Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Unter Palmen und Buchen. Dritter Band.

by Friedrich Gerstäcker · German · Gutenberg #48036 · 422,354 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Unter Palmen und Buchen. Dritter Band.
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Unter Palmen und Buchen. Dritter Band.

Author: Friedrich Gerstäcker


        
Release date: January 20, 2015 [eBook #48036]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48036

Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
        http://www.pgdp.net (This transcription was produced from
        images generously made available by Bayerische
        Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER PALMEN UND BUCHEN. DRITTER BAND. ***

[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]




  Unter Palmen und Buchen.

  Dritter Band.

  Unter Palmen und Buchen.

  Gesammelte Erzählungen
  von
  Friedrich Gerstäcker.

  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1867.





Inhaltsverzeichniß.


                         Seite

  Eine Mesalliance           1

  Der Gevatterbrief        177

  Ein Ausflug in Java      186

  Der Heimathschein        206

  Auf der Eisenbahn        320




Eine Mesalliance.




Erstes Capitel.

Der Ball in Tanunda.


In Tanunda -- einem kleinen, fast nur von Deutschen bewohnten Städtchen in
Süd-Australien -- war Ball, und die ganze weibliche Bevölkerung des
Orts befand sich, wie bei all solchen Gelegenheiten, in einer gelinden
Aufregung. Kein Wunder auch; jede Dame wünschte doch so anständig als
möglich zu erscheinen; wer aber dazu nicht alles Nöthige _eigen_ besaß,
gerieth allerdings hier in Verlegenheit, denn in ganz Tanunda existirte
kein einziges Modemagazin.

Schmiede gab es genug, Sattler, Schuhmacher, Schneider, Blechschmiede,
Drechsler, Schreiner, und wie die verschiedenen Handwerke alle heißen
mögen, aber nirgends in einem der Läden flatterten oder hingen hinter
großen eleganten Spiegelscheiben bunte seidene Bänder oder künstlich
gearbeitete Kränze; nirgends waren neu patentirte Schnürleiber und
kostbar gestickte Unterröcke zur Schau ausgehangen -- worüber sich auch
die praktischen Landbewohner nur lustig gemacht hätten. Kurz es bestand
keine einzige Aushülfe für das schöne Geschlecht, seine Reize zu
erhöhen. Nur ein Glück, daß die Natur selber mitleidiger war, als
die prosaischen Menschen, und ihren Kindern draußen, auf tausend
Blüthenbüschen, ihre schönsten und duftendsten Gaben bot.

Und wenn die Damen in der Stadt nur wüßten, wie viel hübscher ein
frischer, natürlicher Blumenkranz einem hübschen frischen Gesicht steht,
als all der bunte Flitterkram, den kunstfertige Hände zusammenbauen --
aber freilich gehören auch hübsche und frische Gesichter dazu, sonst
stechen die lebhaften Farben zu sehr gegen den fahlen Teint der Wangen
ab, und die Kunst muß dann aushelfen, wo die Natur nicht mehr zu helfen
vermag.

In Tanunda wußte man wenig von Kunst; die meisten dortigen Ansiedler
gehörten überhaupt dem Arbeiterstande an, und hatten neben dem Gewerk
oder dem kleinen Handel, den sie in der Stadt trieben, noch ihre Section
Land außerdem. Auch die Töchter waren in dem fremden Lande, und rings
von englischen Sitten umgeben, doch immer nur richtige deutsche Bauermädel
geblieben, die weder in ihren Gewohnheiten noch in ihrer Tracht eine
Aenderung trafen.

Merkwürdig ist überhaupt die Zähigkeit, mit welcher der deutsche Bauer
an dem Alten hängt, und wie schwer er zu Neuerungen zu bringen ist. Selbst
die Auswanderer, also doch solche, von denen man vermuthen sollte, daß sie
gerade mit dem Alten gebrochen hätten, und jetzt bereit wären, in einer
neuen Welt ein neues Leben zu beginnen, verrathen das in der sinnlosen
Last, die sie in ein fremdes, weit entferntes Land hinausschleppen und
oft, an Ort und Stelle angekommen, von der Hafenstadt aus bis zu ihrer
Bestimmung, mehr Fracht dafür bezahlen, als der ganze Plunder werth ist.
Aber _nichts_ lassen sie daheim, was niet- und nagellos ist, keine irdene
Schüssel, keinen hölzernen Napf, keinen Besen, noch Scheuerlappen, ja ich
weiß Beispiele, daß sie, besonders nach Australien, ihre irdenen _Oefen_
mitgenommen haben. Kaum ist dann ein halbes Jahr vergangen, so steht dort
drüben unter Eucalypten und Banksien ein Bauernhaus, das sich in Nichts
von dem daheim verlassenen unterscheidet, mit denselben niederen Zimmern
und Fenstern, denselben Tischen und Bänken, denselben alten verstaubten
Bildern an den Wänden, denselben bemalten irdenen Schüsseln über dem
Heerde, ja mit dem nämlichen dumpfen und ungesunden Geruch in der Stube --
genau so wie daheim im Vaterland.

Und der Bauer selber mit seiner Familie hat sich -- wie er sich auch
vielleicht in seiner sonstigen Lebensweise ändern _mußte_ -- wahrlich
nicht in irgend etwas geändert, was ihn selbst betrifft. Er trägt noch,
mitten zwischen den Engländern und Amerikanern, ob auch von ihnen hundert
Mal ausgelacht und verspottet, den nämlichen langen blauen Rock mit
schmalem Kragen und riesigen Leinwandtaschen wie daheim -- denselben
ausgeschweiften Hut, wie er auf seinem Dorfe seit Menschengedenken Mode
war, dieselbe alte kurze Pfeife als Begleiter, Zeitmesser, Sorgenbrecher
und was sonst Alles, unentbehrlich bei Arbeit und Müssiggang, und nur in
der Zeit am Tage unsichtbar, wo er Sonntags in der Kirche sitzt, und die
Pfeife dann, vorher sorgfältig ausgegossen, in eine der Leinwandtaschen
spurlos verschwindet.

Auch die Frauen hängen hartnäckig an der heimathlichen Tracht und setzen
anfangs die Eingeborenen nicht wenig durch ihre kurzen Röcke, blauen
Zwickelstrümpfe und riesigen Bänder an den Hauben in Erstaunen; aber
zuletzt gewöhnt man sich auch an das Sonderbarste und findet es nicht mehr
auffallend.

Wunderbar gemischte Gesellschaft findet man aber in solch deutschen
Colonieen in fremden Welttheilen, und Tanunda besonders leistete darin das
Außerordentlichste. Engländer gab es, wie gesagt, nur sehr wenige in der
Stadt, und die wenigen waren kein besonderer Umgang für die Deutschen. Man
würde auch nie geglaubt haben, daß man sich in einer englischen Colonie
befände, wenn man durch die Stadt ging und überall nur _deutsche_
Schilder an den Häusern, nur deutsche Trachten sah, nur deutsch reden
hörte -- aber lieber Gott, wir wissen es ja schon gar nicht anders, als
daß wir Deutschen mit unseren tüchtigen Arbeitskräften und unseren
fleißigen und dabei gutmüthigen und geduldigen Staatsangehörigen allen
anderen Ländern der Welt ihr Land urbar machen, ihre Colonieen bevölkern
und heben müssen. Wir selber besitzen, ob unsere vaterländischen Schiffe
auch in _allen_ Meeren der Welt getroffen werden, kein einziges eigenes
transatlantisches Eigenthum, und kein Wunder denn, daß wir es uns in jenen
_fremden_ Plätzen wenigstens gemüthlich zu machen suchen.

In dem Ort waren denn auch zwei ziemlich gute deutsche Wirthshäuser, das
eine aber, das Tanunda-Hotel, das besuchteste, und besonders hielten hier
die »Honoratioren« ihre Zusammenkünfte, da der Wirth nicht allein ein
trinkbares deutsches _Bier_ ausschenkte, sondern auch einen Stolz darein
setzte, ächten Rheinwein zu verhältnißmäßig billigen Preisen in seinem
Keller zu haben.

Dort war heute Ball und der große Saal in der ersten Etage schon so
festlich geschmückt, wie es die bescheidenen Mittel in Tanunda nur
erlaubten, und die noch bescheidneren Ansprüche forderten, und dort
begannen schon Nachmittags um vier Uhr -- um fünf Uhr sollte die Musik
»losgehen« -- die wunderlichsten Elemente sich zu sammeln, die je ein
solches »Tanzvergnügen« besucht und sich darauf amüsirt hatten.

Das junge »Mannsvolk« der ländlichen Bevölkerung war das erste auf
dem Platze. Vorher mußte einmal ordentlich getrunken werden, damit sie
»Courage kriegten« und die »Mädels« nachher konnten ankommen
sehen, und bis es fünf Uhr schlug, hatte sich einer von diesen schon so
vollkommen angetrunken, daß er Streit suchte und von den Uebrigen grade in
demselben Augenblick hinausgeworfen wurde, als die ersten »Honoratioren«
das Hotel betreten wollten.

Es war der Kaufmann Becher mit seiner jungen Frau, einem allerliebsten
kleinen Weibchen, _sehr_ einfach, aber doch sehr elegant gekleidet, denn
sie hatte andere Zeiten gesehen, und man behauptete, daß sie früher
Kammerjungfer bei einer Gräfin gewesen wäre. Jetzt merkte ihr freilich
Niemand -- als vielleicht in ihrem gewandten und anständigen Wesen, den
früheren Stand an, denn sie galt allgemein in Tanunda für eine ebenso
vortreffliche Wirthin wie Hausfrau, und hatte sich besonders gut in den
Verkauf der Waaren gefunden.

»Holla,« lachte Becher, ein gemüthlicher Norddeutscher, während seine
junge Frau vor dem Tumult zurückschrak und sich fester an seinen Arm hing,
»das muß doch wahr sein, in dem Australien ist _Alles_ verkehrt. Bei
uns in Deutschland werfen sie einander immer erst zum Schluß hinaus, hier
fangen sie aber gleich damit an.«

»Haben Sie keine Furcht, Madame Becher,« rief sie aber einer der jungen
Burschen an, »wir halten hier Ordnung, darauf können Sie sich verlassen.
Der Tanz soll nicht gestört werden -- nur immer anständig.«

»Wir haben auch keine Furcht, Braunhofer,« lachte Becher gutmüthig,
indem er dem Eingang mit seiner Frau zuschritt, »denn daß Ihr hier
vortreffliche Polizei haltet, habt Ihr eben erst noch bewiesen -- _der_
thut keinen Schaden mehr -- ah, Herr von Benner,« wandte er sich dann an
einen jungen Mann, der ebenfalls in diesem Augenblick von der anderen Seite
kam und das Hotel betreten wollte, »das ist Recht, daß Sie kommen, solche
flotte Tänzer können wir brauchen.«

»Werde doch keinen _Ball_ in dem langweiligen Nest versäumen,« lachte
der junge Mann, indem er die beiden Gatten grüßte, -- »Frack und
Glacéhandschuh fallen freilich bei _Unsereinem_ weg,« schmunzelte er,
als sein Blick auf Herrn Bechers Hände fiel, die allerdings in weißen und
tadellosen »Glacées« prangten, wie denn auch die junge Frau nicht ohne
solche erschienen war.

»Bei Unsereinem, Herr von Benner?« frug Becher.

»Nun,« sagte der junge Mann mit einem bitterironischen und doch
humoristischen Zug um die Lippen, »was für Ansprüche werden denn
an einen _Handlanger_ bei dem Maurerhandwerke gemacht? Ich muß ja der
Gesellschaft noch dankbar sein, daß sie mich zuläßt.«

»Papperlapapp, mein lieber Freund,« rief aber Becher, dem der Spott in
der Bemerkung vollkommen entging, gutmüthig aus, »hier in Australien
haben wir die alten faulen Standesunterschiede abgeschüttelt, und kehren
uns den Henker daran, _was_ Jemand arbeitet, wenn er sich sein Brod nur auf
ehrliche Weise verdient, denn _das_ ist die Hauptsache.«

»Danke Ihnen,« sagte Benner mit demselben Lächeln, das aber diesmal der
jungen Frau das Blut in die Wangen trieb, denn _sie_ fühlte, was der junge
Adelige damit meinte, wenn es ihr Mann auch mit der alten wohlwollenden
Herzlichkeit hinnahm und nicht weiter beachtete.

»Bitte,« rief er abwehrend aus, »gar nichts zu danken. Sie stehen hier
in Ihrem vollen Recht. Tanzen Sie nur flott und machen Sie sich besonders
um einige ältliche Damen verdient, dann sollen Sie einmal sehen, wie
willkommen Sie sind.« Und dem jungen adlichen Handlanger vergnügt
zulächelnd, betrat er mit seiner Frau das Haus und stieg die Treppe
hinauf.

Eduard von Benner, wie der junge Mann hieß, gehörte einem der ältesten
und edelsten Geschlechter Deutschlands an; seine Verwandten bekleideten
daheim die höchsten Ehrenstellen und gehörten zu den reichsten und
vornehmsten Familien, ja gehören _noch_ dazu, während er hier, als
Handarbeiter in dem fremden Lande, mit saurem Schweiß sein Brod verdienen
mußte. Wenn er sich aber auch in diese Nothwendigkeit gefügt, war
ihm doch der alte trotzige Sinn geblieben, der ihn schon daheim aus dem
Vaterland getrieben, und ein spöttisches Lächeln zuckte um seine
fest zusammengepreßten Lippen, als der kleine vergnügte Mann an ihm
vorüberschritt.

»Krämerseele,« murmelte er vor sich hin, während er ihm mit
unterschlagenen Armen nachsah, »weil Du die dicken arbeitsharten Fäuste
in Glacéhandschuhen herumträgst, und Dir das rothseidene Schnupftuch
hinten aus einer _Frack_tasche heraussieht, protegirst Du den Baron --
es wäre bei Gott zum Todtschießen, wenn man nicht eben darüber
lachen müßte. -- Aber hol der Teufel die Grillen,« setzte er mit
zusammengebissenen Zähnen hinzu -- »ich bin nun einmal in dies tolle
Leben mitten hineingesprungen und will Euch beweisen, daß ich die
Kraft habe es durchzuführen. Eduard von Benner, Sohn des
Regierungs-Präsidenten, Neffe des Kammerherrn, Enkel des allmächtigen
Ministers Sr. Majestät -- bah, so viel für all den Narrenkram, den sie
daheim zum Ekel treiben, -- haben sie's denn anders haben wollen, haben sie
mich nicht mit Gewalt der tausend Thaler wegen zum Aeußersten gezwungen?
Jetzt mögen sie auch selber die Folgen tragen.«

»Nun, Benner, so finster?« lachte eine fröhliche Stimme und eine Hand
legte sich auf des jungen Mannes Schulter. »Sie schneiden wahrhaftig ein
Gesicht, das eher zu einem Trauermarsch, als zu dem eben da beginnenden
lustigen Rutscher paßt.«

»Ah, Doctor,« nickte ihm der junge Mann zu, -- »Sie noch hier? Ich
glaubte, Sie wären nach Adelaide.«

»Morgen früh,« sagte der Doctor vergnügt, der aber auch nicht so
aussah, als ob er einen _Ball_ besuchen wolle, denn er trug Wasserstiefeln
und einen kurzen braunen Rock -- »Sie werden wohl schon davon gehört
haben; meine Frau ist mir wieder einmal davon gelaufen, und ich will
sehen, ob ich sie einfangen kann; aber den heutigen Abend möchte ich nicht
versäumen.«

»Sie nehmen's kaltblütig.«

»Bah, was will man machen? -- Verwünschte Noth, die man hier in
Australien mit dem Frauenvolk hat. Ich habe in meinem Leben nicht so viel
von weggelaufenen Frauen gehört, wie hier; es muß ordentlich in der
trocknen Luft liegen. -- Aber gehn wir nicht lieber hinauf? -- Alles
drängt schon der Musik zu --«

Er hatte Recht; während die Musik oben begann, kamen die Gäste in Masse
von der Straße herein, und ein ganzer Trupp Bauermädel, die draußen,
eine die Hand der anderen gefaßt, straßenbreit gegangen waren, drängten
jetzt lachend und kichernd, ohne einander aber loszulassen, in die
Hausflur, sich wie in einer Kette die Treppe hinaufziehend.

»Alle Wetter,« rief der junge Baron Benner, »da sind prächtige Mädels
drunter. Wie ist's, Doctor, wollen wir's riskiren?«

»Verdammt wenig zu riskiren,« brummte der Doctor zurück, »aber zum
Tanzen hab' ich keine Lust; unsere Skatpartie wird bald zusammenkommen, und
dann bin ich für den Abend besetzt.«

»Mit Ihren langweiligen Karten,« lachte Benner, »da lob' ich mir den
Tanz, denn bei dem kann man sich doch einmal tüchtig austoben -- kommen
Sie.«

»Sie haben wohl noch nicht genug Bewegung, Herr Baron,« lachte jetzt
ein Anderer der vorüber Drängenden, der kleine Apotheker Schrader, --
»Donnerwetter, ich sollte doch denken, daß das Backsteintragen den ganzen
Tag Einem die Lust zum Springen benähme.«

»_Sie_ setz' ich noch mit auf meine Last oben drauf, Schrader,« lachte
aber Benner trotzig zurück, -- »und spürt' es nicht einmal.«

»Danke schön,« lachte der Abgefertigte und humpelte die Treppe hinauf,
während der junge Adlige ärgerlich ein leises, aber doch noch ziemlich
vernehmliches »Pillendreher« hinter ihm drein murmelte.

»Sie, Schrader,« redete diesen da ein anderer dicker behäbiger Herr
an, der ebenfalls mit ihm hinaufstieg, -- einer der Capitaine eines in
Adelaide-Port liegenden Kauffahrteischiffes -- »wer zum Henker war denn
der junge Mensch, den Sie da eben »»Baron«« anredeten? Das Gesicht kam
mir so merkwürdig bekannt vor.«

»Ah, Sie meinen den Herrn Baron von Benner,« lächelte der Apotheker.
»Während sich sein Papa daheim mit den Regierungssorgen des ganzen
Staates abquält, trägt sein Herr Sohn hier derweile Backsteine für die
einzelnen Theile desselben.«

»Alle Wetter,« rief der Capitain erstaunt aus, indem er stehen blieb
und Schrader's Arm faßte, »das ist doch nicht der Sohn von unserem
Regierungs-Präsidenten?«

»Derselbe,« nickte der Apotheker, -- »aber kommen Sie, deshalb brauchen
Sie doch nicht stehen zu bleiben: da passiren hier viel wunderlichere
Geschichten, als daß ein Sohn von einem Regierungs-Präsidenten oder
Minister, oder sonst was, Handlanger wird und Backsteine die Leiter
hinaufschleppt. -- Sehen Sie da oben den jungen Herrn mit dem prachtvollen
ungarischen Schnurrbart und den lockigen Haaren?«

»Er sieht aus wie ein Offizier,« nickte der Capitain.

»Ja wohl, war es auch,« nickte der Apotheker, -- »jetzt ist er beim
Friedensrichter -- einem englischen -- Kindermädchen.«

»Unsinn,« lachte der Capitain.

»Unsinn?« sagte der Apotheker, -- »hat sich was mit Unsinn. In
Australien giebt's gar keinen Unsinn, und die merkwürdigsten Geschichten
sind hier schon vorgefallen. Da ist dem Härtel, dem Wundarzt sein Mädel,
wissen Sie, was die wurde, als den Vater der Schlag rührte? -- Barbier!«
Der Capitain lachte laut auf.

»Und was treibt der junge Benner hier?« sagte er, als sie jetzt mitsammen
den Saal betraten und dem »Büffet« zuschritten, -- »doch nicht
wirkliche Handlangerdienste?«

»Wirkliche, ordinaire Handlangerdienste,« bestätigte aber Schrader,
»und was soll er sonst treiben? Derartige junge Herren haben im alten
Vaterland gewöhnlich nichts weiter gelernt, als das ihnen regelmäßig
gelieferte Geld so rasch und unregelmäßig als möglich wieder unter die
Leute zu bringen. Wachsen sie dann heran, so giebt man ihnen irgend einen
fetten und angenehmen Posten, bei einer Gesandtschaft, oder sonst wo,
auf dem sie Nichts zu thun haben, und wenn sie der Staat dann eine Weile
ernährt hat, erhalten sie für treue Dienste ein halbes Dutzend Orden
und Pension. Hier in Australien aber heißt's: Friß Vogel oder stirb --
arbeite oder hungere, denn umsonst wird hier Nichts gereicht. Was _soll_
die Art aber nun arbeiten? Um selbst etwas fertig zu bringen, was ein
anderer Mensch brauchen kann, dazu sind sie zu ungeschickt, und da bleibt
ihnen dann zuletzt Nichts weiter übrig, als anzunehmen was sich gerade
bietet, nur um das Bischen Leben zu fristen.«

»Aber ist das nicht aller Ehren werth,« sagte der Capitain, »wenn sie
das wirklich thun?«

»Wenn sie nicht müßten, ja,« lachte der Apotheker, »aber es bleibt
ihnen keine andere Wahl. Der Knüppel ist eben an den Hund gebunden.«

Ihr Gespräch wurde hier unterbrochen, denn der Tanz hatte begonnen, und
die Paare kamen mit solcher Schnelligkeit, und in so rascher Reihenfolge
angeflogen, daß die Zuschauer nur suchen mußten aus dem Weg zu kommen, um
nicht überrannt zu werden.

Der junge Benner war übrigens mitten dazwischen, und hatte sich
schon unter der Gruppe der Mädchen eine der flinksten Tänzerinnen
herausgesucht, mit der er sich lustig im Kreise schwenkte. Der frühere
Lieutenant, ein Herr von Krowsky, hielt sich dagegen mehr zu den
Honoratiorentöchtern, und allerdings hatte man hier die Wahl, denn
der Ball glich wirklich weit eher einer Art von Maskerade, als einem
gewöhnlichen Tanzvergnügen.

_Alle_ Stände schienen vertreten, und vom feinsten Ballcostüm an, das
besonders ein junger, neu eingetroffener Arzt zur Schau trug und mit seiner
weißen Weste und Cravatte, wie Strümpfen und Schuhen, wie vollkommen
tadellosen Frack Aufsehen erregte, bis zu dem Bauer mit dem dreieckigen
Hut, die kurze qualmende Pfeife im Munde oder Doctor Polzig in
Wasserstiefeln, war Alles vertreten.

Ebenso bei den Damen; einige der jungen Mädchen und Frauen, unter ihnen
Schrader's Tochter und die Frau Becher, hatten wirklich geschmackvolle
Balltoilette gemacht, mit der sie in jedem Casino hätten erscheinen
können. Nur die um die Taille gebundenen weißen Taschentücher gaben
Zeugniß der gemischten Gesellschaft, da die wenigsten Herren Handschuh
trugen. Die Bauermädchen dagegen verschmähten selbst diesen Schutz
gegen kleine Unbequemlichkeiten des Lebens, und _ihre_ weißen großen
Taschentücher an einem Zipfel in den sonngebrannten arbeitstüchtigen
Händen haltend und hin und herschlenkernd, prangten sie in all dem Schmuck
ihres heimischen Dorfes, mit silbernen Ketten und Ohrringen, mit großen
Bändern auf den Hauben, oder auch bunte Tücher um den bloßen Kopf
gebunden -- aber _Alle_ trugen Strümpfe, obgleich sie die sonst nur
Sonntags in der Kirche an die Füße brachten, und Alle sahen vergnügt und
glücklich aus. Dazwischen aber bewegten sich auch die Handwerkerstöchter
in schlichten Kattunkleidern, mit natürlichen Blumen im Haar, und manche
schmucke, niedliche Gestalt war unter ihnen. Ja selbst die
Dienstmädchen hatten vollkommen freien Zutritt zu dem Ball und manche
»Honoratiorentochter« »schimmelte« an der Wand, während sich ihre
jugendfrischere Magd mit den jungen Herren lustig im Kreise schwenkte.

Aber keine Unordnung fiel vor; wenn auch einmal Einer der jungen wilden
Burschen einen hellen Juchzer mit »_unse Kirmeß_« in der Erinnerung an
die heimathlichen Freuden ausstieß; sie Alle wußten, daß sie dabei auf
Ordnung halten mußten. Der junge Braunhofer, ein Bauernsohn, hatte der
Frau Becher nicht zu viel versprochen, wenn er ihr sagte, sie solle
keine Furcht haben, und in harmloser Lustigkeit verbrachte das fröhliche
Völkchen seinen Abend.

Der englischen Gerichtsbarkeit war das ebenfalls bekannt. Hatte das eine
englische Wirthshaus im Ort einmal Tanzmusik, so mußte die ganze Polizei
die Nacht auf den Beinen sein und war selbst dann oft nicht im Stande,
einen Tumult zu verhüten. Hielten die Deutschen dagegen Ball, so sah
man keinen Policisten auf der Straße oder in der Nachbarschaft, und nur
zuweilen kam die Behörde selber mit der Cigarre im Munde und einem ganz
vergnügten Gesicht, um ein wenig zuzusehen, oder wohl selber einen Tanz zu
wagen.

Der junge Benner war übrigens an dem Tage einer der fleißigsten Tänzer
gewesen, und dabei nicht etwa wählerisch in seinen Ansprüchen an Rang
oder Stand. Am allermeisten tanzte er sogar mit einem jungen Mädchen,
einer reizenden Blondine. Sie war ein bildhübsches Kind, aber nur eine
Schusterstochter, die bei dem Apotheker Schrader in Dienst stand, und
Madame Schrader selber fühlte sich so entrüstet darüber, daß sie ihm,
als er auch sie einmal aufforderte, mit gerümpfter Nase den Rücken drehte
und meinte, sie »wolle ihre _Jette_ nicht berauben.«

Jetzt war Pause. Benner hatte seine Tänzerin zum Büffet geführt, wo sie
ein Glas Punsch mitsammen tranken, und schlenderte dann Arm in Arm mit dem
früheren Lieutenant Krowsky im Saal herum.

»Du scheinst Dich zu amüsiren,« sagte dieser, der sich seinerseits
ziemlich zurückgehalten hatte. Er war erst kurze Zeit in der Colonie und
an das wunderliche Leben noch nicht gewöhnt.

»Und weshalb nicht?« lachte Benner, »zu was Anderem sind wir hier?
Mir kommt Australien immer wie so eine Art unterseeische Stadt, wie eine
Traumwelt vor, in die uns das Schicksal geworfen hat, und wir machen jetzt
den hiesigen Meerweibchen den Hof, wie wir es früher den Baronessen und
Comtessen gemacht haben.«

»Ja,« sagte Krowsky, »so würde ich es mir auch gefallen lassen, wenn
ich die Gewißheit hätte, daß ich morgen früh in meinem Bett daheim
wieder aufwachte, aber -- hol' mich der Teufel, Benner, ich glaube,
wir haben einen verflucht dummen Streich gemacht, daß wir uns hierher
verloren, und ich wenigstens sehe noch gar kein Ende ab, wie wir wieder mit
Ehren wegkommen wollen.«

»Wieder wegkommen?« lachte Benner trotzig, »und wer denkt daran? Das
frühere Leben haben wir abgeschüttelt -- für Deutschland sind wir doch
todt und begraben -- die Oberwelt will uns nicht wieder und kann uns
nicht gebrauchen, so jetzt denn mit beiden Füßen in dies tolle Treiben
hineingesprungen und durchgeschwommen -- es kann eben Nichts helfen.«

»Ja, das ist Alles recht schön und gut,« seufzte der Lieutenant, »wenn
nur eben die _Erinnerung_ nicht wäre.«

»Bah!« lachte der junge Baron trotzig, -- »Erinnerung! _Kannst_ Du
selber zurück? -- Bist Du im Stande, daheim wieder in die alten, einmal
verlassenen Verhältnisse einzutreten?«

»Wenn ich's wäre, Benner, bei Gott, ich bliebe keine Stunde länger in
dem verwünschten Lande -- aber es geht nicht.«

»Nun also,« rief sein Kamerad, »den Kopf hoch und diese holzköpfigen
Bauern nicht merken lassen, daß wir uns nur im Geringsten hier außer
unsrer Sphäre fühlen. Was _die_ können, können wir auch, und _ich_
wenigstens will ihnen beweisen, daß ich mich nicht vor dem australischen
Leben fürchte -- ich heirathe und werde australischer Familienvater.«

»Du bist verrückt,« lachte Krowsky -- »wen? eine der reichen
Bauerstöchter? Da kannst Du erleben, daß Bauer Hinz oder Kunz dem Herrn
Baron von Benner kurz ab den Stuhl vor die Thür setzt, weil er seine
Tochter nicht will eine Mesalliance machen lassen, -- d. h. weil _sie_
Geld hat und Du nichts.«

»Und glaubst Du, daß ich mich dem aussetzen würde? -- Ich will das Geld
der lumpigen Bauern nicht; ich brauche es nicht und kann _ihnen_ -- und
denen daheim beweisen, daß ich selber im Stande bin, meinen eigenen
Hausstand zu gründen. -- Ich heirathe des Schusters Tochter -- meine
Tänzerin.«

»Du bist toll,« rief Krowsky, -- »des Apothekers Dienstmagd? Und glaubst
Du, daß Deine Familie das zugeben würde?«

»Meine _Familie_?« lachte Benner bitter vor sich hin, »die hochadelige
Sippschaft, wie sie die Nasen rümpfen und wüthen und schimpfen werden,
und die Tante, die Staatsdame, hahaha! Könnte ich nur dabei sein, wenn
sie's erführen -- wie sie die Hände zusammenschlagen und in ihrem
Kaffeeklatsch die entsetzliche Neuigkeit besprechen, daß der Sohn des
Regierungspräsidenten, der Enkel des Ministers, ein _Dienstmädchen_
geheirathet hat.«

»Aus Dir spricht der Punsch heute Abend,« sagte Krowsky ruhig, weil
er ihn durch weiteren Widerspruch nur noch mehr in der tollen Idee zu
bestärken fürchtete, -- »morgen reden wir weiter darüber -- da beginnt
der Tanz wieder; ich habe die tolle Wirthschaft übrigens satt und werde
nach Hause gehen und mich schlafen legen. Kommst Du mit?«

»Ich denke gar nicht d'ran,« lachte Benner, »jetzt geht die Lust erst
los, und ich bin bei meiner Braut auch auf den Cotillon engagirt.«

»Benner, mach' keinen Unsinn,« sagte Krowsky, »und setz' dem armen
Mädel nicht etwa gar tolle Dinge in den Kopf -- Du willst doch nicht ewig
in Australien bleiben?«

»_Will_ ich nicht?« rief Benner trotzig, »und glaubst Du, daß ich hier
_solche_ Arbeit verrichtete, wenn ich nicht fest entschlossen dazu wäre?
Sobald ich Geld genug zusammen habe, um mir nur hundert Schafe zu kaufen,
werde ich Stationshalter, und in zehn Jahren bin ich ein reicher Mann --
aber da beginnt der Tanz.« -- Und während sich Krowsky, wirklich des
Gewirres müde, der Thür zuarbeitete, um an die frische Luft zu kommen,
suchte Benner seine Tänzerin wieder auf und gab sich mit wahrhaft
ausgelassener Fröhlichkeit dem Vergnügen hin.




