Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Die Armen: Ein Roman

by Heinrich Mann · German · Gutenberg #46987 · 360,525 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die Armen: Ein Roman
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Die Armen: Ein Roman

Author: Heinrich Mann

Illustrator: Käthe Kollwitz


        
Release date: September 28, 2014 [eBook #46987]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/46987

Credits: Produced by Jens Sadowski


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ARMEN: EIN ROMAN ***

                            Heinrich Mann




                              Die Armen
                              Ein Roman


              Einundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend

                          Kurt Wolff Verlag
                               Leipzig

              Gedruckt bei Dietsch & Brückner in Weimar
              Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1917

                              Die Armen




I

Hassende, Liebende


Die Kinder schrien tosend vor dem großen Arbeiterhaus von Gausenfeld;
hunderte von Kindern, hervorgequollen aus dem überfüllten Haus, worin
sie alle geboren waren, rannten, zappelten, prügelten sich auf der
grauen Wiese. Alte Männer, die nicht mehr arbeiteten, standen, wenn sie
besonnt war, an der Mauer und sahen ihnen zu. Die Kleinsten fielen
unaufhörlich in den Graben, der die Wiese von der Landstraße trennte,
immer eilten Mütter oder Schwestern zum Retten herbei. Die Größeren
sprangen hinüber, am liebsten auf der Seite, wo der Graben neben dem Weg
zum Friedhof lief; und drüben warfen sie einander gegen den wackligen
Zaun der Villa Klinkorum. Brach ein Brett heraus, dann rasch hinein und
Äpfel holen. Der Besitzer hörte mit Zorn und Entsetzen das Knacken der
Zweige, die sie mitrissen, aber auf seinen steifen Beinen kam er immer
zu spät, sie waren schon draußen und zeigten ihm aus einiger Entfernung
das unreife Obst, es sei auf der Straße gelegen. Dann hielt er ihnen
eine Rede über das Eigentum und die Bildung, immer dieselbe Rede, denn
niemals merkte er, daß er es mit denselben Jungen zu tun hatte.
Klinkorum war Schullehrer gewesen, aber einer für die Reichen; und weil
ihm schon die Zähne ausgefallen waren, wollte er nun hier sich mausig
machen. Kaum war er fort, polterten alle gegen seinen Zaun, und
irgendeiner kroch hinein und setzte ihm etwas auf den Gartenweg. Der
alte Malermeister, der unten im Haus wohnte, durfte es sehen, er lachte,
wenn er auch schalt. Nur den kleinen Mädchen war es von ihren Müttern
streng verboten, ihm zu nahe zu kommen.

Dies war nicht alles, was Professor Klinkorum zu erdulden hatte. Kehrte
er aus der Stadt heim, zuweilen schon ganz nahe bei seinem Grundstück
überholte ihn, wie er auch hastete, das Heßlingsche Automobil und
bedeckte ihn mit Staub oder Schmutz. Generaldirektor Geheimer
Kommerzienrat Dr. Heßling in seinem Staubmantel blickte unerbittlich
geradeaus, und Klinkorum, von außen gegen seinen eigenen Zaun gedrängt,
äugte mit ohnmächtigem Haß, bis er, ganz in einer stinkenden Wolke
befangen, die Augen schloß. Innerlich hielt er in solchen Minuten seine
zweite Rede über das Eigentum, die Rede dagegen, -- wenn es nämlich
schrankenlos und überheblich war. Die Bildung war das Erste und mußte es
bleiben.

Damit ging er hinauf in sein Studierzimmer. Von hier übersah er ganz
Gausenfeld, hinter den Arbeiterhäusern das wüste Gelände, bis zum Wald,
bis zur Fabrik. Es ward Nacht, an der Friedhofsmauer die Lampe leuchtete
nahe, und weit dorthinten die gereihten Lichter der Fabrik.

Aus der Fabrik kehrten die Arbeiter heim; ihr Massenschritt dröhnte, von
ferne fühlbar, bis in das Studierzimmer; und Klinkorum dachte nicht ohne
Achtung an den Herrn der Massen, ihn, Heßling, Besitzer Gausenfelds,
großen Reichtums und mancher Würden. Wie hatte er es dahin gebracht, als
Chemiker und Papierfabrikant? Durch Machenschaften und Kunstgriffe
geschäftlicher wie politischer Art, über die es auch nach sechzehn
Jahren in der Stadt noch nicht still war. Der selbstgemachte Mann
freilich blieb zu achten. Er wieder aber achte noch höhere Rechte!
Klinkorum hatte gespart, bis er weit draußen an der Landstraße dies
einsame kleine Haus erstehen konnte, die Freude seines letzten
Lebensdrittels. Gepflegt und lauschig, ein Sitz der Muse, ruhte es im
Grünen, unaufgestört von Weihelosen; denn nur langsame Bauernwagen
zogen, mit Ochsen, breitstirnigen, schwerausschreitenden bespannt,
vorüber, und Gausenfeld, das einzige größere Anwesen in der Weite, diese
Stätte der Papierfabrikation lag jenseits von Feldern und Wald, man sah,
hörte und roch sie nicht. Da aber, was geschah? Der neue Herr von
Gausenfeld vergrößerte seine Fabrikanlagen. Er legte den Wald so weit
nieder, als er jene unedlen Baulichkeiten dem Blick entzogen hatte. Die
Arbeiter-Familienhäuser wuchsen über das Feld heran, immer nach Westen,
immer auf Klinkorum zu. Auch kam es dahin, daß gleich hinter seinem Zaun
dies Volk sich begraben ließ. Und dem Friedhof, als vorletztem Streich,
folgten die Kasernen der Proletarier, Ungeheuer von Häusern,
hinschattend über Klinkorum und seinen bescheidenen Ruhesitz, ihn mit
Gerüchen bedrängend, in Ruß verschüttend so Garten wie Haus und um es
her eine Zone breitend des Gestampfes, Geschreis, Totschlages und der
bildungsfeindlichen Roheit!

Nun waren die Lichter ausgelöscht in der Fabrik und entzündet in den
Kasernen, in der Kantine an ihrem Flügel. Dorther kam Lärm. Der Arbeiter
Karl Balrich aber, still in seinem Zimmer 101 des Arbeiterhauses B,
stand am Fenster, sah vor sich dasselbe wie der Besitzer der Villa
Klinkorum und dachte nach, auch er, über die Welt, die ihn umgab.
Freilich, die vielen Geräusche des Hauses selbst, von rechts, links,
oben, unten übertönten bei weitem seine Gedanken an das Fernere. Er
hörte um sich her, des Sonntags wenn er ruhte und jetzt am Abend bevor
er schlief, Streit, Küsse, Gespräche über Geld und Essen, die Prügel für
die Kinder, hörte durch das hallende und zitternde Haus alles was
vorging, was das Leben der Menschen war und was es schon nicht mehr war:
ihr letztes Wimmern, ihr Abschiedsgestöhn. Aber öfter als Sterben hörte
er Gebären. Er sagte sich dann, je nachdem ihm an dem Abend zu Sinn war:
»Wieder ein Mann für die Arbeiterbataillone« oder: »Heßling kann lachen;
wieder ein Dummer.«

Denn der Arbeiter Balrich sah, wie die Dinge lagen, in der Person des
Generaldirektors Heßling den höchsten Zweck und das letzte Ergebnis des
ihn umgebenden Lebens, aller dieser Mühen, Aufregungen und Schmerzen --
und nicht nur dieser hier. Von Gausenfeld zu schweigen, die Stadt, wie
sie war, arbeitete für den Reichen und fristete sich nur durch ihn. Das
Land selbst drehte sich wahrscheinlich nur um seinesgleichen. Ihm
zuliebe das Militär; und der König sogar eigentlich sein Narr. Den hielt
er sich aus, er aber verdiente. Auf das Geld kam es an.

»Wenn es auf das Geld ankäme,« sagte an seinem Fenster der Professor,
»dann würde dieser Heßling mit Recht die Umstände meines Lebens auf jene
Stufe hinabdrücken, wo seine Lohnsklaven schmachten, -- indes er selbst
--.« Hinter dem Wald wohnte er selbst. Über dem von ihm bebauten Tal der
Armut und des Unrates, aber bewahrt vor seinem Duft und Anblick hinter
eigenem Wald auf grünem Hügel, in seiner hellen und blumenumleuchteten
»Villa Höhe« hauste leichten Herzens mit den hochgemuten Seinen der
Eigentümer, Anstifter und Nutznießer dieser ganzen sozialen Schmutzerei.
Das Wort fiel. Zwei Freunde traten ein bei Klinkorum, und sowohl der
Arzt Dr. Heuteufel wie der Konsistorialrat Zillich wiederholten das
Wort. Je höher die Bildung, um so entwickelter der soziale Sinn -- und
mit ihm das Feingefühl für die Herausforderungen des Kapitals, dies
Hinbreiten des ausschweifendsten Luxus gleich neben dem Schauspiel des
Elends, dieses Autojagen an den Enterbten vorbei, dies Hupengeheul.

Die Schwester des Arbeiters Balrich bekam droben von Dinkl, ihrem Mann,
eine Ohrfeige, die bis her schallte, und sie selbst hieb die Kinder. Als
alle genug geschrien und die Nachbarn genug gelacht hatten, machte sie
sich plärrend an das Nachtgebet. Karl Balrich dachte noch immer: »Auf
das Geld kommt es an.« Da zog links drunten der Herbesdörfer, seine
Harmonika lang aus, und Balrich merkte es nun, daß er mit dem Denken
nicht vorwärts kam. Schwer war es, von dem wirklichen Gang der Welt,
ihren Zusammenhängen und Gesetzen etwas Deutliches zu erfahren. Die
Redner in den Versammlungen redeten von weit her; um sie anders zu
verstehen als bloß mit unserem Haßgefühl, mußten wir uns bis dahin
durchschlagen, wo sie zumeist von Geburt schon standen. Und wie jetzt
noch zu so viel Bildung kommen?

Die Herren im Studierzimmer murrten: »Den Bau der elektrischen Bahn nach
Gausenfeld hat er hintertrieben. Er scheut den Verkehr der Welt mit
seinem Jammertal, er wünscht keine Einblicke und ist gegen einen häufig
wiederholten Besuch seiner Leute in der Stadt, bei ihren Genossen, auf
den Versammlungen. Am Sonntag will er sie in seine Kantine zwingen. Wie
in einem Ghetto sollen sie sich fortpflanzen und nichts von allem was
sie sind und leisten, ihm verlorengehen. Die Folgen ermesse man! Was
mich betrifft, ist es mir bekannt, daß die Gausenfelder
Körperverletzungen um viele Prozent unsere sonstigen übersteigen.
Niemand wundere sich, wenn ich, Klinkorum, eines Morgens in einer
Blutlache aufgefunden werde! Wäre ich nicht der Ordnungsmann, der ich
bin, ich wüßte die Stelle zu finden, wo die Öffentlichkeit sich packen
ließe.« -- Ja, die murrenden Gebildeten warfen bei einer neuen Flasche
Wein sogar die Frage auf, ob ein Mann von mittlerem Einkommen, aber
einer gewissen geistigen Höhe, mit seinem Glück und Dasein denn wirklich
gebunden sei an den Bestand der jetzigen Dinge. Als die Flasche leer
war, sahen sie das Schlimmste voraus, eine Katastrophe, ein Weltenende.
»Ich sehe es,« rief Klinkorum, vom Geist berührt. »Ich sehe, daß einer
aufstehen wird und mich rächen!« -- wobei er sich fester in die Ecke
setzte.

Der Arbeiter sagte, drüben im Hofzimmer, seinen beiden jungen Brüdern
gute Nacht; und bevor er sein Fenster schloß, stand er dann im Wind,
quer über die breite Stirn liefen ihm die zusammengewachsenen Brauen, er
machte Fäuste, stemmte die Schultern hinauf, als höbe er eine Last, --
und dachte mühselig weiter, tastete sich im Dunkeln ein Stück an seinem
Schicksal hin, wie es denn aussehe, wohin es denn verlaufe mit den
anderen in der Welt. Ihm schien es dunkel und windig, wie das öde Feld,
auf das er hinaussah und das endete mit dem Friedhof. Zwischen sich und
dem Friedhof fand er nichts als Ungerechtigkeit und Haß.

Beim Abschied lenkten die Studierten ein. Die reichen Leute hatten
natürlich ihre unermeßliche soziale Nützlichkeit. Und nach außen
verbürgten sie unser Ansehen, unsere Schlagkraft, die Erweiterung
unserer Grenzen. Übrigens waren nicht alle reichen Leute wie Heßling, --
und selbst Heßling, war seine Tüchtigkeit denn zu verachten? Im
Gegenteil zog ganz Netzig Nutzen aus ihr. Die wenigen Gausenfelder
Aktien, die er damals bei seiner großen Operation, als er
Generaldirektor wurde, in fremden Händen gelassen hatte, waren seltene
Kostbarkeiten geworden, sie vererbten sich vom Vater auf den Sohn. Jeder
der drei Herren vermutete von den anderen, daß sie welche hätten, und da
sie es nicht gestanden, gestand auch er es nicht. Beim Abschied fragte
jeder, mit unbeteiligtem Gehaben: »Wie stehen sie denn jetzt?«

Der Haß! fühlte der Arbeiter Balrich. Mit ihm gehst du schlafen und
stehst wieder auf mit ihm. Vor sechs, den Rockkragen hinauf und los, den
fröstelnden grauen Weg nach der Fabrik, zu Hunderten schweigend und
trabend, Trab hinter sich, vor sich, in sich, Trab wie Maschinenlauf.
Alle verschrieben der Ungerechtigkeit, alle unter dem unablässigen Druck
des Hasses, gewohnt wie schlechte Luft und Lärm von Maschinen. Und
dabei, welcher war der ärgere Feind? Heßling, für den man sich krumm
rackerte, oder dieser Simon Jauner, der es auch tat, -- aber seit heute
stand er bei der Papiermaschine am Platze Balrichs, unten, wo die
fertigen Bogen ankamen und wo man von der Tür her Luft hatte. Den besten
Platz hergeben müssen, an einen, der früher einmal etwas gehabt hatte
mit der Frau des Maschinenmeisters Polster! Noch dazu war sie die
Schwester seines Schwagers Dinkl. Balrich schwitzte den ganzen Morgen
mehr von Wut als von der Hitze. Als aber der Inspektor vorüberkam und
ihn fragte wieso, biß er die Zähne zusammen. Das war unsere Sache und
nichts für die Herren oben! Der Inspektor freilich wußte Bescheid, denn
mit der Frau des Maschinenmeisters hatte er jetzt selbst etwas. Daher
meldete er sich auch bei dem Herrn Oberinspektor, und beide gingen, als
es Mittag läutete, sogar zum Generaldirektor hinein. Dann ward der
Maschinenmeister hineingerufen und kam sogleich wieder herausgeflogen,
der dicke Hahnrei, rot bis auf die Glatze. Und dann hatte Balrich seinen
Platz zurück, Heßling war gerecht gewesen.

Darüber sprachen alle auf dem Weg zum Essen. Kam ein Beamter vorbei,
sagten manche recht laut, Heßling sei gerecht gewesen, -- auch Jauner
sagte es, denn so war er. Balrich, an den sich viele von ihnen
heranmachten heute, dachte den ganzen Tag über die Sache nach, denn
Heßling war gerecht gewesen, und das ging nicht. Erst am Abend, vor
seinem Fenster, hatte er es. Gewiß hatte auch Heßling von den
Liebesgeschichten der Polster etwas erfahren und ihm lag nur an der
Ordnung, seinem eigenen Vorteil. Um so schlimmer, dann konnte er gerecht
sein, weil es sein Vorteil war, und die Reichen wurden reicher sogar
durch ihre Tugend . . . . So stand es, dachte er gleich am Morgen
wieder, denn es war Sonntag. Da begann aber schon, droben in der Ferne,
das Gebetplärren seiner Schwester Malli, und kaum daß es aus war, ein
großes Gekeif.

Diesmal hörte er auch Leni, seine jüngere Schwester, mitschreien,
weshalb er schnell hinging um nachzusehen. Es gab einen ganzen Kübel
voll Dreck. Malli wollte Dinkl ertappt haben bei Leni hinter dem
Bretterverschlag; und hinweg über ihren großen Bauch, woran drei Kinder
sich festhielten, schrie sie ihm zu, er solle sich nichts einbilden, er
sei nicht der einzige, -- indes Leni aufheulte und Dinkl aus
Verlegenheit seine komischen Gesichter schnitt.

»Schäm' dich!« sagte Balrich zu der verheirateten Schwester. »Ich weiß
ganz genau, daß das wieder nur ein Schwindel von dir ist.« Und er zog
Leni an seine Schulter. Denn obwohl er gar nichts wußte, war es
unmöglich, daß sie so etwas tat. Er hatte sie lieb. Er hatte sie so viel
lieber als Malli, daß er ein schlechtes Gewissen fühlte und nichts mehr
sagen mochte. Leni durfte noch hübsch, leicht und sauber sein, Malli,
die ärmste, ward es nie wieder. »Und ich, wenn ich erst verheiratet bin,
werde aussehen wie Dinkl.« Malli hatte früher nicht gelogen. Jetzt ward
nach dem Aufstehen gebetet, und dann sofort eine Klatschgeschichte, die
das ganze Haus durcheinander brachte. Alle hier waren gute Leute, und
handelten infolge ihrer Armut als seien sie böse Leute, -- indes Reiche,
die nicht gut waren, sogar gerecht sein durften.

Schön, jetzt trat die Polster auf und behauptete, Dinkls hätten ihr
Milch gestohlen. Neuer Krach, neue Tränen, und durch die Aufregung kamen
bei Malli die Wehen. Die Polster half ihr sofort wie eine wahre
Schwester, zog sie aus, bettete sie, versprach ihrem Bruder Dinkl sein
Essen und nahm die drei Kinder mit sich. Sie selbst hatte keine, darum
konnten Polsters sich zwei schöne Zimmer halten. In dem einen standen
Plüschmöbel, Blattpflanzen und ein Phonograph, es kam wohl auch von den
Freundschaften der Frau. Aber wenn man das hätte genau nehmen wollen!
Dinkl hatte noch die besondere Freude, daß das Familienereignis auf den
Sonntag fiel und Malli voraussichtlich nicht mehr als zwei Arbeitstage
verlor. Nachmittags, gerade als Balrich wieder nachfragte, kam hoher
Besuch, Frau Generaldirektor Heßling und ihre Schwägerin Buck. In der
Tür blieben sie stehen, sie machten Gesichter, als ob es ihnen an die
Gurgel ginge. Wahrscheinlich wirkte die Luft hier so, wenn du sie nicht
gewöhnt warst. Sie aber schienen sich deswegen zu genieren und fingen
an, auf Malli einzureden wie auf einen kranken Kanarienvogel. Mit der
Hebamme flüsterten sie und zogen die Brauen hoch. Balrich sah sich so
lange und genau die Buck an, bis die Heßling es merkte und halblaut:
»Emmi!« rief, wobei sie sie streng am Arm packte. Dabei ließ die Buck
ihre Tasche fallen und Balrich, mit einem Sprung, hob sie auf. Als er
sie ihr hinhielt, zog sie zuerst die Hand zurück, dann erst unter dem
Blick ihrer Schwägerin griff sie zu. Inzwischen beroch er sie, denn sie
roch nach Veilchen. Sie war noch hübsch, die Figur war, wie unsere
Mädchen sie nur bis zwanzig haben. Auch Leni hatte so goldblondes Haar,
aber das der Buck war nicht verstaubt. Endlich, während sie die Tasche
nahm, sah sie ihn sogar an und lächelte, etwas schüchtern und sozusagen
besänftigend. Vor seinen zusammengewachsenen Brauen machte ihr Lächeln
aber sogleich kehrt. Darauf trat Balrich hinter den Bretterverschlag
Lenis.

Dinkl kam zu ihm, stieß ihn in die Seite und wisperte, warum er sich
verkrieche. Die eine sei scharf auf ihn, da habe er einen schönen Posten
in Aussicht. Dinkl machte Witze, weil es ihn nichts anging. Balrich, den
es anging, hatte ein Gefühl in der Brust, wie er es einmal gehabt hatte,
als er entlassen worden war. Die Buck hatte ihn behandelt wie ein Tier,
-- man fürchtet es und nimmt es doch nicht ernst; nicht aber wie einen
Mann.

Nun gingen sie, Dinkl, scharwenzelnd, brachte sie hinaus, da geschah ein
Unglück. Aus seinem tiefen Bückling war Dinkl noch nicht wieder
aufgekommen, als sie es schon hatten und auf der Treppe lagen, die
Heßling verlor den Hut samt der Hälfte ihrer weißen Haare. Über dem
Geländer hoch droben wälzten die Dinklschen Kinder sich vor Lachen, --
worauf der Vater zu begreifen anfing. Mit geschwungener Faust verjagte
er die Kinder und half dann den Damen. Zum Glück nahte von unten der
Herbesdörfer, so brachte man sie bald wieder auf die Füße. »Mein Gott,
was war denn das!« riefen sie, auf einmal mit ungezwungenen Stimmen.
»Ist hier auf den Stufen nicht Seife?« Dinkl wollte es leugnen oder
unbegreiflich finden, Herbesdörfer erhob seine eingerostete Stimme nur
zu einem »Achtung!« und breitete die starken Arme aus, für alle Fälle.
Sie aber baten die beiden Arbeiter, nachzusehen, wie es rückwärts um sie
stehe, und als Dinkl durchaus keine Seife an ihnen fand, fanden sie
selbst sie.

»Was jetzt! Wir müssen doch zum Tee in die Stadt. Noch einmal nach Hause
und uns umkleiden?«

Dinkl riet hierzu, sie wieder meinten: »Das kostet eine halbe Stunde,
und was sagt die Generalin!«

Angelegentlich wandten sie sich an Herbesdörfer, um auch seine Ansicht
zu erfahren, freilich ohne Erfolg, er machte ein barsches Gesicht. Die
Polster kam herzu, schlug die Hände zusammen und erbot sich, von den
Kleidern alles abzuwaschen, -- worauf eine technische Verhandlung
folgte. Sie blieb ohne Ergebnis; so drang Dinkl durch, mit seinem
Hinweis auf die besondere Leistungsfähigkeit des Heßlingschen Autos.

»Das muß wahr sein,« sagte Frau Generaldirektor Heßling, »es ist ein
Charron.«

Dinkl gab zu bedenken, ob nicht die deutsche Industrie den Vorzug
verdiene, selbst wenn sie nicht ganz so leistungsfähig sein sollte.
Ernste Meinungsverschiedenheiten erwuchsen hieraus nicht, unter dem
Entgegenkommen beider Teile setzte die Unterhaltung sich fort bis vor
das Haus. Erst beim Anblick ihres Chauffeurs ging durch die Damen ein
sichtbarer Ruck, und als sie gar im Auto saßen, erwiderten sie den Gruß
der Arbeiter nur noch aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu rühren.

Dinkl fand sich damit ab, er stand, als das Auto fort war, und lachte,
daß sein Gerüst wackelte. Die Kinder, die nachgeschlichen waren, bekamen
vom Vater ihre Ohrfeigen, aber er lachte dabei, und alle mit, die
Polster samt den Nachbarinnen.

Als die Bande wieder hinaufstürmte, würde sie den Karl Balrich überrannt
haben. Er stand auf dem Treppenabsatz und schien vertieft in den
Seifenfleck. Er machte ihnen Platz, lachte aber nicht wie sie, sondern
faltete die Brauen . . . Sein Schwager klopfte ihn auf die Schulter und
nahm ihn mit in die Kantine; der Malli seien sie doch bloß lästig in
ihrem Betrieb.

Die Kantine war voll, von allen Tischen wurden Fragen geschrien wegen
des hohen Besuches und der Seife. Der Vorfall mit der Seife beschäftigte
alle. Seife war das Stichwort für Witze, die sich alle ähnlich sahen,
und jeder erregte das gleiche Gebrüll.

Zu Balrich, Dinkl und Herbesdörfer setzte sich stumm der alte
Malermeister, der seit kurzem im Keller bei Klinkorum wohnte. Er war
umhergezogen und hatte sich eben durchgeschlagen, ein unruhiger
Taugenichts, bis er es gut fand, seine altgewordenen Knochen an den Ort
zu tragen, wo er Heimatsrecht und Verwandte hatte. Er und Balrich sagten
nichts, -- bis Herbesdörfer sie etwas fragte. Er hatte eine Aussprache
wie ein Wilder und äußerte sich so angestrengt, als verlernte er das
Sprechen von Tag zu Tag. Er fragte: was den reichen Weibern denn
einfalle, daß sie ungebeten eine Arbeiterin in den Wehen zu begaffen
kämen, wie eine Kuh. Dinkl stieß ihn heimlich an, und unter dem Tisch
zeigte er ihm das Zwanzigmarkstück, das die Besucherinnen dagelassen
hatten. Laut sagte er: »Sie haben Langeweile gehabt. Das Teewasser bei
der Generalin hat noch nicht gekocht.«

Balrich inzwischen atmete schneller. Er war im Begriff, sich
aufzurichten und zu bekennen, daß auch die Reichen ein Herz haben
könnten! Denn vor sich hatte er das schüchterne Lächeln der Emmi Buck,
und mitten in dem Qualm hier berührte ihn ihr Veilchengeruch. Da sah der
alte Maler ihn an mit seinem Grinsen im Bocksbart und nahm ihm das Wort
weg.

»Ich weiß Bescheid, -- seit ich ein reiches Luder habe laufen gesehen,
weil eine Arbeiterin mit dem Arm in der Maschine hing. Sie hatte
vorgesorgt, daß ihr so etwas gleich gemeldet werde.«

»Das hast du selbst gesehen, Onkel Gellert?« fragte Balrich drohend.
Denn er dachte an die kleinen Mädchen, die der Alte an sich lockte.

»Ich selbst, -- und die Arbeiterin war später meine Frau, deine
Großtante.«

»Ja, dann,« murmelte Balrich und sah den Tisch an. »Nicht hinsehen wo
Geld ist, das ist das beste.« Und innerlich bat er es seiner Schwester
Leni ab, daß er ihr, fast eine Stunde lang, die Reiche vorgezogen hatte.

Simon Jauner schlich herbei; was Balrich ganz leise sprach, hatte er
doch gehört; und er schlug auf den Tisch, als habe er Wut. Ansehen das
Geld, sei zwecklos. Aber so! Und mit krummen Fingern grapste er über den
Tisch hin. Balrich, der ihn kannte, sagte gelassen: »Ich esse lieber
mein selbstverdientes Brot,« -- und schnitt aus seinem Brot einen
Würfel. Da ließ Jauner sich in die Bank gleiten, grade neben Balrich.
Nun er Balrich von seinem Platz an der Maschine nicht hatte verdrängen
können, fand er es wohl geraten, sich anzunähern. Er faßte sogar
treuherzig den Arm des andern und sagte eindringlich:

»Dein Brot? Heßlingsches Brot, willst du sagen! Denn in seiner Fabrik
verdienst du nur gerade so viel, daß du in seiner Kaserne wohnen und in
seiner Kantine essen kannst. Was darüber ist, ist vom Übel,« schloß er
hämisch, und zeigte zuerst Balrich, dann den anderen seine gelben Zähne
und seine gelben Augen. Sie wußten wohl, sie würden kein Wort sprechen,
das der Inspektor nicht erführe; denn er hatte dem Jauner geschadet, wer
mußte also beflissener gegen ihn sein als Jauner. Dennoch hielten sie
nicht an sich. Kantine und Kaserne, zu wahr, brachten dem Heßling mit
Zins wieder zurück, was er ihnen zahlte. Der Strom des Geldes rollte
endlos unweigerlich in die eine Tasche, sie aber mit ihren Schwielen
standen lechzend daneben, sie, ihre Frauen, ihre Kinder. Sie machten
ihre Kinder für Heßling, wie sie für Heßling die Ware machten, wie sie
für Heßling aßen und tranken. »Prost Haßling!« rief Dinkl, und an allen
Tischen riefen sie mit; denn gut war es, den Haß in ein Wort zu fassen,
den Haß einmal deutlich aus den Zähnen zu lassen und bitter im Glas zu
schmecken. Man ging mit ihm schlafen und stand auf mit ihm, -- nur
Gestalt fehlte ihm, Fäuste hatte er nicht. Wir haben jeden Augenblick,
jeden von allen, die wir erleben, alles im Bewußtsein: die ungerechte
Gewalt, unter der wir stehen, benachteiligt auf Schritt und Tritt, beim
Einatmen und beim Ausatmen, mißbraucht, verachtet, hinter das Licht
geführt. Ihr bildet euch ein, wir vergäßen? Jawohl, ihr denkt, wir
riechen unsere schlechte Luft nicht mehr, in den überfüllten Stuben der
Kasernen, die ihr uns baut. Arbeiterhäuser A und B, das heißt nicht
arbeite und bete, wie der Konsistorialrat Zillich bei der Einweihung
erzählt hatte; es heißt Affenbude oder alles be--. Wir riechen, und wir
vergessen nicht. Sehr begreiflich, bemerkte Balrich, daß den Damen
Heßling und Buck, wie sie eintraten, der Gestank an die Gurgel ging, und
komisch bloß, daß sie sich deshalb zu genieren schienen. »Hätten wir sie
in der Gewalt, wie sie uns haben, wir würden nicht so viele Umstände
machen!« Dinkl und Jauner erklärten auf das deutlichste, was sie mit den
reichen Weibern heute gemacht haben würden, trotz den weißen Haaren der
einen. Einen Laut aber, der Schlimmeres verhieß, stieß Herbesdörfer aus.
In seinem geröteten Kopf war die Kartoffelnase weiß wie der nackte
plumpe Hals, und die Augen hinter den runden Brillengläsern starrten
blind, als hätte er Gesichte.

Dinkl inzwischen war in die Mitte getreten, schob die Daumen in die
Achsellöcher seines gelbkarierten Röckchens und machte vor, wie er
spazierengehe. Ein feiner Fatzke begegnete ihm. Den feinen Fatzke mußte
Jauner machen; er nahm sein steifes Hütchen vom Rechen und drückte die
Beulen heraus. Bei ihm angelangt, schleuderte Dinkl ihm die Faust bis
nahe unter das Kinn, wobei Jauner übermäßig erschrak. Dinkl aber tat,
als habe er nur die Zigarette an den Mund führen wollen. Alle lärmten
Beifall. So war es! Jeden Reichen konnte man mit einem Finger
erschrecken, daß er in Ohnmacht fiel, denn sie schliefen immer. Sie
gingen in den Straßen und merkten nicht, wie sie unter uns Arbeitern
vereinsamt waren -- bloß noch die Polizei war da --, und wie ihre
Pelzmäntel sich verloren zwischen den vielen geflickten Sommerjacken.
Sie merken nichts, sie schlafen. Nie, denken sie, kommt es anders. Denn
sie sind es gewöhnt, sie hatten es leichter als wir, sich zu gewöhnen.

