Memoiren einer Grossmutter, Band II
by Pauline Wengeroff · German · Gutenberg #46307 · 402,641 chars · public domain (US)
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Title: Memoiren einer Grossmutter, Band II
Author: Pauline Wengeroff
Release date: July 17, 2014 [eBook #46307]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER GROSSMUTTER, BAND II ***
MEMOIREN EINER GROSSMUTTER
Pauline Wengeroff
Memoiren einer Grossmutter
Bilder aus der Kulturgeschichte der
Juden Russlands im 19. Jahrhundert
Band II
[Illustration]
BERLIN
Verlag von M. Poppelauer
1910
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung
in fremde Sprachen vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
1. Vorwort 1
2. Zweite Periode der Aufklärung 5
3. Meine Verlobung 28
4. Das Brautjahr 47
5. Ankunft in Konotop. Hochzeit 64
6. Vier Jahre im Hause der Schwiegereltern 77
7. Die Wandlung 99
8. Weitere Schicksale 115
9. Alexander II. 129
10. Zwei Worte sagte meine kluge Mutter 134
11. Kowno 136
12. Wilna 147
13. Helsingfors 152
14. Petersburg 165
15. Die gefährliche Operation. -- Die Reform in der Küche 174
16. Die dritte Generation 179
17. Der Tod meines Mannes 213
Vorwort.
Ermutigt durch die Anerkennung, die der erste Band gefunden hat, gehe
ich mit freudigem Bewußtsein an die Herausgabe des zweiten Bandes meiner
Memoiren.
Dem Vorhaben gemäß, treu und ungekünstelt die Vergangenheit zu
schildern, wie sie noch heute in -=meinem Herzen=- und -=meiner
Erinnerung=- lebt, will ich hier den Faden meiner Erzählung
weiterspinnen und Bilder entschwundener Zeiten vorbeiziehen lassen. Ich
will nicht daran denken, daß es ein Buch werden soll. Ich setze mich
wieder an den alten gemütlichen Platz und erzähle: Von meiner Verlobung,
vom Brautjahr, von der Hochzeit und all dem, was noch nachher kam.
Die Aufzeichnungen dieses Bandes stehen teilweise noch unter dem Zeichen
des jugendlichen Frohsinns, der mich in meiner Braut- und
Vermählungszeit umfing, des ehelichen Glückes, das noch in jenes goldene
Zeitalter fiel, in dem die jüdischen Familien und Ehen fest gefügt waren
und aufgebaut auf dem Boden der Liebe, der Treue und der Freundschaft.
Aber die alten Zeiten schwanden und mit ihnen manches Schöne und Große
des jüdischen Lebens. Neue Zeiten kamen, die neue Sitten brachten.
Andere Saiten wurden angeschlagen, und allmählich bildeten sich neue
Werte. Der Zeitgeist zerriß das patriarchalisch-beschauliche jüdische
Familienleben und höhlte eine Kluft zwischen den Alten und den Jungen.
Aber ich danke Gott, daß es ihm gefiel, mich bis zu diesem Tage zu
erhalten, und daß es mir vergönnt war, die Stunde schlagen zu hören, die
so große Wandlungen im jüdischen Leben brachte, das Wiedererwachen der
Zionsliebe, das Ringen um die volksverwaiste Jugend. Gleich an dem
ersten Klang erkannte das alte Herz die große jüdische Melodie, die so
lange geschwiegen und einst so tief und so weit ertönte...
* * * * *
Zieht nun hinaus, ihr Blätter in die Welt. Ihr waret mein tröstender
Schatz, da sich Gewitterwolken um meine Heimat ballten. Wolken, aus
denen grausig die Gespenster des Mittelalters lugten. Einsam und
verlassen zog ich in ein gastliches Land. Bei meinen Schwestern Käthe
und Helene in Heidelberg fand die wandermüde Greisin ein Heim. Die Liebe
endet nimmer. Ich hatte Helene einst in schwerer Krankheit gepflegt,
hatte ihren Kummer getragen gleich wie den meinen. Nun nahm sie die
Einsame auf. Eine Heimat wurde mir der große, viereckige Tisch in ihrem
Zimmer, auf dem meine Zettel lagen, die armseligen Reste eines reichen
Lebens. Aber der milde Glanz vergangener Tage lag über ihnen. Die
Erinnerung hob die steinernen Male von den Grüften der Zeiten und weckte
die Vergangenheit zu neuem Sein. Es waren wundersame Stunden. Weißt du
noch, Helene? Wie oft lachten wir in den Unmut der Gegenwart hinein in
seligen Gedanken! Und ach, die Tränen, die dummen, wie oft umflorten sie
unsere Blicke...
Zieht nun hinaus, ihr Blätter, in die Welt! Aus der Liebe seid ihr
geworden, die Liebe hat euch behütet in meinen Wanderjahren. Bringt nun
auch die Liebe zum alten Volkstum meinen jungen Brüdern und
Schwestern!...
Ob ihr die Kraft habt zu diesem beglückenden Segen -- ich weiß es nicht.
Aber ich möchte es so gerne hoffen. Und ich darf es vielleicht hoffen,
ohne darum schon als eitel zu gelten, weil ein Mann, der meine
Erinnerungen liebte, mir den Mut der Hoffnung gab. -=Dr. Gustav
Karpeles=-, der so früh dahinging, dieser gütige und kenntnisreiche
Mann, schrieb mir die folgenden Briefe, den letzteren Brief noch kurz
vor seinem Tode. Ich setze sie hierher, und mag ihm selbst nur seine
Liebenswürdigkeit gegen eine Greisin die Feder geführt haben.
Berlin W., den 25. 1. 06. Kurfürstenstr. 21/22.
Sehr geehrte gnädige Frau!
Ich habe Ihre Arbeit sofort mit dem größten Interesse gelesen.
Für eine einmal wöchentlich erscheinende Zeitschrift sind, wie
gesagt, Ihre Memoiren nicht zu verwenden, da diese in einem so
großen Werk völlig ertrinken würden. Dagegen wäre es wünschenswert,
wenn diese interessanten Zeit- und Kulturbilder in Buchform
erschienen.
Das Kapitel über Dr. Lilienthal bin ich übrigens gern bereit, in
der »Allgemeinen Zeitung des Judentums« abzudrucken, und wenn Sie
damit einverstanden sind, bitte ich Sie, es mir freundlichst
retournieren zu wollen.
In vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener
gez. Karpeles.
* * * * *
Berlin W., den 3. April 1909. Kurfürstenstr. 21/22.
Sehr geehrte gnädige Frau!
Ich habe auch Ihr neues Manuskript mit großem Interesse gelesen und
finde, daß der zweite Band mindestens so interessant ist wie der
erste, ja zum Teil noch viel interessanter. Ich bin auch überzeugt,
daß derselbe viel gelesen werden wird.
Wenn ich auch selbstverständlich nicht wieder ein Vorwort dazu
schreiben kann, was ja ausgeschlossen ist, so will ich doch in der
»A. Z. d. J.« und im »Jahrbuch für jüdische Geschichte und
Literatur« darüber berichten und das Werk empfehlen, wo ich nur
kann.
Mit den besten Wünschen und Grüßen bleibe ich Ihr verehrungsvoll
ergebener
gez. Karpeles.
Motto:
Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters;
Wenn meine Kraft schwindet, verlaß mich nicht;
Psalm 71, 9.
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
Und deinen heiligen Geist nimm nicht von mir.
Psalm 51, 13.
Zweite Periode der Aufklärung.
In dem ersten Bande meiner Memoiren habe ich von dem bedeutungsvollen
Auftreten Dr. Lilienthals in Litauen erzählt, von seiner hinreißenden
Wirkung auf die Jugend, von seiner kulturellen Mission der
bevorstehenden Chederreform, von den ersten Anfängen der beginnenden
Aufklärung. Die Jugend, die bisher ausschließlich den Talmud studiert
hatte, war von den neuen Gedanken begeistert und arbeitete mit einem
heiligen Ernst an der eigenen geistigen Entwicklung. Ihr Ideal war die
Vereinigung der allgemeinen Bildung mit dem Talmudstudium. Erst
Lilienthal hatte dieses Verlangen, die engen Grenzen des alten Wissens
zu erweitern und von dem »Apfel der Erkenntnis« zu kosten, zum
sichtbaren Durchbruch gebracht.
Neben Lilienthal war es der Begleiter und Sekretär von Montefiore, Louis
Loewe, der während seines Aufenthaltes in Rußland überall die
Gelegenheit ergriff, die jüdische Jugend von der Notwendigkeit der
europäischen Bildung zu überzeugen. Seine Worte fanden einen
machtvollen Nachhall, denn Loewe war zugleich ein im westeuropäischen
Sinne gebildeter Mann -- und ein guter Talmudist: In ihm waren die
idealen Forderungen der damaligen Jugend erfüllt. Loewe war wie kein
zweiter geeignet, den neuen Werten Geltung zu verschaffen. War er doch
der Begleiter Montefiores. Und es konnte nicht fehlen, daß die fast
abgöttische Verehrung, die diesem großzügigen und tapferen Philanthropen
in allen Ländern, wo Juden wohnten, zuteil ward, ihren Glanz auch um
Loewe breitete. Wen Montefiore seiner ständigen Begleitung würdigte, der
durfte offen sprechen. Er hatte nichts zu fürchten, und jeder hatte die
Gewißheit, daß sein Wort einer reinen Überzeugung entwuchs und nur der
Sicherung und Adelung des Judentums gelten konnte.
Es war im Jahre 1846. Ein kaiserlicher Ukas war erschienen, nach dem
alle im Bereiche von fünfzig Werst von der russischen Reichsgrenze
wohnenden Juden vertrieben werden sollten. Das war für viele Tausende
Familien der Ruin.
Hier setzte die Arbeit Montefiores ein. Sie ging zum Siege. Die
Ausführung der drakonischen Bestimmungen wurde zunächst wenigstens
verhindert.
Es geschah nicht zum ersten Male, daß Montefiore sich seiner
Glaubensgenossen annahm. Bei allen Juden Europas war die Erinnerung an
jene denkwürdige Reise nach Egypten noch lebendig, wo Montefiore das
entsetzliche Blutmärchen zerstört, die Bedrängten geschützt hatte und
die Ehre des jüdischen Namens vor der Welt hatte wiederherstellen
können.
Fast mehr noch als über den Erfolg seiner Arbeit in Rußland waren die
Juden erfreut über die ehrenvolle Behandlung, die das würdige
Greisenpaar erfuhr. In jeder größeren Stadt wurde Montefiore von einem
hohen Beamten empfangen, der ihn bis zur nächsten Station begleitete.
Die Herren -=mußten=- so handeln. Auf Geheiß der Regierung! Mochten sie
auch ihren Ingrimm schlecht verhehlen.
Selbst am kaiserlichen Hofe wurde das Ehepaar wohlwollend empfangen, und
die Höflinge behandelten Sir Montefiore, den englischen Sheriff, mit
Ehrerbietung.
Kaiser Nikolaus I. war bei der letzten Audienz sehr huldvoll und
versprach Montefiore, seinen Glaubensgenossen gegenüber nachsichtiger zu
handeln, bemerkte aber zum Schluß: »Wenn doch viele Juden in meinem
Lande Ihnen, mein Herr, ähnlich wären!« und riet Sir Moses Montefiore,
die Juden von Litauen und Polen auf seiner Rückreise genauer kennen zu
lernen.
Auf der Rückfahrt wurden Sir Moses Montefiore und seiner Gemahlin
seitens der Juden die größten Ehren erwiesen. Jede größere Stadt
bereitete ihnen einen feierlichen Empfang. Der Rabbiner und die
vornehmen Juden, denen sich angesehene Männer, Delegierte anderer
Städte, anschlossen, gingen den Gästen eine große Strecke Weges zu Fuß
entgegen, um sie zu bewillkommnen. Leider konnten sie sich nicht
unmittelbar mit dem Ehepaare verständigen, denn Sir Moses Montefiore und
Lady Judith sprachen nur englisch. Als Dolmetscher diente ihr Begleiter
Dr. Loewe. Ihr Hauptaugenmerk wandten sie überall dem Leben der Juden
zu, das sie durch viele wohlerwogene Fragen bis in alle Einzelheiten zu
ergründen suchten. Wirtschafts- und Kulturstand reizten sie in gleicher
Weise.
Dabei verhehlten sowohl das Ehepaar Montefiore wie Dr. Loewe nicht, daß
sie das Aussehen und das ganze Gebaren der Juden peinlich berührte. Dr.
Loewe sprach es immer wieder aus, daß die Annahme westeuropäischer
Bildung für die russischen Juden ein absolutes Erfordernis sei. »Wenn
der Messias kommt und das jüdische Reich wiederhergestellt wird, dann
dürfen die Juden nicht hinter anderen Völkern zurückstehen. Die jüdische
Jugend muß sich bilden, um für die bürgerliche Freiheit vorbereitet zu
sein.«
Unsere Stadt hat das hohe Paar auf dieser Reise freilich nicht berührt.
Eine Deputation wurde aber abgesandt unter der Leitung des Rabbiners Reb
Jankew Meïr Padower, um Montefiore die Wünsche und den Dank auch unserer
Gemeinde zu überbringen. Mein Vater wäre der erste gewesen, welcher zu
dieser Deputation hätte gehören müssen. Leider hielt ihn eine Krankheit
zu Haus fest. Aber im Geiste folgte er jedem Schritt der hohen
Reisenden; denn fast jeden Tag erhielt er eingehende Berichte. Es waren
festliche Stunden in unserm Hause, wenn diese Berichte einliefen. Ich
sehe noch den wunderbaren Glanz der Seligkeit in seinen Augen, wenn er
mit den Tischgenossen, mit uns Kindern, die einzelnen Ereignisse
besprechen konnte. Besonders lebhaft stehen noch in meiner Erinnerung
jene denkwürdigen acht Tage, welche die hohen Gäste in Wilna verlebten.
Von Petersburg her war dem Generalgouverneur Mirkowitsch eine Mitteilung
zugegangen, wodurch schon nach außen hin dieser Reise eine ganz
besondere Bedeutung gegeben war.
Von der fünften Poststation vor Wilna erhielt auch die jüdische Gemeinde
durch eine Estafette Nachrichten vom Nahen »der göttlichen Gesandten«,
wie die russischen Juden damals das Ehepaar Montefiore nannten.
Eine freudige Erregung ergriff die jüdische Bevölkerung Wilnas. Die
Gemeinde bereitete den vornehmen Gästen in dem reichen Hause des
bekannten Reb Michel Kotzen eine bequeme Wohnung und sorgte für eine
reichhaltige, streng koschere Verpflegung.
Die angesehensten Bürger der Stadt, mit dem Rabbiner und Stadtprediger
an der Spitze, fuhren den Gästen bis zur nächsten Poststation entgegen.
Tausende Juden versammelten sich in der Wilnaer Vorstadt Schnippeschock,
um schon hier die Erwarteten mit Jubel zu empfangen. Und als der Wagen
endlich in Sicht kam, da erscholl aus tausend Kehlen zugleich ein
begeisterter Ruf: »B'ruchim haboim b'schem Adaunoj!« (»Gesegnet seien
die Nahenden im Namen Gottes!«) Es klang so mächtig stark, daß die Luft
weithin erzitterte. Der Rabbiner segnete die Angekommenen in deutscher
Sprache und der Stadtprediger in hebräischer. Die Ältesten der Gemeinde
überreichten ihnen ein Gelegenheitsgedicht, das den Titel »Hakarmel«
führte. Das Greisenpaar war von diesem Empfang zu Tränen gerührt und
dankte der Gemeinde herzlich. Das Volk drängte sich so dicht an den
Wagen, daß er nur ganz langsam vorwärts kommen konnte. -- Die Polizei
war nicht mehr imstande, die Ordnung aufrecht zu erhalten, denn auch sie
wurde von der großen Menschenmenge fortgerissen. So, von vielen
Zehntausenden begleitet, kam der Zug in Wilna an. Die Straßen waren
überfüllt, sogar auf den Dächern sah man viele Leute. Die Kaufleute
verließen ihre Geschäfte. Die Handwerker ihre Werkstatt. In der ganzen
Stadt war eine festtägliche Stimmung.
Das war Mittwoch, der 14. April 1846!
Am nächsten Tage stattete Sir Montefiore in Begleitung von Dr. Loewe
dem Generalgouverneur einen offiziellen Besuch ab. Hier wurde er mit den
größten Ehren empfangen. Er verhandelte mit dem Generalgouverneur mehr
als zwei Stunden über jüdische Angelegenheiten und begab sich dann zu
den höheren Militärbeamten.
In den nächsten Stunden erwiderten die Exzellenzen den Besuch der
jüdischen Gäste. Der Generalgouverneur lud das ehrwürdige Paar
Montefiore zu einem ihnen zu Ehren veranstalteten Bankett ein. Höflich
dankend lehnte Montefiore die Einladung ab, weil er als Jude nichts bei
ihnen genießen dürfe. Der Generalgouverneur bat ihn, mit Früchten,
Konfitüren und Tee vorlieb zu nehmen und ließ nicht ab, bis Sir Moses
Montefiore ihm entgegenkam.
Am Freitag waren schon am frühen Morgen die Straße und das Haus, wo
Montefiores wohnten, von einer großen Menschenmenge umlagert, denn es
hieß: Sir Moses Montefiore werde alle Wohltätigkeitsanstalten ohne
Unterschied der Nationalität aufsuchen. Der Polizei kostete es große
Mühe, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, hauptsächlich in den
Straßen, wo die Anstalten sich befanden. Ein Schwarm von Armen
verschiedenen Alters und Glaubens folgte dem Gast, der unterwegs große
Summen Geldes verteilte.
Als Sir Montefiore in seine Wohnung zurückkehrte, erwartete ihn eine
Überraschung: Die angesehensten Bürger der Stadt hatten, der damaligen
Sitte entsprechend, den Gästen zum Sabbath die feinsten Weine und Kuchen
gesandt.
Am Vorabend wollte das fromme Ehepaar zum Gebet in die Synagoge, konnte
aber im Gedränge nicht vorwärts kommen und war gezwungen umzukehren.
Am Sonnabend morgen war das Gedränge in den Straßen Wilnas nicht
geringer. Man mußte daher Sir Montefiore und Lady Judith auf einem
Seitenwege in die Synagoge führen, aber auch hier wurden sie von der
Menge fast auf Händen getragen. In der Synagoge fanden sie ein
auserwähltes, aus Juden und Christen bestehendes Publikum vor, das sich
hier auf besondere Einladung eingefunden hatte. In der Vorhalle der
Synagoge wurden sie vom Synagogenvorstand begrüßt. Zehn junge, schöne,
weiß gekleidete Mädchen streuten vor ihnen Blumen. Eines von ihnen trat
hervor und bewillkommnete sie mit einem Gedicht, das die Reise des
wohltätigen Paares besang.
Im Betraum selbst wurde für sie ein besonderes Gebet gesprochen.
Sonntags fuhr das Ehepaar Montefiore zu dem Bankett beim
Generalgouverneur. Es schien, als ob es nicht dieselben Menschen wären,
die gestern so bescheiden und einfach in der Synagoge gekleidet waren.
Sir Montefiore saß stolz aufgerichtet, in der roten, reich mit Gold
gestickten Sheriffsuniform, an der Seite einen großen, mit Brillanten
besetzten Degen, auf dem Kopfe einen mit Straußfedern geschmückten Hut,
neben ihm Lady Judith in der prächtigsten Kleidung einer englischen
Hofdame.
Der hohe polnische Adel war in den Empfangszimmern des
Generalgouverneurs bereits versammelt, als die englischen Gäste
eintrafen. Der Hausherr empfing sie in der Vorhalle. Ein polnischer
Graf, der an diesem Bankett teilnahm, behauptete, daß die Ohrringe der
Lady Judith den Wert aller Güter der anwesenden Magnaten überstiegen.
Ein anderer wieder konnte die höhnische Bemerkung nicht unterdrücken,
warum man denn so viel Wesen von einer Jüdin mache.
Im Laufe des Abends lud der Generalgouverneur Sir und Lady Montefiore zu
einer Vorstellung im Theater ein, die ihnen zu Ehren gegeben wurde, um
dem aus allen vier Gouvernements zu den Wahlen versammelten polnischen
Adel Gelegenheit zu geben, das würdige Greisenpaar kennen zu lernen.
Während der folgenden Tage sprachen viele angesehene Leute bei Sir
Montefiore vor, um mit ihm über die Angelegenheit der Juden in Rußland
zu beraten, hauptsächlich über den im nächsten Jahre bevorstehenden
Zusammentritt einer jüdischen Kommission in St. Petersburg. Viele Juden
waren aus der Provinz nach Wilna gekommen, um an diesen Beratungen
teilzunehmen.
Und bis zur letzten Stunde ihres Aufenthaltes in Wilna herrschte diese
freudige, gehobene Stimmung. Die Juden verlebten jene Woche in dem
erhebenden Bewußtsein, daß diese beiden von Gott gesegneten Menschen in
ihrer Mitte verweilten. Unter Tränen und Bezeugungen der Dankbarkeit
nahmen die Juden Abschied von dem Greisenpaar. Noch unterwegs an der
Landesgrenze feierten Montefiores mit einer Truppe jüdischer Soldaten
das Osterfest.
Die Verehrung für das Greisenpaar stieg bis zur Vergötterung. Tausende
von ihren Bildern wurden hergestellt, und jeder Jude sah es für eine
Ehre an, sich auch ein solches Bild anzuschaffen. Noch jetzt, nach mehr
als fünfzig Jahren, findet man dieses Bild in guten jüdischen Häusern an
der großen Wand über dem Sofa angebracht, und in den jüdischen Herzen
haben sich jene Tage unvergeßlich eingeprägt.
Nach zahlreichen Gefahren und großen Strapazen trafen Montefiores in
London ein und wurden hier in einer feierlichen Audienz von der Königin
Viktoria empfangen. Die Königin schlug Sir Montefiore zum Ritter, und
als er zu ihren Füßen kniete, berührte sie, die übliche Zeremonie
vollziehend, seine Schulter mit dem Degen, und rief ihn an: »Steh auf,
Ritter von Jerusalem, Moses Montefiore!« Und der Saal, in dem die
Zeremonie stattfand, war mit zahlreichen Fahnen geschmückt, die alle die
Inschrift »Jerusalem« trugen.
Ich erinnere mich, bei dieser Gelegenheit einmal eine deutsche
Übersetzung[1] aus einer englischen Zeitung, eine Episode aus der
Mädchenzeit der Königin Viktoria gelesen zu haben. Vor vielen Jahren
ging eines schönen Morgens in London ein kleines Mädchen mit ihrer
Erzieherin spazieren. Sie kamen an einem großen, reichen Hause, das von
einem Garten umgeben war, vorbei. Durch das Gitter sah man eine
prächtige rote Rose, die so wunderbar schön war, daß sie unter allen
anderen Blumen hervorragte. Das Kind ergötzte sich an der Blume und
wollte sie endlich pflücken. Doch rasch ergriff die Erzieherin das
Händchen des Kindes, um es an der Ausführung seiner Absicht noch
rechtzeitig zu verhindern. Das kleine Mädchen fügte sich ohne Murren dem
Willen seiner Mentorin und setzte, ohne das Gesicht zu verziehen, den
Spaziergang weiter fort. Als es nach Hause kam und in sein Zimmer trat,
fand es zu seiner größten Freude einen Strauß roter Rosen vor. --
Das kleine gehorsame Mädchen war niemand anders als die spätere Königin
Viktoria von England und der Spender des Straußes war der später von ihr
zum Ritter ernannte Moses Montefiore.
Bei dem Aufenthalt in Wilna war es auch, als Louis Loewe in einer mit
Argumenten und Zitaten des Talmuds reich verzierten Rede der zahlreichen
Menge in der Synagoge bewies, daß die jüdische Tradition das Erlernen
der Wissenschaften und fremden Sprachen weder ausschließt, noch verpönt.
--
Daß in diesen Zeiten Moses Mendelssohn ein »Führer der Verirrten« werden
mußte, begreift sich leicht. Seine deutsche Bibelübersetzung und seine
philosophischen Werke hatten die jüdische Jugend dem deutschen Geiste
und der deutschen Sprache näher gebracht. Bisher kannte sie die Bibel
nur als ein religiöses Buch -- jetzt tauchten vor ihr neue
Gesichtspunkte auf. Man fing an, dieses Buch der Bücher mit weltlichen
Augen zu betrachten. Der Nimbus der Unantastbarkeit schwand. Die Kritik
setzte ein.
Es war eine Revolution der jungen Geister!
Die Älteren nannten diese Jugend jetzt in dem Sinne »Berliner«, wie man
sie Ende der dreißiger Jahre »Apikorsim« (Abtrünnige) hieß. Mehr noch
als dem lebendigen Lilienthal galt ihr Ingrimm dem toten Philosophen,
den sie nach seiner Geburtsstadt den »Dessauer« nannten.
Die deutsch-russischen Werke, die »treifenen Büchelach« wurden von den
Alten nur widerwillig geduldet: ehe der Sabbath begann, mußten sie,
ebenso wie jeder Rest der Wochenarbeit, weggeräumt werden. Den ganzen
Sabbath hindurch blieben sie versteckt.
Allein bei dem immer mächtigeren Drange der Jugend zur Aufklärung
konnten diese Maßregeln nicht lange bestehen. Mochten die Eltern sich
noch immer »bösern« (ärgern), sie mußten schließlich nachgeben.
Die neuen Aufklärungsideen des Berolinismus konnten natürlich in dem
Teile Litauens, der an Kurland mit seiner deutschen Kultur grenzt, die
besten Früchte tragen. Aus dieser Gegend ging auch ein Mann hervor, der
in der Geschichte der jüdischen Aufklärung in Rußland keine geringe
Rolle gespielt hatte -- der erste jüdische Student in Rußland -- L.
Mandelstamm. Als siebzehnjähriger Junge begeisterte er sich bereits an
Mendelssohn und 1844 folgte er dem Beispiel seines Vorbildes und
übersetzte die Bibel. Ins Russische. In Rußland herrschte noch zu jener
Zeit das Verbot, über heilige Dinge russisch zu schreiben; und
Mandelstamms Bibelübersetzung konnte zuerst nur im Auslande erscheinen.
Erst 1869 erschien sie auch in Rußland.
Nachdem Lilienthal nach Amerika gegangen war, hatte Mandelstamm die
Stellung des gelehrten Juden im Ministerium für Volksbildung erhalten.
Ihm fiel die Aufgabe zu, den von dem Kultusminister Uwaroff und
Lilienthal gemeinsam ausgearbeiteten Plan der Reformation des
Schulwesens durchzuführen und die Leitung der neubegründeten Schulen zu
übernehmen. Den neuen Zielen dienten die Wörterbücher Mandelstamms, aus
denen ganze Generationen von »Jeschiwabachurim« die Anfänge der
russischen Sprache lernten.
Die Kenntnis der Werke fremder Nationen ließ die Jugend an der eigenen
Religion rütteln und schütteln; und allmählich schwand aus dem jüdischen
Leben die Pietät für die althergebrachte Tradition für die Gesetze und
Bräuche. Die Prophezeiung: Das Wort Gottes wird hintangesetzt und die
heilige hebräische Sprache vernachlässigt werden, hatte sich
bewahrheitet.
Meine Familienchronik hält außer meinen beiden Schwägern, von denen ich
bereits im ersten Bande erzählte, noch die Erinnerung an zwei junge
Leute fest, die von den neuen Ideen mitgerissen waren. Der eine war mein
älterer Bruder E. Epstein, der andere der Gatte meiner Schwester K., A.
S. Beide waren begabte, wißbegierige, fleißige junge Männer; sie
gehörten in Brest, wo der Kreis der Gebildeten schon ziemlich groß war,
zur Elite der Stadt. Sie verbrachten nur noch ihre Jünglingsjahre an den
Talmudfolianten aber der »Melamed« war nicht mehr ihr einziger Lehrer.
Das Talmudstudium wurde von ihnen nur in bestimmten Stunden betrieben,
nicht mehr wie in der guten alten Zeit meiner älteren Schwäger Tag und
Nacht. Dennoch hatte mein Schwager gemeinsam mit meinem Bruder unter der
Leitung des Vaters und eines Melameds das »Lernen« sogar noch einige
Jahre nach der Verheiratung fortgesetzt. Es war schon die Zeit, da die
Lilienthalsche Bewegung in breitere und tiefere Schichten drang. Jetzt
durfte man es wenigstens wagen, die »fremden Bücher« zu studieren; und
die jungen Leute in Brest nutzten diese Möglichkeit nach jeder Richtung
aus. Sie veranstalteten Versammlungen, in denen man deutsche Klassiker,
wissenschaftliche Werke, besonders aber die der alten Griechen las.
Allmählich wurden auch Frauen zu diesen Zusammenkünften zugelassen.
Alle Eltern mißbilligten diesen Eifer, denn bei dieser Gelegenheit wurde
so manche jüdische Sitte verletzt. So fanden oft die Zusammenkünfte am
Sonnabend statt, worin die Eltern schon eine Entweihung des Sabbaths
sahen. Und so gab es wieder Hader und Ärger im Familienleben; und
manche tragikomische Szene spielte sich vor meinen Augen ab: der ewige
Kampf der Alten und Jungen, wenn auch nicht immer der gleiche.
