Alfried Krupp: Ein Lebensbild
by Herman Frobenius · German · Gutenberg #47322 · 433,023 chars · public domain (US)
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Title: Alfried Krupp: Ein Lebensbild
Author: Herman Frobenius
Release date: November 9, 2014 [eBook #47322]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALFRIED KRUPP: EIN LEBENSBILD ***
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Männer der Zeit.
Lebensbilder hervorragender Persönlichkeiten
der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit.
Herausgegeben von
~Dr.~ Gustav Diercks.
Zweiter Band.
_Alfried Krupp_.
Alfried Krupp.
Ein Lebensbild
von
Herman Frobenius.
Wo das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, da
bleibt der Segen nicht aus.
Kaiser Wilhelm ~I.~
Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein,
dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet.
Alfried Krupp.
Dresden und Leipzig.
_Verlag von Carl Reißner._
1898.
[Illustration]
Inhalt.
Seite
I. Das väterliche Erbe 1
II. Lehrjahre 17
III. Der erste Erfolg und seine Verwerthung 33
IV. Ein königlicher Bundesgenosse 50
V. Die erste Feuerprobe 70
VI. Kampf und Sieg 91
VII. Neue Kämpfe 117
VIII. Unheimliche Gegner 132
IX. Schwere Jahre 155
X. Neue Aufgaben und neue Erfolge 180
XI. Die letzten Triumphe und die letzte Enttäuschung 196
XII. Das Ende des Siegers 218
[Illustration]
~I.~
Das väterliche Erbe.
Im selben Frühjahr, in welchem Napoleon Bonaparte sich anschickte,
seine sieggewohnte Armee dem Verderben in Rußlands unermeßlichen
Gefilden entgegenzuführen und damit seine tyrannische, fast ganz
Europa umfassende Herrschaft dem ersten, bis in die Grundfesten sie
erschütternden Stoße aussetzte, im selben Frühjahr erblickte der Mann
in dem Städtchen Essen das Tageslicht, dessen geniale Schaffenskraft
das starke Werkzeug schmieden sollte, welches 58 Jahre später der
deutschen Armee zur Vernichtung des herrschsüchtigen Neffen, des
letzten Napoleoniden, diente. Dasselbe Jahr, welches als Wendepunkt in
der Geschichte der deutschen Nation sie eintreten ließ in eine Periode
der kräftigsten Entwickelung, des ungeahnten Aufschwunges, es gab
ihr auch mit der Geburt des Meisters die Waffen, um den übermüthigen
Erbfeind zu Boden zu schlagen und dem Vaterland die langersehnte
Einheit zu erkämpfen.
Am 12. April 1812 ward Alfried Krupp geboren.
Mitten in Deutschlands wichtigstem Steinkohlengebiet, in dem reizlosen,
aber fruchtbaren, hügelbekränzten Thale der Ruhr, dort wo er mit
seines Lebens schwerer Arbeit auch seine ans Wunderbare grenzenden
Erfolge errang, in dem kleinen Städtchen Essen stand seine Wiege. Ja!
klein, auffallend klein war noch der Ort mit seinen 4000 Einwohnern
trotz des vollen Jahrtausends, auf das es seine Geschichte rückwärts
verfolgen konnte. In jener Zeit der Geburt des ersten Deutschen
Reiches, als das weite Erbe des großen Karl der Schauplatz der
blutigen, ländergierigen Bruderkriege war, welche mit der endgültigen
scharfen Trennung der gallischen und germanischen Volksstämme einen
Abschluß fanden, damals ward Essen gegründet. Und ebenfalls ein
Alfried war es, der Bischof Alfried von Hildesheim, welcher mit der
Erbauung des alten Münsters den Mittelpunkt für die neue Ansiedelung
formte; überaus langsam entwickelte sie sich, bis nach Verlauf eines
Jahrtausends der zweite, größere Alfried, der, obgleich Protestant,
den Namen des Schutzpatrons erhielt, die schlummernden Kräfte zu
neuem, schaffensreichem Leben zu erwecken wußte und nicht nur seine
Vaterstadt einem plötzlichen, überraschenden Wachsthum zuführte (die
Einwohnerzahl betrug in seinem Todesjahre an 68000), sondern ihr die
erste Stelle unter den Fabrikorten derjenigen großen Industrie errang,
welche unter seiner Führung die Uebermacht des Auslandes siegreich
überwand und die erste Bresche legte in die britische Weltherrschaft.
Wie ein welterschütternder Heroldsruf wirkte dieser Sieg des Essener
Fabrikherren auf den deutschen Handel und auf die deutsche Industrie
und, wie er dem Heere die starke Waffe schmiedete zur Wiedergewinnung
der seit 1000 Jahren der deutschen Nation zustehenden, heimtückisch
vor 3 Jahrhunderten ihr geraubten linksrheinischen Lande, so führte
er durch die selbstgeschaffene Bresche im friedlichen Wettkampf
Deutschlands Handel und Industrie Schritt für Schritt vorwärts
in Gebiete, welche Britannien bisher als seine alleinige Domäne
zu betrachten sich angemaßt hatte. So erweiterte sich die von
Alfried Krupp voll gelöste Lebensaufgabe aus der des patriotischen
Waffenschmiedes, welche sich auf Stärkung der Wehrkraft des Vaterlandes
und auf den Schutz seiner Grenzen richtete, zu der eines Bahnbrechers
für die Idee eines »größeren Deutschland«, und er verstand in weiser
Umsicht die beiden Wege zu betreten, welche diese zum Ziele führen
müssen: Zusammenschluß der vaterländischen Kräfte durch friedliche
Lösung der sozialen Aufgaben und Ueberflügelung der ausländischen
Industrie durch intensivste Entwickelung und Ausbeutung der Technik und
Wissenschaft, sowie durch sorgsamste und gewissenhafteste Pflege der
Reellität in allen Industriezweigen.
Klein, außerordentlich klein und unscheinbar, wie seine Vaterstadt
im Jahre 1812, sind die Anfänge seiner so gewaltig sich erweiternden
Wirksamkeit. Aber die Keime zu der großartigen Entwickelung waren
bereits vorhanden, ebenso, wie in der Vaterstadt die Anfänge der
Industrie, welche sie groß machen sollte, weit zurückdatiren. Schon im
16. Jahrhundert wurde hier Kohlenbergbau betrieben und die Gewinnung
von Eisenerzen erlangte zeitweise eine gewisse Bedeutung in dem bis
1803 ein Freies Reichsstift bildenden Essener Territorium. Sie gab
im vorigen Jahrhundert Veranlassung zur Entstehung der Eisenwerke
Neu-Essen, St. Antony und Gute Hoffnung, deren letzte für die Familie
Krupp und für deren Wirken im Gebiete der Eisentechnik eine große
Bedeutung gewann. Auch die Waffenfabrikation war in Essen nichts
Ungewohntes; denn seit 2 Jahrhunderten bis in den Anfang des unseren
bildete die Gewehrfabrikation einen wesentlichen Zweig der bürgerlichen
Erwerbsthätigkeit.
Eng verknüpft mit der Geschichte der Stadt ist von jeher die der
Familie Krupp. Schon im Jahre 1560 wird ein Kaufmann des Namens
genannt, welcher durch Aufnahme des niederländischen Flüchtlings
Alexander van Huissen eine Familie in Essen einbürgerte, welche
in ihren Nachkommen von großer Bedeutung für die Begründung der
niederrheinischen Eisenindustrie werden sollte. Im Jahre 1664 spielte
ein Matthias Krupp als Sekretair der Stadt eine große Rolle im
öffentlichen Leben und von 1703 bis 1734 stand ein anderer Ahnherr,
Arnold mit Namen, als Bürgermeister an der Spitze der städtischen
Verwaltung. Vom Jahre 1760 an sind die Vorfahren Alfried Krupps in
fortlaufender Linie bekannt, Friedrich Jodocus, Sekretär der Stadt,
ward in diesem Jahre mit einer von ihm gemutheten und »Sekretarius«
benannten Kohlenzeche belohnt. Er wie sein einziger Sohn, Peter
Friedrich Wilhelm, starben noch vor Beginn des neuen Jahrhunderts,
sodaß im Jahre 1800 nur die beiden Wittwen, die »ältere« Amalie,
geborene Ascherfeld und die »jüngere Wittwe« Petronella, geborene
Forsthoff, sowie deren Sohn Friedrich Krupp, welcher am 17. Juli 1787
geboren worden war, die Familie repräsentirten.
Diese erfreute sich zweifelsohne damals eines recht guten Wohlstandes,
denn die jüngere Wittwe bewohnte ein von ihrem Manne 1791 erbautes
stattliches, mit den Namenszügen F. W. P. Krupp und P. Forsthoff, sowie
dem Kruppschen Wappen (eine um einen Baum sich windende, »krupende«
Schlange) geschmücktes Haus (Flachsmarkt Nr. 9); Frau Amalie Krupp aber
besaß die Mittel, um am 12. April 1800 von ihrem Schuldner Pfandhöfer,
dem Besitzer der St. Antony- und Gute Hoffnungs-Hütte die letztere
beim Zwangsverkauf für 12000 Thaler zu erwerben. Mithin erschloß
sich am selben Tage, an welchem 12 Jahre später der geniale Erbe der
väterlichen geistigen Hinterlassenschaft geboren wurde, für dessen
Vater Friedrich das Feld der Thätigkeit, auf dem er die erste Anregung
erhielt zu seinen schöpferischen Ideen und weit hinausschauenden Plänen.
Frau Amalie, eine thatkräftige und geistig bedeutende Frau, übernahm
selbst die Leitung des Eisenwerkes und suchte seine Ergiebigkeit durch
Verbesserungen zu steigern; ihrem Enkel aber gab sie die Gelegenheit,
sich dort als Hüttenmann auszubilden. Der Jüngling ergriff den Beruf
mit voller Begeisterung. In seinem Geist reifte unter der Anregung
der täglichen Beschäftigung der Gedanke, welcher ihm zum Leitstern
wurde für sein ganzes, nur gar zu bald im Dienste der Idee geopfertes
Leben. Die Eisentechnik Deutschlands war zurückgeblieben, durch England
weit überflügelt, und immer mehr wurde der Bedarf an werthvolleren,
besseren Erzeugnissen, wie Maschinentheilen und Geräthen, auch im
Vaterlande allein aus den englischen Fabriken gedeckt, immer mehr
aber drückte das auf die heimische Industrie, je mehr die Maschinen
sich vervollkommneten und je allgemeiner ihre Anwendung in allen
Berufskreisen voraussichtlich wurde. Für eine ganze Reihe von
Werkzeugen und Geräthen verlangte die fortschreitende Industrie
ein ganz besonders feinkörniges, hartes und widerstandsfähiges
Eisenmaterial, und dies verstanden nur die englischen Fabriken
in ihrem Gußstahl herzustellen. Daher ist es leicht erklärlich,
daß sich in Deutschland allerorten die denkenden und strebsamen
Hüttenleute mit Studien und Versuchen abmühten, um das Geheimniß der
Gußstahl-Fabrikation zu ergründen. Und dieses Verlangen ist es auch,
welches in Friedrich Krupp, durch seine Beschäftigung auf der Gute
Hoffnung-Hütte in Sterkrade mächtig angeregt, zur heißen Flamme wurde,
die sein Vermögen und seine Gesundheit verzehrte, während sie für die
deutsche Industrie zum Heerdfeuer wurde, an dem sich ihre Thätigkeit
in mächtigem Aufschwung entwickelte, und zum Freudenfeuer des endlichen
Sieges über die britische Industrie.
Das fleißige, unermüdliche Streben des Jünglings lohnte die Großmutter
am 27. Juni 1807 -- kurz vor Vollendung des zwanzigsten Lebensjahres --
durch Schenkung des Werkes, und als sich im August des folgenden Jahres
Friedrich Krupp mit Therese Wilhelmi aus Essen verheirathete, geschah
es noch auf der Gute Hoffnung-Hütte; den häuslichen Heerd wollte er
sich neben dem flammenden Ofen errichten, der ihm den Gußstahl liefern
sollte. Wie weit er damals mit seinen Versuchen bereits gediehen
war, ist nicht bekannt. Jedenfalls erschien es ihm selbst wohl noch
nicht möglich, in kurzer Zeit damit ein vollwerthiges Resultat zu
erreichen, denn dann würde er nicht darein gewilligt haben, daß bei
einer sich bietenden günstigen Gelegenheit am 14. September 1808 die
Gute Hoffnung-Hütte verkauft wurde (nachdem die Schenkung, unbekannt
aus welchem Grunde, schon am 15. Mai 1808 rückgängig gemacht worden
war). Begründet wird der Verkauf durch die mehr und mehr hervortretende
Unmöglichkeit, mit der nahe gelegenen Antony-Hütte zu konkurriren,
obgleich die preußische Regierung durch Zuwendung von Aufträgen die
Gute Hoffnung-Hütte zu unterstützen suchte. Es ist interessant, daß
unter dem Kaufakt sich die Namen der Begründer der niederrheinischen
Eisenindustrie vereinigt finden, denn die Käufer waren Heinrich
Huyssen, Gerhard und Franz Haniel und Gottlob Jacobi. Mit letzterem,
einem sehr tüchtigen Hütteningenieur, begegnete sich Friedrich Krupp in
dem Bemühen, das Geheimniß der Gußstahl-Fabrikation zu ergründen.
In Essen, wohin der junge Ehemann nach Verkauf der Hütte seinen
Wohnsitz verlegte, trat er in einen durchaus neuen Wirkungskreis,
indem er das von seiner Mutter geführte größere Spezereigeschäft im
Oktober 1810 auf seinen Namen übernahm. Aus dieser Zeit datirt also die
_Firma Friedrich Krupp_, die sich freilich zunächst mit einem Artikel
beschäftigte, der den späteren Fabrikaten derselben Firma so fremd wie
möglich ist, sie handelte vornehmlich mit Kaffee.
Nicht lange duldete es den jungen Eisentechniker in diesem Geschäft;
alles Streben seines Herzens war auf die Gußstahl-Fabrikation gerichtet
und unwürdig erschien ihm eine Thätigkeit, welche hierfür keinen Raum
bot, es drängte ihn, seine ganze geistige, wie körperliche Kraft,
seine Zeit und seine Mittel ganz ausschließlich diesem einen Zweck zu
widmen. Um seine Versuche fortsetzen zu können, bedurfte er eines,
wenn auch noch so kleinen Eisenwerkes; und so sehen wir, daß er
bereits am 7. Dezember 1811 ein in der Gemeinde Altenessen gelegenes
kleines Gütchen, »die Walkmühle«, ein Anwesen von etwa 5 Morgen
Ausdehnung, ankauft, um hier einen Reckhammer, sowie ein Schmelz- und
Cementirgebäude zu errichten; ein kleiner das Gelände durchfließender
Bach gab die erforderliche Wasserkraft. Hier sollte das Material, der
Gußstahl, erzeugt werden, und in dem Städtchen Moers, auf dem linken
Rhein-Ufer, damals also noch im französischen Gebiet, sollte eine
neu errichtete Feilenfabrik die für das Ausland bestimmten Waaren
herstellen, um den Zoll für diese zu ersparen. Es war wohl zuviel auf
einmal angefangen, so richtig das Unternehmen auch erscheinen muß, denn
diese Feilenfabrik hat nicht lange bestanden.
Mit Fertigstellung der Gebäude im Herbst 1812 löste Friedrich Krupp
sein Spezereigeschäft auf, um alle Mittel disponibel zu machen für das
eine Ziel, das er sich gesteckt hatte. Im Geburtsjahr seines Sohnes
Alfried konnte er also die geschäftliche Mittheilung machen, daß die
Firma Friedrich Krupp von jetzt ab »alle Sorten feinen Stahl, auch
Guß-, Rund- und Triebstahl« zu liefern im Stande sei.
Der Zeitpunkt, mit welchem mithin die Krupp'sche Gußstahl-Fabrik ins
Leben trat, war für das Unternehmen außerordentlich günstig, denn
durch die Napoleonische Kontinentalsperre war seit 1806 jede Einfuhr
englischer Stahlwaaren abgeschnitten und die Bestände in den letzten
Jahren verbraucht worden; die in voller Entwickelung begriffene
Eisen- und Stahl-Kleinindustrie im westlichen Deutschland gerieth
mehr und mehr in Verlegenheit, denn es mangelte einerseits an dem zu
verarbeitenden, bisher aus England bezogenen Material, anderseits an
den von dort gelieferten Stahlwerkzeugen. Allerorten wurden deshalb
von Technikern und Chemikern Versuche über Versuche gemacht, einen
Ersatz des englischen Fabrikates zu erzeugen, und wer mit Erfolg diesen
Weg beschritt, konnte, wie es schien, eines reichen Lohnes sicher
sein, da er das dringendste Bedürfniß der Industrie befriedigte. Wenn
sich aber die vielfachen Versuche, Gußstahl herzustellen, trotz der
thatsächlich erreichten Kenntniß des Geheimnisses fast alle spurlos im
Sande verliefen, wenn außer Krupp keiner der patentirten Erfinder ein
nennenswerthes Resultat erzielte, so liegt dieses in der eigenartigen
Natur des Gußstahls wie jeder für bestimmte Zwecke auf einen hohen
Grad der Leistungsfähigkeit entwickelten Eisenlegirung. Es ist
nicht die Kenntniß der chemischen Zusammensetzung und das einmalige
glückliche Gelingen der Herstellung hinreichend, um die Garantie für
eine stetige Produktion eines gleich leistungsfähigen Materials zu
bieten; denn die Rohmaterialien sind so verschieden und die geringsten
Unterschiede in ihrer Zusammensetzung und in ihrer Zusammenmischung
von einem so bedeutenden Einfluß auf die Eigenschaften der aus ihnen
gewonnenen Eisenlegirung, daß erst ein langjähriges Studium und
Probiren, verbunden mit der minutiösesten Prüfung und Untersuchung
der Rohmaterialien und mit der peinlichsten Genauigkeit bei ihrer
Verhüttung zu einem einigermaßen richtigen Urtheil über das jedesmal
zu erwartende Resultat und schließlich zu jener Sicherheit im Betriebe
führen konnte, welche der Legirung die für bestimmte Zwecke zu
erreichenden Eigenschaften bei der Auswahl der Materialien zuzuführen
imstande ist.
Es ist hieraus erklärlich, warum nicht mit der einmaligen gelungenen
Erzeugung eines guten Gußstahlblockes für Friedrich Krupp alle
Schwierigkeiten überwunden waren; wie er Jahr für Jahr seines Lebens
der emsigen Arbeit opfern mußte, um das theoretisch Gefundene und
praktisch als richtig Bewiesene für die Fabrikation auch nutzbar zu
machen und die geeignete Beschickungsart für die einzelnen Zwecke des
Fabrikates zu finden. Ein Leitmotiv für alle seine Versuche hat ihm den
richtigen Weg gewiesen und hat in gleicher Weise seinen Sohn von Erfolg
zu Erfolg geführt: »Ohne gutes Eisen kein guter Stahl«; für das beste
Erzeugniß, das er erstrebte, konnte er auch nur das beste Rohmaterial
brauchen. Und der Mangel an letzterem war es häufig, der seine
Fortschritte hemmte. Ein zweites aber, was die Fabrikation größerer
Gußstahlstücke unbedingt erfordert, sind die Werkzeuge, mit denen diese
durchgeschmiedet oder gewalzt werden müssen, um die Gleichmäßigkeit
und Dichtigkeit des Gefüges zu erhalten, welche das Material zu den
höchsten Leistungen befähigen. Es fehlten ihm die Mittel, um sich große
Hämmer und Walzwerke zu beschaffen und erst nach langen Jahrzehnten der
langsamen Entwickelung aus den kleinen Anfängen heraus gelang es dem
Sohne, durch Konstruktion und Ausführung der mächtigen Hämmer, welche
die Welt in Staunen setzten, seinen Stahlblöcken die von keinem Anderen
je erreichte Güte und Leistungsfähigkeit zu geben. Friedrich Krupp
hatte noch in keinem seiner Fabrikgebäude eine Dampfmaschine, mit dem
Hammer, den er 1818 in Alten-Essen anlegte, konnte er Gußstahl nur bis
zur Stärke von 3 Zoll durchschmieden und, um Platten zu walzen, mußte
er das Walzwerk von Franz Dinnendahl in Spillenburg in Anspruch nehmen.
Die ungeheuren Schwierigkeiten, welche Friedrich Krupp aus der Natur
der Gußstahlfabrikation selbst erwuchsen, sind hieraus ersichtlich.
Hierzu kamen aber noch andere unglückliche Umstände, welche einer
raschen Entwickelung seines Werkes hindernd in den Weg traten. Gleich
im zweiten Jahre nach dem Beginn der Gußstahl-Fabrikation war es seine
Verbindung mit einem Mechaniker, Namens Nicolai, welche sehr ungünstige
Folgen hatte. Nicolai hatte ein preußisches Patent (vom 5. Mai 1815)
auf Gußstahl erhalten, »der dem besten, bis jetzt bekannten englischen
Gußstahl in Rücksicht der Güte gleichgefunden« wurde. Damit war
aber nicht gesagt, daß er auch die Fähigkeit und Erfahrung für die
Fabrikation besaß, wie bereits erläutert wurde. Er war ein Beispiel
der für die Praxis unbrauchbaren Erfinder, und Krupp sah sich binnen
Kurzem gezwungen, den Gesellschaftsvertrag mit ihm wieder zu lösen,
mußte aber hierbei eine bedeutende Entschädigung zahlen und wurde
wegen des Nicolaischen Patentanspruches in einen Prozeß verwickelt,
der allerdings zu seinen Gunsten entschieden wurde, aber erst 1823
zum Abschluß kam und in den zwischenliegenden Jahren eine Quelle von
Verlegenheiten, Verlusten und Verdrießlichkeiten wurde.
Zu den wichtigsten und besten Erzeugnissen der Fabrik zählten
gußstählerne Münzstempel und -Walzen. Sie waren binnen Kurzem nicht
nur in Berlin und anderen deutschen Münzprägeanstalten, sondern auch
in Wien und Petersburg in Gebrauch. Gelegentlich deren Lieferung hatte
Friedrich Krupp mit dem preußischen Generalmünzdirektor Goedeking
freundschaftliche Beziehungen angeknüpft und trug sich mit der
Hoffnung, durch dessen Vermittelung die Unterstützung der Regierung
in Form eines größeren Kredits zu gewinnen. Denn seine Fabrik mußte
nothwendigerweise erweitert werden, um den gesteigerten Anforderungen
gerecht werden zu können, und er glaubte von der Regierung eine
Entschädigung für die bedeutenden Verluste beanspruchen zu können, die
ihm aus der Patentirung des leistungsunfähigen Nicolai erwachsen waren.
Seine rastlose Energie ließ ihm aber nicht die Ruhe, jahrelang auf eine
Entscheidung zu warten, und so begann er 1818 mit dem Bau eines neuen
Fabrikgebäudes im Westen der Stadt Essen, wo es für ihn bequemer zu
erreichen war, da er mit seiner Familie noch in der Stadt wohnte. Am
18. Oktober 1819 konnte zum ersten Male in dem neuen Werk geschmolzen
werden, es ist der Geburtstag der jetzigen Gußstahlfabrik, deren
weitläufige Anlagen sich mit der Zeit an diesen ersten verhältnißmäßig
kleinen und bescheidenen Kernbau anschließen und in stetiger
Erweiterung zu einem der größten Etablissements der Welt auswachsen
sollten.
Im Anfang sah es freilich noch wenig hoffnungsvoll aus, denn von den
projektirten 60 Schmelzöfen konnten zunächst nur 8 fertig gestellt
und mit Noth in Betrieb erhalten werden. Da aus jedem Tiegel 25 Pfund
Gußstahl gegossen wurden und binnen 24 Stunden zweimal geschmolzen
werden konnte, war das Maximum der Tagesproduktion 400 Pfund. Welche
bescheidene Zahl gegenüber den Massen, welche in späteren Jahren
erzeugt wurden, und welche sich z. B. im Jahr 1881 auf die tägliche
Herstellung von 130000 Pfund Gußstahl bezifferte! Die Schwere der Güsse
konnte bis zum Tode Friedrich Krupps auf 40 Pfund gesteigert werden.
Was ist das im Vergleich zu dem Block, welcher 1873 auf die Wiener
Weltausstellung gesandt wurde und das stattliche Gewicht von 105000
Pfund erreichte! Und auch dieser Block war aus kleinen Tiegeln gegossen
und in derselben Weise, wie jene ersten kleinen Gußstücke.
Mit der Aufopferung seiner letzten Mittel hatte der energische Mann
diese Erweiterung seiner Fabrik ins Werk gesetzt und keiner seiner
Freunde und Verwandten hatte ein Verständniß für diese Aufopferung
seines guten Vermögens im Dienste einer Idee, deren hohe Bedeutung
ihrem kurzsichtigen Blick vollständig entging. Sie machten ihm
nur Vorwürfe, anstatt ihn zu unterstützen und suchten ihn zu
bereden, die Sache aufzugeben und sein früheres Geschäft wieder zu
ergreifen, wozu sie ihm bereitwilligst die hilfreiche Hand boten.
So stand er allein und verlassen im Kreise seiner Mitbürger und
Berufsgenossen, unverstanden von Allen, die ihn hätten unterstützen
können, unverstanden auch von den maßgebenden Personen, welche die
für das Vaterland so wichtige Industrie mit Staatsmitteln hätten
über die mühsamen Anfänge hinwegbringen können. Und doch war er so
durchdrungen von der Bedeutung seines Unternehmens, so überzeugt von
der Entwickelungsfähigkeit seiner Idee, so siegesgewiß, wenn er nur die
Mittel erlangen konnte, seine Erzeugnisse zur Geltung zu bringen, daß
er keinen Augenblick schwankend wurde, lieber sich und seine Familie in
Noth und Sorgen zu stürzen, als an seiner Lebensaufgabe zu verzweifeln.
Nach allen Seiten blickte er nach Hilfe, selbst die Gründung einer
staatlichen Gußstahlfabrik in Rußland brachte er in Anregung, und
durch gutachtliche Prüfungen suchte er seinem Fabrikat allgemeine
Anerkennung zu verschaffen. So unterzog der in großem Ansehen
stehende »Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in den Königl.
preußischen Staaten« seinen Gußstahl einer gründlichen Untersuchung
und veröffentlichte 1822 sein Urtheil, in dem er bekundet, daß »Herr
Friedrich Krupp in Essen a. d. R. durch langjährige Versuche und große
Aufopferungen es soweit gebracht hat, daß sein Gußstahl im Allgemeinen
den Vorzug vor dem englischen hat..... Sein Fabrikat ist von der
Abtheilung für Manufakturen und Handel in Berlin sorgfältig untersucht
und dahin beurtheilt worden, daß es an Brauchbarkeit und innerer Güte
dem besten englischen Stahl gleich zu achten, ja in mehrfacher Hinsicht
ihm vorzuziehen ist.«
So wie ihm hier eine Anerkennung gewissermaßen amtlichen Charakters
zu Theil wurde, so war auch aus der stetig zunehmenden Zahl der
Bestellungen zu erkennen, daß die neuen Fabrikate mehr und mehr Boden
gewannen. Selbst aus der Fabrik von Cockerill bei Lüttich und der
englischen Münze in Hannover kamen Bestellungen. Sie konnten nicht
bewältigt werden, denn die Erweiterung des Betriebes hätte neue
Kapitalien erfordert, und woher diese nehmen? Nirgends mehr öffnete
sich ein Kredit. Von der Hand in den Mund mußte der Fabrikant leben
trotz des nicht zu verkennenden Aufschwunges seines Werkes, und ein
einziger Unglücksfall konnte plötzlich das mühsam errichtete Gebäude
zu Sturze bringen, gerade jetzt, wo die Hoffnung auf ein glückliches
Gedeihen aufzublühen begann.
Es ist nicht zu verwundern, daß Friedrich Krupp einerseits seine
eiserne Willenskraft, welche allein ihn die ungeheuren Schwierigkeiten
immer wieder überwinden ließ, in unnachsichtiger Strenge gegen sich
selbst, wie gegen Andere zum Ausdruck brachte, daß er anderseits, aus
einer schwierigen Lage in die andere geworfen, von Sorgen gemartert
und bisweilen beinahe verzweifelnd am Erfolge, oft finster und trüb
gestimmt erschien. Für seine Familie -- und die einzige treu ihm zur
Seite ausharrende, in vollem Verständniß seinen Plänen folgende Seele
war seine Frau -- mag er herzlich wenig Zeit übrig gehabt haben, und
auch ihr gegenüber zeigte sich die Thatkraft in dem festen Beharren bei
seiner Idee; er trug kein Bedenken, ihr nicht nur seine eigene, sondern
auch seiner Kinder Lebenskraft dienstbar zu machen und nöthigenfalls
zum Opfer zu bringen.