Hier war Herbesdörfer fertig mit seinen Vorbereitungen, auszusprechen,
was er sah. Er zeigte seine riesigen Hände her, ein Finger war weiß
verbunden, -- öffnete und schloß sie, daß sie knackten, und sagte mühsam
vor Kraft:

»Das Ganze kommt anders!«

Balrich, gegenüber, hörte ihm achtungsvoll zu. Dadurch entging es ihm
fast, daß der alte Gellert ihn leise in die Seite stieß und ihm etwas
anvertraute. Er schien es lange in sich unterdrückt zu haben, und nur
die gesteigerte Stimmung der Umgebung bewirkte es, daß sein letzter
alter Zahn sich aufhob und etwas herausließ.

»Längst schon könnte es anders sein,« wisperte er. »Auch umgekehrt wär'
ein Schuh geworden. Hab' ich Heßling mit gegründet, was fehlt dann viel,
und ich wäre, was er ist.«

Sein Großneffe sah ihn an; der Alte kniff die Lippen und machte sich
klein, als habe er nichts gesagt. Balrich stutzte kurz; schon zuckte er
die Achseln, Geschwätz ohne Kraft war nicht achtbar.

Auch kamen eben jetzt die Genossen auf die Partei zu sprechen. Die
Partei war mit nichten einwandfrei, sie enthielt Elemente, die mehr an
sich dachten, als an die arbeitende Klasse. Jauner, als der
Mißvergnügteste, kennzeichnete den Genossen Napoleon Fischer, unseren
Abgeordneten, der Geschäfte gemacht hatte, aber bessere für sich als für
uns. Er stand gut mit Heßling und wußte auch der Regierung nichts mehr
abzuschlagen. Was bekam er für die Unmenge Militär, die er bewilligte?
Wieder eine Versicherung, wieder eine Fürsorge. Und hatte doch
gearbeitet, sogar bei Heßling. Was hoffen von den anderen, mit den
weichen Händen.

Dies war wohl richtig; dennoch wagte sich der Beifall viel weniger
entschieden heraus, als vorhin, gegen Arbeitgeber und besitzende Klasse.
Hiermit war nicht zu spaßen, und was Jauner dem Parteibeamten wieder
erzählte, konnte dir schlechter bekommen als sein Bericht an den
Heßlingschen Herrn Oberinspektor. Soviel ließ sich wohl sagen, daß die
Versicherungen und Fürsorgen ihre zwei guten Seiten hatten, eine für uns
und eine für die Reichen, denen sie zu einem besseren Schlaf verhalfen.
Dinkl, als der Unvorsichtigste, ging weiter und behauptete, das zweite
sei die Hauptsache, und der alte Arbeiter, der von dem Pensionsplunder
leben könne, sei noch nicht geboren.

»Mein eigener Vater, wie oft ich ihm ins Gewissen rede, vor Mittag, wenn
wir Männer noch nicht aus der Fabrik zurück sind, geht er mit seiner
Eßschüssel bei den Nachbarinnen umher.«

Hierzu war der Alte genötigt, weil seine Kinder ihm das Geld seiner
Altersversorgung abnahmen und ihm nicht satt dafür zu essen gaben. Dies
wußte man; aber welcher Vorwurf traf einen Kameraden, der Frau und vier
Kinder hindurchbrachte. Besser, es hungerte ein Alter.

Herbesdörfer, längst nicht mehr wild, hatte ein von der Furcht
zusammengezogenes Gesicht und jammerte in rauhen Lauten vor sich hin. Er
beklagte sich über den Kassenarzt, der ihn schon wieder zur Arbeit
schickte, obwohl er im Knie seit seinem Unfall noch immer eine Schwäche
hatte. Er hatte die Schwäche nicht, wenn er draußen umherging; aber kaum
in der Fabrik, hatte er sie; und die Furcht, hineinzufallen zwischen die
Mühlräder und zermahlen zu werden mit dem Holzstoff, machte ihm
Schwindel.

»Das kenne ich,« sagten sie an den anderen Tischen. Denn sie kannten es.

»Man hat doch nur seine Gliedmaßen. Frau und Kinder haben nur meine
Gliedmaßen. So ein Doktor tut immer, als wachsen sie nach.«

»Der wächst nicht nach!« schnaubte dort hinten einer, und reckte in den
Schein der Lampe seine Hand, der ein Finger fehlte. Da hob auch
Herbesdörfer, rauh winselnd, seinen verbundenen Finger zum Licht hinauf;
und über zwei Tische, und dann nebenan, und dann an jedem kamen Finger
ans Licht, dick umwickelt und weiß inmitten einer Hand, die dunkel
befleckt war von den unvergänglichen Spuren der Arbeit. Wie alle diese
verbundenen Wunden durch die Luft geschwenkt wurden, roch man auf einmal
deutlich den dünnen scharfen Geruch, der unter den Ausdünstungen der
Körper und dem Tabaksqualm, halbvergessen immer da war, den Geruch des
Karbols.

Auch Karl Balrich sah einen seiner Finger in Leinen gewickelt, er prüfte
ihn, die Brauen gefaltet, unter dem Tisch. Jeder in diesem Augenblick
hatte ein Gesicht, das den allertiefsten Ernst des Lebens trug. Da, in
einer Stille, sagte Balrich:

»Das hat seine Zeit, und dann kommt die Gerechtigkeit.«

»So ist es!« sagten sie, und ein Geschwirr entstand, aus leisen
Zustimmungen, den halben Lauten der Gläubigkeit. Auf dem Wege sind wir,
zur Gerechtigkeit, -- und sähest du täglich mehr, daß er lang, ist,
gezählt sind die Tage der Reichen. Wir werden, mit dem was jetzt sie uns
kosten, selbst reich sein, alle; werden in gelüfteten Sälen gemeinsam
unser gutes Essen haben, und Maschinen, die uns gehören, arbeiten für
uns. Mit jenen aber wird es aus sein. Wäre dem anders, warum säuft man
nicht, oder bricht ein.

Das tun wir nicht, weil wir vernünftiger sind als sie. Wir können frei
aufatmen, so, ganz frei, mitten in unserer Stickluft, denn bei uns sind
Vernunft und Zukunft. Ihr dort seid erblindet durch den Besitz, ihr wißt
nicht einmal mehr, was ihr in Händen habt. Wer unter euch schätzt das
Wissen, den Geist, gleich uns? Ihr habt ihn vergessen, in eurem Fett.
Wir, wir begreifen, daß er es ist, der die Welt erobert, und daß er auch
wieder ihr Ziel ist. Jede Bibliothek, die wir zusammenbringen oder
abringen eurem Geiz, ist ein Wegmal für unsere Heraufkunft und euren
Untergang.

Dinkl, mit einem Luftsprung von seinem Sitz auf, rief aus:

»Nichts freut mich, wie die hunderttausend Mark, die ihn die Bibliothek
kostet!«

Und alle frohlockten über diese Niederlage des Generaldirektors. Kämpfe
freilich kostete noch die Verwaltung der Bibliothek, denn satzungsgemäß
stimmten auch Beamte beim Ankauf der Bücher, und verhinderten, soviel
sie konnten, die Aufnahme der Parteischriften. Herbesdörfer schmunzelte,
tief befriedigt. Seit gestern hatte er, sicher verschlossen in seinem
Zimmer, »das Kapital«.

Da betrachtete Balrich ihn, sein armes grobes Gesicht, das verriegelt
aussah und hinter seiner großen Brille immer in Anstrengung und Angst
schien, ob es nicht endlich sich öffnen, klarsehen und begreifen werde,
sein tapferes, vergeblich ringendes Gesicht.

»So steht es um uns,« fühlte Balrich. »Wir sind zu schwach, obwohl wir
die Stärkeren scheinen. Die Bücher, mit denen Ausbeutung und Elend zu
besiegen wären, liegen in unserer Lade, wir aber sitzen hier, verbraucht
vom Knechtstum der ganzen Woche und ohne Handhabe, um unsere Waffen
nutzen zu lernen. Kommt dennoch einer von uns dahin, die
wissenschaftlichen Werke zu erfassen, seinen Kindern kann er es darum
nicht leichter machen. Wir bleiben, wo wir sind. Trachten wir das Glück
zu genießen, das Armut uns erlaubt!«

Hier erinnerte er sich, daß ein Mädchen auf ihn wartete -- sein Mädchen,
wenn er wollte. Aber wollte er, und mußte es diese sein? Er stieg aus
der Bank ohne Eile, trat noch an den Tisch drüben, hätte sich fast daran
niedergelassen, -- und als er dann hinausgelangte, stand dort hinten
unter der Friedhofmauer schon das Mädchen. Sie stand in ihrem braunen
Tuch ein wenig gebeugt, als wartete sie seit einiger Zeit, und sah ihn
erst, als er schon nahe war.

»Thilde!« rief er aufmunternd, worauf sie ihm ein Gesicht zeigte, das
voll Gram war. Er kam aber so mutig herbei, breit, spannkräftig und
fest, mit dem dunkeln Schopf unter der Mütze hervor, so wohlgeraten kam
er, daß sie ihm dennoch entgegenlächelte.

»Warst du schon drinnen?« fragte er gedämpft und wies nach der
Friedhofpforte.

Sie nickte. »Mein Kleines hat alles was es braucht. Wenn auch wir das
hätten.«

»Das sollst du nicht sagen,« verlangte er; und zarter: »Gehen wir noch
einmal hinein?«

Da sie den Kopf schüttelte, bestand er nicht darauf. Es machte nur
traurig, und hatten sie nicht beide mehr vor als hinter sich? »Komm
fort!« sagte er bestimmt, nahm ihren Arm und ging schneller. Im Schatten
der Mauer, von der Büsche hingen, drängte, sie sich an ihn mit den
Hüften. Sie waren breit, die Brust voll, und dazu das magere Gesicht,
aus dem sie bange zu ihm aufsah.

Am Ende der Mauer pfiff sogleich der Wind. Balrich wickelte Thilde
fester ein. Erst März; kahl dämmerndes Feld; und sie stapften durch
Regenlachen. Rechts zwischen dürren Bäumchen die Villen, genannt
Arbeitervillen; aber fast nur noch Beamte wohnten darin. Als Arbeiter
mußte man sehr wohl gelitten sein. »Der Jauner wird hereinkommen, wir
nicht.«

Und wegen der Pfützen bald getrennt, bald wieder beisammen, begannen sie
zu rechnen. Balrich hatte seine zwei jungen Brüder, der eine noch
schulpflichtig, der andere unbezahlt. Das kleine Mädchen Thildes war
keine Last mehr, sagte Balrich. Nur noch ihre Mutter, zu schwach um zu
arbeiten, hing an ihr. »Wäre das nicht,« sagte er, im Drang sie zu
schützen, »du solltest gar nicht mehr arbeiten, du Ärmste, und ich für
zwei.«

Hierauf sah sie ihn an, bitter und mißtrauisch, und mit einer höheren,
schärferen Stimme sagte sie, daß sie nichts brauche und ihre Mutter sei
ihr so wenig zur Last, wie früher das Kind. »Du möchtest wohl, auch sie
läge schon draußen!«

Da merkte Balrich, daß sie einander nicht verstanden, -- und wollten
einander doch lieben? Er hätte darauf bestehen sollen, daß sie zusammen
an das Grab gingen. Nun argwöhnte sie, daß er ihr das Kind verdenke,
vielleicht immer es ihr verdenken werde. »Das nicht,« fühlte er. »Das
wirklich nicht. Aber sie hat ihr Leben gehabt, bevor ich da war. Sie hat
einen andern gekannt, und ich glaube zwei. Nun denkt sie von mir
bisweilen nicht gut.«

Sie war zwanzig, so alt wie er; und auch er hatte schon zwei Mädchen
gehabt. Ihm aber war nichts zurückgeblieben, er hätte lieben können wie
das erstemal. Nur, warum denn diese, die manchmal so fremd schien, als
sei sie aus einem andern Land. Durch sie hindurch erblickte er plötzlich
seine Schwester Leni, unberührt, unbeschwert und vertrauend auf das
Glück. Das war sein Blut, sein Land, war die gute Zukunft. Diese hier,
wie müde!

Fühlte sie denn, was er dachte? Anklagend erhob sie nochmals das Gesicht
gegen ihn und sagte in einem Ton, der weh tun wollte: »Gib acht auf
deine Schwester Leni! Sie ist vor dem Kind nicht sicherer als wir
anderen.«

Balrich ließ sich aber nicht wehtun. Er nahm fest ihren Arm in den
seinen und sagte sanft:

»Dein Kind war ein gutes und liebes Kind.«

Er erlaubte ihr nicht, sich loszumachen, und am Ende gab sie nach, sank
leise gegen ihn, und aus ihren geschlossenen Augen rannen Tränen.
Langsam, in der Dämmerung und im Wind, erreichten sie den
»Arbeiterwald«, der Bänke hatte. Umschlungen setzten sie sich auf eine
feuchtkalte Bank, unter großen schwarzen Ästen ohne Blätter. Vor ihnen
die Fabrik, und hinter den drei Reihen der Fabrikgebäude ging die Sonne
unter, von Wolkenstreifen überzogen wie von Rauch. Sie starrten in die
Röte und dachten beide, daß es gut wäre, warm zu haben. In ihrem Rücken,
hinter hohen Planken, lag der »Herrschaftswald«, begann hier wild, und
immer gepflegter, blumiger und geschützter gegen den Wind und gegen die
bösen, sehnsüchtigen Blicke, umgab er endlich als süßer Garten die Villa
Höhe, das verbotene Paradies.

»Dort friert es keinen,« sagte das Mädchen. Der Arbeiter sagte:

»Dort können sie ernähren, wen sie lieben.«

Da die Sonne fort war, der Wind kälter blies und es anfing zu regnen,
standen sie auf. Thilde wollte umkehren, Balrich aber strebte der Fabrik
zu. Er wisse eine Unterkunft beim Regen. Auch Thilde sah sie wohl, es
waren die Waggons, die von der Fabrik zum Bahnhof fuhren. Dort hielten
sie, einer mit offener Tür. Das Mädchen sträubte sich, hineinzusteigen.

»Weil die Lumpen darin so schlecht riechen?« fragte er. Sie antwortete:

»Was soll mir das machen. Ich stehe mein ganzes Leben in einem
Lumpensaal.«

Und sie ließ sich hineinhelfen.

»Es ist doch trocken hier auf den Lumpen,« sagte er.

»Und sogar warm,« flüsterte sie und überließ sich seinen begehrlichen
Händen.

Da sie an seine Brust gedrängt im Dunkeln nach seinen Augen suchte,
schloß er sie, allein mit seinen Gedanken. Dies war das Beste was wir
hatten -- und machte doch alles nur schlimmer. Die Liebe war eingesetzt,
damit es mehr Proletarier gebe. »Für Heßling arbeiten wir, selbst hier,
-- und freilich auch für unsere Führer. Heßling und unsere Führer sind
darin einig, daß wir nicht zahlreich genug sein können. Denn beide
brauchen sie Menschenmaterial.«

Das Mädchen sagte:

»Dies haben wir doch. Dies nimmt uns keiner. Küß' mich, du Lieber!«

Aber sie fuhren auseinander, ein Schlag dröhnte an der Wagenwand, und in
die Tür trat ein großer Umriß. Der Aufseher! Er schalt auf das Gesindel,
das in den schönen Lumpen seine Schmutzereien treibe. Als Balrich
hervorkam, hielt der Beamte ihn fest und suchte ihm mit seiner
Taschenlampe in das Gesicht zu leuchten. Balrich stieß ihn aber zurück,
zog auch Thilde heraus, und schon liefen sie. Verfolgt von Schimpfreden
liefen sie durch den Regen, jeder für sich, und wußten schon nicht mehr
im Dunkeln, wo ist der andere. Nahe beim Friedhof erst fanden sie sich
wieder. Da sah er unter der Laterne, wie durchnäßt sie war, denn beim
Fliehen hatte sie ihr Tuch in den Händen des Aufsehers gelassen. Er zog
sogleich seine Jacke aus und hängte sie um sie und sich. Ganz
aufeinander geneigt gingen sie nun, ein Kleid, und man konnte deuten,
ein Herz. Sie aber zitterte vor Kälte und er vor Zorn.

Die Kantine war nur noch schwach erhellt, kein Laut drang heraus, vor
der Tür nur erkannten sie Simon Jauner -- und bei ihm, an der Mauer,
zwei Schatten, die aussahen wie Herren.

War dies nicht der Herr Oberinspektor selbst -- und jener gar, o Gott!
Geduckt schlichen sie vorüber, ein Kleid, ein Herz. Hinter ihnen sagte
die Stimme eines Herrn:

»So gut haben es nur solche Leute.«




II

Der Arbeiter und das Bürschlein


Zweitnächsten Sonntag kamen die Familien Dinkl und Balrich mit dem
Neugeborenen Mallis über das Feld zurück von Beutendorf, wo es getauft
war. Alle gingen geradeswegs in die Kantine und tranken, der Säugling an
der Brust. Sie saßen an einem langen Tisch und noch allein. Als andere
Gäste eintraten, hatten sie schon zu Mittag gegessen und waren
aufgeräumt. Der Großonkel Gellert, vertrocknet unter seinem schwarzen
Gehrock und mit dem Grinsen im Bocksbart, vollführte einen Tanz,
verbunden mit Händeklatschen und Gestampf, um seine Nichte Leni her. Er
behauptete, draußen irgendwo Derartiges gesehen zu haben.

Dann fiel er freilich auf die Bank und blies mühsam aus seinen
Hängebacken. Indes ringsum Lärm war, beobachtete Karl Balrich gespannt
das Wackeln des Alten und seinen Blick, der sich greisenhaft verglaste.
Plötzlich, das Auge auf ihm, raunte er ihm zu:

»Onkel, was war es damals, mit dir und Heßling?«

Gellert starrte verständnislos. »Damals?« fragte er. Balrich nickte
fest.

»Mit dir und -- du weißt schon.«

Denn er hatte sich entschlossen, ins reine zu kommen mit dem Geschwätz
von neulich. »Was fehlt viel, und ich wäre, was er ist,« hatte der alte
Tunichtgut gesagt, von sich und dem Generaldirektor. Geschwätz, dachte
Balrich, so oft es ihm einfiel, und doch fiel es ihm ein. Jetzt wartete
er, bis der da kam, -- und schon kam er. Er begriff, fuhr auf und fragte
zitternd:

»Hab' ich denn geschwatzt?«

»Du hast schon zu viel gesagt,« erklärte Balrich. »Jetzt sag' auch den
Rest!«

»Weiß schon jemand?«

»Von mir kein Mensch. Bist du aber nicht offen mit mir --«

Der Alte winkte beschwörend. »Lieber du als die anderen. Du bist der
tüchtigste. Dein Onkel leider war nicht tüchtig.«

Das sei ihm bekannt, sagte Balrich barsch. Er hatte keinen Sinn für
Familienmitglieder, die mit siebzig Jahren ihren Neffen wohl etwas
Erworbenes hätten mitbringen können, und statt dessen fielen sie ihnen
noch zur Last. Auch der Tanz vorhin um Leni her hatte ihm mißfallen.

Der Alte blinzelte erregt. Aus Furcht vor dem Neffen ließ er alles
fahren.

»Konnte man denn wissen, damals?« Man hat einen alten Freund,
Kriegskameraden, Fechtbruder. Mein Strohsack, dein Strohsack, meine
Laus, deine Laus; und auch die Sparpfennige immer auf demselben Brett.
Manchmal waren es Taler. Und als der eine im Städtchen bleiben will,
sein Handwerk treiben und Meister werden, läßt der andere ihm, bis er
wiederkommt, seine Taler.

»Das warst du?«

»Gott sei es geklagt.«

»Und der die Taler nahm, war der alte Heßling.«

»Und der sie auch behielt. Verstehst du wohl?« wisperte Gellert. Balrich
hob die Schultern.

»Würdest du sie sonst noch haben?«

Da griff der Alte mit Leidenschaft um die Tischkante und rief in der
Fistel:

»Nicht die Taler, meinen Anteil an Gausenfeld würde ich haben!«

Kaum ausgesprochen, verfolgte er das Wort auf den Gesichtern der
Nächsten. Sie hatten in ihrem Lärm es nicht gehört. Balrich seinerseits
wendete sich unwirsch weg. Das war einmal der Mühe wert, um solch ein
Gefasel noch nachzufragen. »Mit deinen vier Talern hat er also
Gausenfeld gegründet?«

Gellert zischte. »Es waren aber vierhundert weniger vier. Ja doch! Und
alles war von einer Meisterin, bei der ich gearbeitet hatte --
gearbeitet, du weißt schon wie. Mit dem Pinsel, womit ich anstrich,
würde ich beileibe das nicht verdient haben.«

»Unehrliches Geld,« sagte Balrich. Der Alte meckerte.

»Sie hat es hergeben müssen, sonst holte sie der Teufel.«

»Und der Heßling wußte davon.«

»Vielleicht nicht?«

»Auch ein Lump.«

Gellert ward ernst und verweisend.

»Er hatte es nicht selbst getan. Er war sogar ein strenger Mann. Auch er
nannte mich Lump.«

»Wenigstens gab er dir einen Schuldschein.«

»Das mußte er nicht.«

Balrich schob den Kopf vor und sagte dem andern nahe in das Gesicht:
»Jetzt hab ich genug von deinen, Räubergeschichten.«

Hier fing der Alte zu weinen an. »Ich war es doch,« schluchzte er, »und
du willst sagen, ich war es nicht.«

Er stieß Dinkl an und auch Herbesdörfer, bis sie ihm zuhörten.

»Ein Schuldschein, zwischen alten Kriegskameraden und Fechtbrüdern? Habt
ihr das erlebt?«

Da sie nicht begriffen, erzählte er nochmals das Ganze, begegnete auch
ihren Einwänden und schwor, noch immer sei sein Geld ihm geschuldet.
Warum er es nicht zurückgefordert habe? Als er wiederkam nach mehreren
Jahren, war es nicht mehr da. Vielmehr, es steckte im Geschäft.

»Es steckte im Geschäft? Kannst du das beweisen?«

»Ob ich es kann! Der alte Heßling hat mich doch bei der Hand genommen in
seinem Kontor in Gausenfeld und hat mir alles vorgerechnet.«

Balrich sagte, grabenden Blickes:

»Gausenfeld hat dem alten Heßling nie gehört. Seine Fabrik stand in der
Meisestraße.«

Gellert ward wild.

»Meisestraße oder Gausenfeld, ich sehe ihn noch an seinem Pult beim
Fenster, er kratzte sich hinter dem Ohr und rechnete. Ich sollte nur
warten, bald würde ich anfangen, mit zu verdienen.«

»Du siehst ihn. Hast du sonst keinen Beweis?«

»Daß er auf seinem Pult einen Tintenwischer hatte, und der war ein
Mohrenkopf.«

Dinkl fragte ernsthaft:

»Wielange ist das nun her?«

»Auf den Schlag vierzig Jahre!« schrie Gellert.

»Das ist Zeit genug,« sagte Dinkl. »Inzwischen hat der Mohrenkopf
vielleicht das Reden gelernt und kann für dich zeugen.«

Da er selbst sehr lachte, wandten die anderen Gäste sich her und wollten
hören. Dinkl schickte sich auch an, ihnen seinen Witz zu erläutern;
Balrich aber verbot es ihm leise und kurz.

Der alte Gellert sank wieder in sich zusammen, und beim Weggehen hatte
er nur noch die Sorge, daß niemand weiter von der alten Geschichte
erfahre, besonders die Weiber nicht. Dinkl meinte zwar, es sei zu
komisch, man dürfe es nicht für sich behalten. »Onkel Gellert Teilhaber
von Heßling auf Gausenfeld! Generaldirektor Gellert!« kreischte er und
tanzte auf einem Bein, -- indes der Alte mit blutunterlaufenen Augen
dabeistand wie ein bittender Hund. Aber Balrich verlangte dringend, daß
kein Wort laut werde. Ob Dinkl einen alten Arbeiter, der sich in der
Fabrik mit Anstreichen ein Stück Brot verdiene, ins Elend bringen wolle.
Dinkl erklärte sofort, wenn Onkel Gellert seine Arbeit verliere, werfe
er selbst die seine hin, und streiken sollten dann alle!

Dennoch hatte Dinkl jetzt immer, wenn er den Alten sah, einen heimlichen
Rippenstoß für ihn. »Wann lassen wir uns denn unsere Dividende
auszahlen?« fragte er, und der Alte sah sich nach allen Seiten um wie
ein Dieb. Eines Tages aber, in einem Winkel des großen Hofes in
Gausenfeld, als er vor dem Schichtmachen sein Gerät ordnete, stieß auch
Balrich ihn so an und raunte:

»Du hast wohl noch Zeit bis zur Abrechnung?«

Da entsetzte sich der Alte, und wie gerade ein Schub Arbeiter aus dem
Tor kam, glitt er hinein und drückte sich. In diesem Augenblick ward es
Balrich zum erstenmal gewiß, Gellert rede wahr, das mit dem Geld sei
wahr.

Er hätte es nicht geglaubt, -- obwohl er jetzt jede Nacht darüber
nachdachte. Noch nicht in der ersten; die Zweifel näherten sich langsam,
nahmen immer mehr Schlaf und wurden schwerer, eben von der
Schlaflosigkeit. Da er nun gewiß war, schlich er, anstatt zu seinem
Mädchen, dem alten Gellert nach, der ihm auswich. Eines Abends nur traf
er ihn bei Dinkls, ein reiner Zufall. Der Alte, leicht angetrunken,
schien weniger ängstlich. Da trat Besuch ein, ein Herr in mittleren
Jahren, recht dick schon, weiches Gesicht ohne Bart, weicher Hut, der
Gang etwas einwärts, -- und hast du nicht gesehen war Gellert fort. Es
ging so schnell, im Schatten die Wand hin und ab, daß der Herr sich
nicht einmal umsah.

»Ich bin der Rechtsanwalt Buck,« sagte er. »Guten Abend, ich bringe
Ihnen, was sonst meine Frau Ihnen bringt. Sie ist nicht wohl.« Und mit
zarter Hand legte er neben Malli, die das Kind stillte, einen
verschlossenen Umschlag.

Dinkl erwies sich gewandt, räumte die Kinder fort und machte dem Herrn
Rechtsanwalt so viel Platz, als genügte seinem Umfang das ganze Zimmer
nicht. Buck ließ sich wohlwollend auf den gebotenen Stuhl, hatte einen
gerührten Blick für Malli mit dem Säugling, einen bewundernden für Leni,
die die Brust herausstreckte, einen erstaunten über die Kinderschar hin,
dann seufzte er und fragte mild und etwas fett:

»Wohnen Sie hier gut?«

Niemand antwortete. Selbst Dinkl hatte die Fassung verloren. Der
Schwager des Herrn Generaldirektors fragte: »Wohnen Sie hier gut?« --
anstatt nur hinzuwerfen, daß sie glänzend wohnten! In der Stille traf
Buck auf die gefalteten Brauen Balrichs. Seine Augen prallten zuerst ab,
dann suchten sie um so eindringlicher die des Arbeiters, -- dessen
Gesicht sich ein wenig entspannte unter dem braunen, weich glänzenden
Blick. Buck sagte sanft:

»Lieber möchten Sie natürlich auf Villa Höhe wohnen.«

Und als sei dies noch nicht genug des Unerhörten, hob er seine schweren
Schultern und sagte ergeben:

»Begreiflich, aber was kann man machen.«

Es klang, als bewohnte er selbst, mit seiner Frau und seinem Sohn, nicht
einen ganzen Flügel von Villa Höhe, sondern allenfalls ein Kellerloch.

Dann stand er auf, gab allen die Hand, ohne irgendeinen dabei anzusehen,
und entschwand ihnen, langsam und einwärts. Die Meinung Mallis und
Dinkls war: »Ein armer Herr!« Leni blies nur geringschätzig durch die
Nase. Balrich schwieg, und er blieb nicht mehr lange.

Zwischen dem Onkel Gellert und diesem Buck gab es einen Zusammenhang, --
und was sollte er betreffen, wenn nicht die alte Geldgeschichte. Balrich
zweifelte nicht, er ließ sich in der Kantine ein Fläschchen mit Schnaps
füllen und ging damit durch die rückwärtige Gartenpforte der Villa
Klinkorum, zu dem Anstreicher. Der Schnaps freilich erwies sich als
zwecklos, denn Gellert saß schon vor einer Flasche und war nun soweit,
daß er sich ganz allein etwas vorsang. Beim Erscheinen Balrichs sang er:

»So dumm ist der alte Gellert noch nicht. Das hast du gedreht!«

Was er gedreht habe, fragte Balrich. Das Zusammentreffen mit Buck sei
kein Zufall gewesen, behauptete Gellert. Ihn aber gehe der Buck nichts
an. »Wie soll ich ihn kennen. Als ich einmal bei seinem Vater war, trug
er noch Röckchen.«

»Aha. Bei seinem Vater.«

Gellert, stark erschrocken, bot Schnaps an.

»Sein Vater ist doch tot,« sagte er, den Blick auf dem Glas. »Was willst
du von ihm. Damals freilich wollte jeder etwas von ihm. Er war der
mächtigste Mann in der Stadt, noch zu meiner Zeit und der Zeit des alten
Heßling. Der junge Heßling dann --«

Er strich sich mit der gestreckten Hand über die Kehle.

»-- ist mit ihm fertig geworden. Hat ihm sein Geld genommen, seine
Aktien, seine Würden, und stellt nun mehr vor als je der alte Buck.«

»Der junge Buck aber -- -- ist ein armer Herr,« sagte Balrich, finster
grübelnd. Gellert kicherte.

»Hat sich zuerst abschlachten, dann heiraten lassen. Nicht das
gesundeste Schwein hält das aus.«

Balrich rückte näher.

