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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Neunter Band: enthaltend Kapitel 17 und 18.

by Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay · German · Gutenberg #47153 · 606,068 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Neunter Band: enthaltend Kapitel 17 und 18.
    
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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Neunter Band: enthaltend Kapitel 17 und 18.

Author: Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay


        
Release date: October 19, 2014 [eBook #47153]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/47153

Credits: Produced by Peter Becker and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN. NEUNTER BAND: ENTHALTEND KAPITEL 17 UND 18. ***

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  | Anmerkungen zur Transkription                                |
  |                                                              |
  | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert, Text in Antiqua |
  | als +Antiqua+.                                               |
  | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs.   |
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                      Thomas Babington Macaulay’s




                        Geschichte von England
                               seit der
                 Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.

                          Aus dem Englischen.

                     Vollständige und wohlfeilste
                         +Stereotyp-Ausgabe.+

                             Neunter Band:
                     enthaltend Kapitel 17 und 18.

                            Leipzig, 1856.

                           G. H. Friedlein.




Siebzehntes Kapitel.

Wilhelm und Marie.




Inhalt.

                                                                   Seite
  Wilhelm’s Reise nach Holland                                         5
  Wilhelm’s Einzug in den Haag                                         6
  Kongreß im Haag                                                      8
  Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen                        10
  Wilhelm erlangt eine Toleranz für die Waldenser                     12
  Mängel, welche in der Natur der Coalitionen liegen                  12
  Belagerung und Fall von Mons                                        13
  Wilhelm kehrt nach England zurück. Prozesse Preston’s und Ashton’s  14
  Ashton’s Hinrichtung                                                16
  Preston’s Unschlüssigkeit und seine Geständnisse                    16
  Nachsicht gegen die Verschwörer. Clarendon                          18
  Dartmouth                                                           18
  Turner                                                              19
  Penn                                                                19
  Tod Georg Fox’; sein Character                                      20
  Unterredung zwischen Penn und Sidney                                24
  Preston begnadigt                                                   25
  Freude der Jakobiten über den Fall von Mons                         26
  Die erledigten Bisthümer werden besetzt                             26
  Tillotson, Erzbischof von Canterbury                                27
  Benehmen Sancroft’s                                                 29
  Uneinigkeit zwischen Sancroft und Ken                               30
  Sancroft’s Haß gegen die Landeskirche. Er bestimmt die
    bischöfliche Succession unter den Eidverweigerern                 31
  Die neuen Bischöfe                                                  32
  Sherlock Dechant von St. Paul                                       33
  Verrätherei einiger Diener Wilhelm’s                                38
  Russell                                                             40
  Godolphin                                                           41
  Marlborough                                                         42
  Wilhelm kehrt auf den Continent zurück                              45
  Der Feldzug von 1691 in Flandern                                    46
  Der Krieg in Irland                                                 48
  Zustand des englischen Theils von Irland                            48
  Zustand des Theiles von Irland, welcher Jakob unterthan war         51
  Uneinigkeiten unter den Irländern in Limerick                       52
  Rückkehr Tyrconnels nach Irland                                     54
  Ankunft einer französischen Flotte in Limerick; Saint-Ruth          55
  Die Engländer rücken ins Feld                                       56
  Fall von Ballymore                                                  56
  Belagerung und Fall von Athlone                                     57
  Rückzug der irischen Armee                                          61
  Saint-Ruth beschließt eine Schlacht zu wagen                        62
  Schlacht bei Aghrim                                                 64
  Fall von Galway                                                     66
  Tyrconnel’s Tod                                                     68
  Zweite Belagerung von Limerick                                      68
  Die Irländer wollen kapituliren                                     70
  Unterhandlungen zwischen den irischen Generälen und den Belagerern  71
  Die Kapitulation von Limerick                                       73
  Die irischen Truppen werden aufgefordert, zwischen ihrem
    Vaterlande und Frankreich zu wählen                               75
  Die Mehrzahl der irischen Truppen erklärt sich für den
    Freiwilligendienst in Frankreich                                  75
  Viele von den Irländern, die sich für Frankreich erklärt hatten,
    desertiren                                                        76
  Die letzte Division der irischen Armee segelt von Cork nach
    Frankreich ab                                                     78
  Zustand Irland’s nach dem Kriege                                    78


[_Wilhelm’s Reise nach Holland._] Am 18. Jan. 1691 schiffte sich der
König, nachdem seine Abreise durch widrige Winde um einige Tage
verzögert worden war, in Gravesend ein. Vier Yachten waren für ihn und
sein Gefolge ausgerüstet worden. Unter seinen Begleitern waren Norfolk,
Ormond, Devonshire, Dorset, Portland, Monmouth, Zulestein und der
Bischof von London, und zwei ausgezeichnete Admiräle, Cloudesley Shovel
und Georg Rooke, befehligten die Kriegsschiffe, welche den Convoi
bildeten. Die Ueberfahrt war langweilig und unangenehm. Auf der Höhe der
Godwin-Sandbänke wurde das Geschwader viele Stunden durch eine
Windstille aufgehalten, und erst am fünften Tage zeigte das Senkblei an,
daß man sich der holländischen Küste näherte. Der Seenebel war jedoch so
dicht, daß sich das Land nicht erkennen ließ, und man hielt es nicht für
gerathen, in der Dunkelheit weiter zu fahren. Der Seereise überdrüssig
und von Sehnsucht nach seinem geliebten Vaterlande erfüllt, beschloß
Wilhelm in einem offenen Boote zu landen. Die ihn begleitenden Edelleute
versuchten ihn von dem Vorhaben abzubringen, ein so kostbares Leben zu
gefährden; als sie aber sahen, daß sein Entschluß fest stand, drangen
sie darauf, die Gefahr mit ihm zu theilen. Es zeigte sich bald, daß
diese Gefahr ernster war als sie erwartet hatten. Man hatte geglaubt,
daß die Gesellschaft in einer Stunde das Ufer erreichen werde; aber
große Massen Treibeis erschwerten das Fortkommen des Bootes, die
Dunkelheit brach herein, der Nebel wurde dichter und die Wogen
durchnäßten den König und seine Begleiter. Einmal stieß das Fahrzeug auf
eine Sandbank und wurde nur mit großer Mühe wieder flott gemacht. Auch
die kühnsten Seeleute konnten sich einiger Besorgniß nicht erwehren.
Wilhelm aber blieb die ganze Nacht durch eben so ruhig, als ob er sich
im Drawingroom zu Kensington befunden hätte. „Schämt Euch,” sagte er zu
einem der verzagenden Matrosen, „fürchtet Ihr in meiner Gesellschaft den
Tod?” Ein verwegener holländischer Seemann sprang ins Meer und schwamm
und watete durch Brandung, Eis und Schlamm ans Land. Hier schoß er ein
Gewehr ab und zündete ein Feuer an, zum Zeichen daß er in Sicherheit
war. Keiner von seinen Mitpassagieren hielt es jedoch für gerathen,
seinem Beispiele zu folgen. Sie lagen auf- und abtreibend im Angesicht
des Feuers, das er angezündet hatte, bis der erste matte Schimmer eines
Januarmorgens sie erkennen ließ, daß sie sich dicht bei der Insel Goree
befanden. Ganz erstarrt von der Kälte und mit Eisklumpen bedeckt,
landete der König mit seinen Lords, um sich zu erwärmen und
auszuruhen.[1]

Nachdem Wilhelm einige Stunden in der Hütte eines Landmanns geruht
hatte, reiste er weiter nach dem Haag. Dort wurde er mit Ungeduld
erwartet, denn obgleich die Flotte, die ihn brachte, am Ufer nicht
sichtbar war, so waren doch die königlichen Salutschüsse durch den Nebel
gehört worden und hatten der ganzen Küste seine Ankunft verkündet. Viele
Tausende waren bei Honslaerdyk versammelt, um ihn mit einem Jubel zu
bewillkommnen, der aus ihren Herzen kam und den Weg zu seinem Herzen
fand. Es war einer der wenigen Freudentage in einem wohl nützlichen und
ruhmvollen, doch keineswegs glücklichen Leben. Nachdem der Verbannte
über zwei Jahre in einem fremden Lande zugebracht, stand er jetzt wieder
auf seinem heimathlichen Boden, hörte wieder die Sprache seiner Kindheit
und sah die Scenerie und Architektur wieder, die in seinem Geiste
unzertrennlich mit den Jugenderinnerungen und Heimathsgefühlen verknüpft
waren; die kahlen Dämme von Sand, Muscheln und Steinen, an denen sich
die Wogen des deutschen Oceans brachen; die endlosen, von Gräben
durchschnittenen Wiesen; die schnurgeraden Kanäle und die freundlich
angestrichenen, mit zierlichen Figuren und Inschriften geschmückten
Landhäuser. Er hatte viele langweilige Monate unter einem Volke gelebt,
das ihn nicht liebte, das ihn nicht verstand und das nie vergessen
konnte, daß er ein Ausländer war. Selbst diejenigen Engländer, die ihm
am treuesten dienten, dienten ihm ohne Begeisterung, ohne persönliche
Zuneigung und nur aus amtlichem Pflichtgefühl. Im Stillen bedauerten sie
es, daß ihnen keine andre Wahl blieb, als zwischen einem englischen
Tyrannen und einem holländischen Befreier. Hier war Alles anders.
Wilhelm befand sich unter einer Bevölkerung, von der er angebetet wurde,
wie Elisabeth angebetet worden war, als sie bei Tilbury durch die Reihen
ihrer Armee ritt, wie Karl II. angebetet worden war, als er in Dover
landete. Allerdings waren die alten Feinde des Hauses Oranien während
der Abwesenheit des Statthalters nicht müßig gewesen, und es war, wenn
auch nicht laut, doch leise gegen ihn gemurrt worden. Er habe, sagte
man, sein Vaterland um seines neuen Königreichs willen vernachlässigt.
Ueberall wo das Ansehen der englischen Flagge, der Aufschwung des
englischen Handels im Spiele gewesen sei, habe er vergessen, daß er ein
Holländer war. Sobald man aber sein wohlbekanntes Gesicht wieder sah,
war alle Eifersucht, alle Kälte verschwunden. Es war nicht ein Bauer,
nicht ein Fischer, nicht ein Handwerker unter den Volksmassen, welche
die Straße von Honslaerdyk nach dem Haag bedeckten, dessen Herz sich
nicht stolz gehoben hätte bei dem Gedanken, daß der erste Minister
Holland’s ein großer König geworden war, daß er die Engländer befreit
und die Irländer besiegt hatte. Es würde Tollkühnheit gewesen sein, wenn
Wilhelm von Hampton Court nach Westminster ohne Eskorte gefahren wäre;
in seinem eignen Lande aber brauchte er keine Schwerter und Karabiner zu
seinem Schutze. „Haltet die Leute nicht zurück,” rief er aus, „laßt sie
nahe zu mir herankommen, sie sind alle meine guten Freunde.”


[_Wilhelm’s Einzug in den Haag._] Er erfuhr bald, daß glänzende
Vorbereitungen zu seinem Empfange im Haag getroffen wurden. Zuerst
schalt er darüber und machte Einwendungen. Er hasse, sagte er, alles
Geräusch und Schaugepränge. Die nothwendigen Kosten des Kriegs seien
ohnehin schwer genug. Er hoffe, daß seine lieben Mitbürger ihn als
einen unter ihnen gebornen und erzogenen Nachbar betrachten und ihm
nicht ein so schlechtes Compliment machen würden, ihn ceremoniös zu
behandeln. Aber alle seine Vorstellungen waren vergebens. So einfach
und sparsam die Holländer in ihrer gewöhnlichen Lebensweise sind,
bei dieser Gelegenheit hatten sie sich vorgenommen, ihrem erlauchten
Landsmanne einen seinem Range und seinen Verdiensten entsprechenden
Empfang zu bereiten, und er sah wohl, daß er sich fügen mußte. Am Tage
seines Triumphzuges war der Zusammenfluß von Menschen ungeheuer. Alle
Wagen und Pferde der Provinz waren nicht hinreichend, um die Masse
Derer zu befördern, welche zu dem Schauspiele herbeiströmten. Viele
Tausende kamen zu Schlitten oder mit Schlittschuhen auf den zugefrornen
Kanälen von Amsterdam, Rotterdam, Leyden, Haarlem und Delft. Am Morgen
des 26. Januar um zehn Uhr gab die große Glocke auf dem Rathhause das
Signal. Sechzehnhundert wohlhabende Bürger, wohl bewaffnet und in die
schönsten Anzüge gekleidet, die sie in den Tiefen ihrer Garderoben
hatten finden können, hielten Ordnung in den mit Menschen gefüllten
Straßen. Balkons und Gerüste, von Immergrün umrankt und mit Teppichen
behangen, verbargen die Fenster. Der königliche Wagen, begleitet von
einem Heere von Hellebardieren und Läufern und gefolgt von einem langen
Zuge von Equipagen, fuhr durch zahllose mit Schnitzwerk und Malerei
reich verzierte Triumphbögen unter dem endlosen Rufe: „Lange lebe der
König, unser Statthalter!” Die Vorderseite des Rathhauses und der ganze
Umkreis des Marktplatzes prangten im glänzendsten Farbenschmucke.
Bürgerkronen, Trophäen, Embleme der Künste, der Wissenschaften, des
Handels und des Ackerbaues zeigten sich allenthalben. An einer Stelle
sah Wilhelm die glorreichen Thaten seiner Ahnen abgebildet. Da war
der schweigsame Prinz, der Gründer der batavischen Republik, wie
er mit seinen Kriegern über die Maas ging. Da war der ungestümere
Moritz, wie er den Angriff bei Nieuport leitete. Ein wenig weiter hin
konnte der Held die ereignißvolle Geschichte seines eignen Lebens
verfolgen. Er sah sich als Kind auf dem Schooße seiner verwittweten
Mutter; dann am Altare mit Mariens Hand in der seinigen; dann wie er
in Torbay landete; dann wie er durch den Boyne schwamm. Zuletzt kam
ein von Eis und Brandung umgebenes Boot, über welchem ganz passend in
der majestätischen Sprache Rom’s die Worte des großen Römers: „Was
fürchtest Du? Du hast Cäsar an Bord,” geschrieben standen. Die Aufgabe,
die lateinischen Mottos zu liefern, war zwei Männern übertragen worden,
welche bis zum Erscheinen Bentley’s unter den klassischen Gelehrten der
damaligen Zeit die erste Stelle einnahmen. Spanheim, der als Kenner der
römischen Münzen unerreicht dastand, ahmte nicht ohne Glück die edle
Kürze der alten Umschriften nach, die er fleißig studirt hatte, und er
wurde unterstützt durch Grävius, der damals in Utrecht einen Lehrstuhl
inne hatte und dessen wohlverdienter Ruf Massen von Studirenden aus
allen Theilen des protestantischen Europa an diese Universität zog.[2]
Als die Nacht hereinbrach, wurden auf dem großen Teiche, der die Mauern
des Bundespalastes bespülte, Feuerwerke abgebrannt. Dieser Teich war
jetzt so hart wie Marmor, und die Holländer rühmten sich, daß die
Welt, selbst auf der Terrasse von Versailles, nie etwas Prächtigeres
gesehen habe als den Effect der zahllosen Feuergarben, die der glatte
Eisspiegel zurückwarf.[3] Die englischen Lords beglückwünschten ihren
Gebieter wegen seiner großen Popularität. „Ja,” sagte er, „aber ich bin
nicht der Liebling. Der Jubel würde ungleich größer gewesen sein, wenn
Marie bei mir gewesen wäre.”

Wenige Stunden nach seinem triumphirenden Einzuge wohnte der König einer
Sitzung der Generalstaaten bei. Sein letztes Erscheinen in ihrer Mitte
hatte an dem Tage stattgefunden, an welchem er sich nach England
einschiffte. Er hatte damals unter dem lauten Schluchzen und Weinen
dieser ernsten Senatoren ihnen für die Güte gedankt, mit der sie über
seine Kindheit gewacht, seinen jugendlichen Geist gebildet und in
reiferen Jahren seine Autorität unterstützt, und er hatte seine geliebte
Gemahlin feierlich ihrer Obhut empfohlen. Jetzt kehrte er zu ihnen
zurück als der König dreier Reiche, als das Haupt der größten Coalition,
die Europa seit hundertachtzig Jahren gesehen hatte, und man hörte
nichts als Beifall und Glückwünsche im Saale.[4]


[_Congreß im Haag._] Inzwischen bewegten sich durch die Straßen des
Haag die Equipagen und Gefolge der Fürsten und Gesandten, welche zu dem
großen Congresse strömten. Zuerst erschien der ehrgeizige und
prachtliebende Friedrich, Kurfürst von Brandenburg, der einige Jahre
später den Titel König von Preußen annahm. Dann kamen der junge Kurfürst
von Bayern, der Regent von Würtemberg, die Landgrafen von Hessen-Kassel
und Hessen-Darmstadt und eine lange Reihe souverainer Fürsten aus den
erlauchten Häusern Braunschweig, Sachsen, Holstein und Nassau. Der
Marquis von Gastanaga, Gouverneur der spanischen Niederlande, kam vom
viceköniglichen Hofe zu Brüssel zu der Versammlung. Außerordentliche
Gesandte waren vom Kaiser, von der Königin von Spanien, Polen, Dänemark
und Schweden und vom Herzoge von Savoyen geschickt. Die Stadt und
Umgegend bot kaum Räumlichkeiten genug zur Aufnahme der englischen Lords
und Gentlemen und der deutschen Grafen und Barone, welche Neugierde oder
Amtspflicht an den Versammlungsort geführt hatten. Die ernste Hauptstadt
der sparsamsten und betriebsamsten Nation der Welt war so heiter wie
Venedig zur Carnevalszeit. Die durch jene majestätischen Linden und
Ulmen, in deren Mitte die Villa des Prinzen von Oranien liegt, führenden
Alleen strotzten von den Federbüschen, den Ordenssternen, den wallenden
Perrücken, den gestickten Röcken und den vergoldeten Degengefäßen
eleganter Cavaliere aus London, Berlin und Wien. Unter die Edelleute
waren jedoch auch Gauner gemischt, nicht minder prächtig gekleidet als
jene. Des Abends waren die Hazardspieltische belagert und das Theater
bis unter das Dach gefüllt. Fürstliche Bankets drängten sich in rascher
Aufeinanderfolge. Die Speisen wurden in goldenen Schüsseln aufgetragen
und nach der alten teutonischen Sitte, mit welcher Shakespeare seine
Landsleute bekannt gemacht hat, ertönten die Pauken und Trompeten so oft
einer der großen Fürsten eine Gesundheit ausbrachte. Einige englische
Lords, insbesondere Devonshire, gaben Feste, welche mit denen der
Souveraine wetteiferten. Es wurde bemerkt, daß die deutschen Potentaten,
welche im allgemeinen bezüglich der Etikette streitsüchtig und peinlich
waren, sich bei dieser Gelegenheit ohne alle Förmlichkeit versammelten
und ihren Hang zu genealogischen und heraldischen Controversen vergessen
zu haben schienen. Die Liebe zum Wein aber, welche damals ein
characteristischer Zug ihrer Nation war, hatten sie nicht vergessen. An
der Tafel des Kurfürsten von Brandenburg erregte der gravitätische Ernst
der holländischen Staatsmänner, die in ihrer Nüchternheit durch Citate
aus Grotius und Puffendorf den Unsinn widerlegten, den die berauschten
Edlen des Reichs hervorstammelten, große Heiterkeit. Einer dieser Edlen
leerte so viele Humpen, daß er in das Torffeuer taumelte, aus dem er
erst wieder herausgezogen wurde, als sein schöner Sammetrock verbrannt
war.[5]

Doch inmitten dieser festlichen Gelage wurden die Geschäfte nicht
vernachlässigt. Es wurde eine förmliche Sitzung des Congresses unter
Wilhelm’s Präsidium gehalten, worin er in einer kurzen und würdevollen
Ansprache, welche rasch die Runde durch ganz Europa machte, die
Nothwendigkeit festen Zusammenhaltens und energischer Anstrengung
auseinandersetzte. Die tiefe Ehrerbietung, mit der ihn die glänzende
Versammlung anhörte, erweckte den bitteren Neid und Aerger seiner Feinde
in England wie in Frankreich. Die deutschen Potentaten wurden heftig
getadelt, daß sie einem Emporkömmlinge den Vorrang einräumten. Die
Vornehmsten unter ihnen bezeigten ihm aber auch in der That eine solche
Achtung, wie sie sie kaum der kaiserlichen Majestät gezollt haben
würden; sie mischten sich unter die in seinem Vorzimmer harrende Menge
und benahmen sich an seiner Tafel so ehrfurchtsvoll wie irgend ein
dienstthuender englischer Lord. Auf einer Carricatur sind die
verbündeten Fürsten als Bären mit Maulkörben dargestellt, einige mit
Kronen, andere mit Staatsmützen auf dem Kopfe. Wilhelm hält sie alle an
einer Kette und läßt sie tanzen. Auf einer andren Carricatur sah man ihn
bequem in einem Armstuhl hingestreckt, die Füße auf einem Kissen und den
Hut auf dem Kopfe, während die Kurfürsten von Brandenburg und Bayern
entblößten Hauptes auf niedrigen Sesseln zu seiner Rechten und Linken
saßen; die Schaar der Landgrafen und souverainen Herzöge stand in
bescheidener Entfernung, und Gastanaga, der unwürdige Nachfolger Alva’s,
erwartete mit gebeugtem Knie die Befehle des ketzerischen Tyrannen.[6]


[_Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen._] Es wurde bald auf
höheren Befehl angekündigt, daß noch vor Beginn des Sommers
zweihundertzwanzigtausend Mann gegen Frankreich im Felde stehen
würden.[7] Das Contingent, das jede der verbündeten Mächte zu stellen
hatte, wurde bekannt gemacht. Diejenigen Angelegenheiten aber, über
welche eine öffentliche Erklärung abzugeben nicht zweckmäßig gewesen
wäre, wurden zwischen dem Könige von England und seinen Bundesgenossen
privatim besprochen. Bei dieser wie bei jeder andren wichtigen
Gelegenheit während der ganzen Dauer seiner Regierung war er sein eigner
Minister des Auswärtigen. Um der Form willen war es nothwendig, daß ihm
ein Staatssekretär zur Seite stand, und daher hatte Nottingham ihn nach
Holland begleitet. Aber wenn auch Nottingham in allen die innere
Verwaltung England’s betreffenden Dingen das Vertrauen seines Gebieters
in hohem Grade besaß, so erfuhr er doch von den Geschäften des
Congresses wenig mehr als was er in den Zeitungen las.

Dieses Verfahren würde jetzt für höchst verfassungswidrig angesehen
werden, und viele Schriftsteller, welche den Maßstab ihres Jahrhunderts
an die Transactionen einer früheren Zeit legten, haben Wilhelm deshalb,
weil er ohne den Rath seiner Minister handelte, und seine Minister, weil
sie es sich gefallen ließen, über Angelegenheiten, bei denen die Ehre
der Krone und das Wohl der Nation stark betheiligt waren, in Unkenntniß
zu bleiben, streng getadelt. Man darf jedoch wohl mit Gewißheit
annehmen, daß das was die rechtschaffensten und achtbarsten Männer
beider Parteien, z. B. Nottingham unter den Tories und Somers unter den
Whigs, nicht allein thaten, sondern auch öffentlich eingestanden, nicht
ganz unverantwortlich gewesen sein kann; und eine genügende
Entschuldigung ist nicht schwer zu finden.

Die Lehre, daß der Souverain nicht verantwortlich ist, ist
unzweifelhaft so alt wie irgend ein andrer Theil unsrer Verfassung.
Nicht minder uralt ist die Lehre, daß seine Minister verantwortlich
sind. Daß da wo keine Verantwortlichkeit ist, keine sichere Gewähr gegen
schlechte Verwaltung sein kann, ist ein Satz, den zu unsrer Zeit und in
unsrem Lande Wenige bestreiten werden. Aus diesen drei Vordersätzen
folgt ganz natürlich, daß die Verwaltung dann am besten geleitet zu
werden verspricht, wenn der Souverain keinen öffentlichen Act ohne die
Beihülfe und Vermittelung eines Ministers vollzieht. Diese Folgerung ist
durchaus richtig. Aber wir müssen bedenken, daß Regierungen anders
construirt sind als Schlußfolgerungen. In der Logik kann nur ein
Dummkopf die Vordersätze zugeben und den daraus hervorgehenden Schluß in
Abrede stellen. In der Praxis aber sehen wir, daß große und aufgeklärte
Staatsgesellschaften oftmals viele Generationen hindurch darin beharren,
Grundsätze aufzustellen, und doch nicht nach diesen Grundsätzen handeln
wollen. Es darf bezweifelt werden, ob irgend ein Staatswesen, das jemals
thatsächlich existirt hat, der reinen Idee dieses Staatswesens genau
entsprochen hat. Nach der reinen Idee des constitutionellen Königthums
herrscht der Fürst, regiert aber nicht, und das constitutionelle
Königthum, wie es jetzt in England besteht, kommt der reinen Idee näher
als in irgend einem andren Lande. Es würde jedoch ein großer Irrthum
sein, wollte man glauben, daß unsere Fürsten bloß herrschen und niemals
regieren. Im 17. Jahrhundert hielten es die Whigs sowohl wie die Tories
nicht allein für das Recht, sondern für die Pflicht des ersten
Staatsbeamten, zu regieren. Alle Parteien tadelten Karl II. einstimmig,
daß er nicht sein Premierminister war; alle Parteien lobten Jakob
einstimmig, daß er sein eigner Marineminister war, und alle Parteien
fanden es natürlich und vernünftig, daß Wilhelm sein eigner
Staatssekretär des Auswärtigen war.

Man wird bemerken, daß selbst die Tüchtigsten und Kenntnißreichsten
unter Denen, welche die Art und Weise tadelten, wie damals
Unterhandlungen geleitet wurden, mit sich selbst nicht recht
einig sind. Denn während sie Wilhelm tadeln, daß er sein eigner
bevollmächtigter Minister im Haag war, loben sie ihn, daß er sein
eigner Oberbefehlshaber in Irland war. Doch wo ist im Prinzip ein
Unterschied zwischen den beiden Fällen? Gewiß wird jeder Grund der
angeführt werden kann, um zu beweisen, daß er die Verfassung verletzte,
als er aus eigner Machtvollkommenheit mit dem Kaiser und dem Kurfürsten
von Brandenburg Verträge schloß, auch eben so beweisen, daß er die
Verfassung verletzte, als er aus eigner Machtvollkommenheit einer
Colonne befahl, bei Oldbridge ins Wasser zu gehen, einer andren, die
Brücke von Slane zu passiren. Wenn die Verfassung ihm das Recht gab,
die Streitkräfte des Staats zu commandiren, so gab sie ihm auch das
Recht die auswärtigen Angelegenheiten des Staats zu leiten. Nach
welchem Prinzipe kann man also behaupten, daß es ihm frei stand,
die erste Befugniß auszuüben, ohne Jemanden zu fragen, daß er aber
verpflichtet war, die letztere Befugniß nur in Uebereinstimmung
mit dem Rathe eines Ministers auszuüben? Will man etwa sagen, ein
diplomatischer Fehler könne dem Lande voraussichtlich mehr schaden als
ein strategischer Fehler? Gewiß nicht. Es läßt sich kaum denken, daß
ein Mißgriff, den Wilhelm im Haag begehen konnte, den öffentlichen
Interessen hätte nachtheiliger werden können als eine Niederlage am
Boyne. Oder wird man sagen, daß mehr Grund vorhanden gewesen sei, in
seine militärische Geschicklichkeit Vertrauen zu setzen, als in seine
diplomatische? Sicherlich nicht. Er zeigte im Kriege einige große
moralische und geistige Eigenschaften, als Taktiker aber stand er auf
keiner hohen Stufe, und von seinen zahlreichen Feldzügen waren nur zwei
entschieden glücklich. In den Talenten eines Diplomaten hingegen ist er
nie übertroffen worden. Er kannte die Interessen und Gesinnungen der
festländischen Höfe besser als sein ganzer Staatsrath zusammengenommen.
Einige seiner Minister waren unstreitig sehr geschickte Männer,
vortreffliche Redner im Hause der Lords, und genaue Kenner aller
Verhältnisse unsrer Insel. Aber bei den Verhandlungen des Congresses
würden Caermarthen und Nottingham ihm eben so weit nachstehend
erfunden worden sein, wie er sich bei einer parlamentarischen Debatte
über eine englische Angelegenheit ihnen nachstehend erwiesen haben
würde. Die Koalition gegen Frankreich war sein Werk. Er allein hatte
die Theile des großen Ganzen zusammengefügt und er allein konnte
sie zusammenhalten. Hätte er diese große und complicirte Maschine
den Händen irgend eines seiner Unterthanen anvertraut, so würde sie
augenblicklich in Stücke zerfallen sein.

