fünfzackigen Fingergabel zu
diesem Geschäfte bedient.

Nun kam der Braten auf den Tisch, wirklich junge Hühner, wie Tante Ulrike
gedacht, und ich erinnerte mich zum Glück der ertheilten Ermahnung und
versuchte, das Fleisch mit Messer und Gabel abzulösen, statt wie sonst
die zarten Knochen mit meinen Zähnen zu bearbeiten. Aber das war ein recht
undankbares Geschäft, das Beste blieb dabei an den Knochen sitzen, und
mit wahrem Bedauern trennte ich mich von diesen Resten. Die eingemachten
Früchte, welche als Compot zu dem Braten gegeben wurden, täuschten mich
jetzt nicht wieder, sie waren süß und lecker, wie ich es liebte, und nicht
unangenehm salzig wie jener Caviar. Mit einem Behagen, das beinah dem
meines eßlustigen Nachbars gleich kam, verzehrte ich diese süßen Erdbeeren,
Kirschen und Pflaumen, und freute mich kindisch auf den Genuß der dicken
Zuckersauce, in welcher die Früchte auf meinem Glasteller umher schwammen.
Da ich diesen Zuckersaft jedoch nicht mit der Gabel verzehren konnte, ein
Löffel aber nicht in meinem Bereiche lag, so erhob ich eben den kleinen
Teller zu meinen Lippen, um, wie ich zu Haus so oft gethan, die Sauce davon
zu schlürfen. Schon schwebte der Teller in der Luft meinem Munde entgegen,
da fühlte ich mich plötzlich am Arme erfaßt, und mit einem schnellen Ruck
stand der Teller wieder an seinem Platze.

»Um Himmels willen, Grete, bist du nicht klug?« raunte Marie mir dabei in
das Ohr. »Die Sauce läßt man auf dem Teller.«

»Auf dem Teller?« rief ich ungläubig und sah mich nach Marie um, welche
noch immer meinen Arm festhielt, in der Furcht, ich könnte die Comödie noch
einmal aufführen wollen. »Die schöne Zuckersauce ist mir ja das Liebste am
Eingemachten, die werde ich doch nicht zurück lassen?«

»Zu Haus thu' was du willst, in Gesellschaft geht es aber nicht anders, ich
bitte dich, folge mir, Grete!« flüsterte Marie schnell, denn eben wurde sie
von ihrem Nachbar in Anspruch genommen und konnte sich um mich nicht
mehr bekümmern. Da saß ich denn nun betrübt meiner schönen Fruchtsauce
gegenüber, die ich nicht essen durfte, und ärgerte mich recht aus
Herzensgrunde über die sonderbaren Gesetze des Anstandes, welche mir erst
geboten, das Fleisch an den Knochen sitzen zu lassen und jetzt gar das
Beste vom ganzen Diner aufzuopfern.

»Was würde Mama zu dieser Verschwendung sagen,« dachte ich ärgerlich, wurde
da aber gewaltsam aus meinem Sinnen gerissen, indem ich erschrocken vom
Stuhle auffuhr und um mich blickte, wer denn geschossen habe. Mein alter
Nachbar lachte herzlich über meinen Schreck, und bald sah ich, daß nur ein
Champagnerpfropfen geknallt hatte, aber auch das hatte ich bis jetzt so
selten gehört, daß mir dieser Ton sehr neu war. Und nun gar das Getränk
selbst! Ich hatte es kaum einmal zu Haus gekostet, wenn Kindtaufen waren,
nun stand ein hohes volles Glas davon vor mir, und lustig tanzten zahllose
kleine Perlen aus der Spitze desselben empor.

Der Geschmack dieses Weines behagte mir aber ganz außerordentlich. Dieses
Prickeln auf der Zunge, dieses Feuer, diese Süßigkeit, ohne weichlich zu
sein, alles trug dazu bei, den Wohlgeschmack zu erhöhen, und jetzt ließ ich
sogar mein Glas Ananaskardinal stehen, der mir so gut geschmeckt hatte, und
trank lieber diesen köstlichen Champagner. Mein dicker Nachbar verstand
es freilich noch besser als ich, aber er ergötzte sich so sehr an dem
Wohlgefallen, das ich an dem Weine hatte, daß er mir ein Glas nach dem
andern einschenkte. Bald glühten meine Backen, und es flimmerte mir vor den
Augen; aber ich achtete nicht sehr darauf, bis ich endlich mit einem Male
so verwirrt umher blickte, daß Marie mich ängstlich ansah und sagte:

»Bist du unwohl, Gretchen? Oder was ist dir?«

»Ich bin so confus, es dreht sich ja Alles,« rief ich leise und griff nach
Marie's Hand, um mich an ihr festzuhalten.

»Hast du Champagner getrunken? Er ist sehr stark, nimm dich in Acht!« sagte
Marie.

»Ja, drei oder vier Gläser. Herr von Martini hat mir immerfort
eingegossen,« flüsterte ich und hielt mir die Augen zu, um mich zu fassen,
denn mir war wunderlich zu Muthe.

»Aber wie kannst du auch? Cardinal hattest du ja auch schon getrunken,«
schalt Marie und goß mir ein großes Glas Wasser ein, das ich hastig
hinunter stürzte. Wirklich wurde ich davon auch klarer und freier und
hütete mich nun wohl, noch einen Tropfen von jenem bösen, verführerisch
leckern Weine zu genießen, so sehr mich auch mein Nachbar nöthigte und
neckte. Er selbst konnte, wie mir schien, Ungeheures vertragen, ohne davon
Schwindel zu bekommen, wie ich armer Neuling, denn sein Glas war stets auf
der Wanderung begriffen vom Tische zu seinen Lippen und wieder zurück. Ich
war herzlich froh, als man endlich vom Tische aufstand, um nach dem Garten
zu gehen, wo der Kaffee eingenommen wurde. Die frische Luft brachte meine
verwirrten Lebensgeister bald wieder in Ruhe und Klarheit, und an einer
Erfahrung reicher wandelte ich mit Marie heiter im Garten umher. Unserer
lieben Tante Ulrike, welche sich bald zu uns gesellte, beichtete ich dann
ehrlich alle meine klugen Streiche, mit denen ich auf diesem meinem ersten
Diner debütirte, und die mir unvergeßlich geblieben sind.




6.

Verschiedenes.


An jedem Montage erhielt die Tante Besuch von einigen Freunden, welche
Abends den Thee bei ihr tranken und sich mit Gesprächen, Vorlesen oder auch
wohl Kartenspiel unterhielten. Mir wurde an diesen Abenden das Amt, den
Thee zu bereiten und den kleinen Kreis zu bedienen, da die Tante ungern
Dienstleute im Zimmer sah. Das war mir, als ich die ersten Schwierigkeiten
überwunden hatte, die mir aus diesem Geschäft entsprangen, recht sehr
angenehm; denn häusliche Arbeiten machten mir stets viel Vergnügen, und ich
entging dadurch am besten der Verlegenheit, unter diesen älteren Herren und
Damen anständig still zu sitzen oder gar an Gesprächen Antheil zu nehmen,
für die ich noch zu wenig allgemeine Bildung besaß. Zuhören konnte ich
ja dabei ganz nach Behagen und war doch in meinem Wirkungskreise gut
untergebracht. Aber Anfangs gab es freilich wieder mancherlei Dinge, welche
ich erst lernen mußte.

So füllte ich die Tassen stets bis hoch hinauf an den Rand, was die Tante
mir zwar gleich am ersten Morgen verboten, ich mir aber gar nicht merken
konnte. Mir schien es immer, als würden die Leute meinen, ich gäbe es ihnen
nicht gern, wenn ich so wenig in die Tassen goß. Die Folge davon war denn,
daß der Thee über den Rand hinaus gedrängt wurde, sobald man Zucker und
Sahne hinzu that, und daß von jeder Tasse ein Regen herab träufelte, sobald
man sie an den Mund führte. Ferner lief ich mit der Theekanne rings im
Zimmer umher, um gleich an Ort und Stelle die Tassen der Gäste wieder zu
füllen, bis Tantchen mich leise zurück zog und mir die Tassen an das Buffet
brachte, um dort einzugießen.

Dankte dann eins oder das andere der Gäste und wollte nichts mehr genießen,
so hielt ich es für meine Pflicht, sie mit Bitten so lange zu bestürmen,
bis ich meinen Thee oder Kuchen wieder angebracht hatte, was mir oft schwer
genug wurde, bis die Tante mich endlich von diesem Amte erlöste. »Denn,«
sagte sie, »in guter Gesellschaft dankt man, wenn man genug hat, ohne auf
Nöthigung zu warten. Dies Bitten und Bestürmen ist gut kleinstädtisch und
in manchen Kreisen vielleicht wohl gebräuchlich, zum guten Tone aber gehört
es nicht, obwohl es eben auch kein Unrecht ist.«

Die Art und Weise, wie man jemandem etwas darbietet, will auch gelernt
werden, und so erfuhr ich, daß man dem Gaste von der linken Seite etwas
präsentirt, nicht aber von der rechten, denn sonst hat derselbe die rechte
Hand nicht frei zum Zulangen.

Vor Allem hielt die Tante darauf, daß ich alle meine Geschäfte hübsch still
und geräuschlos that, damit die Gäste nicht das Knarren der Räder, welche
die Hausordnung trieben, unangenehm bemerkten.

»Mir wird immer ganz unbehaglich zu Muth, wenn ich jemanden besuche und
sehe, welche Störung meine Gegenwart hervorruft,« sagte die Tante. »Da wird
gerannt und gerufen, Thüren und Schränke auf und zu geworfen, heraus
und herein geschossen, geklappert und gepoltert, und das Alles, um mir
vielleicht ein Stückchen Kuchen auf einem Teller darzubieten, oder den
Theetisch zurecht zu machen. Nur ja niemals viel Lärm um nichts, liebe
Tochter, weder in leiblicher noch in geistiger Hinsicht.«

Da an diesen Montagen nur ältere Herren und Damen bei der Tante erschienen,
so konnte ich ganz meiner Neigung folgen, welche mich antrieb, so
zuvorkommend und aufmerksam, so dienstfertig und gefällig zu sein, als
möglich. Jüngeren Personen, besonders jungen Herren gegenüber, hielt mich
die Tante oft in meiner Dienstbeflissenheit zurück, da dieselbe, wie sie
sagte, häufig zu weit ging. Daß man auch übertrieben gefällig sein könnte,
kam mir freilich sonderbar vor, aber die Tante verstand das besser. Gegen
alte Damen jedoch ließ sie mich ruhig gewähren, und da mein Herz mich ganz
besonders zu einigen derselben hinzog, kannte meine Dienstfertigkeit keine
Grenzen. Ihnen den Sitz behaglich zu machen, Fußbänkchen unter die Füße und
Kissen in den Rücken zu schieben, nach Tuch und Mantel zu springen, ihnen
die Maschen ihres Gestrickes zu zählen, oder herunterstürzenden Maschen zu
Hülfe zu kommen, Nadeln einzufädeln, Garn oder Seide zu wickeln, Obst zu
schälen, nach Riechfläschchen oder frischem Wasser zu springen, -- alles
das waren Dinge, die ich mit Entzücken besorgte, sobald mein spähendes Auge
nur den leisesten Wunsch danach zu entdecken meinte, und freundlicher Dank
wurde mir dann immer zu Theil.

Gegen die alten Herren war ich natürlich zaghafter, doch beeilte ich mich
ebenfalls, wo es wünschenswerth schien, bequeme Sitze herzurichten,
alles was zur Erde fiel aufzuheben, fein gedruckte Schrift heraus zu
buchstabiren, Brillengläser abzuwischen, oder auch ruhig und gefällig
zuzuhören, wenn irgend eine langweilige Erzählung keine aufmerksamen
Zuhörer finden wollte.

Häufig, wenn diese gemüthlichen Abende nicht durch Kartenspiel ausgefüllt
wurden, griff man zu der Lectüre irgend eines guten Buches, aus welchem ein
oder das andere Glied der Gesellschaft vorlas. Am liebsten hörte ich Tante
Ulrike vorlesen, deren weiches, klangvolles Organ wie Musik tönte und
mir jetzt erst einen Begriff davon gab, welch' schöne Sache es um gutes
Vorlesen sei.

Uebrigens wurde mir die Freude, Tante Ulrike lesen zu hören, öfter zu
Theil; denn damit auch ich in dieser Kunst etwas lernte, nahm sie sich die
Mühe, häufig auch mit mir etwas zu lesen. Ich armer kleiner Stümper wagte
anfangs kaum, neben dieser fertigen Vorleserin die Lippen zu öffnen; aber
in ihrer freundlichen Weise ermunterte sie mich dabei, ohne müde zu werden,
ließ mich oft Zeile für Zeile nachsprechen, Sätze drei bis vier Mal lesen,
bis ich den Ton und Ausdruck gefunden, den sie selbst hinein legte, und so
bildete sich nach und nach auch mein Vortrag.

Mit diesen Vorlesungen verband die Tante übrigens noch einen andern Zweck,
meine Erziehung betreffend. Um mich zu gewöhnen, auch mit müßigen Händen
anständig und still dazusitzen, was mir sehr schwer wurde, wie vielen
andern Leuten auch, duldete die Tante nicht, daß ich mich während des
Lesens mit einer Handarbeit beschäftigte.

»Junge Mädchen wissen immer nicht, was sie mit ihren Gliedern anfangen
sollen, wenn sie nicht mit den Händen arbeiten oder mit den Füßen tanzen
können,« sagte die Tante, und wie sehr sie darin Recht hatte, fühlte ich an
mir selbst nur zu wohl. Auch meine Haltung ließ viel zu wünschen übrig,
und mein Rücken suchte sich immer kräftigen Beistand an der Stuhllehne; ich
glaube, mein Kreuz bedurfte der Stütze, da ich eine so lang aufgeschossene
Hopfenstange war.

»Sieh, ich bin alt, und halte mich viel besser, als du junges Mädel!« sagte
die Tante, und darin hatte sie nur zu wahr gesprochen, denn sie hielt
sich in der That so musterhaft gerade und stattlich, ohne dabei steif oder
altmodisch auszusehen, daß ich es mit ihren silbergrauen Löckchen gar
nicht vereinen konnte, welche doch die Schwäche des herannahenden Alters
verkündeten.

»Das ist alles nur Gewohnheit, Kind,« pflegte sie zu sagen, wenn ich diese
meine Verwunderung gegen sie aussprach. »Wer krumm sitzt, wächst krumm. Das
Bäumchen, das als schwacher Stamm gerade gezogen wird, giebt einen stolzen,
stattlichen Baum im Alter. Jung gewohnt, alt gethan! Wer z. B., wie meine
liebe Grete so eben thut, schon mit 16 Jahren seine Füße so weit von sich
fort streckt und mit den Händen ungeheuerliche Fechtübungen macht, während
der Mund redet, der wird auch mit 60 Jahren nicht, wie es der Anstand
erfordert, geschlossene Glieder und ruhige Bewegungen erlangt haben.«

Dabei schob die Tante eine Fußbank unter meine baumelnden, zappelnden Füße,
leider aber gab es für meine zehn Finger keinen derartigen Ruhepunkt, und
dieselben einfach und ruhig im Schooße liegen zu lassen, wie es schicklich,
war eine schwere Aufgabe.

»Die du aber lernen mußt,« sagte die Tante, »denn ein junges Mädchen, das
während des Gespräches die Finger still hält, und nicht irgend etwas
darin dreht oder sonstige Verlegenheitsmaneuvres macht, ist eine seltene
Erscheinung. Wenn ihr nur wüßtet, ihr jungen Mädchen, wie unbehaglich ihr
durch diese Unruhe des Körpers für Andere werdet, ihr dächtet mehr daran,
es zu vermeiden.«

»Ja, Tantchen, da muß man aber immerfort nur an sich denken, und an alles
das, was anständig ist,« klagte ich kleinlaut.

»Das lernt sich schon, und dann kann man später gar nicht anders,«
entgegnete die Tante. »Auch du wirst es früher lernen, als du jetzt denkst,
mein kleiner Backfisch; denn ich sehe, du giebst dir Mühe, und ich bin ganz
gut mit dir zufrieden, wenn ich auch immerfort tadle. Nur Geduld, es wird
schon werden, mein Töchterchen!«

Das war das erste Lob, welches die Tante mir in Betreff dieses Punktes
ertheilte. Wie glücklich machte es mich, und wie hob es meine muthlos
sinkenden Flügel! Damit ich mir aber nichts auf meine riesigen Fortschritte
einbilden möchte, stand schon wieder ein kleiner Dämpfer in der Nähe.

So eben nämlich lasen wir in Goethe's Tasso die schönen Worte:

  »Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
  »So frage nur bei edlen Frauen an,
  »Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,
  »Daß Alles wohl sich zieme, was geschieht.«

»O, Tantchen, das klingt gerade, als hätte Goethe dich mit diesen edlen
Frauen gemeint!« rief ich mit jugendlicher Wärme.

Die Tante blickte lächelnd vom Buche auf, und indem sie mich ansah, spielte
plötzlich ein lustiger Gedanke auf ihren Lippen.

»Du bist eine kleine Schmeichelkatze,« sagte sie. »Mir fällt da aber gerade
ein anderer Vers ein, der auf dich vortrefflich paßt.«

»Auf mich, Tantchen? Ein Vers? Was denn für einer?« fragte ich verwundert.

»O er ist nur kurz, aber desto treffender,« lachte die Tante, und nun
sprach sie in singendem Tone:

  »Kätzchen ist gestorben heut,
  »Giebt's ein schönes Grabgeläut,
  »Unsre liebe Kleine
  »Baumelt mit dem Beine,
  »Stühlchen setzt sich auch in Trab,
  »Wackelt munter auf und ab!«

Also das war's! In Gedanken verloren hatte ich mich in meinen Stuhl zurück
gelegt, und mit demselben auf und nieder wippend, schlug ich mit meinen
Füßen munter den Takt dazu, indem ich sie hin und her schlenkerte.

Mit fröhlichem Gelächter fiel ich der Tante um den Hals und küßte sie wegen
ihrer köstlichen Einfälle so stürmisch ab, daß sie mich nur mit Gewalt von
sich abwehren konnte und mich ein tolles, wildes Ding nannte, dem sie zur
Strafe nun heute kein klassisches Wort weiter vorlesen werde. »Hier ist
andere Speise für das kleine Bauermädel,« sagte sie dabei und griff nach
einem Buche, das sie mir für mein einsames Stündchen nach Tische, während
sie selbst ihre Mittagsruhe hielt, zum Durchlesen anempfahl.

Es war Uli der Knecht, und dessen zweiter Band, Uli der Pächter, von
Jeremias Gotthelf. Ach ja, das gefiel mir allerdings unbeschreiblich; aber
an diesem wundervollen Werke mußte ja wohl jeder Gefallen finden, der Sinn
und Herz besaß für einfache, tief gefühlvolle, brave Menschen. Welch einen
Schatz an Gemüth barg dieses liebe Buch in sich, welche derben, biederen
Naturen waren darin gezeichnet, und welche feine Beobachtung des rein
Menschlichen!

Ich vertiefte mich bald völlig in diese schöne Welt, in welche der Dichter
mich einführte, in das Leben unter schlichten Bauern draußen auf dem Dorfe,
eine Welt, die mir selbst ja so lieb und vertraut war, und erwachte erst
wieder für meine gegenwärtige Umgebung, als die Tante zum Kaffee rief.
O weh, o weh, den hatte ich ganz über meinem Buche vergessen! »Erst die
Pflicht, dann das Vergnügen!« lautete der Wahlspruch der Tante, wer den
aber nicht beherzigte, war die nachlässige Jungfer Grete, sonst hätte sie
erst den Kaffee gekocht und dann gelesen.




