Der Jesuit
by Carl Spindler · German · Gutenberg #47112 · 800,046 chars · public domain (US)
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Title: Der Jesuit
Author: Carl Spindler
Release date: October 14, 2014 [eBook #47112]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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Der Jesuit.
Charakter-Gemälde
aus dem
Ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts
von
C. Spindler.
Amerikanische Stereotyp-Ausgabe.
Philadelphia.
Verlag von F. W. Thomas.
1855.
Printed by T. K. & P. G. Collins
Der Jesuit.
Erster Theil.
Erster Abschnitt.
1720.
Des Senators Familienleben. -- Sein Comptoir und dessen Diener. --
James. -- Fortuna's Launen. -- Der Geschäftsfreund aus Holland. --
Das Gespräch unter den Kastanienbäumen. -- Der verhängnißvolle Besuch.
Schön ist es, über eine Schwelle zu schreiten, jenseits welcher der
Fleiß und die geschäftige Betriebsamkeit ihren Thron erbaut haben,
sobald man sieht, daß all das ewige Treiben das Wohlsein des Lebens
begründen soll, und nicht blos einen glatten Gypsmarmor um die trockne,
dürre Säule von Holz. Der Hausvater ist ein ehrwürdiger, geliebter
Mann, wendet er seiner unermüdlichen Thätigkeit Zinsen dazu an, daß
die Seinen sich fröhlich daheim finden in dem traulichen Hause; -- daß
er selbst, -- der Schöpfer des Wohlstandes -- behaglich ruhe in seinem
Eigenthume. Die heitere Wohnung wird ein Paradies für den Besitzer,
ein Ort des Friedens den Freunden, den Bedrängten ein Asyl. Keucht
aber im Erdgeschosse die besoldete Mühe im eisernen Dienstjoche,
während im obern Stockwerke die Langeweile, die Verdrossenheit, auf
einsamen Polstern, hinter kaltem Stein und vornehmen Goldwänden
gähnt, -- dann, Wanderer, meide die stolze Pforte, wenn auch noch so
einladend das »Salve« von ihrer Schwelle spricht. In dem Steinhaufen
gebietet kein fühlendes Gemüth, und vor dem starren Reichthum floh
die Zufriedenheit! -- Wer im Jahre 1720 gelebt, und das Innere des
Hauses gesehen hätte, welches der Senator Müssinger in der deutschen
Reichs- und Handelsstadt, die der Aufzeichner dieser Begebenheiten
meint, aber nicht nennt, dazumal bewohnte, müßte dem einleitenden
Spruche Beifall geben. Das stattliche Gebäude war von Uranbeginn
zum Denkmale des Hochmuths bestimmt gewesen. Ein Spekulant, der in
den ersten Jahren des spanischen Erbfolgekriegs durch Lieferungen
für die alliirten Heere ungeheure Summen gewonnen hatte, legte das
Fundament zu dem pallastähnlichen Hause. Die Vollendung desselben
sollte er nicht sehen. Mancher Schurkereien überwiesen, sollte ihm,
kurze Zeit nach der Schlacht bei Hochstädt, der Prozeß gemacht werden:
er entging der Schande jedoch durch einen kühnen Pistolenschuß. Die
leere, unausgebaute Prachtwohnung des verunglückten Lieferanten kaufte
bald der vom Glücke begünstigte Senator Müssinger. Der unternehmende
Handelsherr, der mit Ost- und Westindien verkehrte, fand sich zu enge
in dem kleinen Vaterhause, zog über in das Neue, Große; und Fortuna,
die bereitwillig in dem bescheidenen Spezereikrame des Kaufmanns
Platz genommen hatte, siedelte mit in das neue, geräumige Comptoir.
Müssingers Firma war die Erste auf dem Markte, und florirte weit und
breit im Aus- wie im Inlande; trieb Jahr für Jahr die schönsten Blüthen
und Früchte. Die Mehrzahl seiner Mitbürger beneidete den glücklichen
Senator; sie bewies aber durch diesen Neid -- entweder ihre
Unbekanntschaft mit Müssingers anderweitigen Verhältnissen, -- oder
einen Gelddurst, der Alles schnöde übersieht, was das Herz berührt, und
nicht allein den Courszettel im Gehirn. Trieb des Kaufmanns Geschäft
auch Blüthen, -- der Hausvater sammelte keine aus seinem Familienleben.
Seine Frau, seit achtzehn Jahren mit ihm vermählt, hatte ihm viele
Geldsäcke, keine Neigung zugebracht, und die Zeit nichts gethan, die
vom Berechnungsgeist der Väter verbundenen Ehegatten im Gemüthe zu
vereinen. Unfriede herrschte gerade nicht; -- der Friede aber, der
versöhnt und duldet und vergibt, wahrlich auch nicht. Der Senator, ein
lebendiger Mann, an den Fünfzigen stehend, cholerischen Temperaments,
dem beim geringsten Anlaß zu heiß unter der Stirn, die Halsbinde zu
enge wurde, stellte das schneidendste Widerspiel seiner Ehefrau dar,
die mit beleidigendem Uebermuth, welcher seine Quelle in fehlerhafter
Erziehung gefunden, eine Kälte und Trägheit vereinigte, wie sie sonst
nur im höchsten Norden, oder im sengendsten Süden vorkommen mag. Frau
Jacobine, im Ueberflusse aufgehätschelt, kannte nicht Sorge, nicht
Mühe, nicht einmal das bequeme Streben einer vornehmen Hausfrau.
Kam der Tag, so verlebte sie ihn, und er mußte eben so prunkend
einhertreten, wie seine Vorgänger; Geld in Hülle und Fülle für jedes,
auch noch so eingebildete Bedürfniß spenden, reichen Schmaus für Lippe
und Gaumen, und eine lange Plaudersitzung im Kreise der geschwätzigsten
Muhmen.
Während dessen schaffte und plackte der Senator, bald wie der ärmste
Knecht, bald wie der härteste Frohn, im Bezirk seines Handelsgetriebes,
und gönnte sich kaum vor sprudelnder Thätigkeit und muthwillig gehäufter
Arbeits- und Spekulationslast, die nöthigen Ruhestunden. Doch feierte er
diese wenigen nicht im Schoße der Seinen. Weder beim Frühstück, wo man
den braunen westindischen Trank aus japanischen Gefäßen schlürfte, und
dabei so steif saß, wie die blassen Figuren auf diesen Tassen, -- noch
beim Mittagsmahl, wo die leckerste Kost entweder mit gieriger Hast, oder
mit vitellischer Trägheit verschlungen wurde, war ihm froh zu Sinne.
Bald verdrüßlich keifend mit dem verdrüßlich langweiligen Weibe, bald
seine überseeischen Hoffnungen und Handelsoperationen nicht loslassend
in stummer Grübelei, floh ihn die Heiterkeit innerhalb seiner Mauern;
und auswärts, -- auf einem Collegium, wo er wieder von nichts, als von
Geschäften reden hörte, eine Pfeife Tabak rauchte, um sich zu betäuben,
in der Karte spielte, um sich zu zerstreuen -- verträumte er seine
Abende. -- Nicht Er, nicht sein Weib, das mit schnödem Geschwätze, oder
abgeschmackter Frömmelei den verlangweilten Tag beschloß, ahnten die
Quelle von Genuß und Freudigkeit, die ihnen in der Tochter, dem einzigen
Sprößling dieser übelpassenden Ehe, aufgehen hätte können. Die Natur
hatte in diesem lieblichen Geschöpfe die glücklichste Verschmelzung
widerstrebender Gemüthsrichtung zu Stande gebracht. Des Vaters
Heftigkeit herrschte zwar vor, allein mäßigende Ruhe stellte bald das
Gleichgewicht wieder her. Das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und
Willen; es war ja das einzige Kind, und nicht beschränkt von den Eltern.
Allein, der Leidenschaftlichkeit, dem heftigen Zorn sogar, folgte
schnell die Besinnung, die Theilnahme, die zarte Reue, die gefühlvollste
Vergeltung. Der Liebreiz des so wunderlich herangebildeten Mädchens war
in diesen Versöhnungsmomenten so groß, daß Freundinnen und Gesinde gern
den Sturm auflodernder Hitze ertrugen, um doppelt in der Milde zu
schwelgen, die unmittelbar darauf das Engelherz der Zürnenden
bethätigte. Der Vater war nicht so; -- denn, that ihm die jache Härte
manchmal selber weh, so verschloß er, seinem Stolze nichts zu vergeben,
das Gefühl in sich. Die Mutter glich eben so wenig ihrem Kinde; sie
_liebte_ zwar Niemanden auf der weiten Erde, aber sie _haßte_ aus
Gewohnheit; sie verachtete mit jener stumpfen Stätigkeit, an der sich,
hat sie einmal ein Ziel des Widerwillens ersehen, vergebens Belehrung,
Erfahrung und Pflichtgebot verschwendet. Justine, ein siebzehnjähriges
Mädchen, früh entfaltet in Gestalt und Verstand, fühlte wohl dunkel und
unbehaglich, daß sie zwischen den getrennten Eltern ihren eigenen Weg
wandle. Die Jugend aber, jene herrliche Zeit, in welcher man nur sich
selbst, wenn gleich oft allzuviel, vertraut, ungeduldig in's Freie, in
die Zukunft blickt, sie setzt sich über das Peinliche in naher Umgebung
hinweg; schafft sich ihre eigne Welt, und flieht die Mürrischen, um sich
an Freundliche zu schließen. So kam es, daß Justine bald wie ein fremder
Gast im Vaterhause wohnte, und größtentheils nur in dem Zirkel ihrer
Jugendgefährtinnen lebte. Seit der Confirmation war es jedoch ein
bischen anders mit Justinen geworden. Nie hatte sie noch ihren Vater so
bewegt gesehen, als in dem Augenblicke, wo sie, von der heiligen
Handlung kommend, in seinem Schreibstübchen vor ihm auf die Kniee sank,
ihn bittend, seinen Segen mit dem des Himmels zu vereinen. Des Senators
Stimme hatte gewankt, als er den Segen aussprach; an's Herz hatte er die
Tochter gedrückt, und, wie mit einem leisen Vorwurf gegen sich selbst,
hinzugesetzt: Glaube nur um Gotteswillen, mein Kind, daß ich dich liebe,
herzlich, wie es einem christlichen Vater zusteht. Aber ich muß an mich
halten mit dieser Zuneigung, sonst bricht mir das Herz vollends, wenn du
aus dem Hause gehst, nimmer wiederkehrst, und ich dann in ganz Europa
keinen Menschen mehr weiß, der mir näher am Herzen liegt, als der kalte
Tressenrock. Du bist alt genug, Justine, um zu wissen, daß eine Heirath
die Bestimmung eines jeden Mädchens ist, folglich auch die deine. -- Du
bist bereits verlobt: zu New-York in Amerika wohnt dein Bräutigam, der
junge Kaufmann Birsher, und, wie mir sein Vater neulich schrieb, werden
wohl nicht anderthalb Jahre vorübergehen, so kommt der designirte
Schwiegersohn selbst, um dich abzuholen. Dein Bestreben gehe also jetzt
vornehmlich dahin, der englischen Sprache mächtig zu werden, zu welchem
Endzweck ich für eine Lehrerin sorgen will.
Justine verließ den Vater mit sichtlichem Behagen. Ausgezeichnet
vor all ihren Gespielinnen nach Amerika zu ziehen, in das junge
Land, das sich europäische Imagination damals nur als ein Paradies,
unerschöpflich in Genuß und Reichthum, vorstellte; ... als Frau, an
der Seite eines jungen Crösus, dahin zu ziehen, das schmeichelte
der jugendlichen Eitelkeit gar sehr. Des Vaters Erklärung hatte
vollendet, was die Confirmation begonnen; das Mädchen war rasch zur
Jungfrau, zur Braut geworden. Justine zog sich nun auch wähliger von
dem Haufen ihrer Freundinnen zurück, verkehrte nur mit den Wenigen,
die, gleich ihr, nicht fern vom Hochzeitfeste zu stehen vermeinten,
und beschäftigte sich mehr als sonst, in Einsamkeit und Stille, mit
Arbeit und wißbegierigem Forschen. Mit der englischen Sprache allein
wollte es bei dem fleißigen Mädchen nicht so fort. Die Zisch- und
Gaumenlaute waren der Schülerin zuwider, und eine Lehrerin nach der
andern wich dem Ungestüm Justinens, die auf Jener Nachlässigkeit
den eignen Fehler schob. Die Zahl der, mit dem englischen Idiom
vertrauten Frauen war in jener Stadt nicht groß; daher hatte Justine
bald die Reihe durchgemacht. Die männlichen Lehrer ließen keinen
bessern Erfolg hoffen. Der Eine derselben, ein grämlicher Alter, mit
wunderlichen Launen, hatte schon nach der zweiten Lehrstunde all seine
Autorität eingebüßt; den zweiten, einen allbekannten Wüstling, noch
in rüstigen Jahren, trug der Vater billig Bedenken, bei der Tochter
einzuführen. Der Zufall schlug sich in's Mittel. An einem Tage saurer
Geschäfte handthierte und ordnete der Senator in eigner Person an
dem Krahnenhause der Stadt. Beträchtliche Waarensendungen in Ballen
und Kisten waren für ihn angekommen; nicht minder beträchtliche
Ladungen wollte er dem dienstfertigen Flusse anvertrauen. Seine
rüstigsten Handelsdiener, zwei junge und gewandte Leute aus guter
Familie zur Seite, ging er am Ufer auf und nieder, befahl hier den
ausladenden Bootsknechten, dort den herbeischaffenden Kärrnern. Der
eine Diener, Berndt, revidirte, die Frachtbriefe und Geleitzettel in
Händen; der andere Diener, Nothhaft, machte Zeichen und Zahlen auf die
Frachtstücke; um und um bewegten sich rührige, geschäftige Leute, und
_ein_ Treiben beseelte die Vielen am Ufer, vom Centnerschleppenden
Lastträger bis zu dem kleinen Buben herab, der die Theerpfanne hielt.
Ein einziger lehnte unbeschäftigt, mit verschränkten Armen an dem
Krahnengebäude. Der Einzige mußte unter dem Getümmel dem Senator
auffallen, als dieser gerade ihm vorüberkam. Der eifrige Mann blieb
unwillkürlich vor dem jungen Menschen stehen, dessen Kleidung,
obgleich nicht allzuwohl erhalten, auf einen Lehrling oder Diener der
Kaufmannsgilde schließen ließ. -- He, junger Mensch! redete der Senator
ihn an: he! warum so müßig? Die Sonnenstrahlen machen nicht satt; wohl
aber eine Schüssel, die man im Schweiße seines Angesichts verdient
hat. Trägheit in der Jugend macht alte Spitalleute. Hat Er hier nichts
weiter zu schaffen, so geh' Er wieder hinter Sein Pult, statt Maulaffen
feil zu haben, und stehle Er Seinem Prinzipal nicht das Brod ab, das Er
ißt! --
Nicht die Flamme, die der gerechte Tadel auf dem Angesichte des
Gescholtenen entzündet, sondern die Röthe eines unschuldig gekränkten
Gefühls stieg auf die Stirne des Fremden, der in ausländisch betontem
Deutsch nicht mit der Antwort säumte. -- »Seht zuvor, mit wem Ihr
sprecht, Herr!« sagte er etwas bitter: »Niemand würde lieber arbeiten,
denn ich, wenn mir nur Jemand Arbeit gäbe.« -- Kann's hier daran
fehlen? fragte Müssinger verwundert. -- »Ich bin ein Fremder.« --
Woher? -- »Ein Engländer. Mein Name ist James White. Mein Vater
war Baronet und Tory. Sein Schicksal wollte, daß sein Wappen, die
blutige Hand von Ulster, sich an ihm erwahre. Für den Prätendenten
bewaffnete er seine Faust. Georgs Henker schlug sie ihm ab, und
hierauf das Haupt. Vor fünfthalb Jahren floh meine Mutter mit mir nach
Deutschland herüber. Seit einem Jahre hat sie hier ihr Grab gefunden.
Sie starb, bevor der Mangel zu uns trat. Ihr Hinscheiden raffte
aber alle Hülfsmittel weg. Die Armuth trieb mich in's Werbhaus; die
Barmherzigkeit eines alten Mannes, der mir wohl will, rettete mich
vom Soldatenstande. Aber noch lebe ich von seinen Wohlthaten, und ich
schäme mich dessen.« Das ist recht; Wohlthaten erzeigen, ist wacker,
aber edler, sie nicht zu mißbrauchen. Versteht Ihr etwas vom Handel,
junger Herr? -- »Nein; ich sollte Theologie studiren; verstehe Latein,
Rhetorik, Philosophie, ein bischen Spanisch, und aus dem Grunde meine
Muttersprache.« -- So? Verdorbner Theolog also? Doch Protestant, will
ich hoffen? --
Der junge Mann bückte sich schweigend.
»Könnt und wollt Ihr Unterricht im Englischen geben?« fragte Müssinger
weiter. -- »Ich kann's, und schäme mich dessen nicht.«
»Kommt mit. Versuchts mit meiner Tochter. Freie Station, wie meine
Comptoirdiener, die Wohnung ausgenommen, und ein billiges Salär nach
Euern Fähigkeiten verspreche ich Euch. Beliebt's?« -- »Gern; doch muß
ich's meinem Versorger melden.« -- Gut; wer ist der Mann? -- »Ein
Doctor der Rechte, heißt Leupold, ist von Herkunft ein Fremder, lebt
zu seinem Vergnügen seit anderthalb Jahren ungefähr in hiesiger
Stadt, und beschäftigt sich ausschließlich mit seinen Studien.« -- Ein
Bücherwurm und Rechtsverdreher also? murmelte der Senator zwischen den
Zähnen: Bin nicht neugierig auf die Bekanntschaft. Mögt indessen sein
Gutachten einholen, junger Herr. Er wird wohl nichts dagegen haben,
denn ich bin der Senator Müssinger! --
Der stolze Kaufmann ging von dem unglücklichen jungen Baronet weg, und
vergaß denselben im Gewühl seiner Geschäfte bald darauf. Der finstere
und einsilbige Buchhalter trat ihm in der großen Schreibstube mit einem
Paket Briefe entgegen, die er alsobald, wie gewohnt, erbrach und
durchlas. Er begleitete jedoch diese alltägliche Verrichtung mit so
vielen heftigen Bewegungen und schlecht unterdrückten Zornworten, daß
die Comptoirgehülfen aufmerksam wurden, und manchen neugierigen Blick
durch die Gitterrahmen in das Cabinet des Prinzipals sandten. Endlich,
nachdem der ganze Briefpack durchflogen, stürmte der Senator wie ein
Pfeil vom Sessel auf, warf Schubladen und Schlösser zu, und tobte durch
die Nebenthür in das Innere des Hauses. »Der himmlische Vater erbarme
sich!« seufzte Berndt mit andächtigem Blicke und Händefalten, denn er
gehörte zur philadelphischen Gesellschaft: »was wird es heute wieder in
dem Hause geben?« -- Der andere Diener, Nothhaft, ein ziemlich lockrer
Geselle, lachte indessen wie ein Schelm vor sich hin, und summte die
Worte eines damals beliebten Liedes:
Nach dem Brunnen geht der Krug
Oft genug;
Und am End' bekömmt er doch
Welch ein Loch!
St! zischte der Buchhalter, hinter dem Hauptbuche aufstehend, zu dem
Vorlauten hinüber, und Berndt stieß ihn mit dem Ellenbogen in die
Rippen. Der arge Mensch fuhr aber kichernd, wiewohl noch leiser, fort:
Christ! sitz steif, denn der Protest
Setzt Dich fest;
Und dann heißt's mit Schand und Spott
Bankerott!
Will Er wohl schweigen? schalt der Buchhalter auffahrend: Was
sollen diese Schelmenverse in einer ehrsamen Handelsstube? Pfui des
leichtfertigen Dieners, der seine eigne saubere Firma gern für eine
schmutzige ausgeben möchte. Noch einen solchen Ausdruck, und Er ist um
Dienst und Lohn, und für ein schlecht Testimonium will ich dann schon
sorgen. Ueberhaupt mag Er sichs gesagt sein lassen, daß ich hinfüro
Seinen Lebenswandel, von dem mir zu Ohren gekommen ist, nicht also
dulden werde. Alle Abende spielt und bankettirt Er, und am Sonntag
kömmt Er nicht aus der Kaffeeschenke, der Billardstecken nicht aus
Seiner Hand. Wo das beste Rostocker Bier zu finden ist, das weiß
Er auf ein Haar; aber man fragt Ihn vergebens, wie die spanischen
Dublonen stehen. Sein Nebengehülfe ist allzustill; Er ist allzutoll.
Ein Karthäuser wird ein schlechter Kaufmann; ein Bruder Lüderlich
aber noch ein schlechterer. Gott steh' Ihm im Commerz bei, wenn Er es
einmal zum eignen Herrn bringt. -- Das wird er auch; versetzte Nothhaft
trocken, ohne sich zu erzürnen: Der Kaufmann muß wagen und wetten, und
dazu bin ich gemacht, wie unser Herr, der sich aus der Saffranbude zum
ersten Kaufmann allhier verstiegen hat. Sorgen Sie nicht für mich, Herr
Buchhalter. Der Herr Senator kennt mich besser, als daß er mich um
eines zwecklosen Liedleins willen, oder weil ich den Sonntag Nachmittag
beim Billard zubringe, fortschicken sollte. --
Der Buchhalter schwieg verdrüßlich; theils weil ihn des Dieners
Verstockung empörte, theils, weil der Senator wieder in sein Cabinet
zurückkam, und ihn eilends zu sich hinein beschied. Hierauf wurde
die Thüre geschlossen, die Schieber vor die Gitter gestoßen, und
die beiden Comptoristen waren von den Vorgesetzten geschieden, wie
die Lehrlinge, die im Vorzimmer schafften und bosselten, von ihnen
selbst geschieden waren. -- Sie sitzen im geheimen Rath! flüsterte
Nothhaft seinem Nachbar zu: Der Perückennarr, der Buchhalter, mag aber
schwatzen und difteln, wie er will. Unsere Contanti stehen schlecht,
abscheulich schlecht. Ich habe schon neulich einmal einen Blick in des
Herrn Correspondenzlade geworfen, die zufällig offen stand...... -- O
pfui! Du neugieriger Saaldiener! fiel Berndt ein. Nothhaft sprach aber
wie oben weiter: »Du Hans! Was kann ich denn für mein scharfes Auge?
Genug; wir sollen zahlen und zahlen, und wollen und wollen nicht; weil
wir nicht können. Unsere Aktien in Indien stehen schlecht. Mit der
vermaledeiten Bodmerei haben wir, wie es scheint, unsinnig viel Geld
verschleudert und verloren. Assekuranten unserer eigenen Schiffe sind
bankerott geworden; viel Unglück auf einmal! und dann das Leben in
diesem Hause! ein wahres Heidideldum!« -- »Ja wohl,« bekräftigte Berndt
seufzend, »ein heidnisches Scandalum. Herz, was begehrst du? Keine
Wirthschaft, keine Gottesfurcht! Wir müssen nach dem Gemüse gleich vom
Tische aufstehen, und Braten, Gänselebern und indianische Vogelnester
kommen hinterdrein. Also, lieber Freund und Kollege! wir beginnen zu
wanken? Danke für gegebenes Aviso. Ich will gleich auf anderweitige
Versorgung denken.« -- »Unter der Hand, Bester,« setzte Nothhaft bei:
»nicht vor der Zeit gebrochen. Hübsch alles abgewartet; für einen
klugen Diener gibt's in Bankerottchen gute Ernten.« -- »Der Eintritt
des Unheils möge noch ferne bleiben, bis mir eine andere Schwelle
gesegnet ist!« betete Berndt mit zerknirschter Miene: »das Schlampampen
ohne Condition ist mir und dem lieben Gott zuwider, und kostet nur
Geld, statt einzubringen.« -- »Betbruder und Scharrer!« schalt
Nothhaft. »Jammre nicht. Der Geist Gottes wird ja nicht ermangeln, dir
Alles im Voraus zu entdecken. Ich bin zwar nur ein Weltkind, habe keine
Anwartschaft auf das tausendjährige Reich, aber im Herzen bin ich froh,
wenn die Umstände mich zwingen, ein Haus zu verlassen, in dem mich nur
der gute Lohn zurück hält. 'S ist eine Galeere, dies Comtoir.« -- »Bete
und arbeite! sagt die heilige Schrift,« sprach Berndt hierauf demüthig,
»ich weiß mich einer Zeit zu erinnern, in welcher dir gar wohl in
dieser Schreibstube war, und noch wohler an dem Tische des Prinzipals.
Du hattest damals noch große Dinge im Kopfe, und scheutest dich nicht,
deine sündhaften Augen auf die Jungfer zu werfen. Aber seit sie dir
den Spaß verdorben, ...« -- »Pfui, Berndt, mich daran zu erinnern,«
entgegnete Nothhaft: »die hochmüthige Person! wie sie sich spreizte in
ihrem Stolz! Und mein Vater ist doch eben so gut in seinem Städtchen
ein Rathsherr, als der Ihrige hier! und mein Vater hat vielleicht mehr
Geld, als ihr Vater besaß, da er noch die Rosinen Pfundweis, und das
Baumöl pr. Kännchen verkaufte. Ich hätte sie geheirathet. Parbleu! Das
hätte ich gethan; aber sie trug die Nase verzweifelt hoch! Stand ich
in der Kirche und stierte hinauf zum Betstübchen, so zog sie gewiß das
Fenster vor, oder versteckte sich hinter's Gesangbuch. Zweimal paßte
ich's ab, und präsentirte ihr, an Kirchendieners Statt, den Predigttext
und die Nummer des Lieds. Immer erhielt ich ein frostiges: »Inkommodir'
Er sich nicht, Mosje!« zum Dank. So schlag der Donner hinein!«
Berndt hielt bei der Verwünschung beide Ohren zu. Nothhaft fuhr indessen
schadenfroh fort: »Na, Gott gesegn' ihr die baldige Abkühlung! Hochmuth
kommt vor dem Fall. Prosit, Justinchen. Die Puppe hat dem Papa und der
Mama gesagt: mein Gesicht sei ihr fatal, und darum mußte ich am Tische
den Platz verändern, damit sie sich nicht an meinem vis à vis den
Appetit verderbe. Geliebt es Gott, wollen wir bald den Spieß umkehren.
Wo sie weint, will ich lachen!«
Berndt stieß ihn abermals in die Seite, denn Senator und Buchhalter
kamen aus dem Kabinet, mit entschlossenen Gesichtern, und ein Lehrling
wurde gleich hinweg gesandt, Eilpferde für den Geschäftsführer zu
bestellen; Eilpferde nach Amsterdam. Der Prinzipal händigte dem
dienstfertigen und erprobten Diener noch ein wohlverschlossenes
Portefeuille ein, nahm von ihm Abschied, und ging, da die Mittagsglocke
im Hause läutete, mit seinem Comptoristen zu Tische.
Die gewöhnlichen Bürgergerichte waren verzehrt, die Diener durch einen
Wink von der bisher schweigsamen Tafel entlassen und eine kostbare
Gallertschüssel aus welcher der Duft des Zimmts, und herrlichen
Bordeauxweins stieg, wurde, nebst den Platten des Nachtisches,
aufgesetzt. Die Frau Senatorin wendete sich leckerhaft vergnügt zu der
reizenden Speise; Justine schnitzte kichernd ein Eichhörnchen aus einem
Mandelkerne; der Hausherr sah trüb vor sich hin, klopfte mit dem Messer
an die silbernen Gefäße und brach endlich das Stillschweigen mit einer
Einleitung, auf die er lange studirt haben mochte.
»Was meint Ihr wohl,« begann er mit erzwungenem Scherze, -- »was meint
Ihr, wenn auf einmal all' dieses Silber und Porzellan zur Decke
hinausflöge, und eitel irdene Teller auf dem Tische zurückblieben mit
nothdürftiger Kost?«
Die Senatorin zuckte verächtlich die Achseln ob dem mißlungenen Spaße.
Justine rief lachend: »'s wäre ein hübscher Herrenstreich. Papa würde
alsdann tief in den Geldkasten greifen müssen, um dem Schaden
abzuhelfen.«
»Und wenn nun auch diese Geldkiste leer geworden wäre?« fragte Müssinger
weiter.
»Narrethei!« versetzte die Frau, ruhig essend: »was sollen diese
Fragen?«
»Euch vorbereiten auf eine unangenehme Möglichkeit;« brach Müssinger
los: »Es steht noch auf der Schwebe, ob wir reiche Leute bleiben, oder
Bettler werden sollen.«
»Ist denn heute der erste April,« fragte die Frau, »daß der Herr Senator
uns mit ähnlichen Kindereien behelligt?« -- Justine merkte aber, in des
Vaters Augen sehend, den Ernst, wie die Ungeduld, die in ihm arbeitete.