Es mußte allerdings auch Einiges geschehen, was keiner seiner
Unterthanen zu thun gewagt haben würde. Der Papst Alexander war
factisch, wenn auch nicht nominell, einer der Verbündeten; es war von
höchster Wichtigkeit, ihn zum Freunde zu haben, und doch war die
Stimmung der englischen Nation von der Art, daß ein englischer Minister
sich wohl scheuen konnte, mit dem Vatikan in directem oder indirectem
Verkehr zu stehen. Die Staatssekretäre waren ganz froh, daß sie eine so
delikate und gefährliche Sache ihrem Gebieter überlassen und mit gutem
Gewissen versichern konnten, daß niemals eine einzige Zeile, gegen
welche der intoleranteste Protestant etwas hätte einwenden können, aus
ihrem Bureaux hervorgegangen sei.


[_Wilhelm erlangt eine Toleranz für die Waldenser._] Man darf jedoch
nicht glauben, daß Wilhelm je vergaß, daß die Beschützung des
reformirten Glaubens seine specielle, seine erbliche Mission war. Er
wendete seinen Einfluß auf die katholischen Fürsten beständig und
nachdrücklich zu Gunsten ihrer protestantischen Unterthanen an. Im
Frühjahr 1691 wurden die lange und grausam verfolgten und ihres Lebens
überdrüssigen waldensischen Hirten durch frohe Botschaften überrascht.
Diejenigen, welche wegen Ketzerei im Gefängniß schmachteten, kehrten in
ihre Heimath zurück. Kinder die ihren Eltern entrissen worden waren, um
von Priestern erzogen zu werden, wurden ihren Angehörigen zurückgegeben.
Gemeinden, die sich bisher nur heimlich und mit der größten Gefahr
hatten versammeln können, verehrten jetzt Gott am hellen Tage, ohne von
Jemandem belästigt zu werden. Diese einfachen Gebirgsbewohner erfuhren
wahrscheinlich niemals, daß ihr Schicksal im Haag besprochen worden war
und daß sie ihr häusliches Glück und den ungestörten Besuch ihrer
bescheidenen Tempel dem Einflusse verdankten, den Wilhelm auf den Herzog
von Savoyen ausübte.[8]


[_Mängel, welche in der Natur der Coalitionen liegen._] Keine
Coalition, deren Andenken die Geschichte uns aufbewahrt, hat ein
geschickteres Oberhaupt gehabt als Wilhelm es war. Aber selbst Wilhelm
kämpfte oft vergebens gegen die Mängel an, welche allen Coalitionen von
Natur eigen sind. Kein Unternehmen, das ein herzliches und dauerndes
Zusammenwirken vieler unabhängiger Staaten erfordert, verspricht einen
gedeihlichen Fortgang. Eifersüchteleien entstehen unvermeidlich;
Streitigkeiten erzeugen neue Streitigkeiten. Jeder Bundesgenosse fühlt
sich versucht, einen Theil der Last, die er selbst tragen sollte, auf
Andere zu wälzen. Kaum Einer stellt ehrlich das versprochene Contingent,
kaum Einer hält pünktlich den bestimmten Tag ein. Aber vielleicht keine
Coalition, welche je existirt hat, war in so fortwährender Gefahr der
Auflösung als die, welche Wilhelm mit unendlicher Mühe gebildet hatte.
Die lange Liste der Potentaten, die in Person oder durch Bevollmächtigte
vertreten, im Haag zusammenkamen, nahm sich in den Zeitungen
vortrefflich aus. Die Masse der von bunten Garden und Lakaien umgebenen
fürstlichen Equipagen gewährte unter den Linden des Voorhout einen ganz
prächtigen Anblick. Aber gerade die Umstände, welche den Congreß
glänzender machten als andere Congresse, machten die Conföderation
schwächer als andere Conföderationen. Je zahlreicher die Alliirten, um
so zahlreicher waren die Gefahren, welche der Allianz drohten. Es war
unmöglich, daß zwanzig Regierungen, welche durch Rang-, Gebiets-,
Handels- oder Religionsstreitigkeiten veruneinigt waren, lange in
vollkommener Harmonie zusammenhandeln konnten. Daß sie mehrere Jahre
lang wenigstens in unvollkommener Harmonie zusammenhandelten, ist
lediglich der Klugheit, Geduld und Festigkeit Wilhelm’s zuzuschreiben.

Die Lage seines mächtigen Feindes war eine ganz andre. Die Hülfsquellen
der französischen Monarchie kamen zwar den vereinten Hülfsquellen
England’s, Holland’s, des Hauses Oesterreich und des deutschen Reichs
nicht gleich, waren aber doch sehr achtunggebietend, denn sie waren alle
in einer Hand vereinigt und standen alle unter der unumschränkten
Leitung eines einzigen Geistes. Ludwig konnte mit zwei Worten soviel
erreichen als Wilhelm kaum durch zweimonatliche Unterhandlungen in
Berlin, München, Brüssel, Turin und Wien zu Stande bringen konnte.
Deshalb war Frankreich in effectiver Stärke allen gegen dasselbe
verbündeten Staaten zusammen gewachsen. Denn in der politischen Welt
kann, wie in der natürlichen Welt, zwischen zwei ungleichen Körpern eine
Gleichheit der Wirkung stattfinden, wenn der an Gewicht geringere Körper
an Geschwindigkeit überlegen ist.

Dies zeigte sich bald in augenfälliger Weise. Im März trennten sich die
im Haag versammelt gewesenen Fürsten und Gesandten, und kaum waren sie
auseinandergegangen, so wurden alle ihre Pläne durch eine kühne und
geschickte Bewegung des Feindes über den Haufen geworfen.


[_Belagerung und Fall von Mons._] Ludwig sah wohl ein, daß die
Zusammenkunft des Congresses einen großen Eindruck auf die öffentliche
Meinung in Europa machen werde. Diesen Eindruck beschloß er durch einen
plötzlichen und furchtbaren Schlag zu zerstören. Während seine Feinde
die Zahl der Truppen, welche jeder von ihnen stellen sollte,
festsetzten, ließ er zahlreiche Divisionen seiner Armee von weit
entfernten Punkten gegen Mons marschiren, das eine der wichtigsten, wenn
nicht die wichtigste der Festungen war, welche die spanischen
Niederlande vertheidigten. Sein Vorhaben wurde erst entdeckt, als es
fast schon ausgeführt war. Wilhelm, der sich auf einige Tage nach Loo
zurückgezogen hatte, erfuhr mit Erstaunen und mit größtem Verdrusse, daß
sich Cavallerie, Infanterie, Artillerie und Pontons auf verschiedenen
convergirenden Straßen der dem Verderben geweihten Stadt rasch näherten.
Es waren hunderttausend Mann zusammengezogen worden, und Louvois, im
Verwaltungsfache der Erste seiner Zeit, hatte reichlich für alle
Kriegsbedürfnisse gesorgt. Das Commando führte Luxemburg, der erste der
lebenden Generäle, und die wissenschaftlichen Operationen leitete
Vauban, der erste der lebenden Ingenieurs. Damit nichts fehlte, um in
allen Reihen eines tapferen und loyalen Heeres einen edlen Wetteifer zu
entzünden, war der große König selbst von Versailles nach dem Lager
abgereist. Wilhelm hatte indessen noch eine schwache Hoffnung, daß es
möglich sein könne, die Belagerung aufzuheben. Er eilte nach dem Haag,
setzte alle Truppen der Generalstaaten in Bewegung und schickte Eilboten
an die deutschen Fürsten. Schon drei Wochen nachdem er die erste Kunde
von der drohenden Gefahr erhalten, stand er an der Spitze von
funfzigtausend Mann Truppen verschiedener Nationen in der Nähe der
belagerten Stadt. Eine an Zahl überlegene, von einem Feldherrn wie
Luxemburg befehligte Armee anzugreifen, war ein kühnes, fast
verzweifeltes Unternehmen. Wilhelm aber war so entschieden der Meinung,
daß der Fall von Mons ein fast nicht wieder gutzumachendes Unglück und
eine unauslöschliche Schmach sein würde, daß er sich entschloß, sein
Heil zu versuchen. Er war überzeugt, daß der Ausgang der Belagerung die
Politik der Höfe von Stockholm und Kopenhagen bestimmen werde. Diese
beiden Höfe schienen seit Kurzem geneigt, der Coalition beizutreten;
wenn aber Mons fiel, blieben sie gewiß neutral oder wurden vielleicht
gar Feinde. „Es ist ein großes Wagniß,” schrieb er an Heinsius, „doch
bin ich nicht ohne Hoffnung. Ich werde thun was möglich ist, der Ausgang
liegt in Gottes Hand.” An dem nämlichen Tage, an welchem dieser Brief
geschrieben wurde, fiel Mons. Die Belagerung war energisch betrieben
worden. Ludwig selbst war, obgleich am Podagra leidend, mit dem
Beispiele körperlicher Anstrengung vorangegangen. Seine Haustruppen, das
schönste Soldatencorps in Europa, hatten unter seinen Augen sich selbst
übertroffen. Die jungen Cavaliere seines Hofes hatten seinen Blick auf
sich zu lenken gesucht, indem sie sich dem heftigsten Feuer mit der
nämlichen sorglosen Heiterkeit aussetzten, mit der sie gewohnt waren,
ihre eleganten Gestalten bei seinen Ballfesten zu zeigen. Seine
verwundeten Soldaten waren entzückt über die herablassende
Leutseligkeit, mit der er zwischen ihren Betten umherging, den Chirurgen
beim Verbinden der Wunden zusah und zum Frühstück einen Napf
Hospitalsuppe aß. Während bei den Belagerern Alles Gehorsam und
Begeisterung war, herrschte unter den Belagerten Uneinigkeit und Angst.
Die französischen Vorpostenlinien versahen ihren Dienst so gut, daß kein
von Wilhelm abgesandter Bote im Stande war, sich durchzuschleichen. Die
Garnison wußte daher nicht, daß Entsatz in ihrer Nähe war. Die Bürger
schauderten bei der Aussicht auf die entsetzlichen Drangsale, denen mit
Sturm genommene Städte preisgegeben sind. In den Straßen regnete es
Bomben und glühende Kanonenkugeln, und die Stadt gerieth an zehn
verschiedenen Stellen zugleich in Brand. Die friedlichen Bewohner fanden
in dem Uebermaaß ihrer Angst einen ungewöhnlichen Muth und erhoben sich
gegen die Soldaten. Von diesem Augenblicke an war jeder Widerstand
unmöglich, und es wurde daher eine Kapitulation geschlossen. Dann
kehrten die Armeen in ihre Quartiere zurück und die militärischen
Operationen ruhten einige Wochen; Ludwig kehrte im Triumph nach
Versailles zurück und Wilhelm machte England, wo seine Anwesenheit
dringend nöthig war, einen kurzen Besuch.[9]


[_Wilhelm kehrt nach England zurück. Prozesse Preston’s und
Ashton’s._] Er fand die Minister noch immer damit beschäftigt, die
Verzweigungen des Complots aufzufinden, das kurz vor seiner Abreise
entdeckt worden war. Zu Anfang des Januar waren Preston, Ashton und
Elliot vor die Old Bailey gestellt worden. In ihren Einwendungen
beanspruchten sie das Recht der abgesonderten Prozessirung, und die
Untersuchung mußte daher gegen jeden einzeln geführt werden. Das
Auditorium war zahlreich und glänzend, viele Peers waren anwesend. Der
Lordpräsident und die beiden Staatssekretäre wohnten der Verhandlung
bei, um zu beweisen, daß die dem Gerichtshof vorliegenden Papiere die
nämlichen wären, welche Billop nach Whitehall gebracht hatte. Eine
beträchtliche Anzahl Richter saßen auf der Bank und Holt präsidirte. Es
ist ein vollständiger Bericht über die Verhandlungen auf uns gekommen
und derselbe verdient aufmerksam studirt und mit den Berichten über
andere Prozesse, welche nicht lange vorher unter dem nämlichen Dache
stattgefunden hatten, verglichen zu werden. Der ganze Geist des
Tribunals hatte in wenigen Monaten eine so vollständige Umwandlung
erfahren, daß man hätte glauben sollen, sie könne nur das Werk von
Jahrhunderten sein. Zwölf Jahre früher hatten unglückliche Katholiken
unter der Anklage eines Verbrechens, das ihnen nie in den Sinn gekommen
war, vor der nämlichen Verhörsschranke gestanden. Die Kronzeugen
hatten ihre abscheulichen Erdichtungen unter dem Beifallsgemurmel der
Anwesenden wiederholt. Die Richter hatten die stupide Leichtgläubigkeit
und die wilden Leidenschaften des großen Haufens getheilt oder
doch sich gestellt, als ob sie dieselben theilten, hatten mit den
meineidigen Angebern lächelnde Blicke und Complimente gewechselt, die
von den Gefangenen mit schwacher Stimme hervorgestammelten Argumente
überschrien und sich nicht entblödet, bei Fällung des Todesurtheils
gemeine Witze über das Fegefeuer und die Messe zu machen. Sobald das
Abschlachten der Papisten vorüber war, hatte das Abschlachten der
Whigs begonnen, und die Richter waren an dieses neue Werk mit noch
größerer Barbarei gegangen. Diesen Skandalen hatte die Revolution
ein Ziel gesetzt. Wer nach Durchlesung der Prozesse Ireland’s und
Pickering’s, Grove’s und Berry’s, Sidney’s, Cornish’s und der Alice
Lisle zu den Prozessen Preston’s und Ashton’s übergeht, wird über
den Contrast erstaunen. Der Generalprokurator Somers führte die
Untersuchung mit einer Mäßigung und Humanität, von der seine Vorgänger
ihm kein Beispiel gegeben hatten. „Ich habe nie geglaubt,” sagte er,
„daß Jemand, der in Fällen dieser Art als Rechtsbeistand des Königs
fungirt, die Verpflichtung habe, das Verbrechen des Gefangenen in ein
schwärzeres Licht zu stellen oder die Beweisführung mit falschen Farben
auszuschmücken.”[10] Holt’s Benehmen war tadellos. Pollexfen, der älter
war als Holt und Somers, hatte noch ein wenig -- und ein wenig war
schon zu viel -- von dem Tone der schlechten Schule beibehalten, in der
er gebildet war. Aber obwohl er einigemal das strenge Decorum seiner
Stellung vergaß, kann man ihn doch keiner Verletzung der materiellen
Gerechtigkeit bezichtigen. Die Gefangenen selbst scheinen über die
Unparteilichkeit und Milde, mit der sie behandelt wurden, erstaunt
gewesen zu sein. „Ich versichere Ihnen,” sagte Holt zu Preston, „daß
ich die Jury nicht irreleiten, noch Eurer Lordschaft überhaupt im
entferntesten Unrecht thun werde.” -- „Ja, Mylord,” entgegnete Preston,
„ich sehe es deutlich genug, daß Eure Lordschaft dies nicht wollen.”
-- „Welches auch mein Schicksal sein mag,” sagte Ashton, „ich muß
bekennen, daß mein Prozeß mit Unparteilichkeit geführt worden ist.”

Die Angeklagten gewannen indeß nichts durch die Mäßigung des
Generalprokurators oder durch die Unparteilichkeit des Gerichtshofes,
denn die Beweise waren unumstößlich. Die Bedeutung der von Billop
aufgefangenen Papiere war so klar, daß auch der beschränkteste
Geschworne sie nicht mißverstehen konnte. Es war vollständig erwiesen,
daß ein Theil dieser Papiere von Preston’s Hand herrührte. Ein andrer
Theil war von Ashton’s Hand, aber dies konnten die Anwälte der Krone
nicht beweisen. Sie gründeten daher die Anklage gegen Ashton auf die
unbestreitbare Thatsache, daß das verrätherische Packet auf seiner Brust
gefunden worden war und daß er Aeußerungen gethan hatte, welche keinen
Sinn gehabt haben würden, wenn er nicht eine strafbare Kenntniß des
Inhalts gehabt hätte.[11]


[_Ashton’s Hinrichtung._] Preston und Ashton wurden Beide überführt und
zum Tode verurtheilt. Ashton wurde bald hingerichtet. Er hätte sein
Leben retten können, wenn er Enthüllungen gemacht hätte. Aber obgleich
er erklärte, daß, wenn man ihm seine Strafe erließe, er stets ein treuer
Unterthan Ihrer Majestäten sein würde, war er doch fest entschlossen,
die Namen seiner Mitschuldigen nicht zu nennen. In diesem Entschlusse
wurde er durch die eidverweigernden Geistlichen bestärkt, die ihn in
seiner Zelle besuchten. Durch sie hatte er sich auch wahrscheinlich dazu
bestimmen lassen, noch auf dem Schaffot den Sheriffs eine Erklärung
einzuhändigen, die er abgeschrieben und unterzeichnet, aber, wie man
hoffen darf, weder verfaßt, noch aufmerksam erwogen hatte. In diesem
Schriftstücke ließ man ihn sich über die Parteilichkeit seines Prozesses
beschweren, von dem er selbst öffentlich anerkannt hatte, daß er im
höchsten Grade unparteiisch geführt worden sei. Auch ließ man ihn auf
das Wort eines Sterbenden versichern, daß er den Inhalt der bei ihm
gefundenen Papiere nicht kenne. Unglücklicherweise erwies sich bei
genauer Untersuchung die Handschrift seiner Erklärung als genau
übereinstimmend mit der eines der wichtigsten von jenen Papieren. Er
starb mit männlicher Standhaftigkeit.[12]


[_Preston’s Unschlüssigkeit und seine Geständnisse._] Elliot wurde
nicht zur Untersuchung gezogen. Die gegen ihn vorliegenden Beweise waren
nicht ganz so klar wie die, auf welche hin seine Genossen verurtheilt
worden waren, und überdies war er des Zornes der Regierung nicht werth.
Preston’s Schicksal war lange unentschieden. Die Jakobiten stellten sich
als ob sie fest überzeugt wären, daß die Regierung es nicht wagen würde,
sein Blut zu vergießen. Er sei, sagten sie, ein Günstling von Versailles
und sein Tod werde furchtbare Repressalien zur Folge haben. Sie
vertheilten in den Straßen London’s Papiere, in denen versichert wurde,
daß, wenn ihm ein Leid geschähe, Mountjoy und alle anderen angesehenen
Engländer, die als Gefangene in Frankreich lebten, gerädert werden
würden.[13] Diese lächerlichen Drohungen würden die Hinrichtung nicht um
einen einzigen Tag verzögert haben. Aber Die, welche Preston in ihrer
Gewalt hatten, waren nicht abgeneigt, ihn unter gewissen Bedingungen
frei ausgehen zu lassen. Er war in alle Geheimnisse der mißvergnügten
Partei eingeweiht und konnte höchst werthvolle Aufschlüsse geben. Er
wurde benachrichtigt, daß sein Schicksal in seiner Hand liege. Der Kampf
war lang und schwer. Auf der einen Seite Stolz, Gewissen und
Parteigeist, auf der andren die heftige Liebe zum Leben. Eine Zeit lang
schwankte er unschlüssig hin und her. Hörte er seine jakobitischen
Genossen, so stieg sein Muth; hörte er die Agenten der Regierung, so
sank ihm das Herz in der Brust. Wenn er des Abends gut gegessen und
seinen Claret getrunken hatte, fürchtete er nichts. Er wollte lieber wie
ein Mann sterben, als seinen Kopf durch eine Schurkerei retten. Aber
seine Stimmung war eine ganz andre, wenn er am folgenden Morgen
erwachte, wenn der Muth, den er aus Wein und Gesellschaft geschöpft,
verflogen, wenn er wieder allein war mit seinen Eisengittern und seinen
steinernen Mauern und wenn der Gedanke an den Block, das Beil und die
Sägespäne in ihm aufstieg. Eine Zeit lang setzte er regelmäßig jeden
Vormittag, während er nüchtern war, ein Bekenntniß auf, das er am Abend,
wenn er aufgeheitert war, wieder verbrannte.[14] Seine eidverweigernden
Freunde entwarfen den Plan, Sancroft zu einem Besuch im Tower zu
bewegen, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß die Ermahnungen eines so
angesehenen Prälaten und eines so großen Heiligen die erschütterte
Standhaftigkeit des Gefangenen wieder kräftigen würden.[15] Ob dieser
Plan Erfolg gehabt haben würde, steht zu bezweifeln; er kam nicht zur
Ausführung, die verhängnißvolle Stunde rückte heran, und Preston’s
Festigkeit wich. Er bekannte sich für schuldig und nannte Clarendon,
Dartmouth, den Bischof von Ely und Wilhelm Penn als seine Complicen.
Außerdem gab er eine lange Liste von Personen, denen er selbst nichts
zur Last legen könne, die aber, wenn er Penn’s Versicherungen glauben
dürfe, mit König Jakob auf freundschaftlichem Fuße ständen. Unter diesen
Personen befanden sich Devonshire und Dorset.[16] Es ist nicht der
geringste Grund zu der Annahme vorhanden, daß einer von diesen beiden
vornehmen Edelleuten jemals direct oder indirect mit Saint-Germains
verkehrt habe. Doch kann man deshalb Penn nicht absichtlicher Unwahrheit
beschuldigen. Er war leichtgläubig und geschwätzig. Der Obersthofmeister
und der Lord Kammerherr hatten den Verdruß getheilt, mit welchem ihre
Partei die Hinneigung Wilhelm’s zu den Tories bemerkt, und
wahrscheinlich hatten sie diesen Verdruß unbesonnenerweise geäußert. Ein
so schwacher Mann wie Penn, der überall Jakobiten zu finden wünschte und
der stets geneigt war zu glauben was er wünschte, konnte leicht
Invectiven, zu deren Aeußerung der stolze und reizbare Devonshire nur zu
bereit war, und Sarkasmen, wie sie in Augenblicken übler Laune den
Lippen des witzigen Dorset nur zu leicht entschlüpften, eine falsche
Deutung geben. Caermarthen, ein Tory, und ein Tory, den die Whigs
unbarmherzig verfolgt hatten, war geneigt, diese leeren Gerüchte nach
Möglichkeit auszubeuten. Aber er wurde darin von seinem Gebieter nicht
ermuthigt, der unter allen großen Staatsmännern, von denen uns die
Geschichte erzählt, am wenigsten argwöhnisch war. Als Wilhelm nach
England zurückkam, wurde Preston vor ihn geführt und ihm geheißen das
Geständniß zu wiederholen, das er schon den Ministern abgelegt hatte.
Der König stand hinter dem Stuhle des Lord Präsidenten und hörte mit
ernster Miene zu, während Clarendon, Dartmouth, Turner und Penn genannt
wurden. Sobald aber der Gefangene von dem was er selbst bezeugen konnte,
zur Wiederholung der Geschichten überging, welche Penn ihm erzählt
hatte, berührte Wilhelm Caermarthen’s Schulter und sagte zu ihm:
„Mylord, wir haben nur zuviel schon gehört.”[17] Diese einsichtsvolle
Großmuth fand den verdienten Lohn. Devonshire und Dorset widmeten sich
von diesem Augenblicke an eifriger als je der Sache des Gebieters, der
trotz der Verleumdung, zu der ihre Unbesonnenheit vielleicht einigen
Grund geliefert hatte, nach wie vor Vertrauen in ihre Loyalität
setzte.[18]


[_Nachsicht gegen die Verschwörer. Clarendon._] Selbst Diejenigen,
welche unzweifelhaft strafbar waren, wurden im allgemeinen mit großer
Milde behandelt. Clarendon saß ungefähr sechs Monate im Tower. Seine
Schuld war vollkommen erwiesen, und eine Partei unter den Whigs
verlangte laut und ungestüm seinen Kopf. Er wurde jedoch durch die
dringenden Bitten seines Bruders Rochester, durch die Fürsprache des
menschenfreundlichen und edelmüthigen Burnet und durch Mariens Pietät
für das Andenken ihrer Mutter gerettet. Die Haft des Gefangenen war
nicht streng, und er durfte seine Freunde in seiner Zelle bewirthen. Als
endlich seine Gesundheit zu leiden begann, erhielt er die Erlaubniß,
unter Aufsicht eines Kerkermeisters aufs Land zu gehen; der Aufseher
wurde bald zurückgerufen und Clarendon benachrichtigt, daß man ihn nicht
behelligen werde, so lange er ein ruhiges Landleben führe.[19]


[_Dartmouth._] Dartmouth’s Verrath war von nicht gewöhnlicher Art. Er
war ein englischer Seemann, hatte den Anschlag gemacht, Portsmouth den
Franzosen zu überliefern und hatte sich erboten, das Commando eines
französischen Geschwaders gegen sein Vaterland zu übernehmen. Seine
Schuld wurde dadurch noch bedeutend erschwert, daß er einer der Ersten
gewesen war, welche Wilhelm und Marien den Huldigungseid geleistet
hatten. Er ward verhaftet und vor den Geheimen Rath gestellt. Eine von
ihm selbst geschriebene Erzählung dessen was dort vorging, ist uns
erhalten worden. In dieser Erzählung giebt er zu, daß er mit großer
Artigkeit und Rücksicht behandelt wurde. Er betheuerte mit Heftigkeit
seine Unschuld und erklärte, daß er nie mit Saint-Germains correspondirt
habe, daß er kein Günstling des dortigen Hofes sei und daß besonders
Marie von Modena einen alten Groll gegen ihn hege. „Mylords,” sagte er,
„ich bin ein Engländer und habe jederzeit, selbst als das Ansehen des
Hauses Bourbon hier am größten war, die Franzosen, Männer sowohl als
Frauen, gemieden. Ich würde eher den letzten Tropfen meines Blutes
hingeben, als Portsmouth in der Gewalt von Fremden sehen. Ich bin kein
solcher Thor, daß ich glauben könnte, König Ludwig wollte unser Land nur
für König Jakob erobern. Ich weiß gewiß, daß mir mit Grund nichts zur
Last gelegt werden kann als höchstens einige übereilte Aeußerungen bei
der Flasche.” Seine Versicherungen scheinen einigen Eindruck gemacht zu
haben, denn man gestattete ihm anfangs die sehr milde Haft unter der
Obhut des schwarzen Stabes. Im weiteren Verlaufe der Untersuchung jedoch
beschloß man ihn in den Tower zu schicken. Nach einer Haft von wenigen
Wochen starb er an einem Schlaganfall, aber er lebte noch lange genug,
um das Maß seiner Schande voll zu machen, indem er der neuen Regierung
seinen Degen anbot und in glühenden Worten die Hoffnung aussprach, daß
die Güte Gottes und Ihrer Majestäten ihm eine Gelegenheit geben möchte
zu beweisen wie sehr er die Franzosen hasse.[20]


[_Turner._] Turner schwebte in keiner ernsten Gefahr, denn die Regierung
war entschieden abgeneigt, einen von den Sieben, welche die denkwürdige
Petition unterzeichnet hatten, aufs Schaffot zu bringen. Es wurde
indessen ein Verhaftsbefehl gegen ihn erlassen, und seine Freunde hatten
wenig Hoffnung, daß er entkommen würde, denn er war im Besitz einer
Nase, die Niemand vergessen konnte, wenn er sie einmal gesehen, und es
half ihm nur wenig, daß er eine wallende Perrücke trug und sich den Bart
wachsen ließ. Die Verfolgung wurde jedoch wahrscheinlich nicht sehr
eifrig betrieben, denn nachdem er sich einige Wochen in England
verborgen gehalten, gelang es ihm über den Kanal zu entkommen, und er
blieb einige Zeit in Frankreich.[21]


[_Penn._] Auch gegen Penn wurde ein Verhaftsbefehl erlassen, und er
entging mit genauer Noth den Staatsboten. Gerade an dem Tage, an welchem
sie ausgeschickt wurden, um auf ihn zu fahnden, wohnte er einer großen
Feierlichkeit in der Nähe seines Wohnorts bei. Es war ein Ereigniß
eingetreten, das der Geschichtsschreiber, der sich das Ziel gesteckt
hat, das wirkliche Leben einer Nation darzustellen, nicht unerwähnt
lassen darf. Während London noch durch die Nachricht aufgeregt war, daß
ein Complot entdeckt worden sei, starb Georg Fox, der Gründer der
Quäkersecte.


