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Der Erbe: Roman. Zweiter Band.

by Friedrich Gerstäcker · German · Gutenberg #46504 · 402,464 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Der Erbe: Roman. Zweiter Band.
    
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Title: Der Erbe: Roman. Zweiter Band.

Author: Friedrich Gerstäcker


        
Release date: August 4, 2014 [eBook #46504]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ERBE: ROMAN. ZWEITER BAND. ***

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  Der Erbe.

  Roman
  von
  Friedrich Gerstäcker.

  Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.

  Zweiter Band.

  Jena,
  Hermann Costenoble.
  1867.




Inhaltsverzeichniß.


                                     Seite
   1. Am Krankenbett                     7
   2. Zwei Glückliche                   24
   3. Frau Heßberger                    54
   4. Neben der Werkstätte              86
   5. Die Werbung                      112
   6. Staatsanwalt Witte zu Hause      136
   7. Bei der Leiche                   164
   8. Der Raubmord                     185
   9. Die Untersuchung                 222
  10. Verschiedene Eindrücke           248
  11. Rath Frühbach                    275
  12. Die Nachbarin                    296
  13. Das Geständniß                   323




1.

Am Krankenbett.


Ungleich der stürmischen oder doch bewegten Unterhaltung im unteren
Theil des Schlosses verhandelten die Personen im oberen, in Benno's
Krankenstube, und Benno selber saß mit hochgerötheten Wangen in seinem
Bett und lauschte der Erklärung Baumann's, der vor ihm auf einem kleinen
Tische die mitgebrachte Maschine stehen hatte und jetzt ihre Wirksamkeit
beschrieb.

»Aber woher haben Sie das wunderliche Ding, Baumann?« sagte der Knabe
mit blitzenden Augen, denn sein ganzes Interesse war geweckt worden.
»Doch nicht selber gefertigt? Das sieht ja gerade so aus, als ob es
schon über hundert Jahre alt wäre.«

»Das ist es auch vielleicht, lieber Baron,« erwiederte der junge
Mechanikus, »und eine nicht ganz werthlose Antiquität, die dem alten,
reichen Salomon gehört.«

»Aber was, um Gottes willen, stellt es vor? Was bezweckt es? All' die
vielen Räder, die schwere Kugel dann und die Hebel!«

»Es sollte ein altes Problem lösen,« lächelte Baumann, »das =perpetuum
mobile=.«

»Um vielleicht durch ein =perpetuum immobile= zu beweisen, daß es auch
das Gegentheil geben müsse,« lachte Benno, der seine Krankheit ganz
vergessen hatte. »Wie komisch das ist! Es rührt und regt sich ja gar
nicht.«

»Weil es noch nicht in Gang gebracht ist,« erwiederte Baumann; »wenn das
aber geschieht -- und wir wollen das gleich einmal thun --, so kann ich
Ihnen versichern, daß es ununterbrochen fortläuft und kein Aufhören mehr
zu berechnen ist, die Zeit natürlich ausgenommen, wo sich das Material
selber abnutzt und die Räder ausgeleiert werden -- ein Nachtheil, der
allen Menschenwerken anhängt, ob er sie nun später oder früher ereilt.«

»Und wie kommen Sie dazu, Baumann?«

»Es war die erste Arbeit, die mir, seit ich mich selbstständig etablirt
habe, anvertraut wurde,« sagte der junge Mechanikus, »und ich glaube,
ich habe meine Aufgabe ehrenvoll gelöst, denn der alte Salomon
versicherte mir, er hätte das kleine Werk schon in alle größeren Städte
Deutschlands, zu den berühmtesten Arbeitern gesandt, ohne es je reparirt
zu bekommen. Die Antwort von Allen habe gelautet, sie wollten lieber
etwas Aehnliches neu herstellen, als den Fehler finden, der hier die
Räder verhinderte, fortzuarbeiten. Und doch lag das Ganze nur an einer
Kleinigkeit, an einem falsch eingesetzten Rädchen, das vielleicht
einmal eine ungeschickte Hand beim Reinmachen herausgenommen und, da es
Aehnlichkeit mit einem andern hatte, nicht wieder an die rechte Stelle
brachte. Das aber störte natürlich die Arbeit des ganzen Werkes, weil
seine Zähne etwas weiter aus einander stehen.«

»Und Sie fanden den Fehler?«

»Gewiß, und Sie sollen sich jetzt selber überzeugen, wie günstig und
glatt es geht. Drei Tage und drei Nächte habe ich es schon bei mir im
Zimmer in Gang gehabt; es arbeitet vortrefflich, und ein Ablaufen des
Räderwerkes ist, so lange die Räder selber in Ordnung bleiben, gar nicht
denkbar.«

Er hatte dabei die Messingkugel auf einen bestimmten Punkt gelegt und
ließ sie dort auf einen Hebel fallen; dadurch kam das ganze Räderwerk
in Gang, und die Kugel selber wurde langsam, aber in genau abgemessener
Weise nach und nach und von Zahn zu Zahn wieder hinauf an ihre alte
Stelle gebracht, um ihren Kreislauf dort von Neuem zu beginnen. Jedesmal
aber, wenn sie den Punkt erreichte und dann wie vorher ab und auf den
Hebel traf, brachte sie das Ganze von Frischem in Gang.

Kathinka, die sich noch im Zimmer befand, hatte der kleinen Maschine, an
der sich Benno nicht satt sehen konnte, mit vielem Interesse zugeschaut,
aber doch dabei manchmal aus dem Fenster gehorcht, denn es war ihr
fast, als ob sie unten die scharfe, keifende Stimme des Fräuleins von
Wendelsheim hörte. Was war da wieder vorgefallen -- und sicher trug
wieder der Baron Bruno daran die Schuld, der eben dort zum Thore
hinaussprengte, oder hatte wenigstens die Ursache gegeben. Sollte sie
selber jetzt hinuntergehen? Es war wohl besser, sie wartete noch eine
kurze Zeit, bis der Sturm ein wenig ausgetobt; sie mochte der »Tante«
nicht muthwillig in den Weg laufen.

Eine Viertelstunde verging noch so, und Benno konnte nicht müde werden,
das kleine Kunstwerk zu beobachten, das, freilich immer nur eine
Spielerei, doch dem Verfertiger alle Ehre machte, als plötzlich die Thür
rasch geöffnet wurde und Tante Aurelia einen Blick in's Zimmer warf.

»So,« rief sie dabei, »und Du sitzest noch hier, die Hände im Schooß,
und weißt gar nicht, daß unten Alles auf dem Kopfe steht? Und Benno soll
seinen Thee wohl ebenfalls kalt trinken, Mamsell, heh? Haben wir Dich
deshalb in's Haus genommen und die langen Jahre gefüttert, um nur eine
Hofdame aus Dir zu machen, die sich Morgens in Staat wirft und dann den
ganzen Tag spazieren geht?«

»Ich wußte nicht, daß es schon so spät war,« sagte Kathinka schüchtern
und glitt an der Zornigen vorbei aus der Thür, während die Tante ihr
nachzankte: »Und wozu hast Du Deine Augen, als Dich selber darum zu
bekümmern und nach der Uhr zu sehen, Du nachlässiges Ding Du! Den jungen
Leuten nachlaufen, ja, das kann sie, aber zu sonst ist sie auf der
Gotteswelt nichts nutz, und ich erlebe doch hoffentlich auch noch die
Zeit, wo wir die Bürde hier vom Halse los werden!«

Kathinka hatte wahrscheinlich nicht die Hälfte der harten Worte mehr
gehört, denn sie war in Schreck und Scham die Treppe hinabgesprungen.
Benno aber, als sie die Thür wieder schloß, jedenfalls um ihr
nachzugehen und ihre Strafpredigt fortzusetzen, seufzte recht tief auf
und sagte traurig: »Das arme, arme Mädchen! Sie ist so gut und brav,
arbeitet von früh bis spät und pflegt mich, wie es eine Mutter nicht
besser könnte, und nie ist die Tante mit ihr zufrieden; immer und ewig
zankt sie und macht ihr unser Haus zu einer Hölle. O, daß ich nur gesund
wäre und ihr beistehen könnte! Aber wenn ich nur laut reden will, sticht
es mich hier so in der Brust, und ich muß dann stundenlang regungslos
auf meinem Kissen liegen.«

»Ich glaube,« sagte Baumann leise, »das gnädige Fräulein Tante zankt
mit Jedermann und braucht täglich einen gesunden Skandal, um sich
bei frischen Kräften zu erhalten. Es ist auch so eine Art =perpetuum
mobile=, das ich aber, aufrichtig gesagt, lieber nicht repariren möchte,
wenn es einmal aufhören sollte zu arbeiten.«

»Sie haben recht, Baumann,« lächelte Benno, »und ihre Zunge ist die
Kugel, die stets auf's Neue das ganze Räderwerk in Bewegung setzt, denn
schon nach den ersten Worten arbeitet sie sich selber in die größte
Aufregung hinein. Nur mit mir zankt sie nicht, so gern sie es auch
manchmal möchte, und daß Sie mich besuchen, scheint ihr auch nicht
angenehm zu sein.«

»Ich habe wenigstens noch nie einen freundlichen Blick oder Gruß von ihr
bekommen.«

»Dessen können sich überhaupt nur wenig Menschen rühmen,« seufzte Benno.
»O, warum sich und Anderen das Leben so schwer machen! Es ist doch so
schön und, ach, so kurz!«

Kathinka trat herein und brachte den Thee, setzte ihn aber nur auf
den Tisch und verließ augenblicklich das Zimmer wieder. Sie hatte
rothgeweinte Augen und wollte die wahrscheinlich nicht vor den jungen
Leuten sehen lassen.

Baumann's Blick haftete auch mit innigem Mitleiden auf ihr; sie war so
jung und so unglücklich schon, stand so ohne Schutz und Freunde da,
und ertrug doch Alles mit so stiller Demuth, ohne ein einziges Wort
der Widerrede! Er hatte auch wirklich einen bittern Fluch gegen die
»steinerne Tante« auf den Lippen, verbiß ihn aber, um Benno nicht wehe
zu thun, und setzte nun langsam die Maschine außer Gang und zurück neben
seinen Hut.

»Sie wollen doch noch nicht fort, Baumann?« fragte Benno rasch. »Du
lieber Gott, dann bin ich ja ganz allein, denn Kathinka hat die Tante
weggejagt und Bruno ist ja auch wieder fortgeritten, er wäre sonst gewiß
noch einmal heraufgekommen.«

»Ich kann noch etwas bleiben, lieber Baron, aber ich fürchte, Sie regen
sich zu sehr auf. Sie sehen jetzt schon so blaß aus.«

»Weil ich mich über die Tante geärgert habe,« sagte der Knabe. »Weshalb
zankt sie immer mit der armen Kathinka -- ich bin ja auch gar nicht
krank mehr, nur noch schwach, wie mir der Doctor selber gesagt hat, und
nur ausruhen soll ich mich, recht ordentlich ausruhen, damit ich wieder
zu Kräften komme -- könnt' ich nur fort von hier!«

»Aber wohin?« fragte Baumann.

»Bruno hat mir versprochen,« fuhr der Knabe mit leuchtenden Blicken
fort, »wenn er jetzt das viele Geld von seiner großen Erbschaft bekommt,
was ja nur noch wenige Wochen dauert, dann macht er mit mir eine Reise
nach Italien. Dort ist weiche, warme Luft, dort erhol' ich mich gewiß
in so viel Tagen, wie hier in Monden, und dann nehmen wir Kathinka als
Krankenpflegerin mit -- ja, Baumann, gewiß! Ich habe es schon Alles
mit meinem Bruder ausgemacht -- ich brauche noch Pflege unterwegs,
wenigstens in der ersten Zeit -- aber die Tante,« setzte er lächelnd
hinzu, »die lassen wir hier in dem alten, öden Schlosse, wo es mir immer
ist, als ob die Mauern über mir zusammenbrechen müßten, und dann kann
sie nicht mehr mit Kathinka zanken, und sie wird wieder heiter und
glücklich werden und wieder lachen -- ach, Baumann, Sie sollten sie
einmal lachen hören, wie herzlich, wie lieb das klingt! Aber,« setzte er
leise hinzu, »es ist schon lange her, daß ich es nicht mehr gehört habe,
und es thut mir doch so wohl.«

Er lag viele Minuten still und regungslos, und Baumann, das Herz
von innigem Mitleiden mit dem Armen erfüllt, wagte selber nicht das
Schweigen zu brechen. Welchen Trost hätte er ihm auch geben können?
Endlich sagte Benno wieder:

»Wo nur der Vater heute sein mag, daß er nicht ein einziges Mal zu mir
heraufkommt, und er weiß doch, wie ich mich immer freue, ihn hier zu
sehen -- aber freilich,« setzte er seufzend hinzu, »bei mir hier oben
ist es so langweilig, und er hat so wenig Geduld -- da ist die Kathinka
besser, und wenn sie dürfte, säße sie halbe Tage lang an meinem Bett
und erzählte mir ihre wunderhübschen Geschichten. Ach, sie kann so schön
erzählen, Baumann, und wenn sie es thut, seh' ich all' die Personen, die
sie beschreibt, all' die Feen und Elfen mit ihren lieben Gestalten um
mein Bett stehen, und es wird mir dann so wohl, o, so wohl...«

Er sank zurück, Todtenblässe deckte seine Züge, er war ohnmächtig
geworden, und Baumann zog jetzt die Klingel, um Hülfe herbeizurufen,
aber nur die Magd erschien. Das gnädige Fräulein Tante war unten in
den Ställen und zankte sich gerade mit einer der Viehmägde, Fräulein
Kathinka war aber in den Garten geschickt, um dort die Blumen zu
begießen.

Benno erholte sich jedoch, wie ihm nur Baumann ein nasses Tuch um die
Stirn legte, rasch von selber wieder; aber er war jetzt so schwach
geworden, daß er nach Ruhe verlangte.

»Ich will schlafen,« sagte er leise, indem er dem Freund die
Hand reichte -- »heute bin ich recht elend, aber wenn Sie wieder
herauskommen, finden Sie mich von allen Schmerzen frei -- dann beginnt
eine glückliche Zeit. Leben Sie wohl, mein guter Baumann!« Er drehte
sich ab und legte sich auf die Seite. Baumann sah nur noch die
eingefallenen Wangen, die hohlen Schläfe und geschlossenen Augen. Es war
ihm, als ob er einen Todten verließ, als er, seine Maschine im Arm, die
Thür des Zimmers hinter sich zudrückte.

Er stieg langsam die Treppe hinunter und betrat durch eine Seitenthür
den Garten -- es wurde unten im Park an dem einen Theile der Mauer
gebaut, und er wußte, daß er dort hinaus ein bedeutendes Stück seines
Weges abschneiden konnte --, aber er mußte an dem Gartensaal vorüber,
und als er die Thür desselben passirte, bemerkte er den alten Freiherrn,
der dort, die Stirn noch immer an die Glasscheibe gelegt, stand und
anscheinend hinaus in den Garten sah. Im ersten Momente wollte er ihn
auch anreden und ihm sagen, daß Benno wieder eine Ohnmacht gehabt. Der
Kranke schlief aber jetzt gerade; wenn der Baron hinaufging, störte er
ihn nur wieder. Das vorher gerufene Mädchen würde es schon der Tante
sagen; er selber beschloß, nichts davon zu erwähnen. Nur als er
vorüberging, zog er seinen Hut ab und grüßte den alten Herrn, dessen
stieres Auge auf ihm haftete -- aber ob er ihn trotzdem nicht sah? Er
dankte wenigstens nicht, noch gab er irgend ein Zeichen der Erkennung.
Still und regungslos stand er an der Glasthür und starrte, wie in das
Leere, in die grünen Büsche und Sträucher hinein. Dem jungen Mann wurde
es auch ganz unheimlich, als er ihn da so stehen sah. Was um Gottes
willen war vorgegangen, das den alten, sonst so strengen und kalten
Herrn dermaßen erschüttern und von seiner nächsten Umgebung ablenken
konnte!

»Soll mich der Himmel vor Macht und Reichthum bewahren,« flüsterte
Baumann leise vor sich hin, als er durch die laubigen Gänge des Parkes
schritt, »wenn ich sie solcher Art mit meinem Seelenfrieden erkaufen
mußte! Wie kummervoll der Mann aussieht! Hat er vielleicht von dem
neuen Anfall des jüngsten Kindes gehört und sorgt sich darüber? -- armer
Vater! -- Oder ist es etwas Anderes, das ihn drückt? Wenn so, dann
müßte er es auch allein tragen, denn er hat keinen Freund, dem er sich
anvertrauen könnte oder wollte.« Er war wohl ein »vornehmer Herr,« aber
er stand allein, trostlos allein in der weiten Welt, und Niemand half
ihm seine Lasten tragen, und doch war der Glanz und Prunk, der ihn
umgab, und das Meiste von alledem, nur noch gemacht, wie Baumann recht
gut wußte. Ein übertünchtes Elend, um Rang und Stand mit den letzten,
fast erschöpften Kräften aufrecht zu erhalten, und das Alles ohne die
Spur von häuslichem Glück und Frieden, und nichts in dem großen, öden
Schlosse, als Stolz, Haß und Unfriede, und dazwischen den lauernden Tod
am Krankenbett des Sohnes!

Baumann war, in seine trüben Gedanken vertieft, rasch durch den
Park jener Stelle zugeschritten, an welcher, wie er wußte, die Mauer
niedergeworfen worden und eben neu aufgebaut werden sollte. Er hatte
auch auf seine Umgebung wenig oder gar nicht geachtet, als er plötzlich
ein lichtes Kleid durch die Büsche schimmern sah und gleich darauf
Kathinka erkannte. Sie kam gerade, eine große, aber jetzt leere
Gießkanne in der Hand, von den ihr anvertrauten Beeten her und wollte
nach dem Schloß zurück. Als sie Baumann bemerkte, war es auch fast, als
ob ihr Fuß einen Moment zögerte; sie wäre ihm in der That am liebsten
ausgewichen, denn ihre Augen zeigten noch Spuren von vergossenen
Thränen, und sie scheute sich, die den Fremden sehen zu lassen; aber es
ging nicht mehr, er war schon zu nahe herangekommen, und Baumann selber
ging auf sie zu, um ihr den Unfall mitzutheilen, der Benno während ihrer
Abwesenheit betroffen.

»Du lieber Gott,« rief sie erschreckt aus, »der arme junge Mensch! O,
nicht einen Augenblick sollte er allein gelassen werden -- sie wissen ja
gar nicht, wie krank er ist, sie können es nicht wissen, oder sie würden
anders handeln. Ich will gleich zu ihm.«

»Lassen Sie ihn jetzt,« sagte Baumann freundlich; »er ist eingeschlafen,
und die Ruhe wird ihm gut thun; er bedarf ihrer.«

»Er wird bald von allen seinen Leiden ausruhen,« sagte Kathinka traurig
-- »bald und für immer.«

»Halten Sie seinen Zustand wirklich für so gefährlich?«

»Ich fürchte, ja. Er hat die letzten Tage an Kräften in erschreckender
Weise abgenommen, und seine Augen haben einen so unheimlichen Glanz
bekommen.«

»Der arme, arme Benno, wie wenig Freude hat er noch im Leben gehabt, und
so jung schon sterben -- sterben jetzt, da vielleicht in dem Reichthum
seines Bruders und dem neu erwachenden Glanz des Hauses auch ein
besseres Dasein für ihn beginnen könnte! Glauben Sie nicht?« fuhr er
fort, als Kathinka leise mit dem Kopf schüttelte. »Bruno würde gewiß
freundlich mit ihm sein, er ist von Herzen gut und hat ihn lieb.«

»Ja,« sagte Kathinka, »Bruno schon, aber die Tante ist der böse Geist im
Hause, der kein Glück und keinen Frieden aufkommen läßt, und ich selber
hätte es auch schon lange verlassen, wenn ich nicht Benno's wegen
bliebe. Aber er hat sich so an mich gewöhnt, daß er ganz unglücklich
sein würde, wenn ich ginge -- sonst lieber trocken Brot unter Fremden
essen,« setzte sie leise hinzu.

»Sie haben ein schweres Leben hier im Hause, mein armes Fräulein,« sagte
Baumann mitleidsvoll, »und ich begreife da wirklich die Tante nicht,
denn sie hat Benno lieb, das zeigt sich in Allem, und doch kränkt sie
ihn so oft durch Sie. Er sagte mir selber heute, daß ihn das Zanken
wieder krank gemacht.«

»Ich muß zum Hause zurück,« erwiederte Kathinka ausweichend. »Benno
könnte aufwachen und nach mir verlangen, und meine Arbeit ist hier
beendet. Leben Sie wohl, Herr Baumann!« Und mit leichten Schritten eilte
sie den Gang hinab dem Schlosse zu.

Fritz Baumann verließ den Park heute mit recht schwerem Herzen. Er hatte
den kranken Knaben wirklich liebgewonnen, und wie lange konnte es noch
dauern, bis er in der kühlen Erde ruhte! Dann kehrte auch er nicht mehr
in den Schatten dieser Bäume zurück, dann war auch ihm der Weg hieher
abgeschnitten, denn er fühlte recht gut, daß ihn der Baron wie die Tante
hier nur Benno's wegen duldeten. Er selber würde sie auch nie aufgesucht
haben.

Er stand noch und sah zu dem Schloß nachdenkend zurück, das gerade hier,
bei einer Biegung des Weges, durch die dichten Wipfel sichtbar wurde,
als er plötzlich das schmerzliche Winseln und Heulen eines Hundes
und scharfe Peitschenschläge auf dessen Rücken hörte. Es war der
Revierförster, der seinen Dachs an der Leine hatte und aus irgend einem
Grund jämmerlich abprügelte.

»Du großer Gott,« sagte Baumann fast unwillkürlich vor sich hin, »ist
das ein trostloser Platz hier -- nicht einmal ein Hund kann sich da wohl
fühlen! Ich will dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht mehr zu betreten
brauche!« Und rasch ausschreitend, erreichte er bald darauf die
Parkbrücke und gleich dahinter die freie Straße, wo er ordentlich
aufathmete, als ob er einem Gefängniß entwichen sei.




2.

Zwei Glückliche.


Bruno von Wendelsheim war in scharfem Trab in die Stadt zurückgeritten,
aber heute wahrlich in keiner so gedrückten Stimmung, als er sonst wohl
das väterliche Haus verlassen; denn jenes ruhige Gefühl überkam ihn
dabei, das uns immer ergreift und beherrscht, wenn wir nach langen,
peinigenden Zweifeln über irgend einen wichtigen Abschied unseres Lebens
zu einem bestimmten und festen Entschlusse gekommen sind.

Liebe -- wann hatte er Liebe je in seinem Vaterhaus gefunden? Nie, nie!
Nur mit Furcht war er erzogen und geleitet worden, nur Furcht hatte er
vor dem strengen alten Herrn gekannt, bis er heranwuchs und auch diese
abschüttelte. Dann war nichts geblieben, als das Bewußtsein, daß er dem
Manne, als seinem Vater, Achtung und Gehorsam schuldig sei -- aber nur
Gehorsam so weit, als es nicht sein eigenes Lebensglück, seine ganze
Zukunft betraf, die zu leiten er durch seine Härte und Gleichgültigkeit
schon des Rechtes verlustig gegangen war.

Als er heute Morgen hinaus nach Wendelsheim ritt, war er denn auch nur
darauf gefaßt gewesen, nach seiner Erklärung einem Sturm von Vorwürfen
und Zornesworten zu begegnen, die ja auch kaum ausbleiben konnten, da er
zum ersten Mal es wagte, nicht allein vollkommen unabhängig seinem Vater
entgegenzutreten, nein, ihn sogar an seinem verwundbarsten Punkt, seinem
alten Adelsstolz, seinem unantastbaren Stammbaum zu verletzen. Daß er
gänzlich unvorbereitet darauf war, ihn, statt aufbrausend und wüthend,
nur weich und schmerzbewegt, ja, wie gebrochen zu finden, läßt sich
denken; er würde es nie im Leben für möglich gehalten haben, und so
überrascht, so erschüttert selbst fühlte er sich davon, daß er sogar für
einen Moment schwankend in seinem Entschluß wurde, um von dem alten Mann
den Schmerz zu nehmen, bis die Tante mit ihrem kalten, höhnischen Blicke
in's Zimmer trat und mit ihrem Augenblick Alles, Alles zurückrief, was
er in seinem Leben hier erduldet.

Seine ganze, ihm abgestohlene und mißhandelte Jugend lag bei ihrem
Anblick vor seinen Augen; all' die Thränen, die er im Stillen geweint,
all' der heimliche Ingrimm, den sie in die Kindesbrust gepflanzt und
mit ihm groß gezogen, aber immer nur genährt, nie auch selbst durch
ein freundliches Wort gemildert hatte, und gerade das Bewußtsein, ihrem
starren, keines guten Gedankens fähigen Herzen noch einmal einen Streich
zu versetzen, sie endlich einmal fühlen und wissen zu lassen, daß ihre
Herrschaft vorbei sei und sie aufgehört habe, den Knaben zu meistern,
warf alles Mitleid für den Vater über Bord. Er sah nur seine geopferte
Jugend, fühlte nur, zum ersten Mal in seinem Leben, das Bewußtsein in
sich erwachen, zu _vergelten_, und in der wonnigen Empfindung, gerade
dieser Frau den Fehdehandschuh hinwerfen zu können, gerade ihr zu
zeigen, daß ihr Regiment über ihn aufgehört und sie darauf verzichten
müsse, ihn als Knaben zu behandeln, vergaß er selbst den Schmerz des
Vaters über das ihm zugefügte Leid.

Jetzt war es geschehen, der Würfel gefallen, und ihm blieb nichts weiter
übrig, als nach seinem Gefühl zu handeln.

Damit trabte er auf seinem Weg dahin, und noch nie war ihm der Himmel so
blau, die Erde so frisch und maiengrün, die Luft so mild, der Vögel Sang
so lieb erschienen, wie gerade heute, wo er nicht allein zum ersten Mal
seinem Herzen folgen, sondern auch eine heilige Pflicht erfüllen durfte,
die ihn lange gedrückt.

Daß ihn Rebekka liebte -- wie konnte es ihm Geheimniß bleiben, da des
Mädchens ganze Seele ja in dessen Augen lag? Und wenn es ihn bis jetzt
nur immer in das Haus, in das trauliche Stübchen des alten Salomon zog,
so verließ er es auch jedesmal mit den bittersten Vorwürfen gegen sich
selbst, daß er eine Leidenschaft nähre und unterhalte, der er, wie
er damals dachte, nie gerecht werden durfte. Und doch war er nicht
im Stande, jenen Zauber zu meiden, den Rebekka schon selber auf ihn
ausübte, und der alte Salomon schüttelte wohl oft, von ihm ungesehen,
den Kopf, wenn er mit dem Mädchen am Instrument saß und die Tochter
dann, glücklich in der Nähe des Geliebten, mit jubelnder Stimme ihre
Lieder sang.

Er, der alte Salomon, kannte die Verhältnisse der Menschen draußen auf
dem Schauplatz, den wir die Welt nennen; er kannte sie besser wohl als
tausend Andere, denn er hatte mit allen Schichten der Bevölkerung und
besonders mit den Großen und Vornehmen verkehrt, und er war von ihnen
geschmeichelt und auf Händen getragen oder auch unter die Füße
getreten worden, gerade wie man ihn gebrauchte. Er kannte aber auch die
Ansichten, den Stolz und Hochmuth dieser Leute, die, was ihren Stammbaum
betraf, doch hätten zu dem Juden mit Neid und Bewunderung aufsehen
müssen, denn keiner von allen leitete so weit zurück als dessen
Abstammung, die zu Abraham hinaufreichte. Aber ihre Standesvorurtheile
machten sie blind -- blind gegen Alles, nur nicht gegen ihren eigenen
Werth, und Salomon wußte gut genug, daß sie, so hoch sie sich selber
überschätzten, eben so tief den Juden verachteten, den sie wohl
gebrauchen und benutzen konnten, wo er ihren Zwecken diente oder ihnen
nöthig wurde, dem sie aber sonst nie verstattet hätten, auch nur in ihre
Nähe sich zu wagen, viel weniger denn auf gleichen Rang, auf gleiche
Stufe mit ihnen zu treten.

Und was sollte da aus einer Liebe werden, die er im Herzen der Tochter
gegen Einen jenes, ihnen stets fremd gebliebenen Stammes sich entwickeln
sah? Er fürchtete das Hoffnungslose einer solchen Leidenschaft, aber
wagte, aus Liebe zu dem einzigen Kinde, nicht einmal einen Einspruch zu
thun, ja, ihr nicht einmal die Gefahr zu nennen, in der sie schwebe, aus
Furcht nur, die Gefahr gerade dadurch erst heraufzubeschwören.

Er mochte den jungen Officier wohl leiden: er war anders, als die
Uebrigen seines Standes und Gewerbes, und hatte sich seit der Zeit,
wo er zufällig einmal Rebekka im Laden ihres Vaters gesehen und kennen
gelernt, stets so achtungsvoll und dabei so einfach und herzlich
betragen, daß er es nicht über sich gewinnen konnte, ihn abzuweisen --
und doch wäre es vielleicht besser, viel besser gewesen. Damals nun, als
er zu ihm um das Anlehen kam und er es ihm verweigerte, glaubte er den
Zeitpunkt gekommen, wo er ein Verhältniß abbrechen konnte, das anfing
ihm Sorge zu machen. War einmal das Capitel »Geld« zwischen ihm und
Rebekka besprochen und verhandelt worden, dann wußte er recht gut, daß
der Zauber schwinden mußte, der bis jetzt auf der seltenen Erscheinung
des Geliebten gelegen -- aber er hatte sich geirrt. Bruno fühlte das
selber; er wagte das Wort nicht auszusprechen, und wenn er auch fast
verzweifelnd das Haus verlassen mußte, das einzige Wesen auf der weiten
Welt, das ihn wirklich liebte, sollte nie einen Schatten auf seiner Ehre
sehen.

