Der Findling. Erster Band.
by Jules Verne · German · Gutenberg #46180 · 383,505 chars · public domain (US)
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Title: Der Findling. Erster Band.
Author: Jules Verne
Release date: July 3, 2014 [eBook #46180]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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Julius Verne's Reiseromane. Band 64.
Der Findling.
Von
Julius Verne.
Rechtmässige Ausgabe.
Erster Band.
Leipzig
Bibliographische Anstalt
Adolph Schumann.
Inhalt.
Seite
I. Im Innern von Connaught 1
II. Bewegliche Königspuppen 12
III. =Ragged-School= (die Lumpenschule) 26
IV. Das Begräbniß einer Möwe 41
V. Noch einmal die =Ragged-School= 52
VI. Limerick 68
VII. Eine gefährdete »Situation« 82
VIII. Die Farm von Kerwan 102
IX. Die Farm von Kerwan (Fortsetzung) 115
X. Was sich in Donegal zugetragen hatte 131
XI. Ein vortheilhaftes Geschäft 142
XII. Die Heimkehr 155
XIII. Zweifache Taufe 172
XIV. Im Alter von kaum neun Jahren 191
XV. Ein schlechtes Jahr 208
XVI. Die Austreibung 225
Erster Theil.
I.
Im Innern von Connaught.
Irland, das eine Landfläche von zwanzig Millionen Acres -- gegen
acht Millionen Hektar -- einnimmt, wird im Namen der Beherrscher
Großbritanniens von einem Vicekönig oder Lord-Lieutenant unter
Mitwirkung eines »Privat-Rathes« regiert. Es zerfällt in vier Provinzen:
Leicester im Osten, Munster im Süden, Connaught im Westen und Ulster im
Norden.
Das Vereinigte Königreich soll in der Vorzeit eine einzige Insel
gebildet haben. Jetzt sind deren zwei vorhanden, beide noch mehr
getrennt durch geistige Verschiedenheit, als durch physikalische
Grenzen. Die Irländer sind wie von jeher Freunde der Franzosen, und
deshalb den Engländern feindlich gesinnt.
Ein herrliches Land für Touristen, ist Irland ein trauriges Land für
seine Bevölkerung. Diese vermag es nicht zu befruchten, jenes sie nicht
zu ernähren. Und doch ist es nicht ein unfruchtbares Stück Erde, denn
seine Kinder zählen nach Millionen, und obwohl diese Mutter keine Milch
für ihre Kinder hat, wird sie von ihnen doch leidenschaftlich geliebt.
Die süßesten -- =most sweet= -- Namen (ein Wort, das man dort unendlich
häufig hört) werden an sie verschwendet. Das »Grüne Erin«, und grün
ist das Land in der That; weiter heißt Irland der »Schöne Smaragd«, ein
Smaragd, der freilich statt des Goldes in Granit gefaßt ist; die »Insel
der Wälder«, was besser Insel der Felsen heißen sollte; das »Land des
Liedes«, nur erklingt dieses Lied von kränklichen Lippen; endlich nennt
man es die »Erste Blume des Landes« oder die »Erste Blume des Meeres«,
freilich welken diese Blumen schnell im Brausen toller Stürme. Armes
Irland! »Insel des Elends« solltest du heißen; jetzt und schon seit
Jahrhunderten, du mit deinen drei Millionen Armen unter acht Millionen
Bewohnern!
Bei einer Erhebung von etwa hundertfünfundzwanzig Metern trennen in
Irland zwei Höhenzüge die Ebenen, Seen und Torfmoore zwischen der Bai
von Dublin und der von Galway. Die Insel bildet eine vertiefte Schale,
in der es an Wasser nicht fehlt, denn die Seen des Grünen Erin bedecken
allein gegen zweitausenddreihundert Quadratkilometer.
Westport, eine kleine Stadt der Provinz Connaught, liegt im Hintergrunde
der Bai von Clew, die von dreihundertfünfundsechzig Inseln und Eilanden
erfüllt wird, ähnlich wie der Morbihan an den Küsten der Bretagne.
Diese Bai mit ihren Vorbergen, ihren Caps und den gleich Haifischzähnen
angeordneten Spitzen, welche den Wogenschwall von der hohen See brechen,
ist eine der schönsten des ganzen Küstenstriches.
In Westport begegnen wir dem »Findling« im Beginn seiner Geschichte; der
Leser wird selbst sehen, wo, wann und wie sie endigte.
Die Einwohner des etwa fünftausend Seelen zählenden Städtchens sind zum
größten Theile Katholiken. An einem Sonntage, dem 17. Juni 1875, hatten
sich die meisten Bewohner zum Morgengottesdienste in die Kirche
begeben. Connaught, die Wiege der Familie Mac Mahon's, bringt ausgeprägt
keltische Typen hervor, die sich in den alteingesessenen Geschlechtern
fortgepflanzt haben. Und doch, wie traurig ist das Land, so traurig,
daß es den gebräuchlichen Ausdruck: »Nach Connaught gehen, heißt in die
Hölle gehen!« vollständig rechtfertigt.
In den kleinen Orten Irlands herrscht bittere Armuth, doch besitzen die
Leute neben ihren für die Werktage benützten Lumpen auch noch solche
für die Sonn- und Festtage. Dann trägt man dort die noch am wenigsten
zerrissene Kleidung: die Männer erscheinen in geflicktem, unten
ausgefranstem Mantel; die Frauen in mehrfach übereinander liegenden
Röcken -- lauter Ladenhütern des Trödlers -- und bedecken den Kopf mit
Hüten, die mit künstlichen Blumen verziert sind, von welchen freilich
meist nicht mehr als die nackten Drahtstiele mit einzelnen Blättchen zu
sehen ist.
Alle sind barfüßig bis zur Kirche gegangen zur Schonung des theuern
Schuhwerkes -- der Halbstiefeln mit geborstenen Sohlen und der Stiefeln
mit zerrissenem Oberleder, ohne die nach Landessitte niemand die
Schwelle der Kirche überschreiten würde.
Zur Zeit war kein Mensch auf den Straßen von Westport sichtbar, außer
einem Individuum, das einen Karren schob, der mit einem großen mageren,
langzottigen Hunde bespannt war.
»Königspuppen! rief der Mann aus vollem Halse, prächtige, bewegliche
Königspuppen!«
Der Schausteller war von Castlebar, dem Hauptorte der Grafschaft Mayo,
hierhergekommen. Auf seinem Wege nach Westen hatte er den Kamm jener
Höhenzüge überschritten, die sich, wie die meisten Berge Irlands,
nach der Küste zu senken, so im Norden die Kette des Nephin mit
ihrem achthundertdreißig Meter hohen Gipfelpunkte, und im Süden der
Croagh-Patrick, auf dem der größte irländische Heilige, der Verbreiter
des Christenthums im vierten Jahrhundert, die vierzig Tage der
Fastenzeit verweilte. Hierauf war der Mann die gefährlichen Schluchten
des Hochlandes von Connemara hinabgestiegen in der Richtung nach den
Seen Mask und Corril, die einen Ausfluß nach der Clew-Bai haben. Ihn
kümmerte keinen Pfifferling weder die Midland-Great-Westernbahn, das
große Verbindungsglied zwischen Westport und Dublin, noch die Post,
die ihre »Cars« durch das Land rollen läßt. Er reiste als fahrender
Künstler, der überall seine Puppenausstellung ausrief und anpries
und den großen Hund von Zeit zu Zeit mit einem derben Peitschenhiebe
aufmunterte. Der von kräftiger Hand erlittenen Züchtigung antwortete
dann stets ein lautes Schmerzgeheul und aus dem Innern des Karrens
zuweilen ein leises Schluchzen.
Dann wetterte der Mann gewöhnlich los.
»Wirst Du laufen lernen, Hundevieh!« rief er, und dann, als wendete
er sich an einen andern, der im Karren verborgen sein mußte, klang es
weiter: »Wirst Du still sein, Hundejunge!«
Darauf verstummte das Schluchzen und der Karren kam wieder langsam in
Bewegung.
Dieser Mann nennt sich Thornpipe. Woher er stammt, ist gleichgiltig; es
genügt zu wissen, daß er zu den Angelsachsen gehört, die in den unteren
Volksschichten der britannischen Inseln so ungemein häufig vorkommen.
Dieser Thornpipe besitzt nicht mehr Gefühl als ein wildes Thier, nicht
mehr Herz als ein Felsblock.
Nachdem der Mann die ersten Wohnstätten von Westport erreicht hatte,
folgte er der Hauptstraße des Städtchens mit ihren ziemlich wohnlichen
Häusern und den mit pomphaften Schildern versehenen Läden, worin
freilich nicht viel zu finden ist. In diese Straße münden verschiedene
schmutzige Nebengassen ein, wie trübe Bäche, die sich in einen klaren
Fluß ergießen. Auf deren spitzen Pflastersteinen poltert und rasselt
Thornpipe's Karren dahin, gewiß zum Nachtheil der Puppen, die er zur
ergötzlichen Unterhaltung der Bewohner von Connaught hierher brachte.
Wegen Mangels an »geeignetem Publicum« trottete Thornpipe weiter, bis er
zur Mail (Alleestraße) gelangte, die die Hauptstraße zwischen doppelter
Ulmenreihe kreuzt. Jenseits der Mail dehnt sich ein geräumiger Park
aus, dessen sorgsam unterhaltene Sandwege nach dem an der Bai von Clew
liegenden Hafen führen.
Selbstverständlich gehören Stadt, Hafen, Park, Straßen, Fluß, Brücken,
Kirchen, Häuser und Hütten einem jener reichen Landlords, die fast den
ganzen Boden Irlands besitzen. Hier waren sie das Eigenthum des Marquis
von Sligo, eines Mannes von reinem, altem Adel, und übrigens beiweitem
nicht des schlechtesten Herrn für seine zahlreichen Pächter.
Alle zwanzig Schritte etwa hielt Thornpipe mit seinem Wagen an,
blickte um sich und rief mit einer Stimme, die einem mangelhaft geölten
Mechanismus zu entschallen schien:
»Königspuppen!... Prächtige, bewegliche Königspuppen!«
Doch niemand trat aus den Läden, kein Gesicht erschien an den Fenstern.
Nur da und dort tauchten aus den Nebengassen einige bewegliche Lumpen
auf und aus diesen glotzten hagere, verhungerte Gesichter hervor mit
gerötheten Augen, die so tief lagen, daß man durch sie ins Leere sehen
zu können wähnte. Weiter erschienen einzelne halbnackte Kinder, und fünf
bis sechs dieser Gassenbuben schlichen endlich an den Wagen heran, als
dieser in der großen Mail Halt machte.
»Copper!... Copper!« bettelten alle wie aus einem Munde.
Unter »Copper« ist eine winzige Kupfermünze zu verstehen, ein Theil des
Pennys, d. h. des kleinsten im Lande vorkommenden Geldstücks. Und diese
Kinder sprachen darum einen Mann an, der mehr Verlangen hatte, Almosen
anzunehmen als solche zu vertheilen. Natürlich empfing er mit drohender
Hand- und Fußbewegung und mit zornsprühenden Augen die Buben, die sich
außerhalb des Bereiches seiner Peitsche halten mußten... und noch
sorgsamer fern genug den Spitzzähnen des Hundes, der wegen gewohnter
übler Behandlung nie bei guter Laune war.
Thornpipe war schon an sich wüthend. Er schreit ja in die reine Wüste
hinaus. Niemand kümmert sich um seine königlichen Marionetten. Paddy --
d. i. der Irländer, wie John Bull der Engländer -- Paddy zeigt keine
Spur von Neugier. Er hegt nicht etwa Feindschaft gegen die erhabene
königliche Familie. O nein! Was er nicht liebt, was er haßt mit allem
durch Jahrhunderte lange Unterdrückung aufgehäuftem Hasse, das ist
nur der Landlord, der ihn als ein noch unter den Leibeigenen Rußlands
stehendes Geschöpf betrachtet. Wenn der Ire O'Connell zujubelte, so
geschah das, weil der große Patriot auf der Erhaltung der Rechte der
Grünen Insel durch die Unionsacte der drei Königreiche vom Jahre 1806
bestand, weil die Thatkraft, die Zähigkeit, die kühne Politik dieses
Staatsmannes später die Emancipations-Bill von 1829 durchsetzte und
damit, Dank seiner unerschütterlichen Haltung, Irland, das Polen
Englands, vor Allem das katholische Irland in eine Periode halber
Freiheit eintrat. Thornpipe wäre also sicherlich besser dran gewesen,
wenn er seinen Mitbürgern O'Connell vor Augen geführt hätte, doch
das war ja noch kein Grund, Ihre graziöse Majestät =in effigie= so
unbeachtet zu lassen. Freilich hätte Paddy dem Bildniß seiner
Souveränin auf hübschen Geldstücken, auf Pfunden, Kronen, Halbkronen und
Schillings, ganz entschieden den Vorzug gegeben, denn gerade dieses aus
der britannischen Münze hervorgegangene Porträt fehlt der Tasche des
Irländers am meisten.
Da kein ernstlicher Zuschauer den wiederholten Einladungen des
Kunsthausierers Folge gab, setzte sich der von dem großen, knochendürren
Hunde geschleppte Karren wieder in Bewegung.
Unter dem herrlichen Ulmenschatten der Allee der Mail zog Thornpipe
weiter. Er war allein. Die Kinder hatten ihn endlich verlassen. So
erreichte er den von Sandwegen durchschnittenen Park, den der Marquis
von Sligo dem öffentlichen Verkehr offen hielt, um einen Zugang zu dem
eine gute (englische) Meile von der Stadt entfernten Hafen zu gewähren.
»Königspuppen!... Königspuppen!«
Niemand antwortete. Mit schwachem Schrei flatterten die Vögel von einem
Baume zum andern. Der Park war ebenso verödet wie die Mail. Wie konnte
auch Jemand einfallen, Katholiken während des Gottesdienstes zu einer
solchen Schaustellung einzuladen! Thornpipe konnte unmöglich aus dem
Lande selbst sein. Nach dem Mittagessen, zwischen Messe und Vesper, da
ließ sich vielleicht eher etwas erzielen. Jedenfalls hinderte den Mann
nichts, jetzt bis zum Hafen hinunter zu wandern, und das that er denn
auch, indem er, statt im Namen des heiligen Patrick, in dem aller Teufel
Irlands weidlich fluchte.
Der Hafen, den der Seenabfluß im Grunde der Bai von Clew bildet, ist
nur wenig besucht, obwohl er an Geräumigkeit und Sicherheit alle andern
Häfen an der Westküste der Insel übertrifft. Nur vereinzelt kommen
Schiffe dahin, weil Großbritannien, d. h. England und Schottland, dem
mageren Gelände von Connaught zusenden muß, was dieses dem Erdboden
nicht selbst zu entlocken vermag. Irland ist ein Kind, das sich an
zwei Brüsten nährt; die Ammen lassen sich ihre Milch aber recht theuer
bezahlen.
Einige Matrosen lustwandelten rauchend auf dem Quai umher, denn wegen
des Sonntags war die Entlöschung der Fahrzeuge natürlich unterbrochen.
Bekanntlich nimmt es die angelsächsische Rasse mit der Sonntagsheiligung
sehr streng. Die Protestanten halten darauf mit aller Unbeugsamkeit
ihres Puritanismus, und in Irland wenigstens wetteifern die Katholiken
mit jenen in der Ausübung des Cultus. Ihrer sind übrigens zweieinhalb
Millionen neben fünfmal-hunderttausend Anhängern verschiedener Secten
der anglikanischen Kirche.
In Westport befand sich zur Zeit kein andern Ländern zugehöriges Schiff.
Nur Brigg-Goëletten, Schooner und Kutter nebst einigen Fischerbarken,
die außerhalb der Bai auf den Fang ausgehen, lagen bei der eben
herrschenden Ebbe auf dem Trocknen. Jene von der Westküste Schottlands
gekommenen Fahrzeuge segelten, nach Löschung ihrer Ladung von Getreide
-- das Connaught vor allem braucht -- sofort wieder nach der Heimat ab.
Um eigentliche Hochseeschiffe zu sehen, mußte man nach Dublin,
Londonderry, Belfast oder Cork gehen, wo die transatlantischen
Packetboote der Londoner und der Liverpooler Dampferlinien anlaufen.
Aus der Hosentasche jener müßigen Seeleute konnte Thornpipe offenbar
auch keinen Schilling locken, denn seine Ausrufungen blieben von den
Quais des Hafens her ohne Antwort.
Er ließ jedoch den Karren ruhig stehen. Der vor Hunger und Anstrengung
erschöpfte Hund streckte sich auf dem Sande aus. Thornpipe holte aus
einem Sacke ein Stück Brot, einige Kartoffeln und einen Salzhäring und
begann zu essen wie ein Mann, der nach langer Wegstrecke den ersten
Bissen zu sich nimmt.
Der Zughund sah ihn an und knackte mit den Kinnladen, aus denen seine
brennendrothe Zunge hervorhing. Jetzt schien seine Fütterungsstunde aber
noch nicht geschlagen zu haben, denn er legte den Kopf wieder zwischen
die Pfoten und schloß die Augen, um besser auszuruhen.
Eine leichte Bewegung im Innern des Karrens erweckte Thornpipe aus
seiner Apathie. Er erhob sich und prüfte, ob ihn niemand beobachte. Dann
lüftete er ein wenig die Decke, die den Kasten mit Puppen verhüllte, und
steckte ein Stück Brot darunter hinein.
»Daß Du nicht plärrst!« rief er drohenden Tones dazu.
Ein Geräusch von hastigem Kauen antwortete ihm, als berge der Kasten ein
vor Hunger sterbendes Thier, und er setzte sein Frühstück wieder fort.
Bald war dieses aufgezehrt, und nun führte er eine bauchige Flasche an
die Lippen, die saure Molken enthielt, ein Getränk, das hier zu Lande
viel genossen wird.
Inzwischen schlug die Kirchenglocke in Westport an und verkündete den
Schluß des Gottesdienstes.
Es war jetzt elfeinhalb Uhr.
Thornpipe trieb den Hund mit der Peitsche wieder auf, und rückwärts ging
es mit dem Karren nach der Mail, in der Hoffnung, unter denen, die aus
der Messe kamen, doch einige Zuschauer zu finden. Während der guten
halben Stunde bis zum Essen ließ sich vielleicht noch eine Einnahme
machen. Nach der Vesper gedachte Thornpipe seine Schaustellung noch
einmal zu öffnen, er wollte aber erst am folgenden Tage weiter ziehen,
um andre Ortschaften mit seiner Puppensammlung zu beglücken.
Der Gedanke schien ja nicht so übel zu sein. Statt der Schillinge
würde er sich auch mit Coppers begnügen und seine beweglichen Puppen
arbeiteten dann wenigstens nicht ganz und gar für nichts und wieder
nichts.
Von neuem erschallte seine Stimme:
»Königspuppen!... Bewegliche Königspuppen!«
Binnen weniger Minuten hatten sich wohl an zwanzig Personen um Thornpipe
gesammelt. Die Elite der westportischen Bevölkerung war es freilich
nicht. Die Mehrzahl bestand aus Kindern, dazu kamen einige Frauen und
wenige Männer, die meist das Schuhwerk wieder in der Hand trugen, nicht
allein, um es zu schonen, sondern weil es ihnen auch bequemer war,
barfuß zu gehen.
Immerhin befanden sich auch gewisse Honoratioren des Städtchens unter
den Neugierigen, z. B. der Fleischer, der mit Frau und zwei Kindern
stehen geblieben war. Freilich datirte sein »Tweed« schon von mehreren
Jahren her, die bei dem regenreichen Klima doppelt oder gar dreifach
zählen; der würdige Meister konnte sich im Ganzen aber noch sehen
lassen. Das ist er schon seinem Laden schuldig, über dessen Thür in
leuchtender Schrift die Firma »Central-Schlächterei« prangte. Er hatte
sein Geschäft auch so in Schwung, daß es nirgends sonst in Westport
Fleischwaaren gab. Neben dem stattlichen Manne zeigte sich auch der
Droguist des Ortes, der gern den Titel »Pharmazeut« hörte, obwohl seiner
Officin selbst die einfachsten Droguen oft fehlten. Dennoch blendete
sein Schaufenster mit dem glänzenden Namen »=Medical Hall=«, so daß, wer
die Inschrift nur betrachtete, sich schon geheilt fühlen mußte.
Wir dürfen auch einen Geistlichen nicht vergessen, der vor dem Karren
Thornpipe's stehen geblieben war. Dieser Diener der Kirche trug ein
recht sauberes Gewand: einen Halskragen von Seide, eine lange Weste
mit so dicht wie an einer Soutane stehenden Knöpfen, und einen weiten
Ueberrock aus schwarzem Stoffe. Er bildet das Oberhaupt der Parochie, in
der ihm vielfache Functionen zufallen. So begnügt er sich nicht damit,
zu taufen, zu predigen, zu verehelichen und seine Getreuen beim
letzten Gange zu begleiten, er berathet sie auch in geschäftlichen
Angelegenheiten, behandelt die Kranken, und das alles in voller
Unabhängigkeit, denn er bezieht vom Staate gar keine Einkünfte. Die
Gaben von Naturerzeugnissen und die Gebühren für Amtshandlungen, die
sogenannten »Accidenzien« der geistlichen Stellen, sichern ihm ein
anständiges und bequemes Leben. Er ist der natürliche Verwalter der
Schulen und Wohlthätigkeitsanstalten, was ihn aber nicht hindert, auch
bei sportlichen -- Ruder- oder Pferde- -- Wettkämpfen den Vorsitz zu
führen, wenn Regattas oder Steeple-chases in seinem Bezirke
abgehalten werden. Innig vertraut mit den Familienverhältnissen seiner
Beichtkinder, wird er nach Verdienst allgemein geachtet, selbst wenn er
es nicht unter seiner Würde hält, in einem Laden einen ihm angebotenen
Schoppen Bier anzunehmen. Die Reinheit seiner Sitten ist jedenfalls nie
angefochten worden. Ueber seinen allgewaltigen Einfluß braucht man sich
in jenen streng katholischen Gegenden auch gar nicht zu wundern, hier,
wo nach dem bekannten Reisewerke Anna von Bovet's, das unter dem Titel
»Drei Monate in Irland« erschienen ist, »schon die Bedrohung mit dem
Ausschluß vom Abendmahle den Bauer durch ein Nadelöhr jagt«.
Den Karren umgab jetzt also ein Publicum, ein etwas productiveres, wenn
man so sagen darf, als Thornpipe erhofft hatte. Wahrscheinlich winkte
seiner Ausstellung nun einiger Erfolg, denn Westport war noch niemals
mit einem Schauspiele dieser Art beehrt worden.
So ließ denn der fahrende Künstler noch einmal seinen Ausruf als »=great
attraction=« ertönen:
»Königspuppen!... Prächtige, bewegliche Königspuppen!«
II.
Bewegliche Königspuppen.
Der Karren Thornpipe's ist in einfachster Weise eingerichtet:
eine Deichsel, an der der wilde zottige Köter angespannt ist; ein
viereckiger, auf nur zwei Rädern ruhender Kasten, der deshalb auf den
hügeligen Wegen der Grafschaft leichter fortzuziehen ist; zwei Griffe an
der Rückseite, um das Ganze, gleich den Wagen hausierender Händler, auch
schieben zu können; über dem Kasten ein leichtes Leinenzeltdach auf vier
Eisenstäben, das, wenn es auch nicht ganz gegen die hier kaum jemals
brennende Sonne, so doch gegen den endlosen Regen des höheren Irlands
schützt. Das Ganze ähnelt also den leichten Wägelchen, die die
Drehorgeln durch Stadt und Land tragen, jene Instrumente mit
kreischenden Pfeifentönen, denen sich noch eine Art Trompetengeschmetter
zugesellt. Eine Drehorgel ist es freilich nicht, womit Thornpipe von
Stadt zu Stadt zieht, oder in der complicierteren Maschinerie ist die
Orgel wenigstens zum einfachen Pfeifchen zusammengeschmolzen, wie sich
das sogleich zeigen wird.
Der Kasten ist nach unten nämlich durch einen bis zu einem
Viertel seiner Höhe aufragenden Deckel geschlossen. Wird dieser
zurückgeschlagen, so bietet sich den Zuschauern ein für diese meist
verblüffender Anblick.
Zur Vermeidung von Wiederholungen empfehlen wir, Thornpipe's gewohnte
Erläuterungen achtsam anzuhören. Jedenfalls hat sich der wandernde
Schausteller mit der unermüdlichen Beredsamkeit den berühmten Brioché,
den Schöpfer der Marionettentheater auf den Messen und Märkten
Frankreichs, zum Muster genommen.
»Ladies und Gentlemen....«, so beginnt er unabänderlich, um sich das
Wohlwollen der Zuschauer zu sichern, selbst wenn er das jämmerlichst
zerlumpte Dorfpublicum anredet.
»Ladies und Gentlemen! Hier erblicken Sie den großen Festsaal des
königlichen Schlosses zu Osborne auf der Insel Wight.«
Das Kasteninnere stellt in der That einen Salon im Kleinen vor; vier
Planken bilden seine Wände, worauf Thüren und drapierte Fenster gemalt
sind; da und dort stehen hochmoderne Möbel aus Pappe, die mit Stiften
auf einem farbigen Teppich festgehalten sind, Tische, Armstühle und
Sessel, so angeordnet, daß sie die Bewegungen der Personen, der Prinzen,
Prinzessinnen, Herzöge, Marquis, Grafen und Baronets nicht hindern
können, die mit ihren vornehmen Gemahlinnen inmitten dieser officiellen
Empfangscour einherstolzieren.
»Im Hintergrunde, so fährt Thornpipe fort, bemerken Sie den Thron der
Königin Victoria, überragt von dem carmoisinrothen Sammtbaldachin mit
goldenen Fransen und haargenau dem Throne nachgebildet, auf dem Ihre
graziöse Majestät bei den Hoffestlichkeiten Platz nimmt.«
Der betreffende Thron mißt hier acht bis zehn Centimeter in der Höhe,
und obgleich der Sammt nur durch wollebestäubtes Papier vertreten ist
und die Goldfransen aus einfacher gelber Schnur bestehen, so verschlägt
das nicht das mindeste bei den Wackeren, die noch niemals ein solches
ausgesprochen monarchisches Möbelstück zu Gesicht bekommen haben.
»Auf dem Throne, belehrt Thornpipe weiter, erblicken Sie die Königin --
die Aehnlichkeit derselben wird garantiert! -- in ihrer Galatracht; den
an den Schultern gehaltenen Königsmantel, die Krone auf dem Haupte und
das Scepter in der Hand.«
Wir, die wir niemals die Ehre genossen, die Beherrscherin
des Vereinigten Königreiches und Kaiserin von Indien in ihren
Staatsgemächern zu erblicken, können für die zweifellose Aehnlichkeit
der hohen Dame mit der sie darstellenden Puppe natürlich nicht gutsagen.
Doch zugegeben, daß sie sich bei großen Hoffestlichkeiten mit der Krone
schmückt, so wird sie in der Hand doch schwerlich ein Scepter führen,
das, wie sein Ersatzstück hier, mehr dem Dreizack Neptuns gleicht. Das
einfachste bleibt es freilich, Thornpipe aufs Wort zu glauben, und das
thaten kluger Weise auch die Zuschauer.
»Zur Rechten der Königin, erläutert Thornpipe ferner, mache ich das
geehrte Publicum aufmerksam auf Ihre königlichen Hoheiten den Prinzen
und die Prinzessin von Wales, wie Sie die Herrschaften gelegentlich
ihrer letzten Reise durch Irland gewiß selbst gesehen haben.«
Kein Zweifel, da steht der Prinz von Wales als britischer Feldmarschall,
und die Tochter des Königs von Dänemark, angethan mit kostbarem
Spitzenkleide, das hier freilich kunstvoll aus Silberpapier geschnitten
ist, wie solches zum Schmucke von Bonbonschachteln verwendet wird.
Auf der andern Seite stehen der Herzog von Edinburgh, der Herzog von
Connaught, der von Fife, der Prinz Battenberg mit den Prinzessinnen,
ihren erlauchten Gemahlinnen, kurz die ganze königliche Familie, so
angeordnet, daß sie vor dem Throne einen Halbkreis bilden. Unzweifelhaft
erwecken diese bezüglich ihrer Porträttreue immer »garantierten« Puppen
mit den gemalten Gesichtern und ihrer dem Leben abgelauschten Haltung
eine deutliche Vorstellung von dem Hofe Englands.
Dann folgen die Großofficiere der Krone, darunter der Großadmiral Sir
Georges Hamilton. Thornpipe befleißigt sich, mit dem Ende seines Stabes
alle der Bewunderung des Publikums zu empfehlen, unter der Hinzufügung,
daß jeder von ihnen seinem Range entsprechend den ihm nach der
Hofetiquette zukommenden Platz einnimmt.
Da hält sich vor dem Throne in ehrfurchtsvoller Unbeweglichkeit ein
hochgewachsener Mann von ausgesprochen angelsächsischem Typus, der nur
ein Minister der Königin sein kann.
Es ist auch einer, nämlich der Chef des Cabinets von St. James, den man
an dem unter der Last der Geschäfte etwas gekrümmten Rücken leicht genug
erkennt.
Thornpipe geht weiter in seinen Erklärungen.
