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Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band.

by Friedrich Gerstäcker · German · Gutenberg #46368 · 359,571 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band.
    
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Title: Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band.

Author: Friedrich Gerstäcker


        
Release date: July 22, 2014 [eBook #46368]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PFARRE UND SCHULE: EINE DORFGESCHICHTE. ERSTER BAND. ***

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  Pfarre und Schule.

  Eine Dorfgeschichte
  von
  Friedrich Gerstäcker.

  Erster Band.

  Leipzig,
  Georg Wigand's Verlag.
  1849.




_Vorwort._


Wenn der Leser auf kurze Zeit Lust hat mir zu folgen, so will ich ihn
auf ein ganz nahe liegendes und ihm doch vielleicht vollkommen fremdes
Terrain führen -- mag er dann aber nicht zürnen, wenn er die Gestalten,
die er sich vielleicht idealisirt gedacht, nicht auch idealisirt wieder
findet. Rechts und links habe ich in das Leben hineingegriffen und
hingestellt was und wie ich es fand -- wir Menschen sind nun einmal
keine Ideale, und selbst aus dem Romane müssen diese verschwinden, wenn
er der Wirklichkeit gehören soll.

Auch kein vollendetes Ganzes war ich im Stande ihm zu bieten --
diese Blätter haben _Deutschland_ zum Schauplatz, und spielen in der
_Jetztzeit_ -- _könnte_ der Leser da ein vollendetes Ganzes auch nur
verlangen? Gewiß nicht, wenn er Wahrheit dabei haben will.

Ich bin aber kein Freund von langen Vorreden, die Einleitung mag daher
den Leser auf den Schauplatz vorbereiten, und das Buch selbst ihm sagen,
was er zu erwarten hat. Ich habe geschrieben, wie mir's aus dem Herzen
kam -- möge er es in dem Sinne nehmen und verstehn.

  _Der Verfasser._




Inhalt des ersten Bandes.


                Erstes Kapitel.              Seite
  Einleitung                                     1

                Zweites Kapitel.
  Flucht und Verfolgung                         12

                Drittes Kapitel.
  Diaconus und Hülfslehrer                      39

                Viertes Kapitel.
  Parterre und erste Etage                      57

                Fünftes Kapitel.
  Der alte Jäger                                75

                Sechstes Kapitel.
  Die Hornecker Schenke                        101

                Siebentes Kapitel.
  Die Pfarre                                   128

                Achtes Kapitel.
  Jägers Fritz und Schulmeisters Lieschen      160

                Neuntes Kapitel.
  Die Schule                                   182

                Zehntes Kapitel.
  Die Schulmeister                             214

                Elftes Kapitel.
  Des Musikanten Tochter                       245

                Zwölftes Kapitel.
  Die Gutsherrschaft                           270




Erstes Kapitel.

Einleitung.


Der Frühling des Jahres 1848 war gar außergewöhnlich früh und mild durch
die starren, kalttrüben Winterwolken hereingebrochen, und hatte Felder
und Fluren zu einer Zeit mit Grün bekleidet, wo diese sonst noch
gewöhnlich unter bergender Schneedecke gleich sicher gegen bittere
Nachtfröste wie eisige Nordweste geschützt lagen. Der Thau reinigte
selbst die Gebirgsschluchten, in denen bei anhaltenderen Wintern
manchmal wohl bis Anfang Mai frostige und schmutzig braune
Schneeschichten gelegen, von jedem Nachzügler nordischen Herrscherthums,
und Schneeglöckchen und Primeln küßten sich im Thal, und weinten
perlende Freudenthränen, als die Lerche über ihren Häuptern emporstieg
und dem sonnigen Himmelsblau ihre schmetternden Jubellieder entgegen
wirbelte.

Aus dem Süden kam der ernste Storch und eilte mit raschem und immer
rascherem Flügelschlag der Stelle zu, wo er im vorigen Jahre sein Nest
gebaut und der jungen Brut das Fliegen gelehrt, und die Staare strichen
von allen Seiten herbei, erzählten sich die bestandenen Abenteuer, die
überstandenen Gefahren und Beschwerden, und schwatzten und zwitscherten
und flatterten und schwirrten, daß die Sperlinge auf den Dächern ganz
eifersüchtig wurden, und der ernste Rabe, der oben in der am Weiher
stehenden Fichte saß, erst eine lange Weile mit dem Kopfe schüttelte,
rechts und links hinunterschaute auf die lärmende Schaar, und dann mit
langsam scharfem Flügelschlag dem stilleren Felde zustrebte, wo er mit
den Brüdern gravitätisch hinter dem einsamen Pfluge herschritt, und sich
aufmerksam die frischgewühlten Furchen betrachtete, was sie ihm neues
und wohlschmeckendes zum Mahle böten.

Draußen im Raps lockte mit dem wehmüthigen Rufe das Rebhuhn; über die
Raine und Feldflächen jagten sich spielend die Hasen; der Finke sang
seine schmelzenden Melodieen im keimenden Wald; Huhn und Taube scharrten
sich nicht mehr die kleinen Füße auf dem harten Erdboden wund und
blutig, und über die Teichwiesen und den von Felsen umdämmten Fluß
strich schwirrend und blitzschnell die Wildente hin, und suchte unter
den dichten Zweigen und Dornen, die den kleinen Wald umhingen, Schutz
und Verborgenheit.

Aber auch die Pflanzenwelt war nicht müßig; in gewaltiger Kraft brach
sich das junge quellende Leben die freie fröhliche Bahn aus dem starren
Holze; überall sproßten und schossen Halme und Gräser empor, die Blüthen
schwollen in farbenduftiger Fülle und Tulpe und Hyacinthe, das stille
Veilchen und die schüchterne Aurikel, und vor allen anderen das
neugierig muthige Leberblümchen, das sich mit seinen herzig rothen
Lippen oft schon Bahn selbst durch die Schneedecke bricht, erschlossen
die würzigen Kelche und sandten Weihrauchopfer zu der freundlich über
sie hingebeugten heiligen Pfirsichblüthe empor.

Und der Mensch?

Im Norden und Süden, im Osten und Westen der schönen deutschen Gauen,
zwischen der erwachenden lächelnden Natur, unter den duftigen Blüthen
und Knospen der Frucht- und Waldesbäume -- strömte Blut; Barrikaden
füllten die Straßen der sonst so friedlichen Städte, und hemmten den
Verkehr -- zerfleischte Leichen sahen stieren glanzlosen Blicks in die
warme sonnige Luft hinauf, die für ihre Wange keinen fächelnden Hauch
mehr hatte, und Verwundete mischten ihr Stöhnen und Schmerzenswinseln
mit dem freudigen Jubelrufe der Frühlingsboten. Heeresmassen mit
blitzenden Waffen füllten die Straßen, und Flammensäulen lodernder
Gebäude leuchteten weit in die Nacht hinaus.

Auch in den Geistern der Menschen war es Frühling geworden, aber der
Winter des kalten Zwangs und der starren Willkür hatte so lange, lange
Jahre gedauert, daß es Gewalt brauchte, die übereisten Knospen zu
brechen und die Banden zu lösen, mit denen die nach Freiheit Strebenden,
Drängenden, so fest, ach so gar fest und streng umschlossen waren. Und
die Glieder bluteten in der rasenden Kraftanstrengung, mit der sie
sich dem, ihnen nur einmal dämmernden Lichte entgegen arbeiteten; aber
»_durch Nacht zum Sieg_« tönte der Freiheitschrei, die Männer der Gewalt
erbebten und die eiserne Bande, die Herzen und Arme des Volkes bis dahin
gefesselt gehalten -- borst.

In Deutschland war Frühling; aus Süden und Westen her wehte die frische
belebende Luft herüber und vom nordischen und adriatischen Meer, vom
Rhein und von der Donau zogen mit den fröhlichen Farben des Reichs,
mit dem so lang verpönten und verschmähten Schwarz, Roth und Gold
geschmückt, die Vertreter der Stämme zur Vorberathung des ersten
deutschen Parlaments.

In Deutschland war Frühling, und in den Sitzen der bedeutenderen
Intelligenz, in den größeren und bevölkerteren Städten, kochte und
gährte es in Versammlungen und sich anschließenden Vereinen, in
Ausbrüchen des Zorns und Ingrimms gegen verhaßte, des Jubels und Dankes
gegen beliebte Bürger; wo die Waffen ruhten, nahm die befreite Presse
den Kampf von Neuem auf, und jedes andere Interesse schwand in dem
einzigen Worte _Politik_.

Anders und ruhiger zeigte sich dagegen noch die Wirkung in den
kleineren, besonders den vom Hauptverkehr mit der geschäftigen wirkenden
Welt mehr abgesonderten Städtchen und Flecken. Die Tagespresse hielt
dort nicht den ruhigen Arbeiter in steter peinlicher Spannung des
Kommenden, und imponirende Massen vermochten nicht von seinen Geschäften
ihn loszureißen; wohl las er die Zeitung, aber meistens fand er hier nur
wöchentliche Berichte, die das _Geschehene_ ruhig erzählten, und deren
enge Spalten keinen Raum ließen für weitere ausführliche Besprechungen
und Pläne. Allerdings drang auch bis zu ihm der Ruf, einen Abgeordneten
für das deutsche Parlament zu wählen, um auch ihre Stimme in Frankfurt,
wo Deutschland stark und einig tagte, vertreten zu sehen, um auch
ihren Wünschen, Forderungen und Beschwerden Worte zu geben, die nicht
wirkungslos mehr im Papierkorb der Minister schlummern sollten. Aber sie
begriffen größtentheils noch nicht die Wichtigkeit solcher Vertretung,
sie wußten nicht, was man in Frankfurt, von woher ihnen bis dahin
noch nie etwas Gutes gekommen, großes für sie ausrichten könne, und
gleichgültig und schläfrig betrieben sie eine Sache, die ihrer ganzen
ausschließlichen Energie bedurft hätte, um nicht als Fluch, statt als
Segen auf sie zurückzuwirken.

Desto eifriger wurde aber dafür das, hier so plötzlich dem Ehrgeiz
geöffnete Feld von allen denen benutzt, die nun, ob Beruf, oder nicht
dafür im Herzen, Hoffnung zu haben glaubten, irgend einen Winkel
Deutschlands für ihre Wahl bestimmen zu können. Besonders galt dies von
einer Klasse Menschen, die sich gleich von vorn herein in den größeren
Städten, oder da, wo man ihre bisherige Thätigkeit kannte, unmöglich
wußten; diese stoben nach allen Seiten in kleine Städte und Ortschaften
hinaus, stifteten Vereine, hielten Reden, haranguirten das Volk mit den
Schlagwörtern des Tages und stürzten in Bierstuben und Tanzsälen Throne
um und vernichteten Fürstenthümer.

Und war die Reaction so ganz müßig? That sie gar Nichts, dem Feuereifer
der Republikaner entgegen zu wirken? Nein, wahrlich nicht; müßig
keinen Augenblick, aber noch zu schüchtern, in der ersten Zeit wilder
Begeisterung den Kampf auf offene unerschrockene Art zu beginnen. Der
Begriff einer Reaction war auch noch zu wenig festgestellt worden, ja
die meisten, dem _zu_ raschen Fortschritt _nicht_ geneigten, schienen
sich kaum klar darüber zu sein, wie weit die Männer der Zeit eigentlich
zu gehen beabsichtigten, und wie stark daher der Gegendruck sein
müsse, sie zurück zu halten, ja ob nicht doch das Ganze am Ende nur
ein einfacher Aufstand sei, der von dem Militair bald und rasch wieder
unterdrückt werden könne, und dann -- aber Berlin -- Berlin -- die
dort umsonst abgefeuerten Kartätschen machten einen höchst unangenehmen
Eindruck auf Jeden, der bis dahin an die Wiederherstellung des alten
stillen Friedens geglaubt, und die höchst ungewisse Lage, in der man
sich befand, ja wo sogar noch der Zweifel aufstieg, ob man die wirklich
dagewesene Revolution auch eben so wirklich anerkennen solle oder nicht,
vereiteltete jedes entschiedene und planmäßige Handeln. Nur die einzige
Hoffnung blieb noch, im Geheimen und mit stillem unbeobachteten Wirken
einen künftigen Sieg anzubahnen, und das schien um so nöthiger,
da selbst ein großer Theil der Beamten, die große Majorität des
Mittelstandes, ja sogar eine nicht unbedeutende Zahl der reicheren
und intelligenten Bürger, zwar dem Wühlen der Hitzköpfe und unreifen
Politiker nicht geneigt, aber doch zugleich auch fest entschlossen
schien, sich die gegenwärtigen Errungenschaften zu wahren und gleich
stark der Anarchie von unten wie von oben zu begegnen.

So lebendig nun also die Zeitverhältnisse in der Residenz des kleinen
Landes, das ich mir zum Schauplatz dieser Erzählung ausersehen,
besprochen wurden, wo Katzenmusiken und Fackelzüge anfingen zu den
allergewöhnlichsten Begebenheiten zu gehören, so still und ruhig
verhandelte man in dem, nur wenige Stunden davon entfernten Dorfe
Horneck die Tagesfragen. Der ganze März war verflossen, und noch kein
einziger Verein gegründet worden, die Nachrichten aus den benachbarten
Reichen klangen den friedlichen Bewohnern wie Mährchen aus tausend und
eine Nacht und sie hätten das Ganze am Ende nur ebenfalls wie eine
Fabel und nicht einmal für möglich gehalten, wären nicht der Schulze
und Gerichtsschreiber -- Beides sonst ein paar sehr ernste und furchtbar
strenge Gestalten, plötzlich so ganz unerklärbar freundlich geworden, ja
selbst der Rittergutsbesitzer, ein unerhörter Fall, zweimal in eigener
Person in die Schenke zu Biere gekommen.

Richtig war's nicht in der Welt, so viel stand fest, und umsonst
steckten der Pastor und ihr Gerichtsherr auch nicht immer die Köpfe
zusammen und lasen in Zeitungen, die sonst zu Horneck gar nicht gehalten
wurden. Die Bauern fingen daher, durch dies Alles neugierig gemacht,
selbst ein wenig mehr an, die sonst ziemlich vernachlässigten Berichte
»von draußen her«, von Frankreich und Berlin und von Leipzig und der
Türkei zu lesen, und in der Schenke gab dann ein Wort das andere. Die
Köpfe wurden heiß, die Gemüther erregt, die Worte hitzig -- Partheien
bildeten sich und Leute traten auf, die mit donnernden Fäusten den
erstaunten Zuhörern die Beweise auf den Tisch schlugen. Aber es blieb
auch nur bei den hausbackenen einfachen Reden der Leute selber und die
konnten weiter keine aufreizende oder bedenkliche Folgen haben, denn
besonders der Landmann hält sich gern für eben so klug, als sein
Nachbar, und glaubt das, was der ihm sagen kann, erst recht schon, und
wer weiß wie lange, besser zu wissen.

Dem konnte auch der Pastor Scheidler, der sich überhaupt gleich
von seinem ersten Amtsantritt her, viel um das Familienleben seiner
Beichtkinder bekümmert hatte, leicht begegnen, und jedes Unheil und jede
Störung durch Predigt und Wort abwenden, und nur erst, als die Zeitungen
immer unaufhaltsamer kamen und die »Preßfreiheit« dem guten besorgten
Mann doch etwas bedenklich wurde, da gründete er einen »Lesezirkel« und
schickte seinen Diaconus hinein, um den Leuten die einzelnen Artikel
auszulegen und ihnen, gleich an Ort und Stelle über verfängliche oder
solche Sätze, die sie zu längerem Nachdenken zwingen könnten, Aufklärung
zu geben.

Der einzige Mann vielleicht im ganzen Orte, der sich _gar_ nicht um
Politik bekümmerte und vollkommen damit zufrieden schien, wenn ihm der
Hülfslehrer, der ihm im letzten Jahre beigegeben worden, nur manchmal
Abends die »Neuigkeiten aus der Stadt« erzählte, das war der alte
Schulmeister von Horneck, Sebastian Kleinholz, der seinen Jungen nach
wie vor die zehn Gebote und das Ein mal Eins einprägte, und das Jahr
1848 mit einer wahrhaft gründlichen Verachtung behandelte. Mit der
Revolution schien er aber nicht besonders einverstanden; der Pastor --
sein Vorgesetzter, so lange er denken konnte -- schüttelte stets, wenn
er davon sprach, sehr bedenklich mit dem Kopfe, und der wußte was er
that, denn der las _alle_ Zeitungen von A bis Z und legte die Bibel aus,
wie noch keiner vor ihm. Papa Kleinholz kümmerte sich übrigens nur wenig
um die Außenwelt und mußte oft förmlich dazu gezwungen werden, wichtige
neu eingelaufene Berichte mit anzuhören; ihm genügte es, daß in
Horneck die Alten -- noch die Alten blieben, und mit den Jungen -- ei
sapperment, da wollte er allein -- heißt das mit dem Hülfslehrer --
schon fertig werden.




Zweites Kapitel.

Flucht und Verfolgung.


Horneck lag in einer reizenden Gegend unseres schönen deutschen
Gaues, an einem kleinen, aber malerisch gebetteten Strome, den wir die
_Rausche_ nennen wollen. Von hoher Bergeskuppe überschaute es weit und
breit die benachbarten Thäler und die ausgedehnte Niederung, die sich
gen Süden in flache fruchtbare Felder hinabzog, und dichte schützende
Kieferkämme umdrängten den kleinen Ort gegen Norden, wo sie festen
Schirm und Hort gegen die kalten Winterstürme bildeten. Tief unten aber
rauschte und brauste der Strom über künstliches Wehr hinweg in das Bett
hinein, das ihn der klappernden Mühle entgegenführte, und drüben am
anderen Ufer, wo der Kahn so dicht und schaurig versteckt unter der
frisch ausschlagenden Trauerweide lag, stand, von Buchen und jungem
Eichenschlag fast verdeckt, die stille kleine Försterwohnung, mit
dem blendendweißen Anwurf und dem schindelgrauen Dach, den mächtigen
Hirschgeweihen über der Thür, zu denen der alte Forstmann bei jedem
eine lange prächtige Geschichte erzählen konnte, und dem schmalen
freundlichen Garten vor der Schwelle, in dem schon Tulpe und Aurikel
blühte und die duftenden Veilchen das enge Rundtheil in der Mitte mit
blauem reizenden Kranz umzogen.

Unten am Fuß des Berges, auf dem Horneck lag, standen von fruchtbaren
Feldern und Wiesen gleich umschlossen und von dichten Obstgärten
begrenzt, die Wirthschaftsgebäude des Rittergutes, das denselben Namen
trug, oben aber, auf der höchsten Kuppe, ja selbst auf einem theilweis
als Steinbruch benutzten Felskegel gebaut, der ihr auch großentheils
aus seinem eigenen Selbst das Material zu den starken Mauern geliefert,
ragte die kleine Kirche mit dem stumpfen abgerundeten Thurme hervor, und
gewährte einen Fernblick selbst über die spitzen dunkelgrünen Wipfel des
Nadelholzes hin nach den blauen zackigen Gebirgsrücken gen Norden, in
denen die Rausche ihren Ursprung fand.

Die Pastorwohnung lag dicht unter der Kirche an der Nordseite, und eine
enge in den Stein gehauene Treppe führte zu der kleinen Thür hinauf,
durch die der Pastor das heilige Gebäude gewöhnlich betrat; an der
Südseite dagegen schmiegte sich die Schulwohnung an und vor dieser
vorbei führte auch der breite steile Fuhrweg selbst bis vor die
Hauptthür der Kirche.

Der Diaconus wohnte mit in der Pfarre, der Hülfslehrer in einem kleinen
Dachstübchen der Schule, das die Aussicht, über die unter ihr liegenden
Dächer der Nachbarhäuser hinweg, gerade nach dem schattigen düsteren
Schwarzholze hatte. Von der Schulwohnung aus führte ein kleiner schmaler
Pfad dicht an einem niederen Kieferdickicht hin, wo sich die stachlichen
Nadelzweige fest in einander schoben und ein Durchbrechen derselben fast
zur Unmöglichkeit machten.

Auf dem Wege nun, der über die Felder bis weit an die oben gen Norden
ziehende Straße lief, schritt, am Morgen des ersten April, wo die
Sonne so recht warm und freundlich auf die Erde herniederschien, Vater
Kleinholz, einen Spaten auf der Schulter, und für sein Alter noch
rüstig genug, vorwärts, und rastete nicht eher, bis er an einen kleinen
schmalen Streifen Feld kam in dessen einer Ecke, und dicht am Wege, ein
mächtiger Steinblock wohl zwei Schuh hoch aus der Erde emporragte. An
diesen lehnte er seinen Spaten, setzte sich selbst auf den Stein, und
legte für einen Augenblick, wie ausruhend, die beiden zusammengefalteten
Hände in den Schooß; sein Blick schweifte dabei prüfend über das kleine
Stückchen Erde hinüber, das er sein nannte, und das noch starr und
ungelockert, wie es der Winter gelassen, mitten zwischen den bestellten
und wohl hergerichteten Feldern der Nachbarn lag.

»Ja ja,« sagte er da nach langer Pause, während er langsam und bedächtig
dazu mit dem Kopfe nickte -- »ja ja, ich kann es Meiers Frieden nicht
verdenken, daß er mir den Zwickel hier nicht aufpflügen will -- oder
nicht kann, wie er meint; so mitten in Gräben drinn und hier noch
den Stein, und da drüben den Wegweiser, da bleibt in der That kein
Plätzchen, wo man Kuh oder Pferd umlenken könnte, und am Rande ist man
auch immer gleich wieder. Nun mit Gott, dieß Jahr werden diese alten
Knochen wohl noch im Stande sein, das bischen Arbeit zu thun, und im
nächsten -- na da laß ich vielleicht dem Hülfslehrer seinen Willen, der
mich lange d'rum gequält hat -- eigene Passion das -- wer weiß -- hm,
ja -- wer weiß, ob er's im nächsten Jahr nicht ohnedieß für sich selber
bestellen muß.«

Der alte Mann zog seinen schwarzen, schon sehr abgetragenen Rock aus,
faltete ihn sauber zusammen und wollte ihn eben neben sich auf den Stein
legen, als sein Blick auf die deutlich hervortretenden hellblauen
Näthe fiel, die dem sonst ganz schwarzen und ehrwürdigen Kleide ein
eigenthümliches Ansehn gaben.

»Hm« sagte er, und betrachtete aufmerksam das abgenutzte Kleidungsstück
-- »der Färber hat mir die Montur doch nicht so recht ächt in der Kur
gehabt, und der Müller guckt überall durch -- das Blau muß eine
sehr gute Farbe gewesen sein, daß es sich so durch das Schwarz
hindurcharbeitet -- ich wollte ich hätte den Rock gehabt, wie er neu
war; mein Samuel soll mir doch einmal ein Bischen wieder mit Tinte
nachhelfen -- das hält eine lange Weile und sieht ordentlich gut aus;
aber komm Sebastian, komm, der schöne Sonnabend vergeht und ich darf
doch nicht wieder zu Hause gehen, ohne mich wenigstens ein Stückchen in
die Ecke hier hineingestochen zu haben.«

Und vorsichtig, als ob er bange wäre von dem verwitterten Kleidungsstück
vielleicht eine Ecke abzubrechen, legte er den Rock auf den Stein, griff
nach dem Spaten, und war bald beschäftigt den, durch den letzten
Regen ziemlich locker gewordenen und überdieß etwas sandigen Boden
umzustechen.

Noch nicht lange hatte er so, dem Waldpfad den Rücken zukehrend,
gearbeitet, als zwei Personen den kleinen Weg entlang kamen, und ruhig,
von ihm unbemerkt, den eben erst verlassenen Platz auf dem Steine
einnahmen. Es war ein Greis und ein junges Mädchen; beide bleich, und in
anscheinend ärmlichen Verhältnissen, -- das Mädchen aber auch noch von
kränklichem Aussehn, mit blassen eingefallenen Wangen und glanzlosen
Augen.

Sie mußte einmal recht schön gewesen sein, die arme Maid, weich und
seidendicht schmiegten sich die langen nußbraunen Haare um die weiße,
hohe und edelgeformte Stirn, dunkle und lange Wimpern überschatteten den
Blick; auch ihre Gestalt war schlank und zart gebaut, und die Hand klein
und zierlich wie der Fuß, aber die Elasticität der Jugend war aus der
jugendlichen Form gewichen, und ernst und schwermüthig neigte sich das
schöne bleiche Haupt.

Keines von beiden sprach ein Wort, der Alte aber, der eine in ein
braunes Tuch gewickelte Violine unter dem Arme trug, stemmte diese jetzt
vor sich auf den Stein, umklammerte sie mit beiden Händen, stützte dann
sein Kinn oben darauf, schaute dem greisen Schulmeister eine ganze Weile
schweigend zu und sagte mehr mit sich selbst redend, als zu dem Anderen
gewandt:

»Auch ein sauer Stück Brod für weiße Haare -- aber doch besser wie gar
keins -- ich kenne Leute, die recht gern grüben, wenn ihnen nur auch der
Boden Kartoffeln trüge.«

Der Schulmeister richtete sich auf, schaute sich um, und blieb, die
Rechte auf den Spaten stemmend, in eben der Stellung stehn.

»Guten Morgen, ihr Leute -- woher des Weges?« sagte er tief Athem holend
-- »Ihr müßt früh aufgebrochen sein, wenn Ihr schon von Sockwitz kommt,
und es liegt doch kein anderes Dorf mehr da hinüber zu.«

»Wir brauchten nicht zu warten bis der Kaffee fertig war« erwiederte ihm
trocken und mürrisch der Alte, »da hält's nicht auf, wenn man morgens
rasch fort will, das Frühstück hat uns auch nicht am Gehn gehindert.«

Es lag so viel Bitterkeit in dem Tone, mit dem der Fremde diese Worte
sprach, daß der Schulmeister ihn lange mitleidig betrachtete; endlich
ging er auf den Stein zu, auf dem sie saßen, nahm seinen Rock herunter,
griff in die eine Rocktasche und frug, während er aus dieser irgend
etwas in Papier gewickeltes herausnahm:

»Ihr seid wohl noch nüchtern liebe Leute? -- ja, die Zeiten sind
schlecht, und ein armer Mann muß sehn wie er sich durchschlägt; nun
nehmt nur, ich finde was wenn ich wieder zu Hause komme.«

»Ihr seid der Schulmeister?« frug der Bettler, und schaute während er
das Dargebotene zögernd annahm, etwas mißtrauisch nach dem schwarzen
Rock hinüber, den Jener noch in der linken Hand hielt.

»Von Horneck,« bestätigte der Greis.

»Heißt Ihr Horneck?«

»Seh' ich aus wie ein Adelicher?« lächelte der alte Mann.

»Ih nun« brummte der Fremde, und warf einen finsteren Blick nach der
Häusermasse des kleinen Orts hinüber; »nach einer Weile könnte das
wahr werden -- jetzt ist's freilich noch nicht -- wenn Ihr aber der
Schulmeister vom Dorfe seid, und uns Euer Frühstück schenkt, so muß ich
mich wohl, und das recht herzlich dafür bedanken; die Schulmeister haben
sonst auch gewöhnlich nicht viel wegzuschenken.«

»Besonders der von Horneck,« sagte Papa Kleinholz mit einem wehmüthigen
Zug um die Lippen, der in diesem Fall wohl eben wieder zu einem Lächeln
werden sollte, es aber doch nicht im Stande war, und nur zu einer
leisen, kaum bemerkbaren Bewegung der Lippenmuskeln wurde, -- »nun, es
hat jeder sein Bündel Leid und Noth zu tragen, und da darf man nicht
murren, wenn unseres vielleicht ein klein Bischen größer ist, als das
des Nachbars; der Eine vermag auch mehr zu tragen, als der Andere, und
der liebe Gott theilt das eben jedem nach seinen Kräften zu.«

»Herr Gott, was müssen wir doch für Riesen sein, Marie;« lachte der
Alte, und wandte sich nach seiner Tochter um; die aber antwortete
Nichts, nahm ihm nur das vom Schulmeister erhaltene Frühstück -- ein
Stück trockenes Brod -- aus der Hand, brach sich einen kleinen Theil
davon ab, und verzehrte es schweigend. -- Ihr Blick heftete in dem Thale
unten an irgend einem Gegenstand -- sie sprach kein Wort und verzog
keine Miene.

»Eure Tochter ist wohl stumm?« frug mit mitleidigem Blicke der
Schulmeister.

»Stumm? nein,« lautete die Antwort, »nur maulfaul -- sie denkt
wahrscheinlich viel, aber sie hat die Gabe nicht, es von sich zu geben.
Schade drum, die Welt wird viel verlieren.«

Ein vorwurfsvoller Blick des Mädchens fiel auf den Vater, als er die
Worte sprach, doch es war nur ein Blick, und es wandte rasch wieder
den Kopf. Dem Schulmeister fing es aber an unheimlich bei den Beiden zu
werden. Das Mädchen hatte augenscheinlich schon bessere Tage gesehn;
ihr Anstand war edel und selbst die Züge verriethen einen Grad von
Ueberlegenheit, der um so auffallender gegen das gleichgültige Wesen
ihres Begleiters abstach. Auch ihr Anzug gab Zeugniß einer besseren
Zeit und ganz verschiedener Verhältnisse, wenn nicht die Ueberreste der
Kleider von mitleidiger Hand kamen, und jetzt nur, wie zu Spott und Hohn
die hageren Glieder mehr verhüllten als bedeckten.

