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Peking-Paris im Automobil

by Luigi Barzini · German · Gutenberg #47798 · 986,558 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Peking-Paris im Automobil
    
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Title: Peking-Paris im Automobil

Author: Luigi Barzini

Author of introduction, etc.: Scipione Borghese


        
Release date: December 28, 2014 [eBook #47798]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/47798

Credits: Produced by Peter Becker, Marc-Andre Seekamp and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PEKING-PARIS IM AUTOMOBIL ***

                     Peking-Paris
                     im Automobil.

Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen.

                          Von
                    Luigi Barzini.

                 Mit einer Einleitung
                          von
               Fürst Scipione Borghese.

         Mit 168 Abbildungen und einer Karte.

                    [Illustration]

                       Leipzig:
                   F. A. Brockhaus.

                         1908.




Inhaltsverzeichnis.


                                                             Seite
  _Einleitung._ Von _Fürst Scipione Borghese_                1-18

  _Erstes Kapitel._ Von Paris nach Peking                   19-38

  _Zweites Kapitel._ Die Abfahrt                            39-61

  _Drittes Kapitel._ Zur Großen Mauer                       62-88

  _Viertes Kapitel._ Auf dem Gebirge                       89-122

  _Fünftes Kapitel._ An der Schwelle der Mongolei         123-144

  _Sechstes Kapitel._ Durch die mongolische Steppe        145-174

  _Siebentes Kapitel._ In der Wüste Gobi                  175-198

  _Achtes Kapitel._ Die Stadt der Wüste                   199-225

  _Neuntes Kapitel._ Urga                                 226-250

  _Zehntes Kapitel._ Auf dem Wege nach Kiachta            251-276

  _Elftes Kapitel._ Transbaikalien                        277-303

  _Zwölftes Kapitel._ An den Ufern des Baikalsees         304-330

  _Dreizehntes Kapitel._ Der Einsturz der Brücke          331-356

  _Vierzehntes Kapitel._ Im Gouvernement Irkutsk          357-380

  _Fünfzehntes Kapitel._ Im Jenisseibecken                381-402

  _Sechzehntes Kapitel._ Das gelehrte Tomsk               403-422

  _Siebzehntes Kapitel._ In der Steppe                    423-443

  _Achtzehntes Kapitel._ Der Ural                         444-458

  _Neunzehntes Kapitel._ Von der Kama zur Wolga           459-477

  _Zwanzigstes Kapitel._ Von der Wolga zur Moskwa         478-501

  _Einundzwanzigstes Kapitel._ Aus Rußland heraus         502-514

  _Zweiundzwanzigstes Kapitel._ Das Ziel rückt näher      515-530

  _Dreiundzwanzigstes Kapitel._ Paris                     531-544

  _Anhang_ I. Die Familie Borghese                        545-546

  _Anhang_ II. Das Automobil                              547-553

  _Register_                                              554-558




                                   _Isola di Garda_, im September 1907.

    Lieber Barzini!

Es hat sich also doch jemand gefunden, der nach allem -- trotz unserer
zweimonatigen Anstrengungen, trotz der Felsen, Flüsse, Wüsten und
Wälder, Sümpfe und Bankette, die wir hinter uns haben -- der nach
alledem behauptet, daß unsere Reise nur das _eine_ bewiesen habe, daß
man im Automobil _nicht_ von Peking nach Paris fahren könne!

Der Satz hat in seiner Aufrichtigkeit etwas Barbarisches an sich.
Aber, gestehen wir es nur zu, er ist buchstäblich richtig, und gerade
wir haben bewiesen, daß es heutzutage bei ausschließlicher Benutzung
des Motors eines Automobils unmöglich ist, in ununterbrochener Fahrt
und in die weichen Kissen des Fahrzeugs gelehnt sich von Peking nach
Paris zu begeben. Es würde daher vom finanziellen Standpunkte aus
nicht zu empfehlen sein, auf Grund unserer Erfahrung eine regelmäßige
Automobillinie einzurichten, um die kleinen, höchst eleganten
chinesischen Chansonetten von der Hauptstadt des Himmlischen Reiches
nach dem Moulin Rouge in Paris zu befördern, ohne ihre winzigen Füßchen
nur im geringsten zu ermüden.

Aber hat die Fahrt Peking-Paris, abgesehen von diesem wesentlichsten
Punkte, keine positiven Ergebnisse geliefert?

Ich kehre im Geiste nach Kiachta zurück, in das schmucklose Heim des
Millionärs, wo die Herrin des Hauses mit ihrem breiten, gutmütigen
Lächeln aus der Küche in den Speisesaal trat und auf die Tafel
lange Reihen Flaschen edeln Weines und riesige Platten stellte, auf
denen tranchierte Hammel und Kälber lagen und sich wahre Berge von
Mehlspeisen und Reis erhoben; wo Falia, die kleine Burjatin, ihr
frisches, ein wenig scheues, einer Steppenblume gleichendes junges
Gesichtchen zeigte; wo die alten und neuen Freunde ohne Einladung
und ohne Höflichkeitsphrasen kamen und gingen und in ungezwungener
Weise ihren Anteil an der Gastfreundschaft und den Tafelfreuden
entgegennahmen.

Und ich erinnere mich der Gespräche an der reichbesetzten Tafel,
die alle darauf hinausliefen, den praktischen Nutzen unserer
Durchquerung der Wüste Gobi zu erörtern -- wir hatten die siebzehn
Tage der schnellsten Karawanen auf vier vermindert --, sowie der
eingehenden technischen Fragen über die Möglichkeit, sich dieses
raschen Beförderungsmittels zu bedienen, um wenigstens einen Teil der
Teetransporte, die jetzt bis Wladiwostok ausschließlich das Meer und
von dort die transsibirische Eisenbahn benutzen, bis zu diesem Punkte
der Grenze zu leiten.

Erinnern Sie sich noch der Begeisterung unseres Gastfreundes in
Irkutsk, der bis Nischne-Udinsk die Freude unserer Fahrt kostete,
als unsere Brust mit tiefen Atemzügen den balsamischen Hauch des
Fichtenduftes auf den guten, trockenen Straßen Sibiriens einsog? Ja, in
ihm ist sicherlich der Keim zur Automobilleidenschaft zurückgeblieben.
Und in der guten Jahreszeit sind die Möglichkeiten der Benutzung des
Automobils auf jenen sibirischen Straßen tatsächlich unbegrenzt.

In Krasnojarsk hatten wir lange Unterredungen mit zwei praktischen,
ernsten Engländern, Konzessionaren und Ingenieuren von Goldminen.
Für sie handelte es sich darum, eine raschere Verbindung zwischen
Krasnojarsk und Jenisseisk herzustellen, und unsere Maschine, die in
dem Hofe des Gasthauses „Metropole“ in tadelloser Beschaffenheit
stand, trotzdem sie mehr als 3000 Kilometer auf schrecklichen Straßen
zurückgelegt hatte, schien ihnen ein interessanter Gesprächsgegenstand
und eröffnete vor ihren Augen einen neuen, weiten Horizont unerwarteter
Lösungen.

[Illustration: Fürst Scipione Borghese.]

In Tomsk war es, im Hause des Gouverneurs. Dort unten im Süden,
im äußersten Zipfel seiner Provinz, die die Flächenausdehnung des
Deutschen Reiches besitzt, erhebt das Altaigebirge seine Alpengipfel
und bietet der menschlichen Betriebsamkeit seine an Mineralschätzen
reichen Täler und Berghänge dar. Und während mir der Gouverneur von den
Schicksalen einer englisch-russischen Gesellschaft erzählte, die die
Verbindung von Tomsk mit dem Eismeere zu verbessern beabsichtigte,
indem sie in der Sommerszeit den Ob mit großen Lastschiffen befahren
wollte, und während er mir den Nutzen, den Mittelsibirien davon haben
würde, den ganzen Vorteil, der der Industrie und dem Export des Landes
daraus erwachsen würde, auseinandersetzte, während alledem verfolgten
seine modern geschulten, in die Ferne gerichteten Augen den Traum,
Tomsk mit Barnaul und Biisk und den Hauptpunkten des Bergwerksbetriebes
des Altai durch schnelle Automobile zu verbinden! Und der Traum wurde
näher ins Auge gefaßt und kritisiert: kurz, seine Durchführbarkeit
wurde erörtert.

Weiter nach Westen zu, in Omsk, befanden wir uns mitten in der Steppe.
Dort ist die Regenzeit viel kürzer als im sibirischen Urwalde, der
Taiga; der Steppenboden erweist sich widerstandsfähiger gegen den
Regen, das Gelände ist fast vollständig eben.

Wir fanden hier die Wegeverhältnisse der nördlichen Mongolei wieder,
wo wir auf der Antilopenjagd unsere Maschine mit der allergrößten
Geschwindigkeit hatten dahinrasen lassen können. Und wir fanden hier
ein ungeahntes, wunderbares Gebiet der Tätigkeit und des Fortschritts.
Im Jahre 1906 hatte eine Ausfuhr von Butter im Werte von 40 Millionen
Rubel und in demselben Zeitraum eine Einfuhr von sechs Millionen Rubel
landwirtschaftlicher Maschinen stattgefunden. Die Betriebsamkeit der
intelligenten Russen, der fleißigen, klugen Sibirier, der arbeitsam
und geschickt gewordenen Kirgisen wurde geleitet und gefördert von
der weitsichtigen, unternehmenden finanziellen und kommerziellen
Tätigkeit von Dänen, Engländern, Norwegern und Deutschen. Es war eine
rührige Welt, die durch Viehzucht, Milchwirtschaft, Butterbereitung
Reichtümer erwirbt, indem sie zugleich die Weideplätze verbessert und
den Futterbau rationeller gestaltet.

Das Gebiet dieser alljährlich intensiver werdenden Ausnutzung erstreckt
sich über die ganze Steppenregion, wo die Kirgisenhorden, von ihrem
Rasseninstinkt getrieben, als Nomaden von einem Weideplatz zum andern
ziehen. Dieser Aufschwung breitet sich in Tausenden von Adern über
alle Dörfer aus, in denen die Einwanderer von heute und die Söhne der
alten Verbannten des europäischen Rußland sich zu neuen arbeitsamen und
gedeihenden Gemeinwesen zusammenschließen. Von Omsk bis Kurgan, bis zum
Balkaschsee und bis Semipalatinsk dehnt sich die unermeßliche Steppe
aus und steigert sich heute die Möglichkeit, morgen die Notwendigkeit
von Automobilverbindungen und von Transporten mit Hilfe des Automobils.

Und dann nach Tjumen und Jekaterinburg, unter jener bescheidenen,
arbeitswilligen Bevölkerung, in jenem unerschöpflichen Bergwerksgebiete
des Ural, wo jeder Hektar Land einen Schatz verborgener Reichtümer
darstellt und wo der Stein die Straße weniger problematisch macht. Und
weiter, weiter, bis an die deutsche Grenze: überall hinterließ die
Fahrt unseres Automobils, das den härtesten Prüfungen widerstanden
hatte, das unversehrt mechanische Torturen überdauert hatte, bei denen
die kräftigen Tarantasse und die leichten Telegas in Trümmer gegangen
wären -- überall hinterließ unsere Fahrt eine Furche und vielleicht
einen Samen sicherer zukünftiger Zivilisation, rascheren Fortschritts,
weil unsere Maschine überall das Bild einer möglichen regelmäßigen
Verbindung hervorrief, mittels deren das Blut der Völker lebenerweckend
die Erdteile durchkreisen kann.

Aber jenseits der russischen Grenze, im westlichen Europa? Hier
durcheilte das Automobil die deutschen und jene wunderbaren
französischen Straßen, hier ist die Automobilbenutzung nicht mehr
ein Traum der Zukunft, sondern ein Problem der Gegenwart. Hier, im
westlichen Europa, wuchs der Erfolg unserer Mühen ins Riesenhafte;
er trat in den Erörterungen der Techniker, in der Begeisterung der
Bevölkerung zutage.

Das ist verständlich. Hier erschien allen Leuten unser Unternehmen
von größerer Bedeutung, sein Nutzen unmittelbarer. Es handelte sich
nicht darum, irgendwelchen lokalen Nutzen zu stiften, das Interesse
einer begrenzten Anzahl von Industriellen und Kaufleuten zu fördern,
es handelte sich vielmehr um eine neue, entscheidende Stärkung einer
vorwiegend europäischen, jungen, aber lebensfähigen und rührigen
Industrie, in der eine enorme Menge von Kapital, Wissenschaft und
Intelligenz und von geschickter und geschulter Arbeit angelegt ist. --

Wenn ein Staat seine Artillerie erneuern will, so veranstaltet er,
nachdem die technischen Probleme studiert, die eingereichten Projekte
geprüft, die ersten Anhaltspunkte gewonnen sind, Kraftproben bis zur
äußersten Grenze der Leistungsfähigkeit. Die Metalle werden auf die
Maximalgrenze ihrer Widerstandskraft geprüft, sie werden auf Zug, auf
Drehung, auf Druck untersucht, sie werden nach jeder Richtung hin
weit über das Maß des Notwendigen in Anspruch genommen. Wenn dann
der Feuerschlund mit aller ballistischen Genauigkeit gegossen ist,
so veranstaltet man Probeschießen, bei denen die Ladungen übermäßig
gesteigert, die Explosivstoffe gewechselt werden, und man ist nicht
zufrieden, wenn das Geschütz nicht Anstrengungen widersteht, die
viel gewaltsamer und dauernder sind als die, die es in der Praxis
auszuhalten bestimmt ist.

Der „Raid“ Peking-Paris war eine solche äußerste Kraftprobe der
_Automobilfabrikation_ und als solche interessierte er das Publikum.
Unsere Personen und der Name der Fabrik standen in zweiter Linie; unser
Fahrzeug repräsentierte die Automobilfabrikation im allgemeinen.

Die zivilisierte Welt wohnte dieser Kraftprobe bei, der umfassendsten,
vollständigsten und überzeugendsten, der das neue Werkzeug bis dahin
unterworfen worden war, einer Kraftprobe, die zu dem Zwecke unternommen
wurde, einen weiteren, entscheidenderen Schritt nach vorwärts auf dem
Wege der Abschaffung menschlicher oder tierischer Triebkraft zu tun.
Diese Abschaffung ist eines der Kennzeichen sozialen Fortschritts.

Als ich die Herausforderung des Pariser „Matin“ annahm, hatte ich
folgendes Ziel vor Augen: _zu zeigen, daß ein gut gebautes, mit Umsicht
und Sorgfalt geleitetes Automobil imstande ist, auf langen Reisen durch
Gelände mit oder ohne Straßen die Zugtiere tatsächlich zu ersetzen_.

Was tut es, wenn das Automobil wenige Meter weit von Menschenarmen
gezogen wird; was verschlägt es, wenn man es von Zeit zu Zeit mit Hilfe
von Seilen und Hebeln aus dem Sumpfe oder aus dem Sande herausholen
oder es auf eine Fähre oder einen Kahn laden muß, um Wasserläufe
zu überschreiten, die man nicht durchwaten kann? Sind diese kurzen
Hemmnisse, die wenige Stunden Verspätung bedeuten, vorüber, so ist
die Maschine wieder zu ihrer gewohnten Kraftentfaltung befähigt, die
kein Zugtier so lange und so ununterbrochen aushalten könnte, die sie
aber ohne nennenswerte Beschädigung in zuverlässiger, andauernder
Arbeitsleistung übersteht.

Und „Peking-Paris“ hat mir recht gegeben.

Mein Wagen, die „Itala“, hat, ohne daß ich zu außergewöhnlichen
Mitteln greifen mußte, die lange Fahrt bestanden auf Straßen,
die fast durchgehends schlecht, häufig sehr schlecht waren, und
unter klimatischen und Temperaturverhältnissen, unter denen der
gesamte Mechanismus der härtesten Probe ausgesetzt war: der Rahmen
von den Stößen und Rucken hin und her gerüttelt; der Motor auf
steilen Aufstiegen, wo die Räder im Sande oder auf vom Regen
schlüpfrig gewordenen lehmigen Stellen schleiften, überhitzt bei
vielstündiger, sehr langsamer Fortbewegung unter hoher Außentemperatur
und auf schwierigem Gelände; die Vergasung anormal infolge der
Thermometerschwankungen von zehn und zwanzig Grad, in einem Klima,
das von tagelanger Trockenheit zu täglich wiederkehrendem Regen und
Feuchtigkeit übergeht; die Kuppelungen und das Getriebe fortwährenden
Stößen ausgesetzt und die Reibung jeden Augenblick aufgehoben und
wiederhergestellt!

Kurz, alle Teile -- ich spreche nicht von den Rädern und Federn,
die der Anstrengung unterlegen sind -- wurden einer Kraftprobe
ausgesetzt, wie sie nie zuvor stattgefunden hatte. Und bei den etwa
16000 Kilometern, die wir durchfahren haben und von denen 12000 ohne
chaussierte Straßen waren, beträgt die Länge der Strecken, die das
Automobil nicht lediglich durch seinen Motor bewegt zurückgelegt hat,
noch nicht 200 Kilometer!

Ich erkläre mich von dem praktisch erzielten Erfolge befriedigt, auch
wenn es sich erwiesen hat, daß man heute noch nicht in _einem_ Zuge und
ohne von der Maschine zu steigen von Peking nach Paris fahren kann! --

Aber den Erfolg verdanken wir einigen Faktoren, auf die ich jetzt zu
sprechen kommen will.

Ich schweige von der Maschine. Der tatsächliche Ausgang hat sie als
vorzüglich erwiesen, aber sie war, um es kurz zu bezeichnen, nur das
Werkzeug des Erfolges, nur der Meißel, mit dem ein Künstler eine
Statue aushaut, die er nach seinem Schönheitsideal schaffen will.
Die intelligente Hand, die den Meißel führt, ist für das Kunstwerk
wichtiger, und diese war auch bei der umsichtigen Vorbereitung unserer
Fahrt tätig.

Die Auswahl der Maschine wurde nach bestimmten Gesichtspunkten
getroffen. Man weiß, daß Stärke und Leichtigkeit relative Begriffe sind
und daß eine Maschine von 2000 Kilogramm und 40 Pferdekräften leichter
und brauchbarer sein kann als eine von etwas geringerem Gewicht
und viel geringerer Stärke. Wir waren auch bei der Aufstellung der
Berechnungen sehr vorsichtig. Eine große Menge von Ersatzteilen nahmen
wir mit, die ordnungsgemäß im hinteren Kasten der Maschine verpackt
wurden; es wurde aber glücklicherweise fast nie nötig, aus ihm etwas
herauszunehmen. Die Ergänzungsvorräte an Verbrauchsgegenständen wurden
in reichlicher Menge und nach einem sorgfältig durchdachten Plan auf
die zu durchfahrende Strecke verteilt.

Die kurze Zeit vom 15. Februar 1907, dem Tage der endgültigen Annahme
der Aufforderung, bis zum 10. Juni 1907, der für die Abfahrt von Peking
festgesetzt worden war, gestattete keine brieflichen Unterhandlungen.
Es wurde alles mündlich und telegraphisch bestellt.

[Illustration: Die „Itala“ mit Fürst Scipione Borghese und Chauffeur
Ettore Guizzardi.]

Von Schanghai kamen nach Peking das für die Fahrt durch China und die
Mongolei erforderliche Benzin und Öl; von Petersburg aus beabsichtigte
die Firma Nobel, in Sibirien und Rußland die für die Fahrt durch das
unermeßliche Reich nötigen Mengen bereitzustellen.

Langsame Kamelkarawanen -- wie viele von ihnen überholten wir, während
sie im Lichte des grauenden Morgens oder in der langen Abenddämmerung
schläfrig dahinschritten, oder während sie haltmachten und die Männer,
in ihren arabeskengeschmückten Zelten ausgestreckt, die Stunden der
sengenden Tageshitze über sich hinziehen ließen! -- schafften von
Peking an den einsamen Brunnen von Udde, in die heilige Stadt Urga
das für die technische Eroberung der Wüste Gobi Erforderliche, und
die Eroberung wurde dadurch leicht. Andererseits erreichten uns mit
der transsibirischen Bahn die zur Durchführung und Sicherung der
Fahrt nötigen Vorräte in den großen Städten und kleinen Flecken längs
des alten sibirischen „Trakt“, der Straße, die, bevor unsere freie
Maschine, von der die Flagge eines freien Volkes im Winde flatterte,
sie befuhr, so viele Scharen armer, leidender und doch stolzer Wesen
hatte vorüberziehen sehen, die verbannt worden waren, die ihr edles,
nach Freiheit und Gerechtigkeit dürstendes Herz weitweg vom Vaterlande
in die Ferne tragen mußten!

Aus Italien gelangten die Pneumatiks an die vorher bestimmten
Etappenorte, und in Omsk war ein Lager von Ersatzteilen beabsichtigt,
namentlich von Rädern und Federn, die in dieser Stadt, die ungefähr in
der Mitte der ganzen zu durchfahrenden Strecke liegt, voraussichtlich
ausgewechselt werden mußten.

Die erforderlichen Mengen Öl und Benzin waren folgendermaßen berechnet:
auf dem Wagen selbst wurden etwa 300 Kilo Benzin und 100 Kilo Öl
untergebracht, ein Quantum, das ungefähr für 1000 Kilometer Fahrt
ausreicht. In den Depots war immer so viel vorhanden, daß die volle
Ladung des Wagens nachgefüllt werden konnte. Diese Depots, die aus
Rücksicht auf den Transport in der Mongolei etwa 600 Kilometer
voneinander entfernt waren, wurden auf der russischen Strecke, wo
die durch Eisenbahn oder Flußschiffahrt erreichbaren Orte dichter
gesäet sind, in Entfernungen angelegt, die zwischen 250 und einem
Maximum von 500 Kilometern schwankten. Von Irkutsk an erwarteten mich
die Pneumatiks von Pirelli in der Entfernung von je 1000 oder 1500
Kilometern.

Wir hatten Glück! Kein einziges Mal hatten wir zuwenig Brennstoff oder
Öl; niemals fehlten uns Pneumatiks, von denen wir übrigens nur wenige
verbraucht haben.

Ein einziger Umstand entsprach nicht unseren Wünschen, und dies war
gut. Wir hatten so den Beweis in Händen, daß unsere Berechnungen
richtig waren.

Die Ersatzräder und Ersatzfedern erreichten infolge von
Schwierigkeiten, die die österreichische Zollverwaltung machte,
Omsk _nicht_; sie mußten in Moskau liegenbleiben. Wir aber zogen in
Kasan auf zerbrochenen Federn und auf einem Rade ein, das die Axt
eines geschickten russischen Muschik uns am Ufer der Kama an einem
Sonntagnachmittage ausgebessert hatte.

Auch für etwas anderes hätte besser gesorgt werden sollen: für die
Bequemlichkeit der Reisenden auf dem Wagen und für die Unterbringung
des Gepäcks.

Sie, lieber Barzini, der Sie mehr als alle darunter zu leiden hatten,
erinnern sich gewiß noch, daß wir bis zum Vorabend unserer Ankunft
in Paris jenem unförmlichen Haufen von Koffern und Säcken, der unser
Gepäck darstellte und auf der Werkzeugkiste befestigt war, von wo
er nur allzu häufig hinunterrutschte, keine richtige Form zu geben
vermochten.

Ettore mochte das Gepäck mit aller Sorgfalt, mit aller erdenklichen
Findigkeit festschnüren, ohne Stricke und Bindfaden zu schonen;
die Stöße des Wagens lockerten selbst die feinst ausgedachten
Verschlingungen, und der große Sack geriet bald darauf ins Schwanken
und öffnete sich. Und Ettore begann von neuem.

Wieviel Mühe hat sich der brave Junge in diesen 60 Tagen gegeben! Er
ist in Wahrheit jene intelligente Hand gewesen, die den Meißel führte!
Ohne sein beständiges Sorgen für den Motor und alle übrigen Teile der
Maschine, denen er Schlaf und Speise zum Opfer brachte, wären wir nicht
nach Paris gekommen, wären vielleicht heute noch nicht dort!

[Illustration: Luigi Barzini.]

Niemand, der es nicht selbst versucht hat, kann sich vorstellen,
welche Arbeit auf einer langen Reise wie der unseren der Mechaniker zu
leisten hat: vollständig auf sich selbst angewiesen, ohne die Hilfe von
Werkstätten, ohne die Bequemlichkeit einer Garage, in Ländern, in denen
jeder Begriff von Mechanik unbekannt ist, wo die Sprache fremd ist und
selbst das Denken von dem unseren so sehr abweicht.

Nach sechzehn, achtzehn Stunden Fahrt, während deren er mit
zusammengebissenen Zähnen, unter beständiger Nervenanspannung auf jeden
Laut des Motors, jedes Knirschen des Wagens gelauscht hat, bemüht,
dessen Existenz gegen die Schwierigkeiten des Geländes zu verteidigen;
zwei bis drei weitere Stunden unter dem Rahmen ausgestreckt, in der
Hitze der überanstrengten Maschine, bei dem übeln Geruche des Öls und
der verbrannten Fette nachzusehen, zu prüfen, zu registrieren, die
Verschlußstücke, die nachlassen, die Schrauben, die sich lockern,
anzuziehen, nicht zufrieden, die durch die Anstrengungen des Tages
verursachten kleinen Schäden und leichten Verschiebungen auszubessern,
sondern bestrebt, mit Scharfsinn und Findigkeit die möglichen „Pannen“
des morgenden Tages vorauszusehen und ihnen zuvorzukommen: dies ist die
regelmäßig wiederkehrende Arbeit Ettores nach wenigen Stunden der Ruhe,
die er dem harten Boden abringt, nach den Mahlzeiten, die er in Eile
verzehrt, die Füße auf den Tritt gestemmt, während die Maschine von
einer Seite der Straße zur andern schwankt. Und dazu kam für Ettore von
Zeit zu Zeit noch die Tätigkeit als Wagenlenker.

Entweder löste er mich am Lenkrad ab, um mir etwas Ruhe zu verschaffen,
oder die Schwierigkeiten der Straße machten es notwendig, daß ich ihm
bei der Fahrt über Stellen, die zu schwierig waren, um sie von der
Höhe des Wagens aus zu übersehen, zu Fuß die Richtung angab. Auch als
Wagenlenker war er unübertrefflich.

Erinnern Sie sich, lieber Barzini, wie oft ich beim Passieren von
Sumpfstrecken oder bei der Fahrt über die schmalen Streifen trockenen
Landes auf überschwemmten Straßen gezwungen war, nach Untersuchung des
Geländes Ettore durch Steine oder Zweige genau die Punkte anzugeben,
über die er die Räder führen sollte?

Und entsinnen Sie sich der wunderbaren Präzision und Raschheit, mit der
die Maschine mit dem Maximum der Geschwindigkeit, um ihr Gewicht nicht
zur Geltung zu bringen und nicht Gefahr zu laufen, stecken zu bleiben,
sich auf den Rand des Sumpfes schwang oder sich aus der Lache voll
schwarzen, zähen Morastes wieder herausarbeitete?

[Illustration: Ettore Guizzardi.]

Und trotzdem Ettore sich seines Wertes und seiner Fähigkeiten stark
bewußt ist -- oder vielleicht eben deswegen --, bewahrte er in
schwierigen Lagen, bei Strapazen, in Gefahren und bei schlechtem Wetter
(erinnern Sie sich der endlosen Tage voll Regen und Schmutz, die wir
durchgemacht haben?), bei den Triumphen und Verherrlichungen, die das
Unternehmen, an dem er so stark beteiligt war, veranlaßte, dieselbe
Seelenruhe, dieselbe Bescheidenheit, dieselbe unveränderlich gute Laune
und ausdauernde Arbeitsamkeit, sowie das unerschütterliche Vertrauen
auf den Erfolg. Und ich, der ich ihn schon seit zehn Jahren um mich
habe als meinen Gehilfen beim Automobilsport, der nicht immer leicht
und einfach ist; der ich in ihm einen bewährten, teuren Freund besitze,
ich muß ihn meiner wärmsten und herzlichsten Zuneigung, meiner tiefen,
dauernden Dankbarkeit versichern. Er ist ein schönes Beispiel eines
gebildeten, gewissenhaften Arbeiters.

Er hat nichts Dienerhaftes an sich; in ihm lebt die Überzeugung
von seinem eigenen Werte, das starke Gefühl der Verantwortlichkeit
für die Dienste, die er mit Intelligenz, mit Uneigennützigkeit
und der Anhänglichkeit eines Freundes dem widmet, der ihm volles
Vertrauen einzuflößen vermocht hat, und den er für fähig hält, seine
hervorragenden geistigen und seelischen Eigenschaften zu würdigen.

Seit zehn Jahren hat er mit mir eine Maschine nach der andern
bestiegen, hat in den Werkstätten gearbeitet, hat sich auf allen
Straßen Europas bewährt, wobei er an Klugheit, an kaltem, schweigsamem
Mute zunahm und als Ingenieur und Techniker Fortschritte machte. Und
jetzt hat er die Bestätigung seines Wertes in den Beifallsstürmen
gefunden, mit denen er, der Siegreiche, überall empfangen worden ist.
Er stammt aus der Romagna, und die ganze Kraft des Ungestüms und der
Zähigkeit seiner Rasse lebt in ihm, wirkend und schaffend.