Damit war der ganze Plan des alten Salomon in Trümmer gegangen und das
gerade beschleunigt, was er vermieden haben wollte -- eine Erklärung der
Beiden, ein Erkennen und Sichbewußtwerden des Gefühls, das nun natürlich
nicht mehr zurückgehalten werden konnte. Was nun kam -- er mußte der
Sache ihren Lauf lassen, sah aber die Zukunft, trotzdem daß seine Frau
und Rebekka darin schwelgten, in einem trüben, traurigen Licht -- und
er war ein Mann, der viel, viel erlebt hatte und sich nicht so leicht
in etwas täuschen ließ. -- Aber wo blieb indessen der Baron? Seit jenem
Tage, an welchem er den Wechsel erhalten, waren acht, waren vierzehn
Tage verflossen, ohne daß er sich im Hause Salomon's wieder hätte sehen
lassen. Rebekka erwartete seine Rückkunft mit heißem Sehnen, der Vater
zählte ebenfalls die Tage, aber aus einem andern Grunde; denn jeder
schwindende Tag bestätigte nun mehr und mehr seine Ueberzeugung, daß
Baron von Wendelsheim doch endlich selber eingesehen habe -- leider,
leider nur zu spät für sein armes Kind --, der reiche Baron passe nicht
in die Familie des Juden.

Bruno von Wendelsheim ritt indessen fröhlich seine Bahn entlang. Er war
mit sich im Reinen, und wenn er auch wochenlang gekämpft und das Für
und Wider erwogen, jetzt kannte er nur ein einziges Ziel: das Haus der
Geliebten, und dem eilte er entgegen, so rasch ihn sein altes Pferd nur
tragen konnte.

An seiner Wohnung hielt er an, um vorher sein Thier einzustellen und
dann den Weg zu der Judengasse zu Fuß zurückzulegen; der alte
Salomon hatte ja keine Stallung, und ein Officierspferd dort wäre
nur aufgefallen. Dann reinigte er sich erst von dem Staub der Straße,
überraschte auch seinen Burschen etwas durch den Vorwurf, daß er die
Knöpfe der neuen Uniform lange nicht blank genug geputzt und den Rock
selber nicht sauber ausgebürstet habe -- denn sonst achtete er nie so
viel auf sein Aeußeres, um deshalb je mit ihm zu zanken.

»Haben Sie Ihre Mappe schon nachgesehen? Es sind auch heute Morgen
wieder ein paar Briefe gekommen, Herr Lieutenant,« sagte der Bursche,
als Wendelsheim gerade das Zimmer verlassen wollte.

Bruno trat noch einmal zum Tisch zurück und öffnete die Mappe; es waren
drei Briefe -- zwei Rechnungen -- er konnte das liniirte Formular schon
durch das Couvert unterscheiden und kannte derartige Zuschriften nur
zu gut; der dritte -- kopfschüttelnd und rasch brach er ihn auf --
wahrhaftig, er enthielt wieder den geheimnißvollen Fünfthalerschein,
ohne weitere Andeutung, woher er kam, und auch das nämliche Siegel
wieder, mit einem Fünfgroschenstück zugedrückt. Auch die Handschrift der
Adresse war die nämliche wie früher. Wer, um Gottes willen, konnte nur
der Geber dieser sich regelmäßig folgenden Geschenke sein, und durfte
er sie länger annehmen, ohne sich vielleicht für spätere Zeiten eine
lästige Verbindlichkeit aufzuladen? Aber es schien jetzt eben so
unmöglich, sie zurückzusenden, als früher -- denn wohin? Der Brief war
hier in der Stadt jedenfalls, ohne Angabe des Inhalts oder Namens des
Absenders, in einen Briefkasten geworfen und von der Post befördert
worden.

Oft und oft hatte er auch schon daran gedacht, sich durch die Zeitung
gegen derartige Zusendungen, die ihm jedesmal ein unangenehmes Gefühl
hervorriefen, zu verwahren, sich aber immer gescheut, das öffentlich zu
thun. Brauchte er denn aber seinen Namen zu nennen? So viel Leute gab es
sicherlich nicht in der Stadt, die anonym fünf Thaler verschickten. Wenn
er nur den Anfangsbuchstaben seines Namens darunter setzte, genügte das.
Nicht einmal die Zeitungsexpedition brauchte zu wissen, wer die Annonce
einrückte -- sein Bursche sollte sie hintragen und nur abgeben -- das
Geld für die Insertionsgebühren konnte er hineinwickeln -- das war das
Beste -- weshalb hatte er es nicht schon lange gethan? Ohne sich auch
weiter zu besinnen, setzte er sich an seinen Tisch und schrieb auf einen
Zettel:

  »Der Unterzeichnete verbittet sich jede weitere Zusendung von
  Fünfthalerscheinen; das überschickte Geld ist wieder bei ihm
  abzuholen. Wo, wird der Absender wohl wissen.

    W.«

»So,« sagte er, als er den ungefähren Betrag für den Abdruck
hineinwickelte, »das hier trägst Du gleich auf die Expedition des
Tageblatts und giebst es nur ab -- verstanden?«

»Sehr wohl, Herr Lieutenant.«

»Und wenn Dich Jemand dort fragt, von wem die Annonce kommt, so nennst
Du keinen Namen -- Du weißt es nicht.«

»Sehr wohl, Herr Lieutenant.«

»Und wenn ich um acht Uhr noch nicht da sein sollte, brauchst Du nicht
länger auf mich zu warten.«

»Sehr wohl, Herr Lieutenant.«

Lieutenant von Wendelsheim verließ seine Wohnung und schritt, alle
anderen Gedanken von sich abschüttelnd, als nur die lieben, glücklichen
an sein schönes Ziel, die Straße hinab.

Am Seitenwege, von seinem Hause gar nicht weit entfernt, grüßte
ihn wieder eine ältliche Frau, und er sah sie, gedankenlos den Gruß
erwiedernd, von der Seite an. Er kannte sie auch, hatte sie wenigstens
oft auf der Straße gesehen; sie mußte jedenfalls hier in der Nähe wohnen
-- was kümmerte ihn die Frau!

Die Frau blieb aber noch lange, als er schon die Straße hinab und um
die Ecke verschwunden war, stehen und sah ihm nach, und ein paar große,
helle Thränen glänzten dabei in ihren Augen. Doch sagte sie nicht ein
Wort, kein Laut kam über ihre Lippen, und nur still und schweigend
wandte sie sich ab, drückte die zusammengefalteten Hände auf die Brust
und verfolgte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung, als die war,
welche der Lieutenant eingeschlagen hatte.

Lieutenant von Wendelsheim beschleunigte indessen seine Schritte, um aus
dem Menschengewühl der Hauptstraße zu kommen, und erst als er in die nur
zu gut gekannte Seitengasse einbog, ging er langsamer, denn übergroße
Eile wäre hier zu sehr aufgefallen. -- Jetzt betrat er endlich
das Judenviertel wieder, mit seinem ekelhaften Schmutz und fatalen
süß-säuerlichen Geruch, der ihn jedesmal zwang, das Taschentuch an die
Nase zu nehmen, und mußte hier wirklich Acht geben, um nicht an die
überall umher spielenden, schauerlich schmutzigen Kinder anzustreifen,
die allerdings nicht solche Rücksicht auf ihre Kleider nahmen. Scheue
Blicke voll Ekel und Abscheu warf er auch nach rechts und links in die
düsteren Spelunken hinein, die von Unrath strotzten und ihre faulen
Dünste aushauchten. -- Und diesem Volk entstammte Rebekka! -- wie ein
eisiges Gefühl zuckte es ihm durch's Herz -- aber kaum eine Secunde
lang. Das hier war ja nur der Abschaum der Masse, der Auswurf des
ganzen zurückgesetzten und durch Jahrhunderte hindurch mißhandelten und
unterdrückten Stammes, und welche edle Blüthen er treiben konnte, o,
sein Mädchen, seine Rebekka war ihm da ja der schönste, der herrlichste
Beweis!

Ohne weiter nach links oder rechts zu sehen, eilte er seine Bahn
vorwärts die Straße entlang und athmete erst wieder auf, als er die
Erweiterung und damit den besseren Theil derselben erreichte. Von da ab
hatte er auch nicht mehr weit zu dem Haus des alten Salomon, und wenige
Minuten später stand er auf der Schwelle.

Als er die Thür öffnete, sah er den alten Mann, der in seinem Laden, den
Kopf in die Hand gestützt, vor einem dicken Buche saß und darin las.

Als er das Oeffnen der Thür hörte, hob er den Kopf, fuhr aber im
nächsten Augenblicke schon erschreckt von seinem Sitze empor. Er hatte
den Lieutenant erkannt, und so unerwartet mußte er ihm gekommen sein,
daß er es ordentlich in den Gliedern fühlte und sich wieder hinsetzen
mußte -- er hatte für den Augenblick die Kraft verloren, aufrecht zu
stehen.

»Mein lieber alter Freund! nicht wahr, ich bin lange geblieben, um
mein Versprechen einzulösen?« rief Bruno und ging, ihm die Hand
entgegenstreckend, auf ihn zu.

Der alte Mann nahm die Hand, aber er sagte leise: »Der Herr Baron hat
nur versprochen, wiederzukommen, wenn die Zeit um ist, um die Wechsel
einzulösen; ich weiß von nichts Anderem?«

»Von nichts Anderem, Salomon? -- und Rebekka?«

Der alte Salomon schwieg und schaute lange und still vor sich nieder;
er sah auch heute bleich und eingefallen aus -- oder machte das nur das
halbe Dämmerlicht des düstern, gewölbeartigen Ladens? Endlich stand er
langsam auf.

»Setzen Sie sich, Herr Baron,« sagte er ernst, aber nicht unfreundlich,
»ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden; nicht Jude zu Baron, sondern Mann
zu Mann oder, wenn Sie lieber wollen, wie Mensch zu Mensch, wie Vater zu
Sohn -- ich bin alt genug dazu, Gott weiß es, und Sie wissen, daß ich es
immer gut gemeint habe mit Ihnen und Ihnen manchen guten, vernünftigen
Rath gegeben die letzten Jahre -- wollte der Herr, daß er gefallen wäre
auf guten Boden!«

»Aber, bester alter Freund....!«

»Setzen Sie sich einen Augenblick, Herr Baron, es ist gut, daß wir
allein sind,« unterbrach ihn der alte Mann; »wir können auch keine
Störung gebrauchen und wollen keine. Ich werde den Laden schließen,
Herr Baron -- wie haißt Geschäft, wir Beide haben auch ein Geschäft mit
einander, was ist wichtiger, als ob ich einen alten saracenischen Dolch
oder einen Pfeifenkopf verkaufe.«

Salomon ließ keine Einrede gelten, zündete die Lampe an, ging vor die
Thür, schloß selber die eisenbeschlagenen Läden, verriegelte die eben
so verwahrte Thür oben und unten, drehte den Schlüssel um und kam
dann langsam zu dem jungen Officier zurück, der ihn nach all' diesen
feierlichen und mit der größten Ruhe ausgeführten Vorbereitungen doch
nicht ganz ohne Herzklopfen erwartete. Als er dann wieder zur Lampe
trat, zog er seinen Stuhl dem des Barons gegenüber, setzte sich und
begann ohne weitere Umschweife.

»So, Herr Baron, jetzt sind wir zu Dreien: der liebe Gott und Sie und
ich, weiter Niemand -- braucht auch nie ein Mensch weiter auf der Welt
zu wissen, was wir hier mitsammen haben gesprochen -- und nun will ich
Ihnen etwas sagen. Sie haben betreten mein Haus -- nicht meinen Laden,
mein' ich, wo ich mache Geschäfte und verkehre mit aller Welt, nein, das
eigentliche innerste Heiligthum meines Hauses -- auch nicht als Baron
oder Cavalier, sondern als Freund vom alten Salomon, denn Barone oder
Cavaliere kommen sonst nicht dahin. Sie haben dort gesehen mein Kind,
meine Rebekka, und mein Kind hat Sie gesehen, und der Vater hat Sie gern
gehabt, weil Sie ein gutes Gesicht und ein gutes Herz haben, und die
Tochter hat Sie gern gehabt -- nicht als Baron oder Cavalier, sondern
als Freund vom Vater -- und als Freund von sich. Sie haben mit ihr
gemusicirt und gesungen -- schöne Lieder, brave Lieder; mir altem Manne
ist dabei das Herz aufgegangen, und ich habe mir gesagt: Kein böser
Mensch kann so spielen, kann solche Musik machen, und der alte Salomon
ist eingeschlafen in seiner Wachsamkeit, bis es war zu spät. Jetzt ist
er aufgewacht, und er muß mit Ihnen reden, damit kein Unglück geschieht,
nicht im Laden oder Geschäft, sondern im eigenen Hause.«

»Aber lieber, bester Salomon, deshalb bin ich ja gerade selber hieher
gekommen!« sagte Bruno.

»Sind Sie?« wiederholte der alte Mann und sah ihn scharf und forschend
an. »Nun, desto besser dann, um so leichter und schneller werden wir
damit zu Stande kommen. Aber lassen Sie mich ausreden -- ich muß reden,
denn ich habe es die ganzen langen Wochen auf der Seele gehabt und es
hat mir das Herz beinahe abgedrückt -- ich muß reden, meinet-, Ihret-
und Rebekka's wegen.«

»Und kann ich Euch nicht vielleicht vorher durch eine ganz einfache und
bestimmte Erklärung beruhigen?« sagte Bruno.

Der alte Mann sah ihn rasch und forschend an. »Durch welche?« fragte er.

»Ich bin heute hieher gekommen, um bei Euch um die Hand Rebekka's
anzuhalten.«

Salomon schwieg; er war augenscheinlich im ersten Moment überrascht und
wußte nicht gleich, was er erwiedern sollte. Aber der kalte Verstand
des alten Juden ließ sich nicht so rasch durch ein erwachendes Gefühl
bewältigen; er hatte diesen Fall vorhergesehen, wenn auch vielleicht
nicht in so bestimmter Weise ausgesprochen, und mit ruhigen, fast
klanglosen Worten entgegnete er endlich:

»Da haben wir's -- gerade wie ich vermuthet habe: heißes Blut und
kleiner Verstand wirft den Wagen in den Sand. So hören Sie, Herr Baron,
was ein alter Mann zu Ihnen sagt: die Erklärung macht Ihrem Herzen Ehre,
und sie thut mir gut, weil sie mir beweist, daß ich mich nicht ganz in
Ihnen geirrt. Sie glauben, Sie haben Ihr Wort gegeben, und Sie wollen es
halten. Als Cavalier wollen Sie es halten und als gewöhnlicher Mensch
-- aber es geht nicht. Sie werden wohnen auf dem Schlosse Wendelsheim
-- wir werden wohnen in der Judengasse, und damit hab' ich gesagt Alles,
was zu sagen ist. Sie werden haben wollen die Rebekka zur Frau, aber Ihr
Herr Vater ist ein vornehmer, ist ein strenger Herr -- er wird lachen,
wenn Sie es ihm erzählen zum ersten Mal -- er wird weinen, wenn Sie es
ihm erzählen zum zweiten Mal, und er wird Ihnen seinen Fluch geben, wenn
Sie es erzählen zum dritten Mal. Aber die Tochter des alten Salomon soll
einziehen in ihre neue Heimath nicht mit des Vaters Fluch, nein, mit
des Vaters Segen. Noch ist es Zeit, noch ist die Wunde nicht so tief
geschlagen, daß nicht Jahre im Stande wären, sie zu heilen, und deshalb
habe ich heute mit Ihnen gesprochen. Sie sind jetzt -- lassen Sie mich
ausreden, Herr Baron, ich bitte Sie -- Sie sind jetzt nichts als ein
armer Lieutenant, der Schulden gemacht hat, und glaubt, er wäre dem
alten Salomon eine Verbindlichkeit schuldig, weil er sie für ihn
bezahlt. Es spricht das für Ihr gutes Herz, aber nicht für Ihren
Verstand. Sie werden sein in kurzer Zeit ein reicher Mann selber, ein
Baron von altem Adel und Stammbaum -- aber wenn Sie wirklich heiratheten
des alten Juden Tochter würden Sie sich fühlen geschlagen und
unglücklich Ihr ganzes Leben lang. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind
zu mir und um die Hand meiner Rebekka angehalten haben -- wenn sie es
auch nie erfahren wird --, ich bin stolz darauf, aber damit lassen Sie
die Sache zu Ende sein. Ich liebe Sie, Herr Baron, ich glaube, Sie
sind ein guter Mensch -- aber ich liebe mein Kind mehr, und, Gott der
Gerechte, wer kann's mir übel deuten? Sie würde sich unglücklich fühlen
und elend sein, wenn sie in das alte Schloß einzöge und der alte Baron
sagte: »Ich will nichts von ihr wissen -- es ist des Juden Tochter!« Und
Sie würden sich unglücklich fühlen, denn Sie sind der Sohn vom Vater,
vom alten Herrn Baron; und die Diener und Mägde im Schlosse würden
die Achseln zucken, und die Pferdejungen im Stalle von der Mißheirath
sprechen, und der alte Salomon würde sich am unglücklichsten von Allen
fühlen, denn er hält sein Kind lieb und werth, und wenn er einen
Stolz hat auf der Welt, so ist es Rebekka -- und sein ehrlicher,
unbescholtener Name.«

»Und darf auch _ich_ jetzt reden, Salomon?«

»Reden Sie,« sagte der alte Mann resignirt: »ich habe gesprochen, und es
ist nicht mehr als recht, daß ich auch die Entgegnung höre.«

»Ihr wißt, Salomon,« erwiederte Bruno, ohne sich auf eine Widerlegung
des eben Gesagten einzulassen, ja, ohne sie nur zu versuchen, »wie ich
in meines Vaters Hause erzogen, wie von dem Vater selber, wie von der
Tante besonders behandelt bin; ich habe Euch das schon manchmal, wenn
wir hier unten plaudernd saßen, erzählt -- Euch erzählt, weil Ihr der
Einzige waret, zu dem ich Vertrauen fassen konnte.«

»Ich weiß es, ich weiß es,« nickte der alte Mann -- »ich weiß es auch
von anderen Leuten, denn es konnte kein Geheimniß bleiben und ist viel
gesprochen darüber in der Stadt. Das Fräulein Tante -- die Gnädige muß
sein eine liebe Frau -- Gott der Gerechte soll mir behüten -- aber das
ändert an der Sache nichts.«

»Doch, Salomon, doch,« rief Bruno; »mein Vater hat nie etwas gethan, um
sich meine Dankbarkeit und Liebe zu verdienen -- ich bin aufgezogen in
meines Vaters Hause nicht wie der älteste Sohn vom Hause, nein, wie ein
lästiger Fremder, dessen man sich nun einmal nicht entledigen kann.
Und Liebe? Niemand hat Liebe zu mir gehabt. Endlich aber ist die Zeit
gekommen, wo ich selbstständig in das Leben trete, und beim Himmel, ich
will selbstständig handeln! Ich habe ein Herz gefunden, das mit ganzer,
treuer Liebe an mir hängt, das einzige Herz auf dem weiten Erdenrund,
und das wenigstens soll mir nicht verloren gehen alberner Vorurtheile
und eines rostigen Stammbaumes wegen. Ich bin frei und mein eigener
Herr, sobald ich mein vierundzwanzigstes Jahr erreicht, also in wenigen
Wochen. Meinen Abschied hab' ich schon eingereicht und werde die
Ausfertigung desselben in den nächsten Tagen erhalten. Dann bindet mich
nichts mehr an diese Stadt, als die Regelung meiner Geschäfte, die ich
mit gutem Gewissen Euch, meinem alten, bewährten Freund, überlassen
kann; ich selber ziehe fort. Mag mein Vater, mag die Tante das alte,
öde Schloß bewohnen, ich will meinem Gott danken, wenn ich die düsteren
Mauern nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu betreten brauche. Weit hinweg
von hier ziehe ich, in ein fernes Land -- nach Italien -- aber nicht
allein. Meine Gattin führe ich dorthin mit mir -- meine Rebekka. Gebt
mir Euer Kind, Salomon -- ich will es auf Händen tragen mein ganzes
Leben lang -- gebt mir Rebekka, und Ihr sollt es nie, nie bereuen, mir
vertraut zu haben!«

Der alte Mann saß schweigend und wie gebrochen vor dem Officier auf
seinem Stuhle. Er antwortete nicht -- er nickte nur still und traurig
vor sich hin mit dem Kopf; endlich sagte er leise:

»Ich hab' es mir gedacht -- ich hab' es mir gedacht -- junges Blut,
junges Blut! Und wenn Sie nachher reich sind und vornehm, und andere
vornehme junge Damen sehen, die Sie hätten heirathen können und mit
denen Sie auch glücklich und zugleich geachtet und hochangesehen gewesen
wären, dann kommt die Reue, und mein armes Kind, das fühlt das dann mit
und härmt und grämt sich und sorgt sich ab -- und der Vater, der
das schon lange gesehen hat, rauft sich die Haare und den Bart und
verwünscht, daß er damals nicht hart gewesen, hart wie ein Stein.«

»Gebt mir Euer Kind, Vater!« drängte Bruno. »Wollt Ihr es jetzt gewiß
unglücklich machen, weil Ihr in dem Wahn lebt, daß es später einmal
unglücklich werden könnte? Rebekka liebt mich -- sie hängt mit ganzer
Seele an mir, und ihr reiches Herz müßte brechen, wenn Ihr diese Liebe
aus ihrer Brust reißen wolltet -- gebt mir Eure Rebekka, Vater!«

Noch immer sagte Salomon kein Wort, und der düstere Schein der Lampe nur
warf sein Licht auf seine bleichen, wie von tiefem Schmerz durchfurchten
Züge. Endlich flüsterte er leise:

»Er hat recht -- ihr Herz würde brechen -- es soll sein -- es soll sein,
der liebe Gott hat's so gewollt und der liebe Gott mag's weiter führen.
Sie wird ihre Eltern verlassen und den Glauben ihrer Väter -- Du sollst
Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, aber sie wird Gott
nicht verlassen, wenn sie auch unter anderen Formen zu ihm betet -- er
hat's selber gewollt -- er hat's selber gewollt.«

»Salomon....«

Der alte Jude stand auf; er hob den Lampenschirm zurück, daß deren Licht
jetzt voll auf Bruno's Züge fiel, und sah dann lange und ernst in die
bittenden, aber guten und ehrlichen Augen des jungen Mannes; und jetzt
erst -- jetzt zum ersten Male flog ein leichter Schimmer über sein
eigenes Antlitz. Bruno hielt auch den Blick fest aus, und während jetzt
sogar ein Lächeln um die feingeschnittenen Lippen des alten Mannes
zuckte, sagte er: »Und der Baron will des Juden Tochter freien?«

»Des Juden Tochter, und er ist stolz darauf, Vater; er will glücklich
werden und sie glücklich machen!«

»Jehovah hat's gewollt -- _ich_ kann's nicht hindern,« nickte der alte
Mann -- »dann kommen Sie zu Rebekka und fragen Sie das Mädchen selber.
Sagt Sie Ja -- der alte Salomon wird nicht sagen Nein -- er hat es
leider nie gethan, wo es vielleicht besser gewesen wäre. Kommen Sie, daß
wir der Sache ein Ende machen.«

Und die Lampe aufgreifend, trug er sie zur Hinterthür, öffnete dort,
löschte die Lampe aus, schloß die Thür wieder hinter sich, riegelte
sie, hing noch ein Schloß daran und schritt dann mit dem jungen Mann der
wohlbekannten Treppe zu.

Und wie klopfte Bruno das Herz, als er die Stufen hinanstieg, und wie
langsam ging ihm der Vater -- wie gern wäre er ihm vorausgeeilt! Aber
Salomon, der sich das wohl denken konnte, hatte die Hand auf seinen Arm
gelegt und ließ ihn nicht rascher vorwärts, als er selber ging.

»Geduld,« sagte er dabei, »Geduld, junger Mann; es ist ein ernster
Schritt, den Sie thun, und da ziemt keine Hast -- der ernsteste
Schritt, den ein Mann thun kann -- Gott der Gerechte weiß es, und kein
Rückschritt möglich -- außer durch ein Thor des Jammers und Herzeleids
für zwei verfehlte Leben. Gehen Sie ihn langsam und mit Bedacht. Und
jetzt noch,« fuhr er plötzlich fort, »ist eine Umkehr möglich -- noch
weiß Rebekka nicht, daß wir kommen -- noch läßt sich vielleicht....«

»Vater,« bat Bruno, »Gott will es, daß sich zwei Herzen, die sich auf
ewig angehören sollen, finden -- wollen Sie da eingreifen?«

»Nein,« sagte der alte Mann feierlich, »es ist auch jetzt zu spät;
sie hat uns -- sie hat Ihre Stimme schon gehört -- also wie Er will,
vorwärts denn.«

Und oben öffnete sich die Thür. »Vater,« rief Rebekka's Stimme, »bist Du
das?«

»Ich bin es, mein Kind,« sagte der alte Mann.

»Und kommst Du allein? Mit wem sprichst Du?«

»Ich komme nicht allein, Rebekka, ich bringe Dir Jemanden.«

Wieder wollte Bruno voraus, aber der alte Mann ließ ihn nicht; er hielt
ihn fest am Aermel, und oben wurde die Thür wieder zugeschlagen. Gleich
darauf hatten Sie die obere Etage erreicht.

»Und darf ich jetzt hinein?«

»Gehen Sie,« sagte der Alte, »es hilft mir doch nichts. Einen Augenblick
könnt' ich es noch hinauszögern, nicht länger -- was liegt an dem
Augenblicke -- 's ist ein Tropfen im Meere -- gehen Sie.«

Bruno hatte sich schon lange von ihm losgemacht, die Thür geöffnet und
den schmalen Vorsaal durchschritten. Dort im Zimmer stand Rebekka, wie
sie gewöhnlich ging, in einem blüthenweißen Kleid, die rabenschwarzen
Locken auf den vollen Nacken niederfallend, und diese Art von Tunica
durch einen jener zierlichen russischen Platina-Gürtel zusammengehalten.
So stand sie da -- ein Bild jungfräulicher Scham und Liebe -- die
Arme halb dem Nahenden entgegengestreckt, und doch auch wieder den
elastischen Körper wie scheu zurückgebeugt, als ob sie ihm entfliehen,
ihn meiden wolle.

»Rebekka,« rief Bruno, die Arme nach ihr ausbreitend, »Rebekka -- süßes,
herziges Lieb -- willst Du mein sein -- willst Du mir angehören für Dein
ganzes Leben und Freud' und Leid mit mir tragen, Lust und Schmerz --
willst Du mein Weib sein und Dein Herz mir geben?«

»Mein Herz?« sagte Rebekka mit leiser Stimme, die aber wie ein Choral in
Bruno's Ohren klang. »Mein Herz -- hab' ich es denn noch? Ist es nicht
längst schon Dein?« Und als er auf sie zuflog und sie in seine Arme,
an seine Brust drückte, da lehnte sie ihr Haupt wie müde an ihn und
flüsterte: »Bruno -- mein lieber, lieber Bruno -- o, wie danke ich Dir,
daß Du gekommen bist -- wie werd' ich es Dir ewig danken!«

Und die Mutter saß in der Ecke, und die hellen Thränen liefen ihr über
die Wangen nieder; und der Vater stand mit gefalteten Händen vor ihnen
und sah mit Schmerz und Lust zugleich das junge, jetzt so glückliche, so
überselige Paar. Dann nahm er langsam ihre Hände, legte sie in einander
und sagte freundlich:

»So geht denn zusammen den Weg durch dieses Leben: Ihr werdet ihn nicht
glatt finden: Haß, Neid, Stolz und Ehrgeiz werden in Euren Pfad treten
und Euer Glück bedrohen. Laßt sie -- seid Euch selbst genug und sucht
in der Familie, wie unsere Vorväter es schon gethan, allein den Frieden,
den Euch die Welt vielleicht weigern oder streitig machen möchte. Er,
der die Bitten eines alten Mannes gehört, welcher stets, wo es seine
schwachen Kräfte erlaubten, nach Seinem Willen oder Geiste gehandelt hat
-- -- segne Euch!«

Und jetzt kam auch die Mutter herbei und küßte die Kinder und setzte
sich dann wieder in ihre Ecke und fing von vorn zu weinen an, aber vor
lauter Freude und Seligkeit.

Freude und Seligkeit glänzte aber auch aus den Augen der Liebenden, die
jetzt, fest aneinander gelehnt, zusammen saßen und von ihrer Zukunft,
von ihrem Glück sprachen. Vergessen war für Bruno, was da draußen lag
-- vergessen das finstere Schloß mit all' seinen trüben Erinnerungen
und überstandenen Schmerzen -- vergessen alles ertragene Leid nur in der
Wonne dieses Augenblicks. -- Und Vater und Mutter saßen dabei, hörten
dem Plaudern zu und wurden selber wieder jung in der Erinnerung an ihre
eigene Liebe.

So verging ihnen mit Zauberschnelle die Zeit, und als es dunkelte
und Rebekka aufsprang, um Licht zu holen, da setzte sich Bruno an das
Instrument, und in jubelnden Tönen machte sich seine Seele Luft, bis
Rebekka zurückkam, zu ihm trat, ihre Hand auf seine Schulter legte und
glücklich, überglücklich ihre alten Lieder sang. Jetzt aber saßen die
beiden Eltern zusammen in der Ecke, hatten Einer des Andern Hand gefaßt
und hörten zu, bis die Zeit kam, daß die Mutter das Abendbrot bestellen
mußte, denn Bruno sollte heute zum ersten Male mit ihnen essen.

