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Deutsche Lebensbilder

by Heinrich von Treitschke · German · Gutenberg #47033 · 628,363 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Deutsche Lebensbilder
    
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Title: Deutsche Lebensbilder

Author: Heinrich von Treitschke

Editor: Lotte Blaschke


        
Release date: October 3, 2014 [eBook #47033]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/47033


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LEBENSBILDER ***

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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
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_Hafis-Lesebücherei_


_Die Hafis-Lesebücherei_ will Millionen von Lesern die Möglichkeit
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Etwas Gleichartiges war nie zuvor erreichbar, auch nicht zu der Zeit,
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unter der Bedingung ist eine solche Leistung möglich, daß diese Bände
in gewaltigen Mengen gedruckt werden und in fast jedes deutsche Haus
gelangen.

Die Herausgeber sind überzeugt, daß diese Hoffnung sich erfülle.
Unzähligen, die bisher des Preises wegen solche Schätze nicht erwerben
konnten, müssen diese Bücher bald zum kostbaren Besitztum werden.

Sie werden von angesehenen Literaturkennern ausgewählt und jedes Werk
ist von einem erläuternden Nachwort begleitet.

Der Wortlaut wird von kundigen Gelehrten geprüft und, wo die früheren
Drucke dies erforderlich machen, verbessert. Ebenso sollen die aus
fremden Sprachen übersetzten Werke in der denkbar besten deutschen
Gestalt erscheinen.

So dürfte alles geschehen sein, um hier der Volksbildung und dem
unterhaltenden Lesen ein neues, gediegenes und ansprechendes
Hilfsmittel darzubieten, wie es in dieser Art noch nicht vorhanden war.

    _Das erläuternde Nachwort steht am Schlusse des Bandes_




                        Heinrich von Treitschke

                         Deutsche Lebensbilder

                            [Illustration]

                _H. Fikentscher Verlag / Leipzig_ =C= 1


                            Textrevision:
                        =Dr.= _Lotte Blaschke_

                 Druck von Ackermann & Glaser, Leipzig.




Inhaltsverzeichnis.


                                  Seite

Luther und die deutsche Nation        9

Fichte und die nationale Idee        33

Königin Luise                        71

Stein                                89

Lessing                             113

Ludwig Uhland                       137

Heinrich von Kleist                 181

Friedrich Hebbel                    229

Otto Ludwig                         261

Gottfried Keller                    289

Nachwort                            312




Luther und die deutsche Nation

                             Vortrag,
              gehalten in Darmstadt am 7. November 1883
              zur Feier des vierhundertsten Geburtstags
                          Martin Luthers.


        Hochansehnliche Versammlung!

Mancher unter Ihnen hat vor einigen Wochen auf der Höhe des
Niederwaldes gestanden, als unser greiser Kaiser das Bild der
schwertumgürteten Germania enthüllen ließ, und dort das Glück
genossen, mit allen Landsleuten von nah und fern das eine Gefühl
dankbarer Freude zu teilen. Jahrhundertelang ist uns Deutschen dieser
Einmut froher, neidloser Erinnerung, der zum Leben gesunder Völker
gehört, versagt geblieben; denn jene Siege, die uns die neue Einheit
unseres Reiches schufen, waren selber seit unvordenklicher Zeit die
erste gemeinsame große Tat, zu der sich die ganze Nation in schönem
Wetteifer zusammenfand. Wohl ist sie ruhmvoll, die Geschichte dieses
Volkes, das so oft schon dem Weltteil den ersten Mann des Jahrhunderts
geschenkt, so oft in den Kämpfen Europas das erweckende oder das
versöhnende Wort gesprochen hat; doch fast alle ihre großen Namen waren
in das Gewirr der Gegensätze, die unser inneres Leben zerrütteten,
so tief verflochten, daß sie noch heute breiten Schichten des Volkes
unverständlich bleiben und ihnen nur als die Vorkämpfer eines Stammes,
einer Partei, eines Glaubensbekenntnisses, nicht schlechtweg als
deutsche Helden erscheinen. Wir haben im achtzehnten Jahrhundert den
letzten und größten Vertreter des alten unbeschränkten Königtums unter
uns walten sehen, und seit seine Saat in Halme schoß, beginnen die
Einsichtigen zu fühlen, daß er für Deutschland focht, als er gegen
Österreich und das heilige Reich seine Schlachten schlug; dennoch
wird König Friedrich, gleich seinem Ahnen, dem großen Kurfürsten,
immer zunächst der Liebling seiner Preußen bleiben und der Masse der
Oberdeutschen niemals ganz vertraut werden. Wir haben ein Jahrhundert
zuvor durch einen greuelvollen Krieg der europäischen Welt die
kirchliche Duldung gesichert, aber der Sieg ward um einen furchtbaren
Preis, durch die Verwüstung unserer alten Kultur, erkauft, und der
Held, der sich von jener finsteren Zeit als die beinahe einzige lichte
Gestalt abhebt, Gustav Adolf, war ein Fremder; selbst seine Bewunderer
können nicht leugnen, daß seine Siegeslaufbahn zu unserem Heile
frühzeitig endete, eben in dem Augenblicke, da seine Macht unserem
Vaterlande verderblich zu werden begann.

So ist denn auch die Gedächtnisfeier, zu der sich in dieser Woche
unser protestantisches Volk überall gehobenen Herzens versammelt,
leider nicht ein Fest aller Deutschen. Millionen unserer Landsleute
stehen teilnahmslos oder grollend abseits; sie wollen, sie können nicht
begreifen, daß der Reformator unserer Kirche der gesamten deutschen
Nation die Bahnen einer freieren Gesittung gebrochen hat, daß wir in
Staat und Gesellschaft, in Haus und Wissenschaft, überall noch den
Atem seines Geistes spüren. Wer über ihn redet, der muß bekennen, wie
er sich selber zu den großen sittlichen Aufgaben der Gegenwart stellt.
Leidenschaftlich, als stünde der Reformator noch mitten unter uns,
erklingen die Anklagen derer, die seine Größe nicht zu fassen vermögen.

Schon bei seinen Lebzeiten ist Martin Luther dem tragischen Geschick
der Verkennung, das keinem großen Manne und am wenigsten dem Kämpfer
erspart bleibt, nicht entgangen. In den hoffnungsreichen ersten
Jahren seines öffentlichen Wirkens begrüßte ihn die Nation mit einer
stürmischen Freude, wie sie der deutsche Boden erst in unseren Tagen
wieder erlebt hat. Damals, als er zuerst der Katze die Schelle anband
und dann kühn und kühner, fortgerissen von der zwingenden Macht des
freien Gedankens und des wachen Gewissens, aus einem treuen Sohne
der alten Kirche zum erklärten Ketzer ward, als er die Bannbulle
des Papstes in das Feuer warf und in dem flammenden Aufruf „An den
christlichen Adel deutscher Nation” seine Deutschen aufforderte zur
Reform der Kirche und des Reiches an Haupt und Gliedern: da stand er
vor Kaiser und Reich als der Führer der Nation, heldenhaft wie ihr
Volksheiliger, der streitbare Michael; da jubelte das Volkslied: „Zu
Worms er sich erzeiget, er stand wohl auf dem Plan, seine Feind' hat
er geschweiget, keiner durft' ihn wenden an”; da schien es wirklich,
als sollten alle die elementarischen Kräfte, die in der tief erregten
Nation arbeiteten, der Glaubensernst der frommen Gemüter, der
Forschermut der jungen Wissenschaft, der Nationalhaß des ritterlichen
Adels wider die welschen Prälaten, der Groll der mißhandelten Bauern,
sich zu einem mächtigen Strome vereinigen und gewaltig aufwallend alles
römische Wesen aus unserem Staate, unserer Kirche hinwegschwemmen.
Aber noch war unsere deutsche Königskrone fest verkettet mit der
weltumspannenden Politik des römischen Kaisertums. Einen Zufall dürfen
wir es nicht nennen, daß in jenem verhängnisvollen Augenblick ein
Fremdling unsere Krone trug, der unseres Herzens Schlag nicht hören
konnte und, während die Deutschen dem lauten Freimut ihres Landsmannes
zujauchzten, verächtlich lächelnd sprach: der soll mich nicht zum
Ketzer machen.

Sobald der Kaiser dem Rufe der Nation sich versagte, stand nicht bloß
die politische Macht des spanischen Weltreichs wider den Reformator,
sondern auch eine gewaltige sittliche Macht, die feste Kaisertreue
unseres Volkes. Und nun trat auch die alte Todsünde unserer Geschichte,
der Haß der Stände, wieder hervor. Die Ritterschaft vergeudete ihren
ungestümen Tatendrang in einer ziellosen, unglücklichen Fehde. Die
Bauern nahmen die Lehre der evangelischen Freiheit fleischlich auf
und erhoben sich zu einem wütenden sozialen Kampfe. Luther aber
meinte seine heilige Sache geschändet und ließ die Gecken, die das
Evangelium mit Hammern und mit Zangen in den Kisten suchten, die ganze
Wucht seines Zornes empfinden. Als der gräßliche Aufruhr durch die
unbarmherzigen Herren gräßlicher bestraft war, da sah sich der Mann,
den sein Volk soeben auf den Schild gehoben, mit den Verwünschungen
der kleinen Leute beladen. Mittlerweile hatte sich auch der erste
Gelehrte des Jahrhunderts, Erasmus, von den Wittenbergern abgewendet;
auch Luthers Lehrer, Staupitz, der sinnige Mystiker, auch die
geistreichen Humanisten Crotus Rubianus und Eobanus Hessus traten
erschrocken zurück. Mit ihrem Abfall war entschieden, daß die neue
Lehre selbst unter den Höchstgebildeten der Nation vorerst noch nicht
überall Anklang finden konnte, und da sie mit der Selbständigkeit
des Denkens auch den trotzigen Eigensinn des deutschen Charakters
entfesselte, so verfielen ihre Anhänger bald einer gefährlichen
Zersplitterung: zuchtlose Schwarmgeisterei und dogmatischer Streit
schwächten ihre Einheit.

Also von allen Seiten bedrängt und verlassen suchte Luther seine
Zuflucht bei dem deutschen Fürstenstande. Noch immer reich an
Erfolgen, waren seine letzten Jahre noch reicher an schmerzlichen
Enttäuschungen. Er hatte einst gehofft, in der gesamten Christenheit
oder mindestens in seiner deutschen Nation das kirchliche Leben zu
verjüngen. Nun mußte es ihm genügen, daß nach und nach in den größeren
weltlichen Fürstentümern Deutschlands kleine evangelische Landeskirchen
entstanden; und wer in der Geschichte nur die Erscheinungen des Tages
obenhin betrachtet, mag es leicht eine glückliche Fügung nennen, daß
der durch übermenschliche Arbeit früh Gealterte aus diesem Leben
hinweggerufen wurde, unmittelbar bevor die deutschen Protestanten im
Schmalkaldischen Kriege durch Hader und planlose Schwäche den Waffen
der Fremdherrschaft schimpflich erlagen. Ja während sonst das Bild der
geschiedenen Helden sich im Gedächtnis der Völker zu verklären pflegt,
erschien Luther den Nachlebenden kleiner, als er gewesen. In jenen
müden Jahrzehnten der politischen Tatenscheu und des theologischen
Gezänks, welche den lichten Tagen der deutschen Reformation folgten,
formte sich ein kleines Geschlecht die Gestalt des Reformators nach
seinem eigenen Bilde, als wäre er auch nur ein bibelfester Prediger
und ehrsamer Hausvater gewesen, als hätte er wirklich nur eine
Sonderkirche, die sich nach dem Namen eines sündhaften Menschen nannte,
stiften wollen. Erst die historische Wissenschaft unseres Jahrhunderts
hat sich wieder das Herz gefaßt, den ganzen Luther zu verstehen, den
zentralen Menschen, in dessen Seele fast alle die neuen Gedanken eines
reichen Jahrhunderts mächtig widertönten; sie steht ihm fern genug, um
auch die mittelbaren Folgen seines zerstörenden und aufbauenden Wirkens
zu würdigen, um alle die Keime einer neuen Kultur, die er ahnungslos,
nach der Weise des Genius, in den deutschen Boden senkte, wahrzunehmen
und dankbar zu erkennen, wie treu er sein Wort erfüllt hat: „Für meine
Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen”. --

Im deutschen Gemüte lag von jeher dicht neben der hellen Weltlust ein
beschaulicher Ernst, der die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge
schmerzlich empfand, neben der wagenden Tapferkeit eine tiefe Sehnsucht
nach Erlösung von dem Fluche der Sünde. Die Germanen allein unter allen
Völkern Westeuropas haben schon in den Tagen ihres Heidentums etwas
geahnt von dem dereinstigen Untergange dieses frevelnden Geschlechts,
von einer neuen Welt der Reinheit und der Klarheit, die da kommen
solle. In einem solchen Volke mußte die frohe Botschaft aus Jerusalem
bereite Herzen finden, und wie andächtig, wie innig die Deutschen den
neuen Glauben aufnahmen, das erzählen die Wunderbauten unserer alten
Dome. Gleichwohl hatte die christliche Lehre, als sie bei uns eindrang,
bereits in Rom eine Gestalt angenommen, welche dem deutschen Volke
niemals ganz vertraut werden konnte. Diesseits und Jenseits, alle
Zeiten und alle Völker erschienen eingeschlossen in der einen großen
Gemeinschaft der Heiligen, welche die streitende Kirche hienieden
mit der leidenden Kirche der armen Seelen im Fegefeuer und der
triumphierenden Kirche der Seligen droben im Himmel verband. Aus dem
Gnadenschatze der guten Werke der Heiligen spendete die Kirche ihren
Gläubigen die Vergebung der Sünden durch den Mund eines herrschenden
Priesterstandes, der durch die geistige Zeugung der Weihe befähigt war,
Brot und Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu verwandeln.
Außer ihr war kein Heil; von der Wiege bis zur Bahre, von der Taufe bis
zur letzten Ölung umfing und heiligte sie das Leben jedes Christen. Es
war ein wunderbarer großer Gedankenbau; lange Jahrhunderte hindurch
hatten die Weisheit und die Andacht so vieler heiliger Männer und
eine seltene Kunst der Menschenbeherrschung daran gebaut; festgefügt
stand Stein auf Stein, die unerbittliche Folgerichtigkeit dieser
Lehre ließ dem Christen nur die Wahl zwischen der Unterwerfung und
der Ketzerei. Doch die scharfe Logik der Romanen hat dem deutschen
Geiste niemals ganz genügt; nicht so von außen her, nicht allein
durch die Gnadenmittel der Kirche und durch vorgeschriebene gute
Werke konnte das rege Gewissen unseres Volkes seinen Frieden finden.
Schon im vierzehnten Jahrhundert erdröhnte das deutsche Land von den
Kyrieleis-Rufen der Geißler, und immer lauter, immer verzweifelter,
fast so herzzerreißend wie in den Anfängen der christlichen Geschichte,
erklang seitdem der Aufschrei der sündigen Kreatur nach Versöhnung mit
ihrem Schöpfer.

Zugleich ward auch der kampfmutige Weltsinn der Deutschen an den Lehren
der alten Kirche irr. So viele Kränze des Ruhmes, so viele edle Freuden
bot diese schöne Erde dem tatkräftigen Manne; und das alles sollte
nichts gelten neben der höheren Heiligkeit der begebenen Menschen,
der Priester und der Mönche, die auf alles verzichteten, was Menschen
menschlich aneinander bindet, die mit dem holden Glück auch die
heiligen Pflichten des ehelichen Lebens verschmähten! Kummervoll sann
der größte Dichter unseres Mittelalters, Walther von der Vogelweide,
diesem dunklen Rätsel nach und klagte:

    Ach leider kann es nimmer sein,
    Daß Gottes Gnade kehre
    Mit Reichtum und mit Ehre
    Je wieder in dasselbe Herz.

Und dieser Priesterstand, der sich so unnahbar hoch über die
gehorchende Gemeinde erhob, der alle weltliche Arbeit so tief
verachtete, war selber längst einer schamlosen Weltlust verfallen,
die ihn den Weltlichen als ein Heuchlergezücht erscheinen ließ. Er
besaß das reichste Drittel Deutschlands, gab auf den Reichstagen durch
seine Überzahl den Ausschlag, und seine politische Macht ward von den
Deutschen als Fremdherrschaft empfunden; denn in der Kirche regierte
der Papst mit seinen italienischen Prälaten, und alle die Fülle von
Geist, Witz und Bildung, die sich in dem Lügenstübchen des Vatikans
gesellig zusammenfand, alle die Meisterwerke des Meißels und des
Pinsels, die in der Sonne päpstlicher Gnade reiften, konnten unser
Volk doch nicht darüber trösten, daß die Herrscherin der Christenheit
die ruchloseste Stadt der Erde war. Vergeblich hatten die Deutschen,
allen anderen Nationen voran, auf den Konzilien des fünfzehnten
Jahrhunderts die Schäden der Kirche zu bessern versucht. Als Luther
auftrat, war die Nation in unheimlicher Gärung, von widersprechenden
Gefühlen stürmisch bewegt: hier die Gewissensangst der Frommen, die
über ihre Sünden und guten Werke peinlich Buch führten und mit heiligem
Schauer die volkstümlichen Bilder des Totentanzes betrachteten; dort
der kecke Übermut eines sinnenkräftigen, lebenslustigen Geschlechts,
das der derben Schwänke nicht satt ward und sich dreist spottend an dem
Zerrbild der verkehrten Welt erfreute; dazu allen Deutschen gemein der
Haß gegen das welsche Wesen.

Die Tat der Befreiung ging aus den Kämpfen des ehrlichen deutschen
Gewissens hervor; aus seiner Demut schöpfte Luther die Kraft der
höchsten Verwegenheit. Getrieben von einer leidenschaftlichen Angst
um seine und seiner Brüder Seligkeit hatte er einst Vater und Mutter
verlassen und in seiner Klosterzelle durch alle Qualen mönchischer
Buße den Himmel stürmen wollen, doch immer wieder klang es in seiner
Seele: „O meine Sünde, Sünde, Sünde!” -- bis dann endlich das Wort
des Apostels von der Rechtfertigung durch den Glauben zündend in sein
Herz schlug. Und nun kam sie über ihn, die Wandelung des inneren
Menschen, die μετάνοια des Paulus; in demütiger Erkenntnis
der Unzulänglichkeit alles menschlichen Verdienstes ergab er sich
gläubig der Gnade des lebendigen Gottes und er wagte, dieses seines
Glaubens zu leben. Der ganze Gegensatz romanischer und germanischer
Empfindung tritt uns vor die Augen, wenn wir diese Seelenkämpfe
Luthers vergleichen mit den inneren Anfechtungen, welche späterhin der
Rittersmann der wiederhergestellten alten Kirche, Ignatius von Loyola,
zu überwinden hatte. Der Spanier entledigt sich seiner Pein durch den
Entschluß, diese Wunden seiner Seele nie mehr zu berühren; der Deutsche
beruhigt sich erst, sobald sein Gemüt überzeugt ist und alle Zweifel
vor der Gewißheit einer innerlich erlebten Wahrheit schwinden.

Ohne jede Ahnung von der unermeßlichen Wirkung seiner Tat beginnt
er nun den Kampf gegen den häßlichsten Mißbrauch der verweltlichten
Kirche, und dann führt ihn Gott weiter wie einen Gaul, dem die Augen
geblendet sind. Aus jenem entscheidenden Gedanken ergibt sich ihm
die Erkenntnis, daß Gott keinen erzwungenen Dienst will und über die
Gewissen niemand richten kann denn Gott allein. Kaum drei Jahre nach
dem Beginne des Ablaßstreites sagt er sich schon los von der gebundenen
Sittlichkeit des Mittelalters durch jenen mächtigen Hymnus der
evangelischen Freiheit, das Buch von der Freiheit des Christenmenschen:
der Christ ist niemand untertan in seinem Glauben und eben darum
jedermanns Knecht, dem geringsten seiner Brüder zum Dienst der Liebe
verpflichtet; gute Werke machen nimmermehr einen guten Mann, sondern
ein guter Mann machet gute Werke. Eine zugleich freiere und strengere
Auffassung des sittlichen Lebens, die wieder anknüpft an die Kämpfe
Jesu wider die starre Gesetzlichkeit der Pharisäer und den Schwerpunkt
der sittlichen Welt im Gewissen des Menschen findet. An diese
Erkenntnis wieder schließt sich die Forderung des Priestertums der
Laien und der Gedanke der freien Gemeindekirche, die sich bescheidet,
die äußeren Formen der Kirchengemeinschaft wie alles Menschliche in
den Fluß der Zeiten zu stellen, und dem mißdeuteten Worte „Auf diesen
Felsen will ich meine Kirche bauen” das lebendig verstandene Wort
entgegenhält: „Wo zwei oder drei von euch versammelt sind in meinem
Namen, da bin ich mitten unter ihnen.”

Gewiß war Luthers Tat eine Revolution, und da der religiöse Glaube
im innersten Kerne des Volksgemüts wurzelt, so griff sie in alles
Bestehende tiefer ein als irgendeine politische Umwälzung der neuen
Geschichte. Es ist wahrlich kein Zeichen evangelischen Mutes, wenn
manche wohlmeinende Protestanten dies zu leugnen oder zu verhüllen
suchen. Nur ein Mann, in dessen Adern die ungebändigte Naturgewalt
deutschen Trotzes kocht, konnte so Vermessenes wagen. Die ganze alte
Ordnung der sittlichen Welt, die einem Jahrtausend heilig gewesen,
die lange Kette der ehrwürdigen Traditionen, welche das Leben der
Christenheit gebunden hielten, brach mit einem Schlage zusammen, und
lebhaft können wir heute dem Gegner des Reformators, dem Elsässer
Murner, nachempfinden, wenn er heim Anblick der ungeheuren Zerstörung
jammernd ausrief:

    Alle Bücher sein erlogen,
    Die je beschrieben sind,
    Die Heiligen han betrogen,
    Die Lehrer sein all blind!

Die Größe der historischen Helden besteht in der Verbindung von
Seelenkräften, die nach der Meinung des platten Verstandes einander
ausschließen. So gewaltig die Kühnheit des schlichten Mannes, der
sich selber nur eine Gans unter den Schwänen nannte und dennoch sich
vermaß, gegen die stärksten politischen und sittlichen Mächte der Zeit
in die Schranken zu treten, ebenso erstaunlich erscheint von Haus aus
seine Mäßigung. Nie war er kühner, als da er den Bilderstürmern von
Wittenberg die Mahnung der Liebe zurief: Macht mir nicht aus dem Frei
sein ein Muß sein! Mit kindlichem Vertrauen baute er auf die Macht des
göttlichen Wortes allein. Und sein Glaube trog ihn nicht; denn nachdem
erst die wilden Zuckungen des Bauernkrieges und der Wiedertäuferei
überwunden waren, vollzog sich der Sieg der Reformation in Deutschland
fast überall friedlich, frei aus dem Volke heraus. Bei allem
Häßlichen, das sich mit ansetzte, trug die große Bewegung doch jenen
Charakter schlichter Treuherzigkeit und Kraft, der alle große Epochen
der deutschen Geschichte auszeichnet; sie schenkte unserem Volke die
Form des Christentums, welche dem Wahrheitsdrange und der unzähmbaren
Selbständigkeit der deutschen Natur zusagt, gleichwie die römische
Kirche der Logik und dem Schönheitssinne der Romanen, die orthodoxe
Kirche der halborientalischen Gebundenheit der gräko-slawischen Welt
entspricht. Und weit hinaus über den Kreis seiner Glaubensgenossen
wirkte Luthers Wort; er war im Rechte, wenn er den deutschen Bischöfen
zurief: „Ihr habt mein Evangelium verdammen lassen, habt es aber
heimlich und in vielen Stücken angenommen.” Mit gutem Grunde nennen wir
ihn heute einen Wohltäter auch der alten Kirche. Denn auch sie ward
durch ihn gezwungen, ihre sittlichen Kräfte zusammenzuraffen, auch sie
blieb nicht unberührt von der innigen, seelenvollen Auffassung des
Glaubens, welche Luther der Christenheit wiedergab. Eine so sinnliche
Ablaßlehre, wie sie Tetzel einst predigte, wäre auf deutschem Boden
jetzt unmöglich; und sicherlich steht heutzutage der denkende deutsche
Katholik dem deutschen Protestanten in seiner ganzen Weltanschauung
näher als seinem spanischen Glaubensgenossen.

In allen den mächtigen Wandlungen unseres geistigen Lebens seitdem
ist der Grundgedanke der Reformation, die freie Hingebung der Seele
an Gott, unwandelbar das sittliche Ideal der Deutschen geblieben. Er
kehrt, ins Weltliche gewendet, wieder in dem strengen Ausspruch Kants,
daß überall auf der Welt nichts für gut gehalten werden dürfe, als
allein ein guter Wille; er tönt uns entgegen aus dem milden Gesange der
Engel, die Fausts Unsterbliches gen Himmel tragen: „Wer immer strebend
sich bemüht, den können wir erlösen.” Wir danken der Reformation das
lebendige Nebeneinander der Glaubensbekenntnisse, worauf die heutige
deutsche Gesittung beruht, jene freie Duldsamkeit, die weder der Furcht
noch dem Kaltsinn entspringt, sondern der Erkenntnis, daß das Licht der
göttlichen Offenbarung, wie heute die Welt noch steht, nur gebrochen
in vielen Strahlen dem Auge der Menschheit erkennbar ist; denn so
gewiß kein Sohn des sechzehnten Jahrhunderts, auch Luther nicht,
verstanden hätte, was wir heute Toleranz nennen, ebenso gewiß ist diese
Duldung nur möglich geworden auf dem Boden des Protestantismus, der
den hochmütigen Wahn einer alleinseligmachenden Kirche grundsätzlich
verwirft. Wir danken ihr, daß der Deutsche zugleich fromm und frei
empfinden kann, daß keiner unserer großen Denker, wie kühn sich auch
die Flüge ihres Geistes erhoben, jemals in den lästernden Spott eines
Voltaire verfiel, und die Todsünde der Heuchelei unter uns eine seltene
Ausnahme ist.

Denn das ist die Größe des Protestantismus, daß er einen Widerspruch
zwischen dem Denken und dem Wollen, zwischen dem religiösen und dem
sittlichen Leben nicht dulden will, sondern gebieterisch fordert: Was
du erkannt hast, das bekenne und darnach handle! Zu Luthers Zeiten
standen die Italiener unserem Volke in Kunst und Wissenschaft weit
voran. Bereits im vierzehnten Jahrhundert war unter ihnen Petrarca
aufgetreten, der erste moderne Mensch, der ganz auf eigenen Füßen
stand und die Binde sich von den Augen gestreift hatte; und nun
gerade in den Tagen des deutschen Ablaßstreites schrieb Machiavelli
jene zwei Bücher vom Staate, die mit den überlieferten Vorstellungen
des Mittelalters weit rücksichtsloser brachen als Luther. Jedoch den
Romanen fehlte die Kraft, ihre eigenen Gedanken in vollem Ernst zu
nehmen, sie brachten es über sich, ihr Gewissen zu teilen und einer
Kirche, die sie verspotteten, zu gehorchen. Die Deutschen wagten,
das Leben nach der erkannten Wahrheit zu gestalten, und weil die
historische Welt die Welt des Willens ist, weil nicht der Gedanke,
sondern die Tat das Schicksal der Völker bestimmt, darum beginnt die
Geschichte der modernen Menschheit nicht mit Petrarca, nicht mit den
Künstlern des Quattrocento, sondern mit Martin Luther. Merkwürdig früh
hat die europäische Welt dies erkannt. Nur hundertundvierzig Jahre nach
Luthers Tode stellte der deutsche Historiker Cellarius die Behauptung
auf, gegen den Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts sei eine alte,
für uns abgeschlossene Zeit zum Ende gelangt, das Mittelalter. Bei
allen Völkern hat sich seitdem Begriff und Name des Mittelalters
eingebürgert, und dabei wird es bleiben, obwohl die Selbstverliebtheit
unserer Tage zuweilen, ganz vergeblich, versucht, die Geschichte der
neuen Zeit erst mit der französischen Revolution zu beginnen. --

Gleich allen echten Germanen hegte Luther ein tiefes Gefühl
historischer Pietät, und er liebte, die große Neuerung, die er in der
Kirche vollzog, sich nur als die Wiederherstellung der ursprünglichen
Zustände des Christentums zu denken. Dagegen wußte er wohl, daß er
das politische Leben der Völker mit einem schlechthin neuen Gedanken
befruchtet hatte. „So stund's aber dazumal,” -- sagt er über die
Zeiten der Jugend -- „es hatte niemand gelehret noch gehöret, wußte
auch niemand von der weltlichen Obrigkeit, woher sie käme, was ihr Amt
oder Werk wäre oder wie sie Gott dienen solle.” In der Tat war der
Staat noch niemals zu seinem vollen Rechte gelangt, seit die schwere,
der heidnischen Welt unbekannte Frage nach den Grenzen geistlicher
und weltlicher Gewalt zuerst in der Christenheit aufgeworfen wurde.
In ihren ersten Jahrhunderten hielt sich die Kirche scheu vor dem
Staate zurück, weil er heidnisch war, und als sie dann im Römerreiche
die Oberhand gewann, entstand nach und nach, eng verbunden mit
der Verfassung und dem Dogma der Kirche, das politische System
der kirchlichen Weltherrschaft. Das ganze Leben der Christenheit
erscheint als eine fest geordnete Einheit; Staat und Volkswirtschaft,
Wissenschaft und Kunst, alle Berufe der Menschen empfangen ihre
sittlichen Gesetze aus den Händen der Kirche; die Kirche ist der Staat
Gottes, der weltliche Staat das Reich des Fleisches, ohne eigenen
sittlichen Zweck und nur dann vor Gott gerechtfertigt, wenn er dem
Schiedsrichter der Staatenwelt, dem Papste, seinen starken Arm zum
Dienste leiht. Kein kräftiger Staat des Mittelalters hatte diese
herrischen Ansprüche des Papsttums jemals vollständig anerkannt. Seit
Dante, seit Marsilius von Padua und den tapferen ghibellinischen
Schriftstellern, die sich um Kaiser Ludwig den Bayern scharten, war
das Ansehen der kirchlichen Weltstaatslehre auch in der Wissenschaft
bereits tief erschüttert. Sie ganz zu überwinden, konnte doch nur dann
gelingen, wenn der Stier bei den Hörnern gepackt und die Herrschaft des
Priesterstandes in der Kirche selbst verworfen wurde.