Ein anderer zum Erfolg beitragender Faktor waren die Verhältnisse, die
wir überall antrafen. Wie soll ich die Bedeutung, den Einfluß richtig
abschätzen, den auf das Gelingen unseres Unternehmens das Wohlwollen
der Regierungen, das freundliche Entgegenkommen der Bevölkerungen, die
wenn auch nur moralische Unterstützung und Ermutigung gehabt haben,
welche uns von so vielen Unbekannten zuteil wurde, die uns für wenige
Augenblicke eng befreundet wurden und die wir dann für immer aus den
Augen verloren haben?

Bei der Lebhaftigkeit Ihres Stils werden Sie imstande sein, bei der
Schilderung der Wechselfälle unserer Reise die Erinnerung an so viele
gute Menschen aufzufrischen, die sich um uns bemüht haben und denen
wir nicht im einzelnen danken können. Sie werden erzählen, wie wir von
den auswärtigen Vertretern unseres Staates, von der chinesischen und
russischen Regierung, von den Behörden aller Länder, durch die wir
kamen, unterstützt worden sind und wie sie alle für unser Unternehmen
ein außergewöhnliches, unerwartetes Verständnis entwickelten.

Sie werden gewiß die äußere Erscheinung der chinesischen Kulis
schildern: den bronzefarbenen Leib nackt bis zum Gürtel; das
leidenschaftslose Gesicht, aus dem Augen schauen, die dem Europäer
nichts über den Charakter verraten; Menschen, unempfindlich gegen
körperliche Anstrengung wie das Metall, aus dem sie geformt zu sein
scheinen.

Sie werden auch die rauhen, stolzen mongolischen Reiter darstellen.
Lange Gewänder _umwallen sie und strömen den scharfen Geruch ihrer
Herden und Zelte aus_. Sie werden die russischen Muschiks mit ihren
langen blonden Haaren schildern; ihre sanften Blicke sind träumerisch
auf den unermeßlichen Horizont ihres Landes mit den niedrigen Hügeln
und den weiten Ebenen gerichtet und noch weiter in eine Zukunft mit
weniger Elend und menschenwürdigerem Leben.

Diese im Äußern so verschiedenen Gruppen werden Sie beschreiben, wie
sie sich der Rettung unserer Maschine widmen, während sie über die
sonnverbrannten Felsen einherkeucht, während sie in den Wüsten der
Mongolei Ströme von Wasser und Dampf ausspeit, während sie in den
Sümpfen und Schluchten Sibiriens und Rußlands wie ein gescheitertes
Schiff auf der Seite liegt.

Die Begeisterung wird wieder aufleben, wenn Sie erzählen, wie wir
unterstützt worden sind durch die brüderliche Gesinnung unserer
Landsleute, die wir so fern vom Vaterlande antrafen, durch den
Beifall der Menschen, die in Massen die Werkstatt, das Wirtshaus, die
Schule verließen, um der Vorüberfahrt des Automobils zuzujubeln, des
Erzeugnisses und Symbols der Arbeit, in der sich die lebendige Kraft
aufstrebender Völker verkörpert.

All dies und noch mehr werden die gewiß glänzend geschriebenen Blätter
Ihres Buches erzählen.

Gerührt und dankbar möchte ich alle jene Frauen umarmen, die durch ihre
Teilnahme, ihre freundlichen Worte, ihr flüchtiges Lächeln so oft den
ermüdeten Gliedern Kraft, der verzagten Seele Mut, dem verzweifelnden
Sinn den Entschluß wiedergegeben haben.

Allen möchte ich danken: denen, die ich kenne, und denen, die mir
unbekannt geblieben sind.

Den guten Hausfrauen, die, im Besitze eines gastlichen Daches, für
einen Tag in uns die Empfindung des Familienlebens erweckten, indem
sie uns den Genuß eines guten Bettes und einer wohlbesetzten Tafel
verschafften: das köstliche Gefühl, das ein geordnetes, von weiblichem
Geist durchwehtes Hauswesen in dem hervorruft, der aus der Einsamkeit
des Nomadenlebens kommt.

Den Frauen der Muschiks will ich danken, die in den Gemeindehäusern
der von jedem zivilisierten Leben abgeschlossenen Dörfer, in den
mit kräftigen Axtschlägen aus den Stämmen der ungeheueren Wälder
gezimmerten „Isbas“, den Bauernhäusern, uns vom Abend bis zum
Morgengrauen alles anboten, was sie hatten. Sie verließen ihre
armselige Hütte, damit wir Unterkunft fänden; sie brachten uns die
Schüssel mit dampfender Suppe, den Krug mit der schmackhaften Milch
der sibirischen Steppe, den Laib Brot, schwarz wie die Erde, die es
hervorbringt.

Auch jenen andern danke ich, die, scheinbar erfüllt von Freude und
Heiterkeit, in den uns zu Ehren veranstalteten Festlichkeiten ferner
Städte für eine Nacht ihr Elend vergaßen, um in uns eine freundliche
Illusion hervorzurufen.

Ich danke auch jenen Damen, die sich in einer Stunde geistreicher
Unterhaltung vielleicht offener als sonst gaben, weil sie die Gewißheit
hatten, man würde sich nie mehr im Leben begegnen, und die unsere
Gedanken von den alltäglichen Beschäftigungen ablenkten und der Seele
etwas von der Spannkraft wiedergaben, die uns die beständige und
monotone körperliche Anstrengung zu rauben drohte.

Dank allen jenen, die uns beim Vorüberfahren zulächelten, uns eine
Kußhand oder Blumen zuwarfen, uns durch Gesten anfeuerten, ihnen allen,
einschließlich _unserer_ Frauen, die wir im Geiste auf der Schwelle
unseres Hauses, die Kinder im Arme, stehen sahen, voller Sehnsucht und
Liebe uns erwartend, und die auch in unserem vielbewegten Leben die
verborgene Kraft waren, die uns aufrecht erhielt und antrieb.

Dies sind die Faktoren, die unser Unternehmen zu einem glücklichen Ende
geführt haben!

Sie, der Sie der Dichter unter uns waren und jetzt im Begriff sind,
unser Geschichtschreiber zu werden, Sie wissen dies besser als ich. Und
Sie wissen auch, wie verschieden das Schicksal unserer Reise von dem so
vieler andern gewesen ist.

Ich denke bisweilen jener Männer, die in den Volksüberlieferungen
weiterleben müßten und die doch beinahe vergessen sind, der Reisenden,
die in unbekannten Ländern geographische Entdeckungen gemacht, die
lange Jahre hindurch täglich ihr Leben aufs Spiel gesetzt, die dem
Handel ihres Landes fruchtbare Zonen zur Ausnutzung gewonnen, der
heimischen Industrie weite Ausfuhrgebiete erschlossen haben. Und ich
gedenke ihrer -- die Namen brennen mir auf den Lippen -- und ihrer
Rückkehr in die Heimat.

Wenige Fachmänner empfangen sie, wenige Zeitungen sprechen von ihnen
und vielleicht nur, um ein herbes Urteil über sie zu fällen; Schweigen
umhüllt sie. Manchen hat diese Nichtbeachtung seitens des Publikums,
dieses bittere Schweigen der Menschheit, für die sie arbeiteten und
litten, getötet!

Uns, die wir so viel Kleineres vollbracht haben, erwartete allgemeiner
Beifall, erwartete die Genugtuung, einen Augenblick lang die
Begeisterung der großen Metropolen der Welt, der betriebsamen Städte,
der stillen Flecken in ganz Europa erregt zu haben!

Die Gründe dafür sind verwickelter Art. Es kommt dabei in Betracht die
Neuheit des benutzten Gefährtes, seine wachsende wirtschaftliche und
soziale Bedeutung; es kommt in Betracht die Länge des Weges, der in
so kurzer Zeit und inmitten von Schwierigkeiten zurückgelegt worden
war, die man zum ersten Male zu überwinden hatte; es kommt in Betracht
die glückliche Lösung der technischen Probleme und die faszinierende
Anziehungskraft jenes Landes Asien, aus dem wir vielleicht stammen und
das uns doch so fremd ist. Es kommen ferner in Betracht die beiden
Endpunkte der Reise.

Am Punkte der Abfahrt die geheimnisvolle Hauptstadt des rätselhaften
Reiches, aus dem das Geräusch des Lebens wegen der räumlichen
Entfernung und des Abstandes im Denken nur gedämpft zu uns
herüberklingt; am Endpunkt der lauteste Resonanzboden der Welt, Paris,
von wo jeder, auch der leiseste Hauch des Lebens sich verstärkt und in
tausendfachem Echo vervielfältigt über die ganze Erde verbreitet.

Das Geheimnis des „Warum“ liegt zum Teil darin, aber vor allem --
Sie selbst haben es, glaube ich, ausgesprochen -- liegt es in dem
Metalldraht, der uns auf dem ganzen Wege begleitete und der Tag
für Tag Nachrichten über uns an die Presse übermittelte, die sie
weiterverbreitete.

Der Telegraph und die Presse, sie sind die unmittelbare Ursache der
Volkstümlichkeit, deren sich unser Unternehmen zu erfreuen hatte.

Diese beiden sind es, die Ihre spannende Darstellung überallhin
verbreitet haben, die den eintönigen und für uns nur allzu häufig
höchst verdrießlichen Zwischenfällen der Reise Interesse verlieh. Bei
peinlichster Wahrheitsliebe gegenüber den Tatsachen haben Sie es doch
verstanden, sie durch die lebhafte Schilderung des Milieus in das
rechte Licht zu setzen, ihnen den gebührenden Platz im Gemälde des
Ganzen anzuweisen. Und das Publikum hat die Poesie gefühlt, die die
einzelnen Kapitel dieser unserer modernsten Odyssee erfüllt.

Niemand wird jedoch beim Lesen Ihres Buches ahnen, welchen Aufwand
an Willensstärke und moralischer Kraft es Sie gekostet hat. Ich, der
ich die Ehre und die Freude hatte, der Gefährte Ihrer zwei Monate
andauernden Kraftleistung zu sein, starker geistiger Anspannung
inmitten niederdrückender materieller Widerwärtigkeiten, ich allein
kann es bezeugen!

Und seit jenen zwei Monaten erfüllt mich ein Gefühl lebhafter
Bewunderung und tiefer Freundschaft für Sie, das der Zeit trotzen soll!

In Zuneigung und Hochachtung,

    lieber Barzini,

        Ihr

        Scipione Borghese




Erstes Kapitel.

Von Paris nach Peking.

     Was mir am 18. März begegnete. -- In Paris. -- „Eintreffen Peking
     ersten Juni!“ -- Die Sorgen und die Tätigkeit des Wai-wu-pu. --
     Die Automobile. -- Ettore.


Am 18. März 1907 mittags, einem für mich denkwürdigen Datum, saß
ich in Mailand an meinem Schreibtisch, vertieft in das Studium des
nordamerikanischen Eisenbahnwesens. Damals widmete ich mich mit
Feuereifer den Eisenbahnproblemen; ich schrieb und sprach darüber und
weidete mich an heimischen und ausländischen Reglements und Fahrplänen.
Plötzlich riß mich ein langes Klingeln des Telephons, das auf meinem
Arbeitstisch steht, mit Gewalt aus den Eisenbahnnetzen der Vereinigten
Staaten.

„Hier Barzini! Wer dort?“

„Guten Morgen!“ -- ich erkannte die Stimme Luigi Albertinis, des
Chefredakteurs des „Corriere della Sera“ -- „ich muß Sie unbedingt
sprechen; kommen Sie zu mir!“

„Sofort?“

„Augenblicklich.“

„Ich eile.“

„Besten Dank.“

Ich stürze aus dem Hause, springe in die erste freie Droschke, die
mir begegnet, und gehe während der Fahrt eilig die Ereignisse der
letzten vierundzwanzig Stunden durch, um den Grund einer so dringenden
Aufforderung zu erraten.

Bedurfte die Zeitung ihres „Spezialberichterstatters“? War irgendwo
Krieg ausgebrochen? Nein, selbst Venezuela erfreute sich seit acht
Tagen vollkommener Ruhe. Eine Revolution? Auch nicht; es war zu kalt
dazu -- Revolutionen beginnen in der schönen Jahreszeit; sie sprießen
mit den Blumen hervor; erst Ende April erhalten die Redaktionen die
erste Nachricht von dem regelmäßigen Wiedererwachen des Freiheitssinnes
unter den Völkern; sie besteht aus dem bekannten Telegramm: „Eine
bulgarische (oder griechische) Bande hat die Einwohner eines
griechischen (oder bulgarischen) Dorfes niedergemacht usw.“ War ein
unvorhergesehenes Unglück geschehen? Die Unglücksfälle binden sich an
keine Jahreszeit...

Ich war im Irrtum, in meinem Berufseifer überall Unheil zu wittern. Es
hatte sich auf keiner von beiden Hemisphären etwas Ernstes zugetragen.
Als ich, bis oben voll von berechtigter Neugier, das Bureau betrat,
das das Gehirn unserer Zeitung darstellt, fand ich den Chefredakteur
ganz ruhig und heiter. Er reichte nur eine Nummer des Pariser
„Matin“, zeigte mir auf der ersten Seite unter einer Überschrift in
Riesenbuchstaben einige Zeilen und fragte:

„Was denken Sie darüber?“

Ich schaute hin und las folgende überraschende Einladung:

„_Wer ist bereit, in diesem Sommer von Peking nach Paris im Automobil
zu fahren?_“

Ich las die Anzeige noch einmal und empfand ein Gefühl der Bewunderung
für den unbekannten Urheber eines derartigen Planes. Zum mindesten
mußte er ein großer Freund von Romantik sein.

„Was denken Sie darüber?“ wiederholte Albertini.

„Herrlich!“

„Durchführbar?“

„Ah, das ist etwas anderes! Aber selbst wenn der Versuch nicht gelingt,
würde er doch äußerst interessant sein.“

„Und würden Sie bereit sein, daran teilzunehmen?“

„Mit dem größten Vergnügen.“

Wir verwandten einige Minuten auf das Durchblättern der folgenden
Nummern des „Matin“, um einige weitere Mitteilungen über die
abenteuerliche Reise zu suchen. Zustimmungsschreiben füllten Spalten
über Spalten; es waren Briefe, die eine allzu rasch entflammte
Begeisterung bekundeten, als daß sie von langer Dauer hätte sein
können. Einer jedoch unter vielen fesselte unsere Aufmerksamkeit,
weil er von einem Italiener herrührte und kurz und kühl war wie eine
Empfangsbescheinigung. Er lautete:

„_Ich beteilige mich an der Wettfahrt Peking-Paris mit meinem Automobil
‚Itala‘. Wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir möglichst bald alle
Einzelheiten mitteilten, um meine Vorbereitungen danach treffen zu
können._

    _Fürst Scipione Borghese._“

Name und Stil machten mich sofort nachdenklich: das war ein Mann, der
das, was er sagte, ernst meinte.

_Don Scipione Borghese_ (s. Anhang ~I~) war mir durch seinen Ruf als
Automobilist und Reisender bekannt. Im Jahre 1900 hatte er mit einer
Karawane Persien, zum Teil auf wenig bekannten Strecken, durchquert;
er war in Turkestan eingedrungen und durch die weite Baraba-Steppe bis
Barnaul gelangt; von da hatte er die Flußläufe des Ob und Tom zu Schiff
befahren und Tomsk erreicht; in Tomsk hatte er die sibirische Eisenbahn
benutzt, die ihn bis zum Gestade des Stillen Ozeans brachte. Über
seine Reise hatte er ein Buch geschrieben, ein gelehrtes Buch, das die
strenge Genauigkeit eines Schiffstagebuchs aufwies, ins Detail gehend,
ruhig, sachlich, das den Verfasser als Mann von überlegendem, klarem
Sinne kennzeichnete, der sich bei seinen Beobachtungen nicht allzusehr
durch Erregungen, weder durch Bewunderung noch durch Gefühlsausbrüche,
ablenken ließ. Der Verfasser erwies sich mehr als Mathematiker denn als
Dichter; man bemerkte eine Vorherrschaft des Kopfes über das Herz, des
Willens über das Gefühl. Fürst Borghese erschien mir als einer jener
Männer, welche wollen, wissen und handeln. Er hätte seine Unterschrift
zu der Fahrt Peking-Paris nicht gegeben, wenn er nicht entschlossen
wäre, zu fahren und, einmal abgefahren, alles Menschenmögliche daran zu
setzen, um als Sieger hervorzugehen. Ich hatte sofort Vertrauen zu ihm.

Der Chefredakteur unterbrach die Lektüre des „Matin“ und sagte mir in
dem Tone einer plötzlichen Entschließung:

„Fahren Sie sofort nach China!“

„Gut.“

„Die Wettfahrt Peking-Paris beginnt am 10. Juni. Sie machen zuerst eine
Reise durch Amerika und den Stillen Ozean und auf der Reise stellen Sie
interessante Beobachtungen an. Die Beendigung des Prozesses Thaw in
Neuyork ...“

„Gut.“

„Der Wiederaufbau von San Francisco ..., die japanisch-amerikanische
Spannung wegen Hawais ..., Japan nach dem Kriege ... Und über Asien
beenden Sie Ihre Rundreise um die Welt.“

„Gut. Und die Fahrt Peking-Paris?“

„Sie erhalten unterwegs nähere Weisungen. Wir werden beim Fürsten
Borghese anfragen, ob er damit einverstanden ist, daß Sie sich ihm
anschließen. Ich hoffe ja. Auf alle Fälle finden Sie in Peking
alles bereit. Eventuell stellen wir Ihnen eins von unseren eigenen
Automobilen zur Verfügung. Der nächste Dampfer nach Amerika geht ...
warten Sie ... hier ist ein Fahrplan. Übermorgen, am 20. März, geht
vom Norddeutschen Lloyd ‚Kaiser Wilhelm der Große‘ von Cherbourg nach
Neuyork. Sie fahren heute nach Paris. Ist noch Zeit?“

Ich sah nach der Uhr und rief mir meine neue Eisenbahnwissenschaft
(Abteilung Fahrpläne) ins Gedächtnis zurück.

„Ich habe vollauf Zeit.“

„Glückliche Reise also!“

„Auf Wiedersehen!“

Wir tauschten einen kurzen Gruß aus und umarmten uns in einer jener
Aufwallungen von Anteilnahme und Freundschaft, die in gewissen
Augenblicken Menschen, die sich gegenseitig wohlwollen, mit gleichen
Empfindungen erfüllen.

Einige Minuten später stürmte ich die Treppe hinunter und stieß mit
einem Kollegen zusammen, der sie mit der Langsamkeit eines Menschen
emporstieg, der von seiner regelmäßigen, gewohnten Arbeit erwartet wird.

„Wohin so eilig?“ fragte er mich.

„Ich will eine Reise um die Welt machen“, erwiderte ich stolz und blieb
einen Augenblick auf dem Treppenabsatz stehen.

„Renommist!“ rief er und brach in lautes Gelächter aus. „Ich kann mir
denken, wohin du in Wirklichkeit gehst.“

„Wohin denn?“

„Zum Frühstück -- es ist spät, und du hast Hunger. Guten Appetit!“

Die Ungläubigkeit meines Freundes, die doch so viel gesunden
Menschenverstand verriet, machte mir plötzlich klar, in welch
seltsamer, abenteuerlicher, unwahrscheinlicher Lage ich mich befand.
Ich blieb einen Augenblick zweifelnd und verwirrt stehen, ehe ich ein
„Danke“ antwortete und meinen Weg fortsetzte. Der alte Abenteurerroman,
in dem die auftretenden Personen alle Erdteile durchwandern und alle
Meere durchschiffen, ehe der Leser bis zur letzten Seite gelangt, ist
außer Mode gekommen, weil selbst die Kinder ihn für zu weit von der
Wahrheit entfernt halten, obgleich es doch noch jemand gibt, der ihn
erlebt: den Journalisten.

Am selben Tage entführte mich der Expreßzug durch den Simplon nach
Paris.

In Paris wurden in den Redaktionsräumen des „Matin“ starkbesuchte
Versammlungen abgehalten, um die Meinungen über die Wettfahrt
auszutauschen. Neben vielen Teilnehmern an der Wettfahrt hatten
sich Reisende, Diplomaten, die in China gewesen waren, und Gelehrte
eingefunden, die über alle Erdteile die genaueste Auskunft geben
konnten, ohne sie je gesehen zu haben. Die Debatten waren lebhaft
gewesen; die Stenographen hatten mit peinlicher Treue seltsame
Unterredungen, in denen mehr gefragt als geantwortet wurde,
niedergeschrieben. Der zur Verhandlung stehende Stoff erwies sich als
mit mehr Unbekannten gespickt als eine Aufgabe aus der höheren Algebra.

Im ganzen hatten diese Versammlungen einen unleugbaren Nutzen gebracht.
Es war gelungen, die beste Reiseroute festzustellen. Zahlreiche
Telegramme waren nach Peking, nach Petersburg, nach Irkutsk mit der
Bitte um Auskunft abgegangen. Der weise und kluge Wai-wu-pu, der Große
Rat des Himmlischen Reiches, hatte sich darauf beschränkt, mit --
einer Frage zu antworten, die er durch die französische Gesandtschaft
übermitteln ließ:

„_Wie groß ist die Zahl der Automobile, die von Peking nach Paris
fahren wollen?_“

Welche Bedeutung diese Zahl in den Augen des Großen Rates des
Himmlischen Reiches besaß, ist nicht leicht zu begreifen; vielleicht
befürchtete der Wai-wu-pu wieder eine Invasion.

Die Russisch-Chinesische Bank in Peking hatte geantwortet: „_Die Pässe
von Nankou und von Ku-pei-ku sind für Automobile genügend breit, aber
steil und felsig._“

Genügend breit -- die Sachlage erschien in Paris äußerst günstig, wenn
man sie mit den über die sonstigen Straßen eingegangenen Nachrichten
verglich. Der Weg durch Turkestan über Samarkand, der Weg über das
Altaigebirge waren für absolut unmöglich erklärt worden. Es blieb
also nur der Weg durch die Mongolei über Kalgan und Kiachta mit jenen
„genügend breiten“ Pässen.

Die wahre Stimmung der Teilnehmer war nicht allzu ermutigend. In
einer letzten Versammlung erließen die Unterzeichner eine ziemlich
pessimistische Erklärung, die folgendermaßen lautete:

_„Die Schwierigkeiten dieser außergewöhnlichen Wettfahrt erscheinen
nach genauer Prüfung und wochenlangem Studium weit bedeutender, als
wir im ersten Augenblicke glaubten. Peking-Paris ist vielleicht ein
unausführbarer Versuch! Es bietet sich hier eine Gelegenheit für die
Pioniere des Automobilwesens, der Fahrtechnik die Aufgabe zu stellen,
Wüsten, Gebirge, Steppen, die halbe Welt zu durchqueren.“_

[Illustration: Die „Itala“ und Ettore vor der Abfahrt im Hofe der
italienischen Gesandtschaft in Peking.]

Der „Matin“ verglich die Fahrt mit dem Versuche, den Pol zu erreichen.
Das große Publikum hatte sich eine noch entschiedenere Meinung gebildet
als die in der Erklärung der Teilnehmer ausgesprochene und sagte
geradezu: „Peking-Paris _ist_ ein unausführbarer Versuch.“

Ich muß gestehen: als ich am Morgen des 20. März Paris verließ, um
mich in Cherbourg einzuschiffen, dachte ich mit großem Skeptizismus
über die Wahrscheinlichkeit, nach diesem selben Paris auf einem
Automobil zurückzukehren, das von der Hauptstadt Chinas aus seine
Fahrt angetreten hätte. Und in der verschwiegenen Tiefe meines Herzens
dankte ich dem Himmel -- und Nikolaus ~II.~ -- für das Vorhandensein
der die Rolle der Vorsehung spielenden sibirischen Eisenbahn, die mich
vorkommendenfalls in einem entsprechend kurzen Zeitraum nach Hause
bringen würde.

Unterwegs vergaß ich schließlich die Automobilwettfahrt beinahe ganz.
Die Fahrt Peking-Paris erschien mir nicht mehr als der eigentliche
Zweck meiner eiligen Reise um die Erde, sondern nur als eine letzte
problematische Episode, als das zweifelhafte Ende eines „Looping the
Loop“ um unseren Planeten. Übrigens sprachen die Zeitungen bereits
nicht mehr davon. Die Angelegenheit schien in den Abgrund der
Vergessenheit gefallen zu sein, in dem alle überspannten Projekte, alle
Utopien wie durch Schicksalsgewalt verschwinden.

Aber nein! Jemand dachte noch daran, arbeitete, traf Vorbereitungen,
organisierte. Ein kurzes Telegramm ließ mich dies erkennen, eine
Weisung, die mir eines Abends in meinem Hotel in Neuyork zugleich mit
meinem Zimmerschlüssel überreicht wurde. Ich öffnete die Depesche im
Fahrstuhl, der mich zu meinem Stockwerke hinaufbrachte; ich las sie,
las sie wieder und war von ihrem Inhalte dermaßen in Anspruch genommen,
daß ich, ohne es zu bemerken, im vierzehnten Stockwerke anlangte, wo
der Liftmann mich fragte, ob ich beabsichtigte, das Dach des Gasthofes
zu besteigen.

Jene lakonische und geheimnisvolle telegraphische Mitteilung lautete:
„_Eintreffen Peking ersten Juni!_“ Kein Wort weiter.

Und pünktlich wie eine Sonnenfinsternis stieg ich am 1. Juni abends 6
Uhr in der Station Peking aus, auf jenem elenden Bahnhofe, der sich
an den Fuß der prächtigen alten Mauern der Tatarenstadt anlehnt, an
die gewaltigen Bastionen des Tsien-men, des Kaisertors, gleichsam um
im Schatten so erhabener Größe seine eigene Erbärmlichkeit und die
Entweihung des Ortes zu verbergen.

Am selben Abend suchte mich ein italienischer Gendarm im Hotel der
Schlafwagengesellschaft auf und überbrachte mir ein Schreiben, das für
mich auf der italienischen Gesandtschaft abgegeben worden war, sowie
ein Briefchen.

Das Schreiben war von der Redaktion des „Corriere della Sera“ und
ergänzte -- nach beinahe zwei Monaten -- die Depesche, die ich in
Neuyork erhalten hatte. Es benachrichtigte mich, daß ich auf der
„Itala“ des Fürsten Borghese an der Wettfahrt teilnehmen solle. Ich war
sehr erfreut. Eine andere Notiz, die ich mit unverhohlener Genugtuung
begrüßte, besagte, daß ich infolge eines zwischen dem „Corriere della
Sera“ und dem „Daily Telegraph“ geschlossenen Vertrags ersucht wurde,
einen regelmäßigen telegraphischen Nachrichtendienst über die Fahrt
Peking-Paris auch für das große Londoner Blatt zu übernehmen.

[Illustration: Straße in Nankou.]

Ich vergesse nie, daß ich mir meine ersten journalistischen Sporen in
London verdient habe. Seit jener Zeit, die ich als Berichterstatter
auf englischem Boden zubrachte und während der sich meine Seele
an dem großartigen Schauspiel einer einheitlichen, sich über den
ganzen Erdball erstreckenden Tätigkeit weidete, hatte ich ein Gefühl
der Dankbarkeit und überzeugter Bewunderung für England, sowie der
rückhaltlosen Anerkennung des englischen Journalismus in mir bewahrt.
Ich betrachtete die Aufforderung, am „Daily Telegraph“ mitzuarbeiten,
als einen schmeichelhaften Vertrauensbeweis und nahm sie mit
ehrerbietiger Eile an.

Das mir von dem Gendarmen überbrachte Briefchen war vom Fürsten
Borghese. Er war schon vor einer Woche eingetroffen. Er hieß mich
willkommen und ersuchte mich um eine Begegnung am 6. Juni. Wir hatten
uns nie im Leben gesehen, und da es uns beschieden sein sollte,
monatelang zusammenzuleben und Brot und Mühseligkeit während einer
langen, abenteuerlichen Reise zu teilen, so hatten wir beide ein
lebhaftes Verlangen, uns kennen zu lernen. Ich würde sofort zu ihm
geeilt sein, um ihn aufzusuchen, wenn er mir in seinem Billett nicht
mitgeteilt hätte, daß er sich in diesem Augenblicke einige hundert
Kilometer von Peking befinde, in der Absicht, die Straße nach Kalgan zu
erkunden und zu erproben, ein genügender Grund, um mich zu geduldigem
Warten zu veranlassen.

Ich blieb an jenem Abend bis tief in die Nacht auf der Veranda des
Gasthofes sitzen und gab mich den Träumen meiner Phantasie hin. Ich
erkannte mein altes Peking nicht wieder, die prachtvolle Hauptstadt
der Starrheit, die ich vor sieben Jahren verlassen hatte. Damals war
sie da und dort verwüstet infolge der Belagerung der Gesandtschaften
und der Wiedervergeltung von seiten der zivilisierten Welt, aber
sie war noch unberührt in ihrem Geiste und in ihrem Aussehen, sich
selbst treu, seltsam, einzigartig, umgeben von der geheiligten Linie
ihrer ungeheueren Mauern. Jetzt erhoben sich im Gesandtschaftsviertel
in den vom Sonnenuntergange geröteten Himmel eine Menge Dächer
europäischer Paläste und Villen, Kirchturmspitzen, Türme mit und ohne
Uhren, das Profil einer modernen Stadt des Westens, das die in der
Ferne sich erhebenden zierlichen Pagoden innerhalb der Umwallung der
Kaiserstadt zum Teil verdeckte. Elektrische Lampen flammten in der
Straße auf und beleuchteten die Uniformen vorübergehender europäischer
Soldaten. In der Richtung auf das Hata-men-Tor ertönten die Pfiffe
der Lokomotiven. Jeden Augenblick ließ sich im Innern des Hotels die
Telephonklingel vernehmen, die die Klänge eines Orchesters übertönte.
Und das Orchester, ein europäisches, spielte vor einer Versammlung
chinesischer Würdenträger, die ohne Eßstäbchen aßen. Ich dachte daran,
daß wir im Begriff standen, so vielen beklagenswerten Neuerungen noch
das Automobil hinzuzufügen ...! China macht Fortschritte, sagte ich mit
einem gewissen Bedauern zu mir selbst.