Wenn ich so heute rückschauend die kleinen Ärgernisse wieder bedenke, so
muß ich doch gestehen, daß die Alten wohl wußten, was sie taten. Mit
Äußerlichkeiten fing die Revolution an. Wir Jungen mochten nichts daran
finden. Die Alten aber erkannten, daß auch nur der leisesten Veränderung
in der Tradition, der äußeren Gehabung eine Revolutionierung des inneren
Menschen folgen müsse. Ich muß lächeln und bin doch wieder ernst
gestimmt, wenn ich an die Entrüstung denke, mit der meine Eltern die
Versuche meiner Schwester zurückwiesen, den Bann der alten Tracht zu
durchbrechen. Es war in den vierziger Jahren. Da kam die wunderliche
Mode der Krinoline auf. Bei uns freilich wurde dieses Monstrum noch auf
eine sehr primitive Art hergestellt. In einen Kattunrock machte man
unten einen breiten Saum und zog einen Rohrreifen ein. Ein zweiter
Reifen, der auch umsäumt wurde, folgte etwa einviertel Meter höher. Nach
vielem heißem Bemühen war meine Schwester Kathy glücklich in den Besitz
eines solchen Monstrums gekommen. Eines Morgens -- wir saßen
stillvergnügt im Eßzimmer -- tauchte plötzlich ein Faß in unserem Zimmer
auf und darin steckte Kathy. Meine Mutter machte große Augen: »Was hast
du da für ein Faß angezogen?« Und ohne sich auf irgendeine weitere
Debatte einzulassen, befahl sie, daß das bauschige Ding sofort zu
verschwinden habe. Meine Schwester fing heftig zu weinen an; denn sie
war sehr empfindlich. Aber sie blieb noch eine Weile stehen, ohne sich
zu regen. Da rief ihr die Mutter zu: »Soll ich dir beim Auskleiden
vielleicht behilflich sein?« -- Das genügte. Weinend lief Kathy in ihr
Zimmer, wohin meine Mutter ihr folgte, bemächtigte sich des fatalen
Rockes, riß die Rohrreifen heraus, knickte sie schneckenartig zusammen
und brachte sie nach der Küche. Auf dem Herde war ein gutes Feuer, und
der Dreifuß stand darauf. Die Flammen griffen gierig nach der neuen
Mode. Sie hatte in unserm Hause wenigstens den Vorteil, daß sie das
Wasser in der Kasserolle schneller zum Kochen brachte.
Nicht viel besser erging es meiner Schwester Eva. Sie hatte sich nach
der damaligen Mode eine Manischka, eine Art Jabot, aus weißem Musselin
angefertigt und erschien also angetan am Freitag Abend am Eßtisch. Meine
Eltern waren aufs höchste entrüstet. Mein Vater sagte empört: »Du siehst
wie eine Goje aus. Wie kann eine jüdische Tochter ein Kleid tragen, das
an der Brust durchsichtig ist!« Meine Schwester wagte noch einige
Bemerkungen, daß sie ja keine böse Absicht gehabt und nur geglaubt
hätte, das neue Kleidungsstück stehe ihr so gut zu Gesicht. Aber eine
Diskussion gab's weiter nicht. Das Jabot mußte sofort abgelegt werden
oder E. durfte nicht an den Tisch kommen. Für diesen Sabbath war die
Stimmung im Hause zerstört. Aber das Wort der Eltern hatte doch noch die
Kraft, diese modernen Versuche der Jugend zu unterdrücken.
Bezeichnend für die noch unerschütterte elterliche Autorität war auch
eine Episode, die ich hier erzählen möchte. Das ist sicher kein
welthistorisches Ereignis. Und doch spiegelt sich ein gut Stück
Kulturgeschichte der Juden darin. Es war an einem Sabbath-Nachmittag.
Das Sabbathschläfchen, das als Auneg Schabbes zu den obligatorischen
Genüssen des Sabbaths im Ghetto gehörte, hatte man bereits hinter sich.
Die meisten Juden ergingen sich nun, die Stimmung der abendlichen
Dämmerung genießend, auf der großen Chaussee. Die Männer natürlich
streng gesondert von den Frauen; und es war also, wie es in der Bibel
heißt: Gehst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken. -- Gott weiß, wie
viele Jahrhunderte schon dieser Brauch im Judentum herrschte! Nun traf
es sich, daß mein Schwager A. Sack mit seiner Frau seine Mutter besuchen
wollte. Da wagte der junge Mann, in dem die Stürme der Zeit mächtig
wogten, eine unerhörte, revolutionierende Tat: er wollte diesen Besuch
gemeinsam mit seiner Frau machen. Freilich bis zu der Vermessenheit
wagte sich selbst dieser Stürmer und Dränger nicht, etwa durch die
belebtesten Straßen gehen zu wollen. Also richtig, sie verließen
zusammen das Haus und mußten an den Fenstern unseres Eßzimmers
vorbeigehen, wo zufällig mein Vater seinen Nachmittagstee trank. Er sah
die beiden Sünder, und der Zorn packte ihn. Er klopfte hastig an die
Fensterscheiben und rief in befehlendem Tone meiner Schwester zu: »Du
gehst sofort zurück. Dein Mann kann allein gehen. Für jüdische Frauen,
und gar für meine Töchter, paßt es sich nicht, dicht beieinander und
noch am hellen Tage zu spazieren.« -- Mein Schwager war natürlich sehr
aufgeregt. Aber er wagte es doch nicht, offenen Widerstand zu leisten.
Er ging allein seines Weges. Und meine Schwester, die wieder in das Haus
zurückgekehrt war, folgte ihrem Gatten erst, als sie annehmen konnte,
daß er bereits an seinem Ziele angelangt war.
Aber diese autoritative Stellung meines Vaters, der selbst die
Gewissensfragen niederzudrücken wagen konnte, wurde allmählich
erschüttert. Nach schweren inneren Kämpfen mußte er schließlich
erkennen, daß der Zaun um die jüdische Religion durchbrochen war; und er
war trostlos, sehen zu müssen, daß sein teuerstes Kleinod, die Religion,
die er in allen Stürmen des Lebens gehütet und verteidigt hatte, jetzt
verhöhnt wurde, daß der Sabbath und die Feiertage ihrer Weihe beraubt
und zum Werktage wurden. Mahnungen und laute Proteste verhallten
wirkungslos gegen den Zeitgeist. Was Wunder, daß schließlich beiden
Teilen, den Alten und den Jungen, das gemeinsame Leben auf die Dauer
unerträglich wurde. Sowohl meinen Bruder, wie den Schwager Sack hielt es
nicht mehr im Hause. Es trieb sie hinaus in die große, weite Welt. Sie
hatten beide noch keine größere Stadt als Brest gesehen. Aber sie
hofften in der Fremde vorwärts zu kommen. Sie beluden sich nicht mit
allzu schwerem Gepäck; aber sie nahmen viel ehrliches Streben mit, einen
leichten Kindersinn, starkes Selbstvertrauen, edle Vorsätze und einen
unerschütterlichen Glauben an die Menschheit und an die Zukunft. Mit
diesen gediegenen Reiseutensilien ausgestattet, rissen sie sich nicht
ohne Schmerz und Kampf von Weib und Kind los und folgten ihrem dunklen
Drange, der sie mächtig fortzog. Sack verlor auch im späteren Leben
nicht die Kraft der modernen Überzeugungen und die Kenntnisse der alten
jüdischen Kultur. Er blieb durch sein Leben ein Kämpfer für die
Aufklärung. Die neue Zeit mit allen ihren kulturellen Inhalten zu
ergreifen, galt sein unermüdliches Bestreben. Er stand hoch über dem
geistigen Niveau seiner Umgebung. Aber seine gemütvolle Art und sein
sprühender Geist schlossen jede Überhebung aus. Ein inniger Ton
herrschte in seinem Hause, und daran konnten seine äußeren Erfolge
nichts ändern. Sein edler Charakter, seine Menschenliebe, seine
Opferfreude zeichnen ihn vor vielen aus. Der Titel »Exzellenz«, den
Alexander III. dem verdienten Direktor der Petersburger Diskontobank
verlieh, fügte seinem Wesen keine neue Note zu. Der Geist, der in seinem
Hause herrschte, verschwebte nicht, als der arbeitsfrohe Mann starb. Er
ließ seiner Frau -- meiner Schwester Kathy -- das schöne Vermächtnis,
von ihrem Gute immer den Armen, den Ringenden, den Verzagenden zu geben.
Von ihrer stillen Klause ging viel Edelmut aus. Nahe und Ferne --
Künstler und Gelehrte wissen davon zu sagen. Ich aber darf davon
schweigen....
Die Liebe war der ganzen Familie ein Teil, die Liebe, so auch der
Bildung entraten kann. A. S.' ältere Schwester war zwar kein Kind der
Moderne. Das alte jüdische Haus hatte sie erzogen zur Stille der Seele.
Wie sie voller Gehorsam und Selbstverleugnung ihrer vielfordernden
Mutter gegenüberstand, so innig zärtlich war sie zu ihren Stiefkindern.
Sagt nicht die Volkslegende, daß der Platz der Stiefmutter im Paradiese
leer steht? Ich glaube, er ist jetzt besetzt...
-- Wie schnell die Zeiten wandern: man konnte diesen Zug mit
überraschten Augen an den Brüdern des S.schen Hauses verfolgen.
Mußte der älteste noch um die Anerkennung der Aufklärung ringen, bei
seinen jüngeren Brüdern galt die Beschäftigung mit der Bibel und dem
Talmud nur noch als Zugabe zum neuen Programm. Sie wandten ihre ganze
Mühe und ihren ganzen Fleiß meistenteils auf das Studium der fremden
Sprachen[2].
* * * * *
Ähnlich und doch anders war das Leben meines Bruders Ephraim geartet.
Ich mag dieses Kapitel nicht schließen, ohne in wehmütiger Ergriffenheit
noch zu sprechen von seinen Schicksalen, seinen Wanderungen und seinen
-- Wandlungen.
Mein Bruder Ephraim glich mehr meiner Mutter als unserm Vater. Der
Vater war herbe und streng. Die Mutter war weich und schwärmerisch.
Ihr hing er mit ganzer Seele an. Er war der einzige Sohn im Hause. Der
Träger des Namens, der »Kaddisch«. Was Wunder, daß Vater und Mutter und
wir Schwestern ihn alle verzogen! Der ernste Sinn meines Vaters führte
ihn früh in die heiligen Hallen der Bibel ein. Er war noch nicht zehn
Jahre, da kannte er schon einen großen Teil der fünf Bücher auswendig.
In seinem elften Jahre war er im Gedankenkreise der Propheten heimisch.
In ihrer Wucht, in ihrer Schwermut, in der Innigkeit und Größe ihrer
religiösen Welt fand er seine geistige Nahrung. Und es war sein
höchstes Entzücken, wenn er in der Synagoge den Prophetenabschnitt
vorlesen konnte. In seiner wunderbaren Stimme lag die ganze Romantik
eines schwärmerisch-seligen Knaben. Andächtig lauschten die Hörer.
Aber mein Vater war voller Stolz, und die Gewißheit eines Erben seiner
nationaljüdischen Überzeugung war in ihm. Als Ephraim zwölf Jahre
wurde, erschloß sich ihm die Welt des Talmud. Nebenher aber lernte er
die russische und deutsche Sprache und sang mit köstlicher Freudigkeit
die Lieder der fremden Völker. Dabei war er durchaus kein Stubenhocker.
Der Ernst seines Studiums hatte niemals die frohe Kindlichkeit
verdrängt. Unter seinen jugendlichen Kameraden war er der lustigsten
einer. Und voll purzelnder Einfälle war sein Spiel. Seine Laune konnte
den Trübsten erheitern. Wie oft mußten wir Schwestern über ihn, mit
ihm lachen! Schmollend böse und doch belustigt nannten wir ihn den
»Köppeldreher«. Wirklich, er konnte jedem den Kopf verdrehen.
So wuchs er heran, zwar freier werdend in seiner Auffassung des
Judentums. Denn dem Geiste der Lilienthalschen Epoche konnte sich eben
kein junges Gemüt entziehen. Aber die Kraft seiner tiefen Religiosität
war unerschütterlich. Da trat in sein Leben ein Ereignis, das sein
Schicksal werden sollte. Die Eltern drängten darauf, daß er sich
verheirate. Ihre Wahl traf auf unsere Cousine. Er liebte sie nicht, und
sie ihn auch nicht. Aber der Wille der Eltern bestand. Der Großvater
wollte nicht, daß das Vermögen zerstreut würde. So mußte Ephraim denn,
ob er wollte oder nicht wollte, das Mädchen heiraten. Nach der Geburt
seines ersten Kindes ging Ephraim nach Nordamerika. Er hatte die
Zustimmung seiner Frau. Aber es war doch das unglückliche Leben, das ihn
aus der Heimat drängte. Und an Zwiespalt mit den Eltern fehlte es auch
nicht: die Aufklärung höhlte zwischen dem Vater und dem Sohne eine tiefe
Kluft.
Auszug nach Amerika! Es war eine Wanderung aus dem Lande der
Knechtschaft. Dort in der Freiheit wollte er ein neues Leben beginnen,
schaffen und studieren, um seine ganze Kraft und seinen seelischen
Reichtum an neuen Zielen zu erproben. Die Überfahrt war schrecklich.
Neun Wochen in einem Segelschiff! Fast vier Wochen in eisiger Kälte, den
Stürmen des Kanals ausgesetzt. Einsam und verlassen war er nun im
fremden Lande: und seine Geldmittel waren geschwunden. Von seiner Hände
Arbeit konnte er nicht leben. Er hatte ja nichts gelernt, um sich
durchzusetzen. Er versuchte es mit dem Handel. Er versuchte es mit
Fabrikarbeit. Aber das war kein Leben für den geistig angeregten Mann.
Da leuchtete seiner Nacht ein Hoffnungsstern: Lilienthal. Derselbe
Lilienthal, der in der Brester Jugend die Kultursehnsucht erregt hatte,
lebte jetzt in New York. Ephraim ging zu ihm. Er erzählte ihm die
Geschichte seines Leides. Aber es war ein kalter Empfang, der das weiche
Gemüt des jungen Lebensstürmers vollends verwirrte. Was ein hartes Wort
alles kann! Ein gütiges Wort: wie anders hätte sich das Leben meines
Bruders in der Zukunft gestaltet! Er fing wieder mit grober Arbeit an.
Der Landbau war ja den jungen Kämpfern als das höchste Ideal gezeigt
worden. Er ging auf eine Farm. Zu einem Christen, der ihn freundlich
aufnahm. Bald konnte er sich eine eigene kleine Farm erwerben, die
ungefähr zwölf Meilen von New York entfernt war. Hier in dem neuen
Kreise fügte er sich ganz in die neuen Lebensgewohnheiten ein. Er ging
in die Kirche. Er lauschte der Predigt. Besonders war es die Rede eines
Geistlichen, dessen Worte von Sünde, Strafe, Reue und Vergebung ihn
mächtig packten. Von der jüdischen Gesellschaft hielt er sich ganz fern.
Die Predigt war eigentlich seine einzige geistige Erholung. Da fand er
einen Freund. Einen Jugendgefährten aus seiner Heimat Brest, der nach
vielen Wanderungen in Amerika als Blasinstrumentenmacher gelandet war.
Dieser Freund hatte das Judentum verlassen, und er wußte Ephraim zu
bestimmen, die Taufe zu nehmen. Das war ein folgenschwerer Schritt. Man
wurde auf ihn aufmerksam. Seine reichen Kenntnisse der biblischen und
talmudischen Literatur sollten nutzbar gemacht werden. Er gab seine Farm
auf, wurde Theologe und wanderte bald als Prediger von Stadt zu Stadt.
Mit großem Erfolge konnte er sein Studium beenden. Noch während seiner
Seminarstudien rief er seine Frau und sein Kind aus Rußland zu sich. Sie
kamen. Aber es war bei aller äußeren Friedlichkeit doch keine
Gemeinschaft. Es gibt eben im Leben sensitiver Menschen so manches
Verbogene, das nie gerade gerichtet werden kann, und so manche Lücke,
die sich nie füllt. Seine Freunde drängten meinen Bruder, daß er sein
Leben der Judenmission widme. Er fand sich dazu bereit. Aber nur unter
der Bedingung, daß er zuvor Medizin studieren dürfte. Seinem Willen
wurde entsprochen; und nach weiteren drei Jahren konnte er sein
ärztliches Studium abschließen. Er wurde nach der Balkanhalbinsel
gerufen, wo er in mehreren Städten einige Jahre verlebte. Seine
Missionsarbeit hatte keinen Erfolg. Und als ihm die Mittel für eine
Missionsschule versagt wurden, trennte er sich bald von dieser Tätigkeit
und übte fortan nur die medizinische Praxis aus. Unter Juden, Türken,
Bulgaren und Griechen fand er eine große Klientel. Im Beginne der
sechziger Jahre erhielt mein Bruder die Nachricht, daß nach dem Tode des
Großvaters ihm und seiner Frau mehrere tausend Rubel zugefallen seien.
Sein Familienleben war auch in der Türkei nicht glücklicher geworden als
in Amerika; und so kam ihm die Erbschaft gerade recht, seine
unbezwingbare Sehnsucht zu erfüllen. Er wollte seine Geschwister
wiedersehen. Und seine Mutter. Die Geschwister konnten vielleicht
verzeihen. Die Mutter kannte keine Verzeihung. In einer Stadt
Deutschlands traf man sich. Das Wiedersehen war qualvoll,
herzzerreißend. Die alte Mutter fiel dem Sohne zu Füßen und schwur, daß
sie nicht eher aufstehen würde, als bis der Sohn wieder zum Glauben
seiner Väter zurückkehrte und nie wieder während ihres Lebens nach
Amerika ginge. Mein Bruder gab das Versprechen. Er blieb in Deutschland
und wurde ein Jude, der getreu die Satzungen seiner Religion
beobachtete. Die Sohnesliebe siegte. Er blieb eine kleine Zeit mit
Mutter und Vater in Deutschland. Sie fühlten sich glücklich. Sie hatten
ihr Lebensziel erreicht. Ihr Sohn gehörte wieder zu ihnen. Es war, als
wären sie in ihrem hohen Alter noch mit einem Kinde beglückt worden. Ehe
aber die Eltern heimkehrten, hatten sie noch eine schwere Aufgabe. Die
innerlich längst zerbrochene Ehe meines Bruders wurde nach jüdischem
Rechte geschieden. Die Frau behielt das eine Kind; das andere war
inzwischen gestorben. Mein Bruder ging nach Wien, um sich weiteren
medizinischen Studien zu widmen. Indessen kam es, daß unsere alte Mutter
das Zeitliche segnete. Ephraim war nun frei. Er konnte wieder an die
Rückkehr nach Amerika denken. Inzwischen war der Krieg Österreichs gegen
Italien ausgebrochen. Mein Bruder machte die Seeschlacht bei Lissa unter
Admiral Tegetoff als Korvettenarzt mit. In einem englischen Epos besang
er dann diese Schlacht. Tegetoff nahm die Widmung dankend an, und der
Kaiser belohnte den dichtenden Arzt mit einer Ehrengabe von 600 Florin.
Nun kehrte mein Bruder nach Amerika zurück, wo er an einer Reihe
Universitäten als Professor der Sprachen wirkte. Bald nahm er indes
wieder seine Praxis auf, ging nach Chikago, wo er noch heute
Mitredakteur des American Journal of Clinical medicine ist. Er hatte zum
zweiten Male in Cincinnati geheiratet. Sieben Kinder sind aus dieser Ehe
entsprossen. Trotz seiner 81 Jahre ist er rüstig tätig, und seine
Mitbürger halten ihn in Ehren.
Meine Verlobung.
Station Ratomke bei Minsk, am 20. Juli 1898, unter der Eiche auf
der kleinen Bank im Walde niedergeschrieben. Erinnerungen an meine
Verlobung im Jahre 1849.
Der Zufall fügte es, daß ich gerade heute auf die Schatulle stieß, in
der meines Mannes und meine Briefe aus unserer Verlobungszeit aufbewahrt
liegen. Ich öffnete sie, blätterte nachdenklich in den vergilbten
Papieren, und ehe ich es merkte, umfing mich die ganze glückliche
Vergangenheit. Ich vergaß meine Umgebung und las -- Die Eiskruste,
welche das Leben um mein Herz gebildet hat, fühlte ich allmählich
schmelzen, die Jugend stieg in mir auf und mit ihr all die Gefühle, die
ich einst durchlebte, so frisch, so lebhaft, als wenn es gestern gewesen
wäre. Vergessen waren die Gegenwart, alle Sorgen, alle Leiden, die ich
in den siebenundvierzig Jahren durchgemacht habe -- ich war wieder
die sechzehnjährige Pessele in ihrem trauten Heim, von Eltern und
Geschwistern umgeben.
Und ein Bild nach dem anderen stieg plastisch in meiner Erinnerung
empor: Die letzten Zeiten eines sorglosen Daseins; die Schule, das
fleißige, eifrige Lernen; dann das neuerwachende Gefühl, das so
plötzlich und unerwartet in mein Leben trat -- die junge Liebe --
Träume -- Hoffnung -- Sehnsucht -- Verlobung -- Hochzeit --
Sie lassen mich nicht los, all die lieben Erinnerungen, und der Wunsch
wird in mir rege, alles das, was ich einst erlebte, niederzuschreiben
für meine Kinder zum Andenken an ihre Mutter.
* * * * *
Nach der Vermählung meiner älteren Schwester E. F. hatte ich noch mehr
als früher in unserer Wirtschaft zu besorgen. Außer der Wirtschaft aber
lernte ich sehr viel, ich wurde immer fleißiger, als ob mir eine innere
Stimme sagte, daß ich nicht mehr lange im väterlichen Hause werde
schaffen können. Ich besuchte mit noch einigen Mädchen eine
Privatschule, wo wir in der russischen und deutschen Sprache
unterrichtet wurden. Unser Lehrer war ein älterer Herr, namens David
Podrewski. Sein schiefer Mund erschwerte ihm häufig die Aussprache
mancher harten russischen Worte, weshalb wir ihn nicht immer verstehen
konnten. Von den beiden Sprachen war ihm in der Tat nur die deutsche
geläufig; seine Kenntnisse in der russischen Sprache waren sehr
mangelhaft. Zwei Rubel monatlich für dreistündigen täglichen Unterricht
-- das war sein Honorar.
Ich hatte eine große Freude an Büchern. Da uns aber in jenen Zeiten
keine Kinderbibliothek zur Verfügung stand, so las ich alles, was mir
unter die Finger kam: Märchen, allerhand Erzählungen in Jüdisch-deutsch,
Gdules Josef, »Zenture, Wenture« (Abenteuergeschichten), Bobe-meisses,
(Bowe-Korelewitsch). Am meisten aber fesselten mein Gemüt die reichen
phantastischen, orientalischen Märchen von »Tausend und eine Nacht«.
Diese Lektüre befriedigte mich nur bis zu meinem elften Jahre; später
wurde Robinson Crusoe mein Lieblingsbuch und noch später Zschokke und
Schiller, dessen erster Band mit seinem poetischen Inhalt von uns
Mädchen gesungen und auswendig gelernt wurde. Dieses Interesse für
Schiller teilten wir mit der gebildeten jüdischen Jugend jener Tage, die
sich an diesem großen Dichter begeisterte und seine Werke fleißig
studierte. In die erdrückende, dumpfe Atmosphäre des Ghetto drang wie
ein Frühlingshauch Schillers Poesie, und die Juden bewunderten all die
Pracht und Schönheit, die vor ihnen so plötzlich auftauchte. Bei den
Juden spielte Schiller eine wichtige Rolle, sowohl in ihrem Leben, wie
in ihrer Literatur. Als die jüdische Jugend die Werke des Auslandes zu
lesen anfing, griff sie zuerst zu Schiller; an ihm begeisterte sie sich
und bildete ihre Kenntnisse der deutschen Sprache aus. Schiller lernten
die Männer auswendig, gleich uns jungen Mädchen. Und bald gehörte die
Kenntnis der Schillerschen Werke mit zum Studienprogramm eines
gebildeten Juden; er lernte den Talmud und Schiller und zwar den
letzteren in der gleichen Methode wie den Talmud. Es wurde jeder
wichtige Satz einzeln durchgenommen und laut über ihn nachgedacht;
Fragen und mögliche Antworten folgten einander, es wurde diskutiert,
solange bis man die befriedigende Lösung fand und den angeblich tiefen
Sinn, der -=hinter=- den Worten stecken sollte. In jener Zeit erschienen
auch zahlreiche Übersetzungen ins Hebräische, verfaßt von den besten
jüdischen Dichtern, die sich alle an Schiller versuchten. Die Ursache
dieser Popularität ist im Wesen der Schillerschen Poesie zu suchen,
ihrem intellektuellen Charakter, in dem Ernst, dem Pathos, in seinem
Idealismus, der alles Geschehene unter dem Gesichtswinkel des Sittlichen
betrachtet.
In der Schule war's, wo ich zum erstenmal ein russisches Buch, eine
Sammlung Gedichte von Gribojedow und Schukowsky, in die Hand bekam.
Manches Gedicht dieser Sammlung rührte mich bis zu Tränen, und eine
Erzählung in Prosa, die Lebensschilderungen eines Einsiedlers, der sich
Wadim nannte und sein Freund Gostomisl -- diese beiden Helden alter
russischer Vergangenheit, mußte ich immer wieder und wieder lesen und
heute noch, nach Verlauf von 65 Jahren, weiß ich die ganze Geschichte
auswendig.
Monate vergingen seit der Hochzeit meiner Schwester, und ein Tag glich
dem andern; ich ahnte gar nicht, wie nahe der Tag war, der diesem
gleichmäßigen und ruhigen Leben ein Ende machen sollte. Als ich eines
Morgens auf unserem Balkon saß und mit den Schulaufgaben zu tun hatte,
näherten sich mir meine Eltern. Die Mutter faßte mich am Arm, befahl mir
aufzustehen, drehte mich herum und unterzog meine ganze Gestalt einer
Prüfung; dabei lächelte sie liebevoll und wechselte mit dem Vater
verständnisvolle Blicke.
Obwohl ich dieses Verhalten meiner Eltern nicht verstand, wurde ich
instinktiv unter ihren Blicken rot; ich wagte jedoch nicht, eine Frage
an sie zu richten. Die Mutter sah meine Verlegenheit, streichelte mir
zärtlich die Wange und entfernte sich im Gespräch mit dem Vater. Ich
blieb auf meinem Platz zurück, nachdenklich und regungslos. Was sollte
das sonderbare Benehmen der Eltern bedeuten? Lange quälte mich die
Frage, bis ich eine Erklärung zu finden glaubte: Ich hatte an diesem
Sommermorgen 1848 ein blaues Sommerkleid an, das meiner Mutter sehr
gefiel, und wahrscheinlich wollte sie mich in diesem Kleide dem Vater
zeigen, der uns Kinder stets hübsch gekleidet zu sehen wünschte.
So harmlos waren die Gedanken und Gefühle der Kinder zu jener Zeit, als
ihre Eltern sich bereits mit Heiratsplänen für sie umhertrugen.
Seit jenem Morgen aber veränderte sich das Benehmen aller Hausgenossen
mir gegenüber; man schenkte mir viel mehr Aufmerksamkeit als sonst, und
es fiel mir auf, daß Vater, Mutter und Geschwister mich oft mit eigenem
Interesse betrachteten. Erst in den nächsten Tagen erfuhr ich die
Ursache dieser sonderbaren Aufmerksamkeit. Mein Vater hatte einen Brief,
der einen Heiratsantrag für mich enthielt, zustimmend beantwortet.
Dieser Brief rührte von dem Rebben (Talmudlehrer) her, der sich auf der
Suche nach einer Braut für seinen Schüler befand.
Ganz nach der patriarchalischen Sitte hatten die Eltern meines Mannes
den Rebben des erwachsenen Schülers in die Welt geschickt, eine Braut zu
suchen. Die Schadchonim (Heiratsvermittler) zeigten ihm an, wo man
hübsche Mädchen aus guten Familien finden könnte.
Der Rebbe, der sich an meinen Vater schriftlich wandte, war bereits in
einigen Städten, hatte aber bisher die Gewünschte nicht gefunden. Und
nun kam er nach Brest, um in unserem Hause eine Braut für seinen
Schüler zu erlangen.
Die Eltern des betreffenden jungen Mannes waren reiche Leute und suchten
für ihre Söhne Frauen aus vornehmen jüdischen Familien. Der vornehme,
reiche Jude jener Zeit war immer bestrebt, eine Bas Towim, d. h. die
Tochter eines talmudisch Gebildeten, für seinen Sohn zu finden.
Andererseits scheute er keine Mühe und kein Geld, einen ebenso
gebildeten Talmudisten seiner Tochter zum Manne zu geben. Die
Talmudwissenschaft und ihre Pflege war für den damaligen Juden der
Hauptinhalt seines Lebens, die einzige Quelle seiner Weisheit und
geistigen Entwicklung.
