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Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer

by Adolf Heilborn · German · Gutenberg #47070 · 504,760 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer
    
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Title: Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer

Author: Adolf Heilborn


        
Release date: October 6, 2014 [eBook #47070]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/47070

Credits: Produced by Peter Becker, Norbert H. Langkau and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER DEN WILDEN: ENTDECKUNGEN UND ABENTEUER ***

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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert.                     |
  | Eine Liste der Korrekturen befindet sich am Ende des Texts.      |
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                           Unter den Wilden:

                       Entdeckungen und Abenteuer


                                  Von

                          Dr. Adolf Heilborn


                       Mit 5 bunten Beilagen und
                 36 Textbildern von _Erich Sturtevant_


                                 BONGS
                             JUGENDBÜCHEREI


                     VERLAG VON RICH. BONG IN BERLIN


                 Alle Rechte, auch das der Übersetzung
                    in andere Sprachen, vorbehalten.

           Copyright 1921 by Verlag von Rich. Bong in Berlin.

                 Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.




Inhalt


                                                                  Seite

  Vorwort                                                             5

  Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti. Von Kapitän
  _Samuel Wallis_                                                     9

  Ein Südsee-Idyll. Von Kapitän _James Cook_                         57

  Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln. Von Kapitän
  _James King_                                                      133

  Eine Unglücksreise nach der Nordwestküste Amerikas. Von Kapitän
  _John Meares_                                                     205

  Reise nach Guinea und Gründung von Groß-Friedrichsburg. Von
  Major _Otto Friedrich v. d. Groeben_                              245

  Geschichtliches und Geographisches zu den Berichten der
  Entdecker                                                         287




Vorwort


In jedem gesunden Kinde steckt ein gut Stück Robinsonsehnsucht. Sie
ist der letzte, kulturgezähmte Rest uralter Wanderlust, uralten
Abenteuerdranges der Menschheit. Wie wir uns immer wieder in Pfeil
und Bogen uralte Waffen verfertigen, im Spiele Hütten bauen oder
Höhlen als Schlupfwinkel wählen, wie es uns immer wieder zum Tiere
zieht, es zu liebkosen und uns gefügig zu machen, so überfällt uns
eines Tages quälende Robinsonsehnsucht, und mit blanken Augen und
roten Wangen verschlingen wir dann alles, was sie zu stillen uns
verheißt. Unsterblicher Robinson, unsterblicher Lederstrumpf, roter
Freibeuter, Peter Simpel und wie ihr euch sonst noch nennt, die ihr
alle etwas von einem Don Quichotte habt und Väter einer so langen
und manchmal auch recht langweiligen Reihe von Nachtretern geworden
seid ... wie jedes echte Kind hab ich euch immer von neuem gelesen,
bis ich euch fast auswendig konnte, und bis ich eines Tages in meines
lieben Vaters Bücherschrank auf andre Helden und andre Abenteuer
traf, Helden von Fleisch und Blut, wirkliche Menschen, nicht nur
am Schreibtisch erdachte Gestalten, und Abenteuer, die wirklich
erlebt, in Not und Tod, nicht nur zur Spannung naiver Leser ersonnen.
Da standen in großmächtigen, altertümlichen Lederbänden mit roten
und schwarzen Schildern auf dem goldgepreßten, dicken Rücken die
Entdeckungsreisen des Kapitän Cook, sechs stattliche Bände, daneben
die Reisen von Wallis, von Byron, von Carteret, von Meares, Portlock
... Reisen und Abenteuer in der Südsee, an den unwirtlichen Küsten
Nordamerikas, unter braunen, nackten Wilden und Indianern. Ein Buch
immer spannender als das andere, immer schöner, immer seltsamer. Was
waren das für unvergeßliche Stunden des Lesens und Träumens. Das
blaue Südmeer lag vor meinen Blicken, von weißer Brandung umgischt
tauchten Koralleninseln daraus empor, mit rauschenden Palmenhainen voll
seltsam bunter Vögel. Von Eiland zu Eiland zogen in flinken Kanus mit
Mattensegeln die braunen Kanaken und kämpften in Panzern und Helmen
mit Haifischzahnspeeren und sangen melodisch und sprangen zur Trommel
...

Sie sind Zauberer, diese großen Entdecker, voran, allen weit
voran James Cook, der einem ganzen Zeitalter den Stempel seines
Naturempfindens aufprägte. Eine Weltanschauung ward aus diesen
Entdeckungsfahrten geboren, eine Naturphilosophie, die in Seumes Worten
»Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen« gipfelte, die in Rousseaus
Werken ihr »Zurück zur Natur« predigte. Auch unsre Zeit, durch soviel
Blut und Grauen gegangen, hat diese Sehnsucht wieder, hat nach all
der Übersättigung mit raffinierter Kultur diesen gesunden Hunger nach
natürlicheren Verhältnissen. Darum gerade wird ihr die Kost, die hier
geboten, besonders munden, werden diese uns überlieferten Erzählungen
der Entdecker wie ein erfrischender Trunk nach ermüdender Wanderung
wirken. Zumal die Jugend wird sie, des bin ich gewiß, mit Jubel
begrüßen: ist doch der Robinson und all das andre in ihnen gleichsam
beschlossen. Aus diesen Reisen und Abenteuern sind jene ersonnenen
Geschichten ja erst geboren.

Aber nicht nur dem angenehmen Zeitvertreib müßiger Stunden vermögen sie
zu dienen: es läßt sich aus ihnen auch unendlich viel lernen -- nicht
nur Erd- und Völkerkunde, auch Kulturgeschichte. Kein Geringerer als
Schiller schrieb unter ihrem Eindruck die weithin weisenden Worte: »Die
Entdeckungen, welche unsere europäischen Seefahrer in fernen Meeren und
auf entlegenen Küsten gemacht haben, geben uns ein ebenso lehrreiches
als unterhaltendes Schauspiel. Sie zeigen uns Völkerschaften, die auf
den mannigfaltigsten Stufen der Bildung um uns herum gelagert sind,
wie Kinder verschiedenen Alters um einen Erwachsenen herumstehen und
durch ihr Beispiel ihm in Erinnerung bringen, was er selbst vormals
gewesen, und wovon er ausgegangen ist. Eine weise Hand scheint uns
diese rohen Völkerstämme bis auf den Zeitpunkt aufgespart zu haben,
wo wir in unserer eigenen Kultur weit genug würden fortgeschritten
sein, um von dieser Entdeckung eine nützliche Anwendung auf uns selbst
zu machen und den verlorenen Anfang unseres Geschlechts aus diesem
Spiegel wiederherzustellen.« Ich möchte mir wohl wünschen, daß meine
jungen Leser bei wiederholter Lektüre auch auf solche Dinge ein wenig
achtgäben.

In noch frischem Erinnern aus doch schon so fernen Jugendtagen
habe ich gemeint, den Erzählungen jenen eigenen Reiz, jenen
Schmetterlingsflügelstaub belassen zu sollen, der in der bisweilen
etwas altmodischen Sprache der zeitgenössischen Übersetzer liegt --
u. a. eines Georg Forster, dessen »Ansichten vom Niederrhein« mit Recht
ja noch heute als klassische Prosa gelten -- und nur nach heutigem
Sprachgebrauch völlig Veraltetes geändert. Und freilich das köstlich
barocke Deutsch Groebens, dessen »Guineische Reisebeschreibung« vor
rund 20 Jahren wieder entdeckt zu haben ich mich rühmen darf, habe
ich wohl oder übel in die Sprache unsrer Tage übertragen müssen; aber
auch so dürfte dieses in seiner humorvollen Eigenart einzig dastehende
Reisewerk der Wirkung gewiß sein. Gestrichen habe ich nur weniges, das,
was mir für den erwünschten Leserkreis zu langweilig oder sonstwie
ungeeignet erschien: astronomische, nautische Berechnungen und dgl.

Ich will mir schließlich noch wünschen, daß meine jungen Leser an dem
von Sturtevants Künstlerhand dem Buche beigegebenen Bilderschmuck
so viel Freude haben, wie ich sie empfinde. Der Künstler hat
mit bewunderungswürdigem Geschick hier malerische Wirkung mit
wissenschaftlicher Genauigkeit zu paaren verstanden. Alle Völkertypen,
alle Gerätschaften sind nach Originalaufnahmen und Gegenständen des
Berliner Völkerkundemuseums und meiner eigenen Sammlungen gezeichnet,
und so dürfte dieser Bilderschmuck in seiner Art etwas Besonderes
darstellen.

                                                Dr. _Adolf Heilborn_.

[Illustration]

[Illustration]




Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti

Von Kapitän _Samuel Wallis_


Am 18. Juni 1767, etwa 2 Uhr nachmittags, -- wir waren kaum eine
halbe Stunde lang unter Segel -- entdeckten wir ein sehr hohes Land
im Westsüdwesten. Da das Wetter trübe war und wir zugleich heftige
Windstöße auszustehen hatten, ließ ich den »Delphin« beilegen und
gedachte, die Nacht über, oder wenigstens bis der Nebel sich zerteilen
würde, zu treiben. Um 2 Uhr des Morgens wurde es ganz klar, und wir
gingen daher wieder unter Segel. Bei Tagesanbruch sahen wir das Land in
einer Entfernung von ungefähr fünf Seemeilen weit vor uns und steuerten
gerade darauf hin; als wir uns um 8 Uhr ihm näherten, mußten wir des
einsetzenden Nebels wegen wieder beilegen. Endlich zerteilte er sich
wieder, und wir wunderten uns nicht wenig, als wir uns von einigen
hundert Kanus umringt sahen, die sich uns unbemerkt genähert hatten.
Sie waren von verschiedener Größe und faßten bald mehr, bald weniger
Leute, eines bis zu zehn Mann. Auf allen mochten meiner Schätzung nach
nicht weniger als 800 Mann beisammen sein.

Nachdem sie sich dem Schiffe bis auf einen Pistolenschuß genähert
hatten, hielten sie stille, betrachteten und bestaunten uns und
besprachen sich untereinander. Mittlerweile zeigten wir ihnen allerlei
Spielsachen und luden sie ein, an Bord zu kommen. Es währte nicht
lange, so vereinigten sie sich und hielten eine Art Versammlung, um
unter sich eins zu werden, was zu tun sei; endlich ruderten sie um
unser Schiff herum und machten uns Freundschaftskundgebungen. Einer
von ihnen hielt den Zweig einer Banane empor und beehrte uns mit einer
Anrede, die ungefähr eine viertel Stunde dauerte, und bei deren Schluß
er den Zweig ins Meer warf. Wir fuhren noch immer fort, sie einzuladen,
zu uns an Bord zu kommen.

Endlich ließ sich ein ansehnlicher, starker, munterer junger Mann dazu
bewegen. Er kam an der Besanleiter am Hinterdeck herauf und sprang von
der hohen Bordwand auf das über dem Verdeck ausgespannte Segeltuch
herab. Wir winkten ihm, daß er auf das Verdeck herabkommen möchte,
und reichten ihm einige Kleinigkeiten hinauf. Er sah vergnügt aus,
wollte aber nichts annehmen, bis einige von seinen Landsleuten, die
sich ganz nahe an das Schiff gewagt hatten, nach dem Herleiern vieler
Worte etliche Bananenzweige uns an Bord zuwarfen. Als er dies sah, nahm
er unsere Geschenke an, und gleich nachher kamen einige andere dieser
Eingeborenen, der eine von hier, der andere von dort her ins Schiff;
denn keiner von ihnen wußte den rechten Zugang.

Einer von den Insulanern, die eben an Bord gekommen waren, stand auf
der linken Seite des Verdecks nahe am Gange, als es einer von unsern
Ziegen plötzlich einfiel, ihn von hinten mit ihren Hörnern gegen die
Hüften zu stoßen. Er erschrak über diesen Stoß, wandte sich eilfertig
um und sah die Ziege auf ihren Hinterfüßen aufgerichtet und in
Bereitschaft stehen, ihm noch eins zu versetzen. Der Anblick dieses
Tieres, das von allen, die er je gesehen, ganz verschieden sein
mochte, jagte ihm einen solchen Schreck ein, daß er augenblicklich über
Bord sprang, und alle seine Landsleute, die diesen Vorgang mitangesehen
hatten, folgten ihm mit größter Eile nach. Doch währte es nicht lange,
so erholten sie sich wieder von ihrer Bestürzung und kehrten an Bord
zurück.

[Illustration: Einer der Eingeborenen hielt den Zweig einer Banane
empor.]

Nachdem ich sie ein wenig an den Anblick unsrer Ziegen und Schafe
gewöhnt hatte, zeigte ich ihnen unsre Schweine und unser Federvieh.
Sie deuteten mir durch Zeichen an, daß sie solche Tiere wie diese
selbst hätten. Ich teilte hierauf Nägel und Kleinigkeiten unter sie
aus und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, sie möchten gehen und
uns einige von ihren Schweinen samt etwas Federvieh und Früchten an
Bord bringen; es schien aber, als ob sie meine Aufforderung nicht
verstehen könnten. Sie lauerten dagegen fleißig auf jede Gelegenheit,
irgend etwas zu stehlen, was ihnen eben in die Hand kam. Wir
ertappten sie aber gewöhnlich über der Tat. Endlich kam einer von den
Schiffsunteroffizieren, der von ungefähr einen neubetreßten Hut auf
dem Kopfe hatte, an die Stelle, wo sie standen, und fing an, sich mit
einem von ihnen durch Zeichen zu verständigen. Während er sich also
unterhielt, kam ein Eingeborener, riß ihm von hinten her plötzlich den
Hut vom Kopfe, sprang damit über das Heckbord in die See und schwamm
davon.

Weil wir nun an der Stelle, wo wir eben lagen, keinen rechten
Ankergrund hatten, steuerten wir längs der Küste hin und schickten zu
gleicher Zeit die Boote aus, näher an die Küste heranzufühlen. Die
Insulaner versuchten es, in ihren Kanus dem Schiffe zu folgen; da sie
aber keine Segel aufzuspannen hatten, blieben sie weit zurück und
ruderten daher bald wieder nach der Küste zu.

Das Land bietet den anmutigsten und romantischsten Anblick, der sich
erdenken läßt. Gegen die See hin ist es flach und mit Fruchtbäumen von
allerlei Arten, insbesondere mit Kokospalmen bewachsen; dazwischen
liegen die Häuser der Eingeborenen, die bloß aus einem Dache auf
Pfählen bestehen und von weitem einer langen Scheune nicht unähnlich
sind. Innerhalb des Eilandes und ungefähr drei Kilometer weit von der
See hört das flache Land auf und grenzt an hohe Berge, die mit Gehölz
bewachsen sind, und von deren obersten, sehr steilen Gipfeln große
Wasserfälle sich mit lautem Getöse ins Meer herabstürzen. Hier sahen
wir keine Sandbänke, dagegen war die Insel mit einer Reihe von Felsen
umgeben, zwischen denen jedoch oft die Einfahrt möglich ist.

[Illustration: Der Anblick dieses Tieres jagte ihnen Schrecken ein.]

Um 3 Uhr befanden wir uns einem großen Meerbusen gegenüber, und da
wir deshalb Ankergrund vermuteten, legten wir bei. Die Boote wurden
auch gleich zur Prüfung abgeschickt. Während ihrer Beschäftigung sah
ich, wie eine große Anzahl von Kanus sich um sie her versammelte.
Ich befürchtete, daß die Insulaner willens sein möchten, unsere Leute
anzugreifen. Da ich nun gern allem Unheil vorbeugen wollte, so gab
ich den Booten ein Zeichen, an Bord zurückzukommen, und feuerte, um
den Eingeborenen ein wenig Ehrfurcht einzuflößen, zu gleicher Zeit
eine neunpfündige Kugel über ihre Köpfe hinweg. Das Boot ruderte nun
dem Schiffe zu. Der Donner des Neunpfünders hatte zwar die Insulaner
erschreckt, doch ließen sie sich dadurch nicht abhalten, unseren
Booten nachzurudern, und als sie diese nach dem Schiff zurückkehren
sahen, suchten sie, einem von ihnen den Weg abzuschneiden. Da aber
dieses Boot schneller segeln konnte, als die Kanus ruderten, ließ es
die es umschwärmenden Eingeborenen bald hinter sich zurück. Inzwischen
lauerten ihm verschiedene andere, die mit Insulanern gefüllt waren,
unterwegs auf und warfen mit Steinen nach der Mannschaft, wodurch auch
wirklich einige Bootsleute verwundet wurden. Der Offizier im Boot
feuerte hierauf eine mit Schrot geladene Flinte auf den Mann, der
den ersten Stein geworfen hatte, und verwundete ihn an der Schulter.
Sobald die übrigen Kanuinsassen die Verwundung ihres Kameraden sahen,
sprangen sie ins Meer, und die anderen Eingeborenen ruderten äußerst
bestürzt und erschrocken hinweg. Nachdem unsere Boote wieder am Schiffe
beigelegt hatten, ließ ich sie an Bord nehmen, und gerade wollten wir
wieder weitersegeln, als wir ein großes Kanu uns nachsetzen sahen.

Da ich vermutete, daß sich in ihm vielleicht irgendeiner von den
Anführern dieser Leute oder sonst jemand befinden könnte, der
abgeschickt wäre, um mir eine Botschaft vom Oberhaupte zu bringen,
hielt ich für gut, es zu erwarten. Es segelte sehr schnell und war
bald an dem Schiffe, wir konnten aber unter allen Insassen keinen
unterscheiden, der etwas mehr als der andere vorgestellt hätte. Jedoch
stand endlich einer von ihnen auf, hielt eine Anrede, die ungefähr
5 Minuten dauerte, und warf alsdann einen Bananenzweig an Bord.
Dies hielten wir für ein Friedenszeichen und erwiderten es, indem
wir einen von den Zweigen, die von den vorigen Insulanern im Schiff
zurückgelassen waren, dem Redner über Bord reichten. Mit diesem und
einigen Kleinigkeiten, die wir ihm nachher schenkten, schien er sehr
vergnügt zu sein und ruderte bald darauf mit seinem Kanu wieder weg.

Die Offiziere, die mit den Booten ausgeschickt worden waren,
berichteten mir, daß sie hart an der Klippenreihe gelotet und hier
ebenso tiefes Wasser wie an den andern Inseln gefunden hätten. Da ich
aber auf der Seite der Insel war, die gegen den Wind hin lag, so konnte
ich mit einiger Wahrscheinlichkeit erwarten, daß ich Ankergrund finden
würde, wenn ich _unter_ dem Winde hinsegelte. Ich steuerte also in
dieser Richtung, fand aber, daß am südlichen Ende eine Menge Klippen
sehr weit in See hinausliefen; ich faßte also den Wind näher und fuhr
die ganze Nacht über fort, gegen den Wind zu steuern, um auf solche
Weise längs der Ostseite der Insel hinlaufen zu können.

Um 5 Uhr morgens gingen wir wieder unter Segel. Eine merkwürdige
Spitze, die einem Zuckerhute ähnlich sah, lag in Nordnordosten.
Wir waren in dieser Lage ungefähr zwei Seemeilen weit vom Lande;
dieses hatte hier ein sehr anmutiges Äußere und war mit Häusern der
Eingeborenen weithin besät. Nahe an der Küste sahen wir verschiedene
große Kanus unter Segel, sie steuerten aber nicht auf uns zu. Um Mittag
waren wir zwei bis drei Kilometer von der Insel entfernt. Wir setzten
unsern Lauf immer längs der Küste fort, bald kamen wir ihr auf eine
halbe Seemeile nahe, bald hielten wir uns vier bis fünf Meilen von
ihr entfernt, nirgends aber hatten wir bisher Ankergrund gefunden. Um
6 Uhr abends befanden wir uns einem schönen Flusse gegenüber, und da
die Küste hier ein besseres Aussehen hatte, als an irgendeiner andern
Stelle, beschloß ich, die ganze Nacht hindurch auf und ab zu steuern
und am Morgen zu versuchen, Grund zu finden. Sobald es finster war,
sahen wir sehr viele Lichter längs der ganzen Küste.

Bei Tagesanbruch schickten wir die Boote zur Prüfung aus, und bald
nachher gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß sie einen
35 Meter tiefen Ankergrund gefunden hätten. Dies verursachte eine
allgemeine und unbeschreiblich große Freude; wir liefen augenblicklich
gegen den Strand hin und kamen in 30 Meter auf einem reinen Sandgrunde
vor Anker. Wir lagen ungefähr eine Seemeile weit von der Küste und
einem schönen Flusse gegenüber.

Sobald wir das Schiff gesichert hatten, schickte ich die Boote aus,
um längs der Küste hin zu fahren und zugleich die Stelle, an der wir
die Flußmündung sahen, in Augenschein zu nehmen. Um diese Zeit kam
eine beträchtliche Anzahl von Kanus vom Lande her ans Schiff; sie
brachten Schweine, Federvieh und Früchte in großer Menge mit sich und
überließen uns alles gegen kleine Spielsachen und Nägel. Wir bemerkten,
daß, sobald unsre Boote gegen die Küste hinruderten, die Kanus, von
denen die meisten doppelt und sehr groß waren, ihnen nachsegelten.
Solange sie noch in der Nähe unsres Schiffes waren, blieben die Kanus
in achtungsvoller Entfernung; sobald aber die Boote von uns weg gegen
die Küste liefen, wurden die Wilden kühner, und endlich rannten gar
drei von ihren größten Kanus gegen eins von unsern Booten, stießen
dessen Verdeck ein und rissen seine Ausleger hinweg. Die Insulaner
machten sogar Miene, mit Keulen und Rudern unser Boot zu entern. Da
meine Leute derart sehr ins Gedränge kamen, sahen sie sich genötigt,
Feuer zu geben. Einer von den Angreifern wurde durch die Salve getötet,
ein anderer schwer verwundet. Beide fielen gleich, wie sie getroffen
waren, über Bord; augenblicklich sprangen ihnen alle ihre Landsleute,
die in demselben Kanu gesessen waren, in die See nach, die andern
beiden Kanus aber zogen sich zurück, so daß unsere Boote von nun an
ungehindert weitersegelten. Sobald die in See gesprungenen Eingeborenen
sahen, daß unsere Boote sich entfernten, ohne ihnen weiter Schaden zu
tun, schwammen sie ihrem Kanu nach, schwangen sich hinein und hoben
ihre verwundeten Landsleute an Bord. Sie stellten sie aufrecht in das
Kanu, um zu sehen, ob sie stehen könnten; da aber die armen Verwundeten
sich nicht aufrecht halten konnten, versuchten sie zu sitzen. Einer
von ihnen war stark genug dazu und wurde in dieser Lage unterstützt;
als sie jedoch hernach den andern völlig tot fanden, legten sie seinen
Leichnam der Länge nach ausgestreckt in das Boot. Hierauf ruderten
einige Kanus ans Land, kehrten aber wieder an das Schiff zurück, um
mit uns zu handeln. Man sah also wohl, daß sie aus unserm Betragen
unsre Friedfertigkeit erkannt hatten, und daß sie nichts zu befürchten
hätten, solange sie uns ehrlich nahten, und sie mußten sich auch wohl
bewußt sein, daß sie alle Schuld an dem Vorgefallenen einzig sich
allein beizumessen hatten.

[Illustration: Nahe an der Küste sahen wir verschiedene große Kanus
unter Segel.]

Die Boote beschäftigten sich indessen bis Mittag vor der Küste und
kamen alsdann mit dem Berichte zurück, daß der Grund sehr rein sei, daß
die Küste ungefähr eine viertel Meile von der See weit etwa 9 Meter
tief sei, daß aber an dem Orte, wo wir den Fluß gesehen hatten, sehr
hohe Brandung an den Strand schlage. Die Offiziere sagten mir, daß es
an der Küste von Eingeborenen wimmle, und daß viele von ihnen an das
Boot geschwommen wären und ihnen einige Früchte und auch etwas frisches
Wasser gebracht hätten; dieses Wasser hatten sie in Bambusgefäßen
aufbewahrt. Unsere Leute berichteten auch, die Insulaner hätten sie
recht bestürmt, mit ihnen an Land zu gehen.

Des Nachmittags schickte ich die Boote wiederum an Land. Ich gab ihnen
etliche kleine Fäßchen mit, die oben gefüllt werden und einen Handgriff
haben, an dem man sie trägt. Ich befahl ihnen, sie sollten sich Mühe
geben, ein wenig frisches Wasser zu bekommen, weil wir bereits damals
anfingen, Wassermangel zu leiden. Unterdessen blieben noch immer viele
Kanus um unser Schiff herum, weiter ließ ich sie jedoch nicht kommen;
denn die Insulaner hatten mich schon so oft und so vielfältig betrogen
und bestohlen, daß ich mir vornahm, zunächst keinen mehr an Bord zu
lassen.

Um 5 Uhr nachmittags kehrten die Boote zurück, sie brachten aber nicht
mehr als zwei Fäßchen Wassers mit. Diese beiden Fässer hatten die
Eingeborenen für sie gefüllt, für ihre Mühe aber hatten sie sich ohne
weiteres mit den übrigen Gefäßen bezahlt gemacht. Unsere Leute wollten
sich nicht an Land wagen, damit das Boot nicht unbesetzt bliebe; sie
ließen indes vom Boote aus kein Mittel unversucht, um die Insulaner zu
bewegen, die Wassergefäße wieder zurückzugeben. Doch da war alle Mühe
umsonst. Die Eingeborenen legten ihrerseits unseren Leuten dringend
ans Herz, zu landen; diese folgten jedoch dem Gebote der Klugheit und
lehnten ab. Als unsere Boote wegruderten, befanden sich ihrer Aussage
nach viele Tausende von Eingeborenen beiderlei Geschlechts und eine
große Anzahl Kinder am Strande.

Am folgenden Morgen schickte ich die Boote von neuem an Land, Wasser zu
holen. Ich ließ sie Nägel, Beile und mehr dergleichen Dinge mitnehmen,
durch die sie meiner Ansicht nach die Freundschaft der Eingeborenen
am leichtesten erlangen könnten. Mittlerweile kam vom Lande her
eine große Anzahl von Kanus an das Schiff; die Leute brachten uns
Brotfrucht, Bananen, eine Frucht, die einem Apfel ähnlich sah, aber
ungleich wohlschmeckender war als dieser, auch Federvieh und Schweine.
Alle diese Eßwaren überließen sie uns gegen einige Glasperlen, für
Nägel, Messer und dergleichen mehr, und wir bekamen gleich dieses Mal
Schweinefleisch genug, daß unsere ganze Schiffsmannschaft zwei Tage
lang damit gespeist werden konnte und jeder Mann ein Pfund davon bekam.

Als die Boote zurückkamen, brachten sie uns nur einige wenige
Kalebassen Wassers mit; mehr hatten sie nicht bekommen können, weil
die Anzahl der Leute auf dem Strande so groß war, daß sie es nicht
wagen wollten, an Land zu gehen. Die Eingeborenen suchten alles
hervor, um unsere Leute zum Landen zu reizen: sie brachten Früchte
und Lebensmittel allerlei Art, legten diese am Strande nieder und
luden unsere Leute durch Zeichen ein, ihnen diese Vorräte verzehren zu
helfen. Nichtsdestoweniger blieben diese fest; sie zeigten von ihrem
Boote aus den Insulanern die Wasserfäßchen und forderten sie auf, die
gestern verlorengegangenen wieder zurückzubringen. Dagegen blieben die
Eingeborenen ebenfalls taub; unsere Leute lichteten also ihre Anker,
sondierten in der ganzen Gegend herum, um zu sehen, ob das Schiff nicht
näher gegen die Küste landen könnte, daß es die Wasserholer hätte
beschützen können, und hätten sich in diesem Falle nicht gescheut,
der ganzen Insel zum Trotz an Land zu gehen. Als sie mit dieser
Untersuchung fertig waren und sich alsdann vom Ufer entfernten, warfen
die Weiber mit Äpfeln und Bananen hinter ihnen drein, lachten sie
tüchtig aus und ließen alle ersinnlichen Merkmale von Verachtung und
Hohn gegen sie blicken. Meine Leute meldeten mir, daß 400 Meter weit
von der Küste der Grund sandig und das Wasser 7 Meter tief sei, daß es
noch einige Kabeltaulängen weiter vom Strande 9 Meter Tiefe gäbe, und
daß also das Schiff an einer dieser beiden Stellen gut vor Anker liegen
könnte. Der Wind blies hier gerade längs der Küste und verursachte eine
hohe Brandung sowohl gegen das Schiff als gegen den Strand hin.

