Die Räuber: Ein Schauspiel
by Friedrich Schiller · German · Gutenberg #47804 · 315,661 chars · public domain (US)
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Title: Die Räuber: Ein Schauspiel
Author: Friedrich Schiller
Release date: January 1, 2015 [eBook #47804]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBER: EIN SCHAUSPIEL ***
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Die
Räuber
ein Schauspiel
von
Schiller.
Neue verbesserte Auflage.
Tübingen,
in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung.
1805.
=_Hippocrates._=
=Quæ medicamenta non sanant, _ferrum_ sanat, quæ ferrum non sanat,
_ignis_ sanat.=
Personen:
~Maximilian~, regierender Graf von Moor.
~Karl~, }
} seine Söhne.
~Franz~, }
~Amalia~, von Edelreich.
~Spiegelberg~, }
}
~Schweizer~, }
}
~Grimm~, }
}
~Razmann~, }
} Libertiner, nachher Banditen.
~Schufterle~, }
}
~Roller~, }
}
~Kosinsky~, }
}
~Schwarz~, }
~Herrmann~, Bastard von einem Edelmann.
~Daniel~, Hausknecht des Grafen von Moor.
~Pastor Moser~.
Ein Pater.
Räuberbande.
Nebenpersonen.
(Der Ort der Geschichte ist Teutschland, die Zeit ohngefähr zwei
Jahre.)
Vorrede.
Man nehme dieses Schauspiel für nichts anderes, als eine dramatische
Geschichte, die die Vortheile der dramatischen Methode, die Seele
gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen, benutzt, ohne
sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder
nach dem so zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu
geitzen. Man wird mir einräumen, daß es eine widersinnige Zumuthung
ist, binnen drei Stunden drei ausserordentliche Menschen zu erschöpfen,
deren Thätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhänget, so wie es
in der Natur der Dinge unmöglich kann gegründet seyn, daß sich drei
ausserordentliche Menschen auch dem durchdringendsten Geisterkenner
innerhalb vier und zwanzig Stunden entblössen. Hier war Fülle in
einander gedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die
allzuengen Pallisaden des Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.
Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr
sein Inhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Oekonomie desselben
machte es nothwendig, daß mancher Charakter auftreten mußte, der das
feinere Gefühl der Tugend beleidigt, und die Zärtlichkeit unserer
Sitten empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Nothwendigkeit gesetzt,
wenn er anders eine Kopie der wirklichen Welt, und keine idealischen
Affektationen, keine Kompendienmenschen will geliefert haben. Es ist
einmal so die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattirt
werden, und die Tugend im Kontraste mit dem Laster das lebendigste
Kolorit erhält. Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu
stürzen, und Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an ihren Feinden
zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nakten Abscheulichkeit
enthüllen, und in seiner kolossalischen Grösse vor das Auge der
Menschheit stellen -- er selbst muß augenblicklich seine nächtlichen
Labyrinthe durchwandern, -- er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen
wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.
Das Laster wird hier mit samt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet.
Es lößt in Franzen all die verworrenen Schauer des Gewissens in
ohnmächtige Abstraktionen auf, skeletisirt die richtende Empfindung,
und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal
so weit gebracht hat, (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden) seinen
Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das
Heiligste nicht heilig mehr -- dem ist die Menschheit, die Gottheit
nichts -- beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht,
von einem Mißmenschen dieser Art ein treffendes lebendiges Konterfey
hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems auseinander
zu gliedern -- und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man
unterrichte sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr's
gelungen hat -- Ich denke, ich habe die Natur getroffen.
Nächst an diesem stehet ein anderer, der vielleicht nicht wenige meiner
Leser in Verlegenheit setzen möchte. Ein Geist, den das äusserste
Laster nur reitzet um der ~Grösse~ willen, die ihm anhänget, um der
~Kraft~ willen, die es erheischet, um der ~Gefahren~ willen, die es
begleiten. Ein merkwürdiger wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller
Kraft, nach der Richtung, die diese bekömmt, nothwendig entweder
ein Brutus oder ein Katilina zu werden. Unglückliche Konjunkturen
entscheiden für das zweyte, und erst am Ende einer ungeheuren
Verirrung gelangt er zu dem ersten. Falsche Begriffe von Thätigkeit und
Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Gesetze übersprudelt, mußten sich
natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu
diesen enthusiastischen Träumen von Größe und Wirksamkeit durfte sich
nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so war der
seltsame Donquixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und
lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst
anmerken dörfen, daß ich dieses Gemählde so wenig nur allein Räubern
vorhalte, als die Satyre des Spaniers nur allein Ritter geisselt.
Auch ist itzo der ~grosse Geschmack~, seinen Witz auf Kosten der
Religion spielen zu lassen, daß man beinahe für kein Genie mehr
passirt, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten
Wahrheiten sich herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der ~Schrift~ muß
sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten witzigen Köpfen
mißhandeln, und ins Lächerliche verzerren lassen; denn was ist so
heilig und ernsthaft, das, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht
werden kann? -- Ich kann hoffen, daß ich der ~Religion~ und der wahren
Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese muthwillige
Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem
Abscheu der Welt überliefere.
Aber noch mehr. Diese unmoralische Charaktere, von denen vorhin
gesprochen wurde, mußten von gewissen Seiten glänzen, ja oft von
Seiten des Geistes gewinnen, was sie von Seiten des Herzens verlieren.
Hierin habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem,
auch dem Lasterhaftesten ist gewissermaßen der Stempel des göttlichen
Ebenbilds aufgedrückt, und vielleicht hat der große Bösewicht keinen
so weiten Weg zum großen Rechtschaffenen, als der kleine; denn die
Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die
Fähigkeit, desto weiter und ungeheurer ihre Verirrung, desto imputabler
ihre Verfälschung.
Klopstok's Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung
in Abscheu schmilzt. Milton's Satan folgen wir mit schauderndem
Erstaunen durch das unwegsame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker
bleibt bei all ihren Greueln noch ein großes staunenswürdiges Weib,
und Shakespear's Richard hat so gewiß am Leser einen Bewunderer, als
er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es
mir darum zu thun ist, ~ganze~ Menschen hinzustellen, so muß ich
auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem Bösesten nie ganz
fehlen. Wenn ich vor dem Tyger gewarnt haben will, so darf ich seine
schöne blendende Fleckenhaut nicht übergehen, damit man nicht den
Tyger beim Tyger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit
ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst, und äussert eine
zurückstossende Kraft, statt daß er die Aufmerksamkeit der Leser
fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er redet. Eine edle Seele
erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das Ohr das
Gekrizel eines Messers auf Glas.
Aber eben darum will ich selbst mißrathen haben, dieses mein Schauspiel
auf der Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem
Leser, schon ein gewisser Gehalt von Geisteskraft dazu: bei jenem, daß
er das Laster nicht ~ziere~, bei diesem, daß er sich nicht von einer
schönen Seite bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu schätzen.
~Meinerseits~ entscheide ein Dritter -- aber von meinen Lesern bin
ich es ~nicht~ ganz gesichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs
die Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt,
(unter uns gesagt) weit um, und gibt zum Unglück -- den Ton an. Zu
kurzsichtig, mein ~Ganzes~ auszureichen, zu kleingeistisch, mein
~Grosses~ zu begreifen, zu boshaft, mein ~Gutes~ wissen zu wollen, wird
er, fürcht' ich, fast meine Absicht vereiteln, wird vielleicht eine
Apologie des Lasters, das ich stürze, darin zu finden meynen, und seine
eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich
alles, nur nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt.
Es ist das ewige =Dacapo= mit Abdera und Demokrit, und unsre guten
Hippokrate müßten ganze Plantagen Nießwurz erschöpfen, wenn sie dem
Unwesen durch ein heilsames Dekokt abhelfen wollten. Noch so viele
Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel
und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu seyn,
und wenn Sonne und Mond sich wandeln, und Himmel und Erde veralten wie
ein Kleid. Vielleicht hätt' ich, den Schwachherzigen zu frommen, der
Natur minder getreu seyn sollen; aber wenn jener Käfer, den wir alle
kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß
Feuer verbrannt, und Wasser ersäuft habe, soll darum Perle -- Feuer --
und Wasser konfiscirt werden?
Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe,
mit Recht einen Platz unter den moralischen Büchern versprechen; das
Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt
wieder in das Geleise der Gesetze. Die Tugend geht siegend davon. Wer
nur so billig gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen
zu wollen, von dem kann ich erwarten, daß er -- nicht den Dichter
bewundere, aber den rechtschaffenen Mann in mir hochschätze.
Geschrieben in der Ostermesse.
~1781~.
Der Herausgeber.
Erster Akt.
Erste Scene.
Franken.
Saal im Moorischen Schloß.
Franz. Der alte Moor.
~Franz.~ Aber ist euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.
~Der alte Moor.~ Ganz wohl, mein Sohn -- was hattest du mir zu sagen?
~Franz.~ Die Post ist angekommen -- ein Brief von unserm
Korrespondenten in Leipzig --
~D. a. Moor.~ (_Begierig._) Nachrichten von meinem Sohne Karl?
~Franz.~ Hm! hm! -- So ist es. Aber ich fürchte -- ich weiß nicht -- ob
ich -- eurer Gesundheit? -- Ist euch wirklich ganz wohl, mein Vater?
~D. a. Moor.~ Wie dem Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? --
wie kommst du zu dieser Besorgniß? Du hast mich zweymal gefragt.
~Franz.~ Wenn ihr krank seyd -- nur die leiseste Ahnung habt, es zu
werden, so laßt mich -- ich will zu gelegnerer Zeit zu euch reden,
(_halb vor sich._) Diese Zeitung ist nicht für einen zerbrechlichen
Körper.
~D. a. Moor.~ Gott! Gott! was werd' ich hören?
~Franz.~ Laßt mich vorerst auf die Seite gehn, und eine Thräne des
Mitleids vergiessen um meinen verlornen Bruder -- ich sollte schweigen
auf ewig -- denn er ist euer Sohn: Ich sollte seine Schande verhüllen
auf ewig -- denn er ist mein Bruder. -- Aber euch gehorchen, ist meine
erste traurige Pflicht -- darum vergebt mir.
~D. a. Moor.~ O Karl! Karl! wüßtest du wie deine Aufführung das
Vaterherz foltert! Wie eine einzige frohe Nachricht von dir meinem
Leben zehen Jahre zusetzen würde -- mich zum Jüngling machen würde --
da mich nun jede, ach! -- einen Schritt näher ans Grab rückt!
~Franz.~ Ist es das, alter Mann, so lebt wohl -- wir alle würden noch
heute die Haare ausraufen über eurem Sarge.
~D. a. Moor.~ Bleib! -- Es ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu
thun -- laß ihm seinen Willen, (_indem er sich niedersetzt._) Die
Sünden seiner Väter werden heimgesucht im dritten und vierten Glied --
laß ihns vollenden.
~Franz~ (_nimmt den Brief aus der Tasche._) Ihr kennt unsern
Korrespondenten! Seht! Den Finger meiner rechten Hand wollt ich drum
geben, dürft' ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer giftiger
Lügner -- -- Faßt euch! Ihr vergebt mir, wenn ich euch den Brief nicht
selbst lesen lasse -- Noch dörft ihr nicht alles hören.
~D. a. Moor.~ Alles, alles -- mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.
~Franz~ (_liest._) »Leipzig vom 1sten May. -- Verbände mich nicht eine
unverbrüchliche Zusage, dir auch nicht das geringste zu verhelen, was
ich von den Schicksalen deines Bruders auffangen kann, liebster Freund,
nimmermehr würde meine unschuldige Feder an dir zur Tyranninn geworden
seyn. Ich kann aus hundert Briefen von dir abnehmen, wie Nachrichten
dieser Art dein brüderliches Herz durchbohren müssen, mir ists als säh
ich dich schon um den Nichtswürdigen, den Abscheulichen« -- -- (_Der
alte Moor verbirgt sein Gesicht._) Seht, Vater! ich lese euch nur das
Glimpflichste -- »den Abscheulichen in tausend Thränen ergossen,« ach
sie flossen -- stürzten stromweis von dieser mitleidigen Wange -- »mir
ist's, als säh ich schon deinen alten, frommen Vater todtenbleich« --
Jesus Maria! ihr seyd's, eh' ihr noch das Mindeste wisset?
~D. a. Moor.~ Weiter! Weiter!
~Franz.~ »Todtenbleich in seinen Stuhl zurücktaumeln, und dem Tage
fluchen, an dem ihm zum erstenmal ~Vater~ entgegengestammelt ward.
Man hat mir nicht alles entdecken mögen, und von dem Wenigen, das ich
weiß, erfährst du nur weniges. Dein Bruder scheint nun das Maas seiner
Schande gefüllt zu haben; ich wenigstens kenne nichts über dem, was
er wirklich erreicht hat, wenn nicht sein Genie das meinige hierin
übersteigt. Gestern um Mitternacht hatte er den großen Entschluß,
nach vierzig tausend Dukaten Schulden -- ein hübsches Taschengeld,
Vater -- nachdem er zuvor die Tochter eines reichen Banquiers allhier
entjungfert, und ihren Galan, einen braven Jungen von Stand, im Duell
auf den Tod verwundet, mit sieben andern, die er mit in sein Luderleben
gezogen, dem Arm der Justiz zu entlaufen« -- Vater! Um Gotteswillen,
Vater! wie wird euch?
~D. a. Moor.~ Es ist genug. Laß ab, mein Sohn!
~Franz.~ Ich schone eurer -- »man hat ihm Steckbriefe nachgeschickt,
die Beleidigten schreyen laut um Genugthuung, ein Preiß ist auf seinen
Kopf gesetzt -- der Name Moor« -- Nein! Meine armen Lippen sollen
nimmermehr einen Vater ermorden! (_zerreißt den Brief._) Glaubt es
nicht, Vater! glaubt ihm keine Sylbe!
~D. a. Moor~ (_weint bitterlich._) Mein Name! Mein ehrlicher Name!
~Franz~ (_fällt ihm um den Hals._) Schändlicher, dreimal schändlicher
Karl! Ahnete mirs nicht, da er noch ein Knabe den Mädels so
nachschlenderte, mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und
Bergen sich herumhezte, den Anblick der Kirche, wie ein Missethäter das
Gefängniß, floh, und die Pfennige, die er euch abquälte, dem ersten
dem besten Bettler in den Hut warf, während daß wir daheim mit frommen
Gebeten und heiligen Predigtbüchern uns erbauten? -- Ahnete mirs nicht,
da er die Abentheuer des Julius Cäsar und Alexander Magnus und anderer
stockfinsterer Heiden lieber las, als die Geschichte des bußfertigen
Tobias? -- Hundertmal hab' ichs euch geweissagt, denn meine Liebe zu
ihm war immer in den Schranken der kindlichen Pflicht, -- der Junge
wird uns alle noch in Elend und Schande stürzen! -- O daß er Moors
Namen nicht trüge! daß mein Herz nicht so warm für ihn schlüge! Die
gottlose Liebe, die ich nicht vertilgen kann, wird mich noch einmal vor
Gottes Richterstuhl anklagen.
~D. a. Moor.~ O -- meine Aussichten! Meine goldenen Träume!
~Franz.~ Das weiß ich wohl. Das ist es ja, was ich eben sagte. Der
feurige Geist, der in dem Buben lodert, sagtet ihr immer, der ihn
für jeden Reiz von Größe und Schönheit so empfindlich macht; diese
Offenheit, die seine Seele auf dem Auge spiegelt, diese Weichheit des
Gefühls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt,
dieser männliche Muth, der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen
treibet, und über Gräben und Pallisaden und reissende Flüsse jagt,
dieser kindische Ehrgeitz, dieser unüberwindliche Starrsinn und alle
diese schönen glänzenden Tugenden, die im Vatersöhnchen keimten,
werden ihn dereinst zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem
treflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem ~grossen~, ~grossen~
Manne machen -- seht ihrs nun, Vater! -- der feurige Geist hat sich
entwickelt, ausgebreitet, herrliche Früchte hat er getragen. Seht
diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat,
seht diese Weichheit, wie zärtlich sie für Koketten girret, wie so
empfindsam für die Reitze einer Phryne! Seht dieses feurige Genie, wie
es das Oel seines Lebens in sechs Jährgen so rein weggebrannt hat, daß
er bei lebendigem Leibe umgeht, und da kommen die Leute, und sind so
unverschämt und sagen: =c'est l'amour qui a fait ça!= Ah! seht doch
diesen kühnen unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt,
vor denen die Heldenthaten eines Kartouches und Howards verschwinden!
-- Und wenn erst diese prächtigen Keime zur vollen Reife erwachsen --
was läßt sich auch von einem so zarten Alter Vollkommenes erwarten? --
Vielleicht, Vater, erlebet ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines
Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Wälder residiret,
und dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte der Bürde erleichtert
-- vielleicht könnt ihr noch, eh' ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt
nach seinem Monumente thun, das er sich zwischen Himmel und Erden
errichtet -- vielleicht, o Vater, Vater, Vater -- seht euch nach einem
andern Namen um, sonst deuten Krämer und Gassenjungen mit Fingern auf
euch, die euren Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplatz im Portrait
gesehen haben.
~D. a. Moor.~ Und auch du, mein Franz, auch du? O meine Kinder! Wie sie
nach meinem Herzen zielen!
~Franz.~ Ihr seht, ich kann auch witzig seyn, aber mein Witz ist
Skorpionstich. -- Und dann der trockne Alltagsmensch, der kalte,
hölzerne Franz, und wie die Titelgen alle heissen mögen, die euch der
Contrast zwischen ihm und mir mochte eingegeben haben, wenn er euch auf
dem Schoose saß, oder in die Backen zwickte -- der wird einmal zwischen
seinen Gränzsteinen sterben, und modern, und vergessen werden, wenn der
Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt -- Ha! mit
gefaltnen Händen dankt dir, o Himmel! der kalte, trockne, hölzerne
Franz -- daß er nicht ist, wie dieser!
~D. a. Moor.~ Vergib mir, mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der
sich in seinen Planen betrogen findet. Der Gott, der mir durch Karln
Thränen zusendet, wird sie durch dich, mein Franz, aus meinen Augen
wischen.
~Franz.~ Ja Vater, aus euren Augen soll er sie wischen. Euer Franz wird
sein Leben dran setzen, das eurige zu verlängern. Euer Leben ist das
Orakel, das ich vor allen zu Rathe ziehe, über dem, was ich thun will,
der Spiegel, durch den ich alles betrachte -- keine Pflicht ist mir so
heilig, die ich nicht zu brechen bereit bin, wenn's um euer kostbares
Leben zu thun ist. -- Ihr glaubt mir das?
~D. a. Moor.~ Du hast noch große Pflichten auf dir, mein Sohn -- Gott
segne dich für das, was du mir warst und seyn wirst!
~Franz.~ Nun sagt mir einmal -- Wenn ihr diesen Sohn nicht den euren
nennen müßtet, ihr wär't ein glücklicher Mann?
~D. a. Moor.~ Stille, o stille! da ihn die Wehmutter mir brachte, hub
ich ihn gen Himmel, und rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?
~Franz.~ Das sagtet ihr. Nun habt ihr's gefunden? Ihr beneidet den
schlechtesten eurer Bauren, daß er nicht Vater ist zu diesem -- Ihr
habt Kummer, so lang ihr diesen Sohn habt. Dieser Kummer wird wachsen
mit Karln. Dieser Kummer wird euer Leben untergraben.
~D. a. Moor.~ O! er hat mich zu einem achtzigjährigen Manne gemacht.
~Franz.~ Nun also -- wenn ihr dieses Sohnes euch entäussertet?
~D. a. Moor~ (_auffahrend._) Franz! Franz! was sagst du?
~Franz.~ Ist es nicht diese Liebe zu ihm, die euch all den Gram macht?
Ohne diese Liebe ist er für euch nicht da. Ohne diese strafbare, diese
verdammliche Liebe ist er euch gestorben -- ist er euch nie gebohren.
Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und Söhnen. Liebt
ihr ihn nicht mehr, so ist diese Abart auch euer Sohn nicht mehr, und
wär' er aus eurem Fleische geschnitten. Er ist euer Augapfel gewesen
bisher, nun aber, ärgert dich dein Auge, sagt die Schrift, so reiß
es aus. Es ist besser einäugig gen Himmel, als mit zwei Augen in die
Hölle. Es ist besser kinderlos gen Himmel, als wenn beide, Vater und
Sohn, in die Hölle fahren. So spricht die Gottheit!
~D. a. Moor.~ Du willst, ich soll meinen Sohn verfluchen?
~Franz.~ Nicht doch! Nicht doch! -- Euren Sohn sollt ihr nicht
verfluchen. Was heißt ihr euren Sohn? -- dem ihr das Leben gegeben
habt, wenn er sich auch alle ersinnliche Mühe gibt, das eurige zu
verkürzen?
~D. a. Moor.~ O das ist allzuwahr! das ist ein Gericht über mich. Der
Herr hat's ihn geheissen!
~Franz.~ Seht ihr's, wie kindlich euer Busenkind an euch handelt. Durch
eure väterliche Theilnehmung erwürgt er euch, mordet euch durch eure
Liebe, hat euer Vaterherz selbst bestochen, euch den Garaus zu machen.
Seyd ihr einmal nicht mehr, so ist er Herr eurer Güter, König seiner
Triebe. Der Damm ist weg, und der Strom seiner Lüste kann itzt freyer
dahinbrausen. Denkt euch einmal an seine Stelle! Wie oft muß er den
Vater unter die Erde wünschen -- wie oft den Bruder -- die ihm im Lauf
seiner Excesse so unbarmherzig im Weg stehen. Ist das aber Liebe gegen
Liebe? Ist das kindliche Dankbarkeit gegen väterliche Milde? Wenn er
dem geilen Kitzel eines Augenblicks zehn Jahre eures Lebens aufopfert?
wenn er den Ruhm seiner Väter, der sich schon sieben Jahrhunderte
unbefleckt erhalten hat, in einer wollüstigen Minute aufs Spiel setzt?
Heißt ihr das euren Sohn? Antwortet! heißt ihr das einen Sohn?
~D. a. Moor.~ Ein unzärtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein
Kind doch!
~Franz.~ Ein allerliebstes, köstliches Kind, dessen ewiges Studium
ist, keinen Vater zu haben -- O daß ihr's begreifen lerntet! daß euch
die Schuppen fielen vom Auge! aber eure Nachsicht muß ihn in seinen
Liederlichkeiten bevestigen; euer Vorschub ihnen Rechtmäßigkeit geben.
Ihr werdet freilich den Fluch von seinem Haupte laden, auf euch, Vater,
auf euch wird der Fluch der Verdammniß fallen.
~D. a. Moor.~ Gerecht! sehr gerecht! -- Mein, mein ist alle Schuld!
~Franz.~ Wie viele Tausende, die voll gesoffen haben vom Becher
der Wollust, sind durch Leiden gebessert worden! Und ist nicht der
körperliche Schmerz, den jedes Uebermaas begleitet, ein Fingerzeig
des göttlichen Willens? Sollte ihn der Mensch durch seine grausame
Zärtlichkeit verkehren? Soll der Vater das ihm anvertraute Pfand auf
ewig zu Grunde richten? -- Bedenkt, Vater, wenn ihr ihn seinem Elend
auf einige Zeit preiß geben werdet, wird er nicht entweder umkehren
müssen und sich bessern? oder er wird auch in der großen Schule des
Elends ein Schurke bleiben, und dann -- wehe dem Vater, der die
Rathschlüsse einer höheren Weisheit durch Verzärtlung zernichtet! --
Nun, Vater?
~D. a. Moor.~ Ich will ihm schreiben, daß ich meine Hand von ihm wende.
~Franz.~ Da thut ihr recht und klug daran.
~D. a. Moor.~ Daß er nimmer vor meine Augen komme.
~Franz.~ Das wird eine heilsame Wirkung thun.
~D. a. Moor~ (_zärtlich._) Bis er anders worden!
~Franz.~ Schon recht, schon recht -- Aber, wenn er nun kommt mit
der Larve des Heuchlers, euer Mitleid erweint, eure Vergebung sich
erschmeichelt, und morgen hingeht und eurer Schwachheit spottet im Arm
seiner Huren? -- Nein, Vater! Er wird freywillig wiederkehren, wenn ihn
sein Gewissen reingesprochen hat.
~D. a. Moor.~ So will ich ihm das auf der Stelle schreiben.
~Franz.~ Halt! noch ein Wort, Vater! Eure Entrüstung, fürchte ich,
möchte euch zu harte Worte in die Feder werfen, die ihm das Herz
zerspalten würden -- und dann -- glaubt ihr nicht, daß er das schon
für Verzeihung nehmen werde, wenn ihr ihn noch eines eigenhändigen
Schreibens werth haltet? Darum wird's besser seyn, ihr überlaßt das
Schreiben mir.
~D. a. Moor.~ Thu' das, mein Sohn. -- Ach! es hätte mir doch das Herz
gebrochen! Schreib ihm -- --
~Franz~ (_schnell._) Dabei bleibt's also?
~D. a. Moor.~ Schreib ihm, daß ich tausend blutige Thränen, tausend
schlaflose Nächte -- Aber bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.
~Franz.~ Wollt ihr euch nicht zu Bette legen, Vater? Es griff euch hart
an.
~D. a. Moor.~ Schreib ihm, daß die väterliche Brust -- Ich sage dir,
bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.
(Geht traurig ab.)
~Franz~ (_mit Lachen ihm nachsehend._) Tröste dich, Alter, du wirst ihn
nimmer an diese Brust drücken, der Weg dazu ist ihm verrammelt, wie der
Himmel der Hölle -- Er war aus deinen Armen gerissen, ehe du wußtest,
daß du es wollen könntest -- da müßt' ich ein erbärmlicher Stümper
seyn, wenn ich's nicht einmal so weit gebracht hätte, einen Sohn vom
Herzen des Vaters los zu lösen, und wenn er mit ehernen Banden daran
geklammert wäre -- Ich hab' einen magischen Kreis von Flüchen um dich
gezogen, den er nicht überspringen soll -- Glück zu, Franz! Weg ist
das Schooskind -- Der Wald ist heller. Ich muß diese Papiere vollends
aufheben, wie leicht könnte jemand meine Handschrift kennen? (_er liest
die zerrissenen Briefstücke zusammen._) -- Und Gram wird auch den
Alten bald fortschaffen, -- und ihr muß ich diesen Karl aus dem Herzen
reissen, wenn auch ihr halbes Leben dran hängen bleiben sollte.
Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu seyn, und bei
meiner Ehre! ich will sie geltend machen. -- Warum bin ich nicht
der Erste aus Mutterleib gekrochen? Warum nicht der Einzige? Warum
mußte sie mir diese Bürde von Häßlichkeit aufladen? gerade mir?
Nicht anders, als ob sie bei meiner Geburt einen Rest gesetzt hätte?
Warum gerade mir die Lappländersnase? Gerade mir dieses Mohrenmaul?
Diese Hottentottenaugen? Wirklich, ich glaube, sie hat von allen
Menschensorten das Scheußliche auf einen Haufen geworfen, und mich
daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr die Vollmacht gegeben, jenem
dieses zu verleihen, und mir vorzuenthalten? Könnte ihr jemand darum
hofiren, eh' er entstund? Oder sie beleidigen, eh' er selbst wurde?
Warum gieng sie so partheylich zu Werke?
Nein! Nein! Ich thu' ihr Unrecht. Gab sie uns doch Erfindungsgeist mit,
setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans, ~Welt~ --
Schwimme, wer schwimmen kann, und wer plump ist, geht unter! Sie gab
mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache.
Jeder hat gleiches Recht zum Grösten und Kleinsten, Anspruch wird an
Anspruch, Trieb an Trieb, und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht
wohnet beim Ueberwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere
Gesetze.
Wohl gibt es gewisse gemeinschaftliche Pakta, die man geschlossen hat,
die Pulse des Weltcirkels zu treiben. Ehrlicher Name! -- Wahrhaftig
eine reichhaltige Münze, mit der sich meisterlich schachern läßt,
wer's versteht, sie gut auszugeben. Gewissen, -- o ja, freilich! ein
tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschröcken!
-- auch das ein gut geschriebener Wechselbrief, mit dem auch der
Bankerotirer zur Noth noch hinauslangt.
In der That sehr lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und
den Pöbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiden es desto
bequemer haben. Ohne Anstand, recht schnackische Anstalten! Kommen
mir für, wie die Hecken, die meine Bauren gar schlau um ihre Felder
herumführen, daß ja kein Haase drüber setzt, ja beileibe kein Haase! --
Aber der gnädige Herr gibt seinem Rappen den Sporn, und galoppirt weich
über der weiland Aerndte.
Armer Haase! Es ist doch eine jämmerliche Rolle, der Haase seyn müssen
auf dieser Welt -- Aber der gnädige Herr braucht Haasen!