Ein Bild der in eherner Arbeit unermüdlichen Thatkraft, des in seinen
Leistungen nie ganz sich genügenden ehrgeizigen Pflichtgefühls, der
über die Nichtigkeiten des Lebens und seiner Bedürfnisse hoch sich
erhebenden Begeisterung für eine große Idee, der vor keinem Opfer
zurückscheuenden, durch keine Sorgenlast zu hemmenden, durch keinen
Mißerfolg entmuthigten Energie, so stand der Vater vor den Augen seiner
Kinder als ein leuchtendes Beispiel, als ein strenger Lehrmeister schon
in den ersten Jahren ihrer individuellen Entwickelung. So ward ihr Auge
geschärft zur klaren Auffassung der Verhältnisse, ihr Gemüth gehärtet
gegen verweichlichende und beunruhigende Regungen, ihr Begehren auf
hohe Ziele gerichtet und ihre Bedürfnißlosigkeit durch Entbehrungen
gefördert, so ward ihr Geist entflammt für die große Aufgabe, der sie
die Eltern in einträchtigem Streben jeden Genuß, jede Freude, jeden
Athemzug ihres Lebens opfern sahen.
Und gegen alles Erwarten schnell kam der schwere Schicksalsschlag, der
die Kinder mitten hineinstellte in den Kampf des Lebens. Friedrich
Krupp erkrankte im Jahre 1823, gerade als die endliche Entscheidung
des Prozesses Nicolai eine günstige Wendung seiner Verhältnisse
eingeleitet hatte. Eine Kur in Schwalbach brachte Linderung seiner
Leiden, aber bereits Ende 1824 wiederholten sich die Anfälle, welche
auf eine hochgradige Ueberanstrengung des Nervensystems zurückzuführen
waren, in so heftiger Weise, daß er 10 Monate lang arbeitsunfähig war.
Welche Folterqualen für den Mann, auf dessen energischer Thätigkeit
ganz allein die Hoffnung einer weiteren günstigen Entwickelung beruhte,
da er sich zum thatlosen Zuschauen verurtheilt sah und sich nicht
verbergen konnte, daß von Tag zu Tag sein Werk zurück, daß es dem
Zusammenbruch entgegen ging.
Die Lage wurde kritisch; das Haus in der Stadt mußte aufgegeben werden
und die Familie bezog 1825 ein kleines, zur Fabrik gehörendes Haus,
das in den letzten Jahren für einen Werkmeister errichtet worden war.
Es ist ein ärmliches einstöckiges Fachwerks-Gebäude, neben der Thür in
der Front beiderseits nur ein Fenster, im Giebel deren zwei mit grünen
Läden, darüber beiderseits ein einfenstriges Giebelstübchen, kaum Raum
genug für die Eltern und die vier Kinder bietend, eine Arbeiterwohnung
im strengsten Sinne des Wortes, und was in diesem Hause für
angestrengte, sorgenschwere, aber auch segensreiche Arbeit geleistet
wurde, das hat die Welt nach Jahrzehnten mit Staunen wahrgenommen,
dessen werden sich aber auch die Nachkommen des ersten Bewohners stets
mit tiefbewegtem, dankbarem und immer aufs Neue ermuthigtem Herzen
erinnern. Noch heute steht inmitten der Riesengebäude der Fabrik, in
seiner ursprünglichen bescheidenen Form dieses »Stammhaus«, in dem
Friedrich Krupp noch einmal Hoffnung schöpfte, sein Leiden überwinden
und dem drohenden Zusammensturz seines Werkes mit Energie Einhalt
gebieten zu können. Kurz und trügerisch war die Hoffnung. Mitten in
neuen Arbeiten, in der Lösung neuer Aufgaben, raffte ihn der Tod dahin.
Er starb am 8. Oktober 1826 an der Brustwassersucht. Was er erstrebt
hatte, schien verloren, was er erreicht, schien vernichtet. In Noth
und Sorge, ohne alle Mittel ließ er seine Familie zurück, in der
Blüthe seiner Jahre überwältigt durch die Aufgabe, der er sein Leben
und das Wohl der Seinen geopfert hatte. An seinem Grabe standen die
früheren Freunde und Genossen ohne ernste Theilnahme; sie hatten es ihm
ja vorausgesagt, daß er einem Hirngespinnst in thörichter Weise sich
opferte; nur ein mitleidiges Lächeln hatten sie für die Wittwe und die
unerwachsenen Kinder, die er im Elend zurückgelassen hatte. Sie ahnten
nichts von dem reichen Erbe, das er ihnen vermachte, da er sie durch
eine Schule geführt hatte, welche sie zur strengsten Pflichterfüllung
und zum Einsetzen aller Kraft an hohe Ziele vorbereitet hatte, sie
sahen nicht den unscheinbaren Keim blühender Entwickelung, den er
in seinem Werke eingepflanzt hatte und der sich zum Riesenbaum
ausgestalten sollte, in dessen Schatten Deutschlands Industrie für
seine Weltbedeutung sich zu entfalten Schutz fand.
~II.~
Lehrjahre.
Ein vierzehnjähriger Knabe stand Alfried am Grabe seines Vaters, und
in den tiefen Schmerz hinein, welcher sein Herz mit Thränen erfüllte,
in die bangen, schweren Gedanken, welche mit ungewohnter Last sein
Haupt beschwerten, klangen anstatt der Töne warmen Mitgefühls die
Aeußerungen des frostigen Mitleids wie ein schneidender Mißton,
seinem thränenverschleierten Blick entging nicht das Achselzucken
der klugen Leute, welche es nicht für der Mühe werth hielten, ihre
Schadenfreude zu verbergen. Und die Thränen versiegten in heiligem
Zorn, das schmerzgebeugte Haupt erhob sich in stolzem Bewußtsein
der großen Aufgabe, welche der Knabe von heute ab als Nachfolger
seines Vaters diesen kleinen Seelen gegenüber zu vertheidigen, in
ihrer ganzen vollberechtigten Bedeutung zur Anerkennung zu bringen
berufen war. So verließ Alfried Krupp das frische Grab seines Vaters,
nicht in verzweifelndem Kleinmuth des Kindes, sondern im muthigen
Selbstvertrauen des werdenden Mannes, so ward er, der vierzehnjährige
Knabe, der Chef der Firma Friedrich Krupp, durch das im Tiefsten ihn
verletzende Gebahren seiner Mitbürger am Grabe des Vaters, zu dem Manne
der eisernen Energie, des rücksichtslosen Zielbewußtseins, des tiefsten
Verständnisses für die Lebensnoth seiner Mitmenschen, wie er in seinem
ganzen Leben sich bewiesen hat.
Er war kein Musterschüler gewesen; denn im Oktober 1825 hatte er erst
die Quarta erreicht, als sein Vater es für nothwendig erachtete, ihn
in seinen Freistunden zur Mitarbeit in der Fabrik heranzuziehen. Die
Entlassung eines untreuen Buchhalters und eines unzuverlässigen Faktors
hatten ihm den Gedanken nahe gelegt, mit Hilfe seines ältesten Sohnes
alles Geschäftliche allein zu besorgen und hierdurch die Fabrik von
einer immerhin ins Gewicht fallenden Ausgabe zu entlasten.
Ostern 1826 nahm er ihn ganz aus der Schule, konnte aber seine
ursprüngliche Absicht, ihn bei dem Münz-Wardein Noelle auf der
Düsseldorfer Münze seine Lehre durchmachen zu lassen, nicht ausführen,
da ein neuer Krankheitsanfall ihm seine Hilfe im Geschäft unentbehrlich
machte. Körperlich gebrochen, besaß er doch noch seine volle geistige
Frische, um die jetzt wichtigste Aufgabe zu erfüllen, seinen Sohn in
alle Zweige des Geschäftes einzuführen. Nach seiner Anweisung mußte
Alfried die »Beschickung« und sonstige besonders wichtige Werkarbeiten
übernehmen, mußte er in wenigen Monaten alles das erlernen, was ihn
nicht nur zu einem geschickten Hüttenmann geeignet machte, sondern was
als Ergebniß der Versuche und Studien des Vaters ihm überliefert werden
mußte, damit er seiner hohen Aufgabe gewachsen wäre, dessen Erfindung
weiter zu fördern und auszubeuten.
Das waren offenbar Dinge, welche den Anlagen und Neigungen des Knaben
bedeutend mehr zusagten, als die Schulwissenschaften. Es ist nur
aus einem vollen Verständniß der ihm zufallenden Lebensaufgabe und
aus einer hohen spezifischen Begabung heraus verständlich, daß es
dem Knaben gelang, des Gelehrten vollständig Herr zu werden, so
vollständig, daß er auf des Vaters Errungenschaften ohne Weiteres
weiter zu bauen im Stande war, als er nach sechs Monaten Lernzeit auf
seine eigenen Füße gestellt wurde.
Als seine Schulkameraden nach der Tertia versetzt wurden, ward den
schwachen Schultern des vierzehneinhalbjährigen Knaben die schwere
Last auferlegt, als Chef der Firma eine Fabrik weiterzuführen, welche
zusammenzubrechen drohte, als Haupt der Familie die Mittel zu schaffen,
um seine Mutter und drei Geschwister zu ernähren. Er wollte und konnte
sich dem nicht entziehen, denn es war das heilige Vermächtniß seines
Vaters. Noch im Oktober des Jahres 1826 veröffentlichte die Wittwe in
den Zeitungen eine »Empfehlung«:
»Den geschätzten Handlungsfreunden meines verstorbenen Gatten beehre
ich mich die Anzeige zu machen, daß durch sein frühes Hinscheiden das
Geheimniß der Bereitung des Gußstahls nicht verloren gegangen, sondern
durch seine Vorsorge auf unseren ältesten Sohn, der unter seiner
Leitung schon einige Zeit der Fabrik vorgestanden, übergegangen ist und
daß ich mit demselben das Geschäft unter der früheren Firma »Friedrich
Krupp« fortsetzen und in Hinsicht der Güte des Gußstahls, sowie auch
der in meiner Fabrik daraus gefertigten Waaren nichts zu wünschen übrig
lassen werde.
Die Gegenstände, welche in meiner Fabrik gefertigt werden, sind
folgende: Gußstahl in Stangen von beliebiger Dicke, desgl. in gewalzten
Platten, auch in Stücken, genau nach Abzeichnungen oder Modellen
geschmiedet, z. B. Münzstempel, Stangen, Spindeln, Tuchscheerblätter,
Walzen u. dergl., wie solche nur verlangt und aufgegeben werden, sowie
auch fertige Lohgerberwerkzeuge.
Gußstahlfabrik bei Essen, im Oktober 1826.
Wittwe Therese Krupp, geb. Wilhelmi.«
Wie stand es nun mit der Fabrik? Friedrich Krupp war es trotz aller
Schwierigkeiten immer noch gelungen, sein Geschäft in voller Ordnung
zu hinterlassen und seine kaufmännische Ehre voll zu wahren. Aber
Schulden waren natürlich vorhanden, und sie überstiegen beinahe den
Werth des Vermögens. Die Güte des Kruppschen Gußstahls ward überall
anerkannt; die Bestellungen waren aber in den letzten Jahren immer
dürftiger eingelaufen, da die Krankheit des Chefs eine pünktliche
Ausführung zur Unmöglichkeit gemacht hatte. Die Zahl der ständigen
Arbeiter war auf vier Mann heruntergegangen. Kredit war jetzt
naturgemäß noch viel schwieriger zu erlangen als zu Lebzeiten des
Vaters. So galt es, unter den ungünstigsten Verhältnissen gewissermaßen
von vorn wieder anzufangen, auf's Neue eine Kundschaft zu erwerben,
nachdem das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Fabrik erschüttert
war. Betriebsmittel, Rohmaterial, neue Arbeitskräfte und Kredit zu
schaffen, wo kein irgend nennenswerther Fonds dafür zur Verfügung
stand. Wieviel schwerer war die Aufgabe für Alfried jetzt, wo Englands
Gußstahlfabrikate wieder als übermächtige Konkurrenten überall in den
Weg traten, als damals für den Vater, wo das Vermögen noch vorhanden
und durch die eigenen Erzeugnisse einem auf dem ganzen Kontinent
schwer empfundenen Bedürfniß entsprochen werden konnte. Diesen
Mängeln gegenüber standen aber die gut und für einen viel größeren
Betrieb ausreichenden Fabrikgebäude als eine wichtige, unentbehrliche
Errungenschaft des Vaters und die frische Arbeitskraft eines über
Nacht zum Jüngling gereiften Knaben, der mit Begeisterung und
hoffnungsfreudig ans Werk ging und, über die ersten Versuche hinweg,
gleich ein vollwerthiges Material auf den Markt bringen konnte.
Es bedurfte freilich seiner ganzen Körper- und Geisteskraft, um auch
nur die nothwendigsten Bedürfnisse für die Familie zu schaffen, denn
außer der Schwester Ida waren ja zwei jüngere Brüder, Hermann und
Friedrich, zu ernähren, zu kleiden, zu unterrichten. So stand er, mit
nur zwei Arbeitern zur Seite, von Tagesgrauen bis zur einbrechenden
Nacht am Ambos und vor der Esse, und wenn er den über alle Maßen
angestrengten jungen Körper hinaufgeschleppt hatte in die kleine
Giebelstube, dann begann noch die geistige Arbeit, dann mußte er der
zweiten, nicht weniger wichtigen Berufsaufgabe genügen als Ingenieur
und Kaufmann. Denn nicht stillstehen durfte er auf dem vom Vater
errungenen und ihm überkommenen Standpunkt der Fabrikation und deren
Verwerthung; jene zu vervollkommnen und für diese immer neue Gebiete zu
entdecken und zu erobern, darauf mußte er ja unablässig seine Gedanken
richten.
Und wie schlimm stand es mit seiner Vorbildung für diese Aufgabe! Woher
sollten ihm die kaufmännischen, die technischen und wissenschaftlichen
Kenntnisse, die Fertigkeit in fremden Sprachen kommen, ihm, dem aus der
Quarta des Gymnasiums, mitten aus seinem Bildungsgang herausgerissenen
Schüler. Und ohne alles das ging es doch nicht, alles das mußte er
nachholen, mußte er mit todmüdem Körper in nächtlicher Arbeit sich
anzueignen suchen. Welche übermenschliche Aufgabe! Und daß er sie
löste, daß er seiner genialen Erfindungsgabe die unentbehrliche
wissenschaftliche Basis gewann, daß er die französische und
englische Sprache sich vollständig zu eigen machte, daß er zu einem
hervorragenden Geschäftsmann sich entwickelte, das zeugt von einer
außerordentlichen Begabung, vor allem aber von einer pflichtbewußten
nie erlahmenden Energie ohne Gleichen bei einem Menschen in diesen
Lebensjahren. Was ihn darin unterstützte, das war die tiefempfundene
Verehrung für den Vater, die glühende Begeisterung für die
Weiterführung von dessen Lebenswerk und, wie er selbst bekannte, die
heilige Entrüstung über das höhnische Mitleid seiner Mitbürger, das ihm
am Grabe des Vaters so tief in die Seele geschnitten hatte.
Als eine gar nicht zu überschätzende Hilfe stand ihm aber seine Mutter
zur Seite, eine kluge, energische und thatkräftige Frau, welche jetzt
des Sohnes schwere Arbeit und emsiges Streben mit derselben Fürsorge
und demselben theilnahmsvollen Verständniß umgab, wie sie sie bisher
dem Gatten gewidmet hatte. Sein Erbtheil von ihr nannte Alfried, wenn
er mit höchster Verehrung und inniger Pietät der Mutter gedachte, den
ihm innewohnenden rastlosen und unermüdlichen Fleiß.
Er selbst schilderte diese schwere Zeit in einem Briefe: »Ich sollte
laut Testament für Rechnung meiner Mutter die Fabrik fortsetzen, ohne
Kenntniß, Erfahrung, Kraft, Mittel und Kredit. Von meinem vierzehnten
Jahre an hatte ich die Sorgen eines Familienvaters und die Arbeit
bei Tage, des Nachts Grübeln, wie die Schwierigkeiten zu überwinden
wären. Bei schwerer Arbeit, oft Nächte hindurch, lebte ich oft bloß
von Kartoffeln, Kaffee, Butter und Brot, ohne Fleisch, mit dem Ernst
eines bedrängten Familienvaters, und 25 Jahre lang habe ich ausgeharrt,
bis ich endlich bei allmählich steigernder Besserung der Verhältnisse
eine leidliche Existenz errang. Meine letzte Erinnerung aus der
Vergangenheit ist die so lange drohende Gefahr des Unterganges und die
Ueberwindung durch Ausdauer, Entbehrung und Arbeit, und das ist es, was
ich jedem jungen Manne zur Aufmunterung sagen möchte, der nichts hat,
nichts ist und was werden will.«
Langsam freilich, erschreckend langsam nur konnte es vorwärts gehen
mit der Fabrik, wenn auch Alfried und seine Mutter sich mit der
Befriedigung der äußersten Bedürfnisse begnügten, wenn auch der
Fabrikherr persönlich jede Gesellenarbeit mit verrichtete und jeden
Groschen nur zu Gunsten des Geschäftes verausgabte. Wie manchmal mußte
er sich sorgen, selbst nur die kleine Summe für die wöchentliche
Löhnung seiner paar Arbeiter rechtzeitig zu beschaffen; für seine
eigene Arbeitsleistung blieb ihm nichts übrig. »Fünfzehn Jahre lang,«
sagt er in einem Aufruf an seine Arbeiter am 24. Juli 1872, »habe
ich gerade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn auszahlen zu
können. Für meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter nichts,
als das Bewußtsein der Pflichterfüllung.« So brachte er es bis zum
Jahre 1832 erst auf 10 Arbeiter, die im folgenden sogar auf 9 wieder
herabgingen. Und dabei dachte er Tag und Nacht auf Verbesserungen
seiner Fabrikate und weitere Ausnutzung seines Gußstahls; dabei suchte
er in sonntäglichem Unterricht bei seinem Oheim, dem Kaufmann Karl
Schulz, die kaufmännische Buchführung und sonstige kaufmännische
Wissenschaften sich anzueignen; dabei ergriff er selbst den Wanderstab,
um als Reisender für sein Geschäft seine Fabrikate an den Mann zu
bringen. Von Hof zu Hof zog er auf der aus dem Märkischen in's
Bergische führenden Enneperstraße, wo die »Reckhämmer« ihre heiße
Arbeit betrieben, um Aufträge auf »Hammersättel« einzusammeln, jede
Lieferung neu gefertigter Münzstempel brachte er selbst nach Düsseldorf
in die Münze, um sofort die Bezahlung empfangen zu können; denn der
Geldmangel steigerte sich manchmal bis zur Sorge, das Porto für
eingehende Briefe zu decken.
Nach einem Jahrzehnt dieses heißen, oft verzweiflungsvollen Ringens
gelang es endlich Alfried, den ersten wichtigen Erfolg zu erringen. Er
hatte eine Löffelwalze in Gußstahl hergestellt, bestimmt zum Gebrauch
bei Herstellung von Löffeln in Gold und Silber und erhielt auf diese
nicht nur in den deutschen Staaten, sondern auch in England, Frankreich
und Oesterreich ein Patent. Die Walze ward außerordentlich vortheilhaft
von den Löffelfabrikanten gefunden und in England dem Erfinder eine so
ansehnliche Geldsumme für das Patent gezahlt, daß er sich nicht nur
von den lästigsten Schulden befreien, sondern auch den Betrieb seines
Werkes wesentlich erweitern konnte. Die erste schreckliche Periode der
oft unheimlichen Angst und der beinahe übermenschlichen Anstrengung war
damit überwunden; mit gehobenem Muthe sah der Jüngling einer besseren
Zukunft entgegen.
Der Gedanke lag nahe, die neue Erfindung auch in Deutschland weiter
auszunutzen, wozu es jedoch größerer Anlagekapitalien bedurfte.
Krupp wandte sich an das angesehene Bankhaus v. d. Heydt, Kersten &
Co. in Elberfeld, und dieses zeigte sich auch nicht abgeneigt, eine
Verbindung mit ihm einzugehen behufs Fabrikation der Löffelwalzen in
großem Maßstabe. Jedoch trat bald das Bestreben hervor, weniger dem
Erfinder zu Hilfe zu kommen, als vielmehr seine Erfindung im Interesse
des Bankhauses auszunutzen. Man weigerte sich nämlich, ihm Kapital
zur Verfügung zu stellen und verlangte die Gründung eines Werkes in
Elberfeld, welches den Namen des Geldleihers tragen sollte, so daß
also der Erfinder mit seiner Person ganz zurücktrat und der weiteren
Entwickelung seiner eigenen Fabrik geradezu entgegengearbeitet wurde.
Auf solche Bedingungen konnte dieser natürlich nicht eingehen, die
Verhandlungen zerschlugen sich, die Beziehungen zu dem Bankhause
scheinen aber Mißstimmungen bei dessen Chef hinterlassen zu haben,
welche er in seiner späteren Stellung als Handels- bezw. Finanzminister
noch nicht überwunden hatte. Wenigstens glaubte Krupp die seiner Firma
zu Theil werdende Behandlung Seitens des preußischen Ministers hierauf
zurückführen zu müssen.
Besseren Erfolg hatte er in Oesterreich mit dem Bestreben, seine
als vorzüglich anerkannten Münzstempel zur Einführung zu bringen.
Allerdings galt es dort einen heftigen Kampf gegen die Intriguen und
Chikanen der österreichischen Konkurrenten, welche mit allen zulässigen
und unzulässigen Mitteln dem Eindringen des ausländischen Fabrikanten
entgegenarbeiteten. Monatelang mußte Krupp wiederholt in Wien sich
aufhalten, um seinen Erzeugnissen nach manchem schweren Verdruß zum
Siege zu verhelfen. Aber leicht kann es nicht gewesen sein, denn sein
schönes schwarzes Haar bleichte in diesen Jahren, und er pflegte
später zu sagen, die Farbe seiner Haare habe er in Wien gelassen.
Bei dieser Gelegenheit mag es ihm zum Bewußtsein gekommen sein, daß
gegen die, ihre an und für sich ja durchaus berechtigten Interessen
vertheidigenden österreichischen Metallfabrikanten auf die Dauer
nur dadurch würde Stand zu halten sein, daß er auf österreichischem
Boden festen Fuß faßte. Zur Gründung einer eigenen Fabrik daselbst
fehlten ihm die Mittel, es blieb also nur der Ausweg, mit einem
österreichischen Kaufmann nahe persönliche Beziehungen herzustellen.
Er fand einen solchen in Alexander Schöller, einem geborenen Dürener,
welcher seit 1833 in Wien eine Großhandlung besaß. Mit diesem vereint
gründete Alfred Krupp im Jahre 1844 in Berndorf bei Leobersdorf eine
Metallfabrik unter der Firma Krupp und Schöller. Die technische Leitung
übernahm Krupp's jüngerer Bruder Hermann. Bald blühte die Fabrik zu
einem Werk ersten Ranges empor und ward dadurch erweitert, daß Hermann
Krupp in Gemeinschaft mit Schöller auch eine Bessemer-Stahlfabrik,
Aktiengesellschaft in Ternitz, und eine Nickelfabrik zu Losoncz in
Ungarn gründete.
In auffallendem Maaße begann die Essener Fabrik sich in diesen Jahren
zu entwickeln; während ihr Areal im Jahre 1838 nur 2,87 ~ha~ umfaßte
(weniger als in Friedrich Krupp's letzten Lebensjahren), war es
1844 auf 4,53 ~ha~ angewachsen und die Arbeiterzahl stieg im Jahr
1843 auf 99, im folgenden auf 107 und 1845 sogar auf 122 Köpfe. Es
ist hieraus ersichtlich, wie unablässig der Fabrikherr bemüht war,
die Werkanlagen zu erweitern, die Leistungsfähigkeit der Fabrik zu
steigern, wie selbstlos er jede Verbesserung der Einnahmen lediglich
in deren Interesse verwendete und sein persönliches Wohlbehagen deren
Förderung stets hintanstellte. Es ist hier der eigenthümliche Zug in
Krupp's Geschäftsleitung bereits deutlich erkennbar, welcher bis in die
letzten Lebensjahre zu der mächtigen Entwickelung der Gußstahlfabrik
so wesentlich beitrug, von den Einnahmen, so bedeutende Höhen sie auch
erreichten, nie etwas zu kapitalisiren oder im persönlichen Interesse
zu verwenden, sondern stets zu Verbesserungen und Erweiterungen der
Fabrikanlagen zu benutzen. Stetig wuchsen mit der Eroberung neuer
Produktionsgebiete, in deren Auffinden Krupp unermüdlich war, auch die
Anforderungen bezüglich Beschaffung der Rohmaterialien, bezüglich der
Räumlichkeiten und maschinellen Anlagen für ihre Ver- und Bearbeitung,
bezüglich der Bedürfnisse der wachsenden Arbeitermasse. Da waren
stets dringende Wünsche zu befriedigen, und der Gedanke scheint Krupp
nie gekommen zu sein, seine persönlichen Bedürfnisse einmal denen
der Fabrik voranzustellen oder einen ausführbaren Erweiterungsbau
aufzuschieben, um eine Summe für sich und seine Familie zu
kapitalisiren. Seine Fabrik erschien ihm stets die beste Kapitalsanlage
und selbst die eigene Arbeitskraft und seine werthvollsten Erfindungen
hielt er für am besten belohnt und verzinst, wenn er sie lediglich
in den Dienst der Fabrik stellte. Wie er in dem ersten Dezennium
unter dem Zwang der Noth jeden Pfennig für diese hatte ausgeben
müssen, so geschah es weiter mit den großen Summen, die er später
vereinnahmte, und dabei half ihm sein unerschütterliches Vertrauen in
die Ausbeutungs- und Entwickelungsfähigkeit der väterlichen Erbschaft,
sowie sein Bewußtsein einer unerschöpflichen Erfindungsgabe und nie
erlahmenden Arbeitskraft auch den Zeiten ernster wirthschaftlicher
Krisis ohne Reservefonds entgegenzutreten und sie siegreich zu
überwinden.
Hierbei kam ihm eine zweite Geschäftsregel wesentlich zur Hilfe,
welche auch ein charakteristisches Merkmal seiner Geschäftsführung von
Anfang an gewesen ist, und in dem Bestreben basirt, alle Bedürfnisse
der Fabrik möglichst selbst mit deren eigenen Mitteln zu befriedigen.
Was an Werkzeugen erforderlich war, suchte er selbst herzustellen
und sparte damit den sonst in die Taschen anderer Fabrikanten
fließenden Verdienst. Dieses System der Selbstfabrikation hat er
stetig durchgeführt und in einem so großartigen Maßstabe entwickelt,
wie es sich wohl nirgends wiederholen möchte, wie es allerdings auch
nur mittelst der Einführung dieser Regel von Anfang an und mittelst
der enormen hierfür verfügbar zu machenden Geldmittel ausführbar war.
In Zeiten der Krisis war er aber hierdurch fast ganz unabhängig von
anderen Lieferanten und entging allen durch solche etwa auszuübenden
Pressionen und seinen Kredit gefährdenden Maßnahmen.
Unermüdlich war Krupp eifrigst bemüht, seine Kenntnisse zu erweitern
und als geeignetstes Mittel hierzu suchte er die zahlreichen Reisen
auszunutzen, die er im Geschäftsinteresse unternehmen mußte.
Namentlich war es in England, in dem Lande des Welthandels und der
ausgedehntesten Industrie, wo er offenen Auges beobachtete und
forschte, wo ihm die Gewißheit wurde, daß sich für sein vorzügliches
Material auch ein weiter Wirkungsbezirk erschließen müßte; er selbst
äußerte später, daß er hier erst einen Begriff davon bekommen habe,
»welch einen umfassenden Markt eine gute Sache sich erwerben kann«.
Weniger hoch schlug er das an, was er in technischer Beziehung, als in
geschäftlicher, in Großbritannien lernte. Aber seinen großen Gegner
und Konkurrenten auf dem Gebiete der Eisentechnik lernte er gründlich
kennen und abschätzen; er fand mit klarem Blick den Punkt, wo er den
Hebel einzusetzen habe, um ihn aus dem Sattel zu heben, und diesem
nächsten Ziele steuerte er mit aller Energie zu.
Wesentlichen Vortheil zog er aus seinen Reisen für seine
Sprachkenntnisse, indem er in der englischen wie in der französischen
Sprache sich vollkommene Fertigkeit erwarb. Dabei wußte er aus seinem
Verkehr mit den bedeutendsten deutschen Technikern, aus dem eifrigen
Studium der fachwissenschaftlichen Litteratur, aus allem dem Neuen
und Entwickelungsfähigen, das er mit scharfem Auge entdeckte, eine
praktische Verwerthung für seine Fabrik zu ziehen und erfreute sich
im Kreise seiner Berufsgenossen bald einer angesehenen Stellung dank
der Entwickelung seines Werkes, seiner geschäftlichen und technischen
Kenntnisse, sowie seiner zunehmenden Erfolge auf dem Gebiete der
Eisentechnik.
Im Jahre 1844 ward ihm die erste größere öffentliche Anerkennung zu
Theil, indem ihm für seine Fabrikate auf der Berliner Ausstellung
vaterländischer Gewerbserzeugnisse die goldene Medaille verliehen wurde.
Eine ernste Krisis brachte das Jahr 1848 dem aufblühenden Werke.