Zweites Capitel.

Jung gefreit; hat's Niemand gereut?


Wochen waren seit dem letzten Ball vergangen und Krowsky und Benner
indessen oft zusammengewesen. Beide bedurften auch einander gegenseitig,
denn mit wem Anderen hätten sie sich aussprechen können, wer anders
hätte sie verstanden oder ihre verschiedenen Lebensansichten getheilt?
Aber nie kam der Lieutenant auf jene Andeutung zurück, die ihm Benner
am Ballabend gemacht, und die er natürlich für ein nur im halben Rausch
gethanes Prahlen hielt. Benner konnte sich solcher Art doch auch
wahrlich nicht den Rückweg in die alte Heimath muthwillig und für immer
abschneiden, was durch eine solche Heirath jedenfalls geschehen wäre, und
je weniger deshalb darüber gesprochen wurde, desto besser.

Ihre Zusammenkünfte in der Woche waren auch wirklich sehr spärlich, und
Beide zu sehr und anhaltend beschäftigt; Abends auch viel zu müde, um
noch nach vollbrachter Arbeit lange aufzusitzen.

Und was trieben Beide, die daheim nur in der =haute volée= gelebt, nur
in den ersten Cirkeln der Stadt ihre Gesellschaft gesucht und nie davon
geträumt hätten, mit dem »gemeinen Mann« in anderer Art, als wie
zwischen Dienern und Herren zu verkehren? Womit beschäftigten sie sich
hier, nachdem sie, übersättigt von den mißbrauchten Genüssen des
Lebens, die Geduld ihrer Verwandten ermüdet, in tollem Jugendtrotz eine
neue Welt aufgesucht, um hier herüber wo möglich ihr _altes_ Leben zu
tragen? Waren die Träume erfüllt, mit denen sie sich die transatlantische
Erde ausgemalt? waren ihre Ideale zur Wirklichkeit geworden? --

Der Apotheker Schrader hatte nicht Unrecht, wenn er behauptete, Herr von
Benner sei Handlanger und Herr von Krowsky Kindermädchen geworden.

Benner war nicht im Stande gewesen, in Adelaide irgend eine ihm nur halbweg
zusagende Beschäftigung zu finden, denn man konnte ihn eben zu nichts
gebrauchen. Daß er eine leidliche Hand schrieb, genügte nicht -- es wurde
bei Jedem außerdem vorausgesetzt. Und seine übrigen Fähigkeiten zeigten
sich sehr geringer Art. Er ritt allerdings ausgezeichnet und spielte
vortrefflich Whist und Billard, aber zu alle dem brauchte ihn Niemand.
Als das wenige mitgebrachte Geld endlich verzehrt war, wanderte er
in Verzweiflung zu Fuß nach Tanunda und fand hier _Arbeit_ bei einem
deutschen Maurer, der gerade Tagelöhner brauchte. Er mußte eben leben und
war zu stolz zum Betteln. Im ersten Vierteljahr ging es ihm freilich sehr
knapp, aber bald arbeitete er sich hinein, so daß er schon im Stande war,
eine einfache Mauer aufzuführen und sonstige kleine Arbeiten zu machen.
Sein Lohn stieg damit, und da er Abends manchmal und regelmäßig Sonntags,
für die deutsche Zeitung in Adelaide -- allerdings um ein _sehr_ mäßiges
Honorar correspondirte, begannen sich seine Aussichten zu bessern.

Von Krowsky lebte in ganz ähnlichen Verhältnissen; nur hatte er sich
nicht dazu bequemen können, bei _deutschen_ Handwerkern in Arbeit zu
gehen. Er _wollte_ arbeiten, ja, so hart wie Einer, aber die deutschen
Erinnerungen waren ihm noch zu frisch im Gedächtniß, und da er ziemlich
gut englisch sprach, fand er endlich im Haus des Friedensrichters ein
Unterkommen. Dort wurde er theilweise mit der Feder beschäftigt, mußte
aber auch im Garten mit anfassen, und die junge Frau des Richters, wenn sie
mit ihrem Mann spazieren ging, verwandte ihn gar nicht etwa so selten dazu,
in der Zeit »ein wenig auf das Kind Acht zu geben.« Krowsky war dabei
wirklich sehr gutmüthiger Natur und hatte Kinder gern: daß er dann zu
Zeiten das Kleine auf den Arm nahm und damit herum tanzte, war natürlich.
Der Volkswitz bemächtigte sich aber auch rasch dieser Thatsache und
eintreffenden Fremden besonders wurde mit Vorliebe erzählt, daß sie
hier einen österreichischen Offizier hätten, der Kindermädchen geworden
wäre.

Es war wieder ein Sonntag Abend und Krowsky ging ungeduldig in seinem
kleinen Zimmer auf und ab, da Benner versprochen hatte, dort vorzusprechen,
aber er kam heute spät, und der junge Mann hatte eben seinen Strohhut
aufgegriffen, um selber fortzugehen, als der Freund in der Thür stand und
lachend ausrief:

»Du bist ungeduldig geworden, wie?«

»Du bist in der That länger geblieben, als ich dachte.«

»Und wenn Du wüßtest, wo ich gewesen bin,« sagte Benner, »und was ich
in der Zeit Alles gethan habe, würdest Du mir doch eingestehen müssen,
daß ich mich wacker geeilt?«

»Und wo warst Du?«

»Beim Schuhmacher Peters.«

»Läßt Du bei dem jetzt arbeiten?«

»Natürlich werde ich bei meinem Schwiegervater arbeiten lassen,«
lachte Benner, »ich darf ihm doch die Kundschaft nicht aus dem Haus
hinaustragen.«

»Deinem _Schwiegervater_? Mensch, bist Du toll?« schrie Krowsky wirklich
erschreckt.

»Die Sache ist abgemacht,« sagte aber Benner in voller Ruhe, »ich habe
bei ihm in aller Form um die Hand seiner Tochter Henriette angehalten,
und wenn ihm auch im Anfang die Verwandtschaft zu vornehm war, willigte er
zuletzt ein.«

»Er hat eingewilligt?« rief der Lieutenant.

»Wundert Dich das?« lachte Benner. -- »Anfangs wollte er allerdings
nicht. Er fragte mich, ob es wahr sei, daß mein Großvater Minister
gewesen und mein Vater noch bei der Regierung wäre, und als ich das nicht
ableugnen konnte und wollte, schlug er mir das Mädel rund ab.«

»Weißt Du, daß der Schuhmacher der Vernünftigere von Euch Beiden war?«

»Ich danke Dir. -- Traust Du mir nicht zu, daß ich weiß was ich thue?«

»Wenn Du die Schusterstochter wirklich heirathest, _nein_,« sagte Krowsky
finster, -- »und zu einem Spiel ist das arme blutjunge Ding zu gut.«

»Krowsky, Du pochst wirklich auf unsere Freundschaft.«

»Weil ich Dir ehrlich die Wahrheit sage? Wie alt bist Du?«

»Sieben und zwanzig Jahre! -- Ich denke, ich bin mündig.«

»Leider!« seufzte der junge Offizier. »Und wie willst Du mit _der_ Frau
je nach Deutschland zurückkehren?«

»Aber wer sagt Dir denn, _daß_ ich das will?« rief Benner heftig aus.
»Meine Seele denkt nicht daran. Mit meiner Familie bin ich fertig -- meine
Mutter ist todt, mein Vater, ein starrer Büreaukrat und Geldmensch,
hat mich mit kaltem Blut, mit eiserner Ueberlegung von seiner Schwelle
verstoßen. Glaubst Du, daß _ich_ ihm je wieder bittend nahen
würde?« --

»Aber er selber kann Dich zurückrufen.«

»Wenn Du ihn kenntest, würde Dir nie ein solcher Gedanke möglich
scheinen. -- Nein -- aber selbst _wenn_ er es thäte, _wenn_ ihn reute, wie
er an dem einzigen Sohn gehandelt, es wäre jetzt zu spät, und er mag nun
büßen, was er an mir verbrochen.«

»Aber Benner,« sagte Krowsky treuherzig, »Du sprichst da wahrhaftig wie
ein Kind, das seinen Trotzkopf behauptet. _Wen_ strafst Du denn damit am
meisten, Dich selber oder ihn? Komm, überleg' Dir die Sache ordentlich,
und Du wirst doch am Ende zu einem anderen Entschlusse kommen.«

»Mein guter Krowsky,« sagte der junge Mann, »Du wirst jetzt sentimental,
und von einem anderen Entschluß kann keine Rede sein. Ich will und werde
in Australien bleiben, denn ich sehe, daß Tausende von Menschen, denen wir
Beide an Intelligenz bei Gott nicht nachstehen, hier ihr Glück machen
und reich werden. Ich denke aber auch gar nicht daran, ein elendes
Junggesellenleben die ganzen langen Jahre zu führen, -- ich brauche
Jemanden, der sich um mich bekümmert, weil ich das selber noch nie gethan
habe, und meine kleine Henriette scheint mir dazu gerade das richtige
Wesen; ich hätte keine bessere Wahl treffen können.«

»Nun Gott gebe,« sagte Krowsky mit einem Seufzer, »daß sie das
Nämliche auch einmal später von _Dir_ sagen kann. Wenn Du in Dein
Unglück hineinrennen _willst_, _ich_ kann Dich nicht halten, aber _meine_
Meinung ist, daß _Du_ Dich für Lebenszeit unglücklich machst, und das
Mädchen besser thäte, den ärmsten Schuhmachergesellen im ganzen Ort zu
nehmen, als den Sohn des Regierungspräsidenten von Benner.«

Benner sah finster vor sich nieder; er hatte von dem sonst so
leichtherzigen, ja oft leichtfertigen Lieutenant ein anderes Urtheil
erwartet; aber das dauerte nicht lange -- um seine Lippen zuckte ein
spöttisches Lächeln und er sagte endlich:

»Krowsky, ich werde Dich ersuchen die Trauungsrede zu halten, heißt das,
wenn Du Dich je wieder einmal in eine so salbungsvolle Stimmung versetzen
kannst. Jetzt komm, wir wollen ein wenig ausgehen, und nachher stell' ich
Dich meiner Braut vor --«

»Im Hause des Apothekers Schrader?« spottete Krowsky, »sie wird gerade
bei ihrer Arbeit sein.«

»Aergere mich nicht,« rief aber Benner; »es versteht sich von selbst,
daß sie den Platz noch heute verläßt oder schon verlassen hat.«

»Und wann soll die Hochzeit sein?«

»Sobald als möglich -- ich bin _das_ Leben satt und will ein neues
beginnen.«

Krowsky antwortete nicht mehr; er sah, daß alle Gegenvorstellungen doch
nichts halfen, und nur aufseufzend und mit dem Kopf schüttelnd, nahm
er seinen Hut und folgte dem Freund, der ihm voran auf die Straße
hinausschritt.

Sie waren noch nicht weit gegangen, als ihnen der Apotheker Schrader
begegnete, den beiden jungen Leuten zunickte und vorüber ging. Kaum hatten
sie ihn aber passirt, als er stehen blieb und zurückrief:

»Ach, Herr Benner, ich wollte Ihnen gern etwas sagen.«

»_Mir_, Herr Schrader?« fragte Benner, sich halb nach ihm wendend, ohne
Krowsky's Arm aber loszulassen.

»Ja -- Sie entschuldigen -- aber -- ich wollte Sie bitten, mein Mädchen,
die Jette zufrieden zu lassen. Es ist ein braves, ordentliches Kind und
ihre Eltern haben sie unter meinen Schutz gestellt.«

»In der That, Herr Schrader,« sagte Benner lächelnd.

»In der That, Herr Baron,« erwiderte der kleine Apotheker, durch den
höhnischen Ton ebenfalls gereizt.

»Und _kommen_ Sie jetzt von Hause oder gehen Sie dorthin?«

»Und weshalb, wenn ich fragen darf? Ich _gehe_ nach Hause.«

»Oh, bitte, dann sagen Sie doch Henrietten,« fuhr Benner ebenso fort,
»daß sie sich mit Einpacken ein wenig eilen möchte. Es wird nachher
Jemand vorkommen, der ihre Sachen abholt.«

»Ihre Sachen abholt?« rief der Apotheker, und blieb in größtem
Erstaunen auf der Straße stehen.

»Guten Morgen, mein lieber Herr Schrader,« sagte Benner, ihm vertraulich
zunickend, und schritt mit Krowsky die Straße hinab, dem Hause des
Schuhmachers Peters zu.

       *       *       *       *       *

Dort herrschte heute keine sonntägige Ruhe, wie sonst immer an einem
solchen Tag, wo Mutter und Tochter in die freichristliche Kirche gingen und
der Vater indessen, der, wie er meinte, »vom Kirchengehen nichts hielt,«
in schneeweißen Hemdsärmeln behaglich hinten in seinem kleinen Garten
saß, aus einem großen, nur Sonntags gebrauchten Meerschaumpfeifenkopf
rauchte und dazu die eben eingetroffene Adelaide-Zeitung laß.

Henriette, ein junges, wirklich bildhübsches Mädchen, mit blonden Haaren
und großen treublauen Augen, saß in der Ecke und weinte; der Vater ging
mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und qualmte, daß der Dampf wie
aus einer Locomotive hinter ihm drein zog, und nur die Mutter, eine noch
rüstige Frau, mit einem klugen, nur etwas scharf markirten Gesicht, saß
am Fenster, strickte und schien die allgemeine Aufregung nicht zu theilen.

»Es thut kein Gut -- es thut kein Gut,« brummte dabei der Mann zwischen
den Zähnen durch, »Du wirst sehen, Alte --«

»Jetzt sei endlich vernünftig,« sagte aber die Frau, »Du hast einmal
eingewilligt, also ist die Sache abgemacht, und daß die Kinder ihr Brod
finden werden -- lieber Gott, hier in Australien hat _Jeder_ sein Brod,
der nur arbeiten will, und ein verheiratheter Mann noch viel eher, als
ein lediger, denn er ist nicht aufs Wirthshaus angewiesen, wo die ledigen
Burschen das gewöhnlich in _einem_ Tag verjubeln, was sie in sechsen mit
schwerer Arbeit verdient haben.«

»Aber aus so vornehmer Familie -- Du kennst die Leute daheim nicht, Alte,
und wenn --«

»Aber was haben wir mit den Leuten daheim zu thun?« sagte die Frau
ungeduldig. »_Wir_ sind hier in Australien, am anderen Ende der Welt,
und wer _da_ sitzt der braucht sich wahrhaftig nicht mehr um die deutschen
Barone und Grafen und Minister zu kümmern -- weiter fehlte gar nichts.«

»Und wenn er wieder einmal dorthin zurückkehren will?«

»Dann wird ihm _unser_ Kind auch keine Schande machen,« sagte die Mutter
mit Stolz auf das erröthende Mädchen blickend. »Er kennt doch die
Verhältnisse daheim besser und genauer als _wir_, und wenn's _ihm_ recht
ist, dürfen wir auch damit zufrieden sein.«

»Und wenn er sie sitzen läßt?« sagte der Vater störrisch.

»Das wird er _nicht_ thun, Vater,« sagte da das junge Mädchen mit
fester, vertrauensvoller Stimme, -- »er ist gut und brav, und auch guter
und braver Leute Kind, -- er wird ein armes Mädchen, das ihn lieb hat,
nicht unglücklich und elend machen, wenn er ihr erst gesagt hat, daß er
nicht ohne sie leben kann.« --

»Na, denn in Gottes Namen und meinetwegen,« rief der Vater in
Verzweiflung aus, »gegen Euch Frauensleute ist doch nicht anzukommen, wenn
Euch der Dünkel einmal den Kopf verdreht hat -- Baron, -- Baron und Frau
Baronin, nicht wahr? -- ich erleb's noch, daß Du Dich so nennst.«

»Lieber Vater!« bat Henriette.

»Und warum soll sie sich nicht Frau Baronin nennen?« rief da Benners
lachende Stimme, der an der Thür die letzten Worte gehört hatte, und ins
Zimmer sprang, »wie Jettchen? Klänge für Dich etwa der Titel schlechter,
als für irgend ein abgelebtes, pergamenthäutiges Schreckbild der
vornehmen Gesellschaft im alten Vaterland?«

»Mein lieber, guter Eduard,« sagte das junge Kind, schüchtern auf ihn
zugehend, während er sie in seine Arme schloß und herzlich küßte, »sei
dem Vater nicht böse.«

»Und weshalb, Schatz?« rief der junge Mann, »etwa weil _er_ Dich Frau
Baronin nannte? -- Aber hier ist ein Freund, mit dem ich Euch bekannt
machen möchte -- Krowsky, wie gefällt Dir meine Braut?«

Krowsky hatte bis jetzt in der Thür gestanden und die Gruppe schweigend
überschaut. Seine Blicke hafteten dabei vorzugsweise auf dem jungen
Mädchen, und er mußte sich gestehen, seit langer Zeit kein so liebliches
Wesen gesehen zu haben.

Sie war noch blutjung -- fast in der That ein Kind, und die
Schüchternheit, mit der sie ihm in diesem Moment gegenüberstand, machte
sie vielleicht noch jünger erscheinen, als sie an Jahren zählte. Die
Wahl, wie er sie auch mit kälterem Blute sonst mißbilligen mochte,
stellte jedenfalls ein gutes Zeugniß für Benners Geschmack aus -- aber
würde sich dieser, selbst durch ein so liebliches Wesen, für seine ganze
Lebenszeit binden lassen?

Lieutenant Krowsky hatte sich _seine_ ganze Lebenszeit durch einen fast
übergroßen Leichtsinn ausgezeichnet und daheim eine so tolle Jugend
verlebt und so viele Schulden dabei gemacht, wie vielleicht irgend ein
Lieutenant seines Alters in der ganzen Welt. Aber das _eine_ Jahr, das
er in Australien zugebracht, schien eine merkwürdige Veränderung in
ihm bewirkt zu haben. Wie er sich in diesem Lande keine lebenslängliche
Existenz denken konnte, ohne zu verzweifeln, und mit heißer Sehnsucht der
Zeit dachte, wo er in das Vaterland zurückkehren könne, glaubte er, daß
auch alle anderen Menschen, wenigstens Benner, so denken müßten, und es
war ihm dann ein recht wehes, schmerzliches Gefühl, wenn ihm das Schicksal
dieses armen, unschuldigen und ahnungslosen Wesens vor die Seele trat.
-- Doch was konnte er bei der Sache thun? Abgeredet hatte er genug, aber
nichts damit erreicht; Benner war fest entschlossen, seinem Kopf zu folgen.
-- Du lieber Gott, wer weiß, ob er vor einem Jahr nicht noch das Nämliche
gethan, und halb verlegen, halb gerührt, und jedenfalls mit weit mehr
Herzlichkeit, als ihm sonst eigen war, ergriff er Jettchens Hand und sagte
leise:

»Mein liebes Kind, ich will zu Gott hoffen, daß Sie sich immer so froh
und glücklich fühlen, wie gerade heute, und daß nie ein Kummer oder eine
Sorge die Rosen auf diesen Wangen bleichen mögen.«

»Bravo, Krowsky,« rief Benner lachend, »Du hast heut wieder Deinen
salbungsreichen Tag und triffst nach beiden Seiten. Es steht Dir
vortrefflich.«

»Weißt Du, mein Junge,« sagte Krowsky ernsthaft, »ein Bischen Salbung
könnte _Dir_ ebenfalls nicht schaden, denn Du thust einen verdammt
wichtigen Schritt; aber daß ich auch fidel sein kann, will ich Dir auf
Deiner Hochzeit beweisen, wozu ich mich hiermit feierlichst einlade.«




Drittes Capitel.

Der Brief.


Anderthalb Jahre waren nach der beschriebenen Scene verflossen, und »Baron
Benner« hatte wirklich zum Erstaunen der ganzen Colonie nicht allein
»Schrader's Dienstmädchen« geheirathet, sondern auch eine, dem alten
Schuhmacher gehörende Section Land bezogen, auf der er sich selber ein
kleines Häuschen baute und wacker zu wirthschaften anfing. Er schien in
der That nicht zu viel versprochen zu haben, als er damals seinem Freund
Krowsky sagte, er wolle ein neues Leben beginnen und mit dem alten
vollständig und für immer brechen. Mit eisernem Fleiße hatte er
gearbeitet, keine Stunde versäumt, kein Wirthshaus dabei betreten und sich
in der kurzen Zeit mit zwei sehr glücklichen Ernten doch schon so viel
verdient, daß er es als Grundlage einer künftigen gesicherten Existenz
betrachten konnte.

Seine junge Frau hing dabei mit schwärmerischer Liebe an ihm, und Krowsky,
der jetzt in Adelaide wohnte, und nach Verlauf eines Jahres noch einmal
nach Tanunda hinauskam, um Abschied von Benners zu nehmen, blieb ordentlich
überrascht stehen, als ihm das junge blühende Weibchen in all ihrer
natürlichen Grazie mit einem prächtigen Jungen auf dem Arm entgegenkam
und ihm, wie Purpur erröthend, die Hand reichte.

Krowsky selber verließ Süd-Australien und ging zu Schiff nach
Neu-Süd-Wales, er sprach überhaupt davon, Australien vielleicht bald ganz
zu verlassen. Er hatte das Leben zum Ueberdruß satt und konnte sich nicht
hineingewöhnen -- es gab doch nur _ein_ Deutschland.

»Und was hast Du dort drüben?« sagte Benner. »Bist Du im Stande,
wieder in die alten Verhältnisse, in die alte Stellung, in die alten
Bekanntschaften einzutreten? -- Nein, _nie_. Mittellos, der Spott der
früheren Kameraden werden? Bei Gott, das hielte ich nicht aus, und
_darfst_ Du denn, mit Deinem Namen -- dürfte _ich_ es? -- dort arbeiten?
Wir wären ausgestoßen aus der Gesellschaft, in die wir _dort_ nun einmal
gehören, und würden uns unglücklich und elend fühlen. Nein wahrlich,
da bleib' ich lieber hier und gründe mir hier meine eigene Welt, meinen
eigenen Kreis. -- Geh mir mit Deutschland und seinen schaalen hohlen
Begriffen von Stand und Rang, seinen Prätensionen und übertünchten
gesellschaftlichen Formen -- ich will nichts mehr davon hören.«

Krowsky reiste am nächsten Tag ab, und Benner begleitete ihn bis nach
Adelaide auf das Schiff, dann kehrte er nach Hause zurück und nahm das
alte Leben wieder auf.

So vergingen noch wieder mehrere Monate; es war in den letzten Tagen des
Mai, und Benner mit seiner Flinte in das Maisfeld hinausgegangen, da
sich die ersten Kakaduschwärme zeigten und die noch saftigen Maiskolben
bedrohten. Die gefräßigen Vögel, ein Schwarm von vielleicht funfzig bis
sechszig Stück, die in die benachbarten Gummibäume einfielen, machten
auch gleich einen Angriff auf die leckere Beute, flüchteten aber, als
sie den Mann aus dem Haus kommen sahen, wieder in die Wipfel der riesigen
Bäume hinauf, wo sie ein Schrotschuß gar nicht erreichen, ihnen
wenigstens keinen Schaden thun konnte. Dort saßen sie und kreischten und
tobten, bis sie richtig den Hauptzug herbeilockten, der gerade von Osten
herüberstrich und die Ansiedelungen aufsuchte.

Wie eine weiße mächtige Wolke kam er heran, viele Tausende dieser
geselligen Vögel, und mit einem Lärm, der bei stillem Wetter auf Meilen
weit hörbar war, fielen sie plötzlich in die benachbarten Bäume ein,
daß diese wie beschneit aussahen, so waren sie von ihnen bedeckt.

Benner kannte aber schon die Lebensart der Kakadus und versuchte nicht, an
sie anzuschleichen, sondern versteckte sich hinter einen im Feld stehenden
alten und abgestorbenen Baum, wo er ruhig und regungslos stehen blieb, bis
sich die ziemlich scheuen Vögel endlich überzeugt zu haben glaubten,
daß Alles da unten sicher sei. Jetzt löste sich der erste Schwarm aus den
Wipfeln ab, vielleicht fünf- bis sechshundert, und strich lautlos in
das Feld nieder, gerade über Benner's Kopf weg; da krachte der erste
und gleich darauf der zweite Lauf mitten hinein in die Masse, und wie die
erschreckten Thiere aufkreischend auseinanderstoben, stürzten zwölf oder
vierzehn von ihnen todt oder geflügelt wie ein Regen in das Feld nieder.

Jetzt aber war es, als ob jeder der Vögel sein Bestes thue, den anderen zu
überschreien; ein wahrer Höllenlärm entstand, und Hunderte, während
die Verwundeten am Boden nicht weniger Spectakel machten, stießen von
den Bäumen herab, wie um ihnen beizustehen, oder doch zu sehen, was da
vorging.

Der junge Mann hatte indessen in aller Hast seine beiden Läufe wieder
geladen, und wie Trupp nach Trupp mit wildem, ängstlichem Geschrei über
den Platz wegstrich, suchte er sich wieder den zahlreichsten Schwarm aus
und feuerte noch einmal hinein, wieder mit nicht viel schlechterem Erfolg.
Das war ihnen zu viel. Daß sie außerdem den Feind nicht _sehen_ konnten,
ängstigte sie. Die Gegend kam ihnen zu unsicher vor, von den Bäumen
strichen sie ab, kreisten ein paar Mal hoch in der Luft und weit außer
Schußweite um den verdächtigen Platz und zogen dann in dichtgedrängtem
Schwarm nach Westen hinüber.

Benner war noch damit beschäftigt, die Erlegten zusammenzusuchen und die
Verwundeten vollends zu tödten. Die Kakadus haben zwar ein nichtswürdig
hartes, dunkelrothes Fleisch und liefern einen nur sehr zweideutigen
Braten, geben aber, wie die Ansiedler wenigstens behaupten, eine gute
_Suppe_, und Henriette wußte die auch vortrefflich zuzubereiten. Da hörte
er irgend wo im Feld draußen seinen Namen Rufen:

»Herr von Benner! -- Herr von Benner!«

»Huhp!« antwortete er, um die Richtung anzugeben, in der er sich befand
und richtete sich hoch auf.

»Huhp!« antwortete die Stimme wieder und irgend Jemand arbeitete sich
durch den Mais durch nach ihm zu. -- »Aber wo stecken Sie denn? Der Teufel
kann Sie in dem Gewirr von Stöcken finden.«

»Hier!« antwortete Benner wieder und gleich darauf tauchte das
schweißgeröthete Gesicht des kleinen Kaufmanns Becher aus dem
Blattdickicht auf und lächelte vergnügt, als er den jungen Mann bei
seiner Arbeit entdeckte.

»Hallo!« rief er, »haben _Sie_ aber hier eine Verwüstung im
zoologischen Garten angerichtet. Herr der Welt! Was wollen Sie mit all den
Kakadus machen?«

»Suppe,« sagte Benner, »und wenn Sie nichts Besseres vorhaben, bleiben
Sie bei uns zu Tisch.«

»Danke Ihnen, angenommen!« rief Becher, sich mit einer englischen Flagge
dabei die Stirn trocknend. Er hatte nämlich in Deutschland eine bedeutende
Quantität baumwollener Taschentücher als solche Flaggen drucken lassen,
aber in der deutschen Colonie doch nicht den Absatz dafür gefunden, den
er vielleicht erwartete, und nun selber, um damit aufzuräumen, ein Dutzend
davon in Gebrauch genommen. »Nach Tanunda käm' ich auch bei der Hitze gar
nicht wieder zurück, ohne unterwegs zu schmelzen. Ist das ein Land, dies
Australien -- Alles verkehrt -- rein Alles! Ich habe sogar die Compasse in
Verdacht, daß sie heimlicher Weise nach Süden statt nach Norden zeigen,
und selbst die Sonne hier im Westen auf und im Osten untergeht -- im Stande
wär' sie's. -- Ha, passen Sie auf, da drüben sitzt noch einer -- nehmen
Sie sich in Acht, die Racker beißen wie die Teufel -- _mich_ hat einmal
einer ausgezahlt.«

Benner lachte, zog den bezeichneten Kakadu, der unter einem der dort
überall als Unkraut wachsenden Pelargonienbüsche saß, bei einer
Flügelspitze vor und schlug ihn vollends todt. Dann raffte er seine,
nicht unansehnliche Beute zusammen und machte sich bereit, damit nach Hause
zurückzukehren.

