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Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

by Karl Arnold Kortum · German · Gutenberg #47608 · 596,234 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
    
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Title: Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

Author: Karl Arnold Kortum

Commentator: Friedrich Schnettler


        
Release date: December 9, 2014 [eBook #47608]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/47608

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski and the
        Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE JOBSIADE: EIN KOMISCHES HELDENGEDICHT IN DREI TEILEN ***

                            Die Jobsiade.


              Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
                                 von
                       Dr. Carl Arnold Kortum.

               Mit einer literarhistorischen Einleitung
                                 von
                        Friedrich Schnettler.

                        Mit 70 Illustrationen.

                               Leipzig
               Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.




             Der Jobsiadendichter Dr. Carl Arnold Kortum.


Fast ein Jahrhundert ist verflossen, seitdem die _Jobsiade_, natürlich
nur der erste, abgerundete und abgeschlossene Theil, 1784 im Druck
erschien; in vielen Tausenden von Exemplaren ist das »komische
Heldengedicht« verbreitet, mehr als drei Generationen haben sich an dem
grobkörnigen Humor erfreut, aber über die Lebensumstände des Dichters
ist im großen Publikum wie in seiner zweiten Vaterstadt, der Kreisstadt
_Bochum_ in Westfalen, wenig bekannt. Man wird dem Fremden dort auf
Befragen das _Wohnhaus_ des Dichters zeigen, welches durch eine im Jahre
1876 daran angebrachte Marmortafel kenntlich gemacht ist, und vielleicht
auf das _Grab_ desselben auf dem alten Theile des sogenannten
»Todtenkirchhofes«. Damit hat aber die Kunde über »Leben, Meinungen und
Thaten« des Jobsiadendichters auch in seiner Vaterstadt so ziemlich ein
Ende.

Das Wohnhaus des Dichters, auf der oberen Marktstraße gelegen, trägt die
Nr. 23 und charakterisirt sich durch seine Bauart und Giebelverzierungen
als aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts stammend. Die Inschrift der
Marmortafel lautet:

»^In diesem Hause -- lebte, dichtete und starb -- der Königl. Hofrath --
und doct. medicinae -- #Carl Arnold Kortum,# -- geboren den 5. Juli
1745, -- gestorben den 15. August 1824.^«

Angebracht ist diese Tafel von den Berufsgenossen des Dichters, wohl zu
verstehen von den Berufsgenossen in dessen _ärztlichem_ Berufe, nicht in
der _Dichtkunst_, und verdienen die Bochumer Aerzte für diesen Act der
Pietät alle Anerkennung.

Der Name des Dichters wird meistens falsch angegeben; derselbe heißt
nicht #Kortüm#, sondern #Kortum#. Nicht allein die Encyclopädien,
sondern auch wissenschaftliche Werke haben die erste, _falsche_ Form des
Namens. Der Irrthum beruht auf einer Verwechselung mit dem Namen des
bekannten _Historikers_ Joh. Friedr. _Kortüm_, geboren den 24. Februar
1788 zu Eichhorst in Mecklenburg-Strelitz, gestorben am 4. Juni 1858 als
Professor der Geschichte an der Universität Heidelberg.

_Carl Arnold Kortum_ wurde am 5. Juli 1745 von protestantischen Eltern
zu _Mühlheim_ an der Ruhr geboren, wo sein Vater eine kleine Apotheke
besaß. Dieser starb schon früh, aber die Mutter, eine geborene _Maria
Helene Severin_ aus Bochum, setzte das Geschäft des Verstorbenen fort,
und da sie obendrein ein ziemliches Vermögen mit in die Ehe gebracht
hatte, so konnte sie ihrem Sohne eine sorgfältige Erziehung geben. Nach
Kortums eigener Aussage, welche in der Form seines Namens einen weiteren
Anhalt findet, stammte seine Familie aus Friesland; dieselbe habe dort
einst ein ausgedehntes und reiches Grundvermögen besessen, sei aber
durch widrige Umstände um Ansehen und Besitz gekommen, in Folge dessen
verzogen und zum Stande und Broderwerb des kleinen Bürgers herabgedrückt
worden.

Die Liebe und Sorgfalt, mit welcher die Mutter der Erziehung des kleinen
Carl Arnold oblag, fand in den ersten Jahren wenig Belohnung; alle Sorge
und Mühe scheiterte an den geringen Anlagen des Knaben und man
verzweifelte schon daran, ihm auch nur das Alphabet und damit die
Grundlage aller Wissenschaft beibringen zu können. Was der Mutter und
vielen Andern nicht gelingen wollte, gelang endlich durch den
glücklichen Einfall eines damals in Mühlheim lebenden Candidaten Namens
Grabow. Derselbe fand den Schlüssel zu dem Geiste des Knaben dadurch,
daß er auf das sogenannte »^letterbanket^« der Holländer verfiel; er
ließ nämlich aus Kuchenteig Buchstaben bilden, und spendete diese
gebackenen Buchstaben dem Knaben als süße Belohnung, wenn er wieder
einen Buchstaben begriffen und behalten hatte. Es kam nunmehr ein ganz
anderes Leben in den Knaben; er bekam Muth und Selbstvertrauen und hatte
sich bald in einen solchen Eifer zum Lernen hineingegessen, daß er
ungewöhnlich rasch lesen lernte und seine Mutter ihm bald nicht genug
Bücher mit Fabeln, Märchen und allerhand Kindererzählungen verschaffen
konnte.

Der verstorbene Vater des Dichters hatte gewünscht, daß der Knabe
studiren und zur Universität übergehen sollte. Im Herbst 1753 kam der
Knabe daher, acht Jahre alt, auf die protestantische Lateinschule seiner
Vaterstadt; da sich dieselbe aber in einem jämmerlichen Zustande befand,
sah sich die Mutter genöthigt, ihn von da fortzunehmen und in die
katholische Schule des Ortes zu schicken, wo das Lateinische gründlich
betrieben und das Französische ebenfalls gelehrt wurde. Mit fünfzehn
Jahren wurde Carl Arnold Schüler des Gymnasiums zu _Dortmund_, wo er bei
einem Onkel von väterlicher Seite Wohnung und Pflege fand. Ein Sohn
dieses seines Hauswirthes ist Karl Georg Theodor Kortum, den Pierers
»Universal-Lexicon« ^s. v.^ »Kortum« fälschlich als Sohn unseres
Jobsiadendichters bezeichnet. Derselbe, 1765 zu Dortmund geboren, starb
am 9. Februar 1847 als Physikus in Stollberg bei Aachen.

Am Gymnasium zu Dortmund gehörte unser C. A. Kortum zu den tüchtigsten
Schülern, und waren es nach F. W. Ebeling vorzüglich _zwei_ Lehrer,
welche einen nachhaltigen Einfluß auf denselben ausübten, der Rector
Gotthilf August _Hofmann_ und der Professor _Pilger_. Letzterer gab sich
Mühe, den jungen Studiosus für den geistlichen Stand zu bestimmen, aber
vergeblich, denn die Lust und Liebe zur Medizin als zu seinem
Brodstudium hatte der Jüngling in der väterlichen Apotheke zu tief
eingesogen; trotzdem blieb ihm zeitlebens eine gewisse Vorliebe für
theologische Dinge anhaften. Der Rector Hofmann, ein für seine Zeit sehr
verdienter Schulmann (gestorben 1770), war zwar ebenfalls Theologe, aber
nach der obigen Quelle zugleich ein warmer Freund der Dichtkunst, deren
Nutzen und Werth er in mehreren lateinischen und deutschen
Schulschriften zu erweisen versuchte. Derselbe weckte in seinem Schüler
die Liebe zu den schönen Wissenschaften und beklagte nur unaufhörlich,
daß derselbe in allen seinen freien Arbeiten einen ungemeinen Hang zur
Satire verrieth. Er warnte ihn, seinen beißenden Witz zu unterdrücken
und seine Spottlust zu zügeln, durch welche er sich nur Feinde und
Unannehmlichkeiten im Leben schaffen werde; dabei hatte der Lehrer
selbst aber eine satirische Ader, fluthete von Sarkasmen völlig über und
war sogar in einer literarischen Fehde öffentlich als Satiriker
aufgetreten. So wenig ein Lehrer, der den ganzen Tag die Pfeife nicht
erkalten läßt, seinen Schülern das Unpassende und Schädliche des
Rauchens begreiflich machen kann, so wenig war auch Rector Hofmann
geeignet, dem jungen Kortum die Freude an lachendem Witz und scharfem
Spott zu verleiden.

Mit tüchtigen Kenntnissen ausgerüstet bezog Kortum 1763, achtzehn Jahre
alt, die Universität _Duisburg_, um Medicin zu studiren. Hier, in der
Vaterstadt des bekannten Geographen Mercator (Kremer), welche 1609 mit
der Clevischen Erbschaft an die Kurfürsten von Brandenburg gefallen war,
hatte der große Kurfürst 1655 eine reformirte Universität gegründet,
welche 1802 theilweise und 1818 ganz und förmlich aufgehoben wurde. In
der medicinischen Fakultät waren es besonders zwei Männer, die Bedeutung
und Ruf hatten: Johann Gottlieb _Leidenfrost_ (1715-1791) und Christian
Arend _Scherer_ (1714-1777). Beide standen auf der Höhe der
medicinischen Wissenschaft ihrer Zeit, und hat der junge Kortum
namentlich die Fußstapfen des ersteren dadurch betreten, daß er sich
gleich ihm bemühte, populäre Kenntnisse über das Wesen des menschlichen
Körpers und dessen rationelle Behandlung zu verbreiten. Die 1779 in
Wesel und Leipzig bei F. J. Röder und J. S. Heinsius erschienene Schrift
Kortums: »Anweisung wie man sich vor alle _ansteckende Krankheiten_
verwahren könne, für solche die nicht selbst Aerzte sind« -- gibt den
größtenteils noch jetzt richtigen Ansichten Leidenfrost's einen
populären Ausdruck und scheint vielfach auf dessen Vorlesungen zu
beruhen.

Nach drei Jahren bestand Kortum glücklich seine ärztliche Prüfung,
erwarb sich durch eine 1766 gedruckte Dissertation über die Epilepsie
den Doctortitel und ließ sich, nachdem er noch ein halbes Jahr in Berlin
hauptsächlich Anatomie und Chirurgie studirt hatte, in der
liebgewordenen Musenstadt _Duisburg_ als Arzt nieder. Kaum 23 Jahre alt,
verheirathete er sich hier 1768 mit _Margaretha Ehinger_ aus Bochum und
erwarb sich wegen seiner gediegenen Kenntnisse, einiger
glücklicher Aufsehen erregender Curen, sodann aber wegen seines
leutseligen Benehmens, seiner geistreichen Unterhaltung und seiner
gesellschaftlichen Talente rasch eine ausgedehnte Praxis. Die Zahl der
von ihm in Duisburg behandelten Kranken soll sich in einem Jahre auf 600
belaufen haben. In einer Zeit, wo tüchtige Aerzte noch selten waren, wo
Charlatane, Dorfbader und Feldscherer fast noch allein das Feld
behaupteten und ungestraft an dem gesunden Körper unserer Vorfahren ihre
unvernünftigen Quacksalbereien und bedenklichen Hundecuren versuchen
durften, waren wissenschaftlich gebildete Aerzte gesuchter als
heutzutage, und schon bald bewarben sich die Städte Wesel, Lennep und
Hagen um Kortum als Arzt; in Rees wurde ihm gar das Kreisphysicat
angeboten. Seine Mutter und Gattin waren aber beide aus Bochum, und wol
deren Vorliebe für ihre Vaterstadt war es, die den jungen Arzt bewog,
sich im Jahre 1770 in _Bochum_ niederzulassen. Bochum wurde seine
_zweite_ Vaterstadt, und bis zum Ende seiner Tage, länger als ein halbes
Jahrhundert, blieb er derselben treu.

Klein und beschränkt war dieser Wirkungskreis, und es ist nicht ohne
Interesse, den Dichter selbst über die einfach-spießbürgerlichen
Verhältnisse seines neuen Wohnortes zu vernehmen. In einer
hinterlassenen Schrift: »Bochumer Nachrichten«, welche von der
»Westfälischen Volkszeitung« in Bochum im ersten Jahrgange 1872
veröffentlicht wurde und welche, wie aus dem Inhalte zu schließen ist,
im Winter von 1789 auf 1790 entstanden sein muß, äußert sich Kortum an
verschiedenen Stellen wie folgt:

»Augenblicklich (im Jahre 1789) wohnen überhaupt 366 Familien in der
Stadt; die Personenzahl beträgt 1474 Seelen, ausgenommen die hier im
Dienst stehenden Soldaten. Hierunter sind 294 Männer, 385 Frauen, 332
Söhne, 348 Töchter, 11 Gesellen, 17 Knechte, 1 Junge und 86 Mägde. Von
diesen sind 983 über und 491 unter zehn Jahren alt. Zum Militärstande
gehören noch besonders 47 Personen, deren Weiber und Kinder
eingerechnet.

»Die Einwohner der Stadt sind meist starke, untersetzte Leute. Man
trifft hier wenig Krüppel und im Verhältniß der Einwohnerzahl sehr viele
alte Leute beiderlei Geschlechts. Siebenzig- und Achtzigjährige sind
durchaus nicht selten. Die einfache Lebensordnung, die hier geführt
wird, ist neben der gesunden Luft die Hauptursache des außerordentlich
günstigen Gesundheitszustandes. Der gemeine Mann nährt sich nur von
Brod, Butter und Gemüse; Fleisch wird von ihm nur selten genossen, noch
seltener Fische; Gewürze fallen fast ganz fort. Kaffee wird viel
getrunken, aber sehr dünn; derselbe macht mit einem Butterbrode oft die
Mittagsmahlzeit, fast immer die Abendmahlzeit der Familie aus, die
vertraulich beim Scheine des Herdfeuers um den Kaffeekessel (»Wippop«)
oder Milchnapf sitzt. Der Hausvater raucht dabei wol sein Pfeifchen
Kölnischen Tabak, und wenn er bei Vermögenden in Arbeit steht, trinkt er
auch wol ein Glas Branntwein oder eine Kanne Bier. In solchem Falle ißt
er auch besser, bekommt Speck und sonstiges Fleisch und Pfannkuchen, und
ist dann vergnügt wie ein Fürst.

»Die Bürger ernähren sich größtentheils vom _Ackerbau_. Fast jeder
wohlhabende Bürger hat eigen Feld; doch nur wenige haben eigene Pferde
und Ackergeräthe. Sie lassen vielmehr von Bauern aus den benachbarten
Ortschaften entweder für Geld oder gegen die Hälfte des Ertrages den
Acker bearbeiten.

»Ein anderer Nahrungszweig ist die _Viehzucht_. Jeder Bürger, er sei
vornehm oder gering, hat eine oder mehrere Kühe; die ärmsten haben
wenigstens eine Ziege. Da die Bürger im Sommer auf der Vöde frei Vieh
treiben können, so ist ihnen das Vieh wohlfeil zu halten. Im Jahre 1719
war der ganze Viehstand in der Stadt 24 Pferde, 402 Kühe und 2 Ziegen.
Nach der Zeit hat der Viehstand abgenommen, denn jetzt (1789) sind nur
vorhanden 287 Stück Rindvieh, aber 42 Ziegen und 27 Pferde. Schafe
werden gar nicht gehalten.

»Auch das _Kohlenbergwerk_ nährt manchen Bürger. Einige haben an den
Bergwerken selbst Antheil, Andere arbeiten an denselben, Andere fahren
auf Sturzkarren, Schiebkarren, Schleppen und Tragkörben Kohlen zum
Verkauf in die Stadt oder holen dieselben für andere Leute.

»Die Classe der vornehmen Leute besteht aus königlichen Beamten,
Geistlichen, Gelehrten, Kaufleuten, Künstlern und Handwerkern. Die
übrigen geringeren Bürger sind Tagelöhner, welche sich mit Dreschen,
Steinbrechen, Holzhauen, Futterschneiden u. dgl., so wie durch Hilfe
beim Ackerbau, Branntweinbrennen, Brauen und sonstigen wirthschaftlichen
Arbeiten ernähren.

»Als im Jahre 1753 die Grafschaft Mark in _Landgerichte_ bestellt wurde,
erhielt auch Bochum ein solches (1878 leider nicht. D. V.) und wurden
dazu 1 Landrichter, 2 Assessoren, von denen der jüngste zugleich das Amt
eines Actuars mit verwalten muß, nebst einem Gerichtsschreiber
angeordnet. Zu diesem Landgerichte gehört nicht allein das Amt Bochum,
sondern auch das Amt Hattingen und Blankenstein. Das Landgericht hat zur
Vollziehung der Befehle zwei Gerichtsdiener. Die Sitzungen werden in
einem Zimmer des Rathhauses abgehalten.

»Es geht zur Zeit (1789) hier noch _kein Postwagen_, wol aber kommt von
Cleve über Duisburg die reitende Post Donnerstags und Sonntags hier an,
und des Mittwochs und Sonnabends eine Fußpost von Lünen, welche
desselben Tages wieder abgeht. An eben den Tagen kommt ein Postbote von
Essen, geht hier durch nach Dortmund, und kehrt des anderen Tages
zurück. Nach Hattingen geht auch ein Postbote Mittwochs und Sonnabends;
außerdem sind noch besondere Postboten zur Ueberbringung etwaiger Briefe
an die nahegelegenen Dörfer.«

Es waren demnach die philisterhaften Verhältnisse eines kleinen
Landstädtchens, in welche der geistig und körperlich rege junge Arzt
hineingezwängt war; aus ihnen ist die Jobsiade hervorgewachsen und aus
dem Mangel an geistiger Anregung, den der reich angelegte und rastlos
thätige Dichter doppelt fühlen mochte, erklärt sich die Entstehung und
mancher Zug der Jobsiade. Der kleine Gesichtskreis genügte seinem regen
Geiste nicht, und da er die kleinlichen Verhältnisse nicht ändern
konnte, machte er sich in Wort und Schrift darüber lustig. Ferner
erklärt sich hieraus, abgesehen von der natürlichen Anlage, seine
ungemeine Vielseitigkeit und seine große schriftstellerische
Fruchtbarkeit.

Mochte Bochum, welches bei der Volkszählung am 1. Dezember 1875 eine
ortsanwesende Bevölkerung von 28,562 Seelen hatte, zur Zeit der
Entstehung der Jobsiade aber auch nur kaum anderthalb tausend Seelen
zählen: das alte Bochum brachte noch _Originale_ hervor, kernige,
gesunde, zufriedene Menschen, die sich als Bürger _eines_ Gemeinwesens
fühlten, sich bestens vertrugen, und mit allerhand lustigen Streichen
und Einfällen aufzogen. Die leichtlebige und vergeßliche Gegenwart hat
kaum noch eine Ahnung davon, welch' originelle Menschen die Väter und
Großväter der jetzigen Generation oft gewesen; nur mancher gute Einfall,
manche gelungene Fopperei, mancher köstliche Eulenspiegelstreich klingt
noch in die Jetztzeit hinüber. Und von diesem gesunden Sinne, dieser
biederen Derbheit und urwüchsigen Originalität, vor Allem aber von dem
grobkörnigen Humor des alten Bochums trägt die Jobsiade auch gar manchen
Zug.

Unter rastloser Thätigkeit als Arzt und Schriftsteller verlebte Kortum
in Bochum in Wohlstand und Ansehen seine Tage, umringt von Kindern,
Enkeln und Urenkeln. Allerdings war sein Familienglück nicht ungetrübt;
drei geliebte Kinder sanken vor ihm in das Grab, und der 1807 erfolgte
Tod seines Sohnes, auf den er so große Hoffnungen gesetzt hatte und der
ihm bereits nach glänzenden Studien als Gehilfe in seinem Berufe zur
Seite stand, brach seine Lebensfreudigkeit und machte den sonst so
heiteren Mann mürrisch, verschlossen und bitter. Von diesem Sohne, der
als zweiter Bergarzt unter seinem Vater wirkte, stammt das im zweiten
Theile, Kap. 32, Vers 10 erwähnte »Gesundheitsbüchlein für Bergleute.«
Bei Gelegenheit seines 50jährigen Doctorjubiläums im Jahre 1816 erhielt
er vom Könige Friedrich Wilhelm III. den Titel »Königlicher Hofrath«; im
Jahre 1818 feierte er seine goldene Hochzeit und im Jahre 1820 im engen
Freundeskreise die Erinnerung an seine 50jährige ärztliche Wirksamkeit
in Bochum. Gebeugt von der Last seiner Jahre, lebensmüde und verbittert
starb er, im 80. Lebensjahre stehend, am 15. August 1824, wie es
scheint, nach schmerzlichem Krankenlager. Darauf deutet wenigstens auf
seinem Grabmonumente der Satz: »^Non mihi mors gravis est -- posituro
morte dolorem^,« zu deutsch: »Der Tod wird mir nicht schwer, der ich
durch den Tod den Schmerz ablege.« Ihn überlebten seine Gattin, seine
Tochter, sieben Enkel und zehn Urenkel. Noch jetzt leben Nachkommen von
ihm in Bochum.

Was seinen Ruhm begründet hatte und in gesunden Tagen sein Glück gewesen
war, seine Ader zu Witz und Humor, wurde ihm in den letzten Jahren
seines Lebens zum Fluche. Er war ein strebsamer, tüchtiger Student
gewesen und als junger Arzt gesucht und berühmt; er hatte sich
zeitlebens bemüht, auf der Höhe seiner Wissenschaft zu bleiben, aber die
Arzneikunde war gegen Ende des vorigen und namentlich im ersten Viertel
dieses Jahrhunderts mit Riesenschritten vorwärts gegangen, und ehe er es
sich versah, war er zurückgeblieben und wurde von jüngeren Kräften
überflügelt. Der immer sichtlicher hervortretende Mangel an Vertrauen zu
seiner Geschicklichkeit kränkte und verbitterte ihn und untergrub seine
Berufsfreudigkeit und Heiterkeit. Aus dem Jüngling, der sich über Alles
lustig machte, war ein Greis geworden, der sich über Alles ärgerte, und
ein Convolut von hinterlassenen Papieren geschäftlicher Art, welches die
Bochumer Gymnasialbibliothek aufbewahrt, zeigt keine Spur von dem
Charakter und lachenden Humor, den man bei dem Dichter der Jobsiade
voraussetzen sollte. Er hielt alle Menschen für undankbar und falsch,
erblickte überall hämische Gegner und bösartige Feinde, verkannte die
Liebe und Achtung, die ihm von Angehörigen und Fremden reichlich bezeugt
wurde, und war in seiner bissigen Laune sich selbst zur Qual und Anderen
zur Last geworden. Gewiß fiel ihm daher der Tod nicht schwer, der ihn
dem Lebensüberdruß und der Selbstqual entrückte.

Die _Grabstätte_ des Dichters auf dem ruhigen, schattigen alten
Kirchhofe macht einen würdigen, ernsten Eindruck, und doch wird man
davor stehend unwillkürlich an die launigen Verse erinnert, mit denen
Kortum von der langen Reihe derer, die der dürre Knochenmann schon
geholt, auf den Tod des Nachtwächter Jobs übergeht:

   »Summa Summarum, weder vorn noch hinten
   Ist in den Chroniken ein Exempel zu finden,
   Daß Freund Hein etwa irgendwo leer
   Bei Jemand vorübergegangen wär'.

   Und was er übrigens noch nicht gefressen,
   Wird er doch in der Folge nicht vergessen;
   Sogar leider, lieber Leser, auch _dich_,
   Und was das Schlimmste ist, sogar _mich_!«

Das _Grabmonument_ bildet in seinem Haupttheile einen Würfel aus
Sandstein, der auf einem verzierten Sockel ruht und von einem
dachartigen Gesimse bedeckt wird. Oben auf dem Denkmal steht eine mit
einer Schlange umwundene Urne. Das Monument zeigt auf der _Vorderseite_
die Inschrift:

                     »^Hoc sub monumento quiescit
                             C. A. Kortum
                        Dr. medic. pro meritis
                   nominatus consiliarius aulicus.
         Natus die 5. Juli 1745. Mortuus die 15. Aug. 1824.^

                     Hier ruht die irdische Hülle
                     des ^Dr. medic.^ und Hofrath
                            C. A. Kortum.
           geb. den 5. Juli 1745, gest. den 15. Aug. 1824.

Darunter befindet sich als Symbol der medizinisch-chirurgisch-poetischen
Thätigkeit des Verstorbenen eine Leyer, und kreuzweise darüber gelegt
das Emblem der Aerzte und Apotheker, der Aesculapstab.

_Rechts_ von dem Beschauer steht die oben schon verdeutschte Inschrift:

                     »^Non mihi mors gravis est,
                       posituro morte dolorem.
                         Sirach, 22. v. 11.^
                   Man soll nicht so sehr trauern.«

Unter der Inschrift befinden sich zwei Palmbüschel.

An der _linken_ Seite findet der Verehrer des Dichters die Worte:

                       »^Per aspera ad astra!^
                     Offenbarung. Joh. 14. v. 13.
                        Selig sind die Todten,
                      die in dem Herrn sterben.«

Wenn der deutsche Spruch jedesmal die Uebersetzung des lateinischen sein
soll, so würde man damit allerdings als Quartaner oder Quintaner
schlecht durchkommen, denn »^Per aspera ad astra^« heißt wörtlich:
»Durch Mühen zu den Sternen«. -- Unter dieser Inschrift befindet sich
eine Sanduhr.

Auf der _hinteren_ Seite des Denkmals befinden sich als Symbol der
Trauer zwei umgekehrte Fackeln und darüber die Worte:

                 »^Deploratus ab uxore, filia, septem
                          nepotibus decemve
                            pronepotibus.^

                     Um ihn trauern seine Gattin,
                  seine Tochter, seine sieben Enkel
                          und zehn Urenkel.«

In der Nähe des hier beschriebenen Grabdenkmals liegen drei Verwandte
des Dichters, seine _Tochter_ Henriette _Döring_ geborene Kortum,
geboren den 1. März 1770, gestorben 5. Februar 1839, deren Schwiegersohn
Constantin _Brinkmann_, geboren 9. März 1796, gestorben 9. Juni 1841,
und dessen gleichnamiger Sohn, also ein Urenkel Kortums, Constantin
Brinkmann, geboren 21. November 1821, der als junger Apotheker eines
jähen, unerwarteten Todes, wahrscheinlich durch Gift, gestorben ist. Es
heißt von ihm auf der Grabinschrift nicht ohne Phrasenschwall: »Er starb
am 21. April 1851, ein früh gefällter, lebenskräftiger Baum.
Geistesverwandt mit seinem Urgroßvater _Dr. Kortum_, dem bekannten
Gelehrten, dessen späte Lebensjahre der hoffnungsvolle Enkel noch
erheiterte, ruht er nun an dessen Brust. Das Grabmal des lichtvollen
Vorfahren überschattet ihn, der Geist desselben geleite ihn zu den
Thoren der ewigen Auferstehung!«

Nach Darlegung der äußeren Lebensumstände des Jobsiadendichters wollen
wir nunmehr denselben als _Schriftsteller_ betrachten, und dabei seine
Versuche und Leistungen auf dem Gebiete der _Poesie_ von seiner
anderweiten literarischen Thätigkeit trennen.