7.

In Gesellschaft.


Der lebhafte Verkehr, den Tante Ulrike mit allen ihren Bekannten
unterhielt, und die häufigen Gesellschaften, in welche sie nun auch mich
mit einführte, verursachten mir anfangs große Angst und gaben Anlaß zu gar
mancher Rüge von meiner lieben Tante Anstand.

Unvergeßlich ist mir vor Allem ein Abend geblieben, der so reich an
Ereignissen für mich war, daß ich davon erzählen muß, da er in seinen
Folgen tief in mein Leben eingriff, ohne daß ich es damals ahnen konnte.

Wir waren in einer glänzenden Abendgesellschaft bei Präsident Römers.
Ich stand, wie gewöhnlich, neben meiner Freundin Marie, die mir hier wie
überall ein Retter in der Noth war, denn ich kannte in der zahlreichen
Gesellschaft fast keine Seele weiter. Ziemlich gelangweilt blickte ich im
Saale umher und musterte die elegante Menge. Plötzlich aber blickte ich
freudig auf. »Ach Marie, sieh doch, da ist der Dr. Hausmann aus F., der
hat Papa kürzlich besucht,« rief ich hoch erfreut und zeigte mit dem Finger
nach einem großen blonden Herrn, der mitten unter andern Gästen stand. »Den
muß ich begrüßen! Wie wird er sich wundern, mich hier zu sehen!«

Schnell wollte ich von Marie's Seite fort und zu Dr. Hausmann hinüber, als
ich meiner Freundin Hand fest auf meinem Arme fühlte.

»Halt, Gretchen!« rief sie leise, mich zurück ziehend. »Erstens zeige
um Himmels Willen nicht mit den Fingern nach jemand, das ist schrecklich
unanständig, und dann muß ich dir sagen, es geht doch wirklich nicht an,
daß du den Dr. Hausmann jetzt anredest, wo er mitten unter den andern
Herren steht, du müßtest dich ja mit Gewalt zwischen diesen hindurch
drängen, um zu ihm zu gelangen.«

»Ach das ist wahr, daran hatte ich gar nicht gedacht!« sagte ich betreten.

»Ueberhaupt,« fuhr Marie fort, »kennst du denn den Herrn so genau, daß du
ihn zuerst begrüßen willst? Er ist wohl ein guter Freund eures Hauses?«

»Nein, ich habe ihn nur ein einziges Mal bei uns gesehen, er kam in
Geschäften zu Papa und blieb den Nachmittag bei uns,« erwiderte ich etwas
befangen. »Aber da ich die Leute hier so wenig kenne, so freue ich mich
darauf, mit ihm von Schreibersdorf zu sprechen; das bringt ihn mir viel
näher, als all' die andern Herren, die weder meinen Papa noch irgend jemand
von zu Haus kennen.«

»Weißt du was, Gretchen, wenn du ihn nicht näher kennst, so warte, bis er
dich begrüßt,« sagte Marie. »Dann schickt es sich wirklich nicht anders.
Denn wenn er dir auch dadurch interessant wird, daß er die Deinen kennt, so
bist du es ihm doch vielleicht viel weniger, sonst hätte er dich wohl schon
angesprochen.«

Wie immer, mußte ich auch hier meiner weisen Marie Recht geben; doch
verdroß es mich gewaltig, daß ich für den jungen Herrn, der mich so lebhaft
interessirte, gar nicht zu existiren schien. Aber lange sollte mein Zorn
nicht anhalten; denn bald bemerkte ich, wie sich der Herrnknäuel entwirrte,
und mein blonder Herr =Doctor juris= rasch auf mich zugeschritten kam.

»Fräulein Geßler, finde ich Sie hier? Welche Ueberraschung!« rief er
freudig. »Ich sehe Sie erst in diesem Augenblicke, sonst hätte ich mich
beeilt, Sie früher zu begrüßen. Wie geht es Ihnen denn?«

Dacht' ichs doch! Er freute sich auch, mich hier unter all' den fremden
Leuten zu sehen, und hatte es mir nur nicht früher sagen können, da er mich
jetzt erst bemerkte. Das war mir gar zu angenehm, und fröhlich schwatzte
ich nun mit meinem »lieben Freunde«, wie Marie ihn neckend nannte, von
allen meinen Lieben zu Hause, und Dr. Hausmann schien sich so für Alles
zu interessiren, was ich ihm vorplauderte, daß ich meine Umgebung völlig
vergaß und ihm mit unbeschreiblichem Vergnügen und offenem Herzen gleich
von allen möglichen Dingen erzählte. Nachdem wir lange Zeit mit einander
geschwatzt hatten, sah ich Tante Ulrikens feine Gestalt in meiner Nähe, und
mir schien, sie blickte sehr prüfend und überrascht zu ihrem Backfischchen
hinüber. Da fiel mir ein, daß es ihr auch Freude machen würde, den Dr.
Hausmann kennen zu lernen, und so stand ich rasch auf und sagte, ich wollte
meine Tante herbei rufen. Der Doctor folgte mir aber auf dem Fuße und bat,
ihn doch lieber zu der Tante hinzuführen, damit er sich ihr vorstelle.
Dabei lächelte er so eigen, daß ich fühlte, ich hatte da gewiß wieder etwas
Dummes gemacht, und mit Purpur übergossen eilte ich ihm voran, hin zu Tante
Ulrike, der ich meinen Bekannten mit einigen Worten präsentirte.

Die Tante begrüßte den Doctor zwar in ihrer freundlichen Weise, wie sie
eben gegen alle Menschen so engelsgut war, aber meinen Gefühlen genügte
dieser Empfang bei weitem nicht und erschien mir gar zu kühl und
zurückhaltend. Hatte ich ja doch schon von so Vielem mit ihm gesprochen,
was meinem Herzen nahe stand, von meinen Eltern und Geschwistern, meinem
lieben Vaterhause mit all' seinen gemüthlichen Einwohnern und Räumen, und
von unserm traulichen, freundlichen Dorfe, das mitten in Wald und Wiese
lag, wie eine Perle in der Muschel. Das Alles hatte ihn mir so nahe
gebracht, mir die Zunge gelöst und das Herz auf die Lippen geführt, und nun
behandelte ihn die Tante zwar freundlich, aber doch gerade ebenso fremd
als jeden andern jungen Herrn, der ihr vorgestellt wurde. Das war recht
unangenehm!

Aber wie groß war mein Erstaunen, als der Doctor sich entfernt hatte, und
die Tante sich nun mit nicht gar zu freundlichem Gesicht zu mir wandte.

»Du warst ja recht vertraut mit dem jungen Herrn,« sagte sie, mich mit sich
in eine Fensternische ziehend, wo wir wenig beobachtet werden konnten. »Ist
denn der Dr. Hausmann ein so naher Freund eures Hauses? Davon wußte ich gar
nichts.«

»Nein, Tantchen, sehr befreundet ist er meinen Eltern nicht,« erwiderte
ich, etwas ängstlich geworden. »Ich freute mich aber sehr, ihn hier zu
sehen, wo mir so viele Personen unbekannt sind.«

»Und in deiner Freude hast du ganz vergessen, was sich für ein junges
Mädchen schickt, mein Töchterchen,« sagte die Tante sanft.

»Ich, Tantchen?« rief ich wahrhaft erschrocken, denn davon hatte ich keine
Ahnung.

»Ja du, mein Herz! In deiner Lebendigkeit hast du nicht beachtet, wie viele
verwunderte Blicke zu dir hinflogen, während du dich mit dem jungen Mann so
laut unterhieltest, daß die ganze Umgebung an eurem Gespräche Antheil haben
konnte. Dann lachtest du dazwischen auch so laut, wobei du den Mund recht
unschön aufsperrtest und dich auf dem Stuhle weit hintenüber legtest, daß
mir angst und bange wurde. Das Schlimmste aber war, daß du mit dem jungen
Herrn sogar leise tuscheltest, als wäret ihr die intimsten Freunde. Was
in aller Welt fällt dir ein, Kind? Du bist doch sonst so schüchtern und
ängstlich, heute aber kenne ich dich gar nicht wieder.«

»Ach, Tantchen, ich erzählte ihm einige meiner dummen Streiche, und das
sollte doch niemand weiter hören; aber ich sah wohl, daß einige Gäste
unserm Gespräche lauschten,« sagte ich ganz außer mir vor Schrecken.

»Also dergleichen hast du schon mit ihm gesprochen? Das ist ja viel
Vertrauen, das du diesem Herrn schenkst. Kennst du ihn denn so genau, daß
du weißt, er verspottet nicht etwa im Herzen deine Vertraulichkeit?«

»Nein, Tantchen, das würde ich nie von ihm glauben!« rief ich erglühend.
»Er hat sich ja so für Alles interessirt, was ich ihm von meiner Familie
und meiner Heimath erzählte, und das würde er gewiß nicht gethan haben,
wenn er so schlecht wäre.«

»Nun natürlich erschien dir das so, Kind, denn er konnte doch nicht so
unartig sein, fortzulaufen, wenn eine junge Dame ihm so vertrauliche
Herzensergüsse macht,« sagte die Tante lächelnd.

»Aber Tantchen!« jammerte ich dem Weinen nahe.

»Ich kann dir nicht helfen, du mußt diese kleine Strafpredigt hinnehmen,
damit du vorsichtiger wirst,« fuhr die unerbittliche Tante fort. »Wer weiß,
ob dein Freund nicht jetzt gerade dabei ist, einem andern jungen Herrn zu
erzählen, welch' thörichtes Backfischchen dieses junge Fräulein Geßler ist,
und ob diese Beiden sich dann nicht auf deine Kosten recht herzlich lustig
machen.«

»Tantchen, um Alles in der Welt sprich nicht so!« flehte ich trostlos,
indem dicke Thränen der Angst und Verzweiflung über mein Gesicht rollten.

»Nun wir wollen das Beste hoffen, Kind, tröste dich nur,« sagte die Tante,
mir das Haar aus meinem glühenden Gesicht streichend. »Aber warnen mußte
ich dich, damit du vorsichtiger und besonnener wirst, und deinen Gefühlen
nicht noch freieren Lauf läßt. Jetzt nimm dich zusammen, mache durch
gehaltenes, nettes Betragen wieder gut, was du in den Augen so Mancher
versehen, und vor Allem, zeige ein ruhiges, freundliches Gesicht; denn
es ist nie rathsam, die Gesichtszüge Verräther der Gefühle und
Herzensbewegungen werden zu lassen, in Gesellschaft aber am wenigsten.
Sieh, da kommt deine gute Marie, sie wird dich besser trösten können, als
ich es im Stande bin.«

Während Marie zu uns trat, ging die Tante einer alten Dame entgegen, und
überließ es uns, nach Belieben unsere Herzen gegenseitig zu öffnen. Die
stille Fensternische verbarg denn auch noch für eine Weile all' meinen
Jammer, den ich in das Herz meiner guten Marie ausschüttete, und von
ihr erhielt ich allerdings auch reichlich Trost und Beruhigung für alle
Thorheiten, die ich begangen.

»Aufgefallen ist dein Betragen freilich, das kann ich nicht leugnen,« sagte
Marie nach meinen Bekenntnissen, »und ich hätte dich gar zu gern aufmerksam
gemacht, daß du lange genug mit dem Dr. Hausmann gesprochen habest. Du
schienst mich aber über deinem Gespräche ganz zu vergessen, so nah ich dich
auch umschwärmte, und unaufgefordert konnte ich mich in eure Unterhaltung
nicht mischen, da ich deinen Freund nicht kannte.«

»Ach nenne ihn nur nicht so!« bat ich kleinlaut. »Wer weiß, ob er dieses
Namens nicht vielleicht völlig unwürdig ist und meiner spottet.«

»Nein, das glaube ich nicht,« sagte Marie ernst. »In seinem Gesicht spricht
sich viel Ernst und Milde aus, und wenn er vielleicht auch ein klein wenig
im Herzen über das junge Backfischchen lächelt, das sich noch nicht recht
zu benehmen weiß, so wird er dich doch sicher nie verspotten, sondern dein
Zutrauen zu ehren wissen.«

»Glaubst du das wirklich, Marie?« rief ich voll Entzücken, »Ach die Tante
hatte mir gar zu bange gemacht!«

»Ich müßte mich in seinem Gesicht völlig irren, wenn es anders wäre,« sagte
Marie sinnend.

»Aber alle die Menschen hier, wie schrecklich habe ich mich vor denen
blamirt! Ich wage gar nicht aus meiner Ecke heraus zu kriechen,« seufzte
ich weiter.

»Auch damit ist es nicht so schlimm, als du denkst,« tröstete Marie. »Das
Schlimmste, was ich in deiner Umgebung vorhin hörte, war, daß man lachte
und dich für sehr jung erklärte, und sehr kindlich und unbefangen, und das
ist am Ende Alles zusammen kein großer Fehler. Uebrigens wird man jetzt
nach so langer Zeit die Geschichte vergessen haben; komm nur getrost wieder
an das Lampenlicht, denn länger dürfen wir hier jetzt nicht mehr stehen.
Sieh, da kommt Fräulein Meynfeld, sie ist stets sehr freundlich zu mir, und
ich habe sie noch nicht begrüßt. Adieu, auf Wiedersehn! Sei guten Muthes,
mein Rosenknöspchen, und mache kein solch armes Sündergesicht mehr!«

Dabei nickte mir Marie's blondes Köpfchen fröhlich zu, und bald sah ich
meinen blauen Himmel an der Seite Fräulein Meynfelds, eines ältlichen,
angenehmen Fräuleins, dahin schweben.

Zaghaft mischte ich mich wieder unter die übrigen Gäste, und setzte mich
still etwas seitwärts in einem Zimmer neben dem Salon nieder, in welchem
man eben anfing zu musiciren. Die Diener reichten Eis herum, was ich sehr
liebte, und so vertrieb ich mir die Zeit eine Weile recht gut ganz allein,
indem ich bald der Musik lauschte, bald mein Eis langsam auf der Zunge
schmelzen ließ, so daß es mein heißes Blut angenehm kühlte. Dabei
beobachtete ich meine Umgebung, ob ich nicht auch vielleicht etwas
bemerkte, was nicht ganz nach den Regeln des Anstandes sein möchte, damit
ich doch nicht allein solch armer Sünder war. Aber nein, ringsum war alles
gehalten, ernst, anständig; man unterhielt sich wohl, aber wegen der Musik
nur leise, machte sich zierliche, wohlanständige Verbeugungen, und saß
und stand überall so gerade, so sittig und passend, daß ich mich seufzend
abwandte.

Da fiel mein Blick auf einen Herrn, der dicht neben mir stand. Er schien
mir nicht mehr ganz jung zu sein und sah auffallend ängstlich und befangen
aus; auch war er augenscheinlich ganz unbekannt in dem Kreise und verstand
so wenig, seine Schüchternheit zu verbergen, daß ich herzliche Sympathie
mit diesem Einsamen fühlte.

Die Musik schwieg endlich, die Gesellschaft schwirrte wieder lebhafter
durch einander, nur mein Fremdling verharrte in seiner Verlassenheit. Auch
ich blieb ruhig auf meinem Stuhle sitzen, denn ich war verstimmt und konnte
meiner Laune nicht Herr werden.

Endlich aber erhob ich mich, um meinen Teller fortzusetzen und sah dabei,
das auch mein Einsamer seinen Teller noch in der Hand hielt und sich
augenscheinlich dadurch in großer Verlegenheit befand, da er nicht wußte,
was damit anfangen.

»Ach,« dachte ich, »du armer Schelm bist doch noch ungelenker, als ich
kleiner Backfisch,« und da ich dicht an ihm vorbei gehen mußte, so griff
ich, ein freundliches Wort sprechend, auch nach dem Teller des Einsamen und
erlöste den Armen von seiner Verlegenheit.

Ueberrascht fuhr derselbe auf und starrte mir stumm in das Gesicht. Endlich
besann er sich und machte mir eine Verbeugung, die herzlich steif ausfiel.
Dann stand er wieder wie vorher still auf seinem Platze, und auch ich nahm
meinen Sitz wieder ein, da die Musik von Neuem ertönte.

Ich glaubte, wie gesagt, anfangs, als ich meinen stummen Nachbar
betrachtete, einen nicht mehr jungen Mann vor mir zu haben. Indem ich
denselben jedoch jetzt in der Nähe angesehen, merkte ich wohl, daß er noch
zu den jüngeren Herren gehörte, und daß nur seine wunderliche Haltung an
diesem Irrthum die Schuld trug. Ich blickte deshalb jetzt von meinem Stuhle
aus noch einmal zu dem Fremden hin, um den ersten Eindruck mit dem späteren
zu vergleichen. Da aber wandte sich der Beobachtete schnell nach mir um,
und ehe ich noch meine Blicke von ihm abgewendet, sah er mich mit seinen
dunkeln, eigenthümlich schwermüthigen Augen starr und stumm lange Zeit an.

Etwas gepeinigt durch dieses Anstieren machte ich mir schnell an meinen
Handschuhen etwas zu schaffen, deren Knöpfe aufgesprungen waren. Nun aber,
als ich des Einsamen Gesicht jetzt eben wieder betrachtete, war mir dessen
Aehnlichkeit mit irgend jemand aufgefallen, den ich kannte, ich konnte mich
aber durchaus nicht besinnen, wer es sei, der ihm gleiche. War es Prediger
Moller in Magdeburg, oder Onkel Heinrich in Leipzig? Nein, nein, Dr.
Sarre in Halle sah ihm wohl ähnlich, oder mehr noch Amtmann Amelang, unser
Nachbar in Schreibersdorf. Ich konnte mit mir nicht darüber einig werden,
und doch quälte es mich unablässig, wie es mit solchen Dingen geht, denn
eine große Aehnlichkeit war da, aber mit wem nur am meisten? Ich mußte es
heraus bekommen, mußte mir noch einmal das eigenthümlich anziehende Gesicht
des Einsamen darauf ansehen.

Getrost blickte ich deshalb wieder auf und gerade zu dem Fremden hin, der
mich jetzt gewiß längst ignorirte.

Aber wie erschrak ich, als ich nun bemerkte, daß die Blicke desselben immer
noch auf mir ruhten wie vorher. Das war doch recht lästig, was hatte denn
der wunderliche Mann an mir zu sehen? Er war doch gar zu sonderbar!
Ich fühlte, wie mein Gesicht vor Verlegenheit feuerroth wurde, eine
Erscheinung, die mich freilich oft genug belästigte, aber ich konnte es
nicht ändern. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhle umher und nahm mir
fest vor, den Platz zu wechseln, sobald das Gesangstück beendigt war. Das
schien aber kein Ende nehmen zu wollen, und während ich nun ordentlich
scheu und erschrocken meine Augen vor den Blicken des Sonderlings senkte,
geschah wieder etwas, das denselben in neue Verlegenheit brachte.

Er hielt nämlich, wie alle Herren, seinen Hut unter dem Arme, aber so
ungeschickt, daß ich schon immer gefürchtet hatte, er werde ihn fallen
lassen. Und richtig! Plautz! da lag der unglückliche Hut endlich auch und
zwar gerade vor meinen Füßen. Der Fremde war in höchster Bestürzung,
und vor Verlegenheit wagte er kaum, nach seinem Eigenthum die Hand
auszustrecken. Unwillkürlich bückte ich mich deshalb schnell, griff nach
dem Hute und reichte, natürlich abermals tief erröthend, denselben seinem
Besitzer hin, der ihn mit einer steifen Verbeugung aus meiner Hand empfing.
Hierbei aber verlor er nun wieder seine Handschuh, die er in der Hand
hielt, und ehe er noch seinen steifen Rücken gekrümmt hatte, übergab ich
ihm auch schon das Verlorene wieder.