Erst Luther warf den Satz „Geistliche Gewalt ist über der weltlichen”,
diese starke Mauer der Romanisten, in Trümmer und lehrte, daß der
Staat selber eine Ordnung Gottes ist, berechtigt und verpflichtet,
seinen eigenen sittlichen Lebenszwecken, unabhängig von der Kirche,
nachzugehen. Damit ward der Staat für mündig erklärt, und da er
wirklich schon zu seinen Jahren gekommen war, da die weltliche Gewalt
überall an dem erstarkten Selbstgefühl der Nationen eine sichere
Stütze fand, so wirkte diese Tat der politischen Befreiung fast noch
gewaltiger, noch weiter in die Welt hinaus, als die Reformation der
Kirche. Alle Kronen, ohne Ausnahme, katholische wie evangelische,
sagten sich los von der politischen Herrschaft des gekrönten Priesters.
Von einer Obedienzleistung, wie sie der Papst vordem den weltlichen
Gewalten zugemutet, war fortan keine Rede mehr, und noch ehe Luthers
Jahrhundert zu Ende ging, begründete Bodinus den Gedanken der
Souveränität des Staates zuerst mit wissenschaftlicher Schärfe --
eine neue Erkenntnis, die, einmal gefunden, das gemeinsame Besitztum
der gesitteten Menschheit geblieben ist. Mochte die Gesellschaft Jesu
noch von der Weltherrschaft des Gottesstaates träumen, unaufhaltsam
verwuchsen die Staaten Europas zu einer neuen freien Völkergesellschaft
und bildeten sich ein weltliches Völkerrecht, das, gerechter als
weiland die Urteilssprüche der Päpste, in der Interessengemeinschaft
und dem Rechtsbewußtsein der Nationen seine Wurzeln hat. Schritt für
Schritt drängte der moderne Staat die Kirche auf ihr geistliches
Gebiet zurück; er nahm ihr die Rechtspflege, die Schulverwaltung,
das Armenwesen und bewies durch die Tat, daß er diesen politischen
Pflichten besser als sie zu genügen vermag. Nichts zeugt so laut
für die Gesundheit der politischen Gedanken der Reformation, wie
die unleugbare Tatsache, daß die politische Entwicklung in den
protestantischen Staaten fast durchweg friedlicher, minder gewaltsam
verlaufen ist, als in der katholischen Welt.

Keinem Volke brachte die Befreiung des Staates von kirchlicher
Herrschaft so reichen, so lang nachwirkenden Segen wie uns Deutschen,
denn nirgends war die alte Kirche fester mit dem Staate verflochten,
als in diesem römischen Reiche und allen den geistlichen Fürstentümern,
welche seine Krone stützten. Unleugbar hat die Reformation den längst
schon beginnenden Zerfall des alten Reichs gefördert, die längst
schon vorhandenen politischen Gegensätze noch durch kirchlichen Haß
verschärft. Doch wer Wunden zu heilen vermag, darf sie auch schlagen.
Nur aus dem Borne des Protestantismus konnte dies sieche Reich den
verjüngenden Trank schöpfen. Nur wenn unser Staat wieder wahr wurde wie
seine Kirche, wenn er die zur Lüge gewordenen Ansprüche seines heiligen
römischen Kaisertums aufgab und seine Krummstabslande einer weltlichen
Obrigkeit unterwarf, nur dann vermochte er wieder zu wachsen mit der
wachsenden Zeit.

Luther selbst hatte diese letzten Schlüsse aus seinen Gedanken nie
gezogen. Ihm graute vor den Schrecken eines Bürgerkrieges: „Ehe man
in Deutschland eine neue Weise des Reichs anrichtete, so wäre es
dreimal verheeret.” Er wußte, daß er kein Staatsmann war, und teilte
mit seinem Volke die ehrfürchtige Scheu vor der kaiserlichen Majestät,
vor dem jung edlen Blut von Österreich; wie viele Zweifel mußte er
überwinden, bis er sich nur entschloß, den Widerstand gegen kaiserliche
Übergriffe, der doch im alten Reiche Rechtens war, gutzuheißen. Die
Natur der Dinge, die Vernunft der Geschichte, hat schließlich dennoch
vollendet, was in dem Heimatlande der Reformation nicht ausbleiben
konnte: unrettbar brachen die geistlichen Staaten Deutschlands nach
und nach zusammen, bis endlich im Anfang unseres Jahrhunderts die
letzten verfaulten Trümmer der römischen Theokratie verweltlicht und
mit ihnen auch die römische Kaiserkrone vernichtet wurde. Nun erst,
seit unser Staat sich ehrlich zu seinem weltlichen Wesen bekannte,
ward die Stätte geebnet für einen Neubau; und auch an dieser letzten
heilvollen Wendung unserer Geschicke hat der Reformator seinen Anteil
durch eine Tat, deren ferne Folgen ihm verhüllt blieben. Auf Luthers
Rat entschloß sich der Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von
Brandenburg, den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuze abzulegen, die
falsche Keuschheit des Mönches zu meiden und „eine rechte ordentliche
Herrschaft zu gründen, die ohne Gleißen und falschen Namen vor Gott und
der Welt angenehm wäre”. So ward das Ordensland Preußen, die Pflanzung
des gesamten Deutschlands, in ein weltliches Herzogtum verwandelt
und vor der Begehrlichkeit des polnischen Nachbarn gerettet. Luther
aber schrieb dankbar: „Siehe dies Wunder! In vollem Laufe, mit vollen
Segeln, eilt jetzt das Evangelium durch Preußen!” Er ahnte nicht,
welche größeren Wunder unser Volk noch an seiner entlegenen Ostmark
erleben sollte. Aus diesem, der alten Kirche geraubten Lande, das mit
dem Protestantismus stand und fiel, ist in unvergeßlichen Kämpfen
die streitbare Großmacht unserer neuen Geschichte hervorgegangen und
endlich, als die Zeiten sich erfüllten, der neue Staat der Deutschen,
der nicht heilig sein will und nicht römisch, sondern, nach den Worten
des Reformators, ohne Gleißen und falschen Namen ein weltliches, ein
deutsches Reich. --

Wie die Einheit des deutschen Staates erst möglich ward, seit
die letzten Staatsgebilde der römischen Kirche von unserem Boden
verschwanden, so verdanken wir auch den Kämpfen der Reformation das
köstliche geistige Band, das uns in den Tagen deutscher Zerrissenheit
lange fast allein zusammenhielt, unsere neue Sprache. Was selbst dem
Zauber unserer ritterlichen Dichtung nicht gelungen war, den deutschen
Norden unter die Herrschaft der hochdeutschen Sprache zu beugen, das
gelang erst, als die schöne Lieblingsstätte des Minnesanges, die
Wartburg, zum zweiten Male unserem Volke teuer ward und von dort die
ersten Bücher der deutschen Bibel ausgingen -- die Heilige Schrift,
übertragen mit strenger Treue durch einen wahlverwandten religiösen
Genius und doch so ganz verdeutscht, so ganz beseelt von dem Hauche
deutschen Gemütes, daß wir uns heute das Bibelwort in anderer Fassung
kaum noch denken können. Gleich den Italienern empfingen wir unsere
Schriftsprache mit einem Male durch die Tat eines Mannes. Es liegt
aber im Wesen des Genius, das Notwendige, das einfach Natürliche
zu wollen. Wie Dante nicht willkürlich neuerte, sondern nur die
Volkssprache seiner toskanischen Heimat adelte und durchgeistigte,
so hegte auch Luther nur schlicht und recht die Absicht, von seinem
ganzen Volke verstanden zu werden, damit Gott deutsch zu den Deutschen
rede. Er benutzte daher das gemeinverständliche Mitteldeutsch, das
schon überall, wo Ober- und Niederdeutsche unter einem Herrscher
zusammensaßen, in dem Staate des deutschen Ordens, in den Kanzleien
der lützelburgischen Kaiser und der sächsischen Kurfürsten von der
Obrigkeit geredet wurde.

Also wirkten gebend und empfangend alle Stämme der Nation zu den
Taten der Reformation zusammen. Im Norden fand der Protestantismus
seinen festen politischen Rückhalt; die mächtige Sprache aber, welche
fortan das evangelische Deutschland geistig beherrschte, kam aus dem
Oberlande, aus jenen Gauen Süd- und Mitteldeutschlands, die zu allen
Zeiten das warme Nest unserer Dichtung und also auch der Sprachbildung
geblieben sind. Und dies Hochdeutsch war die Sprache von Luthers
Heimat; seine Laute klangen ihm vertraut von Kindesbeinen an; so hatte
er schon das Volk in den Mansfelder Bergwerken, seines lieben Vaters
Schlegelgesellen, reden hören. Sprachgewaltig, wie seitdem nur einer
noch, Goethe, ward er der volkstümlichste aller unserer Schriftsteller.
In seinen Schriften vereinigt sich, was sonst unvereinbar scheint, der
Tiefsinn, die gedrängte Gedankenfülle des Buchs und die fortreißende
Macht, der sprudelnde Wörterreichtum der Rede, so daß der Leser immer
die herzbewegende Stimme des Predigers zu hören meint; dem Einfältigen
geben sie genug, und der Denkende findet des Nachsinnens kein Ende. In
Kämpfen geboren, kann diese Sprache des Freimuts und der Wahrhaftigkeit
bis zum heutigen Tage die Zeichen ihres Ursprungs nicht verleugnen.
Gewaltig vermag sie zu zürnen, übermütig zu spielen in toller Laune,
zu den Höhen des Gedankens steigt sie kühn empor, für jedes holde
Geheimnis des Herzens findet sie ein liebliches Wort; doch wer sie
zwingen will, ihre Meinung zu bemänteln oder tückisch unterm Zaum
hervor zu beißen oder gar den überbildeten Geschmack durch das Pikante
und Scharmante zu reizen, dem schenkt sie wenig, den läßt sie betteln
gehen an den Tischen der Fremden.

Mehr denn hundert Jahre hat es noch gewährt, bis dies neue Deutsch, das
in der Predigt und dem Gemeindegesange der evangelischen Kirche kräftig
erklang, zum Gemeingut unseres Volkes wurde, bis auch die Wissenschaft
volkstümlich und weltlich ward und das Wort sich ganz erfüllte, das
Ulrich von Hutten schon in den ersten Tagen überschwenglicher Hoffnung
zuversichtlich in die Welt hinausgerufen hatte: „Sonst waren nur die
Pfaffen gelehrt, jetzt hat uns Gott auch Kunst beschert, daß wir die
Bücher auch verstahn”. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts
kam über den lutherischen Zweig des deutschen Protestantismus eine
lange Zeit unheilvoller Erstarrung, da fast allein die weihevollen
Klänge des evangelischen Kirchenliedes noch Kunde gaben von dem
ursprünglichen Geiste der Reformation und in der neuen wie in der alten
Kirche herrschsüchtige Theologen der weltlichen Wissenschaft Richtung
und Grenze vorschrieben. Nur der Heldenmut seiner tatkräftigeren
Schwesterkirche, nur der Kampf der Calvinisten Niederlands wider die
spanische Krone, bewahrte damals das verkommene Luthertum vor dem
sicheren Untergange. Erst der Jammer des Dreißigjährigen Krieges
brachte auch uns die Selbstbesinnung. Die Pietisten von Halle erweckten
unserem Volke wieder den lebendigen evangelischen Geist, den Geist
der brüderlichen Liebe, der das Evangelium leben wollte und über dem
öden Buchstabengezänk der letzten Jahrzehnte ganz vergessen schien;
Pufendorf vertrieb die Theologen aus den politischen Wissenschaften,
Thomasius wagte zuerst auf deutschem Lehrstuhl deutsch zu reden;
und auf dem also bereiteten Boden erhob sich sodann unsere neue
Wissenschaft und Dichtung, ganz frei von konfessioneller Härte,
weltlich von Grund aus, weit kühner in ihren Gedanken, als Luther
selbst jeweils gebilligt hätte, und dennoch protestantisch. Alle ihre
Führer gehörten dem Protestantismus an. Nur aus der Autonomie des
Gewissens, die uns Luther errungen, konnte das neue Ideal der Humanität
hervorgehen. Mit Entsetzen vernahmen die bayerischen Jesuiten das
„lutherische Deutsch” dieser neuen Bildung; doch unhemmbar hielt sie
ihren friedlichen Siegeszug auch durch das katholische Deutschland, bis
sie schließlich alles, was deutsch war, in den frischen Strom ihrer
Gedanken hineingezogen hatte; und heute sehen wir mit Freude, wie
selbst die Vorkämpfer Roms unter unseren Landsleuten längst lutherisch
deutsch gelernt haben, wie sie wider uns streiten mit Waffen, die in
unserer Schmiede gehämmert sind.

Seit die Kirche sich auf ihren geistlichen Beruf beschränkt sah,
erhielt alles redliche weltliche Schaffen erst seine sittliche
Rechtfertigung. Das Rätsel war gelöst, das jenem Dichter des
Mittelalters so ganz unlösbar schien: wie Reichtum und Ehre sich mit
der Gnade Gottes vertragen sollten. Die Ewigkeit trat dem Gläubigen
mitten in sein Leben hinein, und er fühlte, daß er auch mit seiner
Hände Arbeit dienen könne und solle. Selbst den Kriegsleuten gab Luther
die tröstliche Gewißheit, daß sie auch in seligen Stand kommen würden,
wenn sie ihres harten Handwerks in Treue warteten. Seit eine Kirche
ohne Klerisei bestand, konnte auch in den rein katholischen Ländern der
Klerus sich nicht mehr auf die Dauer als der erste Stand behaupten.
In Deutschland aber wurden jene mittleren Schichten der Gesellschaft,
zu denen Luther vornehmlich geredet hatte, mehr und mehr zum Kerne
der Nation. Auch die soziale Macht, welche die gelehrte Bildung und
mit ihr leider der Doktrinarismus im deutschen Leben behauptet, hat
ihren ersten Ursprung in der Wirksamkeit des größten aller deutschen
Professoren.

Der Protestantismus entstammt einem derben männischen Jahrhundert,
das nach den Frauen wenig fragte, und die nüchternen Formen seines
Kultus vermögen der frommen Sehnsucht des weiblichen Herzens nicht
immer zu genügen. Und doch hat Luther die deutschen Frauen höher
erhoben, als sie je vordem gestanden hatten in den Zeiten, da noch die
gnadenreiche Mutter Gottes angerufen ward; er hat den Wirkungskreis
des Weibes, das Haus wieder zu Ehren gebracht vor Gott und Menschen.
Schwer mußte er kämpfen, ehe er sich das Herz faßte, um die Hand seiner
Käthe zu werben; was zuletzt den Ausschlag gab, war doch nicht bloß
die Sehnsucht nach häuslichem Glück, sondern das Gefühl einer heiligen
Pflicht. Wie oft hat er den Klosterleuten zugerufen: „Wer hat dich
etwas geloben und schwören heißen, was wider Gott und seine Ordnung
ist, nämlich daß du schwörest, du seiest kein Mann und kein Weib?”
War er berechtigt also zu fragen, war die Ehe wirklich ein heiliger
Stand, Gott wohlgefälliger als die Gelübde der Beschorenen, dann
mußte er selber mit seinem Leib und Leben Zeugnis ablegen für seine
Lehre. Er wußte, welch eine Schlammflut ekler Verdächtigungen sich nun
heranwälzen mußte gegen ihn, dessen makelloser Name bisher einer großen
Sache zum Schilde gedient und allen Pfeilen der Verleumder widerstanden
hatte. Freiwillig nahm er dies Kreuz auf sich; denn überzeugender,
siegreicher konnte sich die sittliche Macht der evangelischen Freiheit
nicht erweisen, als wenn die Ehe des entlaufenen Mönches und der
entlaufenen Nonne zum Vorbild wurde für Tausende frommer Menschen.

Und sie ward es. Dies mit allen Flüchen der römischen Kirche
beladene Haus lebt in unser aller Herzen. Wir denken seiner, wenn am
Weihnachtsabend vor dem Tannenbaume die hellen Stimmen unserer Kinder
die frohe Botschaft singen: „Vom Himmel hoch da komm ich her”; wir
sehen ihn vor Augen, den alten Doktor, wie er, ein Gewissensrat seiner
lieben Deutschen, allen den Zweifelnden und Beladenen, die von nah und
fern zu ihm eilen, Lehre, Trost und Hilfe spendet und immer mit seinem
freien Gemüt Partei nimmt für das Recht des Herzens, für die Stimme
der Natur, für die Billigkeit und die Liebe; wir hören sein herzliches
Lachen, wenn er den zagenden Melanchthon mit kräftigem Zuspruch
aufrichtet oder in neidloser Freundschaft die Größe seines kleinen
Griechen preist; wir freuen uns seiner goldenen Laune, wenn er abends
um seinen gastlichen Tisch den Becher kreisen läßt und die deutscheste
der Künste, Frau Musika, zu den fröhlichen Zechern ladet: „Hie kann
nicht sein ein böser Mut, wo da singen Gesellen gut”; wir klagen mit
ihm, wenn er, überwältigt vom menschlichsten Schmerze, an der Bahre
seines Lenchens weint. So war das erste evangelische Pfarrhaus; und
wie viele Tränen sind seitdem von den Frauen unserer Landpfarrer
getrocknet, wie viele gute und hochbegabte Männer in diesen friedlichen
Heimstätten einer gelehrten und doch der Natur nicht entfremdeten
Bildung erzogen worden.

All unser Tun ist Stückwerk, und in der Geschichte dauert der Name
keines Mannes, der nicht größer war als seine Werke. Das köstlichste
Vermächtnis, das Luther unserem Volke hinterlassen hat, bleibt doch er
selber und die lebendige Macht seines gottbegeisterten Gemüts. Keine
andere der neueren Nationen hat je einen Mann gesehen, der so seinen
Landsleuten jedes Wort von den Lippen genommen, der so in Art und Unart
das innerste Wesen seines Volkes verkörpert hätte. Ein Ausländer mag
wohl ratlos fragen: wie nur so wunderbare Gegensätze in einer Seele
zusammenliegen mochten: diese Gewalt zermalmenden Zornes und diese
Innigkeit frommen Glaubens, so hohe Weisheit und so kindliche Einfalt,
so viel tiefsinnige Mystik und so viel Lebenslust, so ungeschlachte
Grobheit und so zarte Herzensgüte, und wie derselbe ungeheure Mensch,
der einen Brief an Seine Fürstliche Ungnaden Herzog Georg von Sachsen
kurzab unterzeichnete „Von Gottes Gnaden Martin Luther, Evangelist
zu Wittenberg”, dann wieder zerknirscht vor Gott in den Staub sinken
konnte. Wir Deutschen finden in alledem kein Rätsel, wir sagen einfach:
das ist Blut von unserem Blute. Aus den tiefen Augen dieses urwüchsigen
deutschen Bauernsohnes blitzte der alte Heldenmut der Germanen, der
die Welt nicht flieht, sondern sie zu beherrschen sucht durch die
Macht des sittlichen Willens; und weil er heraussagte, was im Gemüte
seines Volkes schon lebte, nur halb konnte der arme Mönch, der
soeben noch aus dem stillen Augustinerkloster am Monte Pincio demütig
hinübergepilgert war nach den Hallen von St. Peter, in wenigen Jahren
wachsen und wachsen und schließlich der neuen römischen Weltmacht
ebenso furchtbar werden, wie einst die deutschen Kohortenstürmer dem
Reiche der Cäsaren. Ein Menschenalter nach Luthers Tode bekannten sich
schon vier Fünftel unserer Nation zum evangelischen Glauben. In den
meisten der deutschen Landschaften, welche die römische Kirche heute
beherrscht, verdankt sie ihre Herstellung der Macht des Schwertes, und
fast überall, wo das Evangelium gewaltsam ausgerottet wird, kränkelt
der deutsche Geist noch heute, als wäre ihm eine seiner Schwingen
gelähmt. Wo immer deutsches und fremdes Volkstum feindselig aufeinander
stößt, da war der Protestantismus allezeit unser sicherster Grenzhüter.
In unseren Nordostmarken gilt deutsch und evangelisch, polnisch und
römisch-katholisch längst als gleichbedeutend, und unter den deutschen
Stämmen Österreichs bewahrt sich keiner sein Volkstum so treu wie das
evangelische Sachsenvolk Siebenbürgens. --

Wohl ziemt es uns, in diesen Tagen der Feier, da die Gestalt des
Reformators lebendig in unsere Gegenwart hineintritt, auch der Warnung
zu gedenken, die er einst seinen Deutschen zurief: „Gottes Wort und
Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal
gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben
nu nichts. Paulus bracht' ihn in Griechenland. Hin ist hin, nu haben
sie den Türken. Rom und latinisch Land hat ihn auch gehabt: hin ist
auch hin, sie haben nu den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken,
daß ihr ihn ewig haben werdet, denn der Undank und Verachtung wird
ihn nicht lassen bleiben. Darum greif zu und halt zu, wer greifen und
halten kann, faule Hände müssen ein böses Jahr haben”. Dieselben Mächte
des Verderbens, welche einst die Reformation in ihrem natürlichen
Fortgang hemmten, treiben in verwandelter Gestalt noch heute unter uns
ihr Wesen: der lieblose Bruderzwist der Gläubigen, das fleischliche
Evangelium der Rottengeister und die dreiste Selbstgerechtigkeit der
Epikureer, wie Luther sie nannte.

Mächtiger als diese dunklen, erscheinen doch die lichten, die
trostvollen Zeichen der Zeit. Das Gefühl einer tiefen inneren
Verwandtschaft verbindet die Gegenwart mit den Zeiten Luthers, zwingt
den Künstler unwillkürlich, die Bauformen des sechzehnten Jahrhunderts
wieder aufzunehmen, den Gelehrten sich forschend in jene Zeit des
Sturmes zu versenken. Vieles, was Luthers Tage nur ahnen konnten, hat
unser Jahrhundert erst gestaltet und vollendet. Die neue Welt, die
damals entdeckte, tritt jetzt erst in die Weltgeschichte ein, und ihre
zukunftreichsten Lande gehören dem evangelischen Glauben, fern am
Stillen Ozean denken in diesen Tagen fromme Herzen des Landes, wo die
Wiege Martin Luthers stand; die Buchdruckerkunst bewährt sich jetzt
erst als eine völkerverbindende Macht; die Einheit Deutschlands und
Italiens steht aufrecht, und nach unseren deutschen Krummstabslanden
ist auch der letzte und schlechteste der geistlichen Staaten, der
Kirchenstaat des Papstes, ins Grab gesunken; die Freiheit des Denkens
und des Glaubens ist allen Völkern der gesitteten Welt gesichert, und
in der evangelischen Kirche arbeitet noch immer die ungebrochene Kraft
eines starken Lebens. Der Unfriede, der sie erfüllt, beweist doch
nur, daß die Religion in unseren Tagen die Herzen wieder tiefer und
stärker ergreift, als einst im Zeitalter der Aufklärung. Und mitten
im Hader sind ihr doch zwei Taten des Friedens gelungen: sie hat die
getrennten Schwesterkirchen des Protestantismus zur evangelischen
Union verbunden, und eben jetzt ist sie überall am Werke, den so lange
verkümmerten Gedanken der Gemeindekirche in den Formen ihrer Verfassung
auszugestalten.

In so reicher Zeit soll kein guter Protestant die Hoffnung aufgeben,
daß dereinst noch schönere Tage kommen werden, da unser gesamtes Volk
in Martin Luther seinen Helden und Lehrer verehrt. Wir wissen alle, vor
Zeiten gereichte es unserem Vaterlande zum Heile, daß die Reformation
nur einen halben Erfolg errang; vollkommen siegreich, allein
herrschend, hätte die evangelische Kirche jenen Geist menschlicher
weitherziger Duldung, der heute im deutschen Leben überwiegt,
schwerlich aufkommen lassen. Doch die Tage, da die Kirchenspaltung
Segen brachte, gehen zu Ende. Seit die römische Kirche mit der
Unfehlbarkeit des Papstes ihr letztes Wort gesprochen hat, empfinden
wir schmerzlicher denn je, welche Kluft die Glieder unseres Volkes
trennt. Diese Kluft zu schließen, das evangelische Christentum wieder
also zu beleben, daß es fähig wird, unsere ganze Nation zu beherrschen
-- das ist die Aufgabe, welche wir erkennen und spätere Geschlechter
dereinst lösen sollen. Nie kann dies Werk gelingen, wenn wir feig den
Berg wieder hinabsteigen, den unsere tapferen Väter im Schweiße ihres
Angesichts erklommen haben. Denn nimmermehr wird eine Priesterkirche
das Volk Martin Luthers um ihre Altäre versammeln. Solches vermag nur
eine Kirche, welche die evangelische Freiheit des Christenmenschen,
die Selbständigkeit des gläubigen, bußfertigen Gewissens anerkennt und
den sittlichen Mächten dieser Welt, vor allem dem Staate, ihr gutes
Recht gewährt. Schwerere Zeiten als die unseren hat der Protestantismus
schon siegreich überstanden: wie viele sind unter uns, deren Ahnen am
Weißen Berge oder bei Lützen sich für das Evangelium schlugen oder
das Brot der Verbannung aßen um ihres Glaubens willen. Getrost und
dankbar dürfen wir am Geburtstage des Reformators sein hochgemutes Lied
anstimmen:

    Und ob es währt bis in die Nacht
    Und wieder an den Morgen,
    Doch soll mein Herz an Gottes Macht
    Verzweifeln nicht noch sorgen!




Fichte und die nationale Idee




Fichte und die nationale Idee.


In rascher Folge haben sich in den jüngsten Jahren die Feste gedrängt,
welche das Andenken der großen Männer unseres Volkes feierten. Aber
laut und schneidend klingen in den Jubel der Menge die fragenden
Stimmen der Mahnung und des Spottes: ob wir denn gar nicht müde werden,
uns behaglich die Hände zu wärmen an dem Feuer vergangener Größe?
ob uns denn gar zu wohl sei in dem Bewußtsein einer epigonenhaften
Zeit? ob wir denn ganz vergessen, daß alle Straßen und Plätze von
Athen prunkvoll geschmückt waren mit den Standbildern seiner großen
Männer, zur Zeit da Griechenland des Eroberers Beute ward? -- Nicht
ein Wort mag ich erwidern auf den Vorwurf, daß wir in einem Zeitalter
der Epigonen lebten. Denn mit solchem Willen soll eine jede Zeit sich
rüsten, als ob sie die erste sei, als ob das Höchste und Herrlichste
gerade ihr zu erreichen bestimmt sei; und ruhig mögen wir einem
späteren Jahrhundert überlassen zu entscheiden, ob unser Streben ein
ursprüngliches gewesen -- wie ich denn sicher hoffe, es werde unsern
Tagen dies Lob dereinst nicht fehlen. Aber wohl gebührt sich eine
Antwort auf den anderen Vorwurf der Selbstbespiegelung. Nein, nicht
die Eitelkeit, nicht einmal jene ehrenwerte Pietät, die andere Völker
treibt, ihre großen Toten zu ehren -- ein tieferes Bedürfnis der Seelen
ist es, was gerade jetzt unser Volk bewegt, seiner Helden zu gedenken
mit einer Innigkeit, die von den Fremden vielleicht nur der Italiener
versteht.