»Und neben dem Premierminister, zur Rechten, der ehrwürdige Herr
Gladstone.«
Wahrlich, es wäre schwierig gewesen, den berühmten »Oldman« nicht zu
erkennen, den schönen Greis, der sich noch immer aufrecht hält,
der immer bereit ist, seine liberalen Anschauungen gegen die der
conservativen Regierung zu vertheidigen. Vielleicht könnte es auffallen,
daß er den Premierminister mit freundlichem Blicke betrachtet; doch was
bei Wesen aus Fleisch und Bein unmöglich wäre, das hat bei Puppen aus
Pappe und Holz ja nicht viel auf sich.
Ein außergewöhnlicher Anachronismus verschuldet auch noch eine
andre Nebeneinanderstellung, denn Thornpipe bläst die Backen auf und
verkündet:
»Hier, Ladies und Gentlemen, stelle ich Ihnen Ihren berühmten Landsmann
O'Connell vor, dessen Name in jedem irländischen Herzen allezeit ein
Echo finden wird.«
Ja, da befand sich O'Connell am Hofe Englands und im Jahre 1875, obwohl
er schon seit einem Vierteljahrhundert todt war. Auf einen dagegen
erhobenen Einwand hätte Thornpipe jedenfalls geantwortet, daß der große
Agitator für einen Sohn Irlands immer fortlebt. Mit ähnlicher Begründung
hätte er da auch Parnell aufstellen können, obwohl dieser Politiker
jener Zeit kaum bekannt war.
Da und dort stehen noch andre Höflinge verstreut, deren Namen uns
entgehen, alle mit Ordenssternen und Bändern übersäet, politische und
kriegerische Berühmtheiten, darunter Se. Gnaden der Herzog von Cambridge
neben dem seligen Lord Wellington, der verstorbene Lord Palmerston
neben dem verstorbenen Pitt; endlich Mitglieder der Pairskammer in
vertraulichem Gespräche mit solchen aus dem Hause der Gemeinen; hinter
diesen eine Reihe =Horse-guards= in Parade, im Salon zwar, aber doch
zu Pferde, eine Andeutung, daß es sich hier um ein Fest handelt, wie es
selbst im Schlosse zu Osborne selten vorkommt.
Das Ganze umfaßt etwa fünfzig kleine Männchen, die alle schreiend bemalt
sind und mit steifer Würde alles darstellen, was an Hocharistokratie, an
Auszeichnung und Rangstellung in der militärischen und politischen Welt
des Vereinigten Königreiches vorhanden ist.
Man bemerkt sogar, daß die britische Flotte nicht vergessen wurde, und
wenn die königliche Yacht »Victoria and Albert« hier nicht unter Dampf
ist, so sieht man wenigstens Schiffe an die Fensterscheiben gemalt,
durch die man die Rhede von Spithead zu erkennen glaubt. Mit guten Augen
würde man gewiß die Yacht »Enchantereß« unterscheiden können, mit Ihren
Ehren den Lords der Admiralität an Bord, die in einer Hand ein Fernrohr,
in der andern ein Sprachrohr halten.
Mit der Behauptung, daß seine Schaustellung einzig in ihrer Art sei,
hat Thornpipe das Publicum nicht betrogen. Auf jeden Fall macht sie eine
Reise nach der Insel Wight unnöthig. Außerdem bereitet sie nicht nur
den Gassenbuben, die sie mit Bewunderung betrachten, sondern auch den
Erwachsenen, die niemals über die Grenzen Connaugths hinauskommen, ein
wirkliches Vergnügen. Der Parochialgeistliche lächelt vielleicht im
Stillen darüber; der Droguist kann sich nicht enthalten zu bestätigen,
daß die Aehnlichkeit der dargestellten Personen überraschend sei, obwohl
er diese in seinem Leben nicht gesehen hat. Der Fleischer gestand ein,
was er hier sehe, übertreffe seine Vorstellungen davon, denn er könne
nicht glauben, daß bei einem Empfange am Hofe so viel Luxus und Glanz
entfaltet werde.
»Nun, Ladies und Gentlemen, nimmt Thornpipe wieder das Wort, das ist bis
jetzt noch gar nichts. Sie glauben jedenfalls, daß diese königlichen und
die andern Personen sich gar nicht bewegen könnten. Fehlgeschossen! Sie
leben wirklich, ich versichere es, leben, wie Sie und ich selbst,
was Sie sofort sehen sollen. Vorerst bin ich so frei, eine kleine
Einsammlung zu veranstalten, wozu ich mich Ihrem geneigten Wohlwollen
empfehle.«
Das ist der kritische Augenblick für solche Schausteller, wenn die
Sammelbüchse unter den Zuschauern zu kreisen beginnt. Ganz gewöhnlich
zerfallen letztere in zwei Classen: in die, die sich aus dem Staube
machen, um nicht in die Tasche greifen zu müssen, und in die, welche
dableiben mit der Absicht, sich umsonst zu amüsieren -- die zweite
Classe bildet übrigens die Mehrzahl. Wohl giebt es noch eine dritte
Classe, die der Zahlenden, deren sind aber so wenige, daß es sich gar
nicht verlohnt, von ihnen zu sprechen. Das zeigte sich deutlich genug,
als Thornpipe seinen kleinen Umgang antrat und dazu ein liebenswürdiges
Lächeln heuchelte.
Sicherlich hätte man bei der ganzen Lumpengesellschaft, die nicht von
der Stelle wich, keine zwei Coppers finden können, und alle, die das
weitere Schauspiel unentgeltlich genießen wollten, wendeten beim
Nahen der Sammelbüchse einfach den Kopf ab, so daß nur fünf bis sechs
Zuschauer in die Tasche griffen, was den Ertrag von einem Schilling drei
Pence ergab, den Thornpipe mit süßsaurer Miene einsteckte. Was
half's? Er mußte sich, in Erwartung einer reicheren Ernte bei der
Nachmittagsvorstellung, schon begnügen und lieber das angekündigte
Programm durchführen, als etwa das Geld zurückzugeben.
Jetzt verwandelte sich aber die bisher stumme Bewunderung in eine laute
lärmende Kundgebung des Beifalls. Es begann ein Händeklatschen, ein
Trampeln mit den Füßen und ein »Aoh«rufen, daß man's wohl bis zum Hafen
hinunter hätte hören können.
Thornpipe hatte mit seinem Stabe an den Kasten geschlagen, worauf ein
von niemand beachtetes leises Seufzen Antwort gab. Plötzlich erschien
die ganze Scene wie durch ein Wunder in naturgetreuer Bewegung.
Die durch einen inneren Mechanismus bewegten Puppen schienen wirklich
Leben bekommen zu haben. Ihre Majestät die Königin Victoria hatte zwar
den Thron nicht verlassen, was ein Verstoß gegen die Etiquette gewesen
wäre, sie hatte sich nicht einmal erhoben, sie bewegte aber das
gekrönte Haupt und hob und senkte das Scepter, wie die Kapellmeister
den Tactierstock beim Dirigieren. Die Mitglieder der königlichen Familie
drehen und wenden sich, grüßend und Grüße erwidernd, hier- und
dorthin, während die Herzöge, Marquis und Baronets in größter Ehrfurcht
vorüberdefilieren. Der Premierminister verneigt sich vor Herrn
Gladstone, der es ihm gleichthut. Nach ihnen schreitet O'Connell auf
unsichtbarer Fuge mit Ernst und Würde vor, und ihm folgt der Herzog
von Cambridge, der einen Charaktertanz aufzuführen scheint. Die
andern Persönlichkeiten schließen sich dem Zuge an, und die Pferde der
Horse-guards bäumen sich schweifwedelnd, als wären sie nicht in einem
Saale inmitten des Schlosses von Osborne, sondern auf dessen geräumigem
Hofe aufgestellt.
Das Ganze vollzieht sich unter einer leisen, aber scharfen
Musikbegleitung, bei der allerdings manche Töne nicht zum Ausdruck
kommen. Doch wie hätte Paddy -- der für Musik so empfänglich ist,
daß Heinrich VIII. das Wappen des Grünen Erin noch mit einer Harfe
bereicherte -- davon nicht entzückt sein sollen, obgleich er statt
=God save the Queen= oder =Rule Britannia=, den melancholischen
Nationalgesängen des traurigen Vereinigten Königreiches, lieber eine
irische Weise gehört hätte.
Für Jeden, der die Maschinerie eines größeren Theaters noch nicht
kannte, mußte der Vorgang hier entschieden etwas Wunderbares an sich
haben; so entfesselte denn auch der Anblick dieser sich bewegenden
Puppen bei den Zuschauern einen Enthusiasmus ohne Gleichen.
Da, wie durch einen Ruck im Mechanismus, senkt die Königin ihr Scepter
so tief, daß sie damit den runden Rücken des Premierministers berührt.
Ein doppeltes Hurrah der Zuschauer braust durch die Lüfte.
»Sie leben wahrhaftig! ruft einer der Umstehenden.
-- Es fehlt ihnen nur die Sprache! bemerkte ein andrer.
-- Das laßt Euch nicht leid thun!« setzt der Pharmazeut hinzu, der in
unbewachten Augenblicken den Demokraten heraussteckt.
Er hatte auch Recht. Man denke sich nur Puppen, die höfische Redensarten
drechseln.
»Ich möchte wohl wissen, was sie in Bewegung setzt, läßt sich der
Schlächter vernehmen.
-- Das ist der reine Gottseibeiuns, äußert ein Matrose.
-- Ja, der Teufel, rufen einige schon halb überzeugte Matronen, die
sich dem Geistlichen zugewendet bekreuzen, während der fromme Herr eine
nachdenkliche Miene macht.
-- Wie könnt Ihr annehmen, daß der Teufel in diesem Kasten steckt,
erwidert ein wegen seiner Naivetät bekannter Ladenjüngling, der Teufel
ist dazu viel zu groß...
-- Na, wenn er nicht drin steckt, so steht er draußen! schwatzt eine
alte Stadtklatsche. Der da, der dieses Schauspiel vorführt...
-- Ach nein, unterbricht sie der Droguist, Ihr wißt doch, daß der Teufel
nicht irländisch spricht!«
Das ist die Wahrheit, die Paddy ohne Widerspruch zugiebt, und man
einigte sich also darüber, daß Thornpipe wegen seines rein irischen
Dialects der Teufel nicht sein könne.
Wenn die Sache also nicht mit Hexerei zuging, mußte nothwendiger
Weise ein innerer Mechanismus vorhanden sein, der diese kleine Welt
in Bewegung setzte. Niemand hatte Thornpipe jedoch etwa eine Feder
aufziehen sehen. Ja, als die Bewegungen sich zu verlangsamen begannen,
da hatte -- eine Besonderheit, die dem Pfarrer nicht entging -- ein
Peitschenhieb Thornpipe's unter den von der Decke verhüllten Kasten
genügt, die Puppengesellschaft aufs neue zu beleben.
Den Pfarrer drängte es, zu erfahren, wem diese fühlbare Aufmunterung
wohl gegolten haben möge, deshalb fragte er Thornpipe:
»Sie haben wohl einen Hund dort in Ihrem Kasten?«
Der Mann sah ihn, die Stirn runzelnd, an, als finde er diese Frage etwas
indiscret.
»Da drin ist, was eben drin ist! antwortete er. Das bleibt mein
Geheimniß. Ich fühle mich nicht verpflichtet, es zu verrathen...
-- Dazu sind Sie nicht verpflichtet, meinte der Geistliche, wir aber
haben doch das Recht, zu vermuthen, daß es ein Hund ist, der Ihren
Mechanismus treibt...
-- Nun ja... ein Hund! gab Thornpipe ärgerlich zu, ein Hund in einem
Trommelkäfig. Es hat mir Zeit genug gekostet, ihn so weit zu dressieren.
Und welchen Lohn hab' ich nun für meine Mühen erhalten? Nicht die Hälfte
von dem, was man jedem Geistlichen für das Lesen einer einzigen Messe
bezahlt!«
Eben als Thornpipe seinen Satz beendete, stand der Mechanismus still,
zum großen Mißvergnügen der Zuschauer, deren Interesse noch lange nicht
befriedigt war. Der Puppenvorzeiger ging daran, den Karrendeckel zu
schließen und erklärte, daß die Vorstellung zu Ende sei.
»Würden Sie bereit sein, noch eine zweite zu geben? fragte da der
Pharmazeut.
-- Nein! erklärte Thornpipe, der viele verdächtige Blicke auf sich
gerichtet sah, mit barscher Entschiedenheit.
-- Auch nicht, wenn wir Ihnen für eine Einnahme von zwei Schillingen
einständen?
-- Weder für zwei noch für drei Schillinge!« rief Thornpipe.
Er dachte nur, sich aus dem Staube zu machen, das Publicum schien aber
nicht in der Laune, ihn so schnell fortzulassen. Auf einen Wink seines
Herrn zog der Köter in der Gabeldeichsel schon an, als sich ein langer,
mit Schluchzen untermischter Klagelaut aus dem Kasten hören ließ.
Wüthend rief Thornpipe, wie schon früher einmal:
»Wirst Du schweigen, Hundejunge!
-- Das ist kein Hund, der da drin steckt, sagte der Geistliche, den
Karren zurückhaltend.
-- Und doch! versetzte Thornpipe.
-- Nein... das ist ein Kind!...
-- Ein Kind!... Ein Kind!« wiederholten die Zuschauer.
Jetzt ging in der Empfindung der Leute eine mächtige Veränderung vor
sich.
Nicht Neugier, sondern Theilnahme war es, die sich in ihrer drohenden
Haltung kundgab. Ein Kind war in diesem an der Seite offenen Kasten
verborgen, und wurde mit der Peitsche angetrieben, wenn es anhielt, weil
ihm die Kräfte erlahmten, sich in seinem Käfig zu bewegen.
»Das Kind!... Das Kind heraus!« klang es von allen Seiten.
Thornpipe sah sich einer Uebermacht gegenüber. Er wollte jedoch
Widerstand leisten und seinen Karren vorwärts schieben.... Vergeblich.
Der Schlächter packte ihn an der einen, der Droguist an der andern Seite
und so wurde das Gefährt tüchtig geschüttelt. Der königliche Hof dürfte
wohl niemals einen solchen Verlauf seiner Feierlichkeiten erlebt haben,
bei dem die Prinzen die Prinzessinnen stießen, die Herzöge die Marquis
umrannten, der Premierminister hinfiel und einen Sturz des ganzen
Cabinets damit herbeiführte... kurz, ein Durcheinander, wie es im
Schlosse Osborne gewiß nur vorkäme, wenn ein Erdbeben die ganze Insel
Wight erschütterte.
Thornpipe wurde bald überwältigt, wenn er sich auch wie ein Rasender
wehrte. Alle betheiligten sich dabei. Der Karren wurde untersucht,
der Droguist kroch zwischen die Räder und zog aus dem Kasten ein Kind
hervor....
Ja, ein Jüngelchen von etwa drei Jahren mit bleichem, leidendem Gesicht,
mühsamem Athem und mit Beinchen, die mit Striemen überdeckt waren.
Kein Mensch in Westport kannte den Kleinen.
So gestaltete sich das erste Erscheinen des »Findlings«, des Helden
dieser Erzählung. Wie er diesem Wütherich in die Hände gefallen und
wer sein Vater wäre, das war schwerlich zu ergründen. In Wahrheit
hatte Thornpipe das Kind vor neun Monaten in der Dorfstraße von Donegal
aufgelesen und zu dem nun erkannten Dienste verwendet.
Eine wackre Frau nahm das Bürschchen in die Arme und suchte es
aufzumuntern. Alle drängten sich um den Kleinen. Das arme Eichkätzchen,
das verurtheilt gewesen war, seinen Käfig unter dem Karrenkasten in
Drehung zu versetzen, hatte ein interessantes, ja intelligentes Gesicht;
aber auf diese Weise sich den Unterhalt verdienen zu müssen -- und in so
zartem Alter!
Endlich öffnete der kleine Knabe die Augen und warf sich rückwärts, als
er Thornpipe gewahrte, der herantrat und mit der Aufforderung: »Gebt mir
den Jungen zurück!« ihn wiederzuerlangen suchte.
»Seid Ihr sein Vater? fragte der Geistliche.
-- Ja..., antwortete Thornpipe hastig.
-- Nein... das ist mein Papa nicht! rief weinend das Kind, das sich der
Frau anschmiegte.
-- Er gehört Euch gar nicht an! wetterte der Droguist.
-- Ein gestohlener Bursche ist's! setzte der Schlächter hinzu.
-- Und wir geben ihn nicht zurück!« erklärte der Pfarrer.
Thornpipe wollte sich nicht ergeben. Mit geröthetem Gesicht und
zornsprühenden Augen verlor er ganz die Fassung und war schon daran,
»auf irländisch zu spaßen«, d. h. ein Messer zu ziehen, als sich zwei
kräftige Männer auf ihn stürzten und ihn entwaffneten.
»Jagt ihn davon!... Jagt ihn fort! heulten die Frauen.
-- Mach' Dich auf den Weg, Spitzbube! sagte der Droguist.
-- Und laßt Euch in der Grafschaft nicht wieder erblicken!« schloß der
Geistliche mit einer drohenden Bewegung.
Thornpipe trieb den Hund mit der Peitsche an und der Karren rollte die
Hauptstraße von Westport wieder hinauf.
»Der Schurke! -- so machte sich der Pharmazeut noch Luft -- ich gebe ihm
keine drei Monate, bis er das Menuet von Kilmainham getanzt hat!«
Dieses Menuet tanzen, bedeutet nach landläufiger Sprechweise, seine
letzte Gigue vor einem Galgen abtanzen.
Der Pfarrer fragte das Kind nach seinem Namen.
-- »Findling« heiß' ich,« lautete die sichere Antwort.
Und in der That: es hatte keinen andern Namen.
III.
=Ragged-School= (die Lumpenschule).
»Nummer 13, was hat der?...
-- Das Fieber.
-- Und Nummer 9?...
-- Den Keuchhusten.
-- Nummer 17?...
-- Auch den Keuchhusten.
-- Und Nummer 23?...
-- Ich glaube, der wird den Scharlach bekommen.«
Alle diese Antworten schrieb O'Bodkins in ein musterhaft geführtes
Register auf die offenen Conten der erwähnten Nummern ein. Hier war
je eine Columne für den Namen der Krankheit, für die Stunde des
Arztbesuches, für die verordneten Arzneien und für die Art der
Verabreichung derselben angelegt, wenn die Erkrankten ins Hospital
übergeführt waren. Da standen die Namen in gothischer Schrift, die
Nummern in arabischen Ziffern, die Medicamente in Rundschrift und die
Vorschriften in englischem Ductus -- alles eingefaßt mit zierlichen
Klammern in blauer Tinte und an gewissen Stellen schwarz doppelt
unterstrichen, ein Muster von Kalligraphie und Uebersichtlichkeit.
»Einige von diesen Kindern sind ernstlich erkrankt, bemerkte noch
der Arzt. Achten Sie darauf, daß sie sich bei der Ueberführung nicht
erkälten.
-- Gewiß, ich werde schon dafür Sorge tragen, antwortete O'Bodkins
gleichgiltig. Sind sie nicht mehr hier, so bin ich ihrer ledig. Wenn
dann nur meine Buchführung in Ordnung ist....
-- Na, und wenn sie ihrer Krankheit erliegen, unterbrach ihn der Doctor,
schon nach Hut und Stock fassend, ist der Verlust, mein' ich, auch nicht
so arg....
-- Gewiß nicht, stimmte O'Bodkins zu. Ich schreibe sie dann in die
Rubrik der Verstorbenen ein und ihr Conto wird abgeschlossen. Ist das
aber geschehen, so hat niemand mehr Ursache sich zu beklagen.«
Mit einem Händedrucke verabschiedete sich der Arzt des Hauses.
O'Bodkins war der Director der »=Ragged-School=« von Galway, einer
Kleinstadt an der Bai und in der Grafschaft gleichen Namens, im
Südwesten der Provinz Connaught. Nur hier dürfen die Katholiken
Grundeigenthum besitzen und hierher (und nach Munster) befleißigt sich
England, das nicht protestantische Irland zurückzudrängen.
Man kennt die Art Leute wie O'Bodkins ja zur Genüge; auch er verdient
kaum unter die liebevollen Vertreter der Menschheit gerechnet zu werden.
Er ist ein untersetzter Mann, einer jener Cölibatäre, die weder eine
Jugend gehabt haben, noch ein Alter haben werden, die sich immer gleich
bleiben und Haare haben, die weder ausfallen noch ergrauen, die mit
goldener Brille, welche man ihnen im Grabe am Besten läßt, schon auf die
Welt gekommen sind, die keine Nahrungs-, keine Familiensorgen kennen,
ausreichend haben, was sie bedürfen, und deren Herz von zarteren
Empfindungen niemals bewegt worden ist. Er gehört zu den, weder guten
noch schlechten Geschöpfen, die ihre irdische Laufbahn vollenden, ohne
je etwas Gutes oder Böses gethan zu haben, und die niemals unglücklich
sind... nicht einmal über das Unglück andrer.
O'Bodkins war also wie von Natur zum Director einer Lumpenschule
geschaffen.
Wir haben bereits gesehen, mit welch' erstaunlicher Sorgfalt, welch'
peinlicher Abwägung des Soll und Haben die Bücher des Mannes geführt
waren. Im Hause standen ihm übrigens die bejahrte Mutter Kriß, an deren
Munde stets die Tabakspfeife hing, und ein älterer Pensionär, namens
Grip, helfend zur Seite. Letzterer, ein armer Teufel mit gutmüthigen
Augen, einem gewissen Ausdruck von Fröhlichkeit in den Zügen und einer
für den Irländer charakteristischen, etwas aufgebogenen Nase, war
unendlich mehr werth als Dreiviertel der elenden Kreaturen, die in
dieser Art Schulhospiz Aufnahme gefunden hatten.
Diese Bewohner des Hauses waren Waisen oder verlassene Kinder, die ihre
Eltern meist gar nicht gekannt hatten. Am Bachesrand oder am Feldrain
geboren, auf Straßen oder Landwegen aufgelesen, kehrten sie nach
Erreichung des arbeitsfähigen Alters auch dahin zurück... ein
Ausschuß der menschlichen Gesellschaft. Doch was konnte aus zwischen
Pflastersteinen verstreutem Samenkorn für andre Frucht wohl erwachsen?
In der Schule von Galway befanden sich deren etwa dreißig im Alter von
drei bis zu zwölf Jahren, alle in Lumpen gehüllt und immer hungrig,
da sie sich nur von der öffentlichen Mildthätigkeit ernährten. Mehrere
davon waren immer krank, und diese Kinder schnellten die Sterblichkeit
des Ortes nicht unwesentlich in die Höhe -- freilich »kein arger
Verlust«, nach Aussage des Arztes.
Er hat ja damit nicht ganz Unrecht, wenn keine Erziehung im Stande ist,
jene zu verhindern, einst Uebelthäter zu werden. Und doch wohnt eine
Seele auch unter diesen zerfetzten Hüllen, und bei besserer Methode
gelänge es vielleicht, so manchen zum Guten zu lenken. Jedenfalls wäre
zur Erziehung und Heranbildung solcher Unglücklichen ein andrer Lehrer
nöthig, als jener Hampelmann O'Bodkins, ein Lehrer, wie man solche
selbst in den dürftigsten Gemeinden Irlands nicht gar so selten
antrifft.
Der »Findling« war einer der jüngsten in dieser =Ragged-School=. Er
zählte jetzt kaum vierundeinhalb Jahre. Armes Kind! Es hätte an seiner
Stirn die trostlose Aufschrift »Keine Hoffnung! Keine Aussichten!«
tragen sollen. Von Thornpipe zur lebendigen Kurbel erniedrigt, dann
durch das Mitleid einiger guten Seelen in Westport seinem Peiniger
entrissen und nun Zögling der Lumpenschule in Galway! Und wenn er diese
einst verließ, drohte es ihm dann nicht noch schlechter zu ergehen?
Gewiß war es lobenswerth von dem Pfarrer des Kirchspiels gewesen,
dieses unglückliche Wesen aus den Händen des Marionettenschaustellers
zu befreien. Nach vielen vergeblichen Mühen mußte man damals endlich
verzichten, seine Herkunft nachzuweisen. Der »Findling« entsann sich nur
darauf, bei einer garstigen Frau gelebt zu haben, gleichzeitig mit einem
kleinen Mädchen, das ihm recht zugethan, und noch einer andern, die
aber gestorben war. Einen Ort wußte er freilich nicht anzugeben. Ebenso
konnte niemand sagen, ob er ein nur verlassnes oder ein gestohlnes Kind
war.
Seit seiner Befreiung in Westport hatte bald dieses bald jenes Haus für
ihn nach Kräften gesorgt. Die Frauen beklagten sein Schicksal. Der
Name »Findling« war ihm geblieben. Einzelne Familien pflegten ihn acht,
andere vierzehn Tage lang. So vergingen drei Monate. Das Kirchspiel war
aber selbst recht arm und schon lebten viele Bedürftige auf öffentliche
Kosten. Wäre ein Waisenhaus vorhanden gewesen, so würde der Knabe darin
einen Platz bekommen haben. Ein solches gab es aber nicht, und so hatte
man ihn nach der Lumpenschule in Galway bringen müssen, und hier befand
er sich nun seit neun Monaten, mitten unter einer Rotte verwahrloster
Rangen. Was sollte aus ihm werden, wenn er diese Anstalt einmal verließ?
Er gehörte zu jenen Enterbten, für die von frühester Jugend an die
Beschaffung der täglichen Bedürfnisse eine Lebensfrage bildet, eine
Frage, die gar zu oft ohne Antwort bleibt.
Seit neun Monaten also befand sich der kleine Junge unter der Pflege und
Zucht der halb verwilderten alten Kriß, des in sein Schicksal ergebenen
Grip und des Directors O'Bodkins, dieser Maschine zur Ausgleichung von
Einnahmen und Ausgaben. Seine gute Constitution half ihm aber, viele
hier unvermeidliche Schädigungen zu überwinden. Er stand nicht mit in
des Directors großem Buche in der Rubrik der Masern, des Scharlachs und
andrer Kinderkrankheiten, sonst wäre sein Conto wohl schon beglichen
gewesen... in dem gemeinsamen Grabe, das Galway seinen öffentlichen
Armen gewährte.
Neben der körperlichen Gesundheit war in der Lumpenschule aber auch die
geistige und moralische Entwicklung arg gefährdet, und es gehörte eine
vortreffliche sittliche Veranlagung dazu, der Ansteckung durch tägliches
böses Beispiel nicht zu erliegen. Hier befand sich sogar ein Knabe,
dessen »Mutter ihre Zeit in Norfolk absaß«, auf ferner Insel inmitten
des australischen Meeres, und dessen wegen Raubmords verurteilter
Vater hinter den Mauern von Newgate unter den Händen des berühmten
(Scharfrichters) Berry geendet hatte.
Dieser Knabe hieß Carker. Schon in seinem zwölften Jahre schien er in
den verbrecherischen Spuren der Eltern weiter zu wandeln. Daß dieser
inmitten des verwahrlosen Gesindels der Lumpenschule eine gewisse Rolle
spielte, ist ja nicht zu verwundern. Er, ein Verdorbener, der andre
verdarb, genoß eines besondern Ansehens, er hatte seine Schmeichler und
Helfershelfer, war der geborne Anführer der Schlimmsten und bereits zu
jedem schlechten Streiche bereit, eine Vorübung zu den Verbrechen, die
er nach seinem Austritt aus der Schule gewiß beging.
Der »Findling« freilich empfand nur heftigen Widerwillen gegen Carker,
wenn er ihn -- den Sohn des Gehenkten! -- zuweilen auch mit großen Augen
voller Erstaunen betrachtete.
Im allgemeinen gleichen diese Armenschulen kaum den modernen
Unterrichtsanstalten, für die der Cubikmeter Luft nach hygienischen
Grundsätzen berechnet und der Raumbedarf nach der Kopfzahl bemessen ist.
Zum Lager gab es Stroh, da ist das Bett bald gemacht und bedarf kaum des
Aufschüttelns. Von einem Speisesaale war keine Rede, und der erschien
auch überflüssig, wo man nur Brodrinden nebst einigen Kartoffeln, und
auch das oft nur in unzureichender Menge, zu kauen hatte. Die Last
des Unterrichtens der Lumpenschüler lag auf den Schultern des Herrn
O'Bodkins. Er sollte ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen lehren, doch
ohne Gewähr des Gelingens, und wenn die Kinder zwei bis drei Jahre unter
seiner Zuchtruthe gestanden hatten, gab es unter ihnen kaum ein Dutzend,
die einen Maueranschlag zu entziffern vermocht hätten. Obgleich einer
der Jüngsten unterschied sich der kleine Junge jedoch sehr von seinen
Kameraden durch einen regen Lerntrieb, der ihm so manche Spöttelei
einbrachte. Es ist doch tief bedauerlich und social unverantwortlich,
wenn ein Menschenkind, das nach geistiger Ausbildung trachtet, diese
entbehren muß. Niemand vermag ja den zukünftigen Verlust durch die
Brachlegung eines jungen Gehirns abzuschätzen, das die Natur vielleicht
mit den besten -- jetzt nicht aufgehenden -- Keimen ausgestattet hatte.
