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Der Amateursozialist: Roman

by Bernard Shaw · German · Gutenberg #47077 · 597,410 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Der Amateursozialist: Roman
    
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Title: Der Amateursozialist: Roman

Author: Bernard Shaw

Translator: Wilhelm Cremer


        
Release date: October 8, 2014 [eBook #47077]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/47077

Credits: Produced by Peter Becker, Norbert H. Langkau and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER AMATEURSOZIALIST: ROMAN ***

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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert, kursiver Text als   |
  | ~kursiv~, Text in Antiqua ist als =Antiqua=, und Fettdruck als   |
  | $fett$.                                                          |
  | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs.       |
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                             Bernard Shaw




                         Der Amateursozialist

                                 Roman


                       Gustav Kiepenheuer Verlag

                             Potsdam 1921


                    _Aus dem Englischen übersetzt_

                                  von

                            Wilhelm Cremer

                        _Autorisierte Ausgabe_

    Druck der Buchdruckerei Gustav Ascher G. m. b. H., Berlin SW 61




Erstes Kapitel.


In der Dämmerung eines Oktoberabends trat eine nervös aussehende Frau
von etwa vierzig Jahren durch eine Eichenholztür auf einen breiten
Flur, der sich im ersten Stockwerk eines alten englischen Landhauses
befand. Eine Haarlocke war über ihre Stirne gefallen, als ob sie
tiefgebückt beim Lesen oder Schreiben gesessen hätte, und sie stand
jetzt einen Augenblick still, um sie zurückzustreichen, und starrte
nachdenklich -- aber durchaus nicht träumerisch -- durch das hohe,
schmale Fenster. Von der Pracht des Sonnenuntergangs konnte sie nichts
sehen, denn dieses Fenster ging nach Osten zu, wo die Landschaft mit
ihren Schaftriften und Weidegründen langsam in dem trüben, grauen
Dunkel versank.

Die Dame blieb eine Zeitlang unschlüssig auf dem Flur stehen, wie
jemand, der nur selten Ruhe und Frieden genießen kann. Dann ging sie
auf eine andere Tür zu, auf der in weißen Buchstaben »Klassenzimmer
Nr. 6« geschrieben stand. An der Schwelle machte sie aber wieder
halt, da sie im oberen Stockwerk eine flüsternde Stimme hörte, und
blickte vorsichtig an dem breiten, runden Geländer hinauf, das in
einer ununterbrochenen Kurve und in gleichmäßiger Neigung durch alle
Stockwerke des Hauses lief.

Eine jugendliche Stimme, die offenbar jemand nachäffte, erscholl jetzt
von oben. »Bitte, meine Damen, wir gehen nunmehr zu den =Etudes de la
vélocité= über.«

In demselben Augenblick schoß ein Mädchen in einem Leinenkleid an dem
Geländer herunter. Sie wirbelte in furchtlosem Schwung um die Kurve und
verschwand unten in der Dunkelheit. Ein stattliches Mädchen in Grün,
das beim Abwärtsgleiten ängstlich den Atem anhielt, folgte ihr, und
dann kam eine schon fast erwachsene Dame in Schwarz, die mit den Zähnen
auf ihre Unterlippe biß und entsetzt ihre schönen braunen Augen aufriß.
Ihr Flug erregte einen Miniatursturmwind, der die Haare der Dame auf
dem Flur von neuem in Unordnung brachte. In atemloser Aufregung wartete
sie, bis ein zweimaliges leichtes Aufspringen und ein schwereres
Hinplumpsen des großen Mädchens ihr zeigten, daß die Luftschifferinnen
glücklich im Hausflur gelandet waren.

»Himmel!« rief die Stimme, die auch vorhin gesprochen hatte. »Da ist
Susanna.«

»Sie können Gott danken, daß Sie nicht den Hals gebrochen haben,«
entgegnete eine aufgeregte Stimme. »Diesmal erzähl ich es Miß Wylie!
Wirklich, ich tu es. Und Sie, Miß Carpenter: ich wundere mich, daß Sie
bei Ihrem Alter und Ihrer Größe nicht mehr Vernunft haben! Miß Wilson
muß Sie ja hören, wenn Sie so aufplumpsen. Das ganze Haus zittert.«

»Ach, Unsinn!« sagte Miß Wylie. »Die Lady Abbeß hütet sich, uns jedes
Geräusch zu verbieten. Jetzt wollen wir --«

»Mädchen,« sagte die Dame oben mit ruhiger, aber unheilvoll fester
Stimme.

Schweigen und äußerste Bestürzung folgten. Dann antwortete Miß Wylie in
honigsüßem Tone. »Riefen Sie uns, _liebe_ Miß Wilson?«

»Ja. Bitte, kommen Sie alle drei herauf.«

Sie zauderten eine Weile, da jede der andern den Vortritt anbot.
Zuletzt kamen sie alle drei herauf, in derselben Reihenfolge, in der
sie heruntergeflogen waren, nur nicht in derselben Schnelligkeit. Sie
folgten Miß Wilson in das Klassenzimmer und standen in einer Reihe vor
ihr, während vom Westen her aus den drei Fenstern sie ein orangerotes
Licht überstrahlte. Miß Carpenter, die größte von den dreien, glühte
vor Verwirrung. Sie ließ die Arme herunterhängen und spielte mit den
Fingern an den Falten ihres Kleides. Miß Gertrude Lindsay, die in
blasses Seegrün gekleidet war, hatte einen kleinen Kopf, eine zarte
Figur und perlenfeine Zähne. Sie stand aufrecht da, mit dem Ausdruck
kühler Verachtung für Vorwürfe jeder Art. Das Leinenkleid der dritten
Sünderin, das in dem grauen Zwielicht des Treppenhauses gelb gewesen
war, sah jetzt im Zimmer in der warmen Abendglut weiß aus. Ihr Gesicht
hatte einen glänzenden, olivenfarbenen Ton und schien wie von einem
goldenen Flimmer überzogen. Ihre Augen und Haare waren nußbraun, und
ihre Zähne, deren obere Reihe sie offen zeigte, waren wie aus feinem
Marmor. Sie standen übrigens ziemlich nach außen und hätten ihren Mund
verunziert, wären sie nicht von einer vollen Unterlippe und einem
fein geschwungenen, etwas dreisten Kinn getragen worden. Ihrem halb
schmeichelnden und halb spöttischen Gesicht und ihrem schnellen Lächeln
konnte man nicht leicht ernst entgegentreten. Miß Wilson wußte das, und
sie wollte sie nicht ansehen, selbst als sie ein krampfhaftes Auffahren
und einen ärgerlichen Seitenblick Miß Lindsays bemerkte, die von ihrer
Nachbarin gezwickt worden war.

»Sie wissen, daß Sie die Regeln übertreten haben,« sagte Miß Wilson
ruhig.

»Es war nicht unsere Absicht. Wirklich nicht«, sagte das Mädchen in dem
Leinenkleid in schmeichelndem Tone.

»Bitte, Miß Wylie, was war denn Ihre Absicht?«

Miß Wylie nahm dies unerwarteterweise als eine witzige Entgegnung und
nicht als einen Vorwurf auf. Sie stieß einen komischen Schrei aus, der
in einen langen Ausbruch von Gelächter überging.

»Agatha, wollen Sie wohl still sein!« sagte Miß Wilson streng. Agatha
machte ein zerknirschtes Gesicht, und Miß Wilson wandte sich hastig
zu der ältesten von den dreien. »Über Sie, Miß Carpenter, bin ich am
meisten erstaunt. Sie scheinen keine Lust zu haben, mir Ihr Wort zu
halten und sich nach den Regeln zu richten, obgleich Sie alt genug
sind, um deren Notwendigkeit einzusehen. Ich werde Sie nicht mit
Vorwürfen oder Bitten belästigen, denn ich bin jetzt überzeugt, daß
Sie sich doch nichts daraus machen« -- hier brach Miß Carpenter nach
einem stummen Protest in Tränen aus -- »aber Sie sollten wenigstens die
Gefahr bedenken, in die Sie die jüngeren Mädchen durch Ihre Kinderei
bringen. Was würden Sie sagen, wenn Agatha ihr Genick gebrochen hätte?«

»Oh!« rief Agatha und faßte sich schnell mit der Hand nach ihrem Nacken.

»Ich glaubte nicht, daß eine Gefahr dabei sei,« sagte Miß Carpenter,
mit ihren Tränen kämpfend. »Agatha hat es schon so oft getan -- oh,
mein Gott, du hast mir das Kleid zerrissen!« Miß Wylie hatte ihre
Mitschülerin am Rock gezogen, und der Ruck war zu stark gewesen.

»Miß Wylie«, sagte Miß Wilson leicht errötend, »ich muß Sie bitten, das
Zimmer zu verlassen.«

»O nein,« schrie Agatha und faltete betrübt die Hände. »Bitte, tun
Sie es nicht, liebe Miß Wilson. Es tut mir so leid. Ich bitte Sie um
Verzeihung.«

»Da Sie nicht tun wollen, um was ich Sie bitte, muß ich selbst gehen,«
sagte Miß Wilson streng. »Kommen Sie mit in mein Arbeitszimmer,« fügte
sie, zu den beiden andern gewendet, hinzu. »Wenn Sie versuchen sollten,
mir zu folgen, Miß Wylie, werde ich das als eine Zudringlichkeit
ansehen.«

»Aber ich will ja gehen, wenn Sie es wünschen. Ich wollte Ihnen nicht
ungehorsam --«

»Ich werde Sie jetzt nicht stören. Kommen Sie beide!«

Die drei gingen hinaus, und Miß Wylie, die in Ungnade zurückblieb,
schnitt Miß Lindsay ein grimmiges Gesicht, als diese sich noch
einmal nach ihr umsah. Als sie allein war, ließ ihre Lebhaftigkeit
nach. Sie ging langsam zu dem Fenster und blickte verzweiflungsvoll
auf die Landschaft. Einmal, als von oben der Klang der Stimmen zu
ihr herunterdrang, leuchteten ihre Augen auf und ihre flinke Lippe
bewegte sich. Aber dann wurde es wieder still, und sie versank in eine
verdrießliche Gleichgültigkeit, bis ihre zwei Genossinnen mit sehr
ernsten Gesichtern wieder hereinkamen.

»Nun,« sagte sie plötzlich munter, »hat sie moralische Überredung
angewandt? Müßt ihr euch in das Sündenbuch eintragen?«

»Still, Agatha,« sagte Miß Carpenter. »Du solltest dich über dich
selber schämen.«

»Nein, du solltest es, du Gans. Du hast mich in eine hübsche Patsche
gebracht!«

»Du warst es selbst schuld. Du hast mein Kleid zerrissen.«

»Ja, als du mich verklatschtest, weil ich manchmal das Geländer
heruntergleite.«

»Oh!« sagte Miß Carpenter langsam, als ob sie daran noch gar nicht
gedacht hatte. »Deshalb hast du mich am Kleid gezogen?«

»Mein Gott! Das wird dir jetzt erst klar? Du bist ein schrecklich
blödsinniges Mädchen, Jane. Was hat die Lady Abbeß gesagt?«

Miß Carpenter begann wieder zu weinen und konnte nicht antworten.

»Sie ist natürlich entrüstet über uns,« sagte Miß Lindsay.

»Sie sagte, du wärest an allem schuld,« schluchzte Miß Carpenter.

»Oh, Liebste, das macht nichts,« sagte Agatha begütigend. »Schreib es
in das Sündenbuch.«

»Ich schreibe kein Wort in das Sündenbuch, wenn du es nicht zuerst
tust,« sagte Miß Lindsay ärgerlich. »Du hast mehr Schuld als wir.«

»Gewiß, Liebste,« entgegnete Agatha. »Meinetwegen eine ganze Seite.«

»Ich -- ich glaube, du schreibst _gern_ in das Sündenbuch,« sagte
Miß Carpenter hämisch.

»Ja, Jane. Das ist der beste Spaß, den man hier in diesem Loch hat.«

»Es mag dir Spaß machen,« sagte Miß Lindsay scharf, »aber für mich ist
es nicht sehr rühmlich, wie Miß Wilson grade sagte, daß ich in der
Moralphilosophie einen Preis bekommen habe und dann einschreiben muß,
ich wüßte mich selbst nicht zu benehmen. Außerdem laß ich mir nicht
gerne sagen, ich sei schlecht erzogen.«

Agatha lachte. »Was für eine kluge, alte Person sie ist! Sie weiß uns
stets bei unseren kleinen Schwächen zu fassen, die sie genau kennt.
Meinst du, sie würde jemals mir oder Jane erzählen, wir wären schlecht
erzogen!«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte Miß Lindsay stolz.

»Natürlich nicht. Du verstehst aber von der Moralphilosophie nicht
soviel wie ich, trotzdem ich niemals einen Preis darin bekam.«

»Du hast überhaupt noch keinen Preis bekommen,« sagte Miß Carpenter.

»Und hoffentlich bekomm ich auch in Zukunft keinen,« sagte Agatha.
»Lieber würde ich mich wie die Straßenjungens im Schnee um
heißgemachte Pfennige herumbalgen, als mich darum streiten, wer die
meisten Fragen beantworten kann. Ich habe genug Moralphilosophie an
Doktor Watts. Aber jetzt wollen wir uns das Sündenbuch holen.«

Sie ging an ein Gestell und holte ein schweres, in schwarzes Leder
gebundenes Buch in Quartformat herunter, auf dem in roten Buchstaben
die Inschrift _Meine Vergehen_ stand. Sie warf es unehrerbietig auf ein
Pult und blätterte die Seiten um, bis sie an eine kam, die erst zum
Teil mit Bekenntnissen ausgefüllt war.

»Merkwürdig,« sagte sie, »hier sind ja zwei Eintragungen, die nicht von
mir herstammen. Sarah Gerram! Was hat sie gebeichtet?«

»Lies es nicht,« sagte Miß Lindsay schnell. »Du weißt, das ist das
Schändlichste, was eine von uns tun kann.«

»Puh! Wegen unserer kleinen Sünden braucht man nicht solches Geschrei
zu machen. Ich habe es immer gern, wenn andere meine Eintragungen
lesen, ich komme mir dann wie eine Schriftstellerin vor. Natürlich
lese ich dann aus christlicher Nächstenliebe auch das von den andern.
Also das Schuldbekenntnis der armen Sarah. >1. Oktober. Es tut mir
sehr leid, daß ich heute morgen im Badezimmer Miß Chambers einen Klaps
gab und ihr dabei einen Zahn ausschlug. Es war sehr häßlich, aber er
fiel schon von selbst aus, und sie hat mir verziehen, weil ein neuer
kommt. Sie hat auch nur geschwindelt, als sie sagte, sie hätte ihn
heruntergeschluckt. Sarah Gerram.<«

»So ein Schaf!« sagte Miß Lindsay. »Und mit solchen kleinen Kindern
muß man sich in dasselbe Buch einschreiben!«

»Hier ist ein rührendes Bekenntnis. >4. Oktober. Helen Plantagenet tut
es sehr leid, daß sie gestehen muß, sie hat den ersten Platz in Algebra
gestern mit Unrecht erhalten. Miß Lindsay sagte mir vor, und --<«

»Oh!« rief Miß Lindsay errötend aus. »So dankt sie mir für das
Vorsagen? Wie darf sie _meine_ Vergehen in das Sündenbuch eintragen?«

»Das geschieht dir recht, weil du ihr vorgesagt hast,« sagte
Miß Carpenter. »Sie war immer eine falsche Katze, und du hättest sie
besser kennen sollen.«

»Oh, du kannst mir glauben, ich tat es nicht um ihretwillen,«
entgegnete Miß Lindsay. »Ich wollte nur verhindern, daß das
Jackson-Mädchen den ersten Platz bekam. Helen Plantagenet kann ich
nicht ausstehen, aber sie ist wenigstens eine Dame.«

»Unsinn, Gertrude,« sagte Agatha mit etwas Ernst in ihrer Stimme. »Wenn
man dich hört, glaubt man, deine Großmutter ist eine Köchin gewesen.
Sei doch nicht so albern.«

»Miß Wylie,« sagte Gertrude heftig errötend, »Sie sind sehr -- oh!
oh! Halt Ag-- oh! Ich werde es Miß W-- oh!« Agatha hatte einen Finger
zwischen ihre Rippen gesteckt und kitzelte sie unerträglich.

»Sst,« flüsterte Miß Carpenter ängstlich. »Die Tür ist offen.«

»Bin ich Miß Wylie?« fragte Agatha, indem sie unbarmherzig mit ihrer
Folterung fortfuhr. »Bin ich wirklich -- was du da sagen wolltest? Bin
ich --? bin ich --? bin ich?«

»Nein, nein,« keuchte Gertrude und sank fast in Krämpfen in einen
Stuhl. »Du bist sehr böse, Agatha. Du hast mir weh getan.«

»Du verdienst es. Wenn du mir noch einmal zürnst oder mich Miß Wylie
nennst, werde ich dich _töten_. Ich werde dir die Fußsohlen mit einer
Feder kitzeln« -- Miß Lindsay schüttelte sich und verbarg ihre Füße
unter dem Stuhl -- »bis deine Haare weiß werden. Und jetzt, wenn du
wirklich solche Reue fühlst, schreibe dich in das Buch ein.«

»Du mußt es zuerst tun. Du warst an allem schuld.«

»Aber ich bin die jüngste,« sagte Agatha.

»Nun gut,« sagte Gertrude in dem Bestreben, die Sache zu beschleunigen,
aber entschlossen, nicht zuerst zu schreiben, »dann laß Jane Carpenter
beginnen. Sie ist die älteste.«

»Oh, natürlich,« sagte Jane mit kläglicher Ironie. »Laß Jane alle
häßlichen Sachen zuerst tun. Ich halte das für sehr unfreundlich. Ihr
bildet euch ein, Jane sei euer Narr, aber ihr irrt euch.«

»Du bist sicher nicht so närrisch, wie du aussiehst, Jane,« sagte
Agatha ernst. »Aber wenn ihr wollt, will ich zuerst schreiben.«

»Nein, du sollst nicht,« schrie Jane und riß ihr die Feder aus den
Händen. »Ich bin die älteste, und ich laß mich nicht von meinem Platz
verdrängen.«

Sie tauchte entschlossen die Feder in die Tinte und schickte sich an,
zu schreiben. Dann hielt sie inne, überlegte und machte ein verwirrtes
Gesicht. Schließlich wandte sie sich flehend an Agatha.

»Was soll ich schreiben?« fragte sie. »Du verstehst dich auszudrücken,
ich nicht.«

»Setz zuerst das Datum,« sagte Agatha.

»Natürlich,« sagte Jane, indem sie es schnell schrieb. »Ich vergaß das.
Und dann?«

»Jetzt schreibe: Es tut mir leid, daß mich Miß Wilson sah, als ich
heute abend das Geländer hinunterglitt. Jane Carpenter.«

»Das ist alles?«

»Das ist alles. Oder du kannst auch noch etwas Selbsterfundenes
hinzufügen.«

»Hoffentlich ist es nicht unpassend,« sagte Jane und warf Agatha einen
mißtrauischen Blick zu. »Doch es kann nichts Schlimmes dabei sein, denn
es ist die einfache Wahrheit. Wenn du mir aber wieder einen Streich
spielst, bist du ein häßliches, gemeines Geschöpf, und ich sehe dich
nicht mehr an. Jetzt kommst du an die Reihe, Gertrude. Bitte, sieh mal
nach, ob ich keinen Fehler gemacht habe.«

»Ich bin nicht dein Orthographielehrer,« sagte Gertrude, indem
sie die Feder in die Hand nahm. Und während Jane etwas über ihre
Ungeschliffenheit murmelte, schrieb sie in flotten, großen Buchstaben:
»Ich habe die Regeln übertreten, indem ich heute mit Miß Carpenter und
Miß Wylie das Geländer herunterglitt. Miß Wylie tat es zuerst.«

»Du Schuft!« rief Agatha aus, die ihr über die Schultern sah. »Und
_dein_ Vater ist ein Admiral!«

»Ich glaube, es ist ganz aufrichtig,« sagte Miß Lindsay
eingeschüchtert, aber doch in dem Ton eines Sittenrichters. »Es ist die
reine Wahrheit.«

»All mein Vermögen ist im Handel erworben,« sagte Agatha, »aber ich
würde mich doch vor mir selber schämen, wenn ich meine Schuld auf deine
aristokratischen Schultern abwälzte. Du armseliges Ding! Hier, gib mir
die Feder.«

»Ich will es ausstreichen, wenn du es wünschst! Aber ich glaube --«

»Nein, es soll da stehen bleiben und gegen dich zeugen. Jetzt paß
auf, wie ich meine Sünden bekenne.« Und sie schrieb in einer feinen,
flinken Handschrift: »Heute abend trafen mich Gertrude Lindsay und
Jane Carpenter oben auf der Treppe. Sie sagten, sie möchten gerne das
Geländer heruntergleiten, und würden es auch tun, wenn ich voranginge.
Ich sagte ihnen, es sei gegen die Regeln, aber sie meinten, das
machte nichts. Und da sie älter sind als ich, ließ ich mich von ihnen
verleiten und glitt hinunter.« Agatha legte das Buch offen hin. »Nun,
was haltet ihr davon?« fragte sie.

Sie lasen es und erhoben lauten Widerspruch.

»Es ist die reine Wahrheit,« sagte Agatha feierlich.

»Es ist schmutzig, gemein,« sagte Jane energisch. »Erst wirfst du
Gertrude ihren Fehler vor und dann gehst du hin und handelst selbst
zweimal so schlecht! So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht
gesehen.«

»Ja, wer Wind sät, wird Sturm ernten! heißt es in unserm Lesebuch,«
sagte Agatha und fügte ihrer Beichte noch einen weiteren Abschnitt
hinzu. »Aber ich war an allem schuld. Ich war auch ungezogen gegen Miß
Wilson und weigerte mich, das Zimmer zu verlassen, als sie es mir
befahl. Ich war aber nur beim Hinabgleiten mit Vorsatz böse. Ich liebe
das Hinabgleiten so sehr, daß ich der Versuchung nicht widerstehen
konnte.«

»Laß dich warnen, Agatha,« sagte Jane eindrücklich. »Wenn du
unverschämte Bemerkungen in das Buch schreibst, wirst du weggejagt.«

»Allerdings!« entgegnete Agatha bedeutsam. »Warte nur, bis Miß Wilson
sieht, was _du_ geschrieben hast.«

»Gertrude,« schrie Jane in plötzlicher Besorgnis, »hat sie mich
verleitet, etwas Ungehöriges zu schreiben? Agatha, _bitte_, sag es mir,
wenn --«

Eine Glocke ertönte. Die drei Mädchen riefen wie aus einem Munde
»Futtern!« und stürmten aus dem Zimmer.




Zweites Kapitel.


An einem sonnigen Nachmittag trieb ein Hansom mit großer Schnelligkeit
die Belsize Avenue, St. Johns Wood, hinunter und hielt vor einem
großen, vornehmen Hause. Eine junge Dame sprang heraus, rannte die
Stufen hinauf und klingelte ungeduldig. Sie hatte einen bräunlichen
Teint und scharfgeschnittene Gesichtszüge, dunkle Augen mit langen
Wimpern, einen feinen Kopf, kleine Füße, Hände mit langen, spitzen
Fingern und einen geschmeidigen und sehr schlanken Körper, der sich
mit schlangenartiger Anmut bewegte. Ein orientalischer Geschmack
schien die Farben ihrer Kleidung zusammengestellt zu haben. Sie trug
ein weißes, eng anschließendes Kleid, das mit kunstvollen chinablauen
Mustern bedruckt war, ferner einen gelben Strohhut, der mit künstlichem
Weißdorn und roten Beeren bedeckt war. Die lohgelben Handschuhe
reichten bis an die Ellbogen und waren mit einer Überfülle von goldenen
Armbändern behangen.

Da die Türe nicht sofort geöffnet wurde, klingelte sie in heftiger
Weise noch einmal und wurde gleich darauf von einem Mädchen
hereingelassen, das erstaunt schien, sie zu sehen. Ohne sich mit
einer Frage aufzuhalten, stürzte sie die Treppen hinauf in das
Gesellschaftszimmer, wo eine gesundaussehende Matrone, deren Züge den
feinsten jüdischen Typus zeigten, beim Lesen saß. Ein hübscher Knabe in
schwarzem Samtanzug war noch im Zimmer.

»Mama,« rief er, »da ist Henrietta!«

»Arthur,« sagte die junge Dame erregt, »geh sofort hinaus. Und du
brauchst nicht wiederzukommen, bis du Erlaubnis bekommst.«

Die gute Laune des Knaben verschwand, und er ging mürrisch hinaus, ohne
ein Wort zu sprechen.

»Ist etwas passiert?« fragte die Matrone und legte das Buch hin mit der
sorglosen Gleichgültigkeit eines erfahrenen Menschen, der einen Sturm
in einem Wasserglase voraussieht. »Wo ist Sidney?«

»Fort ist er -- fort! Er hat mich verlassen! Ich --« Der jungen Dame
versagten plötzlich die Worte, und sie ließ sich mit leidenschaftlichem
Schluchzen auf eine Ottomane hinsinken.

»Unsinn! Ich glaubte, Sidney hätte mehr Vernunft. Henrietta, sei nicht
so töricht. Ihr habt euch natürlich gezankt.«

»Nein! Nein!! Nein!!!« schrie Henrietta und stampfte auf den Teppich.
»Nicht ein Wort haben wir uns gesagt. Seit meiner Verheiratung habe ich
nicht ein einziges Mal meine gute Laune verloren -- ich schwör es dir
feierlich. Ich werde Selbstmord begehen, es gibt keinen andern Weg. Auf
mir liegt ein Fluch. Ich bin bestimmt, unglücklich zu sein. Er --«

»Schweig still! Was ist denn geschehen, Henrietta? Du bist doch
jetzt schon sechs Wochen verheiratet und darfst dich nicht wundern,
wenn einmal ein kleiner Zwist ausbricht. Du bist so leicht erregbar!
Du kannst aber nicht erwarten, daß der Himmel immer wolkenlos ist.
Wahrscheinlich trägst du die Schuld, denn Sidney ist viel vernünftiger
als du. Hör mit Weinen auf und benimm dich wie eine verständige Frau.
Ich werde selbst zu Sidney hingehen und alles wieder in Ordnung
bringen.«

»Aber er ist fortgegangen, und ich weiß gar nicht, wohin. Oh, was soll
ich tun?«

»Was ist denn geschehen?«

Henrietta machte eine ungeduldige Bewegung. Dann zwang sie sich dazu,
ihre Geschichte zu erzählen, und sagte: »Wir verabredeten am Montag,
ich sollte auf zwei Tage zu Tante Judith auf Besuch gehen, anstatt
ihn nach Birmingham auf diesen schrecklichen Gewerkschaftskongreß
zu begleiten. Wir schieden im besten Einvernehmen voneinander. Er
konnte nicht herzlicher sein. Aber ich gehe in den Tod, mir ist jetzt
alles gleich. Und als ich Mittwoch zurückkam, da war er fort, und
dieser Brief --« Sie zog einen Brief aus der Tasche und weinte noch
bitterlicher als vorher.

»Laß mich ihn lesen.«

Henrietta zauderte, aber ihre Mutter nahm ihr den Brief ab, setzte
sich nahe ans Fenster und begann ihn zu lesen, ohne den heftigen
Schmerz ihrer Tochter im geringsten zu beachten. Der Brief lautete
folgendermaßen:

                                                 Montag abend.

            Meine einzig Geliebte,

  ich bin fortgegangen, übersättigt von Liebe, und will mein eigenes
  Leben leben und meine eigene Arbeit tun. Ich hätte Dich auf diese
  Absicht nur durch Kälte oder Vernachlässigung vorbereiten können.
  Aber das war mir unmöglich, solange der Zauber Deiner Anwesenheit auf
  mich wirkte. Darum mußte ich fliehen, um mich selbst zu retten.

  Ich fürchte, ich kann Dir für meinen Schritt keine genügenden und
  verständlichen Gründe angeben. Du bist ein schönes und kostbares
  Geschöpf, das Leben gibt Dir nur dann volle Befriedigung, wenn es
  ein Karneval der Liebe ist. Mein Fall liegt grade umgekehrt. Bevor
  mir drei zärtliche Worte entschlüpft sind, mache ich mir schon
  Vorwürfe wegen meiner Torheit und Unaufrichtigkeit. Bevor eine
  Liebkosung erkalten kann, regt sich schon in mir in stärkster Weise
  das entgegengesetzte Gefühl. Ich muß wieder zu meinem alten, einsam
  strengen Einsiedlerleben zurückkehren, zu meinen trocknen Büchern,
  meiner Agitation für den Sozialismus, meinen Entdeckungsreisen durch
  die Wildnis des Gedankens. Ich heiratete Dich in dem unsinnigen
  Glauben, ich hätte auch jene natürliche Zuneigung, die andere Männer
  eine lebenslange Ehe ertragen läßt. Aber ich habe meinen Irrtum
  eingesehen. Du bist für mich die lieblichste Frau von der Welt. Nun
  habe ich fünf Wochen lang mit der lieblichsten Frau von der Welt
  zusammengelebt, ich habe mit ihr geplaudert und gescherzt, und das
  Ende ist, daß ich von ihr fliehe und in eine Einsiedelei gehe, bis
  ich sterbe. Die Liebe kann mich nicht beherrschen. Alles, was stark
  ist in mir, lehnt sich gegen sie auf und schüttelt sie ab. Vergib
  mir, daß ich Dir Unsinn schreibe, den Du nicht verstehst, und urteile
  nicht zu hart über mich. Ich war gegen Dich so gut, wie ich es mit
  meinem selbstsüchtigen Wesen sein konnte. Suche mich nicht aus meiner
  Verborgenheit aufzustören, in der ich bleiben will und bleiben muß.
  Mein Anwalt wird Deinem Vater schreiben und alle geschäftlichen
  Angelegenheiten in Ordnung bringen. Du sollst so glücklich sein, wie
  Wohlstand und Freiheit Dich machen können. Wir werden uns wiedersehen
  -- später einmal.

            Leb wohl, meine letzte Liebe.

                                   Sidney Trefusis.

»Nun?« fragte Mrs. Trefusis, die durch ihre Trauen bemerkte, daß ihre
Mutter den Brief gelesen hatte und voll Verwirrung nachdachte.