Doctor _C. A. Kortum_ begann seine fruchtbare schriftstellerische
Thätigkeit bereits früh und schrieb über die verschiedensten,
heterogensten Materien. Die meisten Arbeiten fallen in die Zeit von 1775
bis 1790, sind aber bis auf die Jobsiade so ziemlich alle der
Vergessenheit anheimgefallen, obschon sich nicht läugnen läßt, daß
manche derselben in der damaligen Zeit anregend und fördernd gewirkt
haben. In den Jahren 1776 und 1777 erschienen in Bremen: »Der _Kaffee_
und seine Stellvertreter«; -- »Der _Thee_ und seine Stellvertreter«; --
»Grundsätze der _Bienenzucht_.« Ueber letzteres Werkchen äußert sich der
Verfasser in seinen »Bochumer Nachrichten« etwas ärgerlich wie folgt:

»Einzelne Bürger treiben auch Bienenzucht, doch mehr zum Vergnügen als
Nutzen. Es könnte dieser Nahrungszweig sehr verbessert und verdienstlich
gemacht werden. Ich habe durch meine im Jahre 1776 herausgegebenen
>Grundsätze der Bienenzucht< Anlaß genug dazu gegeben, aber es fehlt an
gutem Willen und höherer Ermunterung.«

In das medicinisch-pädagogische Gebiet fällt Kortums »_Märtyrer der
Mode_«; derselbe erschien 1778 _anonym_ zu Wesel bei F. J. Röder. Es ist
dies eine kleine, durch den weiten Druck auf 75 Seiten ausgereckte
Satire auf die damals und noch jetzt grassirenden Modethorheiten und
Lebensgewohnheiten vornehmer Stände, z. B. das Schnüren, Ammenwesen,
Erziehung oder besser Vernachlässigung der Kinder durch fremdes Personal
u. dgl. Der arme Märtyrer all dieser Moden, der von den ersten Anfängen
seines Daseins bis zum Grabe bei all diesen Modekrankheiten schlecht
genug wegkommt, erzählt sein Elend selbst. Der Verfasser hat dem
Schriftchen nicht ohne Humor kurz und gut folgende »Vorrede an die
Leser« vorgesetzt:

»Es wäre zwar Mode, Ihnen erst ein Compliment zu machen und dann zu
sagen, was vor hinreichende Gründe ich gehabt habe, diese Geschichte
herauszugeben. Allein, zu dem ersten bin ich nicht aufgelegt, und das
andere werden Sie schon selbst am Ende der Geschichte lesen. B-ch-m,
1778.«

Durch die letzte Bezeichnung verräth sich der Verfasser zur Genüge;
nebenbei gesagt füllt diese bündige Vorrede zwei ganze Seiten.

Im Jahre 1779 erschien seine oben schon berührte
populär-wissenschaftlich gehaltene »Anweisung wie man sich vor alle
_ansteckende Krankheiten_ verwahren könne«, und 1782 im Verlage der
Helwingischen Universitäts-Buchhandlung zu Duisburg die von _Lavater_
angeregte Schrift: »Anfangsgründe der _Entzifferungskunst_ deutscher
Zifferschriften.« Beide sind je 114 Seiten stark; die erstere ist für
den damaligen Stand der medizinischen Wissenschaft bezeichnend und die
letztere ist ebenfalls noch jetzt lesenswerth, sehr instruktiv und
verräth eine große Uebung und Sicherheit in der immerhin geistig
anregenden Spielerei, Ziffer- und Zeichenschriften zu enträthseln. --
1789 erschien zu Duisburg die »_Verteidigung der Alchemie_«, welche
bereits im Jahre 1791 in Aachen eine zweite Auflage (oder einen
Nachdruck) erlebte. Einen glücklichen Griff that endlich der
»Arznei-Doctor«, wie er sich meistens betitelt, in seiner »Skizze einer
_Zeit- und Literaturgeschichte_ der Arzneikunst von ihrem Ursprunge bis
zum Anfange des 19. Jahrhunderts«, welche 1809 zu Unna erschien und 1819
eine zweite Auflage erlebte.

Das Verzeichnis dieser seiner _gedruckten_ Schriften, noch mehr aber
eine Uebersicht seines _handschriftlichen_ Nachlasses zeigt die
ungemeine Vielseitigkeit und Polymathie des Jobsiadendichters. Medicin,
Pädagogik, Jurisprudenz, Naturkunde, Geschichte und Alterthumsforschung,
Landwirtschaft, Technologie, Illustrationskunde u. s. w. sehen wir
vertreten, und wenn das vorige Jahrhundert, wo die einzelnen
Fachwissenschaften noch nicht den riesigen Umfang von heutzutage hatten,
den studirten Leuten auch eher den Luxus einer solchen Vielwisserei
gestattete, so muß man doch über die geistige Regsamkeit und den
Bienenfleiß des Mannes füglich erstaunen. Namentlich zeigen auch die
oben schon berührten, 1872 durch Clemens _Ising_ aus dem
handschriftlichen Nachlaß zum Druck beförderten »_Nachrichten_ vom
ehemaligen und jetzigen Zustande der Stadt _Bochum_«, wie rührig und
eifrig der Autor sich umgesehen, Umfrage gehalten, gesammelt und
gesichtet haben muß.

Den Ruhm und die Unsterblichkeit seines Namens hat Kortum jedoch auf
einem Gebiete errungen, wo er sie selbst wol nicht erwartet hatte, auf
dem Gebiete der _Poesie_, der komischen Muse. Wie nach seiner
Naturanlage zu erwarten stand, fallen in dieses Gebiet auch seine
_ersten_ schriftstellerischen Versuche. Gebeten, für die in Wesel
erscheinende Zeitschrift »Der Gemeinnützige« und für die
»Niederrheinischen Unterhaltungen« Beiträge zu liefern, veröffentlichte
er in denselben zunächst Anekdoten und scherzhafte Gedichte. Später
folgten, zum Theil selbständig: »Lobschrift auf Herrn Ich.«; --
»Komische Lebensbeschreibungen«; -- »Die seltsamen Begebenheiten der
Kinder des Medon und Sincer, ein Märchen nach dem Geschmack des vorigen
Jahrhunderts«; -- »Saadi oder der Lebensbalsam, eine arabische
Erzählung«; -- »Lebensgeschichte eines Carobuben«; -- Alles kleinere
Sachen zum Theil moralisirenden Inhalts in humoristisch-satirischer
Behandlung. Den »Märtyrer der Mode« (Wesel, 1778) kann man füglich auch
hierher rechnen.

»Die _magische Laterne_, in dreimal dreißig Vorlesungen« erschien 1784
zu Wesel; in dem ersten Dreißig führt der Autor Charakterfiguren von
Ständen, Berufsclassen und moralischen Eigenschaften, wie Geizige,
Stutzer, Modenärrin u. s. w. vor; im zweiten Dreißig erscheinen Personen
und Vorfälle aus der biblischen Geschichte des alten Testaments, und im
dritten Dreißig will der Verfasser zeigen, »was zu uns'rer Zeit
geschah.« Er führt darin als _lebende_ Zeitgenossen vor: Joseph II.,
Friedrich d. Gr., Katharina II., erwähnte die Reise von Papst Pius VI.
nach Wien 1782, den nordamerikanischen Freiheitskampf 1777-1783, die
heldenmüthige Vertheidigung Gibraltars durch Elliot 1779-1782, das
Auffliegen Montgolfier's 1783 u. s. w. Wenn daher ein Berufsgenosse des
Jobsiadendichters, Dr. _Müller_, im Jahre 1878 einen Neudruck des
kleinen Zeitspiegels in Knittelversen veranstaltet hat (Frankfurt a. M.,
Druck von G. Horstmann) und als eigenen Versuch unter der Ueberschrift
»Fünfzig Jahre später« eine Darstellung des Krieges von 1870/71 anfügte,
so ist das ein colossaler historischer Schnitzer und wäre »Hundert Jahre
später« beinahe richtig gewesen. Auch schätzt sich der Herausgeber in
der Vorrede glücklich, die »magische Laterne« gleichsam neu entdeckt zu
haben, irrt sich in dem Geburtsjahre Kortums um etwa 30 Jahre, ebenso in
dem Geburtsorte, schreibt den Namen fälschlich »Kortüm« und ist der
Neudruck durch viele sinnstörende Druckfehler entstellt. Dem
Jobsiadendichter selbst aber wäre vielleicht ein Dienst damit erwiesen
worden, wenn die Laterne vergessen geblieben wäre. -- Weitere poetische
Erzeugnisse Kortums, welche allerdings erst nach der Jobsiade
erschienen, sind: »_Adams Hochzeitsfeier_, ein komisches Gedicht«,
(Wesel, 1788), und »_Elisabeth Schlunz_, ein Anhängsel zur Jobsiade«,
(Hamm, 1819).

Keins dieser vielen Geisteskinder hat jedoch den Verfasser überlebt,
alle fielen bald nachher der verdienten Vergessenheit anheim, und nur
ein einziges sichert dem fruchtbaren Schriftsteller für immer einen
Namen in der deutschen Literatur, die allberühmte »_Jobsiade_« oder, wie
der Titel der ersten Ausgabe ausführlich und genau lautete:

                     »Leben, Meynungen und Thaten
                Von _Hieronimus Jobs_, dem Candidaten,
              Und wie Er sich weiland viel Ruhm erwarb,
         Auch endlich als Nachtswächter in _Sulzburg_ starb.

   Vorne, hinten und in der Mitten
   Gezieret mit schönen Holzschnitten.
   Eine Historia lustig und fein
   In neumodischen Knittelverselein.«

Der in diesem Titel inhaltlich resumirte _erste_ Theil der Jobsiade
bildet ein abgeschlossenes Ganzes und erschien im Jahre 1784 _anonym_ in
Münster und Hamm bei Philipp _Perrenon_. Der Druck war jedenfalls schon
im Jahre 1783 vollendet, wenigstens trägt das in meinem Besitze
befindliche Handexemplar des Dichters dessen eigenhändige
Namenszeichnung und darunter die Jahreszahl 1783. Das Titelbild von dem
besungenen Helden zeigt die Unterschrift: »_Hieronimus Jobs_,
lutherischer Candidat der Theologie und Nachtswächter zu _Sulzburg_ in
Schwaben ^Aetat: XL.^« Aus dem »_Sulzburg_« der ersten Ausgabe ist in
späteren Ausgaben »_Schildburg_« geworden, welches an die bekannten
Streiche der »Schildbürger« von Schilda (Schildau) bei Torgau, dem
sächsischen Abdera, erinnern oder diesen Ort bedeuten soll. Dem Autor
ist es übrigens nie eingefallen, sein Werk als »grotesk-komisches
Heldengedicht« zu bezeichnen; in der ersten Ausgabe fehlt jede weitere
Bezeichnung, und erst später, als die ferneren Theile erschienen, gab er
allen drei Theilen den Gesammttitel: »Die _Jobsiade_, ein komisches
Heldengedicht in drei Theilen.« Die Bezeichnung »burlesk« würde ziemlich
richtig sein, denn die Dichtung erhebt sich nicht über die niedere
Komik.

Verleitet durch den Beifall, den dieser erste Theil der Jobsiade, zwar
nicht ohne anfänglichen Tadel und Widerspruch, schließlich gefunden,
fügte der Dichter noch einen _zweiten_ und _dritten_ Theil hinzu; durch
einen höchst unwahrscheinlichen Hokuspokus ließ er den im ersten Theile
als Nachtwächter verstorbenen Hieronimus wieder aus dem Grabe
hervorgehen und machte aus dem mißrathenen Taugenichts erst einen
musterhaften Pastor und dann gar einen reichen Dorfdynasten. Alle drei
Theile erschienen unter dem gemeinsamen Titel »Jobsiade« 1799 zu
Dortmund in dem Mallinckrodt'schen Verlage. Die dritte Auflage besorgte
Kortum im Jahre 1806, und von der vierten, welche in seinem Sterbejahre
1824 erschien, hat er noch die Revision des ersten Theiles selbst
vorgenommen. Neben diesen rechtmäßigen Ausgaben erschien noch zu
Lebzeiten des Dichters eine Menge von Nachdrucken.

Geben wir zur Beurtheilung der Jobsiade zunächst das Wort dem
Literarhistoriker _Heinrich Kurz_. Derselbe sagt darüber, Band III. p.
307a: »Großen Beifall fand und findet noch immer die Jobsiade und zwar
mit vollem Recht. Denn wenn sich die Dichtung auch nur im niedrigsten
Grade des Niedrigkomischen bewegt, so hat auch dieses seine _volle
Berechtigung_, wenn der Dichter es nur mit vollem Bewußtsein beherrscht
und durchführt. Und daß dieses hier der Fall ist, wird Niemand
bezweifeln wollen, der das Gedicht gelesen hat. Die Jobsiade verdient
schon deshalb Anerkennung, weil in ihr Alles zusammenklingt: Charaktere,
Begebenheiten, Darstellung, Sprache, Versmaß, Alles bewegt sich im
gleichen Gebiete des Niedrigkomischen; nirgends wird der allgemeine
Charakter unterbrochen oder gestört. Aber was der Jobsiade noch
größeren, wahrhaft _poetischen Werth_ gibt, das ist die _Wahrheit_, die
ihr zu Grunde liegt. Wenn auch im burlesken Gewande, ist das Leben der
deutschen Spießbürger und Philister, der deutschen Gelehrten und
Pedanten in einer noch gar nicht so lange verschwundenen Zeit
meisterhaft und in der vollsten Wahrheit geschildert; ja selbst das
burleske Gewand ist keine Andichtung des Verfassers, sondern dem Leben
abgelauscht. Es ist freilich schade, daß der Dichter noch einen Theil
(resp. zwei) hinzufügte, in welchem Jobs, der scheintodt im Grabe
gelegen, ins Leben zurückgerufen wird, nun ein neues Dasein beginnt und
ein Muster von einem Pastor wird; allein abgesehen davon, daß man diese
Fortsetzung als selbständiges Ganzes betrachten muß, und die poetische
Einheit und Wahrheit des ersten Theiles dadurch also nicht
beeinträchtigt wird, so möchten wir darin eine treffliche Satire auf die
damaligen Dramen erblicken, in denen das Tragische durch einen
unpoetischen Umschwung oder an den Haaren herbeigezerrte innere
Unmöglichkeiten zu glücklichem Ende geführt wurde. Wie der erste Theil,
so ist übrigens die Fortsetzung reich an glücklichen Einzelheiten, und
wenn auch keine dem in seiner Art classischen Examen oder dem eben so
trefflichen Briefe des Candidaten Jobs gleichkommt, so sind doch manche
Stellen äußerst glücklich, so z. B. die Verspottung der damals
herrschenden Empfindsamkeit.«

Gleich günstig urtheilt über die Jobsiade _W. Lindemann_ in seiner
»Geschichte der deutschen Literatur«, Buch XI., der sie geradezu als das
eigentliche und einzige komische Heldengedicht der neueren deutschen
Literatur bezeichnet. Auch er hält die Fortsetzung für eine Schädigung
des ersten Theils; durch dieselbe gehe das komische Interesse auf
Nebenpersonen über.

Nicht zum geringsten Theil verdankt der Verfasser diese Wirkung dem
gewählten _Versmaße_ und der _Illustration_ der einzelnen Scenen durch
die allerklotzigsten und unbeholfensten Bilder. Die drollige Willkür,
mit welcher der Verfasser seine seitdem oft, jedoch selten mit Glück
nachgeahmten Knittelverse allen rhythmischen Gesetzen zum Hohn handhabt,
die Naivität, mit der er den Leser schadlos hält, indem er erklärt:

   »Es werden zwar in den Reimen manche Strophen
   Auf zu wenigen Füßen hinkend angetroffen,
      Es sind aber auch manche Strophen wieder dafür
      Länger, und mit zu viel Füßen laufend allhier,«

der glückliche Griff, mit welchem er häufig durch die Wahl eines
verkehrten Casus oder einer falschen Form dem ausgedrückten Gedanken
einen komischen Beigeschmack gibt und ihn so gleichsam zur erheiternden
Caricatur umwandelt, das Alles verleiht den mitten aus dem Leben
gegriffenen und lebenswarm dargestellten Vorgängen, außer dem
_inhaltlichen_ Interesse, auch noch den packenden Reiz der _originellen
Form_. In richtigem Salondeutsch ausgedrückt, würde mancher Gedanke ohne
Eindruck an dem Leser vorüberziehen; im Gewande der Kortum'schen
Knittelverse aber prägt er sich dem Gedächtniß unauslöschlich ein und
bleibt darin haften für immer.

Ein Pendant zu dem gewählten Versmaße bilden die _Illustrationen_. Eine
Jobsiade, auf Velinpapier gedruckt und mit feinen Holzschnitten
versehen, wäre gar keine richtige Jobsiade mehr; sie verlöre viel von
ihrer Wirkung und ihrem eigenthümlichen Reize. Wer erinnert sich nicht
mit Freuden des Autors, der wie ein zweiter Evangelist Lucas an seinem
altmodischen Schreibtisch sitzt, seinem Büchlein den väterlichen Segen
gibt und eine lange irdene holländische Pfeife vor sich liegen hat, oder
der Schaar schnatternder Enten, die als Gevatterinnen bei der »Senaterin
Jobsen« Kindbettvisite machen, oder des steifen Reiters, der dem
Reitersmann auf den Tabakpäckchen von Bönniger oder A. B. Reiter gleicht
wie ein Ei dem andern und obendrein oft angebracht ist, wo er paßt wie
Pilatus in's Credo? Wie bezeichnend und hochkomisch ist nicht die
Darstellung, »wie es mit Jobsens Gelehrsamkeit beim Abgange von der
Universität bewandt war, fein artig in gegenwärtigem Kupfer
vorgestellt«: ein leerer Rahmen ohne Inhalt? Wie stolz und dreist sieht
der Hahn in die Welt, der in dem neuen A-B-C-Buche von Hieronimus Jobs
ein Nest mit einem großen Ei hinter sich hat, »gleichsam als hätt' er es
selbst gethan«, wie glotzäugig verkündet die Nachteule den nahen Sturm
in Ohnewitz, wie bezeichnend ist nicht der geschwätzige Papagei als
Einführung in das Kapitel, in dem Amalie ihren nicht sehr erbaulichen
Lebenslauf erzählt: »ein langes Kapitel, weil eine Frauensperson
spricht; accurat hundert Verse?« Gleich gelungen sind die Porträts der
beiden Advocaten Schluck und Schlauch, die Silhouette und daran
geknüpfte physiognomische Studie von Fräulein Esther, und das Titelbild
zum dritten Theile, die beiden Liebenden in der Laube, wo »sie tranken
des Mondes Silberschein und das Flimmern der lieben Sternelein«, ist der
reinste Hohn auf die verliebte Mondscheinschwärmerei.

Die Bilder hat der Verfasser offenbar selbst entworfen; übrigens sind
die kleinen, egal großen, mit Eckstein, Schüppen und Herz versehenen
Bildchen mit den Beischriften Hogier, Hector, Judith so wie die
inschriftslosen Bilder von dem jungen Baron und Esther ursprünglich
Clichés von damaligen rohen Spielkarten.

Der Beifall, den die Jobsiade im großen Publikum fand, wurde anfangs von
den Kritikern und Recensenten nicht allgemein getheilt; überhaupt ist
Kortum, wie viele Stellen der Jobsiade zeigen, auf diese Herren herzlich
schlecht zu sprechen. Namentlich wußte ein Recensent in der »Allgemeinen
Deutschen Bibliothek«, (LIV. 72 ff.) nicht Worte genug zu finden, um
»diese Mißgeburt, diesen Bastard der Komik, diese heillose Reimerei«
gebührend an den Pranger zu stellen. Alles sei darin zu finden, heißt
es, nur nicht Witz, Ironie, scherzhafte Laune, Satire und treffende
Charakteristik; überhaupt sei eine gröblichere, pöbelhaftere Darstellung
in der ganzen deutschen Literatur nicht zu entdecken. Wahrscheinlich war
dieser grimmige Recensent ein Berufsgenosse des verunglückten Studiosus
Hieronimus, der durch solche maßlose und einseitige Kritik den seinem
Stande vermeintlich angethanen Schimpf recht kräftig auswetzen wollte.
Das erste Kapitel des zweiten Theiles, welches als Vorrede anzusehen
ist, ergeht sich ausführlich über die Aufnahme, die der erste Theil
gefunden. Eine sehr schmeichelhafte Besprechung findet sich im damaligen
»Reichsanzeiger«, Jahrgang 1787, Nr. 123, Seite 1331. Wie Alles, was
über das gewohnte alltägliche Geleise hinausgeht, sich nicht ohne
Widerspruch Bahn bricht, so errang auch die Jobsiade, welche so ganz von
dem hergebrachten Genre der zünftigen Poesie abwich, den allgemeinen
Beifall nicht ohne Anfeindung. Gerade die günstige Aufnahme aber, welche
der erste Theil trotzdem fand, war die Veranlassung, daß der Dichter die
weiteren Theile folgen ließ; vielleicht mochte er, älter und ruhiger
geworden, dabei auch beabsichtigen, Manches wieder gut zu machen, was er
im ersten Theile am Stande der Theologen gesündigt hatte.

Ueber seine _Absicht_ bei der Abfassung der Jobsiade sagt der Dichter im
ersten Kapitel des dritten Theiles, er habe ein Scherflein dazu
beitragen wollen, verdrießliche, trübe Stunden zu verjagen, habe
nebenbei nützliche Winke und Kleinigkeiten zu verbreiten gesucht, »und
wo ich Dummheit und Bosheit fand, gab ich wol 'nen Hieb en passant«.
Trotz mancher anstößigen Stellen ist die Jobsiade im Grunde moralisch
und moralisirend. Kortum will durch seine Satire bessern; er moquirt
sich über Leben und Leute, weil er sie anders wünscht; er sucht dem
spießbürgerlich genügsamen Philisterthum, welches ihn langweilte, wie
dem sich spreizenden Pedantenthum, das ihn ärgerte, den Garaus dadurch
zu machen, daß er beide in ihrer Lächerlichkeit hinstellte; seine
komische Muse ist die eines launigen Sittenrichters, der durch beißenden
Spott bessern will. Wenn er dabei oft zu unverblümt die nackte Wahrheit
sagt, so muß man bedenken, daß die Jobsiade keine Lectüre für junge
Mädchen ist und sein soll, und ferner seinen _Stand_ und sein
_Zeitalter_ berücksichtigen. Seinen Stand, denn der Beruf des Arztes
bringt es oft mit sich, daß er über delikate Verhältnisse kein Blatt vor
den Mund nimmt, und sein Zeitalter, denn das vorige Jahrhundert war
allerdings nicht prüde, aber trotzdem wol moralisch gesunder und besser
wie die zimperlich thuende, blasirte Gegenwart.

Mag der gelehrte, ideale Aesthetiker die Jobsiade kritisiren, weil ihr
derber Witz nicht salonfähig ist, mag der Moralist mit Recht Manches
daran auszusetzen haben: die Jobsiade ist ein _Volksbuch_ geworden, sie
ist das versifizirte Lesebuch, in dem man Alles finden kann, und jedes
andere Volk würde auf solch' reiches Produkt der Komik stolz sein; hat
doch der Candidat Jobs, der unter allgemeinem Schütteln des Kopfes von
dem gelahrten Consistorio in Schwaben examinirt wurde, selbst in
_Amerika_ vor der Yankee-Kritik sein Examen ruhmvoll bestanden. In
amerikanisch-englischen Knittelversen erschien er als:

   »^The life, opinions, actions and fate^
   ^Of Hieronimus Jobs, the candidate,^
   ^And how he whilome won great renown^
   ^And died as night-watch in Schildebourg town.^«

Ferner hat das Buch der Malerei Stoff zu mancher bedeutenden
Kunstleistung gegeben; es sei hier nur an die drei großen Oelgemälde des
Malers _Hasenclever_ erinnert »Jobs im Examen«, »Jobs als Schulmeister«,
und »Jobs als Nachtwächter«, die sich sämmtlich unter Nr. 33, 34 und 35
in der Gemälde-Galerie des Herrn _Ravené_, Wallstraße 93, zu _Berlin_
befinden.

Zum Schluß kommen wir noch auf die interessante Frage: Sind die in der
Jobsiade vorkommenden Personen und Geschichten lediglich dichterische
Erfindung oder liegen ihnen _wirkliche Persönlichkeiten_ und
_Thatsachen_ zu Grunde? Jedenfalls steht zunächst fest, daß nach dem
Erscheinen des ersten Theiles sich manche Personen getroffen fühlten und
dem Dichter das mit altbochumer Offenheit vorgeworfen wurde. Dafür
spricht auch die Entschiedenheit, mit welcher Kortum sich in den
Einleitungskapiteln der beiden letzten Theile gegen die Insinuation
verwahrt, er habe »überall satirisirt oder gar personalisirt«. Er
behauptet.

   »Nun kann ich aber, bei meiner Treu und Ehren!
   Jedermänniglich laut und offen erklären,
      Daß ich von persönlicher Beleidigung frei,
      Und für Niemand das Büchel anstößig sei.

   Wer sich also in Zukunft etwa würde vergessen
   Und mir absurde Absichten beimessen,
      Den erkläre ich hiermit rund
      Für einen et cetera und bösen Leumund!!«

Wenn wir nun auch dem Dichter diese Erklärung, die er mit zwei !! am
Ende bekräftigt, auf das Wort glauben, so ist doch zu bedenken, daß alte
Leute in Bochum versichern, den leibhaftigen Hieronimus Jobs und dessen
Brüder noch gekannt zu haben, und daß ein in »denen Studiis
verunglückter Bochumer Bruder Studio« Namens _Boi_, zu besagtem
Hieronimus Porträt gesessen habe. Kortum habe den Namen desselben
rückwärts gelesen, die körperkräftige Gestalt und viele »Meinungen und
Thaten« seien aber diesem »verbummelten Studenten« abgelauscht. Als
Stammhaus des weiland Hieronimus Jobs wird das Haus auf der oberen
Marktstraße Nr. 8, den alten Bochumer noch jetzt als _Flügel-Boi_'sches
Haus bekannt, mit aller Bestimmtheit bezeichnet. Ferner soll in dem arg
mitgenommenen »Doctor Schneller« ein ärztlicher Concurrent des Dichters
versteckt, und in den beiden Advocaten Schluck und Schlauch auf damalige
Personen angespielt sein. Uebrigens schonte _Kortum_ auch seinen eigenen
ärztlichen Stand keineswegs, wofür die Dichtung zahlreiche Belege
bietet.

Die obige Versicherung des Dichters und diese Angaben lassen sich aber
sehr gut vereinigen. Man schildert nur das lebenswahr und frisch, was
man selbst innerlich oder äußerlich erlebt und durchgemacht hat. Wer
sich von der geistigen Werkstatt eines Dichters eine Vorstellung machen
kann, wird wissen, daß derselbe seinen rein erfundenen Gestaltungen
entweder Züge, Einzelheiten, wirklich erlebte und bekannte Vorfälle
unterlegen muß, oder daß er umgekehrt zur Unterlage, gleichsam zum
Gerippe eines Charakters sich eine bestimmte Person nimmt, diese
idealisirt, nach Anlage des Charakters freie Erfindungen anfügt, kurz
Gestalten liefert, die einzelne bekannte Züge tragen, trotzdem aber
völlig geistiges Eigenthum des Dichters sind. In beiden Fällen sagt der
oberflächliche Leser, das soll _der_ und _der_ sein, und wenn er Züge
oder zufällige Aeußerlichkeiten von sich selbst zu finden glaubt und im
empfindlichen neunzehnten Jahrhundert lebt, kommt er wol gar dazu, den
armen Poeten zu verklagen. Jedenfalls aber darf Bochum, in dem die
Originale noch nicht ganz ausgestorben, stolz darauf sein, ein Original
wie Hieronimus Jobs hervorgebracht zu haben.

_Bochum_ in Westfalen.

                                               #Friedrich Schnettler.#

[Illustration: Hieronimus Jobs, lutherischer Candidat der Theologie und
Nachtwächter zu Schildburg in Schwaben.]

                     Leben, Meinungen und Thaten
                                 von
                           Hieronimus Jobs,
                                 dem
                             Candidaten,

              und wie Er sich weiland viel Ruhm erwarb,
          auch endlich als Nachtwächter zu Schildburg starb.