Also frisch drüber hinweg! Wer nichts fürchtet, ist nicht weniger
mächtig, als der, den alles fürchtet. Es ist itzo die Mode, Schnallen
an den Beinkleidern zu tragen, womit man sie nach Belieben weiter
und enger schnürt. Wir wollen uns ein Gewissen nach der neuesten
Façon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen, wie wir
zulegen. Was können wir dafür? Geht zum Schneider! Ich habe Langes und
Breites von einer sogenannten ~Blutliebe~ schwatzen gehört, das einem
ordentlichen Hausmann den Kopf heiß machen könnte -- Das ist dein
Bruder! -- das ist verdollmetscht: Er ist aus eben dem Ofen geschossen
worden, aus dem du geschossen bist -- also sey er dir heilig! -- Merkt
doch einmal diese verzwickte Consequenz, diesen possierlichen Schluß
von der Nachbarschaft der Leiber auf die Harmonie der Geister; von
eben derselben Heimath zu eben derselben Empfindung; von einerley
Kost zu einerley Neigung. Aber weiter -- es ist dein Vater! Er hat
dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut -- also sey er
dir heilig. Wiederum eine schlaue Consequenz! Ich möchte doch fragen,
~warum~ hat er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir,
der erst ein ~Ich~ werden sollte? Hat er mich gekannt, ehe er mich
machte? Oder hat er an mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er
mich gewünscht, da er mich machte? Wußte er, was ich werden würde? das
wollt' ich ihm nicht rathen, sonst möcht' ich ihn dafür strafen, daß
er mich doch gemacht hat? Kann ich's ihm Dank wissen, daß ich ein Mann
wurde? So wenig, als ich ihn verklagen könnte, wenn er ein Weib aus mir
gemacht hätte. Kann ich eine Liebe erkennen, die sich nicht auf Achtung
gegen mein ~Selbst~ gründet? Konnte Achtung gegen mein Selbst vorhanden
seyn, das erst dadurch entstehen sollte, davon es die Voraussetzung
seyn muß? Wo stickt dann nun das Heilige? Etwa im Aktus selber, durch
den ich entstund? -- Als wenn dieser etwas mehr wäre, als viehischer
Proceß zur Stillung viehischer Begierden? Oder stickt es vielleicht im
Resultat dieses Aktus, der doch nichts ist, als eiserne Nothwendigkeit,
die man so gern wegwünschte, wenn's nicht auf Unkosten von Fleisch und
Blut geschehen müßte. Soll ich ihm etwa darum gute Worte geben, daß
er mich liebt? das ist eine Eitelkeit von ihm, die Schoossünde aller
Künstler, die sich in ihrem Werk kokettiren, wär' es auch noch so
häßlich. -- Sehet also, das ist die ganze Hexerey, die ihr in einen
heiligen Nebel verschleyert, unsre Furchtsamkeit zu mißbrauchen. Soll
auch ich mich dadurch gängeln lassen, wie einen Knaben?
Frisch also! muthig an's Werk! -- Ich will alles um mich her ausrotten,
was mich einschränkt, daß ich nicht ~Herr~ bin. ~Herr~ muß ich seyn,
daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit
gebricht. (_ab_)
Zweite Scene.
Schenke an den Gränzen von Sachsen.
Karl von Moor (_in ein Buch vertieft._) Spiegelberg (_trinkend am
Tisch._)
~Karl v. Moor~ (_legt das Buch weg._) Mir eckelt vor diesem
Tintenkleksenden Seculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen
Menschen.
~Spiegelberg~ (_stellt ihm ein Glas hin, und trinkt._) Den Josephus
mußt du lesen.
~Moor.~ Der lohe Lichtfunke Prometheus ist ausgebrannt, dafür nimmt man
itzt die Flamme von Berlappenmehl -- Theaterfeuer, das keine Pfeife
Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des
Herkules, und studiren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein
Ding sey, das er in seinen Hoden geführt hat? Ein französischer Abbé
docirt, Alexander sey ein Haasenfuß gewesen, ein schwindsüchtiger
Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschgen Salmiakgeist vor
die Nase, und liest ein Collegium über die ~Kraft~. Kerls, die in
Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die
Taktik des Hannibals -- feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der
Schlacht bei Kannä, und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie
exponiren müssen.
~Spiegelberg.~ Das ist ja recht Alexandrinisch geflännt.
~Moor.~ Schöner Preiß für euren Schweiß in der Feldschlacht, daß
ihr jetzt in Gymnasien lebet, und eure Unsterblichkeit in einem
Bücherriemen mühsam fortgeschleppt wird. Kostbarer Ersatz eures
verpraßten Blutes, von einem Nürnberger Krämer um Lebkuchen
gewickelt -- oder, wenn's glücklich geht, von einem französischen
Tragödienschreiber auf Stelzen geschraubt, und mit Drahtfäden gezogen
zu werden. Hahaha!
~Spiegelberg~ (_trinkt._) Lies den Josephus, ich bitte dich drum.
~Moor.~ Pfui! Pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert, zu nichts
nütze, als die Thaten der Vorzeit wiederzukäuen, und die Helden
des Alterthums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit
Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun
muß Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.
~Spiegelberg.~ Thee, Bruder, Thee!
~Moor.~ Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmakten
Conventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie
Gesundheit dazu trinken müssen -- beleken den Schuhputzer, daß er sie
vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht
fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen, und möchten einander
vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird.
-- Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche
kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare -- fallen auf die Knie,
damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können -- wenden kein Aug von dem
Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisirt ist. -- Fallen in
Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände,
wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht -- -- So warm ich
ihnen die Hand drückte -- »nur noch einen Tag« -- Umsonst! -- Ins Loch
mit dem Hund! -- Bitten! Schwüre! Thränen (_auf den Boden stampfend._)
Hölle und Teufel!
~Spiegelberg.~ Und um so ein paar tausend lausige Dukaten --
~Moor.~ Nein, ich mag nicht daran denken. Ich soll meinen Leib pressen
in eine Schnürbrust, und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das
Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.
Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freyheit
brütet Kolosse und Extremitäten aus. Sie verpallisadiren sich ins
Bauchfell eines Tyrannen, hofiren der Laune seines Magens, und lassen
sich klemmen von seinen Winden. -- Ah! daß der Geist Herrmanns noch
in der Asche glimmte! -- Stelle mich vor ein Heer Kerls, wie ich, und
aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta
Nonnenklöster seyn sollen. (_Er wirft den Degen auf den Tisch, und
steht auf._)
~Spiegelberg~ (_aufspringend._) Bravo! Bravissimo! du bringst mich eben
recht auf das Chapitre. Ich will dir was in's Ohr sagen, Moor, das
schon lang mit mir umgeht, und du bist der Mann dazu -- sauf Bruder,
sauf -- wie wär's, wenn wir Juden würden, und das Königreich wieder
auf's Tapet brächten?
~Moor~ (_lacht aus vollem Halse._) Ah! Nun merk' ich -- nun merk' ich
-- du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die
deinige schon hat?
~Spiegelberg.~ Daß dich, Bärenhäuter! Ich bin freylich wunderbarerweis
schon voraus beschnitten. Aber sag, ist das nicht ein schlauer und
herzhafter Plan? Wir lassen ein Manifest ausgehen in alle vier Enden
der Welt, und citiren nach Palästina, was kein Schweinefleisch ißt.
Da beweis ich nun durch triftige Dokumente, Herodes, der Vierfürst,
sey mein Großahnherr gewesen, und so ferner. Das wird ein Viktoria
abgeben, Kerl, wenn sie wieder in's Trockene kommen, und Jerusalem
wieder aufbauen dörfen. Itzt frisch mit den Türken aus Asien, weil's
Eisen noch warm ist, und Cedern gehauen aus dem Libanon, und Schiffe
gebaut, und geschachert mit alten Borten und Schnallen das ganze Volk.
Mittlerweile --
~Moor~ (_nimmt ihn lächelnd bei der Hand._) Kamerad! Mit den
Narrenstreichen ist's nun am Ende.
~Spiegelberg~ (_stutzig._) Pfui, du wirst doch nicht gar den verlorenen
Sohn spielen wollen? Ein Kerl, wie du, der mit dem Degen mehr auf die
Gesichter gekritzelt hat, als drei Substituten in einem Schaltjahr
in's Befehlbuch schreiben! Soll ich dir von der großen Hundsleiche
vorerzählen? ha! ich muß nur dein eigenes Bild wieder vor dich rufen,
das wird Feuer in deine Adern blasen, wenn dich sonst nichts mehr
begeistert. Weißt du noch, wie die Herren vom Collegio deiner Dogge das
Bein hatten abschiessen lassen, und du zur Revange liessest ein Fasten
ausschreiben in der ganzen Stadt. Man schmollte über dein Rescript.
Aber du nicht faul, lässest alles Fleisch aufkaufen in ganz L.., daß
in acht Stund kein Knoch mehr zu nagen ist in der ganzen Rundung, und
die Fische anfangen im Preiße zu steigen. Magistrat und Bürgerschaft
düsselten Rache. Wir Pursche frisch heraus zu siebzehnhundert, und du
an der Spitze, und Mezger und Schneider und Krämer hinterher, und Wirth
und Barbierer und alle Zünfte, und fluchen, Sturm zu laufen wider die
Stadt, wenn man den Purschen ein Haar krümmen wollte. Da gieng's aus,
wie's Schiessen zu Hornberg, und mußten abziehen mit langer Nase. Du
lässest Doktores kommen ein ganzes Concilium, und botst drei Dukaten,
wer dem Hund ein Recept schreiben würde. Wir sorgten, die Herren werden
zuviel Ehr im Leib haben und ~Nein~ sagen, und hattens schon verabredt,
sie zu forciren. Aber das war unnöthig, die Herren schlugen sich um die
drei Dukaten, und kam's im Abstreich herab auf drei Bazen, in einer
Stund sind zwölf Recepte geschrieben, daß das Thier auch bald drauf
verreckte.
~Moor.~ Schändliche Kerls!
~Spiegelberg.~ Der Leichenpomp wird veranstaltet in aller Pracht,
Carmina gab's die schwere Meng' um den Hund, und zogen wir aus des
Nachts gegen tausend, eine Laterne in der einen Hand, unsre Raufdegen
in der andern, und so fort durch die Stadt mit Glockenspiel und
Geklimper, bis der Hund beigesetzt war. Drauf gab's ein Fressen, das
währt bis an den lichten Morgen, da bedanktest du dich bei den Herren
für das herzliche Beileid, und liessest das Fleisch verkaufen ums halbe
Geld. =Mort de ma vie=, da hatten wir dir Respekt, wie eine Garnison in
einer eroberten Vestung --
~Moor.~ Und du schämst dich nicht damit groß zu prahlen? Hast nicht
einmal so viel Schaam, dich dieser Streiche zu schämen?
~Spiegelberg.~ Geh, geh. Du bist nicht mehr Moor. Weißt du noch,
wie tausendmal du, die Flasche in der Hand, den alten Filzen hast
aufgezogen, und gesagt: Er soll nur drauf los schaben und scharren, du
wollest dir dafür die Gurgel absaufen. -- Weißt du noch? he? weißt du
noch? O du heilloser, erbärmlicher Prahlhans! das war noch männlich
gesprochen, und edelmännisch, aber --
~Moor.~ Verflucht seyst du, daß du mich dran erinnerst! Verflucht ich,
daß ich es sagte! Aber es war nur im Dampfe des Weins, und mein Herz
hörte nicht, was meine Zunge prahlte.
~Spiegelberg~ (_schüttelt den Kopf._) Nein! nein! nein! das kann
nicht seyn. Unmöglich, Bruder, das kann dein Ernst nicht seyn. Sag,
Brüderchen, ist es nicht die Noth, die dich so stimmt? Komm, laß dir
ein Stückchen aus meinen Bubenjahren erzählen. Da hatt' ich neben
meinem Haus einen Graben, der, wie wenig, seine acht Schuh breit
war, wo wir Buben uns in die Wette bemühten, hinüber zu springen.
Aber das war umsonst. Pflumpf! lagst du, und ward ein Gezisch und
Gelächter über dir, und wurdest mit Schneeballen geschmissen über und
über. Neben meinem Haus lag eines Jägers Hund an einer Kette, eine so
bißige Bestie, die dir die Mädels wie der Blitz am Rockzipfel hatte,
wenn sie sichs versahn, und zu nah' dran vorbey strichen. Das war nun
mein Seelengaudium, den Hund überall zu necken, wo ich nur konnte, und
wollt' halb krepiren vor Lachen, wenn mich dann das Luder so giftig
anstierte, und so gern auf mich losgerannt wär', wenn's nur gekonnt
hätte. -- Was geschieht? Ein andermal mach' ich's ihm auch wieder so,
und werf' ihn mit einem Stein so derb an die Ripp', daß er vor Wuth von
der Kette reißt, und auf mich dar, und ich, wie alle Donnerwetter, reiß
aus, und davon -- Tausend Schwernoth! Da ist dir just der vermaledeyte
Graben dazwischen. Was zu thun? Der Hund ist mir hart an den Fersen und
wüthig, also kurz resolvirt -- ein Anlauf genommen -- drüben bin ich.
Dem Sprung hatt' ich Leib und Leben zu danken; die Bestie hätte mich zu
Schanden gerissen.
~Moor.~ Aber wozu itzt das?
~Spiegelberg.~ Dazu -- daß du sehen sollst, wie die Kräfte wachsen
in der Noth. Darum laß ich mir's auch nicht bange seyn, wenn's auf's
äusserste kommt. Der Muth wächst mit der Gefahr; die Kraft erhebt sich
im Drang. Das Schicksal muß einen großen Mann aus mir haben wollen,
weil's mir so queer durch den Weg streicht.
~Moor~ (_ärgerlich._) Ich wüßte nicht, wozu wir den Muth noch haben
sollten, und noch nicht gehabt hätten.
~Spiegelberg.~ So? -- Und du willst also deine Gaben in dir verwittern
lassen? Dein Pfund vergraben? Meynst du, deine Stinkereyen in Leipzig
machen die Gränzen des menschlichen Witzes aus? Da laß uns erst in die
große Welt kommen. Paris und London! -- wo man Ohrfeigen einhandelt,
wenn man einen mit dem Namen eines ehrlichen Mannes grüßt. Da ist es
auch ein Seelenjubilo, wenn man das Handwerk in's Große prakticirt. --
Du wirst gaffen! Du wirst Augen machen! Wart, und wie man Handschriften
nachmacht, Würfel verdreht, Schlösser aufbricht, und den Koffern das
Eingeweid ausschüttet -- das sollst du noch von Spiegelberg lernen!
Die Kanaille soll man an den nächsten besten Galgen knüpfen, die bei
~geraden~ Fingern verhungern will.
~Moor~ (_zerstreut._) Wie? du hast es wohl gar noch weiter gebracht?
~Spiegelberg.~ Ich glaube gar, du setzest ein Mißtrauen in mich. Wart,
laß mich erst warm werden; du sollst Wunder sehen, dein Gehirnchen
soll sich im Schädel umdrehen, wenn mein kreisender Witz in die
Wochen kommt. -- (_steht auf, hitzig._) Wie es sich aufhellt in mir!
Große Gedanken dämmern auf in meiner Seele! Riesenplane gähren in
meinem schöpfrischen Schedel. Verfluchte Schlafsucht! (_Sich vor'n
Kopf schlagend._) die bisher meine Kräfte in Ketten schlug, meine
Aussichten sperrte und spannte; ich erwache, fühle, wer ich bin -- wer
ich werden muß!
~Moor.~ Du bist ein Narr. Der Wein bramarbasirt aus deinem Gehirne.
~Spiegelberg~ (_hitziger._) Spiegelberg, wird es heissen, kannst
du hexen, Spiegelberg? Es ist Schade, daß du kein General worden
bist, Spiegelberg, wird der König sagen, du hättest die Oestreicher
durch ein Knopfloch gejagt. Ja, hör' ich die Doktors jammern, es ist
unverantwortlich, daß der Mann nicht die Medizin studirt hat, er hätte
ein neues Kropfpulver erfunden. Ach! und daß er das Kamerale nicht zum
Fach genommen hat, werden die Sully's in ihren Kabinetten seufzen, er
hätte aus Steinen Louisd'ore hervorgezaubert. Und Spiegelberg wird es
heissen in Osten und Westen, und in den Koth mit euch, ihr Memmen, ihr
Kröten, indeß Spiegelberg mit ausgespreiteten Flügeln zum Tempel des
Nachruhms empor fliegt.
~Moor.~ Glück auf den Weg! Steig du auf Schandsäulen zum Gipfel des
Ruhms. Im Schatten meiner väterlichen Haine, in den Armen meiner Amalia
lockt mich ein edler Vergnügen. Schon die vorige Woche hab' ich meinem
Vater um Vergebung geschrieben, hab' ihm nicht den kleinsten Umstand
verschwiegen, und wo Aufrichtigkeit ist, ist auch Mitleid und Hilfe.
Laß uns Abschied nehmen, Moriz. Wir sehen uns heut und nie mehr. Die
Post ist angelangt. Die Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb
dieser Stadtmauren.
Schweizer. Grimm. Roller. Schufterle. Razmann (_treten auf._)
~Roller.~ Wißt ihr auch, daß man uns auskundschaftet?
~Grimm.~ Daß wir keinen Augenblick sicher sind, aufgehoben zu werden?
~Moor.~ Mich wundert's nicht. Es gehe, wie es will! sah't ihr den
Schwarz nicht? sagt er euch von keinem Brief, den er an mich hätte?
~Roller.~ Schon lang sucht er dich, ich vermuthe so etwas.
~Moor.~ Wo ist er, wo, wo? (_will eilig fort._)
~Roller.~ Bleib! wir haben ihn hieher beschieden. Du zitterst? --
~Moor.~ Ich zittre nicht. Warum sollt' ich auch zittern? Kameraden!
dieser Brief -- freut euch mit mir! Ich bin der Glücklichste unter der
Sonne, warum sollt' ich zittern?
Schwarz (_tritt auf._)
~Moor~ (_fliegt ihm entgegen._) Bruder, Bruder, den Brief! den Brief!
~Schwarz~ (_giebt ihm den Brief, den er hastig aufbricht._) Was ist
dir? wirst du nicht wie die Wand?
~Moor.~ Meines Bruders Hand!
~Schwarz.~ Was treibt denn der Spiegelberg?
~Grimm.~ Der Kerl ist unsinnig. Er macht Gestus wie beim Sanct
Veits-Tanz.
~Schufterle.~ Sein Verstand geht im Ring herum. Ich glaub' er macht
Verse.
~Razmann.~ Spiegelberg! He Spiegelberg! -- Die Bestie hört nicht.
~Grimm~ (_schüttelt ihn._) Kerl! träumst du, oder? --
~Spiegelberg~ (_der sich die ganze Zeit über mit den Pantomimen eines
Projektmachers im Stubeneck abgearbeitet hat, springt wild auf._)
=La Bourse ou la vie!= (_und packt Schweizern an der Gurgel, der ihn
gelassen an die Wand wirft, -- Moor läßt den Brief fallen, und rennt
hinaus. Alle fahren auf._)
~Roller~ (_ihm nach._) Moor! wonaus, Moor? was beginnst du?
~Grimm.~ Was hat er, was hat er? Er ist bleich wie die Leiche.
~Schweizer.~ Das müssen schöne Neuigkeiten seyn! Laß doch sehen!
~Roller~ (_nimmt den Brief von der Erde, und liest._)
»Unglücklicher Bruder!« der Anfang klingt lustig. »Nur kürzlich muß ich
dir melden, daß deine Hoffnung vereitelt ist -- du sollst hingehen,
läßt dir der Vater sagen, wohin dich deine Schandthaten führen.
Auch, sagt er, werdest du dir keine Hoffnung machen, jemals Gnade zu
seinen Füssen zu erwimmern, wenn du nicht gewärtig seyn wollest, im
untersten Gewölb seiner Thürme mit Wasser und Brod so lang traktirt zu
werden, bis deine Haare wachsen wie Adlers-Federn, und deine Nägel wie
Vogelsklauen werden. Das sind seine eigene Worte. Er befiehlt mir, den
Brief zu schliessen. Leb wohl auf ewig! Ich bedaure dich --
~Franz~ von ~Moor~.«
~Schweizer.~ Ein zuckersüsses Brüdergen! In der That! -- Franz heißt
die Kanaille?
~Spiegelberg.~ (_sachte herbey schleichend._) Von Wasser und Brod ist
die Rede? Ein schönes Leben! Da hab ich anders für euch gesorgt! Sagt'
ichs nicht, ich müßt' am Ende für euch alle denken?
~Schweizer.~ Was sagt der Schafskopf? der Esel will für uns alle denken?
~Spiegelberg.~ Haasen, Krüppel, lahme Hunde seyd ihr alle, wenn ihr das
Herz nicht habt, etwas Grosses zu wagen!
~Roller.~ Nun, das wären wir freylich, du hast recht -- aber wird es
uns auch aus dieser vermaledeyten Lage reissen, was du wagen wirst?
wird es? --
~Spiegelberg~ (_mit einem stolzen Gelächter._) Armer Tropf! aus dieser
Lage reissen? hahaha! -- aus dieser Lage reissen? -- und auf mehr
raffinirt dein Fingerhut voll Gehirn nicht? und damit trabt deine Mähre
zum Stalle? Spiegelberg müßte ein Hundsvott seyn, wenn er mit dem nur
anfangen wollte. Zu Helden, sag ich dir, zu Freyherrn, zu Fürsten, zu
Göttern wirds euch machen!
~Razmann.~ Das ist viel auf einen Hieb, wahrlich! Aber es wird wohl
eine halsbrechende Arbeit seyn, den Kopf wirds wenigstens kosten.
~Spiegelberg.~ Es will nichts als Muth, denn was den Witz betrifft,
den nehm ich ganz über ~mich~. Muth, sag ich, Schweizer! Muth, Roller,
Grimm, Razmann, Schufterle! Muth! --
~Schweizer.~ Muth? Wenn's nur das ist -- Muth hab ich genug um baarfuß
mitten durch die Hölle zu gehn.
~Schufterle.~ Muth genug, mich unterm lichten Galgen mit dem
leibhaftigen Teufel um einen armen Sünder zu balgen.
~Spiegelberg.~ So gefällt mir's! Wenn ihr Muth habt, tret einer auf,
und sag: Er habe noch etwas zu verlieren, und nicht alles zu gewinnen!
--
~Schwarz.~ Wahrhaftig, da gäb's manches zu verlieren, wenn ich das
verlieren wollte, was ich noch zu gewinnen habe!
~Razmann.~ Ja, zum Teufel! und manches zu gewinnen, wenn ich das
gewinnen wollte, was ich nicht verlieren kann.
~Schufterle.~ Wenn ich das verlieren müßte, was ich auf Borgs auf dem
Leibe trage, so hätt' ich allenfalls morgen nichts mehr zu verlieren.
~Spiegelberg.~ Also denn! (_Er stellt sich mitten unter sie mit
beschwörendem Ton._) Wenn noch ein Tropfen deutschen Heldenbluts in
euren Adern rinnt -- kommt! Wir wollen uns in den böhmischen Wäldern
niederlassen, dort eine Räuberbande zusammen ziehen, und -- Was gafft
ihr mich an? -- ist euer Bisgen Muth schon verdampft?
~Roller.~ Du bist wohl nicht der erste Gauner, der über den hohen
Galgen weggesehen hat -- und doch -- Was hätten wir sonst noch für eine
Wahl übrig?
~Spiegelberg.~ Wahl? Was? nichts habt ihr zu wählen! Wollt ihr im
Schuldthurm stecken, und zusammenschnurren, bis man zum jüngsten Tag
posaunt? Wollt ihr euch mit der Schaufel und Haue um einen Bissen
trocken Brod abquälen? Wollt ihr an der Leute Fenster mit einem
Bänkelsänger-Lied ein mageres Allmosen erpressen? oder wollt ihr zum
Kalbsfell schwören -- und da ist erst noch die Frage, ob man euren
Gesichtern traut -- und dort unter der milzsüchtigen Laune eines
gebieterischen Korporals das Fegfeuer zum voraus abverdienen? oder bey
klingendem Spiel nach dem Takt der Trommel spatzieren gehn, oder im
Gallioten-Paradies das ganze Eisen-Magazin Vulkans hinterherschleifen?
Seht, das habt ihr zu wählen, da ist es beysammen, was ihr wählen könnt!
~Roller.~ So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht. Ich hab auch
meine Plane schon zusammen gemacht, aber sie treffen endlich auf eins.
Wie wär's, dacht' ich, wenn ihr euch hinsetztet, und ein Taschenbuch
oder einen Almanach, oder so was ähnlichs zusammensudeltet, und um den
lieben Groschen recensirtet, wie's wirklich Mode ist?
~Schufterle.~ Zum Henker! ihr rathet nah zu meinen Projekten. Ich
dachte bey mir selbst, wie wenn du ein Pietist würdest, und wöchentlich
deine Erbauungsstunden hieltest?
~Grimm.~ Getroffen! und wenn das nicht geht, ein Atheist! Wir könnten
die vier Evangelisten auf's Maul schlagen, liessen unser Buch durch den
Schinder verbrennen, und so gieng's reissend ab.
~Razmann.~ Oder zögen wir wider die Franzosen zu Felde -- ich kenne
einen Doktor, der sich ein Haus von purem Quecksilber gebauet hat, wie
das Epigramm auf der Hausthüre lautet.
~Schweizer.~ (_Steht auf und gibt Spiegelberg die Hand._) Moriz, du
bist ein grosser Mann! -- oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel
gefunden.
~Schwarz.~ Vortreffliche Plane! honnete Gewerbe! Wie doch die grossen
Geister sympathisiren! Izt fehlte nur noch, daß wir Weiber und
Kupplerinnen würden, oder gar unsere Jungferschaft zu Markte trieben.
~Spiegelberg.~ Possen, Possen! Und was hinderts, daß ihr nicht das
meiste in einer Person seyn könnt? Mein Plan wird euch immer am
höchsten poussiren, und da habt ihr noch Ruhm und Unsterblichkeit!
Seht arme Schlucker! Auch so weit muß man hinausdenken! Auch auf den
Nachruhm, das süsse Gefühl von Unvergeßlichkeit --
~Roller.~ Und oben an in der Liste der ehrlichen Leute! Du bist ein
Meister-Redner, Spiegelberg, wenn's drauf ankommt, aus einem ehrlichen
Mann einen Hollunken zu machen -- Aber sag doch einer, wo der Moor
bleibt? --
~Spiegelberg.~ Ehrlich, sagst du? Meynst du, du seyst nachher weniger
ehrlich, als du izt bist? Was heist du ehrlich? Reichen Filzen
ein Drittheil ihrer Sorgen vom Hals schaffen, die ihnen nur den
goldnen Schlaf verscheuchen, das stockende Geld in Umlauf bringen,
das Gleichgewicht der Güter wieder herstellen, mit einem Wort, das
goldne Alter wieder zurückrufen, dem lieben Gott von manchem lästigen
Kostgänger helfen, ihm Krieg, Pestilenz, theure Zeit und ~Doktors~
ersparen -- siehst du, das heiß ich ehrlich seyn, das heiß ich ein
würdiges Werkzeug in der Hand der Vorsehung abgeben, -- und so bey
jedem Braten, den man ißt, den schmeichelhaften Gedanken zu haben: den
haben dir deine Finten, dein Löwenmuth, deine Nachtwachen erworben --
von groß und klein respektirt zu werden --
~Roller.~ Und endlich gar bey lebendigem Leibe gen Himmel fahren, und
trotz Sturm und Wind, trotz dem gefrässigen Magen der alten Urahne
Zeit unter Sonn und Mond und allen Fixsternen schweben, wo selbst die
unvernünftigen Vögel des Himmels, von edler Begierde herbeygelockt,
ihr himmlisches Koncert musiciren, und die Engel mit Schwänzen ihr
hochheiliges Synedrium halten? Nicht wahr? -- und wenn Monarchen und
Potentaten von Motten und Würmern verzehrt werden, die Ehre haben
zu dürfen, von Jupiters königlichem Vogel Visiten anzunehmen? --
Moriz, Moriz, Moriz! nimm dich in Acht! nimm dich in Acht, vor dem
dreybeinigten Thiere!
~Spiegelberg.~ Und das schröckt dich, Hasenherz? ist doch schon
manches Universal-Genie, das die Welt hätte reformiren können, auf dem
Schind-Anger verfault, und spricht man nicht von so einem Jahrhunderte,
Jahrtausende lang, da mancher König und Kurfürst in der Geschichte
überhüpft würde, wenn sein Geschichtschreiber die Lücke in der
Successions-Leiter nicht scheute, und sein Buch dadurch nicht um ein
paar Oktavseiten gewönne, die ihm der Verleger mit baarem Gelde bezahlt
-- Und wenn dich der Wanderer so hin und her fliegen sieht im Winde --
der muß auch kein Wasser im Hirn gehabt haben, brummt er in den Bart,
und seufzt über die elenden Zeiten.
~Schweizer.~ (_klopft ihn auf die Achsel._) Meisterlich, Spiegelberg!
Meisterlich! Was, zum Teufel, steht ihr da, und zaudert?
~Schwarz.~ Und laß es auch ~Prostitution~ heissen -- Was folgt weiter?
Kann man nicht auf den Fall immer ein Pülverchen mit sich führen,
das einen so im stillen übern Acheron fördert, wo kein Hahn darnach
kräht! Nein, Bruder Moriz! dein Vorschlag ist gut. So lautet auch mein
Katechismus.
~Schufterle.~ Blitz! Und der meine nicht minder. Spiegelberg, du hast
mich geworben!
~Razmann.~ Du hast, wie ein anderer Orpheus, die heulende Bestie, mein
Gewissen, in den Schlaf gesungen. Nimm mich ganz, wie ich da bin.
~Grimm.~ =Si omnes consentiunt ego non dissentio.= Wohlgemerkt ohne
Komma. Es ist ein Aufstreich in meinem Kopf; Pietisten -- Quacksalber
-- Rezensenten und Gauner. Wer am meisten bietet, der hat mich. Nimm
diese Hand, Moriz.
~Roller.~ Und auch du Schweizer? (_gibt Spiegelberg die rechte Hand._)
Also verpfänd ich meine Seele dem Teufel.
~Spiegelberg.~ Und deinen Namen den Sternen! was liegt daran, wohin
auch die Seele fährt? Wenn Schaaren vorausgesprengter Kuriere unsere
Niederfahrt melden, daß sich die Satane festtäglich herausputzen, sich
den tausendjährigen Ruß aus den Wimpern stäuben, und Myriaden gehörnter
Köpfe aus der rauchenden Mündung ihrer Schwefel-Kamine hervorwachsen,
unsern Einzug zu sehen? Kameraden! (_aufgesprungen_) frisch auf!
Kameraden! was in der Welt wiegt diesen Rausch des Entzückens auf?
Kommt Kameraden!
~Roller.~ Sachte nur! Sachte! wohin? das Thier muß auch seinen Kopf
haben, Kinder.
~Spiegelberg.~ (_Giftig._) Was predigt der Zauderer? Stand nicht der
Kopf schon, eh noch ein Glied sich regte? folgt Kameraden!
~Roller.~ Gemach sag ich. Auch die Freyheit muß ihren Herrn haben. Ohne
Oberhaupt gieng Rom und Sparta zu Grunde.
~Spiegelberg.~ (_Geschmeidig._) Ja -- haltet -- Roller sagt recht.