»Wahrhaftig!« sagte Mrs. Jansenius mit erregter Stimme. »Glaubst
du, daß er ganz richtig im Kopf ist, Henrietta? Oder hast du zuviel
Aufmerksamkeit von ihm verlangt. Die Männer widmen nicht gerne ihr
ganzes Wesen ihren Frauen, selbst in den Flitterwochen nicht.«

»Er sagte, er sei nur in meiner Nähe glücklich,« schluchzte Henrietta.
»Noch nie hat es so etwas Grausames gegeben. Ich habe oft selbst nach
einer Veränderung verlangt, aber ich fürchtete, seine Gefühle zu
verletzen, wenn ich es sagte. Und jetzt hat er gar keine Gefühle. Aber
er _muß_ zu mir zurückkommen. Nicht wahr, Mama?«

»Natürlich müßte er. Hoffentlich ist er nicht mit einer andern
davongelaufen?«

Henrietta sprang auf, und ihre Wangen wurden rot. »Wenn ich das dächte,
ich würde ihn bis an das Ende der Welt verfolgen und sie ermorden. Aber
nein, er ist nicht wie die andern. Er haßt mich. Alle hassen sie mich.
Du machst dir auch nichts daraus, ob ich verlassen bin oder nicht, und
Papa nicht und niemand hier im Hause.«

Mrs. Jansenius blieb noch immer gleichgültig bei der Aufregung ihrer
Tochter. Sie überlegte einen Augenblick und sagte dann friedlich:

»Du kannst nichts tun, bis wir Nachricht von dem Anwalt bekommen.
Inzwischen kannst du hier bei uns wohnen, wenn du es willst. Ich habe
nicht erwartet, daß du mich sobald besuchen würdest, aber dein Zimmer
ist, seit du fortgegangen, noch nicht benutzt worden.«

Mrs. Trefusis hörte auf zu weinen. Diese erste Andeutung, daß ihres
Vaters Haus nicht mehr das ihrige sei, kühlte sie ab. Ein wirkliches
Gefühl von Verlassenheit kam über sie. Unter seinem kalten Einfluß
gewann sie ihre Fassung wieder, und ihr Stolz legte sich wie eine
Schranke zwischen sie und ihre Mutter.

»Ich will nicht lange hierbleiben,« sagte sie. »Wenn sein Anwalt
mir nicht sagen will, wo er ist, werde ich ganz England nach ihm
durchstöbern. Es tut mir leid, daß ich euch hier Störung mache.«

»Oh, du wirst uns keine größere Störung machen, als du es immer getan
hast,« sagte Mrs. Jansenius ruhig und war befriedigt, weil ihre Tochter
den Wink verstanden hatte. »Du gehst jetzt am besten hinauf und wäschst
dein Gesicht. Es kann Besuch kommen, und du willst doch die Leute nicht
in dem Zustand empfangen. Wenn du Arthur auf der Treppe siehst, sag
ihm, bitte, er solle hereinkommen.«

Henrietta verzog boshaft ihre Lippen und verließ das Zimmer. Dann kam
Arthur herein und stellte sich in mürrischem Schweigen an das Fenster,
indem er darüber brütete, warum er wohl vorhin aus dem Zimmer verjagt
war. Plötzlich rief er: »Da kommt Papa, und es ist noch nicht fünf
Uhr!«, worauf ihn seine Mutter zum zweiten Male hinausschickte.

Mr. Jansenius war ein Mann von würdigem Aussehen. Er war noch keine
fünfzig Jahre alt, aber auch nicht weit davon ab. Er bewegte sich
mit abgemessener Ruhe und machte ein Gesicht, als ob hinter seinen
wulstigen Brauen kostbare Gedanken verborgen lägen. Seine schöne
Adlernase und die scharfen, dunklen Augen verrieten seine jüdische
Abstammung, deren er sich übrigens schämte. Die Leute, die das nicht
wußten, glaubten natürlich, er sei stolz darauf, und begriffen nicht,
warum er seine Kinder als Christen erziehen ließ. Er war wohlerfahren
in Geschäftsangelegenheiten und hatte außer seiner Liebe zur Familie,
seinem Streben nach Ansehen, Behaglichkeit und Wohlhabenheit keine
Leidenschaften. So hatte er nicht nur das ererbte väterliche Vermögen
bewahrt, sondern es auch beträchtlich vergrößert. Er war Bankier
und stand auf dem Standpunkt, die unendlichen Ersparnisse, die das
Banksystem mit sich führt, soviel wie möglich aufzufangen und in seine
Tasche zu stecken und im übrigen die Welt grade so hart arbeiten
zu lassen, wie sie es tat, bevor das Banksystem eingeführt war.
Da aber die Welt unter solcher Bedingung überhaupt nicht zur Bank
gegangen wäre, so gab er ihr, um sie anzulocken, ein wenig von diesen
Ersparnissen ab. So hatten die Leute ihren kleinen Vorteil und er seine
Genugtuung, daß er zugleich ein wohlhabender Staatsbürger und ein
öffentlicher Wohltäter war, schwer an Geld und leicht im Gewissen.

Er trat schnell in das Zimmer, und seine Frau sah, daß ihn etwas erregt
hatte.

»Weißt du, was geschehen ist, Ruth?« fragte er.

»Ja, sie ist oben.«

Mr. Jansenius starrte sie an. »Was, sie ist schon fortgegangen?« fragte
er. »Welche Veranlassung hat sie, hierher zu kommen?«

»Das ist doch ganz natürlich. Wo sollte sie sonst hingehen?«

Mr. Jansenius, der nie seiner eigenen Ansicht traute, wenn sie von der
seiner Frau abwich, entgegnete langsam: »Warum ging sie nicht zu ihrer
Mutter?«

Mrs. Jansenius war diesmal daran, erstaunt zu werden. Sie sah ihn mit
kühler Verwunderung an und bemerkte: »Ich bin doch ihre Mutter, oder
nicht?«

»Ich wußte das nicht. Ich bin erstaunt, es zu hören, Ruth. Hast du auch
einen Brief bekommen?«

»Ich habe den Brief gelesen. Aber was wolltest du damit sagen, du
wüßtest nicht, daß ich Henriettas Mutter sei? Du willst wohl Witze
machen?«

»Henrietta! Ist _sie_ hier? Ist das _noch_ ein Ärger?«

»Ich weiß es nicht. Wovon sprichst du eigentlich?«

»Ich spreche von Agatha Wylie.«

»Oh, und ich sprach von Henrietta.«

»Was ist denn mit Henrietta los?«

»Was ist mit Agatha Wylie los?«

Jetzt geriet Mr. Jansenius in Zorn, und sie hielt es für das beste, ihm
Henriettas Bericht mitzuteilen. Als sie ihm Trefusis Brief gab, sagte
er etwas ruhiger: »Ein Unglück kommt nie allein. Lies das,« und gab ihr
einen andern Brief, so daß sie beide zu gleicher Zeit zu lesen begannen.

Mrs. Jansenius las folgendes:

  An Mrs. Wylie,
  Acacia Lodge, Chiswick.

                                          Alton College, Lyvern.

            Sehr geehrte, gnädige Frau,

  zu meinem großen Bedauern muß ich Sie bitten, sofort Miß Wylie von
  Alton College zurückzuholen. In einem Institut wie dem meinigen,
  in dem die Schülerinnen so wenig wie möglich in ihrer Freiheit
  beschränkt sind, ist es notwendig, daß alle sich ohne Klagen und
  Widerstreben den wenigen unentbehrlichen Vorschriften fügen.
  Miß Wylie hat sich diesen Bedingungen nicht unterworfen. Sie erklärt,
  daß sie fortgehen will, und maßt sich ein Benehmen gegen mich und
  meine Kolleginnen an, das wir in Rücksicht auf uns selbst und auf
  ihre Mitschülerinnen nicht so hinnehmen können. Sollte Miß Wylie
  irgendeinen Grund haben, sich über ihre Behandlung oder über den
  Schritt, zu dem sie uns gezwungen hat, zu beklagen, so wird sie Ihnen
  das sicher mitteilen.

  Vielleicht sind Sie so freundlich und setzen sich mit Miß Wylies
  Vormund, Mr. Jansenius, ins Einvernehmen. Ich werde dann mit ihm ein
  Abkommen treffen, da Sie ja das Schulgeld für das laufende Jahr schon
  bezahlt haben.

            Mit vorzüglicher Hochachtung

                                  Maria Wilson.

»Das ist ja eine hübsche, junge Dame!« sagte Mrs. Jansenius.

»Das verstehe ich nicht,« sagte Mr. Jansenius, der einen roten Kopf
bekommen hatte, als er den Brief seines Schwiegersohnes las. »Ich kann
das nicht fassen. Was bedeutet das, Ruth?«

»Ich weiß es auch nicht. Sidney ist wahrscheinlich verrückt, die
Flitterwochen haben die Krankheit zum Ausbruch gebracht. Aber du darfst
nicht dulden, daß er mir Henrietta wieder auf den Hals lädt.«

»Verrückt! Glaubt er vielleicht, er könnte sich seinen Pflichten gegen
seine Frau entziehen, weil sie meine Tochter ist? Glaubt er, weil sein
Großvater von mütterlicher Seite ein Baron war, er könnte Henrietta
an die Seite werfen, sobald er ihrer Gesellschaft überdrüssig geworden
ist?«

»Oh, das ist es nicht. An uns hat er gar nicht gedacht.«

»Aber ich werde dafür sorgen, daß er an uns denkt,« schrie
Mr. Jansenius mit lauter, aufgeregter Stimme. »Er soll mir Genugtuung
geben.«

Grade jetzt trat Henrietta wieder ins Zimmer und sah ihren Vater wütend
auf und ab gehen und mehrmals wiederholen: »Er soll mir Genugtuung
dafür geben.«

Mrs. Jansenius winkte ihrer Tochter, daß sie ruhig bleiben sollte, und
sagte begütigend: »Rege dich nicht auf, John.«

»Aber ich will mich aufregen. Verdammter Hund! Verfluchter Schurke!«

»Das ist er nicht!« schluchzte Henrietta, indem sie sich hinsetzte und
nach ihrem Taschentuch griff.

»Laß das nun endlich sein!« sagte Mrs. Jansenius scharf. »Du hast genug
geweint, ich will nichts mehr davon hören.«

Henrietta sprang leidenschaftlich auf. »Ich sage und tue, was ich
will,« schrie sie. »Ich bin eine verheiratete Frau und lasse mir
nichts befehlen. Und ich will meinen Mann wieder haben, und wenn er
sich wer weiß wo versteckt. Papa, kannst du ihn nicht veranlassen,
zurückzukehren? Ich sterbe sonst. Versprich mir, daß du ihn
zurückbringst.«

Dann warf sie sich ihrem Vater an die Brust und verhinderte jede
weitere Auseinandersetzung, indem sie in einen Weinkrampf verfiel und
das Haus durch ihr Geschrei in Aufruhr brachte.




Drittes Kapitel.


Eine der Lehrerinnen in Alton College war eine Mrs. Miller, eine
altmodische Schulmeisterin, die nicht an Miß Wilsons System, die
Mädchen durch moralische Überredung zu erziehen, glaubte und sich
nur unter Protest danach richtete. Sie war zwar nicht bösartig, aber
doch engherzig genug, um manchmal kleinlich zu handeln, und sie hatte
alle Welt im Verdacht, sie gering zu schätzen. Besonders glaubte sie
das von Agatha und behandelte sie, wenn sie mit ihr zu tun hatte,
was glücklicherweise selten war, mit verächtlicher Höflichkeit.
Agatha fühlte sich dadurch nicht verletzt, denn Mrs. Miller war eine
unsympathische Frau, die unter den Mädchen wenig Freundinnen hatte
und alle ihre Herzensgefühle auf einen großen Kater namens Gracchus
übertrug, den man meistens Bacchus nannte, indem man die harten
Anfangsbuchstaben milderte.

Eines Nachmittags saß Mrs. Miller mit Miß Wilson im Arbeitszimmer
und korrigierte einige Prüfungsarbeiten. Plötzlich hörte sie einen
entfernten Schrei, der wie das Klagen einer Katze klang. Sie eilte
an die Türe und lauschte. Gleich darauf erhob sich ein langgezogener
Klagelaut, der durch zwei Oktaven hinaufging und dann langsam wieder
abnahm. Es war wirklich das Schreien einer Katze, obgleich sie nicht
bestimmen konnte, woher es kam. Aber jetzt folgte ein Kreischen und
Fauchen, ein wütendes Spucken und Raufen, das ohne Zweifel aus einem
Zimmer im unteren Stockwerk herausdrang, in welchem die älteren Mädchen
zu studieren pflegten.

»Mein armer Gracchus!« rief Mrs. Miller und lief so schnell die Treppe
hinunter, wie sie konnte. Sie fand das Zimmer ungewöhnlich still.
Jedes Mädchen war in das Lernen vertieft, nur Miß Carpenter, die so
tat, als ob sie ein hingefallenes Buch aufhebe, saß da keuchend vor
unterdrücktem Lachen, und alles Blut war ihr durch das Bücken in den
Kopf gestiegen.

»Wo ist Miß Ward?« fragte Mrs. Miller.

»Miß Ward holt einige astronomische Zeichnungen, die wir brauchen,«
sagte Agatha mit ernstem Blick. Grade jetzt kam Miß Ward mit den
Zeichnungen in der Hand zurück.

»Ist dieser Kater hier gewesen?« fragte sie, ohne Mrs. Miller zu
bemerken, und in ihrem Ton lag ein starker Widerwillen gegen Gracchus.

Agatha fuhr auf und zog ihre Füße an sich, als fürchtete sie gebissen
zu werden. Sie schaute aufmerksam unter das Pult und sagte dann: »Es
ist kein Kater hier, Miß Ward.«

»Er muß aber irgendwo stecken, ich habe ihn gehört,« sagte Miß Ward
gleichgültig, indem sie ihre Zeichnungen aufrollte und sie ohne
weiteres zu erklären begann.

Mrs. Miller, die um ihren Liebling besorgt war, beeilte sich, ihn
anderswo zu suchen. Im Flur traf sie eins von den Hausmädchen.

»Susanna,« sagte sie, »haben Sie Gracchus gesehen?«

»Er schläft vor dem Kamin in Ihrem Zimmer, Madame.«

»Aber ich hörte ihn doch vorhin hier unten schreien. Es ist sicher eine
andere Katze eingedrungen, und sie haben sich gebissen.«

Susanna lächelte mitleidig. »Aber, Madame,« sagte sie, »das war
doch Miß Wylie. Sie spielt nur Theater. Sie macht die Biene an der
Fensterscheibe, den Soldat im Kamin, die Katze unter dem Küchentisch.
Alles ist so natürlich wie in der Wirklichkeit.«

»Den Soldat im Kamin!« wiederholte Mrs. Miller entsetzt.

»Ja, Madame. Wie ein Liebhaber, der sich im Kamin verbirgt, weil er die
Hausfrau kommen hört.«

Mrs. Millers Gesicht bekam einen entschlossenen Zug. Sie kehrte in das
Arbeitszimmer zurück und berichtete, was grade geschehen war. Dabei
machte sie einige spöttische Bemerkungen darüber, wie großartig die
moralische Überredung die Disziplin in der Anstalt fördere. Miß Wilson
machte ein ernstes Gesicht, überlegte eine Zeitlang und sagte
schließlich: »Ich muß darüber nachdenken. Wollen Sie für den Augenblick
die Sache in meine Hände legen?«

Mrs. Miller antwortete, es sei ihr gleichgültig, in wessen Händen sie
bliebe, vorausgesetzt, daß sie selbst damit nicht mehr behelligt würde,
und nahm ihre Korrekturarbeit wieder auf. Miß Wilson, die allein sein
wollte, ging in das leere Klassenzimmer auf der andern Seite des Flurs.
Sie nahm das Sündenbuch von dem Gestell und legte es vor sich hin.
Seine Bekenntnisse schlossen mit einem Absatz in Agathas Handschrift.

»Miß Wilson nannte mich unverschämt und schrieb meinem Onkel, ich
gehorchte nicht den Vorschriften. Aber ich war nicht unverschämt, und
ich habe mich niemals geweigert, den Vorschriften zu gehorchen. Das
nennt man moralische Überredung!«

Miß Wilson erhob sich zornig und rief: »Sie soll erfahren, ob --«
Sie stockte plötzlich und sah sich schnell um. Es überkam sie die
schreckliche Idee, Agatha könnte sich unbemerkt in das Zimmer
eingeschlichen haben. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß sie
allein war, prüfte sie ihr Gewissen, ob sie nicht doch Unrecht getan
hätte, als sie Agatha unverschämt nannte, und kam zu dem beruhigenden
Beschluß, Agatha sei in der Tat unverschämt gewesen. Aber sie erinnerte
sich auch, daß sie vor kurzem Jane Carpenter, die eine Mitschülerin
eine Lügnerin genannt hatte, es nicht gestattet hatte, sich auf gleiche
Weise zu rechtfertigen. War sie nun damals ungerecht gegen Jane gewesen
oder jetzt rücksichtslos gegen Agatha?

Ihre Kasuistik wurde durch jemand unterbrochen, der leise eine Stelle
aus der Ouvertüre des >Masaniello< pfiff, die in dem Pensionat beliebt
war, weil man sie auf sechs Klavieren zwölfhändig spielen konnte. Nun
gab es nur eine Schülerin, die unweiblich und musikalisch genug war, zu
pfeifen, und Miß Wilson schämte sich, weil sie bei der Aussicht, mit
Agatha zusammenzutreffen, nervös wurde. Agatha kam in trüber Stimmung
und noch immer pfeifend herein. Als sie sah, in wessen Gegenwart sie
sich befand, bat sie höflich um Verzeihung und wollte sich gerade
wieder entfernen, als Miß Wilson, indem sie alle ihre Autorität
und Sicherheit zusammennahm und hoffte, sie würde ihre anfängliche
Verlegenheit schon überwinden, sagte:

»Agatha, kommen Sie einmal her. Ich möchte mit Ihnen sprechen.«

Agatha preßte ihre Lippen zusammen, atmete tief durch die Nasenflügel
ein und trat bis auf einen Schritt an Miß Wilson heran, wo sie mit
gefalteten Händen stehen blieb.

»Setzen Sie sich.«

Agatha setzte sich mit einer einzigen Bewegung hin, wie eine Puppe.

»Ich verstehe das nicht, Agatha,« sagte sie, indem sie auf die
Eintragung im Sündenbuch hinwies. »Was meinen Sie damit?«

»Ich werde ungerecht behandelt,« sagte Agatha mit Anzeichen beginnender
Erregung.

»In welcher Weise?«

»In _jeder_ Weise. Man erwartet von mir, daß ich etwas mehr bin als
andere Sterbliche. Jeder darf sich beklagen und schwach und töricht
sein. Aber ich soll keine Gefühle haben. Ich muß immer in richtiger
Verfassung sein. Alle andern können Heimweh haben, zornig werden oder
niedergeschlagen sein. Ich darf keine Nerven haben und muß die andern
den ganzen Tag am Lachen halten. Alle dürfen mürrisch werden, wenn man
ein Wort des Vorwurfs an sie richtet, so daß die Lehrerinnen Angst
haben, sie zu tadeln. Ich muß die Beschimpfung meiner Lehrerinnen
ertragen, obgleich sie weniger Selbstbeherrschung haben als ich, ein
Mädchen von siebzehn Jahren, und ich muß ihnen schmeicheln, bis ihre
schlechte Laune, in die sie sich selbst gebracht haben, verschwunden
ist.«

»Aber, Agatha --«

»Oh, ich weiß, ich rede Unsinn, Miß Wilson, aber können Sie von mir
erwarten, daß ich immer vernünftig -- daß ich unfehlbar bin?«

»Ja, Agatha, ich glaube, es ist nicht zu viel von Ihnen verlangt, immer
vernünftig zu sein und --«

»Dann haben Sie selbst weder Vernunft noch Gefühl,« sagte Agatha.

Es entstand eine peinliche Pause. Sie wußten beide nicht, wie lange sie
dauerte. Agatha fühlte, sie müßte etwas Verzweifeltes tun oder sagen,
oder sie müßte fliehen. Sie machte eine verstörte Bewegung und rannte
aus dem Zimmer.

Sie traf ihre Kolleginnen in dem großen Saal des Hauses, in dem sie
sich nach ihren Schulstunden zur >Erholung< versammelten. Diese
Erholung war ein sehr geräuschvoller Vorgang, der stets sofort
begann, wenn die Lehrerinnen gegangen waren. Agatha saß gewöhnlich
mit ihren zwei besten Freundinnen auf einer hohen Fensterbank nahe am
Herd. Diesen Platz hatte jetzt ein kleines Mädchen mit flachsgelbem
Haar eingenommen, aber Agatha packte sie, ohne an das Prinzip der
moralischen Überredung zu denken, bei den Schultern und setzte sie auf
den Boden. Dann nahm sie ihren Platz ein und sagte:

»Kinder, ich weiß etwas _ganz_ Neues!«

Miß Carpenter riß begierig ihre Augen auf. Gertrude Lindsay stellte
sich gleichgültig.

»Jemand wird fortgejagt,« sagte Agatha.

»Fortgejagt! Wer?«

»Du wirst es bald genug erfahren, Jane,« entgegnete Agatha und wurde
plötzlich ernst. »Es ist jemand, der eine unverschämte Eintragung in
das Sündenbuch gemacht hat.«

Jane bekam plötzlich Angst, und sie wurde ganz rot. »Agatha,« sagte
sie, »Du hast mir gesagt, was ich schreiben sollte. Du weißt das und
kannst es nicht leugnen.«

»Ich kann das nicht leugnen? Ich bin bereit, es zu _beschwören_, daß
ich dir nie in meinem Leben ein Wort diktiert habe.«

»Gertrude weiß, daß du es getan hast,« sagte Jane erbleichend und fast
in Tränen.

»Ach, das Kind,« sagte Agatha und streichelte sie, als ob sie ein
Riesenbaby wäre. »Nein, es wird nicht weggejagt werden. Hat schon
jemand in den letzten Tagen das Sündenbuch gesehen?«

»Seit unserer letzten Eintragung nicht mehr,« sagte Gertrude.

»Knirps,« sagte Agatha zu dem flachshaarigen Mädchen, »geh hinauf
auf Numero 6, und wenn Miß Wilson nicht da ist, dann hol mir das
Sündenbuch.«

Das kleine Mädchen knurrte etwas Undeutliches und rührte sich nicht.

»Knirps,« fuhr Agatha fort, »hast du schon einmal gewünscht, nie
geboren zu sein?«

»Warum gehst du nicht selbst?« fragte das Kind eigensinnig, aber
offenbar schon etwas in Angst.

»Denn du wirst den Wunsch haben,« fuhr Agatha fort, ohne die Frage zu
beachten, »daß du tot und begraben unter den schwärzesten Fliesen im
Kohlenkeller liegst, wenn du mir das Buch nicht bringst, bevor ich
sechzehn zähle. Eins -- zwei --«

»Geh sofort und tu, was dir befohlen ist, du abscheuliches kleines
Geschöpf,« sagte Gertrude scharf. »Wie kannst du es wagen, ungehorsam
zu sein?«

»-- neun -- zehn -- elf --« fuhr Agatha fort.

Das Kind bekam Angst. Es ging hinaus und kam gleich darauf wieder, das
Sündenbuch mit den Armen umspannend.

»Du bist ein liebes, prächtiges Kind, sobald man deine besseren
Eigenschaften durch strenge Anwendung der moralischen Überredung zum
Vorschein bringt,« sagte Agatha lustig. »Erinnere mich daran, daß ich
dir morgen abend die Rosinen aus meinem Pudding aufhebe. Und jetzt,
Jane, sollst du die Eintragung sehen, wegen derer das gutherzigste
Mädchen aus der ganzen Schule weggejagt wird. =Voilà!=«

Die beiden Mädchen lasen es und waren entsetzt. Jane öffnete ihren Mund
und schnappte nach Luft, Gertrude schloß ihre Lippen und sah sehr ernst
drein.

»Du willst doch nicht sagen, du hast den schrecklichen Mut gehabt, das
der Lady Abbeß zu zeigen?« fragte Jane.

»Pah, das hätte sie mir schon vergeben. Aber ihr hättet hören sollen,
was ich ihr gesagt habe! Sie wurde dreimal ohnmächtig.«

»Das ist ein Märchen,« sagte Gertrude ernst.

»Was sagtest du?« fragte Agatha, indem sie schnell nach Gertrudes Knie
griff.

»Nichts,« schrie Gertrude und wand sich krampfhaft. »Tu es nicht,
Agatha.«

»Wie oft ist Miß Wilson in Ohnmacht gefallen?«

»Dreimal. Ich schreie, Agatha, ich schreie wirklich.«

»Dreimal, wie du sagtest. Und ich wundere mich, wie ein Mädchen,
das, wie ihr, durch moralische Überredung erzogen wurde, solch eine
Unwahrheit wiederholen kann. Aber wir hatten wirklich und wahrhaftig
einen schrecklichen Streit. Sie verlor ihre Fassung. Glücklicherweise
verliere ich die meine nie.«

»Den Teufel glaub ich das!« rief Jane zweifelnd. »Aber nur weiter.«

»Du willst aus einer alten Familie stammen und bist überaus gewöhnlich.
Ich weiß nicht, was ich ihr sagte, aber die Entweihung ihres teuren
Buches wird sie mir nicht vergeben. Ich werde so sicher fortgejagt, wie
ich hier sitze.«

»Was, du meinst, du gehst wirklich weg?« fragte Jane und bekam Angst,
als sie an die Folgen dieses Fortgehens dachte.

»Natürlich. Aber was aus dir werden soll, wenn ich dir nicht mehr bei
deinen Aufgaben helfe, oder aus Gertrude, wenn ich ihr nicht mehr diese
eingefleischte Vornehmtuerei austreibe, das weiß ich selber nicht.«

»Ich bin nicht vornehmtuerisch,« sagte Gertrude, »obgleich ich mich
nicht mit jedem gemein mache. Aber gegen dich habe ich nie etwas
eingewendet, Agatha.«

»Nein, ich würde es dir auch nicht geraten haben. Hallo, Jane!« rief
sie, als diese plötzlich in Tränen ausbrach. »Was ist denn los?
Hoffentlich erlaubst du dir nicht die Freiheit, meinetwegen zu weinen.«

»Ja, Agatha,« schluchzte Jane unwillig. »Ich weiß, ich mache mich durch
mein Mitgefühl lächerlich. Aber du hast kein Herz.«

»Gewiß machst du dich lächerlich, indem du das bei jeder Gelegenheit
zeigst,« sagte Agatha und schlang ihre Arme um Jane, ohne auf deren
ärgerliches Sträuben zu achten. »Aber wenn ich wirklich etwas Herz
hätte, würde ich jetzt durch diesen Beweis deiner Zuneigung gerührt
sein.«

»Nie habe ich gesagt, du hättest kein Herz,« widersprach Jane. »Ich
kann nur nicht leiden, wenn du wie ein Buch sprichst.«

»Du kannst nicht leiden, wenn ich wie ein Buch spreche? Meine liebe,
närrische alte Jane! Ich werde dich sehr vermissen.«

»Jawohl, das wirst du,« sagte Jane mit bitterer Ironie. »Wenigstens
wird dich jetzt mein Schnarchen nicht mehr im Schlafe stören.«

»Du schnarchst ja gar nicht, Jane. Wir haben uns nur verschworen, dir
das einzureden. Ist es nicht schön von mir, daß ich dir das erzähle?«

Jane war überwältigt von dieser Aufklärung. Nach einer langen Pause
sagte sie in tiefer Überzeugung, »das wußte ich schon immer, daß ihr
das tatet. Aber die Art, wie ihr es durchführtet! Ich erkläre hiermit
feierlich, daß ich von jetzt ab niemand mehr glauben will.«

»Nun, und was denkst _du_ über die ganze Sache?« fragte Agatha, indem
sie ihre Aufmerksamkeit Gertrude zuwandte, die sehr ernst geworden war.

»Ich denke -- und ich meine es wirklich so, Agatha -- daß du
vollständig im Unrecht bist.«

»Bitte, warum denkst du das?« fragte Agatha etwas erregt.

»Du mußt es sein, sonst wäre Miß Wilson nicht böse über dich!
Natürlich, nach deiner eigenen Darstellung bist du immer im Recht,
und alle andern haben unrecht. Aber du hättest das nicht in das Buch
hineinschreiben sollen. Du weißt, ich spreche als deine Freundin.«

»Bitte, was weiß deine armselige kleine Seele von meinen Gedanken und
Gefühlen?«

»So schwer ist das nicht, dich zu verstehen,« entgegnete Gertrude
gereizt. »Eigendünkel ist keine solche seltene Sache, daß man ihn nicht
erkennen könnte. Und denke daran, Agatha Wylie,« fuhr sie, wie von
einer unerträglichen Erinnerung angestachelt, fort, »wenn du wirklich
fortgehst, dann ist es mir gleich, ob wir als Freundinnen scheiden oder
nicht. Ich hab den Tag nicht vergessen, da du mich eine boshafte Katze
nanntest.«

»Ich habe es bereut,« sagte Agatha ruhig. »Ich habe mich einmal
hingesetzt und Bacchus beobachtet, der auf dem Feuerplatz saß. Er
blickte mit seinen träumerischen Augen so gedankenvoll und geduldig
in die Ferne, daß ich ihn um Verzeihung bat, weil ich ihn mit dir
verglichen habe. Wenn ich ihn eine boshafte Katze nannte, er würde es
mir einfach nicht glauben.«

»Weil er wirklich eine Katze ist,« sagte Jane mit dem Lächeln, das
meist so schnell auf Tränen folgt.

»Nein, aber weil er nicht boshaft ist. Gertrude bewahrt ein Sündenbuch
in ihrem eigenen kleinen Kopf, und es ist so voll von andrer Leute
Sünde -- alle in großen Buchstaben hineingeschrieben und durch ein
Vergrößerungsglas zu lesen -- daß sie keinen Platz hat, ihre eigenen
einzutragen.«

»Du drückst dich sehr poetisch aus,« sagte Gertrude. »Aber ich
verstehe, was du meinst, und ich werde es nicht vergessen.«

»Du undankbarer Wicht,« schrie Agatha, indem sie sich so plötzlich
und heftig gegen sie wandte, daß sie unwillkürlich zur Seite wich.
»Wie oft habe ich nicht, wenn du unverschämt und falsch gegen mich
sein wolltest, deinen bösen Engel vertrieben, indem ich dich kitzelte?
Hattest du, bevor ich hierher kam, eine Freundin in der Anstalt, außer
einem halben Dutzend Bauernmädchen? Und jetzt, weil ich dich manchmal
zu deinem eigenen Nutzen auf deine Fehler aufmerksam gemacht habe,
hegst du Groll gegen mich und sagst, es sei dir gleichgültig, ob wir
als Freundinnen scheiden oder nicht!«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Oh, Gertrude, du weißt ganz gut, daß du es gesagt hast,« bemerkte Jane.