Marie, wie sie der Alte nannte, trug ein zerrissenes, beschmutztes Kleid
von schwerer schwarzer Seide, das an mehreren Stellen durch Stücken
bunten gewöhnlichen Kattuns, ja über dem linken Aermel sogar mit
Bindfaden zusammengehalten wurde. Die bloßen Füße staken in zerrissenen,
aber feinen, mit Pelz noch hie und da verbrämten Lederschuhen, und den
Kopf bedeckte ein sonngebleichter blauer Atlashut, von dem jedoch jeder
Zierrath, der ihn sonst vielleicht bedeckte, heruntergeschnitten war,
während darunter einzelne unordentliche Locken des üppigen Haares
hervorquollen. Die Arme trug sie bloß, und einen in früherer Zeit
vielleicht schön gewesenen Shawl, der aber jetzt durch Straßenschmutz
und Regen höchst unansehnlich geworden, hatte sie, als sie mit ihrem
Vater an dem jetzigen Ruheplatze angekommen, fest um sich hergeschlagen,
jetzt aber, durch was nun auch ihre Aufmerksamkeit abgelenkt sein
mochte, nachlässig niederfallen lassen, daß der bleiche Nacken, unter
dessen durchsichtiger Haut die blauen Adern schimmerten, und die eine
Schulter hervorschaute.

»Nun, kannst du den Mund nicht aufmachen, Mamsell?« fuhr sie nach kurzer
Pause der Alte noch einmal an, »oder ist die _Madame_ vielleicht heute
Morgen nicht zu sprechen, und läßt sich absagen?«

Das Mädchen erwiederte keine Silbe, schien auch den Hohn, der in den
Worten lag, gar nicht zu beachten oder zu bemerken, und deutete jetzt
nur schweigend, mit der rechten, abgemagerten Hand nach dem Thale
hinunter, wo sich eine Gruppe bewegte, die auch die Aufmerksamkeit
der Männer, sobald sie ihrer nur ansichtig wurden, im höchsten Grade
fesselte, und jedes weitere Gespräch für den Augenblick abschnitt.

Das Thal, durch welches sich ein schmaler Fußpfad links hinüberwand,
und der, nach dieser Richtung hin etwa eine halbe Stunde entfernten, zur
Residenz führenden breiten Chaussee zulief, war ziemlich offen und nur
größtentheils von nackten Feldern und Wiesenstrichen durchkreuzt; erst
gegen den Fuß der Anhöhe hin bildeten sich kleine, der Höhe zustrebende
Schluchten, die mit niederem aber dichtem Gebüsch bewachsen, schon
gewissermaßen die Vorpostenkette der stattlicheren Waldmassen bildeten,
welche nachher von der Kuppe des Berges aus weit hin gen Norden und
Osten zogen.

Zwischen diesen Schluchten lagen immer wieder freie Feldstrecken, und
gegen den Kamm des Hügels hin, wo wir gerade den Schulmeister mit den
beiden Fremden verlassen haben, verschwanden auch die Büsche, so daß
hier eine einzige ununterbrochene Fläche diese von dem Walde selber
vollkommen abschnitt. Nur ein kleines Weidendickicht lag gerade mitten
auf der Kuppe, und dahinter hin dehnte sich, durch mehrere hier
kräftig vorsprudelnde Quellen erzeugt, ein schmaler Streifen sumpfigen
Moorgrundes aus.

Ueber das offene Feld aber, das noch unterhalb der Schluchten, und
von dem Fußpfad durchzogen lag, lief, als die Dreie eben dort
hinüberschauten, ein Mann, und schien mit aller nur möglichen
Kraftanstrengung den nächsten Büschen zuzustreben. Hinter ihm aber, in
kaum zweihundert Schritten Entfernung, sprengte ein Reiter, und
trieb mit Peitsche und Sporn sein Pferd zu wildester Eile an, um den
Flüchtigen einzuholen, oder ihn doch wenigstens von dem schützenden
Dickicht abzuschneiden, wo Verfolgung im Sattel unmöglich gewesen wäre,
und ihn aufzuhalten, bis ein anderer Hülfstrupp, der aus vier Fußgängern
bestand, und ebenfalls so rasch als möglich, aber schon anscheinend
erschöpft, herbeistürmte, die Anstrengungen des Berittenen zu
unterstützen vermochte.

Der Flüchtling zeigte übrigens, wenn er Grund und Boden, auf dem er sich
befand, nicht schon von früher kannte, einen so richtigen Blick in der
Richtung, die er einschlug, und der Bahn, der er folgte, daß er nicht
allein die für den Reiter schwierigsten Stellen rasch nach einander
benutzte, sondern auch den alten Musikus durch seine Kraft und
Gewandtheit zu lauter Bewunderung hinriß.

»Bei Gott!« rief dieser, »das ist nicht das erste Mal, wo der einem
Gensdarmen aus dem Wege geht -- hurrah mein Junge -- nur noch ein paar
Minuten ausgehalten, und der Schnurrbart mag nachher sehn, wo er zuerst
in den Büschen hängen bleibt -- hurrah mein Herzchen -- das ist recht
-- ha ha ha -- wie der die kleine Hecke und den Dornenbusch benutzt --
jetzt links mein Schatz -- noch mehr links, nachher kommen die Steine,
und in denen bricht er Hals und Bein, wenn er sich hineinwagt -- so brav
-- so brav, hol' mich der Teufel, das war ein kapitaler Sprung -- jetzt
hinein in's Dickicht -- ha ha ha ha das thuts, das war famos ausgeführt:

  »Heißa juchheißa, die Hetze ist aus,
  Guten Morgen Herr Förster, itzt gehn mer zu Haus;
  Itzt gehn mer zu Haus und itzt gehn mer zu Bett,
  Und wer z'erst in den Federn liegt, g'winnet die Wett'!«

Der Alte schwang sein eingewickeltes Instrument jubelnd um den Kopf
und sprang dann auf den Stein, um den weiteren Verfolg der Sache besser
übersehn zu können.

Der Gehetzte hatte auch wirklich, wie es ihm der Alte in eigenthümlicher
Theilnahme, obgleich weit außer Rufsweite, mit lauter ängstlicher Stimme
angerathen, eine kleine Spitze dürren Haidelandes, auf dem scharfe
Felsblöcke wild zerstreut umherlagen, gewonnen, und endlich, indem
er diese zwischen sich und dem Reiter ließ, die Schlucht gerade in
demselben Moment erreicht, als der Gensdarm eine Pistole aus der Holfter
zog und nach ihm feuern wollte. Gählings aber in das tiefe Geröll
hinabspringend tauchte er in dem maigrünen Laube unter, und verschwand
den Blicken der auf dem Hügel Stehenden, wie auch wahrscheinlich denen
des Gensdarmen, denn dieser wandte sich jetzt nach einigen vergeblichen
Versuchen, mit dem Pferde in das Dickicht zu dringen, gegen seine
herankeuchenden Genossen, winkte ihnen, den bewachsenen Platz zu
umzingeln und sprengte dann selbst, um den Rand des Busches hin, der
Höhe zu.

Die Dreie am Stein aber, standen wieder schweigend und in gespannter
Erwartung da, und erharreten ängstlich das Resultat dieser merkwürdigen
Jagd; ja selbst der Schulmeister, obschon sonst ein abgesagter Feind
jeder Ungesetzlichkeit, ertappte sich zu seiner eigenen Ueberraschung
auf dem Wunsch, _den_ Menschen, der doch sicherlich irgend ein
Verbrechen begangen hatte und Strafe verdiente, entwischen zu sehn -- es
ist das jenes eigene Gefühl, das unsere Theilnahme stets dem schwachen,
anscheinend unterdrückten Theile zuwendet, und der Vernunft nicht Raum
gewährt, kalt vorher zu entscheiden, auf welcher Seite das Recht, auf
welcher das Unrecht sei.

Die Jagd nahte sich aber auch jetzt ihrer Entscheidung; denn hielt sich
der Verfolgte, wie das auch das wahrscheinlichste war, da er jedenfalls
einer kurzen Rast bedurfte, in dem Gebüsch, so konnte der Berittene
leicht den oberen Theil der Schlucht besetzt halten, und ihm dadurch die
Flucht zu dem dichten Wald vollkommen abschneiden; die anderen Verfolger
aber hätten zu dreien das noch lichte und durchsichtige Gebüsch mit
leichter Mühe abgetrieben, so daß er entweder diesen, die leichte
Jagdflinten auf den Schultern trugen, in die Hände gefallen, oder von
dem Gensdarmen, hätte er den Ausbruch erzwingen wollen, auf dem nun
ebenen Boden eingeholt wäre, und was konnte der arme Teufel dann gegen
den vollkommen Bewaffneten ausrichten?

»Wenn er nur nicht in dem verdammten Loch da unten stecken bleibt!« rief
der Musikus, und hob sich hoch auf die Fußzehen, um den ganzen Umfang
der buschbewachsenen Schlucht so weit als möglich zu übersehn --
»Wetter noch einmal! wenn er den Wald erreichte, ehe der Himmelhund von
Gensdarmen nachkommt, ich gäb' meiner Seel' --«

Er schwieg plötzlich, denn entweder fiel ihm ein, daß er gar nichts
zu geben hatte, oder er war sich auch vielleicht nicht so ganz klar
darüber, ob er in der That der Sicherheit eines Anderen, Fremden wegen,
irgend etwas geben sollte -- wenn er es hätte.

»Vater«, sagte da das Mädchen -- »wenn er wirklich bis hier oben
her kommt, so fürchtet er sich vielleicht, so lange wir hier stehen,
herauszubrechen, weil er nicht wissen kann, ob wir Freunde oder Feinde
sind. Sind wir hier nicht gerade zwischen ihm und dem Wald? -- wir
wollen auf die Seite treten!«

»O, geh' zum Teufel!« brummte der Alte, »da drüben kann man Nichts
sehen, und glaubst Du etwa, der würde sich vor uns geniren, wenn er dort
hinten in's Dickicht wollte? -- Bist Du dumm, das ist ein alter Fuchs,
und spürt mit einem Blick, ob wir Ehrenmänner oder Polizeigeschmeiß
sind. -- Bei Gott, da kommt der vermaledeite Hegereiter um die Spitze
herum, wenn er doch den Hals bräche, der Lump!«

»Aber lieber Freund,« fiel ihm hier der Schulmeister, dem das doch
zu arg werden mochte, in's Wort, »der Mann ist nur ein Vollzieher des
Gesetzes, und was sollte _ohne_ Gesetze aus uns werden? Wer weiß, was
der Mensch, den sie da einfangen wollen, verbrochen hat; es sind jetzt
schlimme Zeiten, und vieles böse Volk treibt sich im Lande herum.«

Der Musikant warf ihm einen halb verächtlichen, halb ärgerlichen Blick
zu.

»Verbrochen?« brummte er -- »ja, ein großes Verbrechen wird der begangen
haben -- vielleicht hat er im Wald ein trockenes Stück Holz abgebrochen,
um daheim die Kinder nicht erfrieren zu lassen, oder gar einen
hochfürstlichen Hasen erschossen, dem der liebe Gott das erlaubt hatte,
was ihm versagt war, in Feld und Wald sein tägliches Brod zu suchen.
Schreckliche Verbrechen das, aber -- he he he he he -- seht den
Hegereiter:

  »Holter polter alle zwei,
  Wir fielen den Berg hinunter,
  Das Rößlein streckt die Bein empor,
  Der Reiter der liegt drunter,
  Das Rößlein streckt sich einmal aus,
  Und wie sie den Reiter suchen,
  Da liegt er unter Rößleins Bauch
  So flach als wie ein Kuchen.«

Sein jubelndes Lied war nicht ohne Grund; das Pferd des Gendarmen mußte
mit dem einen Vorderbeine in eins der vielen Löcher, die hier den
rauhen Boden überall zerrissen, getreten haben und dadurch plötzlich
einknickend, schleuderte es den Reiter weit über sich weg zur Erde.
Dieser aber, wenn er auch in die scharfen Steine hinein keineswegs sanft
gebettet fiel und an Stirn und Händen blutete, raffte sich doch
rasch empor, hob seine Mütze auf, sprang in den Sattel des zitternden
schweißtriefenden Thieres und strebte schon nach wenigen Secunden mit
fest zusammengebissenen Zähnen und zornfunkelnden Augen seinem Ziele
wieder zu. So gering aber auch der Aufenthalt gewesen sein mochte, der
durch den Sturz herbei geführt worden, so hatte er doch genügt, dem
Verfolgten einen kleinen Vorsprung und so viel Zeit zu geben, das obere
Dickicht, das er indessen erreicht, ohne Säumen zu verlassen, um vor
allen Dingen den wirklichen Wald zu gewinnen, wo er dann, erst einmal
dort, nicht zu fürchten brauchte, so rasch entdeckt zu werden.

Wie der Musikant vermuthet, kümmerte sich jener auch wenig um die
drei Menschen, die er bald als harmlos erkannt hatte, ja er floh sogar
stracks auf sie zu, da gerade hinter ihnen die ihm nächste Waldecke lag.
Seine Lage wurde aber eine sehr mißliche, denn das Pferd war nur noch
eine kurze Strecke von dem Kamm des Hügels, der Wald aber wenigstens
vierhundert Schritte entfernt, und konnte der Reiter erst den
obenliegenden verhältnißmäßig ebenen Grund benutzen, wo er den
Verfolgten augenblicklich entdecken mußte, so war nur geringe Hoffnung,
daß dieser mit seinen fast erschöpften Kräften aushalten würde gegen das
kräftige Thier, das seinen Verfolger trug.

Jetzt flog dieses, mit kühnem Sprung, und von dem Sporn des Reiters
gestachelt, auf den letzten, wohl zwei Fuß hohen Rain hinauf, der schräg
am Rande des Hügels hinlief und kaum erblickte hier der, durch den Sturz
nur noch mehr erbitterte und angereizte Mann den Flüchtigen, der mit
raschen Sätzen über das holprige Feld dahin sprang, als er seinem
Gaul fast die Schenkel in die Flanken drückte und zugleich, mit lautem
Triumphruf den Arm emporwarf; denn auf der offenen Fläche sah er den
Flüchtigen schon rettungslos in seine Hand gegeben.

Der also Gehetzte befand sich jetzt kaum funfzig Schritte von da, wo der
Schulmeister mit dem Musikanten und seinem Kinde stand, ein niederer,
flacher Graben aber, der auf der einen Seite mit Schlehen bewachsen war,
und den er hier annahm, um die Sturzäcker zu vermeiden, die seine Flucht
aufhalten mußten, entzog ihn auf etwa hundert Schritte ihren Blicken.
Als er wieder daraus emportauchte und jetzt von ihnen fortfloh, führte
ihn seine Richtung gerade auf den kleinen Weidenbusch zu, der, wie schon
erwähnt, inmitten dies offenen Feldes stand, der Schulmeister aber,
der, die Hände gefaltet und mit ängstlich klopfendem Herzen diesem
eigenthümlichen Schauspiele zugeschaut, sagte halblaut und fast
unwillkürlich:

»Großer Gott! in den Weiden ist er verloren -- dort sinkt er ein.«

»Vermeidet den Busch!« rief da rasch entschlossen das Weib, und der
Flüchtige, der die Worte nicht zu verstehen schien, wandte den Kopf nach
ihr um -- »in den Weiden ist Sumpf!« wiederholte eben mit noch lauterer
Stimme die Frau, und das letzte Wort wenigstens mußte jener begriffen
haben, denn ohne Weiteres rechts abbiegend, blieb er auf dem Raine, der
die nächste Feldgrenze bildete. Dadurch aber beschrieb er einen kleinen
Bogen um den moorigen Busch, und so nah kam ihm dadurch der Verfolger,
daß dieser, in voller Hast und der freudigen Gewißheit, den Flüchtigen
endlich erreicht zu haben, die eine Pistole wieder aus der Holfter riß,
und, mit den Verhältnissen des Bodens hier unbekannt, gerade auf den
Busch zu sprengte, über dessen niedere Sträucher hin, und anscheinend
dicht vor sich er den nun wieder gerade dem Walde zu Fliehenden sehen
konnte.

»Dort ist ein Sumpf!« wollte auch jetzt, fast unwillkürlich, der
Schulmeister rufen, die breite Hand des Musikanten lag ihm jedoch bei
der ersten Sylbe auf den Lippen, und gleich darauf betrat das Roß den
gefährlichen Boden.

Die dem Flüchtenden gegebene Warnung schien aber keineswegs unnütz
gewesen; schon bei den ersten Sätzen sprang das Pferd bis über die
Fesseln in den weichen Moor; der Gensdarm übrigens, anstatt es rasch
herumzuwerfen, glaubte durch Schnelle des Bodens Schwierigkeiten am
Besten besiegen zu können, preßte noch einmal mit den Sporen nach,
und fand sich wenige Secunden später bis an den Sattelgurt in einem
schlammigen Graben, aus dem sich sein erschöpftes Thier nur nach langer
mühseliger Anstrengung wieder heraus und auf festen Grund arbeiten
konnte.

Der Verfolgte warf, als er das plätschernde Geräusch so dicht hinter
sich hörte, einen scheuen Blick zurück, setzte aber seine Flucht
ununterbrochen fort. Wohl sprengte der Reiter, als er sein Thier
wieder befreit sah, ihm noch einmal nach, und wäre der Wald nur hundert
Schritte weiter entfernt gewesen, so müßte er den zum Tode Ermatteten
dennoch eingeholt haben, so aber erreichte dieser das schützende
Dickicht und verschwand gerade, als der Gensdarme in vollem Ingrimm
seinem Pferde in die Zügel griff und beide Pistolen hinter ihm her
feuerte, zwischen dem dichten Nadelholzanwuchs, dem sich gleich dahinter
ein noch weit undurchdringlicher Eichenschlag anschmiegte.

»Ha ha!« lachte und jubelte aber jetzt der Musikant.

  Wirst mer's net so ibel nehme,
  Wenn i net zerückkomm heut',
  Denn i bin in schenster Arbeit
  Und da han i, Schatz, kei Zeit.

»Ha ha ha! Se. Excellenz der Herr Gensdarme haben sich umsonst bemüht;
kleine Bewegung schadet dem Pferdchen gar Nichts -- wird doch blos
gefüttert, um einen Faullenzer zu tragen, daß er keine Hühneraugen
kriegt.«

»Ihr werdet uns den Gensdarmen auf den Hals ziehen,« sagte der
Schulmeister und schaute sich etwas ängstlich nach dem Reiter um, der
auch wirklich jetzt, während er zugleich frische Patronen in seine
Pistolen hinunterschob, auf die kleine Gruppe zu trabte.

»Hallo da!« rief er, sobald er sich den Dreien gegenüber sah, und sein
in Schweiß gebadetes keuchendes Thier einzügelte, »wer von Euch hat dem
entwischten Schuft da etwas zugerufen? -- nun? -- könnt Ihr die Zähne
nicht auseinander bringen? oder soll ich Euch erst gesprächig machen?«

»_Ich_ war's!« sagte das Mädchen, und schaute dabei dem zornigen
Soldaten fest und unerschrocken in das finster auf sie niederblickende
Auge.

»Und was hast _Du_ mit einem entflohenen Sträfling zu verkehren,
Mamsell?« fuhr sie der ingrimmig an -- »willst Du gestehen, Du -- Ding
Du? oder --«

»Bitt' um Verzeihung, Euer Gestrengen,« schnitt hier der alte Musikant
rasch, aber mit einem eigenthümlichen Gemisch von Trotz, Unverschämtheit
und Scheu der Tochter die Antwort ab -- »Sie wissen wohl, die Weiber
sind neugierig und wollen immer gern mehr wissen, als sie vertragen und
behalten können, und da frug mein dummes Ding von Mädchen da den jungen
Menschen, der in solcher Eile war, was er denn so liefe, und weshalb die
anderen Herren hinter ihm drein rennten.«

»Du Lügenhund verdammter! hab' ich Dich schon gefragt?« schnauzte der
Gensdarme den Alten an -- »wer bist Du überhaupt, und wo kommst Du her?
wo ist Dein Paß?«

»Hm« brummte der Musikant und fuhr sich langsam mit der rechten Hand
in die Brusttasche, »Lügenhund werd' ich eigentlich gewöhnlich
nicht gerufen -- aber was thuts -- hier Herr Lieutenant -- bitt' um
Verzeihung, wenn die Anrede nicht klappt -- am Verdienst wird's nicht
fehlen -- hier ist der Paß -- wird wohl Alles in Richtigkeit sein.«

Der Gensdarme riß das zerknitterte, beschmutzte und vielmal
zusammengefaltete Papier, das ihm der Alte reichte, an sich, öffnete und
durchflog es mürrisch, denn nicht freundlicher schien ihm das gerade zu
stimmen, daß er keinen Halt an dem Musikanten fand, um seinem _Zorne_
Luft zu machen.

»Jacob Meier,« las er halb laut, und verglich dabei mit rasch und
mißtrauisch hinüberschweifenden Blicken die Figur mit dem in dem Paß
befindlichen Signalement -- »Alter 53 Jahr -- Haare grau gesprenkelt --
Nase kurz -- Backenknochen vorstehend -- Pockennarben -- mit Tochter
-- Marie Meier -- Haare schwarz -- Augen dunkel -- Zähne vollständig --
Gesichtsfarbe gesund -- nun, das ist _die_ doch nicht?« und er deutete
dabei auf das Mädchen, in deren Wangen bei den rohen Worten ein
leichter Hauch stieg und auf wenige Secunden zwei rothe eckige Flecken
zurückließ, dann aber eben so rasch wieder verschwand, wie er gekommen.

»Das Kind sieht jetzt krank und angegriffen aus,« sagte hier der
Schulmeister, dem es doch weh that, daß die armen und überdies schon so
unglücklichen Leute so barsch und rauh angefahren wurden -- »es wird ihr
nicht wohl sein.«

»Wer ist _Er_, und was hat er hier d'rein zu reden?« fuhr der gewaltige
Mann des Gesetzes grob genug den erschreckt Zusammenfahrenden an.

»Ich bin der Schulmeister aus Horneck,« sagte dieser fast unwillkürlich,
aber selbst der schüchterne Greis fühlte sich entrüstet über das
Entehrende solcher Behandlung, und mit etwas schärferer Betonung setzte
er gleich darauf hinzu: »auch steh' ich hier auf meinem eigenen Grund
und Boden und habe keinen Menschen beleidigt, daß ich verdiente, so
angefahren zu werden.«

»Dann kümmern Sie sich auch um ihre Schule und stecken Sie die Nase
lieber in ihre Bücher und nicht in anderer Leute Geschäfte,« entgegnete
ihm, wohl nicht mehr so herrisch, aber doch noch immer ärgerlich und
trotzig genug der Gensdarme, und wandte sich wieder von ihm ab. Den Paß
dann dem alten Musikanten vor die Füße werfend, und, die Dreie weiter
keines Blickes oder Wortes würdigend, sprengte er rasch seitwärts den
Hügel hinab und der Stelle zu, wo jetzt seine den Berg heraufklimmenden
und nicht berittenen Begleiter sichtbar wurden.

»Ist das ein rauher grober Mensch,« sagte Kleinholz und sah
kopfschüttelnd dem Davongallopirenden nach, »und doch eigentlich weiter
Nichts als ein berittener Polizeidiener, und das muß man sich gefallen
lassen.«

»Wird schon zahm werden, Alterchen,« lachte der Musikant, »wird schon
zahm werden, und lange kann's nicht mehr dauern; in Wien und Berlin sind
sie mit Kolben gelaufen, und wenn wir hier ihnen noch nicht den Daumen
auf's Auge gesetzt, so -- aber komm Marie, 'swird spät und ich muß noch
gehörig herumlaufen, daß ich auch morgen die Erlaubniß auftreibe --
guten Tag Schulmeister, guten Tag, schönen Dank für den Imbiß und
bessere Zeiten für den Morgen -- Morgen? 'sist ein komischer Trost;

  Und wenn wir am Morgen zusammenkommen,
  Und denken zurück an das Heute,
  Dann finden wir, daß wir zum Nutzen und Frommen
  Der alten und jüngeren Leute
  Gehofft und geharret, gewünscht und geträumt
  Von nächst zu erhaschendem Glücke;
  Und was ist uns worden -- wir waren geleimt --
  Der Bettler behielt seine Krücke.
  Der Morgen bleibt morgen, wir aber wir harren
  Und hoffen und träumen -- wie Allerweltsnarren.«

Und mit dem Liede noch auf den Lippen wandte er sich, von seiner Tochter
gefolgt, dem Dorfe zu, und verschwand bald darauf hinter den Hecken und
Obstgärten, die dasselbe rings umschlossen.




Drittes Kapitel.

Der Diaconus und der Hülfslehrer.


Es war gegen Mittag desselben Sonnabends, mit dem ich diese Erzählung
begonnen, als Pastor Scheidler in seiner Studierstube saß und sich gar
eifrig für die morgende Predigt vorbereitete. Um ihn her lagen eine
Masse Bücher, Hefte und Zettel, und er selber stand oft auf, ging mit
auf den Rücken gefalteten Händen eine Zeit lang rasch im Zimmer auf und
ab und memorirte laut und heftig.

Es mußte aber heute etwas ganz Wichtiges sein, was ihm bei seinem
Studium so schwere Sorge machte, denn sonst wurden ihm die Predigten gar
nicht so sauer, und ein paar Candidaten hatten in der benachbarten Stadt
schon ausgesprengt, er wisse genau, wo er in alten staubigen Büchern
nagelneue Sermone auffinden und benutzen könne. War das wirklich einmal
der Fall, so durfte es sicherlich auf diese keine Anwendung finden,
denn die ganze Nacht hatte er geschrieben, wieder ausgestrichen,
wieder geschrieben, und endlich schon mit Tagesdämmerung den zu Papiere
gebrachten Entwurf auswendig gelernt.

In derselben Etage, aber dicht an der Treppe und nach der Kirchmauer
zugewandt, die nur wenig Licht und Wärme in das kleine Gemach ließ,
hatte der Diaconus Brauer sein Arbeitszimmerchen, und hier saß er heute
mit dem Hülfslehrer Hennig traulich auf dem Sopha, und Beide studierten
die eben durch die Botenfrau aus der Stadt gebrachte Zeitung, in der sie
des Neuen wohl viel, des Erquicklichen aber gar wenig fanden.

»Ich wollte, ich wäre jetzt Soldat,« seufzte Hennig endlich, und warf
das Blatt unmuthig vor sich nieder auf den Tisch, »in der Welt giebt's
nichts als Krieg und Aufruhr, und _wir_ sollen hier indessen den Jungen
noch die alte Geduld und Christenliebe einbläuen, während ihre Brüder
und Vettern draußen, und ohne beides, in's Feld laufen. Es giebt doch in
solcher Zeit nichts Elenderes, als einen Schulmeister.«

»Einen Diaconus vielleicht ausgenommen,« sagte Brauer trocken, und blies
eine dichte Wolke blauen Tabacksdampfes in Ringeln gegen den Wachsstock
hin, der vor ihm auf dem Tische stand.