Und das muß ein erleuchteter Kopf seyn. Versteht ihr? Ein feiner
politischer Kopf muß das seyn. Ja! wenn ich mir's denke, was ihr vor
einer Stunde waret, was ihr izt seyd, -- durch Einen glücklichen
Gedanken seyd -- Ja freylich, freylich, müßt ihr einen =Chef= haben
-- Und wer diesen Gedanken entsponnen, sagt, muß das nicht ein
erleuchteter politischer Kopf seyn?
~Roller.~ Wenn sich's hoffen ließe -- träumen ließe -- Aber ich
fürchte, er wird es nicht thun.
~Spiegelberg.~ Warum nicht? Sag's kek heraus, Freund! -- So schwer es
ist, das kämpfende Schiff gegen die Winde zu lenken, so schwer sie auch
drückt die Last der Kronen -- Sag's unverzagt, Roller -- Vielleicht
wird ers doch thun.
~Roller.~ Und lek ist das Ganze, wenn er's nicht thut. Ohne den Moor
sind wir Leib ohne Seele.
~Spiegelberg.~ (_Unwillig von ihm weg._) Stockfisch!
~Moor.~ (_tritt herein in wilder Bewegung, und läuft heftig im Zimmer
auf und nieder, mit sich selber._)
~Moor.~ Menschen -- Menschen! falsche, heuchlerische Krokodilbrut!
Ihre Augen sind Wasser! Ihre Herzen sind Erz! Küsse auf den Lippen!
Schwerter im Busen! Löwen und Leoparde füttern ihre Jungen, Raben
tischen ihren Kleinen auf dem Aas, und Er, Er -- Bosheit hab ich
dulden gelernt, kann dazu lächeln, wenn mein erboster Feind mir mein
eigen Herzblut zutrinkt -- aber wenn Blutliebe zur Verrätherinn, wenn
Vaterliebe zur Megäre wird; o so fange Feuer, männliche Gelassenheit,
verwilde zum Tyger, sanftmüthiges Lamm, und jede Faser recke sich auf
zum Grimm und Verderben!
~Roller.~ Höre Moor! Was denkst du davon? Ein Räuberleben ist doch auch
besser, als bey Wasser und Brod im untersten Gewölbe der Thürme?
~Moor.~ Warum ist dieser Geist nicht in einen Tyger gefahren, der sein
wüthendes Gebiß in Menschenfleisch haut? Ist das Vatertreue? Ist das
Liebe für Liebe? Ich möchte ein Bär seyn, und die Bären des Nordlands
wider dies mörderische Geschlecht anhetzen -- Reue, und keine Gnade! --
Oh ich möchte den Ocean vergiften, daß sie den Tod aus allen Quellen
saufen! Vertrauen, unüberwindliche Zuversicht, und kein Erbarmen!
~Roller.~ So höre doch, Moor, was ich dir sage!
~Moor.~ Es ist unglaublich, es ist ein Traum, eine Täuschung -- So
eine rührende Bitte, so eine lebendige Schilderung des Elends und der
zerfliessenden Reue -- die wilde Bestie wär' in Mitleid zerschmolzen!
Steine hätten Thränen vergossen, und doch -- man würde es für ein
boshaftes Pasquill auf's Menschengeschlecht halten, wenn ich's
aussagen wollte -- und doch, doch -- oh daß ich durch die ganze Natur
das Horn des Aufruhrs blasen könnte, Luft, Erde und Meer wider das
Hyänen-Gezücht in's Treffen zu führen!
~Grimm.~ Höre doch, höre! vor Rasen hörst du ja nicht.
~Moor.~ Weg, weg von mir! Ist dein Name nicht Mensch? Hat dich das
Weib nicht gebohren? -- Aus meinen Augen du mit dem Menschengesicht!
-- Ich hab ihn so unaussprechlich geliebt! so liebte kein Sohn, ich
hätte tausend Leben für ihn -- (_schäumend auf die Erde stampfend._)
ha! -- wer mir itzt ein Schwerdt in die Hand gäbe, dieser Otternbrut
eine brennende Wunde zu versetzen! wer mir sagte: wo ich das Herz ihres
Lebens erzielen, zermalmen, zernichten -- Er sey mein Freund, mein
Engel, mein Gott -- ich will ihn anbeten!
~Roller.~ Eben diese Freunde wollen ja wir seyn, laß dich doch weisen!
~Schwarz.~ Komm mit uns in die böhmischen Wälder! Wir wollen eine
Räuberbande sammeln, und du -- (_Moor stiert ihn an._)
~Schweizer.~ Du sollst unser Hauptmann seyn! du must unser Hauptmann
seyn!
~Spiegelberg~ (_wirft sich wild in einen Sessel._) Sklaven und Memmen!
~Moor.~ Wer blies dir das Wort ein? Höre, Kerl! (_indem er Rollern hart
ergreift_) das hast du nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt!
wer blies dir das Wort ein? Ja, bey dem tausendarmigen Tod! das wollen
wir, das müssen wir! der Gedanke verdient Vergötterung -- ~Räuber~ und
~Mörder~! -- So wahr meine Seele lebt, ich bin euer Hauptmann!
~Alle~ (_mit lärmendem Geschrey._) Es lebe der Hauptmann!
~Spiegelberg~ (_aufspringend, vor sich._) Bis ich ihm hinhelfe!
~Moor.~ Siehe, da fällts wie der Staar von meinen Augen! was für ein
Thor ich war, daß ich in's Keficht zurückwollte! -- Mein Geist dürstet
nach Thaten, mein Athem nach Freyheit, -- ~Mörder, Räuber!~ -- mit
diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt -- Menschen haben
Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit appellirte, weg dann
von mir Sympathie und menschliche Schonung! -- Ich habe keinen Vater
mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen
lehren, daß mir jemals etwas theuer war! -- Kommt, kommt! -- Oh ich
will mir eine fürchterliche Zerstreuung machen -- es bleibt dabey,
ich bin euer Hauptmann! und Glück zu dem Meister unter euch, der am
wildesten sengt, am gräßlichsten mordet, denn ich sage euch, er soll
königlich belohnet werden -- tretet her um mich ein jeder, und schwöret
mir Treu und Gehorsam zu bis in den Tod! -- schwört mir das bey dieser
männlichen Rechte.
~Alle~ (_geben ihm die Hand._) Wir schwören dir Treu und Gehorsam bis
in den Tod!
~Moor.~ Nun und bey dieser männlichen Rechte! schwör ich euch hier,
treu und standhaft euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! Den soll
dieser Arm gleich zur Leiche machen, der jemals zagt oder zweifelt,
oder zurücktritt! Ein gleiches widerfahre mir von jedem unter euch,
wenn ich meinen Schwur verletze! Seyd ihr's zufrieden? (_Spiegelberg
läuft wüthend auf und nieder._)
~Alle~ (_mit aufgeworfenen Hüten._) Wir sind's zufrieden.
~Moor.~ Nun dann, so laßt uns geh'n! Fürchtet euch nicht vor Tod und
Gefahr, denn über uns waltet ein unbeugsames Fatum! Jeden ereilet
endlich sein Tag, es sey auf dem weichen Kissen von Pflaum, oder im
rauhen Gewühl des Gefechtes, oder auf offenem Galgen und Rad! Eins
davon ist unser Schicksal!
(Sie gehen ab.)
~Spiegelberg~ (_ihnen nachsehend, nach einer Pause._) Dein Register hat
ein Loch. Du hast das Gift weggelassen. (_Ab_)
Dritte Scene.
Im Moorischen Schloß, Amaliens Zimmer.
Franz. Amalia.
~Franz.~ Du siehst weg, Amalia? verdien ich weniger, als der, den der
Vater verflucht hat?
~Amalia.~ Weg! -- ha des liebevollen barmherzigen Vaters, der seinen
Sohn Wölffen und Ungeheuern Preis gibt! daheim labt er sich mit süssem
köstlichem Wein, und pflegt seiner morschen Glieder in Kissen von
Eider, während sein groser herrlicher Sohn darbt -- schämt euch, ihr
Unmenschen! schämt euch, ihr Drachenseelen, ihr Schande der Menschheit!
-- seinen einzigen Sohn!
~Franz.~ Ich dächte, er hätt ihrer zween.
~Amalia.~ Ja, er verdient solche Söhne zu haben, wie du bist. Auf
seinem Todbett wird er umsonst die welken Hände ausstrecken nach seinem
Karl, und schaudernd zurückfahren, wenn er die eiskalte Hand seines
Franzens faßt -- oh es ist süß, es ist köstlich süß, von deinem Vater
verflucht zu werden! Sprich Franz, liebe brüderliche Seele! was muß man
thun, wenn man von ihm verflucht seyn will?
~Franz.~ Du schwärmst, meine Liebe, du bist zu bedauren.
~Amalia.~ O ich bitte dich -- bedauerst du deinen Bruder? -- Nein
Unmensch, du hassest ihn! du hassest mich doch auch?
~Franz.~ Ich liebe dich wie mich selbst, Amalia.
~Amalia.~ Wenn du mich liebst, kannst du mir wohl eine Bitte abschlagen?
~Franz.~ Keine, keine! wenn sie nicht mehr ist als mein Leben.
~Amalia.~ O, wenn das ist! Eine Bitte, die du so leicht, so gern
erfüllen wirst (_stolz._) -- Hasse mich! Ich müßte feuerroth werden
vor Scham, wenn ich an Karln denke, und mir eben einfiel, daß du mich
nicht hassest. Du versprichst mir's doch? -- Itzt geh, und laß mich,
ich bin so gern allein!
~Franz.~ Allerliebste Träumerinn! wie sehr bewundere ich dein sanftes
liebevolles Herz, (_ihr auf die Brust klopfend._) Hier, hier herrschte
Karl wie ein Gott in seinem Tempel, Karl stand vor dir im Wachen, Karl
regierte in deinen Träumen, die ganze Schöpfung schien dir nur in den
einzigen zu zerfliessen, den einzigen wiederzustralen, den einzigen dir
entgegen zu tönen.
~Amalia.~ (_bewegt._) Ja wahrhaftig, ich gesteh es. Euch Barbaren zum
Trutz will ich's vor aller Welt gestehen -- ich lieb ihn!
~Franz.~ Unmenschlich, grausam! Diese Liebe so zu belohnen! Die zu
vergessen --
~Amalia.~ (_auffahrend._) Was, mich vergessen?
~Franz.~ Hattest du ihm nicht einen Ring an den Finger gesteckt? einen
Diamantring zum Unterpfand deiner Treue! -- Freylich nun, wie kann auch
ein Jüngling den Reitzen einer Metze Widerstand thun? Wer wird's ihm
auch verdenken, da ihm sonst nichts mehr übrig war wegzugeben, -- und
bezahlte sie ihn nicht mit Wucher dafür mit ihren Liebkosungen, ihren
Umarmungen?
~Amalia~ (_aufgebracht._) Meinen Ring einer Metze?
~Franz.~ Pfui, pfui! das ist schändlich. Wohl aber, wenn's nur das
wäre! -- Ein Ring, so kostbar er auch ist, ist im Grunde bey jedem
Juden wieder zu haben -- vielleicht mag ihm die Arbeit daran nicht
gefallen haben, vielleicht hat er einen schönern dafür eingehandelt.
~Amalia.~ (_heftig._) Aber ~meinen~ Ring -- ich sage ~meinen~ Ring?
~Franz.~ Keinen andern, Amalia -- ha! solch ein Kleinod, und an meinem
Finger -- und von Amalia! -- von hier sollt' ihn der Tod nicht gerissen
haben -- nicht wahr, Amalia? nicht die Kostbarkeit des Diamants, nicht
die Kunst des Gepräges -- die Liebe macht seinen Werth aus -- Liebstes
Kind, du weinest? Wehe über den, der diese köstliche Tropfen aus so
himmlischen Augen preßt -- ach, und wenn du erst alles wüßtest, ihn
selbst sähest, ihn unter der Gestalt sähest? --
~Amalia.~ Ungeheuer! wie, unter welcher Gestalt?
~Franz.~ Stille, stille, gute Seele, frage mich nicht aus! (_wie vor
sich, aber laut._) Wenn es doch wenigstens nur einen Schleyer hätte,
das garstige Laster, sich dem Auge der Welt zu entstehlen! aber da
blickts schrecklich durch den gelben bleyfarbenen Augenring; -- da
verräth sichs im todenblassen eingefallenen Gesicht, und dreht die
Knochen heßlich hervor -- da stammelts in der halben verstümmelten
Stimme -- da predigts fürchterlich laut vom zitternden hinschwankenden
Gerippe -- da durchwühlt es der Knochen innerstes Mark, und bricht
die mannhafte Stärke der Jugend -- da, da sprizt es den eitrichten
fressenden Schaum aus Stirn und Wangen und Mund und der ganzen Fläche
des Leibes zum scheußlichen Aussatz hervor, und nistet abscheulich in
den Gruben der viehischen Schande -- pfui, pfui! mir eckelt. Nasen,
Augen, Ohren schütteln sich -- du hast jenen Elenden gesehen, Amalia,
der in unserem Siechenhause seinen Geist auskeuchte, die Schaam schien
ihr scheues Auge vor ihm zuzublinzen -- du ruftest Wehe über ihn aus.
Ruf diß Bild noch einmal ganz in deine Seele zurück, und Karl steht vor
dir! -- Seine Küsse sind Pest, seine Lippen vergiften die deinen!
~Amalia~ (_schlägt ihn._) Schaamloser Lästerer!
~Franz.~ Graut dir vor diesem Karl? Eckelt dir schon vor dem matten
Gemälde? Geh, gaff ihn selbst an, deinen schönen, englischen göttlichen
Karl! Geh, sauge seinen balsamischen Athem ein, und laß dich von den
Ambrosia-Düften begraben, die aus seinem Rachen dampfen! der blose
Hauch seines Mundes wird dich in jenen schwarzen todähnlichen Schwindel
hauchen, der den Geruch eines berstenden Aases und den Anblick eines
Leichenvollen Wahlplatzes begleitet.
~Amalia~ (_wendet ihr Gesicht ab._)
~Franz.~ Welches Aufwallen der Liebe! Welche Wollust in der Umarmung
-- aber ist es nicht ungerecht, einen Menschen um seiner siechen
Aussenseite willen zu verdammen? Auch im elendesten Aesopischen Krüppel
kann eine grose liebenswürdige Seele, wie ein Rubin aus dem Schlamme
glänzen, (_boshaft lächelnd._) Auch aus blattrichten Lippen kann ja die
Liebe --
Freylich, wenn das Laster auch die Festen des Karakters erschüttert,
wenn mit der Keuschheit auch die Tugend davon fliegt, wie der Duft aus
der welken Rose verdampft -- wenn mit dem Körper auch der Geist zum
Krüppel verdirbt --
~Amalia~ (_froh aufspringend._) Ha! Karl! Nun erkenn ich dich wieder!
du bist noch ganz! ganz! alles war Lüge! -- weist du nicht, Bösewicht,
daß Karl unmöglich das werden kann? (_Franz steht einige Zeit
tiefsinnig, dann dreht er sich plötzlich, um zu gehn._) Wohin so eilig,
fliehst du vor deiner eigenen Schande?
~Franz~ (_mit verhülltem Gesicht._) Laß mich, laß mich! -- meinen
Thränen den Lauf lassen -- tyrannischer Vater! den besten deiner Söhne
so hinzugeben dem Elend -- der ringsumgebenden Schande -- laß mich,
Amalia! ich will ihm zu den Füssen fallen, auf den Knieen will ich ihn
beschwören, den ausgesprochenen Fluch auf mich, auf mich zu laden --
mich zu enterben -- mich -- mein Blut -- mein Leben -- alles --
~Amalia~ (_fällt ihm um den Hals._) Bruder meines Karls, bester,
liebster Franz!
~Franz.~ O Amalia! wie lieb ich dich um dieser unerschütterten Treue
gegen meinen Bruder -- Verzeih, daß ich es wagte, deine Liebe auf
diese harte Probe zu setzen! -- Wie schön hast du meine Wünsche
gerechtfertigt! -- Mit diesen Thränen, diesen Seufzern, diesem
himmlischen Unwillen -- auch für mich, für mich -- unsere Seelen
stimmten so zusammen.
~Amalia.~ O nein, das thaten sie nie!
~Franz.~ Ach sie stimmten so harmonisch zusammen, ich meynte immer,
wir müßten Zwillinge seyn! und wär der leidige Unterschied von aussen
nicht, wobey leider freylich Karl verlieren muß, wir würden zehnmal
verwechselt. Du bist, sagt' ich oft zu mir selbst, ja du bist der
ganze Karl, sein Echo, sein Ebenbild!
~Amalia~ (_schüttelt den Kopf._) Nein, nein, bey jenem keuschen Lichte
des Himmels! kein Aederchen von ihm, kein Fünkchen von seinem Gefühle --
~Franz.~ So ganz gleich in unsern Neigungen -- die Rose war seine
liebste Blume -- welche Blume war mir über die Rose? Er liebte die
Musik unaussprechlich, und ihr seyd Zeugen, ihr Sterne! ihr habt mich
so oft in der Todenstille der Nacht beym Klaviere belauscht, wenn alles
um mich begraben lag in Schatten und Schlummer -- und wie kannst du
noch zweifeln, Amalia, wenn unsere Liebe in einer ~Vollkommenheit~
zusammentraf, und wenn die Liebe die nemliche ist, wie könnten ihre
Kinder entarten?
~Amalia~ (_sieht ihn verwundernd an._)
~Franz.~ Es war ein stiller, heiterer Abend, der letzte, eh er nach
Leipzig abreiste, da er mich mit sich in jene Laube nahm, wo ihr so oft
zusammensaßet in Träumen der Liebe -- stumm blieben wir lang -- zuletzt
ergriff er meine Hand und sprach leise mit Thränen: ich verlasse
Amalia, ich weiß nicht -- mir ahnets, als hieß es auf ewig -- verlaß
sie nicht, Bruder! -- sey ihr Freund -- ihr Karl -- wenn Karl -- nimmer
-- wiederkehrt -- (_Er stürzt vor ihr nieder und küßt ihr die Hand mit
Heftigkeit._) Nimmer, nimmer, nimmer wird er wiederkehren, und ich
hab's ihm zugesagt mit einem heiligen Eide!
~Amalia~ (_zurückspringend._) Verräther, wie ich dich ertappe! In eben
dieser Laube beschwur er mich, keiner andern Liebe -- wenn er sterben
sollte -- siehst du, wie gottlos, wie abscheulich du -- geh aus meinen
Augen.
~Franz.~ Du kennst mich nicht, Amalia, du kennst mich gar nicht!
~Amalia.~ O ich kenne dich, von itzt an kenn ich dich -- und du
wolltest ihm gleich seyn? Vor dir sollt er um mich geweint haben? Vor
dir? Ehe hätt' er meinen Namen auf den Pranger geschrieben! Geh den
Augenblick!
~Franz.~ Du beleidigst mich!
~Amalia.~ Geh, sag ich. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie
werde dir an deinem Leben abgezogen.
~Franz.~ Du hassest mich.
~Amalia.~ Ich verachte dich, geh!
~Franz~ (_mit den Füssen stampfend._) Wart! so sollst du vor mir
zittern! mich einem Bettler aufopfern? (_Zornig ab._)
~Amalia.~ Geh, Lotterbube -- itzt bin ich wieder bey Karln -- Bettler,
sagt er? so hat die Welt sich umgedreht, Bettler sind Könige, und
Könige sind Bettler! -- Ich möchte die Lumpen, die er anhat, nicht
mit dem Purpur der Gesalbten vertauschen -- der Blick, mit dem er
bettelt, das muß ein groser, ein königlicher Blick seyn -- ein Blick,
der die Herrlichkeit, den Pomp, die Triumphe der Grosen und Reichen
zernichtet! In den Staub mit dir, du prangendes Geschmeide! (_Sie reißt
sich die Perlen vom Hals._) Seyd verdammt, Gold und Silber und Juwelen
zu tragen, ihr Grosen und Reichen! Seyd verdammt, an üppigen Maalen zu
zechen! Verdammt, euren Gliedern wohl zu thun auf weichen Polstern der
Wohllust! Karl! Karl! so bin ich dein werth -- (_Ab._)
Zweyter Akt.
Erste Scene.
Franz von Moor.
(_nachdenkend in seinem Zimmer._)
Es dauert mir zu lange -- der Doktor will, er sei im Umkehren -- das
Leben eines Alten ist doch eine Ewigkeit! -- Und nun wär freye, ebene
Bahn bis auf diesen ärgerlichen zähen Klumpen Fleisch, der mir, gleich
dem unterirdischen Zauberhund in den Geistermährchen, den Weg zu meinen
Schätzen verrammelt.
Müssen denn aber meine Entwürfe sich unter das eiserne Joch des
Mechanismus beugen? -- Soll sich mein hochfliegender Geist an den
Schneckengang der ~Materie~ ketten lassen? -- Ein Licht ausgeblasen,
das ohnehin nur mit den letzten Oeltropfen noch wuchert -- mehr ist's
nicht -- Und doch möchte ich das nicht gern selbst gethan haben um der
Leute willen. Ich möchte ihn nicht gern getödtet, aber abgelebt. Ich
möchte es machen wie der gescheide Arzt, (nur umgekehrt.) -- Nicht der
Natur durch einen Queerstreich den Weg verrannt, sondern sie in ihrem
eigenen Gange befördert. Und wir vermögen doch wirklich die Bedingungen
des Lebens zu verlängern, warum sollten wir sie nicht auch verkürzen
können?
Philosophen und Mediziner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des
Geists mit den Bewegungen der Maschine zusammen lauten. Gichtrische
Empfindungen werden jederzeit von einer Dissonanz der mechanischen
Schwingungen begleitet -- Leidenschaften ~mißhandeln~ die Lebenskraft
-- der überladene Geist drückt sein Gehäuse zu Boden -- Wie denn nun?
-- Wer es verstünde, dem Tod diesen ungebahnten Weg in das Schloß des
Lebens zu ebenen? -- den Körper vom Geist aus zu verderben -- ha! ein
Originalwerk! -- wer das zu Stand brächte? -- Ein Werk ohne gleichen!
-- Sinne nach Moor! -- das wär' eine Kunst, die's verdiente, dich
zum Erfinder zu haben. Hat man doch die Giftmischerey beynahe in den
Rang einer ordentlichen Wissenschaft erhoben, und die Natur durch
Experimente gezwungen, ihre Schranken anzugeben, daß man nunmehr des
Herzens Schläge Jahr lang vorausrechnet, und zu dem Pulse spricht, bis
hieher und nicht weiter![1] -- Wer sollte nicht auch hier seine Flügel
versuchen?
Und wie ich nun werde zu Werk gehen müssen, diese süße friedliche
Eintracht der Seele mit ihrem Leibe zu stören? Welche Gattung von
Empfindnissen, ich werde wählen müssen? Welche wohl den Flor des
Lebens am grimmigsten anfeinden? ~Zorn~ -- dieser heißhungrige Wolf
frißt sich zu schnell satt -- ~Sorge?~ -- dieser Wurm nagt mir zu
langsam -- ~Gram?~ -- diese Natter schleicht mir zu träge -- ~Furcht?~
-- die Hoffnung läßt sie nicht umgreiffen -- was? Sind das all' die
Henker des Menschen? -- Ist das Arsenal des Todes so bald erschöpft?
-- (_tiefsinnend._) Wie? -- Nun? -- Was? Nein! -- Ha! (_auffahrend._)
~Schreck!~ -- Was kann der Schreck nicht? -- Was kann Vernunft,
Religion wider dieses Giganten eiskalte Umarmung? -- Und doch? --
Wenn er auch diesem Sturm stünde? -- Wenn er? -- O so komme du mir zu
Hülfe, ~Jammer~, und du, ~Reue~, höllische Eumenide, grabende Schlange,
die ihren Fraß wiederkäut, und ihren eigenen Koth wiederfrißt;
ewige Zerstörerinnen und ewige Schöpferinnen eures Giftes, und du
heulende ~Selbstverklagung~, die du dein eigen Haus verwüstest, und
deine eigene Mutter verwundest -- Und kommt auch ihr mir zu Hülfe,
wohlthätige Grazien selbst, sanftlächelnde ~Vergangenheit~, und du mit
dem überquellenden Füllhorn blühende ~Zukunft~, haltet ihm in euren
Spiegeln die Freuden des Himmels vor, wenn euer fliehender Fuß seinen
geitzigen Armen entgleitet -- So fall ich Streich auf Streich, Sturm
auf Sturm dieses zerbrechliche Leben an, bis den Furientrupp zuletzt
schließt -- die ~Verzweiflung~! Triumph! Triumph! -- Der Plan ist
fertig -- Schwer und Kunstvoll wie keiner -- zuverläßig -- sicher --
denn (_spöttisch_) des Zergliederers Messer findet ja keine Spuren von
Wunde oder korrosivischem Gift.
(_Entschlossen._) Wohlan denn, (_Herrmann tritt auf._) Ha! =Deus ex
machina!= Herrmann!
~Herrmann.~ Zu euren Diensten, gnädiger Junker!
~Franz~ (_gibt ihm die Hand._) Die du keinem Undankbaren erweisest.
~Herrmann.~ Ich hab' Proben davon.
~Franz.~ Du sollst mehr haben mit nächstem -- mit nächstem, Herrmann!
-- Ich habe dir etwas zu sagen, Herrmann.
~Herrmann.~ Ich höre mit tausend Ohren.
~Franz.~ Ich kenne dich, du bist ein entschloß'ner Kerl -- Soldaten
Herz -- Haar auf der Zunge! -- Mein Vater hat dich sehr beleidigt,
Herrmann!
~Herrmann.~ Der Teufel hole mich, wenn ich's vergesse!
~Franz.~ Das ist der Ton eines Mann's! Rache geziemt einer männlichen
Brust. Du gefällst mir, Herrmann. Nimm diesen Beutel, Herrmann. Er
sollte schwerer seyn, wenn ich erst Herr wäre.
~Herrmann.~ Das ist ja mein ewiger Wunsch, gnädiger Junker, ich dank
euch.
~Franz.~ Wirklich, Herrmann? wünschest du wirklich, ich wäre Herr? --
aber mein Vater hat das Mark eines Löwen, und ich bin der jüngere Sohn.
~Herrmann.~ Ich wollt', ihr wär't der ältere Sohn, und euer Vater hätte
das Mark eines schwindsüchtigen Mädgens.
~Franz.~ Ha! wie dich der ältere Sohn dann belohnen wollte! wie er dich
aus diesem unedlen Staub, der sich so wenig mit deinem Geist und Adel
verträgt, an's Licht emporheben wollte! -- Dann solltest du, ganz wie
du da bist, mit Gold überzogen werden, und mit vier Pferden durch die
Strasen dahinrasseln, wahrhaftig das solltest du! -- aber ich vergesse,
wovon ich dir sagen wollte -- hast du das Fräulein von Edelreich schon
vergessen, Herrmann?
~Herrmann.~ Wetter Element! was erinnert ihr mich an das?
~Franz.~ Mein Bruder hat sie dir weggefischt.
~Herrmann.~ Er soll dafür büßen!
~Franz.~ Sie gab dir einen Korb. Ich glaube gar, er warf dich die
Treppen hinunter.
~Herrmann.~ Ich will ihn dafür in die Hölle stoßen.
~Franz.~ Er sagte: man raune sich einander in's Ohr, du seyst zwischen
dem Rindfleisch und Meerrettig gemacht worden, und dein Vater habe dich
nie ansehen können, ohne an die Brust zu schlagen und zu seufzen: Gott
sey mir Sünder gnädig!
~Herrmann~ (_wild._) Blitz, Donner und Hagel, seyd still!
~Franz.~ Er rieth dir, deinen Adelbrief im Aufstreich zu verkaufen, und
deine Strümpfe damit flicken zu lassen.
~Herrmann.~ Alle Teufel! ich will ihm die Augen mit den Nägeln
auskratzen.
~Franz.~ Was? du wirst böse? was kannst du böse auf ihn seyn? Was
kannst du ihm böses thun? was kann so eine Ratze gegen einen Löwen?
Dein Zorn versüßt ihm seinen Triumph nur. Du kannst nichts thun,
als deine Zähne zusammenschlagen, und deine Wuth an trocknem Brode
auslassen.
~Herrmann~ (_stampft auf den Boden._) Ich will ihn zu Staub zerreiben.
~Franz~ (_klopft ihm auf die Achsel._) Pfui, Herrmann! du bist ein
Kavalier. Du must den Schimpf nicht auf dir sitzen lassen. Du must das
Fräulein nicht fahren lassen, nein, das must du um alle Welt nicht
thun, Herrmann! Hagel und Wetter! ich würde das äusserste versuchen,
wenn ich an deiner Stelle wäre.
~Herrmann.~ Ich ruhe nicht, bis ich ~Ihn~ und ~Ihn~ unter'm Boden hab.
~Franz.~ Nicht so stürmisch, Herrmann! komm näher -- du sollst Amalia
haben!
~Herrmann.~ Das muß ich, trutz dem Teufel! das muß ich!
~Franz.~ Du sollst sie haben, sag ich dir, und das von meiner Hand.
Komm näher, sag ich -- du weist vielleicht nicht, daß Karl so gut als
enterbt ist?
~Herrmann~ (_näher kommend._) Unbegreiflich, das erste Wort, das ich
höre.
~Franz.~ Sey ruhig, und höre weiter! du sollst ein andermal mehr davon
hören -- ja, ich sage dir, seit eilf Monathen so gut als verbannt. Aber
schon bereut der alte den voreiligen Schritt, den er doch, (_lachend._)
will ich hoffen, nicht selbst gethan hat. Auch liegt ihm die Edelreich
täglich hart an mit ihren Vorwürfen und Klagen. Ueber kurz oder lang
wird er ihn in allen vier Enden der Welt aufsuchen lassen, und gute
Nacht, Herrmann! wenn er ihn findet. Du kannst ihm ganz demüthig die
Kutsche halten, wenn er mit ihr in die Kirche zur Trauung fährt.
~Herrmann.~ Ich will ihn am Krucifix erwürgen!