»Du denkst wohl, ich hätte kein Gewissen,« sagte Gertrude jammernd.

»Ich wollte, du hättest keins,« sagte Agatha. »Sieh mich an! Ich habe
kein Gewissen und weiß, wieviel vergnügter ich dabei bin.«

»Du kümmerst dich nur um dich selbst,« sagte Gertrude. »Nie glaubst du,
daß andere Leute auch Gefühle haben. Auf mich nimmt überhaupt niemand
Rücksicht.«

»Oh, so hör ich dich gerne reden,« rief Jane ironisch. »Auf dich wird
überhaupt viel mehr Rücksicht genommen, als dir gut tut. Und je mehr
man auf dich Rücksicht nimmt, desto größere Ansprüche stellst du.«

»Der Appetit,« deklamierte Agatha theatralisch, »kommt mit dem Essen.
Das wußte auch schon Shakespeare.«

»Zum Henker mit Shakespeare!« sagte Jane ungestüm. »Der alte Narr
bildet sich etwas darauf ein, daß er abgedroschene Redensarten
vorträgt. Aber wenn _du_ dich beklagst, Gertrude, weil auf dich keine
Rücksicht genommen wird, was soll _ich_ denn sagen, die von allen zum
Narren gehalten wird? Aber ich bin nicht so närrisch wie --«

»Wie du aussiehst,« warf Agatha dazwischen. »Ich hab es dir unendlich
oft gesagt, Jane, und es freut mich, daß du dich endlich zu meiner
Meinung bekehrt hast. Was möchtest du lieber sein, ein größerer Narr
als du --«

»Oh, halt ein,« sagte Jane ungeduldig, »du hast mich das diese Woche
schon zweimal gefragt.«

Die drei schwiegen hierauf eine kurze Zeit. Agatha überlegte, Gertrude
war verdrießlich, Jane gedankenlos und unruhig. Schließlich sagte
Agatha:

»Dann leidet ihr zwei wohl auch unter der Rücksichtslosigkeit und
Selbstsucht der andern, die euch mißverstehen, die alles von euch
erlangen und nie Entschuldigungen für euch gelten lassen?«

»Ich weiß nicht, was du damit meinst, daß wir zwei darunter auch
leiden!« sagte Gertrude kühl.

»Ich ebenfalls nicht,« sagte Jane ärgerlich. »Das ist doch grade die
Art, wie alle mich behandeln. Du kannst lachen, Agatha, und sie mag
ihre Nase rümpfen, wie sie will, du weißt, daß es wahr ist. Gertrudes
Idee, uns einzureden, es würde nicht genug Rücksicht auf sie genommen,
ist weiter nichts als Gefühlsduselei, Eitelkeit und Blödsinn.«

»Sie sind außerordentlich roh, Miß Carpenter,« sagte Gertrude.

»Meine Manieren sind so gut wie die Ihrigen und vielleicht besser,«
entgegnete Jane. »Meine Familie ist sicher so gut.«

»Kinder, Kinder,« sagte Agatha in ermahnendem Tone, »vergeßt nicht, daß
Ihr geschworene Freundinnen seid.«

»Wir haben nicht geschworen,« sagte Jane. »Wir wollten drei geschworene
Freundinnen werden, und Gertrude und ich waren auch dabei, aber du
wolltest nicht schwören, und so wurde nichts aus der Sache.«

»So ist es,« sagte Agatha. »Und jetzt verschwende ich all meine
Zeit, um zwischen euch Frieden zu halten. Aber, um auf unser Thema
zurückzukommen, ist es einer von euch schon einmal in den Sinn
gekommen, daß niemand auf _mich_ Rücksicht nimmt?«

»Ich glaube, du hältst das für etwas Spaßhaftes. Du handelst wirklich
danach, daß man auf dich Rücksicht nimmt,« sagte Jane spöttisch.

»Du kannst nicht sagen, ich nähme keine Rücksicht auf dich,« sagte
Gertrude vorwurfsvoll.

»Ja, weil ich dich kitzle.«

»Ich nehme Rücksicht auf dich und bin nicht kitzlich,« sagte Jane
zärtlich.

»Wirklich! Laß mich einmal versuchen,« sagte Agatha und schlang ihren
Arm um Janes umfangreiche Taille, worauf sie ihr eine durchdringende
Mischung von Lachen und Schreien entlockte.

»Sst--sch!« flüsterte Gertrude schnell. »Da ist die Lady Abbeß.«

Miß Wilson war grade in das Zimmer eingetreten. Agatha tat so, als
bemerkte sie ihre Anwesenheit nicht. Sie zog verstohlen ihren Arm
zurück und sagte laut:

»Wie _kannst_ du nur so ein Geschrei machen, Jane? Du bringst ja das
ganze Haus in Aufruhr.«

Jane wurde rot vor Unwillen, aber sie mußte jetzt still sein, denn die
Augen der Vorsteherin ruhten auf ihr. Miß Wilson hatte ihren Hut auf.
Sie sagte, sie müßte nach Lyvern gehen, zum nächsten Dorfe. Ob einige
Damen aus der sechsten Klasse sie begleiten wollten?

Agatha sprang sofort von ihrem Sitz herunter, und Jane unterdrückte ein
Lachen.

»Miß Wilson sagte, die sechste Klasse, Miß Wylie,« bemerkte Miß Ward,
die auch hereingetreten war. »Sie sind nicht in der sechsten Klasse.«

»Nein,« sagte Agatha sanft, »aber ich möchte mitgehen, wenn ich darf.«

Miß Wilson sah sich um. Die sechste Klasse bestand aus vier
lernbegierigen jungen Damen, deren Lebensziel für den Augenblick eine
Aufnahmeprüfung an einer Universität, oder wie man auf der Schule
sagte, das Cambridgezeugnis war. Keine von ihnen antwortete.

»Dann die fünfte Klasse,« sagte Miß Wilson.

Jane, Gertrude und vier andere erhoben sich und stellten sich neben
Agatha.

»Gut,« sagte Miß Wilson. »Machen Sie nicht so lange mit dem Anziehen.«

Sie eilten schnell hinaus und stürmten mit Geräusch die Treppen hinauf.
Agatha, die für das Cambridgezeugnis gar kein Interesse hatte, strebte
voll Ehrgeiz danach, stets am schnellsten die Treppen hinauf- oder
hinunterzueilen.

Sie kamen bald zum Spaziergang gekleidet zurück und verließen zwei und
zwei in einer Prozession das Institut. Jane und Agatha gingen voran,
Gertrude und Miß Wilson kamen zuletzt. Die Landstraße nach Lyvern
führte über Weideland, das früher urbar gewesen war, aber jetzt dem
Vieh überlassen wurde, weil dieses dem Eigentümer mehr Geld einbrachte
als die Pächter, denen er es weggenommen hatte. Miß Wilsons junge Damen
hatten auch Unterricht in der Volkswirtschaft. Sie wußten, daß jeder
Gegenstand zu dem Zweck benutzt wurde, der am notwendigsten war, und
wenn hier der ganze Ertrag nur dem Eigentümer zufiel, so war das ganz
natürlich, weil er der vornehmste Gentleman in der Gegend war. Zwar
hatte dieser Zustand auch seine unangenehme Seite. Es gab da eine Menge
Rinder, so daß sie Angst hatten, die Felder zu überschreiten, es gab
eine Menge Vagabonden, so daß sie sich fürchteten, über die Landstraße
zu gehen, und es waren viel zu wenig Gentlemen da, die Verständnis für
den Zauber weiblicher Reize hatten.

Der Himmel war bewölkt. Agatha, die nichts auf schmutzige Schuhe
gab, watete durch die Haufen gefallener Blätter mit dem Entzücken
eines Kindes, das im Wasser herumpatscht. Gertrude setzte ihre
Füße sorgfältig hin, und die andern gingen leise plaudernd des
Weges, höchstens, daß sie hier und da einmal in lauterem Tone
eine wissenschaftliche oder philosophische Bemerkung machten,
damit Miß Wilson sie hörte und auch eine Freude hatte. Außer einem
Viehtreiber, der etwas von dem Wesen und Ausdruck der Rinder, die er
leitete, angenommen zu haben schien, trafen sie keinen Menschen, bis
sie sich dem Dorfe näherten. Hier aber tauchten hinter einer Anhöhe
zwei Personen männlichen Geschlechts in der Gestalt zweier Geistlichen
auf. Einer war groß und mager, hatte ein glatt rasiertes Gesicht, ein
Buch unter dem Arm und einen lang herausgereckten Hals. Der andere
war von mittlerer Größe, kräftigem Körper und grader Haltung. Er sah
unternehmungslustig aus mit seinem schwarzen Backenbart, und auf seinem
Gesicht lag ein energischer Protest gegen alle solche Ansichten, als
ob ein Geistlicher nicht heiraten, jagen, Kricketspielen oder sonst an
einem anständigen, weltlichen Sport teilnehmen dürfte. Der Geschorene
war Mr. Josephs und sein Begleiter Mr. Fairholme. Agatha hatte eine
böse biblische Veränderung dieser beiden Namen erfunden.

»Da kommen Pharao und Joseph,« sagte sie zu Jane. »Joseph wird erröten,
wenn du ihn ansiehst. Pharao errötet erst, wenn er an Gertrude
vorbeikommt, obgleich wir das heute nicht sehen können.«

»Wahrhaftig, Josephs!« sagte Jane verächtlich.

»Er liebt dich, Jane. Magere Männer wollen dicke Frauen haben. Pharao,
der ein Bauer ist, liebt blaues Blut, weil Gegensätze sich anziehen.
Deshalb fesselt ihn Gertrudes aristokratische Miene.«

»Wenn er nur wüßte, wie sehr sie ihn verachtet!«

»Er ist zu eitel, um das zu vermuten. Übrigens verachtet Gertrude jeden
Menschen, auch uns beide. Oder vielmehr, sie verachtet niemand im
besondern, sie ist nur hochmütig von Natur wie du dick bist.«

»Pah! Ich will lieber dick als eingebildet sein. Sollen wir uns
verneigen?«

»Ich tu es sicher. Ich will doch Pharao erröten machen.«

Die zwei Geistlichen taten so, als betrachteten sie mit Interesse den
wolkigen Himmel, und blickten erst auf die Mädchen, als sie dicht bei
ihnen waren. Jane warf Josephs mit solcher Verschlagenheit einen Blick
zu, daß an ihrer Lieblingsversicherung, sie sei nicht so dumm, wie die
Leute meinten, doch etwas Wahres sein mußte. Er errötete und zog seinen
niedrigen, weichen Filzhut. Fairholme grüßte sehr feierlich, denn
Agatha verneigte sich vor ihm in ausgeprägter Würde. Aber als seine
Ernsthaftigkeit und sein vornehmer Zylinderhut sich in ihrem höchsten
Glanze zeigten, warf sie ihm schnell ein spöttisches Lächeln zu, und
auch er errötete, und zwar um so tiefer, weil er über sein Erröten
wütend wurde.

»Hast du schon einmal zwei solche Narren gesehen?« flüsterte Jane
kichernd.

»Sie sind einmal Männer. Sie sagen immer, Frauen seien Narren, und sie
haben recht. Aber so schlimm wie die Männer sind wir Gott sei Dank doch
noch nicht! Ich möchte mich nach Pharao umsehen, wie er an Gertrude
vorbeigeht. Aber, wenn er das bemerkt, denkt er, ich bewundere ihn. Er
ist so schon eingebildet genug.«

Die beiden Geistlichen erröteten immer mehr, als sie an der Prozession
junger Mädchen vorbeischritten. Miß Lindsay blickte nach der andern
Seite der Straße, und Miß Wilsons Nicken und Lächeln waren nicht ganz
aufrichtig. Sie sprach nie mit den Geistlichen und unterhielt auch mit
dem Vikar nicht mehr Verkehr, als unbedingt notwendig war. Er hatte sie
im Verdacht, eine Ungläubige zu sein, obgleich weder er, noch sonst ein
Sterblicher in Lyvern je ein Wort über ihre religiösen Ansichten von
ihr gehört hatte. Aber er wußte, daß eine weltliche >Moralwissenschaft<
in der Anstalt gelehrt wurde, und hatte das Gefühl, wenn erst die Moral
zu einer Sache der Wissenschaft gemacht würde, daß dann das Interesse
für Religion entsprechend sinken werde.

»Welch ein Leben ist das, und welch eine Gegend!« rief Agatha aus. »Wir
treffen zwei Kreaturen, die mehr wandelnden schwarzen Kostümen als
Menschen gleichen, und das ist ein Ereignis -- ein aufregendes Ereignis
in unserm Leben!«

»Ich denke, sie sind schrecklich komisch,« sagte Jane, »schon, daß
Josephs solche großen Ohren hat.«

Sie kamen jetzt an eine Stelle, wo der Weg durch eine Anpflanzung von
dunklen Maulbeerbäumen und Roßkastanien ging. Als sie hineinschritten,
erhob sich ein Wind, die welken Blätter wurden vom Boden aufgewirbelt,
und durch die Zweige strich eine lange, rauschende Bewegung.

»Diesen Teil vom Wege hasse ich,« sagte Jane und eilte weiter. »Grade
an solchen Stellen werden Leute ausgeplündert und ermordet.«

»Es ist gar kein schlechter Platz, um uns vor dem Regen zu schützen,
denn der kommt sicher, bevor wir zurück sind,« sagte Agatha, die bei
den Windstößen, die ihr ins Gesicht jagten, Angst bekam. »Ich werde
schön eingeweicht werden, besonders mit diesen leichten Schuhen. Ich
wollte, ich hätte meine schweren Stiefel angezogen. Wenn es arg regnet,
lauf ich in die alte Hütte.«

»Miß Wilson wird es nicht gestatten, es ist verboten.«

»Was schadet das? Es wohnt doch niemand darin, und das Tor ist aus den
Angeln. Ich will mich nur unter die Veranda stellen -- in das elende
Haus dringe ich gar nicht ein. Übrigens kennt der Eigentümer Miß
Wilson, und er macht sich nichts daraus. Da fällt ein Tropfen.«

Miß Carpenter blickte auf und bekam sofort einen schweren Regentropfen
in ihr Auge.

»Oh!« schrie sie. »Es gießt! Wir werden durch und durch naß.«

Agatha blieb stehen, und der Zug sammelte sich um sie in einer Gruppe.

»Miß Wilson,« sagte sie, »es wird in Strömen regnen, und Jane und ich
haben nur unsere Schuhe an.«

Miß Wilson schwieg, um die Lage zu überlegen. Ein Mädchen meinte,
wenn sie liefen, könnten sie noch Lyvern erreichen, bevor der Regen
einsetzte.

»Über zwanzig Minuten,« sagte Agatha verächtlich, »und es regnet doch
schon!«

Ein anderes Mädchen riet, nach Hause zurückzukehren.

»Das sind dreiviertel Stunden,« sagte Agatha. »Wir würden inzwischen
ertränkt werden.«

»Es bleibt uns nichts übrig, als hier unter den Bäumen zu warten,«
sagte Miß Wilson.

»Die Zweige sind ganz kahl,« sagte Gertrude ängstlich. »Wenn es richtig
regnet, tropfen sie schlimmer als der Regen selbst.«

»Viel schlimmer,« sagte Agatha. »Ich denke, wir gehen am besten unter
die Veranda vor dem alten Landhaus. Es ist nur eine halbe Minute von
hier.«

»Aber wir haben kein Recht --« Jetzt wurde der Himmel bedrohlich
dunkel. Miß Wilson unterbrach sich selbst: »Ich denke, es wird noch
unbewohnt sein.«

»Natürlich,« antwortete Agatha voller Ungeduld, fort zu kommen. »Es ist
ja eine halbe Ruine.«

»Dann laßt uns in Gottes Namen hingehen,« sagte Miß Wilson, die nicht
auf die Gefahr hin, naß zu werden, an ihren Bedenken festhalten wollte.

Sie eilten weiter und kamen gleich darauf an eine grüne Anhöhe neben
dem Wege. Auf ihrer Höhe stand ein zerfallenes Schweizerhaus, umgeben
von einer Veranda, die auf schlanken Holzsäulen ruhte. Ein paar
Ranken von verwelkten Schlinggewächsen hingen daran, und die äußersten
Spitzen, die noch bebten von den Stößen des Windes, wurden jetzt still,
als lauschten sie auf das Kommen des Regens. Ein Tor von rohem Holz,
das sich in der Hecke befand, führte von der Landstraße in das Haus.
Zu ihrem Erstaunen fand Agatha, daß das Tor nicht mehr aus den Angeln
war, wie das letztemal, als es nur noch durch eine rostige Kette und
ein Schloß an dem Pfosten befestigt war; man hatte es jetzt wieder
eingehängt und mit neuen Haken befestigt. Aber das Wetter erlaubte
keine langen Betrachtungen über diese Ausbesserungen. Sie öffnete
das Tor und eilte den Hügel hinauf, gefolgt von dem Trupp der andern
Mädchen. Ihr Hinaufsteigen endete in einem Rennen, denn der Regen kam
plötzlich in Strömen herunter.

Als sie sicher unter der Veranda waren, die einen keuchend und murrend,
die andern lachend und froh, weil sie einen solchen Zufluchtsort
gefunden hatten, bemerkte Miß Wilson etwas beunruhigt einen Spaten,
der neu war wie die Haken am Tor und aufrecht in einem Stück frisch
umgegrabener Erde steckte. Sie wollte grade etwas über dieses
Anzeichen, daß hier Leute wohnten, sagen, als die Türe der Hütte
aufgestoßen wurde und Jane einen lauten Schrei ausstieß. Ein Mann
trat heraus und ging auf den Spaten los, den er offenbar nicht im
Regen stehen lassen wollte. Dann bemerkte er die Gesellschaft unter
der Veranda und stand vor Erstaunen still. Er war ein junger Arbeiter
mit rötlichbraunem Bart, der kaum eine Woche gewachsen war. Er trug
Manchesterhosen und eine Manchesterweste mit Leinenärmel, alles
neu wie der Spaten und die Haken. Ein grobes, blaues Hemd mit einem
gewöhnlichen, rot und orangefarbenen Halstuch, die ebenfalls neu
waren, vervollständigten seine Kleidung. Und um sich vor dem Regen
zu schützen, hatte er einen seidenen Schirm mit silberbeschlagenem
Ebenholzgriff aufgespannt, zu dem er kaum auf ehrliche Weise gekommen
sein konnte. Miß Wilson war es wie einem Knaben zumute, den man im
Obstgarten erwischt hat, aber sie nahm trotzdem eine kühne Miene an und
sagte:

»Gestatten Sie uns, daß wir hier untertreten, bis der Regen vorbei ist?«

»Selbstverständlich, Eure Gnaden,« antwortete er, indem er respektvoll
mit dem Handgriff seines Spatens sein Haar zurückstrich, das bis zu
den Augenbrauen heruntergekämmt war. »Eure Gnaden machen mich stolz,
daß Sie vor der Unbarmherzigkeit der Stürme in meiner armseligen Hütte
Zuflucht nehmen.« Seine Worte waren seltsam, seine Aussprache war
barbarisch, und wie ein schlechter Schauspieler schien er grade daran
Gefallen zu finden. Während er sprach, trat er ebenfalls unter die
Veranda und lehnte den Spaten gegen die Wand, indem er den Lehm von
seinen schweren, genagelten Schuhen trat, die ebenfalls neu waren.

»Ich kam heraus, geehrte Dame,« fuhr er sehr mit sich selbst zufrieden
fort, »um meinen Spaten zu holen, durch den ich mir ja meinen Unterhalt
gewinne. Was die Feder für den Dichter, das ist der Spaten für den
Arbeiter.« Er nahm das Halstuch von seinem Nacken, wischte sich die
Schläfen, als ob der Schweiß ehrlicher Arbeit daran klebte, und legte
es sich ruhig wieder um.

»Entschuldigen Sie eine Bemerkung von einem gewöhnlichen Mann,« sagte
er, »Eure Gnaden haben da eine nette Familie von Töchtern.«

»Es sind nicht meine Töchter,« sagte Miß Wilson sehr kurz.

»Vielleicht Schwestern?«

»Nein.«

»Ich dachte -- vielleicht -- weil ich selbst ne Schwester hab. Nicht
als ob ich auch in Gedanken sie damit vergleiche -- sie ist nur ein
gewöhnliches Weib -- so gewöhnlich, wie Sie nie keine gesehen haben.
Aber die Weiber erheben sich selten über das Gewöhnliche. Letzten
Sonntag, da unten in der Dorfkirche, hörte ich den Pfarrer sagen, daß
er einen Mann unter Tausend gefunden hat. >Doch ein Weib unter all
diesen<, sagte er, >habe ich nicht gefunden,< und ich denke so bei mir:
>Recht hast du!< Aber der Henker holt mich, wenn er je Eure Gnaden
gesehen hat.«

Ein Lachen, das ganz fein wie ein Husten herauskam, entschlüpfte
Miß Carpenter.

»Die junge Lady hat sich erkältet,« sagte er mit respektvoller
Besorgtheit.

»Glauben Sie, daß der Regen noch lange andauert?« fragte Agatha in
höflichem Tone.

Der Mann betrachtete einige Augenblicke mit wetterkundigem Blick den
Himmel. Dann wandte er sich zu Agatha und antwortete demütig: »Nur
der Herr weiß es, Miß. Einem gewöhnlichen Mann, wie mir, ist es nicht
gegeben, das zu sagen.«

Ein Schweigen folgte jetzt, und Agatha, die verstohlen den Bewohner
der Hütte beobachtete, bemerkte, daß sein Gesicht und sein Hals
sauberer und weniger sonnenverbrannt waren, als man es sonst bei den
gewöhnlichen Arbeitern von Lyvern fand. Seine Hände steckten in weiten
Gartenhandschuhen, die mit Kohlenflecken beschmutzt waren. Gewöhnlich
machten sich Lyverner Arbeiter wenig daraus, ihre Hände zu beschmutzen;
sie trugen nie Handschuhe. Doch sie dachte, warum sollte nicht ein
überspannter Arbeiter, der unerträglich geschwätzig war und eine
Anspielung auf die Feder des Dichters machen konnte, sich mit billigen
Handschuhen vergnügen. Aber dann der seidene, silberbeschlagene Schirm
--

»Die junge Lady hier,« sagte er plötzlich und streckte den Schirm vor,
»sieht das Ding hier an. Ich weiß wohl, daß es nicht für den Geringsten
unter den Geringen paßt, den Schirm eines Gentleman zu tragen, und ich
bitte Eure Gnaden um Verzeihung. Ich hab ihn durch Zufall gekriegt, und
wäre froh, wenn ein Gentleman, der einen solchen Artikel braucht, mir
einen annehmbaren Preis machte.«

Während er das sagte, rannten zwei Gentlemen, die, nach ihren
triefenden Kleidern zu urteilen, sogar dringend einen solchen Artikel
brauchten, durch das Tor und kamen auf das Landhaus zu. Fairholme
langte zuerst an und rief: »Furchtbarer Schauer!« Dann wandte er
sich schnell von den Damen ab, stellte sich an den Rand der Veranda
und schüttelte den Regen von seinem Hute ab. Josephs, der hinter ihm
herkam, wandt sich schaudernd vor der feuchten Berührung mit seinen
eigenen Kleidern. Er machte Miß Wilson eine Verbeugung und sagte, sie
sei hoffentlich nicht naß geworden.

»Das schon nicht,« entgegnete sie. »Aber die Frage ist, wie wir von
hier wieder nach Hause kommen?«

»Oh, es ist nur ein Regenschauer,« sagte Josephs und schaute
hoffnungsfroh nach dem wolkenschweren Himmel. »Es wird sich gleich
aufklären.«

»Es paßt sich nicht für einen gewöhnlichen Mann, eine andere Meinung zu
haben als ein Gentleman, dessen Geschäft es ist, den Himmel zu kennen,
wie man wohl sagen kann,« bemerkte hier der Mann, »sonst möchte ich
meinen Schirm gegen Ihren Schlapphut verwetten, daß es vor sieben Uhr
nicht aufhört zu regnen.«

»Dieser Mann wohnt hier,« flüsterte Miß Wilson, »und ich glaube, er
will uns los werden.«

»Hm!« sagte Fairholme. Dann wandte er sich an den seltsamen Arbeiter
mit der Miene eines Mannes, der keinen Spaß versteht, und sagte mit
erhobener Stimme: »Sie wohnen hier, lieber Mann?«

»Ja, Herr, mit Ihrer gütigen Erlaubnis, wenn ich so kühn sein darf.«

»Wie heißen Sie?«

»Jeff Smilasch, Herr, empfehle mich.«

»Wo kommen Sie her?«

»Von Brixtonbury, Herr.«

»Von Brixtonbury! Wo liegt das?«

»Ja, Herr, das weiß ich selbst nicht genau. Wenn ein Gentleman wie Sie,
der Jographie und so was kennt, das nicht sagen kann, wie soll ich?«

»Sie sollten doch wissen, wo Sie geboren sind, Mann. Haben Sie keinen
gesunden Menschenverstand?«

»Wie soll so einer wie ich Menschenverstand haben, Herr? Übrigens, ich
war nur ein Findling. Vielleicht bin ich überhaupt nicht geboren.«

»Habe ich Sie letzten Sonntag in der Kirche gesehen?«

»Nein, Herr. Ich kam erst Mittwoch.«

»Schön, dann kommen Sie nächsten Sonntag hin,« sagte Fairholme kurz,
indem er sich von ihm abwandte.

Miß Wilson blickte auf die Wolken, dann auf Josephs, der sich mit Jane
unterhielt, und schließlich auf Smilasch, der sich mit den Knöcheln
gegen die Stirne schlug, ohne zu erwarten, daß man ihn anrede.

»Haben Sie einen Jungen, den Sie nach Lyvern schicken können, um uns
eine Fahrgelegenheit -- einen Wagen zu verschaffen? Ich will ihm einen
Schilling für seine Mühe geben.«

»Einen Schilling!« sagte Smilasch fröhlich. »Eure Gnaden sind eine
noble Dame. Zwei vierrädrige Wagen. Acht sollen Sie haben.«

»Es gibt nur einen Wagen in Lyvern,« sagte Miß Wilson. »Bringen Sie
diese Karte zu Mr. Marsch, dem Wagenverleiher, und erzählen Sie ihm, in
welcher Verlegenheit wir hier sind. Er wird das Gespann hersenden.«

Smilasch nahm die Karte und las sie mit einem flüchtigen Blick. Dann
ging er in das Haus, um gleich darauf in einem Ölrock und einen
Südwester auf dem Kopf wieder zu erscheinen. Er rannte durch den Regen
davon und schwang sich mit etwas komischer Eleganz über das Tor.
Kaum war er verschwunden, so wurde er, wie das öfter bei merkwürdigen
Menschen ist, der Gegenstand der Unterhaltung.

»Ein bescheidener Arbeiter,« sagte Josephs. »Und von guten Manieren in
Anbetracht seines Standes.«

»Und ein geborener Narr,« sagte Fairholme.

»Oder ein Spitzbube,« bemerkte Agatha, indem sie die Augen aufriß und
die Zähne zeigte, während ihre Mitschülerinnen ganz entsetzt über ihre
Kühnheit in starrer Bestürzung dastanden. »Er sagte Miß Wilson, er habe
eine Schwester, und er sei letzten Sonntag in der Kirche gewesen. Ihnen
aber hat er grade erzählt, er sei ein Findling und sei erst am Mittwoch
angekommen. Seine Aussprache ist nur angenommen, er kann lesen, und ich
glaube überhaupt nicht, daß er ein Arbeiter ist. Vielleicht ist er ein
Räuber und will das Silbergeschirr in der Anstalt stehlen.«

»Agatha,« sagte Miß Wilson ernst, »Sie sollten sich in acht nehmen, so
etwas zu sagen.«

»Aber es ist so verdächtig. Seine Erklärung über den Schirm gab er nur,
um mein Mißtrauen zu entkräftigen. An der Art, wie er ihn benutzte und
sich auf ihn stützte, sah man, daß er viel vertrauter damit war als mit
dem Spaten, um den er so besorgt tat. Und all seine Kleider sind neu.«

»Das ist wahr,« sagte Fairholme, »aber das hat nicht viel zu besagen.
Arbeiter sind heutzutage die reinen Gentlemen. Doch ich will ihn im
Auge behalten.«

»Oh, ich danke Ihnen sehr,« sagte Agatha.

Fairholme, der Verdacht schöpfte, daß sie sich über ihn lustig
mache, runzelte die Stirne, und Miß Wilson warf der Spötterin einen
strengen Blick zu. Es wurde jetzt wenig mehr gesprochen -- nur ein
paar Bemerkungen über die Dauer des Regens fielen, bis das Dach einer
Droschke, eine alte Trauerkutsche, und drei triefende Hüte über der
Hecke sichtbar wurden. Smilasch saß auf dem Bock neben dem Kutscher.
Als der Wagen hielt, sprang er herab, ging ohne ein Wort zu sprechen
wieder in das Haus und erschien mit dem Regenschirm. Er spannte ihn
über Miß Wilsons Haupt auf und sagte:

»Nun, Eure Gnaden, wenn Sie mitkommen wollen, ich werde Sie trocken in
den Wagen bringen, und Ihre geehrten Nichten werde ich eine nach der
andern abliefern.«

»Ich komme zuletzt,« sagte Miß Wilson, verwirrt durch seine Annahme,
die Gesellschaft sei eine Familie. »Gertrude, du gehst am besten vor.«

»Gestatten Sie mir,« sagte Fairholme, indem er vortrat und den Schirm
zu nehmen versuchte.

»Danke sehr, ich will Sie nicht bemühen,« sagte sie sehr kühl und
trippelte mit Smilasch, der mit großer Besorgtheit den Schirm über ihr
hielt, durch das schlammige Feld. Auf dieselbe Art geleitete er auch
die andern zu dem Fahrzeug, in das sie sich mit einiger Schwierigkeit
zurechtsetzten. Agatha, die als vorletzte kam, gab ihm drei Pence.