   Vorn, hinten und in der Mitten
   Geziert mit schönen Holzschnitten,
      Eine Historia lustig und fein
      In neumodischen Knittelverselein.




                            Erster Theil.


                           Hieronimus Jobs,
         lutherischer Candidat der Theologie und Nachtwächter
                      zu Schildburg in Schwaben.




Erstes Kapitel.

Vorrede, und der Autor hebt an, die Mähr von Hieronimus Jobsen seliger
zu beschreiben, und er gibt seinem Büchlein den väterlichen Segen.


[Illustration]

    1. Euch und mir die Zeit zu vertreiben,
       Geneigte Leser! will ich itzt schreiben,
         Eine extrafeine Historiam
         Von _Hieronimus Jobs_ lobesam.

    2. Mit welchem sich in seinem Leben
       Viel gar Wunderbares hat begeben
         Und welcher sowol in Glück als Gefahr
         Ein rechter curioser Hieronimus war.

    3. Zwaren wäre Vieles von ihm zu sagen,
       Der Leser möchte aber nicht Alles können tragen,
         Und Papier und Raum wäre für der Meng'
         Seiner Abenteuer zu eng.

    4. Zwaren weiß ich von ihm viele Data;
       Ich erzähl' aber nur die _vornehmsten_ Fata,
         Und was er von seiner Geburt an
         _Merkwürdiges_ hat gethan.

    5. Weil ich nun die preiswürdige Gabe
       Zu dichten vom Sanct Apoll erhalten habe,
         So habe, statt daß man sonst in Prosa erzählt,
         Dafür einen sehr schönen Reim erwählt.

    6. Wenn ich aber nach rechtem Maß und Ehle,
       Gleich nicht Alles, wie's sich ziemt hätte, erzähle,
         So weiß doch der _geneigte Leser_ schon,
         Daß man so was nennt _Volkston_.

    7. Von meinem Aeltervater Hans Sachsen
       Ist mir die Kunst zu reimen angewachsen,
         Drum lieb' ich so sehr die Poesie
         Und erzähl' Alles in Reimen hie.

    8. Man brauchet gar nicht darob zu spotten,
       Die Verse meines Vetters, des Wandsbecker Boten,
         Bleiben gewiß noch weit zurück
         Hinter den Versen aus meiner Fabrik.

    9. Ich habe mich zugleich emsig bemühet,
       Wie der _geneigte Leser_ mit Augen siehet,
         Daß das Büchlein, wie sich's gebührt,
         Mit schönen Figuren würde geziert.

   10. Konnte aber nicht neue Kupfer bekommen,
       Hab' sie also anderswoher oft genommen,
         Doch passen selbige von ohngefähr,
         Wie man findet, genau hierher.

   11. Sind zwar nicht Chodowieckis Gemächte,
       Können jedoch, wie ich fast gedächte,
         Noch immer, wie jene gut genug,
         Durch die arge Welt helfen das Buch.

   12. Und ob die Bilder gleich nicht sind die feinsten,
       So sind die Verse ja auch nicht die reinsten;
         Und darum ist's ja löblich und gut,
         Daß eins mit dem andern harmoniren thut.

   13. Nun, mein Büchlein, ich will's nicht hindern,
       Geh, ohne mich, zu den Menschenkindern;
         Manches Büchel, nicht besser als du,
         Eilt ja jährlich den Messen zu!

   14. Hiemit will ich förmlich nun legen,
       Kraft meiner Finger und von Autors wegen,
         Als dein zärtlicher Vater gar mildiglich
         Meinen Segen, liebes Büchlein! auf dich.

   15. Der Himmel wolle dich fein lange bewahren,
       Vor Kritiken, Motten und Fidibus-Gefahren,
         Und was etwa noch sonst für Noth
         Denen gedruckten Büchelchen droht!

   16. Du müssest in- und außerhalb Schwaben,
       Deinem Vaterlande, viele Leser haben;
         Damit Schrift, Papier und Druckerei
         Nicht, Gott behüte mich! verloren sei.

   17. Allen und Jeden, die lesen und bezahlen,
       Melde meinen Gruß zu tausend Malen,
         Und jedem hochweisen Herrn Recensent
         Vermelde insonders mein Compliment.

   18. Sag' ihnen, doch demüthig, wie sich's gebühret,
       S' hätten gepriesen und gerecensiret
         Manches geringe Büchlein hoch,
         Viel elender geschrieben als du noch.




Zweites Kapitel.

Von den Eltern unsers Helden und wie er geboren ward, und von einem
nachdenklichen Traum, den seine Mutter hatte.


[Illustration]

    1. Eh' ich weiter gehe, muß ich etwas melden
       Von den beiden Eltern unsers Helden,
         Auch noch ein oder anders Wort,
         Von seinem wahren Geburtsort.

    2. Und zwar war es ein Städtlein in Schwaben,
       Wo seine Eltern gewohnet haben,
         Alda sein Vater, Hans Jobs, ohne Gefahr
         _Erster_ ehrwürdiger Rathsherr war.

    3. Er war reich, hatte Schafe, Kühe und Rinder,
       Auch außer unserm Helden noch viele Kinder,
         Sowol von männlich- als weiblichem Geschlecht,
         Und lebte übrigens schlecht und recht.

    4. Hatte dabei einen kleinen Weinhandel,
       War aufrichtig im Leben und Wandel,
         Und sowol im Rathhaus als daheim fromm,
         Dabei auch ein großer Oekonom.

    5. Er war von Religion ein ächter Lutheraner,
       In der Philosophie aber nicht Kartesian- noch Wolfianer,
         Weil er überhaupt weder _Kartes, Wolf_ oder _Kant_
         Noch sonst eigentlich Philosophie verstand.

    6. Jedoch hatte er ein wenig studiret
       Und ein Jahr lang das Gymnasium frequentiret,
         Wußte folglich in so weit viel mehr
         Als sonst gewöhnlich ein hochweiser Rathsherr.

    7. Er lieh gern Dürftigen und Elenden,
       Wenn sie Etwas hatten zu verpfänden,
         Nahm höchstens zwölf Procent davon
         Und war sehr dick und klein von Constitution.

    8. Aß übrigens und trank nach Appetite
       Und bei seinem phlegmatischen Geblüte,
         Rauchte er manche Pfeife Tabak,
         Und fand am Zeitungslesen Geschmack.

    9. Doch oft litte er von überlaufender Galle
       An einem starken podagrischen Anfalle,
         Doch hinderte ihn dieses niemals nicht
         Zu verrichten als Rathsherr seine Pflicht.

   10. Die Mutter war von ehrsamem Stande,
       Die beredtsamste Frau im ganzen Schwabenlande,
         Groß und hager und tugendsam
         Und so sanftmüthig als ein Lamm.

   11. Doch, wie es in den allermeisten Ehen
       Leider! nicht selten pfleget zu geschehen,
         Hatte sie im Hause dann und wann,
         Bei Gelegenheit, die Hosen an.

   12. Dies gab nun zwar, wie leicht zu gedenken,
       Zuweilen kleine Händel und Gezänken;
         Im übrigen aber liebte sich
         Dieses theure Paar gar zärtlich.

   13. Sie hatten nun seit etlichen Jahren
       Die Geburt mehrerer Kinder schon erfahren,
         Doch geschahe es abermals zur Hand,
         Daß sich Frau Jobs wieder schwanger befand.

   14. Als sie nun nach etwa neun Monaten sahe,
       Daß die Zeit ihrer Entbindung sich nahe:
         So machte gedachte Frau Jobs alsbald
         Zur Niederkunft die gehörige Anstalt.

   15. Ehe ich aber nun weiter hier dichte,
       Erzähl' ich erst eine besondere Geschichte,
         Oder einen Traum dieser Frau vielmehr,
         Welcher allerdings gehört hieher.

   16. Die Erfahrung lässet manches Mal sehen,
       Daß die Träume gewiß nicht zu verschmähen,
         Lieber Leser! das glaube mir,
         Du siehst davon ein Exempel hier.

   17. Einst nämlich lag Frau Jobsen im Bette,
       Und es kam ihr im Traum vor, als hätte
         Sie ein gewaltiges großes Horn,
         Statt eines kleinen Kindleins, geborn.

   18. Dieses Horn nun tönte und krachte
       So mächtig, daß sie darob erwachte,
         Und sie hat, seitdem sie erwacht,
         Oefters darüber nachgedacht.

   19. Eine Frau, welche sie über die Deutung gefraget,
       Hat ihr damals zu ihrem Troste gesaget:
         Es zeige deutlich der Traum an,
         Daß ihr Kind werde ein gewaltiger Mann.

   20. Und daß seine Stimme ihn würde ernähren,
       Er würde sie als Pfarrer lassen hören;
         Denn das beweise klärlich und schön
         Das große Horn mit seinem Getön.

   21. Doch wir wollen uns hieran nicht kehren,
       Die Zukunft wird die Bedeutung wol lehren,
         Wenn das Kind zu seinen Jahren wächst.
         Ich schreite nun wieder zum Text.

   22. Die Mutter legte nun Windel und Hemder
       Zurechte, und am dreißigsten September
         Wurde dieselbe zu rechter Zeit
         Durch die Geburt eines Knäbleins erfreut.

   23. Welch ein Vergnügen gab dies dem Vater!
       Himmel! wie freute sich der Senater!
         Und wie sprang er nicht, als er da
         Das artige Büblein zur Welt sah.




Drittes Kapitel.

Wie Frau Kindbetterin Jobsen einen Besuch von ihren Freundinnen bekam,
und was Frau Gevatterin Schnepperle dem Kinde geprophezeit hat.


    1. Frau Jobsen war also, wie eben gesprochen,
       Mit dem jungen Jöbslein in den Wochen,
         Er selbst lag eingewickelt neben ihr da,
         Schlief, und wußt' nicht, wie ihm geschah.

    2. Wie voll Jubel Alles im Hause gewesen,
       Das läßt sich nicht Alles genau lesen;
         Verwandte und Nachbarn nahmen am Heil
         Auch, wie leicht zu erachten ist, Theil.

    3. Täglich war in der Wochenstube Lärmen,
       Als wenn im Maimonate Bienen schwärmen
         Und es ging immer sum, sum, sum
         Ums Wochenbette lustig herum.

    4. Es waren jetzt genau drei Tage,
       Seitdem die Mutter im Wochenbette lage,
         Als zum Kaffee auf den Nachmittag,
         Ein ganzer Schwarm Frauen ihr zusprach.

[Illustration]

    5. Und zwaren von allen diesen Madamen,
       Die auf den Kaffee zu Frau Jobsen kamen,
         Zeichnete sich bei dem braunen Schmaus
         Frau Schnepperle durch Beredsamkeit aus.

    6. Der Vater des Jöbschens war ihr Vetter;
       Zuerst sprach die Gesellschaft vom Wetter
         Und von dergleichen Sachen mehr,
         Die wichtig sind in das Kreuz und die Quer.

    7. Darauf forschte man, wie sich Frau Kindbetterin befinde?
       Erkundigte sich auch nach dem jungen Kinde:
         Ob's mit Appetit den Futterbrei
         Genösse und fein stille sei?

    8. Man that ihm hierauf nach der Reih' die Ehre,
       Hob es auf, rühmte seine Größe und Schwere,
         Und bewunderte einmüthig weit und breit
         Seine mehr als gemeine Artigkeit.

    9. »Meine hochgeehrte Frau Base!«
       Schnatterte Frau Schnepperle, etwas durch die Nase,
         »Das Kind wird wahrlich ein gelehrter Mann,
         Ich seh's ihm an seinem Gesichte an.

   10. Habe neulich ein schönes Buch gelesen,
       Als ich auf der Rathsbibliothek gewesen,
         Welches von der Kunst Physiognomei
         Handelt, und was davon zu halten sei;

   11. Darin stunden schrecklich viele Gesichter,
       Gelehrte, dumme, fromme Bösewichter,
         Silhouetten von feiner und schlimmer Gestalt,
         Auch Köpfe von Thieren, jung und alt.

   12. Wenn ich etwa nicht unrecht gesehen,
       So glaub' ich daraus zu verstehen,
         Daß ein solches verkehrtes Gesicht
         Viel zukünftiges Genie verspricht.

   13. Und wollte schier gewiß versichern:
       Das Kind geht einst um mit Büchern;
         Und ist wol gar zum Pfarrer bestimmt,
         Wenn es künftig zu Jahren kümmt.

   14. Seine starke Stimme scheint es anzuzeigen,
       Daß es einst werde die Kanzel besteigen.«
         (Notabene: Der kleine Jobs schrie hier just,
         Gerade als wenn er es hätte gewußt.)

   15. Die Frau Schnepperle sprach noch viel Worte,
       Sie gehören aber nicht an diesen Orte.
         Alle Frauen fielen mit großem Geschrei
         Der Rede der klugen Frau Schnepperle bei.

   16. Nachdem nun die Visite war zu Ende,
       Reichten sie alle der Frau Jobsen die Hände,
         Dankten für alle genossene Ehr'
         Und gingen hin, wo sie gekommen her.

   17. Die Wöchnerin bekam zwar vom Lärm Kopfschmerzen,
       Nahm aber die Rede der Frau Schnepperle zu Herzen;
         Zumal da diese im Ruf stand,
         Als wäre ihr was von der Magie bekannt.




Viertes Kapitel.

Wie das Kindlein getauft ward, und wie es _Hieronimus_ genannt ward.


    1. Als noch einige Tage waren vergangen,
       Schien das Kind die Taufe zu verlangen,
         Indem es immer erbärmlich schrie
         Und seiner Mutter machte viel Müh'.

    2. Es half davor weder Brust noch Süppchen
       Noch ein im Munde gestecktes Zuckerpüppchen,
         Sondern es rief in einem fort,
         Daß Niemand hören konnt' sein eigen Wort.

    3. Man machte drum in Senator Jobsens Hause
       Anstalten zum Kindtaufenschmause
         Und schleppte der Speisen mancherlei
         Zum morgenden Tractamente herbei.

    4. Auch wurden Torten, Kuchen und mehr Sachen
       Zum Nachtische bereitet und gebachen,
         Auch an Wein, und Tabak und Bier
         War gewiß kein Mangel hier.

    5. Gevattern, Freunde und Verwandte,
       Hebamme, Nachbarn und Bekannte
         Stellten sich darauf artig und fein,
         Zur gehörigen Stunde ein.

    6. Auch Küster und Pfarrer mit dem Formulare,
       Wie leicht zu gedenken ist, da ware;
         Imgleichen ein ganzer hochweiser Senat
         Sich zeitig dabei eingefunden hat.

    7. Es waren auch sonst noch viele Gäste
       Auf diesem großen und hohen Feste,
         Und ich sag' es zu Jobsens Ehr':
         Es ging Alles fein ordentlich her.

    8. Jedoch that sich ein Disput erheben,
       Was man dem Kind für einen Namen wollt' geben:
         Heinz, Kunz, Matz, Peter oder Hans,
         Diez, Jost, Hermann oder Franz.

    9. Von diesen sonst schönen Namen allen
       Wollte keiner allgemein gefallen,
         Und es würde gewiß noch zuletzt
         Haben nicht geringe Händel gesetzt.

   10. Der Pfarrer aber, als ein kluger Herre,
       That den Ausspruch, daß es rathsam wäre,
         Bei diesem Zwist im Kalender zu sehen,
         Was am Geburtstag möcht' für ein Name stehen.

   11. Es ward also, ohne weiter zu fragen,
       Vom Küster der Kalender aufgeschlagen,
         Und man fand darauf ohne Müh'
         Den Namen des heiligen Hieronimus hie.

   12. Solcher kluger Rath hat gleich Allen,
       Sowol Gevattern, als Eltern gefallen;
         Und man faßte also in pleno den Schluß,
         Das Kind sollte heißen Hieronimus.

   13. Nachdem nun der wichtige Handel geschlichtet,
       Ward der Actus vom Herrn Pfarrer verrichtet,
         Und zwar nach dem gewöhnlichen Fuß,
         Und nun hieß das Kind _Hieronimus_.

   14. Alles Uebrige ging ruhig und schöne,
       Pfarrer und Küster thaten sich recht bene,
         Und es wurde fast die halbe Nacht
         Gegessen, getrunken, geraucht und gelacht.




Fünftes Kapitel.

Womit sich das kleine Kind Hieronimus beschäftiget hat.


    1. So lang Hieronimüschen in Windeln geblieben,
       Hat er sich die Zeit damit vertrieben,
         Daß er schlief, aß, sog oder trank,
         Oder zuhörte der Mutter Wiegengesang.

    2. Und zwar schlief, aß, sog und trank er nicht minder,
       Als sonst zu thun pflegen zwei oder drei Kinder;
         Wurde dabei recht fleißig gewiegt,
         War aber bei dem allen noch nicht vergnügt.

    3. Sondern lärmte schier oft ganze Tage
       Und erhub in der Wiege bittere Klage,
         Als wenn ihn was Großes hätte gequält,
         Obgleich dem Schreier gar nichts gefehlt.

    4. Einige kluge Leute wollten behaupten,
       Als wenn sie nicht ohne Ursache glaubten,
         Daß etwa eine Behexerei
         (Mit Respect zu melden) im Spiele sei.

    5. Drob ward oft der Arzt herbeigeführet
       Und die Hebamme consuliret,
         Und manches Rhabarbartränklein
         Auch wol Mohnsaft gegeben ein.

    6. Er war also seiner Mutter fast beschwerlich,
       Indeß befand er sich dabei gar herrlich,
         Wuchs, und ward mit jedem Augenblick
         Fett, groß, mächtig, stark und dick.

    7. Vater und Mutter hatten also beide
       An diesem lieben Kinde viele Freude,
         Und gaben manchen herzlichen Kuß
         Ihrem kleinen Hieronimus.

    8. Mehr hab' ich von den ersten drei oder vier Jahren
       Des kleinen Jöbschen nicht können erfahren.
         Beschließe also dies Kapitel hiemit
         Und thue zum folgenden den Schritt.




Sechstes Kapitel.

Thaten und Meinungen des Hieronimus in seinen Knabenjahren, und wie er
in die Schule ging.


    1. Von den andern Kinderjahren unsers Helden
       Kann ich zwar ebenfalls nicht viel melden,
         Sintemal die Laufbahn des Lebens sein
         Bishero gewesen noch eng und klein.

    2. Gefolglich ist von seinen Thaten und Werken
       Eben nichts Sonderliches anzumerken;
         Jedoch blieb immer, so lang er noch jung,
         Essen und Trinken seine Hauptbeschäftigung.

    3. Er hatte aber sonst noch viele gute Gaben,
       Spielte lieber mit Mädchen als mit Knaben,
         Zankte und neckte auch oft beim Spiel
         Und machte der losen Streiche viel.

    4. Auch lernte er ohne sonderliche Mühe
       Lügen, Fluchen und Schwören frühe,
         Und hat dadurch in der Nachbarschaft
         Bei andern Kindern viel Erbauung geschafft.

    5. Er schluckte und naschte ebenfalls gerne,
       Aß Obst, Rosinen und Mandelkerne,
         Und kaufte für sein bekommenes Geld
         Die leckersten Sachen von der Welt.

    6. Mit seinen Geschwistern konnt' er sich nicht vertragen,
       Aber sein Vater that ihn nie schlagen,
         Und seine Mutter, die gute Frau,
         Nahm auch selten Alles so genau.

    7. Auch war er viel größer als andre Kinder,
       Keiner seinesgleichen sprang und lief geschwinder,
         Und kein einziger war so stark als er,
         Und wer ihn erzürnte, den nahm er her.

    8. Da es ihm nun nicht fehlte an Kräfte,
       So verrichtete er manche Hausgeschäfte,
         Holte zuweilen Futter fürs Vieh
         Und unterzog sich der Oekonomie.

    9. Oder er ritte die Pferde in die Tränke,
       Oder er holte Bier aus der Schenke,
         Brachte auch manches frische Ei,
         Aus dem Hühner- und Gänsstall herbei.

[Illustration]

   10. War auch sonst ein guter dummer Junge,
       Hatte dabei eine starke kräftige Lunge,
         Und predigte oft auf der Bank aus Scherz.
         Dies alles ging seinen Eltern ans Herz.

   11. Denn sie sahen mit innigstem Vergnügen
       Solche Talente im Hieronimus liegen,
         Und dachten sehr oft in ihrem Sinn,
         Da stecket gewiß ein Pfarrer in.

   12. Besonders die Mutter, wenn sie daran dachte,
       Was ihr vormals Frau Schnepperle sagte,
         Und an ehmals gehabten Traum,
         Wußte sich für Freude zu lassen kaum.

   13. Denn Alles schien sich zusammen zu schicken
       Und die Sache natürlich auszudrücken;
         Und wenn sie dieses erwoge, so war
         Der künftige Pfarrer hier offenbar.

   14. Er wurde also und dergestalten
       Fleißig zur Schule angehalten,
         Welches doch Hieronimo übel gefiel,
         Denn er war viel lieber beim Spiel.

   15. Und die Bücher waren ihm zuwider,
       Er warf sie oft auf die Erde nieder,
         Und bei dem Lumpen A, B, C, D,
         That ihm immer der Kopf weh.

   16. Zwar der Präceptor that sich bemühen
       Ihn zu allem Guten zu erziehen,
         Und er und die Ruthe in Compagnie
         Arbeiteten fleißig an seinem Genie.

   17. Dieser Mann hatte vorzügliche Gaben
       Zu erziehen muthwillige Knaben,
         Und auf ihre Hosen und Rock
         Spielte sehr oft sein mächtiger Stock.

   18. Nach vielem Bemühen und sauerm Schweiße
       Gelang's des Mannes herkul'schem Fleiße,
         Und Hieronimus buchstabirte bald,
         Als er ohngefähr war zehn Jahr alt.

   19. Wie alt er aber eigentlich gewesen,
       Als er fertig das Deutsche konnte lesen,
         Das weiß ich eigentlich in der That
         Nicht so genau und accurat.

   20. Da er nun zu größern Jahren gekommen,
       Ward er aus der Deutschen Schule genommen,
         Und, um zu lernen das Latein,
         Geschickt in die Lateinische Schule hinein.

   21. Wie es ihm nun daselbst ergangen,
       Und was er Gutes sonst angefangen,
         Dieses stell' ich dem Leser hier
         In dem folgenden Kapitel für.




Siebentes Kapitel.

Wie der Knabe Hieronimus in die Lateinische Schule kam, und wie er da
nicht viel lernte.


[Illustration]

    1. Hieronimus, um weiter zu studiren,
       Fing nun an ^Mensa^ zu decliniren,
         Trieb auch sonst jedes nöthige Stück
         Aus der lateinischen Grammatik.

    2. Lernte danebst manche Vocabel auswendig,
       Indeß ging doch Alles sehr elendig;
         Denn das verwünschte Lauselatein
         Wollte nicht in seinen Kopf hinein.

    3. Beim Conjugiren und beim Syntaxis,
       Und bei der lateinischen Praxis
         Da war vollends der Henker los,
         Und er bekam manchen Rippenstoß.

    4. Denn der Rector, als ein Hypochondriacus,
       Schonte gar nicht den Hieronimus,
         Und prügelte oft, als wäre er toll,
         Dem armen Knaben das Leder voll.

    5. Bei dieser peinlichen Lehrmethode
       Grämte sich der Junge fast zu Tode,
         Und wünschte oftmal in seinem Sinn
         Den mürr'schen Rector zum Henker hin.

    6. Zwar spielte er ihm wieder heimlich viel Possen
       Für die Schläge, welche er von ihm genossen,
         Und der Mann hatte manchen Verdruß
         Ob dem muthwilligen Hieronimus.

    7. Denn seine Papiere und große Perücke
       Riß er ihm incognito oft in Stücke,
         Und that auch sonst noch dem braven Mann
         Alles gebrannte Herzeleid an.

    8. Auch brachte er seine Schulkameraden
       Viel und manchmal in bittern Schaden,
         Weil er sich mit keinem vertrug
         Und sie öfters zu Boden schlug.

    9. Auch weder ihre Kleider, noch ihre Bücher
       Waren vor seinem Muthwillen sicher,
         Und er spielte viel Schabernack,
         Meistens von bösem Nachgeschmack.

   10. Wenn auch einer etwa sich übel betragen,
       Thät er ihn gleich beim Rector verklagen;
         Dann ging's über den armen Buben her
         Und er freuete sich drob sehr.

   11. Der Schule übrigens überdrüssig
       Ging er zu Hause größtentheils müßig,
         Und so verstrich allmählich die Zeit
         In unnützlicher Unthätigkeit.

   12. Vom Griechischen will ich gar nichts sagen,
       Denn das wollte ihm nimmer behagen.
         Und beim barbarischen Typto, Typteis,
         Kam Hieronimus über und über in Schweiß.

   13. Er dachte also klüglich: das sei ferne,
       Daß ich solch kauderwelsches Zeug lerne;
         Und was nun noch das Hebräische betrifft,
         Dieses floh er vollends als Gift.

   14. Er machte also gar wenig Progressen.
       Außer im Lügen, Schwören, Trinken und Essen,
         Auch etwa in Erfindung eines Fluchs
         Ward der Knabe fein stark und wuchs.




Achtes Kapitel.

Wie die Eltern des Hieronimus mit dem Rector und mit andern Freunden zu
Rathe gingen, was sie aus dem Knaben machen sollten.


    1. Nachdem nun der Knabe achtzehn Jahre
       Und noch etwas darüber alt ware,
         Auch wirklich schon eines halben Kopfs
         Größer war, als der alte Hans Jobs;

    2. Fingen die Eltern an nachzusinnen,
       Was nun ferner mit ihm zu beginnen,
         Denn es war jetzt die höchste Zeit
         Und die Sache von äußerster Wichtigkeit.

    3. Vor Allen that man den Rector fragen,
       Was derselbe vom Knaben möchte sagen,
         Und wozu er das meiste Geschick
         Haben möchte zum künftigen Glück.

    4. Dieser Mann nun wollte nicht heucheln
       Noch den Eltern mit leerer Hoffnung schmeicheln,
         Drum sagte er ihnen gleich rund heraus:
         »Aus dem Knaben wird nichts Rechtes aus.

    5. Das Studiren ist wahrlich nicht seine Sache;
       Drum ist's am klügsten gethan, man mache
         Einen hiesigen Rathsherrn aus ihm,
         Oder thu' ihn sonst wo zum Handwerke hin.

    6. Ich habe es mannichmal in den Schulstunden
       Zu meinem höchsten Leidwesen gefunden,
         Daß in ihm nichts Besonders sitzt,
         Welches einem ehrsamen Publico nützt.«

    7. Diese Rede hat den Eheleuten Jobsen,
       Wie leicht zu schließen ist, heftig verdrobsen;
         Drum hörten sie solche mit Verachtung an,
         Und hielten den Rector für 'n dummen Mann.

    8. Es wurden nun mehr Freunde zu Rathe gezogen,
       Und die Sache vernünftiger ^pro et contra^ erwogen,
         Und 's ging in der Versammlung gerade so her,
         Als wenn der alte Jobs zu Rathhause wär'.

    9. Nämlich, nach etwa drittehalb Stunden
       Ward ein Mittel zur Vereinigung funden:
         _Man stellte weislich auf 'n neuen Termin
         Die Sache zur nähern Erwägung dahin._




Neuntes Kapitel.

Wie die Zigeunerin Urgalindine auch wegen des Hieronimus um Rath
gefraget ward, welche die Kunst ^Chiromantia^ verstand.


    1. Die Gesellschaft war nun kaum in Frieden
       Aus Rathsherrn Jobsens Hause geschieden,
         So führte das Glück von ohngefähr
         Eine alte Zigeunerin her.

    2. Sie war von einem uralten Stamme,
       Urgalindine war ihr Name,
         Und Aegypten ihr eigentliches Vaterland,
         Und die Mutter ehemals als Hexe verbrannt.