Abermaliger Bückling und große Verlegenheit, denn nun stand er vor mir
und wußte nicht, sollte er sprechen oder seine stumme Rolle ferner weiter
spielen. Um den wunderlichen Gesellschafter, sowie mich selbst aus der
peinlichen Situation zu erlösen, griff ich nach einer Bildermappe, welche
in der Nähe aufgeschlagen lag, und vertiefte mich scheinbar lebhaft in die
Betrachtung der Kupferstiche.

Hatten nun aber diese Bilder wirklich das Interesse des Einsamen erregt,
oder meinte er, mir seine Aufmerksamkeit beweisen zu müssen, kurz, er
schaute mit vorgestrecktem Halse und weit geöffneten Augen nach den Bildern
hin, die ich durchblätterte, blieb dabei aber in so gemessener Entfernung
stehen, daß ich das Lachen verbergen mußte, das seine Stellung in mir
erregte. Um ihn jedoch los zu werden, reichte ich ihm ein Blatt nach dem
andern hin, damit er es sehen konnte, ohne mich zu belästigen.

Diese neue Aufmerksamkeit schien den Damm seiner Schüchternheit zu
durchbrechen. War ich ja doch augenscheinlich die Einzige, die sich seiner
erbarmte unter all' den Gästen, -- unter Larven die einzig fühlende Brust!
-- dem konnte sein Herz nicht widerstehen, das besiegte selbst _seine_
Blödigkeit!

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte er stotternd und leise, indem er sich an
meine Seite setzte, »ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen!« Dann fragte
er mich, ob ich mich für die Kupferstiche interessire, und als ich dies
bejahte, dabei aber meine völlige Unkenntniß eingestand, fing er an, mit
leiser Stimme, um die Musik nicht zu stören, von den Meistern zu reden,
deren Werke vor uns auf dem Tische lagen: Dürer, Holbein, Carstens, sowie
den berühmtesten Italienern Rafael und Michel Angelo. Mir war anfangs
etwas ängstlich zu Muthe, denn ich erinnerte mich wohl, daß die Tante mir
geboten, nur mit solchen Herren zu sprechen, die mir vorgestellt seien, und
den wunderlichen Fremden kannte ich doch gar nicht. Aber bald vergaß
ich diese meine Furcht über dem lebhaften Interesse, das seine Reden mir
erregten. Er hatte augenscheinlich große Kenntniß in Kunstsachen, denn
von jedem der Meister, sowie von ihren Werken wußte er mir in einer sehr
anziehenden Weise etwas zu sagen.

Jetzt aber schwieg die Musik wieder, und es wurde um uns her lebhaft. Ich
fing wieder an mich zu ängstigen, daß ich mit dem wunderlichen Fremden
so allein in einer Ecke saß, er aber schien dies gar nicht zu bemerken,
sondern fuhr in seiner Unterhaltung gleichmäßig fort. Da endlich sah ich
Marie's blaues Kleid in der Nähe, und mich schnell erhebend, sagte ich
hastig: »Entschuldigen Sie, ich glaube, man sucht mich.«

Da kam Marie aber schon auf mich zu. Sie war sehr erstaunt, mich mit dem
Fremden in so nahem Verkehr zu finden, und indem sie demselben eine leichte
Verbeugung machte, sagte sie: »Ah, Herr Baron, sieht man Sie auch einmal
hier? Das ist schön!« Ich flüsterte Marien hastig zu, sie möchte mir den
Herrn vorstellen, da sie ihn kenne. Marie sah mich verwundert an, denn sie
dachte natürlich, daß mein gesprächiger Cavalier dies schon selbst gethan
hätte, nun aber wandte sie sich gefällig wieder zu uns und sagte: »Liebes
Gretchen, erlaube, daß ich dir einen Freund meines Bruders vorstelle,
den Herrn Baron von Senft. Und dies, Herr Baron, ist meine liebe Freundin
Margarethe Geßler.«

Alle Steifheit und alles Ungeschick, das mein armer Einsamer während der
lebhaften Unterhaltung glücklich überwunden hatte, kehrte jetzt mit
einem Male in vollster Blüthe zurück, sowie Marie zu uns getreten, und
gesellschaftliche Formen wieder von ihm verlangt wurden. Er machte eine
unendlich linkische Verbeugung und stotterte einige unzusammenhängende
Laute, aus denen nur einzelne Worte, wie: entzückt -- Fräulein -- gütig,
vernehmbar hervor tauchten, wie Froschköpfe aus dem Sumpfe.

Wir eilten der Verlegenheit ein Ende zu machen, indem wir uns schnell
empfahlen und nach einem andern Zimmer gingen. Aber mit wahrhaftem
Mitleiden bemerkte ich die traurigen Blicke, welche der aufs Neue
Vereinsamte mir nachsandte, und ich konnte mir nicht helfen, mein gutes
Herz trieb mich, ihm noch einen recht freundlichen Gruß zurück zu schicken.

»Was tausend heißt denn das, Grete? Du bist heute ja ganz ausgetauscht!«
lachte Marie, als sie meinen Gruß bemerkte. »Erst so vertraulich mit Dr.
Hausmann, und nun gar ein Herz und eine Seele mit dem menschenscheuen
Baron Senft? Irre ich nicht, so habe ich so eben ein sehr interessantes
=tête-à-tête= gestört, in dem du mit dem Sonderling begriffen warst. Nun
sollst du mir noch einmal weiß machen, du seist blöde! Dem Mädchen, das den
Baron Senft gewinnen kann, gehört wahrlich eine Verdienstmedaille!«

»So schweig doch nur endlich mit dem Unsinn und höre, wie das alles
gekommen ist!« rief ich ärgerlich, denn ich schien heute wirklich dazu
verdammt, den Schein eines unbesonnenen, koketten Mädchens auf mich zu
ziehen. Hastig erzählte ich nun der Freundin, wie sich unsre Bekanntschaft
angeknüpft, und wie ich nichts weniger gewollt, als mich dem Sonderling
aufzudrängen; aber wie das Mitleid, das ich mit seiner Unbehülflichkeit
gehabt, mir endlich seine Aufmerksamkeit erworben und die Eisrinde seiner
Schüchternheit aufgethaut habe.

»Nun ein anderer, als unser scheuer, guter Baron hätte deine
Aufmerksamkeiten wohl noch anders verstehen können,« lachte Marie. »Ich
bitte dich um Alles, spare deine Dienstfertigkeiten für andere Leute auf,
junge Herren werden nun einmal nicht von jungen Damen bedient. An dem armen
Baron aber hast du eine Eroberung gemacht, den haben deine schwarzen Augen
versengt; denn sieh nur, da steht er schon wieder in der Thür und blickt
sehnsuchtsvoll zu uns herüber.«

Wirklich, Marie hatte Recht, dort stand er und sah mich mit seinen großen
Augen so eigenthümlich an, daß ich wieder dunkelroth wurde und mich
ängstlich an Marie's Arm klammerte und flehentlich bat, sie möge mich nicht
mehr verlassen, ich mache sonst noch mehr Thorheiten. Zum Glück nahte sich
die Gesellschaft ihrem Ende, und ich ward aus der peinlichen Situation
erlöst, in welche meine Unerfahrenheit mich wieder aufs Neue versetzt
hatte. Die lose Marie flüsterte mir als Gruß zur guten Nacht noch
schelmisch zu: »Gratulire zu deiner Eroberung, träume süß, liebes
Gretchen!«




8.

Folgen.


Am andern Morgen kam Marie zeitig zu mir, um zu hören, wie meine gestrigen
Aventuren mir bekommen wären. Sie neckte mich in so lustiger Weise, war so
ausgelassen und schalkhaft, daß ihre Heiterkeit mich bald auch ansteckte,
und wir nun alle Beide um die Wette über meine Eroberung lachten.
Wahrscheinlich waren wir schrecklich albern und kindisch, denn die Tante,
welche sonst gern mit uns scherzte, wollte heute gar nicht auf unsere
Fröhlichkeit eingehen. Gestern Abend hatte ich ihr beim Schlafengehen
in unserem traulichen grünen Stübchen noch ehrlich alles gebeichtet, und
obwohl sie mich vor ähnlichen Unbesonnenheiten warnte, so mußte sie dennoch
herzlich über die Geschichte lachen; zuletzt aber wurde sie ernst und
nachdenklich und sprach nicht weiter von der Sache.

»Hört einmal, Kinder,« sagte sie jetzt, als wir beiden Mädchen in toller
Lust neben ihr schwatzten und lachten, »nehmt es mir nicht übel, aber
euer Betragen gefällt mir nicht! Freilich hat der gute Baron euch allerlei
Ursache zu Scherz und Lachen gegeben; aber ein gutes Herz zeigt ihr
wahrlich nicht, wenn ihr nur die komische Seite der Sache betrachtet, die
traurige Rolle nämlich, welche der arme Mensch darin spielte. Wißt ihr denn
so genau, ob sein Interesse für Gretchen nur so flüchtig war, und ob er
in seiner einsamen Lage nicht vielleicht wirklich innig gerührt worden ist
durch die Freundlichkeiten eines so jungen Wesens? Verlassen dastehen ist
hart und verdient Mitleid, nicht aber Spott.«

»Aber liebe, gute Tante, darüber lachen wir ja doch auch wirklich nicht,
sondern über Gretchens naives Betragen, und was damit zusammenhing,« sagte
Marie ernst werdend. »Und was das Alleinstehen des Barons betrifft, so
ist er ja ganz und gar selbst daran schuld, warum isolirt er sich so
absichtlich! Er hat Alles, was sein Herz verlangt, und wodurch er auch
andere glücklich machen könnte, Reichthum, alten geachteten Namen,
unabhängige Lage, gesunden Körper, und dabei lebt er wie ein Einsiedler,
sieht und besucht fast keine Seele, ladet selten jemand auf seine
Besitzungen ein, und wenn er sich ja entschließt, einmal aus seiner Klause
hervorzukommen, so sieht er so scheu und unglücklich aus, daß sich niemand
an ihn heran wagt. Nicht einmal seine alten Freunde können etwas mit ihm
anfangen, wie Eduard mir sagt. Es ist ihm einmal nicht zu helfen, er ist
gar zu wunderlich.«

»Bei alledem ist er aber doch zu bedauern,« sagte die Tante sanft, »denn es
fehlt ihm trotz seiner irdischen Güter das rechte Glück. Er versteht nicht,
das Leben richtig zu erfassen, um sich und Andern nützlich zu werden, und
solche Menschen erregen immer mein Mitleiden.«

»Nun, wir wollen nicht mehr über ihn lachen, Tantchen,« sagte ich, der
Tante die Hand küssend. »Es war recht kindisch von mir, und doppelt
unrecht, da er mich gestern Abend wirklich gut unterhalten und belehrt hat.
Gewiß ist er ein innerlich sehr gebildeter Mann, dem nur die äußeren Formen
abgehen. Und ich alberne Bauerndirne sollte über diesen Mangel am wenigsten
lachen.«

In diesem Augenblicke wurde der Dr. Hausmann angemeldet. Dunkle Gluth
übergoß mein Gesicht bei diesem Namen, denn mein unpassendes Betragen
von gestern Abend trat in seiner ganzen Größe vor meine Seele. Um so mehr
überraschte mich der Tante froher Ausruf: »O, das freut mich ja herzlich!«
denn ich hatte geglaubt, es würde ihr unangenehm sein, den Mann wieder zu
sehen, vor welchem ich mich so kindisch betragen hatte. Aber die Tante war
oft ganz unberechenbar.

In ihrer freundlichen Weise ging sie dem Doctor zum Willkommen entgegen,
und dieser begrüßte sie sowohl, als auch Marie und mich so offen und
liebenswürdig, und doch dabei so ernst und würdig, daß sich meine Scheu
sehr minderte, denn so hätte er sich sicher nicht benommen, wenn er mich
im Herzen verspottet, oder gar von meiner Vertraulichkeit Mißbrauch gemacht
hätte. Sehr beruhigt faßte ich denn auch bald den Muth, mich mit in die
Unterhaltung zu mischen, um wo möglich wieder auszuwetzen, was ich gestern
dumm gemacht hatte, und wirklich, es schien, ich hatte heute meinen guten
Tag, denn ich sprach fast so verständig, wie ein erwachsener Mensch. Aber
die gute Tante wußte auch so geschickt Dinge zur Sprache zu bringen, über
welche ich gut Bescheid wußte, und der Doctor hatte eine so angenehme Art,
auf Alles einzugehen, daß der Besuch sehr angenehm verlief, und mir ganz
froh und frei zu Muthe ward.

»Nun, Gretchen, ich denke, der Doctor Hausmann ist besser, als ich dir
gestern vorgeredet,« sagte die Tante, als der Besuch uns verlassen hatte.

»Gewiß, Tantchen, das sagte ich gleich. Aber warum denkst du jetzt anders
über ihn, als gestern?«

»Weil er sich sonst gewiß nicht beeilt haben würde, zu uns zu kommen.
Gleichgültigkeit oder böses Gewissen hätten ihn sicher zurück gehalten.
Sein heutiger Besuch aber zeigt mir, daß er deine kindliche Vertraulichkeit
ganz fein und richtig beurtheilet hat, und das gefällt mir sehr wohl von
ihm. Er ist ein gebildeter, feinfühlender junger Mann, den ich stets gern
bei mir sehen werde.«

Tante's Urtheil, das mir stets maßgebend war, erfreute mich doppelt, denn
nun konnte ich mich doch über mein Benehmen vom vorigen Abend beruhigen.
Der Doctor verlachte mich nicht, und das war mir die Hauptsache, die andern
Leute hatten sicher mehr zu thun, als an mich armes Backfischchen noch
lange zu denken und über meine Dummheiten zu spotten.

Marie ihrerseits triumphirte, daß sie sich in meines Freundes Gesichtszügen
nicht geirrt hatte, von denen sie gestern schon eine so gute Meinung
gehabt. In heitere, harmonische Stimmung versetzt, schieden wir endlich
fröhlich von einander, als Marie sich zum Heimwege rüstete.

An jenem Tage beauftragte mich die Tante mit einigen Einkäufen, und ich
machte mich fertig, dieselben nach dem Mittagessen zu besorgen, während
Tante Ulrike zu einer alten Freundin ging. Aber ich wurde durch Besuch
einiger junger Mädchen zurück gehalten, und so war es schon ziemlich spät
geworden, ehe ich meine Aufträge besorgen konnte. Endlich aber hatte ich
meine Geschäfte beendet und rüstete mich zum Heimweg. Die Lampen brannten
schon auf den Straßen und in den Kaufläden, und voll Bewunderung ging ich
an den hellerleuchteten Schaufenstern vorüber, in denen beim Glanze so
vieler Lichter Alles doppelt reich und kostbar erschien. Mich einfaches
Landkind entzückte ja ohnehin all' das Neue, das ich hier in der großen
Stadt sah, und neugierig spähend blieb ich gern vor den Fenstern der
Kaufläden stehen, um Alles recht genau zu betrachten.

Besonders waren es die an den Schaufenstern ausgestellten Bilder, für
welche ich eine große Vorliebe besaß, und stundenlang hätte ich davor
stehen mögen, um diese Kunstwerke anzusehen. An einer solchen Handlung sah
ich nun jetzt im Vorübergehen einzelne jener Blätter, welche ich Tags zuvor
mit Baron Senft betrachtet hatte, und über deren großen Werth ich durch ihn
belehrt worden war. Voll Interesse trat ich deshalb an das hellerleuchtete
Fenster und studirte diese Kunstwerke noch einmal, sowie auch die reiche
Sammlung anderer Abbildungen, welche daneben lagen. Im Anschauen dieser
Sachen vertieft, bemerkte ich nicht, wie ein junger Mann mich schon seit
geraumer Zeit beobachtete, bis mir derselbe in sehr auffallender Weise nahe
trat und mir höchst zudringlich unter den Hut blickte. -- Ich erschrak und
wandte mich schnell zur Seite, hoffend, der Lästige werde sich entfernen,
wußte aber nicht, daß mein Verweilen am Schaufenster, und zwar bei
beginnender Nacht, etwas durchaus Auffallendes war, und jener Herr sich
meist nur in Folge hiervon die Zudringlichkeit erlaubte. Endlich redete er
mich gar mit einigen faden Redensarten an, und nun gerieth ich in heftige
Angst und Aufregung. Schnell lief ich die Straße hinab, um dem jungen Manne
zu entfliehen, aber ich merkte wohl, daß derselbe mir dicht auf den Fersen
war, und hörte fortwährend, wie er mich mit den unerträglichsten Worten
verfolgte. Mein Weg war noch sehr weit, und in meiner Hast und Unkenntniß
der Straßen verfehlte ich gar die Richtung und wußte bald gar nicht
mehr, wohin ich mich wenden sollte. Daß ein Miethswagen mir aus dieser
Verlegenheit geholfen hätte, fiel mir in der Angst gar nicht ein, ich hörte
nur immer den lästigen Begleiter neben mir und stürmte vorwärts, denn ich
fürchtete jeden Augenblick, er werde mich anfassen, da er sich immer enger
an mich heran drängte.

Der Angstschweiß stand mir auf der Stirn und die Thränen im Auge. Eben war
ich im Begriff, in einen Kaufladen zu treten, um dort Schutz und Hülfe zu
suchen, da sah ich ein bekanntes Gesicht auf mich zukommen -- Baron Senft,
meinen neuen Freund vom vorigen Abend. Freudig lief ich demselben entgegen,
und wie ein Kind seine Hand ergreifend, rief ich flehend: »O, Herr Baron,
bitte, beschützen Sie mich doch, und begleiten Sie mich nach Haus, ich habe
den Weg verloren!«

Der Baron sah mich verwundert an, denn ich zitterte vor Angst und
Aufregung, ergriff aber sogleich meinen Arm und sagte, einen schnellen
Blick auf meinen Begleiter werfend, der sich langsam zurückzog: »Mit
Vergnügen, gnädiges Fräulein. Sein Sie ohne Furcht, ich werde Sie zu
schützen wissen.«

Jetzt erst bedachte ich, wie wunderlich abermals mein Benehmen war dem
Baron gegenüber; aber er konnte nichts Uebles von mir denken, sah er doch,
in welch' verzweifelter Lage ich mich befand, als ich um seinen Schutz bat,
und natürlich erzählte ich ihm nun ausführlich, wie alles gekommen. Mein
braver Begleiter sprach seine aufrichtige Freude aus, mir nützlich sein zu
können, und war so herzlich und offen zu mir, wiederholte mir immer wieder,
wie sehr das Vertrauen ihn beglücke, das ich ihm schenke, daß mir ganz froh
und ruhig zu Muthe wurde, und ich dem guten Manne innig dankbar wie ein
Kind in das Auge blickte, als ich endlich am Hause angelangt war. Er sah
mich zwar dabei so sonderbar ernst mit seinen dunklen, schwermüthigen Augen
an, daß ich nicht recht wußte, was ich dabei denken sollte; aber ich hatte
ihn ja als einen Sonderling kennen gelernt, und so machte ich mir weiter
keine Gedanken darüber. Küßte er mir ja doch sogar zum Abschied die Hand,
er, der steife, ungelenke Menschenfeind, und bat um die Erlaubniß, anderen
Tages sich nach meinem Befinden erkundigen zu dürfen. Das war doch mehr,
als ich je von ihm erwartet hätte, und fröhlich eilte ich zu Tante Ulriken,
dieser meine neuen Abenteuer zu erzählen und ihr den Besuch des Barons zu
verkünden.