»Sie haben ein nobles Herz und einen mutigen Blick, Miß,« sagte er und
schien sehr bewegt. »Gott segne Sie!«

Er holte dann Jane, die auf dem schlüpfrigen Gras ausglitt und
hinfiel. Er brauchte seine ganze Kraft, um ihr wieder aufzuhelfen.

»Ich hoffe, Sie sind nicht so naß geworden von dem Regen, Miß,« sagte
er. »Sie sind ein feines Mädel für Ihr Alter. Hundertzwanzig bis
hundertfünfzig Pfund schwer, glaube ich.«

Sie errötete und eilte nach der Droschke, in der Agatha saß. Aber sie
war voll, und Jane mußte sehr gegen ihren Willen in die Kutsche, wo sie
beträchtlich den Platz verminderte, der für Miß Wilson freigelassen war.

Smilasch kehrte inzwischen zu dieser zurück. »Nun, teure Lady,« sagte
er, »nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht fallen. Kommen Sie mit.«

Miß Wilson, die die Einladung nicht beachtete, nahm einen Schilling aus
ihrer Börse.

»Nein, Lady,« sagte Smilasch mit tugendhafter Miene. »Ich bin ein
ehrlicher Mann und habe noch nie mit dem Gefängnis Bekanntschaft
gemacht, außer viermal, wovon aber nur zweimal für Stehlen waren. Ihre
jüngste Tochter -- die mit dem mutigen Blick -- hat mich mehr als
anständig bezahlt.«

»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß diese jungen Damen nicht meine
Töchter sind,« sagte Miß Wilson scharf. »Warum hören Sie nicht auf das,
was ich Ihnen sage?«

»Seien Sie nicht so streng gegen einen gewöhnlichen Mann, Lady,« sagte
Smilasch unterwürfig. »Die junge Dame hat mir grade drei halbe Kronen
gegeben.«

»Drei halbe Kronen!« rief Miß Wilson aus, sehr zornig über solch eine
Verschwendung.

»Gott segne ihre Unschuld, sie weiß nicht, was man so einem Menschen
wie mir geben muß? Aber ich will die junge Lady nicht bestehlen. Eine
halbe Krone ist anständig genug bezahlt für den Gang, und eine halbe
Krone will ich behalten, wenn es eure vornehme Gnaden gestatten. Aber
die andern fünf Schillinge will ich Ihnen für sie anvertrauen. Haben
Sie auch schon einmal ihr mutiges Wesen bemerkt?«

»Unsinn, mein Herr. Behalten Sie lieber das Geld, das Sie bekommen
haben.«

»Was! Für fünf Schilling soll ich die hohe Meinung, die Eure Gnaden von
mir haben, aufs Spiel setzen! Nein, teure Lady, das können Sie nicht
von mir erwarten. Die letzten Worte meines seligen Vaters waren --«

»Sie erzählten doch vorhin, Sie wären ein Findling,« sagte Fairholme.
»Was soll man nun glauben, he!«

»Das war ich auch, Herr, aber nur von Mutters Seite. Eure Gnaden wollen
bitte das Geld zurücknehmen, denn ich behalte es nicht. Ich gehöre mal
zur niederen Klasse und bin daher kein Mann von Wort. Aber wenn ich
schon einmal daran festhalte, halte ich auch wie Pech daran fest.«

»Nehmen Sie es,« sagte Fairholme zu Miß Wilson. »Nehmen Sie es ruhig.
Es war lächerlich, ihm für das, was er getan hatte, sieben und einen
halben Schilling zu geben. Es würde ihn nur zum Trinken verleiten.«

»Seine Ehrwürden sagen die Wahrheit, Lady. Die eine halbe Krone hält
mich vollständig betrunken bis Sonntag morgen, und mehr will ich gar
nicht.«

»Zähmen Sie ein bißchen Ihre Zunge, mein Mann,« sagte Fairholme, indem
er ihm die beiden Silberstücke abnahm und sie Miß Wilson gab. Diese bot
den Geistlichen guten Abend und ging unter dem Schirm zur Kutsche.

»Wenn Eure Gnaden einen gewandten Mann brauchen, um eine
außergewöhnliche Arbeit zu besorgen, dann werden Sie hoffentlich an
mich denken,« sagte Smilasch, als sie den Hügel hinabgingen.

»Oh, Sie wissen, wer ich bin?« fragte Miß Wilson trocken.

»Die ganze Gegend weiß es, Miß, und verehrt Sie. Als Schmied kommt mir
keiner gleich, und wenn Sie eine geschlagene Medaille brauchen, um sie
für gutes Betragen oder dergleichen zu vergeben, ich glaube, ich würde
Sie schon zufriedenstellen. Und wenn Eure Gnaden geschmuggelte Spitzen
brauchen --«

»Nehmen Sie sich lieber etwas in acht, damit Sie nicht in
Ungelegenheiten kommen,« sagte Miß Wilson streng. »Sagen Sie dem
Kutscher, er sollte abfahren.«

Die Wagen setzten sich in Bewegung, und Smilasch nahm sich die
Freiheit, seinen Hut hinter ihnen her zu schwenken. Dann kehrte er zu
dem Landhaus zurück, brachte den Schirm hinein und schloß die Türe,
als er wieder herausgekommen war. Er steckte den Schlüssel in die
Tasche und schritt durch den Regen über den Hügel davon, ohne von den
erstaunten Geistlichen auch die mindeste Notiz zu nehmen.

Inzwischen konnte sich Miß Wilson nicht enthalten, ihrem Unwillen über
Agathas Verschwendung Luft zu machen, und sie erzählte es den Mädchen
in der Kutsche. Aber Jane erklärte, daß Agatha überhaupt nur drei Pence
besäße, und daß sie daher unmöglich dem Mann dreißigmal soviel hätte
geben können. Als sie zu Hause waren und Agatha von Miß Wilson befragt
wurde, öffnete sie erstaunt die Augen und erklärte lachend: »Ich hab
ihm nur drei Pence gegeben. Er hat mir vier Schilling und neun Pence
als Geschenk geschickt!«




Viertes Kapitel.


Der Samstag, der schon an und für sich ein halber Feiertag ist,
war in der Anstalt zu Alton ein vollständiger. Des Morgens gab es
nur Unterricht im Turnen, Tanzen, Zeichnen und im Vortrag, und der
Nachmittag wurde mit Tennisspielen verbracht. Hierzu waren dann Damen
aus der Nachbarschaft eingeladen, die ihre Ehegatten, Brüder oder Väter
mitbringen durften, denn Miß Wilson wollte ihre Zöglinge nicht mit der
komischen Unbeholfenheit von Schulmädchen, die an keine Gesellschaft
gewöhnt sind, in die Welt schicken.

Ende Oktober kam aber ein Samstag, der sich für Miß Wilson durchaus
nicht als ein Feiertag erwies. Um halb zwei, als der Lunch vorbei war,
ging sie hinaus auf den Rasenplatz, der zwischen der Südseite des
Gebäudes und einer Anpflanzung von Buschwerk lag. Hier fand sie eine
Gruppe Mädchen, die Agatha und Jane zusahen, wie sie eine Rasenwalze
hinter sich herschleiften. Eine von ihnen schleuderte mit einem Racket
einen Ball empor und warf ihn zufällig in das Gebüsch hinein, aus dem
dann zum Erstaunen der Gesellschaft Smilasch auftauchte. Er hatte den
Ball in der Hand, kniff ein Auge zu und sagte, obgleich er nur ein
gewöhnlicher Mann sei, hätte er doch Gefühle wie jeder andere, und sein
Auge sei schließlich weder aus Stein noch aus Holz. Er war wie früher
gekleidet, aber sein Anzug, der mit Lehm und Kalk beschmutzt war, sah
jetzt nicht mehr neu aus.

»Bitte, was wollen Sie hier?« fragte Miß Wilson.

»Ich glaubte wahrhaftig, Sie hätten nach mir geschickt, Lady«
antwortete er. »Der Bäckerjunge sagte es mir, als er heute morgen meine
niedrige Hütte betrat. Hätte nie gedacht, daß er mich belügen könnte.«

»Es ist ganz richtig, ich habe nach Ihnen geschickt! Warum sind Sie
aber nicht an die andere Seite gegangen, zum Eingang für Dienstboten?«

»Ich suche ihn ja, Lady. Eben sah ich mich danach um, als mich hier
der Ball traf« -- er berührte sein Auge. »Von solch einem Hieb vergeht
einem Hören und Sehen, und ein anständiger Kerl sieht aus wie ein
Räuber.«

»Agatha,« sagte Miß Wilson, »kommen Sie einmal her.«

»Ihr Diener, Miß,« sagte Smilasch und zog an seiner Stirnlocke.

»Das ist der Mann, der mir die fünf Schilling gab. Er sagte, er hätte
sie von Ihnen bekommen. Ist das so?«

»Gewiß nicht. Ich hab ihm nur drei Pence gegeben.«

»Aber ich zeigte doch Eure Gnaden das Geld,« sagte Smilasch, indem er
unruhig an seinem Hut drehte. »Ich gab es Ihnen. Wie soll ich an fünf
Schilling kommen, wenn nicht durch die Güte der Reichen und Vornehmen?
Wenn die junge Lady glaubt, ich hätte die andere halbe Krone auch
nicht behalten dürfen, so hab ich nichts dagegen, daß sie mir vom Lohn
abgehalten wird, wenn ich hier Arbeit finde. Aber --«

»Aber das ist ja Unsinn,« sagte Agatha. »Ich hab Ihnen nie drei Kronen
gegeben.«

»Vielleicht haben Sie sich geirrt. Pence sind bald so groß wie halbe
Kronen, und das Wetter war sehr dunkel.«

»Das war unmöglich,« sagte Agatha. »Jane hatte die ganze Woche über
mein Portemonnaie, Miß Wilson, und sie kann Ihnen bestätigen, daß nur
drei Pence darin waren. Sie wissen, daß ich immer am Ersten mein Geld
bekomme, und es reicht nie länger als eine Woche. Der Gedanke, ich
könnte am Sechzehnten noch sieben und einen halben Schilling besitzen,
ist lächerlich.«

»Aber erlauben Sie, Miß, ist es nicht noch mal so lächerlich, daß ich
armer Arbeiter Geld weggeben sollte, das ich nie bekam?«

Eine unbestimmte Unruhe ergriff Agatha, als ob sie ihren eigenen Sinnen
nicht mehr trauen dürfte.

»Alles, was ich weiß,« sagte sie protestierend, »ist, daß ich es Ihnen
nicht gegeben habe. Dann müssen sich also meine Pennystücke in Ihrer
Tasche in halbe Kronen verwandelt haben.«

»Meinswegen,« sagte Smilasch ernsthaft. »Ich habe gehört und weiß es
für gewiß, daß sich den reichen Leuten das Geld in der Tasche von
selbst vermehrt. Warum nicht auch in den Taschen der Armen? Warum soll
man erstaunen über etwas, das alle Tage vorkommt?«

»Hatten sie damals eigenes Geld bei sich?«

»Woher soll so einer wie ich eigenes Geld bekommen haben? --
entschuldigen Eure Gnaden, daß ich so dreist bin, so zu fragen.«

»Ich weiß nicht, woher Sie es bekommen haben,« sagte Miß Wilson
verdrießlich. »Ich frage Sie nur, hatten Sie Geld?«

»Ja, Lady, ich weiß es nicht mehr. Ich will Sie nicht täuschen, aber
ich kann mich nicht erinnern.«

»Dann haben Sie sich geirrt,« sagte Miß Wilson, indem sie ihm sein
Geld zurückgab. »Hier, wenn es nicht Ihr Geld ist, unseres ist es auch
nicht. Darum ist es besser, Sie behalten es.«

»Es behalten! Oh, Lady, aber das ist der Gipfel der Großmut! Und was
soll ich tun, Lady, um Ihre Wohltätigkeit zu verdienen?«

»Es ist nicht meine Wohltätigkeit. Ich gebe es Ihnen, weil es mir nicht
gehört, und weil ich glaube, daß es Ihnen gehört. Sie scheinen ein sehr
einfältiger Mann zu sein.«

»Ich danke Eure Gnaden, hoffentlich bin ich das. Und jetzt, um von der
Tagesarbeit zu sprechen, haben Sie keine Beschäftigung für einen armen
Mann?«

»Nein, danke sehr. Ich habe keine Verwendung für Ihre Dienste. Ich
schulde Ihnen noch den Schilling, den ich Ihnen für das Herbeischaffen
der Wagen versprach. Hier ist er.«

»Noch einen Schilling!« schrie Smilasch überwältigt.

»Ja,« sagte Miß Wilson, die anfing sich zu ärgern. »Ich will, bitte,
nichts mehr darüber hören. Verstehen Sie denn nicht, daß Sie ihn
verdient haben?«

»Ich bin ein gewöhnlicher Mann und verstehe sozusagen gar nichts,«
entgegnete er ehrerbietig. »Aber wenn Sie mir einen Tag Arbeit geben,
damit ich mir etwas helfen kann, dann heb ich all dies Geld in einer
kleinen hölzernen Sparbüchse auf, die ich zu Haus habe und bewahre es
dann für später, wenn einmal Krankheit und Alter, wie man so sagt,
ihre Hände auf mich legen. Ich könnte wunderschön den Rasen glätten.
Die jungen Damen machen sich kaputt mit der schweren Walze. Wenn
Tennis gespielt wird, ich stelle die Netze so stramm auf, daß sich
Paradiesvögel darin fangen. Wenn der Flur geweißt werden soll, ich kann
eine so grade Linie ziehen, daß Sie sich kaum enthalten werden, ein
gleichseitiges Dreieck darauf zu zeichnen. Ich bin ein ehrlicher Mann,
wenn man gut auf mich acht gibt, ich kann eine Tafel aufwarten so gut
wie der Kellermeister des Lordmayors von London.«

»Ich kann Sie nicht ohne Zeugnisse beschäftigen,« sagte Miß Wilson, die
sich über den Brocken aus Euklid amüsierte und sich wunderte, wo er ihn
wohl aufgeschnappt haben mochte.

»Ich habe die besten Zeugnisse, Lady. Der hochwürdige Pfarrer kennt
mich von meiner Knabenzeit her.«

»Ich habe gestern mit ihm über Sie gesprochen,« sagte Miß Wilson und
sah ihn streng an. »Er sagte, Sie seien ihm vollständig unbekannt.«

»Die Gentlemen sind so vergeßlich,« sagte Smilasch betrübt. »Aber ich
spielte auf meinen einheimischen Pfarrer an -- den Pfarrer in meinem
Heimatdorf Auburn. >Süßes Auburn, lieblichstes Dörfchen im Tale<, wie
der Gentleman es nannte.«

»Das ist nicht der Name, den Sie Mr. Fairholme gegenüber erwähnten. Ich
weiß nicht mehr, was Sie ihm sagten, aber es war nicht Auburn, und ich
habe auch nie von einem solchen Ort gehört.«

»Nie was über das süße Auburn gelesen?«

»Weder in einem Geographiebuch noch in einem Lexikon. Erinnern Sie
sich, daß Sie mir erzählten, Sie hätten im Gefängnis gesessen?«

»Nur sechsmal,« verteidigte sich Smilasch, während seine Gesichtszüge
krampfhaft zuckten. »Urteilen Sie nicht zu streng über einen
gewöhnlichen Mann. Nur sechsmal, und jedesmal wegen Trunkenheit. Aber
ich habe es abgeschworen und es seit achtzehn Monaten treu gehalten.«

Miß Wilson war sich jetzt darüber klar, daß sie es mit einem nicht
recht gescheiten, aber witzigen Landburschen zu tun hatte, einem jener
eingebildeten Originale, die sich, ohne es zu wollen, beliebt machen,
weil sie dem gesunden Verstand derjenigen schmeicheln, die ihnen
überlegen sind.

»Sie haben ein schlechtes Gedächtnis, Mr. Smilasch,« sagte sie
gutgelaunt. »Sie erzählen jedesmal etwas anders über sich.«

»Ich weiß, ich kann mich nicht mit Exaktiertheit ausdrücken. Ladies und
Gentlemen haben die Gewalt der Worte. Sie können immer sagen, was sie
meinen, aber ein gewöhnlicher Mann kann das nicht. Die Worte kommen
ihm nicht von selbst. Er hat mehr Gedanken als Worte, und seine Worte
passen nicht zu seinen Gedanken. Soll ich mal den Rasen umwälzen und
mich bis heute abend für neun Pence nützlich machen?«

Miß Wilson, die heute nicht nur ihre gewohnten Samstagsbesucher
erwartete, überlegte sich den Vorschlag und stimmte zu. »Aber merken
Sie sich das,« sagte sie. »Sie sind hier fremd in der Gegend, und Ihr
Ruf in Lyvern hängt davon ab, wie Sie sich bei dieser Gelegenheit
aufführen.«

»Ich bin Eure Gnaden sehr dankbar. Meine Tasche, in der ich meine
Zeugnisse aufbewahre, hat ein Loch, und darum verliere ich sie immer.
Möge die Güte Eurer Gnaden das Loch zunähen. Es ist ein schlechter
Platz, dort seine Zeugnisse aufzuheben, aber es ist einmal so der
Brauch. Und darum ein Hurra dem glorreichen neunzehnten Jahrhundert!«

Er zog seinen Rock aus, ergriff die Walze und begann sie mit
einer Energie hinter sich herzuziehen, die der abgemessenen eines
Berufsarbeiters fremd ist. Miß Wilson sah ihn mißtrauisch an, aber sie
war in Eile und ging ins Haus hinein, ohne eine weitere Bemerkung zu
machen. Agatha beschloß, sich ihn noch einmal genauer anzusehen. Mit
einem Racket in der Hand, ging sie langsam über das Gras und kam bis
dicht an ihn heran, als er, ohne sie zu bemerken, einen Seufzer der
Erschöpfung ausstieß und sich zum Ausruhen hinsetzte.

»Schon müde, Mr. Smilasch?« fragte sie spöttisch.

Er schaute kaltblütig auf, zog eine seiner Waschlederhandschuhe ab
und wedelte sich damit Kühlung zu, indem er eine feine und weiße Hand
zeigte. Schließlich antwortete er in dem Tone und in der Aussprache
eines Gentleman:

»Außerordentlich.«

Agatha fuhr zurück. Er fächelte sich ohne die geringste Unruhe.

»Sie -- Sie sind kein Arbeiter,« sagte sie endlich.

»Offenbar nicht.«

»Ich dachte es mir.«

Er nickte ihr zu.

»Angenommen, ich erzählte das weiter,« sagte sie und bekam mehr Mut, da
sie sich erinnerte, daß sie nicht mit ihm allein war.

»Wenn Sie das tun, werde ich mich schon herausreden, wie ich mich aus
den drei halben Kronen herausgeredet habe, und Miß Wilson wird zu der
Ansicht kommen, Sie seien nicht ganz bei Sinnen.«

»Dann habe ich Ihnen also wirklich keine sieben und einen halben
Schilling gegeben?« fragte sie erleichtert.

»Was glauben Sie?« entgegnete er, indem er drei Pence aus seiner Tasche
nahm und sie in der Faust klingen ließ. »Wie heißen Sie?«

»Das brauchen Sie nicht zu wissen,« antwortete Agatha voll Würde.

Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht haben Sie recht,« sagte er.
»Ich würde Ihnen auch nicht meinen Namen nennen, wenn Sie mich danach
fragten.«

»Ich habe nicht die mindeste Absicht, Sie danach zu fragen.«

»Nicht? Dann werden Sie also mit Smilasch auskommen und ich mit Agatha.«

»Es wäre besser für Sie, wenn Sie sich etwas in acht nähmen.«

»Wovor?«

»Vor dem, was Sie sagen, und -- haben Sie keine Furcht, daß man Sie
ausfindig macht?«

»Ich bin doch schon entdeckt -- von Ihnen. Und ich befinde mich dabei
ganz wohl.«

»Angenommen, die Polizei macht Sie ausfindig?«

»Die nicht! Übrigens brauche ich mich auch vor der Polizei nicht zu
fürchten. Ich habe das Recht, Manchester zu tragen, wenn ich ihn feinem
Stoff vorziehe. Und nun denken Sie an die Vorteile, die ich jetzt
genieße! Ich bin dadurch hier in die Anstalt hineingekommen und genieße
das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft. Entschuldigen Sie, wenn ich die
Walze weiterziehe, nur um den Schein zu wahren. Ich kann beim Walzen
sprechen.«

»Das können Sie, wenn Sie Selbstgespräche lieben,« sagte sie und wandte
sich fort, als er sich erhob.

»Im Ernst, Agatha, Sie dürfen den andern nichts über mich erzählen.«

»Nennen Sie mich nicht Agatha,« sagte sie heftig.

»Wie soll ich Sie denn nennen?«

»Sie brauchen mich überhaupt nicht anzureden.«

»Ich brauche es und will es. Seien Sie nicht boshaft.«

»Aber ich kenne Sie ja gar nicht. Ich wundere mich über Ihre --« sie
zauderte, das Wort, das ihr grade einfiel, auszusprechen, aber sie fand
kein besseres -- »über Ihre Dreistigkeit.«

Er lachte, und sie beobachtete ihn, während er ein paarmal die Walze
auf- und abzog. Dann erholte er sich, indem er einen Blick auf sie
warf, und da er sie dabei ertappte, wie sie ihn ansah, lächelte er.
Sein Lächeln war etwas Alltägliches im Vergleich mit dem Lächeln,
das sie ihm zurückgab, in das ihre Augen, ihre Zähne und der goldene
Schimmer ihrer Gesichtsfarbe mit einzustimmen schienen. Er hielt sofort
mit dem Walzen ein und stand da, das Kinn auf den Walzenstiel gestützt.

»Wenn Sie Ihre Arbeit vernachlässigen,« sagte sie boshaft, »werden Sie
nicht mit dem Gras fertig sein, bis die Leute kommen.«

»Was für Leute?« fragte er verwirrt.

»Oh, eine Masse Leute. Wahrscheinlich auch welche, die Sie kennen. Es
kommen Besucher von London: Mein Vormund mit Frau und Tochter, meine
Mutter und hundert andere.«

»Im ganzen vier. Weshalb kommen sie? Wollen sie Sie besuchen?«

»Sie wollen mich abholen,« antwortete sie und beobachtete ihn, ob ihn
die Nachricht mißvergnügt machte.

Er war offenbar betroffen. »Weshalb, zum Henker, will man Sie
fortnehmen?« fragte er. »Ist Ihre Erziehung beendigt?«

»Nein. Ich habe mich schlecht aufgeführt und werde weggejagt.«

Er lachte wieder. »So ist es recht!« sagte er, »Sie fangen an,
Smilaschs Manier zu begreifen. Was haben Sie denn getan?«

»Ich sehe nicht ein, warum ich Ihnen das erzählen soll. Was haben _Sie_
getan?«

»Oh, ich habe nichts getan. Ich bin ein unromantischer Gentleman, der
sich vor einer romantischen Lady verbirgt, die sich in ihn verliebt
hat.«

»Die Ärmste!« sagte Agatha spöttisch. »Natürlich hat sie Ihnen einen
Antrag gemacht, und Sie haben ihn zurückgewiesen.«

»Im Gegenteil, ich machte den Antrag, und sie nahm ihn an. Deshalb muß
ich mich jetzt vor ihr verstecken.«

»Sie erzählen hübsche Geschichten,« sagte Agatha. »Leben Sie wohl. Da
kommt Miß Carpenter und will hören, worüber wir uns unterhalten.«

»Leben Sie wohl. Es tut mir sehr leid, daß Sie weggejagt werden --
Kann sich ein gewöhnlicher Mann vielleicht die Frage erlauben, wo die
Schälmaschine ist?«

Diese Worte waren an Jane gerichtet, die mit einigen von den andern
herbeikam. Agatha erwartete, daß Smilasch jetzt sofort entlarvt würde,
denn seine Verstellung war nun doch zu durchsichtig. Sie wunderte sich,
wie die andern sich dadurch irreführen ließen. Es schlug jetzt zwei
Uhr, und das erinnerte sie an das bevorstehende Zusammentreffen mit
ihrem Vormund. Eine Angst überkam sie und ein Verlangen, sich an einem
einsamen Platz zu verbergen, bis man sie rief. Aber sie hatte es sich
zur Ehrensache gemacht, stets die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen
alle Sorgen zu zeigen, und so blieb sie bei den Mädchen, lachte und
plauderte mit ihnen, während sie Smilasch beobachteten, der sorgfältig
die Felder markierte und die Netze ausspannte. Agatha brachte alle
zum Lachen, und grade ihre geheime Aufregung, die durch unerträgliche
Anfälle von Angst verschärft wurde, trieb sie dabei an, während das
Romantische an Smilaschs Verkleidung ihr die Vorstellung des Träumens
einflößte. Ihre Phantasie beschäftigte sich bereits mit einem Drama,
in dem sie die Heldin und Smilasch der Held war, obgleich sie dem
lebendigen Mann da vor sich nicht so viel düstere Charaktergröße
andichten konnte wie einer gänzlich erträumten Person. Das Spiel ihrer
Phantasie war ein sehr einfaches, an dem sie sich im geheimen immer
wieder ergötzte. Die Heldin liebte den Helden und starb an gebrochenem
Herzen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwiderte. Denn Agatha, die
stets bereit war, bei ihren Gefährtinnen jede Gefühlsschwelgerei
zu verspotten, die mit einem ansteckenden Sinn für Possen begabt
war, schwelgte doch heimlich in ihrem Innern in Vorstellungen von
Verzweiflung und Sterben. Sie durchlebte oft die ganze Marter eines
erfolgreichen Clowns, der beim Publikum wahre Stürme von Gelächter
auslöst und sich doch im Grunde für einen geborenen Tragöden hält. Sie
wußte, daß es manches in ihrem Wesen gab, das nicht grade durch ihre
so beliebte Darstellung des Soldaten im Kamin verkörpert wurde.

Um drei Uhr kamen die Gäste aus der Umgegend an, und es wurde auf vier
Feldern, die Smilasch glatt gewalzt und hergerichtet hatte, Tennis
gespielt. Die beiden Geistlichen waren da mit einigen Gentlemen aus
dem Laienstande. Mrs. Miller, der Pfarrer und ein paar Mütter und
sonstige Anstandsdamen sahen zu. Sie genossen leichte Erfrischungen,
die Smilasch, der eine erborgte weiße Kellnerschürze umgebunden hatte
und eine übertriebene Dienstfertigkeit entwickelte, auf Teebrettern
servierte. Eine Viertelstunde später kam eine Botschaft von Miß Wilson,
die Miß Wylie wegrief. Die Besucher begriffen nicht, warum jetzt mit
einem Male die jungen Damen ein so zerstreutes Benehmen zeigten. Jane
brach fast in Tränen aus und gab Josephs eine unhöfliche Antwort, als
er sie ganz unschuldig fragte, was denn geschehen sei. Agatha ging
anscheinend ganz gleichgültig fort, obgleich ihre Hand zitterte, als
sie ihr Racket weglegte.

In einem geräumigen Empfangszimmer an der Nordseite des Gebäudes
fand sie ihre Mutter, eine schmächtige Dame in Witwentracht, mit
verblichenem braunen Haar und verweinten Augen. Auch Mrs. Jansenius
und ihre Tochter waren dort. Die beiden älteren Damen bewahrten ein
ernstes Schweigen, während Agatha sie küßte, und Mrs. Wylie nach ihrem
Taschentuch griff. Henrietta umarmte Agatha überschwenglich.

»Wo ist Onkel John?« fragte Agatha. »Ist er nicht mitgekommen?«

»Er ist im andern Zimmer bei Miß Wilson,« sagte Mrs. Jansenius. »Sie
erwarten dich dort.«

»Ich dachte, es wäre jemand gestorben,« sagte Agatha, »Ihr seht alle
aus wie bei einem Begräbnis. Nun steck dein Taschentuch fort, Mama.
Wenn du weinst, werde ich Miß Wilson meine Meinung sagen, weil sie dich
gequält hat.«

»Nein, nein,« sagte Mrs. Wylie erschreckt. »Sie war so nett!«

»So gut!« sagte Henrietta.

»Sie ist sehr vernünftig und gütig gewesen,« sagte Mrs. Jansenius.

»Das ist sie immer,« sagte Agatha nachgiebig. »Oder habt ihr gedacht,
sie würde in Krämpfe ausbrechen?«

»Agatha,« flehte Mrs. Wylie, »sei nicht eigensinnig und töricht.«

»O nein, das ist sie nicht. Ich weiß das,« sagte Henrietta
schmeichelnd. »Nicht wahr, liebe Agatha?«

»Meinetwegen kannst du tun, was du willst,« sagte Mrs. Jansenius. »Aber
ich hoffe, du bist zu vernünftig, um ohne Grund die Beendigung deiner
Erziehung zu verscherzen.«

»Deine Tante hat ganz recht,« sagte Mrs. Wylie. »Und dein Onkel ist
sehr böse auf dich. Er wird nie wieder mit dir sprechen, wenn du dich
mit Miß Wilson zankst.«

»Er ist nicht böse,« sagte Henrietta, »aber er ist so um dein Wohl
besorgt.«

»Er wird natürlich verstimmt sein, wenn du so in deinem Unverstand
fortfährst,« sagte Mrs. Jansenius.

»Alles, was Miß Wilson wünscht, ist eine Entschuldigung wegen der
schrecklichen Sachen, die du in ihr Buch geschrieben hast,« sagte
Mrs. Wylie. »Liebe Agatha, du wirst sie doch um Entschuldigung bitten?«

»Natürlich wird sie das tun,« sagte Henrietta.

»Es wäre auch noch schöner,« meinte Mrs. Jansenius.

»Vielleicht tu ich es,« sagte Agatha.

»Du bist mein einziges, liebes Kind,« sagte Mrs. Wylie und ergriff ihre
Hand.

»Und vielleicht tu ich es auch nicht.«

»Du tust es, Liebste,« drängte Mrs. Wylie und versuchte die
widerstrebende Agatha näher an sich heranzuziehen. »Um meinetwillen. Du
tust deiner Mutter einen Gefallen, Agatha. Du wirst es mir doch nicht
abschlagen, mein Herz?«

Agatha lachte milde über ihre Mutter, die schon seit langer Zeit solche
Art zu bitten aufgegeben hatte. Dann wandte sie sich zu Henrietta und
sagte: »Wie geht es deinem =caro sposo=? Es war häßlich, daß ich nicht
Brautjungfer wurde.«

Das Rot auf Henriettas Wangen leuchtete. Mrs. Jansenius fuhr schnell
dazwischen, indem sie daran erinnerte, daß Miß Wilson warte.