Auf uns lastet das Verhängnis, daß wir staatlosen Deutschen die Idee
des Vaterlandes nicht mit Händen greifen an den Farben des Heeres, an
der Flagge jedes Schiffes im Hafen, an den tausend sichtbaren Zeichen,
womit der Staat den Bürger überzeugt, daß er ein Vaterland hat. Nur im
Gedanken lebt dies Land; erarbeiten, erleben muß der Deutsche die Idee
des Vaterlandes. Jeder edlere Deutsche hat entscheidungsvolle Jahre
durchlebt, da ihm im Verkehre mit Deutschen aus aller Herren Ländern
die Erkenntnis anbrach, was deutsches Wesen sei, bis endlich der
Gedanke, daß es ein Deutschland gebe, vor seiner Seele stand mit einer
unmittelbaren Gewißheit, die jedes Beweises und jedes Streites spottet.
Wachsen wir so erst im Verkehre mit den Lebendigen zu Deutschen
heran, so begreift sich das Volk als ein Ganzes in seiner Geschichte.
Und das ist der Sinn jener Feste, deren die politisch tiefbewegte
Gegenwart nicht müde wird, daß wir, rückschauend auf die starken
Männer, die unseres Geistes Züge tragen, erfrischen das Bewußtsein
unseres Volkstums und stärken den Entschluß, daß aus dieser idealen
Gemeinschaft die Gemeinschaft der Wirklichkeit, der deutsche Staat
erwachse. Darum fällt die Feier solcher Tage vornehmlich jenen als
ein unbestrittenes schönes Vorrecht zu, die sich nicht genügen lassen
an dem leeren Worte von der Einigkeit der Deutschen, sondern Kopf und
Hände regen zum Aufbau des deutschen Staates. -- Und das auch ist ein
rühmliches Zeichen für das lebende Geschlecht, daß aus der langen Reihe
von Jahrhunderten, welche dies alte Volk hinter sich liegen sieht und
in der Gegenwart gleichsam neu durchlebt, keine Epoche uns so traulich
zum Herzen redet, uns so das Innerste bewegt, wie jene siebenzig Jahre
seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, da unser Volk sich losrang
zuerst von der Geistesherrschaft, dann von dem politischen Joche
unheimischer Gewalten. Erst heute werden die Helden jener Zeit von
ihrem Volke verstanden, besser oft verstanden als von den Zeitgenossen;
und wenn es ein Herrliches war, eine Zeit zu schauen, die einen Stein
und Goethe gebar, so mögen wir auch als ein Glück preisen, in Tagen zu
leben, die diesen Männern zuerst ganz gerecht geworden.

Ein gesegneter Winkel des obersächsischen Landes fürwahr, der in kaum
hundert Jahren den Deutschen Lessing, Fichte, Rietschel schenkte --
drei Geister im Innersten verwandt, wie fremd sie sich scheinen, der
kühne Zertrümmerer der französischen Regeln unserer Dichtung, der
tapfere Redner und der weiche sinnige Bildhauer -- jeder in seiner
Weise ein Träger der besten deutschen Tugend, der Wahrhaftigkeit.
Ein Dorfwebersohn, wuchs Fichte auf in dürftiger Umgebung, in der
altfränkischen Sitte der Lausitzer Bauern. Frühzeitig und stark
arbeitet er im Innern mit dem Verstande und mehr noch mit dem Gewissen.
Der so begierig lernt, daß er eine Predigt nach dem Hören wiederholen
kann, wie rüstig kämpft er doch gegen die Dinge, die so lebendig auf
ihn eindringen! Das schöne Volksbuch vom hörnernen Siegfried wirft er
in den Bach als einen Versucher, der ihm den Geist ablenkt von der
Arbeit. Als ihm dann durch die Gunst eines Edelmannes eine gelehrte
Erziehung auf der Fürstenschule zu Pforta zuteil wird, stemmt sich
der eigenwillige Knabe wider jene Verkümmerung des Gemüts, welche der
familienlosen Erziehung anhaftet, sein waches Gewissen empört sich
gegen die erzwungene Unwahrhaftigkeit der Gedrückten. Er gesteht seinen
herrischen Oberen den Entschluß der Flucht; er flieht wirklich; auf dem
Wege, im Gebete und im Andenken an die Heimat, kommt das Gefühl der
Sünde über ihn; er kehrt zurück zu offenem Bekenntnis. So früh sind die
Grundzüge seines Wesens gereift, wie zumeist bei jenen Menschen, deren
Größe im Charakter liegt. Der Knabe schon bezeichnet seine Bücher mit
dem Sinnspruch, den der Mann bewährte: =Si fractus illabatur orbis,
impavidum ferient ruinae=.

Schwerer, langsamer entscheidet sich die Richtung seiner Bildung.
Kümmerlich schlägt er sich durch die freudlose Jugend eines armen
Theologen, und sein Stolz -- „die verwahrlosteste Seite meines
Herzens” -- schämt sich bitterlich der Armut. Erst in seinem
siebenundzwanzigsten Jahre wird ihm das Schicksal gütiger. Er sammelt
auf der weiten Fußwanderung nach einer Hauslehrerstelle in Zürich
eine für jene Zeit ziemlich ausgedehnte Erfahrung von dem Elend des
armen leidenden Volkes, er wird in der Schweiz mit der großen Arbeit
der deutschen Literatur vertraut, er lernt in Zürich das schmucklose
Wesen eines ehrenhaften Freistaates verstehen, das seinem schlichten
Stolze zusagt, und findet dort endlich in Johanna Rahn, einer
Nichte Klopstocks, das herrliche Weib seiner Liebe. Eine verwandte
Natur, sehr ernsthaft, wirtschaftlich nach Schweizer Weise, nicht
gar jung mehr und längst schon gewohnt, ihr warmes Blut in strenger
Selbstprüfung zu beherrschen, tritt sie ihm fertig und ruhig entgegen,
und oftmals mochten ihre Augen strenge unter dem Schweizerhäubchen
hervorblicken: „Höre, Fichte, stolz bist du. Ich muß dir's sagen, da
dir's kein anderer sagen kann.” Auch in der abhängigen Stellung des
Hauslehrers weiß er sich seine feste Selbstbestimmung zu wahren; er
zwingt die Eltern, die Erziehung bei sich selber anzufangen, führt ein
gewissenhaftes Tagebuch über ihre wichtigsten Erziehungsfehler. Nach
zwei Jahren sieht er sich wieder in die Welt getrieben; eine Fülle
schriftstellerischer Pläne wird entworfen und geht zugrunde.

Da endlich erschien seines inneren Lebens entscheidende Wendung,
als er, bereits achtundzwanzigjährig, in Leipzig durch einen Zufall
Kants „Kritik der reinen Vernunft” kennen lernte. „Der Hauptendzweck
meines Lebens ist der,” hatte er früher seiner Braut geschrieben, „mir
jede Art von (nicht wissenschaftlicher, ich merke darin viel Eitles,
sondern) Charakterbildung zu geben. Ich habe zu einem Gelehrten von
Metier so wenig Geschick als möglich. Ich will nicht bloß denken, ich
will handeln, ich mag am wenigsten denken über des Kaisers Bart.”
Und mit der gleichen Verachtung wie auf die Gelehrten von Metier
schaute er hinab auf die „Denkerei und Wisserei” der Zeit, auf jene
Nützlichkeitslehre, welche nur darum nach Erkenntnis strebte, um durch
einzelne hastig und zusammenhanglos aufgegriffene Erfahrungssätze
die Mühsal des Lebens bequemer, behaglicher zu gestalten. Der rechte
Gelehrte sollte gar nicht ahnen, daß das Wissen im Leben zu etwas
helfen könne. Sein Trachten stand nach einer Erkenntnis, die ihn
befähige, „ein rechtlicher Mann zu sein, nach einem festen Gesetze und
unwandelbaren Grundsätzen einherzugehen.” Aber woher diese Sicherheit
des Charakters, solange sein Gemüt verzweifelte über der Frage,
die vor allen Problemen der Philosophie ihn von früh auf quälend
beschäftigte, über der Frage von der Freiheit des Willens? Sein
logischer Kopf hatte sich endlich beruhigt bei der folgerichtigen Lehre
Spinozas, wie Goethes Künstlersinn von der grandiosen Geschlossenheit
dieses Systems gefesselt ward. Sein Gewissen aber verweilt zwar
gern bei dem Gedanken, daß das Einzelne selbstlos untergehe in dem
Allgemeinen, doch immer wieder verwirft es die Idee einer unbedingten
Notwendigkeit, denn „ohne Freiheit keine Sittlichkeit”. Welch ein Jubel
daher, als er endlich durch Kant die Autonomie des Willens bewiesen
fand, als er jenes große Wort las, das nur ein Deutscher schreiben
konnte: „Es ist überall nichts in der Welt, überhaupt auch außerhalb
derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte
gehalten werden, als allein ein guter Wille.” Über Kants Werken verlebt
er jetzt seine seligsten Tage; all sein vergangenes Leben erscheint
ihm ein gedankenloses Treiben in den Tag hinein, der Weisheit Kants
verdankt er „seinen Charakter bis auf das Streben, einen haben zu
wollen”. Der Verkündigung dieser Lehre soll nun sein Leben geweiht
sein; „ihre Folgen sind äußerst wichtig für ein Zeitalter, dessen Moral
bis in seine Quellen verderbt ist.” Und zum sicheren Zeichen, daß er
hier einen Schatz von Gedanken gefunden, der seinem eigensten Wesen
entsprach, entfaltete sich jetzt seine Bildung ebenso rasch und sicher,
als sie schwer und tastend begonnen hatte. Eine Reise nach Polen und
Preußen führt ihn zu dem Weisen von Königsberg, dem er ehrfürchtig
naht, „wie der reinen Vernunft selbst in einem Menschenkörper”. Bei
ihm führt er sich ein durch die rasch entworfene Schrift „Kritik aller
Offenbarung, 1791.”

Damit beginnt sein philosophisches Wirken, das näher zu betrachten
nicht dieses Orts noch meines Amtes ist, so reizvoll auch die Aufgabe,
zu verfolgen, wie die Denker nach dem Worte des alten Dichters, die
Leuchte des Lebens gleich den Tänzern im Fackelreigen von Hand zu Hand
geben. Es genüge zu sagen, daß Fichte die Lehre von der Selbständigkeit
und Unabhängigkeit des Willens mit verwegenster Kühnheit bis in ihre
äußersten Folgesätze hindurchführte. Weil die Bestimmung unseres
Geistes sich nur verwirklichen läßt im praktischen Handeln, das
praktische Handeln aber eine Bühne fordert, deshalb und nur deshalb
ist der Geist gezwungen, eine Außenwelt aus sich herauszuschauen und
als eine wirkliche Welt anzunehmen. „Ich bin ja wohl transzendentaler
Idealist,” gesteht Fichte, „härter als Kant, denn bei ihm ist noch ein
Mannigfaltiges der Erfahrung; ich aber behaupte mit dürren Worten, daß
selbst dieses von uns durch ein schöpferisches Vermögen reproduziert
wird.” Hatte Kant die große Wahrheit gefunden, daß die Dinge sich
richten nach der Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens: sein
Nachfolger schreitet weiter und behauptet getrost: „die Dinge werden
erst durch unser Ich geschaffen; es gibt kein Sein, sondern nur
Handeln; der sittliche Wille ist die einzige Realität.” Allein an
der Kühnheit dieser Abstraktionen, der verwegensten, die deutscher
Denkermut zu fassen wagte, können wir den aufrechten Trotz des Mannes
ermessen. Zuversichtlich glauben wir ihm, daß „seine wissenschaftliche
Ansicht nur die zur Anschauung gewordene innere Wurzel seines Lebens”
selber war; denn „was für eine Philosophie man wählt, richtet sich
danach, was für ein Mensch man ist”. In sicherem Selbstgefühle faßt
der Mann sich jetzt zusammen, als die namenlose Schrift des Anfängers
für ein Werk des Meisters Kant gehalten wird, und der triviale
Lärm seichter Lobreden ihn rasch die Nichtigkeit der literarischen
Handwerker durchschauen läßt.

So steht sein Charakter vollendet, mannhaft, fast männisch, des
Willens, die ganze Welt unter die Herrschaft des Sittengesetzes zu
beugen, gänzlich frei von Schwächen, jenen kleinen Widersprüchen wider
die bessere Erkenntnis -- und eben darum zu einem tragischen Geschicke
bestimmt, zu einer Schuld, die mit seinem Wesen zusammenfiel, die er
selber unwissend bekannte, indem er sich also verteidigte: „Man paßt
bei einer solchen Denkart schlecht in die Welt, macht sich allenthalben
Verdruß. Ihr Verächtlichen! Warum sorgt ihr mehr dafür, daß ihr euch
den andern anpaßt, als diese euch und sie für euch zurecht legt?”
-- Andere für sich zurecht legen -- das ist die herrische Sünde der
idealistischen Kühnheit. Als in der Not des Krieges von 1806 sein
Weib, einsam zurückgeblieben in dem vom Feinde besetzten Berlin, voll
schwerer Sorge um den fernen Gatten, in Krankheit fällt, da schreibt
ihr der gewaltige Mann: „Ich hoffte, daß du unsere kurze Trennung,
gerade um der bedeutenden Geschäfte willen, die dir auf das Herz
gelegt waren, ertragen würdest. Ich habe diesen Gedanken bei meiner
Abreise dir empfohlen und habe ihn in Briefen wieder eingeschärft.
Starke Seelen, und du bist keine schwache, macht so etwas stärker --
und doch!” So hart kann er reden zu ihr, die ihm die Liebste ist;
denn er glaubt an die Allmacht der Wahrheit. Ihm ist kein Zweifel,
wo die rechte Erkenntnis sei, da könne das rechte Handeln, ja das
rechte Schicksal nicht fehlen, und jeden Einwand menschlicher
Gebrechlichkeit weist er schroff zurück. Darum keine Spur von Humor,
von liebenswürdigem Leichtsinn, nichts von Anmut und Nachgiebigkeit in
ihm, der das derbe Wort gesprochen: „Eine Liebenswürdigkeitslehre ist
vom Teufel.” Nichts von jener Sehnsucht nach der schönheitssatten Welt
des Südens, die Deutschlands reiche Geister in jenen Tagen beherrschte.
Unfähig, ungeeignet sich liebevoll zu versenken in eine fremde Seele,
verkündet er kurzab, er lehre alle Dinge nur von einer Seite zu
betrachten, „nämlich von der rechten”.

Entfremdet der Natur, die ihm nur besteht, um unterjocht zu werden
von dem Geiste, mahnt er zur Hingebung, zur Selbstvergessenheit eine
sinnliche, selbstsüchtige Zeit: auch essen und trinken sollen wir
nur um Gottes willen. Nicht die leiseste sinnliche Vorstellung soll
uns den erhabenen Gottesgedanken trüben: „Ein Gott, der der Begierde
dient, ist ein Abgott. Gott will nicht, Gott kann nicht das Gute, das
wir gern möchten, uns geben außer durch unsere Freiheit; Gott ist
überhaupt nicht eine Naturgewalt, wie die blinde Einfalt wähnt, sondern
ein Gott der Freiheit.” Die Freuden des Himmels, die bequeme Tröstung
schwacher Gemüter, müssen schwinden vor einer geistigeren Auffassung:
„Die Ewigkeit kommt der neuen Zeit mitten in ihre Gegenwart hinein”;
die vollendete Freiheit, die Einheit mit Gott ist schon im Diesseits
möglich.

Beseelt von solchen Gedanken der Ertötung alles Fleisches, der
asketischen Sittenstrenge, ist Fichte ein unästhetischer Held
geblieben, wie groß er auch dachte von der Kunst, die der Natur den
majestätischen Stempel der Idee aufdrücke. Auch in ihm, wie in allen
edleren Söhnen jener an den Helden Plutarchs gebildeten Tage, wogte
und drängte ein großer Ehrgeiz; er gedachte, an seine Existenz für
die Ewigkeit hinaus für die Menschheit und die ganze Geisterwelt
Folgen zu knüpfen; aber, fährt er fort, „ob ich's tat, braucht keiner
zu wissen, wenn es nur geschieht!” Jene hohe Leidenschaft, die dem
strengsten aller Dichter, Milton, nur als die letzte Schwäche edlerer
Naturen erscheint, der Durst nach Ruhm, wird scharf und schonungslos
als eine verächtliche Eitelkeit verworfen von dieser selbstgewissen
Tugend, welche leben will aus dem erkannten rein Geistigen heraus. In
Augenblicken des Zweifels -- als gälte es Schillers witziges Epigramm
zu bewähren -- prüft der gestrenge Mann, auf welcher Seite seine
Neigung stehe, um dann mit freudiger Sicherheit des anderen Weges zu
gehen. Selber folgerichtig im Kleinsten wie im Größten, sagt er den
Zeitgenossen erbarmungslos auf den Kopf zu, welches die notwendigen
Folgen ihrer weichlichen Grundsätze seien. Trocken spricht er: „Dies
weiß man gewöhnlich nicht, gibt es nicht zu, ärgert sich daran, glaubt
es nicht; aber es kann alles dieses nichts helfen, so ist's.” Er findet
unter den Menschen nur wenige bösartig und gewalttätig -- „denn hierzu
gebricht es bei der Mehrzahl an Kraft: -- sondern sie sind in der Regel
bloß dumm und unwissend, feige, faul und niederträchtig.” In diese Welt
tritt er ein mit dem stolzen Bewußtsein eines apostolischen Berufs: „So
bin ich drum wahrhaft Stifter einer neuen Zeit -- der Zeit der Klarheit
-- bestimmt angebend den Zweck alles menschlichen Handelns, mit
Klarheit Klarheit wollend. Alles andere will mechanisieren, ich will
befreien.” -- Wenn Goethe fürchtete, der eigenrichtige Mann sei für
sich und die Welt verloren: für den Philosophen war das Widerstreben
der Welt gar nicht vorhanden. „Wenn ich im Dienste der Wahrheit
stürbe,” sagt er einfach, „was täte ich dann weiter als das, was ich
schlechthin tun müßte?”

Ein Eloge zu halten ist nicht deutsche Weise, und in Fichtes Geiste
am wenigsten würde ich handeln, wenn ich nicht trotzig sagte, wie
gar fremd unserer Zeit, die an sich selber glaubt und glauben soll,
dieser Idealismus geworden ist, der so nur einmal möglich war und
keinen Schüler fand. Seit jenen Tagen ist das Leben unseres Volkes
ein großer Werkeltag gewesen. Wir haben begonnen in harter Arbeit den
Gedanken der Welt einzubilden und sind darüber der Natur freundlich
näher getreten. Sehr vieles nehmen wir bescheiden hin als Ergebnis der
Natur und Geschichte, was Fichte dem Sittengesetze zu unterwerfen sich
vermaß. Mit dem steigenden Wohlstande ist ein hellerer Weltsinn in die
Geister eingezogen; ein schönes Gleichmaß von Genuß und Tat soll uns
das Leben sein. Wer unter uns bezweifelt, daß die Sittlichkeit der
Athener eine reinere war als die Tugend der Spartaner und dem Genius
unseres Volkes vertrauter ist? Seitdem ist auch die gute Laune wieder
zu ihrem Rechte gelangt, wir heißen sie willkommen selbst mitten in
der Spannung des Pathos; die kecke Vermischung von Scherz und Ernst in
Shakespeares Gedichten ist erst dem realistischen Sinne der Gegenwart
wieder erträglich geworden. Doch eben weil jener Idealismus Fichtes
unserem Sinne so fern liegt, weil längst der Zeit verfiel, was daran
vergänglich war, weil Lust und Not des rastlosen modernen Lebens uns
von selber ablenken von jeder Überspannung des Gedankens -- eben
deshalb gereicht es unseren fröhlicheren Tagen zum Segen, sich in diese
weltverachtenden Ideen weltverachtender Sittlichkeit zu versenken wie
in ein stählendes Bad der Seele, Selbstbeherrschung daran zu lernen und
zu gedenken, daß ein tatloses Wesen dem Humor anhaftet und der Dichter
sicher wußte, warum er seinem Hamlet die Fülle sprudelnden Witzes lieh.
Wie beschämt muß all unsere heitere Klugheit verstummen vor dem einen
Worte: „Nur über den Tod hinweg, mit einem Willen, den nichts, auch
nicht der Tod, beugt und abschreckt, taugt der Mensch etwas.”

Noch immer, leider, werden übergeistreiche Beurteiler nicht müde,
das Bild des Denkers in eine falsche Beleuchtung zu rücken. Man
nennt ihn einen Gesinnungsgenossen der Romantiker -- ihn, dessen
spartanische Strenge so recht den Gegensatz bildet zu der vornehm
spielenden Ironie der Romantiker -- ihn, der, obwohl nicht frei von
mystischen Stimmungen, dennoch als ein herber Protestant, für alle
katholisierenden Richtungen nur Worte schärfster Verachtung hatte.
Auch Fichte genoß ein wenig von dem Segen jener schönen, reizvollen
Geselligkeit, welche die Gegenwart nicht mehr kennt; geistreiche Frauen
saßen zu seinen Füßen und stritten sich um die Ehre, ihm Famulusdienste
zu leisten, wenn er über die höchsten Gegenstände der Erkenntnis
sprach. Und doch ist nie ein Mann freier gewesen von jeder romantischen
Vergötterung der Frauen. Abhängigkeit, Bedürftigkeit war ihm das Wesen
des Weibes. Leidenschaftslos, voll warmer, treuer Zuneigung steht
er ehrenfest neben seinem Weibe, gleich einem jener derben Bürger
auf alten deutschen Holzschnitten; kein schöneres Lob weiß er ihr zu
sagen als „männlichere Seele, Johanna!” -- Das Ärgste aber in der
Umkehrung der Wissenschaft hat Stahl geleistet; er nennt Napoleon
das verkörperte weltschaffende Ich Fichtes. Also, in dem Helden der
souveränen Selbstsucht wäre Fleisch geworden das System des deutschen
Denkers, der unermüdlich eifert, es sei die Seligkeit des Ich, sich
der Gattung zu opfern?! -- Auch das ist vielen ein Rätsel gewesen, wie
dieser schroffe, schneidige Charakter gerade aus dem obersächsischen
Stamme hervorgehen konnte. Er selber sagt von seiner Heimat, sie berge
„einen Grad von Aufklärung und vernünftiger Religionskenntnis, wie ihn
in dieser Ausdehnung gegenwärtig kein Land in Europa besitzt”. Doch
das alles sei „durch eine mehr als spanische Inquisition eingezwängt.
Daraus entsteht denn eine knechtische, lichtscheue, heuchlerische
Denkungsart.” In der Tat, alle Voraussetzungen echter Geistesfreiheit,
eine Fülle von Bildungsmitteln, eine weit verbreitete Volkskultur waren
vorhanden in dem Mutterlande der Reformation. Aber Druck von oben und
das Übermaß geistigen Schaffens, dem kein großes politisches Wirken
das Gegengewicht hielt, hatten in dem ohnedies mehr elastischen als
massiven Stamme endlich jene Schmiegsamkeit und Höflichkeit erzeugt,
welche schroffe, reformatorische Naturen nur schwer erträgt. Nächst dem
schwäbischen hat das obersächsische Land die größte Zahl von Helden
des deutschen Geistes geboren; aber Obersachsen verstieß die Mehrzahl
seiner freieren Söhne. In allen diesen Heimatlosen, in Pufendorf und
Thomasius, in Lessing und Fichte, erhebt sich der freie Geist, der
solange mit der zahmen Sitte seiner Umgebung gerungen, zu schroffem
Stolze; rücksichtsloser Freimut wird ihnen allen zur Leidenschaft. --

Dem Vielgewanderten kamen endlich frohere Tage, als eine Änderung
seiner äußeren Lage ihm erlaubte, seine treue Johanna heimzuführen,
und der Ruf ihn traf zu der Stelle, die ihm gebührte, zum akademischen
Lehramte in Jena. Schon der erste Plan des jungen Mannes war der kecke
Gedanke gewesen, eine Rednerschule zu gründen in einem Volke ohne
Rednerbühne. Nach seiner Auffassung der Geschichte wurden alle großen
Weltangelegenheiten dadurch entschieden, daß ein freiwilliger Redner
sie dem Volke darlegte, und er selber war zum Redner geboren. Zur
Tat berufen sind jene feurigen Naturen, denen Charakter und Bildung
zusammenfallen, jede Erkenntnis als ein lebendiger Entschluß in der
Seele glüht; doch nicht das unmittelbare Eingreifen in die Welt
konnte den weltverachtenden Denker reizen. Von ihm vor allen gilt das
Stichwort des philosophischen Idealismus jener Tage, daß es für den
wahrhaft sittlichen Willen keine Zeit gibt, daß es genügt, der Welt den
Anstoß zum Guten zu geben. Auf den Willen der Menschen zu wirken, des
Glaubens, daß daraus irgendwo und irgendwann die rechte Tat entstehen
werde, das war der Beruf dieses eifernden geselligen Geistes. Daher
jener Brustton tiefster Überzeugung, der, wie alles Köstlichste des
Menschen, sich nicht erklären noch erkünsteln läßt. Daher auch der
Erfolg -- in diesem seltenen Falle ein sehr gerechter Richter --
denn was der große Haufe sagt: „ihm ist es Ernst”, das bezeichnet
mit plumpem Wort und feinem Sinn den geheimsten Zauber menschlicher
Rede. Vergeblich suchen wir bei Fichte jene Vermischung von Poesie
und Prosa, womit romanische Redner die Phantasie der Hörer zu blenden
lieben. Sogar die Neigung fehlt ihm, freie Worte als ein Kunstwerk
abzuschließen; der Adel der Form soll sich ihm gleich der guten Sitte
ungesucht ergeben aus der vollendeten Bildung. Nur aus der vollkommenen
Klarheit erwächst ihm jede Bewegung des Herzens; die Macht seiner Rede
liegt allein begründet in dem Ernste tiefen gewissenhaften Denkens,
eines Denkens freilich, das sichtbar vor unseren Augen entsteht.

Er strebt nach der innigsten Gemeinschaft mit seinen Hörern; an
der Energie seines eigenen Denkens soll ihre Selbsttätigkeit sich
entzünden; er liebt es, „eine Anschauung im Diskurs aus den Menschen
zu entwickeln”. „Ich würde”, sagt er schon in einer Jugendschrift,
„die Handschrift ins Feuer werfen, auch wenn ich sicher wüßte, daß sie
die reinste Wahrheit, auf das bestimmteste dargestellt, enthielte,
und zugleich wüßte, daß kein einziger Leser sich durch eigenes
Nachdenken davon überzeugen würde.” Diese Selbstbesinnung des Hörers
zu erwecken, ihn hindurchzupeitschen durch alle Mühsal des Zweifels,
angestrengter geistiger Arbeit -- dies ist der höchste Triumph seiner
Beredsamkeit, und es ist da kein Unterschied zwischen den „Reden” und
den Druckschriften; alle seine Werke sind Reden, das Denken selber
wird ihm alsbald zur erregten Mitteilung. Ein Meister ist er darum in
der schweren Kunst des Wiederholens; denn wessen Geist fortwährend
und mit schrankenloser Offenheit arbeitet, der darf das hundertmal
Gesagte noch einmal sagen, weil es ein Neues ist in jedem Augenblicke,
wie jeder Augenblick ein neuer ist. Doch vor allem, er denkt groß
von seinen Hörern, edel und klug zugleich hebt er sie zu sich empor,
statt sich zu ihnen herabzulassen. Die Jugend vornehmlich hat dies
dankend empfunden; denn der die Menschheit so hoch, das gegenwärtige
Zeitalter so niedrig achtete, wie sollte er nicht das werdende
Geschlecht lieben, das noch rein geblieben war von der Seuche der
Zeit? Der stets nur den ganzen Menschen zu ergreifen trachtete, er
war der geborene Lehrer jenes Alters, das der allseitigen Ausbildung
der Persönlichkeit lebt, bevor noch die Schranken des Berufs den
Reichtum der Entwicklung beengen. Endlich -- fassen wir die Größe des
Redners in dem einen von tausend Hörern wiederholten Lobe zusammen
--, was er sprach, das war er. Wenn er die Hörenden beschwor, eine
Entschließung zu fassen, nicht ein schwächliches Wollen irgend einmal
zu wollen, wenn er die Macht des Willens mit Worten verherrlichte,
die selbst einem Niebuhr wie Raserei erschienen: da stand er selber,
die gedrungene überkräftige Gestalt mit dem aufgeworfenen Nacken,
den streng geschlossenen Lippen, strafenden Auges, nicht gar so mild
und ruhig, wie Wichmanns Büste ihn zeigt, welche die Verklärung des
Toten verkörpert, voll trotzigen Selbstgefühles und doch hoch erhaben
über der Schwäche beliebter Redner, der persönlichen Eitelkeit -- in
jedem Zuge der Mann der durchdachten Entschließung, die des Gedankens
Blässe nicht berührte. Darum hat sich von allen Lehrern, die neuerdings
an deutschen Hochschulen wirkten, sein Bild den jungen Gemütern am
tiefsten eingegraben; sein Schatten ist geschritten durch die Reihen
jener streitbaren Jugend, die für uns blutete und in seinem Sinne ein
Leben ohne Wissenschaft höher achtete denn eine Wissenschaft ohne Leben.