Die Tante war aber sehr ungehalten über meine Unvorsichtigkeit und verbot
mir streng, je wieder lange Zeit an den Schaufenstern stehen zu bleiben,
was am Tage schon wenig schicklich, Abends jedoch völlig ungehörig sei, und
mir stets einen Wagen zu miethen, sobald die Dunkelheit mich überraschte.
Ueber das Zusammentreffen mit dem Baron war sie ebenfalls nicht sehr
erfreuet, kurz ich fühlte wohl, daß ich recht gründlich unvernünftig
gewesen war und setzte mich sehr kleinlaut hinter meine Näharbeit.

Am andern Morgen erschien denn auch wirklich der angekündigte Besuch:
Baron Senft ließ sich melden, und Tante Ulrike empfing ihn in ihrer feinen,
liebenswürdigen Weise. Ich fand aber, daß sie zurückhaltender war, als
gewöhnlich, und da der gute Baron sich auch wieder im äußersten Stadium
der Verlegenheit und Steifigkeit befand, so verlief der Besuch sehr wenig
erquicklich. Der arme Mann that mir wieder gar zu leid, denn ich konnte ihm
seine Pein lebhaft nachempfinden, und so that ich mein Möglichstes, durch
herzliches Entgegenkommen und kindliche Unbefangenheit ihm die Situation zu
erleichtern.

Endlich empfahl er sich, und ich war ordentlich froh darüber, denn Tante
Ulrike war unbegreiflich kühl und zurückhaltend. Ich konnte es mit dem
liebevollen Urtheile, das sie des Tages zuvor über den Baron geäußert, gar
nicht vereinigen, und sprach dies nun unverhohlen gegen sie aus.

»Es geschah, um der gar zu großen Freundlichkeit meines Gretchens ein
Gegengewicht zu geben,« sagte die Tante ernst. »Ich muß dich bitten, mein
Kind, bei all' deiner unbefangenen Herzlichkeit, mit welcher du dem Baron
über seine Schüchternheit fortzuhelfen strebst, doch viel zurückhaltender
zu sein. Du weißt nicht, ob solches Betragen auch so beurtheilt wird, als
du in deiner Harmlosigkeit denkst, und eine andere Auslegung würde dir doch
sehr schmerzlich sein.«

»Eine andere, Tantchen? Wofür könnte er denn sonst meine Freundlichkeit
halten?« fragte ich betreten.

»Für Gefallsucht, Koketterie, mein Kind,« sagte die Tante, immer ernster
werdend.

»O das ist doch aber nicht möglich, davon bin ich ja weit entfernt!« rief
ich heftig. »Was habe ich denn gethan, daß er so etwas von mir denken
sollte? Nein das wäre doch zu schlecht von ihm!«

»Ich hoffe, wir brauchen dies allerdings von dem Baron Senft nicht zu
fürchten,« sagte die Tante sanft. »Aber zurückhalten mußt du dich von
jetzt an, mein Kind; denn wenn er auch nicht von dir denken wird, du seist
gefallsüchtig, so könnte er bei dir doch ein lebhafteres Interesse für ihn
vermuthen, das er, wie ich denke, dir immerhin nicht einflößt.«

»Aber liebe Tante, wie kannst du so etwas nur sagen!« rief ich dunkelroth
werdend. »Du meinst, er könnte denken, ich sei -- ach Tantchen!«

Die Idee war mir so unsäglich komisch, daß ich trotz der Ernsthaftigkeit
der Tante in ein herzliches Gelächter ausbrach. Ich in den Baron verliebt!
Ich armer, junger, halberwachsener Backfisch! Und er, dieser ernste,
vornehme, steife Baron, der mir trotz seiner Jugend wie ein älterer Herr,
eine Art Respectsperson gegenüber stand, und dem ich wie ein harmloses Kind
mich anvertrauet hatte. Man konnte nichts Wunderlicheres denken, die Tante
hatte zu sonderbare Einfälle.

Als unser Gespräch diese heitere Wendung genommen hatte, denn auch Tante
Ulrike mußte bei dem Gedanken lächeln, war mir das Herz wieder leichter
geworden, und singend und heiter wie gewöhnlich ging ich an meine täglichen
Beschäftigungen. Am Nachmittag wurde ich durch Marie's Besuch erfreut, und
voll Entzücken lief ich der herzigen Freundin entgegen.

»Liebste Marie, wie herrlich, daß du kommst!« rief ich sie umarmend. »Aber
was hast du denn, du siehst ja ganz curios aus,« fuhr ich sogleich fort und
sah ihr forschend in die Augen, welche mich halb schelmisch, halb ernsthaft
anblickten.

»Ja ich weiß selbst nicht, soll ich lachen oder weinen, Gretchen,«
entgegnete Marie ungewöhnlich aufgeregt. »Sage mir nur vor allem, was
hast du wieder für Streiche gemacht! Hast du den Baron etwa gestern wieder
gesprochen?«

»Den Baron? Ja freilich. Gestern und auch heute!« sagte ich erröthend, denn
was sollte Marie's Frage bedeuten? »Ich brenne vor Sehnsucht, dir Alles zu
erzählen.«

»Nun dann erklärt es sich leichter,« sagte Marie sinnend. »Aber wie ich
dich kenne, ist es dennoch eine gar zu unangenehme Geschichte.«

»Aber was denn nur in aller Welt, Marie, so rede doch deutlich!« rief ich
voll Ungeduld. »Was giebt es denn, und was sollen deine salbungsvollen
Reden?«

»Komm zur Tante Jagow, sie muß die Sache auch gleich erfahren,« sagte
Marie, mich nach Tante's Arbeitszimmer ziehend.

»Was giebt es denn, Kinder?« fragte die Tante, bei unserm Eintritt ihre
Arbeit unterbrechend.

»Marie ist eine Sphynx geworden, die in Räthseln spricht, Tantchen,« rief
ich lachend. »Vielleicht verstehst du, was sie will, mir armen Kinde ist
die Sprache zu hoch.«

»Ach Tante Ulrike, das ist eine schöne Geschichte!« rief Marie nun wieder
halb lachend, halb weinerlich. »Was machen wir nun?«

»Was denn, was ist denn eine schöne Geschichte?« entgegnete die Tante. »Du
bist ja ganz aufgeregt, ich kenne dich gar nicht wieder. Was hat dich denn
so aus deinem Gleichgewicht gebracht?«

»Doch nicht etwa wieder unser guter Baron?« rief ich lustig lachend.

»Ja ja, lache nur, du Böse, eben der ists!« sagte Marie schmollend.

»Der Baron? Was hat er denn wieder verbrochen?« scherzte auch Tante Ulrike.

»Mein Gott, nichts weiter, als daß er -- nun damit ichs nur sage, -- daß
er Gretchen heirathen will!« stieß Marie heraus und sank auf einen Stuhl
nieder, als hätte diese Eröffnung ihr alle Kräfte genommen.

»Heirathen --!« riefen Tante Ulrike und ich wie aus einem Munde, und mir
kam augenblicklich wieder das kindische Lachen an, das mich heute schon
einmal bei diesem Gedanken erfaßte.

»Sprich doch nicht solchen Unsinn, Marie, und sag' vernünftig, was du
hast!« rief ich endlich; »denn ernsthaft kann diese wunderbare Eröffnung
doch nicht gemeint sein.«

»Ja ja, bitterer Ernst ist es, Grete, du kannst es mir glauben,« sagte
Marie eifrig. »Warum wäre ich denn sonst so außer mir, wenn mich diese
Geschichte nicht so aufregte?«

»Aber Marie, es kann doch unmöglich jemand daran denken, mich dummes Ding
heirathen zu wollen,« fuhr ich lustig fort, »Denke doch nur, ich heirathen,
und nun gar den Baron Senft!«

Nun kam auch meiner kleinen Marie die Sache so komisch vor, daß wir alle
Beide in kindischer Ausgelassenheit lachten und kicherten und uns über
diesen Gedanken gar nicht wieder beruhigen konnten. In meiner Lustigkeit
umschlang ich Tante Ulrike's Hals und blickte ihr fröhlich in ihre lieben,
sanften Augen, in denen ich ebenfalls Anklänge an unsere Fröhlichkeit zu
finden erwartete.

Aber ernst und sinnend war der Blick, der mich aus diesen Augen traf, und
mit leisem Kopfschütteln sah die Tante zu uns lachenden Mädchen hinüber.

»Ich begreife euch alle Beide in dieser Sache nicht,« sagte sie jetzt
milde, aber vorwurfsvoll. »Gestern schon ließt ihr eurer Heiterkeit
in Betreff dieses armen Mannes den Zügel schießen und verriethet
wenig Zartgefühl, und jetzt ist mir diese Auffassung der Dinge nun gar
unbegreiflich. Gretchen, vergißt du denn ganz, was ich dir heute Morgen
gesagt habe? Hatte ich denn wirklich so unrecht, als ich mein Bedenken
darüber aussprach, deine freundliche Zuvorkommenheit könne anders gedeutet
werden? Der Gedanke erscheint dir sehr lächerlich; aber wird er es
demjenigen auch sein, in dem du diesen Wahn erregtest?«

Die Worte der Tante trafen mich wie ein bitterer Vorwurf, und beschämt barg
ich mein Gesicht an ihrem Halse. Sie ließ mich still eine Weile auf ihrer
Schulter ruhen, um mir Zeit zur Ueberlegung zu lassen, dann hob sie meinen
Kopf sanft empor, strich mir das Haar aus der Stirn und blickte mich ernst
und liebevoll an.

»Siehst du wohl, mein Kind,« sagte sie dann leise, »daß ich nicht unrecht
hatte, wenn ich meinte, der arme Baron habe vielleicht viel tieferes
Gefühl, als seine steife, wunderliche Figur und seine schlechten Manieren
vermuthen lassen? Es ist sehr schwer, einsam und verlassen durch die Welt
zu gehen, und darfst du nun darüber lachen, wenn der einsame Mann glaubt,
jemand gefunden zu haben, der ihn lieb hat mitten unter einer Menge
Menschen, von denen er sieht, wie gleichgültig, ja unfreundlich sie ihm
begegnen? Uns ist es lächerlich, daß der Arme sich hierin geirrt hat, und
daß er also auch ferner sein einsames, freudenloses Dasein fortsetzen muß!«

Während Tante Ulrike's Rede war das Lachen gänzlich von meinen Lippen
geschwunden und hatte ernsten Vorwürfen Platz gemacht, welche jetzt wie
Sturzwellen mich überflutheten und sogar Thränen in meine Augen brachten.

»Ach mein Gott, Tantchen, das hatte ich nicht bedacht, das war sehr, sehr
schlecht von mir!« sagte ich niedergeschlagen, und mit jeder Minute stieg
meine Unbesonnenheit höher vor mir auf und sah drohender und zürnender auf
mich nieder. Die stille, ernste Gestalt und die traurigen Blicke des
armen Barons traten jetzt plötzlich in so anderem Lichte vor mich hin; die
Bitterkeit, sich betrogen und verschmäht zu sehen, und der Schmerz, einem
gehofften Glück entsagen zu müssen, ließen ihn so ganz anders in meinen
Augen erscheinen, daß ich nicht begriff, wie ich so eben nur die andere
Seite der Sache betrachten konnte. Das innigste Mitleiden mit dem armen
Manne ergriff mich, ich hätte ihm so unsäglich gern helfen und beistehen
mögen -- aber wie konnte, wie sollte ich das; denn ihn wirklich heirathen,
daran konnte doch niemand ernstlich denken, und ich am allerwenigsten.

Je mehr ich dachte, je trauriger wurde ich, denn ich wußte keinen Rath.
Endlich drang Thräne auf Thräne aus meinen Augen, und beschämt barg ich
mein Gesicht in meinen Händen.

»Ach Tantchen, er thut mir so schrecklich leid, und ich kann ihm doch nicht
helfen,« klagte ich trostlos. »Daß ich auch so unbesonnen sein mußte! Wer
konnte das aber auch denken?«

Die Tante war ganz still und störte meine Gedanken nicht, endlich aber
kam Marie, die im Zimmer auf und nieder gegangen und dann sinnend an das
Fenster getreten war, zu mir heran, nahm meine Hand von den Augen und
sagte:

»Nein, das kann ich so nicht länger mit ansehen. Ich wollte die Geschichte
zwar eigentlich nicht ganz so erzählen, wie sie ist, aber jetzt muß ich
es, das sehe ich wohl. Tante Ulrike, du hattest ganz recht, unser albernes
Lachen zu tadeln, denn kindisch war es, ich sehe es ein; aber so wie du die
Sache ansiehst, ist sie doch nicht. Thut mir Beide die Liebe und laßt sie
euch erzählen. Ihr seid auch gar nicht ein bischen neugierig, woher ich sie
weiß, und wie das alles zusammenhängt.«

»Das ist wahr, erzähle doch, Kind,« sagte die Tante.

Marie setzte sich neben mich, schlang ihren Arm zärtlich um meine Schulter
und sprach:

»Als ich vor einigen Stunden von einem Besuch nach Hause kam, sah ich
unsern guten Baron Senft vor mir die Treppe hinauf gehen und in dem Zimmer
meines Bruders verschwinden. Er hatte mich nicht gesehen, was mir sehr lieb
war, ich aber glaubte zu bemerken, daß er aufgeregt und erhitzt aussah, als
er in so ungewöhnlicher Hast die Treppe hinauf stürmte. Ich dachte nicht
weiter an den seltsamen Gast, sondern besorgte einige häusliche Arbeiten;
aber nach einiger Zeit trat mein Bruder mit unbeschreiblich lustigem
Gesicht zu mir in das Zimmer.

»Rathe einmal Marie, wer so eben bei mir gewesen ist,« sagte er schelmisch.

»Nun dein Freund, der Baron Senft, das ist nicht so schwer zu errathen,«
erwiderte ich.

»Aber was er wollte, das rathe einmal, mein kluges Schwesterlein!« fuhr er
lachend fort.

»Was kümmern mich eure Angelegenheiten, laß mich damit in Ruhe!« rief ich
und beugte mich wieder auf meine Arbeit.

»Nun ich denke doch, sie gehen dich etwas an, Kleine,« sagte Eduard neckend
und zog mir den silbernen Leuchter fort, den ich so eben polirte. »Oder
ist es dir so gleichgültig, wenn es sich um deine hübsche, schwarzäugige
Freundin handelt?«

»Wie? Gretchen betrifft der Besuch des Sonderlings? Nicht möglich! Was will
er, erzähle, lieber, bester Eduard!« rief ich überrascht, und schob mein
Silberzeug schnell auf die Seite.

Eduard lachte und rieb sich vergnügt die Hände.

»Allerdings, deine lustige kleine Grete war der Gegenstand unserer
Unterhaltung,« sagte er geheimnißvoll.

»Aber was will denn der Baron? So rede doch nur, was soll Gretchen?«
drängte ich den Bruder.

»Weiter nichts als ihn heirathen!« sagte Eduard trocken.

Ihr könnt denken, daß mein Erstaunen nicht kleiner war, als vorhin das
eure. Als ich mich endlich etwas über diese Neuigkeit beruhigt hatte, ließ
sich Eduard herbei, mir das ergötzliche Gespräch mitzutheilen, daß er mit
dem Baron gehabt, und ich will versuchen, es euch möglichst getreu wieder
zu berichten.

»Eduard!« rief der Baron, als mein Bruder den seltenen Gast freudig begrüßt
hatte, »ich bitte dich heute um einen Freundschaftsdienst.«

»Stehe mit Vergnügen zu deinen Befehlen,« entgegnete Eduard. »Was giebt es,
du willst dich doch nicht etwa duelliren?«

»Das gerade nicht, aber etwas fast eben so Wichtiges. Ich will heirathen!«
sagte der Baron ernst.

»Heirathen? Vortrefflich! Wer ist denn die Erwählte deines Herzens, und
welche Rolle soll ich bei dem Stücke übernehmen, das hoffentlich keine
Tragödie sein wird?« rief Eduard.

»Es ist Fräulein Margarethe Geßler,« entgegnete der Baron, »und da sie die
Freundin deiner Schwester ist, so bitte ich dich, ihr meinen Heirathsantrag
zu überbringen.«

»Wie? Die hübsche kleine Grete hat das Herz des Menschenfeindes bezwungen?«
rief Eduard in höchstem Erstaunen. »Alle Wetter, das ist charmant! Aber wie
kommt das, wie in aller Welt ist das zugegangen? Und das ist alles gleich
fix und fertig wie aus der Pistole geschossen?«

»Weil ich gesehen, daß sie Neigung zu mir hat,« sagte der Baron kurz und
trocken.

»Sieh da, was man nicht alles erlebt. Du bist ja ein wahrer Hexenmeister!«
lachte Eduard. »Also du weißt wirklich ganz sicher, daß sie dich liebt? Hat
sie es dir denn gesagt!«

»Nicht in Worten, aber was mehr ist als das, durch ihre Blicke und ihre
Thaten,« entgegnete der Baron.

»Die kleine Grete hat mit dir kokettirt? Potz Blitz, das hätte ich dem
frischen Waldröschen kaum zugetraut!« rief Eduard unaussprechlich ergötzt;
denn er merkte wohl, daß hier nicht alles ganz richtig war, und daß der
Baron in seiner Wunderlichkeit wohl mehr gesehen und vermuthet hatte, als
an der Sache war.

»Von Koketterie kann hier nicht die Rede sein,« sagte der Baron beleidigt.
»Das junge Mädchen hat mir unbewußt gezeigt, daß ich ihr nicht gleichgültig
bin, und deshalb verlangt es mich, die Rose zu pflücken, die sich mir in
aller Lieblichkeit erschließt.«

»Wetter, du wirst ja ganz poetisch, alter Junge!« rief Eduard, sich auf die
Lippen beißend. »Also aus reiner ritterlicher Aufopferung erhebst du das
kleine Mädchen zu deiner Gemahlin? Bringst du ihr denn selbst die gleichen
Gefühle entgegen, die du bei ihr vermuthest?«

»Eduard,« sagte der Baron jetzt einen Grad wärmer und vertraulicher
werdend, »Eduard, du weißt, daß ich von meiner Familie gedrängt und
bestürmt werde, mich zu verheirathen. Alle möglichen Vorschläge haben sie
mir schon gemacht, mir die reichsten, vornehmsten Mädchen angepriesen;
aber ich mag sie alle nicht, ich kann das hochmüthige Weibervolk nicht
ausstehen. Lachen und spotten sie nicht alle über mein steifes, ernsthaftes
Wesen, haben sie mich nicht alle zum Besten und mögen mich nicht leiden,
und würden sie mich nicht alle nur wegen meines Reichthums und meines alten
Adels heirathen, um mich dann mit ihren Launen vor Verzweiflung zum Hause
hinaus zu jagen? Nein, aus solcher Heirath wird nie etwas! Ich wollte nun
gar nicht heirathen, das hielt ich für das Beste. Aber in diesen letzten
Tagen bin ich anderen Sinnes geworden. Margarethe Geßler ist das erste
weibliche Wesen, das mir Achtung und Vertrauen statt des Spottes entgegen
brachte, ich habe es deutlich in ihren Augen gelesen, und darum bin ich
fest entschlossen sie zu heirathen.«

»Hm, das ist merkwürdig!« sprach Eduard, nachdenklich geworden. »Aber noch
einmal: Was sagt denn dein Herz zu diesem Entschlusse? Ist es nur Mitleid
mit dem holden Kinde, das dich dazu drängt, ihr deine Hand anzubieten?«

»Ich bin sehr einsam, Freund, und mein Herz hatte bis jetzt selten
Gelegenheit mitzusprechen,« sagte der Baron mit zitternder Stimme. »Die
Neigung eines so jungen, liebenswürdigen Wesens kann mich nicht ganz
gleichgültig lassen, und was meiner Neigung jetzt noch fehlt, wird kommen,
wenn sie meine Gattin ist.«

»Aber Freund, bedenke, ein so junges Kind!« mahnte nun Eduard den Kopf
schüttelnd. »Sie ist ja kaum sechzehn Jahre alt.«

»Jugend ist kein Fehler,« entgegnete der Baron gleichmüthig.