»Oh, sie macht sich nichts aus dem Warten,« sagte Agatha. »Sie glaubt,
ihr seid alle dabei, mir den Kopf zurecht zu setzen. Das hat sie mit
euch verabredet, bevor sie das Zimmer verließ. Mama weiß, daß mir
ein kleines Vögelchen alles das erzählt. Ich muß nun sagen, ihr habt
mich bis jetzt durchaus nicht nachgiebig gestimmt. Da sich aber der
arme Onkel John schrecklich ängstlich und unbehaglich fühlen muß,
werde ich doch so gut sein, ihn aus seiner Not zu erlösen. Adieu!«
Und sie schritt gemächlich hinaus. Gleich darauf steckte sie den Kopf
noch einmal in das Zimmer und sagte mit gedämpfter Stimme: »Macht
euch auf etwas Entsetzliches gefaßt. Ich bin grade in der Laune, die
schrecklichsten Dinge zu sagen.« Sie verschwand wieder, und dann hörten
sie ein Klopfen an der Tür nebenan.

Mr. Jansenius erwartete sie mit Besorgnis. Er hatte schon frühzeitig
in seiner Laufbahn die Entdeckung gemacht, daß sein würdiges Aussehen
und seine feine Stimme ihm bei den Leuten Ansehen verschafften und ihn
bei öffentlichen Versammlungen an den Vorstandstisch brachten. Er war
so sehr an diesen Respekt gewöhnt, daß ihn jede familiäre Annäherung
oder Vertraulichkeit aufs höchste in Verwirrung setzten. Agatha
andererseits, der man schon als Kind Onkel John als den Inbegriff von
Weisheit und Ehrwürdigkeit gepriesen hatte, verspottete ihn stets
als einen aufgeblasenen und geldstolzen Handelsmann, dessen filziges
Gehirn unfähig war, ihre ausschweifenden Ideen zu begreifen. Sie hatte
oft schon ihre Mutter in Schrecken gesetzt, indem sie sich mit jener
absoluten Verachtung über ihn lächerlich machte, deren nur die Kindheit
und die äußerste Unwissenheit fähig sind. Sie fühlte sich stets
erniedrigt, weil er so gütig gegen sie war -- denn er gab reichliche
Geschenke -- und mit dem Instinkt eines Anarchisten sah sie es für
ein Zeichen an, daß sie auf dem richtigen Wege war, wenn sie seine
Ratschläge verspottete und seine Autorität verachtete. Die Folge davon
war, daß er sie etwas fürchtete, obgleich er nicht wußte, warum -- und
daß sie ihn durchaus nicht fürchtete und sich dessen sehr wohl bewußt
war.

Als sie hereintrat, mit dem strahlendsten Lächeln, das sie ausspielen
konnte, saßen Miß Wilson und Mr. Jansenius am Tisch und sahen aus
wie zwei arme Sünder, die angeklagt waren. Miß Wilson wartete, daß
er sprechen sollte, da sie sich auf seine imponierende Anwesenheit
verließ. Da er aber dazu nicht imstande war, bat sie Agatha, Platz zu
nehmen.

»Danke sehr,« sagte Agatha süß. »Nun, Onkel John: kennst du mich nicht
mehr?«

»Ich habe mit Bedauern von Miß Wilson gehört, daß du dich hier sehr
ungehörig aufgeführt hast,« sagte er, indem er ihre Bemerkung nicht
beachtete, obgleich sie ihn im stillen ganz aus der Fassung gebracht
hatte.

»Ja,« sagte Agatha zerknirscht, »es tut mir sehr leid.«

Mr. Jansenius, der nach dem Bericht der Miß Wilson die äußerste
Halsstarrigkeit erwartet hatte, sah sie erstaunt an.

»Sie scheinen zu glauben,« sagte Miß Wilson, die Mr. Jansenius'
Erstaunen bemerkte und darüber beunruhigt war, »daß Sie immer und immer
wieder unsere Vorschriften übertreten und dann sich mit uns wieder ins
Einvernehmen setzen können« -- Miß Wilson bezeichnete Übertretungen
nie als Sünden gegen ihre eigene Autorität, sondern als solche gegen
die Autorität der Schule -- »indem Sie sagen, es täte Ihnen leid. Bei
unserer letzten Unterredung sprachen Sie in einem ganz andern Ton.«

»Ich war damals ärgerlich, Miß Wilson. Und ich dachte, ich hätte einen
Grund zur Klage -- alle glauben dasselbe von sich. Außerdem zankten wir
uns -- wenigstens tat ich es, und ich habe mich noch stets schlecht
aufgeführt, wenn ich mich zankte. Es tut mir _sehr_ leid.«

»Mit dem Buch, das war eine ernsthafte Sache,« sagte Miß Wilson streng.
»Sie scheinen das nicht zu glauben.«

»Wenn ich Agatha recht verstand, so sieht sie die Torheit ihres
Benehmens in der Sache mit dem Buch ein, und es tut ihr sehr leid,«
sagte Mr. Jansenius, indem er unwillkürlich für Agatha Partei nahm, da
sie die Stärkere war und ihm am wenigsten mit Geldangelegenheiten zur
Last fiel.

»Hast du das Buch gesehen?« fragte Agatha eifrig.

»Nein. Miß Wilson hat mir erzählt, was geschehen ist.«

»Oh, lassen Sie es mich holen,« rief sie aufspringend. »Onkel John
schreit vor Lachen. Darf ich, Miß Wilson?«

»Da haben Sie's!« sagte Miß Wilson unwillig. »Das ist dasselbe
unverbesserliche vorlaute Benehmen, über das ich mich beklagen muß.
Miß Wylie bringt nur Abwechslung hinein, indem sie auch vollständig
ungehorsam wird.«

Mr. Jansenius war ebenfalls entrüstet. Eine feine Röte stieg in seinem
Gesicht auf bei der Idee, er würde schreien. »Still, still!« sagte er.
»Du mußt ernsthaft sein und Miß Wilson mehr Respekt entgegenbringen.
Du bist doch jetzt alt genug, um das zu wissen, Agatha -- vollständig
alt genug.«

Agathas Heiterkeit verschwand. »Was hab ich denn gesagt oder getan?«
fragte sie, und dunkelrote Flecken erschienen auf ihren Wangen.

»Du hast dich über -- über das Buch lustig gemacht, auf das Miß Wilson
großen Wert legt, und zwar mit Recht.«

»Wenn ich es mit Recht tat, wie kannst du es mir dann vorwerfen?«

»Nun ist es genug,« schrie Mr. Jansenius, indem er absichtlich seine
Zurückhaltung aufgab, da er einsah, daß er sie so doch nicht im Zaume
halten konnte. »Sei nicht unverschämt, Miß.«

Agathas Augen erweiterten sich, eine flüchtige Röte bedeckte ihr
Gesicht und ihren Hals, und sie stampfte mit den Absätzen. »Onkel
John,« rief sie, »wenn du es _wagst_, mir noch einmal so etwas zu
sagen, werde ich dich nie mehr ansehen oder ansprechen und nie mehr
dein Haus betreten. Was verstehst du von gutem Benehmen, wenn du mich
unverschämt nennst. Einer absichtlichen Roheit unterwerfe ich mich nun
einmal nicht, gradeso hat auch mein Streit mit Miß Wilson angefangen.
Sie sagte mir, ich sei unverschämt, und ich ging weg und sagte ihr,
sie habe unrecht, indem ich es in das Fehlerbuch hineinschrieb. Sie
hat überhaupt in der ganzen Sache unrecht gehabt, aber ich wollte mich
mit ihr versöhnen und vergangene Dinge vergangen sein lassen, deshalb
schwieg ich. Aber wenn sie sich weiter streiten will, dann kann ich es
nicht ändern.«

»Mr. Jansenius, ich habe Ihnen schon auseinandergesetzt,« sagte
Miß Wilson, indem sie ihren Unwillen durch einen Versuch, ihn zu
unterdrücken, nur noch verstärkte, »daß Miß Wylie jede Gelegenheit,
sich mit mir wieder ins Einvernehmen zu setzen, zurückgewiesen hat.
Mrs. Miller und ich haben absichtlich über alles Persönliche in der
Sache hinweggesehen, und ich verlange nur, daß sie ihre Übertretung der
Anstaltsvorschriften einsieht.«

»Aus Mrs. Miller mach ich mir nicht _so_ viel,« sagte Agatha, indem sie
mit den Fingern schnipste. »Und Sie sind auch nicht halb so gut, wie
ich dachte.«

»Agatha,« sagte Mr. Jansenius, »ich wünsche, daß du deine Zunge hältst.«

Agatha atmete tief und sagte, indem sie sich resigniert hinsetzte: »So!
Nun ist es doch so gekommen. Ich habe die Fassung verloren, und jetzt
haben wir sie alle verloren.«

»Du hast kein Recht, die Fassung zu verlieren,« sagte Mr. Jansenius,
indem er sich einbildete, er hätte jetzt einen Vorteil über sie.

»Ich bin die jüngste und verdiene den geringsten Tadel,« entgegnete sie.

»Es hat keinen Zweck, noch etwas darüber zu reden, Mr. Jansenius,«
sagte Miß Wilson entschlossen. »Es tut mir leid, daß Miß Wylie es
vorzieht, mit uns zu brechen.«

»Aber ich ziehe es gar nicht vor, mit Ihnen zu brechen, und ich
halte es für sehr hart, daß Sie mich wegjagen. Niemand hat hier den
geringsten Streit mit mir gehabt, außer Mrs. Miller. Mrs. Miller zürnt
mir, weil sie mich in falschem Verdacht hat wegen ihrer Katze, aber
das ist doch nicht meine Schuld! Und wirklich, Miß Wilson, ich weiß
nicht, warum Sie mir so böse sind. Wenn ich weggejagt werde, glauben
alle Mädchen, ich hätte etwas Abscheuliches getan. Wenigstens müßte ich
bis Ende des Schuljahres bleiben, und was das Sünden- -- das Fehlerbuch
angeht, so haben Sie mir doch, als ich ankam, ganz ausdrücklich gesagt,
ich könnte hineinschreiben oder nicht, ganz wie ich wollte. Sie
würden nie etwas diktieren oder über eine Eintragung etwas sagen. Und
doch, das erstemal, daß ich etwas schreibe, was Ihnen nicht gefällt,
jagen Sie mich weg. Niemand wird mehr glauben, daß die Eintragungen
freiwillige sind.«

Miß Wilsons Gewissen war schon durch die Roheit und das Fehlen der
moralischen Überredung in Mr. Jansenius Wort: >Sei nicht unverschämt!<
getroffen worden, denn es klang wie das Echo ihrer eigenen Worte, und
jetzt fühlte sie sich aufs neue beunruhigt. »Das Fehlerbuch,« sagte
sie, »ist nur zu Selbstanklagen da, es darf nicht dazu dienen, andere
zu beschuldigen.«

»Ich weiß ganz gewiß, daß weder Jane noch Gertrude noch ich uns im
geringsten anklagten, weil wir die Treppen herunterglitten, aber Sie
hatten keinen Tadel, als wir das hineinschrieben. Übrigens sollte das
Buch der moralischen Überredung dienen -- wenigstens sagten Sie das
immer, und als Sie die moralische Überredung aufgaben, glaubte ich,
ich müßte darüber eine Eintragung machen. Natürlich war ich damals im
Zorn, aber als ich zur Ruhe kam, hielt ich es für ganz recht, was ich
getan hatte. Und ich glaube das auch noch heute, obgleich es vielleicht
besser gewesen wäre, wenn ich zu allem geschwiegen hätte.«

»Wieso behaupten Sie, ich hätte die moralische Überredung aufgegeben?«

»Den Leuten die Türe weisen, ist keine moralische Überredung. Sie
unverschämt nennen, ist auch keine.«

»Sie glauben also, ich müßte Ihnen geduldig zuhören, was Sie mir auch
zu sagen belieben, und wie ungehörig es auch in Anbetracht Ihrer
Stellung mir gegenüber sein mag?«

»Aber ich habe nichts Ungehöriges gesagt,« sagte Agatha. Dann brach
sie ungeduldig ab, lächelte wieder und sagte: »Oh, wir wollen nicht
mehr streiten. Es tut mir wirklich sehr leid, und ich habe Sie und die
Anstalt so gern. Und ich will auch nach den Ferien nur wiederkommen,
wenn Sie es wünschen.«

»Agatha,« sagte Miß Wilson schwankend, »diese Worte des Bedauerns
kosten Ihnen so wenig, und wenn sie ihren Zweck erreicht haben,
vergessen _Sie_ sie so bald, daß mich das nicht länger befriedigt.
Ich bestehe durchaus nicht gerne darauf, daß Sie die Anstalt jetzt
verlassen. Aber wie Ihr Onkel Ihnen gesagt hat, Sie sind alt und
verständig genug, um den Unterschied zwischen Ordnung und Unordnung zu
kennen. Bisher haben Sie auf der Seite der Unordnung gestanden, die
wir, wie Ihnen Mrs. Trefusis erzählen kann, früher, als Sie noch nicht
da waren, kaum gekannt haben. Trotzdem will ich durch alles Vergangene
einen Strich machen, wenn Sie mir versprechen, in Zukunft mehr auf
sich achtzugeben, und am Ende des Schuljahres werde ich dann sehen, ob
Sie weiter bleiben können.«

Agatha erhob sich strahlend vor Freude. »Liebe Miß Wilson,« »Sie sind
_so_ gut! Natürlich verspreche ich es. Ich werde hingehen und es Mama
erzählen.«

Bevor sie noch ein Wort dazu sagen konnte, hatte sie sich in einem
Wirbel zur Türe bewegt und floh davon, um sich einen Augenblick später
im Empfangszimmer den drei Damen vorzustellen, die sie mit launigem
Lächeln schweigend anblickte.

»Nun?« fragte Mrs. Jansenius fest.

»Nun, liebes Kind?« fragte Mrs. Trefusis zärtlich.

Mrs. Wylie unterdrückte einen Seufzer und sah ihre Tochter flehend an.

»Es hat mir unendliche Mühe gekostet, sie zur Vernunft zu bringen,«
sagte Agatha nach einer herausfordernden Pause. »Sie benahmen sich wie
Kinder, und ich war wie ein Engel. Natürlich bleibe ich.«

»Gott segne dich, mein Liebling,« stammelte Mrs. Wylie und versuchte
Agatha, die ihr gewandt auswich, zu küssen.

»Ich habe versprochen, in Zukunft sehr gut und fleißig und ruhig und
brav zu sein. Erinnerst du dich noch an meinen Kastagnettentanz, Hetty?

            Tra! lalala, la! la! la!
            Tra! lalala, la! la! la!
            Tra! lalalalalalalalalalala!«

Und sie wirbelte in dem Zimmer herum, indem sie mit den Fingern wie mit
Kastagnetten knipste.

»Sei nicht so rücksichtslos und leichtfertig, meine Liebe,« sagte
Mrs. Wylie. »Du wirst deiner armen Mutter noch das Herz brechen.«

Miß Wilson und Mr. Jansenius traten jetzt grade herein, und Agatha
blieb bewegungslos stehen, indem sie zerstreut auf eine Vase mit
Blumen starrte. Miß Wilson lud ihre Besucher ein, an dem Tennisspielen
teilzunehmen. Mr. Jansenius blickte streng und mißbilligend auf
Agatha, die als Antwort ihr linkes Auge aufriß, während sie das
andere gleichzeitig zusammenkniff. Doch er schüttelte seinen Kopf,
um anzudeuten, daß Fertigkeiten im Gesichterschneiden, wie schwierig
und naturwidrig sie auch sein mochten, seine Achtung nicht gewinnen
konnten, und er ging mit Miß Wilson, mit Mrs. Jansenius und Mrs. Wylie
hinaus.

»Wo ist dein Hubby?« fragte Agatha darauf plötzlich Henrietta.

Mrs. Trefusis Augen füllten sich so schnell mit Tränen, daß sie auf
Agathas Hand fielen, als sie ihren Kopf neigte, um sie zu verbergen.

»Es ist solch ein lieber, alter Platz hier,« begann sie. »Die
Erinnerungen aus meinen Kinderjahren --«

»Was ist zwischen dir und Hubby geschehen?« fragte Agatha, sie
unterbrechend. »Wenn du es mir nicht sagst, werde ich ihn fragen, wenn
ich ihn treffe.«

»Ich wollte es dir grade erzählen, aber du läßt mir ja keine Zeit.«

»Das ist ja Quatsch,« sagte Agatha. »Aber meinetwegen, erzähle.«

Henrietta zauderte. Ihre Würde als verheiratete Frau und der Ernst
ihres Schmerzes lehnten sich gegen die seichte Auffassung des
Schulmädchens auf. Aber sie war jetzt ebensowenig wie früher als Kind
imstande, Agathas Tyrannei zu widerstehen, und sie sehnte sich nach
ihrem Mitgefühl. Außerdem hatte sie es schon gelernt, ihre Geschichte
lieber selbst zu erzählen, als das andern zu überlassen, weil dann die
Sache durchaus nicht immer im richtigen Lichte dargestellt wurde. So
erzählte sie Agatha von ihrer Ehe, ihrer milden Liebe zu ihrem Gatten,
seinem geheimnisvollen Verschwinden, ohne ein Wort oder eine Adresse zu
hinterlassen. Den Brief erwähnte sie nicht.

»Hast du nach ihm gesucht?« fragte Agatha, indem sie eine Neigung zum
Lachen unterdrückte.

»Aber wo? Hätte ich auch nur die entfernteste Spur, ich würde ihm
barfuß bis ans Ende der Welt folgen.«

»Ich glaube, du solltest alle Flüsse durchsuchen -- das müßtest du ja
barfuß tun. Er muß irgendwo hineingefallen oder irgendwo abgestürzt
sein.«

»Nein, nein. Meinst du, ich wäre hier, wenn ich dachte, daß sein Leben
in Gefahr sei? Ich habe Gründe -- ich weiß, daß er nur davongegangen
ist.«

»Oh, wirklich! Er nahm seinen Koffer mit sich, nicht wahr? Vielleicht
ist er nach Paris gereist, um dir etwas Hübsches zu kaufen und dir eine
angenehme Überraschung zu bereiten.«

»Nein,« sagte Henrietta traurig. »Er wußte, daß ich nichts brauchte.«

»Dann glaube ich, daß er deiner müde geworden und davongelaufen ist.«

Henriettas eigenartige dunkle Röte verschwand plötzlich von ihren
Wangen, sie riß Agathas Arm zurück und rief: »Wie kannst du das sagen!
Du hast kein Herz. Er betete mich an.«

»Unsinn!« sagte Agatha. »Die Menschen werden immer einander müde. Ich
werde meiner selbst müde, wenn ich nur zehn Minuten mit mir allein bin,
und liebe mich sicherlich selbst mehr, als sich sonst zwei Menschen
lieben können.«

»Das weiß ich,« sagte Henrietta gequält und boshaft. »Du warst immer
ganz besonders von dir selber eingenommen.«

»Sehr wahrscheinlich gleicht er mir in dieser Beziehung. In dem Falle
wird er seiner selbst bald müde werden und zurückkehren, und ihr werdet
bald wieder girren wie die Turteltauben, bis er von neuem davonläuft.
Hu! Es geschieht dir ganz recht, warum hast du dich verheiratet? Ich
wundere mich, wie die Leute so verrückt sein können, da sie doch alle
verheirateten Bekannten als warnende Beispiele vor Augen haben.«

»Du weißt nicht, was es heißt, jemand zu lieben,« sagte Henrietta
jammernd und doch belehrend. Ȇbrigens waren wir nicht so wie die
andern Paare.«

»Es scheint so. Aber mach dir nichts daraus, du kannst dich drauf
verlassen, sobald er seiner eigenen Gesellschaft überdrüssig wird,
kehrt er schon zurück. Quäle dich nicht damit, darüber nachzudenken,
komm, wir wollen eine Partie Lawn-Tennis spielen.«

Während dieser Unterredung hatten sie das Gesellschaftszimmer verlassen
und machten jetzt einen Umweg durch die Anlagen. Sie näherten sich den
Tennisspielplätzen auf einem Pfad, der zwischen zwei Lorbeerhecken
durch ein Buschwerk führte.

Inzwischen wartete Smilasch in seiner weißen Schürze und in Handschuhen
den Gästen auf. Er hatte sich ausdrücklich geweigert, diese abzulegen,
indem er anführte, er sei ein gewöhnlicher Mann, und Ladies und
Gentlemen könnten aus seinen gewöhnlichen Händen nicht Speise und
Trank entgegennehmen. Er benahm sich auch untadelig, bis Miß Wilson
mit ihren Gästen ankam. Er kehrte grade mit einem vollen Teebrett zum
Tische zurück und ging so schnell, daß er fast mit Mrs. Jansenius
zusammenstieß. Anstatt sich zu entschuldigen, verlor er seine Fassung
und begann rückwärts zu gehen, indem er hastig das Teebrett wie einen
Schild vor sein Gesicht hielt. Gleich darauf stolperte er gegen Miß
Lindsay, die schnell gerannt kam, um einen Ball zurückzuwerfen. Ohne
auf ihren ärgerlichen Blick und ihren barschen Tadel zu achten, wandte
er sich halb um und wich seitwärts in das Gebüsch hinein, wo das
Teebrett gleich darauf in die Höhe und quer über die Lorbeerhecke flog,
um mit dem Gepolter eines Theaterdonners auf dem gekrümmten Rücken des
Mr. Josephs zu landen. Miß Wilson gab der Wirtschafterin einen scharfen
Tadel, weil sie dem Mann die Bedienung überlassen hatte, und erklärte
dann ihren Gästen, daß er ein Idiot aus der Umgegend sei. Mr. Jansenius
lachte und sagte, er hätte zwar das Gesicht des Mannes nicht gesehen,
aber seine Gestalt erinnere ihn stark an irgend jemand, er wüßte nur
nicht genau, an wen.

Smilasch, der durch das Gebüsch davoneilte, fand das Ende des Weges
durch Agatha und eine junge Dame versperrt, deren Erscheinen ihn mehr
beunruhigte, als es vorher Mrs. Jansenius getan hatte. Er versuchte
mit Gewalt durch die Hecke zu brechen, aber vergebens. Der Lorbeer
war undurchdringlich, und das Geräusch erregte die Aufmerksamkeit
des herankommenden Paares. Er machte jetzt keinen Versuch mehr, zu
entweichen, sondern zog seine erborgte Schürze über den Kopf und stand
kerzengrade da mit dem Rücken nach dem Wege.

»Was macht der Mann da?« fragte Henrietta, indem sie mißtrauisch
stehenblieb.

Agatha lachte und sagte laut, damit er es hören sollte: »Es ist nur
ein harmloser Verrückter, den Miß Wilson beschäftigt. Er vermummt sich
gerne in irgendeiner verrückten Art und versucht uns zu erschrecken.
Hab keine Angst, komm nur mit.«

Henrietta blieb unentschlossen zurück, aber ihr Arm hing in dem
Agathas, und sie wurde wider Willen weitergezogen. Smilasch machte
keine Bewegung. Agatha schlenderte ruhig weiter, und als sie an ihm
vorüberkam, erfaßte sie die Schürze gewandt mit ihren Fingern und riß
sie ihm vom Gesicht. Sofort stieß Henrietta einen durchdringenden
Schrei aus, und Smilasch fing sie in seinen Armen auf.

»Schnell,« sagte er zu Agatha, »sie wird ohnmächtig. Laufen sie nach
etwas Wasser. Laufen Sie!« Und er neigte sich über Henrietta, die sich
wie wahnsinnig an ihn anklammerte. Agatha war ganz verwirrt über diese
Folge ihres scherzhaften Tuns. Sie überlegte einen Augenblick und
rannte dann nach dem Rasenplatz.

»Was ist geschehen?« fragte Fairholme.

»Nichts. Ich möchte etwas Wasser, schnell -- bitte! Henrietta ist im
Gebüsch in Ohnmacht gefallen, das ist alles.«

»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte Miß Wilson gebieterisch, »Sie
werden sich nur auf dem Wege zusammendrängen und wertvolle Hilfe
verhindern. Miß Ward, holen Sie bitte etwas Wasser, und bringen Sie
es uns. Agatha, kommen Sie mit, und zeigen Sie mir, wo Mrs. Trefusis
ist. Sie können auch mitkommen, Miß Carpenter, Sie sind so stark. Die
übrigen wollen hierbleiben.«

Gefolgt von den beiden Mädchen eilte sie in das Gebüsch, wo
Mr. Jansenius schon ängstlich nach seiner Tochter suchte. Er war der
einzige Mensch, den sie dort fanden. Smilasch und Henrietta waren
verschwunden.

Anfangs stellten die Sucher nur Fragen an Agatha über die Stelle, wo
Henrietta in Ohnmacht gefallen war. Dann aber gab Mr. Jansenius zu
verstehen, daß eine Dame in den Händen eines halbverrückten Arbeiters
in einer gefährlichen Lage sei. Seine Aufregung steckte die andern an,
und als Agatha sie durch die Erklärung, Smilasch sei ein verkleideter
Gentleman, zu beruhigen suchte, gebot ihr Miß Wilson, die das für
eine Wiederholung ihrer früheren müßigen Ideen hielt, in scharfer
Weise zu schweigen, da es jetzt keine Zeit sei, Unsinn zu schwätzen.
Die Neuigkeit verbreitete sich unter der ganzen Gesellschaft, und die
Aufregung stieg aufs äußerste. Fairholme rief nach Freiwilligen, die
zusammen auf die Suche gehen sollten. Alle anwesenden Männer meldeten
sich, und sie waren schon im Begriff, in einem starken Trupp durch die
Anstaltstore zu eilen, als es einem Besonneneren von ihnen einfiel,
es sei besser, wenn sie sich in mehrere Abteilungen teilten, damit man
an verschiedenen Punkten gleichzeitig suchen konnte. Nun folgte für
zehn Minuten eine Verwirrung. Mr. Jansenius setzte sich mehrere Male
in Bewegung, um nach Henrietta zu suchen, aber wenn er einige Schritte
gegangen war, kehrte er wieder um und bat die andern, doch keine Zeit
mehr zu verlieren. Josephs, der einen einfältigen Glauben hatte, zog
sich zum Gebet zurück, und es war das beste, was er tun konnte, denn so
gab es in dem Lärm von Plänen, Einwendungen und Ratschlägen, den die
übrigen machten, und bei dem jeder den andern zu überschreien suchte,
eine Stimme weniger.

Schließlich beendete Miß Wilson die allgemeine Verwirrung. Sie sandte
Dienstboten zu den Nachbarn und ließ aus dem Dorf die Polizei kommen.
Unter dem Kommando von Fairholme und anderer energischer Geister wurden
Abteilungen nach den verschiedensten Richtungen ausgesandt. Auch die
Mädchen bildeten unter sich Abteilungen, die durch Herren, welche die
andern verließen, verstärkt wurden. Miß Wilson ging in das Haus hinein
und untersuchte das ganze Innere der Anstalt. Nur zwei Personen blieben
auf dem Tennisplatz, Agatha und Mrs. Jansenius, die die ganze Zeit über
erstaunlich ruhig geblieben war.

»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen,« sagte Agatha, die sich seit
ihrer Zurückweisung durch Miß Wilson abseits gehalten hatte. »Ich bin
sicher, daß keine Gefahr dabei ist. Es ist zwar äußerst merkwürdig, daß
sie fortgegangen sind, aber der Mann ist nicht verrückter als ich, und
ich weiß, daß er ein Gentleman ist. Er hat es mir selbst gesagt.«

»Wir wollen das Beste hoffen,« sagte Mrs. Jansenius ruhig. »Ich möchte
mich hinsetzen -- ich bin so müde. Danke sehr.« -- Agatha hatte ihr
einen Stuhl hingestellt. »Was sagten Sie, daß Ihnen dieser Mann erzählt
hat?«

Agatha berichtete die Umstände ihrer Bekanntschaft mit Smilasch,
indem sie aufs Mrs. Jansenius' Bitten eine genaue Beschreibung seines
Aussehens gab. Mrs. Jansenius bemerkte, es sei sehr seltsam, und sie
wäre überzeugt, daß Henrietta keine Gefahr drohe. Sie trank dann ein
Glas Wein und aß ein paar Butterbrote. Agatha freute sich, weil sie
jemand fand, der ihr ruhig zuhörte, aber sie staunte doch über die
Kaltblütigkeit ihrer Tante und deutete schließlich an, wenn Smilasch
auch kein Arbeiter sei, so folge noch nicht daraus, daß er ein
ehrenhafter Mann sei. Aber Mrs. Jansenius antwortete: »Oh, sie ist
sicher -- ganz sicher! Schließlich muß ich es wenigstens hoffen. Wir
werden schon bald Nachrichten bekommen.«

Die Sucher kehrten nach und nach fassungslos zurück. Sie hatten ein
paar Hirten, die einzigen Personen, die es in der Nachbarschaft gab,
gefragt, ob sie nicht eine junge Dame und einen Arbeiter gesehen
hätten. Einige hatten eine junge Frau mit einem Kleiderbündel gesehen,
vielleicht war sie das gewesen. Andere glaubten, wenn einer sie
entdeckte, dann würde es Phil Martin, der Kärrner, tun. Keiner aber
hatte eine sichere Aussage zu machen.

Der Nachmittag ging weiter, und eine Abteilung nach der andern
kehrte zurück. Alle waren ermüdet von dem erfolglosen Suchen, und an
die Stelle der Erregung trat Niedergeschlagenheit. Die Unterhaltung
war nicht mehr lärmend, sie wurde im Flüstertone geführt, und einige
Besucher aus der Umgegend schlichen sich davon in der immer stärker
werdenden Überzeugung, daß etwas Häßliches geschehen sei, und daß sie
am besten nichts damit zu schaffen hätten. Mr. Jansenius war, obgleich
ihn einige Worte seiner Frau überrascht und etwas beruhigt hatten, doch
noch immer in bejammernswerter Unruhe und Ängstlichkeit.