Jene „mehr als spanische Inquisition” seiner Heimat sollte endlich
auch ihn ereilen. Eine pöbelhafte Anklage bezichtigte Fichte bei dem
kursächsischen Konsistorium des Atheismus und vertrieb ihn aus Jena,
weil er nicht imstande war, den Schein des Unrechts auf sich zu nehmen,
wo sein Gewissen ihm recht gab. Da wollte eine glückliche Fügung, daß
der Rat des Ministers Dohm ihn nach Preußen führte, in den Staat, der
gerade diesem Manne eine Heimat werden mußte. Der Staat Preußen hat den
Lehrer und Philosophen zum Patrioten gebildet.

Ein strenger Geist harter Pflichterfüllung war diesem Volke eingeprägt
durch das Wirken willensstarker Fürsten, fast unmenschlich schwer
die Lasten, die auf Gut und Blut der Bürger drückten. Was andere
schreckte, Fichte zog es an. Nur das eine mochte ihn abstoßen, daß
jener Sinn der Strenge schon zu weichen begann, daß zu Berlin bereits
ein Schwelgen in weichlichen unpoetischen Empfindungen, eine seichte,
selbstzufriedene Aufklärung sich brüstete, deren Haupt Nicolai unser
Held bereits in einer seiner totschlagenden humorlosen Streitschriften
gezüchtigt hatte. Ein rührender Anblick, wie nun der Kühnste der
deutschen Idealisten den schweren Weg sich bahnt, den alle Deutschen
jener Tage zu durchschreiten hatten, den Weg von der Erkenntnis der
menschlichen Freiheit zu der Idee des Staates: wie ihn, dem die
Außenwelt gar nicht bestand, die Erfahrung belehrt und verwandelt. Noch
zur Zeit der Austerlitzer Schlacht konnte er schreiben: „Welches ist
denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christlichen Europäers?
Im allgemeinen ist es Europa, insbesondere ist es in jedem Zeitalter
derjenige Staat in Europa, der auf der Höhe der Kultur steht. Mögen
doch die Erdgeborenen, welche in der Erdscholle, dem Flusse, dem Berge
ihr Vaterland erkennen, Bürger des gesunkenen Staates bleiben; sie
behalten, was sie wollten und was sie beglückt. Der sonnenverwandte
Geist wird unwiderstehlich angezogen werden und hin sich wenden, wo
Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbürgersinne können wir über die
Handlungen und Schicksale der Staaten uns beruhigen, für uns selbst und
für unsere Nachkommen bis an das Ende der Tage.” Dann ward durch den
Wandel der Weltgeschicke auch der Sinn des weltverachtenden Philosophen
nicht verwandelt, aber vertieft und zu hellerem Verständnis seiner
selbst geführt. Kein Widerspruch allerdings, aber eine höchst verwegene
Weiterentwicklung, wenn Fichte jetzt erkennt, daß der Deutsche Licht
und Recht nur in Deutschland finden könne. Er begreift endlich, daß
der Kosmopolitismus in Wirklichkeit als Patriotismus erscheine, und
verweist den einzelnen auf sein Volk, das „unter einem besonderen
Gesetze der Entwicklung des Göttlichen aus ihm” stehe. --

Längst schon war der Philosoph der freien Tat durch das Wesen seines
Denkens auf jene Wissenschaft geführt worden, welche den nach außen
gerichteten Willen in seiner großartigsten Entfaltung betrachtet.
Aber sehr langsam nur lernte er die Würde, den sittlichen Beruf des
Staates verstehen. Auch er sah -- gleich der gesamten deutschen
Staatswissenschaft, die ihre Heimat noch allein auf dem Katheder fand
-- im Staate zuerst nur ein notwendiges Übel, eine Anstalt des Zwanges,
gegründet durch freiwilligen Vertrag, um das Eigentum der Bürger zu
schützen. Unversöhnlichen Krieg kündete er dem Gedanken an, daß der
Fürst für unsere Glückseligkeit sorge: „Nein, Fürst, du bist nicht
unser Gott; gütig sollst du nicht gegen uns sein, du sollst gerecht
sein.” Diese Rechtsanstalt des Staates aber soll sich entwickeln zur
Freiheit, also daß jeder das Recht habe, „kein Gesetz anzuerkennen, als
welches er sich selbst gab”; der Staat muß das Prinzip der Veränderung
in sich selber tragen. -- Der also dachte, war längst gewohnt, von dem
vornehmen und geringen Pöbel sich einen Demokraten schelten zu lassen.
Und radikal genug, mit dem harten rhetorischen Pathos eines Jakobiners,
hatte er einst die Revolution begrüßt als den Anbruch einer neuen
Zeit, und die staatsmännische Kälte, womit Rehberg die große Umwälzung
betrachtete, gröblich angegriffen. Mit grimmiger Bitterkeit hatte
er dann die Denkfreiheit zurückgefordert von den Fürsten; denn die
einzigen Majestätsverbrecher sind jene, „die euch anraten, eure Völker
in der Blindheit und Unwissenheit zu lassen und freie Untersuchungen
allerart zu hindern und zu verbieten”.

Doch im Grunde ward sein Geist nur von einer Erscheinung der Revolution
mächtig angezogen: von dem Grundsatze der Gleichheit des Rechts für
alle Stände. Privilegien fanden keine Gnade vor diesem konsequenten
Kopfe: aus seinen heftigen Ausfällen wider den Adel redet der Zorn
des sächsischen Bauernsohns, der eben jetzt seine mißhandelten
Standesgenossen sich erheben sah gegen ihre adligen Bedrücker. Sehr
fern dagegen stand er den Ideen der modernen Demokratie, welche die
freieste Bewegung des Einzelnen im Staate verlangen; eine harte
Rechtsordnung sollte jede Willkür des Bürgers bändigen. Dieser
despotische Radikalismus trat in seiner ganzen Starrheit hervor, als
er jetzt das Gebiet des „Naturrechts” verließ und das wirtschaftliche
Leben der Völker betrachtete. In sozialistischen Ideen ist jederzeit
der verwegenste Idealismus mit dem begehrlichsten Materialismus
zusammengetroffen. Durch die Mißachtung des banausischen Getriebes der
Volkswirtschaft wurde Platon auf das Idealbild seiner kommunistischen
Republik und die Alten alle zu dem Glaubenssatze geführt, daß der gute
Staat des Notwendigen die Fülle besitzen müsse; durch die Überschätzung
der materiellen Güter gelangten die modernen Kommunisten zu ihren
luftigen Lehren. Und wieder die Verachtung alles weltlichen Genusses
verleitete den deutschen Philosophen zu dem vermessenen Gedanken: der
Staat, als eine lediglich für die niederen Bedürfnisse des Menschen
bestimmte Zwangsanstalt, müsse sorgen für die gleichmäßige Verteilung
des Eigentums. Solchem Sinne entsprang die despotische Lehre von dem
„geschlossenen Handelsstaate”, der in spartanischer Strenge sich
absperren sollte von den Schätzen des Auslandes und das Schaffen der
Bürger also regeln sollte, daß ein jeder leben könne von seiner Arbeit.

Auf dem Gebiete des Rechtes und der Wirtschaft gelang es dem Idealisten
wenig, die Welt für sich zurecht zu legen. Indessen sank der Staat
der Deutschen tief und tiefer. „Deutsche Fürsten”, ruft Fichte
zornig, „würden vor dem Dei von Algier gekrochen sein und den Staub
seiner Füße geküßt haben, wenn sie nur dadurch zum Königstitel hätten
kommen können.” In diesen Tagen der Schmach brach ihm endlich die
Erkenntnis an von dem Tiefsinn und der Größe des Staatslebens. Er sah
vor Augen, wie mit dem Staate auch die Sittlichkeit der Deutschen
verkümmerte, er begriff jetzt, daß dem Staate eine hohe sittliche
Pflicht auferlegt sei, die Volkserziehung. Auf diesem idealsten
Gebiete der Staatswissenschaft hat Fichte seine tiefsten politischen
Gedanken gedacht. Wir fragen erstaunt: wie nur war es möglich? Ist doch
dem Politiker die Erfahrung nicht eine Schranke, sondern der Inhalt
seines Denkens. Hier gilt es nach Aristoteles Vorbild, mit zur Erde
gewandtem Blicke eine ungeheuere Fülle von Tatsachen zu beherrschen,
Ort und Zeit abwägend zu schätzen, die Gewalten der Gewohnheit, der
Trägheit, der Dummheit zu berechnen, den Begriff der Macht zu erkennen,
jenes geheimnisvolle allmähliche Wachsen der geschichtlichen Dinge zu
verstehen, das die moderne Wissenschaft mit dem viel mißbrauchten Worte
„organische Entwicklung” bezeichnet. Wie sollte er dies alles erkennen?
Er, dessen Bildung in die Tiefe mehr als in die Breite ging, der die
Menschheit zur Pflanze herabgewürdigt sah, wenn man redete von dem
langsamen natürlichen Reifen des Staates? Er hat es auch nicht erkannt;
nicht einen Schritt weit kam sein Idealismus der Wirklichkeit entgegen.
Aber er lebte in Zeiten, da allein der Idealismus uns retten konnte,
in einem Volke, das, gleich ihm selber, von den Ideen der Humanität
erst herabstieg zur Arbeit des Bürgertums, in einer Zeit, die nichts
dringender bedurfte als jenen „starken und gewissen Geist”, den er ihr
zu erwecken dachte. Mit der Schlacht von Jena schien unsere letzte
Hoffnung gebrochen; „der Kampf” -- so schildert Fichte das Unheil
und den Weg des Heils -- „der Kampf mit den Waffen ist beschlossen;
es erhebt sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundsätze, der
Sitten, des Charakters.” Wohl mögen wir erstaunen, wie klar der Sinn
des nahenden Kampfes in diesen Tagen der Ermannung von allen verstanden
ward, wie diese Worte Fichtes überall ein Echo fanden. Die Regierung
selber erkannte, daß allein ein Volkskrieg retten könne, allein die
Entfesselung aller Kräfte der Nation, der sittlichen Mächte mehr noch
als der physischen -- „einer der seltenen, nicht oft erlebten Fälle,”
sagt Fichte rühmend, „wo Regierung und Wissenschaft übereinkommen.”
So, gerade so, auf dieser steilen Spitze mußten die Geschicke unseres
Volkes stehen, einen Krieg der Verzweiflung mußte es gelten um alle
höchsten Güter des Lebens, eine Zeit mußte kommen von jenen, die
wir die großen Epochen der Geschichte nennen, da alle schlummernden
Gegensätze des Völkerlebens zum offenen Durchbruch gelangen, die Stunde
mußte schlagen für eine Staatskunst der Ideen, wenn gerade dieser
Denker unmittelbar eingreifen sollte in das staatliche Leben.

Nicht leicht ward ihm, seine Stelle zu finden unter den Männern, die
dieser Staatskunst der Ideen dienten. Denn was den Nachlebenden als
das einfache Werk einer allgemeinen fraglosen Volksstimmung erscheint,
das ist in Wahrheit erwachsen aus harten Kämpfen starker eigenwilliger
Köpfe. Wie fremd stehen sie doch nebeneinander: unter den Staatsmännern
Stein, der Gläubige, der schroffe Aristokrat, und Hardenberg, der
Jünger französischer Aufklärung, und Humboldt, der moderne Hellene,
und Schön, der trotzige Kantianer; unter den Soldaten die denkenden
Militärs, die Scharnhorst und Clausewitz, denen die Kriegskunst
als ein Teil der Staatswissenschaft erschien, und Blücher, dem der
Schreibtisch Gift war, der eines nur verstand -- den Feind zu schlagen,
und York, der Mann der alten militärischen Schule, der Eiferer wider
das Nattergezücht der Reformer; unter den Denkern und Künstlern
neben Fichte Schleiermacher, dessen Milde jener als leichtsinnig und
unsittlich verwarf, und Heinrich v. Kleist, der als ein Dichter mit
unmittelbarer Leidenschaft empfand, was Fichte als Denker erkannte. Ihm
zitterte die Feder in der Hand, wenn er in stürmischen Versen die Enkel
der Kohortenstürmer, die Römerüberwinderbrut zum Kampfe rief. Einen
Schüler Fichtes meinen wir zu hören, wenn Kleist seinem Könige die
Türme der Hauptstadt mit den stolzen Worten zeigt: „Sie sind gebaut, o
Herr, wie hell sie blinken, für beßre Güter in den Staub zu sinken.”
Und er selber war es, der Fichte die höhnenden Verse ins Gesicht warf:

    Setzet, ihr träft's mit euerer Kunst und zögt uns die Jugend nun zu
    Männern wie ihr; liebe Freunde, was wär's?

Wenn er seine Adler geschändet sah von den Fremden, wie mochte der
stolze Offizier ertragen, daß dieser Schulmeister herantrat, die Nöte
des Augenblicks durch die Erziehung des werdenden Geschlechts zu
heilen? Und dennoch haben sie zusammengewirkt, die Männer, die sich
befehdeten und schalten, einträchtig in dem Kampfe der Idee gegen
das Interesse, der Idee des Volkstums wider das Interesse der nackten
Gewalt.

Schon vor der Schlacht von Jena hatte sich Fichte erboten, mit dem
ausrückenden Heere als weltlicher Prediger und Redner, „als Gesandter
der Wissenschaft und des Talents”, zu marschieren, „denn was” -- ruft
er in seiner kecken, die Weihe des Gedankens mitten in die matte
Wirklichkeit hineintragenden Weise -- „was ist der Charakter des
Kriegers? Opfern muß er sich können; bei ihm kann die wahre Gesinnung,
die rechte Ehrliebe gar nicht ausgehen, die Erhebung zu etwas, das
über dies Leben hinaus liegt.” Doch das letzte Heer des alten Regimes
hätte solchen Geist nicht ertragen. Die Stunden der Schande waren
gekommen. Fichte floh aus Berlin und sprach: „Ich freue mich, daß ich
frei geatmet, geredet, gedacht habe und meinen Nacken nie unter das
Joch des Treibers gebogen.” Auch ihn überwältigte jetzt auf Augenblicke
die Verzweiflung, da er zufrieden sein wollte ein ruhiges Plätzchen
zu finden, und es den Enkeln überlassen wollte zu reden -- „wenn bis
dahin Ohren wachsen zu hören!” Nicht die Zuversicht fand er wieder,
aber die Stärke des Pflichtgefühls, als er nach dem Frieden dennoch
redete zu den Lebendigen ohne Hoffnung für sie, „damit vielleicht
unsere Nachkommen tun, was wir einsehen, weil wir leiden, weil unsere
Väter träumten.” In Stunden einsamer Sammlung war nun sein ganzes Wesen
„geweiht, geheiligt”; der alte Grundgedanke seines Lebens, in eigener
Person das Absolute zu sein und zu leben, findet in dieser weihevollen
Stimmung eine neue religiöse Form, erscheint ihm als die Pflicht
„des Lebens in Gott”. Rettung um jeden Preis -- dieser ungeheueren
Notwendigkeit, die leuchtend vor seiner Seele stand, hatte er manches
geopfert von der Starrheit des Theoretikers. Er pries jetzt sogar
Machiavellis Weisheit der Verzweiflung; denn von der entgegengesetzten,
der niedrigsten Schätzung des Menschenwertes gelangte dieser Verächter
aller hergebrachten Sittlichkeit doch zu dem gleichen Endziele, der
Rettung des großen Ganzen auf Kosten jeder Neigung des Einzelnen.
Gereift und gefestigt ward dieser Ideengang, als Fichte jetzt sich
schulte an den großartig einfachen Mitteln uralter Menschenbildung, an
Luthers Bibel und an der knappen Form, der herben Sittenstrenge des
Tacitus.

Also vorbereitet hielt er im Winter 1807/08, belauscht von fremden
Horchern, oft unterbrochen von den Trommeln der französischen
Besatzung, zu Berlin die „Reden an die deutsche Nation”. Sie sind das
edelste seiner Werke, denn hier war ihm vergönnt, unmittelbar zu wirken
auf das eigentlichste Objekt des Redners, den Willen der Hörer; ihnen
eigen ist im vollen Maße jener Vorzug, den Schiller mit Recht als das
Unterpfand der Unsterblichkeit menschlicher Geisteswerke pries, doch
mit Unrecht den Schriften Fichtes absprach, daß in ihnen ein Mensch,
ein einziger und unschätzbarer, sein innerstes Wesen abgebildet habe.
Doch auch der Stadt sollen wir gedenken, die, wie eine Sandbank in dem
Meere der Fremdherrschaft, dem kühnen Redner eine letzte Freistatt bot;
die hocherregte Zeit und die hingebend andächtigen Männer und Frauen
sollen wir preisen, welche des Redners schwerem Tiefsinn folgten, den
selbst der Leser heute nur mit Anstrengung versteht. Riesenschritte --
hebt Fichte an -- ist die Zeit mit uns gegangen; durch ihr Übermaß hat
die Selbstsucht sich selbst vernichtet. Doch aus der Vernichtung selber
erwächst uns die Pflicht und die Sicherheit der Erhebung. Damit die
Bildung der Menschheit erhalten werde, muß diese Nation sich retten,
die das Urvolk unter den Menschen ist durch die Ursprünglichkeit ihres
Charakters, ihrer Sprache. -- Unterdrücken wir strenge das wohlweise
Lächeln des Besserwissens. Denn fürwahr ohne solche Überhebung hätte
unser Volk den Mut der Erhebung nie gefunden wider die ungeheuere
Übermacht. Freuen wir uns vielmehr an der feinen Menschenkenntnis des
Mannes, der sich gerechtfertigt hat mit dem guten Worte: „Ein Volk
kann den Hochmut gar nicht lassen, außerdem bleibt die Einheit des
Begriffs in ihm gar nicht rege.” -- Diesem Urvolke hält der Redner den
Spiegel seiner Taten vor. Er weist unter den Werken des Geistes auf die
Größe von Luther und Kant, unter den Werken des Staates -- er, der in
Preußen wirkte und Preußen liebte -- auf die alte Macht der Hansa und
preist also die streitbaren, die modernen Kräfte unseres Volkstums --
im scharfen und bezeichnenden Gegensatze zu Fr. Schlegel, der in Wien
zu ähnlichem Zwecke an die romantische Herrlichkeit der Kaiserzeit
erinnerte.

In diesem hochbegnadeten Volke soll erweckt werden „der Geist der
höheren Vaterlandsliebe, der die Nation als die Hülle des Ewigen
umfaßt, für welche der Edle mit Freuden sich opfert, und der Unedle,
der nur um des ersteren willen da ist, sich eben opfern soll”. Und
weiter -- nach einem wundervollen Rückblick auf die Fürsten der
Reformation, die das Banner des Aufstandes erhoben nicht um ihrer
Seligkeit willen, deren sie versichert waren, sondern um ihrer
ungeborenen Enkel willen -- „die Verheißung eines Lebens auch
hienieden, über die Dauer des Lebens hinaus, allein diese ist es, die
bis zum Tode fürs Vaterland begeistern kann”. Nicht Siegen oder Sterben
soll unsere Losung sein, da der Tod uns allen gemein und der Krieger
ihn nicht wollen darf, sondern Siegen schlechtweg. Solchen Geist zu
erwecken, verweist Fichte auf das letzte Rettungsmittel, die Bildung
der Nation „zu einem durchaus neuen Selbst” -- und fordert damit, was
in anderer Weise E. M. Arndt verlangte, als er der übergeistigen Zeit
eine Kräftigung des Charakters gebot. Noch war die Nation in zwei
Lager gespalten. Die einen lebten dahin in mattherziger Trägheit,
in der lauwarmen Gemütlichkeit der alten Zeit; ihnen galt es eine
große Leidenschaft in die Seele zu hauchen: „Wer nicht sich als ewig
erklärt, der hat überhaupt nicht die Liebe und kann nicht lieben sein
Volk.” Das sind dieselben Töne, die später Arndt anschlug, wenn er dem
Wehrmann zurief: „Der Mensch soll lieben bis in den Tod und von seiner
Liebe nimmer lassen noch scheiden; das kann kein Tier, weil es leicht
vergisset.” Den anderen schwoll das Herz von heißem Zorne; schon war
unter der gebildeten Jugend die Frage, wie man Napoleon ermorden könne,
ein gewöhnlicher Gegenstand des Gesprächs. Diese wilde Leidenschaft
galt es zu läutern und zu adeln: „Nicht die Gewalt der Arme, noch die
Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, welche
Siege erkämpft.” Ein neues Geschlecht soll erzogen werden fern von
der Gemeinheit der Epoche, entrissen dem verderbten Familienleben,
erstarkend zu völliger Verleugnung der Selbstsucht durch eine Bildung,
die nicht ein Besitztum, sondern ein Bestandteil der Personen selber
sei. In Pestalozzis Erziehungsplänen meint Fichte das Geheimnis dieser
Wiedergeburt gefunden. War doch in ihnen der Lieblingsgedanke des
Philosophen verkörpert, daß der Wille, „die eigentliche Grundwurzel
des Menschen,” die geistige Bildung nur ein Mittel für die sittliche
sei; gingen sie doch darauf aus, die Selbsttätigkeit des Schülers
fort und fort zu erwecken. Wenn die Stein und Humboldt unbefangen
den gesunden Kern dieser Pläne würdigten: dem Philosophen war kein
Zweifel, der Charakter der Pestalozzischen Erziehungsweise sei -- „ihre
Unfehlbarkeit”; fortan sei nicht mehr möglich, daß der schwache Kopf
zurückbleibe hinter dem starken.

Zu solchem Zwecke redet er „für Deutsche schlechtweg, von Deutschen
schlechtweg, nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend
und wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige
Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben”.
„Bedenket -- beschwört er die Hörer --, daß ihr die letzten seid, in
deren Gewalt diese große Veränderung steht. Ihr habt doch noch die
Deutschen als Eines nennen hören, ihr habt ein sichtbares Zeichen
ihrer Einheit, ein Reich und einen Reichsverband, gesehen oder davon
vernommen, unter euch haben noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hören
lassen, die von dieser höheren Vaterlandsliebe begeistert waren. Was
nach euch kommt, wird sich an andere Vorstellungen gewöhnen, es wird
fremde Formen und einen anderen Geschäfts- und Lebensgang annehmen,
und wie lange wird es noch dauern, daß keiner mehr lebe, der Deutsche
gesehen oder von ihnen gehört habe?” -- Auch den letzten kümmerlichen
Trost raubt er den Verzagten, die Hoffnung, daß unser Volk in seiner
Sprache und Kunst fortdauern werde. Da spricht er das furchtbare Wort:
„Ein Volk, das sich nicht selbst mehr regieren kann, ist schuldig,
seine Sprache aufzugeben.” So geschieht ihm selber, was er seinem
Luther nachrühmte, daß deutsche Denker, ernstlich suchend, mehr finden
als sie suchen, weil der Strom des Lebens sie mit fortreißt. In diesem
radikalen Satze schlummert der Keim der Wahrheit, welche erst die
Gegenwart verstanden hat, daß ein Volk ohne Staat nicht existiert. --
„Es ist daher kein Ausweg,” schließen die Reden -- „wenn ihr versinkt,
so versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hoffnung einer einstigen
Wiederherstellung.”

Wir Nachgeborenen haben den bewegenden Klang jener Stimme nicht
gehört, welche die andachtsvollen Zuhörer zu Berlin ergriff, -- und
jeder rechte Redner wirkt sein Größtes durch einen höchstpersönlichen
Zauber, den die Nachwelt nicht mehr begreift -- aber noch vor den
toten Lettern zittert uns das Herz, wenn der strenge Züchtiger
unseres Volkes „Freude verkündigt in die tiefe Trauer” und an die
mißhandelten Deutschen den stolzen Ruf ertönen läßt: „Charakter haben
und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend.” -- Und welchen
Widerhall erweckten diese Reden in der Welt? Achselzuckend ließ der
Franzose den törichten Ideologen gewähren, gleichgültig erzählte der
Moniteur von einigen Vorlesungen über Erziehung, die in Berlin einigen
Beifall gefunden. Die Fremden wußten nicht, aus wie tiefem Borne dem
deutschen Volke der Quell der Verjüngung strömte, und kein Verräter
erstand, ihnen den politischen Sinn der Reden zu deuten. Mit wieviel
schärferem politischen Blicke hatte einst Machiavelli seinem Volke den
allerbestimmtesten Plan der Rettung mit den bestdurchdachten Mitteln
vorgezeichnet! Aber sein =Principe= blieb ein verwegenes Traumbild; die
Reden des deutschen Philosophen wurden einer der Funken, daran sich
die Glut der Befreiungskriege entzündete. Fichte freilich meinte, sein
Wort sei verhallt in den „tiefverderbten” Tagen, sein ganzes System sei
nur ein Vorgriff der Zeit. Denn es ist das tragische Geschick großer
Männer, daß sie ihren eigenen Geist nicht wiedererkennen, wenn er von
den Zeitgenossen empfangen und umgeformt wird zu anderen Gestalten,
als sie meinten. Und dennoch war der Redner an die deutsche Nation nur
der Mund des Volkes gewesen, er hatte nur dem, was jedes Herz bewegte,
einen kühnen, hochgebildeten Ausdruck geliehen. Denn was war es anders,
als jene höhere Vaterlandsliebe, die der noch ungeborenen Enkel denkt
-- was anders war es, das den Landwehrmann von Haus und Hof und Weib
und Kindern trieb, das unsere Mütter bewog, alles köstliche Gut der
Erde bis zu dem Ringe des Geliebten für ihr Land dahinzugeben? Was
anderes war es, als daß sie unser gedachten? In diesem Sinne -- denn
wer ermißt die tausend geheimnisvollen Kanäle, welche das durchdachte
Wort des Philosophen fortleiteten in die Hütte des Bauern -- in diesem
Sinne hat Fichtes Wort gezündet, und die Kundigen stimmten ein, wenn
Friedrich Gentz, diesmal wahrhaft ergriffen, sagte: „So groß, tief und
stolz hat fast noch niemand von der deutschen Nation gesprochen.”