»Onkel Gellert, du mußt jetzt loslegen.«

Da der Alte sich duckte, faßte er ihn beim Arm. »Das hilft dir nicht
mehr. Ich weiß schon zu viel. Und dann bin ich dein Großneffe. Wer wird
wollen, daß du reich wirst, Onkel Gellert? Der, der dich beerben soll --
wie?«

Der Alte zwinkerte von unten.

»Glaube doch nur nicht, daß da etwas zu machen ist. Hast du eine Ahnung,
was für eine Laus du bist gegen Heßling?«

»Sage mir, was du mit dem alten Buck gehabt hast. Vielleicht wächst die
Laus.«

Seine Faust rüttelte an den Alten, bis er sich entschloß. Ja, bei dem
alten Herrn Buck war er damals gewesen, in dem alten Haus in der
Fleischhauergrube, mit den Stufen, die abgewetzt waren von den Füßen der
ganzen Stadt. Der Vertrauensmann der ganzen Stadt sollte ihm zu seinem
Geld helfen. »Das Seine hat er getan. Er hat sich den Vater Heßling
kommen lassen, und Heßling hat ihm auch geschrieben.«

»Auch geschrieben!« rief Balrich unterdrückt.

»Hat ihm schriftlich gegeben, daß in seiner Werkstätte mein Geld stak
und daß ich mitverdienen sollte.«

»Wo ist der Brief?«

»Die Abschrift vom Herrn Buck habe ich,« -- und Gellert entnahm sie der
Kommode. »Er hat sie mir nachgeschickt auf die Wanderschaft und hat mich
vertröstet. Mein alter Kriegskamerad Heßling sei schwer bedrängt, und
sonst noch allerlei.«

Balrich las schon, gierig versenkt. Zurückkehrend seufzte er.

»Das ist eine Abschrift, die muß keiner uns glauben. Wo ist der Brief
selbst?«

Der Alte grinste.

»Der Brief meines alten Kriegskameraden? Gewiß in den Papieren des Herrn
Buck. Das ganze Haus war voll von Papieren.«

»Und die Papiere?«

Der Alte kam grinsend näher.

»Heimlich habe ich umhergehört.«

Plötzlich zerrte er an seinen Knöpfen, riß sich die Kleider auf bis zur
nackten Brust. Sein Gesicht zerteilte sich in violette Fetzen, und auf
heulte er:

»Aus! Der Junge hat sie verbrannt.«

Balrich rührte sich nicht. Gellert begann allmählich, sich wieder
zuzuknöpfen. »Noch ein Gläschen,« sagte er.

Balrich trank aus.

»Dann kann ich nach Haus gehen.«

Unter der Tür fiel er gegen den Pfosten, kam aber gleich wieder auf.

Er ging nicht heim, sondern die Straße nach Villa Höhe. Die Linden
dufteten, ein warmer Wind schlug ihm entgegen. Sommer war geworden aus
dem dürren Frühling, in dem er angefangen hatte zu leben, -- zu hoffen,
zu wollen, zu leben. Sollte dies aus sein jetzt, nie hätte es dann
anfangen dürfen. Lieber tot, als alles wieder sein lassen wie sonst.

»So wird es nicht mehr!« rief er in die Nacht. Vorgebeugt gegen den
Wind, machte er Fäuste und zerstampfte die Lindenblüten. Jetzt weißt du!
Aufgedeckt war jetzt die Grube. Gestohlenes Geld, und Geld noch dazu,
das ein alter Elendsgenosse auf schmutzige Art erworben hatte, dies war
die Grundlage des Heßlingschen Reichtums. So sah die Grundlage eines
großen Vermögens aus, Geschlechtsschande und Diebstahl. Dies ist das
wahre Gesicht derer, die ihr enteignen werdet, Proletarier!

»Enteignen! Setzet mich und die Meinen, ehrliche Arbeiter, an die Stelle
solcher Verbrecher! Wäre in der Welt nur ein Funken Gerechtigkeit, hier
liefen alle zusammen, zeugten und hülfen. Statt dessen würden alle nur
lachen über den armen Arbeiter, und schrie er zu laut sein
verlorengegangenes Recht, ihn totschlagen für toll. Lieber gleich
sterben! So ist es bestellt. Lieber gleich sterben!«

Er nahm sein Halstuch ab und suchte in den Bäumen nach einem passenden
Ast.

Als er aber schon in einer Krone saß, vernahm er Stimmen, und von der
Villa herab kamen zwei Gestalten, Herren, schien es. Wer sollte es sein?
Nun, gut, Heßling und sein Schwager Buck sollten die ersten sein, die
ihn hängen sahen . . . Er fand aber, dies wäre dennoch eine übertriebene
Genugtuung für die glücklichen Verbrecher. Ihr Eintreffen war vielleicht
ein Fingerzeig ganz anderen Sinnes.

So ließ er sie vorbei, stieg hinunter und folgte ihnen. Die Nacht war
schwarz, und er schlich. Dennoch hörten sie ihn, wenigstens Heßling,
denn er blickte sich mehrmals um und ward unruhig, wenn ein Leuchtkäfer
ihn anglühte. »Er hat Furcht vor mir,« sah Balrich und freute sich. Er
fühlte: Wer schon zum Sterben bereit gewesen war, der hatte und konnte
viel mehr als diese reichen Schächer. Er hatte ein doppeltes Leben, und
mit denen da konnte er Schindluder treiben. Balrich im Gebüsch tat einen
Sprung, daß es knackte, und stieß dazu einen Laut aus wie ein
Phantasieungeheuer, -- worauf Heßling sich hinter einen Baum duckte.
Buck blieb nur stehen und knipste mit den Fingern.

Dann gingen sie weiter, immer sprechend; und Balrich versuchte zu
verstehen, soviel der warme Wind ihm übrigließ, der das meiste wegtrug.
Eins war klar, daß Heßling seinen Schwager herunterputzte wie einen
Tagelöhner. Er warf ihm den Weg in der Dunkelheit vor; das Volk sei
verroht, es werde immer gefährlicher; und ihre Geheimnisse hätten sie
sich auch anderswo sagen können . . . Welche Geheimnisse? Buck redete
von ihnen nur leise. Darauf erinnerte Heßling ihn, um so lauter, an das
Geld, das er von ihm bekomme, die Prozesse und Verhandlungen, die er für
ihn führen dürfe.

»Solche nicht!« schrie plötzlich Buck, -- worauf es eine Zeitlang still
blieb. Balrich schlich noch leiser, von Nüchternheit ergriffen. Wie kam
er hierher? Was hatte er gewollt, welcher Fingerzeig war ihm gegeben?
Die Herren dort hatten ihre Welt, nichts wußte man. War, was ihm im Kopf
saß, nicht ein Schwindel des alten Gellert? Oder er selbst hatte
geträumt?

Aber die Herren stritten weiter -- ein richtiger Streit. Heßling
nannte seinen Schwager einen Schöngeist und Verteidiger in
Majestätsbeleidigungsprozessen, den richtigen Sohn und Erben eines alten
Achtundvierzigers. Sein Gesinnungswechsel sei ihm bezahlt worden, als
Heßling ihm seine Schwester gab. Buck habe kein Recht mehr auf
Widerstand, auf diese gewisse unernste Ironie, die das freundschaftliche
Beisammenwohnen in Villa Höhe eines Tages gefährden und ihn brotlos
machen könne . . . Worauf Buck von Manövern sprach, gewissenlosen
Treibereien, einem Ende mit Schrecken, und wer bezahle dann?

»Wir nicht!« rief Heßling und lachte.

»Nein, alle,« rief Buck. Aber Heßling hielt ihm seine Schulden vor, da
gab er klein bei.

Der Arbeiter hinter ihnen fühlte sich unheimlich verstrickt in eine
Nacht der Verschwörungen, -- und wer weiß welches Massensterben konnte
hervorgehen aus dem tückischen Gemächt dieser beiden Bourgeois, die
einander doch haßten! Denn einig sind sie nur gegen uns; untereinander
möchten sie sich umbringen. Behandeln wir sie doch nur so, wie sie
einander! Mut! und sieh, was für arme Menschen, die Furcht haben
voreinander -- und auch vor uns, wenn es Nacht ist und die Soldaten
schlafen. Nur angreifen! Haft du gegen sie Waffen, und sei es die
schlechteste, schäme dich nicht! Balrich dachte: »Ein armer Herr!« und
meinte Buck. Der war der schwächere, zuerst an ihn! Einschüchtern,
erpressen -- was wäre denn unerlaubt gegen eine Verbrechergesellschaft.

Schon begannen die Laternen der Vorstadt, dem Heßling kam wohl der Mut,
er sagte zu seinem Begleiter: »Magst du nicht weiter, keine Umstände!«
Und Buck, nach einem Gruß mit dem Hut, kehrte allein um.

Balrich in langen Sätzen sprang zurück bis wo es dunkel war, und hinter
Ästen, die er herabzog, wartete er. Es dauerte lange, Buck kam daher,
watschelnd und barhäuptig, schwenkte seinen Hut und sprach mit sich
selbst. Mehrmals blieb er stehen, und obwohl er den Wind im Gesicht
hatte, wischte er sich den Schweiß. »Ich kann nicht länger!« sagte er,
wie beschwörend. »Ich bin der am schwersten Belastete, der Verräter,
Gott strafe zuerst mich!«

Da sah er auf, die Strafe nahte schon. Zweige schnellten, und ein Mensch
trat vor ihn hin. Buck wartete; da der andere nichts äußerte, sagte er
selbst: »Guten Abend.«

»Auweh,« dachte Balrich, »es ist gefehlt.« Und Zorn kam ihm gegen Dinkl,
den Prahlhans, der behauptete, sie schliefen immer und mit einem Finger
könne man sie umwerfen. Jetzt fragte Buck:

»Sie sind wohl erschrocken?« -- und seiner milden Stimme war es
anzuhören, daß er im Dunkeln ein spöttisches Lächeln aufgesetzt hatte.
Balrich sagte heiser:

»Sie müssen sich nun bequemen --«

Weiter wußte er nicht. Undeutlich hatte er sich vorgenommen, sofort und
auf der Stelle Geld zu verlangen und mit Skandal zu drohen. Buck
erwiderte schließlich:

»Ich tue nie etwas anderes als mich bequemen. Sie wünschen also?«

»Alles haben Sie gestohlen!« schrie Balrich. »Sie gehören nicht dahin,
wo Sie sind!«

Plötzlich brachte Buck ihm das Gesicht ganz nahe.

»Sie sind es also doch,« sagte er. »Ich habe öfter an Sie gedacht seit
heute. Sie sind doch überzeugt, daß auch Sie nicht dorthin gehören, wo
sie sind?«

Nach einer Pause:

»Sondern in die Villa Höhe?«

»Ich will mein Recht.«

»Ihr Recht. Nun ja. Gehen wir doch weiter!«

Im Gehen:

»Ich gebe zu, wir haben jeder gleich wenig Recht und fußen einzig auf
dem Zufall. Daß ich nicht meinen Platz räume, ist Feigheit, leidige
Feigheit. Möchten denn auch Sie so feig werden?«

Er hatte den Arm Balrichs genommen und stützte sich darauf. Seine
Sprache ward klangvoll und bewegt.

»Sie sind ein junger Arbeiter und stehen vor dem Leben. Ihresgleichen
kann weit kommen. Ich, ich bin ein verlorener Mensch. Könnte viel
Unrecht verhindern und, wer weiß, dem Verderben Unzähliger in den Arm
fallen. Aber der Augenblick kommt, da du Weichling das Herz nicht mehr
hast. Verstehen Sie?« fragte er, stehenbleibend.

Balrich verstand, daß der da aus der Fassung war und hier im Dunkeln mit
Dingen hervorkam, die nur ihn angingen. Ein armer Herr! Er machte seinen
Arm frei. --

»Was ich will, muß Sie nichts kosten,« sagte er hart. »Ich will Ihre
Zeugenschaft und daß Sie den alten Brief herausgeben, worin geschrieben
steht, daß das Geld des alten Heßling von meinem Onkel Gellert war.«

Buck zögerte nur kurz. Wieder mit seinem gewohnten Phlegma sagte er:

»Schon gut. Dann kommen Sie.«

Er ging voran. Balrich hinter ihm fühlte das Herz im Hals und fürchtete,
nicht mehr mitzukönnen. War es denn wahr? Buck hatte den Brief? Und gab
ihn einfach her? War dies Wahnsinn? War es eine Falle?

Er hörte nichts mehr. Erst als Buck ihm nachrief:

»Wohin laufen Sie denn?« kehrte er um. Sie waren schon vor Villa Höhe.
Ein dunkler Gartenweg. »Halten Sie sich an mich,« sagte Buck. »Ich gebe
lieber nicht das Zeichen, Licht zu machen. Wir kommen ohne Licht besser
aus.«

Er führte ihn um das Haus, an vielen dunklen Fenstern vorbei. Als es
hell ward, stand Balrich in einem weiten, seidenen Raum, goldgelb mit
hellen Bildern. Buck verschwand nebenan, dort war es rotgolden und voll
von Büchern. Sogleich kehrte er zurück.

»Da!« -- er reichte den Brief hin. »Überzeugen Sie sich!«

Indes Balrich das alte Papier hervorzog, entfaltete, prüfte, -- sprach
Buck in Ruhe weiter und holte dabei eine Kiste Zigarren.

»Daß er nicht mit verbrannt ist, dürfen Sie nicht für Zufall halten. Den
ganzen Aktennachlaß meines Vaters habe ich gesichtet und dies
zurückbehalten. Ihr Onkel war verschollen oder tot. Aber Sie, dachte
ich, sein Erbe, müßten doch einmal auftreten . . . Was haben Sie denn?«
fragte er; denn Balrich hatte eine hochgerötete Stirn, und mit wilden
Blicken über die Pracht der Räume hin, stieß er ein irres Gelächter aus.

»Das gehört mir,« sagte er. Buck ließ sich langsam in einen Sessel.

»Sie übertreiben. Der Prozeß wird Sie erstens viel Geld kosten.«

Balrich zog die Brauen zusammen, daß die Augen darunter wie ein
schwarzes Band aussahen. Er war tief erblaßt, er kämpfte mit der
Versuchung, über den Menschen herzufallen.

»Das beste ist entschieden,« sagte Buck, »Sie nehmen ein Glas von diesem
hier.« Er goß Likör ein. »Und auch eine Zigarre;« -- wobei er unter
Balrich einen Sessel schob.

»Ich will nicht,« sagte der Arbeiter. »Sie sind mein Feind.«

Buck schüttelte den Kopf. »Schade, wenn Sie es glauben. Das erschwert
unsere Sache. Zum mindesten müßten Sie doch bemerken, daß ich dem Herrn
Generaldirektor gern einen Denkzettel geben würde. Mit nichten will ich
Ihnen einreden, nur im Namen der idealen Gerechtigkeit hätte ich Ihren
Brief mir aufbewahrt. Ich verspreche mir gute Wirkung davon, wenn dem
Heßling, mindestens theoretisch, zum Bewußtsein gebracht wird, er fuße
auf Enteignung und am Anfang seines Rechtes stehe der Raub.«

Buck hatte glänzende Augen und dehnte sich in seinem Sessel.

»Noch ein Gläschen,« schlug er vor und leerte selbst eins.

Balrich dachte: »Wie Onkel Gellert. Auch dieser ist ein Taugenichts, ich
muß die Sache allein machen.«

»Aber,« begann Buck wieder, »zum Märtyrer bin ich nicht geboren, sonst
säße ich nicht hier in Villa Höhe.« Mit dem Lächeln der Verachtung:
»Leider kann ich ihn nicht erledigen, ohne auch mich zu erledigen.
Darum, alles mit Maßen.«

»Das sagen Sie allein,« stellte Balrich fest.

»Nein. Auch Sie müssen es einsehen. Tatsächlich geht es nur sehr mit
Maßen. Auf gütlichem Wege, will sagen mit Hilfe jeder nicht
lebensgefährlichen Bedrohung wird vielleicht eine Verzinsung des
eingelegten Kapitals zu erreichen sein, wenn schon keine Tantiemen. Das
ist nichts Großartiges, aber unterschätzen wir nicht den Gegner! Er
wird, selbst wenn er zahlt, die Echtheit des Briefes leugnen.«

»Dann gibt es Richter,« behauptete Balrich. Buck zuckte die Achseln.

»Wollen Sie es darauf ankommen lassen, wie ein Gericht befindet? Sie als
Arbeiter müssen sich doch sagen: in den Vorstellungskreis bürgerlicher
Richter paßt es nicht, daß ein Armer ein gültiges Dokument sollte
beibringen können gegen einen Reichen, geeignet, ihn aus seinem Besitz
zu werfen.«

»Wenn es aber doch echt ist!« sagte Balrich, verbissen.

»Die Möglichkeit, daß es echt wäre,« erklärte Buck, »wird mancher
interessant finden, auch unter meinen Kollegen mancher. Dennoch
übernimmt nicht einer die Sache ohne einen hohen Vorschuß. Ich selbst in
meiner Lage kann es nicht, zum Märtyrer nicht geboren, wie ich mich
fühle.«

Balrich hörte, nahm auf, und ward unsicher, je klarer der Herr dort
sprach. Man hätte es nicht geglaubt, es sei derselbe, der vorhin im
Dunkeln sich fassungslos hatte gehen lassen. Jetzt saß er in der Helle
und wußte Bescheid in seiner Welt. Für Balrich war sie ein nächtlicher
Verhau voller Fallen, -- und ihn stürme!

»Was würden denn Sie tun?« fragte er kleinlaut.

Buck sah ihn an wie einen Sohn.

»Ich? So wie ich bin? Ziemlich mürbe schon und in meinem Gedächtnis ohne
Beispiel, daß eine gerechte Sache, die schwach war, je gesiegt hätte?
. . . Dies würde ich tun.«

Er nahm den Brief seines Vaters aus den Händen Balrichs und bewegte die
brennende Zigarre darauf zu. Balrich, mit rauhem Schrei, entriß ihm den
Brief. Heraus aus dem weichen Sessel stand er fest auf seinen Beinen und
schnaubte:

»Ich bin nicht Sie, Gott sei Dank. Und brauche Sie nicht, und Ihre
Kollegen nicht. Mein Recht schaff' ich mir selbst.«

Buck änderte seine Haltung und den leichten Ton.

»Dazu müssen Sie Anwalt sein. Wie wollen Sie das machen.«

»Das weiß ich!« stieß Balrich hervor und stapfte nach der Tür.

»Halt!« rief Buck. »Warten Sie noch! Sie hören das Auto, das ausfährt,
um meinen Schwager abzuholen. Draußen ist jetzt alles beleuchtet.«

Er ging selbst zu dem jungen Menschen, er legte ihm die Hand auf die
Schulter.

»Erst zwanzig, wie? Und einen festen Kopf, vorwiegend Willen. Mein Sohn
möchte so sein. Durch meine Schuld ist er anders.«

Buck trat zurück und sagte prüfend:

»Man soll es versuchen. Ich hole Ihnen etwas, aus dem Zimmer meines
Jungen. Er schläft im übernächsten Zimmer, ich bin sogar erstaunt, daß
er nicht erwacht ist von Ihrem Schreien. Denn mehrmals haben Sie
geschrien. Sein Schlaf ist doch gut,« sagte der Vater zärtlich und ging
leise in die Tiefe seiner Wohnung.

Mit einem Buch kam er zurück.

»Da nehmen Sie! Er ist nicht aufgewacht. Die Stunde der Verschwörer ist
nun auch vorbei,« sagte er und zeigte auf eine Uhr, die Eins schlug.
»Gute Nacht.«

Er führte Balrich ins Freie. Man sah jetzt; aus den Räumen, die sie
verlassen hatten, fiel Licht auf den Weg.

Vor der Pforte, auf der Landstraße, wendete Balrich sich; gerade erlosch
das Licht, -- und im Dunkeln suchte er nach der Villa seiner Wünsche,
sein brennender Blick holte ihre Umrisse hervor, zwischen
herausspringenden Flügeln den zurückweichenden Haupttrakt und davor die
Terrasse. »Ich werde sie haben,« fühlte er. »Die schwachen, verwöhnten
Menschen dort innen ahnen gar nichts.« Er griff an seine Brust, nach dem
Brief. »Der, der so dumm war, ihn herzugeben, ahnt am wenigsten. Sie
denken, alles muß bleiben, wie es ist. Wie viel stärker ist der
Angreifer! Wie bedroht ist der, der etwas hat!« Laut und stark sagte er:

»Ich werde dich haben, so wahr ich dich sehe!«

Da, gerade da ward der Mond frei, strömte hin sein Licht über Haus und
Garten -- schenkte sie ihm geisterhaft, Farben des Traumes und der
lüsternen Märchen, tiefblaue Schatten, silberne Wand; bot den Besitz ihm
an wie ein Weib. Er taumelte.

Schon nahte wieder das Auto. Balrich warf sich rückwärts in die Tannen,
brach hervor weiterhin und eilte fort im stampfenden Marschtakt, die
Straße hinan in die Ferne, stundenlang.

Als er zurückkehrte, umschleierte blaue Frühe die Villa. Vogelstimmen
erhoben sich schon und feuchte Düfte, aber noch streifte Mondlicht die
Wege. Von der Terrasse dahinten rieselte es. Oder nein: ein Wesen,
herabwandelnd im schleppenden Silbergewand, langsam von Stufe zu Stufe.
Er suchte das Gesicht und fand nur Augen, die Augen seiner Schwester
Leni.

»Siehst du,« sagte er ihr, »dies ist für uns.«

Er fühlte: »Warum ich, statt Heßling? Aber weil auch Leni da ist.«

So weinte er denn, versteckt im Gebüsch der Tannen; und nach langem
Weinen ging er auf die Fabrik zu, querfeldein, unter Vermeidung der
Wohnhäuser. Unnütz, daß der Aufpasser am Tor ihm diese Nacht ansah.

Am Abend, als er seinen Rock wieder anzog, begegnete er darin einem
fremden Gegenstand. Ein Buch -- das Buch des Herrn Buck. »Da wird es
sich zeigen, wie ich es mache,« dachte er hoffnungsvoll und schlug auf.
Was war das? Fremde Worte untereinander, daneben deutsche, und Sätze wie
für Kinder. Ein Lehrbuch des Lateinischen -- weniger noch, eine
Lateinfibel . . . Der Arbeiter steckte sie schnell wieder ein und ging
heim, gesenkten Kopfes.

Zu Haus aber erhob er ihn. Er hatte begriffen und war entschlossen. Sein
Brot, seinen Käse -- und gleich an den fichtenen Tisch, worauf sonst nie
etwas lag. Jetzt liegt das Buch darauf. Es will gelernt sein -- und dann
ein anderes und wieder eins, und noch immer stehst du, zwanzig Jahre
alt, bei dem, was die Knaben schon kennen. Du weißt nicht wie lange und
weißt nicht wie, aber lerne! Dein ist die Nacht. Alle Nächte sind dein.
Lerne!

Er legte sich hin, als es hell ward, goß sich drei Stunden später das
Wasser aus dem Krug über den Kopf und ging zur Arbeit, im Tritt der
Kameraden.

So fuhr Balrich fort zu leben, -- und die erste, der es auffiel, war
Thilde. Er beruhigte sie, gab ihr eine Stunde hin, die er nachher vom
Schlaf abzog; -- aber da es so nicht dauern konnte, erklärte er ihr
einfach, nur am Sonntag könnten sie sich sehen. Er arbeite des Nachts.
Er arbeite an der Verbesserung einer Maschine, es werde ihm Geld und
Stellung bringen, seine ganze Zukunft hänge ab davon. Sie sah ihn
kraftvoll erregt und ward ganz schüchtern. Er sagte noch: »Glaubst du
denn, ich will hier nicht heraus? Ich zwinge es und werde reich!«

Da weinte sie und antwortete ihm:

»Dann wirst du mich verlassen.«

Er leugnete es, aber sie glaubte ihm nicht. Das Versprechen gab sie ihm
dennoch, alles für sich zu behalten. Dann ging sie, fast von selbst,
niedergebeugt in ihrem Tuch, und Balrich hatte vor sich seine Nacht.

Zwei Sonntage später, er hatte soeben die letzte Seite des Buches
gelernt, klopfte es an seine Tür, und mit dem Kopf dienernd kam ein
Bürschlein zutage, eins in weichem blauen Anzug, mit Lackschuhen und dem
ahnungslosen Gesicht der reichen Kinder. Es legte seine Mütze auf das
Bett und bat artig um den freien Stuhl.

»Es wird etwas länger dauern,« sagte es. »Papa will, daß Sie mir das
Ganze hersagen.«

Das Bürschlein öffnete das Buch.

»Ich habe dies nämlich schon längst wieder vergessen,« äußerte es.
»Warum wollen Sie überhaupt lernen?« fragte es vertraulich. »Ein
Vergnügen ist es nicht.«

Balrich sagte:

»Zum Vergnügen bin ich nicht da.«

Jetzt antwortete der Knabe:

»Ich weiß, Sie wollen Geld haben. Sie wollen unser Geld haben. Wundern
Sie sich nur nicht,« sagte er unbefangen. »Papa ist mein Freund und sagt
mir manches.«

Der Arbeiter, nicht sicher, was zu denken sei, musterte den kleinen
Reichen, der lächelte, und bemerkte dabei, daß eigentlich die Augen
recht hell und wach blickten. Nur der Mund stand kindisch offen, und
unbegreiflich töricht erschienen die hochgebogenen Brauen, unter diesen
beiden großen schwankenden Blondlocken. Schmaler Kopf, die Schultern so
schwach, -- ein Schlag, dachte Balrich, und der freche kleine Nichtsnutz
rutscht vom Stuhl . . . Statt dessen begann er, holprig herzusagen. Der
Knabe unterbrach.

»Einen Augenblick. Ich heiße Hans Buck. Vierzehn Jahre elf Monate.
Wollen wir eine Zigarette rauchen?«

Die Fehler Balrichs berichtigte er herrisch aber flüchtig. Nach einigen
Seiten hatte er genug.

»Besser habe ich es auch nie gewußt.«

Balrich sagte:

»Ich muß es aber besser wissen. Ich brauche es nötiger.«

»Ihre Sache,« meinte Hans Buck. »Für Klinkorum jedenfalls ist es gut
genug.«

Es erwies sich, daß Balrich von Professor Klinkorum erwartet wurde. »Wir
kommen sogar schon zu spät.« Das Bürschlein stieß den Zwanzigjährigen
zur Tür hinaus. Nebeneinander durchquerten sie die Wiese. Mitten darauf,
wo die meisten Kinder lärmten, fiel Balrich lang hin; das Bürschlein
hatte ihm ein Bein gestellt. Es bog sich vor Lachen, in einer Rotte, die
mitlachte. Als Balrich dann zornrot aufkam, lief Hans schon. Er lief
schwebend leicht, keine Aussicht, daß Balrich ihn fing, -- wenn nicht
ein paar junge Arbeiter ihm, trotz seinem Geschrei, es gölte nicht, den
Weg verstellt hätten. Nun rangen sie; ein Griff Balrichs, und der
Kleine, verzweifelt gegen den Boden gestemmt, war so gut wie aufgehoben
und geworfen. Balrich aber, der ihn so schwach fühlte, tat unversehens,
als verliere er selbst den Boden, und sprang zurück.

Sie gingen weiter, Hans Buck mit gepreßten Lippen und die Augen gesenkt.
Da plötzlich nahm er Balrich beim Arm.

Klinkorum, der es anläuten gehört hatte, empfing sie an seinem Tisch
stehend, den grünen Schlafrock drapiert über dem Spitzbauch, und in
weißer Krawatte. Er warf den Kopf zurück, der Bart stand in sieben
harten Strähnen hechtgrau vom Gesicht ab, die Lippen entblößten lange
Zacken mit ebensovielen Lücken, und er lachte erhaben. Unter Gelächter
begann er eine Rede über den Ernst des Lebens, das Eigentum und die
Bildung. Die letztere gehe vor, erklärte er mit einem grünen Blick auf
den Knaben von Villa Höhe. Wer aber, sagte er dem Arbeiter, bisher in
fröhlicher Unwissenheit dahingelebt habe, der lerne jetzt den Ernst
kennen, einen Sohn des Wissens. Vorausgesetzt immer, er sei berufen.

Balrich, zuerst eingeschüchtert, kam bald auf den Verdacht, daß dies
Geschwätz sei, und ärgerte sich über den Zeitverlust. Da sagte Hans
Buck, dreist und hell:

»Na los!«

Und Klinkorum schnappte nur noch, ganz auf dem Trocknen.

Er ließ beide dieselbe Übersetzung machen, »um den Abstand der Geister
festzustellen,« -- fand aber dann, daß der eine durch Flüchtigkeit
ersetze, was der andere an Unbelecktheit voraushabe. Hierbei fielen die
Hände Balrichs ihm unliebsam auf. Er sagte nichts, seine Pausen und die
Ausrufe seiner Blicke bewirkten es aber, daß Balrich die Hände vom Tisch
nahm. Der Fünfzehnjährige bemerkte hierzu:

»Er tut nämlich richtige Arbeit;« -- worauf Klinkorum ihm strafweise
voraussagte, auch er werde sie noch tun müssen.

Inzwischen ging die Glocke, und Besuch trat ein, zwei Herren, die schon
vorbereitet schienen auf den Anblick des studierenden Arbeiters, denn
sie nahmen ihn stumm in Augenschein. Hans Buck sagte schneidig: »Darf
ich die Herren bekannt machen,« -- und stellte dem Arbeiter die Herren
Dr. Heuteufel und Konsistorialrat Zillich vor.

Sie zeigten eine Teilnahme, die Heuteufel geradezu für wissenschaftlich
erklärte. Klinkorum bekräftigte sie darin, er erläuterte ihnen in der
Übersetzung Balrichs die Fehler, die das Fortfallen selbst der
allgemeinsten kulturmenschlichen Grundlage zur Voraussetzung hätten und
Zeichen einer Klasse seien, einer hoffnungslos rückständigen Klasse.

Sie schüttelten die Köpfe und fragten, ob wenigstens im einzelnen Fall
eine Aussicht sei. Der junge Buck schwatzte laut dazwischen, und in das
Heft Balrichs zeichnete er recht geschickt einen Haifisch.

»Ähnlich?« fragte er, und Balrich erkannte Klinkorum -- strengte sich
aber nur noch mehr an, um den Reden der Herren zu folgen. Es war schwer,
die Sätze verwickelten sich ihm, und gewisse Worte hatten keinen Sinn.
Ein interessantes Experiment, dies wiederholte Klinkorum mehrmals. Ein
rudimentäres Gehirn, unvermittelt in Berührung gebracht mit den
Humaniora --.