Er blieb auch lange; er konnte sich nicht losreißen von dem Glück dieser
ersten Stunden und geizte förmlich mit den Secunden, und als er endlich
gehen mußte, als die Glocke auf dem alten, nicht fernen Dome die zehnte
Stunde schlug, da nahm er wieder und wieder Abschied von der Geliebten,
als ob sie sich für's ganze Leben und nicht auf wenige Stunden nur
trennen müßten.

Der alte Salomon gab ihm das Geleit durch den Hof.

»Und wann darf ich wiederkommen, Vater?«

»Hab' ich jetzt ein Recht, darüber zu bestimmen?« sagte der alte Mann.
»Lieber Himmel, was für eine Frage! Mich besuchen Sie doch nicht, und
die Rebekka -- werden Sie kommen morgen früh um neun Uhr, wird es ihr
sein nicht zu früh. Gute Nacht, Herr Baron -- Gute Nacht!«

Bruno trat hinaus auf die Straße, und von dem Lichte noch geblendet,
das er eben verlassen, konnten sich seine Augen nicht gleich an die
Dunkelheit gewöhnen. Trotzdem war es ihm, als ob er eine menschliche
Gestalt, Schatten gleich, von einem der verschlossenen Ladenfenster
fortgleiten sah, und diese hielt, als ob unschlüssig, wohin sie sich
wenden solle, an der andern Seite der Straße. Der junge Mann wäre auch
gern darauf zugegangen, aber es lag ihm selber noch nichts daran, es
zu früh in der Stadt bekannt werden zu lassen, in welcher nächsten
Beziehung er zu Salomon stehe. Er schritt deshalb, ohne sich weiter
nach der Persönlichkeit umzusehen, die Straße hinab, bis er den ersten
Nachtwächter traf, und schickte diesen dann zurück mit der Weisung,
auf jene Gegend Acht zu geben, da sich dort ein verdächtiger Bursche
herumtreibe. Der Nachtwächter folgte auch der Weisung und suchte den
ganzen Weg ab, fand aber Niemanden mehr vor. Wer es auch gewesen, er
hatte sich nicht länger dort aufgehalten und war verschwunden.




3.

Frau Heßberger.


Oben in der dritten Etage eines der Häuser in der Bergstraße von Alburg
saß der Schuhmacher Heßberger mit einem Gesellen und drei Lehrjungen
bei der Arbeit und war emsig beschäftigt, ein Paar sehr elegante
Damenschuhe, die einen außerordentlich kleinen Fuß verriethen, frisch
zu besohlen. Er hatte seinen Tisch aber dicht an's Fenster gerückt, denn
schwere, graue Wolken lagen vor der Sonne und dumpf grollender Donner
verrieth ein nahendes Gewitter. Nichtsdestoweniger arbeitete er fleißig
fort und schien sich um das Wetter draußen wenig zu kümmern, bis
plötzlich ein greller Blitz die Stube hell erleuchtete und gleich darauf
ein so schmetternder Donnerschlag hinterdrein folgte, daß der kleine
Mann ordentlich zusammenfuhr. Statt jedes andern Ausrufes setzte er
aber plötzlich mit gellender Stimme in einen Choral ein, daß sich die
Lehrjungen unter einander ansahen und heimlich lachten, aber nur ganz
heimlich, denn es wäre ihnen bös ergangen, wenn es der Meister gemerkt
oder nur Verdacht geschöpft hätte. Dieser aber, nur mit seiner Sohle
(denn er unterbrach seine Arbeit nicht) und dem Lied beschäftigt, schrie
mehr, als er sang, während der Regen an die Fenster peitschte:

  »O Mensch gedenk' an's Ende,
  Willst Du nicht Uebles thun --
  Der Tod bringt oft behende
  Das allerletzte Nun.
  Am Lebens-Augenblicke
  Hängt ewig Wohl und Weh',
  Drum denke wohl zurücke,
  Wohin Dein Ende geh'!«

Und wieder ein Blitz -- wieder ein Schlag, als ob die Erde von einander
bersten wollte, und die Fensterscheiben zitterten und klapperten
ordentlich dazu. Der Schuhmacher ließ sich aber nicht stören, und ohne
eine Miene zu verziehen, setzte er eben zu dem gerade so beginnenden
zweiten Vers ein:

  »O Mensch, gedenk' an's Ende --«

als es heftig an die Thür pochte und der Gesell, ohne dazu des Meisters
Befehl abzuwarten, laut »Herein« schrie. Fast zu gleicher Zeit wurde
dieselbe auch geöffnet, und eine etwas corpulente Frau, einen triefenden
rothbaumwollenen Regenschirm mit Messinggriff in der Hand, den Hut
etwas zerdrückt und jedenfalls von dem Unwetter mitgenommen, das Gesicht
geröthet und eben nicht besonders freundlich ausschauend, trat in's
Zimmer und warf einen raschen Blick darin umher.

Der Schuhmacher schien dabei keine besondere Lust zu haben, sich in
seiner Andacht stören zu lassen, denn er fuhr, ohne auch nur den Kopf
nach der Thür umzudrehen, unverdrossen fort:

  »Wer weiß, ob nicht noch heut'
  Der Tod Dich treffen könnte,
  Drum mache Dich bereit --«

Die Dame schien aber nicht gesonnen, das Ende des geistlichen Liedes
abzuwarten, denn mit einer ziemlich tiefen und derben Stimme rief sie
dazwischen: »Na, bei mir könnt Ihr Eure Faxen lassen, Meister Heßberger!
Ist Eure Frau zu Haus? Das fehlte auch noch, daß ich in dem Hundewetter
den Weg umsonst gemacht hätte!«

Der Schuhmacher fuhr blitzschnell herum. Er kannte die tiefe Stimme
und sagte, von seinem Sessel emporspringend und den Schuh, an dem er
arbeitete, ziemlich rücksichtslos bei Seite werfend: »Ach, Madame Müller
-- ist mir doch sehr angenehm, Ihre werthe Persönlichkeit wieder einmal
nach so langer Zeit condoliren zu dürfen.«

»Reden Sie keinen Unsinn,« erwiederte Madame Müller, gar nicht, wie es
schien, in der Stimmung, viele Worte zu machen. »Was Ihnen angenehm oder
nicht, kümmert mich einen Quark. Ich will wissen, ob ihre Frau zu Hause
ist.«

»Bitte, Madame Müller,« sagte Heßberger, »ich rede nur ganz höflich, und
eine Höflichkeit ist der andern werth; Madame scheinen aber -- o Du Herr
Jesus, der Donner! -- nicht guter Laune zu sein. Da wird sich meine Frau
ganz besonders daüber scharmiren, paßt ihr gerade -- sie ist drinne
-- bitte, treten Sie näher, demelliren Sie mir aber nur das Porzellan
nicht!«

Madame Müller warf ihm einen nichts weniger als achtungsvollen Blick zu
und stieg dann, ohne es weiter der Mühe werth zu halten, ihm noch eine
Antwort zu geben, über alles mögliche im Wege gestreute Schuh- und
Lederzeug, über Leisten, Handwerksgeräth und andere derartige Dinge
hinweg der Thür zu, welche, wie sie aus früheren Zeiten wußte, das Wohn-
und Schlafzimmer der Heßberger'schen Gatten von der Werkstätte abschloß.
Sie klopfte auch hier nicht lange an, wartete wenigstens nicht einmal
den gewöhnlichen Zuruf ab, sondern trat in demselben Moment in's Zimmer,
als wieder ein greller Blitz über den Himmel zuckte und gleich
darauf, aber doch etwas später als bisher, grollender, dumpfer Donner
hinterdrein rollte. Das Gewitter war jedenfalls vorübergezogen, und nur
der Regen goß noch in Strömen nieder.

Mit dem Donnerschlag -- selber ein kleines Gewitter in sich -- stand
aber Madame Müller auf der Schwelle, und der barsche Gruß schon, den sie
der Herrin vom Hause entgegenrief: »Guten Tag, Frau Heßberger, ich habe
'was mit Ihnen zu reden!« deutete nicht viel Gutes.

Heßberger, obgleich er keine Ahnung hatte, was die Frau, mit der sie
seit Jahren nicht verkehrt, hieher im Zorne geführt haben könne,
fühlte sich doch vielleicht nach verschiedenen Seiten hin nicht so ganz
sattelfest, und da er wußte, daß seine Frau bei irgend einer passenden
Gelegenheit, sehr laut sprach und die Frau Müller schrie, so bemühte er
sich bei Zeiten, wenigstens einen lästigen Zeugen zu entfernen -- kein
Mensch konnte ja sagen, was da verhandelt wurde.

»Backhof,« brummte er deshalb, eben nicht besonders heiter gestimmt,
»Sie können Schicht machen und mir noch einen Weg besorgen.«

»Aber _ich_ möchte so gern noch den Schuh fertig machen,« sagte der
Gesell, denn in der Nebenstube wurden die Stimmen schon etwas lauter,
und er wünschte vielleicht ebenfalls, einen etwa entstehenden Zank mit
anzuhören, der sicherlich der Mühe werth sein mußte. Seine Meisterin
kannte er, was ihre Zunge betraf; die eben gekommene Frau sah auch nicht
so aus, als ob es ihr an den Sprachwerkzeugen fehle, und

  Es schwankt der Sieg, wenn Griech' auf Grieche trifft.

Sein Meister mochte aber Verdacht geschöpft haben, daß ein anderer
Wunsch, als nur den alten Schuh fertig zu bekommen, in seinem Herzen
lauere. Zeit war auch nicht zu versäumen, denn Madame Müller schien
nicht viel zu verlieren, und er sagte deshalb hastig: »Machen Sie ein
bischen zu -- die Stiefel sollten schon um drei Uhr beim Herrn Geheimen
Obergerichtsrath sein.«

»Ja, aber Meister, die bringen doch sonst immer die Jungen fort. Das ist
doch nicht meine Sache...«

»Das weiß ich wohl; ich will es auch nicht for Plesir haben« sagte
Heßberger, der sich augenscheinlich die größte Mühe geben mußte, höflich
zu bleiben. »Hier sind fünf Groschen, da trinken Sie einmal auf meine
Gesundheit -- aber machen Sie ein bischen -- =alleh=, Backhof --
und hier, nehmen Sie dem Herrn Geheimen Obergerichtsrath gleich die
quintirte Rechnung mit.«

Backhof, der Gesell, merkte wohl, daß ihn der Meister unter jeder
Bedingung los sein wollte, und es wäre doch jetzt hier so hübsch gewesen
-- gerade ging's da drinnen los. Aber er hatte auch nicht gut einen
Vorwand, da zu bleiben; die fünf Groschen lockten ihn ebenfalls. Er
stand auf, warf sein Schurzfell ab und zog den am Nagel hängenden Rock
an, dann nahm er Rechnung und Stiefel und ging damit hinaus, immer noch
in der Hoffnung, auch dort etwas zu hören. Darin sah er sich jedoch
getäuscht, denn die dazwischen liegende Küche war wie gewöhnlich
abgeschlossen.

Den Meister genirten jetzt noch die Lehrjungen, aber doch nicht so
viel, als es der Gesell gethan hätte, denn die waren eine etwas lebhafte
Unterhaltung im Hause schon gewohnt und -- konnten nicht die Condition
wechseln, sie mußten im Hause bleiben, durften also nichts daraus
schwatzen, oder -- der Teufel sollte sie bei lebendigem Leibe holen! Er
ging auch wirklich selber wieder zu seiner Arbeit zurück, aber es war
keine Andacht dabei. Die großen, schweren Tropfen schlugen draußen gegen
die Scheiben, daß sie das Zimmer fast dunkel machten, und da drinnen
wurden die beiden Damen immer lauter und heftiger. Das ging nicht mehr,
er mußte da einschreiten oder doch wenigstens erfahren, um was es sich
handelte; denn was ihn dabei beunruhigte, war, daß er die Stimme seiner
Frau gar nicht so scharf hervorhörte; Madame Müller schien ziemlich
allein das Wort zu führen, und das konnte unmöglich ein gutes Zeichen
sein. Wenn die Frau Heßberger eine gute oder doch wenigstens haltbare
Sache hatte, sprach sie auch gewöhnlich mit -- und wie!

Er fühlte sich nicht mehr behaglich auf seinem Schemel. Er stand auf,
band sich anstandshalber das Schurzfell ab, wobei sich die Jungen schon
wieder unter einander anstießen, fuhr in den schwarzen, abgeschabten
Frack hinein, und dann sein fettglänzendes Mützchen abnehmend und die
Haare vorn in die Stirn streichend -- es war dies die einzige Art, wie
er seine Frisur arrangirte --, drehte er sich noch einmal gegen die
Jungen um und sagte: »Daß mir keiner von Euch von seinem Schämbel
aufsteht, oder -- Ihr wißt wohl...« Und damit stieg er nach der Thür
hinüber.

Als er sie öffnete, fand er die Damen in sehr lebhafter Unterhaltung.

Frau Heßberger hatte friedlich, trotz Blitz und Donnerwetter, am Fenster
gesessen und eine etwas sehr schadhaft gewordene Unterjacke ihres
Gemahls ausgebessert. Sie beschäftigte sich allerdings in geeigneten
Stunden vortheilhafter mit der höheren Magie, mit Kartenlegen und
Prophezeien, wofür sie, wunderbarer Weise, in Alburg ein sehr gläubiges
Publikum fand. Aber die nothwendigen Hausarbeiten mußten doch auch
erledigt werden, und Frau Heßberger war die richtige Frau dazu, um das
zu besorgen.

Und dazwischen zuckte der Blitz und prasselte der Donner; aber wie eine
nur von metallenen Rädern abhängige Maschine saß sie dazwischen und
rührte und regte sich nicht weiter, als es ihre Arbeit erforderte. Sie
blinzelte nicht mit den Augen, wenn das gelbe, grelle Licht durch das
Zimmer zischte, sie fuhr nicht zusammen, wenn der Donner das Haus in
seinen Grundfesten zu erschüttern drohte -- sie hatte überhaupt keine
Nerven, die das möglich machen konnten.

Drinnen in der Werkstatt hörte sie eine Stimme, aber sie achtete nicht
darauf. Der Besuch, der zu ihr kam -- verschleierte Damen gewöhnlich,
manchmal in Begleitung von jungen Herren -- traf erst in viel späterer
Stunde und bei vollständig angebrochener Dunkelheit ein; was früher kam,
wollte nur Stiefel oder Schuhe haben.

Da klopfte es plötzlich, und wie sie ein halb erstauntes »Herein!«
rief, stand, auch schon mit prasselndem Donner, eine fremde Frau auf
der Schwelle, deren Züge sie sich nicht einmal, mit anderen Personen im
Kopfe, gleich zurück in's Gedächtniß rief. Der Frau selbst schien aber
gar nichts daran gelegen, sie lange über sich in Zweifel zu lassen,
denn sowie sie nur die Schwelle betrat, sagte sie schon mit ihrer etwas
tiefen Altstimme, den Raum dabei mit den Blicken überfliegend:

»Guten Tag, Frau Heßberger! Ich hab' mit Ihnen zu reden.«

»Madame Müller, so wahr ich einst selig zu werden hoffe!« rief Frau
Heßberger, und nicht einmal in gekünsteltem Erstaunen aus, denn so gut
und genau sie die Frau kannte, so lange Zeit war verflossen, seit sie
dieselbe nicht gesehen. »Ei, was verschafft mir denn die Ehre eines so
unverhofften Besuches? Freue mich doch wirklich sehr!«

»Wollen wir erst abwarten,« sagte Madame Müller, noch immer den
triefenden Schirm in der Hand, mit dem sie schon eine lange nasse Gosse
über Leder und Leisten gezogen und jetzt anfing, einen kleinen See in
der Stube zu bilden. »Thut mir leid, daß ich das Zimmer naß mache, aber
ich weiß nicht, wohin mit dem Schirm; geben Sie einmal einen von den
Blumenuntersetzern her -- das Wetter ist schuld.«

Frau Heßberger gehorchte wunderbarer Weise augenblicklich der
Anforderung und würde dadurch besonders die Lehrjungen, wenn sie hätten
Zeugen sein können, sehr in Erstaunen gesetzt haben; die Madame Müller
stellte deshalb ihren Schirm dort ein, denn sie war selber viel zu
reinlich und hielt bei sich zu Hause zu sehr auf Ordnung, um eine andere
Stube zu beschmutzen. Sobald sie ihr »Regendach« aber untergebracht sah,
drehte sie sich auch gegen des Schuhmachers Gattin um.

»So -- und jetzt haben wir ein paar Worte mit einander zu wechseln,
Madame Heßberger, wenn es Ihnen recht ist,« sagte Madame Müller, aber
gleich in einem so entschiedenen Ton, daß man ihm wohl anhörte, sie
würde eben reden, ob es recht wäre oder nicht.

»Wir Beiden, Madame Müller? Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen? Sie
stehen ja da an der Thür....«

»Sagen Sie einmal, Frau Heßberger,« fuhr die Frau fort, ohne die
Einladung weiter zu beachten, »was haben Sie denn von mir in der Stadt
erzählt, wenn ich fragen darf?«

»Ich? Von Ihnen?« sagte des Schusters Frau, doch nicht mit einem recht
reinen Gewissen, denn sie sprach gewöhnlich sehr viel über andere Leute
und nie etwas Gutes, und fühlte sich natürlich nicht so recht sicher,
daß irgend eine oder die andere Bemerkung einem oder dem andern der
Betreffenden zu Ohren gekommen sein konnte. Jedenfalls mußte sie erst
einmal hören, um was es sich eigentlich handle. »Und was sollte ich
von Ihnen gesprochen haben? Was hätte ich denn eigentlich sprechen oder
erzählen können? Ich weiß ja doch gar nichts von Ihnen!«

»Desto schlimmer, Frau Heßberger, desto schlimmer,« rief Madame Müller,
keineswegs gesonnen, sich auf solche summarische Weise abspeisen zu
lassen; auf anfängliches Leugnen war sie überdies gefaßt. »Aber aus der
Luft greifen's die Leute nicht, das ist nicht möglich, und Ihre Zunge
kenn' ich, die ist in der ganzen Stadt bekannt!«

»Hören Sie, Madame Müller,« sagte Frau Heßberger, doch jetzt auch ein
bischen warm werdend, obgleich sie noch immer sehr zurückhielt, denn
sie mußte erst wissen, auf was die Frau eigentlich abzielte, »beleidigen
brauche ich mich hier in meinem eigenen Hause nicht zu lassen, denn wenn
ich in der Stadt bekannt bin....«

»So? Aber zu _mir_ schicken Sie die Leute in das eigene Haus!« fuhr die
Frau Müller, den rechten Arm in die Seite stemmend, fort. »Ich soll
mich im eigenen Hause beleidigen und verunglimpfen lassen, nicht wahr?
Dagegen haben Sie nichts, o, Gott bewahre, das ist ja nur die Frau
Müller, eine allein stehende Frau und Wittwe -- jawohl, die muß sich
Alles gefallen lassen! Aber der liebe Gott hat mir auch eine Zunge
gegeben, mit der ich mich wenigstens vertheidigen kann, und die will ich
denn auch gebrauchen, so lange mir der Herr die Kraft läßt.«

»Daß Sie eine gute Zunge haben, Madame Müller, hat Ihnen noch Niemand
abgestritten,« sagte die Frau Heßberger, jetzt ebenfalls gereizt.

»Und Sie brauchen mir die wahrhaftig nicht vorzuwerfen, Frau Heßberger,
Sie am allerwenigsten!« rief der Gegenpart wieder, und zwar lauter, als
es die Umgebung eigentlich nöthig machte.

»Aber wär's Ihnen denn nicht gefällig, Madame Müller, jetzt einmal
zu sagen, was Sie von mir wollen?« sagte die Frau Heßberger mit einem
ironischen Knix.

»Jawohl, Frau Heßberger,« erwiederte die Dame, gerade in der Stimmung,
ihr den Knix mit Zinsen zurückzugeben, »wie Sie befehlen -- oder möchten
Sie mich lieber gleich hinauswerfen? Aber dann wollen wir doch einmal
sehen, ob die Gerichte nicht eine arme, allein stehende Frau schützen!«

»So, Madame Müller, und wissen Sie, daß ich jetzt gleich hingehen und
Sie verklagen kann, wenn Sie mir mit den Gerichten drohen?«

»Ja, gehen Sie nur, Frau Heßberger, gehen Sie nur,« rief die Frau Müller
in Eifer, »wenn Sie Einem die Worte im Munde herumdrehen wollen! Aber
dann wird sich auch zeigen, was Sie dem alten Schlabbermaul, dem Herrn
Rath Frühbach, von mir und meinem Kinde erzählt haben, daß ich es
umgetauscht hätte und daß mein Kind nicht mein Kind, sondern ein Kind
vom Baron von Wendelsheim wäre -- Sie schlechte Person Sie....«

»Was?« sagte die Frau, jetzt wirklich erstaunt und in dem Gegenstand
ganz die »schlechte Person« überhörend (sie bemerkte auch in dem
Augenblicke kaum, daß ihr Gatte im Frack in's Zimmer trat). »_Ich_ hätte
dem Rath Frühbach erzählt, Sie hätten ein Kind umgetauscht und Ihre
Tochter wäre die Tochter vom Baron?«

»Wenn die Damen so freundlich sein wollten,« sagte Heßberger, der mit
seinem gewinnendsten Lächeln die alte Fettmütze zwischen den Fingern
zerdrückte, »nur ein klein wenig leiser zu schreien -- die Lehrjungen
drin spitzen die Ohren und horchen, und brauchen doch wahrhaftig nicht
zu wissen, über was wir hier conserviren.«

»Meinethalben kann's die ganze Stadt wissen,« sagte Frau Müller mit
Würde; »ich habe ein reines Gewissen, und von Ihnen, Herr Heßberger,
lasse ich mir den Mund noch lange nicht verbieten, Sie wären nicht der
Mann danach!«

Heßberger warf ihr, als sie vornehm über ihn wegsah -- und sie war auch
wenigstens einen halben Kopf größer als er --, einen tückischen Blick
zu, hütete sich aber wohl, sie noch mehr zu reizen, und sagte mit
seiner freundlichsten Stimme: »Würde ich mir auch gar nicht unterstehen,
verehrte Madame. Aber wollen Sie sich denn nicht platzen? Die ganze
Sache scheint mir übrigens, so viel ich bis jetzt davon gehört habe,
auf einem Mißverständniß zu beruhen, denn meine Frau kann doch unmöglich
etwas derartiges obschönes Gerede mit dem Herrn Rath Früh....«

»Ich habe überhaupt mit dem Herrn Rath Frühbach noch in meinem Leben
kein Wort gesprochen!« rief hier die Frau Heßberger dazwischen. »Seine
Frau kommt manchmal zu mir -- eine liebe, gute Seele, die sich die Karte
legen läßt und wissen will, ob sie 'was in der Lotterie gewinnt oder ob
ihr Mann eine Anstellung als Director kriegt, aber nie ist auch nur der
Name der Madame Müller in ihrer Gegenwart über meine Zunge gekommen!«

»Und der Rath Frühbach soll aus freien Stücken zu mir hinaus nach
Vollmers kommen und sich noch dazu einen lebendigen, wirklichen Major
mitbringen, wenn an der ganzen Sache kein wahres Wort wäre? Das machen
Sie einer Andern weis, aber mir nicht, verehrte Frau Heßberger! Ich will
gar nicht behaupten, daß ich zu den Gescheidtesten gehöre, aber so dumm
bin ich denn doch, Gott sei Dank, noch lange nicht!«

»Was denn für ein Major?« sagte die Frau Heßberger, aufmerksam werdend.

»Ein Major von Hansen oder Halsen, wenn Sie's wissen wollen, ein alter
Herr, der ehrwürdig genug aussah, um gescheidt zu sein -- und von
solchen Leuten muß man sich solche Dinge sagen lassen! Aber damit ist
die Sache nicht abgethan, Frau Heßberger, damit ist sie wahrhaftig noch
nicht abgethan! Ich bin eine ehrliche Frau, und Alles, was ich habe, ist
mein ehrlicher Name, und den lasse ich mir noch lange nicht von jeder
hergelaufenen Person abschneiden!«

»So, Madame Müller,« rief jetzt des Schusters Frau, deren Geduld
ebenfalls scharf auf die Neige ging, »jetzt möcht' ich nur wissen, ob
Sie mich etwa mit der »hergelaufenen Person« meinen, denn wenn Einer von
uns eine hergelaufene Person ist....«

»Entschuldigen Sie, meine Damen,« fuhr hier Heßberger dazwischen, der
alle Ursache hatte, einen drohenden Ausbruch zu vermeiden, »wenn jener
Herr Geheimer Rath etwas Derartiges gegen Sie geäußert hat, Madame
Müller, so sind Sie vollständig berechtigt, böse darüber zu werden, jede
anständige Frau würde das. Aber dann seien Sie auch so gut und
theilen uns genau mit, was er von uns gesagt hat, dann können wir uns
verdefendiren, und den Herrn Geheimen Rath wollen wir nachher schon
kriegen.«

Madame Müller zögerte einen Moment. Sie fühlte vielleicht, daß sie ein
wenig zu weit gegangen sein mochte. Das Verlangen des Schusters war auch
zu vernünftig, um eine Einwendung zuzulassen. Die Heßbergers mußten erst
erfahren, was sie gesagt haben sollten, und dann sich vertheidigen; das
war in der Ordnung, und Madame Müller auch nur eigentlich in der ersten
Hitze ein wenig wirr in die Geschichte hineingefahren. Sie sah sich
deshalb, als erste Einleitung in ein ruhigeres Geleise, nach einem Stuhl
um, den ihr Heßberger bereitwillig hinschob, und sagte dann: »Gut, ich
will Ihnen die Sache erzählen, wenn mir auch die Galle noch einmal dabei
überläuft; ach, daß ich mir so 'was muß auf meine alten Tage gefallen
lassen, wo mir in der Jugend kein Mensch einen Vorwurf machen konnte!
Aber ich will wissen, ob der alte grauhaarige Schwätzer die Wahrheit
gesprochen oder ob er gelogen hat, und wenn ich damit bis hinauf zum
König gehen müßte.«

Und nun erzählte sie mit ziemlich kurz gedrängten Worten, aber natürlich
noch immer in jener gereizten Stimmung, welche die Erinnerung an den
Morgen in ihr hervorrief, dem aufmerksam zuhörenden Heßberger'schen
Ehepaare die Erlebnisse mit Rath Frühbach und dem Major, und Heßberger
unterbrach oder störte sie darin nur ein einziges Mal, indem er
leise und vorsichtig an die Thür der Werkstatt schlich und diese dann
plötzlich aufriß, ob er vielleicht einen seiner Jungen beim Horchen
ertappte. Die aber kannten schon sein Manöver und hüteten sich wohl,
etwas Derartiges zu versuchen. Wie angeleimt saßen sie auf ihren
Schemeln, und darüber beruhigt, schloß der Schuhmacher die Thür wieder.

Die Frau Heßberger schüttelte aber, während ihr Besuch erzählte, immer
nur schweigend mit dem Kopf; denn obgleich sie sich von dieser Anklage,
dem Rath Frühbach etwas Aehnliches erzählt zu haben, vollkommen rein
wußte, so begriff sie doch in aller Welt nicht, wie der genannte Herr
erstlich zur Frau Müller kam, und dann auch nicht, wie er _sie_ auf
solche Weise da hinein bringen konnte. Aber der Major -- den kannte sie
gut genug, und der stak auch jedenfalls hinter dem Ganzen.