Der folgende Tag belehrte mich jedoch, daß China in der Tat keine
Fortschritte gemacht hatte. Denn alle die Neuerungen, die so großen
Eindruck auf mich gemacht hatten, waren gewissermaßen nur Gefangene,
die in einer Art Europäisierungsanstalt eingeschlossen waren; sie
gingen nicht über die Mauern des Gesandtschaftsviertels hinaus, das
überdies stark befestigt war. Ringsherum lag unberührt, sich immer
gleichbleibend, die unermeßliche Stadt, das Peking vergangener
Jahrhunderte. Und in diesem Peking, in einem alten Palaste mit vielen
Höfen, hielt ein Rat weiser und verehrungswürdiger Männer, der
_Wai-wu-pu_, der Große Rat des Himmlischen Reiches, Wache gegen jede
Entweihung durch den Westen.

An der Spitze des Wai-wu-pu stand der berühmte Na Tung, einst
Haupt-Boxer, Ex-Zum-Tode-Verurteilter, dessen Kopf die Mächte als
Bedingung des Friedens von 1900 gefordert hatten. Statt dessen war er
eine Art Minister des Auswärtigen geworden und hatte natürlich seinen
Kopf behalten -- und in dem Kopfe seine Ideen! In diesem Augenblick
war der Große Rat mit Eifer darauf bedacht, das Reich vor einem neuen,
schrecklichen Feinde zu beschützen.

Dieser Feind hieß _Ki-tscho_ oder „Kraftwagen“, eine anmutige
Neubildung, die bei Gelegenheit zur Bezeichnung des Automobils
entstanden war. Man sprach nur vom _Ki-tscho_, wie man einst vom
„_Huo-tscho_“, dem „Feuerwagen“ (auf europäisch: Eisenbahn), gesprochen
hatte. Weshalb kommen die Ki-tscho? Was wollen sie? Angstvolle Fragen,
die den Wai-wu-pu in tiefes Nachsinnen über die Geschicke Chinas
versenkten. In den Kopf eines chinesischen Mandarinen wollte der
Gedanke nicht hinein, daß die Ki-tscho nur von Peking nach Paris fahren
wollten, sogar ohne für dieses mühevolle Unternehmen Bezahlung zu
verlangen. Um nach Paris zu gelangen, existierten raschere, sichere,
bewährte Mittel. Es lagen sicher geheimnisvolle, uneingestehbare Gründe
für eine derartige Seltsamkeit vor. Der Wai-wu-pu zweifelte nicht, daß
Europa ein Experiment plane. Aber was für eins?

Prinz Tching, ein Mann von weitem Blick, neigte zu dem Glauben,
die Europäer wollten die Möglichkeit studieren, mit Hilfe von
Automobilzügen rasch mit China in Verbindung zu treten, ohne fernerhin
genötigt zu sein, es um Eisenbahnkonzessionen zu ersuchen. Die
angeblichen Automobilisten waren selbstverständlich alles Ingenieure
unter dem Oberbefehl eines italienischen Fürsten. Das Projekt bedeutete
den völligen Ruin der chinesischen Eisenbahngesellschaft, die die
Linie nach Kalgan baute, eine Linie, die bereits bis Nankou geführt
worden war. Und an dieser Gesellschaft war Prinz Tching mit Kapital
beteiligt ...

Na Tung betrachtete die Dinge unter einem noch schrecklicheren
Gesichtspunkte. Die Ki-tscho suchten nach seiner Meinung eine Straße
zum Einbruche in das Reich. War nicht früher die Mongolei der Weg
gewesen, auf dem die Gefahr nahte? Hatte nicht die Große Mauer zur
Verteidigung des Reiches nach dieser Seite hin gedient? Welche Mauer
hätte den Durchgang für ein Heer von Ki-tscho sperren können, das
unter dem ersten besten Vorwand eines Boxeraufstandes von den Bergen
herabsteigen und diesmal zur rechten Zeit kommen würde, um -- o
weh! -- die dazu bestimmten Köpfe der diplomatischen Körperschaft
abzuschneiden? Die Automobilisten, die sich an der Fahrt Peking-Paris
beteiligten, waren selbstverständlich nichts anderes als unter dem
Oberbefehl eines italienischen Fürsten stehende Offiziere.

Einen Beweis für den Ernst der Lage fand der Wai-wu-pu darin, daß die
Gesandten von Frankreich, den Niederlanden, Italien und Rußland in
Peking sich lebhaft für das Gelingen der Automobilfahrt interessierten.
Namentlich die ersten drei bombardierten die gestrenge Versammlung
mit offiziellen und offiziösen Noten, in denen sie die sofortige
Ausstellung von Pässen für die Fahrt durch die Mongolei verlangten,
ausgefertigt auf die Namen der Automobilisten, ihrer Landsleute (die
entweder Ingenieure oder Offiziere waren). Was sollte man tun? Man
mußte für das Wohl des Vaterlandes streiten, und der Wai-wu-pu stritt.
Er begann mit der Verweigerung der Pässe.

[Illustration: Unsere Kulis an einem Haltepunkte.]

Es fanden zahlreiche Besuche seitens der europäischen Sekretäre statt;
der Wai-wu-pu bot ihnen Tee an, widerstand aber heldenhaft all ihrem
Ansinnen. Im Grunde genommen war der Wai-wu-pu eigens zu dem Zwecke
geschaffen worden, den Europäern nein zu sagen. Die Europäer verlangten
Häfen, Bergwerke, Eisenbahnen, Universitätslehrstühle, Entschädigungen
für mißhandelte Missionare, und China sah die Notwendigkeit einer
Organisation der Verteidigung ein. Es hatte jenen Tsungli-jamen
gesegneten Angedenkens ins Leben gerufen, dessen Hauptaufgabe darin
bestand, alle europäischen Forderungen in der Schwebe zu erhalten,
indem er die Antworten auf eine ferne Zukunft verschob. Nach dem
Boxeraufstande wollten die Mächte von dem Tsungli-jamen nichts mehr
wissen, und die chinesische Regierung willfahrte ihnen, indem sie den
Wai-wu-pu schuf, der den Vorteil bot, daß er die Forderungen nicht in
der Schwebe ließ: er antwortete sofort mit nein.

Nach den Verträgen konnte China aber denjenigen Fremden, die eine
Provinz des Reiches bereisen wollten, die Pässe nicht versagen. Es
trat noch ein ernster Zwischenfall hinzu, der den Wai-wu-pu von seinem
Entschlusse abbrachte, ein Zwischenfall, der in seiner Tragweite von
den gescheiten Mandarinenköpfen nicht vorausgesehen und gewürdigt
worden war: _die Automobile waren bereits in Peking eingetroffen_!
Schlimmer noch, sie zeigten sich auf den Straßen Pekings, obgleich
ihnen dies verboten war, außer wenn sie darauf eingingen, sich von
einem oder höchstens zwei Maultieren ziehen zu lassen. Wenn man die
Pässe noch länger vorenthalten hätte, so wären diese Teufelsmaschinen
offenbar in Peking geblieben. Sie hätten fortgefahren, die heilige
Ruhe der Hauptstadt zu stören, hätten die Gemüter des Volkes verwirrt,
überall den Samen abendländischer Korruption verbreitet, den Unwillen
der Geister, die Rache des Feng-schui heraufbeschworen. Sie in Peking
zu lassen, wäre dasselbe gewesen, als hätte man den Feind in die
eigene Festung eingelassen. Besser war es, sie möglichst bald wieder
loszuwerden. Und der Wai-wu-pu bot die Pässe an. Aber für den Weg durch
die Mandschurei.

Das diplomatische Ringen begann von neuem. Neue Noten, neue Besuche,
neuer Tee. Die Chinesen verloren an Terrain. Endlich willigten sie ein,
die Pässe für die Mongolei auszustellen, ohne jedoch die Namen der
Automobile darin zu verzeichnen. Die italienische Gesandtschaft wies
sie zurück. Der Wai-wu-pu schickte Pässe, die Strafanträgen glichen.
„Der Ki-tscho ist in China etwas Neues,“ besagten jene kostbaren
Dokumente, „ein Grund, weswegen die chinesische Regierung keinerlei
Verantwortung betreffs der Fahrt übernimmt. Im Gegenteil bleibt der
Reisende voll verantwortlich für jedes Unglück und für jeden Schaden,
der durch ihn oder sein Fahrzeug entstehen könnte, und er ermächtigt
die Behörden, sein Geld und sein Gepäck mit Beschlag zu belegen als
Bürgschaft für die Entschädigung, die er zu zahlen hätte.“ Es war
geradezu eine Autorisation, uns auszuplündern! Die italienische
Gesandtschaft wies auch diese Strafanträge zurück, indem sie dem
Wai-wu-pu ankündigte, der Fürst Borghese und seine Reisebegleiter
würden an dem festgesetzten Tage auch ohne Pässe abreisen, und die
chinesische Regierung würde die Verantwortung für ihre Sicherheit
übernehmen müssen. Vergebens wurden neue Ausflüchte gesucht, um nicht
nachgeben zu müssen, darunter auch der, es sei aus dunkel angedeuteten
politischen Gründen nicht angängig, die mongolischen Fürsten zu
beunruhigen. Schließlich entschloß sich der Wai-wu-pu, die gewünschten
Pässe für die Mongolei auszustellen, indem er sich, als letzte
Genugtuung, um den Schein zu retten, damit begnügte, die Übersetzung
ins Mongolische zu verweigern. Diese Übersetzung hätte die Fürsten
allerdings allzusehr beunruhigt. Und dann mußte man den Fremden doch
etwas verweigern, einem unverletzlichen Prinzip zuliebe, um nicht
gefährliche Präzedenzfälle zu schaffen.

Die Behandlung der Paßangelegenheit gewährte bei den Gesellschaften
der kleinen Diplomatenstadt in Peking reichlichen Stoff zu heiteren
Unterhaltungen. In Wirklichkeit war die Sache jedoch ernst. Sie
bewies, daß die chinesische Regierung heute dieselbe ist wie vor
der internationalen Strafexpedition vor sieben Jahren; sie ist von
derselben Feindseligkeit gegen die Fremden, derselben Unwissenheit
betreffs deren Verhältnisse, sowie von einer unveränderten Anmaßung
und einer unveränderten Treulosigkeit beseelt. Die Invasionen,
die Niederlagen, der Krieg in der Mandschurei haben die Menschen
und die Anschauungen in China in keinerlei Hinsicht geändert. Und
jedermann, der die kleinen Vorkommnisse in den täglichen diplomatischen
Beziehungen zu der chinesischen Regierung aufmerksam verfolgt, erkennt
heute die ernsten Symptome des Fremdenhasses wieder, die der letzten
Belagerung der Gesandtschaften vorausgingen, und sieht eine neue Ära
des Blutvergießens voraus.

Das Warten auf die Pässe verzögerte jedoch nicht die Vorbereitungen zur
Abfahrt der Automobile. Von Schanghai war mit der Hankouer Eisenbahn
eine Ladung Benzin und Öl angekommen, die zur Ergänzung der Vorräte
längs der Straßen durch die Mongolei bestimmt war. Eine Karawane von 14
Maultieren war mit dieser Ladung von Peking abgegangen, und am 4. Juni
zeigte ein von der Russisch-Chinesischen Bank in Kalgan aufgegebenes
Telegramm an, daß schon 19 Kamele unter der Führung eines Lamas nach
der Mongolei unterwegs seien, um das Benzin und das Öl an die Brunnen
von Pang-kiang, von Udde und nach der Stadt Urga zu schaffen. Ein
erster Ergänzungsvorrat erwartete uns in Kalgan.

Von 25 für die Wettfahrt eingeschriebenen Fahrzeugen stellten sich nur
fünf ein. Es waren dies ein _Contal-Dreirad_ von sechs Pferdekräften,
zwei _de Dion-Bouton_ von zehn Pferdekräften, ein _Spyker_ von 15
Pferdekräften und unsere _Itala_ von 50 Pferdekräften. Die ersten
drei waren französischer Herkunft, das vierte holländischer. Das eine
Automobil war von großer Leistungsfähigkeit, aber schwer, die übrigen
vier schwächer, aber leicht. Die _Itala_ war in der Tat 600 Kilogramm
schwerer als der _Spyker_, der schwerste der gegnerischen Wagen, der
mit der gesamten Reiseausrüstung 1400 Kilogramm wog.

In Frankreich waren vom ersten Auftauchen des Planes an alle Fachmänner
darin einig gewesen, daß der Typus eines kleinen Automobils die größten
Aussichten auf Erfolg habe. Auf guten Straßen kann die leichte Maschine
eine geringere Schnelligkeit entwickeln als eine starke und schwere,
aber dafür kann sie mit größerer Leichtigkeit und Schnelligkeit die
Hindernisse an schwer gangbaren Wegstellen überwinden; und auf der
Strecke Peking-Paris mußte man schwer gangbare Stellen sozusagen auf
Schritt und Tritt voraussehen.

Fürst Borghese war dagegen infolge seiner langen Erfahrung, die er
auf Automobilfahrten gesammelt hatte, dabei geblieben, daß ein Wagen
von großer Stärke infolge seines festen Baues die Strapazen einer
abenteuerlichen Fahrt besser aushalten würde und daß die Verminderung
der Stärke durch die des Gewichts nicht aufgewogen würde. Wo eine
Maschine von 1400 Kilogramm eine Schwierigkeit überwinden kann, kann
dies auch eine Maschine von 2000 Kilogramm, zumal diese den Vorteil
besitzt, 30-40 Pferdekräfte mehr zu haben.

[Illustration: Fürst Borghese. Ettore. Die „Itala“ bei Tsche-fo-sa.]

Dieser Kampf zwischen zwei Anschauungen, diese wertvolle Erprobung
zweier Theorien bildete eines der wichtigsten Kennzeichen der
Wettfahrt. Schon seit März machte der „Matin“ aus Anlaß des Beitritts
des Fürsten Borghese mit der „Itala“ auf die Bedeutung des Kampfes
zwischen großen und kleinen Wagen aufmerksam, „von denen die einen
rascher fahren und die andern leichter überall durchkommen können“.

Der „Spyker“, die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Contal“ gelangten
auf dem Wege über Taku nach Peking. Am 4. Juni begaben sich ihre Führer
und mein verehrter Kollege Du Taillis vom „Matin“ auf das Zollamt
in Tientsin, um sie in Empfang zu nehmen. Sie ließen sie auf zwei
Spezialwaggons verladen und geleiteten sie nach Peking. Hier wartete
ihrer eine unangenehme Überraschung. Während des Transports war der
eine der Spezialwaggons verschwunden!

Wer wäre nicht auf die Vermutung gekommen, daß der Wai-wu-pu dabei
seine geheimnisvolle Hand im Spiele gehabt hatte? Aber es erwies sich
sofort, zur Ehre des Wai-wu-pu, daß seine Hand unschuldig war. Der
Waggon war auf einer Zwischenstation vom Zuge losgekoppelt worden und
stand in einem Güterschuppen, ohne daß jemand den Grund dafür anzugeben
wußte, infolge eines jener Zwischenfälle, wie sie sich von Zeit zu Zeit
auf den Bahnen aller Länder ereignen. Nach ihrer Ankunft in Peking
entschädigten sich die Automobile für diese Verspätung dadurch, daß sie
die Stadt an diesem und den folgenden Tagen der Länge und Breite nach
durcheilten.

Die „Itala“, die eine Woche vorher von Hankou gekommen war, beobachtete
eine reserviertere Haltung. Sie hatte vor dem östlichen Tore auf
der Straße nach dem Sommerpalast einige Probefahrten unternommen
und hatte sich dann, mit sich selbst zufrieden, in den Hof der
italienischen Gesandtschaft unter die Obhut Ettores, ihres Mechanikers,
zurückgezogen. Er putzte sie, schmierte sie, untersuchte sie, ging im
Kreise um sie herum und betrachtete sie von allen Seiten, wie es der
Bildhauer mit seinem Werke tut.

_Ettore Guizzardi_, des Fürsten Borghese und mein sympathischer
Reisebegleiter, ist kein gewerbsmäßiger Chauffeur, er ist ein geborener
Chauffeur. Er ist der Sohn eines Eisenbahnmechanikers; von Geburt an
mit den Maschinen vertraut, versteht er sie sofort, von welcher Art
sie auch sein mögen; wie der Züchter das Pferd, beurteilt er sie auf
den ersten Blick.

Seine Geschichte ist ganz eigenartig. Eines Tages -- es sind jetzt wohl
zehn Jahre her -- ereignete sich in der Nähe einer Villa des Fürsten
Borghese, in Albano bei Rom, ein Eisenbahnunglück. Eine Lokomotive
entgleiste und stürzte den Bahnkörper hinab, wobei sie sich überschlug.
Der Fürst, der sich in der Villa befand, eilte mit seiner Dienerschaft
zu Hilfe. Der Lokomotivführer war tot, der Heizer, ein junger Mensch
von 15 Jahren, der im Gesicht verwundet war, wurde ohnmächtig
aufgehoben, in die Villa gebracht und hier geheilt. Es war Ettore, der
Tote sein Vater.

Als der Junge genesen war, bot ihm der Fürst an, in dem Hause, das
ihn aufgenommen hatte, zu bleiben, und machte ihn zum Chauffeur. Zu
jener Zeit besaß Don Scipione eines der ersten Benzinautomobile von
sechs Pferdestärken, eines jener komischen Fahrzeuge, die man jetzt
nicht mehr sieht, mit dem Motor hinten und mit Riemenantrieb, der bei
Steigungen mit Pech bestrichen werden mußte, wenn er seine Pflicht tun
sollte! Ettore machte sich sofort mit allen Geheimnissen jener Maschine
vertraut, zwang sie zum Funktionieren und konnte unter der Leitung
des Fürsten mit ihr eine Reise von Rom auf ein Schloß in Südungarn
antreten, wo Verwandte der Familie Borghese leben. Nach dieser
Probefahrt erhielt Ettore den Auftrag, sich zum Mechaniker auszubilden;
er arbeitete zuerst als einfacher Arbeiter in den Werkstätten der F. I.
A. T. (~Fabbrica italiana automobili-Torino~) in Turin, später in Genua
auf der Ansaldo-Werft, wo er die Schiffsmechanik studierte, sodann in
andern Werkstätten, erwarb sich das Patent eines Mechanikers und kehrte
dann zu den Automobilen des Fürsten zurück.

Von da an standen elf Automobile unter seiner Leitung. Und jetzt
dirigiert er sämtliche Maschinen des Hauses Borghese: die Maschinen
für die Beleuchtung, die Heizungsanlagen, die Motore zum Betriebe der
Wäscherei und die Pumpen; er besitzt eine Werkstatt, wo er sich mit
Reparaturen und mit Erfindungen beschäftigt. Denn Ettore erfindet,
verbessert, bringt neue Apparate an den Automobilen an und er könnte
den Fabriken, die sich dem Bau von Motorwagen widmen, ausgezeichnete
Ratschläge erteilen. Er weiß sich stets zu helfen, stets ein Mittel
gegen jede Beschädigung seiner Maschinen ausfindig zu machen, und ist
stets bereit, mit Hammer und Kopf zu arbeiten. Er arbeitet schweigend,
rasch, in militärischer Weise. Wenn er seinen Namen nennen hört,
antwortet er: „Zu Befehl!“ In seiner äußeren Erscheinung gleicht er
einem Bersagliere.

Das erstemal, als ich ihn sah, lag er unter der „Itala“ so lang er war
ausgestreckt auf dem Rücken, unbeweglich, mit gekreuzten Armen. Im
ersten Augenblick glaubte ich, er arbeite, aber nein, im Gegenteil,
er ruhte aus. Später, unterwegs, bemerkte ich, daß dies eine seiner
Lieblingsstellungen, ein Zeitvertreib für ihn war. Wenn er nichts zu
tun hat, streckt er sich unter dem Automobil aus und betrachtet es,
Welle um Welle, Stück für Stück, Schraube um Schraube. Stundenlang
unterhält er sich in seltsamen Zwiegesprächen mit seiner Maschine.




Zweites Kapitel.

Die Abfahrt.

     Fürst Borghese. -- Die „Itala“. -- Die Vorbereitungen. -- Der
     Abend vor der Schlacht. -- Die Abfahrt.


Fürst Borghese hatte in sechs Tagen 500 Kilometer zu Pferd
zurückgelegt, alle Wege, die nach Kalgan führten, untersucht und ihre
Breite mit Hilfe eines Bambusstabes von der Breite des Automobils
gemessen. Die Fürstin Anna Maria, seine Gemahlin, hatte ihn in
Gesellschaft einer befreundeten Dame auf seinem beschwerlichen Ritte
begleitet, und die beiden Damen, die ebenfalls mit Bambusmeßstäben
versehen waren, hatten wie gewöhnliche Feldmesser bei der Feststellung
der schmalsten Stellen mitgewirkt. An vielen Punkten teilte sich die
Straße, verzweigte sie sich, und es ergab sich somit die Notwendigkeit,
alle Wege kennen zu lernen, um den besten zu wählen. Der Fürst kehrte
nach Peking zurück mit einer vollständigen topographischen Karte im
Kopfe.

Er besitzt ein staunenswertes Gedächtnis. In diesem bleibt alles,
was die Augen gesehen und die Ohren gehört haben, wie auf einer
photographischen Platte haften. Namen, Daten, Redewendungen der
orientalischen Sprachen, die schwierigst zu behaltenden Dinge
bleiben in diesem eisernen Gedächtnis eingegraben. Don Scipione
macht nie Aufzeichnungen; er hat es nicht nötig. Sein Gehirn behält
und verzeichnet alles. Von einer Straße, die er vor zehn Jahren
zum erstenmal zurückgelegt hat, vermag er zu sagen: „Bei dem und
dem Kilometerstein steht der und der Baum.“ Reist er in unbekannten
Ländern, zu Pferde oder im Automobil, so zieht er des Morgens vor dem
Aufbruch vom Halteplatz die Karten zu Rate, und selten braucht er sie
später noch einmal nachzusehen; er erinnert sich der Kreuzwege, der
Himmelsrichtungen, der Entfernungen, der Namen der Gegenden und nennt
sie seinen Reisegefährten, als wäre er ein Führer.

Wenn es uns möglich wäre, alles zu behalten, was wir in unserem Leben
gesehen, gehört und gelesen haben, so würden wir das umfassendste,
reichste und tiefste Wissen besitzen. Fürst Borghese verfügt in der Tat
über ein seltenes Wissen; außerdem besitzt er einen scharfen und kühlen
Verstand, der diesen Stoff geordnet hat. In seinem Geiste herrscht
eine Ruhe, die an die eines Bibliothekars erinnert. Seine Ruhe, seine
Überlegung, seine Logik verleihen seinen Gedanken eine mathematische
Klarheit. Er weist alle Gefühlsregungen von sich, die das Sehen der
Dinge stören, die den Wert der Tatsachen beeinträchtigen. Seine Seele
könnte die eines Generals oder Richters sein. Sympathie für jemand ist
bei ihm ein seltenes Gefühl, aber er ersetzt sie durch Achtung, die
vielleicht mehr Wert besitzt, weil sie ein Verdienst voraussetzt. Und
er weiß die Verdienste zu erkennen, er weiß die Kraft eines Gehirns
oder eines Armes, die Leistungsfähigkeit und Ausdauer einer Maschine
ganz genau zu berechnen. Seine Organisation der Fahrt Peking-Paris ist
ein vollgültiger Beweis seiner Berechnungsgabe.

Dazu tritt noch eine Willenskraft, die der Fürst mehr über sich selbst
als über andere ausübt. Wenn er von jemand, mit dem er bei irgendeinem
Unternehmen zusammenarbeitet, ein Opfer verlangt, so ist er selbst
der erste, der es bringt. Um ein Ziel zu erreichen, vermag er Hunger,
Durst, Strapazen zu ertragen und auszusprechen: Ich habe keinen Hunger,
ich habe keinen Durst, ich bin nicht müde. Seine Leiden, ebenso
wie die Leiden seiner Gefährten haben für ihn nicht den geringsten
Wert gegenüber der Tatsache, daß das Ziel erreicht werden muß.
Empfänglichkeit für unangenehme Eindrücke ist in gewissen Fällen nichts
weiter als Energieverschwendung. Er weist dem Ziele die allerhöchste
Bedeutung zu. Es ist, als habe er sich selbst gegenüber die unbedingte
Verpflichtung übernommen, es zu erreichen, und als wolle er nun sein
Wort um keinen Preis brechen. Darin liegt das Geheimnis aller großen
Erfolge. Wohin er gelangen will, dorthin gelangt er, indem er planmäßig
seine ganze Tatkraft und jedes Mittel aufbietet, über das er verfügen
kann. Er macht eine Frage der Eigenliebe, das heißt des Ehrgeizes,
daraus. Und wenn der Ehrgeiz bei schwachen Menschen ein Fehler ist,
so ist er bei starken eine Tugend. Er ist die treibende Kraft der
schönsten und kühnsten Unternehmungen.

[Illustration: Marsch durch ein chinesisches Dorf.]

Zum erstenmal sah ich den Fürsten Borghese am Tage nach seiner Rückkehr
von Kalgan. Er trug noch seinen Reiseanzug aus Khakistoff, denselben,
den er auch im Automobil tragen wollte und der ihm das Aussehen
eines englischen Offiziers verlieh. Sonne und Bergluft hatten sein
glattrasiertes Gesicht gebräunt, das kluge, ruhige Gesicht eines
geborenen Diplomaten. Der Fürst ist 35 Jahre alt. Sein Gesicht läßt
auf 40 schließen, sein gewandter, kräftiger, elastischer Körper auf
25. Dies sind die Vor- und Nachteile eines regen Sportbetriebes,
des tätigen Lebens in der freien Luft, wo die Muskeln fest werden,
aber die Haut altert. Don Scipione hat sich mit Leidenschaft den
anstrengendsten Formen des Sports gewidmet. Als Bergsteiger hat er
viele der schwierigsten Gipfel der Alpen erklommen, sogar ohne Führer
und mitten im Winter, aus Vorliebe für Schwierigkeiten. Ihm gefallen
die Hindernisse, weil es ihm Vergnügen macht, sie zu überwinden.
Er betrachtet den Sport nur als eine Übung der Kampffähigkeit. Die
Bezwingung eines Berges, eines Pferdes oder eines Automobils macht
geschickt zur Herrschaft über die Menschen. In diesen Kämpfen gegen
Schwierigkeiten, die sein Wille sich auferlegte, trug er seine Wunden
davon. Einmal wollte er ein durchgehendes Pferd aufhalten; er wurde zu
Boden gerissen, und der von dem Pferde gezogene Wagen ging ihm über
den Kopf; er trägt noch die Narbe davon. Ein anderes Mal bestieg er
ein unzugerittenes Pferd und fiel dabei unglücklich aus dem Sattel;
er wurde bewußtlos aufgehoben mit fast völlig abgerissener Nase,
das Gesicht mit Blut bedeckt; ein geschickter Chirurg brachte die
Nase wieder an ihre Stelle und nähte sie an den Wangen fest. Aber
ein geschickter Chirurg ist nicht immer ein geschickter Bildhauer,
und daher ist die Nase des Fürsten etwas unsymmetrisch geblieben. Im
Scherze beklagt er sich darüber, schilt auf seine Nase, beschuldigt
sie, bei Temperaturwechsel rot anzulaufen wie ein chemisches
Barometer; aber diese seine Vorwürfe sind übertrieben; die leichte
Unregelmäßigkeit der Physiognomie ist kaum sichtbar.

Wir begrüßten uns, als hätten wir uns von jeher gekannt. Ein
Handschlag, und wir begannen von der Fahrt zu sprechen. Wie war er auf
den Gedanken gekommen, daran teilzunehmen? Sehr einfach. Alle drei bis
vier Jahre unternimmt er eine große Reise, und dieses Jahr hatte er
sich entschlossen, gerade nach Peking zu gehen, das er noch nie besucht
hatte und wo ein Bruder von ihm, Don Livio, als Geschäftsträger an
der Spitze der italienischen Gesandtschaft steht. Und da las er eines
Morgens in Rom, während er beim Frühstück die Zeitungen durchblätterte,
im „Matin“ von der seltsamen Herausforderung. Sie schien geradezu
auf ihn gemünzt zu sein. Unverzüglich telegraphierte er an die
Automobilfabrik „Itala“ und fragte an, ob sie geneigt wäre, ihm eine
Maschine für diese Fahrt zu liefern, für die er die ganze Organisation,
die Ausführung und die Kosten übernehmen wolle. Die Antwort lautete
natürlich bejahend, und nun meldete er dem „Matin“ seine Beteiligung.
Sofort begann er die Vorbereitungen.

[Illustration: Durch die Sanddünen bei Huai-lai.]