»Aber sie ist bürgerlicher Abkunft und deine Familie von altem Adel!
Bedenke, was werden die Deinen dazu sagen? Du, der Erb- und Standesherr auf
und zu Senftenburg!« fuhr Eduard dringend fort.

»Geht keinen was an, ich bin selbständig und brauche sie alle zusammen
nicht!« rief der Baron kurz. »Sage mir nur, ob du in meinem Namen den
Antrag machen willst. Es selbst zu thun, habe ich weder Gelegenheit noch
Gewandtheit genug.«

»Herzlich gern. Aber vergilt es mir nicht, wenn die Antwort anders
ausfällt, als du erwartest,« sagte Eduard, dem Baron die Hand reichend.

»Darüber mache dir keine Sorgen; mein Dank für die endliche Erreichung
meiner Wünsche mag der Lohn für deinen Freundschaftsdienst sein,«
entgegnete der Baron warm und herzlich.

Darauf verabschiedete er sich bald, und Eduard suchte mich auf, um mir
die Neuigkeit augenblicklich zu verkünden und meine Hülfe in Anspruch zu
nehmen, da er dir selbst den Antrag nicht überbringen mochte. Nun wißt ihr
die ganze schöne Geschichte, und ich denke, unser liebes Tantchen sieht die
Angelegenheit nicht mehr mit so tragischer Miene an, als vorher. Denn da
das Herz unserer Grete sich hoffentlich nicht in so desolatem Zustande
befindet, als der gute Baron glaubt, dies aber, wie er ziemlich deutlich
ausgesprochen, die Haupttriebfeder zu seinem Antrage war, so fällt die
ganze Sache in sich selbst zusammen, und wir dürfen uns weiter keinen
Kummer darüber machen, daß dem Baron das Herz davon brechen wird.«

»So leicht möchte ich denn doch nicht darüber hingehen, liebe Marie,« sagte
die Tante noch immer ernst, als Marie ihre Erzählung geschlossen. »Seine
eigene Neigung mag allerdings nicht die erste Triebfeder zu dem Antrage
gewesen sein, darüber ist wohl kein Zweifel, aber wie weit sein Herz
dennoch trotz all dem dabei betheiligt war, werden wir freilich nicht
erfahren. Ich muß gestehen, es gefällt mir sehr von ihm, daß er sich ohne
alle andern Rücksichten ein einfaches Mädchen erwählt, nur weil sie ihn
lieb hat, wie er meint, und er thut mir noch immer aufrichtig leid, daß er
sich nun wieder in die vorige Einsamkeit gewiesen sieht.«

»Aber seiner Eitelkeit kann die kleine Lection wahrlich nicht schaden,
Tantchen!« sagte Marie eifrig. »Er muß sich doch für sehr anziehend halten,
daß er meint, ein so nettes Mädel, wie unsere frische kleine Rose, sei
knall und fall bis über die Ohren in ihn verliebt, nur weil sie ihm einige
Freundlichkeiten erzeigte.«

»Ich habe dir unser gestriges Zusammentreffen noch nicht erzählen können,
das den Baron in dieser Meinung sehr bestärken konnte, Marie,« sagte ich
verschämt; Marie aber meinte, es werde auch weiter nichts gewesen sein,
und daß der Herr Baron bei dieser Gelegenheit einmal erfahre, es giebt noch
junge Mädchen in der Welt, die Reichthum und vornehme Stellung nicht so
hoch anschlagen, um damit ihre fehlende Neigung zu verdecken, sei ihm auch
ganz zuträglich.

»Es wird den armen Mann aber nur noch steifer und scheuer machen, als er
ohnehin schon ist,« fuhr ich traurig fort. »Nein, nein, Marie, du
urtheilst zu hart, und trotz allem, was du ihm vorwirfst, thut er mir doch
schrecklich leid!«

»Nun so geh und heirathe ihn, Schatz! Vielleicht thust du ein gutes Werk
und machst einen brauchbaren Menschen aus ihm!« rief Marie mit komischer
Heftigkeit.

»Nein, das bin ich trotz all' meines Mitleids doch nicht im Stande,« lachte
ich mit Thränen im Auge. »Er verlangt mich ja auch nur, weil er meint ich
liebe ihn, also würde ich ihn ja betrügen, nähme ich seinen Antrag an. Also
davon kann gar keine Rede sein. Aber ich wünschte von ganzem Herzen, er
fände bald, was er suchte, und was ich ihm nicht bieten kann.«

»Nun wir wollen es hoffen, Kind!« sagte Tante Ulrike freundlich und küßte
mich auf die Stirn. »Die Sache wird hoffentlich hiermit abgemacht sein und
weiter keine Folgen haben. Du aber, mein Töchterchen, zieh dir die ernste
Lehre daraus, daß ein junges Mädchen Herren gegenüber nicht vorsichtig und
besonnen genug sein kann. So manches Mädchen ist in den Ruf der Koketterie
gekommen, nur weil ihre Unbesonnenheit und Lebendigkeit sie verleitete,
Dinge zu sagen und zu thun, welche gegen die hergebrachten Regeln der
Gesellschaft verstießen. Daß der Baron dich trotz deiner Weigerung
jetzt dennoch nicht für gefallsüchtig halten möge, hoffe und wünsche ich
aufrichtig; von einem weniger ernsten, soliden Manne, als er ist, dürftest
du kaum eine andere Auffassung deines Betragens erwarten.«

Still neigte ich mich auf die liebe Hand der Tante, welche in der meinen
lag, und einen Kuß auf dieselbe drückend, verließ ich ziemlich kleinlaut
mit Marie das Zimmer. Aller kindische Uebermuth war von uns Beiden
gewichen, und in ernster Stimmung sprachen wir noch lange über die
schonendste Art und Weise, in welcher ich dem Baron die abschlägige Antwort
zukommen lassen wollte. Eduard übernahm natürlich diesen schwierigen
Auftrag; aber trotz des feinen Taktes, mit dem er dem Freunde den Stand der
Dinge berichtete, hatte meine Weigerung freilich zur Folge, daß der
arme Einsame wieder für lange Zeit hinter den Mauern seiner Einsiedelei
verschwand.

Ich aber konnte nicht ohne gerechte Selbstvorwürfe an dies Ereigniß zurück
denken, das mich heftig bewegt hatte, und immer wieder sah ich im Geiste
jene dunklen, schwermüthigen Augen, welche mich so ernst und forschend
anblickten. O was hätte ich darum gegeben, diesem trefflichen Manne
ein Glück verschaffen zu können, das diese traurigen Augen in freudig
strahlende verwandelte! Ich selbst hätte diesen Wechsel nie hervorbringen
können, das wußte ich nur zu gut, und auch der Baron würde dies bald genug
selbst erkannt haben.




9.

Noch eine Neuigkeit.


Das Leben im Hause der Tante gestaltete sich immer angenehmer und
harmonischer, je länger ich dort verweilte, und schon lange dachte ich
nicht mehr mit jener verzehrenden Sehnsucht, welche mich im Anfange so
unsäglich peinigte, an mein liebes Vaterhaus zurück. Ich erkannte jetzt
mehr und mehr, welchen Werth es für meine ganze geistige Entwickelung
hatte, einen Theil meiner Jugend bei Tante Ulrike zu verleben, und die
unbeschreibliche Liebe, mit der dieselbe mich erzog, brachte mich leichter
über die tausenderlei Mängel und Fehler hinweg, mit denen ich armes
Backfischchen täglich immer wieder zu kämpfen hatte.

Bei dem engen Verkehr, welcher zwischen Tante Ulrike und mir stattfand,
konnte es mir nicht entgehen, wenn die heitere Stirn derselben sich trübte,
und so beunruhigte es mich ernstlich, als ich die Tante eines Morgens
aufgeregt und in Thränen in ihrem Lehnsessel fand, sie, die sonst immer
klar und ruhig alle Verhältnisse überblickte und sich eine ungewöhnliche
Herrschaft über ihre Gefühle errungen hatte. Ein Brief lag vor ihr auf
dem Tische, und als ich erschrocken herbei eilte zu fragen, was ihr fehle,
winkte sie mir sanft zu, mich zu entfernen, was ich natürlich in großer
Sorge that. Lange hatte ich zu warten, ehe die Tante zu mir in das Zimmer
kam; ich hörte sie viele Male in ihrem Kabinet auf und nieder gehen, ein
Zeichen, daß sie nach Fassung rang; dann endlich knitterte Papier, und ich
hörte, wie die Klappe ihres Schreibsecretärs knarrte, also schrieb sie.

Endlich kam sie zu mir, zwar ernst und niedergeschlagen, aber doch ruhig
wie immer. Sie setzte sich neben mich, strich mir liebevoll über das
Gesicht und sagte:

»Gretchen, ich muß dir einen Theil dessen erzählen, was mich, wie du
gesehen, so unbeschreiblich bedrückt. Du bist ein verständiges Mädchen und
hast mich lieb, also kann ich dir immerhin etwas anvertrauen, wovon mein
Herz belastet wird. Natürlich sprich außer gegen deine gute Marie und deren
Mutter, welcher ich es selbst mittheilen werde, gegen niemand davon.«

Ich küßte ihre liebe Hand, was ich so oft und so gern that, wenn ich ihr
meine Liebe und Verehrung bezeigen wollte, und mit sanfter Stimme sprach
die Tante weiter: »Du weißt, mein liebes Kind, daß ich seit vier Jahren
schon Wittwe bin, nachdem ich an der Seite meines trefflichen, geliebten
Mannes die schönsten Jahre des Glückes und der Zufriedenheit verlebte. Wir
schlossen uns um so inniger an einander, nachdem uns Gott das einzige Kind
wieder genommen, das unser Glück vollkommen machte. Eine schwere, traurige
Zeit war es, als ich den süßen Knaben verloren, aber meines Gatten zarte
Liebe half mir das Schwerste tragen, und so hat mein Herz sich endlich
ruhig in Gottes Willen ergeben. Aber noch ein anderes Leid drückte uns bald
darnieder, und hier war ich es wieder, die meinem Gatten tröstend zur Seite
stand. Sein einziger Bruder nämlich, mit dem mein Mann durch die innigsten
Bande der Liebe verknüpft war, hatte einige Jahre nach dem Tode seiner
ersten Frau ein junges Mädchen geheirathet, das ihn durch Schönheit und
Anmuth zu fesseln verstanden. Zwar hatte man ihn von allen Seiten vor dem
Leichtsinn und der launischen Gemüthsart des schönen Mädchens gewarnt, aber
Adolph verachtete all' diese Stimmen und ließ sich, verblendet wie er war,
von seiner Bewunderung und Leidenschaft hinreißen. Leider war auch die
Sorge für seine kleine elfjährige Tochter nicht im Stande, ihn von dem
unbesonnenen Schritte zurück zu halten, obwohl das reich begabte Kind gar
sehr einer zweiten treuen Mutter bedurft hätte.

Nur zu bald freilich sah mein armer Schwager, wie unbesonnen seine Wahl
gewesen. In den sieben Jahren seiner Ehe mit Kathinka ist der kräftige Mann
vor Kummer fast zum Greise geworden, denn unmöglich können zwei Naturen
weniger zusammen stimmen, als er und sein eitles herzloses Weib. Adolph ist
zu schwach und liebt den Frieden im Hause zu sehr, um all' den Launen und
Thorheiten seiner vergnügungssüchtigen Frau so entgegen zu treten, als er
es wohl sollte, und so mag es dir genügen zu wissen, daß diese Ehe eine
unendlich unglückliche ist. Daß die Erziehung der kleinen Eugenie neben
solcher Mutter natürlich auch keine gute war, kannst du dir denken; denn
der Einfluß des Vaters genügte nicht, um alle nachtheiligen Elemente von
seinem Kinde fern zu halten. Eugenie wuchs heran, begabt mit Talenten und
körperlichen Vorzügen, eine fertige junge Dame, glänzend und anmuthig,
wie die Mama es nur wünschen konnte; aber wenn auch nicht leichtsinnig und
herzlos wie diese, wovor sie ihr natürlich gutes Herz bewahrte, so doch
ohne rechte innere Gemüthswelt, wie ich sie bis jetzt zu beurtheilen
Gelegenheit hatte. Ihre große Selbständigkeit und Originalität sind
außerdem noch eine zwar interessante, aber gefährliche Zugabe, und wohl
hätte ihre Erziehung bei solchen Anlagen einer ganz besonderen Sorgfalt
bedurft. Oft schon bot ich meinem Schwager an, Eugenie eine Zeitlang zu mir
zu nehmen; aber der arme Mann konnte sich nicht entschließen, die einzige
Freude seines Lebens von sich zu geben, und so blieben die Sachen bis jetzt
wie sie waren. Der heutige Brief jedoch giebt mir nun die Nachricht, daß
mein Schwager, um sich dem häuslichen Jammer für einige Zeit zu entziehen,
als Gesandter seiner Regierung nach dem Auslande gehen wird, scheinbar
zwar dorthin geschickt, in der That aber nur auf seinen eigenen dringenden
Wunsch. Seine Frau wird ihn also nicht begleiten, und um Eugenie nicht
unter der alleinigen Obhut der leichtfertigen Mutter zu lassen, bittet er
mich dringend, seine Tochter für die Dauer seiner Abwesenheit in meinem
Hause aufzunehmen. Ich habe ihm so eben geantwortet, daß ich hierzu bereit
sei, und so sehe ich denn Eugeniens baldiger Ankunft entgegen.

Da dieser Wechsel in unserer Häuslichkeit nun auch dich betrifft, mein
Gretchen,« fuhr die Tante nach einer kleinen Pause liebevoll fort, »so
mußte ich dir einen Theil jener traurigen Familienverhältnisse enthüllen,
von denen ich mit dir sonst niemals gesprochen hätte. In Rücksicht darauf
wirst auch du Nachsicht haben gegen die Fehler Eugeniens, welche in
solcher Umgebung entstanden. Auch meine Aufgabe, unserer neuen Hausgenossin
gegenüber, ist keine leichte, und so wollen wir denn Beide mit gutem Muthe
und herzlicher Liebe unsere Eugenie erwarten.«

Ich hatte die Erzählung Tante Ulrike's mit inniger Theilnahme angehört,
als sie jedoch von der Ankunft Eugeniens sprach, erzitterte mein Herz
unwillkürlich, und angstvoll blickte ich in das sanfte Auge der Tante,
um mir dort Ermunterung und Zuversicht für den bevorstehenden Wechsel zu
suchen. Eben fing ich an, mich wohl und behaglich hier im Hause zu fühlen,
meine schüchterne Zurückhaltung gegen die Tante war erst jetzt einem
innigen Vertrauen und herzlichem Anschmiegen gewichen, wie würde es
nun werden, wenn eine dritte Person zwischen uns trat, und zwar
solch' bedeutendes, glänzendes, selbständiges Mädchen, als Eugenie der
Beschreibung nach sein mochte! Welch' traurige Rolle würde ich armes
Dorfkind neben solch' einem Wesen spielen, wie verächtlich würde diese
Eugenie gewiß auf mich herab sehen, und wie viel neue Plage würde daraus
für mich nun wieder entstehen, wo ich kaum anfing, mich etwas in die neuen
Verhältnisse zu finden.

Solche Gedanken fuhren mir blitzschnell durch den Sinn und brachten mein
Herz in unbeschreiblichen Aufruhr. Da aber erklangen die Worte der Tante,
welche mich an die trüben Verhältnisse mahnten, in denen Eugenie bis jetzt
gelebt, und daß wir derselben mit gutem Muthe und treuem Herzen entgegen
kommen wollten. Tief beschämt, daß ich eigensüchtiger Weise nur an mich und
meine Unbequemlichkeiten gedacht, drückte ich die Hand der verehrten
Tante, diese aber zog mich liebevoll an ihr Herz, und indem sie mich küßte,
blickte sie mir voll Zärtlichkeit in die Augen.

»Habe keine Furcht, mein Kind,« sagte sie dabei sanft, »dir soll kein
Nachtheil durch unsere neue Hausgenossin entstehen. Ich bin dir schützend
und helfend zur Seite, meine Liebe wird vermitteln, wo es nöthig ist.
Vertraue mir nur und sei guten Muthes.«

Es war, als ob die Tante alle Befürchtungen meines armen Herzens gelesen
hätte, denn ohne daß ich ein Wort gesprochen, traf sie sogleich den Punkt,
wo ich schwach und zaghaft gewesen. Tief erröthend gestand ich ihr nun
meine egoistischen Gedanken und schöpfte mir für alles, was da kommen
möchte, Muth und Vertrauen an ihrem treuen Herzen, das schon so oft mein
Trost und meine Zuflucht gewesen.

Nur wenige Wochen nach diesem Gespräche kam die Erwartete denn auch
wirklich eines Nachmittags an. Die Tante war nach dem Bahnhofe gefahren, um
Eugenie zu empfangen, und ich harrte indessen zu Haus in banger Erwartung
hinter meiner dampfenden Kaffeemaschine, in welcher ich für die Reisende
den warmen Bewillkommnungstrank braute. Da fuhr der Wagen vor, und hinter
der Gardine spähend sah ich neben Tante Ulrike eine hohe, schlanke Gestalt
aussteigen, welche in leichten Schritten nach dem Hausflur eilte, die
Sorge für all' ihre unzähligen Reiseeffecten einem hübschen, jungen Mädchen
überlassend, das sich bis zum Kinn hinauf damit bepackte. Ich eilte den
Ankommenden jetzt schnell entgegen und wurde Eugenien durch die Tante als
ihre liebe Nichte Margarethe vorgestellt.

»So so, das ist das Backfischchen vom Lande, von dem du mir vorhin
erzähltest,« sagte Eugenie leichthin und ließ ihre Blicke flüchtig auf mir
ruhen. Dann reichte sie mir im Vorübergehen ihre zierlichen Fingerspitzen,
die von zarten grauen Handschuhen bedeckt waren, und sich zu Tante
Ulrike wendend fuhr sie schnippisch fort: »Hast du die Absicht, dir ein
Mädcheninstitut anzulegen, daß du dir eine junge Dame nach der andern
kommen läßt, Tante Ulrike?«

»Ich hoffe, mein Gretchen wird dir eine liebe Schwester werden,« entgegnete
die Tante sanft, indem sie die häßlichen Worte Eugeniens nicht beachtete
und mir leise mit der Hand über das Haar strich.

Eugenie wandte sich lachend zu mir und sagte: »Nun, ich bin zwar bis jetzt
auch ohne Schwester fertig geworden, aber ich hab' nichts dagegen, daß wir
gute Freunde werden, Cousinchen!« Dabei kam sie rasch auf mich zu, und
ehe ich es dachte, drückte sie einen herzlichen Kuß auf meine Lippen. Dann
wandte sie sich eben so rasch nach jenem belasteten jungen Mädchen, das
jetzt in das Zimmer trat und rief: »Lisette, lege die Sachen nur indessen
alle auf die Erde und hole mir zuerst ein Glas Wasser, ich komme um vor
Hitze und Durst!«

Aber noch ehe Lisette diese Geschäfte beendet, warf sich ihre Herrin auf
einen Stuhl, und indem sie einen Fuß empor streckte, rief sie: »Zieh mir
diese abominablen Pelzstiefeln von den Beinen, in denen ich aussehe wie ein
Lappländer, und gieb mir meine leichten Hausschuhe dafür.«

Lisette that wie ihr befohlen, indem sie vor Eugenien niederkniete, und
diese ergötzte sich damit, jeden der geschmäheten Pelzstiefeln mit dem
Fuße über Lisettens Kopf hinweg in die entgegengesetzte Ecke zu schleudern,
wobei sie kindisch lachte und jubelte.

