Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube

by Moritz Busch · German · Gutenberg #46308 · 326,006 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube

Author: Moritz Busch


        
Release date: July 17, 2014 [eBook #46308]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/46308

Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
        http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
        images of public domain material from the Google Print
        project.)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MORMONEN, IHR PROPHET, IHR STAAT UND IHR GLAUBE ***

[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= : #fettgedruckt# ]




                            Conversations-
                                 und
                           Reisebibliothek.

                         =Dr.= Moritz Busch.

                            Die Mormonen.

                               Leipzig
                      Verlag von Carl B. Lorck.
                                1855.

------------------------------------------------------------------------




                            Die Mormonen.


                                 Ihr
                  Prophet, ihr Staat und ihr Glaube.

                                 Von
                         =Dr.= Moritz Busch.

                               Leipzig
                      Verlag von Carl B. Lorck.
                                1855.




Erstes Kapitel

Sectenwesen in Amerika.


Wenn schon das politische Leben der Vereinigten Staaten eine
beträchtliche Anzahl von Erscheinungen zeigt, die dem Fremden erst
nach einem tiefern Studium von Land und Leuten einigermaßen
verständlich werden, so ist dies bei den Gestalten, in welchen sich
hier das religiöse Element ausgeprägt hat, noch bei Weitem mehr der
Fall. Lassen sich dort in der bunten Mannigfaltigkeit der Parteien
immerhin zwei große Grundmächte unterscheiden, die, zwei Trieben oder
Zügen in der menschlichen Natur entsprechend, wie Ebbe und Fluth die
Interessen der Gesammtheit tragen und ausgleichen, so entzieht sich
das Gewimmel der Secten Amerika's beinahe jeder Eintheilung. Wir
haben ein vollkommnes Chaos vor uns, in dem die Stoffe in wildester
Weise durcheinandergähren, und vor welchem derjenige, den die
Wissenschaft nicht an ähnliche Perioden in der Kirchengeschichte
erinnert, an einen Verwesungsproceß des Christenthums glauben kann.
Das stupideste Festhalten am Buchstaben der Schrift mischt sich mit
den wahnwitzigsten Ausschweifungen der Phantasie. Die augenfälligste
Täuschung findet bei Tausenden und aber Tausenden von Menschen, die
in weltlichen Dingen sich der schärfsten Sinne erfreuen, Augen, die
Schwarz für Weiß ansehen, Ohren, die der Lüge wie einer Offenbarung
aus der Höhe lauschen, und Kniee, die sich vor Charlatanen wie vor
Sendboten Gottes beugen. Hier baut die steifnackige Rechtgläubigkeit
ihren Tempel auf. Dort stellt der absolute Zweifel den seinen hin. Da
wieder hebt das unter dem Boden brennende vulkanische Feuer der
Schwärmerei die Decke, und rasch schwillt die anfangs unscheinbare
Blase zum mächtigen Dome, in welchem Fanatiker oder Betrüger eine
völlig neue Religion verkünden.

Gleich den Prairiebränden und Ueberschwemmungen des fernen Westen
verbreiten sich neue Heilsbotschaften über die Gemüther. Wie der
Tornado im Urwald die Eichen, werfen die Worte ihrer Apostel
zahlreiche Versammlungen auf die Kniee. Reden in Zungen, himmlische
Gesichte, Heilungen durch Handauflegen, Engelserscheinungen und
Teufelsaustreibungen sind in manchen Kreisen so alltäglich wie in den
Zeiten des Urchristenthums. Wunderliches wird wunderbar, Carricaturen
verwandeln sich in Heroen. Bald scheinen die Dämonen, die einst in
Säue fuhren, bald wieder scheint der Geist der Pfingsten die trübe
Fluth zu bewegen. Nichts ist so voll Widersprüche, nichts verstößt so
sehr gegen Sitte und Gewohnheit, daß es nicht einen Kreis von
Gläubigen um sich sammelte, wenn ein beredter Mund es vorträgt, ein
spitzfindiger Verstand es aus der Bibel rechtfertigt, und ein
organisirendes Talent ihm kirchliche Gestalt giebt. Ja gerade das
Barocke und Bizarre ist es, welches die größte Anziehungskraft
auszuüben scheint, wenn es auch häufig nur angenommen wird, um Tags
darauf mit einer noch seltsameren Verkehrtheit vertauscht zu werden.

Dieser dem Wechselfieber, Amerika's verbreitetster Krankheit,
vergleichbare Zustand, bei dem Leute, die im Laufe weniger Jahre
einem Dutzend Kirchen und Confessionen nach einander angehört haben,
keine Seltenheit sind, vereinigt in sich fast alle Symptome, welche
die Kirchengeschichte seit ihrem Beginn bis heute hat zu Tage treten
lassen. Die Ebioniten, die Gnostiker, die Klöster in ihrer Urgestalt,
die enthusiastischen Secten des Mittelalters, die Wiedertäufer von
Münster, die Camisarden, sie alle finden mehr oder minder ihr
Ebenbild in diesem transatlantischen Wirrsal, und nicht ohne
wesentlichen Gewinn für das Verständniß jener älteren Erscheinungen
dürfte eine genauere Untersuchung dieser ihrer Wiederholungen in der
Gegenwart sein.

Andeutungen über die Ursachen dieses auffallenden Phänomens im
amerikanischen Leben sind an einem andern Orte gegeben worden[1].
Hier haben wir es nur mit der sonderbarsten und zugleich mächtigsten
Ausgeburt dieses eigenthümlichen Dranges zur Sectengestaltung zu thun
-- einer Erscheinung, die überdies, indem sie gewissermaßen ein
=mixtum compositum= der Ergebnisse aller ähnlichen ist, uns das
gesammte Sectenwesen wiederspiegelt, und schließlich sehr belehrende
Streiflichter über die letzten Gründe des politischen und socialen
Dichtens und Trachtens in der transatlantischen Musterrepublik wirft.

  [1] Wanderungen zwischen Hudson und Mississippi, von Moritz Busch,
      Stuttgart und Tübingen, Cotta'scher Verlag, 1854.

Daß die Quäker in den Vereinigten Staaten ihren Hauptsitz haben, ist
bekannt: ebenso daß die verschiedenen Secten der Wiedertäufer hier
gegen zwei Millionen Bekenner zählen. Die Campmeetings oder
Lagerversammlungen der Methodisten mit den halb grauenvollen, halb
komischen Aeußerungen ihrer Inbrunst, ihren Abrahams a Sancta Clara,
ihrem verzückten Jauchzen und ihrer an das Treiben Besessner
grenzenden Zerknirschung sind uns wiederholentlich geschildert worden.

Weniger bekannt dagegen dürfte sein, daß um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts Ann Lee, die Frau eines Hufschmieds aus England, nach
Albany kam, die sich für den in weiblicher Gestalt wiedererschienenen
Christus ausgab, den Eintritt des tausendjährigen Reichs verkündete,
die Vermischung der Geschlechter unter allen Umständen, und somit
auch die Ehe für Sünde erklärte, Gott durch Tanz zu verehren lehrte
und für diese wunderlichen Heilswahrheiten eine verhältnißmäßig nicht
geringe Anzahl von Gläubigen fand, deren Gemeinschaft noch jetzt
unter dem Namen der Shaker in achtzehn klosterartigen Niederlassungen
mit etwa viertausend Bewohnern fortgesetzt wird. Weniger bekannt mag
ferner sein, daß, von einer andern Engländerin, Jane Southcot,
gestiftet, in der Stadt Neuyork eine Secte besteht, welche nebst
andern Ceremonien auch die Beschneidung unter sich eingeführt hat,
daß die Swedenborgianer zahlreiche Gemeinden in Amerika haben, daß
die Geisterklopferei sich unter dem Titel Spiritualismus zu einer Art
Kirche gestaltet hat, daß in Pennsylvanien, in Ohio und bei Buffalo
pietistische Communisten-Niederlassungen blühen, und daß auch Cabet's
Icarier hier leidlich gedeihen. Weniger bekannt endlich ist wohl, daß
vor etwa zehn Jahren William Miller, der »Widderhornprophet«, die
Union durchzog, der mit Hilfe der Bibel, der Mathematik und seiner
Phantasie die schreckenvolle Gewißheit herausgerechnet hatte, daß die
Welt am 21. März 1844 untergehen müsse, und der mit seiner Predigt im
Osten wie im Westen Massen schwachsinniger Seelen zum Verkaufe ihrer
Habseligkeiten bethörte.

Alle diese und manche verwandte Erscheinungen finden in der
Vergangenheit des christlichen Europa ihr Seitenstück. Die aber,
von welcher wir nun handeln werden, hat, als Ganzes betrachtet,
soviel uns bekannt, weder in der christlichen Welt, noch im
Entwickelungskreise irgend einer andern Religion Ihres gleichen.
Das _Mormonenthum_ ist einzig in seiner Art. Es konnte nur dem
Boden der neuen Welt entkeimen, nur unter amerikanischer Sonne
gedeihen, und wenn es gestattet ist, Phänomene durchaus unerhörter,
den gewöhnlichen Voraussetzungen des Geschehens allenthalben
widersprechender Art Wunder zu nennen, so stehen wir hier bis auf
Weiteres vor einem der größten Wunder unseres Jahrhunderts.

Die Geschichte der Mormonen oder der Latter-Day-Saints, wie sie
selbst sich nennen, ist die Geschichte einer tauben Nuß, die, in den
Humus der transatlantischen Welt gepflanzt, in einer auf den ersten
Blick miraculösen Weise zum riesigen Baume erwuchs und Früchte
erzeugte, die keineswegs alle faul sind. Es ist die Geschichte einer
Lehre, die, ursprünglich ein ziemlich plumper Puff, allmälig durch
Hereinnahme einer Anzahl von mystischen Glaubenssätzen den Schein
eines tieferen Inhalts gewann und sich in staatlicher Beziehung zu
einer bisher noch nicht dagewesenen Theo-Demokratie ausbildete. Im
Stifter der Secte sehen wir unzweifelhafte Talente, große
Menschenkenntniß, bewunderswerthe Ausdauer, außerordentlichen
Scharfblick in der Wahl seiner Mittel mit unglaublicher Frechheit,
tiefer sittlicher Verworfenheit, und einer in ihrer Naivetät oft
geradezu drolligen Unwissenheit gepaart. Mag man ihn in einigen Zügen
mit Mohamed, in andern mit Cromwell vergleichen, so erinnert er in
weit zahlreichern Aeußerungen seines Charakters an Barnum, den
»Napoleon der Windbeutelei«, und war er unleugbar ein ungewöhnlicher
Mensch, ja darf man ihn als das personificirte Genie des Yankeethums
bezeichnen, so erklären sich seine Erfolge doch noch mehr als aus
seiner Begabung aus den Verhältnissen, in die er sich gestellt sah.

Diese Verhältnisse aber, unter denen es möglich war, daß eine Secte,
die im Jahre 1830 nur aus der Familie ihres Gründers und zwei
Freunden bestand, im Laufe von zwanzig Jahren trotz grausamer
Verfolgungen und trotz mannigfacher Gelegenheiten zur Erkenntniß der
Lügen, die ihr Kern waren, zu einer wohlgeordneten Kirche wurde,
deren hunderttausend Bekenner über die ganze Erde zerstreut sind:
diese eigenthümlichen Verhältnisse haben für unser Jahrhundert und
insbesondere für Amerika ebenso viel Beschämendes als Tröstliches.
Sie zeigen, daß in unserer Zeit das Licht der Bildung noch lange
nicht so weit leuchtet, als man gemeinhin annimmt und daß namentlich
die Vereinigten Staaten und England mit dem Prädicate einer
aufgeklärten Nation, das sie sich so gern zulegen, etwas sparsamer
umzugehen Ursache haben. Sie zeigen aber auch, daß da, wo freie
Institutionen herrschen, und wo die edlen Eigenschaften der
angelsächsischen Race das Ganze durchdringen, selbst der Betrug bald
eine Gestalt annehmen muß, die nach einer Seite hin wenigstens
Anerkennung und selbst Bewunderung verdient.

Die folgende Darstellung wird erkennen lassen, ob damit zu viel
gesagt ist.




Zweites Kapitel.

Joseph Smith der Schatzgräber und Prophet. -- Sidney Rigdon und der
offenbarende Engel. -- Ein Roman und die Verwandlung desselben in eine
Bibel.


Der Stifter des Mormonenthums war Joseph Smith, am 23. September 1805
zu Sharon im Staate Vermont geboren, und später mit der Familie
seines Vaters nach dem Dorfe Manchester bei Palmyra im Staate Neuyork
ausgewandert. Seiner Selbstbiographie zufolge stand sein Sinn schon
in früher Jugend auf göttliche Dinge, und als er siebzehn Jahre alt
war, wurde dieser Hang dadurch noch mehr genährt und aufgeregt, daß
ein beredter Methodistenprediger in der Nachbarschaft eine große
Erweckung der Seelen bewirkte. Häufig schüttete Joseph sein Sehnen
nach Erkenntniß vor Gott im Gebete aus, und oft brütete er Tage lang
über den rechten Weg zur Erlangung des Heils. Als er nun bei einer
solchen Gelegenheit in die Nacht hinein wach geblieben war, und
kniend den Herrn um Erleuchtung anflehte, welche von den
verschiedenen Secten und Kirchen die rechte sei, siehe da wurde sein
Gemach plötzlich von himmlischem Lichte erfüllt, und er erblickte
einen Engel neben sich, der ihn über den Pfad zur Gerechtigkeit vor
Gott unterwies und ihn zugleich belehrte, daß es auf Erden keine
echte Kirche mehr gäbe. Das Christenthum habe die göttliche Ordnung
mit Menschensatzung vertauscht, den Glauben verunstaltet und den
ewigen Bund gebrochen, wofür zur Strafe schon vor funfzehnhundert
Jahren das Priesterthum von ihm genommen worden sei. Endlich erfuhr
Joseph von dem Boten aus der Höhe, daß sein Gebet Wohlgefallen vor
Gott gefunden habe und in die Bücher des Lebens eingetragen worden
sei, daß der Herr ihn liebe, und daß er den Auftrag erhalten solle,
die Priesterschaft nach der Ordnung Melchisedek's unter den Menschen
wiederherzustellen und eine Kirche wahrer Gläubigen zu gründen zum
Empfange des Herrn, dessen tausendjähriges Reich nahe sei.

Bei einem späteren Besuche des Engels, der am 21. September 1823
stattfand, ward ihm die Eröffnung, daß er erwählt worden, ein
heiliges Buch, welches in der Nachbarschaft vergraben sei, und
welches, von altindianischen Propheten verfaßt, die Wahrheit über den
Ursprung der Ureinwohner Amerika's und deren Schicksale seit ihrer
Einwanderung aus Judäa enthalte, wieder zu finden und zu Nutz und
Frommen der Welt zu veröffentlichen.

Am folgenden Morgen nach der Stelle, dem Gipfel eines Berges
zwischen Canandaigua und Palmyra, den die Mormonen Cumorah nennen,
geführt, fand er nach kurzem Suchen eine acht Zoll hohe steinerne
Kiste, auf welche der Deckel mit Mörtel befestigt war. Er machte
wiederholentlich Versuche, sie aufzubrechen, bis ein Schlag von
unsichtbarer Hand ihn zurücktrieb. Auf sein inbrünstiges Gebet um
Erklärung dieses Widerstandes empfing er die Antwort, der Grund
davon, daß er keinen Erfolg gehabt, liege darin, daß er den
Einflüsterungen des Satans Gehör gegeben, welcher auf dem Wege neben
ihm hergegangen sei und ihn beredet habe, den Inhalt der Kiste zur
Förderung seiner zeitlichen Angelegenheiten zu verwenden. Dies war
Sünde. Der Gedanke, dadurch berühmt zu werden, war unheilige
Ehrbegier, dadurch zu Reichthum zu gelangen, strafbarer Geiz.

»Du kannst diese Urkunden noch nicht bekommen,« sagte der Engel.
»Niemand kann sie bekommen, wofern sein Herz unrein ist, weil sie das
enthalten, was heilig ist. Siehe, obwohl Du jetzt geschaut hast die
Macht der Finsterniß, woran Du fürderhin allezeit den Bösen gewahr
werden kannst, so will ich Dir noch ein anderes Zeichen geben, an
welchem Du inne werden sollst, daß der Herr Gott ist, und daß die
Kunde, welche diese Ueberlieferung enthält, zu allen Völkern,
Geschlechtern und Zungen unter dem Himmel getragen werden soll. Dies
aber ist das Zeichen: Wenn es bekannt wird, daß der Herr Dir diese
Dinge gezeigt hat, werden die Gottlosen Deinen Sturz suchen. Sie
werden Lügen verbreiten, um Deinen guten Ruf zu zerstören, und man
wird Dir sogar nach dem Leben trachten. Aber merke, wenn Du getreu
bleibst und fortan den Geboten des Herrn nachlebst, so sollst Du
bewahrt bleiben und zu rechter Zeit Erlaubniß erhalten, die Urkunden
von hier zu holen.«

Diese Verheißung erfüllte sich nach Verlauf von vier Jahren, während
welcher Zeit Joseph sich fortdauernd eines Gott wohlgefälligen
Wandels befleißigt, eifrig der Wahrheit nachgestrebt, und vielfache
lehrreiche Besuche von dem Engel empfangen hatte. Am 22. September
1827 öffnete ihm dieser die Steinkiste, zeigte ihm den Inhalt, der in
dem Schwerte Labans, einem Brustharnisch, einer Prophetenbrille, Urim
und Thummim genannt, und den Täfelchen bestand, auf welche die
Urkunden eingegraben waren, und gestattete ihm, einen Theil dieses
Schatzes mit heimzunehmen. Das Schwert, in der Zeit Zedekias aus
Jerusalem nach Amerika gelangt, war vom feinsten Stahl und hatte
einen goldenen Griff. Die Brille war von der Form eines kleinen
Bogens, in dessen Oesen zwei helle durchsichtige Steine eingesetzt
waren, und man konnte mit ihr in der Vergangenheit und Zukunft lesen.
Die Tafeln, die das Aussehen von Gold hatten, sieben Zoll breit, acht
Zoll lang und nicht ganz so stark wie gewöhnliches Blech waren,
wurden durch drei an der einen Seite hindurchgehende Ringe zu einem
Bande zusammengehalten und waren auf beiden Seiten mit ägyptischen
Charakteren gefüllt. Ein Theil derselben war durch ein Siegel
verschlossen.

Joseph nahm die Urkunden mit sich nach seines Vaters Haus, und als
die Nachricht von seinem Funde sich in der Gegend verbreitete,
erfüllte sich, was der Engel geweissagt. Man streute nach allen
Richtungen hin falsche Darstellungen der Sache aus, man spottete und
höhnte über die wunderbare Eröffnung. Pöbelhaufen bestürmten das Haus
der Familie Smith, und mehrmals wurden Versuche gemacht, dem
Propheten mit Gewalt die kostbaren Goldplatten zu entreißen, sodaß er
sich endlich entschloß, nach dem benachbarten Pennsylvanien
auszuwandern. Hier, wo in der Nähe des Susquehanna sein
Schwiegervater wohnte, übertrug er mit Hilfe der Urim und Thummim und
eines Schreibers, Namens Cowdery, den unversiegelten Theil des
Urkundenbuchs ins Englische, welcher später unter dem Titel »das Buch
Mormons« im Druck erschien.

Bis hierher folgten wir der Darstellung der Sache, wie sie von Smith
selbst und dem Mormonenapostel Orson Pratt erzählt wird. In Wahrheit
verhielt es sich sehr wesentlich anders damit. Zwar mag der Prophet
bei der Erweckung der Nachbarschaft durch jenen Methodistenprediger
einige Eindrücke empfangen und sich mit den Hauptthesen des
Sectenstreites unter seinen Landsleuten bekanntgemacht haben. Statt
aber im Rufe von Frommen zu stehen, galten Joseph Smith und seine
ganze Familie vielmehr allenthalben als leichtsinnige, lügenhafte
Taugenichtse. Statt zu arbeiten, streiften sie in der Gegend als
Schatzgräber umher. Sie bedienten sich dabei eines sogenannten
»Sehersteins«, bisweilen auch einer Wünschelruthe. Die Sage wollte,
daß in den westlichen Grafschaften des Staates Neuyork große
Reichthümer aus der Zeit de Sotos verborgen lägen, und Joseph hatte
sich bei den Abergläubischen den Ruf zu erwerben gewußt, diesen
unterirdischen Schätzen mit Glück nachzuspüren. Im Jahre 1825 machte
er in dem pennsylvanischen Orte Harmony die Bekanntschaft einer Miß
Emma Hale und beredete sie, sich von ihm entführen zu lassen und
heimlich seine Frau zu werden. Zu derselben Zeit beschwatzte er einen
gewissen Lawrence, sich mit ihm zu verbinden, um am Susquehanna eine
von ihm entdeckte reiche Silbergrube auszubeuten; als sie indeß nach
dem angegebenen Orte kamen, war nichts von einem Erzgange zu
entdecken, und Lawrence hatte sein Geld umsonst ausgegeben. 1826
dupirte er in ähnlicher Weise den Farmer Stowell zu Bainbridge, indem
er demselben vorredete, er habe in einer Höhle nicht weit von
Manchester einen Goldklumpen entdeckt, von dem er ihm gegen das
Versprechen, ihn nebst seiner Frau aus Pennsylvanien nach dem
Wohnorte seines Vaters zu schaffen, die Hälfte zu geben sich
anheischig machte. Stowell ging darauf ein und erfüllte seinen Theil
des Vertrags; als Smith aber nun auch seiner Verpflichtung nachkommen
sollte, entzog er sich derselben durch die Ausflucht, er könne seine
junge Gattin nicht allein unter Fremden lassen, und der getäuschte
Farmer kehrte heim, um seiner Kohlbeete zu warten und dazu über den
Eulenspiegel zu schimpfen, der ihn so schmählich am Narrenseile
herumgeführt hatte. Dies ist in der Hauptsache die wirkliche
Geschichte des neuen Propheten in der Zeit zwischen der ersten
angeblichen Engelserscheinung und dem Punkte, wo es zu verlauten
begann, daß er an der Uebersetzung seines Fundes arbeite.

Aber auch über den letzteren wurde bald eine völlig andere Kunde
laut, als die, welche Smith und seine Freunde der Welt aufbinden zu
können geglaubt hatten. Das Buch Mormon war nichts weniger als eine
Sammlung von Urkunden, von indianischen Propheten vor Jahrhunderten
geschrieben. Es war vielmehr das Erzeugniß der Mußestunden eines
gewissen Spalding, welcher von 1809 bis 1812 im Städtchen Conneauct
in Nordohio in Gemeinschaft mit einem gewissen Lake ein Eisenwerk
betrieben hatte. Es war eine Art historischer Roman, in welchem die
auch sonst in Amerika häufig gehörte Ansicht durchgeführt war, daß
die Ureinwohner des westlichen Continents Nachkommen der Kinder
Israel's seien, und welcher zu dem Zwecke weitläufige Berichte über
ihre Wanderungen von Jerusalem nach Amerika und ihre Schicksale in
diesem Welttheile enthielt. Das Eisenwerk bezahlte sich nicht, und da
Spalding mittlerweile auf die Idee gerathen war, er könne durch
Veröffentlichung seines Buchs ein wohlhabender Mann werden, so begab
er sich im Jahre 1812 nach Pittsburgh, wo er die »Entdeckte
Handschrift« -- so hatte er nämlich das Product getauft -- dem
Drucker Lambdin zum Verlag anbot.

In dessen Verwahrung verblieb das Manuscript -- wie die Einen sagen
-- kurze Zeit, kam dann an den Verfasser zurück, wurde nach dessen
bald darauf erfolgtem Ableben von der Witwe mit nach Hartwick, nicht
weit von der Wohnung jenes mit Smith befreundeten Farmers Stowell,
genommen und gelangte von hier um das Jahr 1820 nach dem Hause ihres
Bruders zu Onondaga Hollow, nicht fern von Manchester, dem damaligen
Aufenthaltsorte Smiths. Hier wurde es, behauptet man, von Joseph aus
dem Koffer, wo es mit anderen Papieren Spaldings gelegen, entwendet
und in ein Religionsbuch umgebildet.

Diese Angaben sind, wo nicht geradezu unglaubwürdig, doch zu wenig
begründet. Weit richtiger scheint die folgende Erklärung. Die
»Entdeckte Handschrift« war mehrere Jahre und auch dann noch in
Lambdins Verwahrung verblieben, als Spalding im Frühling 1816 starb
und einige Zeit nachher die Firma Lambdin und Patterson Bankerott
machte. Nun hielt sich von 1823 bis 1826 ein gewisser Sidney Rigdon
in Pittsburgh auf, der früher Buchdruckergehilfe gewesen war und
jetzt in der Eigenschaft eines Predigers der »Reformers« oder
»Disciples« wirkte. Er war, wie sein späteres Verhalten zeigt, ebenso
schlau als ehrgeizig und nie um die Mittel zur Erreichung seiner
Zwecke verlegen. Er stand auf ziemlich vertrautem Fuße mit Lambdin
und verließ, als dieser starb, seinen bisherigen Aufenthaltsort, um
sich in Mentor, einem Städtchen im nördlichen Ohio, eine Gemeinde zu
bilden, der er ähnliche Dinge wie die, welche der Engel Joseph Smith
verkündet, vortrug. Eine andere Thatsache, die zu Schlußfolgerungen
berechtigt, ist die, daß Rigdon während des Herbstes von 1826 häufige
Reisen von Mentor nach Pittsburgh unternahm, von wo es nicht weit bis
zum Susquehanna und dem damaligen Wohnorte Smiths ist.

Als nun im Jahre 1830 das »Buch Mormon« oder wie es in der ersten
Ausgabe heißt, »die goldene Bibel« im Druck erschien und von
Gläubigen und Ungläubigen mit Begier gelesen wurde, erklärten
Spaldings Witwe und sein Bruder, erstaunt und entrüstet zugleich,
dasselbe sei in der Hauptsache nichts anderes, als die ihnen noch
sehr wohl erinnerliche »Entdeckte Handschrift« ihres verstorbenen
Gatten und Bruders. Die Namen der Personen und Orte, ja was noch
mehr, die psychologischen Unwahrscheinlichkeiten und auffälligen
Stylmängel waren fast durchgängig beibehalten, und der Bearbeiter
hatte nur etwas mehr religiöses Material hinzugethan. Ihre Einsprache
gegen den Betrug, auf welche Rigdon lediglich mit Schmähungen und
Grobheiten antwortete, wurde durch das Zeugniß des einstigen
Compagnons von Spalding, sowie durch einen großen Theil der Bewohner
Conneaucts bekräftigt, und so scheint das Räthsel sich dahin
aufzulösen, daß Lambdin, nachdem er mit seiner Druckerei Bankerott
gemacht, die in seiner Verwahrung befindlichen Manuscripte in der
Absicht durchsah, sich durch eine Speculation mit einem auffälligen
Buche wieder emporzuhelfen, daß er zu diesem Zwecke kein besseres
Mittel als die »Entdeckte Handschrift« wählen konnte, deren Verfasser
ihm überdies kein Hinderniß mehr in den Weg zu legen vermochte, daß
er dieses Werk an Rigdon übergab, um es nach seinem Ermessen zu
feilen und zu ändern, und daß dieser den Roman in eine Bibel
umprägte. Der Tod Lambdins machte Rigdon zum alleinigen Besitzer des
Geheimnisses und seines möglichen Gewinns. Letzterer wurde sicherer,
wenn das Buch in miraculöser Weise an den Tag gebracht wurde. Das
damals sich verbreitende Gerücht, in Canada sei eine goldene Bibel
ausgegraben worden, lenkte auf den Gedanken, auch die Urkunden
Mormons auf Goldtafeln geschrieben sein und dem Schoose der Erde
entsteigen zu lassen. Es war endlich ein Gehilfe zu suchen, der im
Rufe eines Schatzgräbers stand, da, wenn man diesen den Fund thun
ließ, der Verdacht nicht auf Rigdon fiel, und hierzu war Joseph Smith
nach dem Vorigen der rechte Mann. Derselbe ging auf Rigdon's Antrag
ohne Bedenken ein, und wenn er einige Zeit nach der ersten
Besprechung mit dem Urheber des Plans nach Pennsylvanien zog, so
geschah dies nicht wegen Gefährdung seines Lebens daheim, sondern
deshalb, weil er am Susquehanna seinem Genossen näher war und sich
dort ungestörter von ihm seine Rolle einüben lassen konnte.