[_Tod Georg Fox; sein Character._] Mehr als vierzig Jahre waren
verstrichen, seitdem Fox angefangen hatte, Visionen zu sehen und Teufel
auszutreiben.[22] Er war damals ein Jüngling von reinen Sitten und
ernstem Wandel, begabt mit einem eigensinnigen Temperament, mit der
Bildung eines Handwerksmannes und mit einem Verstande, der sich in der
unglücklichsten Verfassung von der Welt befand, und zwar deshalb, weil
er zu verworren war für die Freiheit und doch nicht verworren genug für
das Irrenhaus. Die Verhältnisse, in die er versetzt wurde, waren aber
auch von der Art, daß sie die Verkehrtheiten seines Geistes nothwendig
in der stärksten Form zum Ausbruch bringen mußten. Zu der Zeit als seine
Verstandeskräfte zu reifen begannen, kämpften Episkopalen,
Presbyterianer, Independenten und Baptisten um die Herrschaft und
widerlegten und schmähten einander in jedem Winkel des Reichs. Er
wanderte von Gemeinde zu Gemeinde, hörte Priester gegen Puritaner und
Puritaner gegen Priester haranguiren und wendete sich vergebens um
geistlichen Rath und Trost an Gelehrte beider Parteien. Ein jovialer
alter Geistlicher der anglikanischen Gemeinschaft rieth ihm Tabak zu
rauchen und Psalmen zu singen, ein andrer sagte ihm, er solle sich ein
wenig Blut abzapfen lassen.[23] Der junge Forscher wendete sich mit
Abscheu von diesen Rathgebern ab zu den Dissenters und fand auch in
ihnen blinde Führer.[24] Nach einiger Zeit gelangte er zu dem Schlusse,
daß kein menschliches Wesen befähigt sei, ihn in göttlichen Dingen zu
belehren und daß die Wahrheit ihm durch unmittelbare Inspiration vom
Himmel mitgetheilt worden sei. Aus dem Umstande, daß die Spaltung der
Sprachen in Babel begonnen und daß die Verfolger Christi eine
lateinische, griechische und hebräische Inschrift an das Kreuz setzten,
folgerte er, daß die Kenntniß der Sprachen, ganz besonders der
lateinischen, griechischen und hebräischen, einem christlichen
Geistlichen nutzlos sein müsse.[25] Er war allerdings so weit entfernt,
viele Sprachen zu verstehen, daß er gar keine verstand; die corrupteste
hebräische Stelle kann dem Ungelehrten nicht unverständlicher sein, als
sein Englisch oft dem scharfsinigsten und aufmerksamsten Leser ist.[26]
Eine der kostbaren Wahrheiten, welche diesem neuen Apostel auf
göttlichem Wege offenbart wurden, war, daß es Falschheit und
Schmeichelei sei, sich der zweiten Person im Plural, anstatt der zweiten
Person im Singular zu bedienen. Eine andre war, daß, wer vom Monat März
spreche, den blutdürstigen Gott Mars verehre, und wer vom Montag
spreche, dem Monde eine abgöttische Huldigung darbringe. Guten Morgen
und guten Tag sagen war höchst verwerflich, denn in diesen Phrasen lag
offenbar der Sinn, daß Gott auch schlechte Tage und schlechte Nächte
gemacht habe.[27] Ein Christ war verbunden, eher dem Tode
entgegenzugehen, als vor dem Vornehmsten der Menschen den Hut zu ziehen.
Als Fox aufgefordert wurde, zur Unterstützung dieses Dogmas eine
biblische Autorität anzuführen, citirte er die Stelle, wo geschrieben
steht, daß Shadrach, Mesach und Abednego mit den Hüten auf dem Kopfe in
den feurigen Ofen geworfen wurden, und wenn man seiner eigenen Erzählung
glauben darf, wußte der Oberrichter von England auf dieses Argument mit
nichts weiter zu antworten als mit dem Ausrufe: „Führt ihn ab,
Kerkermeister!”[28] Fox legte auch viel Werth auf das nicht minder
gewichtige Argument, daß die Türken ihren Vorgesetzten nie das entblößte
Haupt zeigen, und er fragte mit großer Lebhaftigkeit, ob Die, welche den
hehren Namen Christen trügen, die Türken an Tugend nicht übertreffen
müßten.[29] Das Verbeugen verbot er auf’s Strengste und schien es
wirklich als die Aeußerung eines satanischen Einflusses zu betrachten,
denn wie er bemerkte, wurde das Weise im Evangelium, das von einem
Krankeitsteufel besessen war, zusammengekrümmt, was aber sogleich
aufhörte, als göttliche Macht sie von der Tyrannei des Bösen befreit
hatte.[30] Seine Erklärungen der heiligen Schriften waren höchst
wunderlich. Stellen, welche alle Leser der Evangelien seit sechzehn
Jahrhunderten bildlich verstanden, legte er wörtlich aus, und andere
Stellen, die kein Mensch vor ihm anders als im wörtlichen Sinne
verstanden hatte, legte er bildlich aus. So leitete er aus den
rhetorischen Ausdrücken, welche bei Beleidigungen die Pflicht der Geduld
einschärfen, die Lehre ab, daß Selbstvertheidigung gegen Räuber und
Mörder unerlaubt sei. Dagegen erklärte er die einfachen und klaren
Gebote, mit Wasser zu taufen und zum Gedächtniß der Erlösung der
Menschheit Brot und Wein zu genießen, für allegorisch. Er zog lange von
Ort zu Ort und lehrte diese wunderliche Theologie, zitterte in seinen
Anfällen fanatischer Aufregung wie Espenlaub, drängte sich mit Gewalt in
die Kirchen, denen er den Spottnamen Thurmhäuser gab, unterbrach die
Gebete und Predigten durch Geschrei und Verhöhnungen[31] und peinigte
die Rectoren und Richter mit Episteln, welche große Aehnlichkeit mit
Parodien der erhabenen Oden hatten, in denen die hebräischen Propheten
die Drangsale von Babylon und Tyrus vorhersagten.[32] Er erlangte durch
diese Thaten bald ein großes Renommée. Sein sonderbares Gesicht, seine
sonderbare Sprache, sein unbeweglicher Hut und seine Lederhosen waren im
ganzen Lande bekannt, und er rühmte sich, daß, sobald sich das Gerücht
verbreitete: „der Mann mit den Lederhosen kommt,” heuchlerische
Professoren von Entsetzen ergriffen wurden und feile Priester ihm
eiligst aus dem Wege gingen.[33] Er wurde zu wiederholten Malen
eingesperrt, bald mit Recht, weil er den öffentlichen Gottesdienst
störte, bald mit Unrecht, bloß weil er Unsinn schwatzte. Indessen
sammelte er bald eine Anzahl Schüler um sich, von denen manche ihn an
Albernheit noch übertrafen. Er erzählt uns, daß einer seiner Freunde
nackend durch Skipton ging, die Wahrheit erklärend,[34] und daß ein
Andrer aus göttlicher Anregung mehrere Jahre hindurch nackend auf
Marktplätze und in die Häuser von Gentlemen und Geistlichen ging.[35]
Fox beklagt sich bitter, daß diese vom heiligen Geiste eingegebenen
frommen Handlungen von einer verkehrten Generation mit Rippenstößen,
Steinwürfen und Peitschenhieben belohnt wurden. Obgleich er aber den
Eifer der Dulder lobte, ging er doch nicht ganz so weit wie sie.
Zuweilen fühlte er allerdings das Bedürfniß, sich theilweis zu
entkleiden. So zog er einmal seine Schuhe aus und ging mit dem Ausrufe:
„Wehe der blutigen Stadt!” barfuß durch Lichfield.[36] Er scheint sich
jedoch nie für verpflichtet gehalten zu haben, vor dem Publikum ohne das
anständige Kleidungsstück zu erscheinen, dem seine volksthümliche
Bezeichnung entlehnt war.

Beurtheilen wir Georg Fox einfach nach seinen Thaten und Schriften, so
werden wir keinen Grund sehen, ihn in moralischer oder geistiger
Hinsicht über Ludwig Muggleton oder Johanna Southcote zu stellen. Allein
es würde höchst ungerecht sein, wollte man die Secte, die ihn als ihren
Gründer betrachtet, mit den Muggletonianern oder Southcotianern auf eine
Stufe stellen. Unter den Tausenden, die von seinem Fanatismus angesteckt
wurden, befanden sich einige Personen, deren Geistesgaben und Bildung
ganz andrer Art waren, als die seinigen. Robert Barclay war ein Mann von
bedeutenden Talenten und Kenntnissen. Wilhelm Penn, obwohl Barclay an
natürlichen und erworbenen Geistesvorzügen nachstehend, war ein
Gentleman und Gelehrter. Daß solche Männer Anhänger Georg Fox’ werden
konnten, wird Den nicht Wunder nehmen, der bedenkt, welche
scharfsinnigen und hochgebildeten Geister selbst in unsrer Zeit durch
die unbekannten Zungen getäuscht worden sind. Es ist ausgemacht, daß
keine noch so hohe geistige Begabung gegen Verirrungen dieser Art
schützt. In Bezug auf Gott und seine Wege vermag auch der gebildetste
menschliche Verstand wenig mehr zu ergründen als der ungebildetste. In
der Theologie ist in der That nur ein geringer Unterschied zwischen
Aristoteles und einem Kinde, zwischen Archimedes und einem nackten
Wilden. Es ist daher kein Wunder, wenn selbst einsichtsvolle Männer, des
Grübelns müde, von Ungewißheit gequält, von dem Drange beseelt, etwas zu
glauben, und doch gegen Alles Einwendungen erblickend, sich endlich
blindlings Lehrern in die Arme werfen, die sich mit festem und
zweifellosem Glauben für vom Himmel Gesandte halten. So sehen wir
oftmals forschende und ruhelose Köpfe sich vor ihrem eignen Skepticismus
in den Schooß einer Kirche flüchten, welche Anspruch auf Unfehlbarkeit
macht, und es über sich gewinnen eine Oblate anzubeten, nachdem sie an
der Existenz einer Gottheit gezweifelt haben. So kam es, daß auch Fox
einige Convertiten machte, die in Allem, außer in der Energie seiner
Ueberzeugungen, unendlich höher standen als er. Diese Convertiten
brachten seine rohen Lehren in eine den gesunden Verstand und den guten
Geschmack etwas weniger verletzende Form. Keine Behauptung, die er
aufgestellt, wurde zurückgenommen, keine unschickliche oder lächerliche
Handlung, die er verrichtet oder gebilligt, wurde verdammt; aber das
Absurdeste in seinen Theorien und Handlungen wurde gemildert oder
wenigstens dem Publikum nicht aufgedrängt; Alles was dem Auge annehmbar
gemacht werden konnte, wurde in das beste Gewand gekleidet; sein
Kauderwälsch wurde ins Englische übersetzt; seinen Phrasen wurde ein
Sinn untergelegt, den er nicht begriffen haben würde und sein System,
das auf diese Art so sehr verbessert worden, daß er es nicht wieder
erkannt haben würde, wurde durch zahlreiche Citate aus heidnischen
Philosophen und christlichen Kirchenvätern vertheidigt, deren Namen er
nie gehört hatte.[37] Gleichwohl legten Diejenigen, die seine Theologie
umgeformt, nach wie vor eine tiefe Ehrfurcht vor ihm an den Tag, die sie
auch ohne Zweifel wirklich empfanden, und seine unsinnigen Episteln
wurden fortwährend in den Quäkerversammlungen des ganzen Landes mit
Achtung aufgenommen und verlesen. Sein Tod machte ein Aufsehen, das sich
nicht auf seine Schüler beschränkte. Am Morgen des Leichenbegängnisses
versammelte sich eine große Menschenmenge vor dem Bethause in
Gracechurch Street. Von da wurde der Leichnam nach dem Gottesacker der
Seele unweit Bunhill Fields getragen. Mehrere Redner sprachen zu der
Menge, welche den Friedhof füllte. Unter den Jüngern, die den
ehrwürdigen Leichnam der Erde übergaben, bemerkte man Penn. Die
Ceremonie war kaum zu Ende, als er erfuhr, daß Verhaftsbefehle gegen ihn
erlassen waren. Er ergriff augenblicklich die Flucht und verbarg sich
viele Monate lang vor den Augen der Oeffentlichkeit.[38]


[_Unterredung zwischen Penn und Sidney._] Kurze Zeit nach seinem
Verschwinden erhielt Sidney eine sonderbare Mittheilung von ihm. Penn
bat um eine Unterredung, verlangte aber das Versprechen, daß er
unangefochten in sein Versteck zurückkehren dürfe. Sidney erhielt die
königliche Erlaubniß, unter dieser Bedingung die nöthige Veranstaltung
zu treffen. Penn kam an den ihm bezeichneten Ort und sprach ausführlich
zu seiner Vertheidigung. Er erklärte, daß er ein treuer Unterthan des
Königs Wilhelm und der Königin Marie sei und daß er, wenn ihm ein
Anschlag gegen sie bekannt wäre, denselben enthüllen würde. Er ging
diesmal von seinem Ja und Nein ab und betheuerte vor Gott, daß er von
keinem Complot wisse und daß er überhaupt gar nicht an die Existenz
eines Complots glaube, es sei denn, daß man die ehrgeizigen Projecte der
französischen Regierung so nennen wolle. Sidney, wahrscheinlich
erstaunt, einen Mann, der einen solchen Abscheu vor dem Lügen hatte, daß
er die gewöhnlichen Formen der Höflichkeit nicht beobachtete, und einen
solchen Abscheu vor Eiden, daß er vor Gericht das Evangelium nicht
küßte, etwas einer Lüge sehr Aehnliches sagen und mit etwas einem Eide
sehr Aehnlichen bekräftigen zu hören, fragte ihn, wie man sich die
Existenz der bei Ashton gefundenen Briefe und Notizen erklären solle,
wenn wirklich kein Complot bestehe. Dieser Frage wich Penn aus. „Wenn
ich nur mit dem Könige sprechen könnte,” sagte er, „so würde ich ihm
Alles offen gestehen. Ich würde ihm Vieles sagen, was ihm zu wissen
wichtig sein würde. Nur auf diese Weise kann ich ihm nützlich werden.
Ein Kronzeuge kann ich nicht sein, denn mein Gewissen erlaubt mir nicht
zu schwören.” Er versicherte Sidney, daß die gefährlichsten Feinde der
Regierung die unzufriedenen Whigs seien. „Die Jakobiten sind nicht
gefährlich, denn es ist kein Einziger unter ihnen, der gesunden Verstand
hat. Einige von Denen, die mit dem Könige aus Holland herübergekommen,
sind weit mehr zu fürchten.” Namen scheint Penn nicht genannt zu haben.
Man ließ ihn ungehindert wieder gehen und es wurden auch keine thätigen
Nachforschungen nach ihm angestellt. Er blieb noch einige Monate in
London verborgen, stahl sich dann nach der Küste von Sussex und entkam
nach Frankreich. Nachdem er ungefähr drei Jahre im Verborgenen
umhergestreift war, söhnte er sich durch Vermittelung einiger
hochgestellter Männer, die seine Fehler um seiner guten Eigenschaften
willen übersahen, mit der Regierung aus und wagte es wieder seine
geistlichen Functionen zu verrichten. Die Art und Weise jedoch, wie er
die gegen ihn geübte Milde vergalt, gereicht seinem Character nicht zu
großer Ehre. Kaum hatte er wieder angefangen, öffentlich über die
Unrechtmäßigkeit des Kriegs zu haranguiren, so schickte er eine
Botschaft ab, durch die er Jakob dringend aufforderte, mit
dreißigtausend Mann unverzüglich eine Landung in England zu
unternehmen.[39]


[_Preston begnadigt._] Es vergingen noch einige Monate, ehe Preston’s
Schicksal entschieden wurde. Nach wiederholten Aufschiebungen setzte die
Regierung, welche überzeugt war, daß er, obwohl er viel gesagt hatte,
noch mehr sagen könne, einen Tag zu seiner Hinrichtung fest und befahl
den Sheriffs, die Todesmaschinerie in Bereitschaft zu halten.[40] Er
erlangte jedoch einen abermaligen Aufschub und nach Verlauf einiger
Wochen erhielt er seine Begnadigung, die sich indeß nur auf sein Leben
erstreckte, sein Vermögen aber allen Consequenzen der Verurtheilung
unterwarf. Kaum war er in Freiheit gesetzt, so gab er neue Ursache zu
Aergerniß und Verdacht und wurde abermals verhaftet, verhört und
eingesperrt.[41] Endlich gestattete man ihm, sich, verfolgt von dem
Hohngeschrei und den Verwünschungen beider Parteien, auf ein einsames
Landhaus im nördlichen Bezirke von Yorkshire zurückzuziehen. Hier hatte
er wenigstens nicht die zornigen Blicke ehemaliger Parteigenossen zu
ertragen, die ihn einst für einen Mann von furchtlosem Muthe und
makelloser Ehre gehalten hatten, die aber jetzt erklärten, daß er im
besten Falle ein Feigling sei, und den Verdacht äußerten, daß er von
Anfang an ein Spion und Verführer gewesen.[42] Er verwendete den kurzen
und traurigen Rest seines Lebens dazu, den Trost des Boethius ins
Englische zu übersetzen. Die Uebersetzung erschien nach dem Tode des
Uebersetzers im Druck. Sie ist hauptsächlich wegen einiger völlig
mißlungener Versuche, unsren Versbau mit neuen Metren zu bereichern und
wegen der Anspielungen, mit denen die Vorrede angefüllt ist,
interessant. Unter einem dünnen Schleier bildlicher Redensarten legte
Preston dem Mitleid oder der Verachtung des Publikums seinen befleckten
Ruf und sein gebrochenes Herz dar. Er beklagte sich, daß das Tribunal,
das ihn zum Tode verurtheilt, milder gegen ihn gehandelt habe als seine
früheren Freunde, und daß Viele, die niemals durch Versuchungen wie die
seinigen geprüft worden seien, sich sehr wohlfeil den Ruf des Muthes
erworben hätten, indem sie über seine Aengstlichkeit gespöttelt und von
ferne Schrecken getrotzt, welche in der Nähe gesehen selbst einen
standhaften Geist besiegen müßten.


[_Freude der Jakobiten über den Fall von Mons._] Der Muth der Jakobiten,
der auf einige Zeit durch die Entdeckung des Preston’schen Complots
gebeugt worden war, wurde durch den Fall von Mons wieder aufgerichtet.
Die Freude der ganzen Partei war grenzenlos. Die eidverweigernden
Priester liefen zwischen Sam’s Kaffeehaus und Westminster Hall hin und
her, Ludwig preisend und über den kläglichen Ausgang der Berathungen des
Congresses lachend. Im Park zeigten die Mißvergnügten ihre stolzesten
Mienen und predigten mit ihrer lautesten Stimme Aufruhr. Der
Hervorragendste unter diesen Großsprechern war Sir Johann Fenwick, der
unter der vorigen Regierung in großer Gunst gestanden und ein hohes
militärisches Commando bekleidet hatte und jetzt ein unermüdlicher
Agitator und Verschwörer war. In seinem Freudentaumel vergaß er die
Artigkeit, die der Mann dem andren Geschlecht schuldig ist. Schon mehr
als einmal hatte er sich durch seine Impertinenz gegen die Königin
bemerkbar gemacht. Jetzt trat er ihr absichtlich in den Weg, wenn sie
ihre Erholungspromenade machte, und während Alles um ihn her das Haupt
entblößte und sich tief verbeugte, sah er sie starr an und drückte vor
ihren Augen den Hut tiefer über die Stirn. Die Beleidigung war nicht nur
roh, sondern feig, denn das Gesetz hatte keine Strafe für bloße
Impertinenz und der König war der einzige Gentleman und Offizier im
Königreiche, der seine Gemahlin nicht mit dem Degen gegen Insulten
schützen konnte. Die Königin konnte weiter nichts thun als den
Parkhütern befehlen, daß sie Sir John nicht wieder einließen. Lange nach
ihrem Tode kam eine Zeit, wo er Ursache hatte zu wünschen, daß er seine
Unverschämtheit gezügelt haben möchte. Er erhielt fühlbare Beweise, daß
er von allen Jakobiten, die verzweifeltsten Mörder nicht ausgenommen,
der einzige war, gegen den Wilhelm einen heftigen persönlichen
Widerwillen empfand.[43]


[_Die erledigten Bisthümer werden besetzt._] Einige Tage nach diesem
Ereignisse begann die Wuth der Mißvergnügten heftiger aufzulodern als
je. Die Entdeckung der Verschwörung, deren Haupt Preston gewesen war,
hatte eine Krisis in den kirchlichen Angelegenheiten herbeigeführt. Die
eidverweigernden Bischöfe hatten während des Jahres, das auf ihre
Absetzung folgte, die Amtswohnungen innebehalten, welche einst ihr
Eigenthum gewesen waren. Burnet hatte sich auf Mariens Ansuchen bemüht,
einen Vergleich zu Stande zubringen. Seine directe Intervention würde
wahrscheinlich mehr geschadet als genützt haben, und er bediente sich
daher der Vermittelung Rochester’s, der in der Achtung der
Eidverweigerer höher stand als irgend ein Staatsmann und kein
Eidverweigerer war, und Trevor’s, der bei aller seiner Unwürdigkeit doch
einen beträchtlichen Einfluß bei der Hochkirchenpartei hatte. Sancroft
und seine Collegen wurden benachrichtigt, daß, wenn sie sich dazu
verstehen wollten, ihre geistlichen Functionen zu verrichten, zu
ordiniren, zu installiren, zu confirmiren und den Glauben und die
Moralität der Priesterschaft zu überwachen, eine Bill im Parlamente
eingebracht werden sollte, die sie der Eidesleistung entband.[44] Dieses
Anerbieten war unvorsichtig liberal, und doch konnten Diejenigen, denen
es gemacht wurde, consequenterweise nicht darauf eingehen. Denn in dem
Ordinationsdienste wie überhaupt in fast jedem kirchlichen Dienste waren
Wilhelm und Marie als König und Königin bezeichnet. Das einzige
Versprechen, das von den ihres Amtes entsetzten Prälaten erlangt werden
konnte, war, daß sie sich ruhig verhalten wollten, und selbst dieses
Versprechen hatten sie nicht alle gehalten. Einer von ihnen wenigstens
hatte sich eines durch Gottlosigkeit erschwerten Hochverraths schuldig
gemacht. Er hatte aus Angst von dem Pöbel zerrissen zu werden erklärt,
daß er den Gedanken, die Hülfe Frankreich’s nachzusuchen, verabscheue,
und hatte Gott zum Zeugen angerufen, daß diese Erklärung aufrichtig
gemeint sei. Kurze Zeit nachher jedoch war man dahinter gekommen, daß er
im Geheimen darauf hinarbeitete, eine französische Armee nach England zu
bringen, und er hatte an den Hof von Saint-Germains geschrieben, um ihm
zu versichern, daß er im Einverständniß mit seinen Collegen,
insbesondere mit Sancroft handle. Die Whigs forderten laut Strenge.
Selbst die toryistischen Räthe Wilhelm’s gestanden ein, daß die
Nachsicht aufs Aeußerste getrieben worden sei. Indessen machten sie noch
einen letzten Vermittelungsversuch. „Wollen Sie und Ihre Collegen,”
sagte Trevor zu Lloyd, dem eidverweigernden Bischofe von Norwich, „jede
Verbindung mit Doctor Turner desavouiren und erklären, daß das was er in
seinen Briefen Ihnen zur Last legt, falsch ist?” Lloyd wich der Frage
aus. Es lag jetzt klar am Tage, daß Wilhelm durch seine Nachsicht die
Gegner, die er zu gewinnen gehofft, nur kühner gemacht hatte. Selbst
Caermarthen, selbst Nottingham erklärten, es sei hohe Zeit, die
erledigten Bischofsstühle zu besetzen.[45]


[_Tillotson, Erzbischof von Canterbury._] Tillotson wurde zum
Erzbischof ernannt und am Pfingstsonntage in der Kirche St. Mary Le Bow
geweiht. Compton, der sich schwer gekränkt fühlte, weigerte sich, irgend
welchen Antheil an der Ceremonie zu nehmen. Anstatt seiner fungirte Mew,
Bischof von Winchester, dem Burnet, Stillingfleet und Hough assistirten.
Die Versammlung war die glänzendste, die man seit der Krönung in einem
Gotteshause gesehen hatte. Das Empfangszimmer der Königin war an diesem
Tage verödet. Die meisten von den in der Stadt anwesenden Peers
versammelten sich am Morgen in Bedford House und zogen von dort in
Prozession nach Cheapside. Man bemerkte unter ihnen Norfolk, Caermarthen
und Dorset. Devonshire, der es nicht erwarten konnte, seine Waldungen in
Chatsworth in ihrer Sommerpracht zu sehen, hatte gleichwohl seine
Abreise verschoben, um Tillotson seine Achtung zu bezeigen. Die
Volksmenge, welche die Straßen füllte, begrüßte den neuen Primas mit
lebhaftem Zurufe, denn er hatte seit vielen Jahren in der City
gepredigt, und seine Beredtsamkeit, seine Rechtschaffenheit und die
seltene Sanftmuth seines Characters und seiner Manieren hatten ihn zum
Liebling der Londoner gemacht.[46] Aber die Glückwünsche und
Beifallsbezeigungen seiner Freunde konnten die lauten Verwünschungen
nicht übertäuben, welche die Jakobiten erhoben. In ihren Augen war er
ein Dieb, der nicht durch die Thür hereingekommen, sondern über den Zaun
gestiegen war. Er sei ein Miethling, sagten sie, dem die Schafe nicht
eigenthümlich gehörten, der sich den Stab des guten Hirten
widerrechtlich angemaßt habe und von dem man sicher erwarten dürfe, daß
er die Heerde den Klauen jedes Wolfes preisgeben werde. Er sei ein
Arianer, ein Socinianer, ein Deist, ein Atheist. Er habe die Welt durch
schöne Redensarten und durch einen Anschein von guten Sitten getäuscht;
eigentlich aber sei er ein viel gefährlicherer Feind der Kirche, als er
es hätte sein können, wenn er sich offen für einen Schüler Hobbes’
erklärt und so locker wie Wilmot gelebt hätte. Er habe die eleganten
Herren und Damen, die seinen Styl bewunderten und die man beständig um
seine Kanzel versammelt sehe, gelehrt, daß sie sehr gute Christen sein
und doch den im ersten Buche Mosis erzählten Sündenfall für allegorisch
halten könnten. Sie könnten in der That leicht so gute Christen sein wie
er, denn er sei niemals getauft worden, seine Eltern seien Anabaptisten,
er habe schon als Knabe ihre Religion verloren und nie eine andre
gefunden. In gemeinen Pasquillen wurde er der „nicht eingetauchte
Johann” (+undipped John+) genannt. Umsonst wurde sein Taufzeugniß
vorgelegt; seine Feinde klagten fortwährend, daß sie es erleben müßten,
Väter der Kirche zu sehen, die nicht ihre Kinder seien. Sie erfanden
eine Geschichte, daß die Königin das große Verbrechen, durch welches sie
einen Thron erlangt, bitter bereut, daß sie sich in ihrer Angst an
Tillotson gewendet und daß dieser sie mit der Versicherung getröstet
habe, die Strafe der Sünder in einer zukünftigen Welt werde nicht ewig
sein.[47] Das Gemüth des Erzbischofs war von Natur von fast weiblicher
Sanftheit und war durch die Gewohnheiten eines langen Lebens, während
dessen die streitenden Sekten und Parteien einstimmig von seinen
Talenten mit Bewunderung und von seinem Character mit Achtung gesprochen
hatten, eher noch weicher als härter geworden. Die Fluth von Schmähungen
und Vorwürfen, die er in einem Alter von mehr als sechzig Jahren zum
ersten Male auszuhalten hatte, war zuviel für ihn. Sein Lebensmuth sank,
seine Gesundheit wurde erschüttert; und doch wich er weder vom Pfade
seiner Pflicht ab, noch versuchte er es, sich an seinen Verfolgern zu
rächen. Einige Tage nach seiner Consecration wurden mehrere Personen
dabei ergriffen, wie sie gegen ihn gerichtete Schmähschriften
vertheilten. Die Kronanwälte schlugen vor, gegen die Betroffenen
gerichtliche Untersuchung einzuleiten; aber er bestand darauf, daß
Niemand um seinetwillen verfolgt werden solle.[48] Als er eines Tages
Gesellschaft hatte, wurde ihm ein versiegeltes Packet überbracht; er
öffnete es und eine Maske fiel heraus. Seine Freunde waren empört und
erbittert über diese rohe Beleidigung; aber der Erzbischof bemühte sich,
seinen Schmerz unter einem Lächeln zu verbergen, zeigte auf die
Pamphlets, mit denen sein Tisch bedeckt war, und sagte, der Vorwurf, den
das Emblem der Maske ausdrücken solle, müsse im Vergleich zu anderen
Vorwürfen, die er täglich zu erdulden habe, gelind genannt werden. Nach
seinem Tode fand man ein Packet heftiger Schmähschriften, welche die
Eidverweigerer gegen ihn in Umlauf gesetzt hatten, unter seinen
Papieren, mit der Aufschrift: „Ich bitte Gott, daß er ihnen vergeben
möge, wie ich ihnen vergebe.”[49]