Endlich kam die Polizei, und beim Anblick ihrer Uniformen erhob sich
die Aufregung von neuem. Es herrschte die allgemeine Überzeugung, daß
jetzt etwas Entscheidendes geschehen würde. Aber die Beamten waren
auch nur sterbliche Menschen, und nach ein paar Minuten flüsterte
man sich zu, sie seien Narren. Sie bezweifelten alles, was man ihnen
erzählte, und drückten ihre Verachtung gegen das Suchen der Laien aus,
indem sie eine neue Untersuchung begannen und mit der größten Sorgfalt
die unwahrscheinlichsten Ecken durchstöberten. Zwei gingen fort nach
Smilaschs Hütte, um dort nach ihm zu suchen. Dann brachte Fairholme,
sonnenverbrannt, schwitzend und staubig, aber noch voll Energie,
den erschöpften Überrest seiner Abteilung zurück. Sie hatten einen
mürrischen Jungen bei sich, der den Polizeibeamten finstere Blicke
zuwarf und offenbar glaubte, er sollte an sie ausgeliefert werden.

Fairholme war überall gewesen, und da er nichts von dem verlorenen
Paar gesehen hatte, kam er zu dem Schluß, daß sie überhaupt nirgends
steckten. Er fragte jeden um Auskunft und sagte, er würde es
herausbekommen, wenn es nur möglich wäre. Aber es war nicht möglich.
Das einzige Resultat seiner Bemühungen war die Erzählung des Burschen,
dem er nicht glaubte.

»Hm!« sagte der Inspektor, der nicht sehr erfreut über Fairholmes Eifer
war, obgleich er ihm imponierte. »Du bist doch Wickens Junge, nicht
wahr?«

»Ja, ich bin Wickens Junge,« antwortete der Zeuge halb verächtlich,
halb weinerlich. »Und ich hab ihn doch gesehen, und wenn jemand sagt,
ich hätte ihn nicht gesehen, dann ist er ein Lügner.«

»Still,« sagte der Inspektor scharf. »Wir wollen deine
Unverschämtheiten nicht hören. Aber erzähle uns, was du gesehen hast,
sonst bekommst du es nachher mit mir zu tun.«

»Es ist mir gleich, mit wem ich es zu tun habe,« sagte der Junge
trotzig. »Sie können mir nichts tun, weil ich ihn sah, denn das geht
keinem Gesetz was an. Ich war in der Kiesgrube in der Wiese am Kanal --«

»Was hattest du da verloren?« fragte der Inspektor, ihn unterbrechend.

»Ich durfte da sein,« sagte der Junge in frechem Ton, aber er wurde
doch rot.

»Wer hat dir die Erlaubnis gegeben?« fragte der Inspektor weiter und
faßte ihn beim Kragen. »Ah,« fügte er hinzu, als der Gefangene in
Tränen ausbrach, »ich hab dir ja gesagt, du bekommst es mit mir zu tun.
Nun hör mit dem Geplärre auf und denk daran, wo du bist und mit wem du
sprichst. Vielleicht werde ich dich für diesmal nicht einsperren. Also
was hast du gesehen, als du verbotenerweise auf die Wiese kamst?«

»Ich sah ein junges Weib und einen Mann. Und ich sah, wie sie ihn
küßte. Und der Herr will mir nicht glauben.«

»Du meinst natürlich, du sahst, wie er sie küßte?«

»Nein, nein. Ich kenn das, wenn einem ein Mädchen küßt und man will es
nicht haben. Und ich schrie, um sie zu erschrecken. Und er rief mich
und gab mir zwei Pence und sagte: >Geh zum Teufel!< sagte er, >und sage
niemand, daß du mich hier gesehen hast, sonst,< sagte er, >werde ich
mich versucht fühlen, dich zu ertränken,< sagte er, >und was für ein
Schrecken würde das für deine Eltern sein!< >O ja, jedenfalls,< sagte
ich oder so ähnlich. Dann ging ich weg, weil er Mr. Wickens kennt, und
weil ich Angst hatte, er würde es ihm erzählen.«

Da der Trotz des Knaben jetzt gebrochen war, regnete es von allen
Seiten Fragen auf ihn. Aber seine Beobachtungsgabe und seine
Beschreibung wurden dadurch nicht besser. Da er Leute, in deren
Gewalt er war, freundlich stimmen wollte, gab er, so oft er konnte,
zustimmende Antworten. Mr. Jansenius fragte ihn, ob die junge Frau, die
er gesehen hatte, eine Lady gewesen sei, und er sagte ja. War der Mann
ein Arbeiter? Ja -- nach kurzem Überlegen. Wie war sie gekleidet? Das
hatte er nicht beobachtet. Hatte sie rote Blumen auf ihrem Hut? Ja.
War ihr Kleid grün? Ja. Waren die Blumen auf ihrem Hut gelb? (Agathas
Frage.) Ja. War ihr Kleid hellrot? Ja. Es war doch bestimmt nicht
schwarz? Keine Antwort.

»Ich sagte Ihnen ja, er ist ein Lügner,« bemerkte Fairholme verächtlich.

»Nun, ich glaube schon, daß er etwas gesehen hat,« sagte der
Inspektor. »Aber was es war oder wer es war, ist mehr, als ich aus ihm
herauskriegen kann.«

Es entstand eine Pause, und sie sahen Wickens Jungen mißtrauisch
an. Seine Erzählung über das Küssen machte es den Jansenius fast zu
einer Beleidigung, daß Henrietta die Frau sein könnte, die er gesehen
hatte. Jane riet, den Kanal abzusuchen, aber ein unwilliges >st, st<
gebot ihr Schweigen, während man den verlassenen Eltern besorgte
und mitfühlende Blicke zuwarf. Jane verschwand dann wieder aus dem
Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, als die beiden Polizisten,
die man nach der Hütte gesandt hatte, zurückkamen. Smilasch ging
zwischen ihnen, offenbar als Gefangener. Von weitem sah es aus, als ob
er eine schreckliche Verletzung am Kopf habe, als man ihn aber in die
Gesellschaft brachte, zeigte es sich, daß es nur ein rotes Taschentuch
über sein Gesicht gebunden hatte, wie um Zahnschmerzen zu mildern.
Er hatte ein ausgesprochenes Galgengesicht, als er vor dem Inspektor
stand. Er ließ seinen Kopf herabhängen und hielt seine Gesichtszüge von
Mr. Jansenius abgewendet, der, als er ihn forschend beobachten wollte,
nur einen Fetzen von dem roten Taschentuch sah.

Einer der Polizisten berichtete, wie sie Smilasch in dem Augenblick
gefunden hätten, als er grade seine Wohnung betreten wollte. Er habe
sich geweigert, irgendeine Erklärung zu geben oder auch nach der
Anstalt zu kommen, und als sie ihn gegen seinen Willen mitnehmen
wollten, habe er ihnen Trotz geboten. Als sie dann schließlich nach
dem Inspektor und Mr. Jansenius schicken wollten, hatte er sie Esel
genannt und eingewilligt, sie zu begleiten. Der Beamte schloß mit der
Erklärung, der Mann sei entweder betrunken oder sehr hinterlistig, da
er nicht vernünftig sprechen konnte oder wollte.

»Sehen Sie, Herr Wachtmeister,« begann Smilasch zum Inspektor, »Ich bin
ein gewöhnlicher Mann -- Sie können keinen gewöhnlicheren finden in --«

»Das ist er,« schrie Wickens Junge, den plötzlich das Gefühl überkam,
daß er ein wichtiger Zeuge sei. »Das ist er, den die Lady küßte, der
mir zwei Pence gab und mir drohte, mich zu ertränken.«

»Und mit demütigem und zerknirschtem Herzen bedaure ich, daß ich dich
nicht ertränkt habe, du grüner Halunke,« sagte Smilasch. »Ist das eine
Art, einen Mann, wenn auch einen gewöhnlichen, zu unterbrechen, der an
Alter und Weisheit dein Vater sein könnte.«

»Halt deinen Mund,« sagte der Inspektor zu dem Jungen. »Nun, Smilasch,
wollen Sie einen Bericht geben? Aber erwägen Sie wohl, was Sie sagen,
es kann nachher gegen Sie vorgebracht werden.«

»Wenn Sie mich sofort von hier zum Schafott bringen lassen, Herr
Oberwachtmeister, ich kann nicht mehr als die Wahrheit sagen. Wenn ein
Mann sagen kann, daß Jeff Smilasch lügt, dann soll er sich melden.«

»Das interessiert mich nicht,« sagte der Inspektor. »Da Sie hier in
der Gegend fremd sind, weiß niemand etwas Schlechtes von Ihnen. Aber
ebensowenig weiß jemand etwas Gutes von Ihnen.«

»Herr Wachtmeister,« sagte Smilasch tief bewegt, »Sie haben einen
durchdringenden Geist, und durchschauen einen schlechten Charakter auf
den ersten Blick. Nicht um Sie zu täuschen, bin ich so der Lüge und
Faulheit und Genüssen aller Art ergeben. Die einzige Entschuldigung,
die ich für mich finden kann, ist, daß es wohl so in der Natur der
menschlichen Rasse liegt. Denn die meisten Leute sind grade so schlimm
wie ich, und viele sind schlimmer. Ich spreche nicht persönlich von
Ihnen, Herr Wachtmeister, noch von den geehrten Gentlemen, die hier
versammelt sind. Denn Sie, Herr Wachtmeister, sind ein Inspektor von
der Polizei, was ich für einen höheren Rang als den der gewöhnlichen
Menschen halte. Und was die Gentlemen angeht, ein Gentleman ist kein
Mann -- wenigstens kein gewöhnlicher Mann -- denn der gewöhnliche
Mann ist nur der Sklave, der die Gentlemen, die über dem Gewöhnlichen
stehen, ernährt und bekleidet.«

»Halt,« sagte der Inspektor, der diesen Bemerkungen nicht folgen
konnte, »Sie sind ein gerissener Patron, aber mir sind Sie nicht
gerissen genug. Haben Sie eine Erklärung bezüglich der Dame abzugeben,
die man zuletzt in Ihrer Gesellschaft gesehen hat?«

»Eine Erklärung abgeben über eine Lady!« sagte Smilasch unwillig. »Fern
sei der Gedanke meiner Seele!«

»Was haben Sie mit ihr angefangen?« fragte Agatha heftig. »Sein Sie
nicht so mürrisch.«

»Sie wissen, daß Sie das nicht zu beantworten brauchen,« sagte der
Inspektor, der ein wenig aus der Fassung gebracht war, weil Agatha in
ihrer unverantwortlichen Stellung so direkt auf den Kernpunkt der Sache
gekommen war. »Sie können es tun, wenn Sie wollen. Wenn Sie aber etwas
Böses getan haben, schweigen Sie lieber. Im andern Fall können Sie
ruhig aussagen.«

»Ich will die junge Lady wegen ihrer verehrten Schwester beruhigen,«
sagte Smilasch. »Als die junge Lady mich erblickte, fiel sie in
Ohnmacht. Da ich erst ein junger Mensch bin und nicht mit Ladies
umzugehen weiß, will ich nicht leugnen, daß ich etwas erschrocken war,
und daß mein Kopf keine vernünftigen Überlegungen fassen konnte. Als
sie ihre Augensterne entschleierte, um mich so auszudrücken, umfaßte
sie meinen Hals, obgleich sie mich von Adam, unserm gemeinsamen
Stammvater her nicht kannte, und sagte: >Bringen Sie mir etwas Wasser,
und machen Sie, daß die Mädchen mich nicht sehen.< Da ich nicht so viel
Verstand hatte, um für mich selbst zu sprechen, tat ich grade, was sie
mir sagte. Ich hob sie in meinen Armen empor -- sie war ja nur ein
leichtes und zartes Wesen -- und schob, so schnell ich konnte, nach dem
Kanal. Als ich dort ankam, legte ich sie auf die Bank und holte Wasser.
Aber bei den Fabriken, Verunreinigungen und vornehmen Einrichtungen
aller Art kann man mit dem Wasser eines englischen Kanals keine Dame
bespritzen, viel weniger es ihr zu trinken geben. Da kam nun grade, wie
es der Zufall wollte, eine Barke daher und nahm sie an Bord, und --«

»Nein, so war es nicht,« sagte Wickens Junge hartnäckig und war stolz,
weil er die Unverschämtheit eines Angehörigen seiner eigenen Klasse
aufdecken konnte. »Ich sah Sie beide zusammenstehen, und sie küßte Sie.
Da war gar keine Barke.«

»Soll die jungfräuliche Sittsamkeit einer geborenen Lady angezweifelt
werden wegen der Worte eines gewöhnlichen Jungen, der nur durch die
Geduld der Landbesitzer und Geldbesitzer, die er mit ernähren hilft,
sein Dasein fristet?« rief Smilasch unwillig. »Pfui, du junger Heide,
eine Lady ist nicht aus demselben Leder geschnitten wie du. Sie weiß
nicht einmal, was ein Kuß ist, und wenn sie es wüßte, ist es zu
glauben, daß sie mich nahm, da ein so feiner Mann wie der Inspektor
hier nur zu glücklich wäre, ihr den Gefallen zu tun. Pfui, schäme dich!
Die Barke war rot und gelb mit einem Drachen als Bugfigur und einem
weißen Pferd, das sie zog. Vielleicht bist du farbenblind und kannst
rot und gelb nicht unterscheiden. Der Schifferknecht wurde von Mitleid
ergriffen, als er die arme, ohnmächtige Lady erblickte und als ihm eine
halbe Krone angeboten wurde, und er hatte eine Mutter, die wie eine
Mutter handelte. Es war eine Kabine auf dieser Barke, so groß wie der
Schrank, in dem Eure Gnaden Ihre eingemachten Sachen aufheben, und in
diesem Schrank von einer Kabine lebt der Schifferknecht ganz häuslich
mit seiner Frau und Mutter und fünf Kindern. Diese Kanalboote sind
sozusagen die hölzernen Mauern von England.«

»Los, fahren Sie in Ihrer Erzählung fort,« sagte der Inspektor. »Wir
wissen ebensogut wie Sie, was Barken sind.«

»Ich wollte, ich verstände mehr davon,« entgegnete Smilasch.
»Vielleicht könnte ich Ihnen bei Ihrer Aufgabe etwas mehr helfen.
Aber, wie ich schon sagte, wir fuhren den Kanal hinab nach Lyvern, wo
wir ausstiegen, und die Lady nahm ein Eisenbahnbillet und fuhr damit
fort. Mit der vornehmen Offenhändigkeit ihrer Klasse gab sie mir sechs
Pence. Hier sind sie, ein Beweis, daß ich die Wahrheit sage. Und ich
wünsche ihr, daß sie sicher zu Hause ankommt, und wenn man mich auf
die Folter spannt, ich kann nicht mehr erzählen, ausgenommen, daß ich
nach Hause ging und daß diese Polizisten gegen die englische Verfassung
Hand an mich gelegt haben. Wenn das gnädige Fräulein freundlichst dahin
gehen wollten, wo die Verfassung aufgeschrieben ist, und herausfänden,
was darin über meine Rechte und Freiheiten steht -- denn man hat mir
gesagt, daß der Arbeiter seine Freiheiten hat, und ich habe mich immer
dafür interessiert -- dann werden Sie einen armen Burschen mehr zum
Dank verpflichten, als er nach seiner geringen Erziehung ausdrücken
kann.«

»Mein Herr,« schrie Mr. Jansenius plötzlich, »wollen Sie nicht einmal
ihren Kopf erheben und mir ins Gesicht sehen?«

Smilasch tat es und fuhr dann mit theatralischer Bewegung zurück, indem
er ausrief: »Wen sehe ich?«

»Sie werden es kaum glauben,« fuhr er fort, indem er sich an die
Gesellschaft im allgemeinen wandte, »aber ich bin diesem vornehmen
Gentleman wohlbekannt. Auf Ihren Lippen, alter Herr, sah ich die Frage
nach meiner Frau, und ich danke Ihnen für die herablassende Teilnahme.
Es geht ihr gut, Herr, und daß ich hier meinen Aufenthalt habe, darüber
haben wir uns vollständig geeinigt. Was für eine kleine Wolke auch
über unserm häuslichen Himmel geschwebt haben mag, sie ist vergangen.
Und, alter Herr,« hier sank Smilaschs Stimme zu ernsterer Betonung
-- »wer sich jetzt zwischen Mann und Weib schiebt, lädt eine schwere
Verantwortung auf sich. Hier lebe ich, so wie Sie mich hier sehen, und
hier will ich bleiben, genau in der gleichen Gestalt. Das heißt, wenn
das Schicksal es erlaubt. Das Schicksal ist eine wunderliche Sache,
alter Herr. Als ich hierher kam, dachte ich, es sei der letzte Platz
auf der Welt, wo Sie mir vor die Augen kämen, und der Henker hol mich,
wenn Sie nicht ungefähr der erste sind, auf den ich hier stoße.«

»Ich beabsichtige nicht, mich an dieser Maskerade zu beteiligen.«

»Wenn Sie erlauben, alter Herr, daß ich Ihnen das Wort aus dem Munde
nehme, Sie brauchen sich an nichts zu beteiligen. Was nun mein früheres
Benehmen angeht, Sie können sich darüber äußern oder auch schweigen.
Wenn Sie aber etwas davon sagen, werde ich das übrige sagen. Alles oder
gar nichts. Sie haben das Recht, hier dem Inspektor zu sagen, ich sei
ein schlechter Kerl. Sein durchdringender Geist hat es schon von selbst
herausgefunden. Aber wenn Sie auf Namen und Einzelheiten eingehen, dann
handeln Sie nicht nur gegen die Wünsche meiner Frau, Sie zwingen mich
auch dazu, die ganze Geschichte hier offen vor aller Welt zu erzählen
und dann irgendwohin zu gehen, wo niemand mich finden kann.«

»Ich glaube, je weniger gesagt wird, desto besser ist es,« sagte
Mrs. Jansenius, die mit Unbehagen die Neugierde und das Erstaunen
bemerkte, das die Unterredung verursachte. »Aber verstehen Sie das
wohl, Mr. --«

»Smilasch, teure Lady. Jeff Smilasch.«

»Mr. Smilasch, was Sie auch mit Ihrer Frau abgemacht haben werden, es
geht mich nichts an. Sie haben schändlich gehandelt, und ich wünschte,
ich hätte in Zukunft so wenig wie möglich mit Ihnen zu tun.«

»Ich wünsche, daß ich mit Ihnen _gar nichts_ mehr zu tun habe --
_gar nichts_!« sagte Mr. Jansenius. »Ich sehe Ihr Benehmen als eine
persönliche Beschimpfung für mich an. Sie können leben, wie Sie wollen
und wo Sie wollen. Ganz England steht Ihnen offen, nur ein Platz nicht
-- mein Haus. Komm, Ruth.« Er bot seiner Frau den Arm, und sie wandten
sich zum Gehen, indem sie sich nach Agatha umsahen, die, von der
gaffenden Neugierde der andern angewidert, sich entschlossen aus der
Hörweite der Unterhaltung zurückgezogen hatte.

Smilasch hatte mit freundlichem Interesse den Zornesausbruch des
Mr. Jansenius beobachtet, als ob es ihn nur als neugierigen Beobachter
anginge. Aber Miß Wilson ließ ihre Blicke von Smilasch zu ihren beiden
aufbrechenden Besuchern gleiten. »Bitte, sehen Sie die Erklärung dieses
Mannes als eine befriedigende an?« sagte sie zu ihnen. »_Ich_ tu es
nicht.«

»Ich bin ein viel zu gewöhnlicher Mann,« sagte Smilasch, »als daß ich
imstande wäre, eine Erklärung abzugeben, die ein so kultiviertes
Gehirn wie das Ihrige befriedigen könnte. Aber ich möchte ganz
bescheiden andeuten, daß da drüben ein Junge mit einem Telegramm steht
und sich gerne durch die hochgeborene Menge drängen würde.«

»Miß Wilson!« schrie der Junge mit schriller Stimme.

Sie nahm das Telegramm, las es und runzelte die Stirne. »Wir haben alle
unsere Mühe für nichts gehabt, meine Damen und Herren,« sagte sie mit
unterdrücktem Ärger. »Mrs. Trefusis teilt hier mit, daß sie nach London
zurückgekehrt ist. Irgendeine Erklärung anzugeben, hat sie nicht für
nötig gehalten.«

Ein allgemeines Murmeln der Enttäuschung folgte.

»Lassen Sie den Mut nicht sinken, Ladies,« sagte Smilasch. »Vielleicht
ist sie trotzdem ertränkt oder ermordet worden. Es kann jemand das
Telegramm unter einem falschen Namen geschickt haben. Vielleicht ist
es ein Kniff. Hoffen wir um Ihretwillen wenigstens auf einen kleinen
Unfall -- vielleicht passiert etwas auf der Eisenbahnreise.«

Miß Wilson wandte sich nach ihm um und war froh, daß sie jemand hatte,
an dem sie so recht ihren Ärger auslassen konnte. »_Sie_ sollten sich
lieber an Ihre Arbeit machen,« sagte sie. »Und lassen Sie sich nie
wieder hier sehen.«

»Das ist hart,« sagte Smilasch klagend. »Ich habe es nur gut gemeint.
Aber ich weiß, warum Sie so sind. Weil das junge Ungeziefer sagte, die
Lady hätte mich geküßt.«

»Herr Inspektor,« sagte Miß Wilson, »Sie werden mich verbinden, wenn
Sie dafür sorgen, daß er die Anstalt so bald wie möglich verläßt!«

»Wo ist mein Lohn?« entgegnete Smilasch vorwurfsvoll. »Wo ist mein
gesetzlicher Lohn? Ich bin erstaunt, daß eine Dame wie Sie, die zum
Überlaufen voll ist von Moralphilosophie und Nationalökonomie, einen
armen Mann um das Seinige bringen will. Wo ist Ihre Zahlkasse? Wo ist
Ihr Lohnkapital?«

»Geben Sie ihm nichts, Madame,« sagte der Inspektor. »Mit dem Geld, das
er von der Lady hat, ist er reichlich bezahlt. Gehen Sie los, oder wir
werden Ihnen überraschend schnell Beine machen.«

»Nun gut,« murrte Smilasch: »Wir haben neun Pence abgemacht, und was
die Arbeit mit der Rasenwalze anging, das Öffnen der Seltersflaschen
und das Hinaustragen der schweren Tabletts, mir schwebte da so etwas
vor, was wie zwei Schilling klang. Aber ich verlange nicht mehr
als neun Pence, die Lady kann den Schilling und die drei Pence als
Ersparnis behalten. Das ist eine Ausbeutung der Arbeit im Maßstabe von
hundertfünfundzwanzig Prozent. Also geben Sie mir die neun Pence, und
ich marschiere sofort ab.«

»Hier ist ein Schilling,« sagte Miß Wilson. »Und nun gehen Sie.«

»Drei Pence zurück!« schrie Smilasch. »Ehrlichkeit ist immer mein --«

»Sie können den Rest behalten.«

»Sie haben ein nobles Herz, Lady. Aber Sie schlagen dem Gesetz von
Angebot und Nachfrage ins Gesicht. Wenn Sie auf diese Art bezahlen,
werden die Arbeiter die Anstalt stürmen und der Wettbewerb wird Sie
bald von einem Schilling auf sechs Pence herunterbringen, um von neun
Pence ganz zu schweigen. So gehen die Löhne herunter und die Todesrate
hinauf, denn es ist unser Unglück, daß wir uns wie Schweine auf dem
Markte verkaufen müssen.«

Er wollte noch etwas hinzufügen, aber der Beamte nahm ihn beim Arm,
drehte ihn herum und zeigte nachdrucksvoll nach dem Tor. Smilasch sah
ihn einen Augenblick gedankenlos an. Dann blinzelte er Fairholme zu und
ging ruhig davon, während die andern ihm schweigend nachstarrten.




Fünftes Kapitel.


Was zwischen Smilasch und Henrietta vorgefallen war, erfuhr sonst
niemand. Agatha hatte gesehen, daß Henrietta seinen Hals mit ihren
Armen umschlang, aber sie war schon fort, als sie >Sidney, Sidney<
rief, und sah nicht mehr, wie er ihr Gesicht gegen seine Brust drückte,
um ihre Stimme zu dämpfen, und wie er sagte: »Mein einziges Lieb, ich
flehe dich an, schreie nicht. Verflucht, wir haben die ganze Bande im
Augenblick hier. Still!«

»Verlaß mich nicht mehr, Sidney,« flehte sie und klammerte sich
fester an ihn an, denn sie las in seinem bestürzten Blick, der nach
dem Eingang der Gebüschanpflanzung gerichtet war, daß er sie im Stich
lassen wollte. Ein Geräusch von Stimmen, das aus dieser Richtung kam,
beendete seine Unentschlossenst.

»Wir müssen fortlaufen, Hetty,« sagte er. »Halte dich fest an meinem
Hals und erwürge mich nicht. Also los!« Er hob sie empor und rannte
eiligst davon. Als sie an eine Mauer kamen, setzte er sie hinauf,
kletterte selbst hinüber und fing sie in seinen Armen auf. Dann trug
er sie mühsam schwankend quer durch die Felder und taumelte über
jeden kleinen Erdhügel, während sie in unzusammenhängenden Worten
ihm Vorstellungen machte. »Du wirst mit jeder Sekunde ein paar Pfund
schwerer, mein Schatz,« sagte er keuchend. »Wenn du dich nicht grade
hältst, brichst du mir den Rücken. Oh, Himmel, hier ist ein Graben!«

»Laß mich herunter,« schrie Henrietta in einer Ekstase von Entzücken
und Angst. »Du wirst dir Schaden zufügen, und -- oh, bitte, nimm mich
--«

Er arbeitete sich, während sie sprach, durch einen trockenen Graben und
kam auf einen Wiesenplatz, der an den Leinpfad des Kanals anstieß. Hier
am Abhang einer Aushöhlung, wo das Moos trocken und weich war, setzte
er sie nieder, warf sich selbst, auf seine Ellbogen gestützt, vor ihr
hin und sagte keuchend:

»Nessus, der Dejanira davontrug, war nichts gegen mich! Huh -- ja! Nun,
mein Liebling, bist du froh, daß du mich wiedersiehst?«

»Aber --«

»Bitte, komm mir nicht mit aber, wenn du nicht wünschst, daß ich noch
einmal und für immer verschwinde. Ich armer Kerl habe mich, seitdem
ich von dir fortgelaufen bin, mehr als einmal unaussprechlich nach dir
gesehnt. Du hast dir natürlich nichts draus gemacht?«

»O wohl. Natürlich tat ich das. Warum hast du mich verlassen, Sidney?«

»Damit nicht noch etwas Schlimmeres kam. Aber wir wollen nicht
die wenigen Augenblicke, die wir haben, mit Auseinandersetzungen
verschwenden. Gib mir einen Kuß.«

»Dann willst du mich also wieder verlassen. O Sidney --«

»Denk nicht an morgen, Hetty. Sei wie die Sonne und die Wiese, die sich
nicht im geringsten um den kommenden Winter kümmern. Warum blickst du
auf den abscheulichen Kanal, der träge seine Schlammladung von einem
Ort zum andern wälzt, bis er sie in die See ausspeit -- grade wie eine
übervölkerte Straße ihre Ladung langsam auf den Kirchhof bringt? Sieh
mich an und gib mir einen Kuß!«

Sie gab ihm mehrere und sagte schmeichelnd, noch immer ihren Arm auf
seiner Schulter: »Du sagst das alles nur, um mich zu erschrecken,
Sidney, ich weiß das wohl.«

»Du bist die helle Sonne für meine Augen,« sagte er und umarmte sie.
»Ich fühle, wie mein Herz und mein Kopf unter deinem Lächeln versengt
werden, und ich werfe sie dir mit Entzücken als Beute zu. Wie glücklich
bin ich, daß ich eine Frau habe, die mich deswegen nicht verachtet --
die mich eher noch mehr liebt!«

»Sei nicht närrisch!« sagte sie mit unbestimmtem Lächeln. Dann begriff
sie halb, was er meinte. Sie stieß ihn voll Schmerz zurück und sagte
ärgerlich: »_Du_ verachtest _mich_ ja.«

»Nicht mehr, als ich mich selbst verachte. Oder vielmehr nicht einmal
so viel, denn manche Gefühle, die tatsächlich niedrige sind, scheinen
äußerlich liebenswert zu sein.«

»Du willst mich wieder verlassen. Ich fühle es. Ich weiß es.«

»Du glaubst, du weißt es, weil du es fühlst. Auch kein schlechter
Grund.«

»Dann verläßt du mich also wirklich?«

»Du weißt und fühlst es doch? Ja, meine angebetete Hetty, das tue ich
sicherlich.«

Sie brach in verzweifelte Schmerzensrufe aus, und er zog ihren Kopf
an sich heran und küßte sie in einer zarten Weise, der sie nicht
widerstehen konnte, und mit einem verzerrten Gesicht, das sie nicht sah.