Hennig sah ihn verwundert an, schüttelte aber dann mit einem halb
gezwungenen Lächeln den Kopf und sagte leise:

»Ihr Geistlichen solltet gerade am wenigsten klagen! Ihr spielt hier,
und besonders auf dem Lande, immer die erste Rolle, habt Euer gutes
Auskommen und geltet bei den Bauern als was ganz Besonderes. Dazu haltet
ihr Sonntags einfach Euere Predigt und geht dann die übrige Zeit
blos mit feierlichem Ernst in den Zügen im Dorfe herum -- es ist 'was
Erhebliches, so ein Geistlicher zu sein.«

»Und gerade bei Ihrem Scherz haben sie den wunden Fleck getroffen,«
sagte der Diaconus und strich sich mit der Hand ein paar Mal über die
Stirn, als ob er Bahn machen wollte den freien Gedanken, die jetzt
von Unmuth und Trübsinn umnachtet und verdüstert wurden, »Ihr haltet
Sonntags die Predigt und geht dann die übrige Zeit blos mit feierlichem
Ernst in den Zügen im Dorfe herum. Ja, ja, in dem feierlichen Ernst
liegt Alles, was ich nur gegen Ihr Lob und Preisen erwidern könnte.«

»In dem feierlichen Ernst?« sagte der Hülfslehrer erstaunt, »nun ich
dächte doch, das wäre die geringste Unbequemlichkeit, die eine Stellung
mit sich bringen könnte.«

»Sehen Sie, Hennig,« fuhr Brauer, ohne des Freundes Einwurf zu beachten,
fort und legte ihm die linke Hand leise auf den Arm, »der >feierliche
Ernst<, von dem Sie sprachen, und den das Landvolk auch im Allgemeinen
von einem Geistlichen erwartet, ja fordert, das ist die _Heuchelei_ des
Standes, die mir in der letzten Zeit und seit ich darüber zum klaren
Bewußtsein gekommen, am Leben nagt und meinen Frohsinn zerstört, die
Heuchelei sich zu geben, wie man nicht ist. Und nicht blos im Dorfe und
außer der Kirche, das ließe sich ertragen -- wenn es mir auch früher ein
bischen schwer angekommen ist, nur weil ich ein Geistlicher war, Tanz
und Jugendlust entsagen zu müssen, jetzt denk' ich überdies nicht mehr
daran -- nein, auf der Kanzel oben, da wo ich manchmal so recht aus dem
Herzen heraus den Leuten sagen möchte, wie _ich_ mir den lieben Gott
denke, wie _ich_ das Leben und Wesen der Religion empfinde, begreife,
fühle, da, da müßt' ich mit dem >feierlichen Ernst< zu Dogmen schwören,
die ich im Herzen für Unsinn halten muß, von ewigen Strafen sprechen,
wo mir die Brust von ewiger Liebe voll ist, muß Jesus Christus zu einem
Gott _erniedrigen_, während er als Mensch so hoch, so unerreichbar
stände. Und der Firlefanz dann, der unseren Stand umgiebt, der
Priesterrock, die Krause, der bunte Fastnachtstant auf dem Altar, o
Hennig, ich schwör' es Ihnen zu, ich komm' mir immer, wenn ich von
dem verzerrten Bild des Gekreuzigten, und von all' den Quälereien der
Märtyrer und Heiligen, mit ihren Sinnbildern, den Ochsen und Eseln,
umgeben stehe, wie ein Indischer Bramine, Buddhapriester, oder sonst ein
fremdländisches Ungethüm vor, und muß mich manchmal ordentlich umsehen,
ob es denn auch wirklich wahr ist, daß ich als Christ in der >allein
selig machenden Religion< einen solchen Rang bekleide, wie der Bramine
und Feuerpriester, wie der Bonze und Fetischmacher, und daß nur der
einzige Unterschied in dem Fleckchen Erde liegt, auf das uns das
Schicksal gerade zufällig hingeschleudert hat.«

»Nun bitt' ich Sie um Gottes Willen,« rief Hennig verwundert, »was fällt
Ihnen denn auf einmal ein? Sie wollen doch nicht etwa unsere christliche
Religion mit dem wilden Heidenthum der Brama- und Buddha-Anbeter, oder
wie die langarmigen Götzen alle heißen, vergleichen? na, wenn _das_ der
Pastor hörte, das Bischen Strafpredigt!«

»Ich weiß es« sagte der Diaconus mürrisch, »und das gerade macht mich
so erbittert, daß ich hier etwas gegen meine Ueberzeugung für das
vorzüglichste ausgeben soll, was, wenn wir das Nämliche nur mit anderem
Namen belegen, und in ein anderes Land versetzen, von uns verlacht und
verachtet wird. Unsere Religion ist schön und herrlich, Christi Lehre
in ihrer Einfachheit und Größe unübertroffen in der Geschichte, aber
weshalb dürfen wir sie dem Volk nun nicht so rein und herrlich geben,
wie wir sie von _ihm_ empfangen? warum muß sie erst noch, mit alle
dem, was spätere Schreiber und Pfaffen dazugethan, unkenntlich und
ungenießbar gemacht werden? Die Schriftgelehrten sagen: was thut das,
der Kern ist die Hauptsache, der ist gut und vortrefflich, an den wollen
wir uns halten, und das was Schaale ist, weiß man zu sondern; ja, aber
der gemeine Mann nimmt die Schaale für den Kern; ihm ist der Firlefanz
so lange vorgehalten, bis er ihn für die Hauptsache, und das Andere
Alles für Nebensache hält. Ein Löffel Cichorie kann, meinem Geschmack
nach, den besten Kaffee ungenießbar machen, und hat man nun gar einen
ganzen Topf voll Cichorie, und nur ein paar ächte Bohnen darin, so
gehört ein Kenner dazu, das herauszufinden. Der Bauer sieht auch die
Kirche in der That mehr als etwas Aeußeres an, und wie sollte er anders,
da er von Jugend auf darauf hingewiesen wurde. Er geht nicht hinein,
weil ihn Herz und Seele hineinzieht, weil er eben nicht draußen bleiben
kann, wie es mich in die Natur, unter Gottes freien, herrlichen Tempel
zieht, sondern, weil er sich vor dem Pastor fürchtet, und seinen Namen
nicht gern, käme er nach längerer Zeit einmal wieder, von der Kanzel
herunter hören möchte. Auch die Gewohnheit trägt viel dazu bei; er sitzt
gern am Sonntag Morgen, wo er zu Hause doch nichts anderes anfangen
könnte, auf seinem Platz im >Gotteshaus,< aber nicht aufmerksam und
gespannt den Worten lauschend -- dem Sinn der Predigt folgend, sondern
mehr in einer Art Halbschlaf, mit nur theilweis hinlänglich wachem
Bewußtsein, um einzelne Worte und Sätze zu verstehen. Nur dann, wenn
der Pastor von der Kanzel herab über irgend einen Mißbrauch, oder noch
lieber über eine bestimmte, ja am liebsten namhaft gemachte Person, die
er nur nicht selbst sein darf, loszieht, nimmt er die schlaffen Sinne
zusammen, und schon der Beifall, den er solcher Predigt spendet, wenn er
zu Hause kommt, beweist, in welchem Geist er das Ganze aufgefaßt. >Der
hat's en aber heute mal gesagt< spricht er, und freut sich dabei über
seinen Pastor, wie er so tüchtige >Haare auf den Zähnen< hätte.«

»Aber weshalb sind Sie dann, und wenn Sie _so_ denken, überhaupt
Geistlicher geworden?« frug ihn Hennig erstaunt.

»Weshalb?« sagte Brauer, »dieselbe Frage könnte ich Ihnen zurückgeben,
denn glauben _Sie_ das Alles selber, was Sie Ihrem Amtseid nach
gezwungen sind, den Kindern im Religionsunterricht zu lehren? -- nein,
aber Sie wissen auch, wie wir im Anfang und von Jugend auf erzogen
werden, und wie sich unser Leben fast stets so, daß unser freier Wille
nur dem Namen nach dabei in's Spiel kommt, gestaltet und heranbildet.
Schon mit der Taufe, unserer ersten Aufnahme in den Bund der Christen,
fangen wir an; das schreiende Kind wird mit lauwarmem Wasser begossen,
und seine Pathen bestätigen in seinem Namen, wohl häufig selbst
ungläubig, den >festen Glauben< des neuen Erdenbürgers. Das aber geht
noch an; es ist eine symbolische Handlung, und manche Leute hängen am
Formellen; aber nun ist der Junge vierzehn Jahr alt, also in den besten
Flegeljahren, hat von einem selbstständigen Gedanken noch keine Idee,
plappert nach, was ihm vorgebetet wird, und legt nun auf einmal, mit
dem _ersten_ Eid, den er leistet, und _wie_ oft ein Meineid, sein
Glaubensbekenntniß ab. Welche Erinnerung bleibt ihm in späteren Jahren
von dieser so feierlich gehaltenen Handlung? -- daß er sich da zum
ersten Mal höchst unbehaglich in einem langschössigen schwarzen Frack
gefühlt, und ungeheure Angst gehabt habe, die Oblate bliebe ihm auf
der Zunge sitzen -- weiter Nichts. Entschließt sich nun der Knabe, nach
allen diesen Vorbereitungen dazu, Theologie zu studieren, so begreift er
gewöhnlich erst dann so recht aus innerster Tiefe heraus, welchen Stand
er gewählt -- wenn es _zu spät_ ist. Schritt nach Schritt wird er seinem
neuen Berufe näher gezogen, das zweite Examen befestigt ihn endlich
unwiderruflich darin, und wenn er sich auch mit Sophismen beschwichtigen
und einschläfern will, der Geist in ihm wacht doch und ist lebendig, und
raunt ihm Tag und Nacht in's Ohr: einen Priester der Wahrheit willst
Du Dich nennen, und zweifelst selber an den Worten, die dir die todte
Schrift auf die Lippen legt. --

Aber fort mit den Gedanken, sie quälen uns umsonst, und die Sache bleibt
doch wie vorher, die Ketten, die unser Leben fest und unerbittlich
umschlossen halten.«

»Sie mögen bei Manchen recht haben« sagte Hennig, und schien ebenfalls
plötzlich weit ernster geworden zu sein, -- »das hat dann freilich Jeder
mit seinem Gewissen auszumachen, was aber das äußere Leben betrifft,
so sind die Geistlichen doch unbedingt vor uns Lehrern auf das
ungerechteste bevorzugt. Sie bilden auf dem Lande die alleinige
Aristokratie, und werden von den Bauern geachtet und geehrt; wie aber
steht dies dagegen mit dem Schulmeister? -- so ein armes Thier von
Dorfschul--«

Ein lautes Pochen am Hausthor unterbrach ihn hier, und der Diaconus, der
eben aufgestanden, und ein paar Mal im Zimmer auf und abgegangen war,
öffnete seine Thür, ging die Treppe hinab, und schob den Riegel zurück,
der den Eingang verschlossen hielt.

»Is der Herr Paster uaben?« frug ihn hier eine vierschrötige
Bauerngestalt, die einen derben, etwa elfjährigen Jungen an der Hand,
gerade vor dem Eingange stand. Der Mann sah böse und gereizt aus, die
Pelzmütze stak ihm seitwärts auf dem struppigen blonden Haar, und mit
der linken, breiten, sehnigen Faust hielt er fest des Jungen rechten Arm
gepackt, der seinerseits ebenfalls dickverweinten Angesichts und Trotz
und Angst in den schmutzig geschwollenen Zügen, mit dem anderen freien
Ellbogen die Spuren der letzten Thränen zu verwischen suchte.

»Der Herr Pastor studiert« sagte der Diaconus ruhig, »Ihr wißt wohl, es
ist heute Sonnabend, und da läßt er sich nicht gern stören.«

»Ich muß ihn aber emol sprächen« beharrte der Unabweisbare -- »'sis von
wägen mein Jungen do, den hat mir der Schulmaistr verschlahn.«

»Der Schulmeister?«

»Jo, der Ole -- blitzeblau is der Junge auf'm >Setz Dich druff,< un der
Rücken hat Striemen, wie meine Finger dick; soll mich der Böse bei Nacht
besuche, wenn ich mer mein Jungen verschlahn lasse, wenn er keene Schuld
nich hat.«

»Keine Schuld? aber woher wißt Ihr das schon? wird der Schulmeister ein
Kind unverdient strafen? Vater Kleinholz ist doch sonst nicht so hart
und grausam.«

»Ah was, grausam hin un her!« knurrte der gekränkte Vater, »mein Junge
hot mer de ganze Geschichte verzählt, und gor nix hot er gethan, sein
Hingermann is es gewäsen, der hot die ganze Suppe verdient, denn des is
dem Klausmichel sein Crischan, das Raupenluder, un den hab' ich schon
lange uff'm Striche.«

»Aber lieber Freund --«

»Ah, papperlapapp, mit dem Pastor will ich räden, wu is er, der hot noch
Zeit gening zum Studieren!« und ohne eine weitere Antwort oder Erlaubniß
abzuwarten, schleppte er seinen Jungen, der sich übrigens bei der ganzen
Sache nicht wohl zu befinden schien, die Treppe hinauf, bis vor des
Pastors Zimmer, klopfte hier rasch an, und trat, ohne selbst das
gewöhnliche »Herein« abzuwarten, zu ihm ein.

Der Diaconus ging in seine eigene kleine Stube zurück, wo der
Hülfslehrer noch sinnend auf dem Sopha saß, und die beiden hörten jetzt,
wie der Bauer mit lauter ärgerlicher Stimme wahrscheinlich das ihm, in
seinem Sohne widerfahrene Unrecht dem Pastor klagte.

»Hat denn Kleinholz Meinhardts Gottlieb so geschlagen?« frug der
Diaconus den Hülfslehrer endlich, als auch jetzt des Jungen winselnde
Stimme, sicherlich erst auf gestrenge Aufforderung, laut wurde, »er soll
dicke Striemen haben.«

»Der Meinhardt ist ein böser, durchtriebener Bube« sagte mürrisch der
Hülfslehrer, »hätte _ich_ hier zu befehlen, die Range bekäme täglich
dreimal Schläge, und das derbe, sonst wird aus dem nichts. Der alte
Kleinholz hat aber die Kräfte kaum mehr, Striemen zu schlagen. Wenn er
den Bengel übrigens doch gezüchtigt, so muß das schon gestern Nachmittag
geschehen sein, denn heute Morgen ist er auf sein Feld hinaus, und ich
begreife dann nicht, weshalb der Mann nicht gleich auf frischer That
herüber kam.«

Des Pastors Thür ging drüben auf, und Sr. Ehrwürden rief heraus:

»Herr Diaconus -- Herr Diaconus!«

»Herr Pastor?« sagte der Gerufene, und trat in die Thür.

»Bitte, bestellen Sie doch einmal, daß der Schulmeister herübergerufen
werde -- er soll aber den Augenblick kommen! Hören Sie?«

Der Diaconus, gerade nicht in der Laune sehr bereitwillig zu sein,
brummte eine Art Antwort, schickte unten aus dem Haus das Mädchen nach
der Schule hinüber, und kehrte in sein Zimmer zurück, der Hülfslehrer
hatte dieses aber indessen verlassen, und war in das Dorf hinunter
gegangen.

Etwa zehn Minuten mochten so verflossen sein, als der langsame Schritt
des alten Keilholz auf der Treppe gehört wurde, und dieser gleich darauf
leise und ehrfurchtsvoll an die Thüre des Herrn Pastors anklopfte.
Drinnen die Leute waren aber im eifrigen Gespräch, und hörten nicht, wie
der ängstliche Finger des Greises die Thüre berührte, dem geistlichen
Herrn mochte aber indessen die Zeit zu lange dauern, der Bauer mit
seinem Salbader hatte ihn so zu höchst unwillkommener Stunde in seinem
Studium gestört, und rasch und ungeduldig, riß er die Thüre plötzlich
auf, so daß er im nächsten Augenblick vor der eben zum Klopfen wieder
niedergebeugten und jetzt ängstlich zurückfahrenden Gestalt des greisen
Schullehrers stand.

»Halloh Herr, _horchen_ Sie?« frug er scharf und überrascht.

»Bitte -- bitte tau -- tausendmal um Verzeihung,« stotterte, blutroth
vor Schaam über die ungerechte Beschuldigung, der also Angeredete --
»ich hatte schon zweimal angeklopft, aber der Herr Pastor --«

»Schon gut, Schulmeister,« fiel ihm der Seelsorger mit Autorität in's
Wort, »kommt einmal auf ein paar Minuten herein -- bringt nur Euren Hut
mit -- Schulmeister --« und er zog dabei die Thür hinter dem, durch
die ernste Anrede etwas erschreckten kleinen Mann zu. -- »Schulmeister,
Meinhardt hier beklagt sich, daß Ihr seinen Jungen so unbarmherzig
geschlagen haben sollt.«

»Die Striamen werd mer der Junge vier Wochen mit 'rim tragen,« fiel ihm
der Bauer heftig in die Rede --

»Herr Pastor« sagte aber Kleinholz, der jetzt wohl merkte, um was es
sich handele, »der Gottlieb hat eine kleine Strafe verdient gehabt, und
meine Hand ist nicht mehr so schwer, daß sie einem Kinde Schaden zufügen
könnte; von Striemen kann da wohl keine Rede sein.«

»Keine Rede sein?« rief der Bauer, »Gottlieb, gleich noch emol mit der
Jacke ringer -- keene Striemen nich -- so? -- ei da --«

Der erzürnte Vater legte schon selbst mit Hand an, die geläugnete
Thatsache durch das =corpus delicti=, den geprügelten Körpertheil, zu
Tage zu fördern, der Pastor unterbrach ihn aber darin, faßte ihn am
Arme, und bat ihn, die Sache ruhen zu lassen, und jetzt still nach Hause
zu gehen, er wolle schon mit dem Schulmeister sprechen, »_es solle nicht
wieder geschehen!_«

Der Bauer wollte noch Einiges bemerken, kam aber nicht mehr zu Wort,
und verließ bald darauf, den verdrossenen Jungen, wie bei der Ankunft,
hinter sich herschleppend, das Zimmer. Draußen aber blieb er stehen, und
die Unterredung im Innern wurde, wenigstens von der einen Seite, so laut
geführt, daß er deutlich jedes Wort verstehen konnte.

»Schulmeister, Ihr dürft mir die Kinder nicht so mishandeln!« sagte die
gereizte Stimme des geistlichen Herrn, »es sind schon mehrfach Klagen
eingelaufen, und _ich_ habe denn doch wahrhaftig keine Zeit, mich mit
solchen Sachen fortwährend aufzuhalten; die halbe Nacht sitz' ich
und arbeite, und muß mich jetzt wegen Euch und Eures unverzeihlichen
Betragens wegen, mitten aus meinen Studien herausreißen.«

Es entstand hier eine kleine Pause, und wahrscheinlich erwiederte der
Schulmeister etwas, denn der Pastor fiel gleich darauf, und mit fast
noch größerer Hitze wieder ein:

»Schulmeister, macht mit Leugnen Euer Vergehen nicht noch schlimmer;
ich habe den Rücken des Jungen selbst gesehen, und von drei leichten
Streichen kriegt so ein derber Bengel nicht fünf oder sechs Schwielen
über die Schultern -- schon gut, schon gut, ich habe mehr zu thun,
als mich mit Euch hier herum zu streiten -- ich bin fest überzeugt,
es geschieht mir nicht wieder, oder -- ich müßte mich genöthigt sehen,
ernstere Maaßregeln zu ergreifen -- guten Morgen, Schulmeister, guten
Morgen, die Sache ist für heute abgemacht.«

Das Geräusch drinn in der Stube ließ darauf schließen, daß die
Unterredung beendet sei, und der Bauer, der doch nicht gern beim Horchen
ertappt werden wollte, zog sich rasch nach der Treppe zurück, war aber
nicht im Stande sie zu erreichen, ehe Kleinholz heraustrat. Dieser
begriff leicht, daß der Mann alles in des Pastors Zimmer Verhandelte,
gehört haben mußte, und ein tiefes Roth färbte für einen Augenblick
seine Wangen, aber er sagte Nichts, und wollte grüßend an dem Bauer
vorüber gehen, Meinhardt gab ihm fast unwillkührlich Raum, als er aber
dicht bei ihm war, und er das bleiche abgemagerte Gesicht, und die
_Schaamröthe_ auf den fahlen Zügen sah, da fing er selbst an, sich bis
in die Seele hinein zu schämen.

Er nahm den Schulmeister, trotz dem daß sich dieser leise dem Griffe zu
entziehen suchte, fest bei der Hand, führte ihn die Treppe hinunter,
und blieb dort einen Augenblick, wie um einen Anfang verlegen stehen.
Endlich, da er das, was ihm eigentlich auf dem Herzen lag, gar nicht
recht ausdrücken und zu Tage bringen konnte, ja vielleicht auch fühlte,
daß mit Worten, die ihm selten zu Gebote standen, unverhältnißmäßig
schwieriger sein würde, als durch die That selber, drehte er sich
urplötzlich, und um diesem, ihm fatal werdenden Zustand ein Ende zu
machen, nach seinem Jungen um, gab dem auf's Aeußerste Erstaunten links
und rechts ein paar tüchtige Ohrfeigen, daß der sich schreiend und
zurückprallend mit beiden Händen den mißhandelten Schädel hielt, und
rief, indem er noch zum dritten Mal ausholte, was Gottlieb aber gar
nicht abzuwarten gedachte, hinter dem jetzt sporenstreichs dem Thor
zuspringenden Jungen her:

»Da, Du Kriate Du, Du bist auch su en nixnutziger Bengel, där seinen
Lehrer de Galle in eine furt im Ufruhr hält -- kumm mer wieder mit
Striamen uf'm Hintern haim, un ich mach' der de Quärstriche driber, daß
der der >Setz Dich druff< wie'n Damenbrät aussähn sull.«

Jetzt, wo seiner Ansicht nach der Schulmeister eine glänzende
Genugthuung erhalten hatte, wandte er sich noch einmal zu diesem,
drückte ihm die Hand und sagte lächelnd:

»Där märkt sich's, Schulmeister -- Dunnerwätter! was mer seine Noth mit
den Kingern hat.«

Und damit schlug er sich den Hut fest in die Stirn, und verließ mit
vieler Selbstzufriedenheit rasch, -- wenn auch nicht so rasch wie sein
ihm vorangegangener Sohn -- die Pfarre.




Viertes Kapitel.

Parterre und erste Etage.


In Horneck, und zwar im westlichen Theile des kleinen Fleckens, gerade
da, wo Försters Fähre von jenseits landete, und dicht an die malerischen
Ufer der toll vorbeisprudelnden Rausche stoßend, stand eine Reihe
städtisch aussehender Häuser, die auch größtentheils durch Bewohner der
nicht fernen Residenz angelegt worden waren, und den des Stadtlebens
Müden im Sommer zum Lieblingsaufenthalt dienten. In diesem Jahre waren
sie denn auch wieder, und zwar außergewöhnlich früh, aus der Stadt hier
eingetroffen, und hatten die so lang vernachlässigten Wohnungen bezogen;
aber nicht das Frühjahr mochte die Ursache sein, obgleich dieses
ebenfalls gar ungewöhnlich zeitig seine lieben duftenden Boten gesandt
und den Wald mit Grün geschmückt, nicht die warmen Südwinde mochten
die Schuld tragen, obgleich sie wie Sommerhauch durch die moosigen
Schluchten und Thalgründe strichen, nicht der enteiste Strom schien die
Stadtleute hervorgelockt zu haben, aus ihren engen düsteren Straßen,
wenn auch er gleich so munter und lebensfroh unter den saftgrünen
Weidenruthen und zwischen dem aufkeimenden Wiesensammet, ja von mancher
stillen Waldblume geküßt und gegrüßt, vorüber tanzte, sondern die rauhe
unruhige Zeit war es, die auf Sturmesfittigen über dem verschlafenen,
schlafsüchtigen Deutschland die Lärmglocke erdröhnen machte, daß im
Norden und Süden, im Osten und Westen, die Völker zu gleicher Zeit aus
dem Traume auffuhren, und nun erstaunt, überrascht erkannten, wie hoch
die Sonne stehe, wie lange sie im Schlummer gelegen hätten, und -- wie
stark, wie furchtbar stark sie selber seien.

Auch in der Residenz hatte nämlich _der_ Schall seinen Wiederklang
gefunden, und das sonst so gemüthliche, vergnügungssüchtige Völkchen
derselben verließ Bälle und Theater; in unzähligen Vereinen traten
donnernde Sprecher auf und hielten stundenlange unverständliche Reden,
die so einer endlosen Wüste glichen, daß das Volk, wenn es nur
ein einziges Mal zu einer Oase, das heißt, zu einem einigermaßen
verständlichen Satz kam, rauschend applaudirte; andere sprangen dann
hinter ihnen mit Feuereifer auf die Tribüne, die Schlagwörter des Tages
folgten in rascher Reihenfolge, stürmischer Jubelruf begleitete fast
jeden einzelnen Satz, das Wort »Freiheit« wurde zu einer Geißel gedreht,
mit der man die »Reactionaire« blutig peitschte, das souveraine Volk
schrie jeden mißliebigen Redner von dem Rednerstand hinunter,
und heitere Katzenmusiken mit obligater Fensterscheibenbegleitung
beschlossen dann gewöhnlich die freudig erregten Versammlungen. Um aber
auch den ruhigeren oder vielmehr gleichgültigeren Bürgern, die trotz
aller Aufmunterungen an solchen Vereinen nicht Theil nehmen wollten,
oder gar, was noch weit schlimmer war, anderen, natürlich reactionair
gesinnten Vereinen angehörten, eine ihnen höchst zuträgliche Bewegung zu
verschaffen, oder auch zu bewirken, daß sie die so wichtigen Tagesfragen
ordentlich bedächten, schlug man gewöhnlich, wenn die Männer der
Freiheit um 10 Uhr zu Hause gegangen waren, Generalmarsch, und ließ
dann die übrigen bis um ½1 Uhr Nachts die Vorgänge des Tages auf dem
Marktplatz besprechen.

Sehr Vielen behagte eine solche abwechselnde und gewiß interessante
Lebensweise, Andere aber sehnten sich auch wieder nach thatenloser
Ruhe, nahmen es übel, daß sie, wenn sie sich kaum um zehn Uhr Abends
niedergelegt, gleich wieder von einem Höllenlärm begrüßt wurden, von dem
sie nie wußten, ob er ihnen, oder dem Nachbar galt (was sich übrigens
auch gleich blieb, da immer Einer wie der Andere denselben Antheil
empfing) und verließen, sobald die warme Frühlingsluft Blumen und
Gräser aus der starren Erde lockte, die Stadt mit ihrem regen, ruhelosen
Treiben.

Dieser Theil nun von Horneck, der sich sowohl an Eleganz der Wohnungen,
als auch an Reinlichkeit vor dem übrigen Dorfe sehr vortheilhaft
auszeichnete, wurde übrigens nicht von allen Bewohnern mit günstigen
Augen angesehen, obgleich gerade die Besitzer desselben viel dazu
beigetragen hatten, den Wohlstand des kleinen Ortes zu verbessern.
Die »Stadtleute«, wie dessen Insassen in Horneck hießen, galten für
entsetzlich »stolz« und die Dorfmädchen steckten immer die Köpfe
zusammen und kicherten nach Herzenslust, wenn die »Stadtmamsells« in
vollem Glanze durch die Kirchgasse strichen und mit den »Schleppen« den
Fußweg »sauber fegten«.

Die Stadtleute kümmerten sich aber ihrerseits wenig um die »guten
Bauern«, mit welchem Namen sie alle Landbewohner, trotz des gewaltigen
Unterschiedes, den dieselben in solcher Benennung machen, belegten;
erfreuten sich an der reizenden Umgegend, an der Lage des ganzen kleinen
Ortes, an dem düstern Nadelholze und dem rauschenden Strome, an den
wellenförmigen Feldern und »weichen Grasplätzen«, wie sie die Wiesen
nannten, an den blökenden Heerden und dem melodischen Getön der
Schafglocken, am Springen der Ziegen und dem komischen Gange und
Schritten der bedeutenden Gänseheerden, kurz, von Allem was sie umgab,
betrachteten sie nur die »Bauern« eben als eine nothwendige Zugabe zu
diesem allen, um die landwirthschaftlichen »lebenden Bilder« in Gang
zu halten, und verkehrten nicht weiter mit ihnen, als sie nothgedrungen
mußten.

Unter den verschiedenen Familien, die ebenfalls und zwar schon Ende
März ihre Sommerwohnungen in Horneck bezogen, befand sich auch eine alte
Kommerzienräthin Schütte mit ihrer Tochter, die besonders freundlichen
Umgang mit Pastors gesucht und gefunden hatte. Anna Schütte, ihre etwa
vierundzwanzigjährige Tochter, war besonders die Liebenswürdigkeit
selber; der Frau Pastorin hielt sie das Garn und half ihr mit nach den
Kühen sehen, setzte sich zu ihr, und erzählte ihr tausend und
tausend Geschichten, alle natürlich auf den Buchstaben wahr, aus dem
Residenzleben (und wer hätte das nicht besser gekannt, als Anna Schütte,
deren ganzes Leben _in_ der Residenz eine ununterbrochene Kaffeevisite
bildete) lobte ihre vortreffliche Butter und den delikaten Käse,
versicherte selbst, in Itzingen keinen so guten Kaffee getrunken zu
haben, und die Kinder -- nein _die_ Kinder, so 'was Herziges existirte
auf der weiten Gotteswelt nicht mehr, mein himmlisches Louischen,
meine Göttermimmi, mein Götterkind, mein Seelenplätzchen, mein
Engelsgesichtchen -- und wie gelehrig die »lieben herzigen Dinger«
waren. Lieder lernten sie singen, merkwürdig schnell brachte sie die
Melodie zum »Graf von Luxemburg« dem fünfjährigen Mädchen in drei
gewöhnlichen Unterrichtsstunden bei, und zu Gesichterschneiden
u. s. w. zeigten die lieben Dinger eine für ihr Alter ungewöhnliche
Geschicklichkeit. Besonders in einer Sache wußte sie die »herzigen
Kinder« zu wirklicher Vollkommenheit zu bringen, und diese war, daß
sie den Namen irgend einer Person über die Straße hinüber, oder Etagen
herauf oder hinunter, mit unverwüstlicher Geduld anriefen. Stand z. B.
ihr Vater über dem Weg drüben und sprach mit Jemandem, so mußten die
Kleinen rufen Va--ter, und die letzte Sylbe immer eine Quinte höher als
die erste -- Va--ter -- Va--ter, bis der Vater, oder wer es nur war, der
zu solchem Anruf als Opfer ausersehen worden, in voller Verzweiflung,
denn seinem Schicksal entging er nicht, Folge leistete.

Daß das unartig oder unschicklich sei, konnte man den Kindern ebenfalls
nicht gut sagen, denn Fräulein Schütte hatte es sie ja gelehrt, und die
kleinen Dinger trugen ihr jedes Wort zu, was gesprochen wurde.

Fräulein Schütte hatte aber noch eine andere Eigenschaft -- sie _sang_,
und zwar fast stets -- auch bei nicht außergewöhnlichen Gelegenheiten
-- =fortissimo=, als ob sie auf einer sehr großen Bühne stände und
contractlich verpflichtet wäre, bis in die entferntesten Räume der
Galerien verständlich hineinzuschreien. Allerdings klang ihre
Stimme, bei leisem Gesange, keineswegs unangenehm, bei solchen
Kraftanstrengungen wurden die Töne aber scharf und -- etwas
Entsetzliches bei jedem Gesange -- _unrein_.