Aber es gehe doch, meinte Dr. Heuteufel, der seinerseits die Hefte der
beiden Schüler verglich. Es sehe aus, als könne es jeder.

Dies schien dem Professor zu mißfallen. Er stellte schnell mehrere
Fragen an Balrich, die Balrich nicht einmal begriff, -- worauf alle
lachten, auch Hans. Das schmerzte den Zwanzigjährigen, er zwickte das
Bürschlein stark in den Schenkel. Durch seinen Erfolg ermutigt, teilte
Klinkorum den Herren mit, wie groß die Liebe zur Wissenschaft bei
solchen Leuten oft sei, -- leider meistens eine unglückliche Liebe.
Dieser einfache Arbeiter habe ein vom Schüler Buck verlorenes Buch
gefunden, und es nicht früher zurückgebracht, als bis er es auswendig
gewußt habe. »Solcher fast ergreifend zu nennenden Strebsamkeit waren
wir immerhin einen Versuch schuldig,« sagte Klinkorum und lachte mit
allen seinen Zacken. Die anderen Herren begleiteten ihn.

Balrich wollte nicht wissen, ob auch Hans sich freue. Er sah vor sich
hin und sann düster, dies müsse ein Ende haben; allein werde er seinen
Weg suchen . . . Da sagte Hans, mit einem gewissen Blick von einem der
drei Herren zum andern:

»Aber Onkel Heßling wird sich ärgern.«

Und wie sie nun schmunzelten und nur gerade noch an sich hielten, dies
bemerkte auch Balrich. Der Konsistorialrat nahm das Wort. Kein
Arbeitgeber, soviel verstehe er, könne gleichgültig bleiben,
überschritten seine Leute eine gewisse Grenze der Bildung. Dies ändere
das Verhältnis, die Gesichtspunkte und die Rechte, dies sei in Wahrheit
schon Umsturz.

Was er ernst und warnend sprach. Aber hätte seine Stimme die
Schadenfreude versteckt gehalten bis auf ihre letzte Spur, die Gesichter
der beiden anderen verrieten sie. Balrich sah mit Staunen, daß der
Generaldirektor hier keinen Freund hatte. Er horchte auf. Dr. Heuteufel
lehrte:

»Für die Gewalt eines einzelnen muß ein Gegengewicht gefunden werden,
und das ist --«

»Die geistige Bildung,« schloß Klinkorum. Worauf Heuteufel:

»Die Bildung und sogar der Geist sind nur Mittel zum Zweck. Ihm und
seinesgleichen muß wieder einmal klargemacht werden, was persönliche
Freiheit heißt. Auf dem Wege, den die Herren, und zwar gern gesehen von
der Behörde, eingeschlagen haben, kommen wir zur Staatssklaverei, sogar
früher als man denkt.«

Feierliches Schweigen. Der Arbeiter Balrich ergab sich einem heftigen
Vertrauen zu denen, die so sprachen und dachten.

»Das ist aber auch wahr,« beteuerte er und schlug auf den Tisch. »Wissen
Sie wohl, warum wir nach Gausenfeld keine Elektrische bekommen? Weil wir
unter uns bleiben sollen und nicht aufgeklärt werden sollen und in
seiner Kantine saufen sollen. Das ist doch wie ein Ghetto!« rief er,
stolz auf dieses Wort.

Die Herren, mit gekniffenen Lippen, blinzelten einander schnell zu, und
dann traten sie ein Stück weg. Klinkorum äußerte:

»Für heute Schluß. Das nächste Mal, Herr Balrich, könnten einmal Sie,
anstatt meiner, den Unterricht geben, etwa über den Zukunftsstaat.«

»Obwohl --,« bemerkte Zillich. »Das eherne Lohngesetz liegt doch auch
schon beim alten Eisen.«

Balrich fühlte, enttäuscht und grimmig: Was soll man verlangen von den
Bourgeois. Dumm wie mein Steiß, und dazu falsch . . . Ihr Wissen haben
sie nur, weil sie Geld haben. Her damit, und dann ihnen an den Hals. Da
ist nicht Dank noch Schonung. Gelte jeder, was er ist!

Er räumte zusammen, stand auf, trug seinen Stuhl an den früheren Platz
und verabschiedete sich mit mehreren Kratzfüßen. Inzwischen sprachen die
Herren gedämpft.

»Die Sachen sind wie sie sind, und manch' einer spricht sie aus. Aber es
kommt doch sehr darauf an, wer.«

Als der Arbeiter schon draußen war, rückte Klinkorum mit dem
Eigentlichen heraus.

»Was soll man sagen. Die Begriffe fehlen, folglich die Worte. Ihm genügt
es nicht länger, mein Haus, die Zuflucht meiner Muse, hinabgezerrt zu
haben in sein Tal der Armut und des Schmutzes, es entwertet und
verelendet zu haben: er will mich umbringen!«

Sie wollten es ihm nicht glauben, aber er belegte es mit Zahlen und
Daten, herrührend von dem Heßlingschen Baumeister selbst. Ein drittes
Arbeiterwohnhaus war bereit zu entstehen; auf dem Plan bestand es schon
-- und wo, und wo? Hinter Klinkorum, vielmehr, im Bogen um ihn her, --
so daß er auf drei Seiten verstellt war, und vorn die Landstraße, Staub
und Benzingestank. Das Ende von allem, man konnte ihm nur noch die Hände
schütteln. Klinkorum schwur freilich, dies endlich werde nicht so
hingehen, es gäbe Richter . . .

Balrich draußen wollte schon das Gartengitter zuschlagen, aber Hans Buck
lief herbei.

»Ich habe gehorcht. Sind sie dumm und falsch!«

Balrich dachte: Dein Glück! Denn er hatte das Bürschlein schon verworfen
mit den übrigen.

»Es sind nämlich bloß Neidhämmel,« erklärte Hans Buck. »Und dann das
Buch, das du mir gestohlen haben sollst oder so!«

Er sagte plötzlich du. Dabei tanzte er vor Freude.

»Papa hat gewollt, ich soll es dem Haifisch aufbinden, -- und der tut,
als glaubt er es, denn er kriegt bezahlt. So sind sie.«

»Das ist -- ein abgekartetes -- Spiel?« sagte Balrich schwerfällig, und
starrte ernst in das schlaue Gesichtchen. Fünfzehn Jahre, und wußte
Bescheid über die Menschen, und war lustig dabei! Ihre Niedertracht war
ein Spaß für das Bürschlein!

»Komm' mit!« verlangte es. »Bis zu der großen Fichte, wo man die Villa
sieht. Weiter darfst du nicht.«

Balrich erwiderte:

»Nein. Ich will nicht.«

Und er ging über die Wiese nach Haus B. Hans Buck rief ihm nach:

»Morgen abend wieder!«

»Aber nicht, weil du es bist,« dachte Balrich. »Und Villa Höhe, die will
ich erst wiedersehen, wenn sie mein ist, das schwöre ich. Dann komme ich
und werfe euch hinaus.«

In dieser Nacht an seinem Tisch dachte er dennoch viel an Hans Buck. Was
Klinkorum ihm mitgegeben hatte, war bald aufgearbeitet, und seine
eigenen Bücher hatte er noch nicht da; ganz leicht hätte er Thilde
folgen können, abends, als sie ihm nachschlich bis auf die Treppe. Er
hatte sie aber fortgeschoben, und lieber dachte er, aus Sparsamkeit beim
Mondschein, des feinen und schlauen Knaben von Villa Höhe, und daß er
ihn wiedersehen werde.

Am Montag nach Feierabend trafen sie sich freilich bei Klinkorum, und
nach dem Unterricht hatte Hans Buck nichts Geringeres vor, als daß sie
zusammen in die Stadt gingen, das Bezahlen sei seine Sache. Aber
Balrich, mit finsterer Miene, zeigte auf den Packen Bücher, den er
bekommen hatte.

»Sechs Stunden bis zum Morgen -- das reicht kaum.«

Und er ließ den Leichtfuß dastehen.

Erst am Sonntag willigte er ein, spazieren zu gehen. Schwere Luft,
rauchiger Sonnenuntergang, -- und da Balrich nichts anderes zuließ,
gingen sie querfeldein und vorbei an den Arbeitervillen, eben dort, wo
er ehemals mit Thilde ging. Auch jetzt herrschte Ernst; Hans Buck ging
gemessen und überlegte.

»Das sind nun sieben Nächte,« sagte er, »und du hast rote Augen.«

»Anders geht es nicht,« entschied Balrich. Der reiche Kamerad gab es zu,
im Tone hoher Achtung.

»Nein. Denn du willst in einem Jahr lernen, wozu sie mir im Gymnasium
fünf oder sechs Jahre gegeben haben, -- und ich weiß es nicht.«

Plötzlich fielen ihm die Spiele der Kinder auf, an einem schlammigen
Graben, in den jeder den anderen einzutauchen suchte mit dem Gesicht.

»Sie sind schmutzig und boshaft,« bemerkte er; und er behauptete: »Wenn
sie das nicht wären, brauchtest du nicht so furchtbar viel zu lernen.«

Wieso? Ihm selbst machte die Erklärung Schwierigkeiten. Er fühlte nur:
zuerst sauber sein -- und ein anständiger Mensch. Das Lernen ist dann
Nebensache.

»Besser als Lernen ist Denken; und das Denken geht am besten, solange
man nicht daran denkt.« äußerte er.

Balrich sagte nüchtern: »Das ist Unsinn. Vielleicht, wenn man Geld hat.
So aber, wenn ich da heraus will,« -- er zeigte auf den Graben -- »muß
ich lernen wie ein --« Gehässig knurrend: »Wie ein Tier.«

Hans Buck verstand dies nicht völlig, er suchte sich einzufühlen. »Ich
habe doch auch nie Geld. Und sogar Papa hat es meistens nur vom Onkel
Heßling.

Der hat zu viel, darin habt ihr Recht. Meinem Papa sollte er mehr geben.
Aber mir wieder sollte Papa mehr geben. Wirklich anständig ist keiner.«

Balrich wußte nun schon, daß sogar die Reichsten noch Unterschiede
machen zwischen einander; er dachte mit Verachtung: »Ihr liefert euch
selbst an das Messer.«

Hans Buck seinerseits blieb plötzlich zurück; es war klar, er versteckte
sich hinter dem Größeren. Und Balrich, der den Zusammenhang sogleich
erfaßte, blieb stehen, einen Fuß vorgestellt, in der Haltung des
Beschützers. »Ist es der Rote dort?« fragte er, den Blick auf dem nahen
Rande des Arbeiterwaldes.

Ja, es war der Rote. Er war der natürliche Feind des jungen Buck, keines
Zusammenstoßes hatte es bedurft, keiner Absage. Längst lauerten sie
aufeinander und nur der entscheidende Augenblick fand Buck nicht
gesammelt. Balrich hörte, daß sein Freund außer Atem war.

»Er soll herankommen,« knurrte er. »Dann kriegt er genug.«

Hans Buck antwortete mit Anstrengung:

»Du darfst nicht. Es ist meine Sache.«

Balrich sah den Roten vorgehen und sah, er war der Stärkere.

»Wenn es deine Sache ist, dann hast du längere Beine. Lauf!« riet er.

»Das ist aber gegen meine Ehre,« sagte der Knabe aus Villa Höhe, --
worauf der Arbeiter die Achseln zuckte und dann lachte, zuerst leise
brummend, endlich aber mit wüstem Hoho.

Indessen trat Hans Buck hinter ihm hervor, machte einige Schritte und
faßte Fuß. Er spannte sich, ward größer, bekam scharfe Fäuste. Der Feind
schlich gebückt, seine Hände streiften das Gras. An der Wendung des
Weges angelangt, hielt er an -- und bog ab. Hans Buck behielt seine
Haltung, bis der breite Mensch, ihn seitwärts anschielend, zu laufen,
richtig zu laufen anfing. Darauf kehrte er zu Balrich zurück.

»Der Dummkopf hat sich bluffen lassen,« erklärte er, mit einer Bewegung,
die die Sache abtat. Der Arbeiter hatte zu lachen aufgehört.

Am Waldrand wendete sich ein Mädchen nach Hans um. Da erst kam ihm das
Selbstbewußtsein des Siegers, und er wagte es, ihr eine Kußhand
zuzuwerfen, -- obwohl sie in Begleitung war. Sie war goldblond, ohne Hut
und in einem dunklen Tuch wie die Arbeiterinnen, aber der Rock modern
und kleine Lackschuhe mit Stöckeln. Ihr Begleiter trug blaues Leinen,
wie ein Maschinist, aber darüber einen koketten Sommermantel.

»Es ist ein Techniker,« sagte Balrich im Ton einer Entschuldigung. »Ein
besserer Mensch.« Das Mädchen war Leni, seine Schwester; dies verschwieg
er. Er fühlte: das versteht so einer nicht.

Leni ging mit dem Techniker, der Bruder hatte es ruhig dahin kommen
gesehen. Der Techniker war ein Arbeiter und doch mehr. Wollen wir, daß
er sie heiratet? Nun also. Auch Thilde hatte hören müssen. Jetzt
freilich hatte Balrich sie satt. So konnte es enden.

Er gab sich Mühe, zurückzubleiben, aber der junge Buck drängte gewaltig
den beiden entgegen. Er sagte: »Das ist einmal ein Mädel!« und tat
mutig. Als sie sich aber endlich begegneten, griff er so ungeschickt
nach seiner Mütze, daß er sie herunterwarf. Dennoch grüßte Leni ihn mit
ihren Goldaugen, und erst nachher lachte sie. Hans, trotz seiner Scham,
wollte ihr nach, der Techniker indessen hatte sich wohl mit ihr in die
Büsche geschlagen; man fand sie nicht, soviel Staub und Kohlenruß man
aufstöberte im Arbeiterwald. Erst am Teich -- er war braun von Schmutz,
einige badeten, drei Paare ruderten, -- in einem wackelnden Kahn, da
fand er sie. Aus dem Kahn schöpfte sie, das Kleid gerafft, Wasser und
bespritzte damit den Techniker. Bleich und schweigend kehrte der Knabe
um.

Beim Arbeiterhaus A wollte er Balrich durchaus nach rechts und auf die
Landstraße lenken. Was Arbeit, was Essen! Etwas war noch zu sagen.
Balrich wartete; es schien schwer zu sagen . . . Dann gab Hans Buck sich
einen überlegenen Ton und begann von einem Haus, das er schon lange im
Auge habe; er kenne es, er sei vorübergegangen, in der engen Straße
Klein-Berlin, hinter der Marienkirche des alten Zillich, und habe in dem
Haus das Lachen gehört, er müsse hinein. Groß genug sei er schon, seine
Vettern Heßling hätten ihn mitnehmen können. Aber vor ihm stellten sie
sich wie Duckmäuser, und so wollte er mit Balrich hingehen, -- er habe
Geld, sagte er nachdrücklich und klimperte.

Balrich sagte zu dem allen nur nein. Ob er nicht neugierig sei? Ob man
einem Freund nicht beistehen müsse? Oder gönne er ihm das Vergnügen
nicht? Nein. Nein. -- Hans fragte schmerzlich: »Warum -- warum denn
nicht?« Er bekam keine Antwort; Balrich machte lange Schritte, als
wollte er ihm entlaufen, aber Hans Buck verfolgte ihn mit seinem Warum
bis in das Haus. Da wendete Balrich sich um, sagte:

»Weil ich ein Arbeiter bin, und weil die Mädchen dort meine Schwestern
sein könnten.«

Und ließ den jungen Reichen dastehen.

Hans Buck sagte: »Ach so«; aber er ließ seine langen Wimpern herab und
dachte sich das Seine. Arbeiterinnen, -- die so lachten? Wie mochten sie
glücklich sein, in ihrem geheimnisvollen Hause! »Hierin, wie es scheint,
verstehen wir uns nicht. Er ist nüchtern wie ein Arbeiter, er sieht
nicht, was das Haus für ein Märchen ist, mitten in der ordentlichen
Stadt was für ein Abenteuer!«

Und auf seinem Heimweg in der Dämmerung träumte der Fünfzehnjährige von
Schleiern und Goldgürteln aus Bilderbüchern oder vom Theater, -- die
sich aber nun lösten und aufhoben von nie erblickten Gliedern. Schon ihr
Gedanke war brennend. Plötzlich, zum Greifen deutlich erschienen ihm Fuß
und Wade eines Mädchens, das den Rock gerafft in einem Kahn saß. Daheim
noch lange, über sein Buch hinweg, sann er, sie, jene Goldblonde, würde
eine der Schönsten sein in dem zauberhaften Hause . . . Sein Freund
Balrich inzwischen lernte; und ging es hart, tauchte sein Geist, sich
erfrischend, in das Gesicht einer bläulichen Frühe, als Leni, seine
Schwester, in einem schleppenden Gewand aus Mondlicht die Terrasse
herabgewandelt war von Villa Höhe. »Dort sollst du zu Hause sein,«
versprach er ihr.




III

Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren


Als sie sich wiedersahen, alle drei, Balrich, Hans Buck und Leni, war es
schon Herbst und regnete wieder. Die beiden jungen Leute kamen von
Klinkorum und begegneten dem Mädchen hinter A und B vor einer großen
Pfütze. Sie stand drüben und suchte einen Umweg. Hans Buck fragte sich:
»Wo war sie denn dort drüben, während die Pfütze entstand?« Balrich
dachte: »Mit dem Techniker, dort, wo ich früher mit Thilde.«

Da stieg Hans Buck entschlossen in die Pfütze. Am anderen Ufer sagte er
etwas, das »Erlauben Sie« heißen sollte, und nur ein Zähneknirschen war,
-- worauf er Leni umwarf und sie auf seine beiden Arme legte. Er trug
sie, beträchtlich schwankend, bis mitten in die große Pfütze; dort
mußten schon seine Knie sie stützen, sie entglitt ihm und kreischte.
Dennoch beugte er sich bis auf ihren Mund und küßte ihn. Dies
vollbracht, fand er die Kraft, sie auf das Trockene zu setzen.

Dort stand Balrich unschlüssig und die Brauen gefaltet. Hans Buck
ordnete dem Mädchen das Tuch über den Schultern und dem schönen Haar.
Dabei sagte er:

»Was nimmst du mir übel? Ich muß nicht wissen, daß Fräulein Leni deine
Schwester ist. Du hast es mir nie gesagt.«

Leni lachte verlegen, und Hans Buck, scherzhaft aber auch verlegen,
setzte hinzu:

»Falscher Freund du!«

Balrich, bestürzt und finster, wollte überlegen: dann haben sie
inzwischen sich gesehen? Da bemerkte er, daß man Zeugen hatte. Thilde,
die ewige Spionin, verschwand hinter dem Haus, hervor aber traten munter
zwei junge Herren in Sportdreß, Heßlings, die Vettern Bucks. Achtzehn-
und siebzehnjährig auf langen Gamaschenbeinen kamen sie herbei, grüßten
eckig wie fertige Kavaliere, und der Leni, die alles gewandt
entgegennahm, küßten sie die Hand. Wann sie wieder zum Tanz gehe nach
Beutendorf, -- und sie nahmen sie in die Mitte. Ihr Bruder, der mit
Hans, beide stumm, folgte, fühlte wohl, das Betragen Lenis war
zurückhaltend und dennoch vielsagend. Sie wußte nicht, daß er kämpfte
für sie -- gegen jene. Große Bitterkeit, schweigen zu müssen! . . . Aber
das Bürschlein, das es wußte, empfand es nicht Scham? Wohl, es ließ den
Kopf hängen.

Die Kavaliere riefen ihrem Vetter zu, er möge sich beeilen, jeden
Augenblick fahre das Auto vor. Es kam die Straße herab. Als alle die
Wiese überschritten hatten, hielt es, zwanzig Schritte von ihnen. Die
drei jungen Herren verabschiedeten sich ohne Umstände, stiegen ein zu
den Damen Heßling und Buck, die Federn in der Frisur trugen, und fort,
keiner sah sich um.

Die Geschwister standen noch immer. Karl Balrich, beklommen, fragte
endlich seine Schwester: »Was denkst du dir nun?«

Leni antwortete:

»Sie hatten Reiher, solche findest du nicht noch einmal,« -- und wendete
sich zum Gehen. Da er kein Glied rührte und brütend aussah, fragte sie
eingeschüchtert: »Was hast du?«

Er fuhr auf; aber anstatt sie anzufahren, wie sie es befürchtete,
lächelte er mit seliger Güte -- und sagte:

»Leni, du selbst sollst solche Reiherfedern haben! Und Kleider,
Automobil, eine Villa. Die Villa Höhe!«

Da lächelte sie wie er, selbstvergessenes Lächeln, an der Landstraße, im
Regen.

Ihr ward es kalt, sie machte kehrt und murmelte: »Du bist verrückt.«

»Nein. Ich arbeite, bis du es hast,« sagte er fest. Sie sagte mit
Wehmut:

»Dabei kann ich achtzig Jahre alt werden. Von deinem Lohn!«

Er neigte sich zu ihr:

»Du sollst etwas wissen, Leni, was ich den anderen nicht sage. Komm!«

An der Hand führte er sie bis in sein Zimmer. Er zog aus dem Tisch die
Lade mit den Büchern. Sie untersuchte alles.

»Das lernst du des Nachts? Davon hast du jetzt rote Augen. Und wenn du
es weißt, bekommst du Geld?«

Er erklärte ihr, daß er arbeite, damit er fähig werde, für sein Recht zu
kämpfen, für ihres. Sie suchte alles zu begreifen.

»Zwei Jahre, bis du dies hier weißt? Sechs Jahre, bis du Rechtsanwalt
bist? Acht Jahre oder auch zehn, bevor du genug verdient hast, um den
Prozeß gegen Heßling zu führen . . . Danke, dann ist meine beste Zeit
vorbei.«

»Dann kommt das Leben in Villa Höhe!«

»Du glaubst, sie werden einfach ausziehen und uns hineinlassen? So sehen
sie nicht aus.«

»Sie werden müssen,« behauptete er erregt. »Sie wohnen dort
unrechtmäßig.«

»Darum helfen ihnen alle die anderen, die ihr Geld auch nicht
rechtmäßiger haben.«

Balrich verstummte. Woher kam es, daß Leni, achtzehnjährig, Zweifel
hatte wie der dicke Herr Buck, und die Welt schon durchschaute?

Da sie ihn enttäuscht sah, sagte sie:

»Es wäre schön, und du meinst es gut. Aber ich kenne vielleicht einen
kürzeren Weg.«

Er sah sie an; den kannte auch er; aber der ging durch einen Traum. Der
Weg, daß Hans Buck, wenn er erwachsen war, Leni zu seiner Frau nahm. Er
liebte sie und war ein gutes Bürschlein. Aber Leni, die an den Sieg der
Arbeit und des Rechtes nicht glaubte, sollte glauben können an ein so
viel bedrohtes Glück? . . . Dann meinte sie wohl gar etwas anderes? Er
fragte dringend:

»Willst du deinen Techniker nicht mehr heiraten?«

Sofort machte sie, mit Schultern und Lippen, das Zeichen des Wegwerfens.
Und er, einen Schritt nähertretend:

»Was dann.«

Da erschrak sie und beschwichtigte. »Du kennst mich doch, so dumm bin
ich nicht. Wir wollen nach Villa Höhe.«

»Leni,« sagte er, noch drohend, aber so traurig:

»Vor dem Techniker schäme ich mich nicht. Vor den Herren von Villa Höhe
würde ich mich schämen müssen.«

Sie war auf einmal außer sich. Tränen stürzten über ihr Gesicht, sie
rang die Hände und klagte.

»Denke doch nur das nicht, lieber Karl! Blind will ich werden, wenn ich
das tue! Und ich glaube auch, daß du gewinnst und uns reich machst. Bei
Gott, ich glaube es.«

Sie umschlang ihn heftig, auf sein Gesicht, das noch starr blieb,
drückte sie ihre Lippen. Da bekam es Leben, öffnete sich, strahlte.

»Verlaß dich auf mich!« Er drückte ihr die Hand, immer wieder. »Verlaß
dich auf mich!«

So ging sie, und er setzte sich an seinen Tisch.

Dort saß er alle Winternächte. Die Arbeit getan in der Fabrik,
erfrischte ihn diese andere. Er ward hellhörig in der vereisten Weite
der Felder vor seinem Fenster. Kein Geräusch des ungeheuren Hauses nahm
ihn mehr in Anspruch, nur aus dem kleinen Buch hier drang zu ihm eine
Stimme, seine eigene. Er lernte nicht mehr, den Kopf in die Hände
gebohrt, das Wissen Fremder. Ihm schien es, er selbst, von einem zum
andern, erfinde und denke weiter. Sein Kopf befreite sich; und endlich
als einziger wachend, empfand er manchmal mit aufsteigendem Jubel das
Werden der Kraft.

Der Professor prüfte ihn nur mehr wöchentlich. Inzwischen sah er Hans
Buck, immer ihn. Das Bürschlein wehte herein -- atemloser als sonst, war
morgen ein Heft abzuliefern. In letzter Stunde, früh fünf Uhr, trieb ihn
einst die Furcht her, und von dem Arbeiter, den er aus seinem kurzen
Schlaf weckte, ließ er sich die Aufgabe machen.

»Weißt du, wie ich das erstemal dir Vokabeln abhörte? Kein Jahr, und du
hast mich eingeholt. Du wirst fertig sein, und ich noch immer, ein
armseliger Pennäler . . . Nein!«

Er stampfte auf.

»Das will ich nicht. Ich will heraus und Geld verdienen!«

»Auch du?«

»Bin ich umsonst dein Freund? . . . Warum kommst du nie nach Beutendorf
zum Tanz? Ein einziges Mal doch! Du würdest sehen, daß ich dich ersetze
bei deiner Schwester Leni. Niemand darf ihr zu nahe treten!« rief er
kühn -- und dann leichthin: »Was meine Vettern Heßling betrifft,
verachte ich sie. Tue es auch! . . . Oder befürchtest du Böses von
ihnen?« fragte er angstvoll.

Da Balrich ihn durchdringend ansah, bekam er das scheinheilige Gesicht,
das seine hellen Züge ihm gaben, wenn er etwas Schlaues dachte.

»Auch mich haben deine Leute wohl verdächtigt bei dir? Mach dir nichts
daraus! Über dich sagen sie bei uns, du läßt dich bezahlen -- ich weiß
nicht von wem und wofür.«

Der Arbeiter machte große Fäuste, da hüpfte das Bürschlein vor Freude,
sprang hinter den Tisch und rief: »Siehst du?«

Dann freilich sagte es begütigend: »Was sie mir auch erzählen würden,
dich kenne ich. Mir aber darfst du schon einiges Schlimme zutrauen.«

Es raffte sein Heft auf, und hinaus, mit einer langen Nase.

Draußen aber prallte Hans Buck gegen eine, die gehorcht hatte: Thilde.
Sie zog ihn unter eine Lampe und fragte ihn ohne Scheu:

»Was tut er wieder! Ich muß es wissen.«

»Balrich?« fragte Hans Buck unvorbereitet. »Jetzt lernt er Griechisch.«

»Er ist verrückt!« schrie Thilde, daß es durch den Gang gellte. »Er
schläft nicht mehr -- keine Nacht, ich sehe es, denn auch ich kann nicht
schlafen. Mit niemand spricht er, treibt Heimlichkeiten, und mich hat er
angelogen. Er soll nur herauskommen!« rief sie nach seiner Tür hin,
»dann sag' ich es ihm.«

Da trat er hervor. Mehrere Frauen, treppauf, treppab, waren
stehengeblieben, darunter die Polster. Sie erklärte den anderen:

»Thilde sagt es, wie es ist. Er hat ihr vorgeredet, er verbessert eine
Maschine. Aber wir haben in seinem Zimmer nachgesehen.«

Er fuhr sie an, was ihr eingefallen sei; aber sie behauptete ihr Recht
und das Recht Thildes.

»Wird einer verrückt, muß man nachsehen, was los ist;« -- worin die
Zeuginnen ihr beistimmten. Nur daß sie dafür hielten, es gebühre der
Familie. »Dinkl muß Ordnung schaffen.«

»Nun gut,« sagte Balrich, »wir gehen zu Dinkl, Thilde und ich. Euch
andere geht es nichts an.« Dies beruhigte die Weiber, nur die Polster
war nicht loszuwerden. Balrich schämte sich wegen Hans. Die Aussprache
mit der Familie, er sah es, war nicht länger hinauszuschieben; dazu
brauchte man am Ende den Onkel Gellert. »Hans,« sagte er fordernd, »ich
habe dir deine Arbeit gemacht, jetzt hole mir sofort den alten Gellert!«

Hans lief schon. Balrich, Thilde und die Polster bewegten sich, ohne
einander anzureden, durch das Haus -- lange Zeit immer über Treppen ohne
Läufer, durch Korridore mit hundert Türen, sachlich wie in einem Spital,
mit Fenstern, die nackt waren und in ihren Rahmen die kahle Winterfrühe
hielten, unbeschönigt, wie das Leben der Armen. »Unser Leben!« dachte
der Arbeiter Balrich, aufgestört aus seinem griechischen Lesestück.

Angelangt auf dem Absatz vor der Tür Dinkls, sah er sie offen, und
heraus stürzte Malli.

»Ich gehe durch!« kreischte sie. »Das ist kein Leben;« -- und überrannte
die Polster, die sogleich mitkreischte. Balrich hielt Malli, aber sie
rang wie sie konnte, und schrie, sie gehe durch. Als sie dann still war,
hörte man drinnen Dinkl, der schalt, und die heulenden Kinder.

»Warum läßt du mich nicht durchgehen?« klagte Malli. Balrich zeigte ihr
den kalten und dunklen Tag. Das sei immer noch besser, klagte sie. Er
fragte drohend:

»Tut Dinkl dir etwas?«

Da hielt sie ihn flehend zurück.

»Er kann nichts dafür. Und die Kinder, die mich totquälen, auch nicht.«

»Dann komm', es soll besser werden,« sagte er und führte sie bei der
Hand in das Zimmer. Dort saß Dinkl und prügelte. Am Boden eine
verunreinigte Waschschüssel. »So fängt der Tag an,« sagte Dinkl; -- und
wie es einen Augenblick still ward, hörte man die glücklichen kleinen
Laute des Säuglings, der auf der Kommode lag und die Ärmchen reckte.