    3. Sie konnte der Menschen Thun und Wesen
       Deutlich in den Strichen der Hände lesen,
         Sagte auch manches so deutlich vorher,
         Als wenn's wirklich schon geschehen wär'.

    4. Manches Mädchen hat sie recht sehr erfreuet,
       Wenn sie ihm nahe Hochzeit geprophezeiet,
         Und den Bräutigam so klärlich genannt,
         Als hätte sie ihn schon längstens gekannt.

    5. Manchen unmuthsvoll wartenden Erben
       Wahrsagte sie des reichen Onkels Sterben,
         Und erfreuete solche oft;
         Denn die Onkels starben unverhofft.

    6. Manchen fast verzweifelnden Ehegatten,
       Welche, leider! böse Weiber hatten
         Und den Tod derselben gerne sahn,
         Kündigte sie nahe Erlösung an.

    7. Manchem Stutzer, der kräftig gerochen
       Nach Jasmin und Pomade, hat sie versprochen,
         Trotz aller seiner Lächerlichkeit,
         Dennoch dummer Schönen Gewogenheit.

    8. Ihre Rede wußte sie stets also zu fügen,
       Daß sie immer gereichten zum Vergnügen;
         Doch half eine kluge Zweideutigkeit
         Ihr manchmal aus der Verlegenheit.

    9. Jedem verkündigte sie eine besondere gute Märe,
       Tapfern Soldaten Pulver, Kugeln und Ehre,
         Armen Schluckern einen Haufen Geld,
         Alten Matronen das Himmelszelt.

   10. Sie verstund noch viel mehr andere Künste;
       Aber ihre große und seltene Verdienste
         Machten sie nicht von Häschern frei,
         Denn sie stahl ein wenig nebenbei.

   11. Kurz! man fand nirgends ihresgleichen,
       Endors Hexe hätte ihr müssen weichen,
         Wenigstens in Lügen und Chiromantie
         War keine Zigeunerin klüger als sie.

   12. Als Frau Jobs ihre Ankunft vernommen,
       Ist sie zu ihr hinaus gekommen,
         Und hielte wol an des Hauses Thür
         Folgende kurze Rede an ihr:

   13. »Meine geliebte Frau Urgalinde,
       Kommen Sie doch einmal zu meinem Kinde,
         Um ihm zu sagen gutes Glück
         Von seinem zukünftigen Geschick.

   14. Sie werden hoffentlich die Güte haben;
       Und mir es sagen, was von dem Knaben
         Hieronimus eigentlich zu machen ist
         Ohne Trug und arge List.«

   15. »_Madame_«, antwortete sie, »_das soll geschehen,
       Lasse sie mich nur seine Hände sehen;
         Dann sag' ich als eine aufrichtige Frau
         Ihm sein künftiges Schicksal genau._«

   16. Man ließ also den Hieronimus holen,
       Und Frau Urgalinde hat ihm befohlen,
         Seine rechte Hand zu reichen dar,
         Welche etwas beschmutzet war.

   17. Die Zigeunerin mit forschendem Blicke
       Erkundete nun alle und jede Stücke,
         Maß die Flächen und Linien auch,
         Alles nach Chiromanten Gebrauch.

   18. Darauf ward sie einen Augenblick stille,
       Endlich gleich einer Delphischen Sibylle
         Murmelte sie etwas zwischen dem Zahn
         Und hub folgende Prophezeiung an:

   19. »_Ich sehe, mein lieber Hieronimus, ich sehe,
       Nach der Kunst, die ich gründlich verstehe,
         Dein ganzes künftiges Schicksal. Mein Sohn!
         Deines Halses gewaltiger Ton_

   20. _Wird manchen frechen Bösewicht schrecken,
       Manchen schlafenden Sünder wirst du aufwecken,
         Dermaßen, daß die ganze Stadt
         An deiner Rede Erbauung hat._

   21. _Fromme und Böse wirst du bewahren,
       Sie warnen für Leibes- und Seelen-Gefahren
         Und über Jung und Alt, Groß und Klein
         Ein munterer getreuer Hüter sein._

   22. _Jedermann wird deine weisen Lehren
       In dieser Stadt dereinst öffentlich hören,
         Und wenn dann dein geöffneter Mund spricht,
         So antwortet dir Keiner nicht._

   23. _Ich darf es für dieses Mal nicht wagen,
       Dir ein mehrers von deinem Geschicke zu sagen,
         Es ist auch dieses dermalen genug,
         Nun gehe hin, mein Sohn, und sei klug._«

   24. Hier endigte sich Urgalindinens Rede;
       Sowol Mutter als Vater waren beede,
         Ob dem, was itzo geprophezeit,
         Sehr zufrieden und höchlich erfreut.

   25. Denn in ihren Gedanken war er
       Ganz gewiß ein künftiger Pfarrherr,
         Wenn anders die Weissagung träfe ein;
         Denn wie könnte es deutlicher sein?

   26. Urgalindine ist drauf weggegangen,
       Nachdem sie einen stattlichen Lohn empfangen.
         Man saget, als sie linksum gemacht,
         Habe sie über Eltern und Sohn gelacht.

   27. Nunmehr wurde dem Rector zum Possen
       Sowol vom Herrn Jobs als Frau Jobs beschlossen,
         Daß der geliebte Hieronimus
         Werden sollte ein Theologus.

   28. Es wird also nach Akademien
       Im folgenden Kapitel Hieronimus ziehen,
         Wenn wir vorhero haben gesehn,
         Was noch bei seinem Abschied geschehn.




Zehntes Kapitel.

Wie Hieronimus von seinen Eltern und Geschwistern Abschied nahm und nach
der Universität verreiste.


[Illustration]

    1. Ehe man den Hieronimus ließ gehen,
       Wurde er erst im Ueberfluß versehen
         Mit Kleidern, Wäsche, Büchern und Geld
         Und was man sonst zum Studiren nöthig hält.

    2. Es ward gefolglich auf diese Weise
       Alles bereitet zur nahen Abreise;
         Aber beim Abschied ging's bitter und schwer
         Auf einer und der andern Seite her.

    3. Der gute alte Jobs, der dicke Senater,
       Weinte laut, wie im Mai ein Kater,
         Und reichte schluchzend den Abschiedskuß
         Seinem theuern Sohne Hieronimus.

    4. Gab ihm auch den väterlichen Segen:
       »Fahre wohl auf allen deinen Wegen
         Und studire fleißig, mein Sohn,
         Damit wir haben Freude davon!

    5. Wenn dir etwa künftig etwas fehlet
       Und vielleicht ein Geldmangel quälet:
         So schreibe nur immer kühnlich mir;
         Was du verlangst, das schicke ich dir.«

    6. Hieronimus wurde, wie sich's gebühret,
       Ob des Vaters Rede höchlich gerühret,
         Und versprach öfters zu schreiben hin,
         Wenn ihm der Beutel würde dünn.

    7. Mit der Mutter ging es noch schlimmer,
       Sie erhob ein jämmerliches Gewimmer,
         Und durchdrungen vom herbesten Schmerz
         Drückte sie den lieben Sohn lange ans Herz.

    8. Endlich trat sie auf einige Augenblicke
       Mit Hieronimus ein wenig beiseite zurücke,
         Und reichte ihm noch ein Päcklein dar,
         Worinnen verschiedenes Geld war.

    9. Dieser fromme, mütterliche Segen
       That den Hieronimus inniglich sehr bewegen,
         Und er steckte, unter lautem Gewein,
         Das erhaltene Päcklein ein.

   10. Nun kamen seine Geschwister an die Reihe,
       Denen er, unter erbärmlichem Geschreie,
         Allen nach einander die Hand gab
         Und nunmehr reisete Hieronimus ab.

   11. Der lieben Eltern Trauern und Klage
       Währte noch nachher verschiedene Tage
         Und dem guten Vater schmeckte schier
         Weder Wein, Zeitung, Tabak noch Bier.

   12. Bei der Mutter war die Betrübniß am größten,
       Und man vermochte fast nicht sie zu trösten,
         Doch bei den Schwestern und Brüdern war,
         Wie ich vernommen, weniger Gefahr.




Eilftes Kapitel.

Wie Hieronimus zu Pferde bis zur Poststation kam, und wie er im
Wirthshause einen vornehmen Herrn fand, Herr von Hogier genannt, welcher
ihm heilsame Lehren gab und ein Spitzbube war.


[Illustration]

    1. Hieronimus also nunmehro wegreitet,
       Seines Vaters Hausknecht ihn begleitet
         Bis zu dem nächsten Städtelein,
         Da steigt er dann i'n Postwagen ein.

    2. Ob nun gleich der Abschied nahe gegangen,
       So truge derselbe doch großes Verlangen
         Nach der geliebten Universität,
         Wo es täglich so lustig ergeht.

    3. Kaum hatte er nun Schildburg verlassen
       Und er sich befand auf der Landstraßen,
         Als er Vater, Mutter, Geschwister vergaß,
         Und sich höchlich ergötzte, daß

    4. Er nunmehr, als ein freier Studente,
       Baß sich täglich vergnügen könnte,
         Und des mürrschen Rectors Prügel und Lehr',
         Dem Himmel sei Dank! entloffen wär'.

    5. Vorzüglich freuete er sich nicht wenig
       Und dünkte sich reicher als ein König,
         Wenn ihm das Geld im Sinne kam,
         Das er von Hause mitte nahm.

    6. Vor Allem vergnügte ihn besonder
       Das liebe Päcklein, welches er von der
         Hochbetrübten Frau Mutter empfing,
         Als es ans bittere Scheiden ging.

    7. Da es ihm nun an Zeitvertreib fehlte,
       Zog er das Päcklein hervor und zählte
         Das Geld, welches drin enthalten war,
         Und fand mit innigster Freude baar

    8. Mehr als dreißig verschiedene Stücke,
       Alle von Silber, groß, schwer und dicke,
         Gulden und Thaler mannichfalt
         Meistens von Gepräge rar und alt.

    9. Seine Mutter hatte sie nach und nach ersparet,
       Und zum Nothpfennige aufbewahret,
         Denn sie war eine weidliche Frau
         Klug und sparsam, oder vielmehr genau.

   10. Zuweilen mußte ihm auch imgleichen
       Der Knecht, sein Begleiter, etwas reichen
         Zum Zeitvertreib von den Victualien,
         Womit ihn die Eltern zur Reise versehn.

   11. Als nun unter diesen Gedanken und Dingen
       Dem reisenden Hieronimus die Stunden vergingen:
         So gelangte er endlich sehr müde und matt
         Ins Wirthshaus der oben gedachten Stadt.

   12. Allhie befand sich nun der Postwagen,
       Der ihn nach der Universität sollte tragen;
         Selbiger war aber zu dieser Zeit
         Noch nicht völlig zur Abfahrt bereit.

   13. Hieronimus ließ nun vor allen Dingen
       Seinen getreuen Gaul zu Stalle bringen,
         Welchem sein Knecht das Futter gab,
         Und band den schweren Mantelsack ab.

   14. Er hat aber auch nicht vergessen,
       Sich zu erlaben mit Trinken und Essen,
         Und so ward er bald darauf am Tisch
         Wieder gestärket, munter und frisch.

   15. Es war auch da ein fremder Herr logiret,
       Mit einer großen Perücke und reich schameriret,
         Welcher aus fernen Ländern kam,
         _Herr Baron von Hogier_ war sein Nam'.

   16. Dieser erzeigte unserm Helden viel Ehre
       Und erkundete freundlich, wer er wäre.
         Hieronimus antwortete drauf behend:
         »Gnädiger Herr! ich bin ein Student

   17. Zu Hochdero Diensten, und ich ziehe
       Gleich itzo nach der Akademie
         Um zu studiren spät und früh
         Die Wissenschaft der Theologie.«

   18. »So! dazu wünsch' ich Ihnen viel Glücke!«
       Antwortete der Herr mit der großen Perücke;
         »Aber nehmen Sie sich wol in Acht,
         Daß Sie nicht werden in Schaden gebracht!

   19. Ich hab' auch hohe Schulen vormals gesehen
       Weiß wol, wie's da pflegt zu ergehen,
         Mancher junge Bursche wird da ums Geld,
         Durch das verwünschte Spielen geprellt.

   20. Und viele, anstatt fleißig zu studiren,
       Lassen sich zu Ausschweifungen verführen,
         Und verbringen die kostbare Zeit
         In aller erdenklicher Liederlichkeit.

   21. Ich selbst habe öfters in jüngern Jahren
       Die traurige Wahrheit davon, leider! erfahren,
         Nehmen Sie also sich fleißig in Acht,
         Und denken sie dran, ich hab' es gesagt!«

   22. Hieronimus versetzte: »Lieber Heere!
       Ich danke viel für die weise Lehre,
         Und werde Ihren trefflichen Unterricht
         In meinem Leben vergessen nicht.

   23. Uebrigens muß ich Euer Gnaden sagen,
       Das Spielen thut mir zwar sehr behagen,
         Hab' die Ehre zu versichern doch,
         Wenn ich spiele, spiel' ich nicht hoch.«

   24. »Niedrige Spiele laß ich passiren,
       Denn so kann man eben nicht verlieren,
         Und man vertreibet sich doch die Zeit
         Sehr angenehm und mit Artigkeit.

   25. Wir, zum Exempel, könnten nun Beide,
       Blos zum Zeitvertreib und zur Freude,
         Etwa ein kleines Spielchen auch thun.«
         Erwidert der Herr mit der Perücke nun.

   26. Hieronimus, gleich im Augenblicke,
       Fand den Vorschlag des Herrn mit der Perücke,
         Ein Spielchen zu machen, sehr angenehm,
         So lange bis der Postwagen käm'.

   27. Sie brauchten nun gar nicht lange zu warten,
       Der Wirth brachte alsbald neue Karten
         Für seine beiden Gäste heran,
         Und nunmehr fing man zu spielen an.

   28. Anfangs ward niedrig pointiret,
       Aber Hieronimus, durch Gewinnsucht verführet,
         Fing nun höher zu setzen an,
         Weil er die ersten Spiele gewann.

   29. Nun aber wendete sich das Glücke
       Zum Herrn von Hogier mit der großen Perücke,
         Als welchem itzo in jeglichem Spiel
         Immer die Karte günstiglich fiel.

   30. Das Geld, welches Hieronimus zur Reise
       Bestimmt hatte, ging auf diese Weise
         Bald hin, und da er noch weiter verlor,
         Zog er nun auch das Päcklein hervor.

   31. Aber das Glück warf stets noch günstige Blicke
       Auf den Herrn mit der großen Perücke,
         Und mit einem jeglichen neuen Satz,
         Entstand im Päcklein ein leerer Platz.

   32. Und in weniger als dreiviertel Stunden
       War der mütterliche Segen ganz verschwunden,
         Und der Herr mit der großen Perück'
         Hatte Alles gewonnen, Stück vor Stück.

   33. Denn, daß der Herr mit der großen Perücke
       Ihn listiger Weise beim Spiele berücke,
         Das merkte der gute Hieronimus nicht --
         Denn Herr von Hogier hatte ein ehrlich Gesicht.

   34. Es wär ihm endlich gar noch eingefallen
       Auch seinen Mantelsack loszuschnallen,
         Und er hätte das drin erhaltene Geld
         Auch noch auf die unglückliche Karte gestellt.

   35. Doch, zu des Hieronimus größtem Glücke
       Und zum Leidwesen des Herrn mit der Perücke,
         Blies grade itzo der Postillon
         Und Hieronimus fuhre davon.

   36. Beim Abschied warf er viele unwillige Blicke
       Auf den Herrn mit der großen Perücke,
         Und mit einigem Ungestüm
         Nahm er nunmehr Ade von ihm.




Zwölftes Kapitel.

Wie Hieronimus auf dem Postwagen fuhr, und wie er daselbst eine Schöne
fand, welche er liebgewann, und welche ihm die Sackuhr stahl.


    1. Wie's dem Hieronimus im Postwagen
       Ferner erging, will ich nun sagen,
         Denn er kam so noch nicht los,
         Sondern hatte wieder einigen Anstoß.

    2. Er dachte hieselbsten öfters zurücke
       An den Herrn mit der großen Perücke,
         Und es fiele ihm itzo erst ein,
         Er müsse ein Spitzbube gewesen sein.

    3. Das mütterliche Päcklein ging ihm sehr zu Herzen
       Und er konnte dessen Verlust nicht verschmerzen.
         Seufzte, und wünschte in seinem Sinn
         Den Herrn mit der Perücke zum Henker hin.

    4. Er murmelte sogar unverständliche Töne,
       Jedoch eine neben ihm sitzende Schöne,
         Welche er anfangs bemerkte kaum,
         Riß ihn bald aus dem schwermüthigen Traum.

    5. Sie schien alt zu sein etwa zwanzig Jahre,
       Schön von Gesicht, schwarz von Augen und Haare,
         Und rosenroth von Wangen und Mund,
         Dabei auch von schönem Wuchse, und

    6. Kurz zu sagen, in ihrem ganzen Wesen,
       Konnte man nichts als lauter Anmuth lesen;
         Sie erkundigte sich in Kurzweil und Scherz
         Alsbald nach des traurigen Hieronimi Schmerz.

    7. Wobei sie denselben freundlich anlachte;
       Dies Lächeln that gute Wirkung und machte,
         Daß er, da er dichte neben ihr saß,
         Seinen Verlust des Päckleins vergaß.

    8. Er gerieth auch wirklich fast in Entzücken,
       Weil er in ihrer ganzen Person und Blicken
         So viel treffliche Reize fand,
         Gefährlich vor sein bischen Verstand.

    9. Es hatte noch keine halbe Stunde gewähret,
       Als er schon die Lieb', in bester Form, ihr erkläret,
         So bündig, als je ein Held im Roman
         Die Brunst seiner Schönen erklären kann.

   10. Sie schien nicht ungern ihn anzuhören,
       Und that ihn gar nicht im Vortrage stören,
         Hieronimus ward also endlich so frei
         Und rückte näher zu ihr herbei.

   11. Ich weiß nicht, ob sonst noch etwas passiret,
       Was, laut zu sagen, sich nicht gebühret,
         Genug, sie vertrieben sich beide die Zeit
         In süßer, vertraulicher Zärtlichkeit.

   12. Als sie endlich zur Poststation gekommen,
       Hat sie freundlich von ihm Ade genommen,
         Wohin sie sich aber nachhero gewandt,
         Das soll uns künftig werden bekannt.

   13. Da indessen nach einigen Stunden,
       Seitdem die Schöne vom Wagen verschwunden,
         Hieronimus nach der Sackuhr mal sah,
         War auch diese verschwunden und nicht mehr da.

   14. Dieser abermalige fatale Possen,
       Hat den guten Hieronimus mächtig verdrossen,
         Denn er dachte alsbald daran,
         Daß die Schöne den Diebstahl gethan.

   15. Indeß war nun für den guten Knaben
       Weiter nichts übrig, als Geduld zu haben,
         Es fiel ihm jedoch nun hintennach ein
         Hinfüro etwas vorsichtiger zu sein.

   16. Er hat sich dabei feste vorgenommen,
       Sobald er auf die Universität gekommen,
         Um Geld und um eine neue Uhr
         Seinen Eltern zu schreiben nur.

   17. Er ist endlich, ohne weitere Unfälle,
       Angelangt glücklich an Ort und Stelle,
         Folglich war unser Hieronimus
         Nunmehro ein Academicus.




Dreizehntes Kapitel.

Wie Hieronimus auf der Universität gar fleißig die Theologie studiren
thät.


    1. Als nun Hieronimus arriviret,
       Ist er, stante Pede, immatriculiret
         Und ward also sofort allhie
         Ein Studiosus der Theologie.

    2. Sintemal sich nun auf Universitäten
       Aus mancherlei Landen, Orten und Städten
         Viele Studenten finden ein,
         Junge und alte, groß und klein.

    3. Gleichergestalten und imgleichen fanden
       Sich auch hier solche aus allerlei Landen
         Und jährlich kamen noch viele herbei,
         Um zu studiren Mancherlei.

    4. Zum Exempel: die Theologiam,
       Jura, Medicin und Philosophiam,
         Und was man sonst für gute Künste hält,
         Zum Fortkommen dereinstens in der Welt.

    5. Die meisten aber, anstatt zu studiren,
       Thaten nur ihre Gelder verschlemmiren
         Und lebten lustig und guter Ding,
         Indessen die edle Zeit verging.

    6. Hieronimus, dem's Studiren zuwider,
       Mengte sich bald unter die lustigen Brüder
         Und betrug sich in kurzer Zeit schon so,
         Als wäre er längstens gewesen do.

    7. Denn so gut als der beste Academicus
       Lebte er täglich in Floribus,
         Und es wurde manche liebe Nacht
         In Sausen und Brausen zugebracht.

    8. Wein, Tabak und Bier war sein Leben,
       Er that dabei die Stimme hoch erheben,
         Wenn er mit lautem und starkem Klang
         Das ^Gaudeamus igitur^ sang.

    9. Als ein wahres Muster fideler Studenten
       Verfuhr er bei Allen, die ihn kennten,
         Und lebte immer fein burschikos:
         Sein drob erhaltener Ruhm war groß.

   10. Jene drei verhaßte Geschwister:
       Häscher, Pedellen und Philister,
         Hat Hieronimus als ein Held
         Oeftermalen jämmerlich geprellt.

   11. Mehrmals hat er sie periiret,
       Oder sie sonst lästerlich vexiret,
         Ansonsten sich noch gezeiget auch,
         Alles nach Renommistengebrauch.

   12. Des Sommers ist er fleißig ausgeritten,
       's Winters beim Schnee gefahren auf Schlitten,
         Und keine Ergötzlichkeit überhaupt
         Hielte Hieronimus für unerlaubt.

   13. Mehrmals ist er auch zum Vergnügen
       Nach den benachbarten Dörfern gestiegen,
         Allwo er dann meistens auf dem Land
         Manche gutwillige Schöne fand.

   14. Die Fenster hat er oft nächtlich eingeschlagen,
       Jungen Füchsen angethan viele Plagen,
         Spielte Würfel, Karten und Billiard
         Und also nicht sehr gelehrt ward.

   15. Im Raufen und Schlagen fand er Vergnügen,
       Täglich that er in der Schenke liegen,
         Ging aber auch, alle zwei Monat einmal
         Zur Abwechselung in den Collegiensaal.

   16. Wenn er muthwillige Schulden gemachet,
       Hat er die Gläubiger ausgelachet.
         Auch ihnen gespielet manchen Betrug,
         Sonst auch gemachet der Streiche genug.

   17. Kleider und Bücher that er versetzen
       Und sich dafür mit Schmausen ergötzen,
         Kurz zu sagen zu seiner Zeit
         Uebertraf ihn Keiner an Lustigkeit.

   18. Zwar mußte er oft ins Carzer gehen,
       Ist ihm auch sonst noch wol Strafe geschehen,
         Hätt' auch beinahe einmal zum Lohn,
         Fast bekommen die Relegation.

   19. Drei Jahre lang hat er dies Leben getrieben
       Und seinen Eltern oft um Geld geschrieben,
         Doch waren die Briefe so eingericht't,
         Daß sie seine Aufführung merkten nicht.

   20. Zu unsers Hieronimus großem Lobe
       Kommt im folgenden Kapitel eine Probe
         Von dieser curiosen Correspondenz!
         Beschließe also das itz'ge eilends.




Vierzehntes Kapitel.

Welches die Kopei enthält von einem Briefe, welchen nebst vielen andern
der Student Hieronimus an seine Eltern schreiben thät.


[Illustration]

    1. _Sehr geliebteste Eltern!_
                    Ich melde,
       Hiebei, daß es mir fehlet an Gelde,
         Habet also die Gewogenheit
         Und schicket mir bald eine Kleinigkeit.

    2. Nämlich etwa 20 bis 30 Ducaten,
       Denn ich weiß mich kaum mehr zu rathen,
         Weil es alles so knapp geht hier,
         Drum sendet doch dieses Geld bald mir.

    3. Alles ist hier ganz erschrecklich theuer,
       Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer,
         Und was sonst etwa vorfällt noch,
         Drum schicket die 30 Ducaten doch.

    4. Kaum begreift ihr die starke Ausgabe,
       Welche ich auf der Universität habe
         Für so viele Bücher und Collegia,
         Ach wären doch die 30 Ducaten schon da!

    5. Ich studire täglich recht fleißig.
       Sendet mir doch nächstens die 30
         Ducaten, so bald als möglich ist, her,
         Denn mein Beutel ist jämmerlich leer.

    6. Wäsche, Schuhe, Strümpfe und Kleider,
       Friseur, Nähterin, Schuster und Schneider,
         Tinte, Federn, Bleistift, Papier,
         Kosten viel, schickt die Ducaten mir!

    7. Das Geld, welches ihr hoffentlich bald sendet,
       Wird, ich schwör' es euch, gut angewendet.
         Ja, liebe Eltern! ich behelfe mich
         Sehr genau und höchst kümmerlich.

    8. Wenn andre Studenten saufen und schwärmen,
       So entziehe ich mich allem wilden Lärmen,
         Und schließe mich mit den Büchern allein
         Auf meiner Studirkammer weislich ein.

    9. Außer den nöthigen Kosten und Speise
       Erspar ich, liebe Eltern! auf alle Weise
         Und trink vor'n Durst kaum einmal Thee,
         Denn Geld ausgeben thut schrecklich mir weh.

   10. Andre Studenten, die lüderlich prassen,
       Thun mich wegen meiner Eingezogenheit hassen,
         Und sagen: da geht der Knicker einher,
         Er studirt, als wenn er ein Pfarrer schon wär.

   11. Manchen Verdruß sie drob schon mir machten,
       Ich thu aber ihre Spötterei verachten,
         Und was man von meiner Frömmigkeit spricht.
         Vergeßt doch die 30 Ducaten nicht!

   12. Täglich hab' ich mich zehn ganze Stunden
       In den Collegiis bisher eingefunden,
         Und wann dann diese Collegia aus,
         Studir' ich in übrigen Stunden zu Haus.

   13. Die Professors sind trefflich mit mir zufrieden,
       Und rathen fast, mich nicht so zu ermüden
         In meinen beständigen Studiis
         Philosophicis und Theologicis.

   14. Es möchte sich zwar nicht geziemen
       Mich gegen euch, liebe Eltern! selber zu rühmen,
         Doch sage und versich'r ich euch frei,
         Daß ich der fleißigste von Allen sei.

   15. Oft will mir von allen gelehrten Dingen
       Fast der Kopf, sammt dem Hirn, zerspringen,
         Und manchmal wird mir gar wunderlich.
         (A propos! die Ducaten erwarte ich.)

   16. Ja, liebe Eltern! ich lese schier beständig
       Und strap'ziere meine Sinnen sehr elendig,
         Und meistentheils wird sogar die Nacht
         Mit tiefem Meditiren zugebracht.

   17. Nächstens gedenk' ich auf die Kanzel zu steigen,
       Und mich einmal im Predigen zu zeigen;
         Ich disputir' mich auch im Collegium
         Ueber gelehrte Materien tapfer herum.

   18. Vergesset doch nicht die Ducaten zu schicken,
       Damit ich sie schier baldigst möge erblicken.
         Ihr bekommt einst dafür in meiner Person
         Einen hochgelehrten und klugen Sohn.

   19. Da ich auch ein _Privatissimum_ gesonnen
       Zu halten und wirklich schon begonnen,
         Welches 20 Reichsthaler kosten thut:
         So erwart' ich auch diese wohlgemuth.

   20. Auch thu ich euch, liebe Eltern! zu wissen,
       Daß ich jüngst meinen Rock sehr zerrissen,
         Also füget zu obigen Geldern doch
         Zwölf Thaler zum neuen Rocke noch.

   21. Habe auch neue Stiefel sehr nöthig,
       Es ist auch kein Schlafrock mehr vorräthig,
         Imgleichen sind meine Pantoffeln und Hut
         Auch andre Kleidungsstücke caput.