Er fuhr heftiger fort: »Deine Frage ist Kinderei, Jacobine. Ein Kaufmann
scherzt nicht dergestalt mit seiner Bilanz. Wahr ist's. Mir droht
Unglück. Eng mit mir verbundene Häuser sind gebrochen, Kaper haben meine
Schiffe genommen, der letzte Sturm, von dem die Berichte meldeten, hat
Kauffahrer vernichtet, auf welche ich bedeutende Kapitalien =à grosse
Aventure= herlieh. Der Ultimo bringt eine Fracht von schweren
holländischen Wechseln. Ich bin zu Grunde gerichtet, wenn es meinem
Buchhalter nicht gelingt, meinen Hauptcreditor in Amsterdam zu
besänftigen und zur Prolongation zu bewegen.«
»Armer Vater!« versetzte Justine mitleidig. Die Mutter zog jedoch die
Stirne in Falten. »Unbesonnener Vater!« predigte sie: »Räuber an Weib
und Kind! Mußt du dein Hab und Gut auf die Spitze stellen, und an ein
paar elende Schiffe hängen? Pfui, du bist ein Verschwender, den man in's
Irrenhaus stecken sollte, wenn nur damit gedient wäre. Doch ist dein
Vergehen gewiß nur ein schlechter Scherz, sonst wollte ich anders mit
dir reden. Sprächst du wahr, so müßte mein Vermögen heraus bei Heller
und Pfennig, samt Zinsen und Zubehör. Ich würde mich nicht hinsetzen,
dir zu Liebe, und Grütze speisen, wie eine Taglöhnersfrau. Ich bin ein
gutes Leben gewöhnt, und hätte hundert Männer haben können, die reicher
und schöner waren, als du. Darum fordere ich auch, daß du mich haltest,
wie bisher, oder das Eingebrachte herausgibst; sonst müßte ich klagen.«
Des Senators Gesicht überlief Leichenblässe, und er bückte sich
scheinbar nach der entfallenen Serviette, um seine Verlegenheit und
seinen Grimm zu verbergen. Dann sagte er gezwungen gleichgültig: »Recht,
Jacobine. Deine Liebe ist mir wieder recht klar geworden. Leider kann
sie sich nicht so triftig vor dem Gerichte ausweisen, indem wirklich
mein Vorgeben nur Scherz war, um deine Gesinnung auf den denkbaren Fall
hin, zu prüfen.«
»Schäme dich,« eiferte, nun erst zornroth werdend, die Senatorin: »Ich
dachte es gleich. Mir den Appetit in dem Grade zu verderben! Mir also
die Galle zu reizen! Ich bin ohnehin die unglücklichste Frau in der
ganzen Welt, wenn ich nicht meine Seelenruhe und Bequemlichkeit habe!
Gottvergessener, frevelhafter Mann! Justine, den Extract!«
Justine, bereits angewiesen, wie bei ähnlichen Gelegenheiten zu
verfahren, stand schon mit der stärkenden Essenz vor der Mutter. Der
Senator fuhr heftig vom Stuhle auf, summte das Marlborough-Lied durch
die Zähne, und zog die Halsbinde weiter. Mit einem Male erblickte er,
seitwärts unter der Thüre, den jungen Mann, den er am Morgen zum
Sprachlehrer angeworben. Der Eintretende war ein erwünschter Ableiter
und Besänftiger. Der Senator liebte es durchaus nicht, vor einem Andern,
als den Hausgenossen, seinen Jähzorn zu zeigen, und hielt plötzlich an
sich. »Sieh da, mein junger Freund!« redete er den Jüngling an, »Ihr
kommt gerade recht. Wie es scheint, hat Euer Pflegvater eingewilligt?«
»Er erlaubte mir, in dem ungewohnten Dienste mich zu versuchen;«
antwortete James bescheiden und ruhig. Die Senatorin hatte bei seinem
Eintritt die begonnene Ohnmacht vergessen. Nicht minder neugierig und
überrascht sah Justine nach dem jungen, fremden Manne, der in seiner
einfachen, fast dürftigen Kleidung, furchtloser vor ihrem Vater stand,
als sie es bisher an irgend einem Aermern und Jüngern wahrgenommen.
»Ein junger Engländer,« sagte Müssinger, ihn den Frauen vorstellend,
»der Justinen in seiner Sprache unterrichten soll. Ich empfehle der
Jungfer Fleiß, und dem Lehrer den besten Eifer. Geht hin, junger Herr,
und empfehlt Euch der Frau Senatorin und Eurer Schülerin. Dann mögt Ihr
gleich den Unterricht beginnen, und zeigen, was Ihr wißt und könnt.«
James ging frei und ungezwungen auf die Mutter zu, faßte, indem er sich
verneigte, ihre beiden Hände, und schüttelte sie, näherte sich dann
Justinen, that dasselbe, und wollte ihr zierlich die Wange küssen.
Erröthend und heftig bog sich das Mädchen zurück, und stieß ihn von
sich. Die Mutter rümpfte die Nase, der Vater lächelte. »Ei,« sprach er,
»junger Herr, wir sind hier zu Lande nicht in Eurer Heimath, wo solcher
Brauch üblich ist. Hier küßt man den Frauen die Hand und den Jungfrauen
die Fingerspitze.«
Mit einiger Verlegenheit sich entschuldigend, aber mit vielem Anstande,
that nun James, was ihm geheißen war, und versöhnte somit die Mutter;
Justine jedoch nur halb, die in dem ungewöhnten Wesen des neuen Lehrers
etwas fand, das ihr mißfiel, von dem sie sich indessen keine klare
Rechenschaft geben konnte. Mit übel verhehltem Widerwillen führte sie
den Jüngling an ihren Arbeitstisch, zeigte ihm die Bücher, die bisher
ihr Leitfaden gewesen waren, und berichtete von ihren bisherigen
schwachen Fortschritten. James meinte, nach flüchtiger Einsicht und
flüchtigem Hören, die Jungfer sei bei Weitem nicht so mehr im Wissen
zurück, als sie wohl meine; desto mehr hingegen im guten
Willen. -- Justinens Gesicht verfinsterte sich wieder merklich, und
schweigend setzte sie sich, als der Vater den Befehl wiederholt hatte,
den Unterricht alsobald anzufangen. Auf die Stuhllehne seiner Frau
gelehnt, folgte nun der Senator dem Beginnen des jungen Engländers, und
sah bald, daß derselbe seiner Sache vollkommen gewiß sei. Zugleich
gefiel ihm die zutrauliche, freundliche Weise, mit welcher er der
stummen Schülerin die Vorzüge der Sprache auseinander setzte; er hoffte
von dieser, aus dem Alltagsgeleise weichenden Art, den besten Erfolg,
und entfernte sich endlich unter aufmunterndem Lobe. Die Lehrstunde ging
fort unter der Aufsicht der Mutter, die aber bald, der Gewohnheit
nachgehend, dem Schlummer in die Arme sank.
Justine hatte, wenig auf die Reden ihres Lehrers horchend, mit
unverwandtem Auge die Mutter beobachtet, und wie es schien, den Moment
der Siesta erwartet, denn im Augenblicke, als Jacobinens Augen zufielen,
nahm sie dem in seinem Vortrag versunkenen James das Buch aus der Hand,
klappte es schnell zu, und sagte, kurz abfertigend: »Lassen wir's jetzt
gut sein, Monsieur. Ich habe keine Lust, und damit genug. Weil mein
Vater es will, und Euch vielleicht an einem Verdienste in unserem Hause
etwas gelegen sein möchte, will ich wohl mich anstellen, als sei mir die
Sache Ernst. Spart Euch jedoch alle ernstliche Mühe, denn ich kann Eure
Sprache nicht leiden, folglich nicht sprechen. Adieu bis Morgen,
Monsieur.«
James sah die gar offenherzige Schülerin überrascht an, biß sich
gekränkt in die Lippen, und erwiderte: »Wahrlich, Mademoiselle, aus
Ihrem Munde hätte ich ein lieblicheres Wort erwartet. Mein Vater war ein
Edelmann, und hat mir den Grundsatz eingeprägt, nirgends lästig zu sein,
wo ich nicht nützen kann. Ich werde gehen; erlauben Sie jedoch, daß ich
das Erwachen Ihrer Mutter abwarte, um mich in der Form von ihr zu
beurlauben. Bis dahin dulden Sie meine Gegenwart.«
»Ich wollte Euch nicht beleidigen, mein Herr,« antwortete hierauf
Justine etwas beschämt: »Vergebt, wenn ich die Worte vielleicht schlecht
gewählt. Ich bin oft vorlaut mit Reden, die mich nachher reuen. Eure
Person wäre mir nicht so unangenehm, aber Eure Sprache pfeift und zischt
so viel, sie ist so rauh, daß...«
»Wundern muß ich mich,« fiel James schnell versöhnt ein, »daß Ihr Herr
Vater, Ihnen und Ihrem Wunsche gegenüber, mit Gewalt auf dieser Sprache
besteht. Unlust lernt und fördert nicht, aber die Zeit ist verloren.«
»Hm!« lächelte Justine, die Augen auf das Schreibbuch geheftet: »ich
soll nach New-York verheirathet werden, und der Vater glaubt...«
»Nach New-York in Nordamerika?« fragte James staunend. Justine nickte
schweigend, und machte Buchstaben auf das vor ihr liegende Blatt.
»Nach New-York?« wiederholte James, und schlug mit verschränkten Armen
die Blicke zur Decke auf: »So weit vom Vaterhause? Da müssen Sie
freilich englisch lernen.«
»Nicht doch,« versetzte Justine lächelnd, aber bestimmt: »mein
zukünftiger Mann mag deutsch lernen, und die Freunde meinethalben
französisch, um sich mit mir zu unterhalten. Das Englisch für die
Domestiken lernt sich dort an Ort und Stelle.«
»Sie irren sich im ersten Punkte,« behauptete James: »man würde es zu
New-York für eine Schande halten, eine andere Sprache in Gesellschaft zu
reden, als die englische Colonisten-Muttersprache. Im Innern finden Sie
wohl noch das holländische Idiom, aber...«
»Sieh' doch,« unterbrach ihn Justine, durch den Widerspruch gereizt:
»Ihr redet ja so entschieden, als ob Ihr mit eigenen Ohren gehört
hättet, was Ihr behauptet.«
»Das hab' ich auch;« bekräftigte James mit aufgeheiterten Zügen: »den
größten Theil der Knabenzeit verlebte ich auf Amerika's Continente, zu
New York, mitunter auch weiter im Lande.«
»Wie?« fragte Justine, plötzlich zutraulicher und milder: »ach, erzählt
mir doch von dieser meiner zweiten Heimath. Man hat mir schon so viel
Schönes davon vorgesagt, daß ich begierig bin. Wir wollen fein zusammen
rücken, und recht leise sprechen, und recht leise horchen, daß die
Mutter nicht so früh erwache. Seht, ich bin ganz Ohr.«
Sie hatte sich bei diesen Worten mit beiden Armen auf den Rand des
Tisches gelehnt, und sah mit gespannter Aufmerksamkeit und so
vorwitzigen Augen dem Lehrer in's Gesicht, daß er seine Blicke auf die
Manschetten seiner Hände richten mußte, um nur den Faden des Gesprächs
festhalten zu können.
»Mein Vater,« hob er auf wiederholte Aufforderung an, »hatte zur Zeit
ein Commando in der Citadelle zu New-York; mein Onkel einen entlegenen
Wachtposten gegen das Gebiet der Indianerstämme zu. Gelegenheit gab es
für mich, den achtjährigen Knaben, genug, somit das Leben in der
amerikanischen Stadt wie auf dem Lande kennen zu lernen. Innerhalb der
erstern fand ich wenig Freude. Das Sein darinnen war steif und
einförmig, keine Heiterkeit, aber viel Frömmelei und militärischer
Druck. Am Werkeltage schafft die sich selbst übertreibende Mühe, denn
_reich_ zu werden ist das Ziel, wonach Alle streben. Dazwischen tönt die
Trommel und das Commandowort der Besatzung. Am Sonntage ist der Sabbath
strenger geheiligt, als in England selbst. Die Lust hüllt sich in Sack
und Asche, und einförmige Glockenschläge langweilen den Städter, bis er,
von der Last des Feiertags ermüdet, das Bette sucht.«
»O weh!« seufzte Justine, »das ist ein traurig Bild. Da lebt sich's ja
in unserer dunkeln Stadt noch besser und schöner. Doch macht das
Landleben vielleicht wieder Alles gut, und Herr Birsher wird mir wohl
den Gefallen erzeigen, es der Stadt vorzuziehen.«
»Wenn ich vom freien Lande Amerika's reden soll,« erwiderte James, »so
bemeistert sich meiner eine heilige Wehmuth, denn mir gefiel es sehr,
obgleich eine frohe Jungfrau, wie Sie, nicht leicht dieses Gefallen
theilen möchte. Um New-York, in billiger Nähe, finden Sie kein städtisch
Landhaus: kümmerliche, flache Gärten nur, ohne Schatten, ohne Obdach,
denn die Soldatenherrschaft duldet im Umkreise von Stadt und Citadelle
nicht Busch, nicht Haus. Setzt man jedoch über's Wasser, und dringt in's
Innere vor, so geht für ein muthig Herz und ein kühnes Auge die Wonne
an. Der angebauten Fluren sind nur wenige, von sklavisch pflügenden
Colonisten besorgt, allein ringsum dehnen sich Forste, in deren Saum
sich nur bis jetzt die Axt verirrte, Urwälder mit himmelhohen Bäumen und
zahlreichem Wilde. Welch' ein herrlich Schauspiel, auf solcher
Waldstraße hinzureiten, unterm dichten Laubdach, durch welches nie der
Sonne Strahlen dringen! Welch' ewiges Schweigen weit umher! so geeignet,
das Gemüth zu erheben! Stundenlang bin ich oft im Grase gelegen, und
habe auf das Hacken des Hehers, auf das Fuchsgebell gehorcht; lauschend
unter den tausendjährigen Säulen der Natur. Doch fördert man endlich
gern den Weg, weil die Dämmerung naht, das wilde Gethier in seinen
Lagern aufsteht, und vielleicht der Weg noch lange sich streckt, bis zu
dem einsamen Blockhause, in dem der müde Wanderer das Nachtlager finden
soll. Man erreicht des Waldes Ende, und sieh, ein neues Schauspiel
fesselt den entzückten Blick. Einer der Riesenströme, die Amerika
durchschneiden, hemmt den Weg. Das Auge trägt kaum bis an das jenseitige
Ufer, und stolz schaukeln sich die Wogen des gewaltigen Flusses dahin.
Da zeigt sich ein schwarzer Punkt in dem Geschäume der Wellen.
Die Reisenden verdoppeln den Ruf »Hü-o!« denn der schwarze Fleck ist die
Fähre, die wild und gebieterisch durch die Strömung dringt, und uns über
das rothe Gold, das die Abendsonne auf den Wasserrücken legt, zum
ersehnten Gestade schafft. Nun geht's über Haide und feuchten Grund
hinweg, dem Walde zu, der blau und ungewiß aus der Ferne sieht. Rechts
starren Felsen, und aus ihren Schluchten donnern die Gießbäche und
Wasserfälle der Wildniß meilenweit zu uns herüber. Links dehnt sich die
Fläche, schlecht bebaut, aber üppig wuchernd mit dem, was die Natur auf
sie gepflanzt, an mastigen Futterkräutern und prachtvollem Unkraut.
Schaaren von kreischenden Vögeln schwirren über die Ebene, den Felsen
zu, denn die sinkende Sonne scheucht ein Gewitter auf, das eilig
daherkömmt, eiliger, als jener nackte, rothhäutige Indianer, der, von
seinem Hunde begleitet, Flinte und Tasche auf der Schulter, gestreckten
Laufs von der Jagd zurückkehrt, und von den Gestirnen, wie von den
Felsenspitzen den Weg zu seines Stammes Wohnplatz erfragt. Mit der
Schnelligkeit des Rosses jagt der Sohn der Wildniß durch den weiten
Raum, einem Nebelbilde gleich das auf Sumpf und Moor zur Nachtzeit der
Luftzug hin und her treibt. Ihn kümmert keine Straße, kein Pfad, keine
Brücke, keine Fähre, denn die Welt ist sein Haus, der Himmel sein Zelt,
und frische Sinne stellt er als Wacht und Läufer aus. Gerade aus geht
er, wie das flüchtige Wild, das er verfolgt. Nicht um den Hügel herum,
über ihn hinweg eilt sein Fuß. Er ruft nicht den Kahn oder den Floß;
schnell wie ein Fisch schießt er durch Strom und Gewässer. Wir haben ihn
aus den Augen verloren, ehe fünf Minuten vergehen. Er sieht uns jedoch
durch Dämmerung und Gewitterduft noch auf eine halbe Stunde weit, und
lacht der unbehülflichen Eile, mit welcher wir dem Walde zulaufen, um
uns vor dem Regen zu schützen, der in großen Tropfen fällt; vor dem
Orkan, der mächtig daher braust. Nun ist der Forst nicht mehr
schweigend; nun redet er mit Millionen Zungen, und dieses Rauschen,
dieses Wehen, das Krachen und Fallen der Aeste und Kronen macht den
Menschen stumm. Bären und Wölfe fliehen über den Weg, ganze Strecken
lang neben dem Reisenden her, und an Zwietracht und Kampf denkt im
Sturme keiner von Beiden. Der Donner, der Blitzstrahl machen nun die
schönen Schrecknisse voll, die uns erschüttern und erheben, aber diese
Himmelslampen leuchten auch zur Hütte, die uns gastlich aufnimmt, und
auf deren Mooslager wir in behaglicher Ruhe das Hochgewitter
verschlummern.«
James endete hier, Athem schöpfend, die pittoreske Schilderung eines
Ganges durch Haide und Forst der neuen Welt, zu welcher ihn die
zauberische Macht wohlthuender Erinnerung wider Willen hingerissen
hatte, und erhob beinahe schüchtern den Blick zu Justinen, in deren
Antlitz er Unzufriedenheit mit seinem langen und abschweifenden
Berichte zu entdecken fürchtete. Wie freudig überrascht war er jedoch,
in Justinen's glänzenden Augen die aufmerksamste Theilnahme leuchten zu
sehen. -- Das Mädchen nickte ihm beifällig zu, legte zutraulich ihre
Hand auf die seinige, und sagte:
»Ei, wie gut erzählt Ihr doch, mein guter Herr! Ich habe just _gesehen_,
was Ihr beschrieben habt. Doch hab' ich auch an dem _Gemälde_ genug. Die
Herrlichkeiten, deren Schönheit ich wohl _ahne_, sind im Grunde doch
nicht für ein schwaches Weib, das im bequemen Stübchen oder auf dem
hübsch geordneten Landgut wohl dann und wann gern hören oder lesen mag,
wie es in der Wildniß aussieht, ohne darum die Lust zu verspüren, selbst
sie zu beschauen. Diese Wälder .... diese Haiden und Ströme .... und
vollends diese einsamen Blockhäuser, Tagereisen weit von jeder
Nachbarschaft entfernt....! mich schaudert!«
»Gerade in diesen Hütten ist patriarchalische Glückseligkeit zu Hause,«
erinnerte James mit Wärme, »noch entsinne ich mich der Einwohner von
einigen solchen Wohnungen. Glückliche Familien, zufrieden in ihrer
Abgeschiedenheit, im Kreise ihres stillen Eigenthums. Das innigste Band
verknüpft hier die Gatten, die Kinder, die Enkel: das Band der Liebe;
und Liebe fordert ja nur den kleinsten Raum; ein Winkelchen nur, in dem
die glücklichen Leute so viel Platz finden, sich in die Arme zu nehmen
und zu sagen: ich bin dir gut, auf ewig, bis zum Tode gut!« --
So sehr auch die vorige Rede des Lehrers Justine in Anspruch genommen
hatte, so wenig schien das Mädchen Geschmack an der folgenden zu finden.
Verwundert hatte sie den jungen Mann betrachtet, -- beängstigt fast die
Gelegenheit gesucht, seine Worte zu unterbrechen, und endlich ungeduldig
das schwere Wörterbuch vom Tisch gestoßen, daß ob dem Geräusche die Frau
Senatorin erschreckt aus dem Schlummer fuhr.
»Die Lehrstunde ist zu Ende, bester Monsieur;« sagte Justine mit steifer
Verbeugung zu James. »Vergeßt jedoch nicht, daß ich Euch morgen
Vormittag ganz bestimmt erwarte. Ich habe plötzlich viele Lust bekommen,
Eure Sprache zu erlernen, und hoffe, daß Euer Beistand mir von vielem
Nutzen sein werde.«
James, obgleich nicht wissend, ob er seinen Ohren, nach allem dem, was
vorgegangen war, zu trauen habe, versprach feierlichst, wiederzukehren,
küßte der Senatorin mit aller Förmlichkeit die fleischige Hand, bückte
sich still vor der gleichgültig nickenden Justine, und empfahl sich, wie
ein Mann von Bildung und Welt.
»Warum blieb er nicht zum Abendbrod?« war des Vaters erste Frage, als er
zu den Frauen heraufkam: »ich habe ihm freie Kost versprochen, damit er
sich häufig einfinde, und Justine durch die Conversation die
Fortschritte mache, die ihr Fleiß nicht erringt. Ich hätte gern heut mit
dem Menschen geplaudert, denn auf dem Collegio schwatzen sie auch nur
von Briefen, Procenten, Sicht und Manco, und mir brummt vor Arbeiten der
Kopf. Mit dem pietistischen Berndt ist nichts anzufangen, und Nothhaft
jubilirt gewiß wieder in der Schenke. Die Frau Senatorin erwartet ihre
Basen, Justinchen treibt Kindereien, oder liest in Arminius und
Thusnelda. Mit dem Engländer hätte ich ein vernünftig Wort reden
können.«
»O, ich bitte dich,« erwiderte die Frau, indem sie vornehm vom Stuhle
aufrauschte: »binde den fremden Menschen nicht so sehr an's Haus. Die
Unschicklichkeit von heute werde ich ihm nie vergessen. Es taugt nicht,
wenn man einen Adelichen in eine Bürgerfamilie verpflanzt. Solch
hungriges Geziefer ohne Geld und Mittel bewahrt doch immer sein
Vornehmthun und seinen Stolz, dem Alles zu schlecht ist, was ihn
umgibt.«
»Du vergissest, Frau,« antwortete der Senator, »daß du selbst in diesem
Augenblicke den unerträglichsten Hochmuth auskramst. Ich kann das an
einem Weibe vollends nicht leiden, weil nur der Mann ihm die Würde und
den Rang im Staate verleiht. Schweig darum!«
»Wenn's mir beliebt,« setzte die Senatorin phlegmatisch bei: »Deine
Matrosen- und Lastträger-Weisheit beleidigt mich nicht, und ich gebe
darum meinen Stolz nicht auf. Mir gehört er, einem hergelaufenen
Burschen gegenüber, der kein Verdienst hat, als daß sein Vater Baronet
war, und ein gehenkter, fürchte ich obendrein, weil du vom Prätendenten
ein Wort fallen ließest. Wer an meinem Tische ißt, und von meinem Gelde
lebt, ist _unter_ mir, und damit gut.«
Der Senator fühlte seine Geduld zu Ende gehen, und entfernte sich
schnell, die Thüre hinter sich zuwerfend. --
»Der Mann ereifert sich um des Kaisers Bart,« sagte die Mutter spöttisch
und eiskalt, indem sie die Seidenzupfkästchen, mit welchen sie sich in
der Abendgesellschaft zu beschäftigen pflegte, hervorholte: »es verlohnt
sich auch der Mühe, für einen Menschen Parthie zu nehmen, den ich morgen
aus dem Hause jage, wenn mir's beifällt.«
»Ich will nur von _ihm_ englisch lernen!« erwiderte kurz und herrisch
Justine, und drehte sich auf dem Absatze gegen das Fenster um.
»Oho, mein Püppchen!« sagte die Mama lächelnd, und wollte dem Mädchen
scherzend auf die Wangen klopfen. Die Tochter entzog sich ihr jedoch
ziemlich ungestüm, und entgegnete scharf und bestimmt: »ich will, daß
man meinen Lehrer mit Freundlichkeit behandle; sonst werde ich Gleiches
mit Gleichem vergelten.« -- Die Mutter wußte nun, woran sie war, und
gab, wie schon unzähligemale, um nicht einen guten Alliirten gegen den
kampflustigen Eheherrn zu verlieren, auch diesmal nach; ging, ohne die
eigensinnige Tochter zu schelten, in ihr Kränzchen, und ließ dem jungen
James in ihrem Hause freien Paß. Sie begnügte sich, ihm ihre Abneigung
dadurch zu beweisen, daß sie ihm kein Wort gönnte; nicht bei Tische,
nicht während der Lehrstunden, die sie sorgsam bewachte. Am Vormittage
lernte Justine fleißig, und schien die eifrigste Schülerin. In den
Nachmittagsstunden jedoch wurde der Schlummer der Mutter benützt.
Justine gab das Signal zum Schweigen, und alsdann das des Erzählens,
und Nordamerika war einige Tage hindurch die Axe, um die sich James
Berichte und Erklärungen drehen mußten. Endlich sagte einst Justine, da
der Engländer wieder von dem beliebten Thema anheben wollte: »Stille;
genug! ich kenne das dortige Leben, wie meinen Arbeitssack, und muß
gestehen, es gefällt mir nicht. Herr Birsher wird sich entschließen
müssen, sich mit mir in einem andern Lande anzusiedeln, wo es
lebendigere, fröhlichere Leute gibt, und einen mildern Himmelsstrich,
und viele Freude, und viel Gesang. Wenn ich aus Kälte, Reif und Nebel
im Winter nicht scheiden soll, bleibe ich lieber in der Heimath, und
zur traurigen Hausunke will ich mich in meiner Jugend nicht machen
lassen. Wißt Ihr, guter Herr, was ich will und verlange? Ein Dasein
voll Vergnügen. Ich bin ja reich, des Vaters und der Mutter einzige
Erbin, und Herr Birsher ist, wie es heißt, ein kleiner König an
Ueberfluß. Warum soll ich mich nicht der Welt freuen, weil ich Alles
dazu besitze? Ferner will ich einen ewig heitern Himmel über mir, blau
und sonnefunkelnd; Myrthen, Lorbeer und Rosen auf meinen Wegen....;
ach! wenn ich Euch beschreiben könnte, wie mir manchmal im Traum das
Land erscheint, in dem ich leben möchte...!«
»Die Myrthe winkt Ihnen schon,« antwortete James mit leichtem Seufzer:
»das Land, von dem Sie sprachen und träumten, _ist_ auch wirklich.
Ziehen Sie südwärts in dem schönen jungen Welttheil Amerika, so
finden Sie es. Die Mittagsländer bieten die üppigste Reichthumsfülle.
Der Schöpfer hat über sie das Horn des Ueberflusses ausgeschüttet.
Ueber ihren Triften und Höhen hängt der ewig leuchtende Himmel; in
ihren Fluren wächst die ungeheure Palme neben dem Heer von duftenden
Kräutern, die in der Luft auf Meilen in die Runde Wohlgeruch
verbreiten. Der Mensch _kämpft_ dort nicht dem Boden sein Leben
ab; spielend gewinnt er ein fröhliches Dasein. In jenen lustigen
Wäldern tummelt sich der bunten Vögel glänzendes Gefieder; stattliche
Heerden, und der kräftigen Wildrosse flüchtige Geschwader beleben die
Landschaft, die an jedem Morgen in neuem tausendfältigen Reiz aufgeht,
und in der dunkelsten Nacht nichts von ihrem Reiz verliert. Dort bewegt
sich ein leidenschaftlich lebendiges Volk. Die Cymbeln rufen zum Tanz;
die duftenden Büsche, vom Glühwurm erleuchtet, hallen den Jubel wieder,
und die Githarre murmelt wie eine liebe Geisterstimme unter dem Fenster
der angebeteten Dame.«
»Das klingt ja schön!« flüsterte Justine froh bewegt: »O sagt, gehört
das schöne Land auch Euerm Könige?«
»_Mein_ König,« versetzte schmerzhaft der Jüngling, »besitzt kein Land,
als seine himmlische Heimath, die ihm kein Usurpator rauben kann. Der
Krone England gehören jedoch jene Länder auch nicht. Dort herrscht
Spanien und der Pabst.«
»Gott steh' uns bei!« rief unwillkürlich Justine aus. Da sie jedoch
bemerkte, daß James sie fragend ansah, fühlte sie Beschämung, und
setzte bei: »Bin ich nicht ein närrisches Kind, und werdet Ihr mich
nicht auslachen, daß ich vor dem Pabst erschrecke?« --
»Ich weiß ja,« entgegnete James ruhig, »daß in England, so wie hie
und da auf deutschem Boden die Amme schon dem Säugling den Namen des
Pabstthums neben der Verdammniß nennt. Mich wundert das eingesogene
Vorurtheil nicht, ob es mich gleich schmerzt, es in einer Seele, so
schöner Anlagen und Keime voll, wie die Ihrige, zu entdecken. Lassen
Sie unserm Parlamente seine Barbarei gegen Irland, dem fanatischen
Calvin seine Scheiterhaufen: dem Weibe sei Duldung ein bekannter,
wohlaufgenommener Gast.«
Das Mädchen sah den Lehrer mit großen Augen an; äußerte jedoch alsdann:
»Wahr, mein Herr; sehr wahr. Ohnehin kann ich nur urtheilen, wie der
Blinde von der Farbe. Ich habe noch nie einen Katholiken gekannt, noch
nie den römischen Gottesdienst gesehen.«
»Dann sahen Sie das Schönste nicht, was jemals der menschliche Geist
ersann, seine Anbetung des Allerhöchsten glänzend und würdig an den Tag
zu legen,« rief James, wie begeistert: »das geheimnißvollste, und doch
zu den Sinnen ernst und schmeichelnd sprechende Schauspiel! O! wer
rühmte sich wohl, je gewußt zu haben, was Gebet ist, der nicht dem
römischen Cultus einmal beigewohnt? Diesem erhabenen Opfer, das ein so
heiliges Band um alle Gemüther webt! Das ist der Tempeldienst für
fühlende Menschen, für Seelen, die sich begeistert an die Flügel der
Gottheit hängen wollen; der Dienst, den der heitere Süden gebar, und das
Land, in dem der Herr sichtbar wandelte. In unserm traurigen Norden, wo
das Herz kalt und unfruchtbar ist, wie der harte Boden, wo der
Alltagsverstand grübelt, statt zu _glauben_, ist Alles anders, und in
der eisigen Form versteinert endlich auch der Geist.«
»Ich wundre mich, daß ein englischer Protestant der feindlichen Kirche
so glänzend Gerechtigkeit wiederfahren lassen mag,« versetzte Justine,
als James schwieg: »_Unsre_ Prediger schildern sie ganz anders. Indessen
ist etwas Wahres an Euern Empfindungen und Meinungen. Das fühle ich
wohl. Aufrichtig gesagt: die Perücke unsers Pfarrers hat mir nie besser,
nie schlechter gefallen als seine Predigt, und die schnarrenden und
schluchzenden Stimmen meiner Kirchennachbarinnen machen allezeit das
Lied zu einem possierlichen, nicht ehrwürdigen Ohrenschmaus. Wir haben
indessen schon allzulang von Babylon gesprochen, mein guter Monsieur,
und die Mutter nimmt sich eben vor, zu erwachen.«
Die Unterredung, die einen so wunderlichen Umschwung genommen hatte,
fand ihr Ende, aber in Justinens Ohren setzte sie sich leise fort, und
das Mädchen konnte sich nicht erwehren, dann und wann Betrachtungen
über den Gegenstand anzustellen. Wohl hatte sie hin und wieder von den
geweihten Flammen, den prächtigen Gewändern einer Messe gehört; von der
herrlichen Musik, den duftenden Weihrauchwolken, den Blumengefäßen und
heitern Panieren; ... allein, theils war immer in ihrem Kreise nur
mißbilligend und verdammend von diesen Dingen die Rede gewesen, theils
waren diese angedeuteten Bilder zu verworren, um sich in _einem_ Rahmen
vor der Seele zusammenfügen zu können. Durch James feurige Rede waren
die seltsamen Vorstellungen wieder erwacht. Hielt sie mit ihnen die
finstre Johanniskirche zusammen, mit dem schmucklosen Altar, der
einfachen gothischen Kanzel, und dem zufällig eintönigen näselnden
Vortrag des Predigers, so mußten Letztere verlieren. Ihr lebhaftes,
fröhliches Gemüth haschte nach dem fröhlichern Eindruck, und, sann sie
oberflächlich über den Kern der unfreundlichen Schaale nach, so waren
eben jene geschmacklosen Kanzelreden, und das geistlose Plappergebet,
das ihre Mutter alle Abende ableierte, nicht geeignet, sie in dem
unbedingten Vertrauen zu _ihrer_ Lehre zu stärken.