Der wirthschaftliche Rückgang, welcher in Folge der unglücklichen
politischen Verhältnisse in allen Kulturstaaten sich geltend machte,
drohte auch der Gußstahlfabrik verhängnißvoll zu werden. Die
Arbeiterzahl mußte auf 72 Köpfe vermindert werden, und nur ein großes
persönliches Opfer konnte über die Nothwendigkeit hinweg helfen, noch
eine größere Anzahl entlassen zu müssen. Krupp ließ das gesammte
ererbte Silberzeug der Familie einschmelzen, um mit den hierdurch
geschafften Baarmitteln der Fabrik über die schwerste Zeit hinweg
zu helfen. Seitdem ward im Hause Krupp niemals wieder Silbergeräth
benutzt. Nach Alfrieds Bestimmung durfte fortan nur Neusilbergeräth
beschafft und zwar aus der Fabrik des Bruders in Berndorf bezogen
werden.
Von kurzer Dauer war die Krisis. Im folgenden Jahre konnten wieder
107 Arbeiter beschäftigt werden, und ihre Zahl stieg von da an ganz
außerordentlich, so daß sie im Jahre 1850 auf 237 und 1852 auf 340 sich
belief. Der Grund ist einerseits wohl in dem allgemeinen mächtigen
Aufschwung zu suchen, welchen die ganze vaterländische Industrie noch
1848 im Kampfe gegen die der Franzosen und Engländer nahm. Wenn wir
aber sehen, wie Alfried Krupp gerade in den ersten Reihen der Kämpfer
sich auszeichnete, wie er allen anderen voran eilte, um dem Auslande
auf dem Weltmarkte den Rang abzugewinnen, so müssen es wohl noch
besonders günstige Ereignisse sein, welche dem jungen Adler die Flügel
lösten und ihm den Impuls gaben zum muthigen Fluge himmelan.
Und das Jahr 1848 bezeichnet allerdings einen außerordentlich
wichtigen Wendepunkt nicht nur in der Entwickelung seiner Fabrik,
sondern vor allem in dem eigenen Werdegang Krupps. Bisher war er noch
immer gebunden gewesen durch die Verpflichtung, als Chef des Hauses
die Interessen seiner Geschwister ebenso gut wie die seinigen zu
wahren, und er war zu pflichttreu, als daß er sich zu Wagnissen hätte
hinreißen lassen, welche das Vermögen der Geschwister etwa durch seine
Schuld gefährdet hätten; er war an große Vorsicht in allen seinen
Unternehmungen gebunden. Nun war im Jahre 1844 der Bruder Hermann
ausgeschieden und 1848 trat auch der zweite Bruder Friedrich aus dem
Verbande; Alfried übernahm vom 24. Februar ab die Fabrik auf seine
alleinige Rechnung. Die hierbei nothwendige Vermögensauseinandersetzung
mag auch nicht ohne Einfluß auf die erwähnte wirthschaftliche Krisis
gewesen sein.
Mit diesem 24. Februar ward er nun frei von jeder Rücksichtnahme auf
anderweitige Interessen, er hatte nur noch _eine_ Verantwortung, die
vor sich selbst und vor dem idealen Bild seiner Lebensaufgabe, das
er tief in der Brust trug. Diesem Treue zu wahren, dessen hellen
Glanz durch keine Handlung zu beeinträchtigen, ihm zum Siege und zur
allgemeinen Anerkennung zu helfen, das ward allein die Richtschnur
seiner Handlungen. Das löste ihm die Flügel, da er nun nicht mehr
ängstlich abzuwägen brauchte, ob er für einen neuen Versuch, eine
verheißungsvolle Erfindung die nöthigen Geldmittel, vielleicht ohne
Erfolg, opfern dürfte, da er nur unter dem einen Gesichtspunkt zu
handeln hatte: »Bringt es mich weiter zum Ziele, wenn es gelingt?« Nun
konnte er wohl gewagte Wege einschlagen, die ein anderer ihm zu folgen
sich scheute, von denen er ihn vielleicht abzuhalten suchte, weil er
nicht in gleicher Weise klar das Ziel vor Augen sah, wie Alfried und
gleichen brennenden Drang und Wagemuth empfand, sich ihm zu nähern.
Man darf nicht außer Augen lassen, daß jeder weitere Schritt im
Bereiche der Eisentechnik, jeder Versuch, das Material in ein neues
Gebiet einzuführen, nicht nur ein sorgfältiges Studium, Berechnungen,
Experimente, sondern die Beschaffung, häufig die Erfindung neuer
maschineller Einrichtungen, Werkzeuge und baulicher Anlagen erfordert,
wodurch hohe Ausgaben veranlaßt werden, lange bevor ein Erfolg,
eine Einnahme aus den neuen Erzeugnissen zu gewärtigen ist. Denn
selbst, wenn die Versuche bald zu einem günstigen Ergebniß führen
-- und wie viele mögen erst nach häufigen Verbesserungen und hohen
Geldopfern dahin gelangen -- gilt es noch, dem Neugeschaffenen auch
die Anerkennung zu verschaffen. Im Kampfe mit der Konkurrenz müssen
erst andere minderwerthige Erzeugnisse besiegt und verdrängt werden,
denn nicht immer sind die Abnehmer so schnell von den Vortheilen der
neuen Produkte zu überzeugen. Welche Erfahrungen hat Alfried Krupp
in dieser Beziehung machen müssen, welche tiefwurzelnde Ueberzeugung
von der Mehrwerthigkeit seines Gußstahles gehörte dazu, welches durch
Jahre und Jahrzehnte hindurch mit hartnäckiger Konsequenz durchgesetzte
Beharren auf dem als richtig erkannten Wege, um endlich den Sieg zu
erringen über Kurzsichtigkeit, Sonderinteressen und Anfeindung! Das ist
Alles nicht ohne schwerwiegenden Einfluß gewesen auf die Entwickelung
seines Charakters, das war aber auch nicht durchführbar, wenn er nicht
die volle Unabhängigkeit in seinem Handeln genoß, die ihm gestattete,
stets rücksichtslos Alles einzusetzen, um das ihm vorschwebende Ziel zu
erreichen.
Deshalb ist das Jahr 1848 von entscheidender Bedeutung für seine
Entwickelung; es bezeichnet den Abschluß der Lehrjahre und den Beginn
einer neuen Periode, in welcher der Meister mit kühnem Sprunge sich an
die Spitze der einheimischen Industrie stellte und von Erfolg zu Erfolg
sie zum endgültigen Siege über die des Auslandes führte.
~III.~
Der erste Erfolg und seine Verwerthung.
Das erste Unternehmen, das in diese Jahre fällt, ist sehr
charakteristisch. Es entspricht dem leitenden Grundsatz des
Vaters: »Ohne gutes Eisen kein guter Stahl!« und gleichzeitig der
Geschäftsregel des Sohnes: »Die Fabrik muß sich ihre Bedürfnisse
selbst herstellen.« Das wichtigste Bedürfniß ist unstreitig das
Rohmaterial. Seine schwierige Beschaffung war dem Vater oft ein großes
Hemmniß gewesen. Um ein dem in England (Sheffield) benutzten möglichst
gleichwerthiges Material zu besitzen, hatte er das Siegerländer
Renneisen, ein aus dem Erz in kleinen Schachtöfen reducirtes, also
recht kostspieliges Schmiedeeisen verwendet und durch Cementirung,
d. h. Erhitzen in Kohlenstaub, ihm den nothwendigen Kohlenstoffgehalt
zugeführt, auf diese Weise den Rohstahl aus dem Schmiedeeisen
hergestellt. Das nochmalige Schmelzen dieses Rohstahls in Thontiegeln
hat ja nur den Zweck, ein selbst von den kleinsten Schlackenresten
befreites, durch und durch gleichmäßiges Material zu gewinnen. Aus dem
Rohstahl sind erstere durch Hämmern und Walzen nie ganz zu entfernen --
und die kleinen Schlackenkörnchen sind, zumal für ganz kleine und dünne
Stahlgegenstände, wie Uhrfedern, Messer von stark beeinträchtigender
Wirkung --; der aus einem teigigen Zustande entstandene Rohstahl
besteht anderseits aus verfilzten und zusammengeschweißten Fasern
verschiedener Härte, es fehlt ihm die Homogenität, welche erst die
größte Leistungsfähigkeit garantirt. Die Art und Weise des Schmelzens
und Gießens mit dem Tiegel, sowie die schwierige und für den Prozeß
einflußreiche Herstellung dieser hatte Friedrich Krupp selbständig
gefunden, das Material des Rohstahles aber auf die angedeutete Weise
gewonnen.
Alfried Krupp führte ein neues, von dem bisherigen ganz abweichendes
Verfahren ein, indem er selbst in Puddelöfen nicht nur das
Schmiedeeisen aus Roheisen erzeugte, sondern in denselben Oefen durch
ein vorzeitiges Abbrechen des Entkohlungsprozesses auch den Rohstahl
fertigte. Um den letzten Schritt zu thun, nämlich auch das Roheisen in
eigenen Hohöfen zu erblasen, fehlten freilich noch die Geldmittel, er
ward einer späteren Zeit vorbehalten.
Sein zweites Augenmerk war auf die Herstellung schwererer,
umfangreicherer Gußstücke aus Tiegelstahl gerichtet. Die Erfindung des
Homogenstahls war aus dem angedeuteten Bedürfniß hervorgegangen, kleine
Gegenstände von außerordentlicher Haltbarkeit und Leistungsfähigkeit
zu erzeugen, wozu der gewöhnliche Stahl nicht tauglich war. Bei
der Fabrikation solcher verhältnißmäßig kleiner Stücke war die
Stahlindustrie in England stehen geblieben. Alfried Krupp erkannte aber
mit scharfem Blick, daß der Homogenstahl auch für größere Gegenstände
von Bedeutung sein müsse, welche einer besonderen Beanspruchung aus
Festigkeit und Härte zu entsprechen hätten. Und gerade die dreißiger
und vierziger Jahre eröffneten ihm eine Perspektive in weite Gebiete,
in welchen der Gußstahl zur vollsten Anerkennung seiner Vorzüge kommen
mußte, wenn es gelang, ihn in großen Stücken zu erzeugen. Es waren
ja die Jahrzehnte, in welchen die Dampfmaschine ihren siegreichen
Einzug hielt in alle europäischen und überseeischen Länder; seit 1835
liefen die ersten Lokomotiven auf europäischen Schienengeleisen, und
von Jahr zu Jahr vermehrten sich die Eisenbahnen, deren Linien bald
den ganzen Erdtheil mit einem eng gemaschten Netz überziehen sollten;
schneller noch hatten sich die Dampfschiffe auf den Weltmeeren und den
großen Strömen eingebürgert. Hier galt es überall einen Fortschritt
zu erzielen durch leistungsfähigere und haltbarere Eisentheile, als
sie bisher aus Schmiedeeisen hergestellt wurden. Hier war der Gußstahl
am Platze und, ihm diesen zu erobern, war Krupp unablässig bemüht.
Hier war das Gebiet, auf welchem die englische Industrie überflügelt
werden konnte, wo der deutschen alle Aussichten auf einen erfolgreichen
Wettbewerb sich öffneten.
Eine günstige Gelegenheit, um in den offenen Kampf einzutreten,
fand sich bereits 1851 in der ersten internationalen Industrie-
und Kunst-Ausstellung zu London. Das Hauptstück der Krupp'schen
Ausstellung war ein roher Gußstahlblock von ca. 2000 ~kg~ Gewicht.
Auf einem englischen Stück Gußstahl von nahezu 1000 Pfund, erzählt
ein Fachbericht, soll sich der Ausdruck »~Monsterpiece~« finden;
dem gegenüber stellte Krupp seinen Block von dem viereinhalbfachen
Gewicht und gewann damit sofort den ersten Platz unter sämmtlichen
Gußstahl-Fabriken der Welt; er hatte geleistet, was die gesammte
Eisenindustrie in Staunen versetzte, was man für eine Unmöglichkeit
gehalten hatte. Kein Wunder, daß die Eisenindustriellen von weit
herzukamen, um sich von der Wahrheit zu überzeugen, daß einige
englische Blätter einen Betrug witterten und die Schmiedbarkeit
des Gußblocks ernstlich in Frage stellten. Krupp begegnete solchem
Mißtrauen, indem er ein Stück herausschneiden, ins Schmiedefeuer
bringen und auf dem Ambos nach allen Seiten ausschmieden ließ. Wie hoch
diese eine Leistung in ihrer Bedeutung für die Eisenindustrie geschätzt
wurde, ergiebt sich daraus, daß Krupp als Einziger mit der Council
Medal ausgezeichnet wurde.
Charakteristisch sind seine weiteren Ausstellungsgegenstände. Neben
Walzen von einer Politur, wie nur ein glasharter Stahl sie zu erreichen
gestattet, standen da Trag- und Stoß-Federn und -- eine Eisenbahnachse
von zähestem Material. Daß seine Münzwalzen vertreten waren, ist
selbstverständlich; waren sie doch selbst in England schon vordem als
beste anerkannt und eingeführt. Außer einem Küraß aus Gußstahl war auch
ein Sechspfünder-Geschütz ausgestellt, das später noch Erwähnung finden
wird.
Den in London errungenen Sieg war Krupp bemüht sofort auf das
energischste auszunutzen, und auf dem gewonnenen Terrain weiter
Fortschritte zu machen. Er bekam durch zahlreichere Bestellungen
die Mittel, um seine Fabrik, namentlich durch Aufstellung eines
neuen 2000 ~kg~ schweren Hammers, zu vervollständigen und konnte im
Jahre 1852 die Leistung auf 1450000 Pfund Gußstahl (gegen 1120000
Pfund im Jahre 1851) steigern. Sein Hauptaugenmerk richtete er jetzt
auf die Herstellung von Achsen. Die Einführung des Gußstahls für
Eisenbahnwagenachsen hatte sofortiges Verständniß gefunden und ihm
eine starke Lieferung für die Ostbahn eingetragen. Hatten sie doch
schon seit 2 Jahren in der Borsigschen Maschinenfabrik zu Berlin
die schärfsten Erprobungen mit Erfolg überstanden; sie fanden bald
allgemein Eingang und die Produktion stieg namentlich in den sechziger
Jahren so gewaltig, daß 1865 bereits über 11000 Stück geliefert wurden.
Aber auch die Verwendbarkeit für Schiffsachsen war ohne Weiteres
einleuchtend, und bald liefen Bestellungen für die Rheindampfschiffe,
sowie für die des Oesterreichischen Lloyd in Essen ein. Man erkannte in
allen Betrieben, wo die Achsenbrüche an Fahrzeugen und Maschinen bisher
häufig genug störend geworden waren, die großen Vortheile, welche das
Kruppsche Material bot, und so reihten sich auch bald die Achsen an
Förder- und Wasserhaltungsmaschinen in diese Fabrikate ein.
Krupp's aufmerksam spähendes Auge fand aber bald noch einen anderen
wichtigen Bestandtheil des neuen Beförderungsmittels, der Eisenbahn,
welcher durchaus einer Verbesserung bedurfte, und seine unermüdliche
Erfindungsgabe schuf in genialer Weise Abhilfe. Es sind die Radreifen,
die Bandagen der Eisenbahnräder, welche bis dahin aus Schweißeisen oder
Stahl durch Zusammenschweißen hergestellt, an der Schweißstelle nur
zu leicht brüchig wurden und unzählige Unglücksfälle herbeiführten.
Das Problem bestand also darin, einen geschlossenen Reifen ohne
jede schwächere Stelle, ohne Naht oder Schweißung zu erzeugen. Und
dies gelang Krupp auf eine einfache Weise, welche er zuerst durch
Experimente mit einem Bleiring, nicht größer als ein Fingerring,
erprobte. Was mit dem Bleistück ausführbar war, mußte auch mit seinem
homogenen Tiegelstahlblock sich ermöglichen lassen. Einen Barren vom
Gewicht des zu fertigenden Radreifen versah er mit zwei Durchbohrungen,
schnitt den zwischen beiden befindlichen Metalltheil mit der Säge
durch und gewann hierdurch eine Oeffnung, groß genug, um einen Keil
einzustecken und den Barren auseinander zu treiben. Durch allmähliche
Verstärkung des eingetriebenen Dornes ward die Oeffnung immer mehr
erweitert und das allseitig ihn umgebende Metall zum Ring geformt,
wobei jede stellenweise Schwächung durch sorgfältige Behandlung
vermieden werden konnte. Am 21. März 1853 erhielt der Fabrikant auf
diese in ihrer Einfachheit geniale Erfindung ein auf 8 Jahre lautendes
Patent von der preußischen Regierung, dessen Ausbeutung ihm endlich die
Mittel gewährte, sich von allen aus schweren Zeiten noch restirenden
Verbindlichkeiten frei zu machen und die finanzielle Möglichkeit zu
gewinnen für andere besonders wichtige Versuche, welche ihm am meisten
am Herzen lagen und doch erst mittelst bedeutender Geldopfer in dem
wünschenswerthen größeren Maaßstabe ausgeführt werden konnten, es sind
die Versuche in der Geschützkonstruktion, welche später im Zusammenhang
zur Darstellung kommen werden. Die Erfindung der Radreifen, welche
sofort durch Patente in allen Kulturstaaten geschützt wurde, bildete
lange Zeit den ergiebigsten Zweig der Fabrik und brachte Gewinne ein,
wie sie für die damalige Zeit beinahe unerhört waren. Begann doch der
Eisenbahnbau in Europa und Amerika gerade in diesem Jahrzehnt sich
mächtig zu entwickeln -- die im Betriebe befindlichen Strecken betrugen
1860 105758 Kilometer gegen nur 38568 im Jahre 1850 -- und der Bedarf
an den allein haltbaren Krupp'schen Radreifen steigerte sich von Jahr
zu Jahr, da nicht nur die europäischen, sondern auch die amerikanischen
Eisenbahnen sie einführten. Die Jahresproduktion stieg in Folge dessen
bis zu einem Maximum von 65000 Stück.
Die reichlich ihm zufließenden Mittel gaben Krupp auch die Möglichkeit,
einen Gedanken zur Ausführung zu bringen, der ihm schon lange am Herzen
lag. Seine auf Förderung des geistigen und leiblichen Wohles seiner
Arbeiter gerichteten Bestrebungen hatten sich bisher nur von Fall zu
Fall bethätigen können. Aus den selbst überstandenen schweren Noth-
und Sorgen-Jahren hatte er aber einerseits die Ueberzeugung gewonnen,
daß nur durch feste Institutionen die Möglichkeit geschaffen werden
könnte, den Bedürfnissen der Arbeiter auch in ungünstigen Zeitläuften
gerecht zu werden, sie in Krankheit und Arbeitsunfähigkeit gegen Mangel
zu schützen; anderseits war es ihm zu einem tiefempfundenen Bedürfniß
geworden, seinen Untergebenen ein besseres Loos zu schaffen, als es
ihm selbst durch Jahrzehnte zu Theil geworden war. Aus allen seinen
an die Arbeiter gerichteten Veröffentlichungen leuchtet das tiefe
Verständniß hervor, welches er für ihre Lage, für ihre Bedürfnisse
in leiblicher und geistiger Beziehung hatte, und welches ihm aus der
eigenen schweren Jugend erwachsen war. Es ist sicher anzunehmen, daß er
die Vortheile nicht übersah, welche seiner Fabrik aus der Verbesserung
der Lage der Angestellten erwuchsen, da sie mit Herz und Verstand an
eine Gemeinsamkeit sich würden fesseln lassen, in welcher sie Schutz
gegen Noth und Hilfe in allen Unglücksfällen zu gewärtigen hatten.
Es entging ihm sicher nicht, daß allen Regungen von Unzufriedenheit
würde vorgebeugt, jeder Beeinflussung von außerhalb am besten würde
begegnet werden können, indem man den Arbeitern Vertrauen zur Fürsorge
der Leitung, Zufriedenheit mit ihrer Lage und Sicherheit der Zukunft
gegenüber verschaffte. Und so muß man die Weisheit bewundern, mit
der Krupp zukünftige Gefahren voraussah und ihnen mit allen Mitteln
vorzubeugen verstand, wie er ohne andere Anregung, als die seines
Herzens und seines Nachdenkens im Bereiche seiner Wirksamkeit die
soziale Frage zu lösen vermochte, bevor man anderswo daran dachte. Es
ist aber sicher, daß sein Herz, sein aus der eigenen Vergangenheit
erwachsenes Verständniß für die Noth des Arbeiters den ersten Impuls
dazu gab; und da seine nimmer ermüdende und nach weiteren Hilfsmitteln
sich umschauende Fürsorge dieser Quelle und nicht der einer klugen
Berechnung entsprang, hat er auch stets die richtigen Wege gefunden,
in Zeiten der Gefahr den rechten Ton anzuschlagen verstanden, der im
Herzen des Arbeiters Widerhall fand, und seine ernsten Bemühungen meist
reich gesegnet gesehen.
Seine erste Fürsorge galt selbstverständlich den durch Krankheit und
Todesfall herbeigeführten Nothständen, und sobald ihm nach der Londoner
Ausstellung die Verfügung über größere Einkünfte erlaubte, die Pflicht
eines stetigen Zuschusses für solchen Zweck zu übernehmen, gründete
er -- im Jahre 1853 -- eine »Hilfskasse in Fällen von Krankheit und
Tod«, in die jeder Meister und Arbeiter je nach seinen Einkünften eine
gewisse Summe zu zahlen hatte, während Krupp selbst sich zur Zahlung
der Hälfte des Gesammtjahresbeitrages seiner Arbeiter verpflichtete.
Diese am 5. September 1855 mit einem definitiven Statut versehene Kasse
sicherte ihren Mitgliedern im Krankheitsfalle ärztliche Hilfe und
Unterstützung mit Heilmitteln, sowie vom dritten Tage der Erkrankung
ab eine Geldunterstützung und im Todesfalle den Hinterbliebenen
einen Beitrag zu den Beerdigungskosten. Aber auch die Bildung eines
Pensions-Fonds für arbeitsunfähige Mitglieder wurde sofort ins Auge
gefaßt und die Ueberschüsse der Kasse hierfür bestimmt.
Dies war der Anfang der Wohlfahrtseinrichtungen, welche Krupp mit der
weiteren Entwickelung seiner Fabrik zu einem System ausbaute, wie es in
seiner Vielseitigkeit und Vollkommenheit einzig in der Welt dasteht. Es
sei dies schon hier im Zusammenhange vorgeführt, um ein übersichtliches
Gesammtbild dieses überaus wichtigen Zweiges seiner Thätigkeit zu
gewinnen.
Das schnelle Anwachsen der Fabrik, deren Arbeiterzahl 1858 das erste
Tausend, 1861 das zweite, 1863 das vierte, 1864 das sechste und 1872
das zehnte Tausend überschritt -- hatte eine Reihe von Uebelständen im
Gefolge, denen im Interesse der Arbeiter abgeholfen werden mußte. Mit
den Arbeitern kamen nicht nur ihre Familien, deren Köpfe mehr als das
Doppelte betrugen, sondern auch zahlreiche Krämer, Handwerker und dgl.
nach der Stadt Essen, so daß deren Einwohnerzahl in den oben genannten
Jahren die Ziffern von 17, 20, 25, 31 und 51 Tausend überschritt.
In gleicher Geschwindigkeit wuchsen natürlich nicht die Häuser aus
der Erde, und die Folge war ein immer drückenderer Wohnungsmangel,
Steigerung der Miethspreise und Vertheuerung der Lebensmittel.
Unzählige Handeltreibende überschwemmten die Arbeiterviertel, zumeist
kleine Winkelgeschäfte, die sich an den Wegen ansiedelten, welche
der Arbeiter zwischen seiner Wohnung und der Fabrik zu gehen hatte.
Schlechte Waaren wurden ihm zu hohen Preisen, aber gegen Kredit,
angeboten und er verfiel dem Schuldbuch und dem Wucher. Anderseits
schossen die kleinen Wirthshäuser wie Pilze aus der Erde und verlockten
den Arbeiter, seine unbehagliche, überfüllte Wohnung mit der Kneipe
zu vertauschen und seinen mancherlei Aerger und Verdruß dort mit Bier
und Schnaps hinabzuspülen. Es waren dieselben Verhältnisse, wie sie
in jeder Industriestadt mit deren schnellem Emporblühen beobachtet
werden konnten, wie sie die Arbeiter zur Vergeudung ihres Erwerbes,
zur Verschuldung und zum Verschleudern ihres ärmlichen Besitzes, zu
häuslichem Unfrieden und Unbehagen, zu allgemeiner Unzufriedenheit,
zu rohen Raufereien und zu redeseligen Kneipensitzungen veranlaßten,
wie sie den Boden vorbereiteten für die Wühlereien staatsfeindlicher
sozialdemokratischer Agitatoren.
Hier mußte Abhilfe geschaffen werden, hier mußte die soziale Frage,
zu welcher die Form der Produktionsweise, der Indienststellung großer
Arbeitermassen bei einem immer anwachsenden Fabrikbetrieb hindrängte,
soweit es möglich war, gelöst werden, ohne letzteren zu gefährden
und zum Zweck, ihn auf die Dauer überhaupt zu ermöglichen. Es war
so schlimm, daß im Stadtbezirk »zum heiligen Geist« auf 124 Häuser
2962 Einwohner, auf jedes kleine Arbeiterhaus also 24 Personen kamen.
Zwei Mittel nur konnten Abhilfe gewähren: Schaffung von Wohnungen zu
billigem Miethszins und Zuführung aller Bedürfnisse zu entsprechenden
Preisen und in guter Qualität, um die Arbeiter aus den Händen der
Spekulanten und Wucherer zu reißen.
Letzteres Mittel brachte Krupp, als das für die wirthschaftliche
Existenz nothwendigste und am schnellsten durchzuführende, zuerst
zur Anwendung. Er schuf Konsumanstalten und zwar allmählich in einem
solchen Umfange, daß der Arbeiter alle seine Bedürfnisse innerhalb der
Fabrik befriedigen konnte und daß diese auch daselbst soweit als irgend
möglich hergestellt wurden. Das entsprach dem Kruppschen Grundsatz der
Selbstfabrikation. So entstand 1856 eine »Menage«, zunächst für 200
Mann, es war ein erster Versuch. 1858 folgte eine »Bäckerei«, deren
Brot zum Selbstkostenpreis gegen beim Lohn zu verrechnende Marken
abgegeben wurde. Im Jahre 1868 ward eine Konsumanstalt für Kolonial-
und Spezereiwaaren. 1869 eine Dampfmühle, 1871 Kaffeebrennerei
und Lagerhaus sowie eine Verkaufsstelle für Schuhwaaren nebst
Schusterwerkstatt für Reparaturen errichtet. Im Jahre 1872 kam hierzu
eine Selterswasser-Fabrik, Schneiderei, Manufakturwaarenlager,
Bierhallen und ein Gasthaus, 1874 eine Zentral-Verkaufsstelle, wo
auch Möbel, Betten, Nähmaschinen etc. auf Lager gehalten wurden,
1875 endlich auch Schlachterei und Fleischverkauf. In allen diesen
Anstalten werden die Bedürfnisse dem Arbeiter zum Selbstkostenpreise,
aber nur gegen Baarzahlung verabfolgt. Sie wurden binnen Kurzem von den
Arbeitern gewürdigt, da ihnen die gebotenen Vortheile nicht entgingen;
die Benutzung stieg von Jahr zu Jahr und die Winkelgeschäfte in der
Nähe der Fabrik wurden verdrängt.
Aber auch der Wohnungsfrage trat der Fabrikherr näher. Nachdem er 1860
mit dem Ankauf und Neubau eigener Wohnhäuser begonnen hatte, legte er
im Jahre 1863 seine erste Arbeiterkolonie Westend mit 160 Wohnungen an.
Diese erweiterte er 1871 durch 10 Doppelhäuser zu 60 und 8 Doppelhäuser
zu 48 Wohnungen, baute eine neue Kolonie Nordhof mit 162 Wohnungen,
legte in dieser eine Kochanstalt mit großem Speisesaal im Erdgeschoß
und Schlafräumen in den oberen Geschossen für unverheirathete Arbeiter
an und gab der Kolonie eine Feuerwehr mit Spritzenhaus und eine
eigene Verkaufsstelle der Konsumanstalt. Gleichzeitig erbaute er
eine dritte Kolonie inmitten von Ländereien südlich der Stadt, wobei
er Gelegenheit hatte, die Häuser mehr in ländlichem Charakter mit
Stallungen und kleinen Gärten herzustellen. Diese Kolonie, Dreilinden,
umfaßt 18 massive Häuser mit 72 Wohnungen. Schon im folgenden Jahre
ward der Bau von zwei neuen Kolonien, Schederhof und Kronenberg, in
Angriff genommen, erstere mit 82 dreistöckigen massiven Häusern und
492 Wohnungen, letztere mit 1248 Wohnungen in 208 massiven Häusern.
Nach deren Vollendung verfügte die Fabrik über 3277 gute und gesunde
Familienwohnungen, in denen mehr als 15000 Menschen Platz finden
konnten.