Er nahm an den Versammlungen der Unterzeichner in Paris nicht teil,
sondern beauftragte nur einen seiner Vertreter (es war Fournier,
der Sieger der Automobilwettfahrt Paris-Bordeaux), sich über die
Bedingungen zur Teilnahme an der Wettfahrt zu unterrichten. Es war
nur eine einzige Bedingung zu erfüllen: die Zahlung von 2000 Franken
an den Automobilklub von Frankreich (Kommission für Wettfahrten). Die
2000 Franken würden in Peking an die einzelnen Teilnehmer zurückgezahlt
werden. Übrigens hatte der „Matin“ bereits eine ausdrückliche Erklärung
veröffentlicht: „Es gibt weder Formalitäten, denen man sich zu
unterwerfen hätte, noch Bestimmungen, die hinderlich sein könnten. Es
handelt sich darum, von Peking im Automobil abzufahren und in Paris
anzukommen.“

Die vom Fürsten gewählte Maschine gehörte dem gewöhnlichen
italienischen Typus von 35-50 Pferdekräften an. Am Motor und am
Chassis waren keine Veränderungen angebracht; nur waren die Ecken des
Rahmens und die Federn verstärkt worden, und die Maschine war auf
höhere und stärkere Räder montiert worden als gewöhnlich. Um ihnen
eine größere Widerstandsfähigkeit gegen das Einsinken zu geben, wurden
die Räder mit Pneumatiks von größtem Durchmesser aus der Fabrik von
Pirelli in Mailand versehen. Der Fürst hielt darauf, daß alles an dem
Automobil italienischer Herkunft sei. Die Karosserie bestand aus zwei
Vordersitzen für den Fürsten und den Chauffeur und einem Hintersitze
für mich. Zu den Seiten meines Sitzes waren zwei lange zylindrische
Behälter für das Benzin angebracht, jeder zu 200 Liter Inhalt, die
mit eisernen Ringen befestigt waren. Hinter dem Sitze befand sich
ein Kasten, ähnlich dem Protzkasten der Artillerie, zur Aufbewahrung
der Werkzeuge und Ersatzstücke. Auf dem Kasten war ein dritter
zylindrischer Behälter zur Aufnahme des Wassers angebracht. Das Gepäck
mußte mit Stricken auf dem Kasten und dem Wasserbehälter festgeschnürt
werden. Der Raummangel und die Notwendigkeit, den hinteren Teil des
Automobils, der schon an sich zu schwer war, nicht übermäßig zu
belasten, nötigten uns, das Gepäck auf das unentbehrlichste Mindestmaß
zu beschränken, auf etwa 15 Kilo pro Person. Unter meinem Sitze war ein
100 Liter fassender Ölbehälter angebracht, von dem ein mit einem Hahn
versehenes Ausflußrohr nach außen führte. Unter den Vordersitzen befand
sich eine große Kiste zur Aufnahme des Mundvorrates, der zum großen
Teil aus Büchsenfleisch aus Chicago bestand. Eine Eigentümlichkeit
des Automobils waren die Schutzwände, bestehend aus vier langen,
festen, eisenbeschlagenen und an den Tritten mit einem Scharnier
befestigten Brettern, die leicht abgenommen werden konnten und
gleichzeitig dazu bestimmt waren, beim Passieren von Wasserläufen,
sowie in sumpfigem oder sandigem Gelände als Brücken zu dienen. Im
ganzen hatte unser Fahrzeug, das keinem der sonst bekannten Automobile
glich, ein seltsames und furchtbares Aufsehen. Es machte den Eindruck
eines gepanzerten Wagens, eines Kriegswerkzeuges. Infolge der großen
Benzinbehälter konnte es allerdings auch einen harmloseren Eindruck
machen, indem es ein wenig an einen etwas komplizierten Sprengwagen
erinnerte. (Näheres siehe Anhang ~II~.)

Zur Ergänzung der Vorräte während der Fahrt hatte der Fürst der
russischen Firma Nobel den Auftrag gegeben, auf der Strecke
Kiachta-Moskau in der Entfernung von etwa 250 Kilometer voneinander
Depots anzulegen. Das Benzin und das Öl, das wir mit uns führen
konnten, reichte für 1000 Kilometer aus, was genügte, uns eine gewisse
Freiheit in unserem Reiseplan zu sichern. Das Haus Nobel ist Eigentümer
fast aller sibirischen Petroleumquellen; es besitzt in jeder Stadt
Sibiriens große Niederlagen und Raffinerieanlagen; es hat stets seine
Spezialwaggons auf allen Eisenbahnlinien rollen und ganze Karawanen
von Wagen auf allen Straßen. Die Firma interessierte sich lebhaft
für den Versuch einer Durchquerung Sibiriens mittels des Automobils,
an die sich in Zukunft eine Entwicklung des Automobilwesens in jenen
Landstrichen und ein Verbrauch ihres Benzins knüpfen konnte. Niemand
hätte also besser als Nobel unseren Versorgungsdienst organisieren
können, für den die Arbeit seit März im Gange war.

Die Russisch-Chinesische Bank, die ebenfalls ein unmittelbares
Interesse an jeder Verbesserung der Verkehrsmittel und des
Warenaustausches im fernen Osten hat, erleichterte dem Fürsten seine
Aufgabe dadurch, daß sie ihm wertvolle Auskünfte über die Straßen,
die Einwohner und über die Preise der notwendigsten Dinge gab. Sie
tat noch mehr: sie übernahm die Beförderung des Benzins und des Öls
durch die Mongolei und beauftragte ihre Filialen in Kalgan, Urga,
Kiachta, Werchne-Udinsk und Irkutsk, uns in jeder möglichen Weise zu
unterstützen. Die Russisch-Chinesische Bank verschaffte uns in der
Tat auf der Anfangsstrecke unserer Fahrt die Annehmlichkeiten der
herzlichsten Gastfreundschaft.

Die Vorbereitungen wurden durch den Ankauf der besten Karten der
zu durchfahrenden Landstriche vervollständigt: deutsche Karten von
Ostchina, Karten des russischen Generalstabs im Maßstabe 1:250000,
herausgegeben von dem Kartographischen Institut in Petersburg, und
Karten der Verkehrswege des Russischen Reiches, veröffentlicht vom
Verkehrsministerium.

In den ersten Tagen des April waren der Fürst, Ettore und die „Itala“
reisefertig und konnten Italien verlassen. Sie begaben sich in
Neapel an Bord eines der Dampfer des Norddeutschen Lloyd, der einen
vierzehntägigen Dienst nach dem äußersten Osten unterhält. Am Abend vor
der Abfahrt befanden sich das Automobil und der Chauffeur bereits in
Neapel.

Der Fürst war noch in Rom geblieben, um die letzten Abschiedsbesuche
und die letzten Geschäfte zu erledigen, als ihm ein Telegramm aus Paris
zuging, das ihn in äußerstes Erstaunen versetzte.

In Paris hatte die Verpflichtung, 2000 Franken einzuzahlen, die
Schar der Teilnehmer erheblich gelichtet. Mehrere Unterschriften
waren nur dem berechtigten Wunsche zu verdanken gewesen, den Namen
des Teilnehmers in den Zeitungen gedruckt zu sehen. Sich bei einer
Wettfahrt Peking-Paris Mitbewerber zu nennen und nennen zu lassen, war
eine genügende Reklame; mehr zu tun, wäre des Guten zuviel gewesen.
Die Übrigbleibenden, die Treuen fühlten sich entmutigt. Bei den langen
Diskussionen stellten sich neue Schwierigkeiten heraus, tauchten neue
Probleme auf. Man braucht in der Tat ein Projekt nur zu diskutieren, um
es schließlich absurd zu finden; das Wesen der Diskussion besteht in
den Einwänden. Die Begeisterung stärkt sich am Handeln, verschwindet
aber beim Reden. Das Wort ist zu vernünftig, es sieht alle Hindernisse,
alle Widerwärtigkeiten voraus, es ist pessimistisch. Würde jeder Held
gezwungen, die tapfere Tat, die er sich zu vollführen anschickt, auch
nur eine Minute lang zu diskutieren, so gäbe es kein Heldentum mehr ...
Bei außergewöhnlichen Unternehmungen muß man die Lösung zahlreicher
Probleme dem Augenblick überlassen: es gibt stets Unbekanntes, dem man
gegenübertreten muß; man muß sich in das Abenteuer mit einer gewissen
Dosis Unvernunft stürzen. Diese Unvernunft nennt sich Kühnheit.
Die Kühnheit befindet sich mit dem gesunden Menschenverstande, der
Logik, in allzu starkem Widerspruch, als daß sie einer eingehenden
kritischen Prüfung standhalten könnte. Und hierin liegt vielleicht
der Grund, warum die Teilnehmer an der Fahrt in Paris schließlich zu
dem Entschlusse gelangten, nichts mehr von der ganzen Sache wissen zu
wollen, das Projekt im Stadium des Projekts zu lassen und auf seine
Ausführung zu verzichten. Das dem Fürsten zugegangene Telegramm teilte
ihm den gefaßten Entschluß mit. _Die Wettfahrt Peking-Paris war tot!_

[Illustration: Übergang über einen sandigen Abhang.]

Er antwortete: „Ich schiffe mich morgen in Neapel ein.“ Seine
Entschließung gab den andern den Mut zurück. Eine berechtigte
Eigenliebe bewog sie, es dem italienischen Fürsten nicht allein zu
überlassen, ein Unternehmen zu versuchen, das von französischer
Genialität ersonnen und vorgeschlagen worden war. Und so begaben
sich am 14. April die übrigen Mitbewerber in Marseille an Bord eines
Dampfers der „Messageries Maritimes“, der nach Schanghai bestimmt war.

Es waren tüchtige, in ihrem Berufe als Chauffeur geschickte Männer,
die von den konkurrierenden Firmen unter den Hunderten von Mechanikern
und Chauffeuren, die sich an der Wettfahrt zu beteiligen wünschten,
ausgewählt worden waren. _Cormier_, der Führer des einen „de
Dion-Bouton“, hatte mit einem Wagen von wenig Pferdekräften Spanien
und Ungarn durchreist und war von der Überlegenheit der kleinen
Automobile auf einer langen Fahrt überzeugt. „Acht Pferdekräfte“,
hatte er erklärt, „nur acht Pferdekräfte genügen mir“, und er hatte
zehn. _Colignon_, der Führer des zweiten „de Dion-Bouton“, hatte sich
ebenfalls auf schwierigen Dauerfahrten bewährt. Ein interessanter Typus
eines kühnen Mannes war _Pons_, der Führer des Dreirads „Contal“,
der sich seiner schwierigen Aufgabe mit voller Hingebung widmete. Er
würde nur vor der absoluten Unmöglichkeit zurückweichen. Er war ein
entschlossener, tapferer Mann, gewissenhaft, opferbereit. Wenn man
ihn sah, wenn man ihn kennen lernte, so begriff man, daß er sein Blut
hingegeben haben würde, wenn es zur Überwindung einer Schwierigkeit
erforderlich gewesen wäre, Blut anstatt Benzin zu verwenden. Die
kleine französische Gruppe wurde durch die unveränderlich gute Laune
_Bizacs_ erheitert, des Mechanikers der „de Dion-Bouton“, eines
früheren Mechanikers der Kriegsmarine, dem von dem Leben an Bord
mitten unter den riesigen Maschinen ein instinktives Gefühl für
Disziplin und Pünktlichkeit, eine Unempfindlichkeit für Strapazen
und Klimaunterschiede geblieben waren. Er war die lebendige Uhr der
Reisegefährten, für die er vom Morgengrauen bis zum späten Abend
funktionierte, unerbittlich wie die Zeit, unempfindlich für die
Beleidigungen, die unfehlbar dem Munde desjenigen entströmten, den er
mit rauher Hand der Wohltat des Schlafes entriß. Bei der Expedition
befanden sich auch zwei Journalisten: der Franzose Du Taillis und der
Italiener Longoni.

_Du Taillis_ hatte ich auf der Konferenz von Algeciras kennen gelernt,
wo er den „Figaro“ vertrat. In der Langenweile jener end- und
zwecklosen Zusammenkunft von Diplomaten bedeutete das Zusammentreffen
mit Du Taillis für mich jedesmal eine heitere Viertelstunde. Stets
hatte er Anekdoten über alle und über alles in Bereitschaft,
und er erzählte sie mit unwiderstehlichem Humor. Er war eine
ewigsprudelnde Quelle von kleinen Notizen, von politischem Allerlei,
von diplomatischen Episoden, die er mit liebenswürdigem Skeptizismus
erzählte. Sein Wort und seine Feder waren immer interessant, sogar die
Berichte über die Sitzungen in jenem berühmten „roten Saale“, und er
griff alles auf, was es an Lustigem, an Komischem und Lächerlichem bei
jenen langwierigen und inhaltsleeren internationalen Beratungen gab.
Eines Tages verließ ich die Konferenz, um nach Fez zu gehen, und mit
der Konferenz verließ ich auch Du Taillis. Und nun sahen wir uns in
China wieder.

[Illustration: Die „bessere“ Straße in der Nähe von Hsin-wa-fu.]

Hinter der goldenen Brille betrachtete mich aufmerksam sein lächelndes
Gesicht, das durch ein kokettes blondes Bärtchen breiter erschien.
Wir standen in der Vorhalle eines Gasthofes, mitten in dem Hinundher
von chinesischen Boys, von Kuriositätenhändlern, von Fremden, die
frühstücken wollten. Mein Kollege war etwas verändert: im oberen Teil
seiner Erscheinung durch einen mächtigen Tropenhut, im unteren Teile
durch ein Paar prächtiger Ledergamaschen. Aber im übrigen war er der
alte und ließ mir keinen Zweifel an seiner Persönlichkeit. Wir eilten
aufeinander zu und begrüßten uns herzlich. Wir erzählten uns den Anlaß
unserer Anwesenheit auf dem geheiligten Boden des Himmlischen Reiches
und unterhielten uns lachend über den Wai-wu-pu.

_Longoni_, ein sympathischer junger Mann, befand sich bei der
Expedition mehr aus Liebe zum Sport als im Dienste der Journalistik. Er
sollte die Fahrt auf einem der „de Dion-Bouton“ antreten.

       *       *       *       *       *

Inzwischen nahte der Tag der Abfahrt.

Die Europäer von Tientsin und Peking sprachen jetzt von nichts anderem.
Doch ließ sich nicht leugnen, daß noch viele im Publikum ungläubig
blieben. Es gab zwei Klassen von Ungläubigen: die absoluten, die
nicht einmal an die Abfahrt glaubten, und die relativen, die an eine
sofortige Rückkehr nach Peking nach einem vergeblichen Versuche, das
Gebirge von Nankou zu überschreiten, glaubten. Ohne Zweifel bot die
Überschreitung des Gebirges solche Schwierigkeiten, daß selbst der
Fürst, wie er sagte, nicht sicher war, sie zu überwinden.

Die Möglichkeit, die ganze Straße nach Kalgan mit dem Motor zu
befahren, war ausgeschlossen. Vor allem, weil keine Straße existierte.
Die Karawanen von Kamelen, Maultieren, die Wagen, die Sänften, die sich
seit Jahrtausenden von Peking nach Kalgan und von Kalgan nach Peking
begaben, hatten nichts anderes geleistet, als daß sie schmale Fußpfade
ausgearbeitet und die am wenigsten ungangbaren Pässe ausfindig gemacht
haben. Von Zeit zu Zeit waren sie von ihrer Reiseroute abgewichen, je
nachdem ein Bergsturz einen früher gangbaren Weg verschüttet oder eine
Überschwemmung im Unterlande die schmalen Wege in der Ebene überflutet
hatte. Die Automobile mußten also von Maultieren und Menschen gezogen
werden. Sich ausschließlich der Tiere zum Ziehen zu bedienen, war
gefährlich, weil sie eine zu schnelle Gangart einschlugen; man kann
von einem Maultiere nicht eine überlegte Anstrengung verlangen, nicht
fordern, daß es jetzt vorsichtig und dann wieder mit Aufbietung
aller Kräfte vorgeht. Hier mußten Menschen regelnd eingreifen. Aber
konnten die Automobile, selbst wenn sie geschleppt wurden, überhaupt
hinüberkommen? An vielen Punkten hatte der Bambusstab des Fürsten kaum
die genügende Breite ergeben, und an andern würde ein kleines Versehen
in der Steuerung genügen, einen Rad- oder Achsenbruch herbeizuführen.

[Illustration: Im Gebirge.]

Es gibt in Peking eine uralte Verkehrseinrichtung, eine Art Privatpost,
deren man sich bedient, um Gegenstände nach einem beliebigen Teile
des Reiches zu befördern. Sie erfreut sich kaiserlicher Privilegien,
besitzt Wagen, Pferde und hat Kulis und Karawanenführer in ihrem Solde.
Der Fürst fragte bei ihr an, ob sie die Aufgabe übernehmen wolle, das
Automobil nach Kalgan zu schaffen. Der Direktor des Unternehmens, ein
langer Chinese, hager wie ein Pfahl, stellte sich in der italienischen
Gesandtschaft ein, um den Ki-tscho in Augenschein zu nehmen. Ihm folgte
eine Schar von Kulis, bewaffnet mit Achsen, mit Stangen, mit jenem
ganzen kolossalen Apparate, dessen sich die Chinesen zum Transport
ihrer schweren Sarkophage bedienen. Auf einen Wink des langen Chinesen
stürzten sich diese Leute auf das Automobil, zum großen Verdruß
Ettores, setzten ihren Leichenapparat in Tätigkeit und hoben den Wagen
auf, um das Gewicht zu prüfen. Allein sie konnten keine zwei Schritte
tun ohne zu schwanken, denn das Fahrzeug machte Miene, wieder auf
die Erde zu kommen und riß einige der Leute mit zu Boden. Der Hagere
erklärte, der Ki-tscho sei schwerer als ein Berg; es würde unmöglich
sein, ihn hochzuheben; wenn aber der edle und verehrungswürdige Herr
Po (Borghese) ihn um einige tausend Pfund leichter machen könne,
so wäre es möglich, ihn mit Hilfe von 35 Mann und vier Maultieren
fortzuschaffen.

Der edle und verehrungswürdige Herr Po willfahrte ihm. Das Automobil
wurde um etwa 500 Kilo leichter gemacht, indem die Karosserie
abgenommen und durch eine bescheidene Sitzgelegenheit ersetzt wurde,
die sinnreich aus einer Packkiste hergestellt worden war. Auf den
Tritten wurden die Werkzeugkasten untergebracht. An den Schutzwänden
wurden die Spitzhacken und Spaten befestigt. Feste Stricke, dicke
und dünne, fanden eine passende Unterkunft in der Sitzkiste, auf die
eine Seegrasmatratze gelegt wurde, um sie ihrer neuen Bestimmung
besser anzupassen. Das Automobil erschien gänzlich verändert. Seltsam,
einfach und schlank, machte es in der Tat den Eindruck von Ungestüm
und Entschlossenheit. Jede Spur von Luxus, von Bequemlichkeit war
verschwunden, es hatte den letzten Anschein eines Dinges verloren,
das zum Vergnügen gebaut worden war; es schien zum Angriff geboren,
geplant, um gegen irgendeinen Feind mit dem ganzen Ungestüm seiner
unsichtbaren Kräfte losgelassen zu werden. Seines Überflusses
beraubt, hatte es eine neue Schönheit gewonnen: die Schönheit des
Nackten. Auch die Spitzhacken, die Spaten, die Stricke verliehen
ihm ein undefinierbares Etwas von Kühnheit. Es war in der Tat ein
Pionierfahrzeug. Man begriff, daß es dazu bestimmt war, auf Wegen zu
fahren, auf denen noch nie ein anderes gefahren war. Wir bewunderten
es noch mehr, ohne zu wissen warum, und wiederholten immer und immer
wieder: „Wie schön ist es doch!“

Es wurde vereinbart, daß die Kulis und die Maultiere uns in der Nähe
von Nankou erwarten sollten. Für die französischen Automobile und den
„Spyker“ wurde eine ähnliche Beförderung vorgesehen. Um die Arbeit
der Chinesen zu überwachen, beorderte die französische Gesandtschaft
einen Zug Soldaten, die des Landes kundig waren. Unsere Gesandtschaft
schickte fünf Matrosen. Der Kommandant der italienischen Besatzung in
Peking schenkte der „Itala“ eine kleine Flagge aus Wollenstoff, die
sofort auf dem Automobil aufgepflanzt wurde. Es war unsere Kriegsflagge.

Wenn es schon in China noch Ungläubige gab, so mußten deren in Europa
noch viel mehr sein! Ich habe einen Beweis davon an den Telegrammen,
die ich erhielt und die „von der Wahrscheinlichkeit“ sprachen, „daß
die Wettfahrt nicht stattfinde“. Ich antwortete, indem ich kurz die
Vorbereitungen schilderte, und der Telegraph brachte mir getreulich das
Echo eines unveränderten Skeptizismus zurück. Ich wurde unruhig; ich
fürchtete in der Tat, man wisse in Europa mehr davon als ich. Ich eilte
zum Fürsten.

„Was gibt es Neues?“ fragte ich ihn.

„Nichts.“

„Keine Verzögerung?“

„Keine.“

„Die Abfahrt findet am 10. statt?“

„Um 8 Uhr früh.“

Endlich sprachen wir nicht mehr vom 10., wir sprachen von „morgen“. Es
war der Abend vor der Schlacht.

Die Züge von Tientsin brachten Offiziere, dort ansässige Europäer,
Damen, Touristen. Sie brachten auch die Kapelle der französischen
Besatzung, die sofort das Gesandtschaftsviertel mit musikalischen
Harmonien zu überschütten begann. Ich brachte viele Stunden mit
der schwierigen Aufgabe zu, ein Gepäckstück zurechtzumachen, das
15 Kilo wog und von allem etwas enthielt; die Boys des Gasthofs
unterstützten mich bei dieser Riesenarbeit. Inzwischen wurden für
die Gesandtschaften und die Gasthöfe die letzten Weisungen erteilt:
„Versammlung 7 Uhr 30 Minuten vormittags im Hofe der französischen
Kaserne Voyron. Abfahrt um 8 Uhr. Ausfahrt aus Peking durch das
Doschmen-Tor (eines der Tore im Norden der Stadt).“ Ich eilte zu
den wichtigsten Behörden und den hohen Beamten der Kaiserlichen
Telegraphenverwaltung, um den telegraphischen Dienst zu organisieren.
Dort traf ich einige brave chinesische Jünglinge an, voll ruhiger
Bereitwilligkeit, mit denen ich bei einigen Tassen Tee bald einig
wurde. Die Telegraphenämter der Mongolei würden bereit sein, meine
Depeschen zu befördern. Abends war Abschiedsessen mit großer Kneiperei.
Das Haupt der Pekinger Polizei, ein würdevoller Mandarin, stellte
sich auf Befehl des Hofes dem Fürsten vor, um ihn zu fragen, welchen
Weg wir im Innern der Stadt nehmen würden, damit ein Ordnungsdienst
eingerichtet und die Straße gesprengt werden könnte. Bald nach seiner
Ankunft ließ uns der Wai-wu-pu auch unsere Pässe zustellen. Welch
wunderbarer Umschwung hatte sich im Geiste jener erlauchten Versammlung
vollzogen?

In dem feierlichen Schweigen der Pekinger Nacht, das kaum durch das
Schlagen des Tamtams unterbrochen wurde, das sich alle Stunden näherte
und entfernte und das Vorüberziehen einer Polizeironde anzeigte, in
diesem ernsten Schweigen, das von Zeit zu Zeit aus der Ferne einen
geheimnisvollen Gongton herüberschallen ließ, lag ich aufgeregt und
schlaflos; ich litt in der Tat unter einem Gefühl des Zweifels. Ich
empfand wieder die Atmosphäre Pekings, und die Wettfahrt erschien mir
wie ein Traum. Alles Vorgefallene nahm mit einem Schlage in meinem
Geiste die Gestalt des Unwahrscheinlichen an. Das Vorhandensein eines
Automobils in Peking schien mir unsinniger als das einer Sänfte auf
der London Bridge. Empfinden, daß man in Peking ist, heißt, sich
um Jahrtausende zurückgeschleudert fühlen, in ein weit entferntes,
unveränderliches Leben. Jene tausendjährige Zivilisation hat den
Gipfel ihrer Vollkommenheit erreicht und will ihn behaupten, indem sie
stehenbleibt. Ein einziges Ding nur schreitet fort: die Zeit. Eine
Art Erstarrung schwebt in der Luft, die dich bis zu einem gewissen
Grade packt und überwältigt. Es gibt keinen Europäer, der bei längerem
Aufenthalte hier im Geiste nicht etwas Chinese wird. Dieses Vergessen
der Gegenwart wird vielleicht mit dem feinen Staube eingeatmet, der
hier von so vielen altertümlichen Dingen herabrieselt. Auf einer
Fahrt durch die Straßen von Peking und von China vermochte ich mir
unsere „Itala“ nicht vorzustellen. „Um 8 Uhr Abfahrt!“ Leere Worte!
Um 8 Uhr wird das Automobil unbeweglich stehengeblieben sein, und
die künftigen Jahrhunderte werden es unbeweglich an derselben Stelle
finden, verwandelt in ein chinesisches Monument gleich jenen kolossalen
Schildkröten aus Stein, die man auf den Tempelhöfen erblickt, als
Schmuck und Symbol. --

[Illustration: Überwindung der Sandhänge von Ta-tu-mu.]

Grau, bewölkt brach der Tag an, ein grämlicher Tag. Bis zum
vorhergehenden Abend hatte sich das Wetter schön gehalten, in der Nacht
aber schien es, als hätten die chinesischen Gottheiten den sofortigen
Beginn der gefürchteten Regenzeit beschlossen.

„Wird es regnen?“ fragte ich den Boy, der mich wecken gekommen war.

Er betrachtete die Wolken.

„Ja, Herr,“ erwiderte er, ohne zu zögern, „es wird schon morgen früh
regnen.“

„Und später?“

„Auch später.“

Ich überbrachte diese Prophezeiung dem Fürsten. Die „Itala“ stand
schon reisefertig vor der Villa des Gesandten. Ettore hatte hier noch
einen Knoten zu knüpfen, dort einen Strick fester anzuziehen und ging
mit großen Schritten um das Fahrzeug herum, mit einem blinkenden Paar
Wasserstiefel angetan. Um 7 Uhr waren die Matrosen der Bedeckung
auf der Eisenbahn nach Nankou befördert worden, und am Abend vorher
hatten zwei Wagen mit unserem Gepäck und der abgehobenen Karosserie
Peking unter der Aufsicht des Ma-fu, Pietro, des Reitknechts der
Gesandtschaft, verlassen.

[Illustration: Das Automobil am Hun-ho von einer Sänfte überholt.]

Es blieb uns nichts anderes übrig, als die Stunde zu erwarten, zu der
wir uns auf den Weg machen konnten -- eine ermüdende Beschäftigung. Es
schien, als brauchten die Zeiger der Uhr Stunden, um fünf Minuten zu
durchlaufen. Inzwischen wechselten wir Worte der Begrüßung und drückten
uns die Hände. Unsere tapferen, sympathischen Offiziere waren zur
Stelle, wünschten uns Glück zur Fahrt und strichen mit ermutigenden
Gebärden über das Fahrzeug, als sei es ein Pferd. Ein Kapuzinerpater
mit dem offenen, ehrlichen Gesicht eines Soldaten kam in Eile an, über
und über glühend vor Begeisterung, und sprach Segensworte zu uns. Es
war der Kaplan der italienischen Besatzung und der Gesandtschaft.

[Illustration: Abfahrt der „Itala“ aus Peking.]

7½ Uhr! Ein Karabiniere kommt von der Straße herein und meldet: „Die
Franzosen sind bereits in der Kaserne.“

„Auf die Maschine!“ ruft der Fürst, der damit das Kommando über die
kleine Expedition übernimmt.

Auf dem Automobil drängen wir uns zu fünf Personen zusammen. Die
Fürstin Anna Maria -- auch sie eine unerschrockene und kühne Reisende,
die ihren Gatten nach Persien begleitet hatte und von der Don Scipione
sagt, sie liebe das Reisen so leidenschaftlich, daß sie, um zu
reisen, sogar die Eisenbahn benutzen würde --, Don Livio Borghese,
der italienische Geschäftsträger, ein ebenso sympathischer und
liebenswürdiger Herr als kenntnisreicher und gewandter Diplomat, Fürst
Scipione, ich und Ettore. Don Livio und die Fürstin verlassen uns am
ersten Haltepunkt, in Nankou.

Ich weiß nicht, durch welches Wunder der Willenskraft und der
Äquilibristik wir uns zu vieren auf der zur Würde eines Sitzes
erhobenen Gepäckkiste halten können. Wir halten uns an den Stricken,
an den Schutzwänden, und wie unsichere Reiter messen wir mit den Augen
die Entfernung bis zur Erde. Ettore hat die Kurbel des Motors gedreht
und sich auf den Benzinbehälter gekauert, mitten in ein Ersatzpneumatik
hinein; er gleicht einem an einem Rettungsring befestigten
Schiffbrüchigen. Der Motor summt. Der Fürst, der das Steuerrad hält,
fragt:

„Fertig?“

„Ja, fertig.“ Das Automobil gleitet lautlos über den Sand des
Gartenweges.

„Viel Glück!“ ruft man uns zu.