Ich stand ganz verblüfft neben diesem sonderbaren Wesen, das so ganz anders
war, als ich dachte. Hochmüthig und doch dabei herzlich, despotisch und
zugleich kindlich, und vor allem so unbegreiflich sicher und ungenirt, als
ob sie schon hundert Jahre lang bei Tante Ulrike heimisch sei, es war für
mich etwas Unerhörtes. Die Tante schien aber das sonderbare Betragen des
neuen Ankömmlings gar nicht zu beachten, denn als sie ihre Sachen abgelegt,
setzte sie sich behaglich in die Sophaecke, und sagte heiter: »Nun
Gretchen, ich hoffe, du hast uns eine gute Tasse Kaffee bereitet, sie soll
uns wohl thun. Eile dich, Eugenie, sonst lasse ich dir gar nichts übrig.«

»Kaffee? Behüte der Himmel, den trinke ich nie!« rief Eugenie, ihren
reizenden braunen Lockenkopf schüttelnd, und zog ein Paar hellblaue, weich
gefütterte Pantöffelchen an ihre wunderniedlichen kleinen Füße. »Kaffee,
ein nichtswürdiges Getränk, puh! Verdirbt den Teint und macht Hitzflecke.«

»Aber was genießt du denn statt des Kaffee's, Kind?« fragte die Tante.

»Des Morgens Chocolade, Nachmittags gar nichts oder Thee!« entgegnete
Eugenie leichthin, indem sie sich in Tantchens behaglichen Lehnstuhl
streckte und mit den hellblauen Füßchen in der Luft auf und nieder wippte.

Ich wurde ganz roth vor Ueberraschung, als Eugenie sich so mir nichts dir
nichts in Tantchens Stuhl setzte, von dem mich stets eine heilige Scheu
zurückgehalten hatte; aber dergleichen Gefühle durfte ich freilich bei
dieser kleinen Prinzessin nicht voraussetzen, ihr schien das Beste eben
gut genug für ihre Bedürfnisse. Die Tante ließ sie auch ruhig gewähren und
wandte sich zu mir, indem sie mich bat, etwas Thee für Eugenie zurecht zu
machen, da dieser ein warmes Getränk gut thun würde. Eugenie sagte nichts
dagegen, und so that ich, wie die Tante mir geheißen.

Das junge Mädchen hatte indessen eine kleine Bürste aus der Tasche gezogen,
und putzte damit die fabelhaft langen Fingernägel ihrer zierlichen weißen
Hände, ganz als sei sie allein im Zimmer, und achtete gar nicht mehr auf
ihre Umgebung. Dann sprang sie vom Stuhle auf, ringelte ihre braunen Locken
vor dem Spiegel und ging bald im Zimmer, bald in Tantchens Boudoir umher,
indem sie alle Bilder, Kunstwerke, Bücher und dergleichen Sachen flüchtig
betrachtete.

»Wie himmlisch altmodisch alles bei dir ist, Tantchen!« rief sie dann
lachend. »Den alten Plunder hätte Mama längst zum Trödler geschickt. Wir
hatten alle paar Jahr unsere neue Einrichtung.«

Ich erstarrte ordentlich über Eugeniens Reden. Diese schönen, gediegenen,
kostbaren Meubles und geschmackvollen Einrichtungen nannte sie alten
Plunder! Hier, wo ich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes mich kaum zu
bewegen wagte vor Hochachtung gegen die kostbaren Dinge, die mich umgaben,
hier hörte ich dieselben Gegenstände als altmodischen Trödel verachten!
Das war denn doch zu arg, und angstvoll blickte ich zu der Tante hin, um zu
erfahren, was sie dazu sagte.

Sie erröthete leicht und biß sich auf die Lippen. Dann aber sprach sie
gelassen: »An diesen alten Meubles hängt der Zauber schöner Erinnerungen,
Eugenie. Sie waren Zeugen meiner glücklichsten Tage und sind mit mir
alt geworden. Ich möchte kein Stück davon missen oder gegen etwas Neues
vertauschen, denn sie sind alle mit mir und meinem Geschick verwachsen. Wer
stets neue Umgebung liebt, der denkt entweder nicht gern an die vergangenen
Tage, oder hat einen weltlichen, unruhigen Sinn, für den nur das Neue Reiz
und Werth besitzt.«

Eugenie sah mit wunderlicher Miene nach der Sprechenden, halb war ihr
lächerlich, halb ernsthaft zu Sinne. »Was du für hübsche Gedanken hast,
Tantchen,« sagte sie unbefangen. »Sie passen prächtig zu den alten Meubles,
sie sind eben so ehrwürdig und altmodisch wie diese. Aber du hast Recht!
Was du da sagtest, gefällt mir; es war mir noch nie eingefallen.«

»Du hast wahrscheinlich an gar vieles noch nicht gedacht, Kind, was wahr
und gut ist,« sagte die Tante sanft. »Ich hoffe, das wird nun kommen.«

Eugenie setzte sich still und etwas empfindlich wieder in ihren Stuhl, und
ich brachte ihr eine Tasse Thee.

»Ich mag keinen Thee, mir ist heiß genug!« sagte sie verdrießlich und schob
die Tasse unsanft zurück, so daß der Thee auf mein Kleid floß. Ich wandte
mich schnell ab, denn ich ärgerte mich unbeschreiblich über das launische
Mädchen, die Tante aber sagte sehr bestimmt, obwohl ruhig:

»Du wirst jetzt diese Tasse Thee trinken, Eugenie; denn erstens thut er
dir nach der Reise gut, und zweitens ist er so eben von Gretchen für dich
bereitet worden. Du hättest ihr die Mühe sparen können, wenn du vorher
wußtest, daß du keinen trinken wolltest.«

Eugenie fuhr verwundert ein wenig vom Sitz auf und wurde dunkelroth. Sie
saß ein Weilchen noch wie ein trotzig Kind in ihrem Stuhle und beguckte
ihre weißen Fingernägel, dann richtete sie sich plötzlich rasch empor, zog
die Theetasse heran, that Sahne und Zucker hinein, trank den Thee in einem
Zuge aus und schob mir die leere Tasse hin. »Noch eine, Gretchen!« sagte
sie gebieterisch. Ich goß ein, und nun trank sie die zweite Tasse eben so
schnell hinunter, indem sie mir abermals die leere Tasse hinschob und »noch
eine!« rief.

Ich sah die Tante fragend an, denn offenbar war Eugenie trotzig und wollte
die Tante reizen. Diese aber sagte ganz ruhig: »Nein Gretchen, gieße keinen
Thee weiter ein, Eugenie würde sich schaden.«

Meine eigensinnige Cousine sagte nichts, saß aber bitterböse im Lehnstuhl
und trommelte mit den hellblauen Pantöffelchen auf dem Teppich.

»Gretchen,« rief sie endlich, den Kopf zurück werfend, »bist du hier auch
im Correctionshause?«

»Aber Eugenie!« sagte ich bebend; weiter war ich keines Wortes mächtig.

Eugenie erwartete auch gar keine Antwort, sondern schnippte mit den Fingern
in der Luft und fing an ein Liedchen zu trällern. Die Tante ging still nach
ihrem Boudoir und machte die Thür hinter sich zu, und wir Beiden waren nun
allein. Mir waren die Thränen in das Auge getreten, denn offenbar hatte die
böse Eugenie Tante Ulriken weh gethan, und vorwurfsvoll sagte ich deshalb:

»Aber liebe Eugenie, wie konntest du die Tante so kränken!«

Eugenie trällerte weiter und gab mir keine Antwort.

»Du glaubst gar nicht, wie gut die Tante ist, liebe Cousine. Du solltest
wirklich artiger gegen sie sein, sie verdient so sehr deine Liebe und
Achtung!« fuhr ich wärmer werdend fort. »Du kennst sie gewiß noch nicht;
aber ich bin schon so lange hier, daß ich ihren großen Werth und ihre hohen
Verdienste unendlich lieben und schätzen gelernt habe. Sie meint es so gut
mit jedermann!«

Jetzt wurde ich von einem gewaltsamen Gähnen unterbrochen, welches Eugenie
hervorstieß, indem sie sich beide Ohren zuhielt.

»Du himmlische Güte, seid ihr hier langweilige Philister!« rief sie sich im
Stuhle zurück werfend. »=O sancta simplicitas=, wie wird's mir armen Heidin
unter diesen Heiligen ergehen!«

Sie machte ein so komisches Gesicht, und sah so schelmisch dabei aus, daß
ich mir trotz meiner ernsten Stimmung das Lachen verbeißen mußte.

»Sage mal, du kleiner Vernunftkasten, wie alt bist du denn eigentlich, daß
du dir heraus nimmst, mir gute Lehren zu geben?« fuhr Eugenie dann fort,
indem sie mich mit Semmelkrümchen warf. »Bist du denn schon aus dem dummen
Vierteljahr heraus? Du scheinst mir eigentlich noch ein Backfischchen zu
sein. Zählst du schon vierzehn Jahre und sieben Wochen?«

»O ja, die liegen glücklich hinter mir, wenn auch noch nicht lange,« sagte
ich lächelnd und warf ihr die Semmelkrumen wieder in das Gesicht.

»Wie kannst du dich aber »Gretchen« nennen lassen!« sprach Eugenie weiter.
»Das klingt wie lauter Idylle, und die kann ich nicht leiden. Ich werde
dich Marguerite nennen, oder auch Gänseblümchen, was ja dasselbe bedeutet.«

»Und was sehr bezeichnend für das simple Backfischchen ist, nicht wahr?«
fuhr ich neckend fort, denn ich fühlte recht gut, daß sie mir einen Hieb
versetzen wollte.

»Nun dumm bist du nicht, wenn auch simpel!« warf Eugenie leicht hin.

»Nicht so dumm als ich aussehe,« sagte ich lachend.

»Hm! wer sagt dir, daß du so aussiehst?« rief Eugenie rasch. »Ich nicht,
denn ich finde dich im Ganzen passabel hübsch.«

»Du meinst =la beauté du diable= von sechszehn Jahren, wo jedes Mädchen
niedlich ist, weil sie frische Farben und jugendliche Formen hat?« warf ich
spottend ein.

»Ach mit dir streite wer Lust hat, du bist eine Hexe!« rief Eugenie, mir
ein ganzes Milchbrod auf den Rücken werfend, da ich ihr gerade denselben
zuwandte.

»Geh nicht so schlecht mit der edlen Gottesgabe um, Eugenie!« sagte ich
vorwurfsvoll, die Semmel wieder auf den Tisch legend. »Die Tante leidet es
niemals, daß man mit Brod spielt.«

»Um Gottes Willen, da will ich es lassen!« rief Eugenie im komischen
Schrecken, »ich muß sonst am Ende auch alles Brod genießen, woraus ich
Kugeln und Figuren gedreht habe, wie vorhin deinen gräßlichen Thee, von dem
mir noch der Kopf brennt wie Feuer.«

»Weil du unvernünftig dabei warst, wenn ich es dir ehrlich sagen soll,«
rief ich, das Theegeschirr zusammen setzend.

»Ich muß doch sehen, ob Tante wieder Lust hat, mich zu verschlingen wie
vorhin,« sagte Eugenie jetzt muthwillig und ging nach Tante's Zimmerthür,
und noch ehe ich sie voll Schrecken zurückhalten konnte, warf sie mir ein
Schnippchen zu und war hinter der Thür verschwunden.

»O mein Gott, ist das ein Mädchen!« rief ich, indem ich ihr angstvoll
nachblickte, denn nie hatte ich es gewagt, die Tante zu stören, wenn diese
sich zurück gezogen hatte, und sie wagte es, nachdem sie dieselbe durch
ihre Unarten so erzürnt hatte! Ich lauschte aufmerksam, ob ich heftigen
Wortwechsel hören würde; aber es dauerte nicht lange, so erklang Eugeniens
kindlich helles Lachen, die Thür öffnete sich, und von ihrer Nichte
zärtlich umschlungen, trat die Tante mit dieser in das Zimmer.

»Du brauchst dir nicht einzubilden, daß du die Versöhnung verursacht
hast, heilige Margaretha,« sagte Eugenie, den Kopf aufwerfend, aber ein
freundlicher Blick Tante Ulrike's sagte mir, dies sei allerdings der Fall.
Nun ich freute mich, die gute Tante wieder heiter zu sehen, die Ursache
davon mochte ich oder jemand anders sein.

»Jetzt komm nach deinem Zimmer, mein Kind!« sagte die Tante, Eugenie in ihr
freundliches Stübchen führend, welches an unser Schlafzimmer grenzte.

Ich hatte schon gefürchtet, Tante würde mich mit in Eugeniens Zimmer
einquartiren, was mir sehr leid gethan hätte, da mir unser trauliches
Stübchen herzlich lieb geworden war, nachdem ich so manchen schweren
Augenblick darin überstanden hatte. Aber mein Gardinenbettchen stand nach
wie vor an seinem alten Flecke, und von einer Aenderung war keine Rede.

Eugeniens Zimmer hatte eine ungemein zierliche, obwohl einfache
Einrichtung, und augenscheinlich machte es auf das verwöhnte Kind einen
angenehmen Eindruck, denn sie sprang singend und übermüthig von einem
Gegenstand zum andern.

»Aber hier die stolze Landschaft muß fort!« rief sie plötzlich, vor dem
kleinem Kamin stehen bleibend, über welchem ein schöner Claude Lorrain
aufgehängt war. »Hier kommt mein herzig liebes Väterchen hin, obwohl der
böse Mensch eigentlich gar nicht verdient, daß ich ihn noch ansehe, seit
er mich so treulos verlassen und mich den barbarisch grausamen Händen einer
gewissen Frau Ulrike überantwortet hat. Geschwind, Lisette, ausgepackt, daß
ich meinen Papa endlich wieder unter den Augen habe; er kennt mich doch am
Besten von allen Menschen, und weiß, ob ich so schlecht bin, als gewisse
Leute von mir denken.«

Dabei riß sie ungeduldig an den Schnüren und Pappen, welche ein großes Bild
umhüllten, das Lisette so eben aus einer der vielen Kisten heraus genommen.
Aber trotz ihres Eifers gelang es ihr nicht, das Bild aus seiner Umhüllung
zu lösen, so daß ich endlich zugriff und ihr die Sache abnahm.

»Du bist zu heftig, Eugenie, so geht es nicht!« sagte ich, vorsichtig
die Schnüre entwirrend, aus denen sie einen wahrhaft gordischen Knoten
geschürzt hatte.

»Da nimm es, ich mache alles dumm!« rief sie stürmisch, aber nun stand
sie ungeduldig neben mir und ließ mir kaum Zeit und Raum, die Arbeit zu
beenden. Endlich fiel das letzte Papier, und mit einem lautem Jubelschrei
umfaßte Eugenie das Bild des Vaters mit beiden Armen, drückte es heftig an
ihre Brust und bedeckte es dann mit tausend Küssen, wobei ihr die hellen
Thränen über die Wangen rollten.

»Väterchen! Mein einzig liebes Väterchen!« rief sie mit zärtlicher Stimme.
»Nun hab ich dich ja doch, wenn du auch weit fort von deiner armen lustigen
Jenny bist und gar nichts mehr von ihr wissen magst, du böser, böser,
lieber Papa!«

Es war wirklich ein unbeschreiblich rührender Anblick, das wunderliebliche
Mädchen mit so kindischer Zärtlichkeit das Bild des würdigen Mannes
liebkosen zu sehen, und aller Groll, den sie mir bis jetzt durch ihr
wunderliches Betragen erregt hatte, schwand beim Anblick dieser Scene. Sie
hatte das beste, liebevollste Herz, das zeigte sich nur zu deutlich, aber
unter wie viel Schlacken ruhten diese Goldkörner! Schweigend stand ich
neben Tante Ulrike, welche ebenfalls tief bewegt nach Eugenien hinblickte,
und auch ihr Auge schimmerte in Thränen, sei es vom Anblick des geliebten
Schwagers, sei es über die Bewegung ihrer wunderlichen Nichte. Sie trat
näher zu Eugenien heran, und indem sie sich tiefer auf das Bild neigte,
zog sie das liebe Kind innig an ihr Herz und hielt sie lange schweigend
umfangen. Eugenie weinte still am Halse der treuen Tante, und ihr guter
Genius schloß einen Bund mit dem besten Herzen, das über ihr wachte.

Aber sich lange der Wehmuth zu überlassen, das war denn doch nicht die
Sache unserer Eugenie. Plötzlich raffte sie sich empor, schüttelte die
wirren Locken aus der Stirn, trocknete sich die Augen, und rief wieder
muthwillig: »Das ist eine schöne Geschichte! Hat der böse Papa mich doch
wahrhaftig wieder zum Weinen gebracht, und ich hatte es doch verschworen,
seit sein Reisewagen um die Ecke bog. Geschwind an den Nagel mit dem
Sünder, der mich zu solch weichgebackenem Seelchen umgewandelt hat.«

Dabei sprang sie auf einen der schwellenden Polsterstühle, und hing mit
kräftiger Hand das prachtvolle Oelbild an den Nagel. Dann nickte sie
demselben schelmisch zu, küßte es noch einmal herzlich und sprang wieder
herab, leicht und lustig wie ein Vogel von dem Zweige.

Der Abend verging ganz gemüthlich mit Auspacken, Einrichten, Erzählen und
Plaudern, und Eugenie war bis zum Schlafengehen so liebenswürdig und artig,
sprach so viel Gescheidtes und Geistvolles zwischen allerlei Wunderlichem
und Barockem, daß man ihr eine geheime Bewunderung nicht versagen konnte.
Beim Schlafengehen küßte sie mich herzlich und sagte, ich sei doch eine
kleine Hexe, dann hüpfte sie trällernd ihrer voranleuchtenden Jungfer nach,
und noch eine ganze Weile hörten wir ihr lustiges Plaudern und Lachen.

Als wir allein waren, strich mir Tante Ulrike freundlich über das Haar, wie
sie immer that, wenn sie mit mir zufrieden war; dann zog sie sich noch für
ein Stündchen in ihr Zimmer zurück, während ich mein Lager suchte; aber
lange noch scheuchten die Gedanken über unsere neue Hausgenossin den Schlaf
von meinen Augen, bis endlich der freundliche Traumgott auch meine Sinne
mit holden Bildern umgaukelte.




10.

Eugenie.


Als ich am andern Morgen erwachte, traf mein erster Blick Tante Ulriken,
welche vor meinem Bette stand und die Langschläferin wohl schon eine
geraume Weile angeschaut hatte, denn sie nickte mir freundlich zu und
sagte: »Wie schön du geschlafen hast, kleine Grete, ich mochte dich
wahrlich nicht stören, obwohl es schon spät ist. Du schienst sehr angenehm
zu träumen, denn du lachtest so eben wie ein Kind im Schlafe.«

»Mir träumte von unserer neuen Hausgenossin, Tantchen,« sagte ich, mich
im Bett empor setzend. »Sie machte eben einen recht lustigen Streich: denn
unserm guten alten Pudel hatte sie ihren feinen Spitzenkragen umgebunden,
und die hellblauen Pantöffelchen an die Füße gezogen. Eben wollte sie
ihm noch einen Schleier überwerfen, dann sei das Fräulein fertig, wie sie
sagte, da erwachte ich. Wie kann man nur so dummes Zeug träumen!«

»Nun unsere übermüthige Eugenie wäre solcher Streiche wohl fähig,« lachte
die Tante.

»Jetzt will ich aber aufstehen, denn sonst überrascht sie mich gar noch im
Bett, sie ist vielleicht an frühes Aufstehen gewöhnt,« sagte ich eifrig und
griff nach meinen Kleidern, um mich geschwind fertig zu machen.