Die Wohnungen sind, den verschiedenen Verhältnissen der Arbeiter und
Beamten entsprechend, mit 2 bis 6 Räumen versehen und werden an die
Bediensteten zu einem verhältnißmäßig geringen Miethzins vergeben;
eine 2räumige Wohnung mit Keller zu 90-108, eine 3räumige zu 120 bis
162, eine 4räumige zu 180-200 Mark. Die Miethe wird den Arbeitern
am 14tägigen Lohne gekürzt. Dagegen ist der Ankauf eines Hauses in
den Kolonien diesen nicht gestattet. In den Bergwerksdistrikten hat
Krupp seinen Arbeitern die Erwerbung eines Hauses mit Garten- oder
Ackerland vielfach erleichtert, dieses erschien aber unmöglich in
der dichtbevölkerten nächsten Umgebung von Essen, wo die Wohnungen
zur Verfügung der Fabrik erhalten werden müssen, während ein Verkauf
wahrscheinlich die Arbeiter verdrängt und fremde Elemente in die
Kolonien gebracht haben würde.
Das nächste Erforderniß war ein Krankenhaus. Zu einem solchen gab der
Feldzug 1870/71 den Anstoß, da Krupps Patriotismus ihn veranlaßte, auf
eigene Kosten ein Lazareth von 100 Betten zu errichten, in dem während
des Krieges 356 verwundete und erkrankte Soldaten behandelt wurden.
Diese aus 3 Pavillons, einem Verwaltungs- und Oekonomiegebäude und
einigen kleineren Gebäuden bestehende Anstalt ward am 1. Mai 1872 der
Leitung des Anstaltsarztes als Krankenhaus der Fabrik übergeben. Um
einer Epidemie, wie sie nach dem Krieg von 1866 in Gestalt der Cholera
die Stadt Essen heimgesucht hatte, begegnen zu können, ward im Sommer
1871 der Bau eines Epidemienhauses auf einem noch wenig angebauten
Gelände nordwestlich der Stadt in Angriff genommen und 6 Baracken
mit je 4 Krankensälen, Wärter-, Wasch- und Badestube errichtet. Es
sollte diese Anstalt erst im Jahre 1882 zur Verwendung kommen, als
gelegentlich einer Pocken-Epidemie der städtischen Verwaltung zwei
Baracken eingeräumt wurden. Ein zweites Epidemie-Lazareth wurde 1884
südlich der Stadt bei Altendorf erbaut.
Hygienischen Zwecken dient ferner eine 1874 errichtete Badeanstalt, ein
gleichzeitig aufgestellter Desinfektionsapparat, sowie die Einsetzung
einer Sanitäts-Kommission, welcher unter anderem auch die Führung einer
Krankheits- und Sterblichkeitsstatistik obliegt. Hiermit ist eine
Organisation des ganzen Betriebes in hygienischer Beziehung verknüpft,
welche für Ueberwachung und Pflege des allgemeinen Gesundheitszustandes
die erforderliche Garantie bietet. Es tritt hierin ebenso wie in der
Administration der großartigen Konsum-Anstalten das organisatorische
Talent Alfried Krupps zu Tage, welches an keinem Punkte nur das
Erforderliche zu schaffen, sondern auch gleichzeitig dem ganzen,
allmählich ins Ungeheure anwachsenden Organismus so einzupassen wußte,
daß unter seinem Alles überwachenden Auge doch jeder einzelne Betrieb
sich selbständig und ohne einen anderen störend zu beeinflussen, regeln
und gesund entwickeln konnte.
Es bleiben noch die Maßnahmen kurz zu erwähnen, die Krupp im Interesse
der wissenschaftlichen Ausbildung und Fortbildung für seine Arbeiter
für nothwendig erachtete. Als sich die neugebauten Kolonien zu
bevölkern begannen, zeigte sich die Nothwendigkeit, für den Unterricht
der Jugend zu sorgen, und Krupp gab ihnen eine Volksschule. Sie ist
simultanen Charakters und besteht aus je 8 Knaben- und Mädchen-Klassen
unter einem Rektor und 19 Lehrern bezw. Lehrerinnen, deren eine Hälfte
evangelischer, die andere katholischer Konfession ist. Der Unterricht
wird unentgeltlich ertheilt und alle Kosten werden von der Firma
getragen. Im Jahre 1876 ward das erste Schulhaus mit 8 Lehrsälen und 4
Zimmern erbaut, im Jahre 1882 zwei weitere Gebäude mit 4 Lehrsälen und
4 Klassenzimmern neben verschiedenen anderen Räumen hinzugefügt. Außer
dieser in eigenen Gebrauch genommenen Anstalt wurden aber der Gemeinde
Altendorf Schulgebäude mit 20 Schulzimmern für deren Volksschulen
beider Konfessionen unentgeltlich zur Verfügung gestellt, im Interesse
der in der Gemeinde wohnenden zahlreichen Angestellten der Fabrik, und
bei den verschiedenen allmählich von der Firma erworbenen Hütten und
Gruben wurde dem Bedürfniß durch Ueberlassung geeigneter Räume, durch
Erbauung von Schulhäusern oder durch jährliche Beiträge abgeholfen.
Die Fortbildungsschulen, wie sie in Essen 1860 und in Altendorf 1874
eingerichtet wurden, unterstützte Krupp durch Zuschüsse und legte
seinen Lehrlingen die Verpflichtung des Besuches auf. Daß er solche
in der Fabrik annahm, und seinen Meistern und Betriebsführern dadurch
einen großen Zuwachs an Arbeit verursachte, hat sich nicht weniger für
die Gußstahlfabrik durch die Heranziehung tüchtiger Handwerker und
Arbeiter in Spezialitäten, als auch in hohem Maaße für die Lehrlinge
selbst als nützlich und segensreich erwiesen, denn sie erhalten eine
gründliche Fachausbildung, und werden an exakte Arbeit und eine
regelmäßige Lebensführung gewöhnt.
Wie für die Ausbildung der heranwachsenden Knaben zu tüchtigen
Arbeitern, sorgte der Fabrikherr aber auch für eine sachgemäße
Erziehung der Mädchen durch Industrieschulen, welche 1875 in den drei
Kolonien für schulpflichtige Kinder mit Unterricht im Stricken, Häkeln
und Nähen eingerichtet wurden. Für Frauen und Mädchen über 14 Jahre
ward gleichzeitig eine Industrieschule gegründet, welche für Zwecke des
Hauswesens und zur Förderung der Erwerbsfähigkeit in allen weiblichen
Handarbeiten gegen ein sehr mäßiges Schulgeld (z. B. Kleidermachen,
Dreimonatskursus von täglich 3 Stunden für 10 Mark) eine gründliche
Ausbildung verschafft.
Schließlich bleibt noch die Gründung eines Lebensversicherungsvereins
zu erwähnen, durch welche Alfried Krupp die Wohlfahrtseinrichtungen für
seine Beamten und Arbeiter im Jahre 1877 wesentlich ergänzte. Er schloß
mit acht Lebensversicherungsgesellschaften Verträge ab, um dadurch
besondere Vortheile für seine Angestellten zu erlangen, nahm alle
schon bisher mit verschiedenen Gesellschaften geschlossenen Verträge
in den neuen Vertrag auf und stiftete dem neuen Verein persönlich ein
Grundkapital von 50000 Mark, das er gelegentlich der goldenen Hochzeit
des Kaisers Wilhelm ~I.~ 1879 durch ein weiteres Geschenk von 6000 Mark
vermehrte.
In Folge des Krankenversicherungsgesetzes vom 15. Juni 1883, welches
die Vereinigung von Pensionseinrichtungen mit den Krankenkassen nicht
zuläßt, mußte die »Kranken- und Sterbekasse« umgestaltet werden. Es
entstand eine Kranken- und eine Pensionskasse mit getrennter Verwaltung
am 1. Januar 1885. Krupp begnügte sich aber nicht damit, den nunmehr
gesetzlich vorgeschriebenen Forderungen zu genügen; so wie er mit
seiner Krankenkasse bereits vor 30 Jahren der gesetzlichen Einführung
zuvorgekommen war, übernahm er nun Leistungen für diese, welche über
die gesetzlich vorgeschriebenen weit hinaus gehen. So beträgt die
Verpflegungsfrist bei Personen, welche über 5 Jahre auf dem Werke
in Arbeit sind, 26 Wochen, und neben dem eigenen Krankengeld wird
für jedes Kind unter 15 Jahren ohne Verdienst ein Zusatz-Krankengeld
von 5 % des Verdienstes gewährt. Auch wurde allmählich das Ziel zu
erreichen gestrebt, nicht nur den Mitgliedern sondern auch ihren
Familienangehörigen nach Möglichkeit kostenfreie ärztliche Behandlung
zu verschaffen und zu all diesen Zwecken außer den jährlichen nach
den Mitgliederbeiträgen geregelten Zahlungen Seitens der Firma noch
bedeutende Mittel durch Schenkung überwiesen.
Ueberblicken wir dieses ganze wohldurchdachte und weitverzweigte System
von Wohlfahrtseinrichtungen, so müssen wir dem Worte des Ministers von
Puttkamer beistimmen, welcher bei einem Besuche der Essener Fabrik sie
als einen klassischen Boden in sozialistischer Hinsicht bezeichnete.
Hier bedurfte es nicht der staatlichen Regelung des Verhältnisses
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur Wahrung der Interessen und
der Wohlfahrt der letzteren; hier waren die Zwecke des Krankenkassen-,
Unfallversicherungs- und Altersversicherungsgesetzes längst erreicht,
bevor der gesammten Arbeiterwelt durch kaiserliche Botschaft diese
Segnungen sozialpolitischer Maßnahmen verkündigt wurde. Aus dem
warmen mitfühlenden Herzen Alfried Krupps heraus waren längst diese
Institutionen entstanden und durch ihre für Arbeiter und Fabrik gleich
segensreichen Wirkungen der Beweis für ihre Durchführbarkeit erbracht,
den Sozialpolitikern die Wege gewiesen, auf denen sie eine Lösung der
sozialen Frage anzustreben im Stande seien. Alfried Krupp ist der
Bahnbrecher und Führer auf diesem für unsere Zeit so außerordentlich
wichtigen Gebiet und er konnte es sein, weil er selbst die ganze Noth
des Arbeiters durchgemacht hatte und weil seine hohe Begabung und seine
unermüdliche Thatkraft ihm die Mittel in reichem Maße verschafften,
um seine humanen und weisen Ideen zum Segen seiner Arbeiter ins Leben
zu rufen. Aus eigener Kraft, aus eigener Erfahrung, aus eigenem
Bedürfniß und mit selbst erkämpften Mitteln hat er dieses große Werk
vollbracht, welches allein genügt, um ihm eine der ersten Stellen unter
Deutschlands größten Männern zu sichern.
»Meine Fabrik soll, wie jedes gewerbliche Etablissement, zunächst das
äußere Wohlergehen aller ihrer Angehörigen sichern. Bei so gesichertem
Erwerb und Frieden in seinem Hause kann Jedermann seines Daseins froh
werden.«
Wie himmelweit verschieden lautet dieser sein ausgesprochener und durch
sein ganzes Leben bethätigter Grundsatz gegenüber den lediglich auf
Geldgewinn gerichteten Spekulationen so vieler Industriellen, welche
im Streben, die Konkurrenten durch Preisermäßigungen zu überflügeln,
die Produktionskosten herabzudrücken suchen und erst durch Gesetze
des Staates dazu gezwungen werden müssen, ihre darbenden Arbeiter
wenigstens bei Krankheit und Arbeitsunfähigkeit nicht hilflos im
Stich zu lassen. Wie anders würde es in den Industriebezirken unseres
Vaterlandes aussehen, wenn Alle dem leuchtenden Beispiele Alfried
Krupps folgen und, frei von persönlicher Habgier, vor allem ein Herz
für das äußere Wohlergehen ihrer dienenden Mitmenschen beweisen wollten!
Auch Alfried Krupp sollten freilich die Erfahrungen nicht erspart
werden, daß das giftige Unkraut des Unfriedens durch staatsfeindliche
Elemente unter seinen Arbeitern ausgesäet wurde, aber wir werden sehen,
wie machtlos an dem auf dem Fundament echter Humanität errichteten
Gebäude der Ansturm abprallte.
~IV.~
Ein königlicher Bundesgenosse.
Alfried Krupp hatte auch nach dem Ausscheiden seines Bruders Friedrich
das kleine Häuschen seiner Eltern bewohnt. Noch lebte ja seine Mutter,
die ihm bisher mit ihrem Fleiß und ihrer Thatkraft treu zur Seite
gestanden hatte und mit Befriedigung die Vorbereitungen mit ansah,
welche zum ersten großen Erfolge führten. Diesen selbst, den Triumph
der Londoner Ausstellung von 1851, sollte sie nicht mehr erleben;
sie starb am 3. August 1850. Einsam und allein blieb Alfried in dem
kleinen Häuschen zurück. Und das Gefühl des Verlassenseins in den
bisher von der Hand seiner treuesten Gefährtin und Mitarbeiterin
verwalteten Räumen mag den Anstoß gegeben haben, daß er, der bereits
über Hunderte von Arbeitern gebot, endlich sich entschloß, die kleine,
dürftige Wohnung aufzugeben und ein einfaches zweistöckiges Gebäude,
das er dicht daneben erbaute, im Jahre 1852 zu beziehen. In dieses Haus
führte er am 19. Mai des folgenden Jahres seine junge Gattin, Bertha,
die Tochter des Steuerraths Eichhoff zu Köln; hier erblühte ihm an
der Seite einer anmuthigen und intelligenten Frau ein neues, bisher
unbekanntes Glück; hier ward ihm am 17. Februar 1854 sein Sohn -- und
es sollte der einzige bleiben -- Friedrich Alfred geboren. Wie wohl er
sich in dem Familienleben fühlte, erhellt aus der Wandlung, welche sein
geselliger Verkehr von dem Tage seiner Vermählung an erlitt. Bisher
in den besseren Kreisen seiner Vaterstadt ein durch seinen Humor und
seine treffenden Aeußerungen beliebter und häufiger Gast, entsagte er
plötzlich dieser ihm lieb gewordenen Gewohnheit. Er hatte keine Zeit
mehr dazu. Die geschäftlichen Arbeiten, die durch neue Aufgaben immer
wieder angeregten Studien und erforderlichen Versuche nahmen mehr
und mehr seine Zeit so in Anspruch, daß er sich mit der Geselligkeit
begnügen mußte, welche Verwandte und eine stetig zunehmende Schaar von
Gästen ihm bot, wenn er seinem Bedürfniß folgen und auch der Gattin und
dem Sohne sich widmen wollte.
Es ist ja natürlich, daß mit der Steigerung seiner Erfolge auch die
Zahl der Besucher der Fabrik sich mehrte. Da waren die Männer vom
Fach, deutsche und ausländische Techniker und Ingenieure, neben ihnen
Künstler, Gelehrte und hohe Staatsbeamte; als seine bahnbrechenden
Erfolge in der Geschützkonstruktion hinzukamen, begannen die
Besuche der Offiziere aus aller Herren Länder, welche das bestellte
Armeematerial zu prüfen und abzunehmen, oder den Schießversuchen auf
Krupp's Schießplätzen beizuwohnen hatten. Bald aber waren es auch
die Chefs der obersten Kriegs- und Marineverwaltungen, Feldherrn
und Generale, endlich die Oberhäupter der Staaten selbst, Könige
und Kaiser, welche die gastliche Schwelle überschritten und selbst
ihre hohen Gemahlinnen an dem interessanten Besuch der berühmten
Gußstahlfabrik Theil nehmen ließen. Es ist hoch bedeutsam, daß es der
Prinz von Preußen war, der spätere Kaiser Wilhelm ~I.~, welcher als
erster die Reihe der fürstlichen Gäste eröffnete, indem er am 15. Juni
1853, kurz nach Krupps Vermählung, gelegentlich einer militärischen
Inspicirungsreise die Gußstahlfabrik besuchte. Es ist ein Zeichen,
wie aufmerksam der große Monarch von jeher Alles beobachtete, was
für das Vaterland eine Bedeutung zu gewinnen versprach; und es ist
von eminentem Werth für die spätere Entwickelung der deutschen
Wehrkraft, daß deren Reorganisator persönliches Interesse faßte für
die Fabrik, welche ihm die leistungsfähigsten Kampfmittel zu erzeugen
berufen war. Das Interesse und die Anerkennung, welche er schon 1853
Krupps Unternehmen entgegenbrachte, gab die Basis für die später ihn
durchdringende Ueberzeugung von dem Werth der Krupp'schen Geschütze,
welche ihn veranlaßte, seinen persönlichen Entschluß zu Gunsten
ihrer Einführung in die preußische Armee zur Geltung zu bringen. Im
Jahre 1861 wiederholte der König von Preußen den Besuch, nachdem
General Totleben (1857), der Erzherzog Johann von Oesterreich und
der Kriegsminister v. Waldersee (58) in Essen gewesen waren; und von
da an erschien es, als wenn das Haus des »Kanonenkönigs« Krupp mit
aufgenommen sei in die Zahl der Fürstenhöfe, welche jeder Herrscher auf
seinen Reisen aufzusuchen für eine Pflicht hielt.
Im Kreise seiner Gäste erschien Alfried Krupp jederzeit als der
»heitere ~sociable~ Lebemann«. Seine Erscheinung machte von vornherein
auf jeden Besucher einen gewaltigen Eindruck. Zu stattlicher Höhe
wuchs seine schlanke, edel gebaute Figur empor, ein Körper aus Sehnen
und Muskeln, wie ihn die harte Arbeit zur Reife gebracht hatte und
wie allein er der übermenschlichen Beanspruchung in jugendlichem
Alter gewachsen war; frei und aufgerichtet trug er das mit einem
Vollbart umrahmte und mit lockigem Haar bedeckte Haupt, aus dessen
feingeschnittenen und doch markigen Zügen die Augen klar und
durchdringend heraus blickten. Mit gewinnender Liebenswürdigkeit kam
er Jedermann entgegen und übte seine Gastfreiheit gegen hoch und
niedrig Geborene mit derselben offenen Freude an Geselligkeit; mit
großer Sprachgewandtheit führte er in deutscher wie in fremder Zunge
(auch italienisch lernte er noch) die Unterhaltung, ohne jemals die
Bescheidenheit entbehren zu lassen, als ein Kennzeichen seines tiefen
gründlichen Wissens. So machte er auf Jedermann einen imponirenden und
doch geradezu hinreißenden Eindruck.
Wie bereits erwähnt wurde, hatte sich Krupp bereits seit geraumer Zeit
die Ueberzeugung aufgedrängt, daß der Gußstahl nicht nur im Gebiete der
Ziviltechnik, sondern ganz besonders in dem des Waffenwesens berufen
sei, eine ganz bedeutende Rolle zu spielen. Eine gleiche Haltbarkeit
und Widerstandsfähigkeit gegenüber der Beanspruchung durch die im
Lauf der Schußwaffe explodirende Ladung kann kein anderes Material
aufweisen. Der Gußstahl bot deshalb das Mittel, um durch Steigerung der
Ladung der Schußwaffe eine bedeutend höhere Wirkung zu verschaffen,
und seine Anwendung mußte eine weitere Entwickelung des Waffenwesens
ermöglichen, mußte dem mit den leistungsfähigeren Kriegswaffen
ausgerüsteten Heere eine große Ueberlegenheit über seine Gegner
verschaffen. Der Patriotismus trieb ihn an, sein vorzügliches Material
der Armee seines Vaterlandes dienstbar zu machen.
Seit den zwanziger Jahren beschäftigte man sich aller Orten mit der
Aufgabe, die Leistungen der Handfeuerwaffen zu steigern, indem man
dem Geschoß einen dichteren Anschluß an die Seelenwand des Rohres
gab, wodurch der Stoß der Pulvergase besser ausgenutzt, dem Geschoß
eine größere Geschwindigkeit und stetigere Flugbahn gegeben werden
sollte, um mit größerer Tragweite der Waffe gleichzeitig eine bessere
Trefffähigkeit zu erreichen. Man erkannte in der Anbringung von
gekrümmten Führungsrinnen in den bisher glatten Seelenwänden das hierzu
geeignete Mittel und suchte nach Einrichtungen, um das Geschoß bei der
Entzündung der Ladung in diese Rinnen einzupressen und diesen folgend
durch den Lauf zur Mündung zu treiben. Es entstanden die gezogenen
Gewehre, zuerst Vorderlader, dann überall -- zuerst in Preußen basirt
auf Dreyse's Erfindung -- Hinterlader. Das Zündnadelgewehr kam
1847 zur Einführung, während in anderen Ländern die von Minié 1849
erfundene Geschoßkonstruktion die gezogenen Vorderlader wesentlich
vervollkommnete. Es ist leicht verständlich, daß die Wandung des
Gewehrlaufes in wesentlich höherem Grade auf Festigkeit und Haltbarkeit
beansprucht wird, wenn das Geschoß durch die Pulvergase gewaltsam in
die Züge eingepreßt wird, als wenn es mit Spielraum durch den Lauf
gleitet; deshalb glaubte Krupp auf die Verwendung des Tiegelgußstahls
aufmerksam machen zu müssen. Er schmiedete eigenhändig 2 Gewehrläufe
aus seinem vorzüglichen Material hohl aus und übersandte sie dem
preußischen Kriegsministerium im Jahre 1843. Die preußische Regierung
stand aber seit geraumer Zeit mit Dreyse in Beziehung und hatte
ihm erst vor zwei Jahren die Mittel zur Errichtung einer größeren
Gewehr- und Gewehrmunitions-Fabrik gewährt. Man war sich bewußt,
mit der Annahme des Dreyseschen Zündnadelgewehrs allen anderen
Staaten erheblich voraus zu sein, und bei dem Kriegsministerium ward
deshalb Krupps Sendung nicht eines Blickes gewürdigt. Man schickte
sie uneröffnet mit dem Bemerken zurück »die preußische Waffe sei so
vollkommen, daß sie keiner Verbesserung mehr bedürfe«. Hatte man mit
dieser Antwort auch bezüglich der Konstruktion Recht, da die Dreysesche
Erfindung das Vollkommenste damaliger Zeit allerdings war, so ließ
man doch ganz außer Augen, daß es sich nicht hierum, sondern um das
Material handelte, daß man die Zündnadelgewehre durch Verwendung des
Gußstahls dennoch ganz wesentlich hätte verbessern können.
Charakteristisch ist es für das Zartgefühl und den Patriotismus Alfried
Krupps, daß er dies Schreiben später vernichtete, um zu verhindern,
daß ein die Kurzsichtigkeit damaliger maßgebender Kreise in Preußen
so blosstellendes Aktenstück einmal an die Oeffentlichkeit käme.
Anderseits mußte ihm aber Alles daran liegen, seine Gewehrläufe einer
gründlichen Prüfung unterzogen zu sehen, um auf deren Ergebnissen
weiter arbeiten zu können. Er schickte sie deshalb nach Paris an
Marschall Soult, den damaligen Kriegsminister Louis Philipp's. Hier
wurden nun thatsächlich Versuche angestellt, welche ein vorzügliches
Resultat ergaben. Und erst durch das Bekanntwerden der günstigen
Meinung, welche Krupp's Fabrikat in Frankreich sich gewonnen hatte,
sah man sich nun auch in Berlin veranlaßt, die Gußstahlläufe beim
Zündnadelgewehr zu erproben. Bis auf einige kleine Bestellungen blieb
aber diese Meinungsänderung für den Fabrikanten ganz erfolglos, da
sein Erzeugniß nicht durch Patent geschützt war und sofort durch die
Konkurrenten übernommen und ausgebeutet wurde.
Handelte es sich bei den Gewehrläufen um verhältnißmäßig nur kleine
Stücke, welche herzustellen auch anderen Fabrikanten möglich war, so
mußte sich dies völlig zu seinen Gunsten verändern, wenn der Gußstahl
auch für Geschützrohre zur Anwendung kam. Hier war er der Einzige, der
die Blöcke in der erforderlichen Größe zu erzeugen im Stande war. Und
auf die Geschützfabrikation wandte er nun sein Auge.
Man fertigte zu jener Zeit die, durchweg noch glatten,
Vorderladergeschütze aus Bronze. Krupp dachte zunächst noch nicht
daran, an der Konstruktion, wie sie gebräuchlich war, etwas zu
ändern, sondern hielt nur sein Material für vortheilhafter, weil
die Rohrwandung bei dessen Anwendung viel dünner, das Rohr also
viel leichter und das Geschütz beweglicher gestaltet werden konnte.
Zunächst hielt er nicht einmal für nöthig, das Rohr ganz aus Gußstahl
herzustellen, denn der Hauptmangel des Bronzerohres bestand in der
schnellen Abnutzung der Seelenwandung. Er fertigte also nur das
Kernrohr aus Gußstahl und umgab dieses mit Gußeisen. Solch ein
Mantelrohr besaß der Dreipfünder, welchen er 1847 nach Berlin schickte,
wo er -- wiederum bezeichnend -- ziemlich unbeachtet liegen blieb,
bis 1849 die von der Artillerie-Prüfungskommission angestellten
Versuche die Vortrefflichkeit des Materials zur Anerkennung brachten,
ohne aber irgendwelche praktischen Ergebnisse zu veranlassen. Solch
ein Mantelrohr besaß der Sechspfünder, welcher 1851 auf der Londoner
Ausstellung allgemeine Aufmerksamkeit erregte und später, als Geschenk
an den König von Preußen, im Zeughause zu Berlin Ausstellung fand.
Solch ein Mantelrohr besaß auch der Zwölfpfünder, welcher 1854 nach
den vorgeschriebenen Angaben des Kommandeurs der braunschweigischen
Artillerie, Oberstlieutenants Georg Orges, hergestellt und eingehenden
Schießversuchen unterworfen wurde. Der genannte, in militärischen
Kreisen hochangesehene Offizier, war der erste, welcher die hohe
Bedeutung des Krupp'schen Gußstahls für die Artilleriewaffe sowohl
als für die deutsche Industrie nicht nur erkannte, sondern in seinem
Gutachten deutlich aussprach. Er stellte die Behauptung auf, daß die
Gußstahlrohre mehr leisten würden, als die besten Bronzerohre, daß ihre
Einführung der deutschen Feld- und Festungsartillerie den größten
Vortheil gewähren, daß ihre Fabrikation der deutschen Eisenindustrie
Millionen zuwenden und Deutschland in Beziehung eines wichtigen
Kriegsbedürfnisses unabhängig vom Auslande machen werde. Er hob aber
auch hervor, daß eine früher oder später doch nothwendig werdende
Neubeschaffung der Rohre in der deutschen Feldartillerie aus Stahl,
wobei zwei Drittel der Kosten durch den Werth der Bronzerohre gedeckt
würden, Gelegenheit gäbe, in die deutschen Feldartillerien Einheit zu
bringen und dadurch ihr Zusammenwirken, die Leichtigkeit des Erfolges
etc. unglaublich zu fördern.
Bevor dieses -- in der Zukunft so voll bewahrheitete -- günstige
Urtheil in maßgebenden Kreisen, namentlich Preußens, so weit
sich Boden errungen hatte, um die ausgesprochenen Wünsche durch
die Einführung der Gußstahl-Geschütze erfüllt zu sehen, brauchte
es allerdings noch geraume Zeit und hatte viele Widerstände zu
besiegen; aber an Anerkennungen mangelte es Krupp bereits in diesen
Jahren nicht. Die Ausstellung in München 1854 brachte ihm nicht
nur die goldene Denkmünze, sondern als »Merkmal Allerhöchster
Anerkennung der ausgezeichneten Leistungen der Fabrik« vom König von
Württemberg die größere goldene Medaille für Kunst und Industrie.
Gleichzeitig erhielt er in Anerkennung der Vorzüglichkeit von dorthin
gelieferten Probegeschützen vom König von Bayern das Ritterkreuz
des Verdienstordens vom heil. Michael, vom Kaiser Franz Joseph von
Oesterreich eine kostbare mit Brillanten besetzte Dose, vom König von
Preußen den rothen Adlerorden ~IV.~ Klasse.
In Berlin scheiterten alle Anstrengungen der für die Gußstahlgeschütze
gewonnenen Freunde immer noch an dem zähen Widerstand der Vertheidiger
der Bronzerohre, besonders des General-Inspekteurs der Artillerie,
des Generallieutenant v. Hahn, der trotz des günstigen Ausfalles der
wiederholt mit Krupp'schen Geschützen angestellten Versuche, sich
nicht entschließen konnte, die Ueberlegenheit des Gußstahls über die
Bronze durch Empfehlung der Einstellung Krupp'scher Kanonen in die
Truppe anzuerkennen. Nicht unberechtigt schrieb deshalb Oberst Weber,
Direktor der Geschützgießerei in Augsburg, auf Grund der 1854 in
Bayern veranstalteten Versuche, in Dingler's polytechnischem Journal:
»Zum Glück braucht die Eisentechnik nicht mehr die Schießversuche, um
festzustellen, welches Geschützmaterial das bessere sei, und wenn das
engere Vaterland verkennt, was die eigene Technik leistet, so erkennt
es das weitere Vaterland.« Das war deutlich. Es erschien aber Krupp, so
richtig es gegenüber den preußischen Behörden sein mochte, unbillig in
Bezug auf die hohen Persönlichkeiten, welche seinen Bestrebungen stets
ihr Wohlwollen entgegengebracht hatten. Er nahm deshalb Veranlassung in
einer berichtigenden Zuschrift an die Allgemeine Augsburger Zeitung in
taktvoller Weise die Gnadenbeweise des Königs Friedrich Wilhelm ~IV.~
(die erwähnte Dekoration und eine Schenkung für das Essener
Krankenhaus, welche auf Veranlassung des Prinzen von Preußen erfolgt
sein dürfte) als eine überreiche Anerkennung zu erwähnen.