„Adieu!“

Am Gitter der Gesandtschaft steht die gesamte Wache und salutiert.
Der Posten präsentiert das Gewehr. Wir sind auf der Straße. Welch
ungewohnte Lebendigkeit im Diplomatenviertel, das in der Regel bis
zehn Uhr schläft! Alle Rikschas von Peking sind im Dienst und führen,
von allen Seiten herbeieilend, eine vornehme Schar von Damen und
Herren heran. Vor der Kaserne Voyron staut sich eine Menge Chinesen,
untermischt mit Soldaten jeder Nationalität. Flaggenschmuck ziert
die Mauern, und grüne Laubgewinde ziehen sich um die Flaggen. Ein
Vorhang spannt sich quer über die Straße; auf ihm steht geschrieben:
~„Bon voyage!“ „Bon voyage!“~ ist der Gruß, der uns aus jedem Munde
entgegentönt. Ein Unbedachtsamer ruft: „~Au revoir~, auf Wiedersehen!“
-- die Menge lacht.

Der Hof der Kaserne ist gedrängt voll. Man hätte an das Abwiegen bei
einem Pferderennen an einem Grand Prix-Tage denken können. Alle Fremden
hatten sich hier ein Stelldichein gegeben. Die wenigen Europäer und
Amerikaner, die über die entferntesten Teile von Tschili zerstreut
leben, fanden sich an diesem Punkte zusammen. Es war die Seele unserer
Rassen, die innerhalb dieser Mauern ihre Schwingen regte. Jedermann,
welcher Nationalität er auch angehören mochte, empfand Stolz über
das Ereignis, das ihn zu erscheinen veranlaßt hatte. Es war eine Art
Solidarität der Kultur, der Erziehung, des Instinkts. Man muß sich in
der Ferne befinden, allein mitten in einer andern Zivilisation, um die
Verbrüderung der eigenen Zivilisation zu bekunden. Man feierte ein
abendländisches Fest im Herzen von Peking.

Unter das Personal der Banken, der Handelshäuser, unter die
Bevollmächtigten der Syndikate mischten sich einträchtig die
Angehörigen der Gesandtschaften, Damen, Offiziere, Gesandte. Die
Gesandten von Frankreich, Holland, Österreich, Rußland tauschten Grüße
in allen Sprachen aus. Ein würdig aussehender alter kleiner Herr mit
charakteristischem weißem Bärtchen, das ihm etwas Chinesisches gab,
mit lebhaftem, energischem, durchdringendem Blick drängte sich durch
die Menge, die ihn achtungsvoll grüßte und halblaut sagte: „Auch Sir
Robert ist hier?“ Es war Sir Robert Hart, der große Volkswirt.

Jetzt hält eine Sänfte an der Kasernenpforte, und heraus steigt
ein junger Würdenträger, der Mandarin Kwo, einer der Sekretäre des
Wai-wu-pu, der sich endlich daran erinnert hat, daß er von Paris aus
zum Mitglied eines nur in der Idee bestehenden „chinesischen Komitees
für die Wettfahrt Peking-Paris“ ernannt worden war. Er vertrat die
Kaiserliche Regierung bei der Feier, indem er sich höflich nach allen
Seiten verneigte und den Abreisenden sowie den andern fortwährend
wiederholte: ~„Good bye, good bye!“~

Die „Itala“ wartete draußen auf der Straße. Auf dem Hofe, den eine
Menge Neugieriger erfüllte, standen die beiden „de Dion-Bouton“, der
„Contal“ und der „Spyker“ in voller Reiseausrüstung. Die französischen
Fahrzeuge waren grau gestrichen, das holländische weiß, rot und schwarz
gestreift -- alle bedeckt mit großen Inschriften, die die Reiseroute,
die Entfernungen usw. angaben. Eine große alte chinesische Kanone in
der Nähe der Automobile, die die Franzosen zur Zeit der Belagerung
der Gesandtschaften erobert hatten und die die Kaserne zieren mußte,
bot einen seltsamen Gegensatz. Aber bei dieser Gelegenheit hatte sich
die alte Kanone ebenfalls mit Flaggen und grünem Laube geschmückt und
schien an dem Feste teilzunehmen. Auch sie hatte sich milder stimmen
lassen, wie der Wai-wu-pu. Die Kapelle spielte Militärmärsche, während
die Teilnehmer an der Fahrt die angenehme Formalität erfüllten, aus den
Händen eines Vertreters der Russisch-Chinesischen Bank die hinterlegte
Summe von je 2000 Fr., die sie in Paris für die Einschreibung
eingezahlt hatten, zurückzuerhalten. Du Taillis bewegte sich allein
in der Menge, und sein ausdrucksvolles Gesicht trug die Spuren einer
tiefen Bewegung.

Jetzt ist es Zeit!

Die Führer und die Mechaniker begeben sich zu ihren Fahrzeugen. Die
Motore surren, und aus den Auspuffern strömen dichte Rauchwolken.
Die Menge wird lauter. Viele Offiziere, die zu Pferde gekommen sind,
steigen in den Sattel. Hunderte von photographischen Apparaten richten
sich auf uns. Wir Italiener beeilen uns, von neuem die „Itala“
zu besteigen, die erzitternd ächzt, als brenne sie vor Ungeduld,
die rasende Fahrt zu beginnen. Die übrigen Automobile fahren zum
Kasernenhofe hinaus.

Es ist keine bestimmte Reihenfolge für die Abfahrt festgesetzt;
der Zufall läßt uns auf der Straße folgende Ordnung einnehmen: „de
Dion-Bouton“, geführt von Cormier, „Spyker“, geführt von Godard,
„Itala“, „de Dion-Bouton“, geführt von Colignon, „Contal“, geführt
von Pons. Die Automobile stehen noch still und erwarten das Zeichen
zur Abfahrt. Die Kapelle marschiert aus der Kaserne heraus und stellt
sich als Ehrengeleit an die Spitze des Zuges. Die Menge umringt
uns und bricht in begeisterte Jubelrufe aus. Eine elegante Dame,
Madame Boissonnas, die Gattin des Ersten Sekretärs der französischen
Gesandtschaft, übernimmt mit Anmut das Amt des Starters.

Sie hebt die Flagge.

Ein Augenblick der Stille folgt in der Menge, nur das Sausen der Motore
läßt sich vernehmen. Der Rauch umgibt uns in langgezogenen Streifen und
trennt uns von den Umstehenden.

Die Flagge senkt sich.

Ein Krachen von Petarden und Mörsern bricht los. Wir bewegen uns mitten
in diesem Schlachtgetöse. Wir fahren ab.

Die Musik marschiert vor uns her und läßt die feurigen Klänge eines
Kriegsliedes ertönen. Wir fahren im Schritt. Die Offiziere zu Pferde
eskortieren uns zu beiden Seiten. Die Menge folgt uns lärmend und
schwenkt Taschentücher und Hüte. Wir hören unsere Namen, von den
Stimmen unserer Freunde gerufen.

Wir fahren durch die Straße, an der die österreichische Gesandtschaft
liegt und die zu beiden Seiten von hohen Mauern von klösterlichem
Aussehen eingefaßt ist, schnurgerade wie ein Weg auf dem
Exerzierplatze. Wir erhalten vereinzelte Grüße von den Wachttruppen,
und die Schildwachen lächeln uns zu, da sie uns nicht grüßen dürfen.
Wir biegen um die Ecke der italienischen Gesandtschaft und gelangen
damit aus dem Diplomatenviertel heraus auf die breite Allee, die dieses
von der Eingeborenenstadt trennt.

Als unser Automobil in der Allee erscheint, bricht ein fürchterliches
Geschrei aus. Die Außenmauer der italienischen Gesandtschaft ist dicht
von unseren Matrosen besetzt, die stehend, als befänden sie sich auf
den Rahen ihrer Schiffe, uns ein dreifaches Hurra zum Gruße zujubeln.

Wir fühlen einen seltsamen Drang in uns; wir haben die Empfindung, als
könnten wir mit einem Rufe antworten, der weit lauter ertöne als der
ihre, als könnten wir die mächtige Stimme unserer Erregung über die
ganze unermeßliche Stadt hin erschallen lassen; wir können aber nichts
weiter tun, als schweigend den Hut ziehen. Und unser Blick durchläuft
mit liebevollem Erfassen jene hochherzige, tapfere Schar, die uns von
der Höhe der Mauern herab zujubelt, von denen sie vielleicht eines
Tages zum Kampf heruntersteigen muß.

Die Kapelle hört auf zu spielen und tritt beiseite. Die lärmenden
Begrüßungen schweigen. Nichts hält uns mehr auf. „Vorwärts? --
Vorwärts!“ rufen die Führer, und die Automobile steigern allmählich
ihre Geschwindigkeit. Die Motore stimmen einen höheren Ton an. Hinter
uns setzen sich die berittenen Offiziere in Galopp, aber die Entfernung
vergrößert sich, und wir verlieren sie aus den Augen.

Auf der Straße, die schwarz ist von chinesischen Soldaten, zwischen
zwei Reihen einer stumm dastehenden Bevölkerung sind nur noch die fünf
Automobile zu sehen, die sich hintereinander durch die Hauptstadt des
Himmlischen Reiches mit einer Schnelligkeit bewegen, die dort noch nie
gesehen worden ist und vielleicht auch nie mehr gesehen werden wird!




Drittes Kapitel.

Zur Großen Mauer.

     Die Weisheit der Unwissenheit. -- Auf den Brücken von Kambaluk. --
     Unsere Kulis. -- In Nankou. -- Das heilige Tal. -- Die Große Mauer
     in Sicht.


Eine Polizeiverordnung hatte genügt, um den gewaltigen, vielgestaltigen
Verkehr Pekings auf unserem ganzen Wege von acht Kilometer Länge zum
Stillstand zu bringen. Die rohen zweirädrigen Wagen, das öffentliche
Verkehrsmittel der Stadt, warteten zur Seite und stauten sich an den
Kreuzungen und Mündungen der großen Seitenstraßen. Die Menge, an Zucht
und Gehorsam gewöhnt, stand längs der endlosen Zeilen niedriger Gebäude
und elender Hütten, von denen die Hauptverkehrsadern Pekings eingefaßt
werden, in Reihen aufgestellt, mit dem Rücken an die schwarzen,
rauchigen Schenken gelehnt, aus denen ein warmer Knoblauchgeruch den
Vorübergehenden entgegenschlug; sie drängte sich auf den Schwellen der
Kramläden mit ihren Fassaden aus geschnitztem, bemaltem, vergoldetem
Holz, von denen herab eigenartige Schilder, Drachen, Fransen von roter
Seide, lackierte Tafeln mit Goldbuchstaben in die Straße hineinhängen:
kurz jener ganze kennzeichnende Wirrwarr von Farben und Formen, der
die chinesischen Geschäfte wie zu einem täglichen Feste schmückt, ein
Wirrwarr, der sich unter lautem Geräusch bewegt, schaukelt und hin und
her schwankt.

[Illustration: Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe
von der Volksmenge studiert.]

Auf den Straßen befand sich die gewohnte kaufende und handeltreibende
Bevölkerung, sorglos und von malerischem Aussehen, wie sie sich alle
Tage einfindet, nicht eine Menge, die eigens zu dem Zwecke gekommen
war, um uns zu sehen. Das Schauspiel einer Automobilfahrt ließ die
guten Pekinger völlig kalt. Es waren Zuschauer ohne Neugier und ohne
Feindseligkeit. Viele würdigten uns kaum eines Blickes. Es schien, als
hätten sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes gesehen. Wir empfanden
beinahe ein Gefühl der Demütigung darüber. Wir hatten erwartet, in
der Bevölkerung die Äußerungen größten Staunens hervorzurufen, statt
dessen bemerkten wir nur Äußerungen einer erhabenen Gleichgültigkeit.
Die Wunder unserer Zivilisation genießen nicht einmal die Ehre, die
Aufmerksamkeit eines chinesischen Straßenjungen zu erregen. Es gibt
nichts Europäisches, das einen Sohn des Himmels überraschen könnte.
Es herrscht dort draußen die Ansicht, daß wir Zauberkräfte besitzen,
geheimnisvolle Eigenschaften, mittels deren wir Organismen von Stahl,
die zu jeder Arbeit fähig sind, beleben können; die Sache geht mit
natürlichen Dingen zu, und es ist also nichts zum Verwundern dabei.

Es gibt zwei Klassen in der Welt, die nichts bewundern: die großen
Gelehrten, die alles kennen, und die gänzlich Unwissenden, für
die alles ein Geheimnis ist. Der völlig Unwissende findet alles
unerklärlich; alles übersteigt sein Fassungsvermögen, nichts setzt ihn
in Erstaunen, weil alles ihn in Erstaunen setzen müßte. So ist der
Chinese. Er besitzt die gemächliche Philosophie der Unkenntnis, erfreut
sich des heiteren Friedens der Unwissenheit und hat darin das wahre
Geheimnis des Glückes gefunden. --

Wir sind durch ein Labyrinth von Gäßchen rasch auf die Nordseite
der Kaiserstadt gelangt. Chinesische Polizisten in ihrer mit weißen
Inschriften bedeckten Jacke und den Strohhut elegant auf dem zu einem
Chignon gewickelten Zopfe tragend, zeigten uns mit der Spitze ihres
langen Stabes den richtigen Weg. Oben bemerkten wir einen Augenblick
in der Ferne die gelbe Umfassungsmauer der Kaiserstadt, die zierlichen
Pagoden des Mei-schan, des „Kohlenbergs“, eines Berges, den die Laune
eines Kaisers in seinem Garten errichtet hatte, um von da aus die
ganze Stadt zu beherrschen. Und bald darauf befinden wir uns unter den
gewaltigen Außenmauern, unter den riesenhaften, drohenden Bastionen des
Doschmen, die von einem jener hohen, die Tore Pekings verteidigenden
Kastelle überragt werden. Dieser Bau, halb Festung, halb Tempel, öffnet
gegen die Ebene die dreifache Reihe seiner Schießscharten, die ihn
wie die Breitseite einer alten Fregatte erscheinen lassen. Im Torwege
müssen wir langsam fahren wegen des holprigen Pflasters, das von der
Zeit mitgenommen und von den Rädern der Wagen tief ausgefahren ist,
eines Pflasters, welches an das in Pompeji erinnert. Um uns her lärmt
das Leben der Vorstädte, elend, heiter, sorglos.

Jetzt beginnt die Landstraße, die sich zwischen prächtigen Gärten
hinzieht, aus denen Bäume herüberragen, gleich als ob sie den
Vorübergehenden Schatten und Früchte bieten wollten. Die Automobile,
die uns vorausfahren, ein „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“, halten.
Wir tun dasselbe. Fürst Borghese wird ersucht, vorzufahren.

[Illustration: Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von
italienischen Matrosen.]

Die „Itala“ setzt sich in Bewegung, und bald entschwindet infolge der
Unebenheit des Geländes und der dichtstehenden Bäume Peking unseren
Blicken.

Jetzt erst kommt es uns in den Sinn, nach der Uhr zu sehen. Unsere
Abfahrt hatte sich verzögert: es ist 9 Uhr 25 Minuten. --

Der Weg schlängelte sich nach Norden, sandig, unregelmäßig, von Zeit zu
Zeit von Bächen unterbrochen. Bald waren diese breit wie ein Flußbett,
bald von dem Grün der Felder überwuchert, bald verloren sie sich
in dichten Hainen, deren alte Bäume Gräber und heilige Inschriften
überschatten, die auf große, aus dem hohen Grase emporragende Steine
eingemeißelt sind. Wir fuhren nicht rasch. Das Automobil stieß,
schwankte; es mußte abwärts, aufwärts und in schiefer Haltung fahren
infolge der leichten Unebenheiten und der wellenförmigen Beschaffenheit
des Geländes; es durchschnitt den Sand mit den Bewegungen einer Katze.

„Diese bestienartigen Bewegungen gefallen mir“, rief Don Livio.

Aber die Bestie schien uns mehr als einmal von unseren Sitzen
herabwerfen zu wollen, so daß wir uns mit aller Kraft festhalten
mußten. Zwischen unseren Füßen sahen wir die durch nichts verdeckte
Kardanwelle sich mit wirbelnder Geschwindigkeit um sich selbst
drehen; wir befanden uns in unmittelbarer Berührung mit der Maschine,
und unter uns flog die Straße in verwirrendem Anblick hinweg,
dem schwindelerregenden Abwickeln eines Bandes vergleichbar. Das
Geschwindigkeitsgetriebe fegte mit seiner rasenden Schnelligkeit, die
einen musikalischen Ton erzeugt, über den Boden und wirbelte den Staub
auf, der in Wolken zwischen den Achsen, den Transmissionen aufstieg und
uns von unten her umringte und einhüllte.

Man konnte nicht rasch fahren, und der Motor erhitzte sich. Das
Automobil ist wie eines jener feurigen, lebhaften Rosse, die, wenn
sie durch den Zügel zurückgehalten werden, schwitzen, schnauben und
sich unbehaglich fühlen, und die, wenn man sie Galopp gehen läßt, sich
zu erholen scheinen. Außerdem hatte der Motor mit dem Widerstande
des Sandes zu kämpfen. Wie ein Hauch entströmte der Dampf zischend
dem Verschluß des Auspuffs. Wir mußten halten und frisches Wasser
auffüllen. Wir baten die Landleute darum, und sie holten es uns aus
den zahlreichen Brunnen in der Nähe ihrer Lehmhäuschen, der armseligen
Wohnungen des chinesischen platten Landes, die sich in den Schatten
hoher Bäume schmiegen, wie um Schutz zu suchen, und die, umgeben von
der Arbeit und dem Segen der Felder, einen so beneidenswerten Eindruck
von Zufriedenheit und Ruhe machen. Mit Eimern, die sie an Stangen im
Gleichgewicht trugen, kamen die Landleute herbei, ohne dem Automobil
mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als wenn es von einem Maultiere
gezogen worden wäre.

Wir durchfuhren schmutzige, lärmende Dörfer, die von einer halbnackten
Bevölkerung wimmelten; die Sommerkleidung des armen Chinesen besteht
oft nur aus einem Paar Beinkleidern und einem Fächer. Wir fragten im
Vorbeifahren nach dem Namen des Landstriches, um sicher zu sein, daß
wir keinen falschen Weg einschlugen.

„Ist dies Örr-li-tien?“

Die Leute verneigten sich zum Zeichen der Bejahung und bestätigten mit
naiver Freude, daß sie unsere Frage verstanden hatten, indem sie mit
dem geschlossenen Fächer auf die flache Hand schlugen. Wir fragten
weiter:

„Wie weit ist Tsing-ho-pu entfernt?“

Dies ist keine Erkundigung, auf die man in China nur eine einzige
Antwort erhalten kann.

„Fünf Li“ (1 Li = 442 Meter), rief uns ein alter Mann zu, indem er uns
die fünf Finger seiner ausgestreckten Hand zeigte.

Einer der Nebenstehenden hob jedoch mit derselben Mimik nur drei Finger
in die Höhe. Und ein anderer rief in überzeugtem Tone:

„Acht Li!“

[Illustration: Versuch, die monumentale Brücke zu forcieren.]

„Drei, fünf oder acht?“ fragten wir, mit einer gewissen Ungeduld das
Automobil anhaltend.

Unsere Gewährsmänner traten aus Vorsicht einen Schritt zurück und
wünschten uns mit einem höflichen Lächeln glückliche Reise.

Am Flusse Tsing-ho begegneten wir der ersten Schwierigkeit. Die alte
Brücke, die über ihn führt, war für das Automobil fast ungangbar. Wir
suchten eine Furt, wir durchstreiften das Ufer nach allen Richtungen in
der Hoffnung, die Spuren einer Übergangsstelle zu entdecken. Nichts, es
gibt nur einen Weg, und der führt über die Brücke.

Es ist eine monumentale Brücke, eine von jenen, die die europäische
Überlieferung auf die Tätigkeit Marco Polos im 13. Jahrhundert
zurückführt, die aber vielleicht nicht älter ist als die von 1368
bis 1644 herrschende Mingdynastie, ein herrliches Kunstwerk, ganz
aus Marmor. Die mit Reliefs geschmückten Brüstungen, von einer
Zierlichkeit, die etwas Europäisches an sich hat und die die
Überlieferung rechtfertigen könnte, verbinden in anmutigem Schwunge
die beiden Ufer. Sie bilden einen Bogen von einzigartiger Formenfülle,
ein weißschimmerndes Gerüst, einen stolzen Übergang, der sich einsam
mitten in der unberührten Rauheit eines Landes erhebt, das seine
alte Leidenschaft für das Schöne und Große vergessen hat. Riesige
Marmortafeln bilden das Pflaster der Brücke; aber der Verkehr hat sie
abgenutzt und zerbrochen, die Zeit hat ihren Zusammenhang gelockert.
Es hat den Anschein, als habe eine langsame Erdbewegung im Laufe der
Jahrhunderte diese Steinplatten aus ihrer Lage gebracht, indem sie
sie wie Grabplatten emporzuheben suchte. Man möchte sagen, die Brücke
sei nie mehr von den Händen eines Künstlers oder Handwerkers berührt
worden, seit Peking Chan-baligh, „Stadt des Chan“, hieß, und Marco
Polo sie Kambaluk nannte. Mit welcher Liebe für die Geschichte und die
Kunst hätten wir diese Reliquie betrachtet, wenn wir sie nicht mit
einem Automobil von 50 Pferdekräften und 1500 Kilogramm Gewicht hätten
überschreiten müssen!

Nun aber sind die Anfahrtsböschungen zu der Brücke verschwunden,
weggeschwemmt von den Hochwassern, zerfressen von den Regengüssen,
Stück für Stück entfernt durch den Übergang von Millionen von Menschen,
von dem Strome der Menschheit, der sich vielleicht 600 Jahre lang über
jene Marmorplatten ergossen hat. Und jetzt gelangt man zur Brücke auf
steilen Pfaden, auf denen wankende Steine hohe Stufen bilden. Beinahe
das ganze Niveau der Ebene ringsum hat infolge von Überschwemmungen
sich gesenkt, und nur die Brücke ist stehengeblieben zum Zeugnis der
Höhe, bis zu welcher sich das chinesische Land erhob, als noch der
ruhmreiche Kublai Chan herrschte.

Sollen wir unsere Kulis suchen lassen, sollen wir unseren Wagen von
ihnen mit Seilen über die Grabplatten der Brücke ziehen lassen? Der
Fürst will nicht so bald vor dem Hindernis zurückweichen, er geht
rundherum, beobachtet, studiert und macht Punkte ausfindig, auf denen
es den Rädern möglich ist durchzukommen. Die Schutzwände, auf die wir
uns so viel zugute taten, werden abgenommen und auf die Stufen gelegt,
um als Fahrgeleise zu dienen. Ettore, der Befehle gewärtig, ergreift
das Lenkrad, läßt die Maschine 50 Meter zurückgehen und wartet. Es
beginnt zu regnen, und die nassen Steine glänzen.

„Vorwärts!“ kommandiert der Fürst und befiehlt: „Hierher mit dem
rechten Rad! Achtung!“

Die „Itala“ nimmt einen Anlauf, erklimmt mühsam die steile Böschung und
gelangt mit den Vorderrädern auf die Schutzwände. Aber der Regen hat
die Bretter und die Steine schlüpfrig gemacht; das Automobil gleitet
zurück; die schweren Schutzwände werden unter dem Drucke der Pneumatiks
mit Gewalt beiseite geschleudert; es geht ihnen so wie dem Kirschkern,
der durch den Druck der Finger fortgeschnellt wird. Und die Maschine
bleibt wieder unbeweglich stehen. Man muß es von neuem versuchen. Die
„Itala“ fährt zurück. Wir beeilen uns, die Schutzwände wieder an ihre
Stelle zu bringen, aber Ettore ruft:

„Versuchen wir es ohne Unterlage!“

Er nimmt zum zweitenmal einen Anlauf. Der Wagen gelangt stolpernd
bis an die Steine. Nach einem Augenblick des Zögerns heben sich
die Vorderräder auf die Brückenfläche. Aber das Automobil hat sich
festgerannt; die Hinterräder drehen sich mit rasender Geschwindigkeit
an den ungefügen Stufen, ohne daß es ihnen gelingt, hinauszukommen.
Sie wirbeln mit furchtbarer Schnelligkeit um sich selbst und schlagen
mit den die Reifen festhaltenden Nägeln dermaßen gegen die Steine, daß
die Funkengarben umhersprühen. Ettore steigert mit Unterbrechungen
die Geschwindigkeit des Motors, der in ein beängstigendes Heulen
ausbricht und unter heftigem Stöhnen ganze Wolken von dichten, weißen,
scharfriechenden Dämpfen ausspeit. Wir eilen mitten in diese Dämpfe
hinein, um die Maschine mit allen Kräften vorwärts zu stoßen; der
glühende Hauch des Auspuffs wälzt sich uns um die Beine. Unsere Mühe
ist vergeblich, wir ziehen uns entmutigt zurück.

Das Automobil, das sicherlich seinen Teil Eigenliebe besitzt,
wollte allein über die Schwierigkeiten Herr werden. Mit einem Male
beginnen die Räder zu greifen, sie halten einen Augenblick inne, wie
um ihre Kraft zu sammeln, und steigen langsam, langsam nach oben.
Sie überwinden die erste, die höchste Stufe, sodann die übrigen.
Schließlich erklimmt die Maschine die Marmorplatten und bleibt hier
stehen, um sich einige Minuten auszuruhen. Dann unternimmt sie mit
dem Schritte einer Ameise den schwierigen Übergang zwischen all jenen
aus den Fugen geratenen Steinen, wobei sie ab und zu stehenbleibt, um
die nur eine Hand breiten Fahrbahnen zu erspähen, nach einer Art des
Weiterkommens suchend, bei der nicht mehr als ein Rad in die Furchen
einsinkt oder zwischen den Fugen eingeklemmt wird. Das Automobil
taumelt ungeschickt, langsam von einer Seite zur andern, schwankt
auf und nieder, geht mitunter einen Schritt zurück, um die Richtung
zu ändern; es hat ganz das Aufsehen einer riesigen Schildkröte, mit
dem weiten Panzer, der fast den Boden berührt, und den vier einzelnen
starken und vorsichtigen Tatzen.

Der Abstieg auf der andern Seite ist leicht, aber voller Interesse.
Es ist das erstemal, daß ich ein Automobil bei einer solchen Arbeit
erblicke. Der gewaltige Apparat, der für rasende Fahrten, für unerhörte
Geschwindigkeiten berechnet ist, steigt hier die Stufen einer Treppe
mit der zaghaften Aufmerksamkeit eines kleinen Kindes hinab. Das
Ungeheuer bietet all seine Kraft auf, um sich im Gleichgewicht zu
erhalten. Es scheint, als bemerke es die Gefahr, als schätze es die
Höhenverhältnisse ab; es bewegt seine Räder mit unendlicher Vorsicht,
setzt sie leise auf die unteren Stufen, ohne einen Ruck, ohne einen
Stoß; es steigt herab wie ein riesengroßes denkendes Wesen, das es
versteht, sein Können in den Dienst der Klugheit zu stellen. Es
braucht Minuten, um einen Meter zurückzulegen, bevor es freien Weg vor
sich erblickt. Dann mit einem Male schießt es wie in einem Übermaß
von Freude davon, und es hat den Anschein, als könne es nicht mehr
stehenbleiben, während wir hinter ihm herlaufen und ihm zurufen:

„He, halt! Heda, halt!“

Wir nahmen die Fahrt auf dem Landwege wieder auf, während ein feiner,
durchdringender Regen niederströmte, der allmählich Schmutz erzeugte
und Pfützen und bescheidene Seen schuf. Wir fuhren über ländliche
Brücken, ähnlich denen, die die reichen Chinesen in ihren Gärten zur
Zierde anzubringen lieben, eilten über Fußwege, die sich zwischen
hohen grasbewachsenen Dämmen hindurchschlängelten, die mit Weiden
bestanden waren; ihre herabhängenden Zweige berührten unsere Köpfe.
Die Mannigfaltigkeit der Landschaft kündigte uns die Nähe von Hügeln
an, die Grenze der großen Pekinger Ebene, jenes grünen Meeres, in
welchem die Haine, hinter denen sich die Dörfer verstecken, wie Inseln
erscheinen. In der Ferne erblickten wir schon eine oder die andere
blaßblaue Anhöhe, überragt von dem charakteristischen Profil einer
Pagode.

[Illustration: Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.]

Unvermutet sahen wir vor uns die Marmorbalustrade einer zweiten antiken
Brücke schimmern, die über den Schi-kiau-ho führte und noch größer
war als die erste. Wir stiegen vom Wagen und machten unserem Groll
gegen die Pracht von Kambaluk Luft. Das Manöver des Aufstiegs auf die
Brücke und ihrer Überwindung begann von neuem. Zum Glück hatte sich
das Automobil schon eine gewisse Übung im Klettern erworben, und in 20
Minuten konnte es seinen archäologischen Übergang auf das linke Ufer
des Flusses bewerkstelligen.