In diesem Frühjahr war auch ein junger Mann aus der Residenz ganz allein
hier in Horneck eingetroffen, den man früher dort noch nicht gesehen.
Es war ein »Schriftsteller«, wie er sich selber nannte, und ein
»sunderbares Gestell!« wie ihn die Landleute titulirten. Was er
eigentlich in Horneck wolle oder treibe, wußte man nicht, seiner Aussage
nach, wünschte er »eine _Arbeit_ zu beenden«, die Bauern schüttelten
aber dazu den Kopf und sagten, »wenn der eine _Arbeit fertig_ machen
wolle, so müsse er auch erst dazu anfangen, jetzt sei er aber schon
vierzehn Tage im Orte, und habe nicht d'ran gegedacht, zu arbeiten,
sondern nur in einem fort geschrieben.«

Dieser Literat, Strohwisch mit Namen, wohnte in demselben Hause mit
der Commerzienräthin Schütte, und zwar unten Parterre. Anstatt aber mit
denen, die gleich ihm hier an »ferne Küste« verschlagen worden, in recht
freundschaftlichem Verhältnisse zu stehen, schien er wunderbarer Weise
und ohne etwa vorhergegangenen Streit, auf sehr gespanntem Fuße mit
den Damen zu leben, ja selber eine Art Ingrimm gegen sie im Herzen
zu tragen. Konnte das verschmähte Liebe sein? »Pastors Sophie«, ein
liebenswürdiges junges Mädchen von 19 Jahren, hatte ihn deshalb im
Anfang stark im Verdacht -- heißt das _ihn_ -- denn wenn auch Anna die
Kinderschuhe schon lange ausgetreten haben mochte, wäre sie doch noch
immer zu hübsch für den wirklich häßlichen Fremden gewesen.

Um aber auch unseren jungen Schriftsteller mit wenigen Worten bei
dem Leser einzuführen, wird es vielleicht gut sein, ihn kurz und
oberflächlich, das heißt sein eigenes liebenswürdiges Aeußeres, zu
schildern und abzuconterfeien.

Feodor Strohwisch war ein Mann nahe an sechs Fuß hoch, mit starkem
grobknochigen Gestell, sehr hervorstehenden Backenknochen und etwas
stumpfer Nase, die Stirne dabei niedrig und eher eingedrückt als
vorstehend, die Lippen aufgeworfen, der Teint braun, das Haar struppig
braun und ganz kurz, =à la malcontent=, abgeschnitten, die Augen groß
und stier, auch die Gehörsorgane sehr »ausgearbeitet«, einen schmalen
dunklen Schnurrbart von der Mitte des Nasenknorpels hoch an der
Oberlippe bis zu den Mundwinkeln niederlaufend, kurz ein Gesicht, wie es
Jedermann, wenn es ihm in New-Orleans oder Rio de Janeiro begegnete,
für einem Mulatten gehörig, oder doch von Negerrace abstammend, halten
würde. Dennoch wäre diese merkwürdige Menschengestalt in der gewöhnlich
schlichten Modetracht vielleicht unbemerkt vorübergegangen; aber nein,
daran lag dem Eigenthümer des Angesichts nichts; er wollte gesehen, und
mit dem Sehen auch -- bewundert sein. Ein fast weißer, roth gefütterter
Burnus floß, afrikanisch gearbeitet, um seine Glieder, großcarrirte
Unflüsterbare deckten die langen Unflüsterbaren, an den Stiefeln
klirrten ein paar mächtige Sporen, und die Hand trug malerisch eine
fischbeinerne Reitgerte mit elfenbeinernem Griff, der einen Fuß und ein
zartgebogenes Mädchenknie bildete, was er auf der Straße stets
sinnend und schwärmerisch an die dicken Lippen drückte. Papageigrüne
Glacéhandschuh vollendeten die Toilette des »Gelehrten«. Feodor
Strohwisch war auch musikalisch, spielte gar nicht übel Pianoforte, und
schwärmte oft bis tief in die Nacht hinein, wenn -- ihn Anna Schütte
nicht daran verhinderte -- doch davon später.

Feodor saß unten im Parterre in seinem Zimmerchen und schrieb; er mußte
augenscheinlich Gedichte machen, denn er kaute sehr viel dabei an den
Federn herum, sah manchmal ganz vergnügt vor sich hin, schrieb vier
Zeilen, strich drei davon wieder aus, und fing dann mit denselben
Experimenten von vorne an. Das Singen aber schien ihn auch nicht
zu stören, es hatte wenigstens keinen äußerlichen Einfluß auf seine
Bewegungen, und seine Arbeit hatte ihren Fortgang, nur wenn ein falscher
Ton kam, fuhr er wie Einer in die Höhe, der plötzlich und unerwartet mit
einer Stecknadel gestochen wird, schüttelte dann mit dem Kopfe, biß wie
verzweifelt in die Feder hinein, daß die hätte laut aufschreien mögen,
und fuhr wieder in seiner Beschäftigung fort.

Anders war es mit dem über die Straße Rufen des Fräuleins -- _das_
brachte ihn in der That oft der Verzweiflung nahe, und wenn die hohe
Quinte auf der letzten Sylbe manchmal unverdrossen zehn, zwanzig Mal
hintereinander durch das Haus schallte, begann er nicht selten die
wunderbarsten Experimente, um seinem inneren Grimme Luft zu machen. Wie
das aber geschah, werden wir im weiteren Fortgange der Erzählung sehen.

Da glitt plötzlich eine schlanke Mädchengestalt dicht an seinem Fenster
vorüber, blitzesschnell fuhr er mit dem Kopfe nach und hinaus, doch
-- schon zu spät, die Gestalt war in das Haus geschlüpft und Feodor
Strohwisch zog sein tief gerunzeltes Haupt wieder unverrichteter Sache
zurück. Wenige Minuten später aber klopfte es oben bei Schütte's an
und Anna flog mit einem lautschmetternden »Sie ist's -- sie ist's,
die Flagge der Liebe soll wehen!« das den Dichter unten um so mehr
zur Verzweiflung brachte, da _er_ nicht einmal wußte, wer es war, der
Freundin, »Pastors Sophiechen«, entgegen.

»Ei du holder süßer Engel, das ist ja prächtig, daß Du mich heute
besuchst,« rief sie nach der ersten Begrüßung, »ich habe schon gar nicht
gewußt, womit ich den verzweifelt langen Nachmittag heute hinbringen
würde; nun bleibst Du ein bischen bei mir und da plaudern --«

»Nein, liebe Anna,« fiel ihr hier lächelnd Fräulein Scheidler in die
Rede, »der Nachmittag ist so herrlich, daß wir, so gut es mir bei Euch
gefällt, unmöglich hier im engen Stübchen bleiben dürfen; deshalb komm'
ich, Dich zu einem kleinen Spaziergang abzuholen.«

»Aber wohin, Soph'chen,« frug Anna, und ließ schon im Geist ihre
Garderobe an sich vorbei defiliren, um die »Eingeborenen« wieder mit
einer neuen Toilette in staunende Bewunderung zu versetzen; »wohin,
unten am Fluß hin und her? Da wohnt ja Niemand, wie drüben über der
Rausche etwa Försters.«

»Du närrisches Kind,« lachte das holde Mädchen, »wenn wir blos spazieren
gehen wollen, kann es uns auch einerlein sein, ob da Jemand wohnt oder
nicht; doch am Flusse sind wir schon so oft gewesen, und ich dächte
deshalb, wir wollten heute einmal auf der Straße nach Sockwitz zu
durch den Fichtenwald gehen. Du sollst nur einmal dort die herrlichen
wunderschönen Bäume sehen, es ist ein reizender Spaziergang. Nur das
einzige Unangenehme hat es, daß wir, von hier aus, hin und zurück durch
das ganze Dorf der Länge nach durchmüssen, sonst --«

Anna's Zweifel schwanden mit einem Male.

»Das schadet Nichts,« sagte sie rasch, »es ist jetzt trocken und am
Sonnabend Nachmittag besonders werden auch nicht die vielen fatalen
Düngerwagen hinaus auf's Feld gefahren; ist Dir's also recht, so brechen
wir gleich auf, und an mir soll es dann auch nicht liegen, wenn
wir lange aufgehalten werden; -- ich will mir nur ein anderes Kleid
überwerfen.« --

»Ein anderes Kleid?« frug Sophie erstaunt, »aber warum denn das, um
draußen im Wald spazieren zu gehen? Liebes Kind, Du bist für das
Dorf viel zu hübsch angezogen, _das_ Kleid, versichere ich Dich, ist
vollkommen gut genug!«

»Ach bewahre,« lachte Anna naiv, »sieh nur, hier unten hat es ja gar
einen kleinen Riß, wo ich neulich einmal an einem von den häßlichen
Dingern mit Holzzacken, die an den Häusern aufgerichtet sind, hängen
geblieben bin -- laß mich nur, ich bin den Augenblick fertig --
Friederi--_keh_ -- Friederi--_keh_!« Die hohe Quinte lag wieder auf der
letzten Sylbe und der Ton schallte durch das ganze Haus.

»Was soll denn das Mädchen?« frug Sophie, »ich kann Dir ja wohl helfen
das Kleid anziehen, wenn es denn einmal sein muß -- was hast Du denn?«

»Laß mich nur,« sagte Fräulein Schütte, »weiß der liebe Himmel, wo das
Mädchen wieder steckt, immer ist sie nicht da, wenn sie gebraucht wird,
und schwatzen thut das Geschöpf, ich sage Dir, Sophie, das ist zum
Verzweifeln; der Mund steht ihr nicht einen Augenblick stille. Nein,
was man für eine Noth mit den Dienstleuten hat.« Sie trat an's offene
Fenster und sah hinaus.

»Ja,« lachte Sophie, »das läßt sich nun nicht ändern und muß ertragen
werden; uns ist es kaum besser gegangen, auch wir haben erst heute
unser Mädchen abziehen lassen, und wissen nun noch nicht einmal, wie die
einschlägt, die heute bei uns angezogen.«

»Das bleibt sich Alles gleich,« sagte Fräulein Schütte, »_einen_ Satan
schickt man fort und einen _andern_ kriegt man wieder. Aber ich sehe
unsere Friederike auch gar nicht auf der Straße, die muß dort um die
Ecke gegangen sein -- Friederi--_keh_! -- Friederi--_keh_!«

Feodor Strohwisch unten that einen herzhaften Biß in die Feder, sprang
von seinem Stuhle auf und lief wie ein Besessener in dem engen Zimmer
auf und ab. Wunderbare Gesticulationen machte er dabei, und Einer, der
ihn nicht näher kannte, wäre, wenn er das hätte unbemerkt beobachten
können, sicher auf die sonderbarsten Gedanken gekommen.

In seinem Arbeitszimmer nämlich, und dicht neben dem Ofen, auf einem
niederen braunlackirten Eckschranke, stand ein, wahrscheinlich der
Wirthin gehörender alter hölzerner Haubenkopf, mit sehr roth gemalten
Wangen und sehr dicht anliegenden Locken; einem ganz von Stecknadeln
durchlöcherten Scheitel, ein paar dünnen, fest zusammengekniffenen
ziegelfarbigen Lippen und sehr großen stieren blauen Augen, denen ein
paar hochgestrichene rabenschwarze Brauen einen ganz eigenthümlichen
Ausdruck gaben. Es sah fortwährend so aus, als ob der obere Theil des
Gesichts ununterbrochen über irgend etwas auf das Aeußerste erstaunt
wäre, und der untere Theil sich das unter keiner Bedingung wolle merken
lassen.

Dieser Kopf nun war der Gegenstand, mit dem Feodor Strohwisch bei
solchen Gelegenheiten, und zwar auf das lebhafteste verkehrte. Zuerst
warf er dem Kopfe nur ein paar wüthende Blicke zu, die dieser auf das
erstaunteste erwiederte, schoß dann noch einmal durch's Zimmer, und als
die Friederi--_keh_ von oben noch immer nicht kam, und der entsetzliche
Ruf mit einer fabelhaften Geduld und Ausdauer hernieder schallte, da
blieb er endlich vor dem Kopfe stehen, streckte ihm die eine geballte
Faust entgegen und sagte mit dumpfer drohender Stimme:

»Fräulein Schütte, ich bin auch nur ein sterblicher sündhafter Mensch,
und meine Geduld ist, wenn auch von Gummi elasticum, doch deshalb
nichtsdestoweniger zerreißbar; ich hoffe, daß Sie jetzt --«

»Friederi--_keh_!«

Feodor sah in grimmer Wuth zu dem Kopfe auf; es war fast, als ob er eine
Gewaltthat beabsichtige, so dunkel und drohend glühten seine Augen.

»Fräulein Schütte,« begann er noch einmal, »wenn Sie glauben, daß ich
bei _solchem_ Lärm, der Einem wie glühende Schwerter durch Leib und
Seele dringt, humoristische Gedichte machen kann, so erlauben Sie
mir nur, ihnen die Bemerkung zu Füßen zu legen, daß das eine reine
Unmöglichkeit ist: ich kann viel ertragen, ich _habe_ schon viel
ertragen, Fräulein Schütte, aber ich verbitte mir von jetzt an alle
dergleichen Barbarismen. Schon das _Friederike_, mit ihrer lauten
gellenden Stimme gerufen, ist grausam, das _keh_ aber hinten dran, mit
der hohen Quinte, ist kannibalisch. Ich sage Ihnen --«

»Friederi--_keh_! Friederi--_keh_!«

Das war zu viel, Feodor Strohwisch schoß, wie aus einer Pistole
geschossen, auf den Kopf los, ergriff ihn mit der Linken an dem langen
dünnen Halse, und legte ihm die breite Rechte fest und entschlossen
auf den Mund. Der Ausdruck des Gesichts, dessen untere Parthien so
zugehalten wurden, daß nur der vollständig erstaunte obere Theil
desselben sichtbar blieb, nahm einen wahrhaft beunruhigenden Charakter
an, der Gereizte blieb aber unerbittlich und sagte nun nach wohl
minutenlanger Pause, in der übrigens der Ruf nicht wiederholt wurde:

»Sehen Sie, mein Fräulein, sehen Sie? -- Sie haben es nicht anders haben
wollen, Sie haben mich förmlich zu Zwangsmaßregeln genöthigt; ich bitte
Sie inständigst, ich bitte Sie um ihrer selbst willen, uns Beiden das
nächste Mal solche unangenehme Auftritte zu ersparen.«

Und damit schob er den Kopf auf seine Stelle zurück, ging wieder an
sein Schreibpult und war bald auf's Neue vollkommen in sein Sinnen und
Grübeln vertieft. Aber auch Fräulein Schütte hatte die Genugthuung,
daß ihre Friederi_keh_ endlich, nach so unermüdlicher Anstrengung der
Lungen, erschien, das gewünschte Kleid wurde gebracht und angezogen,
saß ausgezeichnet, und Arm in Arm wandelten die beiden Freundinnen bald
darauf den Berg hinauf, an der Pfarre und Schenke, die Sonnabends und
Sonntags besonders stark besucht war, vorüber, folgten dabei immer nur
dem ziemlich breiten und mit gelbem Kies beworfenen Fuhrweg, der bis zu
den letzten Häusern des Dorfes sich erstreckte, und betraten nicht
lange nachher den herrlichen grünen Wald, in welchem sich die Straße,
allerdings immer schmäler werdend, hinschlängelte, bis sie zuletzt zu
einem gewöhnlichen Holzfuhrweg wurde, der durch lange schmale Streifen
Gras und alte, lange nicht aufgefrischte Wagenspuren verrieth, wie
selten er befahren, wie wenig er überhaupt benutzt wurde, indem der
Hauptweg nach Sockwitz schon früher rechts abzweigte, und in die große,
im zweiten Kapitel erwähnte Chaussee auslief.




Fünftes Kapitel.

Der alte Jäger.


Indessen war Hennig, aus dessen innerstem Herzensschacht das Gespräch
mit dem Diaconus wohl auch manch trüben Gedanken zu Tage gefördert haben
mochte, ebenfalls aus dem Dorf heraus und durch den Wald geschlendert.
Ihn trieb es, allein zu sein, denn das was _ihm_ auf dem Herzen lag war
zu schwer, zu freudlos als daß er es mit dem armen Mann, der schon für
sich ein so tüchtiges Bündel zu tragen hatte, hätte theilen mögen.
Es wurde Mittag, und er wußte, daß sie daheim auf ihn mit dem Essen
warteten, aber er konnte sich jetzt nicht gleich wieder unter Menschen
setzen, jetzt nicht gleich wieder über alltägliche Dinge plaudern oder
»wichtige Schulberichte« mit anhören, wo ihm das ganze Leben so schal
und nichtig vorkam, daß er sich ordentlich nach freier Luft und nach
stillen grünen Waldesbäumen sehnte. Denen konnte er sein Leid klagen,
ohne von ihnen verhöhnt zu werden, ja die nickten wohl auch mitleidig
dazu mit dem Kopfe und schienen in ihrem stillen geheimnißvollen
Rauschen mit ihm trauern, mit ihm zu dulden.

Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als er erst wieder an die Rückkehr
dachte; lange schon hatte er den Fuhrweg verlassen und die Biegung einer
Waldwiese beibehalten, die sich wohl eine gute Stunde Weges lang am
Bergeshang hinzog und erst oben wieder durch einen schmalen Fußpfad
mit der Straße zusammen hing, die auch die beiden Mädchen eingeschlagen
hatten, und die sonst nur gewöhnlich benutzt wurde, um die oben auf dem
Bergeskamm gehauenen Stämme hinunter nach der Thalmühle zu schaffen.

Anstatt aber gleich den kleineren Pfad einzuschlagen, wandte er sich
ein wenig links drei hohen Eichen zu, die hier stolz aufragend über
die niederen düsteren Fichtenstämme emporschauten. Dort quoll aus dem
weichen lauschigen Moos ein klarer Quell hervor, und rieselte mit leisem
Murmeln durch die weiche, torfige Rasendecke hin in das Thal hinab, wo
er sich -- anstatt bedächtig, wie es der größere und verständigere Bach
that, an der Abdachung hin zu gleiten und unten, in der weidenumgürteten
Schlucht langsam in die Rausche hinaus zu treten -- in tollem Muthwillen
ordentlich die steilsten und schroffsten Felsenhänge aufzusuchen schien
und in jähen kecken Sprüngen, über moosigen Stein und starre Lehmbank
weg, wild und sprudelnd und weißen Schaum jubelnd um sich her sprühend,
in den unten froh vorbeibrausenden Fluß sprang.

Diese Quelle suchte Hennig auf, denn ihn dürstete, als er aber den Fuß
der Eichen erreichte, sah er, wie sich dort eine menschliche Gestalt
bewegte; gleich darauf schlug ein Hund an und er erkannte näher tretend,
den alten Jäger Holke, der hier beschäftigt war, ein anscheinend erst
verendetes Reh aufzubrechen. Sobald der aber die Schritte hinter sich
und das Bellen des Hundes hörte, hatte er, rasch auffahrend, nach der
Flinte gegriffen, jetzt jedoch, als er sah wer es war, lehnte er diese
wieder an den Baum, und fuhr, sich nur halb nach Hennig umwendend, in
seiner Arbeit fort.

»Halloh Schulmeister« rief er dabei und stieß, um den Schlund des Rehes
einzuknüpfen, den Genickfänger neben sich in eine der moosbewachsenen
Eichenwurzeln -- »was zum Blitz und Hagel treibt Euch denn zur Schulzeit
mitten in den Wald hinein? es ist Euch doch nicht irgend ein Junge
entlaufen, den Ihr wieder suchen wollt? Das ist schwere Arbeit ohne
Spurschnee!«

»Guten Tag, Förster« sagte Hennig und ließ sich langsam zwischen diesem
und der Quelle, aber dicht neben der letzteren nieder; er war durch das
lange einsame Umherstreifen wieder ruhig, ja fast heiter geworden, und
freute sich den alten Mann hier gefunden zu haben, den sie alle im Dorfe
lieb hatten und der, wenn auch ein Bischen derb, ja oftmals grob in
seinem Wesen, doch treu und aufrichtig war, und Niemandem etwas in den
Weg legte oder zu Leide that -- »man sieht es daß Ihr schon lange aus
der Schule seid, Ihr müßtet sonst wissen, daß die Sonnabende frei sind,
und an ihnen keine Schule gehalten wird.«

»Das ist eine neuere Mode,« brummte der Alte, »zu meiner Zeit waren nur
die Nachmittage frei, in den Vormittagen quälten sich aber die Lehrer
auch ein Bischen mit den Bälgern, und ließen sie nicht den ganzen lieben
ausgeschlagenen Tag den Eltern über dem Hals.«

»Die paar Vormittagsstunden« erwiederte ihm lächelnd der Lehrer, »die
wir am Sonnabend Morgen gewinnen, geben wir reichlich in der Woche zu,
wo wir mehr Unterrichtsstunden halten, als uns das Gesetz eigentlich für
den ganzen Zeitraum der Woche vorschreibt. -- Doch wenn habt Ihr denn
das Reh geschossen, es scheint noch ganz frisch und es hat doch, seitdem
ich hier in der Nähe bin, nicht ein einziges Mal geknallt.«

»Werd' es wohl mit Baumwolle oder Hanfleinen geschossen haben,« brummte
der Jäger -- »das knallt nicht und macht auch keinen Rauch -- ist eine
kostbare Erfindung -- ich wollte daß die verdammten Stubenhocker in der
Stadt, die derlei Geschichten ausbrüten, sich und ihren nichtswürdigen
Krimskram bis in die Mitte nächster Woche hineinsprengten, nachher würde
die liebe Seele wohl einmal auf eine Weile Ruhe haben.«

»Halloh Förster, Ihr seid ja entsetzlich böse und brummig heute, was ist
denn vorgefallen? -- wieder einmal Streit mit dem Pastor gehabt? --«

»Der Pastor soll zu -- Grase gehn, wie's mir d'ran liegt«, knurrte der
Jäger, »hab' ihn Gott sei Dank seit acht Tagen gar nicht zu Gesicht
gekriegt. So lange wir so weit auseinander wohnen, sind wir uns auch
recht herzlich grün; hm --«

»Ihr seid merkwürdig übler Laune heute« sagte Hennig und richtete sich
von der Quelle, an der er eben getrunken wieder auf -- »ist denn irgend
etwas geschehn, was Euch geärgert hat?«

»Aergern?« wiederholte der Jäger und drückte mit geschickter und starker
Hand die feste Klinge in das Schloß des Rehes, »da soll sich auch Einer
nicht dabei ärgern, wenn er in _der_ Jahreszeit eine Rikke aufbrechen
muß, die ein paar Wochen später das schönste junge Kalb in den Wald
gesetzt hätte, das einmal tüchtiges Gehörn getragen. Geärgert? -- Das
Herz im Leibe drehte sich Einem bei solcher Arbeit um, und man möchte
sich wahrhaftig lieber wünschen unter Kannibalen, als unter einer
solchen verdammten Aasjägerrace zu leben, die das Kind im Mutterleibe
nicht verschonen. Wer in der Jahreszeit nach einer Rikke schießen kann,
der schlägt auch seinen eigenen Bruder um acht alte Groschen todt.«

»Also Ihr habt das Reh _nicht_ geschossen?« frug Hennig, der wenig oder
gar Nichts von der Jagd verstand, ruhig.

»Wer? -- ich?« -- schrie der alte Mann, und warf dem Lehrer einen
ingrimmig wilden Blick zu, sich plötzlich aber besinnend, daß der da,
der eben _die_ Frage an ihn gerichtet, seinem eigenen Ausdruck nach »ein
Stück Wild kaum von einer Windmühle zu unterscheiden vermochte,« warf
er seufzend das Gescheide mit dem jungen Kalbe bei Seite, hob das jetzt
fertig ausgeworfene Reh an die Quelle, wo er es mit dem klaren Wasser
derselben rein auswusch, und sagte dann, nachher seine eigenen Hände und
den Genickfänger ebenfalls darin abspülend.

»Man darf's Euch nicht so übel nehmen, Ihr verstehts nicht besser. Das
laßt Euch aber gesagt sein, und es wäre gut Ihr prügeltet das jetzt
schon Eueren Jungen ein, wenn's die Flegel auch später wieder vergessen
-- daß es Sünde und Mord ist überhaupt eine Rikke, besonders aber noch
dazu im Frühjahr, zu schießen. Verstanden?«

»Eine Rikke ist das Weibchen vom Rehbock?« frug der Schulmeister den
Jäger.

»Ja!« sagte der Forstmann, und warf einen halb spöttischen, halb
mürrischen Blick nach dem Frager -- »die Sie'n.«

»Aber wer hat denn die Rikke geschossen?« fuhr Jener, sich überall
umschauend, fort, »sind etwa Wilddiebe hier im Holz?«

»Wilddiebe?« wiederholte der alte Jäger mit vieler Bitterkeit,
»Wilddiebe? nein bei Gott, der Name ist noch viel zu ehrlich, und klingt
zu rechtschaffen für solch nichtsnützige miserable Bande. Ich habe auch
gewilddiebt zu meiner Zeit, und ich kenne ganz respektabele Leute, die
ebenfalls Wilddiebe sind -- wenn ich auch nicht etwa den Schuften das
Wort reden will, die heimlicher Weise und bei Nacht und Nebel auf's
Revier kommen, und Einem die paar Rehe, die noch dastehen, über den
Haufen legen, daß man nicht einmal Schießgeld davon bekommt, die aber,
die solch ein armes Geschöpf und zu solcher Zeit mit dünnem lumpigen
Hühnerschrot waidewund schießen, oder vielmehr bloß im Wald herum liegen
und nach allem plaffen, was rauch ist, und bei denen es nachher heißt,
>krieg ich's so ist's gut; und krieg ich's nicht, so hab' ich nichts
verloren,< das ist eine gottverfluchte Mörderbande, die man bei den
Beinen aufhängen sollte, daß sie nur einmal erfährt, wie es thut, wenn
man rothes warmes Blut im Herzen hat.«

»Es scheint als ob das ungesetzliche Schießen jetzt überhaupt hier
Ueberhand nehme« sagte Hennig; »die Leute benutzen die im
Lande herrschende Aufregung und denken gerade in dieser Zeit am
allerleichtesten ungestraft davon zu kommen.«

»Ungestraft? -- nun ich wünsche mir nur, daß ich einen von den
vermaledeiten Aasjägern einmal zum Schuß bekomme, ob der nachher davon
reden wird, daß er _ungestraft_ im Frühjahr eine Rikke angeflickt hätte,
daß das arme Geschöpf helle Tage lang mit dem zerschossenen Kalb im
Walde herumächzen muß.«

»Wenn die Leute aber nun das _Recht_ dazu bekommen, Förster?« frug der
Schullehrer -- »wir leben jetzt in einer gewaltigen Zeit, wo der lang
Unterdrückte endlich das Haupt erhebt und zu fühlen anfängt, daß er auch
ein Mensch ist wie der, der ihm bis dahin die Ferse im eigenen Nacken
gehalten; ja wenn sie sich das _Recht_ wirklich _nehmen_, auf ihrem
eigenen Lande jagen zu dürfen, was, ihnen zu verwehren auch, meiner
Ansicht nach, eine reine Ungerechtigkeit ist, wie dann? wie wirds
nachher mit der Jagd aussehen?«

»Unsinn!« knurrte der alte Jäger und schlug sich rasch wieder Feuer an,
was er, während der Schulmeister mit dem eben Gesagten eine Masse höchst
fataler Bilder vor ihm heraufbeschworen, indessen eingestellt hatte --
»Unsinn -- fragt doch lieber wie's im Monde aussehn wird, wenn die Erde
einmal aus Versehen zusammenfällt. Ein _Recht_, hochbeschlagene arme
Geschöpfe Gottes krank zu schießen? Ein _Mord_ bliebe das, ob die
verdammten Tintenklekser in der Stadt auch ganze Schreibstuben voll
Bände und Akten darüber schmierten. -- Und dann das Schießen nachher;
ei wenn sie Jedem verstatteten auf seinem eigenen Grund und Boden zu
schießen -- hahahaha -- dann möchts nachher schön im Lande aussehen. Wer
sollte denn da noch riskiren auf die Landstraße, oder überhaupt in den
Busch zu gehn? Wäre man wohl seines Lebens sicher, und könnte einem
nicht hinter jeder Hecke so ein blinder Bauer eine Ladung Schrot in den
Pelz schicken? Und was würde nachher aus dem Wild, wer sollte denn da
schonen, heh, wenn man Nichts wie Grenze hat; und ein Huhn ließe sich ja
fast gar nicht mehr auf eignem Lande schießen, das wäre immer und ewig
über anderer Leute Feld. Auch -- Unsinn, ich habe wohl davon gehört, daß
sie in Berlin und Wien, oder wie die Städte heißen, Revolution gemacht
und das unterste zu oberst gekehrt haben sollen, und daß jetzt besonders
der Bauer und Handwerkerstand an die Reihe kommt, sein Fett oben
abzuschöpfen, aber die _Jagd_ frei, ne Schulmeister, da haben sie Euch
was aufgebunden, damit wird's Nichts -- _hoffentlich_ Nichts, so lange
wenigstens diese alten Knochen noch im Walde herumlaufen. Wenn _die_
erst einmal unter der Erde liegen -- nun dann meinetwegen, dann mag mein
Fritz sehen wie er anders durch die Welt kömmt, mit der Jagd ist's
ja auch ohnedieß schon, selbst wenn sie _keine_ Jagdfreiheit geben,
vorbei.«

Der alte Mann war ganz schwermüthig geworden, und zog, finster dabei
vor sich nieder schauend, die dichten blauen Wolken aus dem kleinen
unbeschlagenen Maserkopf.