In dem Geschäftslokale des Hauses ging indessen alles einen gedrängten,
unheimlichen, leisen Gang. Von Mäcklern und Unterkäufern wurde es nicht
leer. Aufgebrachte, drohende Gläubiger und Bürgen gingen oft aus dem
Hause; lauernde Juden, Leute die sonst nimmer in des Senators
Schreibstube gesehen worden, gingen häufig hinein, und einer gab dem
Andern die Thüre in die Hand. Waarenvorräthe wurden schnell
losgeschlagen, um Spottpreise weggegeben; kleinere Schuldposten an des
Senators Firma mit Härte und Ungebühr von Nothhaft eingetrieben.
Dürftige Geldlasten kamen ein, schwerere Ladungen gingen hinaus. Der
Neid hatte auf den _glücklichen_ Müssinger ein offnes Auge gehabt. Der
Unglückliche wurde von tausend Augen belauert. Ein dumpfes Gerücht kam
auf der Börse aus: der Senator stehe schlecht, sein Haus würde fallen.
Viele Geschäftsfreunde zogen sich plötzlich aus allen Verhältnissen mit
ihm; Andere, die nicht so schnell sich losmachen konnten, führten
drohende Reden in der Blume; die wenigsten warnten den Senator; keiner
bot ihm die Freundeshand. Müssinger hatte Mühe und Plage, unter diesen
beunruhigenden Vorzeichen sein unbefangenes Gesicht zu bewahren, und das
vornehme Uebersehen, das er sich angewöhnt hatte. Indessen wünschte sein
Herz ungeduldig den Buchhalter herbei, und _viele_ Augen warteten auf
dessen Rückkehr. Es hieß, von Amsterdam aus werde die Entwicklung
kommen; ob nun der erfrischende Ostwind, oder der niederwerfende Sturm.
Endlich kam in der Nacht der Buchhalter wieder an; mit Eilpferden, wie
er verreis't war. Der Senator wurde geweckt, und stieg zu dem Harrenden
in das Cabinet hinunter. Bei stiller Lampe und fest verriegelter Thüre
wurde die Unterhandlung gepflogen, bis das Morgenroth zu den Oeffnungen
der Fensterladen hereinsah, und die Gassen belebt wurden. Da trat der
Senator allein aus seinem Hause, und schlug den Weg zum Kaufhause ein.
Sein Anzug war in einer Unordnung, wie er ihn noch nie auf der Straße
gezeigt hatte; unverändert so, wie er ihn um die Mitternachtsstunde
umgeworfen hatte; die Schuhe niedergetreten, die Strümpfe hängend, die
Halsbinde locker, und das Haar zerrüttet. Doch war sein Schritt so
hastig, daß er wie im Fluge an den Leuten vorbeischoß, die mit
Lebensmitteln zur Stadt kamen. Am Krahnenhause war Alles noch still und
einsam. Einzelne Schiffer lungerten am Gestade, oder wälzten sich auf
dem Verdeck ihrer Fahrzeuge. Der Senator hielt sich nicht bei den
Grüßenden auf, sondern lief immer stromabwärts, bis er die letzten
Gebäude und Schuppen der Quai's und der Stadt hinter sich hatte, und zu
der Kastanienallee gelangte, welche, auf eine Viertelmeile sich
erstreckend, neben dem Flusse hinlief, zum Spaziergange der Städter
dienend. Steinbänke waren zwischen den Bäumen angebracht, und eine mäßig
hohe Brustwehr von Eisengitter schloß den Platz gegen den Strom zu, der
reißend und tief unter der Balustrade vorüber tobte. Dieser Ort war,
der Kühlung wegen, im hohen Sommer stark besucht; jedoch meistens nur in
den Abendstunden; denn die Aurora verträumen die Müßigen gerne, und
ihren Genuß im Freien verschmähen die Arbeitsamen. So kam es denn, daß
auch am heutigen Tage nur ein einziger Mann auf der Promenade saß, halb
von einem mächtigen Stamme verdeckt, dessen Farbe von dem grauen
Oberrocke des Mannes wenig abstach. Eine Druckschrift lag auf den Knieen
des Einsamen, allein die Aufmerksamkeit, die er auf dieselbe verwendete,
hinderte ihn nicht, den Senator zu gewahren, der herbeieilte, ohne etwas
vor sich zu sehen, als das Ziel seiner Wünsche; der, einige Schritte von
dem Lesenden entfernt, schnell wie der Blitz den Stock wegwarf, mit
_einem_ Satze auf dem Geländer saß, und sich im folgenden Moment in den
Fluß gestürzt haben würde, hätte ihn nicht der herzugekommene kräftig
bei den Schultern gefaßt, und ihn zurückgezogen.
Der Versuch eines feigen Selbstmords duldet keine Zeugen. Der Mann der,
einem großen Zwecke zu genügen, das Leben wegwirft, wird in seiner
Begeisterung den Arm zurückstoßen, der ihn hindern will. Der Schwärmer,
der Wahnsinnige, der gegen sich den Dolch zuckt, wird auf kurze Zeit die
Raserei eines Thieres gegen Denjenigen wenden, der ihm die Waffe
entreißt; der Schwächling aber, oder der Mensch, der einem falschen
Ehrgefühl, seinem Hochmuth, sich zum Opfer schlachten will, verliert
alle Herzhaftigkeit, sieht er sich ertappt; denn er ging auf einen
Frevel aus. Ohnmächtig läßt er den Vorsatz fahren, und die bitterste
Beschämung vergilt den kurzen Rausch eines erzwungenen Heroismus.
Der Senator lag mit geschlossenen Augen und hochathmender Brust in den
Armen des unbekannten Helfers, und ließ sich von ihm, ohne das mindeste
Widerstreben zu äußern, nach der nächsten Bank geleiten. Hier hielt er
sich an den Baum, und schlug beide Hände vor's Gesicht. Nach einem
kurzen Stillschweigen sagte der Andre mit sanfter und wohlklingender
Stimme: »Sie wollten ein voreilig Werk thun, lieber Mann, aber Gott hat
Anderes mit Ihnen im Sinne. Beruhigen Sie sich daher; vergessen Sie, daß
der Teufel Sie in Versuchung führte, und gehen Sie wieder muthvoll an
die Geschäfte, die Ihnen obliegen.«
Der Senator zuckte zusammen, schlug die Augen wild auf, und erwiderte
dem Manne, in dessen ernstem Gesichte ein erfreuliches Mitgefühl zu
lesen war, mit gepreßter Stimme: »Warum haben Sie mich zurückgehalten,
Herr? Jetzt wäre Alles vorbei, und meine Ehre nicht doppelt verloren,
wie es geschehen wird, wenn man in der Stadt erfährt, was ich versucht
habe.«
»Bekümmert Sie das allein?« fragte der Nachbar tröstend: »Beruhigen Sie
sich, wiederhole ich Ihnen. Ich bin ein verschwiegener Mann,
verpflichtet zur Bewahrung der Geheimnisse, die man mir anvertraut, und
werde niemals Ihren Frieden oder den Ihrer Familie durch eine
Unbescheidenheit stören.«
Der Senator sah sich scheu um. »Wahr ist's;« sagte er hierauf: »Wir
sind die einzigen Anwesenden an diesem Orte. Wenn Sie daher schweigen
wollten... Kennen Sie mich?«
»Ich könnte es verneinen, um Sie zu täuschen;« erwiderte der Andere:
»allein ich hasse den unschuldigsten Winkelzug. Sie sind mir bekannt,
Herr Senator; aber wie gesagt, schon mein Stand schützt Sie vor einer
möglichen Indiskretion.«
»Darf ich fragen...?« sagte Müssinger, ihm gespannt in's Auge
blickend. --
»Ich nenne mich Leupold, bin Doctor beider Rechte, und habe seit manchen
Jahren als Sachwalter bei verschiedenen Gerichten fungirt. Ich verstehe
mich auf's Schweigen; um so mehr, als es hier den Ruf eines Mannes gilt,
dessen Haus mein guter Pflegesohn zu besuchen berufen worden ist.«
»Ich entsinne mich,« entgegnete der Senator, nicht unangenehm
überrascht, den neuen Bekannten durch ein gewisses Band des Vertrauens
an sich gefesselt zu sehen: »Wären andre Umstände vorhanden, ich würde
mich Ihrer Bekanntschaft freuen, Herr Doctor. Vergeben Sie mir daher,
wenn ich nicht bin, wie ich sein sollte.«
»Solche Revolutionen gehen nicht leicht ab. Gehen sie nach Hause, Herr
Senator. Ein niederschlagendes Pulver und Ruhe werden Ihre Besonnenheit
am Besten wieder herstellen.«
»Nach Hause? Wo denken Sie hin? Nach Hause, wo ich der Schande entgegen
sehe? Sie haben mich verhindert, im Flusse mein Ende zu suchen. Lassen
Sie mich wenigstens so weit fliehen, als mich meine Füße tragen. Ich bin
ein zu Grunde gerichteter Mann. Ich kann den Spott der Feinde und die
Vorwürfe der Meinen nicht ertragen. Ich will fort, über See!«
Er stand rasch auf, um in dem verstörten Zustande, worinnen er sich
befand, in die Welt zu laufen. Der Doctor hielt ihn zurück. -- »Bedenken
Sie, was sie thun!« sagte er: »Ich kenne nicht Ihr Leid, nicht Ihre
Verhältnisse. Aber die Lage Ihrer Angehörigen wird zehnfach schlimmer,
wenn Sie diesen Schritt thun, und Ihnen folgt die Schande zehnfach. Ich
habe viel erfahren in der Welt. Das Schicksal hat uns auf eine so seltne
Weise zusammengeführt, daß ich mir fast die Freiheit nehmen möchte, mir
ein Recht auf Ihr Vertrauen anzumaßen. Daher...«
»Ist es denn der Mühe werth, Ihnen ein Geheimniß aus dem zu machen, was
binnen drei Tagen die ganze Stadt wissen wird, wissen muß? Herr! mein
Geschäft bricht ein. Der Ultimo kommt heran, ich kann nicht zahlen. Ein
unbarmherziger Gläubiger, der jede Verlängerung ausschlug, kommt
übermorgen selbst hier an, um mich zu verderben. Kaum vermochte mein
Agent mir davon früher Kunde zu bringen. Ich kann ihn nicht befriedigen,
nicht den sechsten Theil seiner Wechselforderung schaffen. Alle Quellen
sind erschöpft; meine Bücher weisen eine geldleere Wüste auf. Der Senat
stößt den Bankerutier aus, und meine Familie in's Elend. Da, da wissen
sie Alles, was ein Kaufmann sonst nur im letzten Augenblick gesteht.
Ermessen Sie meine Lage, und posaunen Sie dieselbe aus, oder schweigen
Sie. Mir ist Alles gleichviel. Lassen Sie mich aber fort. --«
»Wollen Sie in's Verderben rennen, und auf Glück, auf Gott, und
Ihre eigne Männlichkeit nicht vertrauen -- gehen Sie hin!« sprach
mit abstoßendem Tone der Doctor, und wendete sich mißmuthig von dem
Verzagenden. -- Dieser kurze Bescheid brachte indessen den Senator
wieder zu sich. Wir sind häufig in mißlichen Lagen, wie die Kinder,
klagen und jammern immer mehr, je größre Mitklage wir erwecken, und
schweigen plötzlich gefaßt, wenn unser »Zeter« keinen Eindruck mehr
macht. Der Senator sah sich betroffen nach seinem neuen Freunde um.
Sein Fuß wurzelte. Er legte seine Hand auf des grauen Mannes Schulter,
und fragte nach geraumen Schweigen: »Was sagten Sie da? Wem soll ich
vertrauen? Gott? Guter Herr, ich bin kein Pietist, und nicht von
heute. Lassen wir das. Dem Glück? Ich habe mich lange dabei wohl
befunden, allein, wenn _eine_ Stütze bricht, halten auch die andern
nicht lange mehr. Meiner Männlichkeit? Wie meinen Sie das?«
»Der Wille des Menschen vermag viel,« antwortete der Doctor: »In ihm
liegt der Beistand des Höchsten; er regiert das Glück; glauben Sie mir
das. Das Leben ist nun einmal ein Kampf, diese Welt der Fechtplatz.
Wer sich am rüstigsten durchschlägt, gelangt sicher zum Ziel.
Uebelverstandenes Ehrgefühl, -- schlecht ausgelegte Moral sogar, kann
den besten Kämpfer entwaffnen, und zum Spott seiner Gegner machen. Man
behaupte die Bahn, in welche man geworfen ist, und träume sich nicht
in eine andere. Man zittre nicht vor der Gefahr, man trete ihr auf den
Nacken.«
»Ich verstehe Sie nicht,« äußerte der Senator, und ließ sich horchend
neben den Doctor nieder: »ich bin fünfzig Jahre alt geworden, und wenn
ich gleich schon Aehnliches, wie Sie mir da predigen, _gefühlt_ habe,
_gesagt_ hat mir es noch Niemand.«
»Sie haben nur die Handelswelt kennen gelernt,« versetzte achselzuckend
der Doctor: »Ein Beispiel wird Sie jedoch überzeugen. Sehen Sie hier
einen Traktat über die Seeschlacht bei la Hogue, wo Admiral Russel die
französische Flotte vernichtet hat. Diese Schlacht war eine der
außerordentlichsten Begebenheiten der Zeit, und herbeigeführt und
gewonnen unter den widerstrebendsten Conjunkturen. Nicht Wind, nicht
Wetter, nicht das eiserne Joch der Verantwortlichkeit achtend, wurde
geschlagen, wurde gesiegt. Aus dem gefürchteten Verderben trat glänzend
die Victorie hervor. So viel vermag der Wille und die dadurch aufgeregte
Kraft des Menschen. Und, -- merken Sie sich das genau: im bürgerlichen
Leben, wie im Schlachtandrang gilt der Satz: Hilf dir selbst, und Gott
ist mit dir. Stoße _den_ vom Brett, der dich hinunterstoßen will, oder
schweige und ergieb dich verzagt in das verdiente Geschick.« -- »Ich
staune über Ihre Reden, gelehrter Herr,« sagte der Senator, obschon
aufgerichteter als zuvor: »wie aber soll ich sie in =praxi= anwenden?
Dunkel bleiben mir Ihre Worte, oder machen mich zittern, sollte ich Sie
verstehen.« -- Der Doctor lächelte.
»Träumen Sie ja nicht von Gespenstern,« erwiderte er halb im Scherze:
»ich schreibe nur sanfte Mittel vor. Sie führen ja nicht das Bajonnet,
nicht den Commandostab. Nur so viel in Kurzem: Geben Sie nicht feig
Alles verloren. Von Stunde zu Stunde wechselt das Glück seine Häuser,
und schüttet vielleicht in der nächsten den goldenen Regen durch Ihren
Schornstein. Verlarven Sie nicht. Spricht das Unglück von Ihrer Stirne,
so finden Sie keinen Freund mehr, während der Schein der Zuversicht
Ihnen vielleicht in der letzten Minute den thätigsten wirbt. Waffnen Sie
sich wider den Gegner, der sich naht; nicht mit Messer und trotziger
Schmähung, sondern mit dem glatten, überredenden Worte, und der
vielversprechenden Stirne. Freundlichkeit bezwingt den festesten
Vorsatz. Jeder Mensch hat den verwundbaren Fleck. Jeder Mensch ist
eitel. Suchen Sie die Ferse des Achilles. Schmeicheln Sie seiner
Eitelkeit. Der günstige Augenblick einmal benützt, und die Wechsel
werden prolongirt, die Frist ist gewonnen, mit ihr die Hoffnung, und in
der Hoffnung liegen ja alle unsere Reiche. Was möglich ist, kann auch
wahr werden, und das Mißgeschick macht immer wieder der Fortuna Platz.
Hören Sie nie auf, auf sich zu zählen, und auf meine Verschwiegenheit.«
Mit einer anständigen Verbeugung verließ der Doctor den Handelsherrn,
und wandelte nach der Stadt zurück. Müssinger sah ihm verwundert nach,
und dann in sein eignes Innres. Mittel und Wege fand er freilich
darinnen nicht vor, aber ein besserer Muth belebte seinen Geist, und
sein Plan, sich aus der Welt zu schaffen, kam ihm bald wie ein Traum,
bald lächerlich vor. Der prachtvolle Morgen trug das Seinige dazu bei,
den aufgeregten zu beruhigen. Die erste Folge dieser eintretenden Ruhe
war die Sorgfalt, die der Senator darauf verwendete, seinen Anzug
wieder bildlicher und anständiger herzustellen. Alsdann stand er auf,
blickte zum Himmel auf, und murmelte: Wohlan! den Versuch ist ja wohl
die Lehre werth, und im schlimmsten Falle ändert ja der Strom binnen
drei Tagen nicht sein Bett! -- Somit drückte er den Hut in die Augen,
wanderte gravitätisch zur Stadt zurück, und seiner gleichgültigen
Miene hätte Niemand angesehen, wie es vor einer halben Stunde um ihn
gestanden.
»Mein Guter,« sprach er nach einiger Ueberlegung in seinem Cabinette zu
dem Buchhalter: »Es liegt mir daran, daß Ihr Euch von dem Amsterdamer
nicht in meinem Hause finden lasset. Es dient mir zu besserem Stand und
Hinterhalt, wenn ich sagen kann, daß Ihr, auf andern Geschäftstouren
begriffen, noch nicht zu mir heimkehrtet, mir seine Antwort noch nicht
hinterbrachtet. Ihr habt mir nur in einem Briefe gemeldet, daß _er_
selbst kommen würde, sich mit mir in Richtigkeit zu setzen; nichts
weiter, versteht Ihr mich? Ich gewinne durch diese Unwissenheit
Aufschub, und während dessen geht eine neue Quelle auf.« -- »Das gebe
Gott!« seufzte der treue Buchhalter: »wo befiehlt aber mein
hochzuverehrender Herr Prinzipal, daß ich mich hinbegebe?« -- »Ihr mögt
nach Steinstadt reisen,« erwiderte der Senator, »und bei Gericht den
Zwangprozeß gegen unsern saumseligen Schuldner, den Apotheker, eifrig
betreiben und anhängig machen. In einigen Tagen ist das Geschäft
beendigt, zu dem ich einen Diener abfertigen würde, wenn nicht die
Umstände wären, wie sie sind. Damit jedoch Eure Abfertigung ein gewisses
Aufsehen mache, mögt Ihr hier noch zu verbreiten suchen, daß Ihr in
meinem Namen auf die Steinkohlengruben bieten sollt, die der Graf zu
Steinstadt versteigern läßt.«
»In Gottes Namen!« ließ sich der Buchhalter vernehmen, und ging, sich
fertig zu machen. Der Senator stieg indessen hinauf zu seinen
Frauensleuten, und kündigte ihnen an, der Herr van den Höcken von
Amsterdam werde binnen wenigen Tagen eintreffen, und eingeladen werden,
in dem Hause seines Geschäftsfreundes sein Quartier zu nehmen. Deshalb
müsse das beste Gastzimmer in Stand gesetzt, und in Küche und Keller
alles auf den Fuß hergerichtet werden, einen so ehrenwerthen Besuch nach
Gebühr zu empfangen und zu vergnügen. Die Senatorin murrte und maulte
viel über die ungelegene Störung des Hauswesens, gab dann, da sie nichts
an dem Befehl zu ändern vermochte, in aller Gleichgültigkeit Justinen
die Schlüssel zu Haus und Hof und ließ die flinke, bereitwillige Tochter
für Alles sorgen. Sie selbst sah, nach wie vor, ganze Stunden lang
durch's Fenster, schlief, betete ihre Psalmen gedankenlos, und hatte am
Abend, in träger Ruhe unter den Freundinnen sitzend, viel von der Mühe
und Plackerei einer weitläufigen Wirthschaft und unbequemer Gäste zu
erzählen. Die Spiel- und Klatschschwestern säumten nicht, das Erfahrene
und Gehörte in der ganzen Stadt zu verbreiten. Durch Lehrlinge und
Diener und Mäkler ging von der andern Seite das Gerücht von jener
Steinkohlenspekulation um, und der Senator hatte die Freude, auf der
Börse wieder freundliche Gesichter zu sehen, und das Wiederaufkommen
seines Credits zu bemerken. »Van den Höcken wird bei ihm wohnen!«
flüsterten sich Händler und Sensale zu; »er erwartet ihn also mit gutem
Gewissen! Auf die Steinkohlengruben des Grafen läßt er bieten? Sie
müssen baar bezahlt werden, weil die Excellenz das Geld für Spa braucht.
Er florirt also wieder, der Herr Müssinger!« Und: »Ein wackrer Mann!
ein braver Mann!« scholl es nun wieder weit und breit, gerade aus dem
Munde derjenigen, die ihn schon am meisten geschmäht hatten. Die
ruhigern, solidern Kaufleute zuckten indessen die Achseln, schüttelten
die Köpfe, murmelten von Dunst und tauben Nüssen und erwarteten die
Zukunft. Aengstlicher und sehnsüchtiger als sie Alle, erwartete der
Senator die Tage der Entscheidung, und es wurde ihm schwül zu Sinne,
denn schon waren fast zweimal 24 Stunden seit der Unterredung mit dem
Doktor verflossen, und noch hatte sich, außer dem Dunst nichts geändert
in seinen Verhältnissen. Wo er ging und stand, dachte er an
unausbleiblichen Bankerott, und zugleich an die Worte des Doktors, die
wie Metallklänge an sein Ohr schlugen: »Hilf dir selbst, und Gott ist
mit dir. Stoße _den_ vom Brett, der dich hinabstoßen will!« »Kann ich
denn diese harten Reden nicht los werden?« fragte er sich oft, wild an
seine Stirne schlagend, und verschloß sich dann wieder auf
Viertelstunden in den stillsten Winkel seines Hauses.
Unterdessen machte Justine die fleißige Wirthin, und ordnete und putzte
in den Gastzimmern, daß es eine Freude war. James, der vergebens zur
Stunde kam, und den die Mutter schnöde abgefertigt hatte, sah im
Vorübergehen die Thüre der Gaststube zufällig offen, blickte hinein und
grüßte Justine, die auf einem Tische stand, und sich umsonst bemühte,
die schwere Stange des Vorhangs auf die Hacken über dem Fenster zu
bringen. Ihr Gesichtchen war feuerroth vor Zorn, und mit weinerlicher
Stimme rief sie dem Engländer zu: »So kommt doch herein, Monsieur! seit
zehn Minuten rufe ich mir die Kehle rauh, nach den einfältigen dummen
Mägden, die mich hier allein gelassen haben. Noch eine Minute, und ich
hätte die schwere Fahne da, wie sie ist, auf das Getäfel geworfen, und
wenn Spiegel und Marmortisch, und Alles dabei zu Grunde gegangen wäre.
Helft mir!«
»Mit Vergnügen!« betheuerte James, legte den Hut ab, und bereitete
sich, auf den Tisch zu steigen. Justine stampfte ungeduldig mit den
Füßchen. »Mein Gott, wie förmlich!« rief sie, »legt doch um Gottes
Willen Euer englisches Phlegma ab. Ein Anderer wäre mit _einem_
Sprunge schon bei mir gewesen!« -- »Ein wenig Geduld!« ermahnte James
das Mädchen, nahm den armen Vorhang aus dessen Hand und in einem
Augenblicke saß er, wo er sollte. »Besonnen kommt man nicht minder
schnell zum Ziele,« sprach James weiter, und reichte Justinen die
Hände, sie vom Tische zu heben. Sie bedachte sich eine Weile, wollte
ihr böses Gesicht beibehalten, das schelmische Lächeln drang aber durch
das Gewitter, und wie ein Zephyr flog sie an des Jünglings Armen zur
Erde. »Ihr seid ein possirlicher Mensch!« sagte sie, ihm neckend in
die Augen sehend: »so oft ich Euch die Wahrheit sage, spielt Ihr den
Gekränkten, und gebt eine Sentenz zum Besten. Gewöhnt Euch das ab,
Monsieur. Ihr seid ja kein Kandidat, der blöde thun muß, um's liebe
Brod. Was ein vorwitziges Mädchen sagt, muß den Vernünftigen nicht
kümmern.«
»Menschen, die mir gleichgültig sind, kümmern mich auch nicht,«
antwortete James, der noch nicht alle Bitterkeit besiegen konnte.
Justine blickte ihn rasch und gleich wie strafend an, verzog dann
fröhlich lächelnd den Mund, und drehte sich, schnell wie der Wind, im
Kreise um.
»Seht aber doch, wie schön ich Alles hier eingerichtet habe!« rief sie,
sich dreimal gegen den Spiegel verbeugend, und lustig in die Hände
klatschend: »Ich wette darauf, die Königin Ulricke hat keine schönere
Wohnung.« --
»Die Freude, die Sie an Ihrem eigenen Werke haben,« entgegnete James
scherzend, »brächte mich beinahe auf die Vermuthung, diese Zimmer seien
für Ihren Verlobten eingerichtet.«
»Ach Gott, nein!« versetzte Justine, indem Sie die Hände in spaßhafter
Klage zusammenschlug; »Herr Birsher wohnt leider nicht an der Ecke, um
so geschwinde seinen Besuch abstatten zu können. Vor der Hand wird nur
ein alter steifer Holländer, der Herr van den Höcken hier sein Quartier
nehmen. Der beste Freund meines Vaters: sie haben sich aber in ihrem
Leben noch nicht gesehen. Der liebenswürdigste Mann: wir wissen aber
noch nicht das Geringste davon. Seht Euch das Zimmer noch einmal recht
an, und lobt meinen Geschmack. In _diesem_ Zustande seht Ihr es nicht
mehr wieder!«
»Wie so?«
»Herr van den Höcken wird schon alle meine Bemühungen zu Schanden
machen. Diese weißen Vorhänge wird der Rauch seiner Pfeife schwärzen,
all' diese Ordnung seine plumpe Hand zerstören. Ach, die Männer sind ja
nur dazu vorhanden, der Weiber zierliche Schöpfung zu verunglimpfen.«
»Wie kommen _Sie_ jetzt zu der Sentenz?«
»Das Medaillon an jenem Vorhang, den Ihr, Monsieur befestigt habt,
bringt mich zu der Beschwerde. Es steht schief und baufällig. Schade
dennoch um das arme Bild.«
»Warum befehlen Sie nicht?« fragte James lebhaft, sprang abermals auf
den Tisch, und richtete das vergoldete Prunkstück nach der Regel auf.
Justine verneigte sich steif. »Monsieur!« sagte sie, »ich bin mit Euch
zufrieden. Wie kömmt's, daß Ihr jetzt lebendiger werdet?«
»Ich _strebe_ nach Ihrer Zufriedenheit, Mademoiselle,« entgegnete James
verbindlich. -- »Das gefällt mir,« sprach Justine ernsthaft wie eine
Königin. »Ihr möget aber wissen, daß ich nicht genügsam in meinen
Forderungen bin.«
»Und doch würde ich eine _jede_ erfüllen!« versicherte James nicht
minder ernsthaft. »Jede?« fragte Justine noch ernsthafter: »Besinnt
Euch, Monsieur. Ich lasse nicht mit mir scherzen.«
»Auch scherze ich nicht,« schloß James fest und bestimmt.
»So wolltet Ihr also auch, wenn ich es verlange, den einfältigen
Lauscher über die Treppe werfen, der schon seit einer Minute den Kopf in
die Thüre steckt, und nicht ahnt, daß ich im Spiegel seine Ohren sehe?«
James sah sich verwundert um, und gewahrte Nothhafts Kopf, ein albernes
ertapptes Fuchsgesicht, aus dessen Munde stammelnd die Worte kamen: »Mit
Permiß, hochgeehrte Jungfer! Ich suche nur Ihren Herrn Vater!«
»Mit Permiß,« antwortete Justine verächtlich: »Er ist ein erbärmlicher
Pinsel, dem mein Herr Vater für seine Horcherei den Kopf zurecht setzen
soll. Führ' Er sich ab, und such' Er anderswo.«
Nothhaft verschwand mit leisen Verwünschungen. Justine lachte herzlich,
theils über den Diener, theils über James, der, wie aus einem Himmel
gefallen, vor ihr stand.
»Sagen Sie, wunderliche Fee!« sprach er: »Wie soll ich Sie nennen? Sie
wechseln die Farbe wie ein Demant. Schon glaubte ich auserkohren zu
sein, Ihnen einen wichtigen Dienst leisten, Ihren Beifall erwerben zu
können, und plötzlich löst sich Alles in einen Scherz auf.«
»Gesteht es nur, Monsieur!« erwiderte hierauf Justine: »Ihr seid eitel.