[_Benehmen Sancroft’s._] Die Gemüthsstimmung des abgesetzten Primas war
eine ganz andre. Er scheint in Bezug auf seine Wichtigkeit in einem
vollständigen Irrwahn begriffen gewesen zu sein. Die große Popularität,
die er drei Jahre früher genossen, die Gebete und Thränen der
Volksmassen, die in die Themse gewatet waren, um seinen Segen zu
erflehen, die Begeisterung, mit der die Schildwachen des Tower unter den
Fenstern seines Kerkers auf seine Gesundheit getrunken, das ungeheure
Freudengeschrei, das am Morgen seiner Freisprechung im Palasthofe ertönt
war, die Triumphnacht, in welcher an jedem Fenster von Hyde Park bis
Mile End sieben Lichter geglänzt, deren mittelstes und längstes ihn
vorgestellt hatte, waren bei ihm noch in frischem Andenken, und er besaß
nicht so viel Einsicht, um zu erkennen, daß alle diese Huldigungen nicht
seiner Person, sondern der Religion und den Freiheiten gegolten hatte,
deren Repräsentant er auf einen Augenblick war. Die ungemeine Rücksicht,
mit der ihn die neue Regierung noch lange behandelt, scheint ihn in
seinem Irrthum bestärkt zu haben. Daß ihm von Kensington eine Reihe
versönlicher Botschaften zukam; daß ihm so liberale Bedingungen
angeboten wurden, wie sie sich kaum mit der Würde der Krone und mit dem
Wohle des Staats vertrugen; daß seine kalten und unhöflichen Antworten
die königliche Langmuth nicht erschöpfen konnten; daß er trotz des
lauten Geschreis der Whigs und der täglichen Provocationen von Seiten
der Jakobiten noch funfzehn Monate nach seiner Amtsentsetzung den
erzbischöflichen Palast bewohnte: dies Alles schien ihm nicht die
Nachsicht, sondern die Furcht der herrschenden Gewalten zu verrathen. Er
schmeichelte sich, daß sie es nicht wagen würden, ihn zu vertreiben.
Daher versetzte ihn die Nachricht, daß sein Stuhl besetzt sei, in eine
Wuth, die bis an sein Lebensende dauerte und die ihn zu manchen
thörichten und unpassenden Handlungen verleitete. Tillotson begab sich
sogleich nach seiner Ernennung nach Lambeth, in der Hoffnung, daß es ihm
gelingen werde, durch Artigkeit und Freundlichkeit die Gereiztheit zu
beschwichtigen, deren unschuldige Ursache er war. Er wartete lange im
Vorzimmer und ließ sich durch mehrere Diener anmelden; aber Sancroft
würdigte ihn nicht einmal einer Antwort.[50] Drei Wochen vergingen und
noch immer machte der abgesetzte Erzbischof keine Miene das Feld zu
räumen. Da erhielt er endlich einen Befehl, der ihm die königliche
Willensmeinung kund that, daß er die Wohnung verlassen solle, die schon
längst nicht mehr die seinige sei und in der er nur als Gast sich
aufgehalten. Dieser Befehl verdroß ihn heftig und er erklärte, daß er
demselben nicht nachkommen werde. Er werde so lange bleiben, bis die
Beamten des Sheriffs ihn mit Gewalt vertrieben, und er werde sein Recht
vor Gericht suchen soweit er dies könne, ohne die Autorität der
Usurpatoren anzuerkennen.[51] Die Sache war so klar, daß er durch kein
Mittel der Chikane mehr erlangen konnte als einen kurzen Aufschub. Als
das gegen ihn lautende Erkenntniß gesprochen war, verließ er zwar den
Palast, befahl aber seinem Intendanten, den Besitz desselben zu
behaupten. Die Folge davon war, daß der Intendant verhaftet und zu einer
bedeutenden Geldstrafe verurtheilt wurde. Tillotson ließ seinem
Vorgänger die freundliche Benachrichtigung zukommen, daß die Geldbuße
nicht eingefordert werden würde. Sancroft aber hatte sich vorgenommen,
einen Grund zur Beschwerde zu haben, und er wollte das Geld
bezahlen.[52]


[_Uneinigkeit zwischen Sancroft und Ken._] Von diesem Augenblicke
an war das ganze Bestreben des engherzigen und eigensinnigen alten
Mannes darauf gerichtet, die Kirche, deren erster Diener er gewesen
war, in Stücke zu zerreißen. Umsonst machten einige von denjenigen
Eidverweigerern, deren Tugenden, Talente und Gelehrsamkeit der
Stolz ihrer Partei waren, Vorstellungen gegen seinen Plan. „Unsre
Amtsentsetzung” -- so argumentirte Ken -- „ist in den Augen Gottes
null und nichtig. Wir sind die wahren Bischöfe unserer Stühle und
werden es bleiben, bis wir sterben oder selbst resigniren. Diejenigen,
die sich unsere Titel und Functionen anmaßen, werden die Schuld eines
Schisma’s auf sich laden. Mit uns aber wird, wenn wir so handeln wie es
uns geziemt, das Schisma aufhören, und unter der nächsten Generation
wird die Einheit der Kirche wiederhergestellt sein. Weihen wir dagegen
Bischöfe zu unseren Nachfolgern, so kann die Spaltung Jahrhunderte
dauern, und wir werden zwar nicht für die Entstehung, wohl aber für
die Fortdauer derselben mit Recht verantwortlich gemacht werden.”
Diese Betrachtungen hätten Sancroft’s eigenen Grundsätzen zufolge
in seinen Augen ein entscheidendes Gewicht haben sollen; aber seine
zornigen Leidenschaften behielten die Oberhand. Ken verließ ruhig den
ehrwürdigen Palast von Wells. Er habe das Streiten aufgegeben, sagte
er, und werde fortan seinen Gefühlen nicht mehr in Disputationen,
sondern in Hymnen Luft machen. Seine Mildthätigkeit gegen Unglückliche
aller Glaubensrichtungen, insbesondere gegen die Gefährten Monmouth’s
und gegen die verfolgten Hugenotten, war so groß gewesen, daß sein
ganzes Privatvermögen noch in siebenhundert Pfund Sterling und einer
Bibliothek bestand, welche zu verkaufen er sich nicht entschließen
konnte. Aber Thomas Thynne, Viscount Weymouth, machte sich, obgleich
er kein Eidverweigerer war, eine Ehre daraus, dem tugendhaftesten
der Eidverweigerer ein ruhiges und würdiges Asyl in dem fürstlichen
Schlosse Longleat anzubieten. Hier verlebte Ken ein glückliches und
geehrtes Greisenalter, während welchem er nie das Opfer bedauerte, das
er seiner vermeintlichen Pflicht gebracht, und doch immer nachsichtiger
gegen Diejenigen wurde, deren Begriffe von Pflicht von den seinigen
abwichen.[53]


[_Sancroft’s Haß gegen die Landeskirche. Er bestimmt die bischöfliche
Succession unter den Eidverweigerern._] Sancroft war von ganz andrem
Character. Er hatte sich eigentlich so wenig zu beklagen wie nur irgend
Einer, der durch eine Revolution von einer hohen Stellung herabgestürzt
wird. Er besaß in Fressingfield in Suffolk ein Erbgut, das ihn in
Verbindung mit dem, was er sich während seines zwölfjährigen Primats
erspart hatte, in den Stand setzte, wenn auch nicht so, wie er gelebt
hatte, als er der erste Peer des Parlaments war, doch aber auf dem Fuße
eines reichen Landedelmanns zu leben. Er zog sich auf seinen erblichen
Landsitz zurück und verbrachte hier den Rest seiner Tage über das ihm
zugefügte Unrecht brütend. Der Widerwille gegen die Landeskirche wurde
in ihm eben so stark, als er in Martin Marprelate gewesen war. Er
betrachtete Alle, die mit ihr in Gemeinschaft blieben, als Heiden und
Zöllner. Tillotson gab er den Spottnamen Mufti. In dem Zimmer, das er in
Fressingfield als Kapelle benutzte, durfte Niemand, der die Eide
geleistet oder dem Gottesdienste eines Geistlichen, der die Eide
geleistet, beigewohnt hatte, am Genusse des geweihten Brotes und Weines
Theil nehmen. Es wurde jedoch ein Unterschied zwischen zwei Klassen von
Sündern gemacht. Einem Laien, der noch in Gemeinschaft mit der
Landeskirche blieb, war es erlaubt zugegen zu sein, so lange Gebete
verlesen wurden; nur von dem höchsten der christlichen Mysterien war er
ausgeschlossen. Mit Geistlichen aber, welche den im Besitze des Thrones
befindlichen Souverainen Treue geschworen hatten, wollte Sancroft nicht
einmal beten. Er sorgte dafür, daß die Siegel, die er eingeführt hatte,
in weiten Kreisen bekannt wurde und lehrte seine Anhänger durch
Vorschrift und durch Beispiel, auch den Rechtgläubigsten, Frömmsten und
Tugendhaftesten von Denen, welche Wilhelm’s Autorität anerkannt hatten,
mit einem Gefühle betrachten, ähnlich dem, mit welchem der Jude den
Samariter betrachtete.[54] Eine solche Intoleranz würde selbst bei einem
Manne, der für ein großes Prinzip kämpfte, verwerflich gewesen sein.
Sancroft aber kämpfte nur für einen Namen. Er war der Urheber des
Regentschaftsplanes. Er war vollkommen bereit, die ganze königliche
Gewalt von Jakob auf Wilhelm zu übertragen. Die Frage, welche diesem
engherzigen und mürrischen Charakter wichtig genug dünkte, um das
Excommuniciren von zehntausend Priestern und fünf Millionen Laien zu
rechtfertigen, war die, ob der Staatsbeamte, auf den die ganze
königliche Gewalt übertragen wurde, den Titel König annehmen solle. Auch
konnte Sancroft den Gedanken nicht ertragen, daß die Erbitterung, die er
hervorgerufen, mit seinem Leben erlöschen sollte. Nachdem er sein
Möglichstes gethan, um die Fehde heftig zu machen, beschloß er sie zu
verewigen. Er sandte eine Liste der Geistlichen, die aus ihren Aemtern
vertrieben worden waren, nach Saint-Germains, mit dem Ersuchen, daß
Jakob zwei bezeichnen möchte, welche die bischöfliche Succession
aufrechterhalten sollten. Jakob, dem es ohne Zweifel ganz angenehm war,
der Menge von Seelen, die er als die Schmach des Protestantismus
betrachten gelernt hatte, noch um eine vermehrt zu sehen, ernannte zwei
heftige und unversöhnliche Eidverweigerer, Hickes und Wagstaffe,
Ersterer von Sancroft, Letzterer von Lloyd, dem abgesetzten Bischof von
Norwich empfohlen.[55] Dies war der Ursprung einer schismatischen
Hierarchie, welche, nachdem sie eine kurze Zeit lang Besorgniß erweckt
hatte, bald in Dunkel und Verachtung sank, die aber trotz Dunkel und
Verachtung ihre kümmerliche Existenz noch durch mehrere Generationen
schleppte. Die kleine Kirche, ohne Tempel, Einkünfte oder Würden, war
durch innere Streitigkeiten sogar noch mehr zerrissen als die im Besitz
von Kathedralen, Zehnten und Pairien verbliebene große Kirche. Einige
Eidverweigerer neigten sich zu dem römischen Ritual, andere wollten
nicht die geringste Abweichung von dem allgemeinen Gebetbuche dulden.
Altar wurde gegen Altar aufgerichtet. Ein Schattenprälat erklärte die
Consecration eines andren Schattenprälaten für unkanonisch, bis endlich
die Hirten gänzlich ohne Heerden waren. Einer dieser geistlichen Lords
wurde wohlweislich Arzt; ein andrer verließ seinen sogenannten
Bischofssitz und siedelte nach Irland über, und endlich im Jahre 1805
sank der letzte Bischof dieser Gesellschaft, welche mit Stolz auf den
Titel der einzig wahren Kirche England’s Anspruch gemacht hatte,
unbeachtet ins Grab.[56]


[_Die neuen Bischöfe._] Die Stühle der Bischöfe, welche zugleich mit
Sancroft vertrieben worden waren, wurden in einer der Regierung zur Ehre
gereichenden Weise besetzt. Patrick wurde Nachfolger des Verräthers
Turner. Fowler ging nach Gloucester. Richard Cumberland, ein bejahrter
Geistlicher, der keine Gönner bei Hofe hatte und dessen einzige
Empfehlungen seine Frömmigkeit und Gelehrsamkeit waren, erfuhr mit
Erstaunen aus einem Neuigkeitsbriefe, den er auf dem Tische eines
Kaffeehauses fand, daß er zum Bischof von Peterborough ernannt war.[57]
Beveridge wurde zum Nachfolger Ken’s erwählt; er willigte ein und die
Ernennung wurde wirklich in der London Gazette angezeigt. Doch Beveridge
war wohl ein rechtschaffener Mann, besaß aber keine Seelenstärke. Einige
Jakobiten machten ihm Vorstellungen, andere Vorwürfe, der Muth sank ihm,
und er nahm seine Zusage zurück. Während die Eidverweigerer über diesen
Sieg frohlockten, wurde er wieder andren Sinnes, aber zu spät. Er hatte
sich durch seine Unschlüssigkeit Wilhelm’s Gunst verscherzt und erhielt
erst eine Mitra, als Anna auf dem Throne saß.[58] Das Bisthum Bath und
Wells wurde Richard Kidder verliehen, einem Manne von hervorragender
Bildung und makellosem Character, der aber in dem Verdacht stand, daß er
sich zum Presbyterianismus hinneige. Um die nämliche Zeit nahm Sharp,
der Hochkirchlichste, der einen Skrupel deshalb hegte, daß er der
Nachfolger eines abgesetzten Prälaten werden sollte, das durch
Lamplugh’s Tod zur Erledigung gekommene Erzbisthum York an.[59]


[_Sherlock Dechant von St. Paul._] In Folge der Erhebung Tillotson’s auf
den Stuhl von Canterbury wurde die Dechanei von St. Paul erledigt.
Sobald der Name des neuen Dechanten bekannt wurde, brach ein Geschrei
los, wie es vielleicht nie eine kirchliche Ernennung veranlaßt, ein
Geschrei, zusammengesetzt aus Gebrüll des Hasses, aus Gezisch der
Verachtung und aus halb triumphirenden, halb beleidigenden
Willkommrufen: denn der neue Dechant war Wilhelm Sherlock.

Die Geschichte seiner Bekehrung verdient ausführlich erzählt zu
werden, denn sie wirft ein helles Licht auf den Character der Parteien,
welche damals die Kirche und den Staat spalteten. Sherlock war, dem
Einflusse und dem Rufe, wenn auch nicht dem Range nach, der bedeutendste
Mann unter den Eidverweigerern. Seine Autorität und sein Beispiel hatten
einige seiner Collegen, welche anfangs geschwankt hatten, dazu bestimmt,
ihre Stellen niederzulegen. Der Tag der Suspension kam, der Tag der
Absetzung kam, und noch blieb er fest. Er schien in dem Bewußtsein der
Rechtschaffenheit und in der Betrachtung der unsichtbaren Welt reichen
Ersatz für alles Verlorene gefunden zu haben. Während er von der Kanzel
ausgeschlossen war, wo seine Beredtsamkeit einst die gelehrten und
gebildeten Inwohner des Temple entzückt hatte, schrieb er seinen
berühmten +Treatise on Death+, welcher viele Jahre lang auf den
Bücherbrettern ernster Arminianer zunächst neben +The Whole Duty of Man+
stand. Bald jedoch begann man zu argwöhnen, daß seine Festigkeit
schwanke. Er erklärte, daß er keinen Theil an einem Schisma haben wolle,
er rieth Denen, die sich bei ihm Raths erholten, ihre Pfarrkirchen nicht
zu verlassen, und da er sah, daß das Gesetz, das ihn seines Amtes
enthob, ihm nicht verbot, Gottesdienst zu halten, predigte er sogar in
St. Dunstan und betete dort für König Wilhelm und Königin Marie. Die
apostolische Vorschrift, sagte er, laute dahin, daß für alle
obrigkeitliche Gewalt Habenden gebetet werden solle, und Wilhelm und
Marie hätten sichtbar obrigkeitliche Gewalt. Seine jakobitischen Freunde
tadelten laut seine Inconsequenz. Wie können Sie, fragten sie, wenn Sie
annehmen, daß der Apostel an dieser Stelle von der bestehenden Obrigkeit
spricht, behaupten, daß er an anderen ähnlichen Stellen nur von
rechtmäßiger Obrigkeit spricht? Oder wie können Sie, ohne zu sündigen,
in einer feierlichen Anrede an Gott Jemanden als König bezeichnen, dem
Sie nicht als König zu gehorchen versprechen können, ohne zu sündigen?
Diese Argumente waren unwiderlegbar, und Sherlock begann bald sie
ebenfalls dafür zu halten; der Schluß aber, zu dem sie ihn führten, war
dem Schlusse zu dem sie ihn führen sollten, diametral entgegengesetzt.
Er schwankte jedoch, bis von einer Seite, von der man wenig Grund hatte
etwas Andres als zehnfache Finsterniß zu erwarten, ein neues Licht in
seinen Geist fiel. Unter der Regierung Jakob’s I. hatte Doctor Johann
Overall, Bischof von Exeter, eine gelehrte Abhandlung über die Rechte
bürgerlicher und kirchlicher Regenten geschrieben. Diese Abhandlung war
von der Convocation von Canterbury und York feierlich gutgeheißen worden
und konnte daher als eine Autorität habende Darstellung der Lehre der
englischen Kirche betrachtet werden. Sancroft besaß eine Abschrift des
Manuscripts und er ließ es bald nach der Revolution durch den Druck
veröffentlichen. Er hoffte ohne Zweifel, die Veröffentlichung werde der
neuen Regierung schaden; aber er sah sich vollständig getäuscht. Das
Buch verwarf zwar jeden Widerstand in eben so starken Ausdrücken, als er
selbst sie hätte anwenden können; aber eine Stelle, die seiner Beachtung
entgangen war, entschied gegen ihn und seine Mitschismatiker. Overall
und die beiden Convocationen, welche Overall’s Lehre sanctionirt hatten,
erklärten, daß eine Regierung, die aus einem Aufstande hervorgegangen
sei, sobald sie vollkommen feststehe, als von Gott angeordnet betrachtet
werden und daß die Christen ihr gehorchen müßten.[60] Sherlock las und
war überzeugt. Seine ehrwürdige Mutter, die Kirche, hatte gesprochen und
er nahm ihr Gebot mit der Folgsamkeit eines Kindes an. Die aus der
Revolution hervorgegangene Regierung konnte wenigstens seit der Schlacht
am Boyne und der Flucht Jakob’s aus Irland mit gutem Grunde eine
feststehende Regierung genannt werden, und es gebührte ihr daher
passiver Gehorsam, bis sie durch eine neue Revolution gestürzt wurde und
eine andre feststehende Regierung auf sie folgte.

Sherlock leistete die Eide und veröffentlichte sofort zur
Rechtfertigung seines Schrittes eine Flugschrift, betitelt: +The Case of
Allegiance to Sovereign Powers stated+. Dieses Buch machte ungeheures
Aufsehen. Dryden’s +Hind and Panther+ hatte keine solche Sensation
erregt, Halifax’ +Letter to a Dissenter+ hatte nicht so viele Antworten
hervorgerufen. Die Repliken wider den Doctor, die Vertheidigungen des
Doctors, die Schmähschriften auf den Doctor würden eine ganze Bibliothek
füllen. Das Geschrei nahm zu, als es bekannt wurde, daß der Convertit
nicht allein wieder zum Vorsteher des Temple ernannt worden war, sondern
auch die Dechanei St. Paul angenommen hatte, die in Folge der Absetzung
Sancroft’s und der Beförderung Tillotson’s zur Erledigung gekommen war.
Die Wuth der Eidverweigerer steigerte sich fast bis zum Wahnsinn. Sei es
nicht genug, fragten sie, die wahre und reine Kirche in dieser ihrer
Stunde der Betrübniß und Gefahr zu verlassen, ohne sie auch noch zu
verleumden? Es sei leicht zu begreifen, warum ein habgieriger und feiger
Heuchler sich weigerte, dem Usurpator die Eide zu leisten, so lange es
wahrscheinlich war, daß der rechtmäßige König wieder eingesetzt würde,
sich aber nach der Schlacht am Boyne zu schwören beeilte. Ein solches
Schwanken in Zeiten bürgerlicher Uneinigkeit sei nichts Neues. Das aber
sei etwas Neues, daß der Renegat seine eigne Schuld und Schande auf die
englische Kirche zu wälzen versuche und erkläre, sie habe ihn gelehrt,
sich gegen den Schwachen zu kehren, der im Recht sei, und vor dem
Mächtigen zu kriechen, der im Unrecht sei. Habe sie dies wirklich in
schlimmen Tagen gelehrt und danach gehandelt? Habe sie ihren königlichen
Märtyrer im Gefängnisse oder auf dem Schaffot verlassen? Habe sie ihren
Kindern vorgeschrieben, dem Rumpfe oder dem Protector zu gehorchen? Sei
indessen die Regierung des Rumpfs oder des Protector’s weniger
berechtigt gewesen eine feststehende Regierung genannt zu werden, als
die Regierung Wilhelm’s und Mariens? Sei die Schlacht bei Worcester
nicht ein eben so harter Schlag für die Hoffnungen des Hauses Stuart
gewesen, als die Schlacht am Boyne? Seien nicht die Aussichten auf eine
Restauration im Jahre 1657 eben so schwach gewesen, als sie jedem
einsichtsvollen Mann im Jahre 1691 erscheinen müßten? Doch allen
Schmähungen und Sarkasmen stand Overall’s Abhandlung und die billigenden
Beschlüsse der beiden Convocationen gegenüber, und es war viel leichter,
Sherlock zu tadeln, als die Abhandlung oder die Beschlüsse
wegzudisputiren. Ein Schriftsteller behauptete, mit einer völlig
feststehenden Regierung müsse eine Regierung gemeint gewesen sein, deren
Rechtstitel unbestritten sei. So, sagte er, wurde die Regierung der
Vereinigten Provinzen eine feststehende Regierung, als sie von Spanien
anerkannt war; ohne diese Anerkennung aber würde sie bis ans Ende aller
Zeiten niemals eine feststehende Regierung gewesen sein. Ein andrer
nicht ganz so strenger Casuist erklärte, daß eine von Haus aus
unrechtmäßige Regierung nach Verlauf eines Jahrhunderts eine
feststehende Regierung werden könnte. Am 13. Februar 1789, nicht einen
Tag früher, würde es daher den Engländern frei stehen, einer aus der
Revolution hervorgegangenen Regierung Treue zu schwören. Die Geschichte
des erwählten Volks wurde durchstöbert, um Präcedenzfälle zu finden. War
Eglon’s Regierung eine feststehende, als Ehud ihn erstach? War Joram’s
Regierung eine feststehende, als Jehu ihn erschoß? Aber der maßgebende
Fall war der der Athalia. Es war allerdings ein Fall, der den
Mißvergnügten manche glückliche und beißende Anspielungen lieferte. Ein
Königreich, verrätherisch an sich gerissen durch einen dem Throne nahe
verwandten Usurpator; der rechtmäßige Fürst lange vom Besitze
ausgeschlossen; ein Theil des Priesterstandes durch viele unheilvolle
Jahre dem königlichen Hause treu; endlich eine Contrerevolution,
bewerkstelligt durch den Hohenpriester an der Spitze der Leviten. Wer,
fragte man, werde es wagen, den heldenmüthigen Hohenpriester zu tadeln,
der den Erben David’s wieder eingesetzt? Sei indessen die Regierung der
Athalia nicht eben so fest begründet gewesen wie die des Prinzen von
Oranien? Hunderte von Seiten, welche damals über die Rechte der Joas und
über das kühne Unternehmen des Jojada geschrieben wurden, vermodern in
den alten Bücherschränken von Oxford und Cambridge. Während Sherlock so
von seinen alten Freunden heftig angegriffen wurde, ließen auch seine
alten Feinde ihn nicht in Ruhe. Einige heftige Whigs, unter denen sich
Julian Johnson auszeichnete, erklärten, daß selbst der Jakobitismus
achtungswerth sei im Vergleich zu der schmählichen Doctrin, die man im
+Convocation Book+ entdeckt habe. Daß den Königen passiver Gehorsam
gebühre, sei allerdings eine absurde und verkehrte Ansicht. Doch es sei
unmöglich, die Consequenz und Standhaftigkeit von Männern nicht zu
achten, die sich verpflichtet glaubten, auf jede Gefahr hin einem
unglücklichen, entthronten und verbannten Bedrücker treu zu bleiben.
Aber die Theorie, welche Sherlock von Overall gelernt habe, sei reine
Schlechtigkeit und Schändlichkeit. Eine Sache solle aufgegeben werden,
nicht weil sie ungerecht, sondern weil sie mißlungen sei. Ob Jakob ein
Tyrann oder der Vater seines Volks gewesen, sei ganz unwesentlich. Wenn
er die Schlacht am Boyne gewonnen hätte, wären wir als Christen
verbunden gewesen, seine Sklaven zu sein. Da er sie verloren habe, seien
wir als Christen verbunden, seine Feinde zu sein. Andere Whigs
gratulirten dem Proselyten, daß er, gleichviel auf welchem Wege, zu
einem ganz praktischen Schlusse gelangt sei, konnten sich aber eines
spöttischen Lächelns über die Geschichte, die er von seiner Bekehrung
erzählte, nicht enthalten. Er sei, sagten sie, ein Mann von
ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Begabung. Er habe die Frage von der
Unterthanenpflicht lange und gründlich studirt, und er habe viel darüber
geschrieben. Man habe ihm mehrere Monate bewilligt, um zu lesen, zu
beten und zu erwägen, dann nochmals mehrere Monate, bevor man ihn
abgesetzt habe. Er habe sich eine Meinung gebildet, für die er sich
bereit erklärt, den Märtyrertod zu erleiden, er habe Andere diese
Meinung gelehrt und sie dann bloß deshalb geändert, weil er entdeckt
habe, daß sie vor mehr als achtzig Jahren von den beiden Convocationen
nicht widerlegt, aber dogmatisch für irrig erklärt worden sei. Dies
heiße gewiß aller Freiheit des persönlichen Urtheils entsagen und den
Synoden von Canterbury und York eine Unfehlbarkeit zuschreiben, auf
welche nach der Erklärung der englischen Kirche selbst das Oekumenische
Concil keinen begründeten Anspruch habe. Wenn, sagte man sarkastisch,
alle unsere Begriffe von Recht und Unrecht in Dingen, welche von
wesentlicher Wichtigkeit für das Wohl der Gesellschaft seien, plötzlich
durch einige in einem Winkel der Bibliothek von Lambeth gefundene Zeilen
Manuscript geändert werden könnten, so sei es um des Seelenfriedens
demüthiger Christen willen sicherlich sehr zu wünschen, daß alle die
Schriftstücke, denen diese Art von Autorität zustehe, hervorgesucht und
so bald als möglich durch den Druck veröffentlicht würden, denn geschähe
dies nicht, so könnten wir alle, wie der Doctor, als er voriges Jahr die
Eide verweigerte, Sünden begehen in der vollen Ueberzeugung, daß wir
Pflichten erfüllten. Es ist in der That schwer zu glauben, daß das
+Convocation Book+ Sherlock irgend etwas mehr als einen Vorwand
lieferte, um das zu thun, was er zu thun sich vorgenommen hatte. Die
vereinigte Kraft der Vernunft und des Interesses hatten ihn ohne Zweifel
überzeugt, daß seine Leidenschaften und Vorurtheile ihn zu einem großen
Irrthum geführt, diesen Irrthum beschloß er zu widerrufen, und es wurde
ihm leichter zu sagen, seine Ansicht sei durch neu entdeckte Beweise
geändert worden als er habe sich mit allen Materialien zur Bildung eines
richtigen Urtheils sein falsches Urtheil gebildet. Das Volk glaubte,
sein Widerruf sei das Resultat der Thränen, Bitten und Vorwürfe seiner
Gattin. Die Dame habe aufgeklärte Ansichten, sie genieße in ihrer
Familie eine große Autorität und sie kümmere sich weit mehr um ihr Haus
und um ihre Equipage, um den Ueberfluß ihrer Tafel und um die Aussichten
ihrer Kinder, als um den patriarchalischen Ursprung einer Regierung oder
um den Sinn des Wortes Abdankung. Sie habe, behauptete man, ihrem Gatten
Tag und Nacht keine Ruhe gelassen, bis er seine Bedenken überwunden
gehabt. Ihre Ueberredungs- und Einschüchterungsgabe wurde in zahllosen
Briefen, Fabeln, Liedern und Gesprächen höhnisch gerühmt. Sie war
Xantippe, die Sokrates Wasser aufs Haupt goß. Sie war Delila, Simson
scheerend. Sie war Eva, wie sie Adam zum Genusse der verbotenen Frucht
zwang. Sie war Hiob’s Weib, wie sie ihren in der Asche sitzenden und
sich kratzenden zu Grunde gerichteten Gemahl beschwor, nicht zu
verfluchen und zu sterben, sondern zu schwören und zu leben. Während die
Balladenmacher den Sieg der Mrs. Sherlock feierten, fiel eine andre
Klasse von Gegnern über den theologischen Ruf ihres Gatten her. Bis zu
dem Augenblicke wo er die Eide leistete, war er stets als der
orthodoxeste Geistliche betrachtet worden. Aber die tadelsüchtige und
boshafte Kritik, der man seine Schriften jetzt unterwarf, würde selbst
in der Bergpredigt Ketzerei gefunden haben, und er war leider so
voreilig, gerade in dem Augenblicke, wo der Unwille über seine
politische Unbeständigkeit sich am lautesten äußerte, seine Gedanken
über das Mysterium der Dreieinigkeit zu veröffentlichen. Zu einer andren
Zeit würde sein Werk von guten Anglikanern wahrscheinlich als eine
siegreiche Antwort gegen die Socinianer und Sabellianer begrüßt worden
sein. Unglücklicherweise aber hatte er sich in seinem Eifer gegen
Socianer und Sabellianer solcher Ausdrücke bedient, die als Tritheismus
ausgelegt werden konnten. Vorurtheilsfreie Richter würden bedacht haben,
daß der rechte Weg auf beiden Seiten dicht an den Irrthum grenzte und
daß es kaum möglich war, sich auf der einen Seite fern genug von der
Gefahr zu halten, ohne sich auf der andren der Gefahr dicht zu nähern.
Aber vorurtheilsfreie Richter durfte Sherlock unter den Jakobiten nicht
erwarten. Seine früheren Verbündeten behaupteten, daß er alle die
furchtbaren Strafen verwirkt habe, die in dem Athanasischen
Glaubensbekenntnisse über Diejenigen verhängt werden, welche das Wesen
der Gottheit theilen. Dickleibige Quartanten wurden geschrieben, um zu
beweisen, daß er an die Existenz dreier getrennter Gottheiten glaubte,
und einige humoristische Mißvergnügte, die sich sehr wenig um die
katholische Wahrheit kümmerten, erheiterten die Stadt durch englische
und lateinische Spottschriften auf seine Heterodoxie. „Wir,” sagte einer
dieser Witzlinge, „schwören Einem Könige Treue und rufen Einen Gott zum
Zeugen eines Gelöbnisses an. Es kann uns nicht auffallend erscheinen,
daß der Doctor mehr als Einem Könige Treue geschworen hat, wenn wir
erwägen, daß der Doctor mehr als einen Gott hat, bei dem er
schwört.”[61]