Malli trug die Waschschüssel hinaus, worauf sie, unterstützt von der
Polster, die Kinder reinigte und kämmte. Dinkl, durchaus nicht lustig
nach dem Aufstehen, keifte seinen Schwager an.

»Der Herr Balrich; daß man auch einmal die Ehre hat! So ein Heimlicher!
Hast Geld, wie? Verdienst es wohl, wie der Jauner?«

Balrich wollte losfahren, sagte indes:

»Bald sollst du einsehen, Dinkl, was für ein Dummkopf du bist.«

»Du aber,« keifte Dinkl, »spuckst Latein, wie ein Bourgeois, drum hast
du die Thilde so hergerichtet, du Lump;« -- und er wies auf Thilde, die
ihre Schürze vor dem Gesicht hatte.

»Onkel Gellert hat uns etwas gesteckt über dich.«

»Das soll er jetzt vertreten,« sagte Balrich laut nach der Tür hin, wo
der alte Anstreicher sich zeigte. Er wollte sogleich wieder umkehren,
aber Hans Buck, von hinten, stieß ihn in das Zimmer. Hierauf schnupperte
der junge Reiche in die Luft; sie roch nur nach den vielen, soeben aus
dem Bett gekommenen Leuten, nicht nach der, die er suchte. Dennoch trat
Leni dahinten hervor aus ihrem Brettergelaß. Hans Buck, durch Dick und
Dünn des Zimmers, war schon bei ihr.

Der alte Gellert wollte nichts wissen noch gesagt haben, er stellte sich
taub. Plötzlich aber schrie er los, mit der ganzen Wut seiner noch
unangegriffenen Nüchternheit.

»Es muß heraus,« schrie er. »Der da begaunert mich!«

Da Balrich ruhig blieb, nahm der Alte alle zu Zeugen seines Mutes.

»Jetzt soll er bekennen, jetzt steht er vor seinem Richter. Hab' ich
dir, ja oder nein, einen Wink gegeben über einen alten Brief, worin
steht, mir gehört Gausenfeld?«

Balrich lächelte dunkel.

»Du sollst dich wundern. Ich habe den Brief sogar herausbekommen, aber
was du sagst, steht nicht darin.«

Da bekam der Alte den Tanz. Die Arme und die Beine werfend beschuldigte
er seinen Neffen, den Brief verkauft und das Geld versteckt zu haben.

»Ich lauere ihm auf, und er drückt sich, oder er macht Redensarten.«

»Weil die Sache schwer zu sagen ist,« erklärte Balrich. »Der Brief aber
ist hier;« -- und er reichte ihn hin.

Sie lasen: Dinkl, der den Brief hielt, neben Gellert, der nach ihm
griff, und Malli, auf dem Arm den Säugling, und Thilde, die Augen
trocknend, und die Polster, die die Lippen bewegte, und das größte der
Kinder auf einem Stuhl. Die anderen, samt den Polsterschen, standen und
wunderten sich der tiefen Stille. In die Stille traten auf den
Fußspitzen die beiden jungen Brüder Balrichs, ihnen folgte der alte
Dinkl, der nicht mehr arbeitete, mit seinem Blechtopf, worin er sich den
Kaffee holen wollte; und alle schlossen sich an den Haufen und lasen
mit.

Balrich allein hörte das Flüstern hinter der Bretterwand und das leise
Getrappel, wie Leni das Bürschlein hinausdrängte.

Dinkl war fertig, er fragte:

»Was soll uns das nun?«

»Damit werden wir alle reich werden,« sagte Balrich. Da lasen sie noch
einmal, starr und feierlich.

Gellert unterbrach.

»Wenn er mein Recht verkauft hat? Was soll ich alter Mann noch machen.«

»Du bist ein alter Mann,« sagte Balrich fest und mit Nachsicht, »bist
wehrlos, und ihr alle seid wehrlos. Darum habe ich mich daran gemacht
und lerne. Ich will lernen, bis ich das Recht kann. Dann hole ich es
mir.«

Er stand, das fahle Frühlicht auf seinem breiten Gesicht, und sie
blinzelten alle und wollten begreifen. Gellert begann nochmals zu
zetern.

»Was hilft mir dein Lernen, ich bin ein alter Mann und will Geld. Da,
zähle mir mein Geld hin!«

Jetzt wies Dinkl ihn zur Ruhe. Dann schöpfte er Atem und sagte zu
Balrich:

»Es kann wohl lange dauern, bis wir unser Recht bekommen. Wer weiß, ob
wir es erleben. Aber unsere Kinder, sollen wenigstens die es besser
haben?«

Balrich sah ihm in die Augen, und dann den übrigen, einem nach dem
andern. Es dauerte lange und geschah schweigend; da hatte er mit ihnen
seinen Pakt gemacht. Vom Arme Mallis hob er den Säugling und zeigte ihn
ihnen.

»So wahr der wächst,« sagte er.

Eine Pause; dann hustete jemand, und alle nahmen ihre Sachen, um in die
Fabrik zu gehen. Balrich ließ sie an sich vorüberziehen. Thilde kam und
sagte ernst wie eine Nonne:

»Ich warte auf dich. Jetzt weiß ich, du kommst wieder.«

Die Polster, die zu Haus blieb, trieb die Kinder vor sich her. Ihren
Bruder Dinkl fragte sie ängstlich, ob denn auch sie etwas bekommen
werde. Das wisse man nicht, erwiderte Dinkl sachlich. »Wie die
Rechtslage ist. Wenn du es nicht anders willst, müssen wir
prozessieren.« Dann hörte Balrich Zwei noch reden, im Winkel hinten.
Zuerst ein dringendes Geflüster, Hans.

»Ich weiß wohl, was du vorhast. Tu' es nicht, tu' es nicht! Dich liebt
nur einer, und das bin ich.«

Das könne jeder sagen, antwortete Leni nichtachtend.

»Sagen! Aber tun? Auch ich sah in dir nur mein Vergnügen, ich war ein
Verbrecher! Jetzt will ich für dich arbeiten, hinaus und verdienen für
dich, gleich jetzt. Will sein wie ihr und immer nur arbeiten. Ich liebe
nicht nur dich, sondern euch.«

Auf das flehendste:

»Du mußt doch hören, so sagt es dir nicht jeder.«

Jetzt bekam Leni eine Stimme, die Balrich nicht kannte, eine scharfe,
entschlossene Stimme.

»Was nützt es. Es dauert zu lange. Es dauert auch so lange wie --«

Balrich erschrak; er begriff, was sie meinte, und schlich hinaus. Da
ward von rückwärts seine Hand erfaßt, und bevor er verstand was geschah,
lagen auf ihr ein Paar Lippen, und vor sich hingekrümmt sah er den
grauen Haarknoten seiner Schwester Malli und ihren demütigen Rücken; Er
richtete sie auf. »Heute muß ich nicht mehr beten,« sagte sie mit ihren
grauen Lippen und stampfte eilig davon in ihren Männerschuhen und dem
Rock, der gegen ihre knochigen Hüften schlug.

So ging auch er, die Stirn gesenkt, überladen zum erstenmal mit
Verantwortung -- und dennoch gestärkt durch sie. Er fühlte: Alle helfen
jetzt mit, ich schaffe es. Auch sie wird glauben lernen.

Ohne daß er aufsah, verging der Winter. In einer Frühlingsnacht erst --
ihm war es warm vom Lernen -- er öffnete, halb entkleidet, das Fenster
und lehnte sich hinaus, um Luft zu schöpfen einige Züge und dann weiter:
da hörte er atmen -- atmen ringsum aus den dünnen Mauern, den geöffneten
Fenstern; und lauschend vernahm er dann auch Schelten, einen Aufschrei
aus dem Traum, Gestöhn beim Sterben, und wieder das Winseln Eines, das
zur Welt kam. Vor langer Zeit, er entsann sich, hatte er dies alles
schon belauscht, nur der Sinn damals war anders. Nicht länger bedeutete
dies Härte oder Trostlosigkeit und litten sie oder schliefen, er, er
wachte und besann.

Er spannte sich beglückt. Seine Leute, seine Gefährten, die Seinen. Arm
mit ihm, und eines Tages durch ihn reich. Die schaukelnden Rosenkränze
vor Villa Höhe! . . . Hier verdüsterte er sich und versank. Eine Zeit
gab es, da hatte er nur an sich gedacht und an niemandes Recht als nur
seins; hatte auf der Stelle Besitz ergreifen wollen und genießen. Sein
Herz erinnerte ihn dann doch an Leni, das geliebteste der Wesen. Aber
verdienten andere Wesen es weniger, geliebt, befreit, bereichert zu
werden? Sie waren nicht alle gut, nicht alle fein. Feinheit und selbst
Güte, meinte der Arbeiter, bringt ihnen erst das Geld. Sie waren oftmals
böse miteinander, wie gegen sie die Reichen, die das Geld nur böse
machte, meinte der Arbeiter. Alle durcheinander kämpften sie, weil sie
litten; kämpften sich durch, unbekannt einem jeden, wohin. Mit ihrer
Vernunft waren sie sich noch nie begegnet.

Die Vernunft aber spricht doch zu jedem, daß wir einer so viel Recht wie
der andere haben. Uns allen sind die Produktionsmittel vorenthalten, wir
sind enterbt und werden bewuchert an Leib und Leben. Wir sollen die
Reichen enteignen, das Glück der Erde soll unser sein, nachdem unser ihr
Elend war . . . Ja; aber auch wir werden zum Unrechttun verurteilt sein,
denn wir stehen auf dem Unrecht. Die Grundlage aller Reichtümer Heßlings
ist ein wenig Geld, das einem der Unsrigen gehörte. Er aber, in dessen
Namen wir nun hintreten vor Heßling, hat es schimpflich erworben. Wir,
seine Erben, sind nicht gerechter als jener Ausbeuter; wir sollen es
erst werden.

»Wie werden wir es? Wenn alle den gleichen Lohn und Gewinn haben? Kein
Unternehmer; -- aber ich heute, ich weiß mehr als die anderen, kann
darum mehr und muß mehr haben. Wie entschädige ich sie?« fragte er
inständig das Bild vor seinem Geist, die Gleichheit.

Als das Haustor knarrte, wie am Morgen wenn es geöffnet ward, trat er
hervor aus seinem eigenen Innern, sah plötzlich hellen Tag und hörte
Sonntagsglocken. Viel Zeit verloren vom Lernen; aber, nie gekannt, sein
Geist war absichtslos vorgedrungen, er hatte »gedacht, ohne daran zu
denken«.

Hinausschlendernd in den festlichen Morgen, sah er über die Wiese den
Rechtsanwalt Buck wandeln.

»Sie promenieren?« fragte der dicke Mann. »Gehen Sie nach Villa Höhe, es
ist gut für Sie. Für mich ist es gut, sie zu verlassen an einem solchen
Morgen.«

»Ich gehe nicht hin,« sagte Balrich.

»Nicht? Ihr Anblick ist Ihnen zu strahlend, zu leicht und glückumwoben?
Sie lügt zu sehr? In der Tat, was für Wesen müßten wir sein, um nicht
blamiert zu werden durch einen Frühlingstag.«

Balrich sagte:

»Wir alle werden uns einstmals ganz heimisch darin fühlen.«

»Frühlingstag und Villa Höhe, kann sein,« sagte Buck und sah ihm lange
in das Gesicht, »für Sie sind sie gemacht.«

Er lenkte zwischen den Arbeiterhäusern auf das kahle Feld hinaus. »Sie
wenden jetzt alle ihre lange aufgespeicherte Gehirnkraft auf einmal an,
Sie sind ein Riese.«

»Das sind Phrasen,« sagte Balrich. »Ich bin überarbeitet.«

»Ich sehe es,« sagte Buck nachgiebig, und der Arbeiter schroff:

»Aber das ist nur eure Schuld, ihr entzieht uns die Schulbildung, damit
wir Knechte bleiben. Künftig aber werden in das geistige Leben die
körperlich Arbeitenden, alle Menschen, von früh an langsam
hineinwachsen. Und in wenigen Stunden wird dann in den Fabriken und am
Studiertisch mehr geleistet werden als jetzt in vielen.«

Buck sagte befriedigt:

»Dann wird Wissen da sein für alle. Heute übernehmen sich einige an
ihm.«

»Wie am Geld,« sagte Balrich.

»Künftig beziehen alle denselben Lohn?« fragte Buck sanft.

Der Arbeiter errötete.

»Wohl nicht. Aber jeder seinen Gewinnanteil!«

»Der auch ein Verlustanteil sein kann,« ergänzte Buck.

Balrich wußte es besser.

»Nein; den trägt das Unternehmen. Es gehört nicht uns, den Arbeitern. Es
gehört sich selbst.«

»Sie haben dies erdacht?« fragte Buck, schneller als sonst. Dann wandte
er ein:

»Es gehört sich selbst. Aber wer verkörpert es? Wer hat teil an ihm?«

»Alle, von denen es lebt.«

»Es lebt auch von den Toten.«

»Unsinn,« sagte der Arbeiter.

»Es lebt auch von den alten Männern an der warmen Mauer dort, die nie
mehr ein Werkzeug in die Hand nehmen. Denn sie haben das Unternehmen
eine Weile unterhalten mit ihrer Kraft. Es lebt auch von den noch
Ungeborenen; kämen sie nicht, müßte es eingehen. Endlich lebt Ihr
Unternehmen von der Stadt, die ihm Menschen liefert und Nahrung für sie;
von der Hochschule, deren Erfindungen es benützt; ja, von denen, die
früher einmal an es geglaubt haben und betrogen wurden. Sehen Sie, mein
Vater hatte Aktien, und Heßling brachte ihn darum.«

Balrich überlegte lange, bis zum See im Arbeiterwald. Wie sie standen
und in das Wasser blickten, sagte er:

»Das wäre wahr? Dann ist es nicht alles. Solche Unternehmen über dieses
Land hin und über alle Länder, das wäre die Gerechtigkeit, es wäre der
Weltfriede. Dann wäre es ein gültiger Schwur, den vor wenigen Monaten im
Münster zu Basel die Arbeitervertreter aller Länder geschworen haben:
Keine Schafe mehr wir Arbeiter, stumm zur Schlachtbank geführt, keine
willenlosen Instrumente der Kriegsinteressenten . . . Wäre es wahr?«
fragte er inständig.

»Da dann einer für den andern steht, keiner allein, und da wir am Ende,
ganz am Ende, doch gleich sind,« sagte Buck.

Sie umschritten den See; er sogar erschien rein, im Licht des
Frühlingsmorgens. An der gleichen Stelle wieder angelangt, sagte der
Arbeiter:

»Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren, ist ehrenvoll und ist Gewinn.«

Buck, ohne zu fragen, nahm seinen Arm und stützte sich. Sie traten den
Rückweg an; Balrich, nach herbem Besinnen, stieß hervor:

»Wenn das Bürgertum dies weiß, was für ein Verbrecher ist dann Heßling!«

Buck wiegte den Kopf.

»Nur sehr beschwerlich denkt man gegen das eigene Interesse,« sagte er.
Der Arbeiter sagte bescheidener: »Ich kann Sie noch nicht verstehen.
Vielleicht meinen Sie mich, aber Sie können auch die Herren dort drüben
meinen.«

Er wies hinüber. Vor der Villa Klinkorum ergingen sich, den Rücken
hergewendet, aber mit Gebärden, der Professor samt Zillich und dem
Doktor Heuteufel. Sogleich gab Buck den Arm Balrichs frei und ließ den
Arbeiter hinter sich. Balrich, erbittert, als sei er verraten, blieb
stehen und wollte kehrt machen. Inzwischen aber erblickten ihn die drei
Herren.

»Da ist er!« rief Klinkorum. »Herbei, junger Mann! Verhandelt wird Ihre
Sache. Wollen Sie weiter hinanklimmen die Leiter der Eingeweihten, oder
mit einem hörbaren Ruck wieder zurückfallen in Ihr ehemaliges Nichts?«

Buck bemerkte, zufolge dieser gesteigerten Ausdrucksweise müsse etwas
Erhebliches vorgefallen sein. Statt Klinkorums, dem im Augenblick die
Sprache versagte, bestätigte Heuteufel dies im vollen Umfang.
Vorgefallen war erstens, daß der Bau des geplanten dritten
Arbeiterwohnhauses C, hinter der Villa des Professors und sie vollends
umklammernd, jetzt wirklich begann; -- und zum zweiten war an Klinkorum,
dieses Opfer des Großkapitals, die Verwaltung von Gausenfeld
herangetreten mit dem Ansinnen --

»Mit dem unerhörten Ansinnen!« warf Klinkorum ein.

-- abzulassen von dem Mittelschulunterricht, den er einem Arbeiter des
Werkes erteile. Dies war vorgefallen. »Genügt es?« fragte Heuteufel,
indes der Konsistorialrat nur pfiff. Buck bedauerte den Professor.

»Gerade von diesem Schüler versprachen Sie sich das Beste.«

Klinkorum zögerte; aber dies war der Augenblick nicht, Rücksichten zu
verschwenden. »Das fällt mir nicht ein,« schnob Klinkorum. »Er ist ein
schwerfälliger Kopf. Durch unbegründeten Dünkel erschwert er dem Lehrer
die Aufgabe;« -- wobei er gegen Balrich den Finger erhob. »Aber!«

»Aber gerade darum setzen Sie Ihren Ehrgeiz ein. Sie wollen der Lehrer
eines Arbeiters sein, der einst zeigen wird, was der Wille kann.«

»Ich will nicht auch noch mein Geld verlieren,« stieß Klinkorum, hervor.

»Es ist Ihr heiliges Recht,« bestätigten ihm Zillich und Heuteufel.

»Er entwertet mein Haus -- wie? Und diesen Zeitpunkt meiner schlimmsten
Vergewaltigung durch seine Übermacht benutzt der freche Gewalthaber, um
mir auch noch die Ausübung meines Gewerbes zu untersagen. Ein Rächer
wird mir erstehen! Die Herren sind Zeugen, daß ich es schon längst
voraussage: ein Rächer!«

»Man sieht ihn noch nicht,« seufzten seine Zeugen.

»Nein, man sieht ihn noch nicht,« bestätigte Klinkorum und sah an
Balrich vorbei. Dann begann er auszuholen.

»Kommen wird die Zeit, da wird auch seine Villa, meine Herren, seine
Villa Höhe erschüttert werden von dem Gestampf einer Volksmenge,
verpestet von ihrem Geruch, bedroht von ihrer Rache, was sage ich, dem
Erdboden gleichgemacht!«

Diese Aussicht schien die beiden andern mit heftiger Freude zu erfüllen.
Der Arbeiter sah es immer nur staunend . . . Klinkorum kehrte aus seiner
Entrücktheit wieder.

»Lasse er aber ab von dem Bau jener Mördergrube, des Hauses C, dann
immerhin mag es sein, daß ich mein Amt als Lehrer seines Arbeiters
niederlege.«

»Geschäft ist Geschäft,« sagte Buck, und sah Balrich nach, der den
Rücken wandte und ging. Die andern, zu sehr im Eifer, beachteten es
nicht.

»Soll er Ihnen Ihr Grundstück abkaufen!« gab Heuteufel zu bedenken.

»Und zwar für das Doppelte seines Wertes,« ergänzte Zillich.

»Wo nicht,« schloß Heuteufel, »machen Sie ihm ganz Gausenfeld
rebellisch.«

»Wie können solche Menschen sich noch selbst betrügen!« dachte dahinten,
langsam entschreitend, der Arbeiter Balrich.

Er besann ihre Lage, und sie schien ihm zwar besser, aber auch
verachtenswerter als die seiner eigenen Klasse. Sie überhoben sich
kindisch über die noch Ärmeren, damit sie doch, mit ihrem wenigen Geld,
ihrem Wissen und ihrem schwarzen Rock noch Figur machten neben den
Überreichen. Lehnten sich auf -- und krochen mit dem nächsten Wort schon
wieder unter das Joch des Geldes, unrettbar, weil sie selbst etwas
voraushatten. Der Arbeiter fühlte: wer irgend etwas voraushat, ist ein
Mitverschworener gegen uns. Zwischen denen, die nur etwas und uns, die
nichts haben, ist derselbe ungeheure Abstand wie zwischen uns und den
Überreichen. Das ganze Bürgertum bis zu seinen Ärmsten ist eine von uns
abgeschnittene Welt, aus der wir nur verwehte Geräusche hören, und von
uns zu ihnen gelangt nichts, gar nichts.

Er besann: »Jeder Arbeiter kennt schon meine Geschichte. Denn Dinkls
natürlich haben nicht dicht gehalten; aber dem Klinkorum erzählt keiner
sie. Jeder alte Lumpensammler weiß Bescheid, daß Gausenfeld eigentlich
unser ist und uns zufallen soll. Nur die drei Käskrämer dahinten --«
Balrich spie aus, vor so viel Taubheit und Dummheit. Standen da mit
ihren Aktien und sahen nicht, wie unter ihnen der Boden schon riß!

Neben der Kantine die Arbeiter kegelten mit viel Geschrei. Balrich ging
vorüber, da waren sie still.

Er trat ein und stieg in die Bank zwischen zwei anderen. Der eine rückte
ein Stück fort, -- und im Gesicht seines Gegenübers sah Balrich
Feindschaft. Sie trauten ihm nicht, er war jetzt anders; denen soll man
nicht trauen, die Genossen hatten recht. Er machte sich, ihnen zu
gefallen, klein beim Essen. Da kam Herbesdörfer, sah durch seine runden
Brillengläser Balrich an mit Ehrfurcht und riß die Mütze herunter, --
wobei die Mütze fortflog. Balrich war schneller als Herbesdörfer und
holte sie. Als Balrich wieder saß, legte sein Nachbar ihm schwer die
Hand auf die Schulter und sagte:

»Weiß schon.«

Weiß schon, du bist unser Mann, hast unseretwegen das Mitlachen,
Mitschreien verlernt, machst es dir schwerer als wir es uns machen.

Beim Fortgehen, in der Tür, traf er auf Simon Jauner. Der gab ihm die
Hand, und mit der anderen beteuerte er irgend etwas, wohl seine
Verschwiegenheit. Sie war ihm anzuraten. Hier hörte der Spaß auf, jeder
einzeln hatte ihn dessen versichert. Wenn von der Sache mit Balrich die
Herren etwas erfuhren, war dem Jauner sein Messerstich gewiß, er wußte
es. So tat niemand sich Zwang an vor ihm; Dinkl machte wieder seinen
alten Witz und nannte den alten Gellert Herr Generaldirektor. Es war ein
Witz, und doch keiner mehr. Man lachte brüllend, aber auch Gellert
lachte, er fühlte sich nicht verhöhnt, eher geschmeichelt.

Balrich wollte hinaufgehen zu seinen Schulbüchern, aber eine Frau hielt
ihn noch auf. Ihr Mann trank, Balrich sollte helfen. Sie hatte vor ihm
den demütigen Nacken Mallis.

Die alten Männer am Haus in der Sonne wandten ihm, wie er vorbei war,
runde Augen nach und schwiegen, tiefer als irgend jemand. Die Kinder
aber, das Volk von Kindern -- eine Wolke von ihnen, stob immer, wo er
ging, verschleiernd ihn und seinen Weg.

»Wir halten alle zusammen,« fühlte Balrich hochgemut. »Jetzt hilft es
ihnen nichts mehr, daß sie verschworen sind gegen uns; so fest
verschworen sind sie nicht.«

Und sie wußten nichts, kein Spion steckte ihnen noch etwas, im Dunkeln
liefen sie durcheinander und hätten wissen wollen.

In der Fabrik spürte man ihre Unruhe. Bis zu den Inspektoren nur
Unsrige, und lächelten in den Bart, wenn von droben einer sich
heranmachte und wollte riechen, was im Werk war. Man ließ sie abfallen,
nicht den Mund durften sie auftun; denn nie war besser gearbeitet
worden. Jeder wußte: für uns; die Ware hier ist schon für uns, die
Maschinen sind unser; den Beweis hat der Balrich. Unvergleichliche
Freude, wie einst der Generaldirektor, geleitet vom Oberinspektor, durch
die Arbeitssäle stolzierte und hatte Furcht. Wahrhaftig, bei dem Kessel
mit den Mühlrädern -- Herbesdörfer stand davor und sah ihm entgegen --
machte Heßling einen Bogen. Er dachte, grün im Gesicht, wie leicht man,
half gar noch einer nach, zwischen die Mühlräder gerate. Die Furcht, die
immer den Herbesdörfer quälte, auf einmal erlernte auch Heßling sie.

Jetzt aber erblickte er den Balrich, und jetzt -- alle hatten das Auge
auf ihm -- fühlte er sich verloren. Er sah und aller Augen begleiteten
ihn: der da, mit den schwarzen Brauen, der da, mit der breiten Stirn,
den breiten Schultern, dem Schopf -- das ist er, der mich in der Hand
hat und mehr kann als ich und mich zerschmettern und die Gerechtigkeit
wiederherstellen wird. Die Arbeiter nickten einander zu. Wie ihm das
Licht aufging! Wie er zitterte!

Balrich stand stämmig da und erwartete den Kapitalisten, seinen Bauch,
sein blondes, massiges und hartes Gesicht, -- stand da, erfüllt wie je
von dem Bewußtsein: alles Böse in der Welt geschieht für Diesen . . .
Heßling, angelangt, blieb stehen, ließ den Fuß nur ein wenig in der
Schwebe; aber genug, daß Todfeinde sich messen . . . Dann warf der
Generaldirektor den Kopf in den Nacken, und der Arbeiter legte Hand an.

Draußen, gedämpft, fragte der Generaldirektor seinen Oberinspektor, was
es damals gewesen sei mit dem Arbeiter, der Latein lernte bei Klinkorum.

»Das war er,« sagte der Oberinspektor.




IV

Die sittlichen Faktoren


Die folgenden Tage sah man auf der Landstraße nur Heßling. Immer raste
das Auto; keine Behörde in der Stadt, vor der es nicht hielt; und fuhr
es weiter, saß eine Uniform mit darin, oder Herren von der Regierung.
Nicht jeden Abend kehrte es zurück, -- und eines Morgens früh, Doktor
Heuteufel und sein Schwager Zillich gingen am »Reichshof« vorüber, trat
Heßling aus dem Hotel hervor, frisch ausgeschlafen. Er sprach sie sogar
an. Folgenschwere Beratungen hatten ihn gestern Abend zurückgehalten,
auch hatte sein Auto eine Panne --

»Und so weiter,« sagte Heuteufel; aber Heßling, mit den Augen blitzend:

»Was heißt das? Wollen Sie meine Motive beanstanden? Anspielungen und
Gerüchte kümmern mich nicht. Ich sitze ruhig auf Villa Höhe.«

Heuteufel ergänzte: »Weit draußen, wie ein Fürst, -- aber auch mit
Leibwache?« Und Heßling, voll einer Erregung, nicht mehr zu meistern:

»Ich gehe meinen Weg, mit passiver Widersetzlichkeit ist gegen mich
nicht aufzukommen.«

Ob er die Stimmung seiner Arbeiter meine, fragte Zillich. Sie sei
allerdings eine Tatsache. »Mich haben sie, als ich zuletzt bei Klinkorum
war, betrachtet, als wäre ich meines Lebens nicht sicher.«

Da sahen die beiden mit Genugtuung, wie das tatkräftige Gesicht des
Generaldirektors weiß wurde. Er wisse nichts, stammelte er. »Man weiß
nicht, was sie wollen, das ist das Unheimliche.« -- Sie gaben ihm
heuchlerische Ratschläge: Die Anlage der elektrischen Straßenbahn nach
Gausenfeld, er sehe nun wohl, wie falsch es war, sie zu hintertreiben.
Gausenfeld, ein wimmelnder Menschenhaufen, sei, abgeschnitten von der
Welt und in sich selbst verfressen, nachgerade zur Mördergrube geworden.

Mördergrube! Dies Wort ließ Heßling denn doch nicht gelten. »Meine
Arbeiter habe ich in der Hand, das will ich mir ausbitten; Die kennen
nicht nur meine Machtmittel und meine unerbittliche Strenge, sie wissen
auch, daß sie an mir einen Vater haben. Wie Sie mich sehen, fahre ich in
die Fabrik. Wollen die Herren sich entschließen mitzufahren, mir kann es
nur recht sein, daß Sie sich überzeugen und in die Lage kommen,
böswilligen Gerüchten in Zukunft entgegenzutreten.«

Die Herren entschlossen sich gern, ließen sich dann aber bei Klinkorum
absetzen, um ihm ihre Beobachtungen mitzuteilen. Sie befriedigten den
Professor durchaus.

»Nicht nur mir also, ihm selbst, dem Anstifter, wächst das Tal des
Unrates über den Kopf. Sogar über seiner Villa Höhe schlägt es zusammen
und verschlingt ihn mitsamt seiner Brut. Gemeinsam sollen wir
untergehn!« -- Klinkorum lachte erhaben, wackelnd mit grün drapiertem
Spitzbauch, auf allen Seiten umstrahlt von seinen sieben Bartsträhnen,
und die langen Zacken sämtlich entblößt.

Heßling seinerseits suchte keineswegs die Fabrik auf, wo das lagernde
Geheimnis jetzt täglich zum Ausbruch gelangen konnte. Schon war er
wieder unterwegs nach Netzig, und mittags zurückkehrend brachte er den
General mit. Die Herren umschritten noch vor dem Frühstück Park und Wald
von Villa Höhe. Exzellenz von Popp sagten:

»Ich danke Ihnen, Herr Geheimrat. Meine Dispositionen sind getroffen;«
-- worauf der Hausherr ihn zum Frühstück führte, durch die schaukelnden
Rosengewinde der Terrasse und über die golden bespannte Halle in den
weißseidenen Barocksaal.

Während des Frühstücks war v. Popp für Geschäfte nicht zu sprechen, die
Unterhaltung blieb mondän. Nachher, beim Kaffee in der golden bespannten
Halle, gab er das Zeichen.

»Was ist in Gottesnamen nun los bei Ihnen?«

Alle waren still. Heßling atmete mit Geräusch, er begann kühn:

»Nichts. In Wirklichkeit nichts. Keine Sabotage, kein Angriff auf Werte
oder Personen, nichts. Meine Macht steht vollkommen unangetastet da, ich
wollte es mir auch ausbitten. Nur,« schloß er beklommen, »es geht etwas
um.«

v. Popp erwiderte unwirsch:

»Gegen Gespenster kann ich Ihnen die Truppe nicht schicken,« -- indes
seine Nichte, geschiedene Frau v. Anklam, ein gespanntes Interesse
bezeugte.