Den folgenden Morgen lichteten wir also bei Tagesanbruch wiederum
die Anker, in der Absicht, den »Delphin« nahe an der Wasserstelle
festzulegen. Als wir aber zu diesem Zweck weiter gegen den Wind
hinsegelten, entdeckten wir vom Mastkorbe aus über das Land hinweg
einen Meerbusen, der ungefähr 6-8 Kilometer weit unter dem Winde von
uns liegen mochte. Wir steuerten sogleich darauf zu und schickten die
Boote mit dem Senkblei voran. Um 9 Uhr gaben die Boote das Zeichen, daß
sie in einer Tiefe von 21 Meter Grund gefunden hätten; diese Gegend war
von einer Reihe von Klippen umgeben, um die wir herumlaufen mußten,
ehe wir an den Ort hinsteuern konnten, wo die Boote lagen. Als wir
nicht mehr weit von ihnen und gleichsam mitten zwischen beiden waren,
stieß das Schiff auf Grund. Das Vorderteil saß unbeweglich fest, das
Hinterteil hingegen war frei; wir warfen augenblicklich das Senkblei
aus und fanden, daß die Tiefe des Wassers auf den Klippen oder auf der
Untiefe von 31 auf 6 Meter abnahm. Wir beschlugen also in größter
Eile alle Segel und warfen alles alte Geräte, das damals an Bord war,
in die See. Zu gleicher Zeit setzten wir das lange Boot auf Wasser,
legten den Strom- und den kleinen Anker mit allem dazugehörigen Tauwerk
hinein und ließen das Boot über die Untiefe hinauslaufen. Hier sollte
die Mannschaft die Anker fallen lassen, und wenn diese nur Grund gefaßt
hätten, hoffte ich, der »Delphin« würde mit Hilfe der Schiffswinde von
den Klippen abgebracht werden können. Allein zum Unglück fand sich
über die Untiefe hinaus kein Grund. Unser Zustand war in dieser Lage
ziemlich gefährlich zu nennen. Das Schiff schlug noch immer sehr heftig
gegen die Felsen, und wir waren von vielen hundert Kanus umringt, die
alle vollbesetzt waren. Ihrer Menge ungeachtet versuchten sie indessen
doch nicht, sich an Bord zu wagen, sondern es schien, als wollten
sie ruhig unser Scheitern erwarten. Eine ganze Stunde lang brachten
wir in dieser Gefahr voller Schreck und Angst zu, ohne daß wir zur
Befreiung des Schiffs viel unternehmen konnten. Endlich erhob sich zum
Glück ein günstiger Wind vom Lande her, und durch dessen Beihilfe kam
das Vorderteil des Schiffes wieder los. Nun ließen wir sogleich alle
Segel fallen, und es währte auch nicht lange, so geriet das Schiff in
Bewegung, und in kurzer Zeit befanden wir uns wieder in tieferem Wasser.

Darauf entfernten wir uns schleunigst von dieser gefährlichen Stelle
und schickten die Boote unter dem Winde hin, um die Untiefe gehörig
untersuchen zu lassen. Sie fanden, daß der Klippenzug sich ungefähr
anderthalb Kilometer weit gen Westen in die See erstreckte, und daß
zwischen Land und Klippenzug ein sehr guter Hafen lag. Der Bootsmann
ließ also eines unsrer Boote am Ende der Klippen stillegen und
einen Anker nebst kleinen Kabeltauen und eine tüchtige Wache an Bord
des langen Bootes bringen, um es gegen alle Angriffe der Insulaner
verteidigen zu können. Nachdem er damit fertig war, kam er selbst an
Bord zurück und führte das Schiff um die Reihe von Klippen herum in den
Hafen, wo wir um 12 Uhr in 30 Meter Tiefe auf einem guten Grunde von
schwarzem Sand endlich vor Anker kamen.

Bei genauer Untersuchung fand sich, daß an der Stelle, wo das Schiff
auf die Klippen geraten war, sich eine Reihe schroffer Korallenfelsen
erhob, und daß das Wasser innerhalb dieser Riffe sehr ungleich von 10
zu 3½ Meter tief war. Zu unserm Unglück lag diese Stelle gerade
zwischen den beiden Booten, die wir vorausgeschickt hatten, um uns die
Hafeneinfahrt zu weisen. Die Leute in den Booten vermuteten indessen
nicht, daß zwischen ihren Standplätzen eine solche Gefahr drohen könne;
denn das eine Boot gegen den Wind hin befand sich in einer Tiefe von
21 und das andere unter dem Wind in einer Tiefe von 16 Meter Wasser.
Kaum waren wir von diesen Felsenklippen losgekommen, als der Wind
stärker zu wehen anfing, und obgleich er sich bald wieder legte, ging
doch die Brandung so hoch und brach sich so ungestüm am Felsen, daß,
wenn das Schiff eine halbe Stunde länger darauf festsitzen geblieben
wäre, es unvermeidlich hätte zerschellen müssen. Wir untersuchten nun
den Kiel, konnten aber keinen andern Schaden daran entdecken, als daß
ein kleines Stück am Vorderteil des Steuerruders fehlte und vermutlich
abgebrochen sein mußte. Es schien nicht, als ob wir ein Leck bekommen
hätten. Unsere Boote büßten auf der Klippenreihe ihre kleinen Anker
ein; da wir indessen hoffen durften, daß das Schiff selbst keinen
Schaden gelitten hätte, ließen wir uns diesen Verlust nicht sehr zu
Herzen gehen. Sobald der »Delphin« gehörig gesichert war, ließ ich alle
unsere Boote bewaffnen und bemannen und schickte sie mit dem Bootsmann
aus, um den oberen Teil des Meerbusens zu untersuchen, damit wir, wenn
wir dort einen guten Ankerplatz fänden, das Schiff vermittels seiner
Anker- und Kabeltaue innerhalb des Klippenzuges weiter hinaufziehen und
alsdann sicher vor Anker legen könnten. Auf dem Klippenzuge lag eine
große Anzahl von Kanus, und die Küste wimmelte von Leuten. Das Wetter
war endlich wieder sehr angenehm geworden.

Um 4 Uhr nachmittags kam der Bootsmann mit dem Berichte zurück, daß
es in dieser Gegend überall guten Ankergrund gäbe. Ich entschloß mich
daher, am folgenden Morgen den »Delphin« die Bucht hinaufziehen zu
lassen, und teilte unterdessen die Mannschaft in vier Wachen, wovon
allezeit eine unter Gewehr bleiben mußte. Die Kanonen ließ ich alle
laden und Pulver auf die Zündlöcher streuen; in die Boote ließ ich
Musketen bringen und befestigen und befahl dem Rest der Mannschaft, der
nicht auf Wache war, daß sich ein jeder auf dem angewiesenen Platze
einfinden sollte, sobald es befohlen würde. Längs der Küste schwärmte
eine große Anzahl von Kanus umher; einige von ihnen waren sehr groß und
stark bemannt, andere, die viel kleiner waren, kamen mit Schweinen,
Federvieh und Früchten beladen zu uns ans Schiff. Wir handelten ihnen
diese Lebensmittel immer dergestalt ab, daß wir und sie mit dem Handel
zufrieden sein konnten. Bei Sonnenuntergang ruderten alle Kanus an Land
zurück.

Am folgenden Morgen um 6 Uhr fingen wir an, das Schiff in den Hafen
hinaufzuziehen, und bald darauf stellte sich eine große Menge von Kanus
am Heck des »Delphins« ein. Da ich sah, daß sie Schweine, Federvieh
und Früchte an Bord hatten, befahl ich den Offizieren, diese Vorräte
gegen Messer, Nägel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten einzutauschen,
und ordnete zu gleicher Zeit an, daß außer den hierzu ernannten
Personen niemand im ganzen Schiff sich auf den Handel einlassen dürfe.
Um 8 Uhr hatte sich die Anzahl der Kanus sehr vermehrt, und die zuletzt
herangekommenen waren große Kanus mit 12-15 Mann Besatzung. Ich sah
zu meinem größten Mißvergnügen, daß sie eher zum Krieg als zum Handel
ausgerüstet waren, indem sie fast nichts als runde Kieselsteine an
Bord hatten. Da mein erster Leutnant noch immer sehr krank war, so
ließ ich Leutnant Fourneaux holen und trug ihm auf, die zur vierten
Wache beorderten Matrosen beständig unter Gewehr zu halten, indessen
ich durch den Rest der Mannschaft das Schiff in den Hafen weiter
hinaufziehen lassen würde. Mittlerweile kamen von der Küste her
unaufhörlich neue Kanus heran, die eine ganz andere Art von Ladung an
Bord hatten, nämlich eine Anzahl von Frauen. Unterdessen zogen sich
die mit Kieselsteinen bewaffneten Kanus immer näher um unser Schiff
zusammen; einige der Insassen sangen mit rauher Stimme, andere bliesen
auf großen Muscheln, andere auf Flöten. Es währte nicht lange, so gab
ein auf einer Art von Traghimmel auf einem der größten Doppelkanus
sitzender Mann ein Zeichen, daß er neben unserm Schiff anlegen wolle.
Ich ließ meine Einwilligung erkennen, und als er hierauf dicht an das
Schiff kam, reichte er einem von unsern Matrosen ein Bündel von roten
und gelben Federn und verlangte durch Zeichen, ich solle das Geschenk
annehmen. Ich nahm es auch unter vielen Freundschaftsbezeigungen zu
mir und hieß sogleich einige Kleinigkeiten herbeibringen, um ihm
diese anzubieten. Allein zu meiner großen Verwunderung hatte er sich
während dieser Zeit schon wieder vom Schiffe entfernt und warf den
Zweig eines Kokosbaumes in die Luft. Dies war, wie ich sogleich erfuhr,
das Zeichen zum Angriff; denn auf allen Kanus erhob sich plötzlich ein
allgemeines Jauchzen. Sie ruderten schnell gegen das Schiff an und
ließen von allen Seiten her einen Hagel von Steinen hineinprasseln. Da
sie uns auf solche Weise förmlich angegriffen hatten und nichts als
unsere Waffen uns gegen eine solche Menge schützen konnte, befahl ich
der Wache zu feuern. Zwei von den auf Verdeck befindlichen Kanonen, die
ich mit Kugeln hatte laden lassen, wurden ebenfalls fast zu gleicher
Zeit abgefeuert, und die Eingeborenen gerieten dadurch in nicht geringe
Bestürzung. Doch in einigen Minuten hatten sie sich wieder erholt und
griffen uns zum zweiten Male an. Mittlerweile hatte sich ein jeder
von uns auf seinem angewiesenen Platze eingefunden; ich befahl zudem,
daß die großen Kanonen abgefeuert und einige davon stets auf einen
gewissen Punkt an der Küste gerichtet werden sollten, wo eine große
Menge von Kanus noch immer frische Mannschaft einnahm und in der
größten Geschwindigkeit gegen das Schiff heransegelte. Als das schwere
Geschütz anfing zu spielen, waren gewiß nicht weniger als 300 Kanus,
die zusammen wohl an 2000 Mann an Bord haben mochten, um den »Delphin«.
Viele Tausende waren noch an der Küste, und eine Menge anderer Kanus
kam außerdem von allen Seiten auf uns los.

Das Feuer trieb endlich die Kanus, die nahe dem Schiff hielten, hinweg
und schreckte auch die andern ab, näher zu kommen. Sobald ich sah, daß
sie sich zurückzogen und die andern sich ruhig verhielten, ließ ich
augenblicklich das Feuern einstellen in der Hoffnung, daß sie jetzt
hinlänglich überzeugt wären, wie sehr wir ihnen überlegen, und daß
sie daher das Gefecht nicht weiter fortsetzen würden. Hierin irrte
ich mich aber zum Unglück; eine große Anzahl von Kanus, die zerstreut
worden waren, stießen wieder zusammen, lagen eine kleine Zeit über
stille und beobachteten das Schiff in einer Entfernung von ungefähr
einer viertel Meile, steckten alsdann weiße Wimpel auf, ruderten
gegen das Hinterteil des Schiffes zu und fingen wie zuvor an, aus
beträchtlicher Entfernung mit großer Stärke und Geschicklichkeit Steine
hineinzuschleudern. Jeder von diesen Steinen wog ungefähr zwei Pfund,
und viele von unseren Leuten an Bord wurden durch sie verwundet; ohne
Zweifel hätten wir noch mehr Schaden gelitten, wenn nicht ein Segeltuch
zum Schutz gegen die Sonne über das ganze Verdeck aufgespannt und die
Hängematten mitten im Schiff in Netzen wären aufgehängt gewesen. Zu
gleicher Zeit näherten sich verschiedene, stark bemannte Kanus dem
Bug des Schiffes, vermutlich weil sie bemerkt hatten, daß von diesem
Teile noch kein Schuß war abgefeuert worden. Ich ließ daher einige
Kanonen nach vorn bringen, genau richten und auf diese Kanus feuern.
Zu gleicher Zeit ließ ich zwei Kanonen am Hinterteil herausführen und
diese hauptsächlich auf die Angreifenden richten.

Unter den Kanus, die gegen den Bug angriffen, befand sich eines, das
irgendeinen von ihren Anführern an Bord haben mußte, weil von diesem
Kanu aus das Zeichen gegeben worden war, auf das sich die andern
zurückgezogen hatten. Es traf sich, daß ein von den andern Kanonen
abgefeuerter Schuß eben dieses Kanu so genau traf, daß er es mitten
durchriß. Sobald die übrigen dies sahen, hielten sie nicht länger
stand, sondern zerstreuten sich so geschwind, daß binnen einer halben
Stunde kein einziges Kanu mehr zu sehen war. Das Volk, das sich vorher
an den Strand begeben hatte, floh ebenfalls in größter Eile über das
Gebirge.

Da wir nun keine begründete Besorgnis mehr zu haben brauchten, von
neuem gehindert zu werden, zogen wir das Schiff vollends in den
Hafen hinein, und um Mittag befanden wir uns kaum mehr eine halbe
Seemeile weit von dem oberen Teile des Meerbusens, nicht ganz zwei
Kabeltaulängen von einem schönen Flusse und ungefähr 90 Meter weit von
der verborgenen Klippenreihe. Wir hatten auf diesem Fleck 16 Meter
Wassertiefe, hart an der Küste waren es 9 Meter, so daß wir hier Anker
werfen konnten. Wir brachten auch die 8 Kanonen, die ich vordem in
den Schiffsraum hatte hinabschaffen lassen, wieder hinauf und an ihre
Plätze. Sobald das geschehen war, schickte ich die Boote aus, daß sie
ringsherum sondieren sollten, befahl ihnen auch, daß, wenn sich jemand
von den Eingeborenen an der Küste sollte blicken lassen, sie so gut wie
möglich die Gegend daselbst untersuchen möchten, um festzustellen, ob
wir etwa einen neuen Angriff von den Eingeborenen zu befürchten hätten.

Der ganze Nachmittag und ein Teil des folgenden Morgens wurden mit
diesen Arbeiten zugebracht. Um Mittag kam der Bootsmann mit einer
ungefähren Karte des Meerbusens zurück. Er meldete mir, daß sich
kein Kanu habe blicken lassen und daß die Landung überall bequem zu
bewerkstelligen sei. Kurz nachdem mir der Bootsmann diesen Bericht
abgestattet hatte, ließ ich alle unsere Boote bemannen und bewaffnen
und schickte damit Herrn Fourneaux nebst einer Abteilung Seesoldaten
mit dem Auftrag ab, dem Ankerplatz des Schiffes gegenüber zu landen und
unter der Bedeckung der Boote und des »Delphins« an einem vorteilhaften
Punkt Stellung zu beziehen.

[Illustration: Als er ans Land stieg, kroch er auf Händen und Füßen
heran.]

Um 2 Uhr landeten die Boote ohne den geringsten Widerstand. Herr
Fourneaux richtete alsbald einen Mast auf, ließ den Wimpel flattern,
ein Stück Rasen umgraben und nahm damit von der Insel im Namen Seiner
Majestät Besitz, zu deren Ehren er sie »König Georgs des Dritten Insel«
nannte. Hierauf ging er an den Fluß und kostete das Wasser, das er
von vortrefflichem Geschmack fand; er ließ also etwas davon schöpfen,
goß ein wenig Rum dazu, und seine Leute tranken eine Runde auf die
Gesundheit Seiner Majestät.

An dem Flusse, der 12 Meter breit und so seicht war, daß man
hindurchwaten konnte, erblickte er jenseits zwei alte Männer, die,
sobald sie sich entdeckt sahen, eine flehende Stellung annahmen und
dabei sehr bestürzt und erschrocken zu sein schienen. Herr Fourneaux
winkte ihnen, daß sie über den Fluß kommen sollten, was auch der eine
tat. Als er diesseits ans Land stieg, kroch er auf Händen und Füßen zu
Herrn Fourneaux heran. Dieser hob ihn aber sogleich auf und zeigte ihm,
als er zitternd dastand, einige der ins Schiff geworfenen Steine, wobei
er ihm zu verstehen gab, daß wir unsrerseits den Eingeborenen keinen
Schaden tun würden, wenn sie nicht selbst versuchten, uns anzugreifen.
Er ließ zwei von den Wasserfässern füllen, um zu zeigen, daß wir Wasser
verlangten, und wies ihm einige Beile und andere Dinge, zum Zeichen,
daß wir Lebensmittel dagegen eintauschen wollten. Während dieser
pantomimischen Unterredung faßte der alte Mann wieder einigen Mut, und
Herr Fourneaux schenkte ihm zur Bestätigung seiner Freundschaft ein
Beil, etliche Nägel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Hierauf stieg
er mit seinen Leuten wieder in die Boote und ließ den Wimpel wehend am
Strande zurück.

Sobald die Boote vom Lande abgestoßen waren, ging der Greis zu
dem Wimpel hin und tanzte eine geraume Zeit lang um ihn herum;
dann entfernte er sich, kam aber bald nachher mit einigen grünen
Zweigen zurück, die er hinwarf, um sich alsbald zum zweiten Male
hinwegzubegeben. Doch währte es nicht lange, so kam er in Begleitung
von zwölf andern wieder zum Vorschein; alle nahmen eine demütige
Haltung ein und näherten sich langsam und ehrfurchtsvoll dem Wimpel.
Weil er aber zufällig im Winde stark flatterte, als sie ihm nahe
kamen, flohen sie in größter Bestürzung. Nachdem sie eine kleine
Zeitlang von ferne gestanden, gingen sie plötzlich davon und brachten
dann zwei lebendige Schweine zurück, die sie am Fuße des Wimpelmastes
niederlegten. Endlich faßten sie Mut und fingen an zu tanzen. Als diese
Zeremonie beendet war, brachten sie die Schweine an den Strand hinab,
stießen ein Kanu ins Wasser und legten die Schweine hinein. Der Greis,
der einen langen weißen Bart hatte, setzte sich sodann ganz allein zu
diesen Tieren und brachte sie ans Schiff. Als er neben dem »Delphin«
anlegte, reichte er uns einige grüne Bananenblätter nacheinander
herein und sprach bei jedem in einem feierlichen, langsamen Tone ein
paar Worte. Nachdem er endlich damit fertig war und auch die Schweine
hereingereicht hatte, drehte er sich um und wies auf das Land. Ich
befahl, ihm einige Geschenke zu geben, die er aber nicht annahm. Kurz
darauf stieß er sein Kanu vom Schiffe ab und fuhr ans Land zurück.

Bald nachdem es finster geworden war, hörten wir das Lärmen vieler
Trommeln, großer Muscheltrompeten und anderer Blasinstrumente. Wir
sahen auch eine Menge Lichter längs der ganzen Küste sich bewegen.

Um 6 Uhr des Morgens, als wir keinen von den Eingeborenen an der Küste
erblickten, dagegen aber den Wimpel entfernt sahen -- den die Insulaner
vermutlich, wie in der Fabel die Frösche ihren königlichen Klotz,
hatten verachten lernen --, befahl ich dem Leutnant, eine Wache mit
an Land zu nehmen und, wenn alles ruhig wäre, es uns zu melden, damit
wir mit der Füllung unserer Wasserfässer beginnen könnten. Bald darauf
ließ er mir zu meiner Freude melden, daß er bereits eine Anzahl von
Wasserfässern habe an Land bringen lassen; um 3 Uhr hatten wir schon
4 Tonnen voll an Bord. Während unsere Leute mit dem Füllen beschäftigt
waren, erschienen einige von den Eingeborenen am jenseitigen Ufer unter
Anführung des Greises, den der Offizier am Tage vorher gesehen hatte.
Bald kam der alte Mann herüber und brachte einige Früchte und etwas
Federvieh mit, das uns dann an Bord geschickt wurde.

Ich war um diese Zeit schon seit ungefähr 14 Tagen sehr krank und
befand mich eben damals so schwach, daß ich kaum herumkriechen
konnte. Da ich nun nicht selbst an Land gehen konnte, gebrauchte ich
mein Fernglas, um vom Schiffe aus zu sehen, was an Land vorging. Um
9 Uhr kam eine Menge von Eingeborenen über den Berg marschiert, der
ungefähr eine Meile weit von dem Strome ab liegen mochte. Zu gleicher
Zeit entdeckte ich eine große Anzahl von Kanus, die um die westliche
Landspitze herumliefen und längs der Küste sich näherten. Ich blickte
hierauf nach der Wasserstelle und bemerkte dahinter, wo die Aussicht
freilag, eine zahlreiche Schar von Eingeborenen, die unter den
Gebüschen hinschlichen. Zugleich entdeckte ich eine unzählbare Menge
Wilder, die in den Wäldern gegen die Wasserstelle anrückten, und noch
mehrere Kanus, die sehr schnell um die andere Landspitze der Bucht
gegen Osten herkamen.

Ich erschrak über diese Anstalten und fertigte sogleich ein Boot ab, um
dem Offizier am Lande hinterbringen zu lassen, was ich gesehen hatte,
und ihm zu befehlen, augenblicklich mit seiner Mannschaft wieder an
Bord zurückzukommen, ja, im Notfall die Fässer zurückzulassen. Jedoch
er hatte bereits die ihm drohende Gefahr selbst entdeckt und war
ungeheißen an Bord seines Bootes gegangen, noch ehe meine Botschaft ihn
erreichte. Sobald er inne ward, daß die Eingeborenen sich den Schatten
des Waldes zunutze machten, um heimlich gegen ihn heranzuschleichen,
schickte er sogleich den Greis an sie ab und gab ihnen durch Zeichen zu
verstehen, daß sie in einer gewissen Entfernung bleiben sollten, und
daß er nichts als Wasser verlange. Als sie merkten, daß sie entdeckt
waren, fingen sie an, zu rufen, und rückten noch geschwinder gegen
ihn an. Der Offizier zog sich augenblicklich mit seiner Mannschaft
in die Boote zurück. Während seines Rückzuges waren die Eingeborenen
über den Fluß gegangen und hatten unter lautem Freudengeschrei Besitz
von den Wasserfässern genommen. Ihre Kanus fuhren nun aufs schnellste
längs der Küste zum Wasserplatze, und alles Volk lief ebendahin. Eine
Menge von Frauen und Kindern aber rannte auf einen Berg, von wo aus
sie den Meerbusen und den Strand übersehen konnten, und ließ sich hier
nieder. Sobald die Kanus von beiden Landspitzen der Bucht her in die
Gegend kamen, wo unser Schiff vor Anker lag, stießen sie an Land und
nahmen noch immer mehr Leute auf, die große Säcke trugen. Diese waren,
wie sich später herausstellte, mit Steinen gefüllt. Nunmehr näherten
sich alle Kanus unserem Schiffe. Ich durfte also wohl nicht mehr
länger daran zweifeln, daß die Eingeborenen ihr Kriegsglück in einem
neuen Angriff zu versuchen trachteten. Da nun meiner Meinung nach das
sicherste Mittel zur Verminderung des Unheils war, den Kampf möglichst
kurz zu gestalten, beschloß ich, ein für alle Male den Feindseligkeiten
ein entschiedenes Ende zu machen.

Ich befahl daher meinen Leuten, die alle die ihnen angewiesenen
Plätze eingenommen hatten, zunächst auf die Kanus zu feuern, welche
schon in hellen Haufen auf dem Plan erschienen. Dies geschah auch
augenblicklich mit solchem Nachdruck, daß alle Kanus im Westen der
Bucht in voller Hast an den Strand eilten, während die im Osten
alsbald um die Klippenreihe herumruderten, um sich der Wirkung unserer
Kanonen zu entziehen. Darauf richtete ich das Feuer nach verschiedenen
Gegenden des Waldes, so daß die Eingeborenen bald daraus vertrieben
wurden und den Berg hinaufrannten, wo die Frauen und Kinder sich
niedergesetzt hatten, um der Schlacht zuzusehen. Auf diesem Berge
befanden sich nunmehr viele Tausende, die sich hier für vollkommen
sicher hielten. Um sie aber vom Gegenteil zu überzeugen, befahl ich,
vier Schüsse gegen sie abzufeuern. Ich dachte, wenn die Eingeborenen
unsere Kugeln ungleich weiter fliegen sähen, als sie erwarteten, würden
sie befürchten, wir könnten so weit schießen, wie wir überhaupt nur
wollten. Zwei von den Kugeln fielen hart an einem Baume nieder, unter
dem eine große Menge versammelt saß, und jagten dieser einen solchen
Schrecken ein, daß nach 2 Minuten keine Seele mehr zu sehen war.

Als ich nun die Küste völlig gesäubert hatte, bemannte und bewaffnete
ich die Boote, schickte unter großer Bedeckung meine Zimmerleute
mit ihren Äxten ab und befahl ihnen, alle zurückgelassenen Kanus zu
zerstören. Noch vor Mittag war diese Arbeit vollendet, und mehr als
50 Kanus, von denen viele wohl gegen 20 Meter lang, 1 Meter breit und
zu je zweien durch Balken miteinander verbunden waren, lagen zerstückt
am Strande. Man fand in ihnen nichts als Steine und Schleudern, nur an
Bord zweier viel kleinerer Kanus waren einige wenige Früchte, etwas
Federvieh und einige Schweine.

Um 2 Uhr nachmittags kamen gegen zehn Eingeborene aus dem Walde
hervor mit grünen Zweigen in den Händen, die sie am Strande in die
Erde steckten; alsdann gingen sie wieder fort. Bald nachher brachten
sie Schweine, denen sie die Füße festgebunden hatten. Hierauf holten
sie aus dem Walde etliche Bündel von dem Zeuge, dessen sie sich zur
Kleidung bedienen, und das dem chinesischen Papier einigermaßen ähnlich
sieht, legten diese gleichfalls am Strande nieder und riefen uns zu,
daß wir alle Sachen abholen möchten. Da wir ungefähr 3 Kabeltaulängen
von der Küste entfernt lagen, konnten wir nicht genau erkennen, woraus
dieses Sühneopfer im einzelnen bestand. Daß es Schweine und auch
ein ganzer Ballen von ihrem heimischen Zeuge sein mochte, errieten
wir. Als wir aber auch andere Tiere, mit ihren Vorderfüßen über dem
Nacken gebunden, verschiedene Male aufstehen und eine kleine Strecke
auf den Hinterfüßen fortlaufen sahen, hielten wir sie für seltsame,
uns unbekannte Wesen und waren daher sehr neugierig, sie näher zu
betrachten. Ein Boot wurde also schnell an Land geschickt, wo natürlich
die Verwunderung sich bald löste: es waren nämlich Hunde. Unsere Leute
fanden außer den Hunden und dem Zeuge neun tüchtige Schweine. Diese
wurden an Bord gebracht, die Hunde dagegen ließ man los, auch das Zeug
blieb am Lande liegen. Für die Schweine legten unsere Leute einige
Beile, Nägel und andere Dinge auf dieselbe Stelle hin und winkten
einigen von den Eingeborenen, die sich sehen ließen, daß sie unsre
Gegengaben nebst ihrem Zeuge abholen und behalten sollten. Bald nachdem
das Boot am Schiff wieder angelegt hatte, brachten die Insulaner noch
zwei Schweine und machten uns Zeichen, diese zu holen. Das Boot kehrte
demnach an Land zurück und brachte die beiden Schweine mit, ließ das
Zeug jedoch wieder unbeachtet liegen, obwohl uns die Eingeborenen zur
Mitnahme aufforderten. Unsere Leute berichteten mir, daß die Wilden
von all den Sachen, die ich für sie auf den Strand hatte hinlegen
lassen, nichts angerührt hätten; einer von uns war der Meinung, daß sie
die Geschenke deswegen nicht nehmen mochten, weil wir auch das Zeug
abgewiesen hätten, weshalb ich befahl, nunmehr auch dieses zu holen.
Der Ausgang bewies die Richtigkeit dieser Meinung. Denn sobald das Boot
das Zeug eingeladen hatte, kamen die Insulaner herab und trugen alles,
was ich ihnen geschickt hatte, unter den größten Freudekundgebungen mit
sich in den Wald fort. Unsere Leute liefen hierauf an der Küste bis zu
dem Ort hin, wo es frisches Wasser gab. Hier füllten sie alle unsere
Wasserfässer, die fast 6 Tonnen hielten, und brachten diese zum Schiff.
Wir fanden, daß die Fässer, während sie im Besitz der Eingeborenen
gewesen waren, keinen Schaden erlitten hatten, büßten aber einige
lederne Eimer und Schläuche ein, die mit den Fässern zugleich in ihre
Gewalt geraten und nicht wieder zurückgegeben worden waren.

Am folgenden Morgen schickte ich die Boote mit einer Wache an Land,
um noch mehr Fässer mit Wasser füllen zu lassen; bald nachdem die
Mannschaft gelandet war, erschien ebenderselbe Greis, der am ersten
Tage über den Fluß zu ihnen gekommen war, wiederum am jenseitigen
Ufer und hielt von da aus eine lange Rede an unsere Leute, nach deren
Beendigung er endlich zu uns herüberkam.