Ihr Mann mußte ähnliche Gedanken gehabt haben, denn wie die Frau einen
Augenblick schwieg, mehr um Athem zu schöpfen, als weil es ihr an Stoff
gefehlt hätte -- sie würde einen Monat lang damit ausgereicht haben --,
sagte er artig:

»Escusiren Sie, Madame Müller, behauptete denn der Herr Geheime Major
etwas Aehnliches?«

»Ja, ob es ein geheimer Major war oder nicht,« sagte Madame Müller,
»weiß ich nicht -- eine Uniform trug er freilich nicht, wie sich's für
einen Major gehört, sondern einen alten grauen Rock und einen runden
Hut --, aber er sprach wenig oder gar nichts; der Rath führte ziemlich
allein das Wort und trank auch allein meinen Wein aus, der graue Sünder
der... Aber nun, Frau Heßberger, frage ich Sie, wie konnten Sie sich
unterstehen, etwas Derartiges von mir zu erzählen? Habe ich je in meinem
ganzen Leben...«

»Ereifern Sie sich nicht unnöthiger Weise, Madame Müllern,« sagte die
Heßberger mit Würde, denn sie hatte Zeit genug gehabt, um sich Alles
genau zu überlegen. »Ich kann es auf die Hostie beschwören, daß Ihnen
jener Herr Rath, was mich betrifft, nichts als blanke Lügen erzählt hat,
und wenn Sie mir ihn hieherbringen, will ich ihm das in's Gesicht hinein
sagen. Und was Ihren Major betrifft, so kenn' ich den gar nicht und habe
ihn wohl noch nicht einmal gesehen, viel weniger gesprochen, und noch
viel weniger über Sie. Außerdem,« fuhr sie fort, als sie sah, daß Madame
Müller etwas darauf erwiedern wollte, »steht hier die Frau, die von der
Geburt des Wendelsheim'schen Kindes an bei ihm war, und doch wohl wissen
müßte, ob es vertauscht wäre oder nicht, denn mir kann in der Hinsicht
Keiner ein X für ein U machen. Ich habe aber den Jungen -- und ein
prächtiger junger Herr ist es geworden -- zuerst auf den Armen gehabt,
und Wochen und Monate und Jahre lang vor Augen, und wenn den hätte Einer
auswechseln wollen, der hätte es klug anlegen müssen. Aber ich weiß,
woher das Alles kommt: der Major steckt dahinter; das ist derselbe,
der das Geld gekriegt hätte, oder doch ein ganz Theil davon, wenn die
Wendelsheim'sche Familie ohne männlichen Erben geblieben wäre. Jetzt
hat sie, Gott sei Dank, deren zwei, und da nun das Geld bald ausgezahlt
werden soll, kommt bei ihm die Wuth und der Aerger, daß er nichts kriegt
und leer ausgeht, und er versucht's auf allerlei Art, um noch einen
Haken daran zu finden.«

»Aber, Heßbergern,« sagte die Madame Müller, »das ist ja doch gar nicht
möglich! So schlecht kann doch ein Mensch gar nicht sein...«

»Lehren Sie mich die Menschen kennen, Madame Müllern!« sagte die
Heßberger, während der Schuster einen salbungsvollen Blick nach oben
warf und schwer aufseufzend mit dem Kopf nickte -- er schien sie
ebenfalls zu kennen. »Mir sind schlimmere Dinge passirt,« fuhr die Frau
fort, »viel schlimmere, und die ersten Jahre -- Sie waren wohl damals
schon in die weite Welt gegangen und über die See --, da hatten sie bald
dies, bald das Gerede, und Alles über die arme Heßberger, die konnte
herhalten, weil sie zu gutmüthig war, fest gegen sie aufzutreten. Aber
zuletzt mußten sie's doch aufgeben -- Wahrheit und Ehrlichkeit bleiben
immer oben, Madame Müllern, immer und ewig, und wie sie erst ausfanden,
daß sie mir nichts anhaben konnten, ließen sie mich zufrieden.«

»Und dann wollen sie jetzt vielleicht mit mir dasselbe Spiel versuchen?«
rief Madame Müller, deren ganzer Zorn sich nun gegen ihren neulichen
Besuch kehrte. »Aber da sind sie an die Falsche gerathen! Ich bin
_nicht_ zu gutmüthig, die Versicherung kann ich Ihnen geben, Heßbergern,
und wenn mich neulich nicht der Aerger und Zorn so krank gemacht hätte,
daß ich mich niederlegen und volle zehn Tage das Bett hüten mußte, ich
wäre augenblicklich auf die Gerichte gelaufen! Aber aufgeschoben ist
nicht aufgehoben, und dazu heute so gut ein Tag, wie gestern oder vor
acht Tagen!«

»Aber, beste Madame Müller,« sagte Heßberger sehr artig, »da treten
Sie die Geschichte erst recht breit. Ich würde solche Menschen mit
Verachtung strafen und laufen lassen. Die kommen Ihnen nicht wieder, so
viel kann ich Ihnen versichern.«

»Na, das fehlte mir auch noch, daß die wiederkämen,« sagte die Frau,
ganz resolut von ihrem Stuhl aufstehend und nach ihrem Schirm greifend,
den sie wie eine Waffe packte; »ich wollte ihnen zeigen, wo der
Zimmermann das Loch gelassen hat! Aber so kommen sie nicht davon, so
viel ist sicher, denn ich will nicht umsonst die ganze Zeit vor Aerger
krank im Bett gelegen haben! Ich suche mir einen Advocaten, und dann
wollen wir doch einmal sehen, ob so ein paar Kerle zu mir hereinbrechen
und mir ihre Lügen unter die Nase reiben dürfen!«

»Da müssen Sie schmähliches Geld blechen,« sagte Heßberger, »und es
hilft Ihnen gar nichts.«

»Und wenn mich die Geschichte zwanzig blanke Thaler kosten sollte!« rief
Madame Müller bestimmt und schlug sich mit dem nassen Regenschirm in die
linke Hand. »Ich kenne freilich die Advocaten hier nicht, denn ich habe
mit derlei Leute nie in meinem Leben etwas zu thun gehabt; aber ich
gehe zu Eurem Schwager, dem alten Baumann, das ist ein ehrlicher, braver
Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat. Der wird mir schon
einen ordentlichen Menschen nennen können, der Einen nicht blos zum
Vergnügen über's Ohr haut.«

»Liebe Madame Müller,« sagte da die Frau Heßberger rasch, »thun Sie das
nicht; mein Schwager ist ein seelensguter Mensch, aber was weiß der von
den Advocaten! Wenn Sie denn absolut einmal Ihren Willen durchsetzen
wollen, so wohnt hier gleich nebenan ein sehr tüchtiger Mann, der
Herr....«

»Lassen Sie mich nur machen, Frau Heßberger,« sagte Madame Müller, die
eben nicht besonders viel auf eine Empfehlung derselben zu geben schien.
»Ich bin von klein auf in der Welt gewesen und weiß selber, was ich zu
thun habe. Meister Baumann ist ein ganz tüchtiger Mann, und ich will
auch gar keinen spitzfindigen Advocaten, sondern nur einen ehrlichen
haben. Wenn Sie dann vorgeladen werden, brauchen Sie nur auszusagen, was
Sie mir heute versichert haben, und dann wollen wir die beiden Herren,
den Herrn Rath und den Herrn Major, schon kriegen, darauf dürfen Sie
sich verlassen!«

»Aber es regnet so sehr, meine gute Madame,« sagte Heßberger, der sie
jetzt merkwürdiger Weise noch gar so gern eine Weile da behalten hätte.

»Und wenn es Schusterjungen regnete, Herr Heßberger,« versicherte Madame
Müller, »ich komme mit meinem Parapluie schon durch. Also guten Morgen
allerseits -- wünsche gesegnete Mahlzeit!« und damit öffnete sie die
Thür der Werkstatt selber, schritt, ohne mehr nach rechts oder links
einen Blick zu wenden, hindurch und stieg dann langsam die etwas steile
und dunkle Treppe hinab.

Unten im Hausflur hatte sich indessen ebenfalls Gesellschaft
eingefunden. Der Staatsanwalt Witte war, gerade wie der Schauer begann,
ohne Regenschirm die Straße heruntergekommen und, da er sich besonders
vor Erkältung fürchtete, dort untergetreten. Er glaubte natürlich, daß
es, da es mit solcher Wuth und Heftigkeit einsetzte, auch eben so rasch
vorüberziehen würde, denn »gestrenge Herren regieren nicht lange.« Aber
der Donner folgte immer langsamer und in größeren Zwischenräumen dem
Blitz, bis zuletzt noch kaum ein leises Grollen hörbar wurde, und immer
wollte der eigentliche Guß nicht nachlassen, ja, schien eher heftiger zu
werden.

Witte schüttelte mit dem Kopf, fand sich aber darein, eine Weile
auszuhalten, denn ewig konnte es ja nicht dauern, und vielleicht kam
auch eine leere Droschke vorüber, die er dann angerufen hätte. Wer
aber hat schon je bei Regenwetter, und wenn er sie am nothwendigsten
brauchte, eine leere Droschke gefunden? Es kommt gar nicht vor, und
überhaupt scheinen die Droschkenkutscher in solcher Zeit einzukriechen
wie die Fliegen, denn man trifft nur in Ausnahmefällen einen von ihnen
auf der Straße. Der Staatsanwalt lauerte denn auch vergeblich eine volle
Viertelstunde und nahm sich schon ein paarmal vor, lieber mitten im
Regen hinauszuspringen und lieber scharf an den Häusern wegzulaufen.
Jedesmal aber, wenn er zu solch einem halben Entschlusse gekommen war,
schien es, als ob es mit frischen Kräften an zu gießen fing; es dachte
gar nicht daran, aufzuhören, und er gab jedesmal den Versuch wieder auf.

Wie er noch so dastand, arbeitete sich ein Herr mit einem großen
hellblauen seidenen Regenschirm an der Thür vorüber; gerade aber als er
vor dem Thorwege war, kam ein plötzlicher Windstoß die Straße herunter,
faßte unter den Schirm und klappte im Nu die Fischbeinstäbe nach oben,
während eine benachbarte Dachtraufe, welche ebenfalls durch den Windstoß
eine andere Richtung erhielt, ihren vollen Inhalt über den unglücklichen
und nun vollständig wehrlosen Eigenthümer des Schirmes ausschüttete.

»Herr Du meine Güte!« sagte der Mann und fuhr mit einem Seitensprung so
rasch in das Haus hinein, daß ihm Witte kaum aus dem Weg kommen konnte.
Dort bog er sich dann vor, um wenigstens erst einmal das Gröbste von Hut
und Rock ablaufen zu lassen; dann nahm er die Brille ab, um diese klar
zu wischen, denn er war vollständig überschüttet worden, und Witte
erkannte jetzt erst in dem Eingeregneten den Rath Frühbach.

»Ei, ei, mein lieber Herr Rath,« sagte er, »Sie sind ja in ein ganz
gehöriges Sturzbad hineingerathen. Das nenn' ich ja vollkommen unter
Wasser gesetzt. Es ist aber auch wirklich ein Hundewetter.«

Rath Frühbach brauchte einige Zeit, bis er seine Sehwerkzeuge wieder
in Ordnung hatte, denn er erkannte den Staatsanwalt nicht gleich an
der Stimme. Während er aber die Brille noch abwischte, bog er den Kopf
herunter, als ob er sie auf der Nase hätte und darüber hinwegsehen
wollte, und rief plötzlich aus: »Ei, mein lieber Herr Staatsanwalt,
das ist mir ja ein ganz besonderes Vergnügen, Sie hier so zufällig zu
treffen! Das nehme mir aber kein Mensch übel, so ein Wetter ist ja noch
gar nicht dagewesen -- dreht Einem den Schirm ordentlich um. Aber so
ist es mir einmal in Schwerin gegangen. Da spaziere ich auch in aller
Gemüthlichkeit, bei fast wolkenreinem Himmel, ein Stückchen vor die
Stadt hinaus, hatte aber doch den Schirm aus Vorsicht mitgenommen, als
plötzlich ein Gewitter ankommt, und ich war draußen auf freiem Felde,
und wenigstens auf tausend Schritte nach keiner Richtung hin ein Haus.
Na, ich spannte den Schirm auf, und nun dicke durch. Ja, aber du lieber
Gott, das wurde immer ärger, das regnete, als ob es mit Mulden gösse,
genau so, wie jetzt da draußen, und es hörte auch den ganzen Nachmittag
nicht auf.«

»Wenn wir nur eine Droschke bekommen könnten,« sagte der Staatsanwalt,
der ungeduldig indessen auf die Straße hinaus sah; »ich habe gar nicht
einmal so lange Zeit, ich muß nach Hause, und nun das Wetter --
mit meinen dünnen Stiefeln -- wenn ich nur wenigstens Gummischuhe
mitgenommen hätte!«

»Die helfen auch nicht viel,« sagte der Rath. »Da kam ich einmal Abends
in Schwerin aus dem Theater; es war auch nasses Wetter gewesen, und ich
hatte meine Gummischuhe mitgenommen. Während der Vorstellung mußte sich
aber der Wind gedreht haben; es wurde bitter kalt und fror, und wie ich
nur hinaus auf die steinerne Treppe trete, fühle ich schon, daß ich
an zu rutschen fange. Ich trete also sehr vorsichtig hinunter auf das
Pflaster, erst mit dem rechten und dann mit dem linken Fuß, und immer
ein bischen weiter, und so bin ich den ganzen Weg nach Haus gegangen.«

Der Staatsanwalt überlegte sich eben, ob er nicht lieber dem Regen
und einem jedenfalls darauf folgenden Schnupfen, als den endlosen
Erzählungen des Raths trotzen sollte, als hinter ihnen eine Frau die
Treppe herunterkam, auf welche Rath Frühbach, da er gerade wieder seinen
Schirm in Ordnung brachte, gar nicht achtete.

Es regnete noch mit derselben Hartnäckigkeit weiter, und die Frau
spannte unten im Flur, ohne sich um die Herren zu bekümmern, ihren
Schirm auf, wollte auch eben hinaus in den Guß treten, als ihr Auge
zufällig auf Rath Frühbach fiel, der ihr in seiner aufmerksamen Weise
Platz machte.

»Ne, so 'was lebt nicht!« rief sie plötzlich im größten Erstaunen aus.
»Da ist er ja -- wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Ist auch ein
vortreffliches Plätzchen hier, um andere ehrliche Leute wieder schlecht
zu machen und zu bereden, nicht wahr? Jawohl, kann ich mir denken! Aber
jetzt wollen wir einmal sehen, ob die Gerichte das zugeben! Wenn noch
Recht und Gerechtigkeit im Lande ist, so will ich's schon finden, darauf
können Sie sich verlassen, und Ihren saubern Major, den kauf' ich mir
noch dazu!«

»Liebe, beste Frau,« sagte der Rath, der zu seinem Entsetzen die Frau
Müller aus Vollmers erkannt hatte und jetzt nicht übel Lust zu haben
schien, seine ganze Existenz abzuleugnen, denn der Staatsanwalt durfte
um Gottes willen nichts von der Geschichte erfahren.

Madame Müller war aber nicht die Frau, irgend jemand Anderes reden zu
lassen, so lange sie noch etwas zu sagen hatte, und die wohlwollende
Anrede reizte sie ganz besonders: »Der Teufel ist Ihre »liebe, beste
Frau!« rief sie zornig und schien nicht übel Lust zu haben, den schon
geöffneten Schirm wieder zu schließen. »Sie sollen mir aber vor's
Messer, darauf können Sie sich verlassen, und wenn ich....«

»Heh, Droschke! Droschke!« rief der Staatsanwalt auf die Straße hinaus.
Er begriff nicht recht, was Rath Frühbach mit der Frau haben oder gehabt
haben konnte, hatte aber auch keine große Lust, einem etwaigen Streit
zuzuhören, und der Wagen, der gerade zufällig gegenüber eine »Fuhre«
abgesetzt, kam ihm gut zu Statten. Der Kutscher hörte auch den Ruf
und lenkte um, und mit einem kurzen Gruß gegen den Rath sprang der
Staatsanwalt mitten in den Regen hinaus.

Das war dem Rath aber zu viel. Mit der entsetzlichen Frau sollte er hier
im Thorweg, und außerdem noch durchaus naß, das Unwetter abwarten?
Nein -- hier drinnen wüthete es ärger als draußen, und einen herzhaften
Entschluß fassend, spannte er mit einem plötzlichen Ruck seinen Schirm,
sagte »Guten Morgen, Madame!« und war mit drei Schritten wieder unter
der Traufe. Er hörte noch hinter sich her etwas von »Gerichten« und
»Hausschleichern«, aber der auf den Schirm schlagende Regen ertödtete
die Worte, und dem Sturm in die Zähne arbeitete er sich, Madame Müller
ihrem eigenen Schicksal überlassend, die Straße hinauf.




4.

Neben der Werkstätte.


Neben der Werkstätte des Schlossers Baumann befand sich das kleine, aber
ganz behaglich eingerichtete Wohnzimmer der Familie, und zwar nicht etwa
behaglich durch elegante Möbel oder sonstigen Zierath, sondern weit mehr
durch die wirklich auffallende Sauberkeit, die dort herrschte, so daß
Baumann selber oft lachte, wenn er mit seinem rußgeschwärzten Gesicht,
und eben solchen bloßen Armen zum Frühstück oder sonst einmal hereinkam
und dann meinte, er passe da eigentlich gar nicht hin und müsse immer
vorher an der Thür »abgetreten« werden. Er paßte aber und gehörte
trotzdem da ganz besonders hinein, denn seinem unermüdlichen Fleiß
sowohl als seiner Geschicklichkeit verdankte die Familie gerade diese
Behaglichkeit, die nur die Frau noch durch ihr ewig thätiges Schaffen
und Sorgen zu erhöhen und zu erhalten wußte.

Baumann hätte sich auch in der That keine bessere Frau wünschen und sie
auf der weiten Welt finden können; eine sorgsamere für ihn und seine
Bequemlichkeit gewiß nicht, denn was sie ihm an den Augen absehen
konnte, das that sie. Dabei war in den langen Jahren ihrer Verheirathung
auch noch nicht ein einziger Zank zwischen ihnen vorgekommen, und
nur manchmal neckte sie der alte Schlosser mit dem »Stückchen
Hochmuthsteufel«, der in ihr stecke, und meinte dann wohl, es sei
jammerschade, daß sie keine Gräfin geworden wäre und in Sammet und Seide
und mit langen Schleppkleidern hätte umhergehen können, das würde ihr
außerordentlich gut gestanden haben. Aber das war immer nur im Scherz
und wurde so gesagt und aufgenommen.

Heute saß sie allein in der Stube an ihrem Nähtisch und arbeitete ein
Kleidchen für ihr kleines Töchterchen, das seit acht Tagen zum ersten
Mal in die Schule geschickt war und nun doch Manches brauchte, um
anständig zwischen den übrigen Kindern zu erscheinen. Wenn es auch blos
Kattunröckchen tragen durfte, denn der Vater litt das nicht anders,
konnten die doch wenigstens sauber und nett gemacht sein, und darin, wie
überhaupt in allen Dingen, besaß sie eine besonders geschickte Hand.

Draußen wetterte es gerade, was vom Himmel herunter wollte; der Blitz
zischte, der Donner rollte und die ersten schweren Tropfen fingen an
zu fallen. Die Leute auf der Straße liefen, was sie laufen konnten, um
irgend ein schützendes Obdach zu erreichen, und ein paar vorüberfahrende
Droschkenkutscher hieben mit ganz ungewohnter Energie auf ihre Pferde
ein.

Die Frau Baumann warf einen besorgten Blick auf die Straße und nach
dem Himmel hinauf -- aber ihre Else saß jetzt schon lange sicher in der
Schule, und bis die aus war, hatte sich das Wetter auch gewiß wieder
verzogen. Nur die Schmiede ängstigte sie etwas; dort lag so viel Eisen,
und sie fürchtete immer, daß der Blitz einmal da einschlagen könnte,
hatte auch ihren Mann oft und oft gebeten, nur doch wenigstens so lange
mit Arbeiten aufzuhören, als ein Gewitter dauere. Der aber lachte dazu
und meinte, der Blitz, wenn er einmal einschlagen wolle, könne ihn
überall treffen, jedenfalls eben so leicht in der Stube, wie in der
Werkstätte, und der liebe Gott sei aller Orten. Die Arbeit dürfe aber
nicht rasten, und nur wenn einmal ein Gewitter an einem Sonntag käme,
verspräche er ihr, nicht dabei am Ambos zu stehen, was er überhaupt
nicht am Sonntag that. Es war mit dem Manne eben nichts anzufangen.

Baumann hämmerte denn auch, mit seinem zweiten Sohn, einem andern
Gesellen und dem Lehrjungen an seiner Seite, wacker darauf los, daß
die Funken nach allen Seiten hinausspritzten, und warf nur einen
schmunzelnden Blick nach der Thür, als der Regen plötzlich mit voller
Wucht einsetzte und niederschlug. Wie die Menschen draußen sprangen,
um unter Dach zu kommen -- aber er stand trocken, und lustig schlug er
wieder auf das rothglühende Eisen ein.

Da fuhr plötzlich ein Schirm in die weit geöffnete Thür, und als er den
Kopf dorthin wandte, tauchte sein ältester Sohn Fritz darunter auf und
rief ihm lachend einen Guten Morgen zu.

»Na nu?« sagte der Alte, indem er den Hammer ruhen ließ und ihn
erstaunt betrachtete. »Wo kommst Du bei dem Wetter her, und noch dazu in
Sonntagskleidern? Du -- trägst wohl wieder ausgebesserte Arbeiten aus,
mein Junge, he?«

»Nein, Vater,« rief Fritz, aber doch ein wenig verlegen, denn er wußte
recht gut, auf was der alte Mann anspielte, »wegzutragen habe ich heute
nichts; aber ich wollte nur einmal zu Dir und Mutter kommen, um etwas
mit Euch zu reden.«

»In Sonntagskleidern?«

»Ich habe überhaupt noch einen Besuch zu machen -- Professor Anders,
der Astronom, hat mich gebeten, wegen einer größeren Arbeit zu ihm zu
kommen, und da -- mochte ich doch nicht in meinen Arbeitskleidern gehen.
Uebrigens erwischte mich das Wetter, und ich bin nur eben noch glücklich
vor Thorschluß hier eingefahren, Ist die Mutter zu Hause?«

»Ja, sie sitzt drinnen -- geh' nur hinein; wenn ich hier mit dem
Schlüssel fertig bin, komme ich gleich nach, denn in dem Aufzug kannst
Du mir doch nichts helfen -- Donnerwetter, Glacéhandschuh' -- na, und
das Alles, um einem Professor einen Besuch zu machen. Ich gehe bei
solchen Wegen allerdings auch in Leder, aber mit meinem Schurzfell.
Junge, Junge, Du wirst mir verdammt fein und geschniegelt, und ich habe
es bis jetzt gar nicht geglaubt, daß zwischen einem Schlosser und einem
Mechanikus solch' ein Unterschied wäre. Du, Karl, mach' einmal Deinem
Herrn Bruder die Thür auf, daß er sich die Glacéhandschuh' nicht an der
vielleicht rußigen Klinke schmutzig reibt.«

»Danke, Vater, danke,« lachte Fritz, indem er der Thür zusprang,
»so gefährlich ist's denn doch noch nicht, und das kann ich allein
besorgen.«

Der Vater sah ihm, das Eisen in der Hand und den Hammer noch auf dem
Ambos ruhend, in einer etwas gebückten Stellung nach, so lange er ihm
mit den Augen folgen konnte, und ein leises, aber nicht unfreundliches
Lächeln flog über seine ehrlichen Züge. Dann schüttelte er still vor
sich hin den Kopf, und wieder hob sich der schwere Hammer, als ob es
eine Feder gewesen wäre, und kam wuchtig auf das sprühende Eisen nieder.

Fritz, der seinen Schirm in der Werkstätte abgestellt hatte, denn auf
dem Boden dort mochte er triefen, wie er wollte, trat zur Mutter
in's Zimmer und setzte sich zu ihr, und die Beiden sprachen lange und
angelegentlich mit einander -- ja, eine so wichtige Sache mußten sie
wohl verhandeln, daß die Mutter sogar ihre Arbeit ruhen ließ und die
Hände im Schooß faltete, bis der Vater zu ihnen herein kam.

»Na,« sagte er, als er sie da so sitzen sah, »eine Hand kann ich Dir
heute nicht geben, mein Junge; Du bist mir zu fein, und zum Waschen hab'
ich keine Zeit, denn ich muß gleich wieder hinaus. Also was hast Du zu
sagen, und was ist denn überhaupt mit Euch Beiden? Ihr seht mir ja alle
Zwei so feierlich aus? Hör' einmal, Junge, ich glaube, Du willst _doch_
wieder eine fertige Arbeit austragen, he?«

»Eine Arbeit gerade nicht, Vater,« lächelte Fritz, doch etwas verlegen;
»aber weit vom Ziel hast Du allerdings nicht vorbeigeschossen.«

»Auf den Knopf getroffen,« lachte der Alte, »he? Dem Jungen steckt ein
Frauenzimmer im Kopfe!«

»Er will heirathen, Gottfried,« nickte die Mutter, während ein
freundliches Lächeln über ihre Züge flog.

»Ob ich's mir nicht gedacht habe!«

»Und so ein sauberes Mädchen hat er sich ausgesucht!«

»Na, er wird keine Schmiergans nehmen,« lachte der Alte. »Und wie heißt
sie? Alles natürlich schon fix und fertig gemacht, und jetzt nur noch
eine nachträgliche Anmeldung bei den Eltern, die weiter nichts nöthig
haben, als den üblichen Segen dazu zu geben. Ist mir auch recht; habe
doch schon genug zu thun, und könnte mich mit derlei nicht mehr auf
meine alten Tage befassen.«

»Nein, Vater,« sagte Fritz, »fertig gemacht ist noch gar nichts; ich bin
im Gegentheil eben im Begriff, den allerersten Schritt dazu zu thun.«

»So--o?« sagte der Vater, etwas erstaunt; »das ist ja merkwürdig. Na,
hat die Sache etwa einen Haken?«

»Nein, Gottfried,« sagte die Frau, »ganz und gar nicht; es ist Alles
glatt und recht und wie sich's gehört, und der Fritz ist ein braver
Junge, der uns nur bei einer so wichtigen Sache vorher um Rath fragen
wollte.«

»Bah, Alte, laß Dir nichts weiß machen,« lachte der Schlossermeister
-- »um Rath fragen. Sieht der aus, als ob er erst noch um Rath fragen
wollte, und steckt schon bis über die Ohren in seinen Sonntagskleidern
drin? Nur hören will er, daß wir sagen: Ei, mein lieber Sohn, das hast
Du brav gemacht -- geh' doch geschwind hin und hol' Deinen Schatz! Und
dann läuft er von selber.«

»Aber Gottfried...«

»Na, mach' keine langen Geschichten, Also wie heißt sie und wer ist's?
daß ich wieder hinaus an meine Arbeit komme.«

»Ich bin vielleicht in meinen Ansprüchen etwas keck gewesen, Vater,«
sagte Fritz, aber jetzt schon lange nicht mehr so zuversichtlich, als
vorher; »aber ich -- ich glaube glücklich zu werden.«

»Hm, das glauben wir gewöhnlich Alle,« lächelte der Schlossermeister
gutmüthig; »na, aber nun schlag' einmal los, das Eisen wird sonst kalt
-- wer ist's denn?«

»Ottilie Witte, Vater.«

»Die Tochter des Staatsanwalts?«

»Ja, Vater.«

Der alte Mann war stehengeblieben und sah ihn ernst und forschend an.
Aber er erwiederte lange kein Wort, gab auch kein Zeichen des Beifalls
oder Mißfallens; endlich fragte er langsam: »Und will sie _Dich_ haben?«

»Ich weiß es nicht, Vater, aber ich glaube es,« sagte Fritz herzlich:
»sie war immer so gut und lieb mit mir, und wir haben ja schon als
Kinder Braut und Bräutigam mitsammen gespielt.«

»Ich will Dir 'was sagen, mein Junge,« nickte der Alte, »die Sache
gefällt mir nicht.«

»Gefällt Dir nicht, Gottfried?« rief die Frau. »Und hätte er sich ein
netteres, hübscheres Mädchen in der ganzen Stadt aussuchen können?«

»Nein -- sie ist mir nur zu nett,« erwiederte der Schlossermeister.
»Wärst Du zu mir gekommen und hättest gesagt: Vater, ich habe mir die
Tochter vom Schneidermeister So und So oder vom Schuster So und So zur
Frau ausersehen und will sie heirathen, so würde ich geantwortet haben:
Bravo, mein Sohn, thu' das, und Gott gebe seinen Segen dazu -- meinen
hast Du. Aber die vornehme Tochter des Staatsanwalts, die große
Gesellschaften mit lauter Adeligen geben -- das thut kein gut.«

»Aber, Vater, Ottilie ist so einfach erzogen -- so wirthschaftlich!«

»Und bist Du wirklich überzeugt, daß sie Dich gern hat -- nein, nicht
so,« fuhr er rasch fort, als Fritz darauf erwiedern wollte -- »und was
wir so gewöhnlich darunter verstehen -- ich meine, ob Du überzeugt
bist, daß sie Dich so gern hat, um Dich wirklich zu heirathen und dem
Handwerker vor allen übrigen vornehmen Bewerbern die Hand zu reichen?«

»Wenn ich es nicht fest glaubte, würde ich sie nicht darum fragen,
Vater!«

»Ja,« nickte dieser, »denn ein richtiger Korb muß eine verflucht
unangenehme Geschichte sein -- möchte mir gerade keinen holen. Aber
mir ist die Sache doch nicht recht -- werde freilich nicht viel darum
gefragt werden. Aber Du paßt in die Familie nicht hinein, und wir gar
nicht, und ich glaube selbst nicht einmal, daß sich die Eltern -- die
Mutter wenigstens -- besonders erfreut darüber zeigen würden.«

»Aber, Gottfried, ich weiß gar nicht, was Du immer für Bedenken hast!«

»Keine anderen, als solche, für die ich auch einen Grund hätte. Wenn
sie wirklich an so etwas dächten, weshalb haben sie denn da den Fritz
neulich nicht zu ihrem Ball geladen, wie? Wenn er ihnen gut genug zum
Schwiegersohne wäre, müßte er es doch ganz gewiß erst recht als Gast
sein. Es hat aber Niemand von ihnen daran gedacht, während es von
adeligen Lieutenants nur so geschwärmt haben soll.«

»Aber was Du auch nicht Alles heraussuchst!«

»Ich suche gar nichts heraus, Alte, als was einmal drin liegt, und so
viel ist sicher« -- er mußte einen Augenblick mit Reden aufhören, denn
so furchtbar dröhnte der Donner, daß die Worte lautlos verhallten --
»so viel ist sicher,« fuhr er dann fort, ohne sich weiter irre machen zu
lassen, »daß die Familie, meiner Meinung nach, mit ihrer Tochter weiter
oder höher hinaus will, als sie einem Handwerker zu geben!«

»Aber ein Mechanikus ist doch kein Handwerker, Gottfried!«

»Nenne es, wie Du willst, es bleibt immer dasselbe,« beharrte störrisch
der Alte. »Und haben wir nicht neulich schon einmal davon gesprochen, wo
ich dazu kam, wie ihr einer von den Lieutenants, ich glaube, es war
der Wendelsheim, so zärtlich die Hand küßte -- und wie freute sie sich
darüber! Das gäb' nicht einmal eine Frau für Dich, wenn sie Dich selber
wollte.«

»Aber, Vater, Ottilie ist gewiß nicht coquet.«

»Gerade ist sie's, und recht sehr,« sagte der Alte; »Du siehst es nur
nicht, weil die Liebe, wie gewöhnlich, blind ist. Richtig coquet ist
sie, und ihre Mutter hat sie dazu angelernt. Allen Respect vor dem
Vater. Der alte Witte gilt in der ganzen Stadt für einen schlichten
und dazu braven und rechtlichen Mann; aber der Frau steckt der
Hochmuthsteufel noch viel ärger im Kopfe als Dir, Alte -- die möchte mit
der Nase die Decke abreiben, und über Unsereinen guckt sie nur immer so
hoch hinweg, als ob man seinen Kopf auf einer Stange trüge. Geh' mir
mit der; ich hab' früher ein paarmal mit ihr zu thun gehabt und sie auch
einmal bei einer Gelegenheit recht tüchtig ablaufen lassen. Nachher ist
sie etwas artiger oder herablassender geworden.«

»Aber der Fritz ist auch von guter Familie,« sagte die Frau, »und dazu
ein stattlicher Bursche.«

»Nicht was derartige Leute eine »gute Familie« nennen, Mutter,« sagte
der Schlossermeister; »das Wort »gut« heißt bei denen nur immer sehr
vornehm oder sehr reich, und wo möglich beides zusammen -- das sind die
besten -- ein ehrlicher Handwerker wird nicht mit dazu gezählt.«

»Aber wenn sich die Herzen nun zusammenfinden, Vater?« sagte Fritz.