Der Generaldirektor bat Exzellenz dringend, ihn nicht mißzuverstehen.

»Der Umsturz nimmt neue Methoden an. Sie reden nicht, sie wispern und
haben gewisse Blicke, als wüßten sie etwas, das wir nicht wissen.«

Der Rechtsanwalt Buck vermutete:

»Eine neue Art religiöser Epidemie?«

Sein Sohn Hans blinzelte ihm zu, hinter dem Rücken seines Onkels. Aber
Heßling äußerte Bedenken.

»Wer weiß, sie haben eine Art Führer, den ich für einen ausgesprochenen
Hypnotiseur halte.«

»Wie verlockend!« sagte Frau v. Anklam, an den Augen das Lorgnon. Horst
Heßling, neben ihr, bat sie dringend, sich keine Illusionen zu machen.
Der Mann sei kein Gent, -- »seine Schwester dagegen, das Mädchen hat
Klasse,« sagte er herausfordernd; und jetzt war es an Frau v. Anklam,
sich zu ärgern. Der General v. Popp seinerseits verlangte, rot
anschwellend:

»Werfen Sie ihn hinaus, zum Teufel!« -- worauf der Industrielle ihn
ansah, als sei v. Popp im Stande der Unschuld.

»Wenn das so einfach wäre.« Dann bekam er einen Ausdruck, wie wenn er
hinter dem General jemand sähe, der nicht da war.

»Was hat er vor?« murmelte er, sichtlich erblaßt. »Ich bin bereit, der
Gefahr ins Auge zu blicken, nur wissen muß ich, wo sie ist.«

Dies ward als peinlich empfunden. v. Popp erleichterte alle durch lautes
Geschrei.

»Sie sollen nur losgehen,« schrie er, »wir werden sehen, wer die Macht
hat!« Assessor Klotzsche, in einem Winkel um Gretchen, die Tochter des
Hauses, bemüht, zog hinter ihr die Hand hervor und streckte sie zum
Schwur hin. »Sie sollen nur!« keifte er mit angestrengtem Augenrollen --
und kehrte, seine Entschlossenheit einmal bewiesen, zu seiner vorigen
Beschäftigung zurück.

Die Söhne Horst und Kraft waren »unbedingt für das Aufschneiden des
Geschwürs«; und aus ihren beiden Klubsesseln ragen ihre vier
Gamaschenbeine. Ihre Mutter Guste, stolz auf ihren Mut, aber noch
stolzer, weil die geschiedene Frau v. Anklam ihnen ermunternd
zulächelte, setzte sich derart, daß sie ihren Gatten Diederich
absonderte mit dem General und der beginnende Flirt nicht gestört ward.
Die Anklam sah jüdisch aus, aber bei der Nichte der Exzellenz war dies
sicher nur ein Naturspiel. Sie entschied sich für Horst, anstatt für
Kraft, den Liebling der Mutter. Kraft gab es schon auf, ihm lag nichts
an Weibern; mir einzig gehört er, fühlte Guste.

Emmi inzwischen, Mutter des jungen Hans Buck, war nur bedacht, ihn zu
entfernen. Zu gut wußte sie, wie es um ihn stand und daß er weiter ging
als sein Vater in der Auflehnung gegen alles dies, seine Klasse, seinen
Vorteil. Was war es mit Buck? Er widersprach schon wieder dem General,
und nicht nur der General war rot, auch Heßling. »Mein Bruder Diedel,«
sann Emmi, »hat sich hart gemacht. Ich weiß noch Zeiten, als er es nicht
war. Jetzt kennen sie ihn nicht anders, darum denkt er, es muß so sein.«

Die Schwester sann weiter. »Ich weiß noch. Sie beide aber können sich
nie mehr verstehen. Buck würde wohl wollen, erlaubte Diederich ihm nur,
über dies alles hier die Wahrheit zu denken. Das ist die Leidenschaft
Wolfgangs,« sann die Gattin, »die Wahrheit zu denken. Dann fügt er sich
doch, läßt sich gehen, auch wenn es nicht recht wäre, und bleibt im
Nest. Er hat es früher wohl zu schwer gehabt; wie sollte er noch die
Kraft finden, zu verhindern, daß die vielen anderen leiden«.

Nun aber Hans!

»Mein Hans,« sann die Mutter gramvoll, »ist sehr gefährdet. Denn er, er
will die Wahrheit nicht nur denken; ich fühle es voraus, er will sie
ausführen. Wie könnte man das. Soll ich wünschen, er wäre anders, mein
Hans?«

Da fühlte sie auf sich den mißbilligenden Blick ihrer Schwägerin Guste.
Die hatte nie gezweifelt an ihren Söhnen, -- die doch schlechter waren
als der Vater! »Meiner ist besser, und ich muß zweifeln. Verworrene
Welt,« dachte Emmi Buck.

Inzwischen auf der Terrasse unter den Rosengewinden, da Klotzsche gehen
mußte, hatte Gretchen Heßling einen Streit mit ihm und mit ihren
Brüdern. Gretchen, bleichsüchtig und versteckt, war für die Arbeiter,
und die Aussicht auf einen Streik mißfiel ihr nicht. Warum, war nicht
herauszubringen. Auf alles antwortete sie ihrem Verlobten Klotzsche:
»Ach du mit deinem Bauche!« Ihr Bruder Kraft endlich, der nicht mehr an
sich hielt, verriet ihr Geheimstes.

»Du Gans! Nur das Theater ist es. Sie hat im Theater einen Streik
gesehen, und der Streikführer war Herr Stolzeneck, verstehst du,
Klotzsche? Leon Stolzeneck, erster jugendlicher Liebhaber.«

Horst stieß Kraft in die Rippen, aber der Assessor nahm es, wie es war.
»Das gibt sich,« grunzte er gemütlich. »Theater ist etwas anderes, ich
habe auch mitgeklatscht.«

Das Auto mit dem General und dem Assessor war fort, da, in der
goldbespannten Halle, herrschte Heßling seinen Schwager an.

»Sehr verbunden, daß du mir die Exzellenz flau machst. Schickt er dann
keine Soldaten, haben wir im äußersten Fall noch dein Mundwerk.«

Das Wort als Tat unterschätze man immer, erwiderte Buck, -- so wie man
die sittlichen Faktoren unterschätze.

»Bin ich unsittlich?« herrschte Heßling.

»Deine Machtmittel,« fuhr Buck fort, »sind dieselben, auf die auch der
Umsturz pocht; und jene anderen, die er nicht kennt, sind dir so fremd
wie ihm. Ihr seid einander wert,« schloß er milde. Heßling brach
vollends aus.

»Ich kenne nur mein Recht. Gehen sie los, wird geschossen. Schleichwege
sind meinem treuen Gemüt eine Greuel.«

»Deinem treuen Gemüt,« wiederholte Buck.

»Auch deinem, hoffe ich!« Diederich blitzte. »Einen meiner -- meiner
eigenen Arbeiter Latein lernen lassen, bedeutet eine heimtückische
Förderung der subversiven Tendenzen. Dem Professor Klinkorum verzeih'
ich es nie. Noch unerbittlicher wäre ich, wenn ich wüßte, wer ihn dafür
bezahlt.«

Buck wehrte ab.

»Er tut es ohne Entgelt, aus wissenschaftlichen Motiven.«

»Das sagt er. Das kann jeder sagen. Auch dein Sohn wird sich auf die
Wissenschaft ausreden, wenn er dem Balrich seine Bücher leiht und nur
mit ihm noch gesehen wird.«

Buck zog sich ein Stück zurück, er sagte vorsichtig und ohne Ironie:

»Hans? Ein Kind, nicht wahr. Das schließt noch Freundschaft ohne Ansehen
des Standes.«

Hans, hinter einem Rohrsofa mit getürmten Kissen, hörte, sah -- und
schlug die Hände vor das Gesicht. Papa verleugnete ihn! Er log. Papa und
Hans, beide mußten lügen vor dem Onkel Heßling . . . Er schlich sich
hinaus, unter die Rosenkränze. »Darf ein Mensch uns zwingen, zu lügen?
Ich hasse ihn -- ewig, ich schwöre es!« -- wobei er dennoch ganz wohl
wußte, er habe auch sonst schon gelogen und das Leben sei so.

Heßling drinnen schrie noch:

»Was man mir sagt, muß ich glauben. Alle sagen dasselbe, wie falsche
Zeugen. Es ist, als wäre man in eine Mördergrube gefallen.«

»Du bist leidend,« sagte Buck milde. Seinem Schwager schnappte die
Stimme über.

»Aber wehe, wenn ich euch fasse!«

Und er schwenkte sich auf den Absätzen herum.

Im Garten bei der »Borkenhütte« fand er seine Söhne. Über den Fenstern
aus Rinde nagelten Horst und Kraft gebleichte Tierschädel an den rauhen
Stamm. Was dies bedeute?

»Es sind die dem Odin heiligen Pferdeschädel,« erklärte Horst, und das
Wasser troff ihm unter seinem Monokel hervor. Die kleinen Ralph und
Fritzheinz, die zusahen, erklärten ihrerseits:

»Es sind die Kalbsköpfe, die wir zu Mittag gegessen haben.«

Kraft, lang, gebeugt, mit Ringen um die Augen, sagte schleppend und
zittrig:

»Hier ist die richtige Stelle, Vater, für die Maschinengewehre.«

Heßling erschrak, er sagte: »So weit halten wir noch nicht.«

Dann gab er zu:

»Auf Villa Höhe haben wir die ganze Luft für uns, aber die Kaserne ist
zwei Stunden weit.«

Er nahm seinen Ältesten beim Arm.

»Deine Mutter denkt immer, alles muß glatt gehen, weil wir es sind.
Mache einmal du ihr begreiflich, daß man einen Frühlingsmonat ganz schön
auf Reisen verleben kann.«

»In Monte --?« fragte Horst, erwartungsvoll.

Am Abend dann holten die Söhne den Vater ab, um »die Runde« zu machen.
Hierbei sagten sie: »Melde mich gehorsamst zur Stelle,« und machten die
Runde in strammer Haltung. Einmal fiel aus dem Dunkeln ein Schuß. Der
Generaldirektor prallte zurück, schwankend, als sei er getroffen. »Er
ist es,« ächzte er. »Ich sehe ihn.« Horst und Kraft erhoben ihre
Revolver; es war aber Hans Buck, er hatte mit dem Mund geknallt.

Der Generaldirektor in seiner Angst verfiel sogar auf die »sittlichen
Faktoren« seines Schwagers. Man konnte sie versuchen, vor dem Äußersten;
-- und so knüpfte er mit Zillich an, wegen des Pfarrers von Beutendorf.
Der Konsistorialrat indessen wandte ein, er sei zerfallen mit jenem
Freigeist, der sich behaupte nur dank den weltlichen Behörden, ihrer
Gleichgültigkeit in Sachen der Religion. Dabei drückte er dem
Industriellen den Zeigefinger auf die Brust. Auch hier war etwas
versäumt, sah Heßling.

Der Pfarrer Leiditz von Beutendorf, nicht nur im Streit mit der Synode,
auch verschuldet wie er war in jedem Hof seiner Gemeinde -- diesmal
schien der vielgejagte Mann selbst etwas erschnappt zu haben; er sprach
am Sonntag zu den Arbeitern von dem brennenden Gegenstand, -- worauf er
noch heller brannte. Denn Leiditz hatte aus der Schrift
zusammengetragen, was sie an subversiven Tendenzen, Gott sei es geklagt,
enthält. Ihm zufolge, Heßling persönlich überzeugte sich den Sonntag
darauf, hätten ohne weiteres die Sturmglocken läuten sollen.

Vor Schluß der Predigt verschwand der Generaldirektor. Nachher stand
sein Auto leer auf der Straße; wo war er? . . . Und das nächste Mal --
nicht nur Frauen und Greise machten jetzt den Weg zur Kirche, alle
Männer von Gausenfeld! -- was hieß dies? Er machte kehrt, der Pfarrer,
er fand nicht mehr die Stellen der Schrift, in denen sonst sein Finger
lag, er fand andere. Die gingen wie von selbst auf, vielbenutzt, mit
Unmut angehört. »Das kennt man,« murrten die Männer und verliefen sich,
noch während des Amtes. Der Pfarrer, mit verfallenen Zügen, verkroch
sich hinter sein Buch . . . Vier Wochen aber, und was er schuldete, war
alles bezahlt.

Jetzt kam Napoleon Fischer daran. »Von dem Manne ihrer Wahl,« dachte
Heßling, »nehmen sie hoffentlich noch Vernunft an. Der alte ehrliche
Umstürzler kennt mich.«

Das Mitglied des Reichstages reiste auch herbei, der Generaldirektor
empfing es gleich an der Bahn, bevor irgend jemand es zu sehen bekam,
und führte es in ein leeres Wartezimmer. Hier fragte es:

»Was drehn Sie wieder für ein Ding gegen uns, Herr Doktor?«

»Ich brauche Sie, Fischer. Wir haben schon mehr Dreck zusammen
verscharrt.«

»Früher einmal, Herr Geheimrat, habe ich daran Sie erinnert, und Sie
nahmen es übel, denn damals war ich Ihr Maschinenmeister. Immer standen
Sie vor der Pleite, und machten Schiebungen mit Ihrem Proleten. Schöne
Jugendzeit!« -- Und die gealterten Geschäftsfreunde musterten sich.
Napoleon Fischer unter seiner weißen Empörermähne, aus seinem vom
Fluchen und Geschrei zerarbeiteten Kopf, den sogar die gegnerische
Presse einen alten Feuerkopf nannte, lugte giftig. Diederich Heßling,
breitflächig und hart, dünn behaart und über seine Augensäcke
hinstarrend, schnaufte.

Dann hielt der Abgeordnete in dem Saal hinter der Kantine eine
Versammlung ab. Ein Beamter suchte im Namen der Leitung es zu
verhindern, aber gegen die Tatkraft des bewährten Führers drang er nicht
durch. Napoleon Fischers brauner Jackettanzug, fast neu, ward von den
Genossen mißtrauisch gemustert. Aber die Hosen hatte er nicht bügeln
lassen und den Rock falsch zugeknöpft, so ging es ihm hin.

Er redete unter Mitbenutzung seiner langen Arme, seines gefletschten
Affengebisses und der weißen Empörermähne. Als er schon längst nur noch
heiser keifte, fand er dazwischen plötzlich einen zärtlichen Ton, um
seinen »armen Hals« zu bemitleiden. Dann wieder: die Wehrsteuer, eine
nicht zu rechtfertigende Herausforderung des Proletariates, aber die
Folgen wird das Kapital selbst spüren, -- Faustschlag. Russische
Methoden verbitten wir uns. Pogrome, Kulturschande, -- und wenn es sein
mußte, nahm auch er noch die Flinte auf seinen alten Buckel.

Nun aber, worauf es ankam, die persönliche Berührung und Aussprache in
der Kantine, einfach von Bank zu Bank, mitten drunter das Mitglied des
Reichstages, schweißtriefend und menschlich schlicht.

»Also los, Kinder, was hat er wieder ausgefressen, mein alter Ausbeuter,
droben auf seinem Fürstenschloß.«

»Wenn es seines ist!« murrte der alte Gellert, ward, aber durch
heimliche Stöße zur Ruhe verwiesen.

»Ich hab' es nie nicht gesehen,« schwur Napoleon Fischer. »Mir kümmern
die Freudenhäuser der Ausbeuter nicht, ich kenne sie höchstens aus die
>Woche<,« beteuerte er, obwohl er in den Zeitungen, auch in der >Woche<,
schon seit langem so richtig deutsch schrieb, wie jeder andere. »Er
möchte, daß ich hingehe,« Faustschlag, »aber nach Canossa gehen wir
nicht. Er wird den Weg zu mir schon finden, heute braucht er mich, er --
mich, das laßt euch gesagt sein, Genossen!«

Da ihm der Erfolg nicht durchschlagend schien, verschwur er sich noch,
auf dem Wege nach Villa Höhe solle ihn der Schlag treffen. Die Arbeiter
hörten ihm zu; nun ja, nach Villa Höhe ging er wohl nicht. Darum aber
war es noch nicht gesagt, daß er sich mit Heßling nicht anderswo traf,
zum Beispiel bei dem Regierungspräsidenten.

»Also los, Kinder!« wiederholte Fischer. »Er will verhandeln, dann hab'
ich ihn allemal schon in der Hand, das wißt ihr aus Erfahrung. Ohne
mich, sagt selbst, Genossen, was hättet ihr erreicht!«

Sie schwiegen, sie ließen ihn weiter im Dunkeln tappen. Herbesdörfer
sagte schwer:

»Was haben wir denn erreicht?«

Der Abgeordnete, unversehens, sprang aus der Bank und arbeitete sich zur
Tür hin, einem Alten entgegen, der hereinschlich mit seinem Blechgefäß,
ob ein Bissen für ihn abfalle.

»Vater Dinkl! Alter Klassenkampfgenosse!« rief er und stieß den Bettler
vor seinen hohlen Magen. »Wie? Wenn wir jetzt die Alters- und
Invalidenversicherung nicht hätten! Wir! Wir haben sie zusammen
gemacht,« -- und er nahm Dinkl unter seinen Arm und zeigte sich mit ihm.

»Da seht uns alten Freunde! Ich und er, Hose wie Jacke. Ich war auch
bloß Maschinenmeister bei Heßling, so gut wie mich könnt ihr den Vater
Dinkl wählen. Was weiß so ein hergelaufener Akademiker, der am Tisch der
Kapitalisten praßt, von euren Sorgen und Schmerzen. Ich aber, Genossen,
wenn der Heßling, grün vor Wut, zu mir kommen muß und verhandeln, das
ist der Triumph des Proletariates!«

Dies verfehlte denn doch nicht seine Wirkung, sie riefen: »Bravo!« und
»Sehr richtig!«

Daraufhin überließ der Abgeordnete den alten Dinkl sich selbst und
begann noch einmal: »Also los! . . . Macht er Schwierigkeiten mit der
Bibliotheksstiftung? . . . Hat er die versprochenen Waschgelegenheiten
nicht eingeführt? . . . Nun also, dann ist alles in Ordnung. Und in die
städtische Arbeitsvermittlung bring' ich noch einen Genossen hinein.«

Wieder erfolgte nichts. Nur Dinkl Sohn sagte:

»Wissen Sie keine Vermittlung, daß ich nicht mehr arbeiten muß?«

Hier fand Napoleon Fischer seine Würde verletzt. »Das sind Witze,« sagte
er und erhob sich streng. »Ich beantrage, daß die Versammlung die
Äußerung des Genossen Dinkl mißbilligt.«

Niemand mißbilligte sie; jemand rief sogar: »Ihre Weisheit kennen wir!«
-- genau wie beim Pfarrer Leiditz.

Da sah der Abgeordnete sich um und sah, die schweigenden Gesichter waren
düster und höhnisch. Er begann, hastiger als früher, umherzufragen: »Was
wollt ihr? Streiken?« -- fragte einzeln umher, aber nur bei denen, die
am Wege zur Tür saßen . . . Karl Balrich sagte laut:

»Streiken? Wir werden uns hüten.«

Sie stimmten bei, sie verstanden ihn. In einem Betrieb, der von Rechts
wegen uns gehört, streikt man nicht. Der Abgeordnete faßte es anders
auf.

»Das ist ein verständiges Wort, Genossen. Streiken kostet die Partei
bloß Geld; und das Geld der Partei, was ist das für ein Geld? Euer
eigenes Geld, Genossen.«

Unversehens stand er unter der Tür. Wieder ganz auf der Höhe, rief er:

»Hier herrscht ein gesunder Geist, da weiß man, wofür man arbeitet. Und
so will ich euch zum Abschied, Genossen, denn verraten, was bei dem
Kuhhandel mit der Wehrvorlage für euch herauskommt. Zwei Prozent
Lohnerhöhung! Genossen! Dafür stehe ich ein mit meiner vollen
Überzeugung! Wir bewilligen die Wehrvorlage, aber ihr kriegt zwei
Prozent. Hoch die internationale revolutionäre Sozialdemokratie!«

Er wartete nicht ab, daß sie einstimmten, schon war er draußen. Zu
seiner Verwunderung hörte er nichts, und niemand holte ihn zurück. Eine
Weile horchte er im Dunkeln, dann ging er hintenherum über die Felder;
-- am Zaun zwischen dem Arbeiter- und dem Herrschaftswald sagte er zu
Diederich Heßling, der drüben schon wartete:

»Es ist nichts. Streiken wollen sie nicht, sie wollen zwei Prozent, --
und das sage ich Ihnen, davon bringen Sie, Herr Doktor, mich nicht ab,
denn da spricht einzig mein Gewissen. Ich bin klassenbewußt geblieben,
trotz meiner paar Kröten, mich fängt der Kapitalismus nicht ein, für die
paar Kröten verrate ich meine Genossen noch lange nicht!«

»Schreien Sie nicht so!« verlangte Heßling. »Sie kennen doch Ihre Leute;
meinen Sie, hier im Dunkeln lauert keiner?«

Er klomm mühsam über den Zaun, Genosse Fischer half ihm; und gemeinsam
tasteten sich der Generaldirektor und das Mitglied des Reichstages durch
den nächtlichen Arbeiterwald.

»Ihre zwei Prozent,« sagte der Kapitalist, »sind zum Lachen. Ich will
wissen, was der Balrich vorhat.«

»Das ist der vernünftigste von allen. Er spricht gegen den Streik.«

»Dann ist es noch schlimmer als ich dachte,« murmelte Heßling. Napoleon
Fischer verstand nicht.

»Was soll dahinter sein? Hat er Macht? Ich bin Machtpolitiker. Entweder
hat er Macht oder er hat keine Macht, der Rest ist Mumpitz.«

Napoleon schrie schon wieder. »Und außerdem regnet es,« bemerkte
Heßling. »Kommen Sie mit, und halten Sie den Mund, bis ich Sie wieder
loslasse.«

Er ließ ihn erst los, als sie sich in einem Waggon befanden, draußen auf
freiem Feld. Zwischen Lumpen hockten sie beisammen, die politischen
Gegner, raunend, wie sonst hier die obdachlosen Liebenden. Und wie einst
Balrich mit Thilde, wurden sie aufgeschreckt durch Schläge gegen die
Wagenwand und krochen hervor, beleuchtet von dem Aufseher, -- der
Reißaus nahm. Aber auch sie schlugen sich schleunigst in das feuchte
Dunkel.

Wie nach seiner Nachtarbeit der Arbeiter Balrich hervorkam, trat ihm der
Genosse Fischer entgegen und begann ihn zu loben für seine Vernunft und
seinen Fleiß. Wenn er selbst sich dereinst von den Gesch --, das heißt
vom politischen Leben zurückziehe, wer weiß, ob nicht die Partei ihr
Augenmerk auf einen Genossen richten werde, der es gleich ihm, Fischer,
vom einfachen Arbeiter durch eigene Kraft zum höher Gebildeten gebracht
habe.

»Das ist gewiß das Ziel, das Sie heimlich vorhaben,« vermutete der
Abgeordnete gespannt. Balrich sagte:

»Das möchten Sie wohl wissen.«

»Ich muß gar nichts wissen,« belehrte ihn der Ältere. »Der einzelne weiß
nichts und kann nichts. Wenn ich auch auf meinen Schultern noch immer
meinen alten Feuerkopf trage. Aber das Große wie das Kleine vollzieht
sich doch immer nach den unumstößlichen wissenschaftlichen Gesetzen, auf
denen unsere Partei ruht.«

»Ruht,« wiederholte Balrich.

»Alles vollzieht sich historisch,« beteuerte nochmals der erfahrene
Genosse. »Tun muß man nichts. Der Kapitalismus wirkt sich auch nur aus.«

»An uns,« sagte Balrich.

»Und hat er sich ausgewirkt, sind wir die Erben.«

Balrich mit Bedeutung:

»Unser Erbrecht müssen wir geltend machen.«

»Wie wollen Sie das machen?«

Balrich sah ihn sich an, seinen Giftblick, sein ratloses Lauern. »Das
möchten Sie wissen,« sagte er wieder; worauf Fischer:

»Sie sind doch wohl von meiner Treue überzeugt, Genosse?«

Und Balrich, kalt, wütend:

»Nein, Genosse.«

Dem Mitglied des Reichstages ward es bange. »Nur keine Gewalttat« riet
es dringend. »Streiks und andere Gewaltmittel treffen zuerst uns,« --
und er dachte an seine paar Gausenfelder Aktien.

Der Arbeiter erriet beiläufig. Er sprach nicht mehr zu dem Armseligen
neben ihm, zu sich selbst sprach er:

»Wir müssen wollen und müssen glauben, an uns und an alle. Wir haben
doch Seelen, wir wissen doch von dem Guten, Menschen sind wir doch.
Damit allein sind wir schon stärker als das Geld.«

Der alte Politiker schielte ihn an, höhnisch aus gelben Augenwinkeln.
Dann seufzte er, denn dunkle Erinnerungen kamen ihm, an den jugendlichen
Luxus der Gefühle. In seiner Jugend, ihm war es, nicht er nur, alle
hätten damals so gefühlt und hätten geglaubt -- Unsinn wohl, aber man
glaubte . . . Ein ganzes Stück ging er beschämt, in ungewissen Gedanken
an die gealterte Partei und an ein nicht genütztes Leben.

Dann klopfte er dem jungen Menschen auf die Schulter und prophezeite ihm
trotz allem eine schöne Karriere. Zu seinem Erstaunen stieß aber Balrich
seine Hand fort und schrie ihn an. Denn auch Balrich schämte sich, er
fühlte: »Ich habe schon zu viel gelesen. Ich laß mir Redensarten
vormachen wie ein Bourgeois.«

»Was geht das Sie an,« schrie er, »was man für sich redet. Sie
spionieren hier nur. Sollen Sie also wissen, was wir hier denken!«

Von seiner Wut überwältigt:

»Alles herausgeben muß die Bande! bis jeder von ihnen sich selbst mit
seinem Rasiermesser --«

Er sah sich um, der Abgeordnete war nicht mehr da . . . Zur Besinnung
gelangt, schlug Balrich den Weg nach der Fabrik ein.

Eine Untersuchung durch die Sanitätspolizei, wußten sie dort, stehe
bevor. Viele versprachen sich Unannehmlichkeiten davon für Heßling und
sahen ihr gern entgegen. Nach einigen Tagen, schon früh morgens, hieß es
»antreten«; der Medizinalrat war da. Die Einrichtungen, dies ward bald
klar, konnte er nicht genug loben, mehr als entzückt war er von den
Waschgelegenheiten. Dem Oberinspektor Herrn -- bitte?

»Wachsmut, Herr Medizinalrat.«

Ihm trug er auf, dem leider verhinderten Herrn Generaldirektor seine
lebhafteste Anerkennung auszusprechen. Da sahen die unter den Arbeitern,
die sich gefreut hatten, einander an. Ein Licht ging ihnen auf. Der
Medizinfatzke war schon vorher abgerichtet auf die Waschgelegenheiten,
und auch Napoleon Fischer, der sich stellte, als habe er sie errungen,
steckte mit unter der Decke. Die Waschgelegenheiten, ein Vergnügen,
solange sie keins für die Herren waren, jetzt wurden sie ein gegen uns
gerichtetes Komplott.

Nach den Einrichtungen kamen die Leute daran. Der Herr von der Behörde,
massig gebaut, schritt ihre Reihen ab wie die Kolossalstatue eines
siegreichen Feldherrn. Mehrmals blieb er stehen, in die Hüfte geworfen
und die Hand darauf, und prüfte. Sie mußten die gehabten Krankheiten
hersagen, wobei er immer des festen Glaubens schien, daß etwas nicht
stimmte. Er konnte wohl auch befriedigt und leutselig sein; so bei
Jauner. Herbesdörfer dagegen, gleich neben Balrich, flößte ihm ein
erklärtes Mißtrauen ein.

»Den Verband weg!« herrschte er; und als er den Finger sah, herrschte
er:

»Wie heißt der Mann?«

Der Oberinspektor sagte es ihm, worauf alles erklärt schien.

»Natürlich haben wir den Finger in Lehm gewickelt. Naturheilverfahren,
natürlich. Aber wenn Brand hinzutritt, wer bezahlt uns die Operation?
Der Naturpfuscher? Und bezahlt er auch das Begräbnis des Mannes?«

Zu dem Oberinspektor:

»Herr, Herr --«

»Wachsmut.«

»Wachsmut. Mehr goldene Rücksichtslosigkeit, wenn ich bitten darf. Unser
Menschenmaterial ist belastet mit Versicherungen, es darf nicht nach
Belieben kaputt gehen.«

Hiernach wollte er weiter, fuhr aber unerwartet herum, wie an einem Seil
gedreht.

»Der Mann dort hat einen stieren Blick. Ist Ihnen das nicht
aufgefallen?«

Der Oberinspektor sagte merkwürdig harmlos:

»Der Mann ist ein guter Arbeiter.«

»Sie wissen nichts Besonderes über ihn?«

»Er studiert.«

Da nickte der Medizinalrat grimmig befriedigt.

»Aha! Meinem Scharfblick entgeht nichts, wie Sie sich überzeugen
können.«

Und zu dem Arbeiter:

»Sie, wie heißen Sie?«

Balrich sah ihn sich an, dann sagte er, stark betont:

»Ich heiße -- Herr -- Balrich.«

»So, so. Noch schöner.«

Der hohe Herr, diesmal warf er sich nicht nur in die Hüfte, er schlug im
Stehen die Beine übereinander; man sah, er verweilte.

»Wie lange treiben Sie schon Ihre Studia?«

»Ein Jahr.«

»Scheint Ihnen nicht zu bekommen. Leiden Sie an Reizzuständen?«

»Wenn man mich reizt,« sagte Balrich.

»Wird es Ihnen zeitweilig, besonders beim Studieren, aufgeregt zu Mut?
Werfen Sie dann die Kleider ab?«

»Nein,« sagte Balrich.

Der ging das Gesicht des Medizinalrates in die Breite, es begann zu
strahlen.