Alles im Hause geriet in Aufregung. Jedermann wußte, wer der Fremde war,
und welche Absichten ihn zu uns führten. Ich allein wagte nicht daran zu
denken. Meine älteren Schwestern fanden sich mit ihren Männern zum
Familienrate ein, und der ältere Schwager übernahm die Vermittlung
zwischen meinen Eltern und dem Bevollmächtigten meiner künftigen
Schwiegereltern. Der Familienrat beschloß, den Rebben zum Tee
einzuladen. Niemand aber fand es für richtig, mich davon zu
unterrichten. Am Mittagstisch sprach man von diesem Ereignis nur in
Andeutungen. Die Eltern waren freudig gestimmt. -- Meine Aufregung aber
steigerte sich mit jeder Minute, und das arme Herz, in dem die Ahnungen
deutlicher und deutlicher aufstiegen, drohte zu zerspringen. Die ganze
Zeit am Tisch mußte ich mich zusammennehmen, um nicht in Tränen
auszubrechen.
Nach Tisch ging ich aus. Ich mußte allein sein mit meinen Gedanken, mit
all den neuen, ungekannten Gefühlen, die so plötzlich in mir erwachten,
und meinem jungen Leben einen ganz neuen Inhalt gaben. Ich befolgte
nicht den Rat meiner Schwestern, die mir zuredeten, ein schönes Kleid zu
nehmen, sondern behielt mein blaues Kleidchen mit der schwarzseidenen
Schürze an. »Er« sollte mich sehen, so wie ich jeden Tag bin, wie die
Meinigen und wie ich selbst mich sah.
Als ich gegen Abend nach Hause zurückkehrte, hieß es, der fremde Herr
sei bereits eingetroffen, wäre aber verhindert, zum Abendtisch zu
bleiben. Da er mich aber sehen mußte, veranlaßte mich mein Vater, die
brennenden Kerzen in sein Arbeitszimmer zu bringen, wo die beiden Herren
sich befanden. Ich gehorchte, nahm beide Leuchter mit den brennenden
Kerzen und ging in das Arbeitszimmer meines Vaters. Es war ein kurzer
Weg. Aber mir kam diese Zeit wie eine Ewigkeit vor. Wie viele Gedanken
rasten da in diesen wenigen Minuten durch meinen Kopf. Ein Sturm erhob
sich in meiner Brust; das Herz schien still zu stehen. Äußerlich aber
sah ich ganz ruhig aus. Ein leises Klopfen, und ich stand auf der
Schwelle dieses Zimmers, wie auf der Schwelle eines neuen Lebens.
Da mich das Licht blendete, hob ich die Kerzen in die Höhe, über den
Kopf, und stand so da, in ihrem vollen Lichte -- und harrte. Da
ertönte aus dem äußersten Winkel des Zimmers die Stimme meines Vaters,
der mit dem fremden Herrn auf dem Sofa sich unterhielt. Ich folgte
seiner Stimme, immer noch die Kerzen über meinem Haupte haltend.
Der Mann erhob sich vom Sofa, und mein Vater stellte mich ihm vor: »Das
ist mein Pessele.« Ich fühlte ein Paar große, kluge, schwarze Augen
forschend auf mich gerichtet. Es war ein prüfender, durchdringender
Blick, der mir sogleich sagte, daß des Rebben Reiseziel hier erreicht
war. Ich errötete unter diesem Blick und war nicht imstande, ein
einziges Wort zu sagen. Meine Schüchternheit und Verwirrung war so groß,
daß ich noch immer die Kerzen über meinem Kopfe hielt, bis mich mein
Vater darauf aufmerksam machte. Ich stellte die Leuchter auf den Tisch,
blickte noch einmal den Herrn an und entfernte mich lautlos aus dem
Zimmer.
Im Speisezimmer harrten meiner schon alle Angehörigen, die mich sogleich
mit Fragen bestürmten. Ich bat sie aber inständig, über die ganze
Angelegenheit gar nicht zu sprechen, weswegen ich unaufhörlich
ausgelacht und geneckt wurde.
Nach einer Stunde verabschiedete sich Herr Brim (so hieß der Rebbe) von
meinen Eltern, und trat noch an demselben Abend seine Rückreise nach
Konotop (800 russische Werst von unserer Stadt) an.
Bald kam aus Konotop ein Brief an, in welchem der Rebbe meinem Vater
berichtete, er hätte alles nach seinem Wunsch geordnet, und Herr
Wengeroff werde mit seinem Sohne und ihm selbst in den nächsten Tagen
die große Reise antreten. Wir sollten mit meinem zukünftigen Bräutigam
in einem 15 Meilen weit von uns entfernten kleinen Städtchen Kartuskaja
Berjosa zusammentreffen und, wenn wir einander gefielen, dort gleich die
Verlobung feiern.
Mein Mädchenherz kannte die Gefühle der Liebe noch kaum; plötzlich wurde
es aus seinem Schlummer gerissen. Nie geahnte Bilder stürmten auf mich
ein. In der Dämmerstunde saß ich jetzt oft und träumte von der Liebe,
von dem Manne, der mein Lebensgefährte werden sollte, und unserem
gemeinsamen Schicksal...... Es waren stille, lichte Träume, die ich
damals in der Dämmerstunde jeden Abend träumte; denn mein tiefgläubiges
Gemüt erhoffte alles Gute für die Zukunft. --
Ich suchte die Einsamkeit. Ich wollte allein sein mit meinen Träumen,
die ich so lieb gewann. Aber allein war ich nie, denn das Bild meines
Zukünftigen verließ mich nicht, und in meiner Phantasie nahm er die
verschiedensten Gestalten an: Einmal war er blond, mit hellen Augen, ein
anderes mal schwarz, und ein Paar dunkle, tiefe schöne Augen sahen mich
voll Liebe an. Ich errötete vor mir selber: so beschämten mich meine
Träume, aber ich hatte sie so lieb, lieb über alles. --
Manchmal, wenn ich so im Garten saß, in meine Träume verloren, stimmten
die Mädchen, die die Gartenarbeit verrichteten, neckende, schmeichelnde
Liedchen für mich an. Am liebsten hörte ich das Lied von dem schönen
Mädchen, das von vornehmen Rabbinern stammte:
Schejn bin ich, schejn,
Schejn is mein Numen;
Ich kim doch haraus
Von lauter Rabunim.
Auf dem Dach sitz ich,
Von der Sünn schwitz ich,
Bloe Socken trog ich,
Tausend Toler vermog ich.
Kawe in die Kriglach,
Met in die Flaschen,
Tausend Toler...
In die Taschen. --
* * * * *
Die Vorbereitungen zu meiner Verlobung waren großartig. Ich erhielt sehr
schöne Sachen. Es wurde beschlossen, daß die jüngst vermählte Schwester
mit ihrem Manne, der ältere Bruder, Schwester Käthy und der ältere
Schwager Samuel Feigisch uns begleiten sollten.
Vierzehn Tage lang währte die Reise der Wengeroffs bis zu dem
vereinbarten Städtchen. Endlich war das Ziel ihrer Reise erreicht, und
sie setzten uns durch eine Estafette davon in Kenntnis. Wir reisten ab
und erreichten bereits am nächsten Tage in der Nacht Kartuskaja Berjosa.
Es war der 15. Juni 1849 -- ein Datum, das sich tief in mein Herz
eingeprägt hat und das ich nie vergessen werde.
Im Gasthaus, in dem wir Quartier nahmen, wurde uns gesagt, die
Wengeroffs wohnten im Gasthaus uns gegenüber; eine kleine, enge Gasse
liege nur dazwischen, und der Wirt versicherte uns, wir könnten von
unseren Fenstern auch in die ihrigen hineinschauen, zumal von dem
Stübchen, das für mich hergerichtet wurde. Ich begab mich auf mein
Zimmer, ordnete die Sachen und versäumte nicht, obwohl ich sehr müde
war, den Musselinvorhang zu lüften, um einen verstohlenen Blick ins
Nachbarfenster zu werfen. Eine heimliche Stimme in meinem Herzen
schmeichelte mir leise, daß von der anderen Seite das gleiche Manöver
öfters erfolgt sein mußte. Endlich übermannte mich die Müdigkeit, und
ich schlief fest ein.
Am nächsten Morgen weckten mich laute Stimmen aus dem Schlaf, die aus
dem Nachbarzimmer meiner Eltern herrührten, und die ich unwillkürlich
hören mußte. Die heftige Debatte zwischen meiner Mutter und meinem
Schwager berührte -- nach damaliger Sitte sehr eingehend -- die
materielle Seite der bevorstehenden Verlobung: Mitgift, Geschenke,
Juwelen usw. Man war über diese Fragen nicht einig und redete hin und
her. Erst mein Vater machte dem Streit ein Ende, indem er versicherte:
»Wenn nur die Talmudkenntnisse des jungen Mannes gut sind, wird sich das
andere schon machen lassen.«
Und nun rüstete sich mein Vater zu dem Akt, der mein Schicksal
eigentlich erst entscheiden sollte -- nämlich den zukünftigen
Schwiegersohn in seinen Talmudkenntnissen zu prüfen; denn der Grad der
Talmudkenntnisse war zu jenen Zeiten fast ausschlaggebend dafür, in
welche Familie der junge Mann hineinzuheiraten würdig sei. Kein Wunder.
Denn ausschließlich der Talmud war es, der als geistige Nahrung der
damaligen jüdischen Jugend zugänglich war und auf sie veredelnd und
verfeinernd wirken konnte. Zu anderen Wissensquellen führte die meisten
kein Weg.
Nun ging mein Vater zu den Wengeroffs. In freudiger Stimmung kehrte er
zu uns zurück; erging sich in den schmeichelhaftesten Äußerungen über
den jungen Mann und lobte überschwenglich seine talmudischen Kenntnisse.
Von dem alten Wengeroff war er ebenfalls ganz eingenommen. Kurz, er
wollte die Angelegenheit nicht verzögern und war entschlossen, noch an
demselben Tage die Verlobung zu feiern. Wir beide, ich und mein
Zukünftiger sollten noch vor dem offiziellen Verlobungsakt miteinander
bekannt werden. Zu diesem Zweck wurden Vater und Sohn zu uns eingeladen.
Als ich ins Speisezimmer hineinkam, waren meine Angehörigen schon dort
versammelt. Nach einigen Minuten trat ohne jede Meldung ein schöner,
ältlicher Herr ein, begleitet von einer jugendlichen, aber mächtigen
Gestalt. Alle erhoben sich und gingen auf die beiden zu. Ich konnte mich
vor Aufregung kaum aufrechthalten. Wir setzten uns. Ich suchte mich zu
beherrschen, um nach der damaligen Sitte ein Gespräch mit dem Vater
meines Zukünftigen anzuknüpfen. Es fand sich bald so reichlicher
Gesprächsstoff, daß die Unterhaltung allgemein wurde.
Die Meinigen sprachen das sogenannte Russisch-deutsch, während die
beiden Wengeroff einen litauisch-jüdischen Jargon gebrauchten und auch
den nur mangelhaft. Es stellte sich heraus, daß ihnen die russische
Sprache viel geläufiger war, und deshalb unterhielten wir uns weiterhin
meistens russisch. Bald war der kleine Kreis so vertraut miteinander,
als hätte man sich seit Jahr und Tag gekannt.
Allmählich entfernten sich die jungen Leute in das Nachbarzimmer, mein
Zukünftiger schloß sich ihnen ebenfalls an, und zuletzt forderte mich
meine Schwester Kathy auf, den anderen zu folgen. Hier wurde die
Etikette beiseite geschoben. Wir setzten uns zwanglos nebeneinander und
selbstverständlich kam ich in die Nähe meines Bräutigams. Kaum saßen wir
eine Weile nebeneinander, als das Zimmer leer wurde -- alle
entfernten sich, um uns beide ungestört zu lassen. Dieses Benehmen
ärgerte mich dermaßen, daß ich nicht fähig war, ein einziges Wort
hervorzubringen, und ich schwieg verlegen. Da fing aber mein
Zukünftiger an zu reden. Zitternd vor Bewegung sprach er zu mir von
seinen Gefühlen, von Liebe, Treue, von unvergänglicher Seligkeit. Viel
mehr als seine Worte sagten mir seine Augen.
Aber zwei junge Leute vor ihrer Verlobung durften nicht zu lange
miteinander allein bleiben. Es klopfte leise an der Tür, und Schwester
Kathy kam uns abzuholen.
Im großen Zimmer warteten alle auf uns, um die Verlobung zu feiern. Nach
der althergebrachten Sitte, die bei den frommen Juden noch heute gilt,
wurde ein Schriftstück, die »Tnoïm« aufgesetzt, worin genau verzeichnet
stand, wieviel Vermögen mein Bräutigam und ich mitbekommen, wann die
Hochzeit stattfinden sollte usw. Nachdem dieses Dokument laut vorgelesen
worden war, zerschlug man ein Gefäß. Diese Sitte war ein Symbol für die
Zerbrechlichkeit des irdischen Daseins. Und eine Mahnung.
Man gratulierte einander. Wein und Süßigkeiten wurden gereicht. Es
begann ein lustiges, munteres Treiben. Man speiste gemeinschaftlich zu
Mittag, und mein Bräutigam wich nicht von meiner Seite. Am Nachmittag
waren wir alle zum Tee bei den Wengeroffs eingeladen, wo uns am
brodelnden Samowar und reich gedecktem Teetisch in gemütlicher
Unterhaltung die Zeit verging. Mein Vater äußerte den Wunsch, sein
zukünftiger Schwiegersohn solle die deutsche Sprache lernen, weil sie in
unserem Lande aus gesellschaftlichen Rücksichten unentbehrlich sei, und
sowohl der Schwiegervater wie sein Sohn erkannten die Berechtigung
dieses Wunsches an.
Bei Wengeroffs erfolgte das gleiche Manöver wie bei uns: der Jugend
wurde es zu enge bei der sachlichen Unterhaltung der Eltern, und einer
nach dem andern verschwand in das naheliegende Zimmer meines Bräutigams.
Es entstand die Frage, ob ich mich zu den anderen gesellen durfte.
Meiner Mutter kam es als Sittenverletzung vor. Aber mein älterer
Schwager trat für mich ein, und sie erlaubte es schließlich. Als ich am
Arme des Schwagers im Zimmer meines Bräutigams erschien, wurde er vor
Freude ganz närrisch. Mit jeder Stunde wuchs unsere Neigung, Sympathie
und Anhänglichkeit, und wir schlürften vom Kelche der Glückseligkeit mit
vollen Zügen. --
Ach wenn sie ewig grünen bliebe,
die schöne Zeit der jungen Liebe!
Es wurde spät -- nach der Meinung der Eltern. Die Mutter trat ins Zimmer
und flüsterte mir zu, daß es unpassend sei, so lange beim Bräutigam zu
verweilen, und ich fühlte in ihrem Ton eine leise Mißbilligung meines
Benehmens. Wir gingen nach Hause. Auf dem dunklen Gange, der zu unserer
Wohnung führte, hörte ich hinter uns die Schritte des jungen Wengeroff,
der uns begleitete. Ich wagte aber nicht, mich umzuschauen, um die
Unzufriedenheit meiner Mutter nicht noch zu vergrößern.
So streng wurden wir damals erzogen. So behüteten uns unsere Mütter,
nicht etwa aus Mißtrauen, sondern einzig und allein, weil sie es als
ihre durch Tradition geheiligte Aufgabe betrachteten, über ihren
Töchtern zu wachen. Es war Zartheit und Fürsorge, die unserer Naivität
zu Hilfe kommen wollte, keineswegs aber Furcht vor den Folgen weiblicher
List. Die Mütter von heute, wenn sie diese Zeilen lesen, dürften sich
vielleicht in jene guten alten Zeiten zurücksehnen.
Am folgenden Tage erwachte ich glücklich, freudestrahlend; und ohne jede
Aufforderung zog ich meine besten Kleider an. Bald aber trübte sich
meine Freude, als ich erfuhr, daß wir noch an demselben Tage nachmittags
die Rückreise antreten sollten. Als aber unsere Eltern mir und meinem
Bräutigam in die betrübten Gesichter schauten, fühlten sie Erbarmen, und
die Abreise wurde bis zum nächsten Morgen verschoben.
Wir jubelten vor Freude. Die Älteren störten uns Junge nicht. Wir
unternahmen im Wagen eine Spazierfahrt, waren unterwegs fast ausgelassen
lustig, erlebten Abenteuer mit Bauern und kehrten in der glücklichsten
Stimmung zu den Unsrigen zurück. Den übrigen Teil des Tages verbrachten
wir mit Teetrinken, Naschen, mit allerlei Possen; wir sangen im Chor
unsere polnisch-jüdischen Lieder, mein Bräutigam seine russischen, und
so verging uns die Zeit bis zum Abendessen. Nach dem Abendessen
übermannte uns die Müdigkeit, und wir trennten uns zeitig voneinander.
Aber ich fand keine Ruhe in jener Nacht, ich konnte nicht einschlafen.
-- Verwegene Gedanken und Bilder hielten mich wach. Mein Herz schwelgte
in Seligkeit.
Der Leser wird den Umfang der Umwälzung gemerkt haben, die sich in der
kurzen Zeit seit der Verlobung meiner Schwester im jüdischen
Familienleben vollzogen hatte. Meine Schwester Eva erblickte ihren
Bräutigam zum erstenmal in ihrem Leben unmittelbar vor der
Hochzeitszeremonie. Sie sträubte sich zwar dagegen, indem sie sich
weigerte, das Hochzeitskleid anzuziehen, bevor sie ihn gesprochen
hatte. Doch genügte ein strenger Blick der Mutter, die Widerspenstige
zu zähmen. Als nun endlich die beiden sich als Brautleute
gegenüberstanden, durfte auch jetzt noch nicht ein Händedruck zwischen
ihnen gewechselt werden. Mir aber erlaubte man, schon zusammen mit
meinen Geschwistern in sein Zimmer zu kommen; gemeinsam mit ihm und
ausschließlich in junger Gesellschaft einen Ausflug zu unternehmen.
Hier sehen wir die Zeit anbrechen, in der sich die Abgeschlossenheit des
jüdischen Familienlebens zu lockern beginnt. Unvermerkt dringen in die
urwüchsigen jüdischen Familiensitten fremde, nichtjüdische Elemente ein.
Noch eine Generation, und die alte jüdische Sitte mutet wie ein längst
verklungenes Märchen an.
Am folgenden Tage stand ich sehr früh auf, und in dumpfer, trüber
Stimmung machte ich mich zur Abreise bereit. Der Wagen stand schon vor
der Tür, meine Eltern und Geschwister waren reisefertig; die Wengeroffs
kamen, um gemeinsam mit uns das Frühstück einzunehmen. Als ich meinen
Verlobten ansah, bemerkte ich auf seinem Gesicht die Spuren von Tränen.
--
Wir hatten uns noch so viel zu sagen und schwiegen beide.
Am Frühstückstisch sprachen nur die Älteren. Die Jugend schwieg
beklommen. Die Stunde der Trennung kam. Man erhob sich vom Tisch. In
diesem Augenblicke konnte ich mich nicht länger beherrschen und, als
mein Bräutigam mich beim Abschied umarmte, -- eine für jene Zeiten
unerhörte Tat -- da brach ich in ein heftiges Weinen aus. Die Eltern
waren gerührt und erlaubten uns, eine ganze Strecke allein
vorauszugehen. Die übrige Gesellschaft und der Wengeroffsche Wagen
folgte. Ein Zwischenfall verlängerte unser Zusammensein: Ich entdeckte
plötzlich, daß mir die neugeschenkte prächtige Uhr und Kette fehlten.
Das gab Anlaß, einen Teil des Weges zurückzugehen, um das Verlorene zu
suchen. Wir fanden beides wieder, und alle behaupteten, es sei von guter
Bedeutung für uns.
Wir erreichten die Unsrigen und stiegen in die Wagen. Noch ein letzter
Blick, und rasch entfernten sich die Wagen voneinander. Ich drückte mich
in eine Wagenecke und versank in trübe Gedanken. Mir war, als schwinde
das Teuerste, Schönste und Erhabenste meines Lebens von mir. Ich litt
unsäglich in meinem Schmerz. Die Schwester versuchte mich zu beruhigen.
Da ward mir plötzlich bewußt, daß ich das Innerste meines Herzens
verraten hatte. Ich schämte mich meiner Schwäche. Das half. Ich wurde
immer ruhiger und tröstete mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Meine Eltern aber suchten mich mit dem Versprechen zu beruhigen, daß wir
mit meinem Bräutigam noch einmal vor der Hochzeit zusammenkommen würden.
So legte sich denn der Trennungsschmerz. Frisch und munter kamen wir zu
Hause an.
Bald besuchten uns Verwandte, Freunde und Bekannte und gratulierten uns
herzlich. Ich zeigte die kostbaren Geschenke, eine große Perlenschnur,
lange Brillantohrringe, Kette mit Uhr. Zugleich mußte ich versichern,
daß ich mich, wie der damalige Ausdruck lautete, »gottlob sehr glücklich
fühle.«
In der Wahl der Geschenke, die man Kalle- und Chossen-Matones (Braut-
und Bräutigamsgeschenke) nannte, folgte man gewöhnlich nicht nur dem
persönlichen Geschmack, sondern richtete sich hauptsächlich nach der
allgemein herrschenden Sitte. Gewisse Geschenke wurden als unumgänglich
betrachtet, und jede Kalle und jeder Chossen, auch die Ärmsten, mußten
sie erhalten. Auch der ärmste Chossen bekam zur Hochzeit vor allem einen
Talles (Gebetmantel) und einen »Kittel« (Totenhemd), den der jüngere
Mann ausschließlich am Jom-Kippur, der ältere, der schon erwachsene
Kinder hat, auch an den Sederabenden anlegt. Wenn die Kalle arm war, so
wurde für sie »gesammelt«, zu allererst für einen Talles für ihren
Chossen. Zu den Geschenken gehörte noch ein Mützchen aus Silberfäden;
zur Verlobung eine Uhr ohne Kette (die Herren trugen damals ihre Uhren
an schwarzen seidenen Schnüren, welche die Braut gewöhnlich selbst
verfertigte). Ich erinnere mich noch jetzt an das Kettchen, das meine
Schwester für ihren Verlobten gemacht hatte -- es war sehr kunstvoll
geflochten, mit kleinen bunten Glasperlchen verziert.
War die Kalle ein reiches Mädchen, so erhielt der Chossen noch zur
Hochzeit einen Streimel -- eine Mütze aus dem kostbarsten Pelz -- und
eine »silberne Puschkele« (Schnupftabakdose).
Der Kalle schenkte man vor allem zur Hochzeit ein Gebetbuch, »Korben
Minche« genannt.
Unter den Geschenken der sogenannten Balbatimtöchter (Töchter von
wohlhabenden Leuten), welche oft nicht mehr als 100 Rubel Mitgift
hatten, befand sich stets ein »Kanek« -- ein Halsband aus schwarzem
Sammet, reihenweise mit kleinen, echten Perlen besetzt; die Perlen
mußten -=echt=- sein; das Vermögen der Mechutonim (Schwiegereltern)
konnte nur ihre Größe bestimmen. Am Kanek waren als Anhängsel einige
Dukaten befestigt, oder bei den reichsten einige größere goldene Münzen,
im Werte von 15 Rubel, oder noch größere Münzen, an der drei Königsköpfe
im Profil zu sehen waren und die einen Wert von 30 Rubel hatten. Man
nannte diese Geldstücke -=Schaustück=-. Ferner erhielt die Braut zwei
»Schleierlach« aus feinem, weißen Nesselzeug, die man auf dem Kopfe
trug. Bei den reichen Partien schenkte man der Braut Brillanten,
hauptsächlich Ohrringe, Perlenschnüre und eine goldene Kette, aber ohne
die Uhr -- die als Brautgabe erst in den vierziger Jahren aufkam. Diese
Kette trug man oft beim Ausgehen über den Straßenkleidern, wie ich es im
ersten Bande geschildert habe. Sie wurde mit einer Nadel an der Brust in
phantastischen Formen befestigt.
Diese Geschenke machten nicht die Verlobten einander, sondern sie wurden
von den zukünftigen Schwiegereltern den Brautleuten am Tage der Hochzeit
überreicht. Gegen 12 Uhr mittags brachte der »Baddchen«, begleitet von
der Musik, die Geschenke ins Haus der Braut.
In dem patriarchalischen Leben jener Zeiten hatte die Sitte das ganze
Leben geregelt. Die heutige Generation in ihrer übertriebenen
Empfindsamkeit mag diese so sehr minutiöse Vereinbarung seltsam anmuten,
vielleicht gar peinlich berühren. Und doch darf man sagen, daß die
genauen Abmachungen nur den einen Zweck hatten, von vornherein alle
Mißstimmungen, Zänkereien und Feindseligkeiten zwischen den
beiderseitigen Familien zu vermeiden.
Das Brautjahr.
Ich kehrte in mein Alltagsleben zurück. Es war mir peinlich, als Kalle
(Braut) behandelt zu werden. Ich bat meine Angehörigen, von meinem
Bräutigam nicht zu sprechen. Ich duldete keine Bevorzugung im Hause und
erfüllte alle meine Pflichten wie vorher. Ich besorgte jetzt
hauptsächlich die Wirtschaft; denn meine ältere Schwester hatte kein
Interesse dafür und unsere liebe Mutter verbrachte den Tag mit Beten,
Psalmensingen und Lesen von heiligen Büchern, wie »Menojres Hamoer« und
»Nachlas Zwi«.
Dabei lernte ich fleißig weiter bei Herrn Podrowski; denn ich hielt fest
an dem Vorsatz, bis zu meiner Hochzeit die beiden Grammatiken, die
russische von Wostokow und die deutsche von Heyse, ganz durchzuarbeiten.
Jede Arbeit war mir jetzt leicht, soviel Frische, Freudigkeit und
Lebenslust war in mir, solch ein Glücksgefühl übermannte mich; es teilte
sich auch den andern mit, und Freude herrschte in unserm Hause.
Erst mehr als drei Wochen nach meiner Verlobung kam mein Vater
freudestrahlend aus der Stadt zurück und übergab mir einen versiegelten,
an mich adressierten Brief mit den Worten: »Da hast du einen Brief,
gewiß von deinem Bräutigam.« Zum erstenmal in meinem Leben erhielt ich
einen Brief; mit zitternden Händen öffnete ich ihn und las folgendes:
»Vielgeliebte und teure Peschinke, leben sollstu mir, gesund sein,
einzige Seele meine!
Jetzund seinen wir in Sluzk. Du bist schoin gewiß zu Haus, bin
schoin von Dir weit 275 Werst. Nur erst gestern bin gewen leben Dir
(neben Dir), und ich habe gehört Deine süße, liebe Rede! O, wie
glücklich ich bin gewen! Ober jetzund seh ich einzig, daß nach zwei
Stunden, wos der Vater will hier verbrengen, wel ich müssen
weiterfahren und weiter, mit jeder Minut, jeder Sekunde derweiten
(entfernen) sich vun Dir, meine teure Pessunju. Meine teure,
einzige Seele Pessunju, Du kennst Sich (Dir) vorstellen, wie mir
ist gewen, als ich hob mich gesetzt in Wogen, die Reise zu machen,
und zwei Sekunden nachdem hob Dich schojn mehr nit gesehn! Wie es
ist mir gewen nochdem, konnte Dir beschreiben Seiten, aber ich
fürcht mich efscher (vielleicht) west Du sein unruhig; nor Du
kennst allein verstehen, Engel meiner, einzig das wet kennen sein
mein Trost, as ich wel lesen Deine mir teure Handschrift, in welche
ich wel lesen Deine Gefühle zu mir. Oh, daß wet mich neugeboren
machen! Nachdem wet schon bleiben Eins, wie zu verbringen gicher
(schneller) die Zeit, welche zerteilt uns einem von dem andern.
Dazu wel ich halten Dein Befehl, dos wet sein mein Vergnügen und as
ich wel noch erhalten Deine süße Briefe mit Deine Worte!
Inmitten der Reise hoben mir gehat noch ein Zustell (Aufenthalt).
Zwei Stanzies (Stationen) obforendig von Berese. Mir seien dort
gestanen sechs Stunden, von 10 Uhr des Morgens bis 4 Uhr des
Abends. Diese Zeit ist mir gewen viel freilacher, ich hob mir
baklert (überlegt) mit wie viel weiter wollt ich gewen von Dir als
ich wollt gefohren jene Zeit. --
Ich verhoff, as Du west mir ton dem Vergnügen zu erfreien mich mit
Deine Briefe, darum bet ich schon mehr nit.
Sei mer gesind und freilach, geb Gott mir sollen sich gicher
(schneller) sehen mit Dir, meine teure Pessunju!
Chonon Wengeroff.