Wieder kamen Jahre stiller Arbeit. Unter den ersten wirkte Fichte
bei der Gründung der Berliner Hochschule, die dem erwachenden neuen
Geiste ein Herd sein sollte. Ein Glück, daß Wilhelm v. Humboldt,
als ein besonnener Staatsmann, an die altbewährten Überlieferungen
deutscher Hochschulen anknüpfte und die verwegenen Gedanken des
Philosophen verwarf; denn mit der ganzen Strenge seiner herrischen
Natur hatte Fichte einen Plan mönchischer Erziehung entworfen, der
die Jugend absperren sollte von jeder Berührung mit den Ideenlosen,
doch in Wahrheit jede echte akademische Freiheit vernichtet hätte.
Um so unerschütterlicher bekämpfte er auf der neuen Hochschule die
falsche akademische Freiheit; er fand es verwerflich, grundverderblich,
Nachsicht zu üben mit alten unseligen Unsitten der Jugend. Das wüste
Burschenleben war ihm eine bewußte, mit Freiheit und nach Gesetzen
hergebrachte Verwilderung. In diesen Jahren weihte er seine ganze Kraft
dem Lehramte. Die gewohnte Macht über die jugendlichen Gemüter blieb
ihm nach wie vor. Er nutzte sie, den Keim zu legen zu der deutschen
Burschenschaft. Er förderte, wie schon früher in Jena, unter den
Studierenden den Widerstand gegen den Unfug der alten Landsmannschaften
und warnte die Gesellschaft der „Deutsch-Jünger” vor jenen beiden
Irrtümern, welche später die Burschenschaften lähmten: sie sollten sich
hüten, mittelalterlich und deutsch zu verwechseln, und sorgen, daß das
Mittel -- die Verbindung -- ihnen nicht wichtiger werde als der Zweck
-- die Belebung deutschen Sinnes. --

Endlich erfüllten sich die Zeiten; dies Geschlecht, das er verloren
gab, fand sich wieder; denn so tief war es nie gesunken, als der
Idealist meinte. Die Trümmer der großen Armee kehrten aus Rußland
heim, die Provinz Preußen stand in Waffen, der ostpreußische Landtag
harrte auf das Wort des Königs. Der König erließ von Breslau den
Aufruf zur Bildung von Freiwilligen-Korps; aber noch war der Krieg an
Frankreich nicht erklärt. Auf der Straße begegneten den französischen
Gendarmen dichte Haufen still drohender Bauern, die zu den Fahnen
zogen; und Fichtes Schüler zitterten vor Ungeduld, dem Rufe des Königs
zu folgen, doch sie warteten des Lehrers. Wer meinte nicht, daß in
diesen schwülen Tagen der Erwartung ein glühender Aufruf aus Fichtes
Munde wie ein Blitzstrahl hätte einschlagen sollen? -- Schlicht und
ernst, wie nach einem großen Entschlusse, tritt er endlich am 19.
Februar 1813 vor seine Studenten. Nur selten berichten die lauten
Annalen der Geschichte von dem Edelsten und Eigentümlichsten der großen
historischen Wandlungen. So ist auch das Herrlichste der reinsten
politischen Bewegung, die je unser Volk erhob, noch nicht nach Gebühr
gewürdigt -- jener Geist schlichter, gefaßter Manneszucht, der das
Ungeheuere vollzog so ruhig, so frei von jedem falschen Pathos, wie
die Erfüllung alltäglicher Bürgerpflichten. Nichts staunenswürdiger
an diesen einzigen Tagen, als jener ernste, unverbrüchliche Gehorsam,
der unser Volk selbst dann noch beherrschte, da die hochgehenden
Wogen volkstümlicher Entrüstung die Decke sprengten, die sie lange
gehemmt. Ein Heldenmut ist es, natürlich, selbstverständlich in den
Tagen tiefer Bewegung, dem Rohre der feindlichen Kanone freudig ins
Gesicht zu blicken, aber jedes Wort des Preises verstummt vor der
mannhaften Selbstbeherrschung, die unsere Väter beseelte. Als ein
Heißsporn des ostpreußischen Landtags die Genossen fragte: „wie nun,
meine Herren, wenn der König den Krieg nicht erklärt?” -- da erwiderte
ihm Heinrich Theodor von Schön: „Dann gehen wir ruhig nach Hause.”
Durchaus getränkt von diesem Geiste ernster Bürgerpflicht war auch die
Rede, die Fichte jetzt an seine Hörer richtete. Er habe, gesteht er,
lange geschwankt, ehe er mit solchem Worte vor seine Schüler getreten
sei. Die Wissenschaft allerdings sei die stärkste Waffe gegen das Böse,
und in diesem Kampfe würden Siege erfochten, dauernd für alle Zeit.
Aber zu dem geistigen Streite bedürfe es des äußern und des innern
Friedens: und nur darum, weil diese Ruhe des Gemütes ihn selber, trotz
vielfacher Übung in der Selbstbesinnung, zu verlassen beginne, schließe
er jetzt seine Vorlesungen. -- Das einfache Wort genügte, die Jünglinge
in die Reihen der Freiwilligen zu führen. Noch einmal ist ihm dann der
Gedanke gekommen, als ein Redner in das Lager zu gehen -- noch einmal
vergeblich. Dann ist Fichte krank und halb gelähmt mit den gelehrten
Genossen und dem kaum mannbaren Sohne in den Landsturm getreten; Lanze
und Säbel lehnten nun an der Tür des Philosophen.

Als die Kunde erscholl von den herrlichsten deutschen Siegen, von den
Tagen von Hagelberg und Dennewitz, selbst dann hat er nicht gelassen
von der alten tüchtigen Weise, den Dingen nachzudenken bis zum Ende. Im
Sommer 1813 hielt er vor den wenigen Studierenden, die dem Kampfe fern
blieben, Vorlesungen über die Staatslehre. Auch jetzt noch bewegt er
sich ausschließlich im Gebiete der Ideen; seinen kühnsten Sätzen fügt
er stolz abweisend hinzu: „Es gilt vom Reiche (der Vernunft), nicht von
ihren Lumpenstaaten.” Noch immer geht er dem Staate der Wirklichkeit
mit radikaler Härte zu Leibe; Erblichkeit der Repräsentation ist ihm
ein absolut vernunftwidriges Prinzip, „die erste Pflicht der Fürsten
wäre, in dieser Form nicht da zu sein”, der Wahn der Ungleichheit ist
bereits durch das Christentum praktisch vernichtet. Aber wie viel
reicher und tiefsinniger erscheint ihm jetzt der Staat! Mit scharfen
Worten sagt er sich los von der naturrechtlichen Lehre, die er bereits
in den Reden an die deutsche Nation verlassen hatte. Er verwirft die
„schlechte Ansicht”, welche im Staate nur den Schützer des Eigentums
erblickt und darum Kirche, Schule, Handel und Gewerbe allein den
Privatleuten zuweist und im Falle des Krieges die Ruhe für die erste
Bürgerpflicht erklärt. Der Staat ist berufen, die sittliche Aufgabe auf
Erden zu verwirklichen. In den beiden schönen Vorlesungen, die „von
dem Begriffe des wahrhaften Krieges” handeln, stellt er scharf und
schroff die sinnliche und die sittliche Ansicht vom Staate einander
gegenüber. Nach jener gilt „zuerst das Leben, sodann das Gut, endlich
der Staat, der es schützt”. Nach dieser steht obenan „die sittliche
Aufgabe, das göttliche Bild; sodann das Leben in seiner Ewigkeit, das
Mittel dazu, ohne allen Wert, außer inwiefern es ist dieses Mittel;
endlich die Freiheit, als die einzige und ausschließende Bedingung,
daß das Leben sei solches Mittel, drum -- als das einzige, was dem
Leben selbst Wert gibt”. -- Der einst mit dem Mißtrauen des deutschen
Gelehrten die Zwangsanstalt des Staates betrachtet, er sieht jetzt mit
der Begeisterung eines antiken Bürgers in dem Staate den Erzieher des
Volkes zur Freiheit, alle Zweige des Volkslebens weist er der Leitung
des Staates zu. Nur in einem solchen Staate ist „ein eigentlicher
Krieg” möglich, denn hier wird durch feindlichen Einfall die allgemeine
Freiheit und eines jeden besondere bedroht; es ist darum jedem für die
Person und ohne Stellvertretung aufgegeben der Kampf auf Leben und Tod.

Schon längst waren seine radikalen Theorien dann und wann erhellt
worden durch ein Aufblitzen historischer Erkenntnis; bereits in
seiner Jugendschrift über die französische Revolution hatte er
Friedrich den Großen gepriesen als einen Erzieher zur Freiheit. Doch
jetzt erst beginnt er die historische Welt recht zu verstehen. Er
erkennt, daß ein Volk gebildet werde durch gemeinsame Geschichte,
und berufen sei, „in dem angehobenen Gange aus sich selber sich
fortzuentwickeln zu einem Reiche der Vernunft”. Alle Staaten der
Geschichte erscheinen ihm jetzt als Glieder in der großen Kette
dieser Erziehung des Menschengeschlechts zur Freiheit. Ist diese
Erziehung dereinst vollendet, dann wird „irgendeinmal irgendwo die
hergebrachte Zwangsregierung einschlafen, weil sie durchaus nichts
mehr zu tun findet”, dann wird das Christentum nicht bloß Lehre, nein,
die Verfassung des Reiches selber sein. In diesem Reiche werden die
„Wissenschaftlichen” regieren über dem Volke, denn „alle Wissenschaft
ist tatbegründend”. So gelangt auch Fichte zu dem platonischen
Idealbilde eines Staates, welchen die Philosophen beherrschen. Und
wenn der nüchterne Politiker betroffen zurückweicht vor diesem
letzten Fluge des Fichteschen Geistes, so bleibt doch erstaunlich,
wie rasch die große Zeit sich ihren Mann erzogen hat: der Held des
reinen Denkens wird durch den Zusammenbruch seines Vaterlandes zu
der Erkenntnis geführt, daß der Staat die vornehmste Anstalt im
Menschenleben, die Verkörperung des Volkstums selber ist. Näher
eingehend auf die Bewegung des Augenblicks schildert er das Wesen des
gewaltigen Feindes, der unter den Ideenlosen der Klügste, der Kühnste,
der Unermüdlichste, begeistert für sich selber, nur zu besiegen ist
durch die Begeisterung für die Freiheit. So stimmt auch Fichte mit
ein in die Meinung unserer großen Staatsmänner, welche erkannten,
daß die Revolution in ihrem furchtbarsten Vertreter bekämpft werden
müsse mit ihren eigenen Waffen. Fast gewaltsam unterdrückt er den
unabweislichen Argwohn, daß nach dem Frieden alles beim alten bleibe.
Nicht ungerügt freilich läßt er es hingehen, daß man in solchem Kampfe
noch gotteslästerlich von Untertanen rede, daß die Formel „Mit Gott für
König und Vaterland” den Fürsten gleichsam des Vaterlandes beraube.
Aber alle solche Makel der großen Erhebung gilt es als schlimme alte
Gewohnheiten zu übersehen; „dem Gebildeten soll sich das Herz erheben
beim Anbruche seines Vaterlandes”. Beim Anbruche seines Vaterlandes --
die aus der Ferne leidenschaftslos zurückblickende Gegenwart mag diese
schöne Bezeichnung der Freiheitskriege bestätigen, welche die hart
enttäuschten Zeitgenossen kummervoll zurücknahmen.

Auch zu einer rein publizistischen Arbeit ward der Denker durch die
Sorge um den Neubau des Vaterlandes veranlaßt. Alsbald nach dem Aufrufe
des Königs an sein Volk schreibt er den vielgenannten „Entwurf einer
politischen Schrift”. Die wenigen Blätter sind unschätzbar nicht bloß
als ein getreues Bild seiner Weise zu arbeiten -- denn hier, in der
Tat, sehen wir ihn pochen und graben nach der Wahrheit, den Verlauf des
angestrengten Schaffens unterbrechen mit einem nachdenklichen „Halt,
dies schärfer!” und die Schlacken der ergründeten Wahrheit emporwerfen
aus der Grube -- sondern mehr noch, weil uns hier Fichte entgegentritt
als der erste namhafte Verkündiger jener Ideen, welche heute
Deutschlands nationale Partei bewegen. Schon oft war, bis hinauf in die
Kreise der Mächtigsten, der Gedanke eines preußischen Kaisertums über
Norddeutschland angeregt worden. Hier zuerst verkündet ein bedeutender
Mann mit einiger Bestimmtheit den Plan, den König von Preußen als einen
„Zwingherrn zur Deutschheit” an die Spitze des gesamten Vaterlandes
zu stellen. Parteien freilich im heutigen Sinne kannte jene Zeit noch
nicht, und Fichte am wenigsten hätte sich der Mannszucht einer Partei
gefügt; er schreibt seine Blätter nur nieder, damit „diese Gedanken
nicht untergehen in der Welt”. Aber kein Parteimann unserer Tage mag
das tödliche Leiden unseres Volkes, daß es mediatisiert ist, klarer
bezeichnen als er mit den Worten, das deutsche Volk habe bisher an
Deutschland Anteil genommen allein durch seine Fürsten. Noch immer
schwebt ihm als höchstes Ziel vor Augen eine „Republik der Deutschen
ohne Fürsten und Erbadel”, doch er begreift, daß dieses Ziel in
weiter Ferne liege. Für jetzt gilt es, daß „die Deutschen sich selbst
mit Bewußtsein machen”. -- „Alle großen deutschen Literatoren sind
gewandert,” ruft er stolz; und jenes freie Nationalgefühl, das diese
glänzenden Geister trieb, die Enge ihres Heimatlandes zu verlassen,
muß ein Gemeingut des Volkes werden, damit zuletzt der Einzelstaat als
überflüssig hinwegfalle. Ein haltbarer Nationalcharakter wird gebildet
zunächst durch die Freiheit, denn „ein Volk ist nicht mehr umzubilden,
wenn es in einen regelmäßigen Fortschritt der freien Verfassung
hineingekommen”. Aber auch im Kriege wird ein Volk zum Volke, und hier
spricht er ein Wort, dessen tiefster Sinn sich namentlich in Fichtes
Heimatlande als prophetisch bewährt hat: „Wer den gegenwärtigen Krieg
nicht mitführen wird, wird durch kein Dekret dem deutschen Volke
einverleibt werden können.” Als einen Erzieher zur Freiheit, zur
Deutschheit brauchen wir einen Kaiser. Österreich kann die Hand nie
erheben zu dieser Würde, weil es unfrei und in fremde undeutsche Händel
verwickelt ist; sein Kaiser ist durch sein Hausinteresse gezwungen,
„deutsche Kraft zu brauchen für seine persönlichen Zwecke”. Preußen
aber „ist ein eigentlich deutscher Staat, hat als Kaiser durchaus
kein Interesse zu unterjochen, ungerecht zu sein. Der Geist seiner
bisherigen Geschichte zwingt es fortzuschreiten in der Freiheit, in den
Schritten zum Reich (das will sagen: zum Vernunftreiche); nur so kann
es fortexistieren, sonst geht es zugrunde”.

So -- nicht eingewiegt, nach der gemeinen Weise der Idealisten, in
leere Illusionen, aber auch nicht ohne frohe Hoffnung ist Fichte
in den Tod gegangen für sein Land. Welch ein Wandel seit den Tagen
der Revolutionskriege, da er der Geliebten noch vorhielt, daß sie
gleichgültig sei gegen die Welthändel! Der Schwung der großen Zeit,
die opferbereite Empfindung weiblichen Mitgefühls führt jetzt Johanna
Fichte unter die wunden Krieger der Berliner Hospitäler. Alle guten und
großen Worte des Gatten von der Macht der göttlichen Gnade werden ihr
lebendig und strömen von ihrem Munde, da sie die unbärtigen Jünglinge
der Landwehr mit dem hitzigen Fieber ringen, in letzter Schwäche, in
unbezwinglichem Heimweh die Heilung von sich weisen sieht. In den
ersten Tagen des Jahres 1814 bringt sie das Fieber in ihr Haus. Einen
Tag lang verweilt der Gatte an ihrem Lager, eröffnet dann gefaßt seine
Vorlesungen und findet, zurückgekehrt, die Totgeglaubte gerettet. In
diesen Stunden des Wiedersehens, meint der Sohn, mag den starken Mann
der Tod beschlichen haben. In seine letzten Fieberträume fiel noch
die Kunde von der Neujahrsnacht 1814, da Blücher bei der Pfalz im
Rheine den Grenzstrom überschritt und das feindliche Ufer widerhallte
von den Hurrarufen der preußischen Landwehr. Unter solchen Träumen von
kriegerischer Größe ist der streitbare Denker verschieden am 27. Januar
1814. Sein Lob mag er selber sagen: „Unser Maßstab der Größe bleibe der
alte: daß groß sei nur dasjenige, was der Ideen, die immer nur Heil
über die Völker bringen, fähig sei und von ihnen begeistert.”

Seitdem ist eine lange Zeit vergangen, Fichtes Name ist im Wechsel
gepriesen worden und geschmäht, ist aufgetaucht und wieder
verschwunden. Als die kriegerische Jugend, heimkehrend von den
Schlachtfeldern, in die Hörsäle der Hochschulen zurückströmte, da
erst ward offenbar, wie tief das Vorbild des „Vaters Fichte” in den
jungen Seelen haftete. „Die Jugend soll nicht lachen und scherzen, sie
soll ernsthaft und erhaben sein”, war seine Mahnung, und wirklich,
wie Fichtes Söhne erschienen diese spartanischen Jünglinge, wie
sie einherschritten in trutziger Haltung, abgehärteten Leibes, in
altdeutscher Tracht, hochpathetische Worte voll sittlichen Zornes und
vaterländischer Begeisterung redend. Die Ideen, welche diese jungen
Köpfe entzückten, lagen zwar tief begründet in der ganzen Richtung der
Zeit, aber unzweifelhaft gebührt den Lehren Fichtes daran ein starker
Anteil. Vor seinem Bilde, dessen lautere Hoheit uns kein Schopenhauer
hinwegschmähen wird, erfüllte sich das junge Geschlecht mit jenen
Grundsätzen herber Sittenstrenge, die unseren Hochschulen eine heilsame
Verjüngung brachten. Und welch ein Vorbild der „Deutschheit” besaß die
Jugend in ihm, der aus der dumpfen Gemütlichkeit des kursächsischen
Lebens sich emporrang zu jenem vornehmen Patriotismus, welcher nur noch
„Deutsche schlechtweg” kennen wollte und den Kern unserer Nation in der
norddeutsch-protestantischen Welt erblickte. Mochte er immerhin seinen
politischen Ideen die abwehrende Weisung hinzufügen: „Auf Geheiß der
Wissenschaft soll die Regierung jene bändigen und strafen, welche diese
Lehren auf die Gegenwart anwenden”: -- die Jugend wußte nichts von
solcher Unterscheidung. Die Hoheit seiner Ideen und der Radikalismus
seiner Methode wirkten berauschend auf die deutschen Burschen. „Der
deutsche Staat ist in der Tat einer; ob er nun als einer oder mehrere
erscheine, tut nichts zur Sache” -- solcher Worte diktatorischer Klang
drang tief in die jungen Seelen. Die Vorstellung, daß das Bestehende
schlechthin unberechtigt sei und einem deutschen Reiche weichen müsse,
ward durch Fichtes Lehren mächtig gefördert.

Als eine edle Barbarei hat man treffend die Stimmung der Burschenschaft
bezeichnet, und auch an den Sünden dieser edlen Barbaren ist Fichte
nicht schuldlos. Seine mönchische Strenge spiegelt sich wider in
dem altklugen, unjugendlichen Wesen, das uns so oft zurückstößt
von der wackeren teutonischen Jugend. Wenn er immer wieder die
Bildung des Charakters betonte, war es da zu verwundern, daß
schließlich die Jugend, die den Wert eines gereiften Charakters
noch nicht zu beurteilen vermag, mit Vorliebe den polternden
Moralpredigern folgte und an alle glänzenden Geister unseres Volkes
den Maßstab der „Gesinnungstüchtigkeit” legte? Wenn er unermüdlich
die Jugend darstellte als den noch reinen Teil der Nation und die
„Wissenschaftlichen” als die natürlichen Lenker des Volkes: -- mußte
da nicht endlich die Anmaßung aufwuchern in der wissenschaftlichen
Jugend? -- „Unser Urteil hat das Gewicht der Geschichte selbst, es ist
vernichtend!” -- in solchen Reden, die im Burschenhause zu Jena, als
Arnold Ruge jung war, widerhallten, offenbart sich die Kehrseite des
Fichteschen Geistes. Fichte starb zu früh; bei längerem Leben wäre all
seine wache Sorge dahin gegangen, die edle Barbarei der Jugend maßvoll
und bescheiden zu erhalten. Weder Luden noch Oken oder Fries, und am
allerwenigsten der alte Jahn stand hoch genug, um die spartanische
Rauheit des jungen Geschlechts zu mäßigen. -- Vornehmlich in dieser
sittlichen Einwirkung auf die Gesinnung des werdenden Geschlechts liegt
Fichtes Bedeutung für die Geschichte unserer nationalen Politik -- und
wer darf leugnen, daß der Fluch dieses Wirkens tausendmal überboten
ward von dem Segen? Nimmermehr wird diesem Denker gerecht, wer ihn
lediglich beurteilt als einen politischen Schriftsteller. Der Publizist
mag lächeln über Fichtes ungeübten politischen Scharfblick, der
„Gelehrte von Metier” mag erschrecken vor seiner mangelhaften Kenntnis
der politischen Tatsachen; aber hoch über die Fachgelehrten und die
Publizisten hinaus erhebt sich der Redner an die deutsche Nation, wenn
er mit der Kühnheit des Propheten das Ethos unserer nationalen Politik
verkündet, wenn er den zersplitterten Deutschen den Geist der echten
Vaterlandsliebe predigt, der über den Tod hinaus zu hassen und zu
lieben vermag.

Das war mithin kein Zufall, daß der Name dieses Denkers durch den
deutschen Bundestag in den Kot getreten ward. Viel zu milde, leider,
lautet das landläufige Urteil, daß unser Volk mit Undank belohnt worden
für die Errettung der Throne, die sein Blut erkauft. Als ein Verbrechen
vielmehr galt zu Wien und Frankfurt der Geist des Freiheitskrieges.
Und wer hatte den „militärischen Jakobinismus” des preußischen Heeres
schroffer, schonungsloser ausgesprochen als Fichte in den Worten:
„Kein Friede, kein Vergleich! Auch nicht falls der zeitige Herrscher
sich unterwürfe und den Frieden schlösse! Ich wenigstens habe den
Krieg erklärt und bei mir beschlossen, nicht für seine Angelegenheit,
sondern für die meinige, meine Freiheit.” Wie sehr mußte die Woge
demokratischen Zornes und Stolzes, welche in diesen Worten brandet,
jene Schmalz und Kamptz erschrecken, die den Freiheitskrieg für eine
Tat gewöhnlichen Gehorsams erklärten, vergleichbar dem Wirken der
Spritzenmannschaft, die zum Löschen befehligt wird! Darum, als die
Zentral-Untersuchungskommission zu Mainz den unbeschämten Augen des
Bundestages die demagogischen Umtriebe darlegte, standen obenan unter
den verbrecherischen Geheimbünden -- die Vereine, welche in den Jahren
1807-13 sich gebildet zum Zwecke der Vertreibung der Franzosen, und die
Liste der Verdächtigen ward eröffnet mit den erlauchten Namen von --
Fichte und Schleiermacher. Nur mit Erröten denken wir der Tage, da man
in Berlin verbot, die Reden an die deutsche Nation aufs neue zu drucken.

Mag es sein, daß Fichtes nervige Faust den Bogen zu heftig spannte
und über das Ziel hinausschoß; in der Richtung nach dem Ziel ist
sicherlich sein Pfeil geflogen. Die Zeit wird kommen, die Sehergabe
des Denkers zu preisen, der Preußen die Wahl stellte, unterzugehen
oder fortzuschreiten zum Reiche. Mag es sein, daß der verwegene
Idealist oftmals abirrte in der nüchternen Welt der Erfahrung: -- ein
Vorbild des Bürgermutes ist er uns geworden, der lieber gar nicht sein
wollte, als der Laune unterworfen und nicht dem Gesetz. Und auch das
praktisch Mögliche hat der Theoretiker dann immer getroffen, wenn er
handelte von den sittlichen Grundlagen des staatlichen Lebens. Alle
Vorwände der Zagheit, all das träge Harren auf ein unvorhergesehenes
glückliches Ereignis -- wie schneidend weist er sie zurück, wenn
er versichert, keiner der bestehenden Landesherren „könne Deutsche
machen”, nur aus der Bildung des deutschen Volksgeistes werde das
Reich erwachsen. Wenn wir willig diesem Worte glauben, so hoffen
wir dagegen -- oder vielmehr wir müssen es wollen, daß ein anderer
Zukunftsspruch des Denkers nicht in Erfüllung gehe. Schon einmal sahen
wir ihn, nach der Weise der Propheten, sich täuschen in der Zeit:
sechs Jahre schon nach den Reden an die deutsche Nation erhebt sich
das Geschlecht, das er gänzlich aufgegeben. Sorgen wir, daß dies Volk
nochmals rascher lebe, als Fichte meinte, daß wir mit eigenen Augen das
einige Deutsche Reich erblicken, welches er im Jahre 1807 bescheiden
bis in das 22. Jahrhundert verschob. -- Wieder ist den Deutschen die
Zeit des Kampfes erschienen; wieder steht nicht der Gedanke gerüstet
gegen den Gedanken, nicht die Begeisterung wider die Begeisterung.
Die Idee streitet gegen das Interesse, die Idee, daß dieses Volk zum
Volke werde, wider das Sonderinteresse von wenigen, die an das nicht
glauben, was sie verteidigen. Wenn die Langsamkeit dieses Streites,
der uns aus sittlichen noch mehr denn aus politischen Beweggründen
zu den Fahnen ruft, uns oft lähmend auf die Seele fällt, dann mögen
wir uns aufrichten an dem Fichteschen Worte der Verheißung, daß in
Deutschland das Reich ausgehen werde von der ausgebildeten persönlichen
Freiheit und in ihm erstehen werde ein wahrhaftes Reich des Rechts,
gegründet auf die Gleichheit alles dessen, was Menschenangesicht trägt.
Damit, fürwahr, sind bezeichnet die bescheidensten, die gerechtesten
Erwartungen der Deutschen. Was die Deutschen, wenn sie den Einmut
finden, ihren Staat zu gründen, bei mäßiger Macht dennoch hoch stellen
wird in der Reihe der Nationen, ist allein dieses: kein Volk hat je
größer gedacht als das unsere von der Würde des Menschen, keines die
demokratische Tugend der Menschenliebe werktätiger geübt.

Mit schönen Worten pries Fichte das Schicksal des großen
Schriftstellers: „Unabhängig von der Wandelbarkeit spricht sein
Buchstabe in allen Zeitaltern an alle Menschen, welche diesen
Buchstaben zu beleben vermögen, und begeistert, erhebt und veredelt bis
an das Ende der Tage.” Nicht ganz so glücklich ist das Los, das den
Werken Fichtes selber fiel; denn nur wenige scheuen nicht die Mühe, den
echten Kern seiner Gedanken loszuschälen aus der Hülle philosophischer
Formeln, welchen die Gegenwart mehr und mehr entwächst. Doch daß der
Geist des Redners an die deutsche Nation nicht gänzlich verflogen
ist in seinem Volke, davon gab die Feier seines hundertjährigen
Geburtstages ein Zeugnis. Wohl mancher Nicolai verherrlichte an jenem
Tage den lauteren Namen des Denkers und ahnte nicht, daß er seinen
Todfeind pries. Aber nimmermehr konnte ein ganzes, ehrliches Volk einen
Helden des Gedankens als einen Helden der Nation feiern, wenn nicht in
diesem Volke noch der Glaube lebte an die weltbewegende Macht der Idee.
Und er wird dauern, dieser vielgeschmähte Idealismus der Deutschen.
Und dereinst wird diesem Volke des Idealismus eine schönere Zukunft
tagen, da eine reifere Philosophie die Ergebnisse unseres politischen
Schaffens, unseres reichen empirischen Wissens in einem großen
Gedankensysteme zusammenfaßt. Wir Lebenden werden Fichtes Geist dann
am treuesten bewahren, wenn alle edleren Köpfe unter uns wirken, daß
in unsern Bürgern wachse und reife der „Charakter des Kriegers”, der
sich zu opfern weiß für den Staat. Die Gegenwart denkt, wenn Fichtes
Name genannt wird, mit Recht zuerst an den Redner, welcher diesem
unterjochten Volke die heldenhaften Worte zurief: „Charakter haben und
deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend.” --




Königin Luise




Königin Luise.

    _Vortrag, gehalten am 10. März 1876 im Kaisersaale des Berliner
    Rathauses._


In Wort und Schrift, in Bild und Reim ist die hochherzige Königin,
zu deren Gedächtnis ich Sie hier versammelt sehe, oft gefeiert
worden; in der Erinnerung ihres dankbaren Volkes lebt sie fort wie
eine Lichtgestalt, die den Kämpfern unseres Befreiungskrieges, den
Pfad weisend, hoch in den Lüften voranschwebte. Wollte ich dieser
volkstümlichen Überlieferung folgen oder gar jener Licht ins Lichte
malenden Schmeichelei, die nach den Worten Friedrichs des Großen wie
ein Fluch an die Fersen der Mächtigen dieser Erde sich klammert,
so müßte ich fast verzweifeln bei dem Versuche, Ihnen ein Bild von
diesem reinen Leben zu geben, wie der Künstler sich scheut, das
unvermischte Weiß auf die Leinwand zu tragen. Das ist aber der Segen
der historischen Wissenschaft, daß sie uns die Schranken der Begabung,
die endlichen Bedingungen des Wirkens edler Menschen kennen lehrt und
sie so erst unserem menschlichen Verständnis, unserer Liebe näher
führt. Auch diese hohe Gestalt stieg nicht wie Pallas gepanzert, fertig
aus dem Haupte Gottes empor, auch sie ist gewachsen in schweren Tagen.
Sie hat, nach Frauenart, in schamhafter Stille, doch in nicht minder
ernsten Seelenkämpfen wie jene starken Männer, die in Scham und Reue
den Gedanken des Vaterlands sich eroberten, einen neuen reicheren
Lebensinhalt gefunden. Dieselben Tage der Not und Schmach, welche den
treuen schwedischen Untertan Ernst Moritz Arndt zum deutschen Dichter
bildeten und dem Weltbürger Fichte die Reden an die deutsche Nation auf
die Lippen legten, haben die schöne anmutvolle Frau, die beglückende
und beglückte Gattin und Mutter mit jenem Heldengeiste gesegnet,
dessen Hauch wir noch spürten in unserem jüngsten Kriege.