»Und was wollt Ihr mit dem Reh da jetzt anfangen?« frug Hennig, als
der Jäger endlich mit einem plötzlichen Ruck seinen Genickfänger in
die Scheide zurückstieß, die Jagdtasche umwarf, die Mütze fester in
die Stirn drückte, und nach der neben ihm lehnenden Doppelflinte griff,
»werden sie's hier nicht stehlen?«

»Ich werd's ihnen vertreiben;« brummte der Alte, »nein wahrlich,
_anvertrauen_ möcht ich's der Bande keinen Augenblick, denn die Schufte
wissen gar prächtig, daß ein Rehrücken gut schmeckt, und daß es sich
wohl der Mühe lohnte ihn nach Hause zu tragen; aber mein Fritz ist schon
nach den Holzschlägern gegangen, die unten im >Buchentrog< die Stöcke
ausroden, einer von denen mag das Reh in's >Stadtviertel< tragen, dort
wollten sie gern Wild haben, die wissen's auch nicht besser, und ich
bin froh wenn ich von dem armen Ding da gar nichts weiter mehr zu sehn
bekomme.«

»So geht Ihr also jetzt mit mir nach Horneck zurück?« frug Hennig. --

»Habe Nichts dawider« lautete die Antwort »mit meiner Runde bin ich
durch, und -- zu schießen giebts auch Nichts mehr im Wald heute, da mag
ich eben so gut heimtraben.«

Und damit warf er noch einen halb mitleidigen, halb mürrischen Blick auf
das zerwirkte Reh zurück, hing sich die Flinte über die Schulter, und
schritt rasch, und von Hennig gefolgt, auf dem schmalen Fußwege hin, der
sie der breiteren Straße zuführte. Noch waren sie nicht lange gegangen,
als sie diese auch erreichten, und nun langsamer, um die milde Luft
besser genießen zu können, die ihnen warm und labend aus Süden her
entgegenströmte, ihren Weg dem noch etwa eine gute Stunde entfernten
Horneck zu fortsetzten.

»Wie still das hier zwischen den Bäumen,« sagte Hennig endlich, als sie
eine ganze Zeit lang schweigend neben einander hingeschritten waren; »es
rührt und regt sich Nichts, und wenn nicht manchmal ein Holzhehr oder
eine alte Krähe ihre rauhen Laute durch den Wald schickten, so sollte
man glauben, der ganze Forst sei ausgestorben. Ich weiß, früher, als ich
noch in der Stadt auf der Schule war, da glaubte ich immer, wo Wald
sei, da müsse es auch Hirsche und wilde Thiere geben, und in dem kleinen
Hölzchen dicht an der Stadt, durch das wir Sonntags Nachmittags immer
nach Weinhausen zu spazieren gingen, sah ich mich, sobald wir in den
dunkeln Schatten traten, eben so regelmäßig nach irgend einer reißenden
Bestie um, und war dann sehr bestürzt, wenn ich >nicht einmal einen
Hirsch< zu sehen bekam.«

»Die Zeiten sind vorbei,« sagte der Jäger traurig, und mit einem tiefen
Seufzer, »ja vor zwanzig und fünf und zwanzig Jahren, wo Schwarz- und
Edelwild hier in jeder Schlucht seine Fährten eindrückte, wo in der
Brunftzeit die alten Zwölf- und Sechzehenender wie besessen herumliefen,
und ich schon in meinem sechzehnten Jahre mit eigener Hand drei
Hauptschweine erschossen hatte, ja da war es noch eine Freude, ein
Waidmann zu sein, damals war der Jägerstand auch noch geehrt, und mit
Horn, mit Meute und Büchse zog man zur fröhlichen Lust in den Wald.
Jetzt -- ist der Name _Jäger_ fast nur noch zum Hohne geworden; eine
Flinte auf der Schulter und Blei darin, gerade stark genug, Sperlinge zu
schießen, hat man weiter auf der Gotteswelt Nichts zu thun, als auf die
Holzschläger zu passen, und den Holzdieben allenfalls aufzulauern; vor
Wilddieben braucht man sich beinah nicht einmal mehr zu fürchten, denn
die Zeit ist gar nicht mehr fern, wo man Hirsche auf der Messe, und
Rebhühner zahm in Käfichen zeigen wird.«

Sie hatten jetzt gerade eine der Waldhöhen erreicht, von der sie die
Aussicht in eine flache, mit Laubholz bewachsene Abdachung bekamen;
auffallend war hier eine niedere breitastige Zwergbuche, die mit sehr
starkem Stamme, die Wurzeln fast ganz entblößt von Erdreich, gerade
inmitten der Senkung stand, und die knorrigen, aber dafür desto
kräftigeren Zweige links und rechts so weit ausstreckte, daß sie den
Abhang an beiden Seiten berührte. Hier blieb der Jäger stehen, nahm die
Flinte herunter, stützte sich darauf, und schaute eine ganze lange Weile
nach der »Delle« hinein, die sich, bald nachher rechts abbiegend, der
Rausche zuzog, in die sie, etwas weiter unten, ebenfalls eine Quelle
hineinsandte.

Hennig schaute aufmerksam nach derselben Richtung hin, weil er glaubte,
der alte Mann bemerke dort irgend ein Stück Wild oder sonst etwas
Auffallendes; es ließ sich aber Nichts erkennen, nur die verwachsene
Buche streckte die wunderlich geformten Arme wie zornig und trotzig
gegen die schlank und stolz auf sie herabschauenden Tannen und Fichten
aus.

»Was giebt es denn, was habt Ihr hier: war dort etwas?« frug der Lehrer.

»Ja, -- Ihr habt Recht, dort _war_ wirklich etwas,« erwiederte ihm
rasch, und sich wieder zum Gehen wendend, der Forstmann, -- »aber jetzt
ist's vorbei. -- Drei und vierzig Jahre sind's nun her, daß ich gerade
an der Buche meinen ersten Hirsch schoß -- und was für einen capitalen
Burschen. Der Schuß war auch die Ursache, daß ich meine Alte, die jetzt
lange unter der kühlen Erde schlummert, bekam, denn der Oberförster
freute sich unmenschlich über das prachtvolle Geweih, ein ungerader
Zweiundzwanzig-Ender. Donnerwetter, das war ein Hirsch, und ich sehe ihn
jetzt noch, wie er nach dem Schusse einem Ungewitter gleich durch die
Büsche und Zweige rasselte.«

»Ihr hattet Euch an ihn hinangeschlichen,« ermunterte ihn der Lehrer,
dem es mehr Freude machte, den alten Mann erzählen zu hören, als daß er
sich selbst groß für die Jagd interessirt hätte.

»Hinangeschlichen?« wiederholte der Alte, in der Erinnerung an den
schönen Jagdzug schwelgend, »ei ich war damals ein junger gewandter
Bursch, aber das Menschenkind hätt' ich sehen mögen, das sich an
den alten schlauen Gesellen hätte hinanschleichen mögen; ob der sich
gewitzigt zeigte? Das erste, was man von ihm stets zu sehen bekam, war
der weiße Spiegel. Nein, Schulmeisterchen, selbst der Oberförster mußte
wohl schon mehr als zwanzig Mal dem Stück Wild zu Gefallen gegangen
sein, ohne es auch nur ein einziges Mal _ordentlich_ zum Schuß zu
bekommen, denn grad hinaufblaffen, wenn sich was Rothes in den Büschen
zeigt, wie es die sogenannten _Jäger_ in jetziger Zeit machen, das
wollte er auch nicht. Mich wurmte aber die Geschichte, ich konnte nicht
schlafen mehr, denn im Wachen wie im Traume sah ich den Hirsch, der mir
immer bald auf die eine, bald auf die andere Art entging. Zu der Zeit
war ich auch des Revierjägers Tochter gut, der Vater wollte aber von
einer Heirath Nichts hören, und meinte nur einmal, aber natürlich auch
bloß im Spaß, ich sollte erst versuchen, ob ich nicht den starken Hirsch
umlegen könnte, nachher wollten wir wieder davon sprechen.«

»Jetzt war's nun gar mit mir aus, sobald ich mich niederlegte, und die
Augen zumachte, stand er vor mir, und äugte nach mir herüber, und dann
hatt' ich nie die Büchse geladen, oder konnte die Kugel nicht in den
Lauf kriegen, oder das Pflaster hing mit anderen zusammen, oder der
Ladestock saß fest, kurz, es haperte beim Laden, und legte ich endlich
an, und drückte ab, so konnte ich mich fest darauf verlassen, daß mir
das Pulver von der Pfanne brannte, und der Hirsch stolz und ruhig davon
zog. Ich härmte mich so ab, daß ich ganz mager und elend wurde; das
Essen und Trinken schmeckte mir sogar nicht mehr, und ich beschloß
endlich, es koste was es wolle, und sollte ich acht Tage nicht mehr zu
Hause kommen, den Hirsch zu schießen.«

»So lange war ich ihm übrigens in den Fährten herumgekrochen, daß ich
endlich ziemlich genau wußte, wie und zu welcher Tages- und Nachtzeit er
auf den verschiedenen Stellen herüber und hinüberwechselte. So hatte ich
auch erspürt, daß er unten an der Schlucht gerade etwa hundert Schritte
weiter oben, als wo sich der Bach über die Steine hinweg jäh in die
Rausche stürzte, jede Nacht über den Bach hinüber wechselte, und am
Bergeshang langsam hinschritt. Das Holz war aber dort viel zu dicht
und schattig, um mir auch nur ein erträgliches Büchsenlicht zu gönnen,
trotzdem beschloß ich, wenigstens einen Versuch zu machen, und ging
eines Abends, es war im August, und eine wundervolle mondhelle Nacht,
hier auf der Bergkuppe hin, wo damals noch nicht einmal ein Fußpfad,
vielweniger ein Fahrweg hinlief, bis ich gerade an die Schlucht kam,
an der wir da oben stehen blieben. In dieser wollte ich mich
hinunterpürschen, denn weiter unten, wo der Mond gerade durch das lichte
Stangenholz schien, war es eher möglich, daß ich Licht genug auf's Korn
bekam, um eines sichern Schusse gewiß zu sein. Langsam und geräuschlos
schlich ich dann mich auf dem moosigen Boden bis gerade an jene alte
Buche hin, die damals schon eben so stark und knorrig da stand, wie an
dem heutigen Tag, und wollte just um sie herumbiegen, als ich -- Hennig
ich schwörs Euch zu, das Blut kocht mir noch heute in den Adern, wenn
ich an den Augenblick zurückdenke, -- langsame, schwere aber gemessene
Tritte höre. Das Herz fing mir an zu schlagen, als ob's ihm zu eng
in der Brust würde, und es sich aus Leibeskräften hinaus in's Freie
arbeiten wollte, und ich bekam das wirkliche reguläre Hirschfieber
dermaßen, daß mir alle Glieder am Leibe flogen und zitterten.

So stand ich wohl zwei volle Minuten und horchte, konnte aber gar Nichts
mehr hören, denn meine eigenen Knochen schlugen so an einander, bis ich
auf einmal in dem matten Mondenscheine, und kaum zwanzig Schritte von
mir entfernt, die Büsche sich bewegen sah, und heraustrat -- will ich
mein Leben trocken Brod und Salz essen, wenn's nicht wahr ist -- eben
der Zwei und zwanzig-Ender, und stellte sich breit und schußgerecht, und
so ruhig vor mich hin, als ob ich gar nicht in der Welt wäre, oder nur
ein Blasrohr statt einer guten, scharfgeladenen Kugelbüchse in der Hand
hielte.«

»Natürlich hatte ich das Rohr schon unwillkührlich und fast in demselben
Augenblicke gehoben, wo ich die ersten Schritten im vorjährigen gelben
Laub vernahm, aber hin und her flog die Mündung über die helle, vom
Mondeslicht beschienene Gestalt, nicht möglich war es mir, den Lauf auch
nur eine Secunde lang ruhig zu halten. -- Ich mußte wieder absetzen,
denn ich fühlte, ich hätte jedenfalls vorbei geschossen. Der Hirsch aber
windete hoch gegen den Luftzug hin, der glücklicher Weise gerade aus der
Schlucht heranwehte, streckte dann ganz behaglich erst den rechten, und
dann den linken Hinterlauf, neigte ein paar mal den schönen Kopf, als ob
er mir ordentlich zeigen wollte, >sieh einmal, was für ein Geweih,
was für Stangen ich habe!< und zog dann ganz vertraut, kaum funfzehn
Schritte entfernt vor mir vorüber.«

»Jetzt aber hielt ich's auch nicht länger aus; hinter der Buche suchte
ich mir an einer Stelle des lichten Firmamentes das Korn, kam mit dem
Lauf der Büchse rasch herunter, und drückte in demselben Augenblicke
ab, als der Hirsch, der vielleicht einen Schein von dem im Mondenlicht
blitzenden Rohr erhalten, scheu und schreckend den Kopf emporwarf. Gott
sei Dank, _der_ Schuß versagte _nicht_, wie er mir hundertmal im Traume
versagt hatte, und gleich nach dem Knall der Büchse brach der gewaltige
Platzhirsch wie ein Ungewitter durch die dünnen Stangen, und rasselte
die Schlucht hinunter, daß es eine Lust und Wonne war.«

»Aber Ihr kriegtet ihn?«

»Ich denke,« lachte der alte Jäger, und bließ dichte freudige Wolken aus
dem kurzen Pfeifenstummel; »keine hundert funfzig Schritt war er mehr
gegangen, und ich brauchte auch nicht einmal nach dem Anschuß zu suchen,
einen Spektakel machte er, wie er so in den Stangen lag, und verendend
mit den Läufen um sich herhieb, daß man's auf eine halbe Stunde weit
hätte hören können. Nun wie gesagt, an dem Abend -- alle Hagel!«
unterbrach er sich plötzlich, und deutete nach vorn, denn die Biegung
der Straße hatte sie gerade zu Zeugen einer eben so merkwürdigen, als
ihre Gegenwart anscheinend erfordernden Scene gemacht.

In kaum hundert Schritten Entfernung nämlich, und mitten auf dem, hier
gerade von dichten Büschen eng umschlossenen Fahrwege, stand eine
Gruppe von drei Menschen, bei deren Anblick Hennig das Blut in den
Adern stockte. Es waren zwei Damen, und vor ihnen, den Rücken den beiden
Männern zugedreht, die Rechte auf einen starken Knittel gestützt, die
Linke -- aus welchem Grunde, konnten sie von dort nicht erkennen --
gegen die Frauen ausgestreckt, ein etwas abenteuerlich aussehender Mann.

Da stieß die eine Dame plötzlich einen gellenden Schrei aus, und der
Hülfslehrer, der in der ersten Ueberraschung wie an seine Stelle gebannt
gewesen war, flog jetzt mit dem angstvollen, aber doch nur halblauten
Ruf »Sophie!« und rasend schnellen Sätzen dem Orte zu, an dem der Fremde
eben im Begriff schien, der Pastors Tochter Arm zu ergreifen, während
Fräulein Schütte, ihre bisherige Begleiterin, mit wildem Hülfgekreische
dem Dorfe zustob.

Auch der Jäger suchte jetzt so schnell als möglich an den Burschen, der,
wie er nicht anders glauben konnte, wehrlose Frauenzimmer auf offener
Straße anfiel, hinan zu kommen, und riß dabei die Flinte von der
Schulter und in Anschlag. Hatte aber der Fremde Hennigs Ausruf, oder
die lauten Schritte gehört, er wandte den Kopf, und erkannte kaum die
herabstürmenden Männer, als er auch schon, nur noch einen Blick auf das
zitternde Mädchen werfend, blitzesschnell zur Seite und in die nächsten
Büsche sprang. In dem Moment blitzte es aus des Jägers Rohr, und während
der Schuß noch durch die Waldeswipfel dröhnte, fing auch der junge Mann
schon die, durch Angst und Aufregung betäubt niedersinkende Jungfrau in
seinen Armen auf.

»Mamsell!« schrie jetzt der Jäger hinter der, in wilder Angst
ausstreichenden Dame her, deren Eile der Schuß noch beflügelt zu haben
schien -- »Mam--_sell_! -- _wir_ sind's ja!« -- doch umsonst, ihr
eigenes Schreien ließ sie auch schon nicht das des anderen hören,
und sie war bald in den Windungen des Pfades den Blicken der Männer
entschwunden.

»Ei so lauf Du und der Henker« brummte der alte Waidmann ärgerlich
hinter ihr drein, »Donnerwetter, hat das Frauenzimmer eine Courage; na,
das sollte _meine_ Tochter sein.«

Hennig befand sich aber indessen in Todesangst, denn noch immer gab die
bleiche Jungfrau in seinen Armen kein Zeichen des Lebens von sich, und
lag starr und regungslos auf seinem Knie; er rieb ihr die Schläfe und
das Innere der Hand, und die Stirn und den Arm -- Alles umsonst, es war,
als ob er eine Todte umschlossen hielt. --

»Förster, um Gotteswillen helft mir hier!« rief er endlich, und schaute
sich in aller Herzensangst nach diesem um, »was sucht Ihr denn dort? --
laßt das doch sein, und steht mir hier bei.«

»Hm,« brummte der Alte, der indessen, ohne sich um die Ohnmächtige
weiter zu bekümmern, die Büsche und das Gras, wo der Flüchtige
hineingesprungen war, sehr sorgfältig und aufmerksam betrachtet hatte,
-- »ich habe nur einmal nach dem Anschuß gesehen, aber keine Spur von
Schweiß -- doch das schadet Nichts,« fuhr er, sich aufrichtend und zu
der Ohnmächtigen tretend fort: »weiter hin werden wir's schon finden,
denn einen Keulenschuß hat er, darauf wollte ich wetten -- 's war zwar
achtzig oder neunzig Schritt und dünner Schnepfenschrot, so weit trägt
meine alte Caroline aber doch noch, und das weiß ich -- ah -- sehen Sie,
die Mamsell kommt schon wieder zu sich -- hier, reiben Sie ihr einmal
den Rum in die Schläfe, das wird ihr gut thun -- nichts besser wie Rum
bei Ohnmachten, -- wenn man besonders noch einen richtigen Schluck davon
nehmen kann.«

Das junge Mädchen erholte sich aber wirklich rasch wieder, athmete ein
paar Mal recht schwer und tief, und schlug dann die Augen auf. Zuerst
sah sie sich ganz erstaunt, ja fast erschreckt um -- augenscheinlich
hatte sie das ganze Vorhergegangene vergessen, und die Sinne mußten sich
erst wieder zu ihrer vollen Thätigkeit sammeln, dann aber mochte ihr
doch wohl wieder einfallen, wie sie in diese Lage gekommen, denn
ein leichtes Roth färbte ihre bleichen Wangen, und sich rasch, aber
unbefangen emporrichtend, sagte sie, während sie dem jungen, wie mit
Purpur übergossenen Lehrer die Hand reichte:

»Ich danke Ihnen, lieber Hennig!«

»Der Schuft wollte Hand an Sie legen!« sagte der Jäger, »Gott soll
mich holen, wenn das nicht bald noch über den grünen Klee geht, das
verfluchte Wildschützenzeug nimmt ja bald Alles an, was Beine hat.«

»Es war kein Wilddieb,« sagte Sophie, und blickte wie scheu nach den
Büschen hinüber, so daß der alte Jäger bei dem Gedanken lächelte, sie
könne glauben, _der_ käme noch einmal dahin zurück, wo _er_ stände --
»er sah wild, verstört und bleich aus -- ich weiß nicht einmal, ob er
-- ob er uns um etwas ansprechen wollte -- nur als Anna Schütte so wild
aufschrie, ergriff er meinen Arm -- was er wollte, weiß ich nicht --
aber so viel erinnere ich mich, sein Rock war von Dornen zerrissen, auch
sein Gesicht blutig, und er -- er glich eher einem unglücklichen, als
einem bösen Menschen.«

»Alle Wetter noch einmal!« sagte da der Jäger, »das wird der Kerl
gewesen sein, den die Polizeidiener aus der Stadt heute Morgen gehetzt
haben; ein paar Holzschläger von mir haben oben an der Waldecke
gestanden, und sich die ganze Geschichte mit angesehen, -- der ist vom
Felde 'rein in die Haidekiefern gefahren, in den jungen Schlag, und wird
sich nun wahrscheinlich im Walde herumtreiben. Warte Canaille, solches
Wild könnten wir hier gerade brauchen, weiter fehlte uns gar Nichts.
Hören Sie Hennig, Sie gehen ja doch wohl mit dem Fräulein zu Hause.«

»Ich glaube kaum, daß ich noch etwas zu fürchten habe,« sagte Sophie.

»Nein, das glaub' ich auch nicht,« lachte der Jäger, der an seine
Schrote dachte, »das bleibt sich aber gleich, allein können Sie doch
nicht nach Hause zurückkehren, ich aber will gleich mit meinem Fritz und
den Holzschlägern den Wald hier einmal absuchen, wahrscheinlich ist er
nach dem Weidicht hinunter, in die dicken Büsche, und wenn er da drinn
steckt, da finden wir ihn vielleicht, oder treiben ihn jedenfalls in's
Dorf.«

Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, warf der Alte das Gewehr, das
er indessen wieder geladen hatte, über die Schulter, und schritt rasch
den Weg, den er vorher mit Hennig gekommen, zurück. Dieser aber, der
sah, wie erschöpft die Jungfrau durch den vorigen Schreck sein mußte,
denn sie hielt sich selbst jetzt noch an einer kleinen Buche, neben
der sie stand, aufrecht, bot ihr seinen Arm. Sophie zögerte einen
Augenblick, nahm ihn dann, und schweigend schritten die beiden dem noch
ziemlich entfernten Dorfe zu.




Sechstes Kapitel.

Die Hornecker Schenke.


Es war Abend; aus dem Feld herein zog pfeifend der Knecht mit den
Pferden, und der Gänsejunge trieb ebenfalls seine schnatternde Heerde
den heimischen Ställen zu; auf dem Plane vor der Schenke hatte sich eine
Schaar wilder Jungen und Mädchen eingefunden, die um die Linden herum
und über die steinernen Bänke hin sprangen und jauchzten und tanzten und
Haschens spielten, und sich in ihrer lauten herzlichen Lust wenig daran
kehrten, daß der Thau schon feucht niederfiel auf die dampfende Erde
und nebliche Dünste aus der Niederung herauf nach den Gipfeln der Berge
stiegen.

Die Botenfrau, die aus der Stadt kam, keuchte mit dem schwer beladenen
Korbe den steilen Hang hinauf, der wohl zwanzig Ellen hoch gerade hinter
der Schenke herabführte, und hier und da blitzte schon zwischen den
knorrigen Zweigen der Aepfel- und Pflaumenbäume hindurch ein einsam
schimmerndes Licht hervor, und der Wanderer, der vorüberging, sah, wie
da drinnen um die großen, mit frommem Spruch verzierten Schüsseln, nach
ächt patriarchalischer Sitte, der Bauer mit seinen Knechten und Mägden
saß, und Löffel nach Löffel aus der dampfenden Suppe herausholte.

Ein ganz besonders reges Leben herrschte aber in der Schenke selbst,
denn da wurden Tische und Stühle gerückt und abgestäubt, Flaschen
herbeigeschafft und Gläser parat gestellt. Dort in die Ecke kamen
drei Tische für die Spielenden, zwei Lichter auf jeden, an die
entgegengesetzten Ecken der buntbeklebte Papptrichter mit den
geschnittenen Kartenfidibus auf den einen Leuchter. Auch die
Markenteller mit den Spielmarken bekamen ihren Platz und die Spucknäpfe
wurden zurecht gerückt, der sauber gescheuerten Stube zu Liebe.

»So,« sagte die dicke Wirthin, als sie auf den runden Drath, der am
Fensterknopfe hing, frische Bretzeln gereiht, und den rostigen wieder
an den alten Platz gehangen hatte, »so, itzt kennen se vor mir kummen,
Annegrethe, hast de denn aber ooch des grine Zimmer in Ordnung gebracht?
-- Blitzmädel, Du weeßt doch, das der Herr Diaconus pinktlich is, un es
die Bauern ooch schonst immer nich erwarten kennen.«

Annegrethe, ein derbes dralles Mädchen von achtzehn oder neunzehn
Jahren, das, aber nicht nach der Horneck'schen Mode, sondern wie die
Dienstleute in der Stadt gekleidet, eben hinter dem Schenkstande
die halbgeleerten Glasflaschen (deren Etiketten bezeichneten, ob sie
Doppelkümmel, Anis, Pomeranzen oder Kirsch in den flachen Bäuchen
trugen) wieder aus großen steinernen Krügen vollfüllte, sagte, indem
sie gerade die letzte Flasche mit einem wollenen Tuche abwischte und auf
ihren Platz zurückstellte:

»Ei versteht sich, Frau Base, werde doch das beste Zimmer im Hause nicht
vergessen; gelüftet habe ich's den ganzen Nachmittag, die Tische sind
spiegelblank und von der Erde könnte man zur Nacht essen -- wenn kein
Sand d'rauf läge.«

»Hot denn die Butenfrau de Zeidungen schonst gebracht; ich habe kenen
Zippel von 'er gesiehn.«

»Schon vor einer Viertelstunde.«

»Un die Sammeln?« -- frug die Frau rasch und wie erschreckt.

»Alles richtig besorgt,« lachte Annegrethe, »auch Cigarren hab' ich vom
Kaufmann mitbringen lassen, und ein Dutzend thönerne Pfeifen.«

»Bist en braves Madel,« sagte die Frau und setzte sich behaglich in ihre
Ecke hinter den Ofen, wo ein kleines Tischchen mit ihrer Kaffeetasse
stand; in der Röhre oben, dicht daneben brodelte der Kaffee, und dicht
in der That mußte das Gedränge und laut der Ruf nach Bedienung in der
Schenkstube werden, ehe »Mutter Läsig,« oder die »Mutter,« wie sie ihre
Gäste kurzweg nannten, ihr heimliches Plätzchen verließ, um es mit dem
geschäftigeren, ruhelosen in der Küche zu vertauschen.

Es dauerte denn auch gar nicht lange, so füllte sich das ziemlich
geräumige Zimmer mit Gästen; hier und da über den offenen Platz herüber
schlenderte eine lange, mit schwarzem Schafspelz umhüllte, oben in eine
weiße Zipfelmütze auslaufende Gestalt, den Hügel herauf, und aus der
Seitengasse, die zwischen Obstgärten und Häuslerwohnungen hin nach dem
anderen Theile des Dorfes führte; von überall her kamen die Durstigen,
den Sonnabend Abend, wie das von jeher Sitte in Horneck gewesen, in
gemüthlicher Gesellschaft zu verbringen, und einmal wieder zu hören,
»wie's draußen in der Welt eigentlich stehe.«

Auch das »grüne Zimmer« (was aber eigentlich gelb war und nur noch aus
früherer Zeit, wo es vielleicht einmal grün gewesen, den Namen trug)
füllte sich nach und nach; um die verschiedenen Lichter herum drängten
sich neugierige kurzsichtige Gäste und suchten, bald mit bald ohne
Brille, dem die Augen schmerzenden Druck Inhalt und Sinn abzugewinnen,
bis der Diaconus endlich kam, der am Montag, Mittwoch und Sonnabend, und
schon seit Anfang vorigen Monats, wo es auch erst angefangen hatte in
Deutschland interessant zu werden, die Zeitungen, oder wenigstens das
Wichtigste daraus, vorlas und das Gelesene dann erklärte.

Die Landleute hörten aufmerksam zu, tranken ihr Bier dabei, und
schauten, das Kinn auf die beiden Fäuste oder in die aufgestemmten Arme
gestützt, dem Diaconus in das wohl etwas bleiche aber ausdrucksvolle
Gesicht, wie er ihnen die einzelnen Artikel vortrug, und hie und da bei
etwas schwer verständlichen Stellen, eine Erklärung beifügte, die es
auch den minder Begabten möglich machte, zu begreifen, was eigentlich
die verschiedenen Artikel für eine Bedeutung hätten, und in welcher
engen Verbindung die an allen Orten zugleich auftauchenden Unruhen zu
einander ständen.

Er hatte ihnen auf solche Art über das Vorparlament in Frankfurt,
das eben jetzt zusammentrat, über den Aufstand in Italien, denn die
Oestreicher waren gerade aus Mailand verjagt, über die Verhältnisse in
Oesterreich, und besonders in Wien selbst, wie über den dänischen Krieg,
mitgetheilt, und ging dann auf die ihnen näher liegenden Gegenstände,
jetzige Einberufung der beurlaubten Soldaten, die inneren Zustände des
Landes u. s. w., über, wo dann das Gespräch allgemeiner wurde, und die
Zeitung auch bei manchen Artikeln von Hand zu Hand ging.

Weniger geregelt war das Gespräch in der Neben- oder großen Gaststube,
wo sich die Gäste nicht, wie im »grünen Zimmer«, um einen großen Tisch
versammelten und dadurch die Unterhaltung zu einer gemeinschaftlichen
machten, sondern, an verschiedenen Tafeln und Spieltischen vertheilt,
auch ihre Sonderinteressen verfochten, oder gar nur, in die
Kartenblätter vertieft, Acht gaben auf Eicheln und Schellen, auf Grün
und Roth. Im Allgemeinen war es aber auch selbst hier die Politik, um
die sich das Gespräch drehte, und sogar vom Schafskopf oder Scat aus
mischte sich hier und da, wenn der Streit gar zu heftig wurde, ein
»Passender« mit ein und warf, den scheuen Seitenblick freilich immer
noch auf das indeß ununterbrochen vorwärts gehende Spiel gerichtet, sein
Wort mit ein, in Debatte oder Grundspruch.