   22. Da ich nun dies alles nicht kann entbehren,
       Wollt ihr mir noch a part 4 Louisd'or verehren,
         Welche alsdann zur Nothdurft mein
         Vielleicht möchten hinreichend sein.

   23. Ich bin auch kürzlich todtkrank gewesen,
       Und kaum mit genauer Noth wieder genesen,
         Doch versich're ich euch mit Hand und Mund
         Daß ich itzo sei wieder ziemlich gesund.

   24. Der Medicus, welcher mich curiret,
       Hat dafür 18 Gulden aufgeführet,
         Und die aus der Apotheke gebrauchte Arznei,
         Machet, laut Rechnung, zwanzig und drei.

   25. Damit nun Arzt und Apotheker kriegen
       Das Ihre, werdet ihr gütigst fügen,
         Diese ein und vierzig Gulden dazu.
         Seid übrigens wegen meiner Gesundheit in Ruh.

   26. Die Aufwärterin, welche mich that laben
       In der Krankheit, möchte auch wol was haben.
         Drum sendet noch sieben Gulden dafür
         Und addressirt's mit dem übrigen an mir.

   27. Für Citronen, Geleen und Confituren,
       Zur Stärkung kranker und schwacher Naturen,
         Steht auch noch als ein kleiner Rest,
         Acht Gulden bei dem Conditor fest.

   28. Diese bemeldte Posten allzumalen
       Möchte ich gerne nächstens richtig bezahlen,
         Denn ich liebe Ordnung und hüte mich
         Vor allen Schulden sorgfältiglich.

   29. Ich traue also zu euern milden Händen,
       Daß sie mir Alles, nebst den 30 Ducaten senden,
         Sobald als euch es möglich wird sein.
         Noch fällt mir eine Kleinigkeit ein:

   30. Vor 15 Tagen hatte ich's Ungelücke,
       Und fiel hoch von der Treppe zurücke,
         Als ich ging ins Collegium,
         Und stieß mir den rechten Arm fast krumm.

   31. Der Chirurgus verlanget derohalben
       Zwölf Thaler für Balsam, Pflaster und Salben,
         Spiritus und sonstige Schmiererei;
         Drum thut auch diese zwölf Thaler noch bei!

   32. Doch, damit ihr euch nicht alteriret,
       Ich bin, Gottlob! ganz wieder curiret
         Und geh' mit gesundem Arm und Bein
         Täglich in das Collegium ein.

   33. Nur habe ich einen sehr schwachen Magen,
       Die Aerzte, die ich consulirt habe, sagen,
         Das käme vom vielen Sitzen her,
         Und weil ich so erstaunlich fleißig wär.

   34. Sie haben mir dieserhalben angerathen:
       Warmen Burgunderwein, mit Zimmt und Muskaten,
         Des Morgens zu trinken statt des Thee,
         Das wäre gut für's Magenweh.

   35. Leget also noch bei zwei Pistolen,
       Um dafür Burgunder und Würze zu holen;
         Gewiß, liebe Eltern! ich trinke es nur
         Blos zur verordneten Magencur.

   36. Endlich habe ich noch einige Schulden
       Von etwa 30 bis 40 Gulden,
         Schicket mir also auch, ohne Fehl,
         Liebe Eltern! dies Bagatell.

   37. Könnte ich, neben bei, für andere Ausgaben
       Auch etwa noch ein Dutzend Louisd'or haben,
         So käme mir dieses recht bequem,
         Und wäre mir wirklich auch angenehm.

   38. Wenn ihr euch übrigens gesund befindet
       Und nächstens im Briefe mir verkündet,
         So wird mir dieses erfreulich sein,
         Schließt aber auch ja das Geld mit ein.

   39. Hiemit will ich also mein Schreiben beschließen,
       Meine Geschwister thu ich freundlich grüßen
         Und verharre hierauf zum Schluß
         Euer gehorsamer Sohn
                    _Hieronimus_

   40. Ich setze noch eilig zum Postscripte:
       Meine hochgeehrte und sehr geliebte
         Eltern! ich bitte kindlich,
         Schicket doch bald das Geld an mich.

   41. Denn, lieber Vater! ich legte 14 französische Kronen
       Zurück, sie bis zur äußersten Noth zu schonen,
         Allein zum größten Schmerz und Verdruß
         Stahl mir solche gestern ein Anonymus.

   42. Ich weiß, ihr ersetzt mir, ohne drum zu bitten,
       Den Schaden, den ich unschuldig erlitten,
         Denn Ihr, als ein hochvernünftiger Mann,
         Begreift leicht, daß ich solchen nicht tragen kann.

   43. Ich werde indeß möglichst dafür sorgen,
       Daß der Anonymus heute oder morgen
         Zu eurer Beruhigung und Satisfaction
         Bekomme den hanfenen Strick zum Lohn.




Funfzehntes Kapitel.

Folget auch die Kopei der schriftlichen Antwort des alten Senator Jobs
auf vorgemeldeten Brief.


    1. Was hierauf des Vaters Antwort gewesen,
       Das soll man gleichermaßen nun lesen:
         _Mein herzvielgeliebtester Sohn!_
         Dein Schreiben hab' ich erhalten schon,

    2. Und deine Gesundheit und Wohlergehen
       Mit Vergnügen aus demselbigen ersehen,
         Jedoch vergnügt es mich eben nicht,
         Daß dein Brief wieder von Geld spricht.

    3. Es sind noch nicht drei Monate vergangen,
       Da du hundert und fünfzig Thaler empfangen,
         Fast weiß ich nicht, wo in der Welt
         Ich hernehmen soll alle das Geld.

    4. Ich höre gern auch, daß du studirest
       Und dich fleißig und ordentlich aufführest,
         Aber höchst ungern vernehme ich von dir,
         Daß du 30 Ducaten forderst von mir.

    5. Fast, mein Sohn! sollte ich sagen und glauben,
       (Du wirst mir meine Anmerkung erlauben)
         Daß, wenn man auf der Universität
         Sparsam ist, nicht so viel nöthig hätt'.

    6. Zwaren ist es wol gewiß und sicher,
       Man hat nicht umsonst Collegia und Bücher,
         Jedoch bekommt man für solche Summ'
         Manches Buch und Collegium.

    7. Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer
       Kann auch unmöglich sein so theuer,
         Auch Federn, Bleistift, Tinte, Papier
         Kaufst du für wenige Groschen g'nug dir.

    8. Ich vernehme es zwar auch sehr gerne,
       Daß du dich von böser Gesellschaft ferne
         Hält'st, und auf der Studirstube sitzst
         Und bei den geliebten Büchern schwitzst;

    9. Auch daneben nur Thee thust trinken:
       Indessen will's mir wahrscheinlich dünken,
         Daß, wenn man über den Büchern ruht
         Und Thee trinkt, nicht 30 Ducaten verthut.

   10. Wenn dich Andre einen Knicker schelten,
       So mag dir dieses gleich viel gelten;
         Doch, wer so viel Geld verschwendet als du,
         Dem kommt der Name Knicker nicht zu.

   11. Weil du übrigens von deinem Fleiße schreibest,
       So rathe ich, daß du fein dabei verbleibest,
         Damit das Geld und die edle Zeit
         Angewandt werde in Nützlichkeit.

   12. Doch mußt du dich nicht so sehr angreifen
       Und im Kopf so viel Gelehrsamkeit häufen,
         Denn es trifft, leider! mannichmal ein,
         Daß große Gelehrte meist Narren sein.

   13. Dein Vorsatz, zu predigen, thut mir gefallen,
       Drum übe dich fleißig darin vor allem;
         Aber, bei vieler Disputation
         Kommt eben nichts Kluges heraus, mein Sohn!

   14. Wozu auch das Privatissimum nützet,
       Wenn man schon zehn Stunden im Collegio sitzet,
         Das begreif' ich um destoweniger wol,
         Da es 20 Reichsthaler kosten soll.

   15. Doch lasse ich's vor allen andern passiren:
       Denn das Geld, welches du zum Studiren
         Gebrauchest, gebe ich gerne her,
         Und wenn's auch noch dreimal so viel wär.

   16. Da auch, wie du schreibst, dein Rock zerrissen,
       So kannst du freilich einen neuen nicht missen;
         Jedoch das Tuch würde suprafein
         Für die verlangten zwölf Thaler sein.

   17. Wer aber zum Pfarrherrn will studiren,
       Muß nicht mit kostbaren Kleidern stolziren;
         Drum wäre ein etwas gröberes Tuch
         Zum neuen Rocke dir gut genug.

   18. Auch für noch sonstige Kleidungsstücke
       Willst du, daß ich vier Louisd'or schicke,
         Nämlich für Schlafrock, Pantoffel und Hut,
         Weil sie nicht zum Gebrauche mehr gut.

   19. Wenn ich aber solches allzumalen
       Posten für Posten sonders soll bezahlen,
         Wozu sollen dann, lieber Hieronimus mein!
         Die verlangten dreißig Ducaten sein?

   20. Ich habe es mit Mitleiden gelesen,
       Daß du jüngsthin todtkrank gewesen;
         Aber du hast nicht wol gethan,
         Daß du viele Arznei gewendet an.

   21. Denn ich habe oft und viel erfahren,
       Daß, besonders in den jüngeren Jahren,
         Die sich selbst überlaßne Natur
         Mehr wirkt, als die beste Mixtur.

   22. Dein gebrauchter Arzt und Arzeneien,
       Sind fast theuer zum Verabscheuen,
         Und wie mir dünken sollte, so ist
         Weder Apotheker, noch Arzt ein Christ.

   23. Da auch eine Wärterin, wie ich gelesen,
       In der Krankheit bei dir ist gewesen;
         So reichte für diese Aufwärterin,
         Statt sieben, ein einziger Gulden hin;

   24. Wenn sie nicht etwa sonst, vor diesen,
       Liebesdienste andrer Art dir erwiesen,
         Denn, lieber Sohn! ich schließe dies
         Schier aus den sieben Gulden gewiß.

   25. Was auch nun den Conditor anlanget,
       Welcher ebenfalls acht Gulden verlanget,
         So wäre gewesen ein Thaler genug,
         Und du warest gewißlich nicht klug.

   26. Denn Citronen, Confituren und Leckereien
       Geben eigentlich dem Kranken kein Gedeihen,
         Aber ein Hafer- oder Gerstentrank
         Nutzet weit mehr, wenn man ist krank.

   27. Es ist nicht gut, daß du bist gefallen
       Von der Treppe, drum sorge ja für allen,
         Daß du hinfüro nicht wieder fällst,
         Denn die Cur beträget viel Gelds.

   28. Dein Wundarzt hat dich recht hergenommen,
       Denn für zwölf Thaler, wie ich vernommen,
         Heilt unser berühmter Stadtbalbier
         Einen Arm- oder Beinbruch schier.

   29. Doch freut's mich, daß dein Arm wieder curiret;
       Denn wenn ein Pfarrer auf der Kanzel peroriret,
         So muß der Arm geschmeidig und fein
         Beim Klopfen und Gestusmachen sein.

   30. Ich muß dich ferner auch herzlich beklagen
       Wegen deinem sehr schwachen Magen;
         Mein Magen ist, leider! auch nicht viel nütz,
         Weil ich sehr öfters zu Rathe sitz.

   31. Indeß thut Burgunder mit Gewürzen
       Dich nur unnöthig in Kosten stürzen;
         Schlucke lieber oft ein Pfefferkorn ein,
         Das soll sehr gut für den Magen sein.

   32. Du willst auch noch 30 bis 40 Gulden
       Haben, zur Bezahlung einiger Schulden;
         Ich sinne nun hin, die Kreuz und die Queer,
         Beim Himmel! wo kommen die Schulden doch her?

   33. Du hast ja schon Alles specificiret
       Und Posten für Posten zum höchsten aufgeführet,
         Und vierzig Gulden, bei meiner Seel!
         Sind nicht, wie du glaubst, ein Bagatell.

   34. Endlich soll ich gar noch ein Dutzend Pistolen
       Zu andern Ausgaben für dich herbei holen;
         Es wäre dir vielleicht zwar angenehm,
         Mir aber kommt's höchst unbequem.

   35. Denn mit den verlangten 30 Ducaten
       Kannst du dich wegen der Ausgaben schon berathen,
         Dieses letztere Dutzend Louisd'or
         Kommt mir also als Ueberfluß vor.

   36. Auch mit dem Ersatz der dir gestohlnen 14 Kronen
       Hättest du mich billig sollen verschonen,
         Denn, wahrlich! der Ersatz schmerzet mir
         Weit mehr, als der angebliche Verlust dir.

   37. Daß du übrigens zu meinem Troste willst verlangen,
       Man solle den Dieb ^sans façon^ drum aufhangen,
         Dieses wäre gewiß gar nicht christlich,
         Vielleicht bessert der Anonymus einst noch sich.

   38. Ueberhaupt muß ich dir im Vertrauen sagen:
       In unsern heutigen aufgeklärten Tagen
         Ist Gottlob! die heilige Justiz
         Nicht wie ehemals so scharf und spitz.

   39. Und um den Raub solcher Kleinigkeiten
       Braucht Keiner mehr die doppelte Leiter zu beschreiten,
         Wenigstens in unserm klugen Schildburg
         Gehen viel größere Diebe frei und frank durch.

   40. Wenn du künftig Gelder willst aufsparen,
       So rathe ich, solche vorsicht'ger zu bewahren;
         Denn auf keinem Dinge in der Welt
         Wird so allgemein speculirt als auf Geld.

   41. Ich und deine Mutter verstehn es besser,
       Wir bewahren unsre Baarschaft hinter Riegel und Schlösser
         Und geben sowol bei Tag als bei Nacht
         Darauf sehr sorgfältig und ängstiglich Acht.

   42. Doch um deinen Geldmangel zu stillen,
       Will ich noch einmal dein Verlangen erfüllen,
         Und ich sende die Gelder mancherlei
         Im versiegelten leinenen Sacke hiebei.

   43. Jedoch muß ich dir hienebst andeuten,
       Es sind heur gar nahrlose Zeiten,
         Und es fällt mir wahrlich gar schwer,
         Alle Gelder zu nehmen woher.

   44. Mit dem Handel gibt's nur Kleinigkeiten,
       Denn es ist kein Geld unter den Leuten,
         Und die Rathsherrnschaft wirft auch nicht viel ab,
         Drum sind meine Einkünfte so knapp.

   45. Ich werde es also sehr gerne sehen,
       Wenn du von der Universität thust gehen,
         Zumalen da du, zu dieser Frist,
         Gewißlich schon ausgelernet bist.

   46. Denn wenn du noch länger alda bleibest
       Und das kostbare Studiren forttreibest,
         So werde ich noch zum armen Mann
         Und keine Gelder mehr schaffen kann.

   47. Wir werden dich hier mit großem Verlangen
       Als einen gelehrten Sohn stattlich empfangen,
         Besonders freut deine Mutter sich
         Auf deine Zuhausekunft inniglich.

   48. Ich möchte dir gern etwas Neues schreiben,
       Es thut aber Alles hier beim Alten bleiben;
         Ich bin indessen früh und spat
         Nach Gewohnheit gewesen oft im Rath.

   49. Da haben wir, in Pleno, thun dichten,
       Um verschiedene Aenderungen einzurichten,
         Damit in der hiesigen Polizei
         Alles fein sauber und ordentlich sei.

   50. Deine Mutter hat an Zähnen viel ausgestanden;
       Aber ein großer Wundarzt aus fremden Landen
         Vor einigen Tagen hier kam
         Und die bösen Zähne wegnahm.

   51. Deine Schwester Gertrud hat einen Freier,
       Es ist der Procurator Herr Geier,
         Die Sache ist schon gekommen sehr weit,
         Und die Gertrud ist schon ziemlich breit.

   52. Unser Pfarrer ist immer kränklich,
       Man hält seinen Zustand für bedenklich,
         Stürbe einst dieser rechtschaffene Mann,
         So würd'st du vielleicht unser Pfarrer dann.

   53. Unsers reichen Nachbars sein Lieschen
       Vermeldet dir ein herzliches Grüßchen,
         Das Mädchen wird wirklich artig und fein
         Und könnte einst deine Frau Pfarrerin sein.

   54. Endlich grüßen dich allesammt wieder
       Deine sämmtlichen Schwestern und Brüder,
         Sie freuen sich über dein Wohlergehn
         Und hoffen schier baldigst dich hier zu sehn.

   55. Ich beharre übrigens
                    Dein treuer Vater
       Hans Jobs, ^pro tempore^ Senater.
         N. S. Dein Schreiben mir zwar gefällt,
         Aber verschone mich weiter mit Geld.




Sechszehntes Kapitel.

Wie Hieronimus ausstudirt hatte, und wie er nach seiner Heimat reisete,
und wie es mit seiner Gelehrsamkeit bewandt war; fein artig im
gegenwärtigen Kupfer vorgestellt.


[Illustration]

    1. Sintemal man nicht ewig auf Universitäten
       Bleiben kann, so war's endlich vonnöthen,
         Daß nach verflossener drei Jahren Zeit,
         Sich Hieronimus machte zur Abfahrt bereit.

    2. Um seiner Eltern Verlangen und Willen,
       Die nun seine Heimkunft begehrten, zu erfüllen,
         That er Alles zu dieser Frist,
         Was zum Abmarsche nöthig ist.

    3. Zwar brauchte er nicht viel einzupacken;
       Denn außer Stiefeln, Degen, Weste und Jacken,
         Und was man an seinem Leibe sonst sah,
         War nicht 's mindeste Geräthe da.

    4. Nach Büchern brauchte man gar nicht zu fragen,
       Denn diese thaten ihm niemals behagen,
         Und außer einer einzigen Predigt nur
         Besaß er nicht die geringste Scriptur.

    5. Ein Freund hatte ihm selbige verehret
       Und sie ihm nach und nach auswendig gelehret,
         Damit er doch einmal ohne Beschwer
         Zu Hause könnt' predigen, wenn's nöthig wär.

    6. Es that also der Gedanke bei ihm aufsteigen,
       Wie er sich daheim den Eltern könnt' zeigen,
         Damit man nicht auf diese Manier
         Den kahlen Zustand der Sache erführ.

    7. Zuletzt fiel es ihm ein zu sagen,
       Wenn man nach Koffer und Mantelsack wollt fragen,
         Daß ihm Alles gestohlen wär
         Auf seiner Reise gen Hause her.

    8. Auch thaten einige Seufzer entstehen;
       Armer Hieronime! wie wird's dir ergehen,
         Wenn man dich einmal examinirt?
         Denn du hast nichts gelernt noch studirt.

    9. Zwar hat's ihm herzlich gereut und verdrossen,
       So daß er fast Thränen darob vergossen,
         Weil er für alle Kosten und Zeit
         Nicht erworben mehrere Gelehrsamkeit.

   10. Aber alles sein Trachten, Dichten und Denken,
       Wünschen, Seufzen, Jammern und Kränken
         Brachten ihm itzo keinen Gewinn,
         Denn die Zeit war einmal dahin.

   11. Um also seine Grillen zu verlieren,
       Ließ er formaliter invitiren
         Seine Freunde auf der Universität,
         Und gab ihnen den Schmaus zum Valet.

   12. Hier wurde dann tapfer nochmal geschmauset,
       Getrunken, gelärmet und gesauset,
         Bis endlich der traurige Morgen kam
         Und Hieronimus Abschied nahm.

   13. Dieser ging ihm recht sehr zu Herzen
       Und erregte ihm fast herbe Schmerzen,
         Ja, er hat wirklich laut geweint
         Und im Arm seiner Freunde gegreint.

   14. Eh er aber sein Ade genommen,
       Ist er vorher zum Professor gekommen,
         Dieser hat ihm für baares Geld,
         Ein academisch Zeugniß zugestellt.

   15. Es ist zwar nicht gar löblich gewesen,
       Doch Hieronimus, ohne es zu lesen
         (Denn es war gesetzt in Griechisch und Latein)
         Steckte es in den Schubsack hinein.

   16. Ich lasse ihn also nach Hause reisen,
       Und vorher will ich noch dem Leser weisen
         Im oben bevorstehenden Kupferblatt,
         Wie's um seine Gelehrsamkeit gestanden hat.




Siebzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus mit Stiefeln und Sporen bei den lieben Seinigen wieder
angelanget ist.


[Illustration]

    1. Als einst nach eingenommener Mittagsspeise
       Der Senator Jobs (denn es war so seine Weise)
         Mit seinem Pfeifchen im Lehnstuhl saß
         Und die politische Zeitung las;

    2. Indeß Frau Jobs einiger Sachen wegen
       In der Küche ein kleines Lärmen that erregen,
         Auch sonst einige Ordnung gemacht
         Und keine Seel an was Böses gedacht;

    3. Kam ein stolzer Reiter mit starken Schritten
       Auf der Straße eilig daher geritten,
         Und gleich hörten sie, Knall und Fall
         Vor der Hausthür einen Karbatschenschall.

    4. Ob diesem fast fürchterlichen Knallen
       Ließ Jobs die Zeitung aus der Hand fallen,
         Und die Pfeife selbst war in Gefahr;
         Frau Jobs aber verstummte gar.

    5. Aber aus diesem recht panischen Schrecken
       That sie der Reiter bald aufwecken;
         Weil er, im völligen Reisestaat,
         Zu ihnen in die Stube trat.

    6. Die Alten schienen beide ihn nicht zu kennen,
       Er wollte sich auch vorerstlich nicht nennen,
         Bis endlich der gute Vater da
         In ihm seinen lieben Hieronimus sah.

    7. Es fehlt mir schier an allen nöthigen Dingen,
       Die gewaltig große Freude zu besingen,
         Welche der fromme Senator empfand,
         Fast entging ihm aller Verstand.

    8. Auch die Mutter konnte sich nicht fassen,
       Noch vor Freude Händ' und Füße lassen,
         Als sie eben itzt und nunmehr
         Sah, daß es Hieronimus wär.

    9. Fast hätten im Uebermaß der Freude
       Klare Thränen geweinet alle beide,
         Und das Willkomm! und dem Himmel sei Dank!
         Und so weiter, währete lang.

   10. Es waren auch darauf nicht minder
       Des Senators Jobsens übrige Kinder
         Alle zusammen bei der Hand,
         Und kein einziges hat ihn gekannt.

   11. Es war recht spaßhaft anzusehen,
       Wie sich die Kinder thaten begehen:
         Eins hielt ihn für'n großen Herrn,
         Welcher gekommen wär von fern;

   12. Das andere hielt ihn, wegen dem Degen
       Und der übrigen gefährlichen Kleidung wegen,
         Für einen, der Kinder im Sack steckt,
         Besonders wurden die jüngsten erschreckt.

   13. Aber sehr lustig ging es mit der Esther,
       Unsers Hieronimi allerjüngsten Schwester,
         Denn sie hielt ihn noch lange hernach
         Für'n fremden Oheim von Gengenbach.

   14. In den drei Jahren, die er dort verschlendert,
       Hatte sich seine Person sehr verändert,
         Und er war dick geworden am Bauch,
         Sein Bart ziemlich gewachsen auch.

   15. Es war also eben kein Wunder zu nennen,
       Wenn ihn anfangs niemand mochte kennen,
         Besonders, da sein Studentenhabit
         Auch nicht, wer er eigentlich war, verrieth.

   16. Ein sehr großer Hut mit einer Feder,
       Hosen und Weste von gelbem Bocksleder,
         Ein kurzes Collet von grauem Tuch
         Verstellte den Hieronimus genug.

   17. Dabei kam ein mächtig großer Degen,
       Welcher, der mehreren Sicherheit wegen,
         Sowol zum Stich, als Hiebe im Streit
         Eingerichtet war spitz und breit.

   18. Imgleichen die martialische Miene,
       Welche Tod und Wunden zu drohen schiene;
         Die Haare hingen struppicht am Kopf
         Und den Nacken drückte ein dicker Zopf.

   19. Diese und mehr seltsame Kleidungsstücke
       Zogen bald auf sich des Vaters Blicke,
         Denn ein sittsames schwarzes Kleid
         Hätte den Alten weit mehr erfreut.

   20. Auch wollte des Hieronimus übriges Betragen
       Dem alten Vater Jobs nicht zum besten behagen,
         Weil bei dem Hieronimus fort und fort
         Flüche erfolgten auf jedes Wort.

   21. Er gab ihm also deutlich zu verstehen,
       Daß er nun anders sich möchte begehen,
         Denn ein junger Theologus
         Müsse leben nach geistlichem Fuß.

   22. Als er kurz darauf nach dem Koffer gefraget,
       Hat Hieronimus alsobald gesaget
         Und dabei kräftig geschworen: daß er
         Vom Postwagen jüngst ihm gestohlen wär'.

   23. Diese Nachricht, daß er den Koffer verloren,
       Klang unangenehm in des Vaters Ohren
         Und er fing zu knurren drob an,
         Hätte es nicht die Mutter gethan.

   24. Denn sie hielte den Alten zurücke,
       Sprach, das ist ja ein Ungelücke,
         Woran unser lieber Sohn nicht schuld;
         Er ergabe sich also in Geduld.

   25. Indessen verbreitete auch das Gerüchte,
       Des Hieronimus Wiederkunftsgeschichte
         Ueberall in dem Städtelein aus
         Und wälzete sich von Haus zu Haus.

   26. Der ganzen Bürgerschaft schien dran gelegen,
       Und überall that sich Verwunderung erregen,
         Und wo ein Mensch nur den andern sah,
         So hieß es: Hieronimus ist wieder da.

   27. Es wurde übrigens angenehm und freudig
       In Senator Jobsens Hause allerseitig
         Der Rest des übrigen Tages verbracht
         Und weiter nicht an den Koffer gedacht.

   28. Hieronimus labte sich an Trank und Speise
       Weidlich, denn er war matt von der Reise,
         Rauchte dabei auch ohne Beschwer
         Des Vaters großen Tabaksbeutel leer.




Achtzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus nun anfing geistlich zu werden und wie er ein schwarzes
Kleid und eine Perücke bekam, und wie er auf der Kanzel zum ersten Mal
predigte, u. s. w.


    1. Als nun der andere Morgen vorhanden
       Und alles im Hause war aufgestanden
         Und beim Frühstück und Kaffeetisch
         Jeder sich befande munter und frisch,

    2. Hub der Vater an zu discuriren:
       Mein lieber Sohn! es will sich gebühren,
         Daß deine bisherige Kleiderei
         Anders in Zukunft beschaffen sei.

    3. Vorab mußt du den schrecklichen Degen
       Von deiner Seite, von nun an, legen,
         Weil ein Geistlicher niemals nicht
         Anders als mit der Bibel ficht;

    4. Auch das graue Collet und die lederne Weste
       Nebst Hosen, Stiefeln und dem übrigen Reste,
         Wie auch den mächtigen Federhut;
         Denn alles dies steht keinem Geistlichen gut.

    5. Denn wenn Jemand diesen Anzug sähe,
       Möchte er billig denken: o wehe,
         Das könnte eher ein Kürassier
         Sein, als ein künftiger Pfarrer hier!

    6. Wisse auch, daß eine runde Perücke
       Auf den geistlichen Kopf sich besser schicke;
         Denn diese lässet ehrwürdig und wohl,
         Ein struppichtes Haar und Zopf läßt toll.

    7. Ich habe also mir vorgenommen,
       Um zu lassen den Schneider kommen,
         Damit dir dieser ein schwarzes Kleid
         Und einen Mantel noch mache heut.

    8. Auch ist der Perückenmacher bestellet,
       Damit er, wenn es dir gefället,
         Zu deines Kopfes künftiger Zier
         Eine Perücke bringe dir.

    9. Das wird ein ehrbares Ansehen dir geben,
       Es ist aber auch nöthig daneben,
         Daß du hinfüro nicht mehr so fluchst,
         Sondern auch geistlich zu leben suchst.