Hier sahen wir uns von einer Menge Chinesen umringt, die seltsame
Mützen trugen und uns freundlich begrüßten. Wir baten um frisches
Wasser; es wurde uns in Eimern, in Töpfen, in Teekesseln gebracht.
Ein schöner alter Mann von tatarischem Gesichtsschnitt lud uns
freundlich ein, den Tee in seinem Hause einzunehmen. Er war ganz
betrübt, als wir ablehnten. Er versicherte uns, er sei unser Freund.
Alle jene Leute waren unsere Freunde. Weshalb? Die Erklärung für
dies Gefühl der Sympathie erhielten wir, als sie uns unter den
Bäumen mit einem gewissen Stolze ihre Moschee zeigten. Es waren
mohammedanische Chinesen; der alte Mann war ihr Oberhaupt und Priester.
Die mohammedanischen Chinesen fühlen sich durch ihre Religion uns
näher verwandt als ihren Landsleuten. Sie wissen, daß die Grundlage
unseres Glaubens das Alte Testament ist, und sie glauben an dasselbe
Alte Testament, das zu ihnen auf dem Wege über Turkestan gekommen ist,
unterwegs ein wenig verändert, bei der Ankunft ein wenig chinesisch
geworden, aber dem wesentlichen Inhalte nach unangetastet.

Wir entboten dem ehrwürdigen Priester einen Gruß auf arabisch -- in
seiner heiligen Sprache -- und entflohen eiligst, an unseren Wagen
geklammert, während er und sein Volk uns regungslos nachblickten,
verzückt, wie vor einer biblischen Erscheinung.

Es dauerte nicht allzulange, bis wir am Horizont in unbestimmten
Umrissen und bleichen Farben die seltsam geformten Gipfel der Berge
von Kalgan erblickten. Rings um uns herum erhoben sich kahle Hügel und
schlossen uns ein. Zu unserer Rechten öffnete sich jenes wundervolle
Amphitheater von Bergen in regelmäßigen und feierlichen Formen, in
dem die Kaiser der Mingdynastie ihre letzte Ruhestätte haben. Es
gibt in der ganzen Welt keinen großartigeren fürstlichen Friedhof. Es
sind nicht die Tempel, die Bogen, die riesenhaften Denkmäler, die so
überwältigend wirken, es ist die Örtlichkeit selbst. Ein unfruchtbares
und unzugängliches Tal von der ganzen unsagbaren Majestät einer
Grabstätte erfüllt, einer Grabstätte von Halbgöttern, der ein Kreis
von Bergen als Umfassungsmauer dient. Irgendein übermenschlicher Wille
scheint sie hierher versetzt zu haben, um Schatten und Schweigen über
den heiligen, ewigen Schlummer einer Dynastie zu breiten.

[Illustration: Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.]

Wir bemerkten, daß wir uns in der Nähe einer göttlich verehrten Stätte
befanden. Wie im Umkreise eines Tempels ragten überall Denksteine
empor, bedeckt mit altertümlichen Schriftzeichen, errichtet auf dem
Rücken riesiger Schildkröten oder Drachen aus Marmor oder auf einer mit
Lotosblumen geschmückten Basis, die an das Piedestal der Buddhastatuen
erinnerte. Der Weg wurde immer schwieriger, steiniger und nahm beinahe
schon ein gebirgiges Aussehen an, als wir auf unsere Kulis stießen. Wir
waren in ein kleines Dorf gelangt. Als sie uns erblickten, stürzten
sie bunt durcheinander auf die Straße.

Ein alter Aufseher befehligte sie, der als Abzeichen seines Ranges eine
weiße Fahne mit der Inschrift: „Höret auf die Worte eures Vaters“ trug,
wohl um anzuzeigen, daß man ihm Gehorsam schulde. Um seine väterliche
Stimme zu verstärken, hatte sich der Alte mit einem an einem Bindfaden
um den Hals gehängten Metallpfeifchen versehen. Wir riefen den Kulis
zu, sie möchten uns nachkommen, und ließen sie hinter uns zurück. Wir
wollten den Motor möglichst lange ausnutzen.

Jetzt unterschieden wir deutlich die Schlucht von Nankou. Sie erschien
eng wie ein Spalt zwischen zwei steil ansteigenden, mit Felstrümmern
bedeckten Bergen, auf deren unregelmäßigen Gipfeln sich alte
Befestigungstürme erhoben. Rings zeigten sich die bizarren Umrißlinien
anderer Berge. In dem melancholischen Dämmerlichte des regnerischen
Tages hatte das Panorama etwas unsagbar Wildes. Bei Sonnenschein würde
es nur einen romantischen Eindruck gemacht haben. Die Abhänge der Höhen
stiegen steil empor wie Bastionen und schienen jeden Versuch, sich
ihnen zu nahen, zurückweisen zu wollen.

Nankou bedeutet „Mund des Südens“.

Es gibt Landschaften, von denen man sagen könnte, sie seien für
den Kampf der Menschen untereinander geschaffen; Schlachtgefilde,
Örtlichkeiten, in denen die Natur Angriff und Verteidigung unterstützt,
düstere, zerrissene Gegenden, die den Geist der Feindseligkeit atmen,
Defilees für Überfälle und Pässe für Hinterhalte. Nankou bietet solch
einen drohenden Anblick. Die Zeiten der feindlichen Einfälle liegen
in ferner Vergangenheit, die Befestigungen auf den Gipfeln verfallen
Stein um Stein, und ringsherum lebt das friedlichste Volk der Welt.
Und dennoch ruft dieser tiefe Talgrund schon durch seine Gestaltung
den Gedanken an Angriffe und Metzeleien hervor, als seien die ihn
umschließenden Berge nichts anderes als ungeheuere Mauern einer
Riesenfestung.

[Illustration: Straße in Schem-pao-wan.]

Sechs Kilometer von der Mündung des Tales entfernt mußten wir halten.
Von diesem Punkte an ist die Straße nichts anderes als das Bett
des Bergstromes, der aus der Schlucht von Nankou herunterstürzt:
Sand, Felsblöcke, Wasserpfützen. Wir warteten auf unsere Leute. Im
Laufschritt eilten sie herbei, froh, sich des Ki-tscho bemächtigen
zu können. Vielleicht fürchteten sie, er eile davon und entziehe
ihnen die Aussicht auf den Verdienst. Unter wildem Geschrei kamen
sie wie eine Räuberbande heran. Welch seltsame Zusammenstellung
von Trachten und Kopfbedeckungen! Säcke von grober Wolle nach Art
der indianischen Ponchos, das wasserdichte Kleidungsstück der
chinesischen Karawanenführer bildend, blaue, weiße, graue Hemden,
alle gleich zerrissen, Lumpen als Turban um den Kopf geschlungen,
Strohhüte zum Schutze gegen die Sonne, Fetzen jeder Form und jeder
Art, Kleidungsstücke, die Generationen gedient haben mußten, kurz ein
malerisches Durcheinander. Es waren Greise, Jünglinge, Knaben darunter,
Chinesen und Tataren, Figuren von Bettlern und von Mandarinen, ein
Gemisch von altem Elend und jungem Elend, eine Schar Bedürftiger jeder
Klasse, angeworben, wer weiß wie, der Bodensatz des menschlichen
Ameisenhaufens von Peking. Lustig und zufrieden waren sie gekommen, ein
Automobil zu ziehen und damit in vier Tagen den Lebensunterhalt für
einen Monat zu verdienen.

Der alte Anführer schwenkte die Fahne und blies mit vollen Backen in
die Pfeife. Der Pfiff bedeutete: Fertig! Ettore band die dicken Seile
um den vorderen Teil des Rahmens und die beiden vorstehenden Arme,
die an jedem Automobil angebracht sind, um die Federn an der Achse
festzuhalten, und eine Minute später zogen zwei lange Reihen gekrümmter
Menschen, an die Seile gespannt, langsamen Schrittes die schwere
Maschine, während andere hinten schoben. Es regnete immerwährend. Ab
und zu blieb das Automobil vor großen Steinen mit einem Rucke stehen;
es stemmte sich wie ein störrisches Tier. Dann verdoppelten die Kulis,
die einen Augenblick mit einem Fuß in der Luft festgehalten wurden,
ihre Anstrengungen und sangen im Takt, um einheitlich ziehen zu können.
Der Alte stimmte im Tone eines betenden Bonzen ein Lied an, und die
andern heulten den Refrain im Chore mit: „Lai, lai-la!“ „Vorwärts,
vorwärts!“ und zogen an. Der Aufseher improvisierte sein Lied; er sang,
was ihm gerade einfiel; auf den Ton und die Melodie kommt es an, nicht
auf die Worte. Närrisches Zeug kam aus seinem Munde, das die Leute in
Heiterkeit versetzte, und aus dem „Lai, lai-la“ hörte man bisweilen ein
seltsames Gemisch von Anstrengung und Heiterkeit heraus.

Wenn der Wagen ein kleines Hindernis überwunden hatte, rollte er
infolge des erhaltenen Anstoßes plötzlich vorwärts. Er schien alle jene
seltsamen Leute verfolgen zu sollen; die Seile wurden schlaff, und
die Chinesen trabten und sprangen unter lautem Geschrei und Gelächter
vergnügt einher. Sie belustigten sich daran wie an einem Spiel und
legten so eine Strecke in großem Tumult zurück, bis sie sich wieder
an den aufs neue straffgespannten und unbeweglichen Seilen ziehend
zusammenfanden. Diese Schar Menschen erweckte unser Interesse. Es
waren keine Lastträger; es waren nur Arme; sie vertraten nicht eine
bestimmte Klasse, sie vertraten das Volk im ganzen. Es war das große
chinesische Volk mit seinem Elend und seinen Tugenden, das wir an der
Arbeit sahen. Die Armut, die Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit, die
Einfalt, die Geduld und die Arbeitsamkeit, alle Vorzüge und alle Fehler
der Rasse, verborgen unter einem schmutzigen, unvorteilhaften Äußern,
waren an unsere Maschine gespannt. Feierlich schritt der Alte mit
seiner Fahne dem Zuge voran.

[Illustration: Unter den alten Mauern von Ta-tu-mu.]

Es blieben noch die zerrissenen Berge von Nankou am Eingange der
Schlucht zu überwinden. Das Dorf lehnt sich an den Nan-schan, den
„Berg des Südens“, der auf die Häuser steil herabfällt und, von unten
gesehen, sich vornüberzubeugen scheint, um zu beobachten, wer im Tale
daherkommt. Bis zum Gipfel ziehen sich zinnengekrönte hohe Mauern, alte
Verteidigungswerke, die sich von der Großen Mauer abzweigen und fast
unversehrt geblieben sind, weil sie dem Menschen fast unzugänglich
waren. Ihre Zerstörung ist einzig und allein der Zeit überlassen, und
die Zeit ist gegen großartige Werke unendlich gütiger als der Mensch.

Das Dorf Nankou ist eine Anhäufung von Steinen. Die niedrigen
und kunstlosen Häuser sind aus Bruchsteinen erbaut, und an ihren
Vorderseiten ziehen sich hohe, aus Steinplatten hergestellte Fußpfade
entlang; die Mitte des Weges ist für die Überschwemmungen freigelassen.
Eine alte Festungsmauer schließt den Ort ein. Wir betreten durch das
niedrige, tiefe, finstere Tor die einzige Straße des Ortes. Es hat
aufgehört zu regnen; für einige Minuten drängt sich die Sonne durch die
Wolken und streut über die nassen Steine helle Lichter. Die Bewohner
treten an die Türen und beobachten uns.

Es scheinen Angehörige einer andern Rasse zu sein. Es sind die
Bergbewohner Chinas. Sie sind groß und stark; ihr Gesicht trägt
die stolzen Züge des tatarischen Stammes. Diese kleine, einsam und
verlassen inmitten unwirtlicher Felsen wohnende Bevölkerung läßt an
eine Besatzung denken, die in früheren Zeiten zum Schutze des Passes
hierhergelegt und vergessen worden ist. Vielleicht stammt sie in der
Tat von den tatarischen Kriegern ab, die nach der Eroberung Chinas
durch die Mandschu im 17. Jahrhundert hierhergeschickt wurden, Krieger,
die im Laufe der Zeit die unnötig gewordenen Waffen abgelegt und
verloren haben, ohne ihren Posten zu verlassen, unbewußt treue Hüter
einer Stellung, die ihren Ahnen vor Jahrhunderten anvertraut worden war.

Unser erster Reisetag ist zu Ende. Es ist 2¾ Uhr, als wir die kleine
chinesische Herberge betreten, die der Ma-fu Pietro uns als Quartier
ausgesucht hat. Wir haben nur 60 Kilometer zurückgelegt. Unsere
Matrosen umringen uns freudig; sie teilen uns mit, daß das Gepäck
wohlbehalten angelangt sei, daß ein gutes Feuer im besten Zimmer
brenne, an dem wir uns trocknen können, und daß Hühner gekocht werden:
alles erfreuliche Nachrichten. Die „Itala“ findet ihren Platz zwischen
den Wagen, den Maultieren, den Pferden und den Karawanenführern, die
sich im ersten Hofe drängen und hier das kennzeichnende, unentwirrbare
Durcheinander jeder chinesischen Herberge verursachen.

[Illustration: Übergang über eine kleine alte Brücke an den Berglehnen
des Lien-ya-miao.]

Nachmittags gehen wir mehrmals ins Freie, auf die zurückgelegte Straße
in der Hoffnung, den übrigen Automobilen zu begegnen; wir steigen auf
die mit Zinnen besetzten Mauern, von denen der Blick weit in die
Ebene hinabschweift. Doch soweit wir zu sehen vermögen, herrscht tiefe
Einsamkeit. Um 4 Uhr bemerken wir eine Gruppe von Menschen, die zu
dem Dorfe heraufsteigt; sie kommt von der zwei Kilometer entfernten
Eisenbahnstation Nankou und zieht etwas. Es ist das Dreirad „Contal“.
Pons und sein Mechaniker helfen, niedergeschlagen, schwitzend bei
der Beförderung der Maschine. Auf Pons’ Gesicht bemerke ich eine
schmerzliche Enttäuschung. Kaum aus den Toren Pekings heraus, mußte
er auf die Weiterfahrt verzichten. Das Dreirad, das auf guten Straßen
Vorzügliches zu leisten imstande ist, hat sich auf schlechten als
unbrauchbar erwiesen. Es hat zwei Lenkräder und ein Bewegungsrad;
auf den ersten ruht das Gewicht des Wagens; es ist daher ein enormer
Widerstand zu überwinden, und nur eine kleine Kraftquelle zum Antrieb
vorhanden; es genügt eine leichte Unebenheit des Geländes, daß das
Bewegungsrad sich leer dreht und über den Boden hinstreift. Pons ist
gezwungen, umzukehren und seine Maschine mit der Bahn zu befördern; er
ist aber entschlossen, um jeden Preis die Mongolei zu erreichen, wo er
günstiges Gelände zu finden hofft.

[Illustration: Am Hun entlang bei Ki-mi-ni.]

Bald nach Sonnenuntergang schlief Nankou bereits. Auf dem Kang, dem
chinesischen Ofenbette, ausgestreckt, in eine Matrosendecke gehüllt,
setzte ich in einer schlaflosen Nacht die große Reise fort; ich
sandte die Phantasie voraus auf Entdeckung. In der Ferne donnerte
der Bergstrom, dessen Lauf wir zwischen den steilen Felsen hatten
aufwärts verfolgen müssen. Später ward seine Stimme von dem Plätschern
des Regens übertönt, der wieder heftig zu fallen begann. Vom Winde
getrieben, schlugen große Tropfen gegen die papierenen Fensterscheiben,
als wenn jemand mit den Fingern auf ihnen trommelte.

Es regnete noch, als Pietro mit einer kleinen Papierlaterne in der Hand
hereinkam, um uns zu wecken; es regnete, als der Tag anbrach, und es
regnete, als wir uns zur Abfahrt entschlossen, nachdem wir vergebens
auf den Eintritt schönen Wetters gewartet hatten. Die Kulis standen
seit 3 Uhr morgens marschbereit. Um 7 Uhr 25 Minuten verließen wir
Nankou. Die Fürstin war in der Herberge geblieben, um mit der Eisenbahn
nach Peking zurückzukehren. Don Livio begleitete uns bis zur Großen
Mauer.

An das Automobil war die Chinesenhorde angespannt und außerdem drei
willfährige Tiere. Die Pekinger Transportagentur hatte versprochen,
uns vier Maultiere zu liefern; in Nankou waren jedoch nur ein
einziges Maultier, sowie ein altes Pferd und ein kleiner weißer
Esel aufzutreiben gewesen. Ein Vertreter der Agentur hatte auf die
Vorhaltungen des Fürsten hoch und heilig, unter Anrufung der Götter als
Zeugen, versichert, daß die drei Tiere genügen würden, den Ki-tscho
bis ans Ende der Welt zu ziehen, und wir, die wir ihn nur bis Kalgan
gezogen wissen wollten, gaben uns damit zufrieden.

Im Augenblicke der Abreise brannten die guten Einwohner von Nankou zum
Abschiedsgruß einige Petarden ab. So will es der Brauch; der Chinese
feiert die Feste mit lärmenden Feuerwerken, und wenn er jemand seine
Huldigung darbringen will, so stellt er ein Paar Böller vor die Tür,
und im gegebenen Augenblicke geht es bum! bum! Das ist der Gipfel der
Ehrerbietung.

Wenige Minuten später verschwand das Dorf hinter einer Biegung des
Tales. Der Weg beginnt plötzlich zu steigen und sieht wie eine Rampe
mit niedrigen, breiten Stufen aus, von denen jede einzelne die Kulis
zu einer Wiederholung des „Lai lai-la!“ nötigt und den Tieren ein
drohendes Klatschen mit der Peitsche einträgt.

Der Alte mit der Fahne befand sich natürlich an der Spitze. Die
Matrosen gingen zu beiden Seiten des Automobils und stemmten sich
von Zeit zu Zeit kräftig mit der Schulter gegen die Räder, als
gelte es, eine Kanone auf den Gipfel eines Berges in Stellung zu
bringen. Ettore, der allein auf der Maschine saß, eingehüllt in die
Falten eines ungeheueren Regenmantels, der ihm das Aussehen eines
bretonischen Fischers gab, hielt das Steuerrad mit der Aufmerksamkeit
eines diensthabenden Steuermannes und kommandierte seine Scharen durch
Ertönenlassen der Hupe. Einmal bedeutete: „Vorwärts!“, zweimal: „Halt!“
Aber die Signale mußten oft wiederholt werden, und bald begann die Hupe
der „Itala“ infolge der Anstrengung an Heiserkeit zu leiden, die sie
schließlich stumm machen mußte. Pietro schloß den Zug zu Pferde, den
Kopf mit einem riesigen Strohhut bedeckt, der infolge einer genialen
Anordnung der Bänder die Form eines Damenhutes, Stil Directoire,
angenommen hatte. Der wackere Ma-fu trug diese Kopfbedeckung mit großer
Würde. Offen gestanden, niemals ist ein sonderbarerer Zug durch die
Pässe der Großen Mauer marschiert! Wenn ich noch hinzufüge, daß Don
Livio, Don Scipione und ich von Zeit zu Zeit ausruhten, indem wir auf
zwei winzigen Saumtieren ritten, die so niedrig waren, daß unsere Füße
auf dem Boden schleiften, und so kurz, daß unsere Regenmäntel sie mit
dem großartigen Faltenwurf einer Toga völlig umgaben, so habe ich einen
weiteren Umstand von höchster Bedeutung für die historische Genauigkeit
erwähnt.

Die Landschaft änderte sich jeden Augenblick. Oben tauchten immer neue
Gipfel auf, schroff, kahl, von immer seltsamerer Gestalt. Niedrige,
schwarze Wolken hingen bis auf sie herab, und der graue Nebel ließ
sie entfernter und höher erscheinen; ihre düstere Großartigkeit nahm
dadurch noch zu. Unten floß der Bergstrom bald still wie ein Bach und
schlängelte sich friedlich zur Seite des Weges unter grünen Sträuchern
und Weidengruppen dahin, bald brauste er stürmisch, in wilden Wirbeln,
schäumend in engen Schluchten, in denen wir uns vorsichtig vom Rande
der Straße entfernt hielten. Alte Befestigungslinien ziehen sich
fortwährend von den Gipfeln der Berge bis in den Talgrund hinab,
steigen wieder empor und verschwinden in der Richtung auf andere ferne
Berge zu. Es sind mit Zinnen versehene Mauern, die Schleichpfade
decken, Befestigungen zweiten Ranges im Rücken der Großen Mauer,
riesige Wegsperren. Zwischen zwei dieser ungeheueren Verteidigungswerke
liegt ein großes Dorf: Kü-yung-kuan.

Wir haben die hohen schwarzen Mauern hinter uns gelassen und befinden
uns vor einem wunderbaren Marmorbogen, der auf das geschmackvollste
mit Friesen und Figuren geschmückt ist, ein Bogen, den man, aus der
Ferne gesehen, als römisch bezeichnen könnte. Riesenhaft hebt er sich
von den elenden Dorfhütten ab, ein letzter Rest wer weiß welcher
Herrlichkeit und welches Reichtums. Kü-yung-kuan war in den goldenen
Zeiten des Reiches der Sitz eines Kommandos, und damals vertrieben sich
die militärischen Mandarine, wie einst die römischen Konsuln, die Zeit
damit, daß sie sich mit prächtigen Kunstwerken umgaben.

Während wir unseren Aufstieg fortsetzten, überholte uns eine Anzahl
eilfertig dahinschreitender Männer mit einer Sänfte auf den Schultern.
In der Sänfte saß mit geöffnetem Schirm ein Europäer, den die Einwohner
mit Ehrerbietung behandelten. Als er an uns vorüberkam, begrüßte
er uns auf englisch. Wir sahen sofort, daß es sich um einen in der
Gegend angesehenen Mann handelte; alle kannten ihn und begegneten
ihm achtungsvoll. Sie nannten ihn den „alten Herrn, der das Gebirge
durchbohrt“. Pietro, der sich nach ihm erkundigt hatte, erklärte uns
die Sache. Man muß nämlich wissen, daß die chinesischen Kaufleute
bemerkt haben, daß eine Eisenbahn, wenn sie auch die Geister der Ahnen
beunruhigt, jedenfalls ein ausgezeichnetes Geschäft ist. Von dieser
Wahrheit überzeugt, hatten viele chinesische Kaufleute und Bankiers
in Peking den Entschluß gefaßt, eine für den Handel so unentbehrliche
Eisenbahn zu bauen, und zwar ohne einen Fremden sich in irgendwelcher
Weise einmischen zu lassen: chinesisches Kapital, chinesische Arbeit,
chinesische Verwaltung. So bildete sich die chinesische Gesellschaft
für die Eisenbahn Peking-Kalgan, die den Verkehr bis Nankou bereits
aufgenommen hat. Auch die Ingenieure waren natürlich Söhne des Himmels,
die in Amerika studiert hatten.

Alles ging gut, solange die Arbeiten sich in der Ebene abspielten; als
sie aber in das Gebirge gelangten, stießen die als Ingenieure tätigen
Söhne des Himmels auf ernste Schwierigkeiten. Die Tunnels stürzten ein;
nach jedem Einsturz wurden sie nach allen Regeln der Kunst von neuem
gebaut und stürzten dann wiederum ein; die Ausdauer der guten Chinesen
kämpfte vergeblich gegen die Halsstarrigkeit ihrer Berge. Es fehlte
nicht an Leuten, die darin alle Anzeichen eines Protestes des Drachen
erblickten, dessen ungeheuerer Körper durch das Bohren verwundet
worden war; der Beweis ergab sich aus dem Umstande, daß der Berg
Menschen verschüttete. Die Rache war augenscheinlich. Aber der Drache
verliert heute außerhalb der amtlichen Kreise an Kredit. So kamen
die Kaufleute auf den Gedanken, ob es vielleicht den Teufelskünsten
eines abendländischen Ingenieurs gelingen könne, den Sieg über die
Hartnäckigkeit des Gebirges von Nankou davonzutragen; die Kunde vom
Simplondurchstich war zu dieser Zeit auch nach China gedrungen. Und
die Gesellschaft entschloß sich zu dem Frevel und engagierte für die
Linie Peking-Nankou einen tüchtigen Ingenieur, dem sie die Leitung der
Arbeiten übertrug. Daher erschien nun der „alte Herr, der das Gebirge
durchbohrt“, in seiner Sänfte in den Schluchten der Großen Mauer.

Der Aufstieg war beschwerlich, und wir gewährten den Leuten öfters eine
wohlverdiente Ruhepause. Auf das Signal, aus Reih und Glied zu treten,
ließen sie die Seile los und zerstreuten sich fröhlich in der Nähe, um
auf den ersten Pfiff des Alten sofort wieder zu erscheinen. Der Esel,
das Maultier und das Pferd weideten miteinander in völliger Eintracht
das Gras ab, wobei sie die langen, mit Straßenschmutz bedeckten
Zugleinen hinter sich herschleiften. Das Automobil blieb verlassen
auf dem Wege stehen, nachdem Steine unter seine Räder gelegt worden
waren. Über und über naß, stand es trübsinnig, gedemütigt, mit schlaff
niederhängender Flagge da.

[Illustration: Die Mauern von Ki-mi-ni am Fuße des
Lien-ya-miao-Gebirges.]

Die Matrosen waren guter Dinge, wie ein Matrose immer ist, selbst wenn
es regnet, sobald er einen Abstecher an Land macht. Es waren fünf
durch Kraft und Geschicklichkeit ausgezeichnete Leute. Der eine war
Mechaniker und Photograph; er unterstützte Ettore während des Marsches
bei der Überwachung des Ganges der Maschine, und an den Haltestellen
erschien er vor uns, bewaffnet mit einem Stativ, einem schwarzen Tuch
und einem riesigen photographischen Apparat, den er wer weiß woher
hervorgeholt hatte. Von diesem Augenblicke an befanden wir uns unter
der unablässigen Beobachtung seines Objektivs, das wie ein Zyklopenauge
uns streng überallhin verfolgte. Ein anderer war Krankenpfleger und
Koch, der den Kranken wertvolle Dienste, wertvollere aber den Gesunden
leistete und stets bereit war, uns nach allen Regeln der Kunst
eine Roulade zu wickeln oder einen dampfenden, ebenfalls kunstgerecht
gebackenen Eierkuchen zu servieren. Der dritte war Elektrotechniker,
der vierte Zimmermann; der letzte sprach chinesisch mit echt
sizilianischer Aussprache; er war in Kalgan mit der internationalen
Kolonne gewesen, die 1900 dort einmarschierte, und kannte die Straße
so genau wie ein Lotse. Alle besaßen die beneidenswerte Gabe guter
Laune; alles erschien ihnen eigens dazu geschaffen, sie zu beglücken.
Der unablässige Regen, der sogar durch unsere wasserdichten Mäntel
drang, erzeugte in uns ein eisiges Gefühl der Niedergeschlagenheit,
die Matrosen freuten sich selbst über den Regen. Das Wasser war ihr
Element. In ihren durchweichten, an der Brust offenen Leinwanduniformen
wateten sie in den Pfützen umher und machten sich über das Wetter
lustig. Liebe Gefährten und eine stolze Eskorte für unsere kleine
Flagge; bereit zu lachen und bereit, sich, wenn es die Not erheischte,
für uns zu schlagen.

[Illustration: Die russische Post auf dem Wege nach Peking.]

Ein rauher Ton der Hupe, ein Pfiff, ein Zusammenströmen der Leute,
ein Massengesang, ein Peitschenknallen, und der Zug setzte sich von
neuem in Bewegung. Es ging hinauf durch das endlos scheinende Tal von
Kü-yung-kuan, das immer unwegsamer wurde.

Plötzlich verengt sich das Tal, es scheint sich zu schließen. Man
hat den Eindruck, als gebe es keinen Ausweg, als wären die Berge
zusammengerückt, um den Durchgang zu versperren. Auf den ersten Blick
bemerkt man die enge Schlucht nicht, die sich zur Rechten öffnet,
eine Art Spalt zwischen den senkrecht aufstrebenden Klippen, etwa 40
Meter breit, ein Korridor zwischen Felswänden. Durch einen düsteren
Landstrich waren wir gezogen, hier betraten wir einen grauenerregenden.

Seit undenkbaren Zeiten müssen die Menschen Furcht vor dieser Gegend
gehabt haben, denn sie gilt ihnen als heilig. Vielleicht weil die
Reisenden nur mit einem Gebet auf den Lippen sie durchzogen; die
Örtlichkeit fordert geradezu zum Anrufen der Götter heraus. Für
einfache Gemüter ist das Gebirge an und für sich ein Mysterium,
ein Sichaufschwingen der Erde zum Himmel; die hohen Gipfel stehen
in Berührung mit der Gottheit. Inmitten der Berge öffnet sich hier
plötzlich ein Tor. Alle Stämme, die es durchzogen, müssen darin das
Zeichen eines allmächtigen Willens, ein göttliches Werk erblickt
haben, das aus unerforschlichen und deshalb schreckenerregenden
Gründen geschaffen worden ist. Jene ungefügen Basaltsäulen hatten für
die Phantasie die Bedeutung einer Grenzscheide. Jenseits befand sich
etwas, vor dem man sich anbetend zu Boden werfen mußte. Geheimnisvolles
Dunkel herrschte. Die Reisenden betraten es mit frommer Scheu wie ein
Heiligtum. Und das Tal wurde zu einem von der Majestät der Einsamkeit
in all ihrer erhabenen Öde umgebenen Tempel.

[Illustration: Manöver zum Freimachen eines in eine tiefe Spalte
geratenen Vorderrades.]