[_Verrätherei einiger Diener Wilhelm’s._] Sherlock würde vielleicht
gezweifelt haben, ob die Regierung, der er sich unterworfen, berechtigt
war, eine feststehende Regierung genannt zu werden, wenn er alle die
Gefahren gekannt hätte, von denen sie bedroht war. Preston’s Complot war
kaum entdeckt, als sich ein neues Complot ganz anderer Art im Lager, bei
der Flotte, im Schatzamte, und selbst im Schlafzimmer des Königs
bildete. Das Geheimniß dieser Schändlichkeit ist im Laufe von fünf
Generationen allmälig entschleiert worden, ganz aber ist es noch jetzt
nicht entschleiert. Möglich, daß einige noch dunkle Theile desselben der
Nachwelt durch die Entdeckung von Briefen und Tagebüchern, die jetzt
unter dem Staube von hundertfunfzig Jahren ruhen, klar werden. Doch sind
die Materialien, die uns gegenwärtig zu Gebote stehen, schon genügend,
um eine Erzählung zusammenzusetzen, die man nicht ohne Beschämung und
Abscheu lesen kann.[62]

Wir haben gesehen, daß Shrewsbury aus Verdruß darüber, daß er seine
Rathschläge verworfen und die seiner toryistischen Nebenbuhler befolgt
sah, sich in einer unheilvollen Stunde in eine Correspondenz mit der
verbannten Königsfamilie verwickeln ließ. Wir haben ferner gesehen,
durch welche heftigen Körper- und Seelenleiden er seine Fehler büßte.
Von Reue und daraus entstandener Krankheit gequält, hatte er den Hof
verlassen; aber es blieben an demselben Männer zurück, deren Grundsätze
nicht minder locker als die seinigen, und deren Herzen noch viel härter
und kälter waren.

Zu Anfang des Jahres 1691 begannen einige von diesen Männern sich in
geheime Verbindung mit Saint-Germains zu setzen. So schändlich und
ehrlos ihr Verfahren auch war, es lag nichts Wunderbares darin. Sie
handelten nach ihrer Weise. Es waren unruhige Zeiten, eine dichte Wolke
verhüllte die Zukunft, der scharfsichtigste und erfahrenste Politiker
konnte mit einiger Klarheit nicht drei Monate weit über die Gegenwart
hinaussehen. Ein Mann von Tugend und Ehre fragte allerdings darnach
nicht viel. Seine Ungewißheit bezüglich dessen, was der morgende Tag
bringen würde, konnte ihn wohl besorgt, aber nicht treulos machen. Wenn
auch in völliger Unkenntniß über das, was seine Interessen berührte,
hatte er doch die feste Richtschnur seiner Grundsätze. Leider aber gab
es unter den Höflingen jener Zeit nicht viele Männer von Tugend und
Ehre. Whitehall war seit dreißig Jahren eine Pflanzschule jedes
öffentlichen und privaten Lasters und wimmelte von niedrigdenkenden,
doppelzüngigen und selbstsüchtigen Politikern. Diese Männer handelten
jetzt so, wie es von unmoralischen Männern in einer Krisis, deren
Ausgang Niemand voraussehen konnte, nicht anders zu erwarten war. Einige
von ihnen hatten eine leichte Vorliebe für Wilhelm, Andere hatten eine
leichte Vorliebe für Jakob; aber durch keine solche Vorliebe wurde das
Verfahren einer dieser Männer geleitet. Hätte es sicher geschienen, daß
Wilhelm sich halten würde, so würden sie Alle für Wilhelm gewesen sein.
Hätte es sicher geschienen, daß Jakob wieder eingesetzt werden würde, so
würden sie Alle für Jakob gewesen sein. Aber was war zu thun, da die
Aussichten sich fast genau die Wage zu halten schienen? Es gab
rechtschaffene Männer der einen Partei, welche geantwortet haben würden:
dem wahren Könige und der wahren Kirche treu zu bleiben und
nöthigenfalls für sie zu sterben wie Laud. Es gab rechtschaffene Männer
der andren Partei, welche geantwortet haben würden: Fest an den
Freiheiten England’s und an der protestantischen Religion zu halten und
nöthigenfalls für sie zu sterben wie Sidney. Aber eine solche Consequenz
war Vielen der Vornehmen und Mächtigen unbegreiflich. Ihr Ziel war, sich
für alle Fälle zu sichern. Daher schworen sie öffentlich dem einen
Könige Treue und verpfändeten ihr Wort heimlich auch dem andren. Sie
waren unermüdlich bestrebt, sich unter dem großen Siegel Wilhelm’s
Aemter, Peerspatente, Pensionen und Geschenke von Kronländern zu
verschaffen, und in ihren geheimen Schubkästen hatten sie
Amnestieversprechen von Jakob’s Hand.

Unter Denen, welche sich dieser Schändlichkeit schuldig machten, stehen
drei Männer: Russell, Godolphin und Marlborough, in erster Reihe. Es
konnte kaum drei Menschen geben, die an Geist und Herz einander
unähnlicher waren, und die besonderen Eigenschaften jedes derselben
verliehen seiner Schurkerei einen besonderen Character. Der Verrath
Russell’s ist zum Theil dem Grolle, der Verrath Godolphin’s lediglich
der Aengstlichkeit zuzuschreiben; Marlborough’s Verrath aber war der
Verrath eines Mannes von großem Genie und grenzenlosem Ehrgeize.


[_Russell._] Es mag auffallend scheinen, daß Russell unzufrieden sein
konnte. Er hatte eben erst das Commando der vereinigten Flotten
England’s und Holland’s mit dem Range eines Flottenadmirals übernommen;
er war Schatzmeister der Flotte, hatte einen Jahrgehalt von dreitausend
Pfund Sterling, und es war ihm Kronland in der Nähe von Charing Croß im
Werthe von achtzehntausend Pfund verliehen worden. Außerdem müssen seine
indirecten Einnahmen enorm gewesen sein. Aber er war noch immer nicht
zufrieden. Er war in der That trotz seines unerschrockenen Muthes, trotz
bedeutender Talente für den Krieg wie für die Verwaltung, und trotz
eines gewissen Gemeinsinns, der sich selbst in den schlimmsten Perioden
seines Lebens vorübergehend zeigte, im vollen Umfange des Worts ein
schlechter Mensch: übermüthig, boshaft, habsüchtig und treulos. Er
meinte, daß die großen Dienste, die er zur Zeit der Revolution
geleistet, nicht gebührend belohnt worden seien. Alles was Andere
erhielten, betrachtete er als ihm geraubt. Es existirt noch ein Brief
von ihm, den er damals an Wilhelm schrieb. Dieser Brief enthält nichts
als Selbstruhm, Vorwürfe und Spötteleien. Der Admiral bittet zuvörderst
unter ironischen Versicherungen seiner Ergebenheit und Loyalität um die
Erlaubniß, seine Beschwerden zu Papiere bringen zu dürfen, da seine
Schüchternheit ihm nicht gestatte, sich mündlich darüber auszusprechen.
Sein Kummer sei unerträglich. Andere Leute erhielten königliche
Domainen, er aber könne fast gar nichts erlangen. Andere Leute könnten
ihre Angehörigen versorgen; seine Empfehlungen aber blieben regelmäßig
unbeachtet. Das Einkommen, das er der königlichen Gunst verdanke, sehe
zwar groß aus; aber er habe arme Verwandte, und die Regierung habe
dieselben, anstatt ihre Pflicht gegen sie zu thun, unfreundlicherweise
seiner Sorge überlassen. Er habe eine Schwester, die einer Pension
bedürfe, denn ohne eine solche könne sie ihren Töchtern keine Aussteuer
geben. Er habe einen Bruder, der, weil er keine Stelle habe, in die
traurige Nothwendigkeit versetzt worden sei, eine alte Frau wegen ihres
Geldes zu heirathen. Russell beklagte sich dann bitter, daß die Whigs
vernachlässigt würden, daß die Revolution Männer zu Ansehen und
Reichthum gebracht habe, welche die größten Anstrengungen gemacht
hätten, sie zu verhindern. Und man hat Grund zu glauben, daß diese Klage
aus seinem Herzen kam, denn nächst seinen eigenen Interessen waren die
seiner Partei ihm theuer, und selbst als er am meisten dazu geneigt war,
ein Jakobit zu werden, hatte er nicht die mindeste Neigung ein Tory zu
werden. In der Stimmung, welche dieser Brief verräth, hörte er
bereitwillig auf die Einflüsterungen David Lloyd’s, eines der
gewandtesten und thätigsten Emissäre, welche damals beständig zwischen
Frankreich und England hin und her reisten. Lloyd überbrachte Jakob die
Versicherung, daß Russell, sobald sich eine günstige Gelegenheit
darböte, versuchen würde, vermittelst der Flotte das zu bewerkstelligen,
was Monk unter der vorhergehenden Generation vermittelst der Armee
bewerkstelligt habe.[63] Bis zu welchem Punkte diese Versicherungen
aufrichtig waren, dies war eine Frage, über welche Leute, die Russell
und seine Handlungsweise genau kannten, in Zweifel waren. Es ist
wahrscheinlich, daß er viele Monate lang mit sich selbst nicht im Klaren
war. Es lag in seinem Interesse, so lange als möglich mit beiden Königen
auf gutem Fuße zu stehen, und sein reizbares, gebieterisches Temperament
trieb ihn beständig an, mit beiden zu hadern. Die eine Woche wurde seine
üble Laune durch eine trockene Antwort von Wilhelm, die nächste Woche
durch eine alberne Proklamation von Jakob erregt. Zum Glück fand ihn der
wichtigste Tag seines Lebens, der Tag, von welchem alle seine späteren
Jahre ihre Färbung entlehnten, nicht in bester Stimmung gegen den
verbannten König.


[_Godolphin._] Godolphin hatte keine Ursache sich über die Regierung,
der er diente, zu beklagen und er behauptete auch gar keine zu haben. Er
war erster Commissar des Schatzes, er war mit Protection, Vertrauen und
Gunstbezeigungen überschüttet worden, ja, die ihm bewiesene Gunst hatte
sogar viel Murren veranlaßt. Sei es passend, hatten die Whigs unwillig
gefragt, daß ein Mann, der während der ganzen vorigen Regierung hohe
Aemter bekleidet, der für die Indulgenz zu stimmen versprochen, der mit
einem Jesuiten im Staatsrathe und mit zwei Papisten im Schatzamte
gesessen, der eine Götzendienerin an ihren Altar begleitet hatte, zu den
ersten Ministern eines Fürsten gehörte, dessen Ansprüche auf den Thron
aus der Rechtserklärung hergeleitet seien? Aber auf Wilhelm hatte dieses
Geschrei keinen Eindruck gemacht, und keiner von seinen Dienern scheint
damals sein Vertrauen in größerem Umfange besessen zu haben als
Godolphin.

Dessenungeachtet verzweifelten die Jakobiten nicht. Einer der
eifrigsten unter ihnen, ein Gentleman Namens Bulkeley, der früher mit
Godolphin auf vertrautem Fuße gestanden hatte, übernahm es zu sehen, was
er thun könne. Er begab sich ins Schatzamt und bemühte sich, den ersten
Lord in ein politisches Gespräch zu ziehen. Dies war kein leichtes Ding,
denn Godolphin war nicht der Mann, der sich leicht in Andrer Hände gab.
Seine Zurückhaltung war sprüchwörtlich, und er war besonders wegen der
Gewandtheit berühmt, mit der er während seines ganzen Lebens die
Unterhaltung von Staatsangelegenheiten auf einen Hahnenkampf oder auf
den Stammbaum eines Racepferdes zu lenken wußte. Der Besuch endete, ohne
daß er ein Wort geäußert hätte, welches verrieth, daß er sich der
Existenz König Jakob’s erinnerte.

Bulkeley ließ sich jedoch nicht so leicht abschrecken. Er kam wieder und
brachte den Gegenstand, der ihm zunächst am Herzen lag, auf’s neue zur
Sprache. Godolphin erkundigte sich hierauf nach seinem ehemaligen
Gebieter und seiner ehemaligen Gebieterin in dem unmuthigen Tone eines
Mannes, der die Hoffnung aufgegeben hatte, je mit ihnen ausgesöhnt zu
werden. Bulkeley versicherte ihm, daß König Jakob bereit sei, alles
Vergangene zu verzeihen. „Darf ich Sr. Majestät sagen, daß Sie Sich
bemühen wollen, seine Gunst zu verdienen?” Bei dieser Frage erhob sich
Godolphin, sagte etwas von Amtsfesseln und von dem Wunsche, ihrer ledig
zu sein und brach die Unterredung ab.

Bulkeley machte bald einen dritten Versuch. Godolphin hatte inzwischen
mancherlei erfahren, was sein Vertrauen zu der Stabilität der Regierung,
der er diente, erschütterte. Er begann zu glauben, daß er zu hoch auf
die Revolution gewettet, wie er sich ausgedrückt haben würde, und daß es
Zeit sei, für und wider zu wetten. Ausweichende Antworten konnten ihm
nicht länger genügen. Er sprach sich aus und erklärte sich für einen
ergebenen Diener König Jakob’s. „Ich werde die nächste Gelegenheit
ergreifen, um meine Stelle niederzulegen. Bis dahin aber bin ich
gebunden. Ich darf meine Amtspflicht nicht verletzen.” Um den Werth des
Opfers, das er zu bringen sich vornahm, zu erhöhen, legte er ein höchst
freundliches und vertrauliches Schreiben vor, das er kürzlich von
Wilhelm erhalten hatte. „Sie sehen, welches unbedingte Vertrauen der
Prinz von Oranien in mich setzt. Er sagt mir, daß er mich nicht
entbehren könne, und das es keinen Engländer gebe, dem er so zugethan
sei; aber dies Alles ist bei mir von keinem Gewicht im Vergleich zu
meiner Pflicht gegen meinen rechtmäßigen König.”

Wenn der erste Lord des Schatzes wirklich Bedenken hegte, das ihm
geschenkte Vertrauen zu verrathen, so wurden diese Bedenken bald so
wirksam gehoben, daß er sechs Jahre lang in aller Gemächlichkeit das
Brot des einen Herrn aß, während er im Geheimen einem andren
Anhänglichkeitsversicherungen und Dienstversprechen sandte.

Die Wahrheit ist, daß Godolphin unter dem Einflusse eines viel
gewaltigeren und viel verderbteren Geistes stand als der seinige war.
Seine Verlegenheiten waren Marlborough mitgetheilt worden, mit dem er
seit langer Zeit durch eine Freundschaft verbunden war, wie zwei völlig
characterlose Menschen sie überhaupt für einander zu fühlen vermögen,
und mit dem er später noch durch enge häusliche Bande verknüpft wurde.


[_Marlborough._] Marlborough war in einer ganz andren Lage als die
anderen Diener Wilhelm’s. Lloyd konnte Russell, Bulkeley konnte
Godolphin Eröffnungen machen. Aber alle Agenten des verbannten Hofes
hielten sich fern von dem Verräther von Salisbury. Jene schmachvolle
Nacht schien den meineidigen Deserteur für immer von dem Fürsten
getrennt zu haben, den er in’s Unglück gestürzt hatte. Jakob hatte noch
in der äußersten Bedrängniß, als seine Armee im vollen Rückzuge
begriffen war und sein ganzes Königreich sich gegen ihn erhoben hatte,
erklärt, daß er Churchill nie und nimmer vergeben werde. Der Name
Churchill war bei allen Jakobiten gründlich verhaßt, und in der Prosa
wie in den Versen, welche täglich aus ihren geheimen Pressen
hervorgingen, wurde ihm unter den vielen Verräthern der damaligen Zeit
bezüglich der Infamie die erste Stelle angewiesen. In der aus der
Revolution entsprungenen Ordnung der Dinge war er einer der Großen
England’s, von hohem Range im Staate wie im Heere. Er war zum Earl
creirt worden und spielte eine bedeutende Rolle bei der
Militärverwaltung. Die directen und indirecten Emolumente der Stellen
und Commandos, die ihm von der Krone verliehen worden waren, schätzte
man bei der holländischen Gesandtschaft auf zwölftausend Pfund Sterling
jährlich. Im Fall einer Contrerevolution schien er nichts als eine
Dachstube in Holland oder ein Schaffot auf Tower Hill zu erwarten zu
haben. Man hätte daher denken sollen, daß er seinem neuen Gebieter mit
Treue dienen werde, wenn auch nicht mit der Treue Nottingham’s, welche
die Treue der Gewissenhaftigkeit, nicht mit der Treue Portland’s, welche
die Treue der Zuneigung war, so doch mit der nicht minder beharrlichen
Treue der Verzweiflung.

Die, welche das glaubten, kannten Marlborough nur wenig. Auf seine
Fertigkeit im Täuschen vertrauend, beschloß er, da die jakobitischen
Agenten ihn nicht mehr aufsuchten, sie aufzusuchen. Zu dem Ende ließ er
den Obersten Eduard Sackville um eine Unterredung bitten.

Sackville war über das Ansuchen erstaunt und nicht sonderlich erfreut.
Er war ein starrsinniger Cavalier aus der alten Schule. In den Tagen des
papistischen Complots war er verfolgt worden, weil er mannhaft sagte,
was er über Oates und Bedloe dachte und was jetzt Jedermann über sie
denkt.[64] Seit der Revolution hatte er für König Jakob seinen Kopf
auf’s Spiel gesetzt, war von Beamten mit Verhaftsbefehlen verfolgt und
in einer Proklamation, an welcher Marlborough selbst Theil gehabt, als
ein Verräther bezeichnet worden.[65] Nicht ohne Widerstreben überschritt
der standhafte Royalist die Schwelle des Abtrünnigen. Doch er wurde für
seine Ueberwindung durch das erbauliche Schauspiel einer so qualvollen
Reue belohnt, wie er sie noch nie gesehen. „Wollen Sie,” fragte ihn
Marlborough, „mein Fürsprecher beim Könige sein? Wollen Sie ihm sagen,
was ich leide? Meine Verbrechen erscheinen mir jetzt in ihrem wahren
Lichte und ich schaudere entsetzt vor ihnen zurück. Der Gedanke an sie
verfolgt mich Tag und Nacht. Ich setze mich zu Tische, aber ich kann
nicht essen. Ich werfe mich auf mein Bett, aber ich kann nicht schlafen.
Ich bin bereit Alles zu opfern, Allem zu trotzen, mein ganzes irdisches
Glück preiszugeben, wenn ich nur von dem Jammer eines verwundeten
Herzens befreit werden kann.” Wenn man dem äußeren Anschein trauen
durfte, so empfand dieser große Sünder eine ebenso aufrichtige Reue wie
David oder Petrus. Sackville berichtete seinen Freunden was geschehen
war. Sie mußten anerkennen, daß, wenn der Erzverräther, der bisher
seinem Gewissen und der öffentlichen Meinung die nämliche kalte und
heitere Unerschrockenheit entgegengestellt hatte, die ihn auf dem
Schlachtfelde auszeichnete, wirklich angefangen habe, Reue zu fühlen, es
absurd sein würde, seiner Unwürdigkeit halber die unschätzbaren Dienste
zurückzuweisen, die er der guten Sache zu leisten vermochte. Er war
Mitglied des inneren Rathes; er bekleidete ein hohes Commando in der
Armee; er war unlängst mit der Leitung wichtiger militärischer
Operationen betraut worden und wurde ohne Zweifel auf’s Neue damit
betraut. Es war allerdings wahr, daß kein Andrer eine so schwere Schuld
auf sich geladen hatte; aber es war nicht minder wahr, daß kein Andrer
die Macht hatte, seine Schuld in gleichem Umfange wieder gut zu machen.
Wenn er aufrichtig war, konnte er sicherlich die Verzeihung verdienen,
nach der ihn so sehr verlangte. Aber war er auch aufrichtig, hatte er
nicht noch am Vorabende seines Verbrechens eben so laut seine Loyalität
betheuert? Er mußte auf die Probe gestellt werden. Sackville und Lloyd
wendeten mehrere Proben an. Marlborough wurde aufgefordert,
vollständigen Aufschluß über die Stärke und Vertheilung sämmtlicher
Divisionen der englischen Armee zu geben, und er that es. Er wurde
aufgefordert, den ganzen Plan des bevorstehenden Feldzuges zu enthüllen,
und er that es. Die Häupter der Jakobiten spähten sorgfältig nach
Ungenauigkeiten in seinen Berichten, konnten aber keine finden. Man
hielt es für einen noch stärkeren Beweis von seiner Treue, daß er
werthvolle Auskunft über das gab, was im Bureau des Staatssekretärs
vorging. Gegen einen eifrigen Royalisten war eine Aussage beschworen
worden. Gegen einen andren war ein Verhaftsbefehl im Werke. Diese
Mittheilungen retteten mehrere Mißvergnügte vom Gefängniß, wenn nicht
vom Galgen, und sie konnten nicht umhin, einige Nachsicht gegen den
erwachten Sünder zu fühlen, dem sie so viel verdankten.

Er jedoch machte in seinen geheimen Unterredungen mit seinen neuen
Bundesgenossen keinen Anspruch auf Verdienst. Er verlange kein
Vertrauen, sagte er. Wie könne er nach den Schändlichkeiten, die er an
dem besten aller Könige begangen, hoffen, daß man ihm je wieder
Vertrauen schenken werde? Es sei genug für einen Sünder wie er, wenn man
ihm gestatte, mit Gefahr seines Lebens dem gnädigen Gebieter, den er in
der That schändlich beleidigt, den er aber nie aufgehört habe zu lieben,
wenigstens einen Ersatz zu leisten. Es sei nicht unwahrscheinlich, daß
er im Sommer die englischen Truppen in Flandern befehligen werde.
Wünsche man, daß er sie alle mit einem Male in’s französische Lager
hinüberführe? Wenn dies der Wille des Königs sei, so werde er zusehen,
daß er es möglich mache. Im Ganzen aber halte er es für besser, bis zur
nächsten Parlamentssession zu warten. Hierauf deutete er einen Plan zur
Vertreibung des Usurpators vermittelst der englischen Legislatur und der
englischen Armee an, den er später ausführlicher entwickelte. Inzwischen
hoffe er, daß Jakob Godolphin nicht befehlen werde, das Schatzamt zu
verlassen. Ein Privatmann könne für die gute Sache wenig thun. Ein Mann
aber, der die nationalen Finanzen leite und in die wichtigsten
Staatsgeheimnisse eingeweiht sei, könne unschätzbare Dienste leisten.

Marlborough’s vorgebliche Reue täuschte Diejenigen, welche die
Angelegenheiten Jakob’s in London leiteten, so vollkommen, daß sie Lloyd
mit der frohen Botschaft, daß der verstockteste aller Rebellen wunderbar
in einen loyalen Unterthan verwandelt werden sei, nach Frankreich
schickten. Die Nachricht erfüllte Jakob mit Entzücken und Hoffnung. Wäre
er ein weiser Fürst gewesen, so würde sie nur Widerwillen und Mißtrauen
in ihm erweckt haben. Es war thöricht zu glauben, daß ein Mann, dessen
Herz wirklich von Reue und Scham über einen Act der Treulosigkeit
erfüllt war, sich entschließen würde, sein Gewissen durch einen neuen,
eben so abscheulichen und eben so entehrenden Act der Treulosigkeit zu
erleichtern. Die versprochene Sühne war so schändlich und erniedrigend,
daß sie nie von einem Manne dargeboten werden konnte, der den
aufrichtigen Wunsch hegte, vergangene Schändlichkeit und Ehrlosigkeit
wieder gut zu machen. Die Wahrheit war, daß Marlborough, als er den
Jakobiten sagte, sein Schuldbewußtsein verhindere ihn, am Tage zu essen,
und des Nachts zu schlafen, sie im Stillen auslachte. Der Verlust einer
halben Guinee würde viel eher im Stande gewesen sein, ihm den Appetit zu
verderben und seinen Schlummer zu stören, als alle Schrecken eines bösen
Gewissens. Seine Anerbietungen bewiesen in Wirklichkeit nichts weiter,
als daß sein früheres Verbrechen nicht aus einem ordnungswidrigen Eifer
für die Interessen seines Vaterlandes und seiner Religion, sondern aus
einer tiefen und unheilbaren moralischen Verderbtheit entsprungen war,
die den ganzen Menschen ergriffen hatte. Jakob aber konnte theils aus
Beschränktheit, theils aus Egoismus in keiner Handlung, die ihm Nutzen
brachte, etwas Unmoralisches erblicken. Gegen ihn conspiriren, ihn
verrathen, einen ihm geschworenen Eid der Treue brechen, dies waren
Verbrechen, für welche keine Strafe, weder in dieser noch in jener Welt,
zu streng sein konnte. Aber seine Feinde umbringen, das seinen Feinden
gegebene Wort brechen, war nicht nur etwas Unschuldiges, sondern etwas
Lobenswerthes. Der Abfall zu Salisbury war das ärgste Verbrechen
gewesen, denn es hatte ihn ins Unglück gestürzt. Ein ähnlicher Abfall in
Flandern wäre etwas Ehrenvolles gewesen, denn er konnte ihn wieder auf
den Thron bringen.