P. S. Teuere! west kennen schreiben auf mein Nomen den Konwert, bet
ich Dich sehr. Verzeih mir, wos hob so schlecht geschrieben, darum,
wos ich hob geschrieben mit dem Bleifeder. --
Ich bet Dich, bet von mir meinetwegen allemen sollen mir verzeihen,
wos ich schreib sei nit; mir heilen (eilen) sehr. Verbleib mir noch
a mol gesund, wie es wünscht Dir Dein
Dich liebender
Chonon.
8. Juli 1849. Uhr 10 Morgens.
Ich schreib dem Adreß of Dein Nomen, worim der Vater hot mir dos
geheißen.« --
Grenzenlos war meine Verwirrung, während ich diese zärtlichen
Herzensergüsse las. Meine Eltern fragten mich nach dem Inhalt des
Briefes; den konnte ich ihnen aber nicht sagen. Nur mit Tränen in den
Augen bat ich sie, die Bitte meines Bräutigams, ihm oft zu schreiben,
erfüllen zu dürfen. Die Eltern willigten ein, was bei der orthodoxen
Weltanschauung jener Zeit sehr erstaunlich und für die beiden Menschen
bezeichnend war. So groß war ihre Freude, daß ihre Pessele einen auf
ihren Namen adressierten Brief erhalten hatte, daß sie nachsichtiger
wurden und wirklich ihre Erlaubnis zu diesem Briefwechsel gaben; und so
fing unsere Korrespondenz an.
Die Briefe meines Bräutigams hab ich stets als mein Teuerstes
aufbewahrt, und noch heute, nach neunundfünfzig Jahren, sind sie alle in
meinem Besitz. Manchmal blättere ich in den vergilbten Papieren,
beschwöre die schöne Zeit herauf und sonne mich noch heute in den
Strahlen des einst erlebten Glückes.
Ich zögerte nicht mit der Antwort, bat aber meine Eltern stets, einige
Worte zuzuschreiben, was ihre Zustimmung bedeuten sollte. Denn in jenen
Zeiten konnte es als Frivolität gelten, wenn ich allein mit meinem
Bräutigam den Briefwechsel geführt hätte.
Ein trauriger Zwischenfall trübte mein Glück. Meine jüngste Schwester
Helene erkrankte plötzlich an einem gefährlichen Nervenfieber. Sie war
schon von den Ärzten aufgegeben, als plötzlich Besserung eintrat, und
unsere liebste kleine Schwester war uns von Gott wiedergeschenkt. Und
das kam so: Als mein Schwesterchen leichenblaß und ohne Bewußtsein so
dalag, versuchten die Ärzte ein letztes Mittel. Das Kind wurde in ein
kaltes Bad gelegt, in dem es zehn Minuten blieb. Dann wurde es wieder in
das gut vorgewärmte Bett gepackt. In der Erregung des Augenblicks hatte
man eine heiße Wärmflasche vergessen. Das Kind lag auf der Flasche. Es
bildete sich eine tiefe Brandwunde. Das war ein Glück für das Kind. Die
Ärzte meinten, ohne diese Wunde wäre es zugrunde gegangen. Ich glaube,
das hing mit den damaligen medizinischen Anschauungen zusammen. Man
liebte es ja einst, bei gefährlichen Krankheiten die Methode des
»Haarseiles« anzuwenden. Die eiternde Wunde -- so meinte man -- zöge
die Krankheit aus dem Körper. Langsam, aber stetig machte die Genesung
Fortschritte. Aber das Kind blieb doch noch monatelang ans Bett
gefesselt. Ich mußte zugleich mit meiner jüngeren Schwester die
Pflichten einer Pflegerin versehen, weil es dem leidenden Kinde
angenehmer war, Anverwandte statt einer fremden Pflegerin in seiner Nähe
zu haben. Tag und Nacht war ich bei ihr. Ich hatte ein Lager neben ihrem
Bette und, da sie selbst nicht langen konnte, führte ich ihr die Speisen
zum Munde. Es war eine böse Zeit für mich. Nur die Briefe meines
Verlobten stärkten meinen Mut und gaben mir neue Kraft.
Aber auch für mich sollte eine Prüfungszeit kommen. Ich bekam es so
»durch die Blume« zu hören, daß die Eltern den häufigen Briefwechsel mit
meinem Bräutigam jetzt nicht mehr billigten, denn nach ihrer Meinung
wäre »die Sache, d. h. mein ganzer Brautstand überhaupt nicht ganz
sicher«. Mein Schmerz war grenzenlos. Tage und Nächte brachte ich in
Tränen zu. Ich forschte nach der Ursache der Verstimmung, konnte aber
längere Zeit nichts erfahren. Endlich erbarmte sich meiner der jüngere
Schwager und erzählte mir, mein Bräutigam wäre bei unseren Eltern
verleumdet und als Ausbund aller bösen Eigenschaften bezeichnet worden.
Ich litt unsagbar. Der Vater grämte sich. Die Stimmung im Hause war sehr
gedrückt. Endlich schrieb der Vater nach Homel, einem Städtchen bei
Konotop, wo ein Verwandter von uns, Reb Eisek Epstein, wohnte, und bat
ihn, sich genau nach dem Stand der Sache zu erkundigen. Bald langte eine
Antwort an, welche die Haltlosigkeit aller Verleumdungen erwies. Die
Familie Wengeroff, schrieb unser Verwandter, wäre eine vornehme und der
junge Mann ein braver Mensch und guter Talmudist. Diese Nachrichten
dämpften den Sturm in unserem Hause. Die dunklen Wolken zerstreuten
sich. Über meinem Leben strahlte wieder der helle, klare Himmel.
Ich jubelte auf. Meine Liebessehnsucht wurde noch mächtiger. Unser
Briefwechsel häufiger. Die Geschwister neckten mich und lachten, wenn
ein Brief kam. Aber sie freuten sich mit mir.
Das Leben im Elternhause ging seinen gewohnten Weg. Der Winter nahte
seinem Ende, und der Frühling kündigte sich in diesem Jahre sehr zeitig
an. Meine Schwester erholte sich gut und konnte bereits das Bett
verlassen. Unsere Mutter traf große Anstalten zur Herstellung meiner
Aussteuer. Leinewand, seidene und wollene Stoffe. Spitzen wurden
bezogen. Man beriet, wählte, kaufte ein. Es war ein hastiges Treiben.
Auch mich zog man oft zu Rate. Aber ich äußerte meine Meinung stets nur
schüchtern und errötend.
Die Wäsche wurde außerhalb des Hauses angefertigt, die Kleider aber
daheim genäht. Nicht Schneiderinnen, sondern Schneidergesellen
arbeiteten daran. Es waren alles junge Burschen, die zufällig zugleich
dem Synagogenchor angehörten. Während der Arbeit sangen sie oft und gern
Lieder, meistenteils religiösen Charakters, wie Purimspiele,
Ahasverusspiel, Josephspiel. Das letztere war ihr Lieblingsspiel, das
sie sehr oft wiederholten. Sie verteilten die Rollen untereinander und
sangen folgendermaßen:
1.
-=Jacob:=-
Ich bin der Bäum vün der ganzer Welt, ün' duhs
Seinen meine Zweigen (mit der Hand auf seine Kinder weisend)
Drum bitt ich den Ojlom (_Publikum_),
Soll a Bissele schweigen.
2.
Schon zwei Johr bin ich vün Häus ojsgezojgen,
Ün nitchasw'schulem (_gottbewahre_) vün mein Parnusse wegen
(_geschäftshalber_),
Nur vün die Zores (_Leiden_), wus is mir gekümmen entgegen,
La la la, la la la, lalalalala la la.
Mein Sühn Schimen, mein Sühn Schimen,
Di bist doch mein bester Sühn,
Di bist doch mein liebster Sühn,
Sug'sche (_sage doch_) mir die Wuhrheit,
Sug'sche mir die Wuhrheit,
Wie (_wo_) is er, wi is er, mein Sühn Josefl?
-=Die Söhne:=-
Vuter (_Vater_), lieber Vuter sießer,
Wir weißen nit, wi er is.
(Wiederholung.)
-=Jacob:=-
Mein Sühn Riwen (_Ruben_), mein Sühn Riwen,
Du bist doch mein bester Sühn
Du bist doch mein liebster Sühn,
Dir wellen doch tun alle loiben,
Sug'sche mir die Wuhrheit, sug'sche mir die Wuhrheit,
Wo is er, wo is er, mein Sühn Josefl?
-=Die Söhne:=-
Vuter, lieber Vuter sießer,
Wie kennen mir dir derweisen den Ponim (_Gesicht_),
As mir hoben ihn verkäuft zu die Midjonim.
-=Jacob:=-
Willt ihr mir das Leben schenken,
Sollt ihr mir ihn bald brengen.
Joseph wird hineingeführt; Jacob gerät in freudige Ekstase. Joseph
singt:
Ich hob viel Schuff (_Schafe_) ün' viel Rinder,
Ich hob a Frau mit zwei Kinder,
Einer heißt Menasse, der andere heißt Ephraim,
Hoben sie mich gemacht zum Groißen in dem Land Mizraim
La, la, la, la, lalalala, la, la, lalalala.
* * * * *
Auch das kleine lustige Liedchen eines Schneiders sangen sie mit
Vorliebe:
Sitz ich mich, a Fissele iber a Fiß
Un sing mir a Liedele zucker-siß.
N' Schnaider zu sain is gor aus die Welt, --
Wohin er kummt, verdient er Geld!
As die Jolden (_lustige Jungen_) wollten sich wellen beklären,
Wollten sie alle Schnaiders weren. --
Manchmal sangen sie Lieder, die mir und meinem Brautstand galten. Einige
von diesen Liedern leben noch ganz frisch in meiner Erinnerung:
Kalele, Kalele, wein, wein, wein,
Der Chosen wet dir schicken a Tellerl Chrein (_Meerrettich_)
Wellen sech die Trären gießen
Bis die Zehen.
Sitz ich auf ein Stein
Nemt mich on a groiß Gewejn
Alle Medelach Kales werden
Ich nebech nejn. --
* * * * *
-=Oder:=-
Nemmt der Bucher (_Jüngling_) die Mojd (_Mädchen_) far der Hand,
mejnt er die Welt is sein,
Git (_gibt_) er ihr grobe Woll spinnen auf'n dünnen Seid.
-=Die Mojd:=-
Ich wel dir grobe Woll spinnen auf'n dünnem Seid,
Di sollst mir a Leiterel machen, wus in Himmel soll sein.
-=Der Bucher:=-
Ich wel dir a Leiterl machen, wus in Himmel soll sein,
Di sollst mir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein.
-=Die Mojd:=-
Ich wel dir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein,
Di sollst mir dem Jam ausschöppen mit a Krigele dilein (_klein_)
-=Der Bucher:=-
Ich wel dir dem Jam (das Meer) ausschöppen mit a Krigele dilein
(_klein_),
Di sollst mir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein.
-=Die Mojd:=-
Ich wel dir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein,
Di sollst mir dem Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.
-=Der Bucher:=-
Ich wel dir das Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.
Di sollst mir sieben Kinder huben ün a jinge Frau zi sein. --
Auch die Wärterin Mariasche neckte mich mit einem Lied, wenn sie sah,
daß ich froh und glücklich im Hause herumlief oder wenn sie mich in
irgendeinem Winkel verträumt antraf:
Oj, weih, wie kenn men leben
Schwäh'r und Schwieger kowed (_Ehre_) obzugeben.
Steih ich auf spät
Sogt main beise Schwieger:
Ich lieg wie a Nweile (_faule_)
Bis halben Tog in Bett!
Oj, weih, wie kenn men leben
Schwäh'r und Schwieger kowed obzugeben!
Geh ich gich (_schnell_), sogt sie, ich zerreiß die Schich,
Geh ich pameilach (_langsam_), sogt sie, ich bin freilach --
:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:
Back ich greiße (_grosse_) Challes
Sogt main beise Schwieger,
As ich stell ihr gor b'dalles (_ruiniere sie_)
:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:
Back ich kleine Challes
Sogt main beise Schwieger,
As ich zieh auf ihr dem Dalles
:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:
Geih ich ongeton schein,
Sogt main beise Schwieger,
As ich mach ihr gor gemein (_arm_).
:|: Oj, weih, wie kenn men leben:|:
Geih ich ongeton mieß (_hässlich_),
Sogt main beise Schwieger,
As ich tu ihr on a Büsch (_Unehre_).
Oj, weih etc. --
* * * * *
-=Oder:=-
Tochter du liebste, Tochter du main,
'ch wel dir lernen wie ba (_bei_) a Schwieger zu sain:
As die Schwieger wet gaihn vun weiten,
Sollstu nit teilen kein oreme Leiten.
Tochter du liebste, Tochter du main,
'ch wel dir lernen, wie ba a Schwieger zu sain:
As die Schwieger wet geihn vün Schul,
Sollstu ihr trogen antkegen (_entgegen_) a Stuhl.
Tochter du liebste etc.
As die Schwieger wet geihn zum Tisch,
Sollstu ihr geben die beste Stick Fisch.
* * * * *
Immer näher rückte die Zeit meiner Trennung vom Elternhause -- eine
Aussicht, die mein Glück störte. Vor der Abreise nach Konotop sollte
ich noch nach Warschau gehen, um von Verwandten, vor allem aber vom
Großvater Abschied zu nehmen und den Segen zu meiner Vermählung zu
erhalten.
Es war Anfang August 1849. In jener Zeit existierte noch die
polnisch-russische Grenze bei dem kleinen Städtchen Terespol, das vier
russische Werst von Brest entfernt lag. Diese Reise unternahm ich mit
meinem Vater. Aber vor der Grenze war er gezwungen, mich zu verlassen;
und ich mußte selbst alle Grenzformalitäten erledigen. Es war mein
erster selbständiger Schritt. Ich muß gestehen, mein Mut war nicht groß.
Als ich in das Bureau kam, wo ich meinen Paß vorzuzeigen hatte, fühlte
ich mich sehr beklommen. Tränen kamen mir in die Augen. Am liebsten
hätte ich geschluchzt wie ein kleines Kind. Ich schämte mich dieser
Schwäche und versuchte mich zu beherrschen. Im Bureau ließ man mich ein
Dokument unterzeichnen: wieder eine selbständige Tat! Endlich befand ich
mich auf der anderen Seite der Grenze. Hier wurde ich von unserem Freund
Reb Jossele erwartet, der mich zu seiner Familie in das kleine Städtchen
Terespol brachte. Am nächsten Tage kam mein sehnsüchtig erwarteter
Vater, und wir reisten gemeinsam nach Warschau.
Unser Aufenthalt in Warschau dauerte acht Tage. Der Großvater empfing
mich mit besonderer Aufmerksamkeit. Die Tanten und Onkel behandelten
mich die ganze Zeit mit großer Zärtlichkeit. Ich erhielt von allen
hübsche Hochzeitsgeschenke und vom Großvater ein Silberstück und -- den
Segen.
Es war ein Augenblick, den ich nicht vergessen kann: Großvater stand in
der Mitte des Salons. Mit klopfendem Herzen näherte ich mich ihm und
beugte das Haupt in demütiger Ergebung. Er legte seine Hände auf meinen
Scheitel und sprach laut den Segen mit bewegter, zitternder Stimme.
Feierliche Stille herrschte im Zimmer. Nur die Tanten schluchzten leise.
-- Mir war so ernst zumute, so traurig. Hier erst fühlte ich so
recht, welche ernste Wendung mein Leben nehmen sollte. Bangen Herzens
verabschiedete ich mich von meinem lieben, ehrwürdigen Großvater; denn
der Gedanke wollte mich nicht verlassen, daß ich ihn zum letztenmal in
meinem Leben sah.
Nachdenklich und ernster, als ich gekommen war, kehrte ich nach Hause
zurück. Die Aussteuer war fertig. Meine Mutter packte all die schönen
neuen Sachen mit Liebe und Sorgfalt in einen massiven, großen, mit
Eisenblech beschlagenen Koffer ein. Außer der Wäsche erhielt ich
folgende Sachen:
1. Das Hochzeitskleid: aus schwerer grauer Seide -- ein Streifen
»moiré antique« und ein Streifen Atlas, mit breiten grauen
Blondenspitzen (Spitzen aus Flockseide) garniert;
2. ein Kleid aus Mousseline de laine -- dunkelblau und weiß
kariert; fußfrei, ganz leger, einfache Fasson; oben mit einem
Sattel, in der Mitte Gürtel, lange griechische Ärmel;
3. ein Kleid ans dunkelblauem Atlas, mit dunkelblauem Samt vorne
garniert; schmale, lange Ärmel mit Samtmanschetten;
4. ein schwarzes Taftkleid -- »Mantine« genannt -- ohne jede
Garnitur;
5. ein Kleid aus grünem Wollenstoff mit schwarzer Tresse in schönen
Mustern garniert;
ferner: 2 Schlafröcke:
einen aus hellblauem Musselin mit einfachen weißen Spitzen,
einen anderen aus »Teefteek« (türkischem Stoff); ganz lose
verfertigt -- »Rubaschka« (Hemdchen) genannt.
Ferner: 3 Mäntel:
eine »Mandaronka« -- so wurde die damalige übliche Regenmantelform
genannt -- aus dunkelblauem Tuch;
eine »Ziganka« -- grauer Seidenstoff; ein viereckiges Stück einfach
am Halse und an den Ärmeln zusammengerafft; garniert mit rotem,
seidenem Band und grauen Quasten;
eine »Algierka« -- ein langer Mantel mit griechischen Ärmeln,
empire, aus schwarzer Seide. Vorne an der Brust waren zwei seidene
Schnüre befestigt, die über die Schultern auf den Rücken mit zwei
großen Quasten lose herabfielen.
Ferner 2 Tageshauben:
eine aus Blondenspitzen mit blauem Band -- für Feiertage, die
andere einfacher für jeden Tag
und dazu sechs Morgenhäubchen in koketten Formen.
Ferner ein Paar rosa Handschuhe mit weißen Tüllspitzen garniert -- zur
Trauung! --
Alles war also bereitet, und man machte Anstalten zu der großen Reise.
Ich war mir selbst überlassen und hatte Zeit, von allem, was mir lieb
war, Abschied zu nehmen. Es waren schwere Tage für mich -- ein
Durcheinander von Gefühlen und Empfindungen tobte in meinem Inneren.
Bald brachte mich der Gedanke an das Wiedersehen mit meinem
Heißgeliebten in solch eine strahlende Freude, daß jeder, der mir in den
Weg kam, lächeln mußte. So glücklich sah ich aus. Bald kamen mir Tränen
in die Augen, und ich schluchzte leise in irgendeinem Winkel, vom
Trennungsschmerz übermannt. Bald aber lachte ich schon wieder und lachte
vor Seligkeit und Glück.
Den letzten Sonntag vor der Abreise hatte ich noch Abschiedsbesuche bei
Verwandten, Freunden und Bekannten zu machen -- ich erfüllte diese
Pflicht in Begleitung einer älteren Frau, Reisele genannt, die in der
ganzen Stadt als Sarwerke[3] bekannt war und allen jüdischen Bräuten in
Brest als Ehrenbegleiterin diente.
Es kam der vorletzte Tag. Wir saßen alle beisammen am Mittagstisch, als
meine ältere Schwester auf mein ungewöhnlich blasses Aussehen aufmerksam
wurde. Auch die anderen bemerkten es, und der Vater forderte mich
zärtlich besorgt auf, ihm die Ursache meiner Sorgen zu sagen. Es war ein
Traum, der mich quälte: Mir träumte, ich wäre ganz allein in der
kleinen, engen Gasse, durch die ich einst als kleines Mädchen täglich
mit dem »Behelfer« zum Cheder gegangen war. Plötzlich raste ein großer,
schwarzer Ochse in wilden Sprüngen auf mich zu. Ich bebte vor Schrecken,
denn der Ochse mit seinen Riesenhörnern kam immer näher. Ich
suchte mich zu verbergen, konnte aber keinen Winkel finden, lief nach
rechts und links. Doch das schwarze Ungeheuer folgte mir überall. Ich
war endlich ganz erschöpft vor Angst und Müdigkeit und ergab mich meinem
Schicksal. Da tauchte plötzlich im Halbdunkel des engen Gäßchens ein
kleines Männchen auf. Es trug einen seidenen schwarzen Kaftan mit Gürtel
und hoher Zobelmütze. Sein Gesicht war ganz runzlig. Es hatte die Züge
meines Großvaters. Sein Gesicht umrahmte ein ungewöhnlich langer grauer
Bart, der bis zu den Knien reichte. Das Männchen näherte sich mir, nahm
mich an der Hand und sagte, indem es einen Seitenblick auf das Ungeheuer
warf: »Komm mit mir, fürchte dich nicht!« Vertrauensvoll und dankbar
ging ich mit ihm. Nach einer Weile aber blieb er stehen, ließ meine Hand
los, wies mir den geraden Weg und verschwand ganz plötzlich meinen
Blicken. Mit einem Male war auch das Ungeheuer nicht mehr da. Am ganzen
Körper zitternd, erwachte ich und konnte den Eindruck dieses schweren
Traumes gar nicht mehr loswerden. Alle hörten mir mit Spannung zu. Am
meisten bewegt aber war der Vater. Als ich mit dem Erzählen zu Ende war,
erhob er sich rasch vom Tisch und begab sich in sein Arbeitszimmer, wo
er in einem Buch nachblätterte. Freudestrahlend kam er zurück und rief
mir zu: »Sei ruhig, meine Tochter, du wirst Kinder haben, die viel
lärmen werden.«
Ich wurde schamrot und wagte niemanden anzuschauen. Die Meinigen lachten
und neckten mich und wollten mich zum Aufschauen zwingen. Ich aber
verharrte bis zum Schluß des Mittagmahles in der gleichen Haltung.
Für den nächsten Tag war unsere Abreise bestimmt. Schon stand unser
Reisewagen vor dem Hause. Es war ein langes, mit Leder überzogenes und
mit kleinen Fenstern und Vorhängen versehenes Fuhrwerk, »Fürgon«
genannt. Drei Postpferde waren davorgespannt. -- Die Aufregung im Hause
erreichte ihren Höhepunkt. Man lief hin und her. Man raffte noch
mancherlei zusammen und packte es in den Wagen: es gab noch sehr viel zu
tun in dieser letzten Stunde vor der Abreise. Der Wagen war also außen
und innen stark beladen, sollten wir doch vierzehn Tage unterwegs
bleiben. Deshalb nahmen wir großen Vorrat von Backwerk, geräuchertem
Fleisch, gesalzenen Sachen mit, ferner eine ganze Kiste mit Cognak, Rum,
Schnaps, Wein, Tee und Zucker. Das mußte ja reichen für uns alle. Diese
Nahrungsmittel fanden Platz in einer großen, viereckigen, mit weißem
Fell überzogenen und mit Blechstreifen beschlagenen Kiste, »Pogrebez«
genannt. Fünf bequeme Sitze wurden für die Reisenden hergerichtet.
Ich konnte mich gar nicht vom Hause trennen. Da rief der Vater in
befehlendem Tone: »Genug, genug!« und entschlossen half er mir zuerst in
den Wagen. Es folgte meine Mutter, die jüngere von mir innig geliebte
Schwester und der achtjährige Bruder. Ein kurzer, echt russischer Befehl
»pascholl!« (los), und der Wagen setzte sich in Bewegung. Unter den
Tränen, Wünschen und Segenssprüchen der Zurückgebliebenen fuhren wir ab.
Ich schluchzte wie ein kleines Kind: der Wagen rollte immer schneller.
Durch Tränen hindurch sah ich alte vertraute Straßen schwinden, Häuser,
in denen ich jahrelang ein- und ausgegangen, um liebe Freunde zu
besuchen, Menschen, denen ich solange jeden Tag begegnet. Meine
Lieblingsplätzchen zogen an mir vorbei. Und hinter mir verschwand, um
nie zurückzukehren, die schöne Zeit der sorglosen, glücklichen ersten
Jugend. --
Es war im Jahre 1850, den 5. August.
Ankunft in Konotop. Hochzeit.
Wir fuhren Tag und Nacht, unterbrachen die Reise nur der Sabbathruhe
wegen von Freitag Mittag bis Samstag Abend. Nach sieben Tagen, als wir
die Hälfte unseres Weges zurückgelegt hatten, versagte der Wagen. Wir
waren gezwungen, auf freiem Felde ein Lager aufzuschlagen. Es wurde ein
Teppich ausgebreitet und unser Vorrat herausgeholt. Bald brodelte und
summte der Samowar. Wir setzten uns alle um ihn herum und bei seinem
Summen, im vertrauten Geplauder vergaßen wir unsere unangenehme Lage.
Der Hochzeitstag rückte immer näher heran, und wir waren noch so weit
von unserem Ziele entfernt. Der Vater sandte eine Stafette nach Konotop
und bat um Verschiebung der Hochzeit. In Konotop war man darüber
untröstlich und trug diese achttägige Verzögerung noch lange meinen
Eltern nach, mußten doch die großen Vorräte an Geflügel und anderen
Speisen bei der heißen Jahreszeit verderben.
Wir reisten noch volle sechs Tage, erlebten verschiedene Abenteuer und
gelangten endlich nach der vorletzten Station, Baturim.[4] Hier brachte
uns ein Bote die Nachricht, daß uns der Schwiegervater in Gesellschaft
einiger Herren auf der nächsten Station erwarte.
Mein Herz schlug stürmisch. Aber ich schwieg beharrlich. Denn ich
fühlte, daß gleich dem ersten Worte ein Tränenstrom folgen müßte. Ich
war ja am Ziele meiner schönsten Träume: in einer Stunde sollte meine
Sehnsucht zur Wirklichkeit werden. -- Ich wagte kaum zu denken an
solche Seligkeit, die wohl nicht jedem Mädchen vom Schicksal beschieden
wird.
Wir Mädchen machten Toilette. Ich wählte ein Kleid, das mir sehr gut
stand, und musterte mich selbst im Spiegel, der mir von meinem eigenen
Glücke erzählte. -- Dann stiegen wir ein und fuhren rasch weiter.
Unterwegs kam uns ein Wagen entgegen. Wir erkannten bereits aus der
Ferne meinen Schwiegervater und den Herrn Brim. Die letzte Station vor
Konotop erreichten wir in einer halben Stunde, und von da aus waren wir
unserm Reiseziel ganz nahe. Wir fuhren in Konotop ein. Die Vorstadt war
nicht vielversprechend: lauter kleine Hütten mit Strohdächern. Meine
Schwester war fast entsetzt über den Dorfcharakter des Städtchens. Mir
aber war alles gleichgültig. Was ging mich damals die Stadt an! Es
schwebte nur das Bild meines Verlobten vor mir gleich wie die leuchtende
Feuersäule in der Nacht vor den Israeliten in der Wüste und bannte alle
trüben Gedanken.
Wir fuhren durch eine lange ungeebnete Straße. Rechts und links die
gleichen strohbedeckten Hütten. Endlich kamen wir an einen weiten
Platz, wo das erste große, vornehme, steinerne Haus mit einem grünen
Blechdach stand. Es war das Ziel unserer Reise; das Haus der Familie
Wengeroff. Begleitet von einer neugierigen Menge fuhr unser Wagen durch
das Einfahrtstor und machte vor einem großen Balkon, der ganz mit
Menschen besetzt war, Halt.
Meine zukünftige Großschwiegermutter kam mir entgegen, küßte mich und
übergab mir ein »süßes Brot«. Ernst und ehrfurchtsvoll war der Eindruck,
den diese Frau auf mich machte. Dagegen wußte die Tante, die Stiefmutter
meines Bräutigams, sogleich mein Vertrauen und meine Zuneigung zu
gewinnen. Auch schien mir ihre Umarmung herzlicher, traulicher und
zärtlicher als die der anderen. Es wurden mir noch die Frau des älteren
Bruders meines Bräutigams und seine jüngere Schwester vorgestellt. Von
dieser wußte ich bereits soviel Gutes und Liebes, daß ich sie wie eine
längst vertraute Freundin herzlich umfing. Aber über all diese Menschen
hinweg schweifte mein Blick weiter und suchte den Liebsten, den
Nächsten, nach dem ich mich das ganze lange Jahr so heiß gesehnt hatte.
Aber nirgends war er zu sehen. Von allen begleitet gelangte ich durch
das Vorzimmer in den Salon. Hier empfing mich glückstrahlend mein
Bräutigam. Unsere Begrüßung war stumm: es bedurfte wirklich keiner
Worte. Die Augen sagten so viel; sie sagten so manches, wofür noch kein
Dichter den Ausdruck gefunden hat. --
Es wurde Abend. Zahllose Lichter brannten, und Wohnung und Menschen
sahen feierlich aus. Man reichte den Tee. Die ältere Schwägerin wich
nicht von der Seite meiner Mutter, die jüngere nicht von der meinigen.
Mein Bräutigam mußte, um die Sitte nicht zu verletzen, meinem Vater
Gesellschaft leisten und in der Herrengesellschaft bleiben. Er wagte es
aber, ab und zu auf eine Weile an meiner Seite Platz zu nehmen, um mir
einige liebe Worte zuzuflüstern.
Bald forderte man uns zum Tanz auf. Wir beide, meine Schwester und ich,
mußten uns auch daran beteiligen, obwohl unsere Lust nicht sehr groß
war. Wir tanzten die Polka-Mazurka mit Figuren, was großen Beifall
erregte. Überhaupt: an diesem Abend waren wir der Mittelpunkt der
lustigen Hochzeitsgesellschaft.