Die weitere Entwickelung wirft aber noch mehr Licht auf das
Verfahren, womit die beiden Schwindler ihr öffentliches Auftreten
einleiteten. Weder Smith noch Rigdon war im Besitze der Mittel zur
Veröffentlichung des Fundes durch den Druck. Ersterer wendete sich
deshalb zuerst an den Quäker Crane, um ein Darlehen zur Förderung des
Werkes Gottes, wurde aber mit spöttischen Worten abgewiesen. Er warf
sodann seine Augen auf den Farmer Harris, einen leichtgläubigen
Tropf, welcher bereits einem halben Dutzend Secten nach einander
angehört hatte. Er trat ihm eines Tages in den Weg, verkündete ihm,
daß der Herr ihm geboten, sich von ihm funfzig Dollars zum Beginn des
Werks der Uebertragung seines Indianerevangeliums geben zu lassen,
und empfing von dem durch Verheißung großen Lohnes bestochenen Harris
wirklich die verlangte Summe. Noch kräftiger bearbeitet, streckte
dieser nach und nach gegen dreitausend Dollars vor und gab sich sogar
selbst zum Schreiber her, dem Smith seine Uebersetzung dictirte. Da
er indeß der Feder nicht recht mächtig war, so wurde er durch Oliver
Cowdery, einen Schulmeister, ersetzt, welcher die Arbeit bis zum
Drucke vollendete. Smith legte dabei die Pseudo-Goldplatten in einen
Hut, hielt sich die Prophetenbrille der Urim und Thummim vor die
Augen und dictirte die Worte der Urkunde, die sich vermittels dieses
Instruments aus neuägyptischen in englische verwandelten, dem
Schreiber, von dem er durch einen Vorhang geschieden war, in die
Feder. Ins Natürliche übertragen heißt das, er las das Manuscript
Rigdons, das er in seinem Hute verborgen, ab, oder sagte, was er
davon für den Tag auswendig gelernt hatte, aus dem Gedächtnisse her.

Anfänglich scheint weder Rigdon noch Smith an die Stiftung einer
neuen Religion gedacht zu haben. Man hatte lediglich den Zweck im
Auge, der angeblichen Entdeckung eines Buchs aus der Urzeit Amerika's
dadurch, daß man sie als von Engelserscheinungen begleitet und von
einem Nimbus aus der Höhe umflossen darstellte, die Gemüther der
zahlreichen Wundergläubigen im Lande zuzuwenden. Kurz vor dem
Erscheinen des Buchs Mormon im Druck aber müssen die Ansichten der
Beiden über den Weg, den sie einzuschlagen, eine Aenderung erfahren
haben, indem am 6. April 1830 zur Gründung einer »Kirche aus den
Heiden« verschritten wurde.

Ehe wir jedoch diesem Treiben unsere Aufmerksamkeit zuwenden, sei
ein Ueberblick des Inhalts der Mormonenbibel gestattet, die
gegenwärtig in englischer, walisischer, französischer, italienischer,
dänischer und deutscher Sprache zu haben, ja selbst in die der
Sandwichsinsulaner übersetzt und in mehr als einer halben Million
Exemplaren verbreitet ist.

Das Buch Mormons zerfällt in die Bücher Nephi 1 und 2, Jacob, Enos,
Jarom, Omni, Mosiah, Alma, Helaman, Nephi des Jüngern, Mormon, Ether
und Moroni, die zusammen so viel Stoff enthalten als das alte
Testament ohne die Apokryphen. Der Inhalt aber ist in Kurzem
folgender: Als der Herr, um den Bau des Babelthurms zu vereiteln, die
Sprachen der dort zusammengeströmten Menschen verwirrte, erbarmte er
sich der Jarediten ob ihres frommen Wandels und beließ sie im
bisherigen Gebrauche ihrer Zunge. Von Gott dazu angeregt, verließen
sie das Land Schinear und wanderten nach der Westküste des Oceans,
von wo sie in acht Schiffen nach dem nördlichen Amerika fuhren. Hier
wohnten sie anderthalb Jahrtausende, wurden zu einer zahlreichen und
mächtigen Nation, versanken aber allmälig in Unglauben und Laster und
wurden in Folge dessen um das Jahr 600 vor Christi Geburt von Gott so
vollständig vertilgt, daß von ihnen nichts übrig blieb, als die
Trümmer ihrer Städte und die von ihrem Propheten Ether auf
Goldplatten verzeichnete Geschichte ihres Aufblühens und Untergangs.

Um die Zeit ihrer Ausrottung wurde eine jüdische Familie vom Stamme
Josephs, der fromme Lehi mit seinem Weibe Sariah und seinen vier
Söhnen, auf wunderbare Weise aus Jerusalem nach der Westküste
Südamerika's geleitet, und elf Jahre später brach ein dritter Zug von
israelitischen Auswanderern, worunter etliche vom Stamme Juda,
gleichfalls nach dem großen Festlande jenseit des Stillen Oceans auf.
Sie landeten in Nordamerika, begaben sich indeß später nach dem
Süden, wo sie nach Verlauf von ungefähr vierhundert Jahren von dem
einen Theile der Frühergekommenen entdeckt wurden und mit ihnen zu
einem Volke verschmolzen.

Die Nachkommen Lehi's nämlich schieden sich einige Zeit nach ihrer
Ankunft auf amerikanischem Boden in zwei Stämme, eine Spaltung,
welche dadurch veranlaßt wurde, daß einige von ihnen die Uebrigen
wegen ihrer Gottesfurcht anfeindeten und verfolgten. Diese Frommen,
die sich nach dem sie führenden Propheten Nephiten nannten, wanderten
nach Centralamerika und von dort nach dem Norden aus, während jene
Gottlosen, nach ihrem Feldherrn Lamaniten geheißen, im Süden
zurückblieben.

Die Lamaniten brachten durch ihres Herzens Härtigkeit und Bosheit
viele und schwere Heimsuchungen auf sich herab. Namentlich
verwandelte der Fluch Gottes ihre von Natur weiße Farbe in ein
schmutziges Roth. Sie waren Leute von roher und blutgieriger
Sinnesart und ihren Brüdern, den Nephiten so überaus aufsässig, daß
sie dieselben mehrmals in zahllosen Horden mit Krieg überzogen,
Angriffe, die jedoch allenthalben siegreich zurückgeschlagen wurden.

Die Nephiten waren in allen Stücken das Gegentheil dieses bösen
Volkes. Sie hatten in ihrem Besitze eine Abschrift des Gesetzes Moses
und der Propheten bis auf Jeremia, in dessen Tagen ihr Stammvater
Jerusalem verlassen hatte, und diese Ueberlieferungen aus dem Lande
ihrer Vorfahren, die auf Erztäfelchen gegraben waren, erhielten eine
Fortsetzung in anderen Tafeln, welche von den Weisen und Sehern der
Nation mit den Thaten ihrer Könige und Helden, sowie mit den
Gesichten, Wundern und Offenbarungen, deren Gott das fromme Volk
würdigte, gefüllt wurden. Und der Herr segnete sie mit Gedeihen, und
sie wuchsen und breiteten sich aus nach Osten, Westen und Norden,
bedeckten die Thäler und Ebenen mit Städten und Dörfern, Tempeln und
Burgen, erbauten alle Gattungen Getreide in Ueberfluß und zogen
zahlreiche Arten von Hausthieren. Sie kannten zugleich die Gewinnung
und den Gebrauch von Gold, Silber, Kupfer und Eisen. Künste und
Wissenschaften blühten unter ihnen, ja selbst einige Zweige der
Maschinenbaukunde waren ihnen bekannt. Die geistigen Interessen
wurden durch Propheten besorgt, die in die fernste Zukunft schauten
und nicht blos die Erscheinung des Messias im Fleische, sondern sogar
seine Wiederkunft und die Errichtung seines tausendjährigen Reiches
weissagten. Dessenungeachtet wichen auch die Nephiten endlich von den
Wegen des Herrn, verfielen in Sünden und Laster und tödteten die
Propheten, die sie davon abmahnten. Da ergrimmte der große Jehova
über sie und suchte sie mit schweren Strafen heim. Finsterniß sank
auf die Erde herab, ein grauenvolles Erdbeben wüthete von einem
Meeresstrande zum andern, Berge sanken zu Thälern ein, Thäler
schwollen zu Bergen, Seen flutheten an der Stelle verschlungener
Ortschaften, und der größte Theil der Nephiten und Lamaniten wurde
vernichtet. Die aber, welche diese furchtbare Katastrophe überlebten,
wurden mit einer persönlichen Erscheinung Christi, der kurz vorher in
Jerusalem gestorben, auferstanden und gen Himmel gefahren war,
begnadigt. Er zeigte ihnen Seitenwunde und Nägelmaale, predigte ihnen
das Evangelium, setzte die Sacramente ein, heilte Lahme und Blinde,
erweckte einen Todten und machte dem frommen Volke alle Dinge bis ans
Ende der Tage bekannt. Ein Theil seiner Reden und Thaten ist im Buche
Mormons zu lesen; der größere und wichtigere Theil derselben aber
wartet vorläufig noch der Uebertragung aus dem neuägyptischen
Originale.

Nachdem der Erlöser sein Werk in Amerika vollendet, stieg er wieder
(wer denkt bei diesem Auf und Ab nicht an die Papierdrachen, welche
unsere Knaben steigen und sinken lassen, wie und wenn sie wollen?) in
den Himmel. Die zwölf Jünger aber, die er gewählt, zogen durch das
Land, predigten allenthalben die frohe Botschaft, thaten Wunder und
bekehrten nicht blos alle bis dahin dem Gesetze Mosis unterthanen
Nephiten, sondern auch viele Lamaniten. Der dadurch hervorgerufene
gottselige Zustand des amerikanischen Volkes erhielt sich länger als
dreihundert Jahre in seiner Reinheit. Allmälig jedoch rissen wieder
Unglauben und Ungerechtigkeit ein, und gegen das Ende des vierten
Jahrhunderts der christlichen Aera hatte die Ruchlosigkeit einen
solchen Grad erreicht, daß die Langmuth des Herrn sich in strafenden
Zorn verwandelte. Ein schrecklicher Krieg brach zwischen den
Lamaniten im Süden und den jetzt nur noch in Nordamerika wohnenden
Nephiten aus, und dessen Ausgang war die beinahe gänzliche Ausrottung
der letzteren auf dem Berge Cumorah, wo sich der Rest der Nation in
einem meilenlangen Lager verschanzt hatte.

Unter den Ueberlebenden waren der Prophet Mormon und sein Sohn
Moroni, von denen der Erstgenannte einen Auszug aus den
Ueberlieferungen seiner Vorväter gemacht hatte, den er vor seinem
Tode dem Sohne zur Vollendung übergab, während jene Traditionen von
ihm auf Gottes Geheiß im Berge Cumorah verborgen wurden. Moroni
führte die Chronik seines Vaters noch einige Jahre fort, und wir
erfahren von ihm, daß die unversöhnlichen Lamaniten die wenigen von
den Kindern Nephi, welche jener Vertilgungsschlacht entronnen waren,
so lange verfolgten, bis das ganze Geschlecht, ihn ausgenommen,
vernichtet war. Er berichtet fernerhin, daß nach dem Untergange ihrer
Gegner die Lamaniten unter sich selbst in Streit geriethen, und daß
ganz Amerika lange Zeit nichts als ein großer Schauplatz von Gewalt,
Raub und Blutvergießen war. Er schließt endlich seine Geschichte im
Jahre 424 nach Christi Geburt, um die Platten, auf die sie
geschrieben, ebenfalls in den heiligen Berg zu vergraben.




Drittes Kapitel.

Die Mormonen in Missouri und Ohio. -- Zion im Westen. -- Verfolgungen in
Missouri und Triumphe in Illinois. -- Die Wunderstadt Nauvoo und ihr
Tempel. -- Die Ermordung des Propheten und der Auszug aus Aegypten.


Wir kehren nun zu der Geschichte Smiths und der von ihm am 6. April
1830 gegründeten neuen »Kirche« zurück. Dieselbe bestand anfänglich
nur aus dem Propheten selbst, seiner Frau, der Familie seines Vaters
und seinen Freunden Martin Harris und Oliver Cowdery. Nach dem
Sprichworte, daß ein Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt,
fanden sich in Manchester nur Wenige, die der Predigt von dem
erdentstiegenen Pseudoevangelium ein geneigtes Ohr leihen mochten.
Dagegen wurden in den Grafschaften Fayette und Colesville
Zweiggemeinden zu Stande gebracht. Trotzdem würde schwerlich etwas
Bedeutendes erreicht worden sein, wenn die Helfershelfer Smiths
nicht auswärts wichtigere Erfolge vorbereitet hätten.

Im August 1830 reiste (die Mormonen sagen: zufällig) ein
Campbelliten-Prediger aus Lorrain-County in Ohio auf dem Canale durch
Palmyra, hörte hier von der neuen Religion, besuchte den Propheten,
las das Buch Mormons und wurde zum Glauben an seine Echtheit bekehrt.
Dies war Parley Peter Pratt, später einer der beredtesten und
feurigsten Vertheidiger und einer der fruchtbarsten Hymnendichter des
Mormonenthums, jetzt Präsident seiner zahlreichen Gemeinden auf den
Inseln des Stillen Oceans. Bei seiner Rückkehr nach Ohio, wohin ihn
Cowdery begleitete, übergab er die »Goldne Bibel« dem in der
Nachbarschaft lehrenden Rigdon, der dadurch zu einer Reise nach
Manchester bewogen wurde, wo er sich nach einigem Sträuben
gleichfalls bekehren ließ und sofort zum Aeltesten, Oberpriester und
Schriftführer ernannt wurde. Heimgekehrt rief er unverzüglich seine
Gemeinde zusammen, trug ihr in einer zweistündigen Rede voll
glühender Begeisterung seine Erfahrungen im Staate Neuyork vor,
ermahnte, flehte, weinte Zähren des Kummers und der Wonne, fiel
einige Male in Ohnmacht, sah den Himmel offen und bewirkte durch
diese und ähnliche Mittel, daß der größte Theil der Versammelten sich
von ihm und Cowdery taufen ließ.

Um diese Vorgänge begreiflich zu finden, muß man wissen, daß Pratt
ein alter Bekannter Rigdons war, und sich erinnern, daß Letzterer
schon seit drei Jahren die buchstäbliche Deutung der biblischen
Weissagungen, die bevorstehende Sammlung des Hauses Israel zum
Empfange des wiederkommenden Messias, die Aufrichtung des
tausendjährigen Reiches und die Nothwendigkeit wunderbarer
Gnadengaben in einer Kirche, welche sich die rechte nenne, gelehrt
hatte. Man wird dann auch die zufällige Reise Pratts zu Smith für
eine verabredete, und das Sträuben Rigdons für ein blos scheinbares
halten dürfen. Vor allen Dingen aber erklärt sich daraus die Fülle
eigenthümlicher Dogmen, welche nun in der Form unmittelbarer
göttlicher Eingebungen im Kreise der Jünger Smiths auftauchten, ein
Conglomerat von Tollheiten, das später in dem zweiten großen
Religionsbuche der Secte, dem »Book of Doctrine and Covenants« dem
ersten an die Seite trat.

Die Zusammenkunft Rigdons und Smiths hatte im October 1830
stattgefunden. Im Januar des nächsten Jahres empfing der Letztere
eine Offenbarung, in welcher den Gemeinden im Osten geboten wurde,
nach der Stelle auszuwandern, welche, wie Rigdon schon längst erklärt
hatte, »sich an der Markscheide des Erbes der Heiligen befand,« ein
Erbtheil, welches sich von dort bis an das Stille Meer erstrecken
sollte. Der Prophet und die Seinen zogen in Folge dessen nach dem
Städtchen Kirtland in Nordohio, wo Pratt, Rigdon und Cowdery bereits
eine Gemeinde von einigen hundert Seelen beisammen hatten. Hier
entwickelte sich ein Schauspiel der seltsamsten Art, und eine Masse
Neugieriger strömte von allen Gegenden herbei, um Zeuge dieser
Vorgänge zu sein. Der Wahnsinn der methodistischen Lagerversammlungen
tobte hier in gesteigertem Grade. Verzückungen waren an der
Tagesordnung. Männer und Frauen fielen bei den öffentlichen
Versammlungen zu Boden, stöhnten, kreischten, wälzten sich zuckend
und zappelnd umher, wiesen gen Himmel, wo eine Wolke heiliger Zeugen
schwebte, sprachen in Zungen, namentlich in denen der Indianer, zu
deren Bekehrung sie aufbrechen zu müssen erklärten, fuhren wie
besessen zu den Thüren hinaus und wieder herein, fielen in Ohnmacht,
sprangen wieder auf, stellten sich predigend und singend auf Zäune
und Baumstümpfe und verkündeten den Anbruch des jüngsten Tages.
Einige hoben Steine auf und lasen auf ihnen sonderbar klingende
Inschriften, wo Andere bloßes Moos erblickten. Einigen fielen
plötzlich Pergamentrollen vom Himmel auf den Kopf, welche mit dem
Siegel Christi gesiegelt waren, und welche sie nicht so bald
abgeschrieben hatten, als sie wieder verschwanden. Die rasendste
Aufregung herrschte in ihren Zusammenkünften, jedes einzelne Mitglied
der Secte war durch diese »Ausgießung des heiligen Geistes« zum
Schauer und Offenbarer geworden.

Diese Allgemeinheit des Prophetenthums konnte als Zeugniß für die
Echtheit der neuen Religion gelten. Ihre Dauer jedoch war
begreiflicher Weise nicht nach Smiths Geschmack, der so nur =primus
inter pares= gewesen wäre. Er mußte den Brand, den er entzündet,
mäßigen, dem Eifer der Brüder und Schwestern Schranken setzen, und so
predigte er eines Tages, wie er eine Offenbarung empfangen habe, in
welcher Gott die Heiligen warne, sich der Gewalt, die über sie
gekommen, zu arglos hinzugeben, indem der Satan dabei die Hände im
Spiele habe und die Gaben des heiligen Geistes zu seinen Zwecken
verkehre. Verschiedene andere Offenbarungen folgten, von denen die
eine die Gläubigen anwies, den »Seher« mit allem Nöthigen zu
versorgen, da er nicht mehr für seinen Unterhalt weltliche Arbeit
thun solle, die andere einige aufsässige oder lässige Gemeindeglieder
tadelte, eine dritte endlich die Gabe des Schauens und Weissagens auf
»=Mr. Joseph Smith junior=« beschränkte. Er allein sollte fürderhin
das Vorrecht haben, mit Engeln zu verkehren, und ihm sollten Alle als
dem Dolmetsch der Befehle Jehova's gehorchen.

Dies geschah. Um sich aber für die Zukunft sicher zu stellen, und
einestheils dem Eifer der Schwärmer einen Abzugscanal zu schaffen,
anderntheils die einflußreichsten und ehrgeizigsten Mitglieder der
Secte auf eine Weile von sich zu entfernen, entwarf der schlaue
Prophet einen andern Plan. Im Juni 1831 hatte er eine weitere
Offenbarung, in welcher Gott die Aeltesten der Kirche anwies,
paarweise nach Westen zu wandern, auf dem Wege zu predigen und zu
einer bestimmten Zeit am Ufer des Missouri zusammenzutreffen, wo
Cowdery vorher das Land nach einer passenden Stelle zur Gründung der
zukünftigen Hauptstadt des Reiches Gottes auf Erden ausgekundschaftet
hatte.

Diese Stelle war in der Nähe des in der Grafschaft Jackson in
Westmissouri gelegenen Städtchens Independence. Sie war mit großer
Umsicht gewählt, und nicht völlig unglaubwürdig klang es, wenn der
Prophet verkündete, daß hier einst der Garten Eden und Adams Altar
gestanden. Bei Weitem herrlicher aber war die Aussicht, welche Smiths
Prophetengeist in die Zukunft dieses Neuen Jerusalems der Heiligen
eröffnete. Hier sollten sich einst alle Gläubigen anbauen, hier alle
Könige der Erde ihren Tribut entrichten, hier eine ungeheure Stadt
sich erheben, deren Straßen mit Gold und Edelsteinen gepflastert sein
sollten -- und was dergleichen Ueberschwänglichkeiten mehr sind.
Manche dieser Weissagungen würden sich, wie die Folge zeigen kann,
wenigstens annähernd erfüllt haben, wenn die Führer der Secte sich
nicht in den bereits hier wohnenden Hinterwäldlern verrechnet hätten
und nicht gleich Anfangs mit unmäßigen Ansprüchen aufgetreten wären.

Die Sendboten Smiths zogen, dreihundert an der Zahl, seinem Befehle
gehorsam nach Missouri. Das neue Zion wurde zu bauen begonnen, der
Grundstein zum Tempel gelegt, und bald hatten sich von Denen, die
unterwegs bekehrt worden waren, gegen zwölfhundert als Ansiedler in
Jackson County niedergelassen. Smith und Rigdon, die bei der
Grundsteinlegung zugegen gewesen waren, begaben sich bald nachher
nach Kirtland zurück, welches sie in Shinear umgetauft hatten. Hier
verbrachte der Prophet die Zeit bis zu Ende des Januar 1832 theils
mit Predigen und der Anfertigung neuer Offenbarungen, die Rigdon
stylisirte und Smiths Frau, Emma, »die auserwählte Dame«
niederschrieb, theils mit Arbeiten in seinem Kramladen und seiner
Mühle, theils mit der Leitung des Baus eines Tempels, der
vierzigtausend Dollars kostete und noch heute steht. Die Secte wuchs
noch immer, hatte jedoch schon jetzt mehrere Abtrünnige, die sich
dann gewöhnlich in erbitterte Verfolger verwandelten. Von einer Rotte
derartiger Bursche, die von dem Campbelliten-Prediger Rider angeführt
war, wurden Smith und Rigdon, als sie in dem Dörfchen Hiram sich
aufhielten, in der Nacht vom 25. bis 26. Januar überfallen, aus den
Betten gerissen und so grausam getheert und gefedert, daß es Joseph
gerathen fand, sich auf einige Monate zu den Brüdern in Missouri zu
flüchten. Hier wurde er anfänglich mit allen Ehren empfangen, später
jedoch monarchischer Gelüste bezüchtigt, eine Anklage, welcher er,
als sie zu einer Spaltung zu führen drohte, unter dem 18. März 1833
von Kirtland aus mit einer Offenbarung entgegentrat, in der ihm
Jehova gebot, »seinen Knecht Rigdon« und einen gewissen Williams
durch Handauflegung zu »gleicher Macht und Würde mit ihm im Amte der
Schlüssel zu Gottes letztem Königreiche« zu erheben. Diese
Nachgiebigkeit stellte die Ruhe wieder her, und beide Niederlassungen
fuhren fort zu blühen.

Um die Mitte des Jahres 1833 waren die Mormonen in Missouri durch
Zuwanderungen aus dem Osten auf mehr als dreitausend Seelen
angewachsen. Sie hatten mehrere Fabriken und Mühlen errichtet und
besaßen in Independence ein gemeinschaftliches Magazin, »der Speicher
des Herrn« genannt, sowie eine Zeitung, den »Evening and Morning
Star.« An ihrer Spitze standen der Bischof Partridge und Elder
Phelps, der Redacteur des ebengenannten Blattes. Es schien, als müßte
Zion gedeihen, als sich plötzlich unter den Bewohnern von
Jackson-County Demonstrationen feindseliger Natur vorzubereiten
begannen. Das Volk hielt mehrere Versammlungen, in denen die Mormonen
verschiedener Verbrechen angeklagt wurden, und in deren letzter man
den Beschluß faßte, hinfort keinem Mitgliede der Secte die
Niederlassung in der Grafschaft zu gestatten, von den darin bereits
Angesessenen den Abzug binnen bestimmter Frist zu fordern, die
unverzügliche Schließung der Arbeit in ihrem Magazine und ihren
Fabriken zu bewirken und der Herausgabe der Zeitung ein Ende zu
machen.

Wieviel von jenen Anklagen Wahrheit, wieviel Eingebung der Misgunst
war, muß dahin gestellt bleiben. Daß die Mormonen unvorsichtig
geprahlt haben mögen, das ganze Land sei ihnen von ihrem Jehova
beschieden, scheint ausgemacht. Daß sich viele räudige Schafe unter
der Heerde befanden, litte auch dann keinen Zweifel, wenn der Prophet
sie nicht ausdrücklich in mehreren Offenbarungen getadelt hätte.
Ebenso wahr jedoch ist, daß die Bevölkerung von Missouri den Jüngern
Smiths schon deshalb, weil sie meist Yankees waren und mehr noch
deshalb nicht wohl wollte, weil sie keine Sclaven hielten. Ebenso
wahr ferner, daß Prediger, denen bei dem reißenden Zulaufe zu der
Secte um ihre Gemeinden, das heißt, um ihren Brotkorb bange wurde,
diese Abneigung zum Hasse schürten. Ebenso wahr endlich, daß die
Hinterwäldler des westlichen Grenzlandes, »dieser Schaum, den die
schwellenden Wogen der Zivilisation hierher gespült,« ungemein wenig
Ursache hatten, über etwaige Viehdiebstähle und sonstige
Ungehörigkeiten als über etwas unter ihnen Unerhörtes die Entrüsteten
zu spielen. Das Schlimmste aber war, daß man, als die Mormonen der am
20. Juli an sie ergangenen Aufforderung nicht gleich Folge leisteten,
zu Gewaltmaßregeln schritt und ihre Druckerei zerstörte, sowie den
Bischof Partridge theerte und aus seinen eigenen zerschnittenen
Betten federte.

Nach diesem Vorfalle verstanden sich die Führer der Secte dazu, zu
Anfang des folgenden Jahres mit den Ihrigen die Grafschaft zu
verlassen, und hiermit erklärten sich die Verfolger zufrieden. Als
aber gegen Ende des October verlautete, die Mormonen dächten nicht
mehr an Erfüllung ihres Versprechens, brach ein neuer Sturm gegen die
»Heiligen« los. Der Pöbel von Jackson-County rottete sich zusammen,
prügelte, theerte und federte mehrere Mitglieder der Secte, warf
ihnen die Fenster ein und plünderte den »Speicher des Herrn« aus. Die
Mormonen griffen nun zu den Waffen, und es erfolgte ein Zusammenstoß,
bei welchem zwei von der Partei der Angreifer erschossen wurden. Dies
rief eine ungeheure Aufregung im Lande hervor, und die Mehrzahl der
Secte machte sich sofort zum Abzuge nach der jenseit des Missouri
gelegenen Grafschaft Clay auf, wo das Städtchen Liberty ihr
Hauptquartier wurde, und wo ihnen im Juni 1834 der Prophet an der
Spitze des »Heeres von Zion«, einer wohlbewaffneten Leibwache von
hundertfünfzig Aeltesten und Priestern, einen kurzen Besuch
abstattete.

Die obersten Behörden des Staates und alle Freunde der Gesetzlichkeit
waren empört über diesen Sieg des Pöbels und forderten die Mormonen
auf, bei den Gerichten um Schadloshaltung einzukommen. Es wurde ein
Proceß anhängig gemacht, allein die Stimmung der niedern Classen war
den Heiligen so ungünstig, daß der Attorney-General selbst den Rath
ertheilte, die Klage fallen zu lassen -- in der That ein trauriges
Zeugniß für die Rechtsunsicherheit in der vielgepriesenen
Musterrepublik.

Jenseit des Missouri schienen die Verhältnisse der Latter-Day-Saints
sich anfänglich befriedigender gestalten zu wollen, und bald waren
weite Strecken der dortigen Wildniß in Felder und Fluren verwandelt.
In Kirtland wurde im Jahre 1835 eine Theologenschule eröffnet, an
welcher mehrere hundert Aelteste Unterricht namentlich im Hebräischen
empfingen. Im Frühling des folgenden Jahres kamen einige dieser
Herren mit zahlreichen Schaaren von Gläubigen nach Clay-County, und
dieses Herzuströmen der Mormonen in Masse, sowie die treffliche
Organisation der Secte, die sie stets planvoll und gemeinsam handeln
und dadurch rasche Erfolge erzielen ließ, erweckte den Argwohn des
Volkes auch hier. Man trat zu Versammlungen zusammen, wählte
Ausschüsse und bewirkte durch Zureden, daß die Mormonen nach den
benachbarten Grafschaften Davies, Caldwell und Carroll auswanderten.
Hier wußten sie, in der Hoffnung, ferner nicht mehr gestört und
vertrieben zu werden, mit ihrer rührigen, regsamen Weise und ihrem
fast immer gut rechnenden Verstande sich's bald bequem zu machen. Wo
das Jahr zuvor nur der unstete Jäger gehaust und der Urwald
gerauscht, erhoben sich mit Maisfeldern und Mühlen, Werkstätten und
Speichern die Städtchen Dewitt, Far West und (an der Stelle, wo der
Erste der Menschen, einer Offenbarung Smiths zufolge, einst seine
Kinder gesegnet) Adam-On-Diahman, und im Frühling 1837 war die Zahl
der Gläubigen in Missouri bereits auf zwölftausend gestiegen.

Aber die Kirche war fortwährend von Zwistigkeiten zerrissen.
Ehrgeizige Heuchler mischten sich in ihr mit ehrlichen Bethörten, ja
selbst entschiedene Schurken und Verbrecher suchten in ihrer Mitte
eine Zuflucht und einen neuen Wirkungskreis. Ein Theil der Brüder
machte falsches Geld. Die Mehrzahl widersetzte sich dem, aber nicht
eher wurden die Uebelthäter verjagt, als bis Smith selbst, der jetzt
auf immer nach dem Westen kam, sich ins Mittel schlug.