Wenn die Zöglinge nun hier kaum mit dem Kopfe arbeiteten, lag das
nicht etwa daran, daß sie mit Handarbeit überbürdet gewesen wären. Die
tägliche Beschäftigung der Kinder bestand vielmehr nur darin, daß sie
etwas Brennmaterial für den Winter aufsammelten, sich bei mitleidigen
Seelen abgelegte Kleidungsstücke erbettelten und den Unrath von Pferden
und andern Thieren zusammenscharrten, um diesen an die Landleute für
wenige Coppers zu verkaufen -- eine Einnahmequelle, für die O'Bodkins
eine besondre Rechnung führte -- endlich durchwühlten sie, womöglich
vor den Hunden oder im Nothfalle nach Verjagung der Vierfüßler, die
Kehrichthaufen an den Straßenecken nach irgendwelchem verwendbaren oder
verwerthbaren Abfall. Spiele, Unterhaltungen gab es hier nicht, wenn man
es nicht als Vergnügen rechnen will, sich gegenseitig zu zerkratzen, zu
kneipen und zu beißen, abgesehen von den übeln Streichen, die Grip gar
häufig gespielt wurden. Der brave Bursche machte davon wenig Aufhebens;
doch das reizte Carker und die andern Schlingel nur noch mehr an, ihm
auf gemeinste und grausamste Weise mitzuspielen.
Das einzige einigermaßen saubere Zimmer der Lumpenschule war das des
Directors, das natürlich keiner betreten durfte, denn dann wären seine
Bücher unfehlbar zerrissen, seine Schreibereien überallhin verstreut
worden. Im Gegentheil gefiel es dem Manne, wenn seine Zöglinge sich
draußen umhertrieben und dumme Streiche trieben; ihm kamen sie, die der
Hunger und die Müdigkeit in die Lumpenschule heimtrieb, doch immer zu
zeitig zurück.
Bei seiner ernsteren Natur und seinen besseren Neigungen war der
Findling unablässig nicht nur dem rohen Spotte, sondern auch
den Gewaltthätigkeiten Carker's und eines halben Dutzend andrer
preisgegeben. Er vermied es aber, sich zu beklagen. Wenn er nur stark
genug gewesen wäre! Er hätte sich schon Respect verschafft, hätte
Schlag für Schlag, Fußtritt für Fußtritt zurückgegeben -- jetzt freilich
schwoll ihm das Herz nur vor Ingrimm, zur Selbstvertheidigung zu schwach
zu sein.
Gleichzeitig verließ er das Schulhaus am wenigsten, da er sich ja der
Ruhe erfreute, wenn die übrigen draußen herumlungerten. Er stand sich
dabei freilich schlecht, denn unterwegs hätte er ja etwas zum abnagen
finden oder ein altbackenes Brödchen für zwei bis drei als Almosen
erhaltene Coppers kaufen können. Ihm widerstrebte es aber, die Hand
auszustrecken und hinter den Wagen herzulaufen, um ein verlorenes
Geldstückchen aufzulesen, vorzüglich aber, Ladenauslagen und dergleichen
zu berauben, was die anderen oft genug leichten Herzens thaten. Nein, er
zog es vor, bei Grip zu bleiben.
»Nun, Du willst nicht fortgehen? fragte ihn dieser.
-- Nein, Grip.
-- Carker wird Dich schlagen, wenn Du heut' Abend nichts heimgebracht
hast.
-- Da will ich mich lieber schlagen lassen!«
Grip empfand für den kleinen Jungen eine warme, von diesem getheilte
Zuneigung. Selbst geistig ziemlich beanlagt und geübt im Lesen und
Schreiben, bemühte er sich, dem Kinde zu lehren, was er gelernt hatte.
Seit seinem Verweilen in Galway zeigte der Findling auch immer weitere
Fortschritte, wenigstens im Lesen, und versprach also, seinem Lehrer
Ehre zu machen.
Hier sei auch nicht vergessen, daß Grip einen großen Vorrath
unterhaltender Geschichten im Kopfe hatte, die er gern erzählte.
Mit seinem herzlichen Lachen in dieser düsteren Umgebung kam es dem
Findling vor, als verbreite der gute Grip einen Lichtstrahl in der
traurigen Finsterniß.
Was unsern Helden am meisten wurmte, war, daß die andern sich immer an
Grip rieben und ihm ihr Uebelwollen auf jede Weise fühlen ließen, was
dieser, wie erwähnt, mit philosophischer Ruhe duldete.
»Aber, Grip!... begann der Findling zuweilen.
-- Was willst Du?
-- Der Carker ist doch recht schlecht!
-- Gewiß, sehr ungezogen. -- Warum klopfst Du ihm nicht den Rücken?
-- Ich? Klopfen?...
-- Ja, und auch den andern?«
Grip zuckte mit den Schultern.
»Bist Du denn nicht stark, Grip?
-- Das weiß ich nicht.
-- Du hast aber doch lange Arme und Beine...«
Ja, groß war Grip wohl, doch auch hager, wie ein Blitzableiter.
»Nun also, Grip, warum prügelst Du sie nicht, die abscheulichen Kerle?
-- Weil sich's nicht der Mühe lohnt.
-- O, wenn ich Deine Arme und Beine hätte...
-- Dann wär's besser, Kleiner, sich ihrer zum Arbeiten zu bedienen.
-- Meinst Du?
-- Ganz gewiß.
-- Nun gut, laß uns zusammen arbeiten. Sprich!... Wir versuchen's.
Willst Du?«
Grip wollte das herzlich gern.
Zuweilen gingen beide aus. Grip nahm das Kind mit, wenn er etwas zu
besorgen hatte. Der Findling trug freilich die erbärmlichste Kleidung,
die ihm nicht einmal auf den Leib paßte; zerrissene Hosen,
eine zerfetzte Jacke, eine Mütze ohne Deckel und an den Füßen
Rindslederschuhe, deren Sohlen nur durch Bindfaden noch daran
festgehalten wurden. Mit Grip, der auch nur das abgetragenste Zeug
besaß, sah es allerdings kaum besser aus. Es waren gleiche Brüder mit
gleichen Kappen. Jetzt, in der schönen Jahreszeit, ging das ja noch an.
Gute Witterung ist in den nördlichen Grafschaften Irlands aber ebenso
selten, wie ein gutes Essen in der Hütte Paddys. Beim Regen aber, beim
Schnee erregten die beiden, halb entblößt und erfroren, die Füße vom
Schnee fast angeätzt, das Mitleid der ihnen begegnenden Leute, wenn
der Große den Kleinen an der Hand führte und beide Trab liefen, um sich
etwas zu erwärmen.
So trollten sie durch die Straßen von Galway, das fast einer spanischen
Stadt ähnelt, oft unbeachtet von einer gleichgiltigen Menge. Der
Findling hätte gar zu gern gewußt, was in den Häusern da drin
wäre. Durch die engen, meist mit Gittern verwahrten Fenster mit den
herabgelassenen Jalousien war freilich nichts zu entdecken. Für ihn
waren diese Häuser mit Silbermünzen angefüllte Geldschränke. Und die
Gasthäuser, wohin die Reisenden im Wagen angefahren kamen, wie gern
hätte er in deren schöne Zimmer einmal gesehen, vorzüglich in die des
Royal-Hôtel! Die Dienerschaft hätte aber sicherlich beide wie Hunde
fortgejagt oder, was noch schlimmer ist, wie Bettler, denn ein Hund
findet noch eher einmal eine liebkosende Hand.
Und wenn sie vor den, übrigens nur mangelhaft ausgestatteten Läden der
Flecken des oberen Irland stehen blieben, schienen diese den beiden
unschätzbare Reichthümer zu bergen. Da warfen sie brennende Blicke auf
die Auslage eines Kleiderladens, sie, die sich nur in Lappen wickeln
konnten, oder durch das Fenster eines Schuhwaarengeschäfts, sie, die
nur fast barfuß gingen. Der Genuß, einmal einen neuen Rock auf dem Leibe
oder eigens angemessene Stiefeln an den Füßen zu tragen, blieb ihnen
voraussichtlich ja für immer versagt, ebenso wie den vielen Elenden, die
da verurtheilt sind, sich mit dem, was andre wegwerfen und mit Abfällen
aus der Küche zu begnügen.
Auch Schlächterläden gab es da, mit ganzen Rindervierteln am Haken,
von denen eines ausgereicht hätte, die Lumpenschule einen vollen Monat
hindurch zu sättigen. Als Grip und der Findling das saftige Fleisch
betrachteten, da öffneten sie weit den Mund, fühlten aber, wie ihr Magen
sich dabei zusammenschnürte.
»Ei was, sagte Grip, bewege nur die Kinnladen, Kleiner, das ist fast
ebenso gut, als wenn Du geschmaust hättest!«
Und vor den großen Brodlaiben, die noch einen angenehmen, warmen Duft
ausströmten, vor den »Cakes« und andern feineren, den Gaumen reizenden
Backwaaren standen sie wohl auch zuweilen mit trockner Zunge und
zusammengepreßten Lippen, Hunger, den quälenden Hunger in den Zügen, und
dann murmelte der Findling wohl:
»Ach, das muß aber gut schmecken, Grip!
-- Gewiß, Kleiner, bestätigte dieser.
-- Hast Du schon so etwas gegessen?
-- Ja, einmal doch.
-- Ach!« seufzte der kleine Junge.
Er hatte ja nie dergleichen gekostet, weder bei Thornpipe, noch seit die
Lumpenschule ihm Obdach gewährte.
Eines Tages fragte ihn eine Frau, die für sein blasses Gesicht Mitleid
empfand, ob ihn wohl so ein Kuchen erfreuen würde.
»Da wünscht' ich mir lieber Brod, erwiderte er.
-- Warum denn das, mein Kind?
-- Weil man davon mehr bekommt.«
Eines Tages aber, als Grip für einige Besorgungen ein paar Pence
erhalten hatte, kaufte dieser einen kleinen, mindest acht Tage alten
Kuchen.
»Schmeckt er gut? fragte er den Knaben.
-- O, herrlich... so süß, als ob er gezuckert wäre!
-- Da ist auch Zucker drin, versicherte Grip, echter, richtiger Zucker!«
Bisweilen lustwandelten die beiden Freunde bis zur Vorstadt Salthill.
Von hier aus kann man die ganze Bai überblicken, die zu den schönsten
Irlands gehört. Da sieht man die drei Inseln Aran, die sich am Eingange
erheben wie die drei Felskegel von Vigo -- eine weitere Aehnlichkeit mit
Spanien -- und rückwärts die wilden Bergmassen des Burren und des Clare,
sowie die steilen Uferklippen von Moher. Dann gingen sie nach dem Hafen
zurück, nach den Quais und längs der Docks hin, deren Anlage begonnen
hatte, als einmal die Absicht aufgetaucht war, Galway zum Ausgangspunkte
einer transatlantischen Dampferlinie zwischen Europa und Nordamerika zu
machen, da von hier aus der Seeweg am kürzesten wäre.
Als beide da verschiedene Schiffe, theils in der Bai vor Anker liegend,
theils an der Hafenmauer vertäut, erblickten, fühlten sie sich mächtig
davon angezogen, als wenn das Meer gegen arme Leute minder grausam sein
könnte als die Erde, da es eine sichrere Existenz verspricht und das
Leben in der freien Luft der Oceane jedenfalls dem in den dunstigen,
verpesteten Gassen der Städte vorzuziehen ist. Vor allen andern Berufen
schien ihnen der des Seemannes ebenso dem Kinde die Gesundheit, wie dem
Manne den Lebensunterhalt zu gewährleisten.
»Das muß schön sein, Grip, auf diesen Schiffen mit ihren großen Segeln
zu fahren! rief der Findling aufjubelnd aus.
-- Wenn Du wüßtest, wie es mich danach verlangt! antwortete Grip, der
den Kopf zurückwarf.
-- Warum bist Du dann nicht Seemann geworden?...
-- Du hast Recht... ich hätte Matrose werden sollen.
-- Du wärst so weit... so weit gefahren....
-- Nun, vielleicht macht sich das noch.« -- Jetzt war es freilich nichts
damit.
Der Hafen von Galway wird durch die Mündung eines Flusses gebildet, der
aus dem Lough Corrib abströmt und sich in die Bai ergießt. Am andern
Ufer, jenseits einer Brücke, erhebt sich das bemerkenswerthe Dorf
Claddagh, das viertausend Einwohner zählt, lauter Fischer, die sich seit
langer Zeit einer selbstständigen Gemeindeverwaltung erfreuen, und deren
Ortsvorsteher in alten Urkunden als »König« aufgeführt ist. Grip und
das Kind kamen dann und wann bis nach Claddagh. Der Findling hätte Alles
darum gegeben, einer der rüstigen, muthwilligen, wettergebräunten Knaben
hier, der Sohn einer kräftigen Mutter zu sein, in deren Adern noch ein
Tropfen galicisches Blut rollte, wenn die Frauen gleich ihren
Männern auch ein etwas wildes Aussehen haben. Ja, er beneidete diesen
lebenslustigen Schwarm, der sich gewiß glücklicher fühlte, als die
Kinder in so manchen Städten Irlands. Wie gern hätte er sich zu den
Knaben gesellt, die da lachten, kreischten, im Wasser herumplätscherten,
wie gern hätte er zu ihnen gehört! Bei seiner zerfetzten Kleidung wagte
er's aber nicht, sich ihnen zu nähern, sie hätten ja glauben können, er
wolle betteln. So hielt er sich, eine schwere Thräne im Auge, beiseite
und schlürfte nur nach dem Marktplatze hin, um sich die schönfarbigen
Makrelen und die silbergrauen Häringe, die einzigen Meeresbewohner, auf
deren Fang die Fischer von Claddagh ausgehen, etwas anzusehen. Von
den Hummern und Taschenkrebsen, die es zwischen den Klippen der Bai
ebenfalls in großer Menge gab, konnte er nicht glauben, daß sie gut
schmeckten, obgleich ihm Grip, nach dem, was ihm zu Ohren gekommen
war, versicherte, »es wäre wie Schaumkuchen, was die Thiere unter ihrer
Schale hätten«. Vielleicht sollten sie das einmal selbst erproben.
Nach ihrem Spaziergange begaben sich beide durch die engen und
schmutzigen Straßen in der Richtung nach der Lumpenschule zurück. Dabei
gingen sie an Ruinen vorüber, die Galway das Aussehen verleihen, als sei
es zur Hälfte durch ein Erdbeben zerstört worden. Und doch haben Ruinen,
wenn die Zeit sie geschaffen hat, auch ihren Reiz. Hier freilich, wo
sie nur aus Häusern bestanden, die wegen Mangels an Baucapitalien
unvollendet blieben, deren kaum dem Erdboden entstiegene Mauern überall
Risse zeigten, kurz, hier, wo nur eine Folge der Vernachlässigung und
nicht ein Werk der Jahrhunderte vorlag, machte das Ganze eher einen
beklemmenden, traurigen Eindruck.
Noch schlimmer als die ärmeren Stadttheile, noch abstoßender als die
verwitterten Hütten der Vorstädte Galways, so freilich sah die elende,
dumpfige Wohnung, das unzureichende Obdach aus, wo das Elend die
Genossen des Findlings zusammenpferchte, und Grip und er beeilten sich
auch gar nicht, als die Stunde der Heimkehr geschlagen hatte.
IV.
Das Begräbniß einer Möwe.
Leicht dürfte man sich fragen, ob der Findling im Kreise dieser
moralisch tief stehenden Genossen nicht auch mit Rückschritte gemacht
habe. Man begreift wohl, daß ein Kind, dem alle Sorgfalt zu Theil wird,
das überall Liebe umgiebt, sich ganz dem Glücke des Lebens hingiebt,
daß es, ohne nach dem zu fragen, was gewesen ist oder sein wird, seine
Jugend genießt. Doch wenn die Vergangenheit nur eine Kette von Trübsal
und Leiden gewesen ist, da erscheint die Zukunft wohl in düstrer
Färbung, die sich vom Bilde der Vergangenheit auf sie überträgt.
Was konnte aber der Findling, wenn er ein oder zwei Jahre zurückblickte,
sehen? Jenen Thornpipe, den rohen, verthierten Menschen, den
mitleidslosen Quälgeist, den er noch immer einmal in den Straßen der
Stadt oder draußen auf dem Landwege wieder zu treffen fürchtete und der
sich dann seiner gewiß zu bemächtigen suchen würde; daneben kam ihm noch
die Erinnerung an jene grausame Frau, die ihn mißhandelte, freilich
auch das Bild des kleinen Mädchens, die ihn zuweilen auf den Knien
schaukelte.
»Ich glaube mich zu erinnern, daß sie Sissy[1] hieß, sagte er eines
Tages zu seinem Freunde.
-- Welch' hübscher Name!« antwortete Grip.
Grip war im Grunde der Meinung, daß jene Sissy nur in der Einbildung des
Kindes existierte, denn man hatte nie etwas näheres von ihm in Erfahrung
bringen können. Wenn er in dieser Hinsicht indessen einen Zweifel
durchblicken ließ, war der Findling nahe daran bös zu werden. Da er
sie in der Erinnerung noch deutlich vor sich sah, mußte er ihr ja einst
wieder begegnen. Doch was mochte aus ihr geworden sein? Trennten sie
viele Meilen von einander?... Sie liebte ihn ja und er auch sie....
Das war die erste Neigung, die er vor seinem Bekanntwerden mit Grip
empfunden hatte, und er sprach von ihr wie von einem großen Mädchen. Sie
war so sanft und gut und liebkoste ihn und trocknete seine Thränen, ja
sie küßte ihn und theilte mit ihm ihre Erdäpfel....
»Ich hätte sie so gern schützen mögen, wenn die alte häßliche Frau sie
schlug, sagte der kleine Knabe.
-- Ich auch, und ich glaube, ich würde da derb zugepackt haben!«
antwortete Grip, um dem Kinde ein Vergnügen zu machen.
Wenn der wackre Bursche sich übrigens nicht selbst vertheidigte, wenn
man ihm zu nahe kam, so wußte er doch recht gut, andre zu vertheidigen
und hatte davon schon manchen Beweis geliefert, sobald es darauf ankam,
seinen Schützling vor den böswilligen Angriffen der Rotte zu decken.
Einmal schon, in den ersten Monaten seines Aufenthaltes in
der Lumpenschule, war der Findling, verlockt durch den Ton der
Kirchenglocke, eines Sonntags in die Kathedrale von Galway eingetreten.
Nur ein glücklicher Zufall hatte ihn dahin führen können, denn selbst
die Touristen haben Mühe, das Bauwerk zu entdecken, das in einem
Labyrinth von unsauberen, engen Straßen verloren ist.
Da stand nun das Kind verschämt und furchtsam. Der unerbittliche Küster
hätte den Knaben, wenn er diesen erblickte, wie er halb entblößt sich
in die Ecke drückte, gewiß nicht in der Kirche gelitten. Der Kleine war
ganz erstaunt und entzückt von dem, was er hörte, von den geistlichen
Liedern in Begleitung der Orgel, und von dem, was er sah, dem Priester
am Altar im goldgestickten Ornate, und den großen Kerzen, die am hellen
Tage brannten.
Der Findling hatte nicht vergessen, daß der Pfarrer von Westport
manchmal von Gott zu ihm gesprochen hatte, von Gott, der unser aller
Vater ist. Er erinnerte sich auch, daß sogar der Puppenschausteller
den Namen Gottes in den Mund nahm, freilich nur, wenn er schreckliche
Verwünschungen ausstieß, und das verwirrte jetzt seine Gedanken inmitten
der religiösen Handlung. Dennoch empfand er, unter der hohen Wölbung
hinter einem Pfeiler versteckt, eine Art Neugier, indem er den
Geistlichen betrachtete, wie er Soldaten angestaunt hätte. Und während
sich die ganze Versammlung beim Aufheben der Monstranz und den Tönen des
Glöckchens tief verneigte, da verschwand er wieder ohne bemerkt worden
zu sein und glitt über die Steinplatten so leise hinweg, wie eine Maus,
die in ihr Loch huscht.
Aus der Kirche nach Hause gekommen, erwähnte er davon gegen niemand
etwas, nicht einmal gegen Grip, der übrigens nur eine unklare
Vorstellung von der Bedeutung der Messe und der Vesper hatte. Nach
einem zweiten Besuche aber, als er sich gerade mit der alten Kriß allein
befand, wagte er die Frage, was denn Gott eigentlich sei.
»Gott?... antwortete die alte Frau, deren schreckliche Augen durch die
dicken, ihrer Pfeife entströmenden Wolken blitzten.
-- Ja, Gott?...
-- Das ist der Bruder des Teufels, dem er die unartigen, vormäuligen
Kinder zuschickt, um sie in dessen höllischem Feuer verbrennen zu
lassen.«
Auf diese Antwort erblaßte der Findling, und obwohl er gern gewußt
hätte, wo sich diese glühende Hölle befinde, wagte er es doch nicht, die
alte Frau Kriß danach zu fragen.
Fortwährend aber dachte er an diesen Gott, der nur die Aufgabe zu haben
schien, kleine Kinder zu bestrafen, und wie schrecklich zu bestrafen,
wenn er die Worte der Kriß für Wahrheit halten konnte.
Die Sache drückte ihn dermaßen, daß er darüber eines Tages mit seinem
Freunde Grip reden wollte.
»Sage mir einmal, Grip, hast Du schon zuweilen von der Hölle reden
hören?
-- Ja, dann und wann, Kleiner.
-- Und wo ist denn die Hölle?
-- Das weiß ich freilich nicht.
-- Sage mir... wenn man dort die bösen Kinder verbrennt, wird da auch
Carker verbrannt werden?
-- Gewiß, im lichterlohen Feuer!
-- Ich, Grip, ich bin wohl nicht so schlecht, nicht wahr?
-- Du?... Schlecht?... Nein, das glaub' ich nicht.
-- Dann werd' ich also nicht verbrannt?...
-- Kein Härchen wird Dir versengt!
-- Und Dir auch nicht, Grip?
-- Nein, nein, mir auch nicht!«
Grip hielt es aber für angezeigt, hinzuzufügen, bei ihm lohne es gar
nicht der Mühe, da er so mager sei.
Das war also alles, was der kleine Junge bis jetzt von Gott wußte und
was er vom Katechismus gelernt hatte. Dennoch verrieth ihm trotz seiner
Jugend eine innere Stimme, was Recht und was Unrecht war. Wenn er auch
nicht nach den Vorschriften der alten Hausverwalterin der Lumpenschule
bestraft zu werden fürchtete, so drohte ihm das um so mehr von seiten
O'Bodkins'!
Dieser war nämlich gar nicht zufrieden mit ihm. Der Findling figurierte
noch nicht auf dem Conto der Einnahmen, wohl aber auf dem der Ausgaben.
Das Bürschchen verursachte nur Unkosten (wenn diese auch gering waren)
und erwarb nichts. Die andern, welche bettelten und gelegentlich wohl
Kleinigkeiten stahlen, trugen doch in etwas zu den Kosten der Wohnung
und der Nahrung bei, während dieses Kind gar nichts heimbrachte.
Eines Tages machte ihm O'Bodkins darüber die bittersten Vorwürfe, wobei
er ihn durch die Brille mit strengem Blicke maß.
Der kleine Knabe hatte Selbstbeherrschung genug, nicht zu weinen, als er
von O'Bodkins als verantwortlichem Leiter und Director der Schule diese
Predigt erhielt.
»Du willst wohl gar nichts thun? herrschte er ihn an.
-- Doch, Herr Director, erwiderte das Kind. Sagen Sie mir nur, was ich
thun soll.
-- Nun irgend etwas, was so viel einbringt, wie Du hier kostest.
-- Das möcht' ich gerne, ich weiß es aber nicht anzufangen.
-- Ei, da läuft man den Leuten auf der Straße nach, spricht sie an, ob
sie etwas zu besorgen haben....
-- Ich bin zu klein, niemand will mich dazu haben.
-- So durchwühlst Du die Abraumhaufen an den Ecksteinen, darin ist immer
noch etwas zu finden.
-- Ja, mich beißen aber die Hunde, und ich bin nicht stark genug, ich
kann sie nicht fortjagen.
-- Wirklich? Hast Du denn Hände?
-- Ja.
-- Und hast Du auch Beine?
-- Ja.
-- Nun also, so laufe den Wagen nach und bettle einige Coppers, da Du
nichts andres machen kannst.
-- Ich soll Coppers betteln!«
Der Findling fühlte einen Stich im Herzen, so empörte sich sein
natürlicher Stolz, und er erröthete bei dem Gedanken, die Hand
ausstrecken zu sollen.
»Das bin ich nicht im Stande, Herr O'Bodkins! sagte er.
-- Ach, das könntest Du nicht? --
-- Nein!
-- Doch könntest Du denn leben ohne zu essen?... Nein, nicht wahr?
Ich sage Dir aber, daß ich nächstens mit Dir doch eine solche Probe
anstellen werde, wenn Du nicht etwas ersinnst, Deinen Unterhalt zu
verdienen! Jetzt trolle Dich weg!«
Seinen Unterhalt verdienen, und das im Alter von vier Jahren und
wenigen Monaten! Freilich verdiente er ja schon etwas bei dem
Puppenschausteller, doch auf welche Weise! Der Kleine trollte sehr
bestürzt davon. Wer ihn dann in seinem Winkel gesehen hätte, wie er mit
gekreuzten Armen und hängendem Kopfe dasaß, der hätte Mitleid mit ihm
haben müssen. Das Leben war für das arme kleine Geschöpf eine recht
schwere Last!
Sind solche verlassene kleine Wesen nicht schon von allerfrühester
Zeit durch das Elend abgestumpft, so mag sich selten jemand vorstellen
können, was sie leiden, und jeder würde ihnen gewiß seine Theilnahme
nicht versagen.
Nach den Vorwürfen des Directors kamen dann noch die Schmähungen der
Schlingel aus der Schule.
Diese ärgerte es, daß der Junge ehrbarer war als sie. Alle strebten
danach, ihn zum Schlechten zu verleiten, und an schlimmen Rathschlägen
und... Hieben ließen sie es dazu nicht fehlen.
Carker vorzüglich zeichnete sich in dieser Hinsicht vor allen übrigen
aus.
»Du willst nicht betteln? fragte er eines Tages.
-- Nein, antwortete der Findling mit fester Stimme.
-- Nun, Du Dummkopf, man bettelt und bettelt auch nicht, man nimmt
einfach!
-- Nehmen?
-- Natürlich! Sieht man einen gutgekleideten Herrn mit einem aus der
Tasche hervorhängenden Taschentuche, so schleicht man an ihn heran,
zieht vorsichtig an dem Taschentuche, und da kommt das ganz allein
heraus.
-- Lass' mich in Ruhe, Carker!
-- Manchmal folgt auch noch ein Portemonnaie dem Taschentuche nach....
-- Das nennt man stehlen!
-- Und in den Portemonnaies der reichen Leute findet man keine Coppers,
sondern Schillinge, Kronen und auch Goldstücke; die steckt man hübsch
ein und theilt sie mit den Kameraden.
-- Ja, fiel ein andrer ein, und während man davon läuft, macht man den
Polizisten eine lange Nase.
-- Na, übrigens, fuhr Carker fort, wenn man nun auch eingeschlossen
würde, was hätte das zu bedeuten? Da, im Gefängniß ist es ebenso gut wie
hier, wenn nicht noch besser. Dort erhält man Brod, Suppe, Kartoffeln
und ißt sich ordentlich satt.
-- Ich mag aber nicht, ich mag nicht!« wiederholte der Kleine, der sich
der Taugenichtse zu erwehren suchte, die ihn wie einen Ball hin- und
herstießen.
Da erschien Grip im Saale und beeilte sich, ihn seinen Peinigern zu
entreißen.
»Daß Ihr mir den Kleinen ungeschoren laßt!« rief er, die Hände ballend.
Dieses Mal war Grip wirklich wüthend.
»Du weißt, sagte er zu Carker, ich schlage nicht oft zu, nicht wahr,
doch wenn's einmal geschieht, dann auch ordentlich!...«
Die Buben ließen ihr Opfer frei, warfen ihm aber wüthende Blicke,
offenbar mit dem Versprechen zu, daß sie wieder über den Kleinen
herfallen würden, wenn Grip nicht mehr da wäre, und nur die Gelegenheit
abwarteten, womöglich beiden etwas auszuwischen.
»Na, Du wirst ganz gewiß verbrannt, Carker! sagte der Findling mit etwas
Theilnahme in den Mienen.
-- Verbrannt?...
-- Ja, in der Hölle, wenn Du Dich nicht besserst!«
Diese Versicherung rief bei dem Taugenichtse freilich nur ein tolles
Gelächter hervor, während bei dem Kleinen die Ueberzeugung, daß Carker
geröstet werden würde, unerschütterlich feststand.
Das Dazwischentreten Grip's reizte die Rangen selbstverständlich noch
mehr, und trieb sie an, sich an Beschützer und Beschützten ordentlich zu
rächen.
In den Winkeln des Hauses beriethen die schlimmsten Insassen der
=Ragged-School= ihre hinterlistigen Pläne. Grip ließ sie jedoch nicht
aus den Augen und blieb, so viel er konnte, in der Nähe des bedrohten
Knaben. Für die Nacht nahm er ihn mit nach der Bodenkammer, die er unter
den Dachsparren bewohnte. War's hier auch kalt und recht dürftig, so
blieb der Findling doch gegen die gemeinen Knaben und die schlechte
Behandlung der übrigen Rotte geschützt.
Eines Tages lustwandelten Grip und er auf dem Strande von Salthill, wo
sie sich badeten und der ältere, der des Schwimmens kundig war, seinen
kleinen Begleiter darin unterrichtete. O, wie glücklich fühlte sich
dieser, in die klare Fluth tauchen zu können, auf der die schönen
Schiffe dahintrieben... weit, weit weg, bis die weißen Segel am
Horizonte verschwanden.