»Meine arme Hetty, du verstehst mich nicht.«

»Ich verstehe nur, daß du mich hassest und daß du von mir fortgehen
willst.«

»Das würde leicht zu verstehen sein. Aber das Seltsame liegt darin, daß
ich dich _liebe_ und daß ich von dir fortgehen will. Nicht für immer.
Nur für eine Zeit.«

»Aber ich will nicht, daß du fortgehst. Ich lasse dich nicht gehen,«
sagte sie, und ein Zug von Heftigkeit mischte sich in ihr Flehen.
»Warum willst du mich verlassen, wenn du mich liebst?«

»Wie soll ich das wissen? Ich kann dir ebensowenig das Wie und
Warum meines Handelns erklären, wie ich mich selbst an einem Gürtel
hochheben und in eine andere Provinz bringen kann, was man ja gegen
die eingewendet hat, die das Perpetuum mobile erfinden wollen. Ich bin
zu sehr Pessimist, um auf meine eigenen Gefühle Rücksicht zu nehmen.
Weißt du, was ein Pessimist ist?«

»Ein Mann, der glaubt, die andern seien ebenso abscheulich wie er
selbst, und der sie dafür haßt.«

»Ungefähr so. Die moderne englische feine Gesellschaft, von der
ich ausgegangen bin, scheint mir so verdorben zu sein, wie sie
nur bei ihrer Einbildung auf ihre Kultur und bei ihrem Mangel an
Ehrenhaftigkeit sein kann. Ein scheinheiliger Mob, der die Lüge liebt,
die Wirklichkeit haßt, der Unsinn schreibt und schwatzt, der nach
Reichtum, Vergnügen und Berühmtheit jagt, der die Furcht vor der Hölle
verloren hat, aber sie noch nicht durch die Liebe zur Gerechtigkeit
ersetzt hat, ein solcher Pöbel strebt nur danach, sich den Löwenanteil
vom Wohlstand zu sichern, und er erpreßt ihn aus den Händen der
Gesellschaftsklassen, die ihn schaffen, indem er sie mit Verhungern
bedroht. Wenn du mich mit törichten Redensarten unterbrichst, Hetty,
werfe ich dich in den Kanal und sterbe nachher vor Kummer über meine
verlorene Liebe. Du weißt, was ich nach der herkömmlichen Beschreibung
bin: ein steinreicher Gentleman. Weißt du, welchen verruchten Ursprung
dieses Geld und diese Vornehmheit haben?«

»Oh, Sidney, hast du irgend etwas getan?«

»Nein, meine innigst Geliebte, ich bin ein Gentleman und habe nichts
getan. Daß ein Mann nichts zu tun braucht und doch nicht verhungert,
das ist seltsamerweise kein Widerspruch. Jeder Pfennig, den ich
besitze, ist gestohlenes Geld. Aber es war gesetzlich erlaubter
Diebstahl, und was für dich von einigem praktischen Wert ist, ich
könnte es den rechtmäßigen Eigentümern durchaus nicht zurückgeben,
selbst wenn ich wollte. Weißt du, was mein Vater war?«

»Was geht uns das jetzt an? Sei nicht so abscheulich und voll von
diesen lächerlichen Ideen, lieber Sidney. Ich habe nicht deinen Vater
geheiratet.«

»Nein, aber du hast -- natürlich nur zufällig -- meines Vaters Vermögen
geheiratet. Der Halsschmuck, den du da trägst, ist mit seinem Gelde
gekauft, und ich kann fast die Blutflecken sehen --«

»Halt, Sidney. Ich kann diese Art von Übertreibung nicht leiden. Es ist
alles Unsinn. Bitte, sei lieb zu mir.«

»Ich weiß, daß Schweißflecken daran sind.«

»Du abscheulicher Mensch!«

»Natürlich nicht von dir, mein Herzchen, aber von den unglücklichen
Menschen, die Sklavenarbeit tun, damit wir müßig leben können. Ich will
dir erklären, warum wir so reich sind. Mein Vater war ein schlauer,
energischer und ehrgeiziger Baumwollhändler, der unter einem Austausch
jeder Art nur ein Geschäft verstand, bei dem der eine verliert und
der andere gewinnt. Er machte es sich zur Aufgabe, so oft wie möglich
diesen Austausch vorzunehmen und dabei stets der gewinnende Teil zu
sein. Ich weiß nicht genau, woher er stammte, denn er schämte sich
sowohl seiner Vorfahren wie auch seiner Verwandten, woraus ich nur
schließen kann, daß sie ehrliche und darum erfolglose Leute waren.
Jedenfalls erwarb er etwas Kenntnis vom Baumwollhandel, legte etwas
Geld zurück, erborgte noch mehr, was man ihm gerne anvertraute, weil
er im Ruf stand, die Leute im Geschäft über's Ohr zu hauen, und fing
dann, wie er mir später wörtlich erzählte, _für sich selbst_ an. Er
kaufte eine Fabrik und etwas Rohbaumwolle. Nun mußt du wissen, wenn
ein Mann eine Zeitlang an einem Stück Rohbaumwolle arbeitet, kann er
sie in ein Stück gewebte Baumwolle verwandeln, fertig für Bettücher,
Hemden und dergleichen. Die gewebte Baumwolle ist wertvoller als
die Rohbaumwolle, sie kostet Abnutzung der Maschinen, Abnutzung der
Fabrik, Zinsen für das Grundstück, auf der die Fabrik gebaut ist, und
menschliche Arbeit oder Abnutzung von Menschenleben, die durch Nahrung,
Obdach und Rast bezahlt wird. Verstehst du das?«

»Das lernten wir alles auf der Schule. Ich sehe aber nicht ein, was das
mit uns zu tun hat, du arbeitest doch nicht im Baumwollhandel.«

»Du lerntest sicherlich genau so viel, als man es für gut fand, dir zu
lehren, aber ich glaube nicht, daß du alles lerntest. Als mein Vater
für sich anfing, gab es viele Männer in Manchester, die auch gerne auf
diese Art gearbeitet hätten. Aber sie besaßen keine Fabrik, um darin zu
arbeiten, keine Maschinen, um damit zu arbeiten, keine Rohbaumwolle,
um daran zu arbeiten, einfach, weil alle diese unentbehrlichen
Produktionsmittel sich schon in festem Besitz befanden. So standen
sie da mit leerem Magen, zitternden Gliedern und hungrigen Frauen und
Kindern in einem Land, das sie ihr eigenes Vaterland nannten, in dem
aber jeder Fetzen Boden, jede mögliche Nahrungsquelle fest verschlossen
im Besitz anderer war und von bewaffneten Soldaten und Polizisten
bewacht wurde. In dieser hilflosen Lage waren die armen Teufel dann
gezwungen, um Zulaß zu der Fabrik und zu der Rohbaumwolle zu bitten und
mit allem zufrieden zu sein, wenn sie nur ihr Leben fristen konnten.
Mein Vater bot ihnen die Benutzung seiner Fabrik, seiner Maschinen und
seiner Rohbaumwolle unter folgenden Bedingungen an: Sie mußten lange
und schwer arbeiten, von früh bis spät, und seiner Rohbaumwolle neuen
Wert hinzufügen, indem sie sie verwebten. Aus diesem so von ihnen
geschaffenen Mehrwert mußten sie ihn entschädigen für das, was er ihnen
lieferte: nämlich Miete, Obdach, Gas, Wasser, Maschinen, Rohbaumwolle
und alles andere, und sie mußten ihm für seine eigenen Dienste als
Direktor, Leiter und Kaufmann bezahlen. Soweit verlangte er nichts,
als was ihm grade gebührte. Aber nachdem dies alles bezahlt war, blieb
noch ein Betrag, den sie nur ihrer eigenen Arbeit verdankten. >Von
allem diesen<, sagte mein Vater, >sollt ihr grade genug bekommen, damit
ihr nicht verhungert, und den Rest gebt ihr mir als Geschenk, weil
ich es so gut verstehe, Geld anzusammeln. Das ist das Geschäft, wie
ich es vorschlage. Es ist nach meiner Meinung angemessen und darauf
berechnet, sparsame Gewohnheiten bei euch herbeizuführen. Wenn ihr
es nicht in dem Licht seht, könnt ihr euch selbst eine Fabrik und
Rohbaumwolle anschaffen. Meine braucht ihr nicht zu benutzen.< In
andern Worten, sie konnten zum Teufel gehen und verhungern -- Hobsons
Wahl! -- denn alle andern Fabriken waren im Besitz von Männern, die
keine besseren Bedingungen anboten. Die Leute in Manchester ertrugen
aber das Verhungern nicht, und sie konnten auch nicht sehen, wie ihre
Kinder verhungerten, so nahmen sie also seine Bedingungen an und
gingen in die Fabrik. Die Bedingungen, weißt du, waren von der Art,
daß sie nicht, wie er, sich Geld zurücklegen konnten. So schufen sie
einen großen Reichtum und lebten sehr ärmlich, so daß der Überschuß,
den sie für nichts meinem Vater gaben, sehr groß war. Er kaufte damit
noch mehr Baumwolle, noch mehr Maschinen und noch mehr Fabriken. Er
beschäftigte immer mehr Menschen, die für ihn Reichtum schafften, und
sah sein Vermögen anwachsen wie einen herabrollenden Schneeball. Er
wurde enorm reich, aber die Arbeiter waren nicht besser daran als im
Anfang, und sie durften nicht aufsässig werden und mehr von dem Geld
verlangen, das sie schufen, denn draußen gab es immer genug hungrige
Lumpen, die gerne zu den alten Bedingungen ihre Plätze einnahmen. Oft
hatte er es mit einer Krisis zu tun, so zum Beispiel, wenn er in seinem
Eifer, sein Lager zu vergrößern, durch seine Leute mehr Baumwolle
verarbeiten ließ, als das Publikum brauchte. Oder wenn er nicht genug
Rohbaumwolle bekommen konnte, wie es während des amerikanischen
Bürgerkrieges vorkam. Dann paßte er sich den Umständen an, indem er so
viele Arbeiter entließ, wie es nach dem Absatz oder dem Baumwollvorrat
nötig war. Sie verhungerten natürlich oder fielen der öffentlichen
Wohltätigkeit zur Last. Während des Bürgerkrieges ging eine gewaltige
Liste rund für diese armen Unglücklichen, und mein Vater zeichnete
hundert Pfund trotz seiner eigenen großen Verluste, wie er sagte.
Dann kaufte er neue Maschinen, und da an diesen die Frauen und Kinder
ebensogut arbeiten konnten wie die Männer, und da sie billiger und
lenksamer waren, setzte er ungefähr siebzig von jedem Hundert seiner
Hände (so nannte er die Männer) auf das Pflaster und ersetzte sie durch
ihre Frauen und Kinder, die schneller als je für ihn Geld machten. Zu
dieser Zeit hatte er es längst aufgegeben, seine Fabriken selbst zu
leiten, und er bezahlte tüchtigen Menschen, die selbst kein eigenes
Vermögen hatten, ein paar hundert Pfund im Jahr, weil sie das für ihn
besorgten. Er erwarb auch Aktien von anderen Unternehmungen, die nach
denselben Grundsätzen geleitet wurden. Er steckte Dividenden ein,
die in Gegenden erworben waren, die er nie besucht hatte, und von
Männern, die er nie gesehen hatte. Er kaufte sich von einer armen und
bestechlichen Wählerschaft einen Sitz im Parlament und half die Gesetze
bewahren, durch die er groß geworden war. Später, als der Ruf seines
Reichtums sich immer mehr verbreitete, brauchte er niemand mehr zu
bestechen, denn die modernen Menschen verehren die Reichen als Götter
und wählen einen Mann zu ihrem Leiter aus keinem andern Grunde, als
weil er ein Millionär ist. Er äffte den Adligen nach, wohnte in einem
Palast in Kensington und kaufte einen Teil von Schottland, um daraus
einen Jagdgrund zu machen. Es ist leicht genug, Jagdgründe anzulegen,
denn Bäume sind da nicht notwendig. Man jagt einfach die Bauern davon,
zerstört ihre Häuser und macht eine Wüste aus dem Land. Zwar schoß mein
Vater selbst nicht viel, er überließ gewöhnlich während der Saison
die Jagd andern, die das taten. Er verschaffte sich auch eine Frau
von adligem Geblüt -- das unbefriedigte Resultat steht vor dir. So
gelang es Jesse Trefusis, dem armen Handelsmann, ein Plutokrat und
Landedelmann zu werden. Und so bin ich, der ich nie in meinem Leben die
geringste Arbeit getan habe, überladen mit Reichtum, während die Kinder
der Männer, die diesen ganzen Reichtum geschaffen haben, Sklavenarbeit
tun wie ihre Väter, oder verhungern, oder im Arbeitshaus, auf den
Straßen oder Gott weiß wo sie sich herumtreiben. Was denkst du darüber,
mein Lieb?«

»Welchen Zweck hat es, sich deshalb zu quälen, Sidney? Du kannst das
jetzt nicht mehr ändern. Übrigens, wenn dein Vater sich Geld sparte
und die andern waren gleichgültig, dann verdiente er es, daß er ein
Vermögen machte.«

»Zugegeben! aber er machte gar kein Vermögen. Er nahm das Vermögen,
das die andern machten. In Cambridge lehrte man mir, seine Reichtümer
seien der Lohn seiner Sparsamkeit -- jener Sparsamkeit, die es ihm
ermöglichte, so viel zurückzulegen. Das beruhigte mein Gewissen, bis
ich anfing, mich zu wundern, wie ein Mann einen andern veranlassen
konnte, ihn für eine Tugend zu bezahlen. Dann kam die Frage: woran
sparte mein Vater? Die Arbeiter sparten an Essen, Trinken, frischer
Luft, guten Kleidern, anständigem Wohnen, an Feiertagen, Geld, an der
Gesellschaft ihrer Familie und fast an allem, was das Leben lebenswert
macht. Das war vielleicht der Grund, weshalb sie ungefähr zwanzig Jahre
früher starben, als Leute in unseren Kreisen. Aber niemand belohnte
sie für ihre Sparsamkeit. Die Belohnung bekam mein Vater, der an gar
nichts von allen diesen Dingen sparte, sondern sie nach Herzenslust
genoß. Übrigens, wenn Geld der Lohn für Sparsamkeit war, dann mußte
er logischerweise zehnmal so viel sparen, wenn er fünfzigtausend
Pfund im Jahr einnahm, als wenn er nur fünftausend hatte. Hier lag
ein Problem für meinen jungen Kopf. Man suche etwas, an dem mein
Vater sparte und in dem die Arbeiter schwelgten, etwas, an dem er
mehr und mehr sparte, je reicher er wurde. Das einzige Ding, welches
paßte, war schwere Arbeit, und da ich niemals einen vernünftigen Mann
gesehen habe, der einem andern etwas für sein Faulenzen bezahlt,
so begann ich zu begreifen, daß die wunderbaren Einnahmen meines
Vaters durch Gewalt erzwungen waren. Um gerecht gegen ihn zu sein, er
selbst rühmte sich nie seiner Sparsamkeit. Er betrachtete sich als
schwer arbeitenden Mann und beanspruchte sein Vermögen als Lohn für
sein Risiko, seine Berechnungen, seine Sorgen und seine Reisen, die
er in jeder Jahreszeit und zu jeder Stunde unternehmen mußte. Dies
beruhigte mich etwas, bis mir der Gedanke kam, wenn er ein Jahrhundert
früher gelebt und sein Geld in einem Pferd und in einem Paar Pistolen
angelegt hätte und Straßenräuber geworden wäre, daß dann seine Absicht
-- den andern die Frucht ihrer Arbeit zu entreißen, ohne ihnen etwas
Gleichwertiges zurückzugeben -- genau dieselbe und sein Risiko viel
größer gewesen wäre, denn er riskierte dabei an den Galgen zu kommen.
Fortwährendes Arbeiten, während ihm die Beamten auf den Hacken saßen,
und Berechnungen, ob er die Post nach Dover berauben sollte, würden
ihm übergenug Tätigkeit und Sorgen gegeben haben. Überhaupt, wenn das
Parlamentsmitglied Jesse Trefusis, der als Millionär in seinem Palast
in Kensington starb, ein Straßenräuber gewesen wäre, ich könnte keinen
tieferen Ekel vor den sozialen Einrichtungen empfinden, die eine solche
Laufbahn wie die seine nicht nur möglich, sondern auch in den Augen
seiner Zeitgenossen zu einer ehrenvollen machten. Die meisten Menschen
betrachten es als ihre Aufgabe, ihm nachzustreben, und hoffen in
derselben Art zu einem reichen und müßigen Leben zu kommen. Darum wende
ich ihnen den Rücken. Ich kann nicht bei ihren Festgelagen sitzen, da
ich weiß, wieviel diese an menschlichem Elend kosten, und da ich sehe,
wie wenig menschliches Glück sie hervorbringen. Was ist deine Meinung,
mein Schatz?«

Henrietta schien etwas gequält zu sein. Sie lächelte matt und sagte in
liebkosendem Ton: »Es war nicht deine Schuld, Sidney. _Ich_ tadle dich
nicht.«

»Ihr ewigen Mächte!« rief er aus und saß kerzengrade da, indem er den
Himmel anflehte, »hier dieses Weib glaubt, das einzige, was mich an der
Sache interessiert, sei, ob sie über mich persönlich deswegen etwas
Schlechtes denkt!«

»Nein, nein, Sidney. Nicht nur ich allein, niemand denkt deshalb etwas
Schlechtes von dir.«

»Ganz recht,« entgegnete er in höflicher Wut. »Niemand sieht etwas
Schlimmes darin. Das ist ja grade das Schlimme an der Sache.«

»Übrigens,« bemerkte sie nachdrücklich, »stammt deine Mutter aus einer
der ältesten Familien Englands.«

»Und was kann ein Mann mehr verlangen als Reichtum und adlige
Abstammung! Kann ein Mann glücklicher sein, als ich es sein
müßte, der von einem Monopolbesitzer aller Wohlstandsquellen und
Produktionsmittel, von Land und Maschinen, abstammt? Dieser selbe
Grund und Boden, auf dem wir hier stehen, war das Eigentum des Vaters
meiner Mutter. Wenigstens erlaubte ihm das Gesetz, ihn als solches zu
benutzen. Als er ein Knabe war, da hauste hier ein leidlich glückliches
Geschlecht von Bauern, die den Boden pflügten und für die Erlaubnis,
daß sie das tun durften, ihm eine Rente zahlten. Sie erzielten genug,
um seine großen Ansprüche und ihre kleinen Bedürfnisse zu befriedigen,
ohne daß sie sich dabei zu Tode arbeiteten. Aber mein Großvater war
ein schlauer Mann. Er begriff, daß Kühe und Schafe durch ihr Fleisch
und ihre Wolle mehr Geld einbrachten als die Bauern durch ihre
Landwirtschaft. So machte er klare Bahn. Das heißt, er vertrieb die
Bauern aus ihren Hütten, grade wie es später mein Vater auf seinem
Jagdgebiet machte. Oder, wie es auf seinem Grabstein hieß, er entdeckte
seinem Vaterlande neue Wohlstandsquellen. Ich weiß nicht, was aus
seinen Bauern geworden ist. _Er_ wußte es jedenfalls nicht, und ich
glaube auch nicht, daß es ihn irgendwie kümmerte. Wahrscheinlich
gingen die Alten ins Arbeitshaus, und die Jungen drängten sich in die
Städte und arbeiteten in Fabriken, wie sie mein Vater besaß. Auf ihren
früheren Wohnstätten hauste jetzt das Vieh, und es machte sich für das
Futter, das man ihm reichte, so gut bezahlt, daß mein Großvater unter
den Bedingungen der Manchestermänner Arbeiter mietete, die diesen Kanal
hier gruben. Mein Vater beteiligte sich mit Aktien an dem Unternehmen.
Als der Kanal fertig war, legten sie Schiffahrtsabgaben darauf, die
ihre Erben noch heute beziehen. Und die Söhne der Arbeiter, die ihn
gruben, und des Ingenieurs, der ihn zeichnete, bezahlen die Abgaben,
wenn sie zufällig darauf fahren oder Güter darauf befördern. Ich
erinnere mich meines Großvaters noch sehr gut. Er war ein vornehmer
Mann, ein vollkommener Gentleman in seinem Benehmen. Aber im ganzen,
glaube ich, war er schlechter als mein Vater, der nun einmal im
Räderwerk eines fehlerhaften Systems steckte und entweder andere
berauben mußte oder von ihnen beraubt wurde. Aber mein Großvater -- der
alte Schuft! -- war nicht in einer solcher Verlegenheit. Er war Herr
und Meister über seinen Anteil an dem alten, lustigen England, kein
Mensch konnte ihn zum Sklaven machen, und er hätte wenigstens leben
und leben lassen sollen. Mein Vater folgte ja seinem Beispiel, als er
sich die Jagdgründe anlegte, aber das war auch der Höhepunkt seiner
Schlechtigkeit, während es bei meinem Großvater nur der Anfang war.
Doch wie es auch sei und wem auch die Palme gebührt, die beiden sind
unsere Vorbilder, denen wir alle nachstreben.«

»Nicht alle, Sidney. Wir zwei doch nicht. Ich hasse Unternehmer und
Großgrundbesitzer. Wir gehören zu den Kultur- und Künstlerklassen, und
wir können uns von Handelsleuten fernhalten.«

»Ja, und wir verzehren inzwischen verschiedene tausend Pfund von Renten
und Zinsen. Nein, mein Schatz, so machen es die Leute, die selbst im
Himmel leben und nicht an die Hölle erinnert werden wollen, die aber
nichts dagegen haben, daß eine außerhalb ihres Bewußtseins existiert.
Ich habe vor meinem Vater mehr Achtung -- ich meine, ich verabscheue
ihn weniger -- weil er das Ausbeuten und Stehlen selbst besorgte, als
die gefühlvollen Faulenzer und Feiglinge, die ihm Geld gaben, damit er
damit andere ausbeutete und bestahl, und die nach gar nichts fragten,
wenn er nur die Zinsen pünktlich bezahlte. Und was deine Freunde, die
Künstler, angeht, das sind die Allerschlimmsten.«

»Oh, Sidney, du hast dir in den Kopf gesetzt, alles häßlich zu finden.
Künstler halten keine Fabriken.«

»Nein, aber die Fabriken sind auch nur ein Teil in dem Räderwerk des
Systems. Seine Grundlage ist die Tyrannei der Gehirnkraft, die unter
zivilisierten Menschen tun kann, was Muskelkraft unter Schuljungen und
Wilden tut. Der Schuljunge sagt: >Ich bin stärker als du, folglich mußt
du für mich Dienste tun.< Der Erwachsene befiehlt: >Ich bin schlauer
als du, darum mußt du für mich Dienste tun.< Diese Zustände, denen wir
uns unterwerfen, sind an und für sich schlimm genug, sie werden aber
unerträglich, wenn die mittelmäßigen oder schwachsinnigen Abkömmlinge
dieser schlauen Burschen den Anspruch erheben, ihre Vorrechte zu
erben. Nun hängen aber keine Menschen so sehr an der unbeschränkten
Herrschaft von Genie und Talent wie deine Künstler. Der große Maler ist
nicht damit zufrieden, daß er gesucht und bewundert wird, weil seine
Hände, was auch tatsächlich der Fall ist, mehr können als gewöhnliche
Hände -- nein, er will auch so ernährt werden, als ob sein Magen, was
nicht der Fall ist, mehr Nahrung brauchte als gewöhnliche Mägen. Ein
Tagewerk ist ein Tagewerk, nicht mehr und nicht weniger, und wer einen
Tag arbeitet, braucht dafür Unterhalt und Schlaf und Mußezeit, ob er
nun Maler oder Bauer ist. Aber der Halunke von einem Maler, Dichter,
Romanschreiber, oder was er sonst für eine Luxusbeschäftigung hat, ist
nicht damit zufrieden, daß er in der allgemeinen Achtung höher steht
als der Bauer, er will auch mehr Geld haben, als ob der Tag im Atelier
oder im Studierzimmer mehr Stunden hätte als auf dem freien Feld. Als
ob er mehr Nahrung brauchte, um seine Arbeit leisten zu können, als
der Bauer. Er spricht von der höheren Art seiner Arbeit, als ob diese
höhere Wertschätzung sein eigenes Verdienst sei -- als ob er das Recht
hätte, weniger für seinen Nachbarn zu tun, als sein Nachbar für ihn
tut, als ob der Bauer nicht leichter ohne ihn auskäme, als er ohne den
Bauer -- als ob der Wert der berühmtesten Gemälde nicht zweifelhafter
wäre als der einer graden Ackerfurche -- als ob nicht ebensoviele
Jahre des Lernens dazu gehörten, die Hand und das Auge eines Maurers
und eines Schmiedes auszubilden als die eines Künstlers -- als ob, um
es kurz zu sagen, der Kerl ein Gott wäre, wie ihm die phantasierenden
Kunstverehrer seit Jahren versichert haben. Die Künstler sind die
Hohenpriester des modernen Molochs. Neun Zehntel von ihnen sind kranke
Geschöpfe, die grade noch vernünftig genug sind, aus ihrer Nervosität
ein Geschäft zu machen. Die einzige Eigenschaft von ihnen, die mir
etwas Achtung abnötigt, ist eine gewisse erhabene Selbstsucht, die sie
veranlaßt, lieber zu verhungern und ihre Familie verhungern zu lassen,
als etwas zu tun, was sie nicht lieben.«

»Wahrhaftig, du bist ganz im Unrecht, Sidney. In der Sladeschule war
ein Mädchen, das seine Mutter und zwei Schwestern durch Zeichnen
ernährte. Übrigens, was kannst du tun? Die Leute sind nun einmal so.«

»Ja, ich bin durch die Torheit der Leute Grundbesitzer und Kapitalist,
aber sie können mir das ja wieder abnehmen. Ich selbst habe keine
Möglichkeit, aus meiner Lage herauszukommen, außer wenn ich meine
Sklaven an Menschen abgebe, die sie nicht besser behandeln als
ich selbst, und selbst ein Sklave werde, was mir nicht so bald
einfallen wird. Nein, meine Geliebte, ich muß um deinetwillen und um
meinetwillen meinen Fuß auf ihren Nacken halten. Aber du gibst nicht
viel um solches langweiliges Zeug. Mein Gewissen quält mich, weil ich
dir, mein Engel, Verdruß damit machte. Du willst wissen, warum ich
hier wie ein Einsiedler in einer zweizimmerigen Hütte wohne, statt
mit meinem schönen und angebeteten Weib die Freuden des Londoner
Gesellschaftslebens zu genießen?«

»Aber du willst doch nicht etwa hierbleiben, Sidney?«

»Allerdings, und ich will dir auch sagen, warum. Ich will helfen, diese
Manchesterarbeiter, die die Sklaven meines Vaters waren, zu befreien.
Um das fertig zu bringen, müssen alle ihre Mitsklaven in der ganzen
Welt zu einer großen internationalen Vereinigung zusammentreten. Sie
müssen geloben, die Arbeit der ganzen Welt gerecht zu verteilen, die
Produkte der Arbeit gerecht zu verteilen, keinem erwachsenen, rüstigen
Faulenzer oder Simulanten einen Pfennig zu geben und jeden in der
Gemeinschaft als Ungeziefer zu betrachten, der mehr als seinen Anteil
vom allgemeinen Wohlstand haben will und weniger als seinen Anteil an
der Arbeit geben will. Es ist sehr schwer, das durchzuführen, denn die
Arbeiter, wie alle Leute, denen man helfen will, sehen ihre eigenen
Vorteile nicht ein und helfen oft ihren Unterdrückern, ihre eigenen
Retter unter den Klängen der =Rule Britannia= oder eines ähnlichen
verlogenen Unsinns zu vertreiben. Wir müssen ihre Köpfe erst davon
befreien und inzwischen fleißig die internationale Arbeitervereinigung
ausbauen. Ich mache jetzt Propaganda für ihre Grundsätze. Der
angeblich zum Regieren, in Wirklichkeit aber zum Unterdrücken der
Nation organisierte Kapitalismus würde bald genug unserer Vereinigung
Einhalt gebieten, wenn er unsere Absicht verstände. Aber er glaubt,
wir seien mit Pulverkomplotten und Verschwörungen zur Ermordung
gekrönter Häupter beschäftigt, und so geht, während die Polizei in
tölpelhafter Weise nach Beweisen hierfür sucht, unser wirkliches Werk
ungestört weiter. Ob ich selbst wirklich die Sache fördere, das ist
mehr, als ich sagen kann. Ich verbrauche eine Menge Freimarken, bezahle
vielen gleichgültigen Lesern die Lektüre, bestreite die Papierkosten
für Pamphlete und Zettel, auf denen die Arbeiter als das Salz der
Erde gepriesen werden, bin Redakteur und Herausgeber einer kleinen
sozialistischen Zeitung und tue im allgemeinen, was in meinen Kräften
steht. Es ist besser, wenn ich meinen übel erworbenen Reichtum auf
diese Weise verwende, als in einem teuren Haushalt und mit einem
Gefolge von Dienern. Ich ziehe meinen gewöhnlichen Anzug und meine
zweizimmerige Hütte deinem hübschen, lieben Hause vor, und deinen
hübschen, lieben Spielereien, und der hübschen, lieben Vernachlässigung
aller Arbeit, die mir am Herzen liegt. Vielleicht mache ich auch einmal
wieder Feiertage, und dann werden wir neue Flitterwochen verleben.«

Für einen Augenblick schien es, als wollte Henrietta zu weinen
anfangen. Dann rief sie plötzlich mit Begeisterung: »Ich will bei dir
bleiben, Sidney. Ich will an deiner Arbeit teilnehmen, ganz gleich,
was es ist. Ich will mich als Bauernmädchen kleiden und einen kleinen
Milcheimer tragen. Die Welt ist nichts für mich, wenn du nicht bei mir
bist, und ich würde gerne hier leben und nach der Natur zeichnen.«

Er wich zurück und errötete, ohne daß er seine Bestürzung verbergen
konnte. Sie war entschlossen, sich nicht vertreiben zu lassen, sie
klammerte sich an ihn an und hielt ihn fest. Dieses war die Bewegung,
die Wickens Jungen, der im benachbarten Graben saß, zum Lachen brachte.
Trefusis war froh über die Unterbrechung, und als er dem Jungen zwei
Pence gab und ihn fortwies, hoffte er halbwegs, daß er bleiben würde.
Aber obgleich der Junge meistens sehr eigensinnig war, zeigte er sich
diesmal ganz artig. Er verschwand auf die Landstraße, wo er einen
seiner Pence einem Phantasiespieler gab und mit ihm Kopf oder Schrift
spielte, bis das Erscheinen von Fairholmes Gruppe ihn aus seinem
Doppelzustand herausriß.

Inzwischen war Henrietta mit dringendem Bitten auf ihren Vorschlag
zurückgekommen.

»Wir würden so glücklich sein,« sagte sie. »Ich würde dir den Haushalt
führen, und du könntest soviel arbeiten, wie du wolltest. Unser Leben
wäre ein langes Idyll.«

»Mein Lieb,« sagte er und schüttelte seinen Kopf, als sie ihn flehend
ansah. »Ich habe zuviel Manchester Baumwolle in meinem Wesen für lange
Idylle. Und in Wahrheit, die erste Bedingung, wenn du mit mir arbeiten
willst, ist, daß du fortgehst. Solange du bei mir bleibst, kann ich
nur mit dir kosen. Du bezauberst mich. Wenn ich mich einen Augenblick
von dir freimache, dann seufze ich schon voll Reue über die Stunden,
die ich durch deine Verführung verloren habe und über die nutzlos
vergeudete Energie.«

»Wenn du mit mir nicht leben willst, dann hattest du auch kein Recht,
mich zu heiraten.«

»Ganz richtig. Aber das ist weder deine noch meine Schuld. Wir haben
gefunden, daß wir uns zu sehr lieben -- daß unser Verkehr uns an
unserer Betätigung hindert, und darum müssen wir voneinander scheiden.
Nicht für immer, mein Lieb, nur bis du eigene Sorgen und eigene Arbeit
gefunden hast, die dein Leben ausfüllen und dich daran hindern, meines
zu vergeuden.«

»Ich glaube, du bist von Sinnen,« sagte sie verdrießlich.