Ich bin es aber nicht weniger. Ihr könntet ein Franzose sein. Mein Ernst
ist jedoch nicht _immer_ Scherz.«
Die Gutmüthigkeit, die sich in Justinens Rede kund gab, machte dem
Jüngling Muth, nach ihrer Deutung zu fragen, allein Müssinger's
Dazwischenkunft setzte seiner Neugier unübersteigliche Schranken.
Der Senator trat heftig ein, und rief mit auffallender Sorglichkeit:
»Ist alles fertig, Justine? Alles hergerichtet und geordnet?« Auf die
Bejahung fuhr er fort, ohne auf James zu achten: »Brav, schön, meine
Tochter. Zur besten Zeit, mein Kind. Er ist angekommen. Van den Höcken
ist da. Der Kellerbursche aus dem römischen Kaiser hat mir's so eben
gesteckt. Allein gekommen, ohne Bedienung. Man kann den Mann nicht im
Gasthause lassen. Ich gehe selbst zu ihm. Sage mir, bin ich angezogen,
wie sich's gebührt? Fällt die Perücke gut? Sitzen die Strümpfe und
Kniebänder? Hängt der Degen recht, wie er soll? Wie findest du den
Busenstreif?«
»Schön und wohlanständig wie alles Uebrige, lieber Vater,« antwortete
Justine, ein feines Lächeln kaum bemeisternd: »Sie sind jedoch in einer
Unruhe befangen, die mir auffällt. Sie haben ja nicht vor den Kaiser zu
treten, sondern vor einen Kaufmann, der nicht mehr, nicht weniger ist,
als Sie selbst, und obendrein Ihr Handelsfreund!«
»Ach ja!« versetzte der Senator mit ängstlichem Athemzuge: »ach ja! das
ist er, aber die Schicklichkeit, die Mores, ... und dann meine Pflicht,
... und worauf es ankömmt! Liebe Justine, erhebe deine Seele zum Gebet!
... Deine Mutter ist Eis, ... du aber mein Kind halte den Daumen für
mich! hörst du? bringe mir Glück! freilich darfst du nicht wissen, ...
aber ... wie gesagt ... Adieu!«
Schon war er jenseits der Schwelle. Die Herzensangst, die unverkennbar
aus ihm sprach, machte Justine sehr nachdenklich. Sie stützte sich auf
den Tisch, und blickte sinnend auf die Straße. Nach einigen Augenblicken
des Nachdenkens drehte sie sich kopfschüttelnd um, um zu gehen.
»Wie? Ihr seid noch da, Monsieur White?« fragte sie, wie erstaunt den
jungen Mann zu sehen, der sie mit verschränkten Armen und theilnehmend
betrachtete. »Könnt Ihr mir nicht sagen, was der Auftritt so eben
bedeutete?« setzte sie gezwungen lächelnd hinzu.
»Die Mächte, die uns leiten, warnen oft den Glücklichen, daß er sich auf
Unheil gefaßt mache,« entgegnete schonend und vorbereitend der Jüngling.
»So?« fragte Justine wieder mit durchdringendem Blicke: »Euch steht's
jedoch schlecht an, den Unglückspropheten allein hier spielen zu wollen.
Was berechtigt euch dazu? gewiß nur meine Nachsicht, die Euch zu solcher
mißbrauchten Vertraulichkeit den Muth giebt. -- Außer der Lehrstunde bin
ich nicht für Euch zu Hause.«
James Gefühl wallte über. »Nach Befehl,« entgegnete er kaum hörbar,
»hätte ich geahnt, daß Sie auf Ihre Frage nur ein stummes Achselzucken
wünschen, und nicht ein freundlich offen Wort, so hätte ich mir die
Beleidigung, Ihnen die Reue erspart.«
Er entfernte sich schnell. Schon war Justine im Begriff, bereits von dem
innern Vorwurfe gequält, ihn zurückzurufen; schon hob sich ihr Fuß, ihm
nachzueilen, aber Stimme und Bewegung bezwang sie im stolzen
Selbstgefühle. »Ein unerträglicher Mensch!« eiferte sie vor sich hin:
»Was er sich erlaubt! Ist das nicht der Ton, den ein Vater gegen seine
Tochter annimmt? Gelte ich ihm denn nicht für _voll_? Bin ich denn ein
Kind, das sich Alles gefallen lassen muß?« Ein schneller Blick in den
Spiegel belehrte sie zur Genüge, daß sie kein Kind mehr war, sondern
eine Jungfrau in der schönsten Blüthe des Alters. Wohlgefällig ordnete
sie die Spitzen, die ihren Busen zart und schwach verhüllten, die
Schärpe um das enge pralle Mieder, die Falte ihres seidenen Gewandes,
und ging einigemal vor dem Spiegel auf und ab. »Wahrlich!« sprach sie
alsdann mit verklärtem Angesichte: »Herr Birsher wird nicht die
häßlichste Braut aus Europa entführen. Wenn er nur auch recht hübsch
ist, und wohlgewachsen, und prächtig und sauber im Aeußern! Wie werden
sich die Jungfern ärgern und die Frauen, wenn ich in aller Herrlichkeit
mit ihm abziehe! Wie werde ich dagegen jubeln, wenn ich aus diesem Hause
scheide, wo mich die Mutter nicht liebt, nicht haßt und nur für ihre
Kammerjungfer ansieht, wo der Vater von Tag zu Tag wunderlicher wird.
Wahrhaftig, noch einmal ein Auftritt wie der vorige, und mir würde bange
um seinen Verstand!«
So eben ließen sich Stimmen in der Hausflur vernehmen, und gewichtige
Schritte kamen über die Treppe herauf. Erschreckt flog Justine aus dem
Zimmer, und bewillkommte sehr verlegen einen sehr dicken schweren Mann,
der an der Hand des Senators, in Reisekleider gehüllt, emporkeuchte. Ein
Lastträger folgte mit einem gewichtigen Koffer auf der Schulter. Das
ganze Comptoirpersonale lauschte unten mit vorgestreckten Hälsen.
»Der sehr achtbare Herr und Freund van den Höcken aus Amsterdam,« sprach
der Vater geschäftig zu Justine, und zupfte sie, einen sehr tiefen Knix
zu machen. Der Holländer versuchte seinerseits eine Verbeugung, sah
Justine starr aber freundlich an, blinzelte mit den kleinen Augen. »Ein
hübsches Kind, die Jungfer Tochter,« sagte er noch halb athemlos: »ein
recht hübsches Kind, eine lockende Eva! es ist charmant, Ew. Edeln, daß
ich dem römischen Kaiser Valet gesagt habe, um hier in die Arme einer
griechischen Helena zu sinken.«
»Ei, der Himmel bewahre mich in Gnaden!« platzte Justine heraus, und
floh vor den ausgestreckten Armen des Fremdlings nach der Mutter Zimmer.
Van den Höcken lachte ungemessen, und wehrte dem Senator ab, der
Justinen nacheilen wollte.
»Lassen Ew. Edeln das wilde Jüngferlein immerhin springen und laufen,«
sagte er fortlachend, »der Wein muß brausen, das Bier schäumen. Am Ende
gibt es noch den solidesten Trank. Ich bin der Jungfer schon recht
zugethan, und denke, _sie_ soll mir es auch werden. Alte Hagestolze wie
ich, haben das Geheimniß endlich weg, wie man das Frauenzimmer kirre
macht. Für's Erste jedoch,« setzte er hinzu, »weisen Sie mir mein Zimmer
an, und entschuldigen Sie mich bei Ihrer lieben Frau. Zum Thee komme ich
herüber. Meine müden Beine müssen bis dahin ausrasten.«
Der Senator stieß dienstfertig die Thüre auf, und van den Höcken
betrachtete mit Wohlgefallen sein Quartier. »Ew. Edeln haben mich wie
einen Cogreßambassadeur logirt,« schmunzelte er, »Item, unsere
persönliche Bekanntschaft hebt vollkommen gut an; wünsche nur, daß auch
in =saeteris= alles gut ablaufe, mein bester Herr.«
Der Senator wollte den Augenblick benutzen. Er stellte sich daher vor
den im Lehnstuhle ruhenden Gast, und begann zu erzählen von dem
Buchhalter, der nicht zugegen, von dessen oberflächlichem Brief, von der
Freude, die er empfinde, den Handelsfreund zu bewirthen, von den bösen
Zeiten und den Wagnissen eines Spekulanten, und besonders von der
Nothwendigkeit, sich als Christen gegenseitig zu unterstützen, und zu
schonen. Als er jedoch bis zu diesem Punkte gekommen war, faltete der
Gast seine Stirne mächtig, bewegte mißbilligend den Kopf, und entgegnete
ziemlich unfreundlich: »Geschätzter Herr Senator! Dergleichen
Betrachtungen schicken sich wenig in der ersten Bewillkommnungsstunde.
Was jedoch die Spekulanten betrifft, und die christliche Moral, so
sollen Erstere nicht weiter fliegen wollen, als die Federn reichen, und
Letztere nicht begehren, daß Einer, um dem Andern durch die Finger zu
sehen, sich selber ruinire. Sie werden mich begreifen, obgleich ich
nicht das beste Deutsch rede. Im Holländischen könnte ich mich freilich
besser ausdrücken. Uebrigens lassen wir dergleichen Erörterungen auf
morgen. Meine Maxime ist: zuerst ruhen, dann arbeiten. Morgen nach dem
Frühstück von Geschäften. Meine Wechsel sind in aller Ordnung. Halten
Sie nur das Ihrige in Bereitschaft.«
Der Senator war wie von kaltem Wasser übergossen. -- »Ew. Edeln
vergessen,« stotterte er, »daß meines Buchhalters Abwesenheit......«
»Doch keinen Aufschub macht?« unterbrach ihn van den Höcken, herzlich
lachend. »Warum nicht gar! Ein exakter Kaufmann, wie Sie, weiß die
Zahltermine auch ohne den Buchführer. Respekttage habe ich in Hülle und
Fülle gelassen, und aufhalten kann ich mich nicht länger als zwei Tage.
Also haben Ew. Edeln die Güte, sich nicht länger zu sträuben. Ich weiß
es; große Summen gehen schwer vom Herzen; mir selbst nicht minder;
allein was sein muß......, nun, Sie sind ja ein Ehrenmann, und somit
heute kein Wort mehr hievon.«
Müssinger empfahl sich mit verstecktem Mißvergnügen, und ging bis zur
Dämmerung heftig auf dem Altan des Hauses hin und her, um sich die
gehörige Fassung zuzuwenden, deren er, seinem Gaste gegenüber, bedurfte.
Plötzlich blieb er stehen, und sagte vor sich hin: »Bin ich denn nicht
ein blödsinniger Mensch, daß ich noch hoffe, und kann diese Hoffnung mit
nichts in der Welt rechtfertigen? Was soll mir eine leere gespenstige
Erwartung? Warum habe ich nicht auf der Stelle dem hartnäckigen Manne
gesagt, was er morgen dennoch erfahren muß? daß es weit ärger mit mir
steht, als selbst mein Buchhalter ihm gesagt, dessen vergebliche
Bemühungen er nur für die Flausen eines Mannes, der nicht zahlen _will_,
zu halten scheint. Ich muß mich demüthigen vor ihm, wie nicht vor einem
Kaiser, und nur von seiner Barmherzigkeit Rettung erwarten! Ein saurer
Schritt, -- der sauerste meines Lebens! ist er aber vergebens, auch mein
Letzter, so wahr mir Gott gnädig ist. Vor des Holländers Augen
zerschmettre ich mir den Kopf!«
Von diesem Gedanken erfüllt, stieg er hinab in sein Cabinet, lud mit
der Entschlossenheit der abgestumpften Verzweiflung seine großen
Reisepistolen, und legte sie, unfern von seinem Drehstuhle, in ein
verstecktes Fach des Schreibtisches. Hierauf schloß er sorgfältig zu,
gab den Comptoirbedienten für den _ganzen_ folgenden Tag -- einen
Sonntag -- freien Urlaub, und verfügte sich in die Wohnstube, wo
er seine Frau, ihre Freundinnen, Justine und van den Höcken schon
beisammen fand. Der Thee wurde nach holländischer Sitte herumgereicht.
Der Gast setzte sein größtes Vergnügen darein, sich von der Tochter
bedienen zu lassen, und durch mehrere Scherze, wie sie alte
Herren seines Schlags sich oft zu erlauben pflegen, die Röthe der
Jungfräulichkeit auf ihre Wangen zu jagen.
»Das wäre ein Mädchen,« sagte er unter Andern, »das wieder Leben in mein
verödetes Hauswesen bringen könnte, wenn ich einen Sohn hätte, oder wenn
die Jungfer mich selbst zum Manne nehmen wollte. Unsre steifen
Amsterdamer Puppen müßten sich verstecken vor der muntern Frau van den
Höcken. Wahrhaftig, Ew. Edeln: -- seh' ich die Jungfer an, so wird mir's
wohl begreiflich, wie sie _ihre_ Tochter sein kann; aber die bequeme
Madam dort im Kanape würde nicht jeder für _ihre_ Mutter halten.«
»Hm!« dehnte die Senatorin etwas empfindlich, »Ew. Edeln und meine
Wenigkeit stellten dafür ein passenderes Paar vor.«
»Wahrhaftig!« lachte van den Höcken ausgelassen. »Sie haben recht, meine
Werthgeschätzte, und ich würde auch des Schicksals Wink nicht unbeachtet
lassen, hätte es dem Himmel gefallen, sie in ledigem Stande vor meine
Augen und Gemüth zu führen. Wie die Sachen aber jetzo stehen, werde ich
mich schon an die Jungfer Tochter halten müssen.«
»Bitte sehr!« lächelte Justine schnippisch, und zog ihre Hand aus der
Rechten des Holländers. Die geneigte Mama setzte indessen phlegmatisch
bei: »Inkommodire sich der Herr nicht. Meine Tochter ist versprochen,
sie wird eine Birsher in New-York.«
»Oho!« entgegnete van den Höcken. »Mit dem Birsher nehm ich's auch noch
auf. Bin ich nicht so jung wie der Sohn, bin ich doch reicher als der
Vater, und der Weg nach Amsterdam ist um ein gutes Stück näher, als der
nach Amerika.«
»Danke gar sehr, lieber Herr!« spöttelte Justine. -- Die Mutter nickte
ihr den völligsten Beifall zu. Der Vater ließ sich vertraulich neben
dem Holländer nieder, und sagte, als die Frauen sich wieder alle um
die Theekanne und Butterschnitten drängten, so süß als möglich: »Ew.
Edeln haben eine unvergleichliche Gabe, zu scherzen. Ein Anderer hätte
glauben können, Sie hätten in der That ein Auge auf unser Kind.«
»Das habe ich auch,« bekräftigte van den Höcken. »Ich bin der
schnippischen Jungfer seelengut, und möchte sie für mein Leben gern in
_meinem_ Bauerchen haben.« --
»Ha!« versetzte der Senator, vor dessen Seele allerlei Hoffnungen und
Plane wieder aufdämmerten: »Wir waren ja bisher, ohne uns zu kennen, so
gute Freunde, achtbarer Herr...«
Er stockte, _ein_ Auge sah verlegen auf den zitternden Busenstreif, das
Andere auf den Holländer, der, seine Pfeife kaltblütig anbrennend,
langsam zu ihm sagte: »Nun? und weiter? Drücken Ew. Edeln ab! Nun?«
»Ich meinte nur,« fuhr der Senator, seine Schmiegsamkeit mit
ungeduldiger Ruhe behauptend, fort, -- »daß ich Ihnen nicht leicht ein
Ansuchen fehl gehen lassen möchte, wenn dessen Erfüllung in meiner Macht
stände.«
»Versteh ich Sie?« fragte van den Höcken heimlicher: »Vielleicht auch
nicht das Ansuchen um die Jungfer Tochter?« --
»Ihr Scharfsinn, werther Herr, ...« begann der Senator. --
»Bitte! keine Complimente!« fiel der Holländer ein. »Der Birsher steht
aber im Wege. Wie könnte man _den_ wegschaffen?«
»I nun,« flüsterte Müssinger, »man müßte sehen, wie sich etwa die
Gelegenheit darböte...«
»Ein ehrliches Mannswort zu brechen?« sagte van den Höcken ernst, und
mit Vorwurf: »ein kaufmännisches Versprechen ist heilig wie ein Eid. Es
muß gehalten werden, wenn auch eine Gelegenheit sich darböte ... lieber
Mann, und ein noch zehnmal reicherer Freier als van den Höcken von
Amsterdam, der Ihnen nur um der lieblichen Tochter willen den niedrigen
Charakterzug vergibt --«
»Mein werther Herr,« wollte der Senator auffahren. Der Gast hielt ihn
jedoch im Zaume, indem er ihm zuflüsterte: »Machen Sie doch Ihren
Schritt nicht vor Ihrer Familie und den Fremden offenbar. Schämen Sie
sich im Stillen vor mir allein, und wundern Sie sich nicht, wenn ein
ehrlicher Mann zögert, Ihnen Credit zu geben, da Ihre feierlichen
Zusagen Ihnen feil geworden sind.«
Den Rücken des Senators überlief es wie mit tausend Nadelspitzen.
Kurz und trotzig, um den Herrn von Amsterdam seine Beschämung nicht
sehen zu lassen, wendete er sich von ihm, und vergaß die Pflichten
des Hausherrn. Van den Höcken übersah ihm den Ingrimm, und mischte
sich in ein Gesellschaftsspiel, das die Frauen beliebt hatten. Hier
entfaltete er bald eine Fröhlichkeit, die man ihm nicht angesehen
hatte, eine Freigebigkeit, die den Spielerinnen nicht mißfiel, und
eine Gutmüthigkeit, die ihm Justinens Herz geneigter machte. Er zog es
auffallend vor, sich mit dem muntern Mädchen zu unterhalten, gab sich
viele Mühe, es an sich zu fesseln. Der Senator sah mit schwankenden
Hoffnungen und vieler Reue dieser feinen Bewerbung zu, bis die zehnte
Stunde schlug, und die Schicklichkeit gebot, den Gast nach seinem
Zimmer zu geleiten, und die Frauen allein zu lassen. Verbindlich und
gefällig wünschte van den Höcken allerseits gute Nacht, und begehrte
scherzend von Justinen den Verlobungskuß. Die Jungfer verweigerte sich
lachend. Van den Höcken hatte sich's vorgenommen, die süße Frucht nicht
unberührt zu lassen. -- »Will Sie mich nicht qua Bräutigam küssen,
spröde Jungfer,« sagte er lachend, »so erlaube Sie mir doch wenigstens,
Sie =qua= Papa zu küssen. Ich könnte es ja doch sein, denke ich; he? --«
»Gute Nacht, Herr Vater!« antwortete dem Scherze nachgebend und munter
das lustige Mädchen, und bot ihm Stirne und Wange zum Kuß. Van den
Höcken zauderte nicht, von der Erlaubniß Gebrauch zu machen, und
verließ, glänzend und strahlend von Vergnügen das Zimmer. Der Herr vom
Hause, von widrigen Gefühlen bewegt, ging, den vergoldeten Armleuchter
in der Hand, zum Gastzimmer hinaus. Beide Männer schwiegen ernsthaft.
Der Senator öffnete mit eignen Händen die grünen Damastvorhänge des
Alkovens, schloß die Fenster, zeigte stumm auf alle Bequemlichkeiten der
Wohnung, und wollte sich mit einem trocknen: »Schlafen Ew. Edeln wohl!«
abführen. Van den Höcken redete ihn darauf an.
»Wollen wir denn im Groll scheiden, werther Herr und Gastfreund?« sagte
er: »Lassen Sie uns Friede machen. Ich habe Ihnen meine Meinung gesagt,
und Sie haben bereut; somit gut. Wollen Sie bedenken, daß Feindseligkeit
nichts taugt. Sie haben mich selber in Ihr Haus geladen, und
vertrauensvoll hab ich's angenommen. Sein Sie auch freundlich in dem
gastfreundlichen Hause. Bei Gott, ich bin es auch wieder.«
Der Senator konnte zwar die dargebotene Rechte des Kaufmanns nicht
ausschlagen, aber gefangen geben mochte sich sein Stolz auch nicht.
Steif verbeugte er sich daher und erwiderte: »Ew. Edeln wollen scherzen.
Ich habe Alles vergessen, und bitte um dieselbe Vergünstigung. Wann
befehlen Sie morgen geweckt zu werden?«
»Ich incommodire nicht,« versetzte van den Höcken, ziemlich unbefriedigt
von des Senators Rede: »mein übergesegneter Körperumfang weckt mich
frühzeitig, duldet mich nicht im Bette. Um acht Uhr wünsche ich mit dem
Frühstück bedacht zu werden, damit wir um Neun an unser Geschäft gehen
können.«
»Sehr wohl,« entgegnete Müssinger eiskalt; »Alles soll geschehen, wie
Sie es anordnen. Gute Nacht!« --
Van den Höcken legte sich zu Bette: aber der Senator fand in seiner
Stube keine Ruhe. Einmal sogar verließ er dieselbe, das Licht in der
Hand, und schlich in leisen Pantoffeln bis zu der Schlafkammer seiner
Tochter. Schon hatte er den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, aber scheu
trat er wieder zurück, suchte er wieder seine Stube. -- Warum das
Mädchen in das Geheimniß ziehen? sagte er mißbilligend zu sich selbst:
Wird nicht ihr Eigensinn oder ihre Angst mich verderben? Es ist nicht
gut, wenn der Vater die Rettung seiner Habe in schwache Kinderhände
legt. Im Alter folgt der Vorwurf hinterdrein, oder auf der Stelle
mißlingt der Plan. In welchem Lichte stünde ich vor dem holländischen
Herrn! Könnte er's dann nicht mit Händen greifen, daß ich ihn nur in's
Haus gelockt, um ihn zu kirren; daß ich auf gewisse Art der Kuppler
meiner Tochter...? Pfui, Müssinger. Diese Blöße wäre unverzeihlicher,
als die, welche deine Schwäche und deine fürchterliche Bedrängniß
gaben. Fasse Muth, unglücklicher Mann! Trinke den bittern Kelch aus,
wie du es dir vorgenommen. Ist der Holländer, seiner Pünktlichkeit und
Hartnäckigkeit zum Trotz, ein Mann von Gefühl, wie ich beinahe nach
seinen Reden vor dem Schlafengehen glauben möchte, so wird ihn die
treue Schilderung meiner Lage rühren; wo nicht ... in Gottes Namen!
Mit einem schweren Seufzer löschte der Senator sein Licht, und gab sich
einem wilden Traumgewirre hin, das den von Schlafstörungen und Grübeln
Erschöpften endlich gegen Morgen umfing. Van den Höcken hatte schon
einigemal nach ihm gefragt, als er erwachte. Wie ein, seiner Sinne nicht
klar bewußter Mann, ließ er sich von dem eintretenden Bedienten die
Haare ordnen, zog sich nicht allzu sorgfältig an, und begab sich unter
dem ersten Geläute der Kirchenglocken zu den Seinigen. Die Senatorin
stand schon, geschmückt und mit Putz trotz einer Markgräfin überladen,
in der Mitte des Zimmers. Justine trat mit Blumensträußen und
Gesangbüchern versehen, ebenfalls im Staate von =Cros de Tours=, herein.
Die Senatorin nannte mit ihrer gewohnten Schläfrigkeit in Ton und Wesen,
ihren Mann einen trägen Langschläfer, der sein Frühstück allein, oder
mit seinem galanten Freunde aus Holland verzehren könne. Justinens
Scharfblick errieth jedoch weit gelehriger, daß in dem Vater immer noch
das ungewöhnliche Treiben wühle, das sie schon in den verflossenen Tagen
bemerkt hatte. Von der Freundlichkeit ihres Grußes wohlthuend angeregt,
wurde der Senator milder, und sagte fast liebevoll zu seiner Ehefrau:
»Liebe Jacobine! Ich muß dich heute freilich allein in die Kirche gehen
lassen, weil mich ein Geschäft zu Hause hält. Aber gerade deshalb bete
_du_ für mich, und denke meiner einmal im Guten gegen den
Schöpfer.« -- »Faselt er nicht schon wieder?« fragte die Senatorin,
spöttisch zu Justine gewendet: »Bete ein Jeder für sich, und erhalte der
Herr jedem den Verstand. Wenn ich den Doctor in der Kirche sehen sollte,
will ich nicht versäumen, ihn zu dir zu schicken. Ein Aderlaß ist dir
wahrlich nöthig, denn richtig scheint mir's seit einiger Zeit
nicht mehr in deinem Kopfe zu sein.«
Der Senator hob, statt der Antwort, beide Arme heftig gen Himmel, und
wendete sich von dem Weibe. -- »Ich will mich nicht erzürnen,« sagte er
mit gewaltsam unterdrücktem Unmuth: »es möchte vielleicht gut sein, daß
wir gerade _jetzt_ nicht im Hader scheiden. Darum gehe recht geschwinde,
Jacobine, und leb' wohl!«
»Der Mann wird sich noch durch seine Galle umbringen!« versetzte die
Senatorin gleichgültig, füllte sich den Mund mit getrockneten Feigen,
und rauschte in ihrem weiten Stoffkleide vornehm zur Thüre hinaus.
Justine blieb hinter ihr zurück, kam auf den Vater zu, und sagte
mitleidig: »Sprechen Sie lieber Vater, ob ich bei Ihnen bleiben soll?
Sie scheinen mir in der That krank zu sein.« -- »Geh', mein Kind,«
entgegnete Müssinger: »du erzürnst deine Mutter.« -- »Ich fürchte ihren
Zorn nicht,« versicherte Justine gleichmüthig; allein da der Senator
darauf bestand, zu bleiben, um seinen Geschäften zu genügen, folgte sie,
wiewohl besorgt, der Mutter in die Kirche. Die Glocken schlugen ringsum
die neunte Stunde, und Müssinger klopfte an van den Höcken's Thüre. Der
Gast, erhitzt von der Pein einer fast schlaflosen Nacht, empfing ihn
nicht in der besten Laune, und schien geneigt zu sein, das unangenehme
Geschäft zu verschieben. Der Senator jedoch, dem es wie ein Fels auf der
Brust lag, der um jeden Preis der Qual fernerer Ungewißheit enthoben
sein wollte, drang, wiewohl bescheiden, dennoch so bestimmt auf der
Arbeit Beginnen, daß van den Höcken endlich mit den Worten: »Sieh, wie
sich das machte! Gestern so säumig, heute ohne Rast und Weile!« den Rock
überwarf, seine Brieftasche aus dem wohlverschlossenen Koffer nahm, und
dem Hausherrn nach der Schreibstube folgte.
»Der Tag ist recht günstig,« sagte er, da sie durch das leere Comptoir
nach dem Cabinette schritten: »die Diener sind vermuthlich alle im
Gottesdienste. Da läßt sich das Geschäft rund abmachen, und bei den
Zahlungen liebe ich sonderlich keine Zeugen.«
»Ich auch nicht,« entgegnete der Senator zähneklappernd; zog den Laden
des Hoffensters auf, und bot dem Fremden einen Stuhl. Van den Höcken
machte sich mit dem Schlosse des Portefeuille zu schaffen; Müssinger
blätterte mit zitternder Hand in dem Hauptbuche. Nachdem endlich
der Holländer eine ziemliche Partie von Wechseln geordnet, und die
Brieftasche wieder zugemacht hatte, sah er mit fragenden Blicken auf
den unruhigen Schuldner. Der Letztere bemerkte es, und sagte mit kaum
hörbarer Stimme: »Es wird Alles bald abgethan sein, werther Herr. Hier
-- sehen Sie im Buche, was ich Ihnen soll; und in meiner Cassa, was ich
habe!«
Er stieß mit dem Fuße den Deckel der Geldkiste auf; sie war beinahe
leer. -- Van den Höckens Gesicht verfinsterte sich ungemein. »Was soll
das, Herr?« fragte er scharf. -- »Ich bin jetzt schon ein vornehm
thuender Bettler,« versetzte Müssinger: »Gewährt mir Ihr Mitleid nicht
Jahresfrist, so stehe ich auch am Pranger.« -- »Sie haben es durch
Ihre unmäßige Spekulationswuth verschuldet,« fuhr van den Höcken mit
strengem Verweise fort: »Ihre Firma schien nur solid, und war eine
Seifenblase, um Andere sichere Creditoren zu täuschen.« --
»Herr!« sprach der Senator mit mühsamer Fassung und Unterwürfigkeit:
»Sein Sie nicht ungerecht; Ihre Menschlichkeit, ... mein Unglück...!«
»Pah!« eiferte der Gläubiger: »jeder Verschwender schützt Unglück vor,
und appellirt an weiche Herzen. Ein Kaufmann muß ein steinhartes Herz
besitzen, soll er nicht selbst zu Grunde gehen. Und wer steht mir denn
am Ende dafür, daß diese ganze Wehklage nicht eine bloße Komödie sei,
und in einen fraudulösen Bankerott ausgehen werde, weil sich gerade die
_Gelegenheit_ darbietet...«
»Herr! nehmen Sie den Schimpf zurück!« fuhr ihm der Senator wüthend in
die Rede.
»Was da!« brummte van den Höcken wild entgegen: »Dero gestrige
Proposition darf wohl auf den Gedanken führen; und kurz und gut:
die leere Geldkiste befriedigt mich nicht. Hier in meiner Hand sind
Ihre Wechsel. Sehen Sie dieselben an, und lernen Sie mich kennen!
Ich bin nicht umsonst den weiten Weg hierher gereist; ich will nicht
vergebens...«
»Wohlan,« unterbrach ihn der verzweifelnde Schuldner: »Da doch nichts
Ihr Menschengefühl erregen kann! Wohlan! Sie sollen Ihren Willen haben.
Diese Wechsel kenne ich, und Sie sollen nicht umsonst sich bemüht haben.
Sehen sollen Sie, wie ich meine Rechnung schließe!«
Mit der einen Hand stieß er die Wechselpapiere von sich, die ihm van den
Höcken vorhielt, mit der andern zog er eine von den Pistolen aus dem
Fache des Schreibtisches.