Auch über Shinear-Kirtland nämlich war Unglück hereingebrochen. Die
Yankeenatur des Propheten und seiner Freunde hatte ihn bewogen, ein
Bankgeschäft zu errichten, das auf den nach einer Offenbarung den
Mitgliedern der Secte auferlegten Zehnten von allem ihrem Besitze
gegründet war. Diese Bank hatte, trotzdem daß ihr die gesetzlich
erforderte Bestätigung vorenthalten wurde, Noten ausgegeben,
beträchtliche Summen ausgeliehen, noch beträchtlichere aufgenommen
u. s. w. Das war eine Weile trotz der ziemlich unbesonnenen
Verwaltung des Geschäfts ganz leidlich gegangen. Aber plötzlich
wendete sich das Blatt. Die Bank mußte ihre Zahlungen einstellen, die
Gläubiger machten einen Proceß wegen Schwindelei anhängig, und Smith
und Rigdon mußten, um dem Sheriff und seinem Verhaftsbefehle, ja
vielleicht dem Zuchthause in Columbus zu entgehen, sich bei Nacht und
Nebel aus dem Staate flüchten.

Sie gingen nach Zion in Missouri, wo es Smith sehr bald gelang, die
etwas gelockerte Disciplin unter den Heiligen wiederherzustellen, wo
aber andrerseits seine und noch mehr Rigdons Predigten dazu
beitrugen, die Entladung des Gewitters, das auch hier über den
Häuptern der Secte hing, zu beschleunigen. Lauter nämlich wie je
vorher wurde jetzt verkündigt, daß der ganze Westen den Mormonen
dereinst als Erbtheil zufallen und daß der Herr ihre Feinde durch das
Schwert vertilgen und alle »Heiden«, d. h. alle Unbekehrten von dort
vertreiben werde. Mancher Mormone mochte dadurch zu der Ansicht
kommen, daß das Eigenthum Nichtgläubiger schon jetzt eigentlich den
Kindern Zions gehöre und daß folglich eine Entfremdung desselben nur
eine Vorausnahme der Zukunft, nur eine Herstellung des richtigen
Verhältnisses der Dinge, nur eine Erhebung der schlechten
Wirklichkeit in die wahre sei. So mögen hin und wieder Kuh- und
Pferdediebstähle vorgekommen sein. Dazu kam der Umstand, daß die
goldne Bibel die Indianer von den Hebräern abstammen und sie bei
ihrer nahebevorstehenden Bekehrung ihre Wiedereinsetzung in ihren
Besitz als Ureinwohner des Landes hoffen ließ, woraus die Missourier,
von denen viele mit ihrem Blute den Rothhäuten ihren Grund und Boden
bezahlt hatten, den erklärlichen, wenn auch nicht sehr logischen
Schluß zogen, die Jünger Smiths hätten ein Bündniß mit den Wilden im
Sinne, um einen Vernichtungskrieg gegen sie zu beginnen. Man sieht,
es waren hier wie dort Misverständnisse. Alle Beschwerden auf Seiten
der Gegner des Mormonenthums aber begleitete unzweifelhaft der Neid,
der den Heiligen die Errungenschaften ihres Fleißes nicht gönnte, und
die Habgier, welche dieselben gern ohne Kaufschilling an sich
gebracht hätte.

Im Sommer 1838 kam es bei Gelegenheit einer Wahl von Beamten in
Caldwell-County, wo man die Mormonen nicht stimmen lassen wollte,
zu Thätlichkeiten zwischen den feindlichen Parteien. Es erfolgten
mehrere Verwundungen, und einer der Heiligen wurde erstochen. Im
Herbste nahmen die hierauf sich entspinnenden gegenseitigen
Neckereien den Charakter ernstlicher Feindseligkeiten an. Eine aus
den eifrigsten Jüngern Smiths gebildete Schaar, Daniten oder
Würgengel genannt, verbrannte die Ortschaften Gallatin und
Millport, wogegen die Antimormonen, unter dem Oberbefehle des
Methodistenpredigers Bogard, der später wegen Mordes nach Texas
flüchtete, mehrere Farmen der Heiligen beraubten und zerstörten.
Endlich griff ein Haufe Mormonen eine Milizcompagnie, die von dem
Anführer im Dunkel der Nacht für eine Rotte Pöbel gehalten wurde,
mit Flintenschüssen an, und diese mußte sich mit Verlust mehrerer
Todten zurückziehen.

Damit war der Bürgerkrieg im Kleinen da. Der Gouverneur Boggs rief
die Miliz des Staates Missouri zu den Waffen, um den Ruhestörungen
ein Ende zu machen. Diese Landwehr war vom brennendsten Hasse gegen
die fanatische Secte erfüllt, und so war ihre nächste Waffenthat, daß
sie in einem Blockhause bei Hauns Mill vierundzwanzig wehrlose und
unschuldige Mormonen, meist Frauen, Greise und Kinder, mit kaltem
Blute niederschoß. Einige Tage nachher erschienen die Generale Clark
und Lucas mit 3500 Mann vor Far West. Beim Anblicke dieser offenbaren
Uebermacht ergaben sich die Heiligen, die damals 1100 Streiter
zählten, legten ihre Waffen nieder und lieferten auf Verlangen sechs
ihrer Führer, darunter den Propheten, zur Bestrafung aus. Diese
wurden nur durch das Dazwischentreten des Generals Doniphan vor dem
Erschießen bewahrt, in's Gefängniß gebracht, um unter der Anklage des
Hochverraths, des Mordes und der Brandstiftung vor Gericht gestellt
zu werden. Die große Masse des unseligen Volkes aber mußte mit ihrem
gesammten Eigenthume die Kriegskosten bezahlen, und mitleidlos
trieben die Vollstrecker der Befehle des mindestens nicht
unparteiischen Gouverneurs die Armen mit Weib und Kind mitten im
November über die Grenzen des Staates auf die öden Prairien von Iowa,
wo Massen von ihnen durch Kälte, Hunger und Krankheit den Tod fanden.

Das war eine schwere Heimsuchung. Aber ihr folgte eine Glanzperiode,
deren man eine Secte von so gemeinem Ursprunge und so gemischtem
Wesen nicht fähig halten sollte. Die Exulanten wurden von dem
Nachbarstaate Illinois freundlich aufgenommen, und nachdem sie sich
hier in Quincy und dessen Umgebung einige Wochen aufgehalten, wählten
sie, von =Dr.= Gallant auf diesen gut gelegenen Punkt aufmerksam
gemacht, das Städtchen Commerce zum bleibenden Aufenthalte, welches
sie in Nauvoo -- das heißt auf neuägyptisch »die Schöne« --
umtauften. Diese neue »ewige Wohnung« der Heiligen vom jüngsten Tage
lag in Hancock-County auf einem Hügelvorsprunge am Mississippi, nicht
weit vor den Des Moines-Wasserschnellen, am Rande einer prachtvollen,
wellenförmigen Prairie, die durch den Fleiß der Ankömmlinge rasch in
reichtragende Felder verwandelt wurde. Commerce war ein Haufe elender
schmuziger Blockhütten gewesen, Nauvoo war schon nach Verlauf von
drei Jahren die größte und schönste Stadt in Illinois.

Smith und die anderen Führer der Secte, welche mit ihm in's Gefängniß
gebracht worden waren, benutzten den 4. Juli, wo ihre Wächter den
Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung durch allzureichlichen Genuß
geistiger Getränke gefeiert hatten, zur Flucht über die Grenze. Bei
den Ihrigen eingetroffen, wußten sie zu bewirken, daß die
Gesetzgebung von Illinois den Mormonen außergewöhnliche Vorrechte zur
Förderung ihrer Colonie gewährte, und mit diesen versehen, wuchs
dieselbe mit unerhörter Schnelligkeit. Rasch entstanden Straßen und
Plätze, Häuser und Blumengärten. Die benachbarten Sümpfe, welche
Anfangs tödtliche Fieberluft aushauchten, wurden durch großartige
Drainirungsanstalten entwässert. Meilenweit in's Land hinein sah man
auf eingezäunten Aeckern Mais und Weizen reifen, während die Prairie
herrliches Viehfutter gewährte. Kaufleute eröffneten Läden mit den
Erzeugnissen des Ostens, welche die Dampfboote auf dem Strome
herzuführten. Eine Freimaurerhalle und ein Concerthaus, eine
Universität und ein großer Gasthof, zu dessen Wirthe Jehova in einer
feierlichen Offenbarung vom 19. Januar 1841 den Propheten selbst
bestimmte, wurden erbaut. Einer Gesellschaft, zur Betreibung der
Landwirthschaft im Großen wurde Concession ertheilt, und als die
Mormonen eine Legion zur Vertheidigung ihrer Niederlassung
errichteten, lieferte ihnen der Staat die Waffen dazu.

Die Krone des Ganzen aber versprach der Tempel zu werden, zu welchem
am 6. April 1841 der Grundstein gelegt wurde. Das Modell dazu hatte
der Prophet von einem Engel empfangen. Die Ausführung mußte einem
»heidnischen,« d. h. einem ungläubigen Baumeister übertragen werden,
welcher, als Smith ihm den »Bauplan des Herrn« beschrieb, anfänglich
Schwierigkeiten machte, sich aber schließlich einverstanden erklärte.
Smith hatte erkannt, daß ein solches Centralheiligthum ein gutes
Bindemittel sein werde, und so wurde seine Errichtung in allen
auswärtigen Gemeinden als religiöse Pflicht gepredigt. Die Kosten des
Werkes, welches nach seiner Vollendung gleichsam als versteinertes
Charakterbild der wunderlichen und doch zugleich imposanten Secte,
die es geschaffen, die Stadt überragte, beliefen sich auf mehr als
eine halbe Million Dollars, ungerechnet die Arbeitstage, womit
unvermögende Mormonen ihren Beitrag abgezahlt hatten. Es war ein
hundertachtundzwanzig Fuß langes, achtzig Fuß breites und sechzig Fuß
hohes Viereck, dessen flaches Dach auf dreißig Pfeilern von
eigenthümlicher Structur ruhte. Die Basis war ein Halbmond, und die
Kapitäler bestanden aus einem strahlenumkränzten Menschenantlitze,
über dem zwei Hände zwei Posaunen hielten. Zwischen diesen Pfeilern
liefen um das Viereck vier Reihen Fenster, zwei im Rundbogenstyle und
zwei kreisrunde. Drei Thüren, zu denen man auf je vier Stufen
emporstieg, führten ins Innere, und über dem Ganzen erhob sich ein
hundertfunfzig Fuß hoher Thurm. Ein gewaltiges Marmorbassin, getragen
von zwölf kolossalen Stieren, sollte im Erdgeschoß als Taufbecken
dienen. Das Material des ganzen, mit Ausnahme des Thurms, nicht
unschönen Bauwerks war weißer Kalkstein.

Und wie der Tempel und die Stadt des Mormonengottes, so wuchs auch
sein Reich und die Zahl seiner Anbeter. Wie ein Magnet wirkte »Mormon
Joe« trotz der Streitschriften, womit die Geistlichkeit aller Secten
ihn bekämpfte, bis über das Meer hinüber. Alle Jahre wurden zweimal
Generalconferenzen abgehalten, in welchen Missionaire für Europa,
Afrika und Asien gewählt wurden. Bei einer Conferenz wurden deren
mehrere Hunderte hinausgesendet, und obwohl sie sich binnen drei
Tagen zur Abreise »ohne Beutel und Stab« bereit zu machen hatten und
nicht selten Jahre lang von Familie und Geschäft entfernt blieben,
trat nie der Fall ein, daß einer sich dem »Auftrag aus der Höhe« zu
folgen geweigert hätte. Die zwölf Apostel Smiths, denen die
Beaufsichtigung der fremden Gemeinden oblag, fanden fast allenthalben
die Arbeit dieser Prediger mit Erfolg belohnt, und nicht allzusehr
übertrieben scheint es, wenn die Mormonen sich im Jahre 1843 rühmten,
allein innerhalb der Vereinigten Staaten an hunderttausend Bekenner
ihres Glaubens zu haben. Nicht weniger verbreitet war die Lehre
Smiths in Großbritannien, wo die Apostel Young, Parley Peter Pratt
und Heber Kimball namentlich in den Manufacturdistricten Englands
sowie in Schottland, vor Allem aber unter der unwissenden
Landbevölkerung von Wales großen Anhang gewonnen, und durch
Ueberreichung des Buchs Mormons an die Königin sogar bei Hofe
Proselyten zu machen versucht hatten. Der außerordentlich thätige,
sprachenkundige Apostel Taylor ging nach Jerusalem, um die dortigen
Juden zu bekehren. Andere schifften nach den britischen Besitzungen
in Ostindien und Australien, noch Andere sogar nach den Inseln der
Südsee, wo ihnen die Eingeborenen in Masse zufielen. Männer, die in
Amerika für Gelehrte gelten konnten und allenthalben für ziemlich
geschickte Sophisten angesehen werden dürften, vertheidigten die sich
jetzt immer mehr mit mystischen Doctrinen füllenden Katechismen des
Mormonenthums. Vier Zeitungen, wovon eine in England erschien,
stritten für die geistlichen und weltlichen Angelegenheiten der
Secte. Die Verhältnisse in Nauvoo ordneten sich von Tage zu Tage
besser, und von einem baldigen Erlöschen des Trugbildes, welches wie
ein ungeheures Irrlicht alle unklaren Köpfe im Bereiche des
anglo-sächsischen Lebens in seinen Sumpf lockte, konnte nicht mehr
die Rede sein.

Die Mormonen gestatteten auch Nichtgläubigen die Niederlassung in
Nauvoo, und die glänzenden Aussichten, welche die Stadt hatte,
führten viele tüchtige Kräfte dahin. Allein die Einwanderung
beschränkte sich nicht auf diese. Pferdediebe und Falschmünzer,
Räuber und Betrüger aller Art flüchteten unter die Fittiche der neuen
Colonie, deren Behörden, wenn sie sich zur Taufe bequemten und den
Zehnten zahlten, nicht sehr nach der Vergangenheit solcher Neophyten
fragten. Auch Speculanten auf Baustellen in der Stadt stellten sich
ein; da dieselben jedoch weder von der Taufe, noch von dem Zehnten
etwas wissen wollten, so wurden sie schnell misliebig und die Herren
vom Rathe fanden Mittel, sich ihrer zu entledigen. Man bot ihnen eine
genügende Summe für ihren Grundbesitz, und gingen sie darauf nicht
ein, so wurden sie »fortgeschnitzelt«. Drei Mann bekamen den Auftrag,
sich gegen eine Geldvergütung für die aufgewendete Zeit mit einem
Stuhle, einem Taschenmesser und einem Stöckchen versehen, vor das
Haus des Hartnäckigen zu verfügen, sich niederzusetzen und in
bekannter Yankeemanier ihr Schnitzeln zu beginnen. Kam der
Betreffende aus der Thür, so starrten die Schnitzler ihn an, sagten
aber kein Wort. Ging er auf den Markt, so folgten sie ihm, sprachlos
weiter schnitzelnd. Er mochte sie auslachen, mochte schimpfen,
drohen, fluchen, es wurde durchaus keine Notiz davon genommen. Die
Straßenjugend sammelte sich und erfüllte die Luft mit Geschrei und
Gelächter, die Schnitzler kümmerte auch das nicht. Sie arbeiteten mit
einer Andacht fort, als ob sie dem lieben Gott seine Sterne zu
schnitzeln hätten. Ihr stierer Blick folgte dem Unseligen vom Morgen
bis zum sinkenden Abend. Kehrte er heim, so setzten sie sich gelassen
wieder vor seine Fenster und schnitzelten. Bei einem Beispiele soll
die menschliche Natur ganze drei Tage diese sonderbare Tortur
ausgehalten haben. In den meisten Fällen jedoch wurde das Opfer weit
eher mürbe. Es verkaufte dann sein Hab und Gut für den angebotenen
Preis und eilte, der aus dem Anblicke der Schnitzmesser
hervordrohenden Verrücktheit zu entfliehen.

Weniger friedsamer Natur waren die Mittel, deren man sich gegen eine
aus abgefallenen Mitgliedern der Secte entstandene Partei bediente,
und jetzt stehen wir vor dem großen Wendepunkte in der Geschichte des
Propheten und seiner Secte. Smith hatte den Gipfel seiner Macht
erreicht. Er war von der Stadt Nauvoo zu ihrem Mayor, von der Legion
zum General ernannt worden. Alle Klagen, die gegen ihn anhängig
gemacht wurden, fielen bei den Geschworenen durch. Er »hielt die
Schlüssel zum Himmelreiche in der Hand,« und sein Wort war auch in
irdischen Dingen Gesetz. Im Mai 1844 hatte er sogar die Kühnheit, mit
Veröffentlichung eines politischen Glaubensbekenntnisses, worin er
unter Anderm sich für Errichtung einer Nationalbank, für Verminderung
der Beamten und der Congreßmitglieder, für Aufhebung der Strafen
wegen Desertion in Heer und Flotte, und für Entlassung aller in den
Zuchthäusern verwahrten Verbrecher (die durch Liebe und Weckung ihres
Ehrgefühls gebessert werden sollten) aussprach, neben Clay, Calhoun
und Benton als Bewerber um die Präsidentschaft der Vereinigten
Staaten aufzutreten. Es geschah dies lediglich zur Augenweide der
Seinen, wiewohl die Mormonen behaupten, der Prophet würde
unzweifelhaft bei der nächsten Wahl gesiegt haben, wenn er sie erlebt
hätte.

Die Ereignisse schnitten die Gelegenheit zu einer nochmaligen
Bewerbung ab. Unerwartet zogen sich dunkle Wolken über dem Haupte des
Himmelsstürmers zusammen. Die Nachbarn in Hancock-County begannen
sich zu beschweren, daß die Bewohner von Nauvoo sich an ihrem Vieh
vergriffen, und daß gegen die Diebe bei den Behörden der Stadt kein
Recht zu erlangen sei. Die Zeitungen von Illinois sprachen von einer
Verschwörung, durch welche die Mormonen die Verfassung umzustoßen und
an ihre Stelle eine Priesterschaft einzusetzen beabsichtigten.
Gerüchte verbreiteten sich, daß Joseph Smith und einige andere von
den Leitern der Secte in sogenannter »geistlicher Ehe« ein Leben voll
Unzucht und Ausschweifung führten. Die letztere Beschuldigung wurde
vorzüglich von der bereits erwähnten Partei in Nauvoo selbst erhoben.
Mehrere einflußreiche und talentvolle Mormonen, die sich entweder in
der Heiligkeit des Propheten oder -- und das war wohl der häufigere
Fall -- in der Hoffnung, durch ihn zu Macht und Vermögen zu gelangen,
getäuscht sahen, verließen seine Fahne und begannen ihn öffentlich
als Wollüstling, Trunkenbold und hochmüthigen Tyrannen darzustellen.
Eine gewisse Miß Brotherton klagte, er und Brigham Young haben sie
unter dem Vorgeben, Gott habe sie Joseph zur zweiten Frau gegeben,
verführen wollen. Smith griff diese Gegner in seiner Zeitung »The
Wasp« mit dem Stachel bittersten Hasses an. Die Abtrünnigen, geführt
von einem gewissen =Dr.= Foster, auf dessen Frau der Prophet es
gleichfalls abgesehen haben sollte, fuhren dagegen in dem »Nauvoo
Expositor« eine Gegenbatterie auf. Dieses Blatt bewarf in seiner
ersten Nummer das Haupt der Kirche mit einer solchen Masse Schmuz,
daß der Stadtrath dagegen einschreiten zu müssen glaubte. Elf
Mitglieder von zwölfen erklärten den Expositor für eine Schmach von
Nauvoo, und nicht zufrieden damit, begab man sich unverweilt nach der
Druckerei des Blattes, zerstörte die Pressen, verstreute die Typen in
die Straße und verbrannte die vorgefundenen Exemplare der Auflage.
Smith und sein Bruder Hyrum ließen sich von ihrem Verdrusse über die
Enthüllungen Fosters verleiten, die von dieser Gewaltthat
Zurückkehrenden zu beloben und ihnen sogar Belohnung zu verheißen.
Foster und seine Partei dagegen suchten gerichtliche Hilfe nach, und
es erging ein Verhaftsbefehl gegen die Tumultuanten. Allein dieselben
wurden durch ein sogenanntes Habeascorpus sogleich in Freiheit
gesetzt. Der mit Ausführung des Verhaftsbefehls beauftragte Beamte
wendete sich nun, von der Stadtbehörde zurückgewiesen, an die
Grafschaftsbehörde und erschien im Auftrage dieser mit bewaffneter
Macht, um die Verhaftung der Schuldigen zu bewirken, aber das Volk
von Nauvoo rottete sich zusammen und verhinderte ihn an seiner
Absicht. Als darauf die Miliz zusammenberufen wurde, um das Ansehen
der Gesetze gegen die Anmaßung der Mormonen zu vertheidigen,
antwortete Smith in seiner Eigenschaft als Mayor und General damit,
daß er die Stadt in Belagerungszustand erklärte.

Damit war die Angelegenheit auf einen Punkt gediehen, wo der Trotz
der Mormonen biegen oder brechen mußte. Der Gouverneur von Illinois
erschien in Carthage, dem Sitze der Grafschaftsbehörden, und forderte
Smith, indem er ihm Sicherheit seiner Person verbürgte, auf, vor ihm
zu erscheinen, um sich zu verantworten. Der Prophet schickte, statt
selbst zu kommen, zwei Gesandte, Taylor und Bernhisel, um mit Ford zu
verhandeln. Dieser, damit nicht zufrieden, beorderte drei Compagnien
Miliz unter einem Obersten nach Nauvoo, um den Propheten nebst seinem
Bruder, dem »Patriarchen« ins Gefängniß zu bringen. Darauf flüchteten
die Beiden über den Mississippi nach Iowa, kehrten indeß, da der
Stadtrath es für das Beste erklärte, sich zu unterwerfen, und da
überdies eine Freisprechung zu hoffen war, zurück und brachen nach
Carthage auf. Auf dem Wege dahin begegneten sie Abgesandten des
Gouverneurs, welche den Auftrag hatten, die Legion von Nauvoo zur
Niederlegung der Waffen aufzufordern. Sie gingen mit diesen nach der
Stadt zurück und bewirkten, daß man dem Befehle nachkam. Hierauf
begaben sie sich nach Carthage, wo sie nebst zweien von den Aposteln,
Richards und Taylor, ins Gefängniß gebracht wurden, um dort die
Entscheidung der gegen sie erhobenen Anklage zu erwarten. Ford
glaubte damit vorläufig die Sache beigelegt zu haben. Er entließ die
Mehrzahl der zusammengezogenen Truppen, verfügte sich nach Nauvoo,
ermahnte hier die Mormonen, sich ruhig zu verhalten, da allen
Parteien Gerechtigkeit geschehen sollte, und begab sich dann nach
Carthage zurück.

Auf dem Wege begegnete ihm ein Eilbote, der ihm meldete, daß während
seiner Abwesenheit der Pöbel das Gefängniß von Carthage gestürmt, die
Wache überwältigt, und den Propheten nebst seinem Bruder erschossen
habe. Dies war am Nachmittag des 27. Juni geschehen. Ford
befürchtete, die Mormonen würden sofort in Masse aufbrechen, um den
Mord ihres Propheten zu rächen, und rieth den Bewohnern von Carthage,
den Ort zu verlassen, während er selbst sich, um das Weitere zu
erwarten, nach Quincy verfügte, und nur ein schwaches Detachement
Miliz unter General Denning in Carthage zurückblieb.

So endete die Laufbahn eines Mannes, dessen wahre Biographie noch zu
schreiben ist und vielleicht nie geschrieben werden wird. Seinen
Verehrern ist er der große Märtyrer des neunzehnten Jahrhunderts,
seinen Gegnern ein Schurke der schwärzesten Art, dem nur allzu spät
zu Theil ward, was ihm gebührte. Daß er ungewöhnliche Talente besaß,
wird Niemand leugnen können. Aus allen seinen Maßregeln leuchtet eine
tiefe Kenntniß der Menschen und Verhältnisse hervor. Der Muth und die
Ausdauer, die er inmitten unablässiger Verfolgungen entwickelte,
waren der besten Sache würdig. Wenige verstanden so gut zu
organisiren. Wenige wußten so geschickt wie er mit Geistern
umzugehen, die im Genusse der unbeschränktesten Freiheit aufgewachsen
waren. Wenige nur möchten sich finden, die der Aufgabe gewachsen
wären, ein Gemisch der widersprechendsten, allenthalben mit unreinen
Trieben durchdrungenen, in irdischen Dingen von Selbstsucht, in
himmlischen von wilder Phantasie bewegten Elemente in dem Grade zu
bändigen und zu leiten, daß dieses Chaos Resultate gebäre, wie das
Mormonenreich und seine Hauptstadt Nauvoo.

Viele von den Zügen in seinem Charakter sind für ein europäisches
Auge nahezu unbegreiflich. Ein Prophet in Frack und weißer Ballweste,
der sein Evangelium mit Gassenhauern und Witzen der Straße würzt und
Reden in der Sprache der Lastträger mit Citaten aus den Classikern
durchflicht, gehört in's Reich der Möglichkeit, wird aber immerhin zu
den seltnen Erscheinungen zählen. Ein Mann, der neben den Pflichten,
die ihm sein Amt als oberster Priester, als Offenbarer göttlicher
Geheimnisse, als Pförtner an der Thür des Himmelreichs auferlegt,
auch noch Zeit findet, die Geschäfte eines Bankdirectors, eines
Bürgermeisters, eines Generals und eines Hotelwirths zu besorgen,
steht unserm Gefühle nach an der Grenze des Wahrscheinlichen und
schon eine Strecke jenseit derselben. Wenn aber Mormonen selbst die
folgenden Anekdoten von ihrem Propheten erzählen, so weiß man in der
That nicht, ob neben dem Geiste Mohamed's nicht auch ein gutes Stück
des seligen Eulenspiegel in ihm wiederaufgelebt war. Mehrmals nämlich
geschah es, daß Joseph plötzlich die Maske des Gottgesandten fallen
ließ, auf öffentlicher Straße einen Neubekehrten zum Ringkampfe
herausforderte und den verblüfften Heiligen nicht eher von dannen
ließ, bis er ihn seiner ganzen Länge nach auf den Boden hingelegt und
dadurch den Beweis geführt hatte, daß der Ruf athletischer Kraft, in
dem er stand, nicht gelogen habe. Mehrmals auch kam es vor, daß von
Neulingen, die sich bei dem Propheten meldeten, all ihr Geld als
Darlehen für den Tempelbau verlangt und dann nicht die mindeste Notiz
mehr von ihnen genommen wurde, sodaß der Arme genöthigt war, sich als
Tagelöhner mit Schaufel und Axt sein Brot zu verdienen. Hielt er
diese Prüfung seiner Treue einige Monate aus, so wurde er eines Tages
plötzlich zum Propheten berufen, und dieser verlieh ihm ein
entsprechendes Stück Land nebst den Mitteln, es sich darauf bequem zu
machen.

Die Mehrzahl der Mormonen war auf die Nachricht von Smith's Ermordung
für sofortige Eröffnung des Vertilgungskriegs gegen die »Heiden«.
Dumpf rollte die Lärmtrommel durch die Straßen, allenthalben
sammelten sich drohende Gesichter, selbst die Weiber riefen zur Rache
auf. Die Führer aber wußten das Volk für den ersten Tag zu
beschwichtigen, um ihm am nächsten, wo die Hitze sich durch
Ueberlegung gemäßigt, zu beweisen, daß man nicht stark genug sei, um
das Schwert der Strafe selbst zu schwingen, und so begnügte man sich
mit der Hoffnung, daß die Zeit nahe sei, wo Gott den Mord seines
Knechtes rächen werde. Als Gouverneur Ford sich versichert hatte, daß
die Mormonen keine Ungesetzlichkeit begehen würden, so entließ er die
Miliz, die sich rasch gesammelt hatte, und der Kriegszustand wurde
aufgehoben.

Nauvoo fuhr fort zu blühen, und die Zahl seiner Einwohner stieg bis
auf 20,000. Zwar erhoben sich Streitigkeiten über den Nachfolger
Smith's, dieselben wurden aber durch die Energie Brigham Youngs, des
Vorstehers der zwölf Apostel, sehr bald beigelegt. Rigdon, der die
letzten Jahre dem Namen nach mit Joseph und Hyrum die Präsidentschaft
über die gesammte »Kirche« getheilt, von dem Propheten aber seit
geraumer Zeit schon mit Mistrauen betrachtet und hintangesetzt worden
war, kam von Pittsburgh herbei geeilt und berief eine Versammlung, in
welcher er seine Ansprüche auf den erledigten ersten Platz geltend
machte. Er theilte zugleich eine Offenbarung mit, nach welcher die
Heiligen nach Pennsylvanien ausziehen sollten, während er sich nach
England zu begeben, dort die Königin zur Bekehrung aufzufordern und
wenn sie sich der Taufe weigerte, vom Throne zu stoßen habe. Seine
Zeit war indeß vorüber, und es gelang Young, nicht blos seine Pläne
zu vereiteln, sondern auch seine Ausstoßung aus der Gemeinde zu
bewirken. Getäuscht in seinen Erwartungen und von Young feierlich dem
Teufel und seinen Engeln überantwortet, kehrte er nach der Stadt
zurück, wo er Spaldings Roman in eine Bibel verwandelt hatte, und
dort ist er seitdem verschollen. Ein andrer Schismatiker war der
Aelteste Bishop, der ganze Bände von Gesprächen mit himmlischen
Geistern aufzuweisen hatte, aber trotz dieser Testimonia seiner
Beliebtheit bei Jehova ebenfalls beseitigt wurde. Einem dritten
Bewerber um die Stelle des Propheten, William Smith, erging es nicht
besser; auch er verschwand spurlos.