»Sie sind aber gesehen worden. Nackt am Fenster, gegen Morgen, als das
Haus schon offen und Leute unterwegs waren.«

Balrich, überrumpelt, behielt seine verschlossene Miene; in ihm jagte
es. Wann hab' ich denn --? Doch, damals hab' ich. Es ward Tag, ich lag
im Fenster und dachte. Das war doch Zufall, ich wußte es selbst nicht
mehr, woher soll dieser --. Aha! Er hat es von Heßling, und Heßling?
. . . Er wandte den Kopf. Die Kameraden blickten alle in derselben
Richtung, auf einen Mann, der sich zu verstecken suchte. Jauner, wer
sonst . . . Balrich sagte rauh:

»Das kann wahr sein oder nicht. In meinem Zimmer jedenfalls bin ich mein
eigener Herr, und Spione kümmern mich nicht.«

Der Herr von der Behörde fragte lauernd:

»Sie halten sich hier wohl überhaupt für gleichberechtigt?«

Balrich antwortete:

»Ich habe einen freien Vertrag geschlossen. Was mich angeht, ich erfülle
ihn auch.«

»Aber die Gegenseite?«

»Ich muß nicht ausspioniert werden.« Ihm kam eine Erkenntnis, er faßte
den Herrn ins Auge. »Hier muß auch keine Komödie aufgeführt werden
meinetwegen.«

Der Medizinalrat zuckte mit den Lidern; dann fragte er schnell und mit
einer Art Freundlichkeit:

»Sie haben wohl viele Feinde?«

Da Balrich nicht mehr antwortete, setzte er hinzu:

»Dann ist es auch begreiflich, daß Sie geäußert haben: Alles herausgeben
soll die Bande und jeder einzelne soll sich mit dem Rasiermesser selbst
die Gurgel abschneiden.«

Balrich stand starr: Es ist klar, dachte er.

Der Medizinalrat seinerseits sagte zu dem Obersinspektor:

»Die Sache ist klar. Der Mann ist verrückt. Das können Sie dem Herrn
Geheimrat von mir ausrichten.«

Der Oberinspektor verbeugte sich; der Medizinalrat aber, inmitten der
Stille des Entsetzens, die sich um ihn herlegte, redete geläufig weiter,
und nicht etwa leiser.

»Der Mann fühlt sich verfolgt, und alles bezieht er auf sich. Zudem
fällt noch auf, er überhebt sich und verkennt die örtlichen
Verhältnisse. Das genügt für Paranoia, man kann ihn einsperren.«

Da er es murren hörte, wandte er sich erstaunt herum. Die Gesichter, in
die er blickte, bewirkten sofort, daß er das übergeschlagene Bein
wegnahm, die Hüfte einzog und viel weniger anspruchsvoll dastand. »Nach
dem Gesetz,« rief er schnell, »und nach den medizinischen Verordnungen
gehört der Mann in die Obhut der Anstalt.«

Das Murren wuchs. »Zunächst zur Klärung,« setzte er hinzu, worauf er,
seiner Haltung wegen, vor Balrich hintrat und ihm den Daumen in die
Augenhöhle und von unten gegen den Knochen drückte. Der Daumen stank.
Balrich, dem es vor Wut schwindelte, hob schon die Hand. Mit aller
seiner Kraft zwang er sich nieder -- kalt vor Schrecken bei dem
Gedanken, was geschehen wäre.

Dem Oberinspektor erläuterte der Medizinalrat:

»Er soll sich sogleich in der Heil- und Pflegeanstalt melden. Auf die
Herren dort können wir uns verlassen.«

Eine Stimme rief: »Das ist das Irrenhaus!« -- worauf aus dem Murren ein
offener Lärm ward. Der Medizinalrat zuckte auf, er machte einige
Schritte wie ein Tanzbär; »ich telephoniere gleich hin,« rief er, eilig
aufbrechend. Erst jenseits der Schwelle ward er allmählich wieder
aussehen wie die Kolossalstatue des siegreichen Feldherrn.

Balrich in dem Lärm bewegte sich umher und beruhigte. »Ich gehe einfach
hin, sie können nichts machen, ich komme schon wieder;« -- und als alle
Hände gedrückt waren, ging er.

Auf der Landstraße, weit ausschreitend, steigerte er noch seinen Mut.
Wie sie ihn fürchten mußten, daß sie ihn zu unterdrücken versuchten auf
solche ungeheuerliche Art! »Sie sind verloren und wissen es, sonst
würden sie dies nicht wagen. Zu viele kennen doch den Tatbestand, es
kommt in die Zeitung. Wahnsinnig sind sie selbst!«

In den ersten Straßen der Stadt kam ihm ein Gedanke, der ihm auffiel.
»Sonst holte ich mir dort drinnen die Schulbücher. Jetzt gehe ich mit
dem was ich gelernt habe, in das Irrenhaus.« Hierbei spannte es sich ihm
kalt in der Magengrube, er ging zögernd -- dann aber um so schneller,
und naß vom Laufen kam er an.

Beim Pförtner vorüber, wollte er in einen Gang eindringen, der aber
verschlossen war, und nicht einmal einen Griff hatte die Tür. »Da
gehören Sie hoffentlich nicht hinein,« rief der Pförtner und schickte
ihn hinüber in die Aufnahmeabteilung. Hier ging man ungehindert durch
weiße, lange Gänge, bequemer und reinlicher als die im Haus B.
Pflegerinnen in steifen Flügelhauben rollten in jedem Stockwerk Karren
mit Essen hindurch. Im höchsten, an einem Tisch ein junger Herr in
weißem Mantel schrieb und sprach gleichzeitig. Der Arbeiter wagte nicht
Halt zu machen, der Herr selbst rief ihn an.

»Herr Balrich!« rief er.

Da stand nun Balrich, drehte seine Mütze und zog die Brauen zusammen.
Der junge Blonde sah ihm aufmerksam in die Augen, aufmerksam, nicht
feindlich, und sprach dazu, -- schien aber selbst nicht zu hören, was er
sprach.

»Sie habe ich gleich erkannt. Sie sind mir gut beschrieben worden. Weiß
Gott, auf Sie bin ich hingewiesen.«

»Nun, schön,« schloß er munter. Die Pflegerin, mit der er verhandelt
hatte, fragte er nach einem freien Zimmer. »Besonderer Fall,« sagte er
zu einem Kollegen, der vorbeikam. Dann nahm er Balrich unter dem Arm,
öffnete von den vielen Türen eine, dahinter noch eine, und ließ ihn
hinein. Drinnen ein Bett, ein Heizungskörper das Fenster geöffnet auf
Blätterdächer.

»Setzen Sie sich doch,« sagte der Arzt. »Wissen Sie, wo Sie hier sind?«

Balrich, der Vorsicht wegen, antwortete nur:

»In einem Zimmer.«

»Nun ja -- immerhin,« sagte der Doktor und lachte.

»Aber weshalb sind Sie eigentlich gekommen?«

»Weil ein Medizinalrat,« sagte Balrich sicher, denn hierauf war er
vorbereitet, »meine geistige Gesundheit bezweifelt.«

»Was noch nichts beweist,« fügte der junge Arzt hinzu . . . »Aber Sie
haben sich nicht gesetzt. Bewegen Sie sich ganz wie Sie wollen! Wir
unterhalten uns hier nur; Sie sehen, ich schreibe mir nicht einmal auf,
was Sie sagen.«

Dennoch fühlte Balrich, es komme an, nicht allein auf jedes seiner
Worte, auch darauf, wie er die Hand führte, und ob er einen schnelleren
Schritt tat oder hoch sprach anstatt tief. Er blieb regungslos stehen.

»Also setzen wir uns?« fragte der Arzt nochmals. Da ging Balrich steif
auf den Sessel zu und setzte sich auf die Armlehne.

»Weil es schon gleich ist,« dachte er dabei. Der Arzt schien es nicht zu
bemerken, er warf den Kopf in den Nacken und sagte in die Luft:

»Fühlen Sie sich krank? . . . Nein? Kein Blutandrang oder Schwindel?
Nein? Aber Sie haben sich doch nackt in Ihr Fenster gestellt,« sagte er
plötzlich mit Nachdruck und prüfend den Kopf gesenkt. Balrich saß starr.
Dann war alles eine Falle gewesen? Der da hatte sich zum Schein auf
seine Seite gestellt, eine gemeine Falle! Wütend warf er sich nach vorn,
die Faust war schon gemacht. Da sah er den andern hinter sich fassen,
nach der Klingel -- und fühlte sich weiß werden, angesichts der großen
Gefahr. Statt der Faust zeigte er eine bittende Handfläche.

»Es ist nur,« bat er, »weil schon der Medizinalrat mich damit hat reizen
wollen. Das hält man doch nicht aus, wenn alle mir vorhalten, was die
Spitzel sagen. Bei uns sind Spitzel, Sie wissen das nicht.«

Der blonde Herr hatte wieder sein harmloses Gesicht. Er wehrte
begütigend ab, weil Balrich die Sätze gar so gewaltsam hervorstieß und
nun so rot ward.

»Das kann ich freilich nicht wissen,« bestätigte er. »Darum müssen Sie
sich nicht aufregen.«

Er setzte sich bequemer. Balrich tat folgsam das Gleiche.

»Unterrichten Sie mich, bitte,« begann der Arzt. »Wie leben Sie in
Gausenfeld?«

Der Arbeiter sagte verbissen:

»Schlecht. Ausgebeutet, geknechtet und wie das Vieh zusammengesperrt.«

Das wollen sie hier gerade hören, fürchtete er, und setzte schnell
hinzu: »Das wissen aber alle. Ich bin nicht verrückter als die anderen.«

»Ich möchte es Ihnen glauben,« sagte der Arzt einfach. »Ist es wahr, daß
Sie Einfluß haben auf Ihre Genossen?« . . . Unter dem mißtrauischen
Blick Balrichs erklärte er: »Es wäre nur natürlich. Sie haben eben mehr
Willenskraft, -- was Sie auch durch Ihr Studium beweisen . . . Es muß
doch hart sein?«

Dies klang teilnehmend: der Arbeiter sagte dennoch, rauh klagend:

»Ich soll wohl überarbeitet sein? Sie wollen mich nur hineinlegen.«

Der junge Blonde beugte sich weiter vor.

»Denken Sie das nicht! Ich weiß selbst, was schuften heißt. Sie wollen
eben heraus aus dem Elend.«

»Nicht nur ich!« sagte Balrich, und Begeisterung ergriff ihn
unversehens. »Auch die anderen sollen da heraus! Einer muß es doch
machen, der bin nun ich.«

»Sie fühlen den Beruf?«

Da schlug er sich an die Brust.

»Mir ist es aufgetragen. Es ist meine -- meine --«

»Sendung?«

»Ja;« und Balrich fühlte sich tief erleichtert -- trotz der zögernden
Miene des Arztes. Der Arzt sagte dann aber:

»Sie haben eine Sendung. Warum nicht. Sendungen gibt es.«

Er nahm das Kinn in die Hand und sprach jetzt leiser.

»Weiß man es schon bei den Oberen?«

»Daher die Verfolgung,« sagte Balrich; und der Arzt ganz leise:

»Wer verfolgt Sie?«

»Immer der eine; für ihn geschieht alles Böse. Aber seine Werkzeuge sind
viele, die Spitzel, der Pfarrer von Beutendorf, unser Abgeordneter, der
ein Verräter ist, und jetzt der Medizinalrat.«

Als Balrich dies hervorgebracht hatte, schien der Blütengeruch aus dem
Garten ihm schwüler, eine Vogelstimme klang ängstlich. Der Arzt hielt
die Augen gesenkt.

»Warum nicht,« wiederholte er. »Es gibt auch Feinde. Ich habe nicht den
Beruf, das Kapital, das Sie hassen, zu verteidigen. Das mögen die Bonzen
tun,« sagte er nebenhin; aber dann eindringlich:

»Nur bedenken Sie doch, ob es nicht etwas unwahrscheinlich ist, das
gerade der sozialdemokratische Abgeordnete Ihr Feind und der Freund
Ihres Widersachers sein soll.«

Das klinge so, erwiderte kurz Balrich, denn er hatte gesprochen. Der
Arzt sagte behutsam:

»Weil Sie vorhin so böse wurden, will ich Sie an das Wort, das Sie ihm
gesagt haben, nicht erinnern. Sie wissen, das Wort von den
Rasiermessern. Es ist ihm aufgefallen, er hat es herumgesprochen, Sie
nennen das gleich Verrat. Und der Medizinalrat? Wir Doktoren sehen
überall Symptome; nur menschlich. Ich glaube wohl, Sie sprechen von
Dingen, die sind; nur möchte ich sie gemäßigter auffassen.«

»Die Gemeinheiten, die wir nicht selbst erleben, fassen wir immer
gemäßigter auf,« bemerkte Balrich; worauf der Arzt:

»Da haben Sie wieder recht.«

Und er stand auf. Balrich tat wie er. »Muß ich hier bleiben?« fragte er
dumpf. Der junge Blonde sagte sorglos:

»Die kurze Gastrolle hier darf Sie nicht verdrießen. Wir sind gut
ausgekommen. Ich bin kein schlimmer Untersuchungsrichter, wie Sie wohl
schon sehen, Sie hätten an schlimmere geraten können. Im Vertrauen« --
er hielt die Hand an den Mund -- »der Medizinalrat, als er
telephonierte, hat meinen Namen verwechselt.«

Jetzt lachte er hell auf; Balrich mußte mitlachen. Er nahm die
hingereichte Hand.

»Dies Zimmer gefällt Ihnen doch? Auch die Zimmer, Sie haben wohl davon
gehört, sind bei uns nicht alle so angenehm . . . Eins muß ich noch
fragen,« sagte der Arzt schnell, »sehen Sie manchmal etwas und merken
nachher, es war nicht da?«

»Sie meinen. Visionen? Nein!« sagte Balrich entrüstet. Gleich darauf,
sich erinnernd, erschrak er heftig. War es eine gewesen, damals, vor
Villa Höhe?

»Wäre es schlimm?« fragte er.

»Weihen Sie mich ruhig ein! Vielleicht hatten Sie nur lange gehungert
oder waren übermüdet?«

»Nein,« sagte er starr. »Es kam, weil ich wollte.«

»Wunschbilder kann am Ende jeder haben, der nicht ganz glücklich ist,
oder der viel erwartet. Wie war es?«

Da fühlte Balrich: »Ich habe Leni gesehen als reiche schöne Dame auf
Villa Höhe. Ein Traum, aber wirklicher als ihr alle, -- und im Irrenhaus
wollt ihr ihn herausholen aus mir? Pfui, Teufel!« -- und ehe er es
wußte, stampfte er auf, schlug aus Leibeskraft gegen den Kleiderschrank
und schrie ein Schimpfwort. Der Arzt hörte es an, er schüttelte sanft
den Kopf.

»Sehen Sie, jetzt ist es doch mit Ihnen durchgegangen,« sagte er
mißbilligend; -- und da er Balrich vernichtet sah: »Nun, Sie werden
nicht wieder nachgeben.«

Er ging zur Tür. Jäh anhaltend: »Wer ruft da Dieb?« fragte er. Balrich
sah auf.

»Mir kann niemand es nachrufen. Aber ich kenne Diebe genug,« sagte er
mit Verachtung. Darauf nickte der Arzt und ging.

-- Eine Weile des Lauschens -- dann endlich frei ausschreiten, schnell,
noch schneller; die Arme heben, den Tisch verrücken, alles war wieder
erlaubt. Auch lehnte er sich zum Fenster hinaus. Das Dach der Baumkronen
konnte er berühren, nicht aber hindurchsehen, was unten war. Plötzlich
fiel ihm ein, daß in solchen Häusern Löcher sein können in Tür und
Wänden. Er fand keine; -- aber er warf sich vor, er habe dem Aushorcher
zu viel schon preisgegeben. Wenn du schweigst, nur schweigst, welche
Handhabe bleibt ihnen. Statt dessen gibst du ihnen dein Höchstes preis
-- aus Furcht, weil sie die Macht haben. Er fühlte: der grauenvollste
Mißbrauch der Macht war erst hier verübt worden. Das Ideal, untersucht
im Irrenhaus.

Jetzt aber ward es ihm bewußt, der Geruch aus dem Garten, es war der
Duft von Lindenblüten, derselbe, bei dem er vor einem Jahr fast schon
gestorben wäre, erhängt in einer Baumkrone. Duft des Schicksals, fühlte
er; wie viel zwischen damals und heute, wie viel! Auf das Sofa
gestreckt, bis es dunkel ward, dachte er, ja freute sich des Denkens, an
seine Sendung, seinen Kampf, -- und dir, dir dies vorbehalten,
Auserwählter! Sollst um dich greifen, Heilbringer, von Gausenfeld
weithin, in das Land, in die Welt. Hier weißt du es nun, gerade weil du
hier bist, wie sehr sie auf dich zu hoffen, dich zu fürchten haben. Dein
höchster Augenblick, er ist hier. Sie dachten dich zu vernichten, und
stärken dich.

Im Dunkeln, entwöhnt des Schlafes, ward er nur wacher. Er drehte Licht
an; da erschien auf breiten Schultern vor ihm ein Kopf mit breiter
gebuckelter Stirn, das Gesicht aber darunter schmal wie ein Ei. Er
erschrak, denn er kannte ihn nicht. Also wahr?

Dies, dein Gesicht? Er kannte es noch viereckig wie ein Klotz. Hast du
denn schon so viel gedacht und gesorgt, armer Mensch? Dich gesorgt um
Dinge, die fern sind und den heilenden Erfolg dir lange vorenthalten?
Wie lange noch?

»Ich überlebe es nicht,« erkannte er, starren Geistes. »Ich weiß besser
als sie, wie es steht mit mir. Sie nennen es Größenwahn und
Verfolgungswahn. Sie wissen nicht, daß ich schon versucht war, den
Fischer anzufallen und den Medizinalrat. Heute ist es mit mir
durchgegangen. Das Haus wirkt, ich bin verloren.«

Die Hände um das Gesicht, neigte er es, in betender Haltung. Furchtbar,
hier zu sein, und furchtbar, wieder hinauszugehen, allein auf immer mit
deiner Kraft, ob sie aushält -- deine Kraft gegen die Welt . . . Da
sagte Gott ihm: »Nicht allein! -- und keine Sendung, die nicht alle
haben. Ihr alle sollt hinausgelangen in der Vernunft des Menschen, einer
gestützt auf den andern, und nicht einer dürfte fehlen. Der Bettler
Dinkl ist so würdig wie du.«

Es ward Morgen, Balrich schlief ein.

Er erwachte müde, aber noch unruhig. Das Hin und Her der Gedanken, dann
bald wieder Schlaf, den halben Tag, die ganze Nacht, -- und kaum ward es
hell, verlangte er nach dem Arzt. Es zeigte sich, daß er erwartet wurde,
im Garten.

Der Garten war grün, die Wege auch, und auch die Bretter, die ihn hoch
einzäunten. Man sah nicht weit, wilde Büsche schoben sich vor, oder eine
Baumkrone schwebte groß herab bis in das Gras. Durch das Gras manchmal
huschte jemand oder stolzierte. Einer nur ließ sich länger blicken. Am
Ende des Gartens lang und hager stand er, das Gesicht erhoben in die
grünliche Luft, und auch mit dem ausgereckten Arm, wenngleich er ihn
nicht rührte, grüßte er hinauf.

Der junge Blonde kam herbei, er sagte:

»Herr Balrich, ich habe Sie rufen lassen, weil ich schon jetzt
entschlossen bin, Sie zu entlassen. Sie werden sich wundern, denn Sie
sind sich bewußt, einiges Auffallende getan zu haben, kürzlich. Auch
seitdem waren Sie recht erregt, aber dann habe ich Sie schlafen gesehen,
es sah gut aus. Wenn Sie einmal wieder zu viel gearbeitet haben, erlaube
ich Ihnen, wiederzukommen und sich auszuschlafen.«

»Ist es nur das?« fragte Balrich.

»Noch anderer Namen und Titel sind zur Hand für den, der sie anwenden
will. Ich will nicht. Sie haben die Irrtümer des Geistesgesunden; dies
nehme ich an, weil ich niemandem zu Gefallen das Gegenteil annehmen
will, das mir nicht bewiesen ist. Sie irren oft, in Ihren
Sinneseindrücken wie in Ihrem Denken. Aber mir ist es nicht bewiesen,«
sagte er, abgewendet, in die grünliche Luft hinauf, »daß gerade dieser
unterwertig ist und nicht gerade dieser zu viel wert. Wir wären weit
öfter Genies, wenn nur das Leben sie immer brauchen könnte.«

»Dann bin ich dennoch verloren?« fragte Balrich, denn so hörte er es.

Sie waren im Garten am Ende; hier der den Himmel Grüßende ließ sich
nicht stören und grüßte weiter das Unbekannte. Der Arzt blieb stehen.

»Ich ahne Sie; denn ich bin jung. Wäre ich alt und ein Bonze, würde ich
Sie eingesperrt haben. Weil ich jung bin, fühle ich mich noch verbunden
mit dem Unbekannten, dem All.«

Er hatte das Gesicht und den Arm erhoben, stand und grüßte nach oben --
wie jener dort.

Nun wieder zu Balrich, mit einem ernsten Lächeln.

»Seien wir schlicht. Sie haben Unrecht erlitten, sehen Ihre Mitmenschen
fortgesetzt viel Unrecht leiden, und schließen daraus, die Welt sei
ungerecht.«

»Was soll ich anderes schließen?« fragte der Arbeiter.

»Ich -- weiß es auch nicht;« -- mit dem ernsten Lächeln. »Aber
vielleicht sollten Sie fünf grade sein lassen, ich muß es auch.«

»Ich kann es nicht,« sagte Balrich.

Schweigen. Sie gingen zurück.

»Lieben Sie jemand?« fragte der Arzt.

»Ja, o ja!«

»Lieben Sie denn! Es ist das Mittel, den Haß zu überdauern.«

Sie gaben sich die Hand. Balrich durchmaß noch einmal die weißen, langen
Gänge; Pflegerinnen schoben Karren mit Essen; -- und war draußen. Es
gibt auch Freunde, dachte er in dem fremden Gedränge der Stadt. Aber auf
der Straße nach Gausenfeld ward es ihm härter zu Mut, die Luft trug ihm
Kampf entgegen, ihn erwartete Kampf. Er dachte: »Der Doktor soll sich
nur nicht den Mund verbrennen. Er ist doch angestellt, daß er mich
verrückt macht. Er läßt mich hinaus, was mag dahinter stecken?«

In der Fabrik erfuhr er es sofort. Sie ward von Gendarmen bewacht; schon
seit gestern drohte ein Zusammenstoß. Die Arbeiter hatten die Leitung
vor die Wahl gestellt, Streik oder Balrich. Aha! Er lachte grimmig und
ging an die Arbeit. Daher der Edelmut des Arztes! Alle gleich, alle eine
Bande! . . . Ein Zweifel: war es Zufall? »Er sah mich doch an wie ein
Freund . . . Als könnte es Freunde geben! Sie sind abhängig, einer von
dem anderen, und alle von dem Reichsten. Der aber ist nicht mein Freund
. . . Niemandem glauben, nur arbeiten!«




V

Das Richtfest


Er arbeitete so sehr, daß er nicht merkte, was Festliches im Werk war.
Haus C, der Schrecken Klinkorums, war unter Dach und sollte gerichtet
werden. Ein Septembersonntag stand bevor mit Freibier und Musik, Tanz,
Aufzügen, Rausch. Balrich sah den glücklich Erwartenden nach, den
Mädchen und Frauen, die ihren Putz besprachen, den Liebespaaren, erfüllt
vom Vorgeschmack ihres Glückes, -- und ihn bewegte ein Mitleid,
mächtiger sogar als sein Zorn. Er konnte ihnen sagen: »Belügt euch
nicht! Ihr wißt doch, ein Almosen wirft er euch hin, den Bettelpfennig
eines sorglosen Tages für all euer lebenslanges Leiden, damit ihr es
weiter leidet, lebenslang.« Aber er schwieg, kaufte der armen Thilde,
die ihm nachschlich und freilich mehr hoffte als dies, ein neues Tuch,
und für seine Schwester Leni ein Paar Schuhe, bronzefarbene Tanzschuhe,
mit Stöckeln wie für eine Fee.

Der Festtag, blau wie er sein sollte, ging auf, -- und da wehten auch
schon vom Hause C die Fichtenkränze, Fahnen rückten heran,
Arbeiter-Kegelklub, Arbeiter-Turnverein, und Obmann oder Ordner genossen
die Wonne zu kommandieren, alle anderen das Glück stramm zu stehen nach
eigener Wahl. Auf der Wiese indessen, vor den Häusern A B wurde ein
Karussell in Betrieb gesetzt. Und die Kinder hatten nicht nur dies, sie
hatten Waffelbuden, Schießhallen und Kioske mit Limonaden, alles, die
Wiese entlang, am Weg zum Friedhof. Das Programm der Erwachsenen war
anders.

Zuerst das Essen, Geräuchertes und Bier ohne Grenzen, in dem Saal hinter
der Kantine, bei dröhnender Blechmusik, beim Geruch der getünchten Wände
und grüner Kränze. Dann die Rede Horst Heßlings.

Er vertrat seinen Vater, den Generaldirektor, aß freilich nicht, stand
aber oben an der längsten der Tafeln, in der Hand ein Glas Bier. Der
Arbeiter Dinkl, wie es seine Art war, schob dienstfertig dem jungen
Herrn einen Stuhl hin -- und so fest in die Kniegelenke hinein, daß es
klar war, er sollte knicken. Horst Heßling knickte aber nicht, er hielt
die Knie durchgedrückt. Er drehte nur die Schultern herum und sagte:
»Durchaus nicht, mein Lieber,« -- was den Dinkl dann freilich Achtung
lehrte.

Andere, bewogen durch Jauner, machten sich heran und erbaten die Ehre,
daß sie auf das Wohl des jungen Herrn ein Glas dürften leeren. Horst
Heßling erhob, ihnen zutrinkend, das seine bis an sein Monokel, -- was
ihnen schmeichelte. Viele stimmten heute darin überein, daß er mit
seinem Vater nicht vergleichbar und in seiner Person die Gewähr besserer
Zeiten sei. Die Verheißung des Arbeiters Balrich, gebunden an Arbeit,
Willen, langewährendes Vertrauen, wurde übertönt heute von Blechmusik,
dem Lärmen des billigen Glückes. Balrich, dahinten eingeengt, stand
nicht hoch im Wert. Nur Heßling Vater mußte abfahren, und hoch Heßling
Sohn!

Der Erbe ließ auf den Tisch einen Stock niedersausen, daß die Weiber,
die nahe saßen, aufkreischten; dann in der jähen Stille, die Handballen
auf den Tisch gestützt, sagte er scharf: »Leute!« -- sah sich
herausfordernd um und sagte es nochmals.

»Leute! Das Haus, dessen Richtfest wir heute feiern, erinnert gewiß auch
euch daran, daß hier früher überhaupt keines stand.«

Balrich dahinten in der Enge verachtete den kühn blickenden Erben wegen
dieses Satzes. Er verstand nicht völlig; ihm schien es, der Erbe gehe
die Geschichte Gausenfelds durch, »auch nur eine Klitsche«, bis »mein
hochverehrter Herr Vater« »die Zügel in seine feste Hand nahm« und dem
Unternehmen »den Schwung seines Geistes aufdrückte«. Mit erhobener
Stimme:

»Und nun seht mal, wie es sich entwickelt hat. Nicht wiederzuerkennen!
Und woran liegt es? Einzig an der Führung!«

Ein Vergleich sollte dies erweisen, der Vergleich mit dem großen Ganzen.
Wenn der Erbe in der Schule von dem Deutschen Reich lernte und seinem
glänzenden Aufschwung unter der berufenen Führung, dann habe er immer an
Gausenfeld denken müssen und »meinen Herrn Vater«. Mit erhobener Stimme:

»Wie es in Gausenfeld aussieht, sieht es auch im Reich aus, und immer
wird noch angebaut, das Haus C beweist es. Wir schreiben 1913.«

Der Erbe machte eine Pause, um nachzuzählen. »Wir schreiben 1913, und in
den letzten zwanzig, fünfundzwanzig Jahren ist die Sache gemacht worden.
Papier haben wir fabriziert in Gausenfeld, daß wir die ganze Welt damit
zudecken können. Und vielleicht werden wir auch einmal etwas
fabrizieren, was unser Reich noch notwendiger braucht.«

Hier wieder eine Pause, und dann das Glas schwingend, mit gesammelter
Kraft:

»Darum Seine Majestät der Kaiser und Herr Generaldirektor Heßling,
hurra, hurra, hurra!« -- was die Arbeiter erwiderten, mit Stimmen, als
ob sie schossen. Die Blechmusik brüllte den Tusch.

Jetzt aber den Saal ausgeräumt! Die jüngsten der Männer legten die Röcke
ab und schafften es, indes in den Winkeln die Mädchen schon kichernd
bereitstanden. Balrich half den langen Tisch auseinandernehmen, da trat
Leni ein. Sie kam erst jetzt, als verdienten Lärm und Gestank der
Abfütterung nicht ihre Anwesenheit, -- und war sie nicht seit dem
vorigen Jahr eine Dame geworden, nicht weniger als eine Dame? Ihr Bruder
sah es auf einmal. Das Tuch der Arbeiterinnen noch über den Schultern;
aber darunter ein Seidenkleid, eng und so lang, daß er nicht sehen
konnte, ob sie seine Schuhe trug; und das goldblonde Haar ein so
kunstreich glatter Aufbau, als sei es nur von feinen, ganz weißen Händen
berührt worden. Er sah auf ihre Hände: sie hatte Handschuhe, die
reichten bis unter die Ärmel.

Sie hielt den Kopf hoch, wie eine Dame, die das Vergnügen dieser Leute
in Augenschein nahm, und sie ging mit kleinen behinderten Schritten,
ihre lang gewölbten Schenkel zeichneten sich ab dabei. Balrich stand,
als er seine Schwester so sah, rot und müßig da, -- und dennoch war er
stolz, liebte sie und wollte hin, sie geleiten. Während er aber im
Laufen den Rock anzog, erschien neben ihr Horst Heßling, auf sein
Zeichen ging Musik an, und schon tanzten sie dahin, an Balrich vorbei,
den sie nicht sahen. Er blieb stehen; viele andere Paare hinter ihnen
her stampften und scharrten; nun aber wieder sie kamen, hörte er so
wenig, wie wenn Staub wirbelt.