»Die Welt ist heutzutage von Sinnen und galoppiert zum Teufel, so
schnell die Habgier sie antreiben kann. Ich halte mich einfach von
diesem Rennen fern, weil ich das Ziel nicht liebe. Hier kommt eine
Barke, deren Führer mir ergeben ist, weil er glaubt, ich wollte einen
Aufruhr zur Abschaffung von Schleusengebühren und Zöllen veranstalten.
Wir wollen an Bord gehen und nach Lyvern fahren. Von dort kannst
du nach London zurückkehren. Du telegraphierst am besten von der
Umsteigestation nach der Anstalt. Sie müssen jetzt die reine Treibjagd
auf uns machen. Ich werde dir meine Adresse geben, und wir können uns
schreiben oder auch treffen, so oft wir wollen. Oder du kannst dich
auch von mir scheiden lassen, weil ich dich verlassen habe.«

»Ich weiß, daß dir das das liebste wäre,« sagte Henrietta schluchzend.

»Ich würde vor Verzweiflung sterben, mein Schatz,« sagte er freundlich.
»Schiff ahoi! Um Gotteswillen, höre auf zu weinen, Hetty. Du zerreißt
mir wahrhaftig die Seele.«

»Ahoi--i--i, Master!« brüllte der Schiffer.

»Guten Abend, Herr,« sagte ein Mann, der sich mit einer kurzen Peitsche
in der Hand neben dem Pferde herschleppte, das die Barke zog. »Komm
an!« fügte er übelgelaunt, nach dem Pferd gewandt, hinzu.

»Ich möchte aufsteigen und mit nach Lyvern fahren,« sagte Trefusis. »Es
scheint ein wohlgenährtes Tier zu sein.«

»Besser genährt als ich,« sagte der Mann. »Man kann aus einem
unternährten Pferd nicht dieselbe Arbeit herausziehen wie aus einem
unternährten Mann oder Weib. Ich bin in Gegenden in England gewesen, wo
Frauen die Barken zogen. Sie sind billiger als Pferde, denn es kostet
nichts, neue zu bekommen, wenn die alten verschlissen sind.«

»Warum schafft ihr sie denn nicht an?« fragte Trefusis mit ironischem
Ernst. »Der Grundsatz, Arbeitskräfte auf dem billigsten Markt zu kaufen
und ihre Produkte auf dem teuersten Markt zu verkaufen, hat viel dazu
beigetragen, daß England das geworden ist, was es ist.«

»Die Eisenbahngesellschaften halten Hospitäler für _seines_gleichen,«
sagte der Mann mit verschmitztem Lachen und zeigte auf das Pferd,
indem er ihm mit dem Ende seiner Peitsche klatschend gegen den Bauch
schlug. »Wenn Sie jemals im Ernst versuchen, ein Arbeiter zu sein, dann
versuchen Sie es auf vier Beinen. Sie werden finden, daß es bei weitem
der Arbeit auf zwei Beinen vorzuziehen ist.«

»Dieser Mann ist einer von denen, die ich bekehrt habe,« sagte Trefusis
abseits zu Henrietta. »Er sagte mir neulich, seit ich ihn zum Denken
gebracht habe, sieht er nie einen Gentleman, ohne daß er die Neigung
empfindet, einen Stein gegen ihn zu erheben. Ich finde, Sozialismus
wird oft von seinen minder intelligenten Anhängern und Gegnern dahin
mißverstanden, als ob er nur der natürlichen Neigung, angesehene
Personen mit Steinen zu bewerfen, Vorschub leiste. Jetzt werde ich dich
über diese Planke tragen. Wenn du dich ruhig hältst, werden wir wohl
die Barke erreichen. Andernfalls erreichen wir den Boden des Kanals.«

Er trug sie hinüber und wechselte mit dem Schiffer einige freundliche
Worte. Dann nahm er Henrietta mit nach vorne und starrte in das
Wasser, während sie geräuschlos an dem hügeligen Weidenland
vorbeiglitten.

»Das würde eine herrliche Fahrt sein,« sagte er, »wenn man die Frau da
unten vergessen könnte, die ihrem Mann in einer stickigen Höhle, so
groß wie dein Kleiderschrank, das Essen kocht, und --«

»Oh, rede kein Wort mehr von solchen Sachen,« sagte sie ärgerlich: »Ich
kann ihnen nicht helfen. Ich habe meinen eigenen Kummer. _Ihr_ Mann
lebt bei ihr.«

»Sie wird ihren Platz mit dir wechseln, mein Schatz, wenn du ihr das
Anerbieten machst.«

Es fiel ihr keine Antwort ein. Nach einer Pause begann er poetisch
über die Landschaft zu sprechen und ihr verliebte Redensarten und
Schmeicheleien zu sagen. Aber sie fühlte, daß er entschlossen war, sie
los zu werden, und er wußte, daß es keinen Zweck mehr hatte, seine
Absicht vor ihr zu verbergen. Sie wandte sich weg und setzte sich auf
einen Stoß Ziegelsteine, indem sie nur ärgerlich ihr Gesicht verzerrte,
wenn er sie zum Sprechen drängte. Als sie sich dem Ende der Reise
näherten, glaubte sie, daß sie ihren heftigen Schmerz über seine Flucht
nur halb zum Ausdruck gebracht hätte, und das Gefühl des erlittenen
Unrechts wurde ihr fast unerträglich.

Sie landeten an einer Werft und gingen über einen schmutzigen, von
tiefen Fahrgeleisen durchzogenen Weg auf die Hauptstraße von Lyvern.
Hier wurde er wieder Smilasch und ging ehrerbietig etwas vor ihr her,
als wenn er gemietet wäre, den Weg zu zeigen. Sie sah jetzt ein, daß
ihre letzte Gelegenheit, ihn anzuflehen, vorbei war, und sie brach bei
dem Gedanken fast in Tränen aus. Es kam ihr der Einfall, sie könnte
ihn vielleicht bewegen, wenn sie hier eine öffentliche Szene machte.
Aber die Straße war sehr belebt, und sie fürchtete sich auch etwas vor
ihm. Keines von diesen beiden Bedenken würde sie abgehalten haben,
wenn sie in einem ihrer wilden Zornesanfälle gewesen wäre, aber jetzt
war sie in ganz unterwürfiger Stimmung. Ihre wilden Launen schienen
nur zu kommen, wenn sie ihr schaden mußten. Sie ließ sich ruhig in den
Eisenbahnomnibus führen, der grade von dem Gasthofvorplatz abfahren
wollte, als sie dort ankamen. Aber obgleich er seinen Hut berührte und
fragte, ob er eine Botschaft ausrichten sollte, obgleich er ihr in
zartem Flüstern eine glückliche Reise wünschte, wollte sie ihn nicht
ansehen, oder ein Wort zu ihm sprechen. So schieden sie voneinander,
und er kehrte allein zu der Hütte zurück, wo er von den zwei Polizisten
empfangen wurde, die ihn nach der Anstalt brachten.




Sechstes Kapitel.


Das Jahr ging weiter, und es begannen die langen Winterabende. Die
lernbegierigen jungen Damen in der Alton-Anstalt saßen an ihren Pulten,
auf die Ellenbogen gestützt und den Kopf in den Händen vergraben,
und fröstelten in ihren Pelzkragen. Sie überluden ihr Gedächtnis mit
Darlegungen der Moralphilosophen oder schwammen, wie Menschen auf
Korkgürteln, auf den Grundproblemen der Mathematik herum. Hierbei
geschah es denn oft, je vernünftiger eine Schülerin in der Mathematik
war, desto unvernünftiger war sie im wirklichen Leben, weil es da keine
feststehenden Grundsätze gab, nach denen man sich richten konnte.

Agatha, die nicht lernbegierig war und auch keine Lust hatte, im
Winter zu frieren, begann mit wachsendem Eifer die Vorschrift Nr. 17
zu brechen. Die Vorschrift Nr. 17 verbot den Schülerinnen, die Küche
zu betreten, oder irgendwie die Dienstmädchen in ihrer häuslichen
Tätigkeit zu stören. Agatha brach sie, weil sie gerne braunen
Kandiszucker machte und ihn aß, weil sie ein warmes Feuer liebte
und alles, was verboten war, und weil ihr die Bewunderung gefiel,
mit der die Dienstmädchen ihren musikalischen und Bauchredekünsten
lauschten. Gertrude begleitete sie, weil sie ebenfalls Zuckerzeug
liebte, und weil sie sich etwas auf ihre Herablassung zu tiefer
Stehenden einbildete. Jane ging hin, weil ihre beiden Freundinnen
hingingen, und Abenteuerlust, böses Beispiel und Liebe zu Süßigkeiten
brachten oft mehr Freiwillige zu diesen Expeditionen, als Agatha für
sicher hielt, mitzunehmen. Eines Abends ging Miß Wilson allein in
ihren Privatweinkeller hinunter und wurde in der Nähe der Küche durch
einen Lärm ausgelassener Lustigkeit aufgehalten. Sie blieb lauschend
stehen und hörte zuerst den Kastagnettentanz, der sie an den Nachdruck
erinnerte, mit dem Agatha über Mrs. Miller mit dem Finger geschnipst
hatte. Dann kam die Biene an der Fensterscheibe, Robin Adair (in dessen
Refrain die Dienstmädchen einstimmten) und eine Verspottung ihrer
eigenen Person, wie sie Jane Carpenters bessere Natur anflehte, sich
auf die Aufnahmeprüfung für Cambridge vorzubereiten. Sie wartete, bis
die Kälte und die Furcht, hier beim Spionieren entdeckt zu werden, sie
zwangen, wieder hinaufzusteigen. Sie schämte sich, daß sie an einer
törichten Unterhaltung ihre Freude gehabt hatte, aber sie sah doch
lieber über eine Verletzung der Vorschriften hinweg, als daß sie einen
neuen Streit mit Agatha gewagt hätte.

Es war besonders eine Sache, in der Agatha sich nicht mehr so an die
Schuldisziplin hielt wie früher. Obgleich sie eine unverhältnismäßig
große Zahl von Eintragungen in das Sündenbuch geliefert hatte, war
jenes Bekenntnis, das beinahe zu ihrer Austreibung geführt hatte, ihr
letztes geblieben. Nicht, daß ihre Aufführung eine bessere geworden
wäre, sie hatte sich im Gegenteil verschlechtert. Miß Wilson erwähnte
nicht mehr die Angelegenheit, und so blieb das Sündenbuch eine
geheiligte Sache, auf die nie angespielt wurde. Aber sie bemerkte, daß
Agatha, obgleich sie nicht ihre eigenen Sünden bekennen wollte, doch
den andern bei der Entlastung ihres Gewissens half. Die Witzigkeit, mit
der Jane unerwarteterweise die Seiten des Sündenbuchs anfüllte, war
dafür bezeichnend genug.

Smilasch hatte jetzt auch ein Gewerbe angefangen. An den letzten
Herbsttagen hatte er sein Häuschen weiß getüncht, Türen, Fenster und
Veranda angestrichen, das Dach und das Innere ausgebessert und den
Platz so sehr verschönert, daß ihm der Grundbesitzer mitteilte, er
müßte nach Ablauf der zwölfmonatlichen Pachtung die Rente erhöhen. Ein
Mieter könne vernünftigerweise ein hübsches, regendichtes Wohnhaus
nicht für dasselbe Geld haben wie eine kaum bewohnbare Ruine.
Smilasch hatte ihm sofort versprochen, es am Ende des Jahres so zu
verderben, daß es wieder wie früher aussähe. Am Tor hatte er eine
Anschlagtafel angebracht mit einer Inschrift, die er von gedruckten
Karten abgeschrieben hatte. Er zeigte diese Karte den Leuten, die sich
zufällig mit ihm unterhielten.

                   =~Jefferson Smilasch~=

         =~Maler, Dekorateur, Glaser, Klempner und Gärtner.
         Klaviere werden gestimmt. Hausreparaturen aller Art.
              Servieren bei Tisch und Bedienung.~=

                                         =~Villa Chamounix,~=
                                         =~Lyvern.~=

         =~Auskunft gratis.
         Kein vernünftiges Angebot wird abgeschlagen.~=

Das auf diese Weise angekündigte Geschäft, so umfassend es war, blühte
doch nicht. Wenn er von Neugierigen nach einem Zeugnis für seine
Tüchtigkeit und Achtbarkeit gefragt wurde, verwies er sie sorglos an
Fairholme, an Josephs und besonders an Miß Wilson, die, wie er sagte,
ihn von seiner frühesten Kindheit her gekannt hatte. Fairholme war
froh, wenn er beweisen konnte, daß er kein glattzüngiger Pfaffe war,
und erklärte auf jede Anfrage, Smilasch sei der größte Halunke in der
ganzen Gegend. Josephs sagte teils aus Wohlwollen, teils aus Furcht,
Smilasch möchte einmal etwas gegen ihn wegen Verleumdung unternehmen,
er sei jedenfalls ein wirklich billiger Arbeiter, und es würde eine
gute Tat sein, wenn man ihm zur Aufmunterung eine kleine Beschäftigung
gäbe. Miß Wilson bestätigte Fairholmes Bericht, und der Organist der
Kirche, der seit fast einem Vierteljahrhundert alle Klaviere in der
ganzen Umgegend einmal im Jahre gestimmt hatte, schwärzte ihn als
einen Menschen an, der alles anfange und nichts könne.

Hierauf begannen die Radikalen in Lyvern, eine kleine und verrufene
Partei, zu versichern, an dem Mann sei nichts Böses, und die
Geistlichen und Miß Wilson, die in einem feinen Hause wohnte und nur
ganz reiche Mädchen als Pensionärinnen aufnahm, könnten ihre freie Zeit
besser ausfüllen, als damit, einem armen Arbeiter das Brot aus dem Mund
zu nehmen. Aber da keiner aus dieser Gesellschaft häusliche Reparaturen
hatte, machte ihn ihre Unterstützung durchaus nicht reicher, und der
einzige Kunde, den er fand, war ein Hausmädchen, das seine Stellung
in einem Landhaus in der Umgegend aufgab. Sie wollte ihren Koffer
ausgebessert haben, dessen Deckel abgefallen war. Smilasch verlangte
eine halbe Krone für den Auftrag, aber auf ihr Zögern bat er sie gleich
um Verzeihung und ging auf einen Schilling herunter. Hierfür strich er
den Koffer neu an, malte die Anfangsbuchstaben ihres Namens darauf,
brachte neue Scharniere, ein Bramahschloß und Messinggriffe an. Er
hatte selbst für zehn Schillinge Ausgaben und mehrere Stunden Arbeit.
Dem Hausmädchen gefiel die Farbe des Anstrichs nicht, sie ließ ihn die
Griffe abnehmen, die sie, wie sie sagte, an einen Sarg erinnerten, und
beklagte sich, daß ein Schloß mit solch einem schmalen Schlüssel für
einen so schweren Koffer nicht stark genug sein könnte. Schließlich
gab sie zu, es sei ihre eigene Schuld, weil sie sich keinen Mann
genommen hatte, der etwas von der Sache verstand. Es sprach sich bald
rund, er habe daran ein gutes Geschäft gemacht, und da er, wenn man
es ihm vorwarf, das noch ausdrücklich bestätigte, so erhielt er weiter
keinen Auftrag. Sein Schild diente von jetzt ab nur zur Erheiterung von
Spaziergängern und Hirtenjungen, die gerne mit Steinen danach warfen.

Ein starker Sturm blies eines Nachts über Lyvern, und die jungen Damen
im Alton-Institut, die sich meistens vor Blitzen fürchteten, sprachen
mit einigem Ernst ihre Gebete. Um halb eins machten Regen, Wind und
Donner einen solchen Lärm, daß Agatha und Gertrude sich Halstücher
umschlugen und sich nach dem Flurfenster vor Miß Wilsons Arbeitszimmer
hinabstahlen, wo sie die Blitze beobachteten, die mit zuckendem
Schimmer die Landschaft erhellten. Dabei unterhielten sie sich im
Flüstertone darüber, ob es gefährlich sei, nahe am Fenster zu stehen,
und ob die messingenen Läuferstangen auf der Treppe die Blitze anziehen
könnten. Agatha, die bei einer einzelnen Gefährtin ebenso ernsthaft
und freundlich sein konnte, wie sie in einer größeren Gesellschaft
mutwillig und spöttisch wurde, genoß ruhig das Schauspiel. Das Blitzen
schreckte sie nicht, da sie wenig von dem Ernst des Lebens wußte und
sich etwas darauf einbildete, gleichgültig dagegen zu sein. Sie zuckte
zusammen, wenn stärkere Blitzschläge aufzuckten, aber das brachte
ihr nur ihren eigenen Mut zum Bewußtsein und ihren Gegensatz zu der
ängstlichen Gertrude, die endlich vor einer gespaltenen Zickzacklinie
von blauem Licht zurückfuhr und sagte:

»Wir wollen wieder zu Bett gehen, Agatha. Wir sind hier durchaus nicht
sicher.«

»Grade so sicher wie im Bett, und da können wir nichts sehen. Wie das
Haus zittert! Ich glaube, der Regen wird gegen die Fenster schlagen,
ehe --«

»Still,« flüsterte Gertrude und ergriff voll Schrecken ihren Arm. »Was
war das?«

»Was?«

»Ich habe bestimmt die Klingel gehört -- die Gartenklingel. Oh, wir
wollen wieder zu Bett gehen.«

»Unsinn! Wer wird in einer solchen Nacht ausgehen? Vielleicht hat sie
der Wind in Bewegung gesetzt.«

Sie warteten einige Augenblicke. Gertrude zitterte, und Agatha hatte in
der Dunkelheit ein Gefühl, wie es Leute haben, die sich vor Gespenstern
fürchten. Dann vermischte sich ein undeutlicher Klang in das Brausen
des Windes.

Ein paar scharfe und durchdringende Töne kamen unverkennbar von der
Gartenklingel auf dem Vorplatz. Es war eine laute Klingel, die bestimmt
war, die Dienstmädchen im Hause anzurufen, wenn das Tor geöffnet werden
sollte. Denn das Pförtnerhäuschen war unbewohnt.

»Was in aller Welt kann das sein?« fragte Agatha. »Können sie nicht das
Törchen finden, die Idioten?«

»Hoffentlich nicht! Bitte, komm herauf, Agatha.«

»Nein, ich will nicht. Geh nur, wenn du willst.« Aber Gertrude
fürchtete sich, allein zu gehen. »Es ist am besten, wenn wir Miß Wilson
wecken und es ihr sagen.« fuhr Agatha fort. »Es ist schrecklich, in
solch einer Nacht jemand nicht hereinzulassen.«

»Aber wir wissen ja nicht, wer es ist.«

»Nun, ich weiß jedenfalls, daß du keine Angst vor ihnen hast,« sagte
Agatha, obgleich sie das Gegenteil wußte. Aber sie benutzte die
Gelegenheit, Gertrude zu beschämen und zum Schweigen zu bringen.

Sie lauschten wieder. Der Sturm wütete jetzt besonders laut, und sie
konnten die Glocke nicht hören. Plötzlich klopfte jemand heftig an
die Haustüre. Gertrude schrie, und ihr Schrei erhielt aus den oberen
Räumen ein Echo. Verschiedene Mädchen hatten auch das Klopfen gehört
und waren dadurch so erschreckt worden, als hätten sie Alpdrücken. Eine
Kerze flackerte auf der Treppe, und man hörte Miß Wilsons Stimme, die
beruhigend fest klang.

»Wer ist da?«

»Das bin ich, Miß Wilson, und Gertrude. Wir haben uns das Wetter
angesehen, und da klopft jemand an die --« Ein wütendes Hämmern mit
dem Türklopfer unterbrach sie. Dann folgte ein Laut, der durch den
Sturmwind übertönt wurde, als ob ein Mann etwas riefe.

»Sie sollten lieber nicht die Tür öffnen,« sagte Miß Wilson etwas
beunruhigt. »Und Sie, Agatha, sind sehr unvernünftig, daß Sie hier
stehen. Sie werden sich zu Tod -- O Gott! Was kann da sein?«

Sie eilte, gefolgt von Agatha, Gertrude und einigen mutigeren
Schülerinnen, auf den Flur hinunter. Ein paar zitternde Dienstmädchen
standen neben der Haushälterin, die jammernd durch das Schlüsselloch
fragte, wer denn da wäre. Man hörte sie offenbar draußen nicht, denn
das Klopfen begann, während sie sprach, von neuem, und sie fuhr zurück,
als ob sie einen Schlag gegen den Mund bekommen hätte. Miß Wilson
rasselte jetzt mit der Kette und fragte von neuem, wer da wäre.

»Lassen Sie uns ein!« schrie jemand dumpf durch das Schlüsselloch.
»Hier ist eine sterbende Frau und drei Kinder. Macht die Tür auf!«

Miß Wilson verlor ihre Geistesgegenwart. Um Zeit zu gewinnen,
antwortete sie: »Ich -- ich kann nicht verstehen. Was sagten Sie?«

»Verdammt!« rief die Stimme und richtete sich diesmal an jemand, der
sich draußen befand. »Sie können uns nicht verstehen.« Und das Klopfen
begann von neuem und mit verstärkter Heftigkeit. Agatha faßte erregt
Miß Wilson an ihrem Morgenkleid und wiederholte ihr, was die Stimme
gesagt hatte. Miß Wilson hatte es deutlich genug gehört, und sie
fühlte auch irgendwie, daß sie die Türe öffnen müsse, aber sie war
fast überwältigt von einer unbestimmten Furcht vor dem Kommenden. Sie
begann die Kettet abzuhängen, und Agatha half ihr bei dem Aufriegeln.
Zwei Dienstmädchen erklärten, sie würden sicher alle in ihren Betten
ermordet werden, und liefen davon. Einige von den Schülerinnen schienen
geneigt, ihrem Beispiel zu folgen. Bis endlich die freigewordene Tür
weit aufflog und Miß Wilson und Agatha zurückwarf. Ein Wirbelwind fuhr
in den Hausflur, riß an den Kleidern der Mädchen und blies die Kerzen
aus. Agatha sah beim Aufzucken eines Blitzstrahls zwei Männer, die sich
an der Türe abmühten, wie Matrosen an einer Ankerwinde. Dann hörte der
Wind auf, und sie wußte, daß die Türe geschlossen war. Streichhölzer
wurden angezündet, die Kerzen in Brand gesetzt, und man konnte jetzt
die Ankömmlinge deutlich erkennen.

Smilasch stand in bloßem Kopf und ohne Rock da, seine Manchesterweste
und Hose waren schwer vom Regen. Neben ihm stand ein struppig
aussehender Mann im mittleren Alter, der die ärmliche Kleidung eines
Viehhirten trug und gleichfalls ganz durchnäßt war. Er hatte das
armselige, geduldige und verzweifelte Gesicht eines Menschen, der
vom Unglück hart verfolgt und am Ende seiner Kräfte ist. Zwei kleine
Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, die fast nackt waren, verbargen
sich unter einem alten Sack, den sie als Schirm gebraucht hatten. Auf
der Polsterbank aber lag ein Bündel abgetragener Kleidungsstücke,
Sackleinen und zerrissener Decken, das mit Smilaschs Rock und Südwester
bedeckt war. Unter diesem Haufen Lumpen verbarg sich ein erschöpftes
Weib mit einem armseligen Säugling an der Brust. Smilaschs Gesicht
bekam einen grimmigen Ausdruck, als er nach ihr hinsah.

»Verzeihen Sie, daß wir Sie stören, Lady,« sagte der Mann nach einem
ängstlichen Blick auf Smilasch, da er erwartete, daß dieser sprechen
würde. »Aber mein Dach und eine Wand von dem Haus sind bei dem Sturm
eingestürzt, und meine Frau hat noch ein anderes kleines Kind gehabt,
und es tut mir so leid, daß wir Sie belästigen, Miß. Aber -- aber --«

»Belästigen!« schrie Smilasch. »Es ist das höchste Vorrecht einer Dame,
Ihnen zu helfen -- das höchste Vorrecht.«

Der kleine Junge begann hier vor lauter Elend zu weinen, und die Frau
erhob sich, indem sie sagte: »Schäme dich, Tom! Hier vor der Lady.«
Dann aber sank sie zusammen, zu schwach, um sich noch um etwas zu
bekümmern, was jetzt geschehen konnte.

Smilasch sah ungeduldig Miß Wilson an, die zauderte und ihn endlich
fragte: »Was erwarten Sie denn, daß ich tun soll?«

»Helfen sollen Sie uns,« antwortete er. Dann fügte er mit einem
Ausbruch nervöser Energie hinzu: »Tun Sie, was Ihr Herz Ihnen gebietet.
Geben Sie dem Weibe Ihr Bett und Ihre Kleider und lassen Sie die
Mädchen auf ein paar Tage ihre Bücher zum Teufel werfen, damit sie für
die armen, kleinen Geschöpfe etwas Kleidung anfertigen. Die Armen haben
schwer genug gearbeitet, um _sie_ zu bekleiden. Lassen Sie jetzt die
Mädchen auch einmal die Armen bekleiden.«

»Nein, nein. Alles was recht ist, Master,« sagte der Mann,
augenscheinlich sehr bedrückt durch ein Gefühl, unwillkommen zu sein,
und er trat einen Schritt vor, um Miß Wilson günstig zu stimmen. »Die
Ladys haben keine Schuld. Wenn ich so kühn sein darf, Sie um was zu
bitten, dann geben Sie nur meiner Frau bis morgen Obdach. Irgend ein
Platz genügt, sie ist dran gewöhnt, sich durchzuschlagen. Wenn sie nur
ein Dach über dem Kopf hat, bis ich im Dorf ein Zimmer finde, wo wir
einziehen können.« Hier brachten ihn seine eigenen Worte dazu, an die
Zukunft zu denken, und er blickte verzweifelt an dem Säulengebälk des
Flures vorbei, als ob da ein Gefach sei, in dem vielleicht jemand eine
passende Unterkunft für ihn gelassen hätte.

Miß Wilson wandte entschlossen und verächtlich Smilasch den Rücken
zu. Sie hatte ihre Fassung wiedergefunden. »Ich will Ihr Weib hier
behalten,« sagte sie zu dem Mann. »Es wird für sie in jeder Weise
gesorgt werden. Die Kinder können auch hier bleiben.«

»Dreimal hoch die moralische Beeinflussung!« schrie Smilasch begeistert
und fiel wieder in seine rohe Sprache zurück, die er in seinem Zorn
ganz vergessen hatte. »Was sagte ich, Nachbar, als ich sagte, Sie
sollten Ihre Frau zu der Anstalt bringen, und Sie sagten ironisch, >Ach
ja, die werden verflucht froh sein, wenn sie uns da sehen.< Sagte ich
nicht, die Lady hat ein nobles Herz, und sie zeigt es auch, wenn solch
ein Malör an sie herantritt?«

»Wie können Sie meine übereilten Worte hier gegen mich vorbringen,
Master, da die Lady so freundlich ist?« entgegnete der Mann erregt.
»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Miß, und Beß auch. Wir fühlen, wie lästig
wir --«

Miß Wilson, die sich mit der Haushälterin beraten hatte, schnitt
seine Rede kurz ab, indem sie ihm sagte, er solle jetzt sein Weib zu
Bett bringen. Er tat das auch mit Hilfe Smilaschs, der jetzt jubelte.
Während sie fort waren, weigerte sich ein Dienstmädchen, eine Bettdecke
in das Zimmer der Frau zu bringen, und sagte, solche Menschen wollte
sie nicht bedienen. Miß Wilson gab ihr im heftigsten Tone Bescheid, sie
könnte am nächsten Tag die Anstalt verlassen. Das war aber auch der
einzige Fall von Übelwollen gegen die Ankömmlinge. Die jungen Damen
wurden dann gebeten, wieder zu Bett zu gehen.

Unterdessen hatte der Mann seine Frau untergebracht. Es war das
reine Palastzimmer im Vergleich mit dem, das durch den Sturm über ihr
zusammengebrochen war. Er gratulierte ihr zu ihrem Glück und bedrohte
die Kinder mit der strengsten Züchtigung, wenn sie sich nicht ganz
brav aufführten, solange sie in diesem Hause blieben. Bevor er sie
verließ, küßte er seine Frau. Sie hatte sich etwas erholt und bat ihn,
noch einmal den Säugling zu betrachten. Er tat es und gab ihm dabei
ein böses Schimpfwort, denn er dachte an die Zeit, da der Appetit des
Kleinen nicht mehr an der Brust der Mutter gestillt werden könnte,
da man für ihn im Laden einkaufen müßte. Sie lachte und machte ihm
Vorwürfe, und so schieden sie fröhlich voneinander. Als er mit Smilasch
zur Halle zurückkehrte, standen da zwei Krüge Bier für sie. Die Mädchen
hatten sich entfernt, nur Miß Wilson und die Haushälterin waren
zurückgeblieben.

»Zur Gesundheit, Madame,« sagte der Mann, bevor er trank. »Mögen Sie
auch so jemand finden, wenn Sie einmal in Sorgen kommen, was der Herr
verhüte.«

»Ist Ihr Haus ganz zerstört?« fragte Miß Wilson. »Wo wollen Sie denn
die Nacht verbringen?«

»Denken Sie nicht an mich, Madame. Hier Master Smilasch nimmt mich bis
morgen auf.«

»Seine Gesundheit!« sagte Smilasch, indem er den Krug mit seinen Lippen
berührte.

»Das Dach und die südliche Wand sind ganz fortgeweht,« fuhr der Mann
fort, nachdem er einen Moment geschwiegen und über Smilaschs Worte
gegrübelt hatte. »Ich zweifle, ob noch ein Stein auf dem andern steht.«

»Aber Sir John wird es für Sie wieder aufbauen. Sie sind doch einer von
seinen Hirten, nicht wahr?«

»Jawohl, Miß. Aber er baut nicht. Er wird nur zu froh sein, daß es
glücklich zusammengebrochen ist. Er hat es nicht gern, wenn Leute auf
dem Felde wohnen. Ich hab es ihm immer und immer wieder gesagt, daß
das Häuschen einfallen würde. Aber er meinte, ich könnte doch nicht
verlangen, daß er für ein Haus Geld ausgäbe, das ihm keine Miete
einbrächte. Sie wissen, Miß, ich bezahlte keine Miete. Ich bekam einen
niedrigen Lohn, und das bißc

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