Nach dem Tanze wurde zu Tisch gebeten. Mein Bräutigam saß wieder mit den
älteren Herren an der anderen Seite des Tisches, und nur durch Blicke
konnten wir uns verständigen.
Das Abendessen war zu Ende. Halbschlafend vor Müdigkeit trennte ich mich
von meinem Bräutigam und allen Anwesenden. -- Als ich mit meiner
Schwester in unserem Logis allein zurückblieb, tauschten wir noch
allerlei Bemerkungen und Beobachtungen über die Gesellschaft aus, die
wir soeben verlassen hatten. Plötzlich öffnete sich die Tür, und im
Zimmer erschien ein ganz komisches Wesen. Es war eine kleine,
untersetzte Person mit sehr stumpfer, echt russischer Nase, kleinen
lebhaften Augen, breitem, sonnverbranntem Gesicht in einer ganz
eigenartigen, kleinrussischen Tracht. Auf dem Kopfe trug sie einen
Turban aus wollenem, buntem Tuch, an welchem grellrote, künstliche Rosen
mit noch grelleren, grünen Blättern befestigt waren, die ihr tief ins
Gesicht fielen. Vorn und hinten war der ganze Körper mit zwei bunten
Schürzen bedeckt -- darunter ein viel längeres weißes Hemd mit
bauschigen, buntgestickten Ärmeln. Am Halse eine Masse Korallen, bunte
Perlen, Messingmünzen und große Ringe in den Ohren. Schuhe und Strümpfe
fehlten, und die nackten Füße ließen an Reinlichkeit viel zu wünschen
übrig. Es war das Dienstmädchen, das uns frisches Wasser brachte und
sich nach unseren Wünschen erkundigte. Wir sahen zum erstenmal diese
wunderliche Tracht, waren im ersten Augenblick sprachlos vor
Überraschung und brachen plötzlich in ein lautes, mutwilliges Lachen
aus. Wir lachten noch lange, nachdem das Mädchen fort war und plauderten
vergnügt. Vor dem Einschlafen umarmte mich meine Schwester Cäcilie
stürmisch und rief aus: »Du bist glücklich und wirst sehr glücklich
sein, Schwester!« Auch ich glaubte an mein Glück. Das Herz war so voll,
schlug so stürmisch. Ich hätte die ganze Menschheit in jener Stunde
umarmen können. Vom Glücksgefühl übermannt, in süße Träume eingewiegt,
schlief ich ein.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war der Vater bei den
Mechutonim[5]. Mutter und Schwester waren zum Ausgehen bereit. Von
drüben fragte man schon einige Male nach mir. Ich zog mich rasch an, und
als ich mit meiner Toilette fertig war, brachte mir die Mutter selbst
den Ziganka, und wir verließen unser Quartier. Bei Wengeroffs wurden wir
zum Frühstück erwartet.
In der zwanglosen, intimen und herzlichen Stimmung schwand auch meine
Schüchternheit; wir jungen Leute durften uns in ein anderes Zimmer
zurückziehen. Zweimal ließen wir uns dies nicht sagen und waren lustig
und ausgelassen.
Die Schwiegermutter und die zukünftige Schwägerin äußerten den Wunsch,
meine Aussteuer zu sehen. Sie betrachteten alles Stück für Stück mit
Sachkenntnis und eingehendem Interesse, und meine Mutter erntete bei
dieser Besichtigung großen Beifall. Über einen Gegenstand in der Wäsche
waren sie aber sehr erstaunt, nämlich über die Unterröcke, denn als ich
nach Konotop kam, trug keine einzige Frau solche. Auch in der Aussteuer
meiner Schwester Eva fehlte dieses Stück Wäsche. In der kurzen Zeit seit
der Verheiratung meiner Schwester war so manche neue Sitte in unserem
Hause eingeführt worden. Die Frauen in Konotop trugen auch noch keine
Unterröcke, sondern das Kleid direkt über dem Hemd. Unterröcke zu
tragen, wurde schon als »christlich« betrachtet. Nur im Winter hatten
die Frauen dicke Flanellunterröcke und sehr dicke hohe Herrenstiefel an.
-- Selbstverständlich wußte man nach kurzer Zeit in ganz Konotop von
diesem Bestandteil meiner Aussteuer; und es dauerte nicht lange, so
folgten andere Frauen in Konotop meinem Beispiel. Jedenfalls brachten es
die Jüdinnen in Konotop leicht über sich, ein neues, modernes
Kleidungsstück in ihre Toilette aufzunehmen.
Kulturell hauptsächlich aber gesellschaftlich stand Konotop noch weit
hinter Brest zurück. Von der Mode wußte man hier nicht viel. Meine
Sachen wurden bewundert; ich selbst, so oft ich durch die Straßen ging,
angestaunt; und nach kurzer Zeit galt ich in Modesachen für tonangebend
in ganz Konotop.
Am Tage vor der Hochzeit erwartete man noch Gäste aus Petersburg, einen
Bruder und Schwager meiner künftigen Schwiegermutter. Sie kamen während
des Mittagessens an. Es waren zwei hübsche, vornehm aussehende Herren.
Sie trugen kurze hellseidene Sommerkostüme, eine Art Reiseanzug, und
breitrandige weiße Strohhüte, die sie beim Eintritt ins Speisezimmer
abnahmen, so daß sie mit bloßem Haupt sitzen blieben, während die
übrigen Herren beständig ein kleines, schwarzes Samtkäppchen
aufbehielten. Mein Schwiegervater war sogar etwas betroffen. Das freie,
ungezwungene Benehmen seiner Gäste störte ihn um so mehr, als die
Gegenwart meines lieben Vaters eine tiefreligiöse Stimmung verbreitete.
Doch merkten die jungen Leute schnell ihren Fehler und suchten sich bald
den anderen anzupassen. So setzten sie zum Nachtischgebet die Hüte auf
und murmelten gezwungen vor sich hin, was uns sehr possierlich vorkam.
Nach dem Mittagessen verließ ich die Gesellschaft, denn nach den
althergebrachten Gesetzen mußte ich mich vor meiner Hochzeit der
rituellen Reinigung unterziehen. Bei dieser Zeremonie litt ich die
unerträglichsten Qualen, und meine Feinfühligkeit wurde dabei auf eine
harte Probe gestellt. Die religiösen Formalitäten in der »Mikwe« (dem
rituellen Bade) wollten kein Ende nehmen. Ich wurde gewaschen. Man
putzte mir sorgfältig die Nägel und zum Schluß mußte ich nach der
Vorschrift dreimal ganz im Bassin untertauchen. In stummer Ergebung
erfüllte ich die Befehle der alten Weiber, die mich wie ein Opferlamm
behandelten. Wie froh war ich, als ich sie endlich verlassen durfte!
Am Abend wurde wieder getanzt. Und jetzt waren es nicht nur Mädchen
allein, sondern auch einige junge Leute nahmen daran teil. Es war zwar
gegen die Sitte; die Alten waren aber in einem entfernten Zimmer
versammelt, und die günstige Gelegenheit nutzte die Jugend aus. An
diesem Abend, dem Vorabend meiner Hochzeit, trennten wir uns zeitig
voneinander, doch konnte ich lange nicht einschlafen und nahm mit Wehmut
von meinen Mädchenträumen Abschied.
Am nächsten Tag erwachte ich mit dem Gedanken, daß es der bedeutendste
Tag meines Lebens sei. Wir machten heute alle große Toilette. Ich legte
das schwere grauseidene Kleid an, setzte den Myrtenkranz mit dem langen,
weißen Schleier auf. Weiße Handschuhe, Fächer und ein zierliches
Spitzentaschentuch ergänzten meinen Anzug. Man warf mir den
Zigankamantel um, und wir bestiegen den Wagen, der uns, von einer
gaffenden, neugierigen Menge begleitet, vor das Wengeroffsche Haus
brachte. Die beiden Schwägerinnen empfingen uns. Im Salon wurden wir von
den Schwiegereltern und vielen fremden Damen und Herren begrüßt. Erst
nach einiger Zeit erschien mein Bräutigam, umgeben von zahlreichen
Herren. Er wagte kaum mich anzusehen, denn nach der Sitte des Ortes
sollten Braut und Bräutigam in der letzten Stunde vor der Trauung am
meisten voneinander entfernt bleiben.
Ohne jede Feierlichkeit führte man mich in den Hochzeitssaal. Nicht
einmal der bei uns gebräuchliche Lehnsessel wurde mir angeboten. Ich
mußte an die Hochzeit meiner Schwester zurückdenken --: wie feierlich
war dort alles zugegangen, wie bewegt waren wir Geschwister, als Vater
und Mutter unter Klängen einer rührenden Musik die Braut in den Saal
hineinführten, und sie dann auf einen Armstuhl, der sich in der Mitte
des Salons auf einem Teppich befand, niederließen --. Mir wurde
traurig bei dieser Erinnerung, und ich verspürte eine leise
Enttäuschung. Meine Empfindlichkeit steigerte sich bis zum Ärger, als
ich erfuhr, daß die ganze Zeremonie der Hochzeit nach der dort
herrschenden Sitte auf dem Hofe in einer großen Bretterscheune
stattfinden sollte. Mutter, Schwester und ich konnten es kaum fassen. An
eine Weigerung war aber nicht zu denken, und wir mußten uns fügen. Zu
unserer Beruhigung versicherte man uns, daß eine Hochzeit in Konotop nie
anders gefeiert würde, wenn auch die prächtigsten Räume zur Verfügung
ständen.
In der Scheune nahmen wir auf Stühlen Platz, während die Menge sich auf
Bänken niederließ. Die Musik stimmte in grellen, schrillen Tönen an, und
in die Scheune tanzte in wilden Sprüngen, sich im Kreise drehend, eine
alte Frau herein. Hoch überm Haupte hielt sie einen runden Kuchen, und,
lustig singend, brachte sie folgende Worte hervor:
»Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow!« Dabei ermunterte sie die
Musik, weiter zu spielen.
Ich und meine Schwester hatten noch nie Ähnliches erlebt. Unser
Erstaunen war grenzenlos. Bald aber ergriff uns eine Lachlust, der wir
gar nicht widerstehen konnten. Die Schwägerin merkte es und beeilte
sich, uns diese Szene zu erklären: Nach dem Brauch des Ortes sandte jede
Freundin des Hauses der Hausfrau einen Kuchen, der in dieser seltsamen
Weise überreicht wurde. Diese Erklärung machte die Sache nicht weniger
komisch und unsere Lachlust nicht geringer. Die gleiche Zeremonie
wiederholte sich noch mehrmals, nur mit dem Unterschied, daß jedesmal
der Name einer anderen Freundin ausgerufen wurde.
Um drei Uhr nachmittags waren die Feierlichkeiten in der Scheune zu
Ende, und ich entfernte mich, um das Vorabendgebet zu verrichten und das
Kleid zu wechseln. Die Mutter begleitete mich. Mit bewegter Stimme
sprach sie zu mir von dem Ernste des Hochzeitstages, der für die Braut
einen zweiten Versöhnungstag bedeute, an dem sie Gott um Vergebung aller
ihrer bisherigen Sünden anflehen müsse. Tränen entflossen unaufhaltsam
meinen Augen. Ich umklammerte krampfhaft das Gebetbuch und betete...
Meine fromme und weihevolle Unterredung mit Gott dauerte eine gute
Stunde, und mit verweinten Augen erschien ich wieder in der Scheune. Die
anwesenden Mädchen näherten sich mir, nahmen mir den Brautkranz ab,
lösten das Haar, das zu kleinen Zöpfchen geflochten war, damit die ganze
Frauengesellschaft an dem Auflösen der Haare teilnehmen könnte, und
breiteten es auf Schultern und Nacken aus. Ich schluchzte vor Bewegung.
Da erschien der Bräutigam im Kreise der Herren, nahm das weiße
Seidentuch, das über einer mit Hopfenblumen gefüllten Platte
ausgebreitet lag, und auf Anweisung des Rabbiners bedeckte er damit
meinen Kopf, wobei alle Umstehenden mich mit Hopfen bestreuten, ganz in
derselben Weise, wie ich es bei der Hochzeit meiner Schwester Eva
ausführlich beschrieben habe. -- Dann wurde mein Bräutigam zur Synagoge
gebracht, und ich wurde von Vater und Mutter dorthin geführt, wo der Akt
der Trauung vor sich ging. Darauf trat ich am Arme meines Neuvermählten
unter lustigen Musikklängen den Rückweg an. Ich sah den Weg nicht, da
mein dichtes seidnes Tuch über den Augen mich wie blind machte.
Zu Hause angelangt, zogen wir uns ins Gastzimmer zurück, wo ich endlich
das seidene Tuch auf einen Augenblick lüften durfte, um meinen Mann zum
erstenmal nach der Trauung ins Auge zu sehen. Man servierte uns Tee, den
wir mit wahrer Wonne tranken. Denn nach der jüdischen Sitte hatten wir
bis zu dieser Stunde gefastet.
Während des Abendessens, zu dem in der Scheune gedeckt wurde, und an dem
das ganze Städtchen teilnahm, saß ich am Damentisch und mein Mann am
Herrentisch. Die »Schewa broches«, die sieben Segenssprüche, welche der
Rabbiner bei der Einsegnung des Ehepaares rezitiert hatte, wurden hier
wiederholt, eine Zeremonie, die eine ganze Woche hindurch, aus
besonderem Anlaß sogar während des ganzen Honigmonats, beobachtet werden
muß. Dieses Trauungsmahl (Chuppewetschere) dehnte sich bis Mitternacht
aus, denn die Aufheiterung des Chossen und der Kalle (m'ssameach chosson
w'kaloh) gehörte zu den größten Mizwaus, d. h. gottwohlgefälligen
Handlungen.
Am nächsten Morgen erschien die mit einer Schere bewaffnete Frau, und
auf Befehl meiner Mutter schnitt sie mir das Haar ab. Man ließ mir zum
Andenken noch etwas vom Stirnhaar zurück. Aber auch dieses verdeckte die
Perücke.
Die Perücke war bereits ein Fortschritt; meine letztverheiratete
Schwester hatte nur eine festanliegende Kopfbedeckung aus Stoff und
einem haarfarbenen Bande erhalten.
Die Operation war zu Ende. Ich warf einen Blick in den Spiegel und war
entsetzt, über mein verwandeltes Äußere. Mein Mann tröstete mich aber
liebevoll und versicherte, daß ich ebenso nett wie früher aussehe. So
beruhigte ich mich allmählich. In der kunstvoll gearbeiteten Perücke
mit einem koketten Häubchen, im hübschen Seidenkleid erschien ich, von
Mutter und Schwiegermutter geführt, im Saale. Ich gefiel allgemein in
meiner neuen Tracht, und es fiel so manche Bemerkung, die mich erröten
ließ. Mein Mann wich nicht von meiner Seite.
Die letzten vier Wochen vor der Hochzeit wurde ich dermaßen behütet, daß
ich buchstäblich keinen Schritt allein machen durfte. Ein Aberglaube
herrschte sowohl im Volke, wie unter der damaligen jüdischen
Intelligenz, daß die bösen Geister in den letzten vier Wochen, die man:
kupferne, messingne, silberne und goldene nennt, besonders aber in der
letzten, von der Braut Besitz ergreifen und leichten Zugang zu ihr haben
könnten, wenn sie allein sei. Aus diesem Grunde wurde eine Braut, sowohl
am Tage, wie bei Nacht, bis nach der Chuppe keinen Augenblick allein
gelassen. Nach der Chuppe verloren die bösen Geister die Macht. Nun
hörte auch meine Angst vor den Geistern, die ich überall auf mich lauern
sah, auf, und ich freute mich meiner Freiheit.
Einige Tage vergingen in Lust und Freude. Ich fühlte mich heimisch in
den neuen Lebensbedingungen und dachte nicht mehr mit solcher Angst an
die Trennung von den Eltern.
Roschhaschonoh war vor der Tür, und meine Eltern wollten fort. Aber die
Wengeroffs ließen sie nicht fahren. Sie nahmen die herzliche Einladung
an, und wir verlebten gemeinsam die Feiertage. Aber nach den Feiertagen
traten sie ihre Rückreise nach Brest an, und wir nahmen Abschied
voneinander auf einige Jahre.
Und so kam ich als Gattin eines heißgeliebten, aber mir noch unbekannten
Mannes in ein fremdes Land, unter fremde Leute, fremde Sitten und mußte
mich in all dem Neuen mit meinen achtzehn Jahren zurechtfinden. So haben
die Eltern in jenen Zeiten ihre unvorbereiteten, fast ahnungslosen
Kinder verheiratet und, obwohl sie sie zärtlich liebten, hegten sie
keinen Zweifel und keine Bedenken. Mit Zuversicht in Gottes Beistand
übergaben sie die Kinder ihrem Schicksal. So nahm denn mein geregeltes
jüdisches Eheleben seinen Anfang...
Vier Jahre im Hause der Schwiegereltern.
Konotop, das von nun an meine zweite Heimat werden sollte, war ein
kleines Städtchen von zehntausend Einwohnern. Dem Aussehen nach machte
Konotop ganz den Eindruck eines Dorfes.
Die Hauptbevölkerung in Konotop bildeten Christen -- Kaufleute, Beamte
und Ackerbauer. Die Juden, die hier in einer ganz geringen Zahl lebten,
waren hauptsächlich Getreidehändler und Schankwirte. Mein
Schwiegervater, der reichste Mann im Orte, war der »Otkupschczik« von
Konotop. In jener Zeit übergab die Regierung einem reichen Kaufmann --
Russen, Juden oder Griechen -- kontraktlich das Monopol auf Branntwein
und alkoholische Getränke. Nach diesem Vertrag war der Konzessionär
»Otkupschczik« verpflichtet, außer der Kaution, die in liegenden Gütern
und Staatspapieren bestand, jeden Monat eine bestimmte Summe in die
Staatskasse zu entrichten; blieb die Zahlung einen, höchstens zwei
Monate aus, so ging die Kaution verloren, und die Konzession fiel an die
Regierung zurück. Jede Stadt hatte einen solchen Konzessionär. Diese
Verpachtung war für den Staat sehr einträglich -- der Gewinn wurde auf
hundert Millionen Rubel jährlich berechnet, eine Summe, die, wie es
allgemein hieß, ausschließlich für die Armee verwendet wurde. Aber auch
die Konzessionäre hatten, wenn die Geschäfte normal gingen, ihren guten
Verdienst dabei. Sie erfreuten sich aller Freiheiten und des Schutzes
seitens der Behörden, führten ein vornehmes, reiches Leben, gaben oft
große Gesellschaften, bei denen üppig geschmaust und getrunken wurde.
Die schönsten Pferde, die elegantesten Equipagen der Stadt gehörten
ihnen. Kleinen Selbstherrschern gleich lebten sie in ihrer Umgebung.
Mein Schwiegervater besaß, wie gesagt, eine solche Branntweinkonzession.
Den Genuß von Wein und Bier kannten damals nur die oberen Schichten der
Gesellschaft. Das Volk trank Schnaps. Freilich verachteten auch die
oberen Zehntausend den Schnaps nicht und tranken gern ein Gläschen, um
ihren Appetit anzuregen. Der Arbeiter gebrauchte schon größere Dosen, um
in den Ruhepausen »seine Kräfte zu stärken«. Den größten Absatz fand
aber der Schnaps auf dem Lande bei dem Bauern, der ihn trank, um sich zu
betäuben. Die Schänkstube war sein Klub, wohin er stets nach der Arbeit
seine Schritte lenkte, wo er seinen »Wodka« trank, bald traurige, bald
lustige Lieder dabei singend und oft im Rausche tanzend.
Der verführerische Schnaps war in den Städten viel teurer als auf dem
Lande. Daher wurde Schmuggel damit getrieben. Es gab damals eine
»Rogatka« (Schlagbaum) vor jeder Stadt. Ein »Straschnik« (Wächter mit
einem großen Messingzeichen, dem Embleme der Konzession, auf der Brust
und dünnem Eisenstock in der Hand) war der Hüter der Grenze. Mit diesem
Stock durchstöberte er jeden Wagen, der an ihm vorbeifuhr, und wehe dem
Bauern oder dem Kaufmann, bei dem etwas gefunden wurde. Der
Unglückliche wurde ins Verwaltungsbureau geschleppt, der Tatbestand zu
Protokoll genommen. Man behandelte den Ertappten dabei wie einen
Verbrecher; und er entging nie einer großen Geldstrafe.
Mit solchen glücklichen Zufällen rechneten die Konzessionäre von
vornherein. Sie bestritten teilweise die großen Ausgaben für das
Personal, für die zahlreichen Aufseher zu Fuß und zu Pferde. Aber trotz
der zahlreichen Hüter der Grenze wurde sehr viel geschmuggelt, und ganze
Sendungen von 20 bis 30 Fässern auf Umwegen durch Schluchten, durch
Wälder in finsteren stürmischen Winternächten in die Städte befördert.
Da kam es nicht selten zu erbitterten Kämpfen zwischen den bewaffneten
Hütern der Grenze und den ebenfalls bewaffneten Schmugglern. Wie oft gab
es bei diesen Zusammenstößen Tote und Verwundete! Die erbeuteten Wagen
wurden mit Triumph in das Verwaltungsgebäude gebracht; und nun begann
der Prozeß. -- Die Angestellten kannten keine Ausnahme -- jeder, der
durch die Grenze kam, mußte sich einer Revision unterziehen. Und so
behelligten sie auch die Pilger, die von allen Enden Rußlands barfuß
nach der heiligen Stadt Kiew wallfahrteten, wo die Katakomben der
unermeßlich reichen Kirche »Peczerskaia Lawra« die Überreste vieler
Heiliger aufbewahren und wo sich das Grab des ersten russischen
Herrschers Wladimir des Heiligen, befindet. Das Fläschchen Branntwein,
das die Pilger, unter denen sich oft die vornehmsten Frauen und Männer
des Landes befanden, zu ihrer Stärkung und zur Einreibung der wunden
Füße bei sich trugen, wurde ihnen zumeist unter Schimpfen und Drohen
fortgenommen. Nur selten ließ man die Pilger ungestraft ihres heiligen
Weges gehen.
Die meisten Juden in Konotop waren Chassidim, eine in ihrem Wesen so
vielfach verkannte, in ihren Lehren so oft verleumdete Sekte. Vor etwa
hundertfünfzig Jahren ist der Chassidismus in Wolhynien entstanden als
Reaktion gegen die vornehmlich in Litauen herrschende, trockene
Talmudgelehrsamkeit. Es war gleichsam der Kampf des aufkommenden
Mystizismus und der Romantik gegen den kühlen Rationalismus. Nicht in
Klügeleien und komplizierten spitzfindigen Auslegungen eines
Bibelwortes, nicht in unaufhörlichem Brüten über dem Talmud, nicht in
den leblosen Wortgefechten besteht die echte, wahre Frömmigkeit. Mit
Herz und Gefühl soll Gott gedient werden. Begeisterung, Inbrunst,
Ekstase müssen den Menschen allem Materiellen entrücken und ihn in die
geistigen Höhen zu der Sphärenharmonie emporheben. So lehren die
Chassidim. Nach ihren späteren Lehren können immer nur wenige -- durch
absolute Vergeistigung eine höhere Erleuchtung, eine göttliche
Inspiration erlangen. Dies ist der Zaddik, der Rebbe, dem unbedingter
Glaube und Vertrauen entgegenzubringen ist. Das Leben soll nicht
getötet, sondern erhöht und gesteigert werden. Der Gottesdienst muß
freudig und jauchzend verrichtet werden, und überall muß Schönheit sein.
Die Schönheit des Rebben offenbart sich in allen seinen Bewegungen und
reißt seine Anhänger zur Entzückung hin. Und so pilgern die Chassidim
bei jeder Gelegenheit zum Rebben, nicht nur um Thora zu lernen und
Gebete zu sagen, sondern um in der Frömmigkeit zu leben und seine
Schönheit zu genießen. Der Rebbe hat Anteil an Gott. Seine Anhänger
wollen Anteil haben an ihm. So greifen sie leidenschaftlich nach den
Resten seiner Speisen. So verfolgen sie in Ekstase seine kleinsten
Bewegungen, suchen ihn in seinem Tanze zu beobachten und tanzen mit ihm.
Tanzend werden Gebete verrichtet, freudig gemeinsame Mahlzeiten
eingenommen und zwischen den einzelnen Mahlzeiten Lieder im Chor
gesungen, die der Rebbe einleitet. So erzählt ein chassidischer Weiser,
Rabbi Leib: »Ich fuhr oft zum Magid (Prediger) von Mezritz, (einem
Fleckchen in Polen), nicht etwa um Thoraneuigkeiten zu hören, sondern um
zu sehen, wie er seine Strümpfe ab- und anlegt.«
In einem anderen chassidischen Buche wird erzählt: »Nie ist der
Großvater aus Spale[6] Gott so nahe gekommen, nie hat er sich so innig
mit ihm vereinigt, wie während seines Tanzes am Sabbath und Jomtow.«
Er besaß dann die natürliche Leichtigkeit und Fröhlichkeit eines
vierjährigen Kindes. Wer seinem Tanze zuschaute, dem würden sofort die
Gefühle der Buße und Reue wach. Das Herz füllte sich mit Freude, und
die Augen wurden tränenvoll. Rabbi Scholem war einst beim »Großvater
aus Spale«. Voll Ekstase saß er in einer Zimmerecke, während in einer
anderen der »Großvater« saß. Nach dem Essen richtete plötzlich der
Großvater an Rabbi Scholem die Frage, ob er tanzen könne. »Nein,«
antwortete Rabbi Scholem. »Dann sieh, wie der Großvater tanzt.« Der
Großvater erhob sich schnell von seinem Platze und begann einen
herrlichen Tanz. Voll Begeisterung stand Rabbi Scholem da: »Seht, seht,
wie der Großvater tanzt!« Diese Szene wiederholte sich einige Mal, und
Rabbi Scholem sprach zu den Anwesenden: »Glaubt mir, seine Gliedmaßen
sind unendlich weihevoll, mit jedem Schritt hebt er sich zur Gottheit
empor, vereint sich mit der Gottheit.« Am anderen Tage saß Rabbi
Scholem unbeweglich da und betrachtete bewundernd den alten Großvater.
Auch für die Naturschönheiten haben die Chassidim großes Verständnis;
und es mutet uns fast pantheistisch an, wenn von Rabbi Nachman aus
Bratzlaw erzählt wird, er habe die höchsten Stufen der Göttlichkeit
erklommen, weil er in Feldern und Wäldern umherirrte, gemeinsam mit der
Natur Lobhymnen an Gott richtete, in tiefen Höhlen Psalmen hersagte und
ganz allein in einem kleinen Kahn auf dem großen, weiten See umherfuhr.
Der Rebbe ist die Verkörperung alles seelischen Adels. In ihm ist Gott
am reinsten offenbart. Muß es da nicht selbstverständlich sein, daß man
das Leben des Rabbi loslöst von allen materiellen Sorgen? Jeder, selbst
der ärmste Chossid hält es für seine vornehmste Pflicht, für den
Unterhalt des Rebben die sogenannten Pidjonim zu spenden. In diesem
Eifer sind sich die mannigfachsten Untergruppen der Chassidim einig.
Es ist ein seltsames Leben, das die Chassidim führen. Sie weihen ihren
Körper, denn auch er ist ein Geschenk des Herrn. Nur in höchster
Reinheit wollen sie vor ihren Gott treten. Häufige Waschungen,
mehrmalige Bäder am Tage, besonders in fließenden Gewässern, ganz
gleich, ob es Winter oder Sommer ist, sind gottesdienstliche Handlungen.
Trotz all den frommen Übungen muß doch bemerkt werden, daß die
litauischen Chassidim viel nüchterner sind und dem praktischen Leben
mehr Verständnis entgegenbringen als die polnischen. Sie sind besonnene
Kaufleute, gute Familienväter und treue Ehemänner. Ihre ganze
weltentrückte Ekstase findet ihren Ausdruck im Gebete. Vollends in jenen
heiligen Stunden, wenn sie einmal im Jahre zum Rosch-Haschonoh-Feste zu
ihrem Rebben fahren. In ihrem Rebben ist Seligkeit und die Gewißheit der
Zukunft. Da braucht man nur auf das Grab des Zaddiks ein Stück Papier zu
legen, das alle Wünsche für das kommende Jahr enthält, und man kann
getrost heimgehen. Der Rabbi wird das Schicksal beugen. Tiefe, mystische
Vorstellungen beherrschen das Sinnen und Handeln der Chassidim. Und es
hieße, die verschlungenen Wege der Kabbala wandeln, wollte man die
tieferen Beziehungen ihrer oft seltsamen Bräuche zu erkennen suchen. So
entsinne ich mich, daß vor dem furchtbaren Tage der Versöhnung, an dem
der Allmächtige über Leben und Tod entscheidet, in den chassidischen
ebenso wie in den misnagdischen Häusern große Wachslichte angefertigt
werden. Aber der siebenmal gefaltete Docht wird nicht früher in das
Wachs gelegt, als bis aus den Fäden die Namen eines jeden lebenden
Familienangehörigen, wie jedes toten zusammengelegt worden ist. Zwischen
den Lebenden und den Toten ist ja nur ein äußerer Unterschied.