Bei dieser unverhofften drohenden Bewegung entsetzte sich van den Höcken
zum Tode. »Herr! Sie wollen doch nicht...« lallte er, vom Stuhle
auffahrend.
* * * * *
Nothhaft, der Comptorist, hatte die Kirche umgangen, seine Zeit in einer
versteckten Spielstube zugebracht, und kehrte, nach manchem Verluste,
nach Hause zurück, um seine letzten Thaler zu sich zu stecken, und auf's
Neue sein Glück zu versuchen. Zweimal hatte er schon an der
verschlossenen Hausthüre geklingelt, niemand ihm aufgethan. Die
haushütende Magd hielt am Dachfenster des Hintergebäudes eine gewichtige
Unterredung mit der Dienerin im Nachbarhause. Der Knecht war auswärts zu
seinem Schätzchen geschlichen. Demnach brannte dem lockern Kaufdiener
die Ungeduld auf den Nägeln, und, als nehme er sich vor, Sturm zu
läuten, zog er kräftig und unausgesetzt an der volltönenden Schelle.
Sein Bemühen ermangelte nicht des gewünschten Erfolges. Schritte kamen,
das Schloß ging langsam und zögernd auf.
»Taubes, ungeschicktes Murmelthier!« grollte der Eintretende, erschrack
aber über die Maßen, als er nicht die Hausmagd, die er gemeint, sondern
den Prinzipal selbst vor sich sah, der das Amt eines Pförtners
verrichtet hatte. Seine Unbesonnenheit verwünschend, und den Jähzorn des
Senators aus Erfahrung fürchtend, bückte er sich verlegen, und stotterte
eine Entschuldigung her, die nicht schlechter hätte ausfallen können.
Wunderbarer Weise genügte sie gerade heute dem wenig duldsamen
Prinzipal. »Schon gut, mein lieber Nothhaft,« versetzte er mit leiser
Stimme: »Er meint es nicht böse. Darum,« -- hier schloß er die Thüre
wieder sorgfältig, -- »darum ist mir's auch lieb, daß _Er_ gerade
heimkömmt. Ist etwa die Kirche schon zu Ende?« fragte er hastig nach. --
Nothhaft war innerlich erschrocken ob der Todtenblässe, die auf des
Senators Antlitz lag, und nicht minder ob der raschen Unsicherheit in
seiner leisen Rede; er erwiderte daher kleinlaut: »Nein, hochgeehrter
Herr, ich konnte aber vor Uebelsein nicht in der Kirche ausdauern.
Deshalb ... so eben schlug es zehn Uhr.« -- »Zehn Uhr erst?« fragte der
Senator wieder mit schleppendem Tone: »wie die Zeit schleicht! ich
dachte, es müsse Mittag vorüber sein. Komm' Er mit in's Comptoir.«
»Soll ich nicht die Fensterladen öffnen?« sagte Nothhaft, als sie in der
finstren Stube standen. -- »Nicht doch,« erwiderte Müssinger hastig,
»drinnen ist es schon heller. Nicht wahr, Nothhaft, Er hat nicht Furcht,
noch Grauen?«
»Ich habe Beides nie gekannt,« betheuerte Nothhaft, sehr aufmerksam
werdend.
»Desto besser!« setzte der Senator bei: »so wird Er doch Rath wissen.
Mich hat es stark angegriffen.« -- »Was denn Herr Senator?« -- »Rede Er
nicht laut. Es hat sich vor einer halben Stunde, -- es kann vielleicht
auch eine Stunde sein, -- ein Unglück im Hause begeben.«
»Ein Unglück? hier im Hause?«
»Ja doch; nur leise gesprochen. Dort im Kabinett...« Der Senator
drückte, das Gesicht wegwendend, die Thüre auf.
»Im Kabinett?« fragte Nothhaft, dem es kalt über den Körper fuhr, ohne
sich zu regen. »Was ist dort?«
»Der Holländer ...« stammelte Müssinger, -- »es war plötzlich aus mit
ihm.«
»Mit dem Holländer?«
»Er ist in meinen Armen ... gestorben, glaube ich. Geh Er hinein, und
sehe Er nach, ob Er's auch so findet, oder ob vielleicht...«
Nothhaft war schon im Kabinette. Van den Höcken lag leblos an der Erde,
mit entstelltem Gesichte, und in Unordnung gebrachter Kleidung. Kein
Athem war an ihm zu erhorchen, kein Pulsschlag zu finden. Der Diener
fühlte des Körpers Eiseskälte, und hielt sich nicht lange bei demselben
auf. Einen Falkenblick warf er durch das Gemach, und kam eilends wieder
zu dem Herrn zurück. Dieser saß, die Hände zwischen den Knieen
gefaltet, und das Haupt gesenkt, im Winkel der dunklen Schreibstube.
»Nun?« war sein einziges Fragewort.
Nothhaft zuckte die Achseln. »Hin ist hin;« sagte er, »er hört den
Kuckuck nicht mehr schreien. Wie kam denn Alles so plötzlich, Herr
Senator?«
Müssinger zog einen tiefen Seufzer aus der Brust. »Wir rechneten
zusammen;« -- flüsterte er scheu: »wir hatten eben Alles geschlossen,
da überkam es ihn plötzlich, -- er sank -- auf meinen Knieen wurde es
mit ihm alle.« --
»So?« entgegnete Nothhaft mit seltsam gezogenem Tone: »Ein Glück nur,
daß es _nach_ dem Rechnungsabschluß traf.« -- »Was meint Er?« fuhr der
Senator schnell, wie aus einem Traume, in die Höhe: »was ist jetzt bei
der Sache zu thun?« -- »Der Herr Prinzipal scherzen wohl mit mir;«
versetzte der Diener: »die Gerichte müssen gerufen, des Verblichenen
Effekten versiegelt werden: das ist ja klar.« -- »Die Gerichte?« fragte
Müssinger, wie von Schauder überlaufen, und sehr zerstreut: »ach ja, ...
wahr ist's; das ist zu thun, ... und Siegel, meint Er, müssen auch?...«
»Herr Senator,« entgegnete Nothhaft spitzig: »Sie sind ja selbst beim
Rathe; müssen das besser verstehen, als ich einfältiger Schreiber.« --
»Er hat Recht, mein Sohn, sehr Recht;« sprach der Kaufherr alsdann,
wie sich besinnend: »Und wann wäre es wohl nöthig, ... glaubt Er?« ...
-- »So schnell als möglich:« fiel Nothhaft ein: »Verzögerung könnte
zu Unannehmlichkeiten Anlaß geben.« -- »Leider! leider!« stimmte der
Senator ein: »Darum laufe Er, guter Nothhaft, und sei Er diskret gegen
Jedermann, damit es sich so glatt und stille abmachen lasse, als nur
möglich.«
»Sehr wohl, Herr Senator;« antwortete Nothhaft, bereitwillig nach dem
Hute greifend: »wollten Sie indessen einen Rath nicht verschmähen?
Schaffen Sie die Pistole weg, die drinnen auf dem Boden liegt.«
Der Senator fuhr zusammen. »Eine Pistole?« stotterte er: »es muß ein
Zufall dieselbe ... laßt doch sehen!«
Sich an den Diener haltend ging er nach dem Cabinete, wendete aber
alsobald der Stelle, wo der Holländer lag, den Rücken, und stierte
auf die Waffe nieder, die Nothhaft dienstwillig und eifrig aufhob. --
»Wir wollen sie zu der andern legen,« sagte derselbe leise und hastig;
»sie könnte übeln Effekt machen, und wenn Sie's erlauben, bringe ich
auch die Halsbinde des armen Schelmen hier wieder in Ordnung. Es läßt
gerade, als ob sich drei Finger hinein verwickelt hätten, um sie
zusammenzuschnüren.«
Ohne Regung kehrte der Senator dem Diener, der ohne Scheu an van den
Höcken die besagte Aenderung vornahm, den Rücken fortwährend zu.
»Ich wollte ihm die Binde öffnen,« sagte er halblaut: »aber es ist
möglich, daß ich in der Alteration sie fester zuzog...«
»Ja, ja,« stimmte Nothhaft, sein Geschäft vollendend ein: »es geschieht
wohl öfters, daß die Hand ungeschickter ist, als der Kopf. So. Das wäre
gut, und ich will laufen, was ich kann. Haben Sie noch etwas hier
mitzunehmen, Herr Prinzipal, so nehmen Sie es jetzt. Es wird schicklich
sein, daß die Herren von Gericht das Cabinet verschlossen finden.«
Der Senator wurde wieder regsam, und begann, ohne eine Sylbe zu
sprechen, aber mit einer beunruhigenden Hast, auf seinem Schreibtische
Papiere und Bücher untereinander zu werfen, ohne in der beklagenswerthen
Zerstreuung, die ihn fesselte, dasjenige zu finden, was er zu suchen
schien. Nothhaft trat hinter ihn, und sein Auge fiel auf ein Packet von
Wechselbriefen, nach welchen des Senators linke Hand immer tappte,
während seine Rechte sie immer wieder verschob. Der Diener ergriff sie.
»Sie suchen wohl diese Papiere mit Ihrer Unterschrift?« fragte er
dringend. »Da! da! Herr -- sechs -- sieben -- neun Tratten auf sie
selbst, von van den Höcken in Cours gesetzt und endossirt.« --
»Endossirt?« fragte der Senator, heftig nach den Briefen haschend.
»Endossirt auf die Ordre des Georg Birsher zu New-York!« fuhr Nothhaft
fort, indem er sie überlieferte: »und -- wahrhaftig quittiert von
demselben.«
»Birsher?« fragte der Senator, betäubt auf die Blätter schauend.
Nothhaft lächelte betäubend: »Stecken Sie ein, Herr Prinzipal. Daß Sie
bezahlt haben, beweisen ja schon die Wechsel in Ihrer Hand,.... das
="Quitta"= hätte wegbleiben können. Die Dinte ist gar zu frisch. Lägen
vielleicht noch andere Dokumente in der Brieftasche, die ich bei dem
Holländer wahrnahm?«
»Was geht mich van den Höcken's Portefeuille an?« fuhr Müssinger
stutzig werdend auf. Nothhaft machte einen entschuldigenden
Katzenbuckel, und trieb zum Fortgehen an. Wie ein Kind folgte der
Senator seinen Worten, schloß das Kabinet, ohne sich _einmal_
umzusehen, und ging, an Nothhaft's Arme, zu seiner Stube, wo er sich,
an allen Gliedern zitternd, zu Bette legte. Wie ein guter Geist
erschien ihm die aus der Kirche zurückkehrende Justine, die, von des
Vaters Unpäßlichkeit hörend, mitleidig zu ihm eilte. Der Vater konnte
und wollte nicht reden, sondern versuchte nur in einzelnen Lauten
sein Kind zu beruhigen. Justine erschöpfte sich in Muthmaßungen über
des Rathsherrn Zustand, bis die Schelle des Hauses wieder sehr stark
geläutet, und vieles Geräusch hörbar wurde. Die Thüre des Zimmers
sprang auf, und Frau Müssinger, weiß wie die Wand, und schwerfällig,
wie noch nie, schwankte in's Zimmer. -- »Was ist das?« kreischte sie,
ohne des Kranken zu achten: »Das Haus wimmelt von Gerichtspersonen
und Schergen! Ach, das Unglück! Der Holländer soll sich erhängt
haben, höre ich! Ach, welch eine Schande! Gieb die Schlüssel her, du
gottvergessener Mann, der mir durch seine sauberen Freunde so viel
Schrecken verursacht!«
»Justine wird öffnen,« versetzte der Senator unter Fieberschauern, indem
er dem Mädchen die Schlüssel reichte: »Stecke diese Wechsel zu dir,«
flüsterte er demselben zu; »bewahre sie sorgfältig!« -- Justine schob,
nicht minder blaß vor Schrecken, die Papiere ein, und entfernte sich
eilends. Die Mutter dagegen blieb zurück, um den Mann ferner zu
quälen. -- »Welch ein abscheulicher Spektakel!« ächzte sie, in den
Lehnstuhl am Bette sinkend: »In diesem Hause halte ich's nicht mehr aus.
Der Holländer wird umgehen, in seinem weißen Mantel, ein schreckhaftes
Gespenst! O Herr, gehe nicht mit uns in's Gericht! Was ich erleben muß!
Pfui, abscheulich! Die Steuercommissärin hatte Recht, obgleich schon
_Sie_ mich in der Kirche zum Entsetzen gebracht hat. _Sie_ hat gestern
gesehen, was wir alle nicht sahen. Wir saßen Abends zu Dreizehn am
Tische, und Einer von den Dreizehn muß binnen Jahresfrist sterben! Wie
mich das schon alterirte! Man sieht aber: Wahr ist's! der Holländer hat
bereits die Welt gesegnet.«
»Und ich werde es noch heute,« seufzte der Senator, »wenn du nicht
nachlässest mit deinem abscheulichen Gekreische, Jacobine!«
»Und dennoch wirst du mich dulden müssen, bis Justine kömmt,« antwortete
sie phlegmatisch: »Ich gehe ohne Begleitung nicht über den Gang.«
Nothhaft trat ein, und ging rasch auf den Senator zu. »Alles besorgt,
Herr Prinzipal,« rief er wichtig und vertraulich: »Die Herren sind schon
unten, lassen ihre Condolenz vermelden, und soeben den Verstorbenen über
die Treppe nach seinem Zimmer bringen.«
»Gott stehe uns bei!« jammerte die Senatorin mit der ausgelassenen
Betrübniß stumpffühlender Leute, während Müssinger sein Gesicht in dem
Kissen verbarg: »Warum ließest du den Landläufer nicht im römischen
Kaiser, da es ihm ohnehin nicht beliebte, in seiner Heimath zu sterben?
Wie würde sich jetzt die hoffärtige Wirthsfrau gebärden, die sich trägt
wie unsereins, hochmüthig thut, wie der Großmogul, und sich erst heute
in einem ganz neuen Stoffkleide brüstete, daß es der ganzen Kirche zum
Aergerniß gereichte! Statt dessen haben _wir_ nun die Schande! Geh' Er,
Nothhaft, sorge Er wenigstens dafür, daß der Mensch nicht von den
Amtsknechten heraufgetragen werde. Ich bin des Todes, wenn der Scherge
in das Stockwerk kommt, das ich bewohne.«
»Sorgen Sie nicht, wertheste Frau Prinzipalin,« versetzte Nothhaft: »Der
Herr sind ja verblichen, wie schon viele tausend Christenmenschen, und
die Ehre schneidet der Tod nicht ab. Die Herren werden ein Inventarium
dressiren, und die Habseligkeiten des van den Höcken unter Siegel
verwahren, bis die Erben auszumitteln. Auch habe ich für nöthig
erachtet, Herr Senator, einen Postboten nach Steinstadt abzuordnen,
damit der Buchhalter hereinkomme, sintemalen Dero Leibesumstände
denselben nicht erlauben werden, an der Spitze der Geschäfte zu
bleiben.«
»Warum nicht?« fragte der Senator mühsam, aber aufbrausend: »Der
Unglücksfall hat mich sehr angegriffen, aber bis zur Krankheit ist noch
ein weiter Sprung. Ein Magnesia-Pülverchen bringt wieder alles in's
Geleis.«
»Mit Gottes Hülfe!« sagte Justine, die so eben, nicht wenig erschüttert,
hereinkam, und dem Senator die Comptoirschlüssel übergab. Sie holte das
Medikament aus der kleinen Hausapotheke, reichte es dem Vater, und fuhr
fort: »Ich will gleich nach dem Doctor Widerlein schicken, -- was bis
jetzt vergessen wurde, -- damit Sie wieder von dem Schrecken zu recht
kommen.«
»Ich bin nicht krank,« behauptete der Senator, sich ärgerlich
aufrichtend: »kein solch Geschwätze! Ich werde allen meinen Arbeiten
vorstehen, wie bisher! --«
»Der Briefträger brachte so eben diese beiden Schreiben,« unterbrach ihn
der süßliche Berndt, der mit den Briefen in der Hand hereinschlich.
»Geb' Er her,« befahl der Senator, und winkte alsdann den Dienern sich
zu entfernen. Sie gehorchten; gähnend und schmollend schloß sich Frau
Jacobine, die Langeweile des Krankendienstes fürchtend, an die
Subalternen an, um ohne Gefahr nach ihrem Zimmer zu gelangen. Der
Senator gab aber der Tochter die Briefe, und sagte leise zu ihr: »Nimm,
mein Kind; mir schwimmt und flirrt es vor den Augen. Es frommt jedoch
viel, sich vor dem Comptoirgesindel rüstiger zu stellen, als man ist.
Dir verberge ich mich nicht. Lies du mir daher vor, und unterstütze
meine Schwäche.«
Bereitwillig erbrach Justine das erste Schreiben. »Von Amsterdam!«
sagte sie, und der Senator zuckte hoch auf. »Hochedelgeborner Herr!«
fuhr sie lesend fort: »Ew. Edeln will ich nicht ermangeln, nach
abgethaner fataler Differenz mit denen Verschreibungen Ew. Edeln in
Wechselform, anzuzeigen, daß wieder bereit bin, auf Garantie des
werthen Freundes, der sich jetzo bei Denselben befindet, in Allewege
Credit obwalten zu lassen. -- Wir Kaufleute stehen ja in Gotteshand,
und können wanken. Wohl _dem_ jedoch, der einen Bürgen und Stützen
findet, wie den aller Orten geachteten Herrn Birsher von New-York.«
»Was soll das?« fuhr der Senator auf, da Justine verwundert inne hielt:
»Der Teufel verstehe, was der Schreiber will. Sieh nach der
Unterschrift.«
Justine that es, stutzte, wischte sich die Augen, und sagte endlich
leise: »Ich weiß nicht.... aber doch stehts da; -- van den Höcken heißt
die Unterschrift.«
»Van den Höcken!« schrie der Senator: »Sind wir beide toll?«
»Das Datum ist vier Tage alt,« versetzte Justine mit schwankender
zweifelhafter Stimme.
»O mein Kopf, mein Kopf!« jammerte Müssinger, die Stirne mit beiden
Händen haltend: »ich werde närrisch, rasend! Laß den Brief sehen! Gott
sei mir gnädig! es ist Höckens Schrift...! O du mein lieber starker
Gott und Herr!« -- Er weinte fast in der fürchterlichen Wallung seines
heftigen Gemüths. -- »Dieser Brief!« stöhnte er, -- »und jene Wechsel,
das Endossement, das Acquit, -- ich erinnere mich erst jetzt, -- von
Birsher's Hand...! o mein armes Gehirn!« --
»Mein Vater! was haben Sie, was ist?« fragte Justine schluchzend in der
höchsten Angst. Der Senator riß ihr statt der Antwort den andern Brief
aus der Hand. »Gib!« stammelte er außer sich: »Gib! vielleicht macht
mich dies Papier vollends wahnsinnig!« Er riß es, trotz Justinens
Widerstreben, auf, überflog es mit dem starrenden Blick,.... ein
krampfhaftes schreckliches Lachen erschütterte seine Brust, und mit den
trostlosen Worten: »Auch das noch! Einen Tag früher, und -- ich elender,
elender Mensch!« sank er ohnmächtig aufs Lager zurück.
Schaudernd raffte Justine das fallende Blatt auf. In wenig Zeilen meldet
darinnen ein Hamburger Correspondent ein großes Glück. Die Hamburger
Lotterie war gezogen worden, und das große Loos auf den Senator
gefallen.
Zweiter Abschnitt.
Verdacht. -- Der Pastor der Johanniskirche. -- Sein Nachfolger
bei dem Senator. -- Der Doctor in seinem Hause. -- Die
Kupferstecher-Familie. -- Justinens geheimer Ausgang. -- Die Messe.
-- Die Wittwe des bei Denain gebliebenen Offiziers. -- Die Beichte.
-- Des Doctors Tagewerk. -- Geschichte eines Schauspielers. -- Der
unerwartete Fremde. --
Es bestätigte sich durch den von Amsterdam eingelaufenen Brief, der den
Commissarien des Gerichts schuldigerweise vorgelegt wurde, daß der in
des Senators Hause verschiedene Fremde nicht van den Höcken gewesen; aus
dem Inventarium dagegen, welches über den an Creditbriefen,
Empfehlungsschreiben, kostbarem Leibgeräthe und beträchtlichen Pretiosen
reich ausgestatteten Nachlaß des Verstorbenen aufgerichtet wurde, schien
nicht undeutlich hervorzugehen, daß Herrn Birsher den Aeltern von
New-York selbst das Unglück betroffen. Vor Allem rechtfertigte diese
Muthmaßung ein reicher Frauenschmuck, der sich vorfand, in ein artiges
Etui gepackt, auf welchem mit Goldschrift die Worte standen: »Meiner
vielgeliebten künftigen Schwiegertochter und Freundin, Justine
Müssinger, zum Hochzeitsgeschenke.« --
Der Anblick dieses Schmucks, den ein galanter Commissarius der
Verlobten vorwies, regte in derselben erst deutlich die Beziehung
an, in welche sie zu dem Dahingegangenen hatte treten sollen. Seine
letzten Worte vergegenwärtigten sich ihr wieder aufs Neue, und ihr
Gemüth ergriff eine stille Wehmuth, wie sie noch nie empfunden. Sie
wäre selbst krank geworden, wenn die Umstände eine längere Pflege an
des Vaters Bette erheischt hätten. Der Senator genas indessen wie
durch ein Wunder, plötzlich am Tage der Bestattung seines Gastes.
Durch die tobenden Vorzeichen einer furchtbaren Nervenkrankheit hatte
sich seine starke Natur gearbeitet, aber der fliehende Feind rächte
sich demungeachtet. Die Paar Tage streiften die Schärfe und klare
Bestimmtheit seines cholerischen Temperaments von ihm. Haltung und
Gang, Gesichtsfarbe und Rede, -- Alles war anders geworden; aus dem
heftigen, gerade durchgehenden Manne ein scheuer schwermüthiger Mensch,
der seiner Arbeiten nicht mehr froh wurde, nicht mehr polterte und
lärmte, aber dafür gern innerhalb seiner vier Wände für sich allein
brütete und glossirte.
Dieses Benehmen, das schon am Begräbnißtage deutlich hervortrat,
ermangelte nicht die gebührende Aufmerksamkeit zu erregen. Die
plötzliche Schreckensbegebenheit hatte Aufsehen gemacht; die
vorangehenden Ereignisse, wie der Ort, die Stunde und alle
Einzelnheiten des Sterbefalls, waren geschickt, zu allerlei
Verarbeitung zu dienen. Ein entehrendes Gerücht hatte sich plötzlich
auf tausend Zungen verbreitet, und selbst im Senate seinen Sitz gefaßt.
Die Mehrzahl des Rathes jedoch, -- eifersüchtig auf dessen Vorrechte,
und die Bewahrung eines unbefleckten Rufs der Glieder desselben, --
bemühte sich, jede Ahnung, jede Vermuthung niederzuschlagen, die der
bürgerlichen Existenz des Collegen Müssinger hätte schädlich werden
können; und jede Angabe, und jede noch so leise Hindeutung auf obige
Begebenheit wurde mit Gewalt unterdrückt, während der Gegenstand
dieser Anklagen durch sein auffallend verändertes Betragen, dem
bloßen Verdacht einen Dolch nach dem Andern in die Hände gab. Die
wenigen Besucher mieden das Haus des Senators; er erschien am nächsten
Sonntage mit seiner Familie in der Kirche: nach seinem Betstübchen
starrte die gaffende Menge, aber aus seiner Nähe entfernten sich alle
diejenigen, die sonst während des Gottesdienstes gute Nachbarschaft
mit ihm gehalten hatten. Frau Jacobine merkte es nicht, Dank ihrer
Stumpfsinnigkeit; Justine nicht, denn ihre Unbefangenheit hatte keine
Ahnung von dem gräßlichen Verdacht; aber dem Senator, der dieses
wohl verstand, zehrte es, wie ein Wurm am Herzen. Er wurde immer
verschlossener. Zwischen ihm und der Mutter fielen die Worte immer
seltener; Justine litt unter den Folgen dieser übeln Verstimmung,
und ihr einziger Trost wurde jetzt, da sie -- ihr unbegreiflich --
keine ihrer Freundinnen mehr bei sich sah, oder zu Hause fand, die
englische Lehrstunde, zu der sich James wieder, nach den drei Tagen,
eingefunden hatte. Mit keiner Sylbe der vorangegangenen Mißhelligkeit
gedenkend, suchte Justine durch ein sittlich mildes Betragen ihre
Uebereilung gut zu machen, und James war nicht unversöhnlich. Es
stellte sich ein gewisses Vertrauen zwischen den beiden jungen Leuten
her. Justine benutzte den ersten Augenblick, in welchem sie ungestört
waren, es zu befestigen. Ernst und nachdenkend saß sie dem vortragenden
Lehrer gegenüber, und sagte, indem sie ihn bat, das Buch wegzulegen:
»Wir wollen plaudern, mein Herr, und uns gegenseitig wundern, wie
wir so plötzlich für einander passend geworden sind. Ich habe Eurer
Prophetenkunst schreiendes Unrecht angethan, und muß dieselbe leider
jetzo anerkennen. Der Abend jenes Samstags war der letzte glückliche
in unserm Hause. Heiterkeit und geräuschvolles Leben sind daraus
entschwunden, und es kommt mir beinahe vor, als wenn man von außen her
unser Unglück uns recht fühlbar zu machen suchte.«
»Dem Unglücklichen ist Mißgunst näher, als der Trost;« meinte James.
»Ich selbst habe, als Flüchtling, diese Erfahrung oft genug gemacht.
Indessen haben auch die Blumen der Freude ihre Zeit der Wiederkehr. Der
Sturm zernichtet nicht immer; er entwickelt auch Blüthen.«
»In unserm Hause?« fragte Justine ungläubig: »O nein, mein guter Herr.
Die Mutter, -- Ihr kennt sie. Der Vater ist heute noch einmal so finster
und verdrossen geworden. Uns wurde durch einen Amsterdamer Brief die
Gewißheit, daß Herr Birsher in unserm Hause verblichen.«
»Was ihn nur bewogen haben mag, die fremde Maske vorzunehmen?« --
»Er wollte uns kennen lernen, selber unerkannt. Ein Scherz, der, sich
unbewußt, den Trauermantel auf den Schultern trug.« --
»Der Mensch sei auf sein Ende gefaßt, jederzeit,« entgegnete James!
»Genug indessen von dem traurigen Gegenstande. Fröhlichkeit steht Ihnen
besser, als Betrübniß; und die Braut hat ja den Bräutigam nicht
verloren!«
»Ich verbitte mir die Anspielung,« sagte Justine lebhaft: »Herrn
Birsher's Sinn wird sich wohl anders wenden. Mir vergingen auch alle
Heirathsgedanken, stünde ich am Sarge meines Vaters. -- Mein guter
Vater!« setzte sie seufzend hinzu, in die stille Wehmuth versinkend,
die, in ihrem Schmerze selbst, uns wohl thut.
»Erheitern Sie sich!« erwähnte James, sich zu ihr beugend. »Hören Sie
mich. Der Schmerz bedarf nur eines Ableiters, um gemäßigt und ruhig
hinzufließen, wie ein geräuschloser Strom in seinem Bette. Was wäre wohl
zu diesem Zwecke geeigneter, als eine gute That? Im Ungemach ist ja
ohnehin das Herz weicher, geneigt zum Mitgefühl, weil der Kummer ihm
nicht mehr ein fremder ist. Ich nehme mir daher den Muth, Ihrem Tiefsinn
eine andere Richtung gebend, im Namen einer sehr bedrängten Frau Ihr
Mitleid, Ihre Freigebigkeit aufzufordern. Fürchten Sie keinen Mißbrauch
Ihrer Güte, hoffen Sie aber auf den Segen von Oben.«
»Nicht so viel Worte, Monsieur,« sprach das Mädchen, bereitwillig, der
neuen Wendung des Gesprächs zu folgen: »Man überredet mich selten, wenn
nicht schon mein Kopf und mein Gefühl gewonnen sind. Ich helfe gern, bin
auch nicht hart, wie oft die Leute sagen; ich bin auch nicht so
leichtsinnig, fremde Noth nicht zu bemerken und zu bedauern. Redet, wer
ist die Frau?«
»Eines französischen Offiziers Wittwe. Ihr Mann blieb in dem Treffen bei
Denain. Villars empfahl die unglückliche Frau der königlichen Gnade,
aber Ludwig vergaß der Armen. Der Regent mißhandelte sie sogar, als sie
es wagte, nach des Königs Tode bittend und flehend ihr Recht geltend zu
machen. Aus der Hauptstadt verwiesen, fristete sie in ihrer Heimath
durch Handarbeit kümmerlich ihr Leben. Endlich schien ihr das Glück
wieder zu leuchten. Eine sächsische Herrschaft, rückkehrend aus den
Bädern zu Aix schlug ihr vor, sie als Gouvernante der Kinder nach
Dresden zu nehmen. Von allen Hülfsmitteln entblößt schlug Madame de
Laynez willig ein, schied vom Vaterlande, um in Sachsen eine neue
Lebensbahn zu betreten, kam aber nur bis in diese Mauern. Von einer
heftigen Krankheit befallen, mußte sie hier zurückbleiben. Ihre Gebieter
hinterließen ihr eine dürftige Geldsumme, und sagten sich von ihr los.
Mehrere Monden hindurch schwebte die Verlassene zwischen Tod und Leben.
Das Mitleid gefühlvoller Menschen rettete sie endlich vom Grabe, aber
ihre völlige Genesung geht langsam von Statten. Mangel drückt sie, und
es bleibt ihr nichts übrig, als auf's Neue sich an die Theilnahme wahrer
Christen zu wenden.«
James hatte kaum geendet, und schon lag Justinens ansehnlich gefüllte
Börse in seiner Hand. -- »Kein Wort!« gebot sie, da er sprechen wollte:
»nichts davon. Gebt, helft, rettet! Es soll nicht dabei bleiben, wenn es
mir gelingt, den Vater in günstiger Stunde für die Bedrängte zu
gewinnen.« --
Eilig ging sie davon, damit James nicht die Bewegung sehen sollte, die
sich auf ihrem holden Antlitz kund gab. Aber der junge Mann hatte
scharfe Augen. Es war ihm nicht entgangen, daß die ganze Fülle der
herrlichen Seele aus Justinens Zügen gesprochen, und, selig überrascht
von einem Anblick, wie er ihn noch nie gehabt, sah er der Fliehenden
sehnsüchtig nach.