Etwas mehr Erfolg fand der Apostel Lyman Wight, welcher in Texas eine
Colonie gründete. Die bedeutendste Stelle endlich nimmt unter diesen
Abtrünnigen James Strang, ein junger Advocat aus dem Staate Neuyork,
ein, welcher, 1843 der Secte beigetreten, kraft einer besiegelten
Offenbarung, die Joseph Smith ihm kurz vor seinem Tode mitgetheilt
haben sollte, zu Voree, auf den Prairien von Wisconsin die Heiligen
als »König« um sich sammeln wollte. Auch ihn traf der Bannstrahl der
Zwölfe, er jedoch fuhr fort zu predigen und zu weissagen, und es
gelang ihm, eine ziemlich zahlreiche Gemeinde um sich zu bilden,
deren Hauptsitz gegenwärtig Beaver-Island, eine Insel des
Michigansees nicht weit von Mackinaw ist, wo die Unterthanen dieses
geistlichen Zaunkönigs im Jahre 1852 in mehrfache, zum Theil blutig
endende Conflicte mit den Nachbarn geriethen.

Die bei Weitem überwiegende Mehrheit der Latterday-Saints aber blieb
in Nauvoo, wo sie unter Brigham Young an der orthodoxen Lehre
festhielten und fleißig am Tempel fortbauten. Der neue »Prophet,
Seher und Offenbarer« war ganz der Mann dazu, das Werk, das Smith
begonnen, weiterzuführen. Er hatte durchaus keine Anlage zum
Märtyrer, aber er war ein ungemein kluger, weitschauender, durch und
durch politischer Kopf, und eines solchen bedurfte die Secte gerade
jetzt, wenn sie nicht untergehen sollte. Die Leidenschaften waren
ringsum gegen sie aufgeregt, und nur mit der größten Mäßigung und
Nachgiebigkeit waren Angriffe der Nachbarn auf Nauvoo fernzuhalten.
Auf die Dauer aber wollte auch dies nicht gelingen. Schon im Herbste
1845 fingen Feindseligkeiten an auszubrechen. Dieselben steigerten
sich, und endlich verstanden die Führer der Mormonen sich im Namen
der Gesammtheit zu dem Versprechen, im Laufe des nächsten Jahres über
die Westgrenze des angesiedelten Theils der Union auszuwandern. Im
Frühlinge 1846, besagte dieses Uebereinkommen, sollte eine
auserwählte Schaar aus der Mitte der Heiligen aufbrechen, um jenseit
der Felsengebirge eine neue Heimat für ihre Brüder zu suchen. Dagegen
machte der andere contrahirende Theil sich anheischig, die
Zurückbleibenden so lange unbehelligt in Nauvoo zu lassen, bis die
Vorausgehenden ihre Wahl getroffen und die Uebrigen Gelegenheit
gefunden hätten, ihr Eigenthum in Illinois nach seinem wahren Werthe
zu veräußern. Der Pöbel von Hancock-County respectirte jedoch den
Vertrag nicht. Bald zeigten sich Symptome eines abermaligen Sturmes,
und so mußten jene Kundschafter, unter denen sich die Häupter der
Secte befanden, schon am letzten Februar sich auf den Weg machen,
wiewohl die Kälte noch so groß war, daß den Mississippi eine Eisdecke
überzog, über welche sie mit Wagen und Pferden gehen konnten. Die
Leiden, die sie in Folge dessen erduldeten, waren unsäglich, ja um so
furchtbarer, als sie sich in der Hast nur unvollkommen mit den
Bedürfnissen zu einem Marsche durch die winterliche Wüste hatten
versehen können, und als es bald an Lebensmitteln und Futter für das
Vieh zu mangeln anfing. Nach Nauvoo umzukehren war schlechterdings
unmöglich, und so pilgerten sie weiter durch die Schneestürme der
Wildniß von Iowa, sehnsüchtig dem Frühling entgegenschauend, Trost in
den Verheißungen ihres Glaubens suchend und »die Lieder Zions
singend, während ihnen der Athem an die Augenlider gefror.«

Der ersehnte Frühling kam endlich, aber er brachte nur neue
Beschwerden. Regengüsse verwandelten den fetten Boden der Prairie in
einen unermeßlichen Morast, durch den die Karawane nur langsam
vorwärts kam, und die Winde trugen von den schlammigen Ufern des
Plattestroms und des obern Missouri Krankheitsstoffe herzu, denen die
von Mühen und Entbehrungen erschöpften Wanderer schaarenweise
erlagen. Die Lager wurden zu Spitälern, und als man das Gebiet der
Sack- und Fuchsindianer erreicht hatte, mußte Halt gemacht werden, um
sich für die weitere Reise zu erholen.

Inzwischen hatten die Feinde der Mormonen in Illinois ihre Angriffe
auf Nauvoo erneuert. Die Farmen außerhalb der Stadt mußten geräumt
werden. Im Innern aber hielt man tapfer Stand; denn noch immer stand
der Tempel unvollendet, den Gott zu bauen geboten. Dieses Werk des
Glaubens und der Liebe jedes Einzelnen mußte zu Ende geführt werden
trotz aller Bedränger und Verfolger, und es ward vollendet. Der Tag
der Einweihung war ein hohes Fest. Von allen Seiten, aus der Nähe und
aus der Ferne kamen Priester, Aelteste und Bischöfe als bestaubte
Wanderer herbei, um sich, in ihre Talare gekleidet, an der Feier zu
betheiligen. Vom Hochmittag bis tief in die Nacht hinein war ganz
Nauvoo eitel Frohlocken und Lobgesang. Da stand es, das Haus des
Herrn, der Stolz des Mississippithales. Hell blinkte auf der
Thurmspitze der goldne Engel mit der Posaune. Die innern Räume
strahlten von Lampen und Fackeln, der große Altar und die Kanzeln der
Priester waren mit Blumengewinden und Laub geschmückt. Gesänge
erschallten, Gebete und Segenssprüche stiegen empor. Dann wurden alle
Heiligthümer von beweglicher Art weggeschafft, um Tags nachher, wo
die letzten der Führer mit einer mehrere tausend Mann starken
Heersäule von Gläubigen den vorausgegangenen Brüdern folgten, nach
der neuen Heimat abgeführt zu werden.

Der Rest der Mormonen wurde einige Wochen später von dem Pöbel der
Nachbarschaft nach hartnäckiger Gegenwehr mit Waffengewalt zum Abzuge
gezwungen. Seitdem hat die Stadt der Heiligen halb wüste gelegen.
Cabets Icarier, die sich später hier niederließen, haben sie nicht
wieder zu der alten Herrlichkeit zu erheben vermocht. Der Tempel
wurde, nachdem die Jesuiten von St. Louis in Verhandlungen getreten
waren, um ihn zu einem Seminar anzukaufen, 1848 von einem
Nichtswürdigen in Brand gesteckt. Ein Tornado warf im nächsten Jahre
den größten Theil des stehengebliebenen Gemäuers um, sodaß jetzt von
dem stattlichen Baue nur die eine Wand und ein Haufen Ruinen noch
übrig ist. Der Engel mit der Posaune aber wird gegenwärtig in Barnums
Museum gezeigt, -- eine seltsame Fügung des Schicksals, welche die
Spitze dieses Triumphs des Mormonenthums in das Raritätencabinet des
»Napoleons der Windbeutelei« führte!

Kehren wir zu dem Vortrab der Auswanderer in dem Indianerlande
zurück, so treffen wir sie am obern Missouri bei Council Bluffs, wo
sie in der ersten Hälfte des Juni angelangt waren, und wo sich zwei
Monate später die Tausende des Hauptheeres allmälig mit ihnen
vereinigten. Da der Herbst sich näherte, so mußte die Weiterreise bis
zum nächsten Frühjahre aufgeschoben werden. Um diese Zeit brach der
Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko aus, und General
Kearney erhielt den Auftrag, unter den Mormonen ein Bataillon von 520
Mann zur Theilnahme am Kampfe zu werben. Die Regierung wußte von
ihrer Absicht, nach Californien zu ziehen und glaubte (wie die
Vertheidiger der Maßregel sagen) ihnen einen Gefallen zu thun, wenn
sie auf diese Art einen Theil der Kosten ihres Abzuges übernähme und
ihnen nebenbei Gelegenheit gäbe, sich als gute Patrioten zu zeigen.
Die Mormonen aber sahen die Sache anders an und meinten, man wolle
die waffentüchtigsten Leute von ihnen nehmen, um den Rest den
Angriffen der Indianer erliegen zu lassen. Es wäre eben nicht zu
verwundern gewesen, wenn man dem General eines Staates, der ihnen
gegen ihre Feinde niemals Recht verschafft hatte, eine abschlägige
Antwort ertheilt hätte. Aber die Vaterlandsliebe trug den Sieg über
die erlittene Unbill und über die Sorge um die Zukunft davon. Die
Aeltesten beriefen eine Versammlung, in welcher zunächst die
Unverheiratheten zu Rekruten ausgeschieden, und dann die jüngeren
Familienväter hinzugefügt wurden. Innerhalb drei Tagen war das
Bataillon vollzählig, bewaffnet, eingesegnet, und nachdem zum
Abschiede ein fröhlicher Ball stattgefunden, marschirten die Truppen
»im Namen des Herrn« aus dem Lager.

Die Zurückbleibenden rüsteten sich nun für den Winter und
verwandelten ihre Zeltlager in hölzerne Städtchen, von denen das
größte, auf den Ländereien der Pottowattamies gelegen, nach dem
Freunde und Begleiter der Mormonen während ihres Auszugs, Oberst Kane
von Philadelphia, Kanesville genannt wurde. Der Winter kam, um die
Wanderer in der Wüste von den Plagen des Sommers, Wechselfiebern und
scorbutartigen Krankheiten zu erlösen, brachte ihnen aber andere
Leiden und Beschwerden in Menge. Er war die schwerste ihrer Prüfungen
und zugleich der Wendepunkt ihres Geschicks.

Ganz früh im Jahre 1847, ehe die Prairie zu grünen begann, brach eine
Vorhut von 143 Mann mit 70 Wagen, geführt von Brigham Young und
mehreren Gliedern des hohen Rathes von den Winterquartieren im Lande
der Omaha-Indianer auf, um weiter nach Westen vorzudringen. Sie
beeilten sich so sehr, als es das schwierige Terrain gestattete,
setzten über den Loup-, den Horn-, den Platte-, den Bären- und den
Weberfluß und stiegen endlich, sehr erschöpft zwar, aber ohne einen
Mann verloren zu haben, über die wildzerklüfteten Felsenberge des
Utahlandes in das Becken des großen Salzsees hinab. Der Vortrab traf
hier am 21., die Präsidentschaft der Kirche am 24. Juli ein, und der
letztere Tag sah das Haupt der Mormonen den Boden segnen, wo nun der
Grund zu einem dritten »Neujerusalem im Westen« gelegt wurde. Er ist
in der Folge zum größten Festtage der Secte geworden, und einer der
Apostel erklärte ihn bei Gelegenheit der dritten Jahresfeier sogar
»für den wichtigsten Tag in der Geschichte der Menschheit, mit
alleiniger Ausnahme der Tage, da Adam geschaffen und Jesus Christus
geboren worden.«

Die Kundschafter waren zeitig genug in der neuen Heimat angelangt, um
für eine den nächsten Herbst zu haltende Ernte ihr Wälschkorn
pflanzen zu können. Ihnen folgte aus dem Hauptlager am Missouri einen
Monat später ein Heer von ziemlich 4000 Mann mit 566 Wagen, auf
welchen sie große Massen von Mais und Weizen mit sich führten, die
sie, gleichfalls glücklich im Thale des Salzsees eingetroffen, noch
im Stande waren, auszusäen, ehe der Winterfrost eintrat. Im Herbste
stießen zu ihnen ein Theil des Mormonenbataillons und andere
Kirchenglieder, die aus Californien und von den Sandwichsinseln
kamen, und im Frühling und Sommer von 1848 zogen beinahe alle noch
auf den Prairien verweilenden Heiligen in einer Aufeinanderfolge bald
kleinerer, bald größerer Karawanen ihren Brüdern nach, sodaß zu Ende
dieses Jahres bereits 8000 Ladderday-Saints in den verschiedenen
Niederlassungen der Thäler am Großen Salzsee angesiedelt waren.




Viertes Kapitel.

Die Geschichte der Niederlassung am Salzsee. -- Das Land Utah. -- Die
Heuschreckenplage. -- Heimsuchung durch das Goldfieber. -- Der Krieg mit
den Rothhäuten. -- Die Erfolge der Mormonen in Europa. -- Neujerusalem.
-- Der große Tempel und die Fahne aller Nationen.


Seit dem Eintreffen der ersten Heerhaufen am Salzsee ist die
Geschichte des Volkes Joseph Smiths eine fast ununterbrochene Kette
glücklicher Ereignisse, ein stetes Wachsen und Wohlbefinden gewesen.

Ehe wir diese Geschichte aber weiter betrachten, werfen wir einen
Blick auf das Land, das die Mormonen jetzt bewohnen. Dieses, von den
Mitgliedern der Secte meist schlechthin »das Thal« genannt, liegt
ungefähr in der Mitte zwischen der Westgrenze von Missouri und dem
neuen Staate Californien. Es ist, rings von unbewohnbaren Wildnissen
umgeben, gleichsam eine Oase in der Wüste. Im Westen streckt sich
gegen hundertachtzig deutsche Meilen weit ein baumloses Prairieland,
welches mit den riesigen Felsketten der Rocky Mountains endigt, im
Osten befinden sich, zuweilen von steilen Höhenzügen durchschnitten,
dürre Salzsteppen, und im Süden wie im Norden ragen wildzerrissene
schroffe Gebirge. Die Mormonenansiedelungen liegen in einer
Einbiegung des Beckens, dessen Grund im Norden der große Salzsee
bedeckt, ungefähr in der Mitte der Rocky Mountains, einer über
sechzehn Längegrade sich ausbreitenden Kette mehrerer von Norden nach
Süden parallel laufender Höhenzüge, die von durchschnittlich fünf
Meilen breiten Thälern von einander geschieden und hin und wieder von
schroff abfallenden Schluchten, sogenannten Kanyons, in der Quere
durchschnitten sind. Diese Kanyons bilden die einzigen Straßen durch
das Gebirge. Die bekanntesten sind der Südpaß, welcher nach dem
großen Kohlenbecken führt, durch das der Greenriver strömt, und der
Paß am Bärenflusse. Letzterer wurde von den Mormonen benutzt und ist
die gewöhnliche Straße der Auswanderer vom Osten nach Californien.

Das große Becken liegt mehr als viertausend Fuß über dem
Meeresspiegel, zwischen den Wahsatsch- und Nevadabergen. Es trägt den
Charakter einer Wüste. Nur hart am Fuße der Höhen, die sich gegen
dreitausend Fuß über die Umgebung erheben, ziehen sich Streifen
fruchtbaren Landes hin. In der Mitte des Bassins ist durchaus kein
Wasser; denn der Schnee, der sich auf den Bergen im Winter sammelt,
reicht nicht hin, um Bäche und Flüsse auf die Dauer zu nähren. Das
Becken hat ungefähr hundert deutsche Meilen Durchmesser, und im
Nordosten desselben ist es, wo die Mormonen sich angesiedelt haben.
Hier boten verschiedene Flüsse Gelegenheit, den von Natur nur eine
Meile breiten Streifen fruchtbaren Bodens durch Drainirung zu
erweitern. Das Land ist in der unmittelbaren Nachbarschaft des
Salzsees flach und steigt gegen Süden und Westen unmerklich mehrere
Meilen an, bis die Ausläufer des Gebirgs sich hereindrängen. Es ist
hier durchweg sandig und nirgends für die Zwecke des Ackerbaues zu
verwenden. Im Norden zieht sich nur ein schmaler Streifen brauchbaren
Landes zwischen dem See und dem Gebirge hin. Im Osten ist die
Gelegenheit zum Anbau etwas besser. Im Süden endlich strecken sich
über der unfruchtbaren Wüste, getrennt durch das Oquirrh Gebirge und
geschieden von der Sandebene darunter durch den Kamm des Traverse
Mountain, die schönen Thäler des Jordan und des Tuilla. Die Sohle
derselben ist von zahlreichen Bächen durchströmt und fortwährend mit
fettem Grase bedeckt. An den Bergwänden dagegen wächst nur das
sogenannte Bunchgras und auch dieses nur in den warmen Monaten des
Jahres. Es besämt sich im Sommer, keimt während der herbstlichen
Regenzeit und wächst im Winter unter dem Schnee. Wenn sich im
Frühling die Schneelinie nach den Gipfeln zurückzieht, folgen ihr die
Heerden und die Antilopen, um das nahrhafte Futter abzuweiden, bis
der Schnee (etwa um die Tag- und Nachtgleiche) wieder zu fallen
beginnt. Regnet es in den Thälern, so schneit es auf den Bergen, und
während der Winterszeit liegt der Schnee in den Schluchten oft
mehrere hundert Fuß hoch. Das Weideland auf dem Grunde der Thäler
eignet sich aber auch vortrefflich zum Ackerbau. Die Kartoffel
gedeiht außerordentlich gut, und die Zuckerrübe erreicht eine
unglaubliche Größe. Rechnet man nun, daß der Acre unter den Pflug
genommenes Land zweitausend Pfund Weizenmehl giebt, so kann man
annehmen, daß die Quadratmeile ungefähr viertausend Menschen ernähren
kann, wobei die eine Hälfte als Weideland abgezogen ist und das
Bedürfniß an Fleisch deckt. Eine so große Zahl von Bewohnern wird
sich indeß schwerlich jemals hier zusammenfinden. Doch kann das
Territorium auf alle Fälle eine Million Menschen ernähren. Bedenkt
man dazu, daß dasselbe sich nach Süden über den Strand des großen
Beckens in eine Gegend erstreckt, wo die Baumwollenstaude und das
Zuckerrohr gedeiht, daß es allenthalben eine Fülle von Eisenstein und
unerschöpfliche Steinkohlenlager in seinem Schooße birgt, daß es die
trefflichsten Weiden zur Schafzucht hat, und daß sich aller Orten
Wasserkraft zur Anlegung von Fabriken findet, so ist kein Zweifel,
daß sich hier ein reicher und mächtiger Staat entwickeln kann.

In Central-Utah liegen drei Salzseen, von denen der größte so stark
mit Salz geschwängert ist, daß die in seinem Wasser Badenden nur bis
an die Schultern einsinken. Die Ufer seiner Buchten sind im Sommer
mit den Gerippen der Insecten und Fische bestreut, welche sich aus
den Flüssen in ihn hinunter wagen; denn kein lebendes Wesen dauert in
seiner Fluth aus. Die Salzsieder behaupten, daß sie aus drei Maß
Wasser zwei Maß Salz gewinnen. Der See ist achtzehn deutsche Meilen
lang und umschließt mehrere sehr anmuthige Eilande, von denen das
größte von Bergen durchzogen ist, die an zweitausend Fuß Höhe haben.
Wahrscheinlich bedeckte der See einst den ganzen Boden des Kessels,
und ein Naturereigniß vulkanischer Art, welches das Land
terrassenartig emporhob, beschränkte das Wasser auf seine jetzigen
Grenzen. Rings um den See entspringen zahlreiche warme Quellen, die
sich in Pfuhle und Teiche sammeln. Hier tummeln sich unzählbare
Schwärme von Wasservögeln, die, da in der Umgebung kein Schnee liegen
bleibt, auch den Winter über hier verweilen. An einigen Stellen
befinden sich Quellen von verschiedener Temperatur dicht bei
einander, einige so heiß, daß man die Hand nicht ohne Schmerz
hineinstecken kann, andere eiskalt, einige salzig, andere mit starkem
Schwefel- oder Stahlgehalt, während noch andere die Umwohnenden mit
dem herrlichsten Trinkwasser versehen.

Die Berge und Thäler haben Ueberfluß an Wild, Bären, Panthern,
Antilopen, Hirschen und Hasen. In den rasch strömenden Flüssen der
Kanyons schwimmen die köstlichsten Forellen, in den langsamer
fließenden Gewässern der Ebene wimmelt es von Hechten und anderen
guten Fischen. In dem Röhrichte der Salzmarschen nisten zahllose
Enten und Gänse, und von den Inseln der Seen holen die Hirtenbuben
ganze Kähne voll Eier, welche die Möven, die Pelikane, die Reiher und
die Kraniche dort legen.

Ein schwerempfundener Mangel ist der an Holz. In der Ebene wächst nur
das strauchartige Cottonwood und auch dieses lediglich am Ufer der
Flüsse. In den Bergen trifft man auf kleine Wälder von Fichten und
Cedern, mitunter auch auf Zwergahorne und Eichen; aber Mancher hat
zur Beschaffung des nöthigen Bau- und Feuerholzes Reisen von zehn bis
zwölf Meilen zu unternehmen. Die offeneren Striche des Landes sind
den Feuern ausgesetzt, welche die Indianer anzünden, um die Grillen
zu tödten und zu braten, die sie im Sommer sammeln, um sie im Winter
zu verspeisen. Die Mormonen haben ihnen dieses Verfahren, wo sie
konnten, gewehrt, und so steht zu hoffen, daß die Ebenen, welche
jetzt blos mit Gras bewachsen sind, allmälig auch Büsche und Wälder
tragen werden.

Die Luft des Thales ist sehr gesund, und »so rein, daß das Athemholen
geradezu ein Vergnügen ist.« In der Wüste kommen namentlich im Sommer
häufige Luftspiegelungen vor, welche einen einfachen Spazierstock in
einen thurmhohen Balken, einzelne Wanderer in ganze Heere verwandeln
und auf die kahle Steppe Terrassen herrlicher Gärten hinzaubern. Die
Moskitos sind blos in der Nähe der Salzsümpfe beschwerlich, in der
Nähe der Schluchten vertreibt sie der kalte Zug, der fortwährend von
Thal zu Thale streicht und die Sommerhitze in erquickendster Weise
mäßigt.

Damit haben wir eine Skizze der Natur des zukünftigen _Staates
Deseret_ gegeben. »Deseret heißt neuägyptisch: die Honigbiene,« und
das Verfahren der Mormonen bei der Gründung von Dörfern und Städten
in diesem Lande ist von der Art gewesen, daß es diesen Namen durchaus
rechtfertigte. In fünf Tagen war ein gewaltiges Stück Wiesenboden
umgepflügt und mit Kartoffeln bepflanzt und der Bach eingedämmt, der
mit Hilfe von Gräben das Feld bewässern sollte. Drei Wochen später
hatte sich ein starkes Fort, bestehend aus Blockhäusern, die mit
Pallissaden versehen waren, erhoben, und im folgenden Jahre stand auf
der Stelle, wo die Kundschafter am 24. Juli »hier lasset uns Hütten
bauen!« gerufen, eine Stadt, welche über 6000 Einwohner hatte.

Wie aller Anfang schwer ist, so auch hier. Der Winter von 1847 zu
1848 allerdings war so mild, daß er den Ansiedlern gestattete, ihre
Feldarbeiten fortzusetzen, aber die Lebensmittel, die man mitgebracht
hatte, waren fast alle aufgezehrt, und um nicht zu verhungern, aß man
die Häute der geschlachteten Thiere und grub mit den Ureinwohnern des
Landes nach Wurzeln.

Eine noch schrecklichere Heimsuchung kam über das Volk Gottes im
nächsten Frühlinge. Als die unter so traurigen Umständen bestellte
Saat aufging und zu den schönsten Hoffnungen berechtigend fett und
kräftig emporwuchs, stiegen von den Timpanogabergen Heere gefräßiger
Heuschrecken, um sie zu vertilgen. Es war ein gräßlich gestaltetes
Thier: flügellos, plumpleibig, schwarzfarbig, mit einem dicken Kopfe
und ungeheuren Augen, einer »gräulichen Riesenwanze gleich«, wie ein
Mormone aus Liverpool sich ausdrückte, stieg es auf drathartigen
Beinen in das Thal herab, und Strich auf Strich des jugendlichen
Korns verschwand unter den Zähnen dieser Saatmörder wie mit der
Sichel abgemäht. Umsonst umgaben die unglücklichen Farmer ihre Felder
mit Wassergräben. Umsonst versuchten ganze Familien das schwarze Heer
mit Zweigen und Bränden zurückzuschlagen. Die Thiere schwammen über
das Wasser, umgingen die Vertheidiger ihres Besitzthums und richteten
unermeßlichen Schaden an. Vergeblich wurde das Zerstörte an einigen
Stellen drei- und viermal durch neues Aussäen und Pflanzen ersetzt.

Es blieb nichts übrig, als die Kraft des Gebets. Man versuchte es mit
ihr, und siehe da, der große Jehova that ein Wunder. In zahllosen
Schwärmen kamen von den Inseln des Salzsees weiße Vögel mit rothen
Schnäbeln und Füßen den Bekämpfern des schwarzen Gog und Magog zu
Hilfe, und schneller als die Heuschrecken das Korn, verzehrten die
Möven die Heuschrecken. Vom grauenden Morgen tafelten sie bis zum
sinkenden Abend. War der Magen gefüllt, so entleerten sie ihn wie
einst Vitellius durch Vomiren, und kehrten gleich diesem rüstigen
Esser zu der Arbeit des Verschlingens zurück, bis der Tisch, den die
Natur so reichlich gedeckt hatte, völlig abgeräumt war.

Dieses Wunder, welches den größten Theil der Ernte rettete,
wiederholte sich seitdem alle Jahre, und es wird deshalb erlaubt
sein, es für ein natürliches Ereigniß zu halten, welches schon vor
der Ankunft des neuen Israel in dieser Gegend alljährlich stattfand.
Die von diesen Bundesgenossen beschützten Felder aber gaben einen so
reichlichen Ertrag, daß die Auswanderer, welche im nächsten Jahre vom
Golde Californiens angezogen, in Masse durch Deseret passirten, ihr
Korn hier billiger kauften, als in dem Fort Laramie, welches der
Civilisation um vierhundert Meilen näher liegt.

Jenes californische Gold aber brachte über die junge Colonie eine
Prüfung, die sehr leicht mit ihrem Untergange hätte endigen können.
Die Mormonen, die unter General Kearney den Feldzug gegen Mexiko
mitgemacht hatten, waren gerade zu der Zeit und selbst in der Gegend,
wo man die ersten Körner des kostbaren gelben Staubes fand, entlassen
worden, und es wird sogar behauptet, daß die Arbeiter Sutters, welche
diese folgenschwere Entdeckung machten, abgedankte Soldaten des
Mormonenbataillons gewesen seien. Mag dem sein wie ihm wolle, viele
Mitglieder der Secte hatten Gelegenheit gehabt, in Californien
fleißig Gold zu graben, und als sie nun beladen mit dem Ergebnisse
ihrer Arbeit zu ihren armgebliebenen Brüdern in den Bergen kamen und
ihnen die Schätze zeigten, die keine hundertfunfzig Meilen vom Thale
des Salzsees mit bloßen Händen aufzulesen waren, müßte es wunderlich
zugegangen sein, wenn das »gelbe Fieber,« das in ganz Amerika
wüthete, nicht auch hier die Gemüther ergriffen und zum Abzuge nach
Ophir gedrängt hätte. Dies geschah in der That. Allein die Führer
waren zu klug und zu einflußreich, um die Begier zur That merken zu
lassen. Sie warnten in einer Proclamation vor einem sofortigen
Aufbruche nach den Diggings, welcher einer Auflösung der ganzen
Gemeinschaft gleichgekommen sein würde, und siehe da, ihre Ansprache
wirkte, so stark auch die Versuchung und so wenig klar auch dem Auge
des gemeinen Mannes die Gefahr war, welche sich hinter der Lockspeise
barg. Nur einige Hundert gingen, und diesen ertheilte man den
freundschaftlichen Rath, sich auf Nimmerwiederkehr zu verabschieden.
Später aber gebot der Mormonengott durch den Mund seines Propheten
Young den Heiligen, von Zeit zu Zeit auf einige Monate Trupps nach
den Minen zu senden, von wo sie mit reicher Beute zurückkehrten.