   10. Hieronimus hörte zwar etwas spröde
       Seines alten Vaters vernünftige Rede,
         Doch ließ er sich endlich ebenfalls
         Alles gefallen und bereden all's.

   11. Man sah ihn darauf, eh der Tag noch vergangen,
       Im schwarzen Kleide und Perücke prangen,
         Es war auch ein weißes Krägelein da,
         Gemacht von der Mutter ^manu propria^.

   12. Geistlich staffirt vom Kopf bis zu'n Füßen,
       That er nun den Eltern kund und zu wissen,
         Daß er, zu predigen in dieser Livrei,
         Am künftigen Sonntag gesonnen sei.

   13. Er hat sich auch treu des Versprechens entledigt,
       Und am folgenden Sonntag gepredigt,
         Und ohne einen sonderlichen Anstoß
         Ward er glücklich der Predigt los.

   14. Denn, wie oben, Kapitel sechszehn, gehöret,
       Hatte ein Freund ihm eine Predigt verehret,
         Diese kam ihm vortrefflich zur Hand,
         Weil er sie ganz auswendig verstand.

   15. Sie war gar vortrefflich componiret,
       Mit vielen erbaulichen Sprüchen gezieret,
         Und so voll vom gelehrten Tand,
         Daß sie Hieronimus selbst nicht verstand.

   16. Auch sein äußerer Anstand war prächtig,
       Seine Arme und Hände bewegte er mächtig,
         Und der Stimme starker Tenor
         Drang den Zuhörern stattlich ins Ohr.

   17. Es wurde übrigens von vielen hundert
       Zuhörern seine Predigt bewundert,
         Viele stießen die Köpfe an
         Und sagten: »das gibt ein ganzer Mann!

   18. Wer Henker hätte das denken sollen,
       Daß so was einst hätte werden wollen
         Aus des Jobsens dummen Hieronimus?
         Er erregt ja Verwundernuß!«

   19. Auch waren alle Verwandten gegenwärtig,
       Gafften Hieronimus an, der so fertig,
         Als hätte er längst gestanden im Amt,
         Sie erbauen konnte allesammt.

   20. Aber, ich vermag nicht das Entzücken
       Der beiden guten Eltern auszudrücken,
         Denn sie hielten nun beiderseits
         Ihn für den größten Redner bereits.

   21. Als nun der Gottesdienst verrichtet,
       Ward ein groß Freudenmahl angerichtet,
         Und in Senator Jobsens Haus
         Kamen alle Verwandten zum Schmaus.

   22. Da hat man, während dem Mittagsessen,
       Nichts zu Hieronimi Lobe vergessen,
         Und man trank öfters zu dieser Zeit
         Aus großen Gläsern seine Gesundheit.

   23. Es ward auch zu denselbigen Stunden
       Von der ganzen Versammlung für gut befunden,
         Daß bei obwaltenden Umständen nunmehr,
         Zu des Hieronimus größerer Ehr,

   24. Er es nächstens müsse wagen
       Und sich zum Candidaten lassen schlagen,
         Damit er in optima Forma hie
         Werde Candidatus Ministerii.

   25. Zwar wäre es dieserhalb wol vonnöthen
       Vorerst vors Examen hinzutreten,
         Doch bei der gezeigten Gelehrsamkeit
         Hätte dieses keine Schwierigkeit.

   26. Um so mehr, da der hiesige Pfarrer schwächlich
       Wäre, so könnte Hieronimus gemächlich
         Und ohne allen Zank und Geschrei
         Antreten die erledigte Pfarrei;

   27. Wenn es nämlich bald glücklich gelünge,
       Daß der Pfarrer den Weg alles Fleisches ginge,
         Denn seine kränkliche Constitution
         Ließe dieses fest hoffen schon.

   28. Hieronimus vermochte so viel Gründen und Flehen
       Nunmehro nicht länger zu widerstehen,
         Er gab also, obgleich ängstlich genung,
         Dazu seine Einwilligung.

   29. Er leerete übrigens zwar mit Vergnügen
       Manches großes Glas in starken Zügen,
         Doch wenn er ans künft'ge Examen gedacht,
         So hat ihm dieses ein Grausen gemacht.

   30. Endlich suchte er seine traurigen Grillen
       Durch einen tüchtigen Rausch zu stillen,
         Obgleich sein Mißfallen der alte Jobs
         Bezeigte, durch ernsthaftes Schütteln des Kopfs.




Neunzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus zum Candidaten examinirt ward, und wie es ihm dabei
erging.


    1. Indeß ist es beim Entschlusse geblieben,
       Und nach wenigen Wochen hat man verschrieben
         Die ganze hochehrwürdige Klerisei
         Zu Hieronimus Examen herbei.

    2. Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre,
       Des nahen Examens zu Muthe ware,
         Und sein gemachtes ängstliches Gesicht,
         Dies alles begreift der Leser nicht.

    3. Es wäre also solches zu schildern vergebens.
       Die fürchterlichste Stunde seines Lebens,
         Nahte nunmehro endlich herzu;
         Ach! du armer Hieronimus, du!

    4. Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen
       Der geistlichen Herrn, welche zum Examen
         Aus jeder Gegend der Schwäbischen Welt
         Am bestimmten Tage sich eingestellt.

    5. Der erste war der _Herr Inspector_,
       In der Lehre stark wie ein andrer Hector,
         Ein stattlicher dickgebauchter Mann;
         Man sah ihm gleich den Inspector an.

    6. Seine Verdienste schafften ihm diese Würde;
       Er trug übrigens seines Amtes Bürde
         Geduldig und mit gar frohem Muth
         Und aß und trank täglich gut.

    7. Nach ihm kam der _geistliche Assesser_,
       Ein Mann von Person zwar etwas größer,
         Doch an Körper und Waden dünn
         Und von etwas mürrischem Sinn.

    8. Er triebe nebst der geistlichen Sache
       Verschiedene Stücke aus dem ökonomischen Fache
         Und trank nur Bier und schlechten Wein,
         Denn seine Einkünfte waren klein.

    9. Auch Herr _Krager_, ein Mann von hohen Jahren,
       In den Kirchenvätern sehr wohl erfahren,
         Die er, so oft die Gelegenheit kam
         Seinen Satz zu erweisen, hernahm.

   10. Auch Herr _Krisch_, ein Mann von guten Sitten,
       Ungemein stark in Postillen beritten;
         Wobei er sich so gut und noch besser befand
         Als der beste Pfarrer im Schwabenland.

   11. Auch Herr _Beff_, ein weidlicher Linguiste,
       Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe,
         Im Vortrag ein ewiges Einerlei,
         Doch niemals gegen Orthodoxei.

   12. Auch Herr _Schrei_, stark in der Rede,
       Weder in Gesellschaft noch auf der Kanzel blöde,
         Lebte übrigens munter und frisch
         Mit seiner Köchin exemplarisch.

   13. Auch Herr _Plotz_, ein Mann wie ein Engel,
       Er hatte zwar in der Jugend viele Mängel,
         Nachdem er aber sein Amt trat an,
         Ward er ein gar frommer Mann.

   14. Er hielte seine hochgeliebte Gemeine
       Von allen Lastern und bösem Wesen reine,
         Und strafte zur Zeit und zur Unzeit
         Alle und jede, doch nach Gelegenheit.

   15. Auch Herr _Keffer_, nie müde in Lehr' und Strafen,
       Er nahm sich treulich an seiner Schafen,
         Doch fande sich in der Heerde sein
         Mancher hartnäckige Bock mit ein.

   16. Oft war er, um sie zurechte zu führen,
       Er deshalb genöthiget zu processiren,
         Denn er verstand die Jura, in der That,
         So gut als der beste Advocat.

   17. Außer diesen obengenannten kamen
       Noch mehr geistliche Herren zum Examen,
         Die ich nicht alle Mann für Mann
         Sogar genau mehr nennen kann.

   18. Als nun die ganze geistliche Schaare
       Der hochehrwürdigen Herren beisammen ware,
         So setzten, ^praemissis praemittendis^,
         Sich alle um einen großen Tisch.

   19. Hieronimus trat mit Zittern und Zagen
       Vor die sämmliche Gesellschaft der weißen Kragen
         Und scharrete ihnen demüthig den Gruß.
         O weh dir! o weh dir! Hieronimus!

   20. Zuvorderst erkundigten die Examinatores
       Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores
         Und fragten ihn bald, ob er auch hätt'
         Ein Zeugniß von der Universität?

   21. Hieronimus, ohne sonderliche Umstände,
       Gab das Attest in des Inspectors Hände,
         Welcher dasselbe alsbald dann luß;
         O weh dir! o weh dir! Hieronimus!

   22. Es war zwar, wie oben schon angeführet,
       In Latein und Griechisch concipiret,
         Folglich zu lesen ein schweres Stück;
         Doch verstand zu allem Ungelück

   23. Der Inspector etwas von den Sprachen,
       Um hier die nöthigste Dollmetschung zu machen;
         Denn für jeden andern geistlichen Herr
         War die Uebersetzung zu schwer.

   24. Damit nun hier nichts möge fehlen,
       Will ich dem geneigten Leser erzählen,
         Was eigentlich in dem Attestat
         Von Wort zu Wort gestanden hat.

   25. Zuerst Name und Titel vom Professer
       Und in drei Buchstaben etwas größer
         Wünschte er, durch ^L. B. S.^ dem
         ^Lectori Benevolo Salutem^!

   26. _Sintemal und immaßen drei Jahre
       Und einige Wochen hieselbst ware
         Herr Hieronimus Jobsius
         Als Theologiä Studiosus;_

   27. _Derselbe aber abzureisen nunmehro
       Ernstlich ist gesonnen, und dero-
         halben um ein schriftlich Attestat
         Mich geziemendermaßen bat:_

   28. _So habe ich nicht unterlassen können,
       Ihme solches schriftliches Zeugniß zu gönnen:
         Daß derselbe alle viertel Jahr
         Bei mir einmal im Collegio war._

   29. _Ob er sich sonst des Studirens privatim beflissen,
       Wird ihm wol sagen sein eigen Gewissen,
         Dann in diesem schriftlichen Bericht
         Behaupte und zeuge ich solches nicht._

   30. _Und von seinem sonstigen Betragen
       Wäre zwar nicht viel Gutes zu sagen,
         Allein die christliche Liebe will,
         Daß ich davon schweige still._

   31. _Uebrigens wünsch' ich ihm auf alle Weise
       Hiedurch eine glückliche Abreise,
         Und der gütige Himmel leite ihn
         Künftig zu allem Guten hin!_

   32. Was man für große Augen gemachet,
       Und daß Herr Hieronimus nicht gelachet,
         Als man den Inhalt fand dergestalt,
         Ein solches begreifet der Leser alsbald.

   33. Indeß ist es für diesmal geschehen,
       Daß man die Sache hat übersehen,
         Und man redete von dem Attest
         Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best'.

   34. Denn die Herren dachten weislich zurücke,
       Daß sie auch wol viele lustige Stücke
         Auf Academien getrieben vor dem;
         Man schritte also weiter ^ad rem^.

   35. Der Herr _Inspector_ machte den Anfang,
       Hustete viermal mit starkem Klang,
         Schnäuzte und räusperte auch viermal sich
         Und fragte, indem er den Bauch strich:

   36. _Ich, als zeitlicher ^pro tempore^ Inspector,
       Und der hiesigen Geistlichkeit Director,
         Frage Sie: ^Quid sit Episcopus?^_
         Alsbald antwortete Hieronimus:

   37. Ein Bischof ist, wie ich denke,
       Ein sehr angenehmes Getränke
         Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzensaft
         Und wärmet und stärket mit großer Kraft.

   38. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   39. Nun hub der _Assessor_ an zu fragen:
       _Herr Hieronimus! thun Sie mir sagen,
         Wer die Apostel gewesen sind?_
         Hieronimus antwortete geschwind:

   40. Apostel nennet man große Krüge,
       Darin gehet Wein und Bier zur G'nüge,
         Auf den Dörfern und sonst beim Schmaus
         Trinken die durstigen Bursche daraus.

   41. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   42. Nun traf die Reihe den Herrn _Krager_
       Und er sprach: _Herr Candidat! sag' Er,
         Wer war der heilige Augustin?_
         Hieronimus antwortete kühn:

   43. Ich habe nie gehört oder gelesen,
       Daß ein andrer Augustin gewesen,
         Als der Universitätspedell Augustin,
         Er citirte mich oft zum Prorector hin.

   44. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   45. Nun folgte Herr _Krisch_ ohn Verweilen
       Und fragte: _Aus wie vielen Theilen
         Muß eine gute Predigt bestehn,
         Wenn sie nach Regeln sollte geschehn?_

   46. Hieronimus, nachdem er sich eine Weile
       Bedacht, sprach: die Predigt hat zwei Theile,
         Den einen Theil Niemand verstehen kann,
         Den andern Theil aber verstehet man.

   47. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   48. Nun fragte Herr _Beff_ der Linguiste:
       _Ob Herr Hieronimus auch wol wüßte,
         Was das hebräische Kübbuz sei?_
         Und Hieronimus antwortete frei:

   49. Das Buch, genannt Sophiens Reisen
       Von Memel nach Sachsen, thut es weisen,
         Daß sie den mürrischen Kübbuz bekam,
         Weil sie den reichen Puff früher nicht nahm.

   50. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   51. Nun kam auch an den Herrn _Schreie_,
       Den Hieronimus zu fragen die Reihe,
         Er fragte also: _Wie mancherlei
         Die Gattung der Engel eigentlich sei?_

   52. Hieronimus that die Antwort geben:
       Er kenne zwar nicht alle Engel eben,
         Doch wär ihm ein blauer Engel bekannt
         Auf dem Schild an der Schenke, zum Engel genannt.

   53. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   54. Herr _Plotz_ hat nun fortgefahren
       Zu fragen: _Herr Candidate! wie viel waren
         ^Concilia oecumenica^?_
         Und Hieronimus antwortete da:

   55. Als ich auf der Universität studiret,
       Ward ich oft vor's Concilium citiret,
         Doch betraf solches Concilium nie
         Sachen aus der Oeconomie.

   56. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   57. Nun folgte Herr _Keffer_, der geistliche Herre,
       Seine Frage schien zu beantworten sehr schwere,
         _Sie betraf der Manichäer Ketzerei,
         Und was ihr Glaube gewesen sei?_

   58. Antwort: Ja, diese einfältigen Teufel
       Glaubten, ich würde sie ohne Zweifel
         Vor meiner Abreise bezahlen noch,
         Ich habe sie aber geprellet doch.

   59. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   60. Die übrigen Fragen, welche man proponiret,
       Lasse ich hier aus Mangel des Raums unberühret;
         Denn sonst machte das Protocoll
         Wol mehr als sieben Bogen voll.

   61. Sintemal man noch Vieles gefraget,
       Worauf Hieronimus die Antwort gesaget
         Auf obige Weise Stück vor Stück
         Aus Dogmatik, Polemik und Hermeneutik.

   62. Imgleichen sonst noch manche Sachen
       Aus der Kirchenhistoria und Sprachen,
         Und was man einen geistlichen Mann
         Sonst wo zur Prüfung noch fragen kann.

   63. Ueber alle Antworten des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   64. Als nun die Prüfung zu Ende gekommen,
       Hat Hieronimus einen Abtritt genommen,
         Damit man die Sache nach Kirchenrecht
         In reife Ueberlegung nehmen möcht':

   65. Ob es mit gutem Gewissen zu rathen,
       Daß man in die Klasse der Candidaten
         Des heiligen Ministerii den
         Hieronimum aufnehmen könn'.

   66. Es ging also an ein Votiren,
       Doch ohne vieles Disputiren
         Ward man einig alsobald:
         Es könne zwar dermal und solchergestalt

   67. Herr Hieronimus es gar nicht verlangen,
       Den Candidaten-Orden zu empfangen,
         Jedoch aus besondrer Consideration
         Wollte man stille schweigen davon.

   68. Es hat auch wirklich in vielen Jahren
       Kein Fremder davon etwas erfahren,
         Sondern Jedermann hielt früh und spat
         Den Hieronimum für einen Candidat.




Zwanzigstes Kapitel.

Wie der Autor gar demüthiglich um Vergebung bittet, daß das vorige
Kapitel so lang gewesen und wie er verspricht, daß das gegenwärtige
Kapitel desto kürzer sein sollte. Ein Kapitel, wovon die Rubrik länger
ist, als das Kapitel selbst, und welches, unbeschadet der Geschichte,
wol hätte wegbleiben können.


[Illustration]

    1. Ich bitte um Verzeihung alle, die mich lesen,
       Daß voriges Kapitel so lang gewesen,
         Dabei soll auch dieses Kapitelein,
         Lieber Leser! desto kürzer sein.




Einundzwanzigstes Kapitel.

Wie Vater Jobs der Senator dem Hieronimo eine Strafpredigt halten thät,
und wie er vor Verdruß stirbt.


    1. Nun hätte man sollen das Lärmen sehen,
       Was da in Jobsens Hause geschehen,
         Weil es, wie gesagt, nicht allerding
         Mit dem Examen nach Wunsche ging.

    2. Aber was that denn des Hieronimi Vater?
       Lieber Leser! du magst wol fragen: was that er?
         Er gerieth drob in gar großen Grimm,
         Und sagte zu seinem Sohne: »du Lüm-

    3. mel! hab' ich drum so viel angewendet
       Und ganze Hände voll Geld verschwendet,
         So daß fast worden zum armen Mann,
         Und habe itzt nur Verdruß daran?

    4. Hättest du fleißiger gestudiret
       Und dich rechtschaffener aufgeführet,
         So wärst du itzo nunmehro hie
         Ein Candidatus Ministerii!

    5. Und bekämest bald eine gute Pfarre;
       Aber du bist nun ein ungelehrter Narre,
         Der nichts von der Theologie versteht
         Und sein Leben lang brodlos geht!

    6. Deine Mutter und ich hofften beide
       An dir zu erleben viele Freude,
         Und nun haben wir bittern Verdruß
         Ob dich bösen Hieronimus!

    7. Alles was du vormals mir geschrieben,
       Als hättest du die Studia getrieben,
         Und wärest von allen der Fleißigste,
         Sind lauter Lügen, wie ich nun seh.

    8. Auch was du vom Privatissimo
       Und zehn Stunden im Collegio,
         Von der Professoren Zufriedenheit,
         Vom Theetrinken in der Einsamkeit;

    9. Item, von den vielen gelehrten Dingen,
       Wovon dir der Kopf wollte zerspringen,
         Vom Meditiren bis in die Nacht
         Und sonst noch etwa hast vorgebracht;

   10. Auch daß dein Magen vom vielen Sitzen und Lesen
       Geschwächet und verdorben gewesen,
         Das alles ist, wie sich's nun befind't,
         Nichts gewesen, als Lügen und Wind.

   11. Hätte ich doch ehmals unsers frommen
       Rectors guten Rath angenommen,
         Der es deutlich genug sagte mir:
         Es würde niemals etwas Gutes aus dir!

   12. So wäre das viele Geld ersparet
       Und manches Kapital rund bewahret,
         Das du, böser, unnützer Knecht!
         Auf der Universität verzecht.«

   13. So war ungefähr die Predigt beschaffen,
       Die der Alte hielte, den Sohn zu bestrafen,
         Und er hätte im ersten Affect,
         Fast den Hieronimus mit Prügeln bedeckt.

   14. Weil indessen Zürnen und Schelten
       Für die Gesundheit zuträglich ist selten,
         So fiel auch den guten alten Mann
         Gleich eine heftige Krankheit an.

   15. Denn er litte oft in gesunden Tagen
       Vom schmerzlichen Podagra viele Plagen;
         Sein Rathsherrnstand, guter Appetit und Ruh
         Disponirten den Körper dazu.

   16. Nun aber verließen ihn plötzlich die Schmerzen
       Und das Podagra trat ihm zum Herzen,
         Und nach vierundzwanzig Stunden Zeit
         Wanderte er aus der Zeitlichkeit.

   17. Alles im Hause rang nun die Hände
       Und des Klagens und Jammerns war kein Ende,
         Daß Hieronimus selbst sogar
         Kaum darüber zu trösten war.

   18. Der Leser möchte vielleicht gähnen,
       Wenn ich diese traurigen Scenen
         Näher beschrieb, ich lasse drum nun
         Den Senator Jobs in Frieden ruhn.




Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus beinahe ein Informator eines jungen Barons geworden wäre.


    1. Obgleich nunmehro schon vierzehn Tage
       Der alte Senator Jobs im Grabe lage;
         So dachte doch noch dann und wann
         Die Wittwe Jobsen an den seligen Mann.

    2. Hieronimus bekam indessen sein Futter
       Bisher noch zu Hause von der Mutter,
         Und hätte in solchem Müßiggang
         Zugebracht gerne sein Leben lang;

    3. Wenn ihm nicht wäre der Vorschlag geschehen,
       Sich nunmehro anderswo umzusehen,
         Wo er in der Zukunft bequem
         Seinen Unterhalt gebührlich hernähm.

    4. Denn die Hoffnung, eine Pfarre zu bekommen,
       War dem armen Schelm gänzlich benommen,
         Nachdem die gelernte Predigt einmal
         Gehalten war auf den Dörfern überall.

    5. Sintemal nun manche große Geister
       Ihr Glücke gemacht als Hofmeister,
         So fiel es auch dem Hieronimus ein,
         Irgendwo Hofmeister zu sein.

    6. Das Glück schien ihm nicht ungeneiget,
       Denn es hat sich ohngefähr gezeiget
         Nach etwa dreier Monate Zeit
         Für ihn eine schöne Gelegenheit.

    7. Denn ein benachbarter Herr von Adel
       Suchte einen Informator ohne Tadel,
         Für billige Kost und acht Gulden Lohn
         Bei dem jungen Baron, seinem einzigen Sohn.

    8. Religion, Sitten, fünferlei Sprachen,
       Schreiben, Rechnen und dergleichen Sachen,
         Philosophie, Physik, Geographie,
         Mathematik, Historie, Poesie,

    9. Zeichnen, Musik, Tanzen, Fechten, Reiten
       ^Et caetera^, waren blos die Kleinigkeiten,
         Welche für die acht Gulden Lohn
         Lernen sollte der junge Baron.

   10. Es ließen also Ihro Gnaden
       Den Candidaten Hieronimus zu sich laden,
         Und fragten: ob er für die acht Gulden Lohn
         Uebernehmen wollte die Information?

   11. Hieronimus antwortete: Gnädiger Herre!
       Das Informatoramt ist sauer und schwere,
         Und es wären acht Gulden schier
         Viel zu weniges Lohn dafür;

   12. Doch, um Eure Gnaden zu gefallen,
       Entschließe ich mich sofort zu allen,
         Und nehme den jungen Herrn Baron
         Gleich in meine Information.

   13. Der Handel war also nun getroffen,
       Bis sich zuletzt wider alles Verhoffen
         Noch eine kleine Schwierigkeit fand,
         Welche bloserdings darin bestand:

   14. Ob auch Hieronimus in den verlangten Sachen
       Die erforderliche Probe könne machen,
         Welche für die acht Gulden Lohn
         Lernen sollte der junge Baron?

   15. Da hat sich aber balde gewiesen,
       Daß Hieronimus von allen diesen
         Sachen selbst nichts gewußt, die von
         Ihm lernen sollte der junge Baron.

   16. Er ward also in Frieden entlassen,
       Und zog wieder heim seine Straßen,
         Und verwünschte die Information
         Zum Henker, mit dem jungen Baron.

   17. Ihro Gnaden aber suchten kreuz und queere,
       Ob ein andrer aufzutreiben wäre,
         Welcher für die acht Gulden Lohn
         Uebernähme die Information.

   18. Ob er für die acht Gulden bis zu heutigen Stunden
       Einen solchen gelehrten Informator gefunden,
         Ist etwas, das ich nicht sagen kann,
         Es geht mich auch in der That nichts an.




Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus ein Hausschreiber ward bei einem alten Herrn, welcher
eine Kammerjungfer hatte, mit Namen Amalia, und wie er sich gut
aufführte bis im folgenden Kapitel.


    1. Unter allen Ständen, die da werden
       Angetroffen auf unserer Erden,
         Ist, zweifelsohne, wie bekannt,
         Der Wittwenstand der betrübteste Stand.

    2. Wo der Mann, als das Haupt des Weibes,
       Fehlt, da steht es um die Pflege des Leibes
         Und um die ganze Haushaltung schlecht,
         Und nicht das Geringste geht zurecht.

    3. Die Einkünfte werden nach und nach vermindert,
       Die unentbehrliche Nahrung wird verhindert,
         Und gleich wie in einem Jammerthal
         Ist Angst, Noth, Elend überall.

    4. Frau Jobs hat dies auch, leider! erfahren,
       Denn sie merkte, daß gleich in den ersten Jahren
         Alles im Hause den Krebsgang ging,
         Und sie arm an zu werden fing.

    5. Hieronimus nun hat dazu freilich
       Das Seinige beigetragen getreulich,
         Denn er lebte in müßiger Ruh,
         Aß gut und trank noch besser dazu.

    6. Indessen ward doch nun auf die Dauer
       Der guten Wittwe solche Wirthschaft zu sauer,
         Und ihr Hieronimus gereichte fast
         Der Oekonomie zur größten Last.

    7. Er hat es auch selbst eingesehen,
       Daß es nicht länger gut werde gehen,
         Und erkundigte sich also weit und breit
         Um eine andre Gelegenheit.

    8. Wie nun gewöhnlich die Dummen und Frommen
       Am allerbesten in der Welt fortkommen,
         So bot auch bei einem Edelmann
         Sich abermal für ihn eine Stelle an.

    9. Dieser Herr lebte auf dem Lande
       In einem trefflichen ruhigen Stande,
         Und verzehrte als ein biedrer Cavalier
         Seine großen Einkünfte mit Pläsir.

   10. Er that in seiner Jugend einige Züge
       Im damaligen siebenjährigen Kriege,
         Doch lag er meistens in Garnison
         Und schonte so viel möglich seine Person.

   11. Indeß ward er bald dieses Lebens müde,
       Denn er haßte Krieg und liebte Friede,
         Und hielt folglich als ein tapfrer Mann
         Unterthänig um seinen Abschied an.

   12. Jedoch fand er noch immer viel Vergnügen,
       Oft zu reden von verschiedenen Siegen,
         Und wie er einmal von ohngefähr
         Auf der Flucht beinahe gefangen wär'.

   13. Uebrigens war er geneigt zu spaßen,
       Schoß auch wol auf der Jagd einen Hasen,
         Trank bei der Tafel Burgunderwein
         Und lebte ohne Gemahlin allein.

   14. Er war also, in soweit, ein Junggeselle,
       Doch war bei ihm, an der Gemahlin Stelle,
         Eine Kammerjungfer, die früh und spat
         Die nöthigen Bedürfnisse besorgen that.

   15. Er sparte als Greis den Rest seiner Kräfte
       Und bekümmerte sich um keine Geschäfte,
         Sondern ein treues Bedienten-Paar
         Besorgte, was zu besorgen war.

   16. Der eine war ein schlauer, alter,
       Treubefundener Hausverwalter,
         Und der andre Herr Bediente war
         Ein also genannter Secretar.

   17. Der Verwalter war noch am Leben
       Und befand sich beim Dienste nicht uneben,
         Denn er sorgte klug und weislich
         Wenig für'n Herrn und viel für sich.

   18. Der Secretar war vor einigen Tagen
       Weil er todt war, zu Grabe getragen,
         Und also und dergestalt fand
         Sich diese wicht'ge Bedienung vacant.

   19. Nun war der Verwalter ein alter Bekannter
       Von Hieronimi Eltern, und darum wandt' er
         Als ein treuer dienstfertiger Mann
         Alle Müh' für Hieronimus an,

   20. Und hat ihn sehr kräftig recommandiret,
       Ihn darauf in Persona präsentiret
         Bei der Jungfer und beim alten Herrn
         Als einen fähigen Secretärn.