Beide belustigten sich in den langen Wellen, die gegen das Ufer
brandeten, wobei Grip das Kind an den Schultern hielt und ihm die zum
Schwimmen nöthigen Bewegungen lehrte.
Da ließ sich plötzlich von den Uferklippen her ein wahrhaft teuflisches
Geheul vernehmen und in der Nähe wurde der ganze Auswurf der
Lumpenschule sichtbar.
Es waren nur ein Dutzend, aber die schlimmsten und rohesten Burschen und
natürlich Carker an der Spitze.
Sie schrien so unbändig, weil sie eine flügellahme Möwe entdeckt hatten,
die zu entfliehen suchte, was ihr vielleicht noch gelungen wäre, wenn
sie Carker nicht mit einem Stein getroffen hätte.
Der Findling stieß einen Aufschrei hervor, als wäre er von dem Wurfe
getroffen worden.
»Die arme Möwe!... Das arme Thier!« rief er klagend.
In Grip's Herzen kochte der Zorn auf und er hätte Carker wahrscheinlich
eine Tracht Prügel verabreicht, die dieser nicht so leicht vergessen
hätte, als er sah, daß das Kind den Strand hinauf mitten unter die Bande
eilte und für den Vogel um Erbarmen bat.
»Carker, ich bitte Dich... wiederholte der Kleine... schlage lieber
mich, nicht aber die Möwe... nur die Möwe nicht!«
Ein Hagel von Spottreden war die Antwort darauf, als die andern ihn ganz
nackt mit den dünnen Beinchen und den vorspringenden Hüftknochen ans
Land laufen sahen, während er noch immer rief:
»Gnade... Gnade... für die arme Möwe!«
Keiner hörte auf sein Flehen, sondern alle lachten ihn aus und
verfolgten den Vogel weiter, der sich vergeblich von der Erde zu erheben
und dann, mühsam auf den Füßen forthüpfend, zwischen den Felsen Schutz
suchte.
Vergeblich.
»Ihr Feiglinge!... Ihr Thierquäler!« rief der Findling ihnen zu. Carker
hatte die Möwe an dem einen Flügel gepackt, schwenkte sie herum und
warf sie dann in die Luft. Sie fiel wieder zu Boden, wo sie ein andrer
ergriff und auf die Strandkiesel schleuderte.
»Grip... Grip!... rief der Findling wiederholt, nimm sie in Schutz,
Grip!«
Dieser stürzte sich zwar auf die Rangen, um ihnen den Vogel zu
entreißen, er kam jedoch zu spät. Carker hatte der Möwe schon mit dem
Absatz den Kopf zertreten.
Ein gellendes Lachen und ein jubelndes Hurrah belohnte diese Heldenthat.
Der kleine Knabe war außer sich. Der Zorn aber übermannte ihn, und in
blinder Wuth hob er einen Stein auf und traf damit Carker mitten auf die
Brust.
»Ha, das sollst Du mir theuer bezahlen!« brüllte Carker.
Und ehe Grip es verhindern konnte, stürzte er auf den Schwachen zu,
zerrte ihn nach dem Strande und schlug nach Kräften auf ihn los.
Während dann die übrigen Grip an Armen und Beinen zurückhielten, drückte
jener den Kopf des kleinen Knaben unter das Wasser, daß dieser beinahe
erstickt wäre.
Als es Grip endlich gelungen war, sich durch hageldicht ausgetheilte
Schläge von den Taugenichtsen, die meist heulend auf den Sand
hinkollerten, zu befreien, eilte er Carker nach, der natürlich mit der
ganzen Bande davonlief.
Zurückkehrend sah er, wie die Wellen den Findling schon fast mit
hinausgezogen hatten, wenn er den halb bewußtlosen Knaben nicht noch im
letzten Augenblick erfaßte und emporzog.
Nachdem er ihn tüchtig gerieben, kam der Kleine wieder zu sich. Schnell
hüllten sich beide in ihre erbärmliche Kleidung und Grip führte den
Kleinen an der Hand mit fort.
Am Ufer lag der muthwillig getödtete Vogel. Da höhlte der Kleine, dem
die Thränen in die Augen traten, ein Loch am Uferrande aus und vergrub
das arme Thier... er, der selbst ja weiter nichts war, als ein
verlassener Vogel... eine arme menschliche Möwe.
V.
Noch einmal die =Ragged-School=.
Nach Hause gekommen, glaubte Grip den Herrn O'Bodkins auf das Betragen
Carkers und der übrigen aufmerksam machen zu sollen. Nicht, daß er sich
über ihm selbst gespielte Streiche -- worüber er ja gutmüthig hinwegsah
-- Klage führen wolle, nein, nur die üble Behandlung, die dem kleinen
Knaben zu Theil geworden war, lag ihm am Herzen. Und diesmal war das
sogar so weit gegangen, daß das Kind ohne die Hilfe Grip's jetzt todt
gewesen wäre.
Als einzige Antwort zuckte O'Bodkins nur mit den Achseln. Grip mußte
das verstehen: es handelte sich um Dinge, für die der Director nicht
verantwortlich war und die ihm also nichts angingen. Das Hauptbuch
konnte doch unmöglich noch eine Rubrik für Ohrfeigen und eine andre
für Fußtritte erhalten. So etwas ließ sich ja ebensowenig nach
arithmetischen Regeln zusammenstellen wie drei Kieselsteine und fünf
Disteln. Ohne Zweifel war O'Bodkins als Leiter der Anstalt verpflichtet,
das Betragen der Zöglinge zu überwachen, die Verantwortung dafür liebte
er aber auf den Aufseher der Schule -- als solcher galt eben Grip --
abzuwälzen.
Von diesem Tage ab ließ nun Grip seinen Schützling niemals aus dem Auge,
vorzüglich nicht allein in dem großen Saale, und wenn er ausging, schloß
er den Kleinen sorgsam in seine Dachkammer ein, wo dieser sich dann
wenigstens in Sicherheit befand.
So verflossen die letzten Sommertage; der September kam heran. Für die
nördlichen Bezirke des Landes bedeutet das schon den Beginn des Winters,
und der Winter besteht für das obere Irland in fast ununterbrochenem
Schneegestöber, scharfen Winden und Nebeln, die von den übereisten
Ebenen des nördlichen Amerika stammen und von den Meereswinden nach
Europa getrieben werden.
Es herrscht unfreundliches, rauhes Wetter an den Ufern der Bai von
Galway, die zwischen den umgebenden Bergen wie zwischen den Wänden eines
Gletschers liegt. Da giebt es kurze Tage und lange Nächte, peinlich
genug für alle, in deren Kamin kein wärmendes Feuer flackert. In der
Lumpenschule herrschte natürlich auch eine recht niedrige Temperatur,
außer vielleicht im Zimmer des Directors O'Bodkins. Doch wenn der
verantwortliche Leiter der Anstalt nicht warm gesessen hätte, wäre ihm
ja die Tinte im Schreibzeug eingefroren, und das ging doch nicht wohl
an.
Jetzt galt es vor allem, auf Straßen und Landwegen zusammenzuraffen, was
irgend brennbar war und einige Wärme liefern könnte. Freilich ergab das
nicht viel, wenn man wie hier auf herabgefallene dürre Zweige, auf durch
den Rost gefallene Kohlenstückchen, die in den Haufen vor den Häusern
lagen, angewiesen war, und etwa auf die längs der Quais verstreut
liegend verlornen Kohlenstücke, um die sich die armen Leute fast
schlugen.
Die Zöglinge der Lumpenschule mußten sich also dieser Arbeit unterziehen
und auch der Findling nahm daran ohne Widerspruch theil, das war doch
wenigstens kein Betteln. Dann brannte denn auch ein Feuer im Ofen, so
gut es eben zu unterhalten war.
Die ganze, in der zerrissenen Kleidung frierende Schule drängte sich
um den Ofen, wobei die Größten natürlich die besten Plätze eroberten,
während das Abendbrod im Kessel bereitet wurde. Und welches Abendbrod!
Weggeworfene Kartoffeln, Brodrestchen, Knochen, an denen zuweilen noch
ein Bissen zähes Fleisch hing.... Das ganze eine jämmerliche Suppe,
worauf einige Fettklümpchen die Augen guter Bouillon vertraten.
Nahe dem Feuer gab es für den kleinen Jungen selbstverständlich
niemals einen Platz und selten einen Löffel von der Suppe, die die alte
Hausverwalterin für die Größeren aufhob. Diese stürzten gleich hungrigen
Hunden darüber her und wiesen den andern die Zähne, um ihre magere
Mahlzeit zu vertheidigen.
Den Kleinen pflegte Grip in sein Loch mitzunehmen, wo er ihm das Beste
von dem zuschob, was er von den täglichen Rationen empfing. Da gab es
freilich kein wärmendes Feuer. Doch wenn sich beide unter das Stroh
versteckten und sich aneinander drängten, dann gelang es ihnen
wohl, sich einigermaßen vor der Kälte zu schützen und einzuschlafen.
Vielleicht wärmte sie wenigstens der wohlthätige Schlaf!
Eines Tages begünstigte Grip das Glück in ganz besondrer Weise. Er war
unterwegs und ging eben auf der Hauptstraße von Galway hin, als ein in
das Royal-Hôtel zurückkehrender Reisender ihn beauftragte, noch einen
Brief nach der Post zu besorgen. Grip beeilte sich, diesem Wunsche
nachzukommen und erhielt einen ganzen Schilling zur Belohnung. Das
war nun freilich immer noch kein großes Capital, um dessen Anlegung in
Staatspapieren er sich etwa den Kopf zu zerbrechen brauchte, dagegen war
er sofort entschlossen, für das Geld etwas Eßbares einzukaufen, was zum
größeren Theil dem Findling, zum kleineren ihm selbst zu Gute kommen
sollte. So erhandelte er denn einige Fleisch- und Wurstwaaren, die
für drei Tage ausreichten und die von Carker und den andern unbemerkt
verzehrt wurden, denn Grip hatte begreiflicher Weise keine Ursache, mit
den andern Zöglingen zu theilen, die auch niemals mit ihm theilten.
Besonders wichtig wurde das Zusammentreffen Grip's mit dem Fremden noch
dadurch, daß dieser angesichts der erbärmlichen Kleidung des Burschen
ihm noch eine recht gut erhaltene wollene Weste schenkte.
Grip dachte natürlich gar nicht daran, diese selbst in Gebrauch zu
nehmen; nur sein kleiner Schützling lag ihm am Herzen, und dieser sollte
sich in der warmen Hülle unter seinen Lumpen gewiß recht wohl fühlen.
»Da steckt er darin wie ein Lamm in der Wolle!« sagte der brave junge
Mann für sich.
Das Lamm wollte aber nicht zugeben, daß sich Grip seines Vließes
beraubte. Es wurde hin und her verhandelt, und endlich kam man zu einer
befriedigenden Entscheidung.
Der Herr, von dem die Weste herrührte, war ziemlich stark und Grip hätte
in jene zweimal hinein gesteckt werden können. Er war auch groß, so daß
die Weste den kleinen Knaben vom Kopf bis zu den Füßen verhüllt hätte.
So erschien es also nicht unmöglich, das Kleidungsstück für beide
Freunde zurecht zu machen. Die alte trunksüchtige Frau Kriß zum
Zertrennen und wieder Zusammennähen desselben aufzufordern, wäre
freilich ebenso viel gewesen, wie sie zum Verzicht auf ihre Pfeife zu
bestimmen. So machte sich denn Grip in seiner Bodenkammer selbst an die
Arbeit. Er nahm dem Kinde Maß und erwies sich so geschickt, daß er eine
ganz brauchbare wollene Jacke zu Stande brachte. Er selbst erhielt dann
noch eine Weste, freilich ohne Aermel, aber doch eine Weste, und das war
auch etwas.
Natürlich bestimmte er den Findling, die Jacke unter seinen Lumpen
zu tragen, damit die andern sie nicht sehen sollten. Statt sie ihm
zu lassen, hätten diese sie ganz gewiß einfach zerrissen. Der Kleine
befolgte den klugen Rath und befand sich denn auch bei strenger
Winterkälte ganz erträglich in der weichen warmen Hülle.
Nach ungemein regenreichem October brachte der November recht kalten
Wind, der alle Feuchtigkeit der Atmosphäre zu Schnee verwandelte. In den
Straßen von Galway lag die weiße Decke zwei Fuß hoch. Das wirkte recht
hemmend beim Einsammeln von Brennmaterial ein. In der =Ragged-School=
froren alle gehörig, und wie es dem Ofen an Heizmaterial fehlte, so
fehlte es dem Magen, der ja auch ein Ofen ist, daran oft nicht minder.
Dennoch mußten die Zöglinge, trotz der Schneestürme, dem eisigen Winde,
auf Straßen und Wegen sich bemühen, den Bedarf der Schule zu decken.
Auf dem Erdboden war nichts mehr zu finden, so blieb denn nichts anders
übrig, als von Thür zu Thür zu gehen. Das Kirchspiel that ja für seine
Armen, was es konnte; doch ohne von der Lumpenschule zu reden, machten
noch recht viele Wohlthätigkeitsanstalten in harten Zeiten Anspruch auf
die Mildthätigkeit der Einwohner.
Die Kinder sahen sich also gezwungen, von einem Hause zum andern betteln
zu gehen, und wo nicht alles Mitgefühl erstorben war, da wurden sie auch
nicht unfreundlich empfangen. Meist freilich wies man sie barsch genug
ab und bedrohte sie wohl auch noch für den Fall, wenn sie wiederkämen,
so daß sie nicht selten mit leeren Händen zurückkehrten.
Wohl oder übel mußte der Findling dem Beispiele der andern folgen, und
doch, wenn er vor einer Thür stehen blieb und den Klopfer in die Höhe
gehoben hatte, schien es ihm, als fiele dieser mit schwerem Schlage auf
seine eigene Brust nieder. Statt dann die Hand auszustrecken, fragte er
an, ob er nicht irgend etwas besorgen könnte. Das ersparte ihm doch die
Beschämung zu betteln. Wer wollte aber einem fünfjährigen Knaben einen
Auftrag anvertrauen?... So warf man ihm zuweilen lieber ein Stück Brod
zu, das er weinend in Empfang nahm. Ja, Hunger thut weh!
Im December wurde die Kälte noch schlimmer. Immer und immer fiel der
Schnee in großen Flocken. Kaum konnte man in den Straßen den Weg noch
erkennen. Um drei Uhr nachmittags wurde das Gas schon angezündet, doch
das gelbliche Licht der Brenner vermochte den dicken Nebel kaum zu
durchdringen, so als wenn es alle Leuchtkraft verloren hätte. Wagen und
Karren waren jetzt gar nicht mehr unterwegs, nur vereinzelt huschten die
Menschen nach ihren Wohnungen. Und mit frostgerötheten Augen, Hände
und Gesicht blau von dem schneidenden Winde, irrte der Findling umher,
während er sich dicht in seine beschneiten Lumpen hüllte.
Endlich ging der traurige Winter zu Ende. Die ersten Monate des Jahres
1877 waren minder hart. Auch der Sommer trat zeitig ein und im Juni
herrschte schon eine recht starke Wärme.
Am 17. August hatte der jetzt fünfeinhalb Jahre zählende Findling das
Glück, etwas zu finden, was für ihn unerwartete Folgen haben sollte.
Gegen sieben Uhr ging er durch eine auf die Brücke von Claddagh mündende
Straße auf dem Rückwege nach der Anstalt, wo ihm, da er mit leeren
Händen kam, gewiß nicht der beste Empfang zutheil wurde. Hatte Grip
nicht noch ein Stück alte Brodrinde übrig, so war für beide heut Abend
nichts zu essen da. Das war übrigens nicht zum ersten Male der Fall,
denn jeden Tag und zwar zur bestimmten Stunde essen zu wollen, das wäre
eine Anmaßung gewesen. Solche Gewohnheiten mochten reiche Leute haben,
denen ihre Mittel das erlaubten, ein armer Teufel ißt aber, wenn er
etwas dazu hat, und wenn's daran mangelt, dann ißt er einfach nicht, so
sagte wenigstens Grip, der schon gewöhnt war, sich mit philosophischen
Grundsätzen satt zu machen.
Da, kaum zweihundert Schritte von der Schule entfernt, stolperte der
kleine Junge und fiel der Länge nach hin. Da er nicht groß war, ging das
ohne Schaden für ihn ab. Gleichzeitig rollte aber etwas, woran er mit
den Füßen gestoßen hatte, vor ihm her. Es war eine große Weinflasche,
die zum Glück nicht entzwei gegangen war, denn der Knabe hätte sich
sonst schwer verletzen können.
Der Findling erhob sich und umhersuchend, fand er die Flasche, die zwei
bis drei Gallonen fassen mochte. Ein Pfropfen verschloß deren Hals und
diesen brauchte er nur herauszuziehen, um zu sehen, was sie enthielt.
Der Knabe erkannte, daß sie voller Gin war.
Damit hätten sich alle Insassen der Lumpenschule befriedigen können, und
der Findling durfte gewiß sein, mit dieser Bürde bestens empfangen zu
werden.
In der menschenleeren Straße hatte ihn niemand gesehen und die Anstalt
lag ganz nahe.
Da kam ihm aber ein Gedanke, der Carker und dessen Genossen gewiß nie
eingefallen wäre. Diese Flasche gehörte ihm doch nicht. Sie war kein
Geschenk, war nicht auf den Kehricht geworfen, sondern offenbar ein
verlorner Werthgegenstand. Den Eigenthümer zu finden, mochte freilich
etwas schwierig sein. Immerhin sagte ihm sein Gewissen, daß er über
den Fundgegenstand nicht nach Gutdünken verfügen dürfe. Es war der
natürliche Instinct, der ihm das sagte, denn weder Thornpipe noch
O'Bodkins hatte ihm je gelehrt, ehrlich zu sein. Zum Glück giebt es auch
Kinderherzen, in die dieses Gebot schon allein eingeschrieben ist.
Sehr in Verlegenheit wegen seines Fundes, beschloß der Findling Grip
darum zu fragen; dieser würde die Wiedereinhändigung desselben an den
rechtmäßigen Eigenthümer schon veranlassen. Jetzt kam es vorzüglich
darauf an, die Flasche vor den Taugenichtsen unbemerkt nach der
Dachkammer zu schaffen, denn jene hätten sich gewiß nicht darum
gekümmert, wem sie gehörte. Zwei bis drei Gallonen Gin! Welcher
Ueberfluß!... Mit Anbruch der Nacht wäre aber doch kein Tropfen davon
mehr dagewesen. Bei Grip dagegen stand der Branntwein sicher; dieser
rührte die Flasche gewiß nicht an, sondern hätte sie unter das Stroh
versteckt, bis er am folgenden Morgen in der Nachbarschaft Umfrage
hielt. Wenn nöthig, wollten beide dazu von Haus zu Haus gehen... sie
bettelten ja nicht.
Der Findling schritt also mit seiner Last der Schule zu, und bemühte
sich, die Flasche unter seiner Kleidung zu verbergen.
Eben als er vor die Thür kam, stürmte aber zum Unglück Carker daraus
hervor, so daß er einen Zusammenstoß mit diesem nicht vermeiden konnte.
Da Carker ihn erkannte und allein vor sich sah, hielt er es für die
beste Gelegenheit, dem Knaben zurückzuzahlen, was er ihm von dem
Zusammentreffen an dem Strande von Salthill her schon zugedacht hatte.
Er warf sich also über den Findling und entriß diesem die Flasche, die
er bald unter dessen Lumpen gefühlt hatte.
»Eh, was ist denn das? rief er.
-- Das?... Das gehört nicht Dir!
-- Also wohl Dir?
-- Nein, mir auch nicht!«
Der Knirps wollte Carker zurückdrängen, dieser versetzte ihm aber einen
Stoß, daß er selbst drei Schritte weit zurücktaumelte.
Sofort ergriff Carker die Flasche und eilte damit nach dem Saal zurück,
während der kleine Knabe ihm weinend folgte.
Er versuchte noch Einspruch zu erheben, da aber Grip nicht da war der
ihn unterstützt hätte, so erhielt er nur tüchtige Prügel, bis die alte
Kriß sich einmengte sobald sie die Flasche bemerkt hatte.
»Gin, rief sie, guter Gin! O, das ist ja für alle genug!«
Der Findling hätte gewiß besser gethan, die Flasche in der Straße liegen
zu lassen, wo sie deren Eigenthümer jetzt wahrscheinlich suchte, denn
zwei bis drei Gallonen Gin kosten schon verschiedene Schillinge, ja
sogar mehr als eine halbe Krone. Er hätte sich sagen müssen, daß es
unmöglich sein würde, ungesehen bis zur Dachkammer Grip's zu gelangen.
Jetzt war es freilich zu spät.
Sich an O'Bodkins zu wenden, diesem den Vorfall zu erzählen, würde
auch nichts genutzt haben, und dem wäre ein schlechter Empfang zu Theil
geworden, der die Thür zu des Directors Zimmer öffnete und den Insassen
vielleicht bei seinen verwickeltsten Rechnungen störte. Im besten Falle
hätte O'Bodkins die Flasche nach seinem Zimmer bringen lassen, und was
da hinein kam, kam gewiß nicht wieder heraus.
Der kleine Knabe konnte also nichts thun und beeilte sich nur, Grip
aufzusuchen, um diesem seine Noth zu klagen.
»Grip, eine Flasche, die man findet, gehört einem doch nicht?
-- Nein, ich glaube nicht, antwortete Grip. Hast Du denn eine Flasche
gefunden?
-- Ja, und ich wollte sie Dir geben, und morgen hätten wir in der
Nachbarschaft zu erfahren gesucht...
-- Wem sie gehörte?... fiel Grip ein.
-- Ja, und wenn wir uns erkundigten...
-- Sie haben Dir wohl die Flasche weggenommen? unterbrach ihn Grip.
-- Ja; Carker! Ich versuchte, sie ihm zu entwinden... und da waren die
andern da... Ach, wenn Du hinunter gingst, Grip!
-- Ich werde hinuntergehen, und da werden wir schon sehen, wer die
Flasche behält!«
Als Grip aber die Kammer verlassen wollte, konnte er das nicht; die Thür
war von außen verschlossen.
Trotz seiner Bemühungen gab die Thür nicht nach, zur großen Freude der
rohen Gesellen draußen, die von unten her riefen:
»He, Grip!...
-- He, Findling!...
-- Auf Eure Gesundheit!«
Da Grip die Thür nicht zu sprengen vermochte, fügte er sich wie
gewöhnlich der Notwendigkeit und bemühte sich nur, seinen erzürnten
kleinen Freund zu beruhigen.
»Lassen wir sie tollen, die ungezogenen Burschen! sagte er.
-- Oh, daß man nicht stark ist!
-- Wozu das?... Hier, Kleiner, hier sind noch Kartoffeln, die ich für
Dich aufgehoben habe. Komm her, iß lieber...
-- Ich habe keinen Hunger, Grip!
-- Iß trotzdem, nachher wickeln wir uns ins Stroh, um zu schlafen.«
Wenn Carker die Thür der Dachkammer versperrt hatte, so geschah das, um
heute Abend jedenfalls nicht gestört zu werden. War Grip eingeriegelt,
so konnte man beliebig sich dem Genusse des starken Getränkes hingeben,
denn die alte Kriß, die ja auch ihren Theil davon erhielt, hatte gewiß
nichts dagegen einzuwenden.
Nun kreiste der Branntwein in allerlei Gefäßen. Alle heulten und
schrien, denn es dauerte nicht lange, bis alle berauscht waren, mit
Ausnahme Carker's, der an starke Getränke schon gewöhnt war.
Noch war die Flasche kaum halb leer, obwohl die Kriß tüchtig dazu
mitgeholfen hatte, als die ganze Bande kaum noch ihrer Sinne mächtig
war. Das Geschrei, das Lärmen und Toben vermochte aber doch nicht,
O'Bodkins aus seiner gewohnten Gleichgiltigkeit aufzurütteln. Was ging's
auch ihn an, was da unten vorging, wenn er oben vor seinen Büchern saß!
Davon hätte die Trompete des Jüngsten Gerichtes ihn nicht fortlocken
können.
Und doch sollte er heute sehr schnell aus seinem Zimmer getrieben werden
-- nicht ohne großen Nachtheil für seine Verantwortlichkeit.
Nachdem etwa einundeinhalb Gallonen verzehrt waren, lagen die meisten
Theilnehmer an der Orgie schon auf dem Stroh, und hier wären sie ohne
Zweifel bald eingeschlafen, wenn Carker nicht auf den Gedanken gekommen
wäre, noch einen »Brander« zu brauen.
Ein »Brander« ist nämlich ein Punsch. Statt des Rums gießt man Gin zu
ein wenig Wasser in einem Gefäß, zündet das Gemisch an und trinkt es
noch ganz heiß.
Das hatte denn auch Carker vor, zur großen Genugthuung der alten Kriß
und zwei oder drei andrer, die sich noch auf den Füßen hielten. Wohl
fehlten hier so manche Zusätze zu einem wirklichen Punsch. Die Insassen
der Lumpenschule machten aber nicht so große Ansprüche.
Sobald die Flamme in dem Suppenkessel -- dem einzigen Gefäße, was die
alte Kriß zur Verfügung hatte -- aufloderte, begannen die, die noch
nicht ganz zusammengebrochen waren, einen wilden Tanz um den Kessel.
Wer jetzt auf der Straße vorübergekommen wäre, der hätte glauben
müssen, eine Legion von Teufeln sei in die Schule eingedrungen. Dieses
Stadtviertel war jedoch mit Eintritt der Dunkelheit meist schon sehr
verlassen.
Plötzlich leuchtete in dem Hause ein auffallend heller Schein auf. Das
Gefäß, aus dem der brennende Gin emporflackerte, war durch Ungeschick
umgestoßen worden, und schnell verbreitete sich die lodernde Flüssigkeit
auf dem Stroh bis in alle Ecken des gemeinsamen Saales. Alle, die noch
einigermaßen bei Sinnen waren, und alle, die durch das Knistern der
Flammen aus dem Stroh aufgescheucht wurden, hatten nichts weiter zu
thun, als die Thür aufzustoßen, die alte Kriß mit hinauszuschleppen und
sich nach der Straße zu retten.
In demselben Augenblick suchten auch Grip und der Findling, die
ebenfalls erwacht waren, vergebens aus der von erstickendem Qualm
erfüllten Dachkammer zu entfliehen.
Der Brand war übrigens schon bemerkt worden. Mit Eimern und Leitern
stürmten verschiedene Leute heran. Zum Glück lag die Lumpenschule
isoliert, und der nach der Rückseite wehende Wind bedrohte auch die
Häuser gegenüber nicht weiter.
War auch kaum Hoffnung vorhanden, die alte Baracke zu erhalten, so mußte
man doch an die denken, die darin waren und denen die Flammen vielleicht
den Ausgang versperrten.
Da öffnete sich ein Fenster im obern Stockwerk nach der Straße hinaus.
Es war ein Fenster von dem Zimmer O'Bodkins' dem sich das Feuer mehr
und mehr näherte. Der Director schien ganz von Sinnen zu sein und raufte
sich die Haare.
An seine Zöglinge und ob diese in Sicherheit wären, daran dachte er
freilich nicht, ja nicht einmal an die ihn selbst bedrohende Gefahr...
»Meine Bücher... meine Bücher!« rief er verzweifelnd mit den Händen
fechtend.
Nach vergeblichem Versuche, die Treppe hinabzugelangen, an der schon
überall die Flammen leckten, entschloß er sich, seine Hefte, Bücher,
Bureaugeräthschaften und alles mögliche zum Fenster hinauszuwerfen.
Natürlich fielen die Schlingel gleich darüber her, traten darauf herum
oder zerstreuten die losen Blätter, während O'Bodkins sich endlich
entschloß, mittelst einer an die Mauer gelehnten Leiter sich selbst zu
retten.
Was dem Director aber noch möglich gewesen war, das hatten Grip und das
Kind nicht auch thun können. In die Dachkammer fiel das Tageslicht nur
durch eine kleine Luke, und die hinaufführende Treppe brach schon Stufe
für Stufe unter der Glut zusammen. Jetzt begann auch das Holzwerk der
Mauer zu brennen und ein Feuerregen fiel bald auf das Strohdach des
Bauwerks nieder, der die Lumpenschule schnell in einen großen Brandherd
verwandelte.
Grips Hilferufe übertönten doch endlich einmal das Geräusch von der
Feuersbrunst.
»Sind denn noch Menschen in dieser Spelunke?« fragte da eine Dame in
Reisetracht, die ebenfalls nach der Unglücksstätte gekommen war.
Der Brand hatte schon so weit um sich gegriffen, daß man seiner nicht
mehr Herr zu werden vermochte. Nachdem der Director sich gerettet hatte,
dachte deshalb kaum jemand noch an Unterdrückung des Feuers selbst, da
sich voraussichtlich niemand im Hause befand.
»Hilfe... Hilfe für die, die noch da oben sind! rief von neuem die
Reisende mit ausdrucksvollen Bewegungen. Leitern herbei, Ihr Leute,
Leitern und ein paar beherzte Männer, die sich hinaufwagen!«
Wie konnte man aber Leitern an diese Mauern legen, die jeden Augenblick
einzustürzen drohten? Wie hätte jemand die von dickem Rauch eingehüllte
Dachkammer erreichen können, über der und um die herum die gierigen
Flammen emporstiegen?