~Franz.~ Der Vater wird ihm bald die Herrschaft abtreten, und in Ruhe
auf seinen Schlössern leben. Itzt hat der stolze Strudelkopf den Zügel
in Händen, itzt lacht er seiner Hasser und Neider -- und ich, der
ich dich zu einem wichtigen grosen Manne machen wollte, ich selbst,
Herrmann, werde tiefgebückt vor seiner Thürschwelle --
~Herrmann~ (_in Hitze._) Nein, so wahr ich Herrmann heisse, das sollt
ihr nicht! wenn noch ein Fünkchen Verstand in diesem Gehirne glostet!
das sollt ihr nicht!
~Franz.~ Wirst du es hindern? auch dich, mein lieber Herrmann, wird er
seine Geissel fühlen lassen, wird dir in's Angesicht speyen, wenn du
ihm auf der Strase begegnest, und wehe dir dann, wenn du die Achsel
zuckst oder das Maul krümmst -- siehe, so stehts mit deiner Anwerbung
um's Fräulein, mit deinen Aussichten, mit deinen Entwürfen.
~Herrmann.~ Sagt mir! was soll ich thun?
~Franz.~ Höre dann, Herrmann! daß du siehst, wie ich mir dein Schicksal
zu Herzen nehme als ein redlicher Freund -- geh -- kleide dich um --
mach dich ganz unkenntlich, laß dich beym Alten melden, gib vor, du
kämest geraden Wegs aus Böhmen, hättest mit meinem Bruder dem Treffen
bey Prag beygewohnt -- hättest ihn auf der Wahlstatt den Geist aufgeben
sehen --
~Herrmann.~ Wird man mir glauben?
~Franz.~ Hoho! dafür laß mich sorgen! Nimm dieses Paket. Hier findest
du deine Kommission ausführlich. Und Dokumente dazu, die den Zweifel
selbst glaubig machen sollen -- mach itzt nur, daß du fortkommst, und
ungesehen! spring durch die Hinterthüre in den Hof, von da über die
Gartenmauer -- die Katastrophe dieser Tragi-Komödie überlaß mir!
~Herrmann.~ Und die wird seyn: Vivat der neue Herr, Franciskus von Moor!
~Franz~ (_streichelt ihm die Backen._) Wie schlau du bist? -- denn
siehst du, auf diese Art erreichen wir alle Zwecke zumal und bald.
Amalia gibt ihre Hoffnung auf ihn auf. Der alte mißt sich den Tod
seines Sohnes bey, und -- er kränkelt -- ein schwankendes Gebäude
braucht des Erdbebens nicht, um über'n Haufen zu fallen -- er wird die
Nachricht nicht überleben -- dann bin ich sein einiger Sohn -- Amalia
hat ihre Stützen verloren, und ist ein Spiel meines Willens, da kannst
du leicht denken -- kurz, alles geht nach Wunsch -- aber du must dein
Wort nicht zurücknehmen.
~Herrmann.~ Was sagt ihr? (_frohlockend._) Eh soll die Kugel in ihren
Lauf zurückkehren, und in dem Eingeweid ihres Schützen wüthen --
rechnet auf mich! Laßt nur mich machen -- Adieu!
~Franz~ (_ihm nachrufend._) Die Erndte ist dein, lieber Herrmann! --
Wenn der Ochse den Kornwagen in die Scheune gezogen hat, so muß er mit
Heu vorlieb nehmen. Dir eine Stallmagd, und keine Amalia! (_Geht ab._)
Zweyte Scene.
Des alten Moors Schlafzimmer.
Der ~alte Moor~ schlafend in einem Lehnsessel. ~Amalia~.
~Amalia~ (_sachte herbey schleichend._) Leise, leise! er schlummert.
(_Sie stellt sich vor den schlafenden._) Wie schön, wie ehrwürdig!
-- ehrwürdig, wie man die Heiligen malt -- nein, ich kann dir nicht
zürnen! Weißlockigtes Haupt, dir kann ich nicht zürnen! Schlumm're
sanft, wache froh auf, ich allein will hingeh'n und leiden.
~D. a. Moor~ (_träumend._) Mein Sohn! mein Sohn! mein Sohn!
~Amalia~ (_ergreift seine Hand._) Horch, horch! sein Sohn ist in seinen
Träumen.
~D. a. Moor.~ Bist du da? bist du wirklich? ach! wie siehst du so
elend? Sieh mich nicht an mit diesem kummervollen Blick! ich bin elend
genug.
~Amalia~ (_weckt ihn schnell._) Seht auf, lieber Greis! ihr träumtet
nur. Faßt euch!
~D. a. Moor~ (_halb wach._) Er war nicht da? drückt ich nicht seine
Hände? Garstiger Franz! willst du ihn auch meinen Träumen entreissen?
~Amalia.~ Merkst du's, Amalia?
~D. a. Moor~ (_ermuntert sich._) Wo ist er? wo? wo bin ich? du da,
Amalia?
~Amalia.~ Wie ist euch? Ihr schlieft einen erquickenden Schlummer.
~D. a. Moor.~ Mir träumte von meinem Sohn. Warum hab ich nicht
fortgeträumt? Vielleicht hätt' ich Verzeihung erhalten aus seinem Munde.
~Amalia.~ Engel grollen nicht -- er verzeiht euch. (_Faßt seine Hand
mit Wehmuth._) Vater meines Karls! ich verzeih euch.
~D. a. Moor.~ Nein, meine Tochter! diese Todten-Farbe deines Angesichts
verdammet den Vater. Armes Mädgen! Ich brachte dich um die Freuden
deiner Jugend -- o fluche mir nicht!
~Amalia~ (_küßt seine Hand mit Zärtlichkeit._) Euch?
~D. a. Moor.~ Kennst du dieses Bild, meine Tochter?
~Amalia.~ Karls! --
~D. a. Moor.~ So sah er, als er in's sechszehente Jahr gieng. Itzt
ist er anders -- Oh es wüthet in meinem Innern -- diese Milde ist
Unwillen, dieses Lächeln Verzweiflung -- Nicht wahr, Amalia? Es war an
seinem Geburtstage in der Jasminlaube, als du ihn maltest? -- Oh meine
Tochter! Eure Liebe machte mich so glücklich.
~Amalia~ (_immer das Aug auf das Bild geheftet._) Nein, nein! er ist's
nicht. Bey Gott! das ist Karl nicht -- Hier, hier (_auf Herz und
Stirne zeigend._) So ganz, so anders. Die träge Farbe reicht nicht,
den himmlischen Geist nachzuspiegeln, der in seinem feurigen Auge
herrschte. Weg damit! dis ist so menschlich! Ich war eine Stümperinn.
~D. a. Moor.~ Dieser huldreiche, erwärmende Blick -- wär' er vor
meinem Bette gestanden, hätte gelebt mitten im Tode! Nie, nie wär' ich
gestorben!
~Amalia.~ Nie, nie wär't ihr gestorben? Es wär' ein Sprung gewesen, wie
man von einem Gedanken auf einen andern und schönern hüpft -- dieser
Blick hätt' euch über's Grab hinübergeleuchtet. Dieser Blick hätt' euch
über die Sterne getragen!
~D. a. Moor.~ Es ist schwer, es ist traurig! Ich sterbe, und mein Sohn
Karl ist nicht hier -- ich werde zu Grabe getragen, und er weint nicht
an meinem Grabe -- wie süß ist's, eingewiegt zu werden in den Schlaf
des Todes von dem Gebet eines Sohns -- das ist Wiegengesang.
~Amalia~ (_schwärmend._) Ja süß, himmlisch süß ist's, eingewiegt
zu werden in den Schlaf des Todes von dem Gesang des Geliebten --
vielleicht träumt man auch im Grabe noch fort -- ein langer, ewiger,
unendlicher Traum, von Karln, bis man die Glocke der Auferstehung
läutet -- (_aufspringend, entzückt._) und von itzt an in seinen Armen
auf ewig, (_Pause. Sie geht an's Klavier, und spielt._)
Willst dich, Hektor, ewig mir entreissen,
Wo des Anaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schröcklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren,
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?
~D. a. Moor.~ Ein schönes Lied, meine Tochter. Das must du mir
vorspielen, eh ich sterbe.
~Amalia.~ Es ist der Abschied Andromachas und Hektors -- Karl und ich
haben's oft zusammen zu der Laute gesungen. (_Spielt fort._)
Theures Weib, geh, hol die Todeslanze,
Laß mich fort zum wilden Kriegestanze,
Meine Schultern tragen Ilium;
Ueber Astyanax uns're Götter!
Hektor fällt, ein Vaterlands Erretter,
Und wir seh'n uns wieder im Elysium.
Daniel.
~Daniel.~ Es wartet draussen ein Mann auf euch. Er bittet, vorgelassen
zu werden, er hab euch eine wichtige Zeitung.
~D. a. Moor.~ Mir ist auf der Welt nur etwas wichtig, du weist's,
Amalia -- ist's ein Unglücklicher, der meiner Hülfe bedarf? Er soll
nicht mit Seufzen von hinnen gehn.
~Amalia.~ Ist's ein Bettler, er soll eilig herauf kommen. (_Daniel ab._)
~D. a. Moor.~ Amalia, Amalia! schone meiner!
~Amalia~ (_spielt fort._)
Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,
Einsam liegt dein Eisen in der Halle,
Priams groser Heldenstamm verdirbt!
Du wirst hingeh'n, wo kein Tag mehr scheinet,
Der Cocytus durch die Wüsten weinet,
Deine Liebe in dem Lethe stirbt.
All mein Sehnen, all mein Denken
Soll der schwarze Lethefluß ertränken,
Aber meine Liebe nicht!
Horch! der Wilde raßt schon an den Mauren --
Gürte mir das Schwerdt um, laß das Trauren,
Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht!
Franz. Herrmann (_verkappt._) Daniel.
~Franz.~ Hier ist der Mann. Schröckliche Botschaften, sagt er, warten
auf euch. Könnt ihr sie hören?
~D. a. Moor.~ Ich kenne nur eine. Tritt her, mein Freund, und schone
mein nicht! Reicht ihm einen Becher Wein.
~Herrmann~ (_mit veränderter Stimme._) Gnädiger Herr! laßt es einen
armen Mann nicht entgelten, wenn er wider Willen euer Herz durchbohrt.
Ich bin ein Fremdling in diesem Lande, aber euch kenn ich sehr gut, ihr
seyd der Vater Karls von Moor.
~D. a. Moor.~ Woher weist du das?
~Herrmann.~ Ich kannte euren Sohn --
~Amalia~ (_auffahrend._) Er lebt? lebt? Du kennst ihn? wo ist er, wo,
wo? (_will hinwegrennen._)
~D. a. Moor.~ Du weist von meinem Sohn?
~Herrmann.~ Er studierte in Leipzig. Von da zog er, ich weiß nicht wie
weit, herum. Er durchschwärmte Deutschland in die Runde, und, wie er
mir sagte, mit unbedecktem Haupt, barfus, und erbettelte sein Brod vor
den Thüren. Fünf Monathe drauf brach der leidige Krieg zwischen Preußen
und Oestreich wieder aus, und da er auf der Welt nichts mehr zu hoffen
hatte, zog ihn der Hall von Friderichs siegreicher Trommel nach Böhmen.
Erlaubt mir, sagte er, zum grosen Schwerin, daß ich den Tod sterbe auf
dem Bette der Helden, ich hab keinen Vater mehr! --
~D. a. Moor.~ Sieh mich nicht an, Amalia!
~Herrmann.~ Man gab ihm eine Fahne. Er flog den preußischen Siegesflug
mit. Wir kamen zusammen unter ein Zelt zu liegen. Er sprach viel von
seinem alten Vater und von bessern, vergangenen Tagen -- und von
vereitelten Hoffnungen -- uns standen die Thränen in den Augen.
~D. a. Moor~ (_verhüllt sein Haupt in das Kissen._) Stille, o stille!
~Herrmann.~ Acht Tage d'rauf war das heiße Treffen bey Prag -- ich darf
euch sagen, euer Sohn hat sich gehalten wie ein wackerer Kriegsmann.
Er that Wunder vor den Augen der Armee. Fünf Regimenter mußten neben
ihm wechseln, er stand. Feuerkugeln fielen rechts und links, euer Sohn
stand. Eine Kugel zerschmetterte ihm die rechte Hand, euer Sohn nahm
die Fahne in die linke, und stand --
~Amalia~ (_in Entzückung._) Hektor, Hektor! hört ihr's? er stand --
~Herrmann.~ Ich traf ihn am Abend der Schlacht niedergesunken unter
Kugel-Gepfeiffe, mit der linken hielt er das stürzende Blut, die
rechte hatte er in die Erde gegraben. Bruder! rief er mir entgegen, es
lief ein Gemurmel durch die Glieder: der General sey vor einer Stunde
gefallen -- er ist gefallen, sagt' ich, und du? -- Nun, wer ein braver
Soldat ist, rief er, und ließ die linke Hand los, der folge seinem
General, wie ich! Bald darauf hauchte er seine grose Seele dem Helden
zu.
~Franz~ (_wild auf Herrmann losgehend._) Daß der Tod deine verfluchte
Zunge versiegle! Bist du hieher kommen, unserem Vater den Todesstos zu
geben? -- Vater! Amalia! Vater!
~Herrmann.~ Es war der letzte Wille meines sterbenden Kameraden. Nimm
diß Schwerdt, röchelte er, du wirst's meinem alten Vater überliefern,
das Blut seines Sohnes klebt daran, er ist gerochen, er mag sich
weiden. Sag ihm, sein Fluch hätte mich gejagt in Kampf und Tod, ich sey
gefallen in Verzweiflung! Sein letzter Seufzer war Amalia.
~Amalia~ (_wie aus einem Todesschlummer aufgejagt._) Sein letzter
Seufzer, Amalia!
~D. a. Moor~ (_Gräßlich schreyend, sich die Haare ausraufend._) Mein
Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!
~Franz~ (_umherirrend im Zimmer._) Oh! Was habt ihr gemacht, Vater?
Mein Karl, mein Bruder!
~Herrmann.~ Hier ist das Schwerdt, und hier ist auch ein Portrait, das
er zu gleicher Zeit aus dem Busen zog! Es gleicht diesem Fräulein auf
ein Haar. Diß soll meinem Bruder Franz, sagte er, -- ich weiß nicht,
was er damit sagen wollte.
~Franz~ (_wie erstaunt._) Mir? Amalia's Portrait? Mir, Karl, Amalia?
Mir?
~Amalia~ (_heftig auf Herrmann losgehend._) Feiler, Bestochener,
Betrüger! (_faßt ihn hart an._)
~Herrmann.~ Das bin ich nicht, gnädiges Fräulein. Sehet selbst, ob's
nicht euer Bild ist -- ihr mögt's ihm wohl selbst gegeben haben.
~Franz.~ Bey Gott! Amalia, das deine! Es ist wahrlich das deine!
~Amalia~ (_gibt ihm das Bild zurück._) Mein, mein! O Himmel und Erde!
~D. a. Moor~ (_schreyend, sein Gesicht zerfleischend._) Wehe, Wehe!
mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!
~Franz.~ Und er gedachte meiner in der letzten schweren Stunde des
Scheidens, meiner! Englische Seele -- da schon das schwarze Panier des
Todes über ihm rauschte -- meiner! --
~D. a. Moor~ (_lallend._) Mein Fluch ihn gejagt, in den Tod, gefallen
mein Sohn in Verzweiflung! --
~Herrmann.~ Den Jammer steh ich nicht aus. Lebt wohl, alter Herr!
(_leise zu Franz._) Warum habt ihr auch das gemacht, Junker? (_geht
schnell ab._)
~Amalia~ (_aufspringend, ihm nach._) Bleib, bleib! Was waren seine
letzten Worte?
~Herrmann~ (_zurückrufend._) Sein letzter Seufzer war Amalia. (_ab._)
~Amalia.~ Sein letzter Seufzer war Amalia! -- Nein, du bist kein
Betrüger! So ist es wahr -- wahr -- er ist tod! -- tod! -- (_hin und
her taumelnd, bis sie umsinkt._) tod -- Karl ist tod --
~Franz.~ Was seh' ich? Was steht da auf dem Schwerdt? geschrieben mit
Blut -- Amalia!
~Amalia.~ Von ihm?
~Franz.~ Seh' ich recht, oder träum ich? Siehe da mit blutiger Schrift:
~Franz, verlaß meine Amalia nicht!~ Sieh doch, sieh doch! und auf der
andern Seite: ~Amalia! deinen Eid zerbrach der allgewaltige Tod.~ --
Siehst du nun, siehst du nun? Er schrieb's mit erstarrender Hand,
schrieb's mit dem warmen Blut seines Herzens, schrieb's an der Ewigkeit
feyerlichem Rande! sein fliehender Geist verzog, Franz und Amalia noch
zusammen zu knüpfen.
~Amalia.~ Heiliger Gott! es ist seine Hand. -- Er hat mich nie geliebt!
(_schnell ab._)
~Franz~ (_auf den Boden stampfend._) Verzweifelt! meine ganze Kunst
erliegt an dem Starrkopf.
~D. a. Moor.~ Wehe, Wehe! Verlaß mich nicht, meine Tochter! -- Franz,
Franz! gib mir meinen Sohn wieder!
~Franz.~ Wer war's, der ihm den Fluch gab? Wer war's, der seinen Sohn
jagte in Kampf und Tod und Verzweiflung? -- oh! er war ein Engel! ein
Kleinod des Himmels. Fluch über seine Henker! Fluch, Fluch über euch
selber! --
~D. a. Moor~ (_schlägt mit geballter Faust wider Brust und Stirn._) Er
war ein Engel, war Kleinod des Himmels! Fluch, Fluch, Verderben, Fluch
über mich selber! Ich bin der Vater, der seinen grosen Sohn erschlug.
Mich liebt' er bis in den Tod! mich zu rächen, rannte er in Kampf und
Tod! Ungeheuer, Ungeheuer! (_wüthet wider sich selber._)
~Franz.~ Er ist dahin, was helfen späte Klagen? (_hönisch lachend._)
Es ist leichter morden, als lebendig machen. Ihr werdet ihn nimmer aus
seinem Grabe zurückholen.
~D. a. Moor.~ Nimmer, nimmer, nimmer aus dem Grabe zurückholen!
Hin, verloren auf ewig! -- Und du hast mir den Fluch aus dem Herzen
geschwäzt, du -- du -- Meinen Sohn mir wieder!
~Franz.~ Reizt meinen Grimm nicht. Ich verlaß euch im Tode! --
~D. a. Moor.~ Scheusal! Scheusal! schaff mir meinen Sohn wieder!
(_fährt aus dem Sessel, will Franzen an der Gurgel fassen, der ihn
zurück schleudert._)
~Franz.~ Kraftlose Knochen! ihr wagt es -- sterbt! verzweifelt! (_ab._)
Der alte Moor.
Tausend Flüche donnern dir nach! Du hast mir meinen Sohn aus den Armen
gestohlen (_voll Verzweiflung hin und her geworfen im Sessel._) Wehe,
Wehe! Verzweifeln, aber nicht sterben! -- Sie fliehen, verlassen mich
im Tode -- meine gute Engel fliehen von mir, weichen alle die Heilige
vom eisgrauen Mörder -- Wehe! Wehe! will mir keiner das Haupt halten,
will keiner die ringende Seele entbinden? Keine Söhne! keine Töchter!
keine Freunde! -- Menschen nur -- will keiner, allein -- verlassen --
Wehe! Wehe! -- Verzweifeln, aber nicht sterben!
Amalia (_mit verweinten Augen._)
~D. a. Moor.~ Amalia! Bote des Himmels! Kommst du, meine Seele zu lösen?
~Amalia~ (_mit sanfterem Ton._) Ihr habt einen herrlichen Sohn
verloren.
~D. a. Moor.~ ~Ermordet~ willst du sagen. Mit diesem Zeugnis belastet
tret ich vor den Richterstuhl Gottes.
~Amalia.~ Nicht also, jammervoller Greis! der himmlische Vater rückt'
ihn zu sich. Wir wären zu glücklich gewesen auf dieser Welt. -- Droben,
droben über den Sonnen -- Wir seh'n ihn wieder.
~D. a. Moor.~ Wiedersehen, wiedersehen! Oh es wird mir durch die Seele
schneiden ein Schwerdt -- Wenn ich ein Heiliger ihn unter den Heiligen
finde -- mitten im Himmel werden durch mich schauern Schauer der Hölle!
Im Anschauen des Unendlichen mich zermalmen die Erinnerung: Ich hab
meinen Sohn ermordet!
~Amalia.~ Oh, er wird euch die Schmerz-Erinnerung aus der Seele
lächeln, seyd doch heiter, lieber Vater! ich bin's so ganz. Hat er
nicht schon den himmlischen Hörern den Namen Amalia vorgesungen auf der
seraphischen Harfe, und die himmlischen Hörer lispelten leise ihn nach?
Sein letzter Seufzer war ja, Amalia! wird nicht sein erster Jubel,
Amalia! seyn?
~D. a. Moor.~ Himmlischer Trost quillt von deinen Lippen! Er wird mir
lächeln, sagst du? Vergeben? du must bey mir bleiben, Geliebte meines
Karls, wenn ich sterbe.
~Amalia.~ Sterben ist Flug in seine Arme. Wohl euch! Ihr seyd zu
beneiden. Warum sind diese Gebeine nicht mürb? Warum diese Haare nicht
grau? Wehe über die Kräfte der Jugend! Willkommen, du markloses Alter!
näher gelegen dem Himmel und meinem Karl.
Franz (_tritt auf._)
~D. a. Moor.~ Tritt her, mein Sohn! Vergib mir, wenn ich vorhin zu hart
gegen dich war! ich vergebe dir alles. Ich möchte so gern im Frieden
den Geist aufgeben.
~Franz.~ Habt ihr genug, um euren Sohn geweint? so viel ich sehe, habt
ihr nur einen.
~D. a. Moor.~ Jakob hatte der Söhne zwölf, aber um seinen Joseph hat er
blutige Thränen geweint.
~Franz.~ Hum!
~D. a. Moor.~ Geh, nimm die Bibel, meine Tochter, und lies mir die
Geschichte Jakobs und Josephs! Sie hat mich immer so gerührt, und
damals bin ich noch nicht Jakob gewesen.
~Amalia.~ Welches soll ich euch lesen? (_nimmt die Bibel und blättert._)
~D. a. Moor.~ Lis mir den Jammer des Verlassenen, als er ihn nimmer
unter seinen Kindern fand -- und vergebens sein harrte im Kreis seiner
eilfe -- und sein Klage-Lied, als er vernahm; sein Joseph sey ihm
genommen auf ewig --
~Amalia.~ (_liest._) »Da nahmen sie Josephs Rock, und schlachteten
einen Ziegenbock, und tauchten den Rock in das Blut, und schickten den
bunten Rock hin, und liessen ihn ihrem Vater bringen, und sagen: Diesen
haben wir funden, siehe, ob's deines Sohnes Rock sey, oder nicht?
(_Franz geht plötzlich hinweg._) Er kannte ihn aber und sprach: Es ist
meines Sohnes Rock, ein böses Thier hat ihn gefressen, ein reissend
Thier hat Joseph zerrissen,«--
~D. a. Moor~ (_fällt auf's Kissen zurück._) Ein reissend Thier hat
Joseph zerrissen!
~Amalia~ (_liest weiter._) »Und Jakob zerriß seine Kleider, und legte
einen Sack um seine Lenden, und trug Leide um seinen Sohn lange Zeit,
und all' seine Söhne und Töchter traten auf, daß sie ihn trösteten,
aber er wollte sich nicht trösten lassen und sprach: Ich werde mit Leid
hinunterfahren --«
~D. a. Moor.~ Hör auf, hör auf! Mir wird sehr übel.
~Amalia~ (_hinzuspringend, läßt das Buch fallen._) Hilf Himmel! Was ist
das?
~D. a. Moor.~ Das ist der Tod! -- Schwarz -- schwimmt -- vor meinen --
Augen -- ich bitt dich -- ruf dem Pastor -- daß er mir -- das Abendmahl
reiche -- Wo ist -- mein Sohn Franz?
~Amalia.~ Er ist geflohen! Gott erbarme sich unser!
~D. a. Moor.~ Geflohen -- geflohen von des Sterbenden Bett? -- -- Und
das all' -- all' -- von zwey Kindern voll Hoffnung -- du hast sie --
gegeben -- hast sie -- genommen -- -- dein Name sey -- --
~Amalia~ (_mit einem plötzlichen Schrey._) Tod! alles Tod! (_ab in
Verzweiflung._)
Franz (_hüpft frohlockend herein._)
~Tod~, schreyen sie, ~tod~! Itzt bin ich ~Herr~. Im ganzen Schlosse
zettert es, ~tod~! -- Wie aber, ~schläft~ er vielleicht nur? --
freylich, ach freylich! das ist nun freylich ein Schlaf, wo es ewig
niemals, Guten Morgen, heißt -- Schlaf und Tod sind nur Zwillinge.
Wir wollen einmal die Namen wechseln! Wakerer, willkommener Schlaf!
Wir wollen dich Tod heissen! (_Er drückt ihm die Augen zu._) Wer wird
nun kommen, und es wagen, mich vor Gericht zu fordern? oder mir in's
Angesicht zu sagen: du bist ein ~Schurke~! Weg dann mit dieser lästigen
Larve von Sanftmuth und Tugend! Nun sollt ihr den nakten Franz sehen,
und euch entsetzen! Mein Vater überzuckerte seine Forderungen, schuf
sein Gebieth zu einem Familienzirkel um, sas liebreich lächelnd am
Thor, und grüßte sie Brüder und Kinder. -- Meine Aug-Braunen sollen
über euch herhangen wie Gewitter-Wolken, mein herrischer Name schweben
wie ein drohender Komet über diesen Gebirgen, meine Stirne soll euer
Wetterglas seyn! Er streichelte und koßte den Nacken, der gegen ihn
störrig zurück schlug. Streicheln und Kosen ist meine Sache nicht. Ich
will euch die zackichte Sporen in's Fleisch hauen, und die scharfe
Geißel versuchen. -- In meinem Gebiet soll's so weit kommen, daß
Kartoffeln und dünn Bier ein Traktament für Festtage werden, und wehe
dem, der mir mit vollen feurigen Backen unter die Augen tritt! Blässe
der Armuth und sclavischen Furcht sind meine Leibfarbe: in diese
Liverey will ich euch kleiden!
(_Er geht ab._)
Dritte Scene.
Die böhmischen Wälder.
Spiegelberg, Razmann, Räuberhaufen.
~Razmann.~ Bist da? bists wirklich? So laß dich doch zu Brey zusammen
drucken, lieber Herzens-Bruder Moriz! Willkommen in den Böhmischen
Wäldern! Bist ja gros worden und stark. Stern-Kreuz-Bataillon! Bringst
ja Rekruten mit einen ganzen Trieb, du trefflicher Werber!
~Spiegelberg.~ Gelt Bruder? Gelt? Und das ganze Kerl darzu! -- du
glaubst nicht, Gottes sichtbarer Seegen ist bey mir, war dir ein
armer hungriger Tropf, hatte nichts als diesen Stab, da ich über den
Jordan gieng, und itzt sind unserer acht und siebenzig, meistens
ruinirte Krämer, rejicirte Magister und Schreiber aus den schwäbischen
Provinzen, das ist dir ein Korps Kerles, Bruder, deliciöse Bursche,
sag ich dir, wo als einer dem andern die Knöpfe von den Hosen stihlt,
und mit geladener Flinte neben ihm sicher ist -- und haben voll auf,
und stehen dir in einem Renommee vierzig Meilen weit, das nicht zu
begreifen ist. Da ist dir keine Zeitung, wo du nicht ein Artikelchen
von dem Schlaukopf Spiegelberg wirst getroffen haben, ich halte sie
mir auch pur deswegen -- vom Kopf bis zun Füssen haben sie mich dir
hingestellt, du meynst, du sehst mich, -- so gar meine Rokknöpfe haben
sie nicht vergessen. Aber wir führen sie erbärmlich am Narrenseil
herum. Ich geh lezthin in die Druckerey, geb vor, ich hätte den
berüchtigten Spiegelberg gesehn, und diktir einem Skrizler, der dort
sas, das leibhafte Bild von einem dortigen Wurmdoktor in die Feder,
das Ding kommt um, der Kerl wird eingezogen, par force inquirirt, und
in der Angst und in der Dummheit gesteht er dir, hol mich der Teufel!
gesteht dir, ~er sey der Spiegelberg~ -- Donner und Wetter! ich war
eben auf dem Sprung, mich beym Magistrat anzugeben, daß die Kanaille
mir meinen Namen so verhunzen soll -- wie ich sage, drey Monath d'rauf
hangt er. Ich mußte nachher eine derbe Prise Toback in die Nase reiben,
als ich am Galgen vorbeyspatzierte, und den Pseudo-Spiegelberg in
seiner Glorie da paradiren sah -- und unterdessen daß Spiegelberg
hangt, schleicht sich Spiegelberg ganz sachte aus den Schlingen, und
deutet der superklugen Gerechtigkeit hinterrucks Eselsohren, daß's zum
Erbarmen ist.
~Razmann~ (_lacht._) Du bist eben noch immer der alte.
~Spiegelberg.~ Das bin ich, wie du siehst, an Leib und Seel.
Narr! einen Spaß muß ich dir doch erzählen, den ich neulich im
Cäcilien-Kloster angerichtet habe. Ich treffe das Kloster auf meiner
Wanderschaft so gegen die Dämmerung, und da ich eben den Tag noch keine
Patrone verschossen hatte, du weist, ich hasse das =diem perdidi= auf
den Tod, so mußte die Nacht noch durch einen Streich verherrlicht
werden, und sollt's dem Teufel um ein Ohr gelten! Wir halten uns
ruhig, bis in die späte Nacht. Es wird mausstill. Die Lichter gehen
aus. Wir denken die Nonnen könnten itzt in den Federn seyn. Nun nehm'
ich meinen Kameraden Grimm mit mir, heis' die andern warten vorm
Thor, bis sie mein Pfeifchen hören würden, -- versicherte mich des
Klosterwächters, nehm' ihm die Schlüssel ab, schleich' mich hinein, wo
die Mägde schliefen, praktizier ihnen die Kleider weg, und heraus mit
dem Pack zum Thor. Wir gehn weiter von Zelle zu Zelle, nehmen einer
Schwester nach der andern die Kleider, endlich auch der Aebtissin.