   21. Es hat auch seine Person für allen
       Der Kammerjungfer nicht übel gefallen,
         Drum versprach sie ihm steif und fest
         Bei dem Herrn zu reden das Best'.

   22. Er schien ihr beim ersten Anblick schon besser
       Als der vorige Schreiber, sein Antecesser;
         Denn Hieronimus war stark und lang,
         Der vorige aber war mager und krank.

   23. Alldieweil er nun, wie gesaget,
       Der Kammerjungfer, als der Hauptperson, behaget,
         So gab auch der alte Herr sofort
         Dazu sein Fiat und adliges Wort.

   24. Um ihm desto mehr Gnaden zu erweisen,
       Mußte er sogar diesmal mit ihm speisen,
         Und der Herr sprach mit freundlicher Stimm'
         Nach geendigter Mahlzeit zu ihm:

   25. »Seine Pflicht soll darin bestehen,
       Daß Er nach Vieh und Gesinde muß sehen,
         Und als der geheime Secretär
         Schreibe, was etwa zu schreiben wär'.

   26. Wird Er nun diese seine Amtspflichten
       Als ein braver Schreiber ausrichten;
         So geb' ich Ihm dafür alle Jahr
         Vierzig harte Reichsthaler baar.

   27. Gefällt Ihm diese Bedingung, so bleib Er
       Bei mir, ^sub titulo^ als Hausschreiber,
         Und ich verspreche Ihm, wenn Er treu,
         Noch manche Accidenzien dabei;

   28. Doch muß Er niemals probiren,
       Mit der Kammerjungfer zu haseliren;
         Denn solchen Unfug leide ich durchaus nicht,
         Das sage ich Ihm trocken ins Gesicht.

   29. Der letzverstorbene Hausschreiber
       Sah gerne Mädchen und junge Weiber,
         Und es ward mir sogar kund,
         Daß er mit meiner Jungfer gut stund.

   30. Ich hätte ihn prostituiret
       Und ohne viele Umstände cassiret;
         Weil er aber klein war und schwach,
         So sah ich ihm noch den Fehler nach.

   31. Das Mädchen ist zwar schlau und witzig;
       Aber dabei verzweifelt hitzig,
         Und wie mir gar manchesmal däucht,
         Zu allerlei schlimmen Sachen geneigt.

   32. Vor fünf Jahren, unvermuther Weise,
       Traf ich sie an auf einer Reise;
         Und ihr lustiges Wesen gefiel mir,
         Machte also meine Jungfer aus ihr.

   33. Er wird übrigens, ohne zu fragen,
       Leicht schließen, was ich hiemit will sagen;
         Denn einmal vor allemal sage ich nu,
         Halte Er mit Amalien nicht zu!«

   34. Hieronimus wäre nicht klug gewesen,
       Wenn er nicht, ohne viel Federlesen,
         Auf obige Bedingung geworden wär'
         Sehr gern der geheime Secretär.

   35. Er trat also sein Amt an geschwinde,
       Und sah täglich nach Vieh und Gesinde,
         Schrieb auch auf öfters und viel,
         Was etwa zu notiren vorfiel.

   36. Zum Exempel: eingekommene Pächte,
       Ausgegebenes Lohn für Mägde und Knechte,
         Der geschossenen Hasen und Rebhühner Zahl,
         Oder wenn man den Herrn bestahl;

   37. Oder was der Hausadvocat bekommen,
       Oder der Richter extra genommen,
         Oder was auf dem Markte indeß
         Man gelöset an Butter und Käs'.

   38. Oder wenn etwa der Hausschneider
       Der frommen Amalia ihre Kleider
         Unten und oben weiter gemacht,
         Oder die Kuh ein Kalb gebracht.

   39. Oder wenn die Jungfer Unpäßlichkeit wegen
       Zur Ader gelassen, oder krank gelegen,
         Oder ein Huhn geleget ein Ei;
         Ausgaben und Einkünfte mancherlei.

   40. Wenn auch etwa Briefe zu schreiben waren,
       So ließ der alte Herr, all's Schreibens unerfahren,
         Dem Herrn Secretär auch diese Müh',
         Und Hieronimus besorgte treulich sie.

   41. Mit Hilfe von Talanders Briefsteller
       Ward er in Briefen fertiger und schneller,
         (Und dieses zwar gar in kurzer Zeit)
         Als je ein Schulmeister in der Christenheit.

   42. In den übrigen Stunden ging er müßig,
       Aß, trank und schliefe überflüssig,
         So, daß er dieses Secretariat
         Sich lebenslänglich gewünschet hat.




Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wie dem Secretär Hieronimo curiose Sachen vorkamen, und er weggejagt
wurde.


    1. Geneigter Leser! unsre alten Vorfahren
       Waren gewiß keine dummen Narren,
         Sie hatten vielmehr oftermal
         Einen klugen und gesunden Einfall.

    2. Und sie haben in ihrem Leben
       Den Nachkommen viel gute Lehren gegeben,
         Mancher stets wahr befundener Spruch,
         Zeiget noch ihre Weisheit genug.

    3. Es ist auch itzo fast in allen Landen,
       Unter andern ein altes Sprüchwort vorhanden,
         Dessen Gewißheit und Wahrheit man
         Noch täglich vor Augen sehen kann.

    4. Nämlich: _wenn Einer soll können tragen
       Eine Last von lauter guten Tagen,
         So muß er mit sehr starkem Gebein
         Von der Natur versehen sein._

    5. Dieses alten Sprüchworts Wahrheit
       Zeiget sich auch mit großer Klarheit
         Im gegenwärtigen Kapitel, schon früh,
         An dem Exempel Hieronimi.

    6. Dieser lebte gleich einem Fürsten,
       Brauchte weder zu hungern, noch zu dürsten,
         Schlief früh ein und erhub sich spät
         Nach ruhigem Schlaf vom Federbett.

    7. Es mangelte ihm folglich an keinem Stücke;
       Doch es war, zu seinem Ungelücke,
         Bewußtermaßen die Jungfer da,
         Welche er täglich verliebt ansah.

    8. In ihren Mienen und ganzem Wesen
       Schien er deutlich zu können lesen,
         Daß sie in ihn den Secretär
         Ebenfalls sterblich verliebet wär'.

    9. Oft auch, wenn er sie ganz nahe
       Mit Aufmerksamkeit ins Gesicht sahe,
         So that der Gedanke bei ihm entstehn,
         Als hätt' er sie vormals mehr gesehn.

   10. Trotz dem Verbote des alten Herren
       Wagt' er's nun, ihr die Liebe zu erklären,
         Und so wurden sie bald so vertraut,
         Als wären sie Bräutigam und Braut.

   11. Doch, in Gegenwart des alten Herren,
       Schien er ihrer gar nicht zu begehren,
         Und er nahm sich vor allem Verdacht
         Weislich und, so viel möglich, in Acht.

   12. Aber, ohne desselben Willen und Wissen,
       Brachte in allerlei Scherzen und Küssen
         Manches geheimes Stündelein um
         Amalia mit dem Hieronimum.

   13. Dieses des Hieronimi gutes Betragen
       That dem Mädchen trefflich behagen,
         Denn für die leere Schmeichelei
         Des Herrn hielt sie der Schreiber frei.

   14. Er bekam auch dafür viel schöne Dinge,
       Dosen und Hemder, Schnallen und Ringe,
         Tücher, Manschetten, Strümpfe, Handschuh,
         Halsbinden, Mützen und mehr dazu.

   15. Einst hatte er bei ihr, von Amts wegen,
       Ein Schreibergeschäfte abzulegen,
         Und da reichte sie ihm sogar
         Ein fürtreffliche Sackuhr dar.

   16. Er hat sie gar dankbarlich angenommen,
       Doch gleich, als er sie in die Hand bekommen,
         Rief er: Potz tausend Element!
         Diese Sackuhr habe ich gekennt.

   17. Amalia ward zwar betroffen,
       Doch gestund sie ihm sofort offen-
         herzig, sie habe von einem Student
         Sie ehmals erhalten zum Präsent.

   18. _Wie's doch so wunderlich pflegt zu gehen,
       Das kann man itzo deutlich hier sehen,_
         Erwiderte Hieronimus; _sicherlich!
         Dieser Studente war ich._

   19. Und nunmehr haben sich beide besonnen,
       Daß schon vor fünf Jahren ihre Bekanntschaft begonnen,
         Und aus der gestohlnen Sackuhr
         Machte die Jungfer itzt Schnack nur.

   20. Und sie haben beide herzlich gelachet
       Und über den Possen sich lustig gemachet,
         Daß nunmehr in die rechte Hand
         Sich die vermißte Uhr wieder fand.

   21. Uebrigens war es kein sonderlich Wunder,
       Daß die Jungfer nicht im Hieronimus jetzunder,
         Als Candidaten und Secretär,
         Den vorigen Studenten kannte mehr.

   22. Indessen machte diese lächerliche Affaire,
       Daß sich beide von nun an noch desto mehre,
         Zum Possen des alten Edelmanns,
         Geliebet haben von Herzen ganz.

   23. Ihr Umgang ward also auf die Dauer
       Täglich vertrauter und genauer,
         Und ihr Löffeln und Buhlerei
         Trieben sie fast offenbar und frei.

   24. War die Jungfer im Keller und Garten,
       So that der Herr Schreiber ihr aufwarten,
         Und in Küche, Kammer und Stall
         Folgte er nach ihr überall.

   25. Sogar, wenn sie etwa nicht, von Pflichtwegen,
       Den alten Herrn mußte wärmen und pflegen:
         So brach sich Hieronimus den Schlaf ab,
         Und ihr nächtliche Visiten gab.

   26. Auch bei dem Schreiben und Notiren
       That Amalia ihm treulich assistiren,
         Und befand sich ohne Unterlaß
         Bei ihm, wo er stand oder saß.

   27. Sie gab ihm auch manch schönen Leckerbissen
       Von des Herren Tafel heimlich zu genießen,
         Und vom Kälberbraten und Wildpret
         Bekam er immer die Nieren und Fett.

   28. Sie brachte ihm noch dabei unter-
       weilen manche Flasche Burgunder
         Heimlich aus dem Kellerhaus,
         Und Hieronimus trank sie aus.

   29. So verstrichen in lauter Wollust die Tage
       Des Hausschreibers Hieronimi, und ich sage,
         Daß kein hochwürdiger Herr Prälat
         Jemals besser gelebet hat.

   30. Es konnte sich aber dergestalten
       Dies Leben nicht lange so verhalten,
         Denn der alte gnädige Herr
         Merkte den Handel mehr und mehr.

   31. Und anstatt daß er sonst gelachet,
       Hat er nun saure Gesichter gemachet,
         Und er gab deutlich genug zu verstehn,
         Die Sache müsse nicht länger so gehn.

   32. Zum Ueberfluß führte er noch in aller Güte
       Dem Herrn Secretären zu Gemüthe,
         Daß, wenn er Amalien nicht künftig vermied,
         So ertheilte er ihm den Abschied.

   33. Hieronimus versicherte auf seine Ehre,
       Daß nichts Schlimmes vorgegangen wäre,
         Und er wollte lieber hinfort
         Mit Amalia reden kein einziges Wort.

   34. Wenn Er das thut, so kann Er bleiben,
       So lange Er will, und bei mir schreiben
         Lebenslang, als mein Secretär!
         Erwiderte nun der alte Herr.

   35. Obgleich nun seit diesem Augenblicke
       Hieronimus die verliebten Tücke
         Mit der Jungfer heimlicher trieb,
         Und desto fleißiger notirte und schrieb:

   36. So hat sich dennoch nach einigen Tagen
       Ein sonderlich Abenteuer zugetragen,
         Als der alte Herr, Abends spät,
         Schlaflos sich herumwälzte im Bett.

   37. Und deßwegen, wie er wol zu thun pflegte,
       Einen Besuch bei Amalien ablegte,
         Damit sie durch ihre Freundlichkeit
         Ihm vertriebe die Schlaflosigkeit.

   38. Da geschah alsbald ein groß Wunder;
       Denn er fand daselbsten itzunder,
         Daß schon Hieronimus, der Secretar,
         Bei der Jungfer im Bettlein war.

   39. Himmel! Tausend Element! Potz Velten!
       Da ging es an ein Fluchen und Schelten,
         Und es wurde noch in derselbigen Nacht
         Hieronimus aus dem Hause gejagt.

   40. Es half hier weder Bitten noch Flehen,
       Das Abenteuer war nun einmal geschehen,
         Und selbst die Kammerjungfer sogar
         Gerieth fast drob in große Gefahr.

   41. Doch ihre listigen Schmeicheleien
       Thaten sie diesesmal noch befreien,
         Aber dem unglücklichen Candidat
         Zu helfen, war nun weiter kein Rath.




Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus bei einer frommen Dame in Dienste kam, welche eine
Betschwester war, und seiner in Unehren begehrte, und wie er von ihr
weglief.


    1. Die von Amalien erhaltenen Gaben,
       Hemder, Ringe, Schnallen ^et caetera^ haben
         Zwar wol noch eine kurze Zeit
         Den Hieronimus aus der Noth befreit.

    2. Nachdem aber Alles verkauft und verzehret,
       Was ihm die gute Jungfer hatte verehret,
         So mußte er wieder ^nolens volens^,
         Zur Vermeidung Hungers und Elends,

    3. Und um nicht vor Kummer zu sterben,
       Sich um eine neue Versorgung zu bewerben,
         Und sich desfalls irgendwo nun
         In eine gute Bedienung thun.

    4. Nun lebte auf einem einsamen Schlosse
       Eine verwittibte Dame, die eine große
         Also genannte Betschwester war,
         Sie war alt und hatte schon graues Haar.

    5. Brachte darum mit Beten und Singen,
       Und lauter andern geistlichen Dingen,
         Als eine sehr große Heiligin,
         Schon einige Jahre des Lebens hin.

    6. Sie litte nicht die allermindeste Sünde
       An und bei ihrem sämmtlichen Gesinde,
         Und versammelte sie täglich zweimal,
         Zum Singen und Gebet, in ihrem Saal.

    7. Sie bestrafte bei ihnen auf liebreiche Weise
       Das kleinste Vergehn mit Entziehung der Speise,
         Und hielte viel vom Fasten und Kastei'n
         Und von einem halben Nösel Branntewein.

    8. Da nun, ohne Zweifel, zu zweien
       Sich besser läßt trinken und kasteien,
         Auch überhaupt in Gesellschaft
         Man singen kann mit größerer Kraft:

    9. So hatte sie schon längst sich umgesehen,
       Einen frommen Menschen auszuspähen,
         Welcher ihr, sowol spät als früh,
         Möcht' leisten geistliche Compagnie.

   10. Es waren nun zwar viele frommen
       Müßiggänger zu ihr gekommen,
         Und hatten, wie sich's ziemt und gebührt,
         Die geistlichen Dienste geofferirt;

   11. Aber bisher hatte keiner von allen
       Das Glücke gehabt, ihr zu gefallen,
         Denn bald schien ihr der eine zu alt,
         Bald der andre zu jung noch, und bald

   12. War einer zu mager, bald einer zu schwächlich,
       Bald einer ein Krüppel, oder sonsten gebrechlich,
         Bald einer stumm, taub, scheel oder blind,
         Oder ein häßliches Weltkind.

   13. Hieronimus that es endlich wagen,
       Seine Dienste ihr anzutragen
         Als geistlicher Assistent, und, siehe da!
         Er gefiel ihr, sobald sie ihn sah.

   14. Denn er war weder krank noch schwächlich,
       Weder stumm, taub, blind oder gebrechlich,
         Weder zu jung und weder zu alt,
         Auch eben nicht von magrer Gestalt.

   15. Seine halbgeistliche Kleidung und Perücke
       Gefiel auch der Alten im Augenblicke,
         Und er versicherte derselben geschwind,
         Daß er wäre kein Weltkind.

   16. Er mußte also bei so gestalten Sachen
       Die erste Probe noch heute machen,
         Und er wohnte mit großem Geschrei
         Der frommen, singenden Versammlung bei.

   17. Hat auch, mit einem ernsthaften Wesen,
       Aus der Hauspostill eine Predigt gelesen
         Und that alles mit besonderm Anstand,
         Daß die Dame Vergnügen drin fand.

   18. Durch ihn ward ihr frommer geistlicher Eifer
       Tagtäglich dann immer fester und steifer,
         Und ihr ohnedem geistlicher Sinn
         Mehr und mehr erbauet durch ihn.

   19. Sie ließ sich auch von dem frommen Candidaten
       In allen ihren Handlungen leiten und rathen,
         Und so ward in kurzer Zeit hier
         Hieronimus der Liebling von ihr.

   20. Wenn er sich zuweilen auch etwa verginge,
       Und sich ungeistlicher Dinge unterfinge:
         So übersah sie doch immer dies
         Als eine menschliche Schwachheit gewiß.

   21. Er brauchte auch, ^pro poena^, solchergestalten
       Das sonst eingeführte Fasten nicht zu halten,
         Sondern er bekam vielmehr zum Trost
         Lauter leckere und gesunde Kost.

   22. Champagner, Kaffee und Chocolade,
       Liqueurs, Mandelmilch, Limonade
         Bekam der fromme Hieronimus,
         Auch täglich zu trinken im Ueberfluß.

   23. Er lebte also, mit einem Worte,
       Sehr vergnügt an diesem heiligen Orte,
         Wo er blos nur aß und trank,
         Und zuweilen las und sang.

   24. Das Schlimmste war, daß er der frommen Dame
       Fast gar nicht aus den Augen kame;
         Denn sie hatte zu bilden im Sinn
         Einen recht frommen Menschen aus ihm.

   25. Wenn er bei ihr im Canapee saße
       Und aus einem frommen Buch was vorlase:
         So streichelte sie das fromme Schaf,
         Und rief entzückt aus: das ist brav!

   26. Oft schmiegte sie sich an seine dicken Wangen,
       Wenn sie mit einander ein Lied sangen,
         Und so lagen sie Arm in Arm,
         Und sangen so rührend, daß Gott erbarm!

   27. Bei einem so vertraulichen Wandel,
       Merkte zuletzt Hieronimus den Handel,
         Daß es der alten Dame nun
         Um etwas mehr, als Singen zu thun.

   28. Ob dieser so wichtigen Entdeckung
       Ueberfiel ihn eine heftige Schreckung.
         Und ob solcher großen Gefahr
         Saß er da fast sprachlos und starr.

   29. Als er sich von der ersten Bewegung
       Erholet, dachte er, mit vieler Regung,
         An das vormals genossene Glück
         Mit der schönen Amalie zurück.

   30. Diese war schön, lieblich und ohne Mängel,
       Die Dame hingegen häßlich, wie ein schwarzer Engel,
         Gelb, zahnlos, kahl, hager und grau,
         Kurz, eine unerträgliche Frau.

   31. Nun hätte er sich sollen drücken
       Und in die Umstände einstweilen schicken,
         Und die Sache mit der alten Frau
         Nicht eben nehmen so genau;

   32. Allein dies wollte ihm nicht passen,
       Er hatte also freiwillig sie verlassen,
         Und so blieb dann hinfort die Dame allein
         Mit ihrem Gesangbuch und Branntewein.




Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus ein schlimmes und ein gutes Abenteuer hatte, und wie er
einmal in seinem Leben eine kluge That verrichtet hat.


    1. Hieronimus, ehe und bevoren
       Er die Abreis' von der alten Wittwe erkoren,
         Hat mit einem Beutel voll Geld sich schön
         Aus dem Kasten der Dame versehn.

    2. Denn dafür, daß er gesungen und gebetet,
       Und von frommen Dingen geredet,
         Und die Caressen gehöret an,
         Mußte er billig ja etwas han.

    3. Mit diesem Gelde that er nun wandern
       Von einer schönen Stadt zur andern,
         Und indem er also herumgeirrt,
         Lernte er kennen manchen Wirth.

    4. Traf er etwa hin und wieder
       Schöne Quartiere und lustige Brüder,
         Oder eine gute Wirthin im Haus,
         So ruht er gemeinlich einige Tage aus.

    5. Es hat sich aber einsmals begeben,
       Daß er auf seiner Wanderschaft gar eben,
         Als es schon war Nachmittags spat,
         In einer großen Schenke abtrat.

    6. Es war das allerbeste Wirthshaus in Schwaben,
       Man konnte viel fordern und wenig haben,
         Und der Wirth war ein redlicher Mann,
         Schrieb gerne mit doppelter Kreide an.

    7. Da waren ebenfalls, grade heute,
       Noch angekommen zwei fremde Leute,
         Welche Hieronimus, der Kleidung nach,
         Für reisende Handelsmänner ansach.

    8. Zwaren hat gleich einer von ihnen
       Ihm, von Person, etwas bekannt geschienen,
         Wenn nur ein großes Pflaster nicht
         Verstellet hätte das halbe Gesicht.

    9. Diese Herren haben gesellschaftlich indessen
       Mit dem Hieronimus getrunken und gegessen,
         Und in kurzem richtete drauf
         Hieronimus mit ihnen Freundschaft auf.

   10. Denn der Mann mit dem Pflaster im Gesichte
       Erzählte manche spaßhafte Geschichte,
         Theils geschehen, und theils erdacht,
         Worob sich Hieronimus fast krank gelacht.

   11. Auch Hieronimus hat ihnen erzählet
       Seine Begebenheit, und nichts verhehlet,
         Wie es alles gegangen wär' her,
         Als er war bei der Betschwester.

   12. Sie haben über diese wunderlichen Sachen
       Ebenfalls recht herzlich müssen lachen,
         Und Hieronimus, bei dieser Gelegenheit,
         That mit dem eroberten Gelde breit.

   13. Nachdem nun lustig und guter Dinge
       Der Tag dermaßen zu Ende ginge;
         So eilte Hieronimus Abends spät,
         Trunken vom Wein und Lachen, nach Bett.

   14. Er war kaum in tiefen Schlaf begraben,
       Als sich die beiden Herren zu ihm begaben,
         Und sie nahmen fein säuberlich
         Den Beutel mit dem Gelde zu sich.

   15. Als Morgens spät Hieronimus erwachte,
       Und gar nun nicht an was Böses gedachte,
         So fand er, beim Ankleiden von ohngefähr,
         Den Geldbeutel verschwunden, die Tasche leer.

   16. Zwaren sahe er hier anfänglich
       Die Sache nicht eben für verfänglich,
         Sondern als eine Kurzweile an,
         Welche die lustigen Kaufleute gethan.

   17. Als er aber nach ihnen fragte,
       Und der Herr Wirth ihm sagte:
         Es wären schon in aller Früh
         Diese Herren stille gereiset von hie.

   18. Da gehub er an zu lamentiren
       Und großen Jammer und Klagen zu führen,
         Und für Ungeduld blieb fürwahr,
         In dem Kopfe kein einzig Haar.

   19. Ob seinem ängstlichen Klagen und Harmen
       That sich der fromme Wirth bald erbarmen,
         Und hat für Alles, was er verzehrt,
         Weiter nichts, als seinen Rock begehrt.

   20. That ihm dabei den Rath ertheilen,
       Sich nun nicht länger mehr zu verweilen,
         Denn ohne baares Geld hätte hier
         Niemals ein fremder Gast Quartier.

   21. Dieses Exempel Hieronimi kann uns lehren,
       Wie sich die Sachen in der Welt verkehren,
         Und wie sich manchesmal unverhofft
         Das menschliche Glück verändert oft.

   22. Noch gestern besaß er reiche Beute
       Und der Wirth hieß ihn Herr, aber heute
         Jug ihn fort, ohne Rock und Geld,
         Der fromme Wirth in die weite Welt.

   23. Er konnte nun, mit Muße, unterwegen
       Seinen kläglichen Zustand überlegen,
         Und er wünschte sich fast im Augenblick
         Zu der Betschwester auf dem Schlosse zurück.

   24. Doch, wenn er an ihre Caressen gedachte,
       Und ihre Person sich vorstellig machte,
         So überkam ihn ein Grausen schier,
         Und er verlangte nicht wieder zu ihr.

   25. Schon einige Tage hatte er mit rohen Rüben
       Auf seiner Reise den Hunger vertrieben,
         Und wie ein irrender Ritter sich
         Beholfen elendig und kümmerlich.

   26. Gleichwie nun, wenn die Noth ist am größten,
       Das nahe Glück einen pflegt zu trösten;
         So war auch dem armen Hieronimus da
         Nunmehro bald wieder Hilfe nah.

   27. Denn er hörte am vierten Nachmittage
       In einem Wäldchen, das am Wege lage,
         Ein erbärmliches lautes Geschrei,
         Und dieses lockte ihn bald herbei.

   28. Er ist schnell an die Stelle gekommen,
       Woher er das Jammergeschrei vernommen,
         Und es entdeckte sich ihm alsbald
         Eine Scene von traur'ger Gestalt.

   29. Eine stillstehende Kutsche mit vier Pferden,
       Den bärt'gen Kutscher ohnmächtig auf der Erden,
         Eine junge Dame, welche hie
         Ganz erbärmlich heulte und schrie;

   30. Auch einen reichgekleideten Herren,
       Bemüht, sich gegen zwei Räuber zu wehren,
         Welche, wie's schiene, waren fest
         Entschlossen, ihme zu geben den Rest.

   31. Schon erkannte mein Held in einiger Weite
       In ihnen die sogenannten zwei Kaufleute,
         Er eilte also, wie eine Furie,
         Mit aufgehobenem Stocke auf sie.

   32. Spitzbuben! wo ist mein Geldbeutel?
       Rief er, und zerschlug den Scheitel
         Des einen Räubers mit starker Hand,
         Und streckt' ihn also todt in den Sand.

   33. Mit eben solchen kräftigen Schlägen
       Ging er drauf dem andern Räuber entgegen,
         Welcher aber sogleich versucht,
         Sich zu erretten mit der Flucht.

   34. Hieronimus wollte zwar ohn' Verweilen
       Auch noch dem fliehenden Buben nacheilen,
         Allein der Räuber, schnell wie der Wind,
         Floh aus seinen Augen geschwind.

   35. Uebrigens ist kaum zu schreiben und zu sagen,
       Wie freudig sich der Herr und die Dame betragen,
         Als die augenscheinliche Lebensgefahr
         Nunmehro glücklich vorüber war.

   36. Sie haben beide ihn gar freundlich gegrüßet,
       Und die schöne Dame hätte ihn fast geküsset,
         Wenn sie hätte gescheuet nicht
         Sein lange nicht gewaschnes Gesicht.

   37. Es war auch kein Lobspruch zu erdenken,
       Welchen sie ihm nicht thaten schenken,
         Denn als ihren Erretter sahn
         Sie nun den lieben Hieronimus an.

   38. Sie nöthigten ihn mit freundlichem Muthe
       Mitzureisen nach ihrem adligen Gute,
         Wo man mit Gaben mancherlei
         Würde belohnen die erwiesene Treu.

   39. In seinen so kümmerlichen Umständen
       Ergriff er die Gelegenheit mit beiden Händen,
         Und sofort, ohne weitere Bitt',
         Entschloß er sich gleich zu reisen mit.

   40. Er half den verwundeten Kutscher noch tragen,
       Und sie legten denselben in den Wagen,
         Und in des erschlag'nen Räubers Rock
         Bestieg nunmehr Hieronimus den Bock.

   41. Ehe er aber noch aufgestiegen,
       Suchte er, und fand mit Vergnügen
         Seinen Geldbeutel beinahe noch voll
         In des erschlagenen Räubers Camisol.

   42. Das sonderbarste von der ganzen Geschichte,
       Betraf des Todten sein Angesichte;
         Denn es war kein Pflaster mehr da,
         Und, als ihn Hieronimus genau besah,

   43. Erkannte er in ihm, im Augenblicke,
       Den Herrn von Hogier mit der großen Perücke,
         Welcher ihn einstmals um vieles Geld
         Beim Spiel auf seiner Reise geschnellt.