Als er nahe genug war, zeigte ihm der Offizier die Steine, die wie
Kanonenkugeln am Strande aufgehäuft und seit unsrer ersten Landung
dahin gebracht worden waren; er wies ihm auch einige Säcke voller
Steine, die man in den auf meinen Befehl zerstörten Kanus gefunden
hatte. Er gab sich Mühe, dem alten Manne begreiflich zu machen, daß
seine Landsleute der angreifende Teil gewesen wären, und daß wir nur
aus Notwehr ihnen hätten schaden müssen. Der Greis schien zu begreifen,
was der Offizier sagen wollte, über die Frage des Angriffs aber nicht
gleicher Meinung mit ihm zu sein. Er hielt indessen sogleich eine Rede
an das Volk, wies mit großer Rührung auf die Steine, Schleudern und
Säcke, und bisweilen waren seine Blicke, Stimme und Gebärden drohend
und aufs höchste erregt. Doch nach und nach legte sich der Sturm seiner
Leidenschaften wieder, und der Offizier, der es herzlich bedauerte, daß
er von der ganzen Rede nicht ein Wort hatte verstehen können, bestrebte
sich, ihn durch Beihilfe aller nur möglichen Zeichen zu bereden,
daß wir in Freundschaft mit ihnen zu leben und von Herzen gern alle
Beweise unserer guten Gesinnung zu geben wünschten. Zur Bestätigung
dessen reichte er ihm die Hand, umarmte ihn und schenkte ihm einige
Kleinigkeiten, die er sich selbst aussuchen durfte. Der Offizier
konnte außerdem dem Greise verständlich machen, daß wir Lebensmittel
einzuhandeln wünschten, daß die Eingeborenen aber nicht in zu großer
Zahl kommen und auf der einen Seite des Flusses, wie wir auf der andern
bleiben sollten. Hierauf ging der Greis sichtlich befriedigt hinweg,
und noch vor Mittag kam ein ordentlicher Handel zustande, vermittels
dessen wir Schweine, Federvieh und Früchte genug bekamen, daß das
gesamte Schiffsvolk, ob krank oder gesund, reichlich und so viel von
diesen Lebensmitteln erhielt, als es nur verzehren konnte.

Als die Angelegenheit nun glücklicherweise so gut beigelegt war,
schickte ich den Schiffsarzt mit dem zweiten Leutnant ab, das Land in
Augenschein zu nehmen, um irgendwo einen bequemen Platz auszusuchen,
wo ich für die Kranken Landwohnungen aufschlagen könnte. Als sie
zurückkamen, meldeten sie, daß die ganze Insel, soweit sie sie gesehen
und untersucht hätten, hierzu überall gleich bequem und gesund sei.
Wenn es aber zudem auf Sicherheit ankäme, so könnten sie nur die
Wasserstelle empfehlen, weil allda die Kranken sowohl vom Schiffe als
von der Wache her geschützt wären. Man würde sie zugleich an diesem
Orte leicht beaufsichtigen können, daß sich keiner von ihnen allzu
tief ins Land hineinwagte; man würde sie endlich von dort auch leicht
zu den Mahlzeiten rufen können. Ich schickte daher die Kranken nebst
den Leuten, die Wasser holen sollten, zur Wasserstelle und übertrug
dem Waffenoffizier das Kommando über die Bedeckungsmannschaften.
Um die Kranken gegen Sonne und Regen zu schützen, wurde ein Zelt
aufgeschlagen, und ich ließ den Schiffsarzt mit an Land gehen, damit er
über ihr Wohlbefinden wachen und die nötigen Maßnahmen treffen könnte.

Als das Zelt aufgeschlagen war und er die Kranken ziemlich versorgt
hatte, nahm der Arzt eine Flinte unter den Arm und ging ein wenig
spazieren. Unterwegs traf es sich, daß eine wilde Ente über seinem
Kopfe dahinflog, er schoß also nach ihr und traf sie so gut, daß sie
mitten unter eine Gruppe der Eingeborenen jenseits des Flusses tot
niederfiel. Das jagte den Wilden einen solchen Schrecken ein, daß sie
im ersten Augenblick alle davonliefen. Erst nach einer ganzen Strecke
blieben sie wieder stehen. Er winkte ihnen nunmehr zu, sie sollten
ihm die Ente herüberbringen. Einer von ihnen traute sich vor, kam
über den Fluß und legte blaß und zitternd das Tier zu seinen Füßen
nieder. In ebendiesem Augenblick flogen noch verschiedene andere
Enten von ungefähr an dem Schützen vorbei. Er schoß also wieder und
traf glücklicherweise noch drei davon. Dieser Vorfall flößte den
Eingeborenen eine solche Furcht vor der Feuerwaffe ein, daß sie, wenn
man ihnen eine Flinte wies, sofort wie eine Herde Schafe davonliefen.

Da ich mir im voraus vorstellen konnte, daß zwischen denjenigen
von unseren Leuten, die am Lande waren, und den Eingeborenen ein
Schleichhandel nicht ausbleiben würde, und daß, wenn man sie in dieser
Sache nach ihrem Gutdünken ungestört handeln ließe, nichts als Unheil
und Zwistigkeiten daraus entstehen würden, befahl ich, daß aller Handel
zwischen beiden Parteien durch die Hände des Waffenoffiziers gehen und
von ihm ganz allein betrieben werden solle. Ich trug ihm auf, ernstlich
darauf zu achten, daß unsere Leute den Insulanern kein Unrecht täten,
weder durch Gewalt noch durch Betrug; er solle sich ferner auf alle
Weise bestreben, den alten Mann, der sich uns hilfreich erwiesen, zum
Freunde zu behalten. Der Offizier entledigte sich dieses Auftrags mit
großer Gewissenhaftigkeit. Wir hatten dem erwähnten Greise vieles zu
verdanken. Durch seine Vorsicht brachte er unsere Leute dahin, daß sie
gegen die Insulaner beständig auf ihrer Hut waren, und wenn er sah, daß
der eine oder der andere vom Zeltort sich entfernte, geleitete er ihn
jedesmal wieder dahin zurück. Die Eingeborenen stahlen zwar bisweilen
etwas, doch durch die bloße Furcht vor einer Flinte, die in Wahrheit
nie ernstlich gebraucht wurde, konnte der Waffenoffizier die Rückgabe
der entwendeten Gegenstände erzwingen.

Eines Tages schlich sich ein Kerl unbemerkt über den Fluß und stahl
ein Beil. Sobald der Waffenoffizier den Verlust bemerkte, gab er dem
Greise zu verstehen, was vorgefallen war, und tat, als ob er sich mit
allen seinen Leuten fertigmachen wolle, um in den Wald zu marschieren
und dem Diebe nachzusetzen. Allein, der Greis gab ihm durch Zeichen zu
verstehen, daß er sich diese Mühe sparen könne. Er ging sofort allein
in den Wald und brachte auch bald darauf das Beil wieder. Alsdann drang
der Waffenoffizier darauf, auch den Dieb in seine Hände zu bekommen;
zwar ließ sich der alte Mann offenbar nur schwer dazu bewegen, tat es
aber endlich doch. Als der Kerl herbeigebracht wurde, erkannte ihn der
Offizier sofort als einen von denen wieder, die uns schon mehrmals
bestohlen hatten, und schickte ihn daher gefangen an Bord. Ich war
nicht gesonnen, das Verbrechen anders als durch die bloße Furcht
vor Bestrafung zu ahnden, setzte den Dieb daher nach vielen Bitten
und Fürbitten wiederum in Freiheit und schickte ihn an Land. Ob die
Eingeborenen über seine glückliche Rückkehr mehr erstaunt oder erfreut
waren, ist schwer zu entscheiden. Soviel aber ist gewiß, sie empfingen
ihn mit Frohlocken und führten ihn in die Wälder mit sich fort. Den
folgenden Tag kam unser wieder in Freiheit gesetzter Gefangener
freiwillig zurück und brachte dem Waffenoffizier einen beträchtlichen
Vorrat an Brotfrucht und ein gebratenes Schwein, vermutlich um den
Offizier wieder mit sich auszusöhnen.

Um diese Zeit beschäftigten sich meine Leute an Bord, das Oberdeck des
Schiffes zu kalfatern und neu zu streichen, wickelten das Takelwerk
auseinander und brachten es in Ordnung, räumten auch das Magazin auf.
Kurz, ein jeder tat in seiner Art, was notwendig war. Unterdessen
hatte meine Krankheit, die eine Art Gallenkolik war, sich so sehr
verschlimmert, daß ich an diesem Tage bettlägerig wurde. Das ganze
Kommando fiel also an den ersten Offizier. Diesem gab ich seine
Verhaltungsmaßregeln und ermahnte ihn, auf die Landmannschaft ganz
besonders achtzugeben. Ich ordnete auch an, daß man dem Schiffsvolk
Früchte und frische Lebensmittel reichen sollte, solange dergleichen
nur zu bekommen wäre, und daß nach Sonnenuntergang die Boote niemals
vom Schiffe abwesend sein dürften.

Eines Nachmittags kam der Waffenoffizier mit einer Frau an Bord; sie
war von großer Statur, mochte ungefähr 45 Jahre alt sein und hatte
außer einer angenehmen Gesichtsbildung einen wirklich majestätischen
Anstand. Er sagte mir, sie sei erst kürzlich in diese Gegend des Landes
gekommen, und da er beobachtet hätte, daß die andern Eingeborenen viel
Ehrfurcht vor ihr bezeigten, habe er ihr einige Geschenke gemacht.
Um diese zu erwidern, habe sie ihn in ihre Wohnung eingeladen, die
ungefähr zwei Kilometer talaufwärts liege, und dort habe sie ihm einige
recht große Schweine geschenkt. Nachher sei sie mit ihm nach der
Wasserstelle zurückgegangen und habe Verlangen bezeigt, mit an Bord des
Schiffes zu gehen. Er habe es für ratsam gehalten, ihr Verlangen zu
erfüllen, und habe sie begleitet. Sie schien gleich beim Betreten des
Schiffes ganz ohne Mißtrauen und Furcht, überhaupt ganz ungezwungen zu
sein, und die ganze Zeit über, die sie an Bord bei uns war, betrug sie
sich mit einer ungekünstelten Freimütigkeit, die man bei allen Personen
zu bemerken pflegt, die sich ihrer Vorzüge bewußt und zu herrschen
gewohnt sind. Ich gab ihr einen großen blauen Mantel, der ihr von
den Schultern bis auf die Füße hinabreichte, hing ihr diesen um und
band ihn mit Bändern fest. Auch gab ich ihr einen Spiegel, Glasperlen
und viele andre Sachen mehr. Alles nahm sie auf die würdigste Art an
und bezeigte ihr Wohlgefallen darüber. Sie bemerkte, daß ich krank
gewesen war, und wies aufs Land. Ich deutete mir das so aus, als ob sie
meinte, ich solle dahin gehen, um meine Gesundheit wieder vollkommen
herzustellen, und gab ihr also durch Zeichen zu verstehen, daß ich
den anderen Morgen ihren Rat befolgen wolle. Als sie sich endlich
anschickte, wieder zurückzukehren, befahl ich dem Waffenoffizier, sie
zu geleiten. Nachdem er sie an Land gebracht hatte, begleitete er
sie ganz nach ihrer Wohnung und beschrieb mir diese nachher als sehr
groß und wohlgebaut. Er sagte, sie habe viele Leibwachen und Bediente
in diesem Hause, und in einiger Entfernung noch ein anderes Gebäude,
welches von einer Art Gitterwerk umgeben sei.

Den folgenden Morgen ging ich also zum ersten Male an Land, und meine
Fürstin oder vielmehr Königin -- denn ihrem Ansehen nach schien sie
einen solchen Rang zu haben -- kam bald nachher mit einer zahlreichen
Begleitung zu mir. Da sie bemerkte, daß ich von meiner Krankheit noch
sehr schwächlich war, befahl sie ihren Leuten, mich auf ihre Arme zu
nehmen und nicht nur über den Fluß, sondern auch den ganzen Weg bis an
ihr Haus zu tragen. Weil sie beobachtete, daß einige meiner Begleiter,
insbesondere der erste Leutnant und der Schiffszahlmeister, ebenfalls
krank gewesen waren, ließ sie auch diese auf die gleiche Art tragen.
Ich hatte, als ich an Land ging, eine Leibwache mitgenommen, und diese
folgte uns bei diesem Aufzuge nach. Unterwegs drängte sich eine sehr
große Volksmenge um uns herum, sobald aber die Herrscherin mit ihrer
Hand einen Wink gab, wichen die Eingeborenen zurück und machten vor uns
Platz, ohne daß sie auch nur ein Wort gesprochen hätte.

[Illustration: Der Schiffsarzt nahm die Perücke vom Kopfe.]

Als wir uns ihrem Hause näherten, kam uns eine große Zahl Leute
beiderlei Geschlechts entgegen. Sie stellte mir alle Leute vor und gab
mir zu verstehen, daß dies alles Anverwandte von ihr wären. Hierauf
faßte sie meine Hand und reichte sie der ganzen Verwandtschaft zum
Küssen dar. Endlich betraten wir das Haus, das etwa 100 Meter lang
und 12 Meter breit war. Es bestand aus einem mit Palmzweigen bedeckten
Dache und ruhte auf Pfosten, deren sich auf jeder Seite 39 und in
der Mitte 14 befanden. Bis an die oberste Dachspitze gerechnet, war
das Gebäude innen etwa 10 Meter hoch, die Pfosten aber, auf denen
das Dach am Rande ruhte, waren nur etwa 4 Meter hoch. Unterhalb des
Daches waren die Seiten alle frei und offen. Sobald wir das Innere
des Hauses betreten hatten, nötigte die Königin uns zum Niedersitzen
und rief sogleich vier junge Mädchen. Als diese herbeikamen, ließ sie
sich von ihnen helfen, mir Schuhe, Strümpfe und den Rock auszuziehen,
sodann befahl sie ihnen, mir die Haut mit ihren Händen ganz leicht zu
massieren. Das gleiche ließ sie mit dem kranken Schiffszahlmeister und
dem ersten Offizier vornehmen. Während diese Kur an uns vorgenommen
wurde, suchte sich der Schiffsarzt, der sich auf dem Gange hierher
sehr erhitzt hatte, ein wenig abzukühlen, und nahm in dieser Absicht
seine Perücke vom Kopfe. Einer von den Eingeborenen bemerkte das und
gab seinem Staunen durch einen lauten Schrei Ausdruck. Das lenkte die
Aufmerksamkeit aller übrigen so sehr auf den guten Chirurgus, daß in
einem Augenblick aller Augen auf das Wunderding geheftet und mit einem
Male alle Verrichtungen unterbrochen waren. Die ganze Versammlung
stand einige Zeit über in sprachlosem Erstaunen ganz unbeweglich
da. Sie hätten sich wahrhaftig nicht erstaunter anstellen können,
wenn sie gesehen hätten, daß unser Landsmann sich alle Glieder vom
Leibe geschraubt hätte. Endlich gingen die jungen Mädchen, die uns
massierten, wiederum an ihre Arbeit, und als sie diese ungefähr eine
halbe Stunde lang fortgesetzt hatten, kleideten sie uns wieder an.
Man kann sich indessen leicht vorstellen, wie ungeschickt sie sich
dabei benahmen. Indessen bekam sowohl mir als dem Leutnant und dem
Schiffszahlmeister die Massage sehr wohl.

Bald darauf ließ unsere gütige Wohltäterin einige Ballen von
landesüblichem Rindenzeug herbeibringen und kleidete mich nebst meiner
ganzen Gesellschaft mit diesem Zeuge nach der Mode ihres Landes.
Anfangs verbat ich mir diese Gunstbezeigung. Weil ich indessen nicht
gerne den Eindruck erwecken wollte, als ob mir das nicht gefiele, was
in bester Absicht mit mir geschah, ließ ich mich endlich nach ihrem
Willen kleiden.

Als wir weggingen, befahl sie, daß ein sehr großes und tüchtiges
Mutterschwein zum Boot hinabgebracht werden sollte, und sie selbst
begleitete uns in Person dahin. Sie hatte ihren Landsleuten geheißen,
mich wie auf dem Herwege auf den Armen zu tragen. Da ich aber jetzt
lieber gehen wollte, so bot sie mir den Arm, und sooft wir an eine
Wasserpfütze oder eine morastige Stelle kamen, hob sie selbst mich
hinüber und das offenbar mit ebenso geringer Mühe, als es in gesunden
Tagen mich würde gekostet haben, ein Kind hinüberzuheben.

Am folgenden Morgen schickte ich ihr durch den Waffenoffizier sechs
Beile, sechs Sicheln und noch verschiedene andere Dinge. Bei seiner
Zurückkunft meldete mir der Offizier, daß er sie bei der Mahlzeit
angetroffen, und daß sie in ihrem großen Hause eine erstaunliche Anzahl
von Leuten, die seiner Schätzung nach sich auf mindestens 1000 Personen
belaufen mußte, mit einem Gastmahl bewirtet habe. Die Speisen wurden
bei dieser Gelegenheit alle von den Bedienten, die sie zubereitet
hatten, aufgetragen. Das Fleisch war in Kokosnußschalen gefüllt.
Diese waren in hölzerne Tröge gesetzt, die unseren Fleischermulden
einigermaßen ähnlich sahen, und die Regentin teilte diese Speisen
eigenhändig an die Gäste aus, die im Hause rundherum in Reihen saßen.
Als sie mit der Austeilung der Gerichte fertig war, setzte sie sich
selbst auf einem etwas erhöhten Sitze nieder; zwei Mädchen stellten
sich alsdann zu ihren beiden Seiten auf und reichten ihr die Speisen
so zu, daß sie nur den Mund aufzumachen brauchte, um sie zu genießen.
Sobald sie des Waffenoffiziers ansichtig wurde, ließ sie ihm auch
gleich eine Mahlzeit auftragen. Er konnte nicht eigentlich sagen, was
es war, das er aß; er hielt es für kleingehacktes Hühnerfleisch mit
daruntergeschnittenen Äpfeln, in Salzwasser zurechtgemacht. Es war
alles sehr schmackhaft zubereitet. Die Königin nahm die Geschenke, die
ich ihr schickte, mit großem Vergnügen an. Als wir auf solche Art mit
ihr in ein gutes Einvernehmen gekommen waren, fanden wir, daß weit mehr
Lebensmittel aller Art als zuvor auf den Markt gebracht wurden. Allein,
obgleich alle Tage Federvieh und Schweine genug ankamen, mußten wir
diese Dinge doch teurer bezahlen als im Anfang.

Eines Tages erblickte der Waffenoffizier, der noch immer des Handels
wegen am Lande blieb, eine alte Frau jenseits des Flusses, die
bitterlich weinte. Sobald sie merkte, daß sie seine Aufmerksamkeit
erregt hätte, schickte sie einen Jüngling, der mit ihr gekommen war,
mit einem Bananenzweige in der Hand über den Fluß zu ihm hinüber. Als
der junge Mensch vor ihm stand, hielt er eine lange Rede und legte
alsdann seinen Zweig zu des Waffenoffiziers Füßen nieder. Darauf ging
er zurück, die alte Frau selbst zu holen, während ein anderer Mann zwei
große gemästete Schweine herbeibrachte. Die Frau sah unsere Leute einen
nach dem andern an und brach abermals in Tränen aus. Als der Jüngling,
der sie über den Fluß gebracht hatte, das Mitleid und Erstaunen des
Offiziers sah, hielt er eine zweite große Rede, die länger als die
vorhergehende war, nach deren Ende man aber die Ursache, warum die
Frau so jämmerlich weinte, ebensowenig wußte als vorher. Endlich gab
sie zu verstehen, daß ihr Mann und drei von ihren Söhnen beim Angriff
auf das Schiff umgekommen wären. Während dieser Erklärung wurde sie
von ihrem Kummer so ergriffen, daß sie zuletzt nicht mehr reden konnte
und ohnmächtig niedersank; die zwei Jünglinge, die sie in ihren Armen
hielten, schienen ähnlich bewegt zu sein. Vermutlich waren es zwei
andere ihrer Söhne oder doch nahe Blutsverwandte. Der Waffenoffizier
tat alles, was nur möglich war, um ihre Betrübnis zu lindern. Sobald
sie nur einigermaßen wieder getröstet war, befahl sie, daß man ihm die
beiden Schweine bringen solle, und reichte ihm die Hand zum Zeichen
ihrer Freundschaft, sie wollte aber nichts dagegen annehmen, obwohl er
ihr den zehnfachen Marktpreis dafür geboten hatte.

Am folgenden Morgen schickte ich den zweiten Leutnant mit allen Booten
und 60 Mann nach Westen, um das Land in Augenschein zu nehmen und
festzustellen, was man von dorther etwa bekommen könne. Um Mittag kam
er zurück, er war diese Zeit über ungefähr 6 Kilometer weit längs der
Küste hinmarschiert. Er fand das Land sehr anmutig und bevölkert und
auch mit Federvieh, Schweinen, Früchten und Pflanzen reich gesegnet.
Die Einwohner taten ihm nichts zuleide, schienen aber auch nicht
geneigt zu sein, ihm irgend etwas von ihren Waren zu verkaufen, nicht
einmal Früchte, die unsere Leute am liebsten eingehandelt hätten. Doch
überließen sie ihm zuletzt einige Kokosnüsse und Bananen und verkauften
ihm schließlich auch einiges Federvieh und 9 Schweine. Der Leutnant
war der Meinung, man könne die Eingeborenen dort mit der Zeit schon
dahin bringen, daß sie aus freien Stücken mit uns Handel trieben.
Allein, diese Gegend lag zu weit vom Schiffe entfernt, so daß man
jedesmal eine größere Bedeckungsmannschaft hätte mitgeben müssen. Er
sah eine große Anzahl geräumiger Kanus, die die Einwohner auf den
Strand gezogen hatten, und andere, an denen noch gebaut wurde. Er fand,
daß alle ihre Werkzeuge aus Steinen, aus Muschelschalen und Knochen
verfertigt waren, und schloß daraus, daß sie ganz und gar kein Metall
besäßen. Auch fand er keine anderen vierfüßigen Tiere als Schweine und
Hunde, desgleichen keine irdenen Gefäße. Alle ihre Speisen mußten daher
gebacken oder gebraten werden. Weil sie also keinerlei Kochgeschirr
hatten, konnten sie auch Wasser nicht sieden machen. Als die Königin
eines Morgens mit uns an Bord des Schiffes frühstückte, sah einer von
ihren Begleitern, der ein angesehener Mann war und einer von denen,
die wir für Priester hielten, daß der Schiffsarzt den Hahn an einer
Teemaschine umdrehte und auf diese Weise eine Teekanne, die auf der
Tafel stand, mit Wasser füllte. Nachdem er das mit großer Neugierde
und Aufmerksamkeit mitangesehen hatte, ging er, um die Sache selbst
zu untersuchen, näher hin, drehte den Hahn um und fing das Wasser mit
der Hand auf. Man kann sich vorstellen, wie sehr er sich verbrannte!
Kaum war das geschehen, so fing er voller Schrecken ganz rasend an zu
schreien und sprang vor Schmerz mit den lächerlichsten Gebärden in der
Kajüte umher. Die anderen Eingeborenen konnten gar nicht begreifen, was
ihm fehle. Sie staunten ihn daher mit Verwunderung an und ließen das
äußerste Entsetzen blicken. Indessen legte ihm der Schiffsarzt, der
unschuldigerweise die Ursache dieses ganzen Unfalls gewesen war, ein
kühlendes Mittel auf; es währte aber doch eine ganze Zeit, bis der arme
Schelm Linderung bekam.

Die Königin war jetzt verschiedene Tage über abwesend gewesen. Die
Eingeborenen gaben uns indessen durch Zeichen zu verstehen, daß wir
demnächst einen Besuch von ihr zu erwarten hätten. Am folgenden Morgen
kam sie auch wirklich an den Strand hinab, und bald darauf brachte
eine große Menge von Leuten, die wir bisher noch nie gesehen hatten,
Lebensmittel aller Art zu Markte, so daß der Marktoffizier uns diesen
Tag 14 Schweine und einen großen Vorrat von Früchten an Bord schaffen
konnte.

Am Nachmittag des folgenden Tages kam die Königin selbst an Bord
und brachte uns zwei große Schweine zum Geschenk mit. Sie ließ sich
niemals zu einem Tauschhandel mit uns herab. Als sie am Abend an Land
zurückkehrte, gab ich ihr den Bootsmann zur Begleitung und händigte
ihm Geschenke für sie ein, die er ihr überreichen sollte. Sobald sie
gelandet waren, nahm sie ihn bei der Hand, hielt eine lange Rede an das
Volk, das sich rings um sie her versammelte, und führte ihn hierauf
nach ihrem Hause. Dort kleidete sie ihn so, wie sie ehemals auch mit
mir getan hatte, nach dortiger Landesart in Rindenzeug.

Des Tages darauf schickte sie uns einen weit beträchtlicheren Vorrat
von Lebensmitteln, als wir je zuvor an einem Tage an Bord bekommen
hatten, nämlich 48 große und kleine Schweine, 4 Dutzend Stück Federvieh
und eine fast unzählige Menge von Brotfrüchten, Bananen, Äpfeln und
Kokosnüssen.

Ein paar Tage später kam die Königin abermals an Bord und brachte
verschiedene große Schweine zum Geschenke mit, für die sie wie
gewöhnlich kein Entgelt annehmen wollte. Als sie im Begriff war, das
Schiff zu verlassen, bezeigte sie ein lebhaftes Verlangen, ich möchte
mit ihr an Land gehen. Ich willigte ein und nahm verschiedene von
meinen Offizieren mit mir. Als wir in ihrem Hause ankamen, ließ sie
uns insgesamt niedersitzen, nahm meinen Hut ab und steckte einen Busch
von bunten Federn daran, wie ihn in diesem Lande meines Wissens niemand
trug als sie selbst. Sie band auch um meinen und meiner Begleiter
Hüte eine Schnur von geflochtenem Haar und gab uns zu verstehen, daß
sowohl das Haar als die Arbeit daran von ihr selbst sei. Sie beschenkte
uns ferner mit einigen sehr künstlich geflochtenen Matten. Am Abend
begleitete sie uns bis an den Strand zurück, und als wir in unser Boot
einstiegen, ließ sie ein großes, schönes Schwein nebst einer großen
Menge von Früchten an Bord bringen.

Als wir hierauf Abschied von ihr nahmen, deutete ich ihr durch Zeichen
an, daß ich die Insel binnen 7 Tagen verlassen wolle. Sie verstand mich
sogleich und antwortete mir, es sei ihr Wunsch, ich solle wenigstens
noch 3 Wochen lang bleiben; ich könnte ja indessen eine kleine Reise
ins Innere machen, mich einige Tage dort aufhalten und von dort aus
eine Menge von Schweinen und Federvieh an den Strand herabschaffen
lassen und hernach wegsegeln. Ich gab ihr dagegen wiederum zu
verstehen, daß ich unwiderruflich in 7 Tagen abreisen müsse. Hierauf
weinte sie so herzbewegend, daß es uns Mühe und Klugheit kostete, sie
wieder zu beruhigen.

Am folgenden Morgen schickte der Marktoffizier nicht weniger als
20 Schweine und einen großen Vorrat von Früchten an Bord. Unser
Verdeck war nunmehr ganz mit Schweinen und Federvieh angefüllt. Wir
schlachteten nur die kleinsten davon, um die andern als Vorrat für die
weitere Reise aufzubewahren. Wir fanden aber bald zu unserem großen
Verdrusse, daß sowohl das Federvieh als auch die Schweine nicht leicht
etwas anderes als die hiesigen Landesfrüchte fressen wollten; das
nötigte uns, sie geschwinder nacheinander abzuschlachten, als wir sonst
zu tun willens waren. Indessen glückte es uns doch, einen Eber und ein
Mutterschwein lebendig nach England zu bringen.

Zwei Tage danach schickte ich dem alten Manne, der unserm
Waffenoffizier beim Handel so große Dienste geleistet hatte, noch
einen eisernen Topf, etliche Beile, Sicheln und ein Stück Tuch. Der
Königin übersandte ich zwei Truthähne, drei chinesische Fasanen, zwei
Gänse, eine trächtige Katze, etwas Porzellan, einige Spiegel, gläserne
Flaschen, Hemden, Nadeln, Zwirn, Tuch, Bänder, Erbsen, kleine weiße
Bohnen und ungefähr 16 verschiedene Arten von Gartenpflanzensamen,
nebst einer Schaufel und einer großen Menge kurzer Eisenwaren, wie
Messer, Scheren, Sicheln und dergleichen. Wir selbst hatten bereits
während unserer Anwesenheit allerhand Arten von Gartensamen und auch
etliche Erbsen an verschiedenen Orten ausgesät, und zu unserm größten
Vergnügen war alles sehr schön und hoffnungsvoll aufgekeimt. Ich
schickte der Königin zuletzt noch ein paar eiserne Töpfe und einige
Löffel. Als Gegengabe brachte mir der Marktoffizier 18 Schweine und
einige Früchte.