-- Itzt pfeif ich, und meine Kerls draussen fangen an zu stürmen und
zu hasseliren als käm der jüngste Tag, und hinein mit pestialischem
Gepolter in die Zellen der Schwestern! -- hahaha! -- da hättest du die
Hatz sehen sollen, wie die armen Thiergen in der Finstere nach ihren
Röcken tappten, und sich jämmerlich geberdeten, wie sie zum Teufel
waren, und wir indeß wie alle Donnerwetter zugesetzt, und wie sie sich
vor Schreck und Bestürzung in Bettlaken wickelten, oder unter den Ofen
zusammenkrochen wie Katzen, andere in der Angst ihres Herzens die Stube
so besprenzten, daß du hättest das Schwimmen darinnen lernen können,
und das erbärmliche Gezetter und Lamento, und endlich gar die alte
Schnurre die Aebtissin, angezogen wie Eva ~vor~ dem Fall -- du weist,
Bruder, daß mir auf diesem weiten Erdenrund kein Geschöpf so zuwider
ist, als eine ~Spinne~ und ~ein altes Weib~, und nun denk' dir einmal
die schwarzbraune, runzlichte, zottige Vettel vor mir herumtanzen,
mich bey ihrer jungfräulichen Sittsamkeit beschwören -- alle Teufel!
ich hatte schon den Ellenbogen angesetzt, ihr die übriggebliebenen
~wenigen edlen~ vollends in den Mastdarm zu stossen -- kurz resolvirt!
entweder heraus mit dem Silbergeschirr, mit dem Klosterschatz und allen
den blanken Thälerchen, oder -- meine Kerls verstanden mich schon --
ich sage dir, ich hab' aus dem Kloster mehr dann tausend Thaler Werths
geschleift, und den Spaß obendrein, und meine Kerls haben ihnen ein
Andenken hinterlassen, sie werden ihre neun Monathe dran zu schleppen
haben.
~Razmann.~ (_auf den Boden stampfend._) Daß mich der Donner da weg
hatte.
~Spiegelberg.~ Siehst du? Sag' du mehr, ob das kein Luder-Leben
ist? und dabey bleibt man frisch und stark, und das Korpus ist noch
beysammen, und schwillt dir stündlich wie ein Prälats-Bauch -- ich
weiß nicht, ich muß was magnetisches an mir haben, das dir alles
Lumpengesindel auf Gottes Erdboden anzieht wie Stahl und Eisen.
~Razmann.~ Schöner Magnet du! Aber so möcht' ich Henkers doch wissen,
was für Hexereyen du brauchst --
~Spiegelberg.~ Hexereyen? Braucht keiner Hexereyen -- Kopf mußt du
haben! Ein gewisses praktisches Judicium, das man freilich nicht in
der Gerste frißt -- denn siehst du, ich pfleg' immer zu sagen: einen
honnetten Mann kann man aus jedem Weidenstozen formen, aber zu einem
Spitzbuben will's Grüz -- auch gehört dazu ein eignes National-Genie,
ein gewisses, daß ich so sage, ~Spitzbuben-Klima~, und da rath' ich
dir, reis' du ins Graubündner-Land, das ist das Athen der heutigen
Gauner.
~Razmann.~ Bruder! man hat mir überhaupt das ganze Italien gerühmt.
~Spiegelberg.~ Ja ja! man muß niemand sein Recht vorenthalten, Italien
weist auch seine Männer auf, und wenn Deutschland so fortmacht, wie
es bereits auf dem Weg ist, und die Bibel vollends hinaus votirt, wie
es die glänzendsten Aspekten hat, so kann mit der Zeit auch noch aus
Deutschland was Gutes kommen, -- überhaupt aber, muß ich dir sagen,
macht das Klima nicht sonderlich viel, das Genie kommt überall fort,
und das übrige, Bruder -- ein Holzapfel, weist du wohl, wird im
Paradies-Gärtlein selber ewig keine Ananas -- aber daß ich dir weiter
sage, -- wo bin ich stehen geblieben?
~Razmann.~ Bey den Kunstgriffen!
~Spiegelberg.~ Ja recht, bey den Kunstgriffen. So ist dein erstes,
wenn du in die Stadt kommst, du ziehst bey den Bettelvögten,
Stadt-Patrollanten und Zuchtknechten Kundschaft ein, wer so am
fleissigsten bey ihnen einspreche, die Ehre gebe, und diese Kunden
suchst du auf -- ferner nistest du dich in die Kaffeehäuser,
Bordelle, Wirthshäuser ein, spähst, sondirst, wer am meisten über
die wohlfeile Zeit, die fünf pro cent, über die einreissende Pest
der Policeyverbesserungen schreyt, wer am meisten über die Regierung
schimpft, oder wider die Physiognomik eifert und dergleichen Bruder!
das ist die rechte Höhe! die Ehrlichkeit wackelt wie ein hohler Zahn,
du darfst nur den Pelikan ansetzen, -- oder besser und kürzer: du gehst
und wirfst einen vollen Beutel auf die offene Strase, versteckst dich
irgendwo, und merkst dir wohl, wer ihn aufhebt -- eine Weile drauf
jagst du hinterher, suchst, schreyst, und fragst nur so im Vorbeygehen,
haben der Herr nicht etwa einen Geldbeutel gefunden? Sagt er ~ja~? --
nun so hat's der Teufel gesehen; leugnet er's aber? der Herr verzeihen
-- ich wüßte mich nicht zu entsinnen, -- ich bedaure, (_aufspringend._)
Bruder! Triumph, Bruder! Lösch deine Laterne aus, schlauer Diogenes! --
du hast deinen Mann gefunden.
~Razmann.~ Du bist ein ausgelernter Prakticus.
~Spiegelberg.~ Mein Gott! als ob ich noch jemals dran gezweifelt hätte
-- Nun du deinen Mann in dem Hamen hast, must du's auch fein schlau
angreifen, daß du ihn hebst! -- Siehst du, mein Sohn? das hab' ich
so gemacht: -- So bald ich einmal die Fährte hatte, hängt' ich mich
meinem Kandidaten an wie eine Klette, saufte Brüderschaft mit ihm, und
Notabene! Zechfrey must du ihn halten! da geht freylich ein schönes
drauf, aber das achtest du nicht -- -- du gehst weiter, du führst ihn
in Spiel-Kompagnien und bey liederlichen Menschern ein, verwickelst ihn
in Schlägereyen, und schelmische Streiche, bis er an Saft und Kraft und
Geld und Gewissen, und gutem Namen bankrut wird, denn incidenter muß
ich dir sagen, du richtest nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele
verderbst -- Glaube mir Bruder! das hab' ich aus meiner starken Praxi
wohl fünfzigmal abstrahirt, wenn der ehrliche Mann einmal aus dem Nest
gejagt ist, so ist der Teufel Meister -- Der Schritt ist dann so leicht
-- o so leicht, als der Sprung von einer Hure zu einer Betschwester. --
Horch doch! was für ein Knall war das?
~Razmann.~ Es war gedonnert, nur fortgemacht!
~Spiegelberg.~ Noch ein kürzerer besserer Weg ist der, du plünderst
deinem Mann Haus und Hof ab, bis ihm kein Hemd mehr am Leibe hebt,
alsdann kommt er dir von selber -- lern mich die Pfiffe nicht Bruder
-- frag einmal das Kupfergesicht dort -- Schwere Noth! den hab' ich
schön in's Garn gekriegt -- ich hielt ihm vierzig Dukaten hin, die
sollt' er haben, wenn er mir seines Herrn Schlüssel in Wachs drücken
wollte -- denk einmal! die dumme Bestie thuts, bringt mir, hol mich
der Teufel! die Schlüssel, und will itzt das Geld haben -- Monsieur,
sagt' ich, weiß er auch, daß ich itzt diese Schlüssel gerades Wegs zum
Policey-Lieutenant trage, und ihm ein Logis am lichten Galgen miethe?
-- tausend Sakerment! da hättest du den Kerl sehen sollen die Augen
aufreissen, und anfangen zu zappeln wie ein nasser Budel -- -- »Ums
Himmels willen, hab' der Herr doch Einsicht! ich will -- will --« was
will er? will er itzt gleich den Zopf hinaufschlagen und mit mir zum
Teufel geh'n? -- »o von Herzen gern, mit Freuden« -- hahaha! guter
Schlucker, mit Speck fängt man Mäuse -- lach ihn doch aus, Razmann!
hahaha!
~Razmann.~ Ja, ja, ich muß gestehen. Ich will mir diese Lektion mit
goldnen Ziffern auf meine Hirntafel schreiben. Der Satan mag seine
Leute kennen, daß er dich zu seinem Mäckler gemacht hat.
~Spiegelberg.~ Gelt, Bruder? und ich denke, wenn ich ihm zehen stelle,
läßt er mich frey ausgehen -- gibt ja jeder Verleger seinem Sammler
das zehente Exemplar gratis, warum soll der Teufel so jüdisch zu Werk
gehn? -- Razmann! ich rieche Pulver --
~Razmann.~ Sapperment! ich riech's auch schon lang. -- Gib Acht, es
wird in der Näh was gesetzt haben! -- Ja ja! wie ich dir sage, Moriz --
du wirst dem Hauptmann mit deinen Rekruten willkommen seyn -- er hat
auch schon brave Kerl angelockt.
~Spiegelberg.~ Aber die meinen! die meinen -- Pah --
~Razmann.~ Nun ja! sie mögen hübsche Fingerchen haben -- aber ich
sage dir, der Ruf unsers Hauptmanns hat auch schon ehrliche Kerls in
Versuchung geführt.
~Spiegelberg.~ Ich will nicht hoffen.
~Razmann.~ Sans Spaß! und sie schämen sich nicht unter ihm zu dienen.
Er mordet nicht um des Raubes willen wie wir -- nach dem Geld schien
er nicht mehr zu fragen, so bald ers vollauf haben konnte, und selbst
sein Drittheil an der Beute, das ihn von Rechtswegen trifft, verschenkt
er an Waisenkinder, oder läßt damit arme Jungen von Hoffnung studiren.
Aber soll er dir einen Landjunker schröpffen, der seine Bauern wie
das Vieh abschindet, oder einen Schurken mit goldnen Borden unter
den Hammer kriegen, der die Gesetze falschmünzt, und das Auge der
Gerechtigkeit übersilbert, oder sonst ein Herrchen von dem Gelichter --
Kerl! da ist er dir in seinem Element, und haußt teufelmäßig, als wenn
jede Faser an ihm eine Furie wäre.
~Spiegelberg.~ Hum! hum!
~Razmann.~ Neulich erfuhren wir im Wirthshaus, daß ein reicher Graf
von Regensburg durchkommen würde, der einen Proceß von einer Million
durch die Pfiffe seines Advokaten durchgesetzt hätte, er saß eben am
Tisch und brettelte, -- wie viel sind unserer? frug er mich, indem er
hastig aufstand, ich sah ihn die Unterlippe zwischen die Zähne klemmen,
welches er nur thut, wenn er am grimmigsten ist -- nicht mehr als fünf!
sagt' ich -- es ist genug! sagt' er, warf der Wirthinn das Geld auf
den Tisch, ließ den Wein, den er sich hatte reichen lassen, unberührt
stehen -- wir machten uns auf den Weg. Die ganze Zeit über sprach er
kein Wort, lief abseitwärts und allein, nur daß er uns von Zeit zu
Zeit fragte, ob wir noch nichts gewahr worden wären, und uns befahl
das Ohr an die Erde zu legen. Endlich so kommt der Graf hergefahren,
der Wagen schwer bepakt, der Advokat saß bey ihm drinn, voraus ein
Reuter, nebenher ritten zwey Knechte -- da hättest du den Mann sehen
sollen, wie er, zwey Terzerolen in der Hand, vor uns her auf den Wagen
zusprang! und die Stimme, mit der er rief: Halt! -- der Kutscher, der
nicht Halt machen wollte, mußte vom Bock herabtanzen, der Graf schoß
aus dem Wagen in den Wind, die Reuter flohen -- dein Geld, Kanaille!
rief er donnernd -- er lag wie ein Stier unter dem Beil -- und bist du
der Schelm, der die Gerechtigkeit zur feilen Hure macht? Der Advokat
zitterte, daß ihm die Zähne klapperten, -- der Dolch stak in seinem
Bauch wie ein Pfahl in dem Weinberg -- ich habe das meine gethan! rief
er, und wandte sich stolz von uns weg, das Plündern ist eure Sache. Und
somit verschwand er in den Wald --
~Spiegelberg.~ Hum, hum! Bruder, was ich dir vorhin erzählt habe,
bleibt unter uns, er brauchts nicht zu wissen. Verstehst du?
~Razmann.~ Recht, recht! ich versteh.
~Spiegelberg.~ Du kennst ihn ja! Er hat so seine Grillen. Du verstehst
mich.
~Razmann.~ Ich versteh, ich versteh.
Schwarz (_in vollem Lauf._)
~Razmann.~ Wer da? was gibts da? Passagiers im Wald?
~Schwarz.~ Hurtig, hurtig! wo sind die andern? -- tausendsakerment! ihr
steht da, und plaudert! Wißt ihr denn nicht -- wißt ihr denn gar nicht?
-- und Roller --
~Razmann.~ Was dann, was dann?
~Schwarz.~ Roller ist gehangen, noch vier andere mit --
~Razmann.~ Roller? Schwere Noth! seit wann -- woher weist du's?
~Schwarz.~ Schon über drey Wochen sitzt er, und wir erfahren nichts,
schon drey Rechtstäge sind über ihn gehalten worden, und wir hören
nichts, man hat ihn auf der Tortur examinirt, wo der Hauptmann sey?
-- Der wackere Bursche hat nichts bekannt, gestern ist ihm der Proceß
gemacht worden, diesen Morgen ist er dem Teufel extra Post zugefahren.
~Razmann.~ Vermaledeyt! weiß es der Hauptmann?
~Schwarz.~ Erst gestern erfährt er's. Er schäumt wie ein Eber. Du
weist's, er hat immer am meisten gehalten auf Roller, und nun die
~Tortur erst~ -- Strick und Leiter sind schon an den Thurm gebracht
worden, es half nichts, er selbst hat sich schon in Kapuciners-Kutte zu
ihm geschlichen, und die Person mit ihm wechseln wollen, Roller schlugs
hartnäckig ab, itzt hat er einen Eid geschworen, daß es uns eiskalt
über die Leber lief, er wolle ihm eine Todesfackel anzünden, wie sie
noch keinem König geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und blau
brennen soll. Mir ist bang für die Stadt. Er hat schon lang eine Pique
auf sie, weil sie so schändlich bigott ist, und du weist, wenn er sagt:
ich will's thun! so ist's so viel, als wenn's unser einer gethan hat.
~Razmann.~ Das ist wahr! ich kenne den Hauptmann. Wenn er dem Teufel
sein Wort drauf gegeben hätte in die Hölle zu fahren, er würde nie
beten, wenn er mit einem halben Vater Unser seelig werden könnte! --
Aber ach! der arme Roller! -- der arme Roller! --
~Spiegelberg.~ Memento mori! Aber das regt mich nicht an. (_Trillert
ein Liedgen._)
Geh ich vorbey am Rabensteine,
So blinz ich nur das rechte Auge zu,
Und denk, du hängst mir wohl alleine,
Wer ist ein Narr, ich oder du?
~Razmann~ (_aufspringend._) Horch! Ein Schuß. (_Schießen und Lermen._)
~Spiegelberg.~ Noch einer!
~Razmann.~ Wieder einer! der Hauptmann!
(_Hinter der Scene gesungen._)
Die Nürnberger henken keinen,
Sie hätten ihn denn vor.
=Da Capo.=
~Schweizer. Roller.~ (_Hinter der Scene._) Holla ho! Holla ho!
~Razmann.~ Roller! Roller! Holen mich zehn Teufel!
~Schweizer. Roller.~ (_Hinter der Scene._) Razmann! Schwarz!
Spiegelberg! Razmann!
~Razmann.~ Roller! Schweizer! Bliz, Donner, Hagel und Wetter! (_Fliegen
ihm entgegen._)
Räuber Moor (_zu Pferd._)
Schweizer. Roller. Grimm. Schufterle.
Räubertrupp (_mit Koth und Staub bedeckt, treten auf._)
~Räuber Moor~ (_vom Pferd springend._) Freyheit! Freyheit! -- -- du
bist im Trocknen, Roller! -- Führ meinen Rappen ab, Schweizer, und
wasch ihn mit Wein. (_Wirft sich auf die Erde._) Das hat gegolten!
~Razmann~ (_zu Roller._) Nun bey der Feueresse des Pluto's! bist du vom
Rad auferstanden?
~Schwarz.~ Bist du sein Geist? oder bin ich ein Narr? oder bist du's
wirklich?
~Roller~ (_in Athem._) Ich bins. Leibhaftig. Ganz. Wo glaubst du, daß
ich herkomme?
~Schwarz.~ Da frag die Hexe! der Stab war schon über dich gebrochen.
~Roller.~ Das war er freylich, und noch mehr. Ich komme recta vom
Galgen her. Laß mich nur erst zu Athem kommen. Der Schweizer wird dir
erzählen. Gebt mir ein Glas Brandtenwein! -- du auch wieder da, Moriz?
Ich dachte dich wo anders wieder zu sehen -- gebt mir doch ein Glas
Brandtenwein! meine Knochen fallen auseinander -- o mein Hauptmann! wo
ist mein Hauptmann?
~Schwarz.~ Gleich, gleich! -- so sag doch, so schwäz doch! wie bist
du davon kommen? wie haben wir dich wieder? der Kopf geht mir um. Vom
Galgen her, sagst du?
~Roller~ (_stürzt eine Flasche Brandtenwein hinunter._) Ah, das
schmeckt, das brennt ein! -- gerades Wegs vom Galgen her! sag ich. Ihr
steht da, und gafft, und könnt's nicht träumen -- ich war auch nur drey
Schritte von der Sakerments-Leiter, auf der ich in den Schoos Abrahams
steigen sollte -- so nah, so nah -- war dir schon mit Haut und Haar auf
die Anatomie verhandelt! hättest mein Leben um'n Prise Schnupftaback
haben können, dem Hauptmann dank ich Luft, Freyheit und Leben.
~Schweizer.~ Es war ein Spaß, der sich hören läßt. Wir hatten den Tag
vorher durch unsre Spionen Wind gekriegt, der Roller liege tüchtig im
Salz, und wenn der Himmel nicht bey Zeit noch einfallen wollte, so
werde er morgen am Tag -- das war als heut -- den Weg alles Fleisches
gehen müssen -- Auf! sagt der Hauptmann, was wiegt ein Freund nicht?
-- Wir retten ihn, oder retten ihn nicht, so wollen wir ihm wenigstens
doch eine Todesfackel anzünden, wie sie noch keinem König geleuchtet
hat, die ihnen den Buckel braun und blau brennen soll. Die ganze Bande
wird aufgeboten. Wir schicken einen Expressen an ihn, der's ihm in
einem Zettelchen beybrachte, das er ihm in die Suppe warf.
~Roller.~ Ich verzweifelte an dem Erfolg.
~Schweizer.~ Wir paßten die Zeit ab, bis die Passagen leer waren.
Die ganze Stadt zog dem Spektakel nach, Reuter und Fußgänger durch
einander und Wagen, der Lerm und der Galgen-Psalm jolten weit. Izt,
sagt der Hauptmann, brennt an, brennt an! Die Kerl flogen wie Pfeile,
steckten die Stadt an drey und dreysig Eken zumal in Brand, werfen
feurige Lunten in die Nähe des Pulverthurms, in Kirchen und Scheunen --
Morbleu es war keine Viertelstunde vergangen, der Nord-Ost-Wind, der
auch seinen Zahn auf die Stadt haben muß, kam uns trefflich zu statten,
und half die Flamme bis hinauf in die obersten Gibel jagen. Wir indeß
Gasse auf Gasse nieder, wie Furien -- Feuerjo! Feuerjo! durch die ganze
Stadt -- Geheul, -- Geschrey -- Gepolter -- fangen an die Brandglocken
zu brummen, knallt der Pulverthurm in die Luft, als wär die Erde mitten
entzwey geborsten, und der Himmel zerplazt, und die Hölle zehntausend
Klafter tiefer versunken.
~Roller.~ Und itzt sah mein Gefolge zurück -- da lag die Stadt wie
Gomorrha und Sodom, der ganze Horizont war Feuer, Schwefel und Rauch,
vierzig Gebürge brüllen den infernalischen Schwank in die Rund herum
nach, ein panischer Schreck schmeißt alle zu Boden -- itzt nutz ich
den Zeitpunkt, und risch, wie der Wind! -- ich war losgebunden, so
nah war's dabey -- da meine Begleiter versteinert wie Loths Weib
zurückschaun, Reißaus! zerrissen die Haufen! davon! Sechzig Schritte
weg werf ich die Kleider ab, stürze mich in den Fluß, schwimm unter'm
Wasser fort, bis ich glaubte ihnen aus dem Gesichte zu seyn. Mein
Hauptmann schon parat mit Pferden und Kleidern -- so bin ich entkommen.
Moor! Moor! möchtest du bald auch in den Pfeffer gerathen, daß ich dir
gleiches mit gleichem vergelten kann!
~Razmann.~ Ein bestialischer Wunsch, für den man dich hängen sollte --
aber es war ein Streich zum Zerplatzen.
~Roller.~ Es war Hülfe in der Noth, ihr könnt's nicht schäzen. Ihr
hättet sollen -- den Strick um den Hals -- mit lebendigem Leib zu
Grabe marschiren wie ich, und die sakermentalischen Anstalten und
Schinders-Ceremonien, und mit jedem Schritt, den der scheue Fuß
vorwärts wankte, näher und fürchterlich näher die verfluchte Maschine,
wo ich einlogirt werden sollte, im Glanz der schröcklichen Morgensonne
steigend, und die laurenden Schinders-Knechte, und die gräßliche Musik
-- noch raunt sie in meinen Ohren -- und das Gekrächz hungriger Raben,
die an meinem halbfaulen Antezessor zu dreysigen hiengen, und das
alles, alles -- und obendrein noch der Vorschmack der Seeligkeit, die
mir blühete! -- Bruder, Bruder! und auf einmal die Losung zur Freyheit
-- Es war ein Knall, als ob dem Himmelfaß ein Raif gesprungen wäre --
hört Kanaillen! ich sag euch, wenn man aus dem glühenden Ofen in's
Eiswasser springt, kann man den Abfall nicht so stark fühlen als ich,
da ich am andern Ufer war.
~Spiegelberg~ (_lacht._) Armer Schlucker! nun ist's ja verschwitzt.
(_trinkt ihm zu._) Zur glücklichen Wiedergeburt!
~Roller~ (_wirft sein Glas weg._) Nein, bey allen Schäzen des Mammons!
ich möchte das nicht zum zweytenmal erleben. Sterben ist etwas mehr als
Harlequins-Sprung, und Todes-Angst ist ärger als Sterben.
~Spiegelberg.~ Und der hüpfende Pulverthurm -- merkst du's izt,
Razmann? -- d'rum stank auch die Luft so nach Schwefel, stundenweit,
als würde die ganze Garderobe des Molochs unter dem Firmament
ausgelüftet -- es war ein Meisterstreich, Hauptmann! ich beneide dich
d'rum.
~Schweizer.~ Macht sich die Stadt eine Freude daraus, meinen Kameraden
wie ein verheztes Schwein abthun zu sehen, was, zum Henker! sollen wir
uns ein Gewissen daraus machen, unserem Kameraden zulieb die Stadt
drauf gehen zu lassen? Und neben her hatten unsere Kerls noch das
gefundene Fressen, über den alten Kaiser zu plündern. -- Sagt einmal!
Was habt ihr weggekapert?
~Einer von der Bande.~ Ich hab mich während des Durcheinanders in die
Stephans-Kirche geschlichen und die Borden vom Altar-Tuch abgetrennt,
der liebe Gott da, sagt' ich, ist ein reicher Mann, und kann ja
Goldfäden aus einem Batzenstrick machen.
~Schweizer.~ Du hast wohl gethan -- was soll auch der Plunder in einer
Kirche? Sie tragens dem Schöpfer zu, der über den Trödelkram lachet,
und seine Geschöpfe dörfen verhungern. -- Und du Spangeler -- wo hast
du dein Netz ausgeworfen?
~Ein zweyter.~ Ich und Bügel haben einen Kaufladen geplündert und
bringen Zeug für unser funfzig mit.
~Ein Dritter.~ Zwey gold'ne Sackuhren hab ich weggebixt, und ein
Dutzend silberne Löffel dazu.
~Schweizer.~ Gut, gut. Und wir haben ihnen ein's angerichtet, d'ran
sie vierzeh'n Tage werden zu löschen haben. Wenn sie dem Feuer wehren
wollen, so müssen sie die Stadt durch Wasser ruiniren -- Weist du
nicht, Schufterle, wie viel es Todte gesetzt hat?
~Schufterle.~ Drey und achtzig sagt man. Der Thurm allein hat ihrer
sechszig zu Staub zerschmettert.
~Räuber Moor~ (_sehr ernst._) Roller, du bist theuer bezahlt.
~Schufterle.~ Pah! pah! was heißt aber das? -- ja, wenn's Männer
gewesen wären -- aber da warens Wikelkinder, die ihre Lacken vergolden,
eingeschnurrte Müttergen, die ihnen die Müken wehrten, ausgedörrte
Ofenhocker, die keine Thüre mehr finden konnten -- Patienten, die
nach dem Doktor winselten, der in seinem gravitätischen Trab der Hatz
nachgezogen war -- Was leichte Beine hatte, war ausgeflogen der Komödie
nach, und nur der Bodensatz der Stadt blieb zurück, die Häuser zu hüten.
~Moor.~ Oh der armen Gewürme! Kranke, sagst du, Greise und Kinder? --
~Schufterle.~ Ja zum Teufel! und Kindbetterinnen darzu, und
hochschwangere Weiber, die befürchteten, unterm lichten Galgen zu
abortiren, junge Frauen, die besorgten sich an den Schinders-Stückchen
zu versehen, und ihrem Kind im Mutterleib den Galgen auf den Buckel zu
brennen -- Arme Poeten, die keinen Schuh anzuziehen hatten, weil sie
ihr einziges Paar in die Mache gegeben, und was das Hundsgesindel mehr
ist, es lohnt sich der Mühe nicht, daß man davon redet. Wie ich von
ungefehr so an einer Barake vorbeygehe, hör ich drinnen ein Gezetter,
ich guk hinein, und wie ich's beym Licht besehe, was war's? Ein Kind
war's, noch frisch und gesund, das lag auf dem Boden unter'm Tisch,
und der Tisch wollte eben angehen, -- Armes Thiergen! sagt' ich, du
verfrierst ja hier, und warf's in die Flamme --
~Moor.~ Wirklich, Schufterle? -- Und diese Flamme brenne in deinem
Busen, bis die Ewigkeit grau wird! -- Fort Ungeheuer! Laß dich nimmer
unter meiner Bande sehen! Murrt ihr? -- Ueberlegt ihr? -- Wer überlegt,
wann Ich befehle? -- Fort mit ihm, sag ich, -- es sind noch mehr unter
euch, die meinem Grimm reif sind. Ich kenne dich, Spiegelberg. Aber ich
will nächstens unter euch treten, und fürchterlich Musterung halten.
(_Sie gehen zitternd ab._)
Moor (_allein heftig auf- und abgehend._)
Höre sie nicht, Rächer im Himmel! -- Was kann ich dafür? Was kannst du
dafür, wenn deine Pestilenz, deine Theurung, deine Wasserfluten, den
Gerechten mit dem Bösewicht auffressen? Wer kann der Flamme befehlen,
daß sie nicht auch durch die gesegneten Saaten wüte, wenn sie das
Genist der Hornissel zerstören soll? -- O pfui, über den Kinder-Mord!
den Weiber-Mord -- den Kranken-Mord! Wie beugt mich diese That! Sie
hat meine schönsten Werke vergiftet -- da steht der Knabe, schaamroth
und ausgehöhnt vor dem Auge des Himmels, der sich anmaßte mit Jupiters
Keule zu spielen, und Pygmeen niederwarf, da er Titanen zerschmettern
sollte -- geh, geh! du bist der Mann nicht, das Rachschwerdt des
obern Tribunals zu regieren, du erlagst bey dem ersten Griff -- hier
entsag' ich dem frechen Plan, gehe, mich in irgend eine Kluft der Erde
zu verkriechen, wo der Tag vor meiner Schande zurücktritt. (_er will
fliehen._)
Räuber (_eilig._)
Sieh dich vor, Hauptmann! Es spukt! Ganze Haufen böhmischer Reuter
schwadroniren im Holz herum -- der höllische Blaustrumpf muß ihnen
verträtscht haben --
Neue Räuber.
Hauptmann, Hauptmann! Sie haben uns die Spur abgelauert -- rings ziehen
ihrer etliche Tausend einen Kordon um den mittlern Wald.
Neue Räuber.
Weh, weh, weh! Wir sind gefangen, gerädert, wir sind geviertheilt!
Viele tausend Husaren, Dragoner und Jäger sprengen um die Anhöhe, und
halten die Luft-Löcher besetzt.
(_Moor geht ab._)
Schweizer. Grimm. Roller. Schwarz. Schufterle. Spiegelberg. Razmann.
Räubertrupp.
~Schweizer.~ Haben wir sie aus den Federn geschüttelt? Freu
dich doch, Roller! Das hab ich mir lange gewünscht, mich mit so
Kommis-Brod-Rittern herumzuhauen -- wo ist der Hauptmann? Ist die
ganze Bande beysammen? Wir haben doch Pulver genug?
~Razmann.~ Pulver die schwere Meng. Aber unser sind achtzig in allem,
und so immer kaum einer gegen ihrer zwanzig.
~Schweizer.~ Desto besser! und laß es fünfzig gegen meinen grossen
Nagel seyn -- Haben sie so lang gewartet, bis wir ihnen die Streu
unterm Arsch angezündet haben -- Brüder, Brüder! so hat's keine Noth.
Sie sezen ihr Leben an zehen Kreuzer, fechten wir nicht für Hals und
Freyheit? -- Wir wollen über sie her wie die Sündflut, und auf ihre
Köpfe herabfeuren wie Wetterleuchten -- Wo zum Teufel! ist dann der
Hauptmann?