»Aber was führt _Sie_ bei der Hitze und Gluth hier in unsere abgelegene
Gegend, mein guter Herr Becher?« fragte er, während er neben ihm her dem
Haus wieder zuschritt. »Wollen Sie einen neuen Einkauf von Hühnern und
Eiern machen, oder werfen Sie sich gar auf die Mehlspeculation, die uns die
Preise in die Höhe treibt?«

»Diesmal nicht,« sagte Becher, -- »aber bitte, lassen Sie mich doch eine
Partie von den Bestien tragen -- sie sind doch ordentlich todt?«

»Haben Sie keine Furcht, von denen beißt Keiner mehr. Hier, nehmen Sie
die da, wenn Sie sich denn absolut nützlich machen wollen.«

»Danke Ihnen -- nein, ich bin nur Ihretwegen heute herausgekommen; ich
habe einen Brief für Sie.«

»Einen _Brief_? Für _mich_?« rief Benner, erstaunt stehen bleibend,
»und woher?«

»Ja, ich weiß es nicht,« sagte der kleine Mann, »er steckt in meiner
Satteltasche im Haus -- er ist vom ***schen Consulat aus Sydney und nach
Adelaide geschickt, von wo er an mich weiter befördert wurde.«

»An Sie?« sagte der junge Mann kopfschüttelnd; »aber was haben Sie denn
mit dem ***schen Consulat zu thun?«

»Ja, sehen Sie,« lächelte Becher etwas verschämt, »Sie wissen doch,
daß ich aus Anhalt-Köthen bin, und da habe ich schon seit einiger Zeit
das Anhalt-Köthensche Consulat für Tanunda bekommen, um die Interessen
unserer Staatsangehörigen zu vertreten.«

»Alle Wetter!« rief Benner, »da wird Ihnen verwünscht wenig Zeit für
Ihre übrigen Geschäfte bleiben.«

»Ach nein,« meinte der kleine Mann, doch ein wenig verlegen,
»eigentlich ist dies die erste Besorgung die ich bekommen, denn unserer
Staatsangehörigen haben wir keinen einzigen in der ganzen Colonie. Aber
wissen Sie, es hat doch auch manche Annehmlichkeit Consul zu sein und --
meine Frau freut sich besonders darüber.«

Sie waren indessen an das Haus gekommen, wo Benner's junge Frau schon,
sie erwartend, mit dem Kind auf dem Arm, in der Thür stand und ihnen
freundlich zuwinkte. Und wie jubelte der Kleine, als ihm der Vater die
erlegten Vögel zeigte und ihm dann einen Flügel zum Spielen abschnitt.

Becher war indessen geschäftig zu seiner Satteltasche gelaufen, um den
Brief zu holen, der mit einem großen, aber schon breitgeschmolzenen
Consulatssiegel verschlossen war, daß man das Wappen nicht einmal mehr
erkennen konnte. Die junge Frau betrachtete dabei mit einem ihr selbst
unerklärlichen beängstigenden Gefühl das große, wie amtliche Schreiben,
das ihr Gatte noch immer kopfschüttelnd in der Hand hielt.

»Was um Gottes willen kann nur das ***sche Consulat an _mich_ zu schicken
haben,« sagte er dabei, als er die Adresse las. »Herrn Freiherrn Eduard
von Benner zu Adelaide in Süd-Australien -- Freiherrn -- ja wahrhaftig,
ein Freiherr bin ich im wahren Sinn des Worts, wenn auch wohl nicht in der
Art, wie die Adresse meint -- und von wem der Brief nur sein kann?«

»Aber warum brechen Sie ihn denn nicht auf?« sagte Becher, »da erfahren
Sie ja gleich die ganze Mordgeschichte.«

»Mordgeschichte?« rief die Frau erschreckt.

»Oh Jemine,« lachte Becher abwehrend, »so war es ja nicht gemeint,
-- ich weiß ja gar nicht was d'rin steht, nicht einmal wo er her ist.
Vielleicht ist es ja auch etwas recht Gutes, eine Erbschaftsangelegenheit
möglicher Weise, oder ein Lotteriegewinnst -- wer kann denn wissen, was in
einem solchen Consulatsbrief steht?«

Benner hatte das obere Couvert abgerissen und fand einen anderen, schwarz
gesiegelten Brief darin, der sein eigenes Wappen trug.

»Von meiner Schwester,« rief er erschreckt, wie nur sein Auge auf die
Adresse fiel.

Er war leichenblaß geworden, und Henrietten's angsterfüllte Blicke hingen
an seinen Zügen.

»Hm -- sollte mir leid thun, wenn eine unglückliche Nachricht darin
stände,« meinte Becher gutmüthig -- »aber wer zum Henker kann so was
vorher wissen. Vielleicht ist's aber auch nur ein weitläufiger Verwandter,
der Sie in seinem Testament bedacht hat, lieber Benner. -- Famose
Geschichte wenn so ein alter reicher Onkel stirbt, von dem man nur erst
durch das Testament erfährt, daß er überhaupt gelebt hat.«

Benner hörte gar nicht mehr was Jener sprach. Er hatte den Brief in
ungeduldiger Hast aufgerissen und verschlang die Zeilen der bekannten,
lieben Handschrift mit den Blicken.

Endlich ließ er den Brief sinken und starrte still und schweigend vor sich
nieder.

»Darf ich wissen, was Dir so weh thut, Eduard?« flüsterte Henriette und
legte ihren Arm um seine Schulter.

»Ja, mein Herz,« sagte er leise, und ein paar große helle Thränen
perlten ihm in den Bart. »Du darfst und mußt es wissen -- bleiben Sie,
lieber Becher -- es ist überhaupt kein Geheimniß -- der Brief enthält
die Nachricht von dem Tode meines Vaters.«

»Armer Eduard,« sagte die junge Frau und schmiegte sich fester an ihn --
»oh, wie leid mir das Deinetwegen thut!«

»Aber ich denke, Benner,« sagte der kleine Kaufmann, in reiner
Verzweiflung, nur irgend einen Trost zu finden, »Sie -- Sie haben mit
Ihrem Herrn Papa nicht immer ganz harmonirt?«

»Es war mein Vater,« flüsterte der junge Mann, »und ich selber trage
auch wohl viel -- _viel_ die Schuld jener unseligen Zwistigkeiten.«

Er war auf einen Stuhl niedergesunken und barg das Antlitz eine Weile in
der linken Hand. Endlich stand er auf; er sah sehr blaß aus, war
aber vollkommen ruhig, und Becher die Hand hinüberreichend, sagte er
freundlich:

»Ich danke Ihnen, lieber Becher, daß Sie sich so viel Mühe meinethalben
gegeben haben -- lassen Sie mich jetzt einen Augenblick allein hinausgehen
-- es sind viele Dinge, die mir den Kopf kreuzen.«

»Aber, bester Freund, ich komme lieber auf ein ander Mal wieder.«

»Nein -- nein -- laß ihn nicht fort, Jettchen -- nur sammeln möchte ich
mich -- der Schlag kam zu plötzlich -- zu unvorbereitet -- mein Vater war
noch so rüstig, noch in seinen besten Jahren.«

»So war er nicht lange leidend --«

»Er ist auf der Jagd erschossen worden.«

»Du großer allmächtiger Gott,« sagte sein Weib erschüttert, »das ist
ja furchtbar.«

»Ja, die verfluchte Jagd!« rief Becher leidenschaftlich, »was da
schon für Unglück geschehen ist! -- und das nennen die Leute nun ein
_Vergnügen_, mit geladenen Büchsen im Walde nach allen Richtungen hin
herumzuschießen, ob da Menschen stehen, oder nicht, wenn sie nur einen
Hasen treffen. Na, ich danke.«

»Willst Du _allein_ gehen, Eduard?«

»Laß mich einen Augenblick, mein Herz -- ich muß auch den Brief noch
einmal ordentlich überlesen. Es steht so viel, so Verworrenes darin, daß
mir der Kopf ordentlich schwindelt -- ich bleibe gewiß nicht lange aus.«

Er verließ das Zimmer, und Becher überlegte sich eben im Stillen, ob er
nicht besser gethan, wenn er seinen ersten Consulatspflichten weniger treu
nachgekommen wäre und den ominösen Brief mit der Post zugeschickt, oder
durch einen expressen Boten besorgt hätte! Er hatte auf einen vergnügten
Tag gerechnet und kam in ein Trauerhaus; es ließ sich aber jetzt nicht
mehr ändern. Seine Gutmüthigkeit trieb ihn auch dazu an, die arme, sehr
niedergeschlagene Frau zu trösten, und in seinem Eifer, sie zu zerstreuen,
erzählte er ihr jetzt eine Unmasse von anderen, dem ähnlichen, ihm
bekannten Unglücksfällen. Da hatte ein guter Freund von ihm einmal einen
Schrotschuß in den Unterleib bekommen und nur noch lange genug gelebt, um
seiner herbeigeeilten Frau Lebewohl zu sagen. Auf einem Nachbardorfe war
dem Pfarrer das eigene Gewehr los und der Schuß durch die Hand gegangen,
und ehe sie abgenommen werden konnte, bekam der Mann die Maulsperre und
starb. -- Und der Herr von Pescow gar, der Gutsbesitzer, wo er zu Hause
war, der kommt Abends von der Jagd zu seiner Braut -- am nächsten Tage
sollte die Hochzeit sein, und er wollte nur noch einen Rehbock dazu
schießen, und wie er die Flinte in die Ecke stellt, geht sie los und
trifft ihn gerade durch den Kopf, daß er todt in die Stube fällt. --
Und dann Schulmeister Lettweilen, ein seelensguter Mensch, wenn auch ein
Bischen leichtsinnig --

Henriette ließ ihn nicht weiter erzählen; sie bat ihn, um Gotteswillen
mit den Schreckensgeschichten aufzuhören -- ihr würde ganz übel und weh
dabei zu Muthe, und Becher, dem in diesem Augenblick gar nichts Anderes
einfiel, war damit völlig auf's Trockene gesetzt. Aber die Frau hatte auch
jetzt viel in der Küche zu thun, um das Essen herzurichten -- die Kakadus
könnten freilich für heute nicht mehr verwandt werden, denn sie bedurften
ihre gehörige Zeit, um gahr zu werden. Becher setzte sich indessen in
der Stube auf einen bequemen Rohrstuhl, wo er von der Hitze und dem langen
ungewohnten Ritt heut' Morgen in der Sonne bald ermüdet einschlief.

Henriette fand ihn da, störte ihn aber nicht, sondern deckte nur so
geräuschlos als möglich den Tisch, damit Eduard, wenn er wieder nach
Hause kam, das Essen fertig und Alles bereit fände. Erst als sie ihn
kommen sah, weckte sie Herrn Becher und konnte, trotz ihrer trüben
Stimmung, kaum ein Lächeln unterdrücken, als sie das verdutzte Gesicht
des kleinen, aus dem Schlaf auffahrenden Mannes sah, der mit weit
geöffneten Augen ganz bestürzt um sich starrte und um's Leben nicht zu
wissen schien, wo er sich eigentlich befand und was mit ihm vorgegangen.
Erst nach und nach kam er wieder zu vollem Bewußtsein und versicherte
jetzt die junge Frau ganz ernsthaft, er sei so müde gewesen, daß er
»beinah' eingeschlafen wäre«.

Benner war still, aber freundlich. Er ging, als er in's Zimmer trat, auf
Henrietten zu, nahm sie in den Arm und küßte sie herzlich auf Stirn und
Augen; aber er sprach nicht weiter über den Brief oder den Todesfall; ja,
als Henriette ihn direct deshalb fragte, sagte er: »Laß das heute, mein
Kind; der Schmerz ist für mich noch zu neu, um ihn ruhig zu besprechen.
Morgen reden wir darüber; ja, Du sollst selber den Brief lesen und mir
Deine Meinung sagen.« Er wurde dann gesprächiger, ja selbst heiter
und unterhielt sich lange mit Becher über die jetzigen australischen
Zustände, über das Deportationswesen im Norden, über Mehl- und
Wollpreise, selbst über die kleinlichen Religionsstreitigkeiten in Tanunda
zwischen den Alt-Lutheranern und sogenannten »Weltkindern«, d. h.
solchen, die der freien, oder auch wohl gar keiner Gemeinde angehörten.

Es war spät, als Becher endlich den Heimritt aber jetzt in der Kühle
des Abends, antrat, und es schien fast, als ob Benner allen weiteren
Erörterungen zu Hause noch selber so lange als möglich aus dem Weg gehen
wollte, denn er sattelte sein eigenes Pferd und begleitete den kleinen Mann
fast bis Tanunda hinein. Erst als sie die Lichter des Städtchens schon von
weitem sehen konnten, wandte er sein Thier und kehrte langsam nach Hause
zurück.




Viertes Capitel.

Ein schwerer Entschluß.


Am nächsten Morgen wachte Henriette wie gewöhnlich um fünf Uhr auf; aber
ihr Gatte hatte sein Lager schon verlassen und als sie angekleidet in
die Stube trat, saß er dort -- den Brief vor sich, den Kopf in die Hand
gestützt, sinnend am Fenster und sah gedankenvoll in den sonnigen Morgen
hinaus.

Sie ging leise zu ihm, legte ihren Arm um seine Schulter und sagte
herzlich:

»Guten Morgen, Eduard! Grübelst Du noch immer über den bösen Brief?
Ach, mir thut's ja auch weh, Schatz, daß Du Deinen Vater verloren hast,
wenn ich ihn auch nimmer gekannt habe, und wenn er so weit fort wohnte.«

Benner zog sie nieder zu sich und küßte sie, dann sagte er leise:

»Setz' Dich da her zu mir und lies einmal den Brief.«

»Erst muß ich den Kaffee kochen,« wehrte aber die Frau ab, »denn wenn
der kleine Schlingel nachher munter wird, läßt er mir keine Ruh', --
komm', lies ihn mir derweil vor.«

Benner seufzte tief auf.

»Willst Du nicht?« fragte sie treuherzig.

»Geh', Kind -- thu' Deine Arbeit erst,« sagte der Mann, »wir müssen
dann Ruhe haben, um Manches zu bereden.«

Die junge Frau schüttelte mit dem Kopf -- sie hatte nie geglaubt, daß ihr
Mann so traurig über den Tod eines Vaters sein würde, dem er immer nur
Lieblosigkeit und Härte vorgeworfen -- aber doch freute sie's. »Er hat
ein gutes, braves Herz,« sagte sie bei sich, »und nun der Alte gestorben
ist, trauert er um ihn, als ob er den liebsten und besten Verwandten
verloren hätte.«

Aber nicht gewohnt, lange über irgend Etwas nachzugrübeln, ging sie
rüstig an ihre Arbeit, und während sie den Kaffee kochte, besorgte sie
auch das indeß aufgewachte Kind und trat dann mit diesem auf dem Arm, in
der rechten das Brett mit dem Frühstück haltend, in's Zimmer zurück.

Er nahm ihr das Kind ab und auf den Schooß, herzte und küßte es und
setzte es dann auf den Boden nieder, um erst zu frühstücken. Während
dessen wurde auch kein Wort gesprochen, denn die Frau wollte ihn
absichtlich in seinen Gedanken nicht stören. Das war ein Schmerz, der
eben austoben mußte, und wogegen keine Trostworte halfen. Hatte er seine
bestimmte Zeit, so gab er sich von selber, und Sonnenschein kehrte wieder
in das Herz des Menschen zurück, so oft auch noch dann und wann flüchtige
Wolken vorbeigingen, und ihren Schatten darüber werfen mochten.

»Und nun, Eduard,« sagte sie, als das Frühstück beendet war und Eduard
seine Tasse zurückschob, -- »laß mich den Brief haben, den ich lesen
sollte, denn ich muß nachher gleich wieder an die Arbeit. Heute giebt's
viel zu thun -- nach dem letzten Regen wächst uns das Unkraut fast über
dem Kopf zusammen, und man findet sich nachher gar nicht mehr durch.«

Eduard reichte ihr das Schreiben, ohne ein Wort dabei zu sagen, stand
dann auf und ging, während sie las, mit verschränkten Armen und raschen
Schritten in dem kleinen Gemach auf und ab.

Henriette studirte ein wenig an dem Brief, denn es dauerte einige Zeit, bis
sie sich in die fremde Handschrift hineingefunden hatte, aber es ging doch
zuletzt, und nur leise nickte sie manchmal mit dem Kopf oder schüttelte
auch wohl, wenn ihr der Inhalt sonderbar erschien.

Eduard unterbrach sie mit keiner Sylbe, aber dann und wann flog sein Blick
wie scheu nach ihr herüber, als ob er fürchte, daß sie über irgend
etwas erschrecken würde. Der Brief schien jedoch kein solches Gefühl in
ihr hervorgerufen zu haben; sie blieb ruhig und unbefangen, und als sie
geendet, faltete sie ihn wieder zusammen und sagte herzlich:

»Deine Schwester muß ein recht braves Frauenzimmer sein, Eduard, sie
schreibt gar so lieb und gut und meint's auch sicher so. Ich wollt',
ich könnt' sie einmal sehen und ihr die Hand drücken. -- Das muß ein
schwerer Schlag für sie gewesen sein. Ist sie denn verheirathet?«

»Ja.«

»So -- und wen hat sie? -- Was ist ihr Mann?«

»Ein Graf von Galaz.«

»Ein Graf? Sieh mal an, da ist sie gewiß eine recht vornehme Frau --
wer weiß, ob sie da Etwas von _mir_ armem Ding wissen möchte, und es ist
vielleicht recht gut, daß wir so weit auseinander wohnen.«

»Und hast Du nicht weiter gelesen, Jettchen?«

»Ei gewiß, Alles bis zum Ende, wo sie schreibt: Deine Dir ewig treue
Schwester Alexandrine.«

»Hast Du da nicht gelesen, daß sie mich bittet, der Erbschaft wegen nach
Deutschland zu kommen?« sagte Eduard und sah erstaunt zu ihr auf.

»Ei sicher -- zweimal schreibt sie's ja sogar, aber was versteht so eine
Frau davon; die hat wohl nimmer einen Begriff von der Reise, daß sie da
meint, Einer könnte, der paar Thaler wegen, von daheim weg und über's
weite Meer hin und zurück. Da kostete ja allein die Reise mehr, wie die
ganze Sache vielleicht werth wäre. Laß sie's schicken; der Vater hat
ja auch im vorigen Monat eine Erbschaft von 500 baaren Thalern geschickt
gekriegt -- wenn der deshalb hinüber gegangen wäre, nicht einen Pfennig
davon hätt' er wieder mit zurückgebracht.«

»Aber mein liebes Herz,« sagte Benner, »es handelt sich hierbei nicht
um ein paar _hundert_ Thaler, sondern um viele Tausende -- um ein großes
Vermögen, das mein Vater, der bei seinem jähen und unerwarteten Tod
ohne Testament gestorben ist, nur seinen beiden Haupterben, mir und meiner
Schwester, hinterlassen hat. Mehre Rittergüter sind dabei, viel baares
Geld und Silber, liegende Gründe dazu, ein paar Häuser in der Residenz,
und Gott weiß, was sonst noch für Dinge, die meine persönliche Gegenwart
nicht allein meinet-, sondern auch meiner Schwester wegen dringend nöthig
machen.«

»Aber Du denkst doch nicht etwa daran, nach Deutschland zurückzugehen?«
sagte Henriette, als ihr plötzlich der erste Gedanke an eine solche
Möglichkeit kam, und fast unbewußt und erschreckt setzte sie das
Kaffeegeschirr wieder auf den Tisch zurück, das sie eben aufgenommen
hatte, um es hinauszutragen.

»Es wird nicht anders zu ordnen sein, mein liebes Kind,« sagte Benner,
während er an's Fenster trat und hinaussah. Er mochte in dem Moment seines
Weibes Auge nicht begegnen.

»Nicht anders zu ordnen sein, Eduard?« rief aber Henriette, und sie
fühlte ordentlich, wie ihr jeder Tropfen Blut zum Herzen zurückströmte,
-- »und das sagst Du so ruhig und gleichmüthig, als ob es nur eine
Trennung von wenigen Tagen wäre?«

»Aber wie kann ich es ändern, Jettchen?« sagte Benner, indem er sich
nach ihr umdrehte und selber über das Aussehen der Frau erschrak --
Ȋngstige Dich doch nicht deshalb; all unsere Noth und Sorge und Arbeit
hat ja auch jetzt dafür ein Ende, denn wir sind selber damit reich
geworden -- die Zeit geht ja auch vorüber.«

»Wir waren so glücklich bei der Arbeit, Eduard!«

»Ja, mein liebes Herz, aber wir werden jetzt _noch_ glücklicher werden.«

Die Frau hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und faltete die Hände im
Schooße -- sie konnte nicht länger stehen, so zitterten ihr die Knie und
selbst das Kind achtete sie nicht, das zu ihr hingekrochen war und an ihrem
Kleid zupfte.

»_Noch_ glücklicher, Eduard?« sagte sie leise. »Oh, Gott weiß wie ich
zu ihm gebetet habe, daß er uns so erhalten möge -- noch glücklicher! --
wir wollen nicht freveln, daß uns der Himmel nicht dafür straft und uns
_nimmt_, was wir haben.«

»Aber was für trüben Gedanken giebst Du Dich hin, mein Herz,« sagte
Benner, -- »anstatt daß Du Dich des neuen Glückes freuen solltest,
klagst Du, als ob uns ein Unglück betroffen hätte. Ist das recht, oder
selbst nur vernünftig?«

»Und droht uns nicht ein Unglück, Eduard?« sagte die Frau weich. »Oh
Herr Schrader hat es mir wohl oft gesagt: ein Jahr wird er bei Dir bleiben,
vielleicht zwei, dann geht er fort, und Du sitzest mit Deinem Kinde allein
in Australien.«

»Schrader ist ein Esel,« sagte Benner ärgerlich, »der alberne Tropf
sucht ordentlich was darin, den Leuten Unglück zu prophezeihen, und wenn
Einer bei ihm ein Loth Brustthee holt, so zuckt er schon die Achseln und
räth ihm, sich sehr in Acht zu nehmen, weil er sichtbare Anlagen zur
Schwindsucht hätte.«

Die Frau erwiderte nichts weiter, sie saß still und in einander gebrochen
auf ihrem Stuhl und starrte vor sich nieder, und erst als der Kleine zu
schreien anfing, weil sich die Mutter gar nicht um ihn kümmern wollte, hob
sie ihn zu sich empor und drückte ihn leidenschaftlich an die Brust.

»Sei vernünftig, Jettchen,« sagte da endlich Benner bittend, »überleg'
Dir Alles genau -- ja, besprich es mit Deinem Vater, und er wird mir
selber zugestehen müssen, daß ich nicht anders kann. Ich _muß_ nach
Deutschland, denn was hier auf dem Spiele steht, ist zu bedeutend, um es
aus Furcht vor einer kurzen Trennung zu gefährden. -- Denke Dir auch,«
fuhr er nach einer Pause fort, in der ihm Henriette noch immer nichts
erwiderte, »wie allein und verlassen meine Schwester jetzt solchen
verwickelten Geschäften gegenübersteht. Schon ihretwegen müßte ich
hinüber.«

»Ich verstehe das Alles nicht,« sagte die arme Frau kopfschüttelnd, --
»ich glaubte, Deine Schwester wäre an einen Grafen verheirathet, und dann
steht sie doch nicht allein und verlassen.«

»Aber jener Graf hat doch nichts mit _unserer_ Familienangelegenheit zu
thun --«

»Und gehört er nicht mit zu Eurer Familie? -- sei mir nicht böse,
Eduard,« brach sie aber rasch ab, als sie die tiefe Falte bemerkte, die
sich über seine Stirn zog, -- »mir ist das Herz so voll und schwer, und
der Kopf thut mir so weh, ich weiß kaum noch, was ich rede -- Also
Du willst wirklich nach Deutschland zurückgehen und Weib und Kind in
Australien lassen?«

»Und glaubst Du, daß _ich_ mit leichtem Herzen gehe?« fragte Benner
zurück. »Wenn es nicht wäre, daß ich für _Euch_ gerade eine
sorgenfreie Zukunft bereiten könnte, ich bliebe wahrlich da. Mir wird der
Abschied weh genug thun, sei versichert, Kind, und die ganze Nacht hat mich
der Gedanke schon gequält.«

Die Frau schwieg und sah still und sinnend vor sich nieder, endlich
flüsterte sie leise: »Wie Gott will!« nahm ihr Kind auf und ging hinaus.

Das war ein trüber und schmerzlicher Tag in der kleinen, sonst so
glücklichen Familie, und wenn die Frau auch nicht klagte, oder selbst nur
mit einem Wort weiter die beabsichtigte Trennung erwähnte, gab es ihr
doch immer einen Stich durch's Herz, sobald der Kleine in wilder Kindeslust
aufjubelte und die Mutter umklammerte.

Den Nachmittag ritt Benner in die Stadt. -- Er wollte selber mit
Henriettens Eltern sprechen, ihnen den Brief zeigen und ihren Rath hören
-- obgleich er über seinen Entschluß mit sich im Reinen war -- aber es
würde die Frau beruhigen, wenn die Eltern selber sagten, daß er nach
Hause müsse, um Alles in Ordnung zu bringen -- in zwölf bis vierzehn
Monaten konnte er ja auch recht gut wieder zurück sein.

Zwölf bis vierzehn Monate, Du großer Gott, wie leicht spricht der Mund
eine solche Zeit aus, wie rasch verfügt das Menschenherz über einen
solchen Zukunftsraum, während ihm doch das Schicksal seiner nächsten
Lebensstunde verborgen ist. Aber wir hoffen und harren, bauen Pläne und
fassen Entschlüsse, und wenn die vorgesteckte Zeit naht -- was ist aus
unseren Plänen und Entschlüssen geworden -- wo sind wir selber?

Es war eine eigene Berathschlagung in der kleinen Stadt zwischen dem Baron
Benner, dem Erben einer halben Million, und den beiden alten Leuten, dem
Schuster und seiner Frau. Der Alte saß bei seiner Arbeit, auf dem
niederen Schemel, den alten Buschschuh irgend eines derben Bauern unter dem
Knieriem, und Ahle und Draht herüber- und hinüberziehend, die Frau selber
wirthschaftete dabei in der Stube herum, eine unausweichliche Tasse Kaffee
für den lieben Gast und Schwiegersohn herzurichten -- aber beide hielten
mitten in ihrer Arbeit inne, als Benner ihnen mit kurzen Worten den
Inhalt des gestern empfangenen Schreibens mittheilte und ihnen zugleich
verkündete, daß er jetzt ein bedeutendes Erbe in Deutschland zu erwarten
habe.

»Viele tausend Thaler?« -- Die Frau schlug die Hände über dem Kopf
zusammen, und der Schuster schüttelte den seinen still vor sich hin. Er
glaubte nie an große Zahlen, und das Ganze kam ihm zu plötzlich und
auch zu unwahrscheinlich vor, als daß er sich gleich hätte vollständig
hineindenken können. Das Einzige, was ihm klar war, daß der _Baron_ nach
Deutschland zurück und seine Frau hier allein lassen wollte, gefiel ihm
nicht. -- Wenn er nun dort blieb? -- Aber die Frau sah weiter -- viele
Tausend Thaler als Erbschaft, was hätte sich mit denen nicht hier in
Australien anfangen lassen, und was für eine vornehme Frau konnte dann
ihre Tochter werden. Benner hatte sie im Augenblick auf seiner Seite, und
der Alte gab auch endlich nach. Was konnte er auch dagegen machen, wenn
sein Schwiegersohn ihm sagte, daß er hinüber _müsse_, aber recht war's
ihm noch immer nicht, und er vergaß ganz Ahle und Draht, schob sich sein
schwarzes, fettiges Käppchen auf's eine Ohr und kratzte sich in tiefen
Gedanken den Kopf.

Das Resultat der Berathung gestaltete sich denn auch so, wie es Benner
vorhergesehen. Die Eltern erklärten sich einverstanden mit der Reise,
und ihr Schwiegersohn mußte ihnen nur versprechen, keine Zeit daheim zu
versäumen, sondern so rasch als irgend möglich wieder zurückzukehren,
schon der Leute wegen, die sicher genug ihre boshaften Bemerkungen darüber
nicht unterließen und die arme junge Frau zu sehr gekränkt hätten.

Noch etwas Anderes blieb für ihn in Tanunda zu ordnen, -- er brauchte
nämlich Reisegeld und wollte seinen Schwiegervater nicht darum bitten;
aber Becher war augenblicklich bereit, ihm dasselbe vorzuschießen. Er
betrachtete es gewissermaßen als Consulatssache, denn der Brief, der die
Erbschaft anzeigte, war durch ihn gekommen, und er versicherte Benner, er
würde es ihm übel genommen haben, wenn er sich in dieser Sache an irgend
Jemand Anderen gewandt hätte. In einer halben Stunde war Alles geordnet,
und zufällig lag auch gerade ein fast segelfertiges englisches Schiff
in Port Adelaide, das nur noch Wasser einnehmen mußte, und spätestens
übermorgen früh mit der einsetzenden Ebbe auslief. Wenn er mitgehen
wollte, mußte er morgen Nacht schon jedenfalls an Bord sein.

Benner ritt in einer eigenthümlich aufgeregten Stimmung nach Hause zurück
und sonderbarer Weise war es in diesem Augenblick weniger der Abschied von
Frau und Kind, an den er dachte, sondern mehr noch, weit mehr die Aussicht,
bald, in wenigen Monden schon, wieder die alte Stätte seiner Jugend zu
betreten, die er nie geglaubt hatte wiederzusehen, -- noch einmal den Kreis
der Freunde aufzusuchen und in ihrer Mitte zu verkehren. Auch die Sehnsucht
nach der Schwester beschäftigte ihn, und so ganz füllten diese Bilder
seine Gedanken, daß er plötzlich und unerwartet vor seinem eigenen Hause
hielt und gar nicht wußte, wie er diesmal so rasch dorthin gekommen.