Wenngleich die Mantelrohre schon die Bronzerohre so wesentlich an
Widerstandskraft überragten, daß z. B. die Wandstärke des Dreipfünders
nur 32,7 gegenüber 62,8 ~mm~ (beim Bronzerohr) zu betragen brauchte,
ging doch Krupp etwa im Jahre 1854 zum Massivrohr über, indem er das
ganze Rohr einschließlich der zur Lagerung in der Laffete nöthigen
Schildzapfen aus Gußstahl herstellte. Ein solches Rohr, 12pfündige
Granatkanone, gleich in inneren Abmessungen und Einrichtung der
damals neu eingeführten französischen bronzenen Granatkanone, sandte
er zur zweiten internationalen Industrie-Ausstellung, welche Kaiser
Napoleon ~II.~ 1855 in Paris in Scene setzte. Es mag nebenbei erwähnt
werden, daß auch hier wieder ein Gußstahlblock, aber dieses Mal 5000
Kgr. schwer, also von mehr als doppeltem Gewicht des Londoner von 1851,
die allgemeine Bewunderung hervorrief. Bereits bei seiner Ankunft auf
dem Ausstellungsplatze ward er von den Arbeitern mit heiligem Respekt
behandelt und nicht anders als ~»la sacre tête carrée d'Allemand«~
genannt.
Die Herstellung der Massivrohre war der nächste Vorläufer der
allgemeinen Einführung der Gußstahlgeschütze in den europäischen
Armeen. Die gesammte Artillerie war in ein Stadium der Umwälzung
eingetreten, welches in der Folge Jahrzehnte hindurch von
Vervollkommnung zu Vervollkommnung immer größere Fortschritte zeitigte
und in dem Gußstahl das unbedingt erforderliche Material von hoher
Leistungsfähigkeit fand, um die stets weiter sich entwickelnden Ideen
ins Leben treten zu lassen. Anfangs beschränkte sich, wie wir sehen
werden, Krupp lediglich auf die Lieferung des Materials, auf die
Anpassung an die Form, die in jedem Staate für brauchbar erachtet
worden war; nicht lange aber begnügte er sich mit dieser sozusagen
subalternen Stellung. Sein Schaffenstrieb ließ ihn selbst nach neuen
und seinem Material am besten entsprechenden Konstruktionen suchen,
und bald stand er als genialer Meister führend an der Spitze der
Geschützingenieure.
Die Feldartillerie war durch die Einführung der gezogenen
Handfeuerwaffen, welche in allen Armeen seit den vierziger Jahren immer
mehr vervollkommnet wurden, in ihrem Werthe für die Schlacht ganz
wesentlich beeinträchtigt worden. Die glatten Kanonen hatten nur kleine
Schußweiten, ihre werthvollen waren gerade diejenigen, welche jetzt die
Infanterie mit den neuen Gewehren auch beinahe erreichen konnte. Sie
vermochten also nur noch auf die größeren Entfernungen -- über 600 ~m~
-- zu schießen, denn wenn die feindlichen Schützen ihnen näher standen,
wurden sie zum Abfahren gezwungen, wie sich bereits in den Kriegen
1848 bis 1850 mehrfach gezeigt hatte. Der für so werthvoll erachtete
Kartätschschuß kam kaum mehr zur Verwendung. Wollte die Feldartillerie
nicht zu einer unnützen Last der Armee herabsinken, so mußte sie ihre
Leistungen betreffs Schußweite, Treffsicherheit und Geschoßwirkung
mächtig steigern. Dahin gingen nun alle Anstrengungen und zwar lag es
nahe, gerade wie bei dem Gewehr, auch beim Geschütz durch eine Führung
des an die Rohrwände gepreßten Geschosses die größere Leistung zu
erreichen, also gezogene Geschütze zu konstruiren. Gerade wie bei dem
Gewehr begann der Kampf zwischen Vorder- und Hinterlade-Systemen, und
gerade wie bei jenem war es die bei Weitem stärkere Beanspruchung des
Materials, die die Verwendung des Gußstahls in den Vordergrund drängte.
Den Vorderladern gehörte auch die französische, von Napoleon selbst
konstruirte und trotz aller Widersprüche und Bedenken eingeführte
Granatkanone an, die, wie viele damalige neue Geschütze, in der
Ausbildung einer guten Schrapnellwirkung die Rettung suchte. Das
Bronzerohr war für ein Feldgeschütz zu schwer, und den ersten ins Auge
springenden Vortheil zeigte Krupps zur Ausstellung geschicktes Rohr
darin, daß es nur 535 (gegen 620) ~kg~ wog. Eine Kommission stellte
aber ferner in einer Reihe von Versuchen fest, daß das Material in
jeder Beziehung dem Geschütz eine große Ueberlegenheit über das
Bronzerohr gewähre. Es wurden weitere Gußstahlblöcke bestellt und in
Straßburg fertig bearbeitet; die Dauerversuche ergaben nach 3000 aus
jedem Rohr abgegebenen Schüssen noch keine Veränderung der Seelenwand,
eine Gewaltprobe, -- 35 Schuß mit 6 ~kg~ Ladung und 6 Kugeln --,
vermochte das Rohr nicht zu sprengen. Und so, wie in Frankreich,
lieferten alle Proben, welche in dieser Zeit in Rußland, Holland,
Württemberg, der Schweiz, Hannover, Spanien und Oesterreich mit
Krupp's Geschützen angestellt wurden, denselben Beweis für ihre jedes
andere Material bei Weitem übertreffende Leistungsfähigkeit. Nur ein
in England gemachter Versuch mit einem 68pfündigen Mantelrohr, das
zwischen 6000 und 7000 Pfund wog, ergab ein ungünstiges Resultat, weil
man von vornherein mit ganz abnormen Ladungsverhältnissen operirte. Man
wollte die Ueberlegenheit der eigenen Fabrikate unter allen Umständen
behaupten.
Die erste größere Bestellung machte Aegypten, welchem 1856-59 im Ganzen
36 Stück Zwölf- und Vierundzwanzigpfünder geliefert wurden. Alle diese
Geschütze waren Vorderlader und nur wenige gezogene Rohre. Auf die
Idee, gezogene Hinterlader zu konstruiren, war zuerst der schwedische
Hüttenbesitzer Baron Wahrendorff in Aaker (1840) und der dort
kommandirte sardinische Artillerie-Offizier Cavalli (1846) verfallen.
Beide arbeiteten unter gegenseitigem Einfluß, indem Wahrendorff
zuerst in einem glatten Hinterladerohr durch Bleiüberzug der Kugel
den Spielraum beseitigte, Cavalli aber das Rohr mit Zügen versah, in
welchen das cylindrokonische Geschoß aber mit Spielraum geführt wurde,
worauf Wahrendorff auch die Führungszüge übernahm, den Spielraum aber
gänzlich beseitigte. Es ist leicht verständlich, daß die Geschoßführung
Cavallis auch beim Vorderlader anwendbar ist, da man das Geschoß, mit
Spielraum laufend, von vorn einführen kann, und in dieser Gestalt fand
sein Vorschlag in Frankreich und Oesterreich Anwendung. In ersterem
Lande basirte Lahitte sein System darauf, und die seit 1858 beschafften
Geschütze waren ebenso wie die österreichischen von 1863 gezogene
Vorderlader.
In Folge der -- auch mit gezogenen Gußstahlzwölfpfündern nach System
Lahitte 1856 ausgeführten -- befriedigenden Versuche machte die
französische Regierung nun thatsächlich eine Bestellung bei Krupp
auf 300 solche Geschütze. Wäre sie zur Ausführung gekommen, so ist
kaum zu bezweifeln, daß auch für die Zukunft Krupp der Lieferant der
französischen Geschütze geblieben wäre, da keine französische Firma
sein Fabrikat zu ersetzen vermochte, und trotz aller Anstrengungen
auch bis heute nicht zu ersetzen vermag. Es ist wohl auch kein
Grund zu finden, der ihn hätte abhalten sollen, diese Lieferungen
dauernd zu übernehmen. Dann hätten wir 1870 wahrscheinlich ein ganz
gleichwerthiges Geschützmaterial uns gegenüber gehabt, und der
einzige Vortheil hätte darin bestanden, daß Krupp mit dem Ausbruch
des Krieges seine Thätigkeit für Deutschlands Gegner eingestellt und
diesen dadurch für den weiteren Verlauf des Krieges in eine große
Verlegenheit betreffs Beschaffung seiner Geschütze versetzt hätte.
Aber da wäre zweifelsohne England als hilfreicher, wenn auch neutraler
Geschäftsfreund eingetreten. Ein gütiges Geschick bewahrte aber unser
Vaterland vor dieser großen Gefahr. Die in Frankreich herrschende
Geldkrisis veranlaßte die Regierung, ihre Bestellung rückgängig zu
machen, und später bot die nicht unberechtigte Besorgniß vor einer
gewissen Abhängigkeit von einer ausländischen Fabrik und die Rücksicht
auf die eigene Metallindustrie ein Hinderniß, die zerrissenen Fäden
wieder anzuknüpfen. Man bestellte bei Krupp nur noch einzelne
Probegeschütze zum Zweck der Kenntnißnahme der in Essen gebauten
Konstruktionen und auch dieses nur bis 1866. Später wies der Fabrikant
bekanntlich jede geschäftliche Beziehung zur französischen Regierung
von der Hand.
In Preußen war man bereits 1851 in Versuche mit gezogenen
Hinterladern nach der Wahrendorff'schen Idee, also mit gepreßter
Geschoßführung eingetreten und hatte seit 1853 auch solche mit einem
6pfündigen Feldgeschütz begonnen. Es zeigte sich, daß die Seele
des Bronzerohres schnell sich abnutzte und durch hängenbleibende
Theile des Bleimantels der Geschosse unbrauchbar wurde. Hier konnte,
wie General v. Kunowski richtig erkannte, nur der Gußstahl Abhilfe
verschaffen, weil er Herstellung eines genügend langen und nicht zu
schweren Rohres gestattete, welches die Mängel des Ausschießens und
Verbleiens ganz beseitigte. So erfolgte der hochwichtige Schritt,
welcher in der Folge die preußische Heeresverwaltung in immer innigere
Beziehung zur Gußstahlfabrik in Essen brachte: die Bestellung zweier
Sechspfünder-Gußstahlrohre bei Alfried Krupp, die, Anfangs 1856
geliefert, in Spandau gezogen wurden und sehr günstige Schießresultate
ergaben. Im Januar 1857 berichtete die Artillerie-Prüfungskommission:
»Der Gußstahl ist zur Anfertigung gezogener langer Rohre ein Material,
das durch kein anderes zu ersetzen ist.«
Weitere Versuche, die bezüglich Konstruktion des Verschlusses, der
Geschosse und ihrer Zünder angestellt werden mußten, zogen sich bis
zum Jahre 1859 hin und immer noch konnte sich der Generalinspekteur
der Artillerie, Generallieutenant v. Hahn, nicht entschließen, auch
nur dem Antrage der Artillerie-Prüfungs-Kommission auf Einstellung von
16 Gußstahl-Sechspfündern, zu vier Batterien formirt, in die Armee
beizustimmen. Da gab ein vor dem damaligen Prinz-Regenten ausgeführtes
Probeschießen endlich den Ausschlag; dieser stimmte dem Vorschlag bei,
die Versuche mit dem gezogenen Feldgeschütze für abgeschlossen zu
erklären und gegenüber den Fortschritten, welche bei allen Großstaaten
mit Einführung gezogener Geschütze gemacht würden, energisch mit der
Herstellung des neuen Geschützes vorzugehen; er ging aber auch gleich
einen Schritt weiter, als der Vorschlag es gewagt hatte, da er ebenso
von der Vorzüglichkeit der neuen Waffe, als von ihrer Wichtigkeit
überzeugt war; er korrigirte eigenhändig in der ihm zur Unterschrift
vorgelegten Allerhöchsten Kabinetsordre (vom 7. Mai 1859), welche die
schleunigste Beschaffung der Geschütze verfügte, die Zahl »einhundert«
in »dreihundert«. Es ist mithin der eigensten Initiative unseres großen
Kaisers zu danken, daß er durch seinen Entschluß den von anderer Seite
immer wieder erhobenen Bedenken einen Riegel vorschob und das als
nothwendig und für seine Armee segensreich Erkannte mit Energie zur
Ausführung brachte.
Hiermit hatte Krupp endlich das Ziel erreicht, das er seit Anfang
der vierziger Jahre unentwegt erstrebt hatte, seinen Gußstahl der
vaterländischen Landesvertheidigung dienstbar zu machen. Es waren
recht kostspielige Versuche gewesen, die er in einer Zeit zu diesem
Behufe angestellt hatte, in der die Einnahmen noch spärlich zuflossen
und für die Erweiterung der Fabrikanlagen so nothwendig gebraucht
wurden, daß ihre Verwendung für Geschützkonstruktionen, die nichts
einbrachten, wirklich als ein Luxus zu betrachten war. Schlugen doch
auch nicht alle, oft recht kühnen, neuen Unternehmungen glücklich
aus und gaben doch selbst in den fünfziger Jahren noch materielle
Verluste wiederholt Anlaß zu ernsten Sorgen Angesichts eines so
energischen Geschäftsbetriebes, der nicht zögerte, jeden Gewinn zur
Verwirklichung neuer Ideen zu benutzen. Aber seitdem Alfried Krupp die
Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er berufen sei, seinem Vaterlande
ein Arsenal der vorzüglichsten Waffen zu liefern, verfolgte er dieses
Ziel mit hartnäckiger Ausdauer und benutzte die Erträgnisse seiner
Friedensartikel mit Vorliebe, um die kostspieligen Versuche mit
Geschützrohren weiter zu führen. Er selbst äußerte einmal im Jahre
1858 einem Artillerieoffizier gegenüber: »Er habe bereits 1847 das
erste Stahlgeschütz für Preußen geliefert und immer noch nicht sei
man in Spandau entschieden. Wenn er nur auf Gelderwerb sehen wollte,
so dürfe er keine Geschütze gießen, denn das Untersuchen, Prüfen
etc. halte immer sehr lange auf.« Mit Humor fügte er hinzu, »für den
Bey von Tunis oder den Khedive von Aegypten sei leichter arbeiten;
denn deren Artillerie prüfe nicht so lange, wie die preußische
Artilleriekommission, und zahle, noch ehe die Rohre abgeliefert seien.
Er lege aber einen Werth auf die Ehre, seinem Vaterlande mit seiner
Erfindung zu nützen, und deshalb gestatte er sich die kostspielige
Nebenbeschäftigung der Geschützanfertigung.«
Eine persönliche Anerkennung ward Krupp im Jahre 1860 durch den
Prinzregenten zu Theil, welcher ihm am 29. Januar den Rothen
Adler-Orden mit der Schleife verlieh. Als Abschluß dieser Periode in
seinem Leben ist aber gewissermaßen der Besuch zu betrachten, welchen
der Regent als König ihm zu Theil werden ließ, als er im Jahr 1861 von
Compiègne zurückkehrte, wo er am 6. Oktober den Besuch des Kaisers
Napoleon erwidert hatte.
Kurz vorher hatte sich in dem Gußstahlwerke ein wichtiges Ereigniß
vollzogen, der neue Dampfhammer »Fritz« war am 16. September in
Betrieb gesetzt worden. Es wurde bereits früher auf die Wichtigkeit
großer schwerer Hammerwerke für die Bearbeitung starker Gußstahlblöcke
hingewiesen. Mit der Konstruktion dieses Riesenhammers, welcher alle
bisherigen Größenverhältnisse so weit überragte, daß sein Unternehmen
in technischen Kreisen für unausführbar gehalten wurde, wagte Krupp
einen kühnen Schritt über die Grenzen hinaus, welche man allgemein für
unüberschreitbar hielt. Der Hammer erhielt eine Fallschwere von 1000
Zentnern und hat ein Gesammtgewicht von 60000 ~kg~: ein Stahlprisma
von 3,7 ~m~ Länge, 1,5 ~m~ und 1,25 ~m~ Dicke, das 4 ~m~ über der
Erde aufgehängt ist und dessen alles zermalmende Fallkraft dennoch
durch sinnreiche Konstruktion genau regulirt und auf jede bis auf den
Millimeter abzumessende Entfernung über dem Ambos eingestellt werden
kann. »Als zum ersten Male der Hammer vor der erwartungsvoll gespannten
Beamten- und Arbeiterschaar, in der der Fabrikherr den vordersten Platz
einnahm, langsam in die Höhe stieg, um im nächsten Augenblick mit
furchtbarer Vehemenz auf einen mächtigen Gußstahlblock niederzufallen,
sprangen die zunächst stehenden Personen entsetzt zurück. Krupp
war der Einzige, der ruhig seinen Platz behauptete und unverrückt
die großartige Kraftäußerung beobachtete -- er war vom Beginn der
Verwirklichung des Projekts ab seines Erfolges so sicher gewesen, daß
er sich jetzt seines Triumphes in vollem Maaße erfreute.« (D. Baedeker:
A. Krupp.)
Dieser Riesenhammer ward als neueste Errungenschaft dem König am
9. Oktober vorgeführt, als er in Begleitung des Kronprinzen Friedrich
Wilhelm und des Kriegsministers von Roon, seinem treuen Arbeitsgenossen
in der schweren Arbeit der Armee-Reorganisation, die Gußstahlfabrik
besuchte und volle 4 Stunden ihrer Besichtigung widmete. Das Schmieden
eines Blockes von 15000 Pfund Gewicht und 15 Fuß Länge ward dem König
vorgeführt, im Stahlgießhause ein anderer von ca. 18000 Pfund aus
ungefähr 300 Tiegeln gegossen und im Eisengießhause der königliche
Namenszug in riesiger Größe hergestellt. Der König hielt nicht mit der
Anerkennung der Kruppschen Leistungen zurück, äußerte sein Erstaunen
über die großartige Erweiterung dieses Etablissements, hob dessen
edlen vaterländischen Zweck neben seiner gewerblichen Bedeutung
hervor und fügte das für ihn selbst so charakteristische Wort hinzu:
»Seine vor 8 Jahren gehegten Erwartungen sehe er weit übertroffen,
wie es sich denn überall zeige: wo das Herz auf dem rechten Flecke
sitze, da bleibe der Segen nicht aus.« Dem Fabrikherrn gegenüber fand
seine Anerkennung in der Ernennung zum Geheimen Kommerzienrath einen
angemessenen Ausdruck (die Verleihung des Kommerzienrath-Titels war
bereits am 3. April 1858 durch König Friedrich Wilhelm ~IV.~ erfolgt).
Jenes königliche Wort gewinnt aber erst seine Bedeutung, wenn man
die damalige politische Lage sich vergegenwärtigt. Napoleon hatte
durch verlockende Versprechungen den Herrscher Preußens für seine
schlecht verhüllten unheilvollen Absichten zu gewinnen gesucht. Es
war ihm nicht gelungen, und König Wilhelm kehrte mit dem Bewußtsein
aus Frankreich zurück, daß dem Vaterlande von dort in der nächsten
Zukunft schwere Stürme drohten. All sein Denken war seit Jahren auf die
Durchführung der für dringend nothwendig erkannten Neugestaltung der
Armee gewidmet. Angesichts der von ihm klar vorausgesehenen schweren
Kämpfe, welche Preußen bevorstanden, überzeugt von der Wirksamkeit
der geplanten Reformen, fand er außer bei Roon bei keinem seiner
Minister Verständniß und thatkräftige Unterstützung, sah er eine
seinen Plänen geradezu feindliche Partei in der Volksvertretung immer
mehr Raum gewinnen, und mußte alle Hoffnung auf deren siegreiche
Durchführung allein auf seine eigene und des treuen Roon Energie und
Widerstandskraft basiren. Den großen Kämpfer für Deutschlands Größe und
Einheit, Bismarck, hatte er sich ja noch nicht gewonnen. Da kam dieses
Wort: »Wo das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, da bleibt der Segen
nicht aus!« so recht aus dem tiefsten Vertrauen zur guten Sache und
zu Gottes Beistand heraus, das ihn in dieser Zeit der schweren Sorge
um des Vaterlandes Zukunft erfüllte und ihm Kraft verlieh, an seiner
Aufgabe gegen alle Widersacher treu festzuhalten. Da mag ihm aber
auch der Einblick in die großartig sich entwickelnde Industrie Krupps
die Hoffnung gefestigt haben, daß sie zur Rüstkammer werden würde,
um Preußens Heere für die bevorstehenden schweren Kämpfe mit Waffen
von bisher unerreichter Leistungsfähigkeit zu versehen; da ward ihm
das Vertrauen zu dem genialen Schöpfer dieser Kriegsmittel gestärkt,
daß er in ihm eine kräftige Stütze fände, der seine besten Kräfte mit
so großen Opfern bisher der Idee gewidmet hatte, der vaterländischen
Armee die unüberwindlichen Waffen zu schmieden; da ward die Einführung
der Gußstahlgeschütze für ihn ein integrirender Bestandtheil der
Heeresorganisation; er hatte Krupps Lebensaufgabe und patriotisches
Streben verstanden und, was er 1859 aus eigenster Initiative gethan,
das war er von nun an gewillt, auch weiter durchzuführen. Dem Manne
dort, der das Herz so wie er selbst auf dem rechten Flecke sitzen
hatte, sollte die Unterstützung des Königs nicht fehlen, um das Werk
durchzuführen, die vaterländische Armee durch Ausrüstung mit den
leistungsfähigsten Waffen zur stärksten und gefürchtetsten der Welt zu
machen; es gab kein besseres, kein nothwendigeres Mittel, um der Welt
den Frieden zu erobern und um dem Vaterlande zu einer gedeihlichen
Entwickelung seiner industriellen und kommerziellen Kräfte zu
verhelfen.
~V.~
Die erste Feuerprobe.
Mit dem Jahre 1860 trat Krupp in die Periode seiner großartigsten
Erfolge ein, und deren erster sollte wiederum in London seinen
Schauplatz finden. Im Mittelpunkte des übermächtigen Industriestaates
sollte Krupp den Sieg erringen, in einem seiner wesentlichsten und bis
dahin immer noch für unerreichbar gehaltenen Produktionszweige. Es war
die zweite Londoner Weltausstellung im Jahre 1862, auf welcher der
durch Krupp geführten deutschen Eisen-Industrie einstimmig die erste
Stelle eingeräumt werden mußte.
Die Fabrik in Essen hatte sich in diesen Jahren mächtig entwickelt,
sie beschäftigte im Jahre 1860 1690, zwei Jahre später bereits 2464
Arbeiter, ihre Produktion an Gußstahl stieg auf 8 Millionen (1860)
und 13 Millionen Pfund (1862). Die Organisation des Betriebes mußte
wesentliche Aenderungen erfahren, um den durch Reisen häufig entfernten
und durch die Inachtnahme der Einzelheiten übermäßig beanspruchten
Chef zu entlasten, und die Art und Weise, wie Krupp es verstand,
allmählich aus der Beschäftigung mit den Details herauszutreten, um
sich ungestörter der Leitung des ganzen Werkes widmen zu können, wie er
die einzelnen Zweige seiner Fabrik zu trennen, in dem erforderlichen
Maaße selbständig zu machen verstand, ohne doch das gegenseitige
Ineinandergreifen jemals zu beeinträchtigen, das zeugt von einem
Organisationstalent, wie es umsichtiger und erfolgreicher kaum gedacht
werden kann. Bis 1862 war er mit einem Prokuristen ausgekommen; alle
Fäden liefen noch direkt in seine Hand, alle Einzelheiten wurden
von ihm persönlich überwacht. Am 12. Juli 1862 aber begann die
Kollektiv-Prokura ins Leben zu treten, welche zunächst aus 2, von
1865 aus 3, von 1867 ab aus 4 Herren bestand und bei seinem Tode sich
bis zu 7 Mitgliedern vermehrt hatte. Diese bildeten ein Kollegium von
gleichberechtigten Ressortchefs, und jedem war in seinem Bezirk eine
gewisse Selbständigkeit bezüglich des Betriebes eingeräumt, anderseits
aber für jede irgend belangreiche Maßregel die Zustimmung des
Kollegiums und für jedes Schriftstück die Mitunterschrift wenigstens
eines Kollegen zur Bedingung gemacht. Später, wie es scheint vom
Jahre 1879 ab, erhielt die Prokura auch einen Vorsitzenden, einen
Präsidenten dieses Ministeriums in Krupps Staate, für welches er mit
außerordentlicher Findigkeit und Menschenkenntniß die tüchtigsten
und zuverlässigsten Männer mit technischer, kaufmännischer oder
juristischer Bildung zu gewinnen wußte. So löste er die schwere
Aufgabe, durch allmähliche Ausgestaltung eine Verwaltungsmaschine ins
Leben zu rufen, deren einzelne Theile so vortrefflich selbstthätig
in einander greifen und den gemeinsamen, auf seinen eigenen Ideen
beruhenden, Zwecken dienen, daß der gewöhnliche ruhige Gang der
Geschäfte nur durch ganz gewaltige Störungen beeinflußt werden könnte.
So sehr dieses Werk den Stempel seiner Individualität trägt, war es
doch so wenig auf seine Person und die Nothwendigkeit deren Existenz
zugeschnitten, daß er aus dem Leben treten konnte, ohne daß der ganze
Organismus im Geringsten gestört und die Weiterentwicklung seines
Werkes aufgehalten oder gar in Frage gestellt worden wäre.
Den Mittelpunkt der Krupp'schen Ausstellung in London nahm wieder ein
massiver Gußstahlblock ein, dessen auf 40000 Pfund gesteigerte Masse
aus nicht weniger als 600 Tiegeln gegossen war; er war aber diesesmal
mittelst seines mächtigen Dampfhammers in der Mitte zerbrochen, um die
Bruchfläche zu zeigen, und diese war, wie Lothar Bucher berichtete, »so
eben in Farbe und Gefüge, so vollkommen frei von Aescheln und ungaren
Stellen, als wenn die Masse nicht Stahl wäre, sondern Zucker oder ein
anderer Stoff, den man auskochen und filtriren kann.« Daneben standen
zum ersten Male mächtige Seeschiffachsen für die großen Dampfer des
Norddeutschen Lloyd und hochpolirte Walzen, blank wie Diamant. Die
Engländer hatten nichts, was an diese Leistungen heranreichte; sie
hatten kleinere Massen von Gußstahl ausgestellt, aber sich gehütet
den Bruch zu zeigen; und sie gaben eine Schiffsachse von ähnlichen
Dimensionen nur um deshalb für Stahl aus, damit das englische Publikum
in seinem Selbstgefühl nicht irre werde; die Sachverständigen wußten,
daß sie nur aus Eisen bestand. Auch nahmen die »Times« keinen Anstand,
Krupps Sieg vorurtheilsfrei anzuerkennen. Sie schlossen ihren Artikel
über die »außerordentlichste und wichtigste Sammlung, derengleichen
früher noch nie gesehen worden« mit den Worten: »Wir wünschen Krupp
Glück zu der überragenden Stellung, die er in der Welt als Erzeuger der
größesten und fehlerlosesten Massen von Gußstahl einnimmt, aber nicht
zu seinem Platz in der Ausstellung. Wessen Fehler ist das? Offenbar
stehen Talg, Spielwaaren und Eingemachtes sehr hoch in der Achtung der
Kommissarien Ihrer Majestät.« Die stiefmütterliche Behandlung, welche
bei Anweisung des Raumes die Ausstellungskommission, mißgünstig genug,
Krupp zu Theil werden ließ, hatte seinen Sieg nicht hindern können,
und, was der große Nationalökonom List vor mehr als 30 Jahren ersehnt
und erhofft hatte, die Erzeugnisse deutscher Intelligenz, deutschen
Fleißes und deutscher Beharrlichkeit mit denen der ersten Kulturstaaten
der Welt den siegreichen Wettkampf eröffnen zu sehen, das begann sich
zu erfüllen; mit dem Triumph auf dem Gebiete der Eisentechnik rückte
das bisher unmöglich Erschienene in den Bereich des Erreichbaren, und
neuer Muth ergoß sich über alle Industriezweige, Krupp nachzueifern,
gleich ihm den Kampf aufzunehmen und mit gleicher Hingabe und
Beharrlichkeit die Palme des Sieges zu erringen zum eigenen Gewinn und
zu des Vaterlandes mächtiger Kraftentfaltung.