Am Morgen des 25. Juli ging ich unter kleiner Bedeckung an Land und
ließ auf einer gewissen Landspitze ein Zelt aufschlagen, um dort eine
Sonnenfinsternis zu beobachten, was ich bei der Klarheit der Luft
mit großer Genauigkeit tun konnte. Als ich mit meiner Beobachtung
fertig war, ging ich nach dem Hause der Königin und wies ihr das
Fernrohr vor, dessen ich mich soeben bedient hatte. Nachdem ich ihr
zuerst den Bau gezeigt hatte, suchte ich ihr den Gebrauch deutlich
zu erklären. Ich richtete es also auf verschiedene in weiter Ferne
befindliche Gegenstände, die ihr wohl bekannt waren, die man aber von
ihrem Hause aus mit bloßem Auge nicht erkennen konnte, und ließ sie
alsdann durchsehen. Sobald sie die Dinge so nah und deutlich erblickte,
sprang sie erstaunt zurück, wandte alsdann ihre Augen dahin, wohin das
Fernrohr gerichtet war, stand eine Zeitlang unbeweglich stille, sah zum
zweiten Male hindurch und bemühte sich von neuem, wiewohl vergebens,
die eben geschauten Gegenstände mit bloßem Auge zu erkennen. Sowie
sie dieselben wechselweise sah, wenn sie durch das Rohr blickte, sie
bald wieder aus dem Gesichte verlor, wenn sie mit bloßen Augen hinsah,
drückten ihre Mienen und Gebärden jedesmal eine Mischung von Erstaunen
und Entzücken aus, die keine Sprache beschreiben kann. Endlich
ließ ich das Fernrohr wegschaffen und lud sie nebst verschiedenen
Standespersonen, die bei ihr waren, ein, mit mir an Bord zu gehen. Als
wir mit unsern Gästen an Bord gekommen waren, befahl ich, daß eine gute
Mahlzeit zu ihrer Bewirtung zubereitet werden solle. Allein die Königin
wollte weder essen noch trinken. Ihre Begleiter hingegen ließen sich
alles, was ihnen zum Essen vorgesetzt wurde, herzlich gut schmecken.
Doch außer reinem Wasser wollten sie nichts trinken.

Als die Königin wieder von Bord ging, fragte sie mich durch Zeichen,
ob ich noch immer auf meinem Entschlusse beharre und die Insel zu der
angesagten Zeit verlassen wolle. Als ich ihr hierauf zu verstehen gab,
daß ich mich unmöglich länger aufhalten könne, zeigte sie mir durch
eine Flut von Tränen, die sie eine Zeitlang ihrer Sprache beraubten,
wie schmerzlich sie dieses ankäme. Sobald sich die Heftigkeit ihrer
Betrübnis gelegt hatte, winkte sie mir, sie wolle morgen wieder an Bord
zu mir kommen; so schieden wir voneinander.

[Illustration: Ihre Mienen und Gebärden drückten Erstaunen und
Entzücken aus.]

Am folgenden Morgen um 10 Uhr kam die Königin ihrem Versprechen
gemäß mit einem Geschenke von Schweinen und Federvieh an Bord. Wir
ergänzten auch unsere Holz- und Wasservorräte und machten uns fertig,
in See zu gehen. Am nächsten Tage kam eine größere Anzahl der hiesigen
Eingeborenen, als wir sonst je gesehen hatten, an den Strand herab.
Sie schienen aus dem inneren Teil des Landes herzustammen, auch
waren viele darunter, die den ihnen erwiesenen Ehrenbezeigungen nach
Standespersonen sein mußten. Um 3 Uhr des Nachmittags kam die Königin
in größtem Staat und in Begleitung eines sehr zahlreichen Gefolges
wiederum an den Strand herab. Sie ging mit allen ihren Leuten und
dem alten Manne über den Fluß und besuchte uns noch einmal an Bord.
Sie brachte auch einige sehr schöne Früchte mit sich, erneuerte mit
vielem Eifer ihr Anliegen, daß ich noch 10 Tage länger hier bleiben
sollte, und gab mir zu verstehen, daß sie ins Innere des Landes
reisen und mir eine Menge von Schweinen, Federvieh und Früchten von
dorther mitbringen wolle. Ich suchte ihr für diese Freundschaft und
Güte meine Erkenntlichkeit zu bezeigen, versicherte ihr aber, daß
ich unabänderlich den folgenden Morgen absegeln müsse. Sie brach
hierüber wie gewöhnlich in Tränen aus, und als sie sich gefaßt hatte,
erkundigte sie sich durch Zeichen, wann ich wieder zurückkäme. Ich gab
mir Mühe, ihr die Zahl von 50 Tagen anzuzeigen, sie bat darauf durch
Gegenzeichen, daß ich nicht länger als 30 Tage wegbleiben solle. Da ich
aber gegen alle ihre Einwendungen fest immer wieder 50 andeutete, gab
sie sich endlich zufrieden. Sie blieb bei uns, bis es Nacht wurde, und
es kostete viele Mühe und Künste, sie endlich zur Rückkehr an Land zu
bewegen. Als man ihr sagte, daß das Boot auf sie warte, warf sie sich
über die Gewehrkiste hin und weinte eine Zeitlang so heftig, daß sie
gar nicht wieder zu sich zu bringen war. Endlich bequemte sie sich doch
und stieg, wiewohl sehr ungern, in das Boot, wohin alle ihre Begleiter
und auch der alte Mann ihr nachfolgten.

Mit Anbruch des 27. Juli lichteten wir die Anker, und zu gleicher
Zeit schickte ich die Barke und ein anderes Boot ab, um die wenigen
Wasserfässer zu füllen, die wieder leer geworden waren. Als unsre
Leute sich der Küste näherten, sahen sie zu ihrem größten Erstaunen
den ganzen Strand weithin mit Eingeborenen überfüllt. Weil sie es nun
bei diesem Anblick nicht für ratsam fanden, sich unter eine solche
Menge hineinzuwagen, so wollten sie wieder unverrichteterdinge nach
dem Schiffe zurückkehren. Sobald aber die Eingeborenen am Strande dies
beobachteten, kam die Königin hervor, winkte ihnen und schien die
Ursache ihrer Besorgnis zu erraten; denn die Insulaner mußten sich auf
ihren Befehl jenseits des Flusses begeben. Die Boote ruderten hierauf
nach der Wasserstelle und füllten die Fässer. Unterdessen ließ die
Königin einige Schweine und Früchte an Bord des Bootes bringen, und
als unsre Leute vom Strand abstoßen wollten, wäre sie gern mit ihnen
gefahren. Der Offizier wollte es ihr aber nicht gestatten, weil er
Befehl bekommen hatte, keinen Eingeborenen mehr mit sich zu nehmen.
Sie ließ auf diese Weigerung gleich eines ihrer doppelten Kanus in
See stechen, und ihre eigenen Leute mußten sie zu uns führen. Sie kam
gleich an Bord, konnte aber vor Wehmut nicht sprechen, sondern setzte
sich nieder und brach in Tränen aus. Als sie ungefähr eine Stunde bei
uns gewesen war, erhob sich ein günstiger Wind, wir lichteten die
Anker und gingen unter Segel. Da sie nunmehr sah, daß sie in ihr Kanu
zurückkehren müsse, umarmte sie uns alle auf das zärtlichste und mit
vielen Tränen; ebenso ließ auch ihr ganzes Gefolge große Betrübnis über
unsre Abreise wahrnehmen. Wir hatten indes kaum die Segel aufgespannt,
so flaute der Wind wieder ab und die See lag still. Ich schickte also
die Boote voraus, um das Schiff zu bugsieren. Sobald die Kanus, die
uns eben verlassen hatten, dies sahen, kehrten sie alle zusammen zum
Schiff zurück. Dasjenige, das die Königin an Bord führte, ruderte an
die Waffenkammer hin. Die Leute im Raum befestigten es an der Luke,
und nach Verlauf von wenigen Minuten kam die Königin an Bord, setzte
sich nieder und weinte ganz untröstlich. Ich gab ihr allerhand Sachen,
die ihr meines Erachtens nützlich sein konnten, und Putzwerk. Sie nahm
alles stillschweigend und teilnahmslos an.

Um 10 Uhr waren wir durch Unterstützung unserer Boote über die
Klippenreihe hinausgekommen, und da sich nunmehr ein frischer,
günstiger Wind erhob, nahmen unsere Südseefreunde und besonders die
Königin noch einmal mit zärtlicher Freundschaft und so rührender
Betrübnis Abschied von uns, daß ich selbst ganz bewegt wurde und mich
der Tränen nicht erwehren konnte.

[Illustration]

[Illustration]




Ein Südsee-Idyll

Von Kapitän _James Cook_


Es war Montag, den 10. April 1769, als einige von unseren Leuten, die
nach der Insel Tahiti, unserem Reiseziel, ausspähten, des Nachmittags
um 1 Uhr meldeten, sie sähen in demjenigen Teil des Horizontes, wo
die Insel der Lage nach zum Vorschein kommen mußte, Land. Es schien
sehr hoch und gebirgig zu sein, und wir erkannten es allen Anzeichen
nach als ebendasselbe, das Kapitän Wallis »König Georgs des Dritten
Insel« genannt hatte, und das nunmehr Tahiti heißt. Eine plötzlich
einsetzende Windstille hielt uns aber zurück, so daß wir am Morgen des
folgenden Tages der Insel noch nicht näher waren als die Nacht zuvor.
Um 7 Uhr erhob sich endlich ein frischer Wind, und um 11 Uhr waren
wir Tahiti bereits so nahe gekommen, daß verschiedene Kanus gegen das
Schiff liefen. Doch wollten nur wenige sich an uns heranwagen, und
selbst diese wenigen wollten sich nicht bereden lassen, an Bord unserer
»Endeavour« zu kommen. In jedem Kanu hatten sie junge Bananen und
Zweige von einem andern Baume, den die Insulaner »E' Midho« nennen;
diese waren, wie wir nachmals erfuhren, ein Sinnbild des Friedens und
wurden uns als Freundschaftszeichen überbracht. Aus einem von den
Kanus reichten sie uns die Insulaner an der Schiffsseite herauf und
machten uns zu gleicher Zeit mit großem Eifer einige Zeichen, die
uns unverständlich waren. Endlich aber errieten wir ihr Verlangen;
sie wünschten nämlich, daß diese Friedenszeichen an irgendeinem Orte
im Schiffe aufgesteckt werden möchten, wo man sie frei und deutlich
sehen könne. Wir steckten sie daher sofort zwischen die Bordwände,
worüber die Insulaner lebhaftes Vergnügen zeigten. Hierauf kauften wir
ihnen ihre Waren ab, die in Kokosnüssen und allerlei andern Früchten
bestanden, wie sie uns allen nach einer so langen Reise sehr willkommen
waren.

Wir steuerten die ganze Nacht hindurch vorsichtig näher gegen die
Küste, die Meerestiefe nahm gegen die Insel hin von 30 bis zu
21 Meter ab, und um 7 Uhr morgens kamen wir mit 23 Meter Tiefe in
der Matavaibucht vor Anker. Die Eingeborenen umringten sogleich
unser Schiff mit ihren Kanus, brachten uns Kokosnüsse, apfelähnliche
Früchte, Brotfrucht und einige kleine Fische. Sie überließen uns das
alles gegen Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Sie hatten auch ein
kleines Schwein bei sich, wollten es aber gegen nichts Geringeres
als ein Beil eintauschen. Wir weigerten uns daher, diesen Handel
einzugehen; denn hätten wir ihnen gleich zu Anfang ein Beil für ein
junges Schwein gegeben, so hätten sie uns wohl voraussichtlich nachher
nie eines wohlfeiler verkaufen wollen, und das wäre uns doch auf die
Dauer allzu teuer zu stehen gekommen. Die Brotfrucht wächst auf einem
Baum, der ungefähr so groß ist wie eine mittelhohe Eiche. Die Blätter
sind oft anderthalb Meter lang, von länglicher Gestalt, mit tiefen
Krümmungen wie die Feigenblätter versehen, denen sie an Wesen und
Farbe ähnlich sind; beim Auseinanderbrechen sondern sie gleich einen
milchartigen Saft ab. Die Frucht hat die Größe eines Kindskopfes und
beinahe dieselbe Form. Ihre Außenseite ist meistens wie bei der
Trüffel netzförmig, die Haut ist nur dünn, und die Frucht hat einen
Kern, der ungefähr so dick ist wie ein Messerstiel. Das Fleisch oder
der eßbare Teil liegt zwischen Haut und Kern, ist schneeweiß und locker
wie frischgebackenes Brot. Ehe man sie ißt, muß man sie rösten und
zu diesem Zweck in drei oder vier Teile zerschneiden. Sie hat keinen
ausgesprochenen Geschmack, höchstens, daß sie etwas süßlich schmeckt.

[Illustration: Wir gingen in Begleitung unseres Freundes Auhaa an Land.]

Unter den Eingeborenen, die zu uns an Bord kamen, befand sich auch ein
ältlicher Mann, der, wie wir nachher erfuhren, Auhaa hieß, und Leutnant
Gore, der mit dem Kapitän Wallis hier gewesen war, erkannte ihn
augenblicklich wieder. Da ich nun wußte, daß er Wallis sehr nützlich
gewesen war, nahm ich ihn nebst einigen anderen an Bord des Schiffes
und war besonders bemüht, ihm soviel Freundlichkeiten als möglich zu
erweisen, weil ich hoffte, er würde auch uns gute Dienste leisten. Da
allem Anschein nach zu vermuten stand, daß wir uns ziemlich lange hier
aufhalten würden, mußten wir notwendigerweise darauf bedacht sein,
daß der Wert der Waren, die wir zum Tauschhandel mitgebracht hatten,
während der Zeit unseres Hierseins nicht sank. Das wäre aber zweifellos
geschehen, wenn man jedermann Freiheit gelassen hätte, die eingekauften
Dinge nach persönlichem Gutdünken zu bezahlen. Weil daraus unfehlbar
Verwirrungen und Streitigkeiten hätten entstehen müssen, stellte ich
bestimmte Regeln für den Handel auf und befahl ihre strengste Beachtung.

Sobald das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Botanikern
Banks und Solander, einer Abteilung Bewaffneter und in Begleitung
unseres Freundes Auhaa an Land. Beim Aussteigen aus den Booten wurden
wir von einigen hundert Eingeborenen empfangen, die uns aber nur mit
ihren Augen bewillkommten, weil sie es auf andere Art zu tun nicht
wagten; denn sie bezeigten eine so tiefe Ehrfurcht vor uns, daß der
erste, der sich näherte, beinahe auf Händen und Füßen herankroch. Es
ist merkwürdig, daß das Friedenszeichen, das uns sowohl dieser Mann
als auch jener im Kanu überreichte, ein grüner Zweig war, dessen
sich bekanntlich schon die alten und mächtigen Völker der nördlichen
Halbkugel zu ebendiesem Zwecke bedient hatten. Wir nahmen das Zeichen
freudig und vergnügt an, und weil wir sahen, daß jeder von ihnen
solchen Zweig in der Hand hielt, pflückte auch jeder von uns sogleich
einen und trugen ihn auf dieselbe Art.

Die Eingeborenen begleiteten uns unter Anführung Auhaas nach dem
Platze, wo der »Delphin« zwei Jahre vorher sein Wasser eingenommen
hatte. Als sie aber auf dem Wege dahin ungefähr eine halbe Meile
zurückgelegt hatten, machten sie halt und reinigten den Boden von allem
darauf befindlichen Rasen. Die Vornehmsten unter ihnen warfen jetzt
ihre grünen Zweige auf das nackte Erdreich und winkten uns, daß wir es
mit den unserigen ebenso machen sollten. Wir bezeigten sogleich unser
Einverständnis und unsre Bereitwilligkeit hierzu, und um die Zeremonie
noch feierlicher zu gestalten, mußten die Seesoldaten in Reih und Glied
antreten und ihre Zweige niederlegen. Wir machten es hernach ebenso.

Darauf marschierten wir weiter und gelangten zur alten Wasserstelle.
Die guten Leutchen gaben uns zu verstehen, wir sollten diesen Platz
wieder beziehen. Wir fanden aber, daß der Ort für unsre Absichten nicht
besonders geeignet sei. Unterdessen hatte sich die erste Vorstellung
von unsrer Überlegenheit und die daraus folgende Schüchternheit bei
ihnen allmählich verloren, und sie waren inzwischen ganz vertraulich
geworden. Sie gingen von der Wasserstelle weiter mit uns weg und
führten uns auf einem Umweg in den Wald. Während des Marsches teilten
wir Glasperlen und andere kleine Geschenke unter ihnen aus und
bemerkten mit Vergnügen, daß sie sehr viel Wohlgefallen daran fanden.
Der Umweg, den wir nahmen, betrug nicht weniger als 4-5 Kilometer,
und diese ganze Zeit über wandelten wir in Hainen von Bäumen, die
mit Kokosnüssen und Brotfrucht überladen waren und den anmutigsten
Schatten gaben. Unter diesen Bäumen lagen die Wohnungen des Volkes;
sie bestanden meistenteils aus einem bloßen Dache auf Pfosten ohne
Seitenwände; der ganze Anblick bestätigte die phantastischen Berichte
der alten Dichter von dem Fabellande Arkadien. Was wir indessen gleich
anfangs zu unserm Leidwesen feststellten, war der große Mangel an
Schweinen; denn auf unserem ganzen Wege sahen wir deren nur zwei, und
zudem nicht ein einziges Stück Federvieh. Diejenigen Leute, die mit
dem »Delphin« hier gewesen waren und die Verhältnisse kannten, sagten
uns, daß sie bisher noch keine Standesperson unter den Eingeborenen
bemerkt hätten. Sie vermuteten, daß die Häuptlinge des Volkes irgendwo
anders sich niedergelassen hätten. Und als wir an den Platz gelangten,
wo ihren Aussagen nach ehemals der Palast der Königin gestanden hatte,
fanden wir auf dem Fleck überhaupt keine Spuren mehr davon. Wir
entschlossen uns daher, am folgenden Morgen wieder an Land zu gehen,
um zu sehen, ob wir nicht die Vornehmen in ihren neuen Wohngebieten
aufsuchen könnten.

Ehe wir aber am folgenden Morgen noch aus dem Schiffe kamen, waren
schon verschiedene Kanus größtenteils von Westen her zu uns gekommen.
Zwei waren voller Leute, die ihrer Kleidung und ihrem Betragen nach
Standespersonen sein mußten. Von diesen kamen zwei an Bord, und jeder
wählte sich einen Freund. Der eine, der, wie wir erfuhren, Mataha hieß,
wählte Banks, der andere mich. Dieser feierliche Vorgang bestand darin,
daß sie einen großen Teil ihrer Kleider auszogen und uns anlegten,
wogegen wir jedem von ihnen ein Geschenk mit einem Beile und einigen
Glasperlen machten. Bald nachher winkten sie uns, wir sollten mit ihnen
in ihre Wohnungen kommen, und wiesen dabei nach Südwesten. Da ich nun
einen bequemeren Hafen zu finden und die Gesinnungen der Eingeborenen
zu erforschen wünschte, willigte ich ein.

Ich ließ also zwei Boote ausheben und ging mit Banks, Dr. Solander,
den Offizieren und unseren zwei Freunden an Bord der Boote, um unter
Anführung der Insulaner unsere kleine Reise anzutreten. Als wir
ungefähr eine Seemeile weit gerudert waren, winkten sie uns, daß wir
an Land gehen sollten, und gaben uns zu verstehen, daß dieses der Ort
ihres Aufenthaltes sei. Wir stiegen also an Land, und der Zulauf des
Volkes war so groß, daß wir uns bald von etlichen hundert Eingeborenen
umringt sahen. Man führte uns sogleich in ein Haus, das viel länger
war, als wir dergleichen bisher gesehen hatten.

Bei unserm Eintritt bemerkten wir einen Mann, der, wie wir nachher
erfuhren, Tutaha hieß. Man breitete uns sogleich eine Matte aus und
ersuchte uns, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Bald nachdem wir uns
gesetzt hatten, wurden ein Hahn und eine Henne herbeigebracht, die
Tutaha Herrn Banks und mir überreichte. Wir nahmen das Geschenk an,
und bald darauf erfolgte noch ein anderes: ein jeder von uns bekam
nämlich ein Stück Rindenzeug, das nach ihrer Gewohnheit mit etwas
Wohlriechendem zubereitet war und ganz angenehm duftete. Sie selbst
legten großen Wert auf diesen Umstand und gaben sich viel Mühe, uns
diesen Vorzug bemerkbar zu machen. Das Stück, das Banks überreicht
wurde, war fast 10 Meter lang und fast 2 Meter breit. Er erwiderte
dieses Geschenk mit einem seidenen spitzenbedeckten Halstuche, das er
eben damals trug, und mit einem leinenen Schnupftuch. Tutaha legte
diesen Schmuck sogleich mit vergnügter und selbstgefälliger Miene an.

Bald nachdem wir und Tutaha einander unsere Geschenke überreicht
hatten, führten uns die Damen zu verschiedenen großen Häusern, in denen
wir sehr ungeniert umherspazierten. Die Häuser waren, wie ich bereits
gesagt habe, außer dem Dache allenthalben ganz offen.

Wir beurlaubten uns endlich von unserm guten Freunde und nahmen unseren
Weg längs der Küste hin. Als wir ungefähr ein Kilometer weit marschiert
waren, begegnete uns an der Spitze einer großen Menschenmenge ein
anderer Häuptling, namens Tuburai Tamaide, dem wir gleichfalls einen
Friedensvertrag zu bestätigen hatten. Die Zeremonien einer solchen
Bestätigung waren uns jetzt aber schon besser bekannt. Als wir demnach
den Zweig, den er uns überreichte, angenommen und ihm einen anderen
dagegen gegeben hatten, legten wir die Hand auf die linke Brust und
sprachen das Wort »Taio« aus, das unserer Meinung nach »Freund«
bedeutete. Der Anführer gab uns hierauf zu verstehen, daß, wenn uns
etwas zu essen beliebe, alles dazu in Bereitschaft sei. Wir nahmen sein
Anerbieten an und ließen uns eine nach tahitischer Art zubereitete
Mahlzeit von Fischen, Brotfrucht, Kokosnüssen und Bananen gut
schmecken. Die Tahitier essen einige von ihren Fischen roh und boten
uns daher solche ebenfalls an, damit dem Gastmahle gar nichts fehle.
Allein für dieses Gericht bedankten wir uns denn doch.

Während dieses Besuches bezeigte eine von den Gemahlinnen unsres edlen
Wirtes, die Tomio hieß, Banks die Ehre, sich dicht neben ihn auf
dieselbe Matte zu setzen. Tomio war nicht mehr in der ersten Blüte
ihrer Jugend; sie schien auch niemals vorzügliche Reize besessen zu
haben. Vermutlich aus dieser Ursache erwies auch Banks ihr keine
besondere Aufmerksamkeit, und zu noch größerer Kränkung der guten Dame
ereignete es sich, daß ihm gerade ein sehr reizendes Mädchen in die
Augen fiel, das unter der Menge des Volkes um die Tafel herumstand.
Ohne sich also um den Rang seiner Nachbarin zu kümmern, winkte er dem
hübschen Mädchen, daß sie zu ihm kommen möchte. Nachdem sie sich ein
wenig dazu hatte bitten lassen, kam sie näher und setzte sich zu seiner
andern Seite nieder. Nun überhäufte er sie mit Glasperlen und einigen
andern Spielsachen, die ihr seiner Meinung nach gefallen mochten. Es
kränkte die Prinzessin zwar einigermaßen, daß er ihrer Nebenbuhlerin
den Vorzug gab; doch begegnete sie ihm deswegen nicht minder höflich
als zuvor und versah ihn immer noch emsig mit Milch von Kokosnüssen und
mit allen andern Leckerbissen, die sie von der Tafel herbeiholte. Diese
Szene hätte voraussichtlich noch merkwürdiger und rührender werden
können, wenn sie nicht plötzlich durch ein ernsthaftes Zwischenspiel
wäre unterbrochen worden.

Um ebendiese Zeit beschwerten sich nämlich Dr. Solander und Leutnant
Monkhouse, daß ihnen ihre Taschen ausgeleert worden seien. Dr.
Solander hatte ein kleines Taschenfernrohr in einem Chagrinfutterale,
der Schiffsarzt Monkhouse seine Schnupftabaksdose dabei eingebüßt.
Dieser Vorfall verdarb natürlich die gute Laune der Gesellschaft. Man
beschwerte sich wegen des erlittenen Diebstahls bei dem Häuptlinge.
Und um der Klage größeren Nachdruck zu geben, sprang Banks hurtig
auf und stieß schnell den Kolben seiner Flinte auf den Boden. Diese
drohende Anstalt und das Getöse, das die Büchse machte, jagte der
ganzen Gesellschaft einen solchen Schrecken ein, daß alles in der
äußersten Bestürzung zum Hause hinausrannte, ausgenommen der Häuptling,
drei Frauen und noch zwei oder drei andere, die ihrer Kleidung nach
Standespersonen zu sein schienen.

Der Häuptling nahm mit aller Äußerung von Betrübnis und Bestürzung
Banks bei der Hand und führte ihn zu einem großen Vorrat von Rindenzeug
hin, der am anderen Ende des Hauses aufgestapelt war. Er bot ihm ein
Stück nach dem anderen an und gab ihm zu verstehen, daß, wenn diese
den vorgefallenen Schaden ersetzen und das Unrecht wieder gutmachen
könnten, er soviel er davon beliebe oder, falls er wolle, alles
mitnehmen solle. Banks legte die Stücke aber alle auf die Seite und
gab ihm zu verstehen, daß er nichts verlange, als was seinen Gefährten
unehrlicherweise entwendet worden sei. Hierauf ging Tuburai Tamaide
in aller Eile fort, ließ seine Gemahlin Tomio, die während des ganzen
Auftritts erschreckt und verwirrt an Banks' Seite geblieben war, bei
ihm und gab ihm zu verstehen, er möchte noch solange warten, bis er
selbst wieder zurückkäme. Banks setzte sich also nieder und unterhielt
sich durch Zeichen, so gut er eben konnte, ungefähr eine halbe Stunde
lang mit der Gemahlin seines Wirts. Alsdann kam dieser mit der
Schnupftabaksdose und dem Futterale des Fernrohrs in der Hand zurück.
Aus seinen Augen blitzte die Freude mit einer Stärke des Ausdrucks, die
dieses Volk vor allen anderen auszeichnet, und vergnügt überreichte
er dann die Sachen ihren Eigentümern. Als aber das Futteral geöffnet
wurde, fand man es leer.

Kaum ward Tuburai Tamaide dessen gewahr, so veränderte sich seine Miene
augenblicklich. Er nahm Banks abermals bei der Hand, rannte, ohne ein
Wort zu sagen, wiederum zum Hause hinaus und führte ihn mit schnellen
Schritten längs der Küste hin. Als sie ungefähr ein Kilometer weit
gegangen waren, begegnete ihnen eine Frau und gab Banks ein Stück Zeug.
Er nahm es ihr in aller Eile ab und setzte damit seinen Lauf hurtig
fort. Dr. Solander und Monkhouse waren den beiden gefolgt, und sie
kamen nunmehr bei einem Hause an, in dem sie von einer Frauensperson
empfangen wurden. Dieser gab Tuburai das Zeug und winkte den Herren,
daß sie ihr einige Glasperlen geben sollten. Sobald das Zeug und die
Perlen auf den Flur gelegt waren, ging die Frau fort und kehrte nach
Verlauf einer halben Stunde mit dem kleinen Fernrohr zurück und und
drückte ihre Freude darüber mit eben der Stärke von Empfindung aus,
wie es Tuburai unlängst getan hatte. Hierauf gab sie den Herren die
Glasperlen zurück und beteuerte dabei, daß sie diese nicht annehmen
könne. Mit ebensoviel Eifer wurde auch Dr. Solander das Stück Zeug als
Genugtuung für das ihm zugefügte Unrecht aufgedrängt, und er mußte es
schlechterdings annehmen. Dagegen bestand er nun seinerseits darauf,
daß die Frau ein Geschenk von Glasperlen von ihm entgegennähme.

Am folgenden Morgen kamen verschiedene von den Häuptlingen, die wir den
Tag vorher besucht hatten, an Bord und brachten Schweine, Brotfrüchte
und andere Erfrischungen mit, für die wir ihnen Beile, Leinwand und
andere Dinge gaben, je nachdem ihnen dergleichen erwünscht schien.