Der Bußfertige wurde von seinen jakobitischen Freunden benachrichtigt,
daß ihm verziehen sei. Diese Nachricht war ihm zwar höchst willkommen,
aber es bedurfte noch etwas mehr, um seinen verlornen Seelenfrieden
wiederherzustellen. Dürfe er nicht hoffen, zwei Zeilen von der Hand des
Königs zu erhalten, worin ihm Verzeihung zugesichert würde? Er verlange
dies natürlich nicht um seinetwillen, sondern er sei überzeugt, daß er
mit einem solchen Dokumente in der Hand einige Personen von hohem
Ansehen, die nur deshalb zu dem Usurpator hielten, weil sie glaubten,
daß sie von dem legitimen Könige keine Gnade zu erwarten hätten, auf den
rechten Weg zurückführen könne. Sie würden zu ihrer Pflicht zurückkehren
sobald sie sähen, daß selbst dem schwersten aller Verbrecher in
Rücksicht auf seine Reue, großmüthig vergeben worden sei. Das
Versprechen wurde niedergeschrieben, abgeschickt und sorgfältig
aufbewahrt. Marlborough hatte jetzt seinen Zweck erreicht, den er mit
Russell und Godolphin gemeinschaftlich verfolgte. Allein er hatte noch
andere Zwecke, an die weder Russell noch Godolphin je gedacht. Es ist,
wie wir nachher sehen werden, starker Grund zu der Annahme vorhanden,
daß dieser kluge, tapfere und gewissenlose Mann auf einen Plan sann, der
seines fruchtbaren Geistes und seines tollkühnen Muthes nicht minder
würdig war als seines völlig verderbten Herzens, einen Plan, der, wenn
er nicht auf sonderbare Weise vereitelt worden wäre, Wilhelm, ohne
Nutzen für Jakob, in’s Verderben gestürzt und den vom Glück begünstigten
Verräther zum Beherrscher England’s und zum Schiedsrichter Europa’s
gemacht haben würde.


[_Wilhelm kehrt auf den Continent zurück._] So standen die Sachen, als
Wilhelm nach einem kurzen und vielbeschäftigten Aufenthalte in England
im Mai 1690 wieder nach dem Continent aufbrach, wo der regelmäßige
Feldzug beginnen sollte. Er nahm Marlborough mit sich, dessen Talente
er richtig würdigte und von dessen neuerlichen Unterhandlungen mit
Saint-Germains er nicht die leiseste Ahnung hatte. Im Haag wurden
mehrere wichtige militärische und politische Berathungen gepflogen,
und die ausgezeichnetsten Soldaten und Staatsmänner der Vereinigten
Provinzen fühlten bei jeder Gelegenheit die Superiorität des
feingebildeten Engländers. Heinsius pflegte noch lange nachher ein
Gespräch zu erzählen, das damals zwischen Wilhelm und dem Fürsten
von Vaudemont, einem der geschicktesten Heerführer in holländischen
Diensten stattfand. Vaudemont sprach sich sehr günstig über mehrere
englische Offiziere aus, unter anderen über Talmash und Mackay;
Marlborough aber stellte er unvergleichbar hoch über alle anderen. „Er
besitzt alle Vorzüge eines Generals, schon sein Blick verräth dies.
Es kann nicht fehlen, daß er noch etwas Großes vollbringt.” -- „Ich
glaube in der That, Vetter,” antwortete der König, „daß Mylord Alles
bewahrheiten wird, was Sie von ihm gesagt haben.”

Es dauerte noch eine Weile, ehe die militärischen Operationen begannen.
Wilhelm brachte diese Pause in seinem geliebten Parke von Loo zu.
Marlborough verweilte einige Tage daselbst und wurde dann mit dem
Befehle nach Flandern geschickt, alle englischen Streitkräfte
zusammenzuziehen, in der Nähe von Brüssel ein Lager zu bilden und Alles
für die Ankunft des Königs bereit zu halten.

Jetzt hatte Marlborough Gelegenheit, die Aufrichtigkeit der
Versicherungen zu beweisen, durch die er von einem Herzen, das er
selbst als härter denn ein marmorner Kaminsims bezeichnet, Verzeihung
eines Vergehens erlangt hatte, das selbst ein weiches Gemüth mit
tödtlichem Hasse erfüllt haben würde. Er erhielt aus Saint-Germains
eine Botschaft, welche die augenblickliche Erfüllung seines
Versprechens verlangte, an der Spitze seiner Truppen überzugehen. Man
sagte ihm, dies sei der größte Dienst, den er der Krone leisten könne.
Er habe sein Wort darauf gegeben, und der gnädige Gebieter, der alle
vergangenen Fehler verziehen, erwarte mit Zuversicht, daß er sein Wort
halten werde. Der Heuchler wich der Aufforderung mit characteristischer
Gewandtheit aus. Er entschuldigte sich in den ehrerbietigsten und
liebevollsten Ausdrücken, daß er dem königlichen Befehle nicht sofort
nachkomme. Das Versprechen, dessen Erfüllung man von ihm verlange,
sei nicht ganz richtig verstanden worden, es habe auf Seiten der
Abgesandten ein Mißverständniß stattgefunden. Das Uebergehen eines oder
zweier Regimenter würde mehr schaden als nützen; das Uebergehen einer
ganzen Armee aber erfordere viel Zeit und große Vorsicht.[66] Während
Jakob über diese Entschuldigungen murrte und wünschte, daß er nicht
ganz so versöhnlich gewesen sein möchte, kam Wilhelm im Hauptquartier
der verbündeten Streitkräfte an und übernahm das Obercommando.


[_Der Feldzug von 1691 in Flandern._] Die militärischen Operationen in
Flandern begannen Anfangs Juni wieder und endeten mit dem Schlusse des
Septembers. Es fand jedoch kein wichtiger Zusammenstoß statt. Die beiden
Armeen machten Märsche und Contremärsche, rückten einander näher und
entfernten sich wieder. Eine Zeit lang standen sie sich auf weniger als
eine Meile gegenüber. Aber weder Wilhelm noch Luxemburg wollten anders
als mit Vortheil losschlagen und Keiner ließ dem Andren einen Vortheil.
So ereignißleer der Feldzug war, ist er doch in einer Beziehung
interessant. Seit mehr als einem Jahrhundert hatte unser Land keine
große Armee abgesandt, um außerhalb der Britischen Inseln Krieg zu
führen. Unsre Aristokratie war daher schon längst kein militärischer
Stand mehr, die Edelleute Frankreich’s, Deutschland’s und Holland’s
waren in der Regel Soldaten. Es würde wahrscheinlich nicht leicht
gewesen sein, in dem glänzenden Zirkel, welcher Ludwig in Versailles
umgab, einen einzigen Marquis oder Vicomte von vierzig Jahren zu finden,
der nicht einer Schlacht oder einer Belagerung beigewohnt hätte. Aber
die große Mehrzahl unserer Peers, Baronets und reichen Esquires hatte
nie gedient, außer bei der Miliz und hatte nie an einer ernsteren
militärischen Action Theil genommen als der Unterdrückung eines
Aufstandes oder der Säuberung der Straßen bei einem Aufzuge. Die
Generation, welche bei Edgehill und Lansdowne gefochten hatte, war so
ziemlich ausgestorben. Die Kriege Karl’s II. waren fast nur Seekriege
gewesen. Unter seiner Regierung war daher der Seedienst entschieden mehr
in der Mode als der Landdienst, und zu wiederholten Malen, wenn unsre
Flotte unter Segel ging, um gegen die Holländer zu kämpfen, hatte sich
der Adel in solcher Masse an Bord begeben, daß unsere Parks und Theater
verödeten. Im Jahre 1691 endlich erschien zum ersten Male seit der
Belagerung von Boulogne durch Heinrich VIII. eine englische Armee unter
Anführung eines englischen Königs auf dem Continent. Ein Feldlager, das
zugleich ein Hoflager war, hatte einen unwiderstehlichen Reiz für viele
junge Patrizier, die von natürlichem Muthe und von dem Wunsche beseelt
waren, die Gunst zu erlangen, welche Männer von ausgezeichneter
Tapferkeit bei den Frauen zu allen Zeiten gefunden haben. Als
Freiwilliger in Flandern zu dienen, wurde eine wahre Manie unter den
eleganten Herren, die im Saint James-Kaffeehause ihre wallenden
Perrücken kämmten und ihre parfümirten Prisen austauschten. Wilhelm’s
Hauptquartier wurde durch eine Masse glänzender Equipagen und durch eine
rasche Aufeinanderfolge prächtiger Bankette belebt. Denn viele von den
hochgebornen und tapferen jungen Männern, die zu seiner Fahne eilten,
waren zwar vollkommen bereit, dem Feuer einer Batterie zu trotzen,
deshalb aber keineswegs geneigt, sich den Luxus zu versagen, der sie in
Soho Square umgeben hatte. Nach wenigen Monaten brachte Shadwell diese
tapferen Stutzer und Epikuräer auf die Bühne. Die Stadt wurde durch den
Character eines muthigen, aber verschwenderischen und verzärtelten
Gecken erheitert, der es nicht erwarten kann, mit den besten Männern
unter den französischen Haustruppen den Degen zu kreuzen, der aber ganz
betrübt ist, als er erfährt, daß es ihm schwer werden wird, jeden Tag
während des Sommers seinen Champagner in Eis zu bekommen. Er hat Köche,
Zuckerbäcker und Wäscherinnen, eine ganze Wagenladung Silbergeschirr,
eine Garderobe betreßter und gestickter Anzüge und eine Menge prächtiger
Zeltmöbeln bei sich, deren Muster von einem Kreise schöner Damen
ausgewählt worden sind.[67]

Während die feindlichen Armeen in Flandern einander beobachteten,
wurden in anderen Gegenden Europa’s die Feindseligkeiten etwas
energischer betrieben. Die Franzosen errangen in Catalonien und Piemont
einige Vortheile. Ihre türkischen Alliirten, welche im Osten die
Besitzungen des Kaisers bedrohten, wurden von Ludwig von Baden in einer
großen Schlacht geschlagen. Nirgends aber waren die Ereignisse des
Sommers so wichtig als in Irland.


[_Der Krieg in Irland._] Vom October 1690 bis zum Mai 1691 war keine
große militärische Operation in diesem Königreiche unternommen worden.
Das Gebiet der Insel war während des Winters und Frühjahrs nicht
ungleich zwischen die streitenden Volksstämme getheilt. Ganz Ulster, der
größte Theil von Leinster und etwa ein Drittel von Munster hatte sich
den Engländern unterworfen. Ganz Connaught, der größere Theil von
Munster und einige Grafschaften von Leinster waren im Besitz der
Irländer. Die gewundene Grenzlinie, welche Wilhelm’s Garnison bildete,
lief in nordöstlicher Richtung von der Bai von Castlehaven nach Mallow,
zog sich dann noch weiter gegen Osten und ging bis Cashel. Von Cashel
ging die Linie nach Mullingar, von Mullingar nach Longford und von
Longford nach Cavan, zog sich an der Westseite des Ernesees hin und
stieß bei Ballyshannon wieder in den Ocean.[68]


[_Zustand des englischen Theils von Irland._] Auf der englischen Seite
dieser Grenzmark herrschte eine rohe und unvollkommene Ordnung. Zwei
Lords Justices, Coningsby und Porter, denen ein Geheimer Rath zur Seite
stand, repräsentirten den König Wilhelm im Schlosse zu Dublin. Richter,
Sheriffs und Friedensrichter waren ernannt, und in mehreren
Grafschaftsstädten wurden nach langer Zeit wieder Assisen gehalten. Die
Colonisten hatten sich inzwischen zu einer starken Miliz formirt unter
dem Commando von Offizieren, welche von der Krone ernannt waren. Die
Milizen der Hauptstadt bestanden aus zweitausendfünfhundert Mann
Infanterie, zwei Schwadronen Reiter und zwei Schwadronen Dragoner,
lauter Protestanten und alle wohl bewaffnet und equipirt.[69] Am
4. November, Wilhelm’s Geburtstage, und am 5., dem Jahrestage seiner
Landung zu Torbay, erschien diese ganze Streitmacht in all’ ihrem
kriegerischen Pompe. Die besiegten und entwaffneten Eingebornen sahen
mit unterdrücktem Aerger und Zorn den Triumph der Kaste, die sie fünf
Monate früher ungestraft unterdrückt und ausgeplündert hatten. Die
Lords Justices begaben sich in feierlichem Aufzuge nach der Kathedrale
St. Patrick; die Glocken läuteten, Freudenfeuer wurden angezündet, auf
den Straßen wurden Fässer voll Ale und Claret ausgeschenkt, in College
Green wurde Feuerwerk abgebrannt, eine zahlreiche Gesellschaft von
Edelleuten und öffentlichen Beamten war im Schlosse zu einem Festmahle
vereinigt, und beim zweiten Gange schmetterten die Trompeten und der
Herold von Ulster proklamirte in lateinischer, französischer und
englischer Sprache Wilhelm und Marien zum König und zur Königin von
Großbritannien, Frankreich und Irland von Gottes Gnaden.[70]

In dem Gebiete, wo der sächsische Volksstamm der herrschende war,
hatten Handel und Industrie schon wieder aufzuleben begonnen. Die
kupfernen Scheidemünzen, welche das Bild und die Umschrift Jakob’s
trugen, machten dem Silber Platz. Die Flüchtlinge, die sich nach
England begeben hatten, kehrten in Masse zurück, und durch ihre
Intelligenz, ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit wurde die durch
zweijährige Unordnung und Beraubung verursachte Verwüstung bald
theilweise wieder gut gemacht. Schwer befrachtete Kauffahrer segelten
beständig über den St. Georgskanal hin und her. Die Einnahme der
Zollämter auf der Ostküste, von Cork bis Londonderry beliefen sich in
sechs Monaten auf siebenundsechzigtausendfünfhundert Pfund, eine Summe,
die selbst in den blühendsten Zeiten für außerordentlich gegolten haben
würde.[71]

Die innerhalb des englischen Gebiets zurückgebliebenen Irländer waren
allesammt der englischen Herrschaft feindlich gesinnt. Sie waren daher
einem strengen Polizeisystem unterworfen, der natürlichen, wenn auch
beklagenswerthen Folge großer Gefahr und heftiger Provocationen. Ein
Papist durfte weder einen Degen noch ein Schießgewehr haben. Er durfte
sich nicht weiter als drei Meilen aus seinem Kirchspiele entfernen,
außer an einem Markttage in die Marktstadt. Damit er seinen Brüdern,
welche die westliche Hälfte der Insel bewohnten, keine Nachrichten oder
Beistand zukommen lassen konnte, war ihm verboten, innerhalb zehn Meilen
von der Grenze zu wohnen. Damit sein Haus nicht ein Versammlungsort für
Mißvergnügte wurde, war ihm untersagt, geistige Getränke im Einzelnen zu
verkaufen. Eine Proclamation kündigte an, daß, wenn das Eigenthum eines
Protestanten durch Räuber beschädigt würde, sein Verlust ihm auf Kosten
seiner papistischen Nachbarn ersetzt werden sollte. Eine andre that kund
und zu wissen daß, wenn ein Papist, der nicht seit wenigstens drei
Monaten sein Domicil in Dublin habe, daselbst gefunden wurde, als Spion
betrachtet werden solle. Nicht mehr als fünf Papisten durften sich unter
irgend welchem Vorwande in der Hauptstadt oder deren Umgebung
versammeln. Ohne Schutz von Seiten der Regierung war kein Mitglied der
römischen Kirche sicher, und die Regierung gewährte diesen Schutz keinem
Mitgliede der römischen Kirche, das einen Sohn in der irischen Armee
hatte.[72]

Trotz aller Vorsicht und Strenge fanden jedoch die Celten manche
Gelegenheiten, heimtückische Rache zu üben. Häuser und Scheunen wurden
häufig angezündet, Soldaten wurden nicht selten ermordet, und es war
kaum möglich, die Missethäter, welche die Sympathien der ganzen
Bevölkerung für sich hatten, zu bestrafen. Bei solchen Gelegenheiten
wagte die Regierung zuweilen Maßregeln, welche mehr einer türkischen als
einer englischen Verwaltung angemessen schienen. Eine dieser Maßregeln
wurde ein Lieblingsthema für jakobitische Pamphletisten und war der
Gegenstand einer ernsten parlamentarischen Untersuchung zu Westminster.
Sechs Musketiere wurden nur wenige Meilen von Dublin ermordet
aufgefunden. Die Bewohner des Dorfes, in welchem das Verbrechen begangen
worden war, wurden, Männer, Frauen und Kinder, wie Schafe in das Schloß
getrieben, wo der Geheime Rath Sitzung hielt. Dem einen der Mörder,
Namens Gafney, sank der Muth. Er willigte ein, als Zeuge zu dienen,
wurde vom Rathe verhört, gestand seine Schuld ein und nannte einige
seiner Mitschuldigen. Er wurde dann ins Gefängniß zurückgebracht; aber
ein Priester erlangte auf einige Minuten Zutritt bei ihm. Was während
dieser wenigen Minuten vorging, zeigte sich als er zum zweiten Male vor
den Geheimen Rath gestellt wurde. Er hatte die Frechheit zu leugnen, daß
er irgend etwas gestanden, noch irgend Jemanden angeklagt habe. Die
Zuhörenden von denen mehrere sein Geständniß niedergeschrieben hatten,
waren empört über seine Unverschämtheit. „Ihr seid ein Hallunke! Ihr
seid ein Schurke!” riefen die Lords Justices aus; „Ihr sollt gehängt
werden! Wo ist der Generalprofoß?” Der Generalprofoß kam. „Nehmt diesen
Mann,” sagte Coningsby, auf Gafney zeigend, „nehmt diesen Mann und hängt
ihn auf.” Es war kein Galgen bereit, aber eine Kanonenlaffette vertrat
die Stelle, und der Gefangene wurde augenblicklich aufgeknüpft, ohne
Untersuchung, ohne nur einen schriftlichen Befehl zur Hinrichtung, und
dies obgleich die Gerichtshöfe nur einige hundert Schritt davon
versammelt waren. Das englische Haus der Gemeinen resolvirte einige
Jahre später nach langer Discussion ohne Abstimmung, daß der Befehl zur
Hinrichtung Gafney’s willkürlich und ungesetzlich sei, daß aber
Coningsby’s Fehler durch die Umstände, die dabei obwalteten, so
gemildert werde, daß er keinen geeigneten Gegenstand zu einer Anklage
abgebe.[73]

Und nicht nur durch die unversöhnliche Feindschaft der Irländer wurde
der Sachse des englischen Districts damals beunruhigt. Seine Verbündeten
belästigten ihn fast eben so sehr als seine Heloten. Der Hülfe fremder
Truppen bedurfte er allerdings sehr nöthig; aber sie war theuer erkauft.
Selbst Wilhelm, der die ganze Civil- und Militärgewalt in sich
vereinigte, hatte es als schwierig erkannt, in einer Armee, die aus
vielen Ländern zusammengebracht war und großentheils aus Söldlingen
bestand, welche gewohnt waren, auf Kosten Anderer zu leben, die
Disciplin aufrecht zu erhalten. Die Gewalten, die er in sich vereinigt
gehabt hatte, waren jetzt getheilt und wiedergetheilt. Die beiden Lords
Justices betrachteten die Civilverwaltung als ihr Departement und
überließen die Armee der Leitung Ginkell’s, welcher commandirender
General war. Ginkell hielt vortreffliche Ordnung unter den Hülfstruppen
aus Holland, die unter seinem unmittelbaren Commando standen. Aber seine
Autorität über die Engländer und die Dänen war minder vollkommen, und
unglücklicherweise war ihre Löhnung während eines Theils des Winters in
Rückstand. Sie entschädigten sich für den Mangel dessen was ihnen zukam
durch Excesse und Erpressungen, und es war nicht gut möglich, Leute
deshalb streng zu bestrafen, weil sie nicht Lust gehabt hatten, mit den
Waffen in der Hand zu darben. Endlich im Frühjahr kamen große Sendungen
von Geld und Kriegsvorräthen an; die Soldrückstände wurden bezahlt, die
Rationen waren reichlich und eine strengere Disciplin wurde gehandhabt.
Aber nur zu viele Spuren von den schlechten Gewohnheiten, welche die
Soldaten angenommen hatten, waren bis ans Ende des Kriegs sichtbar.[74]


[_Zustand des Theiles von Irland, welcher Jakob unterthan war._] Von dem
Theile Irland’s, welcher Jakob noch als König anerkannte, konnte man
inzwischen kaum sagen, daß daselbst Gesetzlichkeit, Eigenthumsrecht und
Regierung bestanden. Die Katholiken von Ulster und Leinster waren zu
Tausenden westwärts geflohen, einen großen Theil des Viehes, das der
Verwüstung zweier Schreckensjahre entgangen war, mit sich führend. Die
Zufuhr von Lebensmitteln in das celtische Gebiet hielt jedoch bei weitem
nicht gleichen Schritt mit dem Zuströmen der Consumenten. Die
Lebensbedürfnisse waren knapp. Bequemlichkeiten, an welche jeder kleine
Landwirth oder Bürger in England gewöhnt war, konnten sich kaum
Edelleute und Generäle erzeugen. Gemünztes Geld war gar nicht zu sehen,
außer Stücken von schlechtem Metall, welche Kronen und Schillinge
hießen. Die nominellen Preise waren enorm hoch. Ein Quart Ale kostete
zwei Schilling sechs Pence, ein Quart Branntwein drei Pfund. Die
einzigen Städte von einiger Bedeutung an der westlichen Küste waren
Limerick und Galway, und die Kleinhändler in diesen Städten seufzten
unter einem so harten Drucke, daß viele von ihnen sich mit den
Ueberresten ihrer Waarenlager auf das englische Gebiet stahlen, wo ein
Papist zwar auch mannichfache Beschränkungen und Demüthigungen zu
ertragen hatte, aber doch für seine Waaren verlangen durfte was er
wollte, und den Kaufpreis dafür in Silber erhielt. Die Kaufleute, welche
in dem unglücklichen Gebiete zurückblieben, waren ruinirt. Jedes
Waarenlager, das etwas Werthvolles enthielt, wurde von Räubern
erbrochen, welche vorgaben, daß sie beauftragt seien, Vorräthe für den
Staatsdienst herbeizuschaffen, und die Eigenthümer erhielten für Ballen
Tuch und Fässer Zucker einige Bruchstücken von alten Kesseln und
Tiegeln, die in London oder Paris kein Bettler genommen haben würde.
Sobald ein Kauffahrteischiff in der Galwaybai oder im Shannon ankam,
wurde es von diesen Räubern weggenommen. Die Ladung wurde fortgeschafft,
und der Eigenthümer mußte sich mit demjenigen Quantum Kuhhäuten, Wolle
und Talg begnügen, das die Bande, die ihn ausgeplündert, ihm zu geben
Lust hatte. Die Folge davon war, daß, während ausländische Waaren
massenhaft in die Häfen von Londonderry, Carrickfergus, Dublin,
Waterford und Cork strömten, jeder Seemann Limerick und Galway als
Piratennester mied.[75]

Der Unterschied zwischen dem irischen Infanteristen und dem irischen
Rapparee war niemals genau markirt gewesen. Jetzt verschwand derselbe
ganz. Ein großer Theil der Armee streifte ungehindert umher und lebte
vom Maraudiren. Ein unaufhörlicher Raubkrieg wüthete längs der ganzen
Linie, welche das Gebiet Wilhelm’s von dem Gebiete Jakob’s trennte.
Jeden Tag stahlen sich Banden von Freibeutern, zuweilen in bloße
Strohgeflechte gekleidet, welche die Stelle der Montur vertraten, auf
das englische Gebiet, sengten, raubten und plünderten und eilten dann
zurück auf ihren eigenen Grund und Boden. Es war nicht leicht, sich
gegen diese Einfälle zu schützen, denn das Landvolk des geplünderten
Gebiets sympathisirte stark mit den Plünderern. Den Speicher eines
Ketzers auszuleeren, ihm sein Haus anzuzünden und sein Vieh
wegzutreiben, galt bei jedem schmutzigen Bewohner einer Lehmhütte für
ein gutes Werk. Ein darauf ausgehender Trupp durfte mit Sicherheit
erwarten, daß er trotz aller Proklamationen der Lords Justices einen
Freund fand, der die reichste Beute, den kürzesten Weg und den
sichersten Versteck anzeigte. Die Engländer klagten, daß es nicht leicht
sei, einen Rapparee zu fangen. Zuweilen, wenn er Gefahr im Anzuge sah,
legte er sich in das lange Gras des Moors nieder, und dann war er eben
so schwer zu finden wie ein sitzender Haase. Andere Male sprang er in
einen Fluß und lag darin wie eine Otter, nur den Mund und die
Nasenlöcher über dem Wasser. Ja, eine ganze Bande solcher Räuber
verwandelte sich in einem Nu in eine Truppe harmloser Arbeiter. Jeder
von ihnen nahm sein Gewehr auseinander, verbarg das Schloß in seinen
Kleidern, verstopfte die Mündung mit einem Korke, das Zündloch mit einem
Stifte und warf die Waffe in den nächsten Teich. Dann sah man nichts als
eine Schaar armer Bauern, die nicht einmal einen Rock bei sich hatten
und deren demüthiges Aussehen und schleichender Gang zu verrathen
schien, daß sie willenlose Sklaven seien. Sobald aber die Gefahr vorüber
war und das verabredete Zeichen gegeben wurde, eilte Jeder nach der
Stelle, wo er seine Waffen verborgen hatte, und bald waren die Räuber in
vollem Marsche nach dem Hause eines Protestanten. Die eine Bande drang
in Clonmel ein, eine andre marschirte in die Nähe von Maryborough, eine
dritte schlug ihr Lager auf einem bewaldeten Eilande festen Bodens in
der Mitte des großen Sumpfes von Allen auf, machte die ganze Grafschaft
Wicklow unsicher und beunruhigte selbst die Vorstädte von Dublin.
Allerdings fielen diese Expeditionen nicht immer glücklich aus. Zuweilen
stießen die Plünderer auf Abtheilungen von Miliz oder auf Detachements
englischer Garnisonen unter Umständen, wo Verstellung, Flucht und
Widerstand gleich unmöglich waren. In solchen Fällen wurde jeder Kerne,
der ergriffen ward, ohne alle Umstände am nächsten Baume
aufgeknüpft.[76]


[_Uneinigkeiten unter den Irländern in Limerick._] Im Hauptquartier der
irischen Armee gab es während des Winters keine Autorität, die im Stande
gewesen wäre, sich auch nur in einem Umkreise von einer Meile Gehorsam
zu verschaffen. Tyrconnel war am französischen Hofe und er hatte die
oberste Verwaltung in den Händen eines aus zwölf Personen bestehenden
Regentschaftsrathes zurückgelassen. Das nominelle Commando der Armee
hatte er Berwick übertragen; aber Berwick war, obgleich er sich nachmals
als ein Mann von nicht gewöhnlichem Muth und Talent erwies, noch jung
und unerfahren. Weder die Welt noch er selbst hatte eine Ahnung von
seinen Fähigkeiten,[77] und er unterwarf sich ohne Widerstreben der
Vormundschaft eines vom Vicekönig ernannten Kriegsrathes. Weder der
Regentschaftsrath noch der Kriegsrath war in Limerick beliebt. Die
Irländer beklagten sich, daß Leute, die keine Irländer waren, mit einer
wichtigen Rolle bei der Verwaltung betraut worden seien. Am lautesten
war das Geschrei gegen einen Offizier, Namens Thomas Maxwell. Denn es
war ausgemacht, daß er ein Schotte war, es war zweifelhaft, ob er ein
Katholik war, und er hatte seine Abneigung gegen das celtische
Parlament, welches die Ansiedlungsacte widerrufen und die
Confiscationsacte erlassen hatte, nicht verhehlt.[78] Die
Unzufriedenheit, genährt durch die Ränke von Intriganten, unter denen
der verschlagene und characterlose Heinrich Luttrell der thätigste
gewesen zu sein scheint, brach bald in offene Empörung aus. Es wurde ein
großes Meeting gehalten, dem viele Offiziere von der Armee, einige
Peers, einige angesehene Juristen und einige Prälaten der
römisch-katholischen Kirche beiwohnten, und es wurde resolvirt, daß die
Verfassung die von dem Vicekönig eingesetzte Regierung nicht kenne.
Irland, hieß es, könne in Abwesenheit des Königs gesetzlich nur durch
einen Lord Lieutenant, durch einen Lord Stellvertreter oder durch Lords
Justices regiert werden. Der König sei abwesend, der Lord Lieutenant sei
abwesend und es gebe weder einen Lord Stellvertreter, noch Lords
Justices. Die Acte, durch welche Tyrconnel seine Autorität einer aus
seinen Creaturen zusammengesetzten Junta delegirt habe, sei null und
nichtig. Die Nation sei daher ohne legitimes Oberhaupt und könne
temporäre Maßregeln für ihre Sicherheit treffen, ohne die der Krone
schuldige Unterthanentreue zu verletzen. Es wurde eine Deputation an
Berwick abgeschickt, um ihm anzukündigen, daß er eine ihm nicht
zustehende Gewalt übernommen habe, daß aber trotzdem die Armee und das
Volk von Irland ihn gern als ihr Oberhaupt anerkennen wollten, wenn er
sich dazu verstehe, in Gemeinschaft mit einem wirklichen irischen Rathe
zu regieren. Berwick sprach entrüstet sein Erstaunen darüber aus, daß
Militärs sich eigenmächtig, ohne die Erlaubniß ihres Generals
versammelten und Berathungen hielten. Sie antworteten ihm, es gebe
keinen General, und wenn Se. Gnaden nicht geneigt sei, die Verwaltung
unter den proponirten Bedingungen zu übernehmen, so würde ein andrer
Führer leicht zu finden sein. Mit großem Widerstreben gab Berwick nach
und blieb eine Puppe in einer neuen Klasse von Händen.[79]