Und morgen Abend schon wollte er fort? Die Frau wurde leichenblaß, als
er es ihr sagte, aber sie erwiderte kein Wort; nur fester drückte sie das
Kind an ihre Brust und ging dann schweigend an ihre Arbeit, um dem Gatten
Alles herzurichten, was er zu seiner langen Reise brauchte.

Was aus ihr selber in der Zeit wurde? -- sie dachte nicht einmal daran;
nur bei _ihm_ waren ihre Gedanken, nur bei ihrem Kinde und dem Schmerz der
Trennung, und doch that sie sich Gewalt an, daß sie es Eduard nicht merken
ließ -- hätt' es ihm selber ja doch den Abschied schwerer gemacht, und er
konnte es ja nicht mehr ändern -- er mußte fort.

Den Abend verbrachten sie zusammen in ihrem Gärtchen und ihr Gatte theilte
ihr jetzt mit, daß er sein kleines Grundstück für die Zeit seiner
Abwesenheit und um den halben Ertrag an einen jungen Bauerssohn, den er bei
Becher traf, verpachtet habe. Sie selber sollte indessen zu ihren Eltern
ziehen, bis er zurückkäme. Mit der ersten Post schon versprach er ihr
aber Geld zu senden, daß sie sich ein eigenes kleines Quartier miethen
und ihre Wirthschaft führen könne. Mit der zweiten Post folgte er dann
vielleicht schon selber nach.

Morgens kam der Vater noch heraus, um Manches zu bereden und der Tochter
Sachen auf seinem Wagen mit nach Tanunda zu nehmen -- gegen Abend sollte
ihn die kleine Familie dorthin begleiten und Abends um neun Uhr fuhr die
Post ab, mit der er nach Adelaide gehen konnte und dann zur rechten Zeit im
Hafen eintraf.

Das war ein schwerer, recht schwerer Tag für die arme Frau, und sie ging
wirklich wie in einem Traum herum. Sie that Alles was nöthig war, aber
willenlos, maschinenartig, und wäre am liebsten mit ihrem Kind in einen
Winkel gekrochen, um sich nur einmal -- nur ein einziges Mal recht herzlich
auszuweinen. Aber das ging nicht, sie mußte Stand halten; ihr Eduard wäre
ihr ja sonst vielleicht noch am letzten Tag böse geworden. Auch konnte
sie sich keine Minute mehr von den wenigen Stunden, die sie noch beisammen
bleiben sollten, von ihm trennen.

So fuhren sie zusammen nach Tanunda, und so langsam ihr sonst die Stunden
manchmal hingegangen, so rasch, so entsetzlich rasch flog der heutige Tag
an ihr vorüber. Es war Abend geworden, sie wußte selbst nicht wie, und
der Zeiger auf der alten, im Zimmer ihrer Mutter hängenden Schwarzwälder
Uhr lief ordentlich von Zahl zu Zahl.

Um neun Uhr ging die Post. Das Gepäck war schon Alles aufgegeben. Vor
acht Uhr schon hatte die Mutter noch einmal den Tisch gedeckt, zum letzten
Abendbrod, und Henriette saß neben dem Gatten, das Kind auf dem Schooß,
den Kopf an seine Schulter geschmiegt, und zuckte nur immer zusammen, wenn
die Uhr wieder zum Schlagen aushob. -- Und jetzt sollten sie essen? -- Oh,
wie hätte sie einen Bissen über die Lippen bringen können.

Die Mutter hatte Rouladen gebraten. Eduard aß sie gern -- Du lieber Gott,
er wollte sich nicht einmal mit zum Tisch setzen, so weh war ihm zu Muthe,
und als er endlich dem dringenden Nöthigen der Frau nachgab, quoll ihm der
Bissen im Munde.

Und es schlug halb -- es schlug drei Viertel auf Neun -- er rückte mit dem
Stuhl.

»Du gehst in zwei Minuten zu der Post hinüber,« flüsterte ihm die Frau
zu und schmiegte sich ängstlich an ihn an. »Sie fahren ja nicht ohne Dich
fort.«

»Mein liebes, liebes Weib!«

»Und willst Du recht viel an uns denken, Eduard, -- an mich und Dein
Kind?«

»Tag und Nacht -- Tag und Nacht, Lieb.«

»Und nicht gar so lange fortbleiben?«

»So rasch ich möglicherweise kann, kehr' ich zurück. -- Sorge Dich nur
nicht um mich -- wie bald ist ja der Weg zurückgelegt.«

»Wie bald? Oh, mein Himmel, und fünf Monat hin und fünf Monat zurück
nennst Du _bald_ -- _mir_ werden es eben so viele _Jahre_ werden.«

»Meine liebe, liebe Henriette!« -- und sie hielten sich fest und lange
umschlungen.

»Kinder, es wird Zeit -- es ist in zwei Minuten neun Uhr,« sagte da
der Alte. »Eduard, mit Gott! Machen Sie, daß Sie fortkommen, wir wollen
indessen schon auf die Kinder Achtung geben.«

Fester klammerte sich die Frau an ihn an. Der Augenblick war gekommen, vor
dem sie so lange gebebt, und erst jetzt erfaßte sie die Angst, das bittere
Weh des Scheidens.

»Leb' wohl, mein Herz -- sei stark; ich kehre ja bald zu Dir zurück.«

»Küsse noch einmal unser Kind,« flüsterte sie, -- »der kleine Bursch
ist eingeschlafen; er ahnt ja nicht, daß er den Vater verlieren soll.«

»Er verliert ihn nicht, Herz,« sagte Eduard, indem er sich über das
Kind bog und es küßte, während ein paar heiße Thränen auf seine Locken
fielen -- »und nun leb' wohl!« rief er, sich rasch und entschlossen
aufrichtend, -- »bleibt hier -- geht nicht mit zur Post -- macht mir
den Abschied nicht schwerer, als er schon ist -- Gott schütze Dich, mein
süßes, süßes Lieb -- Dich und das Kind -- leb' wohl -- leb' wohl!«

Noch einmal preßten seine Lippen in glühendem Kuß die ihrigen -- noch
einmal drückte er Vater und Mutter die Hand -- draußen in der anderen
Straße blies der Postillon, ein Engländer, aber mit den so oft gehörten
Melodien längst vertraut, das alte Volkslied: »Muß i denn, muß i denn,
zum Städtle 'naus,« -- Henriette warf ihre Arme um seinen Nacken und
hielt ihn fest und innig umschlungen. -- Die erbarmungslose Uhr schlug
_neun_, es war die Abschiedsstunde, und ihr Antlitz in den Händen bergend,
sank sie neben dem Sopha, auf dem ihr Kind schlief, in die Knie. -- Sie
hörte, wie die Thür geöffnet wurde und sich schloß -- sie hörte rasche
Schritte draußen -- dann war Alles still, und das Einzige, was ihr blieb,
das Gefühl ihres Jammers -- ihres Verlassenseins.




Fünftes Capitel.

Nach Deutschland zurück.


Im Hause der Gräfin Galaz herrschte heute ein geschäftiges Treiben
-- Zimmer wurden hergerichtet und mit Blumen geschmückt, Boten nach
verschiedenen Seiten ausgesandt, und die Gräfin selber befand sich in
lebhafter, aber jedenfalls freudiger Aufregung.

Die Gräfin Alexandrine, die Schwester des jungen Eduard von Benner
und etwa vier oder fünf Jahr älter als ihr Bruder, war eine jener
Erscheinungen, die man, obgleich man sie keine blendende Schönheit nennen
konnte, auf den ersten Blick liebgewinnen mußte, eine so ruhige Sanftmuth,
eine so Herzen erobernde Freundlichkeit war über ihre Züge ausgegossen,
und auf wem auch immer das blaue Auge ruhte, er fühlte dessen Zauber und
konnte ihm nicht widerstehen.

So hatte sie ihrem Gatten das Haus zu einem Paradiese umgeschaffen; so war
sie die Wohlthäterin und der Schutzgeist aller benachbarten Armen geworden
und selbst die Dienerschaft betete sie an und suchte ihr Alles an den Augen
abzulesen.

Die Gräfin Alexandrine hatte zwei Kinder -- eine Tochter von elf und einen
Knaben von fünf Jahren, und lebte mit diesem und ihrem Gatten still und
zurückgezogen auf Schloß Galaz. Sie liebte das wilde Treiben der Residenz
nicht, und der Graf selber jagte viel lieber in seinen Wäldern und fischte
in seinen Seeen, als daß er sich der steifen Etikette des Hofes fügte.
Manchmal freilich konnte er sich ihr nicht ganz entziehen, und auch gerade
jetzt war er schon wieder seit mehren Tagen dorthin befohlen worden, um
an einigen Hofjagden Theil zu nehmen, und gerade jetzt vermißte ihn die
Gräfin so schmerzlich, da sie ihren Bruder zurückerwartete, der schon vor
mehren Tagen in der Residenz eingetroffen sein mußte und sie trotzdem noch
nicht aufgesucht hatte. Heute Morgen aber war ein Brief von ihm angelangt,
heute kam er gewiß und eine eigene Unruhe hatte die sonst so stille und
ruhige Frau erfaßt, die sie in keinem Zimmer rasten ließ und immer wieder
hinaus auf den Söller trieb, um nach ihm auszuschauen.

Endlich -- endlich wirbelte weit auf der Straße draußen der Staub auf,
und die Töne eines munteren Hornes schallten herüber -- es war eine
Extrapost. Alexandrine winkte draußen auf dem Balcon mit ihrem Taschentuch
-- das Zeichen wurde erwidert, und wenige Minuten später rasselte der
Wagen in den Hof, und die lange getrennten Geschwister lagen sich in den
Armen.

»Mein lieber, lieber Eduard,« sagte die Schwester, als sie endlich oben
mit ihm auf ihrem Zimmer saß, seine Hand in der ihren hielt und ihm in
die Augen sah, -- »oh, Gott sei Dank, daß wir Dich wieder haben aus der
weiten fremden Welt -- daß Du _früher_ zurückgekommen wärst,« setzte
sie leise und wehmüthig hinzu.

»Und der Vater ist im Zorn gegen mich geschieden?« sagte Eduard scheu.

»Nein -- nein,« rief Alexandrine rasch, »gerade in der letzten Zeit
sprach er oft von Dir und bereute, daß er vielleicht zu hart gegen Dich
gewesen. -- Ich würde auch schon früher an Dich geschrieben haben, aber
wir hatten keine Ahnung, in welchem Welttheil selbst Du Dich befändest,
und erst _nach_ des Vaters Tod erzählte ein in der Residenz weilender
Fremder, daß er einen Eduard von Benner in Süd-Australien getroffen habe.
Nur auf das unbestimmte Gerücht hin schickte ich Dir den Brief. --
Böser, böser Bruder, daß Du nicht einmal _mir_, Deiner Alexandrine, ein
Lebenszeichen geben konntest, und daß _fremde_ Menschen es mir bringen
mußten.«

»Meine theure Schwester!«

»Wie wir uns hier nach Dir gesehnt, in jener Schreckenszeit -- aber jetzt
bist Du ja wieder da -- bist wieder bei uns und gehst nie und nimmer wieder
fort.«

»Meine gute Alexandrine.«

»Und wie braun und sonnverbrannt Du geworden bist -- fast wie ein Indianer
und was für harte Hände Du bekommen -- oh, Du hast gewiß schwere und
böse Arbeit thun müssen, Du störrischer, trotziger Mensch Du!«

»Schwere Arbeit in der That.«

»Und so allein hast Du indessen unter den fremden kalten Menschen
leben können, mit Niemandem der Dich liebte und für Dich sorgte -- das
besonders hat mir das Herz so schwer gemacht, und wie oft sind mir,
wenn ich an Dich dachte, die Thränen in die Augen gekommen! Oh, es muß
schrecklich da draußen sein -- ganz schrecklich -- mag die Natur auch in
allen ihren Reizen prangen.«

Eduard schwieg und sah scheu und seufzend vor sich nieder, denn er wagte
nicht der Schwester zu gestehen, daß er verheirathet sei -- mit _wem_
er sich verheirathet habe -- wenigstens jetzt noch nicht. Er mußte erst
selber ruhiger und gefaßter sein -- mußte _sie_ ruhiger finden, um dann
mit ihr seinen künftigen Lebensplan zu überlegen.

»Und doch wäre ich kaum so rasch nach Deutschland zurückgekommen,«
sagte er endlich, »wenn Du in Deinem Brief nicht gar so dringend
darauf bestanden und mir geschrieben hättest, daß meine Gegenwart hier
unumgänglich nöthig sei.«

»Verzeih' mir die kleine List,« lächelte da herzlich Alexandrine,
»meine Liebe zu Dir dictirte den Brief, und ich _mußte_ Dich wieder hier,
wieder bei uns haben. Die Geldangelegenheit, Du lieber Gott, das hätten
wir auch ohne Dich arrangiren können, und haben es in der That schon
gethan, denn mein Mann hat die ganze Sache, und wie Du Dich fest darauf
verlassen kannst, _Dein_ Interesse besonders dabei wahrend, geordnet.«

»So war es _nicht_ nöthig?«

»Und _reut_ es Dich, daß Du gekommen bist, Eduard?« sagte sie mit leisem
Vorwurf in dem Ton.

»Nein -- nein, Alexandrine!« rief er herzlich, sie an sich pressend --
»wie kannst Du das glauben! -- Wüßtest Du nur, wie oft ich selber mich
nach Euch gesehnt!«

»Oh, wie gern glaub' ich Dir das, Eduard,« erwiderte sie, seine
Hand drückend, -- »armer, armer Wanderer, der, so weit in die Welt
hinausgeschleudert, Alles zurücklassen mußte, was ihm lieb und theuer
war, und nichts dafür wiederfand, als fremde, gleichgültige Menschen. --
Aber jetzt, Gott sei Dank, ist das anders,« setzte sie rasch und lebhaft
hinzu, als sie sah, wie sich ein Ausdruck von Schmerz über seine Züge
stahl, dem sie freilich eine ganz andere Deutung gab, »jetzt bleibst
Du bei uns! Du bist älter und vernünftiger geworden, Du hast Welt und
Menschen kennen, Du hast an einer bestimmten Thätigkeit Freude gewinnen
lernen, und hier, in unserer Mitte, wird Dich ein ganz besonderer Eifer
treiben, das, was Du draußen erfahren, bei uns zu verwerthen. Unsere
Güter liegen nicht so weit von einander entfernt, Bennerberg, unsere
Geburtsstätte, wirst Du Dir gewiß zum Wohnsitz wählen, Dein Herz hing
ja immer an dem alten Ort; dann nimmst Du Dir ein Weib, und Du wirst sehen,
daß auch die Heimath ihre Vorzüge hat, ja, daß sie von keinem anderen
Land der Erde übertroffen werden kann.«

»Glaube auch ja nicht,« fuhr sie rasch und gesprächig fort, als sie sah,
wie sich ein wehmüthiger Zug um seine Lippen stahl, »daß es uns hier,
auf dem Lande, an einem geselligen Leben fehlt -- wir halten vorzügliche
Nachbarschaft. Da ist Graf Sponneck, -- Du mußt Dich ja auf den alten,
etwas stolzen Herrn noch besinnen, mit einer ganz liebenswürdigen Familie
und zwei reizenden Töchtern -- da ist Baron Bromfels, der auf Bromfels
lebt, da ist der alte Comthur Benthausen, der jetzt, zu seinen Enkeln
gezogen, ordentlich wieder aufzuleben scheint, da sind noch eine Menge
prächtige Familien, alle zu den _besten_ des Landes zählend, die Dich mit
offenen Armen empfangen werden.«

»Ich bin dieser Gesellschaft so entwöhnt,« sagte Eduard verlegen.

»Du wirst Dich rasch wieder hineingewöhnen,« lächelte seine Schwester,
»an Deinem Aeußeren sieht Dir auch wahrlich Niemand an, daß Du die
vielen Jahre in der Wildniß gelebt hast -- oh, Eduard, wie froh ich bin,
daß Du nur wieder da bist, und Du böser, häßlicher Bruder konntest drei
volle Tage in der Residenz bleiben, ohne zu mir zu eilen. Nicht eine Stunde
hätte ich es dort ausgehalten, wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre.«

»Liebes Kind,« sagte Eduard lächelnd, »ich glaube, Du würdest noch
längere Zeit gebraucht haben, wenn Du so ausgesehen hättest, wie ich.
Bedenke, daß ich aus Australien, daß ich aus dem _Busch_ kam und der
kurzen Zeit nothwendig bedurfte, um mich nur wieder anständig kleiden zu
können. Ich war vollkommen abgerissen und muß Dir noch besonders
danken, daß Du mir in Deinem letzten Brief den Namen Deines Banquiers
aufgegeben.«

»Armer Bruder -- so hast Du vielleicht gar Noth gelitten, während wir
hier im Ueberfluß geschwelgt.«

»Laß das, mein Herz,« sagte Eduard, »was ich gelitten, war eine nur zu
gerechte Strafe für begangenen Leichtsinn. Wollte Gott,« setzte er
mit einem Seufzer leise hinzu, »daß ich damit mein vergangenes Leben
abschließen könnte.«

»Das _ist_ geschehen,« rief die Schwester herzlich, indem sie ihn
umarmte, »kein Wort des Vorwurfs von _unserer_ Seite soll Dich je
verletzen, Eduard, -- kein Blick, kein Gedanke Dich kränken. Du bist
wieder der Unsere, und daß Du es bleiben wirst, dafür bürgt mir Deine
Liebe zu uns. Aber da kommen die Kinder, die sich lange schon auf Dich
gefreut -- jetzt scheuch' die Wolken von Deiner Stirn; das junge Völkchen
darf Dich nicht traurig sehen, und heute Abend kehrt auch mein Mann zurück
-- oh, daß Du endlich, endlich wieder bei uns bist.«

Von diesem Augenblick an wurde dem wieder Heimgekehrten nicht mehr viel
Zeit zum Ueberlegen gelassen, denn jede Stunde brachte Neues, brachte
eine frische Erinnerung aus der Jugend, und als Graf Galaz endlich
zurückkehrte, begrüßte er den wiedergewonnenen Schwager mit solcher
Herzlichkeit, daß sich dieser nicht anders als heimisch in seinem Hause
fühlen konnte.

Eduard ging in dieser ersten Zeit wie in einem Traum umher, nur immer mit
der Furcht, daß er erwachen könne. Und er hatte sein Weib und Kind
daheim vergessen? -- Nein! Aber dies ganze wunderbare Leben, das ja seine
Jugendzeit ausgefüllt, und von dem er schon für immer -- Gott weiß es,
wie schweren -- Abschied genommen, übte einen solchen Zauber auf ihn
aus, daß er sich dem Genuß desselben auch mit vollen, dürstenden Zügen
hingab, und gewaltsam Alles aus seiner Seele, aus seiner Erinnerung bannte,
was ihm diese Stunden hätte trüben oder stören können.

Dazu kam noch, daß er gleich in den ersten Tagen eine _Beschäftigung_
fand, wie sie seiner ganzen Erziehung angemessen war. Er mußte die jetzt
ihm gehörenden Güter und Grundstücke revidiren, und wieder im Sattel auf
einem Vollbluthengst, mit einem Reitknecht hinter sich und an Graf Galaz'
Seite, durchritt er die fruchtbaren Fluren und besuchte die alten lieben
Plätze seiner Jugend, die jetzt sein Eigenthum geworden, seine _Heimath_
aufs Neue bilden sollten.

Wieder und wieder tauchte dabei der Gedanke an sein Weib in ihm auf, aber
wie war es möglich, sie in diesen Rahmen zu fassen -- und wären außerdem
die Eltern in Australien geblieben, wenn ihre Tochter nach Deutschland
zurückging und ein _Schloß_ bezog?

»Was fehlt Dir, Eduard, Du bist so nachdenkend geworden,« sagte der neben
ihm reitende Graf, der ihn schon eine Weile schweigend beobachtet hatte.

»Oh, nichts -- nichts, Rudolph,« erwiderte sein Gefährte, indem er
aber doch leicht erröthete, »nur der Uebergang von so verschiedenen
Lebensbahnen war ein wenig zu rasch, zu jäh; kein Wunder, daß ich mich
noch nicht so in Alles finden kann, was mich hier umgiebt, daß es mir
ungewohnt, fremd vorkommt.«

»Gewiß, gewiß,« nickte ihm sein Schwager zu, -- »aber an das _Bessere_
gewöhnt man sich leicht wieder, und Du sollst einmal sehen, Eduard, wie
rasch Du Dich in das Alles hineinleben wirst. In drei, vier Monaten schon
wird Dir Deine überseeische Expedition wie ein Traum vorkommen, aus dem
Du glücklicher Weise zu einer behaglichen und erfreulichen Wirklichkeit
erwacht bist. Schüttle deshalb die trüben Gedanken ab, Kamerad,
sie taugen nichts für den sonnigen Tag und besonders nicht für die
freundlichen Augen, die uns dort entgegenwinken.«

»Dort? -- wo?« sagte Eduard überrascht.

»Der Park hier,« sagte der Graf, »gehört dem alten Comthur Benthausen,
der da bei seinen Enkelkindern lebt, und eine liebenswürdigere Familie
möchtest Du kaum auf der ganzen weiten Welt finden, als diese hier. Wir
dürfen nicht vorbeireiten, denn der alte Herr würde es mir nie vergeben,
wenn ich Dich nicht zu ihm gebracht hätte. Wir haben die letzten Monde
viel von Dir gesprochen.«

»Aber kommen wir ihnen jetzt gelegen?«

»Denen? Immer, und wenn es Morgens um acht Uhr wäre, denn dann träfen
wir die Damen schon auf ihrem Morgenspaziergang im Park -- halt, hier
rechts -- wir reiten hier gleich durch die kleine Pforte.«

Einer der Reitknechte war schon abgesprungen, um das schmale, eiserne Thor
zu öffnen, das fast versteckt unter dichten Festons von Epheu und wildem
Wein lag, und gleich darauf tauchten sie in den kühlen Schatten eines
herrlichen Parkes ein, der mit reizenden Gruppen mächtiger Buchen, Eichen,
Tannen, Kiefern und Birken, mit üppigen Grasflächen und von murmelnden
Bächen durchschnittenen Gebüschen wechselte.

Auch die schmalen Kieswege waren vortrefflich gehalten und bald, auf einem
von diesen hintrabend, erreichten sie das von Blüthenbüschen umgebene
Herrenhaus, reich im englischen Styl gebaut, das wie ein kleines
Feenschloß hier mitten in dem künstlichen Wald lag und durch seine
Staffage noch mehr Feenhaftes erhielt.

Die Familie war gerade bei ihrem Frühstück auf einer Terrasse vor dem
Hause; die Damen in leichter Morgentoilette, die Herren in weißen Röcken
und Strohhüten; die Terrasse selber wurde von dem Park durch ein offenes
gewölbtes, mit rankenden Rosen und Passionsblumen bewachsenes Spalier
abgeschlossen, das die kleine dahinter befindliche Gesellschaft wie in dem
lebendigen Rahmen eines Bildes zeigte -- dazu die aufwartenden Diener in
Livree und davor ein paar zahme Stück Wild, die wahrscheinlich gewohnt
waren, ihr Frühstück aus den Händen ihrer schönen Pflegerinnen zu
erhalten. Eduard zügelte unwillkürlich sein Pferd ein, um den zauberisch
lieblichen Anblick noch länger zu genießen, und Graf Galaz hielt an
seiner Seite und nickte ihm lächelnd zu.

»Nicht wahr, unser Deutschland ist doch schön?« sagte er freundlich;
»ein lieblicheres Bild, als das da vor uns, läßt sich nicht denken, und
wenn Du die Menschen erst kennen lernst, wirst Du Dich gar nicht mehr von
unserer Gegend trennen wollen.«

Ein Windspiel, das auf der Terrassentreppe lag und bis jetzt mit seinen
klugen Augen das dicht zu ihm hinangekommene Wild beobachtet hatte, spitzte
plötzlich die Ohren und schlug an. Es hatte die fremden Pferde bemerkt,
und der alte Herr am Tisch nahm rasch sein neben ihm liegendes Doppelglas
heraus und sah hindurch.

»Galaz!« rief er fröhlich aus, als er den Freund erkannte, -- »heran
Mann, Ihr kommt gerade zur rechten Zeit -- heran mit Euch, heran!«

Die beiden Reiter sprengten, der freundlichen Einladung folgend, etwas
weiter vor, saßen dann ab und gaben den aus den Sätteln springenden
Reitknechten die Zügel, während die ganze Gesellschaft, um sie zu
begrüßen, ihnen entgegenkam. Und wie herzlich wurden sie von den lieben
Menschen aufgenommen.

Also _das_ war der Australier, von dem man so viel in der letzten Zeit
gesprochen -- und wie braun er auch aussah -- dem hatte die Sonne den Teint
schön verbrannt. »Und wie viel und schön der erzählen könnte, wenn er
wollte,« flüsterten sich die jungen Damen zu und errötheten tief, als
sie daran dachten, daß er die Worte vielleicht gehört haben könnte.

Die Herren mußten mit Theil am Frühstück nehmen, und Eduard kam neben
die älteste Enkelin des alten Comthurs, die Baronesse Hedwig, zu sitzen,
ein liebes, herziges Kind von vielleicht neunzehn Jahren, heiter und
aufgeweckt dabei, nicht selten mit einem Anflug von neckischem Humor und
doch so hold und sittsam und von unbeschreiblichem Liebreiz.

»Und wissen Sie, daß wir uns schon recht um Sie geängstigt haben,«
sagte sie mit offener und natürlicher Herzlichkeit, »als uns Gräfin
Alexandrine mittheilte, daß sie an Sie geschrieben hätte und immer kein
Brief, keine Antwort kommen wollte.«

»Der Weg ist so entsetzlich weit, mein gnädiges Fräulein,« erwiderte
der junge Mann, ordentlich verlegen dem holden Wesen gegenüber, »und den
ersten Brief, den ich möglicher Weise senden _konnte_, brachte ich selber
mit nach Europa.«

»Das ist allerdings die sicherste Beförderung,« lächelte Hedwig, »wenn
auch nicht immer die bequemste. Wie man aber nur so weit von zu Hause
weggehen kann, begreif' ich nicht; mir thut das Herz schon weh, wenn ich
nur einmal auf drei Tage von daheim fort bin.«

»Aber jetzt bleibt der junge Herr bei _uns_? nicht wahr?« rief der alte
Comthur über den Tisch herüber. »Das weiß der liebe Gott, was jetzt in
die Leute gefahren ist,« setzte er dann, zu Galaz gewandt und ohne Eduards
Antwort abzuwarten, hinzu, »aber alle Welt läuft nach Amerika, und wen
hier irgend der Schuh wo drückt, der packt seinen Koffer einfach und setzt
sich in der liebenswürdigen Absicht auf ein Schiff, da drüben in Amerika
Bäume auszureißen und ein reicher Mann zu werden. Denken Sie sich, Galaz,
heute Morgen bekomme ich einen Brief von meinem Schwager, dem General. Sein
Junge ist auch fort, der Fritz, -- ein tüchtiger, wackerer Kerl sonst, mit
Kopf und Herz auf dem rechten Fleck, -- aber was thut er? -- vergaffte sich
da in ein armes Mädel, eine Schneiderin oder Wäscherin, Gott weiß was,
und wie der General natürlich seine Zustimmung nicht geben will, hat er
nichts Eiligeres zu thun, als mit ihr auf ein Schiff und nach Amerika zu
gehen.«

»Der Fritz?« rief Graf Galaz erstaunt, »es ist doch kaum möglich -- ein
Aristokrat von ächtem Fleisch und Blut zwischen die Yankees -- er _kann_
sich dort nicht wohl und heimisch fühlen.«

Der alte Herr zuckte die Achseln -- »er wird _müssen_,« sagte er, »denn
er würde es mit einer solchen Mesalliance hier ebenfalls nicht gekonnt
haben.«

»Aber lieber Freund,« sagte Galaz, »Mesalliancen sind jetzt ordentlich
Mode geworden, und altadliche Geschlechter _ohne_ Capital verbessern
leider nur zu häufig ihre Umstände durch eine reiche Banquiers- oder
Kaufmannstochter.«

»Leider, leider,« nickte der Comthur, »aber sie bekommen dann doch
meistens Frauen, die schon in der Welt gelebt haben, und mit denen sie sich
können sehen lassen. Eine elegante Erscheinung und die nöthige
Tournüre übertüncht Manches -- aber eine Näherin und ohne einen Heller
Vermögen --«

»Es ist die alte Geschichte,« sagte Galaz, »eine Hütte und ihr Herz --
das verwünschte Romanlesen steckt dem jungen Volk zu sehr in den Köpfen,
und sie bedenken nicht, daß die Romane immer gerade _da_ aufhören, wo
_ihr_ Leben anfangen soll --«

»Da haben Sie Recht, Herr Graf,« rief die muntere Hedwig, »das ist auch
das Einzige, was _ich_ so oft an den Romanen bedaure, daß der Autor Alles
für abgemacht hält, sobald sich die Liebesleute _bekommen_ haben, und da
fängt ja doch das Interesse erst an. In einen _Brautstand_ können wir
uns Alle hineindenken, in einen Ehestand nicht -- besonders wenn er nach
solchen entsetzlichen Schwierigkeiten und mit so verschiedenen Elementen
geschlossen wird, wie das in Romanen fast immer der Fall ist.«

»Sieh, sieh, meine kleine Hedwig,« lächelte Galaz, »ich hätte gar
nicht geglaubt, daß Sie so neugierig wären.«

»Wir sind Alle neugierig, nicht wahr, Großpapa?« rief Hedwig, »und so
möchte ich um's Leben gern wissen, was für Abenteuer und Fährnisse mein
schweigsamer Nachbar in dem schrecklichen Australien erlebt hat -- und was
es dort für Damen und Toiletten giebt, aber er erzählt mir gar nichts,«
setzte sie mit komischem Bedauern hinzu.