Wie die Reformation unserer Kirche das Werk von Männern war, so hat
auch dieser preußische Staat, der mit seinen sittlichen Grundgedanken
fest in dem Boden des Protestantismus wurzelt, allezeit einen
bis zur Herbheit männlichen Charakter behauptet. Er dankt dem
liebevollen frommen Sinne seiner Frauen Unvergeßliches. Am Ausgange
des Dreißigjährigen Krieges blieb uns von der alten Großheit der
Väter nichts mehr übrig als das deutsche Haus; aus diesem Born, den
Frauenhände hüteten, trank unser Volk die Kraft zu neuen Taten. Dem
öffentlichen Leben aber sind die Frauen Preußens immer fern geblieben,
im scharfen Gegensatze zu der Geschichte des katholischen Frankreichs.
Ganz deutsch, ganz preußisch gedacht ist das alte Sprichwort, das jene
Frau die beste nennt, von der die Welt am wenigsten redet. Keine aus
der langen Reihe begabter Fürstinnen, welche den Thron der Hohenzollern
schmückten, hat unseren Staat regiert. Auch Königin Luise bestätigte
nur die Regel. Ihr Bild, dem Herzen ihres Volkes eingegraben, ward
eine Macht in der Geschichte Preußens, doch nie mit einem Schritte
übertrat sie die Schranken, welche der alte deutsche Brauch ihrem
Geschlechte setzt. Es ist der Prüfstein ihrer Frauenhoheit, daß sich
so wenig sagen läßt von ihren Taten. Wir wissen wohl, wie sie mit dem
menschenkundigen Blicke des Weibes immer eintrat für den tapfersten
Mann und den kühnsten Entschluß; auch einige, nur allzuwenige,
schöne Briefe erzählen uns von dem Ernst ihrer Gedanken, von der
Tiefe ihres Gefühles. Das alles gibt doch nur ein mattes Bild ihres
Wesens. Das Geheimnis ihrer Macht lag, wie bei jeder rechten Frau,
in der Persönlichkeit, in dem Adel natürlicher Hoheit, in jenem
Zauber einfacher Herzensgüte, der in Ton und Blick unwillkürlich und
unwiderstehlich sich bekundete. Nur aus dem Widerscheine, den dies
Bild in die Herzen der Zeitgenossen warf, kann die Nachwelt ihren
Wert erraten. Nach dem Tage von Jena mußte auch Preußen den alten
Fluch besiegter Völker ertragen: eine Flut von Anklagen und Vorwürfen
wälzte sich heran wider jeden Mächtigen im Staate. Noch schroffer und
schärfer hat in den leidenschaftlichen Parteikämpfen der folgenden
Jahre die schonungslose Härte des norddeutschen Urteils sich gezeigt;
kein namhafter Mann in Preußen, der nicht schwere Verkennung, grausamen
Tadel von den Besten der Zeit erfuhr. Allein vor der Gestalt der
Königin blieben Verleumdung und Parteihaß ehrfürchtig stehen; nur eine
Stimme von Hoch und Niedrig bezeugt, wie sie in den Tagen des Glückes
das Vorrecht der Frauen übte, mit ihrem strahlenden, glückseligen
Lächeln das Kleine und Kleinste zu verklären, in den Zeiten der Not
durch die Kraft ihres Glaubens die Starken stählte und die Schwachen
hob. --

Das gute Land Mecklenburg hat unserem Volke die beiden Feldherren
geschenkt, welche die Schlachten des neuen Deutschlands schlugen;
wir wollen ihm auch die Ehre gönnen, diese Tochter seines alten
Fürstenhauses sein Landeskind zu nennen, obgleich sie fern dem Lande
ihrer Väter geboren und erzogen wurde. An dem stillen Darmstädter
Hofe genoß die kleine Prinzessin mit ihren munteren Schwestern das
Glück einer schlicht natürlichen, keineswegs sehr sorgfältigen
Erziehung. Da sie heranwuchs, erzählte alle Welt von den wunderschönen
mecklenburgischen Schwestern. Jean Paul widmete ihnen seine
überschwengliche Huldigung. Goethe lugte im Kriegslager vor Mainz
verstohlen zwischen den Falten seines Zeltes hervor und musterte die
lieblichen Gestalten mit gelassenem Kennerblicke; seiner Mutter, der
alten Frau Rat, lachte die Kinderlust aus den braunen Augen, wenn die
jungen Damen nach Frankfurt kamen und im Dichterhause am Hirschgraben
Specksalat aßen oder an dem Brunnen im Hofe sich selber einen frischen
Trunk holten.

So menschlich einfach wie die Kindheit der Prinzessin verlief, ist
auch der Schicksalstag der Frau in ihr Leben eingetreten; dort in
Frankfurt, am Tische des Königs von Preußen, fand sie den Gatten,
der ihr fortan „der beste aller Männer” blieb. An lauten Huldigungen
hat es wohl noch niemals einer deutschen Fürstenbraut gefehlt; das
war doch mehr als der frohe Zuruf angestammter Treue, was die beiden
mecklenburgischen Schwestern bei ihrem Einzug in Berlin begrüßte. In
einem Augenblicke gewann die Kronprinzessin alle Herzen, da sie das
kleine Mädchen, das ihr die üblichen Hochzeitsverse hersagte, in der
Einfalt ihrer Freude, zum Entsetzen der gestrengen Oberhofmeisterin
umarmte und küßte. Die unerfahrene siebzehnjährige Frau, aufgewachsen
im einfachsten Leben, sollte sich nun zurecht finden auf dem
schlüpfrigen Boden dieses mächtigen Hofes, wo um den früh gealterten
König ein Gewölk zweideutiger Menschen sich scharte, wo der geistvolle
Prinz Ludwig Ferdinand sein unbändig leidenschaftliches Wesen trieb und
der Kronprinz mit seiner frommen Sittenstrenge ganz vereinsamt stand;
da fand sie eine treue und kundige Freundin an der alten Gräfin Voß.
Wer kennt sie nicht, die strenge Wächterin aller Formen der Etikette,
die in siebzig Jahren höfischen Lebens das gute Herz, das gerade Wort
und den tapferen Mut sich zu bewahren wußte? Sie gab ihrer Herrin den
besten Rat, der einer jungen Frau erteilt werden kann: keinen anderen
Freund und Vertrauten sich zu wählen als ihren Gemahl; und dabei blieb
es bis zum Tode der Fürstin.

Für den edlen, doch früh verschüchterten und zum Trübsinn geneigten
Geist Friedrich Wilhelms ward es ein unschätzbares Glück, daß er einmal
doch herzhaft mit vollen Zügen aus dem Becher der Freude trinken,
die schönste und liebevollste Frau in seinen Armen halten, an ihrer
wolkenlosen Heiterkeit sich sonnen durfte. Aber auch die Prinzessin
fand bei dem Gatten, was die rechte Ehe dem Weibe bieten soll: sie
rankt sich empor an dem Ernst, dem festen sittlichen Urteile des reifen
Mannes, lernt manche wirre Träumerei des Mädchenkopfes aufzugeben.
Unablässig strebt sie „sich zur inneren Harmonie zu bilden”; ihre
wahrhaftige Natur duldet keine Phrase, keinen halbverstandenen Begriff.
Etwas Liebenswürdigeres hat sie kaum geschrieben als die naiven
Briefe an ihren alten freimütigen Freund, den Kriegsrat Scheffner. Da
fragt sie kindlich treuherzig, damals schon eine reife Frau und viel
bewunderte Königin: was man eigentlich unter Hierarchie verstehe, und
wann die Gracchischen Unruhen, die Punischen Kriege gewesen; „frägt
man aber nicht und schämt sich seiner Einfalt gegen jeden, so bleibt
man immer dumm, und ich hasse entsetzlich die Dummheit”. Sie lebt
sich ein in die Geschichte des königlichen Hauses, teilt mit ihrem
Gemahl die Begeisterung für Friedrich den Großen und wählt sich unter
den Fürstinnen des Hohenzollernstammes ihren Liebling: jene sanfte
Oranierin, die schon einmal den Namen Luise den Preußen wert gemacht,
die erste Gemahlin des Großen Kurfürsten, die unserem evangelischen
Volke das Lied „Jesus meine Zuversicht” sang. A. W. Schlegel hatte
einst der einziehenden Braut zugerufen: „Du bist der goldnen Zeit
Verkünderin.” Fast schien es, als sollte der Dichtergruß sich erfüllen.
Leicht und heiter flossen die Tage; wir Nachlebenden, die wir auch
davon zu reden wissen, schenken der guten Gräfin Voß willig Glauben,
wenn sie in ihrem Tagebuche am 22. März 1797 vergnüglich von der Geburt
eines Prinzen erzählt und weise hinzufügt: „es ist ein prächtiger
kleiner Prinz”. Wenn der Blick der glücklichen Mutter auf der dichten
Schar ihrer schönen Kinder ruhte, dann rief sie wohl: „Die Kinderwelt
ist meine Welt!”

Nach der Thronbesteigung ihres Gemahls lernte die junge Königin auch
die entlegenen Provinzen des Staates kennen; überall, selbst bei
den Polen in Warschau, derselbe jubelnde Empfang wie einst in der
Hauptstadt. Sie war stets bereit, für den schweigsamen König das Wort
zu nehmen zu einer freundlichen Ansprache, doch jeden Eingriff in die
Staatsgeschäfte des Mannes wies sie bescheiden von sich. Jeder von uns
hat wohl einmal aus dem Munde des alten Geschlechts, das heute zu Grabe
geht, vernommen, wie das Volk mit seiner schönen Königin lebte. Als ich
vor Jahren auf die Kösseine im Fichtelgebirge wanderte, da erzählte der
Führer, ein steinalter Mann, wie er einst als junger Bursch mit dem
König und der Königin desselben Wegs gezogen; er fand des Schwatzens
kein Ende, dann zerschnitt er ein Farnkraut, zeigte uns die dunklen
Punkte auf dem Querschnitt des weißen Stengels und meinte stolz: das
sei der brandenburgische Adler, und dies Adlerfarnkraut wachse nur
hier auf den alten preußischen Fichtelbergen.

Überall in Preußen war die junge Fürstin behaglicher Ruhe, warmer
Anhänglichkeit begegnet, überall schien das Volk von der alten Ordnung
befriedigt; die getreuen Breslauer versicherten beim Einzuge: „von
Freiheit schwatze wer da mag”, der Preuße finde in dem geliebten
Königspaare sein höchstes Glück. Und doch schwankte der Staat, der so
sicher schien, längst haltlos einer entsetzlichen Niederlage entgegen.
Kein Zeitraum der preußischen Geschichte liegt so tief im Dunkel,
wie das erste Jahrzehnt Friedrich Wilhelms =III.= Das furchtbare
Unglück und die glorreiche Erhebung der folgenden Jahre haben ihren
breiten Schatten über diese stille Zeit geworfen; niemand bemüht
sich, sie zu durchforschen. Man schließt aus den schweren Gebrechen,
welche der Tag von Jena bloßlegte, kurzerhand zurück und verdammt
den Anfang des Jahrhunderts als eine Epoche geistloser Erstarrung.
Dies Urteil kann schon deshalb nur halb richtig sein, weil die Helden
der Wiedererhebung, Stein und Hardenberg, Scharnhorst und Blücher,
allesamt schon vor dem Jahre 1806 dem Staate dienten, manche bereits
in hohen Ämtern. Fast alle die reformatorischen Taten, welche nachher
dem niedergeworfenen Staate neue Stärke brachten, die Befreiung des
Landvolks, die Neugestaltung des Heeres, die Stiftung der Universität
Berlin, sind schon vor der Jenaer Schlacht erwogen und vorbereitet
worden. Der König betrachtete die Bluttaten der Revolution mit dem
Abscheu des ehrlichen Mannes, doch über den berechtigten Kern der
furchtbaren Bewegung urteilte er unbefangener als die Legitimisten
seines Hofadels. Schlicht und bescheiden, arbeitsam und pflichtgetreu,
ganz unberührt von adeligen Vorurteilen, wollte er ein König der
Bettler sein nach der Überlieferung seines Hauses. „Er ist Demokrat
auf seine Weise -- sagte einer seiner Minister zu dem französischen
Gesandten Otto: -- er wird die Revolution, die ihr von unten nach
oben vollzogen, bei uns langsam von oben nach unten durchführen; er
arbeitet ohne Unterlaß, die Vorrechte des Adels zu beschränken, aber
durch langsame Mittel; in wenigen Jahren wird es keine feudalen Rechte
mehr in Preußen geben.” Aber keiner dieser wohlgemeinten Entwürfe kam
zur Reife; es lag wie ein Bann auf den Gemütern. Die Keime frischen
jungen Lebens, die in dem Staate sich regen, vermögen die Decke
nicht zu sprengen; die ganze Zeit, so reich an verborgenen geistigen
Kräften, trägt jenen schwunglos philisterhaften Charakter, den wir
alle aus der kahlen Nüchternheit ihrer Bauten, aus der Alten Münze und
ähnlichen einst vielbewunderten Kunstwerken genugsam kennen. Man blieb
bei bedachtsam schüchternen Vorbereitungen, die kaum für Tage tiefen
Friedens genügten. Und währenddem wankte die alte Welt in ihren Fugen,
auf rollenden Rädern stürmte die neue Zeit daher, ein kurzes Jahrzehnt
warf die Grenzen aller Länder durcheinander, erhob auf den Trümmern der
alten Staatengesellschaft das napoleonische Weltreich. Der preußische
Staat verlor den Boden unter seinen Füßen; das Deutsche Reich kam ins
Wanken, und die waffenlosen Kleinstaaten des Südwestens, Preußens altes
Werbegebiet, wurden durch die gewaltige Faust des Eroberers zu größeren
Massen zusammengeballt, bildeten sich selber ihre Heere, verschlossen
ihr Land den preußischen Werbern.

Wie war es möglich, daß in diesem scharf urteilenden, bis zur
Tadelsucht freimütigen norddeutschen Volke so lange die Frage gar
nicht aufkam: ob denn unser Norden immerdar wie eine friedliche
Insel in dem tosenden Meere des Weltkrieges ruhen, ob Preußen allein
unwandelbar bleiben könne in diesem großen Wandel der Zeiten? Die
Königin, die so oft das rechte Wort zu finden wußte, hat auch hier
die zutreffende Antwort gegeben: „Wir waren eingeschlafen auf den
Lorbeeren Friedrichs des Großen.” Die Größe der fridericianischen
Tage lastete lähmend auf diesem Geschlechte. Dieser Staat, kaum erst
durch wunderbare Siege emporgehoben in die Reihe der großen Mächte,
war noch vor wenigen Jahren der bestregierte des Festlandes gewesen;
noch im letzten Kriege hatten seine wohlgeschulten Soldaten den
verachteten französischen „Katzenköpfen” ihre Überlegenheit gezeigt.
Nun ruhte er so wohlgeborgen hinter der Demarkationslinie des Baseler
Friedens, den ganz Norddeutschland als eine Wohltat pries; unter dem
Schutze der preußischen Waffen blühten Handel und Wandel, die deutsche
Dichtung sah ihre schönsten Tage. Dem Könige schien es ein Frevel, so
vielen Segen leichtfertig auf das Spiel zu setzen. Wenn sein klarer
Verstand zuweilen sich fragte: wie es doch zuging, daß die vielen
kleinen Siege der rheinischen Feldzüge am Ende nur zu einer politischen
Niederlage geführt hatten? und ob die neue Zeit nicht neue Formen
fordere? -- dann traten ihm die alten Generale, die noch die Kränze der
fridericianischen Siege um die Stirn trugen, mit überlegener Sicherheit
entgegen, und scheu verbarg er seine guten Gedanken wieder im Busen.

An einem großen Mißgeschicke des Gemeinwesens ist niemand ganz
schuldlos, und auch die Königin war es nicht. Sie wußte wohl, warum
sie in den Tagen des Unglücks die rührende Klage: „Wer nie sein Brot
mit Tränen aß” in ihr Tagebuch schrieb und selbst den letzten herben
Vorwurf sich nicht ersparte: „Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.”
Die unbewußte Selbstsucht des Glückes hatte auch ihr den Gesichtskreis
verengert, so daß sie von den sittlichen Schäden des sinkenden Staates
lange nichts ahnte. In der reinen Luft ihres befriedeten Hauses blieb
ihr verborgen, welche wüste, überfeinerte Unzucht ihr Wesen trieb in
diesem Berlin, das wenige Jahre später allen anderen deutschen Städten
mit opferfreudiger Vaterlandsliebe voranging; sie selbst wie ihr Gemahl
verkehrte leutselig und schlicht mit jedermann, doch im Heere und in
den höheren Ständen herrschte ein Ton geringschätzigen Übermutes gegen
die kleinen Leute, der alle Grundlagen des bürgerlichen Friedens zu
erschüttern drohte. Die Glückliche ahnte nicht, wie alles morsch ward
in dem Staate, wie das Auge des großen Königs zürnend auf die Erben
niederblickte.

Die Gräfin Voß hatte schon vor Jahren, da ihre Herrin um die Geburt
eines toten Kindes trauerte, feinfühlend erkannt, wie dieser Charakter
durch das Unglück gehoben wurde. Erst als das Verderben dem Staate
näher rückte, begann die Königin mit gespannten Blicken dem Gange der
Ereignisse zu folgen, und Friedrich Gentz erstaunte, sie so genau und
sicher unterrichtet zu finden. Seit der Besetzung Hannovers durch die
Franzosen lag die Schwäche der Monarchie vor aller Augen; nicht einmal
ihren Stolz, die Sicherheit des deutschen Nordens, hatte sie zu hüten
verstanden; seitdem ahnte die Königin, daß die Friedensliebe des Hofes
zur Feigheit wurde. Ihr ganzes Wesen wird freier und größer in diesen
sorgenvollen Jahren, auch ihr Geschmack edler und reiner: wenn sie
vordem an den tränenseligen Romanen des Modedichters Lafontaine sich
gern erbaute, so läßt sie jetzt nur noch das Echte und Tiefe gelten und
erhebt sich das Herz an Herder und Goethe, wie an Schillers mächtigem
Pathos.

Das heilige Reich brach zusammen, die Fürsten des Südens und Westens
traten als Vasallen unter Frankreichs Schutz. Da endlich wagte
König Friedrich Wilhelm allzuspät die Überlieferungen seines Oheims
wieder aufzunehmen und „die letzten Deutschen unter seinen Fahnen
zu sammeln”. Er versuchte, dem Rheinbunde einen norddeutschen Bund
entgegenzustellen; diese Rückkehr Preußens zu seiner alten deutschen
Politik führte den verhängnisvollen Krieg herbei. An einem Tage
stürzte der Waffenruhm des fridericianischen Heeres in Trümmer, und
es folgte jene Zeit der Schmach und Schande, die uns noch heute, so
oft und so glorreich gesühnt, in der Erinnerung empört. Die Königin
hat noch später die Vorstellungen eines französischen Unterhändlers
zurückgewiesen mit den Worten: „Die Frauen haben über Krieg und Frieden
nicht mitzusprechen.” Sie weilte fern im Bade zu Pyrmont, als in Berlin
der Krieg beschlossen wurde; aber „ich würde -- so gestand sie beim
Ausbruch des Kampfes an Gentz -- für den Krieg gestimmt haben, wenn
man mich gefragt hätte, weil die Ehre gebot, aus unserer zweideutigen
Haltung herauszutreten.” Mit sicherem Instinkt ahnte Napoleon die Kraft
des Widerstandes, die in diesem schwachen Weibe schlummerte; wie er
allezeit in den sittlichen Mächten des Völkerlebens die gefährlichsten
Feinde seines Weltreichs sah und die „Ideologen” mit seinem wildesten
Hasse verfolgte, so überhäufte er auch die fromme Frau auf dem
preußischen Throne mit den pöbelhaften Schimpfreden der Wachtstube; er
schildert sie in seinen Bulletins als die Kriegsfurie Preußens, als die
Armida, die im Wahnsinn ihr eigenes Schloß anzündet: =elle voulait du
sang=!

Die Königin bemerkte wohl die ratlose Verwirrung im Hauptquartiere,
und zu dem zaudernden Feldherrn, dem alten Herzog von Braunschweig,
wollte sie kein Vertrauen fassen. Einen so jähen Fall, wie er nun ihrer
Krone bereitet wurde, hatte sie doch nicht erwartet. Das glänzende
Bild von dem Staate Friedrichs des Großen, daran sie seit dreizehn
Jahren bewundernd geglaubt, lag plötzlich in Scherben vor ihren Füßen;
weinend erzählte sie ihren Söhnen auf der Flucht: „Der König hat sich
getäuscht in der Tüchtigkeit seiner Generale, seines Heeres.” Aber
mitten im Unglück erhebt sie sich zu jener Ansicht des Völkerlebens,
welche der mutigste Mann immer mit dem frömmsten Weibe teilen wird.
„Die Zeiten machen sich nicht selbst, die Menschen machen die Zeit” --
und wieder: „Es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten.” Das
ist die königliche Auffassung der Geschichte; der gesamte Staatsbau der
Monarchie ruht auf dem Gedanken, daß Personen die Geschichte machen.
In solchen Zeiten der höchsten Not darf die Stimme des natürlichen
Gefühles mitreden im Rate der Staatskunst; die Königin übte Frauenrecht
und Fürstenpflicht, wenn sie jetzt dem tiefgebeugten Gemahl tröstend
zur Seite stand und ihn bestärkte in dem Entschlusse, den ungleichen
Kampf fortzuführen bis zum Schwinden der letzten Hoffnung. Alle
Schrecken des Krieges brachen über die Unglückliche herein. Krank und
fiebernd flieht sie aus Königsberg vor dem Feinde, denn „lieber in die
Hände Gottes fallen, als in die Hände dieser Menschen”; da sie in einem
elenden Bauernhause auf der Kurischen Nehrung übernachtet, jagt der
Sturm die eisigen Flocken durch das zerbrochene Fenster über das Bett
der kranken Königin. In Memel, auf der letzten Scholle deutscher Erde,
die noch frei und preußisch war, fand sie ein bescheidenes Obdach.
Damals lernte sie unter strömenden Tränen das Wort verstehen: „Leid und
Elend sind Gottes Segen.”

Den Haß der Römerin hat das sanfte Herz der deutschen Frau nie gekannt;
nur ihre stolze Verachtung traf den großen Feind, der ihr der Held
der rohen Selbstsucht war, und niemals wollte sie glauben, daß Gottes
Weisheit diese Herrschaft der frechen Gewalt auf die Dauer zulassen
könne. Sie sah, wie der alte deutsche Heldenmut wieder lebendig ward
unter den tapferen Verteidigern von Kolberg, Graudenz und Danzig; ihre
tiefe Frömmigkeit und das gute Zutrauen zu ihrem Volke begegneten
sich in der Überzeugung, daß dieser Staat nicht untergehen könne:
„Der politische Glaube ist wie der religiöse, eine feste Zuversicht
dessen, was man hoffet, aber nicht siehet.” Vor diesen Briefen der
schmerzbeladenen, hoffnungsstarken Königin wird uns ein uraltes
Gefühl des Germanenherzens wieder lebendig: die fromme Scheu vor dem
Weibe: und wir verstehen, warum unsere Ahnen einst im Dickicht der
cheruskischen Wälder eine heilige und weissagende Macht, =sanctum
aliquid providumque=, an ihren Frauen ehrten. Der Mann geht auf in den
Kämpfen und Sorgen des Augenblicks; das sichere gesammelte Gefühl des
Weibes vermag in schweren Tagen klarer als er die Zeichen der Zeit zu
deuten, hinter dem Glanze des Siegers die hohle Nichtigkeit, unter der
Schmach des Besiegten die ungebrochene Kraft zu ahnen. Als der König
nach der Schlacht von Eylau, der ersten, die der Unbesiegte nicht
gewonnen, die lockenden Friedensvorschläge Napoleons zurückweist und
sich weigert, den russischen Bundesgenossen zu verlassen, da schreibt
seine Gemahlin einfältig wie ein gläubiges Kind: „Das wird Preußen
einst Segen bringen!” So einfach, wie sie wähnte, sind Lohn und Strafe
im Leben der Völker nicht verteilt; gleichwohl bleibt dem frommen Worte
seine Wahrheit: ohne den Sinn altpreußischer Ehre, den der König bei
jener schweren Versuchung bewahrte, hätte der Staat sich nie wieder
erhoben. Was die Preußen empfanden, da sie also den heldenhaften Sinn
ihrer schönen Königin kennen lernten, das wissen wir aus den Versen
Heinrich von Kleists:

    Denn eine Glorie in jenen Nächten
    Umglänzte deine Stirn, von der die Welt
    Am lichten Tag der Freude nichts geahnt.
    Wir sah'n dich Anmut endlos niederregnen;
    Daß du so groß als schön warst, war uns fremd.

Noch eine letzte, schmähliche Demütigung stand der mißhandelten Frau
bevor. Zar Alexander gab seinen treuen Bundesgenossen preis und schloß
den Tilsiter Frieden; aus Rücksicht auf den neugewonnenen russischen
Freund verstand sich Napoleon dazu, die Vernichtung Preußens, die
längst beschlossene Sache war, aufzuschieben und dem Könige die
Hälfte der Monarchie zurückzugeben. Da ersann die frevelhafte Torheit
feigherziger Ratgeber den Vorschlag: die unvergeßlich beleidigte
Königin solle selber den Sieger um mildere Bedingungen bitten. Auch
dies Äußerste nahm sie auf sich, in der frauenhaften Hoffnung, es
könne ihr vielleicht doch gelingen, das Herz des Eroberers zu rühren
und ihrem Volke einige Erleichterung zu bringen. Die Hoffnung trog.
Mit rohem Spotte schrieb Napoleon an seine Josephine: „Es hätte mir zu
viel gekostet, den Galanten zu spielen”; und an Clarke: „Sie begreifen,
daß der König von Preußen sehr unzufrieden ist, da er sein Bollwerk,
Magdeburg, in meinen Händen lassen muß.”

In der entlegensten Provinz des verstümmelten und ausgesogenen
Staates verbrachte nun der Hof zwei schwere Jahre. Man zeigt noch
in dem alten Ordensschlosse zu Königsberg das bescheidene Eckzimmer
mit dem dunklen Alkoven daneben, wo die Königin wohnte: ein kleiner
Schreibtisch, ein mehr als einfaches Klavier; von der Wand blickt
das Bildnis Scharnhorsts mit großen, tiefen Augen hernieder. Welche
Zeiten! Ringsum auf Schritt und Tritt die Erinnerungen an Preußens
Macht und Glück: von jenem Fenster da hatte Luise vor zehn Jahren den
Jubel des Huldigungsfestes mit angehört; hier vor diesem Tore steht das
Schlütersche Standbild des ersten Königs, von ihrem Gemahl einst „dem
edlen Volke der Preußen gewidmet”; dort im Vorzimmer der Ofenschirm
stammt noch aus den Hohenfriedberger Tagen, da der große König wie ein
junger Gott von Sieg zu Sieg stürmte, irgendeine übermütige kleine
Prinzessin hat zierlich die Inschrift darauf gestickt: =pour nous
point d'Alexandre, le mien l'emporte!= Und daneben diese jammervolle
Gegenwart! Der Staat, ausgestoßen aus dem Kreise der großen Mächte,
mitten im Frieden von feindlichen Truppen überschwemmt, verspottet
und geschmäht von seinen Landsleuten. Die deutsche Nation fand kein
Wort des Mitleids, nur Hohn und Schadenfreude für die Besiegten.
In Preußen aber lebte noch die alte Treue. Fürst und Volk traten
einander näher, wie im verwaisten Hause die Überlebenden sich inniger
zusammenschließen; der ärmliche Hofhalt zu Königsberg und Memel empfing
von allen Seiten rührende Beweise der Teilnahme, der König lud seine
getreuen Stände als Paten zur Taufe der jüngsten Prinzessin. Dies
stolze und trotzige Ostpreußen, das Stiefkind Friedrichs des Großen,
schloß in Not und Trübsal, ohne viele Worte, den Herzensbund mit seinem
Herrschergeschlechte, der im Frühjahr 1813 seine Kraft bewähren sollte.