Mit ihren Nachbarn, den Utahs und anderen Stämmen des Gebirgs,
vertragen sich die Mormonen gegenwärtig ziemlich gut. Anfangs indeß
war dem nicht so. Der Punkt, wo sie sich zuerst ansiedelten, liegt
auf den »Kriegsgründen« der Schlangengräber und der Utah-Indianer,
also auf neutralem oder Niemand gehörigem Boden. Als die Mormonen
sich aber nach Süden und Norden ausbreiteten, kamen sie auf Stellen,
welche die Indianer als ihr Eigenthum betrachten, wo sie allein
fischen und jagen zu dürfen glauben. Sie klagten, daß man ihnen ihre
Winterlagerplätze wegnähme und ihnen das Wild verscheuche. Die
Schoschones drohten mit einem Angriffe, überlegten sich's aber eines
Bessern und hielten Frieden. Nicht so die Utahs. Im Winter 1849
begannen sie allerlei Neckereien, erschossen mehrere Stücke Vieh,
welche den Mormonen gehörten, und rühmten sich dessen, drangen in
einzeln gelegene Farmhäuser, um die Frauen zu erschrecken und
Lebensmittel zu rauben und zwangen endlich die Colonisten, sich in
das Fort des Utahthales zurückzuziehen. Im Hauptquartiere der Secte
versuchte man zuerst gütliche Mittel, und als diese bei den
Rothhäuten nicht anschlugen, wurde der Krieg beschlossen.

Zu der waffenfähigen Mannschaft des Utahthales stießen zwei
Compagnien der Legion von Zion, und sofort wurden die Indianer
angegriffen. Sie hatten sich in den ausgetrockneten Canälen des
Timpanogaflusses aufgestellt, wo sie von den Cottonwoodbüschen und
Weidenstümpfen, die dort wuchsen, gedeckt waren. Nichtsdestoweniger
wurden sie nach einem dreitägigen Scharmützel, bei welchem die
Angreifer sich des Abends immer in das Fort zurückzogen, durch die
Büchsen und die Kanone, welche die Mormonen bei sich hatten, aus
ihrem Verstecke verjagt. Die Mormonen hatten dabei nur einen Todten
und mehrere Verwundete. Die Rothhäute dagegen verloren, da gerade die
Masern unter ihnen grassirten, während ihres Rückzugs nach den kalten
Schluchten des höhern Berglandes sehr viele Leute und unter andern
auch den »Alten Riesenhirsch«, einen Häuptling, der lange Zeit der
Schrecken des Utahthales gewesen war. Ein Theil der Geschlagenen
wurde den Tafelberg hinaufgetrieben. Man vermochte sie aber durch
Zureden, herabzukommen und sich zu ergeben. Man bewachte sie die
Nacht über und befahl ihnen am Morgen die Waffen niederzulegen. Sie
weigerten sich dessen, und stießen Drohungen aus. Da gaben die
Mormonen Feuer auf sie, und beinahe alle wurden getödtet. Der Rest
versuchte, nachdem er die Vorpostenkette durchbrochen, sich über die
Eisdecke des Sees zu retten. Sie wurden jedoch von Reitern verfolgt
und sämmtlich niedergemacht.

Im nächsten Jahre erhielten die Utahs eine abermalige Züchtigung und
ihr Häuptling, Patsowits mit Namen, wurde gefangen genommen und
aufgeknüpft. Dieses summarische Verfahren aber hat einen solchen
Eindruck auf sie gemacht, daß sie sich seitdem ruhig verhielten. Sie
hatten im Ganzen etwa vierzig Todte, und die Kriegsbande des alten
»Stick in the head,« eines berühmten Häuptlings, war so geschwächt,
daß er sich um Frieden zu bitten genöthigt sah. Eine große Menge
Gefangene wurden gemacht, meist Frauen und Kinder. Man brachte sie
unter den Kanonen des Forts Utah in Zelten unter, bis sie unter die
Familien im Thale vertheilt werden konnten. Man reichte ihnen
reichliche Lebensmittel, und es war eine Freude, sie, die
Halbverhungerten, schmausen zu sehen. Der Versuch aber, sie in die
Familien aufzunehmen und sie dort an ein civilisirtes Leben zu
gewöhnen, schlug gänzlich fehl; denn sobald der Sommer kam, verließen
sie die Farmen und flohen in die schneeige Heimat im Gebirge zurück.

Nach dem Buche Mormon und der Lehre Smiths sind die Indianer
Nachkommen der Lamaniten und ein zwar von Gott abgefallnes und
entartetes, aber der Barmherzigkeit des Himmels noch nicht entrücktes
Geschlecht, das einst durch die Apostel der wahren Kirche bekehrt und
dann in sein Erbe wieder eingesetzt werden wird. In Betracht dessen
ist es allerdings seltsam, daß die Mormonen, deren Mission es wäre,
die Rothhäute durch das Schwert des Geistes zu bezwingen, sich so
rasch genöthigt glaubten, sie mit leiblichen Waffen zu unterjochen.
Aber trotzdem bleiben sie dabei, daß diese Leute einst die Weissagung
des Propheten erfüllen werden, nach welcher »ein Volk in Einem Tage
geboren« und die Indianer durch Gottes Gnade in eine Nation von
schönem Aeußeren und weißer Hautfarbe verwandelt werden sollen.

Und in der That, ein kleiner Anfang zwar nicht der Häutung, aber der
Bekehrung ist gemacht. Derjenige von den Häuptlingen der Utahs,
welcher gegenwärtig das stärkste Kriegsgefolge um sich versammelt und
in Folge dessen auf alle übrigen Stammesglieder den meisten Einfluß
übt, ist ein Freund der Mormonen, und ein Halbbruder von ihm, Namens
Walker, der sich durch fleißige Pferdediebstähle in Mexiko Vermögen
und Ansehen unter seinem Volke erworben hat, ist sogar durch die
Taufe ein Heiliger vom jüngsten Tage geworden. Er ist ein schmucker,
kräftiger Bursche, ein vollendeter Reiter, ein trefflicher Schütz und
ein ungemein guter Kenner von Pferdefleisch. Eine Menge junger
Rothhäute erkennen ihn als Befehlshaber an, und sie sind ihm sogar
gefolgt, als er sich entschloß, dem Herumschweifen und Rauben zu
entsagen und sich in der Niederlassung von San Pete als Ackerbauer
und Viehzüchter anzusiedeln. Die Mormonen betrachten ihn als Trophäe
oder Erstlingsfrucht der überzeugenden Kraft ihrer Religion und thun
ihm alle erdenkbare Ehre an. Allein ehe sie sich's versehen, kann er
in seine alten Sünden zurückverfallen und die Absicht seiner Freunde,
ihn zum Oberhaupte des ganzes Stammes zu machen, auf immer vereiteln.

Inzwischen gründeten die Mormonen fortwährend neue Colonien. Die
erste derselben blieb indeß der Hauptsitz. Sie liegt am rechten Ufer
eines schönen klaren Stromes, den die Führer der Secte, die nicht
ganz ohne Ursache in ihrer Geschichte allenthalben Wiederholungen der
Ereignisse und Verhältnisse im Leben des Volkes Israel zu sehen
meinten, den westlichen Jordan genannt haben, und durch den sich ein
Süßwassersee, von den Mormonen See Tiberias getauft, in den etwa
hundert Fuß tiefer gelegenen großen Salzsee ergießt. Man nannte diese
Hauptniederlassung, die zunächst nur ein Fort, umgeben von einem
Zeltlager war, sich aber schnell in eine Stadt von Blockhütten und
kleinen Ziegelhäusern verwandelte, Neujerusalem. Wie rasch und
unverdrossen die Ansiedler arbeiteten, zeigt der Umstand, daß jenes
Fort, welches ein Viereck bildete, dessen Seiten zusammen 7788 Fuß
lang waren, nur sechs Monate zu seiner Vollendung bedurfte, und daß
man in derselben Zeit 6000 Aecker Land umpflügte, besäete und mit
einer dreizehn englische Meilen langen Fence einzäunte. Dies geschah
im Jahre 1847, in welchem zugleich fünf Säge- und Mahlmühlen
angelegt, mehrere Straßen gebahnt und weite Strecken der Umgebung
untersucht wurden. 1849 nahmen die Mormonen das im Vorigen erwähnte
Utahthal, sowie die Thäler von Tuilla und San Pete in Besitz,
sendeten zahlreiche Missionaire nach Frankreich, Dänemark, Schweden
und Italien und wurden durch bedeutende Zuzüge aus den Staaten im
Osten und aus Großbritannien verstärkt. 1850 wurde eine Universität
gestiftet, vier Schulen eröffnet, mehrere Städte gegründet, Farmen im
Thale des Kleinen Salzsees angelegt, zwei Eisenbergwerke in
Bearbeitung genommen, ein großes Rathhaus und zwei Magazine zur
Aufnahme der eingelieferten Zehnten vollendet und die Berieselung des
Landes über weite Strecken fortgesetzt.

Sehr bald nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten in Bezug auf
die Colonisirung wurde zur Regelung des Verhältnisses der
Gemeinschaft zu den Vereinigten Staaten geschritten. Man entwarf
unter dem Vorsitze der Priester eine Territorialverfassung, zog
dieselbe zurück und vereinigte sich hierauf zu einer andern, in
welcher der in der Bildung begriffene Staat _Deseret_ genannt, unter
den Grenzen desselben ein Strich von der Küste des Stillen Oceans
beansprucht, das Halten von Sclaven innerhalb des darin bezeichneten
Gebiets untersagt, sonst aber nichts von den Constitutionen der
übrigen Glieder der Union Abweichendes aufgestellt war. Die
Centralregierung in Washington, der dieser Entwurf zur Kenntnißnahme
und Beschlußfassung eingesendet wurde, sah sich nicht gemüßigt, die
Wünsche der Mormonen in ihrer vollen Ausdehnung zu bewilligen. Sie
ignorirte den neuägyptischen Namen Deseret, indem sie den
indianischen Utah wahrscheinlich wohlklingender fand, und glaubte den
Antragstellern die von ihnen zur Verbindung mit dem Meere und zu
ihrer völligen Unabhängigkeit von anderen Staaten geforderte
Küstenstrecke vorenthalten zu müssen. In der Bill, welche als Antwort
auf jenen Vorschlag der Bewohner von Deseret 1850 im Congresse
durchging, heißt es, daß das neue Territorium »im Westen vom Staate
Californien, im Norden vom Gebiete Oregon und im Osten und Süden von
der Wasserscheide begrenzt sein solle, welche die Flüsse, die in das
große Becken (des Salzsees) strömen, von denen trennen, die in den
Rio Colorado und in den mexikanischen Golf fließen.« Durch denselben
Congreßbeschluß wurde eine Territorialregierung für das Gebiet
eingesetzt, und im October 1850 ernannte der Präsident Fillmore die
betreffenden Beamten, sieben an der Zahl, von denen außer Brigham
Young, der zum Gouverneur bestimmt war, noch Drei aus der Mitte der
Mormonen selbst genommen waren.

Mit dieser vorläufigen Ordnung der Dinge war man in Deseret zwar
nicht zufrieden, indeß fügte man sich dem Unvermeidlichen und
bezeugte dies dadurch, daß man den Congreß, wie die Verfassung dies
vorschreibt, durch Delegaten beschickte und die im Jahre 1851
anlangenden nichtmormonischen Territorialbeamten höflich aufnahm.
Bald jedoch brachen Zwistigkeiten zwischen diesen und den Führern der
Secte aus. Der Oberrichter Brandebury und der Richter Brochus fanden
nichts zu thun, indem die Mormonen sich zur Schlichtung ihrer
Rechtsstreitigkeiten an ihre Bischöfe wendeten, welche oft anders
entschieden, als es das gewöhnliche Recht verlangte. Young verwendete
die Einnahmen des Territoriums, nach der Berechtigung, die ihm durch
sein Amt als geistliches Oberhaupt verliehen war, zu andern Zwecken,
als wozu ihn sein Amt als Gouverneur verpflichtete. Wiederholentlich
wurde den Herren aus dem Osten zu verstehen gegeben, daß man sich nur
der Nothwendigkeit füge, wenn man sich den Beschlüssen in Washington
unterwerfe; wiederholentlich ließ man ihnen merken, daß sie als
»Heiden« in der Gemeinschaft der von Gott regierten Kirche, die
zugleich der wahre Staat sei, nur geduldet und überhaupt überflüssig
seien. Sie sahen dies ein und kehrten nach Hause zurück, worauf ihre
Stellen vorläufig durch Mitglieder der Secte besetzt wurden.

Damit war der Zwiespalt zwischen der Priesterherrschaft in Deseret
und der Regierung in Washington offenkundig geworden. Young indeß
wußte einen Bruch noch zu vermeiden. Um aber derartige Conflicte für
die Zukunft unmöglich zu machen, und so rasch als thunlich die
möglichste Selbstständigkeit für die wachsende Theokratie
herbeizuführen, setzte man alle Hebel in Bewegung, um die über die
ganze Erde zerstreuten Gläubigen zur Einwanderung in das Gebiet zu
gewinnen und dadurch die Zahl der Bewohner desselben bis zu der Höhe
zu steigern, welche die Constitution der Vereinigten Staaten
vorschreibt, wenn ein Territorium den Charakter und Namen eines
Staates annehmen will. Dringende Aufrufe ergingen von Seiten des
Apostelcollegiums an die Heiligen in aller Welt, sich der religiösen
Pflicht des Hinzugs nach dem Neuen Zion im Westen ferner nicht zu
entziehen. Bedeutende Summen wurden verwendet, um den Aermeren die
Erfüllung dieser Obliegenheit durch Vorschüsse zu erleichtern. In
Liverpool wurde das schon seit längerer Zeit bestehende
Auswanderungsbureau, dem einer der Apostel präsidirte, zu erweitern
und zu kräftigerer Wirksamkeit zu befähigen gesucht. Endlich wurden
allenthalben auf der Straße durch die Vereinigten Staaten und durch
die westliche Wüste Stationen mit Bevollmächtigten zur Unterstützung
und Beförderung der Pilger errichtet.

Der Erfolg entsprach den Erwartungen. Schaarenweise gehorchten die
Gläubigen in England, Schottland und Wales dem Rufe ihrer
Oberpriester in Amerika. Schiff auf Schiff mit zukünftigen Bürgern
von Deseret verließ die Rhede von Liverpool, und Karawane auf
Karawane dieser gehorsamen Söhne der Kirche überstieg die
Felsengebirge, um sich den Brüdern im Thale der Verheißung
anzuschließen.

Um den Abgang der Auswanderer in der Heimat zu ersetzen und
fortwährend neue Zuzugsquellen zu eröffnen, wurde die Bekehrung der
europäischen Heiden noch eifriger betrieben, als seither. Ueberall
suchten die Missionaire Brigham Youngs sich festzusetzen und
Proselyten zu machen, und wenn ihnen dies nicht überall gelang, so
liegt die Schuld nicht an ihrem Mangel an Eifer und Geschick. Sie
pilgerten nach Frankreich, nach Norwegen, nach Rußland, selbst nach
Italien, wo die Revolution ihnen Thor und Riegel geöffnet. Sie
erschienen in Palästina, um die Juden zu belehren, daß der Messias
und sein Reich nahe sei. Sie riethen auf den Märkten von Kairo und
Alexandria, auf den Plätzen von Calcutta und Bombay der Welt zur
Flucht vor dem Zorne Gottes. Sie wußten sich selbst das Reich der
Mitte zu öffnen. Sie thaten alles Dieses, ohne zu Anfange etwas von
den betreffenden Sprachen zu verstehen, ohne die Verhältnisse zu
kennen, und ohne diesen doppelten Mangel durch einen wohlgefüllten
Beutel ausgleichen zu können.

Die Missionaire der Mormonen wenden sich bei ihren Zuhörern
ebensowohl an die Begier nach Reichthum als an die Sehnsucht nach
himmlischen Gütern, stellen ihnen neben Befriedigung ihrer religiösen
Bedürfnisse auch irdisches Wohlbefinden in Aussicht. Unverdrossen und
unabgeschreckt durch schroffe Abweisung, durch Spott und Hohn,
wandern sie von Ort zu Ort, sprechen in einzelnen Häusern ein,
knüpfen mit Leuten auf der Straße ein Gespräch an, arbeiten bisweilen
als Handwerker in einer Werkstätte und bringen auf diese Art das, was
ihnen auf dem Herzen liegt, an den Mann. So ungebildet sie meist
sind, besitzen doch fast alle eine große Uebung in sophistischen
Fragstellungen und Schlüssen, und eine nicht geringere Kenntniß der
Bibel. Wer ihnen zugiebt, daß die letztere Norm der Wahrheit sei,
wird unausbleiblich in ihrem Netze gefangen und kann sich nur durch
gewaltsamen Durchbruch befreien. Gewöhnlich beginnen sie ihren Anlauf
zur Eroberung der Herzen mit der Frage, ob die christliche Urkirche
nicht gewisse Gnadengaben gehabt habe, welche das heutige
Christenthum nicht mehr besitze, dann setzen sie auseinander, wie die
Heiligen vom jüngsten Tage mit allen diesen Gaben als Heilung durch
Handauflegen, Weissagung, Teufelaustreibung, Reden in Zungen u. s. w.
von Neuem beschenkt worden, und nachdem damit Grund gelegt ist,
entwickeln sie die am Wenigsten auffälligen Lehren der Secte,
beweisen sie mit einer Fülle von Sprüchen vorzüglich aus den
alttestamentlichen Propheten und der Offenbarung Johannis, und nehmen
für ihr amerikanisches Zion sämmtliche Verheißungen in Anspruch. Ist
der Zuhörer kein Mann von Vermögen, so erfährt er, daß an ihn wie an
alle Menschen der Ruf ergangen ist, sich nach Zion in den Bergen zu
begeben, wo Milch und Honig fließen und wo das schönste Land um einen
Spottpreis zu haben ist, der noch überdies nicht sogleich bezahlt zu
werden braucht und durch Arbeit abverdient werden kann. Hat der Mann
das Reisegeld nicht, so bedarf es nur einer Erklärung zum Beitritt,
und es wird ihm aus dem »Ewigen Wohlthätigkeits-Fonds« vorgestreckt.
So sind Hunderte und Tausende verlockt worden. Die Lehre, daß drüben
im heiligen Lande jedes Weib einen Mann hat, jede Magdalena durch die
Taufe rein gewaschen wird, sichert den Beifall des schönen
Geschlechts. Mit Leuten von überlegener Bildung hüten sich die
Propheten und Apostel zu sprechen. Werden sie dazu genöthigt, und
wird ihnen dann die Abgeschmacktheit ihrer Behauptungen nachgewiesen,
so klagen sie über gelehrte Sophisten, die den Geist Gottes nicht
haben und ihn darum auch nicht begreifen, und schweigen, wenn sie
nicht mehr zu antworten wissen.

Häufig wird gleich mit einem Wunder begonnen. So in Wales, wo 1845
aus einem Weibe zwei sehr starke und freche Teufel ausgetrieben und
dabei zahlreiche Seelen gewonnen wurden. Und ebenso fing der Apostel
Forsden in Schweden im Jahre 1851 seine Wirksamkeit damit an, daß er
seinen Begleiter, der natürlich gleichfalls Mormone war, durch
Handauflegung vom Fieber heilte. Die Sache machte Aufsehen und zog
viele Leichtgläubige nach dem Hause, wo das Wunder geschehen war.
Diesen erzählte Forsden in seiner einfachen Weise die Geschichte von
dem großen Propheten und Märtyrer im Westen und die Wiederverleihung
der übernatürlichen Gaben des Urchristenthums an seine Kirche. Die
Bauern glaubten ihm zum Theil. Andere verbreiteten wenigstens die
Kunde von dem neuen Evangelium aus Amerika. Forsden predigte nun an
den Straßenecken. Die Behörde ließ ihn verhaften und ertheilte ihm
einen Verweis. Dies aber war es gerade, was er gewollt. Es verhalf
ihm zu einem wohlfeilen Märtyrerthum. Er wiederholte seine
öffentlichen Vorträge und wurde abermals verhaftet, mit einer
Geldstrafe belegt und ernstlich ermahnt, von solchen Ketzereien
abzustehen. Er entgegnete demüthig und gelassen, daß er nichts als
Jesum Christum, den Gekreuzigten gepredigt habe, und daß er, da Gott
ihm dies geheißen, nicht davon ablassen, sondern Gott mehr gehorchen
werde als den Menschen. Den Zuhörern erklärte er, daß ihn weder
Gefängniß noch Tod abschrecken werde, den Pflichten, die der Herr ihm
auferlegt habe, nachzukommen -- eine Redensart, die er sehr wohl
brauchen konnte, da man heutzutage Niemand mehr des Glaubens halber
hinrichtet, die aber gleichwohl Eindruck auf unüberlegsame Menschen
machte. Man steckte ihn auf ein paar Tage ein. Aus dem Gefängnisse
entlassen, pries er den Herrn auf der Straße mit Wort und Gesang, daß
er ihn gewürdigt, zu leiden um sein heiliges Wort. Man wußte ihn
nicht anders los zu werden, als dadurch, daß man ihn in einen Wagen
setzte, nach dem Sunde brachte und nach Dänemark hinüberspedirte. Der
Samen des Unkrauts aber, den er gesäet, blieb haften, und noch jetzt
verbreiten mehrere durch ihn Bekehrte als Apostel die Lehre Joseph
Smiths in Schweden.

Von unglaublichem Eifer beseelt, folgen diese Straßenprediger dem
Worte »Schreie laut und schone nicht« buchstäblich und taufen zu
Dutzenden alle, die ihre Bereitwilligkeit bezeigen, »in diesem Namen
ihre Knie zu beugen.« Viele kommen mit erschöpften Lungen und
gebrochener Gesundheit von solchen Anstrengungen heim; dann aber
entschädigt sie der Ruhm besonderer Frömmigkeit und die Ehre, die
ihnen wird, wenn die Brüder auf sie hinweisend sagen: »Siehe, das ist
der heilige Mann, der durch unermüdliche Predigt in den Straßen
Londons dem Herrn so viele Seelen gewonnen hat.«

Ihre Erfolge sind verschieden gewesen. In Großbritannien hatte die
Kirche der Heiligen vom jüngsten Tage im Jahre 1851 nicht weniger als
30,747 Mitglieder, und binnen vierzehn Jahren hatten die Priester
derselben über 50,000 Personen auf das Neue Evangelium getauft und
davon beinahe 17,000 nach Amerika gesendet -- Zahlen, die erstaunlich
klingen würden, wenn man nicht wüßte, daß die niedern Schichten der
Bevölkerung von England und Wales in einer wahrhaft ungeheuerlichen
Unwissenheit hinvegetiren, und wenn andererseits nicht auch
materielle Vortheile als Magnete nach dem Thale des Salzsees
hinzögen. Ein zweiter Hauptstützpunkt des Mormonenthums sind, wie
bereits bemerkt, die Sandwichs- und die Freundschaftsinseln, und zwar
sollen hier sich bereits 5000 Eingeborne zu dem Glauben der
Latterday-Saints bekennen. Endlich haben Dänemark und Norwegen im
Jahre 1853 einige Hunderte ihrer Bewohner, meist Landleute, als
Beitrag zur Bevölkerung Deserets abgehen lassen. In Frankreich
befinden sich unsres Wissens bis jetzt nur zwei schwache Gemeinden,
in Havre und Paris, welche sich durch Verbreitung des von dem Apostel
Taylor ins Französische übertragenen Buchs Mormon und durch die
Zeitung »Etoile du Deseret« zu vergrößern bestrebt sind. In der
Schweiz und in Rußland scheint kein Erfolg erreicht worden zu sein.
Dagegen dürfte in der Uebersetzung des genannten Buchs ins
Italienische vielleicht ein Beweis liegen, daß man dort Hoffnung hat,
zu reussiren.

In Deutschland endlich ließen zu verschiedenen Zeiten und an
verschiedenen Orten Mormonenemissaire von sich hören. Ihre Hoffnungen
wurden indeß sehr bald durch das Einschreiten der Polizei vereitelt.
1851 kam Taylor nach Hamburg, um dort eine Zeitung zu gründen, welche
den Namen »Zions Panier« führte, aber nachdem vier Nummern erschienen
waren, aus Mangel an Theilnahme einging. Ihm folgte 1852 ein anderer
Sendling vom Salzsee, Daniel Cairn, aber nur, um beim ersten Versuche
zu öffentlichem Auftreten aus der Stadt gewiesen zu werden. Keine
bessern Resultate wurden von den im Süden und Westen Deutschlands
sich zeigenden Mormonen erreicht, und mit der inzwischen übersetzten
Indianerbibel wird man schwerlich auf die Kosten kommen. Endlich ist
noch ein Vorfall aus der neuesten Zeit zu erwähnen, welcher zeigt,
bis in welche Regionen die Erwartungen der Führer sich versteigen.
Die Präsidentschaft in England hatte erfahren, daß der König von
Preußen sich für die Mormonen interessire und sich von seinem
Gesandten in Washington Aufklärung über sie erbeten habe. Sie
deuteten sich dieses Interesse als Neigung, und so erschien im
Herbste 1854 eine förmliche Gesandtschaft aus der Mitte der Secte, um
dem Könige eine Adresse zu überreichen. Die Herren waren aber nicht
sobald im Bahnhofe ausgestiegen, als die Polizei sich einstellte und
sie zu sofortiger Umkehr nöthigte.

Wir beschließen dieses Kapitel und die Geschichte des Mormonenthums
überhaupt mit einem Rückblicke auf das Thal des Salzsees und die dort
emporblühenden Ansiedelungen. Von einem vergleichsweise kleinen
Flecken Landes haben dieselben sich allmälig über eine Strecke von
mehr als fünfzig deutsche Meilen Länge, vom Box Elder Creek im Norden
bis an den kleinen Salzsee im Süden und von dort bis San Diego
ausgebreitet. Wo die Sierra Nevada nach Südwesten einbiegt, ist ein
Rancho angekauft und in eine Station verwandelt worden, von wo aus
eine Kette von Posten bis ans Ufer des Stillen Meeres eingerichtet
werden soll. Neun Meilen nördlich von der Hauptstadt liegt Ogden
City, auch Brownsville genannt, in einer ungemein anmuthigen Gegend
in der Nähe des Zusammenflusses zweier schönen Bäche, und vierzehn
Meilen nach Süden hat sich am Fuße der Timpanoga-Berge ein anderes
schmuckes Städtchen erhoben. Dreißig Meilen weiter südlich steht die
rasch wachsende Stadt Manti. Dabei befinden sich im Thale von San
Pete zahlreiche einzelne Farmen. Paroan oder die Eisenstadt, so
benannt nach den großen Lagern von Eisenstein, die hier aufgefunden
worden sind, liegt im Thale des kleinen Salzsees, wo eine sehr
beträchtliche Strecke fruchtbaren oder doch fruchtbar zu machenden
Landes entdeckt wurde. Endlich ist noch die Niederlassung im
Tuillathale zu erwähnen, welche, etwa sieben Meilen von der Metropole
des Territoriums entfernt, in mehreren Farmen, zehn Sägemühlen und
acht Mahlmühlen besteht.

Die gegenwärtige Haupt- und Centralstadt[2], von den Mormonen
_Neujerusalem_, von den Profanen schlechthin Saltlake-City, d. i. die
Salzseestadt genannt, liegt, wie erwähnt, auf derselben Stelle, wo
die Vorhut der Auswanderer von Nauvoo am 24. Juli 1847 von den Bergen
in das Thal herabsteigend, zuerst Halt gemacht hatte. Der untere
Theil bedeckt einen kaum bemerkbaren sanften Abhang, der nördliche
dagegen streckt sich über eine Art Terrasse hin, welche im Winkel der
von Süd nach Nord sich hinziehenden Hauptkette der Wasatch-Berge und
einem mächtigen Ausläufer derselben liegt, der gerade nach Westen
hinstrebt und eine halbe englische Meile vom Jordan endigt. Der Raum,
den die Stadt bedeckt, beträgt genau vier Quadratmeilen (englisch),
eine Ausdehnung, die sich im Vergleich mit der Einwohnerschaft nur
dadurch erklärt, daß jedem Bürger bei der Anlage eine Baustelle von
drei Viertel Acre Land zugetheilt wurde, daß in Folge dessen die
einzelnen Häuser durch beträchtliche Zwischenräume getrennt sind, und
daß die schnurgeraden, sich in rechten Winkeln durchschneidenden und
hundertzweiunddreißig Fuß breiten Straßen sich in kurzen Entfernungen
folgen. Die Häuser, meist einstöckig und von Adobes, an der Sonne
getrockneten Ziegeln von bläulichem Lehm erbaut, haben ein gefälliges
Aeußere, welches dadurch noch gehoben wird, daß sie von Gärten
umgeben sind. An den zwanzig Fuß breiten Fußwegen zu beiden Seiten
der Straßen laufen in Canälen die klaren Fluthen eines Gebirgsbaches,
welche neugepflanzte Alleen bewässern und auch in die Gärten geleitet
werden können. Im Westen berührt die Stadt das Flußufer. Oeffentliche
Gebäude von Bedeutung hat das neue Jerusalem begreiflicherweise noch
nicht. Das Staatshaus, wo die Regierung des Territoriums ihren Sitz
hat, das Bethaus und die zur Aufnahme der Naturalsteuern bestimmten
Speicher sind geräumige Bauten, die indeß keinen Anspruch auf
Schönheit machen. Aber für die Zukunft tragen sich die Leiter der
Gemeinde mit den großartigsten Plänen, auch in Betreff der
Verschönerung ihrer Stadt. Die jetzige Universität, für welche der
Staat jährlich 5000 Dollars aussetzte, ist nur ein schwacher Anfang
zu dem, was die Anstalt einst sein wird. Sobald man dazu Zeit
gewinnt, wird man ein großartiges Gebäude für Lehrer und Lernende
errichten. Dasselbe wird auf der ersten breiten Terrasse stehen,
welche sich im nördlichen Theile der Stadt erhebt. Der Stadtbach hat
durch dieses Tafelland einen tiefen Canal gewühlt, und seine Wasser
sollen an der geeigneten Stelle gefaßt und nach dem Platze vor der
Universität geleitet werden, um denselben durch Springbrunnen zu
verschönern, die Haine, Blumenbeete und botanischen Gärten zu
bewässern und die Bassins ausgedehnter Bade- und Schwimmanstalten zu
speisen. Ein großes Viereck ferner soll zu einem Turn- und
Fechtplatze sowie zur Reitschule eingerichtet werden. Sodann wird man
eine Sternwarte, zu der bereits die nöthigen Instrumente beisammen
sind, eine Anstalt zur Ausbildung von Ingenieuren und Landvermessern
und eine Bergschule mit dieser Universität verbinden, und schließlich
werden an ihr auch Landwirthe ausgebildet werden.