Eduard fühlte wie roth er wurde, -- »mein schweigsamer Nachbar,« -- Du
lieber Gott, wo hatte seine Erinnerung in dem Augenblicke geweilt, und
wie schmerzlich ihn selber das Gespräch berührt, wenn auch Keiner der
Anwesenden den wahren Grund vermuthen konnte.

»Aber die australischen Damen, mein Herz,« sagte der Großvater,
»machen, so viel ich weiß, gar keine Toilette, und Herr von Benner wird
sich auch wohl nicht um die bekümmert haben.«

»Sie machen mir meinen jungen Freund ganz verlegen,« lachte Graf Galaz,
»übrigens muß ich Ihnen bestätigen, mein gnädiges Fräulein, daß es
in der That außerordentlich schwer hält, ihn zum Erzählen zu bringen;
indirect hab' ich es wenigstens schon verschiedene Male umsonst versucht.«

»Man glaubt gewöhnlich,« sagte Eduard, der seine Befangenheit gewaltsam
abschüttelte, »daß Jemand, der ein fremdes Land besucht, auch immer viel
Abenteuerliches müsse zu berichten haben, und wie viel Tausende wandern
aus, ohne nach Jahre langem Aufenthalt, selbst in einer fremden Welt, mehr
oder Merkwürdigeres erlebt zu haben, als was sie auch erlebt hätten, wenn
sie daheim geblieben wären. Ich bin Einer von diesen Unglücklichen, die
dazu verurtheilt bleiben, ihren alltäglichen Lebensgang fortzusetzen,
wo sie sich auch befinden, und wenn ich ein Abenteuer erzählen wollte,
müßte ich eins erfinden.«

»Aber mein bester Herr von Benner,« sagte Hedwig, »glauben Sie nicht,
daß wir die Erzählung irgend eines haarsträubenden Abenteuers erwartet
haben; im Gegentheil, _die_ schenk' ich einem Jeden, denn es ist das eine
Aufreizung der Nerven, die viel mehr angreift, als erquickt, -- nein,
irgend ein friedliches ethnographisches Bild jenes wilden Landes, die
Beschreibung irgend einer dortigen Häuslichkeit, am liebsten Ihrer
eigenen, würde für mich von weit größerem Interesse sein.«

»Mein gnädiges Fräulein --«

»Aber Kinder,« kam der alte Comthur hier dem jungen Mann zu Hülfe, »wie
_könnt_ Ihr nur erwarten, daß Benner sich hier zu Euch zum ersten Mal
zum Frühstück niedersetzen und dann augenblicklich anfangen soll, zu
erzählen. Das geht ja doch auf keinen Fall und ist gegen Menschennatur.
Wollt Ihr von Jemandem etwas erzählt haben, so erzählt ihm selber erst
etwas, nachher thaut er auf und Ihr bringt ihn in Gang. So vom Platz weg
geht das nicht, wie bei einer Spieluhr, die man nur aufzuziehen braucht.
Benner bleibt jetzt jedenfalls in unserer Nachbarschaft und wird uns, wie
ich sicher hoffe, öfter besuchen. Dann benutzt Eure Zeit, und wenn Ihr es
geschickt anfangt, zweifle ich keinen Augenblick, Ihr werdet _Alles_ aus
ihm herausbekommen.«

»Wenn ich nicht fürchten muß den Damen lästig zu fallen, mach' ich
gewiß von dieser freundlichen Einladung Gebrauch,« sagte Eduard.

»Lästig fallen,« rief aber der Comthur -- »man sollte wahrhaftig
glauben, er hätte Deutschland keinen Augenblick verlassen, so geläufig
sind ihm noch die faden, nichts meinenden Höflichkeitsformeln -- lästig
fallen, junger Freund -- ein Australier und lästig fallen -- da sehen Sie
sich einmal die Gesichter der Damen an.«

Das Gespräch wurde jetzt allgemein, aber Eduard fand überall so viel
Herzlichkeit, so viel freundliches und unbefangenes Entgegenkommen, daß
er auch selber mehr aus sich herausging. Im Anfang war ihm das Gefühl
gekommen, als ob er nicht in diesen Kreis gehöre, als ob er ein
Eindringling sei in diese Cirkel, wenn ihn auch seine Geburt zu dem Verkehr
mit ihnen berechtigte -- aber das verschwand. Die dunkle Wolke, die auf
seinem Leben lag, lichtete sich mehr und mehr in dem auf ihn einwirkenden
Sonnenschein dieses geselligen Kreises; er plauderte und erzählte, und als
er endlich, um seinen Weg mit dem Schwager fortzusetzen, Abschied von dem
alten Herrn und den Damen nahm, gelobte er ihnen mit Hand und Mund, seinen
Besuch recht bald zu wiederholen.




Sechstes Capitel.

In der Heimath.


Eduard von Benner befand sich, so lange er in dem Kreis dieser
liebenswürdigen Familie weilte, in einer Art von künstlich
hervorgerufener Erregung, die ihn der Vergangenheit wie Zukunft entrückte
und seine Augen nur an der erfreulichen Gegenwart schwelgen ließ. Er hatte
mit Hedwig und den anderen jungen Mädchen gelacht und ihnen eine Menge
Dinge von den australischen Wunderlichkeiten erzählt, von den sonderbaren
Eingeborenen, von dem fremdartigen Baum- und Pflanzenwuchs, von den ganzen
Eigenthümlichkeiten des Landes, dem die kleine Gesellschaft mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit lauschte.

Jetzt war der Zauber von ihm genommen. Er ritt wieder mit seinem Schwager
den breiten, sonngebrannten Weg hinab, der nach dem nächsten Dorf
und Rittergut hinüberführte; aber all die alten peinigenden Gedanken
stürmten auf ihn ein und plagten sein Herz mit ihren Zweifeln und
Vorwürfen, denn das Geheimniß seiner Ehe lag wie ein Alp auf seiner
Seele.

Und weshalb hatte er überhaupt ein Geheimniß daraus gemacht? Weshalb
seiner Schwester nicht gleich bei seiner Ankunft die unumwundene, doch
nicht mehr zu umgehende Wahrheit gesagt? -- Wieder und wieder legte er sich
die Frage vor, und immer fehlte ihm die Antwort, weil er sich scheute, sie
sich selber zu gestehen -- er habe sich seines braven Weibes _geschämt_.
Und _mußte_ es Alexandrine denn nicht erfahren? Mußte er denn nicht
einmal das doch thun, gegen das er sich jetzt noch sträubte: ein volles
Geständniß seines bisherigen Lebens abzulegen, und verschlimmerte er
nicht seine Schuld noch durch Verzögerung? --

Wenn er es nun jetzt gleich that, seinem Schwager Alles mittheilte, was ihn
bedrückte, sein Herz frei und leicht machte? Aber er wagte es nicht. So
oft ihm das Wort auch schon auf den Lippen lag, er vermochte nicht, es
auszusprechen, denn er fürchtete die Vorwürfe des strengen Mannes. --
Aber seine Schwester wollte er zur Vertrauten machen, sobald er zurück
nach Galaz kam; sie sollte, sie mußte Alles wissen, und ihm dann rathen,
was er zu thun habe. _Sie_ war ja auch so gut und lieb und hing an ihm mit
ganzer Seele, ihr durfte er sagen was ihn bedrängte, und ihrem Ausspruch
wollte er sich dann fügen.

»Bist Du ein wunderlicher Mensch,« sagte da Galaz, der an seiner Seite
ritt, »eben noch da drin bei Deinen schönen Zuhörerinnen Feuer
und Flamme und gar nicht wegzubringen, daß wir jetzt in der heißen
Mittagssonne den Weg reiten müssen, den wir hätten in der Morgenkühle
zurücklegen können, und nun auf einmal bleich und in Dich gekehrt, Deinem
Pferd die Sporen einsetzend, daß ich kaum Schritt mit Dir halten kann, und
auf keine meiner Fragen und Zurufe achtend. Deine Erinnerungen haben
Dich wohl so lebhaft in Deine »»Malley- und Salzbusch-Scrubs««
zurückversetzt, daß Du ganz in Gedanken hinter einem eingebildeten Dingoe
oder Känguruh hersetzest?«

»Sei mir nicht böse, Rudolph,« sagte Eduard, rasch dabei sein Pferd
einzügelnd; »Du hast Recht, ich war wirklich mit meinen Gedanken fern,
aber nicht in Australien, wie Du zu glauben scheinst, sondern hier bei
Euch. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie wunderbar für mich der rasche
Uebergang von jenem trostlos wilden Leben zu diesem mit Genüssen
gesättigten ist, und es giebt noch Stunden, wo es mir vorkommt, als ob ich
von einem Zauber befangen sei, der nicht wahr und wirklich sein könne und
-- ich fürchte mich dann ordentlich vor dem Erwachen.«

»Ich glaube Dir's,« sagte Graf Galaz gutmüthig, »ich glaube Dir's --
Dein langes einsames Leben dort, dann die fünfmonatliche Seereise auf
einem Schiff, wo Du, wie Du uns erzählt, der _einzige_ Passagier gewesen,
das Alles mußte dazu dienen Dich von der Welt abzuschließen, Dich ihr
zu entfremden; aber davon werden wir Dich hier bald kuriren, das sei
versichert. Es wird nicht lange dauern, und Du fühlst Dich wieder so
heimisch bei uns, wie bis jetzt unter Deinen ewigen Gumbäumen -- Aber da
sind wir an Ort und Stelle,« -- unterbrach er sich selber -- »das hier
ist das Vorwerk, das ich Dir zeigen wollte, und nun laß uns Schritt
reiten, damit sich die Thiere wieder ein wenig abkühlen; wir sind fast ein
wenig zu rasch hierher gejagt.«

Von jetzt an nahm die Gegenwart und die aufgesuchte Oertlichkeit ihre
ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, als daß Eduard noch länger
hätte seinen trüben Gedanken nachhängen können; und wahrlich, er suchte
ein solches Grübeln nicht, das ihm, je länger es dauerte, je peinlicher
wurde. Er _wollte_ vergessen -- wenigstens für jetzt. -- Was später
kommen mußte, kam ja doch.

Erst gegen Dunkelwerden kehrten sie nach Haus zurück, aber auch hier fand
sich keine Gelegenheit ungestört mit der Schwester sprechen zu können,
denn es war Besuch angekommen, der einige Tage blieb und ein ruhiges
Beisammensein unmöglich machte. Er konnte nicht einmal die Abreise
desselben erwarten, denn er mußte jetzt selber wieder auf einige Zeit in
die Residenz, um seine Geldangelegenheiten mit dem dortigen Banquier zu
ordnen und ihm seine Namensunterschrift zu geben.

Von der Residenz aus aber schrieb er einen langen Brief nach Hause an sein
Weib -- schrieb ihr, daß er noch aufgehalten werde und nicht so rasch
zurückkehren könne, als er geglaubt, und schickte ihr in Wechseln auf
Adelaide eine nicht unbedeutende Summe Geld, damit sie sich indessen dort
jede Bequemlichkeit verschaffen könne, die ihr bis dahin gefehlt. Auch
für Becher wies er das ihm zur Reise geborgte Geld an, und fühlte dadurch
sein Herz erleichtert -- war er doch vor der Hand, soweit er dies vermochte
-- seinen Verpflichtungen nachgekommen.

In der Residenz wurde er länger aufgehalten, als er gedacht -- so viele
alte Freunde fand er ja dort, und mit ein oder dem Anderen erst zufällig
zusammengetroffen, konnte und durfte er doch auch die Uebrigen nicht
vernachlässigen -- man hätte es ihm mit Recht übel genommen. Außerdem
mußte er sich auch vollkommen neu equipiren. Mit seiner Toilette war es
noch immer ziemlich schlecht bestellt, denn nach seiner Ankunft hatte er
sich doch nur eben das Nothwendigste angeschafft. Das Alles nahm Zeit weg,
und die Zeit flog hier in Europa so entsetzlich rasch; er wußte oft selber
nicht, wo so ein Tag geblieben.

Endlich kehrte er nach Galaz zurück, aber die Gastlichkeit der Insassen
schien kein ruhiges Leben, wenigstens in der Sommerzeit, zu gestatten. Er
fand den alten Comthur mit Hedwig und zweien ihrer jüngeren Schwestern zum
Besuch dort, und wurde mit Jubel von der kleinen Gesellschaft empfangen.

Und wie lieb und gut war Hedwig gegen ihn -- wie lernte er hier in
diesen wenigen Tagen ihr stilles Wirken kennen und schätzen. -- Und wie
talentvoll war sie dabei -- was für reizende Skizzen hatte sie in der
kurzen Zeit gemalt, und welche zum Herzen sprechenden Melodieen entlockte
sie den Tasten, wie seelenvoll klang ihre Stimme, wenn sie dazu sang.
Eduard saß dann stumm und regungslos in einer Ecke des Zimmers, und
lauschte wie fernem Orgelklang den lieben Tönen -- so weich -- so weh
war ihm dabei ums Herz, und ankämpfen mußte er gegen sich, um die
aufsteigenden Thränen zu bezwingen.

Was es war, das ihn so bewegte? er mochte sich selber keine Rechenschaft
darüber geben -- er wußte es nicht, aber während es sein Herz mit
süßer Wehmuth füllte, überkam ihn eine Angst dabei -- eine Angst vor
sich selber, die ihm die kalten Tropfen auf die Stirn preßte. Er mußte
endlich aufstehen und das Zimmer verlassen, weil er sich zu verrathen
fürchtete, und Alexandrine nur, die ihn schweigend beobachtet hatte,
folgte ihm mit ihrem Blick.

_Liebte_ er Hedwig? -- Sie wünschte und hoffte es, denn erst dann durfte
sie fest darauf rechnen, den ruhelosen Geist für immer in ihre Nähe zu
bannen. -- Aber weshalb dann diese Unruhe, dieser augenscheinliche Schmerz
in seinen Zügen. Sie wußte, daß er nicht verzagt war -- nie im Leben!
Nagte ein anderer Gram an seinem Herzen?

Hedwig hatte den Kopf gewandt, als er das Zimmer verließ und ihm
nachgesehen. Und mitten im Gesang ging er fort. Sie endete ihr Lied und
sagte lachend:

»Deinen Bruder, Alexandrine, habe ich hinausgesungen.«

»Aber ich glaube,« sagte die Gräfin, »es kann nur schmeichelhaft für
Dich sein, denn er schien mir tief ergriffen.«

»Du brave Schwester Du,« lachte das junge Mädchen, »wie wacker Du seine
Parthie nimmst -- aber ich werde nachher ein Kreuzverhör anstellen und
sehen, ob er die nämlichen Entlastungsgründe -- wie Großpapa sagt --
vorbringen wird, die seine Vertheidigerin aufgestellt hat.«

Alexandrine bat sie jetzt, ein munteres Lied zu singen, und das junge
Mädchen willfahrte gern, neigte ihr ganzes Wesen doch auch viel mehr dem
Heiteren, als Ernsten und Schwermüthigen zu. Sie sang einige reizende
österreichische Lieder, deren Dialekt sie vollständig mächtig war,
und lächelte dabei still vor sich hin, als sich die Thür wieder leise
öffnete und Eduard zu seinem verlassenen Sitz zurückglitt. Er hatte sich
unbemerkt geglaubt und dabei nicht beachtet, daß ein großer, unfern
von dem Instrument stehender Spiegel, jede seiner Bewegungen der nur zu
aufmerksamen Sängerin verrieth.

Als sie endlich schloß und von ihrem Sitz aufstand, kam auch Eduard mit
den übrigen herbei, um ihr seinen Dank auszusprechen.

»Nun, Herr von Benner,« sagte sie und bemühte sich vergebens dabei
ernsthaft zu bleiben, -- »was hat Ihnen nun besser gefallen, mein
schwermüthiges elegisches Lied vorher oder die heiteren Melodieen jetzt?«

»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Eduard, dem nicht entgehen konnte,
daß Muthwillen hinter der Frage lauerte -- »glauben Sie mir auf mein
Wort, daß ich noch nicht lange genug wieder im Vaterlande bin, um mich
einem solchen Genuß unbefangen hinzugeben. Alte wehmüthige Erinnerungen
tauchen mit den lange -- o so ewig lange nicht gehörten lieben Klängen
zugleich in meinem Herzen auf -- Reminiscenzen aus einer vergangenen --
verlorenen Zeit und ich weiß dann selber nicht, ob ich aufjubeln -- ob ich
trauern soll.«

»Und siehst Du, Hedwig, daß ich Recht gehabt?« rief Alexandrine, indem
sie mit Herzlichkeit des Bruders Hand ergriff.

»Und haben Sie sich das erst draußen überlegt?« lächelte aber diese,
nicht gewillt ihn so leicht durchschlüpfen zu lassen.

»Zürnen Sie mir nicht, mein gnädiges Fräulein,« bat da der junge Mann,
»wollte ich Ihnen die Ursache meiner Bewegung sagen, Sie würden mich
vielleicht nicht einmal verstehen.«

»Sie können auch grob werden,« neckte das junge Mädchen.

»Danken Sie Gott, _daß_ Sie es nicht verstehen können,« lautete aber
die ernste Antwort. »Das Verständniß ist mit schwerem Leid erkauft und
theuer -- entsetzlich theuer, denn wir zahlen es gewöhnlich mit den besten
Jahren unseres Lebens.«

Hedwig erschrak ordentlich vor dem düstern Ausdruck in seinen Zügen und
lenkte freundlich ein.

»Aber Herr von Benner, ich habe Sie ja nicht böse machen wollen; zürnen
Sie nicht meinem tollen Muthwillen, der Sie vielleicht verletzte, wo -- er
nur ein wenig necken sollte --«

»Mein liebes gnädiges Fräulein,« erwiederte Benner, »glauben Sie um
Gottes Willen nicht, daß Jemand Ihnen zürnen könnte --«

»Also auch zu _schmeicheln_ verstehen Sie? -- Sie sind vielseitig.«

»Nein,« sagte Eduard treuherzig, »das habe ich glücklicherweise,
mit mancher anderen unnützen Eigenschaft, da draußen in der Welt
abgeschliffen -- ich kann nicht heucheln und wie ich mich gebe bin ich.«

»Wollte Gott, alle Menschen könnten das von sich sagen,« seufzte Hedwig
-- »es wäre besser auf der Welt.«

Alexandrine hatte ihren Bruder, während er sprach, still und schweigend
beobachtet, jetzt da die Unterhaltung eine zu ernste Wendung zu nehmen
schien, trat sie an's Instrument und fiel rasch in eine muntere Weise
ein, die bald alle trüben und schwermüthigen Gedanken zerstreuen mußte.
Hedwig jubelte auch gleich wieder auf, und in wenigen Minuten hatte sie den
bösen Geist beschworen, der die Fröhlichkeit des kleinen Kreises stören
wollte. -- Aber im eigenen Herzen war es der Schwester trotzdem nicht so
leicht zu Muthe, denn Eduards ganzes Benehmen verrieth, daß ihm irgend
etwas -- was es auch sei, die Seele drücke -- und weshalb gestand er
ihr das nicht? War es wirklich erwachende Liebe für das junge, reizende
Mädchen -- aber weshalb da dieser kummervolle, schmerzliche Zug um
den Mund? War das eine Quelle der Sorge und hätte es nicht eher das
Gegentheil, eine Quelle der Freude und des erwachenden Glückes sein
müssen?

Die jungen Damen blieben noch bis spät in die Nacht bei ihnen, und
Alexandrine beschloß ihren Bruder an diesem Abend scharf und heimlich zu
beobachten, ob sie etwas weiteres an ihm entdecken könne, wo nicht aber,
ihn morgen direct zu fragen, _was_ ihm fehle, denn fehlen mußte ihm etwas,
und ihm ihre Hülfe anzubieten. Sie war ja so glücklich ihn wieder zu
haben, und konnte ihn da nicht traurig sehen, wo gerade Alles zusammentraf,
um ihn mit dem früher verlorenen Leben wieder auszusöhnen.

Durch die heiteren Weisen angeregt, schien er auch wirklich seinen trüben
Gedanken entzogen zu sein, und als sich nach Tisch die kleine Gesellschaft
noch auf der Terrasse versammelte, wurde er sogar heiter und gesprächig.

Es war auch ein lauschiges Plätzchen zum Erzählen, diese Terrasse in der
Blüthenzeit des Jahres. Breit und geräumig, mit feinem Kies bestreut,
umzog sie eine niedere steinerne Balustrade, auf den Pfeilern mit
Vasen bestellt, in denen breitblättrige stachliche Aloepflanzen üppig
wucherten. In der Mitte derselben war ein Bassin von weißem Marmor
angebracht, aus dem ein kleiner Springbrunnen emporstieg, gerade hoch
genug, um durch sein leises melodisches Plätschern die Stille
zu unterbrechen, und doch das Gespräch nicht zu stören. Auf den
Marmortischen brannten Windlichter in hohen geschliffenen Gläsern und
warfen ihren matten Schein auf die umhergepflanzten Blüthenbüsche,
während von dem mit eisernen Stäben umzogenen Portal des Gartensalons
blühendes Jelängerjelieber niederhing, die Luft mit seinem Wohlgeruch
erfüllte und zahlreiche große, prächtig farbige Nachtfalter anzog, die
darum her und oft über die Lichter surrten.

Und weit da draußen lag der Park mit seinen duftenden Wiesen und
seinem breiten Wasserspiegel des Teichs, in den der Mond sein Licht
niederstrahlte, und auf dem noch silberblitzende Schwäne herüber und
hinüber zogen, während ein leiser Luftzug über die paradiesisch schöne
Gegend strich.

Unten im Park schlug eine Nachtigall und die kleine Gesellschaft war
aufgestanden und an die Terrasse getreten, um den lieben Tönen zu lauschen
-- jetzt schwieg sie, und lautlos schauten sie Alle in die stille herrliche
Nacht hinaus.

»Und ist es auch so schön bei Ihnen in Australien, Herr von Benner?«
sagte da Hedwig, die an seiner Seite stand -- mit leiser Stimme -- »haben
Sie auch dort solche Nächte, einen solchen Himmel, solche Scenerie?«

»Nein, mein Fräulein,« erwiederte Benner bewegt -- »für den Australier
vielleicht, aber nicht für uns, deren Seele noch am deutschen Boden
hängt. -- Es giebt doch nur _eine_ Heimath, und wo die ein solches
Paradies umschließt, wer kann es dem Menschenherzen da verdenken, wenn es
an ihr mit allen Fasern hängt.«

»So sehnen Sie sich nicht dorthin zurück?«

Eduard schwieg -- die Frage traf ihn tief ins Mark, denn Alles was den
Menschen an dies Leben bindet: Weib und Kind lag ihm dort, und hätte ihn
mit allen Banden der Seele zurückziehen müssen.

»Es ist eine merkwürdige Thatsache mit uns armen Sterblichen,« sagte er
endlich, »daß wir einen Platz, auf dem wir lange gelebt -- ob es uns dort
gut gegangen -- ob wir Leid oder Weh erfahren -- lieb gewinnen, und mit
Wehmuth von ihm scheiden. Ja den Gefangenen sogar soll ein solches Gefühl
ergreifen, wenn er aus seiner Zelle scheidet, aus der er sich lange,
lange Jahre mit blutendem Herzen herausgesehnt. Wird ihm aber die Freiheit
endlich, und _darf_ er den Schauplatz seines Jammers verlassen, so erfüllt
ihn ein Gefühl der Wehmuth, von den Mauern jetzt für immer Abschied zu
nehmen, die so oft seine Seufzer und Thränen gesehen.«

»So war Ihnen Australien ein Gefängniß?« sagte das junge Mädchen mit
tiefem Gefühl -- »o bitte, erzählen Sie uns einmal, wie Sie die letzte
Zeit dort gelebt, was Sie gethan und getrieben, wer mit Ihnen verkehrt und
was Sie ertragen. Für uns, die wir Sie jetzt kennen, ist das ja Alles,
selbst die größte Kleinigkeit von Interesse.«

»Auch uns hast Du eigentlich noch Nichts von Deinem dortigen Leben
erzählt,« bat jetzt auch Alexandrine -- »von den Menschen dort wohl, den
wilden und zahmen, von den Pflanzen und Thieren -- aber nie von Dir selber.
Du bist hier unter lauter Freunden, lege einmal eine offene Beichte ab.«

Alles drang jetzt in ihn, seine Schicksale zu erzählen -- aber so heiter
und unbefangen Eduard auch vorher wieder geplaudert hatte, jetzt zog er
sich scheu in sich selbst zurück. Er gab ausweichende Antworten -- er sei
dazu nicht in der rechten Stimmung -- es wäre auch zu einförmig, um die
Gesellschaft zu unterhalten -- kurz er wich aus, und da man fühlte,
daß er es nicht gern that, hatte man Takt genug, nicht weiter in ihn zu
dringen.

Das Gespräch drehte sich jetzt um alltägliche Gegenstände, und erst
gegen elf Uhr fuhr der Wagen des alten Herrn vor, der die Familie zurück
auf ihr Schloß brachte.




Siebentes Capitel.

Das Geständniß.


Eduard von Benner hatte eine schlaflose Nacht; er fühlte, daß er so nicht
länger fortleben, daß er nicht länger das Geheimniß seiner Ehe gegen
seine Schwester, gegen seinen Schwager wahren könne und dürfe. Ihnen
wenigstens mußte er gestehen, was ihm auf der Seele lastete, was ihm
die Heimath, das Glück, das ihn hier umgab, zu einem täglichen Vorwurf
machte, und ihn zuletzt doch noch zwingen würde, nach jenem entsetzlichen
Land zurückzukehren. Oder hätte er wagen dürfen seine _Frau_, seine
Schwiegereltern, die Schuhmachersleute in _diese_ Kreise einzuführen? --
Es war nicht möglich, das sah er vollkommen ein, und was anders blieb ihm
übrig als sein verfehltes Leben nun auch durchzuführen, wie er es selber
sich gestaltet hatte -- was _konnte_ er thun, um diesem Zwitterdasein
entzogen, von ihm befreit zu werden?

Oh, wohl fielen ihm jetzt die Warnungen seines früheren Freundes Krowsky
ein, der ihn so oft und dringend abgemahnt, den Schritt zu thun -- wohl
bereute er jetzt bitter, ihm damals nicht gefolgt zu sein und hartköpfig
auf seiner tollköpfigen Idee beharrt zu haben -- es war zu spät -- der
Würfel gefallen und er mußte das Unvermeidliche jetzt tragen und -- elend
sein.

Elend? er wagte nicht dem Gedanken zu folgen, wenn er an sein liebes,
braves Weib da draußen dachte -- wie treu sie an ihm hing, wie ihre
ganze reine, unschuldige Seele nur _ihm_ gehörte, nur für ihn sorgte und
mühte, und _er_? worüber grübelte -- worüber sann _er_? Er barg das
Antlitz in den Händen, so erfaßte ihn ein Gefühl von Scham und Reue und
dennoch -- dennoch fehlte ihm die Kraft sich aufzuraffen, und das zu thun,
was ihm sein Gefühl für Recht gebot -- was er thun _mußte_, wenn er sich
nicht selbst verachten sollte.

Ermüdet vom vielen Denken schlief er endlich ein, aber der nächste
Morgen brachte ihm keine Linderung, ja vermehrte nur das Qualvolle seines
Zustandes, weil es ihn der Entscheidung näher brachte. Er fühlte aber
auch -- heute Morgen mit kaltem Blute sowohl, wie gestern Abend in der
Aufregung, in welche ihn Hedwigs Gegenwart versetzt, -- daß er mit seiner
Schwester offen sprechen müsse. In welchem Licht wäre er ihr sonst
später erschienen, wenn sie -- was auf die Länge der Zeit unvermeidlich
blieb -- das Verhältniß doch erfuhr, in dem er stand.

Es wurde ihm entsetzlich schwer zu dem Entschluß zu gelangen, aber er sah
auch keine Möglichkeit, ihm länger auszuweichen, und mit dem fast ebenso
unbehaglichen Gefühl des Zwangs, zog er sich endlich an und ging zum
Frühstückstisch hinüber.

Sein Schwager und seine Schwester erwarteten ihn schon; die Kinder
frühstückten immer mit ihrer Bonne zeitiger im Garten -- und Alexandrine
sah dem Bruder auf den ersten Blick an, daß ihn etwas bedrücke oder daß
er sich vielleicht leidend fühle. Seine Züge hatten einen überwachten
Ausdruck -- die Augen lagen ihm tief in den Höhlen, auch seine Wangen
waren auffallend bleich. Bei dem Frühstück blieb er ziemlich einsilbig;
auf die Frage, ob ihm etwas fehle, gab er eine ausweichende Antwort --
etwas Kopfschmerzen, Nichts weiter. Die Schwester ließ es dabei bewenden.
Graf Galaz erzählte ihm von einem Paar prächtigen Pferden, die ihm heute
Morgen zugeschickt worden und die sie nachher probiren wollten. Eduard
hatte den Wunsch geäußert, ein Gespann zu kaufen -- er ging ziemlich
theilnahmlos darauf ein.

Die Diener kamen herein, und trugen das Frühstücksgeschirr hinaus. Die
Drei waren allein.