Die schwere Natur Friedrich Wilhelms verwand nur langsam die Schläge
des Unglücks; er glaubte oft, daß ihm nichts gelinge, daß er für jedes
Unheil geboren sei. Da er nun einmal mit der Königin die Gräber der
preußischen Herzöge im Chore des Doms zu Königsberg besuchte, fiel
sein Blick auf die Grabschrift: „Meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung
zu Gott.” „Wie entsprechend meinem Zustande!” rief er erschüttert und
wählte sich das ernste Wort zum Wahlspruch für sein eigenes Leben. Nur
das Pflichtgefühl hielt ihn aufrecht unter der Bürde seines schweren
Amtes. Er begann mit Scharnhorst die Herstellung des zerrütteten Heeres
und berief den Freiherrn vom Stein für den Neubau der Verwaltung. Mit
herzlichem Vertrauen begrüßte die Königin den Mann „großen Herzens,
umfassenden Geistes: Stein kommt, und mit ihm geht mir wieder etwas
Licht auf”. Sie war mit ihm und ihrem Gemahl einig in dem Gedanken,
daß es gelte, alle sittlichen Kräfte des erschlafften Staates zu
beleben; fast wörtlich übereinstimmend mit den allbekannten Worten,
die der König seiner Berliner Hochschule in die Wiege band, schrieb
sie einmal: „Wir hoffen den Verlust an Macht durch Gewinn an Tugend
reichlich zu ersetzen.”

Die Acht Napoleons trieb den stolzen Reichsfreiherrn aus dem Lande,
gerade in dem Augenblicke, da ein neuer Krieg des Imperators gegen
Österreich sich vorbereitete und die Königin auf eine Erhebung
des gesamten Deutschlands hoffte. Sie besaß nach Frauenart wenig
Verständnis für die mächtigen Interessen, welche trennend zwischen den
beiden Großmächten des alten Reiches standen, und sah in Österreich
schlechtweg den stammverwandten Genossen. Mit der Mahnung, unsere
leidenden österreichischen Brüder dereinst zu rächen, hatte sie
vor Jahren ihren ältesten Sohn begrüßt, da er zum ersten Male den
Offiziersrock trug. Vor wie nach dem Kriege bekannte sie: „Meine
Hoffnung ruht auf der Verbindung alles dessen, was den deutschen Namen
trägt” -- während der König, die militärische Lage richtiger schätzend,
nicht ohne Rußlands Beistand den neuen Kampf wagen wollte. Jetzt aber
fochten die Russen auf Frankreichs Seite; die Absichten des Wiener
Hofes, der die Schlacht von Jena mit kaum verhohlener Schadenfreude
begrüßt hatte, blieben in verdächtigem Dunkel. Das unfähige Kabinett,
das die Erbschaft Steins angetreten, fand in der schwierigen Lage
keinen festen Entschluß; Österreich unterlag, und die kriegerische
Begeisterung des deutschen Nordens verrauchte in einigen kecken
Parteigängerzügen. Die Königin aber schrieb verzweifelnd: „Österreich
singt sein Schwanenlied, und dann ade, Germania!”

Zwei Tage der Hoffnung waren ihr noch beschieden am Abend ihres kurzen
Lebens. Sie kehrt zurück in ihr geliebtes Berlin, und als sie durch
das Königstor einzog in dem neuen Wagen, den ihr die verarmte Stadt
verehrt, nahebei der König zu Roß und die beiden ältesten Söhne im Zuge
ihres Regiments, da begrüßten die dichtgedrängten Massen den Hof wie
die Truppen mit herzlichem Willkommruf; Preußens Volk und Heer, die
einander so bitter gescholten und angeklagt, feierten ihre Versöhnung,
um fortan einig zu bleiben für alle Zukunft. Bald nachher, wenige Tage
bevor die Königin ihre letzte Reise antrat, entließ Friedrich Wilhelm
das Ministerium Altenstein; er verwarf die Abtretung von Schlesien, die
ihm seine kleinmütigen Räte zumuteten, und berief Hardenberg an die
Spitze der Geschäfte. Mit dem neuen Staatskanzler kam frisches Leben in
die Verwaltung; er führte das Werk der Reformen des Freiherrn vom Stein
kühn und besonnen weiter und bereitete durch ein viel verkanntes kluges
diplomatisches Spiel die große Erhebung vor, während Scharnhorst die
Waffen schärfte für den Tag der Befreiung. Diesen Tag zu erleben hatte
Luise nie gehofft. Ihr zarter Körper erlag dem verzehrenden Kummer.
In ihrer Heimat, in den Armen des Gatten ist sie den Tod der Christin
gestorben. Die letzten Zeilen ihrer Feder lauteten: „Ich bin heute so
glücklich, liebster Vater, als Ihre Tochter und als die Frau des Besten
der Männer.” Das gesamte Volk trauerte mit dem Witwer; doch auf dem
Leben des schwergeprüften Fürsten blieb ein dunkler Schatten; niemals,
auch nicht in den Tagen der leuchtenden Siege, hat er das starke,
schwellende Gefühl des Glückes wiedergefunden.

Ohne jede Ahnung des eigenen Wertes, wie sie immer war, hat die Königin
einst selber ausgesprochen, was sie von dem Urteil der Geschichte
erwartete: „Die Nachwelt wird mich nicht zu den berühmten Frauen
zählen; aber möge sie von mir sagen: sie duldete viel, sie harrte aus
im Dulden und sie gab Kindern das Dasein, welche besserer Zeiten würdig
waren, sie herbeizuführen gestrebt und endlich sie errungen haben.”
Wie über alles menschliche Hoffen hinaus ist diese demütig-stolze
Erwartung in Erfüllung gegangen! Die historische Wissenschaft führt
ihre denkenden Jünger zurück zu dem schlichten Glauben, daß der Eltern
Segen den Kindern Häuser baut; denn sie lehrt, wie die Vergangenheit
fortwirkt mitten in der lärmenden Gegenwart, und das Leben des Menschen
nicht abschließt mit dem letzten Atemzuge. Nur wenigen Glücklichen
ist ein so reiches Leben nach dem Tode beschieden gewesen, wie dieser
deutschen Königin. Die Hoffnung besserer Zeiten war in der Tat, wie
Schleiermachers Trauerpredigt sagte, ihr köstlichstes Vermächtnis. Wer
noch deutschen Stolz im Herzen trug, gedachte ihres Ausspruchs: „Wir
gehen unter mit Ehren, geachtet von Nationen, und werden ewig Freunde
haben, weil wir sie verdienen.” Der alte Blücher meinte grimmig, da
er die Nachricht ihres Todes empfing: „Wenn die Welt in die Luft
flöge, mir wär' es recht.” Als endlich die Stunde der Erhebung schlug,
da stiftete der König an Luisens Geburtstage den Orden des Eisernen
Kreuzes, als ob er ihren Schutz anrufen wollte für den heiligen Krieg.
Wer weiß es nicht aus den Liedern Theodor Körners, wie das Verlangen,
die zu Tode gequälte Königin an dem ungroßmütigen Sieger zu rächen, die
tapfere Jugend des Befreiungskrieges entflammte? Wer spürte nicht in
dem gottesfürchtigen, menschenfreundlichen Sinne jener Heldenscharen
einen Hauch von dem Geiste der Verklärten? Da der Friede kam, zogen
jahraus jahrein Tausende zu dem stillen Tempel in Charlottenburg, und
wahrlich nicht bloß um das Werk des Künstlers zu bewundern, dem die
Tote einst selber den Weg zu großem Schaffen ebnete, sondern um sich
das Herz zu erquicken an dem Anblick eines geliebten Menschenbildes.
Die beiden gewaltigen Könige unseres achtzehnten Jahrhunderts wurden
geehrt und gefürchtet, wenig geliebt. Mit dem Hause der Königin
Luise lebte und litt das Land; seitdem erst entstand zwischen den
Hohenzollern und ihrem Volke jenes einfach menschliche Verständnis, das
die Leidenschaften der Parteien nie zerstören konnten.

Wenn ich die Stimmung recht verstehe, welche an dem Gedenktage der
Königin über unserer Stadt und über diesem Saale liegt, so ist uns
allen zumute, als ob wir heute die ruhevolle Hoheit der lieblichen
Gestalt mit eigenen Augen erblickt hätten. Zeiten des Glückes sind
stark im Vergessen; diese Tote aber ward ihrem Volke nach jedem neuen
Siege lieber und vertrauter. Die Mutter schrieb ihr klagendes: Ade
Germania! Ihrem Sohne beschied ein wundervolles Geschick, den Morgen
eines langersehnten neuen Tages über sein Volk heraufzuführen, mit
seinem guten Schwerte die Herrlichkeit des Deutschen Reiches wieder
aufzurichten. An dem Grabe seiner Eltern -- wir alle erlebten es ja
mit tief erschüttertem Herzen -- hat der Sohn sich Mut und Kraft
gesucht für die Schlachten des großen Krieges, für den steilen Weg zur
kaiserlichen Krone.

Fern sei es von uns, heute einen verjährten Haß gewaltsam zu beleben,
der seinen Sinn verloren hat, seit Frankreich längst die Buße seiner
Schuld gezahlt, oder dies und jenes Wort der Königin leichtfertig
auszubeuten für die Parteizwecke der Gegenwart. Wir werden das
Andenken der Mutter unseres Kaisers dann am würdigsten ehren, wenn
wir auch in den Tagen der Siege die Demut des Herzens und die stolze
Geringschätzung der endlichen Güter des Lebens uns erhalten, wenn wir
in diesem männischen Jahrhundert, unter den Hammerschlägen hastiger
Arbeit und dem Lärmen der politischen Kämpfe die alte deutsche
ritterliche Ehrfurcht vor Frauensitte und Frauenanmut uns bewahren, vor
jenen menschlichen Tugenden, welche dem Ruhm und der Macht der Völker
allein die Gewähr der Dauer geben.




Stein




Stein.


Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein wurde den 26.
Oktober 1757 zu Nassau an der Lahn „von sehr achtungswerten Eltern
geboren und -- so erzählt er selbst -- unter dem Einflusse ihres
religiösen, echt deutschritterlichen Beispiels auf dem Lande erzogen;
die Ideen von Frömmigkeit, Vaterlandsliebe, Standes- und Familienehre,
Pflicht das Leben zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden und die
hierzu erforderliche Tüchtigkeit durch Fleiß und Anstrengung zu
erwerben, wurden durch ihr Beispiel und Lehre tief meinem jungen
Gemüte eingeprägt”. Er lernte, nach aristokratischer Weise, sich der
Gewalt des Hauses zu beugen; ein Beschluß der Eltern bestimmte ihn,
den jüngsten Sohn, zum alleinigen Erben und Stammhalter des uralten,
reichsfreien Geschlechts. Die Welt des Schönen ergriff ihn weniger
mächtig als die meisten Söhne seines Jahrhunderts. Sein kräftiger,
auf das Wirkliche gerichteter Geist versenkte sich früh in die
historischen Dinge. Er sah in der Geschichte nicht bloß eine Fundgrube
politischer Erkenntnis, sondern vornehmlich eine Schule des sittlichen
Ernstes und jener strengen, tief religiösen Frömmigkeit, die er sich
in den Tagen der Aufklärung unwandelbar bewahrte. Als die sittlichen
Vorbilder seines Lebens nennt er selbst seine Mutter (eine Langwerth
von Simmern) und den Minister v. Heynitz. Er besuchte Göttingen,
Wetzlar, Regensburg, Wien, um sich, nach dem Wunsche der Eltern, auf
eine Laufbahn an den Reichsgerichten vorzubereiten. Mit Vorliebe trieb
er während diesen akademischen Jahren das Studium der englischen
Geschichte und Politik; Adam Smiths Werke wurden bestimmend für seine
politische Bildung. In Brandes und Rehberg fand er gleichgesinnte
Freunde, Männer, ergriffen von den Ideen des philosophischen
Jahrhunderts, doch zugleich auf das historisch Gewordene mit einer
andächtigen Ehrfurcht schauend, welche den meisten Zeitgenossen
abging. Der sittliche Ernst, der kräftige realistische Sinn des jungen
Mannes fand keine Freude an dem unwahren, verrotteten Treiben des
Reichsgerichts. Ein Bewunderer Friedrichs des Großen und eifriger
Protestant, entschloß er sich im Jahre 1780, weit abweichend von den
Gewohnheiten des Reichsadels und seines eigenen Hauses, in preußische
Dienste zu treten.

Er fand zunächst Anstellung im Bergdepartement unter dem Minister
v. Heynitz, dem Schöpfer des preußischen Staatsbergwesens. „Verließ
ich es gleich im Jahre 1793, berichtet er, so hatte doch das Leben
in einem auf die Natur und den Menschen sich beziehenden, die
körperlichen Kräfte zugleich entwickelnden Geschäfte den Nutzen, den
Körper zu stählen, den praktischen Geschäftssinn zu beleben und das
Nichtige des toten Buchstabens und der Papiertätigkeit kennen zu
lehren.” Er ehrte die harte Zucht, die angestrengte Arbeitsamkeit des
altpreußischen Beamtentums, aber er erkannte schon jetzt die unseligen
Folgen bureaukratischer Bevormundung. In solcher Ansicht begegnete er
sich mit den Ideen einer aufkommenden jüngeren Schule innerhalb des
preußischen Beamtentums, mit Männern wie Kraus und v. Schrötter, welche
nach Englands Vorbild von dem freien Spiele der sozialen Kräfte die
Stärke des Staates erwarteten. Wider Willen ward er einmal aus der
Verwaltungstätigkeit herausgerissen, als er (1785) den Auftrag erhielt,
den Kurfürsten von Mainz für den Fürstenbund Friedrichs des Großen
zu gewinnen. Er vollzog die Sendung mit Glück und erbat rasch seine
Zurückberufung; das Gewirr kaiserlicher und preußischer, französischer
und russischer Intrigen an dem geistlichen Hofe hatte ihm jenen tiefen
Widerwillen gegen die Diplomatie eingeflößt, den er zeitlebens nicht
überwinden konnte. Zurückgekehrt von einer längeren technologischen
Reise durch England, begann er im Jahre 1787 sein siebzehnjähriges
großartiges Wirken in der westfälisch-niederrheinischen Verwaltung,
zuerst als Kammerdirektor und Kammerpräsident in Kleve und Hamm, seit
1796 als Oberpräsident in Hamm, später in dem neuerworbenen Münster.
Das Land dankte ihm die Anfänge moderner Verkehrsmittel; er ließ
die Ruhr schiffbar machen und die Straßenverbindung zwischen Rhein
und Weser vollenden. Trotz seiner herrisch durchgreifenden, rastlos
anfeuernden Weise verstand er die Selbsttätigkeit des Volkes zu fördern
in diesem Lande, das von allen Provinzen Preußens sich allein eine
freie Gemeindeverfassung bewahrt hatte. Mit Zuziehung der Stände führte
er ein verbessertes Steuerwesen und vollständige Gewerbefreiheit auf
dem flachen Lande ein und bereitete die Aufhebung der Feudallasten
vor. Die Bewohner lohnten ihm durch Verehrung und Anhänglichkeit,
sie grüßten ihn als den Wohltäter des Landes, einen andern Adolf von
Böhmen. Er selbst lernte Westfalen als seine zweite Heimat lieben und
erfüllte sich mit dem Stolze eines preußischen Patrioten, daher er auch
eine Ministerstelle in Hannover von der Hand wies.

Die aufstrebenden Köpfe in den einflußreichen Kreisen Preußens schauten
längst auf den stolzen Reichsfreiherrn als auf eine Säule des Staates.
Im nichtpreußischen Deutschland ward sein Name zum ersten Male im Jahre
1804 genannt. Er hatte die Revolutionskriege am Rhein in der Nähe
beobachtet, der Einnahme Frankfurts durch die Hessen und Preußen selber
beigewohnt und die Überzeugung gewonnen, die er später der Kaiserin von
Rußland vor versammeltem Hofe aussprach, daß nicht die Nation, sondern
die Nichtigkeit ihrer Fürsten das ungeheure Unglück verschuldete. Nun
sollten die Folgen des Reichsdeputationshauptschlusses sein eigenes
Haus treffen. Der Herzog von Nassau unterwarf die Güter des Steinschen
Hauses eigenmächtig seiner Landeshoheit. Stein verwahrte sein Recht in
einem Briefe vom 10. Januar 1804 und verkündete darin die Ideen einer
hochsinnigen Vaterlandsliebe, die von den Zeitgenossen kaum begriffen
ward. „Deutschlands Unabhängigkeit und Selbständigkeit wird durch die
Konsolidation der wenigen reichsritterschaftlichen Besitzungen mit
denen sie umgebenden kleinen Territorien wenig gewinnen; sollen diese
für die Nation so wohltätigen großen Zwecke erreicht werden, so müssen
diese kleinen Staaten mit den beiden großen Monarchien, von deren
Existenz die Fortdauer des deutschen Namens abhängt, vereinigt werden,
und die Vorsehung gebe, daß ich dieses glückliche Ereignis erlebe....
Es ist noch härter, alle diese Opfer nicht irgendeinem großen, edlen,
das Wohl des Ganzen fördernden Zweck zu bringen, sondern um der
gesetzlosen Übermacht zu entgehen, um -- doch es gibt ein richtendes
Gewissen und eine strafende Gottheit.”

In demselben Jahre ernannte ihn der König zum Minister für das
Departement der indirekten Abgaben. Ein Fachminister, ohne Einfluß auf
die große Politik, konnte Stein den unseligen Gang der Haugwitzschen
Staatskunst nicht hindern. In seinem Ressort bewirkte er die Aufhebung
der Binnen- und Provinzialzölle, er vereinfachte den Geschäftsgang,
ließ zum ersten Male statistische Tabellen für den ganzen Staat
zusammenstellen, berief Niebuhr zur Reorganisation der preußischen
Bank. Er beschaffte die Geldmittel, womit der Krieg von 1806 geführt
wurde, stellte dringend vor, daß der Kredit des Staates sich nur
durch eine kraftvolle auswärtige Politik aufrechterhalten lasse, und
beschwor den König, im Verein mit mehreren Prinzen und Generälen, das
geheime Kabinett und den Minister Haugwitz zu entlassen. Die Anmaßung
ward hart gerügt, die Katastrophe von Jena folgte. Stein rettete die
Staatsgelder nach Königsberg und bewog den Hof zur Fortsetzung des
Kriegs. Jetzt endlich entschloß sich der König, einige seiner Räte zu
entlassen. Stein aber verlangte auch die Entfernung des Kabinettsrates
Beyme, bevor er sich entschließen könne, die Leitung der Geschäfte zu
übernehmen. Darauf empfing er den berufenen „unbegreiflichen Brief”;
der König nannte ihn „einen exzentrischen und genialischen Mann, der
nur durch Kapricen geleitet, aus Leidenschaft und aus persönlichem Haß
und Erbitterung handelt”. Sofort nahm Stein seinen Abschied (März 1807)
und kehrte nach Nassau zurück. Inzwischen wurde der Friede von Tilsit
geschlossen, Napoleon bestand auf Hardenbergs Entfernung und dieser
schlug Stein als einen =homme d'esprit= dem Könige vor, um mit seiner
Hilfe den Neubau des zertrümmerten Staates zu beginnen.

Stein erhielt die Aufforderung zur Rückkehr auf dem Krankenlager. Er
nahm an, das Fieber verließ ihn, nach wenigen Tagen reiste er nach
Memel ab (September 1807). Der König empfing ihn tiefgebeugt und
legte vertrauensvoll die Leitung des gesamten Staatswesens in die
Hände des Ministers, dessen Wirken nicht mehr durch die Ränke eines
geheimen Kabinetts durchkreuzt wurde. „Man ging”, sagte Stein, „von der
Hauptidee aus, einen sittlichen, religiösen, vaterländischen Geist in
der Nation zu heben, ihr wieder Mut, Selbstvertrauen, Bereitwilligkeit
zu jedem Opfer für Unabhängigkeit von Fremden und für Nationalehre
einzuflößen und die erste günstige Gelegenheit zu ergreifen, den
blutigen, wagnisvollen Kampf für beides zu beginnen.” Die Ursachen
des tiefen Falles und die Mittel der Wiedererhebung schildert eine
Denkschrift Steins vom Oktober 1807, die man als das Programm des neuen
Regimentes betrachten kann, also: „Das zudringliche Eingreifen der
Staatsbehörden in Privat- und Gemeindeangelegenheiten muß aufhören,
und dessen Stelle nimmt die Tätigkeit des Bürgers ein, der nicht
in Formen und Papier lebt, sondern kräftig handelt, weil ihn seine
Verhältnisse in das wirkliche Leben hineinrufen und zur Teilnahme an
dem Gewirre der menschlichen Angelegenheiten nötigen... Hat eine
Nation sich über den Zustand der Sinnlichkeit erhoben, hat sie sich
eine bedeutende Masse von Kenntnissen erworben, genießt sie einen
mäßigen Grad von Denkfreiheit, so richtet sie ihre Aufmerksamkeit
auf ihre eigenen National- und Kommunalangelegenheiten. Räumt man
ihr nun eine Teilnahme daran ein, so zeigen sich die wohltätigsten
Äußerungen der Vaterlandsliebe und des Gemeingeistes; verweigert man
ihr alles Mitwirken, so entsteht Mißmut und Unwille, der entweder
auf mannigfaltige schädliche Art ausbricht oder durch gewaltsame den
Geist lähmende Maßregeln unterdrückt werden muß. Die arbeitenden und
die mittleren Stände der bürgerlichen Gesellschaft werden alsdann
verunedelt, indem ihre Tätigkeit ausschließlich auf Erwerb und Genuß
geleitet wird, die oberen Stände sinken in der öffentlichen Achtung
durch Genußliebe und Müßiggang oder wirken nachteilig durch wilden,
unverständigen Tadel der Regierung. Die spekulativen Wissenschaften
erhalten einen usurpierten Wert, das Gemeinnützige wird vernachlässigt
und das Sonderbare, Unverständliche zieht die Aufmerksamkeit des
menschlichen Geistes an sich, der sich einem müßigen Hinbrüten
überläßt, statt zu einem kräftigen Handeln zu schreiten.”

Diese Gedanken stehen in einem schneidenden Widerspruche zu dem Geiste
allfürsorgender Staatsgewalt, der in dem Staate Friedrichs des Großen
vorherrschte, sie wollen allerdings die Revolution mit ihren eigenen
Waffen bekämpfen, doch sie enthalten in sich nur den kleinsten, den
probehaltigen Teil der sogenannten Ideen von 89. Niemand hat den
radikalen Bruch mit der Geschichte, den die Revolution vollzogen hatte,
leidenschaftlicher bekämpft als Stein. „Eine Verfassung bilden”,
schrieb er später an den Großherzog von Baden, „heißt in einem alten
Volke, wie das deutsche, nicht sie aus nichts erschaffen, sondern
den vorhandenen Zustand untersuchen, um eine Regel aufzufinden, die
ihn ordnet; und allein dadurch, daß man das Gegenwärtige aus dem
Vergangenen entwickelt, kann man ihm eine Dauer für die Zukunft
sichern.” Niemand durchschaute schärfer die Leerheit jener politischen
Formen, worin das neue Frankreich das Wesen der Freiheit suchte:
„In Frankreich ist die Nation nur zum Schein zur Teilnahme an den
öffentlichen Angelegenheiten zugelassen, ihr gesetzgebender Körper ist
nur eine der registrierenden Verwaltungsbehörden, das Maschinenwesen
ihrer Bureaukratie ist zusammengesetzt, kostbar, in alles eingreifend
und wird von dem ungebundenen rücksichtslosen Willen eines einzelnen
geleitet.” Er wollte den Neubau des Staates von unten beginnen, der
freie Staat sollte getragen werden von der freien Tätigkeit des
Bürgers. Mit Stolz dürfen wir diese konservativ-liberale Politik
als eine nationale der nivellierenden Staatskunst der Romanen
gegenüberstellen. Zur Durchführung dieser Reformen fand Stein
treffliche Gehilfen in Schön, Schrötter, Niebuhr, Vincke, Stägemann,
während er gleichzeitig alle Mittel aufbot, die Kontributionen an
Frankreich abzuzahlen.

Zunächst vollzog der Minister in den anspruchslosesten Formen eine
tiefgreifende soziale Revolution. Ein uraltes Leiden unseres Nordens,
die Unfreiheit des Landmanns, ward beseitigt, die Emanzipation des
vierten Standes bewirkt durch das Edikt vom 9. Oktober 1807 über
„den erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums
sowie die persönlichen Verhältnisse der Landbevölkerung”, welches die
Gebundenheit der bäuerlichen Grundstücke größtenteils beseitigte und
vor allem jedem, ohne Unterschied des Standes, den Erwerb aller Art
von Grundeigentum freistellte. Die persönliche Leibeigenschaft und der
Gesindezwang ward aufgehoben. Der Edelmann sollte fortan das Recht
haben, ein Bauer zu werden und bürgerliche Gewerbe zu treiben -- ein
Recht, das zugleich als Ersatz galt für die bisherige Bevorzugung
des Adels im Heere. Dergestalt war die scharfe Scheidung der Stände,
welche eine der Grundlagen des friderizianischen Staates bildete, mit
einem Schlage zerstört; denn, Aristokrat von Grund aus und ernstlich
gewillt, dem lebensfähigen Teile der Aristokratie eine einflußreiche
Stellung im Staate nach englischem Muster zu sichern, verachtete Stein
die Begehrlichkeit und die kastenmäßige Absperrung des niederen Adels.
„Der Adel in Preußen”, schrieb er damals, „ist der Nation lästig, weil
er zahlreich, größtenteils arm und anspruchsvoll auf Gehälter, Ämter,
Privilegien und Vorzüge jeder Art ist.” Die Kühnheit des Edikts vom 9.
Oktober erhellt am klarsten aus dem Widerspruche Gneisenaus, der von
dem Gesetze die schwerste Beeinträchtigung des großen Grundbesitzes
erwartete. Es folgten die Edikte vom 28. Oktober 1807 und vom 27. Juli
1808, welche die Erbuntertänigkeit auf den Domänen aufhoben und den
Domänenbauern in Altpreußen das freie Eigentum ihrer Höfe gaben. Die
großen Grundbesitzer wurden erleichtert durch ein Generalindult -- eine
höchst gewagte Maßregel, die, mit Schonung und Umsicht gehandhabt, in
der Bedrängnis jener Zeit sich vortrefflich bewährte. Ein Edikt vom
24. Oktober 1808 gab den Verkehr mit den Lebensmitteln frei, hob den
Zunftzwang für Bäcker, Schlächter und Höker auf. Diese Gesetze bildeten
den Ausgangspunkt für die neue Agrargesetzgebung in Preußen, obwohl
Stein selbst sich sehr hart und mißbilligend äußerte über die verwegene
Fortbildung, welche seine Werke durch Hardenberg erlitten. Sie beruhten
auf der selbständigen, eigentümlichen Anwendung von Grundsätzen, welche
in Frankreich und dessen Vasallenstaaten sich bereits verwirklicht
hatten.