Es war und ist heute noch ein Zufluchtsort für Einsiedler. Jede
Felsenhöhlung ist ein Heiligtum, und man sieht heilige Sprüche in
altertümlichen chinesischen Schriftzeichen und andere noch ältere in
tibetischer, mongolischer und mandschurischer Sprache in die Felsen
gehauen, Spuren der Frömmigkeit längst dahingegangener Geschlechter.
Oben, auf einem der Felsen, erhebt sich ein seltsamer Bau: ein kleiner
Tempel, der in einem Adlerneste errichtet ist; man steigt lange, in den
Fels gehauene Reihen von Stufen hinauf, die hier und da mit Gebüsch
bewachsen sind. Weiter drinnen in der Schlucht befindet sich ein
zweiter Tempel, ein anderer Zufluchtsort des Glaubens, der Jahrhunderte
alt ist und nun langsam verfällt. Auf dem Gebirge zeigen sich an
unzugänglichen Punkten noch Reste ähnlicher, jetzt verschwundener
Bauten, die zusammengesunken sind unter dem Anprall der Schneestürme,
die, von Norden einherbrausend, sich in das Tal stürzen und wütend
einen Ausweg suchen. In Felsblöcke, die von den Berggipfeln gestürzt
sind, hat der fromme Meißel ungeschulter Künstler das Bild Buddhas
eingegraben, er hat in den Umrissen des Felsens die Umrisse der Statue
gesucht, hat den Steinen die strengen, ernsten Gesichtszüge der milden
Gottheit gegeben. Manch riesenhaftes Buddhabildnis ist in wunderbarer
Weise in die Felswände des Gebirges eingehauen. Man erblickt einige
Reste alter Tempel, Trümmer von Säulen und Pfeilern. Es zeigt sich
keine einzige Spur menschlicher Tätigkeit, die nicht eine Bekundung
des Glaubens wäre. Beim Durchschreiten dieser Gegend sprach jede Seele:
„Ich glaube.“

[Illustration: Unsere Kulis bei der Arbeit in den Felsen des
Lien-ya-miao.]

Dieser Weg hat auch eine religionsgeschichtliche Bedeutung: auf ihm
ist der Lamaismus, der tibetische Buddhismus, nach China eingedrungen.
Aus dem Herzen Asiens, dieser Quelle von Religionen, sind Wogen
der Frömmigkeit durch diese Täler herübergeflutet, um die Seelen
der Chinesen zu neuen Kulten zu bekehren. Es ist nichts Seltenes,
hier fremde Pilgerzüge anzutreffen. Als Fürst Borghese die Straße
nach Kalgan erkundete, hatte er einige Tage zuvor hier einen Büßer
mit geschorenem Kopfe und in langem grauem Gewande getroffen, der
betend und alle drei Schritte niederkniend, um den Boden zu küssen,
den Weg zurücklegte. Borghese erkundigte sich nach ihm. Der Pilger
war auf dem Wege nach der heiligen Stadt Urga und hatte auf diese
Weise die Mongolei und die Wüste Gobi durchquert. Die Bevölkerung
ist gastfreundlich und mildtätig gegen diese wandernden Pilger, die
am Abend ihre Mühsal unterbrechen, einen großen Stein auf die Stelle
legen, bis zu der sie gekommen sind, um sie am Morgen wiederzufinden,
und bis zum nächsten Dorfe gehen, um sich von ihrem frommen Beginnen
auszuruhen.

Es kommt uns der Gedanke, daß auch wir, alles in allem genommen,
auf einer seltsamen Pilgerfahrt begriffen sind. Auch wir haben ein
eigenartiges Gelübde getan und erfüllen es mit Glaubenseifer. Wenn der
Mann, der jene drei Schritte tat, seinerseits den Fürsten nach dem
Beweggrunde seiner Reise gefragt hätte, würde er gewiß höchst erstaunt
gewesen sein.

Nachdem wir durch das Dorf Pa-ta-ling gekommen waren, sahen wir ein
ausgezahntes Profil wie eine Zickzacklinie einige entfernte Kämme
vor uns umsäumen und andere Berge zu beiden Seiten krönen; wir sahen
es hier auftauchen, dort verschwinden, bis es allmählich die Form
zahlloser, zu einer Kette verbundener Türme annahm, gleich Scharen
wachehaltender Riesen.

Es war die Große Mauer.




Viertes Kapitel.

Auf dem Gebirge.

     Das Passieren der Großen Mauer. -- Die Matrosen verlassen uns. --
     Auf der Fahrt durch das chinesische Flachland. -- Im Schatten des
     Lien-ya-miao. -- Angstvolle Augenblicke. -- Die Mongolei kommt in
     Sicht.


Von fern gesehen macht die Große Mauer, die mit dem Gebirge
zusammengewachsen und verschmolzen ist als riesenhaftes Pendant zu
dessen Gipfeln und Felsenwänden, nicht den Eindruck eines Werkes von
Menschenhand: sie ist allzu gewaltig dazu, und das, was man von ihr
sieht, beträgt nicht den tausendsten Teil. Man könnte eher von einer
phantastischen bizarren Laune der Erde sprechen, entsprungen aus dem
Wirken unermeßlicher, unbekannter Naturkräfte, von dem Erzeugnisse
einer schöpferischen Erdumwälzung.

Je näher wir kamen, desto mehr verschwand die Große Mauer in einem
Gewimmel von Berggipfeln, und wir erblickten sie erst wieder bei den
letzten Windungen des Weges, als wir im Begriff standen, die massiven,
doppelten Tore zu durchfahren, die von noch heute festen Bastionen
verteidigt werden. Die Straße auf die Höhe hinauf ist nichts als eine
Furche im festen Gestein, sie wird stets steiler und ungangbarer. Wir
fuhren seit 8 Uhr unter unaufhörlichem Regen; nur langsam und mühselig
kamen wir vorwärts, jeden Augenblick zum Halten gezwungen, um Steine
aus dem Wege zu wälzen, Fahrbahnen für die Räder herzustellen, das
bedrohte Geschwindigkeitsgetriebe vor den Unebenheiten des Bodens zu
schützen. Alles ringsum eine wilde, öde Wüste.

Wir marschierten am Rande eines tiefen Abgrundes. Von hier
aus erblickten wir zu unserer Freude an einer Stelle zwei
Telegraphendrähte. Um ihre Isolatoren geschlungen, kamen sie von unten
herauf, kreuzten den Weg und überschritten die Mauer. Sie erschienen
uns als Freunde; sie sollten es sein, die unseren Landsleuten Kunde
von uns brachten. Arme alte Mauer, du Werk und Sorge von Dynastien und
Millionen von Menschen; nicht nur das Geschütz macht dich heutzutage
nutzlos: ein einfacher Draht genügt. Die fernsten Völker verkehren
ruhig über deine Schultern hinweg.

In der Nähe ist die Mauer weniger großartig. Sie gleicht den
Verteidigungswerken einer Stadt, und für den, der sich der Mauern
von Peking erinnert, verliert sie an Imposantheit. Als wir aber nach
dem Durchfahren der Tore den Abhang auf der andern Seite in der
Richtung des Dorfes Tscha-tau-tschung hinabstiegen und zurückblickten,
stießen wir einen Ausruf des Erstaunens aus. Wir übersahen die weiße
Linie der Mauer, bis sie sich im Duft der Ferne verlor; sie stieg
auf und ab, folgte im Zickzack den Launen des Geländes, zog sich in
Schlangenwindungen dahin, stürzte sich in Täler, erhob sich wieder
mit einem Sprunge, zeigte sich bald von der Seite, bald von vorn. Sie
ordnete ihre Türme auf hunderterlei verschiedene Arten, entfaltete
stellenweise ihre Zinnen und ließ sie deutlich erkennen, um sie im
nächsten Augenblick in plötzlicher Verkürzung zusammenzuziehen. Sie
schien zu verweilen und eiligst davonzufliehen, und zwar bis zu beiden
Grenzen des Horizontes, bis zu den entferntesten Bergen, wo sie sich
dem Auge nur noch als kaum wahrnehmbarer Faden darbot. Und so geht
es weiter, 800 Kilometer weit, rings um die ganze Provinz Tschili,
eine wunderbare Grenze. Und dies ist nur die „kleine“ Große Mauer. Es
gibt noch eine andere, die große, die „Wan-li-tschang-tscheng“, die
„Mauer der zehntausend Li“, die wir im Norden von Kalgan antreffen
werden; diese erstreckt sich 2400 Kilometer weit längs der Grenzen des
eigentlichen China. Aber es gibt nicht nur diese zwei Mauern. Als wir
das auf einer kleinen Hochebene liegende Tscha-tau-tschung hinter uns
hatten, bemerkten wir neue Türme, neue Bastionen, wie wir solche im
Tale von Nankou gesehen hatten. Das chinesische Volk hat mehr als 2000
Jahre darauf verwandt, Mauern gegen den Westen aufzutürmen. Es ist aber
nicht länger als drei Jahrhunderte her, daß es den eigenen Thron gerade
von jenen Tataren eingenommen sah, die es mit Hilfe von Backsteinen und
Kalk fernhalten wollte.

Unserem modernen Geiste erscheint die Große Mauer als ein
staunenerregendes Denkmal chinesischer Furcht, unermeßlich und
unlogisch, großartig und lächerlich; der Fremde bewundert und verlacht
sie. Aber wir vergessen, daß auch die Römer die Grenzen Britanniens
durch eine doppelte Große Mauer verteidigten, um dieses Reichsland vor
den noch ungebändigten Kaledoniern zu schützen. Es hat Zeiten gegeben,
in denen die Lebensbedingungen das Vorhandensein unübersteiglicher
Mauern zwischen Land und Land, zwischen Rasse und Rasse, zwischen
Kultur und Barbarei als logisch, natürlich, als notwendig erscheinen
ließen. Genau wie wir heute eine nichtendenwollende Arbeit logisch
und natürlich finden, die unseren Enkeln vielleicht eines Tages
großartiger, lächerlicher und chinesischer vorkommen wird als uns die
Große Mauer, nämlich um die Welt Hunderttausende von Kilometern Stahl
in Gestalt von Schienen zu legen, die Wälder der Erde niederzuschlagen,
um den Schienen Unterlagen zu schaffen, und die Gebirge zu durchbohren,
um Geleise mitten hindurchzuführen!

Das Dorf Tscha-tau-tschung betraten wir nicht; es ist von einer
quadratischen Mauer mit starken Türmen in den Ecken umgeben. Alle
chinesischen Dörfer und Städte sind in ein regelmäßiges Quadrat
eingeschlossen, das vielleicht die Form eines früher bestehenden
verschanzten Lagers beibehält. Wir zogen im freien Felde rings um den
Ort herum auf einer Straße, die zum Teil überschwemmt, aber sicherlich
besser war als die durch das Dorf führende, und fanden Unterkunft in
einem kleinen chinesischen Gasthause vor dem nördlichen Tore, in einer
erbärmlichen Karawanserei. Seit dem Morgen hatten wir 25 Kilometer
zurückgelegt.

[Illustration: In den Felsen des Lien-ha-miao am Ufer des Hun-ho.]

Auf dem elenden Hofe, der von baufälligen Schuppen umgeben war,
wollten wir sofort den Motor prüfen. Wir fürchteten, daß die Stöße,
die Erschütterungen und das unvermittelte Aufundnieder während des
Aufstieges die Maschine beschädigt haben könnten. Aber sie setzte
sich ganz ruhig in Bewegung, und in Bewegung setzten sich auch die
Neugierigen, die sich versammelt hatten und nun die Flucht ergriffen.
Nach kurzer Zeit erschienen drei chinesische Soldaten, die der Mandarin
des Ortes gesandt hatte, um -- das war nicht recht klar -- die Chinesen
oder -- uns zu überwachen. Wir konnten sie nach Belieben für eine
Ehren- oder Aufsichtswache nehmen.

Don Livio verließ uns hier kurz nach unserer Ankunft, um noch
rechtzeitig zu dem Abendzuge nach Nankou zurückzukehren. Wir nahmen
herzlichen Abschied von ihm und begleiteten ihn mit unseren
Lebewohlrufen, bis er zwischen den Mauern des Dorfes verschwunden war.

Der feuchte Wind drang durch die zerrissenen Papierfenster und erfüllte
unsere niedrigen Kämmerchen.

„Pietro, Feuer! Pietro, heißen Tee! Pietro, etwas zu essen!“

Und Pietro kam und ging diensteifrig und lächelnd, brachte das
Kohlenbecken, die Teekanne, Eier und beantwortete alle Fragen in
einem Italienisch, das seine ureigene Erfindung war. Pietro ist
ein unschätzbarer Diener; er ist der Sohn eines alten Ma-fu der
Gesandtschaft. Aus einer Dynastie von Ma-fus stammend, die über die
Marställe der italienischen Gesandten herrschte, genoß er oft die
Ehre, Aufträge zu erhalten, die Intelligenz und Treue erforderten. So
begleitete er uns bis Kalgan als Majordomus und Dolmetscher, als eine
Art Adjutant.

„Pietro,“ fragte ihn der Fürst, „bist du Christ?“

„Nein, Buddhist ich!“ erwiderte er.

„Warum nennst du dich dann Pietro?“

„Ich nicht nennen Pietlo mich,“ antwortete er, das r mit l verwechselnd
wie jeder gute Chinese, „ich mich nennen Wu-tin.“

„Aber wenn ich dich Pietro rufe, so antwortest du doch.“

„Ja, alle mich lufen Pietlo, ich ihnen antwolte.“

Ein letzter Befehl noch: „Pietro, morgen früh um 3 Uhr wecken, und daß
die Kulis zu dieser Stunde bereitstehen!“ Und in die überreichlich
mit Insektenpulver bestreuten Decken gewickelt, überließen wir uns
dem Schlafe. Durch die dünnen Wände hindurch hörten wir im Zimmer
nebenan die Matrosen sich von ihrer Heimat und ihren weiten Seereisen
unterhalten.

       *       *       *       *       *

Am 12. Juni 4½ Uhr morgens verließen wir Tscha-tau-tschung bei
bedecktem Himmel und kalter Luft, die die Nacht länger erscheinen ließ.
Wir schauderten in unseren noch nassen wasserdichten Anzügen.

Die Matrosen mußten jetzt umkehren; sie hatten Befehl, uns am zweiten
Marschtage zu verlassen, wenn ihre Anwesenheit nicht unbedingt nötig
wäre. Sie begleiteten uns noch einige hundert Meter bis zu dem Fuße
eines alten Befestigungsturmes und nahmen dann Abschied. Die Ebene von
Tscha-tau-tschung hallte von Evvivarufen wider. Noch lange Zeit konnten
wir die weißen Marineuniformen in dem Grau der Dämmerung unterscheiden
und hörten erneute Evvivarufe, die immer ferner und immer schwächer
ertönten, bis sich die Leute und die Stimmen ganz in der Ferne verloren.

Die Kulis hatten aus dem Schlafe neue Heiterkeit geschöpft; lachend und
singend marschierten sie weiter auf der Straße, die ab und zu sumpfige
Stellen zeigte. Ein Automobil zu ziehen, machte ihnen Spaß. Glückliche
Armut!

Bei Tagesanbruch zeigte der Himmel da und dort blaue Stellen. Ein
Nordwind zerstreute die Wolken und trieb sie in völliger Auflösung
dem Meere zu, und mit einem Schlage beleuchtete ein Sonnenstrahl
hohe Berge vor uns. Noch wenige Minuten, und die gesamte Kette des
Jen-jen-schan, die wir überschreiten mußten, zeigte sich in einem
strahlenden Lichtschimmer, durchfurcht von Abgründen und Berghängen,
gekrönt von blauen Gipfeln. Es war uns, als hätte sich in einer
Minute eine unermeßliche, gewaltige Schranke uns genähert. Hinter ihr
erhoben sich andere Gipfel, andere noch höhere Berge, die sich in
der Ferne abstuften, bis sie sich in dem heiteren Himmel verloren:
der Wu-tsi-hai, die Ausläufer jenes gewaltigen Alpensystems, das der
Chingan-schan bildet.

Der Himmel klarte völlig auf. Als wir uns umwandten, sahen wir die
Schatten der letzten Wolken einen nach dem andern sich von den Höhen
der Großen Mauer losreißen, und in weitem Halbkreise reihten sich
hinter uns die Berge aneinander, die wir den Tag vorher überschritten
hatten, ausgezackt und kahl, durchschnitten von der unermüdet sich
auf- und niederziehenden Schlangenlinie der Mauer, ein so wundervoller
Anblick, daß wir uns nicht satt daran sehen konnten. Bis zu den
fernen, verschleierten, kaum sichtbaren Bergen der Provinz Schansi im
Süden bemerkten wir die regelmäßige Kette der Türme und zeigten sie
einander mit immer neuem Staunen, wie eine unglaubliche Erscheinung.

[Illustration: Vor den Mauern von Ta-tu-mu.]

Das Gelände stieg leicht an. Die Ebene war öde. Nach stundenlangem,
einsamem Marsche überholten wir eine Karawane von Kamelen, die von
Mongolen in langhaarigen Ziegenpelzen und mit achteckigen, dem Dach
einer Pagode gleichenden Hüten auf dem Kopfe geleitet wurden, eine
Karawane, die in diesem Jahre die letzte Reise machte. Die mongolischen
Kamele arbeiten im Sommer nicht; sie erfreuen sich der Wohltat der
Ferien und der Landluft; in den heißen Monaten werden sie auf die
Weideplätze der heimatlichen Wiesen getrieben, wo sie sich für
sämtliche übrigen Monate des Jahres, in denen sie arbeiten und fasten,
ausruhen und sattfressen. Die Ruhe ist ihnen notwendig, auch um die
Hufe wieder wachsen zu lassen, die sich auf den Bergen oft bis aufs
Fleisch abwetzen, so daß die armen Tiere daran zugrunde gehen. Ein
Wüstentier läßt sich nicht ungestraft in ein Alpentier verwandeln.
Dagegen wurden wir einmal zu unserer Beschämung von Maultiersänften
einer rasch dahinziehenden Reisegesellschaft überholt. Es waren
Sänften, die Kaufleute nach Kalgan oder kaiserliche Beamte nach ihren
entfernten Amtssitzen brachten; sie befanden sich zwischen einer
Vorhut von berittenen Dienern oder Soldaten und einer Nachhut von
Maultiertreibern, die die Ersatztiere führten. Die Beamten hatten an
die Außenwand ihrer Sänften als Zeichen ihrer Würde das rote Futteral
gehängt, in dem sich der kegelförmige Amtshut befindet. Als sie an uns
vorbeikamen, teilte sich der Vorhang des seltsamen Gefährtes, und ein
würdiges, infolge der Bewegung der Maultiere hin und her schaukelndes
Chinesenhaupt wurde sichtbar, das uns mit fragender Miene betrachtete.

Wir waren in eine sandige Gegend gekommen. Wir trafen elende
Dörfer, umgeben von hohen, zerfallenden Wällen, Dörfer, die einst
reiche Städtchen waren: Pao-schan, eine Anzahl von Lehmhütten rings
um einen winzigen Tempel, den wir durch die breiten, vom Wetter
gefressenen Lücken in dem viel zu weiten Mauerquadrat sehen konnten,
dann Schi-yu-le im Schatten von Weidenbäumen, Hu-li-pa, umgeben von
Bastionen aus Lehm, Scha-tschou, das an die Dörfer der Mandschurei
erinnert, und Pien-kia-pu, das an nichts erinnert. Die hochstehende
Sonne verbrannte uns den Rücken und lähmte unser Denken. In träger
Eintönigkeit, gleichförmig, ermattend schlichen die Stunden hin. Bei
den physischen Beschwerden des Marsches (die Reitesel waren nach
Nankou zurückgekehrt) dachten wir mit geheimer Sehnsucht daran, wie
schön es wäre, wenn wir uns einem bewohnten Orte näherten. Wir setzten
ein unbestimmtes Vertrauen auf das Dorf, das kommen mußte, suchten
es mit den Blicken und beeilten uns, es zu erreichen, als müßten
dort die Beschwerde, die Hitze, die Niedergeschlagenheit und jene
blendende Lichtfülle ringsum, in der wir uns gleichsam zu verlieren und
aufzulösen schienen, ein Ende nehmen; wir zogen aus einem Bezirk in den
andern, immer Umschau nach einer ungeahnten Überraschung haltend.

Die Heiterkeit der Kulis war verschwunden. Man hörte nur noch das
Geräusch der Schritte, das Stöhnen der Atemzüge, das laute Knirschen
des Sandes unter den Pneumatiks des Automobils, das Getrappel der drei
Zugtiere. Von Zeit zu Zeit ein Zuruf Ettores, ein unvermutetes
Ertönen der Hupe: halt -- wir sind an einer schwierigen Stelle.

[Illustration: Die gute Straße am Hun-Fluß.]

Wir sehnten uns beinahe nach diesen schwierigen Stellen, nur um uns
aufzurütteln. Es waren dies Augenblicke lärmender Geschäftigkeit.
„Hier, den Spaten! die Spitzhacke! Vor dem rechten Rade muß gegraben
werden! Vorwärts! Dieser Stein muß aus dem Wege! Die Hebel her!
Achtung! Eins, zwei, drei ...!“ -- Und in der unermeßlichen Glut, die
über der öden Landschaft lagert, entwickelt unsere kleine Schar eine
fieberhafte Tätigkeit. Dann ergriffen die Kulis von neuem die Seile,
und vorwärts ging es: lai lai-la.

[Illustration: Der Hun-Fluß beim Aufstieg auf den Lien-ya-miao.]

„Deutscher Feldtelegraph“, so lasen wir über der Tür einer einsamen
Hütte. Es war ein Überbleibsel jener vielberufenen internationalen
militärischen Expedition, das von der Bevölkerung geschont wird,
vielleicht weil man die Worte für eine heilige Inschrift des
Abendlandes hält. Es ist alles, was von jenem so viel Aufregung
verursachenden Einmarsch der Mächte übriggeblieben ist. Wir sind unter
die Mauern einer Stadt, Huai-lai, gelangt, der nach Süden ein hoher
alleinstehender Hügel mit einem Tempel auf dem Gipfel vorgelagert ist.
Dieser Tempel war einige Wochen lang eine europäische Kaserne. Wir
machten halt, um den Leuten eine Stunde Ruhe zu gönnen; sie gingen,
um die Zeit auszunützen, in die Stadt hinein und überbrachten der
Bevölkerung die Kunde von unserer Ankunft.

Sofort will ganz Huai-lai uns sehen. Man hört das Lärmen einer
Menschenmenge, die sich dem Tore nähert. Zuerst kommen die Kinder,
die Vorhut der Schar. Nach wenigen Minuten sind wir von Hunderten von
Menschen umringt, die sich mit achtungsvollem Lächeln um das Automobil
drängen. Sie betrachten es, berühren es scheu, werden kühn, fragen
uns, begrüßen uns, staunen uns an. Viele halten auf der flachen Hand
Käfige mit Singvögeln; an schönen Tagen trägt jeder gute Chinese von
einer gewissen sozialen Stellung zur Unterhaltung einen Vogelkäfig;
es ist dies seine Hauptbeschäftigung, ein hübscher, traditioneller
Zeitvertreib.

[Illustration: Zwischen Felsen und Morästen an den Ufern des Hun-ho.]

Inzwischen frühstücken wir ein wenig Käse und Cornedbeef. Die
Einwohnerschaft von Huai-lai sieht uns dabei zu, es macht ihr
offenbar Vergnügen. Rings um uns streitet man sich über die Art und
Beschaffenheit unserer Speisen. Ein alter Mann gibt uns durch Zeichen
zu verstehen, daß er kosten wolle; den Käse spuckt er aus, während er
das Fleisch hinunterschluckt; dann tut er der Bürgerschaft sein Urteil
kund und zu wissen. Die Bürgerschaft tritt in nähere Erörterungen
darüber ein. Der alte Mann will seine Kontrolle auch auf unser Getränk
ausdehnen, und wir reichen ihm die Weinflasche, die er zögernd an
die Lippen führt, nachdem er den Becher unwillig zurückgewiesen hat.
Er trinkt, kostet, beginnt wieder zu trinken, und widmet sich dieser
Tätigkeit mit solchem Eifer, daß die ganze Flasche sich gurgelnd in
seine ehrwürdige Kehle entleert. Darauf ist er europäisiert; er lächelt
uns mit kleinen, lustig zwinkernden Augen zu und spricht lebhaft
auf uns ein; er steigt auf das Automobil, setzt sich hier unter den
Beifallsbezeigungen seiner Mitbürger nieder und versucht der Hupe einen
Ton zu entlocken; dies gelingt ihm, und er ist glücklich. Es kostet
uns nicht wenig Schwierigkeit, ihn wieder herunterzubefördern, als die
Kulis zurückkommen und wir unseren Marsch fortsetzen.

[Illustration: Im Schatten des Lien-ya-miao.]

Wir kommen an armen, aus Lehm gebauten Dörfern, kleinen, Einsturz
drohenden Tempeln, baufälligen Häusern, elenden Hütten vorüber, die
von einer wandernden Stadt längs des Weges verloren zu sein schienen.
Ein roter, von einem Stock herabwehender Lappen kennzeichnet sie als
Absteigequartiere für müde Reisende, als Herbergen für Maultiertreiber
im kleinen. Unsere Leute machen dort halt, um in Eile eine Schale Tee
zu schlürfen oder sich für eine Sapeke (3/10 Pfennig) den Fliegen
streitig gemachte Süßigkeiten zu kaufen. Alle diese Landstriche hätte
man für unbewohnt halten können; nirgends zeigte sich ein Mensch,
nirgends ließ sich ein Ton hören; es schien, als wolle man sich vor
uns verbergen oder uns zu verstehen geben: „Bleibt uns drei Schritte
vom Leibe!“ Ta-tu-mu, eine Stadt mit hohen, oben abbröckelnden Mauern,
machte den Eindruck einer seit Jahrhunderten verlassenen Ruine.

Die Straße verengte sich; wir gerieten häufig in tiefe Rinnen, die vom
Wasser im Sande oder zwischen den Kieseln ausgehöhlt worden waren. Wir
marschierten im Bett eines Bergstroms.

Rings um uns her erhoben sich riesenhoch die rauhen Berge, die wir am
Morgen gesehen hatten, ohne eine Spur von Vegetation, von brennend
gelber Farbe. Wir erstiegen die zweite Bergstufe, die Peking von der
mongolischen Hochebene trennt, zu der man über drei Absätze gelangt.
Man steigt zu der Mitte Asiens empor wie zu einem Tempel: drei Stufen,
drei Absätze. Unten, zu unserer Linken, öffnen sich die unermeßlichen
Talgründe von Schansi, eingetaucht in ein strahlendes Blau.

An manchen Stellen war kaum Platz für das Automobil, und wir trafen
die sorgfältigsten Vorsichtsmaßregeln. Wir mußten ab und zu einen
Schlag mit der Spitzhacke tun, Maße abschätzen und kühn die Weiterfahrt
versuchen, wobei wir die Radränder scharf im Auge hatten und der Führer
sich bereithielt, die Maschine unter dem mächtigen Druck der Bremsen
unbeweglich festzuhalten. Bei einem Dorfe, Tu-mu-go, 45 Kilometer von
Tscha-tau-tschung, fanden wir uns beinahe unvermutet außerhalb des
Berglandes; eine grüne Ebene lud uns zu einer Fahrt ein, und wir nahmen
die Einladung an.

„Halt!“

Wie durch Zauberschlag ist die Ermüdung von uns gewichen. In einer
Minute sind die Kulis beiseite geschoben und dem Kommando Pietros
anvertraut, die drei Tiere abgeschirrt. Mit fieberhafter Eile schlingen
wir die Seile um die Laternenhalter und entfalten die Flagge. Ein
Andrehen der Kurbel, und der Motor arbeitet. Wir steigen auf die
Maschine und vorwärts!

Vorwärts, den gewundenen, unebenen Weg entlang, unbekümmert um die
Sprünge, die Stöße, die Rucke, einzig und allein darauf bedacht, das
Automobil laufen zu lassen. Es hat nur zweite Geschwindigkeit, scheint
uns aber zu fliegen. Es zeigen sich große Regenlachen. Vorwärts! Wir
stürmen hinein und durchfurchen sie unter einem wahren Schauer von
Wasser und Schmutz; die zurückschlagende Welle dringt in den offenen
Raum des Automobils ein und durchnäßt uns. Wir lachen. Wir sprechen
laut, ergriffen von einer seltsamen Aufregung; es ist ein Rückschlag
gegen das lange Schweigen und gegen die entmutigende Langsamkeit der
bisherigen Reise. Auch lebt in uns eine neue Freude auf, die aus der
tiefen, unsagbaren Genugtuung stammt, etwas zu unternehmen, was noch
nie unternommen worden ist. Es ist die Wollust einer Eroberung, der
Rausch eines Triumphes und zu gleicher Zeit eine Überraschung, eine Art
Verzückung infolge der phantastischen Seltsamkeit der Fahrt in diesem
Lande. Wir erblicken Pagodendächer zwischen den Bäumen. Es ist uns, als
unterbrächen wir eine tausendjährige Ruhe, als seien wir die ersten,
die durch unser Dahineilen einen Weckruf in seinen tiefen Schlaf hinein
erschallen ließen. Wir fühlen den Stolz auf Zivilisation und Rasse; wir
fühlen, daß wir etwas vertreten, das höher steht als wir selbst: es ist
Europa, das mit uns dahinzieht. In dieser Geschwindigkeit faßt sich die
gesamte Bedeutung unserer Zivilisation zusammen. Das brennende Sehnen
der abendländischen Seele, ihre Stärke, das wahre Geheimnis jedes ihrer
Fortschritte ist in _einem_ Worte ausgedrückt: „Rascher!“ Unser Leben
wird angestachelt von diesem heißen Verlangen, von dieser schmerzhaften
Ungenügsamkeit, von diesem erhabenen Besessensein: „Rascher!“ In die
chinesische Starrheit tragen wir in der Tat unser fieberhaft erregtes
Wesen hinein. Wir fahren durch Flecken und Dörfer. Halbnackte Kinder
fliehen bei unserem Nahen. Die Männer und Frauen blicken uns mit
stiller Überraschung, mit ruhiger, wohlwollender Neugier nach. Wir
sehen seltsame Trachten, malerischer als die von Peking, vielleicht
älter. Es sind grüne, rote, gelbe, blaue Kleider, alle von grellen
Farben. Die Bewohner des flachen Landes lieben in der ganzen Welt
lebhafte Farben, vielleicht weil sie täglich Blumen vor Augen haben.
Auf den Schwellen der Häuser, wo sich die Menge zusammendrängt,
herrscht ein buntes, in der Sonne funkelndes Gewimmel, darüber ragen
die charakteristischen Dächer mit der leichten kahnartigen Biegung. Wir
können uns keinen lebhafteren Eindruck vom fernen Osten wünschen.