  [2] Es ist im Werke, im Paroanthale eine zweite Hauptstadt zu bauen,
      welche Fillmore heißen und der Sitz der weltlichen Behörden sein
      soll.

Man wird aber nicht allein vielerlei, sondern auch viel lernen an
dieser Hochschule. Die Mormonenphilosophen werden eine Unzahl von
Geheimnissen aufthun und eine Menge von Räthseln lösen, wie sie die
Welt bisher noch nicht gesehen hat. Sie werden »das Reich der
Wissenschaften vollständig revolutioniren und die größten Gelehrten
namentlich in der Mathematik und in den physikalischen Wissenschaften
des Irrthums überführen. Der Geolog und der Chemiker wird von ihnen
die tiefsten und merkwürdigsten Aufschlüsse über die Wunder der Tiefe
erhalten, der Botaniker und Zoolog bei ihnen Belehrung über die
Principien des Lebens in Thier und Pflanze empfangen.« Denn nachdem
sie zuerst nach dem Reiche Gottes getrachtet haben, erwarten sie
jetzt Erfüllung der Verheißung, daß ihnen alles andere Wissen von
selbst zufallen solle; doch fügen sie sehr verständig hinzu, daß der
Herr denen hilft, die sich selbst helfen, und daß der Geist nur durch
eisernen Fleiß fähig gemacht werde, die Weisheit aus der Höhe
aufzunehmen.

Die größte Umwälzung wird auf dem Gebiete der Astronomie
hervorgerufen werden. Hier wird das ganze bisherige Weltsystem durch
Aufschlüsse über die Zahl, die Ordnung und das Verhältniß der
Planeten, Fixsterne und Kometen durchaus modificirt werden. Was für
Belehrung wir in diesem Kreise zu erwarten haben, findet der
Wahrheitsfreund in dem _Buche Abraham_ angedeutet, welches einst
nebst einigen ägyptischen Mumien nach Nauvoo gebracht wurde, wo der
Prophet Joseph einen Theil der Schrift (die von dem glaubensreichen
Erzvater während seines Aufenthalts am Nil verfaßt worden)
übersetzte. Eine andere Probe dessen, was der Wissenschaft von den
Gelehrten Deserets bevorsteht, haben wir in dem Aufsatz eines ihrer
Mathematiker, in welchem derselbe während seines Aufenthalts in
England allen Ernstes den Versuch machte, die Newton'schen Theorien
von der Schwerkraft, der Attraction und Repulsion umzustoßen und an
ihre Stelle eine »Intelligenz des Grundstoffes« oder eine »Eingießung
und Gegenwart des heiligen Geistes in der Atomenmasse« zu setzen. Wir
haben nicht Raum, die Gründe dafür anzuführen, und können nur
bemerken, daß man aus ihnen gewahr werden würde, wie außerordentlich
viel wir noch aus der Bibel lernen können.

Ein wunderlicher Gedanke ist es, wenn man vorhat, an der zukünftigen
Hochschule den »altsächsischen und celtischen Classikern« eine Stelle
unmittelbar neben den griechischen und römischen anzuweisen. Die
altsächsischen hätten vielleicht ein Recht dazu, aber woher man
altceltische Classiker bekommen wird, läßt sich vorläufig nicht
absehen; man müßte den Macphersons Ossian meinen, der bekanntlich so
echt ist wie das Buch Mormon.

Was die Häupter der Kirche von dieser Universität denken, spricht
sich sehr deutlich in der Rede aus, mit welcher einer der Regenten,
der Apostel Phelps bei der Feier des 24. Juli im Jahre 1851 dieses
Instituts gedachte. Die Stelle ist so charakteristisch, daß wir sie
im Auszuge mittheilen müssen. Der Redner sagte unter Anderm mit der
ihm eignen Salbung: »Wir bitten die ganze Kirche, zum Herrn unserm
himmlischen Vater zu flehen, daß er uns einige der Vorsteher der
großen Universität im Himmel droben herabsende, gleichwie er sie zu
Noah, Moses und Andern sendete, um seinen Knechten die innersten
Gründe und Anfänge der Weisheit und Wissenschaft zu eröffnen. Was
werden alle die Herrlichkeiten der Zeit, die Erfindungen des
Menschen, die geschichtlichen Urkunden von Japhet in der Arche bis
auf Jonathan im Congresse, was werden der gesammte Witz und Geist,
die gesammten Errungenschaften des Verstandes mit aller ihrer Methode
dem Heiligen des jüngsten Tages werth sein, wenn unser Vater im
Himmel seine Regenten herabsendet, seine Engel aus der großen
Bibliothek des himmlischen Zion, wenn er sie herniederschickt mit
einer Abschrift der Geschichte des ewigen Lebens, den Urkunden der
Welten, dem Stammbaum der Götter, der Philosophie der Wahrheit, dem
Verzeichnisse unserer Namen aus dem Buche des Lebens auf dem Schooße
des Lamms, und den Gesängen der seligen Geister?«

Möglich, daß die hier angedeuteten Manuscripte aus der Bibliothek des
Mormonengottes wirklich noch einmal in Deseret zum Vorschein kommen.
Jetzt hält man sich an menschliche Bücher, und so nahm man es mit
großem Danke an, als im Jahre 1851 die Freigebigkeit des Congresses
den Delegaten von Utah, =Dr.= Bernhisel mit den Mitteln versah, für
die neue Colonie eine gute Bibliothek auszuwählen. Trotz jenes
vornehmen Herabsehens auf die Resultate der Wissenschaft und trotz
der abgeschmackten Einfälle, womit man sie corrigiren zu wollen sich
den Anschein giebt, weiß man sie sehr wohl zu schätzen. Dies beweist
schon die Errichtung der Universität an sich, es wird aber auch durch
verschiedene andere Maßnahmen und Kundgebungen dargethan.

Ein eigenthümlicher Zug in dem Erziehungswesen der Mormonen ist die
Errichtung einer Schule zur Bildung von Familienhäuptern. Brigham
Young, der Präsident und Seher, achtete es nicht für seiner unwürdig,
diese Schule selbst als Zögling zu besuchen, und war dies auch nur
eine Demonstration, bestimmt, die Vorurtheile des Volks gegen
Schulanstalten für Erwachsene zu zerstreuen, so zeugte es
nichtsdestoweniger von einem richtigen Verständnisse der Dinge und
von einer gewissen Achtung vor der Bildung. Wenn man anderwärts eine
herrschsüchtige Priesterkaste bestrebt sieht, die ihr Unterworfenen
in Dunkelheit und Unwissenheit zu erhalten, so befolgt man hier
allenthalben eine andere Politik.

Daß man freilich die Wissenschaft um ihrer selbst willen liebe, ist
von Leuten dieses Schlags nicht zu verlangen. Man will Bildung, weil
Bildung Macht ist und Ruhm giebt. Daß man sich mit ihr einen Feind
erzieht, der das ganze Kartenhaus über kurz oder lang umstürzen wird,
scheint man im Vertrauen auf die bisherigen Erfolge und schon aus dem
Grunde nicht zu ahnen, weil (nach ihren Schriften zu urtheilen) auch
die kenntnißreichsten und klügsten unter den Häuptern der Secte
lediglich dilettantisirende Autodidacten sind, keiner von ihnen im
eigentlichen Sinne des Wortes ein Mann von Bildung ist. Man will die
Wissenschaften ins Land ziehen, wie man sich um tüchtige Töpfer,
Schlosser und Uhrmacher bemüht. So ist es zu verstehen, wenn es in
der vorletzten »Proclamation der Präsidentschaft an die Gläubigen in
aller Welt« heißt:

»Es ist höchst wünschenswerth, daß die Brüder, die uns zuziehen, jede
Gelegenheit benutzen, wenigstens ein Exemplar von jeder werthvollen
Abhandlung über Erziehung und jedes Buch, welches nützliche oder
anziehende Gegenstände enthält, mitzubringen, um den Kindern Lust und
Liebe zum Lernen einzuflößen. Wir haben eine Druckerpresse, und Alle,
die gutes Druck- und Schreibepapier nach dem Thale mitnehmen wollen,
werden sich und der Kirche einen Dienst leisten. Desgleichen wünschen
wir allerlei mechanische und mathematische Instrumente, sowie Alles,
was von Kunstwerken und Naturseltenheiten herbeigeschafft werden
kann, und wenn die Heiligen in dieser Angelegenheit Eifer zeigen, so
werden wir hier bald das beste, nützlichste und anregendste Museum
auf Erden haben.«

Auf einem freigelassenen Platze im Centrum der Stadt wird ein Tempel
errichtet werden, schöner und größer als bisher irgend einer auf
Erden stand und nur dem nachstehend, den das Volk Gottes am Ende der
Tage erbauen wird, wenn der Herr es heimgeführt hat nach Missouri,
dem Lande der Verheißung. Schon ist eine vier englische Meilen lange
Holzbahn oder Riegelstraße nach den Steinbrüchen am Red Butte
vollendet, um von dort das Material zu jenem mächtigen Baue, einen
schönen rothen Sandstein, herbeizuschaffen, und schon sammeln, von
Young beauftragt, die Missionaire der Secte in Europa, Asien und
Polynesien seltene Bäume, Blumen und Samenkerne für den Garten, der
den Riesentempel umgeben soll. Im Norden des Tempelplatzes aber
erhebt sich über der Stadt der »Hügel des Paniers.« Mit ihm endigt
der vorhin erwähnte Ausläufer der Wasatch-Berge, und er ist auf weite
Strecken hin in der ganzen Nachbarschaft sichtbar. Auf diesem
Berggipfel nun wird demnächst »die prächtigste Fahne entfaltet
werden, die je in den Lüften flatterte, eine Fahne, gemacht aus den
Nationalfarben aller Völker, zum Zeichen der einst sich vollendenden
Einheit der Menschheit in Glauben und Liebe.« Wenn dann dieses Symbol
der Verbrüderung aller Nationen über dem heiligen Tempel flattern
wird, dann ist die Erfüllung des Prophetenwortes, Jesaia 18, 25.
gekommen, und die Zeit ist da, von der es dort heißt: »Alle, die ihr
auf Erden wohnt, und die im Lande sitzen, werdet sehen, wie man das
Panier auf den Bergen aufwerfen wird und hören, wie man die Trompete
blasen wird, und es wird sich begeben in den letzten Tagen, daß der
Berg des Hauses des Herrn auf den Gipfeln der Gebirge aufgerichtet
und über die Hügel erhoben werden wird, und alle Völker sollen
hineinströmen.«

Sehen wir ab von dieser phantastisch ausgemalten Zukunft, so findet
sich schon in der Gegenwart ein Umstand, der als sehr erfreulicher
Schluß der Geschichte dieses seltsamen Volkes, wie wir sie in diesem
und den vorhergehenden Kapiteln verfolgten, dienen kann. Im Jahre
1852 sendeten die Häupter der Gemeinde durch alle Zweigcolonien im
Gebirge Boten, um sich zu erkundigen, wie viele von den Heiligen etwa
geneigt sein würden, sich zur Aufnahme in ein etwa zu erbauendes
Armenhaus zu melden, und siehe da, man fand deren unter mehr als
dreißigtausend Menschen, welche zum bei Weitem größten Theile erst
vor wenigen Monaten und meist arm in das Thal eingewandert waren, nur
zwei, und so konnte sich die Präsidentschaft begnügen, ein Armenfeld
von vierzig Aeckern für eine zukünftige Aenderung der Zustände zu
reserviren.




Fünftes Kapitel.

Der Glaube der Mormonen. -- Die Quellen und das Princip. -- Die
Metaphysik der Secte. -- Der große Hauptgott und Göttervater im Centrum
des Universums. -- Die Schöpfung und der Sündenfall. -- Krieg im Himmel.
-- Die Existenz der Menschengeister vor dem Leben auf Erden.


Wie die äußeren Verhältnisse der Secte sich im Verlaufe der
vierundzwanzig Jahre seit ihrem Entstehen völlig geändert haben, so
auch und noch mehr die Glaubenslehren derselben. Von Jahr zu Jahr
wurden neue Ingredienzien in den Teig hineingewirkt, aus dem die
Präsidentschaft ihren Gläubigen das Brot des Lebens buck. Alle
christlichen Secten der Gegenwart, die Neuplatoniker und die
Gnostiker, der Islam und der Parsismus, das Bramanenthum sogar mußten
Beiträge liefern, die Phantasie der Propheten und Offenbarer that von
dem Ihrigen hinzu, und so ist ein Pudding entstanden, der an
Unverdaulichkeit Alles überbietet, was bis heute dem Magen der
Menschheit auf religiösem Gebiete geboten worden ist. Wir bedauern,
durch den Zweck dieser Schrift und den uns zugemessenen Raum
verhindert zu sein, auf eine gründliche Analyse der wunderlichen
Mixtur einzugehen, und geben im Folgenden nur einige Hauptzüge, wobei
wir bemerken, daß die allmälige Umbildung der Grundlehren des
Mormonenthums -- welche von den Gläubigen dem heiligen Geiste
zugeschrieben wird, der ihnen fortwährend neue Wahrheiten offenbare
-- in der Hauptsache von Orson Pratt herrührt, der in seinem
Eklekticismus es nicht verschmäht, selbst Ergebnisse der neuern
Philosophie in seinen Topf zu werfen. Smith scheint dazu nur den
Namen hergegeben zu haben, und das Tollste und Kühnste ist erst lange
nach seinem Tode ans Licht gefördert worden.

Als Hauptquellen ihres Glaubens sind folgende anzusehen: das Buch
Mormon, das Buch der Lehre und der Bündnisse, die Warnungsstimme (von
Peter Parley Pratt), der Spiegel des Evangeliums, das Buch Abraham
(soll von Smith auf Grund göttlicher Offenbarung verfaßt worden sein,
ist jedoch, da es erst in den neuesten Schriften der Secte erwähnt
wird, wahrscheinlich spätern Ursprungs), Spencers Briefe, die
Zeitungen »Times and Seasons« (von Taylor während der Jahre 1839 bis
1844 in Nauvoo herausgegeben), »Millennial Star« (in England
erschienen), »The Seer« (seit 1853 von Orson Pratt in Washington
veröffentlicht), endlich die Generalepisteln der Präsidentschaft in
Deseret. Die folgenden Mittheilungen sind eine Blumenlese aus diesem
Garten der Willkür und des Unsinns.

Das Glaubensbekenntniß der Mormonen, wie es der Frontier Guardian,
eine von dem Apostel Orson Hyde in Kanesville herausgegebene Zeitung,
mittheilt, weicht nicht sehr erheblich von den Bestimmungen unserer
Dogmatik ab. Es lautet:

»Wir glauben an Gott, den ewigen Vater, und seinen Sohn Jesus
Christus und an den heiligen Geist. Wir glauben, daß die Menschen für
ihre eigenen Sünden und nicht für Adams Uebertretung Strafe empfangen
werden. Wir glauben, daß vermöge des Sühnopfers Christi durch
Gehorsam gegen die Gebote und Verordnungen des Evangeliums alle
Menschen selig werden können. Wir glauben, daß diese Verordnungen
folgende sind: 1. Glaube an den Herrn Jesum Christum, 2. Buße, 3.
Taufe durch Untertauchen in Wasser zur Vergebung der Sünden, 4.
Handauflegung durch die Gabe des heiligen Geistes, 5. das Mahl des
Herrn. Wir glauben, daß die Berufung der Menschen zum Heile durch
Inspiration und durch Handauflegung derer erfolgen muß, welche in
rechter Weise Auftrag erhalten haben, das Evangelium zu predigen und
seine Gnadengaben auszuspenden. Wir glauben, daß die Organisation der
Urkirche in Apostel, Propheten, Pastoren, Lehrer und Evangelisten
wiederhergestellt werden muß. Wir glauben an die Kräfte und Gaben des
ewigen Evangeliums, als die Gaben des Glaubens, des Erkennens von
guten und bösen Geistern, der Weissagung, der Offenbarung, der
Gesichte, der Heilungen, des Redens in Zungen und des Verständnisses
der Zungen, der Weisheit, Barmherzigkeit und Bruderliebe. Wir
glauben, daß das Wort Gottes in der Bibel aufgezeichnet ist, glauben
aber, daß es auch im Buche Mormon und allen andern guten Büchern sich
findet. Wir glauben alles, was Gott offenbart hat, und jetzt
offenbart, und wir glauben, daß er in Betreff des göttlichen Reichs
und der Wiederkunft des Messias noch viele und große Dinge offenbaren
wird. Wir glauben, daß Israel buchstäblich gesammelt werden wird, wir
glauben an die Wiederbringung der verlorenen zehn Stämme, an die
Aufrichtung Zions auf dem westlichen Festlande, an die tausendjährige
Herrschaft Christi auf Erden und an die Verneuerung der Erde zu
paradiesischer Herrlichkeit. Wir glauben an die Auferstehung des
Leibes und daß Gott die Todten nach Verlauf der tausend Jahre wieder
ins Leben rufen wird. Wir nehmen das Recht in Anspruch, Gott nach den
Eingebungen unsers Gewissens anzubeten und gestehen allen Menschen
das gleiche Recht zu. Wir glauben, den Königen, Fürsten, Herrschern
und Obrigkeiten Gehorsam und Ehrerbietung, den Gesetzen Folgeleistung
schuldig zu sein. Wir folgen der Ermahnung Pauli, wir glauben Alles,
wir hoffen Alles, wir haben sehr Vieles erduldet und hoffen Alles
erdulden zu können. Alles was lieblich ist, was wohllautet, dem
streben wir nach, indem wir unsern Blick auf den Tag der Vergeltung
richten. Aber ein Träger oder Fauler -- schließt das curiose Symbolum
plötzlich -- kann kein Christ sein und selig werden. Er ist eine
Drohne und bestimmt todtgestochen und aus dem Bienenkorbe geworfen zu
werden.« --

Das sind nun die Umrisse der Mormonenlehre. Die Hauptsache kommt erst
zu Tage, wenn man die Interpretation derselben hört. Leute von
schwachem Verstande und geringem Glauben erfahren nur diese im Ganzen
wenig anstößigen Sätze. Die Starken im Glauben aber entfernen sich
vom Christenthume beinahe vollständig. Diesen wird in Bezug auf die
Bibel gelehrt, daß die englische Uebersetzung, welche durch König
Jacob beschafft worden »im Allgemeinen« den richtigen Sinn der vom
heiligen Geiste dictirten Urschrift getroffen habe, aber mehrere
Verfälschungen und Misverständnisse enthalte. Diese sind nach den
Mormonen von Joseph dem Seher, dem »der Schlüssel zu allen Sprachen«
verliehen war, berichtigt worden, und wir haben in Kurzem eine
Ausgabe der auf diesem Wege emendirten und vermehrten Bibel zu
erwarten. Eine Probe davon giebt Orson Hyde in jener Zeitung. Sie
betrifft gleich das erste Kapitel der Genesis, wo es (an die Kabbalah
anklingend) zu Anfang der Schöpfungsgeschichte heißen muß: »der
Obergott brachte die Götter hervor. Er berief sie dann zu einem Rathe
zusammen, der im Himmel gehalten wurde und wo sie sich über die
Erschaffung der Welt besprachen.«

Die Bibel gilt demnach als Grundbuch, nur muß sie einige wesentliche
Aenderungen erleiden. Niemand aber darf sie im bildlichen Sinne
auffassen. Der Inhalt ist allenthalben buchstäblich zu nehmen; denn
»Gott ist ehrlich, wenn er mit den Menschen redet und fern von aller
Wortspielerei und Doppelsinnigkeit.« Allein das Wort Gottes findet
sich nach der Meinung der Mormonen nicht blos in der Bibel, sondern
unter andern heiligen Schriften vornehmlich auch im Buche Mormon und
dem Buche der Lehre und der Bündnisse, welches letztere aus einer
Abhandlung über den Begriff Glauben von Sidney Rigdon und einer
Anzahl sogenannter Offenbarungen Gottes an Joseph Smith besteht.
Diese Bücher bilden mit der Bibel eine »dreifache Schnur« der
Kundgebungen Gottes auf Erden, eine Schnur, die noch fortgesponnen
wird, indem Smiths Nachfolger im Mittleramte noch von Tage zu Tage je
nach dem Bedürfnisse der Kirche Belehrungen und Gebote vom Himmel
empfängt. Dies ist nach der Behauptung der Mormonen die Ursache, daß
sie der »heidnischen« Welt so weit an Kenntniß und Verständniß der
göttlichen Dinge voraus sind. Eure Professoren und Doctoren, sagen
sie, können Euch nichts Neues von Bedeutung mehr lehren, uns dagegen
leitet der Herr durch seinen Offenbarer unaufhörlich zu höherer
Erkenntniß. So kann man als unterscheidendes Merkmal ihrer Kirche das
setzen, daß ihre Dogmatik stets eine nur provisorische, daß ihr
Princip, wenn das Wort hier überhaupt eine Stelle hat, ein stetes
Imaginiren ins Blaue hinein, und daß der »Fels, auf den Joseph Smith
seine Kirche gebaut,« jene angebliche Offenbarungsthätigkeit Gottes
ist, die unaufhörlich neue Sinnlosigkeit an die Stelle der alten
schiebt. Daß dabei von einem Felsen nicht die Rede sein kann, und daß
die Offenbarungen sich häufig widersprechen, ficht sie nicht an,
indem es sich ihnen aus den verschiedenen Umständen erklärt, unter
welchen der Herr zu den Seinen redet.

Einem solchen Proteus läßt sich nun schwer die rechte Gestalt
ablauschen, und daraus mag es sich der Leser erklären, wenn im
Folgenden Manches schwankt und in verschiedenen Farben schillert.

Wir betrachten zuvörderst die _Lehre der Mormonen von Gott_. Die
Gottheit ist nach den uns vorliegenden Quellen eine Dreieinigkeit
oder richtiger eine Einheit von zwei Personen. »Gott Vater ist ein
vollkommener Mensch, aber in den Attributen seiner Natur, seinem
Glauben, seinem Wissen und seiner Kraft in Vergleich mit uns so
erhaben, daß man ihn den Unendlichen nennen kann.« Die Philosophen
unter den Mormonen wissen aber noch mehr. Sie kennen seinen Anfang,
und zwar nennen sie diesen Urgrund alles Seins »das ewige
Evangelium.« Die Art ihres Speculirens klingt hier bald an die
Schelling'sche Identitätsphilosophie, bald an die Aeonenlehre der
Gnostiker an. Vor dem Anfang aller Dinge, sagen sie, gab es zwei
durch sich selbst existirende Principien: Verstand und Grundstoff,
Intelligenz und Leiblichkeit. Das Zusammenwirken derselben war »das
Gesetz«, durch welches die Urgötter entstanden. Wie der Obergott
wurde, läßt der Prophet selbst dahingestellt. Er sagt darüber blos,
daß er sich nicht selbst habe schaffen können. Seine Nachfolger
drücken sich über diesen schwierigen Punkt dahin aus, daß in der
fernen Ewigkeit »zwei Grundtheilchen der Materie ihre Intelligenz mit
einander verglichen und dann ein drittes Atom zur Berathung riefen,
worauf sie zu Einem Willen zusammengingen, der die erste Kraft war.
Als solche vereinigten sie mehr und mehr Atome mit einander, und
daraus erwuchs eine Fülle von Kraft, die alle andern Atome in ihr
Gesetz zwang. Aus dieser Intelligenz (wir übersetzen die betreffende
Stelle wörtlich) wurde nach dem Gesetze ein Gott erzeugt, nicht
gemacht, und die übrigen Götter gingen aus ihm als Kinder hervor.
Durch das Gesetz der allgemeinen Ordnung wurde die Geschlechtlichkeit
als gleich ewig mit allem sittlichen Dasein und Leben gesetzt, und so
entstanden nicht nur Könige des Himmels, sondern auch Königinnen.
Letztere wurden, mit den ersteren vermählt, die Mütter anderer Götter
und Geister, von denen jeder seine bestimmte Sphäre im Universum
hat.« Ein solcher Gott ist nun auch der, den wir zunächst verehren.
Die zweite Person der Gottheit ist der Sohn, Jesus Christus, geboren
von der Jungfrau Maria. »Der ewige Vater stieg auf die Erde herab,
freiete sie durch seinen Heroldsengel Gabriel, Bräutigam und Braut
trafen sich auf den Gefilden von Palästina, und das heilige Kind,
welches geboren wurde, war der Leibestempel (=tabernacle=) für den
geistigen Sohn, und daraus wurde ein Gott.« Der heilige Geist ist
»der einig gehende Wille von Vater und Sohn, welcher allgemeine
Harmonie des Gedankens, Wissens und Seins durch ihr ganzes Reich
wirkt. Er unterscheidet sich von Gott dem Vater und Gott dem Sohne
dadurch, daß er nur eine geistige Existenz hat, nie leiblich geworden
ist wie die anderen Götter.«

Wir könnten dieses Thema hiermit erledigt zu haben glauben, wenn das
Weitere nicht in genauem Zusammenhange mit den übrigen Lehren der
Secte stünde, und wenn diese Lehren nicht dadurch an Wichtigkeit
gewännen, daß sich bereits Hunderttausende zu ihnen bekennen. So
fahren wir denn in der peinlichen Aufgabe möglichster Sichtung dieses
Wustes von Hirngespinnsten fort.

Wir haben gesehen, daß es mehrere Götter giebt, und daß jeder
derselben vermählt ist und Kinder ebenfalls göttlicher Art besitzt.
Wir haben ebenfalls gesehen, daß jedem Gotte eine bestimmte Sphäre im
Universum angewiesen ist. Hat derselbe nun diese Sphäre, oder um
deutlicher zu sprechen, diesen Weltkörper mit seinen Kindern in dem
Grade bevölkert, daß sein himmlisches Erbtheil zu klein wird, um sie
alle zu bewegen und zu nähren, so schafft er, um den Ueberschuß
unterzubringen, einen neuen Stern, nach welchem die Geister der
jungen Götter als Bewohner gesendet werden. Diese verehren dann ihren
Vater als Gott, gerade sowie dieser mit seinen Brüdern im Universum
seinen Vater als Gott ehrt, und so fort zurück bis zum Ur- und
Hauptgotte, der im Centrum der Welt auf seinem Sterne Kolob thront.
So ist der Gott, den wir zunächst verehren, der Vater unserer Geister.

Um diese Materie oder vielmehr, um die Art, wie die Mormonen über
diese Materie phantasiren, deutlicher zu machen, müssen wir dem Leser
zumuthen, dem folgenden Auszuge aus Orson Pratts Abhandlung über die
Präexistenz des Menschen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Es heißt
da:

»Die Zahl der Söhne und Töchter Gottes, welche vor der Schöpfung
dieser Erde im Himmel geboren wurden, ist uns nicht bekannt. Sie muß
indeß außerordentlich groß gewesen sein, wenn wir die ungeheure Menge
von Menschen betrachten, welche während der vergangenen sechs- oder
siebentausend Jahre vom Himmel gekommen sind, um unsern Planeten zu
bevölkern. Nehmen wir an, daß während eines Jahrhunderts etwa tausend
Millionen Menschen auf Erden geboren werden und sterben, so würde das
in sieben Jahrtausenden siebzigtausend Millionen geben. In der Urzeit
gab es nun zwar bedeutend weniger Menschen, während des
tausendjährigen Reiches aber werden unzweifelhaft weit mehr als
gegenwärtig die Erde bewohnen. Siebzigtausend Millionen wäre demnach
ungefähr die Zahl der Söhne und Töchter Gottes, welche im Himmel
geboren und, weil sie sich in reinem Zustande erhielten, vom Vater
würdig erfunden wurden, eine neue Welt zu bewohnen und dort, in
fleischlichen Leibestempeln, in einen zweiten Zustand einzugehen. Man
muß jedoch wissen, daß diese siebzigtausend Millionen nur zwei
Drittel der großen gotterzeugten Geisterfamilie sind. Das letzte
Drittel verblieb nicht im Stande der Unschuld, sondern lehnte sich
auf und ward aus dem Familienkreise verstoßen. Sie blieben aber
immerhin Gottes Kinder, und so beläuft sich die Gesammtmenge der
letztern auf nicht weniger als hundertundfünftausend Millionen.