Reicher an Bräuchen, ungleich verinnerlichter ist das Leben der
polnischen Chassidim. Hat doch auch heute noch -- in diesen aufgeregten
Tagen -- der Chassidismus gerade in Polen die größte Zahl seiner
Anhänger. Dort hat er nur wenig von seiner alten Kraft und seinen alten
Formen verloren. In jenen Zeiten, von denen ich hier berichte, war der
polnische Chossid ein Wesen, dessen Leben zwischen Himmel und Erde
schwebte und in seiner Verklärtheit dem praktischen Alltag entrückt
schien. Im Gebet erst reifte sein Menschtum zur Ganzheit und Schönheit
aus. So heilig war das Gebet, daß es erst aus der Seele emporsteigen
konnte, wenn alle irdischen Gedanken verbannt waren. Lieber gar nicht
beten, als ohne Inbrunst beten, war ihr Grundsatz. Sie verschmähten
darum die zeitlichen Grenzen, die für das Gebet vorgeschrieben waren,
sie harrten der Feierstunden. Und wollte sich die Seele nicht
aufschwingen zur Weltvergessenheit, dann mußte ein Gläschen Wein -- des
Brechers der Sorgen, des Bringers der himmlischen Freuden -- nachhelfen.
Ihr Auge, aus dem die Flammen des inneren Brandes schlugen, sah die Welt
erfüllt mit guten und bösen Geistern. Sie nahmen mannigfache Formen an.
So erschien ihnen die Frau als ein Dämon, der die Menschen verführt und
in die Niedrigkeit herabzerrt. Lieber einen weiten Umweg machen, als
zwischen zwei Frauen hindurchgehen.
Das Verhältnis der übrigen Judenheit -- der Misnagdim -- zu den
Chassidim ist sehr feindlich. Zwischen den litauischen Chassidim und
Misnagdim bestehen weniger Unterschiede. Und Konflikte sind nur selten,
weil sie auch viel Gemeinsames haben, hauptsächlich die Talmudverehrung.
Die polnischen Chassidim dagegen ignorieren mehr oder weniger den Talmud
und schöpfen ihre Weisheit und Begeisterung aus -=ihren=- heiligen
Büchern. Ein interessanter und bezeichnender Beleg für dieses feindliche
Verhältnis zwischen den beiden Richtungen ist das Liedchen der Misnagdim
über die Chassidim:
:|: Wer geht in Schül arayn?:|:
Unsere heilige Idelach.
:|: Wer geht in Schenk arayn?:|:
Unsere Kotzker Chassidimlach.
:|: La, la, la, la, la, la:|:
:|: Unsere Kotzker Chassidimlach.:|:
Auch die Wengeroffs waren Chassidim, aber litauische. Ich, die Tochter
des Misnagid, sah und hörte hier viel Neues und mußte mich allmählich an
manches Fremde gewöhnen.
Meine Schwiegereltern waren sehr gastfreundlich, und in ihrem Hause
verkehrten viele Leute. Dieser Verkehr war aber ein ganz anderer als der
bei den Meinigen in Brest. Da es in Konotop keine vornehmen jüdischen
Familien gab, so bildete sich allmählich der Verkehr mit Nichtjuden aus,
der sich bald recht freundschaftlich und rege gestaltete. Junge
Offiziere, Gutsbesitzer mit ihren Frauen und Geschwistern besuchten
meine Schwiegereltern oft und gerne. Auch manche künftige Berühmtheit
Rußlands befand sich darunter, wie: Dragomirow, der spätere
Generalgouverneur von Kiew und Lehrer Alexander des III., Ponamariew,
Mescenzow und noch andere, die später als Schriftsteller oder auf
militärischem Gebiete bekannt wurden. Durch diesen Verkehr schlichen
sich unvermerkt auch »christliche« Sitten ins Schwiegerelternhaus ein.
Es entstand ein Gemisch von echt jüdischer Religiosität und
nichtjüdischen Gebräuchen.
Allmählich fing ich an, mich an das neue Leben zu gewöhnen und schloß
mich fest und innig meinen Schwiegereltern und den Geschwistern meines
Mannes an. Sie bemühten sich alle, mir über den Schmerz der Trennung
von den Meinigen hinwegzuhelfen, mir das eigene Elternhaus zu ersetzen.
Ich war wie die Tochter im Hause. Auch manche Arbeit in der Wirtschaft
übernahm ich. So war das Teeeingießen des Morgens und Abends, das je
zwei Stunden andauerte, bald mein Amt. Anstrengend war die Erfüllung
dieser Pflicht im Hochsommer während der großen Hitze. Nach vollendeter
Arbeit war ich triefend naß. Hier, am brodelnden Samowar war es, wo mein
Schwiegervater, sonst ein schweigsamer und etwas mürrischer Mann, mit
mir die liebevollsten Gespräche führte und sich stets nach meiner
Gesundheit erkundigte.
Zwei Menschen im Hause waren am meisten tätig: der Schwiegervater und
die Großmutter. Ungeachtet ihres hohen Alters versorgte die alte Frau
eine große Wirtschaft. Sie war das Muster einer Wirtin und verstand
vortrefflich zu backen und zu kochen. Vom einfachsten Schwarzbrot bis zu
den schmackhaftesten Leckerbissen wußte sie alles herzurichten. Sie war
ein besonderer Künstler im Einkochen der mannigfachsten Früchte, denen
sie dabei ihr natürliches Aussehen zu wahren verstand. Sehr beliebt
waren ihre »Knischi«, Pastetchen, die sie mit Gänseschmalz, Grieben,
Gänseleber, auch mit in Gänseschmalz gedämpftem Sauerkohl zu füllen
pflegte. Ihr Meisterstück aber auf dem Gebiete stellten ihre
Honiglekachs (Lebkuchen) dar. Sie siedete weißen Honig und goß ihn nebst
etwas fein gesiebtem Ingwer in Roggenmehl, rührte alles mit einem
Holzlöffel gut durcheinander und ließ die Masse ein wenig abkühlen. Dann
nahm sie etwas von dem Teig, in den noch gute große Haselnüsse
hineingeknetet wurden, zwischen beide Hände und rieb, zog, drückte ihn
so lange, bis er ganz weich wurde und sich leicht von den Handflächen
ablöste. So wurde mit dem ganzen Teig verfahren, der dann in einer
Blechkasserolle im Ofen gebacken wurde.
Neben ihrer Kocherei hatte sie noch viel zu tun. Denn den ganzen Tag
kamen Leute zu ihr, um sich Rat und Unterstützung zu holen. Sie war der
Geburtshilfe ebenfalls beflissen und stand auch in dieser Hinsicht den
Armen stets zur Seite. Täglich fast sah man die alte Frau von einer
Menschenmenge umgeben aus der Synagoge zurückkehren. Der eine wollte von
ihr Rat wegen einer Stellung. Ein anderer wegen Verheiratung seiner
Tochter. Ein dritter klagte ihr über Schmerzen in der Brust. Eine Frau
bittet sie, schleunigst zu ihrer Schwiegertochter zu kommen, die in
Geburtswehen daliegt, usw. Die meisten fertigte sie noch unterwegs mit
guten, verständigen Worten ab. Die andern, bei welchen die Not größer
war, begleiteten sie ins Haus. Zu Hause sah sie sich zuerst in der
Wirtschaft um, nahm eine Kleinigkeit zu sich und entfernte sich ins
Kontor, um sich hier über verschiedene geschäftliche Angelegenheiten zu
informieren. Hastig kehrte sie zurück, warf ihren Mantel um und eilte zu
der Wöchnerin.
Sie leistete ärztliche Hilfe Juden und Christen in gleicher Weise. Sie
verfügte über eine große Reihe von Rezepten und Heilmethoden, von denen
mir noch einige in Erinnerung sind. Bei Brustschmerzen und starkem
Husten ließ sie während eines ganzen Monats das folgende Getränk nehmen:
Hafermehl, Sahne, Butter und vier Lot kandierten Zuckers mußten zusammen
gut aufgekocht werden. Dieses außerordentlich nahrhafte Getränk
kräftigte die Leute sehr bald und der Husten ließ nach. Zur Nachkur
mußte der Kranke süße Sahne nehmen, die in einer Flasche so lange
geschüttelt wurde, bis sich an der Oberfläche kleine Krümel Butter
zeigten. Wurde diese Kur gewissenhaft durchgeführt, so war sie meistens
erfolgreich. -- Bei Rheumatismus, Blutstockungen und Kopfschmerz ließ
sie vier bis sechs Wochen lang einen großen Kelch einer Abkochung von
Sarsaparilla trinken. Bei Blutwallungen nach dem Kopfe und
Schwindelanfällen war ihr souveränes Mittel der Aderlaß, wobei ein
Teller voll Blut abgelassen wurde. Bei Fußbeschwerden ließ sie Bäder von
durchgekochten grünen Pappelblättern machen. Sehr häufig empfahl sie
auch Bäder aus einer Abkochung von trockenem, zerriebenen Heu. Dabei
bevorzugte sie jene zerriebenen Heubröckel, wie sie sich in der Scheuer
bei lange lagerndem Heu am Boden finden. Diese Bäder galten ihr übrigens
auch als ein treffliches Mittel für kranke und schwächliche Kinder. Als
allgemeines ableitendes Mittel bei den mannigfachsten Beschwerden liebte
sie Pflaster von spanischen Fliegen. Diese wurden so lange auf der
kranken Stelle belassen, bis sich eine Blase bildete, die sie dann mit
einer Scheere öffnete und mit Buchnersalbe -- eine Art auf Leinwand
gestrichener Zugsalbe -- längere Zeit offen hielt. Bei skrofulösen
Kindern empfahl sie, Bäder aus Malz oder Rinde von jungen Eichen zu
machen. Senfpflaster gab sie zwei- und dreijährigen Kindern bei
Leibschmerzen. Ein sehr rabiates Mittel wandte sie bei Halsschmerzen und
Mandelentzündungen kleiner Kinder an. Sie tauchte ihren Zeigefinger in
heißes Wasser und massierte die Drüsen vom Munde her. Die Kinder machten
dabei natürlich einen großen Lärm; und ich sehe noch die Alte, wie sie
durch Schnalzen und Schmatzen mit den Lippen die Kinder zu beruhigen
suchte. Versagten aber alle ihre Methoden, dann griff sie zu einem
heroischen Mittel. Ich selbst hatte die Gelegenheit, diese Prozedur bei
meinem Kinde zu verfolgen. Nach dem Tode meines erstgeborenen Kindes
gebar ich ein Mädchen, das in seinem ersten Jahre -- es wurde noch an
der Brust ernährt -- plötzlich zu kränkeln anfing. Es wurde immer
blasser, immer schwächer und magerte ganz ab. Die Alte hatte alle ihre
Mittel schon angewandt. Aber keines half. Das Kindchen siechte immer
mehr und mehr dahin. Mit einem feierlichen Ernste sagte sie mir: sie
werde noch ein Mittel probieren, aber das sei ein furchtbares Mittel,
und es sei nicht unmöglich, daß das Kind unter Umständen dabei zugrunde
gehen könnte. Das Kind schien uns ohnehin verloren. Und so entschlossen
wir uns denn, diesen letzten entscheidenden Versuch zu wagen. Ein Ochse
wurde auf dem Hof geschlachtet. Noch ehe man das Fell abzog, schnitt man
den Leib auf und nahm den dampfenden Magen heraus. Er wurde in eine
Krippe gelegt und mit einem wollenen Tuch bedeckt, damit er warm bliebe.
So wurde er in das Krankenzimmer gebracht. Die Alte schnitt nun mit
einem großen Küchenmesser den Magen auf, schob den dampfenden Speisebrei
auseinander und setzte nun das halbtote Kind mitten hinein. Mit der
einen Hand hielt sie das Köpfchen fest, mit der andern bedeckte sie
immer wieder das Körperchen des kranken Kindes mit dem dampfenden
Mageninhalt. Schon nach wenigen Minuten röteten sich die Wangen des
blassen Kindes wieder. Die sonst halbgeschlossenen Augen öffneten sich
und mit schwacher Stimme rief es mich: -- Mamm', Mamm'. Nun nahm die
Alte das Kind aus den Ochsenmagen, badete es und legte es in die Wiege.
Nach einem halbstündigen, ruhigen Schlaf verlangte es zu essen. Seit
jener Stunde, von der an es sich immer kräftiger und kräftiger
entwickelte, aß es mit bestem Appetit und ich kann versichern, daß
dieser Appetit auch heute noch meine Tochter -- sie ist nun schon 55
Jahre alt -- nicht wieder verlassen hat.
Man kann von der Großmutter wie von einem gesuchten Arzte sagen, daß sie
eine große Praxis besaß. Natürlich hatte sie auch in der Nacht keine
Ruhe. Ihr Zimmer, das einen Schrank mit Medikamenten enthielt, hatte ein
Seitenfenster, an welches zu jeder Stunde der Nacht angeklopft werden
durfte, wenn ihre Anwesenheit bei einer kreißenden Frau unentbehrlich
war. Man brauchte nur ganz leise zu klopfen und den Namen »Beileniu« zu
rufen, so erwachte die alte Frau sofort. In zehn Minuten stand sie
fertig zum Ausgehen da. Ihre Kleidung war den Verhältnissen angepaßt.
Sie trug große, warme Stiefel, ein warmes Kleid, auf dem Kopfe eine
schwarze, warme Atlashaube und einen langen Pelz. Rasch nahm sie einige
Medikamente mit und fuhr davon. Manchmal war die Armut der Leute, zu
denen sie hinkam, so groß, daß sogar Windeln für das Neugeborene
fehlten; da überlegte die menschenfreundliche Frau nicht lange. Sie riß
ihr eigenes Hemd entzwei und wickelte darin das Kind ein. Sie machte
selbst das Feuer im Ofen an, kochte Tee, badete das Kind, bedeckte die
Kranke mit ihrem warmen Mantel und wich nicht von ihrer Seite, bis die
Schmerzen ganz nachgelassen. Von solchen Wegen kam sie gutgelaunt zurück
und erzählte häufig und gern von ihren Erlebnissen.
Nach der unter den Juden dieses Ortes herrschenden Sitte wurde die
Hebamme stets nach der geleisteten Geburtshilfe mit einem weißen Hemd
beschenkt. Meine Großschwiegermutter besaß viele solcher Hemden, deren
Annahme sie aus Zartgefühl nie verweigerte. Sie lagen in einer Kommode
aufbewahrt. Verlobte sich im Städtchen ein armes Mädchen, oder war die
Not irgendwo so groß, daß sogar Wäsche fehlte, dann wurde die Kommode
geöffnet und der Vorrat hervorgeholt.
Wenn ich jetzt die russisch-jüdischen Mädchen betrachte, die zahlreich
und wissensdurstig die Universitätsauditorien und Kliniken füllen und
der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Wissenschaft den Weg
ebnen, so taucht in meiner Erinnerung das Bild jener Matrone auf, die
sich in ihrem kleinen beschränkten Kreise ein Betätigungsfeld schuf und
das soziale Empfinden in diesen edlen Formen betätigte. So sehe ich den
Entwicklungsgang der jüdischen Frauen als eine lange ununterbrochene
Kette, bei der sich Glied an Glied reiht, und nicht als etwas
Zufälliges, Plötzliches und Neues im jüdischen Leben an.
Es könnte dem Leser etwas vag vorkommen, daß ich an ein einziges
Beispiel anknüpfend zu solch allgemeinen Schlüssen gelange. Aber die
Frau, deren Wesen und Leben ich hier so ausführlich geschildert habe,
war keine Ausnahme, keine Einzelerscheinung. Es lebten unter den Juden
viele solcher Frauen, und man kann von ihr wie von einem Typus erzählen.
-- Es war eine wunderbare Frau. Nach ihren nächtlichen Ausflügen ging
sie oft, ohne zu ruhen, an die Tagesarbeit, versorgte schnell die ganze
Wirtschaft und widmete dann den Rest des Tages dem Geschäfte.
Gewöhnlich stand sie um fünf Uhr morgens auf, sang mit Andacht viele
Kapitel aus den Psalmen und nahm dann eine Tasse Tee. Um 7 Uhr morgens
besprach sie die wirtschaftlichen Angelegenheiten mit der Köchin und
ging dann in die Synagoge.
Ihre persönlichen Bedürfnisse waren sehr gering. Sie aß wenig und
einfach. Für die Gäste aber mußte stets ein reichbesetzter Tisch
hergerichtet werden, was in jenen Zeiten in -=jedem=- reichen, vornehmen
jüdischen Hause üblich war.
Die Bevölkerung, auch die christliche, von Konotop verehrte sie, alle
Bekannten und Freunde brachten ihr die größte Achtung entgegen. Ihr
Wunsch war jedem heilig. Ihr Wort galt als ein Gesetz, besonders bei
ihrem Manne und uns Kindern.
Trotzdem sie aber die Macht besaß, ließ sie dies niemals jemanden
fühlen. Nichts von Egoismus und Selbstüberschätzung war in dieser Frau,
keine Starrheit der Gesinnungen, nur tiefer Ernst, religiöse
Bescheidenheit und eine ungeheuchelte fromme Unterwerfung unter den
Willen Gottes -- das waren die Hauptmerkmale ihres Wesens. -- Daß diese
Frau das meiner sterbenden Schwiegermutter einst gegebene Wort in Treue
hielt, braucht es besonderer Betonung? Sie war den drei Waisen
gewordenen Kindern eine wahre Mutter, eine treffliche Erzieherin, die in
ihrem weiten Blicke die Kinder zum Talmudstudium, wie auch zu dem der
russischen Sprache anhielt.
Ihr Gatte, ein hageres Männchen mit blitzenden, gutmütigen Augen, war
ihr ganz ergeben und fügte sich, weil er wußte, daß sie ihm in jeder
Hinsicht überlegen war, ihrem Willen. Er war zwar auch im Geschäfte
tätig. Das entscheidende Wort führte jedoch seine Frau. Wohl konnte er
gelegentlich gegen die Enkelkinder streng werden. Aber niemand fürchtete
ihn, weil man sein weiches Gemüt kannte. Er war tief ergriffen von allem
menschlichen Elend. Szenen auf dem Hofe, die sich unter Dienstleuten
abspielten, und die sonst niemand bemerkte, konnten ihn tief rühren. Im
gewöhnlichen Leben war er ohne Initiative, energielos... Aber beim
Vorbeten in der eigenen kleinen Synagoge wurde er ein neuer Mensch.
Seine ganze Gestalt veränderte sich in dem Augenblick, da er die ersten
Gebetworte sprach. Eine Kraft und ein Feuer kamen in seine Stimme, daß
man staunen mußte, wo dieser winzige Körper sie hernahm. Der Ton seines
Betens wurde immer bewegter, immer verinnerlichter. Er geriet in eine
weltentrückte Verzückung. Der kleine gebückte Mann wurde groß, so groß
und erhaben, wie die Worte es waren, die er sprach.
Mir persönlich war er sehr gewogen und später, als mein Erstgeborener
einige Monate zählte, kam der Urgroßvater jeden Morgen vor Tagesanbruch
zu ihm ins Zimmer und spielte eine Stunde mit dem Kinde. Der Kleine
erkannte ihn stets und streckte ihm die Händchen entgegen. Er nahm ihn
aus der Wiege, hob ihn hoch über den Kopf und sang dabei: Haisurki,
haisurki...
Das Kind lachte laut, zappelte vergnügt in der Luft und fuhr mit den
Händchen dem Alten ins Gesicht und in den Bart.
Diese Szene wiederholte sich regelmäßig jeden Morgen. Halbschlummernd
hörte ich manchmal aus meinem Schlafzimmer dem Spiel zu, und es wurde
mir dabei stets so warm, so behaglich zu Mute.
Eine Geschichte, die in der Familie ein Geheimnis war und mir erzählt
wurde, knüpft sich an dieses Ehepaar: Vor vielen Jahren wurde der Mann
infolge einer Denunziation ins Gefängnis gebracht. Die tief erschütterte
Frau schreckte vor keiner Gefahr zurück, um ihrem Mann Trost und Mut zu
bringen. Sie besuchte ihn häufig im Gefängnis, als Soldat verkleidet --
eine Tat, die, wäre sie entdeckt worden, ihr den sicheren Tod gebracht
hätte.
Auch in dieser heroischen Tat kommt sie mir wie ein Vorbote derjenigen
jüdischen Frauen vor, die seit den 80er Jahren an der russischen
Revolution teilnahmen und unerschrocken für die gute Sache kämpfen. Aber
zu jener Zeit war Rußland noch in tiefen Schlaf versunken, und für eine
jüdische Frau gab es damals noch keine andere Möglichkeit, ihren
heroischen Geist zu offenbaren, als im engen, geschlossenen
Familienleben. Innerhalb dieses Kreises hat sie auch vollauf ihre
Mission erfüllt.
Munter trug meine Großschwiegermutter ihre Sorgen und blieb bis ins hohe
Alter gesund und rüstig. Als ich ins Wengeroffsche Haus kam, war sie
noch schön -- eine Gestalt von mittlerer Stärke, ein ovales Gesicht,
kluge, gute Augen, eine leicht gebogene Nase und ein sehr kleiner Mund
mit blendend weißen Zähnen, der sich aber fast nie zum Lachen verzog;
ein Kinn, auf dem seltsamerweise ein Bart wuchs, den sie sich jede Woche
entfernen lassen mußte.
Ihr ganzes Trachten und ihre Mühe galten ihrem Sohne, meinem
Schwiegervater. Er war der Mittelpunkt ihrer Gedanken und Bestrebungen,
ihrer Sorgen und Wünsche. Sie hatte wohl noch eine Tochter. Aber ihr
brachte sie wenig Interesse entgegen. Ihr ganzes Mutterherz gehörte dem
Sohne, dem lichten Stern ihres mühevollen Lebens.
Meinen Schwiegervater hatte ich nur wenig Gelegenheit näher kennen zu
lernen, weil er sehr oft auf Geschäftsreisen ging; und wenn er nach
Hause zurückkehrte, nahmen ihn auch die Geschäfte ganz in Anspruch. Er
war ein kluger Mann mit großen, talmudischen Kenntnissen; taktvoll gegen
jedermann und seiner Frau gegenüber der liebenswürdigste Kavalier und
geduldigste Ehemann. Seine Frau, eine gescheite, aber zugleich
herrschsüchtige Gattin war von ihrer Allwissenheit überzeugt. Die
allgemeine Achtung seitens aller Hausgenossen und die grenzenlose
Vergötterung ihres Mannes unterstützten sie noch mehr in ihrem
Selbstbewußtsein. Sie besaß Kenntnisse des Hebräischen, was ihren Stolz
noch vergrößerte, um so mehr, als Bildung bei den Frauen nicht nur in
Konotop, sondern in ganz Klein-Rußland damals zur Seltenheit gehörte.
Sie stand sehr spät auf. Wenn sie im Eßzimmer erschien, suchten entweder
meine ältere Schwägerin oder ich ihr das Frühstück mit aller
Aufmerksamkeit zuzubereiten. In diesem Augenblick schon setzte ihre
Kritik ein. Sie kritisierte den ganzen Tag, und alle Stubenmädchen und
Bediente erhielten ihr Teil sogleich während des Frühstücks. Nach dem
Frühstück nahm sie auf einer Veranda Platz, von wo sie einer Fürstin
gleich ihr ganzes Hab und Gut übersah und beherrschte. Und alle im
Hause, männliche und weibliche Dienstboten zitterten bereits vor ihrer
Stimme.
Außer einem Schwager und seiner Frau, der Schwägerin Kunze, einer
ungewöhnlich guten und schönen Frau, waren die übrigen Mitglieder des
Hauses ganz junge Geschwister meines Mannes, noch Kinder.
Das war die Umgebung, in der ich mein neues Leben lebte. Es war ein
vornehmes jüdisches Haus. Hier bot sich mir die Gelegenheit, alles das,
was ich im Elternhause gelernt hatte, weiter auszuüben und zu
entwickeln: Gastfreundschaft, Armenpflege, Studium, Gottesfurcht und
Verehrung der Eltern -- Tugenden, durch die wir Juden selig zu werden
hoffen und die hier mit großem Eifer gepflegt wurden. Besondere Achtung
und Verehrung empfand ich für meine Schwiegereltern deshalb, weil sie
Waisenkinder wie Kinder armer Verwandten ins Haus nahmen, sie
standesgemäß erzogen, sie verheirateten, und ihnen Geschäfte gründeten.
Auch der Sabbath wurde hier heilig gehalten. Aber ihn verschönte nicht
jene Feierlichkeit, wie in unserem Elternhause. Der Freitagabend kam mir
im Schwiegerelternhause gar nüchtern vor. Es störte meine Andacht, daß
am Tisch von Geschäften die Rede war. Mein Schwiegervater unterhielt
sich mit seinem Vater über neu gekaufte Pferde, ihre guten und
schlechten Eigenschaften und ihre Krankheiten. Die jungen Leute -- mein
Mann machte es nicht anders -- schliefen oft aus Langeweile bei Tisch
ein, bis sie die Schwiegermutter lachend und neckend zum Tischgebet
weckte... An Smiraus, die heiligen Sabbathlieder, dachte hier niemand.
Man erfüllte zwar die Sabbathsitte ganz so wie sie vorgeschrieben war;
man umging sie aber, wenn der Nutzen es forderte, auf eine schlaue
Weise. Kam ein Geschäftsbrief am Sabbath an, so öffnete ihn der
Schabbesgoj, und man las ihn dann ruhig durch.
Wie anders war es in meinem Elternhause! Der Sabbath war wirklich
heilig, und mein Vater glich an diesem Tage einem ehrwürdigen Rabbi!
Nichts verriet in ihm den Geschäftsmann, und weder Freitag abends, noch
den ganzen Sabbath durch fiel ein einziges Wort über geschäftliche
Angelegenheiten; sogar Briefe, die an diesem Tage ankamen, wurden
beiseite gelegt und erst am Abend geöffnet. Im Wengeroffschen Hause war
man nüchterner. Die stille, verklärte, fromme Begeisterung, die an
Feiertagen in meinem Elternhause herrschte, fehlte hier ganz. Sonst
erinnerte mich die Art, wie das Haus eingerichtet war, stets an mein
Elternheim: ebenfalls große Räume, kostbares Mobiliar, schönes
Silbergeschirr, Equipagen, Pferde, Dienerschaft, häufige Gäste...
Ich las in Konotop sehr viel, hauptsächlich russisch. Die deutschen
Bücher, wie Schiller, Zschokke, Kotzebue, Bulwer, die ich aus Brest
mitgebracht hatte, waren schon alle durchgelesen, -- und jetzt kamen die
russischen Bücher, welche die Wengeroffsche Bibliothek aufwies, an die
Reihe. Ich las die Journale »Moskauer Nachrichten«, »die Nordbiene« usw.
und unterrichtete meinen Mann, der äußerst lerneifrig war, in der
deutschen Sprache. Sein Hauptstudium aber widmete er dem Talmud; jeden
Montag und Donnerstag verbrachte er die Nacht mit seinem Rebben, über
großen Folianten gebückt. Beim Tagesanbruch verließen sie erst das
Studierzimmer.
Häufig saß er dort mit seinem Melamed, stundenlang auf einem niedrigen
Schemel, von oben bis unten in einen großen Lappen, »Plachte,« gehüllt,
das Haupt mit Asche beschüttet und tat »Goles abrichten« d. h. das Joch
des Exils beklagen. Ein alter Brauch, den heute vielleicht von Tausenden
Juden einer übt.
Seit unserer Verlobung erfüllte meinen Mann mehr und mehr eine
mystisch-religiöse Stimmung. Er vertiefte sich in die heiligen
Geheimnisse der Kabbala. Dieses Studium weckte allmählich in dem
schwärmerischen Jüngling den heißen Wunsch, nach Libawitz, dem Sitz des
Oberhauptes der Litauischen Chassidim, zu wallfahren. Dort müsse er vom
Rebben eine erschöpfende Antwort auf alle qualvollen Fragen und Rätsel
erhalten. Dort wollte er seine Jugendsünden bekennen und um Ablaß
bitten.
Kaum vor zwei Jahren noch hatte mein Mann freie Ideen vertreten, -- was
sogar zu Zwistigkeiten mit den Eltern geführt hatte. Nun verfiel er nach
so kurzer Zeit in das Gegenteil und verlor sich in mystisch-ekstatischen
Stimmungen.
Eines Morgens -- es war Purim -- während ich in der Wirtschaft tätig
war, kam mein Mann zu mir in die Küche und erzählte mir freudestrahlend,
aufgeregt, sein Vater erlaube ihm und seinem älteren Bruder in
Begleitung ihres Rebben nach Libawitz zu reisen. Als Misnagdim-Tochter
verstand ich nicht die Tragweite und den Ernst dieses Ereignisses.
Zweifelnd fragte ich meinen Mann, ob es sein Ernst sei. Ich erhielt zur
Antwort ein kurzes, aber vielsagendes »Ja«.