Lange ging es fort; ein Tanz beendet, sogleich schwang sich ein neuer,
und Leni immer darin und immer mit dem Einen. Balrich merkte, man sah
ihn an, weil er dastand, nicht fortkam und sein Blick immer finsterer
ward auf ihnen. Dastehend, nannte er seine Schwester schamlos und den
jungen Herrn einen Lumpen, machte sich anheischig dazwischen zu fahren,
sagte ihnen die Minute voraus, in der es aus sein sollte mit ihnen und
er selbst daran kam mit seinem Recht und seiner Ehre; aber sie
inzwischen tanzten. Sahen ihn nicht, tanzten nur und lächelten sich an,
-- was ihn entwaffnete. So schön war Leni, mit den weit
auseinanderstehenden Augen, ihren roten Lippen, dem weißen Schimmer auf
dem eingedrückten Nasensattel, -- so schön seine Schwester, daß er um
ihretwillen auch ihren Kavalier schön fand, samt Monokel,
zurückgekämmtem Strohhaar und der rötlichen Haut, die schwitzte. Er
führte sie doch, wie niemand führte. Sie war bevorzugt, war glücklich
durch ein Nichts, einen Tanz -- »und ach! wann wird sie es sein, weil
ich darum gekämpft habe . . . Ich sollte nicht zusehen, ich weiß es.
Aber was geschieht hier?« sann er und sah bunte Röcke vorbeiwirbeln,
bunte Blumen, Augen, vom Rausche bunt. »Staub wirbelt doch nur. Wir
Armen!«

Da um die beiden freier Raum ward, sah er, seine Schwester hielt hoch
das Kleid gerafft über dem seidenen Fuß, und der stak in seinen
Feenschuhen. In Schuhen von mir doch tanzt sie durch das bißchen Leben;
damit ging er hinaus, gefolgt von der sehnsüchtigen Thilde.

Er kaufte ihr zu trinken und sagte, er wolle nun kegeln. Hinter den
Buden das Karussell kreiste und flirrte in der Sonne, mit Brüll- und
Klingelmusik, bebänderte Kinder umher, wartend, schreiend. Oder sie
wälzten sich schreiend auf der Wiese, und von den Buden holten sie
Getränke für die Mütter, -- indes je drei oder vier in dem Wägelchen mit
dem Esel hockten; von der Landstraße bis zum Friedhof fuhr es, Staub
verbreitend, rastlos hin und her. Staub zog über die Wiese, die Buden,
den Bauplatz, die Kegelbahn; und in dem Staub das Geschrei und der Dunst
von Schmalzgebäck wälzten sich die Friedhofsmauer entlang, bis wohin
Trinker saßen, und hinein in den Friedhof, wo zwischen den Gräbern
einige schon ausschliefen.

Den Bauplatz hatten andere erwählt, die kühnen Kletterer und nüchternen
Witzemacher. In dem treppenlosen Neubau schwangen sie sich bis in die
höchsten Fensterhöhlen, dort vollführten sie ein Getöse, daß gegenüber
endlich Klinkorum zum Vorschein kam. Er hatte sich weit zurückgezogen
vor den hemmungslosen Kundgebungen des Volksfestes; getroffen in der
tiefsten Würde des Gebildeten saß er in seinem Studierzimmer, es war auf
immer nun verdunkelt und mit schlechter Luft erfüllt vom Haus C, dieser
alles beschattenden Kloake des Pöbels, ihm vor die Nase gesetzt durch
das ruchlose Kapital. Jetzt zeigte er sich in seiner Balkontür, um, was
noch möglich wäre, von den Ausschreitungen der Besitzlosen
zurückzubannen kraft seines Auftretens. Zuerst, da er sich zeigte, war
ihr Freudengeschrei furchtbar. Die Rechte kühn in seinem drapierten
Schlafrock, heraus den Spitzbauch und drohend mit den Zacken, den sieben
Bartsträhnen, dem Brillengefunkel, brachte er sie freilich zur
Unterwerfung, wie sonst wohl die aufrührerischeste Schulklasse. Sie
schwiegen; nur daß, er glaubte sich schon sicher, auf seine Hauskappe
etwas niederfiel. Würdig trat er den Rückzug an; er erkannte, die
Waffen, mit denen sie ihm begegneten, waren nicht die des Geistes, sie
spuckten. Schon traf es auch seinen Spitzbauch, Klinkorum sprang und
verschwand. Am Fenster seines Schlafzimmers erschien er wieder, ward
aber empfangen wie zuvor; denn auch dort standen sie bereit, der Neubau
beschrieb einen Winkel und umklammerte ihn ganz. Da gab er es auf, die
Stirn zu bieten. Aus dem hintersten Dunkel seiner Bücherei sah er es
weiter in langgestrecktem Bogen aufglänzend herüberschießen und auf
seine Dielen fallen, auf seinen Studiertisch, ja in seine Pfeife, die
daranhing und die es auslöschte. Wer spuckte, er sah es nicht, sie waren
ein Greuel, sie und Heßling, der sie dort hinstellte. Ja, Klinkorum,
alles hassend, fühlte es deutlich, der Dämon des ruchlosen Großkapitals,
leibhaftig stehe er hinter jenen dort und lenke ihre Geschosse . . .
Dies war der Zeitpunkt, da Klinkorum sich verschwur zum vorbehaltlosen
Verderben Diederich Heßlings. Seine Proteste gegen den Bau der Mordhöhle
drüben waren vergeblich geblieben, bei Heßling, und auch das dringendste
Angebot, ihm sein Haus zu verkaufen, vergeblich. Ruchlose Mißachtung,
der Machtwahn derer, die fallen sollen! Künftig nun verschlug kein
Paktieren mehr, Klinkorum war ein Empörer und hielt es mit den Empörern.
Der Feind der Proletarier war auch seiner, und darum, geschehen war es
um ihn. Wehe den Gewaltigen, wenn gegen sie verbündet aufstehen die
Muskelstärke und die unüberwindliche Kraft des Geistes!

Nicht etwa, daß das Vergnügen geringer war auf der Kegelbahn. Der wilde
Wein, der sie umrankte, war schon rot, das Bier kam ohne Umweg aus einer
Klappe in der Wand der Kantine, auch ward ein Schwein ausgekegelt; alles
aber zahlte Kraft Heßling, der hohe Protektor des Arbeiter-Kegelklubs.
Er zahlte das Bier, das Schwein, und trug noch die Kosten der Witze. So
oft er schob, ließ Dinkl, die geschickteste Hand, ihm eine Kugel
zwischen die Füße rollen, so daß er stolperte und manchmal auch hinfiel,
worüber alle lachten. Um Weiterungen zu vermeiden, tat er immer, als
merkte er nichts, und verteilte sogar Zigaretten. Denn erstens durfte er
kein Spielverderber sein, Heßling Vater hatte ihm unweigerlich befohlen,
sich populär zu machen. Und dann wohin? Der Tanzboden, wo sein Bruder
Horst mit dem Volke Freud und Leid teilte, war nicht der Ort für Kraft;
er fürchtete zu sehr die Mädchen. Da roch er lieber den Schweiß der
kegelnden Männer. Jeden Augenblick kam ihm einer unter die Nase mit
seinen Achseln oder seiner rauhen Brust, und dann wälzten sie sich; denn
Kraft war erbleicht und hatte Augen, die, geisterhaft umrändert, von
nichts mehr wußten. Auch er entledigte sich des Rockes; Jauner, ergeben
wie er war, half dem jungen Herrn und hängte den Rock über einen Stuhl,
-- worauf Kraft, lang und mit achtzehn Jahren verfallen, einen
ohnmächtigen Schub tat. Um ihn wieder gut zu machen, zog er aus seiner
Hose schon die zweite volle Zigarettentasche.

An Balrich, der vom Eingang her zusah, trat Polster, der
Maschinenmeister, heran und erklärte ihm, was er jetzt sagen wolle, sage
er nur als Verwandter. Da er nicht weiterkam, tauchte aus dem roten
Weinlaub seine Frau hervor und ermunterte ihn. »Sag' was wahr ist,
Polster!« Da bekannte er:

»Sie will, daß ich dir einen Wink gebe wegen Leni. Mir kann es gleich
sein, was Leni vorhat.«

»Wieso gleich,« sagte die Polster und setzte schon die Hände auf die
Hüften. »Ein seidenes Kleid, einen echten Kamm, und Schuhe für dreißig
Mark . . .«

»Sie sind von mir,« sagte Balrich, abweisend.

»Die Schuhe?«

»Alles,« sagte Balrich.

»Er hat Geld erspart,« bemerkte Polster. »Wer immer nur arbeitet.« Seine
Frau aber, wie eine Natter: man wisse, was man wisse. Noch jeden Tanz
habe Leni mit dem jungen Herrn getanzt, und jetzt seien sie beim
Schieben. Alle Leute redeten; die Schande falle auf die Familie.

Balrich sah sie fest an; er dachte an die Freundschaften der Frau, dank
denen die Polsters sich zwei gute Zimmer halten konnten, -- und der
letzte war noch dazu der Spitzel Jauner. Balrich zeigte auf ihn.

»Dreh' dich um,« sagte er zu Polster verachtungsvoll, »damit du siehst,
was eine Schande ist!«

Die Frau, grau im Gesicht, faßte sogleich den Mann an und wollte ihn
fortzerren. Er aber hielt stand, denn wirklich gab es etwas zu sehen.
Der Simon Jauner hatte die Hand in dem Rock des Herrn Kraft und brachte
sie nicht mehr heraus, weil jemand sie festhielt. Herbesdörfer war es,
dumpf stieß er aus: »Ich habe den Dieb,« -- bis seine ungelenke Stimme
sich gelockert hatte, da rief er lauter als die Kugeln rollten, und
hallo, alle stürzten auf einen Haufen. Lange sah man nur ein Wimmeln und
Händelangen, vernahm nur Geschrei; dann kam der Gendarm. Der brachte,
fest zupackend, den Jauner an das Licht, und welch einen Jauner!
Zerrissen, fletschend und geifernd, das Haar auf der Nase und gelb bis
in die Augen, statt der kriechenden Freundlichkeit bloß noch gelb und
toll, so schrie er. Bellend schrie er, jetzt sei es gewesen, keinen
kenne er jetzt mehr und alles solle heraus. »Muß ich schon fort,« bellte
er, »vorher liefere ich euch noch!« -- und schnellte dabei die Hand
gegen den, der dahinten allein stand, Balrich . . . Herbesdörfer wollte
über ihn her, auch noch den zweiten Gendarm, der jetzt anrückte,
brauchte es, ihn aufzuhalten.

Zugleich erschien der Herr Oberinspektor. Er äußerte, der Fall werde
sich hoffentlich aufklären lassen, in Anbetracht des schönen Festes.
Gerechtigkeit freilich müsse walten, er selbst werde streng untersuchen,
drinnen im Versammlungssaal, Haus A; -- und ließ den Jauner vorangehen
zwischen den Gendarmen. Hinterdrein er selbst mit Kraft Heßling, und den
Zug schloß Herbesdörfer.

Die Zurückgebliebenen freuten sich lärmend, Dinkl zahlte eine Runde. Den
Jauner hatte es! Jetzt ward er abgestochen wie das Ferkel hier.
Ausgekegelt war er, wie das Ferkel!

Dies hörte Balrich, trübe schweigend, mit an. So wußten sie nichts und
kannten noch nicht den Lauf der Dinge. Was hatten sie denn auch
erfahren. Sie waren, nicht ausgesondert, in ihrer Seele angetastet und
die schwere Nacht der Selbstprüfung allein gelassen mit ihrem Gott. Sie
kamen nicht zurück dorther.

Er versuchte sich; was taten alle diese, wenn drinnen ihre Schwester --.
Die? Sie würden es sich gefallen lassen wie Polster -- vielleicht noch
stolz. Nein! So waren seine Klassengenossen nicht. Herbesdörfer an
seiner Stelle ging und schlug ihn nieder, den Hund! In Scham und Zorn
machte er sich auf.

Drinnen drehte es sich noch immer, eingeschlafen und von der Welt
vergessen. Die Musik spielte wie in dem Karussell, wie für Tiere aus
Holz. Balrich sah seine Schwester, die Augen geschlossen, im Arm ihres
Herrn immerfort rundum wanken. Ihre Schenkel und seine lagen fest
aufeinander, nur die Füße bewegten sich und lebten. Er wäre dazwischen
gestürzt, aber sie hielt die Augen geschlossen, wie durfte er sie
wecken.

Der Tanz endete, Balrich sagte ihrem Herrn, er werde seine Schwester um
den nächsten bitten, -- und der nächste begann schon. Er führte sie und
sagte:

»Du bist schöner heute als sonst, woher kommt das?«

Sie lachte schläfrig. Am Rande des Saales begegnete er dem flehenden
Blick der armen Thilde. Er lachte auf, so schmerzlich wild, daß Leni
endlich ihn ansah.

»Ich denke immer,« sagte er an ihrem Ohr, »dies ist dein Fest, deins
allein -- auf Villa Höhe, und die Herrin bist du.«

»Wer weiß,« flüsterte sie und öffnete ihren Goldblick. Sie lachte, den
Kopf im Nacken, er pfiff die Musik mit, und sie begannen zu schaukeln.

»Mit Blumen bewerfen sie dich auch,« bemerkte er zwischen dem Pfeifen.
Sie erschrak lachend, denn wirklich, eine Rose fiel ihr auf das nach
oben gewendete Gesicht. Da sah er, Horst Heßling war es, er griff in den
Korb der Blumenverkäuferin, warf nach ihr und traf sie immer. Er hatte
eine selbstsichere Miene. Balrich, im Tanzen, stieß hervor:

»Sieh dich nicht um! Du hast ihn schon zu viel angesehen. Du wirfst dich
weg, woher ist dein Kleid, du bist eine Dirne, unsere Schande, ich laß
dich bessern in einer Anstalt.«

»Und du? Aus welcher kommst du?« sagte sie ihm frech in die Augen, und
hatte an der Nasenwurzel dieselbe Falte wie er.

»Grade du!« Sie strebte fort von ihm, aber er zwang sie, weiterzutanzen.
»Du als erste sagst mir das, -- und ich war dort, weil ich nicht will,
daß ihr Bettler und Dirnen seid.«

»Wenn ich aber eine sein will?«

Da zwang er sie nicht weiter. »Geh!« schnaubte er; aber jetzt blieb sie,
und beide aus ihren weißen Gesichtern schnaubten sie und kamen nicht
los. Der Bruder sagte endlich:

»Danke Gott, daß ich -- dorther -- komme. Dann ist alles arm und kurz,
man hat Mitleid. Sonst schlüge ich dich nieder.«

Horst Heßling trat herzu, er hatte gehört. »Aber Herr Balrich! Sie als
zukünftiger Akademiker! Aus der moralischen Enge Ihrer bisherigen Klasse
müssen Sie doch auch bald heraus sein.«

»Gedulden Sie sich noch etwas!« sagte Balrich, und drehte den Rücken.

Draußen bei den Männern ging es still zu. Niemand kegelte, sie standen
in einem Halbkreis um den Oberinspektor, -- aber auch Jauner war wieder
da. Jauner ohne Handschellen, ohne Gendarmen, Jauner mit dem Gesicht der
triumphierenden Unschuld. Der Oberinspektor hatte ihnen erklärt, daß
irren menschlich sei, und zusammen mit dem ganz vertatterten Kraft
Heßling ging er seiner Wege. Jauner, möglichst unscheinbar, machte sich
hinterher.

»Aufgeschoben ist nicht aufgehoben,« versicherte Herbesdörfer. »Den
trifft es.« Und hinter seinen runden Gläsern glotzte er fanatisch.

Wie sie es nur hätten machen können, fragten die anderen. Dies wußte
auch er nicht. Es schien, Kraft Heßling bei der Untersuchung gab an oder
stotterte etwas, das der Oberinspektor so auslegte, als habe der Herr
Kraft den Jauner beauftragt, in seinen Rock zu greifen und ihm die
dritte Zigarettentasche zu bringen. »In der Faust aber, als ich ihn
faßte,« schwur Herbesdörfer, »hat er die Brieftasche gehalten; -- und da
haben die Lumpen getan, als wüßten sie es nicht mehr, und haben nach
Villa Höhe telephoniert.«

»Was?«

»Das kann ich nicht wissen, ich mußte hinausgehen . . . Aber sie haben
untereinander geflüstert, und auf den Jauner, das ist gewiß, haben sie
eingeredet, bis er ganz hin war. Wie sie herauskamen, hat er
geschlottert.«

Da sahen alle zu Boden, -- und als sie, einer nach dem anderen, sich
ihre Blicke zeigten, las jeder: »Wir sind verraten.«

»Den trifft es,« wiederholte Herbesdörfer.

Ein Stück vor ihnen den Balrich, wie er die Stirn gesenkt hielt auf
seine verschränkten Arme, den streifte jeder nur, scheu, ahnungsvoll.
»An dem geht es aus. Sie haben ihn schon verrückt machen wollen, weil
sie nichts wußten. Jetzt wissen sie es, was werden sie ihm noch antun.«
Die Arbeiter trennten sich, jeder für sich allein bedachte, was
bevorstand. Aber begegneten sich zwei, sagten sie heimlich: »Der macht
es doch.«

Indessen schien es, daß die Musik im Tanzsaal immer lauter ward, und
jetzt, was war dies, kam sie leibhaftig aus der Kantine. Die Musikanten
waren rot wie Zinnober, manche auch schwitzten bleich, und alle, wie auf
Befehl im Parademarsch, warfen die Beine. Ein Abstand, -- dann aber, man
wollte es nicht glauben, ein Paar, Leni Balrich mit Horst Heßling. Die
Köpfe erhoben gegen alle die Blicke, tanzten sie hervor. Leni raffte den
Rock bis zum Knie, und so, mochten doch alle um sie her zusammenlaufen,
tanzte sie in den Staub . . . Ihnen nach, andere Tänzerpaare, puppenhaft
springend, als müßte es so sein, mit Gesichtern, die selbst nicht
wußten, was vorging.

Die Arbeiter vom Kegelklub wichen, machten freie Bahn, -- und über die
Bahn lief eilends das Kegelschwein, verfolgt vom Fluchen und Gelächter.
Die Tänzer ließen sich nicht stören, drehten sich, verbreiteten Staub;
und Staub verbreiteten die Kinder, die vom Karussell herbeiflogen und
sich drehten. Hurra! schrien noch die Leute und verschwanden schon im
Staub, worin unsichtbare Hunde kläfften und die Tanzmusik mit der des
Karussells irr und wild ineinander verbissen waren. Dazu, vom Neubau
herab, von den Witzbolden sausten Hüte in die quirlende Menschheit, --
indes erhaben über sie, aus seinem Dachfenster der wissende Geist
Klinkorum sie verachtete wie noch nie.

Von der Friedhofsmauer die Trinker winkten mit Flaschen, was die
Musikanten bestimmte, die Beine dorthin zu werfen. Auf, hinterdrein,
Sprung, Schleifschritt, Schleifschritt, Sprung, und vom Friedhof winken
die Flaschen. Wer stößt da, man sieht ihn nicht? drängt sich hindurch
nach der Gegenseite? Verschwindet? . . . Leni, die Augen geschlossen,
tanzte, vorbeigeführt von ihrem Tänzer an den Steinen, an dem Kot
. . . Da hob er sie, sie sah, in ein Auto. Sie war gefangen in ihrem
engen Kleid, er hob sie hinein. Los!

Von rückwärts aber, glatt wie eine Katze, stieg im Fahren noch einer
ein. Schwingt sich hinein, stößt zu. Horst Heßling fand sich plötzlich
neben seinem Bruder Kraft auf dem Rücksitz, und bei Leni saß Balrich.
Horst rief Halt; -- aber kaum stand der Wagen, bedachte er die verbogene
Mütze des Menschen dort, seine pathetisch eingesunkenen Züge, dies
Halstuch; und er folgte dem Angstgeflüster Krafts: »Fange nichts an mit
dem Apachen!« -- »Weiter!« befahl er.

Balrich griff an die Mütze und bemerkte fest:

»Wenn Sie mit meiner Schwester wegfahren, muß ich mit.«

»Ein Familienausflug,« sagte Horst, mit leichter Verbeugung.

Aber Leni, aufschluchzend, aufglühend, warf um den Bruder die Arme,
drückte die nassen Augen an ihn, küßte ihn, welch ein Kuß! »Glückliche
Fahrt,« fühlte der Bruder. »Ich bin stark, stehe ein für meine
Schwester; und weil ich gefürchtet werde, liebt sie mich.«

Leni fühlte: »Er schenkt mir Villa Höhe, wer weiß. Er ist so stark,« --
indes Horst erwog: »Peinlich. Ändert aber nichts,« und Kraft nur Angst
hatte.

Der Tannengeruch von Villa Höhe sauste ihnen um die Gesichter; da war
sie. Kraft verlangte dringend zu halten, noch vor dem Gitter. Er war
ausgestiegen, und Balrich hob Leni heraus, so mußte der junge Horst,
trotz seinem Rausch, es wohl aufgeben, kühn einzufahren mit seiner
Eroberung auf den Grund seiner Väter. Auch hörte er keine Stimmen, nur
vor der Terrasse sonnte sich noch die kleine Person der Anklam. Auf sie
ging Horst zu. Quer über den Rasen, Leni entgegen, rannte Hans Buck.
Balrich ließ die zwei allein zusammenstoßen, er blieb zurück, und in
eine beschnittene Hecke gedrängt, verfluchte er sich, der nur als Herrin
seine Schwester hier einzuführen einst schwur . . .

Hans, mit fliegender Stimme: »Leni! Ich habe meiner Mama versprochen
hier zu bleiben, sonst wäre dies nicht geschehen. Leni! Wie konntest du
dies tun.«

»Mein Bruder ist bei mir,« hörte Balrich in seiner Ohnmacht.

»Leni! Siehst du es nicht? Horst will dich verderben. Denkst du
wirklich, er liebt dich?«

Leichtes Lachen Lenis. Hans wimmerte auf; dann, entsetzensvoll
geflüstert:

»Er bringt euch her, damit ihr entlassen werdet aus der Fabrik. Das
wollen sie hier, sie wollen einen Skandal, ihr sollt vernichtet sein --
und du, Leni, ihm ausgeliefert!«

Der Knabe bedeckte die Augen.

»Ich nur muß alles sehen -- und soll nichts tun können?«

Schritte, die kamen.

»Sieh die Frau dort bei ihm! Sie will er eifersüchtig machen mit dir.
Sogar dazu bist du hier!«

Wieder ihr leichtes Lachen, -- Hans sprang auf. Frau von Anklam hatte
den Arbeiter im Busch entdeckt, Horst kam ohne sie daher. Hans sprang
zu, an die Kehle dem da, unwiderstehlich im Krampf. Bevor Horst es noch
wußte, lag er, und das Gesicht ward ihm in den Kies gedrückt. Hans stand
stürmisch vor Leni.

»Liebst du ihn noch jetzt?«

»Weder ihn, noch dich,« sagte sie. »Denn« -- mit einer Bewegung im
Kreis, erblaßt und sehr frech: »Wer von euch schenkt mir das?«

Da ließ der Sechzehnjährige die Stirn sinken. Senkrecht aus seinen Augen
fielen die Tränen, so ging er fort.

Horst inzwischen tilgte, wie er es nannte, die Spuren der ruhmreichen
Szene. Von den Kieseln trug er Male wie Pockennarben, so bot er Leni den
Arm. Grade traf auch die Anklam ein, geführt von Balrich. Der Arbeiter
und seine Schwester, einander gegenüber, sahen sich scheu an, der Gent
und die Dame sich mit Bedeutung.

»Sie, Horst,« sagte die Anklam, »Furcht erregen Sie nun einmal nicht. Wo
Gefahr ist, bleibt ein Rest; mysteriöser Rest;« -- wobei sie den Kopf
mit Ironie geneigt hielt gegen die Schulter Balrichs. Und Horst Heßling,
über Leni ironisch geneigt: »So ist es.«

Die Geschwister fühlten: »Die Herrschaften, weil wir da sind, machen
sich zueinander mehr Lust.« -- Nur wagten sie keinen Widerspruch.

Einem Diener, der droben hervorkam und sich fächelte, befahl Horst mit
Kommandostimme, Tee zu servieren auf der Terrasse. Vorher fand er es
angezeigt, durch den Park zu spazieren. Dieser Meinung war auch Kraft,
der sich einfand und an Zuversicht gewonnen hatte. Hohl, aber höhnisch
bemerkte er:

»Wer auf eine Besitzung reflektiert, sieht sie sich vorher an.«

Dann machte er sich aber nahe an Balrich heran und sagte nur für ihn:
»Hier können Sie mir nichts mehr tun, Sie Muskelmensch, -- obwohl ich
eigentlich ach so gern Furcht habe.« Mit weiblichem Ton, wie die Anklam,
und sogar ein Schmiegen deutete er an mit der Schulter.

Man gelangte zu einem Brunnen mit Venus, »Göttin der Schönheit und der
Liebe, ist ja bekannt,« erklärte Horst den Besuchern; und gleich darauf
zu der »Borkenhütte«. Hier wendete sich Kraft an die Gäste.

»Dies halten wir für den besten Platz zum Aufstellen der
Maschinengewehre,« erklärte er, frohlockend in seinem Verfall.

Zurück vor der Terrasse, fanden sie den Tisch gedeckt, aber schon
besetzt. Unter den schaukelnden Rosengewinden lehnten heiter in sanft
knarrenden Korbsesseln die Damen Heßling, Mutter Guste, Tochter
Gretchen; sodann hatte sich eingestellt Frau Emmi Buck mit ihrem Hans,
der sie unterhielt, als sollte sie nichts hören und sehen, -- und auch
die Anklam war schon da und hatte sicher erzählt, wenn man wüßte was.
Horst und Kraft wurden besorgt. Mit seinem Bauch an einer Rosensäule,
äugte Klotzsche, Verlobter Gretchens, entrüstet her. Kraft wollte sich
drücken; aber Horst, mit einem Stoß, beförderte ihn hinauf. Der Leni
hielt er sogar den Arm hin; aber sie nahm ihn nicht.

»Voilà,« sagte Horst, wie einer im Variété, der fertig ist mit seinem
Kunststück. »Unsere Gäste.«

Kaltes Schweigen allerseits. Gretchen kicherte vielleicht, aber bei ihr
wußte man nie. Ihr Verlobter, zur Sicherheit, strafte sie mit dem Blick.
Emmi Buck, sichtlich bestürzt, zog sich auf ihrem Stuhl zurück bis in
die Türnische, -- wo auch ihr Gatte erschien, mit einem aufmunternden
Lächeln, als sagte er: »Was geschehen ist, ist geschehen.«

Die Anklam gebrauchte ihr Lorgnon, um Ironie und Wohlgefallen zu
bekunden. Guste, die Majestät der Versammlung, legte in dasselbe
Instrument ihren Zorn und den allerhöchsten Zweifel, ob man sie etwa zu
verkennen wage. Aufrecht in ihren Spitzen, Schleifen, Perlen und Steinen
saß sie da, Busen und Bauch vereinte das Korsett zu einem einzigen,
stolzen Gebilde. Ihre Nase freilich war eine Kartoffel, wie die des
Herbesdörfer.

»Mein Sohn,« herrschte sie. »Was heißt dies, mein Sohn.« Und bevor Horst
sich weiter vergessen konnte: »Deine Mutter verdient mehr Achtung.«

»Mit ihren schneeweißen Haaren,« bemerkte Gretchen, schleppend, ob
infolge von Bleichsucht oder aus Hinterlist.

»Mein Sohn Kraft,« -- Guste mit beringten Wulstfingern winkte ihn heran,
»steht allem Unpassenden fern, das weiß ich,« -- wobei das Lorgnon
vernichtend auf Leni fiel. Dann hielt sie dem Liebling die Wange hin.
»Trinke deine Milch, mein Kraft, du hast dich angestrengt;« und durch
eine Wendung ihres Sessels gab sie zu verstehen, daß der Zwischenfall
für sie abgetan sei, sie kehre zurück in ihre wohlgeordnete Welt. Sie
übersah es kurzweg, daß jene Person sich setzte, -- weil ein Diener, auf
wessen Wink wohl, ihr den Stuhl hinschob. Leni ohne Umstände fiel
hinein, daß es krachte. »Uff, es war Zeit,« äußerte sie, wandte die
aufgeworfene Nase umher und schlug die Beine übereinander, nicht ohne
Mühe in dem Kleid.

Horst, der nichts mehr zu verlieren hatte, brachte ihr selbst eine Tasse
Tee, er würde sie auch haben rauchen lassen. Der Rechtsanwalt Buck
indessen riet ab; es gebe Grenzen. »Immerhin,« sagte er zu Balrich, der
starr hinter seiner Schwester stand, »Zutritt haben Sie nun schon
erlangt.«

»Sie meinen, dabei bleibt es?« fragte Leni über ihre blonde Schulter.
Buck meinte:

»Jetzt setzen wir uns hier in Verteidigungsstand.«

»Nützt nichts,« sagte Leni.

Aber da erschien auf der jenseitigen Treppe eine Helmspitze. In
kriegerische Farben getaucht, folgte das Gesicht des Generals v. Popp,
-- und unter dem Schutz seiner gepolsterten Schultern der Hausherr.

»Nanu?« bemerkte der Hausherr. »Hier ist Maskerade?«

»Das wirst du, mein Freund,« versetzte Guste, und mit königlichem
Nicken: »das werden Sie, Exzellenz, genauer unterscheiden können als
eine Hausfrau, die noch die altmodische Gepflogenheit hat, ihr Haus
reinzuhalten.«

»Und andere. Häuser zu versauen,« sagte Balrich rauh, und ins Auge faßte
er den Sohn Horst.

Der Generaldirektor tat, als erkenne er erst jetzt seinen Arbeiter. »Nun
also!« rief er, erhaben in seinem Hohn. »Da ist er!«

Feixend erklärte er:

»Der will mich vertreiben. Exzellenz verstehen? 'Raus aus Gausenfeld,
'raus aus Villa Höhe. Ich soll Lumpen sammeln.«

»Komischer Kauz,« sagte der General, ernst wie ein Nußknacker. Der
Generaldirektor war weiter erhaben:

»Vorläufig studiert er für mein Geld, dann aber kommt über mich das
Gericht.«

»Die Leute haben Begriffe,« äußerte Guste. »Es kommt von der
Religionslosigkeit;« -- und sie wandte sich weg. Klotzsche, Verlobter
Gretchens, bestätigte es, auch er sah weg.

»Ach du 

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/46987