   44. So nahm dann dies Abenteuer behende
       Für unsern Helden ein erwünschtes Ende,
         Und gleich dem Ritter von der traur'gen Gestalt,
         Fuhr er mit der Kutsche davon alsbald.

   45. Uebrigens, eh ich dies Kapitel will schließen,
       Thu ich dem Leser kund und zu wissen,
         Dies sei die einzige rühmliche That,
         Die bisher Hieronimus verrichtet hat.




Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus vergnügt zu Ohnewitz ankam, und wie er da Schulmeister
ward, in einer Schule von kleinen Knäblein und Mägdlein.


[Illustration]

    1. Derjenige Herr und die junge Dame,
       Zu deren Rettung Hieronimus herbei kame,
         Waren ein liebes artiges Paar,
         Welches kürzlich erst getrauet war.

    2. Der Herr hatte unter sein adliges Gebiete
       Dörfer und Schlösser von mancherlei Güte,
         Aber im Dörflein _Ohnewitz_
         War eigentlich sein Rittersitz.

    3. Um seiner Gemahlin den Gefallen zu erweisen,
       That er oft mit ihr kleine Reisen,
         Denn er hielte große Freundschaft
         Mit allen in seiner Nachbarschaft.

    4. Damalen hatte er auch eben
       Einem benachbarten Edelmann den Besuch gegeben,
         Und wurde bei der Rückkehr im Wald
         Angegriffen von den Räubern bald.

    5. Sogleich warfen sie den Kutscher zu Boden,
       Daß er da lag fast ohne Odem;
         Drauf forderten sie mit Ungestüm
         Sein Geld und sonstige Sachen von ihm.

    6. Sie rissen ihn auch aus dem Wagen
       Und fingen an auf ihn loszuschlagen;
         Als auf das ängstlich Geschrei der Dam'
         Hieronimus, wie gesagt, zur Rettung kam.

    7. Diese Geschichte erzählten sie unter-
       wegens ihrem Erretter, der nun munter
         Daher fuhr mit gar leisem Schritt,
         So gut es der gehabte Schrecken litt.

    8. Hieronimus hat ihnen gleichfalls erzählet,
       Wie ihn das Schicksal bishero gequälet,
         Und so gelangten sie, wie der Blitz,
         Endlich an zu Ohnewitz.

    9. Hier vergaß man bald alles Leiden,
       Lebete herrlich und in Freuden,
         Und für den ehrlichen Hieronimus ward
         Gesorget auf die liebreichste Art.

   10. Neue Kleider, Essen und Trinken,
       Wein, Tabak, Braten und Schinken
         Waren da, alles in Ueberfluß,
         Zum Dienste unsers Hieronimus.

   11. Nach einigen so vergnügt verstrichenen Wochen
       Hat auch der Herr dem Hieronimus versprochen,
         Für seinen zukünftigen Unterhalt
         Zu sorgen ferner bester Gestalt.

   12. Nun ist auch grade dazumalen
       Ein absonderlicher Umstand vorgefallen,
         Welcher für unsern Hieronimus gar
         Sehr erwünscht und gelegen war.

   13. Nämlich, die Ohnewitzer Bauern haben
       Eine Schule für kleine Mägdlein und Knaben,
         Und der Herr, als des Dorfes Patron,
         Hatte darüber die Collation.

   14. Das A, B, C, D zu studiren,
       Und zu lernen Lesen und Buchstabiren,
         Waren alleinig die Studia,
         Welche man hieselbsten treiben sah.

   15. Alle Gelegenheiten, mehrers zu lernen,
       That der Herr Patron weislich entfernen,
         Denn ein Bauer, welcher gelehrt
         Ist, wird hochmüthig und höchst verkehrt.

   16. Ja, die Erfahrung lehrt es, wenn der
       Bauer schon versteht seinen Kalender
         Und sein Katechismus-Büchlein,
         So bildet er sich schon was Rechtes ein.

   17. Hat er sich nun noch höher verstiegen,
       So läßt er gemeiniglich die Arbeit liegen,
         Und dann sieht's höchst elendig und kraus
         Mit den Pächten und Abgaben aus.

   18. Außer dreißig Thaler Fixum trug dies Dienstchen
       Dem Herren Schulmeister noch manches Gewinnstchen
         An Eiern, Butter, Hühnern und Gäns
         Und manchem ähnlichen Accidens.

   19. Auch ging er, wenn die Herrschaft zu Hause,
       Am Neujahrstag bei ihr zu Schmause
         Und bekam dann für die Gratulation
         Noch ein Geschenk, nach Proportion.

   20. Nun hat es sich damals just begegnet,
       Daß der Schulmeister dies Zeitliche gesegnet;
         Und also war man weislich bedacht,
         Daß ein neuer würde gemacht.

   21. Sobald dies der Herr Patron gehöret,
       Hat er dem Hieronimus den Dienst verehret;
         Und folglich trat Hieronimus dann
         Das Amt des Dorfschulmeisters an.

   22. Zwar wollte nun anfangs das Schulleben
       Ihm kein sonderliches Vergnügen geben,
         Denn er hielte von Müßiggang mehr,
         Als von solcher beschwerlicher Lehr'.

   23. Doch, da er auf dem herrschaftlichen Schlosse
       Manche Wohlthat und Mahlzeit genosse,
         Und sich nach geendigter Schule erquickt;
         So hat er sich in das Lehramt geschickt.

   24. Und sich nunmehr ernstlich vorgenommen,
       Seinen Pflichten möglichst nachzukommen,
         Damit er nun lebenslang hinfort
         Bleiben möchte an diesem Ort.

   25. Auch gedachte er, in verschiedenen Sachen
       Einige wichtige Aenderungen zu machen,
         Weil er im hiesigen Schulstand
         Viele eingerissene Fehler fand.

   26. Er fing auch, nach langem Deliberiren,
       Wirklich an, manches zu reformiren,
         Jedoch bekam ihm dieses nicht wohl,
         Wie der geneigte Leser bald hören soll.




Achtundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus ein Autor ward, und wie er ein neues A-b-c-Buch heraus
gab, und wie er darob von den Bauern bei dem gnädigen Herrn hart
verklagt ward.


    1. Gleich bei dem Antritt der Schulregierung,
       Fand Hieronimus, mit äußerster Rührung,
         Daß das eingeführte A-b-c-Buch
         Nicht für Kinder sei faßlich genug.

    2. Denn da bisher die Mädchen und Knaben
       Gebraucht hatten die Ballhornschen Ausgaben,
         So nahm Hieronimus hier und da
         Darinnen verschiedene Fehler wahr.

    3. Nachdem er nun bei sich zu Rathe gegangen,
       Hat er zu veranstalten angefangen,
         Unter folgendem Titel, davon
         Eine nagelneue Edition:

[Illustration]

    4. _Neues A-b-c-Buch, verbessert
       Und mit verschiedenen Zusätzen vergrößert
         Von dem Autor Hieronimus
         Jobs, Theologiä Candidatus._

    5. Zu den schon längst bekannten Buchstaben,
       Welche wir im Alphabete haben,
         Setzte er noch das _fft_,
         Imgleichen das _sch_, und _sp_.

    6. Die Sporen des Hahns auf der letzten Seiten,
       Und mehr andre solche Kleinigkeiten,
         Ließ er hingegen, weislich und klug,
         Aus dem nagelneuen A-b-c-Buch.

    7. Er fügte aber unterdessen nicht minder,
       Zur Ergötzung der lernenden Kinder,
         Ein Nestlein mit einem großen Ei
         Dem ungesporneten Hahne bei.

    8. Kaum war dies Buch zu Ohnewitz eingeführet,
       So ward es von den Bauern recensiret,
         Und gab zu einem grimmigen Streit
         Die allererste Gelegenheit.

    9. Denn es wollte keinem einzigen von allen
       Recensenten die Einrichtung gefallen,
         Und sie sahen alle, Mann für Mann,
         Die Aenderung als höchst gefährlich an.

   10. Selbst den allerklügsten unter ihnen
       Hat's beim neuen A-b-c-Buch geschienen,
         Als hätte Hieronimus dadurch gezeigt,
         Wie sehr er zur Autorsucht geneigt.

   11. Wie wenn im Sommer von schwülen Düften
       Ein Ungewitter entsteht in den Lüften,
         So geht vor dem Donner ordinär
         Erst ein gelindes Murmeln vorher.

   12. Gleichermaßen entstund unter den Leuten
       Erst ein leises Gemurmel von allen Seiten
         Und es zoge sich bald darauf
         Ein Gewitter über Hieronimus auf.

   13. Er konnte nun zwar in Worten und Werken
       Den Unwillen der Ohnewitzer leicht merken,
         Doch verließ er, den Bauern zum Trutz,
         Sich auf des gnäd'gen Patron seinen Schutz.

   14. Jedoch die Ohnewitzer wollten nun zeigen,
       Daß sie länger nicht gesonnen zu schweigen;
         Denn sie spürten je länger, je mehr,
         An dem Schulmeister neues Beschwer.

   15. Sie traten also sämmtlich zusammen,
       Und der Küster verfertigte in ihrem Namen
         Eine Klagschrift in folgendem Ton:
         _Hochwohlgeborner, gnädiger Patron!_

   16. _Wir sämmtliche Bauern und Kossathen_
       In Hochderoselben Ohnewitzer Staaten
         Nehmen in aller Unterthänigkeit
         Unsern Schulmeister zu verklagen die Freiheit.

   17. Sintemal sich derselbe leider vergangen,
       Und verschiedene Neuerungen angefangen,
         Alles unter dem nichtigen Vorwand,
         Zu verbessern den hiesigen Schulstand.

   18. Sich auch dabei nicht so aufführet,
       Wie's einem frommen Schulmeister gebühret,
         Sondern vielmehr, ofte und viel,
         Uns Bauern gibt ein böses Beispiel.

   19. Um von den Punkten, worüber wir queruliren,
       Nur die vornehmlichsten anzuführen,
         So hat er ^pro primo^ und erstens sich
         Unterfangen eigenmächtiglich,

   20. Ein neues A-b-c-Buch zu verfassen
       Und drin die Sporen des Hahnes auszulassen,
         Da doch der Sporen, zu jeder Frist,
         Ein wesentlich Stück des Hahnes ist.

   21. Dagegen hat er das Lernen selbst beschweret,
       Weil er das Alphabet hat vermehret;
         Denn _fft_, _sp_ und _sch_,
         Steht wider alle Gewohnheit da.

   22. Auch, obgleich die Hähne niemals pflegen
       Hühnereier in Nester hinzulegen,
         So liegt doch ein Ei nun bei dem Hahn,
         Gleichsam als hätt' es der Hahn gethan.

   23. Nun können solche Dinge beim Studiren
       Die Kinder leicht auf Irrthümer führen,
         Und ein neues A-b-c-Buch ist überhaupt
         Eine Neuerung und unerlaubt.

   24. ^Pro secundo^ lassen wir nicht unberühret,
       Daß von Alters her ein Eselskopf eingeführet,
         Welchen in unsrer Schule zur Buß'
         Jedes muthwillige Kind tragen muß.

   25. So hart und empfindlich nun diese Strafe
       Sonst demjenigen war, den sie trafe,
         So trugen die Kinder doch gern und mit Lust
         Den Eselskopf an ihrem Hals und Brust.

   26. Herr Jobs ist aber nicht damit vergnüget,
       Sondern er hat jetzt zum Kopfe gefüget
         Einen Hals, Leib, Beine und Schwanz,
         Und so ist es nun ein Esel ganz.

   27. Wie jämmerlich indeß die Kindlein klagen,
       Wenn sie den ganzen Esel müssen tragen,
         Und stehen da gleichsam zum Spectakel so,
         Ist kaum zu glauben. ^Pro tertio^

   28. Thut Herr Jobs mit mächtigen Ohrfeigen
       Sich gar zu barbarisch in der Schule bezeigen,
         Und einige Knaben sind wirklich schon
         Taub und gehörlos worden davon.

   29. ^Pro quarto:^ sind die Kinder der ärmern Bauern,
       Ob der vielen Prügel, höchlich zu bedauern;
         Denn, wegen Ansehen der Person,
         Kriegen sie meist doppelte Portion.

   30. ^Pro quinto:^ sucht er in den Taschen
       Der Kinder nach, ob sie auch naschen,
         Und findet er Aepfel und Nüsse allhie,
         So nimmt er sie weg und isset selbst sie.

   31. ^Pro sexto:^ ist von seinem sonstigen Betragen
       Noch allerlei Besondres zu sagen,
         Denn mit des Schulzen Einliegers Frau
         Lebt er, wie es heißt, gar zu genau.

   32. Auch besucht er fast täglich die Dorfschenke
       Und genießt da allerlei hitziges Getränke,
         Hat auch oft bis um Mitternacht
         Mit dem Schulzen beim Spiel zugebracht.

   33. Wir hätten zwar noch mehrere Klagen
       Allerunterthänigst vorzutragen;
         Denn es sind noch viele Gravamina
         Neben den schon erwähnten da.

   34. Wollen sie aber diesmal nicht berühren,
       Sondern nur unterthäniglich suppliciren:
         Daß Sie, lieber gnädiger Herr!
         Uns geben einen andern Schulmeister.

   35. Beharren übrigens _Eure Hochwohlgeborne Gnaden_
       Allerunterthänigste Bauern und Kossathen.
         Im Dorfe Ohnewitz gegeben.
         N. N. N. N. N. N.




Neunundzwanzigstes Kapitel.

Wie die klagenden Bauern zu Ohnewitz von dem Herrn Patron eine gnädige
Resolution bekamen, und wie sie zur Ruhe verwiesen wurden, und wie sie
mit dem Loche bedrohet wurden. Alles im Canzlei-Stil.


    1. Es war nun durch zwei Deputaten
       Die Klagschrift übergeben an Ihro Gnaden,
         Und vom hochgedachten Herrn Patron
         Erfolgte folgende Resolution:

    2. _Wir haben mißfällig wahrgenommen_
       Aus der Vorstellung, womit ihr eingekommen,
         Wasmaßen ihr gar große Beschwer
         Führt über euern Schulmeister her.

    3. Ob _Wir_ nun gleich höchst ungerne sehen,
       Daß solche Streitigkeiten bei euch entstehen;
         So haben _Wir_ doch nach der Breite und Läng'
         Erwogen eurer Beschwerden Meng'.

    4. Können indeß bis dato nicht finden,
       Daß Beklagter Schuld sei großer Sünden,
         Und daß man mit Recht, über die Sach'
         Ein solches großes Allarm mach'.

    5. Zwaren ist es dermalen nicht ohne,
       Herr Jobs hat in seiner Schule schone
         Ein neues A-b-c-Buch eingeführt
         Und _Uns_ unterthänigst dedicirt.

    6. Auch ist von ihm, wie vor Augen lieget,
       Einiges drin weggelassen, einiges beigefüget,
         Jedoch leuchtet es gar nicht ein,
         Wie dieses so schädlich könne sein.

    7. Denn obgleich hier der Hahn die Sporen
       Aus Versehen des Kupferstechers verloren,
         So kann man bei der zweiten Edition,
         Den Fehler leichtlich verbessern schon.

    8. Auch die wenigsten Recensenten heutiger Zeiten
       Merken in den Büchern auf solche Kleinigkeiten,
         Sondern die guten lieben Herrn
         Uebersehen solche kleine Fehler gern.

    9. Was betrifft die zugefügten Buchstaben,
       So stehn selbige schon in ältern Ausgaben;
         Wenigstens _fft_, _sp_ und _sch_
         Dienen als Varianten da.

   10. Es scheint zwar sich weniger zu schicken,
       Bei dem Hahn ein Ei auszudrücken;
         Doch braucht drum das Ei vom Hahn
         Eben nicht zu werden weggethan.

   11. Denn vom Ei gleich aufs Legen zu schließen
       Wäre unvernünftig und gegen Gewissen;
         Denn es beweiset weiter nichts in der That,
         Als bei Menschen der Titel und's Prädicat.

   12. Ueberdem weiß man ja auch gar eben,
       Daß Hähne sich oft mit Eierbrüten abgeben,
         In ^hoc casu^ wäre also, traun!
         Der Hahn eigentlich ein Kapaun.

   13. Wenn ihr ^pro secundo^ proponiret:
       Daß Herr Jobs einen ganzen Esel eingeführet,
         So hat er, _Unsers_ Bedünkens, dran
         Als ein vernünftiger Mann gethan.

   14. Denn er zeigt damit nichts mehr, nichts minder,
       Als daß sowol ihr selbst als eure Kinder,
         Alte und junge, groß und klein,
         Leibhaftig vollkommene Esel sein.

   15. ^Pro tertio:^ wegen der Schläge an die Ohren,
       Worüber einige Knaben ihr Gehör verloren;
         Halten _Wir_ es gar nicht für gut,
         Daß euer Schulmeister solches thut.

   16. Auch was ihr ^pro quarto^ zu klagen findet,
       Halten _Wir_ in so weit für gegründet,
         Denn ein Richter und Schulmann
         Muß niemals sehn die Person an.

   17. Sondern Arme sowol als Reiche
       Verdienen, wenn sie böse sind, gleiche Streiche,
         Und man muß zu jeglicher Zeit
         Strafen mit Unparteilichkeit.

   18. Jedoch, wenn er die Kinder visitiret
       Und ihnen das Obst aus der Tasche entführet:
         So zeigt er, ^pro quinto^, artig und wohl,
         Daß ein Kind in der Schule nicht naschen soll.

   19. Weil auch die Kinder im zarten Magen
       Nicht zu viel Aepfel und Nüsse können vertragen,
         So ist ja des Schulmeisters Absicht hier gut,
         Wenn er selbst alles verzehren thut.

   20. Was ihr da noch, ^pro sexto^, klaget,
       Und von des Schulzen Einliegers Frau saget,
         ^Item^ von der Schenke und Kartenspiel,
         So wäre zwar dies von Herrn Jobs zu viel.

   21. Indessen ist es _Unser_ gnädiger Wille,
       Daß man von solchen Dingen schweige stille,
         Denn wer davon etwas saget noch,
         Der soll zur Strafe zwei Tage ins Loch.

   22. Uebrigens sollen sämmtliche Beschwerden
       Künftig genauer untersuchet werden,
         Wenn von der vorhabenden Reise _Wir_
         Glücklich sind retourniret allhier.

   23. Bis dahin befehlen _Wir_, bei Hals und Kragen!
       Euch ruhig und stille zu betragen.
         _Gegeben auf Unserm Rittersitz._
         Resolution für die Bauern in Ohnewitz.




Dreißigstes Kapitel.

Wie zu Ohnewitz an einem Mittwochen ein Aufruhr entstand und allerlei
Wunderzeichen vorhergingen, und wie Herr Hieronimus mit Prügeln u. s. w.
fortgetrieben wurde.


    1. Und diese Resolution machte durchgehends
       Im ganzen Dorfe viel Aufsehens,
         Und es entstand überall herum
         Unter den Bauern ein mächtig Gebrumm.

    2. Denn sie sahen itzo offenbare,
       Daß der Patron Jobsens Gönner ware,
         Und daß nichts auszurichten mit Glimpf
         Und sie schwuren also zu rächen den Schimpf.

    3. Dieser wichtigen Ursache wegen kamen
       Sie oftmals in der Schenke zusammen,
         Und überlegten bei Tabak und Bier,
         Wie die Sache anzugreifen allhier.

    4. Sie haben auch sämmtlich alsobalden
       Ihre Kindlein alle zu Hause gehalten,
         Und kein's von ihnen, weder groß noch klein,
         Ferner geschickt in die Schule hinein.

    5. Aber die Vernünftigsten von den Bauern
       Riethen, auf gute Gelegenheit zu lauern,
         Da alsdann alle mannichfalt
         Gebrauchen könnten Ernst und Gewalt.

    6. Dieser gar kluge Vorschlag hat ihnen
       Sämmtlich gut und thunlich geschienen,
         Und man bestimmte dazu nunmehr
         Die Zeit, wenn der Patron verreiset wär'.

    7. Zwar wurden alle diese Anstalten
       Noch zur Zeit höchst geheim gehalten,
         Bis endlich der erschreckliche Tag kam,
         Da die Unruhe den Anfang nahm.

    8. Ehe aber dieses alles geschehen,
       Sind zu Ohnewitz große Zeichen gesehen,
         Wie denn vor wicht'gen Begebenheiten sich
         Vorbedeutungen zeigen gemeiniglich.

    9. So hat zum Exempel eine kleine Weile
       Vorhero eine sehr große Eule
         Auf dem Kirchthurm, um Mitternacht,
         Ein erschrecklich Geschrei gemacht.

[Illustration]

   10. Auch hat einer von den Ohnewitzer Leuten,
       Als er aus der Schenke kam, die Glocke hören läuten,
         Auch fiel der sehr alte Schornstein
         Auf der Schule mit Geprassel ein.

   11. Auch hat des Küsters Kuhe geboren
       Ein Kalb mit ungewöhnlich langen Ohren,
         Auch viel Hunde führten zum Theil
         In dem Dorfe ein gräßlich Geheul.

   12. Auch sah man hier und da Irrlichter,
       Und sonst bei Nacht wunderbare Gesichter,
         Auch trug sich's zu, im hellen Mittag,
         Daß des Müllers Esel ein Bein brach.

   13. Dieses alles schiene anzuzeigen,
       Daß sich bald etwas werde ereigen;
         Doch merkte man da erst die Gefahr,
         Als schon alles erfüllet war.

   14. Nun war es gerade ein Mittwochen,
       Da der Aufruhr endlich ausgebrochen
         Und jeder Bauer, um Glocke acht,
         Hat sich Morgens aus dem Hause gemacht.

   15. Es war recht gräulich anzusehen,
       Wie sich ein jeder mit Waffen versehen,
         Prügel und Flegel in großer Zahl
         Hatten die Zusammenverschwornen all'.

   16. Alles ward nun in dem Dorfe rege,
       Und man weissagte Tod und Schläge,
         Und jeder Hund und jeder Hahn
         Fing zu bellen und zu krähen an.

   17. Auf der Haide, die beim Dorfe ware,
       Versammelte sich die ganze Schaare,
         Und nun gingen sie in Procession
         Nach des Schulmeisters Wohnung schon.

   18. Ihnen folgten zu beiden Seiten
       Viele Kinder, welche sich sehr freuten,
         Daß sie nunmehro würden heut
         Vom bösen Schulmeister befreit.

   19. Noch lag Herr Jobs ruhig in seinem Bette,
       Als wenn alles sicher gestanden hätte,
         Bis da plötzlich der ganze Schwarm
         Hereinbrach mit großem Allarm.

   20. Aber sobald er vom Schlaf erwecket,
       Hat er sich darob heftig erschrecket,
         Weil er nun erst den Hochverrath
         Wider ihn gespürt und gemerket hat.

   21. Ohne ihm viele Zeit zu lassen,
       That man ihn gleich derbe anfassen,
         Und zur genauen Noth erlaubte man,
         Daß er sich vorhero kleidete an.

   22. Man that ihm nun sehr ernstlich bedeuten,
       Nie Ohnewitz wieder zu beschreiten,
         Sagte ihm auch manches Scheltwort,
         Und jug mit Prügeln unsern Held fort.

   23. Also war dieser Handel geschlichtet,
       Und die Expedition glücklich verrichtet,
         Und mit einem lauten hu! hu!
         Eilte man nun der Schenke zu.

   24. Jeder behauptete itzt steif und feste,
       Er habe bei der Sache gethan das Beste,
         Und jeder wollt' nun beim Branntewein
         Der größeste Held gewesen sein.

   25. Jedoch einige, anstatt sich zu freuen,
       Wollte nun der Handel schier gereuen,
         Und es ahneten sie gleichsam von fern
         Brüchte und Loch bei der Rückkunft des Herrn.




Einunddreißigstes Kapitel.

Wie Hieronimus auf seiner Flucht nach dem Bayerlande ein neues Abenteuer
hatte, indem er seine geliebte Amalia in der Komödie antraf. Sehr
freundlich zu lesen.


    1. Wie der Fuchs, wenn er den jagenden Hunden
       Endlich aus dem Gesicht ist verschwunden,
         Froh ist, daß nur ein Maul voll Haar,
         Und weiter nichts, diesmal verloren war.

    2. So wußte sich auch in seinem größten
       Ungelücke Hieronimus damit zu trösten,
         Und war froh, daß er eben mit hei-
         ler Haut den Bauern entgangen sei.

    3. Zwar hat, seitdem er sich von Ohnewitz entfernet,
       Er mit seinem eigenen Schaden gelernet,
         Wie gar sauer, elend und schwer
         Es im Schulamte gehet her.

    4. Er nahm sich auch vor, nie in seinem Leben
       Wieder Bücher im Druck herauszugeben,
         Denn blos und allein von Autorsucht
         Rührte sein Unglück und jetzige Flucht.

    5. Indeß, da der Patron nach dem Bayerlande
       Sich jetzt mit der Gemahlin auf Reisen befande,
         So wollte auch Hieronimus dort bei ihm
         Schutz suchen vor der Bauern Grimm.

    6. Er hat sich also nicht lange besonnen,
       Sondern auch seine Reise dahin begonnen,
         Jedoch hielte bald seinen Lauf
         Ein neues Abenteuer auf.

    7. Denn er hat, wider alles Verhoffen,
       Auf der Reise ein Hinderniß angetroffen,
         Als er just in einer großen Stadt
         Einige Tage ausgeruhet hat.

    8. Hier, um seine melancholischen Grillen
       Einigermaßen zu dämpfen und zu stillen,
         Fiel es ihm einmal des Abends ein,
         Zu gehen in die Komödie ein.

    9. Er ward bald unter den Schauspielerinnen
       Einer wohlgeputzten Schönen innen,
         Welche an Gesicht, Stimme, Wuchs und Haar,
         Seine ehmals geliebte Amalia war.

   10. Himmel! wie ward er da entzücket,
       Als er selbige so unvermuthet erblicket!
         Fast wäre das ganze Parterre davon
         Gerathen in schreckliche Confusion.

   11. Sie hatte kaum ihre Rolle geendet,
       Als er sich sofort zu ihr gewendet,
         Und nun gab's manchen Freudenkuß
         Zwischen ihr und dem Hieronimus.

   12. Beide waren begierig zu vernehmen,
       Durch welchen Zufall sie hier zusammen kämen,
         Hieronimus eilte drum bald mit ihr
         Höchst vergnügt ins sichre Quartier.

   13. Da hat erst Amalia alles vernommen,
       Was ihm Wunderbares vorgekommen,
         Seitdem ihn damals, in der Nacht,
         Der alte Herr hatte fortgejagt.

   14. Und wie's ihm mit der frommen Dame gegangen,
       Und was sie gedachte mit ihm anzufangen,
         Und wie man ihm nachhero einmal
         Des Nachts sein Geld im Wirthshause stahl.

   15. Und wie er im Wald einen Räuber getödtet
       Und einem Gnädigen das Leben gerettet,
         Und er darauf zu Ohnewitz gar
         Ein Schulmeister geworden war.

   16. Und das Unglück, welches ihn betroffen,
       Und wie er jetzt, wider alles Verhoffen,
         Sie in der Komödie gefunden allhier,
         Dies alles erzählte er weitläuftig ihr.

   17. Nunmehr war auch des Hieronimi Begehren,
       Von ihr alle Begebenheiten zu hören,
         Und die Schöne erzählte darauf
         Ihm folgendermaßen ihren Lebenslauf.




Zweiunddreißigstes Kapitel.

Wie die Jungfrau Amalia dem Hieronimus ihren Lebenslauf erzählen that.
Ein sehr langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht. Accurat
hundert Verse.


    1. _Amalia Ripsraps_ ist eigentlich mein Name.
       Derjenige Ort, wo ich zur Welt kame
         Und das Tageslicht zuerst gesehn,
         Ist die berühmte Stadt N. N

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