~Spiegelberg.~ Er verläßt uns in dieser Noth. Können wir denn nicht
mehr entwischen?
~Schweizer.~ Entwischen?
~Spiegelberg.~ Oh! Warum bin ich nicht geblieben in Jerusalem.
~Schweizer.~ So wollt' ich doch, daß du im Kloak erstiktest, Drekseele
du! Bey nakten Nonnen hast du ein grosses Maul, aber wenn du zwey
Fäuste siehst, -- Memme, zeige dich itzt, oder man soll dich in eine
Sauhaut nähen, und durch Hunde verhetzen lassen.
~Razmann.~ Der Hauptmann, der Hauptmann!
Moor (_langsam vor sich._)
~Moor.~ Ich habe sie vollends ganz einschliessen lassen, itzt müssen
sie fechten wie Verzweifelte. (_Laut._) Kinder! Nun gilts! Wir sind
verloren, oder wir müssen fechten wie angeschossene Eber.
~Schweizer.~ Ha! ich will ihnen mit meinen Fangern den Bauch schlizen,
daß ihnen die Kutteln schuhlang herausplatzen! -- Führ uns an,
Hauptmann! Wir folgen dir in den Rachen des Todes.
~Moor.~ Ladet alle Gewehre! Es fehlt doch an Pulver nicht?
~Schweizer~ (_springt auf._) Pulver genug, die Erde gegen den Mond zu
sprengen!
~Razmann~. Jeder hat fünf paar Pistolen geladen, jeder noch drey
Kugelbüchsen darzu.
~Moor.~ Gut, gut! Und nun muß ein Theil auf die Bäume klettern, oder
sich in's Dickicht verstecken, und Feuer auf sie geben im Hinterhalt --
~Schweizer.~ Da gehörst du hin, Spiegelberg!
~Moor.~ Wir andern, wie Furien, fallen ihnen in die Flanken.
~Schweizer.~ Darunter bin ich, ich!
~Moor.~ Zugleich muß jeder sein Pfeifchen hören lassen, im Wald
herumjagen, daß unsere Anzahl schröcklicher werde: auch müssen alle
Hunde los, und in ihre Glieder gehetzt werden, daß sie sich trennen,
zerstreuen, und euch in den Schuß rennen. Wir drey, Roller, Schweizer
und ich, fechten im Gedränge.
~Schweizer.~ Meisterlich, vortrefflich! -- Wir wollen sie
zusammenwettern, daß sie nicht wissen, wo sie die Ohrfeigen herkriegen.
Ich habe wohl ehe eine Kirsche vom Maul weggeschossen, laß sie nur
anlaufen. (_Schufterle zupft Schweizern, dieser nimmt den Hauptmann
beyseit, und spricht leise mit ihm._)
~Moor.~ Schweig!
~Schweizer.~ Ich bitte dich --
~Moor.~ Weg! Er dank es seiner Schande, sie hat ihn gerettet. Er soll
nicht sterben, wenn ich und mein Schweizer sterben, und mein Roller.
Laß ihn die Kleider ausziehen, so will ich sagen, er sey ein Reisender,
und ich habe ihn bestohlen -- Sey ruhig, Schweizer! Ich schwöre darauf,
er wird doch noch gehangen werden.
Pater (_tritt auf._)
~Pater~ (_vor sich, stutzt._) Ist das das Drachen-Nest? -- Mit eurer
Erlaubniß, meine Herren! Ich bin ein Diener der Kirche, und draussen
stehen siebenzehnhundert, die jedes Haar auf meinen Schläfen bewachen.
~Schweizer.~ Bravo! bravo! das war wohlgesprochen sich den Magen warm
zu halten.
~Moor.~ Schweig, Kamerad! -- Sagen Sie kurz, Herr Pater! was haben Sie
hier zu thun?
~Pater.~ Mich sendet die hohe Obrigkeit, die über Leben und Tod spricht
-- ihr Diebe -- ihr Mordbrenner -- ihr Schelmen -- giftige Otterbrut,
die im Finstern schleicht, und im Verborgenen sticht -- Aussatz der
Menschheit -- Höllenbrut, -- köstliches Mahl für Raben und Ungeziefer
-- Kolonie für Galgen und Rad --
~Schweizer.~ Hund! hör auf zu schimpfen, oder -- (_er drückt ihm den
Kolben vor's Gesicht._)
~Moor.~ Pfui doch, Schweizer! du verdirbst ihm ja das Koncept -- er hat
seine Predigt so brav auswendig gelernt -- nur weiter mein Herr! --
»für Galgen und Rad?«
~Pater.~ Und du, feiner Hauptmann! Herzog der Beutelschneider!
Gauner-König! Gros-Mogol aller Schelmen unter der Sonne! -- Ganz
ähnlich jenem ersten abscheulichen Rädelsführer, der tausend Legionen
schuldloser Engel in rebellisches Feuer fachte, und mit sich hinab in
den tiefen Pfuhl der Verdammniß zog -- das Zettergeschrey verlassener
Mütter heult deinen Fersen nach, Blut saufst du wie Wasser, Menschen
wägen auf deinem mörderischen Dolch keine Luftblase auf. --
~Moor.~ Sehr wahr, sehr wahr! Nur weiter!
~Pater.~ Was? sehr wahr, sehr wahr? ist das auch eine Antwort?
~Moor.~ Wie, mein Herr? darauf haben Sie sich wohl nicht gefaßt
gemacht? Weiter, nur weiter! Was wollten Sie weiter sagen?
~Pater~ (_im Eifer._) Entsetzlicher Mensch! hebe dich weg von mir!
Picht nicht das Blut des ermordeten Reichs-Grafen an deinen verfluchten
Fingern? Hast du nicht das Heiligthum des Herrn mit diebischen Händen
durchbrochen, und mit einem Schelmengriff die geweihten Gefässe
des Nachtmahls entwandt? Wie? hast du nicht Feuerbrände in unsere
gottesfürchtige Stadt geworfen? und den Pulverthurm über die Häupter
guter Christen herabgestürzt? (_Mit zusammengeschlagenen Händen._)
Greuliche, greuliche Frevel, die bis zum Himmel hinaufstinken, das
jüngste Gericht waffnen, daß es reissend daher bricht! Reif zur
Vergeltung, zeitig zur letzten Posaune!
~Moor.~ Meisterlich gerathen bis hieher! aber zur Sache! Was läßt mir
der hochlöbliche Magistrat durch Sie kund machen?
~Pater.~ Was du nie werth bist, zu empfangen -- Schau um dich,
Mordbrenner! Was nur dein Auge absehen kann, bist du eingeschlossen von
unsern Reutern -- hier ist kein Raum zum Entrinnen mehr -- so gewiß
Kirschen auf diesen Eichen wachsen, und diese Tannen Pfirsiche tragen,
so gewiß werdet ihr unversehrt diesen Eichen und diesen Tannen den
Rücken kehren.
~Moor.~ Hörst du's wohl, Schweizer? -- Aber nur weiter!
~Pater.~ Höre dann, wie gütig, wie langmüthig das Gericht mit dir
Böswicht verfährt. Wirst du itzt gleich zum Kreuz kriechen und um Gnade
und Schonung flehen, siehe, so wird dir die Strenge selbst Erbarmen,
die Gerechtigkeit eine liebende Mutter seyn -- sie drückt das Auge bey
der Hälfte deiner Verbrechen zu, und läßt es -- denk doch! -- und läßt
es bey ~dem Rade bewenden~.
~Schweizer.~ Hast du's gehört, Hauptmann? Soll ich hingeh'n, und diesem
abgerichteten Schäferhund die Gurgel zusammen schnüren, daß ihm der
rothe Saft aus allen Schweislöchern sprudelt? --
~Roller.~ Hauptmann! -- Sturm! Wetter und Hölle! -- Hauptmann, -- wie
er die Unterlippe zwischen die Zähne klemmt! soll ich diesen Kerl das
oberst zu unterst unter's Firmament wie einen Kegel aufsetzen?
~Schweizer.~ Mir! mir! Laß mich knien, vor dir niederfallen! Mir laß
die Wohllust, ihn zu Brey zusammenzureiben!
(Pater schreyt.)
~Moor.~ Weg von ihm! Wag es keiner, ihn anzurühren! -- (_Zum Pater,
indem er seinen Degen zieht!_) Sehen Sie, Herr Pater! hier stehen
neun-und siebenzig, deren Hauptmann ich bin, und weiß keiner auf
Wink und Kommando zu fliegen, oder nach Kanonen-Musik zu tanzen, und
draussen steh'n siebenzehnhundert unter Mousqueten ergraut -- aber
hören Sie nun! so redet Moor, der Mordbrenner Hauptmann: Wahr ist's,
ich habe den Reichsgrafen erschlagen, die Dominikus-Kirche angezündet
und geplündert, hab Feuerbrände in eure bigotte Stadt geworfen, und
den Pulverthurm über die Häupter guter Christen herabgestürzt -- aber
es ist noch nicht alles. Ich habe noch mehr gethan. (_Er streckt seine
rechte Hand aus._) Bemerken Sie die vier kostbaren Ringe, die ich an
jedem Finger trage -- gehen Sie hin, und richten Sie Punkt für Punkt
den Herren des Gerichts über Leben und Tod aus, was Sie sehen und hören
werden -- diesen Rubin zog ich einem Minister vom Finger, den ich auf
der Jagd zu den Füßen seines Fürsten niederwarf. Er hatte sich aus dem
Pöbelstaub zu einem ersten Günstling empor geschmeichelt, der Fall
seines Nachbars war seiner Hoheit Schemel -- Thränen der Waisen huben
ihn auf. Diesen Demant zog ich einem Finanzrath ab, der Ehrenstellen
und Aemter an die Meistbietenden verkaufte und den traurenden Patrioten
von seiner Thüre stieß. -- Diesen Achat trag ich einem Pfaffen Ihres
Gelichters zur Ehre, den ich mit eigener Hand erwürgte, als er auf
offener Kanzel geweint hatte, daß die Inquisition so in Zerfall käme
-- ich könnte Ihnen noch mehr Geschichten von meinen Ringen erzählen,
wenn mich nicht schon die paar Worte gereuten, die ich mit Ihnen
verschwendet habe --
~Pater.~ O Pharao! Pharao!
~Moor.~ Hört ihr's wohl? Habt ihr den Seufzer bemerkt? Steht er nicht
da, als wollte er Feuer vom Himmel auf die Rotte Korah herunter beten,
richtet mit einem Achselzucken, verdammt mit einem christlichen ~Ach~!
-- Kann der Mensch denn so blind seyn? Er, der die hundert Augen des
Argus hat Flecken an seinem Bruder zu spähen, kann er so gar blind
gegen sich selbst seyn? -- Da donnern sie Sanftmuth und Duldung aus
ihren Wolken, und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem
feuerarmigen Moloch -- predigen Liebe des Nächsten, und fluchen den
achtzigjährigen Blinden von ihren Thüren hinweg: -- stürmen wider den
Geiz und haben Peru um gold'ner Spangen willen entvölkert und die
Heyden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt -- Sie zerbrechen sich die
Köpfe, wie es doch möglich gewesen wäre, daß die Natur hätte können
einen Ischariot schaffen, und nicht der schlimmste unter ihnen würde
den dreyeinigen Gott um zehen Silberlinge verrathen. -- O über euch
Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit!
Ihr scheut euch nicht vor Kreuz und Altären zu knien, zerfleischt
eure Rücken mit Riemen, und foltert euer Fleisch mit Fasten; ihr
wähnt mit diesen erbärmlichen Gaukeleyen demjenigen einen blauen
Dunst vorzumachen, den ihr Thoren doch den Allwissenden nennt, nicht
anders, als wie man der Grossen am bittersten spottet, wenn man ihnen
schmeichelt, daß sie die Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichkeit
und exemplarischen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchschaut,
würde wider den Schöpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der wäre, der
das Ungeheuer am Nilus erschaffen hat. -- Schafft ihn aus meinen Augen.
~Pater.~ Daß ein Bösewicht noch so stolz seyn kann!
~Moor.~ Nicht genug -- Itzt will ich stolz reden. Geh hin, und sage
dem hochlöblichen Gericht, das über Leben und Tod würfelt -- Ich bin
kein Dieb, der sich mit Schlaf und Mitternacht verschwört, und auf
der Leiter gros und herrisch thut -- was ich gethan habe, werd ich
ohne Zweifel einmal im Schuldbuch des Himmels lesen, aber mit seinen
erbärmlichen Verwesern will ich kein Wort mehr verlieren. Sag ihnen,
mein Handwerk ist Wiedervergeltung -- Rache ist mein Gewerbe. (_Er
kehrt ihm den Rücken zu._)
~Pater.~ Du willst also nicht Schonung und Gnade? -- Gut, mit dir bin
ich fertig. (_Wendet sich zu der Bande._) So höret dann ihr, was die
Gerechtigkeit euch durch mich zu wissen thut! -- Werdet ihr itzt gleich
diesen verurtheilten Missethäter gebunden überliefern, seht, so soll
euch die Strafe eurer Greuel bis auf das letzte Andenken erlassen seyn
-- die heilige Kirche wird euch verlorne Schafe mit erneuerter Liebe
in ihren Mutterschoos aufnehmen, und jedem unter euch soll der Weg zu
einem Ehren-Amt offen steh'n. (_mit triumphirendem Lächeln._) Nun, nun?
Wie schmeckt das, Euer Majestät? -- Frisch also! Bindet ihn, und seyd
frey!
~Moor.~ Hört ihr's auch? Hört ihr? Was stutzt ihr? Was steht ihr
verlegen da? Sie bietet euch Freyheit, und ihr seyd wirklich schon ihre
Gefangene. -- Sie schenkt euch das Leben, und das ist keine Prahlerey,
denn ihr seyd wahrhaftig gerichtet. -- Sie verheißt euch Ehren und
Aemter, und was kann euer Loos anders seyn, wenn ihr auch obsiegtet,
als Schmach und Fluch und Verfolgung. -- Sie kündigt euch Versöhnung
vom Himmel an, und ihr seyd wirklich verdammt. Es ist kein Haar an
keinem unter euch, das nicht in die Hölle fährt. Ueberlegt ihr noch?
Wankt ihr noch? Ist es so schwer zwischen Himmel und Hölle zu wählen?
Helfen Sie doch, Herr Pater!
~Pater~ (_vor sich._) Ist der Kerl unsinnig? -- Sorgt ihr etwa, daß diß
eine Falle sey, euch lebendig zu fangen? -- Leset selbst, hier ist der
General-Pardon unterschrieben. (_Er gibt Schweizern ein Papier._) Könnt
ihr noch zweifeln?
~Moor.~ Seht doch, seht doch! Was könnt ihr mehr verlangen? --
Unterschrieben mit eigener Hand -- es ist Gnade über alle Grenzen --
oder fürchtet ihr wohl, sie werden ihr Wort brechen, weil ihr einmal
gehört habt, daß man Verräthern nicht Wort hält? -- O seyd ausser
Furcht! Schon die Politik könnte sie zwingen, Wort zu halten, wenn
sie es auch dem Satan gegeben hätten. Wer würde ihnen in Zukunft noch
Glauben beymessen? Wie würden sie je einen zweyten Gebrauch davon
machen können? -- Ich wollte darauf schwören, sie meinens aufrichtig.
Sie wissen, daß ich es bin, der euch empört und erbittert hat, euch
halten sie für unschuldig. Eure Verbrechen legen sie für Jugendfehler,
für Uebereilungen aus. Mich allein wollen Sie haben, ich allein
verdiene zu büssen. Ist es nicht so, Herr Pater?
~Pater.~ Wie heißt der Teufel, der aus ihm spricht? -- Ja freylich,
freylich ist es so -- der Kerl macht mich wirbeln.
~Moor.~ Wie, noch keine Antwort? denkt ihr wohl gar mit den Waffen
noch durchzureissen? Schaut doch um euch, schaut doch um euch! das
werdet ihr doch nicht denken, das wäre itzt kindische Zuversicht. --
Oder schmeichelt ihr euch wohl gar als Helden zu fallen, weil ihr
saht, daß ich mich auf's Getümmel freute? -- Oh glaubt das nicht! Ihr
seyd nicht ~Moor~. -- Ihr seyd heillose Diebe! Elende Werkzeuge meiner
grösern Plane, wie der Strick verächtlich in der Hand des Henkers! --
Diebe können nicht fallen, wie Helden fallen. Das Leben ist den Dieben
Gewinn, dann kommt was schröckliches nach -- Diebe haben das Recht,
vor dem Tode zu zittern. -- Höret, wie ihre Hörner tönen! Sehet, wie
drohend ihre Säbel daher blinken! wie? noch unschlüssig? seyd ihr toll?
seyd ihr wahnwitzig? -- Es ist unverzeihlich! Ich dank euch mein Leben
nicht, ich schäme mich eures Opfers!
~Pater~ (_äußerst erstaunt._) Ich werde unsinnig, ich laufe davon! Hat
man je von so was gehört?
~Moor.~ Oder fürchtet ihr wohl, ich werde mich selbst erstechen,
und durch einen Selbstmord den Vertrag zernichten, der nur an dem
Lebendigen haftet? Nein, Kinder! das ist eine unnütze Furcht. Hier
werf ich meinen Dolch weg, und meine Pistolen und diß Fläschgen mit
Gift, das mir noch wohlkommen sollte -- ich bin so elend, daß ich auch
die Herrschaft über mein Leben verloren habe -- Was, noch unschlüssig?
Oder glaubt ihr vielleicht, ich werde mich zur Wehr setzen, wenn ihr
mich binden wollt? Seht! hier bind ich meine rechte Hand an diesen
Eichenast, ich bin ganz wehrlos, ein Kind kann mich umwerfen -- Wer ist
der erste, der seinen Hauptmann in der Noth verläßt?
~Roller~ (_in wilder Bewegung._) Und wann die Hölle uns neunfach
umzingelte! (_schwenkt seinen Degen._) Wer kein Hund ist, rette den
Hauptmann!
~Schweizer~ (_Zerreißt den Pardon, und wirft die Stücke dem Pater in's
Gesicht._) In unsern Kugeln Pardon! Fort Kanaille! sag dem Senat,
der dich gesandt hat, du träfst unter Moor's Bande keinen einzigen
Verräther an -- Rettet, rettet den Hauptmann!
~Alle~ (_lermen._) Rettet, rettet, rettet den Hauptmann!
~Moor~ (_sich losreissend, freudig._) Itzt sind wir frey -- Kameraden!
Ich fühle eine Armee in meiner Faust -- Tod oder Freyheit! wenigstens
sollen sie keinen lebendig haben!
(Man bläst zum Angriff. Lerm und Getümmel. Sie gehen ab mit gezogenem
Degen.)
Dritter Akt.
Erste Scene.
Amalia (_im Garten, spielt auf der Laute._)
Schön wie Engel, voll Walhalla's Wonne,
Schön vor allen Jünglingen war er,
Himmlisch mild sein Blick, wie Mayen-Sonne
Rückgestralt vom blauen Spiegel-Meer.
Sein Umarmen -- wüthendes Entzücken! --
Mächtig feurig klopfte Herz an Herz,
Mund und Ohr gefesselt -- Nacht vor unsern Blicken --
Und der Geist gewirbelt himmelwärts.
Seine Küsse -- paradisisch Fühlen! --
Wie zwo Flammen sich ergreiffen, wie
Harfentöne in einander spielen
Zu der himmelvollen Harmonie,
Stürzten, flogen, rasten Geist und Geist zusammen,
Lippen, Wangen brannten, zitterten, --
Seele rann in Seele -- Erd und Himmel schwammen
Wie zerronnen, um die Liebenden.
Er ist hin -- vergebens ach! vergebens
Stöhnet ihm der bange Seufzer nach.
Er ist hin -- und alle Lust des Lebens
Wimmert hin in ein verlornes Ach! --
~Franz~ tritt auf.
~Franz.~ Schon wieder hier, eigensinnige Schwärmerinn? Du hast dich vom
frohen Mahle hinweggestohlen, und den Gästen die Freude verdorben.
~Amalia.~ Schade für diese unschuldige Freuden! das Todtenlied muß noch
in deinen Ohren murmeln, das deinem Vater zu Grabe hallte --
~Franz.~ Willst du denn ewig klagen? Laß die Todten schlafen, und mache
die Lebendigen glücklich! Ich komme --
~Amalia.~ Und wann gehst du wieder?
~Franz.~ O weh! kein so finsteres stolzes Gesicht! du betrübst mich,
Amalia. Ich komme dir zu sagen --
~Amalia.~ Ich muß wol hören, Franz von Moor ist ja gnädiger Herr worden.
~Franz.~ Ja recht, das wars, worüber ich dich vernehmen wollte --
Maximilian ist schlafen gegangen in der Väter Gruft. Ich bin Herr. Aber
ich möchte es vollends ganz seyn, Amalia. -- Du weist, was du unserm
Hause warst, du wardst gehalten wie Moors Tochter, selbst den Tod
überlebte seine Liebe zu dir, das wirst du wol niemals vergessen? --
~Amalia.~ Niemals, niemals. Wer das auch so leichtsinnig beym frohen
Mahle hinwegzechen könnte!
~Franz.~ Die Liebe meines Vaters must du in seinen Söhnen belohnen, und
Karl ist todt -- staunst du? schwindelt dir? Ja wahrhaftig, der Gedanke
ist auch so schmeichelnd erhaben, daß er selbst den Stolz eines Weibes
betäubt. Franz tritt die Hoffnungen der edelsten Fräuleins mit Füssen,
Franz kommt und bietet einer armen ohne ihn hülflosen Waise sein Herz,
seine Hand, und mit ihr all sein Gold an und all seine Schlösser
und Wälder. -- Franz der Beneidete, der Gefürchtete, erklärt sich
freywillig für Amalia's Sklaven --
~Amalia.~ Warum spaltet der Bliz die ruchlose Zunge nicht, die das
Frevelwort ausspricht! Du hast meinen Geliebten ermordet, und Amalia
soll dich Gemahl nennen! Du --
~Franz.~ Nicht so ungestümm, allergnädigste Prinzessinn! -- Freylich
krümmt Franz sich nicht wie ein girrender Seladon vor dir -- freylich
hat er nicht gelernt, gleich dem schmachtenden Schäfer Arkadiens, dem
Echo der Grotten und Felsen seine Liebesklagen entgegen zu jammern --
Franz spricht und wenn man nicht antwortet, so wird er -- ~befehlen~.
~Amalia.~ Wurm du, befehlen? mir befehlen? -- und wenn man den Befehl
mit Hohnlachen zurückschickt?
~Franz.~ Das wirst du nicht. Noch weiß ich Mittel, die den Stolz eines
einbildischen Starrkopfs so hübsch niederbeugen können -- Kloster und
Mauren!
~Amalia.~ Bravo! herrlich! und in Kloster und Mauren mit deinem
Basilisken-Anblick auf ewig verschont, und Musse genug, an Karln zu
denken, zu hangen. Willkommen mit deinem Kloster! auf, auf mit deinen
Mauren!
~Franz.~ Haha! ist es das? -- gib Acht! Izt hast du mich die Kunst
gelehrt, wie ich dich quälen soll -- diese ewige Grille von Karl
soll dir mein Anblick gleich einer feuerhaarigen Furie aus dem
Kopfe geiseln, das Schreckbild ~Franz~ soll hinter dem Bild deines
Lieblings im Hinterhalt lauren, gleich dem verzauberten Hund, der auf
unterirdischen Goldkästen liegt -- an den Haaren will ich dich in die
Kapelle schleifen, den Degen in der Hand, dir den ehlichen Schwur aus
der Seele pressen, dein jungfräuliches Bette mit Sturm ersteigen, und
deine stolze Scham mit noch gröserem Stolze besiegen.
~Amalia~ (_giebt ihm eine Maulschelle._) Nimm erst das zur Aussteuer
hin!
~Franz~ (_aufgebracht._) Ha! wie das zehnfach, und wieder zehnfach
geahndet werden soll! -- Nicht meine Gemahlinn -- die Ehre sollst du
nicht haben. -- meine Maitresse sollst du werden, daß die ehrlichen
Bauernweiber mit Fingern auf dich deuten, wenn du es wagst und über
die Gasse gehst. Knirsche nur mit den Zähnen -- speye Feuer und Mord
aus den Augen -- mich ergötzt der Grimm eines Weibes, macht dich nur
schöner, begehrenswerther. Komm -- dieses Sträuben wird meinen Triumph
zieren und mir die Wohllust in erzwungenen Umarmungen würzen -- Komm
mit in meine Kammer -- ich glühe vor Sehnsucht -- itzt gleich sollst du
mit mir gehn. (_will sie fortreißen_)
~Amalia~ (_fällt ihm um den Hals._) Verzeih mir Franz! (_wie er sie
umarmen will, reißt sie ihm den Degen von der Seite und tritt hastig
zurück._) Siehst du Bösewicht, was ich jetzt aus dir machen kann?
-- Ich bin ein Weib, aber ein rasendes Weib -- wag es einmal mit
unzüchtigem Griff meinen Leib zu betasten -- dieser Stahl soll deine
geile Brust mitten durchrennen, und der ~Geist~ meines Oheims wird mir
die Hand dazu führen. Fleuch auf der Stelle! (_Sie jagt ihn davon._)
Amalia.
Ah! wie mir wohl ist -- Itzt kann ich frey athmen -- ich fühlte mich
stark wie das funkensprühende Roß, grimmig wie die Tygerinn dem
siegbrüllenden Räuber ihrer Jungen nach -- In ein Kloster, sagt er --
Dank dir für diese glückliche Entdeckung! -- Itzt hat die betrogene
Liebe ihre Freystatt gefunden -- das Kloster -- das Kreuz des Erlösers
ist die Freystatt der betrognen Liebe. (_Sie will gehn._)
Herrmann (_tritt schüchtern herein._)
~Herrmann.~ Fräulein Amalia! Fräulein Amalia!
~Amalia.~ Unglücklicher! Was störest du mich?
~Herrmann.~ Dieser Zentner muß von meiner Seele, eh er sie zur Hölle
drückt (_wirft sich vor ihr nieder._) Vergebung! Vergebung! Ich hab
euch sehr beleidigt, Fräulein Amalia.
~Amalia.~ Steh auf! Geh! Ich will nichts wissen. (_Will fort._)
~Herrmann.~ (_der sie zurückhält._) Nein! Bleibt! Bey Gott! Bey dem
ewigen Gott! Ihr sollt alles wissen!
~Amalia.~ Keinen Laut weiter -- Ich vergebe dir -- Ziehe heim im
Frieden.
(Will hinweg eilen.)
~Herrmann.~ So höret nur ein einziges Wort -- es wird euch all' eure
Ruhe wiedergeben.
~Amalia~ (_kommt zurück und blickt ihn verwundernd an._) Wie Freund? --
wer im Himmel und auf Erden kann mir meine Ruhe wiedergeben?
~Herrmann.~ Das kann von meinen Lippen ein einziges Wort -- höret mich
an.
~Amalia~ (_mit Mitleiden seine Hand ergreifend._) Guter Mensch -- Kann
ein Wort von deinen Lippen die Riegel der Ewigkeit aufreissen?
~Herrmann~ (_steht auf._) Karl lebt noch!
~Amalia~ (_schreyend._) Unglücklicher!
~Herrmann.~ Nicht anders -- Nun noch ein Wort -- euer Oheim --
~Amalia~ (_gegen ihn herstürzend._) Du lügst --
~Herrmann.~ Euer Oheim --
~Amalia.~ Karl lebt noch!
~Herrmann.~ Und euer Oheim --
~Amalia.~ Karl lebt noch?
~Herrmann.~ Auch euer Oheim -- Verrathet mich nicht, (_eilt hinaus._)
~Amalia~ (_steht lang wie versteinert. Dann fährt sie wild auf, eilt
ihm nach._) Karl lebt noch!
Zweyte Scene.
Gegend an der Donau.
Die Räuber.
(_gelagert auf einer Anhöhe unter Bäumen, die Pferde weiden am Hügel
hinunter._)
~Moor.~ Hier muß ich liegen bleiben (_wirft sich auf die Erde._)
Meine Glieder wie abgeschlagen. Meine Zunge trocken, wie eine Scherbe
(_Schweizer verliert sich unvermerkt._) Ich wollt' euch bitten, mir
eine Handvoll Wassers aus diesem Strome zu holen, aber ihr seyd alle
matt bis in den Tod.
~Schwarz.~ Auch ist der Wein all in unsern Schläuchen.
~Moor.~ Seht doch, wie schön das Getraide steht! -- Die Bäume brechen
fast unter ihrem Seegen. -- Der Weinstock voll Hoffnung.
~Grimm.~ Es gibt ein fruchtbares Jahr.
~Moor.~ Meinst du? -- Und so würde doch ~Ein~ Schweiß in der Welt
bezahlt. ~Einer?~ -- -- Aber es kann ja über Nacht ein Hagel fallen und
alles zu Grund schlagen.
~Schwarz.~ Das ist leicht möglich. Es kann alles zu Grund gehen, wenige
Stunden vorm Schneiden.
~Moor.~ Das sag ich ja. Es wird alles zu Grund gehn. Warum soll
dem Menschen das gelingen, was er von der Ameise hat, wenn ihm das
fehlschlägt, was ihn den Göttern gleich macht? -- oder ist hier die
Mark seiner Bestimmung?
~Schwarz.~ Ich kenne sie nicht.
~Moor.~ Du hast gut gesagt, und noch besser gethan, wenn du sie nie zu
kennen verlangtest! -- Bruder -- ich habe die Menschen gesehen, ihre
Bienensorgen, und ihre Riesenprojekte -- ihre Götterplane und ihre
Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach Glückseligkeit; --
dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut -- ein anderer der Nase
seines Esels -- ein dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto
des Lebens, worein so mancher seine Unschuld, und -- seinen Himmel
setzt, einen Treffer zu haschen, und -- Nullen sind der Auszug --
am Ende war kein Treffer darinn. Es ist ein Schauspiel, Bruder, das
Thränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter
kitzelt.
~Schwarz.~ Wie herrlich die Sonne dort untergeht!
~Moor~ (_in den Anblick versenkt._) So stirbt ein Held! --
Anbetenswürdig!