Da ich auf meinem gestrigen Spazierwege nach Westen keinen bequemeren
Hafen gefunden hatte, als derjenige war, worin wir schon geankert
hatten, nahm ich mir vor, an Land zu gehen und hier einen Platz
aufzusuchen, den die Schiffskanonen bestreichen könnten. Dort wollte
ich dann ein kleines Fort zu unserer Sicherheit aufwerfen und die
nötigen Anstalten zu unsern astronomischen Beobachtungen treffen
lassen. Ich nahm also eine Abteilung meiner Leute mit und ging in
Begleitung der Herren Banks, Doktor Solander und des Astronomen
Green an Land. Bald waren wir uns über die Wahl des Platzes, wo die
Sternwarte aufgebaut werden sollte, einig und bestimmten einen Teil
des sandigen Strandes auf der nordöstlichen Spitze der Bucht hierzu,
weil diese Stelle für alle unsere Zwecke recht geeignet und von allen
Wohnungen der Eingeborenen entfernt lag. Als wir den Grund, den
wir besetzen wollten, abgesteckt hatten, wurde ein kleines, Banks
gehöriges Zelt aufgeschlagen, das zu diesem Zwecke mit an Land genommen
worden war. Währenddessen hatte sich eine große Menschenmenge um uns
versammelt, vermutlich jedoch nur, um der Arbeit zuzusehen; denn keiner
von ihnen allen hatte irgendeine Schußwaffe bei sich. Zur Vorsicht
gab ich ihnen aber dennoch zu verstehen, daß keiner innerhalb der
Linie, die ich gezogen hatte, kommen dürfe, ausgenommen zwei, davon
einer ein vornehmer Mann zu sein schien, und der andere Auhaa war.
An diese beiden wandte ich mich nun und bemühte mich, ihnen durch
Zeichen zu verstehen zu geben, daß wir den Fleck, den wir abgesteckt
hatten, nur für eine gewisse Anzahl von Nächten beanspruchen und dann
wieder abreisen würden. Ich kann nicht bestimmt behaupten, ob sie mich
verstanden. Das Volk führte sich aber so ehrerbietig und gefällig auf,
daß wir uns darüber freuten und verwunderten. Sie setzten sich ganz
friedfertig außerhalb des Kreises nieder und sahen uns zu, ohne uns im
geringsten zu stören, obgleich es länger als zwei Stunden dauerte, bis
wir fertig waren.

[Illustration: Die meisten fielen zu Boden, als wären sie selbst vom
Schusse getroffen worden.]

Da wir bei dem ersten Spaziergang nach unserer Landung gar kein
Federvieh und nicht mehr als zwei Schweine gesehen hatten, so
vermuteten wir, daß man die Tiere bei unserer Ankunft weiter
landeinwärts getrieben haben möchte. Dieser Verdacht wurde dadurch
noch bestätigt, daß uns Auhaa angelegentlichst bat, nicht in den Wald
zu gehen. Aber gerade deswegen wollten wir es tun. Wir ließen also
13 Soldaten und einen Unteroffizier zur Bewachung des Zeltes zurück
und traten in Begleitung einer großen Menge Eingeborener unsern Weg
an. Als wir auf dem Marsche einen kleinen Fluß überschritten, ließen
sich einige Enten sehen, und sobald Banks hinübergekommen war, schoß er
auf sie und traf drei Stück. Das jagte den Eingeborenen einen solchen
Schrecken ein, daß die meisten unter ihnen plötzlich zu Boden fielen,
als wären sie selbst von dem Schuß getroffen worden. Doch erholten sie
sich bald wieder von ihrer Bestürzung, und wir konnten unseren Marsch
fortsetzen. Wir waren indessen noch nicht weit gekommen, als wir über
den Knall zweier Musketen erschraken, die von niemand anders als von
der Zeltwache abgefeuert sein konnten. Wir gingen gerade ziemlich
zerstreut und vereinzelt, Auhaa rief uns aber augenblicklich zusammen
und winkte den nachfolgenden Insulanern mit der Hand, sie sollten sich
hinwegbegeben bis auf drei. Von diesen brach jeder vom nächsten Baume
einen Zweig ab und überreichte ihn uns zum Zeichen des Friedens, den
ihre Partei einhalten wollte, und vermutlich auch um uns zu bitten, daß
wir ebenfalls Frieden halten möchten.

Wir hatten leider nur zu viel Ursache, zu vermuten, daß sich etwas
zugetragen hatte, und eilten deshalb so schnell als möglich zu dem
Zelte zurück, von dem wir nicht mehr als ein halbes Kilometer entfernt
sein konnten. Als wir bei dem Zelte ankamen, sahen wir von der ganzen
Menge Insulaner, die dagewesen war, nicht einen einzigen mehr, unsre
eigenen Leute aber waren vor dem Zelte versammelt. Wir erfuhren nun,
daß einer der Eingeborenen einen günstigen Augenblick abgepaßt, die
Schildwache unversehens überfallen und ihr die Muskete aus der Hand
gerissen habe. Hierauf hatte der Führer der Wache, ein Unteroffizier,
zu feuern befohlen, vielleicht weil er in der ersten Bestürzung
fürchtete, daß es zu größeren Gewalttätigkeiten kommen würde,
vielleicht aber auch bloß aus mutwilligem Mißbrauche seiner erst vor
kurzem erlangten Kommandogewalt, vielleicht endlich aus angeborener
Grausamkeit. Die Mannschaft war ebenso unbedacht oder ebenso
unmenschlich als ihr Befehlshaber und feuerte augenblicklich in den
dicksten Haufen der fliehenden Menge, die aus mehr als hundert Menschen
bestand. Sie begnügte sich auch nicht damit, jene verjagt zu haben,
sondern als sie sah, daß der Dieb nicht getroffen war, verfolgten
die Soldaten ihn besonders und erschossen ihn. Wir erfuhren nachher,
daß zum Glück von den andern Eingeborenen kein einziger getötet oder
verwundet worden war.

Als Auhaa, der uns die ganze Zeit über zur Seite geblieben war,
sah, daß wir nun gänzlich verlassen waren, brachte er einige wenige
der Flüchtlinge, freilich nicht ohne Mühe, wieder zusammen und
stellte sie um uns her. Wir suchten unsere Leute so gut als möglich
zu rechtfertigen, und bemühten uns, den Eingeborenen durch Zeichen
klarzumachen, daß wir ihnen, wenn sie uns kein Unrecht täten, auch
unsrerseits kein Leid zufügen würden. Nachdem wir uns derart, so gut
es eben möglich war, gerechtfertigt hatten, verließen sie uns ohne das
geringste Zeichen von Mißtrauen oder Rachgier. Wir brachen hierauf
unsre Zelte ab und kehrten ziemlich mißvergnügt über den unglücklichen
Vorfall an Bord zurück.

Dort verhörten wir unsere Leute umständlicher, und sie merkten wohl,
daß wir ihr Betragen keineswegs billigten. Sie wandten indessen ein,
daß die Schildwache, der das Gewehr entrissen worden sei, gewalttätig
angefallen und zu Boden geworfen worden sei, und daß der Mann, der die
Flinte genommen hatte, nachher noch einen Stoß nach der Wache geführt
habe, worauf erst der Unteroffizier Befehl zum Feuern erteilt habe.

Am folgenden Morgen sah man nur wenige Eingeborene am Strande, und
kein einziger kam zu uns an Bord. Das war mir Beweis genug dafür,
daß unser Bestreben, die Insulaner zu beruhigen, vergeblich gewesen,
und es ging uns wirklich nahe, daß selbst Auhaa, der uns bisher
stets unveränderliche Ergebenheit bewiesen und sich so sehr um die
Wiederherstellung des Friedens bemüht hatte, seit dem Vorfall auch
nicht mehr zu uns kam. Da die Dinge nun ziemlich übel lagen, ließ ich
die »Endeavour« näher an die Küste ziehen und legte sie so vor Anker,
daß sie mit den Geschützen den ganzen nordöstlichen Teil der Insel und
besonders den Platz bestreichen konnte, den ich zur Erbauung des Forts
abgesteckt hatte. Am Abend ging ich indessen dennoch an Land, nahm
jedoch außer einigen Herren unsrer Gesellschaft niemand als die zur
Bemannung des Boots gehörigen Leute mit. Die Eingeborenen versammelten
sich wie früher wieder um uns her, doch erschienen sie nur in geringer
Zahl. Sie verhandelten uns Kokosnüsse und andere Früchte und gaben sich
dabei allem Anschein nach ebenso freundlich wie zuvor.

Am nächsten Vormittage statteten uns die beiden freundschaftlich
gesinnten Häuptlinge, die wir im westlichen Gebiet der Insel besucht
hatten, Tuburai Tamaide und Tutaha, an Bord einen Gegenbesuch ab. Sie
brachten uns als Friedenszeichen nicht Zweige, sondern zwei ganze, aber
junge Bananenpflanzen mit, und weil sie vermutlich über den Vorfall
am Zelte Besorgnis hegten, wollten sie sich nicht eher an Bord wagen,
als bis wir das Friedenssymbol angenommen hatten. Jeder von ihnen
brachte noch außerdem, um sich bei uns wieder in Gunst zu setzen,
Geschenke mit, die in einem Vorrat von Brotfrucht und in einem fertig
zubereiteten Schwein bestanden. Letzteres war uns um so angenehmer,
weil Schweine nicht immer zu haben waren. Wir gaben also jedem unserer
vornehmen Freunde ein Beil und einen Nagel zum Gegengeschenk. Am Abend
gingen wir an Land und schlugen ein Zelt auf, worin der Astronom
und ich die Nacht zubrachten, um eine Verfinsterung des ersten
Jupitertrabanten zu beobachten; weil aber das Wetter trübe war, wurde
nichts aus der Beobachtung.

Am 18. April ging ich bei Tagesanbruch mit so vielen Leuten, als wir im
Schiffe nur entbehren konnten, an Land und fing an, das Fort erbauen
zu lassen. Die einen warfen Verschanzungen auf, die anderen fällten
Pfosten und Faschinen, und die Eingeborenen, die sich bald wie früher
um uns her versammelt hatten, waren soweit davon entfernt, uns in
unserer Arbeit zu stören, daß im Gegenteil viele von ihnen freiwilligen
Beistand leisteten und die Pfosten und Faschinen aus dem Walde, wo sie
gehauen worden waren, sehr dienstfertig herbeitrugen. Indessen hatten
wir auch die Vorsicht walten lassen, ohne ihre Einwilligung nichts von
ihrem Eigentum anzutasten, und hatten ihnen jeden Stamm, soviel wir
deren zu unserm Vorhaben brauchten, ordentlich abgekauft, auch keinen
Stamm gefällt, ohne daß sie uns Erlaubnis dazu gegeben hatten. Der
Boden, auf dem wir unser Fort errichteten, war sandig. Wir waren also
genötigt, die Schanzen durch Holz zu verstärken. Drei Seiten sollten
auf diese Art befestigt werden, die vierte stieß an einen Fluß, an
dessen Ufer ich die Befestigung durch Aufstellung einer gehörigen
Anzahl von Wasserfässern sichern wollte. An diesem Tage ließen wir dem
Schiffsvolk zum ersten Male Schweinefleisch reichen, und die Insulaner
brachten uns so viele Brotfrucht und Kokosnüsse, daß wir einen Teil
davon zurücksenden und durch Zeichen andeuten mußten, wir würden auf
die zwei folgenden Tage keine mehr brauchen. An diesem Tage wurde
alles gegen Glasperlen eingehandelt. Für eine einzige erbsengroße Perle
gaben sie uns fünf bis sechs Kokosnüsse und ebenso viele Brotfrüchte.
Banks' Zelt wurde noch vor der Nacht innerhalb der Festungswerke
aufgeschlagen, und er schlief zum ersten Male am Lande. Ringsherum
wurden Schildwachen ausgestellt, jedoch die ganze Nacht über versuchte
es keiner der Insulaner, sich zu nähern.

Am folgenden Morgen stattete unser Freund Tuburai Tamaide Herrn Banks
im Zelt einen Besuch ab und brachte nicht nur seine Gemahlin und
Familie, sondern auch das Dach eines Hauses, allerhand Bau-, Hausgeräte
und Werkzeug mit. Soweit wir ihn verstehen konnten, war er willens,
seine Residenz in unserer Nähe aufzuschlagen. Dieser Beweis seiner
Zuneigung und Gewogenheit machte uns große Freude, und wir nahmen uns
vor, seine Freundschaft möglichst zu befestigen. Bald nach seiner
Ankunft nahm er Banks bei der Hand, führte ihn aus der Verschanzung
hinaus und gab ihm zu verstehen, daß er mit ihm in den Wald gehen
möchte. Als sie ungefähr ein Kilometer miteinander gegangen waren,
langten sie bei einer Art von Wetterdach an, das der Häuptling bereits
hatte erbauen lassen und zu seiner einstweiligen Wohnung bestimmt zu
haben schien. Hier wickelte er ein Bündel Rindenstoff auseinander, nahm
zwei Kleider, das eine aus rotem Zeuge, das andere aus sehr hübschen
Matten, kleidete Banks darein und führte ihn alsdann ohne weitere
Zeremonie zum Zelt zurück.

Bald nachher brachten ihm seine Bedienten etwas Schweinefleisch und
Brotfrucht; er machte sich über diese Gerichte her und tauchte dabei
das Fleisch in Seewasser, das ihm statt der Brühe diente. Nach der
Mahlzeit legte er sich auf Banks' Bett und schlief ungefähr eine
Stunde lang. Des Nachmittags brachte seine Gemahlin Tomio einen schön
gebildeten Jüngling von ungefähr 22 Jahren zum Zelte, beide schienen
ihn als ihren Sohn zu betrachten, wir erfuhren aber nachmals, daß
er es nicht war. Am Abend kehrte dieser Jüngling und eine andere
Standesperson, die uns ebenfalls einen Besuch abgestattet hatte,
nach Westen hin zurück. Tuburai Tamaide und seine Gemahlin hingegen
verfügten sich nach ihrem im Walde gelegenen Wetterdache.

Der Schiffsarzt hatte an diesem Abend einen Spaziergang gemacht und
erzählte uns bei seiner Rückkehr, daß er den Leichnam des am Zelte
erschossenen Mannes gefunden habe, den man -- wie er berichtete --
in Rindenzeug gewickelt und auf eine Art von Bahre gelegt hatte, die
auf Pfosten ruhte und oben ein Dach trug. Bei dem Körper lagen einige
Waffen und andere Dinge, die er gern genauer untersucht hätte, wenn der
Leichnam nicht bereits einen so unerträglichen Geruch verbreitet hätte.
Er sagte, er habe auch zwei andre »Särge« derselben Art gesehen, in
deren einem die Gebeine eines menschlichen Körpers gewesen wären und
sehr lange dagelegen haben mußten, weil sie ganz ausgetrocknet waren.
Wir erfuhren später, daß dies auf Tahiti die gewöhnliche Art ist, die
Toten zu bestatten.

Man fing nunmehr an, eine Art von Markt zu halten. Der Platz war
hart am Fort gelegen, und wir wurden mit allem reichlich versehen,
ausgenommen Schweinefleisch, das sehr selten blieb. Tuburai Tamaide war
unser beständiger Gast und ahmte unsere Gewohnheiten so eifrig nach,
daß er sich sogar eines Messers und einer Gabel bediente, die er bald
mit ziemlicher Geschicklichkeit handhabte.

Inzwischen hatte Monkhouse durch seine Beschreibung von dem Orte, wo
der erschossene Mann beigesetzt war, meine Neugier rege gemacht; ich
suchte also Gelegenheit, mit einigen anderen hinzugehen und selbst den
Begräbnisplatz zu besichtigen. Wir gelangten endlich an unser Ziel. Der
Schuppen, unter dem der Leichnam lag, war dicht neben dem Hause, worin
der Mann bei Lebzeiten gewohnt hatte, aufgebaut. Noch andere ähnliche
Begräbnisstätten lagen nur 3 Meter davon ab. Der Schuppen selbst war
ungefähr 4½ Meter lang, etwa 3 Meter breit und von verhältnismäßiger
Höhe. Das eine Ende war ganz offen, das andere sowie die beiden Seiten
waren zum Teil mit einer Art von geflochtenem Zaun umgeben. Die Bahre,
auf der der Leichnam lag, war eine Art von hölzernem Kasten. Der Boden
dieses Behältnisses war mit Matten belegt und ruhte auf vier Pfosten
ungefähr anderthalb Meter über der Erde. Der Leichnam selbst war mit
einer Matte und über dieser mit einem weißen Tuch bedeckt. Neben dem
Körper lag eine hölzerne Keule, eines von ihren Kriegswerkzeugen, und
zu Häupten des Toten standen 2 Kokosnußschalen, wie sie auf diesen
Inseln bisweilen als Trinkgeschirre dienen. Am anderen Ende war ein
Bündel grüner Blätter an einige dürre Zweige gebunden und in die Erde
gesteckt. Daneben lag ein Stein, der ungefähr die Größe einer Kokosnuß
haben mochte, und etwas weiter weg hatten sie eine junge Banane, deren
man sich, wie geschildert, als Friedenssymbol bedient, eingesetzt;
daneben lag eine steinerne Axt. Am offenen Ende des Schuppens hing
eine große Menge aufgereihter Palmnüsse. Außerhalb war der Stamm einer
ungefähr anderthalb Meter hohen Bananenpflanze aufrecht in den Boden
gesteckt und auf dem oberen Ende eine Kokosnußschale voll frischen
Wassers befestigt. An dem einen von vier Pfosten hing ein kleiner
Sack, in dem wir einige Stücke gerösteter Brotfrucht fanden, die nach
und nach hineingelegt sein mochten; denn einige davon waren noch
frisch, andere schon älter. Ich bemerkte, daß verschiedene von den
Eingeborenen uns mit einer Miene beobachteten, die zugleich Besorgnis
und Feindseligkeit verriet. Als wir uns dem Leichnam näherten, sah man
es ihnen an, daß sie darüber in Verlegenheit waren; auch blieben sie
die ganze Zeit über, in der wir unsere Beobachtungen anstellten, in
geringer Entfernung von uns stehen und schienen recht froh zu sein, als
wir endlich wieder weggingen.

Unser Aufenthalt am Lande wäre gar nicht unangenehm gewesen, wenn
wir nur nicht unaufhörlich von den Fliegen wären gequält worden.
Unter anderem hinderten sie den Maler Parkinson fast gänzlich an
seiner Arbeit. Denn sie bedeckten nicht nur den Gegenstand, den er
abmalen wollte, so sehr, daß man ihn nicht mehr erkennen konnte,
sondern sie fraßen sogar die Farbe vom Papier ebenso geschwind weg,
als er sie auftragen konnte. Wir nahmen deshalb unsere Zuflucht zu
den Moskitonetzen und Fliegenbeizen; diese machten zwar der größten
Beschwerlichkeit ein Ende, halfen ihr aber doch bei weitem nicht ab.

Am 22. gab Tutaha uns eine Probe von der Musik dieses Landes. Vier
Personen spielten auf Flöten, die nur zwei Tonlöcher hatten, und
folglich mit halben Tönen nur vier Noten angeben konnten. Sie wurden
wie unsere Querflöten geblasen, nur daß der Tonkünstler, anstatt sie
an den Mund zu halten, mit dem einen Nasenloche hineinblies, während
er das andere mit dem Daumen zuhielt. Zu diesem Instrument sangen
vier andere Personen und beobachteten den Takt sehr genau; während
des ganzen Konzertes wurde jedoch immer nur ein und dieselbe Melodie
gespielt.

Verschiedene Eingeborene brachten uns Äxte, die sie von der Mannschaft
des »Delphins« bekommen hatten, und ersuchten uns, sie zu schleifen
und auszubessern. Unter diesen Äxten befand sich auch eine, die uns
viel Kopfzerbrechen machte, weil sie französische Arbeit zu sein
schien. Nach langem Nachforschen erfuhren wir, daß nach der Abreise
des »Delphin« und vor unserer Ankunft ein Schiff hier gewesen wäre.
Damals vermuteten wir, daß es Spanier gewesen sein mochten; jetzt aber
wissen wir, daß es die »Boudeuse« unter dem Befehl des französischen
Entdeckers Bougainville gewesen war.

Am 24. nahmen Banks und Dr. Solander das Land verschiedene Kilometer
weit längs der Küste gegen Osten hin in Augenschein. Ungefähr
2 Kilometer weit war es flach und fruchtbar. Von da an erstreckten
sich die Gebirge bis hart an die Küste. Ein wenig weiterhin liefen sie
sogar ganz in die See hinaus, so daß man, um weiter fortzukommen, sie
übersteigen mußte. Diese unfruchtbaren Berge reichten noch ungefähr
3 Kilometer weiter und fielen dann zu einer großen Ebene ab, übersäet
mit Hütten, deren Bewohner in großem Überfluß zu leben schienen. Als
unsere Spaziergänger eben den Rückweg antreten wollten, nahte sich
einer von den Eingeborenen und bot ihnen Erfrischungen dar, die sie
sich auch gefallen ließen. Sie fanden, daß dieser Mann zu einer Art von
Menschen gehörte, die von verschiedenen Schriftstellern beschrieben
worden sind und nach deren Zeugnis unter vielen Völkern zerstreut
angetroffen werden. Seine Haut war blaßweiß, ganz ohne Fleischfarbe
und gewissermaßen leichenfarbig. Das Haar, die Augenbrauen und der
Bart waren ebenfalls weiß. Die Augen schienen mit Blut unterlaufen, er
selbst schien kurzsichtig zu sein. Solche Leute nennt man Albinos.

Bei ihrer Rückkehr begegnete ihnen Tuburai Tamaide mit seinen Frauen,
und diese empfanden bei dem Anblick unsrer Herren solche Freude,
daß sie diese in Ermangelung eines andern Ausdrucks durch Tränen zu
erkennen gaben und eine Zeitlang weinten, ehe sie ihre Leidenschaft
mäßigen konnten.

Am Abend lieh Dr. Solander einer dieser Frauen sein Taschenmesser,
bekam es aber nicht wieder, und den folgenden Morgen vermißte auch
Banks das seine. Bei dieser Gelegenheit muß ich allen Ständen und
beiden Geschlechtern dieses Volkes das Zeugnis ausstellen, daß sie
die größten Diebe auf Erden sind. Gleich am ersten Tage, als wir hier
angekommen waren, und sie also zum ersten Male an Bord kamen, waren die
Vornehmsten unter ihnen schon geschäftig, alles, was sie nur bekommen
konnten, aus der Kajüte zu stehlen, und ihre Untergebenen waren an
anderen Stellen des Schiffs nicht weniger emsig. Sie nahmen alles,
was sie einigermaßen verbergen konnten, bis sie an Land kamen, und
sogar die Glasscheiben der Fenster waren nicht sicher vor ihnen; denn
sie nahmen gleich das erstemal zwei davon mit sich. Außer Tutaha war
Tuburai Tamaide der einzige, der dieses Lasters nicht schuldig befunden
wurde. Jetzt nun, als Banks' Messer abhanden gekommen war, erschien
auch Tuburais Ehrlichkeit fragwürdig, und Banks beschuldigte ihn daher,
so leid es ihm auch tat, ihm das Messer entwendet zu haben. Tuburai
leugnete es feierlich und blieb dabei, daß er nicht das geringste davon
wisse. Banks dagegen erklärte, daß er das Messer wieder haben wolle,
möchte nun er oder ein anderer es genommen haben. Das war ziemlich
deutlich gesprochen und hatte die gewünschte Wirkung. Einer von den
Anwesenden nämlich zog auf ein Wort des Häuptlings einen Lumpen hervor,
in dem drei Messer sehr sorgfältig eingewickelt waren. Eines davon war
jenes, das Dr. Solander der Frau geliehen hatte, das zweite war eines
von meinen Tischmessern; wem das dritte gehören mochte, wußten wir
nicht. Mit diesen Messern eilte Tuburai augenblicklich nach dem Zelte,
um sie ihren Eigentümern zurückzuerstatten. Banks blieb unterdessen
bei den Frauen, die sehr besorgt zu sein schienen, daß ihrem Herrn
und Gebieter ein Leids geschehen möchte. Als er an unser Zelt kam,
gab er das eine Messer Dr. Solander, das andere mir zurück. Zu dem
dritten wollte sich der Eigentümer nicht finden lassen. Darauf fing er
an, Banks' Messer in allen Ecken und in allen Winkeln zu suchen, wo
er es nur jemals hatte liegen sehen. Nach einiger Zeit merkte einer
von Banks' Bedienten, wonach der Insulaner suchte, und holte sogleich
das Messer seines Herrn herbei, das er den Tag zuvor weggelegt hatte,
und von dem er bis zum Augenblick nicht gewußt hatte, daß es vermißt
werde. Als der gute Tuburai Tamaide gerechtfertigt und in seiner
Unschuld erkannt war, geriet er in die äußerste Erregung, die er in
Blicken und Gebärden zum Ausdruck bringen mußte: die Tränen schossen
ihm in die Augen, und er machte Zeichen mit dem Messer, daß, wenn er
jemals einer solchen Tat, wie man sie ihm eben habe aufbürden wollen,
schuldig erfunden würde, er sich die Kehle wolle abschneiden lassen.
Hierauf rannte er aus dem Fort und hin zu Banks mit einer Miene, die
diesem seinen Argwohn streng verwies. Banks erfuhr bald, daß sein
Bedienter das Messer an sich genommen hatte, und nun kränkte es ihn
ebensosehr, dem guten Tuburai Unrecht getan zu haben, als jenem der
unverdiente Vorwurf nahegegangen war. Er fühlte sich schuldig und
wünschte sehr, seine Übereilung wieder gutzumachen. Doch so heftig auch
die Leidenschaft des verdächtigten Häuptlings war, neigte er doch nicht
zu heimlichem Grolle, und als Banks wieder ein wenig vertraulich gegen
ihn getan und ihm einige Geschenke gemacht hatte, war die Beleidigung
vergessen und Tuburai wieder vollkommen ausgesöhnt.

Am nächsten Tage pflanzte ich sechs Drehkanonen auf das Fort und sah
mit Bedauern, daß die Eingeborenen darüber in Besorgnis gerieten.
Einige Fischerleute, die auf der Landspitze des Hafens wohnten, zogen
weiter weg, und Auhaa gab uns durch Zeichen zu verstehen, wir würden in
Zeit von vier Tagen große Kanonen abfeuern.

Am 27. April speiste Tuburai mit einem seiner Freunde und mit den drei
Frauen, die ihn zu begleiten pflegten, zu Mittag bei uns im Fort. Wie
ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, hießen die drei Frauen Terapo,
Teirao und Omeia. Der gute Freund aber, den er mitbrachte, bewies sich
bei der Mahlzeit so gefräßig, wie ich dergleichen noch nie gesehen
hatte. Am Abend nahmen sie Abschied und gingen nach dem Hause, das
Tuburai am äußersten Teile des Waldes hatte aufrichten lassen. Nach
kaum einer Viertelstunde kam der Häuptling sehr entrüstet zurück,
ergriff Banks hastig am Arme und gab ihm durch Zeichen zu verstehen,
daß er ihm folgen solle. Banks tat es sogleich, und sie gelangten bald
an einen Ort, wo sie den Schiffsfleischer mit einer Sichel in der Hand
stehen sahen. Hier hielt Tuburai an und meldete ihm mit so unmäßiger
Wut, daß man seine Zeichen kaum verstehen konnte, der Fleischer habe
gedroht oder gar versucht, seiner Gattin mit der Sichel die Kehle
abzuschneiden. Banks bedeutete ihm hierauf, daß, wenn er die Wahrheit
seiner Anklage erweisen könnte, der Mann dafür gestraft werden solle.
Das besänftigte ihn, und er gab Banks zu verstehen, wie sich die
Sache zugetragen hatte. Der Verbrecher habe nämlich Lust nach einem
steinernen Beile bekommen, das im Hause gelegen hätte. Dieses Beil habe
er seiner Gattin für einen Nagel abkaufen wollen; da sie aber geäußert
hätte, daß es ihr um keinen Preis feil sei, so habe er es weggenommen,
ihr den Nagel hingeworfen und gedroht, daß er ihr die Kehle
abschneiden würde, wenn sie sich etwa widersetzte. Zum Beweise dafür
wurden Beil und Nagel vorgezeigt, und der Fleischer konnte dagegen so
wenig zu seiner Verteidigung vorbringen, daß man keine Ursache hatte,
an der Wahrheit der Beschuldigung zu zweifeln.

Banks berichtete mir diesen Vorfall. Als Tuburai kurz danach mit
seinen Frauen und anderen Insulanern an Bord des Schiffes war, ließ
ich den Fleischer auf Verdeck rufen, die Anklage und der Beweis
wurden dem Verbrecher vorgehalten, und um anderen ähnlichen Vergehen
vorzubeugen, wie auch Banks' Versprechen zu erfüllen, befahl ich, daß
der Kerl abgestraft werden sollte. Die Eingeborenen sahen mit ernster
Aufmerksamkeit zu, wie er entkleidet und an die Wand gebunden wurde,
und erwarteten stillschweigend den Ausgang. Sobald man ihm aber den
ersten Streich gegeben hatte, legten sie sich ins Mittel und baten aufs
angelegentlichste, daß ihm der Rest der Strafe erlassen werden möchte.
Hierein konnte ich aber aus verschiedenen Gründen nicht willigen. Und
als sie endlich sahen, daß sie mit ihren Fürbitten nichts erreichten,
bezeugten sie ihr Mitleid durch Tränen.

[Illustration: Der Bootsmann erkannte die Königin sogleich wieder.]