Die Zeit, welche zur Erziehung dieser Geister nöthig war, muß
jedenfalls eine sehr lange gewesen sein. Einige der ältesten müssen
Millionen von Jahren in ihrem Urzustande gewesen sein, ehe sie in das
Erdenleben eingingen. Während dieser Periode haben sie unzweifelhaft
Gelegenheit gefunden, über alle Gesetze des geistigen Daseins sich
aufs Gründlichste zu unterrichten. Indem sie bei ihrem Vater wohnten
und durch ihn in die Gemeinschaft der anderen Götter, seiner Brüder,
eingeführt wurden, mußte es ihnen leicht werden, sich die
gediegensten Kenntnisse anzueignen. Auf dieser Hochschule des Himmels
lernten sie wahrscheinlich vor Allem, woraus Welten geschaffen, wie
ihre Grundstoffe zusammengesetzt und wie sie regiert werden müßten.
So viel sie aber auch Weisheit sammeln mochten, gab es doch etwas,
worüber sie keine Belehrung empfangen konnten: sie konnten die
Gefühle und Empfindungen sich nicht aneignen, welche Geister haben,
wenn sie in Leibestempeln wohnen. Keine Sprache konnte ihnen davon
auch nur die entfernteste Vorstellung geben. Es wäre gerade, wie wenn
man von einem Menschen, der in einem dunklen Kerker geboren und
erzogen worden, verlangen wollte, zu wissen, was das Sehen, was
Licht, was Grün, Blau, Roth oder Gelb sei. Diese Empfindungen konnten
die Geister nur durch Erfahrung kennen lernen. So können Geister in
einigen Dingen den höchsten Grad des Wissens erreichen, während sie
in andern vollkommen unwissend bleiben. Nun giebt es aber viele nur
durch sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung zu erreichende Wahrheiten,
ohne deren Besitz ein intelligentes Wesen nicht vollkommen glücklich
sein kann, und daher ist es nothwendig, daß jene Geister Fleisch und
Gebein anziehen und ein Menschenleben führen. Diejenigen, welche sich
in ihrem ersten Zustande gehorsam bewiesen haben, bekommen Erlaubniß
dazu; die, welche die Gesetze ihres Urzustandes verletzt haben,
müssen in der Unvollkommenheit bleiben.

Mit jener Rebellion im Himmel aber verhielt es sich folgendermaßen.
Im Anfang der Zeiten hielten die Götter unter dem Vorsitze ihres
Vaters einen Rath im Himmel. In demselben kam die Schöpfung der Erde
zur Sprache, und da Gott den Sündenfall der Menschen voraussah, so
fragte er im Kreise seiner Söhne unter denen sich die beiden ältesten
Christus und Lucifer, der Sohn des Morgens, befanden, wie dieselben
zu retten und zu erlösen sein würden. Lucifer antwortete: »Siehe,
sende mich hinab, ich will als Dein Sohn erscheinen und alle Menschen
erlösen, sodaß keine Seele verloren sein soll; darum gieb mir deine
Ehre!« Christus aber, der Eingeborene und von Anfang Erwählte,
erwiderte: »Vater, Dein Wille geschehe, und Dein sei die Herrlichkeit
in Ewigkeit«[3]. Gott der Vater beauftragte darauf Christum mit dem
Erlösungswerke, und dies verdroß den Sohn des Morgens so sehr, daß er
in offener Empörung gegen den göttlichen Willen ausbrach. Dabei riß
er ein Drittel der Söhne und Töchter Gottes mit sich fort. Die andern
zwei Drittel aber kämpften unter der Anführung Michaels des Erzengels
mit ihm und seinen Schaaren, und das Ende dieses Kriegs im Himmel
war, daß Satan, wie Lucifer jetzt hieß, auf die inzwischen »von den
Göttern« geschaffene Erde hinabgeworfen wurde.

  [3] Nach einer andern Version versprach Lucifer den Menschen _in_
      seinen Sünden zu erlösen, während Christus ihn _von_ seinen Sünden
      erlösen wollte.

»Unter den Zurückbleibenden waren viele, die während des Kampfes sich
parteilos verhalten und vielleicht sogar zu Satans Partei hingeneigt
hatten, deren Sünden jedoch von der Art waren, daß sie durch Glauben
an das zukünftige Leiden des Eingeborenen des Vaters und durch
aufrichtige Reue und Besserung Vergebung erlangen konnten. Wären alle
Zurückgebliebenen gleich treu und tapfer gewesen, woher sollte denn
der Unterschied zwischen den Menschen, in die sie später verwandelt
wurden, kommen? Alle Geister sind, wenn sie auf Erden anlangen, um
einen Leibestempel zu beziehen, unschuldig, das heißt, wenn sie im
vorherigen Leben Sünde begangen haben, so haben sie dafür Buße gethan
und im Glauben an das Leiden des Lamms Vergebung erlangt. Was also
ihre Seelenreinheit anbetrifft, so betreten sie diese Welt völlig
gleich. Aber sie betreten sie unter verschiedenen Umständen. Die eine
Classe kommt in die Leiblichkeit, wenn das Priesterthum und Reich
Gottes auf Erden herrscht, und hat deshalb Gelegenheit das Evangelium
zu hören und anzunehmen; Andere gelangen in Zeitaltern der Finsterniß
in die Welt und werden in allerlei irrthümlichen Meinungen erzogen.
Einige Geister nehmen Leiber in Geschlechtern des auserwählten Samens
an, durch den das Priesterthum fortgepflanzt wird; andere fahren in
die Leiber afrikanischer Neger oder in das Geschlecht Kanaans, dessen
Nachkommen der Fluch traf, nie unter die Priesterschaft aufgenommen
werden zu können. Wie kommt dies? Woher diese Ungleichheit, bei
welcher die Einen Lichter und Herrscher der Kirche werden und die
Fülle der himmlischen Herrlichkeit erreichen, während die Andern in
aller Art von Ruchlosigkeit und Aberglauben erzogen werden, nicht
eher als im Gefängnisse nach dem Tode das Evangelium hören und es
nach der Auferstehung nicht zu himmlischer, sondern nur zu irdischer
Glorie bringen? Die Antwort ist, daß die verschiedenen Umstände,
unter welchen die Geister diese Erde betreten, ein Ergebniß des
verschiedenen Verhaltens derselben im Urzustande vor diesem Leben
ist, ganz ebenso wie unser Zustand nach diesem Leben nach dem
Verhalten auf Erden bemessen sein wird.«

Kehren wir aber in die Zeit vor und während der Schöpfung der Erde
zurück, so war, nachdem Satan mit seinen Engeln besiegt und die Klage
um ihr »Wehe, er ist gefallen, er ist gefallen, der Sohn des Morgens«
verhallt war, das erste große Werk der Götter, die Geister auf die
neue Erde in Leiber von Fleisch und Gebein zu pflanzen, wo sie eine
zweite Reihe von Prüfungen durchmachen und sich durch erfolgreiche
Bekämpfung des Bösen zu gleicher Herrlichkeit mit dem Vater
emporschwingen konnten. Der erste Leibestempel wurde aus dem Staube
des Erdbodens geschaffen, der erste Geist, der in einem Leibe wohnte,
war derjenige, welcher die Heerschaaren der Kinder Gottes gegen Satan
und die abgefallenen Geister angeführt hatte und von der Schrift
»Michael, der Alte der Tage mit Haaren wie Wolle« genannt wird. Er
hieß als Mensch Adam. »Drei Jahre vor dem Tode Adams,« sagt eine
Offenbarung Smiths, »rief derselbe Seth, Enos, Kainan, Mahalaleel,
Jared, Enoch und Methuselah zu sich, welche Hohepriester waren, um
ihnen seinen letzten Segen zu ertheilen. Dies war im Thale
Adam-On-Diahman. Und der Herr erschien ihm und nannte ihn Michael,
den Fürsten, den Erzengel. Und der Herr sprach Adam Trost zu und
sagte zu ihm: Ich habe Dich als das Haupt der Menschen gesetzt, eine
große Zahl von Völkern soll aus Dir hervorgehen, und Du sollst ihr
Fürst sein ewiglich.«

Die Uebersetzung der Bibel, die wir gebrauchen, ist nach Smiths
Erklärung ungenau. Erstens wurden Pflanzen und Thiere in der
Schöpfungsperiode der sechs Tage nicht geschaffen, sondern nur
vorbereitet oder wie die Mormonen sich ausdrücken, »geistig
geschaffen.« Zweitens ruhte Gott am siebenten Tage nicht, sondern
schuf den Menschen leiblich, dann Eva und die Thiere. Drittens sind
unter den Tagen nicht unsere vierundzwanzigstündigen, sondern
Gottestage, die nach den Umdrehungen des Planeten Kolob gemessen
waren und tausend Jahre umfaßten, zu verstehen. Als die Erde, die
Thiere und Pflanzen und alle Dinge vollendet waren, nannte der Herr
das Ganze »sehr gut.« Und so war es in der That. Das trockene Land
war eine einzige ungeheure Insel inmitten eines einzigen ungeheuren
Meeres. Es war eine schöne Ebene mit sanft anschwellenden Hügeln und
lieblichen Thälern. Der Wechsel von Hitze und Kälte, Trockenheit und
Nässe war regelmäßig und durchaus angenehm. Auf blumigen Auen
schwebte ein süßer Duft und die ganze Schöpfung hauchte Gesundheit,
Frieden und Freude. Der Mensch sprach Angesicht zu Angesicht mit Gott
und kannte gleich allen Thieren den Tod nicht. Ein Fluidum strömte
wie jetzt das Blut durch seine Adern, wodurch sein Leib vor dem
Vergehen bewahrt wurde.

Nun wuchs aber im Garten Eden ein Baum, dessen Früchte die
Eigenschaft hatten, dieses Fluidum zu verderben, es in sterbliches
Blut zu verwandeln. Adam, der bei seinem Eingehen ins Fleisch alles
sein früheres Wissen von Gut und Böse verloren hatte, ließ sich vom
Satan verführen, von dieser giftigen Frucht zu essen, und so verlor
er die Unsterblichkeit, tauschte aber durch seinen Fall ein Wissen
für den Verlust ein, das Wissen nämlich von Schmerz, Leiden und Tod,
welches zu seiner Vollkommenheit nothwendig war, sodaß man sagen
kann, der Fall sei zugleich ein Steigen, der Verlust zugleich ein
Gewinn gewesen. Die Folgen allerdings waren zunächst trauriger Art,
und zwar nicht blos für den Menschen, sondern auch für die Erde.
Dieselbe seufzte mit dem ungehorsamen Paare unter ihrer Bürde von
Disteln und Dornen, und die Sünde zeugte andere Sünde, bis der Herr
als Rächer und Reiniger auftrat, und allen Unrath mit Wasser von der
Erde schwemmte. Als Merk- und Denkmal dieser Katastrophe blieb die
Erde nach der noahischen Fluth in verschiedene Theile zerrissen,
zwischen die sich der Ocean drängte. Durch Christus wurde ein Versuch
gemacht, die Menschen und die Erde in ihre Ursprünglichkeit
zurückzuführen. Das verlorene Priesterthum wurde wiederhergestellt
und zwar zunächst auf dem östlichen und hiernach auf dem westlichen
Continente. Eine Fülle göttlicher Kräfte ward ausgegossen über die
Menschheit. Allein dieser gottselige Zustand erhielt sich weder hier
noch dort. In Amerika kamen große Strafgerichte, Erdbeben, Pestilenz
und Krieg über die Abtrünnigen. In Asien und Europa gingen wenigstens
alle Charismata der urchristlichen Zeit verloren. Da endlich, im
Jahre 1827 erbarmte es den Herrn, und er verlieh dem von ihm
erweckten Propheten das Priesterthum der Ordnung Melchisedek aufs
Neue und beauftragte ihn, die rechte Kirche wieder aufzurichten und
die Welt dadurch vorzubereiten auf die Wiederkehr Jesu Christi und
sein tausendjähriges Reich, dessen Eintritt nahe bevorsteht.




Sechstes Kapitel.

Noch ein Wort über die Natur des Menschen. -- Seelenwanderung und
Auferstehung. -- Die Gnadengaben und Gnadenmittel der erneuerten Kirche.
-- Die Art des Gottesdienstes in Deseret. -- Ein Mormonenconventikel in
Dayton. -- Die Priesterschaft Aarons und Melchisedeks.


Wir sind im Vorhergehenden vorzüglich den Abhandlungen Orson Pratts
gefolgt, der als Hauptdogmatiker der Secte gilt und in der That nicht
ohne eine gewisse Begabung ist, auch ziemlich gute Kenntnisse in
verschiedenen Zweigen des Wissens zu besitzen scheint. Das schließt
indeß nicht aus, daß hin und wieder andere Mormonen abweichenden
Meinungen huldigen. So heißt es denn z. B. in der letzten Predigt
Smiths, daß der Mensch nicht geschaffen, sondern erzeugt sei, daß
jeder Einzelne als Geist oder Gott im Himmel die Wahl habe, auf die
Erde herabzusteigen und durch Annahme eines Leibes sich größere
Herrlichkeit zu erwerben, als die himmlische. Wenn der Geist Besitz
von seinem Leibestempel nimmt, so entsteht ein Mensch oder eine
lebendige Seele. Diese ist eine Dualität, zusammengesetzt aus
gröberer Materie oder Leiblichkeit, und feinerer oder Geist.
Letzterer durchdringt und belebt die erstere. Er ist sterblichen
Augen nur durch ein Wunder sichtbar, der Schwerkraft nicht
unterworfen, und dennoch Materie. Er geht durch den Körper wie das
elektrische Fluidum durch die Erde. Er ist trotz seiner feineren
Natur doch substantieller und dauerhafter als der Leib, ja er ist
unsterblich wie Gott selbst. Der Tod »scheidet ihn vom Körper nur zu
einem nützlichen Zwecke; dann aber wacht der Geist über jedes
Theilchen seines geliebten einstigen Wohnsitzes, bis das Werde der
Auferstehung ertönt, den Geist wieder mit dem Leibe bekleidet und den
Menschen auf diese Weise zum Gotte erhebt.« Diese Götter, in welche
die auferstandenen Frommen verwandelt werden, haben die Macht, für
sich einen neuen Planeten zu schaffen und denselben zu bevölkern.
Dies wird als »die Gewalt endloser Lebensspendung« bezeichnet. Die
Ungehorsamen und Ungläubigen dagegen werden im Himmel »nur einer
geringen Herrlichkeit theilhaft werden,« sie werden den himmlischen
Königinnen die Schleppe tragen, Holzhacker, Schuhputzer, Küchenjungen
u. s. w. sein; denn die zukünftige Welt ist nur die verklärte
Wiederholung der jetzigen.

Ferner heißt es im Widerspruche mit dem Obigen, Adam sei nach einer
Voraussehung Gottes oder nach einer nothwendigen Bestimmung der
Heilsökonomie gefallen und habe den Apfel mit vollem Bewußtsein der
daraus sich ergebenden Folgen gegessen. Es soll dies geschehen sein,
auf daß künftighin sterbliche Leiber von Weibern geboren würden, um
Wohnungen für die Geister zu sein. Entspricht ein solcher vom Himmel
gestiegener Geist seiner Bestimmung nicht, kommt er den von ihm
gehegten Erwartungen nicht nach, besteht er die Prüfungszeit nicht,
verscherzt er, wie der Kunstausdruck lautet, sein Erbe durch üble
Aufführung, so wird ihm nach seinem Ableben ein geringerer
Leibestempel und eine niedrigere Daseinsstufe angewiesen. Ist er auch
auf dieser nicht gehorsam, so verbannt ihn Gott auf eine noch
niedrigere, und so fort, bis er sich fügt und zur Unterwerfung unter
das Gebot des Herrn zurückkehrt, worauf ihm gestattet wird, Grad für
Grad wieder emporzuwachsen in die Herrlichkeit der Kinder Gottes.

Ein Beispiel dazu bildet die Geschichte, die einst mit einem ihrer
größten Heiligen sich ereignete. Er war in Zweifel verfallen und
dachte bereits an den Austritt aus der Kirche. Da erschien eines
Tages ein Bote aus der Höhe vor ihm und warnte ihn vor der Gefahr,
die ihm drohte. Es stehe ihm nämlich, sagte der Engel, nichts
Geringeres bevor, als ein baldiger Tod und nach diesem die Verbannung
seines Geistes in einen Negerkörper. Nur durch sofortige Umkehr auf
den rechten Weg könne er sich davor schützen. Der fromme Mann
erschrak und ging in sich; denn ein Schwarzer kann nach ihrer Lehre,
wie erwähnt, nicht zum Priester geweiht werden, muß allerwärts, auch
jenseits eine dienende Stellung einnehmen und hat im Himmel nur auf
einen geringen Theil von Seligkeit und Herrlichkeit Anspruch. Er
stellt die tiefste Stufe der Menschheit dar. Bedeutend höher steht
die kupferfarbene Race. Die Rothhäute sind nur auf Zeit zu der
unschönen Farbe verdammt, und der Tag wird kommen, wo sie, in ihre
Rechte wieder eingesetzt, würdig sein werden ihrer Abkunft vom Samen
Abrahams. Sind diese Stufen der Erniedrigung nicht hinreichend, den
rebellischen Geist zur Umkehr zu veranlassen, so wird er in ein Thier
verwiesen, und so mag es nicht ungehörig sein, wenn ein tückisches
Pferd, ein bissiger Hund oder eine zornige Otter Einem zu Leibe geht,
sich zu erinnern, ob in der Bestie nicht vielleicht ein ungehorsamer
Geist seine Straf- und Prüfungszeit verbüßt.

Mit dem Satan und seinen Engeln konnte ein solcher Reinigungsproceß
nicht vorgenommen werden, da sie »nicht in der Leiblichkeit
sündigten.« Der einstige Sohn des Morgens ist nach den Mormonen
überhaupt nicht so schlimm, als er gemeiniglich angesehen wird. Er
besitzt noch gar manche seiner früheren nobeln Eigenschaften und ist
noch immer Miltons: »=Archangel ruined and a perfect gentleman.=« Die
Anekdoten indeß, die unter den Heiligen über diesen »vollendeten
Gentleman« umlaufen, wollen nicht recht zu unseren Begriffen von
einer würdigen und anständigen Haltung passen, ja er beträgt sich
bisweilen recht ungezogen und rüpelhaft.

Sidney Rigdon, der würdige Mitstifter der Secte, wußte davon ein
nichts weniger als erbauliches Lied zu singen. Er lag eines Abends im
Bette und schlief, als ihn plötzlich eine so gewaltige Hand beim
Genick packte und schüttelte, daß er sofort inne wurde, wie er es mit
keiner irdischen Gewalt zu thun habe. Es war kein Geringerer, als
Seine höllische Majestät. Aber nicht zufrieden damit, den unseligen
Rigdon so unsanft geweckt zu haben, machte er sich nun daran, seinem
Opfer die Bettdecke wegzuziehen und es auf das Abscheulichste
durchzuprügeln. Dann ergriff er Ehren Rigdon bei den Füßen, schleppte
ihn aus der Kammer und, unbekümmert darum, daß das graue Haupt aufs
Jämmerlichste auf jede Stufe aufschlug, die Treppe hinab vor das
Haus, wo er ihn in den Rinnstein warf und sodann »wie ein Dampf«
verschwand. In dieser Weise mishandelte er Rigdon zwei Nächte
hindurch. Böse Zungen zwar wollten behaupten, es könnte eine
menschliche Hand im Spiele gewesen sein, etwa ein Schabernack
liebender Mormonenjüngling. Aber diese Vermuthung wurde mit
spöttischem Lächeln als ungereimt abgewiesen. Hatte man sich doch
nach dem ersten Male genau nach der Farbe der Haare, den
Gesichtszügen und anderen Erkennungszeichen, an denen Smith seine
Jünger den bösen Feind zu entdecken gelehrt, erkundigt, und stimmte
doch Rigdons Beschreibung bis in die geringsten Einzelheiten.

Der Körper der Auferstandenen wird vollkommen derselbe sein, den sie
im Leben hatten. Nur das Blut wird fehlen, wie es im Körper des
auferstandenen Christus fehlte, welcher das Vorbild aller Menschen
ist. Aber ganz so wie der Mensch gehen auch die Thiere und Pflanzen
einer Auferstehung und Erhebung in die himmlische Herrlichkeit
entgegen. »Wenn die Welt erlöst wird, so ist die Pflanzen- und
Thierschöpfung in diesen Vorgang eingeschlossen; denn auch sie hatten
ja eine geistige Existenz vor der leiblichen auf Erden. Wenn die
Pflanze in den himmlischen Boden gesenkt wird, so zieht sie ihre
Nahrung aus demselben, und das Fluidum, das sie auf diese Art
einsaugt, circulirt durch die Poren und Zellen des Pflanzenleibes,
bewahrt denselben vor Verwitterung und Fäulniß und erzeugt einen
geistigen Samen, welcher gepflanzt zu einem geistigen Halme, Strauche
oder Baume erwächst, der sich darin von der väterlichen Pflanze
unterscheidet, daß er keinen Leib hat. Diese geistigen Pflanzen oder
diese Pflanzengeister werden aus dem Himmel auf die Erde geschickt,
wo sie Leiblichkeit gewinnen und gleich den Thieren zu Nahrung für
einen Theil der animalischen Schöpfung werden. So sind denn« --
schließt Orson Pratt diese treffliche Beweisführung -- »die Geister
sowohl der Pflanzen als der Thiere Sprößlinge männlicher und
weiblicher Aeltern, welche von den Todten auferweckt und mit der
Welt, auf der sie wohnten, aus einem gefallnen Zustande erlöst worden
sind.«

Hiermit möge unsere Blumenlese aus der Metaphysik der Mormonen
beschlossen sein. Ein Urtheil darüber ist unnöthig, und wir können
uns sofort zu begreiflicheren und näherliegenden Dingen wenden.

Die Gnadengaben, in deren Besitz die Latterday-Saints zu sein sich
rühmen, und deren Vorhandensein sie als eine Art Zeugniß Gottes für
die Wahrheit ihrer Lehre und die Echtheit ihrer Kirche ansehen,
bestehen, wie bereits bemerkt, in der Gabe der Weissagung (die indes
auf den Seher und Offenbarer beschränkt ist), in Heilungen durch
Handauflegung, Austreibungen von bösen Geistern aus Besessenen, von
denen namentlich in Wales ganze Rudel -- beinahe so viele wie in
Weinsberg -- spukten, im Reden in Zungen und in der Deutung dieser
modernen Glossolalie. Diese Erscheinung, welche sich über alle
Heiligen erstreckt, während die übrigen sich auf die Priester
beschränken, und welche auch bei anderen Secten Amerikas bisweilen
vorkommt, ist, wenn man die Erzählung vom Pfingstwunder in der
Apostelgeschichte wörtlich nimmt, nicht dieselbe, welche die Jünger
befähigte, der vor ihrem Hause versammelten vielzüngigen Menge in
verschiedenen Sprachen den Wahn zu benehmen, sie seien voll süßen
Weines. Es ist vielmehr im besten Falle eine Art Stammeln,
Lallen oder Gurgeln ohne Sinn und Verstand, hervorgegangen aus
krankhafter Gemüthsaufregung, zuweilen ähnlich dem Phantasiren von
Fieberkranken, mitunter eine Folge unzusammenhängender englischer
oder indianischer Worte, häufiger aber ein bloßes Ausstoßen
willkürlich zusammengeworfener Vocale und Consonanten. Der in Zungen
Redende selbst weiß nicht, was für Ideen er damit ausgesprochen hat.
Aber Andere wissen es um so genauer, und oft erfährt die erstaunte
Zuhörerschaft durch diese Dolmetscher die wundersamsten Dinge. Wie
man aber zu zweifeln Grund hat, daß die Theologen der Secte in ihren
Schriften und Predigten immer ehrliche Phantasten gewesen sind und
nicht auch manchmal, ja häufiger absichtlich und zweckbewußt den
Unsinn zusammengehäuft haben, den wir bei ihnen finden, so wird auch
mit dem Reden in Zungen mancherlei Täuschung getrieben werden. Smith
liebte es, seine Predigten damit zu schmücken, und das Folgende
klingt fast wie eine Anweisung zum Betrügen. »Wenn Jemand sich zum
Sprechen in der Gemeinde gedrungen fühlt« -- sagt der Prophet --
»aber keine Worte findet, die Gedanken seines Herzens auszudrücken,
so muß er sich getrost auf seine Füße erheben, sich im Glauben an
Christum anlehnen, seine Lippen öffnen und in irgend einer
beliebigen Tonart und Weise einen Gesang hören lassen. Der Geist des
Herrn wird es dann zur Rede machen und einen Dolmetscher dazu
schaffen.«

Diese Verheißung erfüllte sich bei der folgenden Anekdote, wenn auch
der Dolmetscher, den der Herr schaffte, nicht ganz genau das Rechte
getroffen haben dürfte. In einer ihrer Versammlungen sprang ein vom
heiligen Geiste ergriffnes Weiblein auf, sprach in Zungen und schrie:
»Melai, Melei, Meli!« Dies wurde von einem jungen Manne, der in sich
die Gabe des Dolmetschers empfand, sofort mit: »=My leg, my tigh, my
knee=« (Mein Bein, mein Schenkel, mein Knie) übersetzt. Man forderte
ihn vor den hohen Rath und klagte ihn der Sünde wider den heiligen
Geist an. Er blieb aber hartnäckig bei seiner Behauptung, daß seine
Deutung die richtige sei, und so mußte man ihn ohne Strafe lassen.
Man ermahnte ihn indeß, auf der Hut zu sein, daß der Satan ihn nicht
in seinen Schlingen fange.

Von den Gnadenmitteln oder Sacramenten kennen die Mormonen nur Taufe
und Abendmahl. Die erstere muß durch Untertauchung des Täuflings
vollzogen und durch Handauflegung vollendet werden, sonst ist sie
eine leere Ceremonie. Sie hat ferner zu dem Zwecke der Vergebung der
Sünden stattzufinden, ein Zweck, der bei der Handlung zu nennen ist.
Sodann hat nur die aus der Hand von Mormonenpriestern der Ordnung
Melchisedek empfangene Taufe die Wirkung eines Sacraments. Die
Kindertaufe wird verworfen. Man nimmt an, daß der Mensch im achten
Lebensjahre zurechnungsfähig werde. Dann müssen die Eltern das Kind
taufen lassen.

Ein seltsames Seitenstück zu den Seelenmessen der katholischen Kirche
ist das mormonische Institut der »Taufe für die Verstorbenen.« Die
Berechtigung zu dieser Ceremonie entnehmen sie aus einer Bibelstelle,
wo der Apostel nach der Auffassung der Mormonen die Frage aufwirft:
»Was anders sollen die thun, welche für die Todten getauft sind,
wofern die Todten nicht auferstehen? Warum dann sind sie für die
Todten getauft?« Joseph Smith behauptet darauf hin: »Jedermann, der
einen Freund in der ewigen Welt hat, kann ihn erlösen, es wäre denn,
daß er die eine Sünde begangen hätte, die nicht vergeben wird. So
könnt Ihr sehen, wiefern Ihr Erlöser sein könnt: denn der Apostel
sagt: Sie ohne uns vermögen nicht zur Vollkommenheit zu gelangen.«

Das Nähere der Sache aber ist Folgendes: Die Mormonen glauben, daß
Niemand ohne in gebührender Weise getauft zu sein, in's Himmelreich
eingehen könne. Nun kann aber ein Heiliger den Wunsch hegen, auch
diejenigen seiner Freunde und Verwandten einst bei sich zu sehen,
welche entweder durch Ungunst der Umstände oder weil sie das
Sacrament misachteten, ohne echte und wahre Taufe aus der Welt
gegangen sind. Dies wird dadurch erreicht, daß sie sich
stellvertretend für jene taufen lassen. Die Jenseitigen befinden sich
in einem Prüfungszustande, ähnlich dem Fegefeuer der Katholiken. Sie
haben bereut und Buße gethan und sehnen sich nach dem unerläßlichen
Ritus der Untertauchung in Wasser zur Vergebung der Sünden. Daher
erwächst die Pflicht ihrer Verwandten auf Erden, sich dieser
Ceremonie für sie zu unterziehen. Sie befriedigen damit den Wunsch
der Abgeschiedenen und erwerben sich zugleich das Verdienst, Mehrer
des Reichs Gottes zu sein. So geschieht es, daß Einzelne wohl ein
Dutzend Mal getauft sind, einmal für den Vater, dann für die Mutter,
dann für die Großältern, dann für die unbekannten Vorfahren bis
hinauf zu dem Urahn, von dem man annimmt, daß er noch in heiliger
priesterlicher Zeit gelebt habe. Andere wieder werden dabei von dem
Hinblicke auf die Macht geleitet, welche sie sich dadurch erwerben,
und so lassen sie sich auch für Todte taufen, welche nicht zu ihrem
Geschlechte gehört haben. Es heißt nämlich, daß alle die, welche von
dem Stellvertretend-Getauften auf diese Weise erlöst worden sind,
künftig bei der Auferstehung zu dem Haushalte und Gefolge desselben
gehören werden. Derselbe, der auch als »Pathe« (=sponsor=) bezeichnet
wird, wird zuerst aus seinem Grabe steigen und dann thun wie Christus
vor der Gruft des Lazarus that, d. h. er wird jene aus dem
Todesschlafe rufen. Dann aber wird er als der Vornehmste unter ihnen
über sie als Patriarch herrschen, und sein Rang unter den Göttern und
königlichen Heiligen wird sich nach der Zahl derer richten, welche er
erlöst hat.