Unter den zahlreichen Ausstellungsgegenständen Krupps befanden
sich auch fünf Hinterlader-Rohre von 3,75 bis zu 9'' Kaliber. Sie
hatten aber weder Züge noch Verschluß-Vorrichtungen; ersteres um
die Feinheit des Metalls an der spiegelreinen Politur der Seele zu
zeigen; letzteres, um die Verschluß-Konstruktion nicht öffentlich
bekannt werden zu lassen. Mit diesen Geschützen betrat nämlich
Alfried Krupp den Weg der eigenen Geschütz-Konstruktion. Bisher
hatte er, wie wir sahen, das Material den jedesmaligen Formen und
Konstruktionsweisen der Länder angepaßt, für welche er lieferte oder
ausstellte, beziehungsweise hatte er nur die rohen Rohre ohne alle
Einrichtungen geliefert. So namentlich für Preußen, wo man den --
bisher geheim gehaltenen -- Verschluß Wahrendorff's, den sogenannten
Kolbenverschluß, angenommen hatte und in Spandau anfertigte. Die
Konstruktion dieses Geschütztheiles stieß auf große Schwierigkeiten,
hauptsächlich bezüglich seiner Dichtung gegen die Pulvergase, und auch
der Kolbenverschluß war nicht einwandfrei. Indem nun Krupp selbst
sich dieser Frage widmete, selbst einen neuen Verschluß erfand, trat
er aus dem Gebiete des Material-Erzeugers, des Gußstahl-Fabrikanten
heraus und versuchte seine Kräfte als Geschütz-Konstrukteur. Es ist
eine neue wichtige Etappe in der Entwickelung des merkwürdigen Mannes,
der für Alles, was er anfaßte, auch eine ganz spezielle Begabung,
Geschicklichkeit und Erfindungskraft zu besitzen schien. Auf diesem
Felde des Geschütz-Konstrukteurs waren ihm seine bedeutendsten Erfolge
vorbehalten, durch welche er erst die Geschütze auf diejenige Stufe
der Leistungsfähigkeit erhob, für welche seines Vaters Erfindung,
der Tiegelgußstahl, bei voller Ausnützung seiner vorzüglichen
Eigenschaften, die Vorbedingung bildete.
Die neue Erfindung, ein einfacher Keilverschluß, ward in London
patentirt -- ein halbes Jahr früher als der des Engländers Broadwell
-- und dem preußischen Kriegsministerium in einer Sammlung von
Verschlüssen zur Prüfung vorgelegt. Es bedurfte aber einer geraumen
Zeit, bevor Krupps Vorschlag zur Annahme gelangte und zwar auch
dann in einer nicht unwesentlich verbesserten Gestalt. In der
Zwischenzeit sollten erst die in der preußischen Armee eingeführten
Gußstahl-Geschütze ihre Feuerprobe im Kriege durchmachen und eine durch
die Benutzung eines unzweckmäßigen Verschlusses verursachte Krisis
bestehen. Vor Schilderung dieser wichtigen Entwickelungsperiode, welche
noch einmal alle Gegner des Krupp'schen Gußstahlgeschützes in Bewegung
setzte, ist noch ein Punkt zu erörtern, welcher gelegentlich der
Londoner Ausstellung 1862 zur Sprache kam.
Die allgemein Platz greifende Einführung leistungsfähigerer gezogener
Geschütze, theils Vorder- theils Hinterlader, entwerthete ebenso die
gemauerten Deckungen der Vertheidigungsgeschütze (in Kasematten)
namentlich bei den Küstenbefestigungen, als sie auch eine Veränderung
im Bau der Kriegsschiffe mit sich brachte. In beiden Fällen sah man
sich genöthigt, zum Eisenschutz mittelst Panzerplatten zu greifen,
und mit dem Beginn der sechziger Jahre wurde neben der Entwickelung
des Geschützwesens auch die Konstruktion von Panzerdeckungen
eingeleitet. England ging naturgemäß voran, da es einerseits seine
zahlreichen Küsten- und Hafenbefestigungen gegen die neuen schweren
Schiffsgeschütze sichern, anderseits seiner Kriegsflotte den
Panzerschutz baldigst verschaffen mußte, um nicht in seiner Herrschaft
zur See gefährdet zu werden. In den Eisenfabriken des Inselreiches
ward von jetzt an die Frage der Panzerfabrikation, zunächst in Form
von starken gewalzten Eisen- und Stahl-Platten emsig studirt, und auf
seinen Schießplätzen folgte eine Reihe von Versuchen der anderen. Auch
in Preußen begannen solche bereits im Jahr 1861. Der heftige Kampf
zwischen Geschütz und Panzer nahm seinen Anfang, welcher sich bis in
die neueste Zeit fortgesetzt hat und mit der Entwickelung eines neuen
Geschützsystems auch eine vollständige Umwälzung des Befestigungswesens
herbeigeführt hat.
Krupp's scharfem Auge entging es nicht, welche Bedeutung das Eisen in
fortifikatorischer Beziehung gewinnen werde; er war rasch entschlossen,
auch auf diesem neuen Gebiet mit seinem Gußstahl den Kampf aufzunehmen
und kündigte deshalb am Schluß seines Ausstellungs-Kataloges an,
daß die Firma mit der Errichtung von Walzwerken zum Walzen von
Gußstahlschienen und Platten beschäftigt sei, zu deren Produktion das
Werk schon binnen Kurzem gerüstet sein werde. »Unter Anderem sollen
mittelst 2000 Pferdekraft Walzen von 15 Fuß Bahnlänge betrieben werden,
um große Platten bis zu 1 Fuß Dicke und selbst noch dicker, z. B. zur
Panzerung von schwimmenden Batterien oder Festungswerken, zu walzen.«
Diese Walzwerke wurden auch in dieser Zeit gebaut und gleichzeitig
ein Bessemerwerk zur Ausführung gebracht, da der, allerdings dem
Tiegelgußstahl in der Vollkommenheit seiner Eigenschaften nachstehende,
Bessemer-Stahl für die Massenverwendung von Schienen, Blechen und
Platten ein sehr gutes Material liefert. In der Folge ward auch die
Fabrikation von Stahl-Eisenbahnschienen, welche mit der Eröffnung
seines Schienen-Walzwerkes Krupp eigentlich erst in Deutschland
einbürgerte, zu einem der bedeutendsten Fabrikationszweige. Die
Stahlschienen verdrängten auf Grund ihrer viel längeren Dauer bald
die gebräuchlichen Schienen aus Guß- oder Schmiedeeisen und wurden
in immer größerer Zahl gearbeitet, bis die jährliche Leistung auf
150000 Tonnen gesteigert wurde. Auch das Plattenwalzwerk ward im Jahre
1864 in Betrieb gesetzt, aber auffallender Weise zur Herstellung von
Panzerplatten zu Befestigungszwecken bis zum Tode Alfried Krupp's
niemals benutzt.
Erst nach diesem ist durch die Erfolge der seitdem erzeugten
Krupp'schen Panzerplatten die Richtigkeit seiner Voraussetzung, daß
er auch auf diesem Gebiete alle andern Fabriken schlagen werde, voll
erwiesen worden; denn die Krupp'schen Platten haben trotz aller
hochgradigen Anstrengungen der Ingenieure aller Staaten und trotz der
vielen in diesem Zweige der Technik gemachten genialen Erfindungen,
dank des auch bei dem Nachfolger Alfrieds nie rastenden Strebens nach
Vervollkommnung und der auf gründlichster wissenschaftlicher Basis
fortgesetzt angestellten Versuche und Prüfungen, immer wieder den Sieg
davongetragen und der Fabrik auch in dieser Beziehung die erste Stelle
unter allen Konkurrenten gesichert.
Es ist, wie gesagt, auffallend, daß Alfried Krupp den Gedanken,
Panzerplatten anzufertigen, in der Folgezeit völlig aufgegeben zu
haben scheint, daß er niemals bei irgend einer Platten-Lieferung sich
betheiligt hat und erst in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens der
Aufgabe wieder näher trat, Panzerschutz-Konstruktionen zu entwerfen.
Es ist um so auffallender, als in diesem Fabrikat Deutschland
lediglich auf England angewiesen war, seine Panzerkonstrukteure und
Ingenieure also in der Lage der oft recht hemmenden Abhängigkeit
von dem Inselreiche waren. Nimmt man hinzu, daß auch die dortige
Panzer-Industrie noch völlig in den Kinderschuhen steckte, daß man es
1864 noch für die höchste Leistung hielt, Platten von 300 Kgr. Gewicht
zu walzen, also bei einer Stärke von 25 ~mm~ etwa 1,50 Quadratmeter,
und bedenkt man, daß Krupps Massengüsse sich bereits 1862 auf Blöcke
von 20000 Kgr. erhoben, daß er allein im Besitz des Geheimnisses und
der Kunst war, das Material in vollwerthigster Güte bis zu solchen
Massen in einheitlicher Stärke zu formen, so folgt ohne Weiteres, daß
es ihm spielend leicht geworden sein müßte, alle Konkurrenz durch
Herstellung großer und starker Platten zu schlagen und dem Vaterlande
die erste Stelle in der Panzerkonstruktion zu sichern. Daß letzteres
trotz Krupps Zurücktreten von diesem Gebiet doch der Fall war, daß
gerade Deutschland trotz der hierdurch herbeigeführten Schwierigkeiten
die Führung in der ganzen Entwickelung der Panzerbefestigung übernommen
hat, das ist anderen Männern zu danken, Maximilian Schumann, der die
genialen Ideen, und Hermann Gruson, welcher die technischen Kenntnisse
dazu bot. Aber vielleicht war es eine weise Fügung, daß Krupp sich
von diesem Gegenstand fern hielt, daß er auch kein Verständniß
für Schumanns Ideen gehabt zu haben scheint und daß er seine zur
gemeinsamen Arbeit bittend ausgestreckte Hand zurückwies. Vielleicht
war dies nothwendig, damit noch andere Kräfte neben denen Krupps zur
Entwickelung kämen und durch schwere Arbeit und Widerstände hindurch
sich rängen, um auch anderen Ideen, anderen Materialien zur Anerkennung
und zur Bethätigung ihrer Leistungsfähigkeit zu verhelfen. Vielleicht
war es den höchsten Zwecken dienlicher, daß Krupp seine geniale
Erfindungsgabe, seine Thatkraft und seine Mittel auf die Ausbildung
lediglich der Kriegswaffe beschränkte, um das höchste ihm Erreichbare
zu leisten, während die Aufgabe Anderen vorbehalten blieb, die Mittel
zu finden und zu vervollkommnen, welche gegen die immer sich steigernde
Wirkung der Kruppschen Geschütze einen unverwundbaren Schutz zu bieten
bestimmt sind; vielleicht mußte sogar eine gewisse Beeinflussung des
Verhältnisses dieser Personen zu einander, gewissermaßen der Natur
ihrer sich gegenseitig befehdenden Ideen und technischen Erzeugnisse
entsprechend, sich entwickeln, um beide technische Zweige die
bedeutende Höhe der Entwickelung erreichen zu lassen, auf welcher
angekommen, sie wohl sich vereinigen durften.
Im Jahre 1864 sollten die ersten Gußstahl-Geschütze ihre Feuerprobe vor
dem Feinde bestehen. Und wie durchaus nothwendig eine solche war, um
ihre größere Leistungsfähigkeit den alten glatten Geschützen gegenüber
zu beweisen, ergiebt sich aus einem Blick auf die Schwierigkeiten,
welche die Frage der Neubewaffnung der preußischen Feldartillerie in
den vorhergehenden Jahren nur so langsam fortschreiten ließen.
Nachdem durch den Entschluß des Prinz-Regenten 1860 in jedes
Feld-Artillerie-Regiment 3 Batterien zu je 8 gezogenen 9 ~cm~
Kanonen eingestellt worden waren, bestanden neben diesen noch je 9
Batterien glatter Geschütze, nämlich 6 Pfünder-, 12 Pfünder-Kanonen
und 7 Pfünder-Haubitzen zu gleichen Theilen. Daß diese glatten
Geschütze den Anforderungen wenig gewachsen waren, darüber war man
sich wohl einig, und als die Reorganisation der Armee im Jahre 1860
in allen Waffen ein neues reges Leben und verständnißvolles Streben
nach Vervollkommnung und Zusammenwirken erweckte, da konnte auch die
Artillerie nicht zurückbleiben. Ein kräftiger Pulsschlag durchbebte den
ganzen Organismus, wirkte auf Ausscheidung der ihm anhaftenden Mängel
und auf eine Entwickelung aller Kräfte, um hinter den anderen Waffen
nicht zurückzubleiben in der Schlagfertigkeit, in der Verwendbarkeit
und in der Wirkungsfähigkeit. Daß man hierzu andere Geschütze brauchte,
sah man ein, aber, in welcher Zahl gezogene und glatte Geschütze, in
welchen Kalibern sie einzuführen seien, darüber gingen die Ansichten
weit auseinander.
Man ist jetzt wohl geneigt, diese Frage sehr einfach und schnell dahin
zu beantworten, wie sie nach den verschiedenen Uebergangsstadien
entschieden worden ist: Natürlich nur gezogene Hinterlader, das sind
ja die wirksamsten und verwendbarsten Geschütze! Aber so einfach lag
die Sache nicht. Man muß sich vergegenwärtigen, daß durch die erfolgte
Einführung der gezogenen Geschütze die Taktik, die ganze Fechtweise
der Armee auf das einschneidendste umgestaltet worden ist, und heute
würden wir die gezogenen Geschütze nicht entbehren können, weil auf
ihrer Verwendung die ganze neue Taktik beruht. Die alte Fechtweise, und
in dieser steckten doch die Artilleristen von 1860 noch vollständig
drin, entsprach der Wirkung der glatten Geschütze, und diese war
auf die kleineren Entfernungen, mit denen man zu rechnen gewohnt
war, eine dem gezogenen Geschütz überlegene. Der Schrapnellschuß des
letzteren war noch nicht ausgebildet, mit den Granaten hatte man auf
größere Weiten eine viel bedeutendere Wirkung, aber der Kartätschschuß
fehlte ihnen ganz. Und so ist es verständlich, daß man der Meinung
zuneigte, beide Geschützarten seien wohl geeignet, sich gegenseitig zu
ergänzen, die glatten würden dem Kampf auf nähere Entfernung am besten
genügen, während die gezogenen, in möglichst stabiler Aufstellung (als
Positionsgeschütze), auf weitere Distanzen von besonderem Werthe seien.
Die am 27. Dezember 1860 unter Vorsitz des Prinzen Carl eingesetzte
Kommission für die Neuorganisation der Artillerie entschied sich
dementsprechend dahin, daß jedem Artillerie-Regiment neben 48 gezogenen
Gußstahl-Hinterladern noch 42 glatte Bronze-Kanonen (kurze 12 Pfünder)
und 6 glatte Bronze-Haubitzen zuzuertheilen seien. Die gezogenen
Geschütze sollten also verdoppelt werden, und auf ihre Vermehrung
drängte die Einführung gezogener Vorderlader in Frankreich, wo sie
bereits im Feldzug 1859 zur Verwendung gekommen waren. Zugleich brachte
aber die Einführung leichterer (4 Pfünder) Kaliber in fast allen Armeen
die Frage in den Vordergrund, ob neben dem 9 ~cm~ nicht auch ein
leichteres Geschütz einzustellen sein würde. Dies führte zur Bestellung
von 2 8~cm~ Rohren bei Krupp, nach deren Lieferung im März 1861 eine
Reihe von Versuchen begann. Am 6. Januar 1862 wurde die Einstellung von
je 4 8~cm~ Kanonen in jede Artillerie-Brigade vom Kriegsministerium
verfügt, um einer einjährigen Erprobung unterworfen zu werden. Bei
der Artillerie-Prüfungs-Kommission gingen aber die Urtheile ebenso
auseinander, wie bei den Truppen, und der General-Inspekteur,
Generallieutenant von Hahn, suchte sogar seine Ansicht zur Geltung zu
bringen, daß die übereilte Einführung der Hinterlader sehr zu bedauern
sei, da hierdurch die Prüfung gezogener Vorderlader ganz verhindert
worden sei.
Wieder war es König Wilhelm, welcher -- bereits am 1. Mai 1862 -- seine
Ueberzeugung und seinen festen Willen, sie zur Geltung zu bringen,
in die Waagschale warf, indem er befahl, daß ein 8~cm~ Feldgeschütz
nach Abschluß der Konstruktion in die Armee eingeführt werden solle.
Im Dezember 1863 waren die Versuche so weit erledigt, daß aus den
bisherigen Versuchs-Geschützen eine Batterie zu 8 Kanonen und 8 Wagen
gebildet und bei der Garde-Artillerie-Brigade eingestellt werden
konnte. Die Einführung des nunmehr festgestellten Modells an Stelle
der bisherigen Haubitzen ward am 18. April 1864 mit der Forderung der
energischsten Beschleunigung befohlen. Da aber die Herstellung des
Materials geraume Zeit in Anspruch nahm, konnte die Umwandlung der je
drei Haubitz-Batterien in vier 8 ~cm~ Batterien zu 6 Geschützen erst
bis zum Herbst 1865 ausgeführt werden.
Beim Ausbruch des dänischen Krieges war, weil die Einführung der 8 ~cm~
Kanonen noch nicht durchgeführt worden war, jedes Artillerie-Regiment
mit 4 gezogenen 9 ~cm~-, 4 kurzen 12 Pfünder-Batterien zu 6 und 3
Haubitzbatterien zu 8 Geschützen ausgerüstet; die 6 reitenden Batterien
hatten kurze 12 Pfünder.
Mit einer solchen Mischung von verschiedenen Feldgeschützen trat die
preußische Armee in den Feldzug ein: das kombinirte Armeekorps hatte
neben 72 glatten Bronzegeschützen 30 gezogene Gußstahl 9 ~cm~ Kanonen
und die erwähnte Batterie von acht 8 ~cm~ Kanonen. Das verschiedene
Verhalten der glatten und gezogenen, der Bronze- und Gußstahl-Geschütze
im Kampf sollte aber die Ueberlegenheit der letzteren klar vor Augen
führen.
Es war bei Missunde, wo zum ersten Male die Gußstahl-Kanonen in
größerer Anzahl (24) in Thätigkeit traten. Wir finden sie dann bei
Ballgaard an der Alsener Föhrde, bei der Beschießung von Fridericia und
beim Angriff auf die Düppelstellung. Ueberall bewiesen sie ihre große
Wirksamkeit und der General von Hindersin, welcher bald nachher als
zweiter General-Inspekteur der Artillerie der Waffe zu ihrem mächtigen
Aufschwung verhalf, überzeugte sich durch eigenen Augenschein von der
gewaltigen Ueberlegenheit der gezogenen über die glatten Geschütze.
»Wenn ich in dieser Richtung nicht Alles thue,« so motivirte er
später seine Bemühungen um die möglichste Vermehrung der gezogenen
Geschütze, »was in meiner Macht steht, und Preußen mit drei Viertel
glatter Feldgeschütze in einen großen Krieg verwickelt wird gegen eine
Macht, die nur gezogene Geschütze führt, so wird es wahrscheinlich
eine Hauptschlacht verlieren. Der Verlust einer Hauptschlacht aber
kann die Zertrümmerung und Vernichtung des Vaterlandes herbeiführen.
Wenn ich daher das Geringste in der Einführung der gezogenen Geschütze
versäume, so kann durch meine Versäumniß der Untergang des Vaterlandes
verschuldet werden. Dieser Gedanke liegt wie ein Alp auf mir und läßt
mich nicht schlafen.«
Die Zukunft hat gelehrt, mit welchem Recht der General den gezogenen
Geschützen eine so hohe Bedeutung beimaß, daß er sich ihre Einführung
gewissermaßen zur Lebensaufgabe machte. Waren sich doch auch die
höheren Truppenführer, welche aus Schleswig-Holstein zurückkehrten,
wohl bewußt, daß dieser Feldzug nur das Vorspiel gewesen war zu
weit ernsteren Kämpfen, und tönte doch durch den frohen Siegesjubel,
mit dem sie in Berlin einzogen, gar deutlich die Mahnung, sich nicht
einzuwiegen in Selbstzufriedenheit und Siegesgewißheit, sondern in
ernster Arbeit die zu Tage getretenen Mängel zu beseitigen und sich zu
rüsten zu neuen um Vieles schwierigeren Aufgaben.
Wenn man zu deren Lösung die gezogenen Geschütze als eines der
wichtigsten und unentbehrlichen Mittel zu erkennen anfing, so ist es
allerdings nicht der Gußstahl, welchen man in seinen vorzüglichen
Eigenschaften bereits als einziges anwendbares Material erachtete.
Schwere Kämpfe sollte dieser noch mit der Bronze bestehen, bevor
er endlich siegreich den Nebenbuhler überwand. Es war das gezogene
Geschütz zunächst als solches, der Hinterlader in seiner Konstruktion,
den man als vortheilhaft erkannt hatte. Daß der Hinterlader erst
durch die ausschließliche Herstellung in Krupps Gußstahl seine volle
Wirksamkeit entfalten würde, davon war man noch nicht überzeugt, weil
an die weitere enorme Steigerung der Kraftentfaltung noch Niemand zu
denken wagte.
Hatte man doch auch gezogene Hinterlader in Bronze mit ins Feld
genommen, nämlich eine größere Zahl schwerer Belagerungsgeschütze. Für
solche war von Anfang an die Zweckmäßigkeit der Konstruktion anerkannt
worden, während man an die Hinterlader-Feldgeschütze nur mit dem großen
Bedenken herantrat, daß sie nicht einfach genug seien und schwierig zu
handhaben. Bei dem Belagerungsgeschütz, das in seiner Batterie fest
steht und langsam feuert, läßt man sich zeitraubende und schwierige
Manipulationen eher gefallen. Es ist dieses Bedenken jetzt kaum mehr
verständlich, da ja die Bedienung des Hinterladers einfacher und
rascher ist, als beim glatten Geschütz. Aber die Macht der Gewohnheit,
und der merkwürdige Verschluß, zu dem man kein rechtes Vertrauen fassen
konnte, das stand im Wege.
Nun ist es bemerkenswerth, daß auch auf dem Gebiet der schweren
Belagerungsgeschütze der Feldzug 1864 den Anstoß zum ersten Schritt auf
dem Wege gab, welcher später auch hier zur ausschließlichen Annahme
des Gußstahls in Preußen führte. Die bronzenen Geschütze hatten doch
nicht allen Erwartungen entsprochen, und es wurden bei Krupp fünf
72 Pfünder und drei 36 Pfünder bestellt, alle im fertigen Zustande
nach angegebener Konstruktion, während die Feldgeschütze noch alle in
Spandau gebohrt, gezogen und mit Verschluß versehen wurden.
Die vorgeahnten kriegerischen Verwickelungen ließen nicht lange auf
sich warten. Der Krieg von 1864 trug im Schooß die Keime, aus denen
sich das neue deutsche Reich mächtig gestalten sollte; aber große
politische Fortschritte sind auf dem Wege friedlicher Entwickelung
kaum denkbar. Sie bedürfen des Bewußtseins der Kraft, und dieses
Selbstvertrauen wird nur gewonnen durch deren Erprobung im Kampfe;
nur durch die ihnen zum Bewußtsein gebrachte Ueberlegenheit können
anderseits die widerstrebenden Nachbarmächte veranlaßt werden, Raum zu
geben für größere Machtentfaltung, ihre Anerkennung dem gesteigerten
Einfluß auf die Gestaltung der Weltlage nicht zu versagen. In
hervorragendem Maße gilt dieses für Deutschland, dessen politisches
Gefüge den auswärtigen Mächten von jeher Angriffspunkte genug geboten
hatte, um den Hebel zur Lockerung des ganzen kunstvollen Bauwerkes
anzusetzen. Es galt, die Einzelinteressen zu vereinigen auf einen
großen Gesichtspunkt, die einzelnen Bestandtheile zusammenzuschmeißen
zu dem einheitlichen Organismus, welcher allein das nothwendige Maß
der Kraftentfaltung erreichen konnte, das ihm eine achtunggebietende
Stellung unter den Weltmächten errang. Dazu bedurfte es heftiger
Kämpfe, des blutigen Ringens mit den Verfechtern der veralteten
unbrauchbaren Staatsformen, um der neuen Gruppirung der Kräfte, der
Neugestaltung des Reiches Raum zu schaffen, und eines um noch Vieles
ernsteren, gewaltigeren Ringens mit derjenigen Europäischen Macht,
welche sich in ihrer angemaßten vorherrschenden Stellung gefährdet
glaubte durch den aus langem ohnmächtigen Schlummer erwachten deutschen
Riesen.
Dem Kriege von 1864 folgten mit der von dem Preußischen König ebenso
wie von seinen großen Staatsmännern vorhergesehenen Nothwendigkeit die
Kriege von 1866 und 1870.
König Wilhelm hatte, in einträchtiger schwerer Arbeit mit seinem
Kriegsminister unentwegt das Ziel im Auge behalten, das Werkzeug
zu formen und zu kräftigen, mit dem allein diese schweren Krisen
überwunden werden konnten. Die Reorganisation der Armee war trotz aller
Widerstände einer einseitig verrannten Mehrheit der Volksvertretung
durchgeführt worden und vornehmlich auch ihrer Bewaffnung ein ernstes
Interesse zugewendet worden. Mit dem Zündnadelgewehr besaß die
Infanterie eine in jenen Jahren allen anderen weit überlegene Waffe
und auch in den Kruppschen Gußstahl-Hinterladern Geschütze, welchen
keine andere Armee gleichwerthige gegenüberstellen konnte. Und doch,
so vorzüglich die ersteren sich im Kriege mit Oesterreich bewährten,
soviel sie zum Siege beitrugen, um eben soviel blieben die Geschütze
hinter den Erwartungen zurück. Das hatte aber seine guten Gründe.
Erst 1865 konnten die 8 ~cm~ in die Armee eingestellt werden und,
dem Grundsatz folgend, stets eine starke Reserve für unbrauchbar
werdende Geschütze zurückzuhalten, auch nicht die ganze Zahl, welche
Krupp lieferte. Es ist Hindersin zu danken, daß er beim Ausbruch
des Krieges es durchsetzte, auch die Reservegeschütze schleunigst
noch einzustellen, indem er hervorhob, daß es für die zu erwartende
Entscheidungsschlacht darauf ankomme, möglichst viele Hinterlader
zur Verfügung zu haben. Gewannen wir diese, so brachte für die
nachfolgenden kleineren Gefechte der etwaige Verlust unbrauchbar
gewordener keinen Nachtheil.
Es ist aber aus der ganzen Art, wie die Beschaffung und Einstellung
der gezogenen Geschütze erfolgte, zu ersehen, daß an eine gründliche
Kenntniß und Beherrschung der neuen Waffe durch die Truppe und
ihre Offiziere im Jahre 1866 nicht zu denken war. Gerade bei der
einschneidenden Umgestaltung der Taktik, welche die gezogenen Geschütze
herbeiführen mußten, ist es nur natürlich, daß dieser große Schritt
nicht auf einmal in kurzer Zeit gethan werden konnte, daß eine Zeit des
Ueberganges eintreten mußte, in der das alte glatte Geschütz seinen
Werth verlor und das neue gezogene noch nicht seiner Natur entsprechend
ausgenutzt werden konnte. Und gerade in diese Uebergangszeit fiel
der Krieg von 1866. Es giebt keinen schlagenderen Beweis für die
Nothwendigkeit, mit der Verwendung eines Kriegsinstrumentes die Armee
bei Zeiten gründlich vertraut zu machen. Die beste Waffe erweist sich
als schwächlich in der Hand des Neulings und Ignoranten.
Während die österreichische Armee mit gezogenen Geschützen, vom besten
System der Vorderlader, durchweg bewaffnet war, hatte die preußische
Armee neben ca. 60 Prozent Hinterladern noch 40 Prozent glatte
Geschütze. In Böhmen stand sie mit 474 gezogenen, 318 glatten Kanonen
gegen 776 gezogene und 34 (sächsische) glatte; auf dem westlichen
Kriegsschauplatz gar mit 42 gezogenen und 36 glatten gegen 174 gezogene
und 172 glatte. Auf beiden Seiten war die Enttäuschung gleich groß. Man
hatte erwartet, daß die Wirkung der gezogenen Geschütze beim Kampfe
großer Artilleriemassen als ein sehr bedeutsames Kampfmittel sich
geltend machen, daß die Artillerie eine große Rolle in der Feldschlacht
spielen werde, also genau das, was sich 1870 als vollberechtigt
erweisen sollte. Aber 1866 ergab sich zwar die vollständige Ohnmacht
der glatten gegen die gezogenen Geschütze; sie mußten ihnen in allen
Fällen das Feld räumen und konnten vielfach gar nicht zur Verwendung
kommen; -- aber im Kampf gegen einander, der meist auf sehr große
Entfernungen geführt wurde, thaten letztere sich außerordentlich wenig
Schaden. Das lag an der mangelhaften Ausbildung des Personals und an
der falschen Verwendung der Kanonen.
Für die Artillerie-Truppe ergab sich mithin aus den Erfahrungen
dieses Krieges die Nothwendigkeit einer gründlicheren Ausbildung
einerseits, einer weiteren Prüfung der schlecht bewährten Waffe aber
anderseits. Die glatten Feldgeschütze mußten als ganz unbrauchbar
allerdings beseitigt werden, aber eine ernste Krisis folgte auch für
die Kruppschen Hinterlader. Und zwar war es nicht nur das System, für
welches ja Krupp keine Verantwortung traf, sondern auch scheinbar das
Material, dessen Güte in Frage gestellt wurde. Von den 8 ~cm~-Rohren
mit Keilverschluß waren nämlich mehrere ohne vorherige Anzeichen und
ohne nachweisbare Fehler des Materials besessen zu haben, gesprungen.