[Illustration: Am Hun-ho.]

Auf den von üppigem Grün strotzenden Feldern richten sich bei dem
Geräusch unserer Maschine die Landleute von ihrer Arbeit auf und
betrachten uns, die Augen mit der Hand beschattend. Einer ruft:
„Huo-tscho lai!“ -- „Die Eisenbahn!“ Der Ausruf wiederholt sich. Einen
Augenblick später wenden sich alle wieder ihrer Arbeit zu und beachten
uns nicht mehr, überzeugt, daß die Eisenbahn, von der sie so viel haben
sprechen hören, angekommen ist. Die Sache hat keine Bedeutung für sie.
In einem Graben wäscht eine Frau Kleidungsstücke; wir kommen dicht an
ihr vorbei, sie würdigt uns kaum eines Blickes und fährt fort, ihre
Kleider zu waschen, gleich als ob täglich Hunderte von Automobilen
an ihrem Graben vorüberkämen. Anderswo dagegen rufen sich die Leute
gegenseitig zu, strömen herbei, laufen uns durch die Staubwolken nach
und zeigen den Ausdruck naiven Staunens auf ihren gelben Gesichtern.
Die Seele dieses Volkes ist ein undurchdringliches Geheimnis. Wer
weiß, ob nicht der durch die Erscheinung des Automobils hervorgerufene
verschiedene Eindruck auf den ursprünglichen Rassenunterschied der
Einwohner zurückzuführen ist, wer weiß, ob die Neugier nicht eine
tatarische und die Gleichgültigkeit eine chinesische Eigenschaft ist?

[Illustration: Ein schwieriger Aufstieg im Lien-ya-miao-Gebirge.]

Wir kommen an einen Ort, Tum-ba-li, dessen in der Mauer befindliches
Tor so eng ist, daß wir nicht hindurchkönnen. Wir fahren langsam auf
grünen Wiesen im Halbkreise vorbei. Bei einem Dorfe machen wir halt.
Der Motor hat Durst und wir auch. Eine gutmütige Menge umringt uns,
bietet uns frisches, klares Wasser an und unterzieht den unteren Teil
des Automobils einer genauen Prüfung. Man streitet, man kommt näher;
kühne junge Leute bücken sich bis zur Erde, um die Schutzwand des
Geschwindigkeitsgetriebes besser betrachten zu können. Dann bücken sich
alle. Das Geschwindigkeitsgetriebe interessiert sie augenscheinlich.
Auch wir sehen nach und suchen vergebens zu ergründen, was ihre
Aufmerksamkeit in so hohem Grade fesseln könne. Die Szene ist komisch.
Einer faßt Mut und bittet uns mehr mit Gesten als mit Worten um eine
Erklärung. Ah, endlich verstehen wir. Sie fragen, wo das Tier ist! Das
Pferd ist nicht vorn, es muß also da drinnen stecken. Um so mehr --
bemerkt einer, mit ausdrucksvoller Mimik auf den Eimer deutend --, als
man ihm durch ein Loch zu saufen gibt. Es ist schwer zu fassen, wo der
unglückselige Vierfüßer eingesperrt ist. Ettore will ihnen praktische
Erläuterungen geben und öffnet das Motorgehäuse, um ihnen die Zylinder
zu zeigen. Aber die Leute blicken mit dem Ausdrucke der tiefsten
Überzeugung nach wie vor nach unten. Wir lassen sie bei ihrem Staunen.

Später holten wir die Sänften ein, die uns am Morgen überholt hatten.
Die Maultiertreiber sprangen aus dem Sattel, um die aufgeregten
Tiere zu beruhigen, die in jähem Schreck wild durcheinander rannten;
die Sänften, die zuerst hin und her schwankten wie Nachen auf
bewegter See, machten gegen den Willen der Insassen halt infolge
der entgegengesetzten Meinungen, die die an das Gefährt gespannten
Maultiere über die einzuschlagende Richtung sehr energisch betätigten.
Wir konnten noch sehen, wie hinter den emporgehobenen und zur Seite
geschobenen Vorhängen die würdigen Reisenden uns mit der Miene des
tiefsten Erstaunens betrachteten, das nicht frei von Unwillen war;
rasch fuhren wir an ihnen vorbei, indem wir ihnen ein freundliches
Lebewohl zuriefen. Dies war unsere Rache.

Am Abend machten wir in einem reizenden Dorfe halt, in Schem-pao-wan,
das von wahrhaft patriarchalischem Alter ist. Innerhalb der Mauern
herrscht eine bezaubernde Ruhe, man hört nur das Gezwitscher der Vögel.
An jeder Tür hängen an dem oberen Balken zwei bis drei Käfige mit
singenden Wüstenlerchen; ihre Triller erfüllen die Luft. Es ist eine
seltsame, durchdringende, volle, laute Musik, der die auf den Schwellen
hockenden Bewohner schweigend lauschen. Die Mongolen bringen von ihren
Ebenen Tausende dieser zierlichen gefangenen Sänger, für die die
Chinesen eine große Vorliebe zeigen, auf den Markt. Die Chinesen geben
ihren Stimmen den Vorrang vor jedem andern Ton, als ob sie in ihnen
etwas Göttliches erkennten. Die überschwemmte Dorfstraße hat sich in
einen Sumpf verwandelt, in dem sich die Häuser und das Blau des Himmels
widerspiegeln. Seit uralter Zeit muß sich diese kleine Wasseransammlung
zwischen den Häusern festgesetzt haben, weil man nichts zu ihrer
Entfernung tut und Weiden Zeit gehabt haben, an ihren Rändern zu
wachsen und ihren Durst in dem stillen Wasser zu löschen. Die Einwohner
gehen auf erhöhten Fußsteigen um sie herum. Wagen kommen nicht in das
Dorf.

Jetzt nähert sich ein kleiner Trupp, ein Bild aus alten Zeiten. Auf
einem weißen, mit roter Seide aufgezäumten Maultiere reitet eine
vornehme Dame vorüber, reichgekleidet in gestickte Gewänder, das
Gesicht weiß und rot geschminkt, die kleinen Lippen blutrot gefärbt,
den Hut mit Blumen geschmückt. Eine Figur, wie von einer chinesischen
Vase. Die Pekinger Mode ist nicht bis hierher gedrungen; hier leben
noch die Trachten vergangener Jahrhunderte. Vor und hinter der Dame
schreiten Diener; sie begibt sich vielleicht zu einem Feste. Wir
bleiben stehen, um sie zu beobachten, während sie eine kleine gewölbte
Brücke überschreitet und bei unserem Anblick anmutig ihr Gesicht mit
dem Ärmel bedeckt.

[Illustration: Wo ist das Tier?]

Wir durchstreiften das Dorf, nachdem wir das Automobil in einer vor den
Toren gelegenen Karawanserei eingestellt hatten. Als wir zurückkehrten,
fanden wir den Hof mit Menschen, Kamelen, Wagen und Pferden angefüllt.
Es waren Karawanen angekommen. Das Personal der Herberge eilte
geschäftig hin und her. Hier wurden riesige Haufen Getreide für die
Tiere abgemessen, dort trug man den Männern Schüsseln mit dampfendem
Reis und hohe Berge von Weißbrot auf. In einem Winkel des Hofes nahm
ein Zauberer mit Hilfe einer angezündeten Kerze und einiger magischer
Worte Beschwörungen vor zum Zwecke der Heilung eines alten kranken
Maultieres, das den Zauber inmitten einer schweigenden Zuhörerschaft
resigniert über sich ergehen ließ. In den weiten raucherfüllten Küchen
brannten alle Feuer, und bei dem rötlichen Lichte von Talgfackeln
bewegten sich die Köche mit nackten, schweißigen Rücken wie die
Schmiede in einer antiken Schmiedewerkstatt. Um das Automobil herum war
wieder eine Menschenmenge versammelt, die es sich in den Kopf gesetzt
hatte, das Tier zu suchen. Wir stellten fest, daß der chinesische Bauer
sich die rätselhafte Erscheinung am logischsten durch die Vorstellung
eines Zugtiers erklärte. Nur hielten die Intelligentesten daran
fest, daß es sich nicht um ein Pferd handle, sondern um irgendein
unbekanntes, fabelhaftes Tier, das von uns gefangen gehalten werde, und
wenn sie den rauhen Ton der Hupe hörten, so sagten sie: „Das ist seine
Stimme.“

In diesem Jahrmarktstrubel tauchten zwei russische Soldaten mit
aufgepflanztem Bajonett auf. Es war Militär der Gesandtschaft, das die
russische Post nach Kalgan und Kiachta brachte. Sie kamen von Peking
und überbrachten uns Nachrichten von den drei übrigen Automobilen,
die, wie sie wußten, am Abend vorher in Pa-ta-ling angelangt waren.
Sie hatten sie diesseits der Großen Mauer angetroffen; die Automobile
hätten in Huai-lai übernachtet. Wir hatten seit frühmorgens 65
Kilometer zurückgelegt, 20 davon mit dem Motor. Wir waren den andern
also um 35 Kilometer voran; in Kalgan würden sie uns einholen.

„Das Abendblot ist angelichtet!“ hörten wir rufen. Pietro stand neben
uns, mit Schüsseln in den Händen, und lächelte uns hinter dem Dampf der
ausschließlich von ihm bereiteten Speisen an. Pietro ist auch Koch.

Als wir später zwischen Abendessen und Zubettgehen vor unserem Zimmer
saßen und einige Zigaretten rauchten, sahen wir den schwarzen Schatten
hoher Berge sich von dem gestirnten Himmel abheben.

„Es sind die Berge von Ki-mi-ni“, bemerkte der Fürst.

„Also noch Aufstiege!“

„Und schwierige. Kalgan liegt jenseits.“

„Werden wir hinüberkommen?“

„Wer weiß! Morgen wird es einen heißen Tag geben.“

Und so war es.

       *       *       *       *       *

Wir brachen auf, als es noch Nacht war.

[Illustration: Einzug der „Itala“ in Hsin-wa-fu.]

Kaum ließ ein leichter Lichtschimmer -- dem vom Monde ausgehenden
gleichend -- die Sterne im Osten erblassen. Es war schwer, den Weg zu
unterscheiden. Der alte Aufseher der Kulis, der die Gegend kannte, ging
voran, um das Gelände zu erkunden. Wir konnten es nicht wagen, mit dem
Motor zu fahren, und im übrigen hatten wir nur noch wenige Kilometer
in der Ebene zurückzulegen, ehe wir an die Gebirgspässe von Ki-mi-ni
gelangten. Unsere Chinesen marschierten ohne Anstrengung weiter, mit
dem raschen Gange des Maultieres, des Pferdes und des Esels gleichen
Schritt haltend. Bei Sonnenaufgang befanden wir uns am Fuße eines
gewaltigen, einzelnstehenden Berges, des Lien-ya-miao.

Der Lien-ya-miao steht abgesondert von den übrigen Bergen und ist höher
als sie, so daß es den Anschein hat, als führe er den Oberbefehl über
sie. Im Süden wird er vom Hun bespült und beherrscht eine Strecke lang
den Lauf des Flusses von der Höhe ungeheuerer, senkrecht ansteigender
Felsen herab. Die Straße nach Kalgan zieht sich in der Nähe des Hun-ho
hin, bald an dem Ufer des Flusses, bald an dem Absturz des Berges,
hier durch Sand, dort über steile Felsen; sie klimmt empor und steigt
nieder, bis sie dort, wo sich die Berge im Kreise umherstellen, den
Fluß verläßt und sich über sanft ansteigende Hügel der Hochebene von
Hsin-wa-fu nähert, auf deren Grenze Kalgan am Fuße anderer Berge liegt.

Am Fuße des Lien-ya-miao liegt die Stadt Ki-mi-ni; an den Ecken ihrer
Mauern stehen zierliche Pagoden, und über die Zinnen erhebt sich ein
Tempeldach mit aufgebogenen Ecken, überragt von Majolikadrachen und mit
Glöckchen behängt. Von Ki-mi-ni sieht man nichts anderes. Der Ort ist
ganz von hohen, ein Quadrat bildenden Mauern umschlossen wie so viele
chinesische Städte. Es sind seltsame Städte, in deren unmittelbarer
Nähe wir vorüberziehen, ohne etwas von ihrem Umriß zu entdecken,
geheimnisvolle Städte, die sich vor der Neugier wie vor einem Feinde
schützen. Während wir außen um ihre Bastionen in schweigender
Einsamkeit unseren Weg fortsetzen, erscheint es uns fast unmöglich, daß
auf der andern Seite dieser großen düsteren, gleichmäßigen Mauern eine
Bevölkerung lebt, daß es dort Straßen, Häuser, Märkte, Freude und Leid
gibt. In China ist alles von Mauern umgeben: das Reich, die Städte, die
Tempel, die Häuser. Das Ideal des chinesischen Lebens ist die Stille
des Gefängnisses.

[Illustration: In den Felsen des Lien-ya-miao-Gebirges.]

Als wir um Ki-mi-ni herumgezogen waren, befanden wir uns unvermutet
am Ufer des Hun-ho, im Schatten des Lien-ya-miao, dessen Felswände
über uns emporragten. Auf dem Gipfel des Berges bemerkten wir einen
Tempel. Wie hat man es angefangen, ihn dort oben zu erbauen? fragten
wir uns verwundert. Pietro beeilte sich, uns eine Aufklärung zu geben.
Dieser Tempel wurde nicht von Menschenhänden errichtet. Kein Mensch
wäre dazu imstande gewesen. Er ist von Buddha selbst erbaut worden.
Dieser stieg vor vielen Jahrtausenden in Gestalt einer alten Frau vom
Himmel herab und errichtete das Heiligtum in einer einzigen Nacht. Und
in derselben Nacht erbaute er, nachdem er sich in die Gestalt eines
alten Mannes verwandelt hatte, eine Brücke über den Hun, von der noch
Trümmer vorhanden sind. Und Pietro zeigte uns in der Tat die Überreste
eines steinernen, von Gestrüpp umwachsenen Brückenkopfes. Es ist
seltsam, wie weitverbreitet unter den Völkern Ostasiens die Legende von
einem Gotte ist, der auf Erden unter der Gestalt eines alten Mannes
und einer alten Frau erscheint, um dringende Arbeiten auszuführen. Der
Tempel und die Brücke erinnern mich daran, daß in Japan die Göttin
Kwannon ebenfalls in einer einzigen Nacht und unter der doppelten
Gestalt eines alten Mannes und einer alten Frau ihr eigenes Bild in
doppelter Ausführung in zwei riesige Baumstümpfe geschnitten hat; eins
von diesen Selbstporträts wird noch heute in Kamakura verehrt, wo
auch ich es gesehen habe. Gottheit und Alter verschmelzen oft in den
asiatischen Legenden miteinander, vielleicht weil die Gottheit und das
Alter Gegenstand gleicher Verehrung sind.

Der Fluß war infolge der Regengüsse angeschwollen; breit und trüb
strömte er in unregelmäßigem Laufe in seinem mächtigen sandigen Bette
hin. An einer Stelle senkte der Berg seine Felsenwand jäh bis zum
Wasserspiegel hinab. In den Zeiten der Trockenheit durchwaten die
Karawanen den Hun und setzen ihren Weg auf dem andern Ufer fort. Bei
dem hohen Wasserstande wagten wir dies nicht und entschlossen uns, den
Weg über den Berg zu wählen, der sich steil vor uns in plötzlichem
Aufstiege erhob und zwischen den Felsen verlor.

Wir begannen hinaufzuklimmen.

[Illustration: Ankunft der französischen und des holländischen
Automobils in Kalgan.]

Der Pfad war in den Fels gehauen und folgte allen Abschüssigkeiten des
Berges. Er machte so scharfe Schlangenwindungen, daß wir zuweilen auf
zehn Schritte Entfernung noch keine Fortsetzung erblickten und den
Eindruck hatten, als münde er in den Abgrund. Nie ließ er uns seine
Krümmungen erraten; wir erfuhren beständig Überraschungen. Zu unserer
Rechten erhob sich die Felswand, zur Linken hatten wir den Abgrund.
In dessen Tiefe schäumte der Fluß. Jenseits des Flusses entdeckten
wir beim Weitersteigen einen Horizont, der sich in unermeßliche
Fernen ausdehnte, das Tal des Sang-kan-ho, die blaßblauen Berge des
Huang-hua-schan, in unbestimmten Umrissen, unkörperlich, leicht wie
Gespenster von Bergen; sie eröffneten den Blick ins Herz der Provinz
Schansi. Stellenweise verengerte sich der Pfad, zuweilen war er kaum
breit genug für die Räder; es waren angstvolle Augenblicke. Auf
dem Straßenrande waren stellenweise Mauervorsprünge zum Ausweichen
angebracht, die entweder einzustürzen drohten oder schon eingefallen
waren, und wenn wir in die Tiefe sahen, hatten wir den Eindruck, als
schwebten wir in der Luft. Längs des Hun sahen wir Karawanen von
Kamelen ziehen, die von hier aus Insektenschwärmen glichen. Bisweilen
ragten Felsblöcke über unseren Köpfen in den Weg hinein, so daß wir
fast instinktiv unseren Schritt beschleunigten und dadurch auch die
andern zur Eile veranlaßten.

[Illustration: Ettore im Hofe einer chinesischen Karawanserei.]

Die Beförderung des Automobils war mühselig und schwierig. Wir
arbeiteten gemeinsam mit den Chinesen, bald an den Rädern, indem
wir die Speichen mit den Schultern schoben, bald, indem wir an den
Seilen ziehen halfen und die Arbeitskräfte leiteten. Die Kulis
waren bewundernswert. Etwas von unserer Beklemmung und von unserer
Begeisterung war auf sie übergegangen. Achtsam und willig boten sie
ihre gesamte Kraft und ihre gesamte Intelligenz auf. Sie setzten ihren
Ehrgeiz in die harte Arbeit. Sie hatten Mittel gefunden, gewisse
Hindernisse zu überwältigen, und wandten sie an, ohne den Befehl
dazu abzuwarten. Sie studierten unsere Gebärden, sie suchten unsere
Absichten zu erraten. Sie hatten den Mechanismus des Wagens auf das
beste begriffen, und wenn sie sahen, daß die Vorderräder so in Spalten
oder zwischen Steinen eingeklemmt waren, daß es unmöglich war, sie zu
bewegen, so liefen sie herbei, um sie freizumachen, schoben sie so, daß
sie sich nach der günstigsten Seite drehen mußten, und unterstützten
die Absicht Ettores, der das Steuerrad lenkte. Die Bedeutung einiger
Worte unserer Sprache war kein Geheimnis mehr für sie: „Kräftig los,
vorwärts, halt, langsam, aufgepaßt!“ waren ihren Ohren Laute geworden,
die eine beredte Sprache führten. Zu alledem kam eine unverwüstlich
gute Laune, ein Streben, um jeden Preis zufrieden zu sein. Bei jeder
überwundenen schwierigen Stelle gab es einen Heiterkeitsausbruch. Nach
der heftigen Aufregung einer starken Kraftanspannung hatten sie noch
Lust, mit matter Stimme zu singen. Sie feierten ihre kleinen Siege.
Sie fanden tausenderlei Stoff zu Gesprächen und zu Gelächter, bis
der Ruf: „Achtung!“ sie verstummen ließ und sie von neuem unter das
gespannte Seil beugte. Der Umstand, daß auch wir bereit waren, uns an
die Seile zu spannen, in Hemdärmeln, mit nackten Armen, und daß wir im
Notfalle unsere Anstrengungen mit den ihrigen vereinten, spornte sie
an. Vielleicht machte sie dies auch stolz.

Wir wußten nicht, wie spät es war, weil wir es nicht wissen wollten.
Auf manchen Reisen müßte man die Uhr stets zu Hause lassen; sie ist
eine schlechte Begleiterin, die entmutigt, indem sie zeigt, wie
langsam die Zeit verrinnt. Wir lebten außerhalb der Zeit. Wir hatten
den Eindruck, als seien wir seit unvordenklicher Zeit auf dem Marsche
durch die Berge; dies lehrt Resignation. Der Tag wollte kein Ende
nehmen. Vom wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne herab und erhitzte
die Felsen; sie verwandelte sie in eine glühende Masse. Wenn wir die
Steine berührten, zogen wir die Hände mit einer Empfindung zurück,
als hätten wir uns verbrannt. Die Luft war unbeweglich und infolge
der zurückprallenden Sonnenstrahlen unerträglich heiß; es schien, als
hauche das Gebirge wie ein schlafender Riese einen seiner Atemzüge über
uns aus. Einige Kulis hatten ihren bronzefarbenen Oberkörper entblößt,
und das über ihre Schulter gelegte Seil drückte in die Haut und schnitt
in die Muskeln ein. Aber die Nackten waren sämtlich Lastträger, und die
Haut auf ihren Schultern war schon durch die Achsen der Sänften und
die Tragbalken für die Wassereimer schwielig geworden. Sie schienen
gegen die rauhe Berührung unempfindlich zu sein; nur selten legten
sie das Seil mit einer raschen, bezeichnenden Bewegung auf die andere
Schulter.

Der Aufstieg war zu Ende. Der Abstieg stellte sich als noch
abschüssiger heraus; stets führte der Weg steil am Berge hin. Wir
schirrten die Tiere aus und lösten die Seile, um sie an den hinten
befindlichen Haken zu befestigen. Alle Kraft mußte darauf verwandt
werden, das Automobil auf dem abschüssigen Wege aufzuhalten. Alle
Mann stellten sich wie beim Seilziehen in zwei Reihen auf. Ettore
stellte den Hebel auf die erste Geschwindigkeit ein. Auf diese Weise
wäre das Automobil, selbst wenn die Seile rissen und die Bremsen
nicht faßten, nicht mit der fürchterlichen Schnelligkeit eines Falles
hinuntergesaust, sondern wenigstens einigermaßen von dem Motor
aufgehalten worden, und es wäre somit noch möglich gewesen, es zu
lenken, wenn auch nicht zu retten. Als alles bereit war, ertönte das
Kommando: Vorwärts! Das graue Ungeheuer begann, sich in den Abgrund
hinabzusenken.

Es schien, als wolle es sich dafür rächen, daß es gezogen worden war.
Jetzt war es das Automobil, das laufen wollte. Es paßte auf alle
Unvorsichtigkeiten der Menschen auf, zur Flucht bereit, der geringsten
Lockerung der Spannung nachgebend; man hätte glauben können, es erwarte
den günstigen Augenblick zur Empörung und wolle sich die Bändigung
seiner Kraft nicht länger gefallen lassen. Ein Augenblick hätte genügt,
es hätte genügt, daß eine momentane Störung in dem Zusammenwirken der
Kräfte eintrat, daß die Anstrengung der Muskeln in kaum merklicher
Weise nachließ, und die große Maschine wäre hinuntergestürzt, uns alle
mit sich reißend. Eine Zeitlang schien sie gegen die Hemmung durch die
Bremsen unempfindlich zu sein. Nach hinten geworfen, das Kinn auf der
Brust, die Füße gegen den Erdboden gestemmt, Beine und Arme gestrafft,
die Zähne zusammengebissen, den Atem angehalten, so kämpften wir alle,
Chinesen und Europäer, mit vereinten Kräften. Zum Glück war es nur
für einen kurzen Augenblick. Die neuen, gut geölten Bremsen griffen
nur langsam ein, aber endlich taten sie es doch. Ettore kannte seine
Bestie und war voll Vertrauen; er wußte sie zur rechten Zeit zu zähmen.
Als wir haltmachen wollten, legten wir große Steine unter die Räder
mit der Eile eines, der eine Barrikade errichten will, um den Feind
aufzuhalten. Dann ruhten wir aus und ließen das Automobil allein in
einer recht vertrackten Lage vornübergeneigt zurück, während die langen
Seile sich hinter ihm wie zwei mächtige Schweife am Boden entlang
ringelten. Bald erreichten wir wieder die Ebene und nahmen froh unseren
Marsch zwischen dem Gebirge und dem Hun wieder auf.

Der Pfad führte uns zu einem Dorfe, Schau-huai-huan, das halb versteckt
zwischen dichten Weidenbäumen lag und von Reisfeldern umgeben war.
Die Straße war sumpfig geworden. Der Boden, klebrig und naß, vom
Regen durchweicht, gab nach. Die Räder versanken bis zur Hälfte der
Speichen darin, und der zähe Schlamm setzte sich an den Radkränzen
und den Gummireifen fest, häufte sich hier an und gab den Rädern die
abenteuerlichsten Formen und Umrisse; es schien, als bewege sich das
Automobil auf Rollen aus Erde. Auch unsere Stiefel erfuhren eine
unbequeme Vergrößerung; der Schmutz bedeckte sie mit dicken Krusten,
die wir von Zeit zu Zeit durch Schütteln und durch Wegschleudern
entfernten. Wir glitten aus, das Ausschreiten wurde uns schwer. Die
Kulis mußten jede Minute halten und ausruhen. Wir begegneten einer
Karawane von Maultieren, die mit mongolischen Fellen beladen waren;
zwei Tiere wichen, erschreckt durch das Automobil, vom festen Pfade ab
und versanken bis an den Leib.

[Illustration: Im Sumpflande bei dem Dorfe Schau-huai-huan.]

In der Nähe des Dorfes stand die Straße unter Wasser. Zur Rechten und
Linken dehnten sich von hohen Dämmen umgebene und trotzdem ebenfalls
überschwemmte Reisfelder aus. Es gab keine Wahl; wir mußten durch.
Unsere Leute entblößten ihre Beine und wateten in den Pfuhl hinein.
Der Übergang schien trotz seiner Länge gut vonstatten zu gehen.
Hoffnungsvoll maßen wir mit den Augen die Entfernung bis zum trockenen
Lande. Noch zwei Minuten, und wir waren in Sicherheit. Das Wasser
gurgelte unter unseren Schritten.

Mit einem Male blieb das Automobil stehen.

„Vorwärts, vorwärts!“ rief Ettore.

„Dummköpfe!“ riefen wir, „gerade in diesem Augenblick ausruhen zu
wollen!“

[Illustration: Die Automobile im Hofe der Russisch-Chinesischen Bank in
Kalgan.]

„Weiter, weiter! Eine Rast ist jetzt verhängnisvoll. Wir versinken!“

Aber die armen Chinesen hatten nicht freiwillig haltgemacht. Sie
begriffen die Gefahr sehr wohl. Sie zogen aus Leibeskräften und schrien
vor Aufregung. Die drei Tiere stemmten die Hufe unter einem Hagel von
Peitschenhieben ein und streckten ihre mageren Hälse vor. Die Seile
waren gespannt, das Chassis ächzte. Vergebens. Die Maschine schien
festgenagelt zu sein. Mehrmals wurde der Versuch, sie zu bewegen,
wiederholt, bald langsam, bald heftig, in jeder Weise. Man mußte andere
Mittel ausfindig machen. Wir schickten uns an, Ketten um die Bäume
zu schlingen und Taue zu benutzen. Die Chinesen aber, die mit ihren
nackten Füßen auf dem Grunde des Wassers hin und her tasteten, fühlten,
daß die Räder an etwas gestoßen hatten. Pietro berichtete es uns.

„Großer Stein!“

Ein großer Stein? Die Hebel her! An die Arbeit! Wir waren entschlossen,
selbst einen Berg zu zertrümmern, als die Kulis, die mit den Händen
nach einem Ansatzpunkte für die Hebel suchten, erkannten, daß es sich
nicht um einen Stein handle. Und Pietro erklärte:

„Große Wurzeln!“

In der Tat waren es die Wurzeln einer riesigen Weide, die ein wenig
abseits stand, üppig grünend und so gleichgültig, als träfe sie nicht
die geringste Verantwortung. Es war nichts anderes zu machen, als die
Wurzeln mit der Axt abzuhauen. Eine seltsame und ganz neue Arbeit beim
Automobilsport! Wer uns gesehen hätte, hätte geglaubt, wir wären mit
dem märchenhaften Unternehmen beschäftigt, das Wasser zu spalten. Die
Hiebe fielen regelrecht; ein in den Grund gesteckter Pfahl gab die
Richtung an, in der sie geführt werden mußten.

Die abgehauenen Wurzeln wurden mit den Arm

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