~Grimm.~ Du scheinst tief gerührt.
~Moor.~ Da ich noch ein Bube war -- wars mein Lieblings-Gedanke wie sie
zu leben, zu sterben wie sie -- (_mit verbißnem Schmerz._) Es war ein
Bubengedanke!
~Grimm.~ Das will ich hoffen.
~Moor~ (_drückt den Hut übers Gesicht._) Es war eine Zeit -- Laßt mich
allein, Kameraden.
~Schwarz.~ Moor! Moor! Was zum Henker? -- wie er seine Farbe verändert!
~Grimm.~ Alle Teufel! was hat er? wird ihm übel?
~Moor.~ Es war eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich mein
Nachtgebet vergessen hatte --
~Grimm.~ Bist du wahnsinnig? Willst du dich von deinen Bubenjahren
hofmeistern lassen?
~Moor~ (_legt sein Haupt auf Grimms Brust._) Bruder! Bruder!
~Grimm.~ Wie? sey doch kein Kind -- ich bitte dich --
~Moor.~ Wär' ich's -- wär' ich's wieder!
~Grimm.~ Pfui! Pfui!
~Schwarz.~ Heitre dich auf. Sieh diese mahlerische Landschaft -- den
lieblichen Abend.
~Moor.~ Ja Freunde, diese Welt ist so schön.
~Schwarz.~ Nun, das war wohl gesprochen.
~Moor.~ Diese Erde so herrlich.
~Grimm.~ Recht -- recht -- so hör' ich's gerne.
~Moor~ (_zurückgesunken._) Und ich so häßlich auf dieser schönen Welt
-- und ich ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde.
~Grimm.~ O weh! o weh!
~Moor.~ Meine Unschuld! Meine Unschuld! -- Seht! es ist alles
hinausgegangen, sich im friedlichen Stral des Frühlings zu sonnen --
warum ich allein die Hölle saugen aus den Freuden des Himmels? --
daß alles so glücklich ist, durch den Geist des Friedens alles so
verschwistert! -- die ganze Welt ~Eine~ Familie und ein Vater dort
oben -- ~Mein~ Vater nicht -- Ich allein der Verstossene, ich allein
ausgemustert aus den Reihen der Reinen -- mir nicht der süße Name Kind
-- nimmer mir der Geliebten schmachtender Blick -- nimmer, nimmer des
Busenfreundes Umarmung (_wild zurückfahrend._) Umlagert von Mördern
-- von Nattern umzischt -- angeschmiedet an das Laster mit eisernen
Banden -- hinausschwindelnd in's Grab des Verderbens auf des Lasters
schwankendem Rohr -- mitten in den Blumen der glücklichen Welt ein
heulender Abbadona!
~Schwarz~ (_zu den übrigen._) Unbegreiflich! Ich hab ihn nie so gesehen.
~Moor~ (_mit Wehmuth._) Daß ich wiederkehren dürfte in meiner Mutter
Leib! daß ich ein Bettler geboren werden dürfte! -- Nein! ich wollte
nicht mehr, o Himmel -- daß ich werden dürfte wie dieser Taglöhner
einer! -- O ich wollte mich abmüden, daß mir das Blut von den Schläfen
rollte -- mir die Wohllust eines einzigen Mittagschlafs zu erkaufen --
die Seligkeit einer einzigen Thräne.
~Grimm~ (_zu den andern._) Nur Geduld, der Paroxysmus ist schon im
Fallen.
~Moor.~ Es war eine Zeit, wo sie mir so gern floßen -- o ihr Tage
des Friedens! Du Schloß meines Vaters -- ihr grünen schwärmerischen
Thäler! O all ihr Elysiums-Scenen meiner Kindheit! -- Werdet ihr nimmer
zurückkehren -- nimmer mit köstlichem Säuseln meinen brennenden Busen
kühlen? -- Traure mit mir Natur -- Sie werden nimmer zurückkehren,
nimmer mit köstlichem Säuseln meinen brennenden Busen kühlen. -- Dahin!
dahin! unwiederbringlich! --
Schweizer (_mit Wasser im Hut._)
~Schweizer.~ Sauf zu, Hauptmann -- hier ist Wasser genug, und frisch
wie Eis.
~Schwarz.~ Du blutest ja -- was hast du gemacht?
~Schweizer.~ Narr, einen Spaß, der mich bald zwey Beine und
einen Hals gekostet hätte. Wie ich so auf dem Sandhügel am Fluß
hintrolle, glitsch, so rutscht der Plunder unter mir ab, und ich zehn
rheinländische Schuhe lang hinunter -- da lag ich, und wie ich mir eben
meine fünf Sinne wieder zurecht setze, treff ich dir das klarste Wasser
im Kies. Genug dießmal für den Tanz, dacht' ich, dem Hauptmann wirds
wohl schmecken.
~Moor~ (_gibt ihm den Hut zurück, und wischt ihm sein Gesicht ab._)
Sonst sieht man ja die Narben nicht, die die böhmischen Reuter in deine
Stirne gezeichnet haben -- dein Wasser war gut, Schweizer -- diese
Narben stehen dir schön.
~Schweizer.~ Pah! hat noch Platz genug für ihrer dreyßig.
~Moor.~ Ja, Kinder -- es war ein heißer Nachmittag -- und nur ~Einen~
Mann verloren -- mein Roller starb einen schönen Tod. Man würde einen
Marmor auf seine Gebeine setzen, wenn er nicht mir gestorben wäre.
Nehmet vorlieb mit diesem (_er wischt sich die Augen._) Wie viel warens
doch von den Feinden, die auf dem Platz blieben?
~Schweizer.~ Hundert und sechszig Husaren -- drey und neunzig Dragoner,
gegen vierzig Jäger -- dreyhundert in allem.
~Moor.~ Dreyhundert für Einen! -- Jeder von Euch hat Anspruch an diesen
Scheitel! (_Er entblößt sich das Haupt._) Hier heb ich meinen Dolch
auf! So wahr meine Seele lebt! ~Ich will euch niemals verlassen.~
~Schweizer.~ Schwöre nicht! du weist nicht, ob du nicht noch glücklich
werden, und bereuen wirst.
~Moor.~ ~Bey den Gebeinen meines Rollers! Ich will euch niemals
verlassen.~
Kosinsky (_kommt._)
~Kosinsky~ (_vor sich._) In dieser Revier herum, sagen sie, werd ich
ihn antreffen -- he holla! was sind das für Gesichter? -- Solltens --
wie wenn's diese -- sie sind's, sind's! -- ich will sie anreden.
~Schwarz.~ Gebt Acht! wer kommt da?
~Kosinsky.~ Meine Herrn! verzeihen Sie! Ich weiß nicht, geh ich recht,
oder unrecht?
~Moor.~ Und wer müssen wir seyn, wenn Sie recht geh'n?
~Kosinsky.~ Männer!
~Schweizer.~ Ob wir das auch gezeigt haben, Hauptmann?
~Kosinsky.~ Männer such' ich, die dem Tod in's Gesicht sehen, und die
Gefahr wie eine zahme Schlange um sich spielen lassen, die Freyheit
höher schätzen, als Ehre und Leben, deren bloser Name, willkommen dem
Armen und Unterdrückten, die Beherztesten feig und Tyrannen bleich
macht.
~Schweizer~ (_zum Hauptmann._) Der Bursche gefällt mir. -- Höre, guter
Freund! Du hast deine Leute gefunden.
~Kosinsky.~ Das denk' ich, und will hoffen, bald meine Brüder. -- So
könnt ihr mich dann zu meinem rechten Manne weisen, denn ich such
euren Hauptmann, den grosen Grafen von Moor.
~Schweizer~ (_gibt ihm die Hand mit Wärme._) Lieber Junge! wir dutzen
einander.
~Moor~ (_näher kommend._) Kennen Sie auch den Hauptmann?
~Kosinsky.~ ~Du~ bist's -- in dieser Miene -- wer sollte dich anseh'n,
und einen andern suchen? (_starrt ihn lang an._) Ich habe mir immer
gewünscht, den Mann mit dem vernichtenden Blicke zu sehen, wie er saß
auf den Ruinen von Karthago -- itzt wünsch ich es nicht mehr.
~Schweizer.~ Blitzbub!
~Moor.~ Und was führt Sie zu mir?
~Kosinsky.~ O Hauptmann! mein mehr als grausames Schicksal -- ich
habe Schiffbruch gelitten auf der ungestümmen See dieser Welt, die
Hoffnungen meines Lebens hab ich müssen sehen in den Grund sinken, und
blieb mir nichts übrig, als die marternde Erinnerung ihres Verlustes,
die mich wahnsinnig machen würde, wenn ich sie nicht durch anderwärtige
Thätigkeit zu ersticken suchte.
~Moor.~ Schon wieder ein Kläger wider die Gottheit! -- Nur weiter.
~Kosinsky.~ Ich wurde Soldat. Das Unglück verfolgte mich auch da -- ich
machte eine Fahrt nach Ostindien mit, mein Schiff scheiterte an Klippen
-- nichts als fehlgeschlagene Plane! Ich höre endlich weit und breit
erzählen von deinen Thaten, ~Mordbrennereyen~, wie sie sie nannten,
und bin hieher gereist dreyßig Meilen weit, mit dem festen Entschluß,
unter dir zu dienen, wenn du meine Dienste annehmen willst -- Ich bitte
dich, würdiger Hauptmann, schlage mir's nicht ab!
~Schweizer~ (_mit einem Sprung._) Heysa! Heysa! So ist ja unser Roller
zehnhundertfach vergütet! Ein ganzer Mordbruder für uns're Bande!
~Moor.~ Wie ist dein Name?
~Kosinsky.~ Kosinsky.
~Moor.~ Wie? Kosinsky! weist du auch, daß du ein leichtsinniger Knabe
bist, und über den grosen Schritt deines Lebens weggaukelst, wie
ein unbesonnenes Mädchen -- Hier wirst du nicht Bälle werfen oder
Kegelkugeln schieben, wie du dir einbildest.
~Kosinsky.~ Ich weiß, was du sagen willst -- ich bin vier und zwanzig
Jahr alt, aber ich habe Degen blinken gesehen, und Kugeln um mich
surren gehört.
~Moor.~ So junger Herr? -- Und hast du dein Fechten nur darum gelernt,
arme Reisende um einen Reichsthaler niederzustossen, oder Weiber
hinterrücks in den Bauch zu stechen? Geh, geh! du bist deiner Amme
entlaufen, weil sie dir mit der Ruthe gedroht hat.
~Schweizer.~ Was zum Henker, Hauptmann! was denkst du? willst du diesen
Herkules fortschicken? Sieht er nicht gerade so drein, als wollt' er
den Marschall von Sachsen mit einem Rührlöffel über den Ganges jagen?
~Moor.~ Weil dir deine Lappereyen mißglücken, kommst du, und willst
ein Schelm, ein Meuchelmörder werden? -- Mord, Knabe, verstehst du das
Wort auch? du magst ruhig schlafen gegangen seyn, wenn du Mohnköpfe
abgeschlagen hast, aber einen Mord auf der Seele zu tragen. --
~Kosinsky.~ Jeden Mord, den du mich begehen heist, will ich
verantworten.
~Moor.~ Was? bist du so klug? Willst du dich anmaßen, einen Mann mit
Schmeicheleyen zu fangen? Woher weist du, daß ich nicht böse Träume
habe, oder auf dem Todbett nicht werde blaß werden? wie viel hast du
schon gethan, wobey du an Verantwortung gedacht hast?
~Kosinsky.~ Wahrlich! noch sehr wenig, aber doch diese Reise zu dir,
edler Graf!
~Moor.~ Hat dir dein Hofmeister die Geschichte des Robins in die Hände
gespielt? -- Man sollte dergleichen unvorsichtige Kanaillen auf die
Galeere schmieden, -- die deine kindische Phantasie erhitzte, und dich
mit der tollen Sucht zum großen Mann ansteckte? Kützelt dich nach Namen
und Ehre? willst du Unsterblichkeit mit Mordbrennereyen erkaufen? Merk
dir's, ehrgeitziger Jüngling! Für Mordbrenner grünet kein Loorbeer! Auf
Banditen-Siege ist kein Triumph gesetzt -- aber Fluch, Gefahr, Tod,
Schande -- siehst du auch das Hochgericht dort auf dem Hügel?
~Spiegelberg~ (_unwillig auf und abgehend._) Ey wie dumm! wie
abscheulich, wie unverzeihlich dumm! das ist die Manier nicht! ich
hab's anderst gemacht.
~Kosinsky.~ Was soll der fürchten, der den Tod nicht fürchtet?
~Moor.~ Brav! Unvergleichlich! Du hast dich wacker in den Schulen
gehalten, du hast deinen Seneka meisterlich auswendig gelernt. --
Aber, lieber Freund, mit dergleichen Sentenzen wirst du die leidende
Natur nicht beschwätzen, damit wirst du die Pfeile des Schmerzens
nimmermehr stumpf machen. -- Besinne dich recht, mein Sohn! (_Er nimmt
seine Hand._) Denk, ich rathe dir als ein Vater -- lern erst die
Tiefe des Abgrunds kennen, eh du hineinspringst! Wenn du noch in der
Welt eine einzige Freude zu erhaschen weist -- es könnten Augenblicke
kommen, wo du -- aufwachst -- und dann -- möchte es zu spät seyn. Du
trittst hier gleichsam aus dem Kreise der Menschheit -- entweder must
du ein höherer Mensch seyn, oder du bist ein Teufel -- Noch einmal,
mein Sohn! wenn dir noch ein Funken von Hoffnung irgend anderswo
glimmt, so verlaß diesen schröcklichen Bund, den nur Verzweiflung
eingeht, wenn ihn nicht eine höhere Weisheit gestiftet hat -- Man
kann sich täuschen -- glaube mir, man kann das für Stärke des Geistes
halten, was doch am Ende Verzweiflung ist -- Glaube ~mir~, ~mir~! und
mach dich eilig hinweg.
~Kosinsky.~ Nein! ich fliehe itzt nicht mehr. Wenn dich meine Bitten
nicht rühren, so höre die Geschichte meines Unglücks. -- Du wirst mir
dann selbst den Dolch in die Hände zwingen, du wirst -- lagert euch
hier auf dem Boden, und hört mir aufmerksam zu!
~Moor.~ Ich will sie hören.
~Kosinsky.~ Wisset also, ich bin ein böhmischer Edelmann, und wurde
durch den frühen Tod meines Vaters Herr eines ansehnlichen Ritterguts.
Die Gegend war paradisisch -- denn sie enthielt einen Engel -- ein
Mädchen geschmückt mit allen Reizen der blühenden Jugend, und keusch
wie das Licht des Himmels. Doch, wem sag ich das? Es schallt an euren
Ohren vorüber -- ihr habt niemals geliebt, seyd niemals geliebt worden
--
~Schweizer.~ Sachte, sachte! unser Hauptmann wird feuerroth.
~Moor.~ Hör auf! ich wills ein andermal hören -- morgen, nächstens,
oder -- wenn ich Blut gesehen habe.
~Kosinsky.~ Blut, Blut -- höre nur weiter! Blut sag ich dir, wird deine
ganze Seele füllen. Sie war bürgerlicher Geburt, eine Deutsche --
aber ihr Anblick schmelzte die Vorurtheile des Adels hinweg. Mit der
schüchternsten Bescheidenheit nahm sie den Trauring von meiner Hand,
und übermorgen sollte ich meine ~Amalia~ vor den Altar führen.
~Moor~ (_steht schnell auf._)
~Kosinsky.~ Mitten im Taumel der auf mich wartenden Seligkeit, unter
den Zurüstungen zur Vermählung -- werd ich durch einen Expressen
nach Hof citiert. Ich stellte mich. Man zeigte mir Briefe, die ich
geschrieben haben sollte, voll verrätherischen Inhalts. Ich erröthete
über der Bosheit -- man nahm mir den Degen ab, warf mich ins Gefängniß,
alle meine Sinnen waren hinweg.
~Schweizer.~ Und unterdessen -- nur weiter! ich rieche den Braten schon.
~Kosinsky.~ Hier lag ich einen Monath lang, und wußte nicht, wie mir
geschah. Mir bangte für meine Amalia, die meines Schicksals wegen jede
Minute einen Tod würde zu leiden haben. Endlich erschien der erste
Minister des Hofes, wünschte mir zur Entdeckung meiner Unschuld Glück,
mit zuckersüssen Worten, liest mir den Brief der Freiheit vor, gibt mir
meinen Degen wieder. Itzt im Triumphe nach meinem Schloß, in die Arme
meiner Amalia zu fliegen, -- sie war verschwunden. In der Mitternacht
sey sie weggebracht worden, wüßte niemand, wohin? und seitdem mit
keinem Aug mehr gesehen. Hui! schoß mirs auf wie der Blitz, ich flieg
nach der Stadt, sondire am Hof -- alle Augen wurzelten auf mir, niemand
wollte Bescheid geben -- endlich entdeck ich sie durch ein verborgenes
Gitter im Pallast -- sie warf mir ein Billetchen zu.
~Schweizer.~ Hab ich's nicht gesagt?
~Kosinsky.~ Hölle, Tod und Teufel! da stands! man hatte ihr die Wahl
gelassen, ob sie mich lieber sterben sehen, oder die Mätresse des
Fürsten werden wollte. Im Kampf zwischen Ehre und Liebe entschied sie
für das zweyte, und (_lachend_) ich war gerettet.
~Schweizer.~ Was thatst du da?
~Kosinsky.~ Da stand ich, wie von tausend Donnern getroffen! -- Blut!
war mein erster Gedanke, Blut! mein letzter. Schaum auf dem Munde, renn
ich nach Haus, wähle mir einen dreyspitzigen Degen, und damit in aller
Hast in des Ministers Haus, denn nur er -- er nur war der höllische
Kuppler gewesen. Man muß mich von der Gasse bemerkt haben, denn wie ich
hinauf trete, waren alle Zimmer verschlossen. Ich suche, ich frage: Er
sey zum Fürsten gefahren, war die Antwort. Ich mache mich geradenwegs
dahin, man wollte nichts von ihm wissen. Ich gehe zurück, sprenge die
Thüren ein, find ihn, wollte eben -- aber da sprangen fünf bis sechs
Bediente aus dem Hinterhalt, und entwanden mir den Degen.
~Schweizer~ (_stampft auf den Boden._) Und er kriegte nichts, und du
zogst leer ab?
~Kosinsky.~ Ich ward ergriffen, angeklagt, peinlich processirt, infam
-- merkts euch! -- aus ~besonderer~ Gnade infam aus den Gränzen gejagt,
meine Güter fielen als Präsent dem Minister zu, meine Amalia bleibt in
den Klauen des Tygers, verseufzt und vertrauert ihr Leben, während daß
meine Rache fasten, und sich unter das Joch des Despotismus krümmen muß.
~Schweizer~ (_aufstehend seinen Degen wetzend._) Das ist Wasser auf
unsere Mühle, Hauptmann! Da gibts was anzuzünden!
~Moor~ (_der bisher in heftigen Bewegungen hin und her gegangen,
springt rasch auf, zu den Räubern._) Ich muß sie sehen -- auf! rafft
zusammen -- du bleibst, Kosinsky -- pakt eilig zusammen!
~Die Räuber.~ Wohin? Was?
~Moor.~ Wohin? wer fragt wohin? (_heftig zu Schweizern._) Verräther, du
willst mich zurückhalten? Aber bey der Hoffnung des Himmels! --
~Schweizer.~ Verräther ich? -- geh in die Hölle, ich folge dir!
~Moor~ (_fällt ihm um den Hals._) Bruderherz! du folgst mir -- sie
weint, sie weint, sie vertrauert ihr Leben. Auf! hurtig! alle! nach
Franken! in acht Tagen müssen wir dort seyn.
(Sie gehen ab.)
Vierter Akt.
Erste Scene.
Ländliche Gegend um das Moorische Schloß.
~Räuber Moor~. ~Kosinsky~,
in der Ferne.
~Moor.~ Geh voran, und melde mich. Du weist doch noch alles, was du
sprechen must?
~Kosinsky.~ Ihr seyd der Graf von Brand, kommt aus Mecklenburg, ich
euer Reutknecht -- sorgt nicht, ich will meine Rolle schon spielen,
lebt wohl! (_ab._)
~Moor.~ Sey mir gegrüßt, Vaterlands-Erde! (_Er küßt die Erde._)
Vaterlands-Himmel! Vaterlands-Sonne! -- und Fluren und Hügel und Ströme
und Wälder! Seyd alle, alle mir herzlich gegrüßt! -- wie so köstlich
wehet die Luft von meinen Heimath-Gebürgen! wie strömt balsamische
Wonne aus euch, dem armen Flüchtling entgegen! -- Elysium! dichterische
Welt! Halt ein, Moor! dein Fuß wandelt in einem heiligen Tempel.
(_Er kommt näher._) Sieh da, auch die Schwalbennester im Schloßhof --
auch das Gartenthürchen! -- und diese Ecke am Zaun, wo du so oft den
Fanger belauschtest und nektest -- und dort unten das Wiesenthal, wo du
der Held Alexander deine Macedonier ins Treffen bey Arbela führtest,
und neben dran der grasigte Hügel, von welchem du den persischen
Satrapen niederwarfst -- und deine siegende Fahne flatterte hoch! (_Er
lächelt._) Die goldnen Mayenjahre der Knabenzeit leben wieder auf in
der Seele des Elenden -- da warst du so glücklich, warst so ganz, so
wolkenlos heiter -- und nun -- da liegen die Trümmer deiner Entwürfe!
Hier solltest du wandeln dereinst, ein groser, stattlicher, gepriesener
Mann -- hier dein Knabenleben in Amalia's blühenden Kindern zum
zweytenmal leben -- hier! hier der Abgott deines Volks -- aber der böse
Feind schmollte darzu! (_Er fährt auf._) Warum bin ich hieher gekommen?
daß mir's gienge wie dem Gefangenen, den der klirrende Eisenring aus
Träumen der Freyheit aufjagt -- nein, ich gehe in mein Elend zurück! --
Der Gefangene hatte das Licht vergessen, aber der Traum der Freyheit
fuhr über ihm wie ein Blitz in die Nacht, der sie finsterer zurückläßt
-- Lebt wohl, ihr Vaterlandsthäler! einst saht ihr den Knaben Karl, und
der Knabe Karl war ein glücklicher Knabe -- itzt saht ihr den Mann, und
er war in Verzweiflung. (_Er dreht sich schnell nach dem äussersten
Ende der Gegend, allwo er plötzlich stille steht und nach dem Schloß
mit Wehmuth herüberblickt._) Sie nicht sehen, nicht einen Blick? -- und
nur eine Mauer gewesen zwischen mir und Amalia -- Nein! sehen muß ich
sie -- muß ich ihn -- es soll mich zermalmen! (_Er kehrt um._) Vater!
Vater! dein Sohn naht -- weg mit dir, schwarzes rauchendes Blut! weg
hohler grasser zuckender Todesblick! Nur diese Stunde laß mir frey --
Amalia! Vater! dein Karl naht! (_Er geht schnell auf das Schloß zu._)
-- Quäle mich, wenn der Tag erwacht, laß nicht ab von mir, wenn die
Nacht kommt -- quäle mich in schröcklichen Träumen! nur vergifte mir
diese einzige Wollust nicht! (_Er steht an der Pforte._) Wie wird mir?
was ist das, Moor? Sey ein Mann! -- -- Todesschauer -- -- Schrecken
Ahnung -- --
(Er geht hinein.)
Zweite Scene.
Gallerie im Schloß.
Räuber Moor. Amalia (_treten auf._)
~Amalia.~ Und getrauten Sie sich wohl sein Bildnis unter diesen
Gemählden zu erkennen?
~Moor.~ O ganz gewiß. Sein Bild war immer lebendig in mir. (_An den
Gemählden herumgehend._) ~Dieser~ ist's nicht.
~Amalia.~ Errathen! -- Er war der Stammvater des gräflichen Hauses, und
erhielt den Adel vom Barbarossa, dem er wider die Seeräuber diente.
~Moor~ (_immer an den Gemählden._) ~Dieser~ ist's auch nicht -- auch
~der~ nicht -- auch nicht ~jener~ dort -- er ist nicht unter ihnen.
~Amalia.~ Wie, sehen Sie doch besser! ich dachte, Sie kennten ihn --
~Moor.~ Ich kenne meinen Vater nicht besser! Ihm fehlt der sanftmüthige
Zug um den Mund, der ihn aus tausenden kenntlich machte -- er ist's
nicht.
~Amalia.~ Ich erstaune. Wie? Achtzehn Jahre nicht mehr geseh'n, und
noch --
~Moor~ (_schnell, mit einer fliegenden Röthe._) ~Dieser~ ist's! (_Er
steht wie vom Blitz gerührt._)
~Amalia.~ Ein vortreflicher Mann!
~Moor~ (_in seinem Anblick versunken._) Vater, Vater! vergib mir! -- Ja
ein vortreflicher Mann! -- (_Er wischt sich die Augen._) Ein göttlicher
Mann!
~Amalia.~ Sie scheinen viel Antheil an ihm zu nehmen.
~Moor.~ Oh ein vortreflicher Mann -- und er sollte dahin seyn.
~Amalia.~ Dahin! wie unsere besten Freuden dahingeh'n -- (_sanft seine
Hand ergreifend._) Lieber Herr Graf, es reift keine Seeligkeit unter
dem Monde.
~Moor.~ Sehr wahr, sehr wahr -- und sollten ~Sie~ schon diese traurige
Erfahrung gemacht haben? Sie können nicht drey und zwanzig Jahr alt
seyn.
~Amalia.~ Und habe sie gemacht. Alles lebt, um traurig wieder zu
sterben. Wir interessiren uns nur darum, wir gewinnen nur darum, daß
wir wieder mit Schmerzen verlieren.
~Moor.~ Sie verloren schon etwas?
~Amalia.~ Nichts. Alles. Nichts -- wollen wir weiter gehen, Herr Graf?
~Moor.~ So eilig? weß ist diß Bild rechter Hand dort? mich deucht, es
ist eine unglückliche Physiognomie.
~Amalia.~ Diß Bild linker Hand ist der Sohn des Grafen, der wirkliche
Herr -- kommen Sie, kommen Sie!
~Moor.~ Aber diß Bild rechter Hand?
~Amalia.~ Sie wollen nicht in den Garten geh'n?
~Moor.~ Aber diß Bild rechter Hand? -- du weinst, Amalia?
~Amalia~ (_schnell ab._)
Moor.
Sie liebt mich, sie liebt mich! -- ihr ganzes Wesen fieng an, sich
zu empören, verrätherisch rollten die Thränen von ihren Wangen. Sie
liebt mich! -- Elender, das verdientest du um sie! Steh ich nicht hier
wie ein Gerichteter vor dem tödlichen Block? Ist das der Sopha, wo
ich an ihrem Halse in Wonne schwamm? Sind das die väterlichen Säle?
(_Ergriffen vom Anblick seines Vaters._) Du, du -- Feuerflammen aus
deinem Auge -- Fluch, Fluch, Verwerfung! -- wo bin ich? Nacht vor
meinen Augen -- Schrecknisse Gottes -- Ich, ich hab ihn getödtet! (_Er
rennt davon._)
Franz von Moor in tiefen Gedanken.
Weg mit diesem Bild! weg, feige Memme! was zagst du und vor wem? ist
mir's nicht die wenige Stunden, die der Graf in diesen Mauren wandelt,
als schlich immer ein Spion der Hölle meinen Fersen nach -- Ich sollt'
ihn kennen! Es ist so was groses und oft gesehenes in seinem wilden
sonnverbrannten Gesicht, das mich beben macht -- auch Amalia ist nicht
gleichgültig gegen ihn! Läßt sie nicht so gierig schmachtende Blicke
auf dem Kerl herumkreuzen, mit denen sie doch gegen alle Welt sonst so
geitzig thut? -- Sah ich's nicht, wie sie ein paar diebische Thränen
in den Wein fallen ließ, den er hinter meinem Rücken so hastig in
sich schlürfte, als wenn er das Glas mit hineinziehen wollte. Ja, das
sah ich, durch den Spiegel sah ich's mit diesen meinen Augen. Holla
Franz! siehe dich vor! dahinter steckt irgend ein Verderbenschwangeres
Ungeheuer!
(_Er steht forschend dem Porträt Karls gegenüber._) Sein langer
Gänsehals -- seine schwarzen feuerwerfenden Augen, hm! hm! -- sein
finsteres überhangendes buschichtes Augenbraun. (_Plötzlich zusammen
fahrend._) -- Schadenfrohe Hölle! jagst du mir diese Ahnung ein? Es ist
~Karl~! ja itzt werden mir alle Züge wieder lebendig -- Er ist's! trotz
seiner Larve! -- Er ist's -- trotz seiner Larve! -- Er ist's -- Tod
und Verdammniß! (_auf und ab mit heftigen Schritten._) Hab ich darum
meine Nächte verpraßt, -- darum Felsen hinweggeräumt, und Abgründe
eben gemacht -- bin ich darum gegen alle Instinkte der Menschheit
rebellisch worden, daß mir zuletzt dieser unstete Landstreicher durch
meine künstlichsten Wirbel tölple -- Sachte! Nur sachte! Es ist nur
noch Spielarbeit übrig -- Bin ich doch ohnehin schon bis an die Ohren
in Todsünden gewatet, daß es Unsinn wäre, zurückzuschwimmen, wenn das
Ufer schon so weit hinten liegt -- Ans Umkehren ist doch nicht mehr
zu gedenken -- die ~Gnade~ selbst würde an den Bettelstab gebracht,
und die ~unendliche Erbarmung~ bankerott werden, wenn sie für meine
Schulden all gut sagen wollte -- Also vorwärts wie ein Mann -- (_Er
schellt._) -- Er versammle sich zu dem Geist seines Vaters und komme,
der Todten spott' ich. -- Daniel, he Daniel! -- Was gilts, den haben
sie auch schon gegen mich aufgewiegelt! Er sieht so geheimnißvoll.
Daniel (_kommt._)
~Daniel.~ Was steht zu Befehl, mein Gebieter?