»Welch ein Mädchen!« seufzte er: »und ich -- täglich fühle ich mein
Unglück mehr, und darf nicht wanken und nicht weichen von der Stelle,
die mir so gefährlich wird.«
Justinens Gabe im Busen verbergend, schied er, um heim zu kehren. Unten
im Hause war viel Geräusch. Geldsäcke wurden gewogen, Thaler klangen;
die Diener gingen geschäftig hin und her; Nothhaft stieß im Vorbeigehen
mit dem Ellenbogen an James Arm, und machte ein sehr herrisches Gesicht,
als der Engländer sich befremdet nach ihm umsah. -- »_Der_ muß mir auch
aus dem Hause, und wenn's mich tausend Gulden kosten sollte!« murmelte
der Diener, dem Engländer nachsehend, zwischen den Zähnen. Berndt, der
eben in's Haus getreten war, hörte die Rede. »Warum so giftig, lieber
Bruder?« fragte er lächelnd: »giftig und freigebig obendrein? Du wirfst
mit Tausenden um dich? Glück zu!« -- »Ist's ein Wunder?« sagte Nothhaft
hierauf: »Baar Geld macht Muth. Wir schwimmen ja in Geld, siehst du. Laß
uns daher auch in Gottes Namen davon reden, und lüderliche
Schmeißfliegen damit todt schlagen.«
»Ich verstehe dich nicht, Herr Bruder,« versetzte Berndt achselzuckend,
»aber ich sehe, daß deine Prophezeihung nicht falscher hätte sein
können. Statt des Bankerotts strömt der Segen Gottes in das Haus.«
»Erbschaft! unverdientes Glück!« versicherte Nothhaft leise: »Wer
weiß, ob ich so Unrecht hatte;.... doch -- Stille! --« Er schlug sich
bedeutend auf den Mund. »Wer weiß auch« -- fügte er hinzu, wichtig und
geheim -- »wem's die Firma verdankt, daß sie noch mit Ehren steht?«
»Wichtigkeitskrämer!« lächelte Berndt ungläubig: »Du spreizest dich so
absonderlich, daß -- wer nicht wüßte, welch' ein Windbeutel du bist, --
glauben sollte, du errathest auf's Haar, was unser Herr denkt und
beschließt. Glück auf, zu dem Vertrauen, Herr Geheimhorcher! empfehle
mich zu Gnaden!«
»Ei, des breitmäuligen Augenverdrehers!« schalt Nothhaft verächtlich:
»wir wollen sehen, _wer_ am Ende hier im Sattel bleibt. Du bist ein
Esel, sonst hättest du schon gemerkt, daß meine Aktien um 200 Prozent
besser stehen, als ehedem.«
»Gott sei mir vor dem Prahler gnädig,« sagte Berndt, den Kopf
schüttelnd: »der Prinzipal redet mit dir so wenig, als mit mir, und die
Jungfer macht dir immer ein verdrüßlich Gesicht.«
»Soll bald ein freundlicheres machen,« versicherte Nothhaft hochmüthig.
»So?« fragte Berndt, dessen Neid allgemein rege wurde: »Du mein
Jesulein! darf man schon Glück wünschen, Herr Hochzeiter?«
»Narren sagen oft die Wahrheit;« erwiderte Nothhaft, noch patziger als
zuvor, und Berndt versetzte giftiger: »Gratulire also, Herr Associé und
Schwiegersohn. Wird bald heißen: Müssinger und Compagnie? Charmant. Nun
begreife ich erst, warum ich den Pastor Lammer zum Herrn habe bitten
müssen. Das Aufgebot wird gewiß bereits bestellt? Nun, viel Succeß und
geneigte Protektion, werthester Herr College! Vergessen Sie Dero
getreusten Diener nicht im Glücke!«
»O du miserabler, kothiger Adam!« spottete Nothhaft. Der Buchhalter
klopfte aber an's Comptoirfenster, und rief: »Soll ich euch Stühle
hinaussetzen zu bequemerer Conversation, ihr Lungerer? Herein, hier
giebt's zu thun, ihr, des lieben Herrgotts Müssiggänger!«
Berndt schwenzelte, der Amtspflicht getreu, schnell in die Schreibstube,
Nothhaft zögerte stätig. Indessen trat bereits der Pastor der
Johanniskirche im Amtsrock in das Haus. -- »Der Herr Senator oben?«
fragte er vornehm und schleppend. Nothhaft bejahte freundlichst, und
schlich mit einem bedeutenden: »Aha!« an sein Pult.
Der Senator empfing den Pastor an der Thüre seines Zimmers, und
bewillkommte ihn so freundlich, als ein im Gemüth Verletzter nur vermag.
Der Geistliche nahm dieses Entgegenkommen als eine ihm gebührende
Huldigung an, und antwortete darauf ohne sichtbare Herablassung.
»Ich bin wahrlich neugierig, Herr Senator,« sagte er, »zu erfahren, zu
welchem Endzweck ich hier bin. Unter allen den, meiner geistlichen
Pflege Empfohlenen, haben Sie mir noch am wenigsten zu schaffen gemacht.
Mein Amt legt mir indessen die Pflicht auf, einem Jeden Gehör zu
schenken; dem Sterbenden, dem Frommen und dem Sünder. Das Erste sind Sie
nicht; das Zweite?.. will ich nicht beschwören. Was befehlen Sie?«
»Sündig sind alle Menschen vor Gott und seiner Kirche;« entgegnete der
Senator melancholisch und achselzuckend: »Die Frömmigkeit ist dagegen
nur ein Gnadengeschenk. Ich habe Sie, würdiger Herr, für jetzt ersuchen
wollen, der Spender einer Gabe zu sein, die ich der Armuth bestimme.
Vertheilen Sie nach Ihrem Gutdünken diese Summen unter diejenigen
Bedürftigen, die Ihnen der Unterstützung am würdigsten scheinen.«
Der Pastor wog die ansehnliche Rolle in der Hand, und ein Schimmer von
Behagen flog über sein düstres Gesicht. Im nächsten Augenblicke war es
jedoch wieder Stein, wie zuvor. »In Gottes Namen,« sprach er, und ließ
das Geld in die weite Tasche seines Priesterrockes gleiten: »Der Armuth
sei dies Scherflein gesegnet. Ew. Hochedlen Freigebigkeit kömmt mir
unerwartet.«
»Der Himmel hat mich mit einer reichen Erbschaft bedacht,« antwortete
der Senator seufzend: »ich opfere einen kleinen Theil derselben auf den
Tisch der Dürftigen. Sie mögen für einen Unglücklichen beten.«
Der Prediger faßte den Handelsherrn scharf in's Auge. »Für einen
Sünder?« fragte er betonend, und da keine Antwort erfolgte, fuhr er
gemessen und drohend fort: »Der Unglückliche, von Gott gewichene,
betrüge sich nur nicht. Geld und Gut ist eine schöne Sache, insoferne
man damit Christum speist; aber eitel Schlacken vor dem großen Richter
der Welt, will man damit eine Missethat abkaufen. Die Buße ist
unfruchtbar, wenn nicht herzliche Reue die Brust des Verirrten erfüllt;
unfruchtbar, und wenn er Millionen in Klingelbeutel oder Armenbüchsen
wärfe.«
Der Senator sah den Pastor erstaunt und erbleichend an, bedachte sich
einen Augenblick, und erwiderte alsdann mit niedergeschlagenen Augen:
»Ich begreife Ew. Ehrwürden nicht. Man kann unglücklich sein, ohne
gesündigt zu haben. Der Sünder selbst jedoch kehrt sich freudig zur
Reue, wenn man ihm nur _glauben_ will; wenn er nur das Vertrauen haben
darf, daß ihm einst vergeben werde.«
»Einst? einst?« versetzte der Pastor mit überlegendem Blick gen Himmel:
»Ja, einst vielleicht; denn Gottes Barmherzigkeit ist ein tiefer
Brunnen. Das entscheidet sich indessen -- nach meiner Meinung -- erst am
letzten Tage des Zorns und der Strafe. Ich halte nämlich dafür, daß kein
Mensch auf Erden, selbst nicht ein ordinirter, sich anmaßen dürfe, die
Sünden eines Anderen hinwegzunehmen, -- sobald sie unter die Schweren
gehören. Nur der Herr prüft Herzen und Nieren. Das Gewand der wahren
Reue ist ein feines Kleid, aber es muß das Leben hindurch getragen, in's
Grab genommen, und dem Herrn am jüngsten Gerichte untadelhaft
vorgewiesen werden. Dann mag allerdings seine unendliche Milde
vergeben.«
»Sie entfalten eine traurige Zukunft vor meinen Augen,« erwiderte der
Senator schwerbekümmert, und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl nieder:
»Ihre Kollegen --«
»Sprechen vielleicht anders,« fiel der Geistliche ein: »ich betheure
aber, daß sie im Irrthume tappen, und bin bereit, meine Meinung vor
jeder Synode durchzufechten. Meine Mitarbeiter im Weinberge sind zum
Theil junge Leute, denen der philosophische Kram unserer Zeit den Kopf
verwirrt hat. Der alte Lammer geht jedoch nicht ab von seinen
Grundsätzen, die er seit fünfzig Jahren gelehrt hat. Er läßt kein
Schäflein seiner Heerde davon abgehen, so lange er noch ein rüstiger
Hirt ist. Er ist Keiner von den Sanften und Süßen, die nur schmeicheln,
wo sie packen, -- nur einlullen, wo sie donnern sollten. Trost dem
Unglücklichen, denn er ist zu seinem Heil! Krieg dem Sünder, denn er ist
wieder zu seinem Heil. Unablässig, bis an seinen Tod, schneide ich ihm
das wilde Fleisch aus der Wunde, daß sie frisch blutend vor Gottes Thron
komme, und ich dann sagen darf: Sieh, Herr, dein unwürdiger Knecht hat
dir nicht in's Amt gegriffen. Er hat nicht gepfuscht, da, wo _Du_ nur
heilen kannst; aber er bringt dir den Kranken, dürstend nach der
Genesung, wie in der Stunde, da ihm zuerst sein Uebel unerträglich
wurde!«
Eine heftige Unruhe bemeisterte sich Müssingers, und sein von Schwermuth
in Fesseln geschlagener Jähzorn rüttelte gewaltsam an seinen Banden.
»Ich weiß nicht,« sagte der Senator, mit Mühe an sich haltend: »wie Sie
dazu kommen, Herr Pastor, mir Ihr System so schonungslos darzulegen. Ich
kann diejenigen blos bedauern, die, in einem Fehltritt befangen, von
Ihnen Trost und Erlassung begehren, und wünsche Ew. Ehrwürden recht wohl
und lange zu leben!« --
Der Pastor bückte sich, und versetzte spitzig: »Alles, wie Gott will,
Ew. Hochedeln. Der alte Lammer stirbt gern, wenn seine Uhr abgelaufen
ist. Der Herr schenke Allen einen sanften Tod. Meine Worte bereue ich
jedoch nicht, denn ich glaubte sie _hier_ vonnöthen. Uebrigens hat
unsere Unterredung sicherlich ein anderes Ende erreicht, als wir beide
hofften, Herr Senator, nicht wahr? _Ich_ bin nicht böse deshalb, und
wünsche kein Vertrauen, das ich nicht mit der sündlichen Willfährigkeit
vergelten könnte, die man von mir erwartet. Die offne Beichte in der
Kirche steht Ihnen frei. Werde mit seinem Gewissen fertig, wer da kann.
=Sapienti sat=, Herr Senator, und: Gott bess're Sie!«
»Was ist das? Was sagen Sie da?« fuhr der Senator auf. Lammer zog aber
bereits die Thüre hinter sich zu. Müssinger schritt im Zimmer auf und
nieder, und rang die Hände. Steht mir denn das Zeichen auf die Stirne
gebrannt? fragte er sich mit erstickter Stimme: Die blöden Augen
dieses Wolfs im Hirtenkleide selbst scheinen errathen zu haben, ... o
gewiß!... und der Mensch kann so unbarmherzig sein!... und der Mann
ist _Protestant_? O der herzlosen, steifen Eiferer! was sie berühren,
wird Eis oder Thräne. Hätte ich, wie ein altes Weib, auch in der
_Woche_ die Kirche besucht, keine Nachmittagspredigt, keine Bet- und
Vorbereitungsstunde versäumt, dem Klingelbeutel reichlicher gegeben,
und den Schwarzröcken Ueberfluß in Küche und Kasten geliefert, --
der harte Mensch würde nun nicht so widrig mit mir gesprochen haben,
da ihm sonst _Worte_ weit wohlfeiler sind, als der Heller, den der
Geizige, selten genug, einem Bettler spendet! Warum habe ich auch nur
einen Schritt versucht, mich der Kirche wieder zu nähern, die Alles
gethan zu haben glaubt, ist die trockene Predigt und das Geplärre des
Lieds vorüber! -- Warum? setzte er fragend und gemäßigter bei: Warum?
Ach! drückt nicht hier auf meiner Brust eine Last, unter welcher
ich erliege? Ist es nicht verzeihlich, daß ich in der Angst meiner
Seele Linderung suche und Trost? Aber nun fehlt mir der Muth, und ich
fürchte...
Ein bescheidenes Klopfen unterbrach seine Betrachtungen. Fast
erschreckt eilte er an die Thüre, öffnete, und sah, sehr überrascht,
den Doctor Leupold draußen stehen. Er konnte sich nicht Rechenschaft
geben, warum der Anblick des Mannes ihn freundlicher ansprach, als er
wohl zuweilen gehofft hatte, wenn er sich die Möglichkeit gedacht,
ihm wieder zu begegnen. Er bewillkommte ihn mit einiger Auszeichnung,
und führte ihn bei sich ein. Der Doctor entschuldigte sich tausendmal
um der Störung willen, die er vielleicht verursache, und ließ im
freundlichsten Tone das Wort fallen, daß sein Besuch wohl eben so gut
hätte unterbleiben können.
»Mein Herr Doctor,« sagte der Senator hierauf verbindlich: »die Besuche
werther Freunde, denen wir Dank schuldig sind, sollten _nie_
unterbleiben. Sie lehren mich ohnehin, was ich schon längst hätte thun
sollen. Sie verzeihen jedoch; eine Fluth von Begebenheiten raubte mir
die Muße, Ihre Wohnung aufzusuchen.«
»Unnöthig,« versicherte der Doctor: »ich dachte nicht daran, Sie an
einen sehr erläßlichen Besuch mahnen zu wollen. Mein Gang in Ihr Haus
hatte einen anderen Zweck; ... allein -- und ich darf sagen -- mit
Vergnügen sehe ich, daß er wohl vereitelt ist.«
»Ein Zweck?... vereitelt?...« fragte Müssinger. »Wie so? erklären Sie
sich.«
»Sie setzen mich durch Ihre Frage in Verlegenheit,« sagte Leupold
hierauf zögernd: »indessen darf der Mensch, wenn er sich seines Wollens
nicht zu schämen hat, wohl reden, ohne den Vorwurf der Ruhmredigkeit
auf sich zu laden. Ich habe hier einige Wechsel auf St. Sebastian
und Brasilien. Das Haus Minhaô ist solid, die Summen sind nicht
unbedeutend, bald fällig. Ich hatte den Auftrag, Ihnen dieselben auf
eine gewisse Zeit zum Genuß gegen äußerst billige Preise anzubieten.
Allein, -- wie ich beim Eintritt in Ihr Haus bemerkte, so hat der
Ueberfluß Ihnen auf's Neue die Hand gereicht, und durch ihn wird meine
wohlgemeinte Hülfe überflüssig.«
Der Senator erhob bewundernd seine Augen, ergriff beide Hände des
Doctors, schüttelte sie, und sprach: »Mein Herr, Sie bereiten mir
den frohsten Augenblick meines Lebens! Da ich gerade an allem Trost
verzweifle, richten Sie, ein Fremder, mich wieder auf. Gott sei Lob,
ich bedarf Ihres freundlichen Darlehens nicht; aber -- glauben Sie mir,
-- demungeachtet habe ich's _doppelt_ empfangen.«
»Und somit keine Sylbe mehr davon,« setzte der Doctor ruhig hinzu: »Sie
preisen mich unverdient. Eine Gesellschaft von Menschenfreunden wollte
Ihnen Ihre Theilname beweisen, und hatte keine Gefahr dabei, da sich
Ihre Geschäfte etablirt haben.«
Der Senator nickte seufzend mit dem Kopfe und entgegnete: »Ja, mein
Herr, so ist's. Nicht minder jedoch meinen wärmsten Dank der
Gesellschaft, von welcher Sie sprachen, und die ich wünschte kennen zu
lernen.«
»Das ist Ihnen -- _hier_ -- unmöglich,« sagte der Doctor: »lassen Sie
uns, da ich einmal Ihnen zur Last falle, von etwas Anderem reden. Wie
gesagt: Fortuna ist bei Ihnen eingekehrt, und ich freue mich, Ihnen
damals auf der Promenade ein gutes Prognostikon gestellt zu haben;
allein -- Sie selbst -- Herr Senator, -- scheinen sich nicht im
Geringsten zu freuen.«
»Einem Manne gegenüber,« entgegnete Müssinger, »der sich mir als
verschwiegener und hülfreicher Freund erwiesen hat, kann ich keine Lüge
sagen. Die ... Erbschaft, die mich wieder auf den Gipfel meines vorigen
Reichthums hebt, ist mir ganz gleichgültig. Ich bin ein armer, armer
Mann. Mein Gemüth ist krank, meine Seele sehnt sich vergebens nach
Genesung.«
»Und Religion, -- die sicherste Trösterin?« fragte der Doctor mitleidig.
»O, lassen Sie das!« erwiderte der Senator still ergrimmt: »Die
Religion ist entartet in ihren Dienern. Weiß Gott, -- Herr! wir haben
uns in einer sehr bedeutenden Stunde kennen gelernt, -- aber -- ob ich
nicht vielleicht Ursache hätte, jetzt dem Flußbette näher zu stehen,
als damals?«
»Ich würde Sie alsdann nicht mehr zurückhalten,« erwiderte der Doctor
kalt und ernsthaft: »Sie verdienen hier und jenseits das traurigste
Loos, wenn Sie zum zweitenmal wagen, wovon die Vorsehung Sie _einmal_
schon gerettet.«
»Sie wissen nicht...!« entschlüpfte dem leidenschaftlichen Senator: »Es
giebt noch drückendere Schmerzen, als _die_ des Mangels und der Schaam.
Die Stimme des Innern...«
»Sagen Sie nur frei heraus: das Gewissen,« unterbrach ihn der Doctor
sanft aber fest: »Um das Gewissen ist es eine kitzliche Sache;
freilich. -- So lange aber Gott die Quelle aller Liebe, die Kirche eine
freundliche Mutter ist, so lange darf selbst der trotzigste Sünder
unverrückt auf Gnade und Verzeihung rechnen. Im Zeitlichen wie in der
Ewigkeit. Soll denn der Mensch, der ein Verbrechen beging, das _er_
vielleicht in der nächsten Minute bereut, an diesem Unglück verkümmern,
rettungslos daran verzweifeln, während sein frisches Leben noch viel
des _Guten_ schaffen könnte? In der Strafe selbst liegt Vergebung,
und ein Augenblick der Reue des Sünders wiegt manches schuldlose
Menschenleben auf.«
»Sie sprechen von Gott, dem Quell aller Liebe?« fragte der Senator
scheu. -- »Er ist's!« bekräftigte der Doctor. -- »Von der Kirche, einer
freundlichen Mutter?« -- »Sie ist's.«
Der Senator seufzte tief beim Angedenken an Lammers Worte. Der Doctor
sagte aber nun mit gemessenem Tone: »Unsere Ansichten weichen ab, wie
ich sehe. Es befremdet mich nicht, da ich mich zu einer andern Kirche
bekenne, als Sie.« -- Dem Senator starb die weitere Frage im Munde,
da der Doctor ganz ruhig fortfuhr: »Ich bin Katholik. Von _meiner_
Kirche hab' ich gesprochen: und -- wahrlich -- sie erfüllt ihre
Mutterpflichten tüchtiger als Eine.« --
Müssinger bückte sich verlegen. Der Doctor sprach unbefangen weiter:
»Von unserer Kirche Schwelle geht kein Vertrauender ungetröstet, kein
Leidtragender unerquickt, kein Verirrter ungelöset. Alle ihre Gebräuche
deuten in ihrer mystischen Form auf die heiligsten Pflichten hin; auf
die der Versöhnung, der Menschenliebe. Doch, wem sage ich das, und zu
welchem Endzweck?« fügte er, sich besinnend bei: »Sie mein verehrter
Herr, haben nie die apostolische Lehre näher prüfen gelernt, da die
Gesetze Ihrer freien Stadt die Ausübung jenes Cultus und die Ausbreitung
unsers Lehrbegriffs auf ihrem Gebiete aufs strengste untersagen; gewiß
ist es Ihnen auch völlig gleichgültig, wie ein Katholik von seinem
Glauben denkt.«
»Ich habe zu Augsburg meine Lehrzeit verlebt,« versetzte nachdenkend der
Senator: »Ich habe mich oft hinter dem Rücken meiner Vorgesetzten in die
katholische Kirche geschlichen, mich an der feierlichen Pracht des
Gottesdienstes, an der herrlichen Musik ergötzt, ... ich kann nicht
läugnen, daß...«
Justinens Stimme störte die Herren. Das Mädchen trat ein, und berichtete
dem Vater, -- sich vor dem Fremden sittsam verbeugend -- über eine nicht
besonders bedeutende Angelegenheit der Wirthschaft. Der Doctor
betrachtete während dessen sowohl den Senator, als seine Tochter mit
der größten Aufmerksamkeit. Als Justine wieder hinausgegangen war, sagte
Leupold mit fast bewegter Stimme: »Wahrlich, Herr Senator! Wüßte ich
nicht durch meinen Pflegesohn, daß Ihre Tochter sich Justine nennt, ich
würde darauf schwören, sie müsse Clara heißen.«
Der Senator richtete schnell und fragend die Augen auf den Doctor.
»Clara?« fragte er: »Wie kommen Sie zu diesem Namen?«
»Clara war, wie _Justine_.«
»Welche Clara?«
»Clara Münzner.«
»Mein Gott! Sie wissen...?«
»Ja, mein Freund.«
»Woher? -- Herr, Sie reißen eine Vergangenheit vor mir auf, die jetzt
doppelt schmerzlich mein Gefühl verletzt.«
»Das soll sie nicht. Eines Engels Gedächtniß bringt Segen.«
»Ja, sie war ein Engel!... ein Engel, wie ihn diese Welt nicht
verdient.«
»Der Engel ist in seine Heimath gegangen.«
»Barmherziger! versteh ich Sie?«
»Clara ist todt.«
»Todt?... todt?... Und ich lebe noch; ... _wie_ lebe ich?...«
»Bis an ihr Ende hat sie in Ihnen gelebt, wenn gleich Länder und ein
Jahrzehend sie von Ihnen trennten. Jetzt wird sie, sollte es Noth thun,
für Sie beten bei dem unsterblichen Vater!« --
»Oh!« seufzte Müssinger, und lehnte sich mit vor das Gesicht gehaltenen
Händen zurück. Dann fragte er jedoch lebhaft: »Erklären Sie mir,
räthselhafter Mann! wie können _Sie_ von dem unterrichtet sein, was
außer mir...«
»Ich bin Clarens Bruder!« flüsterte der Doctor dem Senator in das Ohr...
»Xaver?«
»Derselbe, mein Freund. Ich höre, daß man uns wieder unterbricht. Ihr
Zimmer, dem Drang der Geschäfte Preis gegeben, ist nicht geeignet, daß
wir uns darinnen der wohlthätigen Erinnerung ungestört hingeben könnten.
Macht Ihnen die Vergangenheit Freude, so besuchen Sie mich. Ich wohne
eng, aber niedlich und einsam, in der Rahmgasse. Das Haus ist zum Apfel
geschildet. Fragen Sie im zweiten Stocke nach dem Doctor Leupold. Sie
werden mir willkommen sein.«
Indem der Buchhalter eintrat, verbeugte sich der Doctor gelassen und
fremdthuend gegen den unbeweglich hinstarrenden Senator, und ging.
Langsam und sinnend durchstrich er die Stadt, und machte geflissentlich
einen Umweg nach seiner Wohnung, um seinen Gedanken nachhängen zu
können. Hie und da nickten ihm aus Hütten oder wohlanständigen
Bürgerhäusern freundlich grüßende Gesichter zu. In einem armseligen
Gäßchen schlich eine bettelhaft gekleidete Frau, nachdem sie sich vorher
überall umgesehen, geheimnißvoll an ihn, und küßte seine Hand. Er
reichte ihr dagegen eine kleine Münze, und ermahnte sie für die Ruhe
eines Sünders zu beten. Hierauf schlug er sich rechts durch ein Paar
Durchgänge nach der Rahmgasse, und stieg im bezeichneten Hause in sein
Quartier hinauf. -- Eine sauber angekleidete Magd öffnete ihm
ehrfurchtsvoll die Gitterthüre an der Treppe. James, der in der
Wohnstube schreibend saß, richtete sich grüßend auf, und brachte
dienstfertig dem Pflegevater den Steifrock herbei, gegen den der Doctor
eilig den unbequemen Schlafrock vertauschte. Er nahm seinen Platz im
Lehnstuhle am Fenster, das, auf einen Garten aussehend, selbst einen
Garten vorstellte, geschmückt mit würzigen Blumenstöcken. In der Stube
sah es so reinlich, so friedlich und traulich aus; sie stellte ein
reizendes Stillleben dar. Der Boden, sauber wie ein Spiegel; die
Geräthschaften blank und rein. Ordnung überall; keine Falten in den
Teppichen der Tische, kein Stäubchen auf dem grünen Vorhange, der eine
kleine Büchersammlung barg; ein niedlicher Vogel im luftigen Bauer von
der weißen Decke schwebend; eine tickende Schwarzwälderuhr an der Wand;
viele summende Mücken auf dem Blumenflor am Fenster. Das Schweigen wurde
lange nur durch der Thierchen Geschwätz, den Perpendikelschlag, und die
knarrende Feder des jungen Engländers unterbrochen, der sich gleich
wieder an seine Arbeit gesetzt hatte. Der Doctor saß mit gefalteten
Händen, rückwärts gelehntem Kopf und geschlossenen Augen in seinem
Lehnstuhle. Seine Lippen trugen das Lächeln einer freundlichen
Gedankenwelt, die unter den zugezogenen Augendeckeln vorüber schwebte,
und er schwieg wie ein Träumender, bis er einen leisen Hauch an seiner
Wange fühlte, und forschend die Augen aufschlug. Schon dämmerte es.
James stand bei ihm, und hatte sich über sein Gesicht gebeugt.
»Ich wollte mich überzeugen, ob Sie schliefen, mein Vater,« sprach der
Jüngling. »Meine Arbeit ist vollendet; die Feierstunde da. Sie sind aber
heute nicht so munter und gesprächig, wie wohl sonst. Darf Ihr
Pflegesohn nach der Ursache fragen?«
»Die Ursache, mein Sohn, ist nur eine kleine Geschichte aus der
Zeit, da ich dein Alter hatte;« antwortete der Doctor, freundlich
ihm zunickend; »setze dich zu mir, und höre sie, wenn du willst. Ich
sage dir aber im Voraus, daß die Geschichte so kurz und einfach und
natürlich ist, wie nur eine in der Welt. Den Jüngling befriedigt
freilich nur ein Labyrinth von Abenteuern. Dem greisen Manne jedoch
schließt gerade die klarste Begebenheit einen Zaubertempel auf.
Versetze dich mit mir nach Augsburg, wo du zwar niemals warst, von
dem du aber manches gelesen. In jener alten, weit berühmten Stadt ist
eine abgelegene Gegend an der Stadtmauer, unfern von einem kleinen
Thore. Durch diesen leicht zu übersehenden Winkel soll, heißt die Sage,
der Teufel den Doctor Luther in's Freie geführt haben, da demselben
große Gefahr drohte, und alle anderen Ausgänge von Feinden besetzt
waren. Obgleich nun diese Geschichte durchaus Fabel und unhaltbar,
so führt doch noch zu heutiger Stunde der Platz den Namen: Dahinab!
-- In diesem Dahinab nun stand unter andern kleinen Häusern ein von
einem Gärtchen umgebenes; reputirlich anzuschauen, und die Wohnung
eines braven Mannes. Der Fleiß desselben hatte das Haus gebaut, und
die Heiligen, -- buchstäblich zu verstehen, -- hülfreich dazu gethan.