»O,« sagte die Tante, indem sie sich auf mein Bett setzte, »da brauchst du
dich nicht sehr zu beeilen, Eugenie liegt wie du noch in den Federn, ich
war eben in ihrem Zimmer. Sie schlief zwar nicht mehr, sondern lag mit
offenen Augen im Bett und schien gelesen zu haben, zum Aufstehen aber hatte
sie noch keine Lust. Sie ist eben ein verwöhntes Kind, das thut was ihm
beliebt. Für's erste muß ich sie schon ruhig bei ihren Launen lassen, so
schwer es mir wird, ich rechne auf ihren richtigen Verstand und ihr gutes
Herz, welche sie mit der Zeit wohl auf bessern Weg bringen werden. Dein
Beispiel, mein Gretchen, soll mich in der Erziehung Eugeniens unterstützen;
denn im Umgange mit dir, mein gutes Kind, wird sie bald einsehen, wer
von euch Beiden auf dem richtigsten Wege ist, ein brauchbarer Mensch zu
werden.«

»Mein Beispiel, Tantchen?« rief ich verwundert. »Wie kann ich armes,
ungeschicktes Bauermädchen ein Beispiel für die elegante, feingebildete
Eugenie sein? Das sagst du wohl nicht im Ernste!«

»Doch, mein liebes Kind,« entgegnete die Tante liebevoll, »du bist ein
natürlich einfaches Mädchen, das zwar noch wenig feine gesellschaftliche
Bildung besitzt und gar mancherlei Dinge noch lernen muß, ehe ihre
Erziehung vollendet ist; aber dein bescheidener Sinn und dein einfach
sittiges Wesen können der hochfahrenden Eugenie trotz all' ihrer feinen
Bildung und ihrer äußeren Eleganz gar wohl zeigen, was ihr fehlt, und wer
von euch Beiden einen größeren inneren Werth besitzt. Eugenien fehlt bei
all' ihrer äußeren Vollendung doch die recht eigentliche Bildung, ich meine
die Bildung des Herzens, und diese, hoffe ich, wird sie hier bei uns mit
der Zeit erhalten. Das arme Kind hatte bis jetzt leider wenig Gelegenheit,
sich hierin zu vervollkommnen, möchte es noch nicht zu spät sein, und
möchten wir diesem reichbegabten Wesen geben können, was ihm noch so sehr
fehlt.«

Die Tante zog mich liebevoll an ihr Herz, während ich stumm und demüthig
mein erglühendes Gesicht an ihrer Schulter barg. Ach ich war unsäglich
glücklich über die Worte der geliebten Tante! Wohl oft schon hatte sie
mir durch einige zufriedene Aeußerungen oder Blicke gezeigt, daß sie nicht
unzufrieden mit mir war, und daß ich trotz meiner vielen Thorheiten dennoch
ihre Liebe und ihr Vertrauen besaß, aber so viel Lob war mir noch nie von
ihr zu Theil geworden. Fast hätte ich stolz und eitel davon werden können,
aber die Tante kannte mich genug, um zu wissen, daß ihre Worte bei mir
diese Folgen nicht haben würden; denn ich fühlte gar wohl, wie sie mich
durch ihr Lob nur etwas sicherer und selbstbewußter Eugenien gegenüber
machen wollte, bei welcher meine ängstliche Bescheidenheit durchaus nicht
angebracht war. Offenherzig gestand ich der Tante diesen Gedanken, und ihr
feines Lächeln bestätigte meine Vermuthung.

»Du bist ein kleiner Schalk, Gretchen,« sagte sie heiter. »So ganz
fehlgeschossen hast du freilich nicht; denn ich kann nicht leugnen, daß
ich allerdings herzlich wünsche, du möchtest dich recht fest in den Sattel
setzen, um im Laufe mit Eugenien von ihr nicht herausgeworfen zu werden,
was ihren Uebermuth sehr vermehren würde. Aber ich hoffe, es wird schon
gehen, wenigstens that Eugenie gestern schon einige Aeußerungen über dich,
welche mir zeigten, du habest ihren Capricen tapfer die Stirn geboten.
Damit hast du dir schon ein gutes Theil Terrain bei ihr erobert, und das
ist mir lieb zu hören.«

Ich erzählte der Tante lachend mein gestriges Gespräch mit Eugenien, das
sie sehr ergötzte.

»Ja ja, auf seiner Hut muß man bei dem Blitzmädchen sein,« sagte sie, »denn
vergiebt man sich bei ihr erst einmal etwas, so hat man das Spiel verloren.
Nun halte dich tapfer; für dich wird aus dem Umgange mit ihr auch gar
vielerlei Gutes erwachsen, wenn du es wohl zu nützen verstehst. Aber
jetzt eile dich mit deiner Toilette, sonst überrascht dich Eugenie am Ende
wirklich noch im tiefsten Negligée.«

Ich kleidete mich mit Tantchens Hülfe schnell an und hatte die Freude,
von ihr abermals ein Lob zu erhalten, wie nett und richtig ich jetzt
alles machte, was zur Toilette gehört. »Entsinnst du dich noch des ersten
Morgens, Gretchen?« fragte sie neckend. »Weißt du noch, wie ich da nicht
aufhören konnte zu verbessern und zu reden? Weißt du, wie du mit den
nackten Füßen zum Bett heraus fuhrest, und als Hemdenmätzchen an der Erde
hocktest? Wie du dich ohne Wasser wuschest und endlich eine ganze Sündfluth
um dich her verbreitest?«

»O still, still, Tantchen! Wie sollte ich das vergessen haben?« rief ich,
der Tante den Mund zuhaltend. »Damals dachte ich nicht, daß ich es dir
je würde recht machen können, das kann ich dir jetzt ehrlich gestehen.
Nachgerade aber ist mir nun doch einige Hoffnung gekommen, daß dein dummes
Backfischchen noch ein vernünftiger Mensch werden könnte.«

»Die Zeit wird es ja lehren,« sagte die Tante mir zunickend. »Jetzt geh und
sieh, ob Eugenie nicht bald kommt, sonst müssen wir ohne sie frühstücken,
mein Magen hat wegen meiner kleinen Faulpelze jetzt lange genug gefastet.«

Ich eilte in Eugeniens Zimmer, um die Cousine zum Frühstück abzuholen. Aber
wie erstaunte ich, als ich die junge Dame noch im Bett und eben im Begriff
fand, ihre Chocolade zu schlürfen, welche Lisette ihr präsentirte.

»Guten Morgen, Gänseblümchen!« rief sie mir fröhlich entgegen und gebot
ihrer Jungfer, das Frühstück neben ihr Bett zu stellen. »Was habt ihr
für gräuliches Zeug von Chocolade hier im Hause!« fuhr sie, den Mund
verziehend, fort. »Das ist ja süßer Mehlbrei für Wickelkinder, pfui! Mama
soll mir augenblicklich von unserer Vanillechocolade schicken, hörst du
Lisette! Schreib es gleich auf den Bestellzettel. Aber du mein Himmel!
Heilige Margarethe, schon fix und fertig in den Kleidern?« rief sie dann,
mich verwundert vom Kopf bis zu den Füßen anblickend. »Was hast du denn
vor, willst du verreisen, daß du dich so früh schon anziehst?«

»Nein, das thue ich stets, Eugenie!« sagte ich gleichmüthig. »Die Tante
sieht es nicht gern, wenn junge Mädchen im Morgenrock umher gehen, weil sie
es für Verwöhnung hält.«

»Nun da wird sie sich bei mir wohl daran gewöhnen müssen,« entgegnete
Eugenie schnippisch und strich die feine Stickerei ihres Nachtjäckchens am
Handgelenk glatt. »Ich bin kein Bürgermädchen, das gleich aus dem Bette auf
die Straße muß, meine Bequemlichkeit lasse ich mir nicht stören.«

»Jeder nach seinem Gefallen, liebe Cousine,« erwiederte ich achselzuckend.
»Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, allen Wünschen der Tante
nachzukommen, und so thue ich auch dies, obwohl auch ich an Morgenrock und
Häubchen gewöhnt war. Jetzt finde ich es selbst sehr angenehm, gleich früh
fertig zu sein, man gewinnt sehr viel Zeit dabei.«

»Bah, Zeit! Was habe ich davon!« rief Eugenie spöttisch. »Der Tag ist
ohnehin lang genug.«

»Ich möchte ihn stets noch einmal so lang haben, die Zeit vergeht mir immer
viel zu schnell,« erwiderte ich.

»Du bist eine Närrin, Gänseblümchen,« rief Eugenie ärgerlich. »Aber was
willst du eigentlich bei mir, kommst du etwa nur, um mir wieder eine
Predigt zu halten? Den Anlauf dazu nimmst du schon wieder.«

»Ich habe das Gespräch nicht angefangen, Eugenie!« sagte ich kurz. »Ich
kam nur, dich zum Frühstück zu rufen; da du dasselbe aber für dich allein
einzunehmen für gut findest, so habe ich weiter nichts hier zu suchen.«

Dabei wandte ich mich nach der Thür und wollte gehen. Ein schallendes
Gelächter Eugeniens traf mein Ohr, und unwillkürlich blickte ich nach ihr
zurück.

»Du bist eine kostbare kleine Kratzbürste!« rief sie lustig. »Nun gehst du
schnurstracks zu unserer wohllöblichen Tante und berichtest ihr brühwarm,
was sich allhier so eben zugetragen, und wie ich der heiligen Margarethe
höchsten Zorn erregte. Und dann setzt ihr beiden Tugendexempel euch
einander gegenüber und weint heiße Thränen über das räudige Schaf, das
unter eure fromme Heerde gekommen.«

»Rede doch nicht solchen Unsinn, Eugenie!« entgegnete ich, indem ich gegen
meinen Willen lachen mußte. Da die Tante mich jedoch erwartete, eilte ich
zur Thür hinaus, hinter mir drein aber flog einer der seidenen Pantoffeln,
welche das lose Mädchen mir nachsandte.

Die Tante schüttelte den Kopf, als ich ihr von diesem Morgenbesuche
erzählte, und wir tranken ziemlich still und ernst unsern Kaffee. Aber
noch waren wir nicht damit fertig, so öffnete sich die Thür, und Eugeniens
rosiges Gesichtchen schaute zu uns herein.

»Da ist sie doch!« rief ich freudig überrascht und eilte ihr entgegen.
Auch die Tante stand auf, der Ankommenden die Hand zu reichen, Eugenie aber
schritt feierlich zu uns heran und sagte salbungsvoll:

»Wo zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter
ihnen!«

Ich erschrak über diesen Frevel, als hätte ich selbst die Sünde begangen,
die Tante aber blickte rasch auf, dunkle Gluth färbte ihre Stirn, und
finster, wie ich sie noch nie gesehen, schaute sie Eugenien an.

»Unbesonnenes Mädchen!« sprach sie streng, »laß mich nie wieder dergleichen
frevelhafte Worte hören! Leichtsinn und Unarten will ich dir verzeihen,
aber wer Spott mit dem Heiligsten treiben kann, von dem will ich nichts
mehr wissen, für den habe ich nur noch die tiefste Verachtung. Ich hoffe,
du siehst ein, wie unverantwortlich du gehandelt und bereust es von
Herzen!«

Eugenie stand erschrocken vor der zürnenden Tante und hatte ihre kecke
Haltung ganz verloren. Sie faßte sich zwar endlich wieder und wandte sich
etwas verlegen zur Seite, aber der tiefe Ernst der Tante ließ jegliche
Erwiderung auf ihrer Lippe ersterben, und schweigend setzten wir unser
Frühstück weiter fort. Eugenie fühlte sich augenscheinlich dabei höchst
unbehaglich, denn bald stand sie auf und machte sich im Zimmer zu schaffen.
Endlich öffnete sie den Flügel und ließ die Finger über die Tasten gleiten,
ohne rechten Zusammenhang zwar, aber so kunstvoll und meisterhaft, daß ich
erstaunt aufhorchte.

»Spiele uns doch etwas, liebes Kind,« sagte Tante Ulrike sanft, und
herzlich erfreut, daß sie aus dem Dilemma durch Tante's gütige Anrede
erlöst worden, ließ Eugenie nun ihre Finger im raschen Spiele über die
Tasten rollen. Es war ein wirklicher Genuß, ihr zuzuhören, denn Anschlag,
Geläufigkeit und Vortrag, alles war so vortrefflich, wie ich es selten
gehört hatte. Dem Spiel folgte bald auch Gesang, und die reine hohe
Sopranstimme sowie der ungemein ansprechende Vortrag Eugeniens entzückten
mich von Neuem, und auch der Tante ernstes Gesicht hellte sich mehr und
mehr auf. Musik ist der beste Vermittler, Tröster und Helfer in so
manch trüber Lage des Lebens, und auch hier halfen uns die Töne über den
unangenehmen Zustand hinweg, in den Eugeniens Thorheit uns versetzt hatte;
denn als sie vom Klavier aufstand, reichte ihr die Tante freundlich die
Hand und lobte ihre treffliche musikalische Ausbildung.

»Du mußt meine Lehrer loben, nicht mich, Tantchen!« rief Eugenie, sich
nachlässig auf das Sopha werfend. »Sie haben mich genug damit gequält, mehr
als all' die Lappalie werth ist.«

»Nun du solltest es ihnen danken, denn du bist durch diese Mühe in den
Besitz schöner Talente gelangt,« entgegnete die Tante. Eugenie beantwortete
diese Ermahnung aber in ihrer bekannten liebenswürdigen Weise, indem sie
den Mund zum Gähnen öffnete, und leise seufzend ging die Tante an ihr
vorüber.

Einige Zeit nachher kehrte ich mit dem Ausgabebuche der Köchin aus der
Küche in das Wohnzimmer zurück und trug vorsichtig eine Menge kleiner
Münzen, welche ich eingewechselt, auf dem Umschlage des Buches. Eugenie
ging trällernd an mir vorüber, und ehe ich wußte, wie mir geschah, schlug
sie mir Geld und Buch aus den Händen, daß die Münzen rings im Zimmer
umher flogen. Wie ein tolles Kind lachte sie dann über ihren muthwilligen
Streich, während ich bestürzt niederkniete, die vielen kleinen Geldstücke
mühsam aufzulesen.

Aber da trat die Tante, welche alles aus ihrem Cabinet mit angesehen, zu
uns heran, gebot mir aufzustehen, Eugenien aber, selbst aufzusuchen, was
sie hingeworfen. Eugenie blickte betroffen auf, dann warf sie den Kopf in
den Nacken, öffnete die Thür und rief ihre Kammerjungfer herbei.

»Lies die Münzen auf, Lisette!« befahl sie dem eintretenden Mädchen, und
schon kniete dieses am Boden, da sagte Tante Ulrike:

»Lisette, geh nur, es ist schon gut.«

Dann aber, als das Mädchen das Zimmer verlassen, gebot sie Eugenien ruhig
aber sehr ernst, selbst ihren stolzen Rücken zu beugen und wieder zu
verbessern, was sie Thörichtes gethan.

Eugenie wußte nicht, ob sie ihren Ohren trauen sollte; aber der stille
Ernst der Tante imponirte ihr doch gewaltig, und ohne eine Erwiderung
begann sie das mühsame Werk. Unter Stöhnen und Schelten kroch sie am Boden
umher, kaum aber hatte sie eine Hand voll Münzen aufgesammelt, so warf sie
mir dieselben voll Ingrimm wieder an den Kopf, und so würde sie nimmermehr
zu Ende gekommen sein, hätte ich mich ihrer nicht endlich dennoch erbarmt
und ihr beigestanden.

»Ach meine Füße, meine Glieder!« rief sie nun, als wir fertig waren. »Ich
bin wie gerädert, es ist mein Tod!« Ich ließ sie ruhig klagen und ging
meinen häuslichen Geschäften nach. Als ich wieder zurück kehrte, fand ich
sie nicht mehr, und da ich glaubte, sie werde wohl Toilette machen, ging
ich nach ihrem Zimmer, ihr zu helfen. Aber wie erschrak ich, sie hier im
Bett zu finden. Als sie mich sah, überhäufte sie mich mit Scheltworten und
Klagen, sagte, sie werde hier behandelt wie ein Sträfling, und es werde
sicher ihr Tod sein, sie fühle sich jetzt schon völlig krank und elend.

Bestürzt eilte ich zu Tante Ulrike, dieser den Zustand Eugeniens
mitzutheilen, die Tante aber lächelte über meine Sorgen und sagte ruhig:
»Laß nur Kind, Eugenie wird schon wieder gesund werden, aber geh nicht zu
ihr, wir müssen sie sich selbst überlassen.« Dann ergriff sie ein Buch und
begann unsere tägliche Lektüre, und Lessings geistvolle Worte, die sie mir
vorlas, führten meine Gedanken bald in andere schönere Regionen.

Meine Freundin Marie unterbrach nach einiger Zeit unsere Beschäftigung, um
sich nach dem neuen Ankömmling zu erkundigen. Da Eugenie aber noch immer
nicht sichtbar war, so hatten wir Zeit genug, lange allein mit einander zu
schwatzen.

Schon nahte die Mittagstunde, und Marie wollte wieder gehen, da erschien
plötzlich Eugenie in der Thür, höchst zierlich angekleidet und stolz und
vornehm in Miene und Haltung. Ich stellte ihr meine Freundin vor und fragte
nach ihrem Befinden, sie aber lehnte sich matt in den Sessel, nickte Marien
kalt einen Gruß zu und schien uns dann nicht weiter zu beachten. Marie
entfernte sich bald und war außer sich über Eugeniens Art und Weise,
ich suchte sie indeß zu entschuldigen; aber meine Versicherung, daß sie
unendlich liebenswürdig sein könne, fand bei meiner feinfühlenden kleinen
Freundin durchaus keinen Glauben.

Ich setzte mich still an meine Arbeit, während meine Cousine wieder
nachlässig auf dem Sopha ruhte. Ihr helles Lachen überraschte mich aber
bald darauf, so daß ich verwundert aufblickte.

»Ist sie immer so blau und so blond?« rief Eugenie lustig.

»Wen meinst du denn?«

»Nun deinen Castor, mein Pollux!«

»Ja, blond ist sie immer, wie ich immer schwarz bin. Und blau trägt sie
viel, ich liebe das gerade an ihr. Wie gefällt sie dir denn, Eugenie!«

»Wie einem solch' Butterschäfchen gefallen kann! Es fehlt nur Todtenkopf
und Bibel, und die büßende Magdalena ist fertig.«

Ich war empört. Meine Marie, meine vergötterte, herrliche Freundin so zu
schmähen, es war abscheulich! Ich wollte eben einige rechte bitterböse
Worte erwidern, da fühlte ich mich plötzlich von hinten umschlungen, und
Eugeniens schönes Gesicht blickte voll Schelmerei in meine feuchten Augen.

»Richtig, das Wetter wird gleich losbrechen!« rief sie, und küßte mich.
»Schleudere deine Blitze nur herab auf mein reuig Haupt, o Kronion, ich
verdiene es nicht besser!«

Nun mußte ich wieder lachen, wo ich böse sein wollte, es war nicht
auszuhalten mit diesem Mädchen!

»Was machst du denn eigentlich da?« fragte Eugenie und nahm mir meine
Arbeit aus der Hand.