~Franz.~ Nichts. Fort, fülle diesen Becher Wein, aber hurtig! (_Daniel
ab._) Wart Alter! dich will ich fangen, ins Auge will ich dich fassen,
so starr, daß dein getroffenes Gewissen durch die Larve erblassen
soll! Er soll sterben! -- Der ist ein Stümper, der sein Werk nur auf
die Helfte bringt, und dann weg geht, und müßig zugafft, wie es weiter
damit werden wird.
Daniel (_mit Wein._)
~Franz.~ Stell ihn hieher! Sieh mir fest ins Auge! wie deine Kniee
schlottern! Wie du zitterst! Gesteh Alter! Was hast du gethan?
~Daniel.~ Nichts, gnädiger Herr, so wahr Gott lebt, und meine arme
Seele.
~Franz.~ Trink diesen Wein aus! -- Was? Du zauderst? -- Heraus,
schnell! Was hast du in den Wein geworfen?
~Daniel.~ Hilf Gott! Was? Ich in den Wein?
~Franz.~ Gift hast du in den Wein geworfen! Bist du nicht bleich wie
Schnee? Gesteh, gesteh! Wer hat dir's gegeben? Nicht wahr! der Graf,
der Graf hat dir's gegeben?
~Daniel.~ Der Graf? Jesus Maria! der Graf hat mir nichts gegeben.
~Franz.~ (_Greift ihn hart an._) Ich will dich würgen, daß du blau
wirst, eisgrauer Lügner du! Nichts? Und was stacket ihr denn so
beysammen? Er und du und Amalia? Und was flüstertet ihr immer zusammen?
Heraus damit! Was für Geheimnisse, was für Geheimnisse hat er dir
anvertraut?
~Daniel.~ Das weiß der allwissende Gott. Er hat mir keine Geheimnisse
anvertraut.
~Franz.~ Willst du es läugnen? Was für Kabalen habt ihr angezettelt,
mich aus dem Weg zu räumen? Nicht wahr? Mich im Schlaf zu erdrosseln?
Mir beym Bartscheren die Gurgel abzuschneiden? Mir im Wein oder im
Chokolade zu vergeben? Heraus, heraus! -- oder mir in der Suppe den
ewigen Schlaf zu geben? Heraus damit! ich weiß alles.
~Daniel.~ So helfe mir Gott, wenn ich in Noth bin, wie ich euch itzt
nichts anders sage, als die reine lautere Wahrheit!
~Franz.~ Dißmal will ich dir verzeihen. Aber gelt, er steckte dir gewiß
Geld in deinen Beutel? Er drückte dir die Hand stärker als der Brauch
ist? so ungefähr, wie man sie seinen alten Bekannten zu drücken pflegt?
~Daniel.~ Niemals, mein Gebieter.
~Franz.~ Er sagte dir, zum Exempel, daß er dich etwa schon kenne? --
daß du ihn fast kennen solltest? Daß dir einmal die Decke von den Augen
fallen würde -- daß -- was? Davon sollt' er dir niemals gesagt haben?
~Daniel.~ Nicht das mindeste.
~Franz.~ Daß gewisse Umstände ihn abhielten -- daß man oft Masken
nehmen müsse, um seinen Feinden zuzukönnen -- daß er sich rächen wolle,
aufs grimmigste rächen wolle.
~Daniel.~ Nicht einen Laut von diesem allem.
~Franz.~ Was? gar nichts? Besinne dich recht. -- Daß er den alten Herrn
sehr genau -- besonders genau gekannt -- daß er ihn liebe -- ungemein
liebe -- wie ein Sohn liebe --
~Daniel.~ Etwas dergleichen erinnere ich mich von ihm gehört zu haben.
~Franz.~ (_blaß_) Hat er, hat er wirklich? Wie, so laß mich doch hören!
Er sagte, er sey mein Bruder?
~Daniel.~ (_betroffen_) Was, mein Gebieter? -- Nein, das sagte er
nicht. Aber wie ihn das Fräulein in der Gallerie herumführte, ich
putzte eben den Staub von den Rahmen der Gemählde ab, stand er bey dem
Portrait des seeligen Herrn plözlich still, wie vom Donner gerührt. Das
gnädige Fräulein deutete drauf hin, und sagte: ein vortreflicher Mann!
Ja ein vortreflicher Mann, gab er zur Antwort, indem er sich die Augen
wischte.
~Franz.~ Höre Daniel! Du weist, ich bin immer ein gütiger Herr gegen
dich gewesen, ich hab dir Nahrung und Kleider gegeben, und dein
schwaches Alter in allen Geschäften geschonet --
~Daniel.~ Dafür lohn euch der liebe Herr Gott! und ich hab euch immer
redlich gedienet.
~Franz.~ Das wollt' ich eben sagen. Du hast mir in deinem Leben noch
keine Widerrede gegeben, denn du weist gar zu wohl, daß du mir Gehorsam
schuldig bist in allem, was ich dich heisse.
~Daniel.~ In allem von ganzem Herzen, wenn es nicht wider Gott und mein
Gewissen geht.
~Franz.~ Possen, Possen! Schämst du dich nicht? Ein alter Mann, und
an das Weyhnacht-Mährchen zu glauben! Geh Daniel! das war ein dummer
Gedanke. Ich bin ja Herr. Mich werden Gott und Gewissen strafen, wenn
es ja einen Gott und ein Gewissen gibt.
~Daniel~ (_schlägt die Hände zusammen._) Barmherziger Himmel!
~Franz.~ Bey deinem Gehorsam! Verstehst du das Wort auch? Bey deinem
Gehorsam befehl ich dir, morgen darf der Graf nimmer unter den
Lebendigen wandeln.
~Daniel.~ Hilf, heiliger Gott! Weswegen?
~Franz.~ Bey deinem ~blinden~ Gehorsam! -- und an dich werd ich mich
halten.
~Daniel.~ An mich? Hilf selige Mutter Gottes! An mich? Was hab' ich
alter Mann denn Böses gethan?
~Franz.~ Hier ist nicht lang Besinnszeit, dein Schicksal steht in
meiner Hand. Willst du dein Leben im tiefsten meiner Thürme vollends
ausschmachten, wo der Hunger dich zwingen wird, deine eigenen Knochen
abzunagen, und der brennende Durst, dein eigenes Wasser wieder zu
saufen? -- Oder willst du lieber dein Brod essen im Frieden, und Ruhe
haben in deinem Alter?
~Daniel.~ Was Herr? Fried und Ruhe im Alter? und ein Todtschläger?
~Franz.~ Antwort auf meine Frage!
~Daniel.~ Meine grauen Haare, meine grauen Haare!
~Franz.~ Ja oder Nein!
~Daniel.~ Nein! -- Gott erbarme sich meiner!
~Franz.~ (_Im Begriff zu gehen._) Gut, du sollsts nöthig haben.
(_Daniel hält ihn auf und fällt vor ihm nieder._)
~Daniel.~ Erbarmen Herr! Erbarmen!
~Franz.~ Ja oder Nein!
~Daniel.~ Gnädiger Herr! ich bin heute ein und siebenzig Jahr alt!
und hab' Vater und Mutter geehret, und niemand meines Wissens um
des Hellers Werth im Leben vervortheilt, und hab' an meinem Glauben
gehalten, treu und redlich, und hab' in eurem Hause gedienet vier und
vierzig Jahr, und erwarte itzt ein ruhig seeliges Ende, ach Herr,
Herr! (_Umfaßt seine Kniee heftig_) und ihr wollt mir den letzten
Trost rauben im Sterben, daß der Wurm des Gewissens mich um mein
letztes Gebet bringe, daß ich ein Greuel vor Gott und Menschen schlafen
gehen soll. Nein, nein, mein liebster bester, liebster gnädiger Herr,
das woll't ihr nicht, das könn't ihr nicht wollen von einem ein und
siebenzigjährigen Manne.
~Franz.~ Ja oder Nein! was soll das Geplapper?
~Daniel.~ Ich will euch von nun an noch eifriger dienen. Will meine
dürren Sehnen in eurem Dienst wie ein Taglöhner abarbeiten, will
früher aufstehen, will später mich niederlegen -- ach und will euch
einschliessen in mein Abend- und Morgengebet, und Gott wird das Gebet
eines alten Mannes nicht wegwerfen.
~Franz.~ Gehorsam ist besser, denn Opfer. Hast du je gehört, daß sich
der Henker zierte, wenn er ein Urtheil vollstrecken sollte?
~Daniel.~ Ach ja wohl! aber eine Unschuld erwürgen -- einen --
~Franz.~ Bin ich dir etwa Rechenschaft schuldig? darf das Beil den
Henker fragen, warum dahin und nicht dorthin? -- Aber sieh, wie
langmüthig ich bin -- ich biete dir eine Belohnung für das, was du mir
huldigtest.
~Daniel.~ Aber ich hoffte, ein Christ bleiben zu dörfen, da ich euch
huldigte.
~Franz.~ Keine Widerrede! siehe ich gebe dir einen ganzen Tag noch
Bedenkzeit! Ueberlege es nochmals. Glück und Unglück -- hörst du,
verstehst du? das höchste Glück, und das äußerste Unglück! Ich will
Wunder thun im Peinigen.
~Daniel~ (_Nach einigem Nachdenken._) Ich will's thun, morgen will
ich's thun. (_ab._)
Franz.
Die Versuchung ist stark, und der war wohl nicht zum Märtyrer seines
Glaubens geboren -- Wohl bekomms dann, Herr Graf! Allem Ansehen nach
werden sie morgen Abend ihr Henker-Mahl halten! Es kommt alles nur
darauf an, wie man davon denkt, und der ist ein Narr, der wider seine
Vortheile denkt. Den Vater, der vielleicht eine Bouteille Wein weiter
getrunken hat, kommt der Kitzel an -- und draus wird ein Mensch, und
der Mensch war gewiß das letzte, woran bey der ganzen Herkules-Arbeit
gedacht wird. Nun kommt mich eben auch der Kitzel an -- und dran
krepirt ein Mensch, und gewiß ist hier mehr Verstand und Absichten,
als dort bey seinem Entstehen war -- Hangt nicht das Daseyn der
meisten Menschen mehrentheils an der Hitze eines Julius-Mittags, oder
am anziehenden Anblick eines Betttuchs, oder an der wagrechten Lage
einer schlafenden Küchen-Grazie, oder an einem ausgelöschten Licht?
-- Ist die Geburt des Menschen das Werk einer viehischen Anwandlung,
eines Ungefährs, wer sollte wegen der ~Verneinung seiner Geburt~
sich einkommen lassen, an ein bedeutendes Etwas zu denken? Verflucht
sey die Thorheit unserer Ammen und Wärterinnen, die unsere Phantasie
mit schröcklichen Mährchen verderben, und gräßliche Bilder von
Strafgerichten in unser weiches Gehirnmark drücken, daß unwillkührliche
Schauder die Glieder des Mannes noch in frostige Angst rütteln, unsere
kühnste Entschlossenheit sperren, unsere erwachende Vernunft an Ketten
abergläubischer Finsterniß legen -- ~Mord~! wie eine ganze Hölle von
Furien um das Wort flattert -- die Natur vergaß einen Mann mehr zu
machen -- die Nabelschnur ist nicht unterbunden worden -- der Vater
hat in der Hochzeit-Nacht glatten Leib bekommen -- und die ganze
Schattenspielerey ist verschwunden. Es war etwas und wird nichts --
Heißt es nicht eben so viel, als: es war nichts und wird nichts und
um nichts wird kein Wort mehr gewechselt -- der Mensch entstehet aus
Morast, und watet eine Weile im Morast, und macht Morast, und gährt
wieder zusammen in Morast, bis er zuletzt an den Schuhsohlen seines
Urenkels unflätig anklebt. Das ist das Ende vom Lied -- der morastige
Zirkel der menschlichen Bestimmung, und somit -- glückliche Reise,
Herr Bruder! Der milzsüchtige podagrische Moralist von einem Gewissen
mag runzlichte Weiber aus Bordellen jagen, und alte Wucherer auf dem
Todesbett foltern -- bey mir wird er nimmermehr Audienz bekommen. (_Er
geht ab._)
Dritte Scene.
Andres Zimmer im Schloß.
Räuber Moor. (_von der einen Seite._) Daniel (_von der andern._)
~Moor.~ (_hastig._) Wo ist das Fräulein?
~Daniel.~ Gnädiger Herr! Erlaubt einem armen Mann, euch um etwas zu
bitten.
~Moor.~ Es ist dir gewährt, was willst du?
~Daniel.~ Nicht viel, und alles, so wenig und doch so viel -- laßt mich
eure Hand küssen!
~Moor.~ Das sollst du nicht, guter Alter! (_umarmt ihn._) den ich Vater
nennen möchte.
~Daniel.~ Eure Hand, eure Hand! ich bitt euch.
~Moor.~ Du sollst nicht.
~Daniel.~ Ich muß! (_Er greift sie, betrachtet sie schnell und fällt
vor ihm nieder._) Lieber, bester Karl!
~Moor.~ (_erschrickt, faßt sich, fremd._) Freund, was sagst du? Ich
verstehe dich nicht.
~Daniel.~ Ja, läugnet es nur, verstellt euch! Schön, schön! Ihr seyd
immer mein bester köstlicher Junker -- Lieber Gott! daß ich alter Mann
noch die Freude -- dummer Tölpel ich, daß ich euch nicht gleich -- ey
du himmlischer Vater! So seyd ihr ja wiedergekommen, und der alte Herr
ist unterm Boden, und da seyd ihr ja wieder -- was für ein blinder Esel
ich doch war (_sich vor den Kopf schlagend_) daß ich euch nicht im
ersten Hui -- ey du mein! Wer hätte sich das träumen lassen! -- um was
ich mit Thränen betete, -- Jesus Christus! Da steht er ja leibhaftig
wieder in der alten Stube!
~Moor.~ Was ist das für eine Sprache? Seyd ihr vom hitzigen Fieber
aufgesprungen, oder wollt ihr eine Komödien-Rolle an mir probiren?
~Daniel.~ Ey pfui doch, pfui doch! Das ist nicht fein, einen alten
Knecht so zum besten haben -- Diese Narbe! He, wißt ihr noch? -- Großer
Gott! Was ihr mir da für eine Angst einjagtet -- ich hab' euch immer so
lieb gehabt, und was ihr mir da für Herzeleid hättet anrichten können
-- ihr saßt mir im Schoos, -- wißt ihr noch? -- Dort in der runden
Stube -- gelt Vogel? Das habt ihr freylich vergessen -- auch den Kukuk,
den ihr so gern hörtet? -- denkt doch! der Kukuk ist zerschlagen, in
Grunds-Boden geschlagen -- die alte Susel hat ihn verwettert, wie sie
die Stube fegte -- ja freylich, und da saß't ihr mir im Schoos, und
rief't hotto! und ich lief fort, euch den Hotto-Gaul zu holen --
Jesus Gott! Warum mußt' ich alter Esel auch fortlaufen? -- und wie
mir's siedigheiß über den Buckel lief -- wie ich das Zettergeschrey
höre draussen im Oehrn, spring herein, und da lief das helle Blut, und
laget am Boden, und hattet -- heilige Mutter Gottes! War mir's nicht,
als wenn mir ein Kübel eiskalt Wasser übern Nacken sprizte -- aber so
geht's, wenn man nicht alle Augen auf die Kinder hat. Großer Gott,
wenn's in's Aug' gegangen wäre -- War's darzu noch die rechte Hand.
Mein Lebens-Tag, sagt' ich, soll mir kein Kind mehr ein Messer oder
eine Scheere oder so was spitziges, sagt' ich, in die Hände kriegen,
sagt' ich, -- war zum Glück noch Herr und Frau verreiset -- ja ja, das
soll mir mein Tag des Lebens eine Warnung seyn, sagt' ich -- Jemini,
jemini! ich hätte vom Dienst kommen können, ich hätte, Gott der Herr
verzeih's euch, gottloses Kind -- aber gottlob! es heilte glücklich,
bis auf die wüste Narbe.
~Moor.~ Ich begreiffe kein Wort von allem, was du sagst.
~Daniel.~ Ja gelt, gelt? Das war noch eine Zeit? Wie manches
Zuckerbrod, oder Biscuit oder Makrone ich euch hab' zugeschoben, hab'
euch immer am gernsten gehabt, und wißt ihr noch, was ihr mir drunten
sagtet im Stall, wie ich euch auf des alten Herrn seinen Schweißfuchsen
setzte, und euch auf der großen Wiese ließ herumjagen? Daniel! sagtet
ihr, laß mich nur einen großen Mann werden, Daniel, so sollst du mein
Verwalter seyn, und mit mir in der Kutsche fahren, -- ja, sagt' ich,
und lachte, wenn Gott Leben und Gesundheit schenkt, und ihr euch eines
alten Mannes nicht schämen werdet, sagt' ich, so will ich euch bitten,
mir das Häuschen drunten im Dorf zu räumen, das schon eine gute Weil'
leer steht, und da wollt' ich mir ein Eimer zwanzig Wein einlegen, und
wirthschaften in meinen alten Tagen. -- Ja lacht nur, lacht nur! Gelt
junger Herr, das habt ihr rein ausgeschwizt? -- den alten Mann will man
nicht kennen, da thut man so fremd, so fürnehm -- o ihr seyd doch mein
goldiger Junker -- freylich halt ein bisgen lucker gewesen -- nimmt
mir's nicht übel! -- Wie's eben das junge Fleisch meistens ist -- am
Ende kann noch alles gut werden.
~Moor~ (_fällt ihm um den Hals._) Ja! Daniel ich will's nicht mehr
verhehlen! Ich bin dein Karl, dein verlorner Karl! Was macht meine
Amalia?
~Daniel~ (_fängt an zu weinen._) Daß ich alter Sünder noch die Freude
haben soll, -- und der Herr selig weinete umsonst! -- Abe, abe, weißer
Schedel! mürbe Knochen, fahret in die Grube mit Freuden! Mein Herr und
Meister lebt, ihn haben meine Augen gesehen!
~Moor.~ Und will halten, was er versprochen hat, -- nimm das, ehrlicher
Graukopf, für den Schweisfuchsen im Stall (_dringt ihm einen schweren
Beutel auf_) nicht vergessen hab ich den alten Mann.
~Daniel.~ Wie, was treibt ihr? Zuviel! Ihr habt euch vergriffen.
~Moor.~ Nicht vergriffen, Daniel! (_Daniel will niederfallen._) Steh
auf, sage mir, was macht meine Amalia?
~Daniel.~ Gottes Lohn! Gottes Lohn! Ey Herr Jerem! -- Eure Amalia, oh
die wird's nicht überleben, die wird sterben vor Freude!
~Moor~ (_heftig._) Sie vergaß mich nicht?
~Daniel.~ Vergessen? Wie schwäzt ihr wieder? Euch vergessen? -- da
hättet ihr sollen dabey seyn, hättet's sollen mit ansehen, wie sie sich
gebehrdete, als die Zeitung kam, ihr wärt gestorben, die der gnädige
Herr ausstreuen ließ --
~Moor.~ Was sagst du? mein Bruder --
~Daniel.~ Ja euer Bruder, der gnädige Herr, euer Bruder -- ich will
euch ein andermal mehr davon erzählen, wenn's Zeit dazu ist -- und
wie sauber sie ihm abkappte, wenn er ihr alle Tage, die Gott schickt,
seinen Antrag machte, und sie zur gnädigen Frau machen wollte. O ich
muß hin, muß hin, ihr sagen, ihr die Botschaft bringen (_will fort._)
~Moor.~ Halt, halt! sie darf's nicht wissen, darf's niemand wissen,
auch mein Bruder nicht --
~Daniel.~ Euer Bruder? Nein beyleibe nicht, er darf's nicht wissen! Er
gar nicht! -- Wenn er nicht schon mehr weiß, als er wissen darf -- Oh
ich sage euch, es gibt garstige Menschen, garstige Brüder, garstige
Herren -- aber ich möcht' um alles Gold meines Herrn willen kein
garstiger Knecht seyn -- der gnädige Herr hielt euch todt.
~Moor.~ Hum! Was brummst du da?
~Daniel~ (_leiser._) Und wenn man freylich so ungebeten aufersteht --
euer Bruder war des Herrn selig einziger Erbe --
~Moor.~ Alter! -- Was murmelst du da zwischen den Zähnen, als wenn
irgend ein Ungeheuer von Geheimniß auf deiner Zunge schwebte, das nicht
heraus wollte, und doch heraus sollte, rede deutlicher!
~Daniel.~ Aber ich will lieber meine alten Knochen abnagen vor Hunger,
lieber vor Durst mein eigenes Wasser saufen, als Wohlleben die Fülle
verdienen mit einem Todschlag. (_schnell ab._)
Moor (_auffahrend aus schrecklicher Pause._)
Betrogen betrogen! da fährt es über meine Seele wie der Blitz!
-- ~Spitzbübische Künste!~ Himmel und Hölle! nicht du, Vater!
~Spitzbübische Künste!~ ~Mörder~, ~Räuber~ durch spitzbübische Künste!
Angeschwärzt von ihm! verfälscht, unterdrückt meine Briefe -- voll
Liebe sein Herz -- oh ich Ungeheuer von einem Thoren -- voll Liebe sein
Vater-Herz -- oh Schelmerey, Schelmerey! Es hätte mich einen Fußfall
gekostet, es hätte mich eine Thräne gekostet -- oh ich blöder, blöder,
blöder Thor! (_wider die Wand rennend._) Ich hätte glücklich seyn
können -- oh Büberey, Büberey! das Glück meines Lebens bübisch, bübisch
hinwegbetrogen. (_Er läuft wüthend auf und nieder._) Mörder, Räuber
durch spitzbübische Künste! -- Er grollte nicht einmal. Nicht ein
Gedanke von Fluch in seinem Herzen -- oh Bösewicht! unbegreiflicher,
schleichender, abscheulicher Bösewicht!
Kosinsky (_kommt._)
~Kosinsky.~ Nun Hauptmann, wo steckst du? Was ists? Du willst noch
länger hier bleiben, merk' ich?
~Moor.~ Auf! Sattle die Pferde! Wir müssen vor Sonnen-Untergang noch
über den Gränzen seyn!
~Kosinsky.~ Du spassest.
~Moor~ (_Befehlend._) Hurtig, hurtig! Zaudre nicht lang, laß alles da!
und daß kein Aug' dich gewahr wird.
(Kosinsky ab.)
Moor.
Ich fliehe aus diesen Mauren. Der geringste Verzug könnte mich wüthig
machen, und er ist meines Vaters Sohn -- Bruder, Bruder! Du hast mich
zum Elendesten auf Erden gemacht, ich habe dich niemals beleidigt, es
war nicht brüderlich gehandelt -- Erndte die Früchte deiner Unthat in
Ruhe, meine Gegenwart soll dir den Genuß nicht länger vergällen -- aber
gewiß, es war nicht brüderlich gehandelt. Finsterniß verlösche sie auf
ewig, und der Tod rühre sie nicht auf!
Kosinsky.
~Kosinsky.~ Die Pferde stehn gesattelt, ihr könnt aufsitzen, wann ihr
wollt.
~Moor.~ Presser, Presser! Warum so eilig? Soll ich sie nicht mehr sehn?
~Kosinsky.~ Ich zäume gleich wieder ab, wenn ihr's haben wollt, ihr
hießt mich ja über Hals und Kopf eilen.
~Moor.~ Noch einmal! ein Lebewohl noch! ich muß den Gifttrank dieser
Seeligkeit vollends ausschlürfen, und dann -- halt Kosinsky! Zehn
Minuten noch -- hinten am Schloßhof -- und wir sprengen davon!
Vierte Scene.
Im Garten.
Amalia.
~Du weinst Amalia?~ -- und das sprach er mit einer Stimme! mit einer
Stimme -- mir wars, als ob die Natur sich verjüngete -- die genossenen
Lenze der Liebe dämmerten auf mit der Stimme! Die Nachtigall schlug wie
damals -- die Blumen hauchten wie damals -- und ich lag Wonne-berauscht
an seinem Hals -- Ha falsches treuloses Herz! Wie du deinen Meineid
beschönigen willst! Nein, nein, weg aus meiner Seele, du Frevel-Bild --
ich hab' meinen Eid nicht gebrochen, du Einziger! Weg aus meiner Seele,
ihr verrätherischen gottlosen Wünsche! im Herzen, wo Karl herrscht,
darf kein Erdensohn nisten -- Aber warum, meine Seele, so immer, so
wider Willen nach diesem Fremdling? Hängt er sich nicht so hart an das
Bild meines Einzigen? Ist er nicht der ewige Begleiter meines Einzigen?
~Du weinst Amalia?~ -- Ha ich will ihn fliehen! -- fliehen! -- Nimmer
sehen soll mein Aug' diesen Fremdling!
Räuber Moor (_öffnet die Gartenthüre._)
~Amalia~ (_fährt zusammen._) Horch! horch! Rauschte die Thüre nicht?
(_Sie wird Karln gewahr, und springt auf._) Er? -- wohin? -- was?
-- da hat mich's angewurzelt, daß ich nicht fliehen kann -- Verlaß
mich nicht, Gott im Himmel! -- Nein du sollst mir meinen Karl nicht
entreissen! Meine Seele hat nicht Raum für zwey Gottheiten, und ich
bin ein sterbliches Mädchen! (_Sie nimmt Karls Bild heraus._) Du, mein
Karl, sey mein Genius wider diesen Fremdling, den Liebestörer! dich,
dich ansehen, unverwandt, -- und weg alle gottlosen Blicke nach diesem
(_sie sitzt stumm -- das Auge starr auf das Bild geheftet._)
~Moor.~ Sie da, gnädiges Fräulein? -- und traurig? und eine Thräne auf
diesem Gemählde? -- (_Amalia gibt ihm keine Antwort._) -- Und wer ist
der Glückliche, um den sich das Aug' eines Engels versilbert? darf auch
ich diesen Verherrlichten -- (_er will das Gemählde betrachten._)
~Amalia.~ Nein, ja, nein!
~Moor~ (_zurückfahrend._) Ha! -- und verdient er diese Vergötterung?
verdient er? --
~Amalia.~ Wenn Sie ihn gekannt hätten!
~Moor.~ Ich würd' ihn beneidet haben.
~Amalia.~ Angebetet, wollen Sie sagen.
~Moor.~ Ha!
~Amalia.~ Oh Sie hätten ihn so lieb gehabt -- es war so viel, so viel
in seinem Angesicht -- in seinen Augen -- im Ton seiner Stimme, das
Ihnen so gleich kommt -- das ich so liebe --
~Moor~ (_sieht zur Erde._)
~Amalia.~ Hier, wo Sie stehen, stand er tausendmal -- und neben ihm
die, die neben ihm Himmel und Erde vergaß -- hier durchirrte sein
Aug' die um ihn prangende Gegend -- sie schien den großen belohnenden
Blick zu empfinden, und sich unter dem Wohlgefallen ihres Meisterbilds
zu verschönern -- hier hielt er mit himmlischer Musik die Hörer der
Lüfte gefangen -- hier an diesem Busch pflückte er Rosen, und pflückte
die Rosen für mich -- hier hier lag er an meinem Halse, brannte sein
Mund auf dem meinen, und die Blumen starben gern unter der Liebenden
Fußtritt --
~Moor.~ Er ist nicht mehr?
~Amalia.~ Er seegelt auf ungestümen Meeren -- Amalia's Liebe seegelt
mit ihm -- er wandelt durch ungebahnte sandigte Wüsten -- Amalia's
Liebe macht den brennenden Sand unter ihm grünen, und die wilden
Gesträuche blühen -- der Mittag sengt sein entblößtes Haupt, nordischer
Schnee schrumpft seine Sohlen zusammen, stürmischer Hagel regnet um
seine Schläfe, und Amalia's Liebe wiegt ihn in Stürmen ein -- Meere und
Berge und Horizonte zwischen den Liebenden -- aber die Seelen versetzen
sich aus dem staubigten Kerker, und treffen sich im Paradiese der Liebe
-- Sie scheinen traurig, Herr Graf?
~Moor.~ Die Worte der Liebe machen auch meine Liebe lebendig.
~Amalia.~ (_blaß._) Was? Sie lieben eine andre? -- Weh mir, was hab ich
gesagt?
~Moor.~ Sie glaubte mich todt, und blieb treu dem Todtgeglaubten -- sie
hörte wieder, ich lebe, und opferte mir die Krone einer Heiligen auf.
Sie weiß mich in Wüsten irren, und im Elend herumschwärmen, und ihre
Liebe fliegt durch Wüsten und Elend mir nach. Auch heißt sie Amalia,
wie Sie, gnädiges Fräulein.
~Amalia.~ Wie beneid' ich Ihre Amalia!
~Moor.~ O sie ist ein unglückliches Mädchen, ihre Liebe ist für einen,
der verloren ist, und wird -- ewig niemals belohnt.
~Amalia.~ Nein, sie wird im Himmel belohnt. Sagt man nicht, es gebe
eine bessere Welt, wo die Traurigen sich freuen, und die Liebenden sich
wieder erkennen?
~Moor.~ Ja, eine Welt, wo die Schleyer hinwegfallen, und die Liebe sich
schrecklich wiederfindet -- ~Ewigkeit~ heißt ihr Name -- meine Amalia
ist ein unglückliches Mädchen.
~Amalia.~ Unglücklich, und Sie lieben?
~Moor.~ Unglücklich, weil sie mich liebt! wie, wenn ich ein
Todtschläger wäre? wie mein Fräulein? wenn Ihr Geliebter Ihnen für
jeden Kuß einen Mord aufzählen könnte? wehe meiner Amalia! Sie ist ein
unglückliches Mädchen.
~Amalia~ (_froh aufhüpfend._) Ha! wie bin ich ein glückliches Mädchen!
Mein Einziger ist Nachstrahl der Gottheit, und die Gottheit ist Huld
und Erbarmen! Nicht eine Fliege konnt' er leiden sehen -- Seine Seele
ist so fern von einem blutigen Gedanken, als fern der Mittag von der
Mitternacht ist.
~Moor~ (_kehrt sich schnell ab, in ein Gebüsch, blickt starr in die
Gegend._)
~Amalia~ (_singt und spielt auf der Laute._)
Willst dich Hektor ewig mir entreissen,
Wo des Aeaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren
Speere werfen und d
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