Eine durchaus schöpferische Tat, ohne jedes Vorbild in Europa, war
dagegen die Städteordnung vom 19. November 1808, die ihrem Urheber
den schönen Nachruf verdiente, er sei mit besserem Rechte als König
Heinrich der Städtegründer der Deutschen zu nennen. In den Städten
von Kleve und Mark hatte Stein die Überreste alter Kommunalfreiheit
achten gelernt. Das neue Gesetz gab den Städten die Verwaltung der
Finanzen und der Polizei, den Bürgern die Wahl der Magistrate und
Stadtverordneten. Es wurde die Grundlage alles dessen, was seitdem in
Deutschland für eine Selbstverwaltung im deutschen Sinne geschehen;
selbst in England ist es, mit wenig Glück, nachgebildet worden. Ja,
wenn wir den unreifen, zweifelhaften Zustand unserer parlamentarischen
Institutionen betrachten, so erscheint leider die Behauptung
gerechtfertigt, daß die an Steins Ideen anknüpfenden Gemeindegesetze
bis zur Stunde den bewährtesten, bestgesicherten Teil deutscher
Volksfreiheit bilden. Dies Gesetz war ein erster entscheidender Schlag
gegen die Bureaukratie, deren Alleinherrschaft Stein bis an sein Ende
mit unversöhnlichem Hasse bekämpfte. „Unser Unglück ist,” schreibt
er im Alter, „daß wir von besoldeten, buchgelehrten, interesselosen,
eigentumslosen Buralisten regiert werden. Das geht so lange es geht.
Diese vier Worte: besoldet, buchgelehrt, interesselos, eigentumslos --
enthalten den Geist unserer geistlosen Regierungsmaschine. Es regne
oder scheine die Sonne, die Abgaben steigen oder fallen, man zerstöre
alte hergebrachte Rechte oder lasse sie bestehen, man theoretisiere
alle Bauern zu Tagelöhnern und substituiere an die Stelle der Hörigkeit
an den Gutsherrn die Hörigkeit an den Juden und Wucherer -- alles das
kümmert sie nicht. Sie erheben ihren Gehalt aus der Staatskasse und
schreiben, schreiben, schreiben im stillen, mit wohlverschlossenen
Türen versehenen Bureau und ziehen ihre Kinder wieder zu gleich
brauchbaren Schreibmaschinen an.”

Des Ministers Absicht ging auf eine umfassende Neugestaltung des
Staates, und das von Schön verfaßte Rundschreiben vom 24. November
1808, bekannt unter dem Namen „Steins politisches Testament”, sowie
die niemals vollzogene, von demselben Tage datierte Verordnung
„über die veränderte Verfassung der obersten Verwaltungsbehörden”
zeigen deutlich, in welchem großen Sinne die Reform gemeint war. Das
Nebeneinander von Fachministerien und Provinzialdepartements war
erträglich gewesen, solange Fürsten von so riesiger Arbeitskraft wie
Friedrich Wilhelm =I.= und Friedrich =II.= den lebendigen Mittelpunkt
des Staates bildeten. An der Verwaltungsorganisation des ersten Konsuls
lernte Stein die Notwendigkeit einer übersichtlichen Einteilung der
Staatsgeschäfte, wie er aus den Debatten der Nationalversammlung
lernte, daß der moderne Staat eine Hauptstaatskasse als den Mittelpunkt
des Kassenwesens erheische. Ein Kabinett von fünf Fachministern
sollte fortan an der Spitze der Verwaltung stehen, in Sachen der
Gesetzgebung aber nur eine Abteilung der höchsten monarchischen
Behörde, des Staatsrats, bilden, der alle hervorragenden Kräfte des
Staatsdienstes in sich zu vereinigen hätte. Der Plan war nichts
anderes als eine Rückkehr zu den alten Traditionen der preußischen und
jeder anderen großen Monarchie des Weltteils. Die alte Dienstordnung,
welche dem Verwaltungsbeamten das Recht der Unabsetzbarkeit, den
Regierungskollegien die Stellung von Gerichtshöfen für das öffentliche
Recht gab, war unhaltbar, seit die Städte Selbständigkeit erlangt
hatten; Stein verlangte Absetzbarkeit der Verwaltungsbeamten. Eine
allgemeine Einkommens- und Vermögenssteuer, ohne Ansehen des
Standes, sollte dieser kraftvollen Regierung reiche Mittel zur
Verfügung stellen. Alle Regierung und Gerichtsbarkeit sollte von
der höchsten Gewalt ausgehen, daher Abschaffung der Gutspolizei und
der Patrimonialgerichte, das will sagen: eine neue Gemeindeordnung
für das flache Land. Das Edikt vom 9. Oktober, von seinem Urheber
die =Habeas-corpus=-Akte Preußens genannt, muß gesichert werden
durch die Abschaffung der Fronden und eine neue Gesindeordnung.
Reform des Adels, dergestalt, daß er sich nach englischer Weise
durch die tüchtigsten Elemente aus dem Volke immer neu ergänze.
Kräftigung des religiösen Lebens und des Volksunterrichts (eben jetzt
geschehen die ersten Einleitungen für die Gründung der Berliner
Hochschule), Reform des Heerwesens in dem Geiste, der die neue
Militärreorganisations-Kommission (Scharnhorst, Gneisenau, Grolman)
beseelte und aus Blüchers militärischem Glaubensbekenntnisse sprach:
„Es ist vor einer Nationalarmee zu sorgen, niemand in der Welt muß
eximiert sein”. Neben den Provinzialbehörden Landstände. Zuletzt nach
Vollendung dieses Unterbaues Reichsstände, zwar wesentlich auf dem
Grundbesitze ruhend, aber mit dem Rechte der Steuerbewilligung und der
Mitwirkung bei der Gesetzgebung, „denn auf diesem Wege allein kann der
Nationalgeist positiv erweckt und belebt werden”.

Ein Gewaltstreich Napoleons machte diesen Plänen ein Ende, welche,
vollständig verwirklicht, unserem Vaterlande ein Menschenalter
tastender politischer Versuche ersparen konnten. Mitten in der Arbeit
der inneren Reform ging alles Dichten und Trachten des Ministers auf
die Abschüttelung des fremden Jochs, und wenn die neuen Agrargesetze
die Anhänger v. d. Marwitz' unter dem brandenburgischen Landadel
erbitterten und einen York zu Flüchen wider das Nattergezücht der
preußischen Jakobiner hinriß, so erregte Steins Entschluß, den Kampf
mit dem Eroberer zu wagen, Entsetzen unter der französischen Partei
am Hofe, den Kalkreuth und Voß, und bei der Masse der Schwachen
und Trägen. Stein galt in diesen Kreisen, wie Gneisenau berichtet,
„als ein Verzweifelter, der sich mit dem König auf eine Pulvertonne
setzen wollte, um sich in die Luft zu sprengen”. Bereits rüstete
Österreich. Stein hoffte auf eine gleichzeitige Erhebung Preußens,
er gedachte die französischen Satrapenländer im Norden zum Aufstande
zu reizen und zählte auf die Kraft der Bauern und des Mittelstandes,
während er nichts hoffte von der „Weichlichkeit der oberen Stände,
und dem Mietlingsgeiste der öffentlichen Beamten”. Allerdings mochte
Stein damals die hohe Leidenschaft, die seinen Feuergeist verzehrte,
allzu kühn in die Herzen der müden Masse übertragen. Schwerlich war
der Haß gegen die Fremden bereits tief genug in das Volk gedrungen,
um jetzt schon einen Verzweiflungskampf zu wagen. Noch weniger ließ
sich erwarten, daß Kaiser Franz den Krieg in jenem großen deutschen
Sinne, den Stein verlangte, beginnen und seine Truppen unter
schwarz-weiß-gelbem Bundesbanner -- mit den Namen „der Befreier der
Nation”, Hermann und Wilhelm von Oranien, auf den Fahnen -- in das
Feld schicken werde. Ein Brief Steins, der den Fürsten Wittgenstein
ermahnte, die Unzufriedenheit im Königreich Westfalen zu schüren, fiel
den Spähern Napoleons in die Hände und erschien am 8. September 1808 im
Moniteur. Der Kongreß von Erfurt beseitigte jede Hoffnung auf Rußlands
Beistand, und Stein sah sich gezwungen, seinen Abschied zu fordern. Er
nahm mit sich das Lob seines Königs, durch die Wirksamkeit eines Jahres
„den ersten Grund, die ersten Impulse zu einer erneuerten, besseren
und kräftigeren Organisation des in Trümmer liegenden Staatsgebäudes
gelegt zu haben”. Am 16. Dezember unterzeichnete Napoleon das Dekret,
welches =le nommé Stein= als einen Feind Frankreichs und des Rheinbunds
ächtete und seine Güter einzog. „Sie gehören nun der Geschichte an,”
rief Gneisenau dem Geächteten zu. Die Nation wußte jetzt, wen unter
den Deutschen der Kaiser am bittersten haßte. In tausend Herzen prägte
sich jetzt das Bild des Reichsfreiherrn ein -- die gedrungene Gestalt
mit dem breiten Nacken, jäh und eckig in jeder Bewegung, die funkelnden
braunen Augen und die Eulennase über den fest geschlossenen Lippen
-- ein Geist von deutscher Tiefe und Gründlichkeit, hochgebildet und
dennoch schlicht und kernhaft, der seine schwerwiegenden Gedanken oft
in ungelenken Formen, doch mit überzeugender Kraft und volkstümlicher
Derbheit aussprach -- ein Mann ohne Menschenfurcht, vornehm und
herrisch und doch milden Sinnes um die Leiden der kleinen Leute besorgt
-- voll Feuers und heiligen Zornes, aber ein demütiger Christ und klug
besonnen inmitten der Aufregung, unerschütterlich im Glauben an die
Zukunft seines Volkes und an das Walten der Vorsehung -- der ganze Mann
eine wunderbare Verbindung von Naturkraft und Bildung, Tatkraft und
Billigkeit, von glühender Leidenschaft und nüchterner Erwägung.

Steins Nachfolger ward nicht Schön, den er vorgeschlagen, sondern
Altenstein, unter dessen Verwaltung der Staat, in tiefe Schwäche
versunken, den Geächteten nicht zu beschützen wagte. In Brünn,
Troppau, Prag verlebte Stein die nächsten Jahre, doch selbst unter dem
Ministerium Stadion konnte man zu Wien sich nicht entschließen, diese
gewaltige Kraft zum Kampfe gegen Napoleon zu verwerten. Stein durfte
dann und wann den österreichischen Staatsmännern einen Rat erteilen, er
versuchte auch, als im Jahre 1810 Hardenberg sein Ministerium bildete,
wieder auf Preußens Geschicke einzuwirken, auf die innere Verwaltung
wie auf die Vorbereitung eines Volkskrieges nach dem Muster Spaniens
und der Vendée. Im ganzen blieb er ohne Einfluß. Es war die Zeit, da
Gneisenau die entsetzlichen Worte schrieb: „Wir dürfen es uns nicht
verhehlen, die Nation ist so schlecht als ihr Regiment.”

Auch Stein, der soeben die Erhebung Österreichs vom Jahr 1809
mit Bewunderung betrachtet, verlebte jetzt Augenblicke, da er an
dem preußischen Staate und an dem unverbesserlichen „Phlegma der
nördlichen Deutschen” verzweifelte. Endlich bei dem Herannahen des
russischen Feldzugs schien ihm die Stunde gekommen für einen großen
Befreiungsversuch. Er hatte schon im Jahre 1808 den Zaren Alexander zu
einer selbständigen Politik ermahnt und bot ihm jetzt seine Dienste
an. Fast gleichzeitig (Mai 1812) ereilte ihn die Einladung des Zaren.
Er blieb ohne amtliche Stellung, als ein selbständiger Rat, eine Macht
durch sich selber, an Alexanders Seite, und soweit die nun folgenden
Ereignisse von dem Willen einzelner Sterblicher abhingen, hat Stein an
der Befreiung Europas ein größeres Verdienst als irgendein Mensch. Er
war es, der den Kaiser zu dem Entschlusse bewog, den Krieg bis nach
Sibirien hinein fortzusetzen, er erfüllte den schwachen, edelsinnigen
Monarchen mit einem Hauche seiner eigenen Leidenschaft, er bestimmte
ihn, nach dem Siege, den Wünschen des Heeres zum Trotz, den Niemen zu
überschreiten. Je näher die Gefahr sich heranwälzte, um so freudiger
und zuversichtlicher hob sich alles Schneidige und Heldenhafte seines
Wesens. Er verachtete die Oberflächlichkeit der meisten gebildeten
Russen, doch er freute sich an der religiösen Begeisterung, dem
Opfermute des Volkes, und auch unter den höheren Ständen fand er
treffliche Helfer, so die Grafen Kotschubey und Lieven. Er sah in
dem russischen Kriege nur ein Mittel für seinen teuersten Zweck,
die Befreiung Deutschlands. Stein stand an der Spitze des deutschen
Komitees in Petersburg, ließ Aufrufe unter den Rheinbundstruppen
verbreiten, um sie zur Fahnenflucht zu verleiten, und durch die
Schriften seines treuen E. M. Arndt auf die Herzen der Deutschen
wirken, er bildete -- mit geringem Erfolg -- die deutsche Legion als
den Kern des künftigen deutschen Heeres, er drang auf Verbindung
mit England und zeigte der Regierung die Mittel, welche ihr nachher
ermöglichten, 40 Millionen Rubel russischen Papiergeldes in Deutschland
umzusetzen und also den Krieg fortzuführen. Während er also jeden Hebel
in Bewegung setzte zur Bekämpfung Napoleons, fand er doch Worte der
Billigkeit für jene preußischen Offiziere, welche, dem Fahneneide treu,
im Heere des Imperators fochten.

Die Pläne, welche er in jenem Petersburger Winter für Deutschlands
Umgestaltung entwarf, sind das Idealste und Verwegenste, was jemals
über deutsche Politik gedacht worden. Und dies bildet, nächst seiner
Teilnahme an der Umgestaltung Preußens und der Befreiung Europas,
das dritte welthistorische Verdienst des Mannes: er hat früher und
schärfer als irgendein Staatsmann die Einheit Deutschlands, ohne
Phrasen und Vorbehalte, als das höchste Ziel deutscher Politik
aufgestellt, er war der erste unter unseren Staatsmännern, der in jedem
Wechselfalle unwandelbar und mit hellem Bewußtsein nur das Wohl des
ganzen Vaterlandes ins Auge faßte. „Ich habe nur ein Vaterland, das
heißt Deutschland -- schrieb er an Münster, der ihn des einseitigen
Preußentums beschuldigte -- und da ich nach alter Verfassung nur ihm
und keinem besonderen Teile desselben angehörte, so bin ich auch nur
ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben.” Wer ihm
von Schonung der althergebrachten Zersplitterung redete, dem erwiderte
er: „einen solchen Zustand wiederherstellen ist gerade so, als wolle
man darauf bestehen, daß ein toter Mann auf seinen Beinen stehen
solle, weil er es tun konnte, solange er noch lebte.” Jede Rücksicht
auf die Dynastien verwarf er: „Als ob es in Deutschland darauf
ankäme, ob ein Mecklenburg usw. existiert, und nicht, ob ein starkes,
festes, kampffähiges deutsches Volk ruhmvoll im Krieg und Frieden
dastehe!” Sein Ziel war die „Einheit, und ist sie nicht möglich, ein
Auskunftsmittel, ein Übergang”. In jenem Augenblicke, da der gesamte
Länderbestand Europas im Wanken war, schien ihm selbst das Höchste
erreichbar: eine große Monarchie von der Weichsel bis zur Maas und den
Vogesen, ebenso Italien zu einer geschlossenen Masse verbunden -- ganz
Mitteleuropa in jenem Zustande „der Kraft und Widerstandsfähigkeit”,
den er in seiner Lieblingszeit „unter den großen Kaisern” vom zehnten
bis zum dreizehnten Jahrhundert zu finden glaubte. Sei dies nicht
möglich, so solle man Deutschland nach dem Laufe des Mains zwischen
Österreich und Preußen teilen, die Rheinbundsfürsten als „betitelte
Sklaven und Untervögte” des Eroberers behandeln und auch die von
Napoleon verjagten Fürsten nicht als Bundesgenossen gelten lassen.
Könne man auch dies nicht erreichen, so bleibe als letzter Ausweg,
daß man jedem der beiden „verfassungsmäßigen Königreiche” Österreich
und Preußen einige Kleinstaaten als Vasallen unterordne, etwa Bayern,
Württemberg, Baden mit geschmälertem Gebiete der südlichen, Hannover,
Hessen, Oldenburg, Braunschweig der nördlichen Macht. Man wird in
diesen Plänen den hochherzigen Patriotismus ebensowenig verkennen,
wie die leidenschaftlich unklare Erregung der Zeit und den Stolz des
Mediatisierten, der nicht begriff, warum „man mit diesen Zaunkönigen so
viel Umstände mache”.

Als das Heer die deutsche Grenze überschritten hatte, nahm er die
Leitung der ostpreußischen Angelegenheiten in die Hände, zog sich
jedoch besonnen zurück, da er York und Schön und die Männer des
preußischen Landtags voll Eifers für die große Sache, aber auch
voll Sorge wegen der russischen Eroberungslust sah. Am 25. Februar
1813 erschien er mit Anstett in Breslau und beredete den zaudernden
König, Scharnhorst in das russische Hauptquartier zu schicken
-- eine Sendung, welche den Abschluß des preußisch-russischen
Bündnisses zur Folge hatte. Er folgte nunmehr dem Hauptquartiere der
Monarchen, rastlos anspornend und ermutigend, ein Todfeind aller
halben Maßregeln und „verderblichen Waffenstillstände”, der feste
Bundesgenosse des Blücherschen Hauptquartieres. Zugleich leitete er
den Verwaltungsrat, der die eroberten Länder, zunächst Sachsen, zu
verwalten hatte, und seine kühne, schroffe Weise stieß hart zusammen
mit der Unentschlossenheit „dieser weichen sächsischen Wortkrämerei”.
Er betrieb eifrig den Abschluß der Allianz mit England. Nach dem
Waffenstillstand trat der lähmende Einfluß Österreichs auf die große
Allianz hervor. Die kühnen Gedanken jenes Petersburger Winters
erwiesen sich als unausführbar. Steins Zweifel an der Lebenskraft
Preußens waren längst verstummt angesichts der großen Erhebung, er
fühlte sich unter dem begeisterten Volke Norddeutschlands „wie in
einem unbekannten Lande”. Andererseits sah er mit Trauer, daß in dem
Österreich Metternichs der Geist von 1809 gänzlich verschwunden war,
daß die Bevölkerung der Kleinstaaten den Dynastien noch eine sehr
starke Anhänglichkeit entgegenbrachte und England in den Reichenbacher
Verträgen sich für Hannover bedeutende Gebietserweiterungen ausbedang.
Sonach war selbst der bescheidenste jener drei Petersburger Pläne
unmöglich, und Stein hielt jetzt die Herstellung der Kaiserwürde,
des Reichstages und der Reichsgerichte für notwendig, damit eine
monarchische Gewalt die kleinen Dynastien in Zucht halte und das
halbdeutsche Österreich durch die Pflichten des Kaisertums an
Deutschland gekettet werde. Vergeblich versuchte er, in Böhmen während
des Stillstandes der Kriegsoperationen nach der Schlacht von Kulm,
diesen Plan bei den Monarchen durchzusetzen. Metternich erklärte seine
Absicht, die deutschen Staaten nur durch ein System von Verträgen zu
verbinden, bald darauf schloß Österreich die Verträge von Ried und
Fulda und erkannte die Souveränität der rheinbündischen Könige an.
Seitdem war jede Aussicht auf eine gesicherte Verfassung Deutschlands
versperrt, und wenn fortan die Ansichten Steins über die Zukunft des
Vaterlandes in jähen Sprüngen wechselten, so war dies nur die Folge
der Unmöglichkeit, auf Grund der gegebenen Sachlage einen dauernden
Rechtszustand zu schaffen.

Nach der Schlacht von Leipzig ward sehr fühlbar, daß Stein, beschäftigt
mit der Organisation Sachsens und der definitiven Einrichtung der
Zentralverwaltung, dem Hauptquartier nicht gefolgt war. Erst nach
seiner Rückkehr faßte man den Entschluß, den Krieg über den Rhein zu
tragen. Stein entfaltete eine ungeheure Tätigkeit bei der Leitung des
Lazarettwesens und der provisorischen Einrichtung der eroberten Länder.
Die Zentralverwaltung war bedeutsam für die öffentliche Meinung, weil
sie der Welt wieder das Schauspiel einer Behörde für gesamtdeutsche
Angelegenheiten gab. Im Feldzuge von 1814 wiederholte sich das alte
Spiel: Stein und die Helden des schlesischen Heeres drängten vorwärts,
während das österreichische Hauptquartier zauderte. Der Aufenthalt
in Paris erfüllte Stein mit tiefem Mißmut, man sah ihn stachliger
und heftiger denn je. Sein Einfluß auf den Zaren begann zu sinken,
umsonst forderte er bei den Friedensverhandlungen gesicherte Grenzen
für Deutschland, umsonst verlangte er, daß Preußen die gute Stunde zur
Befriedigung seiner gerechten Ansprüche benutze. Die Wiedereinsetzung
der Bourbonen war ihm willkommen, als ein „Ruhepunkt” für die ermüdete
Nation, obwohl er den Doktrinen der Legitimisten nicht huldigte.

Von dem Wiener Kongresse sah er früh voraus, daß „das Ganze auf eine
flache und übertünchte Weise endigen werde”, er sah „die Zeit der
Kleinheiten, der mittelmäßigen Menschen” gekommen. In den Händeln
über die Territorialfragen ragte er hervor als Verteidiger der
Einverleibung Sachsens, er warf Talleyrand und dessen Genossen die
treffende Beschuldigung zu, daß sie es seien, welche die Zerteilung
der Völker verlangten. Sein Vorschlag, das eroberte Land durch
einen trefflichen Statthalter, den Prinzen Wilhelm, zu gewinnen,
fand keine Erfüllung. Wie ihn einst Napoleons Bulletins als einen
Demagogen geschildert hatten, so ward er jetzt in der Presse als ein
Borussomane und ein Spießgeselle der brutalen Gewalt angefeindet.
Er aber hielt noch im hohen Alter mit voller Überzeugung seine
wohlbegründete Meinung fest. Dagegen erkannte er die Unmöglichkeit,
ein unabhängiges konstitutionelles Polen mit Rußland auf die Dauer
friedlich zu verbinden. Für die deutsche Verfassung hatte er während
des französischen Feldzugs in Chaumont einen neuen Plan entworfen,
wonach die beiden Großmächte mit Bayern und Hannover als Direktoren
die exekutive Gewalt besitzen und den Bundestag leiten sollten. Im
Sommer darauf schlug er wiederum ein Direktorium der vier mächtigsten
Staaten und eine Kreisverfassung vor, welche so tief in die inneren
Landesangelegenheiten eingreifen sollte, daß die Großmächte sich ihr
nicht völlig unterwerfen konnten; daher verfiel er auf den Ausweg, daß
Preußen nur mit den Ländern links der Elbe, Österreich gleichfalls
nur mit seinen westlichsten Provinzen beitreten solle. Wenn Steins
Meinungen über die Leitung Deutschlands nicht minder unsicher
wechselten, wie die Ansichten der übrigen Zeitgenossen, so bieten seine
Pläne doch sämtlich eine glänzende Seite, die den großen Staatsmann
bekundet; sie enthalten alle sehr bestimmte Garantien für die
Volksfreiheit: -- Grundrechte für alle Deutschen und ausgedehnte, von
Bundes wegen garantierte, durch ein Bundesgericht gesicherte Befugnisse
für die Landstände. Desgleichen verlangte er in allen seinen Entwürfen
unbedingte Einheit der Gesetzgebung für den Verkehr im weitesten Sinne.
Er wünschte, daß die beiden Großmächte und Hannover die Vorberatung
der deutschen Verfassung auf dem Kongresse allein in die Hand nähmen.
Als statt dessen das Fünferkomitee gebildet ward und das Werk schon im
Beginn an dem Widerstande Bayerns und Württembergs zu scheitern drohte,
rief er den Zaren und den Verein der kleinen Fürsten zu Hilfe. Im Laufe
des Winters kehrte er nochmals zu seinem Kaiserplane zurück. Als auch
dieser verworfen ward, versuchte er nur noch, abermals umsonst, dem
Artikel 13 der Bundesakte einen Inhalt zu geben, den Landständen der
Einzelstaaten bestimmte Rechte von Bundes wegen zu gewährleisten. Das
vollendete Werk erschien ihm gänzlich hoffnungslos. Er stand allein auf
dem Kongresse, ohne Vollmacht, ohne Stimmrecht, und sein persönlicher
Einfluß war im Sinken, je mehr die Erinnerung an die großen Tage des
Krieges verblaßte.

Nach Napoleons Rückkehr brauste Steins alter Haß wieder auf, ein Haß,
dessen Glut sich doch sehr wohl vertrug mit scharfsichtiger Würdigung
des Feindes -- wie denn Stein unter den ersten den Zug der Gemeinheit
in dem Wesen des Imperators durchschaute. Stein zuerst ersann den
Gedanken, Napoleon zu ächten. Bei den Verhandlungen über den Zweiten
Pariser Frieden betrieb er rüstig die Rückführung der geraubten
Kunstschätze, doch umsonst verlangte er, diesmal im Bunde mit den
Staatsmännern Preußens und der kleinen deutschen Staaten, Elsaß und
Lothringen für Deutschland zurück. Nachdem also fast alle Pläne, welche
er an die Befreiung der Welt angeknüpft, gescheitert waren, zog er sich
in das Privatleben zurück. Den Posten eines österreichischen und eines
preußischen Bundestagsgesandten lehnte er ab, den einen, weil er sein
Preußen nicht verlassen, den andern, weil er nicht unter Hardenberg
dienen mochte und von der Frankfurter Versammlung kein Heil erwartete.

Er verlebte ein reiches Alter auf seinen Gütern Cappenberg und Nassau,
in lebhaftem brieflichen und persönlichen Verkehr mit bedeutenden
Männern. Die persönlichen Erfahrungen dieser letzten Jahre verstärkten
noch seine Liebe zu Preußen, da er in Nassau den kleinen Krieg
der Bureaukratie wider die Mediatisierten ertragen mußte, während
er in Cappenberg als Landtagsmarschall der Provinz Westfalen eine
hochangesehene Stellung einnahm. Der Tod seiner Gattin, die erst in
späterer Zeit seinem Herzen nahegetreten war, gab seinem Geiste eine
streng religiöse Richtung. Im Eifer seiner Rechtgläubigkeit wünschte er
wohl, der Staat möge „ein Dutzend Rationalisten =extra statum nocendi=
versetzen”. Sein Glaube war echt und ohne Prunk, und obwohl er, nach
der Weise dieser romantischen Tage, dem Katholizismus nähertrat, so
blieb er doch allen ultramontanen Bestrebungen feind: Stein wünschte,
wie sein Freund Erzbischof Spiegel, nationale Selbständigkeit unserer
katholischen Kirche.

Die neuen politischen Zustände boten ihm wenig Anlaß zur Freude. Er sah
auf der einen Seite die Bureaukratie mit ihrer „Wut zu generalisieren”
und überhäufte diese Klasse mit schweren Vorwürfen, deren Härte
sein alter Freund Kunth dem Aristokraten oftmals verwies. Der Adel
andererseits schien ihm „in Selbstsucht, Einseitigkeit, Leerheit,
Unbeholfenheit, Egoismus versunken”. Stein suchte mit Montesquieu
das Urbild freier Verfassung in England und „den deutschen Wäldern”
und verwarf die durch neufranzösische Ideen befruchtete Richtung
des süddeutschen Liberalismus als „seichten, rechtlosen Neologism”.
Die neue demokratische Strömung schien ihm darauf hinauszulaufen,
„das Ganze in ein Aggregat von Gesindel, Juden, neuen Reichen,
phantastischen Gelehrten zu verwandeln”. Die rheinische Gesetzgebung
bekämpfte er mit dem ganzen Hasse des Franzosenfeindes. Während er
so alle vorherrschenden Richtungen im Staatsleben der Einzelstaaten
bekämpfte, fand er die gesamtdeutsche Politik noch unglücklicher
bestellt. Den Bundestag verachtete er als eine „vom Philistergeist
durchdrungene politische Maschine”, und sein Zorn wallte auf, als
die Mainzer Zentraluntersuchungskommission ihn selber als einen
Haupturheber der demagogischen Umtriebe beschuldigte. Ebensowenig
wollte er teilhaben an dem neuen Teutonentum „dieser unbärtigen
fratzenhaften Studenten”. Die Opposition am Bundestage galt ihm
als eine neue Form der alten Rheinbundsbestrebungen; er verdammte
schonungslos jeden Bund im Bunde und das gesamte Treiben der
„Afterbündler”.

Dem Kundigen fällt nicht schwer, in dieser Fülle des Tadels, die
der Alternde nach allen Seiten hin ausspendete, einige große
positive Gedanken zu erkennen, welche zeigen, daß Stein noch immer
auf der Höhe der Zeit stand, während er zu Wien als ein Haupt der
militärischen Jakobiner, unter den Alltagsliberalen als ein Junker
verrufen war. Zunächst verlangte er immer aufs neue Erfüllung der dem
Volke gegebenen Verheißungen; denn „den durch die lautere Milch des
Jesuitismus noch nicht getrübten Menschenverstand” werde man nicht

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