»Nun, hast Du jetzt Lust, Eduard,« sagte der Graf, »so will ich
anspannen lassen. Der Himmel ist heute umzogen und ein prächtiger Tag zum
Fahren.«

»Eduard,« sagte da Alexandrine herzlich und ergriff seinen Arm -- »Dir
liegt etwas auf der Seele -- was es auch sei -- Wende Dich nicht ab, und
denke daß Du keine treueren Freunde auf der Welt hast, als uns -- Schütte
Dein Herz aus; sag uns, was Dich drückt, und sei versichert, daß Du von
uns die innigste, aufrichtigste Theilnahme, und wenn nöthig auch Hülfe
und Beistand zu gewärtigen hast.«

»Es ist wahr, Eduard,« bestätigte auch der Graf, »etwas muß in Dir
nicht richtig sein. Entweder liegt Dir irgend eine Krankheit in den Knochen
-- Du hast Dich vielleicht noch nicht wieder genug acclimatisirt, und
dafür habe ich es bis jetzt gehalten, oder -- Alexandrine hat Recht und
irgend eine Sorge, ein Kummer nagt Dir am Herzen. Ich brauche Dir nicht
zu sagen, wie gern ich Dir helfen möchte -- wenn Du überhaupt Hülfe
brauchst. Aber drückt Dir wirklich etwas die Seele, dann auch herunter
damit, daß Du uns wieder ein freundliches, unbekümmertes Gesicht zeigst.
Es thut mir weh, Dich so zu sehen.«

Benner saß, den Arm auf den Tisch gestützt, mit niedergeschlagenen
Augen da. Er hatte ja zu ihnen reden, ihnen Alles gestehen wollen was ihn
quälte, jetzt aber, da der Augenblick nahte, fehlte ihm wieder der Muth,
denn er wußte ja nur zu gut wie _der_ Theil der Gesellschaft, zu welchem
die Seinigen gehörten, in dem sie lebten und wirkten, seine Stellung
beurtheilen würde. Aber er konnte auch nicht mehr zurück -- schon durch
sein halbverlegenes Schweigen hatte er eingestanden, daß wirklich nicht
Alles mit ihm sei wie es solle, _daß_ ihn irgend etwas peinige --;
Schweigen hieß jetzt den ihm liebsten Menschen das Vertrauen weigern, und
sich plötzlich gewaltsam emporraffend, sagte er scheu:

»Ja, Alexandrine -- ja, Rudolph, Ihr habt Recht -- ich hatte in der
That bis jetzt vor Euch ein Geheimniß -- und daß ich es hielt mag Euch
beweisen, wie ich selber das Drückende meiner Lage fühle. Aber es soll
nicht länger so zwischen uns sein, und dann rathet mir was ich thun -- wie
ich handeln soll.«

»Mein guter Eduard!«

»Hört mich. -- In Australien, abgeschnitten von Allem an dem bis jetzt
mein Herz hing, freundlos, freudlos, allein und verlassen und auf meiner
Hände Arbeit angewiesen, mit meinem Vater entzweit, also auch jede
Rückkehr nach Europa verlegt und unmöglich gemacht, trieben mich Trotz
und Verzweiflung zu einem Schritt, der mich für immer an Australien
fesseln sollte -- ich heirathete.«

»Du bist vermählt?« rief Alexandrine erstaunt, fast erschreckt aus.

»_Vermählt_ -- ja,« sagte Eduard bitter und leise vor sich hin, »mit
der Tochter eines Schuhmachers, die, als ich sie kennen lernte, bei einem
deutschen Apotheker -- in Diensten stand --«

Alexandrine erwiederte kein Wort -- sie war todtenbleich geworden, und ihre
Gestalt zitterte -- sie mußte sich auf den Stuhl niedersetzen, neben dem
sie stand.

»Jetzt wißt Ihr Alles,« fuhr er dann leise fort -- »mein Weib ist
gegenwärtig mit unserem Kind bei ihren Eltern in Tanunda und erwartet
mit Sehnsucht meine Rückkehr nach Australien. -- Meine dort übernommene
Pflicht zwingt mich, dahin zurückzukehren, denn -- ich darf _Euch_ hier
keine Schande machen.«

»Oh Eduard, Eduard, hast Du denn gar nicht mehr an uns gedacht?«
klagte da seine Schwester; »mußtest Du Dich denn mit Gewalt von Allem
losreißen, was Dir noch lieb und theuer war auf der Welt -- hatten wir das
um Dich verdient?«

»Es ist zu spät darüber jetzt zu klagen,« sagte ihr Bruder finster --
»was ich mir aufgebürdet, muß ich tragen, und wie es mein Herz auch
hier nach Deutschland ziehen und hier halten mag, mein selbstgeschaffenes
Schicksal zwingt mich in jenen fernen Welttheil zurück.«

Graf Galaz hatte in der ganzen Zeit kein Wort gesprochen. Er stand mit der
Schulter an den Pfeiler der Gartenthür gelehnt, die Arme untergeschlagen,
die Augen, so lange Eduard sprach, fest und forschend auf diesen geheftet.
Jetzt schaute er still und überlegend vor sich nieder.

»Und ist das Dein fester Wille?« sagte er endlich leise.

»Was Anderes soll ich -- _kann_ ich thun?«

»Laß uns Zeit zum Ueberlegen Eduard,« erwiederte da der Graf ruhig,
»denn die Sache ist in der That zu wichtig, um über's Knie gebrochen
zu werden. -- Ich will es mir indessen überdenken -- ich will mit Deiner
Schwester darüber reden, ich -- muß mir selber erst klar darüber werden,
denn ich kann Dir gestehen, Du hast uns überrascht -- ich war auf etwas
Derartiges nicht vorbereitet.«

Eduard wollte etwas erwiedern, aber er vermochte es nicht. Er ging auf Graf
Galaz zu und drückte ihm die Hand, küßte seine Schwester und verließ
dann rasch das Zimmer. Draußen befahl er sein Pferd zu satteln, und ritt
gleich darauf hinaus in den Wald.

Auch Galaz blieb nicht daheim -- er ließ sich die neu gebrachten Pferde
einschirren, und ging indessen, während Alexandrine auf dem Sopha saß und
still weinte, mit raschen Schritten im Saale auf und ab -- aber keins von
ihnen sprach ein Wort. Erst als der Diener meldete es sei vorgefahren, und
dann wieder die Thür schloß, trat er zu seiner Gattin und sagte herzlich:

»Sorge Dich nicht, Alexandrine; es kann noch Alles gut werden -- lasse
mir nur Zeit zum überlegen -- Dein Bruder ist in treuen Händen, sei
versichert.«

»Mein guter Rudolph, oh, der arme, arme Eduard!«

»Banne die trüben Gedanken, Schatz, ich bin bis um 12 Uhr wieder
zurück; bis dahin wird auch Eduard vielleicht da sein, und wir halten dann
Familienrath.«

»Und was denkst Du, daß er möglicher Weise thun kann?«

»Noch weiß ich Nichts, Kind -- gar Nichts. Der Kopf wirbelt mir nur von
dem Gehörten; das muß erst klar werden und sich sichten; alles Andere
findet sich ja dann leicht. Leb wohl indessen, und laß mich wieder ein
freundliches Gesicht sehen, wenn ich zurück komme.«

Ein freundliches Gesicht -- Du großer Gott, der armen Frau war das Herz
recht voll und schwer, als sie ihr Gatte verlassen hatte, denn wohl sorgte
sie sich um den Bruder, den sie so -- wenigstens für sie in Deutschland
-- verloren glaubte. -- Und was _konnte_ ihr Gatte dabei thun? -- Das Band
lösen, das ihn dort fesselte? -- Scheidung? -- aber was hatte das arme
Weib verbrochen, die vielleicht mit aller Liebe an ihm hing. -- Der Kopf
schmerzte sie vom vielen Sinnen, und sie mußte sich gewaltsam aufraffen.
Sie wollte sich beschäftigen -- sie wollte lesen -- es ging Alles nicht
-- an was _konnte_ sie anders denken, als an das, was jetzt ihr ganzes Herz
erfüllte. Erst in der Musik fand sie zuletzt eine Erleichterung, um
die langen, langen Stunden hinzuweilen, die noch zwischen jetzt und der
Entscheidung lagen.

Um ein Uhr kehrte Graf Galaz zurück, gleich nach ihm, fast mit ihm
zugleich, Eduard. Er sah bleich und angegriffen aus und drückte, als er
in's Zimmer trat, seiner Schwester bewegt die Hand.

»Eduard,« sagte da der Graf, »es bedarf keiner weiteren Vorrede, denn
daß uns Beide Dein künftiges Schicksal, seit dem Augenblick wo Du uns
Dein Geheimniß entdecktest, ausschließlich beschäftigt hat, versteht
sich von selbst. Es bleiben Dir aber nur zwei Wege, das seh' ich ein,
und wenn es Dir irgend möglich wäre, würde ich Dir rathen, den einen
einzuschlagen, denn natürlich möchten wir Dich doch gern in unserer Nähe
behalten.«

»Und der ist?« fragte Eduard leise und scheu.

»Scheidung,« erwiederte ruhig der Graf, »und zwar nicht allein Scheidung
Deiner selbst, sondern auch Deiner Frau wegen.«

»Meiner Frau?«

»Allerdings. Du _kannst_ nicht daran denken nach Australien zurück zu
gehen. Wie ich Dich jetzt hier kenne, nach Allem was ich von Dir gesehen,
würdest Du Dich dort namenlos elend fühlen. Auch die Verbindung selber
läge Dir jetzt wie eine Last auf, und hinderte Dich an all Deinen
Bewegungen. Früher ja, in Deinem tollköpfigen Sinn, mit dem Vaterland
vollständig zu brechen, hast Du das nicht so gefühlt -- ja im Gegentheil
erweckte vielleicht gerade die Gründung eines eigenen Heerdes, mit einer
Frau, die Deine Arbeit theilen mußte -- Dein Selbstgefühl, und Du fandest
darin einen Ersatz für das Aufgegebene. Jetzt ist das anders. Kehrtest Du
jetzt in jene Verhältnisse zurück, so würdest Du Dich elend fühlen und
damit Dein armes Weib auch elend machen -- und wolltest Du sie herüber
kommen lassen -- sage Dir selbst, ob Du mit _der_ Verwandtschaft hier bei
all unseren Freunden einen Verkehr halten könntest. Jetzt empfängt Dich
Alles mit offenen Armen, aber dann -- der Stand, die geringe Bildung Deiner
Frau würde sich augenblicklich verrathen, und hat sie nur ein klein wenig
Gefühl, so müßte sie sich selber unglücklich fühlen, wenn sie sieht,
daß sie Dich durch das Zusammenleben mit Dir unglücklich macht.«

»Und der andere Weg?« frug Eduard mit einem tiefen Seufzer.

»Der andere,« sagte der Graf, »ist der, daß Du Deine Frau herüber
kommen läßt und mit ihr auf Dein Gut in Schlesien ziehst, um dort,
abgeschlossen von der Welt, zu leben. -- Dann freilich bist Du für uns
verloren, und, einen gelegentlich kurzen Besuch abgerechnet, würden wir
wenig von einander zu sehen bekommen. Aber selbst dort bleibst Du dem
ausgesetzt, daß sich die benachbarten Gutsherren von Dir zurückziehen --
die Männer weniger als die Frauen, denn jeder Stand, mein Freund -- wir
ändern nun einmal die Welt nicht -- hat seinen Stolz, und hält auf seine
Rechte.«

»Und sind solche Vorurtheile nicht thöricht? -- schlecht?« rief Eduard
bewegt aus.

»Sie haben ihre Berechtigung,« erwiederte ruhig der Graf. »Ich selbst
halte die Menschenrechte des gemeinen Arbeiters so hoch, als meine eigenen,
aber -- ich verkehre trotzdem nicht gesellschaftlich mit ihm, weil sein
Bildungsgrad dem meinen nicht behagt, weil seine Angewohnheiten und Sitten
mir nicht in _meinem_ gewöhnten Leben zusagen -- nicht etwa aus dem Grund,
weil ich ihn geringer achtete. Erstlich kann ich mich nicht mit ihm über
_das_ unterhalten, was _mich_ interessirt, dann raucht er einen sehr
schlechten Tabak und spukt in die Stube -- lauter Dinge, die mir fatal
sind und mir Ekel verursachen. Er gebraucht auch kein =Eau de Cologne=
-- obgleich er es manchmal nöthig hätte; kurz, ich fühle mich nicht in
seiner Gesellschaft behaglich und ihm geht es mit mir genau so. Glaube auch
um Gottes Willen nicht, daß _unser_ Stand allein dieses Vorurtheil hat;
bis zu den untersten Schichten der menschlichen Gesellschaft triffst Du
das nämliche -- »Gleich und gleich gesellt sich gern« ist ein altes
vortreffliches Sprichwort und wir müssen dafür büßen, wenn wir es
vernachlässigen. Folgst Du also meinem Rath, so setzt Du Dich in Güte mit
der Familie auseinander. Du hast die Mittel, sie vollständig und reichlich
zu entschädigen, ja ihnen für Sorgen und Noth, die sie vielleicht bis
jetzt gehabt, einen Wohlstand zu schaffen. Das bist Du ihnen auch schuldig
und wirst nicht knausern.«

»Und sein Kind?« rief da Alexandrine, die bis jetzt mit ängstlich
erregten Zügen den Worten des Gatten gelauscht hatte -- »oh, wie hart,
wie grausam Ihr Männer seid! Und das arme Wesen, das ihm ihre Liebe
gegeben, ihm ihr ganzes Leben geweiht hat, gilt Euch nichts weiter, als
daß man ihr Schmerz und Sehnsucht mit _Geld_ -- mit einem »Wohlstand«
abkaufen könne?«

»Und weißt Du einen anderen Ausweg, Alexandrine?«

»Wäre es denn nicht möglich die Frau zu uns herauf zu ziehen?« rief
bittend die Gräfin, »sollte Eduard so tief gegriffen haben, seine Gattin
aus dem rohsten, unformbarsten Material zu wählen?«

Eduard schwieg und sah seufzend vor sich nieder.

»Also wirklich,« stöhnte die Schwester, »aber so beschreib' uns Deine
Frau,« rief sie plötzlich, von einer neuen Hoffnung belebt -- »Du hast
uns noch kein Wort über sie gesagt -- beschreib' sie, wie sie ist -- wie
Du sie lieben lerntest -- wie sie Dein Herz gewann. Sie mag von niederem
Stande sein,« fuhr sie lebendig fort, »und doch hat man Beispiele, daß
sich gerade Frauen in selbst ungewohnte Verhältnisse leicht und ungeahnt
rasch hinein fanden. -- Sie hat doch ein hübsches, freundliches Gesicht?«

»Lieb und gut,« sagte Eduard bewegt, »ihre Züge sind nicht grob oder
bäuerisch, eher fein, ja fast edel -- ihre Hände, trotz der harten
Arbeit, die sie gethan, weiß und zart. Sie hat blondes Haar und treue
blaue Augen und ist schlank und hoch von Wuchs.«

»Wo stammt sie her?«

»Ihr Geburtsort ist Landau. Aber täusche Dich nicht, Alexandrine,«
setzte er hinzu, »aus einem _Kinde_ läßt sich ein ander Wesen formen,
nicht aus einer erwachsenen Frau. Sie kennt Nichts von der Welt, als daß
sie zur Arbeit von Jugend auf bestimmt war; sie hat Schreiben und Lesen
gelernt, und ein klein wenig Rechnen: dies, mit ihrem Katechismus, bildete
ihre einzige Erziehung. Sie singt wie eine Lerche, aber lachte laut auf,
als ich ihr die ersten Noten zeigte und ihr erklären wollte, daß das
Töne wären. -- Auch in anderer Weise hab' ich es versucht -- es that mir
im Herzen weh, sie so in Unwissenheit hinleben zu sehen; ich verschaffte
mir Bücher und wollte sie zum Lesen bringen -- aber umsonst. Ja, kleine
fade Geschichten und Schnurren las sie wohl einmal und lachte herzlich
darüber, aber sie bekam es rasch wieder satt, warf das Buch fort, sagte
das sei Faullenzen, und sprang singend an ihre Arbeit.«

Alexandrine hatte ihm schweigend zugehört, und während er sprach, haftete
ihr Auge ernst und wehmüthig an seinen Zügen.

»Und nun?« sagte sie, während sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust
entrang -- »was hast Du selbst beschlossen, denn Dir vor Allen gebührt
die Entscheidung für Deinen künftigen Lebensweg.«

»Ich weiß es selber nicht,« stöhnte Eduard -- »ich fühle, daß
Rudolph Recht hat, und doch zieht mich mein Herz dorthin zurück, wo ich
nie wieder glücklich werden kann. Wollte Gott, ich wäre todt.«

»Das ist der Ausruf feiger Verzweiflung,« sagte der Graf kalt, »schäme
Dich, Eduard, in Deine Seele hinein. Erst im Unglück beweist sich der
Mannesmuth, im Sturm der tüchtige Seemann, und wer da zaghaft das Ruder
aus den Händen läßt, verdient nichts Besseres, als daß er eben zu
Grunde geht.«

»Aber was soll ich thun?«

»Sei ein Mann.«

»Und mein Kind?«

»Vom achten Jahre an gehört es dem Vater. Sie wird es Dir auch nicht
vorenthalten, wenn ihr des Kindes Wohl am Herzen liegt. Ist es Knabe oder
Mädchen?«

»Ein lieber, herziger Knabe, der der Mutter sprechend ähnlich sieht.«

»Und von dem soll sie sich trennen?« sagte Alexandrine bewegt.

»Noch lange nicht, mein Herz,« erwiederte ihr Gatte -- »noch viele
Jahre soll sie es bei sich behalten, bis sie selber anfängt, sich um seine
Erziehung zu sorgen. Dann erst übernimmt der Vater dieselbe, und enthebt
sie dadurch einer Last und Verantwortlichkeit.«

»Einer _Last_,« wiederholte die Frau wehmüthig -- »oh wie wenig
versteht Ihr Männer doch das Herz einer Mutter. -- Einer Last -- als ob
uns ein Kind eine Last sein könnte. Aber Eines bedenke wohl, Eduard --
_was_ Du auch thust, handle nie, daß es Dir zu einem Vorwurf für Dein
späteres Leben wird.«

»Aber Alexandrine,« rief ihr Gatte.

»Gott ist mein Zeuge,« sagte die Gräfin bewegt, »wie glücklich es
mich machen würde, Eduard bei uns zu behalten, aber -- ich möchte dieses
Glück nicht mit der Ruhe seines Gewissens erkauft haben.«

»Und soll er sein Weib unglücklich machen,« rief ihr Gatte, »indem er
sie in Kreise und Verhältnisse führt, in denen sie sich elend fühlen
_muß_? Willst Du die Verantwortung tragen, wenn sie ihn selber anklagt,
sie aus ihrer Sphäre gerissen zu haben? --«

»Oh mein Gott!« stöhnte die Frau.

»Ueberlaßt mir das Ganze,« sagte der Graf freundlich, »ein Dritter ist
da immer weit besser im Stande ruhig und kaltblütig zu handeln, als die
dabei Betheiligten. Was ist ihr Vater für ein Mann, Eduard?«

»Ein ehrlicher braver Handwerker,« erwiderte Benner, »bieder und derb,
aber auch natürlich roh und rücksichtslos, doch mit viel praktischem
Verstand, soweit es eben sein Geschäft und auch den Ackerbau betrifft. Er
hat in seiner Jugend hart gearbeitet, um etwas vor sich zu bringen, und
da er das erreicht, scheint sich sein Fleiß, anstatt das Gewonnene zu
genießen, verdoppelt zu haben.«

»Er liebt das Geld?«

»Mein Himmel, es ist für alle diese Leute das höchste Ziel -- nicht etwa
des Geldes selber wegen, sondern weil sie Alles damit erreichen können.
Der alte Peters ist nicht schlimmer und nicht besser, als die Uebrigen,
aber so herzlich ich Dir für Deine treue Liebe danke, Rudolph, in dieser
Sache mußt Du mir selber das Handeln überlassen.«

»Du willst selber schreiben?«

»Lass' mir Zeit -- es darf nicht übereilt werden -- ich kann mein Weib
nicht so bitter kränken, mich nicht so rasch, so plötzlich von ihr
trennen.«

»Und was willst Du sonst thun?«

»Ihr schreiben, daß ich noch nicht hier abkommen könne, daß vielleicht
noch längere Zeit vergehen würde, ehe ich im Stande wäre, zu ihr
zurückzukehren, ja daß es vielleicht die Umstände nöthig machten, noch
Jahr und Tag hier auszuharren.«

»Das bleibt eine Galgenfrist, denn die Zeit verfliegt.«

»Lass' sie sich erst an die Trennung gewöhnen,« bat Eduard -- »laß
mich selber erst klar mit mir werden. Daß es ihnen indessen da drüben an
nichts fehlt, soll meine Sorge sein.«

»Du bist noch unentschlossen?«

»Ja -- Du weißt nicht, mit welcher Liebe Henriette an mir hängt. Was
geschehen _muß_, mag die Zeit bringen, aber ich bin nicht im Stand ein
Band freiwillig und so rasch zu lösen, das ich selber geknüpft und in dem
ich mich einst glücklich fühlte.«

»Und hast Du wirklich noch eine Idee, wieder nach Australien
zurückzukehren?« fragte Graf Galaz erstaunt.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte unentschlossen der junge Mann -- »jetzt
nicht -- nicht in nächster Zeit -- ich bleibe bei Euch -- ich könnte
jetzt nicht einmal fort, wo mir so viel zu ordnen, einzurichten bleibt.
Lass' mir Zeit, Rudolph, ich bitte Dich dringend darum.«

»Ich dränge Dich nicht,« sagte der Graf ruhig -- »besser für alle
Theile wäre es freilich, so rasch als möglich zu einem Verständniß
zu kommen, denn Nichts ist peinlicher, als eine solche Ungewißheit, ein
solches Schwanken. Aber ich bin auch damit einverstanden, daß Du Dich noch
erst ein wenig mehr in unsere Verhältnisse einlebst. Was dann geschehen
_muß_, geschieht doch. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß wir
der _Welt_ gegenüber Nichts von der Sache erwähnen; wir wollen nicht
muthwillig ihre Vorurtheile herausfordern.«




Achtes Capitel.

Der Besuch.


Eduard von Benner hatte sich dadurch sein Loos erleichtert, daß er
sich offen gegen seine Verwandten ausgesprochen; er brauchte jetzt kein
Geheimniß vor ihnen zu verbergen, aber in der Sache selber war freilich
noch immer Nichts damit geändert -- gebessert worden. Nur Zeit hatte er
gewonnen -- Zeit um zu grübeln und zu brüten und unentschlossen zwischen
dem zu schwanken, wohin ihn die Pflicht zog, und dem, wozu ihn die
Verhältnisse, seine ganze gesellschaftliche Stellung in der Welt trieben.

Er vergaß aber dabei nicht sein Weib und Kind, und hielt wenigstens
insofern Wort, daß er für ihr materielles Wohl sorgte. Er schickte Geld
hinüber und entschuldigte sein Zögern. Er erhielt auch Antwort, obgleich
er noch in keinem Brief seine Adresse hinübergesandt. Der gefällige
Becher vermittelte das stets durch seine »Consularverbindungen«. Der
Brief kam richtig an -- aber er konnte sich nicht darüber freuen. Wohl
gab er ihm Kunde, daß sich Frau und Kind gesund befanden und nach ihm
mit treuer Liebe sehnten, aber -- er war entsetzlich unorthographisch
geschrieben und auf grobem Schreibpapier, die Oblate mit einem =Six pence=
zugedrückt -- Er verbrannte den Brief, damit er nicht zufällig in andere
Hände fiele.

Arme Henriette, und so viele, viele Mühe hattest Du Dir gegeben, diese
Zeilen zusammen zu bringen, und so viele heiße Thränen dabei geweint, und
Dich doch so sorgfältig dabei gehütet, daß keine von allen auf das Blatt
fiel, um Deinem Eduard keinen Kummer zu bereiten.

Und die Zeit verging -- Schon waren 18 Monate verflossen, seit er deutschen
Boden wieder betreten hatte, und in seinem Verhältniß zu Australien keine
andere Veränderungen eingetreten, als daß seine Geldsendungen reichlicher
-- seine Briefe aber dahin spärlicher und kürzer wurden.

In dieser Zeit, während er sich den geselligen Freuden der Nachbarschaft
mit Leib und Seele hingab, ward ein Unterschleif entdeckt, den sein
Verwalter auf dem schlesischen Gut gemacht hatte, und es war nöthig
geworden, die Sache dort selber an Ort und Stelle zu untersuchen und in
Ordnung zu bringen. Da zu dem Gut nicht unbedeutende Jagd gehörte, so
entschloß sich Graf Galaz ihn zu begleiten, und ihre Abwesenheit wurde auf
vier bis sechs Wochen festgestellt.

Gräfin Alexandrine blieb in dieser Zeit allein auf Schloß Galaz zurück
und es war am zweiten Tag, nachdem sie ihr Gatte und Bruder verlassen
hatten, als der Haushofmeister in ihr Zimmer trat und meldete, es sei ein
Mann und eine Frau draußen, die den Herrn Baron von Benner zu sprechen
wünschten.

»Ein Mann und eine Frau?«

»Ja ein alter Mann, ein wunderlicher Kauz, und eine junge nette Frau --
Bauersleute jedenfalls --«

»Von Bennersberg vielleicht,« sagte die Gräfin -- »es wird irgend eine
Klagesache sein. Sie müssen jetzt warten bis mein Bruder zurückkehrt --
wollen sie ihm aber schreiben, so werd' ich den Brief befördern.«

»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann, »sie sind nicht
von Bennersberg; ich glaubte es anfangs auch und frug sie darnach; sie
sehen aber fremdländisch aus, und der Alte sagte immer statt ja auf
englisch =yes=.«

Die Gräfin erschrack. Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte sie, aber
wäre es möglich gewesen? Sie mußte sich abwenden, um ihre Bewegung zu
verbergen, trat an's Fenster und sah hinaus. Der alte Diener wartete ruhig
bis sie wieder mit ihm sprach.

»Ich will sie doch einmal selber sprechen, Cornelius,« sagte sie endlich
-- »wer weiß denn was sie wollen. Führt sie zu mir herein, und daß wir,
so lange sie bei mir sind -- nicht gestört werden.«

»Sehr wohl, Frau Gräfin.« Die Thür schloß sich wieder hinter ihm und
Alexandrine blieb in heftiger Aufregung zurück. Wenn Eduards Frau -- aber
war es denkbar, daß sie die weite Reise gewagt haben sollte -- wie kam sie
nur auf den Gedanken -- und doch wieder -- ein alter Bauer der englische
Wörter gebrauchte -- wenn nun der Vater -- Draußen wurden Stimmen laut
-- »Also Frau Gräfin wird sie genannt?« hörte sie Jemanden sagen,
dann öffnete sich geräuschlos die weite Thür und die Gemeldeten traten,
während der Haushofmeister ehrfurchtsvoll auf die Gräfin zeigte, und die
Thür dann wieder hinter ihnen schloß, in das hohe, durch schwerseidene
Gardinen halbverhangene Gemach.

Der alte Bauer war auch wohl draußen noch ziemlich unbefangen gewesen,
denn er »wollte Nichts _betteln_,« wie er zu dem Haushofmeister sagte,
und hätte mit dem Herrn von Benner »nur ein Wort zu reden«. Anders wurde
ihm aber doch zu Muthe, als er in das prachtvolle, halb dunkle Gemach auf
den weichen Teppich trat, auf dem er seine eigenen Schritte nicht mehr
hörte, und ihm jetzt unwillkürlich das Gefühl kam, er ginge absichtlich
so leise, um Niemanden zu stören. Und dann die hohe schöne Frau, die ihm
gegenüber stand, und deren großes klares Auge so forschend auf ihm und
seiner Begleiterin haftete. Draußen hatte er auch genau gewußt, was er
sagen wollte -- hier drinnen fiel's ihm nicht gleich wieder ein. Seine
Begleiterin schien aber noch viel mehr verlegen, als er selber, denn
ängstlich und verstört hielt sie sich hinter ihm, und seinen Rockschooß
mit der linken Hand fest, und da er selbst vollkommen still schwieg,
flüsterte sie ihm scheu zu:

»Sprecht _Ihr_, Vater -- ich bring kein Wort über die Zunge.«

»Wer seid Ihr, Freund, und was wollt Ihr von mir,« sagte da Alexandrine
mit ihrer weichen und doch so volltönenden Stimme. Das gab dem Alten sich
selber wieder -- es war doch ein menschlicher Laut, und mit einer Art von
Kratzfuß, der aber auf dem Teppich hängen blieb, erwiederte er:

»Mit Verlaub, Frau Gräfin, von Ihnen Nichts; nur den Herrn von Benner
wollten wir sprechen.«

»Meinen Bruder?«

»=Yes=« erwiederte der Mann, »der alte Herr da draußen --
wahrscheinlich Ihr Mann -- sagte uns schon, daß Sie die Frau Schwester
wären, er meinte aber, er wäre nicht zu Hause -- der Herr von Benner
nämlich, und da -- da wollten wir nur fragen, wann er wieder kommt, Frau
Gräfin.« --

»Und kann ich es nicht an ihn ausrichten,« sagte Alexandrine, die sich
Gewalt anthun mußte ruhig zu bleiben -- »er ist verreist, und es kann
vier bis sechs Wochen dauern, ehe er wieder kommt --«

»Alle Teu-- bitte um Entschuldigung,« sagte der Mann erschrocken, »es
fuhr mir nur so heraus -- das ist aber eine schöne Bescheerung. Nun sind
wir den weiten schmählichen Weg hergekommen --«

»Und woher, wenn ich fragen darf,« hauchte die Gräfin, aber so leise,
daß er die Worte kaum verstand.

»Woher? -- ih, man blos vom anderen Ende der Welt,« sagte der Bauer --
»von Australien.«

»Von Australien! -- und das -- das ist Euere Tochter?«

»Na, Sie wissen's ja wohl schon, Frau Gräfin,« sagte der Alte jetzt
treuherzig -- »wenn Sie die Schwester vom Eduard sind, so müssen wir ja
verschwägert sein -- s'ist seine Frau, die Jette, die's vor Jammer und
Sehnsucht nicht mehr da draußen aushalten konnte.«

Alexandrinens Blick haftete fest auf den schüchternen aber jetzt
todtenblassen Zügen der jungen, bildhübschen Frau.