Der Fleißige war nämlich Kupferstecher, und hat -- durchaus dem Fach
sich hingebend, -- viele hundert Heiligenbilder gestochen und geätzt,
die zu damaliger Zeit in großen Ladungen über die Berge nach Italien
gingen. Der Künstler war fromm und still, wie seine Bilder, arbeitete
unverdrossen von früh bis spät, und seine einzige Erholung außer dem
Hause war am Sonnabend ein Ruhe-Stündchen auf der Schießstatt, bei
einem Krug Bier und freundlichem Geschwätze. Den Sonntag nahm die
Kirche und -- bei schönem Wetter -- ein Spaziergang mit dem Weibe nach
dem Ablaß oder nach Göggingen hinweg. Diese Lebensordnung machte auch,
daß es im Hause fein und ordentlich aussah, und der Friede doppelt
mit den Kindern einkehrte, die der Himmel dem einfachen Künstler
schenkte. Der Bube hieß Xaver, die Tochter Clara. Der Erste, zugleich
der Aeltere, sollte anfangs Kupferstecher werden, wie der Vater; die
Zweite ein braves Weib, wie die Mutter. Es ergab sich indessen bald,
daß Xaver, um schwacher Augen willen, der Kupferstecherkunst nicht
gewachsen war, und, noch in der Wahl verharrend, was einst aus dem
Jungen werden möchte, schickte ihn der Vater in die Schulen, damit er
etwas Tüchtiges lerne. Clara wuchs arbeitend und blühend auf, besuchte
kein anderes Haus, als das Haus Gottes, und ahnte nicht, daß an jener
Stätte ein sehnsüchtiger Jünglingsblick die verborgene Blume ausgespäht
hatte. Die Eltern ahnten's um so weniger. Der Bruder allein, der oft,
um zu studiren, im Gärtchen sich befand, merkte das Erste von der
Sache. Eine Bastion der Festungswerke, die gerade, -- senkrecht fast,
-- in die Höhe stieg, und die Ansicht über die Häuser des Dahinab frei
gab -- bildete die Schlußwand des Gartens. Auf dem Rand dieser Bastion
stand einmal um die Mittagszeit ein blutjunger Mann, und sah immer so
steif und unverrückt in den Garten hinab, daß dem studirenden Xaver,
-- als dieser, durch die Blätter der Laube schielend, zum zweiten oder
dritten Male das Unwesen wahrnahm, -- bang um den Verstand des jungen
Menschen wurde. Bald kam er jedoch dahinter, daß die Schildwache auf
der Bastion eigentlich der Schwester gelte. Denn so oft diese, blühend
und frisch wie eine Rose, um die Mittagsstunde aus dem Hause hüpfte,
den Bruder zu Tisch zu rufen, -- so oft zog _der_ auf der Schanze ein
Fernrohr aus der Tasche, und richtete es so scharf und fest auf das
Mädchen, als ein Constabler nur mit seinem Geschütz thun kann. Der
Bruder hütete sich wohl, der unbefangenen Schwester das Geringste von
seinen Beobachtungen, -- die er eine ganze Woche hindurch fortsetzte,
mitzutheilen. Endlich eines Vormittags, aus dem Collegium kommend,
wandelt ihn die Lust an, der Sache auf den Grund nachzuspüren. Er
steigt auf die Bastion, und findet den Bewußten bereits am Posten. Er
schlägt ihn auf die Schulter, und fragt ihn: Was hat Er dahinab zu
spioniren, mein Freund? -- Der Andere erröthet, antwortet aber vornehm:
Das geht _Ihn_ nichts an, mein Freund. -- Er ist ein Narr! sagt ihm
hierauf Xaver, und der Andere antwortet mit einem »unverschämten
Menschen.« Für einen Studenten von neunzehn Jahren ist das zu viel.
Er antwortet ebenfalls mit einer nachdrücklichen Beleidigung. Der
Andere greift nach seinem Degen. Xaver bedeutet ihm, er selbst dürfe
als angehender Theolog keine Waffe tragen; er werde aber nur hinunter
in's Haus gehen, sich einen Degen holen, und sicherlich binnen wenig
Minuten auf die Schanze zurückkehren, um die Sache auszumachen. »Was
hat Er in jenem Hause zu thun?« fragt der Andere verwundert. -- Es
ist das meiner Eltern; entgegnete Xaver. -- Und das Mädchen? -- Meine
Schwester. -- Nun lacht der Mensch ausgelassen, steckt die Klinge ein,
fällt dem Studenten um den Hals, und ruft: Wir müssen Kameradschaft
trinken. -- Wie so? -- Ich bin in deine Schwester verliebt, mein
Junge; fährt der Andere fort: ich sterbe, wenn ich nicht wenigstens
bald zu ihr sagen kann: Wie befinden Sie sich, Jungfer? Du mußt mich
bei deinen Eltern einführen, als einen Mitstudenten, als einen Freund
aus dem Gasthause, -- als was du willst. -- Nun erzählte der heftige
närrische Mensch weiter, und es kam heraus, daß er Kaufmannsdiener
sei, vor wenigen Wochen erst die Lehre verlassen habe, und in einer
der ersten Handlungen Augsburgs conditionirte. Ein Zufall hatte ihm
meine Schwester gezeigt. Dazumal wurden gerade Bittgänge gehalten
und Gottesdienst gefeiert, zum Besten und Frommen der unglücklichen
Rheinländer und Pfälzer, die unter dem Mordschwerdt des Königs
von Frankreich bluteten. Bei einer dieser Processionen war der
Kaufmannsdiener an Clara's Seite gekommen, und sie hatte ihm schnell
gefallen, obwohl sein Mund keine Sylbe mit ihr gesprochen. -- Xaver,
der in dem fremden jungen Mann einen Sohn wohlhabender Eltern aus
einer entfernten Stadt erkannte, dem derselbe gefiel, ließ sich endlich
bereden, gab den sonderbaren Gesellen für einen Bekannten aus, und
brachte ihn in der Eltern Wohnung. Ach, nun beginnt eine schöne Zeit;
sie umfaßt beinahe ein Jahr. Die Eltern gewannen den Fremdling lieb;
Clara theilte seine Gefühle. Xaver sah eine schöne Zukunft für die
Schwester leuchten. Die Mutter betete zu diesem Endzweck im Stillen.
Harmlos flossen die Tage, von Vertrauen, von Freundschaft und Liebe
getragen, dahin! In dem engen Häuschen, in dem kleinen Garten waren
alle glücklich. Aber -- der Friede, das Glück hat seine Grenzen, und
somit endigte auch dieses.«
Der Doctor sammelte sich hier, wehmüthig werdend, und sprach nach einer
langen Stille, gefaßt und trocken weiter: »Der junge Mensch hatte
nicht redlich an der Familie gehandelt. In dem Augenblick, als alle,
-- Clara selbst -- im Stillen auf eine baldige Erklärung und Werbung
hofften, verließ er Augsburg, heimlich, schnell, um in die Heimath
zurückzukehren. Ein Brief belehrte uns, daß er als Protestant, -- er
hatte sich für einen der Unsern ausgegeben -- nicht daran denken könne,
aus der Neigung seiner Jugend Ernst zu machen, und mit blutendem Herzen
sich von der Stelle losreißen müsse, die ihm theuer und lieb geworden,
wie das Vaterhaus. -- Wir weinten; Clara verzweifelte fast. Die Jahre
beruhigten zwar ihr Herz, aber -- an dem Entfernten treu und eigen
hängend, blieb sie Jungfrau, legte als fromme Wärterin die Eltern in's
Grab, und folgte ihnen dann, zehn Jahre, nachdem _er_ sie verlassen, --
mit seinem Namen auf den Lippen. Hiermit, mein Sohn, endigt sich die
Geschichte, deren erster Theil noch jetzt meine Seele mit angenehmen
Bildern füllt. Du hast meine Eltern, meine Schwester und mich kennen
gelernt. Vor achtzehn Jahren habe ich Claren verloren, und heute --
bewundere die Wege der Allmacht! heute finde ich _ihn_ wieder, der
sie verließ, der vielleicht ihr Leben abkürzte; finde ihn wieder,
unglücklich, darniedergedrückt von _schweren_, schweren Aengsten, wie
ich fürchte; ein armer, elender Mensch, im Schooße des Ueberflusses der
eiteln Welt!«
»Errathe ich?« fragte James ungestüm: »Der Senator?«
Der Doctor nickte mit dem Haupte. -- »Beinahe,« sagte er, »hätte mich
die Schwachheit überrascht, ein Wohlbehagen zu empfinden, als ich ihn
so erbarmenswürdig vor mir stehen sah, und jetzt erst bestimmt in's
Reine kam, daß _er_ jener Walter sei, den ich -- seltsam fürwahr --
beinahe vergessen hatte. Kein Zug der Jugend mehr in seinem Gesichte;
keine Zufriedenheit in seinem Hause; keine Ruhe in seiner Brust. Die
Vergeltung hat an dir gearbeitet! wollte ich sagen; doch Gott hielt
meine Zunge im Zaume. Clara hat mir ja auf dem letzten Lager ihre Liebe
zu ihm als Vermächtniß hinterlassen, und ich muß ihn oder die Seinen
glücklich machen, wenn ich's vermag; schon darum, weil ihn _Clara_
geliebt, weil ihn _Clara_ gesegnet hat! --«
»O ein heiliges Gefühl, ein heiliges Erbe ist die Liebe!« versetzte
James mit einer wehmüthigen Innigkeit. Der Doctor ergriff ihn fest bei
der Hand, und redete: »Mein Sohn, hüte dich vor Sophismen, wie sie nur
gar zu gerne die Leidenschaft gebiert, wenn sie sich in Fesseln spürt.
Denke deines Versprechens, der Zusage, die du mir gegeben. Du gehörst
nicht mehr dir selbst an, du gehörst nicht _mir_. Und wäre dies Alles
nicht, so sollte meine Erzählung dir bewiesen haben, daß Ungleichheit
des Glaubens Verderben bringt.« -- James schwieg mit bitterem
Gefühle. -- »Ich sehe, daß es Zeit ist, deine Besuche in des Senators
Hause abzukürzen,« fuhr der Doctor sorglich fort: »die letzte Aufgabe
vollende noch. Vielleicht begründest du dadurch das Heil einer Person,
die du _liebst_, wie ich fürchten muß.« -- »Und gelänge es mir,« fragte
James, Muth fassend: »dürfte ich alsdann hoffen, mein Vater?«
»Dein Schicksal hängt nicht von mir ab,« antwortete der Doctor: »wäre
dieses aber auch, -- Sohn! hätten wir uns in dir getäuscht...? Laß mich
das nicht ahnen!«
»O, welch' ein Schicksal ist mir bereitet worden?« seufzte der junge
Mann: »Zu welchem Gewerbe, -- mir widerstrebend, meinen Sinn empörend,
wurde ich bestimmt! und zum Dank dafür verbietet man mir grausam, zu
fühlen wie ein Mensch!«
»Dafür rasest du wie ein Thor,« unterbrach ihn der Doctor heftig: »zur
Strafe wirst du deine bisherigen Andachtsübungen verdoppeln, bis ich es
anders bestimme! --« Milder fuhr er, und plötzlich besonnen fort: »Was
wäre dein Schicksal unter den dänischen Dragonern gewesen, du
Verblendeter? Du schlägst die Hand, die dir wohl that. Dein Gewerbe
empört dich? Das heißt: Deine Pflicht gefällt dir nicht. Glaube mir: Oft
ist auch _mir_ die Meinige zuwider, aber ich erfülle sie dennoch ohne
Murren, weil ich überzeugt bin, daß zu einem vollkommenen Bau der
geringste Dienst vonnöthen ist, wie der edelste. Die Leute, die im
finstern Schacht den Keller wölben, haben durch ihre lichtscheue Arbeit
mehr gethan, als der Meister, der das leichte Prunkgetäfel anschlägt,
und den Blumenstrauß stecken auf den fertigen Bau kann vollends jeder
Lehrjunge. Bescheide dich also dankbar vor dem Höchsten, zu dessen
größerer Ehre wir handeln, und bemeistre flüchtige Aufwallungen der
Jugend, die immer nur eitel sind, und denen im vorliegenden Falle
ohnehin nicht _entgegengekommen_ wird.«
Dieses letzte Argument entschied. James fühlte wohl, was _er_ empfand,
aber die Empfindung der Geliebten war ihm mehr als zweifelhaft
geblieben. Er schwieg daher halb unterwürfig, halb gekränkt, und
waffnete sich mit starrer Kälte, als er am folgenden Tage des Senators
Haus betreten mußte. »Wo will Er hin?« schnauzte ihn mit unerträglicher
Grobheit der verdrießliche Nothhaft an, der ihm just entgegen kam.
»Zur Jungfer Justine.« -- »Die Jungfer hat Kopfschmerzen. Komm Er ein
Andermal.« -- James wollte, nachdem er mit leichtem Achselzucken den
Ungeschliffenen gemessen, still davon gehen, als sich Justinens Stimme
von oben vernehmen ließ: »Kommt nur herauf, werther Monsieur; für Euch
bin ich zu Hause, nur für den Neidhammel nicht, der Euch =sans façon=
belügt, wie ein Schelm!« -- James stutzte erfreut. Von Zorn brennend,
und mit einem: »Verdammter Naseweis!« lief Nothhaft in das Comptoir.
»Laßt Euch meine Sprache nicht befremden,« sagte Justine ohne Umstände
in Gegenwart der Mutter zu dem jungen Engländer: »Wir Deutsche haben --
wie wir denn in allem derb sind -- ein derbes Sprichwort, das man wohl
sonst nur in Pöbels Mund hört, das aber stets wohl angebracht ist, wenn
man _vom_ Pöbel redet: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil!
-- Ich zweifle nicht, daß in Eurer Sprache sich ebenfalls ein ähnlicher
Spruch vorfinden werde. Der Bursche, der Euch belog, ist der Klotz,
der sich sogar einmal unterstanden hat, sich in mich zu verlieben. Ich
bitte Euch! damals noch ein Kind von fünfzehn Jahren, sollte ich an
dem blatternarbigten Ungeschickt eine Freude finden! Ich habe ihm das
Zärtlichthun abgewöhnt; nun verfolgt mich jedoch der holde Amadis mit
tausend Tücken und Nücken, die mir, -- wider seinen Willen, -- Spaß
machen, weil ich sie gewöhnlich vereitle. Seit der letzten Horcherei
hat er auch auf Euch seinen hohen Zorn geworfen. Fürchtet Euch aber
nicht, Monsieur: Ihr steht unter meinem Schutze.«
»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Mademoiselle,« antwortete James
lächelnd: »Doch wüßte ich schon selbst mir den Ueberlästigen vom Halse
zu schaffen, wenn er mir ernstlich zur Last fallen wollte.«
»Das meine ich auch,« ließ sich die Senatorin breit und förmlich
vernehmen; »Er hat starke Knochen, Monsieur, und mag sich durchhelfen.
Für dich, Justine, schickt es sich indessen ganz und gar nicht, einem
jungen Mann solche Promessen zu geben. Die Chapeaus sind doch -- so Gott
will, -- dafür in der Welt, _uns_ zu beschützen, und es ziemen sich
folglich solche cavaliere Redensarten keineswegs für eine schon verlobte
Tochter. Ich werde also...«
»Uebergenug, beste Mama,« fiel Justine kurz abfertigend ein; »Sie
verstehen es, mich zum Schweigen zu bringen, und Ihr, Monsieur, beginnt
die Lehrstunde!« -- James gehorchte, doch Justinens Geist war keineswegs
bei der Grammatik. Ungeduldig zählte ihr Auge die Minuten auf der
Wanduhr, und sie machte Schicht, sobald die Glocke schlug. Ein Vorwand
wurde bald gefunden, den Lehrer zu begleiten, und schnell raunte sie ihm
zu: »Wie ist's, Herr? habt Ihr der armen Französin das Geschenk
gebracht? Lindert es ihr Elend? Was ist ferner zu thun?« -- James
erwiderte verlegen: »Ich bringe Ihnen der Unglücklichen heißen Dank,
Ihre reichliche Gabe hat sie in Ueberfluß versetzt, und zu ihrem Glücke
fehlt nur noch Eines: _Sie_, freundliche Geberin, von Angesicht zu
sehen; Ihnen mündlich danken zu können!« --
»Rathet der guten Frau ab,« versetzte Justine ängstlich; »sie soll ja
nicht hierher kommen. Der Vater, -- er ist ohnehin mürrisch -- würde es
nicht gerne sehen. Die Mutter gibt in ihrem Leben kein Almosen, und ich
hätte nur Verdruß, wenn es herauskäme, daß ich mein Taschengeld...«
Sie stockte, besann sich einen Augenblick und setzte dann hinzu: »Die
arme Frau soll sich deshalb nicht so grämen. Ich wünsche selbst, sie zu
sehen, mich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen, aber Ihr begreift, es
geht nicht an, daß sie komme. Ja, -- wenn ich ein Mittel wüßte, ... ich
würde mich gerne selbst einmal zu ihr schleichen ... ich helfe gar zu
gern; ... aber ... ich weiß nicht...«
»Das Mittel wäre leicht,« entgegnete James, etwas zögernd: »Vertrauen
Sie sich mir an; ich führe Sie; in einer Stunde sind wir hin- und
zurückgegangen.«
Justine blickte ihn neugierig und strenge forschend an: »Ich halte Euch
für einen Ehrenmann, Herr White. Ich würde mich nicht fürchten, mit Euch
zu gehen. Aber wann? Ich will nicht mit Euch gesehen werden, und am
Abend gehe ich nicht aus, mögt Ihr wissen.«
»So bleiben uns die frühen Morgenstunden,« meinte James, und der
Vorschlag gefiel Justinen. »Schön!« rief sie, »das paßt. Mutter schläft
fest bis um neun Uhr. Vater ist vor acht nicht sichtbar, und kümmert
sich nicht um mich. Um sechs Uhr also. Dann sind die Straßen noch
ziemlich leer von den Leuten, die mich nicht sehen sollen. Wartet meiner
morgen um diese Stunde am Neumarkte. Wollt Ihr das thun, so wird mir das
artige Abenteuer Freude machen.«
James versicherte seine Bereitwilligkeit, und ging, nicht mit leichtem
Herzen, aus dem Hause. Justine schwelgte dagegen in dem Genusse ihres
kleinen Geheimnisses. Der Umstand, die Wohlthäterin einer Bedrängten
geworden zu sein, schmeichelte ihrer Eitelkeit, und schien ihrem Leben
eine gewisse Bedeutung zu verleihen. Sie sah sich nicht mehr verdammt,
zwischen einer stumpfsinnigen Mutter und einem schwermüthigen Vater den
freudenlosen Pfad zu gehen; sie wirkte nach Außen hin, und diese Idee
erquickte ihren Geist, der ihr zu etwas Besserem geschaffen schien, als
zu der Einklammerung in alltägliche Hausverhältnisse. Justine war so gut
und liebevoll, als sie sich manchmal schroff und ungestüm geberdete. Sie
hätte gewünscht, die Pflegerin der Welt zu sein, alle Schätze der
Goldminen Amerikas zu besitzen, um sie an die Armuth zu vertheilen. Sie
konnte darum der Neugierde nicht widerstehen, das dankbare Geschöpf
ihrer Milde zu sehen, dessen Noth mit eigenen Ohren zu vernehmen, ihm
Trost zu geben durch Worte und durch die freigebige That. Mit Ungeduld
erhob sie sich, als der bezeichnete Tag angebrochen, von ihrem Lager.
Ein Blick durch's Fenster belehrte sie, daß das schönste Wetter ihre
heimliche Wanderung begünstige; schnell war sie in ein unscheinbares
Gewand gehüllt, ihr Haar, ihr Antlitz von einem dichten Schleier
bedeckt, und, bevor noch der Zeiger auf sechs Uhr wies, die Thüre ihrer
Schlafkammer leise, leise geöffnet. Ein Geräusch hielt sie auf der
Schwelle zurück. Am Ende des Ganges öffnete nämlich auch der Senator
behutsam die Thüre _seines_ Gemachs, und trat, wie auf den Zehen,
heraus; völlig angezogen. Langsam schritt er die Treppe hinab, und ging
aus dem Hause. Justine war betroffen. Sie hatte den Vater gestern am
ganzen Tage nicht gesehen. Eine Sitzung des Senats hatte ihn, seinem
Vorgeben nach, fern gehalten. Und heute, dieses leise, schleichende
Ausgehen ... es kam ihr seltsam vor. Allein, was war denn, seit jener
unglücklichen Begebenheit, nicht seltsam in dem Benehmen ihre Vaters?
Schnell gefaßt trat Justine ihren Weg an, um die Zeit nicht zu
versäumen, und ihren Begleiter nicht warten zu lassen.
James hatte sich schon seit geraumer Zeit auf dem Neumarkte
eingefunden. Auch an ihm war der Senator, tief in Gedanken,
vorbeigekommen. Mit klopfendem Herzen begrüßte er Justine, die eiligst
herbei hüpfte, den Schleier nur leicht lüftete, mit dem Kopfe nickte,
und zur Eile antrieb. Stumm ging James neben der Holden her, die ihre
Schritte immer munterer förderte. Der Weg war jedoch weit. James führte
seine Schülerin in ein entlegenes Quartier der Stadt, wohin sie noch
nie gekommen war. Stutzig sah sie sich auf einer Kreuzstraße um, und
sagte englisch zu dem Führer: »Hat hier nicht die Ehrlichkeit ein Ende,
Sir? und wie steht's mit der Euern? --« James lächelte etwas verlegen,
deutete jedoch auf eine Thüre, und antwortete: »Wir sind am Ziele!«
Justine betrachtete diese Pforte aufmerksam. Nur eine Mauer stellte sich
dar, über welche sparsame Epheugewinde herabhingen. Das Pförtchen, ohne
Seitenfenster oder Lücke, war enge, niedrig, und sehr fest, von
Eichenholz gezimmert. In der Umgegend, durch Gartenmauern und Gehäge von
dem Pförtchen abgesondert, standen nur einige halbverfallene, elende
Wallhäuschen, deren Bewohner, im Taglohne arbeitend, schon beim Grauen
des Morgenlichts ausgingen, und in später Nacht erst wieder heimkamen.
Alle Thüren und Fenster zu; nur hie und da schrie aus dem Innern ein
eingesperrtes Kind, oder bellte ein angeketteter Hund. -- Mit fragendem
Blicke deutete Justine auf die bezeichnete Thüre. James nickte, und
wollte an dieselbe pochen. Rasch hielt ihm das Mädchen die Hand, und
sagte mit gedämpfter Stimme: »Wo führt Er mich hin, Monsieur? Da hinein
gehe ich nicht.« James betrachtete einen Augenblick ihre Miene. Die
seinige verfinsterte sich nicht. »Nach Belieben!« entgegnete er schnell,
»so gehen wir zurück, weil Sie sich fürchten.«
Der Vorwurf der Furcht, so wenig er verwunden sollte, traf sein Ziel.
Justine maß von neuem mit dem Auge die verschlossene Thüre, den zum
Gehen gewendeten Jüngling, die menschenleere Nachbarschaft. »Glaubt Ihr,
daß ich ein Kind sei?« fragte sie alsdann mit Vorwurf. »Furcht kenne
ich nicht, Monsieur, aber ich muß darauf sehen, daß mein Vorwitz mich
nicht an einen Ort bringe, der vielleicht meinem Geschlecht und meiner
Familie gleich unangemessen wäre.«
»Wie, Mademoiselle?« fragte James mit flammenden Augen: »Glauben Sie,
daß _ich_ fähig sei, Sie an einen solchen Ort zu führen? O wenden Sie
schnell um, ich will Ihre Erniedrigung nicht.«
Justine machte ihm rasch ein Zeichen, zu schweigen, und faßte, an ihn
tretend, seinen Arm. Sie hatte eines Mannes Schritt gehört, und in der
That kam ein Herr um die Ecke der Mauer, den Hut tief in's Gesicht
gedrückt, und zum Ueberfluß einen Mantel um das Kinn geschlagen, daß
auch kein Zug von ihm zu erkennen war. Einen flüchtigen Blick warf
er auf die verhüllte Dame und ihren Begleiter, klopfte dann ziemlich
vertraut zweimal an die räthselhafte Thüre. Ein Mensch von gemeinem
Ansehen öffnete sie, und schob hinter dem Eintretenden die Riegel vor.
Justine hatte eben in dem Moment des Oeffnens die Aussicht auf einen
Hof mit Bäumen, und ein darin stehendes Gebäude erhascht. -- »Kennt
Ihr den Mann?« fragte Sie ihren Führer. Er verneinte. »Es sieht doch
da drinnen nicht wie in einer Mörderhöhle aus!« fuhr sie lächelnd
fort: »wäre es Euch noch gefällig, mich zu begleiten?« »Ihr wollt es?«
versetzte James: »in Gottes Namen denn!« -- Er klopfte zweimal wie der
Vorgänger. Derselbe Pförtner schloß auf, bückte sich wie ein Bekannter
vor dem Engländer, und begrüßte auch auf ein Zeichen desselben die
Dame. Der Hof war bald durchschritten, das Gebäude bald erreicht.
Tiefe Stille herrschte rund um das alterthümliche Haus, das ehedem ein
Kloster gewesen zu sein schien. Die in der Hausflur aufgeschichteten
Geräthe ließen vermuthen, daß hier früher ein Magazin gewesen. Die
halbdunkle, halbverfallene Treppe knisterte unter den Schritten der
Kommenden. Neue Besorgnisse stiegen in Junstinens Seele auf. Da pochte
James an eine recht unscheinbare Thüre. Sie ward geöffnet, und der
Engländer mit seiner Begleiterin trat rasch hinein. »Mein Gott!«
flüsterte nun James der Letzteren zu: »wir sind am unrechten Orte!«
Aber schon hatte der Oeffnende, ein Pförtner, wie jener am Hauptthore,
die Thüre zugemacht, und wies die Kommenden in einen hölzernen
Verschlag, der zur Seite stand. Eine Bank war in dem dämmerigen
Versteck zu sehen, und ein hölzernes Gitter gab die Aussicht auf das
Gemach, in welches die Senatorstochter gerathen war. Ein Spitzgewölbe,
dem Ansehen nach eine verwitterte Kapelle, mit Grabsteinen auf dem
Fußboden, und ausgebrochenem Ziegelpflaster. Die Fenster waren theils
zerfallen, theils von Spinneweben umflort. An den Mauern liefen zu
beiden Seiten Verschläge hin, dem ähnlich, in welchem sich Justine
befand; theils mit vergitterten, theils mit offenen Fensterlucken;
Betstübchen aus sehr lang verwichener Zeit. Durch die Oeffnungen
waren tief verhüllte Männer, Weiber in Schleierhauben, Kaputzmänteln
und anderer Vermummung zu sehen. -- »Wir sind in der ehemaligen
Kapitelstube der Johanniter!« sagte James leise und verlegen zu der
staunenden Freundin: »Verzeihen Sie mein Ungeschick. Schweigen Sie aber
zu Allem, was hier vorgehen möchte. Sie haben nichts zu befahren.«
Justine sah ihn starr an, und wendete sich, ohne eine Sylbe zu
erwidern, zu dem Gitter, um zu beobachten, was der Thürsteher beginnen
würde, der durch die Kapelle auf einen großen Kasten zuging, welcher
am obern Ende derselben stand. Er öffnete das Schloß, hob den Deckel,
schlug die vordere Wand herab, und siehe, es gestaltete sich unter
seinem Geschäfte ein Altar mit zwei hölzernen Stufen, und belegt mit
einem sauberen weißen Linnen. Zwei Leuchter mit Wachskerzen, die der
Diener anzündete, und einige Gefäße mit Blumen standen zu den Seiten
eines Kruzifixes. Schmucklos war im Uebrigen der Altar. Der Diener
nahm einige zinnerne Kännchen nebst Schlüssel und Serviette aus einer
Lade, setzte eine kleine Schelle auf die Stufen nieder, und entfernte
sich durch eine enge Thüre hinter dem schnell errichteten Opfertische.
Justine sah nun deutlich, wie von den Leuten um und um Gebetbücher
und Rosenkränze aus den Taschen genommen wurden, und sie ahnte, was
hier geschehen würde. Diese Ahnung wurde zur Gewißheit, als die enge
Thüre wieder aufging, der Diener heraustrat, mit einem großen Buche
in der Hand, aus welchem viele bunte Bänder herabhingen, und ihm ein
ansehnlicher, ehrwürdig aussehender Mann folgte, in einem funkelnden,
wunderlich geschnittenen Gewande, einen vergoldeten Kelch tragend,
und in ernstes Sinnen und Gebet versunken. Justine hatte einigemal
auf Bildern und in Kupferstichen römisch-katholische Priester in
solchen Kleidern gesehen, und zweifelte nun nicht, sich an einem Orte
zu befinden, wo man den römischen Gottesdienst unter'm Schleier des
Geheimnisses feierte. Welch ein Gefühl in ihrer Brust entstand, läßt
sich nicht beschreiben. Unwillig gegen die ihrem Glauben widerstrebende
Form, gegen den dienstfertigen Führer, gegen ihren eigenen Leichtsinn,
hätte sie den Ort verlassen, aber die verriegelte Thüre, die Furcht
vor dem Aufsehen, das entstehen würde, -- mehr noch als das -- ihre
_Neugierde_ hielt sie fest.
Das Meßopfer begann mit der größten Ruhe, und der Anstand des
Geistlichen versöhnte bald die Protestantin mit den Gebräuchen, die sie
nicht faßte. Sie sah den Priester demüthig vor den Stufen des Altars auf
die Kniee sinken; sie fühlte, daß er vor dem Einigen seine Schuld
bekenne, für sich und seine Gläubigen; und geheimnißvoll vorbereitend
drangen die halblaut gesprochenen lateinischen Worte zu ihrem Ohr.
Unwillkürlich machte sie die Geberden der übrigen Zuhörer nach. Sie
hörte stehend das Evangelium, beugte das Haupt bei der Wandlung. Sie
genoß im Geiste das Abendmahl des Priesters mit, und als derselbe dem
Volke verkündete, die Messe sei vorüber, als er wieder hinter der Thüre
entschwand, durch welche er gekommen, -- da bedauerte fast Justine, daß
das seltsame, nie gesehene Schauspiel vorüber gegangen. Um den Eindruck,
den dasselbe auf sie gemacht, noch aus dem baufälligen Hause mit sich in
die freie Luft zu retten, drängte sie rasch den Begleiter, der sie
zurückhalten wollte, nach der Thüre, und trat, -- beinahe die Erste der
Davongehenden, aus der Kapelle.
»Was thun Sie?« flüsterte ihr James besorglich zu: »Sie werden sich
verrathen, erkannt werden! Wir hätten die Letzten sein sollen!«
Von der triftigen Einrede erschüttert, stand Justine verlegen still, zog
den Schleier fester zu, und sah kaum nach den Vorübergehenden, die,
vermummt wie sie, mit flüchtigem Seitenblick von dannen zogen.
»Hier herein!« sagte mittlerweile der junge Engländer, und zog Justine
in eine andere, nur angelehnte Thüre: »Hier finden wir, was wir gesucht,
und indessen wird Haus und Hof von den neugierigen Gästen rein.«
Justine sah sich in dem Gemache um, und ward angenehm überrascht, ein
ziemlich junges und hübsches Frauenzimmer, in prunkloser, aber
sorgfältiger Kleidung, vor sich zu haben.