Sie waren in der Tat so wie Kinder gleich zu Tränen geneigt, wenn
eine oder die andere Leidenschaft heftig in ihnen aufstieg; und ihre
Tränen schienen auch wie der Kinder Tränen ebenso leicht vergossen als
vergessen zu sein. Hiervon mag folgender Vorfall Zeugnis geben: Am 28.
des Morgens sehr frühe, noch vor Anbruch des Tages, kam eine große
Anzahl Eingeborener zum Fort, und da man unter anderen Frauen auch die
Terapo außerhalb des Tores stehen sah, ging Banks hinaus und führte
sie herein. Er bemerkte, daß ihr Tränen in den Augen standen, und
sobald sie hereinkam, brach sie in lautes Weinen aus. Er erkundigte
sich eifrig nach der Ursache ihrer Betrübnis. Allein, statt ihm zu
antworten, zog sie unter ihrem Kleide einen Seehundszahn hervor und
stieß sich diesen sechs- oder siebenmal so heftig in den Kopf, daß
das Blut mit Gewalt herabströmte. Sie redete dabei sehr laut in einem
höchst traurigen Tone einige Minuten lang fort, ohne im geringsten auf
seine Fragen zu achten, die er noch dringender als zuvor wiederholte,
wobei er ihr sein Mitleid immer mehr bezeugte. Die andern Insulaner
hingegen plauderten und lachten die ganze Zeit über, ohne sich im
geringsten an ihren Jammer zu kehren. Das kam Banks sehr seltsam vor;
ihr eigenes Betragen war jedoch noch sonderbarer. Sobald das Blut zu
fließen begann, sah sie mit lächelnder Miene auf und begann, einige
kleine Streifen Zeug aufzulesen, die sie vorher hingeworfen hatte, um
das Blut aufzufangen. Sobald sie alle aufgehoben hatte, ging sie aus
dem Zelte weg und warf die Fetzen mit vieler Sorgfalt in die See, als
ob sie gleichsam verhindern wollte, daß ihr Anblick die Erinnerung an
den Anlaß ihrer Traurigkeit erneuern sollte. Hierauf sprang sie in den
Fluß, wusch sich und kehrte dann so aufgeräumt und munter nach dem
Zelte zurück, als ob ihr nicht das geringste widerfahren sei.

Den ganzen Vormittag über langten beständig Kanus an, und die Zelte im
Fort wimmelten von Leuten beiderlei Geschlechts, die aus verschiedenen
Gegenden der Insel hergekommen waren. Da ich selbst an Bord des
Schiffes zu tun hatte, ging mein Bootsmann, der die letzte Reise an
Bord des »Delphin« mitgemacht hatte, an Land. Sobald er in Banks' Zelt
trat, fiel ihm eine Frau auf, die sehr gelassen unter den anderen
dasaß. Er hatte sie kaum recht angeblickt, so erkannte er sie wieder
und behauptete, daß es dieselbe Dame sei, die man damals für die
Königin der Insel gehalten habe. Sie bestätigte ihrerseits gleichfalls,
daß er einer von den Fremden sei, die sie früher schon gesehen habe.
Nunmehr sah alles auf diese Dame, die nach dem Zeugnis der Entdecker
dieser Insel eine so große Rolle gespielt hatte. Wir erfuhren bald, daß
sie Oberea hieß; sie schien ungefähr 40 Jahre alt zu sein und war von
großer Statur. Ihre Haut war sehr hell, und in ihrem Blick lag etwas
ungemein Geistreiches und Empfindsames. Sie schien in ihrer Jugend
schön gewesen zu sein. Jetzt aber waren nur noch einige Reste dieser
ehemaligen Schönheit zu sehen.

Sobald man ihren Rang wußte, erbot man sich, sie an Bord des Schiffes
zu bringen. Sie nahm dieses Anerbieten mit Vergnügen an und kam mit
zwei Männern und verschiedenen Frauen, die insgesamt zu ihrer Familie
zu gehören schienen, an Bord. Ich empfing sie mit allen den Ehren, die
ihr meinem Erachten nach schmeicheln konnten, und überhäufte sie mit
Geschenken, von denen dieser durchlauchtigsten Dame eine Kinderpuppe am
besten zu gefallen schien. Als sie eine kleine Weile an Bord zugebracht
hatte, begleitete ich sie an Land zurück. Sobald wir dort ankamen,
machte sie mir ein Geschenk von einem Schweine und verschiedenen
Bündeln Bananen, die sie von ihren Kanus zu unserm Boote vor uns her
in einer Art von Prozession tragen ließ. Auf unserem Wege zum Fort
begegneten wir dem Tutaha, der zwar nicht König war, aber damals doch
mit der höchsten Gewalt bekleidet sein mußte. Es schien ihm gar nicht
zu gefallen, daß wir der Oberea so viele Ehren erwiesen; und als sie
vollends ihre Puppe hervorzog, wurde er so eifersüchtig, daß ich, um
ihn zu versöhnen, es für ratsam hielt, auch ihm eine zu schenken.

Die Männer, die uns von Zeit zu Zeit besuchten, pflegten ohne das
geringste Bedenken von unseren Speisen zu essen. Die Frauen hingegen
hatte man noch niemals bewegen können, einen Bissen zu kosten. Auch
an diesem Tage drangen wir in sie, daß sie mit uns speisen möchten;
sie lehnten es zwar wie gewöhnlich ab, verfügten sich aber nachher in
das Zimmer der Bedienten und ließen sich hier die Bananen sehr wohl
schmecken. Diese Seltsamkeit im Betragen des schönen Geschlechts war
uns ein unauflösliches Rätsel.

Am nächsten Abend stattete Banks dem Tuburai Tamaide, wie er bereits
oft getan hatte, bei Licht einen Besuch ab, fand aber zu seinem
Bedauern und zu seiner Befremdung, daß der Häuptling und seine ganze
Familie sehr betrübt und die meisten weinend dasaßen. Banks bemühte
sich vergebens, die Ursache ihrer Traurigkeit zu entdecken, und hielt
sich deshalb nicht lange bei ihnen auf, sondern kehrte zum Fort zurück.
Als er den Offizieren erzählte, was er gesehen habe, erinnerten sich
diese, daß Auhaa ihnen vorausgesagt hatte, wir würden innerhalb von
vier Tagen unser großes Geschütz abfeuern, und da von diesem Termin
eben der dritte Tag zu Ende ging, erschraken sie über diesen Umstand
und gerieten auf den Verdacht, daß uns von seiten der Eingeborenen
vielleicht irgendein Unheil bevorstehe. Die Schildwachen im Fort wurden
daher verdoppelt, und die Offiziere selber schliefen unter Waffen. Um
2 Uhr des Morgens stand Banks auf und wollte in eigener Person die
Gegend untersuchen. Er ging um die Landspitze herum, fand aber alles so
ruhig, daß er jeden Verdacht eines Überfalles als unbegründet fahren
ließ. Doch wir hatten nunmehr noch einen andern Grund, uns sicher zu
fühlen; denn unser Festungsbau war beendet. Die nördliche und südliche
Seite bestanden aus einem Erdwall, der innen fast 2 Meter hoch und
mit einem 3 Meter breiten und 2 Meter tiefen Graben umgeben war. Die
westliche Seite, die der Bucht gegenüber lag, hatte ich mit einem
Erdwall versehen lassen, der etwa 1½ Meter hoch und mit Palisaden
gesichert, aber durch keinen Graben verstärkt war, weil zur Flutzeit
die See bis an das Fort selbst heranspülte. An die östliche Seite, die
ans Flußufer stieß, waren zwei Reihen gefüllter Wasserfässer gestellt.
Und weil diese die schwächste Seite war, ließ ich zwei 4-pfündige
Kanonen und 6 Drehbassen dahinbringen und diese so aufpflanzen, daß sie
die zwei einzigen Zugänge aus den Wäldern her bestreichen konnten. Die
Offiziere und die am Lande wohnenden Herren mit eingerechnet, bestand
unsere Besatzung aus 45 Mann, die sämtlich mit Schußwaffen wohlversehen
waren, und unsere Schildwachen wurden ebenso regelmäßig abgelöst, als
in der wachsamsten Grenzfestung von Europa möglich gewesen wäre.

Obgleich unser Verdacht sich gelegt hatte, setzten wir unsere
Wachsamkeit doch den ganzen folgenden Tag über fort. Um 10 Uhr des
Morgens kam Tomio mit furchtsamer und trauriger Miene zum Zelt
gelaufen, nahm Banks, an den sie sich in jeder Verlegenheit und Not
zu wenden pflegte, am Arm und gab ihm zu verstehen, daß Tuburai an
etwas, das unsere Leute ihm gegeben hätten, sterben wolle; er möchte
also unverzüglich mit ihr kommen. Banks ging mit ihr und fand seinen
braunen Freund äußerst schwach und niedergeschlagen, den Kopf hatte
er an einen Pfosten gelehnt. Die Leute, die um ihn herum standen,
berichteten, daß er sich erbrochen habe, und brachten ein sehr
sorgfältig eingewickeltes Blatt herbei, das ihrer Aussage nach etwas
von dem Gift enthielte, an dessen zerstörenden Wirkungen er nun sterben
müsse. Banks öffnete eiligst das Blatt und fand darin etwas Kautabak,
den Tuburai sich von einigen unserer Leute ausgebeten, und den ihm
diese auch unbesonnenerweise gegeben hatten. Er mußte beobachtet haben,
daß sie den Tabak lange im Munde zu behalten pflegten, und da er es
ihnen vermutlich gleichtun wollte, so hatte er ihn lieber ganz klein
gekaut und mit dem Speichel hinuntergeschluckt. Während Banks das
Blatt betrachtete und den Inhalt untersuchte, sah ihn jeder mit der
erbärmlichsten Miene an, als wollte er sagen: es ist vorbei. Sobald
indessen Banks die Ursache und den Zustand der Krankheit erkannt hatte,
verordnete er dem Häuptling reichlich Kokosmilch, und dieses Getränk
machte denn auch der Krankheit und Todesahnung bald ein Ende.

Da Kapitän Wallis eines von den Beilen nach England gebracht hatte,
die diese Südsee-Insulaner in Ermangelung jeglichen Metalls aus Stein
verfertigen, hatte der Sekretär der Admiralität nach diesem Muster
eines aus Eisen anfertigen lassen und mir auf die Reise mitgegeben, um
den Eingeborenen zu zeigen, wie sehr wir sie in der Verfertigung von
Werkzeugen auch nach ihrer eigenen Landesart überträfen. Dieses Beil
hatte ich noch niemals vorgezeigt, weil es mir seit meinem Hiersein
noch gar nicht eingefallen war. Als nun Tutaha eines Morgens an Bord
kam, äußerte er große Begierde, zu sehen, was in jeder Kiste und
jeder Schublade meiner Kajüte wäre. Da ich ihm nun allezeit soviel
als möglich gefällig zu sein versuchte, schloß ich ihm einen Behälter
nach dem anderen auf. Er bekam Lust zu vielen Dingen, die er sah, und
las sie zusammen. Als er aber zuletzt die Augen auf dieses Beil warf,
ergriff er es mit der größten Begierde, legte alles, was er vorher
zusammengelesen hatte, weg und fragte mich, ob ich ihm dieses geben
wolle. Ich willigte gern ein, und als hätte er besorgt, es möchte mich
vielleicht gereuen, machte er sich vor Freude im Augenblick damit fort,
ohne sich noch mehr auszubitten, wie er es sonst zu tun pflegte, wenn
man ihn gleich noch so freigebig beschenkt hatte.

Am Mittag des 1. Mai kam ein anderer von den Anführern, der wenige Tage
vorher in Gesellschaft einiger seiner Frauen mit mir gespeist hatte,
allein an Bord. Ich hatte beobachtet, daß er sich bei der Mahlzeit
von seinen Frauen regelrecht füttern ließ, doch hoffte ich, daß er
sich diesmal wohl dazu bequemen würde, selbst zuzulangen. Darin aber
hatte ich mich geirrt. Als die Mahlzeit aufgetragen war und mein
vornehmer Gast Platz genommen hatte, legte ich ihm einige Speisen
vor; er aber saß unbeweglich und wollte nicht essen. Ich nötigte
ihn also, zuzulangen, er blieb aber immer noch unbeweglich wie eine
Bildsäule, ohne auch nur Miene zu machen, einen Bissen zu kosten. Ich
glaube wahrhaftig, er wäre ohne zu essen weggegangen, wenn ich nicht
die Ursache seines Betragens erraten und einen von meinen Bedienten
beauftragt hätte, ihm die Bissen in den Mund zu stecken.

[Illustration: Der Bediente mußte dem Häuptling die Bissen in den Mund
stecken.]

Am Nachmittag legten wir die Sternwarte an und nahmen den Quadranten
nebst einigen anderen astronomischen Instrumenten zum ersten Male mit
an Land.

Den nächsten Morgen um 3 Uhr ging ich mit unserm Astronomen Green
hin, den Quadranten zum Gebrauch aufzustellen. Allein zu unserer
unbeschreiblichen Bestürzung war das Instrument nirgends mehr zu
finden. Es war von uns in dem für mich bestimmten Zelte aufbewahrt
worden, und da ich diese Nacht noch an Bord geblieben war, hatte
niemand im Zelte geschlafen. Es war niemals aus dem Futteral, das
fast ein halbes Meter im Quadrat hatte und mit dem Inhalt ziemlich
schwer war, herausgenommen worden. Die ganze Nacht hindurch hatte eine
Schildwache kaum 4 Meter weit von der Türe des Zeltes gestanden, und
von den anderen Instrumenten wurde keines vermißt. Anfangs argwohnten
wir, daß es vielleicht von einem oder dem anderen unserer eigenen Leute
möchte gestohlen worden sein, der beim Anblick des hölzernen Kastens,
ohne zu wissen, was darin sei, vielleicht gedacht haben mochte, er
enthalte Nägel oder sonst etwas, das zum Handel mit den Eingeborenen
tauglich sei. Es wurde also sofort dem Finder des Quadranten eine große
Belohnung angeboten, weil wir ohne dies Instrument die vornehmste
Aufgabe unserer Reise gar nicht durchführen konnten. Wir begnügten
uns nicht damit, im Fort und in dessen Nachbarschaft nachzusuchen,
sondern, da der Kasten im Falle, daß er von einem unserer eigenen
Leute gestohlen worden war, nach dem Schiff zurückgebracht worden sein
konnte, wurde auch an Bord eifrigst nach ihm geforscht. Allein, alle
hierzu ausgeschickten Abteilungen kamen unverrichteterdinge zurück.
Banks, der bei solchen Zufällen weder Mühe noch Gefahren scheute
und bei den Eingeborenen mehr als irgendeiner von uns vermochte,
entschloß sich daher, den Quadranten in den Wäldern zu suchen. War das
Instrument von den Eingeborenen gestohlen worden, hoffte er, es an dem
Orte, wo sie den Kasten geöffnet hatten, wiederzufinden, weil sie
sogleich gesehen haben müßten, daß er für sie von gar keinem Nutzen
sein könne. Wenn aber diese Erwartung täuschen sollte, schmeichelte
er sich, das Instrument durch das Ansehen, das er bei den Häuptlingen
genoß, wiedererlangen zu können. Er ging daher in Begleitung eines
Schiffsunteroffiziers und Greens fort und begegnete, als er eben über
den Fluß setzte, Tuburai Tamaide, der sogleich mit drei Strohhalmen
auf seiner Hand die Figur eines Dreiecks darstellte. Danach war es
gewiß, daß die Eingeborenen die Diebe waren, und Banks schloß aus
diesem Umstande, daß sie zwar den Kasten geöffnet hatten, jedoch nicht
geneigt waren, das Instrument auszuliefern. Nun war keine Zeit mehr
zu verlieren. Banks gab also Tuburai Tamaide zu verstehen, daß er
augenblicklich mit ihm nach dem Orte gehen müsse, wohin der Quadrant
gebracht worden wäre. Der Häuptling war sogleich dazu bereit, und sie
eilten miteinander in östlicher Richtung fort. Tuburai erkundigte sich
in jedem Hause, an dem sie vorüberkamen, nach dem Diebe, den er genau
kennen mußte, weil er ihn mit Namen nannte; die Leute sagten ihm auch
überall, welchen Weg er genommen habe, und wann er vorübergekommen sei.
Man hatte also von einem Orte zum andern Hoffnung, ihn einzuholen,
und das machte unsern Leuten Mut, der unerträglichen Sonnenhitze zu
widerstehen und weiterzudringen. Nachdem sie so, bald gehend, bald
laufend, einen vom Fort etwa 4 Kilometer entfernten Berg erreicht
hatten und diesen hinaufgestiegen waren, zeigte ihnen ihr Führer eine
Landspitze, die noch gut 3 Kilometer entfernt lag, und gab ihnen
dabei zu verstehen, daß sie das Instrument nicht eher wiederbekommen
konnten, als bis sie dorthin gelangt wären. Sie hielten also eine kurze
Beratung. Sie hatten keine andere Waffe als ein paar Pistolen, die
Banks allezeit bei sich zu tragen pflegte. Sie waren im Begriff, einen
Ort aufzusuchen, der gut 7 Kilometer vom Fort entfernt lag, und wo die
Eingeborenen vielleicht nicht so gutwillig sein mochten wie in der
Nähe unseres Schiffs. Sie wollten den Wilden überdies etwas abnehmen,
das diese mit Lebensgefahr erbeutet hatten, und das sie allem Vermuten
nach behalten wollten. Das waren Umstände, die man wohl bedenken mußte,
und es war vorauszusehen, daß sie immer mehr Gefahr liefen, je tiefer
sie sich auf ihrer Suche ins Land hineinwagten. Es wurde deshalb
beschlossen, daß Banks und Green mit dem Häuptling weitergehen sollten.
Der Unteroffizier aber sollte zu mir zurückkehren und verlangen, daß
eine Abteilung Soldaten nachgeschickt werde, und mir zugleich melden,
daß sie unmöglich vor Nacht wieder zurück sein könnten. Auf diese
Botschaft hin machte ich mich selbst auf den Weg und nahm so viel von
meinen Leuten mit, als ich nötig zu haben glaubte. Im Schiffe aber
und im Fort ließ ich Befehl zurück, daß man kein Kanu aus der Bucht
wegrudern lassen, jedoch auch keinen Eingeborenen gefangenhalten sollte.

Mittlerweile setzten Banks und Green mit Tuburai Tamaide ihren Weg
fort, und an dem Platze, den der Häuptling ihnen vom Berge aus gezeigt
hatte, trafen sie einen von seinen eigenen Leuten, der ein Stück
vom Quadranten in der Hand hielt. Bei diesem höchst erfreulichen
Anblick machten sie halt, und im Augenblick waren sie auch schon von
einer großen Menge Eingeborener umringt. Da aber einige der Wilden
sich ziemlich nahe an sie herandrängten, hielt Banks es für nötig,
ihnen eine von seinen Pistolen zu zeigen. Diese Warnung hatte die
beabsichtigte Wirkung. Indessen wuchs die Menschenmenge mit jedem
Augenblick mehr an. Banks, der sie sich nicht allzu nahe kommen
lassen wollte, bezeichnete ihnen einen Kreis im Grase, den sie nicht
überschreiten sollten, und sie stellten sich denn auch sehr ruhig und
manierlich außerhalb der Grenze um ihn her. In der Mitte des Kreises
ließ man den nunmehr herbeigeschafften Kasten nebst verschiedenen
Linsen und anderen Teilen des Instruments aufstellen. Der Dieb hatte
alle diese Dinge in der Eile in ein Pistolenfutteral gesteckt, das
Banks als sein Eigentum erkannte, und das er bereits seit einiger
Zeit samt einer Reiterpistole, die darin gewesen war, in seinem Zelte
vermißt hatte. Banks forderte jetzt auch diese Waffe zurück, und sie
ward ihm sofort gegeben.

Der Astronom war gespannt, zu sehen, ob auch alles Zubehör vollständig
zurückgegeben worden sei. Bei genauerer Untersuchung des Kastens fand
er, daß das Gestell und einige andere Kleinigkeiten noch fehlten. Nach
diesen wurden verschiedene Personen ausgeschickt, und die meisten
der vermißten Stücke wurden zurückgebracht. Man gab ihm zugleich zu
verstehen, daß der Dieb das Gestell nicht bis in diese Gegend mit sich
geschleppt habe, und daß es ihm auf dem Rückwege ausgehändigt werden
solle.

Da nun auch Tuburai Tamaide diese Versicherung durch sein Wort
bestätigte, so machten sich unsre Herren auf den Rückweg, weil das
wenige, das ihnen auch jetzt noch an dem Instrumente fehlte, leicht
wieder neu angefertigt werden konnte. Nachdem sie auf ihrem Rückwege
ungefähr zwei Kilometer weit gekommen waren, traf ich sie, und wir
freuten uns über die Wiedererlangung des Quadranten, was man bei der
Wichtigkeit des Instrumentes leicht verstehen wird.

Um 8 Uhr kam Banks mit Tuburai Tamaide zum Fort zurück, fand aber
zu seinem großen Bedauern den Tutaha hier in Haft und sah, daß
viele Eingeborene in äußerster Angst und Bestürzung sich um das Tor
drängten. Er ging also eiligst hinein und erlaubte auch einigen der
Eingeborenen, ihm zu folgen. Als sie hineinkamen, ereignete sich ein
rührender Auftritt. Tuburai Tamaide stürzte herein und warf sich
Tutaha in die Arme. In dieser zärtlichen Stellung brachen sie beide
in Tränen aus und weinten um einander, ohne ein Wort sagen zu können.
Die anderen Eingeborenen weinten nicht minder um ihr Oberhaupt Tutaha,
weil sie gleich ihm wähnten, er solle hingerichtet werden. In dieser
traurigen Verfassung blieben sie bis zu meiner Ankunft, die ungefähr
eine Viertelstunde nachher erfolgte. Der Anblick befremdete und
rührte mich ungemein. Tutaha war ohne meinen Befehl gefangengenommen
worden; ich setzte ihn daher sogleich in Freiheit. Als ich die Sache
genauer untersuchte, wurde mir berichtet, daß die Eingeborenen, als
sie mich mit bewaffneter Mannschaft in den Wald hätten marschieren
sehen, gefürchtet haben mußten, es geschähe in der Absicht, den soeben
vorgefallenen Diebstahl, den auch sie gleich erfahren hatten, so zu
ahnden, wie es die Wichtigkeit des Verlustes und die Strenge unserer
Vorkehrungen besorgen ließ. Dieser Gedanke habe sie derart erschreckt,
daß sie sofort angefangen hätten, die Gegend des Forts mit allen ihren
Habseligkeiten zu verlassen. Leutnant Gore, dem ich während meiner
Abwesenheit das Kommando an Bord der »Endeavour« übergeben und befohlen
hatte, kein Kanu wegrudern zu lassen, habe ein Doppelkanu vom Lande
abstoßen sehen und hierauf den Bootsmann mit einem Boote abgeschickt,
um es zurückzubringen. Sobald das Boot jedoch an das Kanu herangekommen
sei, wären die Insassen vor Schrecken ins Meer gesprungen, und da
zum Unglück Tutaha sich unter ihnen befand, habe der Oberbootsmann
diesen gefangengenommen, während er die anderen an Land schwimmen ließ.
Der Wahn, daß wir ihn hinrichten würden, hatte sich Tutahas so sehr
bemächtigt, daß er es sich nicht eher wollte ausreden lassen, als bis
man ihn auf meinen Befehl zum Fort hinausließ. Das Volk empfing ihn,
wie Kinder einen Vater unter diesen Umständen empfangen hätten; jeder
drängte sich heran, ihn zu umarmen. Plötzliche Freude ist gewöhnlich
freigebig, ohne daß sie sich ängstlich um das Verdienst kümmert.
Bei seiner unerwarteten Rettung aus der Gefangenschaft und vor dem
erwarteten Tode drang Tutaha in der ersten Freudenaufwallung darauf,
daß wir ein Geschenk von zwei Schweinen annehmen sollten. Da wir uns
aber bewußt waren, daß wir in dieser Sache nichts weniger als Geschenke
und Gunstbezeigungen verdient hatten, so verweigerten wir wiederholt
die Annahme des Geschenks.

Am folgenden Morgen versahen Banks und Dr. Solander ihr gewöhnliches
Amt als Marktbeauftragte. Es kamen aber fast keine Eingeborenen, und
die wenigen, die sich einstellten, brachten keine Lebensmittel mit.
Tutaha schickte einige von seinen Leuten, um das ihm abgenommene Kanu
abzuholen, das ihm auch sofort ausgeliefert wurde. Unter andern war
gestern ein der Oberea gehöriges Kanu ebenfalls angehalten worden; sie
schickte also Tupia, der schon zu Zeiten der Ankunft des »Delphin« ihre
Angelegenheiten zu besorgen hatte, zu uns, um festzustellen, ob irgend
etwas an Bord weggenommen worden sei. Er kam zu uns ins Fort, blieb
hier den ganzen Tag und schlief die folgende Nacht an Bord des Kanus.

Gegen Mittag kamen einige Fischerboote den Zelten gegenüber an den
Strand, wollten aber sehr wenig von ihren Erträgnissen verhandeln. An
Kokosnüssen und Brotfrucht litten wir bereits empfindlichen Mangel.
Banks begab sich deshalb in die Wälder und suchte durch seinen Umgang
mit dem Volke uns dessen Gunst und Vertrauen wieder zu erwerben. Sie
waren sehr höflich gegen ihn, beklagten sich aber über die Mißhandlung
ihres Anführers, der ihrer Aussage nach geschlagen und an den Haaren
gezogen worden war. Banks gab sich Mühe, sie zu überzeugen, daß man gar
nicht Hand an ihn gelegt habe, was sich auch unserem besten Wissen nach
so verhielt. Doch war es freilich nicht unmöglich, daß der Bootsmann
eine Grausamkeit begangen hatte, die er zu bekennen sich fürchtete und
schämte.

Tutaha war es inzwischen, als er sich die Sache noch einmal überlegt
haben mochte, selbst eingefallen, daß wir die Schweine, die er uns
endlich doch aufgedrungen hatte, eigentlich schlecht um ihn verdient
hätten, und er schickte deshalb einen Boten, der eine Axt und ein
Hemd dafür fordern sollte. Da mir der Bote dabei aber noch sagte, daß
der Häuptling nicht gesonnen sei, in den nächsten zehn Tagen sich im
Fort sehen zu lassen, entschuldigte ich mich und ließ ihm melden, daß
ich die Geschenke ihm nicht eher geben könne, als bis ich ihn selbst
sähe. Ich dachte mir, er würde aus Ungeduld dann wohl selbst sich
herbequemen, um sie abzuholen, und die erste Unterredung zwischen uns
würde der Gespanntheit der gegenseitigen Beziehungen gleich ein Ende
machen.

Des folgenden Tages fühlten wir die unangenehme Lage, in die wir
durch die Beleidigung des Volks in der Person seines Oberhauptes
geraten waren, noch stärker; denn die Eingeborenen brachten so wenig
zu Markt, daß es uns an den nötigen Lebensmitteln mangelte. Banks
ging daher sofort in den Wald zu Tuburai Tamaide, er solle uns aus
der Verlegenheit helfen; dieser ließ sich auch nach einigem Sträuben
bewegen, uns fünf Körbe voll Brotfrucht zu überlassen. Ein solcher
Vorrat kam uns sehr gelegen; denn es waren mehr als 120 Stück von
dieser Frucht. Des Nachmittags schickte Tutaha abermals einen Boten
und ließ sich Axt und Hemd ausbitten. Da wir jetzt zur Genüge erfahren
hatten, daß es schlechterdings notwendig wäre, uns die Freundschaft
des Oberhauptes wieder von neuem zu erwerben, weil es uns gegen seinen
Willen beinahe unmöglich war, Lebensmittel zu erhalten, ließ ich ihm
melden, daß Banks und ich ihm am nächsten Tag einen Besuch abstatten
würden, wobei er dann das Verlangte erhalten solle.

[Illustration]

Am folgenden Morgen früh schickte er wieder, um mich an mein
Versprechen erinnern zu lassen, und seine Leute schienen mit großer
Ungeduld darauf zu warten, daß wir uns auf den Weg machen sollten. Ich
ließ daher die Pinasse ausheben und ging um 10 Uhr mit Banks und Dr.
Solander an Bord. Wir nahmen einen von Tutahas Leuten zu uns ins Boot,
und nach etwa einer Stunde langten wir bei seiner Residenz an, die den
Namen Eparre führte und ungefähr 4 Kilometer weit westwärts von den
Zelten lag.