»Ja, hier steht's in der Zeitung aus Franken,« sagte da mit lispelnder
aber scharf gellender Stimme ein kleines hageres Männchen. Pockennarben,
röthliche Haare und etwas stark gekrümmte Nase waren die Kennzeichen des
sogenannten Doctor Levi, der hier nur nach Horneck gekommen schien, um
sich nach Frankfurt in das Parlament wählen zu lassen, und schon seit
mehreren Wochen das allerdings etwas undankbare Geschäft übernommen
hatte, die Bauern dieses und der benachbarten Orte aus ihrer politischen
Lethargie aufzurütteln, und seinen Ansichten befreundet zu machen. So
lange er in Horneck blieb, miethete er gewöhnlich ein kleines Häuschen,
das mitten im Dorfe unbewohnt lag, und beschäftigte sich dann auch wohl
mit etwas Chirurgie, Aderlassen, Schröpfen u. s. w. Zog er jedoch
mit diesem manches böse Blut ab, so schuf er das, und in gewiß viel
reichlicherem Maße auch auf der anderen Seite wieder, und die
ruhigeren Bauern und Ansässigen des Dorfes schüttelten oft über seine
aufrührerischen Reden den Kopf, während ihm dagegen die Jugend mit
desto größerem Eifer anhing und besonders sämmtliche Lehrlinge und
Ackerknechte des Dorfes für ihn schwärmten. Wer hätte ihnen auch
das Alles versprochen, was ihnen Doctor Levi versprach, wer hätte
so unermüdlich über ihre Herrschaften herziehen und sie unaufhörlich
versichern mögen, daß der vierte Stand, der Stand der Arbeiter, gerade
der sei, der obenan stehen müsse, und ohne den die anderen Stände gar
nicht existiren könnten, der aber auch deshalb nur recht zusammenhalten,
die Männer wählen, die es gut mit ihm meinten, und dann sehen solle, was
er für Wunder wirken und wie er seine Stellung gestalten könne.

»Hören Sie nur, meine Herren,« lispelte der Doctor weiter, als er sah,
daß einige die Köpfe nach ihm umwandten:

  »Von den Gutsherrschaften haben sich diejenigen, deren Eigenthum bei
  dem ersten Aufstand, woran allerdings auch _ansässige_ Bauern Theil
  genommen hatten, verschont geblieben, mit ihren Grundholden auf
  gütliche Weise verständigt, und die Regierung von Oberfranken hatte,
  um diese Vermittlung zu Stande zu bringen, einen eigenen Commissar
  auf den Schauplatz der Unruhen abgeordnet. Auch anderwärts in
  Franken haben viele Gutsbesitzer ihren Grundholden freiwillig
  bedeutende Zugeständnisse gemacht.«

»Seht Ihr, die Sache wird Ernst, und in Franken wissen die Bauern
schon, was sie wollen; die Süddeutschen sind uns überdies um ein halbes
Jahrhundert voraus, und wenn es in Deutschland noch einmal Licht werden
solle, so stecken sie dort die Laternen an.«

»Ja, daß uns nachher das Haus lichterloh über den Kopf in Flammen
stehe,« brummte der Müller, der neben dem einen Spieltische saß, und
bis jetzt dem Gang des Spieles augenscheinlich sehr eifrig gefolgt war;
»solcher Aufruhr thut kein gut; denn wenn er noch allein bei den Bauern,
das heißt bei denen bliebe, die wirklich ein Besitzthum haben, ja dann
ließe man es sich gefallen, aber die, die _gar_ nichts haben, die reißen
nachher gerade das Maul am weitesten auf und sind vorne weg. Natürlich,
_die_ Menschen können Nichts bei der Sache verlieren; geht Alles, wie
es gewohnt war, seinen stillen Gang ruhig fort, so bleiben sie Lumpe wie
vorher, geht aber im Gegentheil Alles drunter und drüber, wird die ganze
Einrichtung auf den Kopf gestellt, ei dann schließen sie sich mit dem
größten Vergnügen dem an, _ihnen_ fällt Nichts aus der Tasche und es
müßte doch sonderbar zugehen, wenn sie von dem, was Anderen herausfiele,
nicht später was zu fischen fänden. Das kennt man schon.«

»O ja, o ja,« lachte der kleine Doctor, »versteht sich -- wer soll denn
aber auch sonst die Revolution machen; die, die was haben, sitzen gern
still und halten beide Fäuste auf die vollgestopften Taschen, die aber,
die Nichts haben, das sind die Menschen, die sich am freiesten bewegen,
die unparteiisch auf den Standpunkt des Besitzes hinüberblicken können.«

Ein großer Theil der Zuhörer lachte, dadurch wurde der kleine Mann aber
erst recht böse gemacht, sah sich einen Augenblick im Kreise um und rief
dann:

»Lacht nur, grinst nur und zieht die Mäuler von einem Ohre bis zum
andern, und wenn Ihr's nicht anders haben _wollt_, so bleibt meinetwegen
hier hinter Eueren Oefen sitzen, und wartet, bis sie Euch das, was die
Anderen jetzt _fordern_, auf dem Präsentirteller bringen und Euch um
Gotteswillen bitten, es doch nur anzunehmen.«

»Oho,« fiel ihm hier einer der Bauern in die Rede, »so schlimm is es
ooch noch niche -- mer wissen wuhl, was mer wolle, un ufgäsetzt is es
ooch schonst; 's hat nur de rächte Gischtalt noch niche, es fehlt em
noch de Fassong. Den Pastor han mer freilich drim gebeten, er sillts uns
mache, der will aber net, do hat's der Diaconus ibernommen; des is en
ganzer Kerl.«

»Ja, de Jagd misse mer frei han,« fiel hier ein Anderer vom Spieltisch
aus in's Wort, »der Hos', der mer mei Kraut frißt, dem schlag' ich de
Flinten uffen Kopp, daß er's bese Elend kreiht!« und die hoch gehobene
Karte kam mit den Knöcheln schallend auf den Tisch nieder.

»Un die Ablösung misse mer ooch han,« sagte der erste wieder -- »oh,
'ssein ä ganze menge Sachen, denn i zohl kei Hundekorn mehr, und schick'
keine Hihner un Eier un Kapauner und Gänse uf's Gut; wenn se Kapauner
fressen wolln, megn se se ooch selwer ziehen un stoppen.«

»Recht so,« fiel hier der Doctor ein, »das klingt schon ein Bischen
besser, aber nach Frankfurt müßt Ihr dann auch solche Leute wählen, die
wissen, was Euch fehlt und die Haare auf den Zähnen haben, und daß die
gestrengen Herren nachher schon einwilligen werden, ich dächte,
dafür bürgte uns die neueste Erfahrung. Ihr habt doch gehört, daß von
Frankreich herüber 90,000 Mann im Anmarsch sind, um hier in Deutschland
die Republik zu proclamiren?«

»Ne, keen Wort,« riefen Viele und wandten sich neugierig zu ihm hin.

»Was?« lachte der Doctor, »davon wißt Ihr noch Nichts? potz Schulmeister
und Diaconusse, wozu habt Ihr denn da die Woche dreimal Euere geheimen
Vorlesungen, wenn Ihr die Hauptsache nicht erfahrt? Aber das ist
natürlich, daß es der _Geistlichkeit_ nicht gerade gelegen kommt, wenn
es den _Beichtkindern_ klar wird, wo Barthel eigentlich den Most holt.«

»Aber Doctor, warum geht Ihr denn nicht mit hinein in's grüne Zimmer,«
mischte sich hier der Wirth hinter den Schenktisch in's Gespräch, »da
drinn wird ja die ganze Geschichte verhandelt.«

»Zu den Reactionairen!« brummte entrüstet der Mann des Blutes, »nein,
wir haben uns auf den Barrikaden unsere Freiheit erkämpft, und die
wollen wir schützen im freien Vereinsrecht, wie in der freien Presse,
derlei Umtriebe aber, wie sie schon anfangen im Lande ihr giftiges Netz
auszuspannen, sollten Männer, die sich dessen, was ihnen gebührt, bewußt
sind, gar nicht dulden. Wenn es auf mich ankäme, sprengten wir die ganze
Gesellschaft dadrinn auseinander.«

»Von wegen dem freien Vereinsrechte!« lachte der Wirth.

»Unsinn!« rief Levi ärgerlich, »wenn das Volk souverain ist, braucht es
die Verräther im eigenen Hause wenigstens nicht zu dulden. Ihr würdet es
Euch ebenfalls nicht gefallen lassen, wenn sich Jemand in Euerer Stube
hinsetzte und Pläne machte, Euch aus Euerem rechtmäßigen Hause zu
verjagen.«

»Ne« sagte der Wirth, »und bei mir ist das Volk nicht einmal souverain.«

Ein paar von den Bauern lachten, ehe aber der Doctor etwas darauf
erwiedern konnte, ging die Thür des grünen Zimmers auf, und die
Lesegäste, die jetzt die wichtigsten Tagesneuigkeiten gehört hatten,
kamen heraus in das große Wirthszimmer, um sich dort gemüthlicher
bewegen, und das Gehörte noch etwas freier besprechen zu können.

Die ebengeführte Unterhaltung wurde dadurch auf kurze Zeit unterbrochen,
und auch der »Doctor« hatte sich zu einem der Tische zurückgezogen, wo
er sein Glas Bier, mit einem Gläschen Pfeffermünze daneben, stehn hatte,
als einer der Bauern, neben den sich der Diaconus eben gesetzt, diesen
bat, er möchte doch einmal in »das Gedruckte« hinein sehn, ob etwas
von den 90,000 Mann darin stände, die von Frankreich aus zu uns herüber
kommen sollten.

»Neunzig Tausend Mann,« lachte der Diaconus, »wer hat denn das wieder
ausgesprengt? Ueber dem Rhein drüben sollen sich, wie die Zeitung sagt,
einzelne unordentliche Banden herumtreiben, aber von 90,000 Mann ist
keine Rede.«

»Keine Rede?« knurrte der Doctor aus seiner Ecke vor, »warum denn nicht?
-- man will es dem Volke hier nur noch verheimlichen, damit es nicht
aufsteht, sich mit den, bis jetzt in Frankreich verbannten und
nun herüber strömenden Brüdern vereinigt, und seinen bisherigen
Unterdrückern mit Gewalt den Daumen auf's Auge setzt.«

»Mein guter Herr Doctor« erwiederte ihm freundlich der Diaconus, »aus
fremden Lande blüht uns keine Hülfe, und von dorther dürfen wir nicht
auf Beistand hoffen oder rechnen. In uns selbst muß die Kraft, muß
die Hülfe liegen, und wenn wir nicht im Stande sind sie aus uns selbst
heraus zu schaffen, dann sieht es auch mit unserer Freiheit traurig aus.
Gott wolle uns vor einem Zustand bewahren, den uns fremde Schaaren und
wenn sie sich selbst _Arbeiter_ nennten, brächten; nur im Stande wären
sie einzureißen, und nicht Raum noch Athem bliebe zum Wiederaufbau.«

»Wiederaufbau, Wiederaufbau -- das ist so das rechte Wort,« brummte der
Doctor, und stieß heftig das Glas vor sich auf den Tisch, »_erst_ muß
eingerissen werden, ehe man aufbauen kann, denn von vorne anfangen
können wir die Geschichte nicht; hab ich recht oder unrecht?«

»Ne, das hat seene Richtigkeet« sagte da der Schmid, der auch mit aus
der grünen Stube herausgekommen war, »wenn mer hier ene angere Schenke
herbauen wüllen, so missen mer die erscht nieder reißen.«

»Na, das sieht ja ein Kind ein« triumphirte der Doctor.

»Aber bedenkt Leute,« nahm der Diaconus wieder das Wort, »daß sich
Einreißen und Aufbau auch nach äußeren Umständen richten muß.«

»Wie so?« frag Einer der Bauern.

»Wir wollen einmal hier bei der Schenke stehn bleiben,« erklärte Jener,
sich in den einfachen Sinn seiner Umgebung schickend, »wenn wir die
Schenke hier einreißen, um eine andere zu bauen, so ist das leicht, die
steht frei und hat einen gehörigen Raum vor sich, um das alte Gerumpel
abzuwerfen und den neuen Steinen und Balken Raum zu geben, und so war es
auch mit Amerika, als sich jenes Land seine Freiheit erkämpfte, dort war
Raum genug den alten Schutt abzufahren, und das neue Gebäude stieg rasch
und schön empor. Wie wäre es aber, wenn Ihr drüben des Wagners Haus
abbrechen und ein anderes dafür hinstellen wolltet? Ging das so ohne
Weiteres? Wohin sollte er mit dem Schutt? Die Nachbarn würden sich
bedanken, den solange in ihre Gärten zu nehmen; auf die Straße vor
dem Haus dürft Ihr ihn auch nicht werfen, reißt Ihr also Vor- und
Hintergebäude gleich zusammen ein, so sitzt Ihr nachher mitten im
Gemenge drin, und kein Baumeister kann Euch mehr helfen, denn Ihr
habt dem, indem Ihr seine freien Bewegungen hemmtet, selbst die Hände
gebunden.«

»Das ist aber mit unseren Verhältnissen ganz anders,« fiel hier der
Doctor ärgerlich ein.

»Allerdings« lächelte der Diaconus, »aber nur noch viel schlimmer, denn
wenn diese jungen Leute, die jetzt überall auftauchen und von Umsturz
des Bestehenden und Reorganisation ganzer Länder sprechen, erst einmal
den Zügel in Händen hätten, wer wäre dann im Stande, ein solches Gewirr
von Völkerstämmen und Nationalitäten zu vereinigen und in Ordnung zu
halten? Wer sollte so rasch die Grenzlinie ziehn zwischen Anarchie und
Volksherrschaften, und jene im Zaum halten, ohne von dem Volke selbst
als Reactionair verschrien zu werden?«

»Das muß die Regierung thun!« sagte der Doctor ernsthaft.

»Ei was streiten wir uns denn dorum« fiel hier der Schmid dem Doctor
in's Wort, »wenn jetzt die Franzosen kummen, da werd' sich die Sache
schonst finden. So'ne neinzig Tausend Mann sin ooch keen Hund.«

»Da Ihr denn einmal bei den 90,000 bleibt« meinte der Diaconus, »so
ist's vielleicht besser, ich lese den darauf Bezug habenden Artikel
gleich vor; es ist eine Bekanntmachung, die das Generalcommando der
Rheinprovinz erlassen hat, und lautet:

>Nach von mehrern Seiten bei der Militairbehörde eingegangenen
zuverlässigen Nachrichten, sind von der französischen Grenze her
Einfälle bewaffneter _ungeregelter ungeordneter Arbeiterschaaren_ in
die Rheinprovinz beabsichtigt. Um diesen zu begegnen ist die Aufstellung
eines Corps gegen die Schaar erforderlich. Dazu ist, außer den Truppen
in Trier -- etc. etc.<«

»Da haben Sie die ganze Geschichte; das sind Ihre 90,000 Mann gegen die,
nur der Vorsorge wegen, ein paar Regimenter ausgeschickt werden.«

»So?« rief der kleine Mann höhnisch und hatte indessen schon, während
Jener las, ein anderes, zerknittertes Zeitungsblatt aus der Tasche
geholt -- »so? da haben Sie wohl die Allgemeine oder die Kindermuhme?
Das glaub ich, daß die solche Opiate zu verabreichen suchen -- aber da
ist hier ein anderes Blatt >Die rothe Fahne!<, an dem wir Mitarbeiter
wie Pelz und E. O. Weller haben, das sagt Ihnen anderes, was Sie wissen
sollen -- Hier hören Sie:

>Bürger! Die Zeit der Rache ist gekommen -- die Ketten, die Euch
so lange in Euer klirrendes Elend geschlagen, stürzen von Euren
erstarkenden Gliedern. -- Der Tag der Vergeltung ist erschienen,
die Throne zittern und das souveraine Volk steht jauchzend auf und
vernichtet die Tyrannen. Bürger -- schaart Euch um die rothe Fahne der
Freiheit -- aus dem Westen, aus dem göttlich freien Lande der Republik
reicht uns ein freies Volk die entfesselte Rechte -- 90,000 Mann< --
hören Sie das, Herr Diaconus -- >90,000 Mann überschreiten in diesen
Tagen den Rhein -- 90,000 Mann fliegen Euch mit triumphirendem
Siegesschrei an das Bruderherz. Oeffnet Eure Arme sie zu empfangen und
reicht Euch dann die Hände zum fröhlichen Spiel. Unsere Schwerte
sollen die Schläger und Kronen die Bälle sein, mit denen wir die Zeit
verkürzen, bis wir des Spaßes müde sind, und den Plunder bei Seite
werfen. Es lebe die Republik!<«

»Und das steht gedruckt?« sagte der Gerichtsschreiber erstaunt und
drängte sich durch die Bauern, die den kleinen Mann umstanden.

»Das steht gedruckt« lachte dieser triumphirend, »und Einer unserer
thätigsten Kämpfer der Freiheit, unser =Dr.= Wahlert, durchstreift
schon seit vierzehn Tagen das Land im fröhlichen Pilgerzug, die Guten zu
sammeln und zum festen Werke zu einigen.«

Neben dem Ofen saß eine eng in sich zusammengekauerte Frauengestalt, die
bis jetzt wenig oder gar keinen Antheil an dem Gespräch gezeigt hatte,
nur daß sie manchmal, wenn Einer oder der Andere der Männer sprach, den
matten Blick zu ihm hob, dann aber gleich wieder in ihre alte Stellung
zurückfiel. Jetzt bei dem letztgenannten Namen aber, zuckte sie rasch
und heftig empor, und schaute, während der folgenden Unterredung bald
die sich dabei Betheiligenden, bald die Umstehenden, scheu und ängstlich
an.

»Wahlert?« sagte der Diaconus, »ist, wie ich heute als ganz gewiß
gehört habe, in der Stadt wegen offenen Aufruhrs und überwiesenen
verbrecherischen Verkehrs mit den Feinden des Vaterlandes verhaftet
und eingezogen worden; man spricht davon, daß er das Zuchthaus besuchen
würde.«

»Hahaha« lachte der kleine Doctor, »die Nürnberger hängen keinen, sie
hätten ihn denn erst; eben habe ich Briefe mit der Botenfrau aus der
Stadt bekommen, daß Wahlert heute allerdings sollte verhaftet werden.
Er erhielt aber vorher einen Wink, entzog sich der Ausführung durch die
Flucht und ist, wenn auch verfolgt, doch noch nicht eingefangen; die
nach ihm ausgesandten Polizeiknechte sind wenigstens unverrichteter
Sache zurückgekehrt.«

Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und der alte Jäger trat, einen
kurzen Gruß links und rechts hinübernickend, in die Stube.

»Annegrethe, mein Bier,« sagte er, während er sich auf seinen
gewöhnlichen Platz zwischen dem Fenster und dem Schenkstand niederließ
-- »aber ein wenig warm.«

»Weiß es Herr Förster,« rief das flinke Mädchen, und füllte das
hochaufschäumende Glas aus dem schon vorher, in Erwartung des Kommenden,
warm gestellten Blechmaaß, drängte sich dann damit, zwischen der jetzt
aufgerichtet neben dem Ofen stehenden Frau -- unserer Bekannten von
dem nämlichen Morgen her, und dem auch eben erst gekommenen Röhrmeister
durch, und stellte das Glas, mit einem freundlichen Knix vor den
mürrisch herumschauenden Jäger hin.

Die Unterhaltung war durch den Eintritt der Beiden, nach denen sich die
Meisten umschauten, einen Augenblick in's Stocken gerathen.

Der Röhrmeister, der die letzten Worte des kleinen Doctors noch gehört
hatte, trat jetzt weiter vor und rief, sich an diesen wendend:

»Hört einmal Doctorchen, wie sieht denn der Bursche aus, von dem Ihr da
sprecht -- trägt er etwa einen kleinen schwarzen Schnurrbart und hat er
eine Narbe über's Gesicht herüber?«

»Die hat er,« sagte der Doctor schnell, »habt Ihr Wahlert gesehen?«

»Dann ist es derselbe, den sie heute Morgen hier bis in die Haidekiefern
gehetzt haben,« fuhr der Röhrmeister fort, »ich kam gerade aus der Stadt
und sprach auch nachher einen von den Holzschlägern, an dem er dicht
vorbeigesprungen war.«

»Hier bis Horneck?« frug der Doctor schnell.

»Ja hier gleich bis oben in den Wald, wo das kleine Weidenbüschchen
steht.«

»_Wie_ heißt der Bursche?« mischte sich jetzt der Jäger in's Gespräch,
und stand von seinem Platze auf, um besser nach dem Sprechenden
hinübersehn zu können.

»Wahlert, =Dr.= Wahlert!« lautete die Antwort.

»Und einen Schnurrbart hat er?«

»Ja, und dunkle Haare, wie eine hohe, stattliche Figur; wer ihn einmal
gesehn hat, vergißt ihn nicht so leicht wieder.«

»Nun ich denke, er wird sich meiner auch wohl etwa vierzehn Tage
erinnern,« lachte der Jäger und nahm seinen Platz wieder ein.

»Was? -- wie so? -- Ihr habt ihn gesehen? -- wo ist er jetzt? --
haben sie ihn wieder?« So etwa lauteten die Fragen, die nun in rascher
Reihenfolge an den Jäger gerichtet wurden, und dieser sah sich plötzlich
als den Mittelpunkt aller der neugierig ihm zugewandten Gesichter.

»Weil ich ihm die Hinterläufe mit Schrot gespickt habe« lachte der
Alte; »zwar nur Nr. 6 aber doch gerade hinreichend für einen derartigen
kleinen Denkzettel.«

»Aber wo? -- weshalb -- wie kam das -- wenn denn?« fiel hier das Chor
wieder ein.

»Wo? wann? Im Holz drin, heut' Nachmittag, und weshalb? -- ei weil er
ein paar Frauenzimmer angefallen hatte wie ein Straßenräuber und sie
schon plündern wollte als ich und der Schulmeister, der Hülfslehrer mein
ich, gerade noch zur rechten Zeit und zum Schuß kamen.«

»Aber wo ist er jetzt? ist er gefährlich verwundet?« sagte der Doctor
rasch und erschreckt.

»Hm -- 's kann g'rade nicht so gefährlich sein,« meinte der Jäger
kopfschüttelnd, »'s Auskratzen ging wenigstens nachher noch so ziemlich
gut. Schweiß konnten wir auch nicht finden, aber mit meinem Fritz und
den Holzschlägern bin ich ihm nachher nach, und richtig kriegten wir
ihn auch wieder zu Gesicht, denn wir trieben das ganze Weidicht unten
ordentlich ab. Mein Fritz und ich, wir nahmen die Flügel und wie wir
oben an die Schwarzholzecke kamen, stellten wir Beide uns nach dem Dorf
zu vor, und ließen die Holzmacher links herauf schwenken. Der Kerl war
auch weiß es Gott im Treiben, und wollte, gleich wo's nachher nach dem
Fluß zu geht, wie ein alter Fuchs durch die Treiber brechen. Das wäre
ihm auch, da sie doch wenigstens funfzig Schritt auseinander gehn
mußten, beinah gelungen, denn das Unglück wollt' es, daß er gerade
zwischen dem alten lahmen Gottlieb und Richters Jungen hinein kam, die
ihn alle Beide nicht wieder eingeholt hätten. Gerade da aber, wo er
durchbrechen wollte, war ein offener Haidefleck -- der Streifen Feld da
oben, Wagner, wo wir vor zwei Jahren die jungen Kiefern steckten --
und wie er eben über den hinspringen will, läuft der alte Gottlieb mit
seinem Stock auf ihn an und schreit ihm zu, er soll sich ergeben. Hol'
mich der Teufel, wie der den Stock auf sich gerichtet sieht, wobei er
wahrscheinlich auch schon an das Blei dachte, das er bei sich trug,
stieß er einen lauten Schrei aus, und sprang wie ein Donnerwetter in die
dichten Büsche zurück.«

»Und was ist nachher aus ihm geworden?«

»Der Teufel weiß es« brummte der Jäger, »er ging wieder nach vorn,
und wenn er nicht nachher doch noch einen Rückwechsel gefunden hat, so
bleibt weiter gar nichts anderes möglich als daß er durch das Ufer des
trockenen Baches, gerade unter den Dornen hin in das Dorf gekrochen
ist.«

»In das Dorf?« riefen der Verwalter und Gerichtsschreiber, die jetzt
ebenfalls an des Jägers Tisch getreten waren, »das kann ja doch gar
nicht sein; der Graben oder was es ist, läuft gerade in Pastors Garten
aus, und er wird sich doch wahrlich nicht, wenn einmal verfolgt, aus dem
ihm allein noch Sicherheit bietenden Wald, mitten zwischen seine Feinde
wagen?«

Der Doctor sagte kein Wort mehr, ging aber eine ganze Weile, und zwar im
tiefsten Nachdenken, im Zimmer auf und ab, bis er wieder in die Nähe des
Jägers kam; dort blieb er stehn, wandte sich noch einmal an diesen und
frug ihn:

»Und Ihr glaubt wirklich, daß er durch den Graben nach dem Dorfe zu
entkommen wäre?«

»Ich weiß wenigstens nicht wie er sonst durchgeschlüpft sein könnte,«
meinte der Jäger, »ohne daß ihn Einer von uns auch nur gesehn, oder in
dem Laube gehört hätte. Der Wald ist dort viel zu licht, als daß Einer,
erst dort hinein getrieben, lange Verstecken spielen dürfte.«

»Könnte er aber nicht in einen Baum geklettert sein?« frug der
Doctor noch einmal, im letzten verzweifelten Versuch, auch nur an die
Möglichkeit einer anderen Flucht glauben zu dürfen, aber der Forstmann
schnitt ihm auch diese Hoffnung ab.

»Oh was,« brummte er, »in die Rauschenecke hatten wir ihn hinein, soviel
ist gewiß, und dort waren wir ihm, wenn's auch da wirklich Bäume gäbe,
in die man sich verstecken könnte, viel zu dicht auf den Hacken, als daß
er an so etwas hätte denken dürfen. Der ist im Dorf, und wenn er's hier
nicht ganz schlau anfängt, so kriegen wir ihn doch noch, denn ich habe
unten am Garten sowohl da, wo's nach der Straße niedergeht, wie oben
nach dem Wald zurück, und an dem Weg in's Dorf hinein meine Wachen
ausgestellt, die keine Katze, vielweniger einen so baumlangen Kerl
durchlassen.«

»Hm, hm --« murmelte der kleine Mann vor sich hin, und drängte sich,
ohne etwas weiter darauf zu erwiedern, der Thüre zu. Am Schenkstand
bezahlte er seine Zeche und verschwand gleich darauf, die einbrechenden
90,000 Freischaarer und die rothe Republik gänzlich der Gnade und
Ungnade der Zurückbleibenden überlassend, aus der Wirthschaftsstube.

Auch das fremde Mädchen verließ das Zimmer, schritt aus dem Haus bis
unter die große Linde, setzte sich auf die dort angebrachte hölzerne
Bank, in den Schatten des gewaltigen Baumes, barg das bleiche Antlitz
zwischen den dünnen abgemagerten Fingern, und schluchzte leise und
heftig.

Die Sterne blitzten und funkelten aus dem dunkeln, von keinem
Mondenstrahl erhellten Himmel nieder, durch die breitästigen Wipfel
der Linden rauschte und brauste der kühlfeuchte Nachtwind; im Dorfe
herrschte Todtenstille, nur manchmal tönte das Bellen eines treuen
Wachthundes aus Hof oder Garten her, oder der Schritt der jetzt einzeln
aus der Schenke Heimkehrenden schallte hohl von dem harten Boden wieder.
Auch die Lichter der verschiedenen Wohnungen waren fast alle verlöscht,
nur in der Pastorwohnung, das Haus ließ sich deutlich erkennen, denn
dicht dabei stieg der dunkle kahle Thurm starr und schroff empor,
brannte noch in einem der oberen Fenster ein einsames Lämpchen.

»Marie!« rief die Stimme des alten Musikus von der Thüre der Schenke
aus -- »Marie -- wo zum Donnerwetter steckt mir die Dirne nun wieder --
_Marie!_ will ich doch verdammt sein, wenn mir die nicht noch die Galle
an den Hals ärgert. Ei so geh' zum Teufel« brummte er noch eine Weile,
als er vergebens gehorcht und gewartet hatte, denn die dunkle
Gestalt unter der Linde rührte und regte sich nicht -- »wenn sie Dich
ausschließen, magst Du sehn wie du in's Haus kommst.«

Und schimpfend warf er die schwere Thüre in's Schloß.

Hell und freundlich schienen die liebenden funkelnden Sterne auf die
stille Erde nieder; in den Zweigen und Aesten des alten Baumes rauschte
und flüsterte es geheimnißvoll und das Käuzchen, das mit geräuschlosem
Flügelschlag über die Häuser strich, setzte sich auf das nächste Dach
und rief sein wehmüthiges unheimliches »Komm mit -- komm mit.« --
Unbeweglich aber lehnte an dem knorrig rauhen Stamm das einsame Mädchen,
fest und schweigend hafteten an den fernen glänzenden Himmelskörpern
ihre feuchten Blicke, und erst als vom düsteren Thurm drüben die Glocke
Mitternacht schlug, schlich sie durch die Thüre, die ihr der Vater
offen gelassen zu ihrem kalten harten Lager hinauf, unter das Dach der
Schenke.




Siebentes Kapitel.

Die Pfarre.