Damit war der Glaube an die Haltbarkeit des Gußstahls ernstlich
erschüttert, seine Gegner schlugen daraus Kapital zu Gunsten der
Bronze und erreichten, daß in Preußen aufs Neue Versuche mit einem
bronzenen 9 ~cm~-Rohr angestellt wurden; seine Konkurrenten wußten
die Unglücksfälle geschäftig in ihrem Interesse zu verwerthen und das
Mißtrauen zu Krupps Fabrikaten immer aufs Neue dadurch anzuregen,
sodaß er sich noch im Jahre 1879 gezwungen sah, den übertriebenen
Behauptungen in einem Schriftstück entgegenzutreten, das er am
11. Februar an alle Mitglieder des englischen Unterhauses versandte. Er
legte hierin klar, daß von fast 18000 gelieferten Geschützen bisher nur
22 gesprungen seien, hiervon entfielen aber 17 auf die Geschütze alten
Systems, welches 1870 verlassen wurde, und nur 5 Fälle auf die 11600
seitdem angefertigten Geschütze.
Zunächst war es aber eine Lebensfrage für die Geschützfabrikation
des Gußstahlwerkes, die Ursachen zu ergründen für die im Kriege
1866 vorgekommenen Unglücksfälle. Krupp glaubte sie in dem wenig
zweckmäßigen Verschluß, dem Wesener'schen Doppelkeil-Verschluß, welchen
die Rohre in Spandau erhalten hatten, gefunden zu haben, und da es
trotz aller Versuche nicht gelang, die hiermit versehenen Rohre zu
verbessern, entschloß er sich zu dem großen Opfer, die sämmtlichen vor
2 Jahren gelieferten 8~cm~-Rohre zurückzunehmen und durch 300 neue
Rohre mit geänderter Verschluß-Konstruktion zu ersetzen. Dies war
geboten durch das Geschäftsinteresse, denn die mangelhafte Einrichtung
konnte bei jedem dieser Geschütze ein Springen veranlassen. Jeder
weitere derartige Unglücksfall konnte aber seinen Kredit wesentlich
schädigen. Bei der Ausdehnung, welche die Geschützlieferungen bereits
angenommen hatten und bei den hiermit verbundenen Kapitalopfern für
die nothwendigen Werkanlagen war ein Rückgang der Geschützlieferungen
mit hohen Gefahren für die Fabrik verbunden, ganz abgesehen von der
Enttäuschung, welche Krupp persönlich in seinen auf eine weitere
Entwickelung gerade dieses Industriezweiges gesetzten Erwartungen
getroffen hätte.
Zu einer bedeutenden Vergrößerung seiner Fabrik war Krupp in den Jahren
1863-64 namentlich durch die umfassenden Bestellungen der russischen
Regierung veranlaßt worden. Sie hatte mit dem 1859 eingeführten
bronzenen Vorderlader-Feldgeschütz schlechte Erfahrungen gemacht und
wandte sich 1863 dem Gußstahl zu, indem sie 88 Stück achtzöllige und
16 Stück neunzöllige gezogene Vorderlader, 1864 aber 234 Hinterlader
in allen Kalibern probeweise bestellte. Die Geschützfabrikation
stieg dank dieser und der Lieferungen für deutsche Staaten 1864 auf
817, im Jahre 1866 aber erreichte sie gar die Zahl von 1562, weil
Rußland die Krupp'schen Feldgeschütze mit dem von ihm konstruirten
Rundkeilverschluß angenommen hatte. Es muß wohl, wenigstens theilweise,
auf das durch die Unglücksfälle im Kriege veranlaßte Mißtrauen
zurückgeführt werden, daß in den folgenden Jahren sich ein sehr
fühlbarer Rückgang bemerklich machte. Die Bestellungen betrugen 1867
720, 1868 588, 1869 nur 205 Stück, und begannen erst nach 1870 (427
Stück) mit Einführung einer veränderten Rohrkonstruktion mächtig zu
steigen.
Die Erweiterung des Betriebes hatte aber auch den Wunsch nahe gelegt,
mit der Rohmaterialienbeschaffung sich unabhängig zu machen von
auswärtigen Lieferanten; und da zur Errichtung von Hohöfen die Lage
der Fabrik bei Essen wenig geeignet war, so ergriff Alfried Krupp die
sich ihm bietende Gelegenheit, vom preußischen Bergfiskus die Sayner
Hütte zu erwerben. Er kam damit wieder einen wichtigen Schritt weiter
in der prinzipiellen Ausbildung des Selbstfabrikations-Systems, das er
unentwegt im Auge behielt.
Die Erweiterungen und Neuanlagen der Fabrik, sowie der Ankauf der Hütte
waren aber mit großen Geldopfern verbunden, so daß es wohlverständlich
ist, daß Krupp bei dem Hereinbrechen der kritischen Jahre nach
1866 nicht nur den Entschluß faßte, die an Preußen gelieferten 300
8~cm~-Rohre zurückzunehmen, sondern daß er auch alles daran setzte,
durch weitere technische Fortschritte dem Gußstahl seine Stellung zu
wahren. Er selbst war nicht irre geworden an dessen Vorzüglichkeit und
glaubte seine Eigenschaften noch lange nicht hinreichend ausgenutzt. Es
mußte aber eine neue Bahn beschritten werden, um das gesteckte Ziel zu
erreichen, das hatten die Unglücksfälle von 1866 ihm klar gezeigt.
~VI.~
Kampf und Sieg.
Die Mißerfolge der gezogenen Geschütze auf dem Schlachtfelde riefen
die maßlosesten Angriffe gegen diese hervor und namentlich wurden die
Hinterlader einer heftigen Kritik unterzogen. Aber die maßgebenden
Personen ließen sich ebensowenig wie die Artillerie-Waffe hierdurch
beirren. Noch im Jahre 1866, am 6. Oktober verfügte König Wilhelm die
Bewaffnung der reitenden Batterien mit den gezogenen 8~cm~-Kanonen,
und binnen Kurzem waren sämmtliche glatte Geschütze nicht nur aus der
preußischen, sondern aus allen Armeen Deutschlands verschwunden. Die
Artillerie aber hatte zu deutlich empfunden, daß das glatte Geschütz
dem gezogenen gegenüber gänzlich entwerthet, daß die erwartete Wirkung
auf geringe Entfernungen eine Illusion gewesen sei, den modernen
weitschießenden Gewehren gegenüber. Sie suchte mit Recht die Gründe für
die Mißerfolge der Waffe in deren ungenügender Kenntniß und Ausnutzung,
vor allem in der falschen Verwendung auf dem Schlachtfelde. Ihr ganzes
eifriges Streben ging darauf hinaus, die Natur und Leistungsfähigkeit
des neuen Geschützes zu studiren und sich im richtigen Gebrauch rastlos
zu üben. Wie recht sie damit hatte und wie zielbewußt sie ihre Pflicht
erfaßte, zeigen die glänzenden und überraschenden Erfolge des nächsten
Krieges.
Daß die Unglücksfälle von 1866 das Vertrauen in das System der
Hinterlader nicht zu erschüttern brauchte, hatte man aus dem
eigenthümlichen Umstande gefolgert, daß nicht ein einziges
9~cm~-Rohr, sondern nur 8~cm~-Rohre gesprungen waren, weshalb wohl
die Unzweckmäßigkeit des bei diesem veränderten Verschlusses die
Schuld tragen mußte. Mit diesem theoretischen Nachweis war aber das
Mißtrauen in der Truppe nicht zu überwinden, welcher die Gußstahl-Rohre
unheimlich erschienen, da sie ohne irgend ein vorhergehendes Merkmal
der Mangelhaftigkeit zerspringen könnten. Man deutete immer wieder auf
den Vorzug der Bronze hin, deren Rohre zwar auch bersten und zerreißen
könnten, aber niemals plötzlich und unvorhergesehen, sondern immer nach
vorangehenden deutlichen Anzeichen.
Hierdurch sah sich die General-Inspektion der Artillerie veranlaßt, mit
pflichtmäßiger Gewissenhaftigkeit einen neuen Versuch zu machen, ob ein
leistungsfähiges Hinterlade-Feldgeschütz aus Bronze sich herstellen
lasse. Sie ließ ein 9~cm~-Rohr konstruiren, das nach Möglichkeit dem
Gewicht des Gußstahlrohrs und seiner Laffete entsprechen sollte.
Und siehe: Die Schießergebnisse, welche seit 1867 mit diesem
Geschütz erreicht wurden, waren günstig. Die Versuche, nun auch mit
8~cm~-Rohren, wurden fortgesetzt und es vollzog sich allmählich eine
vollständige Wandlung zu Gunsten der Bronze. Eigenthümlich, daß zur
selben Zeit, wo in Folge dessen Preußen nahe daran war, Krupps Gußstahl
den Rücken zu wenden, in Oesterreich die umgekehrte Ansicht zur Geltung
kam, daß die bronzenen Feldgeschütze abgeschafft werden müßten, weil
Gußstahl unzweifelhaft der Bronze vorzuziehen sei.
Die Gefahr, nicht durch die Beschaffenheit des Materials, sondern durch
eine fehlerhafte Konstruktion, ohne Krupps Verschulden hervorgerufen,
war sehr groß, daß man auf einen falschen Weg gerieth, daß man sich der
werthvollsten Kriegswaffe beraubte und ihren genialen Erzeuger, der
sein ganzes Vermögen und Können in dieser Zeit an die Vervollkommnung
der Waffe gesetzt hatte, in eine äußerst schwierige Lage brachte. Der
Ausbruch des Krieges 1870/71 wandte die Gefahr ab.
Gleich in den ersten Gefechten machte sich die Ueberlegenheit des
französischen Chassepot-Gewehrs geltend. Unsere Infanterie, die in
lobenswerther aber schlecht angebrachter Tapferkeit ihre Angriffe in
gleicher Weise wie 1866 ohne Vorbereitung durch die Artillerie zu
machen versuchte, erlitt enorme Verluste und mußte jeden Sieg über die
Feinde, welche in schönen Stellungen sie empfingen, mit Strömen von
Blut erkaufen. Aber ebenso scharf trat von Anfang an die Ueberlegenheit
der deutschen über die französische Artillerie hervor. Die Verhältnisse
von 1866 erschienen geradezu umgekehrt. Binnen Kurzem war es die starke
Hilfe der Artillerie, ohne welche die Infanterie keine Erfolge erringen
konnte, war es ihre in die Wagschale geworfene Kraft, welche den
Charakter der meisten Schlachten bestimmte.
Und es basirte dieses Uebergewicht nicht allein in dem
Zahlenunterschied -- die deutsche Armee verfügte im August
über 1260 gegen 924 Geschütze --, sondern vorwiegend in deren
Leistungsfähigkeit und der Geschicklichkeit, mit der die Artilleristen
sie zu verwenden verstanden. Die Taktik der modernen Feldartillerie
hat auf den französischen Schlachtfeldern ihre Erprobung und ihre
weitere Entwickelung gefunden. Es wird von Interesse sein, einige
Zeugnisse aus beiden Heerlagern einander gegenüber zu stellen, um
einen Begriff zu bekommen von dem großartigen Erfolg und von dem
überwältigenden moralischen Eindruck, welchen die Wirkung der deutschen
Gußstahl-Kanonen hervorriefen.
Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, damals Kommandeur der Artillerie
des Gardekorps, berichtet in einem Briefe über das Eingreifen seiner
Batterien bei St. Privat: »Eine dichte Masse feindlicher Infanterie kam
mit Energie von der Gegend von Amanvillers auf uns zu. Als sie über
die Höhe auftauchte, erreichten sie die Probeschüsse mit 1900 Schritt
und die 30 Geschütze machten Schnellfeuer. Ein dichter Pulverqualm,
von den platzenden Granaten erzeugt, hüllte die feindliche Infanterie
ein. Aber nach kurzer Zeit tauchten die Waffen mit den Rothhosen
diesseits daraus hervor und kamen näher. Das Feuer ward eingestellt.
Ein Probeschuß mit 1700 Schritt bezeichnete den Punkt, auf den man sie
heranmarschiren ließ, und so ging es weiter auf 1500, 1300, 1100 und
900 Schritt. Trotz der entsetzlichen Verheerungen, welche die Granaten
unter ihnen anrichteten, blieben diese braven Truppen im Avanciren.
Aber auf 900 Schritt war die Wirkung gar zu mörderisch, sie wandten
sich zur Flucht, von unseren Granaten begleitet, so weit wir sie sehen
konnten. Hier haben wir es mit einem Infanterieangriff zu thun, der
durch bloßes Artillerie-Feuer abgewiesen ist. Ich habe einige Jahre
später einen Adjutanten des Generals Ladmirault gesprochen, der den
Befehl zu diesem Gegenstoß gebracht und den Angriff mitgemacht hatte.
Es waren zwei Infanterie-Regimenter dazu beordert. Der französische
Offizier sagte nur: ~»Il était impossible de réussir. Vous n'avez pas
idée qu'est-ce que cela veut dire, que de devoir avancer dans le feu
de votre artillerie.«~ Die Infanterieangriffe wiederholten sich aus
derselben Richtung her. Es haben im Ganzen deren drei stattgefunden,
die letzten beiden wurden aber nicht mit solcher Energie unternommen,
wie der erste. Sie erstarben schon auf 1500 Schritt von uns. Auch
eine Kavalleriemasse war vor diesen Infanterie-Angriffen aufgetaucht,
um den Vertheidigern von St. Privat Luft zu schaffen. Sobald einige
Probeschüsse die Entfernung gemessen hatten, sprengten die massenhaft
einschlagenden Granaten unseres Schnellfeuers die Kavallerie
auseinander und sie verschwand dahin, wo sie hergekommen war.«
Noch bezeichnender sind die Berichte desselben Generals über die
Schlacht bei Sedan: »Eine feindliche Batterie,« so erzählt er, »ganz
mit Schimmeln bespannt, trabte von Fond de Givonne her auf Givonne zu
und wollte zwischen diesem Dorfe und dem bois de la Garonne Stellung
nehmen. Sobald sie auf der Höhe sichtbar war, richteten die drei
Batterien der 1. Garde-Infanterie-Division ihre Geschütze dahin. Die
Batterie brach vollständig zusammen, die Trümmer blieben liegen. Sie
that keinen Schuß. Einer zweiten und dritten Batterie ging es ebenso.
In einer bald nach dem Feldzuge erschienenen französischen Broschüre
las ich: ~»l'Empereur lui-même essaya de placer trois batteries au
sortir du Fond de Givonne. Elles furent écrasées sans coup férir...«~
Je länger man auf derselben Stelle stand, desto sicherer traf man.
Einmal sah man Bewegung oben rechts im Ardenner Walde. Die Ferngläser
ließen Kavallerie erkennen, welche nach Verdun zu über eine Lichtung
des Waldgebirges zu zweien ritt. Die Batterien schossen sich darauf
ein. Mit Aufsatz von mehr als 4000 Schritt glaubte man zu treffen. Bei
der großen Entfernung zweifelte ich an einer ersprießlichen Wirkung
und wollte das Feuer inhibiren, aber die sichtbare Unruhe bei der
feindlichen Kavallerie zeigte, daß wir getroffen hatten... Daß mit
der Wegnahme des Bois de la Garonne die vollkommene Niederwerfung des
feindlichen Heeres besiegelt sein werde, war klar ersichtlich. Aber der
Angriff mußte erst vorbereitet werden. Zu diesem Zwecke theilte ich
die ganze vor uns liegende Waldlisière in Abschnitte und wies jeder
Batterie ihr Theil zu. Sie mußte dann immer mit dem ersten Geschütz
den vorderen Waldesrand treffen und jedes folgende Geschütz mußte mit
derselben Richtung, aber mit je 100 Schritt Elevation mehr, feuern. So
wurde die ganze Waldlisière und der Wald bis in einer Tiefe von 500
Schritt mit Granaten übersät. Die Sprengstücke gingen noch weiter.
Ließ sich aber irgend etwas vom Feinde außerhalb des Waldes sehen, so
richteten sich alle Geschütze mit vernichtender Wirkung dagegen. Unsere
Ueberlegenheit über den Feind war in dieser Periode der Schlacht an
dieser Stelle so erdrückend, daß wir gar keine Verluste mehr hatten.
Die Batterien schossen wie auf dem Schießplatze nach der Scheibe.
Endlich schien der Moment zum Angriff gekommen, die Angriffsbefehle
waren ertheilt, eine Salve aus sämmtlichen Geschützen sollte das Signal
zur Ausführung sein. Die Salve krachte Punkt 2½ Uhr, die Infanterie
stieg den Berg hinan. Mit fieberhafter Spannung richteten wir unsere
Blicke nach dem Walde, ob dessen Rand wieder so viele Opfer kosten
werde, wie die Lisière von St. Privat. Aber der Widerstand war hier
fast Null. An den meisten Stellen kamen die völlig entmuthigten
Franzosen unseren Truppen mit dem Rufe entgegen: ~»»pitié, pitié, nous
ne pouvons plus, nous sommes écrasés par le feu de votre artillerie.««~
Und nun diesen Schilderungen eines preußischen Artilleristen
gegenüber die Aeußerung eines Generals des Mac Mahon'schen Korps: »Was
aber das Schlimmste ist, daß unsere Artillerie in beklagenswerther
Weise derjenigen der Preußen, sowohl was das Kaliber, als was die
Zahl betrifft, nicht gewachsen ist. Unsere 4pfündigen Geschütze,
hübsche Spielzeuge in einer Ausstellung, haben nirgends auch nur
einen Augenblick vor den 12 Pfündern (es sind die 9 ~cm~-Kanonen
gemeint) der Preußen Stand halten können; Tragfähigkeit, Sicherheit
und Schnelligkeit des Schusses, Alles ohne Vergleich, ist bei unsern
Feinden überlegen. Während unsere Artillerie sich nie halten konnte,
verließ die preußische ihre Stellungen nur, um zu avanciren; sie schien
von der unseren nie getroffen zu werden und bewegte sich mit derselben
Kaltblütigkeit und derselben Präcision, wie auf dem Exerzierplatze.«
Diese Leistungen der deutschen Artillerie hatten das unbedingte
Vertrauen zu ihrer Feuerwaffe zur Voraussetzung. Und in der That
hatte nicht nur diese allen Erwartungen bezüglich der Konstruktion
entsprochen, sondern auch das Verhalten des Materials hatte bei
einer bisher noch beispiellosen Beanspruchung alle Befürchtungen
auf das glänzendste widerlegt. Von den 9~cm~, die theilweise seit
1861 im Gebrauch waren, hatten einzelne schon über 2000 scharfe
Schüsse gethan; aber völlig unbrauchbar waren nur zwei Rohre durch
starke Ausbrennungen geworden; eine zeitweise Unbrauchbarkeit hatten
Verletzungen am Verschlusse bei 16 Rohren herbeigeführt. An den
8~cm~-Rohren, die meist zwischen 400 und 500 Schüssen gethan hatten,
waren 25 durch Ausbrennung am Verschlußtheil völlig unbrauchbar, 57
zeitweise unbrauchbar geworden. Aber gesprungen -- und das hatte man ja
in erster Linie gefürchtet -- war kein einziges Rohr. Hiermit war für
Deutschlands Feldartillerie die Materialfrage endgültig entschieden.
Der Gußstahl hatte sich so glänzend bewährt, daß von der Verwendung
der Bronze ferner ganz abgesehen wurde. Auf diesem Gebiet waren alle
Hindernisse beseitigt, sodaß Krupp freien Raum erhielt, seine neuen
Vervollkommnungen zur Geltung zu bringen.
Bevor wir dem Meister auf dem neuen Wege folgen, müssen wir einen
Augenblick verweilen, um noch einmal rückwärts zu schauen auf die
letzten Jahre der Entwickelung. Denn Manches hat sich verändert und
manches wichtige Ereigniß ist nicht ohne Folge geblieben auf ihn
selbst, seine Lebensführung und seine Eigenart.
Nachdem Krupp im Jahre 1860 seine bescheidene Wohnung mit dem
»Gartenhaus«, einem in Villenstil innerhalb der Fabrik errichteten
Gebäude vertauscht hatte, entschloß er sich im Jahre 1864, dem
geräuschvollen Treiben sich und seine Familie zu entziehen. Er hatte
ein kleines Landbesitzthum an der Ruhr erworben und das auf einem
waldumkränzten Hügel gelegene Bauernhaus zu einem Wohnhaus umgebaut.
Erst später trat an dessen Stelle die herrschaftliche Villa, welche,
in weithin das Flußthal beherrschender Lage, zum würdigen Wohnsitz der
Krupp'schen Familie gestaltet wurde, den ersten bescheidenen Namen
»Hügel« aber bis heutigen Tages behielt. Wenige Tage vor dem Umzug auf
den Hügel, am 28. Oktober 1864, ward Krupp noch ein bemerkenswerther
Besuch zu Theil. Der preußische Ministerpräsident, Herr von Bismarck,
hatte vom 7. bis 24. Oktober eine Reihe »glücklich unbeschäftigte«
Tage in Biarritz zugebracht, war am 25. in Paris gewesen und auf der
Heimreise einer Einladung Krupps gefolgt, in dessen »Gartenhaus« er
einen Abend in heiterster Stimmung verbrachte, um andern Tages nach
Berlin weiter zu fahren.
Die folgenden Jahre hatten weitere hohe Besuche gebracht, von denen die
des Kronprinzen Friedrich Wilhelm am 17. April und des Königs Wilhelm
am 16. Oktober 1865 hervorzuheben sind. Der König wurde auf der im
selben Jahre eröffneten eigenen Eisenbahn der Fabrik von Borbeck aus
nach dem festlich geschmückten und illuminirten Etablissement gebracht
und übernachtete in dem nun für hohe Gäste eingerichteten »Gartenhaus«.
Der gütige Monarch pflegte niemals mit leerer Hand zu kommen, und so
suchte er dieses Mal seinem Wirth durch Verleihung des Kronenordens
~II.~ Klasse ein Zeichen seiner Huld und Anerkennung zu geben. Wenige
Tage darauf, am 20. Oktober, langte der Kronprinz zum zweiten Male
in Essen an, führte dieses Mal aber auch die Kronprinzessin und die
anderen Tages eingetroffene Königin Augusta durch die Räume der Fabrik.
Das Jahr 1865 brachte auch einen Besuch des Prinzen Alexander, welcher
im Jahre 1867 und 1868 wiederholt wurde. 1866 waren Prinz Adalbert,
1867 Prinz Karl von Preußen, beide in Begleitung ihrer Gemahlinnen in
der Gußstahlfabrik. Letztere trafen aber deren Besitzer nicht an; er
war in Nizza.
Im Winter von 1866 zu 67 machten sich bei Alfried Krupp zum ersten
Male die Einwirkungen der körperlichen und geistigen Ueberanstrengung
geltend, denen er seit seinem vierzehnten Lebensjahre unausgesetzt
sich nicht entziehen konnte. Von diesen vierzig Jahren hatte er
fünfundzwanzig in Noth und Sorge, im Kampf und Ringen um seine
und seiner Familie Existenz verbringen müssen; und als der erste
durchschlagende Erfolg ihn freier in die Zukunft schauen ließ, als
die körperliche Anstrengung sich verminderte, da kam eine Periode
des emsigsten Schaffens auf geistigem Gebiete, da mußten immer neue
Unternehmungen gewagt, neue Verwendungen des Materials ersonnen und
erprobt, immer neue Widerstände und Mißerfolge überwunden werden, erst
auf dem Felde der Friedenserzeugnisse, dann der Kriegswaffen. Und als
das Ziel, das Krupp mit diesen verfolgte, erreicht zu sein schien,
als seine Geschütze in Preußen endlich zur Einführung gelangt waren,
da kam der Krieg von 1866 mit seinem artilleristischen Mißerfolg.
Wie niederschmetternd mußten diese Kritiken, welche seine Geschütze
nicht nur bezüglich der Konstruktion, sondern auch bezüglich des
Materials auf das heftigste angriffen, auf den Mann wirken, der in
diesem Zweige seiner Industrie, in diesem mit Liebe und allen Opfern
gepflegten Kinde seiner Thätigkeit seine höchste Lebensaufgabe erblickt
hatte. Dieses Material, von dessen stetig vorzüglicher Güte er so
überzeugt war, sollte unbrauchbar, sollte unzuverlässig sein! Krupp
hatte die höchste Idee von dem Erbe seines Vaters, er stellte es von
vornherein über jedes andere Erzeugniß der Metallurgie, und nur dieser
unerschütterliche Glauben an seinen Gußstahl und an die Mission, welche
ihn mit dessen Ausbeutung betraut hatte, war der Halt und das Fundament
gewesen, mit und auf welchem er sein Leben diese 40 Jahre hindurch
aufgebaut hatte, ein festgefügtes Gebäude. Und nun sollte dieser
Grund unsicher, diese Stütze unhaltbar sein, nun sollte der ganze
Bau zusammenstürzen, ohne die erhoffte und mit Zuversicht erwartete
Weiterentwickelung zu finden? Wie schrecklich, wie kaum auszudenken
war dieser Gedanke für einen Mann wie Alfried Krupp. Sein ganzes
Selbstbewußtsein, sein Stolz, seine Kenntnisse, seine Ueberzeugung
bäumten sich dagegen auf und riefen ihm zu: »Nein! Sie sind alle
Thoren! Sie sind blind und thöricht. Du weißt es besser und du wirst
und mußt sie eines Besseren belehren!« Und nun das eifrige Suchen nach
der Quelle der Unglücksfälle, nicht mit Angst und Ungewißheit, aber
mit dem heißen Drang aller Welt es vor Augen zu führen, wie falsch sie
geurtheilt habe. Und als sie gefunden war, der schnelle Entschluß,
diese unglückliche Konstruktion, die ihm aufgenöthigt worden, die gar
nicht sein eigenes Geisteserzeugniß war, ganz zu beseitigen. Es wurde
früher als ein im Geschäftsinteresse gebrachtes Opfer bezeichnet,
daß Krupp die 300 8 ~cm~-Rohre zurücknahm und durch andere ersetzte.
Gewiß war es das! Aber im tiefsten Grunde waren die Motive zu diesem
Entschluß doch andere, sie lagen viel tiefer, sie waren nicht einfach
berechnender Natur, sondern Krupp war in tiefster Seele so empört
über diese Geschöpfe seiner Fabrik, welche ihm diesen grimmigsten
Schmerz angethan, daß er sie aus der Welt schaffen, sie auf jeden Fall
beseitigen mußte. Wenn er nur in geschäftlicher Erwägung gehandelt
hätte, so würde es nahe gelegen haben, bei der preußischen Regierung
vorstellig zu werden, daß es besser sei, die unzuverlässigen Rohre zu
verwerfen, und daß er unter billigen Bedingungen erbötig sei zu einem
Umtausch gegen neue, obgleich er an der mangelhaften Konstruktion nicht
die Schuld trage. Aber von einem solchen Versuch ist nichts bekannt.
Es ist ein freier, rascher Entschluß, der bei Krupps energischem, vor
nichts zurückscheuendem Charakter wohl erklärlich ist. Diese Kanonen
hatten seine heiligsten Ideale beleidigt, seine Erfolge in Frage
gestellt, die Weltstellung seines Gußstahls ernstlich gefährdet: mit
der Schroffheit, welche sein Wille in diesem ihm wichtigsten Punkte
anzunehmen begann, sagte er: »Weg damit!«
Gleichzeitig begann aber mit großem Eifer die Weiterentwickelung der
eigenen Kruppschen Geschützkonstruktionen; es ist wohl keine Frage,
daß die mit der preußischen 8 ~cm~-Kanone gemachten Erfahrungen
einen Anstoß gaben, selbständig für dieses Geschütz ein besseres
zu konstruiren, und so ist der Herbst und Winter 1866 für Krupp
unzweifelhaft von so heftigen Gemüthsbewegungen und geistigen
Anstrengungen begleitet gewesen, daß eine Einwirkung auf sein
körperliches Befinden nicht Wunder nehmen kann.
Es kam hierzu noch Eins, nämlich die Vorbereitung auf die 2. Pariser
Weltausstellung, welche im Jahre 1867 stattfinden sollte. Sie war
doppelt wichtig nach dem Stoß, den der Gußstahl soeben erlitten hatte,
mit doppelter Sorgsamkeit mußte ihre Beschickung ins Auge gefaßt
werden. Die geistige und körperliche Abspannung, welche sich im Winter
geltend machten, zwangen Krupp dazu, seine unermüdliche Thätigkeit zu
unterbrechen und in einem milderen Klima Erholung zu suchen. Er weilte
ziemlich lange Zeit in Nizza, dem Ort, den er auch später wiederholt
mit Vorliebe und gutem Erfolg aufsuchte.
Auf der Pariser Ausstellung wollte Krupp zum ersten Mal mit seiner
neuen Rohrkonstruktion, mit einem Ringrohr, auftreten.