Das Volk erwartete uns in so großer Menge am Strande, daß wir uns
unmöglich hätten hindurchdrängen können, wenn nicht ein großer,
stattlicher Mann, der etwas gleich einem Turban auf dem Kopfe hatte
und einen langen weißen Stab in der Hand trug, mit welchem er ganz
unbarmherzig um sich schlug, rasch Platz für uns gemacht hätte.
Dieser Mann führte uns feierlich zu dem Häuptling, während das Volk
ringsherum uns zujauchzte: »Taio Tutaha, Tutaha ist euer Freund!« Wir
fanden ihn wie einen der alten Erzväter unter einem Baume sitzend,
indes um ihn her eine Anzahl ehrwürdiger Greise stand. Er winkte uns
niederzusitzen und forderte sogleich seine Axt. Ich überreichte sie
ihm zugleich mit dem Hemde und fügte dem Geschenk noch ein Oberkleid
von englischem Tuche bei, das nach der Mode seines Landes geschnitten
und mit Zwirnband besetzt war. Er empfing es mit offensichtlicher
Freude und legte das Oberkleid sogleich an, das Hemd aber überreichte
er dem Manne, der bei unserer Landung uns Platz geschafft hatte.
Dieser saß jetzt neben uns, und Tutaha bezeigte ihm hohe Achtung,
wahrscheinlich um ihn unserer Aufmerksamkeit besonders zu empfehlen.
Bald darauf kam Oberea mit andern uns bekannten Frauen hinzu und setzte
sich unter uns nieder. Tutaha verließ uns verschiedene Male, kam aber
jedesmal nach kurzer Abwesenheit zurück. Wir glaubten, es geschähe,
um sich in seinem neuen Staate dem Volke zu zeigen; damit taten wir
ihm aber unrecht, denn es geschah nur, um zu unserer Bewirtung und zur
Anordnung des ganzen Festes, das er unsertwegen anstellen wollte, die
nötigen Befehle zu geben. Als er das letztemal von uns wegging, hatte
das Gedränge um uns dermaßen zugenommen, daß wir beinahe Gefahr liefen,
erstickt zu werden; wir warteten daher sehnlichst, daß er zurückkommen
und uns entlassen möchte. An seiner Statt kam ein Bote und meldete uns,
daß Tutaha uns anderswo erwarte. Wir fanden ihn unter dem Wetterdach
unseres eigenen Bootes sitzend, und er winkte uns, zu ihm zu kommen.
Es gingen daher unser so viele, als das Boot fassen konnte, an Bord,
währenddessen er Kokosnüsse und Brotfrucht herbeibringen ließ, die wir
jedoch mehr ihm zu Gefallen kosteten, als daß wir gerade Lust gehabt
hätten, zu essen. Bald nachher kam ein Bote, der ihm etwas meldete. Er
verließ nach Empfang der Nachricht sogleich das Boot und ließ uns kurz
darauf ersuchen, ihm zu folgen. Wir wurden nun zu einem großen Platze
oder Hofe geführt, der mit einem ungefähr 1 Meter hohen Bambusgitter
umgeben war und an die eine Seite seines Hauses stieß.

Hier erwartete uns ein ganz neuartiges Fest, nämlich ein Wettringen.
Am oberen Ende des Platzes saß Tutaha selbst, und verschiedene seiner
vornehmsten Hofleute waren neben ihm auf beiden Seiten im Halbkreise
verteilt. Das waren die Richter, deren Beifall den Sieger krönen
sollte. Auch für uns waren an jenem Ende der Reihe Sitze übriggelassen
worden; allein, wir wollten nicht an einen festen Platz gebunden sein
und mischten uns daher lieber unter die Zuschauer.

Als alles bereit war, traten 10-12 Ringer auf den Kampfplatz. Sie waren
am ganzen Körper nackt, nur um den Unterleib trugen sie ein Stück
Rindenzeug gewickelt. Die einleitenden Zeremonien des Kampfes bestanden
darin, daß die Ringer gebückt und langsam rundherum gingen und dabei
die linke Hand auf ihre rechte Brust legten, mit der flachen rechten
Hand aber sich mehrfach klatschend auf den linken Oberarm schlugen.
Das galt als allgemeine Herausforderung an die Kämpfer, mit denen
sie sich messen wollten, oder an irgendeine Person, die sonst Lust
haben mochte, einen Gang mit ihnen zu wagen. Es währte nicht lange,
so folgten den ersten noch andere auf die nämliche Art in die Arena.
Und alsdann forderte jeder von ihnen seinen Gegner dadurch besonders
heraus, daß er die Spitzen der Finger beider geschlossenen Hände auf
die Brust hielt und zu gleicher Zeit die Ellbogen schnell auf- und
abwärts bewegte. Wenn der, an den diese Herausforderung gerichtet
war, sie annahm, wiederholte er die Geste, machte sich alsbald zum
Kampf bereit, und schon im nächsten Augenblick gerieten die Kämpfer
aneinander. Allein, abgesehen von dem ersten Griffe, durch den einer
den andern zu fassen suchte, kam es bei dem ganzen Kampfe bloß auf die
Stärke an; denn jeder bestrebte sich, seinen Gegner zuerst am Schenkel,
wenn ihm das mißlang, an der Hand, dann an den Haaren, am Hüfttuche
oder, wo er ihm sonst beikommen konnte, zu packen. War dies geglückt,
so rangen sie ohne die geringste Kunst oder Geschicklichkeit so lange
miteinander, bis der eine von ihnen entweder, weil er den anderen auf
eine vorteilhaftere Art gepackt hatte, oder weil er größere Stärke
besaß, seinen Gegner auf den Rücken niederwarf. War der Kampf beendet,
so teilten die Richter dem Sieger ihren Beifall in kurzen Worten
mit, die sie nach einer Melodie hersangen und im Chor etliche Male
wiederholten, worauf auch das Volk dem Überwinder durch ein dreimaliges
Freudengeschrei Beifall rief. Hierauf wurde eine kleine Pause gemacht,
und dann trat ein anderes Ringerpaar in die Arena und rang auf dieselbe
Art miteinander. Wurde keiner von beiden niedergeworfen, so ließen
sie einander los, nachdem der Kampf etwa eine Minute lang gedauert
hatte, oder wurden durch Vermittlung ihrer Freunde getrennt, und in
diesem Fall klatschte jeder von ihnen auf seinen Arm, um den Gegner
oder irgendeinen anderen zu neuem Kampfe herauszufordern. Während die
Kämpfer rangen, tanzte eine andere Gruppe von Männern einen Tanz,
der auch etwa eine Minute dauerte. Aber keine von den beiden Gruppen
achtete auf die andere, sondern jede richtete ihre ganze Aufmerksamkeit
auf die eigene Beschäftigung. Wir stellten fest, daß der Sieger den
Besiegten nie verhöhnte, und daß der Überwundene sich niemals über das
Glück des Überwinders beklagte. Der Kampf geschah auf beiden Seiten mit
vollkommen freundschaftlichem und offenem Gebaren, trotz der Gegenwart
von wenigstens 500 Zuschauern, unter denen sich einige Frauen befanden,
deren Anzahl jedoch im Vergleich zu der Zahl der Männer gering war. Es
waren aber auch nur Frauen von Rang, und allem Anschein nach wohnten
sie dem Kampfe nur zu unseren Ehren bei.

Diese Spiele dauerten ungefähr zwei Stunden, und der Mann, der uns
bei unserer Landung Platz geschaffen hatte, hielt auch bei dieser
Gelegenheit die ganze Zeit über das Volk in der gehörigen Entfernung
und schlug mit seinem Stocke unbarmherzig auf diejenigen los, die
sich herandrängen wollten. Auf unsere Nachforschung erfuhren wir,
daß er einer von den Beamten Tutahas war und hier den Dienst eines
Zeremonienmeisters versah. Wem die Kampfspiele des früheren Altertums
einigermaßen bekannt sind, der wird ohne Zweifel zwischen dem
Wettringen der Südsee-Insulaner und den Kampfspielen der Griechen und
Römer eine gewisse Ähnlichkeit bemerken.

Als das Wettringen vorüber war, gab man uns zu verstehen, daß
2 Schweine und eine große Menge Brotfrucht für unsere Mittagsmahlzeit
zubereitet würden, und da wir unterdessen ziemlich hungrig geworden
waren, nahmen wir diese Nachricht nicht gerade mißmutig auf. Doch
mußte unserem Wirt seine Freigebigkeit wieder leid geworden sein; denn
anstatt uns beide Schweine auftischen zu lassen, befahl er, daß uns
nur eines aufgetragen werden und in unserem Boote verspeist werden
sollte. Anfangs waren wir mit dieser Anordnung durchaus zufrieden, weil
wir im Boote bequemer zu speisen und dem Gedränge des Volkes nicht so
sehr wie hier ausgesetzt zu sein hofften. Als wir aber an Bord kamen,
sagte Tutaha, er wolle uns lieber zum Fort begleiten, und wir sollten
das Schwein dorthin mitnehmen. Das war ärgerlich; denn nun mußten wir
4 Kilometer weit rudern und unterdessen unsere Mahlzeit kalt werden
lassen. Wir hielten es aber doch für das ratsamste, ihm den Willen
zu tun, und genossen endlich das Mahl, das er uns bereitet hatte,
gemeinschaftlich mit ihm und Tuburai Tamaide, die beide reichlichen
Anteil daran nahmen. Unsere Aussöhnung mit dem Häuptlinge wirkte wie
ein Zaubermittel auf das Volk; denn sobald sie erfuhren, daß er bei uns
an Bord sei, wurden augenblicklich Brotfrucht, Kokosnüsse und andere
Lebensmittel in großen Mengen zum Fort gebracht.

Die Dinge gingen nun wieder ihren gewohnten Gang; doch hielt es
nach wie vor schwer, Schweinefleisch zu bekommen. Wir wollten daher
versuchen, ob Schweine etwa in einer anderen Gegend der Insel zu
erhalten wären, und in dieser Absicht fuhr unser Bootsmann in
Begleitung Greens am 8. Mai des Morgens früh in der Pinasse etwa
20 Kilometer um die Insel nach Osten. Sie fanden zwar wirklich viele
Schweine und eine Schildkröte, man wollte ihnen aber weder diese noch
jene, auch nicht zu hohem Preis überlassen. Das Volk sagte überall, daß
hier herum alles dem Tutaha gehöre, und daß sie ohne seine Erlaubnis
nichts verkaufen dürften. Nunmehr fingen wir an, diesen Mann in der
Tat für einen mächtigen Fürsten zu halten; denn sonst würde er wohl
kaum eine so ausgedehnte und unumschränkte Gewalt besessen haben. Wir
erfuhren nachher, daß er die Regierung über diesen Landstrich für einen
minderjährigen Fürsten führte, den wir jedoch nie zu Gesicht bekamen.
Als Green von der Reise zurückkam, erzählte er uns, er habe einen Baum
gesehen, der so dick gewesen sei, daß er sich's kaum zu sagen getraue.
Er habe nämlich nicht weniger als 53 Meter Umfang gehabt. Banks und
Dr. Solander erklärten uns aber bald, wie das zugehe, und sagten, es
sei eine Art von Feigenbaum, dessen Äste sich zum Boden hinabneigten,
darin aufs neue Wurzel faßten und solchergestalt eine ganze Anzahl von
Stämmen bildeten, die man, weil alle dicht nebeneinander stünden und
sich im Aufwachsen gleichsam miteinander verbänden, leicht für einen
einzigen Stamm ansehen könne.

Obwohl nun die Eingeborenen unseren Markt einigermaßen wieder mit
Lebensmitteln versorgten, kamen sie nicht mehr wie früher gleich bei
Tagesanbruch, so daß wir schon bis um 8 Uhr genügenden Tagesvorrat
eingekauft hatten, sondern zu den verschiedensten Zeiten des Tages.
Banks ließ daher der Bequemlichkeit halber sein kleines Boot vor
dem Tore des Forts aufstellen und bediente sich seiner hinfort als
Laden. Bis dahin hatten wir Kokosnüsse und Brotfrucht immer noch
gegen Glasperlen eingehandelt. Jetzt aber fing der Wert dieser Münze
zu fallen an. Wir mußten daher zum ersten Male unsere Nägel zu Markt
bringen. Die kleinsten unserer Nägel waren etwa 10 Zentimeter lang.
Für einen dieser Nägel kauften wir 20 Kokosnüsse und ebensoviel
Brotfrüchte. Die neue Münze brachte es auch zuwege, daß wir in kurzer
Zeit wiederum ebenso reichlich wie zuerst mit Lebensmitteln versehen
wurden.

Am 9. Mai, bald nach dem Frühstück, kam Oberea zu uns auf Besuch. Es
war das erstemal seit dem Verlust des Quadranten und der unglücklichen
Verhaftung Tutahas, daß sie uns diese Ehre erwies. Sie wurde von
ihrem Freunde Obadi und von Tupia begleitet, die uns ein Schwein und
etwas Brotfrucht brachten, wogegen wir ihnen ein Beil überreichten.
Wir hatten übrigens für die Neugier unserer braunen Freunde nunmehr
eine neue und wichtige Anziehungskraft. Unsere Schmiede war nämlich
seit einiger Zeit instand gesetzt worden, und man arbeitete fast
beständig darin. Sobald die Eingeborenen sahen, was darin vorgenommen
wurde, brachten sie allerhand Stücke alten Eisens herbei, die sie nach
unserer Vermutung vom »Delphin« bekommen haben mußten, und wollten
sich daraus gern neue Werkzeuge verfertigen lassen. Da ich nun stets
bemüht war, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wo es nur immer anging,
wurde ihr Verlangen erfüllt, es sei denn, daß es dem Schmiede an Zeit
mangelte. Als Oberea ihr Beil empfangen hatte, zeigte sie uns so viel
altes Eisen, als ihrer Meinung nach zur Verfertigung eines neuen
Beiles notwendig war, und bat uns, ein neues anfertigen zu lassen. Ich
konnte ihr diesen Wunsch leider nicht erfüllen. Sie zog darauf eine
zerbrochene Axt hervor und verlangte nun, wir sollten sie ausbessern
lassen. Ich war froh, daß sie mir hierdurch Gelegenheit gab, meine
Ablehnung wiedergutzumachen. Am Abend verließ uns der Besuch und nahm
das Kanu, das solange an der Landspitze gelegen hatte, mit sich.

[Illustration: Uatta drehte sich bedächtig dreimal herum.]

Der 12. Mai, ein Freitag, ist uns durch einen Besuch merkwürdig
geworden, den einige Frauen, die wir zuvor noch nie gesehen hatten,
bei uns abstatteten, und den sie mit seltsamen Zeremonien begannen.
Banks war am Tore des Forts in seinem Boote, um wie gewöhnlich Handel
zu treiben, und hatte Tutaha, der eben diesen Morgen ihn besuchen kam,
und einige andere Eingeborene bei sich. Zwischen 9 und 10 Uhr traf ein
Doppelkanu am Ufer der Bucht ein, unter dessen Wetterdach ein Mann und
zwei Frauen saßen. Die Eingeborenen, die bei Banks waren, winkten ihm,
er solle sein Boot verlassen und den Fremden entgegengehen. Er tat es;
allein, bis er das Fort verlassen hatte, waren jene schon ziemlich nahe
gekommen und kaum noch 9 Meter von ihm entfernt. In diesem Augenblick
hielten sie stille und winkten, daß er es ebenso machen solle. Er blieb
also gleichfalls stehen. Hierauf legten sie ungefähr ein halbes Dutzend
junger Bananenpflanzen und ein paar andere kleine Gewächse auf die Erde
nieder. Das Volk stellte sich zwischen Banks und den Fremden auf beiden
Seiten in zwei Reihen auf und bildete so eine Gasse. Nunmehr trug der
Mann, der ein Bedienter zu sein schien, sechs der Bananenpflanzen eine
nach der anderen zu Banks hin und sagte bei der Überreichung jedesmal
ein paar Worte her. Tupia, der bei Banks stand, versah das Amt eines
Zeremonienmeisters, nahm die Zweige jedesmal in Empfang und legte sie
auf den Boden nieder. Als das vorüber war, brachte ein anderer Mann
einen großen Ballen Rindenzeug, öffnete ihn und breitete ihn stückweise
zwischen Banks und den Fremden auf dem Boden aus. Es waren 9 Stück,
von denen er jedesmal 3 Stück aufeinanderlegte. Sobald er damit fertig
war, trat die vorderste Frau, die die vornehmste zu sein schien und
Uatta hieß, auf dieses Zeug, hob ihre Kleider an und drehte sich
ganz bedächtig und gemächlich dreimal um sich selbst herum; alsdann
trat sie wieder von dem Zeuge herunter. Man legte darauf 3 andere
Stücke auf die ersten 3, sie wiederholte dieselbe Zeremonie und trat
hierauf wieder ab. Endlich wurden die 3 letzten Stücke niedergelegt,
und sie machte es zum dritten Male wie zuvor. Hierauf wurde das Zeug
wieder zusammengerollt und Banks als ein Geschenk von seiten der Dame
überreicht, die sodann in Begleitung ihrer Freundin näher kam und ihn
küßte. Er machte ihnen beiden entsprechende Geschenke, und nachdem sie
sich ungefähr eine Stunde lang aufgehalten hatten, gingen sie wieder
fort.

Am 13. Mai, als der Markt um 10 Uhr beendet war, ging Banks mit
seiner Flinte wie gewöhnlich in die Wälder, um während der Tageshitze
die Annehmlichkeit des kühlen Schattens zu genießen. Als er auf dem
Rückwege war, traf er Tuburai Tamaide vor seiner damaligen Wohnung
an, und als er mit ihm ein wenig plauderte, nahm ihm der Häuptling
plötzlich die Büchse aus der Hand, spannte den Hahn, legte an und
drückte ab. Zum Glück versagte der Schuß, und Banks nahm ihm die Büchse
augenblicklich weg, indem er sich nicht wenig wunderte, woher Tuburai
mit einem Schießgewehr so sicher umzugehen gelernt habe. Er verwies dem
Häuptling den Streich mit harten Worten und drohte ihm, da es für uns
von größter Wichtigkeit war, die Eingeborenen in der Behandlung der
Feuerwaffen gänzlich unwissend zu erhalten. Der Häuptling hörte Verweis
und Drohung ruhig an; allein, kaum hatte Banks den Fluß überschritten,
so zog er mit seiner ganzen Familie und allem Hausgerät von dannen nach
seiner Residenz Eparre. Wir erfuhren das von einigen Eingeborenen, die
eben am Fort waren.

Da wir nun von dem Unwillen dieses Häuptlings, der uns bei allen
Schwierigkeiten sehr nützlich gewesen war, große Unannehmlichkeiten
besorgen mußten, beschloß Banks, ihm unverzüglich zu folgen und ihn
zu ersuchen, wieder zu uns zurückzukehren. Er reiste daher noch am
selben Abend mit einem der Offiziere ab und fand Tuburai mitten unter
einer Menge Volks sitzen, das sich um ihn her versammelt hatte, und
dem er vermutlich erzählte, was sich zugetragen habe, und was für
Folgen daraus entstehen könnten. Er selbst war ein leibhaftiges Bild
des Kummers und der Niedergeschlagenheit, und die gleiche Trauer war
auch auf den Gesichtern aller Umstehenden deutlich zu lesen. Als Banks
und Leutnant Molineaux unter die Menge traten, äußerte eine der Frauen
ihren Kummer auf die gleiche Art, wie Terapo einmal getan hatte;
sie stieß sich nämlich einen Seehundszahn in den Kopf, bis dieser
ganz mit Blut bedeckt war. Banks wollte keine Zeit verlieren, dieser
allgemeinen Angst ein Ende zu machen. Er versicherte dem Häuptling,
daß alles Vorgefallene vergessen sein sollte, daß auf seiner Seite
nicht die geringste Erbitterung mehr bestünde, und daß also auch er
nicht mehr das geringste zu befürchten hätte. Das flößte Tuburai bald
wieder Zutrauen ein: er befahl also, ein doppeltes Kanu in Bereitschaft
zu setzen, und alle kehrten noch vor dem Abendessen zum Fort zurück.
Tuburai besiegelte die Aussöhnung damit, daß er und seine Gemahlin
in Banks' Zelt Nachtquartier nahmen. Ihre Gegenwart war jedoch kein
allvermögender Schutz; denn zwischen 11 und 12 Uhr versuchte einer der
Eingeborenen, über den Wall in das Fort hineinzuklettern, ohne Zweifel
in der Absicht, zu stehlen, was ihm nur in die Finger käme. Er wurde
von der Schildwache entdeckt, die jedoch zum Glücke nicht feuerte, und
der Dieb lief viel zu geschwind fort, als daß ihm einer unserer Leute
hätte nachsetzen können. Das Eisen und die eisernen Werkzeuge, die in
der Schmiede beständig verarbeitet und gebraucht wurden, waren solche
Versuchung zu Diebstählen, daß keiner von den Tahitiern ihr widerstehen
konnte.

Am 14. und 15. bekamen wir eine neue Bestätigung dessen, was wir schon
mehrere Male bemerkt hatten, nämlich, daß die Bewohner dieser Insel
durchgängig von jedem unter ihren Landsleuten gegen uns ersonnenen
Anschlage sogleich genaue Kenntnis bekamen. In der Nacht zwischen
dem 13. und 14. wurde an der äußeren Seite des Forts eines der dort
stehenden Wasserfässer gestohlen. Bereits am Morgen aber wußte jeder
Eingeborene um den Diebstahl. Und dennoch schien es, als ob der Dieb
die Sache niemand anvertraut habe; denn unserm Eindruck nach waren
sie alle bereit, uns Nachricht zu geben, wo das Faß aufzufinden wäre,
wenn sie es nur gewußt hätten. Indessen spürte doch Banks dem Fasse
nach, freilich ohne es auffinden zu können. Als er zurückkam, sagte ihm
Tuburai Tamaide, daß vor morgen noch ein anderes Faß würde gestohlen
werden. Es ist nicht leicht zu begreifen, wie der Häuptling dieses
Vorhaben erfahren haben mochte. Daß er selber keinen Anteil daran
hatte, ist deswegen gewiß, weil er mit seiner Frau und Familie an dem
Orte, wo die Wasserfässer standen, sein Bett aufschlug und sagte,
er wolle selbst dem Diebe zum Trotze für die Sicherheit der Fässer
haften. Wir wollten das aber nicht zugeben und teilten ihm mit, daß
wir zur Sicherheit eine Schildwache dort aufstellen würden, die bis
zum Morgengrauen wachen solle. Er schaffte hierauf sein Bett wieder
in Banks' Zelt und blieb da die Nacht über mit seiner Familie; beim
Weggehen von der gefährdeten Stelle hatte er die Schildwache ermahnt,
ja die Augen offen zu halten.

In der Nacht kam es denn auch, wie er vorausgesagt hatte. Um 12 Uhr
stellte sich der Dieb richtig ein; da er aber bemerkte, daß eine
Schildwache dastand, zog er diesmal ohne Beute wieder ab.

Banks' Vertrauen in Tuburai Tamaide war seit dem Vorfall mit dem Messer
weit größer geworden, als es vorher je gewesen war. Man entfernte daher
die verlockenden Gegenstände vor dem Häuptlinge nicht mehr. So geriet
er eines Tages in eine Versuchung, der weder seine Ehre, noch seine
Ehrlichkeit widerstehen konnte. Die bezaubernden Reize eines Korbes mit
Nägeln taten es ihm an. Diese Nägel waren weit größer als diejenigen,
die man bisher zu Markte gebracht hatte, und der Korb war vielleicht
aus strafbarer Nachlässigkeit in einen Zeltwinkel hingestellt worden.
Tuburai hatte jederzeit freien Zutritt. Banks' Bedienter sah zufällig
einen von diesen Nägeln bei Tuburai, als der Häuptling unbedachterweise
den Teil seines Kleides, worunter er ihn versteckt hatte, zurückschlug.
Er meldete es seinem Herrn. Banks wußte, daß weder er, noch sonst
jemand Tuburai einen solchen Nagel geschenkt hatte, sah also gleich
im Korbe nach und fand, daß von sieben nur noch zwei übrig waren.
Hierauf sagte er, wenn auch ungern, dem Häuptling auf den Kopf zu,
daß er die Nägel genommen haben müsse, und Tuburai gestand es auch
sofort ein. Die Sache mußte ihn freilich sehr kränken, doch war sie
auch Banks nicht weniger leid. Man verlangte nun, daß Tuburai die
Nägel zurückgäbe; er redete sich aber damit aus, daß er vorgab, die
Nägel seien zu Eparre. Allein, als er sah, daß es Banks ernst darum
war, hielt er es für ratsam, einen unter seinem Kleide hervorzuziehen.
Hierauf wurde er nach dem Fort gebracht, wo man durch Abstimmung das
Urteil über ihn sprechen lassen wollte. Nach einer kurzen Beratung
fanden wir es jedoch zweckmäßig, ihn mit der Strafe zu verschonen;
damit es aber nicht scheinen möchte, als ob wir sein Vergehen für
unbedeutend ansähen, wurde ihm verkündet, daß wir die Angelegenheit nur
dann auf sich beruhen lassen wollten, wenn er die anderen vier Nägel
zum Fort zurückbrächte. Er willigte in diese Bedingung, ich muß aber,
so leid es mir tut, gestehen, daß er sein Wort nicht hielt. Anstatt die
Nägel zurückzubringen, zog er lieber noch desselben Abends mit seiner
Familie aus der Gegend weg und nahm seinen ganzen Besitz mit sich.

Da mir Tutaha zu wiederholten Malen hatte melden lassen, daß er geneigt
sei, wenn wir ihm einen Besuch abstatten wollten, diese Gunstbezeigung
mit einem Geschenk von vier Schweinen zu erwidern, so schickte ich
meinen ersten Leutnant zu ihm, um zu versuchen, ob wir die Schweine
nicht wohlfeiler bekommen könnten, und ich befahl ihm, dem Häuptling
alle nur erdenklichen Höflichkeiten zu erweisen. Der Offizier erfuhr,
daß er von Eparre nach einem 5 Kilometer weiter westwärts gelegenen
Orte Tehatta gezogen sei. Er verfügte sich also dahin und wurde sehr
gut aufgenommen. Man brachte ihm sogleich ein Schwein herbei und sagte
ihm, daß die anderen, die im Augenblick nicht bei der Hand wären, den
folgenden Morgen geliefert werden sollten. Mein Abgesandter ließ es
sich gern gefallen, die Nacht über dortzubleiben. Der Morgen kam, die
Schweine aber blieben aus. Da es nun nicht ratsam war, daß der Offizier
sich noch länger hier aufgehalten hätte, kehrte er mit dem einen, das
er bekommen hatte, gegen Abend zu uns zurück.

Am 25. ließen sich Tuburai Tamaide und seine Frau Tomio zum ersten
Male wieder in unserem Zelte sehen. Er schien etwas mißvergnügt
und furchtsam zu sein, hielt es aber doch nicht für nötig, unsere
Freundschaft und Gunst durch Wiedererstattung der vier Nägel zu
erkaufen. Banks und die anderen Herren behandelten ihn deshalb sehr
kalt. So hielt er sich nicht lange bei uns auf und ging bald wieder
weg. Der Schiffsarzt machte ihm am nächsten Morgen einen Besuch, in der
Hoffnung, ihn zur Wiedererstattung der Nägel zu bewegen und so mit uns
aussöhnen zu können, allein vergebens.

Am 27. beschlossen wir, Tutaha unseren Besuch abzustatten, obgleich
wir uns nicht sicher darauf verlassen durften, zur Vergeltung unserer
Höflichkeit die versprochenen Schweine zu bekommen. Ich ruderte also
des Morgens früh mit Banks, Dr. Solander und noch drei anderen in
der Pinasse fort. Tutaha war inzwischen nach einem Ort gezogen, der
ziemlich fern lag und Atahuru hieß, und da wir kaum die Hälfte des
Weges dahin im Boote zurücklegen konnten, wurde es fast Abend, ehe
wir ankamen. Wir fanden ihn in seinem gewöhnlichen Staate unter einem
großen Baum sitzend und von einer großen Menschenmenge umgeben, wo wir
ihm alsbald die Geschenke, diesmal einen Frauenunterrock von gelbem,
wollenem Zeuge und andere Kleinigkeiten überreichten. Er befahl,
sogleich ein Schwein zu schlachten und für unsere Abendmahlzeit
zuzubereiten, und versprach, daß wir am folgenden Morgen noch mehrere
bekommen sollten. Weil es uns aber nicht so sehr darum zu tun war,
eine reiche Mahlzeit zu halten, als vielmehr Lebensmittel, die uns im
Fort fehlten, heimzubringen, bewogen wir ihn, dem Schweine heute noch
das Leben zu schenken, und wir nahmen bei der Abendmahlzeit mit den
Früchten des Landes vorlieb.