Als Fräulein Anna Schütte sah, wie der Fremde nach Sophiens Arme griff,
und sich nur einen Augenblick unbeachtet wußte, ja auch schon dann
vielleicht, als sie den ersten panischen Schrecken überwunden hatte,
daß ein wild aussehender Mensch aus dem stillen Holz, wie ein Blitz aus
heiterem, sonnenklaren Himmel auf sie herniederfahren konnte, floh sie
in flüchtigen Sätzen die Straße entlang, und erfüllte mit ihrem Geschrei
den friedlichen Waldesdom. Selbst der Heher schwieg, bestürzt vor
den gellenden Tönen, und dachte erst später daran, sie wie das übrige
Vogelgeschrei, mit spottendem Flügelschlag nachzuäffen; die übrigen
Waldvögel aber mieden scheu den Platz, wo ihrer Ansicht nach, etwas
Entsetzliches passirt sein mußte. Sie wäre auch sehr wahrscheinlich
eben in solcher Art bis in das Dorf hineingerannt, hätte sie nicht
glücklicher Weise gerade am Ausgange des Waldes einen Ackerknecht
getroffen, dem sie ohne weiteres um den Hals flog, und nun hier so zu
weinen und jammern anfing und solche gräßliche Geschichten von Mördern
und Räubern erzählte, die dicht hinter ihr wären, daß es dem armen
Teufel selber ganz angst und bange wurde, und er nicht recht wußte, was
er am Meisten zu fürchten habe, die nahenden Räuber, oder den
Zustand der fremden Dame, der ihm schon anfing mehr als bedenklich zu
erscheinen.

Der Bursche war übrigens unter solchen Umständen eben so wenig von
der Stelle zu bringen; denn im Walde hatte er nach der erhaltenen
Beschreibung gar Nichts weiter zu suchen, und zu Hause, von woher er
erst kam, wollte er auch nicht gleich wieder. Fräulein Schütte schien
jedoch ebenfalls nun, da sie zum Glück einen Beschützer gefunden, fest
entschlossen, keinen Schritt weiter allein zu thun, und so trafen sie
noch Hennig und Sophie, als sie aus dem Walde auf das freie Feld traten.

Sophien schien es lieb zu sein, die Freundin noch hier zu finden, sie
eilte gleich auf sie zu, ergriff ihren Arm, und versprach ihr, sie zu
Hause zu geleiten, bat sie aber auch zugleich, von dem Vorgefallenen im
Dorfe Nichts zu erzählen, da solche Sachen immer gleich verschlimmert
und dem »armen Flüchtling,« der sie im Walde angeredet, vielleicht gar
wieder die entsetzlichsten Absichten untergelegt würden.

Davon wollte nun freilich Fräulein Schütte im Anfang Nichts hören, ließ
sich jedoch zuletzt überreden, und bat nur Sophien, als sie endlich zu
Hause angelangt war, wenigstens so lange bei ihr zu bleiben, bis die
Mutter, die irgend einen Besuch gemacht hatte, zurückkehre, »denn wenn
sie jetzt, und mit Dunkelwerden allein im Zimmer sitzen solle, fürchte
sie sich zu Tode.«

Das sagte ihr Sophie gern zu, denn sie selbst mochte nicht gerade
jetzt gleich, und in der Aufregung, in der sie sich befand, nach Hause
zurückkehren.

An dem nämlichen Abend beendete, ungestört und nicht behindert durch
Singen oder Rufen, Feodor Strohwisch ein humoristisches Gedicht, --
es war früher einmal ein altes Liebesgedicht gewesen, das er in süßer
schwärmerischer Stunde gemacht, und er hatte es heute zu einem launig
politischen Epos umgeändert -- es blieb nichts zu wünschen übrig,
viermal hinter einander las er es sich mit immer wachsendem Beifall
selbst laut vor, und sprang endlich in aller Freude auf, schritt rasch
zu dem ihn erstaunt anschauenden Haubenkopfe hin, streichelte ihm
die zinnoberrothen Backen, und nannte ihn »sein liebes, frommes,
schweigsames Mädchen.«

       *       *       *       *       *

In der Dämmerung war es indessen, daß durch den kleinen Obstgarten, der
dicht hinter der Pfarrerwohnung lag, und hier zugleich die Grenze des
Dorfes nach dem Walde zu bildete, eine menschliche Gestalt aus dichtem
Gestrüpp und Dornenwerk hervorkroch, und an der Hecke hin und von dieser
gedeckt der kleinen hölzernen Thüre zu schlich, die hinaus auf einen
schmalen Pfad führte, der den steilen, mit Obstbäumen bepflanzten Hügel
hinab, und durch das Dorf, dem Flusse zu lief. Dort aber kaum angelangt
und schon mit der Hand auf dem Thürdrücker, zuckte er plötzlich von
jähem Schreck berührt, zusammen, denn dicht über sich, so nahe, daß er
den Sprecher hätte mit der Hand erreichen können, hörte er eine Stimme,
die ihm nur zu deutlich die Gefahr verrieth, in der er sich befand.

»Du, Kahle«, sagte Einer der dort Stehenden, »der kann hier gar nich
'nein sin, sonst werd' er ja doch nicht in den Diarndern stecken bleiben
-- der is widder in's Hulz zurück, un mer stehn hier umsunst, un han
Maulaffen feel.«

»Schweig still,« brummte der Andere dagegen mit unwilliger, aber leiser
und unterdrückter Stimme, -- »in den Graben is er nein, un wär't Ihr mir
gefulgt, so hätten mer'n jetzt; nu aber kennen mer de halbe Nacht
hier schtehn, un erwischen en doch nich. Na, Fritze muß gleich mit den
Angeren kummen, un nachher laassen mer den Hund nein -- _der_ find't
en!«

»Wenn er aber nu drüben 'nausfährt?« frug die andere Stimme besorgt.

»Haste keene Angst nich,« sagte Kahle mit leisem, heiserem Lachen,
»davor is gesurgt, 'raus kommt er hier nich, wenn er nich beim Paster
nein fährt, und da is de Thire verschlossen. Doch bis jetzt ruhig -- 's
is wohl noch hälle, in den Bischern drinn kennte er aber doch so nahe
'ran kriechen, daß er Eenen heren kennte, und nachens wärsch Essig.«

Der Flüchtling lag zitternd unter die Hecke gedrückt, und schaute
verzweifelnd nach einem Ausweg auf Rettung umher. Kam die gedrohte
Verstärkung mit dem Hunde, so war er verloren, und hier, von allen
Seiten umstellt, -- es blieb ihm kein anderer Ausweg, als die Pfarre,
dort hinein mußte er.

Ein dichter Holunderbusch, der schon fast vollständig seine Blätter
getrieben hatte, machte es ihm möglich, unentdeckt wieder die Mitte
des Gartens zu gewinnen, und von hier aus kroch er in einer Vertiefung,
einer Art trockenem Graben, der dazu diente, das an der Hausthür
ausgegossene schmutzige Wasser, wie auch den vom Dache niederträufenden
Regen in die Schlucht hinab zu führen, bis dicht zum Haus hinan.
Vorsichtig hob er sich empor und ergriff die Klinke. -- Die Dämmerung
wurde glücklicher Weise immer dichter, und gerade dieser Theil des
Hauses lag in tiefem Schatten. -- Aber wehe. -- Die Thür war wirklich
verschlossen, und den Berg herauf -- er horchte mit klopfendem Herzen
den nahenden Tönen -- kamen Menschen, und Hundegebell tönte dazwischen.

»Tod und Teufel!« murmelte er vor sich hin, »und so unbewaffnet
diesen Bauerlümmeln in die Hände zu fallen -- versuche ich's aber
durchzubrechen nach dem Walde hin, so schießen sie mir wie einem tollen
Hunde auf den Leib, -- trag' ich denn nicht selbst jetzt die Schrote
von dem Schuft in der Haut, und hat nicht nachher schon wieder Einer der
blutdürstigen Hallunken auf mich angelegt? Und geradezu herausgehen und
mich ergeben? -- das wäre ein verdammt gewagtes Ding -- weiß der Böse,
wie auch all' die Sachen so ganz auf einmal gegen mich aufgetaucht
sind. Ja, wäre mit dem Volke hier etwas zu machen, da ließe sich der
Geschichte leicht eine andere Wendung --«

Er erschrak, denn dicht neben ihm wurden inwendig im Pastorshause
Schritte laut, der Schlüssel drehte sich im Schloß, und Wahlert behielt
nur noch eben genug Zeit, hinter ein paar, dort gerade neben der Thür
lehnende Breter zu treten, als sich diese öffnete, und die Magd mit
einem großen Kübel voll Wasser heraustrat, etwa zwanzig Schritte weit
nach dem Graben zu ging, in welchem er eben heraufgekrochen, und das
Wasser dort hinein ausgoß. Eine solche Gelegenheit kam nicht wieder,
Wahlert glitt unter den Bretern hin, in's Haus hinein, und die
knarrenden Stufen hinauf in den ersten Stock. Hier sah er noch eine
kleine Treppe, über deren dritter Stufe ebenfalls eine kleine Thür
befindlich war -- jedenfalls ging die auf den Boden, sie war auf, und er
sprang hinein.

»Alle Wetter,« murmelte er aber, und prallte daraus zurück -- »das ist
ja ein Zimmer --« durch den matten Lichtstrahl, der noch durch's Fenster
fiel, konnte er den weißen Ueberzug eines Bettes und über den einen
Stuhl hängende Frauenkleider erkennen.

Er wollte das Gemach rasch wieder schließen, und sein Heil wo anders
suchen, da hörte er auf der Treppe Schritte, der Strahl eines Lichtes
fiel herauf, und es blieb ihm nun gar keine andere Wahl, als geradezu
wieder zurück zu springen, und die Thüre hinter sich zu zu ziehen;
er mußte auf günstigeren Zeitpunkt warten, ein sichereres Versteck zu
suchen.

Es war die Magd, die mit einem großen Kübel Wasser in den Händen, und
das Licht in den einen Finger geklemmt, die Treppe langsam heraufstieg.
Vor der Kammer, in welcher Wahlert stak, blieb sie stehen, hob den Kübel
auf die Stufen, schob ihn dicht an die Thür, stellte das Licht daneben,
und ging dann wieder hinunter, noch mehr Apparate zu ihrem Scheuerfeste
zu holen.

Wahlert versuchte jetzt, die Thür wieder zu öffnen, um über den Gang
hinüber wo möglich die Bodentreppe auszuspähen, aber -- fest und
unweichbar stand das schwere Wassergefäß davor, nicht einmal einen Zoll
breit konnte er seinen Kerker lüften, und sollte er Gewalt brauchen?
-- Das ging auch nicht, dann warf er den bis zum Rand gefüllten
Kübel gerade zu die Stufen hinab, und das Gepolter, und die in's Haus
niederströmende Flut mußte ihm die Verfolger auf den Hals hetzen. Er
behielt aber auch nicht einmal lange Zeit zum Ueberlegen, das Mädchen
kam bald wieder zurück, und blieb nun oben auf dem Gange, den sie gleich
darauf mit Scheuerbesen und Tüchern wacker in Angriff nahm.

Wie sollte das enden, wer wohnte überhaupt in dem Zimmer? Wahlert warf
sich, den Kopf sinnend in die hohle Hand gestützt, auf einen der ihm
nächsten Stühle, und überdachte seine Lage -- die Möglichkeit seines
Entkommens, -- bedachte die Gefahr, der er ausgesetzt war, wenn er
wirklich gerade jetzt, wo noch den Gerichten, wenigstens hier im
Lande, nicht alle Macht genommen worden, in ihre Hände fiele. Auch die
Erlebnisse ging er in seinem stillen Brüten durch.

Den, nach ihm ausgesandten Häschern glücklich entgangen, stand ihm jetzt
die Welt offen -- er konnte fliehen, konnte vielleicht die französische
Grenze erreichen -- aber was sollte er nachher dort? -- Womit seine
Existenz sichern, was überhaupt dort wirken, schaffen, nützen? -- Nein,
hier in Deutschland lag sein Ziel -- Deutschland forderte von ihm seine
Thätigkeit.

Das alte System, was sich lange Jahre hindurch, den Völkern zum Trotz
und Hohn auf ihrem Nacken behauptet, war durch die jetzige Revolution
nicht gestürzt, nein, nur kaum erst erschüttert worden, und nun galt es,
daß die Männer der Freiheit Hand an's Werk legten, das schmachvolle
Joch gänzlich darnieder zu schmettern und den neuen Tempel der
Volkssouveränetät in herrlicher Schöne aus seinen Trümmern emporsteigen
zu lassen. Und war _er_ nicht vor tausend Anderen der Mann, der im
heiligen Kampf vorangehen mußte, den Unschlüssigen? War ihm nicht die
Gabe der Rede verliehen? Hatte er nicht seit dem 18. März schon zweimal
das Volk zu wildem stürmischen Enthusiasmus erregt, und war es beide
Male etwa nicht den »Bayonetten« gelungen, die überreif aufschwellende
Knospe der Freiheit zurück zu halten und zu bewältigen? Fluch der alten
Disciplin, die dem Soldaten noch wie Blei in den Gliedern lag, und ihn
nicht wollte begreifen lassen, wie auch er ja nur eines Bürgers Sohn
selbst wieder zum Bürger würde, wenn er den Rock auszöge, der ihm im
Kampfe gegen seine Brüder nicht mehr ehre, sondern schände.

Der Zeitpunkt war jetzt erschienen, wo die letzte Hand an das große Werk
gelegt werden mußte, wenn es nicht -- wie das Jahr 1830 geschehen
war, als ein bloßes Possenspiel endigen sollte -- der Zeitpunkt war
erschienen, wo es galt, das ganze ungeheure Gewicht der Volksherrschaft
den Privilegien der Fürsten und des Adels gegenüber in die Schaale zu
werfen, und Fluch dem _knechtischen_ Volke dann, wenn es nicht _mit_ ihm
jubelte, daß der Schrei -- ein Todesröcheln der Tyrannei -- durch alle
deutschen Gauen drang -- »es lebe die deutsche Republik!«

Doch hier mußte er erst einen Halt unter dem Volke gewinnen, die Masse
war noch zu roh, und ein energisches Auftreten von ihrer Seite, ohne
vorherige wirkliche Veranlassung kaum zu hoffen -- was konnte aber von
_hier_ aus auch geschehen, sie zu begeistern? -- Gar Nichts, in
die Residenz zurück mußte er vor allen Dingen, die Katastrophe des
gewaltigen Werkes selber mit zu leiten, und nur ein Mann lebte hier im
Orte, der ihm dazu behülflich sein konnte -- der Doctor Levi, ein
alter Bekannter von ihm, und ein Charakter, der ihm zum Werkzeug dienen
konnte, seine _edleren_ Pläne auszuführen. -- Wie aber war er im
Stande, dessen Haus erstlich heraus zu bekommen, und wenn das wirklich
geschehen, es unentdeckt zu erreichen? -- Wo wohnte der Doctor, und
befand er sich gegenwärtig wirklich in Horneck? -- Tod und Teufel! --
der Gedanke war Wermuth und Galle in die kühne Seele dessen, der sich
hier für die Freiheit eben des Volkes aufopferte, das ihn wie einen
Verbrecher verfolgte, wo er sich nur öffentlich zeigte, mit Kerker und
Eisen bedrohte, und wie auf ein wildes reißendes Thier nach ihm schoß.
Aber fort mit dem Gedanken, das Volk war nicht schlecht, nur ein
Schleier lag noch vor seinen Augen, und mit der Bürgerkrone würde es
den bald lohnen, der ihm die Sehkraft wieder gab, und die Waffe in die
riesenhafte Rechte drückte.

In wilden, wechselnden Bildern zuckten ihm die Gedanken und Pläne rasch
und bunt durch das Hirn, bald aber wurde er wieder, und auf eben nicht
tröstliche Weise zur trüben, trostlosen Gegenwart zurückgerissen. Das
Mädchen draußen auf dem Gange rückte ihr Scheuerfaß und er fuhr rasch
und lauschend von seinem Stuhl empor -- noch aber hatte er Nichts zu
fürchten -- sie war nur zu einem andern Platz gegangen, und begann hier
gleich wieder von Neuem.

»Wenn ich nur das Haus dieses Doctor Levi wüßte,« murmelte der Gefangene
für sich hin, »was für Folgen aber selbst die einfachste, an einen
fremden Menschen gerichtete Frage für mich haben kann, ist mir heute
bewiesen worden. -- Wie das eine liebe Kind erschrak -- -- daß der
Teufel den Jäger hole.« Vorsichtig ließ er sich wieder auf den eben
verlassenen Stuhl nieder, und fuhr eben so leise fort -- »ich hätte
mir's übrigens denken können, daß so schüchterne Dinger Zeter schreien
würden, wenn ihnen ein solches dornzerrissenes wild aussehendes Subjekt
wie ich jetzt bin, vor die Augen träte; -- ich bin, beim Himmel, in
einer verzweifelten Lage.«

Ein neues Geräusch vor der Thür mahnte ihn, auf seiner Hut zu sein --
der Kübel wurde bewegt. -- Er legte das Ohr an das Schlüsselloch -- Gott
sei Dank, endlich nahm die verwünschte Magd den Kübel von der Thür und
trug ihn -- ja, sie ging damit fort, er konnte es deutlich an ihrem
Gange hören -- den Corridor hinunter. Jetzt war ihm auch die Möglichkeit
gegeben, diesen gefährlichen Aufenthaltsort zu verlassen, wo er jeden
Augenblick entdeckt werden konnte. Nur so lange mußte er warten, bis
draußen die verschiedenen Ingredienzien fort und, allem Vermuthen nach,
in eine der entfernteren Stuben transportirt waren.

Aber auch draußen vor dem Fenster wurde es laut -- das mußten seine
Verfolger sein -- ob er es wagte, sich dorthin zu schleichen? -- ei,
wenn er leise ging, konnte ihn unten, falls wirklich Jemand darunter
wohnte, doch Niemand hören: auf den Zehen schlich er deshalb bis an das
Fenster und schaute aus der dunkeln Stube heraus vorsichtig hinter den
Gardinen vor in den Hof hinab, wo, wie er noch recht deutlich erkennen
konnte, eine Anzahl von Männern versammelt stand und eifrig mit einander
sprachen. Um aber zu hören, über was sie sich unterhielten, hätte er das
Fenster öffnen müssen, und das durfte er nicht wagen. Er preßte das Ohr
an die Scheibe, aber nur unverständliche Sylben waren es, die zu ihm
herauf tönten. Er suchte die Gestalten zu erkennen -- Einige trugen
Flinten oder Stöcke, er vermochte nicht deutlich zu sehen was --
wahrscheinlich das erstere -- man deutete auf die Pfarrwohnung -- er
konnte der Versuchung nicht länger widerstehen, leise, leise schob
er den vorgedrehten Fensterriegel zurück und suchte nun den Flügel so
geräuschlos als nur möglich zu öffnen; glücklicher Weise knarrte
das Holz auch nicht im mindesten; alt und vom Zahn der Zeit schon
angegriffen, bewegte es sich weich und ohne Laut aus seinen Fugen und
es gelang ihm, das Fenster gerade genug zu öffnen, um Alles zu hören und
doch von unten aus nicht gesehen zu werden.

Da wurden plötzlich Stimmen auf dem Vorsaal laut -- eine Hand lag auf
der Klinke -- Wahlert's Herz schlug wie ein Hammerwerk in der Brust,
nicht einmal Zeit blieb ihm, das Fenster wieder zu schließen, nur
eindrücken konnte er es und dann zurück in die dunkle Ecke neben die
Gardinen springen, als sich die Thüre öffnete und eine weibliche Gestalt
eintrat. Sie blieb aber auf der Schwelle stehen, legte Hut und Mantel
ab, und wollte eben wieder zurücktreten, als der Luftzug auf's Neue den
Flügel aufstieß und sie sich rasch danach umwandte.

»Ueber die Mädchen,« murmelte sie, als sie die Thür hinter sich schloß
und der Stelle, wo Wahlert fest in dem engen Winkel geschmiegt stand,
zuschritt, »ausdrücklich habe ich hier noch heute Morgen gesagt, mein
Fenster ja fest zuzumachen, aber Gott bewahre, da ist doch eine wie die
-- _ha!_«

Ein laut gellender Schrei des Entsetzens entfuhr ihren Lippen, denn
während sie mit der Linken das Fenster schloß, wollte sie mit der
Rechten die vorgefallene Gardine zurückschieben, und ihre Hand kam
dabei mit der hier versteckten Gestalt des Flüchtlings, die dabei
unwillkürlich zusammenzuckte, in Berührung.

»Um Gotteswillen, mein Fräulein, verrathen Sie mich nicht,« rief aber
Wahlert, der bei dem helleren Lichte des Fensters das Antlitz der jungen
Dame erkannt hatte, und nun wohl vermuthen konnte, wen er vor sich
hatte, schnell entschlossen -- »ein Wort von ihren Lippen und ich bin
ein Kind des Todes!«

»Härr Jäses, Frälen, was geiht's denn do?« rief die Magd in dem
Augenblicke draußen auf dem Gange, und kam rasch herbeigeschlurrt --
»was hewe Se denn?«

»Ihretwegen bin ich hier und _Sie_ wollen mich dem Henker überliefern?«
flüsterte noch einmal der Entdeckte -- »mein Leben liegt in Ihrer Hand.«

Sophie sammelte sich mit krampfhafter Anstrengung und schritt auf die
Thüre zu, in der jetzt eben die Magd, glücklicher Weise ohne Licht,
erschien.

»Ich habe Dich doch gebeten, das Fenster nicht aufzulassen,« sagte sie,
ihr entgegentretend.

»Aber Frälen, ich hob' es weeß der Himmel zugadriaht -- was hatten Se
denn nuar?«

»Das Fenster stand auf, und wie ich es schließen wollte, stieß ich mich
in's Auge -- es that weh -- ich habe wohl geschrien?«

»Als wenn Se am Spieße stiaken,« lachte das Mädchen, »Härr Jeses, ich
dachte der Deibel wär' lus -- wullen Se Licht hawe?«

»Nein, ich danke Dir, ich komme gleich hinunter; essen sie schon?«

»Se sitzen gerade drim herim, der Härr Pastor is aber noch nich heeme.«

Und das Mädchen nahm ihren Eimer, klappte damit die Treppe hinunter und
öffnete die Thüre wieder, um ihn auszugießen.

»Was war denn im Hause?« frug in dem Augenblicke unten vor der Thüre
eine Stimme die heraustretende Magd -- »wer schrie denn so -- ist der
Kerl etwa drinn?«

»Megte wissen wie,« lachte das Mädchen, »unser Frälen hat sich blos
an'en Kopp geschtußen -- na is die schreckhaft -- wenn iche jedesmal
kreischen wullte, wo ich wo anrenne, nachen's hätt' ich Arbet.«

Sophie, die oben mit klopfendem Herzen in der Thüre stand und den Worten
lauschte, konnte nichts weiter verstehen, denn die Redenden traten mehr
vor das Haus und gleich darauf wurde auch das Thor wieder geschlossen.
Sie drückte ihre eigene Thüre in's Schloß, schob den kleinen Riegel vor,
that ein paar Schritte gegen das Fenster und sagte hier mit leiser, aber
vor innerer Angst zitternder Stimme:

»Was um Gotteswillen hat Sie unglücklicher Mann in dies Haus getrieben
-- wie kamen Sie in dies Zimmer, und wer hat sie hereingelassen?«

»Der Zufall und mein gutes Glück ließen mich, unbemerkt von Anderen,
die rechte Thüre treffen,« sagte jetzt Wahlert, und trat, durch das
Gefährliche seiner Lage gezwungen, eine Nothlüge zu machen, leise auf
sie zu -- »aber Sie, mein Fräulein, Sie allein waren die Ursache, die
mich hierher geführt.«

»Ich? -- wie um Gottes Willen -- ich?«

»Gehetzt wie ein wildes Thier,« fuhr der Flüchtling mit leiser aber
bitterer Stimme fort, »bin ich seit heute Morgen durch Wald und Forst
gestreift, und weshalb -- weil ich ein freies Wort gesprochen, weil ich
dem Volke Glück und Freiheit geben wollte, und nicht darauf achtete,
ob ich dabei die Großen der Erde erzürnte. Aus jahrelangem Schlaf ist
Deutschland erwacht, die Fesseln der Tyrannei wirft es fort, und wären
wir ein einziges Volk, jetzt, jetzt blühte die Zeit, wo wir mit _einer_
Kraftanstrengung die Nacken heben, das Joch brechen könnten, aber
während sich in dem einen Staate, in der einen Stadt das Volk in keckem
Todesmuthe den Bayonetten entgegenwirft, sieht das Nachbarländchen
müßig zu, und wartet, bis auch an seine Grenze die Reihe kommt, und die
Fürstenknechte erst in dem einen Gebiete gesiegt haben, um nun auch in
dem anderen, falls es dann noch Lust verspüren sollte, sich wirklich
zu erheben, die Bande fester schürzen, die Knechtschaft unzerreißbarer
machen zu können. Ihr dann, die Ihr der Gewalt kühn die Stirne bietet,
werdet verfolgt, gefangen, und hält Euch erst einmal der Kerker
umschlossen, o Ihr Armen, dann, wehe, wehe Euch, Ihr seht das Licht
nicht wieder.«

»Aber mein Herr --«

»Verzeihung, Fräulein -- ich dachte an Deutschland -- nicht an mich --
so hören Sie denn. -- In eine fremde Gegend hierher geschleudert, wo mir
Weg und Steg fremd war, wußte ich nicht, an wen ich mich, von Verfolgern
umgeben, wenden könne, um die nächste Richtung nach der Grenze zu
erfahren -- jeder Mann, den ich anredete, konnte ein Feind sein. Da sah
ich von meinem Versteck aus Sie vorübergehen -- Ihr holdes Angesicht,
in dem kein Falsch lag, kein Verrath lauerte, gab mir Muth, ich trat
auf Sie zu, wollte mit wenigen Worten ihre Furcht über meinen Anblick
beschwichtigen, das Wort der Bitte dann an Sie richten, da -- ein
sicherer Schütze war es, der das Blei nach mir sandte -- doch vielleicht
war es gut -- es kürzt meine Leiden ab.«

»Großer Gott -- Sie sind verwundet?« rief Sophie rasch und erschreckt.

»Lassen Sie das --« sagte Wahlert mit leiser Stimme und ein Gedanke
an Rettung zuckte ihm durch das Hirn -- »mein Halstuch hat die Blutung
gestillt und ich finde vielleicht morgen Jemanden, der mir die Kugel
aus der Wunde zieht -- ich wollte -- ich wollte nur nicht der Gefahr
ausgesetzt sein, vielleicht -- vielleicht an Blutverlust im Walde liegen
zu bleiben -- ohne vorher wenigstens bei Ihnen rein dazustehen --
die andere Dame schien mich für einen Räuber zu halten, der hülflose
Frauen --«

»Heiland der Welt,« bat Sophie in Todesangst -- »wie können Sie glauben
-- ich war -- ich wußte --«

»Sophie!« rief in dem Augenblicke eine Stimme von der Treppe herauf --
»Sophie!«

Die Jungfrau eilte zitternden Schrittes zur Thüre, öffnete diese und
antwortete:

»Ja Mutter -- ich komme gleich.« --

»Nein, Kind, machst Du lange,« sagte die Stimme unten, »die Suppe wird
ja ganz kalt -- der Vater ist auch eben gekommen.«

»Ich komme den Augenblick, Mutter!«

Die Thüre unten ging wieder zu.

»Sie müssen fort -- gleich fort,« wandte sich jetzt das arme Mädchen
in Todesangst an den Fremden, »aber wohin wollen Sie fliehen, wohin
_können_ Sie, verwundet und ohne Beistand.«

»Wenn ein Wundarzt hier im Orte wäre, dem ich mich anvertrauen dürfte,«
flüsterte der Flüchtling, »es soll hier ein Doctor Levi in Horneck
wohnen.«

»Das war ein glücklicher Gedanke,« rief schnell Sophie, »auch ist
der seiner radicalen Gesinnungen wegen bekannt, und wird Sie nicht
verrathen!«

»Aber wie find' ich sein Haus -- wie verlass' ich diesen Ort, ich bin
ja wie ein Wolf, wie ein gehetztes Thier des Waldes umstellt -- doch was
thut's -- was schadet es, hab' ich mich doch jetzt wenigstens in _Ihren_
Augen gerechtfertigt -- halten _Sie_ mich doch nicht mehr für schlecht
-- was kümmert mich's da, wie die Welt von mir denkt, was die Welt jetzt
mit mir thut.«

»Bleiben Sie jetzt noch hier oben, bis wir gegessen haben,« sagte Sophie
rasch und entschlossen, »ich werde Gelegenheit finden, dem Doctor ein
paar Zeilen zu schreiben, später soll er Sie abholen; mit Hülfe von
meines Vaters Hut und Mantel wird das möglich sein. Wenn auch Wachen
ausstehen, kann man Sie nicht in _der_ Kleidung vermuthen. -- Heiliger
Gott, mein Vater kommt -- wenn er hier einträte. --«

Der schwere Schritt des Pastors wurde auf den knarrenden Stiegen laut --
im nächsten Augenblicke klopfte er an der Tochter Zimmer.

»Sophie,« sagte er dabei, »mach' rasch, daß du hinunter kommst. Die
Mutter wartet und wird schon ganz ungeduldig -- aber -- wie ist mir denn
-- hier -- hier ist ja gescheuert -- ich will doch nicht hoffen« -- er
eilte schnellen Schrittes nach seiner weit offen stehenden Stube hinter,
und die laut zürnende Stimme verrieth bald, _was_ er dort gefunden haben
mußte.