Man hatte bereits in mehreren Staaten Versuche angestellt, durch
Herstellung des Geschützrohres nicht aus einer Masse, sondern aus
mehreren zylinderförmigen Lagen über einander eine Verbesserung der
Waffe herbeizuführen. Das von ihnen angewendete Material und das
Geschützsystem waren aber von ganz anderer Art; Krupp mußte daher,
als er den Gedanken aufgriff, ganz selbständig vorgehen, und die
Konstruktion der Gußstahl-Ringrohre ist deshalb als sein eigenstes Werk
zu betrachten.
Das Verfahren besteht darin, daß auf das -- in der Wandung schwächer
gehaltene -- zylindrische Geschützrohr ein anderer angewärmter
und dadurch erweiterter Gußstahlzylinder aufgebracht wird, welcher
beim Erkalten sich zusammenzieht und auf den inneren Zylinder
zusammenpressend wirkt, weil sein innerer Durchmesser im kalten
Zustande um etwas geringer ist als der äußere des umschlossenen
Geschützrohrs. Giebt man auf diesen äußeren noch einen dritten
Zylinder, so wird der erste noch mehr zusammengepreßt, und die
Ausdehnung, welche der zweite erlitt, gemäßigt. Alle Theile des so
entstandenen Geschützrohrs werden aber, wie leicht verständlich,
beim Abfeuern des Schusses in eine Spannung versetzt, welche von
innen nach außen sich verringert, und in dem Ringrohr begegnet nun
dieser Stoß der Pulvergase einer in gleicher Richtung abnehmenden
Widerstandsfähigkeit des Materials. Die im innersten Theile ganz
bedeutend gesteigerte Widerstandskraft vermag also viel größeren
Ladungen Stand zu halten, als beim alten Massivrohr. Und da ferner der
Laderaum den stärksten Stoß erhält, die Kraftäußerung nach der Mündung
zu abnimmt, so hat man es in der Hand, eine Verstärkung des Rohres
durch Ringe genau im Verhältniß der nothwendigen Widerstandskraft, am
stärksten am Laderaum und schwächer werdend von hier an, vorzunehmen.
Es ist auch ohne Weiteres verständlich, daß man den hinter dem
Laderaum liegenden Theil des Rohres, welcher lediglich zur Aufnahme
des Verschlusses dient, schwächer halten kann, als bei Rohren früherer
Konstruktion üblich war, und daß der Verschlußtheil in Folge dessen
kleiner, leichter und bequemer zu handhaben wird. Es wurde bereits
erwähnt, daß Krupp im Jahre 1862 in London einen von ihm konstruirten
Keilverschluß patentiren ließ. Diesen hatte er in den folgenden Jahren
wesentlich vervollkommnet und im Jahre 1865 sich den so entstandenen
Rundkeilverschluß patentiren lassen, welcher in der Folgezeit auch von
der Preußischen Regierung angenommen und seitdem bei allen Kruppschen
Hinterladern angewendet worden ist.
Die Pariser Ausstellung 1867 gab Krupp willkommene Gelegenheit, seine
Ringkanone öffentlich vorzuführen und er glaubte nicht mit Unrecht,
den Eindruck durch die Wahl eines möglichst großen Kalibers steigern
zu können. Nicht weniger als 14 Monate ward an dem Riesengeschütz
gearbeitet, das bei 35,5 ~cm~ Seelendurchmesser ein Gewicht von
ungefähr 1000 Zentnern erreichte. Und ihm zur Seite lag ein Block,
800 Zentner, für eine Schiffskurbelwelle bestimmt. Für diese beiden
Objekte hatten besondere, auf 8 Rädern ruhende Eisenbahnwagen gebaut
werden müssen und, da sich die Eisenbahngesellschaften weigerten, diese
Monstrewagen mit ihrer unerhörten Ladung in gewöhnlichen Güterzügen zu
befördern, mußte ein Separattrain sie nach Paris bringen.
Krupps Ausstellung war sehr günstig untergebracht, zwischen den beiden
im Halbkreis emporführenden Treppen des stattlichen Marmorbaues,
welchen die Berliner Baukünstler und Handwerker aufgeführt hatten. Das
Geschützrohr lag in einer gleichfalls von ihm entworfenen stählernen
Laffete und nahm in Verbindung mit einer Anzahl kleinerer Geschütze
die allgemeine Aufmerksamkeit, vor allen aber die des Kaisers Napoleon
in Anspruch. Die Franzosen gaben ihrer Bewunderung unverhohlen
Ausdruck und zögerten nicht, der Firma Krupp namentlich auf Grund der
großartigen maschinellen Hilfsmittel, welche allein diese Erzeugnisse
zu liefern ermöglichten, den ihr gebührenden Platz an der Spitze der
gesammten Eisen-Industrie der Welt einzuräumen. Am meisten imponirte
aber den Franzosen, daß dieses Alles die Schöpfung eines einzigen
Mannes sei. »Bedenke man,« äußerte sich eine große pariser Zeitung,
»daß die Essener Hüttenwerke nicht etwa das Werk und das Eigenthum
einer mächtigen Finanzgesellschaft, sondern daß sie durch das Genie und
die Mittel eines einzigen Mannes geschaffen sind! Kam es nur darauf
an, Geschütze von großer Gewalt und Tragweite zu fabriziren und auf
die Behandlung des Stahles zu diesem Zwecke, so könnte ohne Zweifel
die große Wichtigkeit des Essener Werkes bestritten werden. Aber in
den anderen Industriezweigen, wo die Superiorität des Stahls anerkannt
ist, in der laufenden Fabrikation der Schienen, der Reifen, der Räder,
der Achsen, welche die französischen Eisenwerke ausführen können, in
der Herstellung der Theile riesiger Maschinen, welche diese Anstalten
in relativen Größen ausführen können, ist der Vorrang des preußischen
Werkes so unbestreitbar, daß nicht nur Rußland, Frankreich und
Deutschland seine Produkte um die Wette kaufen, sondern auch England
davon bedeutende Quantitäten verwendet für seine Eisenbahnen oder für
die ungeheuren Maschinentheile seiner mächtigen Dampfschiffe. Der große
Hammer des Herrn Krupp wiegt 50000 ~kg~; Frankreich besitzt einen
solchen von 15000 ~kg~ bei den Herrn Petin Gaudet, einen von 12000 ~kg~
in Creusot; die schwersten Hämmer in England übersteigen nicht das
Gewicht von 15000 ~kg~.«
Bei dem großen Interesse, welches man in Frankreich den Kruppschen
Geschützen zuwandte, lag für ihn die Hoffnung nahe, seinen Gußstahl
auch für die französische Artillerie eingeführt zu sehen. Dieses
geschah nicht, trotzdem sich Krupp ernstlich darum bemühte.
Man hat von der einen Seite ihm einen besonderen Ehrenkranz zu winden
gemeint, indem man die Behauptung aufstellte, er habe das Liebeswerben
Frankreichs stets zurückgewiesen und aus ahnungsvollem Patriotismus
ihm keine Geschütze geliefert; anderseits hat Henri Bordier in seinem
1872 in Paris erschienenen Buche »~L'Allemagne aux Tuileries de 1850
à 1870~« unter den »Bettelbriefen« Deutscher an Napoleon ~III.~
auch einen Brief Krupps aufgenommen, um ihn in die Klasse der ihrer
nationalen Würde vergessenden Deutschen herabzudrücken, welche
den französischen Kaiser mit Schmeicheleien bestürmten. Eins ist
so wenig berechtigt, wie das andere. Krupp war in jenen Jahren
Frankreich gegenüber lediglich der Geschäftsmann, welcher in seinem
Vaterlande noch um die Sicherung seines Absatzes kämpfen mußte und
gar keine Ursache hatte, nicht den Markt für seine Erzeugnisse in
allen kultivirten Ländern zu suchen. Von speziell preußischen oder
deutschen Konstruktionen war noch keine Rede; denn man hatte hierselbst
Krupps Vorschläge kaum erst in Erwägung gezogen, kaum kennen gelernt,
geschweige denn, sie, wie später geschah, angenommen und weiter
entwickelt. Krupp war mithin völlig Herr seiner neuen Konstruktionen,
Ringrohr und Rundkeilverschluß. Kein Mensch verargte es ihm, daß er
eine Bestellung Rußlands aus 25 achtzöllige und eine neunzöllige
Ring-Kanone 1866 annahm und bis 1867 an Feldgeschützen nicht weniger
als 601 Stück nach Petersburg lieferte. Von denselben Geschützen
konnte er wohl auch Zeichnungen in Paris vorlegen, ohne des Mangels an
Patriotismus angeklagt oder gar als zudringlicher Bettler bezeichnet
werden zu müssen.
Thatsächlich hat Krupp im Jahre 1868 zwei Broschüren über
Schießversuche der französischen Regierung übersandt. Ziemlich
gleichzeitig lief ein Bericht des Militärbevollmächtigten in Berlin,
des Obersten Stoffel in Paris ein, in welchem dieser die unbedingte
Ueberlegenheit der preußischen über die österreichischen und auch
über die französischen Feldgeschütze betonte: »das Material der
preußischen Feldartillerie,« sagte er, »ist dem unsrigen sowohl in
Bezug auf Treffsicherheit, wie auf Schußweite und Feuer-Schnelligkeit
bedeutend überlegen.« Aber gleichzeitig berichtete er von den starken
Anfeindungen, welche die Gußstahl-Geschütze zu erfahren hatten und
glaubte annehmen zu können, daß die preußische Armee-Leitung nur durch
das Vorhandensein der bereits beschafften Gußstahl-Rohre verhindert
werde, sich zur Bronze zu bekennen.
Dem General Le Boeuf, welchem die Broschüren Krupps zur Begutachtung
überwiesen wurden, fand in dieser letzten Bemerkung des Obersten
Stoffel sowie in der Thatsache der Unglücksfälle von 1866 willkommene
Gründe, um das Aktenstück bei Seite zu schieben, ohne dem Kaiser
darüber vorzutragen. Er hielt die Gußstahlgeschütze für zu theuer, war
überzeugt von der Vorzüglichkeit der französischen Feldgeschütze und,
wenn er auch die Superiorität Krupps in der Stahlfabrikation nicht
leugnen konnte, so glaubte er, der eigenen Industrie Zeit verschaffen
zu müssen, jenen einzuholen und dem Staate bessere Kriegswaffen zu
liefern.
So war zum zweiten Male die Gefahr für Deutschland abgewendet
worden, daß in dem großen Kampfe mit der gallischen Nation außer
dem überlegenen Gewehr ihm auch ein gleichwerthiges Geschütz
gegenüberstände. Es war Frankreichs Geschick, das eine ewige
Gerechtigkeit ihm fügte, daß es, befangen in Selbstüberschätzung, die
dargebotene starke Waffe zurückwies, welche in der Hand des Feindes
wenige Jahre darauf dazu diente, seinen Hochmuth zu brechen und seine
Anmaßung zu Boden zu werfen.
Noch einmal im Jahre 1868 suchte Alfried Krupp die Aufmerksamkeit
des französischen Kaisers auf seine Erzeugnisse zu lenken. Es ist der
Brief, welcher ihm als »Bettelbrief« von Henri Bordier angerechnet
worden ist, und welchen er am 29. April mit einer Sammlung Zeichnungen
von verschiedenen seiner Fabrikate Napoleon übersandte. Es war eine
einfache Geschäftsempfehlung, wie sich aus seinem Wortlaut ergiebt:
~»Sire, encouragé par l'intérêt que sa Hauteur Votre Majesté a prouvé
pour un simple industriel et les résultats heureux de ses offerts et
de ces sacrifices inouïs, j'ose de nouveau m'approcher à Elle avec la
prière de vouloir daigner d'accepter l'atlas ci-joint qui représente
une collection de dessins de divers objets exécutés dans mes usines.
Je me livre à l'espérance que surtout les quatre dernières pages qui
représentent les canons en acier fondu que j'ai exécutés pour les
divers hauts gouvernements de l'Europe, pourraient attirer un instant
l'attention de V. M. et excuseront mon audace. Avec le plus profond
respect, avec la plus grande admiration, je suis de V. M. le plus
humble et le plus dévoué serviteur.~
~Fried. Krupp.«~
Und die Antwort hierauf? Sie ward am 21. Mai ertheilt und lautete:
~»L'empereur a reçu avec beaucoup d'intérêt l'atlas que vous lui avez
adressé et S. M. a donné l'ordre, de vous remercier de le lui avoir
communiqué et de vous faire connaître qu'elle désire vivement le succès
et l'extension d'une industrie destinée à rendre des services notables
à l'humanité.«~
Das waren nur nichtssagende Phrasen, aber der »lebhafte Wunsch« des
französischen Kaisers sollte schrecklich sich an ihm und seinem Lande
erfüllen. Die Beziehungen Krupp's zu Frankreich waren hiermit für immer
abgebrochen.
Um aber Alfried Krupp's persönliche Stellungnahme zum französischen
Herrscherhaus des Weiteren zu charakterisiren, um zu zeigen, daß er
lediglich durch das geschäftliche Interesse mit Ueberwindung seiner
persönlichen Gefühle sich zu dem Versuch bestimmen ließ, in Beziehungen
zur französischen Regierung zu kommen, muß noch ein Ereigniß Erwähnung
finden, welches in dieselbe Zeit fällt.
Am 23. Januar 1868 übersandte Krupp seine Broschüren, vom 20. Februar
datirt der Bericht des Obersten Stoffel, am 11. März 1868 verwies
Le Boeuf die Broschüren in's Archiv; am 29. April endlich sandte
Krupp seinen Atlas an Napoleon. Am 20. März besuchte dessen Vetter,
Prinz Napoleon Bonaparte, bekannt unter dem Namen Jerôme nach seinem
Vater, dem ehemaligen König von Westfalen, die Gußstahlfabrik. Er kam
inkognito unter dem Namen eines Grafen von Meudon, und begleitet von
zwei französischen Offizieren in bürgerlichem Kleide. Daß Krupp von
dem Schicksal seiner Broschüren unterrichtet gewesen sei, ist nicht
anzunehmen; auch spricht seine Sendung vom 29. April dafür, daß er die
Hoffnung nicht aufgegeben hatte, geschäftliche Beziehungen anzuknüpfen.
Trotzdem weigerte er sich, als ihm eine Andeutung von des Prinzen
Absicht gemacht wurde, entschieden, ihn in der Fabrik zu empfangen.
Hier kamen also seine persönlichen patriotischen Gefühle zur Geltung,
und selbst auf die Gefahr hin, seine geschäftlichen Erwartungen stark
zu schädigen, konnte er sich zu keinem Entgegenkommen entschließen. Als
der Prinz dennoch auf der Rückreise von Berlin in der Fabrik erschien,
konnte er ihm unmöglich die Thür weisen, zumal jener sich auf eine
Aufforderung des Kronprinzen von Preußen berief; aber er hielt sich ihm
persönlich ganz fern und beauftragte einen Prokuristen mit der Führung.
Bei dieser Gelegenheit ließ der Prinz -- ein scharfer Beobachter -- die
bekannten Worte fallen: ~»Mais c'est donc un état dans l'état; jamais
en France on ne laisserait passer cela!«~, eine Bemerkung, über welche
König Wilhelm, als Krupp sie ihm später erzählte, herzlich gelacht hat.
Die Angabe Jerôme's, daß der Kronprinz ihn nach Essen eingeladen habe,
erwies sich übrigens später als eine Erfindung.
Am selben Tage mit dem Prinzen Napoleon traf der türkische Gesandte
Aristarchi Bey in Essen ein. Mit der Türkei hatte Krupp bereits seit
1863 Beziehungen und in diesen Jahren bedeutende Geschützlieferungen
dorthin auszuführen. Der Sultan wurde in der Folge einer der besten
Abnehmer der Gußstahlgeschütze.
Die wichtige Entwickelungsperiode zwischen dem deutsch-österreichischen
und dem deutsch-französischen Kriege brachte dem Fabrikanten der
Gußstahl-Geschütze noch auf einem anderen Gebiete, als dem der
Feldgeschütze eine ernste Krisis. Aber auch aus dieser ging er nicht
nur als Sieger hervor, sondern gab auch wiederum den Anstoß zu einem
hochwichtigen weiteren Schritte in der Vervollkommnung des deutschen
Geschützsystems. Es bilden die zu besprechenden Vorgänge ein Beispiel
des untrennbaren Zusammenhanges und der gegenseitigen Beeinflussung
aller einzelnen Faktoren des Geschützwesens, und sie gewähren uns einen
interessanten Einblick in die schwierigen vielgestaltigen Aufgaben,
welche von dem modernen Artillerie-Konstrukteur zu bewältigen sind.
Wir erwähnten bereits, daß die preußische Armeeleitung nach dem
dänischen Feldzuge einige Gußstahl-Geschütze größeren Kalibers
beschaffte, weil die Bronzerohre in mancher Beziehung nicht genügt
hatten. Außer den Belagerungs- und Festungsgeschützen bedurfte man
aber, seitdem eine kräftige Entwickelung der Flotte und ein besserer
Schutz der deutschen Häfen und Küsten (seit 1867) ins Auge gefaßt
wurde, noch schwerere Geschütze für die Armirung der in Angriff
genommenen Panzerschiffe und Küstenbefestigungen. Für diese, gegen
Panzerziele mit äußerst gesteigerter Wirkung auszustattenden Geschütze
erschien der Gußstahl von vorn herein als das am besten zu verwendende
Material. Es war daher nicht nur das 35,5 ~cm~-Geschütz der Pariser
Ausstellung, welches Krupp dem König von Preußen zum Geschenk machte,
sofort in einem Kieler Strandfort »Brauneberg« aufgestellt, sondern
25 Stück Sechsundneunzigpfünder, sowie 50 Zweiundsiebenzigpfünder
in Bestellung gegeben. Die der Fabrik vorgeschriebene Konstruktion
war aber noch mit dem in Preußen gebräuchlichen Doppelkeilverschluß
ausgestattet und nur die Sechsundneunzigpfünder besaßen Ringrohre. Von
der für alle Kaliber gleich vortheilhaften Ringkonstruktion hatte man
sich wohl noch nicht überzeugen können.
Um dem Geschoß die nothwendige Durchschlagskraft gegen 8 Zoll starke
Schiffspanzer zu geben, war verlangt worden, daß es mit einer
Anfangsgeschwindigkeit von 408 ~m~ in der Sekunde den Lauf verlassen
müsse. Bei dem ersten Schießversuch mit dem Sechsundneunzigpfünder,
welcher im Frühjahr 1868 bei Tegel stattfand, gelang es aber nicht,
die Geschwindigkeit höher als bis 361 ~m~ zu bringen, obgleich man die
Pulverladung bis 25 ~kg~ steigerte. Bei einem in Gegenwart des Königs
Wilhelm am 31. März vorgenommenen Probeschießen ward die achtzöllige
Panzerwand nicht durchschlagen. Also das Gußstahlgeschütz leistete
nicht, was man erwartet hatte und dessen man unbedingt benöthigte. Man
beschloß also, bei Armstrong einen eisernen Vorderlader von gleichem
Kaliber zu bestellen und ein Vergleichsschießen zu veranstalten.
Krupp glaubte den Grund für die geringe Leistung seines Geschützes zu
wissen. Er selbst hatte bei den mit russischem Pulver angestellten
Versuchen wesentlich günstigere Resultate erzielt. Dieses bestand
aber aus sechskantigen Prismen von 25 ~mm~ Höhe mit 7 Durchbohrungen,
während das preußische Geschützpulver aus lauter kleinen Körnern von
wenigen Millimetern Größe sich zusammen setzte. Nach dem heutigen
Standpunkt der Wissenschaft ist es ganz klar, warum das preußische
Geschützpulver so wenig leistete. Die Entzündung des Pulvers erfordert
immer einige Zeit und zwar desto mehr, je mehr einzelne Körner zu
entzünden sind. Bei großen Ladungen werden, zumal wenn die Entzündung
von einem Endpunkt beginnt, die zuerst entzündeten kleinen Körner
bereits durch ihre Explosion zur Wirkung gelangen, d. h. das Geschoß
heraustreiben, bevor alle Körner in Brand gesetzt wurden. Ein um so
größerer Theil der Körner wird also unverbrannt mit herausgeschleudert
werden, je größer die Ladung ist. Bei den um so vieles größeren Körnern
des russischen prismatischen Pulvers wird die Entzündung aller Körner
viel schneller und andererseits die Verbrennung, und demnach Wirkung
jedes Kornes viel langsamer erfolgen. Die Durchbohrungen sorgen dafür,
daß es nicht allzulangsam geschieht.
Krupp war davon überzeugt, daß die geringe Leistung nur der Anwendung
des preußischen Schießpulvers zuzuschreiben sei und reiste nach
Berlin, um vor dem Vergleichsschießen seiner Bitte, russisches Pulver
anwenden zu wollen, in einer Audienz (23. Mai) beim König Nachdruck zu
verleihen. Der Vorschlag stieß aber jedenfalls bei dessen technischen
Berathern auf so energischen Widerstand, daß er nicht zur Ausführung
kam, obgleich man der Firma Armstrong die Vergünstigung gewährte, das
vorgeschriebene englische und nicht preußisches Pulver anzuwenden.
Der Erfolg war, daß das Armstrong-Geschütz am 2. Juni in Bezug auf
Durchschlagskraft entschieden den Sieg davontrug.
Dieses Ergebniß war für die Krupp'schen schweren Hinterlader von
kritischer Bedeutung. Man zog ernstlich in Erwägung, ob man das
Gußstahl-Geschütz nicht von der Verwendung gegen Panzer ganz
ausschließen und die außerdem um vieles billigeren Armstrong-Kanonen
dafür einstellen müsse. Sie kosteten nur 12000 gegen 30000 Thaler.
Das schwere Gußstahl-Geschütz erschien für die Marine untauglich;
die Nothwendigkeit, der norddeutschen Marine in kürzester Frist
eine kräftige Armirung zu geben, gestattete nicht, etwaige
Verbesserungsversuche abzuwarten; es blieb nichts übrig, als
die Panzerschiffe mit englischen Geschützen auszurüsten. Ein um
die Entwickelung des deutschen Geschützsystems hochverdienter
Offizier, Generallieutenant v. Neumann, damals Präses der
Artillerie-Prüfungskommission, mußte in Folge seines energischen
Eintretens für die Gußstahl-Geschütze den Abschied nehmen.
Zu gleicher Zeit hatte auch Rußland dasselbe neunzöllige Geschütz
Krupp's erprobt, mit Anwendung seines prismatischen Pulvers vorzügliche
Ergebnisse erhalten und in Folge dessen 62 solche Geschütze bestellt.
Es ist wahrscheinlich, daß Krupp in der Audienz am 23. Mai diese, einen
gewissen politischen Charakter tragende, Lieferung zur Sprache brachte,
daß er einerseits die Allerhöchste Genehmigung zu ihrer Ausführung
erhielt, anderseits des Königs Aufmerksamkeit auf die so wesentlich
anders ausgeschlagenen Versuche an der Newa lenkte. Er reiste noch im
Juni von Berlin nach Petersburg und erreichte hier von der Regierung,
daß sie dem in artilleristischen Kreisen hoch angesehenen General
Majewski den Auftrag ertheilte, über die russischen Schießversuche
ausführlich nach Berlin zu berichten.
Bei König Wilhelm fand dieser Bericht offenes Gehör; er befahl eine
Erneuerung des Vergleichsschießens unter Anwendung prismatischen
Pulvers und einer veränderten, der Zentral-Zündung. Gleichzeitig ward
anstatt des Geschosses mit dickem Bleimantel von der Fabrik eine
Stahlgranate mit gehärteter Spitze und dünnem Bleimantel verwendet,
und bei dem am 7. Juli stattfindenden Versuch feierte Krupp einen
glänzenden Erfolg. Die 8 zöllige Panzerwand ward von dem Krupp'schen
Geschütz mit Kraftüberschuß durchschlagen, in einen 9 zölligen Panzer
drang seine Granate tiefer ein, als das Armstrong-Geschoß, und als man
hierauf zu Dauerversuchen schritt, bekam das englische Geschütz bereits
beim 138. Schuß einen Riß, während das deutsche nach 676 Schuß erst
dadurch unbrauchbar wurde, daß eine Granate in dem Rohre krepirte.
Weitere Schießversuche mit kleineren Kalibern ergaben gleich günstige
Resultate: die achtzöllige Kanone leistete dasselbe wie Armstrong's
Neunzöller.
Damit war der Sieg des deutschen Geschützes über das englische
endgültig entschieden. »Mit der eklatanten Niederlage,« so schrieb
ein damaliger Berichterstatter, »welche England gleichzeitig auf dem
Gebiete der Geschütz-, Geschoß- und Pulver-Industrie erlitten hat,
ist dasselbe unwiderruflich von der ersten Stelle, welche es gerade
für diese Industriezweige seit länger als anderthalb Jahrhunderten
behauptet hat, herabgestiegen und wird nicht minder unwiderruflich
diese Stelle fernerhin an Deutschland überlassen müssen.« Und zur
selben Zeit erklärte der belgische Artilleriekapitän, Nicaise,
eine Autorität auf dem artilleristischen Gebiet, nachdem er den
englischen in Shoeburyness angestellten Panzer-Schießversuchen
beigewohnt hatte, die Vorderladungsgeschütze und vornehmlich das
englische Woolwich-Geschütz für endgültig überwunden durch Krupp's
Gußstahl-Hinterlader, welchen er als das Geschütz der Zukunft
bezeichnete. Und trotz aller Anstrengungen, welche die englische
Geschütz-Industrie gemacht hat, ist es dabei geblieben.
Allerdings sind die im Gebiete der Geschütz-, Geschoß- und
Pulver-Industrie gleichzeitig errungenen Siege nicht durchweg als
Verdienste Alfried Krupp's zu bezeichnen. Denn die Geschosse, welche
auch in England den Panzerzielen gegenüber als die besten, besser als
die Stahlgeschosse, sich bewährten, waren nicht aus Krupp's Fabrik,
sondern Hartguß-Granaten von Hermann Gruson. Dieser gewann mit diesem
seinem ersten Erfolge den ersten festen Grund und Boden, auf dem er mit
ungeahntem Erfolge die Reihe seiner Hartguß-Konstruktionen aufzubauen
begann. Er wurde mit seinen Granaten ein gefährlicher Rivale Krupp's,
und erst nach Einführung einer neuen Härtungsmethode gewannen die
Stahlgranaten wieder den Vorrang. Da hatte aber Gruson längst in seinen
Panzern ein reiches Feld der Thätigkeit erobert. Und auf dieses folgte
ihm, wie wir bereits sahen, Alfried Krupp, zunächst wenigstens, nicht.
Er stand vielmehr Gruson's Schutzwaffen mit seinen Geschützen als
Angriffswaffen gewissermaßen feindlich gegenüber, indem er in jeder
Weise seine Geschütze und Geschosse zu vervollkommnen suchte, um die
festesten Panzer zu durchdringen oder zu zerschmettern.
Gebührt aber Krupp auf dem Gebiet der Geschütz-Konstruktion
allein das Verdienst, mittelst seiner Ringkonstruktion Rohre von
der erforderlichen Widerstandsfähigkeit erzeugt zu haben, um die
großen Pulverladungen verwenden zu können, welche die erstrebte
Kraftsteigerung nöthig machte, so ist es ihm auch anzurechnen,
daß er die Widerstände zu überwinden wußte, welche der Einführung
verbesserter Pulversorten in Deutschland entgegengestellt wurden. Er
hat hierdurch die Aufmerksamkeit aus diesen Theil des Geschützwesens
gelenkt, welcher so außerordentlich wichtig ist und in der Folge eine
so eminente Bedeutung für die Entwickelung der Artillerien aller Länder
gewonnen hat. Daß dann Deutschland nicht hintenan hinkte, sondern
sich an die Spitze der Bewegung stellte, das hat Krupp im Jahre 1868
glücklich angebahnt, wie er sich auch fernerhin thätig auf diesem Felde
betheiligt hat.
So hatte diese Periode von 1866 bis 1870, welche mit so großen
Enttäuschungen begonnen und so viele schwere Krisen mit sich gebracht
hatte, doch in den endlich errungenen großen Erfolgen nur dazu
beigetragen, dem Gußstahl und Krupps genialer Verwendung seines
Materials in allen Gebieten reiche Anerkennung und eine Stellung
zu verschaffen, welche nunmehr nicht so leicht mehr zu erschüttern
schien. Freilich hatte sie auch seine Kräfte in einer Weise in Anspruch
genommen, daß zum ersten Male der stählerne Körper der Ruhe und langer
Erholung bedurfte. Das war der Preis des glänzenden Sieges.
~VII.~
Neue Kämpfe.
Die günstigen Erfolge des neunzölligen Ringgeschützes, welche ihm
1868 die Richtigkeit seiner Ideen erwiesen hatten, veranlaßten Krupp,
durch Anwendung der gleichen Prinzipien auch die Leistungsfähigkeit
der Feldgeschütze weiter zu entwickeln. Sie besaßen eine zu stark
gekrümmte Flugbahn der Geschosse, ihre Wirkung konnte wesentlich
gesteigert werden, wenn man es erreichte, daß sie flacher
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