Es wimmelte da von Leuten, unter die sich viele Reisende, die hier
nicht zu Hause waren, gemischt hatten. So war zum Beispiel Oberea mit
ihrem Gefolge und noch anderen unserer Bekannten hierhergekommen, und
die Menge der Anwesenden war so groß, daß die Häuser und Kanus sie
nicht aufnehmen konnten. Da die Nacht jetzt hereinbrach, sahen wir
uns eiligst nach Nachtquartieren um, damit es uns nicht zuguterletzt
daran fehlen möchte; denn unsere Abteilung bestand aus sechs Personen.
Oberea bot Banks sehr höflich einen Platz in ihrem Kanu an. Er pries
sich glücklich, so gut versorgt zu sein, wünschte seinen Freunden
eiligst gute Nacht und ging fort. Dem Landesbrauche gemäß legte er
sich frühzeitig schlafen, und weil die Nacht sehr heiß war, zog er
wie gewöhnlich seine Kleider aus. Oberea bestand darauf, diese in
Verwahrung zu nehmen; denn sonst, sagte sie, würden sie ihm sicher
gestohlen werden. Unter so gutem Schutze schlief Banks ohne alle Sorge
ein. Als er aber um 11 Uhr erwachte und aufstehen wollte, suchte
er seine Kleider vergeblich an dem Orte, wo er sie Oberea vor dem
Schlafengehen hatte hinlegen sehen; sie waren verschwunden. Er weckte
also seine Beschützerin. Diese stand augenblicklich auf und ließ,
sobald er ihr seine Not geklagt hatte, Licht anzünden, traf auch in
aller Eile die nötigen Vorkehrungen, um ihm wieder zu seinem Eigentum
zu verhelfen. Tutaha selbst schlief dicht neben ihm in einem anderen
Kanu. Der Lärm weckte ihn bald; er kam hervor und machte sich mit
Oberea daran, den Dieb zu suchen. Banks selbst aber konnte nicht mit
auf die Suche gehen; denn von seinem ganzen Anzug hatte man ihm fast
nichts als die Beinkleider gelassen. Sein Rock, seine Pistolen, seine
Weste, sein Pulverhorn und viele andere Kleinigkeiten hatte man ihm
gestohlen; alles, was in den Taschen gewesen, war fort. Nach einer
halben Stunde kamen seine beiden vornehmen Freunde zurück, hatten
aber weder über den Verbleib seiner Kleider, noch über den Dieb das
geringste erfahren können. Anfangs war ihm daher nicht wohl zumute.
Seine Büchse war zwar glücklicherweise nicht gestohlen worden, aber er
hatte vergessen, sie zu laden. Er wußte nicht, wo ich und Dr. Solander
uns einquartiert hatten, und konnte also nötigenfalls sich nicht einmal
zu uns flüchten. Er hielt es deshalb für das beste, die Leute, die um
ihn herum waren, gar nicht seine Besorgnis und seinen Verdacht merken
zu lassen. Vielmehr übergab er seine Flinte dem Tupia, der gleich
andern von dem Lärm erwacht war und neben ihm stand, und trug ihm
ernstlich auf, sich diese nicht auch noch stehlen zu lassen. Hierauf
legte er sich wieder zur Ruhe nieder und bezeugte dadurch, daß er mit
der Mühe, die Tutaha und Oberea angewandt hatten, um seine Sachen
wiederzuerlangen, vollkommen zufrieden wäre, obgleich die Bemühungen
fruchtlos geblieben waren. Man kann sich indessen ohne weiteres
vorstellen, daß er unter diesen Umständen nicht gerade gut geschlafen
habe.

Bald nachher hörte er Musik und sah nicht weit vom Boote Lichter auf
dem Lande. Es war ein Konzert, das in Tahiti wie jede öffentliche
Lustbarkeit »Heiwa« heißt. Er überlegte sich, daß bei einer solchen
Aufführung viele Leute zusammenkämen und es nicht unwahrscheinlich
wäre, daß wir anderen uns auch dazu einstellten. Also stand er auf
und eilte hin. Die Lichter und die Musik führten ihn bald zu der
Hütte, worin ich mit drei anderen unserer Abteilung lag. Als er uns
sein klägliches Abenteuer erzählt hatte, trösteten wir ihn, wie sich
Unglückliche gewöhnlich zu trösten pflegen, indem wir ihm im geheimen
anvertrauten, daß es uns nicht viel besser ergangen sei. Ich zeigte
ihm, daß ich selber keine Strümpfe hatte, weil sie mir unter dem
Kopfe weggestohlen worden, obwohl ich überhaupt nicht geschlafen
hatte, und jeder der anderen bewies ihm durch den Augenschein, daß
er seinen Rock eingebüßt hatte. So unvollständig unsere Kleidung
auch war, wollten wir doch das Konzert nicht versäumen. Es wurde von
3 Trommlern, 4 Flötenbläsern und verschiedenen Sängern veranstaltet.
Als es nach ungefähr einstündiger Dauer vorüber war, begaben wir uns
zu unseren Ruheplätzen zurück, da sich vor Tagesanbruch kaum etwas
hätte unternehmen lassen, um unsere Sachen wiederzuerlangen. Nach
Landesbrauch standen wir mit Tagesanbruch auf. Der erste Mensch, den
Banks erblickte, war Tupia, der mit der Flinte getreulich auf ihn
wartete, und kurz darauf brachte ihm Oberea einige Rindenzeugkleider,
um dem nötigsten Bedürfnis etwas abzuhelfen. In diesem seltsamen, halb
englischen, halb wilden Aufzuge kam Banks zu uns.

Unsere Gesellschaft war bald beieinander bis auf Dr. Solander, dessen
Nachtlager uns unbekannt war, und der sich auch bei dem nächtlichen
Konzerte nicht hatte sehen lassen. Bald darauf kam Tutaha zum
Vorschein. Wir drangen ernstlich in ihn, daß er uns wieder zu unseren
Kleidern verhelfen solle. Doch weder er, noch Oberea ließen sich zu den
geringsten Maßnahmen bewegen. Wir gerieten daher auf den Argwohn, daß
sie an dem Diebstahle teilhaben mochten. Um 8 Uhr kam Dr. Solander zu
uns. In einem ungefähr ein Kilometer weiter entfernt gelegenen Hause
hatte ihn sein Glück zu ehrlicheren Leuten geführt, bei denen er nichts
eingebüßt hatte.

Als wir alle Hoffnung aufgegeben hatten, unsere Kleider
wiederzuerlangen -- und wir haben sie tatsächlich nicht mehr
wiedergesehen --, brachten wir den ganzen Morgen damit zu, uns um die
versprochenen Schweine zu bemühen. Es ging uns damit aber nicht besser
als mit unserem Eigentum: wir bekamen nichts. Um 12 Uhr traten wir
endlich, nicht gerade in der besten Laune, mit dem einzigen Schweine,
das wir am vorhergehenden Abend vor dem Fleischer und Koch hatten
retten können, unsern Rückweg zu dem Boote an.

Auf unserem Wege dahin bot sich uns ein Anblick, der uns für die
Beschwerlichkeiten und Verdrießlichkeiten dieser Reise einigermaßen
schadlos hielt. Wir gerieten unterwegs an eine der wenigen Stellen
der Insel, wo der Zugang zur Küste nicht wie anderwärts durch eine
Reihe von Felsklippen versperrt war, und wo infolgedessen eine hohe
Brandung an den Strand schlug. Sie war hier so heftig, wie ich sie
fürchterlicher nie gesehen hatte. Kein europäisches Boot hätte darin
aushalten können, und ich bin überzeugt, daß der beste europäische
Schwimmer, wenn er durch einen oder den andern Zufall ihr ausgesetzt
gewesen wäre, sich vor dem Ertrinken nicht hätte retten können, zumal
der Strand mit Kieseln und großen Steinen bedeckt war. Dessenungeachtet
schwammen mitten zwischen diesen Klippen 10 oder 12 Eingeborene zum
Zeitvertreibe herum. Sooft eine Brandungswelle sich in ihrer Nähe
brach, tauchten sie unter und kamen mit wunderbarer Leichtigkeit
wieder jenseits der Woge empor. Das Hinterteil eines alten Kanus, das
sie auf dem Strande fanden, gab ihnen Gelegenheit, diese Lustbarkeit
noch weiter zu treiben und ihre Geschicklichkeit noch besser sehen zu
lassen. Sie stießen es nämlich vor sich her und schwammen damit bis zur
äußeren Klippenreihe hinaus. Hier sprangen zwei oder drei in das Wrack
hinein, drehten das viereckige Ende der sich brechenden Woge entgegen
und ließen sich mit unglaublicher Geschwindigkeit gegen die Küste und
zuweilen oft bis an den Strand treiben; gewöhnlich aber brach sich die
Woge über ihnen, noch ehe sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten.
In solchem Falle tauchten sie unter und kamen auf der anderen Seite mit
dem Kanu in den Händen wieder zum Vorschein. Dies bewundernswürdige
Schauspiel betrachteten wir über eine halbe Stunde lang. Die Schwimmer
schienen so vertieft in ihr Spiel zu sein und so viel Vergnügen daran
zu finden, daß die ganze Zeit unseres Verweilens über keiner von ihnen
Lust bekam, an Land zu gehen. Hierauf setzten wir unsere Reise fort und
langten erst spät abends im Fort wieder an.

Eines Tages beschwerten sich einige Eingeborene, daß zwei von
unseren Matrosen ihnen einige Pfeile und Bogen, sowie einige Schnüre
geflochtenen Haares fortgenommen hätten. Ich untersuchte die Sache, und
da ich die Anklage begründet fand, ließ ich jeden der Verbrecher mit
24 Stockstreichen bestrafen.

Von den Pfeilen und Bogen der Tahitier ist bisher noch nicht die
Rede gewesen. Sie brachten diese Waffen auch nur selten ins Fort
mit. Heute aber stellte sich Tuburai Tamaide mit den Seinigen ein,
weil ihn Leutnant Gore zu einem Wettschießen aufgefordert hatte. Der
Häuptling vermutete, es käme darauf an, den Pfeil am weitesten zu
schießen. Gore jedoch wettete eigentlich um den besten Treffer. Da
nun Gore ebensowenig einen Ruhm darin suchte, weit zu schießen, als
sich Tuburai aus der Kunst machte, ein Ziel zu treffen, kam es nicht
zur Probe ihrer gegenseitigen Geschicklichkeit. Um uns jedoch seine
Fähigkeit zu zeigen, schoß er einen unbefiederten Pfeil -- denn nur
solche kennt man hier -- etwa 250 Meter weit. Die Art zu schießen ist
auf Tahiti befremdend: der Schütze kniet nämlich nieder und läßt in dem
Augenblick, da er den Pfeil abgeschossen hat, den Bogen fallen.

[Illustration: Sooft eine Welle sich in ihrer Nähe brach, tauchten sie
unter.]

Banks begegnete einmal auf seinem Morgenspaziergang einer Gruppe von
Eingeborenen, die auf sein Befragen zur Antwort gaben, sie seien
herumziehende Musikanten, die zur Nacht da und da einkehrten. Wir
begaben uns also zu dem bezeichneten Nachtquartier. Die Bande bestand
aus 2 Flötenspielern und 3 Trommelschlägern, die von einer Menge Volks
umgeben waren. Die Trommelschläger begleiteten die Musik auch mit ihren
Stimmen, und zu unserm größten Erstaunen bemerkten wir, daß _wir_ den
Stoff für ihre Lieder abgaben. Wir hatten nicht vermutet, daß wir
unter den wilden Bewohnern dieser entlegenen Südsee-Insel einen Stand
antreffen würden, der in jenen Ländern, wo Kunst und Wissenschaft am
schönsten geblüht haben, ehemals so berühmt und geehrt war -- nämlich
Barden oder Minnesänger. Diese Musikanten waren tahitische Barden. Ihr
Lied war unstudiert und wurde aus dem Stegreif mit Musik begleitet. Sie
wanderten beständig von einem Ort zum andern, und die Hausherren und
andere Zuhörer beschenkten sie für ihren Vortrag mit allerhand Dingen,
deren sie bedurften.

Es fehlte nicht viel, so hätte uns in den nächsten Tagen ein besonderer
Vorfall trotz unsrer größten Vorsicht in einen neuen Streit mit den
Insulanern verwickelt. Ich hatte das Boot mit einem Offizier an Land
geschickt, um von dort Ballast für das Schiff zu holen. Weil nun der
Offizier nicht sogleich Steine fand, die dazu taugten, fing er an
eine Mauer niederzureißen, die um einen Beerdigungsplatz gezogen war.
Die Eingeborenen widersetzten sich jedoch mit Gewalt, und ein Bote
kam zu den Zelten, mir dies zu melden. Banks eilte augenblicklich zum
Tatort und legte die Streitigkeit gütlich bei, indem er das Bootsvolk
zum Flusse schickte wo es Steine genug gab, die man auflesen konnte,
ohne die Eingeborenen im geringsten zu beleidigen. Es ist sehr
merkwürdig, daß die Südsee-Insulaner viel empfindlicher waren für eine
Beleidigung der Toten, als wenn man ihnen selbst, den Lebenden, ein
Unrecht tat. Das war die einzige Veranlassung, die sie ihre Furcht
vor uns überwinden und zu den Waffen greifen ließ; und das einzige
Mal, da sie sich wirklich unterstanden, Hand an einen unserer Leute
anzulegen, hatte eine ähnliche Ursache. Monkhouse, der Schiffsarzt,
pflückte nämlich eines Tages eine Blüte von einem Baume, der in einem
ihrer Friedhöfe stand. Ein Eingeborener, der ihn vermutlich mit
Unwillen und sehr genau beobachtet hatte, lief plötzlich von hinten
auf ihn zu und schlug ihn. Monkhouse erwischte den Täter; weil diesem
aber augenblicklich zwei andere Eingeborene zu Hilfe eilten und den
Schiffsarzt bei den Haaren packten, war er genötigt, seinen Mann fahren
zu lassen. Sobald die anderen diesen wieder in Freiheit sahen, liefen
auch sie davon, ohne weitere Gewalttätigkeiten zu verüben.

Am Abend des 19. bekam ich Besuch von Oberea. Es befremdete uns aber
nicht wenig, daß sie uns die gestohlenen Sachen nicht mitbrachte,
obgleich sie doch wohl wußte, daß wir sie für die Hehlerin hielten. Als
sie nun für sich und ihre Begleiter um ein Nachtlager in Banks' Zelt
bat, wurde ihr das abgeschlagen. Da auch sonst niemand von uns Miene
machte, sie zu beherbergen, ging sie mit offensichtlichem Verdrusse weg
und übernachtete in ihrem Kanu.

In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie mit ihrem Kanu und
allem, was darinnen war, zum Fort zurück und gab sich so mit einer
gewissen zuversichtlichen Größe des Geistes, die unsere Bewunderung
und Erstaunen erregte, völlig in unsere Gewalt. Um uns noch geneigter
zur Aussöhnung zu machen, schenkte sie uns ein Schwein und mancherlei
andere Sachen, worunter auch ein Hund war. Wir hatten kurz vorher
erfahren, daß die Insulaner Hundefleisch für einen großen Leckerbissen
hielten und dem Schweinefleisch vorzogen. Es kam uns daher die Lust
an, dieses Fleisch zu kosten, und das Geschenk Obereas verschaffte
uns gute Gelegenheit dazu. Wir übergaben also den Hund, der sehr fett
war, Tupia, und er übernahm das doppelte Amt eines Fleischers und
Kochs. Um das Tier zu töten, hielt er ihm mit beiden Händen Maul und
Nase fest zu; es dauerte aber über eine Viertelstunde, ehe der Hund
tot war. Währenddessen war ein Loch in die Erde gegraben worden, das
ungefähr einen Fuß tief sein mochte; man zündete ein Feuer darin an
und legte einige kleine Steine schichtweise zwischen das Holz, um sie
recht durchzuheizen. Hierauf wurde der Hund über das Feuer gehalten und
so das Haar abgesengt. Jetzt schabte ihn einer der Wilden mit einer
Muschel so rein ab, daß man hätte glauben können, er sei in heißem
Wasser gebrüht worden. Man zerschnitt ihn dann mit derselben Muschel,
nahm die Eingeweide heraus, spülte sie in der See und tat sie nachher
nebst dem aufgefangenen Blut des Tieres in Kokosnußschalen. Sobald
das Erdloch heiß genug war, wurden die Feuerbrände daraus entfernt,
und man machte von den durchwärmten Steinen, die jedoch nicht so heiß
waren, daß sie etwas versengten, eine Unterlage und bestreute diese mit
frischem Laube. Alsdann legte man den Hund und die Eingeweide auf die
Blätter, bedeckte ihn mit anderem Laube und dem Rest der heißen Steine
und schüttete endlich das Loch mit Erde zu. In weniger als vier Stunden
wurde die Grube wieder geöffnet und der Hund herausgenommen. Er war auf
diese Art vortrefflich gebraten und nach unserem einstimmigen Urteil
ein sehr leckeres Gericht. Die Hunde, die man hier zum Schlachten
aufzieht, bekommen kein Fleisch, sondern nur Brotfrucht, Kokosnüsse,
Yamswurzeln und ähnliche Pflanzennahrung zu fressen. Alles Fleisch und
alle Fische, die die Eingeborenen essen, werden auf die beschriebene
Art gebacken.

Am 26. Juni reiste ich in Begleitung Banks in der Pinasse ab, um die
Insel zu umschiffen, und wir kamen am nächsten Tage zu der schmalen
Landenge, die beide Teile der Insel miteinander verbindet. Auf Anraten
unseres tahitischen Führers, der uns sagte, daß hier das Land gut und
fruchtbar sei, landeten wir. Der Häuptling des Gebietes, Matiabo, kam
bald an den Strand zu uns herab, schien aber nicht das geringste von
uns, noch vom Handel zu wissen, den wir trieben. Seine Untertanen
hingegen brachten uns einen reichlichen Vorrat an Kokosnüssen und
ungefähr 20 Brotfrüchte. Die Brotfrucht mußten wir teuer bezahlen; ein
junges Schwein aber, das uns der Häuptling selbst verkaufte, bekamen
wir um so billiger, nämlich für eine Glasflasche, die dem gnädigen
Herrn besser gefiel als alle anderen Angebote. Er hatte übrigens eine
Gans und einen Truthahn im Besitz, die vom »Delphin« auf der Insel
zurückgelassen worden waren. Die Insulaner hatten ihre besondere Freude
an diesen Tieren; beide waren erstaunlich feist und so zahm geworden,
daß sie den Eingeborenen allenthalben nachliefen.

In einem langen Hause hier sahen wir etwas uns ganz Neues. Fünfzehn
menschliche Unterkiefer waren nämlich an einem Ende des Gebäudes auf
einem halbrunden Brett befestigt und schienen ganz frisch zu sein. Was
das erstaunlichste war: es fehlte kein einziger Zahn. Ein so seltsamer
Anblick machte uns sehr neugierig; wir erkundigten uns also da und
dort nach der Bedeutung dieser Kiefer, konnten aber keine Erklärung
erhalten, weil das Volk uns nicht verstehen konnte oder verstehen
wollte.

Als wir von hier aus weiterfahren wollten, bat Matiabo um Erlaubnis,
uns begleiten zu dürfen. Wir waren sehr erfreut darüber; denn der
Häuptling konnte uns sehr nützlich sein, indem er uns über verschiedene
Untiefen hinwegleitete. Wir ruderten längs der Küste hin. Als wir
aber ungefähr zwei Drittel der für diesen Tag vorbestimmten Strecke
zurückgelegt hatten, entschlossen wir uns, die Nacht am Lande
zuzubringen. Nicht weit vom Strande sahen wir ein großes Haus, und
Matiabo sagte uns, es gehöre einem seiner Freunde. Der Wirt empfing
uns sehr freundschaftlich und befahl seinen Leuten, uns unsere
Lebensmittel, mit denen wir gerade sehr gut versorgt waren, zubereiten
zu helfen. Als man damit fertig war, speisten wir sehr gesellig und
vertraut miteinander. Nach dem Essen erkundigten wir uns nach unserem
Nachtlager; es ward uns dazu ein besonderer Teil des Hauses angewiesen.
Wir ließen also unsere Überröcke holen, und Banks fing an, sich seiner
Gewohnheit nach auszukleiden. Da ihn aber der kürzliche Verlust seiner
Kleider vorsichtig gemacht hatte, so behielt er diese jetzt nicht mehr
bei sich, sondern schickte sie an Bord des Bootes und gedachte, sich
auf seinem Lager mit einheimischem Rindenzeug zu begnügen. Als Matiabo
sah, daß wir uns unsere Überröcke bringen ließen, gab er vor, daß
auch er einen nötig habe. Weil er sich nun sehr ordentlich aufgeführt
und uns wirklich gute Dienste geleistet hatte, ließ man auch für ihn
einen holen. Wir legten uns dann nieder, vermißten aber bald unsern
Gesellschafter Matiabo; doch argwöhnten wir noch nichts Übles, sondern
glaubten, er sei vielleicht zum Baden gegangen, wie es ja die Tahitier
vor dem Schlafengehen stets tun. Es währte indessen nicht lange,
so verriet uns ein anderer Eingeborener, Matiabo habe sich mit dem
Überrock davongemacht. Der Häuptling aber hatte unser Vertrauen schon
so sehr gewonnen, daß wir der Nachricht von seiner Flucht anfänglich
keinen Glauben beimaßen. Da uns sein Entweichen bald darauf aber auch
von unserem Führer Tuahan bestätigt wurde, sahen wir, daß wir betrogen
waren und keine Zeit zu verlieren hatten, wenn wir das Kleidungsstück
wiederbekommen wollten. Weil wir nun keine Aussicht hatten, den Dieb
ohne Beihilfe der Leute, die um uns waren, zu erreichen, sprang
Banks auf, erzählte den Vorfall und verlangte, daß sie uns den Rock
wiederbringen sollten. Er zeigte ihnen zur Bekräftigung seines
Verlangens eine seiner Pistolen, die er immer bei sich zu tragen
pflegte, worauf die ganze Gesellschaft erschrocken auseinanderstob und,
anstatt uns den Dieb suchen zu helfen, zum Haus hinausfloh. Wir konnten
aber noch einen der Leute erhaschen und nahmen ihm das Versprechen
ab, uns bei der Verfolgung zu unterstützen. Ich eilte daher mit Banks
fort. Obgleich wir beständig liefen, war der Schrecken doch noch mit
schnelleren Schritten uns vorausgeeilt; denn nach Verlauf von ungefähr
10 Minuten begegnete uns ein Mann, der den Überrock zurückbrachte und
dabei sagte, der Dieb habe ihn bestürzt von sich geworfen. Da wir die
Sache selbst wieder hatten, hielten wir es nicht der Mühe für wert, dem
Täter nachzusetzen, und so entkam er.

Bei unserer Rückkehr fanden wir keine Seele mehr im Hause, obgleich
vorher wohl 200-300 Eingeborene sich darin angesammelt hatten. Sobald
man indessen erfuhr, daß wir niemandem als nur Matiabo zürnten, kam
unser Wirt mit seiner Gattin und vielen anderen wieder zurück, um den
Rest der Nacht bei uns zu bleiben.

Allein, es sollten uns noch mehr Unruhe und Schrecken hier beschieden
sein: um 5 Uhr weckte uns nämlich die Schildwache mit der Meldung, das
Boot sei gestohlen. Sie hatte es ihrer Aussage nach noch ungefähr eine
halbe Stunde vorher vor Anker nicht über 50 Meter weit vom Strande
gesehen. Da sie aber nicht lange nachher Ruderschläge gehört hatte, sah
sie wieder nach und entdeckte, daß es weg war. Auf diesen Bericht hin
standen wir in höchster Besorgnis auf und liefen zum Strand hinab. Der
Morgen war heiter und sternenhell: wir konnten sehr weit sehen, aber
keine Spur vom Boote entdecken. Es stand daher sehr mißlich um uns, und
wir hatten Ursache genug zur äußersten Bestürzung und den schlimmsten
Ahnungen. Da es völlig windstill war, konnten wir nicht annehmen,
die Pinasse habe sich von ihrem Anker losgerissen, mußten vielmehr
mit Recht vermuten, daß die Wilden das Boot überfallen, das Bootsvolk
getötet und die Beute weggeführt hätten. Der Unsern waren nicht mehr
als vier. Wir hatten nur eine Flinte und ein paar Taschenpistolen,
zudem außer der Ladung keine Vorräte an Pulver und Blei. In dieser
Angst und Not mußten wir ziemlich lange zubringen und alle Augenblicke
erwarten, daß die Insulaner sich ihren Vorteil über uns zunutze
machen würden. Endlich sahen wir zu unserer großen Freude das Boot
zurückkehren. Es war durch die Ebbe von seinem Anker weggetrieben
worden, ein Umstand, an den wir in der Bestürzung und Verwirrung gar
nicht gedacht hatten.

Sobald das Boot wieder eingetroffen war, frühstückten wir und eilten,
diesen Ort zu verlassen, aus Furcht, es möchte uns hier noch Übleres
begegnen. Nach einiger Zeit bemerkten wir am Lande etwas Sonderbares:
die Gestalt eines Mannes, aus Ruten ziemlich unförmig geflochten,
sonst aber nicht übel geformt, über 7 Meter hoch, aber etwas zu dick
geraten. Das Flechtwerk bildete eigentlich nur das Skelett des Ganzen,
die äußere Seite war mit Federn bekleidet, die an den Stellen, wo sie
Haut darstellen sollten, weiß, an den Teilen aber, die die Eingeborenen
zu bemalen oder zu färben pflegen, ebenso wie auch auf dem Kopfe, wo
die Haare angedeutet sein sollten, schwarz waren. An dem Kopfe hatte
die Figur vier Buckel, hervorragende Beulen, drei vorne, eine hinten;
wir würden diese nicht treffender als mit Hörnern bezeichnet haben,
die Tahitier aber nannten sie »Tate Ete«, d. h. kleine Männchen. Das
Standbild selbst hießen sie »Manioe« und sagten, es sei das einzige
in seiner Art auf der ganzen Insel. Sie gaben sich auch Mühe, uns
zu erklären, welche Bedeutung und welchen Zweck es hätte. Wir hatten
aber damals noch nicht genug von ihrer Sprache gelernt, um ihre
Auslegung völlig zu verstehen. Jedoch erfuhren wir so viel, daß es eine
Darstellung des Manioe, eines ihrer Götter zweiten Ranges, sein solle.

Bald waren wir nicht mehr weit von dem Gebiete Paparra entfernt, das
unseren Freunden Oamo und Oberea gehörte, und wo wir unser Nachtlager
aufzuschlagen gedachten. In dieser Absicht gingen wir eine Stunde vor
Sonnenuntergang an Land, fanden aber, daß sie beide ihre Wohnungen
verlassen hatten, um uns ihrerseits in der Bucht von Matavai einen
Besuch abzustatten. Wir legten auf diese Abwesenheit kein Gewicht,
sondern nahmen unser Nachtquartier im Hause der Oberea, das zwar klein
war aber einen sehr behaglichen Eindruck machte. Ihr Vater wohnte zu
dieser Zeit allein darin und empfing uns sehr freundlich. Als wir uns
etwas eingerichtet hatten, wollten wir die Zeit vor Anbruch der Nacht
noch zu einem Spaziergang ausnützen. Wir schlugen den Weg zu einer
Landspitze ein, auf der wir von weitem eine Art von Bäumchen gesehen
hatten, die hier »Etoa« genannt und gewöhnlich nur an solchen Orten
gepflanzt werden, wo die Eingeborenen ihre Toten begraben. Dergleichen
Begräbnisplätze, an denen zugleich der Gottesdienst verrichtet wird,
heißen bei ihnen Marai.

Als wir dort ankamen, staunten wir über ein ungeheures Gebäude, das,
wie man uns sagte, das »Marai« (Mausoleum) des Oamo und der Oberea
und zugleich das größte Meisterstück tahitischer Baukunst sei. Es war
aus Stein in pyramidenförmiger Gestalt erbaut und ruhte auf einer
länglich-rechteckigen Basis von etwa 80 Meter Länge und 25 Meter
Breite. Die Bauart glich einigermaßen den kleinen pyramidenförmigen
Anhöhen, auf die wir in England bisweilen die Pfeiler für Sonnenuhren
aufstellen, und die wir an jeder Seite mit einer Anzahl von Stufen
versehen zu lassen pflegen. Bei diesen Gebäuden waren jedoch die
Seitenstufen breiter als jene an den Enden, so daß das Gebäude nach
oben zu sich wie zu einem Giebeldach verjüngte. Wir zählten elf solcher
Stufen, und jede war über einen Meter hoch, so daß also die Höhe
des Ganzen fast 13 Meter betrug. Jede Stufe bestand aus einer Reihe
weißer Korallensteine, die recht regelmäßig und viereckig behauen
und geglättet waren. Das Fundament war aus Felsenstücken gesetzt,
die gleichfalls viereckig zugehauen und zum Teil ganz ansehnlich
waren; denn eines davon war nicht weniger als über ein Meter lang
und fast ein halbes Meter breit. Ein solches Gebäude von einem Volke
ausgeführt zu sehen, das gar kein Eisenwerkzeug zum Behauen und keinen
Mörtel zur Verbindung der Steine kannte, setzte uns in nicht geringes
Erstaunen. Da wir in der ganzen Gegend keinen Steinbruch sahen, mußten
die Quadern aus großer Entfernung dahin geschafft worden sein, alles
mit der unsäglichsten Mühe. Denn sie kennen kein Mittel, etwas von
einer Stelle zur anderen zu bringen, als Menschenhände. Auch konnten
sie die Korallensteine nicht anders als aus dem Wasser heraufgeholt
haben, wo man sie in beträchtlicher Tiefe häufig finden kann. Sowohl
die Felsblöcke wie die Korallensteine konnten nur mit steinernen
Werkzeugen behauen, und das mußte eine unglaublich schwierige Arbeit
gewesen sein. Das Glätten hingegen konnten sie vermittels des scharfen
Korallensandes, den man am Strande findet, weit leichter bewerkstelligt
haben. Mitten auf der Spitze des Baues stand ein aus Holz geschnitzter
Vogel, und bei ihm lag eine aus Stein gehauene Fischfigur, die aber
zerbrochen war. Die ganze Pyramide nahm fast die eine Seite eines
geräumigen viereckigen Platzes ein, dessen Seiten einander beinahe
gleich waren. Dieser ganze Bezirk war mit einer steinernen Mauer
umgeben 

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