Man traf die Vorbereitungen. Und bald stand eine Kutsche mit drei
kräftigen Pferden zur Abreise bereit.
Die Wandlung.
Ich weiß nicht, was bei dem Rebben vorgefallen war, denn nie sprach mein
Mann von diesem traurigen Erlebnis; ich weiß nur, daß ein Jüngling voll
Hoffnung und Begeisterung die Seinigen verließ und zu dem Rebben
wallfahrtete, wie zu einem Heiligen, der einzig und allein die Macht
besitzt, den Schleier von den großen Geheimnissen zu heben... und daß er
ernüchtert zurückkehrte. Die blaue Blume, auf deren Suche er, so manchem
anderen gleich, auszog, fand er nicht sonnenbeglänzt am Rande einer
reinen, erfrischenden Quelle, sondern welk und unähnlich dem Bilde
seiner Träume. Nicht Verzweiflung, sondern eine ruhige Trauer legte sich
über sein Wesen. Der Zauber schwand und mit ihm das Interesse und die
Inbrunst, die er im letzten Jahre den religiösen Gebräuchen und
Pflichten entgegengebracht hatte. Und es begann das Sichlossagen von all
dem, was bisher teuer und nahe war, so nahe, daß es mit dem Menschen
verwachsen und in sein Blut übergegangen zu sein schien. Nicht
plötzlich, nicht auf einmal kam es zum Vorschein -- nur allmählich und
leise, so leise, daß man es zuerst kaum merkte... Mein Mann verrichtete
immer noch seine Gebete. Auch das Lernen mit dem Rebben dauerte fort.
Ja, sogar das nächtliche Sitzen und Arbeiten über den Folianten hörte
nicht auf... Aber das liebende Herz eines Weibes, das zu lauschen
versteht und die leiseste Regung wahrnimmt, kann nichts täuschen... Das
war nicht mehr das lebhafte Interesse des Forschers und Suchers, nicht
mehr das inbrünstige, heiße Beten, das sich zur Ekstase erhebt, in
welcher sich der Mensch Gott nahe fühlt und mit ihm redet ... Nein, es
war eine tote Erfüllung der Pflicht. Jung und unerfahren, wie mein Mann
war, verstand er es nicht, den goldenen Mittelweg zu finden. Von
Enthusiasmus und religiöser Begeisterung zur vollkommenen Ernüchterung
war bei ihm ein Schritt. Er tat ihn und betrat den entgegengesetzten
Weg, den viele Juden bereits gegangen waren. Mein tiefreligiöses Gemüt
erfaßte sogleich diese Wandlung. Es wurde mir gar schwer zumute. Ich
ahnte schon damals all die Kämpfe, die mir in den nächsten Jahren
bevorstehen sollten.
Die Erfüllung der religiösen Pflichten ohne die religiöse Überzeugung
wurde meinem Manne auf die Dauer lästig. Er fing allmählich an, sie zu
vernachlässigen. Die Eltern merkten es bald. Es entstand eine Spannung
zwischen ihnen und dem Sohn. Die erste Auseinandersetzung erfolgte, als
mein Mann sich den Bart schneiden ließ. Die Eltern waren darüber
ungehalten und machten ihm bei dieser Gelegenheit schwere Vorwürfe, auch
wegen der Vernachlässigung anderer religiöser Gebräuche, die sie bisher
stillschweigend geduldet hatten.
Damals kam es auch zum ersten Konflikt zwischen mir und meinem Mann. Ich
beschwor ihn, der Eitelkeit nicht nachzugeben und den Bart weiter
wachsen zu lassen. Er fühlte sich verletzt, wollte nichts davon hören,
erinnerte an seine Herrenrechte und forderte von mir Gehorsam und die
Unterwerfung unter seinen Willen... Das war ein scharfer Stich für mein
zartfühlendes Herz; der blaue Himmel meines Eheglücks trübte sich...
In dieser Zeit wurde ich Mutter. Der Wunsch meiner Eltern und
Schwiegereltern ging in Erfüllung: Gott schenkte mir einen Sohn. Es war
der erste Enkel und Urenkel männlichen Geschlechts. Die Freude war groß.
Es war eine schwere Stunde, aber die Liebe und die Sorgfalt halfen mir
darüber hinweg. Im Getto hatte man ganz besondere Mittel, um der
kreißenden Frau die Geburt zu erleichtern. Die erste Bedingung war, daß
niemand im Hause außer der Hebamme und der ältesten Frau von der
bevorstehenden Geburt erfahren durfte. War aber die bevorstehende
Niederkunft bekannt, so war man sicher, daß sie lange dauern würde und
gefährlich werden konnte. Neunmal wurde die Kreißende um den Eßtisch
herumgeführt. Dann mußte sie dreimal über die Schwelle ihres Zimmers hin
und her gehen. Alle Schlösser an den Schränken, Kommoden und Türen,
sogar die Hängeschlösser an der Speisekammer wurden aufgeschlossen. Alle
Knöpfe an der Leibwäsche der Kreißenden wurden aufgeknöpft, alle Knoten
wurden aufgebunden. Dann, so glaubte man in der naiven Symbolik des
Volkes, müßte auch das Kindchen leichter entbunden werden.
Die Wöchnerin wurde natürlich aufs sorgsamste gepflegt. Am ersten Tage
bekam ich nur Schleimsuppe und Tee mit geröstetem Weißbrot. Am zweiten
Tage begann die spezifische Wöchnerinnenschwelgerei. Schon früh am
Morgen wurde Tee mit der besten Sahne gereicht. Nach zwei Stunden kam
jene »Trianke« an die Reihe, jene Haferschleimsuppe, von deren
Zubereitung ich besonders bei der Behandlung von Brustkranken sprach.
Die Alte reichte sie mir immer mit den Worten: Dieser Teller Suppe, mein
Kind, wird dir deine Eingeweide und deine Brust stärken und heilen. --
Nach weiteren zwei Stunden mußte ich eine fette Hühnersuppe mit etwas
Huhn zu mir nehmen. Bald folgte wieder eine »Trianke«. Die war aber
wieder anders hergerichtet. Sie bestand aus gekochtem Honig, der einige
Tage im Warmen offen gestanden hatte, und war mit einem spirituosen
Auszug von Gewürzen, wie Kalhan, Badjan, Muskatnuß, Kaneel, Nelken,
Zimt, Feigen, Johannesbrot übergossen. Ein Glas von diesem Nektar -- und
man schlief köstlich. Beim Erwachen hatte man meist starken Durst, der
mit Tee kräftig bekämpft wurde. Natürlich fehlten Butterzwiebacke nicht.
Nach weiteren zwei Stunden gab es Pflaumenkompott mit Mandeltorte, zum
Vorabend wieder Hühnersuppe mit Huhn. -- Diese Schwelgerei dauerte acht
Tage. In besonderen Fällen wurde sie bis zu vier Wochen fortgesetzt. Es
war eine feststehende Anschauung bei den alten Frauen: solange nicht ein
ziemlich großer Topf mit Hühnerknochen gefüllt war, d. h. solange die
Wöchnerin nicht eine bestimmte Anzahl von Hühnern verzehrt hatte, war
sie immer noch als Wöchnerin zu betrachten.
Nach der allgemeinen Sitte kamen im Laufe der ersten Lebenswoche meines
Sohnes jeden Abend mehr als zehn Knaben mit dem »Behelfer« (Hilfslehrer)
zu mir ins Zimmer, um die erste »Parsche« (Teil) des Krias Schema
(Abendgebet) herzusagen. Dieses geschah nach dem Glauben der frommen
Juden zur Behütung des Neugeborenen vor den bösen Mächten. Die Kinder
erhielten jedesmal nach dem Gebet Rosinen, Nüsse, Äpfel und Kuchen und
der »Behelfer« nach Verlauf dieser Woche eine Geldgabe.
Zu dem gleichen Zweck der Behütung des Neugeborenen wurde bei den Juden
kabbalistische Gebete, »Schemaus« genannt, über dem Kopfe der Wöchnerin
an der Wand angeheftet, ein zweites Blatt an der Tür und ein drittes
zwischen die Kissen des Kindes gelegt. In der letzten Nacht vor dem
»Briß« (Beschneidung) wurde das Kind am meisten behütet -- man nannte
sie die »Wachnacht«. Am Vorabend der rituellen Zeremonie pflegte der
»Mohel« das Messer in einer Scheide und häufig ein kabbalistisches Werk
zu bringen, und die Hebamme legte beides unter die Kissen des
Neugeborenen. Wenn nun das Kind gerade aufschluchzte, so bemerkte
gewöhnlich die Hebamme bedeutungsvoll: Er weiß schon, was kommen wird.
Lächelte er aber im Schlaf, so hieß es, daß der »Malach« (gute Engel)
mit ihm spiele.
Am Vorabend der Beschneidung meines Sohnes gaben wir den Armen ein Mahl,
wie es bei den vornehmen Juden vor einem Briß und einer Hochzeit Sitte
war. Den Tag vorher sandte man den Synagogendiener »Schames« in die
Armengegend und lud die Armen formell ein -- sogar die Straßenbettler
wurden mit »zur Wachnacht gebeten«. In einem großen Raume des Hauses,
das die Gastgeber bewohnten, stellte man einige Reihen langer Tische
auf, an denen die Gäste Platz nahmen. Zuerst wurden die Männer und dann
gesondert die Frauen bewirtet. Die Speisenfolge selbst wurde mit der
Zeit ebenfalls typisch. Und so befand sich auf jedem Platz eine »Bulke«
(Weißbrot), daneben ein Glas Branntwein und ein Stück »Lekach«
(Lebkuchen); sodann folgten Fische oder Heringe, Braten und Grütze.
Große Krüge Bier standen auf den Tischen. Man trank nach Belieben. Der
Wirt, die Wirtin und ihre Kinder bedienten selbst die Gäste. Vor einer
Hochzeit kamen auch die Braut und der Bräutigam zu der Armen und nahmen
die übliche Gratulation -- »Maseltoff« -- entgegen. Die Armen benahmen
sich gewöhnlich mit Anstand. Die Mahlzeit verlief nach allen
Vorschriften der Religion. Zuerst wusch man sich die Hände. Dann wurde
das Gebet gesprochen. Am Schluß wurde mit »M'sumon gebenscht« -- es
waren ja mehr als drei Leute da, an unserer Tafel sogar mehr als
zweihundert. Nach dem Tischgebet gingen die Männer unter Segen- und
Dankessprüchen. Dann kamen die Frauen an die Reihe. Vor dem Fortgehen
erhielt noch jeder Arme ein Almosen.
Zu unserer Familienfeier bekamen wir liebe Gäste von auswärts: den Vater
meiner Großschwiegermutter -=Reb Abraham Selig Selensky=- und seine Frau
aus Poltawa. Das war ein kluger, vornehmer, religiöser, sehr alter Mann,
der alte -=Selensky=-, der sich in Poltawa einer sehr großen Popularität
erfreute. Es war noch einer vom alten Schlage, den der Geschäftseifer
nicht hinderte, den Talmud stets fleißig zu studieren und die religiösen
Pflichten streng auszuüben. Seine vier Söhne erhielten bereits
europäische Bildung, haben es aber verstanden, das Neue zu erfassen und
es in sich zu verarbeiten und gleichzeitig dem Alten nicht zu entsagen.
Der älteste unter ihnen war ungewöhnlich sprachkundig, der zweite
Hofmaler, der dritte Rechtsanwalt und der jüngste ein berühmter
Talmudist. Dieser Talmudist war dermaßen fromm, daß er sich nicht dazu
entschließen konnte, seinen langen Bart schneiden zu lassen. Er trug
ihn stets in einer Halsbinde halb versteckt, um nicht ausgelacht zu
werden.
Doch ich wollte ja vom Briß sprechen. Schon früh am Morgen traf die
Hebamme ihre Vorbereitungen für das Bad. Denn das Baden vor der
Beschneidung ist eine ganz besonders feierliche Zeremonie. Das Kind wird
sehr frühzeitig gebadet. Das Wasser darf nicht sehr warm sein, denn das
Kind durfte nicht erhitzt werden. Sonst würde in der damaligen
Anschauung nach der Operation eine Blutung eintreten. Beim Baden waren
immer eine große Menge alter Frauen zugegen. Galt es doch als ein
verdienstliches Werk, über das Kind zwei Hände voll Wasser zu schütten.
Bei dieser Prozedur ließen die Frauen eine Silbermünze in das Wasser
gleiten. Sie war für die Hebamme bestimmt.
In dem Zimmer, in dem die Beschneidung stattfindet, werden schon früh um
10 Uhr zwei große Kerzen in hohen Leuchtern angezündet. Auf einem
besondern Tisch sind die Utensilien des Briß hergerichtet. Eine Flasche
Wein, ein Becher, der mindestens den Inhalt von einundeinerhalben
Eierschale fassen muß, ein Teller voll Sand, eine Büchse mit Puder, das
aus altem verfaulten Holz besteht. Gegen 10 Uhr kommen schon die ersten
Gäste an. Der Mohel ordnet an, daß das Kind jetzt gewickelt werden soll.
In den reichen Häusern wurde für diese Windeln die feinste Leinwand
verwendet. Das Kind erhält ein Mützchen auf den Kopf, wird in ein
seidenes Steckkissen getan und mit einem Deckchen aus ebenso feiner
Seide zugedeckt. Für das Wickeln vor der Beschneidung war eine ganz
bestimmte Methode üblich. Eine Windel wurde dreieckig gelegt. Die
Händchen des Kindes wurden gerade an die Körperseiten angelegt und mit
je einer Ecke der Windel umschlungen. Das feine, mit Spitzen besetzte
Hemdchen wurde über dem Leibe des Kindes in einem breiten Saum
hochgeschlagen. Dann wurde das Kind in eine große Windel gepackt, um die
ein sehr langes und breites Wickelband so fest herumgeschlungen wurde,
daß das Kind wie eine Mumie aussah. Nur die Füßchen blieben frei, damit
dem Kinde nicht zu heiß würde, weil ja jede starke Erhitzung die Gefahr
der Blutung gäbe.
Wehmütig blickte ich mein Kind an, das nun das Opfer für sein Volk
darbringen sollte. Ich preßte es an mein pochendes Herz. Aber bald nahm
mir die Hebamme das Kind fort und reichte es der ältesten und würdigsten
Frau, die neben dem Bett stand. Sie wiegte es ein paarmal auf ihren
Armen und reichte es dann der nächststehenden Frau, die es auch mehrmals
hin und her schaukelte, um es dann weiterzugeben. So wandert das Kind
von Arm zu Arm, bis es schließlich der Gevatterin überreicht wird. Sie
tritt mit dem Kinde bis an die Schwelle des Zimmers, in dem der Akt vor
sich gehen soll. Sobald die Festversammlung des Kindes ansichtig wird,
rufen die Herren ihm ein Boruch Habo »Gesegnet sei der Kommende« zu. Der
Gevatter (Quatter) übernimmt dann das Kind und reicht es dem Sandik
(Syndikus), der, in einen großen Tallis gehüllt, auf einem Lehnstuhl
Platz genommen hat. Seine Füße stehen auf einem Holzschemel. Dann
spricht der Mohel ein ergreifendes Gebet. Er fleht Elijahu, den
Schutzengel der Beschneidung, den wundertätigen Schirmer der Juden in
Not und Fährde, um seinen Beistand an. Und nun folgt die eigentliche
Beschneidung. Ein heftiger Aufschrei des Kindes. Und während der Mohel
den Segen über den Wein spricht und dem Kinde den Namen gibt, hört man
noch das leise Wimmern des Kindes, das sich erst dann manchmal beruhigt,
wenn ihm der Mohel mit dem kleinen Finger ein paar Tropfen Wein auf die
Lippen gibt. Vielfach ist es Sitte, daß bei den einzelnen Akten nach der
Beschneidung beim Segen über den Wein, beim Namengeben und beim
Schlußgebet je ein anderer Herr mit der Ehre, das Kind halten zu dürfen,
ausgezeichnet wird. -- Die Zeremonie endet damit, daß der Gevatter das
Kind wieder der Gevatterin überreicht. Glückstrahlend nimmt dann die
Mutter das Kind in Empfang, und das kleine Kerlchen darf nun an der
Mutter Brust wieder seine genußreiche Ruhe finden. Er ist nun in den
Bund Israels aufgenommen und ein Nachkomme des Patriarchen Abraham. Die
Gäste bleiben noch lange bei einem Festmahl zusammen, gilt doch diese
Szude als ein ganz besonders heiliges Mahl.
Ist die Beschneidung glücklich vorüber, -- und ich erinnere mich
eigentlich nie eines traurigen Zwischenfalles -- dann ist die Macht der
bösen Geister gebrochen. Nach drei Tagen war bei meinem Kinde die Wunde
geheilt. Diese glückliche Heilung wurde wieder durch ein Festmahl
gefeiert. Und bald konnte nun die mütterliche Sorgfalt sich ganz der
körperlichen Pflege ihres Kindes widmen.
Es war ganz selbstverständlich, daß damals jede Mutter ihr Kind selbst
stillte. Bevor die Mutter dem Kinde die Brust reichte, wurden jedesmal
einige Tropfen zur Seite abgedrückt, weil Aufregungen, Kummer und Sorgen
die ersten Tropfen vergiftet haben könnten. Die Entartung der
Saugflasche war in das Getto noch nicht eingedrungen. Hatte eine Mutter
zu wenig Nahrung, so steckte sie dem Kinde einen Schnuller in den Mund.
Sie tat Weißbrot, im Notfalle Schwarzbrot mit einem Stückchen Zucker,
nachdem sie es ordentlich durchgekaut hatte, in ein Läppchen und band es
mit einem Faden zu. Ganz wunderliche Methoden gab es, um schreiende
Kinder zu beruhigen. Das Kind wurde gebadet und nach dem Abtrocknen von
der zumeist alten und erfahrenen Wärterin auf ein großes Kissen gelegt.
Dann wurde der Leib mit Provenceröl tüchtig eingerieben, das linke
Füßchen mit dem rechten Händchen über dem Bäuchlein des Kindes so
zusammengedrückt, daß Ellenbogen und Knie nebeneinander kamen. Das
gleiche Manöver wurde mit dem linken Händchen und dem rechten Füßchen
vorgenommen. Dann wurden die Beinchen gestreckt und die Arme fest an den
Körper gelegt. So wurde das Kind in die Höhe gehoben und für einen
Augenblick mit dem Kopf nach unten geschaukelt. Alsdann wurde das Kind
auf den Bauch gelegt, Rücken und Füßchen zart gestrichen. Mochte das
Kind auch aus Leibeskräften geschrien haben, es wurde still.
Noch viel drastischer war die folgende Methode. Wollte noch so wildes
Hin- und Herschaukeln der Wiege, die meist zwischen zwei am Kopf- und
Fußende angebrachten Stricken frei schwebte, nichts helfen, so trug die
Wärterin das Kind in die Küche, schaukelte es zunächst auf den Händen,
und hob es dann für ein paar Minuten über den Herd in den Schornstein,
wobei sie unverständliche Worte murmelte. Und wirklich: das Kind wurde
ruhig, vorausgesetzt, daß die Wärterin nicht vorher vergessen hatte,
Pfeffer und Salz in zwei kleine Beutelchen zu tun oder im Notfall in
ihre Hand zu schütten und damit mehrmals um das Kind herumzugehen.
Manchmal genügte dieses Umkreisen des Kindes schon allein, um es zu
beruhigen. Sicher aber war es ein Mittel gegen den bösen Blick, der
besonders dann zu fürchten war, wenn fremde Leute ein schlafendes Kind
betrachteten. Ein anderes »unfehlbares Mittel« war, daß die Mutter sich
auf ein Knie niederlassen mußte, während das Kind dreimal zwischen den
Beinen hin und her geschoben wurde.
Leider aber gab es viele Kinder, bei denen die Unruhe schon der Beginn
einer Krankheit war. Kam ein Kind nicht vorwärts, blieb es mager und
schwach, dann stellten die alten erfahrenen Weiber die Diagnose:
Rippküchen. Die Rippen des Kindes fingen zu dörren an. Ich glaube, das
muß wohl so eine Krankheit sein, die man heute als englische Krankheit
bezeichnet. Diese Kinder weinten natürlich sehr viel. Und um der Ursache
dieser Unruhe zu begegnen, wußten die wohlweisen Weiber ein kräftiges
Mittel. Sie legten das Kind aufs Bett und nahmen ein Rollholz, um das
man in jenen Zeiten die Wäsche zu wickeln pflegte, legten dieses
Rollholz auf die Rippen des Kindes und schlugen mit einem gekerbten
dicken Brett, mit dem man ansonstens über das umwickelte Rollholz fuhr,
neunmal darauf. Das war ein hartes Mittel, aber es half, wenn man die
richtigen Beschwörungsworte wußte. Die bösen Geister liefen dann davon.
Allein es gab Kinder, die selbst nach dieser Prozedur und selbst nach
den noch so feierlich gesprochenen Beschwörungen nicht ruhig wurden. Die
Wärterin überlegte dann. Aber Gott half ihr, und sie fand die richtige
Diagnose: das Kind hat Haare auf dem Rücken. War diese Diagnose
gestellt, so ging man schnell an die Therapie. Das Kind wurde gebadet,
abgetrocknet; und dann wurden Kugeln aus frisch gebackenem weichen
Roggenbrot fest auf dem Rücken des Kindes hin und her gerieben, wobei
ein Teil der Rückenhärchen sich an die Brotkugel festsetzte. Dann rieb
sie nur mit der Handfläche den Rücken des Kindes weiter, bis die kleinen
Härchen fest wie die Borsten standen. Und wirklich, meist wurden die
Kinder ruhig.
Für ganz elende und abgemagerte Kinder wandte man noch die folgende
Methode an: Das Kind wurde nach dem Mittagessen in das noch mit allen
Brotkrumen bedeckte Tischtuch gewickelt, dann auf einen Augenblick in
einen großen, verschließbaren Koffer gelegt. Schnell wurde der Deckel
geöffnet. So machte man es täglich durch vier Wochen. In dem Tischtuch
pflegte man das Kind alle Woche zu wägen. Wenn das Kind gesunden sollte,
so nahm es jede Woche an Gewicht zu. Wenn dann die erste schmale Sichel
des Mondes sichtbar wurde, dann hielt man das Kind so dem Monde
entgegen, daß es ihn sehen konnte. Dazu sprach man die folgenden Worte:
Mjesjatz, Mjesjatz wisokoss, dai tyello nassej kosst, zu deutsch: Mond,
Mond, wachse, gib Fleisch auf diese Knochen.
Nach 18, oft schon nach 15 Monaten wurde das Kind entwöhnt. Gab die
Mutter dem Kinde zum letztenmal die Brust, so setzte sie sich auf die
Schwelle und gab dem Kinde so lange zu trinken, bis es von selbst
aufhörte und müde den Kopf zur Seite legte. Das war ein schwerer, aber
doch festlicher Tag. Die grobe Abhängigkeit des Kindes wurde da gelöst.
Hatte aber die Mutter an diesem Tage so manchen Schmerz, so war es ein
Jubeltag, wenn das Kind zum ersten Male sich auf die Beinchen stellte
und ging. An dieser Stelle machte dann die Mutter einen Einschnitt in
die Diele, das bedeutete: die »Pente zerschneiden«. Die Fesseln waren
von den Füßchen des Kindes genommen.
* * * * *
Gleichzeitig mit dem Briß meines Sohnes fand noch eine große religiöse
Zeremonie statt. Meine noch junge Schwiegermutter Cäcilie ließ seit
einem Jahre eine »Sefer Thora« schreiben, wofür sie mehrere hundert
Rubel bezahlte. Sie wollte die heilige Rolle in der Synagoge, welcher
sie gewidmet war, einweihen lassen. Diese Handlung meiner
Schwiegermutter fand sowohl in ihrem Hause, wie im Städtchen großen
Beifall und wurde einer Frau hoch angerechnet. Der Sofer, d. h. der
Schreiber der Thora, ein wahrhaft religiöser Jude, der mit Beten und
Fasten sein Leben verbrachte und als ehrlicher Mann in Konotop bekannt
war, brachte die heilige Rolle zu uns ins Haus.
Die Zeremonie der Thoraeinweihung beging man wie eine Hochzeit; man
holte die »Chuppe« (Baldachin), stellte sie in einem großen Saal auf.
Dem Rabbiner war die Ehre zugeteilt, die Thora zuerst auf die Hände zu
nehmen und mit ihr unter die Chuppe zu treten. Dann begab man sich nach
der Synagoge -- der Rabbiner voran, und ihm folgten die Würdigsten und
Ältesten der Stadt. Zuletzt die Frauen und Mädchen mit brennenden Kerzen
in silbernen Leuchtern. Selbst die Mädchen in diesem Zuge durften nicht
mit entblößtem Haupt mitgehen. Als sich der Zug gerade in Bewegung
setzte, ertönte die fröhliche Musik einer Kapelle. Ein munterer Marsch
erschallte durch die Straßen. Unter seinen Klängen hüpfte der ganze Zug
im Tanz. Lebhaft tanzten die Männer, leidenschaftlich in die Hände
klatschend. Hinterher hüpften die Frauen und Mädchen. Alle zusammen
jubelten, jauchzten, freuten sich und ehrten die schöne Tat der frommen
Frau.
So kam der Zug in der Synagoge an. Da die Zeremonie bis zum Vorabend
dauerte, verrichtete die große Menge gleich dort das Minchagebet.
Die Einweihung der Thora gehörte zu den feierlichsten Handlungen. In
einem jüdischen Städtchen war es ein Ereignis, das man nicht leicht
vergaß. Ich erlebte es zum erstenmal. Es machte auf mich einen großen
Eindruck. Aus einem Fenster sah ich dem Zuge zu und bedauerte sehr, ihn
nicht mitmachen zu können.
Nach diesen Feierlichkeiten verreisten unsere Gäste aus Poltawa.
Jedermann nahm seine Pflichten wieder auf. Das Leben im
Schwiegerelternhause ging seine gewohnten Wege. Ich erholte mich
allmählich. Das Mutterherz schwelgte in neuen Seligkeiten. Ich vergaß
die Sorgen der letzten Zeit, als ich das Büblein anschaute, das kleine
winzige Wesen, das noch so ruhig schlummerte, nichts hörte, nichts sah
und nichts von der jungen Mutter wußte, die stundenlang an seiner Wiege
stand, ihn anblickte, ihm zulächelte und von seinem künftigen Glück und
seiner Größe träumte. -- Monate vergingen, und mein lieber herziger Bub
-- er war blond und hatte blaue Augen, ganz verschieden von dem
Wengeroffschen Typus -- wurde immer größer, er gedieh zu einem
kräftigen, gesunden Kinde. Mit jedem Tag wuchs meine Freude an ihm...
Welchen neuen Inhalt erhielt mein Leben! Meine Liebe teilte sich jetzt
zwischen meinem Mann und dem Kinde, und wahrlich, beide kamen nicht zu
kurz dabei! Selbstverständlich war der Kleine der Liebling des ganzen
Hauses.
Daß unser Eheleben noch zärtlicher, unsere gegenseitige Anhänglichkeit
und treue Liebe durch dieses Kind noch intensiver wurde, brauche ich das
noch zu sagen?
Es verging die Zeit, und unser Sohn wurde zwei Jahre alt. Seine geistige
Entwicklung eilte der körperlichen weit voraus. Er war über sein Alter
aufgeweckt und klug. Ich war mit meinem Manne stolz auf unseren
Erstgeborenen. Wir schmiedeten große Pläne für seine Zukunft.
Aber es gefiel Gott anders, und er nahm ihn zu sich, diesen unseren
Liebling... Vom ununterbrochenen Wachen an seinem Krankenbette müde,
verließ ich das Lager meines kranken Kindes. Im Nebenzimmer legte ich
mich kraftlos auf das Sofa und versank in einen schweren Schlaf. Mir
träumte, ich wäre im Eßzimmer; durch die geschlossenen Läden dringe
etwas Licht hinein; im Zimmer herrschte Halbdunkel. Trotz der
geschlossenen Läden konnte ich doch alles, was draußen vorging,
wahrnehmen. Ein großer schwarzer Hund heulte furchtbar, den Kopf ganz in
den Nacken werfend, und hinter ihm stand eine Anzahl Musikanten; sie
spielten auf Geigen, die mit schwarzem Tuch überzogen waren und die sie
verkehrt in den Händen hielten. Erstaunt fragte ich sie, warum sie auf
diese Weise spielten, und erhielt die düstere Antwort: »Heute müssen wir
so spielen«... Ich erwachte in Angst und Schrecken und stürzte in das
Krankenzimmer. Doch man ließ mich nicht mehr zu meinem Kinde. --
Es war nicht mehr das meine! -- Weit, weit von mir, in die
Himmelshöhen ging es und nahm mein junges, verzweifeltes Mutterherz auf
immer mit sich.
Es war der erste schwere Schicksalsschlag, der mich traf, und erst die
beiden Kinderchen, die mir Gott in den nächsten Jahren schenkte,
trösteten mich ein wenig und linderten meinen Schmerz.