»Etwas sehr Häusliches und Prosaisches, wie du siehst, ich stopfe
Strümpfe.«

»Du stopfst sie? Um's Himmels willen, warum thust du denn das, das macht
doch kein anständiges Menschenkind selbst!«

»Ich wüßte nicht, was bei solcher Arbeit Entehrendes wäre? Die Tante sagt,
je weniger Hülfe wir von Anderen brauchten, je besser wären wir daran, denn
um so unabhängiger machte man sich von anderen Menschen.«

»Hm, das ist nicht dumm. Machst du dir noch mehr selbst, auch etwa die
Kleider und das Weißzeug?«

»Die Wäsche und Kragen natürlich. Und die Tante hat mir versprochen, ich
solle auch das Schneidern erlernen, damit ich später auch meiner Mutter und
den Schwestern die Kleider machen kann, denn auf dem Lande ist das doppelt
angenehm.«

»Aber wo in aller Welt nimmst du denn die Zeit her zu all' den Arbeiten?
Das brächte ich ja nun und nimmermehr zu Stande, und wenn der Tag Millionen
Stunden hätte!«

»Ja siehst du nun wohl, wozu es gut ist, zeitig aufzustehen und sich gleich
anzuziehen? Auf dem Sopha kann ich freilich auch nicht immer liegen, wenn
etwas fertig werden soll.«

»Hexe, die du bist!« schmollte Eugenie, und spielte Ball mit meinen
aufgerollten Strümpfen.

»Wie geht es dir denn eigentlich, Eugenie,« fragte ich nun theilnehmend,
»bist du denn wieder ganz wohl!«

»Das kann dir ganz einerlei sein, da du nicht früher danach gefragt hast,«
sagte sie trotzig. »Ich glaube, ich könnte sterben und verderben, ehe sich
jemand von euch um mich bekümmerte.«

Ich mußte still vor mich hin lächeln und sah wohl ein, das beste Mittel sie
zu kuriren sei, wie Tante meinte, ihre Krankheit gar nicht zu beachten, wer
weiß, wie lange sie noch stöhnend im Bette geblieben wäre, hätten wir uns
ängstlich und sorgenvoll um sie bemüht.

Am Nachmittag machte die Tante einige Besuche mit uns, um ihren Freunden
ihr zweites Pflegekind vorzustellen. Ach welch' ein Unterschied war
in Eugeniens Erscheinen bei ihrem ersten Besuche im Vergleiche mit dem
meinigen damals! Unwillkürlich sah ich mich armes, hölzernes Mädel, dem
Angst und Ungeschick die Röthe der Scham und Verlegenheit auf die Wangen
jagte, neben der feinen, eleganten, anmuthigen Eugenie. Wie unendlich
liebenswürdig konnte dies Mädchen sein, wenn sie wollte! Und den Fremden
gegenüber wollte sie fast immer, deshalb gewann sie bald Aller Herzen, und
niemand ahnte, wie schwere Stunden dieses verzogene, launische Kind den
Ihren zu Hause bereiten konnte. Auch Marie söhnte sich etwas mit Eugenien
aus, da sie am Nachmittage ganz ausgetauscht schien, und freundlich und
gesprächig war, wie gewöhnlich.

Sehr ergötzlich fiel der Besuch bei Geh. Rath Delius aus. Amanda schwebte
wieder in ihrer bekannten affectirten Weise durch das Zimmer und machte es
sich im Lehnstuhle bequem, indem sie bald das Flacon, bald den Fächer oder
das Taschentuch handhabte; mich ignorirte sie natürlich gänzlich, aber auch
Eugenien behandelte sie so von oben herab, daß mir ganz bange wurde.

Zu meiner Verwunderung schien dies Betragen Eugenien gar nicht zu
verletzen. Sie beobachtete Amanda ziemlich still eine Weile, und ich sah es
um ihre Lippen zucken wie lauter Lust und Muthwillen. Leise lehnte auch sie
sich in ihren Lehnstuhl zurück, noch viel bequemer als Amanda, zog rasch
einen Fußschemel herbei, nach dem jene so eben greifen wollte, setzte
ebenfalls Riechfläschchen und Taschentuch in Bewegung und sprach noch viel
matter und blasirter als ihre Gegnerin. Und das alles war so wenig gemacht,
schien so ganz eigene Natur zu sein, daß ich staunend die sonst so frische
Eugenie betrachtete.

Amanda wußte augenscheinlich auch nicht, was sie dazu sagen sollte,
unwillkürlich erhob sie sich etwas aus ihrer bequemen Lage, suchte ein
ordentliches Gespräch anzuknüpfen und zierte sich weniger. Eugenie
aber ließ sich nicht stören, gab zwar Antworten, aber ganz in Amanda's
bisheriger Art und Weise, und wandte sich viel mehr zu mir armen Dinge, als
zu der eleganten Tochter des Hauses. Als jedoch die Geheimräthin selbst mit
Eugenien ein Gespräch begann, betrug sie sich wieder so liebenswürdig und
fein, wie es stets ihre Art war. Wirklich setzte es Eugenie in dieser
Weise mit der Zeit durch, daß Amanda ihr abgeschmacktes Wesen ihr gegenüber
aufgab und natürlicher sprach und sich bewegte, und wie sie, so stimmte
auch Eugenie ihren natürlicheren Ton wieder an, so daß diese beiden
eigenthümlichen Mädchen recht gut mit einander fertig wurden.




11.

Noch einmal Eugenie.


Ich ging am andern Morgen zeitig wieder nach Eugeniens Zimmer, um zu
hören, ob sie wieder ganz wohl sei, und heute empfing sie mich zwar eben so
muthwillig wie gewöhnlich, aber doch herzlich und freundlich.

»Willst du meinem Lever beiwohnen, Gänseblümchen?« sagte sie, die Glocke
ihres Nachttisches bewegend. »Du sollst auch die Ehre haben, mir höchst
eigenhändig das reine Hemdchen über meinen jungfräulichen Nacken zu
streifen, und niemand soll dir dein Amt streitig machen. Du kennst doch
die schöne Geschichte von Ludwig XIV., der eine halbe Stunde ohne
jegliche Hülle im Naturkostüme verharren mußte, nur weil jedesmal in dem
Augenblicke, als der Vornehmste seiner Umgebung ihm besagtes Kleidungsstück
überwerfen wollte, ein noch Vornehmerer in das Zimmer trat, dem dann dies
höchste aller Aemter im großen Staate Frankreich übergeben werden mußte?«

Ich kannte die Geschichte wohl, ließ Eugenien jedoch ruhig erzählen und
betrachtete mir indeß die schöne Stickerei ihrer Wäsche.

»Wie schön das alles ist!« sagte ich voll Bewunderung.

»Gefällt es dir?« entgegnete Eugenie gleichgültig. »Suche dir aus, was du
willst, das Zeug ist mir alles egal.«

»Aber das kostet ja alles so viel Geld, Eugenie, egal kann es dir doch
unmöglich sein!« wagte ich einzuwerfen.

»Bah, Geld!« rief sie achselzuckend. »Was kümmert mich das! Mama sagt, das
sei Nebensache, Papa habe genug davon.«

»Aber du könntest es doch besser anwenden, als es so wegzuschleudern, liebe
Cousine. Wie viel Freude könntest du Andern machen mit einem kleinen Theil
dessen, was du so verschwendest.«

»Besser anwenden? Was meinst du damit, Kleine?«

»Nun wie gesagt, du könntest Andere damit glücklich machen, die weniger
haben.«

»Wen meinst du denn? Lisetten gebe ich alles, was sie haben will, und wer
mich sonst anbettelt, der bekommt auch immer etwas.«

»Laß gut sein, du verstehst nicht, wie ich das meine, liebe Eugenie,«
schloß ich endlich. »Komm lieber und stehe auf, ich habe keine Zeit mehr zu
warten.«

Eugenie rief Lisetten an das Bett und streckte derselben einen Fuß nach
dem andern entgegen, woran die Zofe erst die feinen Strümpfe und dann die
blauseidenen Pantoffeln streifte. Dann löste sie alle Knöpfe und Bänder an
dem Nachtkleide der jungen Dame, und diese ließ alles geschehen ohne selbst
auch nur einen Finger zu rühren. Ich schaute dem Dinge voll Verwunderung
zu, sagte aber kein Wort; doch als sie fertig war, und Lisette ihr alle
Knöpfe, Bänder und Haken wieder geschlossen und ihr den feinen weichen
Morgenrock übergeworfen hatte, der durchweg mit weißer Seide gefüttert war,
bat ich sie scherzend, sie möge nun auch einmal meinem Lever beiwohnen, um
sich zu revanchiren. Das ergötzte sie sehr und sie versprach es. Natürlich
glaubte ich nicht, daß sie es thun würde und war deshalb höchst erstaunt,
sie wirklich am andern Morgen schon neben meinem Bette zu sehen, als ich
erwachte.

»Nein solch' ein Faulpelz!« rief sie triumphirend, als ich sie voll Staunen
anblickte. »Da nimm dir ein Beispiel an Eugenie, dem braven Mädchen, die
hat schon seit drei Stunden Strümpfe gestopft!« Wirklich sah ich einen
ganzen Berg Wäsche neben ihr aufgehäuft, und einen Strumpf über ihren Arm
gezogen, focht sie mit langer Nadel und Faden heftig in demselben auf und
nieder. Bald sah ich wohl, daß sie nur Scherz trieb und keine Idee von der
Arbeit hatte, die sie vorgab, ich ignorirte es aber und blickte
staunend auf sie hin. Ihr fröhliches Lachen fand dann natürlich sogleich
Erwiederung, und ich fand nicht Worte genug, ihren Heroismus zu bewundern,
bis sie endlich den ganzen Haufen Wäsche auf die Seite warf und sich im
Lehnstuhle behaglich streckte.

»Aber nun rasch aus den Federn!« rief ich und griff nach meiner Wäsche und
den übrigen Sachen.

»Machst du das denn selbst, Gänseblümchen?« sagte Eugenie erstaunt und sah
auf meine Finger, welche schnell Bänder und Haken lösten und schlossen.

»Natürlich, das macht mir niemand anderes schnell und gut genug!«
entgegnete ich. »Es wäre mir unerträglich, solch' Kammermädchen an mir
herum zupfen und zerren zu lassen, und zu warten, bis es ihr gefällig wäre,
mich zu bedienen. Selbst ist der Mann! Du glaubst nicht, wie angenehm es
ist, alles selbst zu machen.«

»Ja diese Lisette ist ein gräulicher Tölpel!« sagte Eugenie nachdenklich.
»Du glaubst gar nicht, wie sie mich quält und peinigt durch ihr Ungeschick!
Und gerade wenn ich sie brauche, kann sie niemals kommen. Du bist zehnmal
besser daran als ich, ich beneide dich wirklich!«

»Aber so versuche doch, dich einmal allein zu bedienen, liebes Herz, dann
bist du allen Aerger los,« rief ich lachend und fuhr mit dem Kamme durch
mein dichtes Haar.

»Ich kann es ja nicht! Mama sagt immer, es sei unschicklich, sich selbst zu
bedienen.«

»Nun weißt du was? Ich werde dir helfen, bis du es kannst, willst du das,
Eugenie?«

»Hm, ja, nein, wie du willst! Ich weiß selbst nicht!« stotterte Eugenie und
drehte mein Haar um ihre Finger. »Du würdest doch davon laufen, denn ich
quälte dich natürlich so lange, bis du es thätest,« setzte sie dann in
ihrer lustigen Weise hinzu.

»Nun, darauf wollen wir es ankommen lassen! Soll ich morgen früh kommen?«

»Nein, ich mag nicht, es ist doch unbequem, und du bist mir ohnehin weise
genug!« rief sie und warf sich wieder nachlässig auf den Lehnstuhl, ich
aber ließ sie in Ruhe, denn hier stürmen oder drängen zu wollen, wäre sehr
unklug gewesen. Aber siehe da, am folgenden Morgen saß Eugenie schon am
Frühstückstisch, als die Tante und ich in das Zimmer traten, und auf unsere
verwunderten Ausrufungen sagte sie leichthin:

»Ich ennuyire mich todt bei meiner einsamen Chocolade, ich will mit euch
zusammen frühstücken. Und Gänseblümchen soll nur ihre Dienste Anderen
anbieten, ich brauche sie nicht. Ich habe mir heute alles selbst gemacht,
da seht her, ob's nicht ordentlich ist!«

Natürlich überhäuften wir sie mit Lobeserhebungen, aber die waren bei ihr
nie angebracht, und in komischem Verdruß hielt sie sich die Ohren zu.

Dergleichen kleine Scenen wiederholten sich fast täglich, und so böse wir
nur gar zu oft über das unverständige Mädchen sein mußten, eben so sehr
söhnte uns bald darauf ihr gutes, herzvolles Betragen wieder mit ihr aus.
Es lag ein Schatz von großem Werthe in diesem wunderlichen Geschöpfe,
und wer nur die Geduld nicht verlor, der konnte in ihr noch viel Gutes
erwecken. Tante Ulrike war ganz die Person dazu, das fühlte auch die
leichtsinnige Eugenie gar wohl, und hing in ihrer Weise bald eben so innig
an diesem trefflichen Wesen, als ich es in der meinen that. Daß auch ich
mich bald der Gunst Eugeniens mehr zu erfreuen hatte, als ich je gehofft,
erleichterte mir das Herz unbeschreiblich, liebte ich doch das reizende,
wunderliche Mädchen trotz allem, was sie mir anthat, bald aus ganzer Seele.

Aber wie manches hatten wir im Anfange noch zu überwinden, ehe Eugenie
etwas vernünftiger wurde! Ich besonders war stets die Zielscheibe ihrer
losen Streiche, und doch wußte sie es immer wieder gut zu machen, wenn sie
mich gekränkt oder geärgert hatte.

Eines Tages trat ich an meinen Arbeitstisch am Fenster und ordnete die
rankenden Schlingpflanzen, welche sich an demselben hinzogen. Dabei wollte
ich, wie ich täglich that, das Bild meiner lieben Marie begrüßen und hob
die Blätter des Epheu empor, um es besser zu sehen.

Aber erschrocken fuhr ich zusammen, und mit bebender Hand griff ich nach
dem geliebten Schatze, um mich zu überzeugen, ob ich mich täuschte. Nein es
war kein Irrthum! Eine böse, frevelnde Hand hatte mir verdorben, woran mein
ganzes Herz hing. Ein dicker, schwarzer Schnurbart deckte die feinen Lippen
des netten Bildes und entstellte das zarte Gesicht der rosig frischen
Blondine. Es war zu abscheulich, zu boshaft, und doch konnte man sich des
Lachens über den sonderbaren Anblick nicht enthalten.

Daß Eugenie mir diesen Streich gespielt lag außer Frage, denn oft schon
hatte sie dies kleine Oelbild verhöhnt, das ich allerliebst fand, sie
aber meinte, es sähe aus wie ein Ritterfräulein auf dem Pfeifenkopfe eines
Handwerksburschen.

Ich nahm das arme Bild still von der Wand und legte es in den Kasten,
schelten konnte ich das lose Mädchen nicht, dazu war mir zu weh um das
Herz; aber meine roth geweinten Augen und die leere Stelle über meinem
Nähtisch, welche ich durch kein anderes Bild verdeckte, sagten Eugenien
wohl, wie sehr ich mich grämte. Bald erfuhr ich auch, daß die Tante sehr
ernst über diesen herzlosen Streich mit ihr geredet hatte, und dies war mir
lieber, als mich selbst mit ihr darüber zu streiten.

Wie sehr staunte ich nun eines Morgens, als ich den leeren Platz durch ein
neues Bild ausgefüllt sah, und zwar ein Bild von meiner lieben Marie, ganz
zart und duftig in Wasserfarben gemalt und unendlich viel schöner als
das verdorbene! Die frischen Farben und die anmuthigen Züge waren so treu
wieder gegeben, daß ich voll jubelnden Entzückens das liebe Bild an die
Lippen drückte und außer mir war vor Freude. Wer hatte das gethan! Konnte
Eugenie? -- aber nein, das war ja ein kleines Kunstwerk, und verstand sie
das, wann hätte sie es gearbeitet? Und doch, es sähe ihr so ähnlich! Aber
sie selbst würde es nie eingestehen, mich höchstens noch verspotten.

Da kam das Urbild meiner Freude selbst, meine liebe gute Marie! Jubelnd
flog ich ihr entgegen und fragte, wer das Bild gemalt.

»Nun Eugenie, wie kannst du daran zweifeln?« sagte Marie. »Sie war ja
einige Mal heimlich bei mir, um es zu malen. »Das alte ist ein Monstrum,«
sagte Eugenie, »und ich habe es absichtlich verdorben, um ihr ein anderes
dafür malen zu können, sonst nähme sie es doch nie von der Wand, und ich
hätte mich ewig darüber zu ärgern.«

Das sah ihr ähnlich, aber danken durfte ich nicht dafür, sonst war sie im
Stande, dem lieben Gesichtchen abermals einen schwarzen Bart anzumalen.
Jetzt erst fiel mir ein, daß sie einige Vormittage allein ausgegangen war,
um, wie sie sagte, allerlei zu besorgen. Da war dies Bildchen entstanden.
Welch' Talent lag in dem Mädchen! Musik, Malerei, alles konnte sie
trefflich, nur davon sprechen, sie loben, das durfte niemand, sie rechnete
all' ihr Können der Mühe ihrer Lehrer zu und legte scheinbar gar keinen
Werth auf ihre Talente.

Eugeniens Lieblingsthema für ihre Neckereien, deren sie ewig im Sinn hatte,
war besonders meine einfach ländliche Garderobe, die freilich gegen die
üppig elegante Toilette der verwöhnten Cousine gewaltig abstach. »Nett
und sauber!« das war meiner guten Mutter Princip bei Anschaffung neuer
Kleidungsstücke; aber freilich drang die neueste Mode nur langsam hinaus
auf unser fern gelegenes Landgut, und so mochte ich wohl etwas altfränkisch
ausgesehen haben, als ich zu der Tante kam, denn diese hatte schon allerlei
Aenderungen an meiner Toilette vorgenommen, so daß ich erstaunlich modisch
und zierlich gekleidet zu sein meinte, bis die elegante Eugenie mich durch
ihre Garderobe völlig in den Schatten stellte. Aber dieser Abstand in
der Erscheinung drückte mich nicht, es paßte eben so ganz zu unser Beider
Persönlichkeit, und in Eugeniens köstlichen Kleidern wäre ich gewiß noch
viel steifer und ängstlicher gewesen aus Furcht, sie zu verderben.

Ein etwas buntes, schwerfällig gemachtes Kleid war es besonders, das vor
Eugeniens Augen durchaus keine Gnade fand und fortwährend Grund zu neuen
Neckereien abgab. Aber der Stoff des Kleides war gut und fein, das Kleid
noch neu und sauber, und so trug ich es trotz alledem ruhig weiter.

»Es riecht nach Butter und Käse!« sagte Eugenie, wenn sie mich darin
erblickte. »Um Gottes Willen geh nicht vor die Stadt, die Kühe halten dich
für eine bunte Wiese und wollen auf dir grasen.« Oder auch: »Großmutter, in
welchem Winkel deines Strickbeutels stak einmal der kostbare Stoff deines
Bratenrockes? Heißt dein Schatz Bauer Michel oder Peter, mit dem du in
diesem Staate Hochzeit machen willst?« und was der losen Reden mehr waren.
Aber ich kehrte mich, wie gesagt, wenig daran und trug mein geschmähtes
Kleid weiter.

Eines Tages jedoch konnte ich es durchaus nicht finden, ich durchsuchte
alle Schränke, aber vergebens. Da kam Eugenie an mir vorüber und sagte
leichthin: »Ach Gänseblümchen, wenn du etwa dein Großmutterkleid suchst, so
bemühe dich nicht länger, das hat jetzt die arme Zeitungskäthe an. Das alte
Wesen bat mich um einen warmen Rock für die Kälte, aber du weißt, meine
Kleider sind alle so dünn und wärmen nicht. Aber das Butter- und Käsekleid
von dir ist so warm und weich, ich dachte, das müßte dem armen Weibe gut
thun und gab es ihr. Du bist doch nic

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/48064