Dieses Letztere bewillkommte sie demüthig freundlich, mit einem
wohlgesetzten Gruße in ausländischem Deutsch.
»Darf ich fragen...?« äußerte Justine. --
»Mein Name ist Lainez;« versetzte die junge Frau: »wie glücklich machen
Sie mich, indem Sie mich eines Besuchs würdigen, und einer Gelegenheit,
Ihnen zu sagen, wie dankbar ich für die großmüthige Hülfe bin, die Sie
mir durch den uneigennützigsten Wohlthäter, durch Herrn White,
angedeihen ließen.«
»Die Offizierswittwe, von der ich Ihnen sagte;« schaltete James ein:
»Nur ein Zufall ließ uns die rechte Thüre verfehlen.«
»So?« erwiderte Justine trocken, indem sie einen mißfälligen und
mißtrauischen Blick auf den Engländer warf, sich aber dann schnell zu
der Französin wendete:
»Sie leben in einer geheimnißvollen Nachbarschaft, Madame.«
»Ich kenne meinen nächsten Nachbar nicht;« antwortete die Wittwe
unbefangen, und sah Justinen furchtlos in das Auge; »der Verwalter
dieses ehemaligen Magazinhauses hat viel von dem bedeutenden Gelasse, in
dem er befiehlt, an arme Miethsleute gegeben, und die Armuth verkriecht
sich gern. Die Hausgenossen sind mir fremd, bis auf eine alte, beinahe
taube Frau, die mich mit Wasser und Holz versieht.«
»Ich glaube Ihnen,« versicherte Justine, indem sie der Freundlichen die
Hand reichte: »Monsieur White wird um desto bekannter mit den Leuten
sein, die ich so eben verließ.« --
»Ein Zufall, wie gesagt, Mademoiselle, brachte uns in die Mitte einer
Versammlung, von der ich unter der Hand Einiges vernommen, zu welcher
ich mich jedoch nicht zähle.«
Justine betrachtete ihn ungläubig, und erwiderte rasch und drohend:
»Gleichviel, Monsieur, wie's Euch gefällt, mich zu belehren. Die Herrn
und Frauen mögen unterdessen sorgen, daß nicht auch der _Senat_ unter
der Hand Einiges von ihrem Thun vernehme. War mein Vater heute an
_meinem_ Platze, so war ein Unheil fertig. Wer bürgt übrigens dafür, daß
_ich_ nicht plaudre?«
»Ihr Herz,« versetzte James ruhig und zuversichtlich: »Sie sind ein
zartfühlendes Weib. Sie werden nicht vorsätzlich Unglück über Menschen
bringen, die es wagen, im Verborgenen eine Feier zu begehen, welche ihr
Gewissen zu seiner Beruhigung verlangt, obgleich ein hartes Staatsgesetz
sie verbietet.«
»Was ist denn hier im Werke? Was ist vorgefallen?« fragte Madame Lainez
verwundert und neugierig.
Justine sagte: »Das kümmert Sie nicht, liebe Frau. Noch ein Wort zu
Herrn White: Ich bin Euch für die gute Meinung verbunden, Monsieur. Ihr
fangt an, in meiner Seele zu lesen. Was wünscht diese wohl gerade
jetzt?«
»Die Heimkehr;« antwortete James gefällig: »darf ich Ihnen wieder meinen
Arm bieten?«
»Mit nichten, Monsieur. Ich werde ohne Euch den Weg nach dem Hause
meines Vaters finden. Ich fürchte weitere _Zufälle_ an Eurer Seite. Eure
völlige Entfernung ist mein Wunsch, und bis Ihr diesen erfüllt, werde
ich schon der Dame hier zur Last fallen müssen.«
»Welche Ehre!« betheuerte die Lainez: »Wie schmeichelhaft diese Güte!«
»Sie zürnen?« fragte James gekränkt und bestürzt.
»Die ganze Stadt spricht von Justinen's Launen;« erwiderte Müssingers
Tochter; »ich habe heute die Caprice vorsichtig zu sein; ich werde sie
auch Morgen und Uebermorgen haben, und bitte Euch daher, dieses heutige
Zusammensein als unser Letztes anzusehen.«
»Sie verstoßen mich?« rief James mit den Lauten des tiefsten Grams,
wollte heftig auf das Mädchen zugehen, -- faltete jedoch, sich
besinnend, die Hände, warf noch einen seelenvollen Blick auf Justine,
und empfahl sich dann rasch mit einer Verbeugung.
Justine hatte den schnellen Abschied nicht erwartet, und ihr aufgeregtes
Mißtrauen machte einem wärmern, mildern Gefühl Platz. »Ich habe dem
Monsieur vielleicht Unrecht gethan,« sagte sie langsam zu der
Offizierswittwe, die neugierig auf ihrer Stirne las; »allein was soll
ein Mädchen thun, dem ein Mann Ursache zu gerechtem Argwohn gab?
Aengstlich auf der Hut sein, denn die Männer sollen lieben, uns mit
Schlingen zu überziehen, und jenes Engländers Zufälle scheinen mir ein
Netz. Nun aber zu Ihnen, meine Gute. Ihr Gesicht gefällt mir, wie Ihr
Benehmen, das von keiner gewöhnlichen Herkunft zeugt. Lassen Sie mich
wissen, worin ich Ihnen noch gefällig sein könnte.«
»Meine junge Dame! ich habe schon so Vieles von Ihrer Güte genossen, daß
ich unbescheiden sein würde, wenn ich ein Mehreres verlangte. Ihre Hülfe
reichte hin, die Wohnung, in welcher Sie mich finden, wie ein
anständiges Wittwenzimmer auszuschmücken, und Sie würdiger aufzunehmen.
Darf ich noch begehren, daß Sie Ihrer Milde Etwas hinzufügen, so flehe
ich Sie nur an, dem guten Herrn White, der trostlos von Ihnen ging, zu
verzeihen, wenn ich gleich nicht weiß, wodurch er Ihren Unmuth
verschuldet hat.«
Justine bewegte ungeduldig das Haupt. »Warum reden Sie von ihm?« fragte
Sie: »Ich habe Krieg mit ihm, nicht Sie; Sie scheinen viel von ihm zu
halten.«
»Mademoiselle!« erwiderte die Lainez: »Ich lebe eigentlich nur in
meinen Wohlthätern. Von der übrigen Welt habe ich Abschied genommen,
seit ich meinen Mann verlor, der bei Denain den Tod eines braven
Soldaten starb. Gott sei gelobt, daß die Handlungen eines wackern
Mannes noch für dessen Wittwe und Nachkommen Früchte tragen.
Mademoiselle! mein Gatte, Victor Lainez, machte, -- wir waren kaum
einige Monate verbunden, -- an der Spitze seiner Grenadierkompagnie,
die Schlacht bei Malplaquet mit. Der Himmel wollte, daß er den
tapfern Boufflers aus der drohendsten Gefahr retten konnte, worein
ein scheu gewordenes Pferd den Marschall versetzt hatte; ferner, daß
er den kühnen Ritter St. George, der die Reiterei gegen die Feinde
führte, durch einen heldenmüthigen Angriff aus dem Gedränge riß. --
Villars belohnte freilich die seinem Nebenbuhler Boufflers geleistete
Hülfe nur mit Geiz und Verdruß, aber des Marschalls Familie verließ
mich doch nicht in meiner Noth. Und als ich, vom Mißgeschick dem
vaterländischen Boden entfremdet, hier in Krankheit verfiel, erwarb
mir des Ritters St. George Rettung einen Freund in dem guten James
White. Das Ungefähr machte ihn mit meiner Lage bekannt: kaum hörte er,
daß mein seliger Mann dem Stuart, den er mit vielen tausend Engländern
als König verehrt, einen Ehrendienst geleistet, als auch sein Beistand
sich verdoppelte. Er wußte, selbst mittellos, seinen Pflegevater, den
Doctor, in mein Interesse zu ziehen, -- mein Schicksal zu erleichtern,
und endlich in Ihnen nicht minder einen guten Engel für mich zu
gewinnen.«
»So?« versetzte Justine, beinahe mit einem Anstriche von Eifersucht: »Es
muß Ihnen peinlich sein, Madame, von einem jungen Mann abzuhängen.
Frauen sollten billig wieder nur Frauen die Erleichterung eines
unverdienten Mißgeschicks verdanken. Welches ist denn Ihr weiteres Ziel?
Ohne Zweifel sehnen Sie sich, in die Heimath zurückzukehren?«
Die Lainez schüttelte traurig den Kopf. »Ich finde nur Gräber dort,
die mir werth sind,« antwortete sie: »meine Lieben sind alle hinüber.
-- Weitläufige Verwandte, die die Aufhebung des Edikts von Nantes aus
ihrer Heimath verwiesen, leben zu Berlin. Ich kenne diese fremden
Vettern und Basen nicht, und fürchte, sie werden auch mich nicht kennen
wollen.«
»Ihre Furcht möchte gegründet sein,« begann Justine, nach einigem
Nachdenken. Die Lainez fuhr fort:
»Und ist es nicht grausam, daß ich diese Ueberzeugung hegen muß? Trage
ich denn die Schuld, daß mein Vater, seiner Familie Vortheil
berücksichtigend, den katholischen Glauben für sich und die Seinigen
annahm? Die Auswanderung hätte uns zu Grunde gerichtet, um Gut und Leben
gebracht. Im Grunde ist es ja doch gleichviel, unter welchen Gebräuchen
wir Gott verehren. Wir sind die Kinder _Eines_ Vaters, und, so gut von
ihm die zahllosen Sprachen verstanden werden, in welchen die Welt zum
Himmel betet, so gut versteht er auch des Herzens frommen Willen von der
Form zu sondern.«
Justine sah ihr bewegt, scheu und dennoch freundlich in's Auge. -- »Sie
sprechen gut, Madame!« sagte sie: »Sie erregen meine lebhafte Theilname.
Ich werde Sie wieder sehen; ganz gewiß, Madame. Ich will über Ihre
Zukunft mit Ihnen reden. Verlassen Sie sich auf mich. Ich bin ein junges
Mädchen, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Ich dürfte Ihnen von
größerem Nutzen sein, als der Monsieur White. Es wäre mir lieb, wenn Sie
sich seinem Beistande entzögen, und mir erlaubten, Ihnen schicklichere
Dienste zu leisten. Ich muß überlegen, ... mein Gott! ich habe diesen
Morgen schon so Vieles gehört und gesehen;.... sagen Sie mir aufrichtig:
Sie wissen in der That nicht, was in Ihrem Hause -- Ihrem Zimmer
gegenüber, vorzugehen pflegt?«
»Wahrlich: Nein, Mademoiselle.«
»So bleibt mir nichts übrig, als die Delikatesse zu bewundern, womit
sich augenscheinlich eine Gesellschaft Ihrer annimmt, zu welcher Sie
eigentlich gehören, -- die es aber vermeidet, Sie in ihren Kreis zu
drehen, um Sie der Gefahr einer möglichen Entdeckung zu entziehen.
Oder.... will man erst Ihrer Verschwiegenheit gewisser werden.«
»Noch einmal, Mademoiselle, ich verstehe Sie nicht.«
Justine rieb sich ungeduldig die Stirne. -- »Ich werde ganz verwirrt,«
sagte sie: »Ihre Unwissenheit.... White's räthselhaftes Betragen.... ist
der Monsieur Protestant oder nicht?«
»So viel ich weiß: ja. --«
»Und Sie, Madame, sind, wie Sie sagten, Katholikin?«
»Aufrichtig zu sein, Mademoiselle, muß ich Ihnen bekennen, daß mein
Vater, ob er gleich zur Messe ging, dennoch Protestant geblieben. Wir
Kinder folgten, größer geworden, seinen Grundsätzen. Herr von Lainez
ließ mir freien Willen in Religionssachen. Meine Verwandten zu Berlin
werden freilich nie glauben, was ich Ihnen so eben gestand, aber es ist
nicht minder wahr, daß ich einem Rücktritt mich entgegen sehne.«
»Dann müssen Sie aus diesem Hause!« rief Justine lebhaft: »ja Madame.
Sie müssen, -- ehe Sie erfahren...«
»Was, Mademoiselle?«
»Ich werde überlegen, -- nachdenken, Sie dieser Lage entreißen. Glauben
Sie mir; ich will nur Ihr Heil, Ihres Lebens Wohl.«
»Erklären Sie sich....«
»Ein Andermal ... Morgen oder Uebermorgen! So eben schlägt die Stunde,
in der ich schon zu Hause sein sollte. Ich verlasse Sie jetzt, um Sie
bald gefaßter wieder zu sehen. Veranstalten Sie indessen, daß ich den
Engländer hier nicht finde. Leben Sie wohl, meine Beste. Keinen Dank
für die Kleinigkeit, die ich Ihnen reichen durfte; ich wünsche, ich
hoffe, ein Mehreres für Sie thun zu können. Adieu.«
Justine ging in der heftigsten Bewegung von dannen. Die Lainez folgte
ihr verlegen über den Hof; öffnete ihr die Pforte, und des Senators
Tochter eilte die Gasse hinauf. James, der an der Ecke ihrer wartete,
wie ein armer Sünder seines Richters, hätte zu keiner unpassenderen
Zeit in ihren Weg treten können.
»Was wollt Ihr?« fragte sie ernst und hastig, und streifte an ihm
vorüber.
»Mademoiselle!« entgegnete er verschüchtert: »hassen Sie mich nicht!
ich wollte meine Reue ... ich hatte nicht Ruhe; ... darf ich nicht ein
Wort...?«
»Incommodirt Euch nicht, Monsieur,« sagte Justine kurz: »Schleicht nicht
an meiner Seite hin. Bleibt zurück. Ihr wißt bereits wie ich denke.
Adieu.«
Der niedergedonnerte James blieb in der That, an der Geduld der Zornigen
verzweifelnd, zurück, und schlug den Weg in eine andere Straße ein. Er
rannte an einer bekannten Figur vorbei; an dem Kaufmannsdiener Berndt,
der ihn von der Seite mit einem Blicke, ohne ihn zu grüßen, maß, und
dann eiligst der Jungfer folgte, die er wahrscheinlich von ferne, mit
James redend, gesehen.
White hatte indessen nicht Zeit, nicht Besonnenheit genug, über diese
Begegnung nachzudenken. Die, wie er sich bewußt war, verschuldete
Mißbilligung und Verachtung eines geliebten Mädchens, auf dessen
Gedanken-Consequenz nicht gehörig gerechnet worden war, bekränkte ganz
allein sein Herz, erfüllte sein Gemüth. Er verwünschte im raschen Laufe
nach seiner Wohnung seine Bestimmung, sein Geschick, seine Liebe, und
den Zwang, dem er unterworfen. Mit thränendem Auge und hochschlagender
Brust erreichte er sein Stübchen, und warf sich, wie trostlos auf das
Lager. Er hatte nur wenige Minuten mit geschlossenen Augen seine Sinne
gesammelt, als er hinter der Bretterwand, die sein Gemach von dem
Schlafkabinete des Doctors trennte, das Geräusch einer aufgehenden und
zufallenden Thüre vernahm. Er horchte, und unterschied die Stimme des
Doctors, die Stimme des Senators Müssinger.
»Erholen Sie sich,« sagte der Erstere: »in allen Verhältnissen des
Lebens ist uns Fassung am nöthigsten. Der Mensch ist seiner Herr, sobald
er über seinem Schmerze, wie über seinem Glücke steht. Die Erinnerung an
das Jahr 1690 hat Sie übel angegriffen. Hier stört uns niemand; hier
lauscht niemand.«
»Arme Clara!« seufzte der Senator: »nach neun und zwanzig Jahren muß
sich Dein Andenken so grell in meinem Gehirne erneuern! In welcher bösen
Zeit, mein Freund! O, in welchen betrübten Stunden!«
»Clara ist im Himmel, Herr Senator. Sie sitzt zu den Füßen der
Gebenedeiten, und sieht gewiß segnend auf uns herab, denn dort oben
löscht jeder Groll aus, und Clara grollte Ihnen auch hienieden nicht.«
»Welche Reden, würdiger Herr! das sind Worte des Trostes, der
unendlichen Zuversicht auf unendliche Barmherzigkeit! Aber -- was hilft
es? Ein stummer Fluch verfolgt mich, -- und weil mein frevelhafter
Leichtsinn ein unschuldig Herz gebrochen, bricht die Schuld das
Meine. --«
»Der Schatz göttlicher Liebe ist groß, unermeßlich. Vertrauen Sie dem
Heiland. Ich darf seine Stelle auf Erden vertreten, wenn ein reuiges,
nach Versöhnung lechzendes Gemüth sich vor dem Kreuze in Staub wirft.
Sie erschraken beinahe, Herr Senator, als ich, Vertrauen mit Vertrauen
vergeltend, Ihnen bekannte, daß ich die Weihen meiner Kirche trage.
Wollte die heilige Mutter Gottes, daß Sie auch derselben angehörten! um
zu erproben, ob ich den Beruf und die göttliche Gnade zu meinem Stande
besitze.«
»O!« -- stieß der Senator nach einigen Augenblicken mit Gram und Kummer
heraus: »fast wünschte ich auch, einer der Ihrigen zu sein, daß ich auf
Milde und Vergebung rechnen dürfte. --«
»Die Sonne scheint dem Bösen, wie dem Guten;« antwortete der Doctor
mit Salbung: »Der Verirrte hat in seinem Irrthum selbst Anspruch
auf die Gnade seines Schöpfers: um wie viel mehr der Bereuende? der
Entfremdete, der einen Bild des Sehnens nach der traurenden Heimath
zurückwirft? Beruhigen Sie sich, bester Freund. Das Wort, das Sie so
eben gesprochen haben, macht Sie schon gleichsam zu den Unsrigen. Ich
trage daher, -- die Macht benützend, die unsere frommen Väter im Namen
des Statthalters Gottes auszuüben begannen, -- kein Bedenken, Ihnen
die Tröstungen unsrer Religion anzubieten, da Ihnen, wie ich bemerke,
diejenigen, welche Ihre bisherige Lehre Ihnen zu geben vermag, nicht
zulänglich scheinen. Sammeln Sie Ihr Gedächtniß, mein werther Sohn,
und erleichtern Sie Ihr Herz. Mein Ohr ist Ihnen offen, und meine Hand
bereit, jeden Kummer aus Ihrer Brust zu nehmen, und den Balsam der
Versöhnung dafür hinein zu legen.«
Der Doctor schwieg, und James hörte Stühle rücken, den Senator verlegen
husten, und endlich mit unsicherer Stimme erwidern:
»Ich danke Ihnen, würdiger Herr, für die Wohlthat, die Sie mir zu
erzeigen bereit sind. Allein, -- obgleich mein Herz sich nach der
himmlischen Speise sehnt, und ich nicht läugnen mag, daß es noch empört
ist von der starren Härte, mit welcher der Diener meiner Kirche meinem
kindlichen Vertrauen entgegen kam, -- so muß ich doch nicht minder
bekennen, daß die in der Jugend eingesogenen Grundsätze und Lehren mir
zu verbieten scheinen, von Ihrer barmherzigen Freundschaft Gebrauch zu
machen. Ich bin nie ein Kopfhänger gewesen, -- leide nur seit einiger
Zeit an den schweren Scrupeln meines Gewissens, -- ich darf nur von der
mildesten aller Religionen Milderung meines Zustandes erwarten, -- aber
-- das ist die Macht des Vorurtheils, wenn Sie es so nennen wollen, daß
ich in meiner Angst nicht weiß, ob ich in Ihren Vorschlag eingehen darf,
wenn ich gleich sonst an jeder Tröstung verzweifle.«
»Herr Senator!« lautete des Doctors ruhige und alsobald folgende
Antwort: »Sie gebrauchen das rechte, das wahre Wort. Vorurtheil! so
heißt die schwere Kette, die das Herz an die Erde bindet, während es
sich umsonst bestrebt, sich zu Gott zu erheben. In der heidnischen Fabel
von dem Vogel Phönix finden Sie den Zustand einer muthigen Seele
angegeben, die, über Zeit und irdische Hinfälligkeit hinaus verlangend,
sich durch ein heilig Feuer reinigt, um mit Gott vermählt zu werden. Die
Heiden verstanden selbst die Fabel nicht, die sie dichteten, aber dem
wahren Christen muß sie verständlich sein. Er verbrenne in der
Anschauung des Höchsten den vom alten Adam umsponnenen Körper, und mit
ihm alles Irdische, damit er in Gott verjüngt werde. Er lasse sich nicht
von weltliche und irrthümlichen Fesseln halten, um das Wahre zu finden.
Er verschmähe nicht die herrlichste Frucht, weil ihm etwa von Kindheit
auf aberwitzige Leute gesagt haben, sie sei ungesund.«
»Indessen,«, fuhr der Doctor fort, nachdem er einen Augenblick
inne gehalten: »indessen rottet man das Vorurtheil, für welches der
arme, irrende Mensch nicht kann, nicht mit Gewalt aus. Die zarten
Blumen verlangen von ihrem fürsichtigen Gärtner eine kluge, treue
und sanfte Pflege. Welche Milde entwickelt daher unsere Kirche, die,
allen Lästerungen zum Trotze, dennoch die weißeste, sanfteste -- und
freudigste Gärtnerin im Paradiese des Herrn ist? Sie spricht also zu
Ihnen, mein werther Freund und Beichtsohn: Es ist nicht zu läugnen,
daß gebieterische Umstände das Abweichen von der gewohnten und
vorgeschriebenen Regel entschuldigen. So gilt zu Zeiten das mündliche
Testament eines vom gerichtlichen Testiren abgehaltenen Sterbenden;
-- so gilt die Nothtaufe des Vaters, der Wehmutter, und im dringenden
Fall tauft Wein oder Sand wie das reinigende heilige Wasser. -- Soll
ich noch von den Begräbnißgebräuchen reden, die der Capitän eines
Schiffes, in Ermangelung eines Geistlichen an den verschiedenen
Matrosen verrichten darf? oder von der Absolution, die im Augenblicke
der Schlacht der Soldat seinem Nebenmanne ertheilen darf, als komme
sie aus Priesters Munde? Es wäre überflüssig, mich weiter darüber zu
verbreiten. Ihre Seele liegt in Extremis, Herr Senator, und ob ein
katholischer Priester oder ein Prädikant ihr beisteht, -- gleichviel!
wenn sie nur gesundet!«
»Wahr, ehrwürdiger Herr!« versetzte Müssinger: »jedoch...«
Der Doctor unterbrach ihn alsobald: »Mit wie viel größerem Rechte aber
bietet Ihnen _meine_ Kirche ihre tröstende Hand! Sie dringt sich Ihnen
nicht auf, sie bettelt auch nicht um ihre Genehmigung zu Ihrem Heil! Sie
will Sie nicht erst überreden, sich zu ihr zu wenden; sie macht alte
Rechte auf Sie geltend. Wahrlich, mein Herr Senator, was auch Ihre
Partei sagen mag: Die katholische Kirche ist Ihre Mutterkirche. _Sie_
haben ihren Schooß verlassen; aber die Mutter hat _Sie_ nicht
aufgegeben, Sie sind, indem Sie zu den Gebräuchen der katholischen, der
Allgemeinen Kirche zurückkehren, kein Proselyt für diese Letzte, kein
Abtrünniger von Ihrer Sekte; -- Sie sind ganz einfach nur dem verirrten
Kinde zu vergleichen, das wieder ins Vaterhaus zurückkommt, und sich an
die gewohnte Stelle am Tische setzt. Die römische Kirche ist Ihr Haus,
auf welches sich Ihre Ansprüche nicht verjähren, so wie sich hinwiederum
das Recht derselben auf Sie nicht verjährt; ob es anerkannt werde, oder
nicht. Darum begehen Sie nicht nur keine Sünde, sondern Sie üben eine
Tugend, wenn Sie dem Zuge Ihres Herzens ohne Zweifelmuth folgen, da es
Ihnen selbst sagt, daß ich wahr geredet habe.«
»Ihre Worte rühren und ergreifen mich,« erwiderte der Senator,
»verlangen Sie aber nicht, daß mein so befangener geängstigter Geist
sich davon überzeugen lasse. Ich bin keiner der Frommen in meiner
Kirche, aber wenn es darauf ankömmt, die dem Knaben eingepflanzte Lehre
zu vertauschen, so rasch, so unüberlegt...«
»Verlange ich denn dieses?« fragte der Doctor sehr sanft, »Hat denn der
Mensch seinen freien Willen umsonst? Ist denn die Kirche neidisch auf
den Pflegling, der einer irrthümlichen Idee nachjagt? Keineswegs. Dem
Vater ist es Freude genug, wenn der Sohn einmal wieder nach Hause kommt,
unbekümmert, ob ihn der nächste Augenblick wieder von dannen reiße. Weil
die Mutter nur um Seinetwillen das Kind liebt, füllt sie dem Scheidenden
die Reisetasche mit köstlicher Speise und mit Ruhe die Brust. Mag es
dann wieder fremdem Zuge folgen; sie liebt es nicht minder zärtlich.«
»Sie meinen also, daß der Seelentrost, den Sie mir verheißen, von mir
genossen werden kann, ohne daß ich aus der Glaubensbahn treten müßte,
die ich bisher beschritt?«
»Nichts faßlicher, als dieses. Soll ich von Ihnen einen Eid verlangen,
der Sie um nichts näher dem Vater bringt, dem Sie doch einmal angehören?
Werde ich von Ihnen erst ein Glaubensbekenntniß fordern, das von dem
Verlangen Ihrer Seele schon ausgesprochen wurde? Ohne es zu wissen,
waren Sie schon wieder der Unsrige geworden, -- und ist, mein werther
Beichtsohn, in Ihrem Sünden-Bekenntnisse und der daraus entspringenden
Vergebung, der erneuerte Bund mit der wahren Kirche erst aufgegangen, so
ist Alles geschehen, was Sie im Grunde bedürfen. Sie sind im Innern
wieder geworden, wozu Sie Gott erschuf, und das genügt uns. Von Ihrem
Gutdünken, und der Forderung Ihrer Seele allein wird es abhängen, ob Sie
nicht in der Befolgung aller Gebräuche unsrer Kirche eine größere
Beruhigung finden möchten. Die Weisheit Gottes und seines
Stellvertreters auf Erden ermächtigt uns, in den Fällen, deren Gewicht
unsre Nachsicht verlangt, den Rücktretenden, den heimkehrenden Söhnen
und Töchtern, jede öffentliche Aussprechung dieser Handlung zu erlassen,
damit die Vereinigung mit der allgeliebten Mutter, dem Vater und dem
Sohne, und dem Geiste, nicht durch weltliche Rücksichten und
Bedenklichkeiten aufgehalten oder gar verhindert werde. Doch dieses
berührt Sie vor der Hand nicht, mein werther Beichtsohn, den ich als
einen Gast freundlich zum Tische des Allbarmherzigen lade. Machen Sie
sich demnach keine weitere Gemüthsbewegung; sammeln Sie Ihre Gedanken,
und beginnen Sie, im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit, die
ungeschmückte schlichte Schilderung des Kummers, der Sie bedrängt, und
der Sünden, von denen Wir Alle nicht rein sind, in meinen Schooß
niederzulegen.« --
James hörte, wie hierauf der Senator mehreremale heftig auf und ab
ging, wie er sich alsdann mit einem tief aus der Brust geholten:
»Ach! in Gottesnamen denn!« neben dem Doktor niederließ, -- wie er
mit gedämpfter Stimme begann, demselben sein Herz zu eröffnen. Ein
unbehagliches Gefühl, mit dem Gedanken verbunden, daß es edler und
gewissenhafter sein würde, nicht länger den Horcher abzugeben, --
die Scheu endlich, ein Beichtgeheimniß zu erlauschen, vermochte den
Jüngling, ohne Geräusch vom Lager zu entweichen, und sich an das
Fenster zurückzuziehen, das in den Garten eine friedlich reizende
Aussicht gewährte. Er verlor sich in den Träumen seines Verstandes,
in den Bewegungen seines Herzens, und sein wachendes Auge theilte
sich mit dem Letztern in das Geschäft: eine Täuschung zu geben, die
dem Hellsehen ähnlicher ist, als dem gewöhnlichen Spiele aufgeregter
Einbildungskraft. Die Bohnenlaube des Gartens gestaltete sich zu dem
Hause des Senators, und darinnen waltete ein liebliches, wohlbekanntes
Bild, das, einem Zauberwerke gleich, den Beschauer durch unendliche
Anmuth fesselte, durch unendliche Seltsamkeit abstieß. Dem jungen
Engländer kam es vor, als sei es ihm vergönnt, in das Innere Justinens
einen scharfen Blick zu werfen; als sei er auf dem Punkte, dieses
holde und quälende Räthsel zu entziffern. Justinens Blicke sprachen
Empfindung für den Freund, Liebe für den Liebenden aus, und vergebens
schien der trotzige Mund es zu leugnen, das fremde Wort es zu
verneinen. James sah sein Bild in ihrem Herzen leben, während ihre Hand
es muthwillig von sich warf. Warum wehrst du dich gegen das Gefühl, das
uns verbinden möchte? fragte seine Zunge stille vor sich hin: Siehst
du denn nicht, daß ich dennoch im Grunde deiner werth bin? daß mein
Herz nicht böse, meine Seele ohne Falsch ist? Betrübe dich doch nicht
um meiner Handlungen willen! Verachte mich doch nicht um ihretwillen!
Sie sind mir ja von einem harten Loose aufgegeben: noch bin ich zu
schwach, den Bann zu zerreißen, der mich zu einem Maskenspiele zwingt,
das ich Muth haben möchte, zu verabscheuen, und zu endigen! Ich kann
ja nur durch deine Liebe zum Manne werden, nur in dir meine Stütze
finden, so wie du in mir, denn verwaist stehen wir beide: Du, einsam
im Vaterhause zwischen den lebendigen Eltern, -- ich, in der Fremde,
zwischen dem Schaffot, das meinen Vater, und dem öden Grabe, das
meine Mutter verschlang! Wenn ich dich rufe, damit du mich zu kühner
That begeisterst, -- wirst du mich nicht hören? Wenn ich meine Arme
nach dir ausstrecke, um
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