Inzwischen hatte sich der Konflikt zwischen meinem Gatten und seinen
Eltern noch zugespitzt. Mein Mann fand keine Freude mehr daran, mit dem
Rebben gemeinsam den Talmud zu studieren. Er holte die großen Folianten
(Gemores) zu sich in unsere Wohnung und lernte selbständig. Er sah es
gern, wenn ich mit einem Buch oder einer Handarbeit neben ihm saß, und
wenn er müde wurde, lasen wir dann zusammen in einem deutschen Werke.
Dieses Talmudstudium verlor aber ganz den früheren religiösen Charakter
und wurde bei meinem Manne mehr zum Philosophieren, zu einer kritischen
Betrachtung und Prüfung und spielte nicht mehr die Hauptrolle in seinem
Leben. Er widmete sich jetzt mehr dem Erwerbsleben und unternahm sogar
mit meiner Mitgift selbständige Geschäfte, wobei er aber das ganze Geld
verlor. In den kaufmännischen Angelegenheiten hatte ich bei ihm keine
Stimme; meine Ratschläge nannte er Einmischung und wollte von ihnen
nichts hören. Er war der Meinung, daß eine Frau, besonders aber die
seinige, keine Begabung in dieser Richtung besitze und empfand meine
Einmischung als eine Erniedrigung für sich. Diese Meinung war damals bei
den meisten Juden Kleinrußlands verbreitet, besonders aber bei den
Konzessionären, die in ihrem Dünkel sich als Selbstherrscher fühlten und
keine Ratgeber dulden wollten.
Wohl keinem meiner Geschwister ist das Lied von der Wanderung so oft und
so vernehmlich an der Wiege gesungen worden wie mir. Die vier Jahre,
welche wir im Schwiegerelternhause verleben sollten, waren um; und nun
hieß es, ein selbständiges Leben beginnen. Die Schwiegereltern besorgten
für uns ein Geschäft, ebenfalls eine Konzession auf Branntwein, und wir
mußten nach einer anderen Stadt übersiedeln.
Eines Morgens stand eine große, bequeme Equipage vor dem Hause zur Reise
fertig und noch ein Wagen mit Lebensmitteln daneben. Die Abschiedsstunde
war gekommen. Begleitet von Segenssprüchen, bestiegen wir, mein Mann,
ich, zwei Kinder und zwei Bediente, unseren Wagen, und fort ging es in
die Welt, den neuen Schicksalen entgegen.
So verließen wir nach vierjährigem gemeinsamem Leben dieses Haus, wo wir
das patriarchalische jüdische Familienleben zuletzt gelebt haben; wir
verließen es für immer.
Weitere Schicksale.
Luben hieß der Ort, in dem wir unsere selbständige Existenz begründen
wollten. Die jüdische Bevölkerung in diesem zu Kleinrußland gehörenden
Städtchen war in der Kultur weiter fortgeschritten als die in Konotop;
zumal in der äußeren Lebensweise, den Gebräuchen und Sitten näherte sie
sich mehr der europäischen Art. Die wenigen Juden in Luben, die dem
überlieferten Judentum noch treu anhingen, spielten hier keine Rolle.
Man führte hier ein Leben, das durchsetzt war mit Sitten und Gebräuchen
der großen Mehrheit der christlichen Bevölkerung. Es gab dort keine
Talmudisten, keine großen jüdischen Gelehrten, nicht einmal eine große
Synagoge. Es war aber nicht eine Irreligiosität, die die Aufklärung mit
sich bringt. Es war einfach ein Mangel an Tradition, Unwissenheit und
ein Aufgehen in fremder Art.
Es existierte in Luben eine kleine jüdische Gemeinde, deren Mitglieder
ganz ungebildete und unwissende Leute waren, die uns als die geistige
Aristokratie betrachteten.
In Luben fanden wir bereits eine kleine Wohnung vor, welche die
Schwiegereltern unseren Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechend
eingerichtet hatten. Es dauerte nicht lange, und ich fand mich in meiner
ziemlich großen Wirtschaft zurecht und führte sie mit Sachkenntnis. Mein
Mann übernahm das Geschäft, für das er, wie sich erwiesen hat,
Fähigkeiten besaß.
Nun war die Rücksicht auf die Eltern nicht mehr wirksam. Mein Mann
durfte frei nach eigenem Willen sein Leben gestalten. Das tägliche Beten
in Tallis und Tefillin hörte jetzt auf. Aber das Interesse am Talmud
dauerte noch an. Er diskutierte gern und lange mit dem Rabbiner der
Stadt, welcher häufig als Gast in unserem Hause verkehrte; doch hatte
dieses Interesse, wie ich schon früher bemerkte, einen rein
wissenschaftlichen Charakter angenommen.
Die berühmte kleinrussische Gastfreundschaft herrschte auch in unserem
Hause; wir wurden schnell bekannt und beliebt, und die Besuche von
Verwandten, Freunden und Bekannten hörten gar nicht auf. Dreimal täglich
war der Tisch reichlich für acht bis zehn Personen gedeckt. Es gab fast
nie eine Mahlzeit ohne Gäste. Unsere Wirtschaft vergrößerte sich von Tag
zu Tag. Sie wurde freilich viel zu groß für unsere Verhältnisse. Die
Schwiegereltern machten uns schwere Vorwürfe wegen dieser
Verschwendung.
»Es ist eine Nachricht von Kathy gekommen.« Mit diesen Worten trat mein
Mann an einem Samstag Morgen in mein Schlafzimmer und reichte mir ein
Blatt Papier, auf dem mit Bleistift folgendes geschrieben war:
»Schwester, schicke mir etwas zu essen, ich und mein Kind sind hungrig
und wir haben nichts bei uns.« Mein Mitleid und mein Schreck waren
grenzenlos, und ich überhäufte meinen Mann mit Fragen. Ich erfuhr, daß
der Bote in der Küche wartete, warf hastig etwas über und lief zu ihm
hinaus. Von dem Überbringer des Briefes, einem jungen Bäuerlein, erfuhr
ich, daß der jüdische Fuhrmann, mit dem meine Schwester gekommen war,
Freitag abends in einem Dorfe unweit Luben haltgemacht hatte und wegen
der Sabbathruhe und eines Schadens an dem Wagen nicht hatte weiter
fahren wollen, trotzdem er selbst, sowie seine Passagiere, auf diese
Weise ohne Lebensmittel bis zum Abend des nächsten Tages unterwegs zu
bleiben gezwungen waren. »Heute Abend«, fügte das Bäuerlein hinzu, »kann
sie schon hier sein.«
Ich überlegte nicht viel, lief ins Speisezimmer, packte in eine
Serviette lauter gute, schmackhafte Speisen ein: ein Sabbathbrot, kaltes
gekochtes Huhn, Butter, Käse, etwas Likör und Mandeltorte, die meine
Schwester, wie sie mir nachher erzählte, sofort an unsere Kindertage, an
die Heimat erinnerte. Dieses Paket sollte der Bauer, welcher für seine
Mühe einen Silberrubel erhielt, schleunigst meiner Schwester hinbringen.
Nachdem der Bote abgefertigt war, kleidete ich mich an, ordnete das
Nötige in der Wirtschaft, wobei mich eine nervöse, freudige Ungeduld gar
nicht verlassen wollte. Am liebsten hätte ich den Wagen anspannen
lassen, um meiner Schwester entgegenzufahren und sie abzuholen. Aber es
war ja Samstag, und in jenen Zeiten, in denen die Religion bei uns Juden
in Rußland das ganze Leben, Tun und Handeln regelte und bestimmte,
durfte ich meinem Herzenswunsch nicht nachgeben; hatte doch auch der
Kutscher fast nur des Sabbaths wegen seine Passagiere beinahe verhungern
lassen...
Es wurde dunkel; ich deckte den Teetisch, traf Vorbereitungen für die
lieben Gäste und wartete. Endlich kamen sie. Wie herzlich war unsere
Begrüßung! Wir freuten uns so sehr miteinander! An diesem Abend gingen
wir spät zur Ruhe. Ich begleitete meine Schwester in das für sie bequem
eingerichtete Zimmer, küßte sie herzlich und lud sie ein, gemeinsam mit
uns morgen zu frühstücken. Als wir am nächsten Morgen zum Tee
erschienen, erwartete uns bereits mein Mann. Ich bemerkte sogleich eine
Befangenheit im Benehmen meiner Schwester, suchte nach der Ursache,
konnte sie aber nicht finden. Mein Mann verließ uns. Wir beide blieben
noch lange am Teetisch sitzen und plauderten von unseren Erlebnissen.
Wir vergaßen vollkommen die Gegenwart und verloren uns in der
Vergangenheit. -- Dann kehrte mein Mann vom Geschäft zurück. Wir
speisten in munterer Stimmung zu Mittag und plauderten immerfort bis
spät in die Nacht hinein. -- Das Fragen und Erzählen hatte kein
Ende; was wollten wir alles voneinander erfahren nach der vierjährigen
Trennung!
Als ich Schwester Kathy an diesem zweiten Abend unseres Zusammenseins
auf ihr Zimmer begleitete, lud ich sie wieder herzlich ein, mit mir und
meinem Manne gemeinsam das Frühstück einzunehmen. Da umarmte sie mich
und bat befangen, in ihrem Zimmer allein frühstücken zu dürfen, und als
ich sie befremdet nach der Ursache fragte, antwortete sie mir verlegen:
»Ich habe außer meinem Manne noch keinen Mann im >Chalat< (Morgenrock)
gesehen, und das geniert mich bei deinem Manne.« Obwohl ich diese für
die damaligen Jüdinnen bezeichnende Schamhaftigkeit etwas seltsam fand,
bat ich doch meinen Mann, dem Wunsch der Schwester nachzugeben. Er
erschien von nun an, trotz seines Hanges zur Bequemlichkeit, am
Frühstückstisch vollständig angekleidet. So rücksichtsvoll blieb er die
ganze Zeit; er bezeigte seiner Schwägerin vom ersten Tage ihrer Ankunft
an stets die größte Ehrerbietung und Aufmerksamkeit und fand es ganz in
der Ordnung, daß ich ihr stets den ersten Platz am Tisch einräumte, auch
wenn die vornehmsten Gäste zugegen waren. Ihr fünfjähriges Töchterchen
wurde von uns allen zärtlich geliebt und gepflegt.
Drei Monate vergingen seit der Ankunft der Schwester Kathy, als wir von
unserer älteren Schwester Marie die Nachricht erhielten, daß sie uns in
den nächsten Tagen besuchen würde. Wieder umfing mich eine ungeduldige,
freudige Spannung. Es vergingen aber mehrere Tage, und sie kam immer
noch nicht. Auch blieb jede weitere Nachricht von ihr aus. Unsere Unruhe
wuchs. Eine Möglichkeit der schnellen Verständigung in die Ferne wie
heute gab es nicht. Und so blieb uns nichts anderes übrig, als geduldig
zu warten, bis sie uns eines Tages überraschte. Stürmisch war die Freude
des Wiedersehens. Ihr Aufenthalt in unserem Hause verbreitete
allgemeinen Frohsinn. Wir wurden lustiger, jugendlicher. Das Verhältnis
zwischen meinem Mann und Marie gestaltete sich viel gemütlicher und
unbefangener als seine Beziehungen zu Kathy. Man lachte, sang und
scherzte den ganzen lieben Tag. Wir suchten alles, was Luben an
Unterhaltung bot, auszunutzen, um uns gut zu amüsieren.
Zu den Belustigungen, die Luben während des Aufenthalts meiner Schwester
Marie bei uns bot, gehörte auch das Theater, das regelmäßig einmal im
Jahre zur Zeit des großen Jahrmarkts in unser Städtchen kam. Dieses
Theater, das aus einer wandernden Truppe bestand, befand sich noch in
einem sehr primitiven Zustande. Als Theatergebäude diente hier, wie auch
sonst in Provinzstädten, eine Scheune. Die Wände schmückte man mit
bunten Bettüchern. Aus Brettern wurde eine Erhöhung, die Bühne,
hergestellt. Bänke, Stühle, sowie das ganze notwendige Mobiliar, ja
selbst einzelne Kleidungsstücke lieferten die wohlhabenden Bewohner von
Luben. Dafür hatten sie freien Zutritt. Man erhielt aber keine
Freikarten, wie es heute zu geschehen pflegt. Es genügte, wenn man vor
der Kasse den geliehenen Gegenstand laut nannte, um ohne weiteres
hineingelassen zu werden. »Ein Leuchter«; »drei Kattundecken«; »zwölf
Stühle«; »ein Rock«, hörte man die Gäste rufen. Gleich zog sich der
geliehene Kattunvorhang zurück, und der Gast konnte seinen Platz
einnehmen.
Die Vorstellung in diesen Theatern sollte gewöhnlich um neun Uhr abends
beginnen, fing aber fast nie vor elf Uhr an, weil stets auf die
Würdenträger des Ortes gewartet wurde.
Während der Pausen spielte eine Musikkapelle, zumeist ausschließlich aus
jüdischen Musikanten -- »Klesmorim« -- bestehend. Da diese mit dem
Publikum gut bekannt waren, so geschah es oft im Theater, daß die Gäste
von ihren Sitzen aus den Musikanten ihre Wünsche zuriefen: »Jankel,
spiel a Polke!« Dann wieder »a Walzer« usw. Jankel erfüllte
selbstverständlich den Wunsch seines Bekannten, sein Kollege wieder den
des seinigen, so daß die Pausen sich bis ins Unendliche hinauszogen. Oft
kam es vor, daß es schon heller Tag war, wenn die Leute das Theater
verließen.
Das Theater war ein Ereignis im Städtchen. Man begrüßte es immer mit
großer Freude und besuchte es jeden Abend. Von den Juden ging nur die
Jugend ins Theater. Die Alten und Frommen besuchten es nie, ließen aber
die Jugend gewähren und schwiegen weise dazu.
Da wir zu den Wohlhabendsten des Städtchens gerechnet wurden und sehr
viele Gegenstände geliehen hatten, so überließ man uns mehrere Plätze.
Wir gingen fast jeden Abend dorthin in großer, lustiger Gesellschaft und
amüsierten uns köstlich.
Wir hatten in dieser Zeit viel Besuch; an den drei täglichen Mahlzeiten
nahmen bis fünfzehn Personen teil. Dabei wurde streng auf »Koscher«
geachtet; Milch- und Fleischgeschirr waren voneinander geschieden sowohl
im Gebrauch, wie auch beim Abwaschen.
Am Freitag abend wurden nach dem jüdischen Gebrauch für jeden Herrn zwei
ganze Brote (»Challes«) zur »Mauze« seinem Gedeck beigelegt; und die
Zahl der Herren in jenen lustigen Wochen war nicht gering... da gab es
viel zu tun!
Marie blieb einige Wochen bei uns und verließ uns sehr entzückt über die
gastfreundliche Aufnahme. Die Solidarität zwischen den Angehörigen einer
Familie gehörte zu den größten Tugenden, die sogar unter dem Einflusse
der ganzen Sturm- und Drangperiode, die so manche gute Sitte des
jüdischen Familienlebens zerstörte, bestehen blieben, wenn auch nicht in
dem hohen Maße wie vorher. Wie alle Ethik bei den Juden, wurzelte sie in
den religiösen Gesetzen, in denen es heißt: »Du sollst dich deinem Blute
nicht entfremden.«
Und so blieb Kathy, da sie wegen des Krimkrieges nicht zu Haus bleiben
konnte, vierzehn Monate unser Gast -- lange, lange Monate, in welchen
die arme Frau viel Leid und Kummer durchgemacht hat.
Tage und Wochen vergingen. Ihre Niederkunft stand nahe bevor. Die
Großmutter meines Mannes, von deren ärztlichen Kenntnissen und
Fähigkeiten ich ausführlich gesprochen habe, erbot sich, zu uns nach
Luben herüberzukommen. Im November erhielten wir die Nachricht, daß die
opferwillige Frau auf dem Wege zu uns war. Der böse Zufall wollte es,
daß nicht Frost und Schnee, wie sonst um diese Zeit in Rußland, sondern
regnerisches Wetter herrschte, und statt einer bequemen, schnellen Fahrt
im Schlitten mußte die alte Frau den beschwerlichen Weg in der
»Postkibitka« machen, einer höchst primitiven Kutsche ohne Federn. Nach
zweitägigen Reisestrapazen langte sie bei uns an, ermüdet und erschöpft.
Zum Glück war sie in einen Riesenpelz gehüllt, der sie vor Erkältung
bewahrte.
Der neue Familiensprößling ließ nicht lange auf sich warten. Es war ein
Sohn. Nach dem Briß reiste die Großschwiegermutter fort. Kathy erholte
sich allmählich, wir kehrten zu unserm normalen Leben zurück. Nach wie
vor verging keine Mahlzeit ohne Gäste. Der Keller und der Geflügelhof
waren stets voll und boten den Gästen die schmackhaftesten
Leckerbissen. Das Geflügel war in Luben zu jener Zeit sehr billig. Ich
glaube, es ist nicht ohne Interesse die damaligen Preise anzuführen: es
kostete ein Truthahn 15 Kop. = ca. 35 Pf., eine Gans 30 Kop. = 65 Pf.,
ein großes fettes Huhn 30 Kop. = 65 Pf.
Das Jahr 1855. Eine wichtige Epoche für das russische Reich, die Epoche
des Krimfeldzuges. Die Zeitungen, die dreimal in der Woche nach Luben
kamen, brachten unaufhörlich die schrecklichsten Nachrichten vom
Kriegsschauplatze. Eine Niederlage folgte der anderen. Die russische
Armee, in der der unglaublichste Wirrwarr herrschte, hatte viele
Schwierigkeiten, denen sie nicht gewachsen war, zu überwinden, wie den
Transport des Militärs, der Munition, des Proviantes. In den endlosen
Steppen der Krim fand man im Frühjahr so manche Militärabteilung, die im
Winter zu Fuß nach dem Kriegsschauplatze befördert worden war, vom
Schneesturm verschüttet, erstarrt, erfroren. Der russische Adel, die
Gutsbesitzer und die Kaufmannschaft rüsteten ganze Regimenter auf eigene
Kosten aus, die »Ratniki« genannt wurden. Aber es waren nur
undisziplinierte, ungeschlachte Bauern, die man auf dem
Kriegsschauplatze nur als Kanonenfutter verwerten konnte.
Wenn einmal die russische Armee ausnahmsweise einen Sieg davontrug
oder ein General wie Malakoff auf eine geniale Idee verfiel[7], so
war es nur ein momentaner Triumph, der die vollständige Niederlage
nicht verhindern konnte. Es war nicht nur ein Kampf feindlicher Heere,
sondern der Kampf zweier Systeme; und der Sieg gehörte dem neuen,
besseren, vervollkommneten, das alle Errungenschaften der europäischen
Kultur in den Kampf begleiteten.
Die Stimmung im russischen Volke wurde immer düsterer. Nur denen, die
schon längst im stillen gegen das bisherige Regime murrten, war diese
Niederlage eine traurige Genugtuung. Denn nur durch äußere
Erschütterungen, glaubten sie, könnte das gewaltige Reich von seinen
Schäden geheilt werden.
* * * * *
Im April wurde ich wieder Mutter. Mein Söhnchen erhielt den Namen Simon.
Ich erholte mich sehr rasch.
Der Frühling kündigte sich in diesem Jahre mit ungewöhnlicher Hitze an.
Und dazu brachten die Zeitungen die Schreckensnachricht, daß auf dem
Kriegsschauplatz und in seiner Umgegend die Cholera zu wüten anfinge,
und sie mahnten die Bevölkerung zur Vorsicht im Essen und Trinken.
Ich hatte von dieser Krankheit nur eine dunkle Erinnerung von meiner
Kindheit her. Eine furchtbare Angst packte mich, so daß keine
Vernunftgründe imstande waren, mich zu beruhigen. Wie ein Gespenst
verfolgte mich der Gedanke an die Seuche. Er wurde zu einer
Zwangsvorstellung, von der ich mich gar nicht befreien konnte. Meine
Gesundheit litt sehr darunter. Melancholisch, niedergeschlagen ging ich
im Hause umher.
Und nun wollte das trotzige Schicksal, daß ich in nahe Berührung mit der
schrecklichen Krankheit kommen sollte. -- Es war gegen Ende Mai, als
wir von der Tante meines Mannes eine Einladung erhielten, sie in
Kremenschuk, wo sie wohnte, zu besuchen. Wir nahmen unser ältestes Kind
Lise mit auf die Reise nach dem Süden. Wir wurden dort mit großer Freude
empfangen. Am vierten Tage unseres Aufenthaltes versammelten sich viele
Verwandte und Bekannte, um mich, die angeheiratete Nichte, kennen zu
lernen. Es war sehr lustig, und die Zeit verging uns auf die angenehmste
Art. Am nächsten Morgen trat die Tante zu uns ins Schlafzimmer und
kündigte uns an, daß die Seuche schon in Kremenschuk eingezogen sei, und
mit Tränen in den Augen erzählte sie, daß manches Mitglied der gestrigen
munteren Gesellschaft sich nicht mehr unter den Lebenden befinde. Mein
Entsetzen war grenzenlos. Wir rafften unsere Sachen zusammen, und in
einigen Stunden verließen wir traurig und tief erschüttert die Stadt.
Auf der ersten Poststation ließ man uns nicht mehr ins Wartezimmer
hinein. Wir vernahmen von dorther das Stöhnen und Schreien eines in
Schmerzen sich krümmenden Cholerakranken. So mußten wir für die Nacht
draußen im Freien lagern. Es war eine Juninacht, warm und kurz. Um zwei
Uhr morgens ging die Sonne auf. Doch uns kam diese Nacht wie eine
Ewigkeit vor. Meine Angst und Beklommenheit steigerten sich noch, als
mein Töchterchen Lisenka über Magenschmerzen zu klagen anfing. Mit
zitternden Händen gab ich dem Kinde Medikamente, die wir von der Tante
mitgenommen hatten. Gegen hohes Entgelt erhielt ich von den Bauern ein
wenig warmes Wasser, womit ich dem Kinde Pfefferminztee bereitete, und
bangenden Herzens erwartete ich den kommenden Tag. Endlich bekamen wir
Pferde und setzten die Reise fort. Das Kind fühlte sieh besser. Die
Schmerzen ließen nach, und als wir abends zu Hause eintrafen, war es
wieder ganz munter.
In Luben erfuhren wir, daß die Cholera auch hier bereits wütete. Der
Arzt kam und verordnete strenge Diät. Noch an demselben Abend erkrankte
meine Schwester ganz unmittelbar und plötzlich, nachdem sie noch einige
Augenblicke vorher an der Abendmahlzeit teilgenommen hatte. Ich war vor
Angst einfach wie besessen, brach zusammen und mußte ins Bett gebracht
werden. -- Meine Schwester genas. Aber ihr Kindchen, das sie selber
nährte, steckte sie an, und es starb nach einem Tage furchtbarer
Schmerzen.
Die Seuche verbreitete sich von Sebastopol über das ganze Land mit
Riesenschritten, und tausende Menschen fielen ihr zum Opfer. Und es
waren gar viele Verwandte und Freunde dabei.
Kein Wunder! Es konnte bei den damaligen hygienischen Verhältnissen
nicht anders sein, bei dem vollkommenen Mangel aller Vorsichtsmaßregeln.
Wie günstig mußten die Bedingungen für die Verbreitung der Cholera in
den -=fünfziger=- Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sein, wenn noch
jetzt, 1908, die Cholera den ganzen Sommer, Herbst und bis spät in den
Winter hinein wütet und ihr so viele Menschen wie Fliegen auf der Straße
zum Opfer fallen. Und doch liegt ein halbes Jahrhundert dazwischen, ein
Zeitraum, in welchem gerade die westeuropäische Kultur nach dieser
Richtung so große Fortschritte gemacht hat. Aber zwischen Westeuropa und
Rußland besteht eine strenge Grenze, und der Fortschritt schleicht sich
in Rußland nur auf Schmugglerwegen ein: St. Petersburg besitzt noch
heute keine Kanalisation, und das Volk glaubt nicht an die kleinen
verderblichen Bakterien, die im klaren Wasser leben sollen.
Nicht ohne Interesse ist es, daß unter den Juden die Epidemie ungleich
weniger verbreitet war als unter der übrigen nichtjüdischen Bevölkerung.
Ihr Leben war durch das Gesetz geregelt, war einfacher und entsprach mit
seinen zahlreichen Waschungen, den strengen Speiseverboten wesentlich
mehr allen hygienischen Forderungen.
Ich selbst litt furchtbar, wurde immer schwächer und lag tagelang
apathisch und melancholisch zu Bett. Mein Gemüt war unter dem Eindruck
der letzten Erlebnisse erschüttert.
Und so kam der Juli. Eines Tages erhielt meine Schwester die frohe
Nachricht von der Ankunft ihres Mannes. Wir freuten uns alle herzlich
auf sein Kommen; und diese freudige Erwartung brachte einen freundlichen
Schein in unser so düsteres Leben. Während der Anwesenheit unseres
Schwagers Abraham Sack, der ein munteres, heiteres Wesen besaß, verlor
sich meine Schwermut ein wenig, und ich atmete freier auf. In den zehn
Tagen seines Aufenthaltes bei uns führten wir alle unser altes normales
Leben. Er verreiste voll Hoffnung auf eine Besserung seiner materiellen
Verhältnisse. Mit ihm verließ die Freudigkeit wieder unser Haus. Ich
verfiel von neuem in trübe, melancholische Stimmung. Meine Schwester
blieb zurück und wartete weiter und harrte von Tag zu Tag, von Woche zu
Woche auf Nachrichten. Sie litt unsäglich und fürchtete schon das
Schlimmste. Aber Gott hat Erbarmen. Je größer die Not, um so näher die
Hilfe. Der langersehnte Brief kam an. Er war an mich adressiert und
enthielt ein Schreiben für mich, ein zweites für Schwester Kathy. Mein
Schwager berichtete von der glücklichen Wendung in dem Gange seiner
Geschäfte, die ihm nunmehr endlich gestatteten, seine Frau wieder zu
sich zu nehmen. Unsere Freude hatte keine Grenzen. Wir jauchzten den
ganzen Tag vor Glück, und meine Schwester vergoß Tränen der Rührung und
Dankbarkeit. Ich half ihr beim Packen, und in kurzer Zeit war sie zur
Abreise fertig. Ich begleitete sie mit meinem Mann bis nach Poltawa, wo
wir ihr halfen, eine elegante Equipage mit drei guten Pferden zu kaufen,
einen Kutscher und eine jüdische Köchin mieteten und sie sodann
weiterbeförderten.
Meines Schwagers Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er war ein reicher Mann
geworden. Das war eine der großen Schicksalswendungen, die das
Kriegsjahr 1855 mit sich brachte, das Jahr, in dem das launische,
verschleierte Weib Fortuna das Rad der Menschenschicksale in Rußland in
rascherem Tempo rollen ließ und mit einem mächtigen Stoß alles Obere zu
unterst, alles Untere zu oberst kehrte.
Meines Schwagers Genius führte ihn immer höher und höher, sein
Selbstvertrauen gab ihm Beharrlichkeit in seinen Bestrebungen. Und auch
die Zeit war günstig. Alexander II. hatte den Thron bestiegen. Eine neue
Ära war angebrochen. Tüchtige und ehrliche Menschen konnten sich jetzt
in Rußland auf allen Gebieten betätigen. --
-- Wir blieben in Luben bis 1859. In diesem Jahre übernahmen die drei
großen »Otkupscheriki« -- der Großvater und der Vater meines Mannes und
Herr Kranzfeld -- die Konzession auf die Akzise des Branntweinmonopols
-- eine Pachtung, die sich auf das ganze Gouvernement Kowno erstreckte.
In diesem Unternehmen erhielt mein Mann einen hohen Posten. Er wurde
Chef des Bureaus.
Mein Wanderlied konnte ich wieder singen. -- Wir liquidierten unser
Geschäft in Luben, packten unser Hab und Gut zusammen und gingen nach
Kowno.
Ehe ich aber von meinen weiteren persönlichen Lebensschicksalen weiter
erzähle, will ich zuerst noch einmal vom Jahre 1855 sprechen, das nicht
nur im Leben ganz Rußlands, sondern speziell für die Juden den Beginn
einer neuen Epoche bedeutet. Es ist das Jahr der Thronbesteigung
Alexanders II.
Alexander II.
Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht! Die Sonne ging
golden auf und weckte mit ihren erwärmenden Strahlen alle verborgenen
Keime zur Blüte und zum Leben: Alexander II. bestieg 1855 den Thron.
Dieser edle, feinsinnige Fürst gemahnte an die Sprüche des königlichen
Psalmensängers (Ps. CXIII, 7, 8 und PS. CXVIII, 22):
»Er richtet empor aus dem Staube den Armen, aus dem Kehricht erhöht
er den Dürftigen, daß er ihn setze neben die Edlen, neben die Edlen
seines Volkes.
Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden.«
Alexander II. hat diese Worte tatsächlich in Erfüllung gebracht, indem
er hochherzig 60 Millionen leibeigner Bauern vom Frondienste befreite
und auch uns Juden die drückendsten Fessel
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