»Und Du bist den weiten, weiten Weg gekommen, um ihn aufzusuchen?« sagte
sie endlich gerührt -- »Du armes, armes Kind!«

»Na nu?« rief der Alte erschreckt -- »es ist -- es ist ihm doch nicht
etwa was passirt?«

»Nein, beruhigt Euch -- er ist wohl und gesund,« sagte Alexandrine.

»Na und sonst?« frug der alte Schuhmacher mißtrauisch. »Die Jette hat's
nicht mehr daheim gelitten -- vor Spott und Neid konnt' sie es nicht mehr
aushalten, und wenn ich hier,« fuhr er sich in dem Zimmer umschauend fort,
»die vornehme Wirthschaft sehe, so, so kommts mir beinah auch so vor, als
ob die Nachbarn da draußen doch am Ende --«

Alexandrine hörte gar nicht was er sprach. Ihre Blicke hingen an der
lieben, herzigen Gestalt der jungen Frau, und auf sie zugehend und ihr die
Hand entgegenstreckend, sagte sie mit tiefem Gefühl:

»Und so lieb hast Du den bösen Menschen, daß Du das weite Meer nach ihm
durchschifftest?«

»Den _bösen_ Menschen?« rief Henriette erschreckt, aber doch auch
wieder von dem freundlichen Ausdruck in den Zügen der so stattlichen Dame
angezogen. »Glaubt es nicht, Frau Gräfin, er ist wirklich gut, und wer
weiß denn, was ihn abgehalten hat, daß er nicht heim zu seinem Weib und
Kind kommen konnte.«

»Und wo ist Dein Kind? -- lebt es?«

»Lebt es? großer Gott!« rief die Frau erschreckt, »wird's nicht leben,
der liebe kleine Bursch, der so gewachsen ist, daß ihn sein Vater kaum
mehr kennen mag.«

»Und wo ist er jetzt? hast Du ihn daheim gelassen?«

»Meinen kleinen Bursch?« sagte die Frau, indem sie lächelnd den
Kopf schüttelte -- »glaubt Ihr Frau Gräfin, daß ich von Australien
fortgegangen wär' und _den_ zurück gelassen hätt'? Im Leben nicht.«

»Aber wo hast Du ihn jetzt?«

»Im Wirthshaus drunten im Dorf ist er,« sagte die Frau, die bei der
Erinnerung an ihr Kind die bisherige Scheu vergaß -- »die Wirthin scheint
eine gar liebe, gute Frau, und die versprach mir, auf den kleinen Kerl Acht
zu geben, bis wir wieder vom Schloß herunter kämen.«

»=Yes=, Frau Gräfin, so ist's,« bestätigte aber auch der Vater --
»wußten's ja nicht, wie uns Ihr Bruder empfangen würde, da er von der
Jette doch wohl Nichts mehr wissen will, denn wie ich sehe, ist er jetzt
wieder ein vornehmer Herr geworden. Ich wollt' auch nicht her, aber das
Kind ließ eben keine Ruh. Tag und Nacht weinte sie und jammerte, und --
da that ich ihr endlich den Willen, und jetzt wird sie wohl wieder mit
gebrochenem Herzen zurückgehen können -- nach Australien.«

»Und glaubst Du das auch, Henriette?« sagte die Gräfin, die bis dahin
kein Auge von der Frau verwandt, so daß diese, durch das scharfe Anschauen
beschämt und furchtsam den Blick vor ihr zu Boden schlug.

»Gott weiß es,« seufzte aber die junge Frau recht aus tiefster Brust,
»seine Briefe sind freilich kürzer geworden mit jedem Mal -- gut und
lieb wie immer, aber so kurz. Er hatte mir nicht viel mehr zu schreiben und
schickte mir nur Geld -- viel Geld -- viel mehr als ich brauchte und haben
wollte. Da litt mich's nicht länger -- da quält' ich den Vater bis auf's
Blut, bis er mit mir ging, und jetzt --«

»Und jetzt, Henriette?«

»Jetzt will ich den Eduard fragen,« sagte die Frau leise, »ob er noch
was von mir und dem Kinde wissen will, oder -- ob er sich unser schämt,
wie mir's der Apotheker in Tanunda prophezeiht hat, daß es so kommen
würde und müsse, und nachher --«

»Und nachher, Henriette?«

»Dann geh ich mit dem Vater und dem Kind wieder heim,« sagte die junge
Frau leise »und -- Gott wird weiter helfen.«

»Ist das Dein Ernst, Henriette?«

»Ja Frau Gräfin.«

»Und weshalb nennst Du mich Frau Gräfin?«

»Sind Sie denn das nicht?«

»Aber wenn ein Mädchen einen Mann geheirathet hat,« sagte Alexandrine,
ihr ruhig in's Auge sehend, »und der Mann hat eine Schwester, so nennt
sie die Schwester doch wohl gewöhnlich nicht bei ihrem Titel, sondern bei
ihrem Vornamen -- und ich heiße eigentlich Alexandrine.«

»Ja -- aber Frau Gräfin,« sagte Henriette bestürzt, denn sie verstand
nicht, was die Dame damit meinte, »das -- das ist wohl so bei _unsern_
Leuten Gebrauch, aber --«

»Und bin ich nicht Eduards Schwester, Henriette?«

»Ja -- ja,« sagte die junge Frau bewegt und ein paar große helle
Thränen glänzten in ihren Augen -- »Sie sind schon Eduards Schwester,
aber ich -- ich -- ich weiß ja nicht, ob ich Eduards Frau mehr bin.«

Da hielt sich die Gräfin nicht länger.

»Henriette,« rief sie, »mein liebes, liebes Kind,« und die bestürzte
Frau umfassend und an sich pressend, drückte sie ihr heiße Küsse auf
Stirn, Mund und Augen.

»Ja, was wär denn das?« sagte der alte Schuhmacher, auf's Aeußerste
erstaunt -- »_Sie_ küssen das Mädel, und der eigene Mann --«

»Ueberlaßt das mir, Alter,« lächelte die Gräfin unter Thränen,
indem sie ihm die Hand hinüberreichte -- »wollt Ihr Euer Kind glücklich
sehen?«

»Das ist eine kuriose Frage für einen Vater,« sagte der alte
Schuhmacher, »aber -- nehmen Sie mir's nicht übel, Frau Gräfin, bis
jetzt sah ich noch Nichts, was darauf hinzeigt. Ist der Herr Eduard
wirklich verreist?«

»Seit vorgestern; er hatte keine Ahnung, daß Sie kommen könnten.«

»Das glaub' ich wohl,« lächelte der alte Mann, »denn geschrieben haben
wir Nichts davon; aber wie er das viele Geld schickte, meinte die Jette,
das könne man nicht besser anwenden, als zu einer Reise hierher. Ob sie
recht gehabt hat? -- wer kann's wissen. Wenn er aber wirklich noch was von
ihr wollte, hätte er ihr da nicht selber geschrieben, sie solle herüber
kommen, er hielt's nicht länger ohne sie aus? Gott bewahre; kein Wort
davon. Ja, geschickt hat er reichlich, fehlen sollt' es ihr an Nichts --
aber daß ihr dadurch gerade Alles fehlte, daran scheint er nicht gedacht
zu haben. Jetzt macht er nun auch noch so lange Reisen, und wie soll's da
werden? Ich kann nicht so lange von daheim wegbleiben und mich noch Monate
lang hier hersetzen -- das kost' auch ein schmähliches Geld.«

Alexandrine hielt die junge schüchterne Frau noch immer in ihrem Arm, und
ihr in das gute treue Auge sehend, sagte sie herzlich:

»Und wollt Ihr uns Euer Kind hier zurück -- wollt Ihr es _mir_
überlassen, wenn Ihr wieder von uns geht?«

»_Ihnen_, Frau Gräfin?« sagte der alte Mann erstaunt, »und nicht Ihrem
Mann? -- Aber ich sehe freilich schon wie es ist,« setzte er, langsam
mit dem Kopf nickend hinzu -- »_so_ vornehm habe ich mir den Eduard nicht
gedacht, ich hätte ihm auch sonst im Leben das Mädel nicht gegeben, und
in _solche_ Zimmer paßt sie nicht hinein -- würde sich auch nie wohl und
glücklich darin fühlen. Jetzt bleibt nur noch die Frage, ob der Eduard
wieder _mit uns_ hinauswollte auf's Dorf, aber wenn er dazu Lust hätte,
wär' er schon lang gekommen. Es gefällt ihm hier besser, und wie's da
werden soll, das weiß ich selber nicht.«

»Und glaubst auch Du nicht, Henriette,« sagte die Gräfin jetzt zu der
jungen Frau, »daß Du Dich wohl und glücklich in solchen Räumen fühlen
könntest?«

»Fremd ist's schon,« sagte die Frau schüchtern -- »und Alles viel zu
schön und reich -- Unsereins ist nicht daran gewöhnt. Ich fürcht', ich
paß nicht hinein, und der Eduard wird keine Freud' an mir erleben. -- O
wär er doch nie so reich geworden und arm geblieben wie er war, wie gern,
wie gern hätt' ich hart und schwer arbeiten wollen, mein ganzes Leben
lang.«

»Aber der Eduard,« sagte da die Gräfin, während sie das junge Weib zu
sich auf das Sopha niederzog, und immer noch ihre Hand in der ihren hielt,
»hat doch auch Anfangs nicht in Euer Leben gepaßt. Er war nur gewohnt so
zu leben, wie wir es hier thun, und hat sich doch später in die schwere
Arbeit hineingefunden, nicht wahr, Henriette?«

»Ei gewiß,« rief die Frau lebendig -- »wacker hat er geschafft, wie der
beste Knecht, von Morgens bis Nachts --«

»Und weshalb?«

»Weshalb? ei,« meinte die Frau erröthend -- »der Vater konnte uns auch
grad nicht so viel mitgeben, und da wir doch was vor uns bringen wollten,
mußten wir schon zugreifen.«

»Also Dir zu Lieb, Herz, hat er ein ganz ungewohntes Leben angegriffen und
wacker durchgeführt, nicht wahr?«

»Gern hat er mich schon gehabt,« sagte die junge Frau verschämt, »und
ich ihn auch,« setzte sie herzlich hinzu, »denn er war brav und gut, und
rechtschaffen fleißig.«

»Und würdest Du nun nicht --« fuhr Alexandrine fort, »auch aus Liebe
zu ihm, dasselbe für _ihn_ thun wollen, was er für _Dich_ gethan?«

»Ich versteh' Euch nicht,« sagte Henriette, die Redende groß ansehend,
»aber so viel weiß ich, daß es Nichts auf der Welt giebt, was ich nicht
aus Liebe zu ihm thun würde -- selbst wieder heimkehren,« setzte sie
leise und kaum hörbar hinzu -- »wenn das das Einzige ist, was er von mir
verlangt.«

»Ich glaube Dir's,« sagte die Gräfin gerührt, »aber so Schweres soll
Dir hoffentlich nicht vorbehalten bleiben -- doch weshalb setzt Ihr Euch
nicht, Freund,« wandte sie sich an den Alten -- »wir haben noch viel
mitsammen zu reden und bleiben noch länger bei einander.« Damit drückte
sie auf die neben ihr stehende Klingel und gleich nachher betrat der
Haushofmeister wieder das Zimmer.

»Ist keiner von den Dienern da?«

»Zu Befehl, Frau Gräfin,« sagte der alte Cornelius, »aber da Sie
ungestört sein wollten, blieb ich selber im Vorzimmer.«

»Ich danke Euch -- schickt mir aber jetzt einmal Einen von ihnen hinunter
in das Wirthshaus -- die Babette mag mitgehen und das Kind heraufbringen,
das unten bei der Wirthin gelassen ist -- den Knaben, und sorgt zugleich
dafür daß das Gepäck dieser Leute hier ins Schloß heraufkommt -- die
Rechnung unten soll gleich abgemacht werden.«

»Unser Gepäck hier in's Schloß?« sagte der alte Schuhmacher erstaunt --
»ja was wär denn das?«

Die Gräfin winkte dem Haushofmeister zu und dieser verschwand geräuschlos
durch die Thür. Der alte Schuhmacher kam aber aus seinem Erstaunen gar
nicht heraus, denn bis jetzt hatte er mit der größten Verwunderung
den ehrfurchtsvoll an der Thür stehenden alten Herrn betrachtet, den er
Anfangs sogar für den Herrn vom Hause gehalten, weil er gar so ehrwürdig
und vornehm aussah, und doch konnte das nur ein Diener sein, und dann
überraschte ihn der eben gegebene Befehl -- bei dem sie nicht einmal
gefragt wurden -- auf das Vollständigste.

»Es kann Nichts helfen,« lächelte Gräfin Alexandrine aber, sobald der
Haushofmeister die Thür wieder in's Schloß gedrückt hatte, »Ihr müßt
es Euch schon gefallen lassen, eine kleine Weile bei mir auszuhalten, bis
wir Alles gehörig besprochen und verabredet haben, und Henriette geht dann
hoffentlich gar nicht wieder nach Australien zurück.«

»Und was soll ich _hier_?« sagte die junge Frau wehmüthig, »was _kann_
ich hier thun und schaffen?«

»Und was thu _ich_?« lächelte Alexandrine.

»Ja Sie,« sagte die junge Frau kopfschüttelnd -- »Sie sind vornehm
und haben viel gelernt, was aber weiß ich, ich armes dummes Ding. Eduard
fühlte das auch wohl, und hat sich früher schon oft Mühe mit mir gegeben
-- aber es ging nicht -- ich hatte andere Dinge im Kopf und er mußte es
zuletzt aufgeben.«

»Und wenn Eduard Dir zu Liebe nun in dem fremden Lande hart gearbeitet
hat,« sagte die Gräfin, ihr voll ins Auge sehend -- »wenn er ein _Bauer_
wurde Deinetwegen und Axt und Pflug führen lernte, würdest Du nicht _ihm_
zu Liebe auch das hier in _seiner_ Heimath lernen wollen, was ihn, in den
Verhältnissen in denen er sich jetzt befindet, allein glücklich mit Dir
machen kann.«

»Ach wie gern -- wie gern,« rief Henriette -- »aber wer wird sich jetzt
noch mit mir armen Wesen die Mühe nehmen, es mir zu zeigen, und hab' ich
überhaupt Verstand genug dafür?«

»Das laß _meine_ Sorge sein, Henriette,« sagte Alexandrine mit tiefem
Gefühl. »Als ich Dich noch nicht kannte, hat der Gedanke an Dich mir
vielen, vielen Kummer bereitet -- ich dachte Dich mir anders, als Du bist.
Jetzt, da ich Dich vor mir sehe, da ich Dich bei mir habe, zieht auf's Neue
die Hoffnung in meine Seele ein.«

»Aber ich verstehe Sie noch immer nicht.«

»Du wirst Alles verstehen lernen,« lächelte die Gräfin, »Alles, denn
an Deinen Augen, an Deinem ganzen Wesen sehe ich, daß Du gelehrig bist;
was Dir aber dabei schwer fallen sollte, das wird die Liebe trotzdem leicht
überwinden -- aber da kommt Dein Kind!« rief sie, vom Sopha aufspringend,
als sie draußen die Stimmen hörte, und gleich darauf auch das Zimmer
geöffnet wurde, in dem Babette mit dem Kind erschien; »oh, was für ein
lieber, kleiner, herziger Bursch ist das. Es ist gut, Babette -- ich werde
klingeln, wenn ich Sie wieder brauche, für jetzt wollen wir den kleinen
Herrn schon allein versorgen.«

Alexandrine war glücklich in dem Gedanken an das Glück, das sie andern
bereiten wollte, und hatte jetzt so viel zu sorgen und anzuordnen, daß ihr
der Tag wie im Flug dahin ging.

Vor allen Dingen wurde dem alten Schuhmacher Schweigen aufgelegt -- er war
überhaupt nicht gesprächiger Natur, aber er besaß doch, wenn auch keine
wirkliche Bildung, den, diesen Leuten sehr oft im hohen Grade eigenen
Mutterwitz und gesunden Menschenverstand. Alexandrine hatte ihn auch bald
durchschaut, und rasch entschlossen den Weg mit ihm einzuschlagen, der sie
am sichersten mit ihm zum Ziel führen konnte: die reine unverfälschte
Wahrheit. Sie schilderte ihm mit kurzen Worten die Verhältnisse wie
sie wirklich standen -- sie theilte ihm ihren Plan mit, der Tochter eine
Stellung in der Gesellschaft zu erringen, und dadurch dem Bruder sein
Glück zu wahren, und der alte Mann hatte Menschenkenntniß genug, um rasch
zu sehen, daß er hier sein Kind wenigstens in treuen und guten Händen
wußte.

Er selber wurde jetzt für kurze Zeit in einem kleinen Gartenpavillon --
allerdings etwas zum Erstaunen der Dienerschaft -- einquartiert, während
Henriette mit ihrem Kind ein paar Zimmer in der unmittelbaren Nachbarschaft
der Gräfin selber angewiesen bekam.

So vergingen vierzehn Tage, dann bestellte die Gräfin ihren Reisewagen und
fuhr mit ihren Gästen nach der Residenz, wo sie acht Tage blieb -- aber
sie kehrte allein wieder zurück und erwartete jetzt, ihrem gewöhnlichen
Leben folgend, ruhig die Rückkunft ihres Gatten und Bruders.




Neuntes Capitel.

Eine Wendung.


Die Jagd in Schlesien hatte sich so ergiebig gezeigt, und die
gesellschaftlichen Verhältnisse dort schienen so angenehm gewesen zu sein,
daß die beiden Herren, noch etwas später als erwartet, zurückkehrten,
und dann wieder beide -- Graf Galaz daheim und Eduard auf Bennersberg (wo
er sich häuslich niedergelassen) von ihren indeß aufgehäuften Arbeiten
lebhaft in Anspruch genommen wurden.

Alexandrine war indeß in Ungewißheit gewesen, ob sie ihren Gatten in ihr
Geheimniß einweihen solle oder nicht. Sie scheute sich zwar ihm irgend
etwas zu verschweigen und hatte es in Wirklichkeit noch nie gethan, aber
sie wußte auch daß gerade er mit dem, was sie gethan, nicht einverstanden
sein würde, weil er von vornherein die Möglichkeit eines günstigen
Erfolgs bestritt. »Es war,« wie er sich oft geäußert, wenn sie
ihm früher von einem solchen Plan sprach »nur ein Experiment, das zu
unangenehmen Conflicten führen mußte, und deshalb lieber unterblieb.«

Außerdem hatte er andere Pläne mit Eduard, denn allein in
aristokratischen Kreisen erzogen, wenn auch von weichem und selbst tiefem
Gemüth -- hielt er es für völlig undenkbar, daß sich eine gewöhnliche
Magd je aus der Sphäre erheben könne, in die sie das Schicksal geworfen.
Nicht die Mesalliance fürchtete er dabei, die Mischung altadligen und
bürgerlichen Blutes -- guter Gott, die neuere Zeit brachte nur zu viele
derartige Beispiele, wo sich selbst Prinzen nicht scheuten, einer braven
Bürgerstochter oder einer gefeierten Künstlerin ihre Hand zu reichen --
aber das Plebejische verletzte ihn, das Gemeine im Umgang, und das hielt er
sich fern, soviel das immer möglich war.

Um so schwieriger war es jetzt für sie, mit ihrem Plan hervorzutreten, da
sie selber noch nicht den geringsten Beweis für einen auch nur möglichen
Erfolg hatte. Noch blieb Alles Vermuthung -- Hoffnung eines günstigen
Gelingens, und Jahre lang hätte sie dann gegen seine Zweifel ankämpfen
müssen. -- Sie entschloß sich endlich, das allein Begonnene auch auf
eigene Hand durchzuführen und ihren Gatten erst in das Geheimniß zu
ziehen, wenn sie sich ihres Erfolges sicher fühlte -- ja vielleicht selbst
dann noch nicht einmal.

Uebrigens wäre dasselbe fast ohne sie verrathen worden, denn der Graf
erfuhr bald nach seiner Rückkunft durch seinen Kammerdiener von der
Bewirthung des Bauernpaares durch seine Gattin. Mit keiner Ahnung
übrigens, wer es gewesen sein könne, frug er sie selbst darum, und
Frauen -- wenn sie nicht sprechen _wollen_ -- sind selten um eine Ausrede
verlegen.

»Der Bruder meiner Amme, mit seiner Tochter,« sagte sie ruhig -- »er war
vor fünf Jahren nach Amerika ausgewandert, hatte es aber draußen nicht
aushalten können und kehrte jetzt in die Heimath zurück. Er war sehr
niedergeschlagen über seine getäuschten Hoffnungen und das arme Kind
dauerte mich besonders.«

»Und wo sind sie jetzt?«

»Wieder in ihrer Heimath.«

Es wurde nicht wieder davon gesprochen; den Grafen interessirten die Leute
auch wirklich zu wenig, um sich mit ihnen noch länger zu beschäftigen,
und da man nichts weiter von ihnen hörte, waren sie auch bald in Galaz
selber vergessen.

So verging ein Jahr und Alexandrine bekam indessen die Nachricht, daß
Henriettens Vater wieder in Süd-Australien angelangt sei, um dort sein
kleines Gut nicht ganz vernachlässigt zu sehen. Sie hatte aber mit ihm
schon die Abrede getroffen, daß er das, für Henriette hinausgesandte Geld
nur regelmäßig in Empfang nehmen und darüber quittiren solle. Auch in
anderer Weise war dafür gesorgt, Eduard fortwährend in dem Glauben zu
erhalten, daß Henriette selber noch in Australien sei, denn sie schickte
die Briefe für ihren Gatten zuerst an ihren Vater, wonach sie dann Bechers
Gewissenhaftigkeit empfohlen und pünktlich zurück nach Deutschland
befördert wurden.

Graf Galaz drang in der Zeit mehrmals in den Schwager, seine Scheidung in
Australien zu betreiben und sich mit dem alten Schuhmacher auseinander zu
setzen. Es war das um so mehr nöthig geworden, da er seine Besuche in dem
Hause des Comthurs häufiger wiederholte, und Galaz behauptete fest, Hedwig
sei ihm so zugethan, daß es nur seiner Werbung bedürfe, um ihr freudiges
Ja zu erlangen.

Eduard verbrachte eine trübe, sorgenvolle Zeit, aber er weigerte sich dem
Verlangen zu willfahren. Er malte sich den Schmerz Henriettens aus, wenn
ein solcher Brief dort eintreffen sollte, und überhaupt unentschlossen in
seinem ganzen Character, verzögerte er einen so entschiedenen Schritt von
Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Aber auch das gesellige Leben der Heimath
wob immer fester seinen Reiz um ihn. Schon konnte er es nicht mehr
entbehren, und den Gedanken nach Australien zurückzukehren, verwarf er
immer, so rasch er nur in ihm aufstieg.

Und wie lieb und gut lauteten dabei fortwährend die Briefe seiner Frau,
die aber jetzt viel spärlicher als früher kamen und ihn auch ihrem
Inhalt nach in Staunen setzten. Sie enthielten allerdings noch ebenso viele
orthographische Fehler als früher, ja vielleicht noch mehr, denn er wußte
bestimmt, daß sie früher einzelne Worte richtig geschrieben hatte, die
jetzt sonderbare Fehler zeigten. Aber die Handschrift war eine ganz andere,
festere geworden, obgleich es auch jetzt an Kleksen im Brief nicht fehlte
-- ein Zeichen, daß die Schreiberin noch immer mit der Feder nicht
umzugehen wußte -- und manche Buchstaben und Worte bös verschoben waren.
Auch die Gedanken, die sie verriethen, zeigten oft von tiefem innigen
Gefühl, das er ihr wohl immer zugetraut, aber von dem er doch nie geglaubt
hatte, sie würde es so aussprechen können. -- Und dann wieder ihre
naiven, fast kindlichen Wendungen dazwischen.

Früher hatte ihm außerdem der Schmerz weh gethan, der aus jeder ihrer
Zeilen sprach; der Schmerz der Trennung von ihm, die Trauer um seine
Abwesenheit. Alle ihre Briefe waren fast nur Klagen gewesen. Das hatte sich
ganz geändert; sie bat ihn wohl, doch bald, recht bald zu ihr und dem Kind
zurück zu kehren, aber dann wieder schrieb sie ganz heiter, erzählte ihm
Anecdoten von Bekannten und beklagte sich nur darüber, daß er ihr fehle,
nicht über ihre Einsamkeit. -- Und wie viel wußte sie über das Kind zu
sagen, über den kleinen prächtigen Kerl, der jetzt anfange, dem Vater
so ähnlich zu sehen, und auch schon immer nach ihm verlange und frage, ob
denn der »böse Papa« noch nicht zurückkehren und mit ihm spielen wolle.

Nach solchen Briefen wurde es ihm zu eng im Haus -- er mochte sich nicht
selber gestehen, _was_ ihn quäle, er mochte sich über die Vorwürfe, die
ihm sein Gewissen machte, nicht klar werden und ritt dann immer weit hinaus
in die Nachbarschaft, um sich zu zerstreuen.

Heute war wieder ein Brief eingetroffen und wie er ihn gelesen und in
sein geheimes Fach eingeschlossen, ließ er sich sein Pferd satteln und
beschloß, nach Galaz hinüber zu reiten.

Auf dem Wege dahin passirte er des Comthurs Schloß -- die »Enkelburg«
wie es scherzhafter Weise von den Bekannten und bald auch überhaupt in der
Umgegend genannt wurde. Er fühlte das Bedürfniß freundliche Gesichter zu
sehen -- Musik zu hören -- mit einem Wort, eine Zerstreuung zu haben, die
ihn von seinen eigenen Gedanken abzog und lauter Jubel hatte ihn bis jetzt
immer empfangen, wenn er in den Park des gastlichen Hauses einritt.

Auch heute gab er seinem Pferd die Sporen, als er, den Kiesweg
hinabreitend, schon von Weitem die lichten Kleider der Damen auf der
Terrasse erkannte. Er glaubte auch den alten Herrn selber gar nicht daheim
zu finden, da dieser vor einigen Tagen nach der Residenz gefahren war und
erst morgen oder übermorgen zurückerwartet wurde. -- Als er aber -- auf
dem breiteren Weg war er völlig in Sicht des Hauses gewesen und mußte
auch von dort aus gesehen sein -- um ein dichtes Bosquet herumritt und nun
gerade auf die steinerne Treppe zu hielt, sah er, daß die Damen von der
Terrasse verschwunden waren, und nur der Comthur stand dort und schien ihn
zu erwarten.

Das fiel ihm allerdings schon auf, aber wer wußte denn, was die
Gesellschaft plötzlich konnte in den Saal gelockt haben; er überlegte
wenigstens nicht lange, sprang aus dem Sattel, warf seinem Reitknecht die
Zügel zu, und stieg die breiten niederen Granitstufen hinauf.

»Schon wieder aus der Residenz zurück?« rief er dem alten Herrn
freundlich zu, indem er ihm die Hand entgegenstreckte -- »das ist brav von
Ihnen. Wo finden Sie auch dort ein Plätzchen, so lieb und heimlich wie die
Enkelburg.«

Der alte Herr nahm die dargebotene Hand, aber er schien befangen. Es war
etwas vorgefallen, von Benner sah das auf den ersten Blick, aber konnte er
selber damit in Verbindung stehen? -- unmöglich.

»Allerdings,« sagte der Comthur, aber einsylbig -- »es ist sehr
freundlich hier.«

»Und wo sind die Damen? ich dächte doch, ich hätte sie vorhin auf der
Terrasse gesehen. --«

»Die Damen -- Sie müssen sie entschuldigen -- es war gerade Besuch da --
eine Schneiderin -- sie haben mit ihrer Toilette zu thun --«

»So hab' ich hier gestört?«

»Nicht im Mindesten --«

Eduard versuchte, ein oder das andere Gespräch anzuknüpfen, der Comthur
antwortete sehr höflich, aber einsylbig. Er blieb noch eine Zeitlang
neben ihm sitzen, in der Hoffnung, die Damen zurückkommen zu sehn -- aber
Niemand kam und es war augenscheinlich, daß sich der alte Herr ebenfalls
nicht behaglich dabei fühlte. Benner empfahl sich deshalb bald wieder und
ritt langsam und ganz in seine Gedanken vertieft, nach Galaz hinüber.

Was in aller Welt _konnte_ da nur vorgefallen sein? Er begriff es nicht,
aber der alte sonst so freundliche und joviale Mann zeigte sich so
merkwürdig verändert, daß es ihm auffallen _mußte_. In Galaz
angekommen, erzählte er es seinem Schwager, und dieser sah, während er
mit ihm sprach, sinnend und ernst vor sich nieder; erwiederte auch kein
Wort darauf. Endlich sagte er:

»Kennst Du einen Herrn von Krowsky?«

»Krowsky? -- gewiß,« rief Eduard rasch -- »wir waren zusammen in
Australien.«

»Hm -- und er weiß um -- Deine Verhältnisse?«

»Allerdings,« nickte Eduard bestürzt, denn ein Verdacht stieg in ihm
auf.

»Er ist jetzt zurückgekehrt,« sagte Galaz; »mit seinen Verwandten
ausgesöhnt, hält er sich seit etwa vierzehn Tagen in der Residenz auf --
der Comthur hat ihn dort kennen gelernt.«

Eduard war aufgesprungen und ging mit verschränkten Armen im Zimmer auf
und ab.