»Wer befindet sich denn in jenem Bodenraum? fragten mehrere O'Bodkins,
der nur damit beschäftigt war, seine Schriftsachen zusammenzuraffen.
-- Wer?... Das weiß ich doch nicht...« antwortete der ganz verstörte
Director, den nur sein eigenes Unglück in Anspruch nahm.
Dann kam ihm aber doch die Erinnerung wieder.
»Ah,... ja,... zwei... Grip und der kleine Junge....
-- Die Unglücklichen! rief die Dame. Mein Gold, meinen Schmuck, alles
was ich besitze, dem, der sie rettet!«
In das Innere des Hauses zu gelangen, war jetzt ganz unmöglich; schon
zischte eine rothe Lohe durch die geborstenen Mauern, der ganze untere
Theil brannte, krachte und brach zusammen. Noch wenige Minuten bei dem
Wind, unter dem die Flammen wie eine Flagge hinflatterten, und die
ganze Lumpenschule war nichts mehr, als eine Feuerhöhle, ein Wirbel von
glühenden Dämpfen.
Plötzlich entstand eine Oeffnung im Dache dicht über der Luke. Grip war
es gelungen, die Bedeckung zu zerreißen und die Sparren zu durchbrechen,
als die Holzwände seiner Kammer schon zu knistern anfingen. Er schwang
sich dann durch das Sparrenwerk und zerrte den kleinen halb erstickten
Knaben nach sich. Als er dann bis zu dem Theile der Mauer gekrochen war,
der die rechte Giebelwand bildete, ließ er sich auf der schrägen Kante
hinabgleiten, wobei er den Findling immer in den Armen hielt.
In diesem Augenblick brach eine furchtbare Flammengarbe durch das Dach
und schleuderte tausende glühender Funken hoch empor.
»Rettet ihn... rief Grip, rettet den Knaben!«
Damit ließ er das Kind nach der Seite der Straße zu fallen, wo es
glücklicher Weise ein Mann auffing, ehe es auf den Erdboden stürzte.
Grip sprang nun ebenfalls herunter und stürzte halb bewußtlos an einem
Trümmerhaufen neben der Mauer zusammen.
Da trat die Reisende auf den Mann zu, der den kleinen Knaben noch immer
trug, und fragte ihn mit vor Erregung zitternder Stimme:
»Wem gehört dieses unschuldige Wesen?
-- Niemand!... Es ist ein Findelkind, erklärte der Mann.
-- Nun gut, so gehört es mir... mir...! rief sie, während sie schon
den Knaben nahm und an ihr Herz drückte.
-- Gnädige Frau... ließ sich da ihre Kammerfrau vernehmen.
-- Schweig, Elisa, schweig! -- Das ist ein Engel, der mir vom Himmel
zugefallen ist.«
Da der »Engel« nun weder Eltern noch sonstige Angehörige hatte, war
es ja das Beste, ihn den Händen der schönen, edelmüthigen Dame zu
überlassen, und ein freudiges Hurrah dankte dieser in dem Augenblick, wo
die letzten Reste der =Ragged-School= zusammenstürzten.
VI.
Limerick.
Wer die mitleidige Dame war, die hier so entschlossen für die Rettung
der beiden Bedrohten eintrat, wußte zunächst niemand und niemand wäre
auch erstaunt gewesen, wenn sie selbst durch die Flammen gedrungen wäre,
um diesen das schwächliche Opfer zu entreißen. Und wäre das Kind ihr
eignes gewesen, sie hätte es kaum liebevoller in die Arme nehmen können,
als sie es nach ihrem an der nächsten Straßenecke wartenden Wagen trug,
während sich die Kammerfrau der Fremden vergeblich bemühte, die Dame von
ihrem Entschluß abzubringen.
»Nein, Elisa! wiederholte sie, lass' ihn, er gehört mir. Der Himmel hat
es mir vergönnt, ihn dem brennenden Hause zu entreißen. O, ich danke
Dir, ich danke Dir, mein Gott!... Ach, wie ich ihn schon lieb habe.«
Der »geliebte« war schon halb erstickt, sein Athem unterbrochen, der
Mund stand wie gelähmt etwas offen und seine Augen waren geschlossen.
Er hätte der frischen Luft bedurft und jetzt, wo er von dem Rauch der
Feuersbrunst fast erstickt war, lief er Gefahr, von den Liebkosungen
erstickt zu werden, die seine Retterin an ihn verschwendete.
»Nach dem Bahnhofe, rief diese dem Kutscher zu, als sie den Wagen
erreichte, nach dem Bahnhofe!... Eine Guinee, wenn wir den Zug um neun
Uhr fünfundvierzig nicht versäumen!«
Gegen ein solches Versprechen konnte der Kutscher nicht unempfindlich
sein, vor allem, da die Trinkgeldunsitte in England noch nicht so
heimisch ist. So trieb er das Pferd vor seinem »Growler« an, wie diese
alterthümlichen und unbequemen Fuhrwerke heißen.
Doch wer war nun diese von der Vorsehung geschickte Dame? War der
Findling durch besondres Glück in Hände gefallen, die sich für immer
über ihn breiten sollten?
Miß Anna Walston war es, die erste Heldin des Drury-Lane-Theaters, eine
Art Sarah Bernhardt, auf der Tournée, welche augenblicklich am Theater
zu Limerick, in der gleichnamigen Grafschaft der Provinz Munster,
Vorstellungen gab. Eben hatte sie eine mehrtägige Erholungsreise durch
die Grafschaft Galway gemacht, wobei ihre Kammerfrau sie begleitete.
Die wortkarge Elisa Corbett war übrigens eine ebenso mürrische, wie
treuergebene Freundin ihrer Herrin.
Die Schauspielerin war eine vortreffliche, beim Publicum ungemein
beliebte Dame, die sich für alles lebhaft interessierte und Herz und
Hand stets offen hatte, während sie sich ihrer Kunst mit heiligem Ernste
widmete und eifrigst bemüht war, ihren Ruhm nicht durch einen Schnitzer
aufs Spiel gesetzt zu sehen.
Miß Anna Walston, die jedermann in allen Grafschaften des Vereinigten
Königreichs kannte, wartete nur auf die passende Gelegenheit, sich
in Amerika, in Indien und Australien, d. h. überall, wo die englische
Sprache vorherrschte, neue Lorbeern zu pflücken, denn sie war es müde,
da zu glänzen, wo ihr jede Anerkennung mühelos zu Theil wurde.
Vor drei Tagen war sie, müde der fortwährenden Anstrengungen bei den
Trauerspielen, in denen sie im letzten Acte regelmäßig sterben mußte,
hierher gekommen, um die reine und stärkende Luft von Galway zu
genießen. An jenem Abende wollte sie sich eben nach dem Bahnhofe
begeben, um nach Limerick zurückzufahren, wo sie am nächsten Tage
aufzutreten hatte, als ihre Aufmerksamkeit durch laute Hilferufe und den
Widerschein von Feuer erweckt wurde. Die =Ragged-School= stand in hellen
Flammen.
Eine Feuersbrunst! Wie hätte sie dem Verlangen widerstehen können,
einer solchen, die sich von den zahmen Bränden auf der Bühne so gewaltig
unterschied, mit beizuwohnen! Auf ihr Geheiß und trotz des Widerspruchs
Elisas hatte der Wagen an der nächsten Ecke gehalten, und Miß Anna
Walston beobachtete die verschiedenen Stadien dieses Schauspiels, das
denen, die die Feuerwehrleute hinter den Coulissen mit wachsamem Auge
beobachteten, so wesentlich überlegen war. Hier sanken die Versetzstücke
thatsächlich zusammen und unter ihnen stand alles in leibhaftigem Feuer.
Der Verlauf des Unglücks entbehrte auch sonst nicht des spannenden
Interesses. Zwei menschliche Wesen waren in einer Dachkammer
eingeschlossen, deren Treppenzugang schon in Flammen stand und die
keinen andern Ausweg bot. Zwei Knaben, ein großer und ein kleiner...
vielleicht wäre ein gefährdetes kleines Mädchen noch interessanter
gewesen. Wie herzzerreißend schrie Miß Anna Walston da auf. Sie wäre
den beiden wohl selbst zu Hilfe geeilt, wenn ihr weiter Staubmantel sich
nicht gar so leicht selbst entzündet hätte. Da öffnete sich übrigens
schon das Dach neben der Bodenkammer. Die beiden Unglücklichen
erschienen inmitten der Rauchwolken, wobei der Große den Kleinen trug.
Ah! Der Große! Welcher Held und in welcher künstlerischen Pose zeigte er
sich! Das war der Ausdruck unnachahmlicher Wahrheit!... Der arme Große!
Er hatte wohl keine Ahnung davon, welchen Effect er hervorbrachte. Und
der andre... der =nice Boy!= Der hübsche Junge! rief Miß Anna Walston
wiederholt, das ist ein Engel, der aus den Flammen der Hölle kam!...
Wahrlich, Findling, das war wohl das erste Mal, daß Du mit einem
Cherub oder einem andern Muster der himmlischen Heerschaaren verglichen
wurdest!
Ja, diese Inscenierung hatte Miß Anna Walston bis in jede Einzelheit
verfolgt. Wie auf der Bühne rief sie: »Mein Geld, mein Schmuck,
alles was ich besitze dem, der sie rettet!« Doch niemand hatte an den
glühenden Wänden und auf das prasselnde Dach hinaufklimmen können.
Endlich war der Cherub von ein paar offenen Armen aufgefangen worden und
von da in die Arme der Miß Anna Walston übergegangen.... Jetzt besaß
der kleine Knabe plötzlich eine Mutter, von der die Leute meinten,
es müsse eine große Dame sein, die ihr eignes Kind im Brande der
=Ragged-School= entdeckt hätte.
Nachdem sie die Umstehenden mit einer Verneigung begrüßt und von diesen
bejubelt worden, war Miß Anna Walston mit ihrem Schatze verschwunden,
was auch die Kammerfrau dagegen einwenden mochte. Von einer
fünfundzwanzigjährigen Schauspielerin mit warmen Gefühlen und etwas
freien Anschauungen durfte man da nicht verlangen, daß sie ihrer
Eingebung Zügel anlegte und sich immer auf goldener Mittelstraße hielt,
wie die siebenunddreißigjährige, blonde, kalte und nörgelige Elisa
Corbett, die schon mehrere Jahre im Dienste ihrer etwas phantastischen
Herrin stand. Die Schauspielerin dagegen glaubte sich immer auf den
Brettern zu befinden und wurde sozusagen stets von ihrem Repertoire
beherrscht. Ihr gestalteten sich die gewöhnlichsten Vorkommnisse des
Lebens zu »Situationen«, und wenn eine solche einmal gegeben war....
Natürlich traf der Wagen rechtzeitig am Bahnhofe ein und der Kutscher
erhielt seine versprochne Guinee. Und jetzt konnte sich Miß Anna
Walston, die mit Elisa ein Coupé allein einnahm, allen den Pflichten
widmen, die das Herz einer wirklichen Mutter nur zu dictieren vermocht
hätte.
»Es ist mein Kind!... Mein Blut... mein Leben! erklärte sie, niemand
soll mir ihn wieder rauben!«
Es hätte ja auch kein Mensch daran gedacht, ihr diesen kleinen
Verlassnen wieder abzunehmen.
Elisa freilich bemerkte dazu:
»Wir werden ja sehen, wie lange es dauert!«
Der Zug rollte mit mäßiger Geschwindigkeit nach dem Kreuzungspunkte von
Artheury, durch die Grafschaft Galway dahin, die er mit der Hauptstadt
Irlands verbindet. Während dieses ersten kurzen Theiles der Fahrt war
der kleine Knabe nicht wieder zur Besinnung gekommen, obwohl sich die
Schauspielerin darum in jeder Weise bemühte.
Miß Anna Walston beschäftigte sich zuerst damit, ihn umzukleiden, und
nahm ihm die von Rauch geschwärzten Lumpen ab, bis auf die noch ziemlich
gut erhaltene wollene Jacke, während sie ihm sonst von ihren eignen
Kleidungsstücken anpaßte, was sich nur dazu verwenden ließ, und ihn
mit ihrem kostbaren Shawle zudeckte. Das Kind schien aber gar nicht zu
bemerken, daß es jetzt warme Hüllen trug und ein noch wärmeres Herz, das
für ihn sorgte, gewonnen hatte.
An der Kreuzungsstelle wurde ein Theil des Zuges abgekoppelt und nach
Kilkree, an der Grenze der Grafschaft Galway, übergeleitet, wo ein
halbstündiger Aufenthalt stattfand. Doch während dieser Zeit war der
kleine Knabe noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen.
»Elisa... Elisa!... rief Miß Anna Walston, wir werden uns erkundigen
müssen, ob sich nicht vielleicht ein Arzt im Zuge befindet.«
Elisa that das, obgleich sie ihrer Herrin versicherte, daß es sich kaum
der Mühe lohne.
Ein Arzt fand sich nicht.
»O, diese Unmenschen... jammerte Miß Anna Walston, man trifft sie nie
da, wo sie sein sollten!
-- Aber ich bitte Sie, Madame, dem Jungen fehlt ja gar nichts; der wird
schon wieder zu sich kommen, wenn Sie ihn nicht ersticken....
-- Glaubst Du, Elisa?... Das herzige Kind!...
Ich weiß nicht, wie mir ist, ich habe ja noch nie ein Kind gehabt!...
Ach, wenn ich ihn selbst hätte nähren dürfen!«
Das war freilich unmöglich, und übrigens stand der kleine Junge in den
Jahren, wo man nach einer festeren Nahrung verlangt.
Der Zug durchflog die Grafschaft Clare -- jene Halbinsel zwischen der
Bai von Galway im Norden und der langen breiten Ausmündung des Shannon
im Süden, einen Landstrich, den man hätte zur Insel umgestalten können,
wenn ein kaum fünfzig Kilometer langer Canal am Fuße der Sliève-Sughty
ausgehoben worden wäre. Die Nacht war dunkel und es wehte ein ziemlich
scharfer Westwind -- ein Himmel, wie er zur Situation paßte.
»Ach, der Engel erholt sich nicht wieder! rief Miß Anna Walston immer
wieder.
-- Soll ich Ihnen etwas sagen, Madame?
-- Sprich, Elisa, sprich, um Gottes Willen!
-- Nun... ich glaube, er schläft einfach!«
So war es in der That.
Der Zug gelangte nach Dromor, nach Emis, der Hauptstadt der Grafschaft,
wo er gegen Mitternacht eintraf. Weiter nach New-Market, nach Six-Miles
an der Grenze und endlich fuhr er gegen fünf Uhr morgens in Limerick
ein.
Und nicht nur der kleine Knabe allein hatte während der Reise
geschlafen, auch Miß Anna Walston waren die Augen zugefallen, und als
sie wieder erwachte, bemerkte sie, daß ihr Schützling sie mit großen
Augen ansah.
Da drückte sie ihn wieder in die Arme.
»Er lebt!... Er lebt!... Gott, der ihn mir gegeben hat, kann nicht so
grausam sein, ihn mir wieder zu entreißen!«
Elisa meinte zwar, daß Gott auch dann gar nicht grausam gewesen
wäre; jedenfalls sah sich der Knabe eigentlich ohne Uebergang aus der
Lumpenschule in die prächtigen Zimmer versetzt, die Miß Anna
Walston während ihrer Gastvorstellung am Theater zu Limerick im
Royal-George-Hôtel bewohnte.
Die Grafschaft Limerick hat sich in der Geschichte Irlands einen Namen
gemacht, denn hier regte sich zuerst der Widerstand der Katholiken gegen
das protestantische England. Treu der Jacobitischen Dynastie, ist seine
Hauptstadt dem schrecklichen Cromwel entgegengetreten und hat eine
merkwürdige Belagerung ausgehalten, bis sie, von Hunger bezwungen und
in Blut gebadet, schließlich unterlag. Hier wurde der Vertrag, der den
gleichen Namen führt, unterzeichnet, der Vertrag, der den irländischen
Katholiken gleiche bürgerliche Rechte und freie Ausübung ihres Cultus
gewährleistete. Freilich wurden die damaligen Abmachungen von Wilhelm
von Oranien rücksichtslos verletzt. Wieder mußte das Volk nach langen
erniedrigenden Quälereien zu den Waffen greifen; trotz allen Muthes
aber und obwohl ihnen die französische Revolution ihren Hoche zu Hilfe
geschickt hatte, unterlagen die Irländer, die, wie sie sagten, »mit dem
Stricke am Halse« kämpften, doch endlich bei Ballinamach den weitaus
überlegenen Gegnern.
Endlich, im Jahre 1829, fanden die Rechte der Katholiken, Dank den
Bemühungen des großen O'Connell, die langentbehrte Anerkennung.
Dieser schwang das Banner der Unabhängigkeit und rang der Regierung
Großbritanniens die ersehnte Emancipationsbill ab.
Da diese Erzählung in Irland spielt, sei es uns gestattet, folgende
flammende Rede anzuführen, die O'Connell jener Zeit den Staatsmännern
Englands ins Gesicht schleuderte. Man darf ihre Bedeutung nicht
unterschätzen. Sie hat sich tief in das Herz der Irländer eingegraben,
und an verschiedenen Stellen dieser Erzählung wird der Leser noch ihren
Einfluß herausfühlen.
»Niemals hat es ein unwürdigeres Ministerium gegeben! rief O'Connell
eines Tages. Stanley ist ein Renegat; Sir James Graham vielleicht etwas
noch schlimmeres; Sir Robert Peel eine scheckige Fahne mit fünfhundert
Farben und nicht einmal echt in der Farbe, denn sie erscheint heute
orangeroth, morgen grün, übermorgen wieder anders; es ist aber darauf zu
achten, daß sie einmal mit Blut gefärbt wird. Was Wellington, den armen
Mann betrifft, erscheint es geradezu sinnlos, ihn in England zu feiern.
Hat der Historiker Alison nicht nachgewiesen, daß er sich bei Waterloo
überraschen ließ? Zum Glück für ihn standen ihm raschentschlossene
Truppen, irische Soldaten zur Seite. Die Irländer sind dem Hause
Braunschweig, als es ihr Feind war, treu ergeben gewesen, treu
Georg III., der sie verrieth, treu Georg IV., der vor Wuth aufschrie,
als er die Emancipation zugestand, treu dem alten Wilhelm, dem
das Ministerium abscheuliche und blutige Maßregeln gegen Irland
unterbreitete. Auch der Königin haben sie ihre Treue bewahrt. Darum
England den Engländern, Schottland den Schotten, aber auch Irland
den Irländern!« -- Das sind herrliche Worte!... Der Leser wird bald
erkennen, wie der Wunsch O'Connell's in Erfüllung gegangen ist und ob
der Boden Irlands seinen Kindern gehört.
Limerick ist noch immer eine der Hauptstädte der Smaragdnen Insel,
obwohl es, seitdem Tralee ihm einen Theil seines Handels raubte, vom
dritten auf den vierten Rang gesunken ist. Es zählt gegen dreißigtausend
Einwohner. Seine Straßen sind regelmäßig, breit und gerade; seine Läden,
Magazine, Hôtels und öffentlichen Gebäude erheben sich an geräumigen
Plätzen. Ueberschreitet man aber, nach Begrüßung des Steines, auf dem
der Emancipationsvertrag unterzeichnet wurde, die Brücke des Thomond, so
findet man, daß dieser Theil der Stadt hartnäckig irländisch geblieben
ist. Hier sieht man noch das Elend und die Ruinen von der Belagerung
her, die zerstörten Bollwerke, den Standort jener »Schwarzen Batterie«,
die unerschrockne Frauen, gleich ebensovielen Johanna Hachette's,
gegen die Orangisten bis zum Tode vertheidigten. Ein trauriger,
beklagenswerther Contrast!
Limerick hat eine Lage, die es zu einem Mittelpunkte der Industrie und
des Handels machen könnte. Der Shannon, der »Azurne Fluß«, bietet ihm
einen jener Wege, die selbst gehen, wie der Clyde, die Themse oder der
Mersey. Wenn London, Glasgow und Liverpool aber ihre Flüsse ausnützen,
so macht das Limerick mit dem seinen leider nicht ebenso. Kaum beleben
einige Barken seine trägen Fluthen, die nur die schönen Theile der Stadt
benetzen und die fetten Weiden ihres Thales ernähren. Die auswandernden
Irländer sollten ihren Shannon nur mit nach der Neuen Welt versetzen:
die Amerikaner würden schon etwas daraus zu machen wissen.
Beschränkt sich auch die ganze Thätigkeit Limericks auf die Erzeugung
von Schinken, so bleibt es doch eine angenehme Stadt mit wirklich
hübschen weiblichen Bewohnern, was jedermann leicht auffallen mußte.
Hervorragende Schauspielerinnen sind nicht die Persönlichkeiten, die für
ihr Privatleben nach undurchsichtigen Mauern verlangen; sie würden im
Gegentheil lieber in Glashäusern wohnen, wenn es solche gäbe. Miß Anna
Walston hatte keine Ursache zu verheimlichen, was in Galway vorgegangen
war. Schon am Tage nach ihrer Rückkehr sprach man in ganz Limerick von
der dortigen Lumpenschule, und es ging das Gerücht, die Heldin so
vieler Dramen habe sich in die Flammen gestürzt, um ein kleines Wesen zu
retten. Sie widersprach dem nicht ausdrücklich, ja zuletzt glaubte sie
es vielleicht selbst. Ohne Zweifel hatte sie in das Royal-George-Hôtel
ein Kind mitgebracht, das sie adoptieren, einen Waisenknaben, dem sie
ihren Namen geben wollte, da er keinen hatte... nicht einmal einen
Taufnamen.
»Findling,« lautete seine Antwort, als sie ihn fragte, wie er hieße.
So mochte es auch dabei bleiben; sie hätte doch keinen besseren
gefunden; jener war ja ebenso gut wie Eduard, Arthur oder Mortimer.
Uebrigens nannte sie ihn am liebsten »Baby«, »Bebery«, »Babilsky«, oder
wie die mütterlichen Kosenamen in England sonst lauten.
Natürlich verstand unser Held hiervon nicht das geringste. Er ließ alles
über sich ergehen, Liebkosungen und Küsse, die er nicht gewöhnt war,
ließ sich schöne Kleider gefallen -- und er wurde nach neuester Mode
aufgeputzt -- und glänzende Stiefelchen. Er murrte nicht darüber, daß
man ihm Locken machte, natürlich auch nicht über das vortreffliche Essen
oder über die Süßigkeiten, die er in Ueberfluß erhielt.
Wie zu erwarten, stellten sich die Freunde und Freundinnen der
Schauspielerin baldigst im Royal-George-Hôtel ein, um Miß Anna ihre
Complimente zu machen, die diese dankend annahm. Dann wurde von
der Geschichte der =Ragged-School= gesprochen. Schon nach kurzer
Unterhaltung hatte da das Feuer meist die ganze Stadt Galway vernichtet.
Man verglich den traurigen Vorfall nur noch mit dem großen Brande
Londons, an dem die »Feuersäule«, die einige Schritte von der
London-Bridge aufragt, noch erinnert.
Natürlich wurde bei diesen Besuchen auch des Kindes nicht vergessen, was
der Miß Anna Walston herzliche Freude bereitete. Und doch kam ihr der
Gedanke, daß der Kleine, wenn auch nicht so gehegt und gepflegt, doch
schon geliebt worden sein möge. Eines Tages fragte dieser nämlich:
»Wo ist denn Grip?
-- Wer ist denn Grip, mein Babish?« antwortete Miß Anna Walston.
Jetzt erfuhr sie erst etwas über Grip. Ohne ihn wäre der kleine Knabe in
den Flammen umgekommen. Das war schön, war lobenswerth von diesem Grip.
Sein Heroismus aber -- man liebte dieses Wort für seine That -- konnte
doch das Verdienst nicht schmälern, das der gefeierten Künstlerin bei
diesem Rettungswerke zukam. Wenn sich die vortreffliche Frau nun nicht
an der Brandstelle befunden hätte, was wäre da aus dem kleinen Burschen
geworden? In welche Höhle hätte man ihn mit den andern Taugenichtsen der
Lumpenschule eingepfercht?
In der That hatte sich bisher niemand um Grip bekümmert und keiner
verlangte danach, etwas von ihm zu hören. Auch der kleine Knabe würde
ihn schließlich vergessen und nicht mehr von ihm sprechen. Das war
jedoch ein Irrthum; nie verblich in seinem Herzen das Bild dessen, der
ihn ernährt und beschützt hatte.
Dem Adoptivkinde der Schauspielerin fehlte es jetzt auch nicht an
Unterhaltung und Zerstreuung jeder Art. Er begleitete Miß Anna Walston
bei ihren Spazierfahrten und saß neben ihr im Wagen, wenn jene durch die
schönsten Theile von Limerick zu der Stunde fuhr, wo die feinere Welt
sie sehen konnte. Dazu putzte sie den Knaben in jeder Weise heraus, so
daß er einmal in schottischer Nationaltracht, einmal als Page und dann
wieder als phantastischer Schiffsjunge erschien. Er vertrat fast die
Stelle eines Schoßhündchens der Schauspielerin, die ihn, wenn er
klein genug gewesen wäre, in ihren Muff gesteckt hätte, um nur dessen
krauslockigen Kopf herausgucken zu lassen. Gelegentlich durchstreiften
beide auch die Stadt oder lustwandelten bis zu den Badeplätzen von
Kilkree mit ihren großartigen Uferfelsen an der Küste von Clare und nach
Miltow-Malbay mit seinen gefährlichen Klippen, woran einst ein Theil
der unbesiegbaren Armada zerschellte. Dabei stellte die glückliche
Pflegemutter den kleinen Knaben immer nur als den »aus den Flammen
geretteten Engel« vor.
Einige Male führte man ihn auch ins Theater, wo er -- mit Handschuhen
angethan! -- in einer Loge des ersten Ranges unter dem strengen Auge
Elisas thronte, sich kaum zu rühren wagte und bis zum Schluß der
Vorstellung... nur gegen das Einschlafen ankämpfte. Natürlich ohne
Verständniß für die Schauspiele selbst, hielt er doch alles, was er sah,
für die reine Wahrheit. Wenn Miß Anna Walston einmal im Prunke einer
Königin erschien, dann wieder als Frau aus dem Volke oder gar als in
Lumpen gekleidete Bettlerin, so konnte er gar nicht glauben, daß sie
es war, die er im Royal-George-Hôtel wiedertraf. Das verwirrte seine
kindliche Phantasie; er wußte nicht mehr, was er denken sollte. Er
träumte davon in der Nacht, als spänne sich das seltsame Schauspiel
weiter fort, und dann keuchte er unter schwerem Alpdrücken, wobei der
Puppenschausteller, der bösartige Carker und die andern Schlingel aus
der Lumpenschule eine Rolle spielten. Und wenn er dann schweißdurchnäßt
erwachte, wagte er nicht zu rufen....
Die Irländer sind leidenschaftliche Liebhaber allen Sports, vorzüglich
der Pferderennen. Auch jener Zeit strömte nach Limerick einmal aus
gleicher Ursache die ganze »Gentry« der Umgebung zusammen, ihr schlossen
sich die Landleute an, die ihre Höfe verließen, und sogar die Aermsten
jeder Art, denen es nur gelungen war, sich einen Schilling oder halben
Schilling abzusparen, um diesen auf ein Pferd zu verwetten.
Der Findling wurde ebenfalls zu diesem Feste mitgenommen, aber
geschmückt, daß er schon mehr einem Blumenstrauß glich, den Miß Anna
Walston von ihren Freunden bewundern, ja fast aufsaugen ließ.
Die Künstlerin war etwas extravaganter Natur, doch gut und wohlthätig,
wo sie das wenigstens in mehr Aufsehen erregender Weise bethätigen
konnte. Waren die Zärtlichkeiten, womit sie das Kind überhäufte,
sichtlich theatralischer Art und glichen die ihm gegebenen Küsse nur
Bühnenküssen, so konnte der Findling den Unterschied nicht wahrnehmen.
Immerhin fühlte er sich nicht so geliebt, wie er es gewünscht hätte, und
vielleicht sagte er sich unbewußt, was Elisa nicht selten wiederholte:
»Wer weiß, wie lange es dauern wird, wenn es überhaupt andauert!«
VII.
Eine gefährdete »Situation«.
Sechs Wochen verflossen unter diesen Verhältnissen, und niemand wird es
wundern, daß sich der Findling an dieses angenehme Leben gewöhnte.
Wer das Elend erdulden gelernt hat, wird noch leichter das Wohlleben
ertragen. Dagegen blieb es fraglich, ob Miß Anna Walston's warme
Empfindung für den Knaben sich mit der Zeit nicht abkühlen würde.
Gefühle unterliegen ja ebenso dem Gesetze der Trägheit wie greifbare
Körper: erhält man die Triebkraft nicht länger, so kommen sie zum
Stillstand. Sie war jener Zeit nur einer »Rührung« verfallen, wie sie
durch manche Scene auf der Bühne die Zuschauer gefangen nehmen. Und
dennoch durfte man nicht glauben, daß das Kind für sie nur den Werth
eines Zeitvertreibs, eines Spielzeugs oder einer Reclame hatte, denn sie
war von Natur wirklich gutherzig angelegt. Wenn sie auch weiter für
den Kleinen sorgte, so wurden ihre Liebkosungen doch kürzer, ihre
Aufmerksamkeiten seltner. Dazu kommt die starke Inanspruchnahme einer
Schauspielerin, die ihre Rollen zu lernen, viele Proben zu besuchen hat,
und der die Vorstellungen kaum einen Abend frei lassen. Das strengt ja
schließlich an. In den ersten Tagen hatte sie sich den Cherub früh an
ihr Bett bringen lassen, wo sie mit ihm wie ein »Mütterchen« spielte.