»Das sind Bücherideen,« rief der Alte; »denn wenn die Familien
nachher nicht zusammenpassen, so giebt's Streit und Unfrieden, Haß
und Eifersucht. Ich wollte, Du hättest Dir eine Schneiderstochter
ausgesucht, Fritz, oder noch viel tausendmal lieber eine von unserem
Gewerke; nachher solltest Du einmal sehen, wie lustig und vergnügt ich
noch auf Deiner Hochzeit tanzen würde; so aber ist's nichts, und wenn
uns die Madame Witte wirklich einlüde, so müßten wir's uns noch zur Ehre
schätzen und uns fein anständig und ehrbar betragen.«

Fritz Baumann's Mutter hatte still und schweigend vor sich nieder
gesehen, aber kein Wort mehr gesagt, und Fritz wunderte sich eigentlich,
daß sie nicht seine Partei stärker nahm; aber der Alte hatte auch
recht, denn sein Entschluß stand zu fest, um sich noch von seiner Liebe
abwenden zu lassen. Ottilie war schon seit langen Jahren sein Ideal
aller Weiblichkeit gewesen, und nur um sie zu gewinnen, hatte er sich
mit beispiellosem Fleiße abgemüht, sein Ziel so bald zu erreichen. Jetzt
stand er unabhängig da, nicht mit der Hoffnung, nein, mit der Gewißheit,
sich sein Brot gut und reichlich verdienen zu können und eine Frau und
Familie dabei zu ernähren. Er wollte keine Mitgift, er verlangte keine;
was sie brauchten, konnte er selber beschaffen, und die Mutter hatte ihm
schon versprochen, in der ersten Zeit, wenn sich die Ausgaben vielleicht
unerwartet zu sehr häufen sollten, beizuspringen. Was brauchte er mehr?
Er trat ja nicht als Bittender in Witte's Haus -- wie er bat, wollte er
auch bringen, der Tochter einen treuen Gatten, den Eltern einen wackern
Sohn.

»Vater,« sagte er deshalb, »Du siehst die Sache zu schwarz. Ich gebe zu,
daß es Ottiliens Mutter vielleicht lieber sähe, wenn ihre Tochter eine
vornehmere Partie machte; es ist das ja natürlich. Aber sie wird auch
nicht der Liebe derselben entgegentreten wollen, und ist mir Ottilie
wirklich gut...«

»Was Du noch nicht einmal zu wissen scheinst.«

»Was ich aber von Herzen hoffe -- dann, glaub' ich, wird sie sich auch
nicht sträuben, ihre Einwilligung zu geben. In unserer Stadt besteht
noch die alte Achtung vor dem Bürgerstande, und dem gehören wir so gut
an, wie der Staatsanwalt Witte. Er ist eben so wenig adelig oder Baron,
als wir, und wenn seine Frau wirklich daran dächte, ihr Kind Einem aus
jenem Stande zu geben, so wäre der Sprung weit größer, als von uns zu
ihr.«

»Ja,« sagte der Vater, »das klingt ganz vernünftig, ist aber nur einfach
nicht wahr, weil Sitten und Gewohnheiten die ganze Geschichte gewöhnlich
herumdrehen. Aber was kann's helfen -- Du, als mein echter Sohn, hast
natürlich gerade einen solchen Dickschädel, wie ich, und der muß erst
ein paarmal irgendwo gegen rennen, ehe er gescheidt wird -- also lauf'.
Mit Vernunftgründen ist bei Dir doch nichts auszurichten, Du mußt durch
Schaden klug werden.«

»Vater...«

»Es ist nicht anders -- aber das Wetter warte erst ab, sonst kommst Du
wie eine gebadete Maus als Brautwerber, und naß sieht ein Fisch recht
hübsch aus, aber kein Mensch -- der Guß kann ja doch nicht ewig dauern.
Jesus, wie das noch regnet; wie dicke Seile kommt's von oben herunter,
und auf der Straße könnte man beinahe mit einem Boote fahren -- Herein!«

Der Ausruf galt einem starken und ganz entschiedenen Klopfen an der
Thür, die sich auch gleich darauf öffnete und das uns wohl bekannte
Gesicht der Madame Müller zeigte.

»Guten Tag Alle mitsammen!« sagte sie, ihren Regenschirm vorsichtiger
Weise draußen lassend. »Jemine, meine Güte, ist das ein Wetter, und bei
dem wird man herausgejagt, wo man so ruhig zwischen seinen vier Pfählen
sitzen könnte! Ich werde mir wohl wieder den Tod an einem Schnupfen
holen, denn aus den Schuhen hebt mich das Wasser bald heraus -- bis an
die Knöchel geht's Einem ja da draußen!«

»Madame Müller,« lachte Baumann, »so wahr ich lebe -- na, Sie haben sich
eine schöne Witterung zum Spazierengehen ausgesucht -- aber kommen Sie
doch nur herein! Sie wollen doch nicht in der Thür stehen bleiben?«

»Nein,« sagte Madame Müller mit einem Blick auf das reinliche Zimmer;
»aber ich triefe nur so, und mein verwünschter blauer Kittel färbt ab
-- ich werde Ihnen einen blauen Streifen in's Zimmer bringen. So
einen Regen hab' ich noch gar nicht erlebt; das ist ja ein wahrer
Wolkenbruch!«

»Aber Sie sind doch nicht von Vollmers herein zu Fuß gegangen?« rief
Frau Baumann, indem sie ihr behülflich war, das Tuch abzunehmen und
aufzuhängen.

»Na, weiter fehlt mir nichts,« sagte die Dame; »aber ich hatte vorher
noch einen Besuch zu machen, und jetzt bin ich hieher gekommen, Herr
Baumann, um Sie in einer Sache um Rath zu fragen.«

»Mich?« lachte der Schlossermeister. »Da wären Sie wohl an der falschen
Thür; ich bin doch kein Advocat.«

»Ja, eben einen guten, anständigen Advocaten will ich bei Ihnen
erfragen,« sagte die Frau; »es giebt derlei Volk genug in der Stadt,
alle drei Thüren weit klebt ein Schild, aber wer sich da nicht auskennt,
ist auch gleich verrathen und verkauft.«

»Hm,« sagte Baumann, »und was haben Sie mit einem Advocaten zu thun? Wer
die nicht sehr nothwendig hat, soll die Finger um Gottes willen davon
lassen; mit denen ist nicht gut Kirschen essen.«

»Das weiß ich,« nickte Madame Müller entschieden mit dem Kopf, indem sie
sich auf den ihr hingeschobenen Stuhl niederließ. »Ah, da ist ja auch
der Fritz -- alle Wetter, ist der groß und ein hübscher Junge geworden,
Baumann! Der ist ja einen halben Kopf größer als Sie, und Sie gehören
auch nicht mit zu den Kleinsten.«

»Ja, und jetzt Meister und selbstständig geworden,« nickte der Vater mit
einem beifälligen Lächeln auf den Sohn; »er hat 'was gelernt, der Junge,
das muß man ihm lassen, und wird sich schon durchhelfen in der Welt.«

»Dafür kann man Gott nicht genug danken,« nickte die Frau, »wenn man
Freude an seinen Kindern erlebt -- aber was ich gleich sagen wollte,
Meister, wissen Sie hier in der Nähe einen ordentlichen Advocaten, der
weiß, was Rechtens ist?«

»Das sollten sie eigentlich alle wissen,« lächelte der Meister, »aber es
kommt darauf an, zu was Sie ihn haben wollen. Brauchen Sie einen recht
verschmitzten und durchtriebenen, so...«

»Nein, den brauch' ich nicht,« rief Madame Müller; »ich will einen
ehrlichen haben, der geradeweg ist, denn ich habe auch eine ehrliche
Sache!«

»Ja, liebe Madame Müller,« sagte Baumann, sich den Kopf kratzend, »mit
den Advocaten hier in der Stadt bin ich, Gott sei Dank, nicht besonders
bekannt; aber wenn Sie in der Sache einen guten Rath hören wollen, dann
gehen Sie zum Staatsanwalt Witte. Ob er sich selber damit einläßt, weiß
ich nicht, aber was der Ihnen sagt, können Sie getrost thun, denn das
ist ein ehrlicher Mann.«

»Gut, danke schön, weiter verlang' ich nichts; das Uebrige besorg' ich
mir dann schon selber, denn auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht,
und in meinem eigenen Hause brauche ich mich nicht beschimpfen und
beleidigen zu lassen.«

»Nein, das allerdings nicht,« sagte Meister Baumann; »und hat das
wirklich Jemand gethan?«

»Ih, denken Sie nur,« rief die Frau, »kommen da neulich -- ich habe zehn
Tage von dem Aerger krank im Bette gelegen -- so ein paar ganz anständig
gekleidete Herren -- der eine war ein Rath und der andere ein Major --
zu mir in's Haus hinein und reden so zuckersüß und gehen immer wie die
Katze um den heißen Brei herum, thun auch, als ob sie gar nicht zu mir,
sondern nur zu meinem Schwiegersohn gewollt hätten, der gerade wieder
mit meiner Tochter fortgefahren war. Wie ich aber nicht anbiß, denn wer
denkt denn in seiner Gutmüthigkeit an so 'was, fingen sie an vom Baron
Wendelsheim und seinem ältesten Sohn zu reden.«

»Vom Baron Wendelsheim?« rief Frau Baumann.

»Ja wohl,« nickte Madame Müller; »und auf einmal sagte mir der eine von
ihnen, der Rath -- und ein Mundwerk hatte er, daß Einem angst und bange
wurde -- sagte mir der Rath -- man sollte es gar nicht für möglich
halten --, das Bild von meiner Tochter, das über meinem Sopha hängt und
das der Maler Schröter hier gemalt hat, wie sie neunzehn Jahre alt war,
wäre gar nicht meine Tochter, sondern das Kind vom Baron, und ich hätte
das Kind vertauscht, und die Heßberger hätte es ihnen erzählt.«

»Aber das ist doch ganz unmöglich!« rief Frau Baumann, von ihrem Stuhl
emporfahrend.

»Na, ich hab' ihnen aber heimgeleuchtet,« lachte Madame Müller ingrimmig
vor sich hin, »die kommen so bald nicht wieder! Was ich ihnen eigentlich
gesagt habe, weiß ich gar nicht mehr; aber Excellenz habe ich sie
nicht genannt, darauf können Sie sich verlassen. Ich wollte auch
gleich nachher auf's Gericht und das Lumpengesindel auf frischer That
verklagen; aber der Aerger war mir so in die Glieder geschlagen, daß
ich mich wahrhaftig zu Bett legen mußte, und da kriegte ich meinen alten
Rheumatismus in das linke Knie, daß ich mich die ganze Zeit nicht rühren
konnte. Aber jetzt geht's wieder, und mein erster Gang war heute Morgen
zur Heßbergern, Ihrer Schwester, Baumannen, um der einmal ordentlich
die Leviten zu lesen, daß sie von einer ehrlichen Frau solche
Schandgeschichten erzählt. Die leugnet aber Stein und Bein; kein Wort
will sie, weder mit dem Rath noch mit dem Major, gesprochen haben. Aber
ich trau' ihr nicht, Baumannen, wenn's auch Ihre Schwester ist; sie hat
immer ihre Hinterkniffe gehabt, so lange ich sie kenne, und da wollen
wir denn kurzen Proceß machen. Ich muß der Sache auf den Grund gehen,
und wenn die Heßberger recht hat, dann sollen mir die beiden Patrone,
der Rath und der Major, vor's Messer.«

»Aber, liebe Madame Müller,« sagte Baumann kopfschüttelnd, während seine
Frau aufstand und in die Küche ging, »wegen eines solchen Klatsches
wollen Sie vor Gericht? Wenn Sie meinem Rathe folgen, so lassen Sie die
Hände davon, denn dabei kommt nichts heraus, als höchstens Lauferei und
Geldkosten. Kennen Sie denn den Rath Frühbach?«

»Ich? In meinem ganzen Leben hab' ich den Menschen nicht gesehen.«

»Nun ja, der ist aber in der ganzen Stadt dafür bekannt, daß er die
Leute auf der Straße anfällt und todtschwatzt.«

»Aber dann soll er mir nicht in's Haus kommen, und Ihnen kann es auch
nicht recht sein, Baumann, daß er von Ihrer Schwägerin solche Sachen
erzählt.«

»Liebe Madame Müller,« sagte Baumann und sah sich vorher im Zimmer um,
ob seine Frau nicht da wäre, »von meiner Schwägerin wollen wir nicht
weiter reden; die schwatzt auch mehr, als sie verantworten kann, wenn
ich auch nicht gerade glaube, daß sie das gesagt hat, und noch weniger
zum Rath Frühbach. Die Heßberger hat ein böses Mundwerk, und je weniger
ich von ihr zu sehen bekomme, desto lieber ist es mir -- wenn ich's auch
meine Alte nicht gern merken lasse, da es ihr weh thut.«

»Nun ja, es sind Schwestern,« sagte Madame Müller; »so ungleich habe ich
aber noch gar keine Schwestern gesehen -- im ganzen Leben nicht. Ihre
Frau ist eine brave, ordentliche Hausfrau, und die Heßberger -- na, ich
will mir das Maul nicht verbrennen. Hat sie mich aber wirklich auf eine
solche gemeine Weise hinter meinem Rücken schlecht gemacht, dann soll
sie auch dafür bezahlen, und hat sie's nicht, gut, dann kriegen wir den
Rath, denn Einer von Beiden hat gelogen, und bei der Müllern sind sie
nur unglücklicher Weise gerade an die Unrechte gerathen. =A propos=, wo
wohnt der Herr Witte?«

Der alte Baumann sah Fritz an, der wie auf Kohlen saß und nur
das Aufhören des Regens erwartete. Was interessirte ihn der
Alteweiberklatsch! Der wollte jetzt hinüber, und wenn ihm die Frau
Müller in die Quere kam, war nichts zu machen -- die mußte er deshalb
noch eine Weile zurückhalten.

»O, gar nicht weit von hier,« sagte er nach einer kleinen Pause; »aber
jetzt können Sie ihn nicht sprechen, Madame Müller. Der Mann hat so viel
zu thun, daß er nur in bestimmten Stunden Fremde annimmt. Weißt Du, in
welcher Zeit das ist, Fritz?«

»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte Fritz, dem selber nichts daran lag,
daß ihm die Frau jetzt zuvorkam. »Vor halb Eins ist er, glaub' ich,
nicht zu sprechen.«

»Gut, dann geh' ich um halb Eins hin,« nickte die Frau, die sich nun
einmal von ihrem Vorsatz nicht abbringen ließ.

»Dann bleiben Sie aber so lange bei uns, Madame Müller,« sagte Baumann,
»und essen mit uns, was da ist -- viel wird's so nicht geben, und ich
glaube, meine Frau ist auch deshalb schon hinaus in die Küche gegangen.«

»Schön, Herr Baumann, von Ihnen nehm' ich das an, denn ich weiß, Sie
meinen's genau so, wie Sie's sagen.«

»Ich glaube nicht, daß mich schon Jemand anders gefunden hat.«

»Nein, gewiß nicht -- also, es bleibt dabei; und indessen trocknet mir
auch die Fahne ein bischen ab, daß ich nicht gar so schlumpig aussehe,
wenn man zu fremden Leuten kommt.«

»Na, Fritz, dann könntest Du wohl indessen Deinen Weg abmachen,« wandte
sich der Alte jetzt an diesen, »und vielleicht bist Du zum Essen wieder
hier -- Du müßtest denn gleich eingeladen werden,« setzte er mit einem
eigenthümlichen Lächeln hinzu.

»Wo will denn der Fritz hin, er ist ja in seinem Sonntagsstaat?«

»O, nur zu einem Professor wegen Instrumente,« meinte der Vater; »der
Regen hat ja auch jetzt aufgehört, und da oben guckt schon wieder der
blaue Himmel durch. Das war aber ein Wetter!«

Ein eigenes, schelmisches Lächeln flog über die Züge des jungen Mannes,
als er eben an seinen Professor dachte. Aber der Vater hatte Recht, denn
wenn er gehen wollte, war es besser, er ging gleich, und ließ sich nicht
von der alten Frau Müller zuvorkommen, da er doch den alten Staatsanwalt
selber gern einmal vorher gesprochen hätte. Wo war nur die Mutter
hingerathen? Er suchte sie draußen in der Küche, konnte sie aber auch
dort nicht finden; er hätte gern Abschied von ihr genommen, da er einen
so wichtigen Schritt seines Lebens thun wollte -- aber er sah sie ja
auch gleich nachher.

»Also, Vater, ich gehe jetzt,« sagte er, auf diesen zugehend und ihm die
Hand reichend -- der alte Baumann wischte aber die seinige erst an einem
dort liegenden Tuche ab -- »und so wie ich etwas Genaueres erfahre,
komme ich her und theile es Euch mit.«

»Schön, mein Junge,« schmunzelte der Alte, »und -- grüß' mir Deinen
Professor,« setzte er hinzu, »und sag' ihm -- wenn Ihr Euch über die
Arbeit einigt, natürlich --, er möchte doch auch einmal zu mir herüber
in die Werkstätte kommen -- verstanden?«

»Gewiß, Vater,« sagte Fritz, während ihm das Blut in die Schläfe stieg,
»und hoffentlich einigen wir uns ja. Grüß' die Mutter noch einmal --
Adieu -- Adieu, Madame Müller!« Und rasch wandte er sich und schritt zur
Thür hinaus.




5.

Die Werbung.


Es war doch ein ganz eigenes, beklemmendes Gefühl, mit dem Fritz die
Werkstätte durchschritt; denn wenn er sich die Sache bis dahin auch in
den rosigsten Farben ausgemalt hatte, so fing ihm das Herz jetzt, da er
sich der Entscheidung gegenüber sah, merkwürdig an zu schlagen und zu
klopfen, und er war eigentlich ganz zufrieden damit, daß er an der auf
die Straße hinausführenden Thür noch einen Augenblick halten mußte,
um das Regenwasser erst ein wenig ablaufen zu lassen, denn wie
ein Sturzbach kam es noch die Straße nieder. Das ging aber doch
verhältnißmaßig rasch, denn da kein neuer Zufluß mehr kam, hatten sich
die Dächer bald geleert, und die Schleusen sogen genug davon ein, um
wenigstens die Trottoirs frei zu machen.

Der Weg war auch nicht so weit; gleich in der andern Straße wohnte
der Staatsanwalt, und mit einem unwillkürlich aus tiefster Brust
heraufgeholten Seufzer schritt jetzt Fritz Baumann seinen Weg entlang.
Allerdings war er noch immer unschlüssig, wie er es machen, ob er zuerst
Ottilie selber oder lieber ihren Vater aufsuchen solle. Der alte Witte,
das wußte er, hatte ihn gern und sich oft mit ihm über seine künftigen
Pläne und Aussichten unterhalten. Aber nützte ihm das bei der Tochter?
Wenn ihn Ottilie wirklich liebte, brauchte es da der Zureden des Vaters?
Und doch beschlich ihn wieder ein recht fatales Gefühl, wenn er an das
dachte, was sein eigener Vater vor wenigen Minuten zu ihm gesagt. Es war
nur zu wahr, daß eine Menge adeliger Herren mit dem Hause verkehrten,
und als er am Abend jenes Balles unter den erleuchteten Fenstern
vorüberging, gab es ihm selber einen Stich durch's Herz. Aber damals
konnte sie ihn eigentlich noch gar nicht einladen, und wie lieb hatte
sich Ottilie gegen ihn gezeigt, ja, wie deutlich bewiesen, welchen
Antheil sie an ihm nehme, als er ihr an jenem Tage mittheilte, daß er
selbstständig geworden. War ihr in jenem Augenblick das Blut nicht in
einem wahren Strom in die Schläfe gestiegen, und wie gut, wie herzig
hatte sie dabei ausgesehen! Daß auch gerade damals der alberne
Ballbesuch kam -- er war so auf dem besten Wege gewesen und hätte
vielleicht damals schon die Gewißheit seines Glückes bekommen.

Aber es war selbst jetzt noch nicht zu spät, und heute, besonders
unmittelbar nach dem schlechten Wetter, kaum eine Störung zu befürchten.
Er wollte es auch ganz dem Zufall überlassen, mit wem er zuerst sprach,
mit dem Vater oder der Tochter, wen er zuerst traf -- nur nicht mit der
Mutter, denn zu der hatte er selber kein rechtes Vertrauen und nie recht
warm in ihrer Gegenwart werden können.

Aber, lieber Gott, wie rasch ihm diesmal die Zeit verflossen war! Er
befand sich schon im Hause, schon auf der Treppe, ehe er nur eigentlich
selber wußte, wie er dahin gekommen. Und wie schwer ihm die Füße wurden,
als er die Stufen hinanstieg, so merkwürdig schwer, und sonst war er sie
so leicht hinaufgesprungen! Aber es konnte nichts mehr helfen; er mußte
vorwärts. Wie hatte er sich auch nach dem Augenblick gesehnt! Jetzt war
er ja da, und er selber nur thöricht und zaghaft, wenn er sich davor
fürchtete. Er stieg auch mit festen Schritten die wenigen Stufen hinan,
die ihn noch von dem Vorsaal trennten, und wollte sich eben entschlossen
nach links wenden, wo er Ottiliens Zimmer wußte, als der Staatsanwalt
selber von dort herauskam und auf seine eigene Stube zuging. Als er den
jungen Mann bemerkte, rief er freundlich aus:

»Ah, lieber Baumann, wollen Sie zu mir? Kommen Sie hier herein!« Und
damit, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schritt er in sein Büreau,
dessen Thür er hinter sich offen ließ.

Fritz Baumann konnte jetzt gar nicht anders, als ihm folgen, und nahm
das für einen Fingerzeig, denn ein wenig abergläubisch sind wir ja
Alle mit einander. Er sollte zuerst mit dem Vater sprechen, und es war
vielleicht auch besser so.

Vorn im Büreau saßen und standen fünf verschiedene Schreiber in einem
nicht überhellen Gemach; die Leute kritzelten mit ihren Federn und
warfen kaum einen Blick darüber hin nach dem Eingetretenen. Ihr Chef war
gerade wiedergekommen, und der mußte sie thätig bei der Arbeit finden.
Gleich dahinter hatte der Staatsanwalt sein Privatzimmer, und als
Fritz Baumann das hinter demselben her betrat, drückte er die Thür in's
Schloß, denn die Schreiber brauchten gerade nicht zu wissen, um was es
sich hier handle.

»Nun, mein lieber Baumaun,« sagte der Staatsanwalt in seiner cordialen
Weise, »was führt Sie zu mir? Setzen Sie sich -- Sie rauchen doch?«

»Ich danke freundlichst -- heute nicht,« lehnte der junge Mann ab.

»Heute nicht?« lachte Witte, indem er sich die eigene Cigarre anzündete.
»Es ist doch nicht etwa Ihr Geburtstag oder sonst eine feierliche
Gelegenheit?«

»Lieber Herr Witte,« sagte Fritz, dem es jetzt fast die Kehle
zusammenschnürte, »ich -- bin allerdings aus einer ganz eigenthümlichen
Ursache zu Ihnen gekommen.«

»So? Na, da lassen Sie einmal hören. Wie mir Ottilie neulich sagte, sind
Sie ja jetzt Ihr eigener Herr geworden, wie?«

»Allerdings, und das -- auch eigentlich die Ursache, weshalb ich zu
Ihnen komme...«

»So? Doch keine Schwierigkeiten in der Stadt? Die wollten wir bald klar
bekommen.«

»Nein, Herr Witte -- eine -- Familienangelegenheit....«

»Eine Familienangelegenheit?« sagte der Staatsanwalt etwas gedehnt,
und zum ersten Mal flog sein Blick über des jungen Mannes sonntägliche
Kleidung; auch die Glacéhandschuhe war er nicht an ihm gewohnt. »Und die
betrifft, wenn ich fragen darf?«

»Sie selbst.« -- Fritz war in Gang gekommen, und jetzt half ja doch kein
längeres hinter dem Berge halten.

»Mich selbst?« lachte Witte. »Sie wollen mich doch nicht selbst bei mir
selber verklagen?«

»Nein, Herr Witte,« sagte Fritz ernst, aber freundlich; »aber Ihre
Meinung wollte ich in einer Sache hören, die mich sowohl als Sie
betrifft.«

»Und die wäre?« fragte Witte, und sein erster Verdacht wurde durch die
Aeußerung nur bestärkt -- er hatte einen Freiwerber vor sich.

»Ich wollte Sie um die Hand Ihrer Tochter bitten,« platzte denn auch der
junge Baumann ohne Weiteres heraus.

»Alle Wetter!« rief Witte erstaunt. »Und haben Sie mit Ottilien schon
darüber gesprochen?«

»Nein, Herr Witte; ich bin allerdings deshalb heute herübergekommen,
aber da ich Sie zuerst traf, hielt ich es für besser, vorher Ihre
Meinung darüber zu hören. Ich brauche Ihnen auch nicht zu sagen, daß ich
den Schritt genügend vorbereitet thue. Ich kann Ottilien eine zwar nur
bescheidene, aber vollkommen ausreichende Existenz bieten und sie von
allen Nahrungssorgen fern halten, ja, ihr aus eigenen Mitteln, ohne
irgend eine Mitgift zu beanspruchen, auch noch manche Bequemlichkeit
bieten. Mit nur einigermaßen bescheidenen Ansprüchen reichen wir dann
sicher aus, denn ich habe jetzt schon, besonders von auswärts, so viele
ehrenvolle Aufträge und Arbeiten bekommen, daß ich, wenn sich dieselben
nicht einmal steigern, schon jetzt genöthigt bin, einige Gehülfen
anzunehmen.«

»Lieber Baumann,« sagte der Staatsanwalt, der bei den letzten Worten
still und nachdenkend vor sich niedergesehen hatte, »ich weiß, daß Sie
ein braver, tüchtiger Mann sind, kenne Sie auch die langen Jahre und
habe Sie von Herzen gern. Ihr Vater ist ebenfalls ein braver, geachteter
Bürger in der Stadt....«

»Aber?« sagte Fritz und sah erwartungsvoll zu ihm auf.

»Erwarten Sie kein Aber von meiner Seite,« fuhr jedoch der Staatsanwalt
mit dem Kopf schüttelnd, fort. »Hätten Sie mit Ottilien schon gesprochen
und ihr Jawort erhalten, so würde ich selber gegen ihre Wahl nichts
einzuwenden haben, ja, aufrichtig gesagt, wären Sie mir, mit Ihrem
einfachen, anspruchslosen Wesen, lieber als vielleicht mancher andere
Schwiegersohn. Das Aber liegt allein bei meiner Tochter, und mit
der müssen Sie vorher darüber in's Klare kommen; denn das werden Sie
keinesfalls von mir erwarten oder wünschen, daß ich meinem Kind in einer
so wichtigen Sache zureden oder sie gar bereden solle.«

»Lieber Herr Witte, Sie glauben mir wohl, daß ich an etwas Aehnliches
nicht gedacht habe.«

»Gut, dann gehen Sie hinüber zu meiner Tochter und fragen sie selber.
Sie treffen es günstig, denn sie ist gerade ganz allein. Aber Eins
beantworten Sie mir erst: Haben Sie irgend eine -- wie soll ich gleich
sagen -- eine gegründete Ursache, zu glauben, daß Ottilie Sie wirklich
liebt?«

»Bester Herr Witte....«

»Ich will es nicht meinetwegen wissen, lieber Baumann, denn das ist Ihre
Sache; aber ich sage Ihnen ganz aufrichtig, daß meine Idee, wenn ich
überhaupt einmal an etwas Derartiges dachte, nach einer andern Richtung
hin lag. Ich glaubte, Ottilie hätte eine Neigung nach einer andern Seite
gefaßt. Aber, lieber Gott, wer kennt ein Mädchenherz aus, und noch dazu
ich, der ich mir die Stunden abstehlen muß, die ich in meiner Familie
zubringe!«

»Nach anderer Richtung hin?«

»Ich sage Ihnen, es ist das nur eine Vermuthung, und nichts, gar
nichts, worüber ich selber mit mir in's Klare gekommen wäre. Sie waren
Spielgefährten zusammen....«

»Ja, und immer, seit der Zeit, habe ich Ottilie im Herzen getragen.«

»Also wirklich eine erste Liebe? Aber haben Sie noch nie eine Andeutung
davon gegen sie fallen lassen?«

»Neulich, als ich sie zum letzten Male sprach.«

»Und was sagte sie da?«

»Wir wurden gestört -- es kam Besuch -- es war unmittelbar nach dem
Ball, den Sie damals gaben. Aber wenn ich nach ihrem Erröthen und dem
Ausdruck ihrer lieben Züge gehen darf, so ist sie mir gut.«

»Na, dann versuchen Sie Ihr Glück in Gottes Namen,« nickte der
Staatsanwalt; »der Henker soll aus dem Mädchen klug werden! Von mir
haben Sie auch keinen Widerspruch zu fürchten, wobei ich jedoch nicht
eben so sicher für die Mutter einstehen möchte. Aber das läßt sich am
Ende auch überwinden, und wenn sich ihr Kind glücklich darin fühlt, wird
sie auch nichts dagegen haben dürfen.«

»Mein lieber Herr Witte, wie herzlich danke ich Ihnen....«

»Noch haben Sie für gar nichts zu danken, lieber Baumann,« sagte der
alte Herr; »denn hoffentlich halten Sie mich doch für einen vernünftigen
Mann, der sein Kind eben so gern, oder noch ein groß Theil lieber einem
braven Techniker, als irgend einem vornehmen Flieg' in die Luft giebt.
Reden Sie mit dem Mädel, und wenn Ottilie damit einverstanden ist
und Sie so lieb hat, wie -- ich es eigentlich wünsche, dann in Gottes
Namen!«

Damit drückte er dem jungen Manne herzlich die Hand und öffnete ihm
selbst die Thür, und Fritz flog mehr als er ging -- sehr zum Erstaunen
der Schreiber -- durch die Stube und über den Vorsaal hin.