Die, welche diese Umwälzung bewerkstelligt hatten, hielten es für klug,
eine Deputation nach Frankreich zu schicken, um ihr Verfahren zu
rechtfertigen. Mitglieder dieser Deputation waren der katholische
Bischof von Cork und die beiden Luttrell. Auf dem Schiffe, das sie von
Limerick nach Brest brachte, fanden sie einen Reisegesellschafter,
dessen Anwesenheit ihnen keineswegs angenehm war: ihren Feind Maxwell.
Sie ahneten, und nicht ohne Grund, daß er ebenfalls nach Saint-Germains
ging, aber in ganz andrer Absicht. In der That war Maxwell von Berwick
abgesandt, um ihre Schritte zu beobachten und ihre Pläne zu vereiteln.
Heinrich Luttrell, der gewissenloseste Mensch von der Welt, schlug vor,
die Sache kurz abzumachen, indem man den Schotten ins Meer würfe. Allein
der Bischof, der ein gewissenhafter Mann, und Simon Luttrell, der ein
Mann von Ehre war, widersetzten sich diesem Gewaltmittel.[80]

Unterdessen gab es in Limerick keine oberste Behörde. Da Berwick
sah, daß er keine wirkliche Autorität hatte, vernachlässigte er die
Geschäfte gänzlich und gab sich denjenigen Vergnügungen hin, welche
der traurige Verbannungsort darbot. Unter den irischen Anführern gab
es keinen Mann von hinreichendem Gewicht und Talent, um die Uebrigen
im Zaume zu halten. Sarsfield trat eine Zeit lang an die Spitze. Aber
Sarsfield war, obgleich im Felde außerordentlich tapfer und thätig, in
der Militärverwaltung wenig, und in den Civilgeschäften noch weniger
bewandert. Selbst Diejenigen, welche am meisten geneigt waren, seine
Autorität zu unterstützen, mußten bekennen, daß sein Character zu
vertrauensvoll und nachsichtig war für einen Posten, auf dem man nicht
mißtrauisch und streng genug sein konnte. Er glaubte Alles was ihm
gesagt wurde, er unterzeichnete Alles was ihm vorgelegt wurde, und die
durch seine Nachsicht dreist gemachten Commissare, raubten und betrogen
schamloser als je. Tagtäglich zogen sie unter Eskorte von Piken und
Feuergewehren aus, um dem Namen nach für den öffentlichen Dienst, in
Wahrheit aber für sich selbst, Wolle, Leinwand, Leder, Talg, Haus- und
Wirthschaftsgeräthe wegzunehmen, durchsuchten jede Vorrathskammer, jede
Garderobe, jeden Keller und vergriffen sich frevelhafterweise selbst an
dem Eigenthum von Priestern und Prälaten.[81]


[_Rückkehr Tyrconnel’s nach Irland._] Zu Anfang des Frühjahrs wurde die
Regierung, wenn man sie so nennen darf, deren ostensibles Oberhaupt
Berwick war, durch Tyrconnel’s Zurückkunft aufgelöst. Die beiden
Luttrell hatten Jakob im Namen ihrer Landsleute dringend gebeten, ein so
loyales Volk nicht unter einen so schändlichen und unfähigen Vicekönig
zu stellen. Tyrconnel sei alt und hinfällig, sagten sie; er müsse viel
schlafen, er verstehe nichts vom Kriege, er sei langsam, parteiisch und
raubsüchtig, die ganze Nation traue ihm nicht und hasse ihn. Die von ihm
im Stich gelassenen Irländer hätten tapfer Stand gehalten und die
siegreiche Armee des Prinzen von Oranien zum Rückzuge gezwungen. Sie
hofften bald wieder in einer Stärke von dreißigtausend Mann ins Feld zu
rücken und sie beschwörten ihren König, ihnen einen Feldherrn zu senden,
der würdig sei, eine solche Streitmacht zu commandiren. Tyrconnel und
Maxwell hingegen schilderten die Delegirten als Meuterer, Demagogen und
Verräther und drangen in Jakob, Heinrich Luttrell in die Bastille zu
schicken, um Mountjoy Gesellschaft zu leisten. Jakob, ganz verwirrt
durch diese Anklagen und Gegenanklagen, war lange unschlüssig, und zog
sich endlich mit characteristischer Klugheit dadurch aus der
Verlegenheit, daß er allen Streitenden schöne Worte sagte und sie
zurückschickte, um in Irland selbst ihre Sache auszufechten. Berwick
wurde zu gleicher Zeit nach Frankreich zurückberufen.[82]

Tyrconnel wurde in Limerick, selbst von seinen Feinden, mit gebührender
Achtung empfangen. So sehr sie ihn auch haßten, konnten sie doch die
Gültigkeit seiner Bestallung nicht in Frage stellen, und obwohl sie noch
immer behaupteten, daß sie vollkommen berechtigt gewesen seien, während
seiner Abwesenheit die von ihm getroffenen verfassungswidrigen
Anordnungen zu annulliren, gaben sie doch zu, daß er, wenn anwesend, ihr
rechtmäßiges Verwaltungsoberhaupt sei. Er kam nicht ganz ohne Mittel
zurück, welche geeignet waren, sie mit ihm auszusöhnen. Er brachte viele
gnädige Botschaften und Versprechungen mit, ein Peerspatent für
Sarsfield, etwas Geld, das nicht von Kupfer war, und einige
Bekleidungsstücke, die sogar noch willkommener waren als Geld. Die neuen
Anzüge waren zwar nicht sehr elegant, aber selbst die Generäle waren
schon längst mit ihrer Garderobe zu Ende, und unter den Gemeinen gab es
nur wenige, deren Uniformen in einem blühenderen Lande zur Bekleidung
einer Vogelscheuche für genügend erachtet worden wären. Jetzt endlich
konnte sich seit vielen Monaten zum ersten Male wieder jeder gemeine
Soldat rühmen, ein Paar Beinkleider und ein Paar Holzschuhe zu besitzen.
Der Vicekönig war außerdem ermächtigt anzukündigen, daß ihm bald mehrere
mit Lebensmitteln und Kriegsvorräthen beladene Schiffe folgen würden.
Diese Mittheilung war den Truppen, die seit langer Zeit kein Brot und
kein stärkeres Getränk als Wasser hatten, höchst willkommen.[83]

Die Zufuhren wurden mehrere Wochen mit Ungeduld erwartet. Endlich war
Tyrconnel genöthigt sich einzuschließen, denn sobald er sich öffentlich
blicken ließ, liefen ihm die Soldaten nach und schrien um Nahrung.
Selbst das Rindfleisch und Hammelfleisch, das, halb roh und halb
verbrannt, ohne Zuspeise und ohne Salz, die Armee bisher erhalten hatte,
war selten geworden und die Gemeinen bereits auf Pferdefleischrationen
gesetzt, als endlich die verheißenen Segel in der Mündung des Shannon
erschienen.[84]


[_Ankunft einer französischen Flotte in Limerick; Saint-Ruth._] Ein
ausgezeichneter französischer General, Namens Saint-Ruth, war mit seinem
Stabe an Bord. Er brachte ein Patent mit, das ihn zum Oberbefehlshaber
der irischen Armee ernannte. Das Patent erklärte zwar nicht
ausdrücklich, daß er von der viceköniglichen Autorität unabhängig sein
sollte; aber Jakob hatte ihm versichert, daß Tyrconnel geheime
Instructionen erhalten werde, sich nicht in die Kriegführung
einzumischen. Saint-Ruth war ein andrer General, Namens D’Usson, zur
Unterstützung beigegeben. Die französischen Schiffe brachten einige
Waffen, etwas Munition, und einen reichen Vorrath von Getreide und Mehl
mit. Der Muth der Irländer lebte wieder auf und das Te Deum wurde mit
inbrünstiger Andacht in der Kathedrale von Limerick gesungen.[85]

Tyrconnel hatte noch keine Anstalten zu dem bevorstehenden Feldzuge
getroffen. Saint-Ruth aber ging, sobald er gelandet war, mit Energie
daran, die verlorne Zeit wieder einzubringen. Er war ein Mann von Muth,
Thatkraft und Entschlossenheit, aber von barschem und gebieterischem
Character. In seinem Lande war er als der unbarmherzigste Verfolger
berühmt, der je mit seinen Dragonern die Hugenotten in die Messe
getrieben hatte. Englische Whigs behaupteten, er sei in Frankreich unter
dem Spottnamen des Henkers bekannt, in Rom hätten selbst die Cardinäle
ihren Abscheu vor seinen Grausamkeiten geäußert, und sogar die Königin
Christine, die gewiß wenig Ursache habe, über Blutvergießen zu
erschrecken, habe sich mit Widerwillen von ihm abgewandt. Er hatte
unlängst ein Commando in Savoyen bekleidet, die in französischen
Diensten stehenden irischen Regimenter hatten einen Theil seiner Armee
gebildet, und sie hatten sich ausgezeichnet benommen. Deshalb traute man
ihm ein besonderes Talent zur Führung irischer Truppen zu. Aber es war
ein großer Unterschied zwischen den gut gekleideten, gut bewaffneten und
gut eingeübten Irländern, die er kannte, und den zerlumpten Räubern, die
er in den Straßen von Limerick herumstreichen sah. Gewöhnt an den Glanz
und die Disciplin französischer Lager und Garnisonen, sah er mit Ekel,
daß in dem Lande, in das er gesandt worden war, ein Infanterieregiment
einen Haufen Menschen bedeutete, so nackt, so schmutzig und so
verwildert wie die Bettler, die auf dem Kontinent die Thüren eines
Klosters belagerten oder einer bergauf fahrenden Diligence nachliefen.
Mit schlecht verhehltem Widerwillen ging er indessen kräftig ans Werk,
diese wunderlichen Soldaten zu discipliniren, und war Tag und Nacht im
Sattel, um von Posten zu Posten, von Limerick nach Athlone, von Athlone
nach dem nördlichen Ende des Reasees und vom Reasee nach Limerick zu
galoppiren.[86]


[_Die Engländer rücken ins Feld._] Es war in der That auch nothwendig,
daß er sich beeilte, denn wenige Tage nach seiner Ankunft erfuhr er, daß
auf der andren Seite des sächsischen Gebiets Alles zur Action bereit
war. Der größere Theil der englischen Truppen war vor Ende des Monats
Mai in der Nähe von Mullingar zusammengezogen. Ginkell war
Oberbefehlshaber. Er hatte unter sich die nächst Marlborough zwei besten
Offiziere, deren sich unsre Insel damals rühmen konnte: Talmash und
Mackay. Der Marquis von Ruvigny, der erbliche Anführer der Refugiés und
ältere Bruder des tapferen Caillemot, der am Boyne gefallen war, hatte
sich mit dem Range eines Generalmajors der Armee angeschlossen. Der Lord
Justice Coningsby, obgleich kein Soldat von Profession, kam von Dublin,
um den Eifer der Truppen zu beleben. Das Aussehen des Lagers bewies, daß
das vom englischen Parlamente bewilligte Geld nicht gespart worden war.
Die Uniformen waren neu, das glänzende Scharlachroth der Reihen blendete
das Auge, und der Artillerietrain war so, wie man ihn in Irland noch nie
gesehen hatte.[87]


[_Fall von Ballymore._] Am 6. Juni verlegte Ginkell sein Hauptquartier
von Mullingar weg und am 7. erreichte er Ballymore. Zu Ballymore stand
auf einer von einem sumpfartigen See umgebenen Halbinsel eine alte
Festung, welche kürzlich unter Sarsfield’s Leitung verstärkt worden war
und die von mehr als tausend Mann vertheidigt wurde. Die englischen
Geschütze wurden sofort gegen dieselbe aufgefahren, und schon nach
wenigen Stunden hatten die Belagerer die Freude, die Belagerten wie
Kaninchen von einer Schutzwehr zur andren laufen zu sehen. Der
Gouverneur, der zuerst eine sehr trotzige Sprache geführt hatte, bat
demüthiglich um Pardon und erhielt ihn. Die ganze Garnison wurde nach
Dublin dirigirt. Nur acht von den Siegern waren gefallen.[88]

Ginkell verwendete einige Tage auf die Ausbesserung der
Vertheidigungswerke von Ballymore. Diese Arbeit war kaum beendigt, als
die dänischen Hülfstruppen unter dem Commando des Herzogs von Würtemberg
zu ihm stießen. Die ganze Armee marschirte hierauf westwärts und
erschien am 19. Juni vor den Mauern von Athlone.[89]


[_Belagerung und Fall von Athlone._] Athlone war, vom militärischen
Gesichtspunkte, vielleicht der wichtigste Platz auf der Insel. Rosen,
der den Krieg gut verstand, hatte stets behauptet, daß sich dort die
Irländer mit dem meisten Vortheile gegen die Engländer würden halten
können.[90] Die von Erdwällen umgebene Stadt lag zum Theil in Leinster
und zum Theil in Connaught. Der in Leinster liegende englische
Stadttheil hatte einst aus neuen und hübschen Häusern bestanden, war
aber vor einigen Monaten von den Irländern in Brand gesteckt worden und
lag jetzt in Trümmern. Der in Connaught liegende irische Stadttheil war
alt und schlecht gebaut.[91] Der Shannon, der die Grenze zwischen beiden
Provinzen bildet, wälzte sich als ein tiefer und reißender Strom durch
Athlone und setzte zwei große Mühlen in Bewegung, welche auf den Bögen
einer steinernen Brücke standen. Oberhalb der Brücke, auf der
Connaughter Seite, erhob sich ein angeblich vom König Johann erbautes
Schloß von siebzig Fuß Höhe, das sich zweihundert Fuß am Flusse hin
erstreckte. Funfzig bis sechzig Schritt unterhalb der Brücke war eine
schmale Furth.[92]

In der Nacht des 19. fuhren die Engländer ihre Geschütze auf. Am Morgen
des 20. begann das Bombardement und um fünf Uhr Nachmittags wurde ein
Sturm unternommen. Ein tapfrer französischer Refugié war der Erste, der
mit einer Granate in der Hand die Bresche erklomm und fiel, mit seinem
letzten Athemzuge seine Landsleute zum Sturm anfeuernd. Solcher Art
waren die tapfren Männer, welche Ludwig’s Bigotterie abgesandt hatte, um
in der Zeit seiner äußersten Noth die Armeen seiner bittersten Feinde zu
verstärken. Das Beispiel war nicht fruchtlos. Es hagelte Granaten und
die Stürmenden erstiegen zu Hunderten die Wälle. Die Irländer wichen und
liefen nach der Brücke. Hier wurde das Gedränge so arg, daß einige von
den Fliehenden in der engen Passage todtgedrückt und andere über die
Brustlehnen in die Fluthen gedrängt wurden, welche unten zwischen den
Mühlrädern schäumten. Binnen wenigen Stunden war Ginkell Herr des
englischen Stadttheils von Athlone, und dieser Erfolg hatte ihm nicht
mehr als zwanzig Todte und vierzig Verwundete gekostet.[93]

Doch sein Werk hatte erst begonnen. Zwischen ihm und der irischen Stadt
tobte der reißende Shannon. Die Brücke war so schmal, daß einige
entschlossene Männer sie gegen eine Armee vertheidigen konnten. Die auf
derselben stehenden Mühlen waren stark besetzt, und sie wurde von den
Kanonen des Schlosses beherrscht. Die Stelle des Connaughter Ufers, wo
der Fluß zu passiren war, wurde durch Befestigungen vertheidigt, welche
der Vicekönig, trotz des Murrens einer mächtigen Partei, Saint-Ruth
gezwungen hatte, Maxwell anzuvertrauen. Maxwell war als ein
unpopulärerer Mann aus Frankreich zurückgekommen, als er bei seiner
Abreise dahin gewesen war. Man munkelte, er habe in Versailles schmähend
von der irischen Nation gesprochen, und er war deshalb nur wenige Tage
zuvor von Sarsfield öffentlich beschimpft worden.[94] Am 21. Juni waren
die Engländer damit beschäftigt, längs des Leinsterschen Ufers Batterien
zu errichten, und am 22. bald nach Tagesanbruch begann die Kanonade. Das
Feuer dauerte den ganzen Tag und die ganze darauffolgende Nacht. Als der
Morgen wieder anbrach, war eine ganze Seite des Schlosses
zusammengeschossen, die mit Stroh gedeckten Häuser der celtischen Stadt
lagen in Asche und eine der Mühlen war mit sechzig Soldaten, die sie
vertheidigten, verbrannt.[95]

Die Irländer vertheidigten jedoch noch immer entschlossen die Brücke.
Mehrere Tage lang fand ein blutiges Handgemenge in der engen Passage
statt. Die Angreifenden gewannen Boden, aber sie mußten ihn Zoll für
Zoll erkämpfen. Der Muth der Besatzung wurde durch die Hoffnung auf
baldigen Succurs aufrechterhalten. Saint-Ruth war endlich mit seinen
Vorbereitungen fertig, und die Nachricht, daß Athlone in Gefahr sei,
hatte ihn bewogen, an der Spitze einer Armee, die der Armee Ginkell’s
numerisch überlegen war, ihr aber in wichtigeren Elementen der
militärischen Stärke nachstand, eiligst ins Feld zu rücken. Der
französische General scheint geglaubt zu haben, daß die Brücke und die
Furth leicht vertheidigt werden könnten, bis die Herbstregen und die
Krankheiten, welche dieselben gewöhnlich in ihrem Gefolge hatten, den
Feind zum Rückzuge zwingen würden. Er begnügte sich daher, nach und nach
Detachements zur Verstärkung der Besatzung abzusenden. Die unmittelbare
Leitung der Vertheidigung übertrug er seinem Unterbefehlshaber D’Usson
und schlug sein eigenes Hauptquartier einige Meilen von der Stadt auf.
Er äußerte sein Erstaunen darüber, daß ein so erfahrener Commandeur wie
Ginkell auf einem hoffnungslosen Unternehmen beharre. „Sein Gebieter
sollte ihn aufhängen lassen, weil er Athlone zu nehmen versucht, und der
meinige soll mich aufhängen lassen, wenn ich es verliere.”[96]

Saint-Ruth war jedoch keineswegs wohl zu Muthe. Er hatte sich zu seinem
großen Verdruß überzeugt, daß er nicht die ganze Autorität besaß, welche
die ihm in Saint-Germains gemachten Versprechungen ihn zu erwarten
berechtigt hatten. Der Lord Lieutenant war im Lager. Seine körperliche
und geistige Hinfälligkeit hatte in den letzten paar Wochen merklich
zugenommen. Der langsame und unsichere Schritt, mit dem er, der einst
wegen seiner Körperkraft und Behendigkeit berühmt gewesen war, jetzt von
seinem Lehnstuhl zu seinem Lager schwankte, war kein unpassendes Bild
der trägen und unsicheren Thätigkeit seines Geistes, der einst seine
Zwecke mit einer Heftigkeit verfolgte, die weder durch Furcht noch durch
Mitleid, weder durch das Gewissen noch durch die Scham gemäßigt wurde.
Dennoch klammerte sich der alte Mann noch immer mit unverminderter
physischer wie geistiger Kraft an die Gewalt. Wenn er privatim den
Befehl erhalten hatte, sich in die Leitung des Kriegs nicht
einzumischen, so beachtete er diesen Befehl nicht. Er maßte sich die
ganze Autorität eines Souverains an, zeigte sich mit großem Gepränge den
Truppen als obersten Anführer und behandelte Saint-Ruth geflissentlich
als einen Unterbefehlshaber. Die Einmischung des Vicekönigs erregte bald
den heftigen Unwillen der mächtigen Partei im Heere, die ihn schon
längst haßte. Viele Offiziere unterzeichneten ein Instrument, durch
welches sie erklärten, daß sie ihm nicht das Recht zugeständen, im Felde
Gehorsam von ihnen zu verlangen. Einige von ihnen beleidigten ihn
persönlich auf das Gröblichste. Man sagte ihm geradezu, daß, wenn er
darauf beharre, zu bleiben, wo man ihn nicht brauche, die Leinen seines
Zeltes durchschnitten werden würden. Er hingegen schickte seine
Emissäre an alle Lagerfeuer und versuchte unter den gemeinen Soldaten
eine Partei gegen den französischen General zu bilden.[97]

Das Einzige, worin Tyrconnel und Saint-Ruth übereinstimmten, war, daß
sie Sarsfield fürchteten und haßten. Er war nicht nur bei der großen
Masse ihrer Landsleute beliebt, sondern er war auch von einem Häuflein
Anhänger umringt, deren Hingebung für ihn der Hingebung der
ismaelitischen Mörder für den Alten vom Berge glich. Es war bekannt, daß
einer dieser Fanatiker, ein Oberst, eine Sprache geführt, die in dem
Munde eines Offiziers von so hohem Range wohl Besorgniß erwecken konnte.
„Der König,” hatte dieser Mann gesagt, „ist in meinen Augen nichts. Ich
gehorche Sarsfield. Wenn Sarsfield mir befiehlt, irgend einen Mann in
der ganzen Armee, gleichviel welchen, zu tödten, so thue ich es.”
Sarsfield war zwar ein zu ehrenhafter Gentleman, als daß er seine
ungeheure Gewalt über die Gemüther seiner Verehrer hätte mißbrauchen
sollen. Aber der Gedanke, daß seine Ehrenhaftigkeit die einzige Garantie
gegen Meuterei und Meuchelmord war, mußte den Vicekönig und den
Oberbefehlshaber nothwendig beunruhigen. Die Folge davon war, daß bei
dem Wendepunkte des Schicksals Irland’s die Dienste des
ausgezeichnetsten irischen Soldaten gar nicht oder doch nur mit
eifersüchtiger Vorsicht benutzt wurden und daß sein Rath, wenn er einen
zu geben wagte, mit geringschätzendem Lächeln oder mit Unmuth
aufgenommen wurde.[98]

Ein großes und unerwartetes Unglück machte diesen Streitigkeiten ein
Ende. Am 30. Juni berief Ginkell einen Kriegsrath zusammen. Die Fourage
ging zur Neige und es war durchaus nothwendig, daß die Belagerer
entweder den Uebergang über den Fluß forcirten oder sich zurückzogen.
Die Schwierigkeiten, über die zertrümmerten Ueberreste der Brücke
ans andre Ufer zu gelangen, waren fast unübersteiglich. Es wurde
vorgeschlagen, die Furth zu versuchen. Der Herzog von Württemberg,
Talmash und Ruvigny stimmten zu Gunsten dieses Planes und Ginkell gab
mit einiger Besorgniß seine Einwilligung.[99]

Es wurde beschlossen, daß der Versuch noch denselben Nachmittag gemacht
werden sollte. Die Irländer, welche glaubten, die Engländer schickten
sich zum Rückzuge an, hielten nachlässig Wache. Ein Theil der Besatzung
war müde, der andre schlief. D’Usson saß bei Tische. Saint-Ruth war in
seinem Zelte und schrieb an seinen Gebieter einen Brief voll
Beschuldigungen gegen Tyrconnel. Während dem wurden funfzehnhundert
Grenadiere, von denen jeder einen grünen Zweig am Hute trug, auf dem
Leinster’schen Ufer des Shannon aufgestellt. Viele von ihnen erinnerten
sich gewiß, daß sie an demselben Tage vor einem Jahre auf Befehl König
Wilhelm’s an den Ufern des Boyne grüne Zweige auf ihre Hüte gesteckt
hatten. Guineen waren freigiebig unter diese auserlesenen Leute
vertheilt worden; aber sie waren von einem so frohen Muthe beseelt, wie
kein Gold ihn erkaufen kann. Sechs Bataillone standen bereit, um den
Angriff zu unterstützen. Mackay commandirte. Er billigte den Plan nicht,
aber er setzte ihn mit einem solchen Eifer und einer solchen Energie ins
Werk, als wäre er selbst der Urheber desselben gewesen. Der Herzog von
Württemberg, Talmash und mehrere andere tapfere Offiziere, denen keine
Rolle bei der Unternehmung zu Theil geworden war, bestanden darauf, an
diesem Tage als freiwillige Gemeine zu dienen, und ihr Erscheinen in den
Gliedern entflammte die Soldaten zur feurigsten Begeisterung.