Das störte aber ihren gewöhnlich lang ausgedehnten Morgenschlummer und
so verlangte sie sehr bald das Kind erst beim Frühstück. Wie freute
der Kleine sich, auf einem eigens für ihn beschafften hohen Stuhle zu
sitzen, und wie schmauste er mit vortrefflichem Appetit!
»Na, mein Junge, so ist's hübsch, nicht wahr? fragte sie.
-- Ach ja, Miß Anna, erwiderte er eines Tages, so gut wie das, was wir
im Hospiz bekamen, wenn wir krank waren.«
Der Findling hatte eine feinere Lebensart eben noch nicht gelernt --
weder Thornpipe noch O'Bodkins hätte ihm diese ja lehren können -- er
war sonst zurückhaltender Natur, sanften und liebevollen Charakters
und, wie wir wissen, so ganz anders als die verwahrlosen Zöglinge der
=Ragged-School=. Wie seinem Alter, war er aber auch nach geistiger Seite
weit voraus, und Miß Anna Walston konnte das nicht entgehen. Von seiner
Vergangenheit wußte sie freilich nur das, was er ihr darüber seit seiner
Befreiung aus den Händen des Marionettenschaustellers erzählen konnte.
Jedenfalls war er also ein Findelkind. Seine »angeborne Vornehmheit«,
wie sie es nannte, bestärkte in der Künstlerin jedoch den Glauben,
daß er der Sohn einer großen Dame sein müsse, wie das in Dramen ja so
gewöhnlich ist, ein Sohn, von dem jene sich ihrer gesellschaftlichen
Stellung wegen habe lossagen müssen. Daraufhin dichtete sie sich über
ihren Schützling einen ganzen Roman zusammen, der übrigens nicht einmal
mehr den Reiz der Neuheit hatte. So ersann sie gewisse »Situationen«,
die in dramatischer Bearbeitung einen starken Thräneneffect erzielen
würden. Sie wollte in diesem Stücke spielen, sie versprach sich davon
einen ungewöhnlichen Erfolg... sie würde sich darin hinreißend...
himmlisch zeigen u. s. w. Und als sie in Gedanken so weit gelangt war,
da ergriff sie ihren Engel, umarmte ihn stürmisch, ganz wie auf der
Bühne, und glaubte schon den jubelnden Beifall der Zuschauer zu hören.
Eines Tages sagte da der Findling, dem die Sache unheimlich zu werden
anfing:
»Miß Anna?...
-- Was willst Du, mein Herzchen?
-- Ich möchte Sie etwas fragen.
-- So frage nur, mein Schatz.
-- Sie werden mir darum nicht böse?
-- Ich... Dir böse werden?
-- Jeder hat doch wohl eine Mutter?
-- Natürlich, mein Engel, hat jedes Kind eine Mutter.
-- Warum kenne ich denn dann meine Mutter nicht?
-- Warum?... Ja, weil... antwortete Miß Anna Walston verlegen,
weil... das... seine Gründe hat. Später einmal... ja, das glaub' ich
bestimmt... wirst Du sie schon zu sehen bekommen....
-- Ich habe Sie doch sagen hören, daß es eine schöne Dame sei, nicht
wahr?
-- Ja, ganz gewiß!... Eine schöne Dame!
-- Und warum denn gerade eine schöne Dame?
-- Nun weil... nun ja, Deine Gestalt... Dein Gesichtchen... Ist er
doch drollig, der liebe Kleine, mit seinen Fragen!... Uebrigens... die
Situation... ja, die Situation in dem Drama erfordert, daß sie schön
sei... vornehm... doch, das verstehst Du nicht....
-- Nein, das versteh' ich auch nicht! versicherte der kleine Knabe
traurig. Mir kommt es manchmal vor, als wäre meine Mama schon todt....
-- Todt?... O nein!... Mach' Dir nicht solche Gedanken!... Wenn sie
todt wäre, dann gäb's ja kein Stück mehr....
-- Was für ein Stück?...«
Miß Anna Walston umarmte den Kleinen, und das war am Ende die beste
Antwort, die sie ihm augenblicklich geben konnte.
»Wenn sie aber nicht todt ist, fuhr der kleine Bursche mit der seinem
Alter eignen Zähigkeit fort, wenn sie eine schöne Dame ist, warum hat
sie mich denn verlassen?...
-- Sie wird dazu gezwungen gewesen sein, mein Babery... gewiß ganz
wider Willen... doch... bei der Lösung des Knotens...
-- Miß Anna?...
-- Was willst Du noch?
-- Meine Mama...
-- Nun, weiter!
-- Das sind Sie doch nicht?...
-- Wie... ich... Deine Mama?
-- Weil Sie mich »mein Kind« nennen.
-- Das sagt man so, mein Cherub, so nennt man Kinder Deines Alters
immer.... Das arme Würmchen, so etwas glauben zu können!... Nein, ich
bin Deine Mama nicht!... Wärst Du mein eignes Söhnchen, ich hätte Dich
nicht verlassen, Dich nicht dem Elend preisgegeben!... O, gewiß nicht!«
Mit einer neuen Umarmung beendete Miß Anna Walston das Gespräch, nach
dem der Findling recht betrübt davonschlich.
Armes Kind! Ob reicher oder armer Herkunft, höchst wahrscheinlich sollte
es seine Angehörigen niemals kennen lernen, wie so viele aufgelesene
Findlinge.
Als Miß Anna Walston ihn mit sich nahm, hatte sie freilich nicht daran
gedacht, welche Pflichten ihr das für die Zukunft auferlegen würde. Ja
sie hatte sich nicht einmal vorgestellt, daß dieses Baby wachsen könnte,
daß sie für seinen Unterricht, für seine Erziehung zu sorgen haben
werde. Es ist ja recht gut und schön, ein kleines Wesen zu liebkosen,
besser aber doch noch, auch seinem Geiste die nöthige Nahrung zu
gewähren. Ein Kind zu adoptieren, schließt auch die Verpflichtung ein,
es zum Menschen zu machen. Diese Pflicht hatte die Schauspielerin gar
nicht bedacht. Freilich zählte der Findling jetzt kaum fünfeinhalb
Jahre, in diesem Alter beginnt aber das Erwachen der geistigen
Fähigkeiten. Was sollte nun aus ihm werden? Er konnte ihr doch nicht bei
ihren Gastspielreisen von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt
folgen, vorzüglich wenn sie ins Ausland ging... So würde sie sich also
genöthigt sehen, ihn einer Pension anzuvertrauen... natürlich nur einer
ganz guten. Auf jeden Fall würde sie ihn niemals verlassen.
Eines Tages bemerkte sie gegen Elisa:
»Er entwickelt sich alle Tage besser. Hast Du das nicht beobachtet?
Welch' empfindsame Natur! O seine Liebe wird mir lohnen, was ich für
ihn that!... Und dann... wie frühreif! Alles will er wissen. Ich finde
sogar, er ist überlegter, als er es bei seiner Jugend sein sollte...
und er hat sich für meinen Sohn halten können! Der arme Kleine! Ich
dürfte doch seiner Mutter schwerlich ähnlich sein!... Das war gewiß
eine sinnende, ernste Frau. Sprich doch, Elisa, wir werden ja einmal
daran denken müssen....
-- Woran denn?
-- Was aus ihm werden soll.
-- Aus ihm werden?... Jetzt schon?...
-- Nein, jetzt noch nicht, meine Liebe; jetzt mag er noch wie eine Blume
freudig aufwachsen... Nein, später... später, wenn er sieben bis acht
Jahre zählt. Ist das nicht das Alter, mit dem die Kinder gewöhnlich in
eine Pension kommen?«
Elisa wollte ihr schon entgegenhalten, daß der Junge doch an die
Lebensweise in einer Pension schon gewöhnt sein müsse -- sie hatte ja
Recht, freilich nur in Bezug auf die Lebensweise in der Lumpenschule --
und ihrer Meinung nach wäre es am besten, wenn er baldigst wieder einer,
natürlich besseren Anstalt übergeben würde. Miß Anna Walston ließ sie
darüber gar nicht zu Worte kommen.
»Sag' einmal Elisa...?
-- Was denn, Miß Anna?
-- Glaubst Du, daß unser Cherub Lust zum Theater haben könnte?
-- Er?...
-- Ja. Betrachte ihn nur genau. Er hat ein hübsches Gesicht, prächtige
Augen und tadellose Haltung. Das erkennt man schon, und ich bin
überzeugt, daß er einen entzückenden Liebhaber abgeben würde....
-- Halt... halt... halt, Miß Anna! Sie lassen Ihren Gedanken die Zügel
schießen!
-- Ei, ich werde ihm Komödie spielen lehren. Der Schüler der Miß Anna
Walston!... Ahnst Du den Effect?
-- In fünfzehn Jahren....
-- Zugegeben, Elisa, in fünfzehn Jahren, doch ich sage Dir, in fünfzehn
Jahren wird er der reizendste junge Mann sein. Alle Frauen werden...
-- Vor Eifersucht umkommen, fiel Elisa ein. Das kenne ich schon. Doch,
Miß Anna, wollen Sie meine aufrichtige Meinung hören?
-- Nun, und die wäre?...
-- Aus diesem Kinde wird im Leben kein Schauspieler werden.
-- Ja, warum denn nicht?
-- Weil der Junge zu ernsthaft ist.
-- Das ist wohl wahr, gab Miß Anna Walston zu, doch... wir werden ja
sehen....
-- Und Zeit genug haben wir dazu, Miß Anna!«
Gewiß war's dazu Zeit genug, und wenn der Findling dann, trotz der
Vermuthung Elisas, Neigung für das Theater zeigte, war ja alles gut.
Inzwischen kam der Miß Anna Walston ein herrlicher Gedanke, wie solche
ihr ganz ausschließlich eigen zu sein schienen: sie wollte das Kind
baldigst auf der Bühne von Limerick einmal auftreten lassen.
Wenn der und jener das auch als eine wahnsinnige Idee verurtheilen
mochte, so zeigte sich doch, daß dieses »einzige Auftreten«, wie die
Placate ankündigten, von ganz bedeutender Wirkung zu sein versprach.
Miß Anna Walston studierte jetzt aufs neue ein »Rührstück mit
Knalleffecten« ein, wie solche im englischen Repertoire gar nicht selten
sind. Dieses Drama, richtiger Melodrama, mit dem Titel »Die Reue einer
Mutter«, hatte bereits einer ganzen Generation Thränen genug entlockt,
um die Flüsse des Vereinigten Königreichs damit speisen zu können.
In diesem Stücke des Dramaturgen Furpill kam, wie allemal, eine
Kinderrolle vor -- ein Kind, das die Mutter nicht hatte behalten können,
das sie ein Jahr nach seiner Geburt verlassen mußte, während sie es
später elend wiederfand und man es ihr aufs neue rauben wollte u. s. w.
Selbstverständlich war das eine stumme Rolle. Der kleine Figurant, der
sie spielte, hatte nur alles mit sich geschehen, sich umarmen, küssen,
an einen Mutterbusen drücken und sich hierhin und dorthin zerren zu
lassen, ohne je ein Wort zu sprechen.
Unser Held schien zu einer solchen Rolle ja wie geschaffen. Er hatte das
richtige Alter und die passende Größe, dazu ein bleiches Gesichtchen mit
Augen, die gar oft geweint hatten. Welcher Effect, wenn man ihn auf
der Bühne sähe und hier gerade mit seiner Adoptivmutter! Mit welcher
Begeisterung, welchem Feuer würde diese die fünfte Scene des dritten
Actes spielen, die große Scene, in der sie das Kind vertheidigt, das man
ihr wieder entreißen will! Hier kamen ja die thatsächlichen
Verhältnisse den erdichteten zu Hilfe. Dabei entrang sich der Künstlerin
unzweifelhaft ein aufrichtiger Schmerzensschrei und vergoß sie gewiß
wirkliche Thränen... kurz, es winkte ihr ein Triumph ohne Gleichen.
Die Vorbereitungen nahmen ihren Anfang und der kleine Knabe mußte den
letzten Proben beiwohnen.
Das erste Mal erstaunte er ungemein über alles, was er da sah und hörte.
Miß Anna Walston nannte ihn wohl, gemäß dem Texte der Rolle, »mein
Kind«, es schien ihm aber, als ob sie ihn nicht so innig wie sonst
umschlänge und keine Thränen vergösse, wenn sie ihn an ihr Herz zog.
Wozu auch weinen bei Theaterproben? Wozu die Augen abnutzen? Dazu war's
bei der Aufführung Zeit genug.
Auf den kleinen Knaben machte übrigens alles einen tiefen Eindruck...
die sperrigen Gestelle der Coulissen; die etwas feuchtmodrige Luft, der
große, leere Zuschauerraum, in den nur kleine Fenster über der höchsten
Gallerie wenig Licht eindringen ließen, das Ganze sah so traurig aus,
wie ein Haus mit einem Todten darin. Immerhin that Sib -- so hieß der
Kleine in dem Stücke -- was man von ihm verlangte, und Miß Anna Walston
prophezeite ihm schon den schönsten Erfolg... und sich natürlich mit.
Vielleicht wurde diese Zuversicht nicht allgemein getheilt. Der
Künstlerin fehlte es ja, vor allem unter den Colleginnen, nicht
an Neidern. Sie hatte diese verletzt durch ihre eigenwillige
Persönlichkeit, ihre Launen, gewiß ohne Absicht und ohne daß sie es
merkte, und wer hätte ihr das auch mittheilen sollen? Jetzt erklärte
sie nun, eine Folge der Erregbarkeit ihres Temperaments, gar noch, der
Kleine, der jetzt kaum so hoch wie ein Ritterstiefel war, werde noch
einen Kean, einen Macready und andre Größen der heimischen Bühne
ausstechen. Das ging doch über alles Maß hinaus.
Endlich kam der Tag der ersten Aufführung.
Es war am 19. October, an einem Donnerstage. Miß Anna Walston befand
sich natürlich in hochgradiger Aufregung. Einmal ergriff sie Sib,
umarmte ihn und schüttelte ihn mit nervöser Gewalt, dann wieder reizte
sie seine Gegenwart und sie schob ihn weg, während dieser nichts von
allem begriff.
Am Abende der ersten Aufführung strömten die Leute in hellen Haufen
nach dem Theater in Limerick. Der Theaterzettel hatte eine ganz
außergewöhnliche Zugkraft geübt.
Gastvorstellung
_der Miß Anna Walston_,
#Die Reue einer Mutter.#
Schauspiel von dem
_berühmten Furpil_.
Personen:
Die Herzogin von Kendalle... Miß Anna Walston.
Sib, dargestellt von deren Pflegesohne, der »Findling«
genannt, z. Z. 5 Jahre 9 Monate alt... u. s. w.
Wie stolz wäre der kleine Bursche gewesen, wenn er vor diesem Anschlage
gestanden hätte. Er konnte ja lesen, und hier stand sein Name schwarz
auf weiß in großen Buchstaben.
Dieser Stolz wäre freilich bald gedemüthigt worden. In der Garderobe der
Miß Anna Walston erwartete ihn ein wirklicher Kummer.
Bis zum heutigen Abend hatte er keine »Costümprobe« gehabt, weil man
das für unnöthig erachtete. Er war also stets mit seinen besten Kleidern
nach dem Theater gegangen. Jetzt brachte aber Elisa, während sich Miß
Anna als Herzogin von Kendalle schmückte, für ihn eine ganz zerfetzte
Tracht herbei, die sie ihm anzulegen begann, scheinbar schmutzige,
zerrissene Lumpen, die freilich auf der Innenseite völlig sauber waren.
In dem rührseligen Stücke ist Sib in der That ein verlassenes Kind, das
seine Mutter in den dürftigsten Verhältnissen wiederfindet, seine Mutter
eine Herzogin, eine Schönheit in Sammet, Seide und duftigen Spitzen.
Als er den Anzug sah, glaubte der kleine Knabe zuerst, er solle nach der
Lumpenschule zurückgeschickt werden.
»Miß Anna... Miß Anna! rief er schluchzend.
-- Was willst Du? fragte die Künstlerin.
-- Schicken Sie mich nicht wieder zurück, bitte, bitte!
-- Dich zurückschicken?... Warum denn?
-- Hier die alten, schlechten Kleider...
-- Nein... was er sich gleich einbildet!
-- Ach was, halte still, kleiner Querkopf! fiel Elisa ein, die ihn mit
fester Hand anfaßte.
-- Ach, die Engelsliebe!« sagte Miß Anna tiefgerührt.
Und mit feiner Pinselspitze malte sie sich leicht geschwungne
Augenbrauen.
»Das süße Herz... wenn das jemand von den Zuschauern wüßte!«
Sie legte etwas Roth auf die Wangen.
»Die Leute sollen's aber erfahren, Elisa. Morgen schon steht es in den
Blättern, daß er hat glauben können...«
Sie warf sich eine kostbare weiße Hülle um die Schultern.
»O über den seltsamen Babish!... Jene schlechten Kleider... ach, es
ist zum Lachen...
-- Zum Lachen, Miß Anna?...
-- Ja, weinen darf man ja nicht.«
Sie hätte wohl Thränen vergossen, fürchtete aber ihre künstlische
Färbung zu beschädigen.
Elisa bemerkte jedoch kopfschüttelnd:
»Sie sehen, Miß Anna, daß wir aus dem nie einen Komödianten machen
werden!«
Der Findling ließ sich indeß, eingeschüchtert und recht schweren
Herzens, die Lumpen für die Rolle Sibs anlegen.
Da kam Miß Anna Walston auf den Gedanken, ihm eine glänzende Guinee
zu schenken, das sollte ihn beim ersten Auftreten ermuntern. Schnell
getröstet, nahm der Kleine das Goldstück hastig an und steckte es, nach
gehöriger Besichtigung, tief in seine Tasche.
Nachher streichelte ihm die Künstlerin noch einmal die Wangen und begab
sich nach der Bühne hinunter, indem sie Elisa beauftragte, ihn in der
Garderobe zu behalten, da er erst im dritten Acte aufzutreten hatte.
Heute Abend füllten die feine Welt und die bessern Kreise überhaupt das
Theater vom Orchester bis zum Schnürboden, obgleich dieses Stück keine
Novität war. Schon seit zwölf bis dreizehn Jahren hatten es alle Bühnen
des Vereinigten Königreichs aufgeführt, was effectreichen Stücken selbst
untergeordneten Wertes ja nicht selten widerfuhr.
Der erste Act verlief nach Vorschrift. Miß Anna Walston erntete
rauschenden Beifall, den sie durch die Leidenschaft ihres Spiels und den
Glanz ihres Talents von den hingerissenen Zuschauern gewiß verdiente.
Nach dem ersten Acte begab sich die Herzogin von Kendalle nach ihrer
Garderobe zurück und legte hier, zum größten Erstaunen Sibs, ihre
Seiden- und Sammetkleidung ab, um diese mit der Tracht einer einfachen
Magd zu vertauschen -- wie es die, übrigens recht altersgraue
Entwickelung des Dramas verlangte.
Der Findling starrte die Dame in Sammet an, die zu einer Frau in grober
Wolle wurde. Ihn beunruhigte das mehr und mehr, denn es schien ihm,
als wenn eine Fee jene phantastische Veränderung vor seinen Augen
durchführte.
Dann tönte die Stimme des Inspicienten bis zur Garderobe herauf, eine
Stentorstimme, die ihn erzittern machte, und die »Magd« gab ihm ein
Zeichen mit der Hand und sagte:
»Nun, aufgepaßt, Findling, jetzt kommst Du bald dran.«
Damit stieg auch sie nach der Bühne herunter.
Zweiter Act: Die Magd erntet den gleichen Beifall, wie die Herzogin im
ersten, und der Vorhang muß unter dreifachem Applaus ebenso viele Male
wieder aufgezogen werden.
Den »guten Freundinnen« und deren getreuen Schildknappen fehlte es
demnach an Gelegenheit, sich an Miß Walston zu reiben.
In ihrer Garderobe warf sich diese etwas ermüdet auf ein Sopha,
obgleich sie ihren höchsten dramatischen Triumph erst im folgenden Acte
ausspielen wollte.
Noch einmal wechselte sie das Costüm; jetzt verwandelt sie sich aus der
Magd zur Dame, zu einer etwas weniger jugendlich erscheinenden Dame in
Trauer, denn zwischen dem zweiten und dritten Aufzuge liegen fünf Jahre.
Regungslos in seiner Ecke macht der kleine Knabe große Augen, ohne ein
Wort zu äußern. Die etwas angegriffene Miß Anna Walston beachtet ihn
zunächst nicht weiter.
Nach Beendigung ihrer Toilette beginnt sie:
»Nun, Kleiner, nun kommst Du auf die Bühne.
-- Ich, Miß Anna?...
-- Weißt Du denn noch, daß Dein Name da »Sib« ist?
-- Sib?... Ja wohl.
-- Elisa, schärfe ihm ja noch einmal ein, daß er Sib heißt, bis zum
Augenblicke, wo Du ihn dem Regisseur neben der Thür zuführst.
-- Gewiß, Miß Anna.
-- Und daß er nur das Stichwort nicht verfehlt! Du weißt übrigens,
wendete die Künstlerin sich, mit den Finger drohend, an den Knaben, Du
weißt, daß Dir sonst Deine Guinee wieder genommen wird. Also Achtung vor
der Geldbuße....
-- Und vor dem Gefängniß!« setzte Elisa dazu, ihn mit strengem Blicke
musternd.
Genannter Sib sah nach, ob die Guinee, die er sich schon nicht wieder
abnehmen lassen würde, noch in seiner Tasche war.
Jetzt kam der große Moment. Elisa faßte ihn an der Hand und ging mit ihm
nach der Bühne hinunter.
Sib war anfänglich ganz verwirrt durch die vielen Flaschenzüge und
Seile, wie über die von allen Seiten strahlenden Gasflammen und das
Durcheinander von Figuranten und Schauspielern, die ihn lächelnd
betrachteten.
Der arme Kleine schämte sich wirklich in seiner zerfetzten Hülle.
Endlich ertönte das Zeichen zum Anfang.
Sib zitterte, als hätten die Glockenschläge seinen Rücken getroffen.
Der Vorhang rauschte empor.
Die Herzogin von Kendalle war allein auf der Bühne und sprach in der
eine ärmliche Hütte darstellenden Decoration einen Monolog. Bei einem
gewissen Stichworte sollte sich die Thür im Hintergrunde öffnen, ein
Kind eintreten, auf sie zugehen und bittend die Hand ausstrecken; in
diesem Kinde sollte sie das ihrige erkennen.
Hier sei erwähnt, daß der Findling schon bei den Proben immer sehr
betrübt darüber war, daß er um ein Almosen betteln sollte, wogegen sich
sein natürlicher Stolz ja bereits in der Lumpenschule auflehnte. Miß
Anna Walston hatte ihm zwar wiederholt erklärt, daß es sich hier nicht
um ein wirkliches Betteln handelte, das beruhigte ihn jedoch noch nicht.
In seiner Naivität nahm er die Sachen für Ernst und glaubte schließlich
wirklich, daß er der unglückliche kleine Sib sei.
In Erwartung seines Auftretens und während ihn der Regisseur an der Hand
hielt, lugte er durch die nur angelehnte Thür. Mit größter Verblüffung
durchflogen seine Augen den gefüllten Zuschauerraum, der wie in einem
Lichtmeer gebadet erschien, theils von den Girandolen der einzelnen
Ränge und theils von dem großen, einem feurigen Ballon ähnlichen
Kronleuchter. Das war ein so ganz andres Bild, als er es bei seinen
wenigen Theaterbesuchen von der Loge aus gesehen hatte.
Da raunte der Regisseur ihm zu:
»Achtung, Sib!
-- Ja, ja, Herr....
-- Du weißt... Du gehst grade auf Deine Mama zu. Hüte Dich, nicht etwa
zu fallen.
-- Ich werde mich vorsehen.
-- Und strecke hübsch die Hand aus...
-- Ja; nicht wahr, so hier?«
Er zeigte dabei eine fest geschlossene Hand.
»Nein, Dummkopf!... Du machst ja eine Faust und mußt doch die Hand offen
hinhalten, wenn Du um eine Gabe bittest....
-- Ach ja, Herr....
-- Und vor allem, sprich kein Wort... keine Silbe!
-- Nein, Herr....«
Die Thür der Hütte öffnete sich und der Regisseur schob den Findling
genau beim Stichworte hinein.
Der kleine Knabe hatte sein Debüt in der theatralischen Laufbahn. O, wie
klopfte ihm das Herz!
Vom Zuschauerraume her tönte ein Gemurmel, ein Ausdruck teilnehmenden
Mitleids, während Sib, mit gesenkten Augen und ungewissen Schritten
herankommend, gegen die trauernde Dame die Hand ausstreckte. Die
Zuschauer glaubten herauszufinden, daß er solche Lumpen gewöhnt gewesen
war.
Man bereitete ihm einen »Empfang«, was den Kleinen noch mehr verwirrte.
Plötzlich erhebt sich die Herzogin, sie starrt ihn an, sinkt zurück und
öffnet die Arme.
Ein markdurchdringender Schrei nach allen Regeln der Kunst.
»Er ist's!... Er ist's!... Ich erkenne ihn wieder!... Das ist Sib,
mein... mein Kind!«
Darauf zieht sie ihn an sich, drückt ihn ans Herz, bedeckt ihn mit
Küssen... er läßt sie gewähren. Sie weint -- diesmal leibhaftige
Thränen -- und schluchzt:
»Mein Kind... mein Kind ist es, dieser kleine Unglückliche, der mich um
ein Almosen anfleht!«
Das ergreift den armen Sib.
»Ihr Kind, Miß Anna? fragte er trotz der Mahnung, kein Wort zu sprechen.
-- Schweig doch!« zischelt ihm die Künstlerin heimlich zu.
Dann fährt sie fort:
»Um mich zu strafen, hatte der Himmel mir ihn genommen, heute giebt er
ihn mir wieder!«
Unter diesen von Seufzern unterbrochenen Worten verzehrt sie Sib fast
mit ihren Küssen, überschüttet sie ihn fast mit ihren Thränen. Niemals,
nein, niemals war der kleine Knabe so stürmisch geherzt und gepreßt
worden, nie hatte er sich so mütterlich geliebt gefühlt.
Die Herzogin erhebt sich, als höre sie Geräusch von draußen.
»Sib, ruft sie, Du wirst nicht von mir gehen!
-- Gewiß nicht, Miß Anna!
-- So schweig doch nur!« ruft sie auf die Gefahr hin, von den Zuschauern
gehört zu werden.
Die Thür der Hütte wird hastig aufgestoßen. Zwei Männer erscheinen auf
der Schwelle.
Der erste ist der Gemahl der Trauernden, der andre ein Gerichtsdiener,
der jenen zur Unterstützung begleitet.
»Ergreifen Sie dieses Kind... es gehört mir!
-- Nein, das ist Dein Sohn nicht! antwortet die Herzogin, die Sib ein
Stück hinwegzieht.
-- Sie sind nicht mein Papa!« erklärt der kleine Junge laut.
Die Fingerspitzen der Miß Anna Walston haben sich so tief in seinen
Arm eingebohrt, daß ihm ein Schrei entfährt. Dieser Schrei paßt ja zur
Situation und compromittiert sie nicht. Jetzt ist es eine Mutter, die
ihn an sich preßt... keiner soll ihr das Kind entreißen können. Eine
Löwin vertheidigt ihr Junges....
Der kleine sich sträubende Löwe, der den Vorgang für Ernst nimmt,
wird zu widerstehen wissen. Der Herzog hat sich seiner bemächtigt; er
entschlüpft ihm und eilt auf die Herzogin zu.
»Ach, Miß Anna, ruft er weinend, warum haben Sie mir gesagt, daß sie
nicht meine Mama sind?
-- Wirst Du schweigen, Unglücksvogel!... Wirst Du endlich schweigen!
murmelt sie, während Herzog und Gerichtsdiener bei diesen unerwarteten
Zwischenreden ganz aus der Rolle fallen.
-- Ja, ja... antwortet Sib, Sie sind doch meine Mama... ich hatte es
Ihnen ja gesagt, Miß Anna... meine richtige Mama.«
Die Zuschauer begreifen allmählich, daß das nicht zum Stücke gehört; sie
kichern und lächeln, einige klatschen scherzweise Beifall. Eigentlich
hätten sie weinen sollen, denn es war rührend zu sehen, wie das Kind in
der Herzogin von Kendalle seine leibliche Mutter zu erkennen wähnte.
Die »Situation« blieb aber -- so oder so -- compromittiert. Man fing an
zu lachen, wo hätte man weinen sollen, und um den großen Auftritt war es
geschehen.
Miß Anna Walston erfaßte die ganze Lächerlichkeit der Lage. Ihre
vortrefflichen Collegen raunten ihr ironische Bemerkungen zu.
Außer sich vor Erregung ergriff sie eine blinde Wuth. Den kleinen
Dummkopf, der die Ursache all dieses Unheils war, hätte sie vernichten
mögen!... Da schwanden ihr die Kräfte, sie fiel auf die Bühne nieder
und der Vorhang senkte sich unter homerischem Gelächter der Zuschauer.