»Und deshalb hätten die Damen mich gemieden?« murmelte er endlich bitter
vor sich hin -- »nur auf das Gerücht einer Mesalliance hin?«

»Mein lieber Eduard,« sagte Galaz, »erinnere Dich, was ich Dir
schon früher über diesen Gegenstand gesagt habe. Du _kennst_ unsere
Verhältnisse und willst sie ignoriren -- wozu? Hedwig hat Dich wirklich
gern, und daß ihr _diese_ Nachricht keine Freude machen konnte, ist doch
wohl natürlich.«

»Und Du glaubst in der That, daß er durch Krowsky Alles erfahren hat?«

»Nicht allein das, sondern daß es auch schon in der ganzen Nachbarschaft
bekannt ist. Kannst Du Dich wirklich nicht zu einem entscheidenden Schritt
entschließen, so bleibt Dir nichts übrig, als wieder auf einige Zeit zu
verreisen. Andere Interessen nehmen dann die Aufmerksamkeit der Leute in
Anspruch und bis Du zurückkehrst, denkt man nicht mehr daran oder urtheilt
milder darüber. Jedenfalls hat es den Reiz der Neuheit verloren. Du selber
kommst auch vielleicht indessen auf andere Gedanken.«

Eduard sträubte sich gegen den Gedanken, dem Urtheil der Welt so
gewissermaßen zu entfliehen, aber Alexandrine selber redete ihm zu, und er
entschloß sich endlich, dem Rath zu folgen.

Er reiste ab und zwar zuerst wieder auf sein schlesisches Gut, dann nach
Italien und Aegypten -- aber er entfloh dem Wurme nicht, der in ihm nagte
-- seinem Gewissen, und wieder und wieder stand Henriettens Bild vor
seinen Augen, sah er sein liebes herziges Kind, wie es am letzten Abend
die Aermchen um seinen Nacken schlang. Und sollte er wieder zurück
nach Australien? Er besaß jetzt Geld genug, um sich das Leben auch dort
angenehm zu machen; seine kühnsten je gehegten Pläne waren noch weit
übertroffen und er hätte zahlreiche Stationen anlegen und ein angesehener
Mann in jenem Welttheil werden können.

Und sollte er _jetzt_ fort, wo die »hochadlige Sippschaft« dann
vielleicht höhnisch gesagt hätte, er sei der öffentlichen Meinung
gewichen, sobald er gemerkt, daß sein Geheimniß verrathen worden? Nein,
wahrlich nicht, jetzt _durfte_ er Europa nicht verlassen, und erst mußte
er ihnen beweisen, daß er _ihre_ Meinung nicht achtete und sein Leben nie
darnach regeln würde. Was er dann später that, sollte wenigstens nicht
von dem Urtheil der Gesellschaft abhängig sein.

Er fühlte sich ruhiger, als er diesen Entschluß gefaßt, weil er sich
einredete, er habe ihn seiner Charakter_stärke_ zu verdanken -- und doch
war es nur seine Charakter_schwäche_, die so lange nach einer Ausrede
suchte, um ihn nicht seine Pflicht thun zu lassen, bis er endlich eine
leidlich glaubbare gefunden hatte. Dann war er zufrieden, er konnte
wieder eine Weile in dem alten Gleis fortleben, ohne von seinem Gewissen
außergewöhnlich belästigt zu werden -- alles Spätere fand sich von
selbst.

Aber die Zeit fliegt. Was Du thun willst und mußt, thue bald, denn nur
zu rasch verstreicht die erbettelte Frist, und immer schwerer kommt es Dir
dann an.

Es war das Nämliche mit Eduard von Benner; über acht Monate hatte er sich
wieder in der Welt herumgetrieben -- zwecklos -- freude- und ruhelos, jetzt
kehrte er nach Bennersberg zurück, und weil _er_ die Ursache vergessen
oder vielmehr den Sinn dafür betäubt hatte, die ihn hinaus in die Fremde
gejagt, glaubte er thörichter Weise, daß das Nämliche mit den Anderen
geschehen war.

So lange er fort gewesen, hatte man allerdings wenig mehr von ihm und der
bekannt gewordenen »Heirath mit einer Dienstmagd« gesprochen -- denn
Krowsky schien das Schlimmste erzählt zu haben, kaum aber kehrte er
zurück, so suchte die Gesellschaft den noch nicht halb verbrauchten Stoff
wieder auf das Eifrigste hervor, und Eduard von Benner fand bald, wie er
mit seinen früheren »Freunden« stand.

Die Herren schienen nicht so sehr davon berührt zu sein, und ihn häufiger
zu entschuldigen. Lieber Gott, in Australien, wie sie meinten, wen
heirathete man denn da nicht, um die Langeweile zu tödten. Entschieden
anders aber dachten die Damen darüber, und wo er sich wieder blicken
ließ, konnte ihm nicht entgech und förmlich man gerade da gegen ihn
geworden war, wo man ihm früher die meiste Herzlichkeit bewiesen.

Früher überall ausgezeichnet, sah er sich jetzt zurückgesetzt, und
auf ihn selber konnte das nicht verfehlen, seinen ertödtenden Einfluß
auszuüben. So lebendig und liebenswürdig er sich sonst in der
freundlichen Umgebung gezeigt, so kalt und gemessen wurde er jetzt, wo
er sich aller Orten zurückgestoßen oder doch vernachlässigt sah. Es
_konnte_ ihm nicht entgehen, daß er nirgends mehr ein _willkommener_ Gast
war, und die Folge blieb nicht aus -- er fühlte sich unglücklich.

Selbst Graf Galaz war nicht mehr so warm und herzlich gegen ihn wie
früher, denn er ärgerte sich über die »Unentschlossenheit« seines
Schwagers, die das nicht abschütteln wollte, was _seiner_ Meinung nach
allein sein ganzes Lebensglück zerstörte -- die unwürdige Verbindung in
dem fremden Land.

Nur Alexandrine, seine Schwester, blieb sich immer gleich, immer lieb und
gut gegen ihn, immer freundlich. Sie tröstete ihn, wenn seine Stirn von
Sorge und Mißmuth gefurcht war, sie spielte ihm seine Lieblingslieder von
Mendelssohn und Schubert und brachte es bald dahin, daß er sich nur in
ihrer Nähe wohl und glücklich fühlte. -- Aber auch das währte nicht
lange, selbst sie konnte nicht mehr die Wolken von seiner Stirn halten, und
eine finstere Schwermuth schien sich seiner bemächtigt zu haben.

Dieser Zustand hatte seinen Gipfelpunkt erreicht, als wieder ein Brief aus
Australien von seiner Frau eintraf. Er trug aber diesmal keinen englischen
Stempel, sondern kam aus der Residenz und die auf der Adresse befindlichen
Worte »Durch Güte« zeigten an, daß er wohl durch Einlage gekommen,
vielleicht mit Depeschen des eifrigen Consuls Becher.

Und wie gut, wie herzlich lautete der Brief; keine Klage fand er darin,
kein Wort der Trauer -- nur Dank für die vielen Beweise von Liebe, die
er ihr gesandt, und die Sehnsucht nach dem fernen Gatten, aber durch eine
Engels-Geduld gemildert.

Eduard empfing den Brief auf Galaz, und mit dem offenen Schreiben in der
Hand, betrat er seiner Schwester Zimmer. Sein Auge strahlte aber dabei
von Freude, seine ganze Gestalt schien gehoben, und mit leuchtenden Augen
schritt er auf die Schwester zu, reichte ihr den Brief und rief:

»Da lies -- und bin ich nicht ein Thor, daß ich _hier_ Freundschaft und
Liebe suchen will, wo mich dort offene Arme und treue Herzen erwarten --
ersehnen? Die Worte sind unorthographisch geschrieben, ja, aber eine treue
Hand hat sie gestellt -- der Styl ist schlecht, aber jeder Satz macht die
Fibern meines Herzens beben.«

Alexandrine las schweigend den Brief und ihn dann ihrem Bruder
zurückgebend, sagte sie leise:

»Wie lieb und gut -- die arme, arme Frau. Wie lange ist es jetzt her,
Eduard, daß Du von Australien fort bist -- Zwei Jahre, nicht wahr?«

»_Zwei_ Jahre?« rief ihr Bruder leidenschaftlich, »_vier_ Jahre sind es,
daß ich die Meinen nicht gesehen, und zu einer Ewigkeit ist mir die Zeit
geworden.«

»Vier Jahre -- es ist eine lange Zeit -- und wie wird sich Henriette
indeß nach Dir gesehnt haben. Dir freilich mag sie rasch genug verflossen
sein, denn das gesellige Leben, das Du dort ganz entbehren mußtest, hat
Dich doch sehr in Anspruch genommen. Ich sehe jetzt auch wohl selber ein,
daß es zu viel von Dir verlangt gewesen wäre, ihm für immer zu entsagen.
Wozu der Mensch einmal von Jugend auf erzogen ist, das verwächst mit
seinem inneren Selbst, und er kann es nicht so leicht abschütteln ohne
sich unglücklich -- wenigstens außer seiner Sphäre zu fühlen.«

»Und glaubst Du wirklich, daß ich an diesem Leben hänge?« rief Eduard
erregt aus, »glaubst Du wirklich, daß mich dies schale Treiben, das Ihr
die »Gesellschaft« nennt, auf die Länge der Zeit fesseln und halten
könnte?«

»Das _schale_ Treiben?« sagte Alexandrine lächelnd, »in dem Du Dich so
lange wohl gefühlt?«

»Wohl gefühlt? ja, weil ich taub und blind gegen mein eigenes Herz
war,« rief ihr Bruder -- »aber weiß _Deine Welt_ den inneren Werth eines
Menschen zu schätzen, und urtheilt sie etwa nach einem anderen Maaßstab,
als der äußeren Form?«

»Du denkst jetzt anders über die Gesellschaft, als vor kurzer Zeit.«

»Oh, daß ich immer so gedacht hätte,« sagte Eduard leise, »viel, viel
Schmerz wäre meinem braven Weib erspart geblieben. Aber es ist noch nicht
zu spät,« setzte er rasch hinzu, »noch kann ich gut machen, was ich
gefehlt, und beim ewigen Gott, ich werde es.«

»Was willst Du thun, Eduard?«

»Das, was ich schon lange hätte thun _sollen_,« sagte der Mann
entschlossen -- »nach Australien zurückkehren und dort von nun an
meiner Familie leben. Noch heute fahre ich in die Residenz, um meine
Geldangelegenheiten in Ordnung zu bringen, Deinem Bruder übergebe ich den
Verkauf meiner Güter, und dann bindet mich Nichts mehr an Deutschland.«

»_Nichts_ mehr?« sagte Alexandrine herzlich.

»Und hast Du selber mir nicht zugeredet, so zu handeln?«

»Du hast Recht, Eduard,« sagte die Schwester freundlich. »Gott sei Dank,
daß Du endlich in _die_ Bahn eingelenkt bist. Aber verfalle auch jetzt
nicht in das Extreme und übereile in diesem Augenblick nicht, was Du bis
dahin -- vielleicht zu lang -- verzögert hast.«

»Und kann ich da übereilen?«

»Ja,« erwiderte ruhig die Schwester -- »Du magst allerdings so rasch
Du willst in die Residenz fahren und dort Rücksprache mit Deinem Banquier
nehmen; je eher das geschieht, desto besser; dann aber kehre hierher
zurück und ordne selber, gemeinschaftlich mit Rudolph, Deine
Angelegenheiten. Rudolph ist überhaupt nicht Geschäftsmann genug, um
ihm das Alles so vollständig zu überlassen und würde sich auch nur
unbehaglich unter einer solchen Verantwortung fühlen. Wann geht das
nächste Schiff?«

»Ich weiß es nicht, aber ich werde heute Morgen noch deshalb nach England
schreiben und die Antwort -- da ich nicht sagen kann wo ich sein werde,
wenn sie eintrifft, -- hierher adressiren lassen.«

»Thue das nur,« nickte die Schwester befriedigt vor sich hin -- »und
wann willst Du in die Residenz?«

»Gleich auf der Stelle.«

»Galaz kann Mittag zurück sein.«

»Ich kann ihn nicht mehr erwarten. Ich weiß auch, daß er mit meinem
Plan nicht ganz einverstanden sein wird, und möchte seinen Einwürfen
ausweichen.«

»Fürchtest Du sie?«

»Nein -- ich bin fest entschlossen. Die Gesellschaft hier hat mich
wie einen Verfehmten ausgestoßen -- überall habe ich Anspielungen und
spöttische Bemerkungen hören müssen, und war doch nie im Stande dieser
ver -- dammten Höflichkeit gegenüber irgend eine wirkliche Beleidigung
zu constatiren. Dem will ich ein Ende machen. Ob ich glücklich werde -- ob
ich mich dort glücklich fühlen _kann_, Gott weiß es, aber ich will mir
wenigstens nicht neben den geheimen und versteckten Vorwürfen der Welt,
auch noch selber sagen müssen, sie verdient zu haben. -- Leb wohl,
Alexandrine.«

»Und auf ein recht baldiges, frohes Wiedersehen.«




Zehntes Capitel.

Schluß.


Vierzehn Tage waren nach Eduard's Abreise verflossen und in Schloß Galaz
blieb es in der Zeit ziemlich einsam, da der Graf selber viel mit der
Expropriation einiger Grundstücke zu thun hatte, durch welche ein
Schienenweg gelegt werden sollte. Die Bahn hatte hier gerade sein bestes
Jagdterrain durchschnitten, und er gab sich die größte Mühe, ihr eine
andere Richtung anzuweisen, ja erbot sich sogar, eine andere Strecke weit
unter dem Taxationspreis herzugeben -- aber vergebens. Die Techniker der
Bahn erklärten, daß ihre angegebene Linie beibehalten werden müsse,
aus den und den Gründen, und deshalb auf den Wildpark keine Rücksicht
genommen werden könne. Der Graf fuhr selber nach der Residenz, um an
höchster Stelle seinen Einfluß geltend zu machen; es blieb Alles umsonst.
Das practische Leben bohrt sich nach und nach überall in die alten
Vorrechte hinein; das Geld gewinnt einen immer höheren Rang über
Adelsbriefe und Stammbäume, und Graf Galaz mußte zu seinem nicht geringen
Verdruß erleben, daß ein Gutachten von bürgerlichen Leuten über den
speciellen Fall ausgestellt, mehr galt und berücksichtigt wurde, als sein
ganzer Einfluß werth war.

Eben nicht in bester Laune kehrte er nach Galaz zurück, und das konnte
nicht dazu beitragen sie zu verbessern, daß er eine Equipage mit Extrapost
fand, die auf seinem Hof vorgefahren war. Also Besuch.

»Wer ist angekommen?« frug er den Diener, der hinaus sprang um seinen
Wagenschlag zu öffnen.

»Frau Baronin von Fermont mit einer anderen Dame.«

»Mit wem?«

»Kenne sie nicht, Herr Graf. Sie sprechen nur Französisch.«

Graf Galaz stieg in sein eigenes Zimmer hinauf und schien nicht übel
Lust zu haben, sich dort abzuschließen. Frau von Fermont war aber eine so
liebenswürdige Frau und so befreundet mit ihnen, daß es sich nicht gut
umgehen ließ sie zu sehen. Außerdem erzählte ihm auch sein Kammerdiener,
daß die Damen ein paar Koffer mitgebracht hätten, also aller
Wahrscheinlichkeit einige Tage hier verweilen würden. Es ließ sich nicht
ändern, er mußte ihnen seine Aufwartung machen. Außerdem wurde auch das
Diner sehr bald servirt und da noch Besuch aus der Nachbarschaft dazu
kam, ein alter Obrist von Berdow mit Frau und Tochter, so blieb die kleine
Gesellschaft dort den Abend zusammen und es wurde geplaudert und musicirt
bis spät in die Nacht hinein.

»Und wie gefällt Dir Frau von Ostenburg?« sagte Alexandrine zu ihrem
Gatten, als die von Berdow's das Gut verlassen und Frau von Fermont mit
ihrer Begleiterin sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten.

»Das ist ein reizendes Frauchen,« sagte der Graf, »eine wunderhübsche
Erscheinung und dabei so liebenswürdig, daß man ihr auf den ersten Blick
gut sein muß. Stammt sie denn aus Frankreich?«

»Allerdings -- weshalb?«

»Sie spricht das Französische so sonderbar.«

»Sie spricht vortrefflich.«

»Ja; doch mit einem so eigenthümlichen Accent, der ihr aber reizend
steht.«

»Und singt wie eine Nachtigall.«

»Sie hat eine magnifique Stimme, und würde auf jeder Bühne Furore
machen. Ist sie mit Fermonts verwandt?«

»Ich glaube; ihr Gatte stand in der österreichischen Armee und ist bei
Solferino geblieben -- ein Rittmeister von Ostenburg.«

»Arme Frau -- so jung und schön und schon einen solchen Verlust erlitten.
Uebrigens wird sie wohl nicht lange Wittwe bleiben, denn an Bewerbern kann
es ihr bei den jungen Leuten gewiß nicht fehlen. Der alte Obrist selbst
war schon ganz entzückt von ihr -- Apropos, ich habe vorhin auch einen
Brief von Eduard auf meinem Zimmer gefunden -- er wird morgen herüber
kommen.«

»Das freut mich.«

»Wenn er nur die unglückselige Idee aufgäbe, nach Australien zurück zu
gehen. Er _kann_ sich ja dort nicht glücklich fühlen. Der hat sich auch
seine Carrière recht muthwillig selbst verdorben.«

»Und wenn er nun seine Frau zu uns herüber brächte, glaubst Du nicht,
daß sie sich in unser Leben, in unsere Verhältnisse finden würde?«

»Nie,« sagte Graf Galaz kopfschüttelnd -- »glaube mir, mein Kind,
derartige Frauen mögen gut und brav und häuslich sein und das Glück
eines Mannes in ihrem eigenen Kreis begründen können, aber sie sind wie
Hauslauch, der nur auf Mauerwerk und Dächern wächst; sie verlangen einen
ganz bestimmten und engbegrenzten Boden für ihre Existenz. Man soll um
Gotteswillen nicht versuchen, sie zu veredeln -- es würde nie eine Rose
daraus werden.«

Am nächsten Tag traf Eduard ein und suchte den Schwager auf dessen Zimmer
auf. Er hatte ebenfalls gehört, daß fremde Damen zum Besuch da wären,
und fühlte sich nicht in der Stimmung, ihnen zu begegnen. Der Graf war
aber gerade zu den Damen hinüber gegangen, und zwar hatte ihn Alexandrine,
als sie den Bruder in den Hof einfahren sah, herüber rufen lassen. Es
wurde musicirt und Frau von Ostenburg hatte zugesagt, ihm einige Lieder zu
singen.

Eduard schickte einen Diener hinüber, um dem Grafen seine Ankunft wissen
zu lassen. Alexandrine ließ ihrem Bruder aber sagen, Graf Galaz könne
jetzt nicht fort, und er selber sei den Damen schon angemeldet, er möge
also rasch Toilette machen und in den Salon kommen.

Es war ihm nicht recht; eine Weigerung wäre aber unartig gewesen; Frau von
Fermont kannte er überdieß selber recht gut und seufzend fügte er sich
in das Unvermeidliche.

Als er den Salon betrat, saß Frau von Ostenburg gerade am Instrument und
sang eine spanische Romanze, die sie sich selber begleitete -- Graf Galaz
stand neben ihr und wandte die Notenblätter um, und Frau von Fermont
saß mit Alexandrine rechts auf dem Sopha. Alexandrine stand auf, ging dem
Bruder leise entgegen und gab ihm die Hand, auch Frau von Fermont reichte
ihm die ihrige und nickte ihm freundlich zu; aber es wurde kein Wort
gesprochen, um den Gesang nicht zu stören und die Schritte selber blieben
auf dem weichen Teppich überhaupt unhörbar.

Die Romanze war die Klage eines andalusischen Mädchens, das um den
Geliebten trauerte, der gegen die Mauren zu Felde gezogen und sie allein
gelassen hatte, und die Stimme der Sängerin zitterte, als sie leise, nur
von gedämpften Accorden begleitet, das Gebet zur Jungfrau Maria um Schutz
für den Fernen, sang. So ergreifend waren die Töne dabei, daß der
überhaupt leicht empfänglichen Alexandrine die hellen Thränen in die
Augen stiegen und selbst Eduard sich von dem wehmüthigen Lied ergriffen
fühlte.

»Singt sie nicht reizend?« flüsterte ihm Frau von Fermont zu, neben der
er saß.

»In der That,« erwiderte er, »ich weiß mich der Zeit nicht zu erinnern,
daß ich eine so klangvolle und so zum Herzen dringende Stimme gehört
hätte -- und mit so tiefem Gefühl.«

Aber der Sinn des Liedes änderte sich -- die Mauren waren geschlagen, der
Geliebte kehrte siegreich zurück und laut jubelten jetzt die Töne
und quollen aus voller, jauchzender Brust, während in der kunstvollen
Begleitung der Siegesmarsch der heimziehenden Krieger immer wieder
dazwischen tönte.

Jetzt endete plötzlich das Lied und die Sängerin erhob sich von ihrem
Stuhl, indeß Graf Galaz ihr mit wahrhaft begeisterten Worten und voller
Entzücken für den Genuß dankte. -- Ihr Blick streifte durch den Saal und
eine Purpurröthe legte sich über ihre Wangen und ergoß sich bis tief in
den schneeigen Nacken hinab. -- Ihr Blick streifte Eduard.

»Sie sind zu gütig, Herr Graf,« lächelte sie dabei, »und werden mich
noch verwöhnen.«

Alexandrine aber war aufgesprungen, schlang ihre Arme um sie und küßte
sie herzlich.

»Ah, Eduard,« rief der Graf, der ihn jetzt erst erblickte, »das ist
schön; bist Du noch zur rechten Zeit gekommen?«

»Ich hatte das Glück, dem seelenvollen Vortrag zu lauschen,« sagte der
junge Mann, während sein Blick starr an den Zügen der fremden Dame hing.

»Nicht wahr, das ist ein Genuß? -- aber ich habe Dich noch nicht einmal
vorgestellt. Gnädige Frau, mein Schwager, Eduard von Benner -- Frau von
Ostenburg, die uns die Freude gemacht hat, unsere Einsamkeit ein paar Tage
mit uns zu theilen.«

»Gnädige Frau,« sagte Eduard, aber so verlegen, daß er die Worte kaum
über die Lippen brachte -- »ich -- ich freue mich -- freue mich wirklich
herzlich der Ehre dieser Bekanntschaft.«

Graf Galaz sah ihn an und lächelte. So befangen und ungeschickt hatte er
seinen Schwager noch gar nicht gesehen.

»Und heute quäle ich Sie recht meine liebe, liebe Ostenburg,« rief
Alexandrine dazwischen, »doch jetzt singen Sie uns noch einmal das kleine
reizende französische Lied.«

»Aber Alexandrine,« sagte der Graf, »Du belästigst wirklich unsern
lieben Gast.«

»Gern, gern,« rief aber die junge Frau und wandte sich rasch wieder dem
Instrument zu.

Eduard starrte sie noch immer an, und bemerkte gar nicht, daß ihn Frau von
Fermont lächelnd beobachtete. Die junge Künstlerin aber ließ sich nicht
lange nöthigen, und rasch wieder ihren Platz am Clavier nehmend, begann
sie ein reizendes französisches Lied, voll muthwilliger Neckerei und mit
einer so silberhell klingenden Stimme, daß es den kleinen Kreis zu lautem
und stürmischem Beifall hinriß.

Nur Eduard war still und nachdenkend geworden; den Kopf in die Hand
gestützt, saß er in seinem Fauteuil und sein Blick haftete am Boden.
Alexandrine hatte sich neben ihn gesetzt und flüsterte ihm zu, wie
reizend die kleine Frau die Lieder vortrage. Er nickte still vor sich hin,
erwiderte ihr aber kein Wort, bis sie geendet hatte und sich wieder erhob.

»Wunderbar -- wunderbar,« murmelte er dabei vor sich hin und schüttelte
langsam den Kopf -- »fabelhaft wunderbar.«

»Nicht wahr, die Stimme,« sagte Alexandrine, welche den Worten gehorcht
hatte -- »ich habe nie etwas Aehnliches gehört.«

Eduard erwiderte noch immer Nichts und starrte nur die Sängerin an,
so daß es selbst seinem Schwager zuletzt auffallen mußte. Gräfin
Alexandrine und Frau von Fermont waren aufgestanden und zu der jungen Frau
getreten und plauderten jetzt, durch das französische Lied angeregt, mit
ihr in dieser Sprache und Eduard konnte indessen den Blick nicht von der
lieblichen Erscheinung wenden.

»Nun, Eduard, Du bist ja ganz wie in einer Verzückung,« lachte Galaz,
indem er ihm die Hand auf die Achsel legte, »aber ich muß selber
gestehen, daß ich etwas Aehnliches noch nicht gehört.«

»Ich sage Dir, Rudolph,« rief aber Eduard seine Hand ergreifend, »mir
schwindelt der Kopf ordentlich -- ich werde noch verrückt --«

»Oho,« lachte der Graf -- »so hat Dich der Gesang ergriffen.«

»Ich habe gar nicht gehört, _was_ sie sang.«

»Was? -- nicht gehört? -- aber was hast Du nur, Du bist ja in einer
merkwürdigen Aufregung.«

»Diese Aehnlichkeit.«

»Welche Aehnlichkeit?«

»Der Dame mit -- mit einer anderen Dame, die ich -- die ich vor längerer
Zeit gesehen. Wo um Gottes Willen stammt sie her?«

»Meine Frau sagt aus Frankreich, aber ich wüßte nicht, wo Du sie schon
gesehen haben könntest, denn wie ich gehört, so ist sie erst vor
wenigen Wochen nach Deutschland gekommen, und Du selber warst doch nie in
Frankreich, wie?«

»Nein, nie,« sagte Eduard, während seine Blicke noch immer fest auf der
Dame hafteten, die ihm aber jetzt, im Gespräch mit Gräfin Alexandrine und
Frau von Fermont, den Rücken zudrehte.

»Ich habe eine solche Aehnlichkeit bei zwei verschiedenen Personen nicht
für möglich gehalten,« sagte Eduard, noch ganz verstört. --

»Das kommt ja vor,« lachte Galaz, »und vor vierzehn Tagen ist es mir
genau so in der Residenz mit einer vollkommen fremden Dame gegangen, die
ich geradezu wie eine alte Bekannte ansprach, und die mich dann furchtbar
kalt und stolz ablaufen ließ. Ich war nur froh, als ich mich mit einer
verlegenen Entschuldigung zurückziehen konnte.«

»Aber hier --« sagte Eduard -- »das Gesicht _hat_ etwas Fremdes, ja,
aber ich kann nicht sagen, worin es liegt, und diese Augen, dieser Mund,
das Haar, der ganze Wuchs -- nur etwas voller und eleganter. Ich weiß, es
ist nicht möglich und doch glaub' ich, könnt' ich den Verstand verlieren,
wenn ich lange in ihrer Nähe sein müßte.«

»Das wird wohl verschiedenen Leuten so gehen,« lachte Graf Galaz, »denn
sie hat wirklich etwas Bezauberndes, diese reizende Sirene. Aber komm, wir
dürfen uns hier nicht so lange flüsternd unterhalten. Alexandrine hat
schon ein paar Mal herüber gesehen.«

Sie schlossen sich jetzt den Damen an und Frau von Ostenburg erröthete
tief, als Eduard sie anredete, antwortete ihm aber unbefangen und frug
ihn, da sie gehört, daß er schon so weite Reisen gemacht, ob er sich denn
jetzt recht wohl und glücklich in der Heimath fühle, oder ob -- wie das
so oft der Fall sei -- die Unruhe ihn wieder hinaus in das wilde Leben
dränge.

Und diese Stimme -- Eduard war so befangen, daß er nur ganz verworrene,
kaum verständliche Antworten gab, und endlich, ärgerlich über
sich selber, gerade diesem liebenswürdigen Wesen gegenüber eine so
unglückliche Rolle zu spielen, all seine Sinne zusammen nahm, und fest
entschlossen war, sich nicht mehr von einem so wirren Wahn befangen zu
lassen.

Die Unterhaltung kam dadurch besser in Gang, wurde aber immer noch in
französischer Sprache geführt, die auch der jungen Frau von Fermont
geläufiger, als die deutsche schien.

Indessen wurden Erfrischungen herumgereicht und Eduard benutzte den Moment.
Seiner Schwester Arm ergreifend flüsterte er ihr leise zu:

»Du hast immer gewünscht meine Frau kennen zu lernen. Sieh sie denn, wie
sie leibt und lebt.«

»Wen?« frug Alexandrine erstaunt, »Frau von Ostenburg?«

»Denke Dir sie in Bauerkleidern -- einfach und schüchtern.«

»Und _die_ Frau hättest Du verlassen?« sagte die Schwester
kopfschüttelnd -- »Deine Phantasie führt Dich jetzt irre.«

»Ich gebe Dir mein Wort!« rief der Bruder erregt -- »jeder Zug ihres
lieben Gesichts ist derselbe, und doch auch wieder anders -- schöner
vielleicht, charaktervoller, aber das Liebe und Gute in ihren Zügen,
die Grübchen -- die Lippen -- die Stimme selbst -- ich habe ihr wie ein
Schulknabe gegenüber gestanden --«

»Und auch ihre Stimme?«

»Wenn sie spricht, genau; nur der Gesang ist viel klangvoller, und diese
französischen und italienischen Romanzen sind meinem Ohr fremd. Wenn sie
nur einmal ein deutsches Lied singen wollte.«

»Ich werde sie bitten,« sagte Alexandrine rasch von ihm fort und zu der
jungen Dame tretend -- »Ach, liebe Frau von Ostenburg,« wandte sie sich
an diese -- »mein Bruder dort, ein entsetzlich schüchterner Mensch, wie
sie sehen, aber leidenschaftlich für Musik eingenommen, hat noch eine
große Bitte an Sie!«

»Und womit kann ich ihm dienen?« lächelte die junge Frau.

»Er bittet um ein ganz kleines, kleines -- aber _deutsches_ Lied -- Sie
dürfen ihm aber nicht böse deshalb sein.«

Frau von Ostenburgs Blick haftete fest, fast wehmüthig einen Moment auf
Eduards Zügen -- »Gern,« flüsterte sie dann, wandte sich ab und trat
wieder zum Instrument. Aber eine ganz eigene Bewegung schien sich auch
ihrer jetzt bemächtigt zu haben. Ihr Busen hob sich stürmisch -- ihre
Finger berührten in weich

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/48036