Fritz klopfte herzhaft an -- jetzt war der Bann gebrochen, und als er
nach einem rasch folgenden »Herein!« die Thür öffnete, kam ihm Ottilie
schon auf halbem Weg entgegen, und es war fast, als ob sie die Hand nach
ihm ausstrecke. Aber wie verlegen wurde sie, als sie den jungen Baumann
erkannte und stotterte:

»Entschuldigen Sie, Herr Baumann, ich dachte -- es ging gerade Jemand --
eine Freundin von mir -- unten vorüber, und ich -- glaubte, sie wäre zu
mir heraufgekommen.«

»Und bekomme ich keine Hand, Fräulein Ottilie?«

»Gewiß, warum nicht?« sagte das junge Mädchen, aber immer noch befangen,
indem sie ihm die Hand reichte. Sie wußte auch dabei gar nicht, wie
sonderbar ihr der junge Mann heute vorkam, ganz anders als sonst -- und
was wollte er nur? Eine Arbeit war doch nicht bestellt worden.

Fritz aber, dem ihre Verlegenheit nicht entgehen konnte, fuhr rasch
fort: »Es thut mir leid, Fräulein Ottilie, daß Sie durch mein Erscheinen
vielleicht enttäuscht wurden. Soll ich aber aufrichtig sein, so bin ich
froh, daß Sie jetzt keinen Besuch bekommen haben, denn ich möchte ein
paar Worte mit Ihnen reden -- Sie um etwas fragen.«

»Mich?«

»Ja.«

»Nun, wenn ich Ihnen in irgend etwas Auskunft geben kann, von Herzen
gern.«

»Erinnern Sie sich noch der Zeit, Fräulein Ottilie, wo wir zusammen
spielten und als Kinder so fröhlich mit einander waren?«

»Sie holen weit aus; aber ich dächte, Sie hätten mich neulich schon
darum gefragt. Gewiß, und weshalb nicht?«

»Wissen Sie noch, was wir damals spielten, Ottilie?«

Ottilie erschrak. Bei ihrem bloßen Vornamen hatte sie Baumann seit
jener Zeit nie wieder genannt, und sie erinnerte sich auch, was sie
hauptsächlich zusammen gespielt hatten: Braut und Bräutigam. Jetzt wurde
ihr klar, was ihr früherer Spielgefährte von ihr wollte, weshalb er so
feierlich auftrat. Wieder erblaßte sie auch und wurde dann feuerroth,
fühlte aber zu gleicher Zeit, daß sie jeder Erklärung, so lange es noch
Zeit war, zuvorkommen müsse, und sagte rasch:

»Lieber Himmel, Herr Baumann, was spielen Kinder nicht oft mit einander!
Aber die Zeiten sind jetzt vorüber, Sie ein gereifter Mann geworden,
ich bin ebenfalls aus den Kinderschuhen gewachsen; lassen wir die alten
Sachen ruhen. Was wollen Sie mich denn fragen? Sie entschuldigen, ich
muß zum Vater hinüber.«

»Ihr Vater schickt mich gerade zu Ihnen.«

»Mein Vater? Aber weshalb?«

»Ich kann nicht lange Worte machen, Ottilie,« brach jetzt Baumann durch
alle Hindernisse. »Schon neulich sagte ich Ihnen, daß ich selbstständig
geworden sei und jetzt beabsichtige, einen Hausstand zu gründen. Wollen
Sie mir darin helfen? Wollen Sie mein Weib werden? Seit meiner frühesten
Jugend trage ich Sie im Herzen, nie hat der Gedanke an ein anderes
Wesen meine Brust erfüllt. Sehen Sie den Groschen hier, den Sie mir vor
einiger Zeit gaben? Wie ein Heiligthum trage ich ihn seitdem auf meinem
Herzen. Ich weiß,« fuhr er bewegt fort, als Ottilie erbleichend schwieg,
»ich bin nicht aus vornehmem Stand, und Glanz und Rang kann ich Ihnen
nicht bieten, aber ein treues Herz, Ottilie, und einen geachteten,
ehrlichen Namen. Mein Auskommen habe ich auch; Sie sollen wahrlich an
meiner Hand weder Noth noch Sorge kennen lernen, und wenn Ihr Herz nur
ein klein wenig...«

»Halten Sie ein, Herr Baumann,« unterbrach ihn Ottilie mit fast
tonloser, aber doch vollkommen deutlicher Stimme, »Gehen Sie nicht
weiter und hören Sie mich erst an.«

Baumann erschrak wirklich über die Blässe, die plötzlich alle Farbe aus
ihren Wangen trieb, nur ihre Augen hatten einen ganz merkwürdigen Glanz
angenommen, aber ihr Ausdruck war nicht mehr so freundlich, als vorher.
Das Mädchen jedoch, während sie sich mit der Hand an dem nächsten Tisch
stützte, fuhr mit immer fester werdender Stimme fort:

»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich zu setzen scheinen.
Man sagt ja, daß ein jeder solcher Antrag ein junges Mädchen ehrt, und
ich darf mich deshalb nicht gekränkt dadurch fühlen. Was aber Ihre Liebe
betrifft, so thut es mir leid -- ich kann sie nicht erwiedern.«

»Ottilie!«

»Es ist nothwendig, daß wir offen gegen einander sind,« fuhr die
Jungfrau fort, und ihr Auge blitzte dabei wie in verhaltenem Zorn,
»schon deshalb nothwendig, um jedes Mißverständniß für die Zukunft
zu vermeiden: nehmen Sie daher die Versicherung, daß ich niemals Ihre
Gattin werden kann und will.«

»Und weshalb nicht, Ottilie?«

»Sie haben kein Recht zu dieser Frage,« erwiederte das junge Mädchen mit
eisiger Kälte. »Wenn ich als Kind nicht den Unterschied kannte, der
uns von einander trennt, so darf man das dem Kinde wohl verzeihen. Sie
werden mir gestatten, daß ich mich jetzt in die Schranken, die mir von
der Gesellschaft geboten sind, zurückziehe.«

Baumann sah das junge, wirklich selbst in ihrem Zorn bildschöne Mädchen
groß und fast erstaunt an. Das war kein liebes, sanftes Herz, wie er
es sich in dieser Brust gedacht; das war nichts als eitler Stolz und
Hochmuth, der diese Worte sprach, und die Jungfrau, wenn sie auch ihre
Worte milderte, stand ihm in der That genau so gegenüber, als ob er sie
auf das Tödtlichste beleidigt hätte. Ihm selber stieg jetzt das Blut in
die Stirn, denn er schämte sich der Rolle, die er hier spielte, obgleich
er in der ehrlichsten Absicht hergekommen. Das war nicht die Tochter
ihres Vaters, das war die Tochter ihrer Mutter, und wie er nur
fühlte, daß hier jedes weitere Wort vergeblich sei, ja, seine Lage nur
unangenehmer machen konnte, sagte er artig, aber jetzt ebenfalls nur
kalt und höflich:

»Fräulein Ottilie, ich muß Sie um Verzeihung bitten, ich wußte nicht,
daß Ihr Verstand schon so vollständig Ihrem Herzen über den Kopf
gewachsen war. Ich bin mir jetzt unserer beiderseitigen Stellung bewußt,
und seien Sie versichert, ich werde Ihnen nie wieder lästig fallen.«

Ottilie wurde blutroth. Das klang wie ein Vorwurf, und während sie
vielleicht fühlte, daß sie ihn verdient hatte, empörte sich doch auch
wieder ihre Eitelkeit dagegen, auch nur Aehnliches von dem _Handwerker_
zu ertragen. Fritz Baumann ließ ihr aber keine Zeit, zu irgend einem
Entschluß zu kommen. Er verbeugte sich kalt -- sein Hut stand neben ihm
auf dem Tisch --, und wenige Secunden später schloß sich die Thür hinter
ihm.

Fritz Baumann dachte auch nicht daran, den Staatsanwalt wieder
aufzusuchen. Er konnte ihn jetzt nicht sprechen, denn die Thränen
standen ihm in den Augen, und Hals und Kehle waren ihm wie zugeschnürt.
Aber nicht der Schmerz um eine verlorene Geliebte trieb ihm das Wasser
zwischen die Wimpern, sondern weit mehr verletztes Ehrgefühl.

Ottilie verachtete in ihm den Handwerker, der es gewagt hatte, zu
ihr, der vornehmen Dame, die Augen zu erheben, und was war sie? Eines
Advocaten Tochter, eines Bürgers der Stadt, wie sein alter, braver, von
Allen geachteter Vater ebenfalls Bürger war. Er biß die Zähne zusammen
und stieg langsam die Treppe hinab.

»Ein Korb,« murmelte er dabei, »ein Korb in aller Form, und _wie_
ertheilt -- so höhnisch, so kalt, so herzlos!« Was war ihr der
Jugendgespiele, was die Liebe, die er für sie im Herzen trug!

So schritt er über die Straße hinüber, so die Bahn entlang nach seines
Vaters Hause, und erst als er dort auf der Schwelle stand, zögerte er
wieder, denn er schämte sich, dem alten Mann unter die Augen zu treten.
Hatte der es ihm nicht vorausgesagt? Aber das konnte er nicht wissen;
kein Mensch konnte hinter so lieben, treuen Augen solche Eitelkeit, eine
so herzlose Brust vermuthen. Und wie würde jetzt das überstolze Mädchen
auf ihn herabsehen, wenn sie ihm je wieder begegnete! Und konnte er sie
denn hassen? Er schüttelte traurig vor sich hin den Kopf. Ach, zu lange
hatte er jenes selige Gefühl der Liebe mit sich herumgetragen, um es
jetzt so rasch und plötzlich gegen Haß umzutauschen!

Aber da war er an der Schwelle, ja, er stand in der Werkstatt, ehe er es
selber recht wußte. Und sollte er hineingehen?

Die Stube öffnete sich, und Madame Müller, die indessen die ganze Zeit
hier gesessen hatte, kam heraus. Sein Vater begleitete sie an die Thür.

»Sie können gar nicht fehlen, Madame,« sagte er; »links gehen Sie
hinunter, und dann biegen Sie rechts hinein in die erste Straße. Es muß
etwa das sechste oder siebente Haus sein; Sie sehen schon das kleine
Porzellanschild an der Thür unten: »Staatsanwalt Witte.« Wenn Sie es
denn nun einmal nicht anders haben wollen; aber ich an Ihrer Stelle...
Holla, Fritz, schon wieder da? Junge, das ist schnell gegangen, fast ein
bischen zu schnell,« setzte er langsamer hinzu. »Na, komm nur herein; es
ist beinahe, als ob ich heute meinen Ambos gar nicht wieder warm kriegen
sollte.«

Madame Müller grüßte, griff ihren, indeß vollständig abgelaufenen
Regenschirm wieder auf und verließ das Haus, während Fritz langsam dem
Vater in die Stube folgte.

»Wo ist die Mutter, Vater?«

»Weiß der liebe Gott, was sie vorhin angewandelt,« sagte der Alte; »sie
wurde auf einmal unwohl, und hat sich auf ihr Bett gelegt. Ach, das geht
rasch vorüber! Wenn man in die Jahre kommt, packt Einen manchmal so
'was ganz plötzlich, dauert aber gewöhnlich nicht lange. Mir wurde auch
neulich einmal sehr schlecht, wie ich den drei Centner schweren Krahn
auf den Wagen gehoben hatte; aber es ging gleich wieder vorüber.
Altersschwäche, mein Junge, weiter nichts. Aber was ist mit Dir? Du
schneidest gerade so ein Gesicht, als ob Dir der Hafer verhagelt wäre.
Abgeblitzt, heh?«

»Ja, Vater,« sagte Fritz mit fester und entschlossener Stimme, denn
er hätte dem Vater gegenüber nicht einmal Ausflüchte suchen mögen. »Du
hattest recht -- wär' ich Deinem Rath gefolgt!«

»Hm, und was sagte sie?« fragte der Vater, indem er beide Hände vorn in
sein Schurzfell schob.

Fritz sah eine Zeit lang schweigend vor sich nieder. Endlich flüsterte
er: »Sie sagte, Vater, daß sie sich jetzt, wenn wir auch früher als
Kinder mit einander gespielt hätten, in den Schranken halten müsse,
welche die Gesellschaft für sie gezogen.«

»Unsinn,« brummte der Schlossermeister; »das versteh' ich nicht. Was hat
die Gesellschaft mit Eurer Heirath zu thun?«

»Sie meinte damit,« fuhr Fritz finster fort, »daß sie zu vornehm wäre,
um einen Handwerker zu heirathen, wenn Dir das deutlicher ist.«

»Das ist allerdings deutlich genug,« lachte der alte Schlosser ingrimmig
vor sich hin; »aber nicht anders, als ich's mir gedacht hatte. Und die
Mutter war natürlich ganz damit einverstanden?«

»Die Mutter war gar nicht zu Hause.«

»Und der Vater?«

»Ist ein Ehrenmann. Ich sprach mit ihm vorher darüber, und er war
freundlich und gut, und sagte mir, daß er mit Freuden seine Einwilligung
geben würde, wenn die Tochter es wünsche.«

»Also ich hatte wieder einmal recht?«

»Ja, Vater.«

»Armer Junge,« nickte der Vater nach längerer Pause, in der Beide ihren
Gedanken folgten. »Das war freilich ein böser Gang, und ein mäßiger
Amboß ist manchmal leichter zu tragen, als so ein Korb. Aber laß Dir's
nicht leid sein, Fritz. Mir ist dabei, ich gebe Dir mein Wort, eine
Last vom Herzen, denn das Mädel hätte nicht zu Dir gepaßt, und Ihr wäret
Beide für Euer ganzes Leben unglücklich geworden. Gleich und Gleich
gesellt sich gern; aber mit der Familie, den alten Staatsanwalt
ausgenommen, würden wir nie zusammen gegangen sein. Es ist gegen die
Natur; und was wär' das nachher für ein Leben, wenn man nicht einmal den
Sohn in seinem eigenen Hause besuchen dürfte, und die Schwiegereltern
wie Hund und Katze zusammen lebten! Und paßt Du etwa zu Bällen und
großen Mittagsessen, wo eine Menge vornehmes Pack zusammenkommt und
die Handwerker über die Achsel ansieht? Daß sich das Volk selber nicht
ernähren kann, und mit seinem Adelsstolz vom Staate gefüttert werden
muß, sehen sie nicht ein! Das gehört sich, das war in der Weltgeschichte
nie anders; aber der Plebs darf ihnen nicht in die Quere kommen!«

»Wittes sind ja aber doch gar nicht adelig, Vater...«

»Um so viel schlimmer, mein Junge. Mit einem wirklich vornehmen Manne
ist immer leicht verkehren, aber das unausstehlichste Gesindel sind
derlei Bürgerliche, wenn sie sich in den Adel hineindrängen, und die
alte Frau Witte mitsammt ihrer Tochter gehören zu der Race, von der
Frisur oben bis zur Fußspitze hinunter.«

Fritz hatte sich auf einen Stuhl geworfen und stützte den Kopf in die
Hand.

»Und Alles umsonst,« sagte er leise; »wie habe ich gearbeitet und
geschafft, wie gedarbt und gespart, nur immer mit der einen Hoffnung im
Herzen, und jetzt Alles vergebens!«

»Wenn ich nur so 'was nicht hören müßte!« rief der alte
Schlossermeister. »Du redest gerade, als ob Du ein Greis von einigen
achtzig Jahren wärst und Dich nun ganz behaglich in die Grube legen
könntest. Du hast gearbeitet und geschafft, ja, aber nicht für die
stolze Liese, die sich zu gut dünkt, eines braven Mannes Frau zu werden,
sondern für Dich selbst, und was Du gethan und geleistet hast, kommt Dir
jetzt selber zu Gute. Erste Liebe -- ja, prosit die Mahlzeit! Wie wenig
Menschen giebt es auf der Welt, die ihre erste Liebe bekommen! Das ist
die Blüthe am Baume, die Frucht kommt später, und junges Volk glaubt
gewöhnlich, wenn es sich in das erste glatte Gesicht vergafft hat,
daß es sterben und verderben würde und müsse, wenn sie das nicht als
Eigenthum bekämen, 's ist aber nicht wahr, und sie leben ruhig fort, und
finden auch bald eine Andere, die sie eines Besseren belehrt. Glaubst
Du, daß Deine Mutter meine erste Liebe gewesen wäre, oder ich ihre? Gott
bewahre! Ich hatte ein Mädel gern, das mit einer Familie von England
gekommen war, ein blitzsauberes Ding, und ich hätte mich damals mit
Vergnügen für sie todtschlagen lassen. Nachher hat sie den dicken Wirth
in Eichenbach geheirathet und jetzt zehn oder zwölf Kinder, lauter
Jungen, und ich danke meinem Schöpfer noch heute, daß ich Deine Mutter
und nicht sie bekommen habe, denn sie ist ein Drache, und der Skandal im
Hause hört nicht auf, während Deine Mutter und ich in Frieden und Liebe
die langen, langen Jahre verlebt und nie den Tag bereut haben, an dem
wir unsere Hände in einander legten und Ja sagten. Willst Du fort?«

Fritz war aufgestanden und hatte seinen Hut genommen. »Ja, Vater,« sagte
er, »ich will nach Hause und wieder mein Arbeitszeug anziehen, ich werde
die Gedanken sonst nicht los.«

»Da hast Du recht,« nickte der Vater, »das Gescheidteste, was Du thun
kannst, und wenn Du meinem Rathe folgen willst, mein Junge, so freie das
nächste Mal, wie ich um Deine Mutter gefreit habe, nicht in einem
feinen Rock und mit nichtsnutzigen Handschuhen an den Händen, sondern im
Schurzfell. Die Ehen halten nachher, und wenn Ihr Euch Beide lieb habt
in der Arbeit, so habt Ihr Euch auch lieb im Glück und Ueberfluß --
umgekehrt stimmt's nicht.«

»Adieu, Vater!«

»Hast Du denn schon gegessen?«

»Ist mir heute der Appetit vergangen,« sagte der junge Mann, indem er
ohne weiteren Gruß zur Thür hinausschritt.

Der alte Schlossermeister blieb noch eine Weile am Tisch stehen und sah
ihm nach. So lieb es ihm auch sein mochte, daß aus der Verbindung, der
er nie etwas Gutes zugetraut, nichts geworden war, so ärgerte es ihn
doch, daß jenes stolze Ding seinen Fritz so hatte ablaufen lassen.
Aber das dauerte nicht lange; Meister Baumann war kein Charakter, der
stundenlang über geschehene Dinge nachgegrübelt hätte.

»Wetterhexe!« brummte er nur leise in den Bart, dann schob er sich das
Käppchen auf's linke Ohr, und zehn Minuten später schallten die Schläge
seines Hammers wieder so lustig durch die Werkstatt, wie nur je.




6.

Staatsanwalt Witte zu Hause.


Der Staatsanwalt Witte war indessen durch den Antrag des jungen
Technikers ebenso überrascht worden, wie seine Tochter selber, ohne aber
auch nur für Einen Moment seinen praktischen Standpunkt zu verlieren. Er
hatte allerdings keine Ahnung gehabt, daß nach dieser Richtung hin bei
Ottilien eine Neigung im Aufkeimen wäre -- weit eher nach anderer,
und das mußte doch der Fall sein, sonst würde der junge, sonst so
schüchterne Mann nicht gleich mit einem directen Antrage vorgetreten
sein. Aber er wäre nicht böse darüber gewesen, denn er kannte Fritz
Baumann als einen strebsamen, ordentlichen und fleißigen jungen
Techniker, und gegen die Eltern war ebenfalls nichts einzuwenden.
Ein etwas »vornehmerer« Schwiegersohn wäre vielleicht auch ihm recht
gewesen, aber er dachte doch zu vernünftig, um das ein Hinderniß sein
zu lassen, wenn Ottilie selber ihr Glück darin sah -- that sie das aber
wirklich?

Er ging in seinem kleinen Zimmer auf und ab und dachte gar nicht an
Arbeiten, denn wichtigere Dinge kreuzten ihm jetzt das Hirn -- die
Zukunft seines einzigen Kindes. Allerdings wollte die Mutter -- das
wußte er gut genug -- hoch mit ihr hinaus, und ihr wäre eine derartige
Verbindung ein bedeutender Strich durch die Rechnung gewesen; bei ihr
fanden sie deshalb auch gewiß noch hartnäckigen Widerstand -- aber
neigte sich denn nicht Ottilie selber ganz den Ansichten der Mutter, und
sollte sie die so auf einmal und so plötzlich gewechselt haben?

Der Staatsanwalt blieb plötzlich in der Stube stehen. Wenn er nun selber
einmal zu seiner Tochter hinüberging -- aber das verdarb am Ende mehr,
als es gut machte. Er hätte auch nicht einmal zureden können und mögen,
denn -- eine brillante Partie war es immer nicht; aber er würde auch
nicht abgeredet haben. Es war besser, er ließ der Sache eben ihren
natürlichen Lauf.

Draußen auf dem Gang wurde eine Thür geöffnet und hastig wieder
geschlossen; er hörte es deutlich, denn seine eigene, in das
Schreibzimmer führende Thür stand noch offen -- das konnte doch nicht
schon der Brautwerber gewesen sein -- vielleicht seine Frau. Er schritt
hinaus über den Vorsaal in seiner Frau Wohnstube, um dort aus dem
Fenster auf die Straße zu sehen. Wahrhaftig, dort ging der junge Baumann
mit raschen Schritten gerade über den Weg!

»Abgelehnt,« nickte er leise vor sich hin -- »ob ich es mir denn nicht
gedacht habe -- armer Junge -- aber es ist, wie ich gefürchtet: das
Mädel hat, wie man so sagt, große Rosinen im Topfe, und ihre Mama
quellt sie noch auf.« -- Er zuckte mit den Achseln. -- »Ich kann's nicht
ändern, und das Gescheiteste wird sein, ich thue, als ob ich gar nichts
von der ganzen Geschichte wüßte.«

Damit drehte er sich um und glitt wieder -- dieses Mal mit geräuschlosen
Schritten -- in sein Büreau hinüber, wo er sich an sein Pult setzte und
arbeitete. Er wollte das Ganze ruhig an sich kommen lassen.

Eine gute Viertelstunde, vielleicht etwas länger, mochte er so ungestört
geblieben sein, als einer seiner Schreiber den Kopf in die Thür steckte
und sagte: »Herr Staatsanwalt, es ist eine Frau hier, die Sie selber zu
sprechen wünscht.«

»Wer ist es?«

»Die Frau Müller aus Vollmers.«

»Soll herein kommen,« sagte der Staatsanwalt mürrisch; er hatte den Kopf
voll und die Störung war ihm nicht gelegen.

»Guten Tag, Herr Advocat!« sagte Madame Müller, indem sie sich in der
Stube nach einem Platz umsah, wo sie ihren Schirm abstellen konnte, denn
sie brauchte ihre Hände für den Strickbeutel.

»Guten Tag, liebe Frau! Was wünschen Sie?«

»Sehen Sie, Herr Advocat,« sagte Madame Müller, indem sie den Schirm
glücklich hinter dem Sopha anbrachte, »ich bin die Frau Müller aus
Vollmers, und daß mir kein Mensch 'was Böses oder Schlechtes nachsagen
kann, das will ich Ihnen beweisen. Da, hier,« fuhr sie fort, indem sie
ein ganzes Paket Schriftstücke aus ihrem Arbeitsbeutel nahm, »ist mein
Tauf- und Impfschein, mein Confirmations-Zeugniß, mein altes Dienstbuch,
denn ich.....«

»Meine gute Madame,« sagte Witte ruhig, »Sie sind hier mit ihrer
Beschwerde am unrechten Platz. Daß Sie eine brave, rechtliche Frau sind,
glaube ich Ihnen auf Ihr Wort, aber ich habe mit der Sache....«

»Na, aber dann brauchen auch so ein paar alte Schleicher nicht zu mir
in's Haus zu kommen,« rief die Frau entrüstet, »und mir alle möglichen
Grobheiten und Injurien zu sagen!«

»Liebe Madame Müller,« sagte Witte ungeduldig werdend, »Sie sind hier an
den vollkommen unrechten Ort gerathen; denn wenn Sie, wie ich nach Ihren
Reden vermuthen muß, in Ihrem eigenen Hause beleidigt wurden, so gehen
Sie einfach auf die Polizei und beschweren sich dort. Einen Advocaten
haben Sie dazu überhaupt nicht nöthig.«

»Aber ich will einen haben,« sagte die Frau ganz entschieden, »denn wenn
ich gegen ein paar so vornehme Herren auf die Polizei gehe, so steckt
die mit ihnen durch, und Unsereiner kann mit langer Nase wieder
abziehen.«

Witte lachte. »Sie haben gute Ansichten von der Polizei, aber Sie sind
im Irrthum; ob Sie ein Baron oder ein Graf oder wer sonst beleidigt hat,
bleibt dasselbe -- die Gesetze sind für Alle gleich. Aber jetzt, liebe
Madame, bitte ich Sie, mich zu entschuldigen; ich bin sehr beschäftigt
und habe auch mit der Sache gar nichts zu thun. Gehen Sie nur auf die
Polizei.«

»Nein,« sagte die Frau -- »Gott bewahre Einen vor der Polizei! Einen
Advocaten will ich haben, und wenn's auch kein Baron oder Graf war, so
war's doch ein Major und ein Rath, und den Rath besonders, den Herrn
Frühbach, den soll mir der Advocat drangsaliren, daß er schwarz wird!«

»Rath Frühbach -- und ein Major?« sagte Witte, plötzlich aufmerksam
werdend, denn er mußte an den verbissenen Major von Halsen denken. »Wie
hieß der Major?«

»Halsen,« sagte die Frau, »Major von Halsen.«

»Und der soll Sie in Ihrem eigenen Hause beleidigt haben?« sagte der
Staatsanwalt kopfschüttelnd. »Das ist wohl nur ein Irrthum, liebe Frau,
denn der alte Herr kränkelt fortwährend und wäre kaum zu Ihnen nach
Vollmers gekommen.«

»Irrthum? Ja, schöner Irrthum!« rief die Frau. »Kränklich sieht er
aus, denn er humpelte an einem Stock herum. Aber wo soll da ein Irrthum
herkommen, wenn er mir in meinem eigenen Hause sagt -- das heißt, der
Rath, nicht der Major --, das Bild, das über meinem Sopha hängt, wäre
nicht meine Tochter, sondern die Tochter vom Baron von Wendelsheim, und
daß _ich_ die Kinder vertauscht hätte, wo ich den jungen Baron selber
auf meinen eigenen Armen zehn volle Monate herumgetragen und genährt
habe.«

»Von Wendelsheim?« sagte Witte, der schon ungeduldig auf seinem Stuhl
herumgerückt war, jetzt plötzlich aufmerksam werdend. Dahinter stak
wieder der unglückliche Major, so viel war sicher, und hatte jetzt,
wie es schien, seinen tollen Verdacht so weit getrieben, um einen Eclat
herbeizuführen. Witte selber fing aber an, sich nach den Vorgängen von
heute Morgen mehr und näher für den Namen Wendelsheim zu interessiren.
Seine Tochter mußte eine andere Neigung haben, oder sie hätte den
Freier nicht so rasch und entschieden abgewiesen, und er wünschte nun
wenigstens der Klagesache auf den Grund zu kommen, um wo möglich ein
Oeffentlichwerden der fatalen Rederei zu verhindern. Anstatt die Frau
deshalb abzuweisen, legte er die Feder hin, drehte sich auf seinem
Stuhl herum und sagte: »Dann lassen Sie wenigstens einmal hören, was die
Herren von Ihnen gewollt haben; bitte, nehmen Sie Platz und reden Sie
ein wenig leiser.«

Madame Müller verlangte nichts weiter, als einen Platz zum Sitzen und
eine Aufforderung zum Reden, und begann nun auch ohne Säumen mit
ihrer gewöhnlichen Weitschweifigkeit nach allen Himmelsrichtungen hin
auszuholen. Witte war aber nicht der Mann, der ihr das hingehen ließ.
Wie er nur erst einmal herausbekam, worauf es abzielte, hielt er sie
auch in dem Geleise, und wenn sie nach links oder rechts ausbrechen
wollte, schnitt er ihr augenblicklich den Faden ab und brachte sie
wieder in die richtige Bahn. So hatte er denn auch nach einer kleinen
halben Stunde, denn die Zeit gebrauchte Madame Müller doch, um
sich gehörig zu entwickeln, nicht allein den größten Theil
ihrer Lebensgeschichte -- so weit sich dieselbe nämlich auf das
Wendelsheim'sche Haus und die spätere Zeit bezog --, sondern auch die
genauen Vorgänge jenes Morgens erfahren, wo der Major und der Rath
Frühbach so schmählich abgefahren waren. Wiederholt producirte dabei
Madame Müller jenen ganzen Stoß von Papieren, der ihre Unschuld
bekräftigen sollte, wenn der Staatsanwalt überhaupt noch an derselben
gezweifelt hätte. Witte wies sie jetzt auch nicht ganz zurück, sondern
blätterte sie durch, um den Tag zu erfahren, an welchem sie damals
zuerst in Wendelsheim'sche Dienste, und zwar als Amme, eingetreten war;
das Datum notirte er sich und schnürte das Paket dann wieder zusammen.
Uebrigens stimmte dasselbe genau mit ihrer Angabe, und das wußte er
schon selber aus früheren Nachforschungen, daß die Frau wirklich erst
in der Nacht, und zwar mehrere Stunden nach der Geburt des Kindes, durch
den herrschaftlichen Kutscher in einem verschlossenen Wagen aus ihrem
Heimathsort abgeholt worden sei und die Wartung des Säuglings dann
übernommen habe. Die Madame Müller machte dabei den Eindruck einer zwar
etwas derben und überschwatzhaften, aber doch grundehrlichen Frau, und
der Staatsanwalt mußte nur im Stillen für sich lachen, wenn er sich die
Scene dachte, wo Frühbach und der Major einen Angriff auf sie versucht
hatten, es natürlich so ungeschickt als möglich anfingen und mit einem
Donnerwetter und völlig geschlagen wieder abziehen mußten. So gern er
aber dem Major sowohl wie dem Rath eine kleine Lection gegönnt hätte,
die nicht ausblieb, wenn die Sache vor Gericht kam, so durfte er es doch
nicht so weit gehen lassen, schon des unausbleiblichen Geredes wegen,
das darüber entstanden wäre. Er freute sich jetzt ordentlich, die Frau
nicht gleich abgewiesen zu haben, und es galt jetzt nur, sie von ihrer
Klage abzubringen. Uebrigens zeigte sich das gar nicht so leicht, denn
Madame Müller hatte einen ganz entschiedenen Charakter wie ihren eigenen
Kopf, und Witte wurde deshalb höflich.