»Nein da hört Alles auf -- Sophie -- Frau -- nun das hat mir noch
gefehlt -- Sophie -- wo ist das Mädchen, Christel, Rose oder Grete, wie
heißt sie denn nur eigentlich -- Christel.«

»Halten Sie sich ruhig -- ich hole Sie bald ab,« flüsterte Sophie, schob
den Riegel zurück und glitt rasch aus dem Zimmer, das sie hinter sich
wieder verschloß.

»Aber Mütterchen, was giebt es denn nur?«

»Wer hat dem unglückseligen Geschöpf von einem Mädchen gesagt, daß es
meine Stube scheuern soll?« frug hier der gestrenge Herr Pastor und
stand, mit dem Lichte in der Hand, dem Hut auf dem Kopfe und den Mantel
noch umgehangen, auf der Schwelle seiner Stube -- »wer hat der Liese
oder Christel oder Grethe, wie sie heißt, aufgetragen, mich hier mit
meinen Papieren unter Wasser zu setzen?«

»Ih Du meine Güte, was giebt es denn da oben nur eigentlich, warum kommt
Ihr denn heute gar nicht zum Essen?« frug die Frau Pastorin, und ihr
Kopf erschien eben hoch genug, um durch das hölzerne Treppengitter
hin den Gang entlang sehen zu können. »Was hast Du denn, Scheidler? Du
machst ja einen entsetzlichen Spektakel?«

»Wer hat meine Stube scheuern lassen!« frug der Pastor hiergegen in
lakonischer Kürze -- »wer war der Unglückliche.«

»Deine Stube?« rief die Frau Pastorin erschreckt und kam rasch die
Treppe ganz herauf -- »ei Du lieber Gott, wenn man seine Augen doch auch
nicht allerwegen hat -- Rieke -- Rieke -- wo nur das Wettermädel wieder
steckt -- Sophie, ruf mir doch einmal die Rieke herauf, sie soll den
Augenblick herkommen.« Und mit den Worten nahm sie ihrem Gatten das
Licht aus der Hand, und hob dieses, die Stube betretend, aus der ihr ein
feuchter warmer Dunst entgegenquoll, hoch empor.

Allerdings hatte aber auch der Pastor Ursache, erzürnt zu sein, und
er wurde es erst noch, als er den vollen Umfang der angerichteten
Verwirrung vollkommen überschauen konnte.

Die ganze Stube war gescheuert, aber nicht allein die Stube, sondern
auch alles Holzwerk, es mochte nun Wasser vertragen oder nicht. Die
Bücherbreter standen abgeräumt und naß, und auf den Stühlen, auf
dem Ofen, auf Bett und Sopha lagen die Bücher, sorgfältig aber wild
zusammengeschichtet über einander. Ja selbst der einfache Schreibtisch
war der Scheuerwüthigen nicht entgangen, die Papiere, deren sie
doch allein Anschein nach nicht sämmtlich Herr werden konnte, staken
rücksichtslos in die oberen Fächer hineingestopft, oder flogen jetzt,
da in diesem Augenblicke das Mädchen gerade unten mit einer neuen Tracht
Wasser in's Haus kam, durch den Zug der geöffneten Thüre getrieben, von
Bett und Sopha aus zerstreut in der nassen Stube herum. Kein Blatt, kein
Buch, kein Stuhl lag oder stand an seinem alten gewohnten Platze, und
der Raum glich eher jedem andern Zimmer, als dem stillen Studierstübchen
eines fleißigen Pastors am Sonnabend Abend, wo er sich erst recht
sorgsam auf die morgen zu haltende Rede vorbereiten sollte.

Der Pastor schritt rasch auf seinen Schreibtisch zu, sah sich hier
mit ängstlich forschenden Blicken überall um, und wandte sich dann in
stummer sprachloser Verzweiflung gegen die Thüre, wo eben die zankende
Stimme seiner Frau laut und das bestürzte dummverdutzte rothbreite
Antlitz der Magd sichtbar wurde.

»Wo hat Sie die Papiere hingethan, die auf meinem Schreibtische lagen,
Christel? -- rede Sie, Sie unglückseliges Geschöpf!«

Die Magd sah, nicht wissend ob sie oder Jemand anderes mit dem
»Christel« gemeint sei, ängstlich von Einem zum Anderen, erwiederte aber
gar Nichts --

»Rieke heißt sie,« fiel die Frau Pastorin, gegen ihren Eheherrn gewandt,
ein, »wo hast Du die Papiere hingethan, Rieke, und wer hat Dir überhaupt
gesagt, daß Du hier im Zimmer scheuern solltest?«

»Härr Jeses,« klagte das Mädchen, »das muß mer nur wissen, aber de
Schtube sach so erschrecklich aus, un _der_ Schnupptaback drinne, un
_die_ Flecken un _die_ Papierschnitzeln --«

»Wo _sind_ die Papierschnitzeln, Grethe« -- rief jetzt der Pastor,
immer mehr sich ereifernd und vergebens bemüht, den Namen des heute
erst angezogenen Mädchens zu behalten, »wer hat Ihr gesagt, daß Sie Ihre
Fäuste an meine Papiere legen soll.«

»Nu, wo sollen se sin,« brummte die Magd, »ufgereimt han ich se, das
versteht sich doch? -- Die sin Se los -- de großen Stücken han ich
in den Korb da gästeckt, wu schonst mehr Papier dringe stock, und die
kleenen Schnitzelchen liegen im Ofen -- ich han's Feier mit angemacht,
daß es schnell dreige wären sülle.«

Der Pastor fuhr erschreckt nach dem Ofen, aber das Gräßliche war
wirklich schon geschehen, es glimmte dort von dünnen Holzscheiten
genährt ein kleines gemüthliches Feuer, und die leichte graue
Papierasche, die ihm entgegenflog, bestätigte jedes Wort, was das
Mädchen gesprochen.

»Die großen Stücken in den Papierkorb, und die Schnitzelchen in den
Ofen,« stöhnte der Pastor und faltete die Hände, »meine kostbaren Citate
und Bibelstellen, nach großen und kleinen Papierschnitzeln sortirt --
Herr vergieb mir meine Sünde, aber bei dieser Gelegenheit möchte ein
frommer Christ doch wahrhaftig aus der Haut fahren -- Miene, Miene, Sie
hat mir hier einen Streich gespielt, den ich Ihr im Leben nicht vergesse
-- und meine Predigt -- entsetzliche Person, meine Predigt; wenn Sie die
auch verbrannt hat, muß Sie mir wahrhaftig morgen, am Tage des Herrn,
wieder aus dem Hause.«

Der Pastor konnte schwer überredet werden, sein Suchen vor der Hand
aufzugeben, und erst zum Essen hinunter zu kommen, das verlassen und
einsam auf dem Tische stand. Glücklicher Weise fand er wenigstens den
größten Theil des Vermißten wieder, und die _weitere_ Nachforschung bis
nach dem Abendessen verschiebend, hing er Hut und Mantel, da in seiner
eigenen Stube kein Zoll breit Raum mehr war, auch nur einen Handschuh
abzulegen, draußen vor der Thür auf einen Stuhl von wo sie Sophie, als
die Eltern vor ihr her die Treppe hinunter gingen, rasch wegnahm,
in ihre Stube legte, die Thüre wieder verschloß, und dann, um keinen
weitern Verdacht zu erregen, mit zu Tische ging.

Das Abendgespräch bildete natürlich zuerst das eben angerichtete
Scheuerunglück und dann der Entflohene, von dem der Pastor gehört, wie
auch, daß er seine eigene Tochter angefallen habe. Diese Anklage des
»Unglücklichen« wies aber Sophie bestimmt ab; der Mann sei, wie
sie sagte, gerade auf sie zu aus dem Walde getreten, und habe sie
wahrscheinlich um etwas bitten wollen, als Anna Schütte, einen wilden
Angstschrei ausstoßend, davon gelaufen sei; der dazu kommende Jäger aber
wäre jedenfalls viel zu voreilig gewesen, gleich auf einen Menschen zu
schießen, von dem er noch nicht einmal wissen konnte, ob er schuldig
oder unschuldig sei.

Dagegen eiferte der Pastor, nannte den Entsprungenen einen »Wühler« und
»sehr gefährlichen Menschen«, der sich aber auch sonst noch habe viel
Schlechtes zu Schulden kommen lassen und schloß mit dem herzlichen
Wunsche, daß er seinem Schicksale nicht entgehen und wieder eingefangen
werden möge, ehe er etwa gar mehr Unheil anrichte, und andere Menschen
in's Verderben führe.

Sophie war von den Erlebnissen des Tages aufgeregt und erschöpft --
klagte über heftige Kopfschmerzen und Herzklopfen, und bat die Mutter,
Friederiken noch einmal nach dem Doctor hinein schicken zu dürfen, daß
er ihr ein Fläschchen von den Tropfen schicke, die ihr früher so gut
gethan.

»Ich möchte dem Mädchen aber wohl den Namen aufschreiben,« sagte sie,
als sie aufstand, es zu bestellen -- »wer weiß, was sie mir sonst
ausrichtet.«

»Gewiß, gewiß,« rief der Vater schnell, und zündete sich das Licht
wieder an, um die unselige Verwirrung seiner Papiere, so weit das
überhaupt noch möglich war, zu heben -- »und schreib's ihr ausführlich
auf, _der_ ist Alles zuzutrauen; unsere Anna Marie, die heute abzog,
hatte das Pulver auch nicht erfunden, aber so dumm, wie diese Hanne,
war sie denn doch wahrhaftig nicht -- daß sie mir nur nicht wieder über
meine Schwelle kommt, so viel sag' ich Euch.«

Und damit verließ er das Gemach und stieg langsam in sein Studierzimmer
hinauf.

Eine Viertelstunde später ging das Mädchen in das Dorf zum Doctor,
der eben aus der Schenke heim gekommen war. Von diesem erhielt sie ein
kleines Fläschchen, das sie auch glücklich zerbrach, ehe sie hundert
Schritte weit gegangen war. Unverdrossen kehrte sie aber wieder um, ließ
sich dasselbe noch einmal geben, und brachte es diesmal auch wirklich
bis vor die Pfarre, wo es jedoch das Schicksal des ersten theilte. Noch
einmal umkehren ging nicht an -- der Wächter im Dorfe tutete eben zehn,
und mit thränenden Augen und Todesangst ging sie zum »Frölen« hinein und
klagte ihr Unglück.

Es schadete Nichts, die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, aber
warum ging das »Frölen« nur nicht zu Bette -- da wurde bei Rieken der
Kopfschmerz immer gleich wieder gut. -- Sophie wollte noch ein Bischen
auf dem Sopha sitzen bleiben, die Pferdehaarkissen kühlten ihre Schläfe
und thaten ihr wohl. --

»Nu Härr Jeses, do nähm ich mer doch was mit ze Bette,« meinte die Magd.

»Es ist schon gut, Rieke, geh' nur, ich komme auch gleich nach,« sagte
des Pastors zitterndes Töchterlein, und barg die fieberglühende Stirn an
dem kühlen Polster.

Halb elf Uhr war's und in der Pfarre wachten noch drei Menschen. Der
Eine saß zwischen wüsten Bücher- und Papierhaufen, die zu ordnen er
an diesem Abende in Verzweiflung aufgegeben, und studierte, von der
Außenwelt ganz abgeschlossen, an seiner morgenden, wenigstens
stückweis geretteten Predigt. Der Andere stand, die heiße Stirn an die
Fensterscheibe gepreßt, oben in der Jungfrau lauschigem Gemach, und
zählte in peinlicher Ungeduld die Viertelstunden, wie sie der düstere,
links über den Kirchhof hervorragende Thurm langsam und schläfrig zu ihm
herüber wimmerte -- schaute zu den Wolken auf, die rasch und geisterhaft
an den funkelnden Sternbildern vorüber glitten, und horchte mit
klopfendem Herzen dem leisesten Geräusch, das aus Garten oder Hofraum zu
ihm herauf tönte.

Der Dritte aber, die scheue, angstdurchschauerte bebende Jungfrau,
stand, die Hände krampfhaft auf den furchtsam wogenden Busen gefaltet,
im kalten Zuge der Hausflur, und harrte in athemloser Erwartung des
verlangten Zeichens.

Endlich -- endlich wurden draußen leise, vorsichtige Schritte hörbar --
dreimal klopfte es an -- tick, tick, tick -- tick, tick, tick -- tick,
tick, tick, und leise aber ohne Zögern erwiederte sie die Parole.

Kein Wort wurde gesprochen, rasch nur glitt sie die Treppe hinauf und
kehrte nach wenigen Secunden mit einer in einen Mantel gehüllten, den
Hut tief in die Augen gedrückten Gestalt wieder zurück.

»Hier, nehmen Sie, und Gott sei mit Ihnen,« flüsterte sie leise, und
drückte dem Flüchtenden die kleine Börse, all' ihr Erspartes, in die
Hand.

»Sophie,« sagte Wahlert, und eine eigene Rührung überkam sein sonst
sanften Regungen nicht leicht zugängliches Herz -- »ich weiß nicht --
darf ich --«

»Nehmen Sie, die Augenblicke sind kostbar -- es ist nur ein Darlehn, das
sie mir in glücklicher Zeit zurückerstatten können.«

»Du mitleidsvoller Engel, aber nicht kränken will ich Dich jetzt durch
kalte Weigerung -- Dank -- Dank, tausend Dank und -- Lebewohl --«

Leise umfaßte sein Arm die zitternde willenlose Gestalt -- er zog sie
an sich und ein langer, glühender Kuß brannte auf den bleichen, kalten,
unentweihten Lippen der Jungfrau.

Leise entzog sie sich endlich seiner Umarmung.

»Fort -- fort --« flüsterte sie -- »an jeden Augenblicke kann sich das
Verderben hängen.«

Rasch, doch geräuschlos schob sie den schweren Riegel zurück -- auch das
Schloß wich, und ächzend öffnete sich die Thür -- aber der Pastor oben
vernahm nicht den Laut, der zu jeder Zeit seine ganze Aufmerksamkeit in
Anspruch genommen hätte, tiefbrütend saß er über der schwülstigen Rede,
die morgen in vernichtender Kraft von der Kanzel hernieder donnern
sollte, und durch den Garten draußen, an der Hecke hin, den schmalen
Pfad hinunter auf dem breiten Weg, der in's Dorf führte, und in dieses
hinein, bis zu dem kleinen niedrigen, von breitästigen Kastanien
beschatteten Häuschen des Doctors schritten rasch und wortlos zwei
Männer und verschwanden bald in die, sich augenblicklich wieder hinter
ihnen schließende Thür.

In ihrem Kämmerchen aber, das holde thränenfeuchte Angesicht fest,
fest in die Kissen hineingeschmiegt, und die Brust nur von dem einen
Gedanken, dem einen Bewußtsein tiefen unsäglichen Schmerzes erfüllt, lag
die Jungfrau und weinte -- weinte, als ob ihr von diesem Augenblicke an
alle und jede Freude auf der weiten schönen Gotteswelt abgestorben und
gebrochen wäre.




Achtes Kapitel.

Jägers Fritz und Schulmeisters Lieschen.


Es war ein freundlicher sonntägiger Frühlingsmorgen, der zweite April im
Jahre unseres Herrn 1848, der Himmel spannte sich blau und sonnig über
die schöne, blüthengeschmückte Erde, der Wald lag schlummernd unter der
leichten, maigrünen Laubdecke, die Lerchen stiegen fröhlich wirbelnd
empor aus der schon wogenden Wintersaat, und der Storch stand langbeinig
und ernst oben auf dem Kirchendach, ließ sich nicht stören durch den
munteren Krähenschwarm, der oben um den Thurmgiebel krächzte, und
schaute gar bedächtig in das Dorf hinunter, als ob er selber neugierig
wäre zu sehen, wer heute bei dem herrlichen, köstlichen Wetter wohl in
die kalte, feuchte, dumpfige Kirche käme, um zu seinem Gott zu beten,
und es nicht vorzöge, draußen im Freien, in jeder Blüthenknospe, in
jedem zwitschernden, jubelnden Sänger des Waldes und Feldes seinen
Schöpfer und Erhalter, seinen liebenden, sorgenden, waltenden Vater zu
verehren.

Unten an den Glockensträngen hing eine Schaar jubelnder, ausgelassener
Schulkinder, und riß an den hanfenen Seilen, während droben der Klöppel
summend und dröhnend gegen seine metallene Hülle schlug, und manche
geschäftige Mädchenhand eilte das Mieder rascher zu schnüren, und die
bandgeschmückte Haube zu ordnen, manchen breitgeschweiften Hut in die
struppige Stirn seines Eigenthümers drückte und ihm das schwarzhäutige
Gebetbuch unter den Arm schob.

Und drüben, am dunkelgrünen Rande des Nadelholzes stand ein schlankes,
scheues Reh, und lauschte vorsichtig nach den wohl oft gehörten, aber
doch unbegriffenen Tönen hinüber; auch der Storch drehte manchmal den
Kopf dem summenden Laute zu, als wenn er sehen wollte, ob es der Klöppel
oben oder die wilde Jugend unten am ersten überdrüssig würde, und die
Lerche jubelte harmonisch in den Klang hinein und hob sich, wie von den
schwellenden Tönen getragen, höher und höher; die aber zitterten durch
die blaue, weißhauchige Luft, über die thauschweren Blüthen und Halme
hin, nach dem Wald hinüber, und dem hehrrauch gefülltem Thal; und in die
fernen Schlüchte und Gründe, in die Zweige und Büsche hinein, schmiegte
sich der Schall, und der Luftzug trug ihn fort, weiter, immer weiter
hin in dem Aethermeer, bis er in blauer Ferne über die Halden, über
die Hänge hin verschwamm, und Maiblumen und Veilchen nur noch wie
ahnungsvoll und grüßend hinüber nickten, und die perlenschweren Kelche
wiegten und schaukelten.

Fromme, oder wenigstens pünktliche Kirchengänger zogen die engen Pfade
entlang dem Gotteshause zu, rothe gesundwangige Mädchengesichter, die
Augen züchtig auf die blankgewichsten Schuhspitzen niedergesenkt,
und gebeugte Greise, die schon die Zeit berechneten, wo sie in ihrem
schmalen, letzten Haus den Pfad hinauf _getragen_ würden, den sie
jetzt noch alterschwach, aber nicht lebensmüde, -- denn der junge Lenz
pflanzte auch neue Hoffnung in ihre alten Herzen -- hinauf wandelten.

Warm und wohlthuend schien die schon hoch über dem fernen Wald stehende
Sonne in des Schulmeisters kleines, aber freundliches Gärtchen, das
von seines Töchterleins fleißiger Hand gepflegt, der lieben Blumen
und Blüthen gar viele und herrliche trieb; Frühtulpen und Narcissen,
Veilchen und Aurikeln, Maiglöckchen und Leberblümchen wetteiferten im
Farbenschmelz und süßem Duft, und Schulmeisters Töchterchen selber war
nicht die unbedeutendste Blume in ihrem lieben, freundlichen Garten.

Niemand wußte das übrigens besser, als Fritz Holke, des Jägers ältester
Sohn und Gehülfe, der erst kürzlich seinen Militairdienst beendet hatte,
und nun hoffen durfte, in späterer Zeit entweder in seines Vaters Stelle
bestätigt zu werden, oder doch irgend einen anderen Posten, der seinen
Mann ernährte, zu erhalten. Um aber auf alle Fälle gesichert zu sein,
glaubte er nichts Eiligeres zu thun zu haben, als sich nach einer
künftigen Hausfrau schon bei Zeiten umzusehen, und seinem Geschmack
machte es allerdings Ehre, daß er dazu Schulmeisters Lieschen gewählt.
-- Ein herzigeres Kind, eine bessere Tochter, ein rechtschaffeneres
Mädchen gab es nicht im weiten schönen Land, und was ihr Aussehen
betraf, so konnte sie mit den gesundheitfrischen Wangen und den
schelmischen Grübchen drinn, den treublauen Augen und der schlanken fast
zarten Gestalt, auch den Vergleich mit Mancher aushalten, die sich
sonst vielleicht weit schöner und besser dünkte, als eben »Schulmeisters
Lieschen.«

Bei Schulmeisters war schon Alles seit Tagesanbruch munter und
geschäftig gewesen, und so früh es auch noch an der Zeit sein mochte,
liefen doch die Kinder schon gewaschen und angezogen im Hause herum, in
der frisch gescheuerten Schulstube, denn diese diente der ganzen Familie
zum Aufenthalt, kräuselte sich der klare schneeige Sand, und auf dem
Tisch lag ein schloßenweißes Tuch mit dem schwarzen Brod, der kernigen
Butter und dem blinkenden Messer darauf, weil der Vater gern, ehe er in
die Kirche ging, einen Imbiß nahm. Niemand Anderes als Lieschen hatte
das Alles besorgt, jetzt aber schlüpfte das maifrische Kind selber zur
Thür hinaus, durch den Garten, und stand bald, von einem Fliederbusch
gedeckt in dem kleinen Pförtchen, das auf den in den Wald
vorbeilaufenden Pfad hinausführte. Einen grünen Rock hatte sie am
Fenster draußen vorbei gehen sehen, und aus dem Fliederbusch streckte
sich ihr jetzt mit herzlichem Gruß eine Hand entgegen, und eine
freundliche Stimme sagte:

»Guten Morgen, Lieschen, das ist brav von Dir, daß Du zum Morgengruß
heraus kömmst, wir sehen uns doch so selten, und es ist Einem den ganzen
Tag wohl, wenn man gleich in aller Frühe in ein so liebes Gesichtchen
geschaut hat.«

»Guten Morgen, Fritz,« lächelte seine Braut, »aber Du böser Mensch,
willst am heil'gen Sonntag, und mit der Flinte in den Wald? Ist das
auch recht? -- na, wenn Dich der Herr Pastor sähe, der würde ein schönes
Gesicht schneiden.«

»Er hat mich gesehen,« lachte der junge Jäger, »ich war erst beim
Gerichtsschreiber, wegen des Burschen, den wir gestern verfolgt haben,
und mußte nun den Kirchweg herauf. Gewöhnlich ist der Pastor nicht am
Fenster, heute aber stand es auf, und er daneben, mit einem Papier in
der Hand; er sah auch gerade nach mir herüber. Ei, was schiert das mich
-- sein Geschäft ist in der Kirche, meines im Walde, und wenn wir Beide
dem obliegen, kann sich keiner über den anderen beklagen.«

»Am Sonntage ist aber Deines auch in der Kirche,« sagte Lieschen; »wenn
nun Alle so denken wollten, da käme ja weiter kein Mensch zur Predigt,
als der Pastor und Schulmeister selber; das wär' eine schöne Kirche.«

Der Jäger lachte bei dem Gedanken, daß der Pastor einmal keinen weiteren
Zuhörer hätte, als den Schulmeister, sagte aber, schmeichelnd die Hand
streichelnd, die er noch immer in der seinen hielt:

»Laß gut sein, Lieschen, Du hast vielleicht Recht --«

»Nein, nicht vielleicht, ich --«

»Du hast _gewiß_ recht, aber sieh, heute geht's nicht anders; der
Strauchdieb, der wehrlose Frauen im Walde anfällt, muß jedenfalls wieder
zurückgewechselt sein, und da will ich nur einmal abspüren, wo er hinein
ist, denn in dem feuchten Graben kann man jede Fährte genau bestimmen.
Geschweißt hat er auch, vielleicht machen wir ihn noch aus, ehe er
weiteres Unheil anrichtet.«

»Du lieber Gott, sprichst Du doch da von einem Christenmenschen, als ob
es nur ein unvernünftiges wildes Thier wäre.«

»Ei was, ein Schuft, der Frauen anfällt --«

»Aber er _hat_ sie ja gar nicht angefallen -- Herr Hennig --«

»Er hat sie nicht angefallen? -- ist denn mein Vater nicht gerade dazu
gekommen, wie er des Pastors Tochter gefaßt hatte und plündern wollte?«

»Aber laß mich doch nur erst ausreden, Fritz --« rief Lieschen eifrig
-- »Herr Hennig ist ja auch dabei gewesen, und mit Sophiechen Scheidler
nachher nach Hause gegangen, und _die_ muß es denn doch wohl am Besten
wissen, ob sie angefallen ist oder nicht.«

»Man sollte es denken,« meinte der Jäger.

»Nun die also -- Herr Hennig hat uns die ganze Geschichte gestern Abend
bei Tische erzählt -- behauptet steif und fest, er hätte sie _nicht_
angefallen, sondern sei nur aus dem Walde auf sie zugetreten, um sie
wahrscheinlich nach irgend einem Weg zu fragen, vielleicht auch um
etwas anzusprechen, und da habe die Mamsell aus der Stadt gleich Zeter
geschrien, Dein Vater aber, der gerade dazu gekommen, Feuer gegeben, als
der Fremde, wohl über das Schreien erschreckt, eben in den Wald zurück
fliehen wollte.«

»Hm, das klingt freilich anders, als der Vater mir erzählt hat, der
meinte --«

»Dein Vater ist aber weit davon entfernt, und Sophiechen dicht dabei
gewesen,« vertheidigte das Mädchen ihren Schützling, »die muß es also
auch besser gesehen haben, und sie soll recht traurig gewesen sein,
daß der arme Mensch so ohne alles Verschulden, vielleicht ihretwegen
verwundet ist. Herrn Hennig war's eben so -- der hat selber den ganzen
Abend kein Wort weiter gesprochen, und wir mußten ihm das, was wir
überhaupt von ihm heraus haben wollten, Sylbe bei Sylbe vom Herzen
ziehen. -- Ich weiß aber wohl warum, so dumm ist unser eines auch
nicht.«

»Nun warum denn?« frug der Jäger erstaunt, »der Schulmeister hat doch
mit der ganzen Geschichte weiter Nichts zu thun gehabt, als daß er dem
Fräulein beigesprungen ist.«

»Ach bist Du blind,« seufzte mit komischem Mitleiden des Schulmeisters
Töchterlein, »Hennig ist bis über die Ohren in Pastors Sophie
_verliebt_, und geht nun so traurig herum, weil er die doch im ganzen
Leben nicht bekommen kann.«

»Nicht bekommen kann? nun das sehe ich denn doch nicht ein,« sagte der
Jäger, »wenn sie ihm wieder gut ist, was sollte sie da Beide hindern,
sich zu heirathen?«

»Ein Schulmeister eine Pastorstochter?« entgegnete ihm kopfschüttelnd
sein Bräutchen, »das mag wo anders Sitte sein, aber hier zu Lande im
Leben nicht. Ach du lieber Gott, _unser_ Herr Pastor seine Tochter einem
_Schulmeister_ zur Frau geben -- na, ich möchte dabei sein, wenn er um
sie anhielte.«

Der Jäger runzelte die Stirn und sagte finster:

»Ich möchte nur wissen, was ein Pastor denn so weit Besseres wäre, wie
ein Schulmeister, -- wenn Dein Vater uns Jungen nicht ordentlich erzogen
und belehrt hätte, da sähe es jetzt wild im Dorfe aus, und der Herr
Pastor könnte sich von der Kanzel herunter heiser schreien, es kehrte
sich kein Mensch an ihn und seine Predigt. Ich will Dir auch etwas
sagen, Lieschen, früher, wie wir uns noch nicht kannten, und wie mir der
Schulmeister weiter Nichts war, als >der Lehrer<, um den sich die Jungen
in späterer Zeit leider immer wenig genug kümmern, da war mir's auch
einerlei, was so _vom_, und wie _über_ den Schulmeister im Dorfe
gesprochen wurde; aber schon, wie ich anfing Dir gut zu sein, ehe Du
mich nur selber so recht freundlich angesehen hattest, ärgerte es
mich, wenn es hier und da bei Gelegenheiten hieß -- >es ist _nur_ der
Schulmeister<, oder >wenn's der Herr Pastor will, der Schulmeister muß
schon --<, der >_Herr_ Schulmeister< fiel keinem Menschen ein zu sagen.
Wie ich erst einmal auf der Spur war, kam ich auch bald weiter -- ich
dachte d'ran, wie wir Jungen es in der Schule gemacht, und was für
Schläge ich einmal zu Hause von meinem Vater bekommen, als ich gegen den
Schulmeister mit dem Pastor gedroht; jetzt erst sah ich, wie demüthig
der Schulmeister den Herrn Pastor immer grüßte, und wie freundlich
_herablassend_ dieser dankte. Ei zum Donnerwetter, was ist denn der
Pastor eigentlich besseres als der Schulmeister -- daß er den Leuten
etwa Sachen vorpredigt, von denen er eben auch nicht mehr weiß, wie wir
anderen Menschen?« --

»Fritz -- Fritz,« bat hier ernst das Mädchen, -- »greif mir meinen
_Glauben_ nicht an, über die Menschen magst Du sagen, was Du willst,
aber nicht über den.«

»Du hast recht, mein Herz,« sagte der junge Mann leicht besänftigt, »mir
that es nur weh, daß auch Ihr selber, Du sowohl, wie Dein alter Vater,
den Pastor ebenfalls für etwas Besonderes haltet, und Euch ordentlich
vor ihm fürchtet. Doch das muß anders werden; in der Stadt drinn, wo ich
vorgestern war, sprachen sie ganz offen davon, daß die Schule von
der Kirche getrennt werden, und die Geistlichkeit mit dem Lehramt
gleichgestellt werden sollte, nachher hört die Unterthänigkeit von
selber auf. Es ist auch gerade so mit der edlen Jägerei -- edel, lieber
Gott, der Revierjäger wird gewöhnlich von dem gnädigen Herrn wie der
Bediente behande

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