Das heilige Abendmahl wird »zur Erinnerung an den Leib und das Blut
des Sohnes« genossen, auf das die Heiligen »allezeit seiner eingedenk
seien und seine Gebote halten, und damit sie stets seinen Geist bei
sich haben.« So wenigstens drückt sich das Buch Mormons aus. Brot und
Wein sind als Symbole zu gebrauchen wie in der reformirten Kirche.
Durch eine Offenbarung jedoch wurde es verboten, sich des von den
»Heiden« gebauten und gekelterten Weines zu bedienen (dies geschah
aber erst in Deseret und zwar zu einer Zeit, wo Wein, wie alle
anderen Luxusartikel, selbst Kaffee und Zucker, kaum zu bekommen war,
und die »Offenbarung« war nur ein Hilfsmittel, gewissenhafte Leute,
die es mit der Form der kirchlichen Ceremonien bis aufs Pünktchen
genau zu nehmen gewohnt waren, zu beschwichtigen), und so trinken die
Mormonen »bis sie sich Wein von selbstgebauten Reben verschaffen
können,« Wasser statt des Saftes der Traube. Denn »es ist
gleichgiltig, was ihr essen und was ihr trinken werdet, wenn ihr das
Sacrament genießet; wenn ihr es nur so genießet, daß ihr die Augen
blos auf meine Herrlichkeit richtet; darum so sollt ihr keinen Wein
trinken, es sei denn, er wäre von euch selbst gekeltert«, sagt jene
Offenbarung. Man feiert in Folge dessen die Communion in der Art, daß
die Bischöfe unter den Sonntags im Bethause Versammelten mit Brot und
einem Wasserkruge, woran ein Glas oder Blechbecher hängt, herumgehen
und Jedem auf seinem Sitze das Sacrament anbieten. Es ist Sitte,
dieses Anerbieten nicht abzulehnen, und so genießen die Mormonen das
Abendmahl alle Sonntage.

Nachdem hinreichende Zeit verflossen ist, um den Tempel in Zion zu
vollenden, können Taufen für die Todten nur noch hier und in
Jerusalem (dem in Palästina) stattfinden. Im Hause des Herrn wird ein
gewaltiges Taufbecken aufgestellt werden; »denn diese Taufe wurde vor
der Erschaffung der Welt eingesetzt, und anderswo, sagt der Lord
unser Gott, kann sie mir nicht wohlgefällig sein; denn in ihr sind
die Schlüssel des heiligen Priesterthums verordnet, auf daß ihr
empfanget Ehre und Herrlichkeit« (=Book of Doctrine and Covenants=).
Der Tempel hat überhaupt in gewisser Beziehung sacramentale
Bedeutung, ja man kann nach der gewöhnlichen Definition des Begriffs
Sacrament selbst das Wohnen in Deseret als eine Art Sacrament
betrachten. Die sechste allgemeine Epistel der Präsidentschaft an die
Heiligen in aller Welt fordert dieselben auf das Dringendste zur
Einwanderung nach ihrer wahren Heimat, zur Entrichtung des Zehnten
und zum Baue des Tempels auf. Es heißt darin: »Um für einen
himmlischen Himmel vorbereitet zu sein, bedürfen sie eines irdischen
Himmels, und wenn Einige die Gnadenmittel sich verschaffen, ohne alle
die gebührenden Zehnten entrichtet zu haben, so wird ihnen Jesus
einst erklären, daß sie Diebe und Räuber sind, die einen anderen als
den verordneten Weg herangestiegen sind. Die Errichtung des Tempels
ist so nothwendig für das allgemeine Heil, als die Taufe für das Heil
des Einzelnen nothwendig ist. Die Stimme des guten Hirten aber ruft
fortwährend: Kommt heim, alle ihr Heiligen!«

Die Offenbarungen, welche der »Seher« von Gott durch seine Engel
empfängt, betreffen gegenwärtig nur die allgemeinen Angelegenheiten,
beziehen sich aber auf Weltliches sowohl wie auf Geistliches. Sie
werden aufgezeichnet, um im rechten Augenblicke der Kirche verkündet
zu werden, wenn die Brüder fähig sind, sie zu ertragen; denn »Viele
würden sich verletzt fühlen und der Wahrheit den Rücken kehren, wenn
sie ihnen plötzlich auf ein Mal mitgetheilt würde.« Einzelne
empfangen Offenbarungen in Bezug auf ihre Privatangelegenheiten.
Diese sind durch »Gebet in mächtigem Glauben« zu erlangen, jedoch nur
»wenn natürlicher Scharfsinn, verstärkt durch Fleiß und Nachdenken
nicht im Stande gewesen ist, die erforderliche Auskunft zu gewinnen;
denn wo Gott auf natürlichem Wege wirken kann, thut er kein Wunder.«

Die Art, wie die Mormonen des Sonntags ihren Gottesdienst abhalten,
unterscheidet sich nicht sehr von der Weise der übrigen Secten
Amerikas. Man findet sich zu bestimmter Stunde im Bethause ein. Der
vorsitzende Priester -- in Deseret gewöhnlich der Seher -- eröffnet
die Feier mit einem Segensspruche über die Versammlung und ihr
frommes Beginnen. Dann wird ein Lied aus ihrem Hymnenbuche, und zwar
meist nach einer sehr lebhaften und heitern Melodie, gesungen. Dann
spricht irgend ein Priester ein Gebet, worauf wieder ein Gesang
folgt. Sodann predigt einer von den Priestern, der vorher damit
beauftragt worden ist, und hierauf lassen gewöhnlich das eine und das
andere Gemeindeglied, »vom Geiste zum Reden angeregt«, allerlei
kürzere Ermahnungen und Belehrungen hören. Den Schluß bilden
Vorlesungen von Verordnungen und Ankündigungen allgemein
interessanter Anordnungen in Betreff der öffentlichen Bauten, der
Steuerzahlungen, der Militairübungen u. a. m., welche der Schreiber
des hohen Raths vorträgt, wornach die Versammlung mit einem
Segensspruche entlassen wird.

Während die Gemeinde sich versammelt und ebenso während sie das
Gotteshaus verläßt, spielt das Musikchor, welches sehr zahlreich und,
wie es heißt, sehr gut eingeübt ist, allerlei lustige Weisen, Märsche
und Tänze, wodurch alle düsteren Gedanken vertrieben und die Gemüther
heiter gestimmt werden. Da in Deseret sehr viele Waliser sind, von
denen die meisten nur unvollkommen, einige gar nicht englisch
verstehen, so wird die Hauptrede gemeiniglich von einem Dolmetscher
in wälscher Sprache wiederholt; auch erheitert in der Regel ein
wälsches Chor die Versammlung durch den Vortrag einer ihrer
wildromantischen seltsamen Melodien.

Daß es bei ihren gottesdienstlichen Zusammenkünften nicht immer
vollkommen geordnet zugeht, darf uns nicht Wunder nehmen. Das Reden
in Zungen läßt sich nun einmal nicht zurückdrängen, und nicht selten
wird der Prediger durch ein derartiges verzücktes Geplapper
unterbrochen. Aehnliches kommt jedoch auch bei anderen Secten,
namentlich bei den Methodisten häufig vor. Daß die Redner meist sehr
lange, nur bisweilen gut, höchst selten gewählt sprechen, muß man
ihrer Bildungsstufe (die meisten waren ursprünglich Bauern oder
Handwerker) zu Gute halten. Eines aber verdient mit Recht Tadel --
die Mormonenprediger fluchen und verdammen von der Kanzel herab wie
die Landsknechte, und selbst Brigham Young würzt seine Reden, wenn er
in's Feuer geräth, mit den gewaltigsten Flüchen und Schwüren.

Die Gemeinden außerhalb Deseret halten ihren Gottesdienst, wie sich
von selbst versteht in einfacherer Weise, auch kommen die kleineren
von ihnen selten regelmäßig zu Gebet und Predigt zusammen. In
Cincinnati, wo sich im Jahre 1851 eine Mormonengemeinde von etwa
zwölf Familien befand, wurde in den Monaten October bis December nur
drei Mal Gottesdienst gehalten, und die Zweiggemeinde in Dayton, aus
zwei Männern und drei Frauen bestehend, war bei unserem Besuche seit
einem halben Jahre nicht versammelt gewesen. Dieser unser Besuch aber
wurde für den Vorsteher, den wackeren Schuster Winthrop Graves,
Veranlassung, seine Heerde wieder einmal zusammenzurufen und auf die
himmlische Weide zu führen.

Wir trafen uns im Hause eines der Gläubigen. Derselbe war Pächter
einer Farm und wohnte am Rande des Waldes in einem großen,
schwarzverräucherten Ziegelgebäude, das mit einem unordentlichen
moosbewachsenen Zaune umgeben war. Die alten Eichen und Ahornbäume,
welche das Haus umstanden und deren entlaubte Zweige fortwährend aufs
Kläglichste im Winde ächzten, die Verfallenheit des Dachs und der
Mauern, der Charakter der Leere und Kälte, den das Innere dieser
einsamen Wohnung trug, machten einen trübseligen, unbehaglichen, fast
unheimlichen Eindruck. Dem ärmlichen, düsteren, grämlichen Wesen des
Hauses entsprach das Wesen seiner Bewohner. Der Mann war eine jener
hagern, schlotterigen Gestalten, wie sie in den Hinterwäldern häufig
sind. Die Frau schien am Fieber zu leiden. Die Tochter, ein Mädchen
in den Jahren, wo Frauen sich in ihren Geburtstagen zu verrechnen
anfangen, schaute mit ihren gelben verwelkten Wangen und ihren
graugrünen Augen so theilnahmlos und so sauertöpfisch in die Welt,
als habe sie Holzäpfel gefrühstückt. Die einzige freundliche
Erscheinung war eine junge Witwe, die mit ihren feinen Manieren und
ihrer schönen Stimme einen eigenthümlichen Gegensatz zu dem
Geschilderten bildete. Wir hielten den Gottesdienst in der Küche,
die, wie beim gemeinen Mann in Amerika gewöhnlich, zugleich Wohnstube
war. Der Schuhmacher schlug das Buch Mormon auf, legte es auf ein
Tischchen vor sich, sprach ein Gebet und hielt hierauf aus dem
Stegreif eine Rede, in welcher er die Grundzüge des Glaubens der
Latterday-Saints auseinandersetzte, und die so wohlgefügt und an
einzelnen Stellen so schwungreich war, daß mancher unsrer Pastoren
dabei hätte lernen können. Die verdrießlichen Mienen der vorhin
beschriebenen Drei begannen einen anderen Ausdruck zu gewinnen. Der
Mann schien seine Sorgen, die Frau ihr Fieber vergessen zu haben. Die
grünen Augen der Tochter blitzten von einem seltsamen Feuer, und als
nun ein Lied -- zu unserm Erstaunen nach der altbekannten Melodie:
»Du, Du liegst mir am Herzen« -- gesungen wurde, welches den Tod des
Propheten beklagte und die Leiden der Brüder in der Wüste schilderte,
hatte sich der ganzen Versammlung eine Aufregung bemächtigt, mit der
sie wie umgewandelt schien.

            »=Weep, weep not for me, Zion,
            Rejoice now and sing ye aloud.
            Pray, pray, that Judahs fierce lion
            May quickly descend in a cloud.
              Haste, haste, o quickly descend in a cloud!=

            =To smite with a rod of his power,
            To lay Zions enemies low,
            While frowns on his countenance lower,
            They sink to perdition and woe.
              Yes, yes to perdition and woe!=«[4]

  [4] D. h. Weine, weine nicht um mich, o Zion; juble nun und singe
      laut. Bete, bete, daß Judas grimmer Leue herabsteige in einer
      Wolke. Eile, eile, o steig rasch herab in einer Wolke! Daß er sie
      mit der Ruthe seiner Gewalt schlage, daß er Zions Feinde
      darniederlege. Während sein Antlitz finsterblickend zürnt, sinken
      sie hinab in Verderben und Weh. Ja, sinken sie hinab in Verderben
      und Weh.

So sangen die Mormonen. Und immer höher steigerte sich die Inbrunst.
Die Wangen der Frauen rötheten sich, die Blicke der Männer wurden
stolz und fröhlich und immer fröhlicher und stolzer, je mehr sie sich
durch die weitern Verse des Liedes an die glorreiche Geschichte der
Kirche erinnert fanden. Die junge Witwe sank auf die Knie und sprach
ein Gebet, welches unter anderen Umständen selbst auf uns eine
ergreifende Wirkung gehabt haben würde. Der Farmer folgte ihr in
rauherer, aber nicht weniger aufrichtiger Weise. Wir erwarteten ein
Reden in Zungen von der Tochter, aber die Witwe schnitt ihr die
Gelegenheit dazu ab, indem sie, glühend von schwärmerischem Feuer,
aufsprang und, dem Leiter des Meetings vorgreifend, mit wohltönender
Stimme in ein Triumphlied ausbrach, in welches alle Anwesenden nach
Kräften einstimmten. Sie sangen:

        »=The spirit of God like a fire is burning
        The latter day glory begins to come forth,
        The visions and blessings of old are returning,
        The angels are coming to visit the earth.
        We'll sing and we'll shout with the armies of heaven:
        Hosannah, Hosannah to God and the Lamb!
        Let glory to them in the highest be given.
        Henceforth and forever. Amen and Amen!=«[5]

  [5] D. h. Der Geist Gottes brennt wie ein Feuer, die Herrlichkeit des
      tausendjährigen Reichs beginnt offenbar zu werden, die Gesichte
      und Segnungen von ehedem kehren wieder, die Engel kommen, die Erde
      zu besuchen. Wir wollen singen und jauchzen, mit den Heeren des
      Himmels: Hosiannah, Hosiannah Gott und dem Lamme! Gebt ihnen die
      Ehre. Ehre sei ihnen in der Höhe fortan und in Ewigkeit. Amen,
      Amen.

Den Schluß bildete der Segen, von dem Schuhmacher gesprochen. Dann
aßen die Brüder und Schwestern mit einander, und wir entsinnen uns
nicht, während unsers Aufenthalts in Amerika fröhlichere Gesichter
beisammen gesehen und ein liebevolleres Benehmen beobachtet zu haben,
als bei diesem einfachen Mahle. So verklärt und adelt das, was in den
Religionen die Religion ist, selbst den sinnlosesten Wahn, und so
geht neben der Truglist der Führer stets die redlichste Einfalt der
Massen her.

Den Schluß dieses Abschnitts möge ein Ueberblick über die
_Kirchenverfassung des Mormonismus_ bilden. Dieselbe beruht im
Wesentlichen auf einer eigenthümlichen Ansicht vom Priesterthume.
Die Priesterschaft ist nach Joseph Smith und anderen Dogmatikern,
wie Peter Parley Pratt, Spencer und Orson Pratt, unbedingt
nothwendig zu einer Kirche, welche Anspruch darauf erhebt, die wahre
zu sein. Sie ist unmittelbar von Gott eingesetzt und zerfällt, wie
schon beiläufig erwähnt wurde, in zwei Ordnungen, deren erste nach
dem geheimnißvollen Freunde Abraham's, dem Priesterkönige
Melchisedek benannt ist, während die zweite nach dem ersten
Hohenpriester Israels, Aaron, die aaronische, oder auch die
levitische heißt.

Das Priesterthum der ersten Classe wurde nach dem Book of Doctrine
and Covenants im Anfange der Zeiten an Adam verliehen und von diesem
(man sieht, wir haben hier ein Anklingen an die katholische Lehre von
der Pneuma-Mittheilung vor uns) auf Noah, Abraham, David, Salomo
u. s. w. fortgepflanzt. Ihr Amt und ihre Gewalt ist mystischer Natur.
Sie hat »die Schlüssel zu allen geistlichen Segnungen« in Händen und
besitzt das Vorrecht, die Geheimnisse des Himmels zu empfangen, sich
das Jenseits öffnen zu lassen, und sich mit Gott dem Vater und Jesus
dem Mittler in Verbindung zu setzen.

Die Priesterschaft des aaronischen Ordens dagegen hat auf so hohe
Dinge keinen Anspruch; sie ist nur mit Besorgung der weltlichen
Angelegenheiten der Kirche betraut. Ursprünglich hieß es
(wahrscheinlich um die Juden zum Eintritte in die Gemeinschaft der
Latterday-Saints geneigt zu machen), die Mitglieder dieser Classe
müßten vom Stamme Levi sein. Da sich jedoch keine echten Leviten
finden wollten, so begnügte man sich bis auf Weiteres mit Besetzung
der Stellen durch Nichtjuden. Wenn der Tempel fertig ist, werden aber
zahlreiche Leviten den Mormonen beitreten, und dann werden dieselben
außer den jetzt von der aaronischen Priesterschaft besorgten
Geschäften wieder Auftrag erhalten, für die täglichen Sünden des
Volkes Thieropfer zu bringen.

Jede dieser beiden Classen der Mormonenpriesterschaft zerfällt nun
wieder in verschiedene Grade, die ihrerseits wiederum jeder seine
leitende Behörde oder seinen Vorsitzenden haben. Die Oberleitung der
gesammten Kirche liegt in den Händen der Präsidentschaft. Diese
besteht aus dem Seher und zwei anderen Präsidenten, von denen
gegenwärtig nur der eine (Heber Kimball) in Deseret, der andere aber
(Francis Richards) die große englische Zweigkirche leitend, in
Liverpool sich aufhält. Dieses geistliche Triumvirat wird ein Abbild
der himmlischen Dreieinigkeit genannt, bisweilen auch als Nachahmung
des Regiments der christlichen Urkirche durch Petrus, Jakobus und
Johannes bezeichnet. Nach ihnen nimmt das Apostelcollegium (auch
schlechthin »die Zwölfe« geheißen) die vornehmste Stelle ein, welches
ebenfalls dem Orden Melchisedek angehört und das Recht oder die
Pflicht hat, Inspectionsreisen nach den neugegründeten Gemeinden im
Auslande zu machen und über dieselben den Vorsitz zu führen. Unter
ihnen stehen die Hohenpriester, die Priester, die Aeltesten, die
Bischöfe, die Lehrer und die Helfer oder Diakonen, sowie die drei
Siebzigercollegien, eine Erinnerung an die siebzig Sendboten, die
Jesus außer seinen zwölf Jüngern zur Verbreitung der frohen Botschaft
wählte. Jeder Grad bildet ein vollständiges »Quorum« oder Collegium,
um die Disciplin unter seinen Mitgliedern aufrecht zu erhalten und
die in seine Sphäre fallenden Geschäfte zu besorgen. Bei
auseinandergehenden Meinungen appellirt man an die nächst höhere
Classe, während die Gesammtheit der Kirchenglieder, in ein
Generalconcilium versammelt, die letzte Instanz bilden soll.

So wenigstens liest man im Buch der Lehre und der Bündnisse. In der
Wirklichkeit verhält es sich damit anders, indem der Seher und seine
nächsten Vertrauten das Volk so kurzgefaßt am Gängelbande halten, daß
von der Entscheidung einer streitigen Frage durch die Gemeinde ebenso
wenig als von einer Wahl der einflußreichen Beamten die Rede sein
kann. Aus zwölf Hohenpriestern zusammengesetzt, steht der
Präsidentschaft ein hoher Rath zur Seite, in welchem jedes Mitglied
das Recht hat, seine Meinung hören zu lassen. Der Seher, welcher
präsidirt, nimmt davon an, was ihm gutdünkt, faßt am Schlusse jeder
Sitzung das Vorgebrachte zusammen und giebt dann seine Entscheidung
ohne Rücksicht auf die Ansicht der Mehrheit des Rathes. Ein
derartiges Verfahren verstößt in schroffster Weise gegen alles
Herkommen unter Engländern und Amerikanern. Dennoch hat es sich unter
der jetzigen Präsidentschaft noch nie ereignet, daß Jemand es gewagt
hätte, sein Misvergnügen laut werden zu lassen, wenn der
Willensausdruck des Sehers anders ausfiel, als man gewünscht und
gerathen hatte.

Dieser hohe Rath ist aber dem Präsidenten der Kirche -- wir sagen,
_dem_ Präsidenten, da die beiden anderen der Energie Young's
gegenüber bloße Scheinregenten sind -- Auge, Ohr und Hand. Seine
Mitglieder kundschaften alles, was auf dem Felde oder in der
Werkstatt, im Bethause oder im Familienkreise gesprochen wird oder
geschieht, mit dem Eifer und der Schlauheit von Spionen aus. So wie
irgend eine neue Meinung auftaucht, so wie irgendwo ein verdächtiger
Plan laut wird, bringt ihn sicher eines der Mitglieder jenes Rathes
in der Versammlung vor, und es werden sofort die geeigneten Maßregeln
zur Unterdrückung der misliebigen Neuerung getroffen. Der Urheber
derselben wird als unruhiger Kopf vorgemerkt, und ehe er sichs
versieht, verliert er den Boden unter den Füßen. Kein Wunder daher,
daß viele unter den Bewohnern Deserets, welche die Canäle nicht
kennen, durch welche dem Oberhaupte der Kirche Kunde von allen
Vorgängen zuströmt, dem »Bruder Brigham« eine Art Allwissenheit
zuschreiben und in Folge dessen mit scheuer Ehrfurcht zu ihm
aufblicken.

Die Propheten der Mormonen gehen aus allen Graden der Priesterschaft
hervor. Im Hauptquartier der Secte residirt ein Patriarch, der
besondern Kirchengliedern den Segen »nach der Weise Jakob's und
seiner zwölf Söhne und nach der Israels auf dem Krankenbette« zu
ertheilen hat. Der Bischofstitel hat bei den Mormonen nicht die hohe
Bedeutung wie in anderen Kirchen. Die Bischöfe gehören zu der
aaronischen Priesterschaft oder den Leviten. Jeder Nachkomme Levi's,
der den Latterday-Saints beitritt, hat gesetzlichen Anspruch auf
dieses Amt, und zwar kann derselbe dann unabhängig, ohne beigesetzte
Räthe fungiren. Findet sich kein solcher, so kann einer der Priester
mit den bischöflichen Geschäften beauftragt werden. Diese bestehen
vornehmlich in der Beaufsichtigung der Zehnten-Arbeit, in Einsammlung
des Zehnten, mag er nun in Naturallieferungen oder in einem
Geldäquivalent eingeliefert werden, in der Verwaltung der Magazine
und -- so war es wenigstens während der ersten Jahre der Ansiedelung
in Deseret -- in der Schlichtung von Rechtsstreitigkeiten
untergeordneter Art.

»Der Beruf eines Apostels besteht außer der Stiftung und
Beaufsichtigung der auswärtigen Gemeinden in der Taufe, in der Weihe
anderer Priester, in der Confirmation der Getauften durch
Handauflegung, in Lehre, Schriftdeutung und Ermahnung und in der
Leitung gottesdienstlicher Versammlungen. Wofern kein Apostel da ist,
fallen diese Befugnisse dem Hohenpriester zu. Fehlt auch dieser, so
übernimmt sie ein Aeltester. Ist auch kein Aeltester vorhanden, so
vertritt ihn als Führer der Gemeinde ein Priester, dem, wenn der
Aelteste zugegen ist, lediglich das Taufen und Predigen sowie der
Besuch bei den einzelnen Gemeindegliedern zum Behufe häuslicher
Erbauung obliegt. Die Pflicht der Lehrer ist stete Wachsamkeit, damit
keine Ungerechtigkeit, keine Härte, kein Lügen und Verleumden
überhand nimmt und die Gemeinde sich fleißig vor Gott versammelt,
sowie den gebührenden Zehnten entrichtet von allem, was sie hat. Der
Lehrer darf in Abwesenheit von Mitgliedern höherer Grade auch die
Leitung frommer Versammlungen übernehmen und ist in Erfüllung seiner
Obliegenheiten von den Diakonen zu unterstützen; doch ist weder er
noch einer der letzteren befugt zur Ausspendung der Sacramente oder
zur Handauflegung.«

Ein solcher Fall tritt aber nur bei sehr schwachen Gemeinden ein, da
die Häupter der Secte, der maßlosen Titelsucht der Amerikaner
Rechnung tragend, mit der Verleihung von Graden und Beförderungen
äußerst freigebig sind. In Cincinnati z. B. war ein hoher Priester,
der, irren wir nicht, seines Zeichens Schneidergesell war. Sein
College, der sich Bischof nannte, nährte sich im profanen Leben durch
einen Handel mit Hausmitteln und Wunderpillen. Unter der dreißig bis
vierzig Köpfe starken Gemeinde waren also, die bloßen Priester und
Aeltesten ungerechnet, zwei hohe Würdenträger, und ein ähnliches
Verhältniß fand in St. Louis statt, wo wir eine Gemeinde von über
tausend Seelen trafen.

Ein eigenthümlicher und ziemlich bezeichnender Zug ist die
Verbindung, in welche Smith seine Priesterschaft mit der
Freimaurerei setzte. Er lehrte, daß die »königliche Kunst«
ursprünglich ein kirchliches Institut gewesen sei, bestimmt, die
tiefer liegenden Geheimnisse des Evangeliums, seine esoterische
Lehre fortzupflanzen und zu deuten. Er behauptete ferner, daß dieses
Institut mit der Abnahme wahrer Frömmigkeit in der christlichen
Kirche ebenfalls in Verfall gerathen sei, und gab endlich vor, daß
ein Engel ihm die im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangenen
wahren Zeichen, Griffe und Worte der verschiedenen Grade des Bundes
wieder mitgetheilt habe, und daß er deshalb, als er in die Logen von
Illinois getreten, mit der rechten Art zu arbeiten vertrauter
gewesen sei als die am Weitesten Vorgeschrittenen. Die Großloge des
Staates freilich war darüber anderer Ansicht und untersagte ihm
wegen ungebührender Anmaßung und Ignoranz das Betreten der unter ihr
stehenden Bauhütten. Aber Smith erklärte dies für eine Handlung des
Neides und stiftete nun selbst in Nauvoo eine Loge, die in
Neujerusalem fortgesetzt wurde und einst ihre Werkstätte im Tempel
selbst haben wird. Die Priester gehören verschiedenen masonischen
Graden an. Den besonders Gläubigen wird raschere Beförderung zu
Theil. Laue und Solche, die in Entrichtung des Zehnten lässig sind,
müssen zurückstehen. Bei der Grundsteinlegung zum Tempel sowie bei
seiner dereinstigen Einweihung wird die Freimaurerbrüderschaft eine
hervorragende Rolle spielen.

Als Nachtrag sei noch bemerkt, daß es einst auch Priesterinnen geben
wird, daß ferner dieselben zugleich in gewisse Grade der Freimaurerei
eingeweiht werden sollen, und daß endlich die Berichte, als würde die
gesammte Priesterschaft der Mormonen von den Laien ernährt, auf einem
Misverständnisse beruhen, indem nur ein Theil der obersten Grade von
dem Zehnten des Vermögens neueintretender Kirchenglieder und dem von
allem Verdienst erhobenen Zehnten Antheile empfangen, dafür aber mit
Geschäften aller Art überhäuft sind, von denen viele der Gemeinschaft
wirklichen Nutzen schaffen. Die Zukunft der mormonischen
Priesterschaft aber ist eine ungeheure. Außer den Orden Melchisedek
und Aaron »giebt es (das stimmt allerdings nicht recht mit dem oben
mitgetheilten Glaubensbekenntnisse) durchaus keine von Gott
anerkannte Gewalt auf Erden, und Könige, Fürsten, Herrscher,
Präsidenten, Gouverneure, Obrigkeiten sind, wofern sie nicht
gesetzlich geweiht, und mit der Vollmacht jenes Priesterthums des
Sohnes Gottes bekleidet sind, als Usurpatoren zu betrachten« -- und,
dürfen wir hinzusetzen, nur so lange auf Thron oder Tribune zu
dulden, als sie die Uebermacht für sich haben.




Siebentes Kapitel.

Die Vielweiberei der Mormonen, ihre Rechtfertigung und ihre Ausübung.
-- Auch Christus war mit drei Frauen vermählt. -- Verheirathete und
Versiegelte. -- Die Adoptivsöhne Brigham Youngs.


Schon seit geraumer Zeit wurde von den Mormonen berichtet, sie, oder
wenigstens einige von ihnen lebten in Deseret in Vielweiberei. Dieser
Vorwurf wurde von ihnen fortwährend in Abrede gestellt, und es schien
in der That unbegreiflich, wie in einer neugegründeten Colonie die
Hühnerehe möglich sein solle, da die Statistik nachweist, daß in
derartigen Niederlassungen die Zahl der Männer beträchtlich größer
als die der Frauen ist. Allein die Berichte waren aus guter Hand,
neuere Re

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/46308