»Liebe Madame,« sagte er, als sie ihren letzten Satz damit schloß, daß
er jetzt eine ordentliche und tüchtige Klage gegen die »beiden Subjecte«
aufsetzen solle -- »die Anklage oder Verdächtigung der beiden Herren ist
viel zu ungeschickt und leer, als daß Sie darauf das geringste Gewicht
legen könnten -- kein vernünftiger Mensch wird deshalb etwas Derartiges
von Ihnen glauben.«

»Und deshalb sollen sie mir gerade an's Messer,« sagte Madame Müller,
indem sie auf ihren Strickbeutel klopfte: »da drinnen steht's, daß
ich mir von solcher -- Bagage meinen ehrlichen Namen nicht brauche
verschimpfiren zu lassen!«

»Davon rede ich nicht,« sagte der Staatsanwalt, »das ist eine Sache, die
sich von selbst versteht; aber Sie sehen mir gerade so aus, als ob Sie
auch praktischer Natur wären -- hab' ich nicht recht?«

»Na, ich sollte denken,« sagte die Frau, »wenn man sich einmal so lange
in der Welt herumgetrieben hat....«

»Nun gut, dann müssen Sie sich doch auch von einer solchen Klage einen
praktischen Nutzen versprechen, nicht wahr?«

»Ich will nichts für mich davon haben,« sagte die Frau, die ihn falsch
verstand; »nur die Beiden sollen abgestraft werden, wie sich's gehört
und wie sie's verdient haben.«

»Das meine ich nicht,« sagte kopfschüttelnd Witte; »Sie selber haben
natürlich nichts davon, als Lauferei und Unannehmlichkeiten, und das
wäre das Wenigste, denn denen muß sich jeder unterziehen, der vor
Gericht geht. Aber um ganz reine Sache zu haben und die Schuld allein
auf Ihre Gegner zu wälzen, fürchte ich, sind Sie schon gleich von Haus
aus zu weit gegangen.«

»Ich -- wie so denn?«

»Sie scheinen mir etwas heftiger Natur, und wie ich vorhin aus Ihrer
ganzen Erzählung vernommen, haben Sie den Herren nicht allein tüchtig
die Wahrheit gesagt -- dagegen ließe sich nichts einwenden --, sondern
Sie haben auch Schimpfworte wie Schafskopf und dergleichen gebraucht
und dadurch eine Beleidigung nicht allein erlitten, sondern auch gleich
erwiedert.«

»Aber der Henker soll da ruhig bleiben, wenn Einem in seinem eigenen
Hause...«

»Ich gebe Ihnen ganz recht, verehrte Frau -- in meinen Augen sind
Sie vollkommen entschuldigt und wir Alle hätten unter ähnlichen
Verhältnissen vielleicht das nämliche gethan; aber die Gesetze sind
darin außerordentlich streng, und bedenken Sie selber, wie das aussehen
würde, wenn Sie Jemanden gerade eines Vergehens wegen anklagen wollten,
das Sie ebenso gegen ihn verübt.«

»Ach bah -- was ist denn das, wenn ich einen Menschen einen Schafskopf
nenne?«

»Bitte um Verzeihung, Madame, einen gewöhnlichen Menschen vielleicht
nicht, aber bedenken Sie, einen Rath! Sie beleidigen dadurch nicht
allein den Mann, sondern den Staat, ja, den König selbst, der ihn zum
Rath gemacht hat, denn Sie sagen damit, daß er einen Schafskopf zum Rath
ernannt habe.«

»Na, und das kommt wohl nicht vor?«

Witte zuckte die Achseln. »Wir dürfen es aber nicht aussprechen,« sagte
er, »und Sie könnten in den Fall kommen -- und kommen sicher hinein --,
daß Sie den Herren noch öffentlich Abbitte thun müßten.«

»Und das nennen Sie Gerechtigkeit?« rief Madame Müller, den Arm
entrüstet in die Seite stemmend. »Der Wurm krümmt sich, wenn er getreten
wird, und eine arme, alleinstehende Frau, die nichts hat, als ihre
Zunge, soll noch nicht einmal Schafskopf damit sagen dürfen?«

»Und auf was wollen Sie eigentlich klagen, Madame Müller? Der Herr Rath
hat behauptet, daß das Bild in Ihrer Stube nicht das Ihrer Tochter,
sondern einer Tochter des Barons von Wendelsheim wäre. Gut, das ist aber
noch immer keine Beleidigung, sondern nur ein Irrthum.«

»Aber der Baron hat ja gar keine Tochter, und er meinte damit...«

»Was er damit meinte, können wir Beide nicht wissen, und noch weniger
das Gericht. Wir vermuthen allerdings, was er damit meinen konnte; aber
darauf läßt sich keine Klage basiren.«

»Aber er sagte mir auch direct auf den Kopf zu, ich hätte die Kinder
umgetauscht.«

»Das wäre allerdings eher ein Grund, um klagbar aufzutreten; aber
erinnern Sie sich noch ganz genau der Worte? Bedenken Sie wohl, so
genau, daß Sie dieselben auch beschwören können; denn es wäre ja wohl
sehr leicht möglich, daß er eine Vertauschung behauptet und Sie dabei
genannt habe, ohne gerade zu sagen, daß Sie die eigentliche Person
wären, welche die Vertauschung bewirkt hätte. Auf das Setzen der Worte
kommt hier Alles an. Können Sie sich noch genau darauf besinnen?«

»Ja, Du lieber Gott,« sagte Madame Müller, doch jetzt stutzig gemacht,
»es sind nun zehn oder zwölf Tage darüber hingegangen -- den Sinn weiß
ich noch genau, und der war so...«

»Wie Sie ihn nämlich verstanden haben.«

»Nun natürlich -- aber die einzelnen Worte, wer kann die so lange und so
genau im Kopfe behalten?«

»Und doch kommt gerade auf die Worte Alles an,« sagte Witte; »wenn Sie
die nicht genau vor Gericht beschwören können, so fällt Ihre ganze Klage
zusammen und Sie werden abgewiesen. Rath Frühbach aber, der weit eher
im Stande ist, seinen Schafskopf eidlich zu erhärten, dreht den Spieß
nachher um, und Sie haben außer Ihren Laufereien auch noch Kosten und
Unannehmlichkeiten.«

»Das nehme mir aber kein Mensch übel,« rief Madame Müller entrüstet aus,
»da hört doch die Gerechtigkeit auf, wenn sich eine arme, alleinstehende
Frau sollte ungestraft beleidigen lassen, blos weil sie nicht mehr genau
weiß, was das Lumpenvolk gesagt hat! Denken Sie denn, daß man in einem
solchen Augenblick, wo Einem die Galle überläuft, auch auf jede Silbe so
genau passen und sie gleich aufschreiben kann? Und das glaub' ich auch
nicht,« setzte sie bestimmt hinzu, indem sie von ihrem Stuhl aufstand
und einen Blick nach ihrem Schirm warf; »das wollen wir doch erst noch
einmal sehen.«

»Wollen Sie mir die Sache überlassen, Madame Müller?«

»Dazu war ich von Anfang an hergekommen; aber wenn Sie mir gleich von
vorn herein sagen, daß ich...«

»Erlauben Sie mir einmal, verehrte Madame -- Sie wollen doch nur
Genugthuung für die angethane Beleidigung, nicht wahr?«

»Weiter nichts auf der Gotteswelt.«

»Also ist es Ihnen doch auch einerlei, ob Sie die vor Gericht oder
privatim bekommen?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Madame Müller.

»Die Sache bleibt doch immer dieselbe, nur mit dem Unterschiede, daß Sie
auf privatem Wege Ihren Zweck gewiß erreichen, aber auf gerichtlichem
Wege nicht; und außerdem haben Sie auf ersterem gar keine Kosten.«

»Hm -- und was wollen Sie thun?«

»Ich werde den Herrn Rath Frühbach und den Major von Halsen veranlassen,
daß sie Ihnen schriftlich eine Ehrenerklärung geben, nicht gewillt
gewesen zu sein, Sie zu beleidigen.«

»Und daß Alles, was sie gesagt haben, lauter Lügen sind.«

»Das läßt sich Alles auf eine feine Art darin anbringen, und daß die
beiden Herren ferner bedauern, Sie durch irgend ein Wort und eine
Andeutung gekränkt zu haben.«

»Und von dem Schafskopf sagen wir nichts weiter?«

»Der bleibt unberührt.«

»Und wenn sie's nicht thun?«

»Dann bleibt Ihnen immer noch die Klage offen, so gut, als heute. Aber
lassen Sie mich den Versuch machen, und ich glaube, Sie werden davon
befriedigt sein. Lieber Gott, ich habe ja doch wahrhaftig nichts dabei!
Sie hören, daß ich nicht Einen Pfennig für meine Mühe verlange; aber ich
sehe, daß Sie eine brave, rechtschaffene Frau sind, und möchte Sie nicht
in Ungelegenheiten bringen.«

»Gut denn, Herr Advocat,« sagte die Frau, indem sie ihm treuherzig die
Hand entgegenstreckte; »ich sehe, Sie meinen es wirklich ehrlich, und
ich will Ihrem Rathe folgen.«

»Aber eine Bedingung habe ich noch dabei,« sagte Witte: »daß Sie
nämlich den Brief der beiden Herren nicht öffentlich herumzeigen. Die
Ehrenerklärung ist nur für Sie bestimmt. Und was hätten Sie auch davon?
Andere Menschen würden sich nur darüber lustig machen, denn die Welt
liebt nichts so sehr, als Skandal und Klatschereien.«

»Nun, soll mir auch nicht darauf ankommen,« sagte Madame Müller nach
einigem Bedenken.

»Also es bleibt dabei?«

»Wenn ich einmal das Wort gesagt habe, können Sie ein Haus darauf
bauen,« versicherte Madame Müller mit Würde.

»Dann können Sie sich auch darauf verlassen, daß ich Ihnen die verlangte
Genugthuung schaffe. Ich schicke Ihnen den Brief oder bringe
ihn vielleicht selber. Ich muß so nächstens einmal nach Vollmers
hinauskommen.«

»Soll mir sehr angenehm sein,« sagte Madame Müller. »Und nun leben Sie
so lange wohl, Herr Advocat, und machen Sie's gut -- ich verlasse mich
ganz auf Sie!«

Und sehr befriedigt griff sie ihren Schirm wieder auf und schritt, die
sämmtlichen Schreiber, die ihr nachschauten, freundlich grüßend, zur
Thür hinaus.

Witte war an seinem Pult stehen geblieben und dachte eben über das
Fatale der ganzen Angelegenheit nach, als einer der Leute wieder in's
Zimmer sah und sagte: »Herr Staatsanwalt, Frau Gemahlin hat schon ein
paarmal nach Ihnen gefragt; möchten gefälligst einmal hinüber kommen.«

»Ja -- gleich,« sagte Witte und kratzte sich am Hinterkopf. Er wußte,
was ihm dort bevorstand; die Sache ließ sich aber nicht ändern. Wenn
Frau Gemahlin etwas Derartiges vorhatte, wurde sie gewöhnlich sehr bald
ungeduldig, und je eher er es also abmachte, desto besser.

Als er aber den Vorsaal betrat, hörte er weder bei seiner Tochter, noch
bei seiner Frau im Zimmer Stimmen, wonach er ganz richtig schloß, daß
Beide nicht mehr zusammen sein könnten, sonst hätten sie sich jedenfalls
»ausgesprochen.« Er ging also zu seiner Frau hinüber und fand dieselbe
auch richtig, wie er vermuthet, allein in ihrem Gemach, in dem sie wie
eine gereizte Löwin auf und ab schritt. Das Barometer deutete auf Sturm.

»Du hattest mich rufen lassen, Therese?«

»Ist es wahr, daß Du den Sohn vom Schlosser Baumann zu Ottilien hinüber
geschickt hast?« fragte die Dame mit zorngerötheten Wangen.

»Allerdings, mein Schatz; er wollte mit ihr sprechen.«

»Und wußtest Du, was er mit ihr sprechen wollte?«

»Auch das wußte ich. Er wollte ihr einen Heirathsantrag machen.«

Die Frau blieb mit nach unten gefalteten Händen vor ihm stehen und
machte dabei ein so erstauntes Gesicht, als ob er ihr eben erzählt
hätte, daß er am nächsten Sonntag zum Besten irgend einer armen Familie
auf dem Seile tanzen würde.

»Ist es denn möglich?« rief sie endlich aus. »Du, der Vater,
schickst den Schlossergesellen zu Deinem eigenen Kinde, um ihr einen
Heirathsantrag zu machen? Wenn ich es nicht mit meinen eigenen Ohren
gehört hätte, ich würde es gar nicht glauben.«

»Nun,« sagte Witte, immer noch in der Hoffnung, ein drohendes Ungewitter
von sich abzuwenden, denn er vermied am liebsten jede häusliche
Aufregung -- »und was ist da weiter? Jedem anständigen jungen Mann steht
es frei, sich um ein Mädchen, das ihm gefällt, zu bewerben. Ob sie ihn
nehmen will, ist dann ihre Sache.«

»Und wenn sie ihn nun genommen hätte, Dietrich, wenn sie nicht
vernünftiger gewesen wäre, als Du, der Staatsanwalt Witte?«

»Bitte,« sagte ihr Mann, »Du redest einmal wieder in den Tag hinein.
Wenn sie ihn wirklich genommen hätte, wäre es auch noch kein Unglück
gewesen, denn der junge Baumann ist ein braver, anständiger Mensch,
der gewiß einmal eine recht gute Carrière macht und eine Frau ernähren
kann.«

»So?« rief die Frau, die eigentlich hatte heftig werden wollen, aber vor
lauter Erstaunen über das Unerhörte gar nicht dazu kommen konnte.
»Und in unsere Gesellschaft wolltest Du den alten Schlosser, der im
Schurzfell in der ganzen Stadt herumläuft, bringen?«

»Der alte Baumann ist ein so braver, tüchtiger Mann, wie er in der
ganzen Stadt zu finden ist,« sagte der Staatsanwalt mürrisch; »ob er in
einem Schurzfell oder im Frack herumläuft, ist mir ganz einerlei.«

»In der That, Herr Staatsanwalt,« sagte seine Frau, die jetzt auf den
ironischen Ton umsprang, »und der Schuhmacher Heßberger als Schwäher mit
seinem »Gelobt sei Jesus Christus« wäre Ihnen auch wohl einerlei, wie?
Noch dazu, wenn die alte Kartenlegerin, die Heßberger, uns ihren Besuch
als nächste Verwandte machte?«

»An das Lumpengesindel habe ich wirklich gar nicht gedacht,« sagte der
Staatsanwalt doch etwas verlegen.

»Nun, dann ist es nur ein Glück,« rief seine Frau, »daß andere Menschen
mehr Ueberlegung haben. Das sag' ich Dir aber, Dietrich, wenn sich meine
Tochter so weggeworfen hätte, nicht Einen Schritt wäre ich ihr über die
Schwelle gekommen oder hätte geduldet, daß Einer ihrer Sippschaft die
meine überschritte!«

Der Staatsanwalt warf den Kopf ungeduldig herüber und hinüber, denn er
besaß zu viel gesunden Menschenverstand, um nicht das Haltlose einer
solchen Behauptung einzusehen. Aber die Sache war einmal erledigt, wozu
also noch einen häuslichen Zwist deshalb heraufbeschwören, was er durch
Widersprechen jedenfalls gethan haben würde. Er setzte sich auf einen
Stuhl und sah aus dem Fenster.

»Und diese Unverschämtheit von dem Menschen,« fuhr aber Frau Witte fort,
die noch lange nicht alle ihre Trümpfe ausgespielt hatte, »so etwas ist
mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen; daß er nur die Stirn
haben konnte, dem Mädchen gegenüber zu treten!«

»Na, das nimm mir aber doch nicht übel, liebes Kind,« sagte jetzt der
Staatsanwalt, dem das ein wenig zu stark wurde, »so groß ist denn doch
die »Unverschämtheit« nicht, wie Du Dich ausdrückst; er ist aus einer
bürgerlichen Familie, und wir sind nichts Besseres.«

»Nichts Besseres?« rief Madame Witte, die heute aus ihrem Erstaunen gar
nicht herauskam. »Witte, ich begreife Dich nicht. Du, einer der ersten
Staatsbeamten, der geachtetste Rechtsgelehrte in der ganzen Stadt, zu
dessen Gesellschaften sich der Adel drängt, und Herr Fritz Baumann, der
Neffe vom Schuster Heßberger, den man seines ekelhaften Tabaksgeruches
wegen nicht einmal in's Zimmer läßt, wenn er ein paar geflickte Schuhe
zurückbringt!«

»Ach was,« sagte der Staatsanwalt, »Baumann ist nicht der Sohn von dem
Schuster, sondern nur der Neffe, und überdies die ganze Sache abgemacht.
Ottilie hat ihm einen Korb gegeben, und er wird sich jetzt nach einer
andern Frau umsehen.«

»Das hoffe ich auch,« sagte die Frau Staatsanwalt, und warf den Kopf
so weit zurück, daß sie auf ihren Gatten herabsehen mußte; »und er wird
jetzt doch auch aller Wahrscheinlichkeit nach so klug geworden sein, um
nicht wieder eine Familie wie die unsere mit seiner Zudringlichkeit
zu belästigen. Was aber der Mensch für ein Glück hat, daß ich nicht zu
Hause war!«

Jetzt wurde es aber dem alten Witte doch zu bunt; er hatte schon
die ganze Zeit den Kopf geschüttelt, nun hielt er es für nöthig,
einzuschreiten, und auf seinem Sitz herumfahrend, rief er aus: »Und
was ist denn die unsere für eine so großbrodige Familie, daß ein braver
Techniker sie entehren würde, wenn er hinein heirathete? Dein Vater war
ein Subaltern-Beamter mit vierhundert Thalern Gehalt, und der meinige
ein ehrlicher Schneider, der sich das Brot vom Munde abdarbte, um seinen
Sohn studiren zu lassen. Und was hatten _wir_ denn etwa, als wir uns
heiratheten, Therese? Hunger und Kummer in allen Ecken, und oft nicht
das Geld im Hause, um einen Laib Brot baar zu bezahlen. Daß ich fleißig
war und nachher dabei Glück hatte, das ist mein ganzes Verdienst, und
daß Du das Wenige zusammennahmst und wirthschaftlich sorgtest, das
Deine, und das thun andere ehrliche Handwerker auch.«

»Aber jetzt, Dietrich!« rief die Frau, ordentlich erschreckt über die
ganz ungewohnte Heftigkeit des Mannes.

»Aber jetzt,« fuhr der Staatsanwalt, der einmal im Zuge war, fort, »geht
es uns besser; ich verdiene mehr, als wir brauchen, und wir haben
uns größere Lebensbequemlichkeiten angeschafft und in Kreise Zutritt
gewonnen, die uns sonst eben so über die Achsel anschauten, wie Du jetzt
die Handwerker. Aber das ist falsch, das ist unrecht, und wenn Du nur
nicht einmal Deine Strafe dafür bekommst!«

»Das ist blos Deine grenzenlose Bescheidenheit, die aus Dir spricht,«
lenkte die Frau in etwas ein, denn auf diese Wendung war sie nicht
gefaßt gewesen; »jeder Mensch strebt nach etwas Höherem.«

»Und weshalb wirfst Du das also dem jungen Baumann vor?«

»Aber es muß erreichbar sein, Dietrich,« sagte seine Frau; »und Ottilie,
mit der Erziehung, die sie genossen hat, scheint denn auch schon ihre
Wahl nach einer andern Seite hin getroffen zu haben.«

»So--o,« sagte der Staatsanwalt gedehnt, »in der That? Und nach welcher,
wenn ich fragen darf?«

»Du weißt doch, daß der junge Baron von Wendelsheim sie entschieden
ausgezeichnet hat?«

»Davon weiß ich gar nichts,« sagte der Vater, »und habe nichts davon
bemerkt -- war auch nicht böse darüber.«

»Du hast nichts gemerkt,« sagte seine Frau, »weil Du immer Deine Acten
und Processe im Kopfe hast; ich habe es aber gemerkt, und als Mutter
mußte ich es merken.«

»Er hat sich, so viel ich weiß, seit einer Ewigkeit gar nicht bei uns
sehen lassen.«

»Er war vor acht Tagen bei uns zum Thee.«

»Weil er von mir etwas wegen der Erbschaftsangelegenheit erfragen
wollte und Du ihn so nöthigtest, da zu bleiben, daß er hätte grob werden
müssen, um es auszuschlagen.«

»Er blieb sehr gern, kann ich Dir sagen.«

»Und hat nachher mit mir und dem Justizrath den halben Abend Whist
gespielt.«

»Aber er setzte sich immer so, daß er Ottilien im Auge hatte.«

»Weil ihn der Justizrath bat, den Platz mit ihm zu wechseln, denn das
Licht blendete ihn so.«

»Du könntest eine Heilige ärgerlich machen, Dietrich.«

»Weil ich nicht sehe, was nicht da ist?«

»Du hast immer etwas auf den armen Lieutenant gehabt.«

»Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich ihn früher nicht besonders leiden
konnte,« sagte der Staatsanwalt; »er hatte so etwas Rüdes, oder -- ich
weiß nicht, wie ich sagen soll -- Junkerhaftes in seinem ganzen Wesen.
Seit einigen Wochen aber hat er sich sehr zu seinem Vortheil geändert
und das letzte Mal sogar merkwürdiger Weise nicht eine einzige Silbe von
Pferden erwähnt.«

»Und wenn der nun um Ottiliens Hand anhalten sollte, würde der Dir nicht
lieber sein, als Dein »Techniker«?«

Der Staatsanwalt sah eine Weile still und schweigend vor sich nieder.
Allerlei wunderliche Gedanken gingen ihm im Kopf herum.

»Ich weiß es nicht,« sagte er endlich; »aber es ist auch nicht der Mühe
werth, sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen, denn er hat noch
nicht angefragt. Der alte Schlosser Baumann ist mir übrigens lieber
als der alte Baron Wendelsheim. Hat sich Ottilie etwa gegen Dich
ausgesprochen?«

Seine Frau zögerte mit der Antwort; endlich sagte sie: »Nein -- nicht
direct; aber ich habe so meine Vermuthungen, und glaube nicht, daß ich
weit am Ziel vorbeischieße.«

Der Staatsanwalt war aufgestanden und ging mit auf den Rücken gelegten
Händen im Zimmer auf und ab.

»Soll ich Dir einen Rath geben, Mutter?« sagte er endlich, indem er vor
seiner Frau stehen blieb und sie wohl freundlich, aber doch sehr ernst
ansah.

»Nun,« meinte diese, »wenn es etwas Gescheidtes wäre; ein guter Rath ist
Goldes werth, wie das Sprichwort sagt.«

»Aber die Leute glauben gewöhnlich nie, daß es ein guter ist, und thun
doch, was sie wollen; leider Gottes erleb' ich das fast alle Tage! Aber
es schadet nichts -- es ist einmal mein Amt. Wenn Du also meinem Rath
folgen willst, Mutter, so unterstützest Du Ottilien nicht in solchen
Ideen. Dir ist ein Handwerker nicht recht -- bei mir wäre dasselbe
mit einem Adeligen, dessen Sippschaft uns vielleicht über die Achsel
ansähe.«

»Aber Vater...«

»Ich werde mein Kind nicht zwingen,« fuhr Witte fort; »hat sie ihr Herz
wirklich vergeben, und ist es nicht allein Rang und Reichthum, den sie
erlangen will -- in Gottes Namen; ob der Mann ein Wappenschild oder ein
Schurzfell trägt, wenn er nur brav und rechtschaffen ist, mir soll
er willkommen sein; aber ich habe mir nachher auch keine Vorwürfe zu
machen, wenn die Wahl nicht zum Glück meines Kindes ausschlug.«

»Aber Dietrich, Du wirst doch nicht glauben...«

»Meinen Rath hast Du gehört,« sagte ihr Gatte; »jetzt thu', was Du nicht
lassen kannst -- ich habe einen Weg zu gehen. Wo ist denn Ottilie?«

»Drüben in ihrem Zimmer; sie war ganz außer sich über den Antrag.«

Der alte Witte seufzte tief auf; aber er sagte kein Wort mehr, steckte
seine Brille in die Tasche und verließ das Zimmer.




7.

Bei der Leiche.


Fritz Baumann, als er seines Vaters Haus verließ, schritt, seinen trüben
und bitteren Gedanken folgend, der eigenen Wohnung zu. Abgewiesen und
verachtet! Das war das Wort, das ihn am schmerzlichsten verwundete --
verachtet gerade von ihr, an der er seine ganze Jugendzeit mit so treuer
Liebe gehangen, so daß nur immer, wenn er sich ein Glück der Zukunft
dachte, ihr Name in seinem Herzen freudig widerklang! Und jetzt sollte
er das Alles, was er die langen Jahre gehegt und gepflegt, herausreißen
und zerstören.

Mit welcher Lust war er früher an seine Arbeit gegangen, wie hatte er
freudig ganze Nächte geopfert, um sich auszubilden und recht Tüchtiges
zu leisten, nur immer in dem einen Gedanken, ihrer werth zu werden
und sie sich zu erringen! Das schwand jetzt Alles vor den kalten,
hochmüthigen Worten des jungen Mädchens, und leer und ausgestorben lag
die Welt vor ihm. So in diese quälenden Erinnerungen vertieft war
er auch, daß er gar nicht darauf achtete, als ein Reiter auf dem
Straßenpflaster dicht an ihm vorübertrabte und den Kopf nach ihm wandte.
Erst als er sein Pferd einzügelte und an ihn anritt, sah er auf und
erkannte den Lieutenant von Wendelsheim.

»Herr Baumann,« rief dieser, »ich hatte Sie im ersten Augenblick gar
nicht erkannt...«

»Herr Baron!« sagte Fritz erstaunt, denn es war das erste Mal, daß ihn
der Officier auf der Straße anredete.

»Lieber Baumann,« sagte der junge Wendelsheim bewegt, »ich weiß, Sie
haben meinen Bruder immer gern gehabt, und er hat auch viel von Ihnen
gehalten; seine Arbeiten waren ja die einzigen Lichtblicke seines Lebens
-- er ist todt.«

»Großer Gott!« rief Baumann erschreckt aus.

»Soeben habe ich durch einen Boten die Nachricht erhalten,« fuhr
Wendelsheim fort, »und reite jetzt selber hinaus. Wollen Sie ihn noch
einmal sehen, so kommen Sie nach.« Und sein Pferd herumwerfend, setzte
er seinen Weg rasch wieder fort.

»Armer Benno!« seufzte Fritz, der in der Kunde fast sein eigenes Leid
vergaß. »So ein reiches Leben so früh, so furchtbar früh dahingerafft!
Und wie wenig Freude hat er genossen, wie seine schöne Jugendzeit
verbringen müssen! Hätte ich so viel Ursache, dem Schicksal zu grollen,
wie er?«

Er war an seiner Wohnung angelangt und blieb stehen. Aber wie hätte er
jetzt wieder mit Lust und Liebe an seine Arbeit gehen können, wo ihm
der Kopf vom vielen Denken schmerzte! Der Lieutenant hatte recht -- er
wollte hinaus und den armen jungen Freund noch einmal sehen. Jetzt war
das auch möglich, im ersten Schmerz ein Besuch gerechtfertigt; später
und bei der Beerdigung, wenn all' die adelige Verwandtschaft mit ihrem
Todtengepränge zusammenkam, konnte und wollte er sich nicht eindrängen.