Es war sechs Uhr. Eine Glocke auf dem Thurme der Kirche gab das Signal.
Prinz Georg von Hessen-Darmstadt und Gustav Hamilton, der tapfere
Anführer der Enniskillener, gingen zuerst in den Shannon hinunter. Dann
nahmen die Grenadiere den Herzog von Württemberg auf die Schultern und
sprangen lautjubelnd zwanzig Mann hoch bis an die Halsbinden ins Wasser.
Der Strom war tief und reißend, aber in wenigen Minuten hatte die Spitze
der Colonne wieder trocknen Boden unter ihren Füßen. Talmash war der
Fünfte, der das Connaughter Ufer erreichte. Die unvermuthet überfallenen
Irländer feuerten eine unregelmäßige Salve ab und ergriffen die Flucht,
ihren Commandeur Maxwell als Gefangenen zurücklassend. Die Sieger
erklommen über die Reste der durch eine zehntägige Kanonade
zertrümmerten Wälle das Ufer. Mackay hörte seine Leute fluchen und
schwören, während sie über den Schutt stolperten. „Meine Jungen,” rief
der muthige alte Puritaner inmitten des Getümmels, „Ihr seid brave
Burschen, aber fluchet nicht. Wir haben mehr Ursache, Gott für die Güte
zu danken, die er uns heute erwiesen hat, als seinen Namen zu
mißbrauchen.” Der Sieg war vollständig. Ohne den geringsten Widerstand
von Seiten der erschreckten Besatzung wurden Bretter über die
zerbrochenen Brückenbogen gelegt und Pontons über den Fluß geschlagen.
Mit einem Verlust von zwölf Todten und etwa dreißig Verwundeten hatten
die Engländer binnen wenigen Minuten den Weg nach Connaught
erzwungen.[100]


[_Rückzug der irischen Armee._] Auf den ersten Alarm eilte D’Usson nach
dem Flusse; aber der Strom der Fliehenden kam ihm schon entgegen, riß
ihn mit sich fort, rannte ihn zu Boden und tödtete ihn beinahe. Er wurde
in einem solchen Zustande ins Lager gebracht, daß man ihm zur Ader
lassen mußte. „Genommen!” rief Saint-Ruth außer sich. „Es kann nicht
sein! Eine Stadt genommen, und ich mit einer Armee zu ihrem Entsatz
dicht dabei!” Von Gram verzehrt, brach er unter dem Schutze der
Dunkelheit seine Zelte ab und zog sich in der Richtung von Galway
zurück. Bei Tagesanbruch sahen die Engländer von den Zinnen des
zertrümmerten Schlosses König Johann’s die irische Armee in weiter Ferne
sich durch die öde Gegend bewegen, welche den Shannon von dem Suck
trennt. Noch vor Mittag war die Nachhut ihren Blicken entschwunden.[101]

Schon vor dem Verluste Athlone’s war das celtische Lager von
Parteispaltungen zerrissen gewesen. Man kann daher leicht denken, daß
nach einem so vernichtenden Schlage nichts zu hören war als Anklagen und
Gegenanklagen. Die Feinde des Vicekönigs waren lauter als je. Er und
seine Creaturen hätten das Königreich an den Rand des Verderbens
gebracht. Er mische sich in Dinge, von denen er nichts verstehe. Er
wolle es besser wissen als Männer, die wirkliche Soldaten seien. Er
vertraue den wichtigsten aller Posten seinem Werkzeuge, seinem Spione,
dem erbärmlichen Maxwell an, der kein geborner Irländer, kein
aufrichtiger Katholik, im besten Falle ein Stümper und nur zu
wahrscheinlich ein Verräther sei. Man behauptete, Maxwell habe seine
Leute nicht mit Munition versehen. Als sie Pulver und Kugeln von ihm
verlangt, habe er sie gefragt, ob sie Lerchen schießen wollten. Kurz vor
dem Angriffe habe er ihnen befohlen, zu Abend zu essen und sich
niederzulegen, da an diesem Tage nichts mehr vorgenommen werden würde.
Als er sich gefangen gegeben, habe er einige Worte geäußert, die ein
vorgängiges Einverständniß mit den Siegern verrathen hätten. Die wenigen
Freunde des Lord Lieutenants erzählten eine ganz andre Geschichte. Nach
ihnen hätten Tyrconnel und Maxwell zu Vorsichtsmaßregeln gerathen, die
einen Ueberfall unmöglich gemacht haben würden. Aber der französische
General, der keine Einmischung geduldet, habe es unterlassen, diese
Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Man habe Maxwell rücksichtslos gesagt:
wenn er sich fürchte, thue er besser, sein Commando niederzulegen. Er
habe seine Pflicht wacker gethan, er habe Stand gehalten, während seine
Leute geflohen seien, in Folge dessen sei er in die Hände des Feindes
gefallen, und nun werde er in seiner Abwesenheit von Denen verleumdet,
denen seine Gefangennehmung mit Recht zur Last falle.[102] Auf welcher
Seite die Wahrheit ist, läßt sich nach so langer Zeit schwer ermitteln.
Das Geschrei gegen Tyrconnel war im Augenblicke so laut, daß er das Feld
räumte und sich verdrüßlich nach Limerick zurückzog. D’Usson, der von
den Verletzungen, die ihm seine eigenen fliehenden Truppen zugefügt
hatten, noch nicht genesen war, begab sich nach Galway.[103]


[_Saint-Ruth beschließt eine Schlacht zu wagen._] Saint-Ruth der jetzt
im unbestrittenen Besitz des Oberbefehls war, hatte große Lust, das
Glück einer Schlacht zu versuchen. Die Mehrzahl der irischen Offiziere,
mit Sarsfield an der Spitze, war ganz andrer Meinung. Man dürfe sich
nicht verhehlen, sagte er, daß Ginkell’s Armee der ihrigen bei weitem
überlegen sei. Das Klügste sei daher augenscheinlich, den Krieg in
solcher Weise fortzuführen, daß der Unterschied zwischen dem
disciplinirten und dem undisciplinirten Soldaten so gering als möglich
sei. Es sei allgemein bekannt, daß rohe Rekruten auf einem Streifzuge,
in einem Straßenkampfe, oder bei der Vertheidigung eines Walles oftmals
gute Dienste leisteten, daß sie aber im offenen Felde gegen Veteranen
wenig Chancen hätten. „Man versammle den größten Theil unsrer Infanterie
hinter den Wällen von Limerick und Galway. Die übrigen lasse man in
Verbindung mit der Reiterei dem Feinde in den Rücken fallen und ihm
seine Zufuhren abschneiden. Wenn er in Connaught eindringt, so fallen
wir in Leinster ein. Macht er vor Galway Halt, das leicht zu
vertheidigen ist, so machen wir einen Angriff auf Dublin, das gänzlich
entblößt ist.”[104] Saint-Ruth würde diesen Rath vielleicht für gut
gehalten haben, wenn sein Urtheil nicht durch seine Leidenschaften
irregeleitet worden wäre. Aber er grämte sich noch über die erlittene
demüthigende Niederlage. Angesichts seines Zeltes hatten die Engländer
einen reißenden Strom passirt und eine befestigte Stadt erstürmt. Er
mußte nothwendig fühlen, daß, wenn auch Andre zu tadeln waren, er selbst
nicht vorwurfsfrei war. Er hatte, gelind gesagt, die Dinge zu leicht
genommen. Ludwig, der seit vielen Jahren gewohnt war, Befehlshaber in
seinem Dienste zu haben, welche nichts dem Zufalle zu überlassen
pflegten, was durch Umsicht sicher erreicht werden konnte, ließ es
schwerlich als eine genügende Entschuldigung gelten, daß sein General
einen so kühnen und plötzlichen Angriff vom Feinde nicht erwartet habe.
Der Lord Lieutenant stellte voraussichtlich das Geschehene im
ungünstigsten Lichte dar, und Alles was der Lord Lieutenant sagte, fand
bei Jakob Wiederhall. Es stand ein scharfer Verweis, vielleicht ein
Abberufungsschreiben zu erwarten. Als ein Schuldbeladener nach
Versailles zurückzukehren, sich in höchster Bestürzung dem großen Könige
zu nahen, ihn die Achseln zucken, die Stirn runzeln und sich abwenden zu
sehen, fortgeschickt zu werden, um sich weit von Höfen und Feldlagern
auf einem einsamen Landsitze zu langweilen: das war zuviel, um es
ertragen zu können, und doch stand es ernstlich zu befürchten. Es gab
nur einen Ausweg: zu kämpfen, und zu siegen oder zu sterben.

In solcher Stimmung schlug Saint-Ruth sein Lager ungefähr dreißig Meilen
von Athlone auf der Straße nach Galway unweit des zerstörten Schlosses
Aghrim auf und beschloß, die Ankunft der englischen Armee zu erwarten.

Sein ganzes Benehmen war verändert. Er hatte bisher die irischen
Soldaten mit geringschätzender Strenge behandelt. Jetzt aber, da er sich
entschlossen hatte, Leben und Ruf auf den Muth des verachteten Volks zu
setzen, wurde er ein andrer Mensch. Während der wenigen Tage, die ihm
noch blieben, bemühte er sich, durch Nachsicht und Freundlichkeit die
Herzen Aller zu gewinnen, die unter seinem Commando standen.[105] Zu
gleicher Zeit wendete er auf seine Truppen die mächtigsten moralischen
Stimulationsmittel an. Er war ein eifriger Katholik, und es ist
wahrscheinlich, daß die Strenge, mit der er die Protestanten seines
Vaterlandes behandelt hatte, zum Theil dem Hasse zugeschrieben werden
muß, den er gegen ihre Glaubenslehren empfand. Er versuchte jetzt, dem
Kriege den Character eines Kreuzzuges zu geben. Die Geistlichen waren
die Werkzeuge, deren er sich bediente, um den Muth seiner Soldaten
aufrecht zu erhalten. Das ganze Lager war in einer religiösen Aufregung.
In jedem Regimente waren Priester fortwährend beschäftigt zu beten, zu
predigen, zu absolviren und Hostie und Kelch emporzuhalten. Während die
Soldaten auf das geweihte Brot schwuren, ihre Fahnen nicht zu verlassen,
richtete der General einen Aufruf an die Offiziere, der auch die
trägsten und verweichlichtsten Naturen zu heldenmüthiger Anstrengung
angespornt haben würde. Sie kämpften, sagte er, für ihren Glauben, für
ihre Freiheit und für ihre Ehre. Unglückliche Ereignisse, die nur zu
weit und breit bekannt seien, hätten einen Schatten auf den
Nationalcharacter geworfen. Das irische Militär würde überall nur mit
einem Hohnlächeln erwähnt. Wenn ihnen darum zu thun sei, den guten Ruf
ihres Vaterlandes wiederherzustellen, so sei jetzt die Zeit und der Ort
dazu.[106]

Die Stelle, wo er das Schicksal Irland’s zur Entscheidung zu bringen
beschlossen hatte, scheint mit großer Einsicht gewählt gewesen zu sein.
Seine Armee war am Abhange eines Hügels aufgestellt, der fast ganz von
röthlichem Sumpfboden umgeben war. Vor der Front, nahe am Rande des
Moors, befanden sich einige Zäune, aus denen ohne Mühe eine Verschanzung
errichtet wurde.

Am 11. Juli nahm Ginkell, nachdem er die Befestigungen von Athlone
ausgebessert und daselbst eine Besatzung zurückgelassen hatte, sein
Hauptquartier in Ballinasloe, etwa vier Meilen von Aghrim, und ritt
vorwärts, um die irische Stellung in Augenschein zu nehmen. Bei seiner
Zurückkunft gab er Befehl, daß Munition vertheilt, daß jedes Gewehr und
jedes Bajonnet zum Gefecht bereit gemacht und am andren Morgen in aller
Frühe jeder Mann ohne Appell unter den Waffen stehen solle. Zwei
Regimenter sollten zum Schutze des Lagers zurückbleiben, und die übrigen
sollten unbeschwert mit Gepäck gegen den Feind vorrücken.


[_Schlacht bei Aghrim._] Am folgenden Morgen bald nach sechs Uhr waren
die Engländer auf dem Wege nach Aghrim. Ihr Marsch wurde jedoch zuerst
durch einen dichten Nebel, der bis Mittag über dem feuchten Thale des
Suck lagerte, und dann wieder durch die Nothwendigkeit, die Irländer aus
einigen Vorposten zu vertreiben, etwas aufgehalten, und der Nachmittag
war schon weit vorgerückt, als die beiden Armeen einander, nur durch den
Sumpf und die Verschanzungen getrennt, endlich gegenüberstanden. Die
Engländer und ihre Verbündeten waren unter zwanzigtausend, die Irländer
über fünfundzwanzigtausend Mann stark.

Ginkell hielt einen kurzen Kriegsrath mit seinen vornehmsten
Offizieren. Sollte er sofort angreifen, oder bis zum nächsten Morgen
warten? Mackay war für den sofortigen Angriff, und seine Meinung behielt
die Oberhand. Um fünf Uhr begann die Schlacht. Das englische Fußvolk
rückte in so guter Ordnung als es auf dem verrätherischen und unebenen
Terrain beobachten konnte, bei jedem Schritte tief in den Schlamm
einsinkend, gegen die irischen Verschanzungen vor. Aber diese
Verschanzungen wurden mit einer Entschlossenheit vertheidigt, die selbst
Männern, welche am stärksten gegen den celtischen Stamm eingenommen
waren, einige Worte unwilligen Lobes abzwang.[107] Immer und immer
wieder kehrten sie zum Kampfe zurück. Einmal wurden sie durchbrochen und
über den Morast zurückgetrieben; aber Talmash sammelte sie wieder und
zwang die Verfolger zum Rückzuge. Schon zwei Stunden hatte der Kampf
gedauert, der Abend brach herein und noch immer war der Vortheil auf
Seiten der Irländer. Ginkell begann auf den Rückzug zu denken.
Saint-Ruth’s Hoffnung wuchs. „Der Sieg ist unser, meine Jungen,” rief
er, den Hut in der Luft schwenkend. „Wir wollen sie vor uns hertreiben
bis unter die Mauern von Dublin.” Aber das Glück hatte sich schon zu
wenden begonnen. Mackay und Ruvigny war es gelungen, mit der englischen
und hugenottischen Reiterei den Sumpf an einer Stelle zu passiren, wo
kaum zwei Mann nebeneinander reiten konnten. Saint-Ruth lachte anfangs,
als er die Blauen einzeln hintereinander sich unter einem Feuer, das
jeden Augenblick einen tapferen Federhut zu Boden streckte, durch den
Morast arbeiten sah. „Was wollen sie?” fragte er und setzte dann mit
einem Schwure hinzu, daß es doch jammerschade sei, so prächtige Burschen
dem sicheren Untergange entgegengehen zu sehen. „Doch laßt sie nur
herüberkommen,” sagte er weiter; „je mehr ihrer sind, um so mehr werden
wir niedermachen.” Bald aber sah er sie Schanzkörbe auf dem Sumpfboden
aufrichten. Es wurde ein breiterer und festerer Weg hergestellt,
Schwadron nach Schwadron erreichte trocknen Boden, und die Flanke der
irischen Armee wurde bald geworfen. Der französische General eilte zur
Unterstützung herbei, als eine Kanonenkugel ihm den Kopf wegriß. Seine
Umgebung hielt es für gefährlich, sein Schicksal bekannt zu machen. Sein
Leichnam wurde daher in einen Mantel gehüllt, vom Schlachtfelde getragen
und in aller Stille zwischen den Ruinen des ehemaligen Klosters Loughrea
in geweihter Erde bestattet. Bis nach beendigtem Kampfe wußte keine der
beiden Armeen, daß er nicht mehr war. Seinen Tod den gemeinen Soldaten
zu verbergen, mag vielleicht klug gewesen sein. Ihn seinen Offizieren zu
verbergen, war Thorheit. Der entscheidende Moment der Schlacht war
gekommen, und es war Niemand da, um die Operationen zu leiten. Sarsfield
commandirte die Reserve; aber er hatte strenge Weisung von Saint-Ruth,
ohne Befehl nicht von der Stelle zu gehen, und der Befehl kam nicht.
Mackay und Ruvigny griffen mit ihren Reitern die Irländer in der Flanke
an; Talmash und seine Infanterie kehrten mit grimmiger Entschlossenheit
nochmals zum Frontangriff zurück. Das Schanzwerk wurde genommen. Die
Irländer zogen sich, noch immer fechtend, von Zaun zu Zaun zurück; aber
ein Zaun nach dem andren ward genommen und ihre Anstrengungen wurden
immer schwächer und schwächer. Endlich lösten sie sich auf und flohen.
Und nun folgte ein entsetzliches Blutbad. Die Sieger waren in einer
wüthenden Stimmung, denn es hatte sich unter ihnen das Gerücht
verbreitet, daß einige englische Gefangene, denen Pardon gegeben worden
war, niedergehauen worden seien. Es wurden nur vierhundert Gefangene
gemacht. Die Anzahl der Gefallenen war im Verhältniß zu der Zahl der
Kämpfenden größer als in irgend einer Schlacht der damaligen Zeit. Wäre
nicht eine mondscheinlose Nacht hereingebrochen, die ein feiner Regen
noch dunkler machte, so würde kaum ein Mann davon gekommen sein. Die
Finsterniß setzte Sarsfield in den Stand, mit einigen wenigen noch
zusammenhaltenden Schwadronen den Rückzug zu decken. Die Sieger hatten
ungefähr sechshundert Todte und tausend Verwundete.

Die Engländer schliefen diese Nacht auf dem Schlachtfelde. Am folgenden
Tage begruben sie ihre Waffengefährten und marschirten dann westwärts.
Die Leichen der Besiegten wurden unter freiem Himmel liegen gelassen,
ein seltsamer und schauerlicher Anblick! Man zählte viertausend irische
Leichname auf dem Schlachtfelde. Hundertfunfzig lagen in einer kleinen
Umzäunung, hundertzwanzig in einer andren. Aber das Gemetzel hatte sich
nicht auf das Schlachtfeld allein beschränkt. Ein Augenzeuge erzählt
uns, daß er auf dem Gipfel des Berges, an dessen Abhange das celtische
Lager aufgeschlagen gewesen war, die Umgegend, auf eine Entfernung von
beinahe vier Meilen mit den nackten Leichnamen der Erschlagenen bedeckt
gesehen habe. Die Ebene, sagt er, sah aus, wie eine mit Schafheerden
bedeckte ungeheure Weide. Wie gewöhnlich differirten selbst die
Schätzungen von Augenzeugen; aber es ist wahrscheinlich, daß die Zahl
der gefallenen Irländer nicht weniger als siebentausend betrug. Bald
fanden sich eine Menge Hunde ein, um die Leichen zu verzehren. Diese
Thiere wurden dadurch so wild und fanden einen solchen Geschmack an
Menschenfleisch, daß es lange gefährlich war, anders als in Gesellschaft
durch diese Gegend zu reisen.[108]

Die geschlagene Armee hatte jetzt ganz und gar das Aussehen einer
Armee verloren, und glich einem Pöbelhaufen, der von einer
Jahrmarktsschlägerei in wilder Unordnung zurückkehrt. Ein mächtiger
Strom von Fliehenden wälzte sich gegen Galway, ein andrer gegen
Limerick. Die nach diesen beiden Städten führenden Straßen waren mit
weggeworfenen Waffen bedeckt. Ginkell bot sechs Pence für jede Muskete.
In kurzer Zeit waren so viel Wagenladungen eingebracht, daß er den Preis
auf zwei Pence reducirte, und immer noch kamen große Massen von Gewehren
an.[109]


[_Fall von Galway._] Die Sieger marschirten zuerst auf Galway. D’Usson
war mit sieben Regimentern dort, welche durch das Gemetzel von Aghrim
gelichtet und völlig desorganisirt und entmuthigt waren. Die letzte
Hoffnung der Besatzung und der katholischen Einwohner war, daß Baldearg
O’Donnel, der verheißene Befreier ihres Stammes, sie zu befreien kommen
werde. Aber Baldearg O’Donnel ließ sich durch die abergläubische
Verehrung, die man ihm zollte, nicht täuschen. So lange der Ausgang des
Kampfes zwischen den Engländern und Irländern zweifelhaft war, hatte er
sich abseits gehalten. Am Tage der Schlacht war er mit seiner
tumultuarischen Armee in sicherer Entfernung geblieben, und sobald er
erfuhr, daß seine Landsleute geworfen waren, floh er, auf dem ganzen
Wege plündernd und sengend, in die Gebirge von Mayo. Von dort aus bot er
Ginkell seine Unterwerfung und seine Dienste an. Ginkell ergriff mit
Freuden die Gelegenheit, eine furchtbare Räuberhorde aufzulösen, und den
Einfluß, den der Name einer celtischen Dynastie noch immer auf den
celtischen Volksstamm ausübte, zum Guten zu wenden. Die Unterhandlung
hatte jedoch ihre Schwierigkeiten. Der fahrende Ritter verlangte zuerst
nichts Geringeres als den Earltitel. Nach einigem Feilschen verstand er
sich dazu, die Liebe eines ganzen Volks und seine Ansprüche auf die
Königswürde für ein Jahrgeld von fünfhundert Pfund zu verkaufen. Dennoch
war der Zauber, der seine Anhänger an ihn fesselte, noch nicht ganz
gebrochen. Einige Fanatiker aus Ulster waren bereit, unter dem O’Donnel
gegen ihre eigne Zunge und gegen ihre eigne Religion zu kämpfen. Mit
einer kleinen Schaar dieser ergebenen Anhänger schloß er sich einer
Division der englischen Armee an und leistete Wilhelm bei verschiedenen
Gelegenheiten nützliche Dienste.[110]

Als es bekannt wurde, daß keine Unterstützung von dem Helden zu erwarten
war, dessen Ankunft von so vielen Sehern verkündet worden, verloren die
in Galway eingeschlossenen Irländer allen Muth. D’Usson hatte auf die
erste Aufforderung der Belagerer eine trotzige Antwort gegeben; aber er
sah bald, daß jeder Widerstand unmöglich war, und er beeilte sich daher
zu kapituliren. Die Garnison durfte sich mit militärischen Ehren nach
Limerick zurückziehen, den Bürgern wurde vollständige Amnestie für
frühere Vergehen bewilligt, und stipulirt, daß es den katholischen
Priestern innerhalb der Mauern gestattet sein solle, ihre religiösen
Gebräuche privatim zu üben. Unter diesen Bedingungen wurden die Thore
geöffnet. Ginkell wurde von dem Mayor und den Aldermen mit tiefer
Ehrerbietung empfangen und vom Recorder mit einer Ansprache begrüßt.
D’Usson marschirte mit ungefähr zweitausenddreihundert Mann ungehindert
nach Limerick.[111]

In Limerick, dem letzten Asyl des besiegten Volksstammes, war Tyrconnel
die höchste Autorität. Es gab jetzt keinen General, welcher behaupten
konnte, daß seine Bestallung ihn vom Vicekönig unabhängig mache; auch
war der Vicekönig jetzt nicht mehr so unpopulär wie er vierzehn Tage
früher gewesen war. Nach der Schlacht war ein Umschwung der öffentlichen
Meinung eingetreten. Dem Vicekönig konnte keine Schuld an diesem großen
Unglück beigemessen werden. Er war in der That dagegen gewesen, das
Glück einer Feldschlacht zu versuchen und er konnte mit einem Anschein
von Wahrheit behaupten, daß die Nichtbeachtung seiner Rathschläge den
Untergang Irland’s herbeigeführt habe.[112]

Er traf einige Anstalten zur Vertheidigung Limerick’s, besserte die
Festungswerke aus und entsendete Truppenabtheilungen, um Lebensmittel
herbeizuschaffen. Die Gegend wurde von diesen Detachements auf viele
Meilen im Umkreise rein ausgeplündert und eine bedeutende Quantität Vieh
und Fourage innerhalb der Mauern aufgehäuft. Außerdem hatte man einen
großen Vorrath von Zwieback aus Frankreich. Die in Limerick versammelte
Infanterie belief sich auf etwa funfzehntausend Mann. Die irischen
Reiter und Dragoner, drei- bis viertausend an der Zahl, campirten auf
der Clareseite des Shannon. Die Communication zwischen ihrem Lager und
der Stadt wurde durch eine von einem Fort beschützte Brücke, Thomond
Bridge genannt, unterbrochen. Diese Vertheidigungsmittel waren nicht zu
verachten. Aber der Fall von Athlone und das Gemetzel von Aghrim hatte
den Muth der Armee gebrochen. Eine kleine Partei, an deren Spitze
Sarsfield und ein tapferer schottischer Offizier, Namens Wauchop
standen, nährte die Hoffnung, daß der Siegeszug Ginkell’s durch die
Mauern aufgehalten werden würde, von denen Wilhelm das Jahr vorher hatte
abziehen müssen. Aber viele von den irischen Anführern erklärten laut,
daß es Zeit sei an eine Kapitulation zu denken. Heinrich Luttrell, der
jederzeit eine dunkle und krumme Politik liebte, trat heimlich in
Unterhandlung mit den Engländern. Einer seiner Briefe wurde aufgefangen
und er wurde in Arrest gebracht; aber Viele, die seine Treulosigkeit
tadelten, stimmten gleichwohl mit ihm darin überein, daß es nutzlos sei,
den Kampf zu verlängern. Tyrconnel selbst war überzeugt, daß Alles
verloren sei. Seine einzige Hoffnung beruhte noch darauf, daß er im
Stande sein werde, den Kampf so lange hinauszuziehen bis er von
Saint-Germains die Erlaubniß erhielt zu unterhandeln. Er erbat sich in
einem Schreiben diese Erlaubniß und bewog mit einiger Mühe seine
verzweifelnden Landsleute, sich durch einen Eid zu verpflichten, nicht
zu kapituliren, bis eine Antwort von Jakob anlangte.[113]


[_Tyrconnel’s Tod._] Wenige Tage nachdem der Eid geleistet worden, war
Tyrconnel nicht mehr. Am 11. August speiste er bei D’Usson. Die
Gesellschaft war sehr heiter. Der Lord Lieutenant schien die Last, die
seinen Körper und Geist niederdrückte, abgeschüttelt zu haben; er trank
und scherzte und war wieder der Dick Talbot, der mit Grammont gewürfelt
und gezecht hatte. Bald nachdem er vom Tische aufgestanden war, beraubte
ihn ein Schlaganfall der Sprache und der Besinnung. Am 14. hauchte er
seinen Geist aus. Die entseelten Reste des Körpers, der einst Bildhauern
zum Modell gedient hatte, wurden unter den Steinplatten der Kathedrale
begraben; aber keine Inschrift und keine Tradition bezeichnet der
Nachwelt die Ruhestätte.[114]

Sobald der Vicekönig verschieden war, präsentirte Plowden, der die
irischen Finanzen verwaltet hatte, so lange es irische Finanzen zu
verwalten gab, ein mit dem großen Siegel Jakob’s versehenes
Vollmachtspatent, durch welches Plowden selbst, Fitton und Nagle für den
Fall von Tyrconnel’s Tode zu Lords Justices ernannt wurden. Die
Bekanntmachung der Namen erregte viel Murren, denn Plowden und Fitton
waren Sachsen. Die Bestallung erwies sich jedoch als eine bloße
Formalität, denn sie war von Instructionen begleitet, welche den Lords
Justices jede Einmischung in die Führung des Kriegs untersagten, und in
dem kleinen Raume, auf den Jakob’s Gebiet jetzt reducirt war, gab es
nichts weiter zu thun als Krieg zu führen. Die Verwaltung war daher
thatsächlich in den Händen D’Usson’s und Sarsfield’s.[115]


[_Zweite Belagerung von Limerick._] An dem Tage an welchem Tyrconnel
starb kam die Vorhut der englischen Armee vor Limerick an, und Ginkell
schlug sein Lager auf dem nämlichen Boden auf, den zwölf Monate früher
Wilhelm innegehabt hatte. Die Batterien, welche jetzt aus ganz anderen
Kanonen und Mörsern bestanden, als Wilhelm sich ihrer hatte bedienen
müssen, spielten Tag und Nacht und bald sah man an allen Ecken und Enden
der Stadt Dächer brennen und Mauern einstürzen. Ganze Straßen wurden in
Asche gelegt. Mittlerweile kamen mehrere englische Kriegsschiffe den
Shannon herauf und gingen ungefähr eine Meile unterhalb der Stadt vor
Anker.[116]

Der Platz hielt sich indessen noch immer. Die Besatzung stand der
Belagerungsarmee an numerischer Stärke wenig nach, und es schien nicht
unmöglich, daß die Vertheidigung verlängert werden könnte, bis die
Aequinoctialregen die Engländer zum zweiten Male zwangen, sich
zurückzuziehen. Ginkell beschloß, einen kühnen Schlag zu thun. Kein
Punkt auf der ganzen Befestigungslinie war wichtiger und kein Punkt
schien gesicherter zu sein als die Thomondbrücke, welche die Stadt mit
dem Lager der irischen Reiterei auf dem Clareufer des Shannon verband.
Der Plan des holländischen Generals ging dahin, die innerhalb der Wälle
befindliche Infanterie von der außerhalb liegenden Cavallerie
abzuschneiden und er führte diesen Plan mit großer Geschicklichkeit,
Energie und gutem Erfolge aus. Er schlug eine Brücke von blechernen
Booten über den Fluß, passirte denselben mit einem starken Truppencorps,
trieb funfzehnhundert Dragoner, welche schwachen Widerstand leisteten,
in Verwirrung vor sich her und marschirte auf die Quartiere der
irischen Reiterei zu. Die irischen Reiter machten an diesem Tage dem
Rufe, den sie sich am Boyne erworben, keine große Ehre. Dieser Ruf war
allerdings mit der fast gänzlichen Vernichtung der besten Regimenter
erkauft worden. Rekruten hatte man zwar ohne große Mühe gefunden, aber
der Verlust von funfzehnhundert vortrefflichen Soldaten war nicht zu
ersetzen. Das Lager wurde ohne Schwertstreich aufgegeben. Ein Theil der
Reiter floh in die Stadt, die übrigen zogen sich, soviel Vieh als sie in
diesem Augenblicke panischen Schreckens zusammenbringen konnten, vor
sich her treibend, in die Berge zurück. Man fand in den Magazinen einen
reichen Vorrath von Rindfleisch, Branntwein und Monturstücken, und die
sumpfige Ebene des Shannon war mit Gewehren und Granaten bedeckt, welche
die Fliehenden weggeworfen hatten.[117]

Die Sieger kehrten im Triumph in ihr Lager zurück. Aber Ginkell war mit
dem gewonnenen Vortheile noch nicht zufrieden. Er wollte gern jede
Verbindung zwischen Limerick und der Grafschaft Clare abschneiden. Nach
einigen Tagen überschritt er zu dem Ende nochmals an der Spitze mehrerer
Regimenter den Fluß und griff das Fort an, das die Thomondbrücke deckte.
In kurzer Zeit war das Fort erstürmt. Die Soldaten, welche darin gelegen
hatten, flohen in Verwirrung in die Stadt. Der Platzmajor, ein
französischer Offizier, der am Thomondthore commandirte, ließ aus
Besorgniß, daß mit den Fliehenden zugleich auch die Verfolger
hereinkommen würden, den der Stadt zunächst gelegenen Theil der Brücke
aufziehen. Viele von den Irländern stürzten kopfüber in den Strom und
ertranken; andere riefen um Pardon und schwenkten ihre Taschentücher zum
Zeichen der Unterwerfung. Aber die Sieger waren rasend vor Wuth, ihr
Blutdurst konnte nicht sogleich gezügelt werden und es wurden nicht eher
Gefangene gemacht, als bis die Haufen der Leichen bis über die
Brustwehren der Brücke gingen. Die Besatzung des Forts hatte aus
ungefähr achthunde

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