Noch in derselben Nacht verließ Miß Anna Walston, die man nach dem
Royal-George-Hôtel geschafft hatte, die Stadt in Begleitung der Elisa
Corbett. Sie verzichtete auf die für die folgende Woche angekündigten
Vorstellungen und entrichtete deshalb die übliche Conventionalstrafe.
Auf dem Theater in Limerick wollte sie nie wieder auftreten.
Um den kleinen Knaben hatte sie sich gar nicht weiter gekümmert. Sie
entledigte sich seiner wie eines Dinges, das ihr nicht mehr gefiel und
dessen Anblick ihr verhaßt war. Bei dem Frostschauer der Eigenliebe
erstarrt jede andre Neigung.
* * * * *
Der Findling, der sich allein sah, nichts begriff, aber doch ahnte,
daß er ein großes Unglück angerichtet haben müsse, hatte sich unbemerkt
geflüchtet. Aufs Gradewohl durchirrte er die ganze Nacht die Straßen von
Limerick und verkroch sich endlich in eine Art großen Garten mit da und
dort verstreuten Häuschen und steinernen, von Kreuzen überragten
Tafeln. In der Mitte erhob sich ein gewaltiges Bauwerk, das an der vom
Mondschein nicht getroffenen Seite sehr düster aussah.
Dieser Garten war der Friedhof von Limerick -- eine jener englischen
Todtenstätten mit Buschwerk, blühenden Pflanzen, besandeten Wegen,
mit Rasenflächen und kleinen Springbrunnen, wodurch das Ganze zum
vielbesuchten Spaziergang wird. Die Tafelsteine waren Gräber, die
kleinen Häuser Grüfte, das große Bauwerk die Kathedrale der heiligen
Maria.
Hier hatte das Kind Zuflucht gefunden und verbrachte es die Nacht auf
einer Steinplatte im Schatten der Kirche, beim geringsten Geräusche
zitternd vor Furcht... daß der böse Mann, der Herzog von Kendalle, es
suchen könnte. Und nun war auch Miß Anna nicht zu seiner Vertheidigung
da! Man werde ihn, so meinte er, weit wegführen in ein unbekanntes Land,
wo er seine Mama nicht wiedersähe... und große Thränen perlten ihm aus
den Augen.
Mit Tagesanbruch hörte der Findling eine Stimme, die ihn anrief.
Unfern von ihm standen ein Mann und eine Frau, ein Farmer und dessen
Gattin. Beim Vorübergehen hatten sie den Kleinen bemerkt. Beide begaben
sich nach dem Bureau des öffentlichen Fuhrwesens, von wo aus ein Wagen
nach dem Süden der Grafschaft abgehen sollte.
»Was machst Du da, Kleiner?« fragte der Mann.
Der Knabe schluchzte, daß er kein Wort hervorbringen konnte.
»Nun, was hast Du denn da vor?« erklang jetzt die sanftere Stimme der
Frau.
Der Findling schwieg noch immer.
»Wer ist Dein Vater? fuhr sie fort.
-- Ich habe keinen Vater, antwortete er endlich.
-- Aber Deine Mutter?...
-- Ich habe keine mehr!«
Dabei streckte er die Arme gegen die Farmersfrau aus.
»Es ist ein verlassnes Kind,« sagte der Mann.
Hätte der Findling noch seine schöne Kleidung getragen, so würde der
Farmer ihn für ein verirrtes Kind und sich für verpflichtet gehalten
haben, es den Seinigen wieder zuzuführen. In den Lumpen Sibs aber konnte
es nur einer jener kleiner Unglücklichen sein, die niemand angehörten.
»So komme mit!« schloß der Farmer.
Dabei hob er ihn schon auf, legte ihn seiner Frau in die Arme und sagte
mit freundlicher Stimme:
»So ein Bübchen mehr im Hause, das merken wir auch nicht. Nicht wahr,
Martine?
-- Nein Martin!«
Und mit einem herzhaften Kusse löschte die gute Frau die Thränen des
kleinen Knaben.
VIII.
Die Farm von Kerwan.
Daß dem kleinen Burschen in der Provinz Ulster kein Glücksstern
geschienen hatte, war leicht genug zu erkennen, obgleich niemand
wußte, wie er seine erste Kindheit in irgend einem Dorfe der Grafschaft
zugebracht haben mochte.
Die Provinz Connaught war ihm auch nicht gnädig gewesen, weder als
er über die Landstraßen der Grafschaft Mayo unter der Fuchtel des
Puppenschaustellers hinwanderte, noch die Grafschaft Galway während der
zwei Jahre in der =Ragged-School=.
Nun hätte man wenigstens hoffen können, daß sein Elend in der Provinz
Munster, Dank der Laune einer Schauspielerin, ein Ende genommen hätte.
Nein... er war wieder verlassen worden, und jetzt sollte ihn der Zufall
tief nach Kerry hinein, an das Südwestende Irlands verschlagen. Diesmal
nahmen sich sehr wackre Leute seiner an... möchte er bei ihnen bleiben
können!
Im Nordosten der Grafschaft Kerry und nahe dem Flusse Cashen liegt die
Farm von Kerwan. In der Entfernung von einem Dutzend (englische)
Meilen liegt Tralee, der Hauptort, von wo, alter Ueberlieferung nach,
im sechsten Jahrhundert Saint-Brandon abgesegelt sein soll, um
Amerika lange vor Columbus zu entdecken. Hier laufen die verschiedenen
Schienenwege des mittleren Irland zusammen.
Das sehr unebene Gebiet enthält die höchsten Berge der Insel, wie die
Clanaraderry- und die Stacksberge. Zahlreiche Wasserläufe verbinden sich
mit dem Cashen und bedingen, im Verein mit vielen Sumpfstrecken, auch
eine große Unebenheit der Landstraßen. Dreißig Meilen gegen Westen
trifft man auf die tiefeingeschnittene Küste, wo sich die Flußmündung
des Shannon und die lange Bai von Kerry ausbreiten, deren vielgestaltige
Felswände von der Kohlensäure des Meerwassers benagt werden.
Jeder erinnert sich der Worte O'Connell's: »Irland den Irländern!« Im
folgenden wird sich zeigen, wie weit das wahr geworden ist.
Man zählt hier dreihunderttausend Farmen, die fremden Besitzern gehören.
Unter dieser Zahl umfassen fünfzigtausend mehr als vierundzwanzig Acres
(etwa zehn Hektar) und achttausend haben nur acht bis zwölf Acres.
Die übrigen sind alle kleiner. Daraus darf man aber nicht auf eine
weitgehende Zerstückelung des Eigenthums schließen. Im Gegentheil. Drei
dortige Großbesitze übersteigen hunderttausend Acres, z. B. der von
Richard Borridge, der hundertsechzigtausend Acres mißt.
Doch was sind diese Complexe gegen die der Landlords von Schottland,
eines Grafen von Breadalbane, der vierhundertfünfunddreißigtausend Acres
sein eigen nennt, eines J. Matheson, der vierhundertsechstausend, eines
Herzogs von Sutherland, der gar zwölfhunderttausend Acres -- das Areal
eines ganzen Herzogthums -- besitzt!
Seit der Eroberung durch die Anglo-Normannen im Jahre 1100 ist die
»Schwesterinsel« streng feudal regiert worden und ist ihr Boden
Feudaleigenthum geblieben.
Der Herzog von Rockingham war jener Zeit einer der großen Landlords
der Grafschaft Kerry. Sein Besitzthum von hundertfünfzigtausend Acres
enthielt Getreideland, Wiesen, Wald und Teiche mit fünfzehnhundert
darüber verstreuten Farmen. Er war ein Fremder, einer derer, die die
Irländer mit Recht des Absentismus wegen anklagen. Die Folge dieses
Fernbleibens aber ist, daß das durch irischen Fleiß erworbene Geld zum
Nachtheil Irlands nach auswärts geht.
Das »Grüne Erin« bildet bekanntlich keinen Bestandtheil Großbritanniens,
das nur aus England und Schottland besteht. Der Herzog von Rockingham
war ein englischer Lord. Wie so viele andre, die neun Zehntel der Insel
besitzen, hatte er es noch nicht für der Mühe werth gehalten, sein
Landeigenthum zu besuchen, und so kannten ihn auch seine Pächter nicht.
Für eine gewisse jährliche Summe überließ er die Ausbeutung seines
Grundbesitzes einigen Generalpächtern oder »Middlemen«, die diesen in
kleinen Parcellen an die eigentlichen Landbauern weiter verpachteten. So
gehörte die Farm von Kerwan mit vielen andern eigentlich einem gewissen
John Eldon, einem Agenten des Herzogs von Rockingham.
Diese Farm von mittlerem Umfang enthält nur hundert Acres und dazu
besteht sie aus minderwerthigem, vom Oberlauf des Cashen benetztem
Culturlande, dem der Bauer nur mit emsiger Arbeit so viel entlocken
kann, wie er zur Zahlung des Pachtzinses braucht, vorzüglich, wenn
dieser sehr hoch, mit einem Pfund Sterling jährlich für den Acre,
angesetzt ist.
Das war der Fall bei der Farm von Kerwan, die der Landmann Mac Carthy
bearbeitete.
Es giebt wohl auch gute Grundherren in Irland; die Pächter haben es aber
nur mit den Middlemen, meist harten, unerbittlichen Leuten, zu thun. Die
Aristokratie, die sich in England und Schottland so liberal zeigt, tritt
in Irland dagegen sehr herrisch auf. Statt die Hand zu reichen, zerrt
sie an den Zügeln. Eine Katastrophe liegt immer in der Luft. Wer den Haß
säet, wird die Empörung ernten.
Martin Mac Carthy, einer der besten Farmer der ganzen Domäne, stand in
dem kräftigen Mannesalter von zweiundfünfzig Jahren. Fleißig, gewandt,
im Landbau wohlerfahren und unterstützt durch seine streng erzogenen
Kinder hatte er trotz aller Steuern und Abgaben, die das Budget eines
irischen Bauern belasten, doch noch eine kleine Summe zurücklegen
können.
Seine Frau hieß Martine, wie er Martin. Dieses überaus thätige Weib
besaß alle Eigenschaften einer guten Haushälterin. Sie arbeitete mit
ihren fünfzig Jahren noch, als ob sie deren erst zwanzig zählte. Im
Winter aber, wenn die Feldarbeit ruhte, sah man sie beim schnurrenden
Spinnrade vor dem Kamin sitzen, wenn keine häusliche Arbeit sie in
Anspruch nahm.
Die in guter Luft lebende, durch Thätigkeit im Freien abgehärtete
Familie Mac Carthy erfreute sich vortrefflicher Gesundheit und ruinierte
sich weder durch Arzneien noch durch Aerzte. Sie gehörte zu der
kräftigen Rasse irischer Landleute, die sich ebenso leicht in den
Prairien des amerikanischen Far-West acclimatisiert, wie in den Gebieten
Australiens oder Neuseelands.
Als Haupt der Familie galt, von allen geliebt und geehrt, die Mutter
Martins, eine Greisin von fünfundsiebzig Jahren, deren Mann früher die
Farm innehatte. »Großmutter« -- anders nannte man sie nicht -- hatte
keine andere Beschäftigung, als mit ihrer Schwiegertochter zu spinnen,
da sie, so weit dies an ihr lag, ihren Kindern möglichst wenig zur Last
fallen wollte.
Der älteste der Söhne, der siebenundzwanzigjährige, aber besser als sein
Vater unterrichtete Murdock, nahm lebhaftesten Antheil an den Fragen,
die ganz Irland unablässig bewegten, und alle fürchteten sehr, daß er
sich einmal in eine schlimme Geschichte einlassen könne. Er gehörte
zu den eifrigsten Anhängern des =home rule=, d. h. der Erkämpfung der
Autonomie des Landes, ohne freilich zu bedenken, daß das =home rule=
weit mehr auf politische, als auf sociale Reformen abzielt. Gerade der
letzteren bedarf aber Irland, da es noch unter der schweren Last der
Feudalherrschaft seufzt.
Murdock, ein kräftiger junger Mann von schweigsamem Charakter, hatte
unlängst die Tochter eines benachbarten Farmers geheiratet. Die von
der Familie Mac Carthy geliebte, vortreffliche junge Frau besaß jene
regelmäßige, stolze und ruhige Schönheit und die vornehme Haltung, die
man bei Irländerinnen der unteren Classen so häufig findet. Ihr Gesicht
wurde von großen blauen Augen belebt und lockig quoll das reiche blonde
Haar unter den Kopfbändern hervor. Kitty liebte ihren Gatten herzlich,
und Murdock, der sonst niemals lächelte, vergaß sich hierin zuweilen
doch, wenn er sie ansah, denn auch er bewahrte ihr die innigste
Zuneigung. Sie benützte ihren Einfluß auch, ihn zu mäßigen und
zurückzuhalten, wenn ein Sendbote der Nationalisten Propaganda im Lande
zu machen und die Leute zu überzeugen suchte, daß von einer Versöhnung
zwischen Landlords und Pächtern nie die Rede sein könne.
Selbstverständlich waren die Mac Carthy's gute Katholiken, es kann
also nicht auffallen, daß sie die Protestanten als ihre Feinde
betrachteten.[2]
Murdock besuchte eifrig alle solche Versammlungen und Kittys Herz
klopfte immer recht ängstlich, wenn sie ihn so nach Tralee oder einem
andern Orte in der Nachbarschaft gehen sah. Bei diesen Gelegenheiten
sprach er auch öffentlich mit der den Irländern angebornen Beredtsamkeit
und Kitty mußte ihn bei der Heimkehr immer erst zu beruhigen suchen,
wenn sie die Erregung noch in seinen Zügen las und er unter einem
gemurmelten Aufrufe zur agrarischen Erhebung wohl gar noch mit dem Fuße
stampfte.
»Mein guter Murdock, sagte sie dann bittend, wir müssen Geduld haben...
uns vorläufig ins Unabänderliche fügen...
-- Geduld! unterbrach er sie grollend, wenn Jahre dahingehen und nichts
sich bessert! Ergebung, wenn man thätige Leute wie unsre Großmutter
nach langem Leben voller Arbeit noch immer im Elend schmachten sieht!
Geduldig sein und sich fügen, arme Kitty, bedeutet, alles ruhig
hinnehmen, das Gefühl eignen Rechtes verlieren, sich unters Joch ducken
und das... das thu' ich niemals... niemals!«
Martin Mac Carthy hatte noch zwei andre Söhne, Pat oder Patrick, und Sim
oder Simeon, im Alter von fünfundzwanzig und von neunzehn Jahren.
Pat segelte meist als Matrose auf einem Handelsschiffe des angesehenen
Hauses Marcuart in Liverpool. Sim hatte, wie Murdock, die Farm niemals
verlassen, und ihr Vater fand an beiden wichtige Helfer für die
Feldarbeit und die Pflege der Thiere. Sim gehorchte ohne Widerspruch
seinem älteren Bruder, dessen Ueberlegenheit er neidlos anerkannte. Er
bezeugte ihm so viel Achtung, als ob jener das Haupt der Familie wäre.
Als letzter Sohn, als »Nesthäkchen« mit besondrer Liebe aufgezogen,
neigte er zu der harmlosen Lustigkeit, die allgemein im Charakter des
Irländers liegt. Er liebte es, zu scherzen, zu lachen und verbreitete
Sonnenschein in dem sonst etwas düstern Hause. Sehr muthwilliger Natur,
unterschied er sich auffallend von dem gesetzten, ernsthaften Wesen
seines Bruders Murdock.
Das war also die fleißige Familie, in deren Mitte der Findling durch
Zufall gekommen war. Seinem lebhaften Geiste konnte der Unterschied
zwischen dem erbärmlichen Leben in der Lumpenschule und dem gesunden
Aufenthalt in einer irländischen Farm nicht unbemerkt bleiben. Wohl
hatte unser Held mehrere Wochen behaglichen Wohlbefindens bei der
launenhaften Miß Anna Walston verlebt, dort aber nicht die wahre
herzliche Zuneigung gefunden, die das Leben am Theater überhaupt mehr
oder weniger am Aufkeimen zu hindern pflegt.
Die gesammten Baulichkeiten des Mac Carthyschen Pachtgutes beschränkten
sich nur auf das unbedingt notwendige. Viele Güter in den reichen
Grafschaften des Vereinigten Königreichs sind in ganz andrer und
luxuriöserer Weise ausgestattet. Uebrigens verleiht ja der Farmer erst
der Farm den Werth, und deren Umfang ist nicht von so entscheidender
Bedeutung, wenn sie nur einsichtig bewirthschaftet wird. Martin Mac
Carthy gehörte also nicht zu der begünstigteren Classe der »Yeomen«, die
kleine Bodeneigenthümer sind, sondern nur zu den zahlreichen Pächtern
des Herzogs von Rockingham, so zu sagen: zu den Hunderten von
landwirthschaftlichen Maschinen, die auf dem ausgedehnten Grundbesitz
der reichen Landlords in Thätigkeit sind.
Das Hauptgebäude, das aus Mauerwerk mit Strohdach bestand, enthielt nur
ein Erdgeschoß, worin die Großmutter, Martin und Martine Mac Carthy
und Murdock mit seiner Frau je ein Zimmerchen bewohnten. Dazu kam ein
größerer Raum mit weitem Kamin, der die Insassen des Hauses bei den
Mahlzeiten vereinigte. Darüber lag, zwischen Kornböden, eine von zwei
Fensterchen erhellte Mansarde, wo Sim und auch Pat, wenn dieser einmal
da war, Unterkunft fanden.
An der einen Seite der Rückwand des Wohnhauses folgten die Tenne,
die Scheuern und Schuppen zur Unterbringung der Acker- und
Wirthschaftsgeräthe; an der andern der Kuh- und der Schafstall, die
Milchkammer, der Schweinestall und der Geflügelhof.
Infolge nicht rechtzeitig vorgenommener Verbesserungen zeigte freilich
alles ein recht klägliches Aussehen. Da und dort verdeckten einzelne
Bretter verschiedener Herkunft, Thürflügel, überflüssige Fensterläden,
Planken von alten Schiffen, von deren Abbruch herrührende kleine Balken
oder Zinkblechstücke die Lücken und Löcher der Mauern, und auf dem
Strohdache lagen schwere Feldsteine, um dieses gegen den Anprall der
Stürme zu sichern.
Zwischen den drei Gebäudecomplexen dehnte sich der Hof mit zweiflügligem
Thorweg aus. Eine lebende, reich mit leuchtenden Fuchsien geschmückte
Hecke bildete dessen Abschluß. Im Innern des Hofes grünte ein Rasenplatz
mit üppigen Gräsern, auf dem sich die Hühner tummelten, und in dessen
Mitte glänzte eine kleine Wasserfläche, deren Rand Azaleen, goldgelbe
Margueriten und halb verwilderte Asphodelen zierten.
Auf den Strohdächern grünte und blühte es übrigens rings um die
Feldsteine nicht weniger als auf dem Rasen und der Hecke, vorzüglich
gediehen hier unzählige Fuchsien mit ihren vom Winde immer bewegten
Glöckchen. Selbst die zersprungenen Mauern des Wohnhauses entbehrten
des Pflanzenschmuckes nicht, denn diese verhüllte ein so starkstämmiges
Epheugerank, daß letzteres das Dach desselben allein getragen hätte.
Zwischen dem eigentlichen Ackerland und dem Pachthofe lag noch ein
Küchengarten, worin Martin den Hausbedarf an Gemüsen anbaute, vorzüglich
Kohl, Rüben und Kartoffeln, und das Gartenland umsäumte wieder ein Kranz
von Bäumen und Buschwerk aller Art.
Hier wucherten kräftige Stechpalmen mit ihren stachligen, leuchtend
grünen Blättern, die seltsam geformten Muscheln ähneln; dort erhoben
sich wild wachsende Taxusbäume, denen keine unnütze Scheere die Gestalt
von Weinflaschen oder Lampenträgern gegeben hatte. In Flintenschußweite
zur Linken stand ein Wald von Eschen, und die Esche bildet einen der
schönsten Bäume dieser Gegenden. Weiterhin mischen sich tiefgrüne Buchen
ein, stellenweise unterbrochen von der Purpurfarbe hoher Büsche, der
Ebereschen, die von ferne Weinstöcken gleichen, an deren Reben korallene
Trauben hingen. Kaum drei Meilen von hier erhebt sich schon der Erdboden
unter den letzten Ausläufern der Clanaraderrykette, mit harzreichem
Fichtenbestand, deren Zapfen an den Gaisblattranken zu hängen scheinen,
die sich überall durch das Geäst der Bäume schlingen.
Der Betrieb der Farm von Kerwan erfordert ziemlich verschiedene
Culturen, giebt im ganzen aber nur einen mittelmäßigen Ertrag. Die
Weizenfrucht, die in der Hauptsache zu Grütze vermahlen wird, zeichnet
sich weder durch Länge der Halme, noch durch Ergiebigkeit der Aehren
aus. Der Hafer ist mager und schwächlich, was hier um so schlimmer
erscheint, als das Hafermehl fortwährend verwendet wird. Besser gedeihen
noch Gerste und Roggen, welch letzterer den größten Theil des Brodes
liefert. Bei der Rauhigkeit des Klimas können aber auch diese
Feldfrüchte vor October oder November selten geerntet werden.
Unter den im Großen angebauten Gemüsen, wie den Rüben und dem
starkhäuptigen Kohl, nehmen die Kartoffeln den ersten Rang ein, die,
vorzüglich in den minder begünstigten Theilen Irlands, die eigentliche
Volksnahrung ausmachen. Man fragt sich wirklich, wovon die Landleute
wohl gelebt haben mögen, ehe Parmentier die werthvolle Knollenfrucht auf
der Insel einführte. Vielleicht hat die Kartoffel freilich die Bauern
etwas sorgloser gemacht, da diese auf die Ausbeute an solchen rechnen,
wodurch sie vor Hungersnoth geschützt bleiben, so lange nicht gar zu
ungünstige Verhältnisse eintreten.
Wenn die Erde die Thiere ernährt, so tragen diese auch wieder zur
Ernährung der Erde bei. Ohne sie ist kein Anbau möglich. Die einen
dienen zur Arbeit mit Pflug und Egge, die andern liefern Eier, Fleisch
und Milch, alle aber die nöthige Düngung für den Acker. Zur Farm von
Kerwan gehörten auch sechs Pferde, und doch reichten sie, als Zwei- oder
Dreigespann verwendet, kaum aus, die Pflugschaar durch den steinigen
Boden zu ziehen. Standen sie auch nicht verzeichnet im »Stud-book«, der
Adelsrolle der Pferdefamilien, so leisteten sie doch die besten Dienste
und begnügten sich mit trocknem Heidekraut, wenn's einmal an besserem
Futter mangelte. Ein Esel leistete ihnen Gesellschaft, und diesem konnte
es nimmer an Disteln fehlen, deren es hier in solchen Mengen giebt,
daß alle dahin zielenden Verordnungen die Vertilgung dieser wuchernden
Pflanze nicht erzwingen werden.
Unter dem Stallvieh gab es ein halbes Dutzend schöne, rothhaarige
Milchkühe und gegen hundert schwarzköpfige Schafe mit sehr weißer Wolle,
deren Unterhaltung im Winter, wo fußtiefer Schnee die Fluren bedeckt,
mit vielen Schwierigkeiten verknüpft ist. Weniger gilt das von den
zwanzig Ziegen, die der Farmer besaß und denen man es mehr selbst
überlassen konnte, sich Nahrung zu suchen. Gab es kein Gras, so fanden
sie noch immer Blätter, die auch der strengsten Kälte widerstanden.
Ein Dutzend Schweine barg ein besondrer Stall an der rechten Hofseite;
diese wurden für den eignen Bedarf gemästet. Der Farmer betrieb nämlich
die Aufzucht solcher nicht, obgleich von Limerick sehr viele Schinken
versendet werden, die denen von York an Güte gleichkommen und auch unter
dieser Marke im Handel sind.
Hühner, Gänse und Enten gab es so viel, daß noch Eier nach dem Markte
von Tralee geliefert werden konnten, Truthühner und Haustauben aber
nicht, und diese findet man in den Bauernhöfen Irlands überhaupt nur
selten.
Auch eines Hundes müssen wir gedenken, eines schottischen Terriers, der
zur Bewachung der Schafheerde diente. Einen Jagdhund gab es hier nicht,
trotz des Wildreichthums der Gegend. Die Jagd ist ja nur ein Vergnügen
der Landlords. Der sehr hohe Preis für den Jagdschein, der der
britischen Staatscasse zufällt, und die Taxe für Berechtigung zum Halten
eines Jagdhundes, verbieten sie dem kleinen Manne schon allein.
Das war das Pachtgut von Kerwan, das ziemlich isoliert innerhalb einer
Schleife des Cashenflusses und fünf Meilen von der Parochie Silton
entfernt lag. In der Grafschaft gab es gewiß noch schlechteren Boden,
leichtes, kieselreiches Land, das keine Düngung festhält und wo der
Pachtschilling nicht einmal eine Krone (noch nicht fünf Mark) für den
Acre beträgt; der Grund und Boden Martin Mac Carthy's war aber auch
höchstens von mittlerer Güte.
Jenseits des angebauten Gebietes dehnten sich unfruchtbare, sumpfige
Ebenen aus, da und dort bedeckt mit Stechginster oder mit wilden Rosen,
zwischen denen wucherndes Haidekraut blühte. Ueber den Fluren flatterten
in dichten Schwärmen Krähen umher, die nach den eingesäeten Körnern
suchten, oder Völker von großschnäbligen Sperlingen, die die
neugebildeten Getreidekörner, zum argen Schaden für die Pächter
auspicken.
Noch weiter hinaus stiegen stille Wälder von Birken und Lärchenbäumen
auf, die in den steilen Abhängen der Berge wurzelten und die von den
Winterstürmen, welche durch das schmale Thal des Cashen jagen, oft mit
unheimlicher Gewalt geschüttelt und zerzaust werden.
Im Ganzen bildet diese Grafschaft Kerry ein merkwürdiges Land, das die
Aufmerksamkeit der Touristen mit seinen Amphitheatern bewaldeter
Höhen, seinen überraschenden Fernsichten, die durch die hyperboräischen
Nebeldünste eher verfeinert erscheinen, entschieden mehr verdiente, als
bisher.
Ein hartes, schlimmes Land ist es nur für die, die es bewohnen, eine
knauserische Stiefmutter für die, die es bebauen.
Doch wenn nur die Ernte an Kartoffeln, der wirklichen Brodfrucht der
Insel, in Kerry und den andern Grafschaften nicht versagt. Wenn das
aber auf der Million dem Knollenbau eingeräumten Acres eintrifft, dann
bedeutet es den Hunger mit allen seinen Schrecken.[3]
Wenn der fromme irische Bauer sein =God save the Queen= gesungen hat,
dann sollte er es wirklich vervollständigen durch ein:
»=God save the potatoes!=«
IX.
Die Farm von Kerwan. (Fortsetzung.)
Am 20. October, nachmittags gegen drei Uhr, erschollen auf der nach der
Farm von Kerwan führenden Straße laute Jubelrufe.
»Da kommt der Vater!
-- Da ist die Mutter!
-- Nun sind sie ja beide zurück!«
Kitty und Sim waren es, die Martin und Martine Mac Carthy schon von
weither begrüßten.
»Guten Tag, Kinder! sagte Martin.
-- Guten Tag, meine Söhne!« rief Martine, die in das Wörtchen »meine«
ihren ganzen mütterlichen Stolz legte.
Der Farmer und seine Gattin hatten Limerick heute Morgen frühzeitig
verlassen. So einige dreißig (englische) Meilen bei schon recht kühlem
Herbstwind zurückzulegen, hat schon etwas auf sich, zumal wenn das
mittelst eines »Jaunting-car« geschieht.
Das Gefährte wird »Car« genannt, weil es ein Wagen ist, und die
nähere Bezeichnung durch das Beiwort »Jaunting« erhält es, weil seine
Passagiere, Rücken gegen Rücken, auf zwei in der Längenachse des
Fuhrwerks angebrachten Bänken sitzen. Man braucht sich nur die Ruhebänke
in städtischen Parkanlagen verdoppelt und auf ein paar Rädern befestigt
vorzustellen, wozu man noch je ein Brett als Fußstütze für die zu
befördernden Personen zu denken hat, die sich an die Gepäckstücke hinter
ihnen anlehnen, so hat man den in Irland am meisten gebräuchlichen
Wagen. Wenn er auch nicht sehr vortheilhaft erscheint, weil man davon
nur nach je einer Seite Aussicht hat, und nicht sehr comfortabel, weil
er ganz ohne Dach ist, so rollt er wenigstens ziemlich flott dahin
und sein Kutscher entwickelt meist ebensoviel Geschicklichkeit wie
Schnelligkeit.
So konnte es nicht wundernehmen, daß Martin und Martine Mac Carthy, die
gegen sieben Uhr früh von Limerick abgefahren waren, gegen drei Uhr in
Sicht des Pachthofs eintrafen. Sie befanden sich auf dem Jaunting-car
auch nicht allein, denn dieser brachte wohl noch zehn andre Personen
mit. Nachdem die Farmersleute abgestiegen waren, rollte das Gefährt in
schnellem Trabe nach dem Hauptorte der Grafschaft Kerry weiter.
Eben trat Murdock aus seinem an der Hofecke gelegenen Zimmer, wo die
Nebengebäude der rechten Seite an das Wohnhaus stießen.
»Ihr habt eine glückliche Fahrt gehabt, Väterchen? fragte die junge
Frau, nachdem sie Martine umarmt hatte.
-- Eine sehr gute Fahrt, Kitty.