»Sie sollen Dich nicht zum zweiten Male verachten,« murmelte er finster
vor sich hin, »und ich werde von jetzt ab Ottiliens Wort beherzigen
und in den Kreisen bleiben, in denen Niemand wagen darf, mich über die
Achsel anzusehen. Ihnen gönne ich dann ihre vornehme Welt, es ist ja
doch nur Alles Schein, und sie mögen sich glücklich darin fühlen, wenn
sie können.«

Er hatte indessen seinen Weg dem Wendelsheim'schen Schlosse zu rasch
verfolgt, und erst vor der Stadt draußen wurde ihm wohler, freier zu
Muthe, denn er fühlte sich allein, während es ihm in den engen Straßen
immer so vorkam, als ob die Leute nach ihm aus den Fenstern sähen und
zugleich wissen müßten, welche Schmach ihm heute angethan. Er ging auch
von da an langsamer, und als er endlich in der Ferne das alte Schloß mit
den düsteren Baumgruppen seines Parkes vor sich liegen sah, da schwand
der bittere Groll in seinem Herzen in der Wehmuth über den Verlust des
jungen Freundes, und die Scene dieses Morgens war fast vergessen.

So erreichte er das Dorf und schritt hindurch, so stieg er zum
Schlosse hinauf, und als er in das Thor trat, sah er die Leute dort
niedergedrückt stehen und mit einander plaudern, und einer der Mägde
liefen, während sie mit ihrer Hofarbeit beschäftigt war, die großen
Thränen an den Backen nieder. Hatten sie doch Alle den armen kranken
jungen Herrn, der immer so gut und freundlich mit ihnen war, von Herzen
gern gehabt, und jetzt, da er gestorben, kam ihnen das alte, öde Schloß
noch einmal so wüst, noch einmal so öde vor.

Den Gärtner traf er auf dem Hof. »Gehen Sie hinauf, Herr Baumann,« sagte
er zu ihm, als er ihn erkannte; »oben liegt das arme junge Blut, aber
jetzt freut er sich nicht mehr, wenn Sie kommen, oder wenn ich ihm
Blumen bringe -- ich habe sie ihm eben wieder hinaufgetragen. Mir ist
jetzt gerade so zu Muthe, als ob es Winter geworden wäre und der Schnee
auf den Beeten läge. Nun wird's hübsch hier im Hause werden.« Und damit
wandte er sich ab und schritt wieder in den Park hinaus.

Fritz Baumann stieg die Treppe hinauf. Er begegnete Niemandem im ganzen
Hause; es schien Alles wie ausgestorben, und an des jungen Benno Zimmer
angekommen, scheute er sich ordentlich zu klopfen, aus Furcht, der Todte
könne allein darin liegen. Er drückte auch erst nach einigem Zögern die
Klinke auf, und als er die Thür öffnete, sah er sich dem todten jungen
Freund gegenüber.

Dort lag er, so still und friedlich wie ein schlummernd Kind, so bleich
und weiß fast wie das Kissen selber, auf dem er ruhte, und nur die
dunkeln vollen Locken beschatteten seine edlen Züge. Die Hände hatte man
ihm auf der Brust gefaltet, aber eine freundliche Hand Blumen über ihn
ausgestreut -- Rosen und Reseda, Astern und Camellien --, und Fritz
stand vor ihm, den Blick fest auf das liebe Antlitz geheftet, und
schaute ihn so lange ernst und sinnend an, bis ihm selber vorquellende
Thränen die Augen füllten und das Bild des Todes in den blitzenden
Zähren verschwamm.

»Mein armer, armer Benno,« flüsterte er dabei, »so bist auch Du
hingegangen, und ich soll Dein gutes, treues Auge, Dein freundliches
Lächeln nimmer wiedersehen und nie mehr den Druck deiner Hand fühlen! So
leb' denn wohl -- ich selber bin ein Fremder in diesen Räumen und werde
sie und Dich nicht wiedersehen -- leb' wohl!« -- Und dabei bog er sich
über die Leiche und drückte einen Kuß auf die bleichen Lippen. -- »Gott
lasse Dir die Erde leicht sein!«

»Amen!« sagte eine leise Stimme, und als er überrascht aufsah, denn er
hatte geglaubt, daß er allein mit dem Todten im Zimmer wäre, bemerkte
er Kathinka, die, halb von der einen Gardine verdeckt, am Fenster stand.
Ihr bleiches liebes Antlitz war aber von Thränen überströmt, und ihr
Auge hing mit tiefer Schwermuth an den Zügen der Leiche.

»Fräulein Kathinka,« sagte Fritz bewegt, »ich hatte Sie nicht gesehen --
o, wie weh mir der Verlust unseres armen Benno thut!«

»Ihm ist wohl,« sagte das junge Mädchen mit leisem, traurigem
Kopfnicken; »er hat Alles überstanden, und sein Tod war leicht und
schmerzlos.«

»Sie waren bei ihm?«

»Ja -- er starb heute Morgen in meinen Armen, gerade wie ich ihn
unterstützen wollte, um sich etwas höher zu legen, denn er klagte,
daß es ihm an Luft fehle. Noch sterbend hat er mir einen Gruß für Sie
aufgetragen.«

»Mein armer Benno! Und sein Vater war nicht bei ihm?«

»Nein. Der Herr Baron hat in der letzten Zeit sein Zimmer fast nicht
mehr verlassen.«

»Und Fräulein von Wendelsheim?«

»Sie kam auf meinen Hülferuf, und zum ersten Male habe ich sie bewegt
gesehen; aber sie fürchtet sich vor Leichen: sie stand dort an der Thür
und winkte mir nur zu, bei dem Todten zu bleiben.«

»Und sein Bruder?«

»Er war lange bei ihm und hat heiße Thränen vergossen; jetzt ist er bei
dem Vater. Woher erfuhren Sie es so rasch?«

»Der junge Baron traf mich in der Stadt, und ich konnte dem Wunsch nicht
widerstehen, dem armen Todten Lebewohl zu sagen. Du großer Gott,« fuhr
er dann fort, während er an das Fenster trat und hinaussah, »wie öde
wird das jetzt hier im Schlosse werden! Wie wird auch Ihnen der Knabe
fehlen, Fräulein, der so mit ganzer Seele an Ihnen hing!«

»Ich habe hier im Schlosse Alles an ihm verloren,« sagte das junge
Mädchen leise, »denn er war nicht allein mein einziger Trost in der
Einsamkeit, sondern auch mein Schutz.«

»Ihr Schutz, Fräulein?«

»Die Tante wird mich jetzt entbehren können,« sagte Kathinka leise,
»und ich selber wäre auch nicht im Stande, allen ihren Anforderungen zu
genügen. Ich werde am Ersten nächsten Monats Wendelsheim verlassen.«

»Sie wollen auch fort?«

»Ja, und da wir uns wahrscheinlich nicht wiedersehen, so leben Sie wohl,
Herr Baumann -- ich muß fort und dem Herrn Baron das Frühstück bringen,
und -- die Tante würde auch sonst böse. Nicht wahr, Sie bleiben nicht
länger hier allein? Ich bekomme sonst gezankt.«

»Nein, liebes Fräulein,« sagte Fritz bitter, »haben Sie keine Furcht,
daß ich dem Fräulein von Wendelsheim je Grund zur Unzufriedenheit geben
sollte. Ich werde ihr auch wohl schwerlich wieder in den Weg kommen, so
wenig wie sie mich suchen wird. So leben Sie wohl, und schütze Sie Gott
auf Ihrer einsamen Bahn!« Damit reichte er ihr die Hand und verließ dann
mit einem letzten Abschiedsblick auf die Leiche das Zimmer.

Drüben am Gang hörte er heftiges Reden -- das war die Tante --, und es
klang wie ein Mißton in dem Hause des Todes; was es aber war, mochte
er nicht untersuchen. Ihn selber trieb es fort, um ihr aus dem Weg zu
kommen, denn er fürchtete heute für sich, daß er ihren gewöhnlichen
Hochmuth nicht so leicht und geduldig ertragen hätte, als sonst. Er
gewann die Treppe und eilte hinab. Unten stand einer der Diener und
horchte nach dem Zank hinauf.

»Gott soll uns bewahren, nicht einmal an einem solchen Tage hält sie
Ruhe! Sind Sie ihr in den Weg gelaufen, Herr Baumann?«

»Nein,« sagte Fritz; »sie hat mich gar nicht gesehen.«

»Gar nicht gesehen? Na, dann haben Sie heute Ihren Glückstag, das muß
wahr sein!«

»Ja, meinen Glückstag in der That,« nickte Fritz finster vor sich hin
-- »ich werde ihn mir merken. Adieu, Freund!« Und ohne sich weiter
aufzuhalten, verließ er das Schloß und schritt in die Stadt zurück.
Still vor sich hinträumend, ging er auch ziemlich rasch seinen Weg und
bemerkte gar nicht dabei, daß er unterwegs einen Herrn überholte,
der, seine linke Hand auf dem Rücken, den Kopf etwas zurückgebeugt und
außerordentlich gerade, aber auch ein wenig steif, derselben Richtung
folgend wie er, nach der Stadt zuspazierte. Ohne zu grüßen oder ihn
anzusehen, passirte er ihn auch, als er sich plötzlich angerufen hörte
und natürlich schon unwillkürlich den Kopf dorthin wandte.

»Ah, mein lieber Baumann,« rief der Spaziergänger, »wohin so eilig?
Warten Sie ein wenig, ich begleite Sie, und zu Zweien macht sich ein
langweiliger Weg immer besser!«

»Herr Rath Frühbach!« sagte Baumann, halb überrascht, von dem Herrn
angeredet zu werden, der sich sonst in der Stadt gar nicht um ihn
bekümmerte. Er kannte aber den Rath zu wenig, dem vor der Stadt und in
einsamer Gegend jedes menschliche Wesen, und wäre es eine alte Bauerfrau
gewesen, nur als gute Beute galt, um ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen
und seiner Suada freien Lauf zu lassen. Baumann würde auch viel lieber
allein gegangen sein, aber er konnte jetzt nicht mehr gut ausweichen und
schritt, etwas langsamer als vorher, neben dem Rathe her.

»Aber nun ein mäßigeres Tempo, mein junger Freund,« sagte der Rath,
indem er ihm mit seinem Stockknopf in den Arm hakte. »Das glaub' ich,
wie ich noch in Ihrem Alter war, da konnte ich auch laufen, und es kamen
nur Wenige mit mir fort. Da bin ich einmal in Schwerin -- kennen Sie
Schwerin?«

»Nein, Herr Rath.«

»Ah, wie schade! -- wunderschöne Stadt, und ungemein gemüthlich -- da
bin ich einmal in Schwerin, wie ich Ihnen erzählen wollte, eines
Morgens früh aufgestanden, um einen Spaziergang zu machen, denn ich muß
regelmäßig jeden Tag mein Quantum gehen, um ordentlich in Schweiß zu
kommen, da meine Verdauung nie in Ordnung ist. Unterwegs traf ich denn
auch einen intimen Freund von mir, den Grafen Kotopshien, der in einer
geheimen Mission an unserem Hofe war -- ein liebenswürdiger Mensch,
sage ich Ihnen, so einfach und human -- wir haben kostbare Abende mit
einander verlebt. Das war ein famoser Fußgänger, und der Arzt hatte ihm
auch das Gehen verordnet. Wir marschirten also zusammen los, und zwar in
keinem Paradeschritt, das versichere ich Ihnen -- ich führte sogar noch
dabei die Unterhaltung. Der Graf hielt es aber nicht lange aus. »Nein,
lieber Rath,« sagte er, wie wir eine Strecke zusammen gegangen waren,
»Sie laufen mir zu rasch« -- und so bog er richtig in die nächste Straße
ein.«

Frühbach hätte sich keinen besseren Gesellschafter auf der weiten Welt
wünschen können, als Fritz Baumann heute war; denn mit seinen eigenen
trüben Gedanken beschäftigt, schritt er nur schweigend neben ihm her,
und er hörte wohl Worte, verstand aber deren Sinn nicht, und mühte sich
noch viel weniger, ihn aufzufassen. Aber auch dem Rath, so sehr er
in seinen interessanten Erinnerungen schwelgen mochte, konnte die
niedergedrückte Stimmung seines Begleiters nicht entgehen.

»Nun,« sagte er nach einer kleinen Weile, indem er ihn von der Seite
ansah, »was fehlt Ihnen denn eigentlich heute? Sie schneiden ja ein
ordentliches Trauergesicht.«

»Ich komme auch aus einem Trauerhause, Herr Rath.«

»So? Woher denn?«

»Aus Schloß Wendelsheim.«

»Alle Wetter,« rief Rath Frühbach und drehte sich rascher nach ihm um,
als er sich sonst zu bewegen pflegte, »der alte Baron gestorben?« Und
unwillkürlich überkam ihn ein behagliches Gefühl, denn nach den letzten
Vorgängen in Vollmers und mit dem Bewußtsein, was er dort angerichtet
und die entsetzliche Frau Müller gedroht hatte, würde er auf gar
keine angenehmere Kunde haben denken können. Er sollte sich aber darin
getäuscht sehen.

»Nein,« sagte Fritz, »der alte Baron nicht, aber der jüngste, der zweite
Sohn, Benno, ist heute Morgen verschieden. Ich komme eben von seiner
Leiche.«

»Hm -- so?« sagte der Rath, indem er den Stockknopf im Gehen an seine
Lippen hielt. »Also der junge Baron -- schade!«

»Ja, es war so ein lieber Knabe,« seufzte Baumann, der ihn ganz falsch
verstand. »Armes Kind!«

»Hm,« fuhr der Rath fort, dessen Gedanken unter der Zeit mit ihm
durchgegangen waren, »der Baron von Wendelsheim hatte nur die zwei
Söhne?«

»Er hat jetzt nur noch einen.«

»Ja, der in den nächsten Tagen die große Erbschaft macht. Sie wissen
wohl nichts Näheres über die Sache?«

»Ueber welche Sache?«

»Nun, über die Erbschaft, mein' ich -- oder über den Erben. Es wurde
einmal eine Zeit lang so vielerlei erzählt....«

»Ich habe nichts gehört,« sagte Fritz, »kümmere mich auch in der That
nur wenig um den Stadtklatsch.«

»Ja, da haben Sie ganz recht, junger Freund,« lenkte der Rath ein,
der wohl merkte, daß er von seinem Begleiter nichts Neues über diese
Angelegenheit erfahren würde. »Das ist auch genau dasselbe, was ich
immer meiner Frau sage. Was hat denn aber dem jungen Baron eigentlich
gefehlt?«

»Ach, ein böses, innerliches Leiden!« seufzte Fritz. »Rettung war wohl
nicht gut möglich, denn er kränkelte von frühester Jugend an. Es soll
ein Herzfehler gewesen sein.«

»Das ist schlimm,« sagte Rath Frühbach, bedenklich mit dem Kopf
schüttelnd, »das ist sehr schlimm. Da wohnte in Schwerin ein sehr guter
Freund von mir -- er war früher Präsident der Ersten Kammer, aber
ein bischen hypochondrisch und, wie er glaubte, mit einem Leberleiden
behaftet. Er behauptete nämlich stets, seine Leber sei zu groß; es war
aber nicht wahr, sondern sein Herz. Oft und oft haben wir zusammen auf
dem Sopha gesessen, und er hat mir von seiner Krankheit erzählt und ich
ihm von ähnlichen Fällen, die mir zu Ohren gekommen waren. Lieber Gott,
wenn man älter wird, bekommt man ja auch nach verschiedenen Richtungen
hin Erfahrung, und ich rieth ihm damals -- ich weiß es noch, als ob es
gestern gewesen wäre -- wieder und wieder, er solle eine Aepfelwein-Cur
gebrauchen. Aber bewahre -- er blieb hartnäckig auf seinem Kopf, und
nach vierzehn Tagen war er todt. Durch den Aepfelwein wäre er vielleicht
zu retten gewesen; der hätte ihm das Herz zusammengezogen.«

Sie erreichten jetzt die Stadt, wenigstens die ersten Häuserreihen
der Vorstadt, wo noch ziemlich viel Scheunen und Ställe zwischen
Wohngebäuden standen; der Rath erzählte aber immer fort. Jeder
Gegenstand, ob es ein Paar Ochsen im Zuge, ein von einem Dache
gefallener Ziegel, ein ohne Maulkorb herumlaufender Hund, ein vor der
Thür stehen gebliebenes Faß, kurz, was auch immer war, er knüpfte eine
Erinnerung an Schwerin daran, und Baumann wurde die Gesellschaft
endlich lästig. Er hatte sich auch schon vorgenommen, unter irgend einer
Entschuldigung an der nächsten Seitenstraße einzubiegen, als gerade wie
er sich von dem Rath verabschieden wollte der Staatsanwalt Witte um die
Ecke bog und auf Frühbach einlenkte. Er hatte im ersten Augenblick auch
jedenfalls nur ihn erkannt.

»Ah, mein lieber Rath, sehr erfreut, daß ich Sie treffe -- habe Sie
schon in der ganzen Stadt wie eine Stecknadel gesucht!«

»Mich?« sagte der Rath verwundert, denn sonst war er gewöhnlich auf der
Suche.

Fritz Baumann war blutroth geworden, als er den Staatsanwalt bemerkte,
und wollte sich mit einer Verbeugung entfernen. Aber jetzt erkannte
Witte auch ihn und sagte, indem er ihm die Hand entgegenstreckte:

»Herr Baumann, entschuldigen Sie, ich hatte hier unsern Rath so fest auf
dem Korn, daß ich gar nicht auf seinen Begleiter achtete!« Sein Blick
traf dabei den des jungen Mannes, und der herzliche, derbe Druck der
Hand bewies diesem wenigstens, daß der Vater andere Gefühle hege als die
Tochter -- und wie dankbar war er ihm dafür!

Frühbach merkte aber natürlich von diesem Zwischenspiele gar nichts.
Dem glücklichen Sterblichen, der nur an der Oberfläche herumschwamm und
Blasen fischte, war die Begrüßung der beiden Männer eine gewöhnliche
Höflichkeitsform, und er sagte deshalb auch, darüber hinwegsehend: »Aber
was um des Himmels willen wollten Sie von _mir_? -- Ah, Adieu, lieber
Baumann -- Adieu, auf Wiedersehen! -- Sehr netter junger Mann, der
Baumann, wie?«

Der Staatsanwalt nickte und sah sinnend dem Davongehenden nach; aber die
Frage des Raths war doch zu direct gewesen, und sich wieder an diesen
wendend, indem er ihn unter den Arm nahm und die Straße hinabführte,
erwiederte er: »Ja so, was ich gleich sagen wollte, den Major habe ich
heute vergeblich gesucht; ich war zweimal bei ihm draußen.«

»Den Major?« wiederholte Frühbach, und Frau Müller stand in all' ihrer
Entsetzlichkeit leibhaftig vor ihm.

»Jawohl, Eurer fatalen Geschichte wegen,« bestätigte der Staatsanwalt;
»er war aber nirgends anzutreffen, und wie ich zu Ihnen kam, hieß es
ebenfalls, Sie wären über Land.«

»Ja, Sie wissen wohl, bester Staatsanwalt, meiner Verdauung wegen....«

»Na, das ist jetzt einerlei, und die Hauptsache bleibt, daß ich Sie
erwischt habe.«

»Aber ich begreife gar nicht....«

»Ich werde Sie nicht lange zappeln lassen. Sie waren neulich mit dem
Major in Vollmers, wie?«

»Ich? -- Ah, ja doch -- ich erinnere mich jetzt.«

Der Staatsanwalt lachte: »Ah so, Sie sind wohl der Mann mit dem
schwachen Gedächtniß? Nun, Scherz bei Seite, die Sache ist ernsthaft
genug. Sie haben da draußen einen dummen Streich gemacht....«

»Aber, lieber Herr Staatsanwalt....«

»Bitte, lassen Sie mich ausreden, denn ich habe nicht viel Zeit, und
außerdem meine besonderen Gründe, die ganze Geschichte ohne Eclat
beigelegt zu sehen. Also hören Sie mir einfach zu, was ich Ihnen sagen
werde.«

»Ich bin wirklich neugierig,« log der Rath.

»Die Frau Müller war bei mir und wollte Sie verklagen.«

»Mich?«

»Sie und den Major -- ich habe es noch vor der Hand abgelenkt, aber nur
unter Einer Bedingung.«

»Aber die Frau muß wahnsinnig sein!«

»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß sie ihre Sinne vollkommen bei einander
hat, und das Gericht würde sich der Meinung anschließen. Sie haben einen
dummen Streich gemacht, lieber Rath -- Sie oder der Major, oder Beide
zusammen.«

»Wenn sich der Major in Thatsachen irrte, ist das _meine_ Schuld?«

»Das bleibt sich jetzt vollkommen gleich. Sie haben sich verleiten
lassen, da draußen Sachen zu behaupten, die Sie nicht beweisen können,
und die Madame Müller scheint nicht die Frau zu sein, etwas Derartiges
ruhig über sich ergehen zu lassen.«

»Aber was verlangt sie nur?«

»Zuerst bestand sie darauf, eine Klage gegen Sie Beide anhängig zu
machen, und was das für ein Gerede in der Stadt gegeben hätte, brauche
ich Ihnen nicht zu sagen. Sie will sich aber zufriedenstellen, wenn Sie
ihr eine schriftliche Ehrenerklärung geben.«

»Ich?«

»Sie alle Beide -- Sie sowohl als der Major. Ich habe das Ding jetzt
aufgesetzt, und das müssen Sie unterschreiben.«

»Aber ich bitte Sie um Gottes willen,« rief Frühbach erschreckt, denn
er hatte einen heiligen Respect vor allen Unterschriften -- »ich weiß
ja von der Frau gar nichts, weder ob sie irgend eines Vergehens schuldig
oder unschuldig wie ein Lamm ist, und nur dem Major zu Liebe....«

»Desto schlimmer für Sie,« unterbrach ihn der Staatsanwalt, »daß Sie
dann, wenn Sie gar nichts wissen, zu einer fremden Frau in's Haus gehen
und ihr ein Verbrechen vorwerfen. Aber machen Sie, was Sie wollen, und
glauben Sie um des Himmels willen nicht, daß ich Sie zu etwas überreden
werde! Ich meine es gut mit Ihnen, und habe in der Sache weiter nichts
zu thun. Es ist jetzt vier Uhr; um fünf Uhr bin ich draußen bei dem
Major und lege Ihnen das Schriftstück vor, das Sie dann unterschreiben
können oder nicht -- wie Sie wollen.«

»Und wenn wir es nicht unterschreiben?«

»Gut, dann macht die Frau ihre Klage anhängig, und Sie können nachher
meinetwegen die Sache abschwören.«

»Aber, bester Staatsanwalt....«

»Sie haben eine volle Stunde Zeit, um sich Alles reiflich zu überlegen.
Ich werde mir den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen.«

»Aber, lieber Staatsanwalt,« sagte Frühbach, »mir fällt da ein ganz
ähnlicher Fall ein. In Schwerin waren wir eines Tages....«

»Mein lieber Rath, es thut mir leid, Sie zu unterbrechen, denn ich muß
hier abbiegen. Vergleichen Sie im Geist indessen jenen analogen Fall aus
Schwerin mit der gegenwärtigen Situation und richten Sie es sich so ein,
daß Sie bis um fünf Uhr zu einem Entschluß gekommen sind. Haben Sie mich
verstanden?«

»Vollkommen, Herr Staatsanwalt, aber....«

»Na, dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag!« Und ohne dem verblüfft in
der Straße stehen bleibenden Rath einen weiteren Einwand zu gestatten,
nickte er ihm nur freundlich zu und bog in eine Quergasse ein. Er war
nicht in der Stimmung, längere Auseinandersetzungen der Schweriner
Chronik mit anzuhören.




8.

Der Raubmord.


Fritz Baumann hielt sich in seiner eigenen Wohnung. Das Herz war ihm so
schwer, daß er sich scheute, anderen Menschen zu begegnen. Er hatte auch
viel an Einem Tag verloren -- den jungen Freund und die Geliebte -- fast
zu viel für Einen Tag; aber wenn in unserem wunderlichen Leben einmal
ein Gewitter über ein Menschenherz hereinbricht, so folgt auch nicht
selten Schlag auf Schlag, bis das Schicksal müde wird und seine Sonne
wieder über den verödeten Platz scheinen läßt.

Fritz Baumann war aber keine Natur, die sich zu lange solch trübem und
nutzlosem Grübeln hingegeben hätte. Eine Stunde brauchte er, um Alles
abzuschütteln, was ihn im Anfange fast zu Boden drückte; wie er
sich aber erst einmal auf seinem eigenen, kleinen Zimmer ordentlich
ausgeweint, da kehrte sein elastischer Geist auch wieder die trotzige
Seite heraus. Im ersten Moment, ja, und bei der Zusammenkunft mit dem
Vater meinte er, daß jetzt all' sein Mühen und Ringen, da er das Ziel
verfehlt, nach dem er gestrebt, auch vergebens gewesen sei, und das
Leben, seine Zukunft lag schwarz und öde vor ihm da -- aber wahrlich
nicht lange. Nein, jetzt erst recht mit frischen Kräften wollte er seine
Arbeit wieder aufnehmen -- jetzt erst recht Ottilien beweisen, daß er,
wenn er auch nicht ihre Liebe erringen konnte, doch wahrlich nicht ihre
Verachtung verdient habe.

Mit dem Gedanken, dem Entschluß durchströmte ihn auch wieder ein
neues, frisches Leben, und trotzig vor sich hin lachend, warf er seine
Sonntagskleider ab und fuhr wieder in sein gewöhnliches Wochenzeug.

Zum Arbeiten war es heute freilich zu spät geworden -- er fühlte sich
dazu auch nicht besonders aufgelegt --, aber andere Sachen blieben noch
zu erledigen, und morgen dann begann er wieder mit frischen Kräften.

In seiner Stube stand, noch immer in rastloser Thätigkeit, das
=perpetuum mobile=, welches er damals Benno bei seinem letzten Besuch
gezeigt und noch immer nicht an den Eigenthümer abgeliefert hatte,
obgleich dieser schon ein paarmal danach geschickt. Das konnte er heute
selber hintragen, denn einem Andern mochte er es nicht anvertrauen. Aber
er mußte vorher damit bei den Eltern vorgehen, denen er davon erzählt.
Die Mutter wollte es so gern einmal selber sehen; auch der Vater
hatte mit ihm die Sache eifrig besprochen, wie es möglich sei, etwas
herzustellen, das sich selber in Bewegung halte und nicht auslaufe.
Ueberdies schämte er sich jetzt der Schwäche, die er heute Mittag dem
alten Schlossermeister gegenüber gezeigt; der Vater sollte wenigstens
sehen, daß er nicht lange Zeit gebraucht, um darüber Herr zu werden, und
das würde ihn, wie er recht gut wußte, freuen.

So nahm er denn das kleine Kunstwerk auf und ging damit zu den Eltern
hinüber, fand auch den Vater, obgleich es schon stark auf den Abend
zuhielt, noch scharf bei seiner Arbeit.

»Holla, Fritz, was bringst Du da?«

»Das =perpetuum mobile=, Vater. Ihr wolltet es ja gern einmal sehen, und
ich muß es jetzt wieder dem Eigenthümer hintragen.«

»Hm,« sagte der Alte, der nur einen flüchtigen Blick auf das Kunstwerk
warf, während die Uebrigen darum herdrängten. Sein Auge flog forschend
über die Züge des Sohnes, und wie damit befriedigt, fuhr er fort:
»Bravo, mein Junge, Du hast den schwarzen Rock und damit eine ganze
Menge anderer Dinge wieder ausgezogen, und das freut mich, freut mich
von Herzen! Geh' nur damit in die Stube -- laß die Pfoten davon, Karl,
Du mußt doch gleich Alles betasten. Setz' es nur drinnen hin, Fritz, ich
komme gleich nach.«

»Ist die Mutter drin?«

»Ja, ich glaube; sie war vorhin ausgegangen, ist aber wieder zurück.
Weiß der Henker, was sie hat! Vorhin wurde sie doch auf einmal unwohl,
aber es muß wohl wieder vorüber sein.«

Fritz ging in die Stube und fand zu seinem Erstaunen die Mutter, die er
sonst nie ohne irgend eine Arbeit traf, wie in tiefen Gedanken auf und
ab gehen. Wie sie ihn erkannte, blieb sie stehen, und während sie ihn
ansah, traten ihr die Thränen in die Augen.

»Guten Abend, Mutter!« sagte Fritz, indem er das Mitgebrachte auf den
Tisch stellte. »Ich wollte Dir hier einmal die kleine Maschine
zeigen, von der ich Euch neulich erzählt. Es ist wirklich eine Art von
Kunstwerk.«

»Fritz, mein armer, armer Fritz!« sagte die Frau, ohne einen Blick
darauf zu werfen, indem sie auf ihn zuging, seine beiden Hände ergriff
und ihm voll und traurig in die Augen schaute.

»Hat Dir der Vater erzählt?« sagte der junge Mann scheu und leise.

»Alles, Alles,« nickte die Frau; »o, das stolze, hochmüthige Ding -- und
wenn sie wüßte, was sie an Dir hätte!«

»Liebe Mutter,« lächelte Fritz verlegen, denn er hätte sich dieses neue
Aufreißen der kaum geschlossenen Wunde lieber erspart, »ich glaube, sie
hat, wenn nicht liebevoll, doch sehr vernünftig gehandelt. Ich war ein
wenig zu hastig -- ich bin noch nichts -- ich muß mir selber erst einen
Namen, einen Wirkungskreis schaffen, -- und wenn die Jahre auch für den
Mann nicht so rasch dahinfliegen -- ein junges Mädchen kann darauf nicht
warten.«

»Und Du vertheidigst sie noch?« sagte die Mutter. »O, Fritz, daß ich das
Herzeleid erleben mußte!« Und ihr Gesicht in die Schürze bergend, sank
sie auf einen Stuhl und schluchzte laut.

»Mutter,« bat Fritz und schlang seinen Arm um sie, »meine liebe, gute
Mutter, aber so beruhige Dich doch; Du siehst ja, daß ich gefaßt und
wieder ruhig bin! Was ist es denn auch weiter? Ich habe

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