-- Fandet Ihr auf dem Markte in Limerick die gewünschten Kohlpflanzen?
erkundigte sich Murdock.
-- Ja, mein Sohn; morgen sollen sie uns zugeschickt werden.
-- Und auch den Rübensamen?...
-- Gewiß; sogar von bester Sorte.
-- Das ist gut, Vater.
-- O, wir fanden auch noch eine andre Art Samen....
-- Welche denn?
-- Ein... Babysamenkorn, das uns von bester Sorte erschien.«
Murdock und sein Bruder machten große Augen, als sie das Kind bemerkten,
das ihre Mutter in den Armen hielt.
»Da habt Ihr ein Knäblein, sagte sie, in Erwartung, daß Kitty uns einen
kleinen Kameraden dazu schenkt.
-- Er ist ja ganz erfroren, der Kleine! antwortete die junge Frau.
-- Ich hab' ihn aber während der Fahrt in meinen Tartan (eine Hülle von
großwürfeligem Wollenstoff) eingewickelt, so gut ich konnte, versicherte
die Farmersfrau.
-- Schnell, schnell, drängte Martin, wir wollen ihn vor dem Kamine
wieder warm machen und auch die Großmutter begrüßen, die darauf warten
wird.«
Kitty nahm den kleinen Knaben aus den Händen Martines, und bald war die
ganze Familie in dem großen Mittelzimmer versammelt, wo die Großmutter
auf einem alten gepolsterten Armstuhle saß.
Man zeigte ihr das Kind. Sie nahm es in die Arme und setzte sich's auf
die Knie.
Der Kleine ließ es sich gefallen. Seine Blicke wanderten von einem zum
andern. Er verstand nicht, was mit ihm vorging. Jedenfalls glich
das Heute nicht dem Gestern. War alles nur ein Traum? Er sah hübsche
Gesichter, junge und alte um sich. Seit seinem Erwachen hatte er nur
liebevolle Worte gehört. Die Fahrt auf dem schnell durch das Land
hineilenden Wagen war ihm eine Zerstreuung gewesen. Gute Luft und der
Morgenduft der Blumen und Büsche füllten seine Brust. Eine kräftige
Suppe vor der Abfahrt hatte ihn gestärkt und unterwegs hatte er, immer
an kleinen Kuchen aus der Tasche Martines nagend, erzählt, was er von
seinem Leben wußte, von dem Aufenthalt in der abgebrannten Lumpenschule,
von der Freundlichkeit Grips, dessen Name sehr oft über seine Lippen
kam, ferner von Miß Anna, die ihn ihren Sohn genannt hatte und doch gar
nicht seine Mutter war, weiter von einem sehr erzürnten Herrn, den sie
den Herzog nannten, dessen Namen er aber vergessen hatte und der ihn
mit wegnehmen wollte, endlich von seinem Verlassensein und wie er sich
allein auf dem Friedhofe von Limerick befunden habe. Martin Mac Carthy
und seine Frau verstanden von der ganzen Geschichte nicht viel, außer
daß er weder Eltern noch Angehörige hatte, und daß er ein verlassenes
kleines Geschöpf sei, das die Vorsehung ihrer treuen Sorge anvertraut
hatte.
Gerührt umarmte ihn die Großmutter und dann auch die andern, deren
Theilnahme für ihn erwachte.
»Ja, wie heißt er denn? fragte die Großmutter.
-- Er konnte uns keinen andern Namen als »Findling« angeben, antwortete
Martine.
-- Na, er braucht keinen andern, meinte Martin; wir rufen ihn ebenso,
wie er bis jetzt gerufen wurde.
-- Wenn er aber einmal groß wird?... warf Sim ein.
-- So bleibt er nach wie vor der Findling!« erklärte die Großmutter, die
ihn mit einem herzhaften Kusse taufte.
Das war also der Empfang, den unser Held beim Eintreffen auf dem
Pachthofe fand. Man nahm ihm die Lumpen ab, die er für die Rolle des Sib
angelegt bekommen hatte. Dafür erhielt er die letzten Kleidungsstücke
Sims, die dieser, als er im gleichen Alter war, getragen hatte und die
zwar nicht neu, aber doch reinlich und warm waren. Seine Wollenjacke
ließ man ihm, da er auf diese, obgleich sie allmählich zu eng wurde,
viel zu halten schien.
Dann aß er, auf hohem Stuhle sitzend, mit der Familie und fragte
sich, ob das alles nicht auch bald verschwinden würde. Doch nein, die
Hafersuppe, die in reichlich vollem Teller vor ihm stand, verschwand
nicht, auch nicht das Stück Speck mit Kohl, wovon er ein gutes Theil
erhielt, ebensowenig der Eierkuchen, der unter allen redlich vertheilt
wurde und den man hier mit einem Schluck ausgezeichneten »Potheens«
begoß, welchen der Farmer aus der eignen Gerste durch Gährung
herstellte.
Das war ein Schmaus, zumal da das Knäblein nur fröhliche Gesichter sah,
außer vielleicht an dem ältesten Bruder, der immer ernst, ja fast etwas
traurig erschien. Da wurden ihm die Augen feucht und Thränen glitten
seinen Wangen hinab.
»Was fehlt Dir, Findling? fragte Kitty.
-- Ei, warum denn weinen! setzte die Großmutter hinzu. Hier werden Dir
alle gut sein!
-- Und ich besorge Dir auch Spielzeug, versprach Sim.
-- Ich weine ja nicht, antwortete er. Das sind keine Thränen!«
Wirklich war es nur das Herz, das dem armen Kleinen überlief.
»Nun, heute mag's gut sein, erklärte Martin, doch gar nicht zürnenden
Tones, ich sage Dir aber, mein Junge, daß es hier verboten ist, zu
weinen.
-- Ich werd' es auch nicht mehr thun!« versicherte er, in die
ausgestreckten Arme der Großmutter hinübergleitend.
Martin und Martine bedurften der Ruhe. Auf der Farm legte man sich im
allgemeinen zeitig nieder und stand sehr früh des Morgens auf.
»Wo werden wir das Kind denn unterbringen? fragte der Farmer.
-- In meiner Stube, meldete sich Sim; ich trete ihm, wie einem kleinen
Bruder, die Hälfte meines Bettes ab.
-- Nein, Kinder, erklärte die Großmutter. Laßt ihn bei mir schlafen, er
wird mich nicht belästigen. Da kann ich ihn schlummern sehen, und das
wird mir eine Freude sein.«
Ein Wunsch der Großmutter fand nie auch nur einen Schatten von
Widerspruch. Neben deren Bett wurde also, wie sie es verlangt hatte,
eine Lagerstatt hergerichtet und der kleine Knabe sogleich hineingelegt.
Weißes Bettzeug und eine gute Decke hatte er schon kennen gelernt in
den wenigen Wochen, wo er im Royal-George-Hôtel im Zimmer der Miß Anna
Walston wohnte. Die Zärtlichkeiten der Schauspielerin wogen aber die
dieser achtbaren Familie nicht auf. Gewiß bemerkte er darin schon
einigen Unterschied, vorzüglich als ihm die Großmutter beim Niederlegen
einen herzlichen Kuß gab.
»Ach, ich danke... ich danke!« murmelte er.
Das war heute sein einziges Nachtgebet und jedenfalls kannte er auch
kein andres.
Man stand jetzt im Anfang der kalten Jahreszeit. Die Ernte war eben
hereingebracht. Außerhalb des Pachthofes gab es wenig oder nichts zu
thun. In diesen rauhen Gegenden findet die Einsaat des Korns, der Gerste
und des Hafers nicht mit beginnendem Winter statt, weil dessen Länge
und Strenge sie wieder vernichten könnte. Das ist Sache der Erfahrung.
Martin Mac Carthy pflegte hier den März und sogar den April abzuwarten,
ehe er mit der sorgfältig gewählten Saat begann. Dabei hatte er sich
bisher gut gestanden. Furchen in einem Boden zu ziehen, der bis auf
mehrere Fuß Tiefe friert, das wäre eine ebenso harte wie unnütze Arbeit
gewesen; da hätte er die Samenkörner auch auf einen sandigen Strand oder
auf die Felsen der Küste verstreuen können.
Immerhin fehlte es im Pachthofe nicht an Arbeit. Galt es doch die
Vorräthe an Gerste und Hafer auszudreschen und an Geräthen auszubessern,
was schadhaft geworden war. Der Findling konnte sich schon am folgenden
Tage von der hier herrschenden Geschäftigkeit überzeugen und versuchte
auch vom frühen Morgen an selbst sich nützlich zu machen. So begab er
sich nach den Viehställen. Jetzt nahe am Ende des sechsten Lebensjahres,
mußte er doch wenigstens im Stande sein, Gänse oder Kühe, ja auch Schafe
zu hüten, wenn er einen guten Hund zur Seite hatte.
Beim Frühstück und vor einer Tasse warmer Milch sitzend, bot er sich zu
einer solchen Dienstleistung an.
»Schön, mein Junge, antwortete Martin, Du willst arbeiten. Recht so. Man
muß sich sein Brod verdienen....
-- Und ich werd' es mir verdienen, Herr Martin, versicherte er.
-- Er ist ja noch gar so jung, bemerkte die Großmutter.
-- Das thut nichts, Madame....
-- Ei was, nenne mich Großmutter!
-- Nun gut... das thut nichts, Großmutter. Ich will so gern
arbeiten....
-- Und wirst auch hübsch thätig sein, fiel Murdock ein, den ein so
entschlossener Charakter bei einem bisher vom Unglück verfolgten Kinde
in Erstaunen setzte.
-- Ich danke, Herr Murdock!
-- Ich werde Dir lehren, die Pferde zu besorgen, fuhr Murdock fort, und
auch darauf zu reiten, wenn Du keine Angst hast....
-- O, so gern! jubelte der Knabe.
-- Und ich, ich lehre Dir die Kühe zu pflegen, ließ Martine sich
vernehmen, und sie zu melken, wenn Du Dich nicht vor ihren Hörnern
fürchtest.
-- Nein, gar nicht, Frau Martine!
-- Ich zeige Dir dann, fiel Sim ein, wie man auf dem Felde die Schafe
hütet....
-- Ich freue mich schon darauf!
-- Kannst Du lesen? fragte der Farmer.
-- Ein wenig, und auch ein bischen große Buchstaben schreiben.
-- Und rechnen?
-- Ja... ich kann bis hundert zählen, Herr Martin.
-- Na, sagte Kitty lächelnd, ich werde Dir bis tausend zählen und auch
kleine Buchstaben schreiben lehren.
-- Ich danke, liebe Frau Kitty!«
Das Kind war thatsächlich zu allem bereit, was man ihm vorschlug. Der
Kleine wollte sich offenbar dankbar beweisen für die Wohlthaten, die
er bei den wackern Leuten schon genoß und noch zu genießen hoffte. Der
kleine Diener der Farm zu werden, dahin strebte zunächst sein Ehrgeiz.
Ein Zeugniß für den von Natur ernsten Sinn des Knaben lieferte aber die
Antwort, die er dem Farmer gab, als dieser ihn lachend fragte:
»Ei, Findling, Du wirst uns ja ein schätzbarer Helfer sein!... Die
Pferde, die Kühe, die Schafe... ja, wenn Du alles besorgst, bleibt ja
für uns gar nichts zu thun übrig. Wie viel verlangst Du denn Lohn?
-- Lohn?...
-- Nun ja; Du wirst doch nicht ganz für nichts und wieder nichts
arbeiten wollen?
-- Nein, das nicht, Herr Martin.
-- Wie? rief Martine verwundert, außer der Wohnung, Nahrung und
Bekleidung verlangt er auch noch Bezahlung....
-- Ja, Frau Martine!«
Alle sahen den Knaben an; es schien ihnen, als ob er etwas ganz
ungeheuerliches ausgesprochen hätte.
Murdock, der ihn beobachtet hatte, bemerkte aber:
»Laßt ihn doch sich erst erklären!
-- Freilich, meinte die Großmutter. Sag' uns frei heraus, was Du
verdienen willst. Baares Geld?...«
Der kleine Junge schüttelte den Kopf.
»Nun... vielleicht eine Krone für den Tag? sagte Kitty.
-- Ach nein, Frau Kitty.
-- Oder monatlich so viel?... fuhr die Pächtersfrau fort.
-- Frau Martine!...
-- Also wohl jährlich? meinte Sim, laut auflachend. Eine ganze Krone
Jahreslohn....
-- Nun, was willst Du denn, lieber Junge? begann Murdock wieder. Ich
begreife, daß Du Dir Deinen Lebensunterhalt verdienen willst, ganz
wie wir. So wenig man auch empfängt, es sammelt sich endlich doch. Was
willst Du also?... Einen Penny... einen Copper täglich?...
-- Nein, Herr Murdock!
-- So erkläre Dich doch!
-- Nun, Herr Martin, Sie geben mir jeden Abend einen Kieselstein...
-- Was? Einen Kiesel? rief Sim überrascht. Willst Du Schätze in Kieseln
sammeln?...
-- Nein... doch es wird mir Vergnügen machen, und nach Jahren einmal,
wenn ich groß bin und Sie mit mir zufrieden waren...
-- Richtig, Findling, fiel Martin ein, da vertauschen wir Deine
Kieselsteine mit Pence oder Schillingen!«
Alle lobten den Kleinen wegen seiner guten Idee, und noch an demselben
Abend gab ihm Martin einen Kiesel aus dem Bette des Cashen, der an
solchen unerschöpflich war. Der Kleine aber legte ihn in einen alten
Steinguttopf, den die Großmutter ihm als Sparbüchse zugewiesen hatte.
»Ein sonderbares Kind!« sagte Murdock zu seinem Vater.
Gewiß, doch dessen gute Natur hatte keinen Schaden erlitten, weder durch
die herzlose Behandlung Thornpipe's, noch durch die schlechten Beispiele
in der Lumpenschule. Als die Pächterfamilie ihn im Laufe einiger Wochen
näher kennen lernte, traten seine natürlichen Eigenschaften nur noch
mehr zutage. Ihm fehlte nicht einmal die Heiterkeit, der Grundzug
des Nationalcharakters, den man in Irland auch bei den ärmsten Leuten
ausgeprägt findet. Dann gehörte er auch nicht zu dem Schlage von Jungen,
die den ganzen Tag lang nur herumlungern, deren Augen hierhin und dahin
gehen, da sie durch jede Fliege, jeden Schmetterling abgelenkt werden.
Immer sah man ihn überlegt, stets suchte er den Sachen auf den Grund zu
gehen und sich durch Befragung andrer zu unterrichten. Seinen Blicken
entging auch nicht das geringste. Er hob jede Stecknadel ebenso auf,
wie er einen Schilling aufgehoben hätte. Seine Kleidung hielt er stets
reinlich und alles in musterhafter Ordnung. Der Sinn für diese war ihm
angeboren. Er antwortete höflich, wenn man ihn fragte, und ließ sich
jede erhaltene Antwort erklären, wenn er sie nicht ganz verstanden
hatte. Gleichzeitig machte er im Schreiben sichtliche Fortschritte. Das
Rechnen schien ihm sehr leicht zu fallen und dabei gehörte er nicht zu
den frühreifen Wunderkindern, die später so oft nicht halten, was sie
versprachen; er brachte aber Berechnungen im Kopfe fertig, bei denen
viele andre zur Feder gegriffen hätten. Zu seinem wahrhaften Erstaunen
erkannte Murdock auch, daß der Kleine sich bei allen Handlungen nur von
seiner hochentwickelten Vernunft leiten ließ.
Dank den Lehren der Großmutter eignete er sich auch schnell die Gebote
der Religion an, wie sie die katholische Lehre vorschreibt und die alle
tief im Herzen jedes Irländers wurzeln. Jeden Tag verrichtete er sein
Morgen- und sein Abendgebet mit aufrichtiger Innigkeit.
Der Winter verstrich -- ein sehr kalter Winter mit vielen Stürmen, die
oft erschreckend durch das Thal des Cashen brausten. Oft fürchtete man,
daß die Strohdächer abgerissen oder daß die Lehmwände nicht Stand halten
würden. Von dem Middleman John Eldon Reparaturen zu verlangen, wäre ganz
nutzlos gewesen. Martin Mac Carthy und seine Kinder mußten sich eben
selbst zu helfen suchen. Neben dem Ausdreschen des Getreides nahm
sie das am meisten in Anspruch: hier war ein Stück Strohdach wieder
herzustellen, dort eine Mauer zu dichten und an vielen Stellen die
Einfriedigung zu stützen.
Inzwischen arbeiteten die Frauen in verschiedener Weise; die Großmutter
spann fleißig in der Nähe des Kamins, Martine und Kitty besorgten die
Ställe und den Geflügelhof, wobei sie der Findling nach Möglichkeit
unterstützte. Er achtete genau auf alles, was den Betrieb der
Wirthschaft anging. Zu jung, um schon mit Pferden umzugehen, hat er
mit einem grauen Langohr, einem gutmüthigen Thiere, fast Freundschaft
geschlossen, die dieser ihm erwiderte. Er wollte, daß sein Esel ebenso
sauber aussähe, wie er selbst, was ihm Martines besondre Anerkennung
einbrachte. Bei den Schweinen wäre das freilich ein vergebliches Bemühen
gewesen, so daß er darauf von vornherein verzichtete. Die Zahl der
Schafe hatte er, nach sorgfältiger Feststellung derselben -- mit 103 --
in ein altes von Kitty erhaltenes Notizbuch eingetragen. Seine Neigung
für eine solche Buchführung trat immer mehr hervor, und man hätte
glauben können, daß ihm O'Bodkins in der =Ragged-School= diese übererbt
habe.
Seine Peinlichkeit darin trat besonders hervor, als Martine eines Tags
einige von den für den Winter aufbewahrten Eiern holen wollte.
Die Pächterin nahm etwa zwölf ohne Wahl heraus, als der Findling ihr
zurief:
»Nicht diese, Frau Martine?
-- Diese nicht?... Warum denn nicht?
-- Weil dadurch die gehörige Ordnung gestört würde.
-- Welche Ordnung?... Sind denn diese Hühnereier einander nicht ganz
gleich?
-- Gewiß nicht. Sie haben das achtundvierzigste genommen, wo Sie beim
siebenunddreißigsten hätten anfangen sollen. Sehen Sie nur hin.«
Wirklich entdeckte Martine da, daß jedes Ei eine Nummer auf der Schale
trug, eine Nummer, die der kleine Knabe mit Tinte darauf geschrieben
hatte. Da die Farmersfrau zwölf Eier haben wollte, mußte sie sie
der Reihe nach entnehmen, d. h. vom siebenunddreißigsten bis mit dem
achtundvierzigsten, nicht aber die Nummern achtundvierzig bis mit
neunundfünfzig. Das that sie denn auch, nachdem sie das Knäblein für
seinen Ordnungssinn belobt hatte.
Als sie die Sache beim Frühstück erwähnte, schlossen sich alle diesem
Lobspruche an und Murdock fragte:
»Findling, hast Du denn auch die Hennen und die Küchlein im Hühnerstalle
gezählt?
-- O, gewiß!«
Damit zog er sein Notizbuch heraus.
»Es sind dreiundvierzig Hühner und neunundsechzig Küchlein darin.«
Darauf konnte sich Sim nicht enthalten zu bemerken:
»Du solltest auch zählen, wie viele Haferkörner in jedem Scheffel
stecken....
-- Scherzt darüber nicht! fiel Martin Mac Carthy ein. Das beweist, daß
er Ordnung hält, und Ordnung im Kleinen bedeutet erst recht auch Ordnung
im Großen und im ganzen Leben.«
Dann wendete er sich an das Kind:
»Und Deine Kiesel, fragte er, die Steine, die ich Dir jeden Abend
gebe?...
-- Die liegen in der Kruke, Herr Martin; ich habe schon
siebenundfünfzig.
-- O, sagte die Großmutter lächelnd, das wären ja für ebenso viele Tage
bereits siebenundfünfzig Pence, den Stein einen Penny gerechnet.
-- He, Kleiner, scherzte Sim, für das Geld könntest Du Dir aber eine
Menge Kuchen kaufen.
-- Kuchen, Sim?... Ach nein, da würd' ich schöne Schreibhefte
vorziehen!«
Das Ende des Jahres nahte heran. Auf den stürmischen November folgte
eine sehr harte Kälte. Eine dichte Lage gefrorenen Schnees bedeckte
die Erde, und für den Knaben war es ein entzückendes Bild, die Bäume im
Schmuck des Reifs und da und dort mit glitzernden Eiszapfen zu
sehen. Auf den Scheiben der Fenster schlug sich die Feuchtigkeit in
formenreichen Krystallen nieder, die hübsche Zeichnungen bildeten. Dazu
war der Fluß ganz zugefroren und auf ihm lagerten übereinander gethürmt
massige Schollen. Diese Winterbilder waren für ihn zwar nichts neues,
denn er hatte sie auf den Landstraßen von Galway bis Claddagh wiederholt
gesehen. Zu jener traurigen Zeit trug er aber kaum etwas auf dem Leibe
und watete mit nackten Füßen durch den Schnee. Da thränten ihm die Augen
und seine Hände wurden ihm rissig. Und wenn er dann in die Lumpenschule
zurückkam, gab's für ihn kein Plätzchen am Ofen.
Wie glücklich fühlte er sich dagegen jetzt. Wie zufrieden verbrachte
er seine Tage bei diesen einfachen Leuten, die ihn aber liebten! Fast
schien es, als ob deren Zuneigung ihn noch mehr erwärmte, als seine
Kleider, die ihn vor der eisigen Zugluft schützten, als die gesunde
Nahrung, die auf den Tisch kam, mehr als die lodernden Flammen im Kamin.
Jetzt, wo er sich schon etwas nützlich machte, fühlte er sich wie zum
Hause gehörig. Hier hatte er eine Großmutter, eine Mutter, Brüder,
Eltern.... Bei ihnen, so dachte er, wollte er sein ganzes Leben
verbringen. Hier wollte er sich seinen Unterhalt verdienen, das war und
blieb sein einziger Gedanke.
Wie freute er sich, zum ersten Male an dem Feste theilzunehmen, das im
irischen Kirchenjahre fast als das heiligste gefeiert wird.
Es war der 25. December, Weihnachten, die Christmas. Der Findling wußte
schon, welchem historischen Ereignisse die Feier galt, die alle
Christen an diesem Tage veranstalten. Unbekannt war ihm aber, daß man im
Vereinigten Königreich damit auch ein schönes Familienfest verband. Für
ihn mußte das also eine Ueberraschung werden. Er bemerkte wohl am Morgen
ungewöhnliche Vorbereitungen. Da die Großmutter, Martine und Kitty
dieselben jedoch mit vollständiger Heimlichkeit betrieben, hütete er
sich wohl, sie darüber zu fragen.
Jedenfalls wurde er veranlaßt, die besten Kleider anzulegen, was Martin
Mac Carthy und seine Söhne, die Großmutter, deren Tochter und Kitty
schon sehr frühzeitig gethan hatten, um nach der Kirche in Silton zu
fahren. Sie behielten den Staat auch den ganzen Tag über an. Dazu kam,
daß das Mittagsessen heute für zwei Stunden später angesetzt und es fast
schon Nacht war, als der Tisch im großen Zimmer mit einem Reichthum an
Licht, der geradezu blendend wirkte, hergerichtet wurde. Ferner gab es
ganz besonders ausgewählte Speisen und deren gar noch drei oder vier
Gerichte mehr als gewöhnlich. Hierzu wurde schäumendes Bier aufgetragen
und ein Ungeheuer von Kuchen, den Martine und Kitty nach einem schon
sehr lange Zeit in der Familie aufbewahrten Recepte hergestellt hatten.
Daß tüchtig gegessen und getrunken wurde, versteht sich ja von selbst.
Alle waren höchst aufgeräumt. Selbst Murdock ließ sich weit mehr gehen,
als er das sonst zu thun pflegte. Wenn die andern laut auflachten,
lächelte er freilich nur, und ein Lächeln von ihm glich einem
Sonnenstrahl im Nebel.
Am meisten freute sich der Findling über den auf dem Tische stehenden
Christbaum, eine Tanne mit Bänderschmuck und mit Lichtsternen, die
zwischen den Zweigen funkelten.
Da sagte die Großmutter zu ihm:
»Sieh nur auch unter die Zweige, Kleiner; ich glaube, da findet sich
noch etwas für Dich!«
Der Findling ließ sich darum nicht bitten; doch wie beglückt fühlte er
sich, wie rötheten sich seine Wangen vor Vergnügen, als er unter
dem Baume ein schönes irländisches Messer mit an einem Ledergürtel
befestigter Tragkette entdeckte.
Das war das erste Weihnachtsgeschenk, das er je erhalten hatte, und wie
stolz fühlte er sich, als Sim ihm half, den Ledergurt um die Hüften zu
schnallen.
»Ach, herzinnigen Dank, Großmutter, herzlichen Dank allen... allen!«
rief er jubelnd, während er von einem zum andern ging.
X.
Was sich in Donegal zugetragen hatte.
Wir dürfen jetzt nicht unerwähnt lassen, daß dem Farmer Mac Carthy der
Gedanke gekommen war, wegen des Civilverhältnisses seines Adoptivkindes
Nachforschungen anzustellen. Bekannt war dessen Lebensgeschichte ja nur
seit dem Tage, wo gute Menschen den Knaben der schlechten Behandlung des
Puppenschaustellers entzogen. Bezüglich seiner früheren Existenz hatte
der Kleine, wie wir wissen, eine unklare Erinnerung davon bewahrt,
daß er bei einer recht bösen Frau, zugleich mit einem oder auch zwei
Mädchen, in einem Dörfchen des inneren Donegal gewohnt hatte. Nach
dieser Seite hin mußte Martin seine Nachforschungen also richten.
Dadurch erhielt er aber nur folgende Aufschlüsse: Im Armenhause von
Donegal fand sich die Spur eines achtzehnmonatlichen Kindes, das unter
der Bezeichnung »Der Findling« aufgenommen und später in ein Dorf der
Grafschaft an eine Frau abgegeben worden war, die sich mit dem Aufziehen
kleiner Kinder gegen Entgelt befaßte.
Wir wollen diese Nachricht durch weitere uns zugegangene Aufklärungen
vervollständigen. Diese ergeben freilich nur die ganz gewöhnliche
Geschichte kleiner, unglücklicher Wesen, die der öffentlichen Fürsorge
anheimgefallen sind.
Donegal, mit einer Bevölkerung von zweimalhunderttausend Seelen, ist
vielleicht die allerärmste Grafschaft in der Provinz Ulster, ja in ganz
Irland. Vor einigen Jahren gab es dort kaum zwei Matratzen und acht
Strohsäcke auf je viertausend Einwohner. In jenen unfruchtbaren
nördlichen Gebieten der Insel fehlt es nicht an willigen Armen für den
Landbau, wohl aber an anbaufähigem Boden. Der ausdauernste Arbeiter
erschöpft sich dort vergebens. Im Innern sieht man nichts als dürre
Thalmulden, öde Schluchten, hügeliges Land, Steinwüsten, sandige Dünen,
gähnende Torfmoore, wie sumpfige Strecken, überragt von steilen Höhen,
wie den Glendowan- und den Derryveaghbergen, kurz ein »zerbrochenes
Land«, wie die Engländer sagen. An der Küste finden sich Baien und
Fjorde, Buchten und Einschnitte, die ebenso viele Aushöhlungen bilden,
worin die Winde vom hohen Meere sich fangen.... riesige Granitorgeln,
die der Ocean mit vollen Lungen anbläst. Gerade Donegal ist den von
Amerika herüberbrausenden Stürmen, die unterwegs noch locale Wirbel
mit sich fortreißen, in erster Linie ausgesetzt. Es ist wirklich eine
Eisenküste nothwendig, um dem Anprall der wüthenden Nordwestwinde zu
widerstehen.
Vorzüglich die Bai von Donegal, an der der Fischerhafen gleichen Namens
liegt und die gleich einem Haifischrachen aus dem Lande geschnitten ist,
leidet unter diesen von Seenebeln geschwängerten Luftströmungen. Durch
das im Hintergrunde der Bai gelegene Städtchen fegt immer eine scharfe
Brise. Die umliegende Hügelwand vermag die Schneestürme nicht zu
brechen, und diese haben noch nichts von ihrer Wuth verloren, wenn sie
das Dorf Rindok, sieben Meilen von Donegal, erreichen.
Ein Dorf?... Nein. Kaum zehn längs einer engen Thalschlucht verstreute
Hütten, zwischen diesen ein Wasserlauf, der im Sommer ein dürftiger
Wasserfaden, im Winter oft ein brausender Strom ist. Von Donegal nach
Rindok giebt es keinen gebahnten Weg, nur einige Pfade, die kaum für die
landesüblichen Karren benutzbar sind, welche man mit den klugen, sicher
auftretenden irländischen Pferden bespannt. Auch ein Jaunting-car rollt
wohl zuweilen mühsam darüber. Trotz den in Irland schon vorhandenen
Eisenbahnen scheint der Tag noch sehr fern zu sein, wo das Dampfroß
regelmäßig das Gebiet von Ulster durcheilt. Flecken und Dörfer sind
ja auch zu selten, das Ziel der meisten Reisenden sind nur einfache
Pachthöfe.
Da und dort lugen jedoch einige Schlösser aus üppigem Grün hervor
und ergötzen das Auge durch den phantastischen Schmuck ihrer
angelsächsischen Bauart. So mehr im Nordwesten und nach Milford zu
der Herrschaftssit
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